The Project Gutenberg eBook, Die Aufgeregten, by Johann Wolfgang von Goethe


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Title: Die Aufgeregten

Author: Johann Wolfgang von Goethe

Release Date: December 9, 2003  [eBook #10428]

Language: German

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***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE AUFGEREGTEN***


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Die Aufgeregten

Politisches Drama in fuenf Aufzuegen

Johann Wolfgang von Goethe






Personen

Die Graefin.
Friederike, ihre Tochter.
Karl, ihr Soehnchen.
Der Baron, ein Vetter.
Der Hofrat.
Breme von Bremenfeld, Chirurgus.
Karoline, Bremens Tochter.
Luise, Bremens Nichte.
Der Magister, Hofmeister des jungen Grafen.
Der Amtmann.
Jakob, junger Landmann und Jaeger.
Martin,
Albert,
Peter, Landleute.
Georg, Bedienter der Graefin.




Erster Aufzug



Erster Auftritt
(Ein gemeines Wohnzimmer, an der Wand zwei Bilder, eines buergerlichen
Mannes und seiner Frau, in der Tracht, wie sie vor fuenfzig oder
sechzig Jahren zu sein pflegte. Nacht.)

Luise, an einem Tisch, worauf ein Licht steht, strickend. Karoline,
in einem Grossvatersessel gegenueber, schlafend.

Luise (einen eben vollendeten gestrickten Strumpf in die Hoehe haltend).
Wieder ein Strumpf! Nun wollt' ich, der Onkel kaeme nach Hause; denn
ich habe nicht Lust, einen andern anzufangen. (Sie steht auf und geht
ans Fenster.) Er bleibt heut' ungewoehnlich lange weg, sonst kommt er
doch gegen elf Uhr, und es ist jetzt schon Mitternacht. (Sie tritt
wieder an den Tisch.) Was die franzoesische Revolution Gutes oder Boeses
stiftet, kann ich nicht beurteilen; so viel weiss ich, dass sie mir
diesen Winter einige Paar Struempfe mehr einbringt. Die Stunden, die
ich jetzt wachen und warten muss, bis Herr Breme nach Hause kommt,
haett' ich verschlafen, wie ich sie jetzt verstricke, und er
verplaudert sie, wie er sie sonst verschlief.

Karoline (im Schlaf redend).
Nein, nein! Mein Vater!

Luise (sich dem Sessel naehernd).
Was gibt's, liebe Muhme?--Sie antwortet nicht!--Was nur dem guten
Maedchen sein mag! Sie ist still und unruhig; des Nachts schlaeft sie
nicht, und jetzt, da sie vor Muedigkeit eingeschlafen ist, spricht sie
im Traum. Sollte meine Vermutung gegruendet sein? Sollte der Baron in
diesen wenigen Tagen einen solchen Eindruck auf die gemacht haben, so
schnell und so stark? (Hervortretend.) Wunderst du dich, Luise, und
hast du nicht selbst erfahren, wie die Liebe wirkt, wie schnell und
wie stark!



Zweiter Auftritt
Die Vorigen. Georg.

Georg (heftig und aengstlich).
Liebes Mamsellchen, geben Sie mir geschwinde, geschwinde--

Luise.
Was denn, Georg?

Georg.
Geben Sie mir die Flasche.

Luise.
Was fuer eine Flasche?

Georg.
Ihr Herr Onkel sagte, Sie sollen mir die Flasche geschwinde geben; sie
steht in der Kammer, oben auf dem Brett rechter Hand.

Luise.
Da stehen viele Flaschen; was soll denn drinn sein?

Georg.
Spiritus.

Luise.
Es gib allerlei Spiritus; hat er sich nicht deutlicher erklaert? Wozu
soll's denn?

Georg.
Er sagt' es wohl, ich war aber so erschrocken. Ach, der junge Herr--

Karoline (die aus dem Schlaf auffaehrt).
Was gibt's?--Der Baron?

Luise.
Der junge Graf?

Georg.
Leider, der junge Graf!

Karoline.
Was ist ihm begegnet?

Georg.
Geben Sie mir den Spiritus.

Luise.
Sage nur, was dem jungen Grafen begegnet ist, so weiss ich wohl, was
der Onkel fuer eine Flasche braucht.

Georg.
Ach, das gute Kind! Was wird die Frau Graefin sagen, wenn sie morgen
kommt! Wie wird sie uns ausschelten!

Karoline.
So red' Er doch!

Georg.
Er ist gefallen, mit dem Kopf vor eine Tischecke, das Gesicht ist ganz
in Blut; wer weiss, ob nicht gar das Auge gelitten hat.

Luise (indem sie einen Wachsstock anzuendet und in die Kammer geht).
Nun weiss ich, was sie brauchen.

Karoline.
So spaet! Wie ging das zu?

Georg.
Liebes Mamsellchen, ich dachte lange, es wuerde nichts Gutes werden.
Da sitzt Ihr Vater und der Hofmeister alle Abend beim alten Pfarrer
und lesen die Zeitungen und Monatsschriften, und so disputieren sie
und koennen nicht fertig werden, und das arme Kind muss dabei sitzen;
da druckt sich's denn in eine Ecke, wenn's spaet wird, und schlaeft ein,
und wenn sie aufbrechen, da taumelt das Kind schlaftrunken mit, und
heute--nun sehen Sie--da schlaegt's eben zwoelfe--heute bleiben sie ueber
alle Gebuehr aus, und ich sitze zu Hause und habe Licht brennen, und
dabei stehen die andern Lichter fuer den Hofmeister und den jungen
Herrn, und Ihr Vater und der Magister bleiben vor der Schlossbruecke
stehen und koennen noch nicht fertig werden--

Luise (kommt mit einem Glase zurueck).

Georg (faehrt fort).
Und das Kind kommt in den Saal getappt und ruft mich, und ich fahre
auf und will die Lichter anzuenden, wie ich immer tue, und wie ich
schlaftrunken bin, loesche ich das Licht aus. Indessen tappt das Kind
die Treppe hinauf, und auf dem Vorsaal stehen die Stuehle und Tische,
die wir morgen frueh in die Zimmer verteilen wollen; das Kind weiss es
nicht, geht geradezu, stoesst sich, faellt, wir hoeren es schreien, ich
mache Laerm, ich mache Licht, und wie wir hinaufkommen, liegt's da und
weiss kaum von sich selbst. Das ganze Gesicht ist blutig. Wenn es ein
Auge verloren hat, wenn es gefaehrlich wird, geh' ich morgen frueh auf
und davon, eh' die Frau Graefin ankommt; mag's verantworten, wer will!

Luise (die indessen einige Buendelchen Leinwand aus der Schublade
genommen, gibt ihm die Flasche).
Hier! Geschwind! Trage das hinueber und nimm die Laeppchen dazu, ich
komme gleich selbst. Der Himmel verhuete, dass es so uebel sei!
Geschwind, Georg, geschwind! (Georg ab.) Halte warmes Wasser bereit,
wenn der Onkel nach Hause kommt und Kaffee verlangt. Ich will
geschwind hinueber. Es waere entsetzlich, wenn wir unsere gute Graefin
so empfangen muessten. Wie empfahl sie nicht dem Magister, wie empfahl
sie nicht mir das Kind bei ihrer Abreise! Leider hab' ich sehen
muessen, dass es die Zeit ueber sehr versaeumt worden ist. Dass man doch
gewoehnlich seine naechste Pflicht versaeumt! (Ab.)



Dritter Auftritt
Karoline. Hernach der Baron.

Karoline (nachdem sie einige Mal nachdenkend auf und ab gegangen).
Er verlaesst mich keinen Augenblick, auch im Traum selbst war er mir
gegenwaertig. O, wenn ich glauben koennte, dass sein Herz, seine
Absichten so redlich sind, als seine Blicke, sein Betragen reizend und
einnehmend ist! Ach, und die Art, mit der er alles zu sagen weiss, wie
edel er sich ausdrueckt! Man sage, was man will, welche Vorzuege gibt
einem Menschen von edler Geburt eine standesmaessige Erziehung! Ach,
dass ich doch seinesgleichen waere!

Der Baron (an der Tuere).
Sind Sie allein, beste Karoline?

Karoline.
Herr Baron, wo kommen Sie her? Entfernen Sie sich! Wenn mein Vater
kaeme! Es ist nicht schoen, mich so zu ueberfallen.

Baron.
Die Liebe, die mich hieher fuehrt, wird auch mein Fuersprecher bei Ihnen
sein, angebetete Karoline. (Er will sie umarmen.)

Karoline.
Zurueck, Herr Baron! Sie sind sehr verwegen. Wo kommen Sie her?

Baron.
Ein Geschrei weckt mich, ich springe herunter und finde, dass mein
Neffe sich eine Brausche gefallen hat. Ich finde Ihren Vater um das
Kind beschaeftigt, nun kommt auch Ihre Muhme, ich sehe, dass es keine
Gefahr hat, es faellt mir ein: Karoline ist allein--und was kann mir
bei jeder Gelegenheit anders einfallen als Karoline? Die Augenblicke
sind kostbar, schoenes, angenehmes Kind! Gestehen Sie mir, sagen Sie
mir, dass Sie mich lieben. (Will sie umarmen.)

Karoline.
Noch einmal, Herr Baron! Lassen Sie mich, und verlassen Sie dieses
Haus!

Baron.
Sie haben versprochen, mich so bald als moeglich zu sehen, und wollen
mich nun entfernen?

Karoline.
Ich habe versprochen, morgen frueh mit Sonnenaufgang in dem Garten zu
sein, mit Ihnen spazieren zu gehen, mich Ihrer Gesellschaft zu freuen.
Hieher hab' ich Sie nicht eingeladen.

Baron.
Aber die Gelegenheit--

Karoline.
Hab' ich nicht gemacht.

Baron.
Aber ich benutze sie; koennen Sie mir es verdenken?

Karoline.
Ich weiss nicht, was ich von Ihnen denken soll.

Baron.
Auch Sie--lassen Sie es mich frei gestehen--auch Sie erkenne ich nicht.


Karoline.
Und worin bin ich mir denn so unaehnlich?

Baron.
Koennen Sie noch fragen?

Karoline.
Ich muss wohl, ich begreife Sie nicht.

Baron.
Ich soll reden?

Karoline.
Wenn ich Sie verstehen soll.

Baron.
Nun gut. Haben Sie nicht seit den drei Tagen, die ich Sie kenne, jede
Gelegenheit gesucht, mich zu sehen, und zu sprechen?

Karoline.
Ich leugne es nicht.

Baron.
Haben Sie mir nicht, sooft ich Sie ansah, mit Blicken geantwortet?
Und mit was fuer Blicken!

Karoline (verlegen).
Ich kann meine eignen Blicke nicht sehen.

Baron.
Aber fuehlen, was sie bedeuten.--Haben Sie mir, wenn ich Ihnen im Tanze
die Hand drueckte, die Hand nicht wieder gedrueckt?

Karoline.
Ich erinnere mich's nicht.

Baron.
Sie haben ein kurzes Gedaechtnis, Karoline. Als wir unter der Linde
drehten, und ich Sie zaertlich an mich schloss, damals stiess mich
Karoline nicht zurueck.

Karoline.
Herr Baron, Sie haben sich falsch ausgelegt, was ein gutherziges,
unerfahrnes Maedchen--

Baron.
Liebst du mich?

Karoline.
Noch einmal, verlassen Sie mich! Morgen fruehe--

Baron.
Werde ich ausschlafen.

Karoline.
Ich werde Ihnen sagen--

Baron.
Ich werde nichts hoeren.

Karoline.
So verlassen Sie mich.

Baron (sich entfernend).
O, es ist mir leid, dass ich gekommen bin.

Karoline (allein, nach einer Bewegung, als wenn sie ihn aufhalten
wollte).
Er geht, ich muss ihn fortschicken, ich darf ihn nicht halten. Ich
liebe ihn und muss ihn verscheuchen. Ich war unvorsichtig und bin
ungluecklich. Weg sind meine Hoffnungen auf den schoenen Morgen, weg
die goldnen Traeume, die ich zu naehren wagte. O, wie wenig Zeit
braucht es, unser ganzes Schicksal umzukehren!



Vierter Auftritt
Karoline. Breme.

Karoline.
Lieber Vater, wie geht's? Was macht der junge Graf?

Breme.
Es ist eine starke Kontusion; doch ich hoffe, die Laesion soll nicht
gefaehrlich sein. Ich werde eine vortreffliche Kur machen, und der
Herr Graf wird sich kuenftig, sooft er sich im Spiegel besieht, bei der
Schmarre mit Achtung seines geschickten Chirurgi, seines Breme von
Bremenfeld erinnern.

Karoline.
Die arme Graefin! Wenn sie nur nicht schon morgen kaeme.

Breme.
Desto besser! Und wenn sie den uebeln Zustand des Patienten mit Augen
sieht, wird sie, wenn die Kur vollbracht ist, desto mehr Ehrfurcht fuer
meine Kunst empfinden. Standespersonen muessen auch wissen, dass sie
und ihre Kinder Menschen sind; man kann sie nicht genug empfinden
machen, wie verehrungswuerdig ein Mann ist, der ihnen in ihren Noeten
beisteht, denen sie wie alle Kinder Adams unterworfen sind, besonders
ein Chirurgus. Ich sage dir, mein Kind, ein Chirurgus ist der
verehrungswuerdigste Mann auf dem ganzen Erdboden. Der Theolog befreit
dich von der Suende, die er selbst erfunden hat; der Jurist gewinnt dir
deinen Prozess und bringt deinen Gegner, der gleiches Recht hat, an
den Bettelstab; der Medikus kuriert dir eine Krankheit weg, die andere
herbei, und du kannst nie recht wissen, ob er dir genutzt oder
geschadet hat: Der Chirurgus aber befreit dich von einem reellen Uebel,
das du dir selbst zugezogen hast, oder das dir zufaellig und
unverschuldet ueber den Hals kommt; er nutzt dir, schadet keinem
Menschen, und du kannst dich unwidersprechlich ueberzeugen, dass seine
Kur gelungen ist.

Karoline.
Freilich auch, wenn sie nicht gelungen ist.

Breme.
Das lehrt dich den Pfuscher vom Meister unterscheiden. Freue dich,
meine Tochter, dass du einen solchen Meister zum Vater hast: Fuer ein
wohl denkendes Kind ist nichts ergoetzlicher, als sich seiner Eltern
und Grosseltern zu freuen.

Karoline (sie nachahmend).
Das tu' ich, mein Vater.

Breme (sie nachahmend).
Das tust du, mein Toechterchen, mit einem betruebten Gesichtchen und
weinerlichen Tone.--Das soll doch wohl keine Freude vorstellen?

Karoline.
Ach, mein Vater!

Breme.
Was hast du, mein Kind?

Karoline.
Ich muss es Ihnen gleich sagen.

Breme.
Was hast du?

Karoline.
Sie wissen, der Baron hat diese Tage her sehr freundlich, sehr
zaertlich mit mir getan; ich sagt' es Ihnen gleich und fragte Sie um
Rat.

Breme.
Du bist ein vortreffliches Maedchen! Wert, als eine Prinzessin, eine
Koenigin aufzutreten.

Karoline.
Sie rieten mir, auf meiner Hut zu sein, auf mich wohl Acht zu haben,
aber auch auf ihn; mir nichts zu vergeben, aber auch ein Glueck, wenn
es mich aufsuchen sollte, nicht von mir zu stossen. Ich habe mich
gegen ihn betragen, dass ich mir keine Vorwuerfe zu machen habe; aber
er--

Breme.
Rede, mein Kind, rede!

Karoline.
O, es ist abscheulich. Wie frech, wie verwegen!--

Breme.
Wie? (Nach einer Pause.) Sage mir nichts, meine Tochter, du kennst
mich, ich bin eines hitzigen Temperaments, ein alter Soldat; ich wuerde
mich nicht fassen koennen, ich wuerde einen tollen Streich machen.

Karoline.
Sie koennen es hoeren, mein Vater, ohne zu zuernen; ich darf es sagen,
ohne rot zu werden. Er hat meine Freundlichkeit uebel ausgelegt, er
hat sich in Ihrer Abwesenheit, nachdem Luise auf das Schloss geeilt
war, hier ins Haus geschlichen. Er war verwegen, aber ich wies ihn
zurechte. Ich trieb ihn fort, und ich darf wohl sagen: Seit diesem
Augenblick haben sich meine Gesinnungen gegen ihn geaendert. Er schien
mir liebenswuerdig, als er gut war, als ich glauben konnte, dass er es
gut mit mir meine; jetzt kommt er mir vor: Schlimmer als jeder andere.
Ich werde Ihnen alles, wie bisher, erzaehlen, alles gestehen und mich
Ihrem Rat ganz allein ueberlassen.

Breme.
Welch ein Maedchen! Welch ein vortreffliches Maedchen! O, ich
beneidenswerter Vater! Wartet nur, Herr Baron, wartet nur! Die Hunde
werden von der Kette loskommen und den Fuechsen den Weg zum
Taubenschlag verrennen. Ich will nicht Breme heissen, nicht den Namen
Bremenfeld verdienen, wenn in kurzem nicht alles anders werden soll.

Karoline.
Erzuernt Euch nicht, mein Vater!

Breme.
Du gibst mir ein neues Leben, meine Tochter; ja, fahre fort, deinen
Stand durch deine Tugend zu zieren, gleiche in allem deiner
vortrefflichen Urgrossmutter, der seligen Burgemeisterin von Bremenfeld.
Diese wuerdige Frau war durch Sittsamkeit die Ehre ihres Geschlechts
und durch Verstand die Stuetze ihres Gemahls. Betrachte dieses Bild
jeden Tag, jede Stunde, ahme sie nach und werde verehrungswuerdig wie
sie! (Karoline sieht das Bild an und lacht.) Was lachst du, meine
Tochter?

Karoline.
Ich will meiner Urgrossmutter gern in allem Guten folgen, wenn ich mich
nur nicht anziehen soll wie sie. Ha, ha, ha! Sehn Sie nur, so oft ich
das Bild ansehe, muss ich lachen, ob ich es gleich alle Tage vor Augen
habe, ha, ha, ha! Sehn Sie nur das Haeubchen, dass wie
Fledermausfluegel vom Kopf los steht.

Breme.
Nun, nun! Zu ihrer Zeit lachte niemand darueber, und wer weiss, wer
ueber euch kuenftig lacht, wenn er euch gemalt sieht; denn ihr seid sehr
selten angezogen und aufgeputzt, dass ich sagen moechte, ob du gleich
meine huebsche Tochter bist: Sie gefaellt mir! Gleiche dieser
vortrefflichen Frau an Tugenden und kleide dich mit besserm Geschmack,
so hab' ich nichts dagegen, vorausgesetzt, dass, wie sie sagen, der
gute Geschmack nicht teurer ist als der schlechte. Uebrigens daecht'
ich, du gingst zu Bette; denn es ist spaet.

Karoline.
Wollen Sie nicht noch Kaffee trinken? Das Wasser siedet, er ist
gleich gemacht.

Breme.
Setze nur alles zurechte, schuette den gemahlenen Kaffee in die Kanne,
das heisse Wasser will ich selbst darueber giessen.

Karoline.
Gute Nacht, mein Vater! (Geht ab.)

Breme.
Schlaf wohl, mein Kind.



Fuenfter Auftritt
Breme allein.

Dass auch das Unglueck just diese Nacht geschehen musste! Ich hatte
alles klueglich eingerichtet, meine Einteilung der Zeit als ein echter
Praktikus gemacht. Bis gegen Mitternacht hatten wir zusammen
geschwatzt, da war alles ruhig; nachher wollte ich meine Tasse Kaffee
trinken, meine bestellten Freunde sollten kommen zu der
geheimnisvollen Ueberlegung. Nun hat's der Henker! Alles ist in
Unruhe. Sie wachen im Schloss, dem Kinde Umschlaege aufzulegen. Wer
weiss, wo sich der Baron herumdrueckt, um meiner Tochter aufzupassen.
Beim Amtmann seh' ich Licht, bei dem verwuenschten Kerl, den ich am
meisten scheue. Wenn wir entdeckt werden, so kann der groesste,
schoenste, erhabenste Gedanke, der auf mein ganzes Vaterland Einfluss
haben soll, in der Geburt erstickt werden. (Er geht ans Fenster.) Ich
hoere jemand kommen; die Wuerfel sind geworfen, wir muessen nun die
Steine setzen; ein alter Soldat darf sich vor nichts fuerchten. Bin
ich denn nicht bei dem grossen unueberwindlichen Fritz in die Schule
gegangen?



Sechster Auftritt
Breme. Martin.

Breme.
Seid Ihr's, Gevatter Martin?

Martin.
Ja, lieber Gevatter Breme, das bin ich. Ich habe mich ganz stille
aufgemacht, wie die Glocke zwoelfe schlug, und bin hergekommen; aber
ich habe noch Laerm gehoert und hin und wider gehen, und da bin ich im
Garten einige Mal auf und ab geschlichen, bis alles ruhig war. Sagt
mir nur, was Ihr wollt, Gevatter Breme, dass wir so spaet bei Euch
zusammenkommen, in der Nacht; koennten wir's denn nicht bei Tage
abmachen?

Breme.
Ihr sollt alles erfahren, nur muesst Ihr Geduld haben, bis die andern
alle beisammen sind.

Martin.
Wer soll denn noch alles kommen?

Breme.
Alle unsere guten Freunde, alle vernuenftigen Leute. Ausser Euch, der
Ihr Schulze von dem Ort hier seid, kommt noch Peter, der Schulze von
Rosenhahn, und Albert, der Schulze von Wiesengruben; ich hoffe, auch
Jakob wird kommen, der das huebsche Freigut besitzt. Dann sind recht
ordentliche und vernuenftige Leute beisammen, die schon was ausmachen
koennen.

Martin.
Gevatter Breme, Ihr seid ein wunderlicher Mann; es ist Euch alles eins,
Nacht und Tag, Tag und Nacht, Sommer und Winter.

Breme.
Ja, wenn das auch nicht so waere, koennte nichts Rechts werden. Wachen
oder Schlafen, das ist mir auch ganz gleich. Es war nach der Schlacht
bei Leuthen, wo unsere Lazarette sich in schlechtem Zustande befanden
und sich wahrhaftig noch in schlechterem Zustande befunden haetten,
waere Breme nicht damals ein junger ruestiger Bursche gewesen. Da lagen
viele Blessierte, viele Kranke, und alle Feldscherer waren alt und
verdrossen, aber Breme ein junger tuechtiger Kerl, Tag und Nacht parat.
Ich sag' Euch, Gevatter, dass ich acht Naechte nacheinander weg
gewacht und am Tage nicht geschlafen habe. Das merkte sich aber auch
der alte Fritz, der alles wusste, was er wissen wollte. Hoere Er,
Breme, sagte er einmal, als er in eigner Person das Lazarett
visitierte, hoere Er, Breme, man sagt, dass Er an der Schlaflosigkeit
krank liege.--Ich merkte, wo das hinaus wollte; denn die andern
stunden alle dabei; ich fasste mich und sagte: Ihro Majestaet, das ist
eine Krankheit, wie ich sie allen Ihren Dienern wuensche, und da sie
keine Mattigkeit zuruecklaesst, und ich den Tag auch noch brauchbar bin,
so hoffe ich, dass Seine Majestaet deswegen keine Ungnade auf mich
werfen werden.

Martin.
Ei, ei! Wie nahm denn das der Koenig auf?

Breme.
Er sah ganz ernsthaft aus, aber ich sah ihm wohl an, dass es ihm wohl
gefiel. Breme, sagte er, womit vertreibt Er sich denn die Zeit?
Da fasst' ich mir wieder ein Herz und sagte: Ich denke an das, was
Ihro Majestaet getan haben und noch tun werden, und da koennt' ich
Methusalems Jahre erreichen und immer fort wachen und koennt's doch
nicht ausdenken. Da tat er, als hoert' er's nicht, und ging vorbei.
Nun war's wohl acht Jahre darnach, da fasst' er mich bei der Revue
wieder ins Auge. Wacht Er noch immer, Breme? reif er. Ihro
Majestaet, versetzt' ich, lassen einem ja im Frieden so wenig Ruh
als im Kriege. Sie tun immer so grosse Sachen, dass sich ein
gescheiter Kerl daran zuschanden denkt.

Martin.
So habt Ihr mit dem Koenig gesprochen, Gevatter? Durfte man so mit ihm
reden?

Breme.
Freilich durfte man so und noch ganz anders; denn er wusste alles
besser. Es war ihm einer wie der andere, und der Bauer lag ihm am
mehrsten am Herzen. Ich weiss wohl, sagte er zu seinen Ministern,
wenn sie ihm das und jenes einreden wollten, die Reichen haben viele
Advokaten, aber die Duerftigen haben nur einen, und das bin ich.

Martin.
Wenn ich ihn doch nur auch gesehen haette!

Breme.
Stille, ich hoere was! Es werden unsere Freunde sein. Sieh da! Peter
und Albert.



Siebenter Auftritt
Peter. Albert. Die Vorigen.

Breme.
Willkommen!--Ist Jakob nicht bei euch?

Peter.
Wir haben uns bei den drei Linden bestellt; aber er blieb uns zu lang
aus, nun sind wir allein da.

Albert.
Was habt Ihr uns Neues zu sagen, Meister Breme? Ist was von Wetzlar
gekommen, geht der Prozess vorwaerts?

Breme.
Eben weil nichts gekommen ist, und weil, wenn was gekommen waere, es
auch nicht viel heissen wuerde, so wollt' ich euch eben einmal meine
Gedanken sagen: Denn ihr wisst wohl, ich nehme mich der Sachen aller,
aber nicht oeffentlich, an, bis jetzt nicht oeffentlich; denn ich darf's
mit der gnaedigen Herrschaft nicht ganz verderben.

Peter.
Ja, wir verduerben's auch nicht gern mit ihr, wenn sie's nur halbweg
leidlich machte.

Breme.
Ich wollte euch sagen--wenn nur Jakob da waere, dass wir alle zusammen
waeren, und dass ich nichts wiederholen muesste, und wir einig wuerden.

Albert.
Jakob? Es ist fast besser, dass er nicht dabei ist. Ich traue ihm
nicht recht; er hat das Freiguetchen, und wenn er auch wegen der Zinsen
mit uns gleiches Interesse hat, so geht ihn doch die Strasse nichts an,
und er hat sich im ganzen Prozess gar zu laessig bewiesen.

Breme.
Nun, so lasst's gut sein. Setzt euch und hoert mich an. (Sie setzen
sich.)

Martin.
Ich bin recht neugierig, zu hoeren.

Breme.
Ihr wisst, dass die Gemeinden schon vierzig Jahre lang mit der
Herrschaft einen Prozess fuehren, der auf langen Umwegen endlich nach
Wetzlar gelangt ist und von dort den Weg nicht zurueckfinden kann. Der
Gutsherr verlangt Fronen und andere Dienste, die ihr verweigert, und
mit Recht verweigert; denn es ist ein Rezess geschlossen worden mit
dem Grossvater unsers jungen Grafen--Gott erhalt' ihn!--Der sich diese
Nacht eine erschreckliche Brausche gefallen hat.

Martin.
Eine Brausche?

Peter.
Gerade diese Nacht?

Albert.
Wie ist das zugegangen?

Martin.
Das arme liebe Kind!

Breme.
Das will ich euch nachher erzaehlen. Nun hoert mich weiter an. Nach
diesem geschlossenen Rezess ueberliessen die Gemeinden an die Herrschaft
ein paar Fleckchen Holz, einige Wiesen, einige Triften und sonst noch
Kleinigkeiten, die euch von keiner Bedeutung waren und der Herrschaft
viel nutzten; denn man sieht, der alte Graf war ein kluger Herr, aber
auch ein guter Herr. Leben und leben lassen, war sein Spruch. Er
erliess den Gemeinden dagegen einige zu entbehrende Fronen und--

Albert.
Und das sind die, die wir noch immer leisten muessen.

Breme.
Und machte ihnen einige Konvenienzen--

Martin.
Die wir noch nicht geniessen.

Breme.
Richtig, weil der Graf starb, die Herrschaft sich in Besitz dessen
setzte, was ihr zugestanden war, der Krieg einfiel, und die Untertanen
noch mehr tun mussten, als sie vorher getan hatten.

Peter.
Es ist akkurat so; so hab' ich's mehr als einmal aus des Advokaten
Munde gehoert.

Breme.
Und ich weiss es besser als der Advokat, denn ich sehe weiter. Der
Sohn des Grafen, der verstorbene gnaedige Herr, wurde eben um die Zeit
volljaehrig. Das war, bei Gott! Ein wilder boeser Teufel, der wollte
nichts herausgeben und misshandelte euch ganz erbaermlich. Er war im
Besitz, der Rezess war fort und nirgends zu finden.

Albert.
Waere nicht noch die Abschrift da, die unser verstorbener Pfarrer
gemacht hat, wir wuessten kaum etwas davon.

Breme.
Diese Abschrift ist euer Glueck und euer Unglueck. Diese Abschrift gilt
alles vor jedem billigen Menschen, vor Gericht gilt sie nichts.
Haettet ihr diese Abschrift nicht, so waeret ihr ungewiss in dieser
Sache. Haette man diese Abschrift der Herrschaft nicht vorgelegt, so
wuesste man nicht, wie ungerecht sie denkt.

Martin.
Da muesst Ihr auch wieder billig sein. Die Graefin leugnet nicht, dass
vieles fuer uns spricht; nur weigert sie sich, den Vergleich einzugehen,
weil sie, in Vormundschaft ihres Sohnes, sich nicht getraut, so etwas
abzuschliessen.

Albert.
In Vormundschaft ihres Sohnes! Hat sie nicht den neuen Schlossfluegel
bauen lassen, den er vielleicht sein Lebtage nicht bewohnt; denn er
ist nicht gern in dieser Gegend.

Peter.
Und besonders, da er nun eine Brausche gefallen hat.

Albert.
Hat sie nicht den grossen Garten und die Wasserfaelle anlegen lassen,
worueber ein paar Muehlen haben muessen weggekauft werden? Das getraut
sie sich alles in Vormundschaft zu tun, aber das Rechte, das Billige,
das getraut sie sich nicht.

Breme.
Albert, du bist ein wackerer Mann; so hoer' ich gern reden, und ich
gestehe wohl, wenn ich von unserer gnaedigen Graefin manches Gute
geniesse und deshalb mich fuer ihren untertaenigen Diener bekenne, so
moecht' ich doch auch darin meinen Koenig nachahmen und euer Sachwalter
sein.

Peter.
Das waere recht schoen. Macht nur, dass unser Prozess bald aus wird!

Breme.
Das kann ich nicht, das muesst ihr.

Peter.
Wie waere denn das anzugreifen?

Breme.
Ihr guten Leute wisst nicht, dass alles in der Welt vorwaerts geht,
dass heute moeglich ist, was vor zehn Jahren nicht moeglich war. Ihr
wisst nicht, was jetzt alles unternommen, was alles ausgefuehrt wird.

Martin.
O ja, wir wissen, dass in Frankreich jetzt wunderliches Zeug geschieht.

Peter.
Wunderliches und Abscheuliches!

Albert.
Wunderliches und Gutes.

Breme.
So recht, Albert, man muss das Beste waehlen! Da sag' ich nun: Was
man in Guete nicht haben kann, soll man mit Gewalt nehmen.

Martin.
Sollte das gerade das beste sein?

Albert.
Ohne Zweifel.

Peter.
Ich daechte nicht.

Breme.
Ich muss euch sagen, Kinder: Jetzt oder niemals!

Albert.
Da duerft Ihr uns in Wiesengruben nicht viel vorschwatzen; dazu sind
wir fix und fertig. Unsere Leute wollten laengst rebellern; ich habe
nur immer abgewehrt, weil mir Herr Breme immer sagte, es sei noch
nicht Zeit, und das ist ein gescheiter Mann, auf den ich Vertrauen
habe.

Breme.
Gratias, Gevatter, und ich sage euch: Jetzt ist es Zeit.

Albert.
Ich glaub's auch.

Peter.
Nehmt mir's nicht uebel, das kann ich nicht einsehen; denn, wenn's gut
Aderlassen ist, gut Purgieren, gut Schroepfen, das steht im Kalender,
und darnach weiss ich mich zu richten; aber wenn's just gut Rebellern
sei, das, glaub' ich, ist viel schwerer zu sagen.

Breme.
Das muss unsereiner verstehen.

Albert.
Freilich versteht Ihr's.

Peter.
Aber sagt mir nur, woher's eigentlich kommt, dass Ihr's besser
versteht als andere gescheite Leute?

Breme (gravitaetisch).
Erstlich, mein Freund, weil schon vom Grossvater an meine Familie die
groessten politischen Einsichten erwiesen. Hier dieses Bildnis zeigt
euch meinen Grossvater Hermann Breme von Bremenfeld, der, wegen grosser
und vorzueglicher verdienste zum Buergermeister seiner Vaterstadt
erhoben, ihr die groessten und wichtigsten Dienste geleistet hat. Dort
schwebt sein Andenken noch in Ehren und Segen, wenngleich boshafte,
pasquillantische Schauspieldichter seine grossen Talente und gewisse
Eigenheiten, die er an sich haben mochte, nicht sehr glimpflich
behandelten. Seine tiefe Einsicht in die ganze politische und
militaerische Lage von Europa wird ihm selbst von seinen Feinden nicht
abgesprochen.

Peter.
Es war ein huebscher Mann, er sieht recht wohlgenaehrt aus.

Breme.
Freilich genoss er ruhigere Tage als sein Enkel.

Martin.
Habt Ihr nicht auch das Bildnis Eures Vaters?

Breme.
Leider, nein! Doch muss ich euch sagen: Die Natur, indem sie meinen
Vater Jost Breme von Bremenfeld hervorbrachte, hielt ihre Kraefte
zusammen, um euren Freund mit solchen Gaben auszuruesten, durch die er
euch nuetzlich zu werden wuenscht. Doch behuete der Himmel, dass ich
mich ueber meine Vorfahren erheben sollte; es wird uns jetzt viel
leichter gemacht, und wir koennen mit geringern natuerlichen Vorzuegen
eine grosse Rolle spielen.

Martin.
Nicht zu bescheiden, Gevatter!

Breme.
Es ist lautre Wahrheit. Sind nicht jetzt der Zeitungen, der
Monatsschriften, der fliegenden Blaetter so viel, aus denen wir uns
unterrichten, an denen wir unsern Verstand ueben koennen! Haette mein
seliger Grossvater nur den tausendsten Teil dieser Hilfsmittel gehabt,
er waere ein ganz anderer Mann geworden. Doch, Kinder, was rede ich
von mir! Die Zeit vergeht, und ich fuerchte, der Tag bricht an. Der
Hahn macht uns aufmerksam, dass wir uns kurz fassen sollen. Habt ihr
Mut?

Albert.
An mir und den Meinigen soll's nicht fehlen.

Peter.
Unter den Meinigen findet sich wohl einer, der sich an die Spitze
stellt; ich verbitte mir den Auftrag.

Martin.
Seit den paar letzten Predigten, die der Magister hielt, weil der alte
Pfarrer so krank liegt, ist das ganze grosse Dorf hier in Bewegung.

Breme.
Gut! So kann was werden. Ich habe ausgerechnet, dass wir ueber
sechshundert Mann stellen koennen. Wollt ihr, so ist in der naechsten
Nacht alles getan.

Martin.
In der naechsten Nacht?

Breme.
Es soll nicht wieder Mitternacht werden, und ihr sollt wieder haben
alles, was euch gebuehrt, und mehr dazu.

Peter.
So geschwind? Wie waere das moeglich?

Albert.
Geschwind oder gar nicht.

Breme.
Die Graefin kommt heute an, sie darf sich kaum besinnen. Rueckt nur bei
einbrechender Nacht vor das Schloss und fordert eure Rechte, fordert
eine neue Ausfertigung des alten Reverses, macht euch noch einige
kleine Bedingungen, die ich euch schon angeben will, lasst sie
unterschreiben, lasst sie schwoeren, und so ist alles getan.

Peter.
Vor einer solchen Gewalttaetigkeit zittern mir Arm' und Beine.

Albert.
Narr! Wer Gewalt braucht, darf nicht zittern.

Martin.
Wie leicht koennen sie uns aber ein Regiment Dragoner ueber den Hals
ziehen. So arg duerfen wir's doch nicht machen. Das Militaer, der
Fuerst, die Regierung wuerden uns schoen zusammenarbeiten.

Breme.
Gerade umgekehrt. Das ist's eben, worauf ich fusse. Der Fuerst ist
unterrichtet, wie sehr das Volk bedruckt sei. Er hat sich ueber die
Unbilligkeit des Adels, ueber die Langweiligkeit der Prozesse, ueber die
Schikane der Gerichtshalter und Advokaten oft genug deutlich und stark
erklaert, so dass man voraussetzen kann: Er wird nicht zurueck, wenn man
sich Recht verschafft, da er es selbst zu tun gehindert ist.

Peter.
Sollte das gewiss sein?

Albert.
Es wird im ganzen Lande davon gesprochen.

Peter.
Da waere noch allenfalls was zu wagen.

Breme.
Wie ihr zu Werke gehen muesst, wie vor allen Dingen der abscheuliche
Gerichtshalter beiseite muss, und auf wen noch mehr genau zu sehen ist,
das sollt ihr alles noch vor Abend erfahren. Bereitet eure Sachen
vor, regt eure Leute an und seid mir um Sechse beim Herrenbrunnen.
Dass Jakob nicht kommt, macht ihn verdaechtig; ja, es ist besser, dass
er nicht gekommen ist. Gebt auf ihn acht, dass er uns wenigstens
nicht schade; an dem Vorteil, den wir uns erwerben, wird er schon
teilnehmen wollen. Es wird Tag; lebt wohl und bedenkt nur, dass, was
geschehen soll, schon geschehen ist. Die Graefin kommt eben erst von
Paris zurueck, wo sie das alles gesehn und gehoert hat, was wir mit so
vieler Verwunderung lesen; vielleicht bringt sie schon selbst mildere
Gesinnungen mit, wenn sie gelernt hat, was Menschen, die zu sehr
gedruckt werden, endlich fuer ihre Rechte tun koennen und muessen.

Martin.
Lebt wohl, Gevatter, lebt wohl! Punkt Sechse bin ich am Herrenbrunnen.


Albert.
Ihr seid ein tuechtiger Mann! Lebt wohl.

Peter.
Ich will Euch recht loben, wenn's gut ablaeuft.

Martin.
Wir wissen nicht, wie wir's Euch danken sollen.

Breme (mit Wuerde).
Ihr habt Gelegenheit genug, mich zu verbinden. Das kleine Kapital zum
Exempel von zweihundert Talern, das ich der Kirche schuldig bin,
erlasst ihr mir ja wohl.

Martin.
Das soll uns nicht reuen.

Albert.
Unsere Gemeine ist wohlhabend und wird auch gern was fuer Euch tun.

Breme.
Das wird sich finden. Das schoene Fleck, das Gemeindegut war und das
der Gerichtshalter zum Garten einzaeunen und umarbeiten lassen, das
nehmt ihr wieder in Besitz und ueberlasst mir's.

Albert.
Das wollen wir nicht ansehen, das ist schon verschmerzt.

Peter.
Wir wollen auch nicht zurueckbleiben.

Breme.
Ihr habt selbst einen huebschen Sohn und schoenes Gut; dem koennt' ich
meine Tochter geben. Ich bin nicht stolz, glaubt mir, ich bin nicht
stolz. Ich will Euch gern meinen Schwaeher heissen.

Peter.
Das Mamsellchen ist huebsch genug; nur ist sie schon zu vornehm erzogen.


Breme.
Nicht vornehm, aber gescheit. Sie wird sich in jeden Stand zu finden
wissen. Doch darueber laesst sich noch vieles reden. Lebt jetzt wohl,
meine Freunde, lebt wohl!

Alle.
So lebt denn wohl!




Zweiter Aufzug



Erster Auftritt
(Vorzimmer der Graefin. Sowohl im Fond als an den Seiten haengen adlige
Familienbilder in mannigfaltigen geistlichen und weltlichen Kostuemen.)

Der Amtmann tritt herein, und indem er sich umsieht, ob niemand da ist,
kommt Luise von der andern Seite.

Amtmann.
Guten Morgen, Demoiselle! Sind Ihro Exzellenz zu sprechen? Kann ich
meine untertaenigste Devotion zu Fuessen legen?

Luise.
Verziehen Sie einigen Augenblick, Herr Amtmann. Die Frau Graefin wird
gleich herauskommen. Die Beschwerlichkeiten der Reise und das
Schrecken bei der Ankunft haben einige Ruhe noetig gemacht.

Amtmann.
Ich bedaure von ganzem Herzen! Nach einer so langen Abwesenheit, nach
einer so beschwerlichen Reise ihren einzig geliebten Sohn in einem so
schrecklichen Zustande zu finden! Ich muss gestehen, es schaudert
mich, wenn ich nur daran denke. Ihro Exzellenz waren wohl sehr
alteriert?

Luise.
Sie koennen sich leicht vorstellen, was eine zaertliche sorgsame Mutter
empfinden musste, als sie ausstieg, ins Haus trat und da die
Verwirrung fand, nach ihrem Sohne fragte und aus ihrem Stocken und
Stottern leicht schliessen konnte, dass ihm ein Unglueck begegnet sei.

Amtmann.
Ich bedaure von Herzen. Was finden Sie an?

Luise.
Wir mussten nur geschwind alles erzaehlen, damit sie nicht etwas
Schlimmeres besorgte; wir mussten sie zu dem Kinde fuehren, das mit
verbundenem Kopf und blutigen Kleidern dalag. Wir hatten nur fuer
Umschlaege gesorgt und ihn nicht ausziehen koennen.

Amtmann.
Es muss ein schrecklicher Anblick gewesen sein.

Luise.
Sie blickte hin, tat einen lauten Schrei und fiel mir ohnmaechtig in
die Arme. Sie war untroestlich, als sie wieder zu sich kam, und wir
hatten alle Muehe, sie zu ueberfuehren, dass das Kind sich nur eine
starke Beule gefallen, dass es aus der Nase blutet, und dass keine
Gefahr sei.

Amtmann.
Ich moechte' es mit dem Hofmeister nicht teilen, der das gute Kind so
vernachlaessigt.

Luise.
Ich wunderte mich ueber die Gelassenheit der Graefin, besonders da er
den Vorfall leichter behandelte, als es ihm in dem Augenblick geziemte.


Amtmann.
Sie ist gar zu gnaedig, gar zu nachsichtig.

Luise.
Aber sie kennt ihre Leute und merkt sich alles. Sie weiss, wer ihr
redlich und treu dient; sie weiss, wer nur dem Schein nach ihr
untertaeniger Knecht ist. Sie kennt die Nachlaessigen so gut als die
Falschen, die Unklugen sowohl als die Boesartigen.

Amtmann.
Sie sagen nicht zu viel; es ist eine vortreffliche Dame, aber
ebendeswegen! Der Hofmeister verdiente doch, dass sie ihn geradezu
wegschickte.

Luise.
In allem, was das Schicksal des Menschen betrifft, geht sie langsam zu
Werke, wie es einem Grossen geziemt. Es ist nichts schrecklicher als
Macht und Uebereilung.

Amtmann.
Aber Macht und Schwaeche sind auch ein trauriges Paar.

Luise.
Sie werden der gnaedigen Graefin nicht nachsagen, dass sie schwach sei.

Amtmann.
Behuete Gott, dass ein solcher Gedanke einem alten treuen Diener
einfallen sollte! Aber es ist denn doch erlaubt, zum Vorteil seiner
gnaedigen Herrschaft zu wuenschen, dass man manchmal mit mehr Strenge
gegen Leute zu Werke gehe, die mit Strenge behandelt sein wollen.

Luise.
Die Frau Graefin! (Luise tritt ab.)



Zweiter Auftritt
Die Graefin im Neglige. Der Amtmann.

Amtmann.
Euer Exzellenz haben zwar auf eine angenehme Weise, doch unvermutet
Ihre Dienerschaft ueberrascht, und wir bedauern nur, dass Dieselben bei
Ihrer Ankunft durch einen so traurigen Anblick erschreckt worden. Wir
hatten alle Anstalten zu Dero Empfang gemacht: Das Tannenreisig zu
einer Ehrenpforte liegt wirklich schon im Hofe; die saemtlichen
Gemeinden wollten reihenweise an dem Wege stehen und Hochdieselben mit
einem lauten Vivat empfangen, und jeder freute sich schon, bei einer
so feierlichen Gelegenheit seinen Festtagsrock anzuziehen und sich und
seine Kinder zu putzen.

Graefin.
Es ist mir lieb, dass die guten Leute sich nicht zu beiden Seiten des
Wegs gestellt haben; ich haette ihnen unmoeglich ein freundlich Gesicht
machen koennen und Ihnen am wenigsten, Herr Amtmann!

Amtmann.
Wie so? Wodurch haben wir Euer Exzellenz Ungnade verdient?

Graefin.
Ich kann nicht leugnen, ich war sehr verdriesslich, als ich gestern auf
den abscheulichen Weg kam, der gerade da anfaengt, wo meine Besitzungen
angehen. Die grosse Reise hab' ich fast auf lauter guten Wegen
vollbracht, und eben, da ich wieder in das Meinige zurueckkomme, find'
ich sie nicht nur schlechter wie vorm Jahr, sondern so abscheulich,
dass sie alle Uebel einer schlechten Chaussee verbinden. Bald tief
ausgefahren Loecher, in die der Wagen umzustuerzen droht, aus denen die
Pferde mit aller Gewalt ihn kaum herausreissen, bald Steine ohne
Ordnung uebereinander geworfen, dass man eine Viertelstunde lang selbst
in dem bequemsten Wagen aufs unertraeglichste zusammengeschuettelt wird.
Es sollte mich wundern, wenn nichts daran beschaedigt waere.

Amtmann.
Euer Exzellenz werden mich nicht ungehoert verdammen; nur mein eifriges
Bestreben, von Euer Exzellenz Gerechtsamen nicht das mindeste zu
vergeben, ist Ursache an diesem ueblen Zustande des Wegs.

Graefin.
Ich verstehe.--

Amtmann.
Sie erlauben, Ihrer tiefen Einsicht nur anheim zu stellen, wie wenig
es mir haette ziemen wollen, den widerspenstigen Bauern auch nur ein
Haarbreit nachzugeben. Sie sind schuldig, die Wege zu bessern, und da
Euer Exzellenz Chaussee befehlen, sind sie auch schuldig, die Chaussee
zu machen.

Graefin.
Einige Gemeinden waren ja willig.

Amtmann.
Das ist eben das Unglueck. Sie fuhren die Steine an; als aber die
uebrigen, widerspenstigen sich weigerten und auch jene widerspenstig
machten, blieben die Steine liegen und wurden nach und nach, teils aus
Notwendigkeit, teils aus Mutwillen, in die Gleise geworfen, und da ist
nun der Weg freilich ein bisschen holprig geworden.

Graefin.
Sie nennen das ein wenig holprig?

Amtmann.
Verzeihen Euer Exzellenz, wenn ich sogar sage, dass ich diesen Weg
oefters mit vieler Zufriedenheit zuruecklege. Es ist ein vortreffliches
Mittel gegen die Hypochondrie, sich dergestalt zusammenschuetteln zu
lassen.

Graefin.
Das, gesteh' ich, ist eine eigne Kurmethode.

Amtmann.
Und freilich, da nun eben wegen dieses Streites, welcher vor dem
Kaiserlichen Reichskammergericht auf das eifrigste betrieben wird,
seit einem Jahr an keine Wegebesserung zu denken gewesen, und ueberdies
die Holzfuhren stark gehen, in diesen letzten Tagen auch anhaltendes
Regenwetter eingefallen, so moechte denn freilich jemanden, der gute
Chausseen gewohnt ist, unsere Strasse gewissermassen impraktikable
vorkommen.

Graefin.
Gewissermassen? Ich daechte ganz und gar.

Amtmann.
Euer Exzellenz beleiben zu scherzen. Man kommt doch noch immer fort--

Graefin.
Wenn man nicht liegen bleibt. Und doch hab' ich an der Meile sechs
Stunden zugebracht.

Amtmann.
Ich, vor einigen Tagen, noch laenger. Zweimal wurd' ich gluecklich
herausgewunden, das dritte Mal brach ein Rad, und ich musste mich noch
nur so hereinschleppen lassen. Aber bei allen diesen Unfaellen war ich
getrost und gutes Muts; denn ich bedachte, dass Euer Exzellenz und
Ihres Herrn Sohnes Gerechtsame salviert sind. Aufrichtig gestanden,
ich wollte auf solchen Wegen lieber von hier nach Paris fahren, als
nur einen Fingerbreit nachgeben, wenn die Rechte und Befugnisse meiner
gnaedigen Herrschaft bestritten werden. Ich wollte daher, Euer
Exzellenz daechten auch so, und Sie wuerden gewiss diesen Weg nicht mit
so viel Unzufriedenheit zurueckgelegt haben.

Graefin.
Ich muss sagen, darin bin ich anderer Meinung, und gehoerten diese
Besitztuemer mir eigen, muesste ich mich nicht bloss als Verwalterin
ansehen, so wuerde ich ueber manche Bedenklichkeit hinausgehen, ich
wuerde mein Herz hoeren, das mir Billigkeit gebietet, und meinen
Verstand, der mich einen wahren Vorteil von einem scheinbaren
unterscheiden lehrt. Ich wuerde grossmuetig sein, wie es dem gar wohl
ansteht, der Macht hat. Ich wuerde mich hueten, unter dem Scheine des
Rechts auf Forderungen zu beharren, die ich durchzusetzen kaum
wuenschen muesste, und die, indem ich Widerstand finde, mir auf
lebenslang den voelligen Genuss eines Besitzes rauben, den ich auf
billige Weise verbessern koennte. Ein leidlicher Vergleich und der
unmittelbare Gebrauch sind besser als eine wohl gegruendete Rechtssache,
die mir Verdruss macht, und von der ich nicht einmal den Vorteil fuer
meine Nachkommen einsehe.

Amtmann.
Euer Exzellenz erlauben, dass ich darin der entgegen gesetzten Meinung
sein darf. Ein Prozess ist eine so reizende Sache, dass, wenn ich
reich waere, ich eher einige kaufen wuerde, um nicht ganz ohne dieses
Vergnuegen zu leben. (Amtmann tritt ab.)

Graefin.
Es scheint, dass er seine Lust an unsern Besitztuemern buessen will.



Dritter Auftritt
Graefin. Magister.

Magister.
Darf ich fragen, gnaedige Graefin, wie sie sich befinden?

Graefin.
Wie Sie denken koennen, nach der Alteration, die mich bei meinem
Eintritt ueberfiel.

Magister.
Es tat mir herzlich Leid; doch, hoff' ich, soll es von keinen Folgen
sein. Ueberhaupt aber kann Ihnen schwerlich der Aufenthalt hier so
bald angenehm werden, wenn Sie ihn mit dem vergleichen, den Sie vor
kurzem genossen haben.

Graefin.
Es hat auch grosse Reize, wieder zu Hause bei den Seinigen zu wohnen.

Magister.
Wie oftmals hab' ich Sie um das Glueck beneidet, gegenwaertig zu sein,
als die groessten Handlungen geschahen, die je die Welt gesehen hat,
Zeuge zu sein des seligen Taumels, der eine grosse Nation in dem
Augenblick ergriff, als sie sich zum ersten Mal frei und von den
Ketten entbunden fuehlte, die sie so lange getragen hatte, dass diese
schwere fremde Last gleichsam ein Glied ihres elenden, kranken Koerpers
geworden.

Graefin.
Ich habe wunderbare Begebenheiten gesehen, aber wenig Erfreuliches.

Magister.
Wenngleich nicht fuer die Sinne, doch fuer den Geist. Wer aus grossen
Absichten fehl greift, handelt immer lobenswuerdiger, als wer dasjenige
tut, was nur kleinen Absichten gemaess ist. Man kann auf dem rechten
Wege irren und auf dem falschen recht gehen-- --



Vierter Auftritt
Die Vorigen. Luise.

(Durch die Ankunft dieses vorzueglichen Frauenzimmers wird die
Lebhaftigkeit des Gespraechs erst gemildert und sodann die Unterredung
von dem Gegenstande gaenzlich abgelenkt. Der Magister, der nun weiter
kein Interesse findet, entfernt sich, und das Gespraech unter den
beiden Frauenzimmern setzt sich fort, wie folgt.)

Graefin.
Was macht mein Sohn? Ich war eben im Begriff, zu ihm zu gehen.

Luise.
Er schlaeft recht ruhig, und ich hoffe, er wird bald wieder
herumspringen und in kurzer Zeit keine Spur der Beschaedigung mehr
uebrig sein.

Graefin.
Das Wetter ist gar zu uebel, sonst ging' ich in den Garten. Ich bin
recht neugierig, zu sehen, wie alles gewachsen ist, und wie der
Wasserfall, wie die Bruecke und die Felsenkluft sich jetzt ausnehmen.

Luise.
Es ist alles vortrefflich gewachsen; die Wildnisse, die Sie angelegt
haben, scheinen natuerlich zu sein; sie bezaubern jeden, der sie zum
ersten Mal sieht, und auch mir geben sie noch immer in einer stillen
Stunde einen angenehmen Aufenthalt. Doch muss ich gestehen, dass ich
in der Baumschule unter den fruchtbaren baeumen lieber bin. Der
Gedanke des Nutzens fuehrt mich aus mir selbst heraus und gibt mir eine
Froehlichkeit, die ich sonst nicht empfinde. Ich kann saeen, pfropfen,
okulieren; und wenngleich mein Auge keine malerische Wirkung empfindet,
so ist mir doch der Gedanke von Fruechten hoechst reizend, die einmal
und wohl bald jemanden erquicken werden.

Graefin.
Ich schaetze Ihre guten haeuslichen Gesinnungen.

Luise.
Die einzigen, die sich fuer den Stand schicken, der ans Notwendige zu
denken hat, dem wenig Willkuer erlaubt ist.

Graefin.
Haben Sie den Antrag ueberlegt, den ich Ihnen in meinem letzten Briefe
tat? Koennen Sie sich entschliessen, meiner Tochter Ihre Zeit zu widmen,
als Freundin, als Gesellschafterin mit ihr zu leben?

Luise.
Ich habe kein Bedenken, gnaedige Graefin.

Graefin.
Ich hatte viel Bedenken, Ihnen den Antrag zu tun. Die wilde und
unbaendige Gemuetsart meiner Tochter macht ihren Umgang unangenehm und
oft sehr verdriesslich. So leicht mein Sohn zu behandeln ist, so
schwer ist es meine Tochter.

Luise.
Dagegen ist ihr edles Herz, ihre Art, zu handeln, aller Achtung wert.
Sie ist heftig, aber bald zu besaenftigen, unbillig, aber gerecht,
stolz, aber menschlich.

Graefin.
Hierin ist sie ihrem Vater--

Luise.
Aeusserst aehnlich. Auf eine sehr sonderbare Weise scheint die Natur in
der Tochter den rauen Vater, in dem Sohne die zaertliche Mutter wieder
hervorgebracht zu haben.

Graefin.
Versuchen Sie, Luise, dieses wilde, aber edle, Feuer zu daempfen. Sie
besitzen alle Tugenden, die ihr fehlen. In Ihrer Naehe, durch Ihr
Beispiel wird sie gereizt werden, sich nach einem Muster zu bilden,
das so liebenswuerdig ist.

Luise.
Sie beschaemen mich, gnaedige Graefin. Ich kenne an mir keine Tugend als
die, dass ich mich bisher in mein Schicksal zu finden wusste, und
selbst diese hat kein Verdienst mehr, seitdem Sie, gnaedige Graefin, so
viel getan haben, um es zu erleichtern. Sie tun jetzt noch mehr, da
Sie mich naeher an sich heranziehen. Nach dem Tode meines Vaters und
dem Umsturz meiner Familie habe ich vieles entbehren lernen, nur nicht
gesitteten und verstaendigen Umgang.

Graefin.
Bei Ihrem Onkel muessen Sie von dieser Seite viel ausstehen.

Luise.
Es ist ein guter Mann; aber seine Einbildung macht ihn oft hoechst
albern, besonders seit der letzten Zeit, da jeder ein Recht zu haben
glaubt, nicht nur ueber die grossen Welthaendel zu reden, sondern auch
darin mitzuwirken.

Graefin.
Es geht ihm wie sehr vielen.

Luise.
Ich habe manchmal meine Bemerkungen im stillen darueber gemacht. Wer
die Menschen nicht kennte, wuerde sie jetzt leicht kennen lernen. So
viele nehmen sich der Sache der Freiheit, der allgemeinen Gleichheit
an, nur um fuer sich eine Ausnahme zu machen, nur um zu wirken, es sei,
auf welche Art es wolle.

Graefin.
Sie haetten nichts mehr erfahren koennen, und wenn Sie mit mir in Paris
gewesen waeren.



Fuenfter Auftritt
Friederike. Der Baron. Die Vorigen.

Friederike.
Hier, liebe Mutter, ein Hase und zwei Feldhuehner! Ich habe die drei
Stuecke geschossen, der Vetter hat immer gepudelt.

Graefin.
Du siehst wild aus, Friederike; wie du durchnaesst bist!

Friederike (das Wasser vom Hute abschwingend).
Der erste glueckliche Morgen, den ich seit langer Zeit gehabt habe.

Baron.
Sie jagt mich nun schon vier Stunden im Felde herum.

Friederike.
Es war eine rechte Lust. Gleich nach Tische wollen wir wieder hinaus.


Graefin.
Wenn du's so heftig treibst, wirst du es blad ueberdruessig werden.

Friedericke.
Geben Sie mir das Zeugnis, liebe Mama! Wie oft hab' ich mich aus
Paris wieder nach unsern Revieren gesehnt. Die Opern, die Schauspiele,
die Gesellschaften, die Gastereien, die Spaziergaenge, was ist das
alles gegen einen einzigen vergnuegten Tag auf der Jagd, unter freiem
Himmel, auf unsern Bergen, wo wir eingeboren und eingewohnt sind.--Wir
muessen ehesten tags hetzen, Vetter.

Baron.
Sie werden noch warten muessen, die Frucht ist noch nicht aus dem Felde.


Friederike.
Was will das viel schaden? Es ist fast von gar keiner Bedeutung.
Sobald es ein bisschen auftrocknet, wollen wir hetzen.

Graefin.
Geh, zieh dich um! Ich vermute, dass wir zu Tische noch einen Gast
haben, der sich nur kreuz Zeit bei uns aufhalten kann.

Baron.
Wird der Hofrat kommen?

Graefin.
Er versprach mir, heute wenigstens auf ein Stuendchen einzusprechen.
Er geht auf Kommission.

Baron.
Es sind einige Unruhen im Lande.

Graefin.
Es wird nichts zu bedeuten haben, wenn man sich nur vernuenftig gegen
die Menschen betraegt und ihnen ihren wahren Vorteil zeigt.

Friederike.
Unruhen? Wer will Unruhen anfangen?

Baron.
Missvergnuegte Bauern, die von ihren Herrschaften gedruckt werden, und
die leicht Anfuehrer finden.

Friederike.
Die muss man auf den Kopf schiessen. (Sie macht Bewegungen mit der
Flinte.) Sehen Sie, gnaedige Mama, wie mir der Magister die Flinte
verwahrlost hat! Ich wollte sie doch mitnehmen, und da Sie es nicht
erlaubten, wollte ich sie dem Jaeger aufzuheben geben. Da bat mich der
Graurock so instaendig, sie ihm zu lassen: Sie sei so leicht, sagt' er,
so bequem, er wolle sie so gut halten, er wolle so oft auf die Jagd
gehen. Ich ward ihm wirklich gut, weil er so oft auf die Jagd gehen
wollte, und nun, sehen Sie, find' ich sie heute in der Gesindestube
hinterm Ofen. Wie das aussieht! Sie wird in meinem Leben nicht
wieder rein.

Baron.
Er hatte die Zeit her mehr zu tun; er arbeitet mit an der allgemeinen
Gleichheit, und da haelt er wahrscheinlich die Hasen auch mit fuer
seinesgleichen und scheut sich, ihnen was zuleide zu tun.

Graefin.
Zieht euch an, Kinder, damit wir nicht zu warten brauchen. Sobald der
Hofrat kommt, wollen wir essen. (Ab.)

Friederike (ihre Flinte besehend).
Ich habe die franzoesische Revolution schon so oft verwuenscht, und
jetzt tu' ich's doppelt und dreifach. Wie kann mir nun der Schaden
ersetzt werden, dass meine Flinte rostig ist?




Dritter Aufzug



Erster Auftritt
(Saal im Schlosse.)

Graefin. Hofrat.

Graefin.
Ich geb' es Ihnen recht aufs Gewissen, teurer Freund. Denken Sie nach,
wie wir diesem unangenehmen Prozesse ein Ende machen. Ihre grosse
Kenntnis der Gesetze, Ihr Verstand und Ihre Menschlichkeit helfen
gewiss ein Mittel finden, wie wir aus dieser widerlichen Sache
scheiden koennen. Ich habe es sonst leichter genommen, wenn man
unrecht hatte und im Besitz war: Je nun, dacht' ich, es geht ja
wohl so hin, und wer hat, ist am besten dran. Seitdem ich aber
bemerkt habe, wie sich Unbilligkeit von Geschlecht zu Geschlecht so
leicht aufhaeuft, wie grossmuetige Handlungen meistenteils nur persoenlich
sind, und der Eigennutz allein gleichsam erblich wird; seitdem ich mit
Augen gesehen habe, dass die menschliche Natur auf einen unglaublichen
Grad gedrueckt und erniedrigt, aber nicht unterdrueckt und vernichtet
werden kann: So habe ich mir fest vorgenommen, jede einzelne Handlung,
die mir unbillig scheint, selbst streng zu vermeiden und unter den
Meinigen, in Gesellschaft, bei Hofe, in der Stadt ueber solche
Handlungen meine Meinung laut zu sagen. Zu keiner Ungerechtigkeit
will ich mehr schweigen, keine Kleinheit unter einem grossen Scheine
ertragen, und wenn ich auch unter dem verhassten Namen einer
Demokratin verschrien werden sollte.

Hofrat.
Es ist schoen, gnaedige Graefin, und ich freue mich, Sie wieder zu finden,
wie ich Abschied von Ihnen genommen, und noch ausgebildeter. Sie
waren eine Schuelerin der grossen Maenner, die uns durch ihre Schriften
in Freiheit gesetzt haben, und nun finde ich in Ihnen einen Zoegling
der grossen Begebenheiten, die uns einen lebendigen Begriff geben von
allem, was der wohl denkende Staatsbuerger wuenschen und verabscheuen
muss. Es ziemt Ihnen, Ihrem eigenen Stande Widerpart zu halten. Ein
jeder kann nur seinen eignen Stand beurteilen und tadeln. Aller Tadel
heraufwaerts oder hinabwaerts ist mit Nebenbegriffen und Kleinigkeiten
vermischt, man kann nur durch seinesgleichen gerichtet werden. Aber
ebendeswegen, weil ich ein Buerger bin, der es zu bleiben denkt, der
das grosse Gewicht des hoeheren Standes im Staate anerkennt und zu
schaetzen Ursache hat, bin ich auch unversoehnlich gegen die kleinlichen
neidischen Neckereien, gegen den blinden Hass, der nur aus eigner
Selbstigkeit erzeugt wird, praetentios Praetentionen bekaempft, sich ueber
Formalitaeten formalisiert und, ohne selbst Realitaet zu haben, da nur
Schein sieht, wo er Glueck und Folge sehen koennte. Wahrlich! Wenn
alle Vorzuege gelten sollen, Gesundheit, Schoenheit, Jugend, Reichtum,
Verstand, Talente, Klima, warum soll der Vorzug nicht auch irgendeine
Art von Gueltigkeit haben, dass ich von einer Reihe tapferer, bekannter,
ehrenvoller Vaeter entsprungen bin! Das will ich sagen da, wo ich
eine Stimme habe, und wenn man mir auch den verhassten Namen eines
Aristokraten zueignete.

(Hier findet sich eine Luecke, welche wir durch Erzaehlung ausfuellen.
Der trockne Ernst dieser Szene wird dadurch gemildert, dass der Hofrat
seine Neigung zu Luisen bekennt, indem er sich bereit zeigt, ihr seine
Hand zu geben. Ihre fruehern Verhaeltnisse, vor dem Umsturz, den
Luisens Familie erlitt, kommen zur Sprache, sowie die stillen
Bemuehungen des vorzueglichen Mannes, sich und zugleich Luisen eine
Existenz zu verschaffen.

Eine Szene zwischen der Graefin, Luisen und dem Hofrat gibt Gelegenheit,
drei schoene Charaktere naeher kennen zu lernen und uns fuer das, was
wir in den naechsten Auftritten erdulden sollen, vorlaeufig einigermassen
zu entschaedigen. Denn nun versammelt sich um den Teetisch, wo Luise
einschenkt, nach und nach das ganze Personal des Stuecks, so dass
zuletzt auch die Bauern eingefuehrt werden. Da man sich nun nicht
enthalten kann, von Politik zu sprechen, so tut der Baron, welcher
Leichtsinn, Frevel und Spott nicht verbergen kann, den Vorschlag,
sogleich eine Nationalversammlung vorzustellen. Der Hofrat wird zum
Praesidenten erwaehlt, und die Charaktere der Mitspielenden, wie man sie
schon kennt, entwickeln sich freier und heftiger. Die Graefin, das
Soehnchen mit verbundenem Kopfe neben sich, stellt die Fuerstin vor,
deren Ansehen geschmaelert werden soll und die aus eigenen liberalen
Gesinnungen nachzugeben geneigt ist. Der Hofrat, verstaendig und
gemaessigt, sucht ein Gleichgewicht zu erhalten, ein Bemuehen, das jeden
Augenblick schwieriger wird. Der Baron spielt die Rolle des Edelmanns,
der von seinem Stande abfaellt und zum Volke uebergeht. Durch seine
schelmische Verstellung werden die andern gelockt, ihr Innerstes
hervorzukehren. Auch Herzensangelegenheiten mischen sich mit ins
spiel. Der Baron verfehlt nicht, Karolinen die schmeichelhaftesten
Sachen zu sagen, die sie zu ihren schoensten Gunsten auslegen kann. An
der Heftigkeit, womit Jakob die Gerechtsame des graeflichen Hauses
verteidigt, laesst sich eine stille, unbewusste Neigung zu der jungen
Graefin nicht verkennen. Luise sieht in allem diesen nur die
Erschuetterung des haeuslichen Gluecks, dem sie sich so nahe glaubt, und
wenn die Bauern mitunter schwerfaellig werden, so erheitert Bremenfeld
die Szene durch seinen Duenkel, durch Geschichtchen und guten Humor.
Der Magister, wie wir ihn schon kennen, ueberschreitet vollkommen die
Grenze, und da der Baron immerfort hetzt, laeuft es endlich auf
Persoenlichkeiten hinaus, und als nun vollends die Brausche des
Erbgrafen als unbedeutend, ja laecherlich behandelt wird, so bricht die
Graefin los, und die Sache kommt so weit, dass dem Magister
aufgekuendigt wird. Der Baron verschlimmert das Uebel, und er bedient
sich, da der Laerm immer staerker wird, der Gelegenheit, mehr in
Karolinen zu dringen und sie zu einer heimlichen Zusammenkunft fuer die
Nacht zu bereden. Bei allem diesen zeigt sich die junge Graefin
entschieden heftig, parteiisch auf ihren Stand, hartnaeckig auf ihren
besitz, welche Haerte jedoch durch ein unbefangenes, rein natuerliches
und im tiefsten Grunde rechtliches weibliches Wesen bis zur
Leibenswuerdigkeit gemildert wird. Und so laesst sich einsehen, dass
der Akt ziemlich tumultuarisch und, insofern es der bedenkliche
Gegenstand erlaubt, fuer das Gefuehl nicht ganz unertraeglich geendigt
wird. Vielleicht bedauert man, dass der Verfasser die Schwierigkeiten
einer solchen Szene nicht zur rechten Zeit zu ueberwinden bemueht war.)




Vierter Aufzug



Erster Auftritt
(Bremens Wohnung.)

Breme. Martin. Albert.

Breme.
Sind eure Leute alle an ihren Posten? Habt ihr sie wohl unterrichtet?
Sind sie gutes Muts?

Martin.
Sobald Ihr mit der Glocke stuermt, werden sie alle da sein.

Breme.
So ist's recht! Wenn im Schlosse die Lichter alle aus sind, wenn es
Mitternacht ist, soll es gleich angehen. Unser Glueck ist's, dass der
Hofrat fortgeht. Ich fuerchte sehr, er moechte bleiben und uns den
ganzen Spass verderben.

Albert.
Ich fuerchte so noch immer, es geht nicht gut ab. Es ist mir schon zum
voraus bange, die Glocke zu hoeren.

Breme.
Seid nur ruhig. Habt ihr nicht heute selbst gehoert, wie uebel es jetzt
mit den vornehmen Leuten steht? Habt ihr gehoert, was wir der Graefin
alles unters Gesicht gesagt haben?

Martin.
Es war ja aber nur zum Spass.

Albert.
Es war schon zum Spasse grob genug.

Breme.
Habt ihr gehoert, wie ich eure Sache zu verfechten weiss? Wenn's Ernst
gilt, will ich so vor den Kaiser treten. Und was sagt ihr zum Herrn
Magister, hat sich der nicht auch wacker gehalten?

Albert.
Sie haben's Euch aber auch brav abgegeben. Ich dachte zuletzt, es
wuerde Schlaege setzen; und unsere gnaedige Kontess--war's doch, als wenn
ihr seliger Herr Vater leibhaftig dastuende.

Breme.
Lasst mir das gnaedige weg, es wird sich bald nichts mehr zu gnaedigen
haben. Seht, hier hab' ich die Briefe schon fertig, die schick' ich
in die benachbarten Gerichtsdoerfer. Sobald's hier losgeht, sollen die
auch stuermen und rebellieren und auch ihre Nachbarn auffordern.

Martin.
Das kann was werden.

Breme.
Freilich! Und alsdann Ehre, dem Ehre gebuehrt! Euch, meine leiben
Kinder. Ihr werdet als die Befreier des Landes angesehn.

Martin.
Ihr, Herr Breme, werdet das groesste Lob davontragen.

Breme.
Nein, das gehoert sich nicht; es muss jetzt alles gemein sein.

Martin.
Indessen habt Ihr's doch angefangen.

Breme.
Gebt mir die Haende, brave Maenner! So standen einst die drei grossen
Schweizer, Wilhelm Tell, Walther Staubbach, Fuerst von Uri, die standen
auf dem Gruetliberg beisammen und schwuren den Tyrannen ew'gen Hass und
ihren mitgenossen ewige Freiheit. Wie oft hat man diese wackern
Helden gemalt und in Kupfer gestochen! Auch uns wird diese Ehre
widerfahren. In dieser Positur werden wir auf die Nachwelt kommen.

Martin.
Wie Ihr Euch das alles so denken koennt.

Albert.
Ich fuerchte nur, dass wir im Karrn eine boese Figur machen koennen.
Horcht! Es klingelt jemand. Mir zittert das Herz im Leibe, wenn sich
nur was bewegt.

Breme.
Schaemt Euch! Ich will aufziehen. Es wird der Magister sein; ich habe
ihn herueber bestellt. Die Graefin hat ihm den Dienst aufgesagt; die
Kontess hat ihn sehr beleidigt. Wir werden ihn leicht in unsere
Partei ziehen. Wenn wir einen Geistlichen unter uns haben, sind wir
unserer Sache desto gewisser.

Martin.
Einen Geistlichen und Gelehrten.

Breme.
Was die Gelehrsamkeit betrifft, geb' ich ihm nichts nach, und
besonders hat er weit weniger politische Lektuere als ich. Alle die
Chroniken, die ich von meinem seligen Grossvater geerbt habe, waren in
meiner Jugend schon durchgelesen, und das Theatrum Europaeum kenn' ich
in- und auswendig. Wer recht versteht, was geschehen ist, der weiss
auch, was geschieht und geschehen wird. Es ist immer einerlei; es
passiert in der Welt nichts Neues. Der Magister kommt. Halt! Wir
muessen ihn feierlich empfangen. Er muss Respekt vor uns kriegen. Wir
stellen jetzt die Repraesentanten der ganzen Nation gleichsam in Nuce
vor. Setzt euch.

(Er setzt drei Stuehle auf die eine Seite des Theaters, auf die andere
einen Stuhl. Die beiden Schulzen setzen sich, und wie der Magister
herein tritt, setzt sich Breme geschwind in ihre Mitte und nimmt ein
gravitaetisches Wesen an.)



Zweiter Auftritt
Die Vorigen. Der Magister.

Magister.
Guten Morgen, Herr Breme. Was gibt's Neues? Sie wollen mir etwas
Wichtiges vertrauen, sagten Sie.

Breme.
Etwas sehr Wichtiges, gewiss! Setzen Sie sich. (Magister will den
einzelnen Stuhl nehmen und zu ihnen ruecken.) Nein, bleiben Sie dort,
sitzen Sie dort nieder! Wir wissen noch nicht, ob Sie an unserer
Seite nieder sitzen wollen.

Magister.
Eine wunderbare Vorbereitung.

Breme.
Sie sind ein Mann, ein freigeborner, ein freidenkender, ein
geistlicher, ein ehrwuerdiger Mann. Sie sind ehrwuerdig, weil Sie
geistlich sind, und noch ehrwuerdiger, weil Sie frei sind. Sie sind
frei, weil Sie edel sind, und sind schaetzbar, weil Sie frei sind. Und
nun! Was haben wir erleben muessen! Wir sahen Sie verachtet, wir
sahen Sie beleidigt; aber wir haben zugleich Ihren edlen Zorn gesehen,
einen edlen Zorn, aber ohne Wirkung. Glauben Sie, dass wir Ihre
Freunde sind, so glauben Sie auch, dass sich unser Herz im Busen
umkehrt, wenn wir Sie verkehrt behandelt sehen. Ein edler Mann und
verhoehnt; ein freier Mann und bedroht; ein geistlicher Mann und
verachtet; ein treuer Diener und verstossen! Zwar verhoehnt von Leuten,
die selbst Hohn verdienen; verachtet von Menschen, die keiner Achtung
wert sind; verstossen von Undankbaren, deren Wohltaten man nicht
geniessen moechte; bedroht von einem Kinde, von einem Maedchen--das
scheint freilich nicht viel zu bedeuten; aber wenn Ihr bedenkt, dass
dieses Maedchen kein Maedchen, sondern ein eingefleischter Satan ist,
dass man sie Legion nennen sollte--denn es sind viele tausend
aristokratische Geister in sie gefahren--so seht Ihr deutlich, was uns
von allen Aristokraten bevorsteht, Ihr seht es, und wenn Ihr klug seid,
so nehmt Ihr Eure Massregeln.

Magister.
Wozu soll diese sonderbare Rede? Wohin wird Euch der seltsame Eingang
fuehren? Sagt Ihr das, um meinen Zorn gegen diese verdammte Brut noch
mehr zu erhitzen, um meine aufs aeusserste getriebene Empfindlichkeit
noch mehr zu reizen? Schweigt stille! Wahrhaftig, ich wuesste nicht,
wozu mein gekraenktes Herz jetzt nicht alles faehig waere. Was! Nach so
vielen Diensten, nach so vielen Aufopferungen mir so zu begegnen, mich
vor die Tuere zu setzen! Und warum? Wegen einer elenden Beule, wegen
einer gequetschten Nase, mit der so viele hundert Kinder auf und davon
springen. Aber es kommt eben recht, eben recht! Sie wissen nicht,
die Grossen, wen sie in uns beleidigen, die wir Zungen, die wir Federn
haben.

Breme.
Dieser edle Zorn ergoetzt mich, und so frage ich Euch denn im Namen
aller edlen, frei gebornen, der Freiheit werten Menschen, ob Ihr diese
Zunge, diese Feder von nun an dem Dienste der Freiheit voellig widmen
wollt?

Magister.
O ja, ich will, ich werde!

Breme.
Dass Ihr keine Gelegenheit versaeumen wollt, zu dem edlen Zwecke
mitzuwirken, nach dem jetzt die ganze Menschheit emporstrebt?

Magister.
Ich gebe Euch mein Wort.

Breme.
So gebt mir Eure Hand, mir und diesen Maennern.

Magister.
Einem jedem; aber was haben diese armen Leute, die wie Sklaven
behandelt werden, mit der Freiheit zu tun?

Breme.
Sie sind nur noch eine Spanne davon, nur so breit, als die Schwelle
des Gefaengnisses ist, an dessen eroeffneter Tuere sie stehen.

Magister.
Wie?

Breme.
Euer Ehrenwort, dass Ihr schweigen werdet!

Magister.
Ich gebe es.

Breme.
Der Augenblick ist nahe, die Gemeinden sind versammelt, in einer
Stunde sind sie hier. Wir ueberfallen das Schloss, noetigen die Graefin
zur Unterschrift des Rezesses und zu einer eidlichen Versicherung,
dass kuenftighin alle drueckenden Lasten aufgehoben sein sollen.

Magister.
Ich erstaune!

Breme.
Da habe ich nur noch ein Bedenken wegen des Eids. Die vornehmen Leute
glauben nichts mehr. Sie wird einen Eid schwoeren und sich davon
entbinden lassen. Man wird ihr beweisen, dass ein gezwungener Eid
nichts gelte.

Magister.
Dafuer will ich Rat schaffen. Diese Menschen, die sich ueber alles
wegsetzen, ihresgleichen behandeln wie das Vieh, ohne Liebe, ohne
Mitleid, ohne Furcht frech in den Tag hinein leben, solange sie mit
Menschen zu tun haben, die sie nicht schaetzen, solange sie von einem
Gott sprechen, den sie nicht erkennen: Dieses uebermuetige Geschlecht
kann sich doch von dem geheimen Schauer nicht losmachen, der alle
lebendigen Kraefte der Natur durchschwebt, kann die Verbindung sich
nicht leugnen, in der Worte und Wirkung, Tat und Folge ewig
miteinander bleiben. Lasst sie einen feierlichen Eid tun.

Martin.
Sie soll in der Kirche schwoeren.

Breme.
Nein, unter freiem Himmel.

Magister.
Das ist nichts. Diese feierlichen Szenen ruehren nur die
Einbildungskraft. Ich will es euch anders lehren. Umgebt sie, lasst
sie in eurer Mitte die Hand auf ihres Sohnes Haupt legen, bei diesem
geliebten Haupte ihr Versprechen beteuern und alles Uebel, was einen
Menschen betreffen kann, auf diese kleine Gefaess herab rufen, wenn sie
unter irgendeinem Vorwande ihr Versprechen zuruecknaehme oder zugaebe,
dass es vereitelt wuerde.

Breme.
Herrlich!

Martin.
Schrecklich!

Albert.
Entsetzlich!

Magister.
Glaubt mir, sie ist auf ewig gebunden.

Breme.
Ihr sollt zu ihr in den Kreis treten und ihr das Gewissen schaerfen.

Magister.
An allem, was ihr tun wollt, nehm' ich Anteil; nur sagt mir, wie wird
man es in der Residenz ansehen? Wenn sie euch Dragoner schicken, so
seid ihr alle gleich verloren.

Martin.
Da weiss Herr Breme schon Rat.

Albert.
Ja, was das fuer ein Kopf ist!

Magister.
Klaert mich auf.

Breme.
Ja, ja, das ist's nun eben, was man hinter Hermann Breme dem Zweiten
nicht sucht. Er hat Konnexionen, Verbindungen da, wo man glaubt, er
habe nur Kunden. So viel kann ich euch nur sagen, und es wissen's
diese Leute, dass der Fuerst selbst eine Revolution wuenscht.

Magister.
Der Fuerst?

Breme.
Er hat die Gesinnungen Friedrichs und Josephs, der beiden Monarchen,
welche alle wahre Demokraten als ihre Heiligen anbeten sollten. Er
ist erzuernt, zu sehen, wie der Buerger- und Bauernstand unterm Druck
des Adels seufzt, und leider kann er selbst nicht wirken, da er von
lauter Aristokraten umgeben ist. Haben wir uns nur aber erst
legitimiert, dann setzt er sich an unsere Spitze, und seine Truppen
sind zu unsern Diensten, und Breme und alle brave Maenner sind an
seiner Seite.

Magister.
Wie habt Ihr das alles erforscht und getan und habt Euch nichts merken
lassen?

Breme.
Man muss im stillen viel tun, um die Welt zu ueberraschen. (Er geht
ans Fenster.) Wenn nur erst der Hofrat fort waere, dann solltet ihr
Wunder sehen.

Martin (auf Bremen deutend).
Nicht wahr, das ist ein Mann!

Albert.
Er kann einem recht Herz machen.

Breme.
Und, lieber Magister, die Verdienste, die Ihr Euch diese Nacht erwerbt,
duerfen nicht unbelohnt bleiben. Wir arbeiten heute fuers ganze
Vaterland. Von unserm Dorfe wird die Sonne der Freiheit aufgehen.
Wer haette das gedacht!

Magister.
Befuerchtet Ihr keinen Widerstand?

Breme.
Dafuer ist schon gesorgt. Der Amtmann und die Gerichtsdiener werden
gleich gefangen genommen. Der Hofrat geht weg, die paar Bedienten
wollen nichts sagen, und der Baron ist nur der einzige Mann im
Schlosse; den locke ich durch meine Tochter herueber ins Haus und
sperre ihn ein, bis alles vorbei ist.

Martin.
Wohl ausgedacht.

Magister.
Ich verwundere mich ueber Eure Klugheit.

Breme.
Nu, nu! Wenn es Gelegenheit gibt, sie zu zeigen, sollt Ihr noch mehr
sehen, besonders was die auswaertigen Angelegenheiten betrifft. Glaubt
mir, es geht nichts ueber einen guten Chirurgus, besonders wenn er
dabei ein geschickter Barbier ist. Das unverstaendige Volk spricht
viel von Bartkratzern und bedenkt nicht, wie viel dazu gehoert,
jemanden zu barbieren, eben dass es nicht kratze. Glaubt mir nur, es
wird zu nichts mehr Politik erfordert, als den Leuten den Bart zu
putzen, ihnen diese garstigen barbarischen Exkremente der Natur, diese
Barthaare, womit sie das maennliche Kinn taeglich verunreinigt, hinweg
zu nehmen und den Mann dadurch an Gestalt und Sitten einer
glattwangigen Frau, einem zarten liebenswuerdigen Juengling aehnlich zu
machen. Komme ich dereinst dazu, mein Leben und Meinungen aufzusetzen,
so soll man ueber die Theorie der Barbierkunst erstaunen, aus der ich
zugleich alle Lebens- und Klugheitsregeln herleiten will.

Magister.
Ihr seid ein originaler Kopf!

Breme.
Ja, ja, das weiss ich wohl, und deswegen habe ich auch den Leuten
verziehen, wenn sie mich oft nicht begreifen konnten, und wenn sie,
albern genug, glaubten mich zum Besten zu haben. Aber ich will ihnen
zeigen, dass, wer einen rechten Seifenschaum zu schlagen weiss, wer mit
Leichtigkeit, Bequemlichkeit und Gewandtheit der Finger einzuseifen,
den sproedesten Bart zahm zu machen versteht; wer da weiss, dass ein
frisch abgezognes Messer ebenso gut rauft als ein stumpfes, wer mit
dem Strich oder wider den Strich die Haare wegnimmt, als waeren sie gar
nicht dagewesen; wer dem warmen Wasser zum Abwaschen die gehoerige
Temperatur verleiht und selbst das Abtrocknen mit Gefaelligkeit
verrichtet und in seinem ganzen Benehmen etwas Zierliches darstellt--
das ist kein gemeiner Mensch, sondern er muss alle Eigenschaften
besitzen, die einem Minister Ehre machen.

Albert.
Ja, ja, es ist ein Unterschied zwischen Barbier und Barbier.

Martin.
Und Herr Breme besonders, das ist dir eine ordentliche Lust.

Breme.
Nu, nu, es wird sich zeigen. Es ist bei der ganzen Kunst nichts
Unbedeutendes. Die Art, den Schersack aus- und einzukramen, die Art,
die Geraetschaften zu halten, ihn unterm Arm zu tragen--ihr sollt
Wunder hoeren und sehen. Nun wird's aber Zeit, dass ich meine Tochter
vorkriege. Ihr Leute, geht an eure Posten! Herr Magister, halten Sie
sich in der Naehe.

Magister.
Ich gehe in den Gasthof, wohin ich gleich meine Sachen habe bringen
lassen, als man mir im Schlosse uebel begegnete.

Breme.
Wenn Sie stuermen hoeren, so soll's Ihnen frei stehen, sich zu uns zu
schlagen oder abzuwarten, ob es uns glueckt, woran ich gar nicht
zweifele.

Magister.
Ich werde nicht fehlen.

Breme.
So lebt denn wohl und gebt aufs Zeichen Acht!



Dritter Auftritt
Breme allein.

Wie wuerde mein sel'ger Grossvater sich freuen, wenn er sehen koennte,
wie gut ich mich in das neue Handwerk schicke. Glaubt doch der
Magister schon, dass ich grosse Konnexionen bei Hofe habe. Da sieht
man, was es tut, wenn man sich Kredit zu machen weiss. Nun muss
Karoline kommen. Sie hat das Kind so lange gewartet, ihre Schwester
wird sie abloesen. Da ist sie.



Vierter Auftritt
Breme. Karoline.

Breme.
Wie befindet sich der junge Graf?

Karoline.
Recht leidlich. Ich habe ihm Maerchen erzaehlt, bis er eingeschlafen
ist.

Breme.
Was gibt's sonst im Schlosse?

Karoline.
Nichts Merkwuerdiges.

Breme.
Der Hofrat ist noch nicht weg?

Karoline.
Er scheint Anstalt zu machen. Sie binden eben den Mantelsack auf.

Breme.
Hast du den Baron nicht gesehen?

Karoline.
Nein, mein Vater.

Breme.
Er hat dir heute in der Nationalversammlung allerlei in die Ohren
geraunt?

Karoline.
Ja, mein Vater.

Breme.
Das eben nicht die ganze Nation, sondern meine Tochter Karoline
betraf?

Karoline.
Freilich, mein Vater.

Breme.
Du hast dich doch klug gegen ihn zu benehmen gewusst?

Karoline.
O gewiss.

Breme.
Er hat wohl wieder stark in dich gedrungen?

Karoline.
Wie Sie denken koennen.

Breme.
Und du hast ihn abgewiesen?

Karoline.
Wie sich's ziemt.

Breme.
Wie ich es von meiner trefflichen Tochter erwarten darf, die ich aber
auch mit Ehre und Glueck ueberhaeuft und fuer ihre Tugend reichlich
belohnt sehen werde.

Karoline.
Wenn Sie nur nicht vergebens hoffen.

Breme.
Nein, meine Tochter, ich bin eben im Begriff, einen grossen Anschlag
auszufuehren, wozu ich deine Hilfe brauche.

Karoline.
Was meinen Sie, mein Vater?

Breme.
Es ist dieser verwegenen Menschenrasse der Untergang gedroht.

Karoline.
Was sagen Sie?

Breme.
Setze dich nieder und schreib.

Karoline.
Was?

Breme.
Ein Billett an den Baron, dass er kommen soll.

Karoline.
Aber wozu?

Breme.
Das will ich dir schon sagen. Es soll ihm kein Leids widerfahren, ich
sperre ihn nur ein.

Karoline.
O Himmel!

Breme.
Was gibt's?

Karoline.
Soll ich mich einer solchen Verraeterei schuldig machen?

Breme.
Nur geschwind.

Karoline.
Wer soll es denn hinueberbringen?

Breme.
Dafuer lass mich sorgen.

Karoline.
Ich kann nicht.

Breme.
Zuerst eine Kriegslist. (Er zuendet eine Blendlaterne an und loescht
das Licht aus.) Geschwind, nun schreib, ich will dir leuchten.

Karoline (fuer sich).
Wie soll das werden? Der Baron wird sehen, dass das Licht ausgeloescht
ist; er wird auf das Zeichen kommen.

Breme (zwingt sie zum Sitzen).
Schreib! "Luise bleibt im Schlosse, mein Vater schlaeft. Ich loesche
das Licht aus, kommen Sie!"

Karoline (widerstrebend).
Ich schreibe nicht.



Fuenfter Auftritt
Die Vorigen. Der Baron am Fenster.

Baron.
Karoline!

Breme.
Was ist das? (Er schiebt die Blendlaterne zu und haelt Karoline fest,
die aufstehen will.)

Baron (wie oben).
Karoline! Sind Sie nicht hier? (Er steigt herein.) Stille! Wo bin
ich? Dass ich nicht fehlgehe. Gleich dem Fenster gegenueber ist des
Vaters Schlafzimmer, und hier rechts an der Wand die Tuere in der
Maedchen Kammer. (Er tappt an der Seite hin und trifft die Tuer.) Hier
ist sie, nur angelehnt. O, wie gut sich der blinde Kupido im Dunkeln
zu finden weiss! (Er geht hinein.)

Breme.
In die Falle! (Er schiebt die Blendlaterne auf, eilt nach der
Kammertuere und stoesst den Riegel vor.) So recht, und das Vorlegeschloss
ist auch schon in Bereitschaft. (Er legt ein Schloss vor.) Und du,
Nichtswuerdige! So verraetst du mich?

Karoline.
Mein Vater!

Breme.
So heuchelst du mir Vertrauen vor?

Baron (inwendig).
Karoline! Was heisst das?

Karoline.
Ich bin das ungluecklichste Maedchen unter der Sonne.

Breme (laut an der Tuere).
Das heisst: Dass Sie hier schlafen werden, aber allein.

Baron (inwendig).
Nichtswuerdiger! Machen Sie auf, Herr Breme, der Spass wird Ihnen teuer
zu stehen kommen.

Breme (laut).
Es ist mehr als Spass, es ist bitterer Ernst.

Karoline (an der Tuere).
Ich bin unschuldig an dem Verrat!

Breme.
Unschuldig? Verrat?

Karoline (an der Tuere kniend).
O, wenn du sehen koenntest, mein Geliebter, wie ich hier vor dieser
Schwelle liege, wie ich untroestlich meine Haende ringe, wie ich meinen
grausamen Vater bitte!--Machen Sie auf, mein Vater!--Er hoert nicht, er
sieht mich nicht an.--O, mein Geliebter, habe mich nicht im Verdacht,
ich bin unschuldig!

Breme.
Du unschuldig? Niedertraechtige feile Dirne! Schande deines Vaters!
Ewiger schaendender Flecken in dem Ehrenkleid, das er eben in diesem
Augenblicke angezogen hat. Steh auf, hoer' auf zu weinen, dass ich
dich nicht an den Haaren von der Schwelle wegziehe, die du, ohne zu
erroeten, nicht wieder betreten solltest. Wie! In dem Augenblick, da
Breme sich den groessten Maennern des Erdbodens gleichsetzt, erniedrigt
sich seine Tochter so sehr!

Karoline.
Verstosst mich nicht, verwerft mich nicht, mein Vater! Er tat mir die
heiligsten Versprechungen.

Breme.
Rede mir nicht davon, ich bin ausser mir. Was! Ein Maedchen, das sich
wie eine Prinzessin, wie eine Koenigin auffuehren sollte, vergisst sich
so ganz und gar? Ich halte mich kaum, dass ich dich nicht mit Faeusten
schlage, nicht mit Fuessen trete. Hier hinein! (Er stoesst sie in sein
Schlafzimmer.) Dies franzoesische Schloss wird dich wohl verwahren.
Von welcher Wut fuehl' ich mich hingerissen! Das waere die rechte
Stimmung, um die Glocke zu ziehen.--Doch nein, fasse dich, Breme!--
Bedenke, dass die groessten Menschen in ihrer Familie manchen Verdruss
gehabt haben. Schaeme dich nicht einer frechen Tochter und bedenke,
dass Kaiser Augustus in ebendem Augenblick mit Verstand und Macht die
Welt regierte, da er ueber die Vergehungen seiner Julie bittere Traenen
vergoss. Schaeme dich nicht, zu weinen, dass eine solche Tochter dich
hintergangen hat; aber bedenke auch zugleich, dass der Endzweck
erreicht ist, dass der Widersacher eingesperrt verzweifelt, und dass
deiner Unternehmung ein glueckliches Ende bevorsteht.



Sechster Auftritt
(Saal im Schlosse, erleuchtet.)

Friederike mit einer gezogenen Buechse. Jakob mit einer Flinte.

Friederike.
So ist's recht, Jakob, du bist ein braver Bursche. Wenn du mir die
Flinte zurecht bringst, dass mir der Schulfuchs nicht gleich einfaellt,
wenn ich sie ansehe, sollst du ein gut Trinkgeld haben.

Jakob.
Ich nehme sie mit, gnaedige Graefin, und will mein Bestes tun. Ein
Trinkgeld braucht's nicht, ich bin Ihr Diener fuer ewig.

Friederike.
Du willst in der Nacht noch fort? Es ist dunkle und regnicht; bleibe
noch beim Jaeger.

Jakob.
Ich weiss nicht, wie mir ist; es treibt mich etwas fort. Ich habe eine
Art von Ahnung.

Friederike.
Du siehst doch sonst nicht Gespenster.

Jakob.
Es ist auch nicht Ahnung, es ist Vermutung. Mehrere Bauern sind beim
Chirurgus in der Nacht zusammengekommen; sie hatten mich auch
eingeladen, ich ging aber nicht hin; ich will keine Haendel mit der
graeflichen Familie. Und jetzt wollt' ich doch, ich waere hingegangen,
damit ich wuesste, was sie vorhaben.

Friederike.
Nun was wird's sein? Es ist die alte Prozessgeschichte.

Jakob.
Nein, nein, es ist mehr! Lassen Sie mir meine Grille; es ist fuer Sie,
es ist fuer die Ihrigen, dass ich besorgt bin. (Ab.)



Siebenter Auftritt
Friederike, nachher die Graefin und der Hofrat.

Friederike.
Die Buechse ist noch, wie ich sie verlassen habe; die hat mir der Jaeger
recht gut versorgt. Ja, das ist auch ein Jaeger, und ueber die geht
nichts. Ich will sie gleich laden und morgen frueh bei guter Tageszeit
einen Hirsch schiessen. (Sie beschaeftigt sich an einem Tische, worauf
ein Armleuchter steht, mit Pulverhorn, Lademass, Pflaster, Kugel,
Hammer und laedt die Buechse ganz langsam und methodisch.)

Graefin.
Da hast du schon wieder das Pulverhorn beim Licht; wie leicht kann
eine Schnuppe herunterfallen. Sei doch vernuenftig, du kannst dich
ungluecklich machen!

Friedericke.
Lassen Sie mich, liebe Mutter, ich bin schon vorsichtig. Wer sich vor
dem Pulver fuerchtet, muss nicht mit Pulver umgehen.

Graefin.
Sagen Sie mir, lieber Hofrat, ich habe es recht auf dem Herzen:
Koennten wir nicht einen Schritt tun, wenigstens bis Sie zurueckkommen?

Hofrat.
Ich verehre in Ihnen diese Heftigkeit, das Gute zu wirken und nicht
einen Augenblick zu zaudern.

Graefin.
Was ich einmal fuer Echt erkenne, moechte' ich auch gleich getan sehn.
Das Leben ist so kurz, und das Gute wirkt so langsam.

Hofrat.
Wie meinen Sie denn?

Graefin.
Sie sind moralisch ueberzeugt, dass der Amtmann in dem Kriege das
Dokument beiseite gebracht hat--

Friederike (heftig).
Sind Sie's?

Hofrat.
Nach allen Anzeigen kann ich wohl sagen, es ist mehr als Vermutung.

Graefin.
Sie glauben, dass er es noch zu irgendeiner Absicht verwahre?

Friederike (wie oben).
Glauben Sie?

Hofrat.
Bei der Verworrenheit seiner Rechnungen, bei der Unordnung des
Archives, bei der ganzen Art, wie er diesen Rechtshandel benutzt hat,
kann ich vermuten, dass er sich einen Rueckzug vorbehaelt, dass er
vielleicht, wenn man ihn von dieser Seite draengt, sich auf die andere
zu retten und das Dokument dem Gegenteile fuer eine ansehnliche Summe
zu verhandeln denkt.

Graefin.
Wie waer' es, man suchte ihn durch Gewinst zu locken? Er wuenscht,
seinen Neffen substituiert zu haben; wie waer' es, wir verspraechen
diesem jungen Menschen eine Belohnung, wenn er zur Probe das Archiv in
Ordnung braechte, besonders eine ansehnliche, wenn er das Dokument
ausfindig machte? Man gaebe ihm Hoffnung zur Substitution. Sprechen
Sie ihn noch, ehe Sie fortgehen; indes, bis Sie wiederkommen, richtet
sich's ein.

Hofrat.
Es ist zu spaet, der Mann ist gewiss schon zu Bette.

Graefin.
Glauben Sie das nicht. So alt er ist, passt er Ihnen auf, bis Sie in
den Wagen steigen. Er macht Ihnen noch in voelliger Kleidung seinen
Scharrfuss und versaeumt gewiss nicht, sich Ihnen zu empfehlen. Lassen
wir ihn rufen.

Friederike.
Lassen Sie ihn rufen, man muss doch sehen, wie er sich gebaerdet.

Hofrat.
Ich bin's zufrieden.

Friederike (klingelt und sagt zum Bedienten, der hereinkommt).
Der Amtmann moechte doch noch einen Augenblick herueberkommen!

Graefin.
Die Augenblicke sind kostbar. Wollen Sie nicht indes noch einen Blick
auf die Papiere werfen, die sich auf diese Sache beziehen? (Zusammen
ab.)



Achter Auftritt
Friederike allein, nachher der Amtmann.

Friederike.
Das will mir nicht gefallen. Sie sind ueberzeugt, dass er ein Schelm
ist, und wollen ihm nicht zu Leibe. Sie sind ueberzeugt, dass er sie
betrogen, ihnen geschadet hat, und wollen ihn belohnen. Das taugt nun
ganz und gar nichts. Es waere besser, dass man ein Exempel statuierte.
--Da kommt er eben recht.

Amtmann.
Ich hoere, dass des Herrn Hofrats Wohlgeboren noch vor ihrer Abreise
mir etwas zu sagen haben. Ich komme, dessen Befehle zu vernehmen.

Friederike (indem sie die Buechse nimmt).
Verziehen Sie einen Augenblick, er wird gleich wieder hier sein. (Sie
schuettet Pulver auf die Pfanne.)

Amtmann.
Was machen Sie da, gnaedige Graefin?

Friederike.
Ich habe die Buechse auf morgen frueh geladen, da soll ein alter Hirsch
fallen.

Amtmann.
Ei, ei! Schon heute geladen und Pulver auf die Pfanne, das ist
verwegen! Wie leicht kann da ein Unglueck geschehen.

Friederike.
Ei was! Ich bin gern fix und fertig. (Sie hebt das Gewehr auf und
haelt es, gleichsam zufaellig, gegen ihn.)

Amtmann.
Ei, gnaedige Graefin, kein geladen Gewehr jemals auf einen Menschen
halten! Da kann der Boese sein Spiel haben.

Friederike (in de vorigen Stellung).
Hoeren Sie, Herr Amtmann, ich muss Ihnen ein Wort im Vertrauen sagen:
--Das Sie ein erzinfamer Spitzbube sind.

Amtmann.
Welche Ausdruecke, meine Gnaedige!--Tun Sie die Buechse weg.

Friedericke.
Ruehre dich nicht vom Platz, verdammter Kerl! Siehst du, ich spanne,
siehst du, ich lege an! Du hast ein Dokument gestohlen--

Amtmann.
Ein Dokument? Ich weiss von keinem Dokumente.

Friederike.
Siehst du, ich steche, es geht alles in der Ordnung, und wenn du nicht
auf der Stelle das Dokument herausgibst oder mir anzeigst, wo es sich
befindet, oder was mit ihm vorgefallen, so ruehr' ich diese kleine
Nadel, und du bist auf der Stelle mausetot.

Amtmann.
Um Gottes willen!

Friederike.
Wo ist das Dokument?

Amtmann.
Ich weiss nicht--Tun Sie die Buechse weg--Sie koennten aus Versehen--

Friederike (wie oben).
Aus Versehen oder mit Willen bist du tot. Rede, wo ist das Dokument?

Amtmann.
Es ist--verschlossen.



Neunter Auftritt
Graefin. Hofrat. Die Vorigen.

Graefin.
Was gibt's hier?

Hofrat.
Was machen Sie?

Friederike (immer zum Amtmann).
Ruehren Sie sich nicht, oder Sie sind des Todes! Wo verschlossen?

Amtmann.
In meinem Pulte.

Friederike.
Und in dem Pulte! Wo?

Amtmann.
Zwischen einem Doppelboden.

Friederike.
Wo ist der Schluessel?

Amtmann.
In meiner Tasche.

Friedericke.
Und wie geht der doppelte Boden auf?

Amtmann.
Durch einen Druck an der rechten Seite.

Friederike.
Heraus den Schluessel!

Amtmann.
Hier ist er.

Friederike.
Hingeworfen!

Amtmann (wirft ihn auf die Erde).

Friederike.
Und die Stube?

Amtmann.
Ist offen.

Friederike.
Wer ist drinnen?

Amtmann.
Meine Magd und mein Schreiber.

Friederike.
Sie haben alles gehoert, Herr Hofrat. Ich habe Ihnen ein umstaendliches
Gespraech erspart. Nehmen Sie den Schluessel, und holen Sie das
Dokument. Bringen Sie es nicht zurueck, so hat er gelogen, und ich
schiesse ihn darum tot.

Hofrat.
Lassen Sie ihn mitgehen; bedenken Sie, was Sie tun.

Friederike.
Ich weiss, was ich tue. Machen Sie mich nicht wild, und gehen Sie.
(Hofrat ab.)

Graefin.
Meine Tochter, du erschreckst mich. Tu das Gewehr weg!

Friederike.
Gewiss nicht eher, als bis ich das Dokument sehe.

Graefin.
Hoerst du nicht? Deine Mutter befiehlt's.

Friederike.
Und wenn mein Vater aus dem Grabe aufstuende, ich gehorchte nicht.

Graefin.
Wenn es losginge!

Friederike.
Welch Unglueck waere das?

Amtmann.
Es wuerde Sie gereuen.

Friederike.
Gewiss nicht. Erinnerst du dich noch, Nichtswuerdiger, als ich vorm
Jahr im Zorn nach dem Jaegerburschen schoss, der meinen Hund pruegelte,
erinnerst du dich noch, da ich ausgescholten wurde, und alle Menschen
den gluecklichen Zufall priesen, der mich hatte fehlen lassen, da warst
du's allein, der haemisch laechelte und sagte: Was waer' es denn
gewesen? Ein Kind aus einem vornehmen Hause! Das waere mit Geld
abzutun. Ich bin noch immer ein Kind, ich bin noch immer aus einem
vornehmen Hause; so muesste das auch wohl mit Geld abzutun sein.

Hofrat (kommt zurueck).
Hier ist das Dokument.

Friederike.
Ist es? (Sie bringt das Gewehr in Ruh.)

Graefin.
Ist's moeglich?

Amtmann.
O, ich Ungluecklicher!

Friederike.
Geh! Elender! Dass deine Gegenwart meine Freude nicht vergaelle!

Hofrat.
Es ist das Original.

Friederike.
Geben Sie mir's. Morgen will ich's den Gemeinden selbst zeigen und
sagen, dass ich's ihnen erobert habe.

Graefin (sie umarmend).
Meine Tochter.

Friederike.
Wenn mir der Spass nur die Lust an der Jagd nicht verdirbt. Solch ein
Wildpret schiess' ich nie wieder!




Fuenfter Aufzug
(Nacht, trueber Mondschein.)

Das Theater stellt einen teil des Parks vor, der frueher beschrieben
worden. Raue steile Felsenbaenke, auf denen ein verfallenes Schloss.
Natur und Mauerwerk ineinander verschraenkt. Die Ruine, sowie die
Felsen mit Baeumen und Bueschen bewachsen. Eine dunkle Kluft deutet auf
Hoehlen, wo nicht gar unterirdische Gaenge.

Frederike, Fackel tragend, die Buechse unterm Arm, Pistolen im Guertel,
tritt aus der Hoehle, umherspuerend. Ihr folgt die Graefin, den Sohn an
der Hand. Auch Luise. Sodann der Bediente, mit Kaestchen beschwert.
Man erfaehrt, dass von hier ein unterirdischer Gang zu den Gewoelben des
Schlosses reicht, dass man die Schlosspforten gegen die andringenden
Bauern verriegelt, dass die Graefin verlangt habe, man solle ihnen aus
dem Fenster das Dokument ankuendigen und zeigen und so alles beilegen.
Friederike jedoch sei nicht zu bewegen gewesen, sich in irgendeine
Kapitulation einzulassen, noch sich einer Gewalt, selbst nach eigenen
Absichten, zu fuegen. Sie habe vielmehr die Ihrigen zur Flucht
genoetigt, um auf diesem geheimen Wege ins Freie zu gelangen und den
benachbarten Sitz eines Anverwandten zu erreichen. Eben will man sich
auf den Weg machen, als man oben in der Ruine Licht sieht, ein
Geraeusch hoert. Man zieht sich in die Hoehle zurueck.

Herunter kommen Jakob, der Hofrat und eine Partei Bauern. Jakob hatte
sie unterwegs angetroffen und sie zugunsten der Herrschaft zu bereden
gesucht. Der Wagen des wegfahrenden Hofrats war unter sie gekommen.
Dieser wuerdige Mann verbindet sich mit Jakob und kann das
Hauptargument, dass der Originalrezess gefunden sei, allen uebrigen
Beweggruenden hinzufuegen. Die aufgeregte Schar wird beruhigt, ja sie
entschliesst sich, den Damen zu Hilfe zu kommen.

Friederike, die gelauscht hat, nun von allem unterrichtet, tritt unter
sie, dem Hofrat und dem jungen Landmann sehr willkommen, auch den
uebrigen durch die Vorzeigung des Dokuments hoechst erwuenscht.

Eine frueher ausgesendete Patrouille dieses Trupps kommt zurueck und
meldet, dass ein Teil der Aufgeregten vom Schlosse her im Anmarsche
sei. Alles verbirgt sich, teils in die Hoehle, teils in Felsen und
Gemaeuer.

Breme mit einer Anzahl bewaffneter Bauern tritt auf, schilt auf den
Magister, dass er aussen geblieben, und erklaert die Ursache, warum er
einen teil der Mannschaft in den Gewoelben des Schlosses gelassen und
mit dem andern sich hieher verfuegt. Er weiss das Geheimnis des
unterirdischen Ganges und ist ueberzeugt, dass die Familie sich darein
versteckt, und dies gibt die Gewissheit, ihrer habhaft zu werden. Sie
zuenden Fackeln an und sind im Begriff, in die Hoehle zu treten.
Friederike, Jakob, der Hofrat erscheine in dem Augenblicke, bewaffnet,
sowie die uebrige Menge.

Breme sucht der Sache eine Wendung durch Beispiele aus der alten
Geschichte zu geben und tut sich auf seine Einfaelle viel zugute, da
man sie gelten laesst, und als nun das Dokument auch hier seine Wirkung
nicht verfehlt, so schliesst das Stueck zu allgemeiner Zufriedenheit.
Die vier Personen, deren Gegenwart einen unangenehmen Eindruck machen
koennte: Karoline, der Baron, der Magister und der Amtmann, kommen
nicht mehr zum Vorschein.


Ende dieses Projekt Guetnberg Etextes Die Aufgeregten, von Johann
Wolfgang von Goethe.



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE AUFGEREGTEN***


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