The Project Gutenberg EBook of Tahiti. Erster Band., by Friedrich Gerstcker

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Title: Tahiti. Erster Band.
       Roman aus der Sdsee

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: January 22, 2007 [EBook #20412]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. ERSTER BAND. ***




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                                TAHITI.


                        _Roman aus der Sdsee_

                                  von

                        #Friedrich Gerstcker.#


                     Zweite unvernderte Auflage.

                             Erster Band.


    Der Verfasser behlt sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.


                              #Leipzig,#

                        _Hermann Costenoble._

                                 1857.




Der

#J. G. Cotta'schen Buchhandlung#

die es ihm mglich machte den langgehegten Wunsch
einer Reise um die Welt auszufhren, bringt diese
_erste Frucht_ derselben

_in dankbarer Hochachtung_

#der Verfasser.#




#Inhalt des ersten Bandes.#

                                                                Seite
Cap.  1. Der Wallfischfnger                                        1

  "   2. Die Flucht, und welchen Dollmetscher Ren fand            19

  "   3. Das Mdchen von Atiu                                      47

  "   4. Der Mi-to-na-re                                           69

  "   5. Das Gestndni                                           124

  "   6. Was der ehrwrdige Mr. Rowe dazu sagt                    155

  "   7. Der Verrath, und wie sich beide Theile dabei irrten      180

  "   8. Tahiti                                                   224

  "   9. Die vier Huptlinge                                      253

  "  10. Die Versammlung                                          273




Capitel 1.

#Der Wallfischfnger.#


Von einem leichten Ostpassat getrieben, dazu die Obersegel fest, ja
sogar noch mit einem Reef im Kreuzsegel, der vor einigen Abenden
hineingenommen, und den man sich gar nicht die Mhe gegeben hatte wieder
auszustechen, kam ein schwerflliges, schmutzig aussehendes Schiff
langsam bei dem Winde nach Sden herunter und nherte sich einer, in der
Ferne eben sichtbar werdenden kleinen hohen Insel der Cooksgruppe.

Schon die groen fettigen Stellen in den Segeln, auf denen die Leute,
nach dem Thranauskochen, beim Reefen allabendlich gelegen, verriethen
den Wallfischfnger, htten ihn nicht auch die, an besonderen Krahnen
zu beiden Borden aufgehangenen und noch auf Quersttzen ber Deck
besonders gehaltenen Boote als solchen dargethan. Andere Fahrzeuge
besuchten auch selten diese Gewsser und selbst die Wallfischfnger nur
in diesen Monaten Januar und Februar, ehe sie wieder mit einbrechendem
Frhling nach Norden aufgingen, die eintrglichere, wenigstens
ergiebigere Jagd der rechten Wallfische der der Spermacetis
vorzuziehen.

Es war diesmal aber noch ziemlich frh in der Jahreszeit und der
Delaware, wie der Wallfischfnger getauft worden, hatte im Anfang
beabsichtigt gerade zu Tahiti anzulaufen; durch den starken Ostpassat
aber und die klein gefhrten Segel, wie mit der starken
Aequatorialstrmung gegen sich zu viel nach Westen versetzt, mute er
erst wieder nach Sden hinunter, etwas mehr in die Region der
vernderlichen Winde zu kommen, oder auch vielleicht einen der dann und
wann einsetzenden Westwinde zu benutzen, und beschlo jetzt nur die
erste in Sicht befindliche Insel anzulaufen, um einige Erfrischungen und
vielleicht etwas Holz einzunehmen.

Das Wasser zwischen diesen Inseln ist brigens, hufiger Riffe wegen,
den Schiffen oft gefhrlich, und die mit den Localitten nicht sehr gut
vertrauten Fahrzeuge machen, wenn sie in solchen Gruppen nichts zu thun
haben, lieber einen ziemlich bedeutenden Umweg, sie zu umgehen, als da
sie sich leichtsinniger Weise hineinwagen. Mit einem Wallfischfnger ist
das aber ganz etwas anderes; er versumt, sobald er sich erst einmal auf
seinem Jagdgrund befindet, keine Zeit mehr, denn wenn er segelt, hat er
die Mglichkeit eben so auf seiner Seite, da er von Fischen weg, als
ihnen gerade entgegenluft, und wenn er still liegt, kann er eben so gut
eine ganze ~school~ versumen, die vielleicht dort vorbergeht wo er
htte sein knnen, als die auf ihn zukommenden gerade wie auf der Lauer
abfangen. Das Ganze ist Glckssache und dem Pirschen auf Rothwild in
einem fremden Walde nicht unhnlich. Kommen diese Wallfischfnger also
an solche Stellen, so suchen sie, ehe es dunkel wird, hinter irgend eine
kleinere Insel oder Riffbank zu laufen, wo sie entweder Ankergrund oder
Raum zum Kreuzen haben, und treiben dort die Nacht herum, bis ihnen die
aufsteigende Sonne wieder ihre Bahn beleuchtet.

Gerade mit Sonnenuntergang war denn auch der Delaware, bis westlich von
Atiu, einer nicht ganz unbedeutenden Insel, gekommen, und der Capitain
wre gern die Nacht vor Anker gegangen, die Stellen aber, die er
untersuchte waren berall, bis fast dicht an die schumenden Riffbnke,
so tief, da er sich nicht der Gefahr aussetzen mochte, so nahe unter
dem bsartigen Ufer vielleicht einmal von einem der hier oft sehr rasch
eintretenden Weststrme berrascht zu werden. Er lie also die Segel
dicht reefen und kreuzte, (eben nicht zum Vergngen der Mannschaft, die
sechs bis acht Mal in der Nacht mit dem Schiff herum mute) in Lee der
Insel auf und nieder.

Capitain Lewis kmmerte sich brigens den Henker darum, ob er seinen
Leuten damit einen Gefallen that oder nicht -- er und sie standen, wie
man's am Lande nennen wrde -- auf Hofton mit einander -- d. h. er
sprach, seit sie das letzte Mal auf den Sandwichsinseln gewesen, wo es
zu einigen Auftritten gekommen war, nur hchst hflich mit ihnen und
nannte sie, wenn er sie zu einer Arbeit im Einzelnen aufforderte,
gewhnlich Mister, und ~if you _please_~, mit starker Betonung des
letzten Wortes, aber mit einem Blick dabei, der deutlich genug sagte:
Wenn Du nicht _springst_, Canaille, zu thun was ich Dir sage, so la
ich Dich bei den Beinen aufhngen.

Er, zum Dank dafr, hie bei den Leuten, statt wie sonst die Capitaine
gewhnlich den Alten (~the old man~) zu nennen, ~the old devil~ (der
alte Teufel); und wute das auch recht gut, ja es schien ihm ordentlich
Spa zu machen da er so genannt wurde, und er hatte seiner Mannschaft
schon mehrmals versichert, er wolle sich bemhen, seinem Namen keine
Schande zu machen; welches Versprechen er auch bis jetzt, so weit es in
seinen Krften stand, redlich gehalten.

Die Mannschaft eines Schiffes ist in solchen Fllen bel d'ran --
widersetzt sie sich, so ist es _Meuterei_, und sie wird darnach
bestraft, mgen die Leute recht gehabt haben oder nicht, und halten sie,
auf der anderen Seite aus bis zum Letzten, und verklagen nachher den
Capitain, so ist Zehn gegen Eins zu wetten, da dieser dennoch Recht
bekommt. In sehr vielen Fllen hat er's aber auch, und es giebt wohl auf
keinen Fahrzeugen der Welt, Kriegsschiffe vielleicht ausgenommen, toller
zusammen gewrfeltes Volk, als auf diesen Wallfischfngern. Ein
ordentlicher Matrose geht selten oder nie darauf, es ist meist lauter
aufgelesenes Ufervolk, die faul genug sind ihre eigene Arbeit bei Seite
zu werfen, und Romantik genug im Kopfe haben, sich von einem
Wallfischzug ein ganz besonderes Vergngen und auerdem einen
bedeutenden Nutzen zu versprechen. Die guten Leute sehen dann gewhnlich
immer etwas zu spt ein, da sie sich in der ersten Erwartung jedesmal,
und nur zu hufig auch in der anderen getuscht haben, und sie sind dann
eben _ein_mal und nicht wieder Wallfischfnger gewesen, so da fast
jedes neu ausgehende Schiff, die Offiziere ausgenommen, auch eine
durchaus neue Besatzung hat.

Schuster und Schneider, besonders die letzteren, sieht man sehr hufig
dabei, Tischler und Maurer, Schmiede und Bttcher, Gerber und
Cigarrenmacher -- Alles wird Wallfischfnger und der Capitain eines
solchen Fahrzeugs, der von dem Rheder, sobald er eine volle Besatzung
hat und die Jahreszeit gekommen ist, in See hinaus geschickt wird, hat
dann oft, wie sich nicht leugnen lt, eine entsetzliche Zeit dies Volk,
von dem er vorher wei da es doch nur _eine_ Reise bei ihm aushlt --
ja schon an den nchsten Pltzen wo er anlegt fortluft, wenn er ihnen
nur Gelegenheit dazu gbe, so weit einzurichten, da sie wenigstens erst
einmal verstehen lernen was sie nur berhaupt zu thun haben. Dies sie
nachher wirklich thun zu machen hat dann schon weniger Schwierigkeiten.
Kommen nun ordentliche ruhige Menschen manchmal zwischen diese hinein --
d. h. die Mannschaft, denn die Offiziere, vom Bootsteurer aufwrts,
bilden ein ganz besonderes, abgeschlossenes Corps -- so fhlen sich
diese gewhnlich hchst unglcklich und verwnschen den Augenblick, wo
sie sich von der Romantik der Sache bethren lieen -- aber leider zu
spt, und die viertehalb Jahr, die eine solche Fahrt sehr hufig dauert,
werden ihnen zur Hlle.

Doch zurck an Bord unseres Fahrzeugs. Zum Ausschauen auf der Back vorn
stand ein junger Mann, dessen edle, fast schne Gesichtszge, wie der
schlanke schmchtig gebaute Krper wohl passender fr einen Salon als
das Vorcastle eines Wallfischfngers geschienen htten. Das volle braune
Haar quoll ihm in dichten Massen unter der breiten schottischen,
dunkelblauen Mtze vor, und seine reinliche Kleidung selber unterschied
ihn auffllig von der brigen, besonders in diesem Punkt hchst
nachlssigen Schaar. Es war ein junger Franzose aus sehr guter Familie,
der sich in Boston mehr einer tollen Laune oder ziellosen Reiselust zu
Liebe, als aus irgend einer andern Ursache hatte verleiten lassen, an
Bord des Delaware eine Reise nach der Sdsee mitzumachen, und der jetzt
still und brtend nach dem nahen Lande hinberschaute, das mit dem
dunkeln Schatten seiner Palmen in trumerischer Ruhe vor ihm lag.

Nun Ren, so in Gedanken? sagte pltzlich, dicht neben ihm, eine
freundliche Stimme und eine Hand berhrte leise seine Schulter -- an
was denkst Du?

Der Angeredete fuhr erst wie erschreckt aus seinem Nachdenken empor und
schaute sich um, als er aber den Sprechenden erkannte, sagte er rasch
und fast erfreut:

Es ist mir lieb, Adolph, da du gerade in diesem Augenblick zu mir
kommst, ich bin eben mit meinem Entschlu ins Reine gekommen -- ich
verlasse dies Schiff.

Thorheit, sagte Adolph kopfschttelnd -- Du kennst die Verhltnisse
hier nicht, Ren. Kmst Du wirklich glcklich an Land, so brauchte der
Capitain nur eine unbedeutende Belohnung auf Deinen Fang zu setzen und
Du wrdest rettungslos ausgeliefert. Ich bin schon frher hier gewesen
und habe den Fall zweimal ausgefhrt gesehen. Die Eingebornen sind
seelensgut, aber wie die Kinder -- ein Spielzeug knnte sie zu irgend
etwas verfhren -- sei es nun zum Guten oder zum Bsen.

Hab' ich erst festen Boden unter den Fen, so knnten sie mich nur als
Leiche wieder zurckschaffen, murmelte Ren mit dsterem Blick und
fester Entschlossenheit zwischen den zusammengebissenen Zhnen durch.

Das wre Thorheit, sagte aber sein lterer Freund, ein Landsmann von
ihm und jetzt dritter Harpunier auf dem Delaware, der mit Ren schon in
Algier gefochten und in Canada gejagt, und damals Alles versucht hatte
ihm einen so tollen Entschlu, wenn auch vergebens, auszureden, als
gemeiner Matrose das Leben eines Wallfischfngers zu versuchen. Du
bist noch jung Ren und das Leben steht Dir weit und freudig offen --
hier nun einmal in die Klemme gerathen, bring Dich deshalb nicht gleich
um Alles, blos weil es Dir in den Sinn kommt die Suppe, die Du Dir
selber eingebrockt, nicht ausessen zu wollen. Ein, hchstens zwei Jahr,
und Du bist wieder frei wie der Vogel in der Luft, und selbst diese Zeit
wird Dir dann, so schmerzvoll und entsetzlich sie Dir jetzt auch
scheint, eine freudige, vielleicht liebere Erinnerung sein, als manche
froh und glcklich verlebte Stunde.

Ich halt' es nicht aus, Adolph, ich halt' es bei Gott nicht aus sagte
Ren kopfschttelnd -- hier unter dem rohen Volk noch Jahrelang bleiben
und an Geist und Krper zu Grunde gehen -- ich vermag es nicht. Du weit
dabei, wie nahe ich zweimal schon daran war mit dem Capitain selber, der
fast schlimmer ist als der Schlimmste seiner Leute, zusammenzugerathen,
und wer schtzt mich dann vielleicht sogar vor seinen rohen
_Mihandlungen_? Das Resultat bliebe dasselbe, auch das ertrge ich
nicht, und lieber will ich mein Leben hier wagen, wo mir noch die
Mglichkeit eines Entkommens bleibt, als zuletzt gezwungen werden dem
Capitain vielleicht ein Messer in den Leib zu rennen und ber Bord zu
springen. Nein, Adolph, ich bin fest entschlossen setzte er leise aber
mit ruhiger und berzeugter Stimme hinzu -- die erste Gelegenheit, die
sich mir bietet an Land zu kommen, und sollt' ich es schwimmend zu
suchen haben, benutz ich, und die Folgen mgen dann sein wie sie wollen
-- ich wei und fhle, da mir nichts Schlimmeres begegnen kann, als was
ich jetzt in Seelenqual und innerer Unruhe zu leiden habe.

Hol's der Henker, sagte Adolph nach kurzem Sinnen -- wer wei ob ichs
nicht an Deiner Stelle, und mit Deinem jungen Blut in den Adern am Ende
auch thte. Aber wie willst Du an Land kommen? es ist noch ganz ungewi
ob der alte Teufel ein Boot abschickt Erfrischungen einzunehmen oder
nicht, -- er traut uns allen mit einander nicht.

Doch entgegnete ihm Ren -- ich habe vorher zufllig gehrt, da
unser Boot mit dem ersten Harpunier morgen mit Tagesanbruch hinber
soll, etwas Brodfrucht und Cocosnsse abzuholen. Die Gelegenheit will
ich jedenfalls benutzen, noch dazu da es uns einen Vorwand giebt,
reichliche Kleider mit zu nehmen. -- Die Leute haben ja sonst nichts,
sich Kleinigkeiten von den Eingebornen einzutauschen.

Und sowie Du im Wald drin bist sagte Adolph immer noch kopfschttelnd,
hetzt der alte Seehund von Harpunier Dir die ganze Einwohnerschaar
hinterher -- wie willst Du ihnen entgehen? -- Ren, Ren es ist wahr,
das Land liegt wohl verlockend genug vor uns da, und selbst mir zuckt's
in den Knochen, einmal frei darauf herumzuspatzieren und von diesem --
verdammten Marterkasten loszukommen, aber -- ich wei doch nicht -- hast
du einmal das Schiff verlaufen und wirst wieder eingefangen, so kommst
Du nachher erst in eine Hlle, wenn Du vorher in keiner gewesen bist,
und wenn ich ganz aufrichtig sein soll, so glaub' ich nicht da Du zwei
Tage von uns bleibst, ehe sie Dich wieder haben -- und die zwei Tage
ber bist Du dann mehr wie ein gehetzter Wolf als wie ein Mensch.

Und es hilft doch Alles Nichts lchelte Ren trb; ich hab's mir nun
einmal in den Kopf gesetzt, und ich fhr es auch aus, mag daraus
entstehen was da will; schlimmer kann's nicht werden als es schon ist.

Doch, doch sagte Adolph es kann noch viel viel schlimmer werden, Du
hast es noch nicht gesehen, wenn es an Bord eines Schiffes einmal
_recht_ schlimm ist, setzte er schaudernd hinzu -- und ich verlang' es
ebenfalls nie, nie wieder zu erleben. Auerdem bist Du der Sprache gar
nicht mchtig -- wie willst Du Dich den Leuten verstndlich machen?
Ren, es geht in der Welt alles nach Eigennutz -- bist Du erst einmal
lter, wirst Du das auch selber erfahren -- und die Eingeborenen hier
wissen recht gut, da sie von einem entlaufenen Matrosen nicht viel
Gutes und gar keinen Nutzen zu gewrtigen haben, whrend ihnen der
Capitain eine Masse Sachen geben kann, die fr sie und ihr einfaches
Leben frmliche Schtze sind.

Ich habe Geld bei mir sagte Ren rasch -- ~Peste~, ich brauche des
alten Schuftes Blutgeld nicht, mir meine Bahn auch im schlimmsten Fall
zu _erkaufen_, wenn es denn nicht anders sein kann.

Das ist schon ein sehr sehr groer Vortheil lchelte Adolph, und es
werden wenig Matrosen von Wallfischfngern weglaufen, die wirklich einen
Franc in der Tasche haben, aber der Capitain bleibt immer im Vortheil.
-- Aexte, Beile, Kattune und Schmuck und besonders Spirituosen sind
ihnen weit lieber als Geld, und ber derlei Sachen hast Du immer nicht
zu verfgen.

Vernnftiger Weise magst Du Recht haben, Adolph, lchelte aber der
junge Mann, auf alle diese Argumente -- und ich glaube selbst da es
eine Art verzweifelter Schritte ist, auf einer so kleinen Insel, wie
diese zu sein scheint, zu entlaufen -- die Mglichkeit ist immer eher
da, da man eingefangen wird. --

Sag' lieber die Wahrscheinlichkeit unterbrach ihn Adolph.

Und meinethalben auch die Wahrscheinlichkeit murmelte Ren zwischen
den zusammengebissenen Zhnen durch, ich habe mir aber noch nie etwas
so fest vorgenommen gehabt, ohne es durchzufhren, und den Versuch will
ich machen, oder darber zu Grunde gehen!

~Eh bien~ lachte Adolph, sobald Du einmal so weit gekommen, ist es
nicht nthig mehr darber zu sprechen. Meine Wnsche fr Dein Wohl hast
Du brigens, und ich wollte nur, da ich Dir in irgend etwas dabei
ntzlich sein knnte; ich sehe nur noch nicht wie.

Wer wei wie sich das noch Alles machen kann sagte Ren -- aber auf
dem Quarterdeck werfen sie schon wieder die Falle los -- in der
Mitternachtswache mcht' ich Dir noch etwas sagen.

~Ship about~ unterbrach ihn hier der eintnige Ruf; die Leute traten
smmtlich an ihre Posten und das Schiff wurde ber den anderen Bug
gelegt, jetzt wieder vom Lande abhaltend.

Mit der nchsten Morgendmmerung hatten sie die Kste, und zwar eine
kleine Art Bai, die von zwei auslaufenden Corallenriffen gebildet wurde,
gerade vor sich, und der Ruf des ersten Harpuniers sammelte die Leute in
sein Boot; mehre dort schon aufgeschichtete Sachen, Handels- und
Tauschartikel fr die Eingebornen, wurden hineingelegt -- das Boot
schwang frei und auf das Wasser nieder, und die Mannschaft legte sich in
die Ruder.

Was sind das fr Pakete da vorn? sagte der Harpunier, als sie eben von
Bord abgestoen waren, wer hat die eingeworfen?

Ein paar Hemden und andere Kleinigkeiten, Mr. Rowsy erwiederte Einer
der Leute -- wir wollten uns auch was von Frchten eintauschen!

Und das andere daneben?

Dasselbe erwiederte Ren, den die Frage anging. Der Harpunier sagte
nichts weiter und Ren warf noch einen verstohlenen Blick nach Bord
zurck, wo Adolph stand und ihm zunickte. Er war ihm behlflich gewesen
die Sachen rasch, und ohne da sie an Bord selber etwas davon zu sehen
bekamen, in's Boot zu schaffen, der Capitain htte es sonst unter keiner
Bedingung zugelassen, obgleich dies etwas ziemlich gewhnliches an Bord
von Wallfischfngern ist.

In Canoes kamen brigens keine Indianer ab und ihnen entgegen, obgleich
sie mehrere Canoes in der Bai liegen sahen, und nur erst als sie die
Corallen-Bank berhrten, erschienen oben zwischen den Bschen eine
Anzahl Mnner und Frauen mit Krben aus Cocosblttern geflochten, in
denen sie Frchte und Muscheln trugen, und erst ein Zeichen der Fremden
abzuwarten schienen, ehe sie sich ihnen nherten.

Der Harpunier, der sich seit seiner Jugend fast in diesen Meeren
herumgetrieben, sprach ihre Sprache ziemlich gelufig, und ein paar
freundliche Worte in dieser hatten fast eine zauberhafte Wirkung auf die
Schaar. Die, die im Anfang die furchtsamsten gewesen waren, riefen sich
erstaunt unter einander zu da die Fremden Freunde seien, und dieselbe
Sprache mit ihnen htten, und aus allen Bschen und Dickichten brachen
sie jetzt heraus, und mischten sich so sorglos und vertrauend wie Kinder
zwischen die Leute, befhlten das Zeug ihrer Kleider, lachten ber ihre
Brte und Schuhe, und sprangen und sangen, als ob sie schon Jahre lang
mit ihnen bekannt gewesen wren.

Der Tauschhandel ging indessen rstig vor sich; gegen Messer und Tabak,
Kattune und Glasperlen brachten sie Massen der herrlichsten Frchte,
besonders vortreffliche Orangen und Brodfrucht und whrend der Harpunier
unter einem stattlichen Pandanus sa, die ihm gebrachten Waaren
musterte, und bestimmte was er dafr geben wolle, mischten sich die
Leute, nur Einen derselben bei dem Boot lassend, ebenfalls unter die
Eingebornen, die wenigen Kleinigkeiten die sie mitgebracht, gegen
Frchte und Muscheln, hauptschlich aber die ersten, zu vertauschen.

Diesen Zeitpunkt benutzte Ren, schnallte sein kleines Bndel, da er im
Anfang vor den Eingeborenen ausgebreitet gehabt, wieder zusammen, und
verlor sich damit, ohne da irgend Jemand auf ihn acht hatte, im
Dickicht. Von den Eingeborenen sahen ihn vielleicht Einige, achteten
aber nicht auf ihn, und die Leute vom Schiff waren viel zu sehr mit sich
selber und ihrer Umgebung beschftigt, sich nur im mindesten darum zu
bekmmern, was Einer der ihrigen that.

Zwei Stunden spter etwa, als der Harpunier Alles weggegeben was er
mitgebracht, und sein Boot fast gefllt war mit all den Massen von
Sachen die er dafr eingetauscht, rief sein Befehl die Leute wieder
zusammen, und er stieg selber ins Boot, an Bord zurckzukehren.

Wo ist Ren! frug er, als er einen Blick ber die Mannschaft geworfen.

Ren! tnte der Ruf der Matrosen -- ~oh Ren~!

Kein Ren lie sich blicken und Niemand wute was aus ihm geworden, ja
ein paar bezweifelten, da er berhaupt mit an Bord gekommen sei, so
wenig hatten sie sich, mit dem Land vor sich, um einander bekmmert.
Jedenfalls fehlte aber _ein_ Mann, und der Offizier wute auch, da er
bei der Herberfahrt seine volle gewhnliche Besatzung gehabt.

~Damn it~ rief der Harpunier endlich im Boot, in dem er seinen Sitz
schon wieder eingenommen, in die Hhe springend -- ~he has bolted~,[A]
die Pest ber den Hallunken; aber den wollen wir bald wieder haben. --
Bleibt Ihr hier im Boot bis ich zurckkomme! rief er dann seinen Leuten
zu, und ber die Sitze wegspringend, eilte er wieder an Land und wandte
sich dort an einen der Eingebornen, der eine Art Oberherrschaft ber die
Andern auszuben schien.

Hallo Freund! redete er ihn an, Einer von meinen Leuten ist mir
weggelaufen, knnt Ihr ihn wieder fangen, und was wollt Ihr dafr
haben?

Hat er Gewehr mit? frug der Alte ziemlich vorsichtig, denn er schien
danach den Preis des Einfangens bestimmen zu wollen.

Nein, kein Schiegewehr, vielleicht nicht einmal ein Messer lautete
die ermuthigende Antwort.

Die Eingebornen fingen jetzt eifrig an unter einander zu verhandeln, und
zwar in so rascher und oft eigentmlicher Sprache, da der Amerikaner
selber nicht verstehen konnte was sie mitsammen hatten. Aus ihren
Bewegungen wurde es ihm jedoch bald deutlich, denn zwei davon gingen
nach einem besondern Theil im Busch und untersuchten hier die Fhrten
und ihren Gesticulationen nach schien es, als ob der Flchtige sich dort
hinein gewandt habe. Der alte Indianer zeigte sich auch bald erbtig ihm
den Mann wieder zu verschaffen; seine Forderung dafr war aber ziemlich
bedeutend; er wollte Kattun und Messer, etwas Tabak und in der That ein
wenig von Allem haben, und als Jener endlich einwilligte ihm das Alles
zu geben, hatte er noch ein Beil und ein Hemd und mehrere andere
Kleinigkeiten vergessen.

Der Harpunier wute brigens da sich der Capitain nicht lange hier
aufhalten wollte, und wthend sein wrde ber die Flucht des Mannes; er
sagte also dem Alten seine smmtlichen Forderungen zu, vorausgesetzt da
sie mit dem Gefangenen am Ufer wren, sobald sie mit dem Boot und den
verlangten Sachen wieder vom Schiff zurck sein knnten.

Dies abgemacht, stie das Boot augenblicklich vom Lande, die
eingetauschten Frchte mit der fatalen Nachricht an Bord zu bringen und
den Fanglohn fr den Entflohenen herber zu holen, whrend die
Eingebornen indessen wie Sprhunde den einmal angenommenen Fhrten des
Flchtigen nachliefen.


Funoten:

[A] Er ist ausgerissen.




Capitel 2.

#Die Flucht, und welchen Dollmetscher Ren fand.#


Ren war, als er sich nur einmal auer dem Bereich seiner Kameraden sah,
so rasch er konnte gerade einem der nchsten Hgel zugeeilt, und das
selbst schien mit der Last die er trug gerade kein kleines Unternehmen.
Fr ein Hemd hatte er sich nmlich vorher ein paar grne Cocosnsse und
einige Bananen eingetauscht, damit er nicht genthigt wre, gleich in
den ersten vierundzwanzig Stunden wegen Nahrungsmitteln einen irgendwo
gefundenen Versteck zu verlassen, und diese, neben seinen Bndel
Kleidern tragend, mute er sich durch das, manchmal entsetzlich dicke
Gebsch, fortwhrend mit dem fatalen Gefhl verfolgt zu werden, Bahn
brechen. Er wute aber was ihm bevorstand, wurde er von den Leuten des
Delaware wieder eingefangen, und wollte wenigstens Nichts was in seinen
eigenen Krften stand unversucht lassen, sich so weit als mglich jeder
solchen Gefahr zu entziehen. In dieser Absicht arbeitete er sich auch
dem hheren Theil der Insel zu, weil er dort erstens den Lagunen aus dem
Weg ging, die hier seinen Pfad zu beengen drohten, und dann auch
wahrscheinlich in dichtes Buschwerk hineinkam, was von den Eingebornen
selber selten betreten wurde.

Als er nur erst einmal hgeligen Boden erreichte, wurde seine Flucht
dadurch sehr erleichtert, da er cultivirtes und eingefenztes, wenn auch
durch Unkraut ziemlich arg berwachsenes Land traf. Dort hatte er sich
wenigstens durch keine verwachsenen Bsche mehr Bahn zu brechen und
konnte sein Terrain ein wenig freier bersehen. Blieb er da in der Nhe,
so wuchs auch Frucht genug, ihn ein Jahr im Proviant zu halten; berdies
war der ganze Wald voll Frchte, denn die Guiaven standen mit Aepfeln,
wenn auch noch nicht vollkommen gereift, frmlich bedeckt. Nur die
Cocospalmen reichten nicht so weit hinauf, doch sah er hier in den
Feldern eine Masse Wassermelonen, die ihn reichlich dafr entschdigen
konnten. Weiter durfte er sich fr jetzt aber nicht beladen, denn er
trug schon, was er berhaupt tragen konnte, und die Hitze war gro. Die
ungewohnte Anstrengung und Aufregung thaten natrlich auch das ihrige
dabei.

Durch die Felder ging das auch ganz gut, berhalb diesen wurde das
Dickicht aber wieder so schlimm wie es je gewesen, und die Guiavenbsche
schienen hier eine frmliche undurchdringliche Hecke zu bilden, durch
die er sich nur gebckt, und sein Gepck oft nachschleppend,
hindurchdrngen konnte. Nur erst, wo diese endlich aufhrten, und mit
ihnen jede Art von Frucht, begannen hohe dunkle Casuarinen, die einen
weit bessern Durchgang gewhrt haben wrden, wren nicht so viele
trockene und drre Aeste von ihnen heruntergefallen gewesen, die sich
ihm oftmals wie frmliche Pallisaden entgegenstellten.

Aber er _mute_ hindurch, und das war ein tchtiges Wort, ihn alle
Schwierigkeiten mit leichtem Muth berwinden zu lassen. Hier wurde der
Grund auch steinig, und er fand, als er den hchsten Punkt endlich
erreichte, zu seiner Freude einen kleinen felsigen Platz, den er sich
selber htte nicht schner und passender zu einem Castell ausbauen
knnen, als es hier die Natur fr ihn gethan. Zehn Fu war er dort oben
von allen Seiten frei, und das brcklige Gestein, was den steil
auflaufenden Gipfel bildete, konnte ihm im Anfang eben so wohl zum
Verbergen, als spter, sollte er gefunden werden, als Waffe dienen, auf
irgend einen andringenden Feind niederzurollen.

Mit einem frmlichen Triumphruf nahm er von dieser kleinen Festung
Besitz, und als er oben seine Last abgeworfen, und sich die nassen Haare
aus der Stirn gestrichen hatte, sagte er lchelnd:

Beim Himmel, mit Adolph hier und zwei guten Gewehren, wollt' ich mir
die ganze Besatzung des Delaware vom Leibe und einem frmlichen Sturm
abhalten -- ~ha -- le Delaware~! unterbrach er sich pltzlich selber
berrascht, und fast unwillkrlich trat er hinter einen der Felsstcke,
denn als er den ersten Blick nach auen warf sah er, da er frei ber
das Meer schauen konnte, und dort lag auch sein altes Schiff so klar und
nah vor ihm, da er die einzelnen Leute an dessen Bord konnte auf- und
abgehen sehen. Mit dem Glas muten sie im Stande sein ihn, sobald er
sich nur frei zeigte, vollkommen gut zu unterscheiden. Er berlegte sich
jedoch bald, da sie bis jetzt an Bord noch keine Ahnung von seiner
Flucht haben konnten, denn eben kam erst das Boot, dem er entflohen,
dorthin zurck, und er konnte selbst erkennen wie die Leute von unten
hinauf an Bord kletterten.

Jedenfalls war er also schon vermit und er mute darauf gefat sein da
ihn die Eingeborenen aufspren wrden, denn mit seiner Ladung hatte er
an vielen Stellen eine ziemlich breite und tiefe Fhrte zurckgelassen.
Die kurze Zeit also die ihm bis dahin blieb, wollte er benutzen sich
noch so gut als es eben anging zu befestigen, nachher dem Schicksal und
seinem guten Glck das Uebrige zu berlassen. Er war jung und ein
Franzose -- also weit davon entfernt sich Sorgen vor der Zeit zu machen,
berdies hatte er Alles was ihm jetzt bevorstand voraus gewut und es
kam ihm Nichts unerwartet.

Schiewaffen hatte er, zwei kleine Terzerole ausgenommen, keine; auer
diesen aber ein langes zweischneidiges schweres Messer in lederner
Scheide, wovon er sich die meiste Hlfe versprach, und ein leichtes
trotziges fast muthwilliges Lcheln berflog seine schnen Zge, als er
die beiden kleinen Pistolen aus der Tasche nahm, und vor sich auf die
Steine legte.

Es sind zwar keine Zweiunddreiigpfnder sagte er dabei lachend vor
sich hin, und ich wei in der That nicht einmal ob sie berhaupt
losgehen werden, aber sie haben doch Mndungen, und ist den Eingebornen
hier schon berhaupt jemals ein solches Instrument wie eine Pistole zu
Gesicht gekommen, so mte ich mich sehr irren, wenn ich nicht glauben
sollte die ganze Insel damit von mir abhalten zu knnen. Kurze Frist
werden sie mir aber doch wohl Ruhe lassen, und die will ich denn
wenigstens benutzen meinen Krper ein wenig zu restauriren und mit
Speise und Trank zu erquicken.

Und damit schnrte er wohlgemuth seinen Bndel wieder auf, in dem er
auch ein kleines Packet mit einem paar Schiffszwiebacken und einem Stck
Salzfleisch verborgen hatte, und mit einem Theil von diesem und einigen
Bananen, wozu er eine der Cocosnsse anzapfte und etwas davon trank,
seinen allerdings brennenden Durst zu lschen, hielt er eine so
vortreffliche und ruhige Mahlzeit, als ob er sich in voller Sicherheit
in irgend einem guten Gasthaus befnde, und nicht jeden Augenblick
frchten mute, umstellt und gefangen zu werden.

Die Feinde waren ihm brigens weit nher als er je vermuthet, denn kaum
hatte er sein Mahl beendet, und eben wieder die Cocosnu an die Lippen
gehoben, noch einen letzten Schluck zu thun, als er gar nicht weit von
sich entfernt ein Gerusch zu hren glaubte. Er hielt horchend ein -- da
krachten wahrhaftig wieder die Bsche. Nichtsdestoweniger trank er erst
in aller Ruhe, denn er wute recht gut da er hier oben in seiner festen
Stellung nicht so pltzlich berrascht werden konnte, stellte dann die
Nu vorsichtig und ein paar Steine darum legend, bei Seite, da sie
nicht umfiel und seinen Wasservorrath gleich um die Hlfte verringerte,
griff seine beiden Terzerole auf, und schaute dann, hinter irgend einen
der grten Steine gedrckt, aufmerksam nach dorthin von woher sich
jetzt vorsichtig irgend Jemand zu nhern schien. Es dauerte auch nicht
lange, so konnte er schon die bunten Kattunberwrfe mehrerer
Eingeborener erkennen, die langsam und aufmerksam den Boden betrachtend,
seinen hinterlassenen Spuren folgten.

Wie viele es waren lie sich noch nicht erkennen, das blieb sich aber
auch gleich; war er erst einmal aufgefunden, so konnten sie, so sie
berhaupt feindliche Absichten hatten, leicht Verstrkung holen, und er
mute vor allen Dingen sehen sich auf eine friedliche Art mit ihnen zu
verstndigen. Die Terzerole konnten ihm aber dabei nur mehr Schaden als
Nutzen bringen, und er steckte sie deshalb vorlufig wieder in die
Tasche, die Ankunft der Indianer jetzt auf das ruhigste und
kaltbltigste erwartend.

Diese lieen ihn auch nicht lange mehr ber ihre Absicht im Zweifel. Der
Erste der voranging mochte eine gewisse Obergewalt ber die Andern
haben, denn dicht unter den Steinen, auf denen sie den Flchtling gar
nicht zu vermuthen schienen, sandte er zwei rechts und zwei links ab, zu
sehen wohin sich die Spuren etwa den Berg wieder hinunter zgen,
whrend er selber gerade auf den Felsen zukam. Ren wute recht gut da
er von diesen fnf Leuten noch weiter keine Gefahr zu frchten hatte,
und doch jedenfalls aufgefunden werden mute, sich also deshalb
aufrichtend, und mit beiden Ellbogen auf einem der vor ihm liegenden
Blcke sttzend, sah er erst eine kurze Weile den Mann unten, der auf
dem hier steinigen Boden nicht recht mit der Spur einig zu sein schien,
lchelnd zu, und sagte dann pltzlich mit lauter Stimme den schon
mehrfach gehrten und behaltenen Gru:

~Joranna-boy~!

Wre dem Eingebornen, der gebckt und die Augen fest auf den Boden
geheftet, fast gerade unter ihm stand, ein grimmer Tausendfu ber den
Nacken gelaufen, er htte nicht rascher und mehr erschreckt in die Hhe
und zur Seite springen knnen, und erst das laute Lachen Ren's, der auf
ihn herunterschaute, als ob Jemand aus dem Fenster einer hheren Etage
sieht, brachte ihn wieder ein wenig zu sich. Der erste Schrei, den er
aber in voller Ueberraschung ausgestoen war hinreichend gewesen, seine
Gefhrten um ihn zu sammeln, und die fnf rothen Burschen, die hier mit
so feindseligen Absichten heraufgekommen waren, wuten eigentlich nicht
recht wie ihnen geschah, als sie den gerade, von dem sie die grimmigste
Gegenwehr erwartet, in der grten Gemtlichkeit vor sich und so
friedlich gesinnt fanden, wie sie es nimmer htten erwarten drfen.

Erst sahen sie eine ganze Zeitlang schweigend zu ihm empor -- es war
augenscheinlich, sie mitrauten noch dem ueren Ansehn der Dinge --
diese Freundlichkeit konnte Maske sein sie pltzlich zu berrumpeln, und
obgleich sie bewaffnet waren, d. h. zwei fhrten Tapa-Hlzer und die
andern drei Einer ein Beil und Zweie Messer -- und der Weie unten ihnen
die Versicherung gegeben hatte da der Flchtling nichts derartiges
mitgenommen habe, wuten sie doch nicht welche auerordentlichen Mittel
ihm sonst vielleicht zu Gebote stehen mchten ihnen zu schaden. Sie
waren allerdings willens die ausgesetzte Belohnung zu verdienen, dachten
aber dabei gar nicht daran ihren Leib oder gar ihr Leben irgend einer
unnthigen und zu vermeidenden Gefahr auszusetzen.

Ren blieb brigens in seiner nichts weniger als feindlichen Stellung,
wobei er sich jedoch wohl gehtet hatte seine Gestalt den Fernrhren des
Schiffes preis zu geben, und da die so erstaunten und verdutzten
Gestalten der Indianer allerdings komisch genug aussehen muten, und er
sich gar keine Mhe gab sein Lachen zu verbergen, so verlor sich diese
Furcht denn auch endlich.

Der Fhrer sah seine Begleiter erst ganz ernsthaft an, und dann verzog
ein breites Grinsen oder Feixen seine sonst gutmthigen Zge, whrend
sich diese noch eine kleine Weile zu geniren schienen, -- endlich mochte
ihnen das Komische ihrer Lage aber auch wohl einleuchtend werden. Der
Eine schnitt auf einmal ein ganz freundliches Gesicht, und war dann
urpltzlich wieder so ernst und finster als vorher, als er aber den
Huptling ansah und dessen ausbrechende Frhlichkeit bemerkte, glaubte
er auch wahrscheinlich dem Anstand volle Genge geleistet zu haben, und
platzte nun auf einmal so rasch und laut heraus, da sich die Andern
ordentlich erschreckt nach ihm umsahen.

~Joranna, Joranna~! rief jetzt der Erste hinauf, dem augenscheinlich
ein Stein vom Herzen gefallen schien, da er die Sache sich so friedlich
lsen sah -- und es zeigte sich jetzt da er auch etwas gebrochen
englisch sprach, wie man fast auf allen diesen Inseln Einzelne findet,
die Worte und Redensarten, im Verkehr mit den Fremden, aufgefangen und
behalten haben. ~Joranna boy~! -- wie geht's -- wie geht's Freund --
komm herunter, komm herunter -- weier Mann, Capitain sagt, soll
herunterkommen.

So? lachte Ren in derselben Sprache, -- weier Mann Capitain sagt
also ich soll herunter kommen?

Der Indianer nickte auf das freundlichste, da er ihn so gut verstanden
hatte, und versicherte, sich zu seinen Begleitern wendend, diesen, da
er die Sache jetzt augenblicklich in Ordnung bringen wrde.

Ja, komm herunter, komm herunter -- weier Mann Capitain sagt
wiederholte er noch einmal, dieses Factum vor allen Dingen auer jeden
Zweifel zu stellen.

Und wenn ich, weier Mann _kein_ Capitain nun nicht will? lachte Ren.

Nicht will? rief der Fhrer der Eingebornen erstaunt aus, und sah den
Fremden an; dann aber, denn er konnte in dessen Gesicht immer noch
keinen Ernst entdecken, dies ebenfalls fr einen guten Spa desselben
haltend, den er zu ihrem eigenen Vergngen gemacht habe, schaute er sich
nach den Andern um, lachte laut auf, und erzhlte ihnen mit der grten
Freundlichkeit was der Weie da oben eben so Lustiges gesagt habe.

Die brigen Eingebornen, die gleich von allem Anfang gar nichts Anderes
erwartet hatten, konnten darin aber nicht den mindesten Spa entdecken,
und ein paar, zu diesem Zwecke an den Alten gerichtete Worte machten
diesen ebenfalls wieder ernsthaft und lieen ihn doch an die Mglichkeit
glauben da der Fremde am Ende _wirklich_ nicht selber herunterkommen
wollte, und ihn da herunter zu _holen_, war jedenfalls eine miliche
Sache.

Bah, bah sagte der Alte jetzt kopfschttelnd und mit einem Gesicht als
ob man einem unartigen Kinde irgend eine Thorheit verweisen wolle --
nrrisch Ding, nrrisch Ding -- weier Mann Capitain guter Mann,
verlangen weiter Nichts wie herunterkommen.

Was bekommt Ihr dafr mich zu holen? frug ihn aber Ren so gerade
mitten in alle seine Berechnungen hinein, da er ihn ganz wieder auer
Fassung brachte, und er erst den Weien, und dann seine Begleiter
erstaunt ansah, augenscheinlich unschlssig ob er diese, etwas
indiscrete Frage so geradezu und der Wahrheit gem beantworten solle.
Er hielt es am Ende fr besser es erst mit den Seinen zu berathen; da
diese aber nicht das mindeste Bedenken darin fanden seinem Wunsche zu
willfahren, wandte er sich wieder zu dem jungen Franzosen und zhlte ihm
jetzt mit der grten Ernsthaftigkeit alle die Artikel auf die sie
bekommen wrden, und zwar mit einem Eifer und einer Genauigkeit, als ob
das noch ein besonderer Beweggrund fr ihn selber sein msse, jetzt
augenblicklich niederzusteigen und ihnen den Besitz aller dieser
Herrlichkeiten nicht lnger, widerrechtlicher Weise, vorzuenthalten.

Zu ihrem Erstaunen lie sich aber der Fremde selbst nicht durch die
Erwhnung des Handbeils und die fnf Yards rothen Kattun bestechen,
sondern blieb nur ruhig und unbeweglich in seiner Stellung. Angenehm war
es ihm aber nicht, diese Masse verschiedenartiger Gegenstnde aufzhlen
zu hren, und er konnte daraus nicht allein sehen wie viel dem Harpunier
daran gelegen gewesen war ihn wieder zu bekommen, als auch wie sehr
schon die Habgier dieser sonst einfachen und gutmthigen Leute erregt
worden, den ausgesetzten Lohn so rasch als mglich zu verdienen.
Ueberredung half hier Nichts, so viel sah er recht gut ein, wre er
selbst ihrer Sprache vollkommen mchtig gewesen, und das einzige was
sich noch mit ihnen im Guten anfangen lie, war ihnen an Geld und
vielleicht Kleidern gleichen Nutzen zu bieten, wo er dann wieder das zu
seinen Gunsten hatte, da sie bei dessen Annahme ihre Gliedmaen in
keine Gefahr brachten.

So? sagte er also, da sie geendet hatten und nun nichts anderes zu
erwarten schienen als da er nach _solchen_ dargelegten Grnden, ihren
Beweisen nicht lnger werden widerstehen knnen -- so? -- das also hat
Euch weier Mann Capitain Alles geboten, mich einzig und allein wieder
unten abzuliefern?

Ja Freund -- blos unten abzuliefern lautete die Antwort.

Todt oder lebendig? frug aber der junge Mann mit grter
Kaltbltigkeit zurck, und erschreckte dadurch den Alten nicht wenig,
der jetzt zum ersten Mal an zu begreifen fing, da der Fremde doch am
Ende nicht so ganz gutwillig mit ihnen gehen werde.

Todt oder lebendig? wiederholte er erstaunt und versuchte zu lachen,
was ihm aber miglckte -- todt? wir sollen doch weien Mann nicht
_todt_ abliefern -- lebendig versteht sich.

Und wenn sich nun weier Mann zur Wehr setzt? sagte Ren.

Zur Wehr setzen? frug der Alte, der das Wort nicht so recht zu
verstehen schien -- zur Wehr setzen?

Nun ich meine, wenn weier Mann unter keiner Bedingung gutwillig
mitgehen will und sich vertheidigt erklrte es ihm der Fremde deutlich
genug.

Aber fnf Yards rothen Kattun -- ein Handbeil -- zwei Messer begann
der erstaunte Eingeborne alle die Herrlichkeiten wieder aufzuzhlen;
Ren aber, dem Nichts daran lag sie nur hinzuhalten, was er mit
Leichtigkeit fr den ganzen Tag htte thun knnen da viele dieser Leute
fast gar keinen Begriff von Zeit oder dem Werth derselben haben,
unterbrach ihn mitten in der schon gehrten Liste und sagte freundlich,
whrend er eine ganze handvoll Silbergeld aus seiner Tasche nahm und
ihnen vorzeigte:

Was wollt Ihr denn thun, wenn ich Euch nun ebensoviel an baarem Gelde
gebe, als Euch weier Mann Capitain fr mich versprochen hat, heh und
dann bei Euch bleibe und mit Euch lebe und wohne? --

Das war jedenfalls ein Vorschlag zur Gte, und die Eingeborenen
beriethen lange unter sich was sie damit thun sollten; endlich
erkundigte sich der Alte nher danach wie viel Geld das eigentlich sei,
was er da in der Hand halte. Ren zhlte es ber -- es waren sechs
Fnf-Frankenthaler und vielleicht zehn Franken an kleiner Mnze Geld,
was sie hier, in ihrem Verkehr mit Tahiti, recht gut kannten.

Fr eine solche Summe wuten sie auch gut genug, da sie selbst in
Papetee ebensoviel an Waaren bekommen knnten als ihnen geboten worden;
erstlich aber war der Verkehr mit jenem Platz nicht sehr bedeutend, und
dann hatten sie ja auch die Sachen noch nicht hier, whrend sie
dieselben von Bord des Wallfischfngers gleich richtig und ohne weitere
Mhe berliefert bekamen.

Die Unterhandlung fiel fr den Matrosen ungnstig aus, und der Alte
suchte ihn nun, gewissermaen als Entschuldigung seiner abschlgigen
Antwort, und als einziges Motiv ihrer Weigerung, auseinanderzusetzen,
wie sich auf dieser Insel Niemand ohne Beistimmung ihres ~Fua~ oder
Knigs von fremden Vlkern aufhalten drfe und da sie also, wenn _sie_
auch selber wnschten ihn bei sich zu behalten, ihn darin doch nicht
untersttzen drften. Ja, setzte dann der Alte mit vieler
Aufrichtigkeit und auch gewi Wahrheit hinzu -- wollten wir jetzt
selbst Dein Geld nehmen, und Dich zufrieden lassen, wir knnten Dich
doch nicht schtzen, und der Knig wrde bald Andere schicken, die Dich
trotzdem abholten.

Ren sah dies recht gut ein, und beschlo also deshalb mit Sr. Majestt
selber zu unterhandeln -- wie aber das mglich zu machen? stieg er
hinunter, so gab er sich vollkommen in die Gewalt seiner Feinde, und
berfielen und banden ihn diese nachher, so konnten sie ihm mit leichter
Mhe abnehmen was er bei sich hatte, ohne da er je im Stande gewesen
wre auch nur eine Centime seines Geldes wieder zu bekommen -- und Sr.
Majestt zuzumuthen hier oben heraufzuklettern, mit einem entlaufenen
Matrosen wegen einiger Thaler zu unterhandeln war doch auch ein wenig
viel verlangt. Nichtsdestoweniger beschlo er den Versuch zu machen,
denn hinunter wollte er auf keinen Fall eher steigen, bis nicht der
Delaware die Insel verlassen htte. Er bat also den Alten, der
berhaupt der Leiter der Schaar zu sein schien, ihn erst noch einmal
kurze Zeit hier oben zu lassen, und indessen selber hinunter zu Sr.
Majestt zu gehen, oder wenigstens einen von seinen Leuten hinunter zu
schicken, der dem Knig Kunde von seinem Vorschlag brchte, ihn um die
Erlaubni lngeren Aufenthaltes auf dieser Insel und Schutz zu bitten,
bis sich das fremde Schiff entfernt htte, wofr er denn seinerseits
Willens sei, Sr. Majestt, falls diese ihm seine Sicherheit garantire,
zwanzig Fnf-Frankenthaler -- ein Capital fr diese Menschen --
auszuzahlen.

Ja -- sehr gut das, sagte der Alte nach einer kurzen Pause ernster
Ueberlegung -- sehr gut das, weier Mann nicht Capitain kann mit ~fu-a~
sprechen, aber mu hinunter gehn -- Knig nicht heraufkommen hier oben
auf Berg -- Knig sehr faul, nicht viel Berge steigen.

Ja, ich kann ihm da aber doch nicht helfen, lachte Ren -- wenn er
die zwanzig groen Stcke Silber verdienen will, mu er auch etwas mehr
dafr thun, als blos mit dem Scepter winken. Also marsch Ihr guten
Freunde, bringt Sr. Majestt meinen freundlichen Gru und Handschlag,
und meldet ihm, was ich ihm hiemit entbieten lasse. Er soll einen
vortrefflichen Vasallen an mir haben, und kann auch, wenn er es nur
irgend anzustellen wei, noch weit mehr Nutzen aus mir ziehen; ich bin
gelehrig, und wer wei ob ich mich nicht selbst ganz vortrefflich zu
Schwiegersohn und Nachfolger eignen wrde.

Der Alte verstand sicher nicht die Hlfte von alle dem, was ihm der
Fremde da in seinem leichten frhlichen Muth vorplauderte, soviel aber
begriff er, da er dem Knig eine gewisse Summe, und zwar eine ziemlich
bedeutende bot, ihn frei zu lassen und nicht die mindeste Absicht habe
vorher herunter zu kommen. Ging nun der Knig diese Bedingung ein, so
verlor er selber jedenfalls seinen Antheil an dem ausgesetzten Lohne,
ging er sie aber _nicht_ ein, so war der ganze Weg doch umsonst gewesen,
und es erschien ihm also weit besser gleich das Letztere von vornherein
anzunehmen, und den jungen Burschen, der da oben doch so freundlich
lachte, und sich gewi nicht gegen sie wehren wrde, nur vor allen
Dingen erst einmal herunterzuholen und mitzunehmen: das Andere konnten
sie ja nachher unten ausmachen. Ein paar mit seinen Begleitern rasch
gewechselte Worte setzte diese von dem gefaten Entschlu in Kenntni,
und sich dann wieder zu dem Matrosen wendend, der ihn aufmerksam
betrachtete seine Entscheidung zu hren, sagte er mit bedchtiger
Stimme, indem er sich das Lendentuch etwas fester anzog und einsteckte,
ungefhr in derselben Weise wie Matrosen gewhnlich, mehr in eine Art
Angewohnheit, ihre um die Hften dicht anschlieenden Segeltuchhosen in
die Hhe ziehen.

Ja weier Mann, Alles recht gut, weier Mann Capitain hat aber gesagt
mssen unten sein, bis Boot mit Kattun und Tabak und Messer und Beil und
Hacke und andere Sachen wieder zurckkommt; so steig nur herunter
solange, wollen unten erst zu Knig gehn, und nachher zu weie Mann
Capitain.

Ich habe Dir aber schon gesagt, Du etwas harthriger Bursche Du, sagte
Ren, fast ungeduldig werdend, da ich nicht eher hinunter kommen will,
bis ich Sr. Majestt den Knig dieser vielleicht vereinigten Inseln
gesprochen habe -- also mache da Du zu ihm kmmst, je eher er hier ist,
desto schneller knnen wir unsern Handel ins Reine bringen.

Der Alte aber, ob er dies Letzte nicht recht verstanden, oder fr eine
Einladung genommen, oder ob er auch vielleicht glaubte es sei jetzt ber
die Sache genug gesprochen worden, und msse nun einmal gehandelt
werden, kurz er rief seinen Begleitern zwei oder drei Worte mit einem
entschiedenen Ton zu, und stieg dann mit weit mehr Entschlossenheit, als
er bis jetzt berhaupt gezeigt hatte, die brcklichen Felsen hinan dem
Orte zu, wo der Fremde ihn ruhig erwartend stand.

Ren htte ihm mit leichter Mhe einen der schweren nur kaum in der
Balance liegenden Steine auf den Kopf rollen knnen, aber er wollte
selber in seinem eigenen Interesse Feindseligkeiten solange als mglich
hinausschieben, und solche nur ein letztes, wirklich verzweifeltes
Mittel sein lassen. Er behinderte deshalb auch den Alten nicht im
Mindesten bei seinem Marsch, und dieser fand sich gleich darauf,
vielleicht selbst gegen seine eigene Erwartung, oben auf der kleinen
Plattform, neben seinem vermutheten Opfer, whrend seine vier Begleiter
eben bemht waren ihm langsam zu folgen.

So, sagte der Indianer mit freundlichem Kopfnicken, als er endlich
neben Ren stand und eben die Hand ausstreckte ihn auf die Schulter zu
klopfen, so Freund weier Mann, nun wollen wir -- aber er sprach
nichts weiter -- nur ein Blick war auf das Terzerol gefallen, das der
Weie ruhig in der Hand hielt, und mit einem Satz der selbst diesen um
seine Sicherheit besorgt machte, sprang er von der kleinen Steinveste ab
nach der Wurzel eines tiefer liegenden Baumes, und von dieser wieder auf
die Erde hinunter, wo er nicht eher stehen blieb, bis er den schtzenden
Stamm einer Casuarine erreicht hatte, hinter dem vor er jetzt mit den
Hnden auf das lebhafteste an zu gesticuliren fing, und dabei schrie und
tobte, als ob ihm da oben das schmhlichste Unrecht geschehen wre.

Die Anderen warteten natrlich, als sie des Fhrers Flucht sahen, in
ihrer, wie sie glaubten ebenfalls hchst gefhrdeten Stellung, gar nicht
ab die Ursache so schnellen Rckzugs zu erfragen, sondern folgten nur
eben, so rasch sie konnten, dem gegebenen Beispiel des Alten.

Sonderbarer Weise richtete sich aber dieses Zorn keineswegs auf den
jungen Mann, sondern nur auf den weien Mann Capitain, der ihn hier
unter falscher Vorspiegelung, mit Aussetzung eines weit geringeren
Lohnes, auf eine Expedition ausgeschickt hatte, wo er gegen jede
Verabredung Waffen, und sogar ihm recht gut bekannte Schiewaffen fand.

Das sind _zwei_ Handbeile, rief er heftig, und _zehn_ Ellen Kattun --
zwei fnf, indem er die eine Hand mit gespreitzten Fingern zweimal von
sich drckte, -- und _vier_ Messer und _zwei_ zehn Stangen Tabak -- er
wiederholte, wie mit sich selber redend, die Bewegung der Hand -- und
_zwei_ Hacken, und _zwei_ handvoll Ngel und eine handvoll Knpfe --
weier Mann Capitain sagt was nicht wahr ist -- keine Waffen -- puh --
was ist das? -- kleine blanke Ding da -- puff! macht Loch in armen
Kanaka.

Habe keine Angst wackerer Krieger, rief ihm Ren jetzt lachend
hinunter, der im Anfang wirklich zu befrchten schien, der Alte msse
bei dem tollen Sprung wenigstens ein paar Beine gebrochen haben -- sich
brigens nicht wenig ber den Eindruck freute, den seine kleinen
Terzerole gemacht hatten -- ich will Euch nicht das mindeste zu Leide
thun -- ja im Gegentheil, Euer Knig soll sogar eine von diesen
Handkanonen bekommen, falls er auf meine Bedingungen eingeht, und wir
werden gewi nachher in Fried' und Freundschaft zusammen leben, ja uns
mglicher Weise noch einige benachbarte Inselgruppen zusammen
unterwerfen; aber nun mache auch da Du Sr. Majestt von meinen
Vorschlgen in Kenntni setzst, wrdiger Greis, denn ich sehe schon da
vom Schiff aus wieder ein Boot abgeht, und mchte vorher noch Deine
trostbringenden Nachrichten haben.

Der Alte sah jetzt allerdings selber ein da hier, mit seinen wenigen
Mann und mit Gewalt, Nichts auszurichten war; dann gengte ihm auch der
auf das Einfangen des Entlaufenen gesetzte Preis nicht mehr; dieser
hatte Schiewaffen und er glaubte von dem weien Mann Capitain, wie er
den Harpunierer nannte, vorher erst noch leicht die doppelte Ration
herausdingen zu knnen, noch dazu da er das erst Geforderte so leicht
und schnell bewilligt hatte. Da der Weie brigens, wie es schien,
nicht die geringsten feindlichen Absichten zeigte, und wieder ganz in
seine frhere friedliche Stellung zurckgefallen war, kam er auch hinter
seinem, in der ersten Geschwindigkeit angenommenen Baume vor, und sich
erst kurze Zeit mit seinen Leuten besprechend, wandte er sich dann
pltzlich wieder zu dem Flchtling und sagte:

Gut, gut -- Raiteo will gehn, will mit ~fu-a~ sprechen -- weier Mann
nicht Capitain bleibt hier so lange -- Raiteo kommt wieder -- Sonne
dort -- und er zeigte dabei mit der Hand die Himmelsgegend an, an
welcher sich die Sonne befinden wrde, wenn er wieder zurckkme. Damit
zog er sich, und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, in die Bsche
zurck, und wie es schien folgten ihm alle seine Leute; auer Sicht lie
er aber seine smmtliche Mannschaft auf Wacht und vertheilte sie so, da
sie die Bergkuppe nach allen vier Seiten umgaben, nicht etwa eine Flucht
des Weien von dort zu verhindern, denn das wute er recht gut, konnten
sie nicht, sondern nur genau zu sehen wo er bliebe, falls er den Ort aus
freien Stcken verlassen sollte, damit ihnen die neue Arbeit eines
Nachsprens erspart wrde.

Raiteo, wie er sich selbst genannt, dachte brigens gar nicht daran Sr.
Majestt dem Knig den ganzen Nutzen dieses Fanges allein zu lassen,
und beschlo vor allen Dingen einmal zu sehen, wie viel mehr Belohnung
er, dieser neuen Entdeckung nach, aus dem fremden Schiff herauslocken
knne. Demzufolge, und da er jetzt selbst durch eine lichte Stelle in
den Guiavenbschen das auf's Neue heranrudernde Boot erkennen konnte,
eilte er so rasch er vermochte dem Strand wieder zu, und traf dort mit
dem eben auf dem weien Corallensand auflaufenden Boot fast in ein und
derselben Minute ein.

Der Harpunier fluchte brigens nicht wenig, als er hrte da die
Eingeborenen den Entlaufenen allerdings gefunden, aber noch nicht zum
Strand gebracht htten, und nun erst noch eine neue erhhte Forderung
stellten; er htte ihnen jetzt gern das sechsfache gegeben, wre der
entlaufene Matrose damit in seinen Hnden gewesen, denn der Capitain des
Delaware wthete ordentlich als er die Flucht des Manns und seinen
dadurch erzwungenen Aufenthalt vernahm, und gab ihm jede Vollmacht den
Burschen, den er exemplarisch zu bestrafen gedachte, wieder in seine
Gewalt zu bekommen.

Raiteo sollte aber die Sache nicht mehr allein auszufechten haben,
sondern Sr. Majestt, die von dem reichen, fr den Flchtling
versprochenen Lohn gehrt hatte, mischte sich jetzt selber in das
Geschft, und schien Raiteo mehr als Fhrer wie Leitenden betrachten zu
wollen.

Der Harpunier hatte nun zwar selber schon Raiteo eine Belohnung geboten,
wenn er ihn nur zu dem Platz hinbringen wolle wo der Flchtling sei;
Jener schien das aber einestheils nicht gern thun zu mgen, und anderer
Seits zeigte dies wieder eine neue Schwierigkeit. Der Harpunier htte
seine Leute entweder zurcklassen oder mitnehmen mssen, und in beiden
Fllen konnte es am Ende gar noch einem Andern einfallen, sein Glck
ebenfalls in den Wldern zu versuchen. Nach kurzem Ueberlegen suchte er
deshalb die Indianer zu bewegen so rasch als mglich zurckzugehn und
den Weien zu holen, und die Versprechungen die er ihnen dafr machte,
ja mehr noch die mitgebrachten Sachen die er ihnen zeigte, und von denen
er einiges dem Knig schon gab, seine Habgier zu reizen, schienen ihm
allerdings das gnstigste Resultat zu versprechen.

Die Leute waren diesmal in sehr bedeutender Anzahl, sogar mit einer
Menge neugieriger Frauen, aufgebrochen den Gefangenen, der solcher Masse
nicht htte widerstehen knnen, zum Strand zu holen, und jetzt etwa
lange genug abwesend da der Harpunier schon dann und wann nach seiner
Uhr sah, und die Zeit zu berechnen anfing, in der sie wrden wieder
zurck sein knnen, als Mr. Rowsey pltzlich, sehr zu seinem Erstaunen,
ein Zeichen von seinem Schiff erhielt, so rasch er knne an Bord
zurckzukommen.

Was zum Teufel kann nur los sein? brummte er, als ihn Einer der Leute
auf die eben aufsteigende Flagge aufmerksam machte -- Fische bei Gott!
rief er aber, als diese, zum verabredeten Signal, dreimal auf und
niedergezogen wurde -- die htten auch noch ein paar Stunden warten
knnen. An Bord ~boys~, an Bord -- rasch an Eure Riemen -- rief er dann
seinen Leuten zu, die schnell dem Befehl gehorchten. Er selber blieb
noch ein paar Momente wie unschlssig am Ufer stehen, whrend sich die
zurckgebliebenen Eingeborenen neugierig um ihn sammelten, theils zu
erfahren was die Flagge am Schiff bedeuten solle -- denn soviel hatten
sie schon mit Schiffen verkehrt, zu wissen da dies etwas Besonderes
melden wolle -- theils was die Weien jetzt zu thun beabsichtigten.

Der Harpunier wute das in der That im Anfang selber nicht -- muten sie
jetzt hinter Fischen her, wie es allen Anschein hatte, so konnten ein
paar Tage vergehen, ehe sie hierher wieder zurck kamen, und sollte er
indessen die fr das Einfangen des Mannes bestimmten Gter in den Hnden
des Knigs lassen? That er es nicht, so war es die Frage ob sich die
Eingebornen, sobald sie das Schiff absegeln sahen, weiter um den Weien
bekmmern wrden, und lie er die Sachen da, so hie das ein wenig viel
der Ehrlichkeit dieser Leute vertraut, von der er, nach ziemlich langer
Erfahrung, in solcher Hinsicht gerade keinen besonderen Begriff zu haben
schien. Er entschlo sich aber doch zuletzt dazu, denn eines Theils lag
in den mitgebrachten Sachen kein wirklicher Werth, und andern Theils
durfte er dann auch darauf rechnen da die Leute -- wenn sie eben nicht
mit dem Ganzen durchbrannten -- ihr Bestes thun wrden sein Vertrauen zu
rechtfertigen. Sich also zu dem Knig wendend sagte er ihm mit kurzen
Worten, er msse jetzt an sein Schiff gehn, er wolle aber den Lohn fr
das Einfangen des Entlaufenen bei ihm niederlegen, und er verlange dafr
von ihm, da sie den Mann, wenn sie ihn einbrchten -- sollte das Schiff
noch dort liegen, wo sie es jetzt shen -- augenblicklich in ein Canoe
nhmen und an Bord brchten, sollte es aber unter Segel sein, so lange
gut verwahrten, bis er selber zurckkme.

Se. Majestt versprach ihm dafr die Sachen in sein eigenes Haus zu
legen, und versicherte den Harpunier es wrde Nichts davon kommen, denn
sie seien alle _Christen_ und zwei Mitonares hier auf der Insel.

Der alte Harpunier schien ihm etwas darauf erwiedern zu wollen, und sah
ihn einen Augenblick wie zweifelnd an, endlich aber brummte er nur leise
ein paar Worte in den Bart, sprang in sein Boot und scho gleich darauf,
so rasch ihn die mit uerster Kraft der Leute gefhrten Riemen[B]
bringen konnten, dem, etwa zwei englische Meilen entfernten Schiffe zu,
von dessen Gaffel die Flagge noch immer wehte, und dann und wann gezogen
wurde -- ein Zeichen grter Eile.


Funoten:

[B] Riemen, das nautische Wort fr die langen Ruder der See- und
Wallfischboote.




Capitel 3.

#Das Mdchen von Atiu.#


Ren sa indessen, nachdem ihn die Eingeborenen verlassen, eine ganze
Weile sinnend auf den Steinen seines kleinen Fort's, und berlegte was
er am Besten thte -- hier auf dieser Stelle bleiben und die Rckkunft
der Mnner zu erwarten, oder sich vielleicht, mit mehr Vorsicht ein
neues Versteck zu suchen, wo er wenigstens bis Dunkelwerden unentdeckt
bleiben konnte und dann die ganze Nacht vor sich hatte eine Stelle zu
finden seinen Verfolgern zu entgehn oder sie hinzuzgern; er wute recht
gut da der Capitain des Delaware bald ungeduldig werden wrde, wenn er
ihn nicht rasch wieder zurckbekme. Es war berdies auch mglich da er
selber in der Nacht ein Canoe fand mit dem er getrost in See gehen
konnte; im Nord-Westen lagen noch mehre Inseln, und selbst die Gefahr
der er sich dabei aussetzte, schien ihm nicht halb so gro als die, in
der er sich jetzt wirklich befand wieder gefangen genommen und an Bord
des Delaware zurckgeschafft zu werden. Er entschlo sich also endlich
von dieser Kuppe wieder einer andern Hgelspitze zuzugehn, die er von
hier aus gut erkennen konnte; jedenfalls nahm es dann seinen Feinden
einige Zeit bis sie ihn wieder fanden, und die Nacht verbarg dann seine
Spuren den Verfolgern.

Diesen Versuch mute er aber bald aufgeben, denn kaum hatte er etwa
hundert Schritt den Berg hinunter gethan, so entdeckte sein scharf
umhersphendes Auge die Gestalt des dort stationirten Insulaners, der
sich allerdings, als er ihn kommen hrte, in das dichte ppige Kraut,
was berall den Boden bedeckte, niederdrckte. Er war also umstellt, und
es half ihm Nichts seinen Schlupfwinkel zu verndern, denn diese Wachen
wrden ihm natrlich auf den Fersen gefolgt sein; ja die Mglichkeit lag
vor, da sich seine Feinde, vielleicht zahlreicher als er selber eine
Ahnung hatte, hier in den Hinterhalt gelegt, nur eben auf sein
Niedersteigen wartend, um ihn dann, in dem dichten Gestrpp soviel
leichter berfallen und binden zu knnen, und scheu, hinter jedem Stamm
einen versteckten, zum Ansprung bereiten Feind vermuthend, das gespannte
Terzerol in der Hand, zog er sich rasch aber unbelstigt, wieder zu dem
kaum verlassenen Versteck zurck.

Gut, murmelte er dabei zwischen den fest zusammengebissenen Zhnen
durch, als er zu seiner kleinen Veste zum zweiten Mal aufstieg -- la
sie dann die Folgen nehmen, wenn sie mich mit Gewalt zum Aeuersten
treiben wollen; aber lebendig bringen sie mich beim ewigen Gott nicht
von diesen Steinen hinunter.

Er untersuchte jetzt auf das sorgfltigste seine kleinen Terzerole,
schraubte die Pistons los und that frisches Pulver wie nachher frische
Kupferhtchen auf, und als er sich wenigstens dieser Hlfe versichert
und sein Messer gefhlt hatte, ob es ihm locker und zum Griff bequem an
der Seite hing, wute er da er fr den Augenblick nichts weiter thun
konnte und warf sich, der Dinge die er doch nicht zu ndern vermochte
wartend, auf die Steine nieder, seine Krfte wenigstens nicht durch
unnthige Anstrengungen vor der Zeit zu erschpfen.

Er mochte etwa eine halbe Stunde so gelegen haben, als der Lrm der
jetzt zu ihm heraufsteigenden Schaar an sein Ohr drang -- er horchte
einen Augenblick auf und als er die lauten Stimmen einer groen Zahl
Menschen deutlich unterschied, blieb er ruhig in seiner Stellung. Er
wute da sie, mit solchem Gerusch ankommend, ihn nicht berraschen
wollten, und da sich jetzt der entscheidende Augenblick nahe. Er hatte
das Boot wieder zurckkommen sehen und erwartete kaum anders, als da
sich der Harpunier selber mit seinen Leuten der Schaar angeschlossen
habe.

Diese kam jetzt so rasch und mit solchem Geplapper und Lachen und
Schreien nher, da er sich endlich aufrichten mute; ein Blick
berzeugte ihn aber er habe es nur mit Insulanern und keinem seiner
frheren Kameraden zu thun, und mit der Ueberzeugung zog ihm auch wieder
neue Hoffnung durch die Seele. Er lehnte sich jetzt in seine frhere
Stellung auf den Stein, und als er sich Mnner und Frauen in bunter
Masse um sich sammeln sah, konnte er selbst ein Lcheln nicht
zurckhalten.

Was fr eine herrliche Situation wre dies jetzt fr einen der frommen
Missionaire, murmelte er leise vor sich hin, fr die Prediger in der
Wste wie sie sich selber nennen -- Kanzel und Auditorium fix und
fertig, und welch zahlreiche, bunte Versammlung -- wahrhaftig auch
Frauen -- die lieben Dinger mssen doch berall dabei sein, selbst wenn
es gilt einen armen Teufel von Matrosen wieder an seine Henker
auszuliefern. Aber, ~prenez-garde mes dames~, noch _habt_ Ihr ihn nicht,
und billig sind die zehn Ellen rother Kattun etc. wahrhaftig nicht
verdient, _wenn_ Ihr ihn bekommt.

Die Schaar sammelte sich indessen um den Felsen herum und obgleich
diemal eine hhere Person als Raiteo, nmlich der Sohn des Knigs
selber, mitgekommen war, behielt doch jener bei den nachfolgenden
Unterhandlungen als Dollmetscher das Wort, und forderte jetzt,
augenscheinlich verdrielich durch die Hartnckigkeit des Burschen um
den, ihm von Gott und Rechts wegen zustehenden Lohn gebracht zu sein,
ihn einfach auf herunter zu kommen und mit ihnen zu gehn, weil sie sonst
Gewalt brauchen mten, und ihm nicht gern ein Leides thun wollten. Ihr
Knig erlaube ihm nicht lnger hier auf der Insel zu bleiben, also helfe
ihm weiter kein Widerstand.

Ren hatte sich hoch aufgerichtet, die jetzt frisch von der See
herberwehende Brise schlug ihm das dunkle lange Haar wild um die
Schlfe, und sein Gesicht war von der inneren Aufregung vollkommen
bleich geworden, aber seine Augen funkelten und ein trotziges Lcheln
kruste ihm selbst die Lippe, als er mit lauter herausfordernder Stimme
hinunter rief:

So kommt denn, wenn Ihr den Muth habt mich zu holen -- kommt und seht
wessen Blut diese Steine zuerst frben soll -- kommt und berliefert
einen Mann, der Euch nie ein Leides gethan, seinen Feinden, Ihr seid ja
am Ende gar Christen und wollt nach Gottes Geboten handeln -- kommt,
aber ehe ich jenes Schiff wieder lebendig betrete -- er schwieg
pltzlich denn sein Auge hatte in diesem Moment fast unwillkrlich das
ferne Fahrzeug gesucht, und er sah jetzt zum ersten Mal das von der
Gaffel flatternde Zeichen, wie das zu dem Schiff zurckkehrende Boot, ja
ein zweiter Blick berzeugte ihn sogar da nach Westen hin die drei
anderen Boote ebenfalls voll unter Segel waren, und die Wahrheit des
Ganzen durchzuckte ihn im Nu.

Als die unten Stehenden sahen da er pltzlich seine Blicke so
aufmerksam nach der Richtung hin sandte, wo das Schiff lag, suchten sie
ebenfalls dorthin Aussicht zu gewinnen, und zwei junge Leute die rasch
eine der Casuarinen erstiegen hatten, riefen bald etwas in ihrer Sprache
hinunter. Von den Mnnern vertheilten sich jetzt mehre nach lichteren
Punkten hin, wo sie die See nach dieser Richtung hin besser berschauen
konnten, und es zeigte sich gar bald da etwas Besonderes dort an Bord
vorgehen msse, was fr den Augenblick, da es ja auch mit ihren
Verhandlungen hier in naher Beziehung stehen mute, ihre Aufmerksamkeit
vollkommen von dem jungen Matrosen ablenkte.

Ren selber dachte kaum mehr an die Eingeborenen -- er sah wie das Boot,
das ihn hatte abholen sollen, an Bord des Delaware zurckkehrte, der
augenblicklich seine Raaen umbrate und mit geblhten Segeln den
vorangeeilten Booten nach Westen folgte. Jedenfalls hatten sie dort eine
groe Zahl Fische bemerkt, die ihm sicherlich sehr zu gelegener Zeit
aufgekommen waren, und hielt die Jagd nur bis Abend an, da das Schiff
dadurch eine tchtige Strecke nach Westen versetzt wurde, so war die
Frage ob der Capitain seinetwegen hier wieder gegen den Passat ankreuzen
wrde; jedenfalls behielt er einen, vielleicht mehre Tage Zeit auf
Flucht von der Insel zu denken und die Gefahr war wenigstens fr den
Augenblick von ihm genommen. Da er die Insulaner _jetzt_ leicht von
sich abhalten konnte, daran zweifelte er keinen Augenblick.

Der Erfolg zeigte denn auch da er darin vollkommen recht gehabt. Die
Insulaner, als sie das Schiff unter vollen Segeln die Insel verlassen
sahen, wuten nicht recht woran sie waren, und muten erst wieder einen
Boten nach unten schicken, neue Verhaltungsbefehle einzuholen.
Allerdings begegnete diesem schon ein Anderer, der ihnen die Ordre
brachte den jungen Fremden nur einstweilen einzufangen und mit
herunterzunehmen. Das war aber weit eher gesagt als gethan, und kam das
Fahrzeug am Ende nachher gar nicht zurck, so muten sie ihn doch wieder
los lassen; da war es also weit vernnftiger ihn jetzt gar nicht zu
stren, bis das Schiff wirklich wieder da sei, nachher sei es noch Zeit
genug.

Als die Frauen und Mdchen, die dem Zug aus Neugierde gefolgt waren und
sich im Anfang, da man noch nicht wute ob es zu Feindseligkeiten kommen
wrde, scheu zurck gehalten hatten, nun, wie die Sachen jetzt standen,
und da nicht die mindeste Gefahr zu frchten sei, sahen, so kamen sie
weiter vor, und suchten Pltze zu bekommen, von denen sie den jungen
Fremden genau beobachten konnten. Nur ein junges Mdchen allein war
schon frher so weit vorgedrungen, da sie sich dem Umstellten, auf
einer anderen kleinen Erderhhung fast gegenber befand, und hatte die
ganze Zeit keinen Blick von ihm verwandt.

Es war ein junges bildschnes Kind von vielleicht funfzehn oder sechzehn
Jahren, schlank gewachsen wie die Palme ihrer Wlder, aber mit vollem
runden Gliederbau; die rabenschwarzen mit wohlriechendem Cocosl
getrnkten Locken wild um die braune Stirn flatternd, und die schnen
groen dunklen Augen halb ngstlich halb mitleidig auf den jungen Mann
geheftet, dessen Leben wenn er sich zum uersten widersetzte, wie sie
recht gut wute, in groer Gefahr schwebte. Sie war nach Art der brigen
Mdchen gekleidet; ein Lendentuch von farbigem Kattun, das ihr bis auf
die feingeformten Knie niederging, schlo sich ihr dicht um die Hften
und ein anderes Tuch war nur lose ber die linke Schulter gehangen, und
auf der rechten mit einem Knoten locker zusammengehalten, da es den
rechten Arm vollkommen nackt und ihm freie Bewegung lie. In den vollen
Locken trug sie einen dnnen Kranz weier und rother Blthen, mit den
Fasern des Cocosblattes fest zusammengebunden, in den Ohren aber zwei
der groen weien duftenden Sternblumen, und wie sie dort stand auf dem
brcklichen Gestein, um das sich dicht hinter ihr die vollen dunklen
Bsche schmiegten, den linken Arm um die dnne Casuarine geschlungen,
die sie da oben auf ihrer etwas gefhrlichen Stelle sttzte, glich sie
eher einer lauschend aus dem Dickicht gebrochenen Waldnymphe, als einem
einfachen schlichten Kind dieser Inseln.

Ren war im Anfang natrlich zu sehr mit der Gefahr seiner eigenen Lage
beschftigt gewesen, einzelne Gestalten der ihn umgebenden Insulaner
beachten zu knnen, und vorzglich hatte er die Mnner und ihre
Bewegungen im Auge behalten, da er ja auch gar nicht wissen konnte, ob
sie nicht einen pltzlichen Angriff auf ihn beabsichtigten; jetzt aber,
als sein leichter Sinn ihn rasch ber die geringere Gefahr, die ihm von
den Insulanern selber drohte, hinwegsetzte, fhlte er mehr das
eigenthmliche, ja interessante seiner Lage, und whrend das Blut in
seine Wangen zurckkehrte und ein leichtes Lcheln ber seine schnen
Zge flog, schaute er sich um nach den einzelnen Gruppen, und sein Blick
begegnete zum ersten Mal dem dunklen, brennenden Auge des Mdchens.

Das holde Kind schlug aber, als sie sah da er sie bemerkt hatte,
verschmt den Blick zu Boden, und so zart war die lichtbraune Haut, da
Ren deutlich darauf das dunkle Errthen, das ihre Schlfe und Wangen
frbte, erkennen konnte; gerade jetzt wurde aber seine Aufmerksamkeit
wieder auf die Schaar der Mnner gelenkt, die sich ihm nherten und ihn
noch einmal frugen, ob er gutwillig zu ihnen hinuntersteigen wolle oder
nicht.

Gewi! rief Ren jetzt freudig, und war es frher schon seine Absicht
gewesen, so hatte sie jetzt die Gestalt des holden ihm gegenber
stehenden Kindes nur noch bestrkt -- gewi will ich hinunter kommen
und bei Euch bleiben, aber Ihr mt mir versprechen da Ihr mich nicht
festhalten oder binden wollt -- freiwillig komme ich in Euere Mitte,
und freiwillig werde ich darin bleiben, denn das Schiff, was mich zurck
forderte, hat die Insel verlassen nicht wieder zurckzukehren. Wollt Ihr
mir also fest und aufrichtig Sicherheit fr meine Person versprechen, so
steige ich augenblicklich zu Euch nieder, und ich hoffe wir sollen recht
gute Freunde zusammen werden. Seid Ihr das zufrieden?

Die Insulaner, denen Raiteo die Worte des jungen Mannes verdollmetscht
hatte, besprachen sich kurze Zeit in lauter, lrmender Stimme
miteinander, und dieser wandte sich dann wieder zu ihm und sagte,
freundlich dabei mit der Hand winkend:

Gut, weier Mann, -- ~a haere mai~ -- sei willkommen und bleib bei uns
bis dein Schiff wieder zurck kommt, oder so lange Du willst!

~Eh bien~! rief der junge Franzose lachend -- das ist ein Vorschlag
zur Gte und die Sache lst sich freundlicher als ich erwarten durfte.
Und damit schob er seine Terzerole in die Tasche, drckte sich die Mtze
wieder in die Stirn, und wollte sich eben ber die Steine, die seine
Festungswerke bildeten, hinberschwingen, als ihn ein Ruf in gutem
Englisch pltzlich nicht allein daran verhinderte, sondern auch erstaunt
und berrascht aufschauen machte.

Es war das junge holde Mdchen, das, den rechten Arm gegen ihn
ausgestreckt, laut und fast ngstlich im reinsten Englisch rief:

Halt, Fremder -- halt -- sie sind falsch -- sie wollen Dich binden und
halten, und dem Schiff, das ihnen das Lsegeld zurckgelassen hat,
wieder ausliefern -- traue ihnen nicht, und bleibe wo Du bist, bis Dich
der Knig selber seines Schutzes versichert hat. Dann aber sich gegen
die unten Stehenden wendend, unter denen Raiteo die hervorragendste und
jedenfalls bestrzteste Persnlichkeit bildete, da er allein zu seinem
Schrecken verstanden hatte, wie das junge Mdchen ihre eigenen
Landsleute an den Fremden, seiner Meinung nach, verrieth, rief sie mit
zrnender fast drohender Stimme in der schnen klangvollen melodischen
Sprache ihres Stammes:

Schme Dich, ~ahina~[C] -- schmt Euch Ihr alle, den armen
~hutupanutai~[D] verrtherisch unter Euch locken und berfallen zu
wollen. -- Wo sind seine Verwandte -- wo seine Eltern -- wo seine
Geschwister? -- weit weit von hier, und um schnden Lohn drngt es Euch,
ihn seinen Feinden zu berliefern, und _Ihr_ nennt Euch _Christen_? Ihr
prahlt damit in den ffentlichen Versammlungen da Ihr Euern Nchsten
lieben wollt wie Euch selbst, und Anderen nicht das zufgen mchtet, was
Euch nicht selbst geschehen solle; schmt Euch in Euere Seele hinein da
Euch ein armes junges Mdchen zurechtweisen und Euere Ehre retten mu
vor dem Fremden!

Kaum aber hatte sie diese Worte gesprochen, und sah wie Aller Blicke auf
sie gerichtet waren, als auch die natrliche mdchenhafte Scheu wieder
jedes andere Gefhl verdrngte; das Blut scho ihr in Strmen nach den
Schlfen, und die Blicke niederschlagend, als ob sie selber jetzt gerade
eine unrechte Handlung gethan, und nicht im Gegentheil Andere von einer
solchen zurckgehalten hatte, glitt sie in die sie dicht umschlieenden
Bsche zurck, und war auch im nchsten Moment hinter dem Felsenhang
verschwunden.

Ren, der dieser so zeitgemen Warnung der Jungfrau nach, rasch seine
alte Stellung wieder eingenommen hatte, und jetzt mit gezogenen Waffen
und finsterem Blick die etwas verlegen unter ihm stehende Schaar
betrachtete, konnte an deren ganzem Betragen leicht und deutlich sehen,
wie viel Grund zu jener Anschuldigung, die er spter mehr in den Blicken
des Mdchens gelesen als aus ihren Worten verstanden hatte, vorhanden
gewesen. Raiteo besonders, der bei den allsonntglichen religisen
~meetings~ eine Hauptrolle spielte, schien sich ber den, ihn am
tiefsten verletzenden Vorwurf, schlimm zu rgern. Die Mdchen und Frauen
flsterten aber lebhaft untereinander, und aus den freundlichen ihm
zugeworfenen Blicken durfte Ren wohl urtheilen da er den _schnen_
Theil seiner Feinde nicht mehr zu seinen Feinden zhlen durfte, und da
dieser vollkommen mit dem Betragen Einer ihrer Schwestern einverstanden
sei.

Die Mnner beriethen sich indessen eine ganze Zeitlang miteinander,
sahen dann wieder nach dem Schiff aus, das mehr und mehr in der Ferne,
und zwar nach Westen hin verschwand, und schienen total rathlos zu sein,
was sie eigentlich thun sollten. Einen wirklichen Angriff zu machen,
dazu fehlte ihnen in diesem Augenblick, wenn auch nicht der Muth, doch
jedenfalls, durch das Absegeln des Schiffs, die dringende Ursache, und
friedlich nach dem eben stattgehabten Vorfall wieder mit ihm
anzuknpfen, war auch eine schwierige Sache -- wer konnte von ihm
verlangen da er nach dem letzten Beispiel ihnen jetzt noch einmal
trauen sollte.

So verging der Nachmittag, Ren beschlo brigens jetzt weiter Nichts zu
unternehmen; war das Schiff erst einmal gnzlich aus Sicht, so lie
sich eher hoffen die Leute zur Vernunft zu bringen, zeigten sie sich
aber dann morgen noch eben so hartnckig, dann wollte er versuchen ein
Canoe zu bekommen, und von der Insel zu fliehen, denn er konnte sich
nicht verhehlen da der Delaware, da er, wie ihm das junge Mdchen
gesagt, den fr sein Einfangen bestimmten Lohn hier zurckgelassen, doch
jedenfalls die Absicht haben mute die Insel, wenn ihm das irgend
mglich war, wieder anzulaufen. Das hing indessen noch Alles theils von
dem Weg ab den die Fische nahmen, theils ob er an einem oder mehreren
festkam, denn so lange er den Fisch langseits hatte, konnte er nicht
segeln und trieb immer weiter nach Westen ab.

Indessen stellte sich aber auch bei ihm wieder Hunger und Durst ein, und
theils diesen zu befriedigen, theils den Insulanern unten zu zeigen da
er nicht die mindeste Furcht und noch ganz guten Appetit habe, setzte er
sich oben auf seine Befestigungswerke und begann seine etwas
hinausgeschobene Mahlzeit nach Krften zu halten.

Erst als es Abend wurde verlieen ihn die Insulaner, und zwar ohne
weiter mit ihm zu unterhandeln, bis auf den letzten Mann, und seine
einzige Sorge war jetzt da sie ihn in der Nacht, wenn er eingeschlafen
wre, berrumpeln mchten. Diesem zu begegnen, und da der Feind
wahrscheinlich einen solchen Versuch erst spt machen und nicht glauben
wrde da er sich gleich nach Dunkelwerden niederlegen werde, beschlo
er, trotz der ihn umgebenden Gefahr, gerade jetzt ein paar Stunden zu
schlafen um nachher desto munterer zu sein, denn ohne alle Rast wute er
recht gut da er es nicht aushalten knne. Ueberdie frchtete er mehr
als alles Andere, seinem Krper gleich im Anfang zu viel zuzumuthen, da
er ja nicht wissen konnte welche Strapatzen und Gefahren er berhaupt
noch zu bestehen hatte.

Die Alles stimmte brigens so vollkommen mit seiner eigenen Neigung
berein, denn er war durch die gehabte Aufregung jetzt, da gewissermaen
ein Ruhestand eingetreten, frmlich erschpft und so mde geworden, da
er es auch augenblicklich auszufhren beschlo, sein Bndel auf der
einen Seite als Kopfkissen hinlegte -- nur die Vorsicht gebrauchend an
dem am leichtesten zu ersteigenden Platz einen Stein so locker zu
placiren, da er bei der leisesten Berhrung niederfallen mute -- und
sich dann mit sorgloser Ruhe auf den harten Boden und dem Schlaf in die
Arme warf.

Um den armen Ren mchte es aber schlecht gestanden haben, htten die
Insulaner wirklich beabsichtigt in der Nacht etwas gegen ihn zu
unternehmen, denn lange nach Mitternacht berhrte eine leichte Hand
seine Schulter, ohne da er erwacht wre.

Fremder, sagte da eine sanfte, weiche Stimme, und das junge schne
Mdchen, das neben ihm stand, legte ihre kalten Finger an seine, vom
festen Schlaf erhitzte Stirn.

Ja, sagte Ren, die Augen ffnend und umschauend -- ja -- schon acht
Glasen?[E] -- die kalte Nachtluft strich ber ihn hin -- um ihn
rauschte das Laub des Waldes und die hellen funkelnden Sterne blickten
klar auf ihn nieder. In dem Moment scho ihm auch die ganze Gefahr
seiner Lage durch die Seele, und rasch emporspringend, das Terzerol wie
instinktartig im Griff, schien er den Angriff zu erwarten.

Ihr seid eine vortreffliche Schildwache, lachte aber das junge
Mdchen, das ruhig auf ihrem Platz stehen geblieben war -- wenn Ihr
nicht besser ber anderer Leute Gut wacht, als Euere eigene Sicherheit,
mchte ich Euch wahrlich nicht einer Banane Werth vertrauen.

Ren fate sich an die Stirn -- er wute im ersten Augenblick wahrhaftig
nicht ob er wache oder trume, das ganze Fremdartige seiner Umgebung,
das schne lachende Mdchen dicht vor ihm, ein dunkles Bewutsein
drohender Gefahr die ber ihm schwebe, und seine Sinne noch halb von dem
kaum erst abgeschttelten tiefen Schlaf befangen, verlangte Alles da er
sich erst sammle, und es verging wohl eine Minute, ehe er seine
wirkliche Lage wieder vollstndig begriff.

Das junge Mdchen stand inde, mit untergeschlagenen Armen, die zarten
Lippen fest zusammengepret, und den Kopf schttelnd vor ihm, und sagte
endlich halb lachend halb erstaunt:

Bist Du nicht ein wunderlicher Mann, Fremder -- schlfst hier mitten
zwischen Deinen Feinden, als ob Du daheim im sichern Hause, von den
Deinen bewacht lgest und nicht ein Preis auf dein Einbringen gesetzt
sei, das habgierige Menschen zu deinem Verderben reizen mu.

Und durft ich nicht schlafen, wenn ein solcher Schutzgeist ber mich
wachte, Du holdes Kind! sagte Ren herzlich, die Hand nach der ihren
ausstreckend -- sie trat aber vor der Berhrung einen Schritt zurck,
und erwiederte, mit ernstem Blick nach oben deutend:

Allerdings hattest Du einen Schutzgeist der ber Dich wachte, aber es
ist das Auge Gottes, das jedes Haar Deines Hauptes gezhlt hat, und ohne
dessen Willen keins zur Erde fllt -- ihm danke fr Deine bisherige
Sicherheit, nicht mir. Aber komm Fremder, setzte sie dann freundlicher
hinzu -- nimm Dein Bett und wandere und folge mir, ich will Dich vor
Tag, und ehe bse Menschen im Thale neue Anschlge schmieden knnten, an
die andere Seite der Insel bringen, dort steht das Haus eines frommen
Mannes, das Dich schtzen wird, bis Dein Schiff diese Gegend verlassen
hat, und dann kannst Du spter nach Tahiti, wo viele Deiner Landsleute
leben, hinbergehn und dort in Sicherheit wohnen.

Mein _Bett_ mitzunehmen, mchte hier schwer werden, lachte aber Ren,
dessen leichter Sinn ihn in der Nhe des schnen Mdchens das so
freundlich um ihn besorgt war, schon ber alles Andere weggesetzt hatte,
das wollen wir lieber liegen lassen; mit dem Kopfkissen mchte es eher
gehn -- und wie ists mit den Provisionen -- soll ich die Cocosnu und
Bananen? --

Wir finden genug auf unserem Weg -- unterbrach ihn aber das Mdchen --
i und trink wenn Du _jetzt_ Hunger hast, und sorge nicht weiter.

Dann mag es sich mein Dollmetscher morgen als schwachen Beweis meiner
Erkenntlichkeit mit hinunter nehmen, lachte Ren, der alte Bursche
wird schn schauen, wenn er das Nest leer und den Vogel ausgeflogen
findet.

O sprich nicht mit so leichtem Muth ber eine Gefahr, der Du noch
keineswegs entgangen bist, bat aber das Mdchen, ich selber kann
nichts fr Deine Sicherheit thun, als Dich zu einem Andern fhren und
diesen bitten Dir zu helfen -- er ist selber ein Weier und ein Diener
des Herrn, und wird gewi Alles fr Dich thun was in seinen Krften
steht -- er ist aber doch auch nur ein Mensch, und vermag Dir keinen
anderen, als eben nur menschlichen Schutz zu gewhren.

Ein Weier? -- und ein Diener des Herrn? sagte aber Ren rasch und
nachdenkend -- ein Missionair also?

Gewi, ein Missionair, besttigte die Jungfrau -- er hat mich von
frhester Jugend auferzogen und seine Sprache und Religion gelehrt -- er
ist ein stiller, friedlicher und guter Mann.

Ren blieb nachdenkend eine kleine Weile stehn, und es ging ihm im Kopf
herum was er Alles, vielleicht in seinem katholischen Vaterland noch
bertrieben, ber die protestantischen Missionaire dieser Inseln gehrt
und gelesen, bei denen er eigentlich schon aus zwei Grnden keine
freundliche Aufnahme erwarten durfte, erstlich als entlaufener Matrose
und dann als Katholik; er war aber nicht der Mann sich vor der Zeit
vielleicht unnthige Sorgen zu machen, that er's doch nicht wenn er
selbst Ursache dazu hatte.

~Eh bien~! rief er frhlich und entschlossen -- sei es wohin es
wolle, wohin Du mich fhrst Du holdes Kind, geh ich gern, und wre es in
den Tod. Hier kann ich doch nicht bleiben, setzte er lchelnd hinzu als
er einen halb komischen halb verlegnen Blick umherwarf -- der
Bequemlichkeiten sind nicht besonders viel, und vor Tag stberte mich
doch am Ende der alte Bursche von Dollmetscher wieder auf -- also
vorwrts, vorwrts Du liebes Mdchen -- aber welchen Namen hast Du? wie
kann ich Dich nennen?

Meine Landsleute nannten mich Sadie, sagte das schne Mdchen leise --
Sadie nach einem jener freundlichen Sterne dort oben, aber mein
Pflegevater verwarf den Namen als heidnisch, und ich heie jetzt
Prudentia -- nur die Insulaner knnen das noch nicht gut aussprechen und
nennen mich lieber mit dem alten Namen.

Oh so la mich Dich auch Sadie nennen, Du holdes Kind, bat da Ren --
bist Du mir nicht auch ein freundlicher Stern geworden, der mich hier
aus meiner Trbsal hinausfhren soll? -- und wie gern folg ich ihm --
Prudentia, lieber Gott, der Name mag fr des wrdigen Mannes Mutter oder
Gattin recht gut klingen, aber Deinen Namen hinein verwandeln, Sadie,
heit die Saiten einer Harfe zerreien und Bindfaden darberspannen --
nein Sadie, leuchte mir voran, und jener Stern soll nicht genauer seine
Bahn halten, als ich der Deinen folge.

Das junge Mdchen die wohl den alten liebgewonnenen Namen auch lieber
hrte als das fremde, selbst fr ihre Zunge schwere Wort, erwiederte
nichts weiter, und wie eine Gemse von dem ziemlich steilen Hang
hinunterkletternd, und den Arm vermeidend den Ren nach ihr ausstreckte
sie dabei zu untersttzen, glitt sie auf den Boden nieder, da Ren kaum
ihren Schritten zu folgen vermochte.


Funoten:

[C] Verchtlicher Name fr einen alten Mann.

[D] ~hutupanutai~, die an den Strand gesphlte ~hutu~-Nu -- oder auch,
in der bildreichen Sprache des Stammes, der an ihre Ksten geworfene
Fremde ohne Verwandte und Freunde.

[E] Glasen, ein Schiffsausdruck, vom Stundenglas entstanden, und jetzt
die verschiedenen Schlge der Wachtuhr bedeutend, die alle vier Stunden
mit eins beginnt und jede halbe Stunde einen Schlag hinzufgt.




Capitel 4.

#Der Mi-to-na-re.#


Es war ein ziemlich langer Marsch durch eine wilde Gegend und oft durch
Dickichte, durch die er allein nie seinen Weg gefunden; an den Sternen
sah er dabei wie sie viele Umwege machten, entweder vollkommen
undurchdringliche Stellen zu umgehen, oder auch vielleicht mgliche
Verfolger irre zu fhren. Endlich erreichten sie wieder eingezunte
Gartenpltze mit Bananen, Brodfrucht, Orangen, Wassermelonen und sen
Kartoffeln bepflanzt, und als die Sonne eben ber dem, wieder vor ihnen
liegenden Meeresspiegel emporstieg, betraten sie eine freundliche
Ansiedlung wohnlicher Bambushtten, sogar mit einigen weibertnchten
Husern dazwischen, dicht in dem Schatten hoher Cocospalmen und
breitstiger Brodfruchtbume hineingeschmiegt, und von einer hohen
festen Umzunung rings umschlossen.

Ren zgerte im ersten Augenblick den Ort zu betreten -- er blieb stehen
und betrachtete forschend den kleinen freundlichen Platz, der wie ein in
sich abgeschlossenes Paradies stillen Friedens vor ihm lag. Sadie
schaute nach ihm um und frug ihn lchelnd ob er sich frchte nher zu
kommen.

_Frchten_? sagte der junge Mann leise mit dem Kopf schttelnd, wenn
ich berhaupt etwas frchtete auf der weiten Welt -- htte ich da je
diese Insel betreten?

Frchtest Du _Nichts_? sagte das Mdchen rasch und erstaunt, und
schaute zu ihm auf -- frchtest Du nicht _Gott_? --

Der junge Mann fhlte da er hier ein Feld berhrte das er vermeiden
msse -- so wenig er sich selber aus irgend einem Religionsbekenntnis
machte, hatte er doch zu viel gesunden Sinn fr Recht es in Anderm zu
achten, und er htte besonders dem holden Kind nicht durch eine rauhe
Antwort weh thun mgen -- er sagte deshalb ausweichend:

Ich sprach nicht von Gott, Sadie -- ich sprach von den Menschen -- also
hier wohnt der weie Missionair?

Hier wohnt er, wenn er auf der Insel ist, -- erwiederte das Mdchen,
durch seine Antwort vollkommen wieder beruhigt -- gerade jetzt aber
besucht er mehre andere Inseln in Missionsgeschften, aber schon seit
drei Tagen erwarten wir ihn zurck, und jede Stunde kann er wieder
eintreffen.

Also in diesem Augenblick wohnt kein Missionair auf dieser Insel? --
frug der junge Mann rasch, und wie es fast schien, erfreut. --

Kein _weier_ Missionair wenigstens, sagte die Jungfrau, aber Du
scheinst Dich darber eher zu freuen, und ich hatte geglaubt es wrde
Dich beruhigen wenn Du einen Landsmann in der Nhe wtest.

So habt Ihr auch _eingeborene_ Missionaire hier? umging der junge Mann
die halbgestellte Frage durch eine andere -- und sind die auf allen
Inseln?

Nicht auf allen, doch auf vielen -- hier aber, fuhr sie auf das Haus
deutend fort -- wirst Du jedenfalls Schutz finden bis Dein Schiff
zurckkehrt, denn von den Bewohnern dieser Insel wird es Keiner wagen
Hand an Dich zu legen, so lange Du Dich in den Mauern dieses kleinen
Wohnortes befindest -- was Deine eigenen Landsleute aber thun wenn sie
zurckkommen, wei ich nicht, doch ich frchte sie werden kaum die
Heiligkeit dieses Ortes anerkennen, obgleich sie Alle dem Namen nach
Christen sind. Mein Pflegevater hat mir oft erzhlt, da auf den
Schiffen viel bse gottlose Menschen hausen, und wir Insulaner hier
manchmal viel bessere Christen sind als jene -- aber nicht wahr, Du
gehrst nicht zu denen?

O da mag Dein Pflegevater wohl vollkommen recht haben, lchelte Ren,
denn viel _Christenthum_ darf man gewhnlich auf den Wallfischfngern
nicht suchen -- darum sind aber doch auch viel gute brave Menschen
zwischen ihnen, liebe Sadie, und ich mag leichtsinnig sein, setzte er
gutmthig hinzu -- aber schlecht bin ich doch wohl nicht. Du mut mir
das freilich auf mein ehrlich Gesicht hin glauben, denn andere Brgen
habe ich weiter nicht dafr.

Das Mdchen lchelte, vollkommen zufrieden gestellt, vor sich hin, und
jetzt zum ersten Mal seine Hand ergreifend, fhrte sie ihn durch die,
ihrem Druck nachgebende kleine Gartenpforte, durch den breiten
gutgehaltenen Gang des Gartens, und eine dichte Allee regelmig
gepflanzter Bananen oder Pisang dem Hause zu, unter deren Schutzdach
Ren die kleine, etwas wohlbeleibte Gestalt eines wie es schien
halbcivilisirten Insulaners erkannte.

Ren konnte ein leises Lcheln kaum verbergen als er die Gestalt mit
flchtigem aber forschendem Blick berflog, und fast unwillkrlich
drngte sich ihm der wunderliche Gedanke auf da der Mann, wenn ihm der
Geist und die Civilisation wirklich von oben gekommen sei, jedenfalls
noch mit den Beinen im Heidenthum stecke.

Der kleine gelbbraune Missionair sah auch in seiner halb frommen halb
wilden Tracht wirklich eigenthmlich genug aus. Er ging in bloem Kopf,
aber die sonst langen schwarzen Haare waren kurz und gottesfrchtig
abgeschnitten und zugestutzt -- ferner trug er ein weies baumwollenes
Hemd und eine weie leinene Halsbinde, mit hellgelber mit blanken
Knpfen besetzter Weste, und ber diesem Allen einen, dem Klima
keineswegs zusagenden -- schwarzen Frack. Bis soweit also war der Geist
gekommen, darunter aber fing der Heide wieder an -- der Mann konnte sich
an die christliche Religion aber nicht an Hosen gewhnen, und whrend er
um die Lenden ein langes Stck roth und gelben Kattun, der hchst
freundlich gegen den schwarzen Frack abstach, mehrfach geschlagen hatte,
trug er die Beine vollkommen nackt, und unter dem Kattun vor schauten
noch die alten heidnischen Tttowirungen frherer Zeiten, wie scheu, von
dem christlichen Kleidungsstck bedroht, hervor.

Der kleine Mann schien brigens ungemein erstaunt ber den Besuch und
auch vielleicht gerade nicht besonders erfreut, als ihm Sadie in seiner
Sprache mit kurzen Worten das, auf der andern Seite der Insel
Vorgefallene erzhlte, und ihm um seinen Schutz fr den Verfolgten
ansprach. Er hatte auch erst, wie es Ren vorkam, eine Menge
Einwendungen dagegen zu machen, und das Wort ~Mitonare~ kam sehr hufig
dabei vor, ~Sadie~ oder ~Pu-de-ni-a~ wie sie der kleine Missionair in
seinem wunderlichen Kauderwelsch statt ~Prudentia~ nannte, wute diesem
allen aber zu begegnen, und da er sonst selber wohl gutmthig und
gastfrei war, hatte er endlich nichts lnger dawider, streckte dem
jungen Mann mit einem halb freundlichen halb salbungsvollen --
wahrscheinlich abgesehenen Blick die dicke fette Hand entgegen, deren
Finger auch noch frhere Tttowirungen zeigten, und sagte in einer
Sprache die jedenfalls englisch sein sollte, aber meist immer wieder auf
tahitisch auslief.

~Gu -- day bodder -- gu day a haere mai -- gu fend here -- ehoa ino --
very gu fend --~ und dann folgte noch eine lngere Auseinandersetzung,
jetzt auf einmal in reinem Tahitisch als ob er glaubte da der Fremde,
durch die vorigen einleitenden Worte in seiner eigenen Sprache nun auch
vollkommen vorbereitet fr jede weitere Anrede in gutem Insulanisch sein
msse.

Sadie, die brigens mit halbverstohlenem Lcheln sah, wie der junge
Fremde verlegen vor ihm stand, und nicht recht zu wissen schien was er
aus dem Ganzen machen solle, bersetzte ihm schnell was der kleine Mann
gesagt hatte, und bat ihn in das Haus zu treten, sich mit Speise und
Trank zu strken und von den berstandenen Strapatzen auszuruhn.

Aber wie kann ich jetzt erfahren, frug Ren das junge Mdchen -- was
aus dem Schiff geworden ist, das schon vielleicht in diesem Augenblick
die Insel wieder, von anderer Seite, ansegelt?

Auch daran hab' ich gedacht lchelte das Mdchen -- kmmere Dich
nicht dehalb; der Knabe der uns eben verlie, geht nach der nchsten
Bergspitze hinauf, von wo er das Meer rings berschauen kann, und bringt
uns Nachricht ob das fremde Segel noch in der Nhe ist. -- Und nun in's
Haus, denn wie ich Dir schon gesagt habe, bis das Schiff zurckkehrt --
denn nur gegen Deine eigenen Landsleute knnen wir Dich nicht schtzen
-- bist Du sicher -- und selbst dann finden sich vielleicht Mittel Dich
zu verbergen setzte sie freundlich hinzu.

Der kleine Mitonare, denn als solchen hatte er sich Ren -- ~mi
mitonare~ -- ~mi mitonare~ schon selber vorgestellt -- ging ihnen jetzt
geschftig voran in's Haus, und obgleich heute wirklich ihr Sonntag
fiel[F], brachte er nichtsdestoweniger eigenhndig, erst Teller und
Messer und Gabel, die sonst wahrscheinlich nur wenig benutzt, tief in
einer Schrankecke zu ruhen schienen, und dann kaltes Fleisch, Frchte
und Cocosnumilch herbei, und lud nun den jungen Mann auf das
freundlichste ein sich niederzusetzen und nach Herzenslust zuzulangen.

Ren sah Sadie an und dann die Speisen -- er schmte sich sie zu bitten
mit ihm niederzusitzen, und doch htt' er es gar so gern gethan. Das
schne Mdchen mochte aber errathen was er wnsche, denn sie schttelte
lchelnd mit dem Kopf und war im nchsten Augenblick schon durch die
offene Thr verschwunden.

Der kleine Missionair begann nun eine Unterhaltung die Ren zu jeder
andern Zeit ungemein amsirt haben wrde, in diesem Augenblick hatte er
aber wirklich einen hchst bedeutenden Hunger, und die steten Fragen des
Kleinen, die an und fr sich schon des wunderlichen Kauderwelsch wegen
eben so viele Rthsel waren, forderten eine Theilung seiner
Aufmerksamkeit, die er jetzt weit lieber ungetheilt dem delicaten kalten
Schweinebraten und den saftigen Frchten zugewandt htte. Der Kleine
lie aber nicht nach und frug vor allen Dingen wie er selber hiee --
der Name war einfach genug, und er konnte ihn ziemlich gut nachsprechen
-- dann wie das Schiff hiee auf dem er gekommen sei, und von wo es
gesegelt wre. Er interessirte sich besonders, da er in den letzten
Jahren mit Hlfe des weien Missionairs etwas Geographie getrieben, fr
die Hafenpltze der Englischen und Amerikanischen Kste, und schien sich
ungemein zu freuen als er einen ihm bekannten Namen, Boston -- das er
brigens hartnckig ~bo-son~ aussprach -- erwhnen hrte.

Eine Hauptfrage des kleinen unermdlichen Mannes war aber zuletzt nach
des Fremden Religion und Vaterland, und Ren htte sich selber keinen
schlimmern Namen machen knnen, als da er sich ohne weiteres fr einen
Franzosen ausgab.

Wi--wi? sagte der kleine Mann etwas erstaunt, zog die Augenbrauen in
die Hh, und spitzte den Mund -- Wi--wi?[G] -- hm --

Wi--wi? sagte Ren, der diesen Ausdruck noch nicht kannte, erstaunt --
was Wi--wi? -- nicht Wi--wi -- ~frenchman~ -- ~franais~ -- ~ferani~
-- denn diesen Ausdruck hatte ihn schon Adolph gelehrt.

~Es--es~ nickte der Kleine schmunzelnd -- ~Fe--ra--ni~ -- ~Wi--wi~ --

Was zum Henker will er denn mit dem Wi--wi? -- dachte Ren -- das mu
ein besonderer Dialekt fr den Namen sein.

Viel -- viel Wi--wi's in Tahiti -- sagte der kleine Missionair wieder
-- keine Christen, Wi--wi's!

Keine Christen? rief Ren lachend -- nun ich wei doch nicht --
einige sind sicher darunter, die sich wenigstens so nennen --

~Es~, Christen nickte der unverwstliche Kleine -- aber keine guten
-- ~aita maitai~ --

Jetzt begriff Ren erst, worauf der kleine Protestantische Missionair
oder Prediger eigentlich abziele, denn dieser mute natrlich glauben,
was ihm die protestantischen Geistlichen ber die Religion der andern
Weien, die sich ebenfalls Christen nannten, und doch in ihren ueren
Gebruchen besonders so bedeutend von diesen abwichen, gesagt hatte. Er
htete sich aber wohl auf irgend einen religisen Streit einzugehen und
beschrnkte sich nur darauf ihm zu erklren, er wisse nicht was es in
Tahiti fr Christen gbe, er sei noch nie dort gewesen, in seinem
eigenen Vaterland -- was er in aller Unschuld jetzt selber Wi--wi und
zwar sehr zum Ergtzen des kleinen Mannes nannte -- gbe es aber sehr
gute, fromme Christen.

Ren htte vielleicht noch eine Masse, ihm gerade nicht gelegene Fragen
beantworten mssen, wre in diesem Augenblick nicht drauen vor der Thr
eine kleine Glocke gelutet worden und zu gleicher Zeit Sadie in der
Thr des Gemaches erschienen. Ren sprang fast mit einem Freudenruf
empor.

Das junge Mdchen sah aber auch wunderlieblich aus in ihrer neuen
Tracht, die sie der Sonntagsfeier zu Ehren angelegt hatte. Diese bestand
in einem langen faltigen Gewand, das ihr oben von den Schultern bis auf
die Knchel niederfiel, im Grtel aber von einer leichten rothseidenen
Schrpe zusammengehalten wurde; die Haare hatte sie wieder frisch mit
wohlriechendem Oel getrnkt, und die langen vollen Locken glatt nieder
gekmmt, da sie ihr bis auf die Schultern herabfielen -- aber keine
Blume schmckte sie jetzt, wo sie zu Gottes Altar treten wollte, nur
eine dnne Schnur, aus den Erhhungen der reifen Ananas geschnitten, zog
sich ihr um das Haar und die Stirn, den wilden Lockenschatz in etwas zu
bndigen. In der Hand hielt sie ein kleines Buch mit goldenem Schnitt --
ein englisches neues Testament, und das erst so wilde muthige Kind sah
jetzt so mdchenhaft fromm und schchtern aus, das dunkle Auge ruhte mit
einem so milden sanften Blick auf ihm, da er sie kaum wieder erkannt
htte, und doch war sie jetzt fast noch schner als damals wie sie, den
nackten Arm um den Baum geschlungen, von dem Felsen herab auf die
verrtherischen Landsleute niederzrnte.

Wie schn Du bist, Sadie! rief Ren fast unwillkrlich aus, und
streckte ihr seine Hand entgegen.

Nicht Sadie jetzt sagte aber das junge Mdchen und schttelte leise
mit dem Kopf -- Prudentia hei ich, denn ich gehe jetzt zu meinem Gott,
durch dessen heiliges Wasser ich den Namen bekommen habe. Aber hier mein
Freund setzte sie mit bittendem Ton hinzu indem sie die ihr gebotene
Hand ergriff und dabei dem jungen Mann zugleich das kleine Buch
entgegenhielt -- nimm das hier und lies darin, whrend wir in der
Kirche fr Dich und Dein Wohl beten wollen -- es ist ein gutes Buch und
wird Dich trsten.

Es lag etwas so rhrend Herzliches in dem Ton mit dem das holde Kind
diese Worte sprach, da Ren das Buch nahm, ihr leise die gereichte Hand
drckte und sagte --

Ich danke Dir, Sadie -- Du mut mir nun schon erlauben Dich so zu
nennen -- das andere Wort will mir gar nicht ber die Lippen -- aber Du
bleibst doch nicht lange?

Vielleicht nur zu kurze Zeit fr so schwere Snder als wir sind sagte
das Mdchen ernst und fast traurig -- aber lebe wohl und frchte Nichts
fr Deine Sicherheit; von der andern Seite der Insel sind eben Mnner
zur Kirche herbergekommen, und sie berichten, da Dein Schiff nirgend
mehr zu sehen sei -- es ist weit nach Westen gegangen und mte lange
Zeit brauchen wollte es gegen den Wind wieder nach uns aufkreuzen. --
Bleibe aber hier im Hause und zeige dich nicht den Leuten drauen; doch
darum sprechen wir nachher, jetzt darf ich nicht an weltliche Sachen
denken -- ich dachte aber auch nur Deinetwegen daran -- setzte sie
leiser hinzu und eine tiefe Rthe breitete sich ber ihre schnen so
engelsanften Zge.

Auf den kleinen Mitonare hatte der Ton der Glocke aber ebenfalls eine
fast zauberhafte Wirkung ausgebt. -- Noch im Lachen ber den Fremden
hrte er den ersten Ton derselben und, wie ein in seiner Lust von dem
strengen Blick des Lehrers ertappter Schulknabe, zog sich sein Gesicht
nicht, nein zuckte es frmlich in die alten ehrbaren Falten hinein, die
ihm dabei fast noch komischer standen, als das Lachen vorher. Er erhob
sich aber jetzt hastig, ergriff seine Bcher -- alle in der Tahitischen
Sprache durch die Missionaire bersetzt, -- und Sadie einige Worte
sagend verlie er mit dieser langsamen Schrittes das Haus.

Ren blieb allein zurck; Sadie hatte ihn heute absichtlich nicht
aufgefordert sie in die Kirche zu begleiten, was sie sonst gewi nicht
versumt haben wrde; es waren aber viele Insulaner von der andern
Seite, die gestern Theil an den Vorfllen gehabt, herbergekommen, und
sie wollte beide Partheien nicht jetzt schon wieder zusammenbringen. Der
Aufenthalt des Fremden konnte brigens, wie sie recht gut wuten, nicht
lange geheim bleiben, wenn er das berhaupt nur bis jetzt noch geblieben
war; den Frieden des Missionsgebudes strten aber, selbst die
Verhrtetsten ihres Stammes nicht so leicht, und sie glaubte den armen,
von allen Uebrigen verlassenen Fremden wenigstens hier sicher.

Ren warf sich auf eine der berall in dem hohen luftigen Gebude
ausgebreiteten Matten, und lag lange in tiefem Brten ber die letzten
fr ihn so verhngnivoll gewesenen Stunden. Er war einer sehr
dringenden Gefahr fr den Augenblick entgangen, aber kam das Schiff
zurck -- und er zweifelte kaum daran, da der Capitain desselben ihn
nun und nimmer so leicht aufgeben wrde, ohne wenigstens noch einen
Versuch zu machen ihn wiederzubekommen -- wrde er den Hnden der Feinde
auch dann entgehen knnen, und dann nicht vielleicht selbst der, bis
dahin jedenfalls zurckgekehrte Missionair ihm seinen Schutz versagen?
Es war doch wohl das beste, da er weder Schiff noch Missionair
abwartete, und so rasch als mglich die Insel zu verlassen suchte. --
Aber Sadie? -- wrde sie ihn begleiten? -- Er erschrak ordentlich vor
dem Gedanken sie zurckzulassen, und mochte sich selber kaum gestehen,
wie gewaltig die holde Kind des Waldes sein Herz schon gefesselt habe
und halte.

Das ist Thorheit murmelte er vor sich hin -- Wahnsinn, jetzt an Liebe
zu denken wo Du selber noch nicht einmal eine Sttte hast Dein Haupt
hinzulegen. Sei vernnftig Ren -- hier an die Inseln geworfen hat das
erste hbsche Gesicht was Dir in den Weg kam Dein, berhaupt etwas
leicht entzndliches Herz in lichterlohe Flammen gesetzt -- das ist ein
Strohfeuer und brennt in der ersten Wache aus.

Er sttzte den Kopf in die Hand und schlug das Buch auf, das noch immer
vor ihm lag; aber die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen; zwischen
jeder Zeile lachten die holden schelmischen, und doch so sanften Zge
des lieben Kindes heraus, und weder St. Lukas noch die Corinther
vermochten den Zauber zu lsen der seine Seele mit der wilden Gluth
pltzlicher aber gewaltig erwachter Liebe entzndet hatte.

Der Tag verging ihm langsam -- Sadie kehrte mit dem kleinen Missionair
wohl um die Mittagszeit zurck, aber es war Sonntag -- kein Lcheln
stahl sich ber ihre Zge -- selten oder nie begegnete ihr Blick dem
seinen, und die Stunden flossen ihm trge unter Gebeten und Hymnensngen
dahin.

Schon vor Tag am nchsten Morgen war er auf, badete in dem
cristallhellen Wasser der Corallenbnke, und harrte dann mit wirklicher
Sehnsucht des schnen Kindes, das aber heute lange, lange ausblieb und
sich ihm gar nicht wieder zeigen wollte. Vergebens erfrug er sie bei dem
Mitonare.

~Pu-de-ni-a?~ sagte dieser kopfschttelnd und mit seinem rthselhaften
englisch -- der Herr wei wo man das Mdchen suchen soll, wenn man sie
haben will -- ~Pu-de-ni-a ataetai~ -- wie kleine Eidechse, hier im Laub
und da im Laub -- kann sie nicht fassen -- ist weg unter den Augen.

Der Kleine schien heute brigens besonders aufgelegt zu einer
Unterhaltung, lehnte sich auf seine Matte zurck, faltete die kurzen
dicken Finger auf dem runden Magen und begann wieder auf das
herablassenste eine ganze Reihe von Fragen an den jungen Mann zu
stellen, die ihm oft kaum Zeit lieen nur den Sinn zu verstehen ehe sie
wieder, ohne die Beantwortung der ersten abzuwarten, von andern
verdrngt wurden. Er trug aber heute weder den schwarzen Frack, noch die
hellgelbe Weste mit den blanken Knpfen; selbst das weie Halstuch lag,
sorgfltig in ein Stck gelbes englisches Packpapier eingewickelt auf
einem kleinen Bcherbret, neben seinem geistlichen Schatz. Seine
Bewegungen waren aber dadurch auch freier geworden, und er schien mit
dem Frack auch den ganzen Mitonare ausgezogen zu haben.

Er war, wie er jetzt selber Ren aus freien Stcken erzhlte, noch vor
zehn Jahren ein entsetzlicher Heide gewesen, der glaubte da das hchste
Wesen ~Taaroa~ und nicht Gott hie, der sogar seinen Gtzen Frchte und
Schweinefleisch zum Opfer brachte, und Gefallen an den sndhaften Tnzen
der eingebornen Mdchen fand. ~Mitonare O-no-so-no~, Gott wei wie der
Mann in wirklichem Englisch hie, hatte ihn jedoch gerettet, sein Vater
aber und sein Grovater, und seinem Grovater sein Grovater waren alle
in der Hlle -- konnten aber nichts dafr -- waren aus Versehen hinunter
gekommen. -- Er hatte sich sogar tttowiren lassen, und als er sah da
Ren, wahrscheinlich unbewut, ein erstauntes Gesicht dabei machte, was
er vielleicht fr Unglauben nahm, lftete er mit einer halben Wendung
den Cattun, fiel aber erschrocken wieder in seine alte Stellung zurck,
und sah sich nach allen Seiten um, als Ren der sich nicht helfen
konnte, bei der Bewegung pltzlich in ein schallendes Gelchter
ausbrach.

Das htte der kleine Mann aber bald bel genommen, Ren wute ihn jedoch
wieder zu beruhigen und er begngte sich von da an ihm seine
Lebensgeschichte _ohne_ Illustrationen zu geben.

Das Mitonare sein war seiner Meinung nach ein sehr schweres Geschft --
weniger des Predigens, als des Frackes wegen -- und der viele Aerger mit
den Mdchen -- soviel junges leichtsinniges Volk -- denken immer knnen
in den Himmel kommen wenn sie lustig sind -- bah -- wissens nicht besser
-- Da in dem Buch steht Alles d'rin -- sehr gutes Buch -- ein Bischen
dick -- aber sehr gutes Buch, und viele schwere Worte d'rin. Jetzt kam
aber bald eine bse Zeit -- weie Mitonares -- vier, fnf, sechs kamen
hier herber -- sahen zu ob Mitonare rother Mann viel wei, und kleine
Kanakas ~iti--iti~ gut unterrichtet hat -- viele schwere Worte auswendig
lernen und viel Aerger mit ~iti--iti~. -- ~Pu-de-ni-a~ gutes Kind
setzte er dann hinzu -- aber ein Bischen wild -- ein Bischen sehr wild
fr ~waihini~ -- Mitonare ~O--no--so--no~ Tochter -- aber nicht Tochter
-- nur so Tochter -- und er bemhte sich dann in langer Rede und mit
groer Anstrengung dem jungen Mann begreiflich zu machen da ~Pu-de-ni-a
O--no--so--no's~ Pflegetochter sei.

Das war etwa der Inhalt seiner Unterhaltung, bei der er ziemlich allein
das Wort fhrte, und Ren allerdings nur nothdrftig den Sinn des Ganzen
verstand, indem der Alte oft mehr Tahitische als englische Worte
gebrauchte, und diese wenigen dann selbst noch auf wahrhaft grausame Art
verstmmelte.

Ren konnte es zuletzt nicht lnger aushalten -- die Sehnsucht die ihn
auf der einen Seite qulte, Sadie wieder zu sehn, und die peinlich
scharfe Aufmerksamkeit die er auf der andern genthigt war dem
Kauderwelsch des Kleinen zu schenken, wenn er nur berhaupt den
ungefhren Sinn der Rede fassen wollte, machten ihm die Unterhaltung zu
einer wahren Folter, und er benutzte die erste nur einigermaen passende
Gelegenheit aufzustehn, und in den Garten zu gehn. -- Aber Sadie war
nirgends, weder zu hren noch zu sehen.

Die Sonne stieg indessen schon ziemlich hoch, und er warf sich endlich,
als er die Gnge unzhlige Male auf- und abgelaufen, ermdet in dem
Schatten eines Orangen- und Citronendickichts nieder, von wo aus er, da
der Platz etwas erhht lag, das ruhige Binnenwasser, das die Insel
umgab und die weiter drauen von der Brandung hoch beschumten Riffe,
deutlich bersehen konnte. Dicht hinter dem kleinen Orangenhain lief die
Einfriedigung des Gartens hin, und gleich von diesem ab begannen
ziemlich steil die nchsten, dicht mit Guiaven- und Citronenbschen
bedeckten Hgel emporzusteigen.

Wohl eine halbe Stunde hatte er so gelegen, und wilde wunderliche
Luftschlsser gebaut mit trumenden Gedanken. -- O wie reizend lag seine
knftige Heimath unter den wehenden Palmen und duftigen Orangenblthen
dieser Wlder -- wie schaukelte sein Canoe so still und friedlich auf
der klaren herrlichen Fluth, wenn er Abends vom Fischfang heimkehrte --
und welch' holdes Bild stand in der niedern Thr der Bambushtte, und
winkte ihm mit dem wehenden Tuch das frhliche, herzliche Joranna
entgegen -- halt! -- das waren Schritte -- dicht hinter den
Orangenbumen den Hgel herab -- ein leichter Sprung ber den Zaun -- er
fuhr empor, und an ihm vorber scho mit flchtigen Schritten die holde
Wirklichkeit seiner schnsten Trume.

Sadie! rief er leise --

Ha! sagte das Mdchen und warf halb scheu halb erschreckt den Kopf
zurck, den die vollen dunklen Locken heut' wild umflatterten; als sie
aber ihren Schtzling erblickte frbte wieder jenes dunkle Roth, das
ihrem Antlitz einen so unendlichen Zauber verlieh, die lieblichen Zge
der Maid, und rasch auf ihn zutretend, reichte sie ihm freundlich und
zutraulich die Hand, die er fest in der seinen hielt, whrend seine
Blicke mit inniger Lust an den ihrigen hingen.

Es war aber heute ganz wieder das wilde Kind wie an jenem Tage, wo sie
wie ein zrnender Geist zwischen Verfolger und Verfolgten getreten. Das
lange Gewand von gestern hatte sie abgeworfen, und das Schultertuch
verrieth mehr von den ppigen Formen des wunderschnen Mdchens, als es
verdeckte; auch durch die Locken wand sich wieder ein dichter Kranz
duftender Blumen mit einem hochgefrbten Fern durchflochten, whrend
zwei groe weie Sternblumen in ihren Ohrlppchen staken, und die feine
Bronzefarbe der Haut nur noch mehr und reizender hervorhoben.

Wo bist Du aber nur so lange geblieben Sadie! sagte jetzt Ren mit
leisem fast zrtlichem Vorwurf.

Lange geblieben? lachte aber das wilde Kind -- lange geblieben? hab'
ich denn berhaupt kommen wollen? -- wunderlicher Mann, wie weit Du nur
wo ich berall heute Morgen schon gewesen bin -- und _Deinetwegen_ noch
dazu -- setzte sie mit leichtem Errthen und halb abgewandtem Gesicht
hinzu -- doch komm, fuhr sie rasch fort als sie mehr fhlte als sah
da er etwas darauf erwiedern wolle -- komm ich habe gute Nachrichten
fr Dich, und wir wollen indessen ein wenig zu meinem Lieblingspltzchen
auf jenen Hgel gehn.

Aber ich habe meine Waffen im Haus gelassen, sagte der junge Mann --
ich kann sie rasch holen.

Du brauchst sie nicht mehr, wenigstens fr den Augenblick nicht, hielt
ihn das Mdchen zurck -- unser Huptling selber hat mir sein Wort
gegeben, da Du unbelstigt auf der Insel bleiben sollst, bis das Schiff
wieder kommt und Dich noch einmal zurckfordert -- und selbst dann wird
er nicht streng mit Dir sein, -- wenn sie ihn nicht dazu treiben; er ist
ein guter Mann, und nur erst seit Ihr Weien uns so viel Sachen
herbergebracht habt, ohne die wir nun einmal nicht mehr glauben leben
zu knnen, ist seine Habgier geweckt, und er thut Manches, was er sonst
nicht gethan haben wrde.

Und bist Du _meinetwegen_ heute Morgen schon drben an der andern Seite
der Insel gewesen? rief Ren erstaunt, fast erschreckt aus -- Mdchen
da mut Du ja vor Mitternacht aufgebrochen und die ganze Zeit gewandert
sein, durch Dorn und Wildni, mit den zarten Gliedern.

Bah! lachte das wilde Kind und warf sich mit rascher Kopfbewegung die
Locken um die Schlfe, da die losgeschttelten Blthen auf ihre
Schultern niederfielen -- ist das der Rede werth? -- schon als kleines
Mdchen von vier Jahren hab' ich den Weg allein gemacht, und jetzt bin
ich funfzehn. -- Aber gestern durft ich ja doch nicht gehn, setzte sie
ernster hinzu, -- gestern war Sabbath und -- ich wollte doch auch nicht
da Du wie ein Gefangener im Hause sitzen bleiben solltest. -- Doch wir
wollen ja hier nicht stehn bleiben, ich bin mde und will mich setzen --
komm, sagte sie, und zog ihn nach sich, der Gartenpforte zu, durch die
sie gingen und links davon einen kleinen Hgel emporstiegen, wohinauf
ein ordentlicher Pfad ausgehauen und geebnet war.

Es lie sich kaum ein lieblicheres Pltzchen auf der weiten Gotteswelt
denken als das, wohin das schne Mdchen jetzt den jungen Mann fhrte.
-- Drei niedere Palmen, in ihren Kronen fast gleich, berhingen die
kleine Stelle, und zwar so, da die schattigen Bltter, weit nach vorn
berneigend, die Sonne auffingen, wenn sie nur wenige Stunden hoch am
Himmel stand -- der Boden war mit einem feinen wohlriechenden Fern
bedeckt, der duftende ~anei~, wie reich mit Blthen geschmckte Bsche
bildeten die Rckwand, und mehre mit Blthen berstreute und zu
gleicher Zeit von goldenen Frchten fast niedergebeugte Orangenbsche
die Seitenwnde, whrend ein breiter niederer Sitz, mit feingeflochtenen
Matten doppelt und dreifach weich berlegt, mit Bambus gezogener
Rcklehne, die weite freie Aussicht auf das blaue Meer und die
schumende Brandung der Riffe gewhrte.

Ren stand lange in schweigender Bewunderung der reizenden Scene, mit
dem schnen Mdchen, das ihn lchelnd betrachtete, an seiner Seite.

Nicht wahr, das ist ein lieblicher Platz hier auf der kleinen
freundlichen Insel? -- sagte sie endlich leise, als ob sie frchte das
was sein Herz in diesem Augenblick fhlte, zu unterbrechen.

O wunder -- wunderschn! rief Ren begeistert ihre Hand ergreifend --
ein Paradies, dem selbst die Engel nicht fehlen.

Pfui Fremder -- sagte aber das Mdchen ernst und fast traurig -- Du
mut nicht lstern, whrend der liebe Gott das Licht seiner Sonne auf
Dich niedergiet und die Wunder seiner Welt um Dich her ausgebreitet hat
-- und Du thust mir auch weh damit, und ich habe Dir doch Nichts zu
leide gethan.

Sadie -- bat der junge Mann, tief ergriffen von der einfachen,
rhrenden Natrlichkeit des holden Kindes.

La nur gut sein, sagte sie aber wieder etwas freundlicher, und
setze Dich hierher -- nein, nicht so nah zu mir -- da in die Ecke -- so,
und nun sollst Du mir eine Frage beantworten.

Sie sah ihm dabei treuherzig in die Augen, und wenn sie auch nicht
duldete da er den Arm um sie legte, lie sie doch ihre Hand in der
seinen ruhen.

Und was willst Du fragen Du holdes Lieb? --

Zuerst hei ich Prudentia, hchstens Sadie -- aber nicht anders -- aber
ja -- wie heit Du denn eigentlich?

Ren!

Ren das ist ein hbscher kurzer Name, und klingt nicht so schwerfllig
wie die anderen englischen Worte -- Ren das knnte auch der Mitonare im
Haus behalten, setzte sie leise hinzu und ein schelmisches Lcheln
blitzte ihr durch die Augen; es war aber auch im Moment wieder
verschwunden.

Und was wolltest Du mich fragen, Sadie?

Das junge Mdchen wurde in dem Augenblick recht still und ernsthaft, und
sah ihm erst eine ganze Weile forschend, schweigend in die Augen, als ob
sie dort lesen wolle, wie es selbst in seinem innersten Herz beschaffen
sei. Dann aber schttelte sie mit dem Kopf; hatte sie nicht gefunden was
sie suchte oder war sie ber sich selbst bse, und sagte jetzt, aber
noch immer keinen Blick dabei von ihm verwendend:

Ist es wahr, Ren da Du ein ~Ferani~ bist?

Wenn Du, wie ich glaube, Franzose darunter verstehst -- ja, erwiederte
Ren offen aber auch halb erstaunt ber den tiefen Ernst dieser doch
gewi hchst gleichgltigen Frage. --

Und bist Du ein Christ? frug das Mdchen ngstlich.

Ren konnte ein Lcheln kaum verbergen, er erinnerte sich aber auch
zugleich der Fragen des kleinen Mitonares und sagte kopfschttelnd:

Liebes Kind wer hat Euch solch tolle Grillen hier in den Kopf gesetzt,
da die Franzosen keine Christen wren? -- gewi sind wir Christen, wenn
Dich das beruhigen kann.

Aber habt Ihr nicht heidnische Gebruche bei Euerer Religion? frug ihn
das Mdchen jetzt dringender.

Aber Du gutes Kind, bat sie Ren, sage mir nur --

O bitte, bitte beantworte mir meine Frage treu und wahr, unterbrach
ihn aber, in fast ngstlicher Hast das schne Mdchen -- ich will Dir
dann auch mit Freuden jeder Frage Rede stehen.

Nun gut denn Sadie, Dich zu beruhigen will ich Dir jeden Aufschlu
geben, der nur in meinen Krften steht. Der grte Theil der Franzosen,
Italiener, Spanier, Portugiesen, des sdlichen Deutschlands, wie
berhaupt fast aller sdlich gelegener Vlker des Welttheils von dem wir
Weien abstammen, und von woher wir meist herberkommen, sind
_katholische_ -- die nrdlicher gelegenen Vlker, aber auch wieder mit
gewaltigen Ausnahmen, und noch bei Weitem die geringere Zahl --
_protestantische_ Christen. Wir haben jedoch _einen_ Gott und _einen_
Heiland, Jesus Christus; nur in den gleichgltigeren Gebruchen
unterscheiden wir uns von einander -- die protestantischen Priester
halten zum Beispiel die _schwarze_ Farbe fr unumgnglich nothwendig zu
ihrem Ornat -- die katholischen nehmen andere. Wir haben auch -- und ich
glaube es ist besonders das, was Dir am Herzen liegt -- in den Tempeln
unseres Gottes die Bilder frommer Mnner und Frauen aufgestellt, die in
alten Zeiten gelebt haben und fr ihren Glauben, wie der Heiland selber,
gestorben sind -- nicht aber als Gtter, sondern nur als heilige
Menschen, deren Vorbild uns anfeuern soll ihnen nachzuahmen. Wir glauben
da diese, durch ihren frommen Wandel zu Gottes Herrlichkeit eingegangen
sind, und wenn die Katholiken zu ihnen beten, so geschieht es nicht etwa
weil sie glaubten es seien dies selber gttliche Wesen, sondern nur um
sie um ihre Frsprache am Throne des Hchsten zu bitten. --

Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andre Gtter haben neben
mir ist ein Gesetz, das fr uns Katholiken so gut Gltigkeit hat, als
fr die Protestanten.

Aber Ihr theilt kleine Gtzenbilder aus und brennt vor Eueren Bildern
Weihrauch und Kerzen, sagte das Mdchen und Ren sah wie sie mit fast
peinlicher Spannung der Antwort auf diese Frage harrte.

Die Priester, mein holdes Kind, sagte Ren lchelnd, theilen unter
ihre Beichtkinder, wie sie solche nennen die unter ihrer geistlichen
Frsorge stehn -- kleine Bilder der Jungfrau Maria, des Gekreuzigten
oder selbst jener guten, spter heilig gesprochenen Menschen aus, damit
diese die Aufmerksamkeit ihrer Pflegbefohlenen von weltlichen Dingen
ablenken und auf das Heil ihrer eigenen Seelen richten sollen -- nicht
um sie anzubeten.

Und der Weihrauch? -- die Kerzen? frug das Mdchen immer noch besorgt.

Selbst das findet wohl eine sehr natrliche Auslegung, erwiederte Ren
gutmthig -- jeder vernnftige Mensch wei, da solche Sachen gerade
nicht nthig sind zu seinem Gott zu beten, aber gar Viele wollen auch
durch etwas Aeueres daran gemahnt sein, da sie in dem Hause des Herrn,
in der Nhe ihres Schpfers stehn, ihre Gedanken ganz von jedem andern
fremden, weltlichen Gegenstand abzulenken.

Und die Processionen die Ihr haltet -- den Abla den Ihr um Geld fr
Euere Snden bekommt? sagte das Mdchen wieder und verwandte keinen
Blick von seinen Augen.

Ren kam in Verlegenheit; er hatte in seinem ganzen Leben -- wenigstens
seit er die Schule verlassen -- noch nicht soviel ber die Gebruche und
den Geist seiner eignen Religion nachgedacht, als heute morgen. Er hing
dabei viel zu wenig selber an diesen Gebruchen, sich zu einer warmen
Vertheidigung derselben berufen zu fhlen, sah aber auch recht gut ein,
da die Protestantischen Missionaire seine Religion, die sich von Tahiti
aus zu verbreiten drohte, oder die auf den Inseln einzufhren von seinen
Landsleuten wenigstens schon der Versuch gemacht war, mit den
schwrzesten Farben geschildert htten.

Und die Processionen die Ihr haltet -- den Abla den Ihr um Geld fr
Eure Snden bekommt? wiederholte dringend das holde Mdchen, und legte
ihre Hand auf seinen Arm.

Ren schttelte lchelnd mit dem Kopf.

Sie haben sich groe Mhe gegeben Sadie, sagte er endlich, Dir den
Glauben so vieler Tausende in ihrem eignen Vaterlande von der
schlimmsten Seite zu schildern -- und schon das allein wre nicht
christlich, denn mir ist es fast, als ob sie vergessen htten auch der
_guten_ Seiten zu erwhnen, die doch gewi eine jede Sache hat, also
auch wohl eine Religion, in deren Glauben Millionen Menschen glcklich
gelebt haben -- und noch leben. Die Processionen sind Dir gewi als
etwas sehr Entsetzliches beschrieben, und es ist doch gewi eine
harmlose Sache, die brigens, wie ich gar nicht lugnen will, und meiner
Meinung nach auch vielleicht wegfallen drfte. Sie sind aber von den
Priestern eingesetzt, und gehst Du _Allem_ nach, mein Lieb, was die
Priester einsetzen oder anordnen, so wirst Du wohl Manches finden,
worber Du Dir auch keine Rechenschaft geben kannst -- seien es nun
protestantische oder katholische -- oder glaubst _Du_ da _Alles_, was
die Priester thun, von Gott selber anbefohlen ist?

Ach Gott, ich wei das ja nicht, sagte das junge Mdchen mit recht
trauriger bewegter Stimme.

Und was den Abla betrifft, mein Herz, fuhr Ren fort, ihre Hand
wieder ergreifend, so hat der wohl Manches gegen, aber auch Vieles fr
sich. Gott wird uns als ein allbarmherziges Wesen geschildert -- als den
allliebenden Vater denken wir uns ihn ja -- sollen wir da glauben da er
dem schwachen Menschenkinde das da sndigt, auf immer zrnt, und ist es
nicht besser wir knnen, wenn wir ber einen begangenen Fehler Reue
fhlen, glauben da uns Gott verziehen hat, in seiner unendlichen
vterlichen Huld, und wir nun wieder, mit frohem, leichtem Herzen ein
neues Leben beginnen drfen, als da wir uns Gott als einen ewig
zrnenden Richter denken, der sogar ungerecht bis hinab in's dritte,
vierte, ja zehnte Glied straft und richtet? -- Nein Sadie -- dieser
Glaube mag oft durch bswillige oder eigenntzige Geistliche
gemibraucht sein, ich will das nicht leugnen, aber es ist immer kein
_Gtzen_dienst, und wer Dir das gesagt hat, mag es vielleicht recht gut
gemeint haben, aber er bertrieb die Sache. -- War es Dein Pflegevater,
Sadie?

Nein, sagte das junge Mdchen, leise und nachdenklich mit dem Kopf
schttelnd -- mein Pflegevater ist nicht so streng und ernst, und er
hat mir oft gesagt, da unter den Franzosen auch gewi recht viel brave
und gute Menschen wren, vielleicht ebensoviel wie unter den Englndern,
nur da ihre Religion nicht die rechte sei, und das sie noch viele
Mibruche duldeten.

Und wer hat Dir denn all die schrecklichen Geschichten von uns erzhlt,
mein Lieb, lchelte Ren -- in Deinem eigenen Kpfchen sind sie doch
wahrlich nicht entsprungen.

Nein, sagte das Mdchen treuherzig -- aber auf Tahiti wohnt ein
frommer, ernster, strenger Mann -- der kommt des Jahres wohl ein- oder
zweimal auf unsere Insel herber und predigt hier -- wir frchten uns
aber alle vor ihm, denn wir drfen dann keine Blumen in den Haaren
tragen, und nicht lachen und frhlich sein, und er macht uns das Herz
dabei auch so schwer, da wir wenn er schon selbst Wochen lang fort ist,
immer noch an die entsetzlichen Strafen denken mssen die uns, selbst
nach leichtem Vergehen, in der Ewigkeit erwarten. -- Oh er ist gar so
finster, aber auch sehr fromm und er besonders hat uns vor Deiner
Religion gewarnt, und uns mit ewiger Verdammni gedroht, so Eines der
falschen Lehre lauschen wrde -- und Du bist auch Katholik; Ren?

Ich gehre allerdings zu jenen Entsetzlichen, sagte Ren fast
scherzend, als er aber den schmerzlichen Zug um des lieben Kindes Mund
gewahrte setzte er rasch hinzu -- aber frchte nicht fr mich, Du
treues Herz -- ich selber hnge nicht an jenen Gebruchen, obgleich sie
unsere Kirche verlangt, wenn ich sie auch nicht fr so gefhrlich halte,
als Deine Priester Dich gelehrt haben.

Ach das beruhigt mich recht, Ren, sagte die Maid, und prete die Hand
auf das Herz, als ob sie da alles niederdrcken wolle, was ihr jetzt
Gram und Kummer machen wolle -- und Vater Osborne sagt ja auch da
Gott so gut -- so unendlich gut sei und die Menschen Alle wie seine
Kinder liebe -- wrde er dann da so hart und grausam strafen knnen? --
lieber Gott, setzte sie mit recht treuherziger bewegter Stimme hinzu --
ich mchte ja nicht einmal ein fremdes armes Kind fr ein wenig
Muthwillen hart strafen -- vielweniger denn mein eigenes.

Und glaubst Du, Sadie, da Euch Gott ein _Paradies_ zum Aufenthalt
gegeben und Euere Wohnungen weit weit von dem Verkehr habgieriger
schlechter Menschen gelegt htte, wo sie Jahrhunderte lang die
Einfachheit ihrer Sitten und ihr Glck bewahrten, zrnte er auf Euch und
wolle Euch strafen fr den falschen Glauben? -- Sieh mein Mdchen, fuhr
er bewegter fort, als er sah wie sie ihm still und aufmerksam in's Auge
schaute -- weit ber die Welt zerstreut liegen noch viele viele Lnder,
die viel hundert Mal grer sind als alle diese Inseln -- und auf ihnen
wohnen Menschen, verschieden an Farbe, an Krperbau, an Sprache und an
Religion -- Millionen sind Christen, Millionen Muhamedaner, Millionen
was wir Heiden nennen, das heit sie haben sich ihre Gtter selber
gebildet und feiern Gebruche die wir nicht verstehen oder nicht
anerkennen, aber sie leben _alle_ glcklich -- gleich von Gottes Sonne
beschienen und seiner Hand gehalten, glcklich in ihren Familien und
ihrem brgerlichen Treiben: -- haben sie dann und wann Kriege
untereinander so knnen sie kaum je soviel Blut vergieen, als die
Christen schon unter sich des Glaubens wegen vergossen haben, und
tausende von Jahren haben sie so, rund um die Grenzen christlicher
Vlker gelebt, und Gott zrnt ihnen nicht. Gott, meine Sadie, beurtheilt
und straft oder belohnt die Menschen nach ihren Handlungen, nicht nach
ihrem Glauben, -- ihm ist der Gegenstand gleich, zu dem sich das Herz
wandte, wenn das Herz selber treu und rein und seiner Liebe voll war. Da
hast Du _meine_ Religion -- ich glaube jede bse Handlung trgt auch
zugleich ihre Strafe in sich selbst -- unser Gewissen ist der strengste,
unerbittlichste Richter, mit dem wir am allerschwersten fertig werden
knnen, und wirft uns das nichts Bses vor, dann knnen wir auch getrost
dem blauen Himmel da droben in's Auge schauen. Aber herziges Kind, la
uns mit den trben ernsten Gesprchen aufhren, ich bin ja kein
Missionair, der ber solche Sachen Stunden lang reden kann, und mchte
es wahrhaftig am wenigsten unternehmen, weder die katholische noch
protestantische Religion zu vertheidigen, und Alles was darin an
Gebruchen ist, zu rechtfertigen. -- Mit Allem was die Natur an
Reichthum und Herrlichkeit bieten kann hier ausgestattet, was sollen
uns da solche traurige Gedanken qulen.

O Sadie, ich bin in meinem Leben noch nicht so glcklich gewesen, als
in diesem Augenblick -- mir ist es, als ob erst jetzt, an Deiner Seite,
der dunkle Schleier gehoben wre, der bis dahin vor meinem knftigen
Leben in dsterer Nacht gelegen. Rastlos, und von einem innern Drang
getrieben, dem ich keinen Namen zu geben wute, jagte es mich in der
Welt umher -- die Afrikanischen Wsten und Canadischen Wlder konnten
die Sehnsucht nicht befriedigen die mich weiter und weiter drngte; als
Soldat zog ich in die Raubstaaten der Algierer -- umsonst -- als Jger
in die Felsengebirge Amerikas -- umsonst -- selbst die See versuchte
ich, und in den Eismeeren des Nordens glaubt' ich vielleicht den Punkt
zu finden, der mir nicht Rast noch Ruhe lie. Aber wie Spott klang es
mir berall entgegen, und das rohe widerliche Wesen meiner letzten
Umgebung zwang mich endlich auch zu dem letzten entscheidenden Schritt,
die mir unertrglich gewordenen Fesseln abzuschtteln -- oder darber zu
Grunde zu gehen. Da fand ich Dich, Sadie -- und ich fhle nun -- o mit
jubelnder Stimme hallt es in meinem Herzen wieder, da Du bis jetzt,
Sadie das nur geahnte, aber so hei ersehnte Ziel gewesen, dem meine
Seele entgegenstrebte. Werde mein Weib -- la uns auf dieser
freundlichen Insel, fern von den Sorgen, dem gefhllosen Treiben der
Welt, unsre Heimath grnden. -- Tief im Laub dieser Palmen versteckt,
von diesem lachenden Himmel berspannt, von diesen blauen Wogen umsplt,
an Deiner Seite, Sadie, und die Welt, die mir bis jetzt nur eine kalte
freudlose Strae gewesen, meinen Wanderstab darauf zu setzen, wrde mir
zum Himmel.

Er hatte ihre rechte Hand, die sie ihm willenlos berlie,
leidenschaftlich in seine beiden Hnde gefat, und schaute mit
leuchtenden Blicken und hochgertheten Wangen dem jungen schnen Mdchen
bittend in's Angesicht.

Sadie sa mit klopfendem Herzen und niedergeschlagenen Augen neben ihm
-- -- sie war recht ernst, ja fast traurig geworden, und schaute lange
sinnend vor sich nieder -- endlich blickte sie wieder zu ihm auf, sah
ihn mit den treuen, in einer Thrne schwimmenden Augen an, und sagte mit
leiser, kaum hrbarer, wie furchtsamer Stimme:

Und wenn Du wieder fortgingst von mir?

Nie -- nie -- Sadie! rief Ren leidenschaftlich und prete, sie an
sich ziehend, einen heien, glhenden Ku auf ihre Lippen. Sie duldete
den Ku, ohne ihn zu erwiedern, dann aber sich langsam seinem Arm
entziehend sagte sie leise:

Willst Du mir etwas versprechen, Ren?

Alles, Sadie, was in meinen Krften steht, rief Ren die Hand nicht
lassend, die er noch in der seinen hielt.

Dann versprich mir, flsterte das schne, jetzt tief errthende
Mdchen, da Du davon nicht wieder mit mir reden willst, bis mein
Vater, der Missionair zurckgekehrt ist, und -- ihre Stimme war so
leise geworden, da er die Worte kaum verstehen konnte -- mich auch bis
dahin nicht wieder kssen willst.

Sadie! --

Versprich mir das -- nicht wahr Du sagst es mir zu? bat sie dann und
schaute ihm dabei so lieb und unschuldsvoll in die Augen, da er ein
Heiligenbild zu erblicken glaubte.

Wie knnte ich Dir die erste Bitte abschlagen Sadie -- sagte er mit
tiefem Gefhl.

Da floh der fast traurige Ernst von den Zgen des Mdchens, wie die
Sonne aus trben Wolken pltzlich ber grne wogende Saatfelder bricht,
so berflog ein frohes Lcheln die engelschnen Zge.

Das ist gut von Dir, sagte sie mit inniger Herzlichkeit -- das ist
recht gut von Dir, nun knnen wir ja auch zusammen durch unsere Berge
wandeln, und Abends auf dem stillen blauen Wasser fahren, wo unten die
tausend kleinen bunten Fischchen zwischen den Corallenbschen spielen
und sich haschen -- sonst htte ich mich ja vor Dir verstecken mssen
-- setzte sie treuherzig hinzu. Und nun komm mein Freund -- Mitonare
steht schon da unten vor seiner Thr und schaut sich berall nach uns
um, er hat Dein Mahl bereitet was Du nicht im Stich lassen darfst, und
gegen Abend komm ich und hole Dich ab.

Und jetzt willst Du mich verlassen Sadie? bat Ren.

Du mut Dich jetzt schon ein Bischen mit Mitonare unterhalten,
lchelte das junge Mdchen neckisch, ich kann Dir nicht helfen -- wir
sind aber dann den ganzen Abend zusammen, setzte sie trstend hinzu und
als ob sie trotz dem Versprechen einen vielleicht zu zrtlichen Abschied
frchte, glitt sie wie ein Reh durch die Seitenbsche dieser natrlichen
Laube, und war im nchsten Moment im Dickicht verschwunden.

Ren, das Herz voll und berglcklich, sa noch eine lange Zeit an
diesem wunderlieblichen Platz, der ihm durch das neue und so gewaltig in
seinem Herzen aufgekeimte Gefhl frmlich heilig geworden war -- er
hatte ganz daran vergessen da der kleine Missionair mit dem Essen auf
ihn warte. Destomehr dachte dieser aber daran, und als der fremde
Wi--wi, wie er ihn jetzt immer schmunzelnd nannte, gar nicht kommen
wollte, schickte er seine ganze Schule nach allen Richtungen auf
Kundschaft aus, und Ren fand sich bald von drei oder vier jungen
nackten Burschen aufgetrieben, die ihm lachend und schreiend eine Masse
Zeug vorplauderten von dem er keine Sylbe verstand. Nur das dann und
wann wiederkehrende Wort ~Mitonare~ rief ihm seinen kleinen freundlichen
Wirth in's Gedchtni zurck, und er folgte der munteren Schaar, die,
rasch zutraulich geworden, ihn umsprang und umjubelte.

Dem kleinen Mitonare schien brigens ein Stein vom Herzen zu fallen, als
er seinen so hei ersehnten Gast erblickte, und er versicherte ihm, er
habe schon eine volle Stunde mit Schmerzen auf ihn gewartet, inde das
Essen wahrscheinlich kalt geworden und verdorben wre.

Mitonare war aber viel zu gutmthig bse zu werden, und als Ren nur
tchtig zulangte, und erst mit ihm scherzte und lachte, hatte er an ihm
seinen Mann gefunden; er nannte Ren den besten Wi--wi den er je gesehn
habe, und das wolle viel sagen, denn er sei schon einmal auf Tahiti
gewesen, wo sie wild herumliefen, und erzhlte ihm nun die tollsten
Geschichten aus der alten frhlichen Heidenzeit -- wie sie's hier
gehalten und getrieben htten -- natrlich damals, wie er nie verga
hinzuzusetzen, als wir noch entsetzliche Snder waren. -- Auch auf
religise Gegenstnde kam er ein paar Mal wieder zu sprechen, obgleich
die Ren, so gut das eben gehen wollte, abzulenken suchte. Am meisten
schmerzte es ihn da sein Vater in der Hlle sein mute, denn der war,
obgleich ihm die Missionaire damals sehr zugesetzt, ein hartnckiger
Heide geblieben; aus seinem Grovater schien er sich weniger zu machen.

Ren gewann brigens bald sein ganzes Vertrauen, er zeigte ihm seine
Schreibbcher und Rechenexempel, ja sogar sein allerheiligstes, das
wichtigste Dokument seines Lebens -- ein Diplom was ihm von der
Missionsgesellschaft in ~O-no~ -- wahrscheinlich London -- ausgestellt
war, und ihn hier als wirklichen Prediger in der Wste anerkannte.

Dicht neben dem Diplom lag, in der kleinen Schieblade zu der er Ren
gefhrt hatte, auch ein schmales, nicht sehr langes aber zierlich
gearbeitetes Kstchen aus Sandelholz, das er aber, als Ren's Auge
darauf fiel, rasch bei Seite zu schieben und mit daneben liegenden
Papieren zu bedeckten suchte. Dadurch wurde aber des jungen Franzosen
Neugierde rege gemacht, der es sonst vielleicht gar nicht beachtet
htte, und er drang nun darauf da er ihm zeige was so Geheimnivolles
darin verborgen sei.

Mitonare wollte erst gar nicht mit der Sprache heraus, endlich aber nahm
er das Kstchen vor, hielt es noch eine ganze Zeit lang in der Hand
whrend sein Auge fast mit einem Ausdruck von Anhnglichkeit darauf
ruhte -- und dann kam die ganze Geschichte heraus.

Mitonare war in frherer Zeit -- als er noch im blinden entsetzlichen
Heidenthum gelebt -- ein vortrefflicher und in der That der
Haupttttowirer der Insel gewesen, und dies Kstchen enthielt seine
damaligen Werkzeuge die er jetzt allerdings nicht mehr gebrauchte --
denn ~bodder Au-e~ von Tahiti hatte ihm die Augen geffnet zu was
diese abgttischen heidnischen Gebruche fhrten -- aber doch
gewissermaen noch als eine Art Reliquie, von der er sich gewi sehr
schwer htte trennen mgen, aufbewahrte. --

Trotz dem freilich, da der kleine Mann Alles aufbot seinen Gast zu
unterhalten, wre diesem doch wohl die Zeit zuletzt gar lang geworden,
denn er sehnte sich nach weit lieberer Gesellschaft; Sadie lie ihn aber
auch nicht so lange warten, und die Sonne war noch mehre Stunden hoch,
als sie zu ihnen in die Thr trat. -- Doch es war nicht dieselbe Sadie
von heute Morgen, als sie leicht geschrzt, das Schultertuch um den
nackten Oberkrper flatternd, mit wild tanzenden Locken, hochgertheten
Wangen und blitzenden Augen aus dem Dickicht sprang. Das leichte
Schultertuch hatte sie mit dem langen, mehr Europischen Sonntagsgewand
vertauscht, und wenn auch ihren Zgen dasselbe liebe Lcheln geblieben
war, schien sie doch in den wenigen Stunden ernster, gesetzter, ja lter
geworden zu sein.

Fast schchtern reichte sie dem jungen Mann die Hand, und sie gingen,
als sie bald darauf das Haus verlieen, wohl eine ganze Weile schweigend
neben einander her. Das verlor sich aber bald, Ren's leichter Sinn lie
ihn nur sein Glck, die Seligkeit des jetzigen Augenblicks fhlen und
Sadie, als sie sah da er sein Versprechen von heute Morgen hielt,
verlor bald gleichfalls jede Scheu, jedes ngstliche, sie beengende
Gefhl, und war, als sie kaum den dunklen Schatten des Waldes betreten
hatten, ganz wieder das frhliche Kind wie frher. -- Sie scherzte und
lachte, erzhlte dem Freunde tausend drollige Geschichten, beschrieb ihm
ihre frheren Tnze und Gebruche, auch das schne Tahiti drben, wo
ihre Eltern gewohnt, und wo jetzt fremde Menschen Ha und Feindschaft
geset um Gottes Willen, und fhrte ihn dabei einen schmalen Pfad
entlang, unter berhngenden Cocospalmen hin, und durch fruchtbedeckte
Guiaven, Orangen und Brodfruchtbumen nach einem anderen kleinen
Grundstck, das zu einer Art Gemsegarten eingerichtet schien, aber auch
mit einer Masse Fruchtbumen, wie ~tappotappos~, Kaffee, Zuckerrohr,
Bananen und anderen bepflanzt war.

Mit der unbedeutensten Arbeit gab die Erde hier das Hundertfache des ihr
anvertrauten Samens zurck, und Ren glaubte in seinem Leben kein
schneres, herrlicheres Land gesehn zu haben, als diese kleine Insel. O
wie gern htte er jetzt zu dem Mdchen von ihrer knftigen Heimath
gesprochen, aber als ob sie fhlte da solche Gedanken in ihm aufsteigen
mchten lenkte sie ihn rasch und geschickt wieder davon ab, zeigte ihm
und pflckte fr ihn die verschiedenen saftigen Frchte und fhrte ihn
zuletzt an den Strand hinunter, wo in einer natrlichen kleinen Bai ein
schmales langes Canoe lag. Dies bestiegen sie und fuhren hinaus in das
spiegelglatte und cristallhelle Binnenwasser, das durch die
auenherumlaufenden Riffe vor jeder eindringenden See geschtzt wird,
und so still und friedlich in nie gestrter Ruhe liegt, als diese
schnen Inseln bis jetzt selber im weiten Ocean lagen.

Ren hatte frher noch nie die Bildung dieser Corallenbume, tief unter
dem klaren Wasser, gesehn, und er traute seinen Augen kaum als sich an
mehren Stellen, zu denen ihn Sadie jetzt selber hinruderte, in
Farbenspiel und Form eine ganz neue nie geahnte Welt vor ihm erffnete.
Er konnte sich nicht satt sehn an den, mit Zauberschnelle wechselnden
Gruppen und Bildern und Sadie hatte eine ordentlich kindische Freude
darber, da es ihm so gefiel hier drauen an den Stellen, die auch ihr
Lieblingsaufenthalt waren.

Nun Dir das so gefllt, sagte sie endlich lchelnd, will ich Dich
auch zu meinem Corallengarten bringen, und Dir meine kleinen Gold- und
Silberfischchen zeigen; die darfst Du mir aber nicht scheu machen mit
der Hand oder dem Ruder, denn es sind gar furchtsame kleine Dinger. Und
whrend sie noch sprach lenkte sie das Canoe weiter den Riffen zu, ber
die tiefe, dunkelblau daliegende Seitenfahrt, in der selbst groe Boote
die ganze Insel umsegeln konnten, wieder in flacheres Wasser hinein, wo
dunkelbraune und rthlich graue Corallenbume an vielen Stellen selbst
bis zur Oberflche des Wassers emporragten, und dann wieder, von dnnen,
feineren Zweigen und Armen durchwachsen, verhltnimig tiefere Stellen
zwischen sich lieen, oder umgaben.

Ueberall wimmelte es hier von kleinen blauen, gelben, weien, rothen,
gestreiften und gefleckten Fischchen; in Schaaren und einzeln schwammen
sie herum, oft als ob ein Blitz zwischen sie eingeschlagen htte,
auseinanderschieend, wenn sie irgendwo nur Gefahr zu entdecken
glaubten, aber dann auch gleich wieder, wie ber ihre ungegrndete
Furcht beschmt, sich sammelnd und die erst unterbrochenen Spiele auf's
Neue beginnend.

Ren wollte hier mit dem Canoe kurze Zeit still liegen, dem wunderlichen
Treiben da unten zuzuschauen, aber Sadie lie ihn nicht -- nur noch
kurze Strecke, bat sie, dann sollst Du Dich satt sehn, an all den
Herrlichkeiten der Tiefe. Und das Ruder strker einsetzend, trieb sie
das leichte Fahrzeug rasch durch die, vorn am Bug leicht aufkruende
Fluth einer Stelle zu, wo ein starker Corallenzweig eben ber die
Oberflche des Wassers vorragte. Hier hielt sie pltzlich gegen und den
Zweig erfassend, rief sie Ren zu, den Stein der vorn, an einem Bastseil
befestigt, im Bug liege hier hinaus und oben auf die Coralle zu werfen.
Ren that dies, und sie brachten dadurch das Canoe frmlich vor Anker,
das nun mit der schwachen Strmung, soweit es das Bastseil gestattete,
still liegen blieb. Eine kleine Weile konnte Ren aber noch Nichts unter
sich erkennen; das Wasser war noch nicht ruhig genug, und die kleine
Fischwelt da unten, durch das pltzliche Erscheinen des Bootes gestrt
worden. Sadie legte aber den Finger auf die Lippen und sie sahen wohl
eine halbe Minute schweigend nieder.

Die Corallenbume schienen hier einen frmlichen, vollkommen dichten
Kranz zu bilden, der von unten aufsteigend, erst nach auen ein wenig
abneigte und gerade in die Hhe, an manchen Stellen bis selbst zur
Oberflche des Wassers emporreichte. Der innere Raum mochte vielleicht
zwanzig Fu im Durchmesser haben, und das Ganze glich fast einer
aufgebrochenen Riesenblume, die aus ihrem innersten Kelch bunte zackige
Fasern aufschickte.

Aber die Blume lebte -- hier und da, tief unten aus dem Kelch heraus,
kamen ein paar kleine Fischchen aufgeschossen als, wenn sie
recognosciren wollten ob die Gefahr vorber sei -- das dunkle Canoe das
mit seinem Schatten auf dem Wasser lag, machte sie vielleicht noch
mistrauisch -- aber nicht lange mehr -- sie verschwanden wieder, und
gleich darauf quoll es aus allen Winkelchen und Spalten herauf in
Schaaren und Massen -- alle Farben wild und bunt durcheinander, auf und
nieder fahrend, herber und hinber schieend.

~Eita, eita!~ rief da Sadie -- ~iti iti iti~ -- und zu gleicher Zeit
warf sie kleine Krumen indessen zerbrckelter Brodfrucht auf die
Oberflche des Wassers. Im Nu lebte dies, von allen Seiten schossen sie
herauf, fnf sechs manchmal eine etwas grere Krume fassend und damit
niedertauchend, andere an einem etwas zu groen Stck herumstoend,
ohne im Stande zu sein es zu bewltigen, und wieder andere sich mit dem
kleinsten begngend und wohl dabei fahrend.

Mit der wiederkehrenden Ruhe waren aber auch, und zugleich mit den
kleinen wunderniedlichen Bewohnern dieses eigenthmlichen Aufenthalts,
dessen Feinde zurckgekehrt. -- Zwei groe dunkelbraune Fische, mit
breiten Mulern und tckisch blitzenden Augen, wohl ganze zwlf Zoll
lang, fr die kaum zierlichen Dinger aber natrlich entsetzliche
Ungeheuer, kamen an den ueren Rand der Blume, deren Spalten zu schmal
waren sie durchzulassen, obgleich sie den schlankeren Inwohnern freien
Aus- und Einla gengend gewhrten, und schauten mit sehnschtigen
Blicken nach den dichtgedrngten Schaaren solch delikater Leckerbissen
hinber. Die kleinen Dinger schienen aber recht gut zu wissen da ihnen
der Feind hier im Innern nichts anhaben knne, ausgenommen er kam von
oben herein, und dann waren sie auch wie der Blitz in ihren
Schlupfwinkeln.

Manchmal wagte sich auch, selbst dicht unter oder ber den Feinden, ein
leichtsinniges Fischchen hinaus in's Freie, gerade als ob es das
Ungeheuer verhhnen wolle, ehe dieses aber nur im Stande war sich nach
ihm umzuwenden, obgleich das oft rasch genug ging, war jenes schon
wieder zwischen den zackigen Pallisaden hineingeschlpft, und erzhlte
nun wahrscheinlich den anderen da drinnen seine Heldenthaten.

So trieben sie hier drauen, in den Wundern dieser fr Ren jedenfalls
neuen, fast zauberhaften Welt, bis die Sonne gro und glhend in das
Meer tauchte und Stern nach Stern am reinen Himmel auffunkelte, und
Sadie erzhlte dem ihr gegenbersitzenden Freund von dem stillen Frieden
dieses Landes und dem glcklichen Leben das die Bewohner desselben
fhren knnten -- wren nicht oft bse Menschen da, die sie strten und
krnkten, und Leidenschaften in ihnen weckten, die ihnen in frheren
Zeiten fremd gewesen.

Ren htte die Nacht hindurch diesen lieben weichen Tnen lauschen
mgen, aber das Mdchen lenkte endlich, trotz seinen Bitten noch nicht
heimzukehren, das Canoe zum Lande zurck, und jetzt zwar gerade der
Wohnung des kleinen Mitonare zu, der sie schon am Ufer empfing und sie
etwas ungeduldig erwartet zu haben schien. Er that auch an Sadie mehre
Fragen in ihrer Sprache, die das Blut in ihre Wangen trieben, aber sie
antwortete ihm endlich lchelnd darauf und verschwand wieder wie gestern
mit einem freundlichen Kopfnicken gegen Ren.

Dem kleinen Mitonare schien aber heute Abend eine Menge im Kopf
herumzugehen. -- Beim Abendbrod, das sie sehr frugal aus etwas
Brodfrucht und Cocosmilch und einigen Bananen hielten, war er einsylbig
und sah Ren immer, wenn er sich unbeobachtet glaubte, von der Seite an;
nach dem Essen aber, und als gerade der Mond drauen ber die das Haus
umgebenden Palmen aufstieg, fate er den jungen Mann bei dem Arm, fhrte
ihn hinaus an den Strand unter einen stattlichen Tuituinu-Baum und nahm
ihn hier, durch ein wenig Aufregung im noch mehr gemihandelten Englisch
als gewhnlich, in's Gebet. Ren mute tchtig aufpassen da er den
Zusammenhang verstand, denn sich an einzelne Worte zu halten hatte er
lange aufgegeben, der Name ~Pu-de-ni-a~ der aber mehrfach vorkam, lie
ihn wohl ahnen was der kleine Mann eigentlich meinte, und er wollte ihm
jetzt, ber das ganze Verhltni zu dem Mdchen klaren und offenen
Aufschlu geben; er hatte ja Nichts weshalb er sich zu schmen brauchte,
htte ihn eben der kleine Mitonare nur zu Worte kommen lassen. Sowie er
aber nur den Mund aufthat rief dieser ihm sein verhinderndes ~aita aita~
dazwischen und redete dann nur noch lauter und heftiger, und er mute
ihn jetzt wohl schon gewhren lassen, bis er es von selber mde werden
wrde.

Weier Mann, sagte indessen der kleine Mitonare, aber wenigstens die
Hlfte seiner Rede im Tahitischen oder doch solchen Worten die recht gut
tahitisch sein konnten -- weier Mann kommt her und findet Brodfrucht
und Fleisch und Bananen und Cocosnsse, Yam und Kartoffeln, und Mitonare
ist freundlich mit ihm; zeigt ihm Diplom und andere Sachen, und thut gar
nicht als ob Fremder ~Ferani~ wre und an keinen Gott glaubte -- und
weier Mann hat Schutz hier vor anderen weien Mnnern. ~Tane~ ~tane
Atiu~ sind freundlicher gegen ihn als Leute von seiner eigenen Farbe,
und was thut ~Ferani~? -- geht hin und macht kleines Mdchen von
Mitonare unglcklich -- schwatzt ihr allerlei tolles Zeug vor -- aber
~Pu-de-ni-a~ ist nicht wie viele andere Mdchen auf der Insel und auf
Tahiti. -- ~Ferani~ kann Mdchen genug bekommen -- puh -- so viel, aber
nicht ~Pu-de-ni-a~. ~Ferani~ geht nachher weg und ~Pu-de-ni-a~ sitzt --
gutes Kind und weint und ist nicht mehr glcklich und alte Mann Mitonare
~O-no-so-no~ weint weil er ~Pu-de-ni-a~ weinen sieht. ~Ferani~ sollte
sich etwas schmen und wenn ~Ferani~ auch kein Christ wre, knnte er
doch darum immer thun was recht wre -- sie wren auch frher keine
Christen, nein, schreckliche Heiden gewesen, die sich tttowirt und nach
einer Trommel, und nach dem Rauschen der Brandung getanzt htten, ja sie
htten sogar ganzen kleinen, winzig kleinen Gott angebetet -- aber
darum htten sie doch thun knnen was recht wre -- und es auch gethan,
wenn sein Vater auch jetzt in der Hlle dafr wre.

Das ungefhr war der Sinn der Rede des kleinen Mitonares, obgleich diese
selber wohl ber eine Stunde dauerte; wenn aber auch Ren im Anfang
manchmal gern ber die oft wunderlich genug klingenden Worte des
Eifernden gelacht htte, sah er doch aus dem Ganzen wie lieb der kleine
Mann das Mdchen selber haben mute, und wie viel er von ihr halte, und
da nur Besorgni um sie ihn so ngstlich und eifrig gemacht habe, und
er fate endlich seine Hand, die ihm der Mitonare im Anfang aber gar
nicht lassen wollte, und sagte ihm nun Alles, wie es ihm auf dem Herzen
lag.

Er liebte Sadie und wollte sie heirathen, und hier auf der Insel bei
ihnen bleiben und Yams und Kartoffeln bauen, und Cocospalmen pflanzen --
er wollte nie nie wieder fort von ihnen gehn und weder ihn noch
Prudentia verlassen. Er erzhlte ihm aber dann auch wie er das heute
Morgen Sadie selber gesagt, und welches Versprechen sie ihm dafr
abgenommen, und da er sich fest darauf verlassen knne er wrde es
halten und Sadie, bis der alte Missionair zurckkomme, als seine
Schwester ansehen, der kein Leid geschehen solle, so lange er es hindern
knne.

Der kleine alte Mann war freundlicher und freundlicher geworden, je
nachdem er mehr und mehr begriff was der Fremde mit seinen Worten meine,
und was er beabsichtigte, als er aber erst verstand welches Versprechen
er dem Mdchen gegeben hatte, und wie er versicherte es treu halten zu
wollen, da berkam die Freude jedes andere Gefhl, er fiel dem jungen
Mann um den Hals und rieb sogar -- sehr zu dessen Erstaunen der gar
nicht wute was er aus solcher Ceremonie machen sollte -- Nasen mit ihm,
die grte innigste Freundschaftsversicherung die er ihm berhaupt geben
konnte.

Der kleine Bursche wurde aber ganz wie ausgelassen -- er erklrte Ren
-- dessen Namen er jetzt ebenfalls behalten hatte und ganz gegen seine
sonstige Gewohnheit richtig aussprach, fr den besten Wi--wi der je
einen Gtzen angebetet habe; und meinte, wenn er bei ihnen auf der Insel
bliebe, dann wolle er und der andere Mitonare und ~Pu-de-ni-a~ doch
einmal sehn, ob sie nicht aus diesem Wi--wi auch einen Christen machen
knnten, wenn das auch vielleicht schwieriger halten wrde, als einen
verheiratheten Mann aus ihm zu machen. Er wute in der That gar nicht,
was er vor lauter Lust und Vergngen angeben sollte, und es fehlte nicht
viel so htte er wirklich ein paar mal bald an zu tanzen gefangen, nur
da er sich noch immer zur rechten Zeit dabei erwischte -- das htte
sich im Leben nicht fr einen ~mi-to-na-re~ geschickt.

So vergingen Ren die nchsten drei Wochen in einem Glck, von dem er
frher nicht geglaubt htte da es eine Menschenbrust im Stande wre zu
fassen; aber nicht allein Sadie und Mitonare gewannen ihn in dieser Zeit
weit lieber, je nher sie mit ihm bekannt wurden, nein, auch die
Eingeborenen der Insel, denn das leichte frhliche Temperament des
jungen Franzosen sagte auch ihren Neigungen gerade zu; sie sahen ihn
gern, lernten ihn lieb gewinnen und der alte Knig, auer dem
hochklingenden Titel eine sehr unschuldige Persnlichkeit, die jedoch
trotzdem viel Einflu auf die brigen ausbte, wurde sein bester Freund.
Allerdings hatte ihm Ren mehrmals Geldgeschenke gemacht, was ihm des
Mannes Herz zuerst ffnete, als er aber spter mehrmals mit Sadie
hinberkam, und der alte Mann erfuhr in welchem Verhltni die Beiden
standen, und da Ren sogar beabsichtige Einer seiner Unterthanen zu
werden, da versicherte er ihn denn auch, da er ihn, falls sein Schiff
wirklich wieder zurckkommen solle, nicht mehr ausliefern werde und da
der weie Mann Capitain -- wie Raiteo als Dollmetscher bersetzte --
schon sehen solle wie sie ihm eine Nase drehen wollten. Er dachte
nmlich keineswegs daran den einmal erhaltenen, und auch in der That
schon theils benutzten, theils vertheilten Fanglohn wieder
herauszugeben.

Am komischsten betrug sich Raiteo; -- trotzdem da er frher sich die
grte Mhe gegeben hatte, des Flchtlings habhaft zu werden, ja sich
damals sogar nicht scheute Verrath zu gebrauchen, um seinen Zweck zu
erreichen und den ausgesetzten Lohn zu verdienen, so that dieser doch
jetzt, als wenn er gleich von dem ersten Augenblick an des jungen Mannes
Hauptfreund und Beschtzer gewesen wre. Er erklrte ihn auch bald fr
seinen innigsten ~tajo~ und trug wohl Sorge dabei da er Ren besonders
darauf aufmerksam machte, wie uneigenntzig er damals den Dollmetscher
zwischen ihm und den Uebrigen abgegeben habe, und wie einige kleine
Stcken Geld, selbst jetzt noch dafr ausgelegt, keineswegs zu spt
kmen. Ren war klug genug sich auch diesen Burschen, den er brigens
leicht genug durchschaute, zum Freund zu halten, und ein paar Thaler
thaten dies denn auch, wenn Versicherungen nur irgend einen Mastab fr
Raiteo's Gefhle geben konnten, auf das vollstndigste.

Ren schrieb brigens auch in dieser Zeit nach Frankreich, den Brief fr
die erste sich bietende Gelegenheit nach Tahiti bereit zu halten, ihm
einen Theil seiner noch dort stehenden Gelder unter seiner Adresse an
den Franzsischen Consul Tahiti's zu bersenden, wie ihm ebensowohl
Einfhrungsbriefe auf die Hauptinsel dieser Gruppen zu verschaffen. Wenn
er ihrer auch jetzt noch nicht bedurfte, wute er doch nicht wie sich
seine Verhltnisse in sptern Zeiten gestalten wrden, und er wollte
jetzt wenigstens nichts versumen, dem vorzuarbeiten.

Das Herz des kleinen Mitonares gewann er sich brigens noch auf ganz
besondere Weise durch den regelmigen Besuch seiner Kirche, in der er
allerdings nichts von der Predigt verstand, aber doch die Melodien der
Hymnen mit summte, und den Mitonare nur in dem Glauben befestigte, da
doch noch am Ende ein Christ aus ihm zu machen sei. Der gute kleine Mann
war viel zu unschuldig, auf den Gedanken zu kommen, da Ren einzig und
allein Sadie'ens wegen das Gotteshaus besuche.


Funoten:

[F] Diese Inseln auer Tahiti und Imeo oder Eimeo feiern den Sonnabend
statt Sonntag, da die ersten hier eingetroffenen Missionaire, die um das
Cap der guten Hoffnung gekommen waren, den Tag den sie auf 180 West und
Ost Lnge gewonnen, nicht dazu zhlten, wie sie es eigentlich thun
muten, und nun ihre eigene unterwegs gehaltene Zeitrechnung, die sie um
einen Tag zu kurz sein lie, beibehielten. Auf Tahiti und Imeo haben es
die Franzosen jetzt abgendert.

[G] ~Wi-wi~, ein Spottname dieser Inseln fr die Franzosen, nach deren
~oui, oui~.




Capitel 5.

#Das Gestndni.#


Das Einzige brigens was jetzt manchmal Sadie sowohl als auch den
kleinen Mitonare beunruhigte, war das so auergewhnlich lange
Ausbleiben des Mr. Osborne, obgleich es bei den Missionairen, wenn sie
auch ihre bestimmte und feste Wohnung haben, doch wohl manchmal vorfiel
da sie auch kleine Abstecher nach anderen Inseln machten wo keine
festen Prediger wohnten, und dann widriger Winde wegen oft lnger
aufgehalten wurden, als sie im Anfang selber beabsichtigt.

So standen die Sachen als eines Morgens, in den letzten Tagen des
Februar, ein Bursche ber die Berge herberkam und meldete, der
Missionscutter -- ein kleines Fahrzeug das sie alle gut genug auf der
Insel kannten -- sei in Sicht und halte gerade nach hierher zu. Gegen
Mittag umsegelte es auch die sdlichste Spitze der Insel, und von
Sadie's Lieblingspltzchen aus konnten sie sein Nherkommen deutlich
beobachten.

Sadie und Ren standen dort schweigend Hand in Hand -- war ihnen Beiden
aber auch wohl das Herz bervoll, denn dort in dem kleinen Fahrzeug kam
der Mann, der ihr Schicksal entscheiden sollte -- mochte ihnen doch
Keins Worte geben. Als aber der Cutter sich immer mehr und mehr nherte,
jetzt sogar in die natrliche Einfahrt der Corallenriffe, von einer
gnstigen Briese getrieben, einbog, und in dem ruhigen Wasser
pfeilschnell auf seinen gewhnlichen Ankerplatz zuglitt -- als die Segel
fielen, der Anker niederschlug und das kleine Fahrzeug herumschwingend,
kaum mehr als hundert Schritt vom festen Land der Insel ab einbog, da
sagte Ren leise, Sadie zu sich herberziehend:

Willst Du zuerst mit Deinem Vater allein reden, Sadie, oder wollen wir
ihm Beide zusammen entgegengehn? -- wie ist es Dir am liebsten? --

Ich wei es nicht Ren, -- sagte das Mdchen leise und schchtern --
ich wei es nicht -- o mir ist auf einmal so bang und weh um's Herz,
als ob ich irgend ein groes Unrecht gethan htte -- und ich bin mir
doch nichts Bses auf der weiten Gotteswelt bewut -- ich glaube ich
frchte mich meinem Vater entgegenzutreten -- und er ist doch so gut --
so unendlich gut.

Dann la mich zuerst mit ihm sprechen, Sadie, bat Ren -- la mich zu
ihm gehn -- ich habe Papiere die ihn ber meine Abkunft und Verhltnisse
beruhigen knnen -- ich bin kein gewhnlicher Matrose wie sie hier ber
diese Inseln hier und da zerstreut sein sollen; das allein ist auch die
Ursache da ich nicht im Stande war an Bord jenes Wallfischfngers
zwischen dem rohen wsten Volke auszuhalten; -- wenn er hrt wie innig
wir uns lieben, kann er ja Nichts gegen eine Vereinigung mit Dir
einzuwenden haben. Aber was hast Du? -- was erschreckt Dich so sehr, Du
ses Lieb?

Der Ausdruck in Sadie's Zgen lie sich nicht verkennen -- irgend etwas
mute sie beunruhigt haben, aber sie schttelte erst schweigend mit dem
Kopf und blickte nur scharf nach dem Cutter hinber, an dessen Seite
jetzt ein kleines Boot niedergelassen war, den zurckkehrenden
Missionair an Land zu rudern. Ren hatte auf das Fahrzeug, mit der
Geliebten beschftigt, gar nicht mehr geachtet, als er aber jetzt der
Richtung ihrer aufgehobenen Hand folgte, sah er wie vom Bord des
Schooners zwei dunkelgekleidete Mnner in die Jlle niederstiegen, statt
einem.

Kennst Du den Mann, der dort mit Deinem Pflegevater kommt? frug er das
Mdchen.

Sadie nickte langsam und schweigend mit dem Kopf und sagte endlich
leise:

Das ist der einzige Mann, das einzige Wesen auf dieser Insel, das ich
_frchte_ -- und ich wei nicht wehalb -- Er hat noch Niemandem Bses,
und Vielen schon Gutes gethan, aber er ist so ernst und streng und ich
wei nicht, aber wenn ich mir _seinen_ Gott als einstigen Richter denke,
so berluft mich's mit Fieberfrost. Feste Formeln und Gebruche hat er
dabei, von denen er nicht weicht, ja von deren Beobachtung er unser
Seelenheil abhngig macht, und nur wenn ich dann meinen Pflegevater
dagegen reden hre, ist es mir wie Trost und Linderung fr das kalte
Wort des finstern Mannes.

Das ist der Mann denn, von dem Du mir schon gesprochen, Sadie, sagte
Ren -- aber wo wohnt er? -- was thut und treibt er?

Er ist Missionair wie mein Vater, aber der rgste Feind den Deine
Landsleute auf den Inseln haben knnen -- sein Name ist Rowe und
obgleich er auf Tahiti seinen festen Wohnsitz hat, besucht er doch, als
eine Art geistlicher Oberhirt, zu Zeiten die einzelnen Inseln, ihren
Zustand zu untersuchen und an dem Sonntag wo er sich dort aufhlt, zu
predigen. Aber so lange er auf der Insel ist hrst Du kein Lachen und
Singen frhlicher Menschen, siehst keine Blume in den Haaren der Mdchen
-- selbst die Kinder frchten den Mann.

Und was kann er _uns_ schaden, Du holdes Lieb, sagte Ren -- Dein
Pflegevater allein hat Deine Hand zu vergeben, und wenn es selber dann
_Dein_ Wille ist, was kmmert uns da der stolze Priester?

Aber er wird meinem Pflegevater heftig zureden uns seine Einwilligung
zu versagen, flsterte ngstlich das Mdchen.

Dann -- Ren bi die Lippen zusammen, zwischen denen sich ihm ein
heftiges Wort herauszupressen drohte, aber er wollte dem lieben Kinde
auch nicht weh thun und sagte, rasch abbrechend: Hab guten Muth Sadie;
es wird noch Alles gut gehen und das Beste sein, da wir die beiden
Herren erst eine Weile landen lassen; der kleine Mitonare mag mich gern
leiden und wenn Dein Vater nach Dir frgt wird er schon einen gnstigen
Vorbericht fr uns ablegen. Nachher gehen wir dann grade und offen zu
ihm und sagen ihm wie lieb wir uns haben und wie wir hier bei ihm auf
der Insel bleiben und wohnen wollen und er wird uns seine Einwilligung
gewi nicht versagen.

Mache es wie Du willst, Ren, sagte das arme Mdchen leise und
schchtern -- aber ich frchte mich recht sehr, und ich wollte zu Gott
der ehrwrdige Mr. Rowe wre nur diesmal nicht mitgekommen.

Das Boot war indessen an Land gerudert, der kleine Mitonare aber, in
aller seiner Unschuld niemand Anderen als seinen Missionair, den alten
ehrwrdigen Mr. Osborne erwartend, an den Landungsplatz gegangen ihn zu
begren. Er trug sein gewhnliches weies Hemd, und das rothe
Lendentuch fest um den runden stattlichen Leichnam geschlagen, auerdem
aber noch, da er als Mitonare nicht gut im bloen Kopf in der Sonne
herumlaufen konnte, einen breitrndrigen Strohhut mit schwarzem breiten
Bande, und stand schon schmunzelnd am Ufer seinem alten Freund die Hand
mit einem herzlichen ~Joranna~ entgegenzustrecken, als er pltzlich die
zweite Gestalt im Boot zuerst berrascht bemerkte, und dann erschreckt
erkannte -- denn Mitonare hatte einen noch viel greren Respekt vor dem
finsteren geistlichen Mann, der ihm diesmal so unverhofft ber den Hals
kam, als selbst alle Kinder der Insel zusammengenommen, nur da _er_
nicht ausreien durfte, wenn ihm der fromme Mann in den Weg kam. Umdrehn
aber und in das Haus, und dort angekommen in den schwarzen Frack und
die gelbe Weste fahren, war das Werk eines Augenblicks. In beide
Kleidungsstcken kam er zuerst in das verkehrte Aermelloch, aber wie
eine gehetzte Ratte fand er zuletzt das rechte, und griff nun in wahrer
Verzweiflung das eingewickelte Halstuch von dem Bcherbrett herunter, wo
es friedlich bis zum nchsten Sabbath hatte ruhen sollen, ri es aus dem
Papier, fuhr dann mit dem Halstuch in die Tasche statt dem letzteren,
ehe er seinen Irrthum gewahrte, bekam es aber zuletzt doch noch
glcklich um, und htte nun fast, als er wieder mit einem Satze aus der
Thr hinaus wollte, das Versumte gut zu machen, die beiden geistlichen
Herren umgerannt, die, ~the reverend Mr. Rowe~ voran, inde gelandet
waren und auf die freundliche Wohnung Mitonares zuschritten.

Mr. Rowe, der brigens wohl erkannte weshalb der kleine Mann so in Hast
gewesen, denn dieser hatte in aller Eile den Hemdkragen gar nicht mit in
das Halstuch hineingebunden, begrte ihn mit einem gtigen vterlichen
Blick und Handdruck, wobei Mitonare ein Gesicht machte, als ob er seine
Hand in einem Schraubstock htte.

Nun, Bruder Ezra, sagte Mr. Osborne freundlich, als dieser zu ihm
hinantrat, und seine Hand auf das herzlichste schttelte, was Mitonare
mit ungemein gutem Willen erwiederte -- wie ist es Euch die Zeit
meiner Abwesenheit ergangen? -- immer wohl und gesund gewesen, und in
keiner Weise zu Schaden gekommen? nicht wahr ich bin weit lnger
entfernt geblieben als ich im Anfang beabsichtigte?

Ich mu hier jedoch bemerken da die Geistlichen mit dem kleinen Mann
nur in seiner eignen Sprache redeten, blos wenn sich Mr. Osborne mit
Bruder Ezra -- wie der kleine Mitonare bei der Taufe genannt worden --
allein befand, und gerade nichts Wichtiges zu verhandeln hatte, sprach
er englisch mit ihm, um ihm diese Sprache gelufiger zu machen, und
seinen etwas schweren Mund an die fremden Worte besser zu gewhnen.

Bruder Ezra antwortete auf das Befriedigenste, als aber die drei Mnner
in das Haus traten, sah sich Mr. Osborne erstaunt und vergebens nach
seiner Pflegetochter um, die ihn sonst stets fast die erste begrt
hatte, und er frug rasch, fast ngstlich nach dem Mdchen.

Mitonare htte in diesem Augenblick eben so gern seinen ganzen
Catechismus aufgesagt -- ihm sonst die schrecklichste aller
Religionsbungen -- als vor Bruder Rowe zu erzhlen was mit ~Pu-de-ni-a~
vorgegangen sei, und welcher Gast sich indessen auf der Insel
eingefunden habe. Er wute ja am besten in welcher Achtung die
~Feranis~ bei dem frommen finsteren Manne standen, und sollte er jetzt
erzhlen was hier unter seinen eigenen Augen vorgegangen war, und was er
selber geduldet hatte? denn jetzt kam es ihm auf einmal wunderbarer
Weise vor, als ob das ein entsetzliches Verbrechen gewesen wre.

Durch sein Schweigen wurde der alte Mann aber nur noch besorgter; er
glaubte jetzt wirklich es sei dem Mdchen, das er fast wie sein eignes
Kind liebte, etwas widerfahren, und als nun auch Bruder Rowe dazutrat
und Mitonare zum Sprechen aufforderte, konnte er natrlich nicht mehr
zurckhalten. Der Angstschwei stand ihm auf der Stirn, aber die ganze
Sache kam nach und nach zu Tage, und erst als er mit smmtlichen Factas
geendet hatte, fing er an den jungen ~Ferani~ zu loben, der ein wahres
Muster von einem Menschen sei und sogar als ~Ferani~ in seine Kirche
gekommen wre -- und so andchtig zugehrt htte, als ob er jedes Wort
davon verstnde. Er erwhnte auch des Versprechens das ihm ~Pu-de-ni-a~
abgenommen, was er ja auch als Hauptentschuldigung fr sich aufstellte,
und Mr. Osborne der den Charakter des Mdchens kannte, athmete leichter
als er dies hrte.

Bruder Rowe's Zge hatten sich aber indessen mehr und mehr verfinstert
-- schon als er hrte da ein, von einem Wallfischfnger entsprungener
Matrose auf der Insel geblieben und nicht wieder von seinem eigenen
Schiff mit fortgenommen sei, horchte er hoch auf, und als es nun gar
herauskam da es ein Franzose sei, der schon in aller Geschwindigkeit
ein Liebesverhltni mit der Adoptivtochter des Geistlichen angesponnen
habe, sah man es ihm ordentlich an da er sich Mhe geben mute seinen
Groll und Zorn zu bemeistern. Vergebens waren jetzt Bruder Ezra's
Psalmen, die er dem jungen Franzosen sang, vergebens selbst Mr. Osbornes
Einwurf, da man jedenfalls erst einmal den jungen Mann sehen und
sprechen wolle -- er war Matrose eines Wallfischfngers und Franzose --
also Katholik, und ein richtiger Missionair der Sdsee Inseln hat
nichts auf der Welt -- selbst den Teufel wohl kaum ausgenommen --
herzlicher, als diese beiden Individuen.

Sein Urtheilsspruch war auch ohne weiteres gefllt -- ehe das Uebel
tiefer griff, muten schnelle Maregeln dagegen ergriffen werden, und er
wollte jetzt selbst ohne weiteres zu dem Huptling hinbergehn und mit
diesem das Nthige dazu besprechen. Der Huptling oder Knig brauche ihm
nur zu gebieten die Insel zu verlassen, so msse er dem Befehl Folge
leisten, und Gelegenheit habe er jetzt gerade am besten in dem kleinen
Schooner, der in einigen Tagen wieder mit ihm nach Tahiti zurck
sollte. Weigerte er sich aber dem Befehl Folge zu leisten, so war nichts
einfacher als ihn als Gefangenen mit fortzunehmen, und an den
franzsischen Consul in Papetee auszuliefern. -- Diese Inseln standen
unter englischem Schutz, und es war ihnen von der englischen Regierung
versprochen sie gegen jede Aufdringlichkeit, besonders von franzsischer
Seite, zu schtzen, wo man berdies nicht einmal wissen knne, ob da
nicht am Ende gar irgend ein heimlich gehaltenes Missionswesen der
Verbreiter papistischer Gruel dahinter stke. Andererseits wrde aber
auch die franzsische Regierung, die gerade erst ganz krzlich ihr etwas
gewaltsames Protectorat angetreten, Alles vermeiden, mit anderen
Mchten, noch dazu eines entsprungenen Matrosen wegen, in Collision zu
kommen. Fr sie hier war es aber gerade in dieser Zeit von hchster
Wichtigkeit jenen papistischen Propaganden, die sich ber smmtliche
Inseln zu verbreiten suchten, entgegen zu arbeiten. Das Volk dieser
Inseln sei viel zu empfnglich fr ueres Geprnge, nicht der Gefahr
ausgesetzt zu sein von dem Flitterstaat der katholischen Religion
bestochen zu werden, und nicht allein Jahre lange Anstrengungen und
Arbeiten, nein auch die Seelen der Unglcklichen wren dann verloren fr
immer.

Aber nicht allein in religiser, nein auch in moralischer Beziehung sei
es Pflicht der Geistlichen dahin zu wirken diese schlimmsten aller
Vagabunden, flchtige Seeleute, von sich entfernt zu halten. Auch Bruder
Osborne wisse recht gut, wie gerade diese Menschen dem wohlthtigen
Wirken der Missionaire stets feindlich entgegengetreten wren, selbst
wenn sie denselben Glauben mit ihnen hatten; wie viel schlimmer war es
jetzt, wo solche Menschen auch sogar noch in ihrem Glauben eine, ihrer
Meinung nach vielleicht vollkommen gengende Ursache fnden, Unfrieden
zwischen dem Geistlichen und seiner kleinen Gemeinde zu sen?

Fr den _Vater_ sei es auerdem besonders dringende Pflicht, sein
angenommenes Kind vor Verfhrung zu schtzen und ihr Herz zu wahren vor
den Eindrcken, die bei einer solchen unnatrlichen Verbindung
unvermeidlich wren. -- Das war _seine_ Meinung ber die Sache, und er
hoffte Bruder Osborne wrde mit ihm hierin vollkommen harmoniren. Es sei
nthig da sie zusammenstnden, in dieser jetzigen Zeit des Trbsals, um
des Glaubens willen.

Er hatte zuerst die Absicht gehabt den Knig _morgen_ zu besuchen, aber
im Dienste Gottes gbe es keine Ruhe noch lssiges Verschieben, und er
wolle deshalb gleich dorthin aufbrechen, ihn mit sich herber zu
bringen. Da er die Einwilligung desselben, oder vielmehr den Befehl
fr den Flchtling erhalten wrde, mit erster Gelegenheit die Insel
wieder zu verlassen, verstand sich von selbst, und er zweifelte daran
nicht im mindesten.

Mr. Osborne ersuchte ihn jetzt noch einmal, den Fremden wenigstens erst
einmal rufen zu lassen und mit ihm zu sprechen, da sie mit eigenen
Augen shen zu welcher Klasse von Menschen er gehre. -- Bruder Rowe's
Entschlu war gefat, und da er, durch seinen langen Aufenthalt zwischen
diesen Inseln als Missionair, sich daran gewhnt hatte unbedingt zu
befehlen, indem seine Stimme fr das Wort und den Willen des Herrn galt
-- ja da er die feste Ueberzeugung hatte da alle diese Tausende von
Insulanern nur durch ihn und die wenigen andern Geistlichen einer ewigen
Qual entrissen, und der Seligkeit zugefhrt seien, ihm also mehr als ihr
Leben, ihr ganzes einstiges Heil danken muten, so verstand es sich wohl
von selbst da er auch die weit geringere Leitung ihrer weltlichen
Angelegenheiten wenn auch nicht gerade fhren, doch in die Bahn leiten
konnte und durfte, die er als die richtige bestimmte.

Er beorderte jetzt ohne weiteres -- denn ihre Mahlzeit hatten sie schon
an Bord eingenommen -- zwei Eingeborene, ihn in einem kleinen Boot, das
er schon mehrfach dazu benutzt hatte, um die Insel hinum zu rudern,
denn es fiel ihm nicht ein den langen Weg zu Fu zu gehn. -- In diesem
wurde ein schmales Sonnendach aufgespannt, und eine Viertelstunde spter
scho das kleine scharfgebaute Fahrzeug, von den krftigen Armen der
Insulaner getrieben, pfeilschnell ber das spiegelglatte Binnenwasser,
von der Strmung jetzt noch berdies begnstigt hin, und war in kurzer
Zeit um die nchste vorragende Landspitze verschwunden.

Ren und Sadie hatten indessen mit freudigem Staunen die rasche Abreise
des finstern Mannes gesehen, die sie irgend einer Ursache in seinem
geistlichen Wirken zuschrieben, und sie beschlossen nun auch ohne
weiteres hinunter zu Mr. Osborne zu gehn, ihm Alles zu erzhlen und ihn
um seinen Segen zu bitten.

Mitonare war brigens indessen, nur erst einmal der beengenden Gegenwart
des ~bodder Au-e~ enthoben, nicht mig gewesen Mr. Osborne den jungen
Fremden von der besten Seite zu schildern. Natrlich lag in diesem Lobe
ein groer Theil Eigennutz verborgen, denn es mute ja auch einzig und
allein seine Entschuldigung sein, da er Prudentia's Umgang mit ihm
berhaupt geduldet hatte. Solcher Art war er denn noch emsig damit
beschftigt, und Mr. Osborne sa gar ernst und sinnend vor ihm in
seinem Lehnstuhl, den rechten Ellbogen auf die Lehne und das graue
Haupt in die rechte Hand gesttzt. Es schien ihm recht weh und trb um's
Herz zu sein.

Da traten die beiden jungen Leute in die Thr, und Sadie blieb erst
einen Augenblick schchtern in der Ferne stehen; als er aber den Blick
zu ihr aufhob, und sie in das liebe ehrwrdige, jetzt so kummerschwere
Antlitz schaute, da flog sie, wie in alter Zeit auf ihn zu, barg ihr
Gesicht an seinem Herzen und rief:

Mein lieber, lieber Vater!

Mein liebes, liebes Kind! sagte der alte Mann und kte das fest an
ihn angeschmiegte Haupt des schnen Mdchens -- was habt Ihr denn hier,
unter der Zeit meiner Abwesenheit fr bse, bse Streiche getrieben?

Es lag eine so innige Zrtlichkeit in dem Ton mit dem er diese Worte
sprach, und nur ein so leiser -- von jedem Verdacht freier Vorwurf, da
sich Sadie nur fester gegen seine Brust prete, aber ihre Hand zurck
nach Ren ausstreckte, diesen herbeizurufen und zu ihrem Vater zu
bringen.

Der alte Mann, der wohl auf den ersten Blick sah, da er keinen
gewhnlichen Matrosen vor sich habe, grte den, sich ihm jetzt offen
und vertrauensvoll nhernden jungen Mann freundlich, winkte ihm einen
Stuhl zu nehmen, den Mitonare indessen mit groer Bereitwilligkeit
herbeigebracht hatte, und bat dann Ren, was er ihm zu sagen habe, ihm
ohne jeden Umschweif, mit jedem Vertrauen zu erffnen -- er habe
Prudentia als sein Kind angenommen, und von klein auferzogen als ihre
Eltern gestorben waren und die kleine Waise allein zurckgelassen
hatten, und hege dieselben Gefhle noch jetzt fr das erwachsene
Mdchen, als ob sie seine eigene leibliche Tochter sei. Er wolle auch
nur ihr Glck, mchte das aber gesichert wissen da es keins der
gewhnlichen Mdchen der Eingeborenen sei, sondern eine fast Europische
Erziehung genossen habe und dabei auch vielleicht jetzt tiefer fhle,
besonders andere Ansichten ber die Ehe habe, als sie in diesen Gruppen
bei ihren Landsmnninnen wohl meist gefunden wrden.

Ren verlangte Nichts mehr; er erzhlte zuerst dem alten Mann, so
gedrngt als mglich, seine ganze Lebensgeschichte, schilderte ihm, so
treu er es selber vermochte, seinen ganzen Charakter, was ihn in die
Welt, was ihn zuletzt an Bord eines Wallfischfngers getrieben habe, von
dessen ganzen Wesen und Treiben er frher keinen Begriff gehabt, und wie
er auf dieser Insel sich jener Existenz zu entziehen gesucht und hier
Sadie'en gefunden und lieben gelernt habe. Er zeigte ihm dann die
Papiere die er mit sich fhrte -- und Mr. Osborne verstand nicht allein
das Franzsische sondern sprach es auch sehr gelufig -- erklrte ihm
da es sein fester Wille sei sich hier auf einer dieser Inseln, am
liebsten auf dieser, niederzulassen, und bat den alten Mann ihm Sadie,
die er in der kurzen Zeit seines Aufenthalts recht von Herzen lieb
gewonnen habe, zum Weib zu geben. Er wollte sich dann bei ihnen seine
Heimath grnden, und Mr. Osborne solle einen guten Sohn und Nachbar an
ihm finden.

Sie sind Katholik? frug ihn der alte Mann, als Ren schon eine ganze
Zeit lang geschwiegen und er ihn indessen mehr sinnend als forschend
betrachtet hatte.

Des jungen Mannes Antlitz rthete sich ein wenig, als er erwiederte:

Lieber Herr, Sie haben gewi genug von der Welt gesehn, zu wissen wie
es mit der Religion unter jungen Leuten meistens steht. -- Ich bin
allerdings als Katholik erzogen, und die Meinigen waren smmtlich,
einige sogar sehr strenge Katholiken, ich selber mu Ihnen aber
aufrichtig gestehn, habe mich nie streng an die Gebruche weder meiner
noch einer andern Sekte gehalten, und Sie knnen berzeugt sein, da ich
nie daran denken wrde Jemanden zu meinem Glauben berreden zu wollen.
Sadie ist in dem ihren aufgewachsen und ein so liebes, braves Mdchen
geworden, sie wird ihm auch treu bleiben, und ich wre der Letzte sie
darin zu stren. Was mich selber betrifft, so suche ich recht zu thun,
und hoffe dann mit meinem Gott schon fertig zu werden -- er allein wei
ja auch nur, wer den _rechten_ Glauben hat. Sie werden aber auch nie
finden, da ich ber den Glauben eines Andern spotte -- ein Jeder hat
ein Recht zu seiner Meinung.

Der Missionair hatte nun allerdings gar sehr verschiedene Ansichten ber
Religion, aber Ren gewann sich doch durch diese Offenheit sein Herz,
denn keineswegs gehrte er zu jener stolzen Priestersekte die, ihr
Religionspanier in der gehobenen Rechten, das Volk vor sich auf die Knie
werfen und so lange damit fortschreiten bis sie zuletzt ganz zu
vergessen scheinen da das Volk eigentlich vor dem Panier und nicht vor
ihnen kniet. Aber der alte Mann hatte doch noch andere und recht ernste
Bedenken, und je mehr er den jungen lebensfrischen Mann da vor sich
stehen sah, so viel schwerer ward ihm das Herz; aber er wollte das Alles
nicht vor der Tochter aussprechen, und bat also das Mdchen auf kurze
Zeit das Haus zu verlassen, er habe mit dem jungen Mann etwas allein zu
reden.

Sadie war ein viel zu folgsames Kind auch nur mit einem Blick zu zgern
-- sie kte des alten ehrwrdigen Mannes Hand und verlie dann rasch
das Zimmer.

Der alte Mann sa, schon als die leichte Bambusthr lange hinter ihr
zugefallen war, noch viele Minuten schweigend da, als ob er selber nicht
rechte Worte fr das finden knne was er sagen wolle.

Lieber junger Freund, begann er endlich, Sie sind frei und aufrichtig
gegen mich gewesen, und ich will Ihnen Gleiches mit Gleichem vergelten;
Sie werden mir deshalb auch Nichts bel nehmen, was ich zu Ihnen sage,
denn Gott wei es, es geschieht sowohl zu Prudentia's als Ihrem eigenen
Wohl. Sie sind, wie ich aus Ihren Papieren gesehn habe, von guter
Herkunft, in dem gebildeten, geselligen Leben Europas erzogen, an
Europische Sitten, an ein Leben gewhnt, das Ihnen _mehr_ bietet als
nur einfach Essen und Trinken und ein einzelnes Wesen dem Sie sich
anschlieen knnen -- mgen Sie dies noch so sehr lieben. Die Beweise
haben Sie selber in ihrem unsteten Leben; weder in Afrika noch Amerika
fanden Sie was Sie suchten, d. h. das was das Bedrfni Ihres Herzens
und Geistes befriedigen konnte -- die rohe Gesellschaft des
Wallfischfngers trieb Sie sogar zu einem verzweifelten Schritt, bei dem
Sie lieber Ihr Leben einsetzen, als in jenes Verhltni zurckkehren
wollten. Sie fanden hier, gerade in Ihrer grten Gefahr, auf hchst
romantische Weise ein junges reizendes Mdchen, dessen liebe regelmige
Zge, dessen Gestalt zuerst ihre Leidenschaft weckte, und dessen
Unschuld und Liebreiz, als Sie dasselbe nher kennen lernten, Ihr Herz
gewannen. Scenerie und Umgebung, selbst sogar die verschiedene Farbe und
Abstammung des Mdchens trug dazu bei, den Reiz in Ihrem eigenen
jugendlichen Herzen zu erhhen. Unser herrliches Klima, die tropische
Vegetation, das stille blaue Meer, ja das ganze Stillleben unseres
lauschigen Pltzchens hier bestach Ihre Sinne mehr und mehr, und Sie
glauben jetzt -- ja Sie sind fest berzeugt davon, da Sie in dem
Mdchen und dieser Insel das Ideal Ihres Lebens gefunden, das Ziel Ihres
ganzen Strebens und Drngens erreicht haben. -- Wenn Sie sich aber nun
irren? -- Ich wei was Sie sagen wollen -- Sie folgen dem Drange Ihres
Herzens und frchten nicht da Sie dieses irre fhrt, aber hren Sie
mich ruhig darber an. Sie sind jung, das Leben liegt noch offen vor
Ihnen -- ich bin alt, meine Bahn ist bald durchwandelt, -- Sie haben die
Hoffnung, ich die Erfahrung, und drei und zwanzig Jahre meines Lebens
hab' ich auf diesen schnen Inseln zugebracht. In dieser Zeit habe ich
aber auch viele viele Leute kommen und gehen, habe Hoffnungen und Trume
aufblhen und verwelken sehn und wei was ein Mann in Ihren
Verhltnissen hier zu finden _glaubt_ -- und was er _findet_.

Jetzt ist Ihnen noch Alles neu -- die Palmen selber, die ganze
tropische Vegetation bt einen Reiz auf den Neuankommenden aus, dem er
selten, wenigstens in seinem ersten Andrang, widerstehen kann; nur
wenige Jahre fhren aber darin eine gewaltige Aenderung herbei, denn das
Herz, besonders das junge Herz bedarf einer Vernderung, bedarf eines
Reizes fr seine Thtigkeit, wenn es nicht erschlaffen oder in neuem,
dann aber recht schlimmen Schmerz vergehn soll. Viele, sehr viele
Europer haben sich besonders in den letzteren Jahren hierher gezogen,
die aber von ihnen, die wirklich hier geblieben sind, waren schon ltere
Leute und brachten auch meistens ihre Familien, die ihnen an Stand und
Erziehung gleich waren, mit sich. -- Fast alle diese kamen hierher, ein
Geschft zu treiben und sich ein Vermgen zu erwerben, und sie werden
meist Alle wieder, wenn ihre Kinder erwachsen sind, nach Europa
zurckkehren. Dorthin passen sie auch -- ihre Frauen stammen selbst von
dort, und sehnen sich nach dort zurck, und sie lassen dann Nichts hier
zurck, als eine freundliche Erinnerung; die Fasern ihres Herzens haben
nicht zwischen den Palmen und Bananen Wurzel geschlagen.

Sehr viele von ihnen haben auch Indianische Mdchen geheirathet -- die
ersten und hbschesten die ihnen begegneten -- auf allen Inseln
zerstreut finden Sie solche Beispiele; aber es sind das fast nur einzig
und allein rohe Matrosen, denen das mige Leben zusagt, die sich auch
in ihrem Vaterlande in keinen anderen Zirkeln bewegt haben, als wo das
materielle Wohl ihr Hauptziel und Streben war, und selbst diese
verlassen gewhnlich, nach einer lngeren Reihe von Jahren, ihr leicht
genug angetrautes Weib und die mit ihr gezeugten Kinder -- selbst diesen
gengt zuletzt nicht mehr diese tropische Ruhe, und sie sehnen sich nach
Abwechselung, nach einer Vernderung ihrer Verhltnisse, sollten sie
diese auch wieder mit harter Arbeit ja sogar dem frheren Leben erkaufen
mssen.

Auf Tahiti haben Sie einige wenige Beispiele unter Ihren Landsleuten,
die sich mit Tahitischen Mdchen wirklich verheirathet haben; jetzt sind
diese Frauen jung und schn, sie knnten sie nach Europa zurckfhren
und vielleicht stolz darauf sein -- wenn Sie das Gefhl einer etwas
wunderlichen und bizarren Eitelkeit so nennen wollen -- werden sie aber
alt -- und weibliche Krper blhen und verblhen in unserem tropischen
Klima so rasch wie unsere ppige Pflanzenwelt -- dann ist das vorbei.
Sie knnen keine alte Indianische Frau nach Europa bringen, sie dort in
Ihre Kreise einzufhren. -- Sie mchten das auch nicht, denn Sie wten
recht gut, wie Sie hinter Ihrem Rcken dem Gesptte der Menge, die die
nheren Beweggrnde nicht kennt und nicht achtet, verfallen wrden. Und
wollen Sie das Wesen, das sich an Sie angeschlossen hat und mit Herz und
Seele an Ihnen hngt nicht unglcklich und elend machen, so mssen Sie
_bei_ ihm und hier auf den Inseln bleiben, und Unmuth und Sehnsucht nach
einem andern Leben zehrt dann an Ihnen weit schlimmer und gewaltiger,
als es an dem _jungen_ Herzen gethan. Dem lag die Welt noch frei -- es
konnte noch dem ersten Drange folgen, ob ihn der auch gleich manchmal
irre fhrte, jetzt aber ist das vorbei -- die Mglichkeit frei zu
handeln ist genommen, und nur der Drang selber geblieben, der dann wie
ein ewiger Wurm an Ihrem Herzen nagt.

Ich spreche nach mehren Beispielen, die ich selber kenne, junger Mann,
und die innige Liebe auch, die ich fr Prudentia fhle, macht mich
besorgt, ihr ein solches Schicksal ersparen zu wollen. Prudentia ist,
wie ich Ihnen schon gesagt habe, und wie Sie auch selber, nach einem
Zusammensein mit ihr von mehren Wochen gewi finden muten, keins der
gewhnlichen sinnlichen Mdchen dieser Inseln, die sich dem Ersten
Besten, ohne Arges dabei zu denken, hingeben, und gar nichts anderes
erwarten, als da er sie, sobald er ihrer mde ist, wieder verlt. Ich
frchte im Gegentheil, Sie haben Prudentia's Herz schon zu sehr
gewonnen; jetzt wre aber doch noch vielleicht eine Trennung mglich. --
Sie wrden Beide an diese Zeit wie an einen schnen Traum zurckdenken,
von dem es das Herz nur eine kurze Zeit schmerzt -- da es eben nichts
weiter als ein Traum war; aber Sie knnen Beide auch dadurch vielleicht
einem verfehlten Lebensziele entweichen, das dann spter _nicht_ mehr zu
ndern wre, und leider fr _Beide_ auch verderblich werden mte.

Ich bin fest davon berzeugt, da Sie in diesem Augenblick Prudentia
mit aller Leidenschaft einer innigen, vielleicht gar ersten Neigung
lieben -- aber wird der alte Hang eines unstten Lebens, das in dem
Herzen nur erst eingewurzelt, gar so leicht verderblich werden kann,
diesem Herzen in dem Stillleben unserer Inseln Ruhe und Frieden lassen?
-- Unsere Palmen sind grn und herrlich -- aber so wie sie dort stehn,
stehn sie das ganze Jahr -- kein gilbendes fallendes Blatt, keine
Schneedecke, keine auskeimenden wachsenden Knospen geben ihnen im
nchsten Frhjahr immer wieder denselben Reiz. -- Unsere Bume sind mit
Frchten bedeckt -- aber die Blthenzeit fehlt uns -- wir brauchen die
Frucht nie zu erwarten -- zu erhoffen -- sie hngt voll und reif am
Baume, whrend heimlich, von uns kaum bemerkt, andere indessen
nachblhen und nachwachsen, die fehlenden immer wieder zu ersetzen und
die Pltze der niederfallenden auszufllen. Wir kennen auch hier nicht
die Sorgen und Mhen des Lebens -- das Salz jedes gesellschaftlichen
Verkehrs, durch das eine _erworbene_ Existenz erst ihren ganzen uns
beglckenden Reiz gewinnt -- wir stehen Morgens auf und essen und
trinken und legen uns Abends wieder schlafen. Nachrichten von der
ueren Welt dringen nur selten zu uns, und wie sie kommen wre es fast
besser sie blieben ganz aus, denn anstatt zu befriedigen lassen sie,
selbst in dem Herzen der Aeltesten von uns, eine Leere zurck, die wir
vergebens auszufllen suchen.

Wollen Sie nun, mit Ihrem jungen thatkrftigen Herzen in dieses
felsenumgrtete Thal, aus dem es keine Rckkehr fr Sie giebt,
hinabspringen? -- schauen Sie um sich her, junger Freund -- noch stehn
Sie oben -- noch liegt die ganze brige Welt ausgebreitet vor Ihren
Blicken -- haben Sie _nichts nichts_ mehr darin was auch nur den
geringsten Anhaltepunkt an Ihr Herz htte? -- bedenken Sie, bei einem
sinkenden Schiff kann das kleinste, unbedeutenste vergessene Tau das
Boot, auf dem sich der Schiffbrchige sonst vielleicht sicher den Wellen
anvertrauen knnte, rettungslos mit in den Abgrund ziehen.

Der alte Mann schwieg, und eine Thrne zitterte in seinem Auge; ernst
und forschend schaute er dabei den jungen Mann an, und es war, als ob er
seine innersten Gefhle ergrnden wollte, ehe sie auf die Lippen kmen
-- ja wahrer als sie der Mund vielleicht auszusprechen vermchte. Ren
begegnete aber, zwar gerhrt, doch fest entschlossen dem Blick, und
erwiederte endlich mit weicher Stimme:

Sie verstehn es, alter Herr Einem Herz und Seele zu fassen, mit Ihren
Worten, aber ich springe getrost hinab in das Thal, denn da oben blht
fr mich kein Glck, keine Freude mehr. Die Meinen sind todt oder
schlimmer als so -- ich stehe eine Waise in der Welt, weder Bruder noch
Schwester leben, die Ansprche auf meine Nhe machen drften; Alles was
mein Herz sonst htte binden knnen, ist fr mich verloren, und stieen
Sie mich _jetzt_ wieder kalt und erbarmungslos in die Welt zurck, ich
mte rettungslos untergehn -- und wre recht recht elend. Auch Sadie
hngt mit inniger Liebe an mir, und ihr Herz ist nicht geschaffen einmal
zu lieben und so leicht wieder vergessen zu knnen -- wollten Sie auch
aus _ihrem_ Herzen diese erste Neigung reien? -- Sie haben Sadie zu
lieb dazu wenn ich selber Ihnen auch gleichgltig sein mte. Aber --
ich kann mich auch irren, brach er dann pltzlich ab -- ich tusche
mich vielleicht selber in Sadie's Herzen, und ihre Neigung wre eines
Rckschrittes fhig. -- Sprechen Sie selbst mit Ihr, werther Herr --
fragen Sie das Mdchen selber, und halten Sie unsere Vereinigung fr
gefahrbringend fr _sie_, und glaubt Sadie da sie mir jetzt noch ohne
groen Schmerz entsagen knne -- dann beim ewigen Gott will ich nicht in
den Frieden dieses stillen Thales getreten sein, Thrnen und Kummer zu
sen, dann sollen Sie finden da ich auch im Stande bin zu _entsagen_,
und wenn mir das Herz darber brche; kein Wort des Unmuths -- keine
Klage soll ber meine Lippen kommen, das erste beste Canoe mich zu einer
anderen Insel -- aus ihrer Nhe fhren.

Er war aufgesprungen und seine Mtze ergreifend wollte er das Zimmer
verlassen, der alte Missionair streckte ihm aber die Hand entgegen und
sagte mit herzlichem, bewegtem Tone:

Das ist recht brav und ehrlich von Ihnen gehandelt, junger Mann, und
ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe auch, seit dem ersten Augenblick wo
ich Sie sah, noch nicht einen Augenblick daran gezweifelt da Sie Alles
so auch _fhlten_, wie Sie es dem Mdchen vorgesprochen. Ich kenne
brigens Prudentia, oder wenn Sie denn lieber wollen, Sadie, viel zu
gut um bei ihr langer Rede zu bedrfen, in wenigen Minuten haben Sie
meine Antwort, treten Sie indessen hier in das nchste Haus -- das
Fenster ist fast so niedrig wie eine Thr -- aber glauben Sie nicht,
junger Freund, da ich Ihnen das Wort reden werde, setzte er ernster
hinzu, Sie mssen es meinem Gewissen berlassen mit Sadie zu handeln,
wie ich es vor _dem_ verantworten kann.

Handeln Sie, als wenn Sie ihr Vater wren, sagte Ren herzlich -- ich
will _Sadie'ens_ Glck, nicht das meine, und er verlie mit schnellen
Schritten das Zimmer.

Auf des alten Mannes Ruf betrat das Mdchen schchtern und mit
niedergeschlagenen Blicken das Gemach -- sie schaute nicht auf, aber sie
fhlte das Ren nicht mehr im Zimmer sei, und ihr Herz klopfte fast
hrbar in der Brust. -- Ihr Vater hatte ihn abgewiesen und der schne
Traum ihres Glcks war in Nacht und Thrnen zerflossen.

Prudentia, sagte der alte Mann, und zog das zitternde Mdchen sanft zu
sich -- ich habe den jungen Fremden fortgeschickt von hier -- er hat
Dich jetzt wohl lieb, aber wenn er eine Zeit lang von seiner Heimath
entfernt ist, sehnt er sich wieder nach ihr zurck, und lt mein armes
Mdchen hier allein, und dann wrst Du wohl recht recht unglcklich
geworden und elend. Jetzt ist der Eindruck den er auf Dein Herz
gemacht, noch flchtig, noch leicht wieder zu verwischen -- Du wirst
einen oder zwei Tage weinen, ihn nachher vergessen, und nicht wahr mein
Kind, ich habe darin recht und gut gehandelt -- ich wollte ja nur Dein
Wohl.

Ich will Alles thun was Du mir sagst mein Vater, flsterte das
Mdchen, dicht an seine Brust geschmiegt, so leise, da er kaum ihre
Worte verstehen konnte.

Das ist mein gutes Kind, sagte der Greis, aber die Stimme zitterte
ihm; er fhlte nur zu gut was in dem Herzen des armen Mdchens vorging,
und wie die Liebe fr den Fremden schon viel zu tief Wurzel geschlagen
habe, je wieder, ohne das Gef selber zu zerbrechen, herausgerissen zu
werden. Er mute sich aber selber einen Augenblick sammeln ehe er
fortfahren konnte, und mit lebhafter Stimme wie ermuthigend setzte er
hinzu:

Und, nicht wahr mein Kind -- dann wirst Du auch wieder glcklich und
froh sein, wie bisher? -- wirst wieder lachen und singen und nicht das
Kpfchen so trbe hngen lassen.

Ich will mir rechte rechte Mhe geben lieber Vater, flsterte das
Mdchen und barg ihr Haupt fester an dem Herzen des alten Mannes.

Und willst Du auch den Fremden vergessen meine Tochter? -- willst Du
mir das recht fest und aufrichtig versprechen, mein braves Mdchen?
frug sie jetzt leise der Greis.

Das aber war zu viel fr das arme gequlte Herz -- einen Augenblick
schien es, als ob sie sich von seiner Brust emporheben wolle, ihm in die
Augen zu schauen -- aber sie sank wieder zurck und klagte nur leise:

Ach das wei ich nicht -- das wei ich wahrhaftig nicht, lieber, lieber
Vater -- damit war aber auch ihre Kraft gebrochen, und laut und heftig
schluchzend, als ob ihr das Herz vergehen wolle in unendlichem Weh, hing
sie in seinen Armen.

Und sie schluchzte nicht _allein_, denn aus der Ecke des Zimmers vor
tnte es noch weit lauter und heftiger, und der kleine Mitonare sa da
auf einem der niedern Bambusschemel, ganz allein und vergessen und
weinte, in Thrnen frmlich zerflieend, wie ein kleines Kind.

Da vermochte sich aber der alte Missionair auch nicht lnger zu halten,
und der Tochter thrnenberstrmtes Antlitz zu sich erhebend und kssend
und wieder kssend rief er:

Nein, nein Prudentia, ich bin ja kein Tyrann da ich mein Kind so elend
und unglcklich machen mgte, nur weil die Mglichkeit existirt, da es
spter noch einmal so kommen knne -- nein, wenn Gott Dir eine so
gewaltige und innige Liebe fr ihn in's Herz gelegt hat, dann nimm ihn,
nimm ihn -- der Herr segne Euch, und Er wird Alles zum Besten lenken.
Aber sei auch wieder mein gutes frhliches Mdchen, lach wieder, sing
wieder und mache das Herz Deines alten Vaters froh durch Dein heiteres
glckliches Angesicht.

Vater -- lieber Vater! rief das Mdchen in jubelnder, kaum gefater
Lust. -- Mitonare hatte aber kaum gehrt was die Sache, die ihm selber
das Herz abzustoen drohte, fr eine Wendung nahm, als er, wie aus einer
Pistole geschossen, zur Thr hinausfuhr, und nach kaum zwei Minuten mit
dem verzweifelten Wi--wi -- wie er ihn nannte, in's Zimmer geschleppt
kam.

Ren lag mit an dem Herzen des alten Mannes -- er wute selber kaum wie,
und der Greis flsterte einen leisen Segen ber den Huptern der
Glcklichen.




Capitel 6.

#Was der ehrwrdige Mr. Rowe dazu sagt.#


Der Abend verging den beiden Liebenden wie ein Augenblick -- sie hatten
sich so tausenderlei zu sagen, so tausenderlei zu besprechen, da sie
den Flug der Stunden gar nicht bemerkten, und der alte gute Mann sa
lchelnd dabei, und wohl auch ihm stiegen in der Erinnerung alte liebe,
o so lang jetzt vergangene Bilder auf, und fhrten seine trumenden
Gedanken zurck zur Jugendzeit.

Aber auch die Gegenwart erheischte seine Umsicht, denn manchmal gedachte
er ebenfalls seines, in ziemlicher Aufregung fortgegangenen Collegen und
der Schritte die dieser jetzt zu thun suchte, das Glck, was er selber
heute Abend hier geschaffen, wieder zu zerstren. Er hielt es auch fr
seine Pflicht dieses dem jungen Mann mitzutheilen und ihn wenigstens
darauf vorzubereiten, da seine Bahn von jetzt an noch immer keine ganz
ebene sein knne. Htte er dem von seinem Glck frmlich Trunkenen aber
auch eine wirkliche Gefahr genannt, er wrde ihr mit leichtem Herzen
begegnet sein, vielweniger denn, wo es nur den bsen Willen oder Zorn
eines fremden Geistlichen betraf, den weder Sadie's Schicksal noch das
seine kmmern durfte. Des Knigs selber glaubte er dabei ziemlich gewi
zu sein, noch dazu da diese geistlichen Herren selten oder nie Geschenke
verschwenden, und nur den Willen Gottes vielmehr als Gebot aufstellen.
Hier war also nicht einmal etwas zu gewinnen, im Gegentheil nur zu
verlieren, denn die Insulaner wuten recht gut da bei dem Aufenthalt
eines Weien zwischen ihnen, der frmlich Einer der ihrigen wurde, stets
hie und da etwas fr sie abfiele.

Mr. Osborne selber, wenn er auch einen Conflikt mit Bruder Rowe gern
vermieden htte, stand doch keineswegs in einer so abhngigen Stellung
von ihm, seinen Zorn frchten zu mssen. Nur Sadie versicherte Ren sie
habe eine entsetzliche Angst vor dem finstern Mann, und wollte vieles
darum geben, wre er gar nicht mit ihrem Pflegevater herbergekommen.

Seinem feindlichen Wirken aber in etwas zu begegnen, wurde noch an
demselben Abend ein junger Mann mit einer Privat-Botschaft an den Knig
geschickt, da der alte Mr. Osborne, den sie Alle auf der Insel wie
ihren Vater liebten, seine Pflegetochter dem jungen Fremden zum Weibe
versprochen habe, und da dieser hinfhro mit ihnen auf der Insel zu
leben wnsche, wozu sie des Knigs Erlaubni erbitten lieen.

Am nchsten Tag kehrte Bruder Rowe, und in einer nichts weniger als
freundlichen Stimmung zurck. Er hatte den Knig, von dem er ohne
weiteres verlangt zu haben schien den Fremden, einen entsprungenen
Matrosen und Katholik, in Gte oder mit Gewalt von der Insel zu
entfernen, in einer keineswegs gnstigen Laune dafr getroffen, und
schon die Ausflchte die dieser machte, wenn er sich auch dem finsteren
Missionair gegenber keine direkte Weigerung erlaubte, verriethen ihm
da er, wo er blinden Gehorsam erwartete und verlangte, auf
Schwierigkeiten stoen knne.

Alles was er von dem Knige als festes Versprechen erreichen konnte war,
sich mit ihrem eigenen Missionair darber zu berathen, und wenn dieser
es ebenfalls wnsche, dann wolle er gern den Befehl geben, da der junge
Fremde die Insel, auf der er sich brigens bis jetzt sehr ordentlich
betragen habe, verlassen solle. Wie er aber glaube gehrt zu haben,
wolle der Weie eines ihrer Mdchen heirathen und solchen Leuten, wenn
sie sich wacker auffhrten, htten sie noch nie den Aufenthalt
verweigert.

So rasch als mglich sollte jetzt Bruder Osborne dem Knig seinen Willen
oder vielmehr Wunsch bekannt machen, wie er ebenfalls die Entfernung des
Fremden verlange. Bruder Rowe kehrte zu diesem Zweck ohne weiteren
Aufenthalt, als da er die Nacht an der anderen Seite schlief, zu den
Missionsgebuden zurck, und es lt sich denken mit welchen Gefhlen er
hier des alten ehrwrdigen Mannes Entschlu vernahm, dem Fremden die
Tochter zu geben und ihn als Sohn anzuerkennen. Vergebens waren alle
seine Einwendungen, vergebens blieb selbst sein Zrnen dagegen.

Ich habe dem Mdchen, sagte der Greis, die Erziehung eines weien
Kindes gegeben, und vielleicht, wie ich jetzt zu spt sehe, Unrecht
daran gethan; ich habe sie unfhig gemacht, sich in den gewhnlichen
Verhltnissen ihrer Landsleute wieder glcklich zu fhlen; diese knnen
ihrem Herzen, ihrem Geiste nicht mehr gengen -- bei der Verbindung mit
_jedem_ Weien ist sie aber derselben Gefahr ausgesetzt, der sie jetzt
vielleicht entgegengeht -- da sie nicht auf die Lnge der Zeit im
Stande wre sein Herz auszufllen, aber auch das ist nur noch
Vermuthung -- es ist eine Mglichkeit die wir befrchten, aber nicht
voraus wissen mgen, und ich kann mich nicht dazu verstehn, ihr Herz
jetzt _gewi_ zu brechen, weil es vielleicht spter einmal gebrochen
werden _drfte_.

Aber frchtet Ihr nicht die _Snde_ -- Bruder Osborne? rief da der
Missionair, als alle andere Beweisgrnde fehlgeschlagen hatten --
wollt' Ihr es vor der Tafel der Gesellschaft in England verantworten,
Euer im rechten Glauben erzogenes Kind selber in die Hnde eines
Anhngers des Pabstes zu liefern? Ich wrde _gezwungen_ sein, so leid es
mir auch selber thun mchte, diesen Fall nach Hause zu berichten, denn
die Folgen sind gar nicht abzusehen, und knnen auf das verderblichste
fr unsere kleine Gemeinde wirken. Und wie steht Ihr dann vor jenen
ehrwrdigen Mnnern wenn Ihr selber, Einer jener Auserwhlten die unter
die Heiden geschickt wurden den Saamen unserer Religion in ihre
unwissenden verstockten Herzen zu pflanzen -- wenn Ihr selber dann
Unkraut zwischen den Weizen geset habt, mit Euren eigenen Hnden, ja
und ich mchte fast sagen auch mit den _Mitteln_, die Euch von der Tafel
der Missionsgesellschaft _anvertraut_ waren in _ihrem_ Sinne, nicht in
Eurem eigenen damit zu handeln?

Der alte Mann blieb aber auch fest, selbst gegen diese halbe
Beschuldigung eines Mibrauchs am Vertrauen, wenn ihn solche Anspielung
auch wohl recht schwer und tief krnken mute.

Ich habe dreiundzwanzig Jahre, sagte er ruhig, mein Leben der Sache
geweiht, die ich fr eine gute hielt und noch halte; ich habe mir in der
ganzen langen Zeit keinen einzigen Vorwurf, meiner Handlungsweise wegen
zu machen -- wir sind Alle Snder und ich bin nicht reiner davon als der
Geringste unter uns, aber ich kann frei das Auge zu Gott emporheben und
sagen: Herr richte ber mich! -- ich bin mir nichts Bses bewut. Auch
in _diesem_ Fall aber, Bruder Rowe, handele ich nach bestem Wissen und
Willen, ich glaube nicht anders handeln zu knnen, und was ich da thue
werde ich auch verantworten -- Euere Berichte, Bruder, werde ich Euch
freilich selber berlassen mssen.

Mr. Rowe ging mit raschen ungeduldigen Schritten im Zimmer auf und ab --
am wenigsten wollte es dem fanatischen Priester in den Kopf, da der
Fremde mehr sei, als ein gewhnlicher weggelaufener Matrose. -- Bruder
Osborne hatte, wie er meinte, so lange und zurckgezogen von der Welt
gelebt, da er sich durch die schnen Redensarten und Versprechungen
eines jungen leichtsinnigen Menschen vielleicht ebenfalls tuschen
liee. Er wollte deshalb selber einmal mit ihm reden und dann bald
ausfinden wes Geistes Kind er sei. Es war seine letzte Hoffnung.

Mr. Osborne selber wnschte dies, weil er dadurch eine bessere Meinung
fr den Fremden bei dem strengen Geistlichen zu erreichen hoffte, und
lie Ren, der mit Sadie -- jetzt aber freilich seines Versprechens
enthoben -- nach ihrem Lieblingspltzchen gegangen war, zu sich bitten.

Mr. Rowe hatte den Lehnstuhl des alten Mannes eingenommen, und sa, das
rechte Bein ber das linke geschlagen, den Kopf auf den linken Arm
gesttzt, ernst und schweigend wie zu Gericht, den Fremden, der bald
darauf das Zimmer rasch und frhlich betrat, zu erwarten.

Schon dessen schnelles, nichts weniger als ceremonielles Eintreten rief
die Falten auf seine Stirn zusammen und die beiden Ellbogen auf die
Lehnen des Stuhles ruhen lassend, die Finger der beiden Hnde aber vorn
gefaltet, sah er ihn mit etwas vorgebeugtem Oberkrper unter den dunklen
buschigen Brauen finster an und sagte, ohne den Gru des Franzosen
anders als mit einem leisen kaum bemerklichen Kopfnicken zu erwiedern,
und ohne zu warten bis der Gast einen Stuhl genommen habe, viel weniger
ihm selber einen solchen anzubieten:

Mit welchem Schiff sind Sie hier gelandet, Sir?

Ren sah erst den Frager, dann Sadie'ens Vater erstaunt an, als ob er
htte sagen wollen -- was bedeutet das? -- bin ich hier vor Gericht
gerufen? -- Mr. Osborne der aber die Unschicklichkeit eines solchen
Betragens fhlte, nthigte ihn freundlich Platz zu nehmen und bemerkte
dann, fast wie entschuldigend, mit einem Blick auf seinen Collegen:

Mein wrdiger Freund, hier, lieber Ren, wnscht sich mit Ihnen kurze
Zeit zu unterhalten. Er ist, wie ich, schon lange Jahre auf diesen
Inseln, und eine unserer Hauptsttzen des Christenthums, selbst in den
Zeiten gewesen, wo unsere Aussichten hier trb und traurig waren, und
wir schon fast die Hoffnung aufgegeben hatten Christi Lehre den Sieg
ber blindes Heidenthum zu verschaffen.

Ren verbeugte sich statt aller Antwort noch einmal, wie anerkennend,
gegen den Geistlichen, der jedoch keine Miene dabei verzog und seinen
Blick fest und forschend auf ihn geheftet hielt und sagte, die frhere
Frage jetzt ohne Weiteres beantwortend:

Mit dem Delaware -- einem Amerikanischen Wallfischfnger.

Und weshalb verlieen Sie Ihr Schiff? -- hatten Sie nicht einen festen
Contrakt fr die ganze Reise gemacht? lautete die zweite, fast noch
schrfere Frage.

Sehr werther Herr, erwiederte ihm jetzt Ren vollkommen ruhig und
freundlich -- wollten Sie wohl vorher die Geflligkeit haben und mir
sagen ob diese Fragen im _Laufe der Unterhaltung_ an mich gerichtet
werden, oder ob es doch gewissermaen ein Examen sein soll, zu dem ich
berufen bin?

Bruder Rowe wollte eben, wahrscheinlich keine gerade freundliche Antwort
darauf geben, als Mr. Osborne, der jedes bse Wort zwischen den Beiden
um alles in der Welt zu vermeiden wnschte, rasch einfiel und gegen Ren
gewandt sagte:

Bruder Rowe nimmt innigen Antheil an Prudentia's Schicksal, da das
Mdchen eigentlich so zwischen uns gro geworden, und es ist besonders
_deshalb_ da er nheres Interesse fr Ihr frheres Leben fhlt.

Ich habe Ihnen, lieber Herr Osborne, sagte da der junge Mann, jeden
nur mglichen Aufschlu gegeben, der in meinen Krften stand, und ich
will das auch mit Freuden diesem Herrn thun, wenn ihn das ber Sadie'ens
knftiges Glck zu beruhigen vermag.

_Sadie_? unterbrach ihn hier der Missionair streng -- soviel ich wei
heit das Mdchen Prudentia -- wobei ich wnsche da sie ihrem Namen ein
wenig mehr Ehre gemacht htte -- und ich will nicht hoffen da man
sogar in dem Hause eines Dieners der Kirche beabsichtigt die alten
heidnischen Namen, die wir nur mit Mhe und Schwierigkeit unterdrcken
konnten, wieder aufleben zu lassen.

Es ist nicht des Heidenthums wegen lieber Herr, lchelte Ren, nur
des Wohlklangs -- Prudentia mag recht hbsch fr eine alte wrdige
Matrone klingen, aber meinem frhlichen heitern Mdchen pat der Name
gerade so, als wenn Sie ihn der Gazelle der Wste geben wollten.

Und _das_ sind die Ansichten die man hier mit in diese fromme
christliche Gemeinde bringt? rief der Geistliche, der nur mit Mhe
seinen Zorn ber den leichten frhlichen Ton des jungen Franzosen
bezwang, das soll der Saamen sein, der ein Baum des Unglaubens seine
Zweige ausbreiten und mit seinem Schatten die Frucht vergiften wrde?

Ren sah ihn staunend an, der kleine Mitonare kauerte aber mit vor
Schreck und Entsetzen offenem Munde hinten in der Ecke wieder auf seinem
kleinen Sthlchen, und schien nichts Geringeres zu erwarten, als da der
schwarze Mann mit dem finstern Gesicht sich jetzt oben aus seinem Himmel
einen kleinen Blitz herunterholen und den ruhig und unbefangen vor ihm
sitzenden kecken Wi--wi zu Pulver brennen wrde.

Sehr ehrwrdiger Herr, sagte aber Ren vollkommen ruhig, denn er
wollte den Mann nicht bser machen, da er wohl sah wie unangenehm das
fr seinen alten wackern Freund sein msse -- ich hoffe nicht da Sie
etwas Sndhaftes in einem, dem Ohr wohlklingenden Namen finden werden.

Bruder Rowe schien aber darauf nicht weiter eingehen zu wollen und fuhr
fort:

Und Sie gedenken sich hier auf dieser Insel niederzulassen?

Mit des Huptlings und meines vterlichen Freundes Erlaubni hier --
ja!

Aber Sie gehren der katholischen Religion an. --

Ich bin ein Christ, sagte Ren ernst -- was verlangen Sie mehr?

Der Missionair bi sich auf die Lippen und Bruder Ezra sah nach oben,
denn der Blitz _konnte_ jetzt nicht lnger ausbleiben.

Und Ihre Kinder? -- sollen das auch _Christen_ werden? frug der
Geistliche mit einer fast hhnischen Zweideutigkeit im Tone. Ren aber
streckte den Arm nach seinem alten Freund aus, und dieses Hand
ergreifend sagte er herzlich:

Die soll dieser wrdige Mann hier in der Lehre erziehen die _er_ fr
die richtige hlt -- ich wei er wird gute Menschen aus ihnen machen --
der Glaube ist mir gleich.

Der Glaube ist Ihnen gleich? rief aber jetzt der Fanatiker, wie
ordentlich froh einen Anhaltepunkt gefunden zu haben an der Schwche des
Gegners -- und wissen Sie da Sie mit solchen Grundstzen hier nur
Unheil und Elend sen werden? ein Christ nennen Sie sich, und dem
Antichrist dienen Sie -- Ihrer Pflicht -- ihrer Verbindlichkeiten im
gesellschaftlichen Leben sind Sie entlaufen, und jetzt wollen Sie sich
einem Volke aufdringen, das sie nur zwischen sich duldet, weil es seinem
Geistlichen glaubt gefllig zu sein, in der That aber, ihm einen gar
schlimmen Dienst damit leistet?

Ren war schon nach den ersten heftigen Worten des Mannes von seinem
Stuhl aufgesprungen.

Monsieur, unterbrach er ihn jetzt fest aber ruhig -- Ihr Stand, wie
der Ort an dem wir uns befinden schtzt Sie vor jeder Antwort auf diese
Unverschmtheit -- ~bon soir~ -- und mit einem stolzen Gru gegen den
Priester, mit einem freundlichen Kopfnicken aber gegen den Greis,
verlie er rasch das Zimmer.

Der ehrwrdige Mr. Rowe hatte sich in einen hchst unehrwrdigen Zorn
hineingearbeitet, und er war ebenfalls aufgesprungen und ging jetzt in
dem gerumigen Gemach mit schnellen Schritten, die Hnde auf dem Rcken,
die Augen fest auf den Boden geheftet, auf und ab. Der alte Mr. Osborne
aber war erstaunt und emprt zugleich ber ein so rcksichtsloses,
frmlich unschickliches Betragen, und jetzt nur um so fester
entschlossen dem Mann, der sich weit mehr Autoritt ber ihn anzumaen
suchte als er beanspruchen durfte, wissen zu lassen wo seine Grenze sei.
Bruder Rowe mochte aber wohl fhlen da er ein wenig zu weit gegangen
sei, oder doch mit zornigen Reden an der Sache selber nichts mehr ndern
knne, denn er schwieg von jetzt darber, und erklrte nur seinem
Collegen, da er dieses Mal nicht hier predigen, sondern morgen frh, da
noch dazu eine leichte westliche Brise eingesetzt hatte, zurck nach
Tahiti aufbrechen wolle. Mr. Osborne dachte gar nicht daran ihn
zurckzuhalten.

Am nchsten Morgen hatte er auch, ohne viel mit den Anderen zu
verkehren, seine Vorbereitungen zur Abreise getroffen, whrend indessen
Mr. Osborne den dringenden Bitten Ren's nachgab, und die Trauung des
jungen Paares auf den nchsten Tag, als an einem Sonntag, gleich nach
dem Gottesdienst festsetzte. Sie fanden es natrlich nicht fr nthig
Bruder Rowe davon in Kenntni zu setzen, und erwarteten jetzt wirklich
den Augenblick mit Sehnsucht, wo der kleine Cutter wieder seine Anker
lichten wrde.

So mochte es etwa zehn Uhr Morgens geworden sein, als pltzlich ein
Knabe, der oben ber die Hgel gekommen war, die Nachricht brachte, es
nhere sich ein groes Schiff, von Sd-Osten her, der Insel. Ren war an
diesem Tage viel zu sehr mit seinem Glck beschftigt gewesen auch nur
einen Blick auf den Horizont zu werfen, jetzt aber, als er auf diese
Nachricht hier rasch nach Sadie'ens Lieblingspltzchen eilte, von wo man
eine freie Uebersicht ber den ganzen sdlichen Horizont hatte, gengte
ein Blick dorthin ihn zu berzeugen da ein, allem Anschein nach volles
Schiff ohne Oberbramstengen, also jedenfalls ein Wallfischfnger, dicht
am Winde liegend, von Sd-Osten gegen die erst seit gestern eingesetzte
Westbrise aufkreuzend, herankam, und unverkennbar die Insel anlaufen
wollte. Mehr lie sich fr den Augenblick noch nicht erkennen, aber dies
war auch hinreichend ihn zu beunruhigen, und mit klopfendem Herzen stand
er da, die Augen fest und unverwandt auf das nher und nher kommende
Fahrzeug geheftet. Er hrte gar nicht wie sich ein leiser, leichter
Schritt ihm nherte, und erst als Sadie ihre Hand auf seine Schulter
legte und seinen Namen flsterte, schaute er rasch und fast erschreckt
empor, legte dann seinen Arm um sie und zog sie fest und innig an sich.

Das arme Kind war aber selber zu Furcht erfllt im Anfang reden zu
knnen; sie sah nur das bleiche Antlitz des Geliebten und glaubte schon
ihre schlimmsten Besorgnisse eingetroffen.

Ist es _Dein_ Schiff? frug sie endlich mit kaum hrbarer Stimme und
wagte ihm dabei nicht einmal in's Auge zu schauen.

Das ist noch nicht mglich zu bestimmen Du liebes Herz, suchte sie
aber Ren, wenigstens fr den Augenblick zu beruhigen -- ich kann das
Holz des Schiffes noch nicht einmal ordentlich erkennen, und es
schwimmen hier zu viele Wallfischfnger aller Nationen herum, wenn ich
auch nicht geglaubt htte da sie sich noch so spt in der Jahreszeit
hier aufhalten wrden -- setzte er leiser, und fast wie mit sich selber
redend, hinzu.

Keins sprach von jetzt ab ein Wort mehr, ihre Blicke hingen aber an den
hellen Segeln des Fahrzeugs, das rasch nher und nher kam, und bald fr
das Auge des jungen Mannes keinen Zweifel mehr lie, die Insel selber
sei sein nchstes Ziel. Nur zu bald erhielt er aber sogar vllige
Gewiheit, denn das Schiff war jetzt schon so nahe gekommen, da er in
dem Auenclver desselben einen ziemlich groen Theerfleck erkennen
konnte, den er selbst einst mit ungeschickter Hand, als das Segel zum
Ausbessern an Deck lag, hineingegossen hatte. Es war der _Delaware_ und
gerade in dem Augenblick, wo er sich seines Glcks gewi geglaubt, warf
ihm das tckische Schicksal noch einmal jenes unglckselige Fahrzeug in
die Bahn und drohte Alles Alles wieder mit _einem_ furchtbaren Schlage
zu vernichten.

Als er damals von Bord entflohen war und sich von seinen Feinden
bedrngt sah, trat er der Gefahr, ja dem Tod wenn es sein mute, mit
ruhigem unerschttertem Herzen entgegen; er hatte Nichts zu verlieren
auf der weiten Gotteswelt als sein Leben, und achtete das kaum eines
ernsten Gedankens werth. Jetzt aber stand er nicht mehr allein, hier auf
diesem kleinen Eiland, rings von blauen Wogen umsplt, war ihm Alles
Alles geworden was das Herz des Menschen an diese Erde fesseln kann, und
an der Schwelle dieses Glcks wieder solcher Art allein freudlos in die
kalte Nacht gestoen zu werden, oh das wre zu grausam -- zu entsetzlich
grausam gewesen.

Sadie frug ihn nicht weiter, sie las in seinen Blicken die Besttigung
ihrer schlimmsten Furcht; ihr Herz aber, das sich in mdchenhafter Scheu
an den Geliebten geschmiegt, schlug ihr wieder in dem alten
entschlossenen Muth, mit dem sie ihn damals schon seinen Feinden
entzogen, und pltzlich seine Hand ergreifend, sagte sie rasch und fast
freudig:

Sie sollen Dich nicht wieder mit fortnehmen, Ren, frchte sie nicht --
ich kenne alle Schlupfwinkel dieser Wlder und wei Stellen wo die
weien Fremden wochenlang suchen und in Verzweiflung zuletzt es aufgeben
mten je hindurchzudringen. Wir Beide flchten in den Wald, bis das
Fahrzeug die Insel wieder verlassen hat, und wenn es sein mu trgt uns
mein Canoe nach einer andern Insel, viele Meilen weit entfernt von hier
-- lieber mit Dir in den Wogen zu Grunde gehn, als allein hier ohne Dich
leben Ren.

Und in wilder Leidenschaft warf sie sich an seine Brust, als ob sie
schon jetzt gekommen wren, ihn aus ihren Armen zu reien.

Sieh wie die See da drauen ber den Riffen so hoch geht, Du herziges
Lieb, sagte aber leise und traurig der junge Mann -- ein Canoe knnte
jetzt nicht leben in dieser Dnung, und ich trge Dich dem gewissen
Untergang entgegen. Ueberdies knnten wir nicht vor Nacht entfliehen und
bis dahin wird wohl der auf meinen Fang gesetzte Preis Verrther genug
gedungen haben mich einzubringen. Nein ich kann meinem Schicksal nicht
mehr entgehen, und der einzige Trost ist, da sie mich nicht lebendig
mit sich fhren sollen -- oh Sadie, ich glaubte so glcklich zu sein
und lasse Dich jetzt nun allein und trauernd hier zurck.

Nein nein, habe guten Muth, bat aber das Mdchen -- glaube auch nicht
da die Bewohner dieser Insel so falsch und treulos wren. Damals, als
sie Dich noch nicht kannten, war es eine andere Sache; von fremden
Seeleuten haben sie bis jetzt fast meist nur Noth und Aerger gehabt, und
es htte vielleicht kaum des gebotenen Preises bedurft Dich auf Dein
Schiff zurckzuliefern. Jetzt gehrst Du jedoch zu uns -- die Mnner
wissen da Dich mein Pflegevater gern hat, und ihn lieben sie wie ihren
eigenen Vater. Ja es giebt auch wohl Schlechte unter ihnen, die Dich
vielleicht verriethen wenn sie es heimlich thun knnen, aber sie wrden
es jetzt nicht um den grten Lohn wagen drfen, sie wren sonst
ausgestoen fr immer. Doch komm zurck zum Haus -- sieh das Schiff
umsegelt die Insel und wird wahrscheinlich auf derselben Stelle sein
Boot wieder an's Ufer schicken, wo es Dich damals landete -- wir wollen
inde mit meinem Vater bereden was am Besten fr Dich zu thun sei, und
dann rasch und entschlossen handeln -- es ist ja nicht das erste Mal da
Sadie Dich fhrt, setzte sie mit einem wehmthigen und gar so innigen
Lcheln hinzu, Du bist ihr das erste Mal gefolgt, da Du mich noch gar
nicht kanntest -- wolltest Du jetzt zurckbleiben?

Ren prete die Geliebte fester an sich, und hielt sie in einem langen
Ku an seinem Herzen, aber sie wand sich endlich aus seinen Armen und
seine Hand wieder, wie in frherer Zeit ergreifend, wollte sie eben mit
ihm hinunter zum Hause gehn, als ihnen von dort der alte Missionair mit
einem anscheinend ziemlich schweren Korb entgegenkam, und mit ihnen
zurck zu der kleinen Terrasse ging. Ren setzte hier den Korb, den er
ihm abgenommen, auf die Erde nieder und der Greis sagte, nachdem er nur
einen flchtigen Blick auf seine Kinder geworfen, ohne weitere
Umschweife:

Ich hab' es mir gedacht, da es das unglckselige Schiff sei, als ich
nur hrte da es dicht bei dem Wind die Insel anlaufe, und den
prachtvollen Westwind versume nach Nord-Osten aufzuhalten. Doch wir
mssen jetzt _handeln_ Kinder, nicht lamentiren und traurig sein. Ich
war erst Eurer Verbindung entgegen, nun aber, da die Sache doch einmal
so weit gediehen ist, will ich Euch auch nicht Beide unglcklich wissen,
so lange ich es noch verhindern kann -- aber Zeit drfen wir auch nicht
mehr verlieren. Ich habe in dieser Sache einige Erfahrung, und schon
viel in meinem Leben, gerade hier auf den Inseln mit Wallfischfngern
verkehrt, denen Matrosen entlaufen waren. Die Capitaine sparen nicht
mit den Belohnungen die sie auf den Einfang setzen, denn die Leute
mssen das ja nachher selber von ihrem verdienten Gelde abbezahlen --
sie bieten oft enorme Summen, hinreichend einen armen Insulaner, so gut
und brav er auch sonst sein mchte, zu verfhren -- sie haben aber auch
keine lange Zeit sich aufzuhalten, besonders wenn es erst einmal so spt
in der Jahreszeit ist wie jetzt, wo sie nachher noch die Sandwichsinseln
anlaufen mssen Erfrischungen einzunehmen und sich auf ihren Sommerzug
in das Eismeer vorbereiten. Dies Schiff kann aber kaum dort noch zu
guter Zeit eintreffen, wenn es nicht eine sehr schnelle Reise nach
Oweyhy oder Woahu hat und es lt sich denken da der Capitain hier
nicht wochenlang, eines einzelnen Mannes, und noch dazu eines
gewhnlichen Matrosen wegen, herumliegen wird. Vor allen Dingen ist es
also nthig Sie aus dem Weg zu bringen, damit Sie nachher Niemand
verrathen _kann_, wenn ihm auch Gelegenheit dazu geboten wrde, das ist
jedenfalls das Sicherste, und dazu habe ich mir einen passenden Platz
ausersehn.

Ich fhre ihn in die Berge, Vater, sagte Sadie -- oben in den niedern
Hgeln stehn einzelne Palmenhaine, und in der breiten Krone einer dieser
Palmen kann er tagelang versteckt liegen. Ich wei eine von ihnen die
mein Bruder und ich in's besonders hergerichtet und ausgeschlagen haben
-- den Platz kennt Niemand als ich selber, denn der Bruder ist ja todt
und kein Pfad fhrt dorthin, kein Weg oder Steg und doch will ich die
Stelle im Dunkeln finden.

Der Platz wre zu einer anderen Jahreszeit, und wenn wir keinen
besseren htten, vielleicht recht gut, lchelte der Greis, jetzt aber,
wo es fast jede Nacht in schweren Schauern niederfllt, mchte der
Wipfel einer Palme, besonders wenn es sich nicht um Stunden sondern um
Tage handelt, doch ein fataler Aufenthaltsort sein. Nein, Du kennst das
~Ihiamoea~ Prudentia -- jenes letzte Ueberbleibsel aus der alten
Heidenzeit. Es ist das ein kleines Gebude, frher dem Gott ~Oro~
geweiht, das jedenfalls auch mit allen brigen derartigen Heiligthmern
jener Zeit vernichtet wre, bestnde nicht auch zugleich in der Familie
des jetzigen Oberhauptes der Insulaner eine alte Sage, da der Knig
sterben msse sobald das Gebude zusammenfiele. Smmtliche Vorstellungen
der Missionaire sind bis jetzt erfolglos gewesen sie von der Thorheit
solchen Glaubens zu berzeugen, ja Einer unserer Brder htte beinah
einst sein eigenes Leben eingebt, als er in vielleicht etwas
bertriebenem Diensteifer selber Hand daran legen wollte. Nur zwei
Personen sind auf der Insel die es jhrlich einmal besuchen, der ~fua~
oder Knig, ~Jeremias Aitaua~ (der Rcher), wie ihn Bruder Rowe getauft
hat, und dessen Sohn; beide nur, um ein frisches Dach aufzulegen oder
das alte, wenn es noch gut ist, nachzusehen. Das ist wenigstens die
Entschuldigung, denn ich frchte fast, da sie dort doch noch, trotz
ihrem angenommenen Christenthum, heimlich einige ihrer heidnischen
Ceremonien feiern; da sie es aber allein thun, knnen wir Nichts dagegen
machen, und die kleine von Stein dauerhaft aufgerichtete Htte wird
darum, so gut unterhalten, wohl noch mancher Regenzeit trotzen. Dorthin
magst Du Ren fhren. -- Keiner der Eingeborenen getraut sich den Platz
zu betreten und die Weien knnten wochenlang ihre Zeit vergeuden, ehe
sie ihn auffnden. Hier dieser Korb mit Provisionen wird ausreichen, wo
nicht, findet sich schon wieder einmal Gelegenheit neue Zufuhr
hinaufzuschaffen, obgleich ich fest berzeugt bin da sich das Schiff
keine vierundzwanzig Stunden an der Insel aufhlt.

So will ich zum Haus gehn und meine Waffen holen, sagte Ren.

Sie sind in diesem Korb, erwiederte ihm aber der Greis -- es ist auch
weit besser da Sie sich gar nicht wieder am Hause blicken lassen, denn
neugierige Augen folgten Ihnen doch, und wenn ich auch nicht glaube da
Einer der hiesigen Leute zum Verrther werden wrde, so ist es doch, wie
gesagt, besser ihnen auch selbst die Mglichkeit zu nehmen verfhrt zu
werden. Gehn Sie gleich von hier ab, und Prudentia kennt die Richtung
gut genug, so wei kein Mensch wo Sie geblieben sind. Aber Prudentia mu
auch, so schnell als nur irgend mglich wieder zurckkehren, und ich
hoffe da dieser Kelch glcklich an uns vorbergehen wird.

Lieber, vterlicher Freund -- sagte der junge Mann gerhrt, und
streckte dem Greis die Hand entgegen. Dieser aber wollte auch die jungen
Leute nicht sehen lassen wie weh und ngstlich ihm selber, trotz seiner
angenommenen Zuversicht, zu Muthe war, und sagte mit einem wohl etwas
erzwungenen Lcheln:

Keinen Abschied, Ren -- das ~Ihiamoea~ liegt nicht am andern Ende der
Welt, da wir --

Ich mu Sie _hier_ wohl aufsuchen, Bruder Osborne! sagte in diesem
Augenblick, dicht hinter ihnen die Stimme des Bruder Rowe mit zwar
ruhigem aber doch etwas scharfem Ton -- wenn ich berhaupt Abschied von
Ihnen nehmen will -- Sie scheinen ganz vergessen zu haben da ich im
Begriff bin aufzubrechen.

Die drei Menschen schauten sich um als ob sie auf einem Verbrechen
ertappt wren, und das kalte, theilnahmlose Gesicht des Priesters war
ebenfalls nicht geeignet jedes unangenehme Gefhl solcher Ueberraschung
zu mildern. Der Geistliche schien dies aber gar nicht zu bemerken, oder
wenn er es bemerkte, zu beachten; gegen Sadie die Hand ausstreckend
legte er dem Mdchen, das seine Rechte ergriff und kte, wie segnend
die Linke auf das Haupt, neigte dann seinen Kopf gegen Ren, der diese
kalte Hflichkeit ebenso formell erwiederte, und ging, Mr. Osborne's Arm
nehmend, mit diesem nach der Landung hinunter.

Und nun komm, flsterte Sadie, als das dichte Guiavengebsch die
Mnner ihren Blicken entzogen -- nun komm Ren und gebe Gott da ich
Dir recht recht bald die frohe Botschaft Deiner Erlsung bringen kann.

Wenige Secunden spter schlo sich der Wald hinter ihnen, und der kleine
freundliche Platz lag still und einsam im Schatten seiner rauschenden
Palmen.

Der Missionscutter war inde zur Abfahrt gerstet, Bruder Rowe traf noch
einige Anordnungen zu dem nchst zu haltenden Osterfest zwischen den
Insulanern und verlie dann, mit einem frommen Der Herr segne und
behte Euch -- die Insel.

Mr. Osborne hatte kein Wort gegen ihn erwhnt, da das Schiff was die
Insel passirt war, dasselbe Fahrzeug sei, von dem Ren entsprungen war
-- er hielt es fr besser die Sache mit keiner Sylbe weiter zu berhren.
Auch Bruder Rowe kam nicht wieder auf die Verheirathung der beiden
jungen Leute zurck; er mochte auch wohl einsehen, da jede weitere
Vorstellung oder Einsprache unntz sein wrde.

Der Cutter war zuerst nach Mitiaro bestimmt, der ehrwrdige Mann hatte
aber vorher die Indianer die ihn fhrten noch beordert in dem
Binnenwasser der Insel am Ufer hinaufzuhalten, da er zuerst noch einmal
den Knig an der andern Seite zu besuchen, und Rcksprache mit ihm ber
eine Betversammlung zu nehmen habe.




Capitel 7.

#Der Verrath, und wie sich beide Theile dabei irrten.#


Am nrdlichen Ufer der Insel war indessen Alles in Aufregung, denn das
Wiedererscheinen des Schiffes, an das keiner der Insulaner fast mehr
gedacht hatte, bot Ursache genug das sonstige Stillleben zu
unterbrechen, htten Manche von ihnen auch gerade _nicht_ Grund gehabt
zu wnschen, da es seinen Weg nicht wieder hierher gefunden habe.

Der Knig dachte natrlich mit einiger Beunruhigung an die Geschenke,
die er unter der Bedingung berliefert bekommen hatte, den Flchtling
einzufangen und wo waren diese Sachen jetzt alle geblieben? -- wo war
der Flchtling? -- Wer aber konnte auch wissen da das Schiff nach so
langer Zeit zurckkehren wrde, und eine Ausrede war bald gefunden. Als
der erste Harpunier wieder wie frher an Land kam und nach dem Mann
frug, erwiederte ihm der rasch herbeigeholte Raiteo -- denn der Knig
schmte sich vielleicht vor seinem eigenen Volk, dem weien Mann etwas
vorzulgen -- mit keineswegs christlicher Unverschmtheit, sie htten
den Flchtling damals eingefangen und drei volle Wochen auch eingesperrt
gehalten und gefttert, wie aber das Schiff gar nichts mehr habe von
sich hren oder sehen lassen, da seien sie endlich genthigt gewesen ihn
wieder frei zu lassen. Seit der Zeit sei er aber ebenfalls verschwunden
und sie glaubten er wre mit einem kleinen Schooner, der neulich einmal
die Insel anlief, nach Tahiti oder einer der dortigen Inseln gezogen.

Das Ganze schien wahrscheinlich genug, dennoch war der alte Seemann zu
bekannt mit diesem Volk um ihnen sogleich, auf die erste Besttigung
hin, die erste beste Geschichte auch zu glauben. Sie hatten einmal den
Fanglohn weg, den der ~fa-u~ jetzt, wie Raiteo mit vieler
Geistesgegenwart weiter log, fr die so lange Unterhaltung des
Gefangenen beanspruchte, und er sah wohl ein, da er auf's Neue einen
Preis aussetzen mute. Auch hierin schien er wieder Schwierigkeiten zu
finden, aber aus den langen Unterhandlungen die nach den neuen
Versprechungen gehalten wurden, merkte der alte Harpunier deutlich
genug da der Matrose noch jedenfalls auf der Insel sein mute, und der
Sache ein Ende zu machen, denn die Sonne neigte sich schon ihrem
Untergang, bot er dem Knig funfzig spanische Thaler -- ein wahrer
Reichthum fr seine Verhltnisse -- wie noch andere Gter die er mit im
Boot fhrte, wenn er den Entsprungenen noch diesen Abend, oder
wenigstens diese Nacht in seine Hnde liefere.

Raiteo lie sich die Summe zweimal wiederholen und sogar, ganz sicher zu
sein, an den Fingern vorzhlen, denn er traute seinen eigenen Ohren kaum
eine so ungeheuere Quantitt baaren Geldes -- ohne alle die brigen
Herrlichkeiten -- in den Bereich ihres Arms zu bringen. Trotzdem
schttelte aber der ~fa-u~ mit dem Kopf -- er wollte mit der Sache, der
sich sein alter Freund der Missionair angenommen hatte, nichts mehr zu
thun haben, und sagte Raiteo er mge die Fremden bedeuten den Mann
selber zu suchen, wenn sie glaubten da er noch hier auf der Insel sei.

Der Harpunier nahm jetzt den Burschen, dem er wohl ansah zu was er mit
Geld gebracht werden konnte, in Englisch vor, und bot ihm die Summe
allein, wenn er ihm den Flchtling diese Nacht ausliefern wolle.
Hiergegen erklrte ihm aber Raiteo ganz offen der Mann sei allerdings
noch da, so geschwind liee sich das aber unter keiner Bedingung
anstellen. Er habe die Zeit ber, am andern Ende der Insel, auf der
Mission gewohnt, das Schiff als es von dort heraufkam aber auch
jedenfalls sehen knnen, und sei jetzt wieder irgendwo im Wald
versteckt, wo er allein morgen wenigstens den ganzen Tag brauchen wrde
ihn nur aufzuspren, und selbst dann sei es eine schwierige Sache, da
der Knig nichts damit zu thun haben wolle, und er selber nachher,
vielleicht seines Lebens auf der Insel nicht wieder froh wrde. Er
verdiene gewi gern den hohen Preis, wenn sich aber weier Mann Capitain
nicht dazu entschlieen wollte zwei drei Tage auf der Insel zu bleiben
und auch womglich noch mehr Leute herberzubringen, so sehe er keine
Mglichkeit seinen Zweck zu erreichen.

Das ging nicht an, das Schiff hatte sich berdies schon, durch einige
Spermfische gerade damals aufgehalten als sie wieder nach Norden auf
kreuzen wollten, in der Jahreszeit versptet, und der Capitain erst
nicht einmal, trotzdem da sie die Insel passirten, wieder anlaufen
wollen, aber jedenfalls nur bis nchsten Morgen mit Tagesanbruch den
uersten Termin gesetzt -- war es bis dahin nicht mglich den Mann
wieder zu bekommen, so muten sie es aufgeben, und der alte Seebr
wollte sich eben, mit einem zwischen den Zhnen durchgebrummten
Kraftfluch hineingeben und an Bord zurckkehren, als der kleine
Missionscutter in Sicht kam und das hinten angehngte Boot gleich darauf
den ehrwrdigen Mr. Rowe an Land brachte.

Der Missionair hatte noch einiges mit dem ~fa-u~ zu bereden und der
Harpunier zgerte einen Augenblick am Ufer -- er konnte die Schwarzrcke
nicht gut vertragen, aber eine Frage that auch keinen Schaden, und der
Mann kam gerade von dort her, wo sich der Flchtling aufgehalten.

Bruder Rowe fhlte vielleicht eine gleiche Sympathie fr diese Art
Leute, er war aber nichts destoweniger freundlich gegen den Seemann, und
beantwortete seine Fragen auf das leutseligste aber ausweichend. --
Raiteo der mit offenem Munde dabeistand, kam es vor, als ob er mit der
Sache nichts zu thun haben wolle, denn darum wissen mute er.

Sehn Sie, Mr. -- wie mag Ihr Name sein? --

Rowe. --

Ah -- Mr. Rowe, sagte der alte in seinem Geschfte schon ergraute
Seemann -- indem er fast unwillkrlich neben dem langsam lngs dem
Strande hergehenden Priester herschritt, wodurch sie sich von Raiteo,
der ihnen ja nicht folgen durfte, entfernten. Es ist nicht wegen dem
einen Burschen da wir uns solche Mhe geben ihn wieder zu bekommen --
was das belangt, so knnten wir eher noch zwei dazu entbehren, ehe wir
gerade jetzt einen einzigen Tag hier versumten, aber es ist wegen dem
bsem Beispiel -- sehn die Canaillen da sie fortkommen _knnen_, dann
luft uns auf den Sandwichsinseln nachher am Ende der ganze Schwarm
davon. Kriegen wir aber so einen Burschen wieder, und auch schon whrend
wir uns Mhe danach geben, so sehen doch die Andern da es ihnen nicht
so ganz leicht gemacht wird und hingeht, und besinnen sich zweimal, eh'
sie die Beine in die Hand nehmen. Auf den Preis kommts uns dabei nicht
an, denn kriegen wir sie nicht, so bezahlen wir ja auch Nichts, als
vielleicht ein Bischen Lumperei an Spielkram, und kriegen wir sie, nun
dann mssen sie's selber von ihrem Theil abtragen.

Haben Sie einen hier von den Insulanern, dem Sie glauben vertrauen zu
knnen? frug ihn der Missionair jetzt, und drehte sich, wie im
Gesprch, halb nach ihm um, zu sehn ob ihnen Niemand folge. -- Knnten
Sie einen der Leute hier bewegen Sie zu fhren?

Fhren? -- gewi, brummte der Harpunier -- wenn ich nur wte wohin.

Ich kann mich, meiner Stellung wegen, nicht mit solchen Sachen
befassen, erwiederte ihm indirekt hierauf der Geistliche -- Sie werden
aber auch wohl als vernnftiger Mann einsehn, da es mir nicht
gleichgltig sein kann dabei, meist gewissenlose Menschen zwischen die,
kaum einem etwas civilisirten und religisen Leben gewonnenen Insulaner
geworfen zu sehen.

Nein gewi nicht -- kann ich mir denken -- ist ganz natrlich --
brummte der Harpunier dabei zwischen den Zhnen durch, und warf nur
manchmal einen Seitenblick auf den Geistlichen, als ob er htte sagen
wollen: nun was steckt dahinter? -- wo will der hinaus?

Mir liegt also, fuhr Bruder Rowe hier wieder fort -- gewissermaen
ebensoviel daran den entsprungenen Matrosen wieder von hier zu entfernen
als Ihnen daran gelegen ist ihn wieder zu bekommen.

Ja sagen Sie mir nur wie! platzte der Alte, dem die Vorrede zu lange
dauerte, heraus.

Unter der Bedingung da Sie meinen Namen nicht dabei nennen, und auf
eine Entschuldigung oder vielmehr Ausrede, dem Eingeborenen gegenber,
den Sie zu Ihrem Fhrer nehmen, denken wollen, kann ich Ihnen den Platz
so genau angeben wo er versteckt ist, da Sie nicht die mindeste
Schwierigkeit haben werden ihn zu finden -- ja noch mehr, der Ort liegt
so vortrefflich ihn zu umstellen, da Sie, wenn Sie Ihre Maregeln gut
treffen, ihn sicher in Ihre Gewalt bekommen _mssen_.

Aber was soll ich dem alten Fuchs dem Raiteo wei machen, sagte der
Harpunier sinnend, er hat gesehn wie wir jetzt hier miteinander
sprechen und ich kann es ja nicht gut von irgend einem Andern gehrt
haben.

Der Missionair blieb einen Augenblick stehn -- dann sagte er bedchtig:

Machen Sie sich nachher mit einem meiner Bootleute etwas zu schaffen
und sprechen Sie mit ihm ber irgend einen Gegenstand. -- Sie knnen
Raiteo dann sagen da Sie es von dem erfahren haben; ich bin ziemlich
fest berzeugt da ihn Raiteo nicht wieder danach fragen wird.

Und wo ist der Platz? frug der Harpunier.

Erkundigen Sie sich bei Raiteo, sagte der Geistliche leise -- ob er
ein Haus Namens ~Ihiamoea~ auf der Insel kennt. -- ~I-hi-a-mo-e-a~ --
knnen Sie den Namen behalten?

Er ist verdammt lang, brummte der Harpunier -- ~I-hi-ma-nu~.

~I-hi-a-mo-e-a~, wiederholte der Missionair.

Der Harpunier repetirte das Wort ein paar Mal leise vor sich hin und
sagte dann:

Ich denke so wird's gehn, und da steckt er also -- aber kennt Raiteo
den Ort?

Genau genug, lautete die Antwort. Sie werden ihm aber einen guten
Lohn versprechen mssen, denn die Insulaner haben eine gewisse Scheu vor
jener Gegend.

Er soll die ganzen funfzig Dollars haben wenn er uns heute Abend noch
hinfhrt! rief der Seemann rasch -- und Gott straf mich -- noch Alles
in Sachen dazu, was im Boot liegt -- wenn wir den Kerl nur kriegen. Ich
habe noch auerdem mein besonderes Gift auf ihn.

Gut, dann verlieren Sie keine Zeit mehr, sagte der Missionair, wieder
nach den Gebuden, wo noch die brigen standen, zurckkehrend. Knnen
Sie sich aber auch auf Ihre andern Leute verlassen, da Sie am Ende
nicht, anstatt Einen zu fangen, das Uebel noch verschlimmern und mehre
dabei einben?

Wir sind diesmal gescheuter gewesen, als das erste Mal, erwiederte der
Harpunier -- und haben gar keine Matrosen, sondern nur Officiere im
Boot zum Rudern mitgenommen -- die Leute sind smmtlich Harpunier oder
Bootsteurer, die laufen schon seltener weg, weil sie weit hhern Antheil
bekommen und auch berhaupt eine Carriere zu machen haben -- es sind nur
die verwnschten Matrosen die durchbrennen, weil sie sichs gewhnlich
ein Bischen zu hbsch auf einem Wallfischfnger gedacht haben.

Sie waren indessen wieder zu des Knigs Hause gekommen, welches der
Missionair jetzt betrat das Wetter abzuwarten, das gerade im Osten
heraufzog und schon mit drohenden Wolken ber dem Horizont hing. Der
Harpunier wechselte indessen mit seinen Leuten einige Worte, und ging
dann nach den beiden mit dem Cutter gekommenen Insulanern zu, die unfern
ihres eigenen Bootes auf den Corallen saen und sich eine kleine Cigarre
aus ihrem inlndischen Tabak und Bananenblttern drehten. Er blieb
einige Zeit bei diesen stehn, und ging dann, als er Raiteo gerade ber
sich am Rande des Gehlzes bemerkte, rasch auf diesen zu.

Raiteo, sagte er hier dem aufmerksam Zuhorchenden -- willst Du in
dieser Nacht Dein Glck machen und ein reicher Mann werden? Du kannst
funfzig Dollar und den ganzen Plunder verdienen der da im Boot liegt.

In dieser Nacht? erwiederte Raiteo kopfschttelnd -- habe weien Mann
Capitain schon gesagt da es so schnell nicht geht -- und ist immer ein
bs Stck Arbeit -- kann nicht.

Aber Du kannst -- sagte der Harpunier -- kennst Du ein kleines Haus
hier irgend wo auf der Insel, das sie ~I-hi~ warte einmal -- verdammt
-- ~I-hi-mano~ --

~Ihiamoea~? sagte Raiteo rasch und leise und sah den Fremden erstaunt
an -- und ist der weie Mann im ~Ihiamoea~?

Verdamme mich, wenn Du den Namen nicht wie am Schnrchen hast, lachte
der Wallfischfnger -- ~Ihiamoea~ kannst Du uns dorthin noch heute
Abend fhren?

Und wer hat Euch den Platz angegeben? frug der Insulaner, und seine
Augen suchten fast unwillkrlich die Stelle wo der Missionair noch vor
dem Hause des ~fa-u~ stand.

Einer der Burschen dort im Boot, erwiederte ihm der Seemann -- sie
wollens aber nicht gern wissen lassen, da die Nachricht von ihnen kommt
-- ich hab' ihnen fnf Dollar dafr gegeben.

Hm -- brummte Raiteo und schaute nach den Bootsleuten hin, die ruhig
und abwechselnd ihre kleine dtenfrmige Cigarre rauchten, und wieder
nach dem Missionair hinber; dann aber, den Kopf zurckwerfend als ob er
htte sagen wollen was gehts mich an gab er dem Harpunier ein Zeichen
ihm etwas weiter in den Wald hinein zu folgen, und hatte nun mit diesem
in wenigen Minuten das Nthige besprochen. Das ~Ihiamoea~ war ein
kleines niederes Gebude mit einem Gemach und zwei Ausgngen, das oben
auf einem der Hgel, im wildesten Dickicht und dichtesten Walde lag;
aber auf einem etwa funfzig Schritt breiten, vollkommen freien Raum
stand, und also mit grter Leichtigkeit umzingelt und besetzt werden
konnte. In etwa anderthalb Stunden konnten sie es von hier aus erreichen
und das aufsteigende Wetter begnstigte jedenfalls ein solches
Unternehmen. Raiteo aber, so gierig er war das Geld zu verdienen,
scheute sich eben so sehr seinen Namen dabei genannt zu wissen, als der
Missionair. Er zeigte ihm deshalb jetzt den Pfad, auf dem sie sich
gerade befanden, und der durch eine dichte Pandanus-Niederung hinfhrte
-- diesen sollte der Harpunier mit seinen Leuten, sobald es dunkelte,
etwa 300 Schritt weit folgen, und dann pfeifen, und Raiteo wrde ihn von
da bis zu dem Haus fhren und ihm angeben wie er es umstellen knne --
in das Haus aber bedung er sich gleich von vorn herein aus, ging er
nicht hinein; die alten hier unten vertriebenen Gtter saen noch dort
oben darin, und wenn sie auch einem weien Mann wohl nichts anhaben
konnten, so liefe doch ein Eingeborener die tdtlichste Gefahr an Leib
und Seele.

Ueber die Ausbezahlung wurden sie ebenfalls einig, Raiteo bekam fnf
Dollar im voraus, was ihn soviel gieriger auf das brige machte, und der
Rest sollte ihm ausbezahlt werden, wenn sie den Entsprungenen gebunden
in ihrer Gewalt htten.

Der Abend setzte ein, wie es das Wetter klar genug angedeutet; einzelne
Windste und Regen was vom Himmel herunter wollte. Der Wallfischfnger
war inde nher herangekommen, wo er durch das hohe Land gegen die Ben
ziemlich geschtzt lag und sich nicht in der mindesten Gefahr befand auf
die Klippen getrieben zu werden, von denen ihn Wind und Strmung
zugleich absetzten; in kurzen Gngen war es nur eben Alles was er thun
konnte, da er sich auf seiner Stelle hielt.

Der Missionair hatte die Insel ebenfalls nicht verlassen, obgleich er
lieber der durch ihn gewissermaen herbeigefhrten Katastrophe aus dem
Wege gegangen wre; auf See aber etwas ngstlich frchtete er das Wetter
mchte noch schlimmer werden und wollte sich da nicht in seiner
Nuschaale von einem Fahrzeug den Wogen anvertrauen.

Das Zeichen fr den Harpunier an Bord zu kommen, wenn etwa in der Nacht
mglicher Weise etwas vorfiele, sollten zwei Kanonenschsse sein.

       *       *       *       *       *

Ren war indessen durch seine liebe Fhrerin glcklich an den Ort seiner
Bestimmung gebracht und schon der Weg dahin berzeugte ihn, da
Europer den Platz nimmer in wenigen Tagen auffinden knnten, htten sie
selbst gewut da ein solcher Schlupfwinkel hier existire, und von den
Insulanern konnte ja auch keiner glauben da ihm diese Stelle bekannt
sei. Ebenso hatte er das aufsteigende Wetter bemerkt, und nicht ohne
Grund durfte er hoffen da es den Wallfischfnger zwingen konnte, die
Insel vielleicht sogar eher zu verlassen, als er im Anfang beabsichtigt.
Da aber auch Sadie nicht von dem Wetter berrascht werde, trieb er
diese selber mit zrtlicher Besorgni zum schleunigen Heimweg an, und
das schne Mdchen flog mehr als sie ging den Pfad zurck, denn sie
wute ja da sie, je eher sie wieder am Hause sei, desto sicherer auch
den geringsten Verdacht niederschlagen msse, der Fremde habe einen so
weitentlegenen Platz als das ~Ihiamoea~ zu seinem Zufluchtsort gewhlt.
-- An den Missionair dachte Niemand.

Der Platz selber war fr so kurzen Aufenthalt wohnlich genug; gegen Wind
und Regen vollstndig durch ein gutes Dach und fast fudicke vielleicht
sechs Fu hohe Steinmauern geschtzt, lag selbst eine breite aus dem
dortigen Schilfgras geflochtene Matte in der Mitte der Htte -- ein
Beweis mehr da der alte Missionair recht hatte wenn er glaubte, der
christlichste Knig dieser Insel hnge noch etwas an dem alten
Heidenthum. Doch wie dem auch sei, es kam Ren hier vortrefflich zu
statten.

Vor allen Dingen sah er jedoch nach seinen Waffen, steckte sein Messer
in den Grtel, den er immer trug und untersuchte die Terzerole -- aber
der alte Mann hatte in der Eile das Pulverhorn vergessen, und wenn auch
das Pulver noch ziemlich trocken aussah, war ihm doch nicht viel zu
trauen.

Nun ich werde sie hoffentlich nicht brauchen, murmelte er leise fr
sich hin -- besser wr's aber doch ich wte sie sicher -- es giebt
Einem immer mehr Zutrauen eine gute Waffe in der Hand zu haben. Bei den
Waffen lagen aber auch eine Masse Lebensmittel und mit doch weiter
keiner anderen Beschftigung machte er sich ber den Korb her, die
Leckerbissen vorzunehmen, die ihm der gute alte Mann, mit einem paar
Flaschen Wein und Cocosnumilch zusammengemischt, eingepackt hatte.

So vergingen ihm die Stunden rasch -- ein paar Mal trat er in die
vordere Thr der Htte, vielleicht einen Blick in's Freie zu gewinnen,
aber der Wald umgab das kleine Heiligthum einer frheren Zeit hier zu
hoch und dicht, auch nur einen Blick ber dessen uerste Grenzen zu
gestatten, und er warf sich zuletzt, ermdet vom Umhergehn in so engem
Raume, auf die Matte, und schaute trumend auf die kahlen Steinwnde,
die in frherer Zeit wohl Zeuge mancher wildromantischen Scene,
vielleicht manchen furchtbaren Opfers gewesen waren.

Und wo seid Ihr jetzt -- Ihr stolzen Herrscher dieser Haine -- Oro, Du
kriegerischer Gott, Hiro, Du schlauer Beschtzer der Diebe, Teroro, Du
Sturmerwecker, Tane, Du Herrlicher und Ihr Alle, Alle, die Ihr frher in
dem Rauschen der Palmen, in dem Donnern der ewigen Brandung zu Euern
Kindern spracht? -- Sie haben sich losgesagt von Euch, umgeworfen Euere
Altre, in den Wind verweht selbst Eure Namen, und das Kreuz, von
einzelnen Fremden aufgepflanzt, hat wie mit einem Schlage Euer
Jahrhunderte bestandenes Reich vernichtet. Aber solltet Ihr auch diese
Haine, die einst Eure Macht sahen, so schnell und leicht haben verlassen
knnen? wandelt Ihr vielleicht nicht selbst jetzt noch in den dunklen
Schatten der Fruchtbume, um die Stellen wo frher Euere Altre
gestanden, und schauet mit finsterem Groll auf die Tempel eines neuen
Gottes, vor dem Euere abtrnnigen Kinder _jetzt_ ihre Kniee beugen?
Umschwebst nicht Du selbst, furchtbarer Oro diese Dir einst, ja
vielleicht selbst jetzt noch geweihte Sttte, und blickst zrnend auf
den Fremden nieder, der sich, ein ungeladener Gast ber Deine Schwelle
gedrngt hat? -- Zrne mir nicht, htte nur ich, von all den weien
Fremden diese Ufer betreten, Du herrschtest _noch_ hier, in all Deiner
Herrlichkeit, ich htte Deinem Volke seine Gtter und seinen Frieden
gelassen, und wer wei ob sie nicht glcklicher -- besser geblieben
wren.

Lange noch lag er sinnend und trumend auf der Matte, bis die
einbrechende Nacht ihre Schatten niedersandte, und mit diesen der Regen
laut und schallend auf das schilfige Dach der Htte niederschlug. War er
hier aber auch vor diesem geschtzt, so fand er doch eine andere Plage
-- eine wahre Unzahl von Mosquitos stellten sich schon mit der Dmmerung
ein, und umschwrmten ihn jetzt als sicher unverhoffte und gute Beute zu
Tausenden.

Im Anfang suchte er sich ihrer zu erwehren, zuletzt aber gab er das auf
und streckte sich, nur sein Taschentuch ber das Gesicht breitend, auf
die Matte aus, der Nacht so viel Schlaf als mglich abzustehlen. Er
fhlte sich vollkommen sicher da der Wallfischfnger, wenn er berhaupt
noch an der Insel sei, _diese_ Nacht gewi Nichts unternehmen werde ihn
wieder zu bekommen, und rgerte sich fast, die bisherige Wohnung und
Sadie'ens Nhe verlassen zu haben.

Eine Stunde hatte er etwa so gelegen, aber er war nicht im Stande
einzuschlafen, die Mosquitos trieben es zu arg, und schienen
fortwhrend in neuen unersttlichen Schaaren heranzustrmen.

Das ist ein schner Polterabend, brummte er leise vor sich hin -- und
mein armes Mdchen sitzt inde allein daheim und ngstigt sich um den
fernen Freund -- ha! --

Er fuhr in die Hh' und horchte, schttelte aber dann lchelnd mit dem
Kopf und murmelte:

Das war wie in alter Zeit, als ich noch mit Adolphe in Canadas Wldern
jagte -- das klang genau wie sein Jagdruf -- der schrille Ton einer
kleinen, an der franzsichen Kste heimischen Mve.

Aber Wetter noch einmal! rief er pltzlich in einiger Unruhe
aufspringend -- und wenn das nun doch am Ende Adolphe selber -- aber es
ist ja nicht mglich -- wie htte er diesen Ort auffinden knnen.

Nichtsdestoweniger tappte er nach seinen Waffen herum, die neben ihm auf
der Matte lagen, und steckte sie zu sich. Der Regen hatte jetzt fr
kurze Zeit nachgelassen, und nur die schweren Tropfen fielen drauen
noch von den Zweigen nieder. Schlafen konnte er doch nicht, also stand
er auf und ging an die Thr die, halbangelehnt, ihm einen Blick auf den
kleinen freien, jetzt von dem auf wenige Momente vorbrechenden Mond
erhellten Platz gewhrte; ha dort drben bewegte sich beim ewigen Gott
eine Gestalt -- Wild konnte es nicht sein, das gab es ja nicht auf
diesen Inseln. Eine dunkle Wolke legte sich wieder ber den Mond und
hllte Alles in tiefe Nacht, als aber Ren, das gespannte Terzerol
krampfhaft fest in der Faust mit sphendem Blick und lauschend
vorgebeugtem Oberkrper da stand, erkannte er deutlich zwei dunkle
Gestalten die ber den Plan, grade auf ihn zu glitten. --

Verrath! murmelte er leise zwischen den Zhnen durch, und mit
Blitzesschnelle in das Haus zurckspringend, gewann er die andere Thre.
Aber in demselben Moment fhlte er sich von drei eisernen Armen zu
gleicher Zeit gepackt und es war ein Glck fr wenigstens einen der
Fnger, da das Terzerol versagte, denn gerade gegen das Ohr des
Harpuniers gepret hatte es Ren abgedrckt.

Teufel! schrie er, als er es von sich werfend sein Messer zu ziehen
suchte -- umsonst, die Uebermacht war zu gro, und wenige Minuten spter
lag er, an Hnden und Fen gebunden, in der Gewalt seiner Feinde am
Boden.

~Damn it~ mein Brschchen, lachte der alte Harpunier in aller Freude
ber den gelungenen Fang, ich hatte heute Abend, als ich auf den Regen
fluchte, nicht geglaubt da er mir mit Deinem Pulver zu gleicher Zeit
einen so guten Dienst erweisen wrde -- das war jedenfalls gut gemeint,
ich rechne Dir's aber nicht an -- htte dasselbe an Deiner Stelle
gethan; nun sei aber auch vernnftig und wehr Dich nicht nutzlos mehr --
wir sind hier unserer sieben gegen einen, und Du wirst begreifen da da
doch jeder Widerstand nutzlos ist.

Mordet mich! schrie aber Ren mit aller Kraft der Verzweiflung gegen
seine Banden und die Arme die ihn niederhielten, ankmpfend -- mordet
mich, wie Ihr mein Glck zerstrt habt, aber beim ewigen Gott, Ihr sollt
mich nicht lebendig von dieser Insel nehmen.

Das kme auf einen Versuch an, sagte der Harpunier kaltbltig --
willst Du denn gar keine ~raison~ annehmen, so haben wir uns schon so
viel Mhe um Dich gegeben, da wir Dich nun auch wohl das kleine
Stckchen Wegs noch tragen knnen. Nehmt ihn auf Leute -- nehmt ihn auf
-- oh wenn er gar so sehr strampelt -- hier ist noch Leine genug zwanzig
solche Brschchen frmlich damit einzuwickeln -- so das thuts -- noch
eins um die Fe, und nun nehmt ihn auf und fort damit -- da kommt schon
wieder ein neuer Regenschauer; da die Pest ein solches Land hole.

Ja wohinaus gehts aber jetzt? sagte Einer der Leute, nachdem sie den
sich wthend Strubenden aufgehoben hatten -- ich wei den Weg nicht
mehr.

Der alte Harpunier sah sich einen Augenblick selber verdutzt in der
Dunkelheit um. --

~Damn it~, brummte der Alte, jetzt bin ich auch confus geworden --
welchen Cours sind wir denn eigentlich heraufgesteuert. Wo ist denn die
verdammte Bestie von Insulaner -- he Raiteo, Canaille verwnschte -- wo
steckt der Satan?

Verrathen und verkauft, knirrschte Ren zwischen den zusammengebissenen
Zhnen hindurch, als er von der verzweifelten Anstrengung zum Tod
erschpft zurcksank und sich jetzt willenlos forttragen lie. -- Nicht
weit von ihm ab antwortete aber ein leiser Pfiff. Es war der Insulaner,
der dort auf die Seeleute, auer dem Bereich des ~Ihiamoea~, wartete,
und schweigend fhrte er den Zug den steilen schlpfrigen Pfad wieder
zurck nach dem Landungsplatz.

Der Regen go jetzt frmlich in Strmen nieder, wenn auch der Wind fr
den Augenblick etwas nachgelassen hatte, als sie aber oben die
Pandanus-Niederung erreichten, und nun auf ebener Bahn, auf dem scharfen
Corallensand, dicht am Ufer einer der kleinen zahlreichen Lagunen oder
Binnenseeen hinschritten, drhnten laut und mahnend die beiden
Kanonenschsse von Bord des Delaware zu ihnen herber. -- Fast
unwillkrlich hielten die Leute einen Moment, der Harpunier aber rief:

Vorwrts, meine Jungen, vorwrts, wir kommen gerade zur rechten Zeit --
Wetter noch einmal, das war abgepat, eine Stunde spter und wir htten
die ganze Geschichte aufgeben mssen.

Was mgen sie an Bord haben? frug Einer der anderen Harpunier.

Wahrscheinlich wird dem Alten der Wind zu bunt, lachte der Harpunier,
und jetzt ists gerade eine hbsche ruhige Zwischenzeit an Bord zu
fahren -- rasch Ihr Leute, da vorn seh' ich schon die Httenfeuer.

Ein neuer Hoffnungsstrahl blitzte vor Ren's Seele auf -- wenn ihn auch
Einer der Insulaner verrathen hatte, waren ihm doch fast alle Anderen
gewogen und wer wei ob sie ihn, wenn er sie anriefe, so vor ihren
eigenen Augen wegschleppen lieen. Soviel hatte er, whrend seines
Aufenthalts auf der Insel auch schon von der Tahitischen Sprache
gelernt, und als er die ersten Stimmen an den nicht mehr fernen Husern
hrte, damit die Leute Zeit bekmen sich zu sammeln ehe die Weien das
Boot gewinnen konnten, schrie er pltzlich mit lauter donnernder Stimme
um Hlfe.

Knebel her! sagte der Harpunier ruhig aber rasch -- wer hat ihn -- Du
John?

Ja hier -- antwortete der Mann dem Harpunier den Knebel reichend.

Der Kerl schreit uns am Ende doch noch die Insulaner auf den Hals --
wer wei wen er hier Alles zu Freunden gewonnen hat, und besser ist
besser.

An allen Gliedern gebunden und mit dem Knebel im Mund vermochte der
Gefangene sich nicht weiter zu rhren, und gleich darauf erreichten sie
den Strand.

Raiteo forderte aber jetzt, ehe sie zu seinen Leuten hinunterkamen, den
bedungenen Lohn, denn er wollte sich nicht mit den Weien zusammen
blicken lassen. Ehe sie abstieen gedachte er dann mit einem Bruder von
sich, zum Boot zu kommen und die Sachen in Empfang zu nehmen, die dort
noch fr ihn bestimmt waren.

Lauft rasch mit dem Burschen da voran, und legt ihn in's Boot, bis ich
den Schuft hier abgefertigt habe, sagte da der Harpunier zu seinen
Leuten -- Wort mssen wir ihm doch halten; und seht zu da Ihr das Boot
flott bekommt bis ich unten bin. Und whrend die Leute mit ihrer Last
rasch dem Strande zueilten, blieb er neben dem Insulaner stehen und
zahlte ihm das Blutgeld. Als er sich von ihm abwandte seinen Leuten zu
folgen, glitt Raiteo in die Bsche.

Hll' und Teufel, fluchte jedoch der alte Harpunier als er zum Strand
kam und sah wie die Mannschaft mit dem Boot beschftigt war, das hoch
und trocken auf der Corallenbank und wohl funfzig Schritt vom Wasser ab
sa -- ob ich es den verdammten Schuften von Insulanern nicht gesagt
habe das Boot flott zu halten -- und ich glaube beim Teufel, sie haben
es noch mehr aufs Trockene gezogen; da der Bse ihre Seelen verdamme.
Hinein damit Jungens -- greift unter und tragt es in's Wasser -- werft
den Plunder hinaus der vorn darin liegt -- der Eigenthmer mag ihn sich
holen -- wo ist Ren?

Hier am Hause liegt er, sagte Einer -- Bill und Adolphe stehen Wache
bei ihm.

Ach was Wache, der luft jetzt nicht fort -- hier Bill -- hier Adolphe
mit angefat und tragt das Boot zu Wasser -- hallo meine Jungen alle
zusammen -- ~there she comes -- a hoy-y~. Was zum Teufel macht es so
schwer -- was liegt da drinne?

Es liegt hinten ganz voller Frchte, antwortete Bill.

Frchte? hinaus damit, wir haben jetzt keine Zeit uns mit Frchten
abzugeben -- so -- Alles hinaus -- hier an die Seite damit, was in
Krben ist, knnen wir nachher wieder hineinwerfen, und hallo hier --
einmal eine Parthie von den Insulanern her, die knnen uns mit helfen,
wenn sie uns wieder los werden wollen.

Von diesen lie sich aber keiner blicken -- der Hlferuf des
Unglcklichen, den sie gehrt, hatte ihnen das Schicksal desselben
verrathen, und wenn sie auch, wie Ren in letzter Verzweiflung gehofft,
keineswegs gesonnen waren ihr Leben daran zu setzen, um ihn wieder zu
befreien, so mochten sie doch auch weiter Nichts mit der Sache zu thun
haben, vielweniger denn den Fremden selber in irgend etwas behlflich
sein.

Dicht am Strand wo die Leute, vielleicht zehn Schritt von dem Boot, den
Gebundenen niedergelegt hatten, stand eine kleine Bambushtte, in
welcher die Missionre, wenn sie sich auf dieser Seite der Insel
befanden und, vielleicht von einem Wetter berrascht, nicht mehr zu dem
Missionsgebude kommen konnten, gewhnlich bernachteten. Hierher hatte
sich auch, als das Wetter rger zu werden drohte, der ehrwrdige Bruder
Rowe zurckgezogen, lie sich aber natrlich nicht blicken wie er die
Mnner mit ihrem Gefangenen ankommen hrte, sondern hielt seine Thr,
allerdings nur dnnes Bambusgeflecht, geschlossen. Durch die berall
offenen Stbe der Wnde konnte er aber deutlich erkennen was drauen
vorging, und der gebundene und geknebelte Ren wurde solcher Art in
nicht zwei Schritten von seiner eigenen Thre niedergelegt, whrend die
Leute kaum zehn Schritt weiter damit beschftigt waren das Boot dem
Wasser zuzuarbeiten. Bruder Rowe stand dicht hinter der Thr und schaute
schweigend und nachdenkend auf den gebunden am Boden Liegenden nieder.

Auer ihm war aber noch eine andere Gestalt ganz in der Nhe, und zwar
niemand anderes als das indirekte Werkzeug des ehrwrdigen Herren --
Raiteo, der vorsichtig um das Haus herumglitt und die Bewegungen der
dicht dabei in dem Boot beschftigten Mnner auf das vorsichtigste
beobachtete. -- Er hatte seinen Bruder oder irgend einen seiner Freunde
schon abgeschickt die ihm noch zukommenden Waaren zu holen, und seine
eigenen Grnde sich nicht selber dorthin zu bemhen.

Schuft? -- so? murmelte er dabei zwischen den Zhnen durch -- erst
ist man gut genug weier Mann Capitain da hinauf zu fhren und nachher
ist man Schuft; gut -- gut Raiteo ist nicht so dumm -- Raiteo hat Geld
-- liegt sicher unterm Baum -- Raiteo hat seinen Contrakt erfllt --
jetzt kann Raiteo machen was er will, und jetzt will Raiteo einmal sehn
was er machen will.

Die Wallfischfnger hatten indessen Alles was das Boot schwerer machen
konnte hinausgeworfen, und whrend der Regen wieder in Strmen
niedergo, faten die sieben krftigen Gestalten das Boot und schoben es
langsam aber in sicherem Fortgang den ersten kleinen Abgang hinunter, wo
es wieder durch eine neue Corallenschicht aufgehalten, aber auch ber
diese endlich weggehoben wurde.

Die verdammten Schurken von Indianern lassen sich nicht blicken, sagte
der alte Harpunier, keuchend in aller Anstrengung, aber hol' sie der
Henker, wir brauchen sie auch nicht -- munter meine Jungen, munter --
denn hinten kommts wieder so schwarz wie Nacht herauf und wir mssen
machen da wir das Schiff erreichen, wenn uns der Alte hier nicht
zurcklassen soll, und dann htte er nachher eine schne Mannschaft an
Bord, ohne alle Officiere.

Der Delaware hatte eine Laterne ausgehangen und schien, soweit man nach
der Bewegung derselben urtheilen konnte, wieder nher zu kommen.

Als sich die Seeleute mit dem Boot von dem Haus entfernten, glitt Raiteo
dahinter vor, und wie eine Schlange dicht an den festgebundenen Krper
des Gefangenen hinan, wo er, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben
und ohne weitern Zeitverlust begann, die verschiedenen Seile mit denen
der Krper des Unglcklichen frmlich umwunden war, durchzuschneiden.
So leise und geschickt war dies Maneuvre auch, von der Nacht begnstigt,
ausgefhrt da der, gewissermaen dicht davorstehende Missionair, der
die Augen doch fortwhrend auf den Krper geheftet gehabt, wohl eine
Bewegung sah, aber in der ersten Minute gar nicht unterscheiden konnte
was es eigentlich sei. Ren brigens, der schon jeden Gedanken an
Rettung in dumpfer Verzweiflung aufgegeben hatte, und jetzt nur Trost in
dem einzigen Entschlu fand, sowie man ihn an Bord seiner Fesseln
entledige seinem Leben gewaltsam ein Ende zu machen, fhlte kaum den
scharfen Schnitt eines Messers an den Seilen, als ihm wilde frhliche
Hoffnung durch Mark und Seele scho. Er begriff zugleich die
Nothwendigkeit vollkommen regungslos zu bleiben, die Aufmerksamkeit der
nur kurze Strecke von ihm entfernten Seeleute nicht auf sich zu ziehen;
aber selbst die Secunden die er hier wieder in furchtbarer Erwartung
lag, ob nicht doch noch, ehe er den Gebrauch seiner Glieder wieder
gewinnen konnte, Jemand von unten heraufkam und der Versuch zu seiner
Rettung entdeckt wrde -- erfllten ihn mit wahrer Hllenpein.

Raiteo hatte Verstand genug die Fe erst frei zu machen, denn selbst
mit gebundenen Hnden war in diesem Dunkel die Mglichkeit zu entfliehen
da. Ren drngte es aber den Arm frei zu bekommen, wenigstens sein
Messer, das er noch an der Seite fhlte, zu erfassen; der Knebel
verhinderte ihn aber auch nur einen Laut von sich zu geben, und Raiteo
wollte den nicht entfernen bis er mit allem brigen im Reinen wre. Mit
den Fen glaubte er jetzt fertig zu sein und ging an die Arme, ein
dnnes Seil, da er in der Dunkelheit bersehen hatte, hielt jene aber
noch zusammen, und Ren hob die Knie auf es ihm bemerklich zu machen.

Geh doch einmal Einer hinauf und sehe nach dem Gefangenen, sagte in
diesem Augenblick die Stimme des Harpuniers, die deutlich zu ihnen
herberdrang. Rasche Schritte wurden gegen sie zu gehrt, und Raiteo der
keineswegs im Sinne hatte seine eigene Person irgend einer Gefahr
preiszugeben, lie den noch immer Gebundenen wie er war, und glitt um
das Haus hinum.

Hierdurch wurde es aber auch jetzt dem Missionair, der schon der
Bewegung des Gefangenen nach Verdacht geschpft, klar, da irgend Jemand
an der Befreiung desselben arbeite. _Wer_, konnte er natrlich nicht
erkennen, aber es lag keineswegs in seinem Plan den Mann hier auf der
Insel zu behalten, nun es doch einmal soweit gediehen war.

Ren schlo die Augen und sank zurck in stummer Verzweiflung.

Der Mann von unten sprang auf den Liegenden zu, und bog sich zu ihm
nieder, wie um nachzusehen ob seine Stricke auch noch in Ordnung seien;
zu gleicher Zeit aber fhlte Ren wie ein scharfes Messer und eine
gebte Hand das Tau von einander trennte das seine Arme fest umspannt
hielt, eine Hand glitt an seinem Krper hinunter, fhlte das Seil um die
Knie und trennte auch dieses.

Muth! flsterte dabei eine Stimme die Ren's Ohren wie himmlische
Sphrenmusik klang -- Muth Ren und jetzt fort, -- und sich
aufrichtend rief er laut:

~All right~! und drehte sich rasch um, den Platz zu verlassen, als er
pltzlich einen Arm auf seiner Schulter fhlte und erschrocken stehen
blieb. Ren lag noch am Boden, als er ebenfalls die zweite Gestalt
bemerkte, aber seine Hand fate leise das Messer und zog es aus der
Scheide -- er wute er war frei, denn zwei Stze konnten ihn in den
Bereich des Waldes und aus der Gewalt seiner Feinde bringen.

Adolphe, denn dieser war Ren's Befreier, drehte fast unwillkrlich den
Kopf halb ab, um nicht erkannt zu werden und suchte schon loszukommen,
sich wieder unter seine Kameraden zu mischen und dadurch jeden Verdacht
von sich zu entfernen, als er zu seinem Staunen die Stimme des
Missionairs erkannte, der ihn leise etwas von dem vermeintlich
Gebundenen fortzog, damit dieser ihn nicht erkennen mchte, und mit
hastiger aber unterdrckter Stimme sagte:

Habt Acht auf Eueren Gefangenen Sir -- man will ihn befreien -- ich
habe --

Er sagte nichts weiter, denn ein einziger Faustschlag des riesigen
Franzosen, gerad gegen seine Stirn, streckte ihn besinnungslos zu Boden.

Bind ihn, flsterte da Adolphe rasch, sich zu diesem niederbiegend --
_er_ hat Dich an uns verrathen, und so schnell wie er gekommen, sprang
er die Corallenbank wieder hinunter, wo die Leute eben mit Anstrengung
aller ihrer Krfte das Boot bis zum Wasserrand gebracht hatten.

Der Gefangene liegt noch am Boden, sagte er, als er sich hier wieder
unter die Uebrigen mischte.

Aber habt Ihr nicht nachgesehen ob die Seile noch in Ordnung sind?
frug der Harpunier.

Ich kann noch einmal hinaufgehn, erbot sich Adolphe.

Da blitzte es vom Wasser herber, und gleich darauf drhnte der dumpfe
Schall eines neuen Schusses, dem in kaum einer Minute ein zweiter
folgte, zu ihnen herber.

Hinein mit dem Boot in's Wasser! schrie der Alte, alles Andere in dem
Bewutsein der Nothwendigkeit vergessend, so rasch als mglich wieder an
Bord zu kommen, wacker Ihr Leute, wacker und legt Euch dagegen mit
Brust und Seele!

Den vereinten Anstrengungen der Leute gelang es das Boot vorn in die
Fluth zu bekommen, das unruhige Wogen derselben half nach, und bald lag
es flott.

Jetzt hinein, mit Riemen und Masten! lautete der rasch gegebene
Befehl, und verget Nichts Ihr Jungen -- lat die Frchte liegen wo sie
sind -- vier von Euch nach dem Gefangenen -- halt hier -- das Boot stt
noch auf -- noch einmal unter, alle zusammen -- ~a hoy~ -- ~there she
goes~ -- nun die Riemen und unsern ~mossier~ her und hinein mit Euch.

Es war auch Zeit da sie von Lande abkamen -- der Wind hatte sich,
whrend einer fast anderthalb Stunden langen Stille, total herumgedreht,
und aus Westen kann es in diesen Breiten oft gar bs an zu wehen fangen.
-- Dort stieg auch schon eine schwere rabenschwarze Wand auf, und der
Delaware mute jetzt allerdings machen da er von der Kste abhielt. Die
Leute rannten smmtlich, so rasch sie konnten, die Bank hinauf, drei von
ihnen die Riemen und den Mast in's Boot zu nehmen; die andern drei den
Gefangenen zu holen. Unter diesen Adolphe.

Auf mit ihm, rief dieser, den Oberkrper des auf der Erde Liegenden so
packend und mit Leichtigkeit emporhebend, da er den Kopf unter seinen
Arm bekam -- auf mit ihm Jungens -- und hinunter -- da geht ein anderer
Kanonenschu, bei Gott!

Die beiden andern Bootssteuerer faten, der Eine in der Mitte, der
Andere unter die Knie des Gebundenen, und im vollen Lauf fast ging es
damit die Corallenbank hinunter.

Vorn in's Boot mit ihm, schrie der Harpunier -- haut ihm eins ber
den Schdel wenn er sich nicht fgen will -- an Eure Riemen fr Euer
Leben, dort kommts herauf -- hinein in's Boot mit ihm sag' ich -- werft
ihn hinein, zum Donnerwetter, wenn er nicht gehn will, darf's ihm auch
nicht auf eine Beule ankommen.

Wetter noch einmal, brummte Bill, als die im Boot Stehenden den Krper
anfaten, hineinzogen und vorn in den Bug mehr warfen als legten, Ren
ist hier ordentlich stolz geworden; der hat jetzt Schnallen an den
Schuhen.

Es war aber in diesem Augenblick weder Zeit viel Bemerkungen zu machen,
noch sie anzuhren oder gar zu beachten. Die Leute sprangen an ihre
Pltze, warfen die Riemen in die Dollen, der alte Harpunier hatte den
seinigen durch das Rudereisen gezogen, und durch die elastischen Riemen
vorwrts getrieben flog das leichte Boot ordentlich durch die schon
unruhige See dem glcklicher Weise nicht sehr fernen Schiff, das jetzt
auch noch eine zweite Laterne aufgezogen hatte, entgegen.

       *       *       *       *       *

Ren war in dem Augenblick als ihn Adolphe verlie, in die Hhe
gesprungen, und wute in der That, in dem ersten Gefhl jubelnder
Freiheit, nicht was er thun, ob er dem Rathe Adolphes folgen, oder den
Priester ungebunden liegen lassen sollte, wo seine Flucht dann
allerdings gleich bemerkt werden mute, sobald sie ihn nur auffaten.
Eine zweite Person entschied aber seinen Zweifel, und zwar niemand
Anderes als Raiteo.

Raiteo war nmlich ein hchst aufmerksamer und selbst berraschter Zeuge
smmtlicher letzter, so schnell auf einander folgender Vorflle gewesen.
Klug genug aber einzusehn da es fr ihn jetzt besonders Zeit sei sich
bei der Befreiung noch etwas zu betheiligen, wenn er berhaupt spter
Ehre und vielleicht auch noch Nutzen daraus ziehen wollte, hatte er auch
noch einen andern Grund zu wnschen, die Weien mchten die Insel mit
dem Glauben verlassen, da Alles in Ordnung sei, weil sie sonst am Ende
noch Einsprache wegen den brigen, zum Theil noch nicht einmal
geborgenen Waaren thun, oder doch Lrm schlagen konnten, und dann den
Antheil auf der Insel bekannt machen muten, den er selber bei dem Fang
des Europers gehabt, und dessen er sich, so verstockt er sonst sein
mochte, doch einigermaen schmte. Kaum hatte er deshalb den Missionair,
von dem er im ersten Augenblick gar nicht wute woher er auf einmal kam,
fallen gesehn und die Worte Adolphes gehrt die dieser dem Freunde auf
englisch zurief -- bind ihn als ihm auch das ganze Ntzliche einer
solchen Maregel einleuchtete und er, aus seinem Verstecke vorgleitend,
ohne weiteres Hand an den geistlichen Herren legte, und ihn rasch an
Hnden und Fen band.

Ren der wute da er von dieser Seite keinen Angriff zu frchten, ja
nur Hlfe zu hoffen hatte, erkannte im ersten Augenblick den Burschen
gar nicht, bis Raiteo sein Gesicht gegen ihn aufhob und mit leiser
Stimme und bedeutungsvollen Zeichen sagte:

Knebel -- schnell!

Schurke verdammter, wo kommst Du her? rief Ren fast unwillkrlich.

Pst, sagte aber Raiteo, diesmal nicht im mindesten beleidigt --
Knebel.

Zeit war aber auch in der That nicht zu verlieren, und kaum hatte der
Insulaner den Knebel auf das geschickteste in den Mund des am Boden
Liegenden gebracht, von dem er sich jedoch vorher wohl berzeugt hatte
da er bewutlos war, als sie auch schon die Leute die Corallenbank
heraufspringen hrten, und nun rasch um das Haus herum und in das
Dickicht schlpften.

Mit klopfendem Herzen hrte Ren wie sie den Krper seines
Stellvertreters auffaten und zum Boot hinunter trugen -- dann aber, als
die Riemen in das Wasser einfielen und die regelmigen -- o so
wohlbekannten Ruderschlge an sein Ohr tnten und weiter und weiter in
der Ferne verhallten, da war es ihm als ob eine Centnerlast von seiner
Brust gewlzt wre, und mit der dringensten Gefahr auch jeder trbe
Gedanke aus seiner Seele verschwunden -- sein leichter Sinn schwamm
wieder in der alten frhlichen Lust oben.

Du bist doch der abgefeimteste durchtriebenste Erzschurke, Raiteo, der
sich denken lt, wandte er sich lachend an diesen, der im Anfang nicht
recht zu wissen schien auf welchem Fu er nun, mit dem eben Befreiten
wieder stehen wrde, schon nach dem Klang der Stimme aber vollkommen
begriff wie der weie Mann nicht Capitain die Sache aufnahm, ihn aber
das natrlich nicht merken lassen wollte, und nur mit klglichem Ton
jetzt versicherte und betheuerte, der Bodder Aue habe seinen
Schlupfwinkel an weien Mann Capitain verrathen, und weier Mann
Capitain ihn mit vorgehaltener Pistole und gebundenen Hnden gezwungen
sie nach dem von dem Missionair bezeichneten Platz hinzufhren.

Das erste war, wie Ren aus Adolphes eigenem Munde erfahren, in der That
so, das zweite jedoch kaum wahrscheinlich, doch nahm der junge Franzose
den Burschen eben wie er war, und fhlte sich auch in seiner
neugewonnenen Freiheit nicht im mindesten geneigt auf irgend Jemanden in
der weiten Welt zu zrnen; berdies hatte Raiteo doch auch einen Theil
seiner Schuld wieder gut gemacht, und dadurch jedenfalls Reue ber etwa
begangene Missethat gezeigt.

Ren war brigens noch zu sehr mit dem Schiff selber beschftigt. Die
neuen Kanonenschsse verriethen des Capitains Eile in der er schien hier
fortzukommen -- etwas wofr ihn der Befreite in seinem Herzen segnete,
und bald zeigten auch die niedergeholten Lichter da das Boot an Bord
sei. Noch konnte er die Compalampe durch die Nacht erkennen, aber bald
erlosch dieser schwache Punkt ebenfalls, und mit dem jetzt aus vollen
Backen einsetzenden West war in kaum einer halben Stunde jede Spur von
dem so gefrchteten und auch so furchtbar gewesenen Schiff verschwunden.

Nichtsdestoweniger, und trotz dem Wetter, blieb Ren die Nacht auf dem
ersten Hgel, auf den ihn Raiteo noch hinauffhren mute, mit diesem auf
Wache, und erst, als er sich mit dmmerndem Tage berzeugte da der
Delaware nirgends mehr am Horizont zu erkennen war, flog er mehr als er
ging die steilen schlpfrigen Hnge hinunter, dem Missionsgebude zu, wo
Sadie schon in peinlicher Angst den ausgeschickten Boten erwartete, der
ihr melden solle ob das Schiff die Insel verlassen habe.

Wie erschrak das arme Mdchen, als sie die furchtbare Gefahr des
Geliebten erfuhr, aber den Glcklichen konnten trbe Erinnerungen oder
_vergangenes_ Leid, die jetzigen frohen Stunden nicht verbittern, und
Sadie wie Ren _waren_ glcklich.

Ren htete sich brigens wohl, zu erwhnen was aus dem geistlichen Mann
geworden sei, obgleich er natrlich nicht verheimlichen konnte und
wollte, da er durch dessen freundliche Frsorge verrathen worden, und
Raiteo beobachtete ebenfalls in dieser Hinsicht eine hchst lobenswerthe
Discretion.

       *       *       *       *       *

Was _war_ aber aus ihm geworden?

Als das Boot nur eben nahe genug zum Schiff gekommen war, da sie dort
die regelmigen Ruderschlge unterscheiden konnten -- schrie der
Capitain schon mit Donnerstimme hinber:

Boot ahoy!

~Ship ahoy~! lautete die rasche Antwort des Harpuniers -- ~all
right~!

Scharf meine Jungen, scharf -- macht da Ihr an Bord kommt, schrie die
Stimme wieder -- steht bei hier mit den Taljen -- alles klar?

Alles klar Sir, lautete die Antwort zweier Matrosen, die an den
Krahnen standen zu welchen das Boot gehrte, die Taljen niederzulassen.

Nieder mit Eueren Blcken, rief's schon in dem Augenblick von unten
herauf, als da Boot an die Seite scho und die Ruder, wie mit einem
Schlag in die Hhe geworfen, lngs hineinfielen -- hier -- hakt rasch
ein -- hinauf mit Euch -- ~all right~! -- brllte der Harpunier wieder
durch das Schreien der Leute und das Rasseln der Raaen oben, die
ebenfalls zu gleicher Zeit herumflogen. Seine Leute kletterten rasch an
Bord hinauf, nur zwei zurcklassend, die an beiden Enden standen und die
eingehakten Taljen wahrten, und eine halbe Minute spter schwebte das
Boot nach oben und unter seine Krahne, mit dem Deck gleich, whrend die
im Boot Zurckgebliebenen den Gebundenen vorholten und nach Bord
hineinreichten.

Der hat die letzten zehn Minuten gestrampelt, als ob er sich die Seele
aus dem Leibe treten wollte, brummte Bill, als sie ihn oben ber die
Schanzkleidung holten -- aber zum Donnerwetter --

Zwei Reefen in Vor- und groe Marssegel -- fort mit Euch da hinauf!
schrie der Capitain in diesem Augenblick; die Leute muten den
Gebundenen, der sich am Boden wand wie ein Wurm, liegen lassen und das
Niederrasseln der Raaen, das Heulen der Leute an den Reeftaljen
bertubte fr den Augenblick selbst das, jetzt mit Macht aufkommende
Wetter. Die nchste Viertelstunde nahm das Reefen selber in Anspruch,
und Niemand kmmerte sich indessen um den unglckseligen Priester. Erst
als die Mannschaft mit dem gewhnlichen tnenden ~Oh -- jolly men --
hoy~ die Marsraaen wieder aufzog, trat der zweite Harpunier, der nicht
mit am Lande gewesen war und schon die letzten fnf Minuten die an Deck
liegende Gestalt forschend und etwas mistrauisch betrachtet hatte, auf
diese zu und sich zu ihr niederbiegend rief er erstaunt:

~Why -- damn it~ -- das ist Ren nicht!

Ren nicht? antwortete der Capitain, der dicht neben ihm stand, mit
der Linken eine der Brassen gefat hatte, und die Blicke auf die
aufsteigenden Raaen gerichtet hielt -- wer soll's _denn_ sein? --
~belay that~ -- -- groe Marsraae -- was liegt an jetzt?

Norden halb Westen, tnte die monotone Stimme vom Steuerrad herber.

~Steady then~ -- halt den Cours -- wer soll's denn sein Mr. Browning.

Wei nicht Sir, sagte dieser der, inde der Capitain die obigen
Befehle gegeben, dem Steward zugerufen hatte eine der noch im Spintge
stehenden Lampe -- die vorige Signallaterne -- herauszubringen, und mit
dieser vor den Gebundenen trat -- hallo wen haben wir hier?

Hallo Mr. Rowsey, rief aber in diesem Augenblick der Capitain, der
ebenfalls hinangetreten war und jetzt mit in das ihm vollkommen fremde,
wilde verstrte Gesicht des Bruder Rowe schaute -- wen zum Henker haben
Sie uns da vom Lande mitgebracht? -- haben Ihnen die Indianer _die_
Jammergestalt hier als Ren verkauft?

Der alte Harpunier drckte sich rasch durch die, den Gebundenen
umdrngenden Officiere und stand, whrend aller Augen halb erstaunt halb
lachend auf ihn gerichtet waren, wohl eine halbe Minute verdutzt vor
dem, was ihn im ersten Augenblick kaum weniger als eine Erscheinung
deuchte; endlich aber platzte er heraus.

~Why~ -- Gott straf mich, das ist ja der Pfaffe. -- Den? --
Himmeldonnerwetter -- _den_ haben _wir_ doch nicht etwa im Boote
mitgebracht?

So bindet ihn wenigstens los, sagte der Capitain ruhig, und nur mit
Mhe sein Lachen verbeiend. Whrend aber zwei daran gingen die Banden
aufzuschneiden und den Gefangenen besonders von seinem Knebel zu
befreien, fluchte und wetterte der alte Harpunier auf Deck herum, und
schien gar nicht bel Lust zu haben jetzt selber ber den Missionair
herzufallen, als ob der arme Mann die Schuld dieser fr ihn so traurigen
Verwechselung trage.

Bruder Rowe bekam aber kaum seinen eigenen Mund frei, als er auch
augenblicklich seine eigene Meinung von der Sache hatte, ber Mord und
Gewalt schrie, und verlangte ohne Sumen wieder an Land gesetzt zu
werden. Mit Mhe nur bekam man von ihm heraus, da seiner Meinung nach
einer der Leute aus dem Boot ihm einen Schlag versetzt, der ihn
bewutlos niedergestreckt und ihn dann wahrscheinlich gebunden und
geknebelt hatte. Hiergegen protestirte aber der Harpunier als eine
Unmglichkeit, denn so lang sei gar keiner von seinen Leuten von ihm
entfernt gewesen, das zu bewerkstelligen. Nichtsdestoweniger wurden die
Leute alle vorgerufen und der Priester sollte jetzt den nennen, den er
fr den Thter halte -- war das aber nicht im Stande. Der Harpunier
erinnerte sich brigens einmal Einen die Bank hinaufgeschickt zu haben
nach dem Gebundenen zu sehn, der war jedoch augenblicklich zurckgekehrt
und Adolphe meldete sich, gleich auf die erste Frage, ohne weiteres,
hatte aber, wie er ruhig bemerkte, nur die Gestalt am Boden liegen
gesehn und sich um weiter Nichts bekmmert.

Adolphe war nun allerdings Ren's Landsmann, und wenn auch bei Manchem,
selbst bei dem Capitain ein leiser Verdacht aufsteigen mochte, da damit
nicht Alles richtig hergegangen sei, lie sich auch nicht das mindeste
mit einer Anklage machen, bei der der Klger selber nicht einmal den
Thter erkannte, vielweniger auf ihn zu schwren vermochte. Dazu kam
noch der alte Groll, den Wallfischfnger gewhnlich gegen die
Missionaire, sehr hufig allerdings ungegrndet, manchmal aber auch mit
Ursache haben, und in dem Aerger ber das Entkommen des Matrosen mischte
sich jedenfalls eine gewisse Parthie Schadenfreude, da gerade der
Priester, der den Seemann verrathen hatte, in dieselbe Grube gefallen
war die er dem Andern gegraben, und der Capitain zuckte zuletzt nur mit
den Schultern, als der geistliche Herr in vollem Zorn versicherte, er
werde sich an seine Regierung wenden und volle Genugthuung fr diese
schmhlige, nichtswrdige Behandlung fordern.

Jetzt aber verlangte er vor allen Dingen augenblicklich und ohne
weiteres Sumen wieder an Land gesetzt zu werden.

An Land! rief dagegen der Capitain -- jetzt bei _dem_ Wetter? und
wenn Sie mir tausend Dollar Passage bis zu der verdammten Insel zahlten,
die ich wollte ich htte sie im Leben nicht gesehen, mchte ich keins
von meinen Booten und vielweniger mein ganzes Schiff noch einmal
zwischen die Riffe hineinwagen.

Bruder Rowe war auer sich -- aber Drohungen wie Versprechungen blieben
gleich fruchtlos, und das einzige womit ihn der Capitain trstete, war,
da er eine der nrdlich gelegenen Inseln wolle anzulaufen suchen, von
da knne er dann sehen wie er wieder nach Tahiti oder hierher
zurckkomme.

Zwei Tage spter lief er Bola-Bola an, wo er den ~Rev.~ Mr. Rowe
absetzte und vierzehn Tage vergingen ehe er von dort aus im Stande war
seinem Schooner wissen zu lassen wo er sich befand, dessen Leute unter
der Zeit brigens in vollkommener Gemthsruhe, und ohne auch nur einmal
nachzufragen weshalb der weie Mitonare sie so ber Nacht verlassen
habe, geblieben waren wo sie sich gerade befanden, sie hatten ja genug
Brodfrucht und Cocosnsse dort, und der Schooner lag sicher vor Anker,
was wollten sie mehr? -- sie htten auf die Art noch ebensoviele Monate
wie Wochen gewartet.




Capitel 8.

#Tahiti.#


Wie nach dem wilden furchtbaren Schlag eines Wetters, der uns das Blut
stocken machte in den Adern, fast immer Ruhe eintritt in der Natur, der
nur leise grollende Donner mehr und mehr verhallt in weiter Ferne, und
die Welt, von Sonnenschein beglht, frisch aufathmend und neu belebt im
reinen blitzenden Lichte liegt, so schien sich alles Leid, das der
Himmel fr die Liebenden in seinen dunklen Wolken geborgen, an diesem
letzten furchtbaren Tage entladen -- aber auch erschpft zu haben.

Mit dem, fast noch whrend dem Sturm scharf und heftig einsetzenden
Ost-Passat, htte der _Delaware_ jedenfalls eine lange Zeit gebraucht
wieder gegen die Insel aufzukreuzen, wenn er ja noch im Sinn gehabt mit
beispielloser Zhigkeit sein Ziel zu verfolgen. Das aber war, besonders
nach den letzten Erfahrungen, nicht mehr zu frchten, und wenn auch Mr.
Osborne durch das eigenthmliche Verschwinden seines Collegen, dessen
Schooner, wie ihm der ~fua~ gleich am andern Morgen meldete, seiner
harrend in dem kleinen Boothafen lag, beunruhigt wurde, verhinderte ihn
dies doch nicht die heilige Handlung an den, ihm jetzt nur noch lieber
gewordenen jungen Leuten zu vollziehen und sein Kind, sein liebes,
liebes Kind dem Schutz des Fremden anzuvertrauen, den ein wunderliches
Geschick an diese Kste geworfen.

Von da an gehrte Ren zu den Shnen des Landes, und selbst Raiteo wrde
nicht mehr gewagt haben verrtherisch an ihm zu handeln -- wenigstens
nicht unter gewhnlichen Umstnden.

Am meisten erstaunt waren aber die Insulaner ber das Verschwinden des
finsteren Mitonare, und Mr. Osborne wollte schon die betrbende
Nachricht seines Todes nach Tahiti senden, als sich Ren doch genthigt
sah ihm seine Vermuthung ber den eigenthmlichen Fall mitzutheilen.
Bald darauf kam aber die Nachricht von Bola-Bola, da er dort glcklich
gelandet, und einige Tage spter Mr. Rowe selber. Aber er verlie die
Insel wieder, ohne auch nur eine Sylbe ber seine Fahrt zu uern oder
selbst Mr. Osborne aufzusuchen, in dessen Hause er natrlich den, im
vollen Besitz seines erstrebten Glckes gefunden htte, der die Ursache
seiner Schmach gewesen, und gegen den er jetzt einen, wenn auch
heimlichen, doch so gewaltigeren Ha im Herzen trug. Ihm lag also nicht
daran gerade jetzt mit ihm zusammenzutreffen.

Aber was schadete der Ha des finsteren Mannes den Liebenden? -- In
ihrem neuen Glck dachten sie kaum der Auenwelt, und Ren besonders,
bei dem der Uebergang von wildester Verzweiflung zu hchster Seligkeit
in dem Umfange weniger Stunden lag, schien sich im Anfang kaum fassen zu
knnen in jubelnder, jauchzender Lust. Der alte Mr. Osborne hatte sogar
alle Hnde voll zu thun ihn selbst nur whrend der kirchlichen Feier im
Zaum zu halten, und Mi-to-na-re Ezra trippelte fortwhrend um ihn herum,
und schien ihn um's Leben gern bald an einem Arm, bald an einem Beine
fassen zu wollen, nur um den rastlosen beweglichen Wi--Wi ein einziges
Mal fest und ruhig zu halten, wie es einem anstndigen Christen, der er
ja doch einmal werden wolle, gezieme.

In einem gleichen Taumel vergingen ihm selbst die nchsten Monate. Des
Missionairs Rowe Rckkehr von seinem unfreiwilligen Kreuzzug lockte ihm
kaum ein Lcheln auf die Lippen, so gleichgltig war ihm der Mann
geworden, und mit dem Bau fr seine eigene kleine Heimath beschftigt,
den er mit vollem frhlichen Eifer betrieb, fhlte er, da er jetzt ein
neuer Mensch geworden, und die Brcke hinter sich abgebrochen habe, die
ihn bis dahin noch mit der Auenwelt, zu der er nicht mehr gehrte,
verbunden.

So verging fast ein volles Jahr und Mr. Osborne selber fing an zu
glauben da Bruder Rowe -- der aber seit jenem Tag Atiu nicht wieder
betreten, sondern stets einen anderen Geistlichen zur Revision gesandt
hatte, seinen Groll gegen die ihm verhate Verbindung der jungen Leute
-- zu der _er_ die Hand geboten -- in dem regen ja unruhigen politischen
Treiben der Hauptinsel, wie in den gefhrdeten Interessen seines Standes
vergessen, oder wenigstens vergeben habe, wie es dem Verbreiter
christlichen Glaubens und Duldens auch gezieme, als ihn eines Tages ein
groes versiegeltes Schreiben des ~board of Missionaries~ von England,
aus seinem Traum und Glauben ri.

Es war seine Abberufung von Atiu und Versetzung nach Tahiti,
gewissermaen unter die Aufsicht der dort die obere Leitung der
geistlichen ja auch politischen Angelegenheiten fhrenden Missionaire,
unter denen Bruder Rowe eine sehr vorragende Stellung einnahm -- und
wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf ihn die Botschaft.

Aber nicht ihn allein; es war die erste Trauerbotschaft fr die ganze
Insel, und wenn es Sadie'ens Herz mit Kummer und Sorge fllte, setzte
sich der kleine Mi-to-na-re geradezu in seine Lieblingsecke im Haus auf
den niederen Schemel, und fing an von Herzen weg zu weinen, da er jetzt
seinen alten Freund und Gnner, Bodder ~O-no-so-no~ verlieren und einen
Anderen -- vielleicht gar -- es berlief ihn ordentlich wie mit
Fieberfrost -- vielleicht gar den Bodder Aue dafr herber bekommen
sollte.

Sadie hatte kurz vorher dem Gatten ein Mdchen geboren, und wenn es
mglich gewesen wre Ren's Glck zu erhhen, so htte es dies neue
Gefhl der Vaterfreude thun mssen.

Ren war auch der Einzige vielleicht, der in einer Uebersiedelung nach
Tahiti nicht das Schmerzliche sah wie Sadie und Mr. Osborne, denn da
sie den alten Mann nicht wollten allein nach der fernen Insel ziehen
lassen verstand sich von selbst. Der Platz hier war ihm lieb und theuer
geworden, und nur mit schwerem Herzen trennte er sich davon, aber mit
seiner Sadie und seinem Kind wute er auch, da er sich die Nachbarinsel
ebenso gut zum Paradiese schaffen konnte, und wenn er auch ungern von
ihrem Lieblingspltzchen am stillen Strande schied, das der Erinnerungen
so viele und theuere fr ihn hatte, entschdigte ihn der _Wechsel_
seines Aufenthalts -- wenn er sich darber auch nicht gerne laut Recht
geben mochte -- doch in etwas fr die liebgewonnenen Stellen.

Anders war es mit Sadie; -- ihr ganzes Herz hing an dieser heimathlichen
Kste, die ihr das Leben, die Liebe gegeben, und jedes Blatt, jede Blume
die sie zurcklassen sollte that ihr weh. Auch eine heimliche, ihr fast
unerklrliche Angst hatte sie vor Tahiti; sie war nur ein einziges Mal
mit ihrem Pflegevater dort drben gewesen, und zwar etwa ein Jahr
vorher, ehe der Delaware an ihrer Insel landete; aber das Leben und
Treiben der fremden bewaffneten Mnner dort, das kecke Auftreten ihrer
eigenen Landsmnninnen, die ewigen Streitigkeiten dort zwischen
einzelnen ihres Stammes und den Missionairen selber, mit den
Uebergriffen die sich die Franzosen, von den Kanonen ihrer Kriegsschiffe
beschtzt, in die Rechte ihrer Landsleute erlaubt, hatten das einfache
Kind des Waldes tief verletzt, und sie war damals recht froh gewesen,
als der kleine Missionscutter endlich wieder die Anker lichtete und dem
heimischen Strand entgegenstrebte.

_Das_ Land sollte jetzt ihre knftige Heimath werden, und wie nahender
Schmerz lag der Gedanke auf ihrer Seele; sie konnte sich nicht daran
gewhnen, und mute sich endlich gewaltsam losreien von dem theueren
Ort.

Ein gar trauriger Abschied war es aber besonders von ihrem
Lieblingspltzchen am Seestrand; sie stand lange, lange dort, das Kind
am Herzen und das kleine, zum ersten Mal sorgenschwere Haupt an die
Brust des Gatten gelehnt, der sie fest und liebend umschlungen hielt.
Was fr se selige Erinnerungen knpften sich an diesen engen Raum, und
ihr Herz blutete, wenn sie daran dachte ihn _auf immer_ verlassen zu
sollen. Sie war so glcklich hier gewesen -- war es noch, und was mehr
konnte ihr die ferne Insel bieten? --

Ach es war ein recht schmerzlicher Tag auch fr den alten Missionair,
und als der kleine Missionscutter endlich unter Segel ging, standen die
Insulaner in weiten Schaaren am Strand, und winkten mit ihren Tchern,
und riefen den Scheidenden ihr _Joranna, Joranna_ nach, ber das blaue
Wasser. Und Sadie sa an Deck, ihr Kind auf dem Schoo und sah die
Wipfel ihrer Palmen langsam in das Meer tauchen und die Hgel sich
senken, und in dem feuchten Abendhauch der ber die Wasser strich,
verschwimmen -- und wie die Nacht einbrach sa sie noch, den
thrnenvollen Blick fest dorthin geheftet, wo ein Theil ihres Herzens
zurckblieb in bitterem Schmerz, sie mochte sich selber Vorwrfe darber
machen soviel sie wollte. Ren aber strte sie nicht in ihrem Gram, und
qulte sie nicht noch mehr mit nutzlosem Trost; nur still und schweigend
setzte er sich neben sie und ruhte ihr Haupt an seiner Brust, da sie
sich dort still und ungehindert ausweinen, aber dann auch wieder neue
Kraft finden konnte, an dem Herzen des geliebten Mannes.

Die Reise war kurz und glcklich, und Mr. Osborne schon in seinem neuen
Wirkungskreis gekannt, und von den Insulanern geliebt, zu deren Herzen
sein vterliches mildes Wesen weit eher sprach, als der starre finstere
Ernst fast aller anderen Geistlichen. Auch von der Knigin Aimata, mit
dem Zunamen Pomare, wurde ihm ein freundliches Pltzchen mit Haus und
Garten zu seinem knftigen Aufenthaltsort angewiesen, so da er sich
dort wohl htte wieder recht wohl und glcklich fhlen knnen, wre ihm
nicht der unmittelbare Einflu seines jetzigen und hier viel geltenden
Gegners in seinem ganzen Wirkungskreis zu sichtbar und dadurch
schmerzlich geworden.

Fast nur auf die Stadt Papetee selber dabei beschrnkt, wo franzsischer
Einflu und der sich dem geistlichen Joch entringende Sinn der
Eingeborenen die Bevlkerung, wenn auch noch nicht dem anderen Glauben
gewonnen, doch schon dem ihren sehr entfremdet hatte, waren ihm all jene
lieben Pflichten seines Berufs -- mit den Eingeborenen in ihrer
Einfachheit zu verkehren und sie in der besseren Lehre zu festigen --
genommen worden, und er fand nur zu bald, da er es hier mit einem ganz
anderen Menschenschlag zu thun habe als auf Atiu. Nicht mehr allein die
gutmthigen Insulaner die, fast unberhrt von der Auenwelt, sorglos in
den Tag hinein lebten und, wenn sich Jemand die Mhe dazu gab, auch
leicht einer etwas edleren Richtung gewonnen werden konnten, der sie
ihre angeborene Gutmthigkeit schon von selbst entgegentrieb, war es auf
Tahiti ein Volk, das nicht mit den Sitten, sondern fast nur allein mit
den Unsitten der fremden Eindringlinge bekannt geworden, und bei dem --
whrend ihm die Mglichkeit genommen war allein und krftig auf sie
einzuwirken -- Leichtsinn und Verfhrung weit strker und mchtiger und
mit viel gewaltigeren Waffen arbeitete, sie aus guten einfachen Menschen
zu allein Mglichen zu machen was schlecht und traurig war.

Den Glauben an ihre alten Gtter hatten die letzten Jahrzehnde, wenn
auch noch nicht ganz zerstrt, doch so erschttert und untergraben, da
diese frhere Religion jeden Einflu auf sie verloren, und whrend sie
sich dem christlichen Cultus hingaben und sich in seinen Lehren zu
festigen suchten, ja whrend die Geistlichen noch eifrig bemht waren
sie den einzig wahren Gott kennen zu lehren und sie besonders unkluger
Weise in die Geheimnisse unserer _Dogmen_ einzuweihen, kamen pltzlich
andere, ebenfalls weie Mnner -- Abkmmlinge desselben Stammes, mit
einem anderen Gott, wenigstens mit einem anderen Namen desselben, aber
unter Jehovas Panier, Jesus Christus als den Heiland erkennend, straften
die erstgekommenen mit ihren Lehren Lgen, und verlangten von den
Insulanern sie sollten zum zweiten Mal den Glauben ndern und jetzt den
einzig und wirklich wahren Gott erkennen lernen.

Und hatten _diese_ recht? ihre alten Missionaire donnerten Anathemas von
den Kanzeln nieder, gegen sie, vertrieben die neuen Priester aus dem
Land, solange sie noch Macht darber hatten, und stellten sie ihren
Gemeinden als Gtzenanbeter und Unglubige hin, bis die vertriebenen
Priester mit einem franzsischen Kriegsschiff zurckgebracht, und unter
den Mndungen der Kanonen ihnen das Recht erzwungen worden zu _bleiben_
und den neuen Glauben zu _lehren_ -- und welchen Eindruck mute das auf
die Kinder dieser Inseln machen.

Die Masse nahm es leicht -- ihr Glaube war bei den Meisten noch nicht so
ernster Art gewesen, ihnen das Herz schwer zu machen, als ihnen andere
Priester jetzt bewiesen da die weien Missionaire, die sie bis dahin
nur mit Scheu und Ehrfurcht betrachtet, von einer anderen Sekte
angefeindet und des Irrthums ja der Lge beschuldigt wurden. Viele
freuten sich sogar eines Zwanges wieder ledig zu werden, der anfing
ihnen lstig zu sein. Andere aber auch, die sich dem Christlichen
Glauben mit voller ungetheilter Kraft und Liebe hingegeben, hrten mit
Entsetzen die neue Lehre, nach der sie ja nur eines anderen Unglaubens
wegen ihre alten Gtter verrathen. Und war der _jetzige_ Glauben der
rechte? -- Hatte der erste gelogen, wer stand ihnen dann dafr, da
nicht vielleicht in Jahresfrist ein neues Schiff auch neue Priester
bringen konnte, die wieder verwarfen was die jetzigen lehrten? -- und
wie dann wurden jene Versprechungen wahr, die ihnen von einem ewigen
Leben gemacht, und derentwegen sie ihre eigenen Gtter verlassen und
verstoen? -- heiliger Gott, war das Alles ein Mrchen gewesen, nur von
dem weien Mann erfunden, sich einzunisten in ihrem Land, und die
Herrschaft an sich zu reien, wie er es gethan?

Manche Thrne ist da im Stillen geweint, manches Auge hat da
verzweifelnd aufgeblickt, zu den freundlichen Sternen, in deren
freundlichen Blinken sie sonst nur Glck und Freude sahen, denn einer
zrnenden Gottheit Hand lag auf ihrem Land und sie wuten nicht wohin
sie sich wenden sollten, den Strahl abzulenken der ihr Haupt bedrohte.
Vor den alten Gttern durften sie ja nicht wagen sich wieder
niederzuwerfen; deren Bilder lagen entehrt -- zerstreut umher -- von den
Kindern derer geschndet, die einst anbetend vor ihnen den Staub gekt
-- und der _neue_ Gott? -- Zweifel waren in ihnen wach gerttelt _dem_
zu dienen, und in starrem Jammer sahen sie die einst so sonnige Welt sie
de und trostlos umlagern; oder sie warfen sich auch im tollen
Uebermuth, Gott wie die Gtter von sich stoend, jenem chaotischen
Nichts und mit ihm dem Taumel wilder, zerstrender Vergngungen in die
Arme, der ihnen von den Fremden im reichen vollen Maa geboten wurde.

Solchen Boden mute der alte Mann mit seinem stillen traulichen Atiu
vertauschen, und nicht einmal in den ihm nchsten Amtsbrdern fand er
dabei die nthige Untersttzung und Hlfe, whrend sein klarer Verstand,
wie sein gutes Herz zu gleicher Zeit auch nur zu deutlich fhlten, wie
gerade deren starrer und unduldsamer Fanatismus _das_ Uebel das sie
bekmpfen wollten -- einer neuen fr irrthmlich gehaltenen Lehre den
Eingang zu verweigern -- untersttzte, und dem Feind von den eigenen
Truppen ganze Schaaren in's Lager jagte.

Der ehrwrdige Bruder Rowe machte ihm besonders das Leben schwer, und so
sehr er das fhlte und den ihm feindlich gesinnten Mann zu einer offenen
Erklrung zwingen wollte, so vorsichtig und geschmeidig wich dieser
jeder Zeit ihm aus, und selbst der direkten Frage hielt er nicht Stand:
Jene Zeit war vorbei, lange vorbei, wie er sagte, und geschehene Dinge,
wenn man sie vielleicht auch wieder ungeschehen machen mchte, nicht
mehr zu ndern -- in _seinem_ Herzen lebte kein Gefhl der Rache oder
des Zornes -- weshalb auch Rache? weshalb Zorn? -- wenn sich Mr. Osborne
Vorwrfe ber irgend etwas Geschehenes zu machen htte, so bedauere er
das, aber er selber thue es nicht -- Mr. Osborne msse das mit sich
selber ausmachen.

Mr. Osborne vertheidigte sich freilich mit Eifer auch selbst gegen eine
solche Vermuthung, und sprach sich rein von jeder wissentlichen Snde,
aber Bruder Rowe antwortete ihm stets nur durch ein frommes Verdrehen
der Augen und Achselzucken, und war freundlicher als je gegen ihn; aber
nichtsdestoweniger schickte er im Geheimen Pfeil auf Pfeil ab gegen den
alten Mann, und verkmmerte und trbte diesem das Leben dermaen, da
er keiner einzigen Stunde mehr froh und sein Beruf, der ihm bis dahin
eine Lust und Freude gewesen, ihm zur schweren traurigen Last wurde. Und
dennoch gab er sich demselben jetzt mit um so grerem Eifer hin; er
fhlte da die gute Sache gerade jetzt am nthigsten einer Hand bedrfe,
die es wirklich gut mit ihr meine, und der es nicht blos um Sieg und
Herrschaft der Einzelnen, sondern wirklich um das Glck der Eingeborenen
zu thun wre, Flei und Zeit daran zu opfern.

Die Art aber, wie er dabei seiner Ueberzeugung folgte, mute ihm mehr
und mehr Gegner unter den Missionairen in's Leben rufen, deren ganze
Energie, mit nur wenigen Ausnahmen, einem anderen Systeme zustrebte.
Diese wtheten frmlich gegen die papistischen Gruel wie sie es
nannten, und die heidnische Wirthschaft die pltzlich den Sieg auf
diesen Inseln errungen, whrend sie selbst schon seit Jahren dagegen
gepredigt und alle ihre Macht, wenn auch vergebens, aufgeboten hatten,
die fremden Priester _einer anderen Religion_ fern zu halten. Von den
Kanzeln nieder donnerten sie mit allen nur mglichen und unmglichen
Bibelcitaten gegen die Unterdrcker des Krpers und der Seele die
Franzosen an, die ihnen mit ihren Kriegsschiffen die fremde Sekte
aufgezwungen; warnten vor dem Antichrist, der jetzt unter ihnen
herumgehe wie ein brllender Lwe, zu suchen welchen er verschlinge, und
prophezeihten die Wiedereinfhrung der Gtzen und Schlachtopfer, der
Kindesmorde und Glaubenskriege. Starrer als je beharrten sie dabei auf
ihren Dogmen und Artikeln; auch die kleinsten Vergehen gegen ihre
eingefhrten Gebruche und Ceremonien _ihrer_ Kirche, ja selbst die als
heidnisch ausgeschrienen oft selbst unschuldigen Vergngungen der
Insulaner, wurden zum Verbrechen, und mit _eiserner_ Hand wollten sie
die Schaar der Glubigen, die ihnen noch unverfhrt und treu anhing, von
dem Abgrund zurckhalten, der gierig ihre Seelen zu verschlingen drohte.

Der alte ehrwrdige Mr. Osborne glaubte dem Ziel auf eine andere Art und
Weise entgegenarbeiten zu mssen, und sein gutes Herz zwang ihn schon
dazu. Er konnte, trotz allen Bemhungen ja Drohungen seiner Collegen,
nicht dahin gebracht werden die andere Lehre zu _verdammen_, denn mit
Recht behauptete er, da gerade dadurch den Insulanern auch jede
Mglichkeit benommen worden sei zwischen den beiden zu prfen, wenn von
beiden Seiten zu gleicher Zeit Fluch und Verdammung gegen sie
ausgesprochen wurde. Er zeigte ihnen auch nicht den strengen ernsten und
unvershnlichen Gott, mit dessen Zorn und Strafgericht die Anderen
drohten, sondern den milden, liebenden Vater, der auch dem irrenden
Kinde gern und willig die Hand reiche und den Pfad zeige, mit gutem
frommen Herzen darauf zu wandeln, und waren sie frhlich dabei, sangen
und tanzten sie und schmckten sie ihre Haare mit Blumen, so warnte er
sie wohl vor dem Misbrauch solcher Freude, aber er schrie nicht gleich
sein Anathema ber sie, und sie hatten ihn deshalb lieb und glaubten
seinen Worten, weil ihr Sinn einen Anklang in ihren Herzen fand.

Freilich konnte er aber, trotz alledem, dem tollen und unsittlichen
Treiben nicht wehren, das die Inseln, und vor allen anderen Tahiti,
erfat hatte. Durch die jetzt fortwhrend hier anlegenden Kriegsschiffe
und Wallfischfnger hatte sich die weibliche Bevlkerung, mit einer nur
sehr geringen Ausnahme, dem Laster rcksichtslos in die Arme geworfen,
und welchen verderblichen Einflu mute das nicht auf die ganze
Bevlkerung der Insel ausben. Nur die unendliche Gutmthigkeit und
Harmlosigkeit dieser Stmme hielt sie dabei vor einem zgellosen
Ausbruch _aller_ Leidenschaften zurck, wie es, unter gleichen
Umstnden, in jedem anderen Land der Welt nicht htte ausbleiben knnen,
und es lt sich denken welche wunderliche und unnatrliche Stellung die
Missionaire in solcher Umgebung oft einnehmen muten.

Hierzu kam noch der, zu jener Zeit gerade so verwickelte _politische_
Zustand der Inseln, der eben durch den bergroen Eifer der Missionaire
herbeigefhrt worden, und mit dem ich den Leser, ehe ich meine Erzhlung
wieder aufnehme, jedenfalls erst vertrauter machen mu.

Innere Kmpfe, vorzglich durch die Ankunft Europischer Schiffe
hervorgerufen und genhrt, und mit den neu eingefhrten Feuerwaffen
tdtlich gemacht, hatten die Inseln schon vor der Einfhrung des
Christenthums oder der Ankunft christlicher Missionaire erschttert, und
einen Partheienha in's Leben gerufen, der Jahrzehnde wohl unter der
Asche glimmend lag, aber nur einen Anla suchte wieder hervorzubrechen
und mit erneuter Kraft das wunderschne Land zu verwsten. --

Otu der aus einer wunderlichen Ursache den Namen Pomare[H] annahm, wute
sich, nachdem der rechtmige Knigsstamm vertrieben worden, zum
obersten Huptling, ja zum ~Arii rahi~ oder Knig der Inseln
emporzuschwingen, und es gelang ihm auch, besonders durch die gerade
damals landenden Europischen Schiffe untersttzt, sich zu halten und
seinem Geschlechte Rang und Wrde erblich zu machen. Nichtsdestoweniger
lebten aber noch Huptlinge des anderen Stammes, und nicht mit Unrecht
glaubte besonders der Sohn Otus, Pomare ~II.~ eine krftige Sttze
seiner Macht in den fremden weien Mnnern zu erhalten, deren Religion
er auch annahm, ohne sich jedoch in seinen Sitten viel nach ihnen zu
richten -- wie er denn auch in Folge seiner Ausschweifungen
hauptschlich starb. -- Ja er lie sich sogar in hchst unchristliche
Kriege um sein Gtzenbild Oro ein, in Folge dessen eine Revolution
ausbrach und der Knig vertrieben, die Mission selber zersprengt wurde.
Der Verlust seiner Macht wurmte aber den Knig, und vielleicht fhlend
da ihn seine anderen Gtter nicht genug geschtzt hatten, und von dem
neuen Gotte grere Protection erhoffend, vielleicht niedergebeugt durch
manche husliche Leiden zu gleicher Zeit, denn seine Knigin war ihm
ebenfalls gestorben, warf er das alte Heidenthum jetzt von sich,
bekehrte sich ffentlich zum Christenthum und fhrte dies, mit Hlfe des
Oberpriesters Tati, der die ihm bis dahin anvertrauten Gtterbilder
ffentlich verbrannte, auch auf den brigen Inseln ein.

Er starb am 30. Nov. 1821 und hinterlie nur einen Sohn von 18 Monaten
etwa, den aber die Missionaire jetzt in ihrem Sinn und Geist zu erziehen
hofften, inde sie, whrend sie selber das Staatsruder in Hnden
fhrten, die Regentschaft seiner Tante bertrugen. Aber der junge Prinz
starb schon 1827 -- die fremde strenge Lebensweise in der ihn die
Priester hielten, konnte seine berdies schwchliche Natur nicht
vertragen, und das Volk rief jetzt, nicht ohne den Einflu seiner
Lehrer, die die Macht in diesem Knigsgeschlechte wahren muten wenn sie
nicht frchten wollten den kaum befestigten Einflu wieder zu verlieren,
Aimata die Tochter ihres vorigen Knigs und Schwester des
letztverstorbenen zu seiner Herrscherin aus.

Nur gezwungen fgten sich aber die alten, von dem anderen Knigstamm
abzweigenden Huptlinge, Tati an ihrer Spitze, denn mit des jungen
Frsten Tode bot sich neue Hoffnung ihren noch nie aufgegebenen
Ansprchen auf den Thron des Reichs; aber das Christenthum war schon zu
mchtig geworden im Land, die Missionaire besonders hatten zu groen
Einflu gewonnen ber die Bewohner und ihre Frauen, und jeder andere
Anspruch verschwand vor der Krone der jungen schnen Knigin[I].

Die englischen Missionaire waren jetzt, so sehr sie sich auch Mhe gaben
jeden politischen Einflu, Europa gegenber, von sich zu weisen, und
schon seit der Krnung und Salbung des frheren jungen Herrschers, die
eigentlich regierenden Herren des Landes; sie gaben Gesetze und
verwalteten, indem sie ber die Arbeitskrfte des Volkes geboten, die
Kassen des Landes. In ihren Hnden lag dabei der Haupt-Handel der Insel,
denn ihre Untersttzung vom Mutterland wurde ihnen natrlich nicht in
Geld sondern in englischen Waaren, die sie zu tchtigen Preisen wieder
verwertheten, bersandt, und es lt sich denken da sie eiferschtig
darber wachten, solcher Vortheile nicht so rasch und leicht wieder
beraubt zu werden.

Eine solche Gefahr drohte ihnen aber im Jahr 1836, wo zwei von den
Gambier-Inseln abgesandte Katholische Priester, Laval und Caret ziemlich
heimlich auf Tahiti landeten und dort festen Fu zu fassen suchten.
Aber die Protestantischen Missionaire waren auf ihrer Hut und
beschlossen, der Kraft der von ihnen gepredigten Lehre und der einfachen
Leichtglubigkeit ihrer Beichtkinder doch nicht so recht trauend, die
gefhrlichen Fremden unter jeder Bedingung und so rasch als mglich
wieder zu entfernen.

Die Priester machten inde der Knigin ihre Aufwartung die sie in
Gegenwart ihrer Missionaire empfing, und ersuchten sie ihnen den
Aufenthalt zu gestatten, legten auch, als sie den Platz wieder
verlieen, Geschenke fr Pomare nieder, die nach einigem Weigern
angenommen wurden; nichtsdestoweniger wurde ihnen in einer nchsten
Versammlung, wobei einige der Huptlinge gegenwrtig waren, und die sie
in Begleitung des Amerikanischen Consuls, Herrn Mrenhout besuchten, die
Erffnung gemacht, da ihnen der Aufenthalt auf diesen Inseln _nicht_
gestattet werden knne. Die Katholischen Geistlichen protestirten
dagegen, aber am nchsten Morgen bekamen sie die ganz unzweideutige
Weisung der Knigin die Insel ohne weiteres wieder zu verlassen, und als
auch hierauf eine direkte Bitte an die Knigin, sie ungehindert hier
weilen zu lassen, Nichts half, schlossen sie sich in das ihnen von
Mrenhout gegebene Haus ein, und wichen nur erst der frmlichen Gewalt,
denn die von den Protestantischen Missionairen abgeschickte Polizei
kletterte am Haus hinauf, stieg durch das Dach, und _trug_ die Priester,
die nicht gutwillig gehen wollten, wieder auf ihr Fahrzeug zurck.

Diese That sollte nicht ohne traurige Folgen fr die Inseln bleiben,
denn die religise Unduldsamkeit der Missionaire ffnete dem schon
darauf harrenden Feind die Thore, gab Frankreich einen erwnschten
Vorwand seinen Handel wie seine Religion dort vor allen Dingen zu
befestigen, und dann die ganze Insel, als seiner Schiffahrt gnstig
gelegen, zu besetzen. Caret reiste nach Frankreich, dort Genugthuung fr
die erlittene Behandlung zu erbitten, und dem Admiral Du Petit Thouars
wurde es aufgetragen ein schwaches friedliches Reich zu unterwerfen, das
bis dahin noch keinem Fremden Uebles gethan, sondern Alle, gleichviel
von welchem Lande, von welcher Religion in gastlicher Herzlichkeit bei
sich aufgenommen hatte, bis jene fremden Priester selber einander
befehdeten und Leid und Unheil ber jene schnen Ksten brachten, die
Gottes Vaterhuld mit Allem ausgeschmckt was gro und herrlich war.

Im August 1838 ankerte die Fregatte Venus auf der Rhede von Papetee, und
Du Petit Thouars erklrte der Knigin Pomare in einem Schreiben, da er
gekommen sei fr die unwrdige Behandlung mehrer Franzsischer
Unterthanen, vorzglich aber der beiden von hier exilirten Priester
Caret und Laval Genugthuung zu fordern, und jetzt vor allen Dingen eine
schriftliche Entschuldigung der Knigin, die Summe von 2000 Spanischen
Dollarn als Entschdigung fr die erlittene Unbill der Priester, und die
Begrung der Franzsischen Flagge mit 21 Kanonenschssen verlange.
Widrigenfalls drohten die Mndungen der Geschtze Vernichtung ber den
offen und schutzlos daliegenden Strand.

Die arme Pomare hatte keine Wahl; sie schrieb den Brief, erbat sich das
Pulver selbst von der Franzsischen Fregatte zu den verlangten Schssen,
und die Missionaire, deren Eigenthum bei einer Kanonade auch am meisten
bedroht gewesen wre, collectirten das Geld theils unter sich, theils
bei anderen Englndern und Amerikanern der Inseln, und befriedigten
damit den Franzsischen Admiral.

Aber Du Petit Thouars ging weiter, und nicht bedenkend da ein schwaches
Volk dasselbe Recht, wenn auch nicht dieselbe Macht habe, ihm misliebige
Personen von sich fern zu halten, und vielleicht von einem etwas
rachschtigen Gefhl gegen die allerdings bermthigen Protestantischen
Priester geleitet, erzwang er noch auerdem einen Vertrag von den
Eingeborenen, nach dem allen Franzosen: was auch immer ihr Gewerbe
sei (also auch den Franzsischen Katholischen Missionairen) das Recht
zustehen sollte, sich niederzulassen und Handel zu treiben auf allen
Inseln.

Ein bald nach ihm kommendes Kriegsschiff, die Artemise, Capitain La
Place ging noch weiter und verlangte und erhielt -- denn wie htten sich
ihm die Tahitier widersetzen knnen -- volle Religionsfreiheit fr alle
Katholiken und einen Bauplatz fr eine Katholische Kirche.

Wenn aber auch die Protestantischen Missionaire diese Vorgnge mit
stillem, freilich deshalb nicht minder heftigem Unmuth dulden muten,
gab es doch eine Parthei auf Tahiti, die mit Freuden einen Wechsel in
den politischen Verhltnissen hereinbrechen sah, den sie bis dahin kaum
fr mglich gehalten. Es waren dies die von den Pomaren ihrer Macht
beraubten Huptlinge, die nur mit heimlichem Grimm die Oberherrschaft
der fremden ihnen feindlich gesinnten Priester gefhlt, und vergebens
gesucht hatten ihnen entgegen zu arbeiten. Nicht mit Unrecht hofften
diese, da die neuen, einer anderen Sekte zugehrigen Priester den
Einflu jener stolzen Mnner schwchen mten, und einmal dieser Sttze
beraubt, und der Thron der Pomaren stand auch nicht so unerschtterlich
mehr. Noch aber hatten die Englischen Missionaire die Zgel in den
Hnden, und als das Franzsische Kriegsschiff die Kste wieder
verlassen, donnerten sie von den Kanzeln mit allem Ingrimm des
hartnckigsten Fanatismus gegen die neue Lehre, deren Symbole sie mit
den frheren heidnischen Uebungen der Insulaner selber verglichen, und
deren Lehren dem hllischen Abgrund gerade zufhrten.

Die Katholische Religion machte nur geringe Fortschritte, die
Protestantischen Missionaire behaupteten ihre Macht, und wenn auch schon
des Zweifels Saamen war eingestreut worden in die Herzen der armen
Insulaner, die mit Entsetzen Feinde ihres Glaubens in demselben Volk
erstehen sahen, das ihnen den neuen Gott gebracht, dauerte das dem
heien ungeduldigen Blut der unruhigen Huptlinge zu lang, und mit der
schon fast erstorbenen Hoffnung einstigen Sieges frisch angefacht,
harrten sie, nicht stark genug ihn selber zu fhren, einem frischen
Schlag wider die Macht ihrer Nebenbuhler sehnschtig entgegen.

Einen halben Bundesgenossen, Jemanden wenigstens, der der Franzsischen
Sache eng ergeben und den Protestantischen Missionairen nicht besonders
geneigt war, hatten sie in dem frheren Amerikanischen Consul Mrenhout,
der dem Pietistischen Wesen der Protestanten theils abhold, anderseits
auch seinen eigenen Nutzen durch die Oberherrschaft der Franzosen zu
befrdern glaubte, unter deren Schutz oder Protectorat er jetzt die
Inseln zu bringen suchte.

Ob er seinen Freunden, den unzufriedenen Huptlingen seine ganzen Plne
mittheilte, ist nicht bekannt, aber soviel gewi, da im September 1842,
als die Franzsische Fregatte Reine Blanche unter dem, vorgeschobener
Unbilden wegen neue enorme Forderungen stellenden _Admiral_ Du Petit
Thouars vor Papetee ankerte, die vier Huptlinge Tati, Raiata, Utami und
Hitoti mit Mrenhout an Bord gingen, und dort einen Vertrag
unterzeichneten, in welchem sie den Admiral baten, da sie nicht im
Stande wren ihr Land jetzt so zu regieren mit anderen mchtigeren
Regierungen in Frieden zu leben, ihre Inseln unter den Schutz seines
Knigs zu nehmen, der ihnen jedoch, neben der Religionsfreiheit, alle
brigen Rechte unbekmmert lie und garantirte.

Die Einwilligung der Knigin, die jeden Augenblick ihrer Entbindung
entgegensah, wurde unter der Drohung des Franzsischen Admirals von
10,000 Dollar Entschdigungssumme fr allerdings nur imaginre Unbill,
oder volle Besitznahme der Inseln im Namen Sr. Majestt, des Knigs von
Frankreich _erzwungen_ und, selbst die Clausel eingeschlossen, die den
Protestantischen Missionairen, der neuen Macht gegenber, vllig die
Hnde band, da nmlich irgend ein Mann, der das Tahitische Volk mit
Wort oder That gegen die Franzsische Regierung einzunehmen suche,
verbannt werden solle von den Inseln.

In dieser Zeit aber war gerade der Mann abwesend von Tahiti, der bis
dahin den meisten Einflu als Protestantischer Geistlicher sowohl wie
mehr irdischer Richter auf die Knigin gehabt. Mr. Pritchard war nach
England gegangen, die Englische Regierung fr das kleine Insel-Reich zu
interessiren und es gegen die wohl vorhergesehenen und gefrchteten
Uebergriffe Katholischer Priester sowohl wie Franzsischer Kriegsschiffe
zu schtzen; aber die zurckgebliebenen Missionaire hofften destomehr
auf diese Hlfe, zu der sie, wie sie glaubten, die neue Ungerechtigkeit
des Franzsischen Befehlshabers jetzt nur noch mehr berechtigte, wenn
nicht dem Englischen Volk auch der letzte Einflu auf diese Inseln
entzogen werden sollte.

Kaum hatte deshalb Du Petit Thouars die Inseln wieder verlassen als sie,
jedes Vertrags ungeachtet, an den sie sich nicht gebunden erklrten, und
die Knigin selber, da er ihr abgezwungen worden, davon entbanden, frei
und offen in ihren Kirchen das Entsetzliche der Gefahr schilderten, in
der die Seelen ihrer Beichtkinder schwebten, von dem Antichrist an sich
gezogen und zerstrt zu werden. Der blinde Fanatismus Einzelner trieb
schon zum Aeuersten, keine Folgen der rckkehrenden Kriegsschiffe
berechnend, htten Andere nicht den wilden Eifer gedmmt, einen
gnstigen Zeitpunkt wenigstens zu erwarten den papistischen Grueln
mit _einem_ gewaltigen Schlag ein Ende zu machen.

So standen die Sachen im Herbst des Jahres 1843, und whrend die
Bewohner Tahitis theils Parthei fr ihre Missionaire ergriffen, theils
in kalter Gleichgltigkeit den Streitigkeiten der beiden weien Gotte
zusahen und ihren Erfolg abwarteten, arbeiteten die Protestanten
unverdrossen ihrem einen Ziel entgegen, und die unruhigen Huptlinge
suchten vergebens den Conflikt zu ihren Gunsten auszubeuten. Die
Franzosen hatten versprochen ihre Bundesgenossen zu werden, und sie in
ihren gerechten Ansprchen zu untersttzen, und jetzt befestigten sie
nur die eigene Macht auf den Inseln und brachen der fremden Lehre Bahn
-- was kmmerte die trotzigen Herzen ein neuer Name Gottes.


Funoten:

[H] Der Knig schlug einst sein Lager zwischen den Bergen auf, und der
Platz wo er lag war gerade dem Thau und einer scharfen Zugluft
ausgesetzt. In der Nacht erkltete er sich und bekam einen Husten,
wonach Einer seiner Hflinge diese Nacht eine Husten-Nacht (von ~po~
Nacht und ~mare~ Husten) nannte. Dem Knig gefiel der Klang des Worts
vielleicht, vielleicht hatte er eine andere Ursache, kurz er beschlo
sich von der Zeit an ~Po-mare~ zu nennen, und der Titel ist jetzt, als
erblich, auf seine Nachkommen bergegangen.

[I] Aimata oder Pomare ~IV.~ ist etwa 1812 geboren und war zuerst an
einen jungen Huptling von Tahaa verheirathet, von dem sie sich wieder
schied und zu ihrem zweiten Gemahl einen anderen jungen Huptling von
Huaheine, einer Nachbarinsel, nahm.




Capitel 9.

#Die vier Huptlinge.#


Ein sonniger Himmel spannte sich ber die wildzerrissenen aber bis in
ihre hchsten Kuppen bewaldeten Berge von Tahiti; aus den tiefen Thlern
stiegen in festen, zusammengedrngten Massen die weien schwankenden
Schwaden auf, und wollten sich ausbreiten gegen den mchtigen Feind,
aber die sengenden Strahlen trieben sie zurck, hinein wieder in
Schlucht und Bergeshang, und hie und da niedergepret auf eine Halde,
oder hingetrieben von dem neckischen Seewind ber den saftigen Anwuchs
breitblttriger ~Feis~[J], muten sie sich wohl dicht an den Boden
schmiegen, unter Laub und Busch, dem einsamen Jger das wunderliche
Schauspiel einer Schneelandschaft in den Tropen bietend, so wei und
weich lagen sie unter Busch und Strauch und fllten die Thler aus,
Inseln bildend aus Kuppe und Kraterhang.

Und die Palmen im Thal unten schttelten den Thau aus ihren wehenden
Kronen, und rauschten und flsterten dem Morgenwind ihren Gru entgegen;
aus dem Schatten eines mchtigen Wibaums[K] fltete der Omaomao[L], die
Tahitische Drossel und der gellende Schrei der Mve, die ber dem
spiegelglatten, crystallhellen Binnenwasser der Riffe nach Beute strich,
mischte sich darein. Von fern herber aber donnerte klar und gewaltig
das Brausen der ewigen Brandung ber die Corallenwlle, die in einem
weiten, nur an sehr wenigen Stellen kaum unterbrochenen Kreis all diese
Inseln umgeben, als ob sie das freundliche Land schtzen wollten gegen
den wilden ungestmen Andrang der Wogen und ihre zerstrende Macht --
die Elemente waren freundlicher gegen dies Paradies als die Menschen.

Weit aus nach allen Seiten breitete dabei das blaue Meer, hie und da
ber die Flche blitzte der Schein eines hellen Segels, und aus der
Ferne herber ragten die schroffen pittoresken Kuppen Imeos oder Moreas,
mit dem Palmengrtel, der den Fu ihrer Berge umschlo, eben sichtbar
ber dem Meeresspiegel. Massen von kleinen schlanken Canoes, den
Luvbaum[M] an der Seite, der das schwanke Fahrzeug vor dem Umschlagen
wahren sollte, glitten ber das blitzende Binnenwasser, aus den Corallen
herauf, mit Harpune oder Netz ihr Mahl zu holen, und oft unter der
strzenden Brandung hin, der kochenden Woge wie im Sprung entgehend,
scho der schwanke Bau wie ein dunkler Streif durch den schneeigen
Schaum, und das braune trotzige Gesicht warf sich den Gischt aus dem
lockigen Haar mit frhlichem Lachen.

Wie lauschig und versteckt lagen die Htten der Eingeborenen in jenen
schattigen Hainen, die das Ufer mit ihrem schwellenden Grn berzogen,
und aus dem heraus sich die prachtvollen Cocospalmen noch weit ber den
Meeresspiegel beugten, als ob sie ihr Bild wiederfinden wollten in dem
Crystall da unten. Wie dufteten die Orangen und Citronen, die schneeigen
Sternblumen und die Mangablthe so s; das Bananenblatt zitterte und
raschelte in dem Zephyr, der sich durch Blum und Blthe stahl, seine
Bahn zu suchen, den Klften der Berge zu, und der stattliche
Brodfruchtbaum drngte sich mit seinen gefingerten einzelnen Blttern in
das stattliche Laub der Mape; die Papaya schttelte ihre Kelche aus auf
Ananas und Tappo-Tappo[N], die kstlichen Frchte dieser Zone, und tief
im schattigen Laub versteckt glhten duftende Blthen, und hoben ihre
Kelche dem sonnigen Licht entgegen.

Es war ein Paradies das Gottes milde Vaterhand erschaffen, ein Paradies
von seinem Athem durchweht, und Seiner Werke Herrlichkeit kndend zu
jeder Stunde -- ein Paradies das nur die Leidenschaft und das trotzige
Herz des Menschen oft, ach wie oft, so muth- und bswillig verdarb und
zerstrte und Ha und Schmerz sete, selbst zwischen diese Palmen, und
den Frieden verjagte, der auf den stillen Matten in heiterer Ruhe
lagerte. Ehrgeiz und Fanatismus, Sinnlichkeit, Geldgier und sorgloser
Leichtsinn reichten sich einander die Hand und der Indianer, der
gastliche Herr dieses Aufenthalts in dem Engel htten schwelgen knnen,
sah in kurzsichtiger Lust wie die fremden Mnner Spiel nach Spiel in
sein Canoe huften, es schmckten und verzierten und beluden -- bis es
_sank_.

Sorglose Kinder des Augenblicks, denen Palme und Brodfrucht jeden Tag
gaben was der Tag begehrte, was kmmerte sie die Zukunft? Der bunte
Flittertand freute sie, jeder goldenen, blitzenden Masche jubelten sie
entgegen, und ahneten das Netz nicht, das sich langsam aber sicher
daraus wob, sie niederzuziehen aus ihrem Himmel.

Aber nicht Alle theilten diese Apathie an den Ereignissen des Tages,
denen das Volk kaum das Ohr lieh wenn sie geschehen; wie die
Protestantischen Missionaire um den erschtterten Stamm die Wurzeln
wieder tiefer senkten und gruben, ihm mehr Festigkeit zu geben bei dem
nchsten Sturm, so nagte der Ehrgeiz, und andere Leidenschaften
vielleicht, an den Herzen jener stolzen Huptlinge, die Knigsblut in
ihren Adern fhlten, und der stille Frieden selbst der sie umgab reizte
den schlafenden Grimm in ihrer Brust, und wandelte ihnen ihr Paradies zu
einem Aufenthalt der Qual.

In Papara, dem sdwestlichen Theil von Tahiti stand, von mchtigen
Mapebumen beschattet, dicht am Uferrand eines kleinen klaren Bergbachs,
der sprudelnd und silberrein aus den Bergen niedersprang, eine jener
breitovalen, aus Bambus errichteten und mit den Blttern der Pandanus
dicht gedeckten Htten, um die sich der weiche Rasen schlo und der
Brodfruchtbume und wehende Palmen das Dach bildeten, den sengenden
Sonnenstrahl abzuhalten von dem stillen Platz. Ein lauschiges Halbdunkel
lagerte auf dem nur leise rauschenden, flsternden Hain, dem die von der
Brise kaum bewegten Wasser tausend und tausend kleine funkelnde Lichter
entgegenblitzten.

Aber keine frhliche Kinderschaar spielte und sprang hier am
Muschelstrand, oder schaukelte sich an langem, in die Wipfel der Palmen
geknpften Bastseil weit und keck hinaus ber den korallendrohenden
Wasserspiegel; kein schlankes Weib mit blumengeschmcktem Haar sammelte
die Frucht von dem nahen Baum und breitete das reinliche Hibiscusblatt
zum frischen Mahl. Nur an den Stamm einer Palme gelehnt, die Lenden mit
dem ~pareu~, noch aus der auf der Insel selbst gefertigten Tapa[O]
umwunden, deren gelbbraune Falten ihm fast bis zum Knie niederfielen,
whrend Bein, Schultern und Leib die zierlichen blauen Linien der alten,
und durch die Missionaire sonst fast berall verpnten Tttowirungen
zeigten, lehnte ein Insulaner und schaute still und schweigend, wie in
tiefem Nachdenken versenkt, auf das weite sonnige tiefblaue Meer hinaus,
das seinen Strand besphlte.

Es war eine edle, krftige Gestalt wie sie da stand unter der Knigin
des Waldes, und das weiche rabenschwarze lockige Haar fiel ihr, ungleich
der frommen von den Protestantischen Geistlichen eingefhrten Sitte es
kurz abzuschneiden, voll und lang um die Schlfe, bis auf die Schultern
nieder. Aber keine Blume stak darin oder hinter dem Ohr, noch glnzte
sonst ein Schmuck an Arm, Hals oder Handgelenk, und die khnen Zge und
Arabesken des Tttowirers, alte heidnische Zeichen mit Haifischzhnen in
unvergehbaren Punkten der Haut eingegraben, lagen fast drohend auf den
vollgespannten Muskeln und Sehnen der nervigen Glieder.

Da wurden leise aber regelmige Schritte im Laube laut -- nher und
nher kamen sie heran, und eine andere Gestalt erschien unter den
schattigen Blthe und Frucht bedeckten Orangen; aber der Sinnende hrte
die Schritte nicht, seinem Trumen willenlos hingegeben, und der
Neugekommene stand mit verschrnkten Armen wohl mehrere Minuten lang
schweigend neben ihm, inde sein Blick in tiefem Ernst und Sinnen auf
ihm haftete.

Dem Aeueren nach aber war es eine andere Gestalt, als die des ernsten
Trumers an der Palme, seine Lenden umschlo, wie bei dem Ersten nur ein
etwas bunterer Pareu, der Oberkrper stak aber in einem noch bunteren
Oberhemd, und unter den, mit wohlriechendem Oel gesalbten Locken vor
leuchteten die eben aufgebrochenen Knospen des Cap-Jasmin, jener
reizenden lilienartigen Gardenia mit dem vollen Narcissenduft. Die Beine
waren nackt, und die alten Tttowirungen auch auf ihnen sichtbar, aber
der Pareu ging tief hinab und verhllte das meiste davon, bis auf die
zierlich gezeichneten Palmen, deren Wurzeln auf den Hacken saen whrend
der Stamm am hinteren Theil des Beines schlank und zierlich hinauf lief,
sich ber den Waden mit seinen breiten, federartigen Blattkronen
auszubreiten. In der Hand trug er einen schlanken langen Bogen und
einige buntbefiederte Pfeile mit Eisenspitzen (keine Waffen in jener
Zeit, wo die inneren Kriege aufgehrt hatten, und die Insulaner recht
gut die Nichtigkeit solcher Wehr gegen Feuerwaffen erkannten, sondern
mehr ein Spielzeug oder besser gesagt ein Uebungsspiel der Vornehmen,
das besonders der Lieblingszeitvertreib des vorigen Knigs gewesen) und
um den Scheitel zog sich ihm ein wunderlich geflochtener Kranz von
Gardenien mit den silberweien Fasern der Arrowroot und kleinen rothen
Blthen bunt durchwebt.

Joranna Tati! rief er endlich lachend, als er wohl glaubte den
Sinnenden seinen Betrachtungen lange genug berlassen zu haben, und
whrend ein leichtes Lcheln seine schnen Zge berflog -- Joranna
Mann, und was hngst Du den Kopf und schaust so still und brtend vor
Dich hin, als ob Du -- es zuckte spttisch um seinen Mund -- pltzlich
ein Missionair geworden wrest? Wollen Dich die frommen Vter vielleicht
nach den Gambier-Inseln senden, ihren Brdern in Christo dort Gleiches
mit Gleichem zu vergelten, und bereitest Du Dich vor den Neubekehrten da
drben zu beweisen, da man nur des Himmels Seligkeit erndten knne,
wenn man die Mundwinkel an beiden Seiten herunterhngen lasse, und das
Weie der Augen zeige in brnstigem Gebet? --

Tati, denn der Huptling war es, schaute rasch und finster auf bei dem
Gru, und seine Zge heiterten sich nicht auf, als er den bunten Schmuck
und Tant erkannte, mit dem sich der Freund behangen.

Du siehst aus als ob _Du_ zum Tanze gingst mit den Areos[P], Paofai,
sagte er ernst, ohne den Gru zu erwiedern, ein Richter des Landes
sollte sich das Schicksal desselben zu Herzen nehmen, in so schwerer
Zeit!

Das _Schicksal_? lachte Paofai, die Locken schttelnd, da die Blthen
auf seine Schultern niederfielen, das Schicksal liegt in der Hand jedes
Einzelnen fr sich selbst, und die ihre Nacken dem Joch gutwillig
neigen, drfen nachher nicht klagen wenn es sie drckt. Wer, beim Oro,
heit die frhlichen Kinder unserer schnen Inseln sich den Fremden
beugen und die Knie wund reiben vor einem Gott, der uns bis jetzt nur
Arbeit und Krankheiten, nur Ha und Feindschaft geschickt hat aus fernem
Land? -- Ich fr mein Theil bin es mde die helle Schattirung einer
Haut, und Kenntnisse die dem Trger hier, wo er sie nicht gebrauchen
kann, nur zur Last sind, hher geschtzt zu sehn als das, was unsere
Vter ehrten. -- Gleisnerische Worte -- Oros Zorn ber sie, da sie zu
Gift wrden in dem Mund ihrer Trger.

Und wer ist Schuld als wir selber, da wir's so lange zu tragen haben?
rief Tati sich hoch und stolz emporrichtend, ruht nicht der Fluch
unserer Gtter auf diesem Lande, seit jene knechtischen Pomare's den
Scepter fhren, ja liegt nicht selbst die junge Knigin in der Gewalt
dieser schleichenden Priester, die sich nur immer die _Diener_ des Herrn
nennen, und dabei den Fu selber auf die Nacken der Arii Rahi's[Q]
dieses Landes zu setzen wagen?

Und weit Du da sie das Volk wieder zusammenrufen wollen zu neuem
Unheil? frug Paofai lauernd.

Sie wagen es nicht, sagte Tati verchtlich mit dem Kopfe schttelnd --
sie wagen es nicht, denn ihre Huser stehn breit und bequem gleich vorn
am Strand, und die eisernen Kugeln des nchsten Franzsischen Schiffes
mhten sie nieder.

Aber sie hoffen auf Englands Schutz! rief Paofai, und Piritati[R] ist
dorthin gegangen Hlfe zu holen fr sich und die Seinen.

Bah, der Weg ist lang, sagte Tati verchtlich, und die Englnder
haben einen groen Mund; sie sind kalt und ohne Herz wie ihr Gott, und
so geizig, da sie dem nicht einmal opfern lassen, sondern Cocosl und
Perlmutterschalen fortfhren auf ihren Schiffen und die Schweine selber
essen -- Piritati wird kommen und Versprechungen bringen.

Aber sie warten nicht _bis_ er kommt! entgegnete Paofai -- der tolle
Uebermuth der Priester, mit dem sie sich so lange eine wirkliche Macht
vorgelogen haben, bis sie sie selber glauben, lt sie jede Vorsicht
vergessen, und um den Augenblick als Heilige und Halbgtter vor dem Volk
zu stehn, wagen sie ihre Existenz.

Sie htten recht -- die Feranis werden uns auch nimmer den Segen
bringen, sagte Tati finster -- mich reut schon die Hand die ich dabei
im Spiel gehabt, denn der gierige Wi--Wi scheint Lust an der Beute zu
bekommen, nach der er schon zweimal die Krallen ausgestreckt. So lange
noch _ein_ Fremder auf dieser Insel lebt, blht uns kein Friede und wir
warfen uns selbst hinaus, als wir den Gleisnern einst den Aufenthalt
gestatteten, und den Bambus schlugen zu ihren Htten -- wir htten ihr
Grab graben sollen.

Ha dort kommt Botschaft von Papetee! rief Paofai pltzlich, und
deutete mit dem Arm hinaus in das Binnenwasser der Riffe, ber das hin
ein leichtes Canoe, von zwei Indianern gerudert, mit zwei Anderen im
Hintertheil desselben, rasch ber die klare Fluth herbeischo. Schon von
weitem erkannten sie die beiden Huptlinge Paraita und Utami und Tati
sagte finster:

Deren Eile kndet schon vorher des Kommens Grund, und der Feind ist uns
ins Lager gerckt -- o da er die Streitaxt mit sich brchte und den
Speer, und nicht ewig das todte Wort mit Singen und Beten.

Die beiden Mnner erwarteten jetzt schweigend die Ankunft des Canoes,
das drauen um eine etwas weit auszweigende Corallenspitze bog, und dann
im geraden Strich auf den Platz zuschnitt auf dem die beiden Huptlinge
standen, und dessen helleres Dach sich schon von weitem, als treffliche
Landmarke, erkennen lie.

Ha sieh nur Utamis Gesicht! rief da Paofai, als beide Fhrer endlich
landeten und an's Ufer sprangen -- der dunkle Zug ber der Stirn
deutet bei ihm nichts Gutes -- es ist wie ich gesagt!

Gru Euch und Frieden -- ~Joranna, Joranna bo-y~! riefen die beiden
Mnner, als sie den Schattenrand betraten, den die Fruchtbume und
Palmen der senkrecht stehenden Sonne abgezwungen.

Joranna Utami -- Joranna Paraita, und was fhrt Euch ber das Wasser im
Aoatea, wenn die Sonne ber Euerem Scheitel brennt? frug Paofai,
whrend Tati ihnen die Hand entgegenstreckte sie zu begren.

Frhliche Botschaft, lachte Paraita, aber die fest zusammengebissenen
Zhne und der lauernde Blick mit dem er die Zge seiner Freunde
beobachtete straften sein Lachen Lgen -- ein neues Englisches
Kriegsschiff ist eingelaufen und die Mi-to-na-res schwimmen oben auf;
der Englische Capitain will ihren Gott schtzen, da ihn der andere
nicht ber den Haufen wirft, wie sie bei uns Taaroa und Oro bei Seite
geworfen haben, und der morgende Tag schon soll ihren Triumph
beleuchten. Auf Tati, auf Paofai, ich glaube die Richter sollen vor
Gericht, denn wir sind _Alle_ aufgefordert zu erscheinen.

Und gilt es wirklich dem Vertrag, den wir mit dem Ferani
abgeschlossen? frug Tati finster.

Kein Zweifel, lautete die Antwort -- der Knigin Boten fliegen heute
durchs ganze Land -- gestern schon gingen die Canoes nach Morea hinber
und uns Beiden wurde selber aufgetragen _Euch_ mit zur Stelle zu
bringen, gengt Euch das?

Und wit Ihr genau was berathen werden soll? frug Paofai.

Paraita lachte.

Es ist ein ffentliches Geheimni, und das Volk in Papetee spricht von
nichts Anderem -- sie wollen unseren Vertrag verwerfen und das
Protectorat Frankreichs von sich weisen.

Das Franzsische Schiff im Hafen wird's nicht leiden, rief Tati.

Es liegt ein strkeres daneben s'ihm zu wehren, sagte achselzuckend
Paraita.

Und was spricht Utami? frug Tati, dessen Hand ergreifend, auf welcher
Seite siehst _Du_ den Segen unseres Landes?

Auf keiner, entgegnete kopfschttelnd der greise Richter, auf keiner
von diesen Beiden. -- Ich hatte gehofft durch einen solchen Schritt, der
gewissermaen nur zum Schein unsere Rechte beschrnkte und mehr ein
Freundschaftsbndni war mit einer strkeren Macht, jenen ehrgeizigen
Priestern ein Ziel zu stecken, aber die Feranis schauen mit gierigem
Auge auf dies Land, und wer wei ob wir nachher bei dem Tausch
gewnnen. Jedenfalls liegt das noch Alles in der Zukunft Schoo, und ich
habe keine Lust einen Arm aufzuheben fr Franke oder Missionair -- la
sie sich unter einander schlagen.

Und Du gehst?

Gewi -- sie sollen nicht sagen knnen da Utami ihren Ruf gefrchtet
habe.

Gefrchtet, wiederholte Paofai verchtlich und spannte wie im Spiel
den Bogen von dessen Sehne der Pfeil schwirrend abschnellte, und etwa
vierzig Schritt davon entfernt den schlanken Stamm einer Papaya
durchbohrte, in deren Holz er zitternd stecken blieb -- gefrchtet,
wiederholte er noch einmal, den Bogen auf die Schulter werfend -- aber
es fhrt uns nicht zum Ziel dieses Kinderspiel -- dem Volk wird wieder
Sand in die Augen gestreut und so lange gesungen und gebetet, bis es
ermdet auseinandergeht, und Alles bleibt beim Alten. Da doch noch
lieber dem Franzosen unterthan, dessen Sitte und Denkungsart besser zu
uns pat, als den schleichenden Frmmlern.

Unterthan? -- _keinem_! rief da Tati trotzig, der inde mit
verschrnkten Armen und in tiefem Brten dem Gesprch der Freunde
gelauscht -- aber wie dann, wenn wir den Augenblick benutzten, wo die
Bewohner Tahitis das eine Joch abgeschttelt und auch das andere von
uns wrfen? -- Was sagst Du, Utami, wenn wir die Fremden strzten mit
dem einen Schlag und, wie die Missionaire jene fremden Priester, auf das
Schiff packten das sie gebracht und sie fortschickten, gleichviel wohin,
so _sie_ jetzt dem Englnder gben, sie heimzufhren in ihre Heimath?
Jetzt, jetzt noch ist es Zeit wieder _ein_ Reich, ein glckliches Reich
zu grnden in unserem Inselland -- jetzt wo das Volk gesehen welchen
Fluch ihnen die Fremden gebracht in jeder Art, wird es zu uns stehn mit
Kraft und Gewalt, und dem _einigen_ Volke knnen auch selbst die
Feuerschlnde des Feindes nicht mehr frchterlich sein.

Utami schttelte ernst mit dem Kopf und sagte finster:

Zu spt -- zu spt! -- ein groer Theil der Unseren hngt dem neuen
Gotte an, und die Missionaire haben dafr gesorgt da ihr Wohl von der
Anbetung jenes nicht getrennt werden konnte -- sie stehen zu fest,
whrend die Englischen Schiffe unsere Ksten verwsten und unsere
Fruchtbume niederschmettern wrden, ihrem Gotte Seelen zu gewinnen, wie
sie dann sagten. -- Ich frchte wir haben uns selber Schaden gethan, als
wir dem Ferani die Hand boten und bei ihm Hlfe zu finden hofften gegen
den geistlichen Stolz.

Gewalt thut hier Nichts, stimmte auch Paraita bei -- wir sind zu
schwach etwas derartiges zu unternehmen, und wenn wir auch Hand zu Hand
mit den geschorenen Kpfen[S] fertig wrden, ist uns die Europische
Macht zu stark. Wir mten jedenfalls warten bis sich ihre Kriegsschiffe
entfernt htten, ein pltzlicher Schlag dann und es wrde den Feinden
schwer werden das zu _rchen_, was sie jetzt mit leichter Mhe
_verhindern_ knnen. Aber noch haben wir den Vertreter jener fremden
Macht unter uns, die uns Schutz und Freiheit versprochen fr Glauben und
Recht; wird der Franzsische Consul, denn zu solchem ist Mrenhout
ernannt als ihn die Amerikaner nicht lnger anerkannten, wird er es
dulden, da man den doch nun einmal von der Knigin unterzeichneten
Contrakt mit Fen tritt?

Wie kann er's hindern? sagte achselzuckend Paofai. -- Mit ein paar
Redensarten ist nichts abgemacht, wenn der Fanatismus erst einmal in
Schu, bergab gekommen. Die Missionaire haben da ihre Leute, Aonui,
Potowai, Terate und wie sie heien; mit Jehovah auf den Lippen werfen
die Narren sich blind in's Feuer selbst der Schiffe, und wenn das Volk
nur schreien und von Freiheit hrt, dann brllt es auch seinen Chor
hinein, mge die Folge sein wie sie wolle. Ich habe groe Lust der
Versammlung gar nicht beizuwohnen; was kanns helfen?

Das sie nachher sagen wir htten uns gescheut ihnen unter die Augen zu
treten? rief Tati rasch. Nein, keiner darf fehlen von uns, wenn wir
nicht selber unsere Sache aufgeben wollen in Schimpf und Spott --
keiner, und dort wird sich uns auch ein Ausweg zeigen das Schwerste
abzuwenden.

Dem stimme ich bei, sagte Utami ernst -- unsere Aufgabe ist dem Land
die Freiheit zu erhalten, die der Fanatismus der einen wie die Gier der
anderen Seite gleich schwer bedroht, und gebe Gott da uns das gelingt;
einer spteren Zeit mag es dann vorbehalten bleiben unsere inneren
Einrichtungen zu ordnen, von denen Franzosen wie Missionaire nichts
verstehn. Unser Glck liegt in unserer eigenen Hand -- wir wollen es aus
keiner fremden. -- So zgern wir denn nun auch nicht lnger, kommt mit
zu meinem Haus, da wir uns dort mit Spei und Trank strken zu der
Fahrt, und die morgende Sonne gre uns die ersten auf dem Kampfplatz.

Kampf? lachte Paofai, whrend er seinen fortgeschossenen Pfeil
wiederholte, den anderen zu folgen -- ein schner Kampf wird es
werden, der mit Singen anfngt und mit Beten aufhrt. -- Ich kenne meine
Landsleute nicht mehr, da sie aus dem frhlichen glcklichen Volk
solche Kriecher und Heuchler geworden sind. Aber zum Henker mit den
Grillen -- unsere Palmen mssen sie uns lassen und das stille Wasser
unserer Riffe, unsere Blumen und Blthen und unsere Weiber, und den
Schwarzrcken zum Trotz will ich das Leben jetzt genieen. Himmel und
Hlle? -- Die Leute knnen vortreffliche Geschichten erzhlen und man
lacht darber wenn man sie hrt -- tdten sie doch die Zeit -- und den
Pfeil aus dem Holz reiend schob er ihn lachend in seinen Kcher zurck,
und trat, die Locken aus seiner Stirn werfend, zu den Uebrigen in das
Haus.


Funoten:

[J] Wilde Pisang.

[K] Der Wibaum oder die Brasilianische Pflaume (~spondias dulcis~) hat
mit den strksten Stamm auf den Inseln -- oft bis 4 und 5 Fu im
Durchmesser. Die Rinde ist grau und glatt und er trgt eine frmliche
Masse groer pflaumenartiger saftiger Frchte von angenehmen Geschmak.

[L] Der Omaomao, die Tahitische Drossel, und der einzige wirkliche
Singvogel, wenigstens der bedeutendste, der Inseln. Er ist gelb und
braun gefleckt, und von der Gre einer Drossel, mit der sein Gesang
auch etwas Aehnliches hat. Von Gestalt ist er etwas schlanker.

[M] Ein, an der einen Seite des Canoes, durch Queerhlzer etwa drei oder
vier Fu vom Fahrzeug selber ausgehaltener Baum, eine Art Kufe von
leichtem Holz, die auf dem Wasser liegt und mitschwimmt, und nur dazu
dient das leichte schwanke Fahrzeug vor dem Umschlagen zu bewahren.

[N] Mape, Tahitische Kastanie. Die Papaya eine von Brasilien herber
gekommene, der Melone hnliche aber auf einem Baum wachsende Frucht. Der
Tappo-Tappo der Englische Crmeapfel.

[O] Das eigenthmliche Gewebe dieser Inseln, das die Frauen aus der
gegohrenen Rinde verschiedener Bume, die sie vorher zu fester Masse
kneten so lange ausschlagen, bis ein dnnes, ziemlich dauerhaftes Zeug
daraus wird.

[P] Areos, die frheren heidnischen Tnzer auf den Inseln, die eine
gewisse, sogar religise aber wste Sekte bildeten und von Insel zu
Insel zogen ihre Orgien zu feiern.

[Q] Die ersten und obersten, aus frstlichem Blut entsprossenen
Huptlinge.

[R] In ihrer Aussprache Pritchard.

[S] Die eifrigsten der Missionaire hatten ihren Glubigen empfohlen die
Haare kurz am Kopfe abzuschneiden, wahrscheinlich um nicht den sndigen
Blumenschmuck darin tragen zu knnen.




Capitel 10.

#Die Versammlung.#


Weier Rauch quoll aus den Schieluken der Englischen Fregatte Talbot
und der rasch folgende donnernde Schlag des Geschtzes, der das Echo
grollend weckte in den Bergen, grte das goldene Taggestirn, das eben
seinen rothglhenden Schein ber die stliche, palmenbedeckte Spitze der
Bai warf, und seine Strahlen sandte ber das weite Meer.

Es war ein reizendes Bild das sich dem Blick entrollte, und Athem und
Leben gewann mit dem ersten Licht; im Hintergrund die wildzerrissenen
Kuppen des Gebirgs mit der dunklen khn eingerissenen Schlucht --
auseinandergebrochen als die Grundvesten der Berge einst in ihrem
inneren Mark erbebten, und rechts und links das niedere palmenbedeckte
Land ausschieend, als ob es die sonnige spiegelglatte Bai umspannen
wolle mit liebendem Arm, whrend an dem Ufer hin die weien niederen
Gebude dicht hineingeschmiegt standen in Palmen- und Orangenhain, mit
hie und da einem alten mchtigen Banianbaum, der die dunkel glnzenden
Zweige niederschttelte, neue Wurzeln dem Erdreich um sich her
abzugewinnen. Vorn schumte und spielte die Fluth an dem hellen
Corallensand, und den vorderen, von Banane und Palme eingeschlossenen
Rand, in dem die stillen Wohnungen der Menschen so dicht versteckt wie
Perlen in einer halbgeffneten Muschel lagen, bildete ein dichter Wald
von Brodfrucht und Orangen und buntblthigen Akazien und breitblttrigen
Hibiscus Tiliaceus mit den groen malvenhnlichen Blumen.

Und nicht de und weit lag das Meer, dem wunderschnen Lande gegenber;
nein, hinter dem licht funkelnden Wasserspiegel, den nur hie und da ein
ruhig vor seinem Anker reitendes Schiff, oder das rasche Canoe mit dem
blitzenden Streifen hinter sich unterbrach, dehnten sich die weiten
schumenden Riffe mit ihren Schneekronen und rollendem Donner, und
umspannten selbst die kleine Kniginsel Motuuta, die wie ein Smaragd,
von silbernem Band umfat, in dem herrlichen Rahmen palmenwiegend lag,
whrend hinter ihr, noch neben dem weiten Horizont des Oceans, die
zackigen khn gerissenen Kuppen und Spitzen Imeos, wie Nadeln
emporstarrend oder riesige Kegel, in blauer Ferne lagen, bei klarer Luft
selbst den Palmengrtel zeigend der sie umschlo.

Still und regungslos lag dabei der Strand, bis zu dem Schu, mit dem
zugleich fast sich die Sonne ber den Palmenstreifen hob -- nur hie und
da zeigte sich ein einzelner Indianer der, vielleicht nach seinem Canoe
schauend, langsam am Ufer auf- und niederging; aber wie mit einem
Zauberschlag _nach_ dem Schu, und whrend das Echo noch in den fernen
Schluchten drhnte und grollte, quoll und drngte es sich ordentlich aus
den Husern und Htten vor, in bunter glnzender Tracht, und frhliches
Leben brach sich die Bahn in's Freie mit einem Mal.

Es war Tag geworden in Papetee, und ein bedeutungsvoller wichtiger
Morgen angebrochen fr den kleinen Staat; ob zum Heil, ob zum Leid, was
kmmerte das das frhliche Inselvolk mit seinem leichten, glcklichen
Sinn. Wie die sonnige Welle ihrer Binnenwasser trieben sie leicht ber
des Lebens Meer -- ein Sturm rttelte sie auf, wild und gewaltig, es ist
wahr, aber mit der Ursache die sie gehoben, _mit_ dem Sturm, legte sich
auch leicht beruhigt das Element, und lie in derselben Stunde fast
schon den Schiffer niederschauen in die cristallreine Tiefe, die offen
wie ihr Herz da vor ihm lag.

Wie ein Bienenschwarm zog es und drngte es dort eine Weile am Ufer
herum, beide Geschlechter bunt gemischt durcheinander, und oft klang der
frhliche Laut lachender Mdchenstimmen silberrein ber das Wasser
selbst bis zu der Stelle, wo etwas einsam in der Bai, und in der That so
weit abseits als er eben ankern durfte, ein groer weitbuchiger,
entsetzlich schmutziger und wettermitgenommener Wallfischfnger lag. Auf
seinem Heck stand, etwas geschmacklos, aber vielleicht nicht ohne Grund,
mit grellrothen Buchstaben im grnen Felde, der Name desselben, _Kitty
Clover_, und von der Gaffel seines Besahnsegels wehte die Englische
Flagge.

Auf dem Quarterdeck desselben standen zwei Mnner, beide in die
gewhnliche Seemannstracht, in blaue Jacken und weie Hosen gekleidet,
einen breitrndigen Strohhut mit langem schwarzen Band gerad auf den
Kopf gesetzt. Der eine von ihnen, der ltere, war der Capitain der Kitty
Clover, der so wenig den Schotten in seinem ganzen Wesen und Aussehn
verleugnen konnte, wie der Andere den Iren.

Dieser hatte das fast unvermeidliche rothe Haar seiner Landsleute, aber
in merkwrdig kleine feste Locken mehr geknotet als gedreht, und auch um
Kinn und Oberlippe zog sich ihm ein ungeheuer starker, aber eben so
fest verworrener ineinandergedrehter Bart bis hoch unter die kleinen,
lichtblauen Augen hinauf, die manchmal, wenn er seinen Kopf dem neben
ihm Stehenden zuwandte, mit einem eigenen drollen Humor daraus
vorblitzten.

Noch acht oder zehn Matrosen etwa waren auer den beiden an Deck, und
zwar mit Waschen desselben beschftigt, wozu sie die vollen Eimer aus
der klaren Fluth heraufschwangen, und mit raschgezieltem Wurf den
breiten Strahl unter die oben befestigten Fsser und langs Deck hin
sandten.

Der Capitain oder Master des Wallfischfngers, Mac Rally, galt fr einen
vortrefflichen Seemann, aber noch besseren Hndler, und das hagere
scharfgeschnittene Gesicht, die hellblauen unstten Augen, die eisernen
Lippen zeigten zugleich Entschlossenheit wie List und Ausdauer.

Die Kitty Clover war erst gestern hierher, angeblich vom Wallfischfang,
eigentlich aber direkt von Valparaiso kommend, eingelaufen, und hatte
den Iren gewissermaen als Passagier, der brigens auch einen ziemlichen
Theil spirituser Getrnke als Fracht bei sich fhrte, mitgebracht.
Theilweise gehrte von demselben Artikel, auer einer Anzahl von
Fssern, von denen nicht einmal die Matrosen wuten was sie enthielten,
auch eine ziemliche Parthie dem Capitain selber, und er zog es deshalb
vor, den letztverlassenen Hafen nicht als direkt von dort gekommen
anzugeben, einer vielleicht unangenehmen und zu ngstlichen
Aufmerksamkeit der Steuerbehrden zu entgehen. Nichtsdestoweniger haben
diese auf Wallfischfnger ebenfalls ein sehr scharfes und wachsames
Auge, denn sie wissen recht gut da solche Fahrzeuge, wenn sie auch
gerade kein wirkliches Geschft daraus machen, doch stets eine oft nicht
unbedeutende Quantitt gestatteter oder auch verbotener Waare bei sich
fhren, und was sie eben schmuggeln _knnen_, nicht gern versteuern.

Die _verbotene_ Landung spirituser Getrnke war brigens mit ungemeinen
Schwierigkeiten verbunden, denn auf alle den Inseln hatten die
Missionaire schon gegen die Einfhrung des Branntweins die heilsamsten
Gesetze erlassen, die sie mit groer Strenge aufrecht hielten und
bewachten; anderseits waren die Indianischen Behrden selber mit solcher
Maregel sehr zufrieden, denn die Einfhrung des bsen Getrnks hatte
nur Elend und Unfrieden, Zank und Blutvergieen in die Stmme gebracht,
so da sie gern und willig, was nicht immer der Fall war, ihre weien
Lehrer und Gesetzgeber in der Ausfhrung untersttzten.

Die Franzosen nahmen es noch am leichtesten mit der Einfhrung von
Spirituosen, aber nur wenn sie von ihren eigenen Schiffen gelandet
wurden, denen sie dadurch gewissermaen ein Monopol zu sichern
wnschten, aber auch hartnckig von den Behrden berwacht wurden und
nicht, ohne ffentlich die einmal bestehenden Gesetze umzustoen,
dawiderhandeln durften.

Und Ihr seid hier bekannt, O'Flannagan, sagte der Capitain endlich,
nachdem er wohl eine Viertelstunde lang, ohne ein Wort zu sprechen, das
Ufer durch sein langes Schiffsglas scharf beobachtet hatte, und glaubt
fest da Ihr die ganze Ladung nach und nach sicher und ohne einen Penny
Steuer zu zahlen an Land wrdet schmuggeln knnen?

Von _glauben_ ist da gar keine Rede, ~Captain dear~, lachte der Ire,
meiner Mutter Sohn kennt hier jeden Zollbreit Boden am Ufer, und was
mehr ist, jeden Zollbreits Sohn und Tochter, und die Mdchen besonders,
hahaha liebe Dinger, sind rein auf mich versessen. Die fhren nun schon
einmal in der ganzen Welt das Regiment und die zu Freunden, das andere
ist Alles Kleinigkeit und Kinderspiel.

Aber wenn uns da nur die jetzigen politischen Verhltnisse keinen
Strich durch die Rechnung machen, sagte kopfschttelnd der Schotte.
Wie uns der alte Indianer gestern Abend erzhlte, so waren die
Englischen Missionaire wieder die Herren da drben, so gut wie frher,
und das will mir nicht so recht einleuchten.

Wir wren verloren mit unserem Geschft wenns anders ausshe; lachte
Jim, zum Teufel wenn die Franzosen das Heft in Hnden htten, drften
wir unseren Brandy nur getrost selber trinken, denn die wrden eine
solche Masse ihres eigenen Fabrikats hinber an Land geworfen haben, da
sie die Stadt damit ersufen knnten. Die Missionaire dagegen knnen
hchstens die Strafe auf Einfuhr noch erhhen, die Einfuhr selber noch
schwieriger machen; das Alles mu uns aber die Preise nur gerade in die
Hhe treiben, und -- was wollen wir mehr?

Weiter nichts, schmunzelte der Schotte, das Fernrohr niederlegend und
sich mit einem hchst vergngten Gesicht die Hnde reibend -- weiter
nichts, Jimmy -- hchstens noch etwas baar Geld -- gutes Silber fr
unsere flssige Waare.

Ich frchte nur Ihr habt mit dem anderen Artikel ein schlechtes
Geschft gemacht, sagte Jim kopfschttelnd -- ich glaube wirklich
nicht, da es hier je zu einem solchen Ausbruch von Feindseligkeiten
kommen kann, die Eingeborenen zu veranlassen wirklich Geld fr einen
solchen Artikel auszulegen; -- ja wenn es Brandy wre.

Nun, ich gehe da ziemlich sicher, schmunzelte der Schotte, denn ein
Theil der Waffen ist feste Bestellung -- von Jemandem aber den ich nicht
nennen darf -- und verkauf ich das andere nicht _hier_, so wei ich da
ich auf den Fidschi- und Navigators-Inseln einen vortrefflichen Markt
dafr finde.

Ja, aber, das ist ein kitzliches Geschft, meinte Jim, sich mit dem
Zeigefinger der rechten Hand durch das Halstuch fahrend -- die
Englnder und Franzosen haben ber derartigen Handel ihre eigenen
Ansichten, und es geht bei einer solchen Geschichte immer gleich an die
Raanocke[T]. Interessant ist so ein Geschft wohl schon, aber --
verdammt gefhrlich, und der Nutzen doch eigentlich nicht im Verhltni
zum Risiko.

Nun, das kme auf die Person an, sagte, mit einem etwas zweideutigen
Seitenblick auf den Iren, der jetzt aufmerksam durch das Glas nach der
Insel hinberschaute, der Capitain. Jim verstand aber die etwas
malitise Anspielung und sagte lachend, ohne jedoch aufzusehen:

Ich bin gerade so kitzlich am Halse wie der beste Priester, Capitain,
und jeder pat auf sein Bischen Leben so gut er kann, ob's nun eben der
Mhe werth ist, oder nicht.

Nein, Jimmy, so war's gar nicht gemeint, rief Mac Rally rasch und
etwas verlegen.

Bitte, geniren Sie sich nicht, lachte Jim, thun Sie als ob Sie zu
Hause wren, ~Captain dear~ -- aber dahinten kommen die Canoes,
unterbrach er sich pltzlich, den rechten Arm, ohne das Auge vom Glas zu
nehmen, gegen Point Venus hinberstreckend. Dorthin wurde auch eben,
gerade die Spitze passirend, eine kleine Flotte Indianischer Fahrzeuge
sichtbar. Bei Jsus, Mr. Mac, fuhr er aber lebendiger werdend fort,
als er sich den Inhalt der kleinen schlanken Fahrzeuge etwas genauer
betrachtet -- heute geht die Geschichte los da drben, heute bekommen
wir was zu sehen, und je eher wir hinberfahren, denk' ich, desto besser
ist's, denn einen besseren Abend unser Ausschiffen zu beginnen, werden
wir auch nicht so leicht finden. Kein Teufel pat heut' auf die aus- und
eingehenden Boote, und solche Zeit mu man benutzen.

Der Capitain hatte das Glas wieder genommen und einen Augenblick
durchgesehen, dann aber sich wieder aufrichtend und es zusammenschiebend
sagte er, mit einem halbversteckten Lcheln in den selten aus ihrer Lage
gebrachten fast wie ehernen Zgen:

Ihr habt recht Jim, da hinten schwimmen die Haupt-Schauspieler der
heutigen Komdie -- drei Canoes voll Schwarzrcke, Gott wei wo sie alle
herkommen. Die Feierlichkeit wird nun wohl auch bald ihren Anfang
nehmen, und ich glaube je eher wir hinbergehn, desto besser. Ha, bei
Gott, unterbrach er sich pltzlich, als er sich zufllig nach den
Kriegsschiffen hingewandt hatte und deutete mit dem Arm hinber -- dort
geht die Tahitische Nationalflagge! Und in der That stieg in diesem
Augenblick die rothe Flagge mit dem weien Stern auf der Englischen
Fregatte an der Gaffel des Besahnsegels auf. Was die Leute doch fr
Streiche machen, brummte der Alte dabei -- aber meiner Mutter Sohn
mte sich sehr irren, wenn sie nicht heute da drben Unheil anrichten.

Desto besser, ~Captain dear~, rief Jim, sich vergngt die Hnde
reibend, desto besser; s'wr mir ein wahres Gaudium, wenn ich erleben
knnte da sich die beiden Erbfeinde, Franzosen und Englnder, wieder
einmal beim Koller kriegten; s'ist berdies lange genug Frieden gewesen.
Aber enges Fahrwasser zum Maneuvriren htten sie hier, und die Corvette
hielts auch mit der Fregatte nicht lange genug aus, den Spa interessant
zu machen.

So weit treiben sie's nicht, sagte kopfschttelnd der Capitain -- der
Franzose ist zu klug sich hier mit einer solchen Fregatte in einen
wahrhaft verzweifelten Kampf einzulassen. Nein, es kommt jetzt Alles
darauf an wie das Schiff heit, das zuerst in den Hafen einsegelt, und
die guten Leute hier spielen wirklich nur eine Art Paar oder Unpaar, mit
ihrem ganzen Land zum Einsatz.

Bah, der Spa ist der, lachte der Ire, da die, die den Einsatz
stellen, nicht einmal mitspielen -- die aber die Nichts zu verlieren
haben, die Missionaire, trumpfen aus.

S'ist Zeit da wir hinberfahren, sagte Mac Rally -- he da vorn --
~damn it~ Ihr Burschen, Ihr schwemmt ja heute das Deck, als ob Ihr die
Ngel herausweichen wolltet; mein Boot nieder, und viere von Euch
hinein. Und Du Bob, wandte er sich an einen der Leute, den Zimmermann,
der eine gewisse Autoritt an Bord ausbte wenn die Officiere an Land
waren, passe mir ein Bischen auf, und wenn es am Ufer Skandal geben und
Einer von unseren brbeiigen Nachbarn vielleicht geneigt sein sollte
die Zhne zu zeigen -- Du kennst ja das Zeichen -- so auf mit Euerem
Anker, und seht zu da Ihr auer Schulinie kommt, denn wir brauchen
unsere Hlzer nothwendiger. -- Aber bis dahin bin ich auch auf jeden
Fall wieder zurck.

Und soll die Flagge wehen bleiben, Capitain? frug der mit Bob
angeredete.

Mac Rally stand schon auf der Schanzkleidung, und war eben im Begriff in
das Boot hinabzusteigen. Er blieb stehn, und schaute einen Augenblick
wie unschlssig nach dem bunten, flatternden Tuch hinauf.

S'wr patriotischer, sagte er endlich, die Augenbrauen hoch
hinaufgezogen, aber politisch ist's nicht. -- Sie knnen Einem freilich
Nichts anhaben -- Ach was, setzte er dann laut hinzu -- der Wind
schlgt das Tuch doch nur zu Schanden -- wenn wir an Land sind nimm den
Lappen herunter! und mit dieser hchst unehrerbietigen Bemerkung der
eigenen Nationalflagge sprang er, von dem Iren gefolgt, in sein Boot,
das sie bald mit krftigen Ruderschlgen blitzesschnell ber das Wasser
dem gar nicht so fernen Ufer zufhrten.

Hier aber wimmelte und schwrmte es inde von Menschen und den Strand
hinunter schien der Hauptzug zu gehn, wo auch wirklich an dem
sogenannten Par, jenem Theil der Kste wo der Knigin Haus stand, der
fr heute bestimmte Versammlungsort des Festes lag, wenn hier berhaupt
ein Fest gefeiert wurde.

Eine bunte Mdchenschaar drngte sich am Ufer hin und an der Kirche
vorber, deren Glocke in einem, oben ausgeschnittenen stmmigen
Orangenbusch hing. Es waren blhende, liebliche Gestalten, mit tief
dunklen und doch so schwrmerischen Augen, und zartgeschnittenen,
rosigen Lippen, oft mit kaum gebruntem Teint, unter dem das feine
liebliche Errthen, wenn es Wangen und Nacken bergo, so klar wie bei
der weien Haut fast hervortrat, und den ppigen Formen einen
unendlichen Reiz verliehen htte, wre der nicht eben durch das sonst so
lockige jetzt kurz abgeschnittene Haar und das entsetzlichste Modell
eines Frauenhutes, das je die freie Stirn eines schnen Kindes
mishandelte, entstellt worden. Es war die _fromme_ Schaar der
Tahitierinnen, die sich zur Protestantischen Kirche bekannten, und mit
den alten Vorurtheilen auch ihr Lockenhaar wegwerfen muten, als falsch
und sndig. Und weshalb? -- es hatte Blumen getragen einst im
heidnischen Tanz, und die freundlichen Kinder jenes herrlichen
Himmelsstriches schmckten es jetzt selbst noch gern mit den knospenden
Blthen. Aber fort mit dem irdischen Tant! wer _Gott_ dienen wollte,
durfte sein Herz nicht an die Erde und ihren Schmuck hngen -- fort mit
dem Haar das sndige Eitelkeit erweckte und der Verfhrung den Weg nur
bahnte zum wankenden Herzen -- fort mit dem duftigen Kranz darin und den
wehenden Silberfasern der Arrowroot -- einen anstndigen _christlichen_
Hut mit christlicher Form auf dem Kopf, und diesen geschoren darunter,
und das sndige Herz mute dann schon selber dem Schopfe folgen.

Wie sie so ehrbar dahin schreiten, die sonst so wilden Mdchen, das Auge
zchtig gesenkt, die schwere Bibel im Arm und gegen die volle Brust
gepret, in der das Herz so ngstlich klopfend schlgt -- der Hut
verbirgt die Zge, und das lange faltige Gewand umhllt fast vollkommen
die zarten Gestalten, nur den Fu -- nicht das Schnste an ihnen -- frei
zur Schau tragend.

~Waihine -- naha -- naha Mare~! rief da eine neckische Stimme dicht
neben dem Zug, und ein reizendes Mdchengesicht, aber ohne den
entstellenden Hut, und die vollen blumendurchflochtenen Locken wild um
die hohe edle Stirn flatternd, bog sich halb ber, dem ihm nchsten
Mdchen unter den schrecklichen Hut zu sehen, und die Zge zu erkennen
-- ~naha Mare~.

Aber die also Angeredete, ob sie es war oder nicht, bog den Kopf nur
mehr zur Seite. Sie schmte sich doch nicht ihrer frommen Tracht? --
~naha Mare~, klang wieder und wieder der neckische Ruf -- bist Du's
~aiu~[U] oder nicht? -- sieh her Mare, sieh her und wende Dein
Kpfchen.

Ah -- da nimm das! rief da pltzlich die fromme Maid, und den Kopf
herumwerfend nach der Qulerin, deren lachende Augen ber zwei Reihen
prachtvoller Perlzhne blitzten und funkelten, schlug sie mit der linken
flachen Hand (in der anderen hielt sie die Bibel), ein Zeichen
grndlicher Verachtung, ihre Lende -- da nimm das Du bse Ate-ate und
la mich zufrieden -- bah ber die Schwtzerin.

Hahahaha! klangs aber wie Silberton von den Lippen der Anderen --
hahahaha, Mare, Mare, armes Kind, armes Kind.

La sie gehn, stie da Mare eine Nachbarin an, la sie gehn es sind
wilde Dinger und taugen nicht zu uns -- wenn's der Mitonare sieht da
wir mit ihnen gesprochen ist er bs.

Mare, Mare, armes Mdchen! riefen die Ersteren wieder.

Bah! lachte aber die Schne jetzt, den Hut zurckwerfend, da die
funkelnden Augen voll die Gegner trafen -- albernes Zeug hier, knnt
Ihr mich nicht zufrieden lassen beim Kirchgang oder beim vollen Zug --
oder glaubt Ihr da Ihr's nachher wohl toller treibt als ich?

Ah ~maitai maitai~ Mare, jubelte da Ate-ate laut auf -- so lebst Du
noch unter dem Hut und Dein Herz liegt nicht bei den Locken daheim im
Bananenblatt?

Wenn sie nur so schnell wieder wchsen wie man sie abschneiden kann,
zrnte das schne Mdchen und warf einen mrrischen mistrauischen Blick
nach ihrem Schatten hinunter, aber sie sah nur den Hut und schttelte
rgerlich mit dem Kopf.

Wenn mir die Haare wachsen schneid' ich sie nicht wieder ab, sagte ein
anderes Mdchen das neben Maren ging -- so lange sie kurz sind bin ich
fromm, und dann kann einmal eine Andere an die Reihe kommen.

Drrrrrrrrum -- drum, drum, drum klang der Wirbel und Ton; heller
frhlicher Trommelschlag, das National- und Lieblingsinstrument der
Insulaner, im Takt und Schlag ihres wildesten, aber auch deshalb
geliebtesten Tanzes.

Hab' Acht, Mare, rief Ate-ate an ihrer Seite hintanzend -- der
~Upepehe~:

    Horch!
    Horch wie der Trommel Klang
    Hell durch die Palmen drang,
    Horch!
    Zuckt mir's durch Fu und Knie,
    Zuckt mir's im Herzen hie
    Horch!

Horch! rief aber Mare und ihre Augen blitzten und funkelten in einem
wilden, frhlichen Feuer, zu dem das dicke Buch unter dem Arm gar nicht
so recht passen wollte.

    Horch!
    Laut wie die Brandung jgt,
    Gegen die Riffe schlgt,
    Horch!
    Wirbelt der Trommel Ton
    Herzchen ich komme schon
    Horch!

Und in den Chor fiel die brige fromme Schaar jubelnd ein, und mit den
Bchern im Arm, whrend die groen Hte den Wind fingen und auf- und
niederschlugen, warfen sich die tollen Mdchen, denen die bekannten und
so leidenschaftlich geliebten Tne viel zu verfhrerisch in die Ohren
geklungen hatten ihnen widerstehn zu knnen, von beiden Seiten in den
wilden Upepehe-Tanz und sprangen, von den nicht so feierlich geputzten
jubelnden Schwestern redlich dabei untersttzt, auf und ab in der rasch
gebildeten Bahn den ppigsten ihrer Tnze aufzufhren, so lange
wenigstens die verfhrerische Trommel schlug.

Wie von der Tarantel gestochen schien dabei die Schaar, und selbst die
Ernstesten unter ihnen, die mit finsterem Blick den ersten Uebergriff
geschaut und mit scharfem Wort ihn gergt, schwiegen, sahen sich um nach
rechts und links -- zgerten noch und -- sprangen mitten hinein in den
jubelnden Chor.

_Mi-to-na-re_!

Wie dem Schwimmenden das Wort _ein Hai_ mit Bleies Schwere in die
Glieder schlgt, und ihn oft zu seinem Verderben fr den ersten
Augenblick jeder eigenen Willenskraft beraubt, so schlug _das_ Wort in
die Reihen der Tanzenden.

_Mitonare_!

Einen Moment standen sie wie in Stein gehauen, die frhlichen jubelnden
Gruppen, nur von den Zgen hatte der Schreck die Frhlichkeit verwischt,
und nicht hinaus suchte das Auge wo die Gefahr lag, sondern nur bei dem
Nachbar wollte es Scherz oder Ernst der Warnung finden; der nchste
Moment aber schon entschied den Sieg gegen die Trommel -- Mitonare!
und aus dem Tanz heraus zuckte die Schaar der Frommen wieder in den
frheren stillen und ehrbaren Gang hinein, die Hte fielen nieder --
jetzt ein trefflicher Schutz die erregten glhenden Gesichter zu bergen
vor irgend einem prfenden Blick, die verschobenen Rcke wurden gerad
gezupft, und wieder ernst und feierlich wanderte die junge Schaar,
unschuldige Heuchler mit dem frhlichen Muth im Herzen und den
unnatrlichen Ernst starr und kalt drauen herumgelegt, die breite
Strae entlang dem Par zu.

Aber nicht nur ein Scherz, den sich irgend ein neckisches Mdchenbild
vielleicht erdacht die Schwestern frchten zu machen, war das Wort
gewesen -- dort oben vor dem Hause des jetzt allerdings verreisten
frheren Missionairs und jetzigen Englischen Consuls Pritchard (ein
weites Gebude mit bequemer luftiger Verandah, Europischen Thren,
Glasfenstern und wohnlicher selbst eleganter innerer Einrichtung) stand
die fromme Schaar der Missionaire versammelt -- sie _Alle_, nicht ein
einziger fehlte von Tahiti selber, wie von Imeo, in schwarzem Frack und
Hosen, weier Halsbinde und Weste und das unpraktischste Fabrikat das je
ein Mensch in kaltem oder heiem Klima, in Sonne oder Schnee, in Staub
oder Regen, bei Wind oder Stille, beim Gehen, Reiten oder Fahren
getragen, den schwarzen Cylinderhut auf dem Kopf.

Er hat uns gesehn! flsterte Eines der Mdchen dem anderen zu -- er
trgt ein kleines langes Stck Metall, das wie ~per~[V] aussieht, in
der Tasche, damit kann er von einer Insel nach der anderen hinbersehn.

Bah' heute sagt er Nichts, flsterte die Andere zurck -- und zankt
er mich aus, setzte sie trotzig hinzu -- geh ich zu dem anderen
Priester mit Kreuz und Licht, dort darf ich mir so die Haare wachsen
lassen und Blumen hineinflechten, und komme doch in den Himmel der
Weien.

Die breite Pforte bleibt Dir verschlossen, wenn Dir die Mitonares nicht
den Eingang zeigen, warnte die Erste wieder.

Ei was, lachte die Zweite leise, dann biegen mir die anderen
Mitonares den Bambus auseinander -- wenn ich nur hineinkomme.

Die Mdchen kicherten zusammen unter ihren vorgebeugten Hten, aber ganz
leise, und der Zug schritt langsam vorwrts, denn er wuchs mit jedem
Fubreit Boden den er gewann, und an dem letzten Bethaus hatten sich
ihm alle Glieder der Kirche (~Church members~) in feierlicher
Procession und von dem Ehrwrdigen Mr. Rowe gefhrt, angeschlossen.

Ehrwrdige Gestalten selbst, mit ihren braunen Gesichtern und weien
Jacken, manche in Hosen, einzelne sogar im Frack und Lendentuch, mit
Weste und heftig gestrktem Vorhemd, die Beine tttowirt mit allen
mglichen heidnischen Zeichen, und den Kopf geschoren in christlicher
Demuth.

Viele davon, ja die meisten, trugen Bcher unter dem Arm, und der stille
Ernst der in ihren Reihen herrschte, mit der Schaar von
schwarzgekleideten Mnnern die jetzt zu ihnen niederstieg und ihrem Zug
voranging, machte einen eigenen wunderlichen Eindruck auf den Zuschauer.

Wer wird denn hier eigentlich begraben, Jim? sagte Mac Rally, als sie
am Strande hin, in etwa funfzig Stritt Entfernung vom Ufer, den Zug in
ihrem Boot begleiteten -- das geht ja merkwrdig feierlich zu bei den
Leuten -- wenn ich nicht wte da ich in Tahiti wre, glaubte ich
wahrhaftig, ich sei aus Versehen irgendwo in Neu-England angelaufen.

Htt' ich die Mdchen mit den schauerlichen Hten da eben nicht tanzen
sehn, lachte der Ire, so glaubt' ich's auch -- schwarz genug sieht der
Kopf davorn aus, und dunkel gesprenkelt gehts durch den ganzen Zug; aber
so ernsthaft werden sie's wohl nicht meinen, und das Ganze luft doch
am Ende wieder darauf hinaus, da sie den Hchsten ersuchen sich der
Sache, die sie jetzt in die Dinte geritten haben, anzunehmen, und
nachher eine Collekte fr Missionszwecke sammeln.

Mac Rally schttelte mit dem Kopf.

Und ich glaub's nicht -- wre das Englische Kriegsschiff nicht da, ja,
aber der Capitain hlt zu ihnen, oder will wenigstens nicht zu dem
Franzmann halten, was ich ihm auch nicht verdenken kann, und da wird sie
der Bse wohl plagen da sie irgend einen gescheuten Streich aushecken,
bei dem ihnen nachher die Insulaner die Kastanien aus der Asche holen
mssen. Ich kenne meine Leute.

Wetter, jetzt wird's Ernst! rief Jim da, ber die Bai hinberzeigend,
nach der er den Kopf zufllig gewandt -- da kommen die Boote Ihrer
Majestt, mit wehenden Flaggen, die Tahitische vorn am Bug, darber wird
sich unser Franzsischer Nachbar unendlich freuen.

So ~back water~, Jim, dort hinein in die Bucht, rief Mac Rally, es
wird Zeit da wir landen, und uns den Spa jetzt vom Ufer aus
betrachten.

Ich habe ebenfalls Nichts zwischen den Booten zu suchen, Sirrah,
brummte der Ire, und dem Befehl gehorsam scho das Boot gleich darauf
einem der einfachen ausgebauten Landungspltze zu, an dem es Einer der
Leute befestigte, whrend sich die beiden Mnner in dem Gedrng von
Menschen verloren, Europern wie Insulanern, die Alle dem oberen Theil
der Bai, Par genannt, wo die Knigin ein groes Bambushaus stehen
hatte, zustrmte.

Die Leute am Ufer konnten aber nur hchst langsam vorrcken, whrend die
Boote rasch ber die glatte Bai dahin schossen und ihre Bemannung schon
ihre Pltze eingenommen hatte, ehe der grte Theil der Missionaire, der
sich dem vollen Zug bei dem letzten Bethaus angeschlossen, mit demselben
eintraf.

Die Knigin Pomare, oder ~Pomare Waihine~ sa, von ihren Frauen
umstanden, auf der Verandah ihres Hauses, ihren kniglichen Gemahl zur
Seite. Zur Rechten und Linken befanden sich die Englischen Officiere des
Talbot mit den verschiedenen auf Tahiti anwesenden Consuln Englands,
Frankreichs und Amerikas und manchen dort ansssigen Fremden, ebenso die
Missionaire, und den Hof fllend in weitem Kreis standen die
verschiedenen Huptlinge des Landes mit der bunten wunderlichen Schaar
der Eingeborenen, die sich von Civilisation wie Christenthum zum groen
Theil gerade soviel zugeeignet hatte, als nthig war ihnen ihre
Nationalitt zu nehmen, ohne ihnen viel anderes dafr zu bieten.

Es ist wahr, das gute Herz und der treue offene Sinn der Insulaner hatte
Viele den Segnungen unserer schnen Religion leicht zugnglich gemacht,
und sie mit Freuden die Irrthmer von sich werfen lassen, denen sie
berdies nicht aus Neigung sondern nur deshalb angehangen, weil es ihnen
eben so von ihren Vtern berliefert worden; so entsagten sie dem,
frher zu einem frmlichen Gebrauch gewordenen Kindesmord[W], ehe sie
selbst begriffen was das Christenthum eigentlich sei, und nahmen dieses
besonders deshalb an, weil es ihnen als eine Religion der Liebe wie des
Friedens geschildert wurde, und sie ihrer Kriege und Streitigkeiten
schon selber herzlich satt waren. Ja, die Priester entsagten sogar auf
manchen Inseln zuerst dem Heidenthum, wie der hohe Priester Tati, der
selber seine Gtzen verbrannte, weil er einsah da die Religion der
Bleichgesichter in ihren Lehren eine gute sei, und das Volk glcklicher
machen wrde, wenn es ihr folge und seinen Misbruchen, seinen Kmpfen
entsage.

Wren die Missionaire dabei stehen geblieben, htten sie diesen noch
uncivilisirten, aber jedem Guten empfnglichen Stmmen unser
Christenthum gebracht wie es Christus lehrte, sie wren ein Segen dem
Lande geworden und in ihrer Hand lag damals das Glck von Millionen,
denn kein Stamm der Erde trug den Saamen des Edlen und Guten mehr und
krftiger in sich als gerade die Bewohner dieser schnen Inseln, aber
statt dem wirklichen Kern unseres Glaubens brachten sie ihre Dogmen und
Streitigkeiten, nichtssagende Formeln und Gebruche, und die nchste
Zeit schon sollte lehren wie sehr falsch sie gehandelt und wie ihr
Ehrgeiz und Stolz der _eigenen Gemeinde nur_, nicht dem wirklichen
Christenthum Anhnger zu gewinnen, das arme Volk das hier zum Opfer
ausersehen worden, ehe es nur begreifen konnte um was es sich berhaupt
handele, in die Gruel eines Religionskrieges verwickelte.

Htten die Evangelischen Lehrer sich eben an den reinen und herrlichen
Kern unserer Lehre gehalten, so konnten ihnen eintreffende Sekten keine
Bekehrte mehr abtrnnig machen; sie brauchten sie nur auf das
Eigentliche jedes wahren Glaubens zurckzufhren und der Insulaner htte
gewut _weshalb_ er seine Gtzen verbrannte. So aber machten sie die
Formen zur Hauptsache; ein sdliches unserer nordischen Klte, unseren
starren Fanatismus nicht gewohntes Volk, das schon durch Klima wie Boden
von Gott selber angewiesen worden ganz anders zu leben und zu denken,
sollte nicht allein seine Religion ndern (das war mglich und die
besser Gesinnten bewiesen bald wie leicht es ihnen wurde guten Lehren
ihr Ohr zu ffnen), nein auch ein anderes Leben beginnen; sie sollten
vollkommen andere Menschen werden, Worte singen die sie nicht
verstanden, Tage lang, statt ihrer Tnze und Spiele, ihr Antlitz in den
Staub werfen und beten, und wo sie bis dahin dem Himmel frisch und
frhlich in's Auge geblickt, Allem entsagen fast, was ihnen die Natur in
ihrem reichsten Ueberma geboten; mit einem Wort jenen dunklen
Schwrmern und Kopfhngern gleich werden, die selbst in ihrem nordischen
Vaterland nur theilweis Anhnger finden konnten, und in Streit und Hader
leben mit anderen Sekten.

Aber noch waren sie selbst darin nicht fest geworden, ja in Vielen sogar
schon Zweifel aufgestiegen, ob ihre alten Gtter nicht mit ihnen
zrnten, und der neue keine Macht habe sie zu schtzen, denn
ansteckende Krankheiten wtheten unter ihnen und religise wie
politische Streitigkeiten hatten Familien und Stmme entzweit, bei denen
nur der harmlose gute Charakter der Insulaner selber oft blutiges Ende
verhinderte. Da warfen die Franzosen ihre Missionaire herber, die einen
anderen Gott, einen anderen Glauben brachten, und whrend die
Evangelischen Priester die Neugekommenen als Kinder des Satans und
Gtzenanbeter ausschrieen, verdchtigten die Letzteren ihre, ihnen
allerdings nicht geneigten Vorgnger, und warnten die armen
Eingeborenen, denen der Kopf wirbelte bei den neuen Dogmen und
Gebruchen, auf dem betretenen Wege fortzugehn -- denn er fhre genau zu
dem Platz den sie bei Wegwerfung ihrer Gtzen htten vermeiden wollen --
nmlich zur _Hlle_.

Doch fort mit all solchen traurigen Betrachtungen, soweit sie nicht zu
nahe mit den Personen selber verknpft sind, mit denen wir es hier zu
thun haben -- sie thun weh, und man mchte da manchmal mit Keulen drein
schlagen, die Menschen doch nur -- das wenigste was man von ihnen
verlangen kann -- vernnftig zu machen.

So vor denn, Du bunte Schaar, und gre die Majestt, denn vor dem Hause
flattert im frischen Morgenwind das Tahitische Banner, der einsame
bleiche Stern im rothen Feld, und alle Fremden gren mit abgezogenen
Hten des Landes Knigin.

Auch die Eingeborenen folgten, auf ein Zeichen ihres Missionairs, diesem
Gebrauch, die wenigstens, die Hte hatten -- und begriffen vielleicht
dabei heut' zum ersten Mal weshalb sie die wunderlichen Dinger
eigentlich trugen.

Pomare erhob sich, dankte mit freundlichem Nicken und lie den Blick
lange und forschend ber die Menschenwogen gleiten, die ihren einfachen
Palast umlagert hielten. Kaum aber zeigte sie sich so dem Volk, das in
Liebe und Ehrfurcht an ihr hing, da rief ein alter Mann, ein Huptling
von Taiarabu, der unfern der Verandah stand:

Pomare! unsere Knigin, ~ia ore na oe~![X] und wie der Schlag des
Geschtzes, der das Echo weckte in den Bergen, fate den Ruf die Menge
und laut wie der Brandung Donnerton klang das liebende Wort: ~ia ore na
oe~!

Pomare wollte reden, sie hob die Hand und ffnete den Mund, aber die
Stimme versagte ihr -- sie barg die Stirn in der linken Hand und wandte
den Kopf, ihre Bewegung zu verbergen; da fiel ihr Blick auf die Fremden
an ihrer Seite, auf die schwarzen Mnner Gottes, auf die buntblitzenden
Uniformen der Seeleute, und gewaltsam raffte sie sich zusammen, nicht
schwach zu scheinen vor den Fremden.

Ein leiser Wink ihrer Hand rief Raiata, ihren Sprecher an ihre Seite
und wie noch vor wenig Augenblicken ein wildes Meer von Kpfen herber
und hinberwogend mit strmischen Lauten die Luft erfllt hatte, legte
sich der Lrm im Augenblick und wechselte in Todtenstille, da dumpf und
drhnend der fernen Brandung Rollen hrbar wurde ber der Schaar, und
wie ein Segen klang zu dem frommen Wort des Volks.

Es ist der Knigin Wunsch, klang da die volle klare Stimme Raiatas,
da die Verhandlungen dieses Tages mit Gebet beginnen.

Dazu geben wir unsere volle Beistimmung, nahm da Einer der Missionaire
rasch das Wort, und wollen den ehrwrdigen Herren Rowe ersuchen das
Gebet zu halten.

Die Knigin neigte ihr Haupt und whrend einer feierlichen Stille, in
der das Athmen der Menge hrbar war, begann der fromme Mann sein lautes
Gebet.

Herr mein Gott, Deine Hand liegt schwer auf diesem Volk, Deines Zornes
Wucht traf tief und schmerzlich das gebeugte Haupt, und unser Flehen
steige jetzt auf zu Dir zu Ruhm und Preis, Jehovah, da Du Dich erbarmen
mgest unserer Noth.

Von ber dem Meere her drohete dem friedlichen Strand Gefahr, Deiner
Kinder frommer Sinn, wie Du ihn gndig gelegt hast in unsere Hand, wird
gefhrdet durch der Papisten Wort und die eisernen Geschtze unserer
Feinde, und Deine Hand nur kann uns retten vor Noth und Vernichtung,
Jehovah!

Unsere Feinde sind stark -- ihrer Waffen Macht trgt das Meer, und
Nichts haben wir ihnen entgegenzusetzen als das fromme Wort -- als
_Dein_ Wort o Herr, wie Du es uns gegeben in der heiligen Schrift -- o
Jehovah! --

Hier Herr ist ein Volk, ein zahlreiches Volk, auf das kein Strahl
gttlicher Gerechtigkeit gefallen war in seiner Nacht; das seinen
mhseligen Weg seit ungekannten Generationen, vielleicht seit dem Beginn
des Gtzendienstes unter Noahs Abkmmlingen in all der Finsterni, in
all dem Grausen schrecklichen Wahns seine dunkle Bahn gesucht -- eines
Wahnes der sich unter verschiedenen Verhltnissen aber sonst immer
derselbe zeigte, und einen so gewaltigen Theil des menschlichen
Geschlechts umfat, dessen vorragende Zge aber immer den Stempel des
Fluchs getragen, in Unreinigkeit und Blut. -- O Herr -- hier -- hier
ist ein Volk, bei dem seit frhster ltester Zeit menschliche Opfer
gebracht wurden -- hier jener fremde Mummenschanz mit Gtzenbild und
Trug ist getrieben, Mummenschanz den die Betenden nicht einmal begriffen
und nur gemacht den dunklen Geist der Seinen zu verwirren, ohne Trost zu
bringen, ohne Ruh, und ohne nur das Herz im Entferntesten zu reinigen
von der Snde. --

In dieser entsetzlichen Zeit ein Schiff, weit weit am Horizont kommt in
Sicht -- dreitausend Meilen fuhr es ber eine Wasserwste und fhrt eine
gewhlte Schaar von Passagieren an Bord, die einem festen Ziel
entgegenziehen -- und was das Ziel? -- Die Nachricht von Gottes
Vaterhuld zu bringen einer verderbenden Welt, das Heil denen zu bringen,
die bereuen und glauben und den mit Blindheit geschlagenen Heiden den
Weg zu zeigen zu Gottes Paradies. Die Herolde, die frhlichen Muthes
ausgegangen diese gttliche Proclamation zu verknden sind unsere Brder
-- von der Thr jenes Heiligthums aus begannen sie ihren Weg der Gnade.
Mit Liebe und Anhnglichkeit an ihr Vaterland, mit Aussicht auf Erwerb
und Achtung daheim, mit Gesundheit und Freuden und Allem was dies Leben
wnschenswerth machen konnte, entsagten sie ruhig dem Allen, rechneten
Alles nur Verlust, wo sie des Vortheils theilhaftig werden konnten den
Heiland zu predigen diesen, dem Untergang geweihten Inseln.

Sie waren auf Gefahr gefat, auf Noth und Hunger, auf strmische See
und blutgierigen Feind, auf Verfolgung der Gtzenpriester und ihren Ha,
auf blinden Wahn und alle Schrecken blinderen Aberglaubens; und Alles
Alles haben sie besiegt, mit der Hlfe des Herren Zebaoth da droben und
seiner Macht, und Jesus Christus seinem eingeborenen Sohn, und dem
heiligen Geist in all seiner Herrlichkeit und unerschpflichen Gnade.
Aber -- nicht gefat waren sie auf den Feind im Lager unter den eignen
Brdern -- nicht gefat darauf da ein anderes Christliches Reich seine
Boten des Hasses und Aberglaubens senden wrde in dies Inselland, das
fromme Werk zu stren, zu verderben. Aber sieh, des Herren Hand ist
stark auch in dem Schwachen, und wie der Widerstand den Gegendruck
erhht und strker macht, so hat sich jetzt das ganze Volk erhoben wie
_ein_ Mann, zu zeigen da es Gott verehrt in Seiner Herrlichkeit -- aber
auch nur in _Seinem_ Wort, und von sich werfen will, was seinem Lande
wie seinem Geiste Fesseln legen mchte zu Schmerz und Schmach.

Pomare wandte den Kopf nach dem Redner, und das Blut scho ihr in vollen
Strmen in Stirn und Schlfe -- es war als ob sie reden wollte, aber
nach wenigen Secunden senkte sie wieder die Augen zu Boden und der
Ehrwrdige Mann fuhr fort.

Der Antichrist hat sich erhoben unter uns -- nicht frei und offen aber
trat er auf, dem ehrlichen Feind gegenber der ehrliche Feind; nein
schlau und heimlich schlich er herbei mit gleisnerischem Wort und Blick,
fromme Worte auf den Lippen und Trug im Herzen. Wehe! Wehe ber ihn,
wehe wehe ber Euch wenn Ihr ihm lauschtet was er Euch vorerzhlt mit
der Doppelzunge -- der Fluch bliebe nicht aus, und was durch Gottes Hand
geset in den langen Jahren der Trbsal und des Leides, das mhte des
Teufels Hand nieder in _einer_ schwarzen Stunde.

Das Gebet! flsterte einer seiner Amtsbrder, denn die Knigin hob
wieder den Kopf und seufzte auf, wie von innerer Angst beklemmt.

Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andere Gtter haben neben
mir -- fuhr aber der Geistliche in vollem Eifer und hingerissen von dem
Thema fort -- nicht buntes Schnitzwerk, bunten Kleides Zier, nicht
leere Formeln und hohles Wort sind des Christen Schmuck, ein demthiges
Herz nur und einfacher Sinn --

Das Gebet, mahnte dringender die Stimme, denn unter dem Volke auch
wurde jetzt manche Stimme laut, und selbst unter den gegenwrtigen
Fremden, von denen mehrere der Rmischen Kirche angehrten, erhob sich
ein leises Murren und nur wohl die Gegenwart der Knigin hielt eine
frmliche Einrede zurck. Der ehrwrdige Mr. Rowe hielt einen Augenblick
ein und schaute mit einem verklrten Blick zum Himmel, dann aber, wie
von seinen Gefhlen bermannt, sagte er mit gedmpfter, anfangs kaum
verstndlicher, doch wieder wachsender, anschwellender Stimme:

Dein sei der Preis und die Ehre in der Hhe, Jehovah, Dein sei die
Herrlichkeit -- schtze unsere Brder in dieser Inselwelt, schtze das
ganze Christenthum vor den Versuchen des Pabstthums.

Giee Deinen Heiligen Geist aus von da droben auf alle Evangelische
Kirchen, und vereinige sie zu Einem lebendigen Glauben.

Gieb allen Christen, vorzglich aber den Pastoren und Evangelisten
Kraft und Muth Rom zu widerstreben und das glorreiche Reich Jesus
Christus unseres Herren und Gottes aufzurichten.

Zerstre rasch, bei dem Geist Deines Mundes (2. Thess. 11, 8.) die
tdtlichen Irrthmer des Pabstthums; brich das Joch, das es auf die
Nacken so vielen Volkes gedrckt, und fhre durch Deinen Rath die
Seelen, die es von Christus sonst entfernen mchte und die uns werth und
theuer sein mssen, zur glorreichen Freiheit ein der Kinder Gottes --
aber --

Amen! fielen in diesem Augenblick die ihm nchsten Brder laut und
rasch ein -- und _Amen_ riefen die Umstehenden, _Amen_ hallte es, wie
dumpfen Donners Ton leise und scheu von den Lippen der Tausende, die das
kleine Haus umdrngt hielten, und deren Blicke an dem ernsten Mann
hingen wie er zu _seinem_ Gott sprach fr ein fremdes Volk. Die Fremden
aber, denen die fanatische Predigt schon viel zu lange gedauert, holten
tief Athem, rusperten sich und flsterten mit einander -- der
Geistliche konnte nicht weiter beten.

Pomare bog sich jetzt leise zu ihrem Sprecher ber, und Raiata den Arm
ausstreckend ber das Volk, sagte mit seiner lauten, auch zu den
Entferntesten klar und deutlich dringenden Stimme:

Ihr Mnner von Tahiti und Imeo, Huptlinge und Volk, und Ihr Fremden
die Ihr gegenwrtig seid an diesem Tag, und Theil nehmt an unserem
Schicksal; die Knigin Pomare, Aimata, wird zu Euch sprechen und mit
Euch sprechen ber das Eingreifen einer fremden Macht in ihre Rechte,
das sie, wenn sie es duldete, nicht mehr Knigin sein lie auf dem Thron
Otu's. -- Erwget wohl was heute verhandelt wird, es ist eine wichtige
Sache und kein blinder Eifer dafr oder dagegen sollte die Entscheidung
lenken, aber redet auch in Frieden und betet zu Gott da _wenn heute
doch zornige Worte gesprochen werden sollten, sie mild und weich werden,
wenn sie in Euer Herz eingehn, und dort nicht Aerger und bsen Geist
erzeugen_.

Segne meine Seele Jim, was die da erst kreuz und queer um den Compa
gehn, ehe sie den richtigen Cours kriegen, sagte unser alter Bekannter,
Mac Rally, zu seinem Begleiter, mit dem er sich ziemlich dicht zur
Verandah, an der Seite aber an welcher die Missionaire standen,
vorgedrngt hatte. Hier befanden sich die beiden auch fast hinter dem
ganzen weiblichen Theil der Versammlung, der sich ohne frhere
Verabredung, und eigentlich nur der ersten frommen Abtheilung der
Mdchen folgend, da zusammengefunden und seinen Platz behauptet hatte.

Die Sache wird langweilig, meinte Jim ghnend -- jetzt werden sie
gleich an zu singen fangen, und wenn wir nicht hier die hbsche
Nachbarschaft htten --

Ruhe da! -- Still! -- gebt Frieden! tnte es von mehren Seiten, und
Aller Kpfe wandten sich den beiden Seeleuten zu, die dadurch die
Aufmerksamkeit der Menge weit mehr auf sich gezogen sahen, als sie wohl
vermuthet. Raiata begann aber in demselben Augenblick wieder, und jetzt
zwar mit Vorlesen einer langen Rede Pomares in Tahitischer Sprache, in
der er zuerst ihre Gefhle bei dem jetzigen politischen Stand der Dinge
beschrieb, bei welchem sie sich selber als verbannt von ihrem Knigreich
betrachten msse, und das Volk dann aufforderte diesem Zustand durch
energisches, aber auch einiges Handeln ein Ende zu machen.

Dann wurde ein Brief des Englischen Admirals verlesen, der die
Theilnahme der Knigin von England fr die Knigin von Tahiti
ausdrckte[Y] und auf das beifllige Murren der Versammlung wandte sich
Raiata nun zu den verschiedenen Huptlingen der nchsten Distrikte, ihre
Meinung zu hren.

Fanue sprich Du was Du denkst von der Gestaltung der Dinge im Reich. --
Der Aelteste bist Du, Pomare frgt Dich, willst Du die Flagge
beibehalten wie sie ist, oder Dich der neuen Herrschaft beugen?

Fanue, ein Greis, tttowirt noch aus der Heidenzeit und mit einem
Tapa-Mantel statt des bunten Kattuns, wie ihn fast alle Anderen trugen,
stand, auf seinen Stab gesttzt, und schien die Anrede, als etwas
Selbstverstndliches schon lange erwartet zu haben. Aber der Ton seiner
Stimme klang rauh, rauh wie das Wort das er sprach, und das lange weie
Haar, das er nicht abgeschnitten hatte wie viele der glubigen
Christen, zurckwerfend aus der Stirn sagte er finster:

Raiata htte sich die Frage sparen knnen, er wei wie Fanue denkt und
gedacht hat seit sie Oros Bildni auf den Inseln strzten. Der Fremden
sind hier zu viel gewesen von vorn herein, und es ist nicht
wahrscheinlich da ich ihnen jetzt das Wort reden sollte. Was der Ferani
dabei fr ein Recht hat uns regieren zu wollen? -- dasselbe Recht das
sich der Hai nimmt, wenn er in unsere Binnenriffe kommt -- nur da sich
der Haifisch schmt, wenn er von Menschen dabei erwischt wird, und
wieder zurckgeht -- und der Ferani _nicht_. Aber es giebt viele Arten
von Hai's, setzte er langsamer hinzu und sein Blick schweifte dster
ber _alle_ Weie -- eine vorsichtiger -- feiger wie die andere. Fanue
mchte einen Corallenblock nehmen und die Einfahrt verstopfen -- nachher
liee sich leicht reine Bahn machen.

Aber Du stehst der Frage keine Rede Fanue, sagte Raiata ungeduldig,
willst Du die _Fahne_ beibehalten?

Ich wute nicht da das bunte Spielzeug bei Euch die Hauptsache ist,
sagte der Greis mrrisch -- wenn's denn einmal eine sein mu, ist die
so gut wie jede andere -- weshalb wechseln? aber Otu wute Nichts von
solchem Tant.

Fanue stimmt also fr Beibehaltung der Englischen Flagge, fiel hier
Mr. Dennis, Einer der Missionaire von Imeo in das Wort -- von solchem
wrdigen Mann war das nicht anders zu erwarten.

Und Du Aonui? fuhr Raiata fort.

Halt ein, Pomare! rief aber in diesem Augenblick Mr. Mrenhout der
Franzsische Consul, der der Verhandlung bis dahin schweigend aber mit
krauser Stirn gelauscht -- das berschreitet Euere Macht. Der Vertrag,
den Du sowohl, wie vier Deiner ersten Huptlinge unterschrieben, giebt
Dir nicht mehr das Recht hier zu entscheiden, was schon entschieden
_ist_. Du bist die Knigin dieser Inseln und wirst es bleiben, kannst es
aber nur unter Frankreichs Schutz, das Dir ein besseres Bndni bot als
Deine Priester -- gieb Dich nicht wieder ganz in ihre Macht, Du wrdest
es sicherlich zu spt bereuen.

Dir ziemt keine Drohung hier, Consul Mrenhout, sagte aber Pomare sich
von ihrem Sitz erhebend -- ich war freundlich gegen Dein Land gesinnt
-- es ist ein mchtiges Land und ich streckte dem Knige Deiner Insel
die Hand entgegen, weil ich glaubte da er mich sicher fhren wrde in
vielem Wirrsal und Leid, das Gott ber mich verhngt hat. Aber die Hand
die mich fhren sollte fate mich so fest an, da ich laut aufschrie --
sie that mir weh und ich will allein gehn jetzt auf meiner Bahn.

Die Knigin hat freie Wahl hier, zu thun und zu lassen was ihr
gefllt, nahm jetzt, als der Franzsische Consul erwiedern wollte, der
Englische Capitain das Wort -- _gezwungene_ Versprechen binden nicht,
und ihrer eigenen Aussage nach _ist_ sie dazu gezwungen, und zwar in
einem Zustand gezwungen worden[Z], in dem die _Frau_ schon sicher sein
sollte vor jeder Belstigung von auen her. Die Verhandlung hier
brigens, steht unter _meinem_ besonderen Schutz.

In dem Fall, entgegnete der Franzsische Consul finster, kann ich
Nichts thun als gegen Alles feierlich protestiren, was die geschlossenen
Vertrge des Landes, das ich hier zu reprsentiren die Ehre habe,
verletzt; thun Sie was Sie verantworten knnen.

Eine kalte Verbeugung des Englnders antwortete ihm, und Raiata, ber
dessen Zge ein triumphirendes Lcheln flog, wiederholte seine Frage an
Aonui, einen Huptling aus Matavai-Bai.

Aonui war ein frommer Christ -- den geschorenen Kopf entblt, trug er
seinen Strohhut in den gefalteten Hnden, und hatte schon seit der
ersten Ansprache, und ohne auch nur den Blick auf einen Moment den
Rednern zuzuwenden, zum Himmel aufgeschaut, dessen klare Blue nur hie
und da durch einzelne leichte Wolken unterbrochen und kaum gestrt
wurde. Er trug weie Hosen und eine weie Jacke, ber die ersteren aber
nichtsdestoweniger den Pareu und ein buntes roth und gelb gestreiftes
Hemd, um den Hals eine feste schwarze Binde und kleine steife Stehkragen
dort hinein geknpft -- er hatte das bei seinen Lehrern gesehn und
Freude daran gefunden sich ebenso zu tragen. Bei der zweiten Anrede
neigte er leise den Kopf, dann aber rief er pltzlich mit lauter und
freudiger Stimme:

Jehovah sei Preis in der Hhe, sein die Ehre -- aber Pomare ist unsere
Knigin ~ia ore na oe~, und die Britische Flagge die natrlichste
unseren Herzen, unserem Glauben.

Setz _unseren Interessen_ hinzu Aonui! unterbrach ihn da Tati, der mit
Ungeduld die Zeit erwartet zu haben schien, selber reden zu drfen --
setz _unseren Interessen_ hinzu, aber la das _Herz_ fort. Die
natrlichste unseren Herzen mu und wird die Landesflagge sein, die
rothe Fahne mit dem weien Stern, oder besser noch die weie
Kriegesfahne unserer Vter!

Aonui redet! rief aber der Sprecher der Knigin, seinen Stab erhebend,
Tati wird reden wenn die Knigin befiehlt.

Tati wird -- rief der stolze Huptling wild und trotzig emporzuckend,
aber er bezwang sich selbst, sogar noch ehe Paraitas Hand warnend seine
Schulter berhrte, und die Arme fest auf der Brust gekreuzt, die
Unterlippe zwischen die Zhne gebissen, da das Blut daraus zurckwich,
blieb er stehn und schaute finster vor sich nieder.

Friede mein Bruder! fuhr aber Aonui freundlich und mit ruhiger Stimme
fort -- Friede sei zwischen uns immerdar, aber meiner Meinung bleib ich
treu; die Britische Flagge mu unseren Herzen die theuerste sein, denn
Gro-Britannien sandte uns die Bibel, und damit, glaub' ich, hab ich
Alles wohl gesagt. -- Die heilige Schrift ist unter uns, mehr brauchen
wir nicht!

Nein, mehr brauchen wir nicht -- wir haben unsere eigenen Gesetze und
Lehrer und die Bibel -- das gengt uns -- fort mit der anderen Flagge!
fielen jetzt viele andere Stimmen ein, und das sagt Terate, das sagt
Avei -- das sagt Nane ini! rief es von drei verschiedenen Seiten in den
Lrm.

Die Missionaire schwiegen, aber mit aufgehobenen Hnden standen sie da
und in Bruder Rowes Augen glnzte eine Thrne.

Gut von Dir Nane ini! gut von Dir Avei und Terate. Ihr habt Eueren
frommen christlichen Sinn bewhrt! rief aber Raiata und nickte da und
dort hinber; Ihr seid Pomares Freunde, und der Sturm wird Euch nur
fester in den Boden wurzeln. Jetzt aber spricht die Knigin durch mich
zu Dir, Tati, Huptling und Richter von Papara, aber Vasall Pomares, der
freien Knigin von Tahiti und Imeo -- und fragt Dich weshalb hast Du
Hlfe gesucht bei den Feranis ohne Wissen Deiner Knigin, ja ohne ihr zu
knden was Du thatest?

Tati wollte sprechen, und seine ganze Gestalt zitterte vor innerer
Aufregung. Er war heute in einen weiten Zeugmantel gehllt, der in
malerischen Falten bis ber seine Knie hinunterhing, in den Haaren aber
trug er, wie zum Trotz der anderen Parthei, die alten Huptlingsfedern
stolz befestigt.

Und Tati bleibt die Antwort schuldig? frug hhnisch der Sprecher.

_Nein, nein, nein_ und abermals _nein_! schrie aber jetzt der stolze
Huptling, dessen Zorn die Oberhand gewann -- nur nicht ich brauche zu
antworten solcher Frage -- dort die Mnner an Deiner Seite, die
schwarzen mit dem frommen Blick mgen Dir Rede stehn, wenn Du so
neugierig bist.

Wir? -- wer? -- wir? frugen die Missionaire allerdings erstaunt, und
vielleicht auch bestrzt ber den trotzigen Ton des einflureichen und
immer noch gefhrlichen Mannes.

Ihr -- und noch einmal sag ich's, _Ihr_! rief aber, uneingeschchtert
der Huptling, jetzt vortretend und den rechten nackten tttowirten Arm
gegen sie ausstreckend. Das unnatrliche Verhltni, fuhr er dann
etwas ruhiger, aber immer noch in aufgeregter Stimmung fort, das dieses
Land in seinen Banden hlt, trgt jetzt die Schuld unseres Zwiespaltes,
und wird, Gott sei es geklagt, noch spter sogar blutige Frchte tragen.
Euch verhllt ein Mantel unter dem Ihr Euch versteckt oder vorkommt, wie
es Euch pat, und den Frieden Gottes auf den Lippen knntet Ihr mit
Euerer Nichts vernichtenden Ruhe, einem Heiligen die Kriegskeule in die
Hand pressen und den Wurfspeer. Ihr Prediger allein seid es gewesen, die
unser Land regiert seit sie Pomare den Zweiten in sein khles Grab
gelegt. Ihr habt Gesetze aufgeschrieben und durch der Huptlinge Mund
wurden sie That; Ihr habt Strafen aufgeschrieben, und durch der
Huptlinge Hand wurden sie Wahrheit. Ihr waret es, die uns das Buch
erklrten, das Ihr die heilige Schrift nennt -- wir kannten es nicht,
Gott hatte uns im Dunkel gelassen ber sein Reich. -- Ihr habt viel
Gutes gethan, Ihr habt die Vter verhindert da sie ihre Kinder
erschlugen, Ihr habt manches Leben gerettet, denn Oros Priester sind von
diesen Inseln verschwunden, und sie schlachten keine Opfer mehr; aber
Ihr habt auch das Vertrauen des Volkes zu seinen Frsten und Huptlingen
untergraben, und nennt die Bibel wenn man Euch fragt warum. Ihr habt
unsere Gebruche und Feste vernichtet, und die Bibel ist der Grund auf
den Ihr fut -- Euere Gesetze und Strafen, fragt man Euch woher? aus der
Bibel --

Aber Tati, unterbrach ihn hier Aonui mit frommem Blick -- das ist ja
--

Ruhe dort wenn Tati spricht! donnerte ihm aber der Huptling entgegen
und sein Fu stampfte den Boden; dann jedoch, nach kurzer Pause, in der
das Volk athemlos seiner klangvollen Stimme lauschte, fuhr er fort --
Das ist gut -- das Buch der Bcher ist ein fester Grund und Ihr
versteht darauf zu bauen, aber lat es nicht den Wall sein hinter den
Ihr springt Euch zu verbergen. Als jene fremden Priester die in unser
Land gekommen waren, _durch Euch_ verbannt wurden von dieser Insel --

Das ist falsch, unterbrach ihn der Missionair Rowe mit einem frommen
Blick nach oben und tiefen Seufzer, das ist falsch, denn Tahitis
Gesetze sprachen allein ihr Urtheil.

Und _wer_ gab die Gesetze, die sie damals trafen? lachte mit bitterem
Hohn und trotzigem Zornesblick der Huptling -- _Ihr_! -- Wer _deutete_
sie der Knigin gegenber? Ihr! Wagt es und sagt die Knigin ist frei --
es ist nicht wahr; in Eueren Maschen liegt sie, in Euerem Netze liegt
das fanatisirte Volk, das nur des Aufrufs bedarf und einen Bibelvers,
sich blind dahin zu strzen wohin _Ihr_ es verlangt. Dreht Euere Augen
zum Himmel -- Gottes Tod -- hier steh ich und der Herr da oben mag mich
strzen, wenn ich ein einzig falsches Wort nur spreche, ein einziges
Wort, das mir nicht warm und wahr in der Seele glht, und meinen Pulsen
Fieberhitze giebt. -- Die Gesetze? die Huptlinge? nicht Ihr? -- wagt es
und sagt das Euerer Knigin in's Gesicht -- sagt das Fanue, Terate und
Avei -- nicht Ihr? die Huptlinge, das Volk fhren es aus, Ihr aber, mit
der Bibel in der Hand steht Ihr dahinter, und _Euer_ Ruf ist es --
heimlich oder laut -- der sie treibt.

Nicht als Anklger, Tati von Papara, sondern als Vorgerufener sollst Du
Rede stehn Deiner Frstin! rief aber jetzt Raiata, der mit einem leisen
Anflug von Schadenfreude des Huptlings Zorn auf Leute hatte ausstrmen
sehn, die ihm bis dahin viel zu mchtig geschienen es auch nur fr
mglich zu halten; aber die Knigin winkte und er mute gehorchen.

Ei wenn Pomare denn _mit Willen_ blind ist, rief der Huptling
trotzig, mags drum sein; was kmmerts mich! So nimm denn Deine Antwort:
Weil wir die Lsung unserer Wirren mit den Feranis denen berlassen
wollten die sie herbeigefhrt -- den Missionairen; von denen aber im
Stich gelassen, denn sie leugneten bei dem Fortschicken der Rmischen
Priester auch nur im mindesten betheiligt gewesen zu sein, und von dem
Franken bedrngt, ja in ihm selber vielleicht einst eine Sttze sehend
in schwererer Zeit gegen solche _heimliche_ Feinde, schrieb ich meinen
Namen unter das Papier -- bist Du zufrieden nun?

Und Du Utami?

Tati hat den Grund genannt, entgegnete der allgemein geliebte Richter,
und einzelne Stimmen des Beifalls wurden schchtern laut.

Und Paraita? und Hitoti?

Utami und Tati hatten unterschrieben, nahm hier der vorsichtige
Paraita das Wort, wir hielten's nicht der Mhe werth da lang darber
nachzudenken; Utami denkt allein fr Viele.

Und billigt Hitoti ebenfalls diesen Grund? frug noch einmal der
Sprecher.

Ich habe nicht nthig Andere vorzuschieben, brummte der Huptling --
weil ich es fr das Beste des Landes hielt that ich's, und weil mir das
Volk mehr am Herzen liegt als die Kirche -- es mag ein Fehler sein, aber
's ist wahr.

Da erhob sich Pomare selber, ihr Antlitz von leisem Roth berhaucht, der
den lieben Zgen einen noch viel hheren Reiz verlieh, und mit der
Rechten sich auf den Stuhl sttzend auf dem sie gesessen, sagte sie
leise, und doch mit den weichen Tnen bis zu den entferntesten dringend,
die in laut- und athemloser Spannung ihren Worten horchten.

Und _wnscht_ Ihr, Huptlinge meines Landes, die Hlfe, den Schutz der
Feranis?

Nein, nein, beim ewigen Gott! nein! riefen die Huptlinge, Tati und
Hitoti an der Spitze, durcheinander.

Was brauchen wir den Fremden? fuhr Tati fort, den weiten Mantel von
seinem Arm zurckschleudernd, unsere Bume sind fruchtreich, unsere
Quellen s, und kamen _wir_ zu ihm zuerst, Nahrung zu holen auf der
Reise, oder er zu uns? Trenne Tatis Hand vom Rumpf wenn sie sich je
ausstrecken sollte einen Fremden um Hlfe anzurufen -- so lange er sich
im eignen Lande helfen _darf_.

Nein, wir wollen keine Hlfe von Fremden wiederholte nochmals Hitoti,
aber la dann auch Deine Priester zu dem stehn was sie sind -- die
Lehrer unserer Kinder, unseres Volkes. Als Richter aber brauchen wir sie
nicht -- sie kennen unser Land nicht, nicht unsere Sitten, unsere
Bedrfnisse -- sie kennen nur Gottes Wort -- la sie das lehren, und wir
wollen ihnen folgen und sie ehren.

Die junge Knigin winkte, leicht dankend mit der Hand, und Raiata,
wieder das Wort ergreifend, fuhr fort:

So melde ich Euch denn, Ihr Huptlinge und Eingeborene der Insel, Euch
Fremden und Geistlichen die Ihr Antheil an uns und unserem Lande nehmt,
da es der Knigin Wunsch und Wille ist mit allen fremden Nationen und
Frsten auf freundschaftlichem Fu zu stehen und zu bleiben; sollte sie
aber je die Hlfe irgend einer Nation verlangen mssen -- was Gott
verhten mge -- _so sei das_ Land kein anderes als Gro-Britannien, und
strbe sie, von diesem Lande sollte ihr Erbe und ihres Erben Erbe Schutz
erbitten, zur sptesten fernsten Generation hinab. Ihr groer
Bundesgenosse ist England; von dort hat sie ihre Lehrer, ihre
Civilisation, ihre Gesetze und Religion erhalten, und sie will keinen
anderen Bundesgenossen als den Briten.

England hat uns die Bibel gebracht! rief ein Theil der Huptlinge
durcheinander -- es hat uns den Heiland kennen gelehrt.

Und Krankheiten, die uns das Fleisch von den Knochen faulen machen,
knirrschte Tati zwischen den Zhnen -- meinetwegen verschreibt Euch dem
Teufel.

England ist unser Heil, unser Stolz -- England ist unser Anker in der
Noth und im Sturm! rief wieder ein Theil der Oberen, und der Englische
Capitain neigte sich dankend dem bunten Chor, in Anerkennung dieser
Freundlichkeit; Tati aber nahm Utamis Arm und wollte ihn fort aus dem
Gedrnge ziehen.

Warte noch, sagte Utami, erst kommt noch ein Gebet von Einem der
frommen Mnner, und dem schon gegebenen Zeichen gehorchend, beruhigte
sich wieder das wachsende Toben der Menge, aber Tati schttelte
rgerlich mit dem Kopf und sagte, den Freund mit sich fortziehend:

So la sie beten und singen, und meinetwegen -- aber ich will mich
nicht rgern ber das schwarze Volk; fort, fort mit den albernen und
qulenden Gedanken, die mir nicht Ruhe noch Frieden lassen. Das Volk ist
blind, und in tollem Aberglauben, mit dem es sich jetzt gerade so auf
die ihm unverstndlichen Sagen strzt, wie es frher von den Wundern
Oros und der anderen Gtter trumte, lt es sich von Jedem die Hnde
binden, der im Stande ist ihm den Schleier ber die Augen zu werfen.
Fort, wieder hinaus in's Freie; die Komdie ist aus und die schwarzen
Areois haben ihre Sache gut gemacht.

Und rgerlich den Mantel um sich her ziehend, ohne den Blick
zurckzuwerfen, schritt er die Strae entlang die hinein in die Stadt
fhrt.


Funoten:

[T] Die Raanocke an Bord eines Schiffes ist das uerste Ende der Raaen
genannten Queerhlzer, an welchen die Segel befestigt sind. Bei
Executionen an Bord werden die zum Strang Verurtheilten an der Raanocke
aufgezogen.

[U] Mein Herzchen.

[V] Die Indianer der Sdsee nennen das Gold ~per~.

[W] Das Wort _Kindesmord_ klingt aber hier auch schlimmer wie es in
Wirklichkeit war, wenigstens fand Alles dabei statt, was sich nur irgend
zur Milderung eines so entsetzlichen Verbrechens denken lt. Die Inseln
waren bervlkert (ein Uebelstand dem die Civilisation jetzt vollkommen
abgeholfen hat) und die Frauen wurden als den Mnnern in jeder Hinsicht
untergeordnete Geschpfe betrachtet, hatten also auch keine Stimme bei
dem Tdten der Kinder. Alle Berichte, selbst die der Missionaire stimmen
brigens darin berein, da Kinder _nur_ gleich nach der Geburt,
entweder von dem Vater selber oder einem Anderen, fortgenommen, in eine
schon dazu bereitete Grube geworfen und mit Erde bedeckt wurden, _ein
nur eine halbe Stunde altes Kind war vollkommen sicher und wurde nie
getdtet_.

[X] Mgest Du gerettet werden.

[Y] Das war im Februar, im Mrz wurde aber erst die Besitznahme der
Inseln durch die Franzosen in England bekannt.

[Z] Pomare erwartete gerade in jener Zeit, als sie Du Petit Thouars um
ihre Unterschrift bedrngte, jede Stunde ihre Entbindung.

       *       *       *       *       *

Druck von _Ferber & Seydel_ in Leipzig



[Anmerkungen zur Transkription: Die Schreibweise einiger Wrter ist im
Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden ebook wurden lediglich
offensichtliche Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert.

Das Buch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden
folgendermaen ersezt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: ~Antiquatext~
Fettdruck:      #fetter Text# ]



[Transcriber's Note: The spelling of some words is inconsistent in the
original book. Only obvious typos and errors in punctuation have been
fixed in this ebook.

The book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been replaced
by:

Spaced-out:     _spaced out text_
Antiqua:        ~text in Antiqua font~
Boldface:       #bold text# ]





End of Project Gutenberg's Tahiti. Erster Band., by Friedrich Gerstcker

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*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
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works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
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with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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