The Project Gutenberg EBook of Der Moloch, by Jakob Wassermann

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Title: Der Moloch

Author: Jakob Wassermann

Release Date: January 22, 2007 [EBook #20413]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                         Der Moloch

                            Roman
                             von

                      Jakob Wassermann


                  Dritte und vierte Auflage
                       neu bearbeitet


                 S. Fischer, Verlag, Berlin
                            1908



Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten.




Frau Ansorge


Erstes Kapitel


Zwischen Podolin und Lomnitz, wo sich die Ebene aus einer flachen Mulde
zu einem unscheinbaren Hgelchen erhebt, lag der Ansorge-Hof. Das
Wohngebude lehnte mit der Rckseite gegen die wilden Hecken, die den
weitlufigen parkartigen Garten begrenzten. Das Haus, mit den
weigekalkten Mauern tief in die Erde gebohrt, erschien durch eine zum
Tor fhrende Steintreppe und durch die zopfigen Verzierungen um die
Fenstervierecke als ein Mittelding zwischen Bauern- und Herrenhaus. Das
berhngende Ziegeldach leuchtete wie eine mchtige Kapuze brennend rot
ber die Landschaft. Vom Dorf war nur der Kirchturm zu sehen, denn
unvermutet, durch eine Laune der Natur, erhebt sich bei Podolin ein
schroffer Erdhgel, der den trg einherziehenden Flu zwingt, ihm in
weitem Knie auszuweichen. Podolin selbst liegt auf der sanfter
abfallenden Seite des Hgels, ist aber gegen Sden bis hart an den Flu
herangebaut, so da die Hauptstrae des Dorfs nahezu die Gestalt eines
#S# hat. Ringsumher dehnt sich wellig-ebenes Land, das nicht allzu
reichlich mit Baum und Busch bedeckt erscheint.

Zwischen dem Dorf und dem Ansorge-Hof breitete sich ein huserloser,
der Erdstrich. Nur ein groer Zimmerplatz lag am Fluufer und von ihm
strmte Sommer und Winter der Geruch frisch behauener Baumstmme aus.

Die meisten Leute in der Gegend erinnerten sich genau des Tages, an
welchem Frau Ansorge in einer altertmlichen vierschrtigen Kutsche von
der Ostrauer Strae her ins Dorf eingefahren war, begleitet von ihrer
Dienerin Ursula, die den fnfjhrigen Arnold auf den Knien hielt. Der
damalige Brgermeister hatte die Frau hinber gefhrt auf den Hof, der
seit mehr als hundert Jahren einem ehemals reichen und nun zu grunde
gegangenen Bauerngeschlecht gehrt hatte. Bald begann eine ruhige, doch
unablssige Geschftigkeit das Aussehen des verwahrlosten Gutes zu
verndern. Stall und Scheune wurden in Stand gesetzt, Zune
aufgerichtet, der versandete Brunnen wurde tiefer gegraben, der
Viehstand verbessert, neue Mbel, neue Pflge, neues Gesinde beschafft
und das Wohnhaus erhielt ein neues Dach.

Drei Monate frher hatten Frau Ansorges Wnsche noch andern Lebenszielen
gegolten, als in der mhrischen Einsamkeit Ruhe vor der Welt zu suchen.
Sie hatte die Vergngungen der Geselligkeit und alle jene Freuden
geliebt, welche ihr der Reichtum ihres Mannes verschaffen konnte. Alfred
Ansorge war einer der groen Kohlenwerksbesitzer des Ostrauer Reviers
gewesen. Allerdings hatten ihn seine Geschfte gezwungen, einen groen
Teil des Jahres in der traurigen, ruigen Stadt zuzubringen, aber desto
schner war dann der Gegensatz zu der in Wien, im Gebirge oder auf
Reisen verbrachten Zeit. Von einer solchen Reise kehrte die Familie,
Mann, Frau und Kind, anfangs Dezember nach Ostrau zurck. Die
Winternacht, der sie entgegenfuhren, besiegelte das Schicksal der drei
Menschen. Eine Viertelstunde vor dem Ziel lief der Eisenbahnzug auf ein
falsches Geleise und prallte in vollem Rasen gegen einen aus Schlesien
kommenden Personenzug. Dieselben zusammenprasselnden Wagenteile, die dem
entsetzt auffahrenden Mann den Kopf zermalmten, waren der Frau zum
Schutz geworden und hatten sie und den Knaben umgeben wie die Bretter
eines Sarges. Als man sie befreien konnte, lag das Kind unversehrt
zwischen ihren zu einem Bett erweiterten Schenkeln. Nur ihre Augen
zeigten, was in ihr vorgegangen war, als sie in dem Verlie gelegen, das
Brausen des Windes im Ohr, der Rettung ungewi, ungewi auch was mit dem
Knaben sei. Vierzehn Tage lang vermochte sie nicht zu gehen, zu reden
und zu hren. Ihre Seele schien erfroren, schien nichts mehr
aufzubewahren als die furchtbaren Laute dieser Stunde, die am Rande des
Lebens und am Anfang des Todes lag. Doch wie das Wasser unter der
Eisdecke des Stromes fliet, trieb ihr dunkler Wille einer neuen Form
des Lebens zu.

Der Anwalt Borromeo aus Wien, ein Bruder Frau Ansorges, ordnete die
Hinterlassenschaft des Mannes, wohnte dem Begrbnis bei und nahm den
Knaben in seine Obhut. Bald wurde Frau Ansorge innerlich und uerlich
ruhig; sie vermochte sich mit den laufenden Geschften zu befassen und
bekundete sogar eine eindringlichere Teilnahme als der geschftsgewohnte
Bruder. Sie sorgte fr die beste Verzinsung des Kapitals, nachdem alle
liegenden Grnde veruert waren, und kaufte, ohne ihren Vorteil zu
bersehen, das Gut bei Podolin, dessen Weltentlegenheit ihre Wahl sehr
beeinflut hatte.

Ihr Fu wurde vorsichtig im Schreiten wie der eines Blinden. Sie tat
keinen unnotwendigen Schritt und vermied jede berflssige Bewegung. Sie
hate alles Fahrige, Eilige, alles Springen, Laufen und Tnzeln. Was auf
Rdern lief und nur entfernt einer Maschine hnlich sah, erregte ihren
Abscheu. Im Hause durften keine Wanduhren ticken, vor den Fenstern
muten Bsche gepflanzt werden, denn sonderbarerweise konnte sie weder
den Anblick der Horizontlinie, noch den der langhinlaufenden Strae
ertragen. Spiegel und Bilder liebte sie nicht; nichts was an der Wand
oder an der Decke hing. Ihr Bett lag flach und knapp ber den Dielen.

In solchem Kreis des Ruhens wuchs Arnold empor. Auf dem Grunde eines
schwarzen Unheils malte sich wie etwas Rosiges sein junges Leben. Die
beharrende Furcht der Mutter war eine Schranke um ihn, aber eine
unsichtbare. Nicht etwas Nennbares und Wechselndes, sondern ehern und
unablssig als Naturkraft wirkend, bildete sie die Quelle seiner
Gewohnheiten; sein Herz blieb rein von Unfrieden, auch hatte er nichts
von der Zuchtlosigkeit, die durch regellose und eiferschtige
Geselligkeit entsteht.

Er zeigte als Kind oft ein verstocktes, ja grmliches und mrrisches
Wesen. Mit zusammengezogenen Brauen und seltsam gespreizten Schrittchen
stapfte er herum wie ein kleiner Br. Dies reizte natrlich die Leute
auf dem Hof zum Lachen; besonders Ursula ffte Arnolds Gebaren nicht
ohne Bosheit nach. Das emprte den Knaben zu unbndigem Zorn; denn fr
die Neckereien der Erwachsenen besa er damals und auch spter nicht
das geringste Verstndnis; sie erschienen ihm als ein durchaus
unrechtmiger Eingriff in seine persnliche Freiheit. Mit schiefem
Blick und zwischen die Schultern eingezogenem Kopf stand er bei solchen
Gelegenheiten da, und wenn der feindliche Spott kein Ende nehmen wollte,
zog er die Lippen auseinander, jappte jhzornig, machte zwei Fuste, die
er gleich Puffern links und rechts an der Brust hielt, sprang auf den
Plagegeist los und bi und schlug. Doch solche Zornwtigkeit zeigte sich
mit den Jahren immer seltener, und statt ihrer stellte sich eine
verchtliche Blick- und Wortsparsamkeit ein, die dem Bewutsein der
Krperkraft entsprang und gar possierlich wirkte.

Die Verlorenheit des Aufenthaltes entzog Arnold jedem Bildungszwang.
Durch die weitgehenden Verbindungen Friedrich Borromeos bildete die
Militrpflicht Jahre voraus keine Sorge mehr fr Frau Ansorge. Sie
selbst lehrte ihn lesen und schreiben. Um ihn auch weiterhin
unterrichten zu knnen, studierte sie Tag und Nacht mit wahrer Wut und
so wurde sie seine Lehrerin in Sprachen, Geschichte, Geographie und den
niederen Fchern der Mathematik. Ihn im Dunkel der Unwissenheit zu
lassen, darin sah sie keine Sicherheit. In seinem fnfzehnten Jahr besa
er die Durchschnittsbildung der jungen Leute seines Alters. Er hatte
keinen Ehrgeiz in geistigen Dingen und fand Vergngen an krperlicher
Arbeit. Die Mutter wnschte ihn mittelmig und so am meisten geschtzt
gegen die Strme des Schicksals. Der Anschein befriedigte sie.

In der drngendsten Zeit der aufwachenden Mannbarkeit verriet sich an
ihm eine unruhige berschwnglichkeit und Phantasterei, die seiner Natur
im Innersten fremd war. Da kam es vor, da er whrend einer ganzen
Sommernacht sich in den Wldern herumtrieb, nach den Sternen starrte, in
die Erde hinein horchte und mit eigentmlicher Angst den Aufgang der
Sonne erwartete. Ein andermal entfernte er sich in der Frh und kam erst
am zweiten Tag zurck. Vierzehn Stunden war er gegangen, um zu erfahren,
was hinter dem Wald, hinter den Hgeln der Ferne lag, und traurig hatte
er den Heimweg angetreten, als immer wieder dieselben cker und Wiesen,
dieselben unansehnlichen Huschen an derselben Strae erschienen waren.

Bald verging das aufgeregte Wesen wieder und kehrte sich fast in sein
Gegenteil, so da Arnold den Eindruck eines mrrischen und
phlegmatischen Burschen machte. Ohne sichtbare Freude der Wahrnehmung,
ja sogar ohne Frohsinn, lie er Sommer und Winter und wieder Sommer und
Winter vorbeiziehen, denn dieser Wechsel und nicht die Ereignisse der
Welt war fr ihn das bedeutendste Schauspiel auf dem Zifferblatt der
Zeit, das er mit trockener Selbstgengsamkeit verfolgte. Er war trg und
schwieg gern aus Trgheit, auch gegen die Mutter. Es bestand zwischen
ihnen kein gefhlvolles Streben nach Annherung, auch keine
geheimnisvolle Abgeschlossenheit. Jeder schien in einem eigenen Land,
nach eigenen Gesetzen zu leben. Die Einfachheit der Tage und der
Beschftigungen bestimmte den Charakter ihres Verhltnisses. Arnold war
nie trotzig oder aufgeblasen gegen die Mutter, aber sie war fr ihn mehr
eine ltere Genossin als eine Achtungsperson. Spter zeigte er in den
kurzen Gesprchen mit ihr gern eine spttische Aufmerksamkeit, die ihm
nicht bel zu Gesichte stand und die Frau Ansorge vielleicht nur darum
ein wenig ngstigte, weil sie etwas an sich hatte, was wie ein Zeichen
geistiger berlegenheit aussah. Aber die Sache war einfach die, da
Arnold nicht mehr ausschlielich die Mutter, sondern auch die Frau in
ihr erblickte, die er, in komischem Mnnlichkeitswahn, sich
untergeordnet glaubte.

Die Beziehung zwischen den Geschlechtern war nie ein schwles Mysterium
fr ihn gewesen. Seine frh erwachte Sinnlichkeit, abgelenkt durch
krperliche Arbeit, hatte keinen Anla zu dunklen Trumereien gefunden.
Als er mit sieben Jahren zum erstenmal das Belegen einer Stute mit
ansah, da begriff er das gewaltige Weben, welches scheinbar aus dem
Nichts eine neue Kreatur erschafft. Obwohl sich sein Blick langsam fr
dergleichen Schauspiele abstumpfte, so verga er doch niemals den
herrlichen Anblick des sich bumenden Hengstes, sein schaumtriefendes
Maul, die geblhten Nstern, die feurig lohenden Augen, die
schweibedeckte dampfende Haut.

Nun war er zwanzig; es ging auf den Sommer zu und ein wunderliches
Drngen und Whlen meldete sich bisweilen in seinem Innern. Oft war es,
als ob das Herz aufgeschwellt wre durch einen schrecklichen berschwang
zielloser Krfte, die des Nachts, in einem Traum etwa, den eigenen
Krper, in dem sie wohnten, zu erschttern und zu verwunden trachteten.

Da heiratete die Kleinmagd auf einen fremden Bauernhof fort, und die
neuankommende war in ihrer Art eine Schnheit, braun wie eine Kastanie,
frisch und voll Rasse. Sie war aus dem Polnischen und hie Salscha. Als
Arnold sie gewahrte -- sie stand am Brunnentrog und wusch, ihre
Bewegungen hatten etwas Rauhes und Herausforderndes -- da besann er sich
lange, schaute gegen das sonnebeschienene Gelnde und blinzelte mit den
Augen. Aber er konnte nicht helfen, es zog ihn hin. Er machte nicht viel
Umstnde; als er vor Salscha stand, fragte er einfach, ob sie ihn haben
wolle, und zwar hatte er dabei einen strengen Ton und sah finster aus,
als fordere er etwas, das ihm seit langem gehrte und unrechtmig
vorenthalten war. Die Magd lachte und lie ihn stehen. Aber zwlf
Stunden darauf war sie die seine. Ohne zu schleichen, ohne Belauern und
berlisten, das war seine Sache nicht, nahm sie Arnold und war bei ihr
nachts in der Kammer oder mittags im Heu, wenn alles auf dem Hof unter
der senkrechten Sonne schlief. Kurze Zeit glaubte Salscha guter Hoffnung
zu sein, doch damit war es nichts. Und als die Glut des Sommers abnahm,
verschwand pltzlich Arnolds hastiges Liebesfeuer und Salscha war ihm
nichts mehr denn ein leeres Gef, dessen Inhalt er hatte trinken
mssen, um den eigenen Krper vor Verderben zu bewahren. Sein Herz wurde
wieder ruhig.




Zweites Kapitel


Das Laub zeigte schon alle herbstlichen Farben. Gelb, violett, purpurn
und zinnoberrot wogte es in der abendlichen Luft. Ferne Waldstnde
glichen einem Girlandenbehang in der tiefen Sonne, der Arnold langsam
entgegenging. Aus der Ebene ertnte buerlicher Gesang, vom leise
sausenden Oktoberwind bald verweht, bald berdeutlich gemacht. An einem
Tmpel in den Wiesen stand Maxim Specht, der Podoliner Lehrer, und
pltscherte mit einem Baumzweig im Wasser. Bisweilen blickte er gegen
den Ansorge-Hof, als ob er von dort jemand erwarte. Er war erst seit
zwei Monaten in Podolin; Arnold hatte noch nicht mit ihm gesprochen.

An der Zauntre des Hofes angelangt, lehnte sich Arnold lssig an den
Pfosten und betrachtete die ruhig vorbeitrippelnden Hhner, die sich
langsam nach ihrer Schlafsttte in der Scheune aufmachten und bisweilen
leise gackerten, als ob sie einander gute Nacht wnschten. Drauen schob
sich Maxim Spechts Gestalt schwarz und scharf zwischen die Ebene und den
flammenden Himmel.

Kleiderrauschen veranlate Arnold, sich umzudrehen. Zu seinem Erstaunen
bemerkte er zwei Frauen, die aus dem Tor tretend, an ihm vorbergingen.
Die eine der beiden, ein junges Mdchen, lchelte verlegen und
verschmitzt mit halbabgewandtem Gesicht. Whrend er ihnen nachschaute,
kam der Lehrer voll Eile den beiden Frauen entgegen und schlug mit ihnen
die Richtung nach dem Dorf ein.

Als Arnold in die Stube trat, fragte er, wer dagewesen sei. Frau
Ansorge wandte ihm langsam das Gesicht zu, das so viele Falten zeigte
wie ein Baumblatt Adern. Sie machen Besuche, erwiderte sie vorsichtig,
Nachbarsvisite; sie glauben, das mu so sein. Sie haben das Haus des
verstorbenen Michael Becker geerbt und sind nach Podolin bersiedelt.
Hanka heien sie.

Ursula brachte das Abendessen, und Arnold setzte sich hungrig zu Tisch.
Seine Wibegierde war befriedigt. Er bemerkte nicht, da die Mutter
durch die neuen Ansiedler nachdenklich geworden war, denn ein neuer
Mensch war ihr eine neue Gefahr. Der Pfarrer, der Doktor, die Post- und
Gerichtsbeamten waren auer den Bauern die einzigen, die man hier zu
Gesicht bekam.

Kaum war die Lampe angezndet, als es an die Tr klopfte und Maxim
Specht eintrat. Ich bitte vielmals um Entschuldigung, sagte er gewandt
und liebenswrdig, das Frulein hat einen Schal hier vergessen. Er
lchelte, wobei das Liebenswrdige, Gesellschaftliche noch strker
hervortrat und daneben etwas berlegenes wie bei jemand, der zu
beobachten fhig ist und sich dessen freut.

Das Tuch hing ber einem Stuhl, und Arnold gab es dem Lehrer. Es ist
sehr gelb, das Ding, meinte er lachend. Er schnupperte und steckte die
Nase in den gestrickten Stoff. Pfui! rief er.

Es ist parfmiert, sagte Specht verwundert. Finden Sie das schlecht?
Er sah Arnold an wie einen jungen Bren, dessen Kraft und Dressur zu
allerlei geschftlichen Unternehmungen locken. Er hatte in Podolin viel
reden hren von dem Leben auf dem Ansorge-Hof. Arnold seinerseits
betrachtete das Gesicht des Lehrers, das im vollen Lampenlicht ihm
zugewandt war, mit spttischer Aufmerksamkeit. Er empfand Mitrauen und
zugleich eine unklare Regung der Kameradschaft.

Dem Lehrer, der den abweisenden Blick Frau Ansorges auf sich ruhen
fhlte, geboten Takt und Bescheidenheit, sich zu entfernen. Mit einer
leichten Bewegung warf er das gelbe Tuch ber die Schulter, verbeugte
sich galant und wnschte gute Nacht.




Drittes Kapitel


Vor Aufgang der Sonne erwachte Arnold. Als er gewaschen und angekleidet
war und in den Stall hinberging, leuchtete schon der frhe Tag. Er
liebte diese Stunde, besonders jetzt, in der Oktoberklarheit und
-frische. Die Waldrnder am Horizont waren rosig bemalt. Die Rinder
wurden zur Trnke gefhrt, und sie blkten freundlich.

Ehe Arnold nach Podolin ging, wo er mit dem Fleischer Uravar wegen einer
Kuh unterhandeln sollte, kehrte er ins Haus zurck, um zu frhstcken.
Er fand Elasser, einen Hausierer aus dem Dorf, bei Frau Ansorge. Der
Jude kam jeden Monat zwei- bis dreimal, um Stoffe und Wolle, auch
sonstige Gegenstnde fr den Haushalt zu verkaufen.

Elasser begrte Arnold knixend, whrend er Stirn und Glatze, die trotz
des khlen Morgens schon schweibedeckt waren, mit einem blauen Tuch
trocknete. Sein langhngender brauner Bart verhllte fast den Ausdruck
eines ziemlich gutmtigen Gesichts. Er steckte das Geld, das er empfing,
mit liebevoller Sorgfalt in einen schmutzigen alten Lederbeutel, huckte
seinen ansehnlichen Pack auf den Rcken, grte ehrerbietig und ging.

Arnold trank seinen Topf Milch und sagte: Ich geh' jetzt ins Dorf.

Der Weg wurde leicht in der windstillen und wrzigen Luft. Die Welt
atmete Frieden. Indem Arnold rege vorwrts schritt, fhlte er sich
gelaunt, tagelang zu wandern. Er hob einen dicken Ast auf, der am Wege
lag, brach ihn entzwei wie ein Rohr und warf die Stcke in den Flu,
dessen mhselig hinflieendes Wasser nichts von der Reinheit des Himmels
wiedergab.

Podolin streckte sich lang hin. Die Huser, arm und schmutzig,
entfernten sich nur an einer Stelle von der Strae und bildeten, den
Hgelrcken hinan, einen weiten Platz, an welchem die Kirche, das
Pfarrhaus, die Schule, die Post und das Gerichtsgebude standen. Uravar
wohnte am Eck hoch oben. Als Arnold in den Laden trat, erblickte er den
jdischen Hausierer, hektisch rot im Gesicht, mit leidenschaftlichen
Geberden auf den Metzger einsprechend. Uravar hockte nachlssig, die
Hnde in den Taschen, auf der Kante des langen Tisches, der mit Blut und
Fleisch bedeckt war, knirschte mit den Zhnen und lachte. Sein
bartloses Gesicht war rot und glnzend wie das rohe Fleisch; am Kinn
hatte er eine Warze mit fnf langen Haaren, welche aussah, als ob
bestndig eine Kreuzspinne auf seine Lippen zukrche.

Wenn Sie mir nicht geben wollen mein Geld, sagte der Hausierer, werd'
ich Ihnen verklagen bei Gericht.

Uravar schlug sich auf die Schenkel und zeigte die blendend weien
Zhne. Judd, geh furt, sonst holl ich Hund, sagte er und warf einen
beifallhaschenden Blick auf Arnold, der still auf der Schwelle stand.

Elasser wurde erregt. Ich frcht' mich nicht vor Ihrem Hund,
antwortete er. Ich frcht' mich nicht einmal vor Ihnen, wie soll ich
mich vor Ihrem Hund frchten. Geben Sie mir mein Geld und die Sach' hat
sich gehoben. Sein Gesicht sah fahl aus, und die Augen fielen
kummervoll und ermdet in ihre Hhlen. Rettungsuchend blickte er an
Arnold vorbei auf den den Platz, als Uravar sich von seinem Sitz
herabschnellte und mit ausholenden Schritten auf ihn zuging. Er packte
Elasser mit beiden Armen um den Leib, hob ihn empor und schleppte ihn
gegen die Tre. Aber zwei Hnde klammerten sich mit solcher Kraft um
seine dicken Schultern, da die Schlsselbeinknochen krachten und
zurckgedreht wurden. Mit einem Wutgebrumm lie Uravar den Juden zur
Erde gleiten, drehte sich schwerfllig um, den Kopf geduckt und blickte
Arnold, der ihn nun losgelassen hatte, tckisch an. Arnold erwiderte den
Blick mit solcher Ruhe, da der brutale Mensch fast demtig den Kopf
duckte und das Kinn herabzog, wodurch die Kreuzspinne mutlos
zusammenschrumpfte.

Elasser huckte keuchend seinen Pack auf. Der Herr wird dafr zu ben
haben, sagte er, auf Uravar deutend. Einem Besoffenen und einem
Heuwagen mu man ausweichen, heit es. Aber gegen Gewaltttigkeiten sind
da die Gerichte. Er nickte Arnold zu und verlie den Laden.

Angewidert und nicht imstande mit dem Fleischer zu reden, trat Arnold
auf den Platz hinaus und sah gedankenvoll hinunter, die Augen gegen die
blendende Sonne mit der Hand beschirmend. Trotzdem kam es ihm vor, als
sei der Sonnenschein trber geworden.

Hinter den Kindern, die jetzt dem gegenberliegenden Schulhaus
entstrmten, wurde Maxim Specht sichtbar. Er schritt ohne weiters auf
Arnold zu und sagte mit anerkennendem Ausdruck: Sehr schn, sehr gut.
Ich habe vom Fenster aus zugesehen. Endlich einmal hat dieser Kerl eine
Lektion erhalten. Er lachte meckernd, wobei seine Augen ganz klein
wurden und freundschaftlich glnzten. Dann lud er Arnold ein, ihn ein
Stck Wegs zu begleiten; oft schon htte er sich eine nhere
Bekanntschaft gewnscht, sagte er. Obwohl sein Anzug rmlich war, sah er
darin adrett aus; im Gesprch war er ungezwungen und zugleich
zurckhaltend. Er war sehr neugierig in bezug auf alles, was Arnold
betraf.

Wie knnen Sie denn das aushalten hier, das eintnige Leben? fragte
er. Was tun Sie denn den ganzen Tag ber?

Arnold gab, so gut er konnte, Auskunft.

Sie sind also eine Art Verwalter auf dem Gut Ihrer Frau Mutter?
meinte Specht. Und wird Ihnen das nicht langweilig?

Langweilig? Nein; langweilig ist es nicht!

Waren Sie nie in der Stadt?

Nein.

berhaupt noch nicht? Wie merkwrdig! Dem uern nach sind Sie doch ein
Stdter. Ihre Sprache, Ihr Gesicht, Ihr Benehmen, alles ist wie bei
einem Stdter. Sehr merkwrdig!

Ist denn das so etwas Besonderes, ein Stdter? erkundigte sich Arnold.

Na, etwas Besonderes ... das will ich nicht gerade sagen. Aber wenn Sie
die Stadt noch nicht kennen, da steht Ihnen ein groer Genu bevor.
Haben Sie noch nie Sehnsucht danach gehabt? Nein! Wie merkwrdig! Ich
sage Ihnen, es ist etwas Herrliches um so eine groe Stadt. Theater,
Konzerte, reiche Leute, schne Damen, Palste, Kirchen, kolossale
Straen und abends ein Lichtermeer! Das knnen Sie sich nicht
vorstellen. Es ist wie ein Traum. Hier versumpft man ja, glauben Sie
mir.

Verwundert schttelte Arnold den Kopf. Da es ihm zu hei wurde, zog er
seine Lodenjacke aus, wobei er stehen blieb und den Lehrer durchdringend
und verstndnislos anschaute.

Sie waren gegen die Nordseite vors Dorf gekommen. An der Strae lag eine
Art Meierhof: ein schmuckes Wohnhaus, Stall, Scheune, alles sauber und
neu umzunt. Wie eine appetitliche Speise auf dem Teller lag das kleine
Gut in der Ebene. Unter dem Haus stand ein junges Mdchen, auf den
Lippen ein Kinderlcheln. Als Specht sich von Arnold verabschiedet
hatte, schlug sie den gelben Schal fester um Brust und Schultern und
ging dem Lehrer entgegen.




Viertes Kapitel


Es war Nachmittag; Arnold sa am Flu und schaute ruhig nach der
Angelschnur, die sich in weitem Bogen zum Wasser senkte. Er hatte das
Hemd ber der Brust geffnet; es war ungewhnlich schwl geworden. Nicht
das kleinste Fischlein wollte sich verbeien; den schwarzen Flu
kruselte keine Welle. Der Himmel hatte sich umzogen; ber den
schlesischen Wldern lag ein Wetter.

Salscha, vom Dorf herkommend, blieb neben Arnold stehen und fragte ihn,
was er mit dem Fleischer Uravar gehabt habe, der schimpfe wie ein Teufel
auf ihn.

Arnold brummte etwas vor sich hin.

Weshalb er sich da hineinmische, fuhr das Mdchen fort, dem Juden werde
er ja doch nicht zu seinem Recht verhelfen knnen.

So? warum denn nicht? fuhr Arnold auf.

Na, die Juden seien eben keine rechten Menschen, sie behexten das Vieh
und zu Ostern schlachten sie Christenkinder.

Dumme Gans, murmelte Arnold verchtlich. Der Jud ist arm, hat neun
Kinder zu Haus und wenn er zu Gericht geht, wird er auch sein Recht
bekommen.

Natrlich, als ob das Recht bei den Gerichten so billig wre! hhnte
Salscha.

Arnold zuckte die Achseln und schwieg.

Salscha setzte sich auf einen Stein neben Arnold, die Knie unter den
Rcken weit voneinander, die Augen nicht von ihm wendend. Weit und breit
war kein Mensch zu sehen; eine Viertelstunde der Liebe schien erwnscht.
Aber endlich merkte sie die Klte Arnolds. Mit bsem Blick schielte sie
nach der Angel, stand auf und ging. Lange noch hrte Arnold ihr
gleichmiges und erzrntes Trllern ber die Wiesen klingen.

Arnold schnellte die Angel aus dem Wasser und machte sich auf den
Heimweg, da der Regen nahte. ber Podolin wetterleuchtete es. Er
schulterte die Rute und schritt fest ber den drren Ackerboden. Frau
Ansorge sa bleich in der Mitte des Zimmers, als er eintrat, denn sie
frchtete Gewitter, besonders die des Herbstes.

Aber die Wolken verzogen sich wieder.

Arnold erzhlte, da ihn der Lehrer in Podolin angesprochen und ihm mit
allerlei wunderlichen Ausdrcken von dem Leben in der Stadt
vorgeschwrmt habe.

Frau Ansorge runzelte finster die Stirn. Der Windbeutel, sagte sie;
er soll seine frischgebackene Weisheit fr sich behalten.

Sie stellte sich ans Fenster und blickte gegen den Himmel, wo ein
Regenbogen stand.

Komm einmal her, Arnold, sagte sie.

Arnold trat an ihre Seite.

Siehst du den Regenbogen? Jetzt steht er schn und gro vor dir.
Kommst du zwischen Gassen und Huser, so bleibt nicht mehr viel von ihm
brig. Und so viel deine Augen davon verlieren, so viel Glck und Ruhe
verlierst du selber. Und die Stadt, das ist nichts andres als eine
Unmenge von Gassen und Husern. Sie verwirren dich nur, die Windbeutel,
sie sind leer wie gedroschenes Stroh.




Fnftes Kapitel


Hankas, die neuen Bewohner von Podolin, hatten Besuch. Der Bruder von
Agnes Hanka, Alexander, war aus Wien gekommen. Er wollte nur drei Tage
bleiben; Erbschaftsangelegenheiten waren zu besprechen. Auch wegen Beate
kam er, die seine Schutzbefohlene war. Agnes hatte sie einst auf seinen
Wunsch zu sich genommen. Vor Jahren hatte er die arme Waise den Hnden
bswilliger Verwandten entrissen, der Familie seines Gutsinspektors in
Bhmen. Alexander Hanka, den alle Welt fr die Vernunft und
Hausbackenheit selber hielt, hatte damals phantastische Plne gefat.
Ein Ideal schwebte ihm vor: ein von der Gesellschaft losgelstes Weib,
innerlich frei und krftig, unverblendet und natrlich, das er fr sich,
fr ein von der Gesellschaft losgelstes Leben auferziehen wollte.
Seitdem waren acht Jahre verflossen, und er sah auf sein ehemaliges
leichtglubiges Ich etwas gelangweilt herab. Beate selbst fand diese
gleichmtige Gesinnung sehr bequem. Wer nicht dankbar zu sein braucht,
ist wenigstens ehrlich; sie schtzte den Beschtzer, denn sie wute, was
sie an ihm hatte, und war zutraulich gegen ihn.

Als Doktor Hanka in Podolin ankam, stand die Sonne schon tief im Westen.
Harzgeruch wrzte die Luft, Bauern gingen vorbei und grten. Am Rain
weideten Khe und blickten mit Ruhe und Mibilligung auf den stdtischen
Ankmmling.

Agnes und Beate waren nicht zu Hause. Hanka erfuhr, da seine Schwester
beim Pfarrer, Beate man wisse nicht wo sei. Damit gab er sich zufrieden,
setzte sich auf die Bank vor dem Haus, rauchte, schlug die beraus
langen Beine bereinander und wartete. Die Stille und der groe Himmel,
dessen Anblick in solchem Umfang ihm ungewhnlich war, lieen ihn seine
anfngliche Verdrielichkeit ber den Landausflug vergessen.

Whrend er noch in Nachdenken versunken war, es fing schon an zu
dmmern, klang ein berraschtes Ach an seine Ohren. Beate stand hinter
ihm und mit ihr war Maxim Specht gekommen. Beate, indem sie eine
ungeschickte Tanzstundenhflichkeit annahm, machte die beiden Mnner
miteinander bekannt. Der Lehrer und Beate sahen belustigt und aufgerumt
aus. Mit offenbarem Vergngen an seinem Talent, Erlebtes wiederzugeben,
erzhlte Specht, da sie auf der Lomnitzer Strae Arnold Ansorge
begegnet seien und sich sehr gut dabei unterhalten htten.

Er fragte, ob ich schon einen Liebhaber htte, platzte Beate lachend
heraus.

Nicht was er sagt, ist so amsant, erklrte Specht, sondern wie er
zuhrt, wie er verwundert ist, wie er jedes Wort bedenkt. Er ist nicht
dumm.

Wer ist Arnold Ansorge? fragte Hanka khl, dem die Art Spechts nicht
sympathisch war. Indes kam auch Agnes Hanka. Bruder und Schwester
begrten einander herzlich, Alexander mit der ihm eigenen Gravitt und
spttischen Zurckhaltung, Agnes mit einem Ausdruck unbegrenzter
Hochachtung vor dem Bruder. Da sie schwerhrig war, redete sie wenig,
aus Furcht, mizuverstehen und aus noch grerer Furcht, denjenigen
allzusehr zu bemhen, mit dem sie sich unterhielt.

Alle vier gingen ins Haus. Specht verabschiedete sich bald. Sein
Taktgefhl sagte ihm, da er berflssig, und seine Empfindlichkeit, da
Hanka nicht zufrieden sei mit der Anwesenheit eines Fremden. Als Specht
gegangen und Agnes in der Kche beschftigt war, erkundigte sich Hanka
bei Beate nach dem Lehrer.

Beate blickte den umherstolzierenden Frager mit damenhafter
Nachlssigkeit an. Sie hatte die Hnde ber den Knien verschrnkt, sa
vorgebeugt und trippelte leise mit den Fuspitzen. Sie begann von Specht
zu schwrmen, der arm sei, aber nach ihrer berzeugung es zu etwas
Groem bringen wrde. Nur die Not habe ihn hierher verschlagen, bald
wolle er die Schulmeisterei an den Nagel hngen. Er ist ein Sozialist,
fuhr sie flsternd fort, aber das sag' ich dir nur im Vertrauen, es
soll Geheimnis bleiben.

Hanka blieb mit gespreizten Beinen vor ihr stehen, wiegte sich in den
Hften, schmunzelte gutmtig und um seinen vollen, weichen Mund zuckte
die Ironie wie in kleinen Schlnglein. Sogar in den Bewegungen seines
langen, hagern Krpers drckte sich Wohlwollen und Spott aus. Zum
erstenmal heute sah er Beate voll und deutlich an; sie gefiel ihm,
besonders behagten ihm die schmalen, schwarzen Linien der Brauen ber
den perlmutterglnzenden Augen. Darauf erblickte er sein eigenes Bild,
denn hinter dem dunklen Kopf des Mdchens hing der Spiegel. Nie glaubte
er Hlicheres gesehen zu haben; eine dicke, lange Nase, eine niedere
Stirn; ein blasses Mephistogesicht. Bestrzt wandte er sich ab. Wir
haben uns ja schon zwei Jahre lang nicht gesehen, sagte er. Wie geht's
dir denn, Beate? Einmal schrieb mir Agnes, du httest dich
fortgestohlen, um zu tanzen. Wie verhlt sich das?

Seine vor Flle vibrierende Stimme mit den tiefen O-Lauten erregte
Beates Lachlust. Es macht mir jetzt gar keine Freude mehr zu tanzen,
log sie und kettete gleich eine zweite Lge bequem an: ich lese nmlich
sehr viel.

Hm--m, Herrn Spechts Einflu, sagte Hanka mit hlzerner Wrde. Zugleich
sah er im Geist den jungen Lehrer mit dem gutrasierten Gesicht und dem
flinken Benehmen.

Die Fenster waren offen, die khle Herbstluft strich herein, die Lampe
brannte freundlich, und altvertraute Bilder schauten von der Wand.
Beate nahm fleiig tuend einen Strickstrumpf und Agnes steckte den vom
Herdfeuer erhitzten Kopf durch die Trspalte, um zu erfahren, ob
Alexander auch den richtigen Hunger habe. Hanka stellte allerlei
Betrachtungen ber das Landleben an, rauchte schweigend seine Zigarette
und sandte bisweilen einen kurzen Blick nach Beate.

Agnes trug zu essen auf, wie fr eine Soldaten-Kompanie. Dabei
entschuldigte sie sich, da sie dies oder jenes nicht habe bekommen
knnen. Beate reichte Hanka eine Schssel um die andere, so da er sich
in eine Art Betubung hineina. Er schob die Lippen vor, machte eine
Schnauze, drehte den Hals wie eine Ente im Wasser und sagte, es tue ihm
leid, da er morgen schon wieder abreisen msse. Beate wiederholte es
lauter fr Agnes und diese sah ihn vorwurfsvoll an.

Das junge Mdchen ging bald schlafen, und die Geschwister hatten eine
ernsthafte Unterredung. Mitten darin verlor sich Hankas Geist in die
Breite und spielte mit den lichten Gestalten eines Traumzustandes. Oben
am Haus ffnete sich ein Fenster. Beates Stimme sang ein Lied, das sie
von den Tschechinnen gelernt hatte.

    #Kudy, kudy, vede cesticka
    Pro mho Jenicka ...#

Der Liebste ist zwar in die Ferne gegangen, bedeutet es, um sich eine
Reiche zu suchen, aber das kann nicht hindern, ihn noch weiter zu
lieben.




Sechstes Kapitel


Da in der Nacht leichter Frost eingetreten war, umhllte Arnold am
Morgen die Fruchtstcke fr den Winter mit Stroh. Salscha half ihm, trug
das Stroh aus der Scheune und legte es in lange Bndel. Sie war mrrisch
und traurig und suchte Arnold durch Gleichgltigkeit aufmerksam zu
machen. Er stand auf der Leiter, und whrend er den Arm
hinunterstreckte, um ein Bndel zu ergreifen, begegnete er Salschas
Blicken. Die Polin wurde bla, zog die Lippen von den Zhnen zurck und
stie einen leisen Pfiff aus. Eine Sekunde lang stand sie noch
schweigend, dann kehrte sie um, ging ins Haus, trat entschlossenen
Schrittes vor Frau Ansorge hin mit der Miene eines Menschen, der endlich
einmal viel zu sagen hat. Frau Ansorge legte die Stickerei auf den Scho
und lchelte Salscha entgegen. Dadurch wurde das Mdchen um alle Fassung
gebracht, sie hielt den nackten Arm vor die Augen und fing an zu
schluchzen. Das Lcheln auf Frau Ansorges Lippen nahm nacheinander jeden
Ausdruck der Frauenhaftigkeit an: Mitleid, Spott, Ratlosigkeit und
leichte Geringschtzung; dahinter gleich einem feinen Schimmer die
Freude ber den, der solche starke Krnkung zufgen konnte. Sie stand
auf, rumte ihre Arbeit beiseite, legte beide Hnde auf die Schulter der
Magd und sagte: Das vergeht schon, Salscha. Gott hat tausend andere fr
dich erschaffen. Sei nur stille jetzt, heut ist Kirmes, ich schenk' dir
einen neuen Unterrock.

Arnold war von der Leiter gestiegen. Gleichmtig stie er mit dem Fu
das Stroh aus dem Weg und wandte sich zum Gartentor, da er dort einen
Mann stehen sah, der ein junges Mdchen an der Hand fhrte. Als er nher
kam, erkannte er Elasser, den Hausierer. ngstlich und demtig entblte
der Jude das kahle Haupt und fragte Arnold, ob er Zeugenschaft vor
Gericht ablegen wolle gegen Uravar. Trotz seiner Ehrerbietung war er
kurz, trotz der sen Freundlichkeit war in seinen Mienen zu lesen, da
es fr den Gebetenen keinen Ausweg gab, als zuzusagen, wenn es so weit
kam. Arnold dachte nicht an anderes. Er blickte das Mdchen an, das
Elasser mit sich fhrte, und der Gegensatz, in dem die winzige Gestalt
und die frhreifen Zge standen, erschreckte ihn fast. Sag dem Herrn
Dank, Jutta, murmelte Elasser und schttelte den Arm des Mdchens. Die
Kleine betrachtete Arnold mit einem prfenden und furchtsamen
Seitenblick. Sie war dreizehn bis vierzehn Jahre alt und mit ihren etwas
schwrmerischen Augen schien sie wie ermdet von den Lasten der
Generationen, die gleichsam das natrliche Wachstum ihrer Gestalt
verhindert hatten.

Am Nachmittag ging Arnold ins Dorf. Gassen und Platz waren vom
Kirchweihdunst erfllt. Aus der ganzen Umgegend waren die Bauern
zusammengestrmt. Geschrei und Musik waren nicht mehr voneinander zu
unterscheiden. Die Wirtsstuben konnten ihre Gste nicht fassen, die
berall im Flur und auf der Gasse hockten, auf Fssern, Blcken, Ballen
und Balken, schrien, spielten, handelten und Lieder johlten. Die
Drehorgeln quietschten, die Heringbrater schrien und Kinder schlpften
wie Eidechsen um die Beine der Erwachsenen. Aus der geffneten
Kirchentr strmte der Weihrauch in den Heringsgestank, und mit bunten
Fhnchen und schlfrigem Gesang kam eine Prozession heraus, die sich im
Gedrnge kaum vorwrts schieben konnte. Einige in der Nhe bekreuzten
sich, knixten und strzten wieder in den Trubel. Dabei wurde es Abend.
Die Menge staute sich immer mehr. Arnold wurde in den Flur des goldenen
Stern gedrckt, wo Tanzmusik erklang. Ein Mann schrie verzweifelt,
seine farbigen Ballons waren in die Luft geflogen. Fnf Mgde, Arm in
Arm wie Soldaten, schwenkten aus dem Tor und sangen lachend ein Lied.
Hinter ihnen stand pltzlich Maxim Specht und winkte Arnold lchelnd zu.
Er wollte folgen, aber ein Verkufer von Zaubertrnken versammelte die
Zecher um sich, und der Durchgang war versperrt. Als er neben sich
blickte, sah er auch den jdischen Hausierer. Seine traurige Gestalt,
das unbewegt demtige Gesicht und die nchtern und gefat prfenden
Augen wirkten so befremdlich in dem Haufen, da Arnold ihn fragte, was
er da suche. Elasser gab mechanisch Auskunft, als wenn er bisher mit
niemandem htte ber etwas sprechen knnen, was ihn sehr zu bedrcken
schien. Seine Tochter Jutta sei vom Hause weg, erzhlte er mit einer
fast geschftlichen Freundlichkeit. Seit er vom Hof des gndigen Herrn
Ansorge zurckgekommen, sei sie verschwunden. Am Sonntag helfe sie
manchmal beim Wirt Glser splen, aber sie sei nicht da. Wunderlich
genug, da Arnold auf einmal Sorge um das gesuchte Mdchen empfand, als
ob er sich hier an Menschliches klammern msse, wo er nur betrunkene
Tiere sah. Er wurde nachdenklich und sah diese winzige Jutta irgendwo im
Wald verirrt. Er wollte fragen, aber Elasser war schon fortgedrngt und
Arnold befand sich neben der Saaltre, dicht neben Specht und Beate.
Specht fate ihn sofort unter und fragte vertraulich, wie es gehe.
Verlegen zuckte Arnold die Achseln, denn er fand keinen Tonfall
gegenber dieser unerwarteten Liebenswrdigkeit. Neugierig sah er auf
die Fe der Tanzenden, denn die plumpen, gespreizten, lcherlichen und
wilden Bewegungen reizten immer seine Schaulust. Oben auf einer Estrade
hockten wie Kobolde die Musikanten, durch den Dunst halb verwischt.
Beate wandte sich erhitzt mit derselben unerklrlichen Vertraulichkeit,
aber mit einem geheimnisvoll tckischen Glanz in den Augen zu Arnold und
fragte, ob er denn nie beim Jahrmarkt gewesen sei, weil er so erstaunt
starre. Auch die Schnelligkeit und falsche Heiterkeit, mit der sie
redete, hatten etwas Unerklrliches. O ja, antwortete Arnold gelassen,
aber ich habe es vergessen. In der Tat, fr ihn war ein Jahr eine
unbersehbare Spanne Zeit.

Beate tanzte mit einem Bauernburschen von riesenhaftem Wuchs davon. Der
heie Saal mit seinen trben Lichtern glich einer kleinen Hlle. Bald
schien es Arnold, als drehten sich die Wnde statt der Menschen. Er
stand am Schanktisch, konnte weder vor- noch rckwrts, blickte zwischen
Kpfen hinweg, ber zuckende Schultern in den Dampf. Die Wirtin stellte
Bier vor ihn hin; er hatte Durst, zahlte und trank. Er sah Beate
vorbeifliegen, und ihre Rcke wehten. Der Bauer schien sie zu tragen,
und seine groen Stiefel polterten vernehmbar vor allen. Dann standen
auf einmal wieder sie und der Lehrer dicht vor ihm. Beide sahen ihn
nicht. Specht hatte das Mdchen am Oberarm gefat und knirschte etwas
durch die Zhne. Seine Unterlippe bewegte sich leidenschaftlich. Beate
antwortete ihm mit einem langen Blick, der zugleich nachlssig,
verliebt, unentschieden und von uerster Wildheit war. Ihre Haare
klebten an der Stirn, ihre Halsader pochte, ihre Ohren waren purpurrot,
das Gesicht bla. Zwei betrunkene Bauern, die tschechisch lallten,
verdeckten gleich darauf die beiden fr Arnolds Blicke. Er drngte sich
zur Tre durch. Er war schon im Freien, als er eine Stimme hinter sich
vernahm. Es war Specht, der seinen Arm abermals in den Arnolds schob und
hflich bat, mitgehen zu drfen. Arnold wute nichts zu entgegnen. Die
Welt ist fr jedermanns Fe, dachte er. Er hrte den Lehrer keuchen von
der Anstrengung des Nachlaufens.

Bleiben wir doch noch zusammen, bat Specht wiederum. Ich mchte nicht
gern allein sein. Es ist erst sieben Uhr und wir knnten ganz gut noch
einen Spaziergang machen.

Arnold nickte, halb neugierig, halb gleichgltig. Bald hatten sie den
Lrm hinter sich. Trotz der Dunkelheit war der Weg deutlich, denn der
Viertelsmond stand im Westen. Der Frieden der Felder schien
vertausendfacht durch das nun verklungene Marktgetse.




Siebentes Kapitel


Elende Bauern, sagte Specht, nachdem sie eine Weile lang schweigend
gegangen waren. An einem einzigen Sonntag werfen sie fort, was sie
einen ganzen Sommer lang zusammengescharrt haben. Er redete in Wut und
Ha und warf irgend eine Anklage, die mit seinen Gefhlen gar nichts zu
schaffen hatte, irgendwohin.

Arnold schwieg.

Und was ist das berhaupt fr ein Leben! fuhr Specht mit einer
verzweifelten Bewegung seines ganzen Krpers fort. Wer bin ich hier?
Was soll ich hier? Lauter Bauern, lauter Dummkpfe! Kein Mensch, mit dem
man ein richtiges Gesprch fhren kann. Pfui Teufel.

Er rgert sich, weil sein Mdchen mit einem andern getanzt hat, dachte
Arnold, was macht er solches Wesen davon.

Ich wundre mich nur, da Sie's hier aushalten, sagte Specht, Sie sind
doch auch schlielich nicht auf den Kopf gefallen. Das ist doch keine
Existenz fr Sie. Sie mssen hinaus in die Welt. Man braucht Mnner
heutzutage.

Mir ist ganz wohl hier, gab Arnold ruhig zur Antwort.

Das Dorf war lngst verschwunden, sie schritten schweigend am Waldrand
entlang. Die Wiesen glnzten silbern, Mondnebel erfllten die Luft.
Dicht vor ihnen tauchten die Mauern des Felizianerinnen-Klosters auf;
ber dem hohen Tor glnzte ein Kreuz.

Wir sind sehr weit, sagte Specht bedenklich. Mit verborgener
Bewunderung heftete er den Blick auf Arnold, der ihm gegenberstand, die
Fe in schreitender Stellung, das Gesicht mit einem Ausdruck des
Lauschens emporgewandt, das braune Haar aus der Stirn gestrichen. Die
etwas lange, gerade, aber breitrckige Nase verlieh dem Gesicht einen
durchaus reifen Charakter.

Der Lehrer ri einen Zweig ab und zerbog ihn. Seine Haltung war sinnend
und schwermtig. Ihm war, als sei sein Gemt gereinigt worden, und er
hrte mit ganz anderm Ohr das Rauschen, welches der Wind in den
Baumkronen verursachte. Seine Qualen rckten auf ein anderes Ufer, vor
ihm flo ein Strom der Einsamkeit.

Sie gingen ein Stck weiter bis zum Fue der Klostermauer. Dort setzte
sich Specht auf eine Steinbank und erzhlte von seiner Ttigkeit als
Lehrer, von seinen Wnschen und Trumen, von seinem sozialen Ideal, das
ihn anderswo hinweise als in mhrische Einden. Er erzhlte von seiner
Bibliothek, von seinen mit Studien verbrachten Nchten und deutete dumpf
und schamvoll sein kmmerliches Auskommen an. Sein Ton war einfach, wenn
auch durch die Nacht etwas gedrckt. Ihm war, als msse er diesem
Menschen beichten, und er verga die jngeren Jahre Arnolds. Leicht
erzeugt ohnedies eine solche Stunde festere Brcken zwischen Mnnern,
als etwa ein Beisammensitzen im Sonnenschein. Freilich nicht bei Arnold,
den keine innere Enge trieb, sich mitzuteilen. Aber da es fr ihn nichts
Lngstbekanntes gab, kein alltgliches Schicksal, lauschte er dem
Lehrer mit Interesse.

Endlich erhob sich Specht und meinte, es sei doch Zeit, nach Hause zu
gehn. Whrend des Heimwanderns brachte er noch vielerlei vor, denn er
hatte einen regen, lebendigen Geist, und mit Unrast suchte er
Beziehungen und wnschte Sympathien.




Achtes Kapitel


Am andern Morgen, als Arnold und Frau Ansorge beim Frhstck waren, kam
Ursula und erzhlte, die Felizianerinnen htten die Tochter des Juden
Elasser zu sich ins Kloster gebracht.

Vierzehn Stunden haben die Leute nicht gewut wo ihr Kind ist, sagte
sie. Erst heut Nacht haben sie es durch einen Zufall erfahren.

Und was ist dann geschehen? fragte Arnold.

Der Jud ist mit dem Gendarmerie-Wachtmeister Wittek ins Kloster
gegangen. Man hat sie aber nicht hineingelassen.

Eine wunderbare Geschichte, bemerkte Frau Ansorge spttisch.

Arnold erinnerte sich seiner gestrigen Begegnung mit dem Hausierer und
an dessen beklommenes Wesen. Man kann doch nicht ohne weiteres ein
Mdchen rauben, sagte er verwundert.

Wahrscheinlich soll das Judenkind getauft werden, antwortete Ursula.

Der Bcker aus Podolin, der gleich darauf kam, besttigte das
Vorgefallene.

Ich versteh das nicht, sagte Arnold in wachsender Verwunderung zu
seiner Mutter. Knnen die vom Kloster ein Kind einfach stehlen?

Frau Ansorge zuckte die Achseln.

Man kann es doch nicht taufen, wenn die Eltern nicht wollen.

Vielleicht will das Mdchen selber. Wenn es vierzehn Jahre alt ist,
braucht man die Einwilligung der Eltern nicht.

Wenn es aber nicht will? Dann mssen Sie es wieder entlassen, wie?

Frau Ansorge zuckte abermals die Achseln. Was gehen uns die fremden
Leute an, entgegnete sie gleichgltig.

Gegen Mittag machte sich Arnold auf den Weg nach dem Dorf. Auf dem
Hauptplatz blieb er eine Weile unschlssig stehen. Dann, fast wider
Willen trat er in den Ullmannschen Schnapsladen an der Ecke. Bauern,
Knechte, Tagelhner, Unterstandslose, ja sogar ein paar Weiber saen
dort und machten Lrm. Arnold lie sich ein Glas Tschai geben. Ein
alter, dicker, gichtiger Bauer, der weithin nach Schnaps roch und dessen
Mund verzogen war, als htte er Zitronensaft auf der Zunge, sagte, jetzt
sei die Zeit gekommen, und endlich werde dem Juden der Garaus gemacht.
Getauft oder verbrannt, schrie ein Bursche, dem die bloe Brust durch
das zerrissene Hemd schien. Der Ladenbesitzer, selber ein Jude, mit
einem Bart, der dnn und kranzartig um das ganze Gesicht lief, lachte
mit weit aufgerissenem Mund. Eine pockennarbige Buerin behauptete, der
Papst und der Erzbischof htten den Felizianerinnen strenge befohlen,
alle Judenkinder zu taufen.

Arnold fragte den geleckt und hungrig aussehenden Geschftsgehilfen nach
der Wohnung Elassers und verlie dann den Laden.

Podolin, aus einer langgestreckten Reihe niedriger Huser bestehend,
hatte nur eine einzige Seitengasse und dort, dicht am Fluufer, wohnte
Elasser. Die abschssige Gasse war fast ungangbar durch Misthaufen,
Kotpftzen, Schottergestein und umhergackerndes Geflgel. Von den Mauern
des Elasserschen Huschens war der grte Teil der Mrtelbekleidung
abgefallen. Arnold ging durch die offene Haustre in ein gleichfalls
offenes Zimmer zur Rechten, wo sich ihm ein ebenso wunderbarer als
trauriger Anblick bot.




Neuntes Kapitel


Samuel Elasser hockte zusammengekauert, die Knie fast bis zur Brust
emporgezogen, im Winkel eines schmutzigen Kanapees. Er hatte mit beiden
Hnden das Gesicht so vollstndig bedeckt, da darunter nur der braune
Bart hervorquoll. Auf dem Kopf trug er ein altes, hintbergeschobenes
Seidenkppchen mit einer Quaste. Um ihn herum standen wie in einem
abgemessenen Halbkreis sechs Kinder und blickten regungslos auf die
kauernde Gestalt ihres Vaters. Eines von zwei Jahren kroch halb
spielend, halb winselnd ber die Dielen und ein Neugeborenes lag
eingehllt in bunte Lappen, die wiederum durch einen grnen Grtel
zusammengehalten waren, auf einer breiten Bank neben dem Ofen. Die Frau
stand vor dem Fenstersims und bewegte betend die Lippen und den
Oberkrper. Auer dem Gelalle des kleinen Halbnackten war kaum ein
deutlicher Laut vernehmbar. Auf dem Tisch standen acht blecherne
Kaffeetassen, an einem Strick vom Ofen zur Wand hingen rote Windeln zum
Trocknen und der Tre gegenber nahm ein uralter Schrank den fnften
Teil des Raumes ein.

Nachdem Arnold einige Minuten ruhig auf der Schwelle geblieben war, trat
er ins Zimmer. Sogleich drngten sich die sechs Kinder in einen Knuel
zusammen. Elasser lie die Hnde vom Gesicht fallen und blickte den
Fremdling mit glasigen Blicken an. Arnold war etwas verdutzt ber die
geprete Trauer und dstere Niedergeschlagenheit, die hier herrschten.
Er forschte unter den Gesichtern der Kinder und als er das ihm bekannte
der kleinen Jutta nicht erblickte, fragte er: Ist sie noch nicht zurck
aus dem Kloster?

Die Frau drehte sich um und heftete aus ihren hervorquellenden,
ermdeten Augen einen ungewissen und furchtsamen Blick auf Arnold. Wei
der Herr nicht, da unsere Jutta geschleppt worden ist mit Gewalt ins
Nonnenkloster? rief sie mit einer berscharfen Stimme. Ihre Zge,
obwohl alt und hlich, entbehrten nicht des Reizes, den das Leiden in
jeder Form zu erteilen vermag.

Arnold blickte die Frau aufmerksam an. Ja ja, erwiderte er, aber das
ist doch gegen das Recht.

Sehn Sie nur an, fuhr die magere Jdin fort und hob sibyllenhaft den
Kopf, wie es bestellt ist mit dem Recht. Fr die armen Leute gibt's
kein Recht, fr arme Juden gibt's gar kein Recht. Und mit was kann ich
dienen? Mit wem hab ich das Vergngen?

Es ist der gndige Herr Ansorge, klrte Elasser auf, mit einer
Geberde, die ebensowohl fr ehrfrchtig als fr kummervoll gelten
konnte. Der Herr kommt nicht in schlechte Absichten, Mutter. Erinnern
Sie sich, gndiger Herr, wie ich meine Jutta hab gesucht Sonntag? Wir
haben gewartet und gewartet und wer nicht gekommen is, war unsere Jutta.
Und der ganze Abend ist geflossen un endlich gegen elf is gekommen der
Gehilf vom Uravar und klopft da drauen und meint, wir sollen doch
einmal nachfragen im Kloster. Und ich denk mir noch und denk mir noch,
's ist wahr, sie kann sein gegangen mit die Bnderchen zu den Nonnen,
denn sie ist allein hausieren gegangen, und solche Sachen sind schon
bereits vorgekommen, und der Gehilfe, der 's Fleisch bringt ins Kloster,
kann sie dort gesehn haben. Gndiger Herr meine Tochter ist eine gute
Jdin, warum soll sie bei den Nonnen geblieben sein? Und es war
Mitternacht, bin ich noch gegangen und der Herr Wachtmeister, ein
freundlicher Herr, ist mit mir gegangen ins Kloster. Und wir verlangen
die Oberin zu sprechen, aber die Schwester Pfrtnerin sagt, wir sollen
kommen in der Frh und meine Jutta wre da. Und der Herr Wachtmeister
sagt, warten wir bis in der Frh. Gut. Sie knnen sich denken, da wir
kein Aug zugemacht haben die ganze Nacht, und in der Frh um sechs bin
ich abermals wieder gegangen mit dem Herrn Wachtmeister und verlang zu
sprechen die Oberin. Un sie kommt und ich verlang zu haben mein Kind.
Und gndiger Herr, glauben Se mir, mein Herz is still gestanden, sie
sagt, ich soll kommen in fnf Tagen, bis sich das Mdchen besser gewhnt
haben wird an die neue Umgebung.

Elasser wand sich, als ob ihn die Eingeweide brennten. Un so bin ich
fortgegangen, schlo er und atmete tief.

Und der Wachtmeister? fragte Arnold, dessen Gesicht sich verfrbt
hatte.

Der Herr Wachtmeister is ein freundlicher Herr, aber er hat gesagt,
leider, es ist vorlufig nichts zu machen. Man mu warten. So wart ich.

Der Sugling auf der Ofenbank erwachte und begann ein dnnes Geheul, bis
die Mutter hinging und ihm ein in Honig getauchtes, kugelartiges
Leinwandstck in den Mund steckte. Auch das auf dem Boden kriechende
Kind fing an zu weinen. Die Frau blickte gleichgltig herab, gab ihm mit
dem Bein einen leichten Sto, und als es platt auf der Erde lag, rollte
sie es mit dem Fu gleich einem Fchen hin und her. Das Kind lachte,
whrend die Mutter leise summte und mit der Hand den Sugling wieder in
Schlaf schttelte.

Elasser erhob sich, nachdem er lange vor sich hingebrtet hatte und
blickte Arnold ohne jede Schchternheit mit funkelnden Augen an. Was
soll ich tun, lieber Herr, sagte er dumpf und sein demtiger Tonfall
wirkte sonderbar im Gegensatz zu seinem Aussehen. Kann ich mir helfen,
sagen Sie selber? Wenn sie sagt, ich soll kommen in einem Jahr, kann ich
mir helfen? Und wenn ich keine Nacht mehr schlie ein Auge, kann ich mir
helfen, lieber Herr? Er ging auf und ab.

Arnold verfolgte ihn mit den Blicken. Er begriff nicht, begriff nichts.
Diese Verzweiflung schien ihm unverstndlich.

Papa, rief jetzt der lteste Knabe mit finsterer Entschlossenheit,
hr auf zu reden, bitt dich, vor dem Christen.

Keine Ruh will ich haben, keine ruhige Stunde, bis sie mir nicht mein
Kind gegeben haben! rief Elasser mit scheuer Leidenschaftlichkeit. Und
wenn ich bis Wien zum Herrn Kaiser gehen mu, un wenn ich hungern un
drsten mu.

Und sollen Weib und Kinder gleichfalls hungern? fragte die Frau mit
streng zusammengezogenen Brauen.

Schmen Sie sich doch, sagte Arnold laut und blickte verdrielich von
einem zum andern, gibt es denn kein Gericht? Jeder Richter mu Ihnen
das Kind zurckgeben, sobald es das Gesetz verlangt.

Drauen wurden Schritte laut und drei jdische Mnner betraten den Raum,
wobei sie Gebete murmelten.

Arnold ging. Er war kaum bis zur Ecke des Hauptplatzes gelangt, als ihm
Specht begegnete. Der Lehrer schien die grte Eile zu haben, blieb
aber doch bei Arnold stehen, fing von der Klostergeschichte an und
meinte, es sei sonderbar, da sie beide gerade gestern Abend vor dem
Kloster geweilt htten. Und was sagen Sie zu alledem? Klingt es nicht
fabelhaft, da dergleichen noch vorkommt? Leise und geheimnisvoll fgte
er hinzu: Ich berichte alles an eine Wiener Zeitung. brigens knnten
wir eine halbe Stunde miteinander plaudern; kommen Sie mit ins
Wirtshaus.

Arnold folgte zgernd, betrat das dumpfe und dunkle Gemach, nahm
schweigend neben Specht Platz und nickte, als der Wirt ein Glas Bier vor
ihn hinstellte.

Niemand war hier auer den beiden. Ein kleiner Rattenpinscher lag neben
Specht auf der Bank, erhob den Kopf, knurrte und schlief bald weiter.
Specht schien lange innerlich zu kmpfen, endlich sagte er: Heute ist
es mir schlimm ergangen; heute hab' ich was Schlimmes erfahren. Hren
Sie nur ... Vielleicht bereu' ich einmal, da ich schwatzhaft war, aber
der Teufel kann ewig schweigen.

Arnold horchte hoch auf und schaute erwartungsvoll auf den Mund des
Lehrers.

Sie kennen doch Beate?

Arnold wandte den Kopf ab und nickte gleichgltig. Specht legte seine
Hand auf Arnolds Schulter und sagte beschwrend und schmerzlich: Ich
bertreibe nicht, mein Lieber, aber wenn es eine verkrperte
Ruchlosigkeit gibt, ist es diese siebzehnjhrige Hexe. Was ich gelitten
habe! Doch es ist vorbei; anderes liegt vor mir. Er bedeckte die Stirn
mit der Hand; seine Lippen zitterten und in seinen Augen lag schon jetzt
Reue ber seine Mitteilsamkeit. Seine Miene wurde pltzlich kalt, und
das Gesellschaftliche in seinem Wesen trat mit auffallender Schrfe
hervor, als er sagte: Ich hoffe, Sie knnen schweigen. Wir drfen die
Frauen nicht einmal ins Gerede bringen, whrend sie uns ungestraft zum
Wahnsinn treiben. Er lchelte und zupfte an seinem schmalen, blonden
Schnurrbart.

Arnold, der fr solche Schmerzen keinerlei Verstndnis besa, hatte
zerstreut zugehrt. Jenes unbedeutende Frauenzimmer erschien ihm keines
Wortes wert. Er schmte sich fr Specht.

ber eine Viertelstunde saen sie schweigend beisammen. Der Wirt hatte
die Lampe angezndet. Endlich fragte Arnold, indem er den Kopf ein wenig
vorstreckte und das Kinn mit zwei Fingern der linken Hand drckte: Wann
wird man denn befehlen, das Mdchen frei zu lassen?

Welches Mdchen? entgegnete Specht aufschreckend. Die Elasser meinen
Sie? Ich wei nicht. Specht fhlte sich beleidigt, da Arnold einer so
fernen Angelegenheit mehr entgegenbrachte als seiner, Maxim Spechts,
persnlich nahen. Wer, glauben Sie denn, da hier befehlen wird?
fragte er ironisch.

Das Gericht, denk ich, entgegnete Arnold und wandte sich dem Lehrer
vllig zu.

Sie ahnen offenbar nicht, um welche Mchte es sich hier handelt?
Specht lchelte boshaft vor sich hin, als ob er mit diesen Mchten im
Bunde sei.

Mit lachendem Mund und hchst erstauntem Ausdruck sagte Arnold: Es
handelt sich um ein Unrecht.

Specht meckerte. Unrecht hin oder her. Leben wir denn im Paradies?
Findet denn jedes Unrecht einen Richter? Und wenn es schon einen Richter
findet, findet es dann auch Gerechtigkeit?

Das ist mir zu dumm, was Sie da schwtzen, Sie wollen mich wohl zum
Narren halten, erwiderte Arnold, erhob sich mit blitzenden Augen und
schob den Tisch mit dem Oberschenkel von der Bank weg. Der Hund fuhr aus
dem Schlaf empor und bellte wtend. Bestrzt blickte der Lehrer Arnold
an, der schweigend sein Geld auf den Tisch legte und die Wirtsstube
verlie.

Specht seufzte. Er schlo grbelnd die Augen. Bald machte auch er sich
auf den Weg, schlenderte die finstere Dorfstrae entlang und kam bis zum
Hankaschen Zaun. Er lehnte sich an das Gartentor und begann
melancholisch zu pfeifen, scheinbar ohne Absicht und nur in sich selbst
versinkend. Seltsame Menschen gibt es, dachte er, indem er weiterpfiff,
mit Beziehung auf Arnold. Was ficht ihn an? Fr ihn ist das Leben ein
warmer Pfannkuchen; er braucht sich nur hinsetzen, um zu essen. Will er
Rechenschaft haben ber die Unbescholtenheit der Henne, von der die Eier
kommen?

Im Haus wurde ein Fenster geffnet und eine helle Stimme rief: Specht!
Herr Specht! Kommen Sie doch herein! Was stehen Sie denn und pfeifen!

Specht folgte der Einladung. Beate und Agnes saen bei Tisch und
schienen soeben mit dem Abendessen fertig geworden zu sein. Beate
blickte Specht hochmtig und hhnisch an. Specht verbeugte sich,
lchelte flchtig, nahm Platz und fragte hflich nach Agnes Hankas
Befinden. Freundlich und eilfertig bot ihm Agnes von den berresten der
Mahlzeit und obwohl er hungrig war, schttelte Specht den Kopf und
deutete scherzhaft auf seine Magengegend. Beate hatte nicht aufgehrt
den Lehrer fest anzublicken. Sie spielte mit einem Zeitungsblatt und
sagte pltzlich vor sich hin, ohne Furcht, da sie von der halbtauben
Agnes gehrt werden knne: Wenn du nicht vernnftig bist -- ... mit
einer kategorischen und deutungsvollen Bewegung ri sie das Blatt mitten
entzwei.

Erlauben Sie, ich nehme mir doch ein Stckchen Kse, rief Specht, zu
Agnes gewandt, die ihm erfreut Butter, Brot, die Weinflasche und den
Wurstteller hinschob. Sie klagte dem Lehrer, da sie Sorge um ihren
Bruder Alexander habe; sie frchte fr seine Gesundheit, er sehe so
schlecht aus. brigens habe er heute in einem Brief versprochen, gegen
Weihnachten lngere Zeit in Podolin zuzubringen.

Specht fragte, was Alexander Hanka eigentlich treibe.

Agnes besann sich, ob es nicht doch vielleicht etwas gab, das Hanka
trieb. Nichts, erwiderte sie endlich scheu.

Der Lehrer lchelte sarkastisch.

Er lebt von seinem Geld, sagte Beate stirnrunzelnd. Er ist reich
genug. Ist das vielleicht nicht erlaubt?

Es ist leider nicht nur erlaubt, es wird gern gesehen, antwortete
Specht.

Agnes gab dem Lehrer ihres Bruders Brief zu lesen. Es war, als suche sie
ber etwas Beunruhigendes in Hankas Leben Aufschlu und Trost, naiv dem
Fremdesten vertrauend. Specht betrachtete zerstreut die ungefgen
Schriftzeichen; unter dem Tisch suchte er Beates Hand zu ergreifen.




Zehntes Kapitel


Frau Ansorge erhielt aus Wien die Nachricht, da ihr Bruder Borromeo
sich wieder verheiratet habe. Die Photographie der neuen Schwgerin
zeigte eine ppige Gestalt mit regelmigen Zgen, die einen herrischen
und kalten Ausdruck hatten. Friedrich tut nichts Gutes in seinem
Schwabenalter, sagte Frau Ansorge zu Arnold, der das Bild der schnen
Frau mit Vergngen betrachtete.

An demselben Morgen schickte Maxim Specht einen Brief und eine Zeitung.
Die Zeitung enthielt Spechts Bericht ber den Raub der Jutta Elasser.
Arnold las, und es wirkte erstaunlich auf ihn, nicht gerade wie eine
Lge, sondern wie Schiefheit, wie Backenaufblasen. Aus dem Nahen und
Wahren war etwas Fernes, Gespreiztes und Lrmendes geworden.

Der Brief lautete: Wenn es Ihnen pat, holen Sie mich morgen frh um
sieben Uhr ab. Der Polizeihauptmann hat mit der Elasserschen
Angelegenheit einen Kommissar beauftragt, der ein guter Bekannter von
mir ist. Er erlaubt mir und Ihnen dabei zu sein, wenn Elasser im Kloster
seine Tochter zu sehen bekommt. Davon darf man die Entscheidung
erwarten, denn es ist nicht einzusehen, wie sie ihm dann noch das Kind
verweigern wollen, was doch zweifellos geschehen wird. Der Zweck ist,
die Sache hinzuziehen, bis Jutta das religionsmndige Alter von vierzehn
Jahren erreicht haben wird. Dann wird dem Samuel Elasser die vterliche
Gewalt durch die Vormundschaftsbehrde abgesprochen und der Taufe steht
kein Hindernis im Wege; denn ber das, was das Mdchen selbst will oder
nicht will, wird ja die ffentlichkeit getuscht. Also nicht ich bin
dumm oder boshaft, lieber Freund, sondern die Ereignisse sind es. Und
dumm bin ich vielleicht nur deshalb, weil ich mich darum kmmere und die
Welt, gemein wie sie ist, ndern mchte. Das ist nicht nur Dummheit,
sondern Irrsinn. Bleiben Sie gut Ihrem Specht.

Arnold hatte das Gefhl eines Hinterhaltes. Er las den Brief nicht nur,
sondern er studierte ihn, drehte ihn um und um und zerstampfte ihn
schlielich mit den Stiefeln. Den ganzen Tag ber vermochte er nichts
Rechtes anzufangen.

In der Nacht hatte er einen seltsamen Traum. Er kam von einer langen
Landstrae an eine hohe Gartenmauer. Vor der Mauer standen zwei Pferde
einander gegenber, ein kleines und ein groes Pferd. Beide Tiere sahen
aus, als ob sie mit Grnspan berzogen wren. An Hals, Kopf, Rcken und
Bauch trugen sie allerlei Zieraten, die, ebenfalls grnspanfarben, aus
der Haut hervorragten, als ob es nur knstliche Tiere wren. Aber beide
Pferde lebten. Nun stand an der Mauer eine Tafel, welche die Inschrift
trug: diese Pferde knnen sprechen. Nachdem er eine Weile unschlssig
und doch hchst begierig gestanden war, warf er ein Geldstck hin.
Darauf ertnte ein langsames Glckchen ber der Mauer; das grere Pferd
erhob den Kopf und ffnete weit das Maul, um zu sprechen. In diesem
Augenblick wurde Arnold von einem so furchtbaren Schrecken ergriffen,
da er in der grten Eile ber die Landstrae Reiaus nahm. Als er
aufwachte und den Traum berlegte, kam er ihm beraus albern vor;
dennoch, die dnne Luft, die Mauer, die einsame Strae, die schwermtige
Miene des grnen Gauls, der sich anschickte zu sprechen, das alles trug
etwas Unvergeliches in sich.

Punkt sieben Uhr stellte sich Arnold bei Maxim Specht ein. Es war noch
halb dunkel, als sie sich auf den Weg machten. Arnold verzehrte sein
Frhstck unterwegs. Specht war schweigsam.

Vor dem Klostertor warteten sie. Als die ersten Wolken vom Frhrot
glhend wurden, traf der Kommissar mit einem Gendarmen ein. Ein wenig
davon entfernt gingen Elasser und der Rabbiner aus Lomnitz. Der
Kommissar zog die Glocke. Die Schwester Pfrtnerin ffnete, deutete
gegen eine schmale Tre zur Linken und hinkte auf einer Krcke davon.
Als die Tr geffnet war, wurde ein langer Gang sichtbar, an dessen Ende
ein Windlicht brannte, welches nur mhsam die Finsternis verringerte.
Darnach kam ein weiter, flurartiger Raum. Auf einem Schemel hockte
schlaftrunken eine Laienschwester und zeigte stumm auf die zur Linken
befindliche Glastr. Die Mnner betraten ein saalartiges Gemach, dessen
Decke durch ein gekreuztes Tonnengewlbe gebildet wurde. Auf einer
langen Bank standen zwei dreiarmige silberne Leuchter, darber hing ein
ehernes Kreuz mit dem Heiland. An der hinteren Wand ffnete sich ein
dunkles Loch, vor welchem sich ein aus weien Stben bestehendes Gitter
befand. Elasser und der Rabbiner standen schweigend abseits; sie
starrten vor sich nieder.

Nach einigen langen Minuten, whrend welcher Arnold seine Uhr in der
Tasche ticken hrte, knarrte eine zweite Tr in der Ecke und vier Nonnen
traten herein. Elasser reckte den Kopf auf -- Arnold gedachte seines
Traumpferds, welches sprechen wollte -- und blickte nach der Tr, die
sich indes wieder schlo, ohne da seine Tochter eingetreten wre.
Pltzlich war das finstere, vergitterte Loch durch eine Kerzenflamme
erleuchtet. Eine Gestalt bewegte sich vorbei, eine andere folgte. Die
erste kehrte zurck, streckte die Arme aus, als wolle sie einen schweren
Gegenstand ans Licht ziehen. Darauf wurde das ffnen einer knarrenden
Tre hrbar, und in demselben Augenblick begann ein Weinen und
Schluchzen, das um so schauerlicher wirkte, als es wie durch das Fallen
einer Wand mit einem Male hervorgebrochen schien. Die Arme regten sich
geschftiger, noch ein paar Arme und ein Kopf schienen Beistand zu
leisten, aber das nicht zu beschwichtigende Weinen und Schluchzen
erfllte nach wie vor anschwellend den Raum. Die Kerze wurde
ausgelscht; das Gitter wurde wieder finster, die knarrende Tre lie
sich von neuem hren; Fe scharrten wie auf sandbestreuten Brettern,
und mit einem Schlag war es wieder still.

Elasser war einen Schritt vorwrts gegangen. Der ganze Mann zitterte und
seine Stirn glnzte von Schwei. Ein gurgelndes Gerusch kam von seinen
Lippen. Er schwenkte die Arme hin und her; der Rabbiner und der Gendarm
muten ihn bei den Schultern zurckhalten. Als es hinter dem Gitter
finster und ruhig wurde, war auch er wieder still. Einige Minuten lang
hrte man das leise Aufprasseln der Kerzenflammen auf der Bank. Die
frommen Schwestern zeigten eine durch Gewohnheit und bung erlernte und
befestigte Gleichgltigkeit. Ihr inneres Leben schien sich zu einem
verheimlichten Lauschen gesammelt zu haben, wovon allein die Bewegung
der Augenlider Zeugnis ablegte. Specht stand mit bleichem Gesicht.
Arnold betrachtete auch ihn; smtliche Gestalten erschienen im trben
Zwielicht wie Phantome. Es war kaum zu unterscheiden, ob sie schliefen
oder wachten.

Jetzt ffnete sich zum zweitenmal die seitliche Tr und die Oberin trat
ein. Specht, der Kommissar und der Gendarm verbeugten sich ehrerbietig.
Die Oberin streifte die Mnner mit einem eisigen Seitenblick und
richtete die Augen befremdet und fragend auf Arnold, der sich nicht
rhrte, nicht grte und mit verhngten Augen auf das eherne
Christuskreuz sah. Indessen wandte sich die Dame ab, trat mit festem
Schritt auf den Kommissar zu und sagte: Herr Elasser kann leider seine
Tochter nicht sehen. Das Mdchen ist krank.

Elasser hob blitzschnell beide Hnde, zog sie rasch gegen sein Herz und
schien reden zu wollen. Ja, er schien gewaltsam bemht, die rnkevolle
Finsternis, die er um sich gewahren mute, wenigstens durch Worte zu
zerstren; der Polizei-Kommissar nahm seine Partei, bemerkte schchtern,
die Mutter des Kindes liege schwer darnieder und wnsche die Tochter vor
ihrem Tode noch einmal zu sehen. Durch diese List gedachte er das Herz
der Oberin zu rhren.

Sie wird sie im Himmel wiedersehen, antwortete die Oberin mit
feierlich erhobener Hand und mit langsamer, zu peinvollem Lauschen
zwingender Stimme. Dann winkte sie den Nonnen zu und verlie an ihrer
Spitze den Raum.

Arnold, als wren seine Sinne fr andere Wahrnehmungen getrbt, starrte
gegen den Boden; das rasche, allseitige Getrappel auf den Steinfliesen
schien ihn zu fesseln. Auch er wandte sich schlielich, um fortzugehen.
Elasser stie einen Seufzer aus, der Arnold noch lange in Erinnerung
haften blieb, ordnete den feiertglichen Rock, der sich verschoben hatte
und sagte mit seinem kummervollen, diesmal aber von Entschlssen
durchwhlten Gesicht nichts als: So wahr ein Gott lebt --!

Der Kommissar und Maxim Specht gingen dem Dorfe zu. Pltzlich
verabschiedete sich Specht von seinem Begleiter, schaute sich nach
Arnold um und wartete, bis er herankam.




Elftes Kapitel


Arnold ergriff Spechts Arm und drckte ihn so fest, da der Lehrer sich
zusammennehmen mute, um seinen Schmerz zu verbeien. Nicht so
strmisch, sagte er mit schwachem Lcheln. Arnold atmete tief auf, dann
wandte er den Blick von Spechts unschlssigem, aber ernstem Gesicht ab,
lie ihn langsam ber die Landschaft gleiten, und um seinen Mund zuckte
es. Er schttelte heftig und kurz den Kopf, und ohne den Lehrer zu
gren, ging er mit raschen Schritten querfeldein. Der Wind sauste ihm
entgegen, bald schien die Sonne, bald verging sie wieder, dann strmte
auf einmal Regen, vom Sturm zu Wirbeln gepeitscht und gedreht, und von
neuem brach kalt und fahl die Sonne durch. Stumm und weit dehnten sich
cker und Wiesen. Arnold war unzufrieden mit sich selbst; diese
Empfindung beirrte ihn. Wozu dies Streunen? dachte er. Er fing an,
seiner Zweifel sich zu schmen, und langsam erhellte sich seine Stirn.
Denn da Elasser um sein offenbares klares Recht gebracht werden knne,
erschien ihm so unmglich, wie da der Sonnenball fr immer verschwinden
sollte, weil eine Wolke darber zog.

Die nchsten Tage verflossen ihm wie in einem unbewuten Horchen.
Natrlich machte der Raub des Judenmdchens viel Aufsehen im Lande.
Arnold wagte nicht, irgend jemand nach dem Verlauf der Dinge zu fragen,
denn er ahnte wohl, da da mehr Feindseligkeit und Parteileidenschaft im
Spiel war, als es zuerst den Anschein gehabt.

Da schickte ihm Specht zum zweitenmal die Zeitung zu, an welche er
berichtete und Arnold las:

Neuestes aus Podolin. Samuel Elasser, untersttzt durch die Hilfe und
getragen von der gemeinsamen Angst und Entrstung seiner
Stammesgenossen, hat seiner Sache endlich einen Rechtsbeistand gewhlt,
den Hof- und Gerichtsadvokaten #Dr.# Steinbacher in Krakau. Unter
Berufung auf den  145 des allgemeinen Brgerlichen Gesetzbuches wurde
eine Eingabe an die Polizeibehrde berichtet. Dieser Paragraph erklrt
deutlich, da die Eltern berechtigt sind, vermite Kinder aufzusuchen,
entwichene zurckzufordern und flchtige durch Untersttzung der
Obrigkeit zurckzubringen. Der Polizeidirektor lehnte jedoch jede
Vermittlung mit folgenden Worten ab: Was? ich soll ein Mdchen aus
einem Kloster herausnehmen? In der tiefsten Besorgnis ber das
Wohlbefinden seiner Tochter, da ihm die Oberin doch Angst eingeflt,
verlangte Samuel Elasser die Untersuchung des Gesundheitszustandes. Nach
langen vergeblichen Bemhungen und langen Beratungen wurden ein
Gerichtsarzt und der Universittsprofessor #Dr.# Woering in das Kloster
gesandt. Beide rzte stimmten darin berein und sagten aus, da Jutta
Elasser vollkommen gesund sei. Nun erfolgten dringendere Vorstellungen
des Vaters. Ein Polizeibeamter wurde beauftragt, in aller Form des
Gesetzes vom Kloster wenigstens die Vorfhrung des Mdchens zu
verlangen. Die Oberin antwortete dem Beamten: In sieben Tagen wird sie
ihr Vater sehen. Der Beamte mute sich damit begngen, diesen Bescheid
stillschweigend zu Protokoll zu bringen. Samuel Elasser fand sich am
festgesetzten Tage bei der Polizeibehrde ein. Da berreichte man ihm
eine schriftliche Meldung der Schwester Wirtschafterin, wonach Jutta
Elasser zwei Tage vorher aus dem Kloster entflohen sei. Dies der nackte
Bericht. Man mu nur darber erstaunen, da die Schwester Wirtschafterin
den Ausdruck entflohen whlte. Entflohen? Wohin? Wohin, wenn nicht zu
den Eltern? Warum gebrauchte die Schwester Wirtschafterin nicht den
klareren und wahreren Ausdruck: entfhrt --? Denn das Mdchen wurde
inzwischen schon im Kloster Lagiewniki bei Podgorze gesehen.

Stumm reichte Arnold seiner Mutter das Blatt und bohrte die Zhne in die
Lippe, whrend sie las, Frau Ansorge schttelte den Kopf, als sie fertig
war und sagte: So ist eben die Welt; so sind die Menschen.

Arnold machte ihr Sorge. Sein Benehmen zeigte so viel berlegenheit und
bewuten Eigenwillen, so viel Selbsterleben, so viel Hinaustasten und
geheimnisvolles Erzittern alles dessen, was eben nur in einem Mann
erzittern kann, da sie nicht mehr aus noch ein wute; sie litt unter
seinem vernderten Gang, seiner beherrschteren Miene, seinem nach innen
prfenden Blick und erkannte pltzlich Krfte seines Verstandes, seines
raschen Auges, seiner Entflammbarkeit, die sie frher mit ihrer Furcht
kaum berhrt hatte. Wohl nahm sie bald wahr, da er sich in einem
seltsamen Zustand der Erwartung befand, aber auer einigen blitzhaften
Einblicken blieb ihr alles ein Rtsel. Sie fand ihre Beobachtungsgabe
verschrft, verzehnfacht; sie berzeugte sich, da ihn nichts Trbes
erfllte, nichts Lebenfeindliches, im Gegenteil; doppelter Grund zur
Sorge.

Eine Stunde spter ging Arnold ins Dorf, bog in die bekannte Seitengasse
und betrat das Elassersche Haus. Dort schien sich nichts verndert zu
haben; der Sugling lag noch auf der Ofenbank, die Windeln hingen noch
auf Stricken. Von den brigen Kindern und Elasser selbst war nichts zu
sehen. Die Frau lag auf dem alten Sofa und blickte ruhig gegen die
rauchschwarze Decke. Als Arnold eintrat, erhob sie sich, und ihr Gesicht
bekam einen verbissenen und boshaften Ausdruck.

Wo ist Herr Elasser? fragte Arnold sanft.

Wo wird er sein! erwiderte die Frau und lehnte sich mrrisch gegen den
Sofawinkel.

Was haben Sie fr Nachrichten ber Jutta? fragte Arnold, der
Widerwillen empfand gegen die Jdin und ihre unordentliche Behausung.

Die Frau schwieg.

Ich habe gehrt, da sie in Podgorze ist, fuhr Arnold ruhig fort.

Warum nicht? erwiderte die Frau hhnisch und zuckte die Achseln.
Pltzlich sprang sie auf, schritt hastig quer durch die Stube auf Arnold
los und rief: Wollen Sie mich zum Besten haben, mein Herr? Sie blickte
Arnold an, als sehe sie in ihm eine Person von unergrndlicher
Falschheit. Wissen Sie was, gndiger Herr? ich will einmal sagen und
Sie sind ehrlich. Was kommen Sie dann von mir zu erfahren, was die
Spatzen pfeifen auf allen Dchern? Ja! in Podgorze ist Jutta, zwei
Nonnen haben sie in der Nacht herausgebracht aus dem Kloster im Wagen.
Und Elasser ist gegangen nach Podgorze und die Gendarmerie dorten hat
erwiesen, da Jutta war im Kloster. Aber sie haben gesagt, sie htten
keinen Auftrag einzugreifen. Und Elasser ist gegangen zum
Bezirkshauptmann von Podgorze und der Bezirkshauptmann ist gegangen zum
Herrn Grafen Statthalter und wie er zurckgekommen ist, war unsere Jutta
verschwunden aus Podgorze. Und Elasser ist gegangen ins Kloster nach
Binczice und ins Kloster nach Morawice und ins Kloster nach
Wolajustowska und nach Wielowics und berall ist Jutta gewesen und
berall ist sie wieder fortgebracht worden und berall hat die Behrde
verweigert den schuldigen Beistand, und kaum war der neue Aufenthalt von
unserm Kind bekannt, so war sie auch schon wo anders. Und blo in Kenty
hat der Herr Brgermeister geleistet Beistand und ist vorgestern
verhaftet worden wegen Hausfriedensbruch. So, mein Herr! Wollen Sie noch
mehr wissen?

Mit funkelnden Augen sah ihn das Weib an und lachte, ohne da sich ihr
Mund ffnete. Was antwortest du, Schuldiger? schien ihr Blick zu fragen.
Arnold senkte den Kopf und verlie langsam das Zimmer und das Haus.




Zwlftes Kapitel


Die ganze Ebene lag im tiefen Schnee. Es war sogar mhselig, nach
Podolin zu kommen, aber da Maxim Specht Arnold durch einen kleinen
Burschen hatte zum Besuch bitten lassen, folgte er der Aufforderung,
trotzdem es schon weit im Nachmittag war. Als er in der Wohnung des
Lehrers ankam, war es schon dunkel. Specht sa lesend am Tisch, und in
einer Teekanne vor ihm summte das Wasser. Das Stbchen war gemtlich;
der Lehrer trug einen grovterischen Schlafrock und rauchte aus einer
langen Pfeife. Die Tabakswolken zogen langsam durch das Zimmerchen, nur
ber der Lampe wurden sie in schnellen Wirbeln emporgerissen.

Als Neuigkeit erzhlte Specht, seine Schreiberei habe in der
hauptstdtischen Redaktion solchen Beifall gewonnen, da man ihm eine
Stellung bei dem Blatt angetragen habe. Er werde auch nicht sumen; noch
vor Weihnachten gehe er nach Wien, obwohl sein neues Amt erst im Januar
beginne. Aber da sei viel zu ordnen und er knne es vor Ungeduld in
Podolin nicht mehr aushalten. Ich freue mich ja wahnsinnig, lieber
Freund! Endlich! Wenn Sie wten, was in mir alles brodelt, was da
drinnen steckt! Nicht genug Hnde hat man dort, und hier sind zwei bald
zu viel. Endlich werd' ich atmen knnen!

Arnold nickte. Niemals war ihm der Lehrer so sympathisch gewesen,
niemals auch hatte er so leicht das Wesen eines andern begriffen. Atmen
knnen! Er betrachtete das Gesicht des Lehrers, das in peinlicher
Sauberkeit gehaltene Stbchen, die Bcher an den Wnden und auf dem
Tisch. Maxim Specht, an das wortkarge Gehaben des Kumpans lngst
gewhnt, war der Gelegenheit froh, sich ausschwatzen zu knnen. Er
schenkte Tee ein; Arnold lehnte sich auf dem Sessel zurck und starrte
in die Luft. Auch in ihm meldete sich hheres Leben. Das durch
Gewohnheit nahe trat zurck, und der Horizont wurde beglht von einem
noch verborgenen Feuer.

Sie mssen mir ein wenig auf Beate achten, sagte Specht, in
Freudigkeit vor sich hinbrtend, und ohne seine Worte sonderlich zu
wgen. Zwar ist alles aus zwischen uns, aber was man geliebt hat, soll
man bewahren. Vielleicht gehen Sie hie und da zu Hankas. Zu Ihnen hab
ich ein, ich mchte sagen bersinnliches Vertrauen. Jaja, seufzte er,
schlrfte behaglich aus der Tasse und blickte nicht ohne Empfindsamkeit
in die Rauchwlkchen, so geht die Liebe hin und das Leben ergreift
uns.

Arnold griff nach einem der Bcher im Regal. Es war ein Band von Gibbons
Geschichte, welche den Untergang des Rmerreichs schildert.

Sie hat jetzt ein Verhltnis mit dem Bauernknecht auf dem Randomirschen
Gut, fuhr Maxim Specht halb fr sich fort, als vermchte er sich von
diesem Gegenstand nicht zu trennen. Traurig genug. Mir tut nur der arme
Hanka leid. Er hat sich ihrer angenommen und glaubt nun, eine
unverdorbene Blume zu besitzen, ein unschuldiges Kind. Zum Lachen!

Arnold bat, Specht mge ihm die Geschichtsbcher auf einige Tage
borgen. Vor der Abreise solle er sie wieder haben.

Das pltzliche Interesse fr die Historie war kaum mehr als
Selbsttuschung; ein Versuch, sich von seinem Innern ab- und an ein
ueres, Weltliches zu wenden. Er hatte nach Schriften solcher Art
frher nie gefragt. Die Vergangenheit der Erde und ihrer Vlker war zwar
bei ihm nicht Lernfutter gewesen, um abgelegene Hhlen des Gedchtnisses
zu stopfen, aber nie war auch Lebendiges daraus hervorgegangen. Wie er
nun zu Hause sich in diese Darstellung des Falls einer Nation vertiefte,
gewahrte sein frischer Geist mit einem unermelichen Erstaunen, wie die
Fhrung der menschlichen Angelegenheiten stets weit ber den
persnlichen Willen hinausgerckt wird. Dadurch erschien ihm zunchst
alles als ein bodenloses Mrchen. Zorn und Gleichgltigkeit wechselten
in seinem Innern. Voll edlen Strubens las er trotzdem Seite fr Seite,
brachte jedem Ereignis eine Flle von Miterleben entgegen und lachte
nicht selten spttisch und verchtlich, da manches ganz anders auslief,
als er es abgeschtzt hatte. Wie ebensoviele Kfer, die dumm in der
dunklen Rinne laufen, statt den glatten, sonnenbeschienenen Weg zu
whlen, kamen ihm die Handelnden vor und die Leidenden wie Mcken, die
stumpf und trunken ins kleine Netz sich verstricken, whrend rundum die
Luft voll Freiheit ist. Seltsam war seine Anteilnahme, seltsam, wie er
von dem lngstentschwundenen Treiben lngstvermoderter Geschlechter fr
die Gegenwart Besitz ergriff, wie er ber Schicksalsmchte rcklebend
verfgte, mit brennendem Kopf den Zusammenhang verlor und in wirrem
Trotz sich anmate, an Stelle eines jeden dieser Helden und Unhelden
frei ber das Kommende bestimmen zu knnen. Indem das in Zeit und Raum
Entlegenste wie Nchste von seiner Phantasie verschmolz, stie er die
neuen Bilder bald voll Ha von sich und kehrte bald leidenschaftlich
suchend danach zurck.

Aber gleichwie in dnstevoller Atmosphre sich ein vielfarbiger Ring um
jede Flamme bildet, so waren jene Bewegungen nicht das eigentlich ihn
Erfllende, sondern nur Ausstrahlungen. Er las, geriet in Zwiespalt und
Betrachtung, raffte sich auf, bekmpfte, ordnete, berblickte, aber
alles das hatte mit seiner Lektre gar nichts mehr zu tun.

Um seiner Bedrngnis einigermaen Herr zu werden, begann er wieder viel
drauen herumzuwandern. Dabei kam er eines Nachmittags zu einer kleinen
entlegenen Bauernschenke in der Nhe der sogenannten Polen-Mhle. Er
hielt Einkehr und lie sich ein Glas Wein geben. Zufllig fiel sein
Blick in ein von einer Talgkerze erhelltes Seitenzimmerchen und dort sah
er Beate, dicht und zrtlich an den hnenhaften Knecht geschmiegt, mit
dem sie auf dem Jahrmarkt getanzt hatte. Arnold achtete nicht sonderlich
darauf. Er griff nach der Zeitung, die auf dem Tisch lag. Es war der
Mhrische Landbote. Gleichgltig las er, bis sein Blick auf eine
telegraphische Meldung fiel, des Inhalts, da der Jude Elasser beim
Justizminister zur Audienz vorgelassen sei. Mehr stand nicht darber,
aber dies befriedigte Arnold so vollkommen, da er munter pfeifend
seinen Weg fortsetzte.

Vor dem Postamt auf dem Hauptplatz gewahrte er Specht. Wie geht es
Ihnen? fragte der Lehrer mit so bertrieben liebevollem Tonfall, da
Arnold ihn befremdet und mitrauisch anblickte.

Elasser ist beim Justizminister, -- wissen Sie schon? sagte Arnold. Wie
er so dastand, ein wenig vorgebeugt, mit listig sphendem Blick, das
erregte Maxim Spechts Lachlust, und er erwiderte: Spa. Schon lngst
gewesen.

Nun, und ist Jutta schon frei? fragte Arnold.

Frei? Meinen Sie wirklich frei? Specht lachte, aufs uerste
belustigt. Da er aber bemerkte, wie sich in Arnolds Gesicht wieder jener
Zorn sammelte, dessen uerung er frchtete, sagte er schnell: Der
Minister hat sich sehr gut benommen, o ja. Er hat dem armen Vater auf
die Schulter geklopft, das tut ein Minister in solchen Fllen stets, und
hat ihn mit den Worten entlassen: Fahren Sie ruhig nach Hause; das Kind
wird Ihnen zurckgegeben werden.

Arnold nickte, als habe er nichts anderes erwartet. Den Spott in dem
Bericht des Lehrers begriff er nicht.

Sie scheinen ganz einverstanden zu sein, fuhr Specht munter fort,
aber nun weiter. Der Minister beauftragt den Staatsanwalt, beim
Landgericht die Strafanzeige wegen Entfhrung zu erstatten. Er verlangt
ferner, da ein gerichtlicher Auslieferungsbefehl geschrieben und dem
Kloster zugestellt wird. Und was, meinen Sie, geschieht darauf? Die
Ratskammer des Landgerichts lehnt diese Antrge einfach und rundweg ab.

Das wissen Sie doch noch nicht, versetzte Arnold unwillig. Er
miverstand Spechts lebendige Wiedererzhlung, durch welche die
Zeitwrter in der Gegenwartsform erschienen.

Maxim Spechts Mienen wurden feierlich. Was fr ein Unglck fr Sie,
lieber Freund, da Sie so jung und unerfahren sind! rief er aus und
schlug die Hnde zusammen. Allerdings htte ich es vorher nicht wissen
knnen, denn so weit kann sich der frechste Pessimismus nicht
versteigen. Aber es ist geschehen, ist schon geschehen.

Arnold schwieg. Er schaute den Lehrer studierend an, als mangle ihm in
diesem Augenblick das Zutrauen in dessen Worte. Besinnend zur Erde
blickend, schttelte er den Kopf.

Und noch etwas, lieber Freund, das ist noch nicht alles, fuhr Specht
mit leiser Stimme fort und zog Arnold ein wenig von den Husern weg.
Der Advokat Elassers wollte die Akten sehen, in denen dieser Beschlu
stand. Das erlaubt das Gesetz. Man sieht aus den Akten die Begrndung
des Urteils. Denn schlielich sollte doch jedermann wissen drfen, warum
die Ratskammer das Verlangen des Justizministers abschlgt. Und auch das
ist nun verweigert worden, auch das. Specht suchte erregt in seiner
Tasche, nahm einen Zettel heraus, entfaltete ihn und sagte: Ich habe
mir von dem Dekret eine Abschrift genommen. Hren Sie. Arnold trat
dicht neben Specht, so da er beim drftigen Schein einer llaterne
mitlesen konnte, was Specht murmelnd vorlas. An den Landesadvokaten
#Dr.# Steinbacher. Ohne die Frage zu entscheiden, ob Samuel Elasser in
dieser Angelegenheit als Privatbeteiligter anzusehen sei --

Was heit das? unterbrach Arnold.

Das? Das ist ein Schnrkel, den niemand auf Gottes Welt verantworten
kann. Es ist nmlich nicht entschieden, heit das, ob es den Elasser
etwas angeht, wenn ihm sein Kind gestohlen wird. Also weiter ...
anzusehen sei, wird die Einsichtnahme in die Akten betreffs der Sache
Jutta Elasser verweigert, weil wichtige Grnde dem im Wege stehen. Das
Landesgericht in Strafsachen. Specht faltete seinen Zettel wieder
zusammen.

Wichtige Grnde? fragte Arnold, der immer noch nicht vllig glauben
wollte und keiner Lge auf den Grund zu kommen fhig war. Fassungslos
schaute er dem Lehrer ins Gesicht und allmhlich begriff er selbst, da
diese wichtigen Grnde in den zwei Worten bestanden, die sie vorgeben
sollten.

Nun spren Sie den Atem unserer Welt, sagte Specht mit tiefer
Bitterkeit. Heute war ein Herr von Grden bei mir, Gerichtsadjunkt in
Lomnitz. Er sollte sich im Auftrag der Regierung ber die Stimmung
unterrichten, die unter den Gutsbesitzern fr oder gegen diese ganze
Geschichte herrscht. Ich habe ihm ein Licht aufgesteckt, ich habe unter
anderm auch von Ihnen gesprochen. Aber glauben Sie denn, da das etwas
ntzen wird? Nicht einen Pfifferling. Die groen Herren tun, was Sie
wollen und der kleine Jud mag sehen, wie er zu seinem Recht kommt. Wir
beide werden es nicht erleben.

Arnold hrte das alles nicht. Er stand und schien zu berlegen, welchen
Weg er zu nehmen habe, um nicht einem furchtbaren Gespenst in die Arme
zu laufen, das aus der Nacht emporstieg.

Langsam und ohne Gru entfernte er sich von Specht. Er hatte kaum ein
paar Schritte zurckgelegt, so holte ihn der Lehrer ein.

Ich sage Ihnen Adieu, ich reise morgen frh, sagte Specht. Ich mchte
Sie um einen groen Gefallen bitten, fgte er mit unsicherer Stimme
hinzu, und zog ein braunes Kuvert aus der Manteltasche. Wollen Sie zu
Hankas gehen und dies Beate geben? Nur ihr selbst und wenn niemand sonst
dabei ist --? Wollen Sie das? Und gren Sie Agnes Hanka noch besonders
von mir.

Arnold nickte und nahm das Ding in Empfang.

Und nun, Liebster, leben Sie wohl, sagte Specht, indem er Arnold die
Hand gab. Sollte Sie das Geschick einmal dorthin fhren, dann wissen
Sie, wo Sie einen Freund haben. Leben Sie wohl, Arnold. Von Ihnen
scheide ich am schwersten. Schnell wandte er sich ab und ging.

Als Arnold nach Hause kam, entfiel dem offenen Kuvert der Inhalt. Es war
die Photographie Beates; auf dem Bilde stand: Zur Erinnerung an den
herrlichen 7. Oktober. Obwohl von lndlicher Unvollkommenheit, war das
Portrt doch hnlich; das Gesicht ber dem nackten Hals und den
halbentblten Schultern hatte einen unschuldigen und sen Ausdruck.
Wie Sterne unter dunklen Torbogen, traten die Augen unter den Linien der
Brauen hervor. Arnold konnte eine Empfindung der Geringschtzung nicht
unterdrcken, welche Maxim Specht galt, dem so rachschtig offenen
Kuvert und der Wichtigkeit, die der Lehrer all diesem beima.

Seine angstvollen und heien Gedanken waren ganz wo anders, und er
bemerkte gar nicht, da die Mutter, schweigsam und bleich auf dem
niedrigen Sofa liegend, dumpf vor sich hinsthnte.




Elasser


Dreizehntes Kapitel


Alexander Hanka hatte groe Spielverluste erlitten. Als er eines
Sonntags mit Entschlossenheit an eine Berechnung ging, erschrak er vor
der Schmlerung, welche sein Vermgen erlitten hatte und vor dem
Zeugnis, das sich wider ihn selbst und die verbrachte Zeit erhob. Damit
verband sich die Galerie tausendmal gesehener Gesichter, tausendmal
passierter Gassen und Pltze, tausendmal berhrter Gegenstnde,
tausendmal gesprochener gleichgltiger Worte, tausendmal gedachter,
kraftloser Gedanken. Jede Nacht, wenn er sich entkleidete, trumte er
von einem zu fassenden Entschlu; irgend ein Geschehnis winkte in weiter
Ferne. Am andern Tag rollte er wieder auf den blanken Schienen der
Gewohnheit durch dieselben Stationen wie am Tag vorher.

Unwillkrlich begannen seine Gedanken sich zu erheben und flatterten aus
der Stadt wie Schmetterlinge, die ihre Raupenhlle verlassen. Die
Einsamkeit einer Wste dnkte ihm ertrglich gegenber der Einsamkeit in
dem Husermeer. Im Geiste sah er sich wieder in dem mhrischen rtchen,
und sein Herz schuf sich Landschaften von eigenwilliger Art:
langgestreckte Hgel, mit Nadelwald bestanden; ein trauriger glatter
Flu, der zu mde schien, um zu flieen; zwischen dunklen Wiesen eine
lange, schmale Landstrae wie ein gelbes Band; tiefe, stille Grben, mit
Heckenrosen angefllt; nchterne, schattenlose, geruschlose Drfer.

Er erinnerte sich freilich, da es lngst Winter war, auch dort
drauen. Dennoch behaupteten jene Bilder ihren Reiz, als htte seine
Ahnung sie unter der Schneedecke zu verschnen vermocht. So reiste er,
ohne Agnes zu benachrichtigen, denn er liebte nicht Mienen, die zum
Empfang vorbereitet waren. Unzufriedenheit bemchtigte sich seiner
whrend der Fahrt. Ihm schien, eine innere Macht wolle ihn warnen oder
zurckhalten. Die fremden Gesichter um ihn her, welche Langeweile,
Neugierde und Sattgegessenheit verrieten, erbitterten ihn. Ein kleiner
Mensch mit einer seltsam zugestutzten Kakadufrisur sprach unablssig
ber die Mehlbrse. Niemand hrte zu, niemand antwortete, so da seine
Reden dem lstigen Gesummse einer Biene glich. Voller Verdru suchte
sich Hanka durch die Betrachtung der schneeblauen Landschaft zu
zerstreuen, dann zog er schon gelesene Briefe aus der Tasche und las sie
wieder. Einer belustigte ihn, der in dem neckisch-empfindsamen Ton der
groen Welt gehalten war, eigentlich keinen Inhalt hatte, aber vieles
bestocherte wie mit einer Nadel. Hanka schmunzelte und sah seine
Freundin leibhaftig vor sich stehen, die zierliche, kleine, ruhelose
Natalie.

Agnes wurde bleich, als die lange Gestalt ihres Bruders unter der
Kchentre auftauchte. Mit zitterndem Arm griff sie nach der Lampe, um
zu sehen, ob er es denn wirklich sei. Hanka lachte, ri seine schwarzen,
stumpfblickigen Augen auf und starrte mit komischer Schwrmerei den
Apfelkuchen an, der neben dem Herde lag. Jetzt lachte auch Agnes, als
sie ihn so fand, wie sie wnschte und mit seiner Ankunft nicht den
Gedanken eines Unheils zu verbinden brauchte. Auch Beate kam; Hanka war
betroffen durch ihren Anblick. Sie war bla; ihre Bewegungen waren
verhaltener, wenn sich auch in einem Achselzucken oder einem Lachen wie
sonst ein burischer Zug zeigte. Aber in wenigen Wochen schien sie
gereift und abgeschliffen. Ihr Lcheln war prfend, ihre Art, sich
umzudrehen, den Kopf zu erheben, mit einem Ruck eine lauschende Stellung
anzunehmen, war, obwohl rasch und temperamentvoll, so doch frauenhaft.
Sie hatte etwas Besonderes angenommen, so kam es Hanka vor; eine
Prgung, die sie von allen andern auf den ersten Blick unterschied. Er
blieb den Abend ber schweigsam, doch galt es schon nach der ersten
Stunde fr ausgemacht, da er einige Wochen bleiben wrde. Er brauche
Ruhe, sagte er. Agnes freute sich auf ihre schchterne Weise in sich
hinein; Hanka wurde aufmerksam durch Beates eigentmliches Benehmen. Sie
erhob sich oftmals vom Tisch und ging auf und ab, suchte ihr Gesicht zu
verbergen, sich den Anschein einer Gleichgltigen zu geben, doch
zitterte sie vor Unruhe und Ungeduld. Bisher war sie allabendlich um
diese Stunde entwischt. Agnes ging sonst frh zu Bett und die Mahlzeit
war kurz. Nun sollte sie warten; auf dem Herd wurde noch gekocht und bis
gegessen war, mochte es spt werden. Sie wollte nicht unvorsichtig sein
und ging umher, Wut und Ha im Innern, brennend vor Begierde, einen Plan
nach dem andern erwgend und im Geist durch Schnee und Klte zur Scheune
des Randomirschen Gutes eilend. Klugheit und Rcksicht entschwanden mit
dem Vorschreiten der Stunde; langsam verlie sie das Zimmer, als knne
sie auch ebensogut bleiben und ein verwilderter Ausdruck trat in ihrem
Gesicht hervor, als sie drauen hastig Kapuze und Mantel umlegte. Sie
lief an den Ort der Zusammenkunft, um Aufschub zu erbitten, durch eine
flchtige Liebkosung Sicherheit zu geben, denn Furcht bewegte sie noch
mehr als Liebe.

Hanka war ihre Abwesenheit nicht unerwnscht. Argwohn lag weit von ihm;
eher vermutete er etwas fr Beate Gnstiges und fr ihn selbst
Angenehmes. Im Grunde sah er das, was er aus ihr hatte machen wollen,
nicht das, was sie geworden war durch sein geringes Hinzutun. Er
gedachte sich ihr gegenber wie ein Vater, wenn nicht wie ein Grovater
zu betragen, ihn tuschte die drfliche Ruhe und trbte sein sonst so
vorsichtiges Urteil. Er hatte das Bedrfnis, mit Agnes von Beate zu
sprechen. So dehnte er sich behaglich auf dem Sofa aus, (er war so lang,
da seine Beine von den Waden an auerhalb des Mbels in freier Luft
schwebten) und bat Agnes, sich neben ihn zu setzen.

Agnes bekannte, sie wisse eigentlich nichts ber Beate. So gtig auch
ihre uerungen waren, und so sehr sie in Ton und Wort jede
Richterlichkeit ablehnte, aus allem war doch deutlich, da sie und das
junge Mdchen niemals aneinander warm geworden waren. Nichts Bses war
Agnes bekannt, aber auch nichts, was ihr weiches und mit Nachsicht
verschwenderisches Herz gefangen htte. Mit froher Bereitwilligkeit
hatte sie damals Alexanders Willen getan, und das Mdchen bei sich
aufgenommen, selbst gefesselt und entzckt durch eine so zukunftsvolle
Handlung. In Frieden hatte sie mit Beate gelebt, doch nicht in jener
Freundschaft, die oft so glhend zwischen Frauen entsteht, deren
gemeinsame Wnsche sich in einem dritten Wesen vereinigen. Es war, als
sei das Kind aus einer fremden, stolzen Rasse, zur Sklavin geworden,
aber unbeugsam in der Seele und im Verborgenen auf einstige Befreiung
und Macht hoffend. Ihre Vergngungslust sei nicht zu bndigen, sagte
Agnes, oft scheine sie still und ein wenig tckisch, oft ausgelassen und
fast roh; auch lge sie gern. Aber bei alledem liee sich gut mit ihr
hausen; sie fge sich schnell und wer wei, vielleicht rumore nur die
dstere Kindheit noch in ihr. Zu spt vielleicht sei sie in das Licht
des Lebens getreten, als da man die Dunkelheit, aus der sie gekommen,
vergessen drfe.

Alexander Hanka lauschte und freute sich einer Offenheit, die ihm Agnes
und, wunderlich, auch Beate nher brachte. Er war weniger fr das
Tugendhafte, als fr das, was Charakter gibt, und er konnte in der
Verletzung blicher Moralstze etwas Lebenfrderndes sehen. Und wie die
sanfte Stimme seiner Schwester ber alles hinweghuschte, das Eckige
glttend, das bel begtigend, erschien ihm Beate geschmckt mit den
Zeichen der Persnlichkeit; ihr herbes Gebahren nahm er hin; er
beschlo, es an Verstndnis nicht fehlen zu lassen.

Als der Tisch gedeckt war, begann Agnes das junge Mdchen zu vermissen.
Sie fragte die Magd, aber da trat Beate schon ein, mit derselben
nachlssigen Langsamkeit, mit der sie gegangen war und mit einer Miene,
als htte sie ein Taschentuch im Nebenzimmer geholt.

Hanka verbrachte die Hlfte der Nacht mit unruhvollen Gedanken.
Zrtliche Regungen lagen ihm fern. Aber es war, als ob zuknftige Tage
ihn lockten, und so verkroch er sich in Betrachtungen. Frh am Morgen
machte er sich schon zu einem Spaziergang auf, denn er wollte einsam
sein; nicht um zu beschlieen, sondern um Erwgungen und Entschlssen zu
entgehen, die zu Hause blieben, wo Beate war.

Agnes war auf den Wochenmarkt nach Podolin gegangen. Beate sa allein im
Zimmer und vertrieb sich die Zeit, indem sie mit einer Schablone
Stickmuster auf Linnen malte. Da klopfte es an der Tre und Arnold trat
ein. Er grte, nahm unbefangen ihr gegenber Platz und als er sich
berzeugt hatte, da sie allein sei, bergab er ihr das Kuvert mit der
Photographie, wie er es von Specht empfangen. Sie nahm es, starrte
schweigend auf das Bild, blickte Arnold an und verzog finster und
verchtlich Brauen und Mund. Dann stand sie auf, zerri ihr Portrt und
warf die Stcke in den Ofen, vor den sie sich nun mit gespreizten Beinen
stellte und unverschmten Tones fragte: Sind Sie vielleicht deshalb
gekommen?

Arnold bejahte.

Zu viel Umstnde, spottete Beate.

Ich finde auch, da er zu viel Umstnde mit Ihnen macht, entgegnete
Arnold trocken.

Beate trat zwei Schritte vor, erblate und ihr Blick irrte furchtsam von
Tr zu Tr. Sie bekam Angst vor der Ruhe und Sicherheit ihres Gastes
und wute sich nicht zu erklren, warum er immer noch blieb. Sie legte
den Arm ber die Augen und stellte sich, als ob sie weinen wollte.
Arnold sagte endlich: Kommt Frau Hanka bald? Ich soll sie von Maxim
Specht gren. Er hat nicht Zeit gehabt zu einem Besuch. Arnold fate
sehr wrtlich auf, was ihm bestellt war.

Aus diesen Worten und aus dem harmlosen, fragenden Blick, der sie
begleitete, sah Beate, wie berflssig ihre Befrchtungen seien. Ihr
Selbstgefhl wuchs wieder; sie lachte spttisch, wandte sich um, das
Zimmer zu verlassen und sagte unter der Schwelle: Auf Wiedersehen.
Damit schlug sie die Tre zu.

Arnold wartete nicht gerade, weil ihm der Auftrag zum Gru so wichtig
erschienen wre; aber er verga nach wenigen Minuten, da er sich in
einem fremden Haus befand. Das pltzliche Alleinsein lie
unvernderliche Gedanken aufs neue emporstrmen. Auerdem begann die
drckende Stimmung des eigenen Zuhause von ihm zu weichen. Er hatte
zusammen mit dem Doktor das Haus verlassen, der allerlei bedenkliche
Redensarten ber Frau Ansorges Krankheit gemacht hatte.

Whrend er noch versunken war, trat Alexander Hanka mit seinem
ausholenden Schritt herein, nach seiner Gewohnheit spannweit die Tr
ffnend. Er machte groe Augen, als er einen unbekannten Menschen im
Zimmer erblickte. Er verbeugte sich in seiner steifen Art und nannte
seinen Namen, bemerkte aber zugleich, da diese gesellschaftliche Form
hier nicht angebracht war. Arnold sah verwundert zu ihm empor, denn ein
so langer und magerer Mensch war ihm noch nicht vorgekommen. Hanka,
nicht weniger verwundert, fing an zu lachen, geriet jedoch in
Verlegenheit, als er den Fremden ohne Verlegenheit sah. Arnold erhob
sich, und als er das fragende, fast zu einer fragenden Grimasse
verzogene Gesicht Hankas ansah, begriff er, da es sich um seinen Namen
handelte, nannte ihn also und fgte hinzu, da er eine Bestellung von
dem Lehrer Specht auszurichten habe, der gestern abgereist sei.

Hanka erinnerte sich an Arnolds Namen wohl. So gleichgltig er damals
auf Beates und Spechts Erzhlung gelauscht hatte, etwas war in seinem
Bewutsein geblieben. Hanka hatte Vergngen an diesem offenen, derben,
gebrunten Gesicht, an der krftigen, trockenen Stirn, die unbeweglich
zwischen klar-grauen Augen und braunen glatten Haaren lag, an der
gutgebauten Gestalt, die nichts von Verfettung und Krankhaftigkeit
zeigte.




Vierzehntes Kapitel


Hanka fragte, und Arnold gab frmlich gehorsam Antworten. Hanka
befremdete ihn. Sein natrlicher Scharfblick erfate sofort die
merkwrdige Mischung von Gutmtigkeit und Trauer, von Ironie und
Langeweile in dessen Wesen. Welche Beschftigung haben Sie denn?
fragte er.

Keine, versetzte Hanka, ich tue nichts.

Gar nichts?

Ich betrachte. Hanka hatte seinen Stock in der Hand behalten und
klopfte damit, weit vorgebeugt sitzend, auf den Boden.

Haben Sie denn nichts gelernt? fragte Arnold erstaunt.

Hanka lachte laut. O ja, antwortete er. Ich habe die Juristerei
erlernt, aber eben deshalb mach ich keinen Gebrauch davon.

Diese Antwort gab Arnold sehr zu denken. Aber ehe er etwas dagegensagen
konnte, kam Agnes ins Zimmer. Arnold richtete seinen Auftrag aus und
schickte sich an zu gehen. Agnes war erfreut, ihn zu sehen und dankbar
fr den Gru des Lehrers. Ein reizender Mann, sagte sie von Specht.
Vielleicht kommen Sie, Herr Ansorge, nun recht oft zu uns. Sie sprach
laut, schttelte die Hand Arnolds und ihre Augen strahlten mild. Arnold
fhlte das beunruhigte Wesen von sich weichen und Sympathie strmte auf
ihn ein. Beate, die nach Agnes gekommen war, schnitt eine Fratze; als
sie aber Hankas Blick auf sich ruhen fhlte, betrachtete sie Arnold mit
wohlwollendem Lcheln.

Arnold verabschiedete sich. Zuhause angekommen, fand er auf dem Tisch
ein katholisches Flugblatt ber den Raub der Jdin. Darin wurden
ffentliche Ideale und der Name Gottes angerufen, aber die Wahrheit
stand dabei und steckte die Hnde in die Taschen. Arnold berlief es
hei und kalt. Seine Zuversicht begann zu schwinden. Darber verga er
die Mutter, wie er denn ihre Krankheit nicht ernst nahm, und keine
Furcht deswegen empfand, hauptschlich, weil Frau Ansorge ohne uerung
eines Schmerzes lag.

Doch in der Nacht erwachte Arnold durch ein fortgesetztes tiefes
Aufsthnen. Mit Schrecken entdeckte er, von welchem Mund die Laute
kamen. Da war es mit der Ruhe aus. Er bat den Doktor um Aufschlu. Es
sei mit den Nieren nicht in Ordnung, erwiderte der Mann unsicher und er
halte es fr gut, einen Spezialisten kommen zu lassen. Arnold ging mit
sich zu Rate, schrieb und telegraphierte zugleich dem Oheim Borromeo,
damit das Notwendige rasch geschehe. Als er die Depesche aufgegeben
hatte, schritt er langsam den Hauptplatz hinunter, bis dahin, wo die
Strae gegen die Elassersche Wohnung abbog. Zu jeder Zeit des Tages und
der Nacht, in jedem Augenblick des Besinnens sah er dort Menschen um ihr
Recht kmpfen, und sein ganzes Wesen lechzte nach Entscheidung.

An der Ecke des Platzes stand Uravar. Trotz der Klte waren seine rmel
hoch aufgestreift. Mit bedeutsamem Grinsen starrte er Arnold an und
verfolgte ihn mit den stets wie in Trunkenheit glnzenden Augen.

In dem Huschen des Juden herrschte vollkommene Stille. Die Tr nach dem
Wohnzimmer war geschlossen. Arnold pochte, aber niemand antwortete. Er
drckte auf die Klinke, ffnete, sphte durch den Spalt und sah einen
Knaben an dem runden Tisch sitzen, den Kopf zwischen den Hnden, in ein
Buch vertieft. Er trat ein, der Knabe, (der etwa dreizehn Jahre alt
war, nach Jutta das lteste Kind) blickte erschrocken empor, erkannte
wohl Arnold von frher, getraute aber nicht, sich zu rhren. Arnold
fragte, ob niemand zu Hause sei und blieb an der Tre stehen, um den
Knaben nicht einzuschchtern. Niemand, erwiderte der Bursche und die
Augen in dem blatternarbigen Gesicht zeigten Trotz. Der Vater sei in der
Stadt, fuhr er auf eine weitere Frage mit langsamem Tonfall fort, die
Mutter gehe in Geschften ber Land, die andern Kinder seien beim
Rabbiner in Lomnitz. Wie heit du? fragte Arnold. Moses, war die
Antwort. Arnold nherte sich dem Tisch, blickte flchtig in das Buch und
nahm dem Knaben gegenber auf einem Holzschemel Platz. Und Jutta?
fragte er mit heiserer Stimme, wird sie denn nicht wiederkommen?

Der Herr fragt --! erwiderte Moses ironisch und mit dem Bestreben, ein
gutes Deutsch zu sprechen. Wiederkommen! Eher wird Wachs zu Eisen.

Arnold schaute den Knaben verblfft an. Sonderbar war es ihm zumute, er
fhlte sich schuldig. Langsam stand er auf und trat zum Fenster. Er
hrte ein vielfltiges Gemurmel von drauen, ffnete den winzigen Flgel
und sah oben an der Ecke zwanzig bis dreiig Menschen beisammenstehen.
Gleichgltig schlo er das Fenster wieder und blickte nachdenklich auf
den Knaben, der bse vor sich hinstarrte. Als er aus dem Haus trat,
erblickte er am oberen Ausgang der Gasse noch immer die Ansammlung von
Menschen; es schienen mehr als vorher zu sein, auch Weiber und Kinder
hatten sich hinzugesellt und ein verworrener Lrm herrschte. In der
kurzen Gasse selber stand keiner, sondern diese war frmlich abgesperrt.
In breiter Reihe warteten die Leute. Je nher Arnold kam, je mehr
Gesichter wandten sich ihm durch gemeinsame Aufmerksamkeit zu und
endlich ffnete sich eine schmale Gasse, damit er hindurchgehen knne.
Aber das sah mehr einer feindlichen Handlung als einer Hflichkeit
hnlich. Uravar stand in der Mitte eines Haufens gleich der Feder einer
Uhr, welche, kaum wahrnehmbar, dennoch die Bewegung regelt. Arnold war
weit entfernt, zu denken, da diese Zusammenrottung ihm gelten knne.
Schweigen legte sich um die Masse. Blde, neugierige, tckische
Gesichter stierten ihn an, und unwillkrlich blieb Arnold stehen. Vor
ihm ffnete sich eine Art Bucht, in deren Mitte er den neuen Pfarrer
gewahrte. Der geistliche Herr hatte die Arme verschrnkt und den Kopf
steif emporgerichtet. Es war ein mchtiger Kopf, gro wie der eines
Ochsen, mit an der Seite abstehenden Haaren. Die grnen Pupillen hinter
der Brille flackerten komisch aufgeregt. In dem Augenblick erhob sich
eine dnne, scharfe Stimme gegen Arnold: Judenknecht! und das Gemurmel
fing wieder an, dunkler und ghrender.

Mit stummem Zorn blickte Arnold um sich, furchtlos forschte er nach dem
Rufer und in seiner Nhe kuschten die Murmler. Ruhig setzte er dann
seinen Weg fort, aber er fhlte sich strker und als ein Schauer
durchrann ihn die Vorahnung von Kampf.

Frau Ansorge verbrachte eine schlimme Nacht. Arnold, der um neun Uhr das
Lager aufgesucht hatte, fuhr um Mitternacht aus dem Schlaf und wachte
bis zum Morgen an Ursulas Seite. Die Kranke sprach nicht; wenn sie die
Augen aufschlug, lchelte sie gezwungen; dann kamen Stunden, in denen
sie unaufhrlich sthnte und sich auf der niedrigen Matratze wlzte.
Ursula murmelte Gebete aus einem Buch, Arnold sa mit gesenktem Kopf,
die Augen bald gegen das Licht, bald gegen die Finsternis gewandt. Gegen
zehn Uhr morgens kam der Doktor, um den Arzt aus Wien zu erwarten, der
mit dem Frhschnellzug eintreffen mute. Von der Station aus war noch
ein tchtiges Stck Weg, aber schon kurz nach elf kam eine Landkutsche
mit zwei Insassen angefahren. Arnold trat in den Hof, die Herren zu
begren. Den Bruder der Mutter erkannte er sofort, obwohl er ihn seit
den Kinderjahren nicht gesehen hatte. Borromeo reichte seinem Neffen die
Hand, betrachtete ihn mit einem khl-kritischen Blick, stellte den Arzt
vor, einen eleganten, noch jungen Mann und alle drei gingen zum
Krankenbett. Frau Ansorge hatte kaum ihren Bruder und den Fremden
erblickt, so schien es, als schttle sie Fieber und Fieberbilder mit
gewaltiger Anstrengung von sich ab. Ihre Erinnerung erhielt hundert
Brcken. Als sie Friedrich zum letztenmal gesehen hatte, war all ihr
frheres Leben und Fhlen ins Herz getroffen worden. Die
dazwischenliegenden Jahre strzten zusammen, und die Schmerzen in denen
sie jetzt gefangen war, verbanden sich mit jenen halbvergessenen.

Die Begrung war kurz und ohne Worte. Doktor Borromeo winkte Arnold und
Ursula, das Zimmer zu verlassen. Die beiden rzte blieben allein.
Arnold fhrte seinen Oheim in ein wenig benutztes Zimmer hinter der
Kche. Da standen uralte Mbel, auf welchen die Zeit gleich einem
Gespenst lag. Borromeo hllte sich frierend in seinen Pelz und schritt
mit wiegendem, mdem Gang auf und ab. Dieselbe Mdigkeit drckte sich in
seinen Gebrden wie in seinem Mienenspiel aus, sie lag in den
hingeworfenen Worten, die er sprach, in seinem Lcheln, in seiner
Stimme. Kinn und Mund waren durch einen schwarzen Bart verdeckt, der
frmlich steifgebgelt aussah und eine ungemein sorgfltige Pflege
verriet. Die obere Hlfte des Gesichtes zeigte frauenhaft weiche Linien.

Was hast du eigentlich fr deine Zukunft vor, Arnold? fragte er, in
seiner Wanderung innehaltend, mit einem langsamen und sinnenden Tonfall.

Arnold war berrascht und schaute zaudernd vor sich hin. Aus einem
unklaren Grund empfand er ein ebenso unklares Mitgefhl mit dem Mann.
Ich wei nicht. Ich will leben, sagte er trocken.

Borromeo fuhr mit der flachen Hand behutsam an seinem Bart herab, kaum
die Haare berhrend, als frchtete er sie zu zerzausen. Und hltst du
das fr so leicht? erwiderte er sanft und traurig.

Arnold lachte. Ist es denn schwer? fragte er verwundert. Hast du denn
so schlechte Erfahrungen gemacht? Er sa rittlings auf einem Stuhl und
drckte das Kinn auf die Lehne.

Ich glaube, es ist nicht mglich, andere zu machen, antwortete
Borromeo mit einem Lcheln, welches ein vernichtendes Erbarmen mit dem
Frager zeigte. Arnold wurde aus diesem wunderlichen Wesen durchaus nicht
klug. Borromeo zeigte eine Einfachheit, die bis zur Hlzernheit ging,
und eine ngstliche Sucht, unauffllig zu sein. Die Gesichtszge des
etwa Fnfundvierzigjhrigen hatten einen greisenhaft stillen Ausdruck,
die Augen starrten, als knnten sie in der Luft beobachten, was in der
Seele selbst vorging. Trotzdem war bisweilen ein Aufleuchten im Blick,
als gbe es ber gewisse trstliche Dinge keinen Zweifel.




Fnfzehntes Kapitel


Die rzte lieen wenig Hoffnung; die Dauer des Leidens war nicht
abzusehen. So reiste Borromeo wieder ab, denn ihn riefen Geschfte.
Arnold gab das Versprechen, ihm sofort zu schreiben, wenn es schlechter
gehen sollte. Auerdem wurde der Landarzt von dem jungen Spezialisten
genau unterrichtet, wann eine Operation stattfinden knne; dann erst
werde er wiederkommen.

Frau Ansorge ahnte, was ihr bevorstand. Ihre ganze Kraft nahm sie vor
Arnold zusammen. Nicht um ihn zu schonen, verbarg sie ihre Schmerzen und
nicht um als Heldin in seinen Augen zu gewinnen, sondern weil sie sich
vor seinem Urteil frchtete. So vllig hatte das Verhltnis eine
Umkehrung erfahren, da sie, die Unterwerferin und Lehrerin, nun
schlerhaft von dem Bilde abhing, das sie im Innern des Sohnes von sich
selbst geschaffen hatte, da sie sein Mitleid mit Recht scheute und mit
einer ungeheuren berwindung ihr Bewutsein abzog von ihren krperlichen
Qualen. Nicht den trumerischen Weichling wollte sie, der im Mitgefhl
erst seine Neigung entdeckt. Das gesunde Herz ist hart, sagte sie sich.
So litt sie in sich hinein, um den Himmel seiner Zukunft rein zu wissen
und sich darin zu bewahren als eine Art von khler Gttin.

Mit Borromeo hatte sie wegen des Besitzstandes gesprochen. Da das
Kapital unberhrt lag und die Zinsen stets wieder dazugeschlagen worden
waren, weil die kleine konomie sich allmhlich selbst erhalten hatte,
war Arnold Herr eines ganz betrchtlichen Vermgens. Man gab ihm einen
berblick und sprach mit ihm ber die Anlage des Geldes, aber er schien
sich nicht sonderlich dafr zu interessieren.

Er wurde von Tag zu Tag schweigsamer und in sich gekehrter. Wenn er ins
Dorf kam, bemerkte er feindselige Gesichter, einen unentschlossenen,
abwartenden Ha. Was ist los? dachte er; wohin ich sehe, alle nehmen fr
das Unrecht Partei. Warum? warum nicht fr das Recht?

Eines Nachmittags ging er aus und marschierte lange Zeit am Fluufer hin
und her. Das Wetter schien sich zu verndern. Regen wich der Klte. Trg
und dick rollte das Wasser des Flusses hin, rotgelb von Sand und
Schlamm. Nakalte Windste schlugen dem Wanderer in Gesicht und Nacken,
und als er sich endlich entschlo nach Podolin zu gehen, war er bis ber
die Knie mit Kot bespritzt. Auf dem Platz des Dorfes standen einige
Leute in Gruppen und disputierten eifrig. An den Huserecken waren
riesenhafte Plakate angeklebt; Weiber und Kinder buchstabierten daran
herum und schrien durcheinander. Es war von einer Wahlversammlung die
Rede. Das Glck des Volkes, das Ende der Armut wurde prophezeit, und als
Quelle alles Unheils wurden die Juden genannt.

Aus der Kirche kam eine Prozession und fllte beim Schulhaus die Mitte
der Strae. Als Arnold zur Seite wich, entstand hinter ihm ein drohendes
Raunen, das sich vom schreienden Gebeteleiern jh unterschied. Er drehte
sich um und erblickte Elasser, der von der Lomnitzer Strae
hereingekommen war, den schweren Hausierpack auf dem Rcken. Ein
Schlossergeselle namens Pavlicek eilte sofort auf den Juden los und
schleuderte mit einer kurzen Armbewegung den Schlapphut vom Kopfe des
Wehrlosen, und der Hut flog im weiten Bogen auf die Schwelle eines
Haustors. Das zornige Murmeln nahm einen beiflligen Charakter an.
Elasser blieb stehen, machte mit den Lippen eine fletschende Bewegung,
blickte scheu auf dem Boden umher, als erwarte er, da der Hut von
selbst wieder zu ihm kme, da er doch keine Hand frei hatte, ihn zu
holen. Er schickte sich an, seinen Pack auf die Erde zu stellen und
lchelte dabei sklavisch, wie um den Umstehern zu zeigen, da er
eigentlich nichts belnehme, sondern da es nur beschwerlich fr ihn
sei. Arnolds Gesicht errtete und seine Augen verdunkelten sich vor
Verachtung. Das Ma der Unbill schien ihm ber und ber gefllt. Er
warf den Kopf zurck, stie einen gurgelnden Schrei aus, wie wenn in der
nchsten Sekunde alles in ihm zur Besinnungslosigkeit zusammenstrzen
wrde und rieb die Zhne aneinander, indem er die Lippen nach oben und
nach unten entfernte. Der Schneider Wittek, ein Deutscher, stand in
seiner Nhe und glotzte. Arnold wollte auf ihn zu, um ihn mitten in den
Haufen der andern zu schleudern. Ein wenig Schaum trat vor seinen Mund,
aber pltzlich war es, als ob sich ein berirdischer Mittler vor ihm
erhbe, dessen unsichtbarer Mund weise und stolz zum bessern rief. Liegt
denn das Recht in deiner Strke? schien eine Stimme zu fragen. Triffst
du das wahre Unrecht mit den Schlgen deiner Faust? Sei anders als sie!
berzeuge sie!

berrascht und finster waren die Leute vor ihm zurckgewichen. Er wandte
sich ab, ging bis zum Haustor ber die Strae, hob den davongeflogenen
Hut auf und setzte ihn dem Elasser auf den Kopf. Dabei begegnete er dem
geschlagenen Blick des Juden, der sich wieder mit demselben knechtischen
Lcheln an die Zuschauer wandte und sich dann langsam entfernte.

Auch Arnold ging. Kaum war er ein paar Schritte weiter gelangt, als ihm
ein apfelgroer Stein ber die Schulter am Ohr vorbeiflog. Verwundert
kehrte er sich um, denn es wunderte ihn, da einer dies wagte. Ein alter
Mann senkte die schon erhobene Hand, die einen zweiten Stein hielt.

Die Dmmerung war eingebrochen und nahm rasch zu. Arnold blieb stehen
und dachte nach. Fast mechanisch schritt er dann in die Gasse hinein,
wo Elasser wohnte. Er trat an das Fenster des Erdgeschosses und warf
einen Blick in die niedrige Stube. Die Kinder hockten aufmerksam um den
Tisch. Frau Elasser und ein fremder kleiner Mann standen betend vor
einem andern, weigedeckten Tischchen, auf welchem auch Kerzen brannten.
Der eben eintretende Elasser lie seinen Pack sinken und die Betenden
gingen auf ihn zu. Auch die Kinder erhoben sich von ihren Pltzen, und
der Knabe, mit welchem Arnold schon Bekanntschaft geschlossen hatte,
sagte etwas mit lauter Stimme, aber die Worte blieben unverstndlich.
Der Fremde, dessen Gesicht zutraulich und nachsichtig aussah, nickte. Er
war etwa siebzig Jahre alt, war bartlos und hatte einen fast belustigend
kleinen Kopf.

Arnold legte die Hand vor die Augen. Er befand sich jetzt wie auf einem
Ruhepunkt ber den Geschehnissen. Es war, als ob sich die Bilder
greifbar in die Finsternis zwischen Hand und Auge zwngten. Er sah
Jutta, widerrechtlich leidend und diese dort im Haus, widerrechtlich
zgernd, feig aller Vernunft zum Spott. Ging der Spruch auf so langsamen
Fen? Wo war der, dessen Amt es war, Gerechtigkeit zu ben? Geschah
deshalb nicht, was htte geschehen knnen, weil niemand die Hand erhob
und den Mund ffnete? Warum saen sie dort in ihren Zimmern und duckten
sich, lieen Unrecht an sich herabrinnen wie Wasser? Hatten sie denn
vergessen? Ihm brannte jede Stunde ein tieferes Mahnzeichen ein, er
konnte nicht vergessen.

Oder gibt es berhaupt keine Gerechtigkeit? dachte er schaudernd. Ist
das alles Unsinn oder Einbildung? Er lehnte den Kopf zurck und schaute
empor, um ein Stck des Himmels und seiner Sterne zu suchen. Denn es war
indessen Nacht geworden. Der Mond stieg zwischen den Husern herauf.

Dann blickte er, sich vorsichtig am Rand des Fensters haltend, von neuem
in das Zimmer. Elasser sa an dem kleinen, gedeckten Tisch, whrend die
andern an dem runden Tisch das Abendessen nahmen. Arnold sah, da der
Fremde einige Male hinberging, aber Elasser, den Bart in der Faust
zerknllend, schttelte stets den Kopf. Die Frau sa starr und in sich
gekehrt. Als die Kinder sich in die anstoende Kammer zur Nachtruhe
begeben hatten, legte sie den Sugling an ihre magere Brust und schaute
dster sinnend ins Licht der Lampe. Zwischen dem fremden Mann und
Elasser entstand ein Wortwechsel, und murmelnde Laute drangen zu Arnolds
Ohr; aber der Fremde reichte bald darauf der Frau die Hand und wollte
sich auch von Elasser verabschieden, dieser schickte sich jedoch an, den
Gast zu begleiten. Die Haustre kreischte und die zwei Mnner traten auf
die Schwelle. Beide machten eine Gebrde des Schreckens, als sie an der
Mauer, wunderlich dunkel inmitten eines vom Mond gebildeten
Lichtdreiecks einen Menschen stehen sahen. Arnold ging auf die beiden zu
und fragte sogleich: Was ist also geschehen? Kommt Jutta zurck?

Ein langes Schweigen entstand. Elasser blickte Arnold verwundert und
immer mehr verwundert ins Gesicht. Endlich sagte er zu seinem
Begleiter, dessen Zge die Gewohnheit des Wohlwollens und der Milde
verrieten: Das ist der Herr von Ansorge, ders so gut meint mit uns.

Der Alte lie sein Kpfchen hin und her pendeln, das trotz seiner
Kleinheit den Schultern eine zu schwere Last war.

Wie steht es also? fragte Arnold ungeduldig.

Es steht schlecht, sagte Elasser. Keine Hand bewegt sich. Es werden
Erhebungen angestellt, heits, und mich haben sie herumgehetzt wie einen
Hund, und ich soll warten. Nun, ich wart, wir warten lang genug, is es
gefllig? In vier Wochen wird Jutta vierzehn Jahr alt und dann ist keine
Hoffnung mehr.

Es ist in der Schrift geschrieben, mahnte der Fremde, man soll das
Unrecht sich ergieen lassen ganz.

Eine schne Schrift! rief Arnold emprt. Wartet ihr darauf, bis man
euch den Kopf abschlgt?

Elasser machte eine weitausholende Bewegung mit den Armen. Herr,
antwortete er, Sie kommen mir wahrlich vor wie jener Jud, der nicht hat
lernen wollen Deutsch, weil er hat geglaubt, die ganze Welt ist jdisch.
Die Welt ist nicht jdisch, gndiger Herr. Das Recht ist fr Sie und
nicht fr uns.

Langsam waren die drei gegen das Fluufer gegangen. Arnold stie mit dem
Fu einen Stein ins Wasser und heftig bewegt sagte er: Aber wie knnt
ihr ruhig dastehen, Leute, und schwtzen, immer schwtzen! Es ist ja die
niedertrchtigste Teufelei, wenn ihr euch nicht rhrt um eure Sachen.
Mein Recht ist euer Recht, und euer Recht ist Kaisers Recht. Da ist
nicht daran zu tifteln. Die Gerechtigkeit ist fr alle.

Der Herr ist in einem groen Irrtum, erwiderte Elasser finster. Das
Recht ist da; auch die Richter sind da; gleichfalls die Bcher, worein
alles steht geschrieben. Aber die Gerechtigkeit? Die ist nicht da.

Verchtlich spuckte Arnold auf die Erde und entgegnete mit uerster
Feindseligkeit: Lgner und Faulenzer seid ihr.

Der fremde alte Mann stand mit gesenktem Kopf. Die Weltanschauung der
Geduld, die ihm Nieren und Hirn geformt hatte, geriet pltzlich in einen
geheimnisvollen Aufruhr. In seinen langen Lebensjahren hatte er genug
gesehen an Vergewaltigung des Rechts, an blutigen Wunden, welche die
Unschuld trug, an tyrannischem bereinkommen der Mchtigen, um in einem
eingebildeten Rcher den letzten Trost zu finden. Nun ging ein Blitz
ber ihm nieder und zndete in seiner Brust, deren Empfindungen schon
versteinert schienen. Nicht Arnolds Worte hatten das vermocht. Was waren
ihm Worte! Auch das Unglck des ihm blutsverwandten Elasser nicht,
obwohl dies bswillige Hinziehen, dies tckische Verbergen, dieser
eingestandene Raub, dies Schauspiel ffentlicher Schmach und Feigheit
auch Gleichgltige erregt hatte. Das Neue kam von Arnold her.
Berauschend strmte der wilde Idealismus auf ihn ein, befeuerte ihn, und
er gedachte seiner eigenen unerfllten Jugend. Ja, Samuel, sagte er
mit vernderter Stimme, du mut deine Pflicht erfllen. Wir wollen vor
den Kaiser hintreten. Gern will ich das Geld, was du brauchst,
hergeben, denn es ist zum guten Zweck. Es ist uns schon gesagt worden,
da wir knnen eine Audienz bekommen und Seine Majestt wird uns
anhren.

Er wird richten, sagte Arnold befriedigt.

Ich will nicht sagen, er wird, antwortete der Alte mit feinem Lcheln,
aber es kann sein. Reisen wir also nach Wien, Samuel.

Elasser starrte bewegt vor sich hin. Whrend die beiden Alten sich noch
beredeten, kniete Arnold am Fluufer nieder, nahm die Mtze ab, legte
die Binde beiseite, die seinen Hals umschlo, stlpte die rmel bis an
die Ellenbogen auf und wusch sich das Gesicht mit dem eiskalten Wasser.
Darauf wurde ihm wohl und khl.




Sechzehntes Kapitel


Die nachgesuchte, durch einflureiche Personen untersttzte Audienz des
Juden Elasser beim Monarchen wurde genehmigt. Eine jener Zeitungen,
welche die ffentliche Meinung beherrschen, schrieb, da die
Angelegenheit, welche solange das Staunen und die Beunruhigung aller
Redlichdenkenden verursacht habe, nun endlich vor eine Instanz gelangt
sei, bei der es kein Zaudern und keinen Umweg gebe.

Von den Einzelheiten der Audienz wurde wenig bekannt. Der Monarch
geruhte, die ihm berreichte Bittschrift aufmerksam durchzulesen und
richtete dann an den unglcklichen Vater, der schluchzend vor ihm
kniete, die verheiungsvollen Worte: Ich werde neue Weisungen an die
Behrden geben, damit sie ihre Pflicht und Schuldigkeit tun. In der Tat
wurden schon zwei Stunden nach der Audienz Befehle solcher Art erlassen.

Aber Tag auf Tag verging ohne Botschaft und Erfolg. Als Elasser erfuhr,
da Jutta im Kloster bei Tarnobrzeg gesehen worden sei, wandte er sich
telegraphisch an den Bezirksrichter, doch dieser wies ihn an denselben
Staatsanwalt, der schon frher jeden Antrag abgelehnt hatte. Elasser
ging zum Ministerprsidenten, welcher auf seine Bitte um Schutz
erwiderte: Sie verdienen es, das gebhrt Ihnen. Es geschah nichts.
Elasser wandte sich an den Justizminister und erhielt die Versicherung,
da von der Statthalterei alles aufgeboten werden wrde, um den
Aufenthaltsort des Mdchens zu ermitteln. Es solle alles aufgeboten
werden, um dem Vater seine Tochter vor dem 10. Februar wiederzugeben, an
welchem Tag sie das religionsmndige Alter erreicht haben wrde. Elasser
wartete. Das Leutebereden, In-Vorzimmern-Hocken, Bitten, Sichverbeugen,
Erklren nahm kein Ende. Man schttelte den Kopf, gab Ratschlge, war
bedenklich, zerstreut, ergriffen, beschftigt, ngstlich oder von
frecher Deutlichkeit. Die Zeit ging hin. Ein anderer Skandal erweckte
die Aufmerksamkeit der Menge. Elasser sagte sich, Jutta sei tot. Ihn zog
es nach Hause. Er hatte sich mdgegangen, mdgeredet, mdgebettelt,
mdgehofft. Am letzten Tage fate er sich noch einmal zu einem letzten
Gang zusammen; es gelang ihm, den Minister fr Galizien zu ungewohnter
Stunde zu sprechen. In drangvoll verhaltener Wildheit stellte er eine
letzte Frage, um dann fr immer zu erschlaffen. Die wrdige alte
Exzellenz, menschlich erschttert, verlor den ffentlichen Tonfall und
sagte die denkwrdigen Worte An den Mauern des Klosters hat unsre Macht
ein Ende.

Das war am 5. Februar.

Mitte Januar gelangte die Kunde von dem gndigen Versprechen des Kaisers
nach Podolin und zu Arnold. Er hatte etwas andres kaum erwartet. Seit
dem Gesprch mit Elasser hatte eine gleichmige Ruhe und Zuversicht von
ihm Besitz genommen.

Als er die Nachricht vernommen hatte, kam ein ungestmer Drang nach
krperlicher Ttigkeit ber Arnold. Er nahm Besen und Schaufel zur Hand,
ging in den Hof und begann, einen Weg in den fuhohen Schnee zu
schaufeln. Eine Stunde lang arbeitete er, ohne auszusetzen. Die Luft war
rein und es war sehr kalt. Arnold, in Schwei gebadet, blickte empor,
als am Zaun eine herrische Bastimme erschallte. Den Schirm aufgespannt,
von den hohen Stulpenstiefeln den Schnee stampfend, stand der Pfarrer
dort. Arnold trat nher. Der geistliche Herr fragte nach Frau Ansorge.
Die Mutter ist krank, erwiderte Arnold etwas verwundert. Desto mehr
Grund fr den Seelsorger, sie zu besuchen, war die herrische Antwort.

Arnold berlegte und schritt dann dem Pfarrer voran. Frau Ansorge wandte
den Eintretenden langsam das Gesicht zu. Der Geistliche nahm Platz,
schaute die Kranke fest an, erkundigte sich nach ihrem Befinden, und als
Frau Ansorge zur Erwiderung gleichgltig und unbestimmt die Lider
senkte, befeuchtete er die Lippen mit der Zunge und sagte: Warum kommt
der junge Ansorge weder in die Kirche noch zur Beichte? Haben Sie Ihren
Sohn nicht in der Furcht und Anbetung des dreieinigen Gottes erzogen?
Ich warte schon lange auf ihn, aber er macht mein Harren zuschanden.
Bse Umtriebe stecken in ihm, mit den Gottlosen ist er im Bund. Darum
bin ich hier und frage: haben Sie Ihre Pflicht als Mutter erfllt, liebe
Frau?

Nachdem er diese Worte in psalmodierendem Tonfall gesprochen, schwieg
der Pfarrer und beleckte wieder die Lippen. Er hielt jeden mglichen
Einwand fr zermalmt, und mit Zufriedenheit betrachtete er seine auf den
Knien liegenden gefalteten Hnde.

Frau Ansorge hob den Kopf mit groer Mhe etwas empor und erwiderte mit
ihrer von Krankheit gebrochenen Stimme: Bemhen Sie sich nicht,
Hochwrden. Wir brauchen keinen Vermittler zwischen uns und dem Himmel.

Erschrocken schnellte der Geistliche von seinem Stuhl auf.

Frau Ansorge seufzte. Mit glanzlosen Augen blickte sie umher. Es war,
als gehorche der Mund nicht mehr. Sie erhob abwehrend den Arm, wie um
den Pfarrer zu verhindern, da er sich blostelle.

Der geistliche Herr empfand etwas wie Furcht. Jetzt klopfte es an der
Tre; der Doktor trat ein und begrte den Pfarrer mit jener
Hflichkeit und halben Kollegialitt, die eine wohlttige
Gewhnlichkeitsluft verbreitete. Der Geistliche murmelte ein paar Worte
und verlie unruhigen Gesichts das Zimmer.

Ursula stellte sich neben den Doktor an das Bett. Arnold beobachtete vom
Fenster aus, da die Kranke schneller und vernehmlicher atmete als
sonst. Der Doktor flsterte Ursula etwas zu, worauf diese hinausging und
nach einigen Minuten einen mit Eis gefllten Kbel zurckbrachte. Dann
kam der Doktor zu Arnold, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte,
jetzt sei die Zeit zu einem operativen Eingriff gekommen. Arnold rstete
sich, um auf das Telegraphenamt zu gehen, aber der Doktor meinte, das
werde er selbst bernehmen. Arnold schickte sich nun an, Friedrich
Borromeo zu benachrichtigen; es drngte ihn hinaus, schon allein
deshalb, um nach seiner Art im Vorwrtsschreiten Herr der Besorgnisse zu
werden. Als er ber den Marktplatz des Dorfes ging, sah er Beate aus der
Kirche kommen; sie schaute unbeweglich vor sich hin und ihr Gesicht war
wei unter der Pelzkappe, vielleicht vom Widerschein des Schnees. Arnold
widmete ihr nur flchtige Aufmerksamkeit; eine Sekunde lang erschienen
ihm der Pfarrer, die Kirche und Beate zusammen im Bunde zu stehn gegen
das Leben der Mutter. Die grob voraussagende Miene des Doktors hatte
seine Verachtung erregt und ihn zugleich vorbereitet. Er war nicht
geschaffen, in der Dmmerung zu hoffen und zu frchten; um ihn mute es
licht, das Drohende mute beleuchtet sein. Das Schicksal der Mutter lag
viel greifbarer vor ihm als das Schicksal Elassers und seiner Tochter,
bis zu dem Augenblick, wo er von dem Versprechen des Kaisers Kunde
erhalten hatte. Wie es auch mit der Mutter gehen mochte, dies nahe
Unglck war begrenzt; es konnte mit einem Worte bezeichnet werden, mit
zweien: Krankheit, Tod. So rcksichtslos trotz wachsender Angst
vermochte er seinem Gefhle Klarheit abzupressen ber das, was ihn
selbst betraf, was sein eigenes und seines Eigentums Schicksal war. Dort
aber hatte er nichts gefunden als eine unaussprechliche Bedrngnis. Der
Grund war ihm verborgen. Ein gleichgltiger Jude, seine gleichgltige
Tochter, ein gleichgltiges Kloster, ein fremdes Leiden, umflutet von
einem Gewirr fremder Stimmen, was hatte ihn dabei geqult?

Als er zu Hause ankam, war Frau Ansorge nicht mehr bei Bewutsein.




Siebzehntes Kapitel


Der Wiener Professor (samt einem Assistenten) und Friedrich Borromeo
trafen auch diesmal zusammen ein. Die Operation wurde eine Stunde darauf
vorgenommen. Arnold und sein Oheim befanden sich in demselben Zimmer wie
neulich, jedoch in vollkommenem Schweigen. Wieder hatte sich Doktor
Borromeo in seinen Pelz gehllt, wieder schritt er mit seinem wiegenden,
mden Gang auf und ab. Ein eigenes, morsches, bitteres, geduldiges
Lcheln verzog bisweilen seinen Mund. Drauen war das rgste Wetter,
Sturm und Schneetreiben. Arnold konnte nicht anders, als bestndig den
leise knarrenden, uhrenhaft regelmigen Tritten Borromeos zu lauschen.
Ohne da er es recht wute, wirkte die Gegenwart dieses Mannes lhmend
auf ihn. Nun erschien der Assistent unter der Tre. Er trocknete mit
einem Tuch die Hnde; die weie Schrze war mit Blut bespritzt. Sein
Gesicht zeigte die Helligkeit eines siegreichen Kmpfers, als er sagte:
Alles steht gut. Arnold ging dem jungen Mann entgegen und drckte
seine noch feuchte Hand. Auch der Professor kam zum Vorschein und
begngte sich, mit emporgezogenen Brauen seine Befriedigung bemerkbar zu
machen. Ursula, deren Gesicht noch in Trnen gebadet war, hantierte
bereifrig umher. Knechte und Mgde standen im Flur und der Wind sauste
durch die Spalten der geschlossenen Tre.

Arnold fhlte sich unheimlich. Auf einmal wute er, als er die
flsternden Stimmen der fremden Mnner vernahm, da die Mutter sterben
msse. Er wollte in das Krankenzimmer, doch dies wurde ihm verwehrt. So
verlie er das Haus, trieb sich zwei Stunden lang im Sturm umher, und
ein nagender Schmerz ergriff ihn, whrend er an die rzte und an
Borromeo wie an Gespenster dachte. Er stie einen Schrei aus und rannte
gegen den Hof zurck, bisweilen einknickend im Schnee, spter seine
tiefen Fustapfen von vorhin benutzend. Er strzte in das Zimmer der
Kranken, trat ans Bett, umschlang sie mit den Armen und lachte halb
triumphierend, halb vorwurfsvoll, als er sie lebend, wachend erblickte,
freilich wei wie die Leinwand, auf der sie ruhte. Frau Ansorge,
erstaunt und mde, legte beide Hnde auf seinen Kopf. Sein Ungestm gab
ihr zu denken.

Der Abend rckte schon heran, und das Wetter hatte sich ein wenig
gebessert, da erschien Alexander Hanka. Er war frmlich versteckt in
seinem Winterpelz, aber trotzdem war es zu verwundern, da Hanka an
solchem Tag eine Wanderung ber die kaum gangbaren Straen gewagt, um
sich nach Frau Ansorges Befinden zu erkundigen. Er war auch frischer und
belebter als sonst, schon in der Art, wie er Arnold die Hand reichte.
Doktor Borromeo trat zu ihnen in das abseits liegende Zimmer. Es erwies
sich, da Hanka und Borromeo schon irgendwo einmal Bekanntschaft
geschlossen hatten, und es blieb nur zu ergrnden, wo. Arnold erstaunte,
wie zwei anscheinend so ernste Mnner sich spielerisch an ein Erraten
und Suchen begaben, oberflchliche Erinnerungen betasteten und dabei
nicht das mindeste von Belang zu sagen wuten. Am seltsamsten war das
beziehungs- und ortlose dieser in gleichmigem Ton gefhrten
Unterhaltung; vergessen war Frau Ansorge, vergessen das Haus und die
Schatten, die es bedeckten, vergessen schlielich der, zu dem gesprochen
wurde und jeder von beiden schien sich selber, sich allein dumpf und
mechanisch anzureden. Arnold war schlielich froh, da er mit Hanka
allein blieb, da sein Oheim sich zur Wiederabreise vorbereiten mute.
Auch der Professor reiste; der Assistent blieb noch einen Tag, um eine
schon gemietete Pflegerin aus Wien abzuwarten.

Wie geht es Ihnen also? fragte Hanka mit seiner tiefen Stimme, als er
Arnold gegenbersa. Er schlug ein Bein lssig ber das andere und
strich mit der Hand ber das Knie. In seinen Augen lag etwas, das diese
inhaltslose Frage vergessen machte. Hoffentlich ist Frau Ansorge bald
wieder gesund. Es soll ja nun Aussicht sein, wie?

Arnold nickte. Was fr ein Mensch, dachte er; ihn verwunderten die Worte
Hankas, aber dennoch zog ihn irgend etwas an. Hanka seinerseits streifte
den jungen Mann mit einem forschenden Blick und senkte dann rasch den
Kopf. Wollen Sie nicht einmal zu mir herberkommen, wenn Sie sich
langweilen? fragte er mit offenbarer Anstrengung, ein berbrckendes
Wort zu finden.

Wenn ich mich langweile? fragte Arnold. Warum soll ich mich
langweilen? Er sa vorgebeugt, warf aber mit einem Ruck den Kopf in den
Nacken und schaute Hanka nachdenklich an.

Beneidenswerter, murmelte Hanka und suchte nach einem andern
Gesprchsstoff. Was macht Herr Specht? fragte er zgernd. Hren Sie
von ihm?

Arnold schwieg. Fr ihn war der Name Specht schon etwas Fernes und
Unwirkliches.

Er soll sich sehr mit diesem jdischen Mdchenraub befat haben, fuhr
Hanka fort, von Arnolds Schweigen sonderbar berhrt. Aber was ist nun
aus der Geschichte eigentlich geworden? Diese unglckliche Affre macht
ihre Verteidiger und ihre Anklger zuschanden.

Der Kaiser hat entschieden, antwortete Arnold mit einer leichten
Beunruhigung, die wie ein Hauch ber seine Mienen zog.

Von einer Entscheidung wei ich nichts, bemerkte Hanka kopfschttelnd.
Was knnte der Kaiser auch hier entscheiden. Ich wei ja nicht, mglich
ist alles.

Arnold lchelte besserwissend und erhob sich.

Hankas Gesicht war ermdet. Es war, als htte Nchternheit seinen vorher
so frischen Blick gebrochen. Er verabschiedete sich klter und fremder,
als er gekommen war.

Am Abend sa Arnold neben der Matratze der Mutter. Sie dachte an die
Liebkosung, die er ihr vor Stunden erwiesen hatte und beantwortete sie
jetzt im Geist. Whrend Ursula am Lagerende ihren Strumpf strickte und
der junge Assistent lesend bei der Lampe sa, schaute sie Arnold mit
unverwandten Blicken an. In ihren Adern fhlte sie den Tod, aber ihm
suchte sie, als wohne eine bermchtige Kraft der Beeinflussung in ihr,
den Glauben zu geben, da neues Leben fr sie anbreche. Und Arnold, auch
er kannte den Pfad, auf dem sie hoffnungslos schritt, und in seinem
Gesicht war die Lge der Hoffnung. So saen sie beisammen und tuschten
sich.

Die fremde Pflegerin war gekommen, hatte ihre Anweisungen erhalten, und
der Assistenzarzt war abgereist.

Arnold ging zu Elassers. Die Frau zeigte ihm einen mit kaum leserlichen
Buchstaben hingeschmierten Brief, den Jutta aus dem Kloster Tarnobrzeg
geschrieben. Es war ihr gelungen, das Papier einer Hndlerin zuzustecken
und diese hatte ihn gebracht. Der Brief war ein Notschrei.

Von Elasser hrte man nichts.

Als Arnold nach Hause kam und sich ans Bett der Mutter begab, verlangte
sie, man solle das Fenster ffnen, und sie blickte nun schrg hinauf
gegen den von flockigen Wolkengebilden bedeckten Tauwetterhimmel. Heute
war es, als schlsse sie sich strker als seit vielen Jahren an das
Leben an, als sei die Luft um sie her verdnnt und sie vermchte weit
hinter sich in einem wunderbaren Kranz von Ursache und Wirkung den Lauf
ihrer Tage zu verfolgen. Deshalb strahlten ihre Zge pltzlich Gte aus,
und Arnold schien sich aufgefordert zu reden. Aber was sollte er sagen?
Ich nehme teil an einem fremden Schicksal? Irgend etwas hat mich mit
hundert Krallen ergriffen, wovon ich nicht Rechenschaft zu geben vermag?
Wie htte er dies zu sagen vermocht? Wie htte er seine Unruhe zu
schildern vermocht, seine Bangnis um irgendwelche Nachricht, um
Klarheit, sein immer wieder erstickter Zorn, sein grblerisches Horchen?
Pltzlich ergriff die Mutter seine Hand, als habe sie seine wachsende
Drangsal verstanden. Es gibt ein Wort in der Bibel, das mut du dir
merken, Arnold, sagte sie. Es heit: Wer reiner Hnde ist, mehrt die
Kraft. Die Kranke wandte sich ab. Auf ihren Augenwimpern lag
Todesschatten. Als die Pflegerin das Fenster leise schlo, seufzte sie
tief.




Achtzehntes Kapitel


Am nchsten Morgen, die Luft war voller Taudnste und der Wind wehte von
Sden, trat Arnold pfeifend auf den Hof. Da sah er am Zaun die Gestalt
Elassers. Arnold erschrak. Langsam ging er nher. Elasser berhrte den
Schlapphut, machte einen halb widerwilligen, halb gewohnheitsmigen
Knix und indem er auf seinen Huckepack deutete, fragte er: Braucht die
Frau Mutter nichts?

Schon zurck, Elasser? fragte Arnold mit stockendem Herzen dagegen.

Der Jude nickte. Heut in der Nacht, sagte er. Sein Blick wurde finster
und er blies, um sie zu erwrmen, in die eine freie Hand.

Und Jutta? fragte Arnold von neuem, als vermchte dies eine Wort alle
brigen zu ersetzen.

Elasser zuckte die Achseln. Sie haben mir gesagt, der Herr Minister hat
mir gesagt, wollen Sie wissen, was? Er hat mir gesagt, so wahr Gott
lebt, der mir mein Leben verbittert, er hat gesagt: An den Mauern des
Klosters hat unsere Macht ein Ende. Das hat er zu mir gesagt, Herr. Mit
Besorgnis und Furcht sah Elasser auf Arnold, der leichenbla geworden
war; der Mund war geffnet, die Nase war ganz wei, die Lippen
zitterten, in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.

Der Jude duckte den Kopf und wollte sich zum Gehen wenden. Arnold trat
neben ihn hin, wodurch er ihn aufhielt. Er legte die Hand schwer auf die
Schulter des Hausierers und wiederholte nun mit einer unbeschreiblichen
Langsamkeit und einem entstellenden Gesichtsausdruck: An den Mauern des
Klosters -- hat es ein Ende?

Elasser vermochte nichts zu erwidern.

Das ist gesagt worden? fuhr Arnold in derselben versteinerten Weise
fort. Indessen fhlte er es in sich zittern und schaudern, sein Herz
schien brennend und sein Kopf kalt; auch vor den Augen lag Klte.

Jaja, nickte Elasser. Er war betrbt, aber auch khl und willenlos.

Ohne den Hausierer weiter zu beachten, wandte sich Arnold ab. Seine
Schritte wurden schneller, dann wieder langsamer, dann wieder schneller.
Ohne zu wissen wie, erreichte er den Wald, warf sich auf den nassen
Boden und legte Stirn und Augen auf die flache Hand. In der Flle des
unertrglichen, schmerzlichen Zorns bi er die Zhne ins Moos;
Tannennadeln gerieten ihm an den Gaumen, und sein Zahnfleisch blutete.
Ihm war bitter auf der Zunge, im Gehirn, im Hals, in den Augen, im
Herzen. Ja sogar die Muskeln seiner Arme krampften sich zusammen vor
Bitterkeit. Er stand wieder auf und wanderte fast laufend weiter. Sein
Anzug, sein Gesicht waren mit Kot und Schnee bedeckt.

Ist es mglich? dachte er und empfand wieder das schreckliche Zittern.
Er sah Gesichter vor sich, die er noch nie gesehen. Sie hatten einen
ernsten, grmlichen, harten und gleichgltigen Ausdruck. Gleichgltig
war ihnen das, was geschah und ihre trben Augen sahen leblos aus wie
Muscheln. Ein Bach flo ber den Weg. Auch im Wasser wimmelten
Gesichter, ja, Vorgnge voll Bosheit. Er kam zu einem Bauernhof, es war
weit weg von Podolin. Whrend er aus dem Gehlz trat, sah er, wie ein
Knecht eine weie Katze beim Schwanz hielt und heftig mit einem Prgel
auf das Tier einhieb. Schon zeigte sich Blut. Arnold lachte atemlos; er
sprang hinber (der Straengraben lag dazwischen), packte den Knecht bei
den Hften, warf ihn nieder, schlug mit der Faust in das brtige Gesicht
und schttelte den Mann voll Raserei, bis ein tiefes Aufatmen seine
Brust von einem schweren Druck frei machte. Der Knecht brllte, aber
niemand eilte ihm zu Hilfe, der Hof lag verdet. Still, sagte Arnold,
indem er den Mann bei den Haaren ergriff. Er lie ab. Der Knecht erhob
sich langsam auf ein Knie; er machte eine Bewegung der Wut, aber dann
blieb er tckisch gebckt an seinem Platz.

Arnold entfernte sich, ohne da der Gezchtigte sich rhrte. Er konnte
nicht verweilen. In seinen Fen steckte Ungeduld; seine Schlfen waren
hei wie von Weingenu. Eile, eile, schienen die Steine zu rufen. Eile!
mahnten die Wolken. Eile! sauste der Wind. Frech kam ihm sein Zgern
vor, denn er erschien sich beleidigt, malos bervorteilt. Alle schienen
zu leiden, die unsichtbar ihm nahelegten, zu eilen. Ach welch ein Zorn
ergriff ihn immer wieder mit neuer Gewalt! Wenn er stillstand, um
aufzuatmen, war es schon ein Frevel, und jede Pore seiner Haut war zum
selbstndig hrenden Ohr geworden.

Ist es eine Welt? dachte er; wo leb' ich denn? was geschieht denn? Ist
es erlaubt? Und neuerdings riefen die Steine, das Wasser, die Luft, die
Wolken: eile! Er frchtete zu spt zu kommen. Der Erste, dem er sagen
wrde, was vorgefallen, mute ja niederfallen, von Schande erdrckt und
Zhneknirschen mute seinen Mund fr jede Speise verschlieen. Sieh doch
an, was geschehen ist, wollte er ihm erzhlen. Aber dessen bedurfte es
gar nicht, wozu erzhlen? Ein Hinweis, ein Satz und es war genug. Keiner
wrde seine Stimme ruhen lassen, ein Geschrei wrde kommen, alle wrden
schreien: Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! sonst ist es nicht mglich zu
leben. Arnold, wrde die Mutter sagen, geh' hin und ruhe nicht, denn sie
knnen sonst nicht leben.

Alle hatten geschlafen wie er selbst; in ihren Gesichtern lag der
Schlummer: Hanka, der Pfarrer, Specht, Beate, Ursula, Borromeo, die
Knechte, die Podolinschen Leute. Er war froh, seinen Arm zu fhlen,
seine Krfte zu spren, seine Jugend und die Genugtuung, den Schlaf von
sich entfernt zu haben. Dann werden sie herankommen und lcheln und sie
werden sagen; weshalb hast du nicht frher, Arnold Ansorge, dich
eingefunden? Nun will ich wachsam sein, erwiderte er ihnen und begann zu
lcheln, indem sein Gesicht sich mit Rte bedeckte. Und er lchelte den
ganzen Weg nach Hause und als er ins Zimmer trat, sah er Ursula weinend
an der Tre stehen, auch die Pflegerin weinte, und oben am Lager der
Mutter stand unbeweglich der Pfarrer.

Arnold ging langsam nher. Sie ist tot, dachte er; weder Schrecken, noch
Trauer ergriff ihn. Lchelnd fate er die Hand der Gestorbenen mit einem
Ausdruck des Versprechens, einem Ausdruck der Ruhe. Als Ursula ihn
ansah, schrie sie laut auf und lief aus dem Zimmer. Sie ist tot, sagte
der geistliche Herr mit scharfer Stimme. Arnold nickte lchelnd zu ihm
auf.

Der Pfarrer wich zurck, steckte sein Buch in die Tasche, murmelte vor
sich hin, sah sich murmelnd um und verlie das Zimmer. Die Pflegerin ri
mit eiligen Gebrden ihren Mantel von der Wand und folgte dem Pfarrer.
Als es still um Arnold war, begann wieder das formlose Wallen in seiner
Seele. Er wanderte in dem engen Zimmer auf und ab. Tre und Fenster
waren weit geffnet, keine Menschenseele war nah, alle hatten sich
entfernt und geflchtet wie vor einem bsen Geist. Die Dmmerung war
schon gekommen; der Himmel, reingefegt von Wolken, frbte sich langsam
vom aufsteigenden Mond. Die Lfte und Winde ruhten. Eine Magd, dieselbe
die im Flur gestanden war und geweint hatte, schlich am Fenster vorbei,
whrend die Grtnersfrau und Ursula von fern lauschten. Als die Spionin
Arnold mit sich selber sprechen hrte, glaubte sie, er fhre eine
Unterhaltung mit der Toten und schwindelnd vor Schrecken lief sie davon.
Ursula hatte schon am Morgen dem Doktor Borromeo Nachricht gegeben;
Arnolds Ausbleiben hatte sie zu selbstndiger Handlung getrieben, jede
Stunde erwartete sie Erlsung von ihrer Angst.




Neunzehntes Kapitel


Der Mond beschien den Leichnam, der schon seit dem Mittag gewaschen und
hergerichtet war. Ursula und die Pflegerin saen im Grtnerhaus; auch
die Pflegerin wartete auf die Ankunft Borromeos und auf ihre Entlohnung.
Spt abends nahm Ursula vier Kerzen, die sie im Dorf gekauft,
berschritt Garten und Hof, trat ins Sterbezimmer und sah Arnold am
Fenster sitzen, zwanglos angelehnt, die Arme leicht ber die Brust
verschrnkt. Ursula schaffte vier Leuchter herbei, und bald brannten die
Kerzen an den vier Enden des Lagers. Arnold sah ruhig zu und lie sie
gewhren, auch dann, als sie, auf einem Schemel hockend, sich
anschickte, die Nacht bei der Herrin zu verbringen. Nach kurzer Zeit
begann sie indes zu schlafen.

Viele Stunden waren vorbei, es mochte gegen vier Uhr morgens sein, als
das Rdergerassel eines Wagens laut wurde. Ursula erwachte, sprang
empor, ein Gebet flsternd, und als sie fertig war, trat Friedrich
Borromeo ein. Zum drittenmal seit wenig Monaten; er war schon
vorbereitet auf den Anblick einer Toten. Trotzdem, als er am Bett der
Schwester stand, schluchzte er trocken vor sich hin.

Arnold, den die Dunkelheit ohnedies verborgen hatte, verlie zartsinnig
das Zimmer. Der Mond stand tief und gelbrot am Himmel. Nebel zogen ber
die Ebene. Nicht lange vermochte er drauen zu bleiben. Er ging zu
Ursula, die in der Kche Kaffee kochte und bat, ihm im Lauf des
Vormittags seine Wsche und was sonst zur Reise und langen Abwesenheit
ntig, zu richten und einzupacken. Vor Erstaunen vermochte sich die Alte
nicht zu rhren.

Borromeo folgte Arnold alsbald. Er reichte ihm die Hand und wandte dann
in geheimnisvoller Verlegenheit und Ablenkung die Augen wie Arnold gegen
das flackernde Herdfeuer. Das Schweigen wurde durch Ursula unterbrochen.
Auf Arnold zugehend, fragte sie heftig: Zum Begrbnis wirst du doch
bleiben? Packen, was soll das heien? Wo hinaus denn so geschwind?

Borromeo hrte betroffen zu. Nach einer Pause fragte er sanft: Meint
sie dich, Arnold? Willst du denn fort?

Mit einer beredten und lebhaften Gebrde sagte Arnold: Ja. Ich will
fort. Mu fort. Bald, sobald wie mglich. Gleich nach dem Begrbnis. Man
mu einen Verwalter mieten.

Willst du mir das nicht erklren? fragte Borromeo matt.

Beide Mnner gingen in die anstoende Kammer. Borromeo schritt voran und
trug das Petroleumlmpchen. Wieder hatte ihn jene dstere Verlegenheit
erfat.

Zuerst will ich wissen, wie viel Geld ich besitze, dann das andere,
begann Arnold.

Borromeo senkte die Augen. Seine Stirn bedeckte sich mit Unmut. Du hast
ungefhr siebenhundertsiebzigtausend Gulden in sehr guten Wertpapieren,
entgegnete er kalt. Die Verzinsung ist nicht bermig hoch, aber die
Anlage ist sicher. Ich darf dich vielleicht darauf aufmerksam machen,
fuhr er mit bureaukratischer Gelassenheit fort, da ich bis zu deinem
vierundzwanzigsten Lebensjahr dein Vormund bin und nach unsern Gesetzen
ist es mir nicht nur gestattet, sondern ich bin auch verpflichtet, deine
Schritte zu berwachen und dein Vermgen zu verwalten.

Arnolds Gesicht wurde dunkelrot. Kannst du mich abhalten zu tun, was
ich mu? fragte er.

Wie unerquicklich, dachte Borromeo. Er glaubte sich auf Kampf gefat
machen zu sollen. Das erbitterte ihn. Was hast du vor? fragte er
gedehnt und widerwillig.

Die Sache ist die, begann Arnold. Elasser, der Jude, bekommt seine
Tochter nicht. Sie haben sie ins Kloster gesteckt, das wirst du wissen.
Er hat alles mgliche schon versucht und kann nicht zu seinem Recht
kommen. Das ist doch schndlich. Ich htte nie geglaubt, da so etwas
Schndliches passieren kann. Wie geht das zu, ein unschuldiges Mdchen
wird den Eltern geraubt, Kloster hin oder her, Raub ist Raub, und der
Staat, das Land, der Kaiser, die Minister, keiner will etwas dagegen
tun! Der Kaiser selbst hat es ja versprochen, und doch, es geschieht
nichts. Kann man denn leben ohne Gerechtigkeit? Kannst _du_ leben ohne
Gerechtigkeit? Deswegen will ich also zunchst nach Wien. Ich hab' hier
keine Ruhe mehr. Hier wei man ja nichts, hier erfhrt man nichts. Ich
will einmal sehen, wie das zugeht bei euch. Ich werde den Kerlen schon
Beine machen. Der Jude soll sein Kind wieder haben oder mich soll der
Teufel holen.

Mit wachsendem Erstaunen hatte Borromeo zugehrt. Eine Art Rhrung
erfate ihn, die aber gleich wieder verdrngt wurde von einem dumpfen
Mitrauen gegen diesen Idealismus, wie er es innerlich nannte, und den
glubig hinzunehmen, sich gleichsam alle Erfahrungen seines Lebens
strubten.

Grnde gegen dieses kindliche Unterfangen waren natrlich leicht zu
finden. Aber Borromeo schmte sich pltzlich seiner Grnde. Lassen wir
es heute, sagte er, winkte mit der Hand ab und ging hinaus.

Kaum war der Morgen angebrochen, als sich Arnold auf den Weg zur
Elasserschen Wohnung machte. Nicht mehr mit Bedrcktheit und einem
Gefhl leerer Erwartung wie frher trat er in den wohlbekannten Flur.

Geschrei und Gekeife schallte ihm in die Ohren. Mitten im Zimmer standen
Elasser, die Frau und ein Bauer. Der lteste Knabe zog sich gleichmtig
fr die Schule an, und Elasser und sein Weib zankten unermdlich auf den
Bauer ein, der ein Stck Leinwand nicht mit dem verlangten Preis
bezahlen wollte. Der Bauer fluchte und lachte. Elasser war hhnisch,
kratzte sich in den Haaren, befhlte den Stoff und rang die Hnde.

Arnold stand im Schatten vor der Schwelle. Niemand achtete auf ihn.
Nachdem er eine Weile zugehrt, wandte er sich nachdenklich ab, um zu
gehen. Eines der kleinen, halbangezogenen Mdchen huschte an ihm vorbei
zum Hauseingang und stie dort einen Schrei aus, als ein grauer
Metzgerhund vom Ufer herauftrabte und mit hngender Zunge und dster
glotzenden Augen vor dem Kind stehen blieb, das zusammenschauderte und
sich nicht mehr rhrte. In einer wunderbaren Regung hob Arnold das
Mdchen auf den Arm. Er legte ihm mit einem Ausdruck der Beteuerung die
Hand auf die Stirn. Dann verjagte er den Hund und setzte seinen Weg
fort.




Zwanzigstes Kapitel


Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche hatte Alexander Hanka seine Reise
verschoben. Er sagte sich mit Befriedigung, da ihn das Landleben, die
Stille und Gleichmigkeit der Tage festhalte. Aber htte ein Geist wie
der seine, ewig nach den leeren Aufregungen der Gesellschaft lechzend
und sie zugleich verachtend, dies frher ertragen? sich frher so
sorglos zwischen diesen nichtssagenden Beschftigungen, diesen
ereignislosen Wintertagen eingebettet? Bisweilen schttelte er ber sich
selbst den Kopf, aber wie jemand, der ein sonst miachtetes Gut nun mit
Leidenschaft umklammert. Agnes war glcklich. Beate hatte sich mit der
neuen Gesellschaft zurechtgefunden und wenn auch Hanka in ihren Augen
eine komische Figur war, versagte ihr eingeborener Sprsinn ihm nicht
die Titel eines gescheiten Menschen und aufrichtigen Freundes. Auch war
sie zahm gestimmt, seit der junge Bauer einer andern das Herz zugewandt
hatte. Fruchtlos war sie hinbergegangen, hatte geweint, gedroht,
gerast. Das alles ging frmlich im Dunkel vor sich, abgewandt vor den
Augen, die sie liebevoll verfolgten. Endlich schmte sie sich, zuerst
aus Verzweiflung und weil sie anders sich nicht helfen konnte, um sich
selbst noch zu achten; dann war es die wirkliche Scham, die ins Fleisch
schnitt und das Blut vergiftete. Sie wlzte sich auf dem Boden ihrer
Kammer und heulte in sich hinein. Dann kam sie wieder herab ins
Wohnzimmer, bla und lchelnd, sa neben Hanka, spielte ein harmloses
Kartenspiel mit ihm, wrmte sich an seiner Nachsicht, schmiedete dabei
ihre schlauen Plne, schien sanfter, ergebener, mitteilsamer und
launenloser als frher.

Von seinen Freunden in der Stadt hrte Hanka wenig. Auerhalb ihres
Kreises lebend, war er gleich dem Spieler, der den Einsatz versumt hat.
Nur Natalie Osterburg schrieb ihm. Neugierde verschlang sie, alles zu
wissen, was mit dem Fall Elasser zusammenhing. In den Gesellschaften
spreche man von nichts anderm, und er solle doch umgehend schreiben, wie
diese berhmte Jutta aussehe, wie sie sich benehme, sich kleide, welche
Farbe ihre Augen htten und so weiter. So geschwind wie mglich msse
sie das wissen, schon um den Neid zu genieen, mit dem dann ihre
geheimnisvolle Wissenschaft beehrt werden wrde. Da er, Hanka, an der
Quelle der Ereignisse sitze, brauche er sich ja nur zu bcken und
aufzuheben, was ihr so kostbar sei. Im brigen mchte er nicht mehr
lange mit der Rckreise zgern, da sie frische Ananas aus Hamburg
erhalten habe.

Natalie, wie sie leibt und lebt, dachte Hanka amsiert, ohne sich im
geringsten zu beeilen, seiner reizenden Freundin zu antworten.

Mit Lesen, Spazierengehen, Essen und Schlafen verbrachte er die Zeit,
und all dies hatte in seinen Augen einen Anstrich von Stumpfsinn und von
Philosophie. Er trug sich mit der Absicht, eine Schrift ber die
Einsamkeit zu verfassen, aber er verzichtete bald darauf. Ein guter
Gedanke ist kurz und reicht fr drei Zeilen, sagte er sich; ihn breit zu
quetschen wie einen Kuchenteig, ist weder ehrenhaft noch unterhaltend.
Er empfand Widerwillen und Furcht vor der Arbeit. In ihm war ein
starker, klarer Strom von Erkenntnis, aber ein trbes, dnnes Flchen
von Tatkraft. Seine Gewohnheiten konnten ihm zugleich verhat und
unentbehrlich sein, und der halb unfreiwillige Aufenthalt in Podolin,
weit entfernt, ihm die Segnungen der Stille, Sammlung und
Abgeschiedenheit zu bringen, hatte etwas Zerstrendes fr ihn. Seine
nach Ablenkung hungrigen Blicke sahen sich auf ein schwankendes Bild
gewiesen, auf dem sie mit jedem Tag fester ruhten. Er dachte an Beate,
an nichts anderes als an Beate.

Drei Wege gibt es, sinnierte er; entweder ich gehe fort und lasse mich
nicht wieder sehen; oder sie wird meine Geliebte; oder ich heirate sie.
Das erste habe ich schon einmal erfolglos versucht; schon damals hatte
mich der Teufel beim Frack. Das zweite ist ja fr mich ganz angenehm.
Doch mit der Ahnungslosigkeit ein Geschft machen, gehrt nicht gerade
zu den sympathischen Dingen. Allerdings, ein natrlicher Geist wird sich
in das natrlichste Verhltnis zu finden wissen, aber hab' ich darum mit
vierundzwanzig Jahren Vorsehung gespielt, um mich jetzt selbst zu
verlassen wie jemand, der ein erworbenes Vermgen pltzlich zum Fenster
hinauswirft? Ich kann sie gegen Armut schtzen, allein was ist mit Geld
gegen den bsen Willen der Gesellschaft auszurichten? Bleibt also das
Schlimmste von allen, sie zu heiraten. Eine Promesse auf Sicherheit,
systematischer Freiheitsraub, gewohnheitsmiges Beisammensein und
Langeweile zu zweien. Das Gepck des Lebens wchst wie im Sommer bei der
Eisenbahn; nach dem Jahr der Liebe kommen die Jahre der Pflichten. Es
ist wie mit den Schaumtrtchen in der Konditorei; je besser sie sind, je
sicherer verderben sie den Magen. Und gesetzt den Fall, ich htte
Nachkommenschaft zu erwarten. Habe ich die Talente eines Erziehers, die
Geduld eines Lehrers, die Eigenschaften eines Vorbilds? Ich habe kein
Verstndnis fr Kinder und wre ein erbrmlicher Vater. Dem veralteten
Institut der Ehe neue Glorie zu verschaffen, ist mir also jedenfalls
versagt. Wie ist es aber sonst beschaffen, mit der Liebe etwa? Liebt
Beate mich? Ein Gedanke von hervorragender Komik. Ich sie? Seit mich auf
dem Gymnasium meine Mietsfrau in Begeisterung versetzte, wei ich von
solchen reflektorischen Nervenreizen nichts mehr. Summa: wie man es auch
betrachtet, nichts Haltbares bleibt; Spinnefden, die durch die Sonne
ziehen.

Damit beendigte Alexander Hanka seine ernsthaften berlegungen. Aber das
Zimmer und das Haus waren ihm zu eng geworden und er begab sich ins
Freie, trotzdem schon finstere Nacht angebrochen war. Er vermochte kaum
den Weg zu erkennen, der ihn von den Feldern schied. Der Himmel, kaum
wahrnehmbar, glich einem tiefverdunkelten Milchglas, und die brige
Welt lag schwarz wie Kohle. Um es in seinem Innern hell werden zu
lassen, dazu war Hanka die uere Nacht sehr willkommen. Aber wie
ehrlich er sich auch bemhte, Klarheit fand sich nicht.

Am andern Morgen trat er mit einem militrisch ausholenden Schritt vor
Agnes hin, als er sie allein sah. Was wrdest du sagen, fing er ohne
Umstnde an, den Mund ihrem Ohr nahe, wenn ich Beate heiraten wrde?

In groer Bestrzung ri Agnes die blauen Augen auf. Hanka saugte
verlegen und krampfhaft an seiner Zigarre, sah sich sphend um, ri
pltzlich ein leeres Blatt Papier aus seinem Notizbuch und schrieb in
hastigen Zgen: Du mut gestehen, da es nicht bermig vernnftig
wre. Heiraten ist in jedem Falle eine Dummheit, zugegeben, aber ich
habe mich wenigstens auf diese Dummheit gut vorbereitet. Ad zwei: fr
mich ist die Ehe etwas wie eine Heilkur. Ich bin nicht verliebt, was ja
an sich ziemlich traurig, aber fr das ganze Unternehmen von Vorteil
ist. Was mich besonders anzieht, kannst du dir denken.

Agnes las langsam mit, indem sie ihre Schulter an den linken Arm Hankas
lehnte. Nun? fragte sie, naiv und ergeben zu ihm emporblickend, als
seine Hand zgerte.

Er zuckte die Achseln und knllte das Blatt zusammen.

Du mut es selber am besten wissen, Alexander, sagte Agnes, indem auf
einmal ihre Augen feucht wurden. Sie senkte verwirrt die Lider und
machte sich nachdenklich an ihre huslichen Arbeiten. Hanka nahm,
unzufrieden mit sich, ein Buch, um zu lesen. Es ist unmglich, sich
jemand zum Freund oder zur Gattin zu zchten, dachte er und spuckte
verchtlich durchs Fenster in den Garten, den die Sonne durchflutete;
aber erst die Ereignisse charakterisieren eine Handlung, und ich will
mich nicht selbst verraten, weil es mir einmal geglckt war, Idealist zu
sein.

Als Beate ins Zimmer trat, schritt er ein paarmal auf und ab, dann
wandte er sich pltzlich mit einer erzwungen pfiffigen und berlegenen
Miene zu ihr. Was wrdest du sagen, Beate, begann er mit derselben
hlzernen Phrase, mit der er Agnes angeredet und in einer enorm tiefen
Stimmlage, was wrdest du sagen, wenn ich dir einen Heiratsantrag
machen wrde? Er sah verrgert aus und Runzeln erschienen auf seiner
Stirn. Und da Beate unbeweglich vor sich hinsah und endlich mit
langsamen Schritten das Zimmer verlie, sank er in ein tiefes Nachdenken
und pfiff leise, ohne die Blicke vom Boden zu erheben. Es mochte eine
Stunde spter sein, als ihm das junge Mdchen am Hauseingang begegnete.
Sie erhob im Vorbeigehen den Kopf und sagte mit listigem Lcheln: Ja.
Hanka durcheilte klopfenden Herzens den Garten.

Die Nachricht von Frau Ansorges Tod war schon am Morgen zu Hankas
gelangt. Alexander Hanka hatte sich gegen den blichen Teilnahmsbesuch
erklrt. Am folgenden Tag war das Begrbnis und dorthin beschlo Hanka
zu gehen. Der Kirchhof lag hoch auf dem Hgel. Trotz des klaren
Nachmittag-Himmels herrschte ein sturmartiger Wind. Die Grber waren
noch mit Schneeresten bestreut, die wie Blumen durch Zweig und Erde
lugten. Hanka hielt sich abseits. Mit einer Mischung von Staunen und
Unglubigkeit beobachtete er Arnold, der neben dem Grab stand und mit
einer wunderlichen Ruhe in das viereckige Loch blickte, als der Sarg
hinabgelassen wurde. Alle sahen auf ihn, selbst der Pfarrer stotterte in
seiner formelhaften Rede, brach pltzlich erregt ab und entfernte sich.
Ursula weinte, aber lauter klang der Schrei einer Krhe, die ber die
Kpfe flog. Borromeos bleiches Gesicht ber dem dunklen Bart wurde noch
bleicher. Auch er hatte die Augen auf Arnold gerichtet, jedoch ohne
Unwillen, ohne Vorwurf.

Zu Hause betrieb Hanka seine Vorbereitungen zur Reise, denn nun galt es,
die Zeit zu nutzen. Er htte sich an diesem Abend eine leichtere
Stimmung gewnscht. Frh am Morgen fuhr der Wagen vor, der ihn zur
Station bringen sollte. Nach anderthalb Stunden stand er auf dem Bahnhof
und sah Doktor Borromeo und Arnold, beide reisefertig, beide gleich ihm
den Zug erwartend. Hanka grte mit der ihm eigenen ernsten
Verbindlichkeit, nherte sich aber nicht, sondern schritt in der
holzgedeckten Halle auf und ab. Es war ein wunderschner Tag; die Luft
war still, die Erde hauchte feuchten Duft aus. Weithin schimmerten die
Gleise in der Sonne und verloren sich in den graublauen Waldzgen der
Ebene.




Natalie


Einundzwanzigstes Kapitel


Borromeo hatte Arnold in seinem Hause Wohnung angeboten, er hatte
erklrt, da der obere Halbstock vllig leer stehe und da Arnold ber
drei Zimmer ungestrt verfgen knne. Arnold hatte eingewilligt.

Schweigend und unablssig beriet Borromeo mit sich selbst. Arnolds Nhe
erregte ihn und spannte ihn ab. Der Anblick dieser gesammelten Zge,
dieses festen und frischen Blicks machte ihn furchtsam und wortkarg.
Lngst entherzigt, lngst hohl gesogen, kmpfte Borromeo einen
bestndigen stillen Kampf mit den Affekten anderer Menschen.

Am Nachmittag kamen sie in Wien an und fuhren im offenen Wagen vom
Bahnhof weg. Als Arnold zum erstenmal die Straen der Stadt gewahrte und
die Flut der Getse in seine Ohren drang, wurde er ganz bestrzt.
Schreien, Johlen, Schimpfen, Befehlen erschallte. Es klopfte, knallte,
polterte, rasselte und drhnte; Wagen fuhren, Karren knatterten,
Glckchen klimperten; es zischte, stampfte, chzte, heulte, hmmerte und
knisterte. Menschen liefen, die heftig mit den Armen schlenkerten;
andere, denen Schwei auf der Haut glnzte; andere, deren
Gesichtsmuskeln krampfhaft verzerrt waren; andere, die wie im Wahnsinn
stierten und weder rechts noch links schauten; andere, die in vornehmen
Kutschen lehnten und deren Mienen frmlich gelhmt waren; andere, die
lachten und schwatzten, indem sie doch einen schmerzhaften und
angestrengten Zug behielten. Die Luft war dick von Staub. Die langen
Reihen gleichmiger Huser zeigten zahllose Fenster; anders sah hier
der Himmel aus, anders die Wolken, anders schien die Sonne. An den
Mauern hingen buntfarbige Fetzen, worauf in der seltsamsten Weise
Seifen, Weine, Ewaren, Zeitungen, Mbel, Konzerte, Kleider, Heilmittel
und Kunstwerke angepriesen wurden. Hunde liefen unruhvoll herum,
Soldaten marschierten stumpfsinnig, Bier-, Speisen- und Ladengerche
zogen aus den Husern, krppelhafte Bumchen erhoben sich hinter
prachtvollen Gittern, alles war in Bewegung, in Hast, als ob es hier
keinen Schlaf, keine Nacht, keine Ruhe, kein Besinnen gbe.

Bald war das Borromeosche Haus erreicht. Es war ein altes Gebude, das
in einer engen, finstern, gewundenen Gasse der innern Stadt lag. Ein
Diener kam, um das Reisegepck in Empfang zu nehmen. Borromeo fhrte
Arnold sogleich in das obere Stockwerk, das ihm zur Wohnung dienen
sollte. Die Zimmer waren hoch und still. Borromeo erklrte, da in
frheren Jahren der Bruder seiner verstorbenen Frau hier gewohnt, ein
Mann, der sich in den Studentenjahren durch Trinken und Weiber ruiniert
habe. Inmitten seines knappen Berichts brach Borromeo ab und wandte den
Blick langsam zur Tr, durch welche seine Frau eintrat. Sie war von
geradezu frstlicher Erscheinung. Ihr Gesicht war bleich, ihre Lippen,
um die ein entgegenkommendes und gleichsam strahlendes Lcheln lag,
waren brennend rot. Fast von demselben Rot waren die Haare, die in der
reichsten Flle zu einer Krone frisiert waren. Jeder Schritt der Frau
war mit einem Rauschen verbunden, welches fr Arnold etwas
auerordentlich Rtselhaftes hatte. Mit einem neugierigen und staunenden
Gesicht wandte er sich der Dame zu und er versprte einen beunruhigenden
Wohlgeruch im Zimmer.

Pardon, meine Herren, ich dachte nicht zu stren, sagte Frau Borromeo.
Das ist also der Neffe, fuhr sie fort, trat rauschend nher, streckte
Arnold die Hand entgegen und lchelte: sorglos, mtterlich, voll
Teilnahme, etwas spttisch, -- alles zu gleicher Zeit mit einer
unbeschreiblichen Mischung von Belebtheit und Ruhe. Indem sie eintrat,
so schien es, hatte sie alles zu ihrem Eigentum gemacht, die Wnde, die
Mbel, das Licht, die Luft und die beiden Mnner. Arnold verga, ihre
Hand zu ergreifen. Sie lachte, schttelte den Kopf und fragte Borromeo,
ob er zum Tee komme. Als er verneinte, erwiderte sie, er mge ihr Arnold
berlassen, der doch von der Reise ausgehungert sein werde. Ich warte
schon mit Ungeduld auf Sie -- oder auf dich, sagte sie zu Arnold. Ich
war auf eine Art von Waldmenschen gefat und bin es noch. Natrlich im
edelsten Sinn. Aber damit wollen wir jetzt keine Zeit verlieren. Hier
la ich unterdes alles instand setzen; ich habe ja erst heute frh
erfahren -- Kommen Sie, ... komm, Arnold.

All das wurde mit vollendeter Betonung gesprochen, mit einem Wechsel des
Ausdrucks, dem sich jedes Wort anschmiegte wie dem Krper ein musterhaft
gefertigtes Kleid. Arnold folgte der Hausfrau in den Korridor, dann ein
Stockwerk tiefer und trat hinter ihr in ein groes, lichtes Zimmer. An
einem mit Tassen, Glsern, Silbergeschirr, Blumen und Ewaren bedeckten
Tisch saen plaudernd drei Personen, ein junges Mdchen, welches von
Frau Borromeo als Petra Knig vorgestellt wurde, ein alter Herr mit
einem kropfartig verdickten Hals, Baron Drusius, und ein junger,
blonder, blasser Mann namens Hyrtl, der durch eine fast puppenhafte
Sorgfalt seines Anzugs auffiel. Dieser Mann blickte sofort wie geblendet
auf Arnolds graue Joppe, auf seinen altmodischen Kragen, auf seine
schweren, groen Stiefel und ein humoristisches Lcheln umzuckte die
farblosen Lippen.

Nun haben wir unsern Waldmenschen glcklich hier, sagte Frau Borromeo,
indem sie spttisch lchelte, als belustigte sie die Verwunderung ihrer
Gste. Ich erzhlte Ihnen ja von ihm, wandte sie sich zu Hyrtl.

Baron Drusius knackte mit den Fingern und fragte mit einer Teilnahme,
die Arnold unerklrlich war: Sie sind Landwirt?

Bis jetzt war er Landwirt, fiel Anna Borromeo ein.

Hyrtl, der den Ankmmling fr dumm und blde hielt, starrte Arnold mit
einer Miene an, die immer humorvoller wurde. Seine Lippen zuckten von
verhaltenem Witz. Er bemhte sich vergeblich, zu ergrnden, weshalb Anna
Borromeo den merkwrdigen Menschen in ihren Salon gefhrt und gab
schlielich ihrer Sucht nach berraschungen die Schuld.

Sie sind wohl geschftlich in der Stadt? fragte der unermdliche
Drusius wieder, der Frau Borromeo einen Gefallen zu erweisen glaubte,
wenn er sich mit dem stummen Gast beschftigte.

Seine Mutter ist gestorben, bemerkte Anna Borromeo abermals an
Arnolds Stelle. Es war, als frchte sie Arnolds Antwort. Sie schenkte
Petra Knig Tee ein, und eine senkrechte Falte zeigte sich zwischen
ihren Brauen. Wie geht es eigentlich Ihrer Schwester Natalie? fragte
sie das junge Mdchen.

Gut, entgegnete Frulein Petra mit verdecktem Blick und mit jenem
nachsichtigen Spott, der nur in ihrem Gesicht lag, wenn von Natalie
gesprochen wurde.

Ein ganz kstliches Weibchen, meinte Drusius und schnalzte mit der
Zunge. Ein Rokoko-Figrchen, ein Sprhgeist. Fr dieses Frauchen knnte
ich eine Heldentat verrichten.

Hyrtl sah gelangweilt aus. Seine Augen ruhten schwermtig-messend auf
Anna Borromeo.

Wie stehen die Montan-Papiere? fragte ihn Frau Anna lchelnd und
tippte mit der Fingerspitze eine Brotkrume von ihrem Kleid.

Schlecht, antwortete Hyrtl. Wir knnen uns auf einen groen
Brsenkrach gefat machen. Er legte den Knchel des einen Beines auf
das Knie des andern, schob die Hose ein wenig hinauf, so da ber den
Lackstiefeln ein Stck des violett-seidenen Strumpfes sichtbar wurde,
zog mit leichter Gebrde eine goldene Zigarettendose aus der Tasche und
fragte mit Hflichkeit die Wirtin, ob er rauchen drfe. Er blickte dabei
Frau Borromeo tief und traurig in die Augen, so da Arnold sehr erstaunt
war, als er die Worte vernahm, die diesen Blick begleiteten. Zugleich
sah er, da Petra Knigs Blicke auf ihn selbst gerichtet waren, da sie
die Augen, die einen wrmeren, ruhigeren Glanz angenommen hatten,
erschreckt wieder abwandte und mit leerem Lcheln nach einer Bckerei
auf der silbernen Schale griff.

Arnold musterte das Zimmer, die Tapeten, die Teppiche, die Bilder und
hrte mehr und mehr erstaunt der schnell von einem Gegenstand zum andern
schweifenden Unterhaltung zu. Als er den Tee, dem er sehr viel Milch
zugegossen, ausgetrunken hatte, erhob er sich, stellte seinen Stuhl nahe
vor den Tisch, dankte und fgte hinzu: Jetzt will ich mich waschen.
Damit verlie er den Salon mit unbefangenem Gesicht.

Zuerst entstand ein peinliches Schweigen. Dann lchelte Anna Borromeo,
darauf lchelte auch Emerich Hyrtl und stemmte die Arme auf die Hften.
Es lchelten auch Drusius und Petra Knig. Dann blies Hyrtl die Backen
auf und verfiel in einen wahren Lachkrampf, aus dem er schlielich die
Beteuerung hervorchzte, er habe sich nie so gttlich unterhalten. Anna
Borromeo drohte ihm scherzhaft mit dem Finger.




Zweiundzwanzigstes Kapitel


Arnold suchte die ihm zugewiesenen Zimmer auf. Im Vorraum seiner Wohnung
stand der Diener und sagte, er erwarte die Befehle des jungen Herrn.
Was fr Befehle? fragte Arnold und blieb stehen. Der Diener lchelte
und blickte Arnold aufmerksam an. Gehn Sie nur, sagte Arnold und
wartete, bis der Mann die Tre geschlossen hatte. Welch ein sonderbarer
Aufenthalt, dachte er, als er durch die Zimmer ging und die kostbaren
Tapeten besah, die schweren Vorhnge, die Bilder, Vasen, Teppiche, Mbel
und Bcher. Er ri das Fenster auf, und es wurde ein wenig heller und
frischer. Die Gasse war eng. Er schaute hinab und erstaunte ber die
Hhe, erstaunte ber die Nhe der gegenberliegenden Huser und ihre
endlosen Reihen von Fenstern, die alle geschlossen waren. Er schaute
empor und sah nur ein geringes Stck des abendlich verdmmernden
Himmels. Ein Flug Vgel zog mit Kreischen geschwind ber die Dcher.

Whrend dieser Beobachtungen sprte er groen Hunger. Er berlegte nicht
lange, nahm den Hut, verlie seine Wohnung, eilte auf die Strae und
suchte das nchste Wirtshaus. Bald fand er eine kleine Kutscherkneipe,
bestellte Wein, Wurst und Kse und a mit Appetit. Viele Mnner saen in
dem raucherfllten Raum, schimpften, politisierten, schrien, lachten und
spielten. Als Arnold satt war, bezahlte er und ging. Er beschlo, einen
Spaziergang durch die Straen zu unternehmen, aber vorsichtig, wie er
war, kehrte er zuerst zurck und prgte genau die Gasse und das
Borromeosche Haus seinem Gedchtnis ein. Kaum hatte er dies stille
Seitental verlassen, als er im Nu in einen eilenden Menschenstrom
geriet. Die Abend-Dunkelheit wurde durch das blendende Licht aus den
hohen, weien Lampen gnzlich zerstreut. Aus allen Lden, aus jedem
Fenster der schnen Palste drang Licht, und die Nacht ber den Dchern
war wie eine feste Decke. Als Arnold sich inmitten der unabsehbaren,
bestndig sich erneuernden Menge befand, glaubte er zuerst, das
Gerusch, das zu ihm flo, sei ein gleichmiges, ngstliches Raunen.
Denn es war nicht laut und nicht leise; es war weder Reden noch
Schreien. Oft klang es wie minutenlang hintereinander ausgehauchte tiefe
Seufzer, oft wie fernes Gelchter; nichts hielt Stand, alles rauschte
gleich einem schwerflssigen Wasser dahin. Arnold ging dicht an der
Seite der Huser und kam nur langsam vorwrts. Er ermdete nicht,
Gesichter zu betrachten; er wurde nicht satt, den Ausdruck der Augen zu
erhaschen. Einer blickte vorsichtig und sphend vor sich hin, einer
redete gereizt, einer ging mde. Jeder schien eine Maske zu tragen und
zwischen unsichtbaren Wnden zu gehen.

Verwirrt, ratlos, wie in einem Rausch, blickte Arnold vor sich hin.
Seine Stimme erschien ihm klein, seine Schritte zu kurz, seine Arme
machtlos, seine Verstellungen kindlich. Er sah Menschen, Menschen, immer
neue Menschen. Doch kein Gesicht war festzuhalten, alle Gesichter
verschwammen im Nebel. Ungewhnlich erregt verlie er die taghellen
Straen und kam in sprlicher beleuchtete, in welchen sein eigener
Schatten matt mit dem Dunkel zusammenflo, und immer wieder auftauchte,
wenn er unter der gelben Flamme einer Gaslampe vorberging. Er dachte
nicht mehr an Zweck und Ursache des Weges; mit umfangenen Augen und
sonderbar gelhmten Gedanken ging er dahin. Was er sah, schien ihm
unglaubhaft, unbegrndet und widersinnig. Warum stand Haus an Haus so
enggepret, da jedem einzelnen der Atem zu fehlen schien? An der Ecke
blieb Arnold stehen und blickte erstaunt die unbewegliche Reihe der
Laternen entlang. Ihn lockte es, das Ende kennen zu lernen, und ohne den
Gedanken an Rckkehr folgte er der Flucht jeder Gasse und Strae und
glaubte bei jedem neuen Anfang, nun msse sich bald der Wald ffnen oder
das Wiesenland dehnen. Aber jedesmal wurde diese Erwartung zerstrt und
sein Erstaunen wurde grer und dumpfer, insbesondere durch die
Wahrnehmung, da die endlosen Husermassen ihn nicht nur in der Richtung
seines Weges begleiteten, sondern auch nach allen Seiten hin
ausstrmten. Er betrachtete die Aushngeschilder von Krmern,
Wirtshusern und den zahllosen Geschften, in denen er zufriedene und
glckliche Menschen vermutete, getuscht durch den Lichterglanz und die
Buntheit der Auslagen. Er blieb vor den erleuchteten Fenstern der
Kaffeehuser stehen und blickte ratlos hinein, da ihm ihr Inneres wie zu
einem Feste geschmckt vorkam. Er sah mchtige Gebude, die einem
unbekannten feierlichen Zweck dienen muten, Kirchen, deren eherne Tore
geschlossen waren, und von deren Trmen dennoch Glockengelute erklang.
berall hatte er den Eindruck der Ruhe, der Ordnung und der
Gerechtigkeit und hundertmal schttelte er ber sich selbst den Kopf und
war unzufrieden, ohne zu wissen warum. Noch nie hatte er solch ein
Gefhl lustloser Ermdung gesprt. Doch er setzte seinen Weg fort und
kam in eine de Vorstadt mit ausgestorbenen Gassen. Hier wurden die
Huser niedriger und der Himmel schien infolgedessen nher. In den
erdgeschssigen Wohnungen sah er Familien beim Abendessen sitzen, aus
den Kneipen drang Lrm und Geschrei, Dirnen gingen vorber und lchelten
ihm zu; jeder einzelne Laut und jedes Bild erzeugte in Arnold die
betubende Empfindung der Vielfltigkeit und der unbersehbaren Weite.
Mit Bitterkeit, ja fast mit Angst fhlte er seinen gnzlichen Mangel an
Erfahrung. Er glaubte sich verachten zu mssen. Herrgott, sagte er zu
sich selbst, das kann bel enden, und pltzlich drehte er sich um und
trat mit strmischem Wesen die Rckkehr an, auf welcher er einige
begegnende Personen hflich und zaghaft nach dem Weg befragte.

Nach stundenlangem Gehen fand er sich endlich zurecht und kam gegen zehn
Uhr nach Haus. Der Diener begleitete ihn in sein Zimmer, zndete die
Lampen an und fragte, ob nichts zu besorgen sei. Arnold schttelte den
Kopf. Er sah seinen Reisekoffer vor sich stehen und ohne einen der
prchtigen Sthle rings zu benutzen, setzte er sich rittlings darauf und
versuchte nachzudenken. Es war ihm, als hielte er sein Herz in der Hand,
drehe es hin und her, aber es war stumm. Pltzlich sah er viele Wege;
jeder fhrte dorthin, wo man mhelos Gerechtigkeit erlangte. War es denn
etwas so Groes, diese Gerechtigkeit? so vielen Zorns, so vieler
Gedanken wert? Arnold schmte sich und kam sich vor wie jemand, der mit
Pferd und Wagen kommt, um eine Maus aufzuladen. Sein Vorhaben erschien
ihm leicht und selbstverstndlich. Er begann vor sich hinzupfeifen, als
es an der Tr pochte; Friedrich Borromeo trat ein.

Guten Abend, Arnold, sagte er in seiner gemessenen Sprechweise, hast
du dich schon ein wenig zurechtgefunden? Vorsichtig hob er mit der
ueren Seite der Hand seinen Bart empor und legte den Kopf gegen die
Schulter.

Arnold trat vor ihn hin. Zurechtgefunden? Nein, Onkel. Zurechtfinden
kann ich mich hier nicht. Also sage mir, was soll ich tun? Wie soll
ich's anfangen?

Ei, ei, so ungestm, erwiderte Borromeo. Er gab es endlich auf, seinen
Bart zu bestreichen, schritt zum Tisch, setzte sich auf einen der
Polstersessel und nahm ein elfenbeinernes Papiermesser, das er lose
zwischen den Mittelfingern beider Hnde behielt. Du willst also dieser
eingesperrten Jdin zur Freiheit verhelfen, sagte er mit einem kaum
wahrnehmbaren Lcheln. Ich verstehe deine Beweggrnde. Du bist jung. Du
bist begeistert. Du kannst dich noch entrsten. Schn. Aber was willst
du allein ausrichten? Ein Feldherr, der keine Truppen hat, kann keine
Schlacht gewinnen. Ich will dich ja nicht von deinem idealen Unternehmen
abbringen, ganz im Gegenteil.

Wrde dir auch nichts ntzen, warf Arnold trocken und etwas ungeduldig
dazwischen.

Schn. Aber betrachten wir die Sache einmal von einem andern
Standpunkt, von einem praktischen sozusagen. Zufllig war es diese
Klostergeschichte, die dich in Aufruhr gebracht hat. Es htten Millionen
andere sein knnen. Nehmen wir nur unser Land, ja nehmen wir nur einmal
Galizien. Die Regierung dort ist verrottet. Alle Gewerbe liegen auf den
Tod. Die Mitglieder der Geburts- und Geld-Aristokratie verben die
ungeheuerlichsten Diebsthle. Der Wucher blht wie anderswo im
Mittelalter. Die Lnderbank ist verkracht, weil ein Frst und ein Graf
sie durch Betrgereien ins Verderben gestrzt haben. Hast du von den
Cziriskawer Gruben gehrt? Die hungernden Arbeiter muten zusehen, wie
die Aktionre einander und der Direktor die Aktionre um Tausende von
Gulden bestahlen. Eine Million Notstandsgelder fr die in Krankheit und
Hunger vegetierenden Bauern werden zurckgehalten; auf den groen Gtern
wird der Arbeitslohn in Pappendeckelstcken statt in Geld ausgezahlt.
Was ist dagegen deine Klostergefangene? Urteile selbst. Schau dich nur
um. Es gibt viel zu tun. Lerne, damit du siehst, wo du anzufangen hast.
Du darfst dich nicht verwirren. Ich werde niemals deinem Willen
entgegentreten. Ich werde nie fragen, ob das auch gut ist, was du tust,
sondern immer annehmen, da es das beste ist. Ich lasse dir freie
Verfgung ber dein Vermgen, deine Zeit, deine Person. Aber lerne erst
erkennen, wo du Hand anzulegen hast. Wir brauchen Menschen, wir brauchen
Mnner; aber in dieser Zeit, in diesem heruntergekommenen Land bedarf es
nicht nur eines ganzen Menschen, einer groen Leidenschaft, einer reinen
Seele, sondern auch eines aufs hchste gebildeten, praktischen Geistes.
Erfahrungen braucht es und Kultur. Das ist eben die Probe, Arnold, in
der du dich bewhren mut. uerlich mut du sein wie alle andern, mut
dich kleiden wie sie, mut ihre Formen und Gebruche annehmen; aber
deine Hand mu sauber bleiben, deine Seele rein. Und trotz alledem mut
du dich durchkmpfen, hinaufkmpfen. Das ist das Problem. Dann wird es
dir ein Leichtes sein, eine Jutta Elasser zu befreien. Heute ist es
unmglich fr dich wie fr jeden andern. Du httest keine andern Wege
als jene Leute selbst, du wrdest nirgends eine werkttige Hilfe finden.
Und deine Krfte ins Phantastische hinein verschwenden, das wre doch
sinnlos.

Arnold sa weitvorgebeugt auf seinem Koffer und ein khler Schauder fuhr
ihm ber die Haut. Er fhlte Zorn und Rhrung. Er begriff und wollte
sich dennoch verschlieen. Er sah ein, da das alles seine Richtigkeit
hatte und wnschte doch, es nicht gehrt zu haben.

Wenn ich mir erlauben darf, dir ein Programm aufzustellen, fuhr
Borromeo fort, so wre es dies: fange an, dich ber alles mgliche zu
unterrichten. Belehre dich. Halte dich an die Bcher und an gescheite
Menschen. Bereite dich fr ein Amt vor. Eine Regelmigkeit wird sich
dir bald von selbst ergeben, vielleicht auch der Beistand eines
Freundes. Du hast alle Gaben, um zu einem schnen Ziel zu gelangen. Der
unerschtterliche Wille besiegt jedes Hindernis. Und um mit zwei Worten
noch einmal alles zu sagen: Bleib und werde!

Es war deutlich zu sehen, wie schwer es Borromeo ums Reden wurde, denn
er schwieg jetzt mit einem erleichterten und mden Gesicht und lie den
Blick langsam von dem Elfenbeinmesser aufwrts gegen das Licht
schweifen. Arnold hatte den Kopf auf beide Hnde gesttzt und sein
Gesicht verborgen. Was in ihm kmpfte und brauste, das ahnte Borromeo
und das liebte er an ihm. Er stand auf, ging hin und legte Arnold die
Hand auf die Schulter. Nun? fragte er leicht und kurz.

Arnold erhob den Blick und schnellte von seinem Sitz empor. Seine Wangen
glhten. Man kann das eine tun und braucht das andre nicht zu lassen,
sagte er. Man kann beides tun.

O gewi, man kann beides tun, antwortete Borromeo. Insofern keine
Gefahr ist, da man sich verzettelt. Gewi. Die Erfahrung wird darin
dein bester Lehrmeister sein. Wenigstens sehe ich, da du nicht
verstockt bist. Von den Idealisten ohne Kopf hab ich nie etwas gehalten.
Sie schaden mehr als sie ntzen. Gute Nacht, Arnold.

Sie gaben einander die Hand.




Dreiundzwanzigstes Kapitel


Arnold war zu Borromeos Schneider gegangen. Zwei Tage spter war er im
Besitz von vier modischen Anzgen; das Zubehr an Wsche war vorher
besorgt worden. Zaudernd und umstndlich bekleidete sich Arnold mit den
neuen Dingen. Verlegen stand er vor dem Spiegel und blickte an seinem
Bild herab wie an einem fremden Mann. Aha, redete er sich selbst an, da
wrst du also, lieber Bruder, siehst immerhin merkwrdig aus, wie der
Gevatter beim Hochzeitsfest. Er verzog das Gesicht und konnte sich lange
nicht entschlieen, das Zimmer zu verlassen, obwohl er noch am Morgen
zur ffentlichen Bibliothek wollte. Als es berwunden war und er mit
ungewohnter Langsamkeit die Treppen hinunter schritt, sah er im Korridor
Anna Borromeo mit einer andern Dame plaudernd beisammen stehen. Frau
Anna winkte ihm und sagte zugleich zu der Fremden: Dies ist mein Neffe,
Herr Ansorge. Arnold blieb stehen, Anna Borromeo wies auf die fremde
Dame und sagte: Frau Natalie Osterburg. Arnold reichte sofort nach
seiner Gewohnheit die Hand und versprte eine andere Hand, deren
Winzigkeit ihn verblffte. Die Frau lachte und schrie vor Schmerz, er
mge sie loslassen; Anna Borromeo lchelte.

Also _das_ sind Sie! sagte Natalie Osterburg, und das neugierige
Kindergesichtchen hinter dem schwarzen Schleier blieb Arnold fragend
zugewandt. Petra hat mir von ihm erzhlt, aber ich finde, er ist ganz
hbsch. Ein kstliches Aber.

Arnold fhlte sich zu der neuen Bekannten hingezogen, weshalb er ohne
weiteres sein Kommen versprach, als sie ihn um seinen Besuch bat und Tag
und Stunde bezeichnete. Sie sagte noch einiges zu Anna Borromeo, was wie
das Gepltscher eines Springbrunnens klang, lachte, fragte mit
kindlichem Ernst nach gleichgltigen Dingen, war unglcklich ber das
drohende Regenwetter, sagte, sie habe die grte Eile nach Hause zu
kommen, verga es jedoch sogleich und fragte Arnold, ob er reiten
knne. Ich habe Sie mir als eine Art wilden Jger vorgestellt, denken
Sie nur, wie komisch, meinte sie und lachend beugte sie den Oberkrper
vor. Darauf verabschiedete sie sich und Frau Borromeo schien sehr
erleichtert, als sie ging; Arnold beobachtete es an dem versteckten
Spiel der Augen und ihn verdro das liebenswrdige Lcheln, das
Hinabbeugen ber die Treppenbrstung, das Winken mit der Hand, womit
Anna Borromeo ihrem Gast das Geleit gab.

Natalie Osterburg war trotz ihrer zweiunddreiig Jahre noch die
zierlichste Frau. Sie hatte eine Puppenfigur. Begeisterung und Neugierde
waren die zwei Gefhle, von denen sie vllig beherrscht wurde. Sie war
lustig, oft auch da, wo niemand es erwartete, und damit brachte sie
manches vernnftige Gesprch und manchen ernsthaften Mann aus dem
Gleise. Sie war stolz auf ihre kleinen Fe und Hnde; sie war eitel,
geschwtzig, naschhaft, vergngungsschtig, aber sie gewann ihren
Tadlern einen Vorsprung ab, indem sie Gestndnisse ablegte und sich
verspottete. Wenn sie sprach oder ging oder sa oder lachte, dann
leuchtete es vor Freude in ihren Augen, da es mglich war, so sprechen,
gehen, sitzen und lachen zu knnen wie sie. Fr die Ausbrche ihrer
Bewunderung, ihrer berraschung gab es kein zu kostbares Wort und keinen
Gesichtsausdruck, der schwrmerisch genug war; in derselben Minute
interessiert sie sich rasend fr einen Klatsch und zappelt vor
Ungeduld darber, da sie einen Traum, einen Namen, den Titel eines
Buches vergessen hat. Sie hat zwei Kinder, Mdchen von zehn und acht
Jahren, und sie liebt es mit einem lauten Staunen von ihnen zu erzhlen,
als sei das Dasein von Kindern etwas sehr Seltenes und als seien ihre
Kinder die wunderbarsten auf der Erde.

Als Natalie nach Hause kam, fragte sie das Dienstmdchen, wo der gndige
Herr sei. Im Salon, wurde ihr geantwortet. Petra kam auf die Schwester
zu und flsterte ihr ein paar Worte ins Ohr. Natalie schlo erblassend
die Augen und legte den Kopf gegen den Nacken. Petra sah sie mitleidig
an und wandte sich zu den Kindern, die ihr gefolgt waren und die Mutter
mit zrtlich verdrehten Ausdrcken begrten.

Herr Osterburg war nicht im Salon. Aus dem Schlafgemach nebenan drang
ein ungewhnlicher Lrm. Natalie ffnete mit theatralischer Langsamkeit
die Tr und sah ihren Gatten bis zum Nabel nackt. Er war im Begriff,
sich zu waschen und rieb den Krper mit einer Heftigkeit, als sei die
Haut mit Teer beschmiert; dabei prustete, pltscherte, sthnte und
zischte er wie eine Maschine, die im Wasser versandet ist. Natalie
betrachtete ihn mit einem malosen Erstaunen und einer zur Hlfte
gespielten Verachtung. Herr Osterburg legte verdrieliche und eifervolle
Falten in sein Gesicht, whrend er mit einem Flanelltuch die behaarte
Brust trocknete und chzend den Rcken rieb.

Also so weit sind wir wieder, so fallen deine sichern Geschfte aus,
sagte Natalie.

Osterburg versah eines seiner neuen Frackhemden mit Knpfen, zog es aber
nicht an, sondern legte sich mit nacktem Oberkrper auf die Ottomane.
Er hob das Bein ein wenig in die Hhe und betrachtete seinen Lackschuh.
Dann tat er einen tiefen Seufzer, warf sich empor, wie von einer Feder
geschnellt und sagte dster und verlegen: Ja, reich sein, reich sein,
das ist das einzige.

Idiot, murmelte Natalie.

Osterburg verfiel in ein starrkrampfhnliches Besinnen und betastete mit
sorgenvoller Stirn die fette Gegend seines Magens. Erst als ihn
frstelte, dachte er daran sich anzukleiden. Ich bin ruiniert, sagte
er dumpf. Dann machte er wilde Augen, streckte die Faust gegen die Decke
und schrie. Meinen heiligsten Schwur, da ich in drei Wochen eine halbe
Million haben werde, oder -- Er deutete mit prophetischem Ausdruck ins
Unbestimmte und schwieg wie ein gescholtener Hund, als ihn Natalie
gelassen und erwartungsvoll anschaute.

Natalie stand auf und eilte mit schnellen Schritten in das Zimmer ihrer
Kinder. Liebste Petra! rief sie, komm, ich will zur Mutter.

Nun? fragte Petra in ihrer berlegenen Weise.

Natalie blickte sie unsicher an und erwiderte zerstreut: Jaja. Aber du
weit, ich habe die Schneiderin zur Mutter bestellt, damit mein Mann das
Kleid nicht sieht. Rasch, sonst wird es zu spt zum Probieren. Sie kte
etwas summarisch ihre Kinder. Petra stand mit sarkastisch-ergebenem
Lcheln abseits.

Kaum hatte Osterburg bemerkt, da er allein sei, so erhob er sich,
schttelte unwillig den Kopf und fletschte die Lippen. Dann verfgte er
sich in die Kche und fragte die Kchin, was sie zu essen habe.
Schwermtig stand er am Herd und stierte in die Pfanne. Die Kchin
zhlte ihren Speisezettel an den Fingern ab, und Osterburg schlurfte
anscheinend betrbt wieder hinaus. Sein Kopf war nur von einer einzigen
Idee erfllt: Geldquellen zu entdecken, Gold in Strmen aufzufangen um
jeden Preis, durch jedes Mittel. Ihm schien, das Geld msse fr ihn auf
der Strae liegen und er brauche nur hingehen und sich bcken.

Als Natalie und Petra bei ihrer Mutter eintraten, fragte diese, was mit
Osterburg vorgegangen sei, er benehme sich so sonderbar.

Er ist der grte Narr, den es gibt, Mama, versetzte Natalie kalt.

Du hast ihn doch geheiratet, mein Kind, meinte die alte Dame und ging
zu ihrem Stuhl zurck. Eigentlich ging sie nicht, sondern schob sich
vorwrts. Der Oberkrper, weit zurckgeneigt, schien nur lose mit den
Beinen verbunden, wodurch ihre Bewegungen etwas Automatisches erhielten.
Bei jedem Schritt nickte sie mit dem Kopf wie eine Taube. Ihr Gesicht
war farblos und hatte etwas von einem Sandstein, der vom Wasser zernagt
ist. Sie hatte die Miene einer abgesetzten Knigin. Fr die plumpeste
Schmeichelei empfnglich, war sie zugleich harmlos und boshaft,
gebrechlich und zhe, znkisch und liebevoll. Diese Frau hatte die Rasse
verdorben. Sie hatte die schlechte Mischung erzeugt, durch welche die
Klarheit und Regelmigkeit der Kristalle unmglich ist.

Glaubst du, Mama, da hellgrn mich zu bla macht? fragte Natalie,
die mit Ungeduld auf das Kleid wartete.

Mama, du sollst nicht so viel herumgehen, mahnte Petra.

Zu meiner Zeit gab es andere Ehen, sagte Frau Knig mit rasselnder
Stimme. Da war nichts als Einigkeit, Frieden, Geflligkeit. Oft sag ich
zu Petra ... nicht wahr, Petra --? ...

Pottgieer hat eine rmische Statue aus Spalato angekauft, wandte sich
Natalie an Petra. Einen Antinous. Es soll ein herrlicher Marmor sein,
aus der besten Zeit, sagt die Borromeo.

So redete jede der drei Frauen von etwas anderem, und sie schienen
einander trotzdem zu verstehen. Sie waren beweglich wie die Ringe im
Wasser, die, um denselben Mittelpunkt entstanden, sich nie berhren
knnen.




Vierundzwanzigstes Kapitel


Am Sonntag, dem Empfangstag bei Osterburgs, fllten sich schon von fnf
Uhr ab die Zimmer mit Besuchern. Herr Martin Osterburg stand bei einer
Gruppe junger Leute und prahlte mit dem Sieg eines Rennpferdes, auf
welches niemand gewettet hatte, ausgenommen er selbst. Als jemand dies
bezweifelte, konnte Martin nur noch zwei Leute zugeben, die ebenfalls
auf dieses Pferd gesetzt htten. Als aber ein anderer Herr behauptete,
dieser Sieg sei lange vorher ein ffentliches Geheimnis gewesen, da
wurde Osterburg vor Verachtung um fnf Zentimeter lnger, und seine
grauen, brstenartig emporstehenden Haare erschienen wie lauter
entrstete Ausrufungszeichen. Gleich darauf aber war er wieder
freundlich, begrte Emerich Hyrtl und Armin Pottgieer, den von allen
gefrchteten Pottgieer. Pottgieer war Brsenmann, Zeitungsbesitzer,
Volksfreund, Regierungsfreund und vor allem war er unermelich reich.

Mit erstauntem Gesicht trat jetzt Arnold Ansorge ein. Dies war die
Stunde, die ihm Natalie bestimmt hatte und anstatt Natalies sah er eine
Menge unbekannter Menschen. Hinter ihm blieb die Tre geffnet und eine
alte wie ein Fabeltier aufgeputzte Dame, welcher zwei junge Mdchen
folgten, schob Arnold beiseite und trat rauschend ein. Natalie gewahrte
Arnold. Sehr verlegen ging sie ihm entgegen; sie hatte nicht geglaubt,
ihn heute schon bei sich zu sehen. Sie bereute ihre Einladung, denn nach
Hyrtls Bericht frchtete sie eine Art Ungeheuer in Arnold. Sie reichte
ihm die Hand und war schchtern vor lauter Neugierde. Sie bat ihn, ihr
zu folgen und fhrte ihn zu Petra und Hyrtl, die allein in einem Winkel
saen. Verzeiht, sagte sie, hier ist ein Ausnahmsgast.

Arnold setzte sich schweigend nieder. Die Luft war hei. Ist hier eine
Versammlung, Frulein? fragte er, indem er Petra erwartungsvoll
anschaute. Das junge Mdchen errtete, lachte, war verwundert und wute
nichts zu antworten. Hyrtl, der wie ein Ballon von Vornehmheit dasa,
verlor den gleichgltig-grmlichen Ausdruck, der in seinen Zgen
vorherrschte und sagte liebenswrdig: Lassen Sie sich nicht beirren.
Die Leute sind nur da, weil sie ihre eigene Langeweile vergessen, wenn
sie einen andern sich langweilen sehen.

Petra, die durch Arnolds hfliche Aufmerksamkeit, mit der er den Worten
Hyrtls lauschte, gerhrt wurde, lchelte und ihre Augen nahmen pltzlich
im Lampenlicht ein schnes, tiefes Blau an.

Ein junger Mann mit gelber Gesichtsfarbe und schwarzen, frechen Augen
nherte sich. Freund Hyrtl sieht heute sehr bedeutungsvoll aus, sagte
er mit offenbarer Geringschtzung.

Bei mir hat jedes Hrchen seine Bedeutung, entgegnete Hyrtl mit
unschlssiger Selbstironie.

Dann mssen Sie aber mit den Jahren viel an Bedeutung eingebt haben,
sagte der junge Mann. Hyrtl lachte gutmtig-widerwillig und verzog
verchtlich das Gesicht. Beide verachteten einander aufs uerste. Petra
spielte mit ihrer Uhrkette.

Was reden sie? dachte Arnold bestrzt. Er blickte Petra an, sah
rckwrts in das Zimmer, dann gegen das Fenster und dachte abermals: was
reden sie?

Natalie kam heran. Sie war rot, belebt, bewegt von Reden, von Hren, von
Lcheln. Mit leichter Vertraulichkeit legte sie die Hand auf Arnolds
Schulter; er blickte berrascht empor. Nun was treiben Sie? fragte
sie, mit den Augen zwinkernd.

Auf einmal, er wute nicht, wie es kam, begann er zu erzhlen.
Vielleicht war es der Trieb, sich aufzuschlieen oder fhlte er das
Verlangen, seine Anwesenheit zu rechtfertigen. Er berichtete von der
Gewalttat, deren Opfer der Jude Elasser geworden und wie alle Mhe
vergebens gewesen war, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Deswegen habe
er sein Gut verlassen und sei in die Stadt gekommen. Er blickte jeden
der drei Zuhrer leuchtend an, als ob er berzeugt sei, da sie sich
gleich ihm selbst fr diese Sache entflammen wrden. Er war in seiner
Weise beredt, und diese Beredsamkeit verschaffte ihm den Respekt jener
nichtigen Menschen.

Das ist ja riesig interessant, rief Natalie aus, als er geendet.

Allerdings eine alte Geschichte, das mit dem Juden, bemerkte Hyrtl
frostig.

An der Geschichte ist freilich nichts Neues, erwiderte Natalie; aber
da er sich so dafr ins Zeug legt, ist doch interessant.

Man mte etwas dafr tun, sagte Petra, die sich schmte.

Ich werde mit meinem Freund, dem Minister Schrott sprechen, entgegnete
Hyrtl, indem er auf die Uhr blickte.

Dafr wrde ich Ihnen sehr dankbar sein, sagte Arnold warm.

Kommen Sie, sagte Natalie.

Er stand auf und folgte ihr. Er glaubte, sie wollte ihm etwas Wichtiges
mitteilen, indessen fhrte sie ihn zu ihrem Mann und sagte: Da ist er.
Und als Martin ein dummes Gesicht machte, fgte sie feierlich hinzu:
Herr Ansorge, der Neffe von Borromeo.

Martin schnalzte mit der Zunge, legte seinen Arm sogleich in den
Arnolds, steckte ein Kaviarbrot in den Mund und sagte kauend: Ist es
wahr, da Sie bis jetzt in einer Hhle gelebt haben? Alle Welt erzhlt
davon.

Arnold sah den Mann berrascht an und wute nicht, was er aus ihm machen
sollte. Er bckte sich, um eine Nadel aufzuheben, die im Teppich
blitzte, dann ging er zur Tre, verlie den Raum und suchte drauen
seinen Mantel. Im Treppenhaus atmete er tief die khle Luft ein. Unten
im Flur berholte er Emerich Hyrtl, der vor ihm gegangen war und sich
nun mit einem gedrehten, mhsam elastischen Schritt gegen die Strae
bewegte, wo sein Wagen wartete. Die Figur dieses Mannes war auffallend;
es schien, als se auf knstlichen Beinen ein hlzerner Rumpf. Auch der
Kopf schien mit Kunst in die Schultern eingedreht, und der allzukurze
Hals verschwand im Pelz des Mantels. In allen Bewegungen, in jedem Blick
lag drckende Langeweile und trostlose Ruhe.

Kann ich Sie irgendwohin fahren, Herr Ansorge? fragte er hflich und
wohlwollend. Er schritt zu den Pferden, patschte den Tieren auf die
Lenden, und die Eitelkeit eines Knaben zeigte sich auf seinem Gesicht.

Arnold verfolgte das Gebaren Hyrtls mit groen Augen. Er empfand
pltzlich Neugier, den Mann von innen zu sehen, oder doch ohne Kleider,
vielleicht schlafend, jedenfalls aber wenn er sich allein glaubte.

Wie kommen Sie eigentlich zu Osterburgs? fragte Hyrtl. Er hatte den
Wagenschlag geffnet, stellte einen Fu auf das Trittbrett und zndete
eine Zigarette an. Es ist eine ganz interessante Familie, fuhr er
fort, ohne sich an Arnolds Schweigen zu kehren. Das was Sie oben sehen,
ist alles Maskerade. Die Leute sind verschuldet vom Boden bis in den
Keller. Hinter den Mbeln und Bildern hngen die Pfndungssiegel. Die
Sthle, worauf sie sitzen, gehren ihnen nicht. Jede Tasse Tee, die wir
oben trinken, ist sozusagen von andrer Leute Geld gekocht. Natalie
betrgt ihren Mann und Osterburg betrgt seine Frau. Es ist alles
Schwindel, was Sie da sehen, eine Lotterwirtschaft ohnegleichen. Nur
Petra, das ist eine famose Person, ein ganz besondres Mdchen. Na,
adieu, leben Sie wohl.

Er reichte Arnold die Hand, stieg ein und gab mit eleganter Bewegung dem
Kutscher das Zeichen, zu fahren.

Arnold war wie vor den Kopf geschlagen. Nach kurzem berlegen beschlo
er, von neuem hinaufzugehen und zu sehen. Seltsam! Er wollte sehen, was
dort an den Mauern klebte, womit die Gesichter getncht waren; er
erschien sich in wichtiger Angelegenheit hintergangen und wollte sich
nun Wahrheit holen.

Er eilte die Stufen empor, lutete, warf seinen Mantel auf einen Berg
von andern Mnteln und trat mit suchendem Gesicht in die
Gesellschaftsrume. Zwischen Kpfen und Schultern sah er Natalie wie
durch eine Mauerspalte. Sie gewahrte ihn und lchelte ihm zu wie einem
vertrauten Freund. Sein Gehen und Wiederkommen hatte sie nicht bemerkt.
Arnold suchte nher zu ihr zu gelangen, und pltzlich vernahm er ihre
Stimme hinter sich. Denken Sie nur, was ich soeben hre, sagte sie mit
einem vor Erstaunen jauchzenden Lachen zu einer Dame; Hanka hat sich
verheiratet ...

Arnold drehte sich um. Er konnte in ihrem Gesicht nichts gewahren als
Jubel, Liebenswrdigkeit und Vergngen. Nein, der Mensch da drunten mu
gelogen haben, dachte er.




Fnfundzwanzigstes Kapitel


Er wnschte zu wissen, wovon all die Leute sprachen, die sich hier
zusammengefunden hatten. Mitteilsam glnzten die Augen, voll
Geschftigkeit ffneten sich die Lippen, um zu schwatzen und zu lachen.
Viele Mnner waren feist und ansehnlich; andere sahen aus, als htten
sie schreckliche Sorgen. Jemand ergriff Arnold beim Arm. Es war Baron
Drusius, der seine Freude ausdrckte, ihn zu sehen. Er fhrte ihn zu
einem jungen Mdchen, das eine Narbe auf der Wange hatte. Meine
Schwester, sagte der Alte. Sie grte flchtig, lchelte flchtig und
wandte sich zu einem Herrn, der in majesttisch-nachlssiger Haltung
dastand und einem Menschen glich, welcher von dem Bewutsein unendlicher
Geistesberlegenheit erfllt ist, dies aber in anmaender Bescheidenheit
zu verbergen wnscht.

Das ist der berhmte Bernay, eine Kapazitt, flsterte Drusius Arnold
zu. Er will einen Staat von freien Menschen grnden, ohne Steuern und
ohne Stdte. Er hat eine Aktiengesellschaft gewonnen, um einen
Landstrich in Amerika anzukaufen ...

Petra trat zu Arnold. Ihre vorgeschobene Oberlippe gab dem verstndigen
Gesicht einen altjngferlichen Ausdruck. Sie machte Arnold wieder mit
fremden Menschen bekannt. Von neuem das unerklrliche Namennennen,
Verbeugen, Hndedrcken. Wer sind sie? dachte Arnold; was bedeutet das?
Einige waren so freundlich wie gegen jemand, auf den man groe
Hoffnungen setzt. Arnold grbelte, weshalb sie freundlich seien, ohne
da sie ihn kannten; weshalb sie, zuerst kalt, pltzlich dies
berflieende Betragen annahmen, wenn sie sich verbeugt und die Hand
gereicht hatten. Sie schienen Geheimnisse zu wissen und oft strahlte es
feindselig und angstvoll aus ihren Augen. Aber ihre Worte klangen
freundlich und leer.

Auf einmal kam Natalie mit Lebhaftigkeit auf ihn zu und sagte: Sind Sie
nicht aus Podolin, Herr Ansorge? Haben Sie da nicht Doktor Hanka kennen
gelernt? Anna Borromeo sagte mir, Sie kmen aus Podolin. Sie kennen
Hanka? Und kennen Sie auch seine Frau, diese Beate? Ja? Erzhlen Sie
doch, -- bitte!

Das alles sprudelte Natalie nur so. Sie war ganz auer sich vor
Neugierde und bi sich auf die Lippen vor Verdru, da sie nicht frher
den Einfall gehabt, Arnold zu fragen.

Arnold fhlte sich abgestoen durch das zudringliche Wesen. Nachdem er
einige Sekunden berlegend geschwiegen, hob er in jener heitern Weise
den Kopf, die ihn sonderbar auszeichnete und sagte: Herr Hanka htte
ein besseres Frauenzimmer finden knnen, glaube ich. Die Beate oder wie
sie heit, ist dem Teufel zu schlecht.

Natalie erblate, sah sich erschreckt um, legte einen Finger auf den
Mund und erwiderte betreten: Was machen Sie denn, Sie komischer Mensch!
Das drfen Sie doch nicht so offen sagen. Geben Sie nur acht, da Doktor
Hanka nicht so etwas zu Ohren kommt, sonst knnen Sie sich schne
Unannehmlichkeiten zuziehen. Er hat doch diese Beate seit ihrer Kindheit
fr sich aufgezogen.

Es ist aber doch so, wie ich sage, beharrte Arnold kalt. Von mir aus
mag sie treiben, was sie will, aber ich wei, was ich wei.

Natalies Neugier war aufs uerste gestiegen. Ungeduldig nahm sie
Arnolds Arm und fhrte ihn in ein nebenan gelegenes, kleineres Gemach.
Zwei alte Herren saen am Fenster und unterhielten sich leise; sie
erhoben sich nun und gingen hinaus.

Also was wissen Sie? Erzhlen Sie! Erzhlen Sie! begann Natalie
sogleich.

Arnold runzelte die Stirn. Gar nichts erzhl' ich Ihnen, antwortete er
grob.

Natalie sah ihn entsetzt an.

Er aber fuhr fort: Ist es wahr, da Sie gar kein Geld haben, um die
ganze Herrlichkeit zu bezahlen, die Sie da den Leuten vormachen? Ich
hab' auch noch ganz andre Dinge gehrt, davon will ich aber jetzt nicht
reden. Was treiben Sie denn eigentlich? Warum ist denn das so?

Natalies Entsetzen war mitleiderregend. Sie zitterte ber den ganzen
Krper, trat einen Schritt zurck und flsterte: Was fllt Ihnen denn
ein? Sind Sie toll geworden, Monsieur?

Ah, Monsieur sagt sie zu mir, dachte Arnold verdrielich. Als er jedoch
ihre hbschen Kinderaugen voll Trnen sah, wurde er gerhrt. Wenn es
nicht wahr wre, wrden Sie nicht weinen, bemerkte er treuherzig.

Natalie htte pltzlich lachen mgen. Sie zog das Taschentuch und
verbarg das Gesicht. Sie erstickte beinahe an dem unterdrckten
Lachanfall. Dann kam ihr ein Einfall, der ihr in den Ernst
zurckverhalf. Er ist reich, dachte sie, man knnte seine Dummheit
benutzen.

Sie sind ein sonderbarer Mensch, sagte sie, das Gesicht erhebend und
unter Trnen lchelnd. Wir mssen ausfhrlich miteinander reden, wir
wrden uns sicher verstehen. Kommen Sie doch mal, wenn ich allein bin.

Arnold verabschiedete sich und ging.

Er a bei Borromeos zu Abend. Wie hast du dir die Zeit vertrieben,
Arnold? fragte Anna Borromeo.

Er dachte einige Sekunden lang nach und erwiderte: Ich will nicht die
Zeit vertreiben. Ich will die Zeit halten.

Frau Anna lachte.

Borromeo liebkoste seinen Bart. Er hat ganz recht, sagte er. Man
sollte diese Redensarten immer beim Schwanz packen und sie nicht
lassen, bis sie zertreten sind.

Arnold betrachtete Borromeo und die Frau und lauschte ihrem sprlichen
Gesprch. Sie sprachen wie durch eine Wand. Sie sahen einander nie an,
ohne da in ihren Blicken etwas wie Unmut oder Feigheit lag. Noch
gestern htte Arnold das nicht gesprt. Einen Augenblick lang wollte er
das rtselhafte Dunkel, das zwischen den zwei Personen herrschte, durch
eine ehrliche Frage ergrnden. Da er dies nicht vermochte, da er
einsah, das drfe nicht geschehen, war die Ursache zu tieferem
Nachdenken. Wo er stand, wo er sa, wohin sein Herz sich wandte, berall
wuchs ein Anderssein-Mssen aus dem Boden.




Sechsundzwanzigstes Kapitel


Hankas Verheiratung hatte in aller Stille stattgefunden. Er blieb mit
seiner jungen Frau vorlufig in der Stadt und im Herbst wollten sie nach
Paris. Beate trumte von Italien wie die kleinen Brgermdchen, die in
der berlieferung der Hochzeitsreise aufgewachsen sind und sich darin
vergngen, ihr gesellschaftlich anerkanntes Glck spazieren zu fhren.
Einstweilen gab sie sich in der schnen Wohnung zufrieden, welche Hanka
in einer Villa in Dbling eingerichtet hatte. Aber in heimlichen
Augenblicken gestand sie sich, da sie das Leben im abseits gelegenen
Huschen eigentlich kenne, da sie der Einsamkeit mde sei und da sie
endlich Menschen, Straen, Blle und Theater haben wolle. Sie stellte
sich trotzdem, als sei Hankas Glck auch das ihre. Sie stellte sich, als
lse sie in den Bchern, die er ihr empfahl, als freue sie sich mit den
Bsten, Stichen und Kunstdingen, mit denen sein Geschmack und sein
Verstndnis sie umgeben hatte. Sie stellte sich, als habe sie die Welt
vergessen.

Hanka befand sich wohl. Er kam sich im stillen wie ein Pudel vor, der in
der Sonne liegt und nach Fliegen schnappt, denn er gehrte zu den
Leuten, die sich im Glck possierlich finden. Er betrieb historische und
nationalkonomische Studien, gedachte seines frheren Lebens mit Abscheu
und sah die Zukunft klar.

Beates Zge wurden krftiger und energischer. Ihr Kinn rndete sich und
um den bogenfrmigen Mund legte sich das Lcheln der Gewiheit. Ihr
Krper zeigte meist eine Ruhelosigkeit der Bewegung, die unter
beobachtenden Blicken ins Krankhafte ging. Oft war es, als schme sie
sich ihrer Fe, ihrer Hnde, ihres Halses, und sinnlich schamvoll wurde
ihr Lcheln auf der Strae. Dann redete sie Dinge, unter deren Schutz
ein hartnckiger und boshafter Gedanke zu schlummern schien. Hanka blieb
fr sie ein groes, ernsthaftes Tier, belustigend in seiner Gravitt.
Sie glaubte sich ihm berlegen, denn seine Bildung schtzte sie gering
und die Art seines Geistes war ihr unbekannt.

Unter allen Bekannten, die fr Hanka in einem feindlichen Land hausten,
suchte er sich doch Natalie als eine Ausnahme heraus. Fr sie bewahrte
er die Zuneigung eines Grovaters, nach ihrem bunten Geschwtz konnte er
sich zuweilen wnschen. Er hatte Beate diesen Besuch versprochen, aber
zuerst wollte er allein gehen, die lstigen Fragen allein schlucken.

Er fand Natalie und Petra zu Hause. Natalie begrte ihn mit
erknstelter Entrstung. Ihr Gaumen schien von tausend Fragen zu
springen. Hanka lehnte sich in den Sessel zurck, schlug schmunzelnd die
Beine bereinander und machte ein heiteres und geduldiges Gesicht.
Natalie konnte nicht lnger an sich halten. Doktor! rief sie, ist das
eine Art, sich zu verheiraten? Und ist das eine Art, zu mir zu kommen?
Wo ist Ihre Frau?

Erst mu ich auskundschaften, meine Teure, erwiderte Hanka
humoristisch. brigens freue ich mich, Sie wiederzusehen.

Petra lachte, wie so oft, wenn nichts zu lachen war. Es geschah meist,
wenn sie ihre stillen Vorstellungen ber das Benehmen eines Menschen
besttigt fand.

Das Zimmermdchen trat ein und sagte, ein Herr Ansorge sei da. Natalie
nickte berrascht und verlegen und gleich darauf kam Arnold. Hankas
Verwunderung war auerordentlich. Er blickte von einem zum andern und
das ergtzte Natalie. Sie kam sich wichtig vor und sah nun selbst etwas
Geheimnisvolles in Arnolds Besuch. Whrend sie ihn begrte, klrte
Petra den erstaunten Hanka auf.

Arnold nahm Platz; er war schweigsam und antwortete nur sprlich auf
Fragen. Er hatte geglaubt, Natalie allein zu finden und es schien ihm
nun, als ob sie berhaupt nie allein sei. Natalie sprte auch so etwas
heraus, denn sie war ziemlich kleinlaut geworden. Sie hatte Angst vor
diesem Menschen.

Sie haben sich rasch zurechtgefunden, sagte Hanka zu Arnold. Ich
dachte nicht, Sie schon im Mittelpunkt der Gesellschaft zu finden.
Trotzdem er nun wute, wie es zugegangen war, hatte Arnolds Anwesenheit
fr ihn immer noch etwas Unerklrliches. Er war gewohnt, sich Natalie
gegenber in einer unvernderlich trockenen und spahaften Weise zu
betragen; Natalie hatte sich diese Manier zurechtgelegt und beide
konnten stets hinter den Worten, womit sie einander spielerisch
betrogen, etwas anderes suchen. Dies reizte heute Hanka nicht.
Schlielich schwiegen sie alle drei. Natalie war ratlos. In heller
Verzweiflung studierte sie Arnolds Gesicht, fand die Nase zu klein, den
Mund hlich, das Haar zu glatt und lachte endlich vor Zorn und
Verlegenheit gerade hinaus. Das rgerte Arnold.

Hanka erhob sich und Arnold entschlo sich, mit ihm zu gehen. Natalie
bat ihn, noch zu bleiben, aber er schttelte den Kopf.

Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen, sagte sie; wenn Sie
heute keine Zeit haben, kommen Sie nchsten Donnerstag um fnf Uhr.

Er versprach es. Ihre Worte verwunderten ihn immerhin, und er wre nun
am liebsten gleich dageblieben, doch wollte er mit Hanka reden, denn der
stille Mann fing an, ihm zu gefallen.

Was machen Sie eigentlich in Wien? fragte Hanka auf der Strae.

Mit wenigen Worten, fast mit denselben, die er neulich gegen Natalie,
Petra und Hyrtl gebraucht, setzte Arnold sein Vorhaben auseinander.

Hanka machte groe Augen. Um Himmelswillen, sagte er, das ist doch
eine Donquichoterie.

Was heit das?

Na, wissen Sie, der Junker Don Quichote, der zog aus, um gegen
Windmhlen zu kmpfen. Lesen Sie doch die famose Geschichte. brigens,
ich will Ihnen nicht zu nahe treten. Er sah Arnold verstohlen von der
Seite an und wute nicht, ob er ihn nrrisch oder bewundernswert finden
sollte.

Arnold verdro jedoch diese Art zu reden, die ihm nun schon wohlbekannt
war, und die ihm etwas Niedriges zu enthalten schien. An der nchsten
Straenecke verabschiedete er sich daher kurz und brsk.

Hanka spazierte nachdenklich nach Hause. Beate lag auf einem Langstuhl
und blickte regungslos an die Decke.

Schlfst du, Beate? fragte Hanka vterlich.

Sie verdrehte die Augen und erwiderte, mit den Fen unter dem Kleid
strampelnd: Ich langweile mich, ich langweile mich.

Hanka schwieg betroffen. Beate erhob sich, reckte ghnend die Arme und
hielt sie dann vor sich, wie zu einer nachlssigen Umarmung. Auf den
ruhigen Vorschlag Hankas, mit ihm eine Spazierfahrt zu machen, kleidete
sie sich um und sa bald darauf mit festlichem Gesicht an seiner Seite
im Wagen. Er sollte ihr erzhlen, und berichtete von Natalie. Whrend er
umstndlich und etwas grbelnd seine Gedanken ausdrckte, verschlang
Beate mit den Blicken die Leute der Strae und bemerkte nicht, da Hanka
mit spttischem Schmunzeln abbrach. Sie ist jung, lebendig und hungrig,
sagte er sich, legte ein Bein ber das andere und blies den Rauch seiner
Zigarre mit der Vershnlichkeit eines alten Landpfarrers in die frische
Frhlingsluft. Beate schmiegte sich nher an ihn, als lge ihr daran,
sich dankbar zu erweisen und sann in unergrndlicher Schlauheit nach
Mitteln, um Versprechungen zu erhalten. Aber was sie begehrte, war
formlos, denn sie hatte mehr Wnsche als Gedanken. Alle Wege ihrer
Phantasie waren mit Begierden belagert, deren Schatten ihr Gesicht
selbst im Schlaf berzogen. Um Beschftigung zu haben, spann sie Rnke
gegen die Dienstboten, schrieb sie Briefe an eingebildete Personen,
erzhlte sie erfundene Trume, streute sie Verleumdungen ber Personen
aus, mit denen sie kaum gesprochen hatte. Es kam heraus, da sie im
Gartenhuschen eine Katze an den Beinen aufgehngt hatte. Hanka machte
ihr Vorwrfe. Whrend er dann ein Buch nahm und zu lesen begann, umarmte
sie ihn und bi ihn ins Ohr. Hanka ri die Augen auf, ertappte ihren von
Ungeduld, ja von Ha glhenden Blick und starrte sie sprachlos an. Sie
wurde finster und nahm eine Moden-Zeitschrift, in der sie wahllos
bltterte. Sich ein Bild des Mannes zu entwerfen, mit dem sie lebte, lag
ihr fern. Ihr war alles in solcher Nhe, da ihr Geist nicht zum
Schauen, sondern nur zum Betasten kam. Sie wollte Leidenschaften um sich
sehen.

Hanka freilich fhlte sich als den Herrn. Anders zu leben war ihm nicht
mglich. Glcklich sein hie fr ihn, unabhngig sein und jeden Zustand
des Behagens mit freiem Urteil abmessen zu knnen. Da er so nach
Sicherheit im Innern strebte, gab er nach auen Verllichkeit, eine
Eigenschaft, worauf die Unverllichsten am meisten bauen und die sie am
schnellsten entdecken.

In der Nacht konnte Hanka nicht schlafen. Er drehte die elektrische
Lampe auf und versuchte zu lesen. Aber die Worte entglitten ihm. Dann
sttzte er sich auf den Arm und betrachtete Beates Gesicht. Es erschien
ihm so fremd in seinem Schlaf, da er einen leichten Schrecken
versprte. Die krampfhaft verschlossenen Lider lieen die dunkeln
Streifen der Wimpern kaum bemerkbar erzittern. Die gewlbte Stirn war
feucht, die weien Schlfen bebten unter dem Lauf des Blutes. Die Lippen
bewegten sich in unhrbaren Worten, welche vielleicht den Zgen ihren
verschlossenen und rohen Ausdruck gaben. Hanka berhrte ihre Schulter,
um sie von dem qulenden Schlaf zu befreien. Kaum war sie erwacht und
hatte ihn mit einem feuchten Blick angesehen, als sie ihre Arme um ihn
prete und ihren Krper fest an ihn schmiegte. Ach Alexander,
flsterte sie mit gebrochener Stimme, du mut mir etwas kaufen. Willst
du?

Sie wnschte sich eine Perlen-Halskette, die sie bei einem Juwelier
gesehen. Nie wieder will ich etwas, wenn du mir den Schmuck kaufst,
sagte sie.

Hanka versprach es. Aber darauf schwieg er bedachtsam. Unzufriedenheit
entstand in ihm. Grnde der Leidenschaft konnten ihn nachgiebig stimmen,
aber sie sickerten durch bis in seine Vernunft, wo eine ernsthafte
Prfung ihrer harrte. Dennoch schlo er Beate in alle Betrachtungen als
das wertvollste Besitztum seines Lebens. Er sah in ihr das reine Kind,
das sich ihm aufbewahrt. Da er selbst es gewesen, der in einer Handlung
von dunkler Kraft schon so frhe ihre Zukunft mit der seinen verknpft,
das erschien ihm als ein besonders trostvoller Wink des Schicksals.




Siebenundzwanzigstes Kapitel


Als Arnold am folgenden Nachmittag in das Speisezimmer trat, waren Hyrtl
und Pottgieer bei Anna Borromeo.

Kurz darauf wurde Frau Borromeo aus dem Zimmer gerufen. Ein Brsen-Agent
war drauen, der sie zu sprechen wnschte. Pottgieer sprach von einer
groen Gesellschaft, die demnchst in seinem Hause stattfinden sollte
und lud Arnold ein.

Anna Borromeo kam zurck. Sie war sehr bleich, sagte aber mit
heuchlerischer Lebhaftigkeit: Ich hre eben, da es im Parlament morgen
eine Interpellation ber den Fall Elasser gibt. Das ist doch was fr
dich, Arnold.

Ich wei es, erwiderte Arnold. Ich habe den Abgeordneten unseres
Bezirks dazu veranlat.

Hyrtl und Pottgieer sahen ihn mit sonderbaren Blicken an.

Da knnen Sie einen netten Skandal erleben, bemerkte Pottgieer, indem
sich sein Gesicht verfinsterte. Wozu mischen Sie sich eigentlich da
hinein? wandte er sich an Arnold. Die Juden sollen ihre Geschfte
selber austragen.

Sie sind doch auch ein Jude, entgegnete Arnold verwundert und ma ihn
von oben bis unten. Gestern erst hat mir's jemand erzhlt, zufllig.

Anna Borromeo war sichtlich erschrocken, Hyrtl spitzte moquant die
Lippen.

Ich _war_ ein Jude, versetzte Pottgieer scharf, und ich hatte
innerlich nie etwas mit Juden gemein. Aber lassen wir das. Er lachte
halb spttisch, halb verlegen.

Hyrtl verabschiedete sich. Da Arnold sich ebenfalls erhoben hatte und in
der Nhe der Tre stand, drckte ihm Hyrtl mit befremdlicher
Herzlichkeit die Hand und sagte: Kommen Sie doch einmal auf eine Stunde
zu mir. Ich langweile mich so. Nichts konnte ehrlicher klingen als
diese wenigen Worte. Arnold schaute ihn gro an und lchelte
freundschaftlich. Er versprach, zu kommen.

Er erwartete mit Ungeduld den nchsten Morgen. Als er im Zuhrerraum des
Parlaments sa, war es unten noch leer. Langsam fllten sich die Reihen,
auch rings um ihn nahmen Leute Platz. Wenn dies anfangs den Schein der
Feierlichkeit besessen hatte, sehr verursacht durch die Schnheit des
Raums, war es doch nur so lange, bis sich dem Auge viele von den
Gestalten hier oben und dort unten besonders darboten. Denn diese
Gesichter waren wie von einem Folterinstrument zu dem Ausdruck des
Hohns, der Habsucht, der Niedrigkeit, der Geisteserttung, des
belwollens, der Unwissenheit, der Langeweile und des fanatischen Hasses
verzerrt. Indessen begngte sich Arnold mit dem Bewutsein, da sich die
Gesetzgeber des Landes hier versammelten und ein Teilchen des Volkes,
das seine Richter und Vter kennen zu lernen wnschte; es sei also
besser zu hren, als zu sehen und ntzlicher zu warten als zu urteilen.
Erst mu man sehen und lernen, dachte er, indem er dem Beginn der
Verhandlungen lauschte und auf ein erschreckendes Geschrei aufmerksam
wurde, wie unter den Streitenden in einem Bauernwirtshaus. Sobald
nmlich der Name Elasser gefallen war, erhob sich ein betubender Lrm,
der in Schimpf- und Hohnreden bestand; viele erhoben sich,
gestikulierten und brllten; auch die Leute um Arnold fingen an zu
lachen und zu brllen, stiegen auf die Bnke und schmhten gegen die
Juden und dergleichen. Die Parteignger gaben ihre Sache natrlich nicht
auf; auch ihrerseits erprobten sie die Kraft der Lunge. Dann kam einer
zu Wort; er redete aber schlecht, stie mit der Zunge an und ging um die
eigentliche Sache feig herum. Niemand kmmerte sich um das, was er
sagte. Mitten in seinem hudelnden Gewsch erhob sich johlendes
Gelchter, viele begannen wiederum zu schreien, zu pfeifen, zu zetern
und das dauerte mindestens eine Viertelstunde lang, so da ein richtiges
Wort gar nicht mehr herausdrang.

Pltzlich lutete der Prsident, verkndigte den Schlu der Debatte,
und es wurde von etwas anderm gesprochen.

Arnold schaute sich um, als ob er trume. Er hatte Lust,
hinunterzuschreien und erhob unwillkrlich die Faust. Das ist ja
heillos, was die da treiben, sagte er voll Wut zu seinem Nachbar, einem
ungeheuerlichen Fettwanst, der ihn hhnisch anstarrte.

Er sprang auf, verlie die Tribne, lief durch Treppen und Gnge
hinunter, kam in eine prchtige, mit Sulen geschmckte Halle, wo
pltzlich ein junger, gewhlt gekleideter Mensch auf ihn zukam und mit
gestreckten Hnden und dem Ausdruck hchster berraschung Arnold!
rief. Arnold blickte empor und erkannte Maxim Specht. Doch seine Sinne
waren so sehr von dem Vorgefallenen benommen, da er leer nachdenkend in
das Gesicht des ehemaligen Lehrers starrte. Specht war von dieser Klte
unangenehm berhrt, lie sich aber nichts merken, stellte Fragen ber
Fragen, schien voll Nachrichten, Neuigkeiten, Neugier, aber auch voll
Behagen, Lebenslust und Lebenskenntnis. Arnold teilte ihm auf sein
Verlangen mit, wo er wohnte, darauf trennten sie sich. Auf der Strae
dachte Arnold nicht mehr an die Begegnung.

Er sa zu Hause eine Stunde lang in seinem Zimmer, als ihn Anna Borromeo
rufen lie. Er ging hinunter. Anna lag auf der Ottomane. Sie trug ein
weies, loses Gewand, welches ber die Fe hinweg seitlich zur Erde
fiel. Den Kopf hatte sie hintbergesenkt und die Augen geschlossen.
Langsam ffnete sie die Lider, als Arnold eintrat und winkte ihm mit
dem Arm, nher zu kommen. Du siehst mich in Angst und Sorge, Arnold,
begann sie mit ruhiger Stimme. Willst du mir aus einer groen
Verlegenheit helfen? Sie sttzte sich auf den Ellbogen, hob sich empor
und sah ihn erwartungsvoll an.

Was ist es? fragte Arnold.

Frau Borromeo schob ihre Kleidschleppe gegen sich heran und setzte sich
aufrecht mit untergeschlagenen Armen. Ich brauche nicht allein einen
Helfer, sondern auch einen verschwiegenen Helfer, sagte sie. Nun das
bist du, verschwiegen bist du, du bist ja ein Mann. Warum nimmst du
nicht Platz?

Arnold setzte sich auf einen der niedrigen Polstersessel. Erst mu ich
wissen, was es ist, sagte er khl.

Ich brauche zehntausend Gulden, heute noch, sagte die Frau und sah ihm
starr in die Augen.

Zehntausend Gulden! Donnerwetter, das ist viel, rief er aus. So viel
hab ich in meinem ganzen Leben nicht gebraucht.

Ich habe eine drckende Brsenschuld. Ich habe unglcklich spekuliert.
Dein Onkel darf nichts davon erfahren. Ich verlange natrlich kein
Geschenk von dir. In drei bis vier Wochen werde ich dir's zurckgeben.

Ah so! sagte Arnold.

In gewissem Sinn hast du mein Schicksal in der Hand, fuhr Anna fort.
Sie erhob sich und schritt, immer noch mit verschrnkten Armen, auf und
ab. Dann blieb sie neben ihm stehen. Er blickte empor und sah das weie
Kinn, den roten Mund und einen feindseligen Blick ihrer Augen. Da erhob
er sich, trat zum Tisch, ri ein Blatt aus dem Anweisungsbuch fr die
Bank, das er in der Tasche trug, nahm die Feder und schrieb.

Er reichte Anna Borromeo den Scheck; sie dankte und er ging. In seinem
Zimmer angelangt, ffnete er die Fenster, setzte sich rittlings auf
einen Stuhl und schaute nachdenklich in die Luft.




Achtundzwanzigstes Kapitel


Von den Bchern, mit denen sich Arnold neuerdings beschftigte, machten
die juristischen einen groen Teil aus. Er las sie mit Scharfsinn und
Aufmerksamkeit. Aber dabei Wissenschaft zu gewinnen, war nicht leicht
und von einer glatten Strae sah er sich bisweilen in eine Wildnis
verschlagen. Er erkannte dann stets, da es gefhrlich sei, den Weg
fortzusetzen und fing wieder am Anfang an. Damit war eine gewisse
Ermdung verknpft, und er griff zu etwas Neuem, um nach einer andern
Richtung, auf einer andern Bahn alsbald von neuem unberaten im
fremdesten Gebiet sich zu finden. Allmhlich wurde es ihm schwer, die
Ordnung zu bewahren, nach auen und nach innen. Er wute nicht, ob das
Leere wirklich leer sei und das Unverstndliche nur ihm allein
unverstndlich. Nicht selten tauchte er in ein finsteres Wasser hinab,
um mit Geringschtzung wahrzunehmen, wie leicht der Schein von Tiefe zu
vernichten sei. Aber vergebens suchte er Grenzen zu ziehen. Wie in
dunklen Nchten manchmal die Gegend eine schreckliche Weite zu haben
scheint und zugleich eine undurchdringliche Abgeschlossenheit, so
geschah es hier. Er griff dahin und dorthin; Schwieriges erschien
leicht, das Leichte unberwindlich. Jeden Gedanken an Beistand schlo er
vorlufig mit sonderbarem Starrsinn aus; er war der Meinung, da keine
fremde Weisung ihm die Dienste des eigenen Instinktes leisten konnte.

Manchmal nahm er zu Dichtungen seine Zuflucht. Aber das
Farbig-Tuschende, ja sogar das Bildhafte erregte sein Mitrauen, auch
wo ein Meister schuf. Was mit Kunst zusammenhing, nahm er nicht sehr
ernst, schon weil er das Element der Gestaltung nicht zu wrdigen
vermochte und er den Werken des Geistes naiv ihren unmittelbaren Nutzen
abfragte.

Er griff nach Zeitungen, um auf solche Art das Wirkliche an sich zu
pressen. Torheit, Verbrechen, Wahnsinn und Verzweiflung boten sich nun
in kalter Nhe und Trockenheit. Was Geschwtz und Schiefheit war, mute
abgestreift werden. Vom Politischen blieb nur Lge, Hader und Tuschung;
oder Namen: Gott, Vaterland, Kirche, Freiheit, Gterverteilung. Eine
Zeitlang irrte Arnold zwischen Phrasen wie ein Gefangener umher. Er
wollte das Festeste ergreifen, das ihm erreichbar war, und so kam er zur
Zahl und ihrer Wissenschaft. In seinem Sinn schien es heller zu werden.
Pforten, denen Licht entstrahlte, ffneten sich, durch eine Formel
gesprengt. Wie die Sehne des Bogens nach jeder Spannung in ihre
natrliche Lage zurckkehrt, so erschlaffte weder, noch berspannte sich
sein Geist bei solcher Arbeit. Aber er berschtzte das Licht; er
berschtzte die Klarheit, in welcher die Dinge demjenigen sich zeigen,
der seine innere Flamme zur Beleuchtung nach auen verwendet.

Es war ein regnerischer Tag; am Abend sollte die Gesellschaft bei
Pottgieer sein, zu der Arnold geladen war. Gegen vier Uhr brachte der
Diener eine Karte mit dem Namen Maxim Spechts.

Specht trat ein, noch eleganter gekleidet als neulich, sorgfltig
rasiert und frisiert, lchelnd und liebenswrdig. Er schilderte alsbald
das Leben, das er jetzt fhrte, und mit innerer Unsicherheit versuchte
er es, die Vergangenheit mit der Gegenwart in einen geistigen Einklang
zu bringen. Aber wenn jemand einen allzu vollen Becher trgt, kann er
nicht gut verbergen, da seine Hand von der berquellenden Flssigkeit
benetzt worden ist. Arnold war nachdenklich. Er fragte sich umsonst,
weshalb Specht gekommen sei; er fragte sich, was aus dem sozialistischen
Schullehrer geworden sei, der so groen Jammer mit dem Elend des Volkes
empfunden hatte.

Sie scheinen viel zu lesen, bemerkte Specht, auf die zahlreichen
Bcher blickend, die auf dem Tisch lagen. brigens kann ich Ihnen einen
Roman empfehlen, den ich jetzt gelesen habe. Ich will Ihnen das Buch
leihen. Es ist eine geistreiche Satire auf unsre heutige Gesellschaft.

Arnold schttelte den Kopf. Ich brauch' das nicht, erwiderte er
abwehrend. Das Geistreiche schmeckt mir nicht. Romane les' ich nicht.
In den Romanen erbleichen die Leute zu oft.

Specht meckerte. Kstlich, sagte er.

Wie geht es Ihnen bei Ihrer Zeitung? fragte Arnold.

O, ausgezeichnet. Ich habe mir eine angesehene Stellung gemacht. Ich
sage Ihnen, Arnold, ich habe Dinge gesehen und Menschen kennen gelernt,
von denen ich mir frher in meiner Schullehrerweisheit nichts habe
trumen lassen. Es ist doch was Herrliches um so eine Grostadt.

Ja, das haben Sie immer behauptet.

Und finden Sie das nicht?

Es ist mir zu viel, vorlufig. Ich mu mich erst hineinleben.

Was mich betrifft, so tanze ich von einem Vergngen ins andere. Kostet
aber auch teuflisches Geld; besonders die Weiber. Weiber gibt es hier,
Arnold! Er schnalzte mit der Zunge. Ich brauchte nur einen reichen
Verwandten oder Freund, fuhr er fort, und ich wrde es bis zum
Minister bringen.

Der Zusammenhang der Argumente entging Arnold.

Specht verabschiedete sich mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen;
er habe was auf dem Herzen, fgte er hastig hinzu.

Arnold stand am Fenster und sah ihn auf der Strae in einen eleganten
Wagen steigen, der vor dem Haus gewartet hatte. Ei, dachte er, dem mu
es gut gehen.

Der Diener kam mit einer Anfrage von Doktor Borromeo herauf, ob Arnold
am Pottgieerschen Abend teilnehmen wrde. Arnold bejahte. Dieser Abend
stellte sich ihm nicht als Vergngen dar, sondern er betrachtete ihn
ernsthaft als einen Teil seiner Aufgaben.

Als Borromeo Arnolds Antwort erhalten hatte, ging er in das Zimmer
seiner Frau. Leise trat er ein, als ginge er auf den Fuspitzen. Anna
sa lesend am Fenster. Ein blasses, sommerfleckiges Frulein kmmte ihr
das Haar. Der Doktor stutzte und wollte sich wieder entfernen.

Hast du mir etwas zu sagen, Friedrich? fragte Frau Borromeo sanft.
Geben Sie acht, Lina, Sie tun mir weh, wandte sie sich an das Frulein
und klopfte ungeduldig mit dem Fu auf den Boden.

Ich wollte dich nur verstndigen, Anna, da es mir unmglich ist, zu
Pottgieer zu gehen, sagte der Doktor.

Berufspflichten? spottete Anna Borromeo, ohne den geringsten Verdru
zu zeigen. Dann wird mir nichts brig bleiben als ohne dich zu gehen,
fgte sie kalt hinzu.

Borromeo zuckte die Achseln und sah einer umhersummenden Biene nach. Er
stand wie ein untertniger Auftragnehmer an der Tre.

Dein Neffe wird mich fhren, denke ich, sagte Anna stirnrunzelnd.

Der Doktor bejahte.

Er zeigt berhaupt glnzende Talente zum Gesellschaftsmenschen, fuhr
sie fort. Ich mu gestehen, da ich nach deiner Schilderung etwas
anderes erwartet habe. Ich habe einen Himmelsstrmer erwartet und sehe
nichts als einen stillen, jungen Mann, der sich ganz artig anzupassen
versteht.

Das Frisierfrulein war fertig und empfahl sich. Doktor Borromeo begann
langsam auf und ab zu gehen und sich den Bart zu streichen. Ich habe
keinerlei Verantwortung dafr bernommen, bis zu welchem Grade du dich
an Arnold amsieren kannst, sagte er endlich. Wenn du an ihm nicht
mehr findest, als er dir zeigt, so kann es dir gehen wie dem reichen
Mann mit Jesus Christus. Wir sind nie erbrmlicher, als wenn wir auf
etwas herunterzublicken glauben, was hoch ber uns steht.

Anna Borromeo senkte den Kopf. Sie war verstndig genug, um einzusehen,
da sie einen falschen Ton angeschlagen habe. Ihr Wesen war
anteilvoller, als sie rasch erwiderte: Ganz gut; nehmen wir an, er ist
das, was _du_ in ihm siehst. Warum scheint er dann so dumpf, so
erstaunt, so simpel? Wenn so ein Mensch, wie du ihn glaubst, in unsere
Kreise versetzt wird, mte er doch wie Dynamit wirken. Aber es macht
den Eindruck, als ob ihn alles kalt liee. Er lchelt und schaut und
schweigt. Er hat sogar gelernt, sich in unserer Manier zu verbeugen.
Warum hre ich nichts von ihm, was mir Aufschlu gibt? Warum tut er
nichts, was mir imponiert?

Anna Borromeo hatte ihr Gesicht erhoben. Ihre Wangen waren bla, der
Ausdruck ihrer Augen leidenschaftlich und drohend. Sie leugnete, um zu
leugnen. Sie hate, weil sie zu lieben sich frchtete.

Lassen wir es, sagte Borromeo verdrielich und wehrte mit der Hand ab.

Du hast schlechte Gewohnheiten mir gegenber angenommen, sagte Anna.
Es ist leicht, ein Thema abzubrechen, das einem ber den Kopf wchst.

Friedrich Borromeo blieb vor ihr stehen. Du hast recht, begann er
sachlich, aber wrde es dich denn bekehren, wenn ich dir sagen wrde,
worin du irrst? Keine Wahrheit gilt als die erlebte. Ein Charakter von
nicht so hoher Bedeutung wrde das tun, was du von Arnold erwartest. Er
wrde um sich werfen, Funken schlagen, sich geberden, fruchtlose
Unternehmungen anstellen. Dieser Mensch aber hat die Ruhe, das zu
erwarten, was die Natur in ihm erschafft --

Er hielt inne, als er das unglubige Lcheln Annas bemerkte, schob mit
einem wunderlichen Ausdruck seinen Kragen zurecht und verlie das
Zimmer.

Anna Borromeo lutete dem Zimmermdchen, welches ber eine Stunde um sie
beschftigt war. Als sie fertig war und in das Speisezimmer trat, kam
auch schon Arnold herab. Der Wagen wartete unten.

Das Haus, welches Pottgieer bewohnte, war eine Sehenswrdigkeit.
Marmorbelegte Fluren fhrten zu den Empfangsrumen. Die Sle waren so
hochgebaut und luftvoll, da auch die gedrngteste Versammlung ihnen
nichts von ihrer Weite zu rauben schien. Kostbare Kunstgegenstnde,
Bilder, Statuen, Teppiche, Nippes, Vasen boten sich dem Auge in Flle.

Arnold gewahrte Natalie und begrte sie. Sie war in hellgrnem
Moireekleid, trug Perlen um den Hals und Diamanten im Haar. Es war
bezaubernd, sie lcheln zu sehen, als ob sie sich selbst beneide und
bewundere. Whrend sie an Arnolds Seite ging, grte sie die Grenden,
schelmisch beschmt oder mit kindlichem Triumph. Jeden kannte sie,
jedermanns Erlebnisse wute sie zu erzhlen. Da war eine junge Frau,
sechs Jahre verheiratet und noch kinderlos. Und warum? Weil sie es fr
unvornehm gehalten hatte, im ersten Ehejahr ein Kind zu bekommen, wurde
der Storch abbestellt. Aber im zweiten Jahr kam auch keines, im dritten
und im vierten auch nicht. Groer Familienrat; aber der Storch ist
beleidigt und der Sprling hlt es jetzt nicht mehr fr vornehm,
geboren zu werden.

Arnold machte ein dummes Gesicht zu dieser Erzhlung.

Und dort unter dem Kandelaber stand eine magere Person, -- ist es nicht
unappetitlich, so mager zu sein? Ihr Mann hat sich aus einem Fenster
gestrzt, weil sein eigener Freund diese Magerkeit appetitlich gefunden.
Schlecht ist die Welt, nicht wahr? Dieser rotbrtige und vollbackige
Herr hat groe Unterschlagungen verbt und nur seine herzlichen
Beziehungen zur Grfin Palansky haben ihn vor dem Kerker geschtzt.
Keine von diesen Frauen ist ihrem Manne treu, flsterte Natalie, und
Vergngen und Wohlwollen frbte ihr Gesicht. Sie naschen von jedem
Tisch und sind berall gleich satt. Tausend Geschichten kann ich Ihnen
erzhlen. Es ist sehr hbsch hier, nicht wahr? So plauderte Natalie.

Petra kam den beiden entgegen, und zum zweitenmal versicherte Natalie
mit ihrer jauchzenden Kinderstimme, da sie sich gttlich unterhalte.
Petra senkte in ihrer schweigenden Weise den Kopf und als Arnold und
Natalie ihr wieder entschwanden, seufzte sie. Ihr Wesen irrte in sich
selbst. Sie fand sich nur abgesondert, sie konnte nicht abstoen; sie
geno mit, wo sie sich schwchlich in die Hoffnung wiegte, vielleicht
einmal entbehren zu knnen, wenn das Bessere zu ihr herabwuchs, so da
sie nur die Lippen ffnen brauchte.

Arnold blieb in Natalies Kreis gebannt, sa auch bei Tisch neben ihr.
Eine merkwrdige Heiterkeit umfing ihn, die oft nur in dem Vorsatz
bestand, die Dinge von der gnstigen Seite betrachten zu wollen. Er sah
Anna Borromeos Blick auf sich gerichtet und machte die Beobachtung, da
sie vor allen Frauen sich hervorhebe, nicht allein durch Schnheit,
sondern auch durch etwas Verschwiegenes, das sich nicht jedem Auge
biete. Indessen scherzte er mit Natalie, lachte, fhlte sich ber seine
Nachdenklichkeit erhoben, strengte sich an, im Harmlosen die versteckte
Andeutung zu finden, doch blieb ihm immer das sonderbare Gefhl, mit so
vielen Menschen an einem Tisch zu sitzen, lediglich zum Zweck
gemeinschaftlichen Essens. Die endlose Reihe der Speisen wunderte ihn,
und er besah sich abermals die Leute, die mit einer Kette aneinander
gefesselt schienen, welche durch keine Kraftanstrengung zu durchreien
war und deren helles Klirren durch vielfaches Plaudern bertnt werden
mute.




Neunundzwanzigstes Kapitel


Natalies halb entblte Brust, ihre entblten Schultern zogen seinen
Blick von ihrem listigen Gesichtchen ab. Oft schlossen sich ihre Augen
fr eine Sekunde, und sie wiegte den Kopf nach dem Takte der Musik.

Petra ist kopfhngerisch, sagte sie und zerlegte dabei das Fasanstck
auf ihrem Teller. Soll ich Ihnen etwas anvertrauen? Doch sofort wandte
sie sich zu ihrem linken Nachbar, um auf eine Frage zu antworten.

Arnold sah zwischen zwei Blumenbschen ein sehr schnes Frauengesicht.
Er schaute unbeweglich lchelnd hin. Dumpfes Besitzenwollen erwachte in
ihm. Was wollen Sie mir anvertrauen? fragte er Natalie. Natalie drehte
sich wieder zu ihm. Richtig, sagte sie leise und mit einer heiteren
Wendung des Kopfes. Petra ist mit Emerich Hyrtl verlobt. Aber schweigen
Sie darber. Es ist nicht alles in Ordnung. Petra ist jedenfalls nicht
mit dem Herzen dabei. Wissen Sie, was ich glaube? sagte sie dann in
verndertem Ton. Ich glaube, da nicht leicht zwei Menschen so gut
geschaffen sind, Freunde zu werden wie wir beide.

Arnold nahm vorsichtig und ungeschickt von dem Eis, welches
umhergereicht wurde. Dann erst blickte er Natalie an und legte
unbekmmert seine Hand auf ihren Arm. Er erwiderte mit einer Freiheit,
die ihm sonst keineswegs eigen war: Freundschaft mu man sich
erwerben.

Natalie zuckte unter seiner Berhrung zusammen. Dann lachte sie und
antwortete: Es gehrt auch Talent zur Freundschaft. Man mu Opfer
bringen knnen. Welches Opfer knnten Sie mir zum Beispiel bringen? Und
da er etwas verblfft schwieg, fuhr sie scheinbar ganz treuherzig fort:
Wrden Sie mir die Hlfte Ihres Vermgens schenken? Nein? Oder
hunderttausend Gulden? Nein? Oder fnftausend? Sie sehen, ich lasse mit
mir handeln. Ach, schlo sie wehleidig, was hngt alles am Gelde! Wenn
Sie ahnten, was ich fr Kummer habe, lieber Freund.

Sie wartete umsonst auf seine Antwort. Man mu deutlicher mit ihm sein,
dachte sie; er ist einfltig wie eine Kchin. Wahrhaftig, mit ein paar
tausend Gulden wre mir gedient und ich brauchte morgen meinen Schmuck
nicht wieder zu versetzen.

Ach, ich bin so froh gelaunt heute, rief Natalie laut, indem sie sich
ein wenig dehnte, ich knnte die ganze Welt kssen.

Betroffen, mit langsam forschendem Blick schaute Arnold sie an, als
wolle er sich jede ihrer Bewegungen einprgen. Sie sind wie ein Kind,
sagte er. In der einen Hand haben Sie Spielzeug, in der andern
aber ...

Was? Natalie war sehr gespannt. Jedes Urteil ber sie selbst, auch das
vernichtendste, setzte sie in einen Zustand wohliger Aufregung. Nun,
und in der andern?

Etwas Giftiges.

Man hrte die Stimme des Doktor Bernay: Gebt uns reinen Boden, Luft,
Wald, Acker und wir werden edle Menschen hervorbringen.

Alle erhoben sich. Der alte Rousseau-Schwindel, sagte ein Herr mit
langen, weien Haaren.

Bernay trat vor den wrdigen Herrn; Rousseau! Was fr ein
Miverstndnis! rief er. Wir wollen die Rasse erneuern. Kein
phantastisches Zukunftsideal. Wir wollen Mnner. Immer hrt man von der
Frauenfrage schwatzen. Es ist endlich einmal Zeit, von der Mnnerfrage
zu reden.

Ein verdrieliches Schweigen entstand. Gleichgltig wandte Arnold der
Gruppe den Rcken. Seine Gedanken suchten ein Ziel, ein Echo, ein Empor.
Von allen Seiten hrte er nichts weiter als Geschwtz.

Haben Sie die Antinous-Statue gesehen, die Pottgieer in Spalato
gekauft hat? hrte er einen jungen Mann zu einem andern jungen Mann
sagen. Fabelhaft? was?

Halten Sie sie fr echt? antwortete der zweite.

Pottgieer soll bei der Ausgrabung zugegen gewesen sein. Hat
sechzehntausend Gulden gekostet, der Spa.

Osterburg eilte auf Arnold zu. Er hatte gehrt, wie Hyrtl von diesem
Herrn Ansorge als von einem Elementarereignis gesprochen hatte. Dies
wurmte ihn, und er nahm sich vor, dem Elementarereignis auf den Zahn zu
fhlen, wie er sich ausdrckte, denn was sich nicht unter seine
Begriffe von Welt und Leben bringen lie, das beklffte er in aller
Stille und Hinterlist. Er fragte Arnold aus ber Aktien,
Kaltwasserkuren, Leberkrankheiten und erzhlte schlielich Geschichten
eigenen Fabrikats. Je geduldiger Arnold zuhrte, je abenteuerlicher
wurden die Vorflle und je hher stieg er in Osterburgs Achtung.

Pottgieer hatte einige Herren zu verschiedenen Kartenspielen verteilt.
Im Musikzimmer wurde eine Dame aufgefordert, zu spielen. Arnold stellte
sich neben den Flgel, als die ersten Takte ertnten. Zuerst beobachtete
er nur die Finger der Spielerin, dann lie er einen prfenden, immer
mehr erstaunten Blick umherschweifen. Etwas Dmmeriges, Verblasenes ging
von der Musik wie von der Spielenden aus. Die ganze willenlose Seele
dieser Menschen war es, die aus ihr erklang. Die Geldgeschfte und
Geldgedanken schienen vergessen, ebenso wie die nutzlosen Aufregungen
eines eiferschtigen Beisammenseins. In den Gesichtern der Frauen lag
eine sliche Verlorenheit, um den Mund ein zerstreutes Lcheln, in den
Augen schwle Trumerei und ein ungesunder Glanz.

Whrend die Spielerin nach langem Beifall ein neues Stck begann,
verlie Arnold das Musikzimmer. Er berschritt einen gepflasterten
Vorraum; in einem Winkel versteckt sah er einen jungen Mann und ein
junges Mdchen in friedlichem Gesprch. Er ging weiter und kam alsbald
in ein kleines, rondellfrmiges Gemach. Hier stand als einzige Zierde
die Antinous-Statue. Beim Anblick der Marmorfigur blieb er ergriffen
stehen. Im ersten Augenblick glaubte er, ein Geschpf aus einer
Mrchenwelt vor sich zu sehen, mrchenhaft belebt, in mrchenhafter
Nacktheit. Aber als er sich berzeugt hatte, da es ein Stein war, der
in feierlicher Unbeweglichkeit vor ihm aufragte, wich sein khles
Befremden. Unwillkrlich ahmte er die heroisch-ruhige Bewegung im linken
Arm der Statue nach, die gttlich-kalte und ungerhrte Neigung des
Hauptes. Der Ausdruck der dicken und leidenschaftlichen Lippen wurde
geklrt durch den Blick der Augen, welche alles Seiende mild beschauten
und erst das Werk zum Wirkenden werden lieen. Das ist schn, dachte
Arnold, das gefllt mir.

Er kehrte zur Gesellschaft zurck. Anna Borromeo, die nach Hause wollte,
hatte ihn gesucht. Schweigend sa er neben ihr im Wagen. Sie beugte sich
vor und drckte beide Hnde an die Augen.

Hte dich vor dieser Natalie, sagte sie pltzlich. Es ist kein wahrer
Blutstropfen in der Person. Sie spielt mit sich und mit den Menschen.

Sie ist nicht schlechter als andere, gab Arnold khl zurck. Ihr seid
alle so. Ihr spielt nur mit den Menschen.

Frau Borromeo richtete sich auf und sah ihm durch die Dunkelheit
forschend ins Gesicht.




Dreiigstes Kapitel


Maxim Specht hatte die Partei und die Zeitung verlassen, die ihm seinen
ersten Wirkungskreis erffnet hatte. Er war Redakteur eines Blattes
geworden, welches von der Regierung unterhalten wurde. Er verdiente
durch seine Arbeit etwa zweihundert Gulden im Monat. Er verbrauchte
ungefhr fnfhundert. Dabei wurden seine Bedrfnisse mit jeder Woche
grer und die Hoffnung, das Schuldennetz zu zerreien, in welchem er
verstrickt war, tglich geringer. Er geriet in schwierige Verhltnisse
und war der Sklave einer Genossenschaft von Menschen, in deren Mitte er
den Herrn zu spielen dachte. Der Boden schwankte unter ihm.
Abenteuerlichkeiten aller Art muten vorhalten, um ein im Grunde
erbrmliches Dasein fortzufhren.

Da dachte er an Arnold. Zu gleichen Teilen wollte er der Harmlosigkeit
und der Menschlichkeit Arnold Ansorges seinen Vorteil abgewinnen, dieses
Arnolds freilich, den er unter dem Verkleinerungsglas sah, das sein
jetziges Leben fr alle Ereignisse und Gestalten der Vergangenheit
bildete. Sein erster Besuch sollte nur als ein Freundschaftszeichen
gelten, auch wagte er noch nicht zu bitten. Als er zum zweitenmal kam,
hatten ihn die berlegungen der dazwischen liegenden Tage gestrkt, und
er forderte von Arnold mit dringender Herzlichkeit achthundert Gulden
als Darlehen.

Arnold blickte ihn still und verwundert an. Er go ein Glas Wasser aus
der Karaffe, ohne jedoch zu trinken.

Irgend eine Stimme gebot ihm Vorsicht.

Specht beobachtete ihn mit hin und her zitternden Augen. Es ist ein
Freundschaftsdienst, sagte er lchelnd.

Arnold nickte. Ich habe nicht so viel zu Hause, erwiderte er. Morgen
will ich es Ihnen schicken. Er betrachtete das Gesicht Spechts und es
erschien ihm neu und fremd, vllig verndert gegen frher. Wangen und
Kinn waren aufgeschwemmt, breiter, behbiger, trotzdem die modische
Kleidung ungnstige Linien verwischte. Indem er den Lehrer Specht aus
Podolin mit dem geschmeidigen, wnschevollen, verstrten, khlen und
trunkenen Mann verglich, der vor ihm sa, suchte er nach den Ursachen
einer so unheilvollen Verwandlung. Irgend welche Krfte schienen
zerstrt in Specht; er war wie ein Mensch, der wider seine Absicht an
einem Tanz teilnimmt, teilnehmen mu, und der mit allen Zeichen der
Hitze, der Benommenheit, der Atemlosigkeit eigentlich nicht wei, was
mit ihm vorgeht.

Specht lud ihn ein, mit ins Theater zu gehen, er habe zwei Sitze von der
Zeitung; Arnold nahm das Anerbieten an. Er war vor einem Monat zum
erstenmal bei einem Shakespeareschen Stck gewesen und hatte einen
tiefen Eindruck gewonnen.

Es wurde ein neues Stck aufgefhrt, welches in andern Stdten schon
groen Beifall erlangt hatte. Specht sa als berlegener Mann da. Die
zwei ersten Akte waren vorber, und brausendes Hndeklatschen begann.
Ein glnzendes Stck, sagte Specht befriedigt, erhob sich und grte
einige Personen mit einem Winken seiner Hand. Dann forderte er Arnold
auf, ihn zu begleiten, und sie schritten drauen im teppichbelegten
Wandelgang auf und ab. Wie gefllt es Ihnen? fragte Specht etwas
gnnerhaft.

Ich finde es vollkommen sinnlos, erwiderte Arnold.

Sind Sie toll? rief Maxim Specht verdutzt.

Mu er sich denn verlieben? Warum verliebt er sich, wenn er dadurch
zugrunde geht? fuhr Arnold unbeirrt fort. Oder vielmehr, warum geht er
durch Verlieben zugrunde? Kein Mann geht dadurch zugrunde, das ist nicht
wahr, ist lauter verlogenes Zeug.

Aber begreifen Sie denn nicht, entgegnete Specht ironisch und
nachsichtig, der Verfasser will zeigen, wie ein Mann gerade durch eine
ideale Liebe zugrunde gehen mu, wenn einmal das Innere seiner Seele
krank oder angefault ist.

Gewi versteh ich das, sagte Arnold ruhig. Aber an einem solchen
Schwachkopf war doch nichts mehr zu verderben. Und heit denn das
zugrunde gehen, wenn man sein Geld verliert?

Spechts Gesicht wurde immer lnger. Der Mann ist gar nicht so dumm,
schien er sagen zu wollen. Beide schickten sich an, auf ihre Pltze
zurckzukehren, als Beate und Hanka aus einer Logentre traten und die
vier, einander betrachtend, sich gegenberstanden. Beate verlor nur eine
Sekunde lang die Fassung, dann reichte sie gleich Hanka den jungen
Mnnern die Hand. Specht lie kein Auge von ihr. Sie trug ein Kleid,
welches wie von tausend Schuppen fischhaft schillerte und das Schultern,
Arme und die Wlbung der Brste freilie. Gelangweilt vorbeischleichende
Mnner hefteten den frech-studierenden Blick auf sie, die sich dessen zu
freuen schien, denn ihre Augen liefen unruhig funkelnd von Wand zu
Wand, von Gesicht zu Gesicht.

Mich langweilt dieses schlechte Stck, sagte Hanka humoristisch
gelaunt. Er hatte sich auf Beates Wunsch den Schnurrbart rasieren lassen
und sah nun aus halb wie Napoleon, halb wie ein Jesuitenpater.

Wir mssen uns sputen, es fngt an, drngte Beate. Weit du was,
Alexander, rief sie pltzlich, wir wollen vor unserer Abreise noch
einen Podoliner Abend geben. Specht und Herr Ansorge sollen bei uns
essen ...

Sehr gut; aber Sie knnen auch sonst einmal zu einem Plauderstndchen
kommen, sagte Hanka zu Arnold, dessen Hand er in der seinen hielt.

Arnold nickte. Er fhlte auf einmal eine groe Zuneigung zu Hanka.

Die Leute waren im dunkeln Theater wie in einer Hhle verschwunden.
Specht blickte auf die Tr, durch die Beate gegangen war. Haben Sie die
Schultern gesehen? murmelte er Arnold zu; und das Gesicht? Sie sieht
aus wie eine Prinzessin.

Noch ein letzter Gast kam aus einem der Auenrume, Hyrtl. Specht
stellte sich vor, und es wurde ausgemacht, da alle drei nach dem
Theater bei Hyrtl zu Abend essen sollten.




Einunddreiigstes Kapitel


Seitdem Hyrtl den eigentlichen Beweggrund von Arnolds Aufenthalt in der
Stadt kannte und ihm die Erzhlung Arnolds von Anna Borromeo wenn auch
widerwillig, so doch ohne Entstellung, besttigt worden war, hatte er
nicht nur Respekt vor dem jungen Menschen (er achtete und bewunderte das
Vortreffliche wie ein Leser von Kriegsgeschichten den Feldherrn, welcher
Schlachten gewinnt), sondern er benutzte auch jeden Anla, Arnold vor
andern zu erheben, und was er wute, andern mitzuteilen, verschnt durch
edle Einzelheiten, welche seine eigene Phantasie geboren hatte. Hyrtl
schmckte sich mit den besten Eigenschaften seiner Freunde, indem er sie
anerkannte, und er liebte seine Freunde leidenschaftlich, das will
sagen, alle Menschen, die ihm Gesellschaft leisteten.

Als der Diener die Tr von Hyrtls Wohnung ffnete, sprang ein kleiner
gelber Hund zur Begrung heraus. Die Ausstattung der Zimmer zeigte alle
Arten und Gren von Sofas und gepolsterten Sesseln. Auf Glastischen
standen in roten, grnen, blauen und gelben Flschchen Essenzen und
Wohlgerche, auf dem Schreibtisch lagen in gewhlter Ordentlichkeit
Siegel, Uhren, Brieftaschen, Anhngsel, Ringe, Dosen, Ketten und aus
allen Ecken und von jeder Wand starrten Photographien von Herren und
Damen mit liebevollen Unterschriften. Dem Bcherkasten gegenber stand
eine kleine, uralte Zimmerorgel.

In Hyrtls blassen Zgen zitterte schon jetzt die Angst, da die Gste
ihn zu frh verlassen knnten, denn wie sehr frchtete er die einsamen
Stunden der Nacht! Durch diese Furcht wurde er witzig; etwas Berckendes
und Liebenswertes trat aus seinem Wesen hervor, je mehr die Stunde
vorrckte. Hilfsbedrftig klammerte er sich an jedes Lcheln seiner
Gste.

Specht setzte sich an die Orgel und trat den Windbalg. Aus seinen
Schulmeistertagen war er noch mit einigen Griffen vertraut, und er
spielte eine choralhnliche Folge von Akkorden.

Hyrtl lobte sein Spiel, dann wandte er sich zu Arnold und sagte: Ich
mchte Sie nchstens mit einer Freundin von mir bekannt machen, einer
russischen Studentin.

Aus welchem Grund?

Ihr beide wrdet wunderbar zusammenpassen. Es macht mir manchmal
Freude, Menschen zueinander zu fhren, Schicksale zu erzeugen.

Die reine Alchimisterei, spottete Specht.

Nein wirklich, beharrte Hyrtl, Verena Hoffmann wrde Ihnen gefallen.

Verena Hoffmann? rief Specht. Die kenn' ich ja. Lebt die nicht mit
einem gewissen Tetzner?

Ja. Aber es ist ein ganz einwandfreies Verhltnis.

Specht lachte. Hat sie's Ihnen schriftlich gegeben? Einwandfrei! Was
heit denn das? Soll brigens sehr reich sein, dieser Tetzner.

Jawohl. Es ist ein reicher Gutsbesitzer, der Nihilist geworden ist.
Wenn Sie erlauben, Herr Ansorge, werd' ich Sie morgen mit dem Wagen
abholen und wir fahren zu Verena.

Arnold nickte.

Gehen Sie schon? fragte Hyrtl traurig, da die jungen Leute Anstalt
machten, aufzubrechen, und indem er Arnold die Hand reichte, fgte er
hinzu: Alleinsein ist bitter. Lieber einen Raubmrder zur Gesellschaft
haben als allein sein.

Warum arbeiten Sie nicht? fragte Arnold hart.

Hyrtl zuckte die Achseln. Ich kann nichts, antwortete er. Ich war
Kaufmann, aber ich htte ebensogut Strmpfe stopfen knnen. Ich wrde ja
nur irgend einem Berufenen den Platz wegnehmen, wozu? Mein Vater hat mir
genug hinterlassen, da ich die paar Jahre, die ich noch zu leben habe,
in Gemtsruhe erledige.

Was heit das?

Das heit, da ich sehr krank bin. Mein Herz ist kaput.

Als seine Gste gegangen waren, gab sich Hyrtl eine Zeitlang seinen
trostlosen Betrachtungen hin. Dann versuchte er zu lesen. Die Buchstaben
tanzten. Wie albern und schrecklich das Gedichtete der Dichter in den
einen Ruf zusammenklang: wir knnen dir nicht helfen. Er griff zu
medizinischen Werken, zu philosophischen Schriften, zu alphabetischen
Lexika, zu alten Zeitungen; schlielich ffnete er ein Fach seines
Schreibtischs, nahm ein schwarzes Heft heraus und schrieb. Es war eine
Art Tagebuch, das die oberflchlichen Dienste eines Spiegels verrichtete
und einen Widerklang der eitlen, leeren, rmlichen und empfindsamen
Dinge bildete, die sich im Kopf dieses Menschen wie eine Schar von
Insekten herumtrieben. Doch Hyrtl prahlte mit diesem Heft vor seinen
Freunden und hielt es geheim. Das Schlo, hinter dem es lag, zeigte
dreifachen Verschlu und gab zuletzt erst dem Druck einer verborgenen
Feder nach.

Hyrtls Gesicht war md und welk geworden. Er kleidete sich aus, wlzte
sich noch lange unter der himmelblauen Atlasdecke umher, und erst als
das Tageslicht auf die Dielen fiel, sank er in Schlaf.




Verena


Zweiunddreiigstes Kapitel


Am folgenden Tag war Arnold mit Hyrtl wirklich in die Wohnung Verena
Hoffmanns gefahren. Das Frulein hatte sie ziemlich khl empfangen und
Arnold merkte gleich, da es mit der Freundschaft, deren sich Hyrtl
gerhmt, nicht so recht stimmte. Er selbst verhielt sich schweigsam und
beobachtend. Nach einer Viertelstunde gingen sie wieder.

Durch einen scheinbar unerklrlichen Ansto begann Arnold sich pltzlich
abzuschlieen. Er folgte keiner Einladung mehr und war unzugnglich fr
jeden Besucher. Er nahm auch an den Mahlzeiten bei Borromeos nicht mehr
teil, sondern versorgte sich entweder zu Hause mit Schinken und Wurst
oder suchte irgend eine nahegelegene billige Wirtschaft auf. Trotz des
Alleinseins wimmelte es um ihn her von Bildern und Gesichtern, die
seinen Geist in unaufhrliche Beschftigung versetzten und den Stunden
der Arbeit die Leichtigkeit raubten. Wohin mit all der Mhe? dachte er
bisweilen in Zweifeln, die wie schwarze Vgel am Horizont flogen, --
wohin? zu welchem Ufer, du Segler? Er arbeitete, ohne die Anerkennung
eines Freundes zu genieen.

Eine Stimme klang in seinem Ohr, die ihm diese Anerkennung zu
versprechen schien und deren Widerhall nicht erlschen wollte.

Eines Nachmittags entschlo er sich pltzlich, Verena Hoffmann
aufzusuchen. Als er vor der Wohnungstr stand, zgerte er eine Weile,
bevor er auf den elektrischen Knopf drckte. Als es lutete, hatte er
das Gefhl, ber seine Zukunft entschieden zu haben.

Verena selbst ffnete. Sie war sichtlich verwundert, ihn zu sehen, hie
ihn jedoch eintreten. Er kam in ein ziemlich groes Zimmer; es schien
ihm, als she er es zum erstenmal. berall lagen Bcher umher, an den
Wnden, auf dem Tisch, auf Bett und Sthlen und auf dem Boden. In einem
Winkel stand ein menschliches Skelett, in einem anderen Winkel ein
kleiner Sparherd, auf welchem Wasser kochte. Daneben befand sich eine
Art Anricht, worauf ein Hohlspiegel stand, ein Mikroskop, eine Retorte,
Flaschen, zwei Krautkpfe und ein Laib Brot. Arnold betrachtete all
dieses mit Verwunderung und mute schlielich lcheln. Das junge Mdchen
schaute halb gespannt, halb verdrielich in sein Gesicht, das auf sie
einen Eindruck von Vierschrtigkeit und Hausbackenheit machte. Womit
kann ich dienen? fragte sie mit einer hellen deutlichen Stimme und
etwas auslndischer Betonung.

Erinnern Sie sich nicht, ich war ja mit Herrn Hyrtl neulich bei Ihnen,
antwortete Arnold unbefangen. Ich heie Ansorge, Arnold Ansorge.

Verena machte groe Augen. Der seltsame Besucher fing an, sie zu
belustigen. Sie forderte ihn durch eine Geberde auf, Platz zu nehmen und
setzte sich ebenfalls.

Ich dachte mir gleich, begann Arnold zutraulich, da Sie fragen
wrden, warum ich kme und da ich nicht antworten knnte. Ich will
einen Vorschlag machen. Denken Sie doch, da wir schon lange bekannt
wren und da Sie mich heute erwartet htten.

Das junge Mdchen wendete mechanisch die Bltter eines Buches um, das
auf dem Tisch lag. Wenn ich Ihnen jetzt antworten wrde, wie Sie es
wnschen, sagte sie, ohne den Kopf zu bewegen, der zu dem offenen Buch
geneigt war, dann wrde ich Sie belgen. Ich wei nicht, was Sie gerade
hierher treibt; vielleicht ein Straeninteresse. Ich habe wenig Zeit,
sehen Sie, und ich will wenig Zeit haben. Nur was mir ntzt, kann ich in
mein Leben aufnehmen.

Arnolds Gesicht rtete sich. Da fhren Sie aber ein trauriges Leben,
entgegnete er schnell.

Verena Hoffmann zuckte die Achseln und machte eine unbestimmte Geberde
gegen die berall verstreuten Bcher. Sie schien nicht aufgelegt, sich
in Errterungen einzulassen. Langsam, mit wiegendem, gedankenvollem
Schritt ging sie hinter dem Tisch auf und ab, berhrte zerstreut einige
Gegenstnde mit der Hand und schielte bisweilen mit Erstaunen auf den
Besucher, der keine Anstalten machte, sich zu entfernen.

Was studieren Sie eigentlich? fragte Arnold.

Medizin.

Medizin, wiederholte er. Ja, das ist etwas Festes, danach kann man
greifen. Er machte eine Bewegung, als nhme er die ganze Medizin in die
Hand. Da gibt es Arbeit, fuhr er fort, man wei, wo man anfangen und
aufhren soll. Es hat einen Sinn und einen Zweck.

Als sie ihn so nachdenklich sprechen sah, nderte sich der Ausdruck von
Verenas Gesicht. Das allein gengt nicht, antwortete sie mit Wrme.
Die Arbeit gengt nicht und das Ziel gengt nicht. Was ist Arbeit ohne
innere Freude und Ziel ohne Persnlichkeit! Darum handelt sich's.

Das Gerusch eines auf den Steinflieen der Treppe Schlrfenden wurde
hrbar, erst entfernt, dann ein Scharren und Aussetzen, vermischt mit
Seufzen und Schnauben, dann klopfte es drauen und Verena ging, um zu
ffnen.

Ein wunderlich aussehender Mann trat ein. Verena stellte vor: Herr
Tetzner, Herr Ansorge.

Tetzner trug eine blaue Brille, einen Schlapphut, einen Wettermantel und
auerordentlich groe Stiefel. Unter dem Arm hatte er einen dicken
Folianten. Sein Gesicht war schwammig und aufgedunsen; die Lippen
schwollen frmlich aus dem Bart heraus, der in der Dmmerbeleuchtung
schier eine kanariengelbe Farbe zeigte.

Verena sagte leise ein paar russische Worte. Tetzner blickte Arnold an
und lachte gutmtig.

Fragend schaute Arnold von einem zum andern. Verena reichte ihm die Hand
und sagte mit freundlich-ernstem Lcheln: Ich hoffe, Sie
wiederzusehen. In ihren Augen lag auf einmal etwas Kameradschaftliches.




Dreiunddreiigstes Kapitel


Von nun an ging Arnold mit ganz anderm Sinn an eine Ttigkeit, deren
bloe Grenzen zu bestimmen er bisher mit bedenklicher Leidenschaft
bemht gewesen war. Er begriff endlich, da die Flle ihn verwirrt, die
Vielfltigkeit zerstreut hatte, und er beschlo, dem nchsten, praktisch
ausnutzbaren Ziel zuzusteuern.

Es war, als ob Wolken aus seinem Gehirn fortgeblasen seien.

Er verschaffte sich ein genaues Verzeichnis der Fcher, deren Kenntnis
zur Abiturialprfung erfordert wurde. Nicht so leicht wurde es ihm zu
erfahren, bis zu welchem Grade diese Kenntnisse reichen muten. In der
Universitt wies man ihn da- und dorthin. Schlielich nahm er einen
Wagen und fuhr in die Wohnung eines Professors der Jurisprudenz, den er
hatte nennen hren. Der Mann war mrrisch und kalt. Doch Arnolds
bestimmtes Auftreten und Fragen schchterten ihn ein; er gab Auskunft
wie ein aus dem Schlaf geweckter Schler. Arnold notierte; seine heitere
Liebenswrdigkeit verwunderte endlich den Gelehrten und nahm ihn fr den
Besucher ein. Er glaubte den Eifrigen warnen zu sollen: dies Brot mache
keinen fett, der Andrang sei gro und die Brste der Alma mater seien
schlaff geworden. Arnold verstand den Schmlenden nicht. Ich bin nicht
hungrig, sagte er kurz, dankte und entfernte sich.

Er suchte nun einen Studenten, mit dessen Hilfe er Lateinisch und
Griechisch treiben konnte; von beiden Sprachen waren nur Anfangsregeln
in seinem Kopf. Er folgte dem Rat des Professors und hinterlegte seine
Adresse beim Pedell der Universitt. Am nchsten Morgen schon ging es
treppauf, treppab im Borromeoschen Haus. Junge Mnner mit leidenden und
dstern Gesichtern kamen. Sie trugen meist eine angenommene Demut zur
Schau, eine Unterwrfigkeit, die schlecht zu den Vorstellungen Arnolds
pate. Was aber viel entmutigender und schrecklicher auf ihn wirkte, war
die groe Menge dieser nahrungslosen Studenten. Im Korridor, wo oft zehn
oder fnfzehn auf einmal warteten, hatte der Diener Mhe, ihre
Eifersucht und Vordringlichkeit zu zhmen. Jeder wollte der erste sein,
und nicht durch seine Person oder sein Wesen glaubte er den andern
verdrngen zu knnen, sondern durch die grere Niedrigkeit des Preises
seiner Dienste. Von Einem zum Nchsten wurde Arnold unentschlossener.
Manches Gesicht war ihm sympathisch, da stie ihn wieder ein gewisser
dunkler Schmerz darin ab. Blutlos und kraftlos tauchten ihre Zge vor
ihm auf, redeten nicht, sondern lispelten und verschwanden wieder
troglodytisch-fahl. Arnold fragte oft nach ihren Lebensumstnden, ihrer
Heimat, ihren Absichten, aber jeder betrachtete sein Geschft als
abgetan, sobald seine Erwartungen durch ein Interesse getuscht wurden,
das ihm frivol erschien. Ich bin nicht da, um Sozialpolitik zu
treiben, meinte einer hhnisch, dafr bleibt mir Zeit, wenn andere bei
der Tafel sitzen. Arnold schwieg, berlegte, dann sagte er, da er eben
jemand suche, der darauf Antwort zu geben verstnde, und das mu ihm
ebenso natrlich sein, wie mir, zu fragen.

Der Student entfernte sich mit einem kurzen Auflachen, und Arnold, der
keinen mit leeren Versprechungen hingehalten, wollte nun auch die
brigen nicht mehr sehen. Seiner Natur widerstrebte es, sich in ein
ungesundes Mitleid einzubohren und betrbende Verhltnisse entweder als
etwas Unabwendbares hinzunehmen oder durch unreife Handlungen noch mehr
zu verwirren. Ihm war es klar geworden, da eine geregelte Ttigkeit,
die auf Taten zielt, mehr ist als eine verfrhte Tat.

Er beschlo sich an Verena zu wenden, welche ihm vielleicht eine
geeignete Person empfehlen konnte. Zu seiner Arbeit hatte er nun die
schnste Mue; Frau Anna war auf dem Land, Borromeo war in
Prozeangelegenheiten nach Ungarn gefahren. Der Sommer und Sonnenschein
zog Arnold nicht ab. Tag und Nacht waren seine Fenster offen, und er
begngte sich mit dem kleinen Himmelsstck zwischen den Dchern und mit
den kurzen Vogelschreien, die ber die Strae hallten.

Verena Hoffmann antwortete ihm unverzglich, sie wisse einen geeigneten
Menschen und werde ihn bald schicken. Sie sei indessen wieder mit Herrn
Hyrtl zusammen gewesen, fgte sie hinzu; er erzhlte mir, da die Rede
darauf kam, Interessantes von Ihnen. Er scheint in bezug auf seine
Freunde ein sehr ruhmrednerischer Mann zu sein, aber dennoch mchte ich
Sie bald wiedersehen. Ein Punkt vor allem gibt mir zu denken. Sollte es
Geschwtz sein, so htte ich den Mann unterschtzt, der so etwas fr
ein kurzes Gesprch erfindet. Die Schrift war fein und rundlich, genau
wie Verenas Hals und Hnde.

Was bedeutet das? dachte Arnold. Was will sie wissen? und was knnte
Hyrtl von mir wissen? Er hatte kaum Zeit, den Brief auszulesen, da
hinter dem meldenden Diener ziemlich aufgeregt Specht ins Zimmer trat.
Ohne seinen Hut abzunehmen, warf er sich in einen Sessel, spannte die
Knie zwischen seine Arme und das vorgehaltene Spazierstckchen und
sagte, indem er die kleinen, unruhigen Augen aufri: Gott sei Dank, da
Sie zu Hause sind. Ich wre verzweifelt, wenn ich Sie nicht angetroffen
htte. Sie mssen mir helfen, lieber Freund. Ich habe gestern abend an
Hyrtl vierhundert Gulden auf Ehrenwort verloren. Wir haben Macao
gespielt, ich, Hyrtl, ein gewisser Herr Osterburg und noch ein Herr. Es
ging ziemlich hoch. Bis heute abend mu ich -- Sie begreifen, Arnold, --
meine Ehre -- Er stotterte, denn Arnolds verwundertes und verletztes
Gesicht lie ihn nicht das Beste hoffen.

Arnold schttelte den Kopf. Nein, lieber Specht, sagte er, nein.

Maxim Specht nahm langsam den Hut vom Kopf, griff nach seinem seidenen
Taschentuch und wischte die feuchte, runde Stirn. Sie wollen grausam
sein, Liebster, flsterte er mit gezwungenem Lcheln und einem Versuch,
liebenswrdig-beredt zu erscheinen, aber man straft sich selbst, wenn
man seine Freunde verlt. Sie sind reich genug, um dieses Smmchen
durch die Finger zu blasen, ich aber --, er wollte nach der Uhr sehen,
zog aber die Hand zurck -- wenn ich bis Abend nicht zahle, kann mir nur
noch eine Pistole kaufen. Er schob den Zeigefinger hinter den Kragen
und fuhr damit um den Hals.

Das sind nichtswrdige Dinge, die Sie da vorbringen, antwortete
Arnold. Es ist so wenig Verstand darin, da ich gar nicht anfangen mag,
Ihnen Widerspruch zu halten. Wenn man spielt, kann man doch nicht mehr
verspielen, als man hat. Das wre nicht ehrenhaft und knnte keine
Ehrenschuld sein. Ich, lieber Specht, das sage ich Ihnen, will nicht
Geld an Ihre Stiefelsohlen hngen, damit es auf der Strae liegt. Ich
glaube nmlich, mit Geld mu man Edles beginnen, damit es edel wird.

Ach Liebster, machen Sie doch nicht in meiner kleinen Misere den
Reformator, klagte Specht mit einer mden Kopfbewegung, whrend seine
Augen halb gehssig, halb verzweifelt blitzten. Ich mu nun doch fr
das Geschehene einstehen. Theorien sind gut fr das Kommende. Sie sollen
mir nichts schenken. Ich lasse mir nichts schenken. Warten Sie nur, bis
meine Zeit anbricht; ich habe Wurzel gefat, ich werde auch Frchte
tragen.

Arnold schmte sich fr Specht, denn sein praktischer Sinn nahm diese
Reden mit Verachtung auf. Ein spttisches Lcheln lag um Spechts Lippen,
offenbar nur durch den Wunsch erzeugt, nicht allzu klein zu werden und
nicht gar zu mrbe zu erscheinen.

Gut, sagte Arnold endlich mit einer freundlichen, jedoch
nachdenklichen Miene, ich darf Sie nicht belehren, und wenn Sie auf
mich rechnen, mu ich vielleicht die Rechnung anerkennen. Gut, ich will
Ihnen also das Geld geben.

Spechts Gesicht wurde erst glhend rot, dann bla. Sind Sie nicht ein
wenig ungerecht gegen mich? fragte er mit einem fast sichtbaren
Aufatmen der Erleichterung. Htten wir nicht Grund und Fhigkeit genug,
uns gegenseitig anzuschlieen, statt uns abzuwetzen? Wo Sigkeit sein
sollte, ist immer Schrfe. Aufstehend und sich verabschiedend, fgte er
hinzu: Wir beide sind bermorgen abend bei Hankas eingeladen. Hankas
reisen noch in dieser Woche ab. Ich hoffe, wir werden uns drauen
sehen.

Arnold machte sich wieder an die Arbeit. Er ging bald zu Bett und stand
in der frhesten Frhe auf. Auch dieser Tag ging mit Arbeit hin. Eine
wunderbare Unermdlichkeit war in ihm entstanden, denn wer tglich
frische Klarheit ber das Notwendige erwirbt, mu tglich ber seine
frischen Krfte verfgen.

Am Abend trieb ihn die Begierde nach guter Luft aus dem Haus. Kaum war
er um die nchste Straenecke gebogen, so sah er vor sich eine groe
Ansammlung von Wagen, die sich gestaut hatten, da der Weg durch ein
umgestrztes Frachtfuhrwerk gesperrt war. Pltzlich gewahrte er in einem
der eleganten Fiaker Beate Hanka. Ihr lachendes Gesicht war von der
Abendrte beschienen, und ihre mutwillige Hand hatte den Vorhang des
Wagens zurckgeschoben. Mit aufgeregter Neugier sphte sie nach dem
Hindernis, und Arnold war sehr berrascht, als er an ihrer Seite nicht
Hanka, sondern Maxim Specht gewahrte. Er hatte nicht Zeit, nher
hinzuschauen, denn schnell fiel der Vorhang wieder ber das Fenster.




Vierunddreiigstes Kapitel


Indem Arnold weiterging, fiel ihm dieses Zusammentreffen schwer aufs
Herz.

Ihm wre es durchaus nicht auffallend erschienen, Specht und Beate so
vertraut beisammen zu sehen, htte er nicht gewut, wie die beiden
auseinandergegangen waren. Es beschlich ihn etwas Dunkles, und er mute
stehen bleiben, um seine berlegungen zu sammeln. Hankas trockene und
gerade Art wurde ihm gegenwrtig, ebenso wie Beates schlpfriges Wesen.
Er fand sich aufs wunderlichste fr eine Sache verantwortlich, die ihn
mit Ahnungen von Trug und Geheimnis beschftigte; mit schmerzlichem Zorn
dachte er an Hanka, wenn er in ihm einen Mann sehen sollte, in dessen
Leben keine Wahrheit flo. Wie er sich auch stellen mochte, nichts
konnte ihn seiner Unruhe entreien. Die Furcht des Irrtums lie ihm
seinen Zweifel ungeheuerlich erscheinen, und er beschlo irgendwie zu
handeln.

Als er nach Hause kam, fand er einen Brief von Natalie, worin sie ihn
bat, er mge gleich zu ihr kommen, sie wnsche ihn dringend zu sprechen.

Er ging hin.

Natalie war aufs eifrigste mit dem Packen von Koffern beschftigt. Wir
ziehen morgen aufs Land, sagte sie und sah sich mit lachender
Verzweiflung nach einem Stuhl um; berall lagen Kleider und Wsche. Es
ist schon ein wenig spt im Jahr, aber ich freu' mich riesig auf Wlder,
Wiesen und Luft. Petra ist heut bei Mama. Mama ist krank, wird aber
jedenfalls reisen, denk' ich. Werden Sie uns nicht besuchen im Gebirg?
Das wre mrchenhaft. Hier, setzen Sie sich auf den Hutkoffer. Die
Kinder sind schon zu Bett. Denken Sie nur, was Helenchen heute zu ihrem
Vater sagte. Papa, sagte sie, ich kann gar nicht begreifen, da du dich
bei Mama langweilst. Wie finden Sie das? Herrlich, nicht? Nun, wenn die
Vter so klug wren wie ihre Kinder, wrden sie keine haben.

Arnold nahm Platz und fragte Natalie, weshalb sie ihn gerufen.

Natalie erblate, griff sich an die Stirn und murmelte: Ach so!
richtig! Dann legte sie ihre Hand auf seine Schulter und fragte mit
tragischer Betonung: Sind Sie ein Freund? Sind Sie ein wahrer Freund?

Arnold blickte sie mitrauisch an und schwieg. Auf einmal begann sie zu
schluchzen. Arnold rhrte sich nicht. Eine schne Geschichte, dachte er
und runzelte die Stirn.

Nein, ich kann nicht, ich kann nicht, sthnte Natalie, schlug die Hand
vor das Gesicht und schielte durch die gespreizten Finger nach Arnold.

Also was ist denn los? fuhr Arnold rgerlich heraus.

Ich kann nicht, wiederholte Natalie mit herzbrechendem Ton, fuhr aber
sogleich fort: Es handelt sich um eine Brgschaft, lieber Freund. Mein
Mann hat wieder einmal eine kolossale Dummheit gemacht. Wir sollen
morgen dreitausend Gulden bezahlen und haben nicht hundert im Haus.
Nchste Woche erwartet Osterburg groe Summen aus Amerika. Helfen Sie
mir. Ich will es Ihnen ewig danken. Ich schwre Ihnen beim Leben meiner
Kinder, da Sie alles zurckerhalten sollen. Zeigen Sie mir, da ich
einen Menschen in Ihnen gefunden habe. Ich bin ja so unglcklich! Und
sie schluchzte weiter.

Herrgott, dachte Arnold, fr die Leute ist man ja der reine Geldsack. Er
war nicht im mindesten ergriffen, im Gegenteil, alles das erschien ihm
sinnlos und widerwrtig.

Ich werde Ihnen morgen frh eine Anweisung schicken, sagte er kalt.
Aber schwren Sie nicht solche dumme Schwre.

Es fehlte nicht viel, und Natalie htte ihn umarmt. Sie hatte eigentlich
nicht daran geglaubt und vergo nun echte Trnen. Dennoch bereute sie,
da sie nicht um tausend Gulden mehr verlangt hatte.

Ihre verworrenen und berschwenglichen Danksagungen waren Arnold
unbequem. Hren Sie einmal zu, Frau Natalie, unterbrach er sie, warum
glauben Sie eigentlich, da zwischen Hanka und Beate keine Ehrlichkeit
besteht?

Natalie starrte ihm erstaunt ins Gesicht, dann schlug sie die Hnde
zusammen und setzte sich ihm gegenber auf einen aufgerollten Teppich.
Ich? erwiderte sie halb bestrzt, halb belustigt, ich htte so etwas
gesagt? Wann denn?

Sie haben es gesagt, beharrte Arnold. Wie ich das erstemal bei Ihnen
war und wir von der Verheiratung Hankas gesprochen haben --

Ach so! Das meinen Sie! Warum? was ist denn geschehen?

Ich mchte nicht mehr darber sagen, antwortete Arnold. Aber weil wir
so darber sprechen und denken, gerade so und nicht anders und weil
wahrscheinlich auch andere Menschen glauben, da der Doktor Hanka nicht
wei, wie es die Beate seinerzeit in Podolin getrieben hat, so fragt es
sich, ob man dem Mann nicht reinen Wein einschenken mu.

Natalies Stirn legte sich in bedchtige Falten und mit
niedergeschlagenen Augen drehte sie ihren Ring am Finger rundum. Ich
verstehe nicht, sagte sie aufgeregt. Was wissen Sie denn? Erzhlen Sie
doch.

Erzhlt wird nichts. Ich frage nur: soll man dem Doktor Hanka sagen,
mit deiner Frau steht es so und so, du scheinst nichts davon zu
wissen --

Was fr verdrehte Ideen! rief Natalie aus. Und wenn er Sie dann vor
die Tr setzt? Was dann? Wer sagt Ihnen denn, da er nichts wei?

Das ist klar. Weil die Beate nicht so wre wie sie ist, wenn er was
wte. Und weil sie berhaupt ein Lgenbeutel ist.

Aber das alles ist mir ja riesig interessant, flsterte Natalie und
sah Arnold mit naivem Entsetzen an. Machen Sie nur keine Dummheiten,
ich bitte Sie. Glauben Sie denn, da die Welt auf Wahrheit gestellt
ist? Das ist ja Unsinn. Wenn das wre, mten wir ja allesamt ins
Gefngnis oder Gott wei wohin wandern.

In diesem Augenblick kam Osterburg, erhitzt und wichtig, wie von groen
Erlebnissen strahlend. Mit einer Mischung von Vertraulichkeit und
Leutseligkeit schttelte er Arnolds Hand und sagte sofort, als ob er
sich seit Wochen mit diesem Plan beschftigt htte: Herr Ansorge, Sie
mssen heiraten. Ich habe ein wunderbares Mdchen fr Sie, ohne Spa,
mein Ehrenwort. Nicht reich, nicht arm, aber was man so sagt,
intelligent. Unter uns, eine famose Person. Grundstze, Ideale, wie das
heute so blich ist. Breitbeinig stand er da, sah verstndnisinnig aus,
schmatzte mit den Lippen und fchelte sich mit dem Taschentuch Khlung
zu. Natalie sah ihn voll Schrecken und Staunen an.

Das einzige Hindernis wre, fuhr er fort, da sie eine Jdin ist.
Aber Sie sind ja sozusagen ein aufgeklrter Geist. Er ging mit
groartigen Schritten herum und fuchtelte mit den Armen. Was geht uns
berhaupt diese Geschichte an, die da vor zweitausend Jahren passiert
sein soll? Wir sind alle Menschen, alle sind wir Brder. Wenn wir auch
Christen sind, Gott ist der Herr. Mein Ehrenwort, das ist meine Meinung,
Herr Ansorge. Diese letzten Worte schrie er beinahe zum Fenster hinaus.

Bist du betrunken? fragte Natalie mit eisiger Ruhe.

Osterburg wurde pltzlich kleinlaut. Ach, ach, seufzte er, frher
war ich so geistreich; erst seit zwei Jahren bin ich so stupid
geworden.

Arnold verabschiedete sich. In diesem Hause umfing ihn stets eine Luft
von seltsamer Wesenlosigkeit, ein Gewebe abenteuerlicher und zweckloser
Reden, ein grundloses Auf und Ab von Lachen und Trauer, von Eifer und
Leerheit, von Wichtigkeit und Bodenlosigkeit.

Am nchsten Tag fand sich der junge Mann ein, den Verena zu schicken
versprochen hatte. Er hie Wolmut und war ein zarter Mensch von
brschchenhaftem Ansehen, mit rosigem Kindergesicht und ernsten, klugen
Augen. Seine Redeweise hatte etwas Nchtern-Belehrendes, sein Betragen
war gewandt und khl, aber Arnold sprte sofort, da dies der ihm
notwendige Helfer sei. Was er vor allem aus dem kleinen blonden Mann
dunkel herausfand, war eine gewisse Ehrlichkeit und Zartheit; er fhlte
die Gegenwart einer tchtigen und klaren Natur. So sah er sich mit
Vergngen am Eingang einer arbeitsreichen Epoche, und als von Hankas
eine schriftliche Ermahnung kam, er mge den heutigen Abend nicht
vergessen, da war fr ihn beschlossen, nicht hinzugehen. Wozu das Trbe
suchen? dachte er; im schlammigen Wasser steckt kein Fisch. Als er sich
nachmittags hinsetzte, um durch eine Karte sein Nichtkommen zu melden,
ward es jedoch anders. Mit seinen groben Federzgen schrieb er Anrede
und Anfangsworte und legte langsam den Halter auf den Tisch zurck.
Ernst und fragend tauchte Alexander Hankas Gesicht vor ihm empor.

Es war ein heier Tag, Arnold wurde gelhmt durch die brtende,
staubige Stadthitze. Die Sonne leuchtete nicht, sondern glomm in einem
Dunstnest. Nach Tisch ging Arnold aus, aber auf der Strae war es noch
bler als im Zimmer, und er wollte schon umkehren, da zog es ihn
pltzlich nach einer ganz andern Richtung, und er beschlo, Verena
Hoffmann aufzusuchen.

Er lutete einige Male an der Tr und niemand rhrte sich drinnen. Als
er sich enttuscht zur Treppe wandte, kam Verena von unten herauf. Am
Fu der letzten Stiege gewahrte sie ihn schon, blieb einen Augenblick
stehen und lchelte empor. Sie trug ein weies Leinwandkleid mit
schwarzem Band um den Hals und um die Taille. Sie reichte ihm die Hand,
deren festen Druck er fest erwiderte, dann schlo sie auf, ging voran,
warf ohne sonderliche Verlegenheit eine Wolldecke ber das noch
ungemachte Bett, brachte Streuzucker und eine Art Sodawasser bei und
beide nahmen an einem Tisch beim Fenster Platz. Von hier war ein weiter
Blick in die Nachbarhfe und Verena sagte, indem sie hinausdeutete:
Zweihundertfnfzig Fenster.

Arnold nickte. Auf wie viele Menschen kommt da ein Fenster? erwiderte
er.

Verena sagte, sie freue sich, da er gekommen sei.

Was hat Ihnen denn Hyrtl eigentlich von mir erzhlt? fragte Arnold
neugierig.

Es ist die Geschichte mit dem Judenmdchen. Ist es wahr, war das
wirklich der Anla fr Sie, Ihre Heimat zu verlassen?

Ja, das ist wahr, murmelte er. Aber ich habe bis jetzt nichts
erreicht, gar nichts. Es ist schndlich.

Kennen Sie das Mdchen nher?

Die Jutta Elasser? Ich habe sie einmal im Leben gesehen. Ein hliches
kleines Ding.

Verena sah ihn aufmerksam an. Es schien als ob diese Antwort erst ein
tieferes Interesse fr ihn erweckt htte. Doch sprach sie nicht weiter
von der Sache und dafr war Arnold ihr dankbar.

Sie saen nun mindestens eine Viertelstunde schweigend beisammen. Arnold
staunte vor sich hin. Eine wunderbare Bewegung war in seiner Brust, und
er hatte das Gefhl, als berstrmten ihn Wohlgerche.

Ist Wolmut zu Ihnen gekommen? fragte Verena endlich.

Ja, er ist gekommen.

Finden Sie ihn sympathisch?

Sehr sympathisch.

Er ist einer der ntzlichsten Menschen, die ich kenne; er wird es
sicher noch sehr weit bringen, das heit, soweit man es in diesem
korrumpierten Land eben bringen kann.

Weit bringen, das heit, ein groes Amt bekommen?

Ja, ungefhr.

So weit werd' ich's wohl nie bringen.

Kaum. Idealisten bringen es nicht zu hohen mtern.

Idealisten? Das ist ein dummes Wort. Ich bin doch kein Schiller.

Verena lachte. Aber die Idealisten knnen es noch weiter bringen als
zu hohen mtern.

Ach, dann bin ich vershnt.

Ja, aber es gibt Gefahren.

Gefahren?

Die Idealisten drfen sich nicht verpflichten. Sie drfen keine
anspruchsvollen Freundschaften haben.

Wieso? Sie meinen, da man sparsam mit seinem Herzen sein mu.

Vielleicht. Oder doch, da man das Herz nicht verschwenden soll.

Das scheint mir aber unmoralisch. Meiner Ansicht nach kann das Herz
nicht arm werden, soviel es auch gibt.

Glauben Sie? Da sind Sie aber sehr auf dem Holzweg. Das Herz kann sich
nmlich auch irren und sogar verirren. Und wenn es sich einmal verirrt
hat, dann wird es aufgebraucht.

Na na, und wenn? Dazu sind wir ja da. Man kann doch nicht eine
Rechenmaschine in die Brust hineinstellen.

Aber wenn einer ein Ziel hat, dann mu er sein Herz bewahren, sonst ist
er nichts wert.

Pltzlich erhob sich Verena und sagte: Ich mu gehen. Ich mu zu
Tetzner.

Wie stehen Sie eigentlich zu Herrn Tetzner? fragte Arnold rasch.

Sie stutzte, runzelte die Stirn, antwortete aber nicht.

Kaum hatten sie auf der Strae ein paar Schritte gemacht, als Tetzners
Kopf an einem ebenerdigen Fenster sichtbar wurde. Wo steckst du,
Verena? rief er; nimm doch den Herrn mit herein. Junger Freund, hier
gibt es die seltensten Schnpse der Welt und vieles andere, was sich
sonst nur auf der Tafel des Grokhans der Bucharei findet. Kommen Sie.

Arnold blickte hinauf und machte eine Grimasse. Man hat schon wo anders
fr mich gesorgt, entgegnete er lachend, aber vielleicht heben Sie mir
etwas auf.

Bravo, rief Tetzner und klatschte in die Hnde. Verena warf einen
teilnehmenden, tiefen Blick auf Arnold, dessen Heiterkeit ihr sehr
gefiel. Fast ungestm streckte sie ihm die Hand hin, als er ging.




Fnfunddreiigstes Kapitel


In dem Zimmer, welches gegen den Garten hinausging, sa Hanka am Klavier
und spielte eine Haydnsche Sonate. Beate sa in der Ecke des mig
groen, noch von der untergehenden Sonne beleuchteten Raumes, bltterte
in einem Photographiealbum und ghnte von Zeit zu Zeit. Diese Einladung
war ganz unntig, sagte sie in der Pause zwischen einem Andante und
einem Allegro, besonders da Specht nicht kommt. Was tun wir denn mit
Ansorge allein und was geht er uns an? Dazu ist er noch unhflich und
lt auf sich warten.

Hanka wandte sich langsam mit dem Drehstuhl um. Er blickte auf die Uhr,
schmatzte mit den Lippen und erwiderte: Wir wollten doch die beiden
Podoliner einmal beisammen haben, vielmehr du wolltest es. Da dein
Freund Specht absagen wrde, konnte man ja nicht vermuten. brigens
interessiert mich Ansorge viel mehr.

Beate pendelte ungeduldig mit den Fen. Mich langweilt er, sagte sie.
Ich langweile mich berhaupt. Wenn wir nur schon fort wren. Wie lang
ist es noch bis morgen frh! Ich will jeden Tag wo anders sein, und du,
du schlfst bei Tag und Nacht.

Und zwischen einem Lcheln und einem Zhneknirschen fuhr sie fort: Hast
du denn die Fahrkarten bestellt?

Mit dem ihm eigenen, schlenkernden Schritt spazierte Hanka ber die
Breitseite des Zimmers. Er antwortete nichts. Seit einer Reihe von Tagen
war er von unnennbaren, wechselnden Empfindungen bewegt. Mit der Kraft
seines ganzen Wesens hing er an Beate, doch ersphte er fortwhrend
Auflehnung in ihrem Innern. Fr eine Person wie Hanka ist die uerung
einer Empfindung nicht das Mittel, um Glauben an sie zu erwecken; fr
ihn war es wichtig, den Weg einer scheinbaren Trockenheit einschlagen zu
knnen. Wer dies, ihn verstehend, ermglichte, konnte ihn ganz besitzen.
Es war ihm unwidersprechlich geworden, da Beate nicht sah, was sie
htte sehen, nicht fhlte, was sie htte fhlen mssen, da ihre
immerwhrende Beweglichkeit nichts anderes war als eine Flucht vor ihm.
Verdru machte oft die Ruhe seines Nachdenkens dster. Die
Anziehungskraft wchst mit dem Quadrat der Entfernungen, pflegte er sich
ironisch zu sagen, und mit seiner pedantischen Grndlichkeit wnschte er
genau zu erkennen, durch welche Eigenschaften ihm Beate so unentbehrlich
geworden. Doch hier machten seine Gedanken Halt, und in einer
Zrtlichkeit, wie sie nur sein von allen Seiten verschlossenes Herz
kannte, erblickte er immer wieder das krftige und kaprizise Kind der
Natur in ihr, dem sein eigener, schwachgewordener Wille sich mit
ebenbrtiger Laune unterwerfen mute.

Trabst schon wieder herum wie ein Br, sagte Beate, sprang aber
gleichzeitig auf, da es gelutet hatte. Bald darauf trat Arnold ein und
wurde von Hanka mit herzlichem Hndedruck, von Beate mit etwas
ungeschickter Klte begrt. Alle drei setzten sich sogleich zu Tisch.
Drauen hatte sich der Himmel verfinstert, und Gewitterwind wehte durch
den Garten. Hanka erhob sich wieder, drehte die elektrischen Flammen auf
und fragte Arnold, weshalb er so spt komme.

Zur Strafe sollten Sie eigentlich nichts zu essen bekommen, sagte
Beate rgerlich. Arnold entschuldigte sich nicht. Ich habe bis zuletzt
gezgert, ob ich kommen soll, sagte er. Das ist nicht hflich, Frau
Beate, aber es hat seinen Grund.

Beate stutzte. Er hat immer Grnde, erwiderte sie bissig.

Als alte Bekannte seid ihr zu spitz, bemerkte Hanka gutmtig. Er
freute sich eigentlich, da Arnold Ansorge ihm nun gegenber sa, es
erschien ihm fast wichtig, diesen Menschen zu sehen und zu beobachten.
Aus solchem Holz schnitzt man Freunde, dachte er.

Unter dem heranrollenden Donner begannen sie zu essen. Beate legte aber
bald Messer und Gabel hin, und ihr Gesicht vernderte sich zusehends vor
Angst.

Ja, mit den Gewittern, meinte Hanka stirnrunzelnd. Fr eine Frau, die
auf dem Land aufgewachsen ist, ist das beschmend.

Ein auerordentlicher Blitz lie die Lichter des Zimmers erblassen. Nach
dem langen Donner erhob sich Beate und murmelte verstrt vor sich hin.

Auch Hanka stand auf. Er fate Beate bei den Hnden und suchte sie zu
beruhigen. Ein zweiter Blitzstrahl erzeugte ein krampfhaftes Zittern in
ihrem Krper. Voll Heftigkeit stie sie Hanka von sich; mit einem
hexenartigen Ausdruck schrie sie in den Donner hinein: Ich will nicht,
ich will euch nicht, und lief aus dem Zimmer.

Hanka folgte ihr sogleich. Nach einer Weile kam er zurck, rief das
Stubenmdchen, und Arnold fand sich abermals allein an dem gedeckten
Tisch. Er nahm weniger Anteil an diesem Auftritt, als es in seinem
interessevollen Wesen lag. Was von Beate kam, glitt ihm vorber und
mischte sich so wenig mit seinem Geist wie l mit dem Wasser. Vielleicht
aber war das Spiel der Elemente drauen fr ihn anziehender und
ergreifender als die selbstschtige Bangnis einer kleinen Seele. Er trat
langsam an das Gartenfenster, und beim Schein der Blitze fhlte er sich
aufgefordert, Wahrheit in dies Haus zu tragen. Und das Benehmen Beates,
anstatt ihn mitleidig zu stimmen, machte ihm ihre ganze Person geradezu
verdchtig.

Unbefangen und fast humoristisch aufgelegt, kam Hanka zurck. Sie hat
sich in Betttcher eingehllt und die Ohren verstopft, sagte er. Ich
habe ihr versprechen mssen, da Sie bald gehen werden. Haben Sie je
etwas mit ihr gehabt? Es ist mir unbegreiflich. Kommen Sie, lieber
Freund, essen wir weiter. Ich freue mich, da Sie da sind und werde Sie
nicht so geschwind wieder loslassen.

Frau Beate frchtet vielleicht, mich mit Ihnen allein zu lassen,
erwiderte Arnold ruhig und folgte Hanka zum Tisch.

Warum? Warum frchten? Sie wollte ja selbst, da Sie einmal bei uns
wren. Vergngt und voll Appetit legte sich Hanka Fleisch und Gemse
auf den Teller.

Das kann ich mir erklren, sagte Arnold. Vielleicht wollte sie es nur
darum, um zu sehen, wie sie sich gegen mich verhalten mu.

Ei, was Sie fr ein Psycholog geworden sind! Allerdings, was Sie da
sagen, hat etwas fr sich. Gerade die Frauen wollen oft das Verhate
nahe haben. Darin steckt ein kindlicher Instinkt, sich zu schtzen. Aber
es ist lcherlich, wenn Sie das bei Beate annehmen. Beate ist viel zu
naiv dazu.

Arnold schwieg. Unschlssigkeit berkam ihn. Und er sprte nun aus
Hankas Worten deutlich eine vollstndige Ahnungslosigkeit. Dies erregte
in ihm einen stummen Zorn gegen das lgnerische Weib.

Es berhrt uns doch, ich mchte sagen sthetisch, wenn Frauen sich vor
dem Gewitter frchten, fuhr Hanka angeregt zu plaudern fort. In einer
Frau liegt etwas ebenso Elementares wie in einer elektrischen Wolke, und
fast mchte man glauben, da die Natur sich einen Spa daraus macht,
ihre latenten Instinkte gegeneinander platzen zu lassen. Dergleichen ist
fr mich eher angenehm als verstimmend.

Ein blulicher Blitz fuhr durch den Raum, schnitt Hankas Rede ab und vom
fast gleichzeitigen Donnerkrach zitterten die Wnde und rasselten die
Teller.

Warum ist eigentlich Specht nicht gekommen? fragte Arnold, indem er
gegen das Fenster sah, an welches der Regen gepeitscht wurde. Er
erzhlte mir zuerst, da er hier sein wrde. Es fllt mir nur deshalb
auf, weil ich ihn gestern mit Frau Beate in einem verschlossenen Wagen
sah.

Hanka schaute rasch empor und machte ein sehr erstauntes Gesicht. So?
fragte er kurz. Er erinnerte sich pltzlich, da ihm die Stunden lang
und ungewhnlich erschienen waren, die Beate gestern bei der Schneiderin
zugebracht haben wollte. Er schttelte den Kopf und sagte mit einem
unsichern und wohlwollenden Lcheln: Darin tuschen Sie sich
vielleicht.

Ich tusche mich nicht, erwiderte Arnold, obwohl die Vorhnge des
Wagens nur einen Augenblick zurckgeschoben wurden.

Hanka hrte auf zu essen. Warum erzhlte sie mir davon nichts? dachte
er, wie um sich noch einmal gewaltsam zu betrgen. Er lehnte sich in den
Stuhl zurck, ffnete den Mund, schlo ihn aber wieder, ohne gesprochen
zu haben. Zu beiden Seiten der Nasenflgel trat eine seltsame gelbliche
Blsse hervor.

Ich dachte mir, Sie wten um alles was zwischen Specht und Ihrer Frau
war, fuhr Arnold mit unerbittlichem Ernst fort. Er hatte den Ellenbogen
auf den Tisch und den Kopf in die Hand gesttzt und schaute Hanka
unverrckt an. Beide waren in Podolin wie Mann und Frau, bei Tag und
bei Nacht. Das wei ich und wrde es Ihnen nicht sagen, wenn ich's nicht
wte. Darum hren Sie alles auf einmal, damit ich Sie nicht qule. Nach
Specht hatte sie ein Verhltnis mit dem Oberknecht auf dem Randomirschen
Gut, das heit, im Anfang betrog sie den einen mit dem andern, bis der
Knecht sie durch Schlge gehorsam machte. Davon wuten die Mgde bei uns
jeden Tag zu erzhlen. Mir hat von jeher eine Stimme gesagt, da Sie
dabei im Finstern sind, denn Sie sahen eine andere Beate, htten
vielleicht nicht einmal die gewollt, die es ehrlich gestanden htte. So
trieb es mich also her, wie schwer es auch ist; ich denke mir, die einen
leben von Lge, die andern von Wahrheit, die beiden mu man voneinander
halten. Das ist alles.

Whrend dieser Worte hatten die gelblichen Flecke auf Hankas Gesicht
bestndig zugenommen. Auch er sah unverrckt in das Gesicht seines
Gegenbers; und allmhlich verlor er das Bewutsein davon, da da ein
Mensch sitze; er gewahrte nur einen weilichen Kreis; ihm war, als sei
es der Mond, der vom Himmel heruntergeglitten war, um zu sprechen.
Jedoch er hrte, hrte. Er versprte einen ungeheuren, verschlungenen
Schmerz im Kopf, und als Arnold geendigt hatte, glitt ein dnnes,
geistloses Lcheln ber seine Lippen. Arnold schwieg und Hanka schwieg,
und so saen sie lange schweigend, whrend das Gewitter sich verlor.
Endlich rckte Hanka seinen Stuhl, beugte sich vor, als mache er ein
Kompliment und sagte mit heiserer Stimme und richterlicher Schrfe,
wobei er die schwarzen Augen weit aufri: Beweise --?

Arnold erwiderte nichts; er heftete stumm seine Blicke in diejenigen
Hankas. Es war ein berlegener, strenger und vornehmer Ausdruck in
seinen Augen wie in seinem Gesicht und Hanka beugte sich wieder zurck,
als ob er sein Wort vergessen haben wolle. Er legte eine Hand glatt auf
den Kopf, Farbe kehrte in seine Wangen zurck und verschwand wieder
daraus. Er gab einen unbestimmten kurzen Laut von sich, stand auf und
wie zum Zeichen seiner Fassung zndete er langsam eine Zigarre an.
Darauf ging er schweigend mit groen Schritten auf und ab. Auch Arnold
verlie seinen Platz. Adieu, Doktor Hanka, sagte er; Freund oder
Feind; wie Sie mich nennen wollen, das steht bei Ihnen.

Hanka kehrte ihm den Rcken, verschrnkte die Arme und blickte gegen die
Fenster. Doch als Arnold sich zur Tr wandte, schritt er ihm nach, sah
ihn mit einem unbeschreiblichen Blick an und reichte ihm die feuchte
kalte Hand.




Sechsunddreiigstes Kapitel


Hanka setzte seinen Spaziergang durch das Zimmer fort. Er dachte nun
weder an sich selbst, noch an Beate, sondern er richtete seine Gedanken
zunchst auf die Person Arnolds. Er vergegenwrtigte sich den Arnold,
den er in Podolin kennen gelernt und hielt den dawider, der heute zu ihm
gesprochen. Er warf gleichsam ein Senkblei aus, um die Tiefe des
Vertrauens zu diesem Mann zu ermessen. Das Lot sank weit. Er mute einen
Verstand anerkennen, der die Aufrichtigkeit ber alles liebte. Und
schlielich mute er sich gestehen, da dieser Mensch von Sympathie
gefhrt wurde, um ihn, Hanka, sehen zu lehren. Folglich war ich blind,
dachte Hanka. Gewaltsam suchte er ein haartiges Gefhl von Klte gegen
Arnold von sich abzuwehren. Wie er sich auch stellen mochte, er konnte
noch nicht glauben. Es erschien ihm einen Augenblick lang phantastisch,
sich einem Zweifel an Beate zu ergeben. Was fhrt ihn her? dachte er
trb und trotzig. Mitleid? Dann wre selbst seine Wahrheit nicht wahr.
Wie konnte er annehmen, da zwischen uns kein gegenseitiges Wissen
bestand? Hankas Eigenliebe begann sich zu bumen. Vielleicht wurde er
selbst verschmht und spielt den Verrter, grbelte er voll
Verzweiflung, doch ein Schauer fuhr ihm ber die Haut, als ob ihn Ekel
berhrt htte. Hundert Erwgungen verbrannten sein Gehirn, durch hundert
Kunstgriffe suchte er das Gesicht des Anklgers zu entstellen, immer
schttelte er den Kopf und kehrte zu sich selbst zurck: war ich also
blind! Und abermals ging er auf und ab. Er stellte um sich her lauter
Beates mit allen ihren Gesichtern, ihren Geberden, lie all ihre Worte
nachklingen, die ihm erinnerlich waren, begann an ihrem Schweigen zu
studieren, und endlich schien es ihm, als ob von einzelnen dieser Bilder
eine Maskenhaut abfiele, und er sah Lieblosigkeit, in kindisches Gewand
verhllt, Verlogenheit unter tausendfach tuschendem Lcheln. Was soll
ich tun? entfuhr es ihm endlich und ihm war, als msse er sich auf den
Boden legen, um Jahre lang nur darber nachzudenken. Erst jetzt dachte
er daran, da er ja zu Beate gehen knne und da dann alles entschieden
sein msse. Mit grausamer Logik berzeugte er sich, da er diese
Entscheidung nur verschieben wolle. Ist es denn schlielich so schlimm?
murmelte er. Ein Weib weniger fr mich, gut. Das Vergehen ist gering von
ihrer Seite, da sie doch nicht die ist, die ich glaubte. Man darf die
Einfachheit der Sachlage nicht verwickeln. Betrug oder Nichtbetrug, das
ist schlielich Angelegenheit des Geschmacks und der Reinlichkeit. Fr
mich handelt es sich um mehr. Einen Weg, der nicht da ist, kann man
nicht gehen, mit jemand, der nicht existiert, kann ich nicht
zusammenleben.

Er zndete eine Kerze an, verlie das Zimmer, ging durch einen Salon, in
welchem die Sessel schon mit staubschtzenden berzgen versehen waren
und betrat das Schlafgemach. Beate lag im Schlafrock auf dem Bett und
schlief. Er zgerte, stellte dann die Kerze vorstzlich geruschvoll auf
ein Marmortischchen und Beate schreckte empor. Hast du ihn
fortgeschickt? fragte sie schlaftrunken. Lsch doch die Kerze aus,
Alexander, sonst verbrennt der Vorhang, fuhr sie munter werdend fort.
Es ist ja Licht genug, siehst du denn das nicht? Da er nicht
antwortete, sondern auf- und abzugehen begann, verfolgte sie ihn mit
ungeduldigen Blicken. Du knntest jetzt zu Bett gehen, sagte sie
verdrielich. Wir mssen ausschlafen, ich mu morgen frh noch meine
Handtasche packen.

Die magst du wohl packen, entgegnete Hanka mit Ruhe. Du kannst auch
reisen, wenn es dir gefllt, aber es wird ohne mich sein.

Beate ri erstaunt die Augen auf. Ja, bist du denn toll? schrie sie
endlich, starrte wieder und lachte darauf laut. Sie hob sich empor,
brachte die Fe auf die Erde und indem sie auf dem Rand des Bettes
sitzen blieb, zeigte ihr Gesicht einen Ausdruck von Angst, Sorge und
Ha.

Es schien, als ob Hanka von alledem nichts she. Er begann in
gleichmtigem Tonfall wieder zu sprechen. Ich frage dich nicht, in
welchem Verhltnis du zu Maxim Specht stehst; weder was dich veranlat,
im Wagen geheimnisvoll mit ihm durch die Stadt zu fahren, noch was
zwischen euch schon in Podolin vorgegangen ist. Ich frage auch nicht,
was es mit dem Knecht beim Grafen Randomir auf sich hatte. Ich will nur
wissen, was du mir jetzt zu sagen hast, da dir bekannt ist, da ich
alles wei.

Beates Gesicht war erdfahl geworden. Ihr Rcken krmmte sich, und ihr
Kopf sank ein wenig herab. Langsam ffneten sich die Lippen und lieen
die fest zusammengepreten Zhne sehen. Es schien, als ob sie
gleichzeitig lachen und schreien wolle. Ihre Finger bewegten sich, ihre
Zehen rhrten sich in den dnnen Strmpfen, ihre Knie drckten sich
gegeneinander, ihre Arme zuckten, dann stand sie jhlings auf und sagte
mit grenzenloser Verachtung: Der Hund also! der Schwtzer! der gemeine
Denunziant! Mit einer blitzartigen Bewegung nahm sie das Umhangtuch,
das auf dem Bett lag, schlug es um den Kopf, ging auf Strmpfen stolz
zur Tr und schlug sie knallend hinter sich zu.

Ein verblasenes Lcheln glitt ber Hankas Mund. Er blieb stehen und
drckte die Augen zu, als wollte er sagen: Genug, bergenug. Doch keine
Minute war verflossen, als Beate wieder zurckkam. Sie weinte; sie
setzte sich auf einen Stuhl und drckte die Hnde vor die Augen. Es
liegt nun an dir, sagte Hanka, dein Leben in Zukunft so gut wie
mglich einzurichten. Ein ffentlicher Skandal widerstrebt mir ganz und
gar. Es ist also gut, wenn du in aller Stille die Stadt verlt. Ich
lasse dir Zeit, ich will fr einige Wochen weg, damit kein Aufsehen
entsteht. Was ich dir zu einer anstndigen Lebensfhrung materiell
biete, werde ich morgen schriftlich feststellen lassen. Hast du noch
etwas zu sagen?

Als Beate merkte, da es so bitterer Ernst war, ging eine neue
Vernderung mit ihr vor. Ich bin unschuldig, Alexander! rief sie aus,
sie haben mich verfhrt, bei Gott. Sie haben mich unglcklich
gemacht. Sie fiel vor dem Bett auf die Knie und legte ihr Gesicht in
die Kissen.

Das mag wahr sein, sagte Hanka freundlich, der vor dem Spiegel stand
und so nach ihr hinschaute.

Beate erhob rasch den Kopf und in ihrem Gesicht war ein naiv hoffender
Ausdruck.

Hanka lchelte schmerzlich. Er begriff, da seine Sprache nicht zu den
Ohren dieser Frau dringen konnte, da seine Welt in andern Sphren
rollte, da sein Blut anders beschaffen war und da Beate dies nicht
einmal zu ahnen vermochte. Richte dich nach dem, was ich gesagt habe,
bemerkte er khl und wandte sich zum Gehen. Als er den Raum schon
verlassen hatte, hrte er Beates aufschreiendes Lachen.

Er kehrte in das Ezimmer zurck, setzte sich ans Klavier, schlug irgend
ein Notenheft auf und prludierte. Aber es war, als ob sich zwischen ihm
und dem Instrument eine Wand befinde; die Tne blieben dumpf und fern.
Er stand auf, ffnete die Fenster und die Glastr, die in den Garten
fhrte. Er ging hinaus. Von Bumen und Struchern tropfte das
Regenwasser, und ber den Beeten lag schwrzestes Dunkel. Am
weilichgrauen Himmel schoben sich Wolken hin, und das Gewitter
leuchtete noch in der Ferne. Ich war ein andrer Mensch, als jene Blitze
noch auf der andern Seite des Horizonts standen, dachte Hanka; zwischen
zwei Windsten hat sich das Schicksal gewandt. Er verfolgte die
geschlungenen Gartenwege, und das unvernderliche Tropfen des Wassers
klang ihm wie die Hmmer des Klaviers, das an diesem Abend nicht hatte
tnen wollen. Es war spt, als er wieder in das Zimmer zurckkehrte, das
er nach allen Seiten abschlo. Er nahm in einer Ecke Platz und griff zu
einem Buch, zu einem zweiten und dritten. Hanka hatte ein Gefhl der
Mdigkeit und Schwere, als ob er zwei Nchte durchzecht htte. Er
streckte sich im Sessel aus, und in seinem Kopfe begann ein hohles
Denken, welches in einen hohlen Schlummer berging, als die Bltter im
Garten von der Morgenrte zu erglhen anfingen.




Siebenunddreiigstes Kapitel


Nachdem Arnold Hankas Haus verlassen hatte, stand er eine Weile
unschlssig vor dem Tor. Dann schritt er die unbekannte Gasse entlang,
kehrte aber wieder zurck. Schweigend standen die Villen und Landhuser
zu beiden Seiten der Strae, und sein Ohr vernahm keinen andern Laut als
den des Regens. Er gelangte vor eine Bank, die unter dem Schutze eines
alten Kastanienbaumes leidlich trocken geblieben war und setzte sich
nieder.

Der letzte Blick und Hndedruck Alexander Hankas wollten ihm nicht aus
dem Kopf. Arnold fhlte wohl, da darin mehr und anderes enthalten war
als die dankbare Quittung fr einen wohlgemeinten Dienst, anderes
jedenfalls, als was Arnold erwartet hatte. Er hatte erwartet, da ein
Mann, der behbig im Finstern gesessen, sich berrascht, ttig und
entschlossen dem Licht zuwenden wrde, das ihm ein Freund ins Haus
getragen. Statt dessen, das verrieten ihm Empfindung und Beobachtung,
hatte er einen Gedemtigten hinter sich gelassen. Arnold hatte geglaubt,
eine Wahrheitsschuld abzutragen, und er hatte ein Gericht abgehalten.
Hankas Blick war deutlich: du hast gerichtet, aber wer hat dich gerufen?
War dies nun die Schwche Hankas oder war es die menschliche Schwche
oder war es Arnolds Irrtum?

Ist es Hankas Schwche, dachte Arnold, dann beruht sein Glck darauf,
nicht zu sehen, wie das meine, sehen zu wollen. Und so wenig ich die
Macht habe, ihm mein Gehirn und mein Auge zu geben, so wenig steht bei
mir das Recht, ihm meine Wahrheit aufzureden. Hier ist kein Ausweg,
obwohl ich sehe, da jedes Ding, gutes Ding und bses Ding zwei Seiten
hat. War es eine menschliche Schwche, dann kann es ja auch meine
Schwche sein, und es wird fr mich um so vielmal schwerer, Recht zu
haben, als es auer mir noch Menschen gibt. Was Hanka besitzt, das ist
sein Eigentum: Kleid, Haus und Weib. Ich nehme an, Hanka kme zu mir und
sagte: deines Vaters Geld, von dem du zehrst, ist durch List, fremden
Schwei und fremde Not zusammengehuft. Ich mte es prfen und richtig
finden und mte von mir werfen, was ich durch Lge besitze, weil ich
doch behauptet habe, da jeder seine Lge von sich werfen soll. Aber wie
ist es mit Beate? Vielleicht war es der beste Weg, den sie erkannt hat,
zu schweigen? Vielleicht war es ihre Kraft, _nicht_ zu bekennen, und sie
liebte Hanka am besten, wenn sie sein Nichtwissen liebte? Vielleicht
war hier die Lge das Bessere. Lge, das ist doch nur ein Wort. Aber
wie? wenn er es auf rohe und niedertrchtige Art erfahren htte? ist ein
Wille, der etwas vollbringt, nicht ebenso gut wie das Ungefhr? und gilt
es darum nicht als Wahrheit, weil ich es gewollt?

Und wenn Lge nur ein Wort ist, bald so, bald so zu nehmen, dann ist ja
auch Ungerechtigkeit nur ein Wort. Wenn man eine Wahrheit nicht schaffen
kann, dann kann man ja auch eine Gerechtigkeit nicht schaffen.
Vielleicht ist es irgendwo bestimmt, da die Jdin ins Kloster kam,
vielleicht hat das irgendwo sein Gutes, nur wei ichs nicht. Aber das
wre ja eine verzweifelte, eine hchst verzweifelte Geschichte, wenn der
Mensch nicht mehr imstande ist, zu wissen, was er soll und darf.

Sehr verwirrt erhob sich unser Held und ging wie in einem trbseligen
Rausch nach Hause.




Achtunddreiigstes Kapitel


Ende August kehrte Anna Borromeo vom Landaufenthalt zurck. Sie machte
sofort Besuche, empfing Besuche, abonnierte fr Konzerte und Theater und
bereitete sich auf das gewohnte Herbst- und Winterleben vor. Ste von
Romanen kamen von der Buchhandlung und vom Leihgeschft und keiner
konnte sie lnger als einen Vormittag festhalten. Sie jagte hierhin und
dorthin, klagte ber Schlaflosigkeit, schien bald entkrftet, bald
berreizt, bald geschwtzig und bald allzu still. Arnold verfolgte
aufmerksam ihr Treiben, und ihn beklemmte es, sie und den Oheim in einem
so engen und ewigen Verhltnis zu denken, als welches ihm die Ehe
erschien.

Friedrich Borromeo war tief in sich gekehrt. Nichts kam der Mdigkeit
und Gelassenheit gleich, mit welcher er Messer und Gabel fhrte, die
Speisen auf seinen Teller legte, nichts der Appetitlosigkeit, mit der er
a oder ein Gesprch zu einem vorlufigen Endpunkt schleppte.

Es verdro und krnkte Arnold, dies zu beobachten. Noch brannte in ihm
der Wunsch, sich um Menschen zu bemhen. Als er an einem Morgen mit
Borromeo allein beim Frhstck sa, begann er offen: Knntest du mir
nicht sagen, was dich so niederdrckt? Mu denn alles so sein, wie es
ist?

Borromeo zog die Brauen langsam empor. Seine beiden Augensterne rollten
erlschend in die Winkel. Du fragst wie ein Jngling, sagte er, aber
ich kann dir nicht antworten wie ein Mann. Lassen wir das. Auch die
Sterbenden haben ein #nil nisi bene#.

Als sie sich voneinander trennten, war Borromeos Hndedruck voll Wrme.
Nichts konnte deutlicher ausdrcken, wie zufrieden er mit ihm war und
wie sehr er ihm vertraute.

Mit seinem jungen Lehrer Wolmut hatte Arnold ein gutes Verstndnis
erreicht. Er erkannte sofort dessen glckliche und gesunde Veranlagung,
allen Krften seines Wesens gleichmig zur Entwicklung zu verhelfen
und beobachtete ihn so scharf, als ob er durch die fremde Natur seine
eigene ohne weiteres vervollkommnen knne.

Vllig das Kind eines wissenschaftlichen Zeitalters, gehrte Wolmut zu
jenen Menschen, welche sich eine Weltanschauung aufbauen, um damit das
Leben zu kommandieren. Seine kleinsten Geschfte verrichtete er mit
unermdlichem Eifer und strenger Gewissenhaftigkeit, und seine Armut
trug er mit selbstverstndlichem Stolz. Er liebte um jeden Preis zu
lernen und suchte stets zu helfen. Sein klares Urteil befhigte ihn,
jede schadhafte Stelle in der Lebensfhrung des Andern sofort zu
bersehen. Die neugierige Frage tauchte in Arnold auf, wie sich Wolmut
gegenber Elasser und der Gewalttat des Klosters benommen htte. Seit
jener Nacht, die unter dem Kastanienbaum in Regen verflossen war, hatte
er nicht aufgehrt, sich zur Rechenschaft zu ziehen, mit sich und der
Welt zu hadern. Allmhlich war sein leidenschaftliches Wollen einem
dumpfen Zwiespalt gewichen. Er glich einem Mann, der kampf- und
rechtbegeistert vom Schlachtfeld reitet, um Verstrkungen gegen den
Feind zu holen; er eilt anfangs und seine Botschaft benimmt ihm noch den
Atem. Dann wird seine Stirne khler. Er beginnt Gefallen an der
Landschaft zu finden, lt allmhlich das Pferd im Tritt gehen und an
geschtzter Stelle grasen; aus der Nacht wird Morgen, aus dem Morgen
Mittag. Der drngende Ruf, der seine Schritte beflgelt hatte,
verklingt, die schreckensbleichen Gesichter, die ihre flehenden Blicke
dem Abgesandten in die Seele bohrten, entrcken unter dem Horizont, und
aus dem Geschehenen wird sozusagen eine Vorstellung.

Dazu war Arnold in den letzten Tagen sehr bemht gewesen, eine ihm neue
Weichheit der Stimmung abzuschtteln von der er kaum wute, woher sie
kam. Er stellte also eine Frage an Wolmut, die harmlos schien. Er
gedachte zu ersehen, welches Echo die Podoliner Ereignisse in einem so
Fern-, doch wahrhaft Mit-Lebenden gefunden htten.

Soviel ich wei, steht die Geschichte auf dem alten Fleck, erwiderte
der Student. Ich hrte, die Regierung habe jemand zum Papst gesandt,
aber dadurch wird nichts gendert werden. Wenn die Justiz ihre
unmittelbaren Handhaben verloren hat, ist fr den Einzelnen keine
Mglichkeit mehr, sich zu widersetzen. Der Rechtsbegriff wird nicht
erzwungen und gemacht, sondern bildet sich wie die Sprache.

Arnold sah ziemlich betroffen vor sich nieder. Das hrt sich gut an,
erwiderte er schroff, so lange, bis Sie selber dabei den Hieb bekommen.
Wollen Sie verzichten, an dem Unrecht teilzunehmen, das nicht an Ihnen
selbst ausgebt wird?

Wolmut lchelte. Das mte man auch. Es handelt sich nur um eine
Ausschaltung unzweckmiger Triebe. Was soll platonische Teilnahme? Sich
selbst in Betrieb setzen, eine Maschine sein, die mglichst viel Rder
in Bewegung setzt, mit der Feuerung haushalten und bei der grten
Arbeitsleistung den kleinsten Krfteverbrauch erzielen, ist das nicht
Teilnahme genug? Der kleine, schmale, hbsche Mensch mit dem
rosenroten Gesicht sprach ruhig und berlegen, mit einer Verhaltenheit,
als wolle er Meinung und Gebahren sogleich in Einklang bringen.

Das ist wahr, weil es wahr sein kann, gab Arnold gereizt zurck. Ich
will nicht sagen, da ich anders denke, aber wenn ich gar nicht denke,
wird alles anders.

Gefhl zerstrt, behauptete Wolmut mit seiner unerschtterlichen
Lehrsamkeit. Ziehen Sie Ihren Kreis; verbieten Sie Ihrer Fuspitze, ihn
auch nur um einen Millimeter zu berschreiten. Glck ist Positivitt.
Die Welt ndern wollen heit, sich selbst vernichten.

Arnolds Gesicht rtete sich. Das ist Streberweisheit, rief er zornig
aus. Das Judenmdchen ist also nur deshalb nicht zu retten, damit wir,
ich und Sie, glcklich werden?

Wolmut zuckte die Achseln. Warum denn nicht? Jede Kultur schleppt noch
einen Rest von Finsternis hinter sich her, der von selbst kleiner wird
wie ein Schatten, je hher die Sonne steigt. Ich predige nicht Apathie
oder banalen Egoismus. Aber jeder Mensch mu unbedingt seine Handlungen
nach dem Ma seiner Hilfskrfte modeln. Ebenso wie er zu jeder Minute
sich darber klar sein mu, da nichts in seinem eigenen Charakter ihn
berraschen und da kein Vorfall der Welt ihn verfhren kann, die Arme
statt des Kopfes oder das Herz statt der Fe zu gebrauchen.

Arnold hatte das Gefhl, als ob ein schdlicher Doppelgnger auf ihn
zugetreten wre, um die Gedanken der Entschuldigung und entfremdeten
Klte, die er gehegt, in ein System zu pressen. Dieser feste und
ehrliche Mensch, weit entfernt, ihn zu berzeugen, verdunkelte ihn nur
vor sich selbst und vermehrte seine Unsicherheit.

Er klagte im stillen seine Jugend und erste Erziehung an, die ihm
vorenthalten htten, wozu andere so mhelos und planvoll kmen:
Sichbescheiden. Darber erhob sich die Gestalt der Mutter, und mit einem
Gemisch von Schrecken und Scham kehrte er wieder zu jener weichen
Stimmung und Verstimmung zurck, aus deren Wolken sich das Gesicht
Verenas erhob. Aber nicht mit Innigkeit stand er vor der Erscheinung,
sondern mit Trotz und Wachsamkeit, als ob sich neuerdings eine Sache der
Gewalt und der unbefugten Eingriffe zu entscheiden habe.

Eines nachmittags machte er sich auf, um Verena zu besuchen. Er fand in
ihrem Zimmer eine kleine Gesellschaft fremder und halbfremder Menschen
beim Tee, unter ihnen Wolmut und Tetzner. Verena war zurckhaltend wie
sonst, doch heiterer. Tetzner sa schweigsam beim Fenster, und Wolmut
setzte seine Ansicht ber Askese auseinander.

Verena stand auf und trat zu Arnold. Ich habe fr morgen Abend zwei
Billette zum Konzert, sagte sie freundlich. Vielleicht kommen Sie
mit?

Arnold lchelte ohne zu antworten. Verena war etwas verwundert; dann
prete sie die Lippen zusammen, erblate und warf einen flchtigen Blick
auf Tetzner, der schweigend und abgekehrt sa. Hierauf sahen sie sich
zum erstenmal von solcher Nhe in die Augen, Arnold mit groem, etwas
knabenhaftem Blick, Verena mit einem zugleich bsen und flehenden
Ausdruck. Kommen Sie nur, wiederholte sie schlielich mit der vorigen
Freundlichkeit, man spielt Beethoven.

Am nchsten Abend holte er sie gegen sieben Uhr ab, und sie fuhren zum
Konzertsaal.

Wunderbare Klnge hrte Arnold in diesen Stunden. Er sah eine Sule
langsam und zart bis in den hchsten Himmel wachsen, und oben erst
sprhten die erdgeborenen Blitze. Es war, als wrden ihm zwei neue Ohren
aufgerissen, und er lauschte mit einem Zustimmen seines tiefsten
Herzens.

Aus einer hastigen uerung entnahm Verena, da er ganz und gar nicht
zerflossen war. Das hatte sie wohl erwartet, allein sein bestimmtes und
heiteres Wesen erfllte sie mit seltsamer Furcht.

Als es aus war, gingen sie lange schweigend auf der Strae
nebeneinander. Ich habe Hunger, sagte Arnold endlich. Wollen wir
nicht in das Gasthaus da? Er deutete auf die erleuchteten Fenster eines
vornehmen Restaurants.

Verena schttelte lchelnd den Kopf. Ich bin keine Millionrin, sagte
sie. berdies habe ich Tetzner versprochen, nach Haus zu kommen.

Sie gingen weiter. Ich lebe nmlich von Tetzners Geld, sagte sie auf
einmal mit vernderter Stimme.

Arnold hatte Mhe, einer rtselhaften Freude Herr zu werden, die ihn von
der Stirn bis zu den Sohlen einhllte.

Aber ich will nicht sprechen, fuhr Verena fort. Wozu auch. Man kann
doch nichts aus sich herausbringen. Ich bin auch kaum mehr fhig, mich
zu verstndigen. Ach, das Leben, das elende Leben!

Das elende Leben? Nein, das schne Leben, versetzte Arnold. Das
schne, herrliche, gute glckliche Leben! Jeden Tag bin ich froh, da
ich lebe.

Bei diesem unerwarteten Ausbruch sah ihm Verena mit einem forschenden
und ergebenen Blick in die Augen.

Sie waren im Haus. Verena zndete eine Kerze an und ging gedankenvoll
voraus, den Arm mit der Kerze hochhaltend und Arnolds Gegenwart lebhaft
und dankbar fhlend.

Oben angelangt, klopfte sie dreimal an die Tre und sah mit dem breiten
schwarzen Hut, dem langen glatten Mantel und dem vorgebeugten Kopf, der
von dem Licht magisch bestrahlt wurde, wie eine Zauberin aus.

Tetzner kochte Wasser zum Tee. Als der Tee fertig war, nahm er sein Buch
und setzte sich abseits. Verena legte Brot, Butter und kaltes Fleisch
auf einige Teller. Ihre niedere Stirn leuchtete ber den blauen stillen
Augen wie ein weies Blatt. Whrend sie a, nahm sie ein Stckchen
Kreide und zeichnete auf der Tischplatte herum, dabei lchelnd und
verstohlen einigemal nach Arnold schielend. Er beugte sich ber die Ecke
und erkannte verwundert sein bertriebenes Profil: ein rundes,
ausladendes Kinn, dessen Linie gegen den Mund abenteuerlich weit einbog
und so mit dem vorstehenden Lippenpaar einen wahren Hafen bildete, eine
griechisch kurze Oberlippe, das Stck eines kmmerlichen Schnurrbarts,
eine lange, gerade und unbescheiden in die Luft stechende Nase und ber
der ungewlbten Stirn anstndig und gleichmig gestrichenes Haar.
Arnold nahm nun seinerseits die Kreide und begann damit, Verenas Frisur
zu zeichnen. Mit diesem schwierigen Stck verging aber so geraume Zeit,
da Verena belustigt ausrief: Sehen Sie, auch dazu braucht es Talent.

Tetzner hatte die Brille abgenommen und sie auf das offene Buch gelegt.
Mit groen, weit offenen Augen blickte er herber.

Was liest du? fragte Verena.

Ein Buch ber die Liebe, antwortete Tetzner.

Arnold blickte Verena an. Es gibt Augenblicke, wo ein einziges Wort
gengt, um die Seele zu entflammen. Sein bercktes Herz sammelte sich
pltzlich zu aller Sehnsucht und Leidenschaft, deren es fhig war.

Wenn ich so das Leben berblicke, fuhr Tetzner versonnen plaudernd
fort, und sein Blick richtete sich dster gegen die Wand, so ist nichts
als Irrtum. Was man hat und rechtmig in sich trgt, wird
verschleudert, und das Schlechte, das trgerisch glnzt, kauft man um
teuren Preis. Auch die Liebe ist eigentlich ein Irrtum, und sie trbt
das Bild der Welt.

Gegen den Ofen gelehnt, flsterte Verena nervs: Was soll das ewige
Reden! Ich bin satt von Worten. Ich bin berdrssig, alles zu wissen,
was ich empfinde und empfinden soll.

Tetzner ging auf und ab und seufzte. So lange es Tee und Schinken auf
Erden gibt, soll man nicht ber Liebe reden, das ist richtig, sagte er
in seiner wiederkehrenden kaustischen Manier. Breitbeinig stellte er
sich vor den Tisch, starrte ins Licht der Lampe und trllerte mit
vernderter, heiserer Stimme:

    Wenn er bei einer Hochzeit ist,
    Da sollt ihr sehen, wie er frit;
    Was er nicht frit, das steckt er ein,
    Das arme Dorfschulmeisterlein.

    Wenn er einmal gestorben ist,
    Legt man ihn sicher auf den Mist.
    Ach wer setzt einen Leichenstein
    Dem armen Dorfschulmeisterlein.

Dann warf er den Wettermantel um, nahm den Schlapphut und sein Buch und
entfernte sich, ohne irgend Abschied genommen zu haben. Bald hrte man
ihn die Auentre zuschlagen.

Die Stirn an die Scheibe gedrckt, stand Verena am Fenster. Es ist
finster drauen, murmelte sie mit erzwungener Gelassenheit. Als sie
sich umdrehte und Arnold gewahrte, entfrbte sich ihr Gesicht. Er ging
auf sie zu und packte mit Heftigkeit ihre Hnde. Sie schwieg, atmete
jedoch wie eine Gehetzte. Er drckte ihre Hnde nur um so fester, als
umschlsse er alles, was er im Leben an sich reien wollen. Vergeblich
war sie bemht, sich ihm zu entwinden.

Sind Sie denn glcklich, Verena? fragte Arnold endlich flsternd, im
innigsten Ton, mit einem Ausdruck von Treuherzigkeit und
Selbstanerbietung.

Ihr Gesicht wurde kalt, verschlossen und todesruhig, und er gab ihre
Hnde frei. Whrend sie sich an den Tisch setzte und den Kopf in die
Hand sttzte, stand Arnold ratlos, wie niemals durchwhlt, gekrnkt und
gengstigt. Sie mssen jetzt gehen, Arnold, sagte Verena pltzlich
weich.

Mit der Lampe leuchtete sie ihm in den dunklen Flur und wartete, weit
ber das Gelnder gebeugt, bis er unten war. Dort blieb er noch einmal
stehen und schaute nun in Wirklichkeit zu ihr empor, wie er es sonst in
seinen Gedanken zu tun pflegte. So begegneten sich ihre Augen durch eine
nchtige Ferne, einander grend, doch ohne Versprechen, ohne Begehren.




Neununddreiigstes Kapitel


Eine andere Sprache redeten jetzt die Stunden fr Arnold, andere Laute
hatte der Tag, andere Strahlen das Licht. Sein zurckliegendes Leben
erschien ihm als ein einziger Schritt vom Nichts in eine se,
gesammelte Welt. Jetzt erst glaubte er, sehen zu knnen; sein eigenes
Spiegelbild kam ihm nher und wesensvoller vor. Er war mit allen Sinnen
bei der Arbeit, aber zur selben Zeit konnte er sich mit ganzer Seele an
einem verlorenen Punkt seiner Trume finden. Nichts lste sich in
Weichheit auf, keine Ader seines Krpers wurde schlaff, aber alles, was
er unternahm, hatte einen bestrickenden Reiz von allgemeiner Liebe und
Erkenntnis des Besseren. Jede Schwierigkeit versank unter der Wucht
gnstiger Notwendigkeiten; die Gefahren tauchten schon von ferne in die
Flut des Glckes.

Abends war er mit Verena beisammen; sie trafen einander tglich und
gingen, wenn das Wetter es erlaubte, stundenlang in den Straen
spazieren. Sonst saen sie im Zimmer oder in einem kleinen
Vorstadtkaffeehaus. Verena war es, die den Aufenthalt bestimmte, die
Zeit begrenzte. Sie war es, welche die Schranken zog, und Arnold, der
gehorsam davor stehen blieb. Sie erstaunte, wie er unter der Berhrung
ihres Blickes weicher, wrmer, empfindlicher zu werden schien.
Allmhlich erschtterte es sie sogar, dies zu sehen. Sie frchtete fr
ihn, denn je schrfer der Stahl, je tiefer die Scharte, dachte sie. Sie
frchtete auch fr sich; sie hatte nicht geglaubt, einen solchen
Menschen ohne Anstrengung zu gewinnen. Nach allen Seiten suchte sie zu
entweichen, um immer strker und glhender den Hauch seiner Nhe zu
spren. Sie sah sich verfallen.

Ihre Gesprche bedeckten gleichmig Tiefen und Untiefen des
Beisammenseins. Verena wartete stets ab, was von ihr gefordert wurde,
und da es wenig genug war, so konnte sie sich gromtig erweisen und
dort schenken, wo sie nur ein bescheidenes Verlangen zu bertreffen
brauchte. Ihre eingeschrnkte Lebensweise machte Arnold mehr und mehr
stutzig; es betrbte und beleidigte ihn, sie in einer Lage zu wissen,
die von der seinigen so sehr verschieden war. Einmal kam er zu ihr;
Tetzner stand mit gekrmmtem Rcken und gebeugtem Kopf nahe der Tr. Als
Arnold Verena begrt hatte und sich nach ihm umschaute, war er schon
verschwunden. Verena blieb einsilbig und abgekehrt. Erst am Abend sagte
sie: Nun ist es entschieden. Ich bin frei.

Erst nach sorgenvoller berlegung verstand Arnold, was sie meinte.
Wovon wollen Sie leben? fragte er.

Sie zuckte die Achseln. Man verhungert nur an seinem Unvermgen,
entgegnete sie. Sie wandte sich ab, seufzte lchelnd und breitete in
ihrer sinnlich-mden Weise die Arme aus. Ich werde Stunden geben,
Schreibarbeiten machen, Holz hacken, was sich bietet. brigens bin ich
nicht ganz entblt.

In ungreifbarer Betrbnis verbrachte Arnold die nchsten Tage. Eine
Verachtung alles Glnzenden, Reichen, Geputzten erfate ihn; er selbst
in seiner Unbekmmertheit und Sattheit erschien sich verwerflich. Aber
eines Morgens erwachte er, frmlich erhitzt von einem wie im Traum
gefaten Entschlu. Er machte sich auf den Weg zu Verena. Sie war nicht
zu Hause; auf der Strae auf und ab gehend, wartete er anderthalb
Stunden. Sie kam. Morgendlich hell, freudig bewegt, ihn zu sehen, den
Widerglanz ihrer Ttigkeit und ihrer Besonnenheit in den weichen
Gesichtszgen und in der robusten Gestalt, reif und anziehend wie
selten. Sogleich begann Arnold. Ich bin ein Esel, Verena; wie schlecht
mssen Sie von mir denken. Ich habe einen Sack voll Geld und wenn ich
nur ein Loch hineinschneide, rollt es aufs Pflaster. Sie brauchen nur
nehmen, Verena, und nicht einmal das, Sie brauchen nur darauf zu treten
und alles gehrt Ihnen.

Kalt und stolz sah ihn Verena an. Das hiee einen Strick mit einem
Messer vertauschen, antwortete sie schroff und lie ihn vor dem Haus
stehen.

Nicht imstande, ihr zu folgen, blieb Arnold wie geschlagen auf der
Schwelle. Mit schleichenden Schritten ging er endlich langsam heim.
Gegen Abend empfing er einen wunderlichen Brief von Verena. Mit einem
fast widerwilligen Anschmiegen lie sie dunkle Leiden vor ihn
hinstrmen, malte Schatten, deren Krper er nicht zu sehen vermochte.
Zum erstenmal tnte ihr Wesen in einer weiblichen Klage vor ihm;
getrstet und aufatmend machte er sich das tote Papier zum Freund und
erblickte in ihm einen Anker, der das ratlos schweifende Schifflein
seiner Gefhle auf festem Grunde hielt.

Aber die wunderliche Scham ber seinen Besitz wollte ihn nicht
verlassen. Er fate pltzlich den Plan zu einer Art von
Wohlttigkeitsinstitut. Dies erschien ihm wie ein Opfer fr Verena.
Wolmut, der diesen Einfall zuerst verwarf, war ihm schlielich
behilflich, da er doch wenigstens etwas Zweckmiges getan wissen
wollte. Das Gercht trug den Namen des Helfers rasch genug herum. Bald
fllte sich das Vorzimmer von Arnolds Wohnung tglich mit den buntesten
Figuren: Frauen und Greise, Jnglinge, Familienvter, Kinder; Kranke,
Vorsteher von Vereinen, Unternehmer von Sammlungen, verarmte Kaufleute
und Handwerker, mittellose Schauspieler, Beamte, Adlige, Arbeiter, alle
warteten auf ihre Viertelstunde und zogen befriedigt oder enttuscht,
jeder nach seiner Veranlagung wieder davon. Es kam so weit, da sich
Leute einfanden, welche durchaus nicht nach Geld trachteten, sondern
nur in einer schwierigen Lebensverwickelung Rat einholen wollten, zum
Beispiel, wenn sie amtliche Scherereien hatten, in Heirats- und
Erbschaftsangelegenheiten, ja sogar in Fragen ihres Berufs. Oft gab es
Stoff zum Lachen, oft seltsame Einblicke in das Treiben der Leute, und
aus mancher geheimnisvollen Not sprach das Leiden und der Irrtum von
Geschlechtern. Und wie wenn die schlaffe Haut von einem zu Tod
verwundeten Tier sich lst, so da das in Krmpfen zuckende Muskelwerk
ans Licht tritt, so konnte Arnold in das kranke Fleisch des Landes und
der Gesellschaft blicken. Unduldung und Willkr, gelassenes Hinnehmen
der Rechtlosigkeit, grausamstes Rnkespiel und hartnckiges Strebertum,
-- aus ebensovielen Wunden rieselte die Lebenskraft des Staates. Aber
Arnold litt nicht so sehr darunter, als er sich glauben machen wollte,
da er litt. Es war, als ob Leidenschaft ein Gitter um ihn gewoben
htte. Wohl sah er Pfeile fliegen und Getroffene niederstrzen, aber ihn
beschlich eine frevelhafte Sicherheit.

Wolmut, wie ein uneigenntziger und gewandter Minister, behandelte jeden
Fall mit trockener Sachlichkeit und stand in dem kleinen Tatengewebe
aufmerksam da, vielleicht mit Wissen die grere Rolle einstudierend,
die er der Welt einst vorzuspielen gedachte. Arnold lernte von ihm, sich
auf das Einfache und Zweckdienliche zu beschrnken, alles Gebauschte und
berflssige zu vermeiden. Auch uerlich lebte er so einfach und mit so
ngstlicher Sparsamkeit, da er zum Spott seiner nheren Umgebung wurde.

Anna Borromeo beobachtete sein Tun mit Verdru und Entrstung. Sie
hatte jetzt selten Gelegenheit, ihn zu sehen, aber wenn sie ihm
begegnete, erbleichte sie vor Zorn. Sie beklagte sich bei ihrem Gatten
lebhaft ber das Gesindel, welches nun tglich Flur und Treppen strme.
Gut, erwiderte der Doktor mit niedergeschlagenen Augen, ich werde
Arnold ersuchen, vor dem Haustor Frcke und seidene Kleider austeilen zu
lassen. Dann kannst du die Herrschaften getrost auch bei dir empfangen.

Du hast recht, gab Anna zurck; und wir beide werden bei ihm um ein
Versorgungsstbchen in Podolin betteln.

Man meldete Besuch, den Baron Valescott, einen jungen Leutnant, der seit
kurzem zu Anna Borromeos eifrigen Verehrern gehrte.

Borromeo begegnete Arnold im Stiegenhaus. Willst du mich ein Stck
begleiten? fragte er in seiner zurckhaltenden und bescheidenen Art.
Arnold erklrte sich bereit; er war auf dem Wege, Natalie Osterburg zu
besuchen. Sie hatte ihm geschrieben, einen langen Brief mit hundert
Entschuldigungen, er mge nicht bse sein, sie werde auf Ehrenwort das
geliehene Geld am ersten Januar zurckerstatten, er solle sie doch
besuchen und damit zeigen, da er ihr noch freundlich gesinnt sei.

Sie gingen ein Stck Wegs, ohne da Borromeo, was ihn beschftigte, in
Worte zu fassen vermochte. Er war redensmde; immer schwerer wurde es
fr ihn, sich mit der realen Teilnahme des Lebenden vor ein Geschehnis
zu stellen, da all und jedes Ding fr ihn in ein unermeliches Meer der
Nutzlosigkeit flo. Trotzdem sagte er schlielich mit einem Anflug von
krnklicher Ironie: Du ziehst das lebhafte Mifallen der besseren
Kreise auf dich. Die besseren Kreise wollen nicht, da man ihre
Privilegien, die sie ja freilich nicht ausben, zu wrtlich nimmt. Du
solltest dir ein Sammetpolster kaufen und darauf sitzenbleiben. Tust du
es nicht, so werden die besseren Kreise dafr sorgen, da dein
bisheriger Sitz mit Nadeln gepolstert wird. Du siehst, es ist kein
schner Kampf, man kann ihn nicht auf ehrliche Weise fhren.
Stecknadelschlacht ist es. Er reichte Arnold die Hand und zog
schwermtig die Brauen empor. Arnold sah ihm sinnend nach.

Bei Osterburgs wurde er in das groe Wohnzimmer gefhrt. Im Ofen brannte
Feuer. Es war eine ordentliche Versammlung da: Petra, die alte Frau
Knig, Natalie, ihr Mann, ihre beiden Kinder und Hyrtl. Als Arnold
eintrat, herrschte die grte Stille, und er gewahrte mit Erstaunen, da
alle Sieben in der gleichen Weise beschftigt waren. Frau Knig legte
Patiencen mit zierlichen Elfenbeinkrtchen, dasselbe tat Natalie; Petra
spielte mit Herrn Osterburg Beziques. Selbst die beiden Kinder
beschftigten sich mit einem Kartenspiel und Hyrtl legte die sogenannte
kleine Patience. So saen sie seit Stunden, nicht nur an diesem Tag,
sondern jeden Tag, den Gott gab. Bisweilen fing Frau Knig an zu
schmlen, dann sagte Natalie Pst und vertiefte sich wieder. Hierauf
entspann sich unter den Kindern ein bedeutender Kriegslrm und der
wrdige Vater brachte sie durch einen Zornanfall zur Ruhe, der gengt
htte, um eine Schar von Landsknechten einzuschchtern. Auch er versank
danach wieder im Spiel wie ein Frosch, der flchtig das Wasser verlassen
hat, nur um ein Donnerwetter am Himmel zu bequaken.

Natalie begrte Arnold etwas verlegen. Alle hrten auf zu spielen auer
Frau Knig, die dem jungen Mann so vertraulich zulchelte, als ob sie
nichts Lieberes als ihn kenne. Gleich bin ich fertig, sagte sie mit
heiserer Stimme und deutete mit einer bertriebenen Rokokohflichkeit
auf einen leeren Stuhl an ihrer Seite.

Osterburg ghnte, befhlte seine Lenden und warf sich mit gelangweiltem
Gesicht auf eine Ottomane, wo er einstweilen wie ein Gestorbener liegen
blieb. Die beiden Kinder, gestachelt durch die Anwesenheit eines
Fremden, brachen wechselsweise in ein vllig unbegrndetes Gelchter
aus, als ob es an sich verdienstvoll und der Aufmerksamkeit wert wre,
zu lachen. Mit verurteilendem Gesicht blickte Petra ins Leere.

Denken Sie nur, ich schlafe nicht mehr, klagte Natalie. Seit vielen
Nchten kann ich kein Auge mehr schlieen.

Osterburg bewegte sich. Seit ich dich kenne, meine Liebe, hast du noch
nie geschlafen, rief er verdrossen und gereizt. Zu gewissen Zeiten
reizte ihn der harmloseste Laut. Jemand gebrauchte das Wort Kunst und er
begann unbestimmt ins Blaue zu schimpfen. Besonders auf neuere Malerei
war er schlecht zu sprechen und Richard Wagner war aus unerfindlichen
Grnden sein Todfeind. Wissen Sie, da ich krank bin? sagte er jetzt,
das Haupt matt nach Arnold drehend. Ich habe Psorias. Er hatte
irgendwo den Fachausdruck fr einen unbedeutenden Ausschlag gefunden und
war sehr stolz darauf.

Natalie zog Arnold, der bisher kein Wort gesprochen hatte, in eine Ecke
und nahm auf einem niedrigen Sesselchen neben ihm Platz. In atemloser
Erregung sagte sie: Wissen Sie denn schon? Ich hab' es erst vor einer
Woche erfahren --, wissen Sie es?

Was? Arnold war verdutzt.

Ich mchte Ihnen gern etwas mitteilen, Herr Ansorge, lie sich
Osterburg wieder vernehmen, aber geben Sie mir das Ehrenwort, da Sie
Silbe fr Silbe glauben wollen?

Er braucht einen Maulkorb, murmelte Hyrtl, der mde und verstimmt
aussah.

Natalie klatschte in die Hnde. Petra! rief sie triumphierend ber das
ganze Zimmer, er wei noch nichts. Also Sie wissen wirklich noch
nichts? Seien Sie aufrichtig.

Wenn du so schreist, liebes Kind, fiel die alte Dame mahnend ein,
kann ich unmglich nachdenken. Ich habe kein A mehr, ... Mit
verglasten Augen starrte sie auf die soldatisch regelmigen
Kartenreihen.

Hanka hat seine Frau weggejagt, begann Natalie mit Feierlichkeit und
sah, die Wirkung erwartend, Arnold gespannt an. Da die Unbeweglichkeit
dieser Zge sie enttuschte, fuhr sie mit berechneter Steigerung fort:
Hanka ist verreist und niemand wei wohin. Beate hat ein Verhltnis mit
Pottgieer, Ihr Freund, Maxim Specht, hat die beiden miteinander
bekannt gemacht. Alle Welt spricht davon, jetzt erst, obwohl die
Geschichte schon Monate alt ist. Nun? was sagen Sie dazu? Ist das nicht
entsetzlich? Aber so reden Sie doch etwas --

Jetzt erhob sich Petra, schaute tief aufatmend und verzweifelt gegen die
Decke des Zimmers und ging schweigend hinaus. Sie kam nach kurzer Zeit
mit einem Buch zurck und ihre Zge zeigten ein ehernes Lcheln. Wenn
sie ein Wort sprach, war es von der gewhltesten Natrlichkeit, denn sie
glaubte sich von andern ebenso unaufhrlich beobachtet wie von sich
selbst.

Natalie war unzufrieden mit Arnold. Er war weder berrascht, noch
dankbar, weder erschreckt, noch anteilvoll. Sie sind ein Stock, sagte
sie rgerlich.

Hyrtl und Arnold gingen zusammen. Hyrtl sagte, er glaube im Ernst, da
sein Herz nicht mehr lange gehorchen werde. Khl hrte Arnold darber
hinweg.




Vierzigstes Kapitel


Durch Schneegestber und hochliegenden Schnee ging Verena von der
Universitt nach Hause. In der Nachbarschaft versorgte sie sich fr den
Mittag mit Schinken und Brot und erstieg nachdenklich die Treppen zu
ihrer Wohnung: mit jeder einzelnen wurde ihr Herz schwerer und verga
die schneeweie Frhlichkeit der Straen. Oben wollte sie Tee kochen,
fand aber, da kein Spiritus mehr da sei. In Hut und Mantel kauerte sie
vor den Ofen hin und legte Spne hinein, um aus der Glut noch einmal
frisches Feuer zu gewinnen, dann stellte sie sich ans Fenster und ihr
Blick schweifte ernsthaft ber die zahllosen schneeberahmten Fenster der
Hfe, hinter denen bisweilen ein umriloses fremdes Gesicht auftauchte.
Als es im Zimmer warm zu werden begann, nahm sie die Flasche, und, die
Treppen hinuntergehend, hatte sie abermals das Gefhl, als nhere sie
sich einem Schauplatz der Heiterkeit; in der Tat glich die Strae einem
blendend weien Saal, in welchem die Flocken einen schwerelosen Tanz
auffhrten.

Oben angelangt, setzte sie sich, anstatt Tee zu bereiten, vor das
Knochengerst, sttzte den Arm auf die Lehne des Holzstuhls, den Kopf in
die Hand und blickte unter halbgeschlossenen Lidern schrg auf den
drren Schdel. Wunderliche Anwandlungen, mit diesem Ding ein Gesprch
anzuknpfen, unterdrckte sie, ja sie erblickte sich selbst, losgelst
von Fleisch, Blut und Empfindung, doch immer noch Zwischenglied,
beinernes Abstraktum. Eine seltsame Zrtlichkeit erschtterte sie von
oben bis unten und bald darauf, als ob ihr Organismus von Kmpfen
ermdet sei, hatte sie Schlafbedrfnis. Sie legte sich auf das Bett und
schlief ein, um nach einer Viertelstunde von dem Gerusch eines
Eintretenden zu erwachen. Es war Arnold; erschreckt fragte sie, wie er
hereingekommen sei. Seine Erklrung, da die Auentre nur angelehnt
gewesen sei, nahm sie mit einem nachdenklichen und sen Lcheln auf, in
welchem noch ein Traum zitterte. Sie erhob sich, reichte ihm die Hand
und strich die braunen Haare aus der Stirn. ber Arnold legte sich eine
Erstarrung. Er glaubte glcklich zu sein oder doch die Nhe des Glcks
zu ahnen. Das Bild eines mrchenhaften Sommers stieg vor ihm auf; nackte
Menschen wanderten zwischen Blumen und buntem Laub. Nie hatte er Verena
so gesehen, still und von gleichsam animalischer Zutraulichkeit. Er
ergriff ihre Hnde, um zu sehen, ob sie es auch wirklich sei, er prete
ihre Hand an die Lippen und drckte die Zhne in die Haut, so da zwei
Halbkreise von blutunterlaufenen Strichen entstanden. Sie seufzte
schmerzlich und drngte von ihm weg; er flsterte, ungewi lchelnd.
Sein Gesicht war feucht und er breitete die Arme aus -- nach nichts. Er
folgte ihr nun, umschlo sie bei den Schultern und kte sie. Ihre
erstickten Bewegungen, sich zu befreien, glichen den Zuckungen eines
betubten Tieres. Der beschwrende Ausdruck und Glanz ihrer Augen
erlosch langsam. Ihre beiden offenen Hnde lagen zuerst wie zwei tote
Krper auf seinem Haupt und glitten dann bis zum Nacken herab, um
endlich schlaff mit den Armen vllig zu sinken. Arnold lie sie nicht.
Ihr trnennasses Gesicht sah er nicht. Er fragte nicht mehr, ob sie mit
Freude gewhre, er sah nicht ihre Lebensangst; als sie nachgiebig
geworden war, unfhig, einen vergangenen oder zuknftigen Augenblick zu
bedenken, als alle gesprochenen Worte pltzlich leichter schienen wie
die Luft, erfllte Verena ein Verlangen, dessen ruberische Wildheit fr
sie etwas Elementares hatte.

Am Abend ging sie noch mit ihm fort. Allein im Zimmer zu bleiben,
erschien ihr auf einmal unmglich. Ihr Anschmiegen an ihn hatte etwas
Furchtsames. Sie war beraus schweigsam; ihre Lippen waren wie
versiegelt vor Erstaunen und Ratlosigkeit. Was ihr krperlich
zurckgeblieben, war ein alle Glieder umgrtender Schmerz; und im Gemt
lag Nchternheit, Selbstha und Erschpfung. Noch gestern ber den
gewhnlichen Dingen und Menschen der Strae schreitend, kam sie sich
heute mit ihnen vermhlt vor, jedenfalls vereinigt, verurteilt, ihr
Eigenleben zu verlassen und an den tausend endlosen Geschften der zum
Tode strebenden Menschheit teilzunehmen. Der Lrm und die Unrast der
unzhligen enggedrngten Huser strmte auf sie ein. Die Stadt, wie eine
dampfende Maschine mit glhendem Bauch, Dampf und Feuer ausspeiend,
lebendige Leiber in ihren Fusten zerquetschend, erhob sich aus der
beunruhigten Erde, deren unsichtbarer Mund um Gnade bat. Sie ging ohne
Festigkeit und sprte zwischen ihren Fen und ihrem Leibe keinerlei
Zusammenhang. Sie wute kein Mittel, sich vor ihrem aufstrmenden Innern
zu verschlieen, als den Schlaf, aber sie mochte sich noch nicht von
Arnold trennen. Seine Gegenwart erschien ihr notwendig; an ihm
aufblickend glaubte sie ihn viel grer als sonst, und sie sprte etwas
wie bange Erwartung vor seinem Urteil und seinem heiteren Blick.

Arnold begleitete Verena wieder zurck. Die kalte, stille Luft hatte sie
beide erfrischt. Vor dem Tor blieben sie noch eine Weile plaudernd
stehen; aber es war, als ob jeder nur aus Geflligkeit gegen den
anderen rede, da das Reden der inneren Stimme vorlaut zu werden begann.
Verena suchte den Abschied von einer Minute zur andern zu verschieben.
Ihr Gesicht war gertet; einmal legte sie den Kopf auf die rckwrts
gekreuzten Hnde, wodurch die atmende Bewegung der Brust etwas
Friedliches und Erstaunliches erhielt. Dann sagte sie gute Nacht und
reichte ihm den Mund zum Ku. Lange sah sie ihm nach, wie er sicher und
fest dahinschritt und wie sich frohe Laune und frohe Leichtigkeit des
Herzens in seinen Bewegungen ausdrckte. Ihr war es einsam.

Arnold dagegen war in der Tat voll Zufriedenheit. Er ging so aufrecht,
als wre ihm der Befehl ber eine Armee bertragen worden, lchelte
bisweilen verschmitzt und gemtlich in sich hinein, und als er nach
Hause gekommen war, legte er sich sogleich ins Bett und schlief fest bis
zum Morgen.

Die Sonne schien ins Fenster, als er beim Frhstck sa. Der Diener kam
und meldete eine Dame. Es war Verena. Sie trat ein; ihr Gesicht war von
einer eigentmlich strahlenden Blsse. Sie nahm mit den Bewegungen eines
Gastes Platz. Mit weiten Augen, die keinem Aufenthalt begegnen wollten,
schaute sie umher und sagte: Ich wollte dich nur sehen, Arnold. Wie
hast du geschlafen? Wie geht es dir?

Gut, sehr gut, Verena, antwortete Arnold glcklich und mit erwachendem
Stolz darber, sie zu besitzen. Aber er sah an ihrem Wesen, da sie
wieder gedacht hatte, wie er es innerlich nannte und suchte seine
sich regende Scheu durch eine etwas heuchlerische Freimtigkeit zu
bemnteln.

Verena legte den Kopf zurck und sah ihn an. Ihre Handschuhe fielen zu
Boden und Arnold bckte sich danach. Dann standen sie einander
gegenber. Du sollst wissen, Arnold, begann Verena und whlte mit den
runden Fingern im Pelzbesatz ihrer Winterjacke, da ich mich keiner
Tuschung hingebe. Ich habe die ganze Nacht dazu benutzt, um ber uns
beide klar zu werden. Denn das Nebeneinandergehen gengt nicht, man mu
doch auch wissen, wohin man geht.

Warum, Verena, unterbrach sie Arnold mit leisem Unwillen und mit
Furcht vor dem, was sie sagen wrde, warum immer das zerpflcken, was
schn ist und was von selber entstanden ist? Es ist genug, ber das
Schlechte zu grbeln, und warum brauchst du ein Wohin? Die Erde ist rund
und man geht immer nur im Kreis.

Das ist doch eine etwas oberflchliche Wahrheit, entgegnete Verena,
erstaunt ber das Bestimmte und Fertige seiner Meinung. Eine Sekunde
spter, und sie wurde traurig, denn sie erkannte, da er ihr entweichen
wollte.

Du bist zu schwermtig, Verena, sagte er mit begtigender Kritik,
vergeblich nach dem Grund ihres ahnungsvollen Schweigens suchend.

Verena erhob schnell den Kopf. Darin hast du recht! rief sie aus.
Begreifst du es nun?

Ich begreife nichts, entgegnete er mit stockender Stimme.

Ich wei zu viel von mir. Leider, sagte Verena. Denke doch nach,
Arnold, du fliegst umher in der Luft. Ich bin ein im Erdreich
verfallenes Etwas. Meine Wurzeln sind abgestorben, whrend du noch in
blhenden Geschlechtern stehst. Und hauptschlich wenn man so in der
Tiefe lebt, ist alles dunkel oder wie du sagst, schwermtig. Nicht
Einzelschwermut, weil es mir vielleicht schlecht ergangen ist, und es
ist mir herzhaft schlecht ergangen, oder weil ich zu wenig Zeit zum
Spazierengehen habe, sondern die Schwermut unseres ganzen Lebens,
unseres Siechtums, unserer falschen Kultur. Ich bin kraftlos und durch
Kraftlosigkeit bin ich die deine geworden. Deshalb hab' ich gefragt,
wohin es gehen soll, denn du mtest mich auf deinem Weg nicht nur
schleppen, sondern sogar heruntersteigen, um mich zu schleppen. Also
lebe und rette dich.

Sie stand vor ihm und sah ihn an. Sein ganzes Innere wurde bewegt und
umfat von diesem zauberhaften Blick ehrlicher Bedrngnis. Aber er
zweifelte, ob er derjenige war, den sie in ihm erblickte, und dies
machte ihn zu feig, ihr zu widersprechen, statt dessen nahm er sie in
die Arme und kte sie. Dann gingen sie zusammen fort.

Jetzt waren sie meist in Verenas stiller Wohnung. Tetzner hatte nach und
nach aufgehrt, ihre Gesellschaft zu suchen. Einmal trat er ein, die
Hnde in den Manteltaschen, scheinbar gut gelaunt. Aber bald wurde es
klar, da seine Aufgerumtheit nur eine Larve war. Er legte die Hand vor
den Kopf, als frchte er, seine Stirn knne zusammenbrechen. Seine
wulstigen Lippen lagen wie zwei Fuste aufeinander und mit dem runden,
fahlen Bart und dem blinden Ausdruck der Augen sah er aus wie ein
Bildnis des alten Homer. Ohne zu sprechen, entfernte er sich wieder,
seine aufpatschenden Schritte fast furchtsam dmpfend. Verdunkelung des
Gemts kam ber ihn.

Vier Tage danach, es war am Abend, zur Haussperrstunde, trieb es ihn
wieder zu Verena hinauf. Der Portier, der ihm das Tor ffnete, sagte mit
bswillig-wissendem Lcheln, der junge Herr sei oben bei dem Frulein.
Whrend Tetzner die Stiegen emporkeuchte, hatte er Mhe, nicht
aufzuheulen.

Er klopfte an der Tre in der Weise, wie er es mit Verena seit je
verabredet hatte, aber alles blieb still. Traurig lehnte er sich im
Finstern an die Mauer. Er wagte es nicht, noch einmal zu klopfen. Er
wollte auch nicht fortgehen, um dem Hausmeister nicht wieder Anla zu
bsem Grinsen zu geben. Aber er hrte nun trippelnde Schritte in dem
Flur drinnen; er glaubte sogar, einen hauchenden Atem zu vernehmen. Es
schien, als ob eine schuldige Person an die Tre schliche. Dieses Bild
auf Verena angewandt, erschien ihm pltzlich so toll und widerwrtig,
da er laut auflachte. Tetzner, sind Sie es? ertnte die Stimme
Verenas hinter der Tre. Ich, erwiderte Tetzner, und es wurde
geffnet.

Es war warm und hell im Zimmer. Vor der Lampe lag ein aufgeschlagenes
Buch. Tetzner schob die blaue Brille auf die Stirn und blickte Arnold
zuerst wie einen fremdartigen Gegenstand zerstreut an, dann zogen sich
die Muskeln des Gesichts zu einem nachtwandlerischen Lcheln
auseinander. Etwas Angstvolles, Zrtliches und Geistreiches tauchte in
seinem Gesicht auf, als er sagte: Wollen wir nicht frhlich sein, Tee
trinken, ber die Zukunft plaudern? Na, Verena --? Wie --? Mit
geschlossenen Augen lchelte er und hing seinen Mantel an die Wand.

Verena blickte nachdenklich gegen das Fenster. Arnold war unruhig und
unwillig. Er begehrte mit Verena allein zu sein und hatte groe Mhe,
nicht merken zu lassen, wie verdrielich ihm Tetzners Anwesenheit war,
der nun in dem groen Sessel Platz nahm, die Beine ausstreckte und beide
Hnde auf den Kopf legte. Sind Sie mde, Tetzner? fragte Verena
verlegen und mitleidig.

Ja, mein Seelchen, antwortete er. Nicht Fumdigkeit, sondern Herz-,
Herzmdigkeit.

Arnold brtete in sich hinein. Ohne Sympathie, ohne Milde der
Wahrnehmung, wnschte er nichts anderes, als da Tetzner fortgehe, und
da er sich nicht verstellen konnte, merkte Verena, was ihn bedrckte und
auch sie begann dasselbe zu wnschen. Sie sah, da Tetzner litt, sie
fragte ihn und er gab Auskunft, ein wenig verstrt durch die hmmernden
Schmerzen im Kopf. Verena erschrak und sie bemhte sich um den Freund,
legte ihm ein nasses Tuch ber die Schlfen, zhlte die Pulsschlge und
blickte grbelnd zu Arnold hinber, der keine Teilnahme zeigte, der
ungeregt und unberhrt nur seiner egoistischen Sehnsucht nachhing. Eine
bittere Betrbtheit umfing Verenas Herz. Wach auf, Arnold! htte sie
rufen mgen. Verschlie dich nicht, vergi dich nicht! umfange die
Welt! Sie kam sich selbst auf einmal sndhaft vor, denn das wollte sie
nicht: von einer Seele Besitz ergreifen, die sich in ungengender
Begierde selbst zerstrt.

Als sie so neben Tetzner stand, besorgt und versonnen, konnte sich
Arnold nicht lnger bezhmen. Er stand auf, ergriff Verena bei den
Schultern und kte die sich ehrlich Strubende ungestm und lachend auf
die Wange. Das hatte Verena nicht erwartet.




Einundvierzigstes Kapitel


Wenn Arnold zu Verena kam, vereinigten sich unbewut alle seine Krfte
dahin, sie willfhrig zu machen. Worin sie sich unterordnete, das lockte
ihn nicht mehr. Sie glaubte seinem Temperament zu erliegen, doch es
entstand keine Glckesgewiheit fr sie. Sie suchte den Mangel in sich
selbst. Warum kann ich nicht gedankenlos sein? klagte sie in ihrem
Innern. Oftmals legte sich Ernchterung wie ein grauer Mantel um sie.
Dies Treiben war es nicht, was sie gehofft: von Kreuzweg zu Kreuzweg
eilen, ratlos warten und fragen. Nie schwieg ihr Verstand, nie war ihr
Urteil still, und sie wute, da es htte sein mssen, so wie im Traum
Uhr und Glocke ihren Sinn verlieren.

In der letzten Karnevalswoche ging sie in Arnolds Begleitung zu einem
Ball der Studentinnen. Arnold tanzte nicht, aber es machte ihm
Vergngen, als Auenstehender das rhythmische Gewhl zu beobachten, und
er freute sich, Verena zu fhren. Die Beziehung zwischen beiden war kein
Geheimnis, sollte es auch nicht sein; im engen Kreis der Freunde fand
Verena eine wohltuende Unbefangenheit. Aber dennoch gestand sie Arnold
offen, da sie nicht sobald wieder in eine Gesellschaft gehen werde, und
er gab ihr recht. Gerade die Gutmtigsten und Nachsichtigsten hatten sie
durch Neugierde und Zudringlichkeit verletzt. Aber nach wenigen Tagen
berredete Emerich Hyrtl, der in einem Hotel eine Art Hausball
veranstaltete, Arnold, mit Verena zu kommen. Hyrtl ergriff gern die
Gelegenheit, eine moderne Gesinnung an den Tag zu legen, und noch viel
greren Spa bereitete es ihm, seine brgerlich gesinnte Umgebung vor
den Kopf zu stoen.

Verena weigerte sich. Schweigsam und verletzt setzte sich Arnold in eine
Ecke. Sie suchte ihn vergeblich zu besnftigen, vergeblich zu
berzeugen. Als er sich anschickte zu gehen und ihr, eigensinnig, die
Hand nicht reichte, willigte sie ein. Er schlo sie in die Arme, hob sie
empor, erdrckte sie beinahe, jauchzte, kte sie, gab ihr kindische
Kosenamen, prete ihre Hnde. Hingerissen, verzieh sie ihm im Stillen.
Doch was mochte ihn bewegen?

Unter den brigen Ballbesuchern trafen sie auch Petra Knig, und Arnold
machte sie mit Verena bekannt. Sie blieb bestndig um Verena. Ihr
treuherziger Bildungshunger glaubte dabei einen Brocken zu erhaschen.
Aber sie suchte auch hervortreten zu lassen, wie viel freier und
selbstndiger sie dachte, als die andern und betonte mit jedem Lcheln,
wie unbekannt die Prderie der Gesellschaft ihrem Wesen sei. Verena war
berlegen genug, es humoristisch zu nehmen, aber nie war ihr so de und
faul zumute gewesen.

Auf dem Heimweg, sie gingen zu Fu, machte Verena halb bittere, halb
ironische Andeutungen ber Petras anschmiegende Jngferlichkeit. Petra
ist so, antwortete Arnold bedchtig. Immer sucht sie sich das Beste
aus, was man reden und tun mu, aber es bleibt ihr fremd.

Du weit sehr gut zu urteilen, meinte Verena mit abgewandtem Gesicht.

Petra ist nicht bel, fuhr Arnold fort. Sie ist vielleicht nur durch
gute Bcher verdorben.

Gewi߫, besttigte Verena. Sie verwechselt das, was sie bewundert, mit
dem, was sie vermag. Dadurch wird sie geknstelt. Aber was hab ich dabei
zu schaffen? Weshalb soll ich mich stundenlang preisgeben? Warum willst
du mich hinberziehn auf den Markt, wenn ich Ruhe will? Dort hat man nur
ein kurzes Leben. Aber ich begreife doch, sagte sie mit vernderter
Stimme, zu einer Vorstellung berspringend, die sie betrbte, da
selbst die freiesten Mdchen sich die Ehe wnschen. Es ist traurig, da
die Menschen eine Sittlichkeit erfunden haben, mit der sie das Schne
herunterziehen knnen.

Wre es dir angenehm, mit mir verheiratet zu sein, Verena? fragte
Arnold und beugte sich lchelnd zu ihr.

Verena bi sich auf die Lippen. Mit kurzem Seitenblick streifte sie sein
Gesicht. Sie mute an jenen Tag zurckdenken, an dem er ihr sein Geld
angeboten hatte. Arnold schwieg etwas betreten. Als sie am Haustor
angelangt waren, wollte sich Verena verabschieden, doch er hielt ihre
Hand fest.

Heute la mich allein, Arnold, bat sie. Ihre Augen waren von Mdigkeit
dunkler. Trotzig wich Arnold nicht von der Stelle. Verena runzelte die
Stirn und seufzte; ihre geffneten und in die Hhe gerichteten Augen
gaben dem Gesicht einen bitteren Ausdruck. Mein Liebster, sagte sie
mit wunderbarer Sanftmut, prfe dich genau, ob du nicht widerstehen
kannst.

Arnold lachte. Immer betrachten und zerpflcken! rief er. Kannst du
denn noch zwischen Freude und Nichtfreude unterscheiden?

Es gibt nur Leiden, denn nur Leiden sind wahrnehmbar, entgegnete
Verena leise. Das andere sind Ruhepausen. Ich will nur noch nicht jedes
Leiden als ein Symbol hinnehmen, das ist alles. Sonst mte ich eben
aufhren, zu berlegen.

Ohne sie ganz zu verstehen, machte Arnold eine ungeduldige Bewegung. Er
stand und pfiff leise. Zwischen ihnen fielen Wassertropfen vom Dach
herab. Die Strae entlang pltscherte und sickerte es vom tauenden
Schnee. Verena war es, als ob ihr Herz und ihre Adern in einer
arktischen Klte zusammenschrumpften. Lautlos brachen die noch
ungesprochenen Worte in ihrem Innern entzwei. Mit langsamer Bewegung des
Armes drckte sie auf den Knopf der Hausglocke, im Stillen erwartend,
da Arnold nun doch mit hinaufgehen wrde. Sie selbst wnschte es, da
sie nicht eine ganze Nacht lang durch Miverstndnis und bses Sinnen
von ihm getrennt bleiben wollte. Aber der Teufel war in ihm. Als der
Hausmeister drinnen den Schlssel ins Schlo steckte, wnschte Arnold
gute Nacht, verbeugte sich in lustiger Ehrerbietung und ging.

Verena konnte nicht schlafen. Lange Stunden wanderte sie in ihrem Zimmer
herum. Was vorher still und fern in ihr gewhlt, durchbrach nun
furchtbar die Hllen und entlockte ihr Frage ber Frage, vor denen feig
zurckzuprallen nicht in ihrem Wesen lag. Wenn es zwischen ihr und
Arnold nicht so geworden war, wie sie gewollt, so hatte es auch niemals
so werden knnen. Die Natur selbst rief dann ihr vorbestimmtes Nein in
die zukunftlosen Freuden. Sie wollte nicht warten, bis Arnold sich
selbst vergessen hatte. Sie wnschte vorher von ihm zu gehn,
unterzutauchen in die Flut, an deren Ufer fr ihn die Erinnerung begann.
Nur so kann ich ihn erleichtern, dachte Verena; nur so kann ich ihn sich
selbst zurckgeben und mich zugleich fr ihn bewahren. Einmal wrde es
doch kommen, da er mich vom Weg stiee und dann s ich da wie ein
Bettelweib, whrend ich jetzt noch ein Stck von ihm mitnehmen kann, fr
immer. Ich wei, was ich wei; das Wort Ende besteht aus vier
Buchstaben, und wenn man es auch zehnmal schreibt, werden doch nicht
fnf daraus. Nach dem letzten Ku kommt kein allerletzter.

Angekleidet legte sie sich aufs Bett und schlief allmhlich ein. Aber
schon um sechs Uhr wachte sie auf, konnte keinen Schlummer mehr finden
und war doch mde, unfhig zu berlegen, welche Arbeit sie an diesem
Tage erwarte, der nach ersten Frhnebeln einen blauen Himmel ber die
Stadt spannte. Die Sonne trieb Verena empor. Sie entkleidete sich, go
kaltes Wasser ber sich herab, da ihre Haare troffen, dann zog sie sich
mit so schwermtiger Langsamkeit an, als knne sie das gefrchtete
Vorrcken der Stunden dadurch hemmen. Sie wollte sich eben bereit
machen, in die Klinik zu gehen, als Arnold kam. Zum erstenmal war er so
frh bei Verena. Ich war niedertrchtig gestern, verzeih, sagte er
sofort und nahm ihre Hand. Und heute, Verena, darfst du nicht fleiig
sein, heute wollen wir hinaus -- Er stockte, als er ihr unschlssiges
und mdes Gesicht sah, -- hinaus aufs Land.

Ich kann nicht einen ganzen Tag verlieren, antwortete Verena; ein
wichtiges Examen steht bevor ...

Hin und her gehend, verstimmt und erregt durch ihre Weigerung, sagte
Arnold: Ich will aber, da du mitgehst, Verena. Du sollst nicht etwas
anderes wollen als ich.

Ich habe schon gesagt, da ich nicht gehe, entgegnete Verena leise,
indem sie nach ihrer Weise die Brauen erhob und den einen Mundwinkel
verzog.

Arnolds Gesicht wurde rot. Du mut! rief er mit Heftigkeit und schlug
dabei in die Hnde. Aber der Anblick Verenas lie ihn sofort bereuen,
was er getan. Ihr pltzliches, unwillkrliches Hndefalten, das
bestrzte und klagevolle Abwenden ihres Gesichts und die gewaltsam
emporsteigende Entschlossenheit, die sich in ihrem schrg zur Erde
gerichteten Blick kundgab, erschreckten ihn.

Ich lebe nicht nur in der Liebe, sagte endlich Verena mit einer
seufzend sich hebenden Stimme, und das ist vielleicht meine Schuld. Du
aber, Arnold, bist in Gefahr, dich ganz in Liebe zu verlieren, und das
ist schlecht ...

Ich wei nicht, da du mich liebst, erwiderte Arnold trotzig und
schchtern zugleich, ich habe keine Beweise. Er setzte sich auf den
Kohlenkasten und, den Kopf zwischen den Hnden, starrte er zu Boden.

In tiefstem Erstaunen verharrte Verena eine lange Minute hindurch
regungslos. Dann zuckte ihr Mund, und ihre Zge strahlten pltzlich von
herrlichem inneren Licht. Sie ging hin, legte Arnold den Arm um den
Nacken und suchte, wobei sie sich tief niederbeugen mute, seinen Blick
mit ihrem zu vereinen. Nun geh, flsterte sie endlich. Heute wollen
wir uns nicht mehr sehen. Sie kte ihn, erhob sich, deckte die Hand
ber die Augen und wandte sich ab. Sie weinte, doch gelang es ihr
vollkommen, dies zu verbergen, wenn auch das innerliche Schluchzen ihren
Mund fast sprengen wollte.

Auch Arnold stand auf. Gut, auf morgen also, Verena, sagte er mit
brennendem Schamgefhl. Hier ist irgend ein Miverstndnis, dachte er,
als er die Treppe hinabschritt. Sehnsucht ergriff ihn pltzlich, und er
wute nicht recht, war es Sehnsucht nach Verena, oder nach etwas in ihm
selbst, das er verloren geben mute. Im untern Stockwerk hing ein
kleiner Spiegel neben einer Tre. Er blieb davor stehen, betrachtete
sich aufmerksam und lchelte zerstreut.

Zu Hause machte er sich ber seine Bcher und Hefte her, aber es gelang
nichts. Die Gedanken blieben wie faule Spaziergnger unterwegs liegen.
Er besuchte, wie er es jetzt bisweilen mit erwachendem Verstndnis zu
tun pflegte, eine Gemlde-Galerie. Meist blieb er vor den
landschaftlichen Darstellungen stehen. Heute, da die ersten Boten des
Frhlings durch die Gassen zogen, betrachtete er auf den Bildern braune
Bume mit machtvollen Kronen, stille Teiche, verglimmende Abendhimmel,
helle Herden und weitgestreckte Ackergrnde.

Es schien, als ob die Zeit auf dem Flecke bleiben wolle. Endlich wurde
es Abend, endlich Nacht. Arnold begriff seine Ungeduld und sein Bangen
nicht. Am andern Morgen kam Wolmut zur bestimmten Stunde. Er reichte
Arnold einen verschlossenen Brief und sagte, ruhig und sachlich wie
immer: Ich soll Sie vielmals gren. Verena Hoffmann ist abgereist.

Arnold starrte ihm entsetzt ins Gesicht. Was --? fragte er, und die
weien Bltter auf dem Tisch schienen auf einmal rot zu werden. Hastig
ri er den Brief auf und las: Mein Liebster, ich sage dir Lebewohl.
Mhe dich nicht, mich zu finden oder mir zu folgen, es wre umsonst.
Wenn du das Warum sprst, wirst du mich nicht anklagen, wenn nicht, dann
wrde uns dies doch allzubald auseinander reien. Ich werfe weg, um
nicht zu verlieren. Lebe wohl! Tetzner begleitet mich.

Arnold nahm Mantel und Hut, strzte fort, warf sich unten in einen
Wagen, nachdem er mit heiserer Stimme dem Kutscher Verenas Adresse
zugerufen hatte. Zorn, Schrecken, Reue, Scham machten ihn fast
besinnungslos.

Die Wohnung Verenas war leer. Schnell hatte sie's vollbracht. Er lief
wieder herab, ging zwei Huser weiter, -- auch Tetzner war auf und davon,
und jetzt erst glaubte es Arnold, da seine Augen ihn berzeugt hatten.
Er stand vor dem Haus, als wisse er nicht, wohin er sich wenden solle.
Welch ein Miverstndnis ist dies? fragte er sich verstrt. Noch immer
vermochte er nichts zu sehen als ein Miverstndnis, wie jemand, der
eine Mauer nicht gewahrt, weil er die Hand vor die Augen hlt.




Alexander Hanka


Zweiundvierzigstes Kapitel


Mitte Mrz legte Arnold die Prfungen mit Erfolg ab. Es war ihm nur ein
Spiel. Er entschied sich fr das juristische und philosophische Fach. An
einem strmischen Frhlingstag entrichtete er an der Universitt die
festgesetzten Gebhren und begleitete dann Wolmut vom Ring bis weit
hinaus in die Vorstadt.

Sie haben keine bestimmte Idee von der Richtung, die Sie in den
nchsten Jahren nehmen wollen? fragte Wolmut zum wiederholten Mal.
Vergessen Sie nicht, da Sie viel lter sind, als die Burschen, die mit
Ihnen uerlich jetzt auf demselben Punkt stehen.

Ich mache kein Programm, erwiderte Arnold lebhaft. Damit geht jede
Unbefangenheit verloren. Ich will zugreifen und alles packen, was zu mir
kommt. Spter kann ich dann mein Gebiet begrenzen.

Sehr gut; und wollen Sie jetzt gleich zu arbeiten anfangen?

Das wei ich nicht.

Sie scheinen ein wenig zerstreut, oder vielleicht auch zu sehr in einen
gewissen Gedanken verbohrt, bemerkte Wolmut freundschaftlich.

Sie gingen an einem Garten vorbei. Die Kronen der Bume bogen sich im
Wind. Der Sturm entfhrte Arnold den Hut, wirbelte ihn ber den Zaun,
und Arnold mute am Tor des Gartens luten und ziemlich lange barhaupt
stehen, ehe er wieder in den Besitz seiner Kopfbedeckung gelangte. Als
er durch die stillen Gartenwege wieder gegen die Strae schritt, hatte
er die Empfindung einer schnen, jedoch dunklen Erinnerung. Pltzlich
stand es in ihm fest, da er nach Podolin gehn werde.

Zu Hause angekommen, zog er den lndlichen Holzkoffer aus dem Winkel,
aber es zeigte sich, da dieses ehrwrdige Stck zu klein und zu hlich
war. Er ging daher von neuem aus und kaufte einen groen Lederkoffer und
eine Handtasche. Er packte bis zum Nachmittag, und erst als er fertig
war, bemerkte er mit Verwunderung, da er sich wie zu einer langen
Abwesenheit gerstet habe.

Nachdem er die Stunde der Reise festgesetzt hatte, wollte er bei
Borromeos Abschied nehmen. Man sagte ihm, der Doktor sei im Salon. Er
durchschritt die Reihe der Zimmer und als er einen roten Trvorhang
beiseite schob, sah er unvermutet Frau Anna und den Leutnant Valescott
vor sich. Die Beiden saen an einem schmalen Teetisch einander gegenber
und drehten das Gesicht gespannt mit einem Ausdruck verdrielicher
Abwehr nach ihm zurck. Arnold entschuldigte sich, trat vollends in das
Gemach und sagte, weshalb er kme. Da sein Benehmen unbefangen war,
wurde Anna Borromeo freundlich. Valescott schien gergert. Er erhob sich
alsbald, reichte Frau Anna die Hand, verbeugte sich vor Arnold mit
widerwilliger Hflichkeit und verschwand. Nach einer langen Pause sagte
Anna Borromeo: Valescott ist eine warme, tiefe, ehrenhafte Natur. Mit
beiden Hnden und gespreizten Fingern schob sie die kupferfarbene
Haarkrone zurecht, lchelte Arnold mtterlich zu, stemmte dann beide
zur Faust geballten Hnde tief in ihren Scho, und starrte auf den
Boden. Was tust du jetzt in Podolin? fragte sie, aus ihrem Brten
aufschreckend. Es ist noch kalt drauen. Hast du aufgehrt zu arbeiten
und machst dir Ferien? Ich mchte auch einmal wissen, wie es ist, Ferien
zu haben.

Unangenehm berhrt von ihrem Ton wie von dem, was sie sagte, entgegnete
Arnold, die Ferientage einer vornehmen Dame begnnen wahrscheinlich erst
im Himmel.

Anna Borromeos Lippen verzogen sich hochmtig. Sie beugte sich vor,
legte eine Hand auf die Arnolds, und ihre Augen sahen smaragdgrn aus,
als sie erwiderte: Kannst du mit meinem Herzen fhlen? Nein. Es gibt
nur einen einzigen Augenblick, auf den ich mich tglich freue, nmlich
der, wenn ich nachts das Licht auslsche.

Arnold zuckte die Achseln und sagte, er msse eilen. Als er gehen
wollte, kam Borromeo. Anna erzhlte ihm von Arnolds Vorhaben. Er stutzte
und schttelte den Kopf, dann fragte er Arnold, wann er reisen wolle.
Jetzt, in einer Stunde. Dann werde ich dich zum Bahnhof begleiten, wenn
es dir recht ist.

Gewi.

Arnold bergab sein Gepck einem Wagen, whrend er selbst mit dem Oheim
zu Fu ging. Wie lange willst du bleiben? fragte Borromeo. Und warum
fhrst du eigentlich? Zieht es dich hin oder hast du einen bestimmten
Zweck? Es ist eine schlechte Jahreszeit.

Das leise, sammetartige Wesen dieses Mannes lie alle Anzeichen ueren
Mitlebens vermissen. Doch lag in seinem Gehaben ein so scheues,
scheinbar ganz bewutloses Anschmiegen an die Person Arnolds, da dieser
ganz verwundert darber war. Bis kurz vor der Abfahrt des Zuges blieb
Borromeo ziemlich schweigsam; in den letzten Minuten wurde er auf einmal
gesprchig und gab Ratschlge und Meinungen in betreff der
Bewirtschaftung in Podolin. Der Zug setzte sich in Bewegung und Borromeo
wartete, bis die Bahnhofshalle leer war.

Das strmische Wetter war unverndert geblieben, als Arnold im
dmmernden Morgen von der Station nach Podolin fuhr. Der Wagen chzte im
Straenkot und auf dem Schottergestein; die Felder lagen wst und der
Nebel verhllte die Wlder. Ursula war nicht wenig verblfft ber die
Ankunft des jungen Herrn. Der bhmische Verwalter, der seit dem Sommer
angestellt war, stand mit entbltem Kopf am Gartentor. Sein rotes
Gesicht war zum Ausdruck sklavischer Ehrerbietung erstarrt. Ursula
wollte Rechnungen vorlegen und die brieflichen Berichte des Verwalters
ergnzen, aber Arnold bedeutete ihr, da er vorlufig damit nichts zu
tun haben wolle. Sie sind grer und schner geworden, meinte Ursula
und bewunderte seine Kleidung, seinen vernderten Gang, -- nichts entging
ihrer harmlosen Beobachtung. Ihr Benehmen aber verwandelte sich nach der
ersten Stunde. Am Anfang suchte sie den alten Ton spielerisch-polternder
Befehlshaberei wieder anzunehmen, aber sie merkte bald, da er darauf
nicht einging. Mit diesem Augenblick sah sie einen fernen, kalten Herrn
in Arnold und fand sich fremd. Sie umgab ihn mit einer Wolke von
Respekt, welche alle lebendige Erinnerung mrrisch verhllte.

Nur kurze Zeit ruhte Arnold von der Fahrt. Aus wohlbekannter Tasse nahm
er das Frhstck ein; alles mutete ihn neuartig und klein an. Die Stube
war eng, kahl und dster. Die Fenster waren winzig wie Schiescharten,
Mbel und Gerte von unbequemer Drftigkeit. Arnold lchelte in sich
hinein wie ein alter Mann, der an seine Jugend denkt. Als er durch den
Vorgarten schritt, um hinber nach Podolin zu gehen, dachte er darber
nach, wie er es nehmen wrde, wenn er hierzubleiben gezwungen wre. Er
schttelte eine solche Vorstellung eilig von sich ab.




Dreiundvierzigstes Kapitel


Dennoch zitterte beim Gehen ber die Wiesen ein Hauch jener gewaltigen
Bewegung nach, die ihn einst von dieser Ebene fortgetrieben, wie das
Lftchen, das sich von einem entfernten Orkan in stillere Regionen
verirrt hat. Er freute sich des weiten Himmels, dessen Wolken einem
dnnen Blau zu weichen begannen, er blieb trumend am Ufer des
schwrzlichen Flusses stehen und ergtzte sich am Kreischen der Krhen.
Gibt es angenehmere Tne, dachte er beim Weiterwandern, als das leise
Glucksen des Wassers in den Wiesen?

Die neugierigen Blicke der Podoliner erregten seine Heiterkeit. Er war
berrascht, jedes Huschen noch auf seinem Fleck zu finden, blickte
lchelnd von Torweg zu Torweg und schritt ber den Platz hinauf gegen
den Kirchhof. Der Fleischer Uravar stand unter der Tr seines Ladens,
als ob er sich all die Zeit hindurch nicht von dort gerhrt htte. Die
Kreuzspinne lag noch immer auf der Lauer. Arnold blieb stehen und nickte
freundlich; es war ihm, als htte er stets freundliche Beziehungen zu
dem Mann unterhalten. Uravar glotzte und machte ein ehrerbietiges
Kompliment.

Still lag der Kirchhof; die Holzkreuze waren von Wind und Wetter schief,
verdorrt und zerbrochen. Von hier aus war der weiteste Ausblick ber die
Ebene, die erst in groer Ferne bergige Formen annahm und sich glatt wie
eine ungeheure Bucht hindehnte. Das Grab der Frau Ansorge lag auf einem
Vorsprung des festungsartig erhobenen und begrenzten Raums. Ein
einfacher Stein schmckte den Hgel. Arnold lehnte sich mit dem Rcken
an die niedere Mauer-Einfassung und suchte die Gestalt der Toten
erstehen zu lassen. Aber es mischte sich zu viel Erlebtes hinein; buntes
Schweifen ergriff den Sinn und trbe nur, kaum den Rand des Grabes
berschreitend, wurde ein edler Umri sichtbar. Arnold hatte das nicht
erwartet; er hatte nicht geglaubt, da er sich so allein hier finden
wrde. Als er sich gegen den Ausgang wandte, gewahrte er, ganz in einem
Winkel zwischen Kirche und Mauer gedrckt, einen regenverwaschenen,
kleinen Grabstein, in dem die verblate Photographie eines schnen,
stolzblickenden Mannes eingelassen und durch ein Stck Glas verdeckt
war. Auf der Flche des Steins stand: Fumagalli, Zirkusreiter aus
Mailand. #Mal fa chi tanta f obblia.#

Arnold schmunzelte. Wie mochte Herr Fumagalli nach Podolin geraten sein?
Nie frher hatte er den alten Stein mit dem slich-hbschen Bildnis
bemerkt. Mhsam entzifferte er den Sinn der italienischen Worte:
schlecht fr den, der so viel Treue vergit. Eine wunderliche
Traurigkeit ergriff ihn; Treue, dies schien wirklich das Wesentliche
allen Lebens und den Zusammenhalt alles Guten zu bedeuten, und als ob er
sich gegen einen Selbstvorwurf schtzen wolle, rief er mit seiner
inneren Stimme den Namen Verenas. Auf dem Rckweg begleitete ihn ihr
verschntes Bild und als er zu Hause war, empfand er Sehnsucht nach ihr
und fragte sich tausendmal, warum sie gegangen. Es erschien ihm
zweifellos, da er sie in der Stadt wieder sehen wrde, und die
Einsamkeit, in die er sich versetzt hatte, kam ihm wie eine freiwillige
Selbstprfung vor.

Im Hof wartete ein junges Bauernweib. Sogleich eilte sie auf Arnold zu
und ihren Lippen entquoll eine unverstndliche Flut von Worten. Erst
allmhlich vermochte Arnold herauszubringen, worum es sich handle. Die
junge Person war das Weib des Huslers Kubu, der frher
Eisenbahnbediensteter gewesen war und seit fnf Jahren die Wirtschaft
seines Vaters bernommen hatte. Wegen eines Steuerrckstandes von
achtundsechzig Gulden waren ihm ein paar junger Ochsen gepfndet worden
und heute hatte er die Mitteilung erhalten, da die beiden Tiere
versteigert werden mten, falls er die Steuer nicht bar bezahle. Um
dieses Geld bettelte das Weib und schwor bei der Mutter Gottes, da sie
es zur Ernte richtig zurckzahlen wolle.

Arnold, allzusehr mit seinem innern Zustand beschftigt, zwar weich
gestimmt, doch nur fr sich selbst, wies das Weib ab, dessen lrmendes
Getue ihm nicht angenehm war. Sie stand noch eine Weile mit finsterem,
zur Erde gekehrtem Gesicht und Arnold ging ins Haus.

Als er am nchsten Morgen seinen Spaziergang nach Podolin machte, um
Briefe auf die Post zu tragen, sah er vor einem der ersten Bauernhfe
eine Menge Leute stehen, deren Mienen leidenschaftliche Aufregung
verrieten. Hinter dem Zaun des Hofes standen sechs Gendarmen. Arnold
wollte einen der Bauern befragen, aber ein dicker Mann mit goldener
Brille trat auf ihn zu, fragte kurzatmig, ob er Herr Ansorge sei und ob
das Weib des Kubu gestern bei ihm gewesen sei, um Geld zu borgen. Er
selbst sei der Bahn-Expeditor und habe frher den Kubu unter sich
gehabt, der ein ordentlicher Mensch wre. Ist dies das Anwesen des
Kubu? fragte Arnold dagegen.

Der Expeditor erzhlte, da um zwlf Uhr der Steuer-Exekutor aus
Sobielska beim Kubu in Begleitung zweier Gendarmen erschienen war. Kubu
sperrte den Stall zu und sagte der Kommission, da er die Ochsen nicht
bergeben werde. Er habe acht Jahre lang die Steuern ordnungsgem
bezahlt, gegenwrtig sei er aber infolge der Miernte des vorigen
Jahres nicht imstande zu zahlen. Er bot Haus und Hof als Pfand an und
fgte hinzu: ohne das Vieh bin ich ein toter Mann. Die Frau versprach,
sie werde das Geld von ihrem Paten ausleihen und beide baten mit
erhobenen Hnden um Fristung. Es war jedoch vergeblich. Der Exekutor
entschied: entweder bezahlen oder die Ochsen her! Kubu schrie: ich gebe
sie nicht her; lieber geh ich gleich zugrunde, als da ich spter mit
meiner Familie zugrund gehe. Das ganze Dorf war zusammengelaufen und
nahm eine drohende Haltung ein. Man schickte nach Sobielska um weitere
Gendarmen und wartete, bis diese kamen. Sie wendeten sich gegen Kubu, um
ihn zu fesseln. Es gelang nicht. Ein Gendarm zog nun den Sbel. Die Frau
warf sich ihm entgegen und flehte: nicht auf den Kopf! Sie fing den
Schlag auf, der dem Kubu zugedacht war und wurde an der Hand so
verletzt, da ein Finger nur noch an der Haut hing. Dann stellten sich
alle Gendarmen zwei Meter von Kubu entfernt auf und riefen ihm zu: sie
wrden schieen, wenn er sich nicht ergebe. Als Kubu seine Frau bluten
sah, sprang er in den Stall, ergriff eine Heugabel und schrie: die
Ochsen knnen nur ber meine Leiche gefhrt werden. Die Frau entri ihm
die Heugabel, stellte sich vor ihn und deckte ihn gegen die auf ihn
strmenden Gendarmen. Endlich gelang es den Mnnern, die Frau von dem
Husler wegzuziehen und ihn zu fesseln. Der Exekutor band die
gepfndeten Ochsen los und lie sie mit vier Gendarmen forttreiben.

Whrend Arnold alles das vernahm, wurde er so bleich, da der Expeditor
fragte, ob er sich krank fhle. Arnold zog seine Brieftasche aus dem
Rock, zhlte siebzig Gulden ab, berreichte sie dem Expeditor und sagte:
Geben Sie das dem Steuerbeamten; ich zahle es fr den Husler. Zwei
Gulden bekomm ich zurck. Der gutherzige Expeditor schien sehr erfreut
und drckte Arnold bewegt die Hand. Auch unter den Podolinern
verbreitete sich die Kunde von der Freigebigkeit des jungen Gutsherrn.
Mehrere drngten sich an ihn und riefen ihm anerkennende Worte zu.
Arnold mute an einen andern Tag zurckdenken; damals hatte er ihnen
sein ganzes Wesen opfern wollen, und sie hatten Steine nach ihm
geschleudert; heute jauchzten sie ihm fr versptete siebzig Gulden zu.
Er fing an, diese begriff- und urteilslose Rotte bitter zu hassen. Aber
er betrog sich mit diesem Gefhl. Sein trger gewordenes Herz empfand
Schmerzen der Scham, die es dem Verstand nicht mitteilte und nicht
mitteilen konnte.

Auf dem einsamen Weg, der zum Wald hinberfhrte, blieb Arnold stehen
und murmelte mit einem Ausdruck des Erstaunens und der unheimlichen
Erleuchtung: sollte es mglich sein? Er stellte sich vor einen Baum
und blickte starr auf die Rinde. Denn pltzlich begann er den wahren
Grund von Verenas Flucht zu ahnen. Er wanderte noch ein paar Schritte
bis an den Waldrand und setzte sich auf einen gefllten Baumstamm. Ja,
er begriff. Nicht lnger erschien ihm als ein Miverstndnis, was so
deutlich das Gesicht eines Schicksals zeigte. Aber allmhlich suchte er
doch, sich zu verteidigen. Das Tiefere, Ernsteste, das ihm einen
Augenblick furchtbar zugeleuchtet, machte verschwommenen Hoffnungen
Platz und die Waldeinsamkeit rhrte ihn, weil ihn sein Kummer rhrte.
Kein Laut unterbrach die Stille. Wei, breit, sanft ansteigend, krmmte
sich die Landstrae hgelwrts hinan und bohrte sich wie aus eigener
Kraft durch das Dickicht der Stmme und des niederen Buschwerks. Arnold
empfand ein Verlangen nach Trost, Ruhe und Gedankenlosigkeit.

Am folgenden Tag regnete es, auch den zweiten Tag. Arnold stellte sich
zu Ursula in die Kche und sagte ghnend: Was soll man anfangen bei
solchem Wetter!

Erzhlen Sie mir doch. Wie gefllt Ihnen das Leben in der Stadt?
fragte die Alte.

Ja, das ist etwas fr sich, Ursula. Davon wird man nie fertig. Es ist
ein Hllenkreisel. Da heit es Augen auf. Jeder Tag bringt was Neues.
Hier wei man nie ob es Morgen, Mittag oder Abend ist. Aber dort,
zwischen Suppe und Mehlspeise wird die Welt anders, und wer stillsitzen
mchte, der mu tanzen und springen.

Aber wenn es regnet, wird's dort auch na. Das ist kein Unterschied,
sagte Ursula.

Arnold machte ein listiges Gesicht. Wenn es regnet oder schneit, sagte
er, merkt man es gar nicht in der Stadt, denn alle Straen und Pltze
haben Glasdcher und fen. Es ist immer warm und trocken.

Ursula erwiderte verdrielich und unsicher: Einem alten Weib kann man
erzhlen, da der Leineweber die Kartoffeln macht.

Arnold trat unter die Haustr. Ein verzweifeltes Wetter, dachte er und
wrzte diese einfrmige Betrachtung mit einem humoristischen Seufzer.
Er entschlo sich, trotz des Regens nach Podolin zu gehen. Als er bis
auf den Hauptplatz gekommen war, mute er in einem Flur Schutz suchen,
denn ein wahrer Wolkenbruch machte das Weitergehn unmglich. Eine krumme
Gestalt, mit schwarzem Lederpack auf dem Rcken, flchtete gleichfalls
herein, sttzte das Paket auf den Mauerabsatz und wischte das nasse
Gesicht und den triefenden Bart ab. Arnold erkannte Elasser. Der Jude
streckte ihm die Hand entgegen, und sein Gesicht strahlte vor Vergngen,
als er ihn erkannt hatte. Ei gndiger Herr! sagte er. Gleich hab ich
mir gedenkt, es ist doch ein bekanntes Gesicht. Sind Sie wieder hier
jetzt? Un wo waren Sie die Zeit ber?

Ja, ich bin hier, antwortete Arnold lau und verlegen. Wie geht es
Ihnen?

No, es lat sich leben. Man mu sich eben dazuhalten. Mit der Peitsche
mu man's treiben. Er lachte.

Arnold schwieg und blickte gespannt in den dicken Regen. Er htte gern
den geschtzten Platz verlassen, denn ihn strte der muffige Geruch, der
von dem Juden ausging wie von fauler Erde. Eine Frage lag Arnold auf der
Zunge, aber es war ihm nicht mglich zu fragen. Ihm war, als stehe ein
Glubiger vor ihm, der es aus Zartgefhl unterlie, ihn zu mahnen, und
er sagte sich: ich werde ihn bald bezahlen, frher als er denkt.

Endlich verdnnte sich das Strmen des Wassers. Arnold nickte dem
Hausierer zu und kehrte eilig nach Hause zurck.




Vierundvierzigstes Kapitel


Der folgende Tag war ein strahlender Frhlingstag. Der Himmel hatte die
Erde noch einer grndlichen Waschung unterzogen, bevor er ihr das
Frhlingskleid ber die noch frierenden Schultern zog. Arnolds Laune
besserte sich; seine Wanderlust erwachte, und er schritt viele Stunden
lang auf bekannten und neuen Wegen. Wenn er irgendwo rastete oder in
einem Dorf bei Milch und Kse seinen Hunger stillte, zog er ein Buch aus
der Tasche, denn er konnte nicht lange Zeit hindurch mig sitzen oder
liegen. Manchmal bemchtigte sich Ungeduld seiner Sinne. Die Einsamkeit
der Felder wurde ihm dann drckend und nichtssagend. Lstig erschienen
ihm die Bilder der Landschaft, die sanften, schattenvollen Tler, die
sich nicht tiefer senkten, als ein Teller unter seinen Rand, die
schmutzigen Bauernhfe, das drftige Gras der Wiesen, der unbequeme
Ostwind, die neugierigen Kinder in den Drfern. Unruhe flammte in ihm
auf.

Am Palmsonntag kehrte er durch Podolin nach Hause zurck. Noch hatte er
nicht den Hauptplatz erreicht, als jemand mit tiefer Stimme seinen Namen
rief. Er drehte sich um und sah Alexander Hanka auf sich zukommen.

Ich habe erst gestern gehrt, da Sie hier sind, und zwar durch den
Brieftrger, sagte Hanka und drckte Arnolds Hand mit Herzlichkeit und
Freude. Er schien grer, denn seine Gestalt war noch hagerer geworden,
sein Gesicht lnger und farbloser; die schwarzen Augen hatten einen
Ausdruck vollkommenen Ernstes.

Arnolds Freude, Hanka wiederzusehen, war nicht ganz frei von
Befangenheit. Wo kommen Sie her? fragte er. Wo waren Sie solange?

Ich war in Rom, Sizilien und Tunis, berichtete Hanka, und jetzt bin
ich hier, weil meine Schwester erkrankt ist.

So? Was fehlt ihr denn?

Hanka zuckte die Achseln. Die Nerven, das Blut.

Bleiben Sie lange hier? fragte er. Ist es Ihnen nicht langweilig?

Arnold schttelte lchelnd den Kopf. Ich langweile mich nie,
antwortete er.

Das ist ein groes Wort, meinte Hanka und nickte nachdenklich. Was
mich betrifft, ich langweile mich in hervorragendem Mae.

Die breite Behbigkeit, mit der Hanka das O aus den Eingeweiden
heraufbrummte, machte Arnold lachen. Jetzt darf man doch nicht mehr
klagen, sagte er. Schauen Sie sich doch um: Frhling!

Seit drei Monaten habe ich Frhling und bin den blhenden Mandeln von
Syrakus bis Florenz nachgereist. Auch das bekommt man satt. Mit
verschwiegener und ehrlicher Bewunderung blickte Hanka Arnold an. Hier
sah er quellend und in Blte, was in ihm selber eine Wste war. Hier
vermutete er naiven berschwang der Krfte und die Fruchtbarkeit eines
unbefangenen Geistes. Whrend seines langen Alleinseins hatte sich das
Bild Arnolds in seinem Innern erhoben, und ihm hatte er sich im Stillen
zugewandt als der Verkrperung alles dessen, was seiner Natur niemals
auch nur aus der Ferne hatte winken drfen. Ihm jetzt gegenberstehend,
sah er in sich selbst eine Gefahr fr Arnold und er beschlo, ihn zu
meiden.

Wollen wir nicht abends fter zusammenkommen? fragte Arnold. Die
Abende sind sehr lang. Er zuckte zusammen, da er gerade dieses nicht
hatte sagen wollen; auch Hanka wurde ein wenig stutzig. Indessen es war
geschehen. Errtend wandte er sich an Hanka und sagte, mit freundlichem
Tadel auf dessen Zigarette blickend: Nie sieht man Sie ohne das Zeug.
Weshalb rauchen Sie? Vergiften Ihr Blut. Das gefllt mir nicht.
Verzeihen Sie.

Hanka lchelte gelassen. Ich komme vielleicht morgen zu Ihnen, sagte
er stehen bleibend und sich verabschiedend.

Die Gesunden glauben, dem Kranken sei das Bett angenehm, dachte Hanka,
als er allein war und sich dem Zaun des Vorgrtchens nherte. Er ffnete
die Gattertre und sah neben dem Weg einen sterbenden Vogel liegen.
Betroffen bckte er sich und hob ihn auf. Das kleine Herz schlug langsam
unter dem erkaltenden Federkleid, die Flgel waren schlaff ausgebreitet,
die gelben Beinchen waren starr. Hanka schaffte Stroh herbei und legte
das kranke Wesen in die Kche dicht neben den Ofen. Der gelbe, mit der
Erde beschmutzte Schnabel wetzte sich mechanisch am Eisenfu des Herdes,
dann kam der Tod. Die kleinen schwarzen Perl-Augen, soeben noch von der
unbegreiflichen Bewegung erfllt, welche Leben heit, glnzten nun
mineralisch leer.

Hanka ging an das Lager der Schwester. Abgezehrt und hilflos wie sie
lag, erinnerte sie ihn an den Vogel, den er im Garten aufgelesen. Er
unterhielt sich mit ihr, erzhlte Reisegeschichten und machte sie
lachen. Agnes wute das Notwendigste ber ihres Bruder schnell
vergangene Ehe. Es waren darber nicht drei Stze gewechselt worden, und
Agnes war nicht so berrascht, als Hanka wohl glauben mochte. Sie sah
ihn verndert, in einer Weise, die kaum mit Worten zu bezeichnen war.
Dies ist Beates Werk, glaubte sie kurzsichtig und gefhlvoll. Hanka war
es im Grunde gleichgltig, wofr man ihn nahm. Der Sturm kann darber
erhaben sein, da ihn taube Ohren fr das Summen einer Fliege halten.

Jahrelang war kein solch wunderbarer Tag, sagte Agnes, sich
aufsttzend. In dem milden, mattblauen Himmel sah sie die knospenden
Zweige der Bume schwimmen. Als Hanka fragte, ob er ihr vorlesen solle,
nickte sie beglckt. Ihr Lieblingsschriftsteller war Jean Paul; sie
hatte nie etwas anderes gelesen. Frher hatte Hanka die ihm altmodisch
erscheinende Neigung verspottet, denn er vermochte unter dem
faltenvollen Gewand dieser Sprache keinen Leib zu finden. Jetzt aber
hatte er eine bessere Ansicht darber gewonnen.

Er entnahm der Bndereihe ein Buch, das die Kranke bezeichnet hatte,
setzte sich hin und las mit sehr lauter Stimme, damit Agnes ihn gut
hren knne. Bald kam er zu einer Stelle, die sein vorauseilendes Auge
berblickt hatte. Er schwieg und las fr sich: Sobald wir anfangen zu
leben, drckt das Schicksal aus der Ewigkeit den Pfeil des Todes ab. Er
fliegt so lange, als wir atmen und wenn er ankommt, hren wir auf. O
strben wir doch auch so alt und lebenssatt wie dieser Greis, sagen dann
diejenigen, deren Pfeile noch fliegen.

Mit erschrecktem Stirnrunzeln lie Hanka das Buch sinken. Er
entschuldigte sich bei Agnes, stand auf und ging in den Garten. Ihn
qulte die Einsamkeit. Er sehnte sich nach dem Anblick vieler Menschen,
nach ihrem Geschwtz und nach Spiel. Der weite Himmel drckte auf ihn
nieder. Mit gesenktem Kopf beobachtete er jetzt, wie viele Tausende von
schwarzen Ameisen ber einen Regenwurm hergefallen waren, ihn zerbissen
und in geteilten Haufen die roten Stcke fortzerrten. Voll Ekel wandte
er sich ab. Er nahm Mantel und Hut, um Arnold aufzusuchen und fand ihn
im Garten auf und ab gehend, wie er selbst vorhin getan. Sie setzten
sich auf eine Bank und plauderten. Der Garten und besonders seine
parkartige Fortsetzung sahen verwildert aus; geknickte drre Zweige
lagen umher und ein Teppich feuchter, brauner Bltter leuchtete in der
Sonne. Die Spatzen lrmten und auf den Feldern schritt schon der
pflgende Bauer.

Das Beisammensein der beiden Mnner trug den Ausdruck gegenseitiger,
natrlicher Achtung. Arnold sprach von der Landwirtschaft und erwhnte,
da er sich die Zeit her um nichts gekmmert habe; er finde nicht die
Ruhe, es treibe ihn zu groen Geschften, die ein Wagnis und Einsetzen
verlangten, denn wenn man nur dasitze und sein inneres Krftevermgen in
sich selber verzehre, kme man bald zur Schwche. Darum sei es ihm
zweifellos, da das Leben auf dem Lande fr junge Menschen, wenn nicht
gefhrlich, doch sehr einschrnkend sei. Arnold redete mit einer ganz
kleinen berspannung des Temperaments; dies entging Hanka nicht nur,
sondern er hatte auch seine Freude daran. Er trat aus sich heraus, und
das Weben seiner Gedanken wurde weniger beklommen. Arnold meinte, da
ein solches Wagen und Opfern, wie er es auffasse, mit Geldgeschften
nichts zu tun habe. Hanka stimmte ihm bei, denn obwohl er gegenwrtig
sein ganzes Vermgen in Brsen-Unternehmungen stehen habe, empfinde er
keine Ttigkeit, sondern fhle sich faul und gleichmtig. Es entstand
ein kurzes Schweigen, bis Arnold ohne bergang die Geschichte mit dem
Husler Kubu berichtete. Hanka sagte: Solange es nur gute Menschen
gibt, die mit den Unglcklichen fhlen, ist nichts gewonnen fr die
Welt. Mit den Glcklichen zu fhlen, dazu mte man die Menschen
erziehen.

Sie verabredeten fr den nchsten Morgen einen Ausflug, aber da Hanka zu
trg war, um zu gehen, wollte er im Ort eine Kutsche auftreiben. Zur
bestimmten Stunde kam das Gefhrt zur Stelle, mit zwei dicken Gulen
bespannt. Langsam ging es ber die Heerstrae; der Tag war noch schner
als der gestrige. Nach einer Stunde nahm sie der Wald auf. Frisch
geschlte Baumstmme lagen quer ber dem Graben und glnzten in der
Sonne wie Goldbarren. Die Strae war schmal. Hinter ihnen fuhr im
scharfen Trab ein Bauernwagen heran. Vier verwegen aussehende Burschen
hockten auf den Leitern; einer schwang die Peitsche, deren Knallen den
ganzen Wald mit Getse erfllte, die andern, mit schiefsitzenden Kappen,
schrien drohend und lachend drauflos. Das Fuhrwerk kam nher, auch die
Kutsche rollte schneller. Die Kerle warfen die Arme und brllten; ihre
beiden Pferde hatten Schaum am Maul, als nhmen sie an der Erregung
teil. Arnold ri dem Kutscher die Zgel aus der Hand; lachend trieb er
die dicken Gule vorwrts, und sie jagten nun auch ihrerseits wild
dahin. Die Bauern blieben scharf hinterher; Hanka blickte den
nachstrmenden Pferden in die rtlich lohenden Augen. Seine
Gleichmtigkeit schwand unter einer grausigen Vorstellung, und er dachte
an den Mann jenes Gedichts, der im Brunnen hngt, Tod unter und Tod ber
sich erblickt.

Endlich kam eine Schenke und da hielt die Bauernkarre still. Arnold und
Hanka kehrten auf einem nheren Weg gegen Podolin zurck. Eine
eigentmliche Verachtung begann in Hanka zu wirken. Er verachtete das
Ding, welches ihm das Herz auffra.

Im Schweigen liegt oft die aufdringlichste Mitteilung. Das erfuhr Arnold
bald. Seine Lebensstimmung wurde durch das beeinflut, was Hanka
schweigend in sich verschlo. Er trieb wieder mathematische Studien. Er
spielte und es ist im Grund, dasselbe, ob man mit Zahlen oder mit Karten
spielt. ber all dem, wolkengleich, spannte sich etwas trist die
Sehnsucht nach Verena. Bisweilen senkte sie sich nieder wie Regen und
erfllte seine Brust mit Traurigkeit. Er suchte das Rtsel ihrer Person
zu ergrnden und wollte ihr beikommen wie den algebraischen Formeln.

Er langweilte sich. Mitten in die Stille und Einsamkeit kam ein Brief
Anna Borromeos. Sie schrieb an Arnold, da sie fr sein langes
Ausbleiben keine andere Ursache vermuten knne, als da ihn ihr Haus
abgestoen und ihre Person verscheucht habe. Aber lieber Neffe und
Freund, wir knnen dich, so scheint es, weniger entbehren als du uns.
Wir zerbrechen uns den von zahllosen Geschften ermdeten Kopf, indessen
du boshaft hinter deinem Dorfofen sitzest. Mein Gatte qult sich mit der
Befrchtung, da du unsere Gastfreundschaft mangelhaft gefunden haben
knnest, und auch mich drngt es, dir eine bessere Idee von Anna
Borromeo zu geben, als du jetzt in deine Heimat getragen. Fr die
Schlechtesten gibt man sich aus und dem, den man umschlieen sollte, dem
sperrt man sich zu. Komm bald. Deine A. B.

Arnold war Anna Borromeo fast dankbar fr dieses Schreiben, durch
welches sein Schwanken beendigt und der Entschlu der Abreise bewirkt
wurde. Er freute sich auf die Stadt, und gleich teilte er Hanka seinen
Vorsatz mit.




Fnfundvierzigstes Kapitel


Da es mit Agnes besser ging, wollte Hanka ebenfalls in die Stadt
zurckkehren und Arnold war es angenehm, Gesellschaft zu haben. Am
letzten Abend raffte er sich auf und unternahm endlich eine Durchsicht
der Rechnungen und Berichte, welche ihm der Verwalter vorlegte. Es
vergingen Stunden damit. Der Inspektor schien es darauf anzulegen, ihn
zu verwirren, aber Arnold zeigte ihm, da es nicht leicht war, ihn zu
bertlpeln. Er sollte sich darber entscheiden, ob er ein Stck Acker
an die Gemeinde verkaufen wollte, die es zum Bau einer Lokalbahn haben
wollte, jedoch einen Spottpreis anschlug. Ungeduldig verschob Arnold den
Bescheid, wodurch freilich nichts gewonnen war.

Der Wagen mit Hanka kam; winkend und nickend fuhr Arnold gegen die
Strae hinaus. Ursula lie ein weies Handtuch flattern, das noch lange
zu sehen war.

Ich bin froh, nun geht's wieder an die Arbeit, sagte Arnold. Weshalb
sind Sie so schlecht gelaunt?

Hanka streckte die Beine aus und sein Kopf wackelte verdrielich auf dem
Hals. Es geht mir schief, antwortete er. Die Montanpapiere sind um
zehn Perzent zurckgegangen.

Was werden Sie tun?

Ich mu verkaufen.

Und dann?

Dann steht mir ein groes Unglck bevor, -- Arbeit.

Arnold lachte. Schade, meinte er, Sie sind zum Miggang geboren.

Wohlttig wurde Arnold von dem Gewirr und dem Lrm berhrt, als sie am
Nachmittag in der Stadt eintrafen. Am Bahnhof trennte er sich von Hanka.
Die Wrme des Lebens strmte ihm aus den Straen entgegen. Hier war es
nicht von Belang, ob die Sonne schien oder nicht, ob es regnete oder
nicht.

In seinem Zimmer angelangt, entlohnte Arnold die Leute mit dem Gepck,
und whrend dem trat Anna Borromeo unter die Tre. Mit groer Freude
streckte sie ihm beide Hnde entgegen und Arnold war sehr berrascht, in
ihr eine so schne Frau zu sehen, denn fr sein Auge war sie bisher nur
die Gattin Borromeos gewesen. Sie erzhlte ihm Neuigkeiten, und obwohl
sie beide nie in so vertraulicher Weise geplaudert hatten, schien es
Arnold doch natrlich zu sein und entsprach seiner gehobenen Stimmung.
Anna war erstaunt darber, da er auch ihre halbgesprochenen Stze im
Stillen zu ergnzen wute, und da er jenes andeutungsreiche Wesen
begriff, welches zwischen Menschen von gleicher Kultur und gleichen
Gewohnheiten entsteht.

Spter las Arnold die Briefe, die fr ihn eingetroffen waren. Zuerst
nahm er Stck um Stck in die Hand, jedoch er fand nicht, was zu finden
er gehofft hatte. Es waren meist Bettelbriefe und Einladungen. Ein
Schreiben Wolmuts war dabei, der ihn benachrichtigte, da er in die
Statthalterei nach Graz berufen worden sei, und da ihm wahrscheinlich
bald eine weitere Befrderung in Aussicht stehe. Arnold war nicht sehr
zufrieden damit; ihm war, als habe ein guter Geist das Haus verlassen.

Geschftig rumte Arnold alle Bcher aus den Regalen, rief den Diener,
damit die Bnde abgestaubt wrden, und ordnete alles mit peinlicher
Sorgfalt nach Gre, Gattung und Aussehen wieder ein. Die Schreibereien
legte er Blatt auf Blatt zusammen und spannte das Gleichartige zwischen
Drhte. Er lie die Fenster waschen, die Dielen fegen, die Teppiche
klopfen, begab sich auf die Jagd nach Tintenflecken, Spinneweben, Flhen
und setzte alles im Haus in Bewegung.

Als einige Tage vergangen waren, suchte er Hanka auf. In der Villa wurde
ihm gesagt, Hanka wohne in einem Hotel in der Stadt. Verwundert fuhr er
hin und fand ihn in trbseliger Laune. Hanka gestand ihm, da er den
grten Teil seines Vermgens an der Brse verloren habe.

Die Unterhaltung schleppte sich einsilbig weiter. Pltzlich begann
Arnold von Verena zu erzhlen. Die Ereignisse verschoben sich sonderbar
in seinem Mund; gefrbt durch selbstschtiges Leiden, wirkten sie
romantisch und verzwickt. Schon die Befrchtung, ein Liebesabenteuerchen
wie hundert andere zu erzhlen, verwischte den natrlichen und so
ruhigen Lauf der Begebenheit. Hanka wurde nicht klug aus der Geschichte.
Er uerte sanfte Zweifel an der gepriesenen Verena, und mehr als den
Verlust seines Vermgens betrauerte er pltzlich Arnolds bertriebene
Beredsamkeit. Arnold fhlte es. In ziemlicher Erregung begann er von
neuem, Verenas seltene Natur begreiflich zu machen; aber stets berhebt
man sich, wenn man loben mu, was man liebt, und Hanka wurde immer
mitrauischer und betrbter. So sehr er uerungen des Temperaments
achtete, so sehr schreckte ihn erhitzte Empfindung ab.

Aber er begab sich des Nachdenkens darber und begngte sich mit der
Feststellung der Tatsache. Er ging an den Ereignissen vorber wie man im
Flur eines Hotels an den Zimmern vorbeigeht, in denen man nicht wohnt.
Aber da sein alles voraussehender und stets auf das Schlimmste
vorbereiteter Geist von Schrecken erfllt war durch die Erwartung der
Millionen Wirkungen aus einer einzigen Ursache, so wurde all sein
Handeln eigentlich durch ein alles umgrtendes Verantwortlichkeitsgefhl
erdrosselt. Hanka dachte an die Worte Marc Aurels: Schndlich ist es,
wenn deine Seele ermdet, ohne da dein Leib mde ist; und grbelte mit
dem heiligen Augustinus: Woher diese Unnatur? und warum? Der Geist
gebietet dem Krper, und der Krper gehorcht; der Geist gebietet sich
selbst und findet Widerstand.

Hankas einzige Zuflucht bildete das Glcksspiel. Er verbrauchte alle
Krfte seines Gemts gegen die aufreibenden Erregungen am Kartentisch.
Hier sah er alles im kleinen vollendet, was sonst seinen rechnenden
Geist mit finsterm Beharren erfllte, das Ungefhr, das
vernunftlos-notwendige, seit Ewigkeit im Weltraum lauernde Ungefhr,
welches als Zufall, mit einer Narrenkappe versehen, oder als Schicksal,
das Antlitz eines Gottes tragend, den kleinen und groen Gerichtshof fr
die Lebendigen bildet. Aber betrbte Spieler knnen nicht gewinnen. Er
hatte das Gefhl, als werfe er das Geld ins Wasser. In wenigen Wochen
verlor er gegen fnftausend Gulden. Als die Summe voll war und sich der
Weg deutlich zum Abgrund hinunterbog, erhob er sich mit der ihm eigenen
Kaltbltigkeit und sagte: Genug, ich werde keine Karte mehr berhren.

Als ob er nun die Mauer zerstrt htte, die ihn von Arnold trennte, war
sein erster Gedanke, den Freund aufzusuchen. Die Zimmer, in die er trat,
sahen aus wie ein Platz nach dem Jahrmarkt. Kisten, Koffer, Bcher,
Betten lagen durcheinander; Arnold hantierte mit rotem Kopf auf einer
Leiter, der Diener war mit Packen beschftigt. Hollah! rief Arnold
herab, Sie kommen gerade recht. Bei mir gibt es Arbeit, wie Sie sehen.

Ich sehe wenigstens, da Sie beschftigt sind, erwiderte Hanka etwas
verdrielich.

Ich ziehe nmlich aus, erklrte Arnold, sprang mit einem Satz auf den
Boden und rollte eifrig einen Strick ber die Hand. Hier ist mir alles
zu klein. Ich habe eine neue Wohnung gemietet mit hohen Zimmern. Man mu
atmen knnen.

Da bin ich also berflssig, meinte Hanka; ich dachte, wir knnten
eine kleine Spazierfahrt unternehmen.

Sehr gut! rief Arnold, wandte sich zum Diener und gebot ihm, einen
Wagen zu besorgen. Ich habe schon zu viel Staub geschluckt, sagte er
und bahnte sich einen Weg zu Hanka, dem er nun mit strahlendem Lcheln
die Hand drckte.

Ich finde eigentlich keinen Grund, weshalb Sie das stille Haus hier
verlassen, sagte Hanka kopfschttelnd.

Es ist mir eben zu still, erwiderte Arnold. Alles ist alt und krumm
hier im Haus. Wenn man ordentlich auftritt, krachen die Bretter im
Boden. Es wird zu frh dunkel, es kommt keine rechte Sonne herein. Das
ist nichts fr mich. Dort, Sie werden sehen, der reinste Palast. Und
etwas hab ich gekauft, Hanka! Da werden Ihnen die Augen vor Erstaunen
herausfallen. Er lachte, auch Hanka lchelte.

Man kommt nicht zur Besinnung, sagte Arnold, als sie im Wagen saen,
der die Richtung gegen den Prater nahm. Und wie schn es heute ist, wie
gut die Luft. Das Leben ist eine sehr angenehme Erfindung.

So? erwiderte Hanka ernsthaft und blickte bedchtig in den vollkommen
blauen Himmel.

Und Sie, schwarzer Kater, schnurren immer noch ber schlechtes Wetter?

Ich schnurre, gab Hanka zurck, obwohl es mir dabei nicht so wohl
ist, wie es die Beschftigung des Schnurrens mit sich bringen sollte.

Der Kutscher lie die Pferde laufen, und das leichte Fuhrwerk sauste
geschwind die breite Allee hinab und mit gleicher Geschwindigkeit flogen
zurckkommende Wagen an ihnen vorbei. Wunderschne Frauengesichter
tauchten auf und Arnolds Mund ffnete sich begehrlich. Unersttlich im
Wunsch, lie er die Augen ber die Massen hingleiten, welche sich auf
den Fuwegen drngten, und ihm war, als sei er es, der ihre Herzen
schneller schlagen lassen knnte. Keiner wei vom andern, jeder birgt in
sich die grte Flle der Bitterkeit, des Lebensberdrusses und der
Armut, und Arnold hat die Macht, all ihre Fhigkeit auf ein Ziel zu
richten, ttig nach auen werden zu lassen, was zerstrend im Innern
wirkte, aber er rast an ihnen vorbei zu andern Sternen.

Sie fuhren zurck gegen die Stadt. Arnold lud Hanka zum Tee ein. Anna
Borromeo hat mich lngst gebeten, Sie zu ihr zu fhren. Sie vermutet in
Ihnen einen Philosophen. Die Pferde gingen im Schritt, Dampf entstieg
ihren Lenden, gleichwie auch von den Straen der schwle Dampf der
Arbeit emporstieg.

Ah, Besuche und noch dazu Damen, sagte Arnold im Vorzimmer der
Borromeoschen Wohnung. Sie traten ein. Baron Valescott war da, dessen
Mutter und zwei seiner Schwestern. Arnold stellte Hanka vor und wurde
selbst mit den fremden Damen bekannt gemacht.




Sechsundvierzigstes Kapitel


Es wurde ber ein Blumenfest gesprochen, das im Belvederegarten
stattfinden und wozu der Kaiser und der ganze Hof kommen sollte. Der
Leutnant Valescott hatte zu der Gelegenheit ein Festspiel mit lebenden
Bildern gemacht und forderte Arnold auf, dabei mitzuwirken.

Es ist auch beschlossen worden, da du dem Komitee beitrittst, sagte
Anna Borromeo.

Beschlossen worden?

Ja, wir werden Sie einfach zu unserm Gefangenen machen, sagte die
Baronin.

Aber hauptschlich sollen Sie mitspielen, fgte Valescott hinzu.

Ich habe keine Ahnung, wie man so was macht, erwiderte Arnold
verlegen.

Das ist berflssig. Es gengt, da Sie gut gewachsen sind. Sie sollen
nur Figur machen.

Also ungefhr das Beschwerlichste, was es gibt, meinte Hanka trocken.

Alle lachten, ausgenommen die ltere der Baronessen, deren kluges und
etwas verdrossenes Gesicht sich blo fr einen Augenblick erhellte.

Ich glaube sogar, Sie mten den Narzi geben, fuhr Valescott eifrig
fort. Das Spiel behandelt nmlich die Sache vom Narzi in etwas
modernisierter Form, ins Barock bersetzt. Kommen Sie doch dieser Tage
zu mir, wir wollen darber sprechen. Sie haben wirklich nichts weiter zu
tun als eine Pose anzunehmen. Die Verse werden von einem Schauspieler
gesprochen.

Was sagen Sie dazu, Hanka? fragte Arnold lachend.

Hanka zuckte die Achseln. Pltzlich stand er auf und verabschiedete
sich. Er wurde mit Klte entlassen.

So schweigsam zu sein, das ist unbescheiden, sagte Anna Borromeo, als
er fort war.

Arnold verabredete mit Valescott den Tag, an dem er kommen wollte.

Gegen Abend schritt er seiner neuen Wohnung zu. Das Pflaster war rot vom
Sonnenuntergang, auch der Staub in der Luft schimmerte farbig.

Auf einmal blieb er stehen und starrte erschrocken einem Manne nach, der
soeben an ihm vorbergegangen war; einen langen Bart und trbe, fast
erloschene Augen hatte Arnold gewahrt; er glaubte, Elasser sei es
gewesen. Rasch folgte er dem Menschen, konnte ihn aber nicht mehr
einholen. Er blickte in die Hausgnge, schaute durch die Glastren in
die Lden, vergeblich. Nachdenklich blieb er im Menschengewhl stehen.
Und pltzlich sah er die Erscheinung, zurckkehrend, zum zweitenmal, --
es war nicht Elasser; eine hnlichkeit hatte Arnold genarrt. Er setzte
seinen Weg fort und erwog im Stillen einen Plan. Er suchte das nchste
Postamt auf, schrieb eine Anweisung auf hundert Gulden und sandte sie an
den Hausierer Elasser in Podolin. Er atmete auf, als er wieder die
Strae betrat.

Am nchsten Abend kam Hanka zu Arnold. In den saalartigen Zimmern waren
berall noch Leute beschftigt. Kostbare Gegenstnde lagen umher wie im
Laden eines Trdlers.

Sie treffen Anstalten, das Geschft zu vergrern, meinte Hanka und
machte einen Riesenschritt ber eine flache Kiste. Arnold fhrte ihn
durch ein halbdunkles Zimmer in einen vollstndig finstern Raum und
sagte: Passen Sie auf. Er drehte den Knopf dreier elektrischer Lampen
auf und es entstand blendende Helle. In der Mitte des Gemachs stand auf
breitem Postament der marmorne Antinous.

Wo haben Sie das Ding her? fragte Hanka nach einigem Stillschweigen.

Es hat dem reichen Pottgieer gehrt.

Richtig, auch den hat der Krach zerschmettert. Sie haben es gekauft?
Eine wertvolle Sache.

Wie gefllt es Ihnen, Hanka? fragte Arnold fast schchtern.

Ganz gut. Sehr schn, -- vorausgesetzt, da Sie keine Tendenz damit
verbinden.

Was soll das heien?

Ich meine, etwa Griechentum, Schnheit und so weiter. Hanka ging mit
seinem sonderbar stampfenden Schritt umher, hatte die Hnde fest auf die
Hftknochen gestemmt und so schien alles an ihm in einer Art Bewegung,
ausgenommen die Augen, die in eine eingebildete Tiefe starrten und zwei
Ebenholzkugeln glichen.

Und wenn ichs tte --? erwiderte Arnold. Ich wei nichts davon, aber
wenn ichs tte --?

Hanka blieb stehen. Es wre nicht weiter schlimm, sagte er. Ich meine
nur, damit haben wir nichts zu tun. Das ist alles Schwindel. Wir mssen
unsere Ideale viel niedriger hngen. Es ist fr uns schon Ideal genug,
ein anstndiger Mensch zu sein. brigens, fgte er hinzu, mit einer
eklen Mundbewegung, als ob seine Worte ihm bitter geschmeckt htten,
wollen Sie wirklich ein lebendes Bild machen --, dort?

Ich denke nein, entgegnete Arnold.

Hanka fing an zu rauchen und zu schweigen. Arnold stand am Fenster, und
blickte auf die Statue.

Hanka ging und Arnold blieb allein vor der marmornen Figur, aber wenn
sie ihm gleich in Hankas Gegenwart belebt erschienen war, so erblickte
er jetzt nichts anderes als den gemeielten Stein darin. Er lauschte
gegen die Straen. Ein leises, unvernderliches Kochen, Surren und
Zittern drang zu seinem Ohr und durchbrach die tuschende Stille. Dort
war Leben, ewiges Wach-Sein. Ein unersttlicher Hunger erfllte Arnolds
Brust. Ohne Zgern htte er all das Unbekannte an sich reien mgen,
anstatt hier zu sitzen und zu warten. Nicht Glck, nicht Befriedigung,
nicht Ausfllung der Stunden, nicht Freundschaft, nicht Wissenschaft war
es, wonach dies Unersttliche Verlangen trug. Kein Wort konnte es
benennen, kein Gedanke es umfassen. Es glich einem aufgesperrten Rachen,
fr den die Millionen eines Goldbergwerks nur ein verchtlicher Bissen,
die Umarmung der Psyche kaum ein Trpfchen Erquickung bedeutet htte. Im
Schmerz der Willensanstrengung oder im Rausch der Ahnung umhergetrieben,
schien es ihm, als ob sein blindes Begehren die Welt ausflle. Was ihn
ehedem hatte erglhen lassen, erschien ihm nichtig, was er ehemals
begehrt, bettelhaft. Zahllose Wnsche waren beschftigt, ihm ein
reizendes Wandelpanorama der Welt zu malen, dessen entzckter
Betrachtung er sich hingab. Doch so oft der Sturm sich legte, woher kam
es, da aus irgend einer Ecke ein lauerndes Ungeheuer kroch, wie eine
Spinne, deren feine Fden das Herz umspannen und es kalt und lustlos
machten?

Am Tag darauf hatte Arnold mit Borromeo wegen der vernderten Anlage
eines Kapitalsteiles zu reden. Er hatte Lust zu khnen Unternehmungen;
was er anpackte, ging den glcklichsten Weg. In der Kanzlei traf er den
Oheim nicht. So wartete er bis zum Abend und ging dann in die Wohnung.
Als er angepocht hatte und eintrat, standen Borromeo und Anna einander
gegenber. Beide waren bla.

Verzeiht, sagte Arnold und reichte die Hand. Frau Anna sah ihn mit
einem durchbohrenden Blick ihrer glhendblauen Augen an, Borromeo
lchelte dnn und leer.

Habt ihr zu sprechen? fragte Anna Borromeo. Mit einem trgen Nicken
gegen Arnold verlie sie das Zimmer. Arnold nahm eine Zigarette von der
Schale und setzte sie mit nachdenklichen Geberden in Brand.

Borromeo konnte zu dem Vorhaben Arnolds nicht seinen Segen geben. Mit
halbgeschlossenen Augen und zur Seite geneigtem Kopf ging er langsam auf
und ab. Bisweilen hob er mit dem Handrcken den Bart unter dem Kinn
empor und zog die fahlen Lippen zwischen die Zhne. Dann blieb er
stehen, lauschte, ffnete die Tre, durch welche Anna gegangen war, und
finster lag der groe Raum des Empfangszimmers vor ihm. Dann ging er zur
zweiten Tre, die er gleichfalls ffnete, aber nach kurzem Hinausstarren
wieder schlo. Die Augen emporschlagend, mit regungslos hngenden Armen,
im festgeschlossenen langen Gehrock stand er vor Arnold.

Du hast mir noch nichts von Podolin erzhlt, sagte er. Er hatte etwas
ganz anderes unterdrckt, das ihm zu sagen nher lag.

Es hat sich nichts verndert, antwortete Arnold. Der Verwalter
scheint mir nicht zuverlssig, Ursula wird alt. Ich mchte das Ganze
losschlagen. Es ist ein Stein am Hals.

Borromeo starrte auf den Tisch, auf welchem Spielkarten verstreut lagen.
Er nahm einen Pack in die Hand und zog einen Knig heraus, den er dster
betrachtete.

Was denkst du dazu? fragte Arnold.

Borromeo schttelte sanft den Kopf. Ich kann nicht raten, sagte er
leise. Ich bedrfte selbst des Rates. Warum willst du deine Heimat
verkaufen?

Arnold blickte ihn aufmerksam an. Ein innerer Unwille erhob sich in ihm
gegen die eisige Trauer dieses Mannes.

Ich bedrfte selbst des Rates, wiederholte Borromeo.

Erschrocken zuckte Arnold zusammen; doppelt erschrocken, als er den
verehrenden, klaren, glubigen Blick des Oheims auf sich ruhen fhlte.
Er vermochte nichts zu sagen, doch war es ihm eine Sekunde lang zumute
wie damals, als er in Verenas Hause in den Spiegel geschaut, um zu sehen
ob sein Bild auch wirklich darin sei.




Siebenundvierzigstes Kapitel


Arnold trumte, er stehe auf einem glsernen Feld und bei jedem Schritt,
den er zu machen versuchte, rutschte er in eine glatte Furche zurck.
ber diesen Bemhungen erwachte er und versprte Kopfschmerzen. Er
konnte nicht mehr einschlafen, machte Licht, nahm ein Buch und las.
Whrend des Lesens fate er den Plan, in der neuen Wohnung alle
Bekannten und Freunde an einem Abend zu versammeln. Er beschftigte sich
mit der Zusammenstellung kstlicher Speisen und seine Phantasie
schmckte im voraus die Rume. Antinous sollte eine Rosenguirlande ber
der Schulter tragen. Dann dachte er an Arbeit; es schien ihm lockend,
viel zu wissen und durch Wissen zu herrschen. In der Tat ging er am
Morgen zur Universitt, um eine Vorlesung zu hren, schrieb fleiig mit
und zwang seine widerspenstigen Gedanken in den Kreis des Gegenstandes.

Zum Mittagessen ging er nicht nach Hause, obwohl er dort fr sich hatte
kochen lassen, sondern in ein Restaurant, welches in der Nhe der Oper
lag. Es war ein sehr vornehmes und teures Haus, aber Arnold hatte Lust
bekommen, gute und seltene Dinge zu essen. Solche Antriebe lagen fr ihn
in der Luft. Es machte ihm Vergngen, einen Kellner zu beobachten, der
vor ihm zusammenknickte wie ein Messerchen. Als er am Tisch sa,
gewahrte er gegenber an der entgegengesetzten Wand Maxim Specht und
Beate. Specht grte mit einem nachlssigen kalten Neigen seines
Kopfes. Zwei Diamantringe funkelten an seiner Hand, und eine erbsengroe
Perle steckte in seiner Kravatte. Beate trug ein hellgrnes Tuchkleid in
englischer Machart. Ihr Gesicht war auerordentlich bleich, mde,
langgezogen und hatte den Ausdruck einer maskenhaften, kalten
Anstndigkeit. Als Arnold grte, lachte sie ihm einfach ins Gesicht.
Specht schien innerlich zu kmpfen; er flsterte mit Beate, nach einer
Weile kam er herber und drckte Arnold die Hand. Er zeigte eine
boshafte Frmlichkeit in seinem Benehmen.

Es scheint Ihnen gut zu gehen? sagte Arnold. Seine Miene suchte jede
berflssige Annherung im voraus abzuweisen.

Ich bin jetzt Redakteur des Adelsblattes, erzhlte Specht und nahm mit
einer leichten Verbeugung Platz. Auch Sie haben viel Erfolg, wie ich
hre, fuhr er fort und legte den Kopf leicht fragend gegen die eine
Schulter. Sie haben vorteilhaft in bulgarischer Rente spekuliert,
erzhlt man sich.

Arnold legte seine Forelle auseinander und schabte das weie Fleisch
sorgsam von den Grten. Er lchelte.

brigens mu ich Ihnen etwas mitteilen, sagte Maxim Specht pltzlich
in heiterer Belebtheit, und es ist gut, da ich Sie treffe. Eine ganz
unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen werden. Ich hatte
mich mit einer kleinen Schauspielergesellschaft verabredet. Wir wollten
nach dem Theater im Stephanskeller essen und hatten ein separiertes
Zimmerchen bestellt. Ich telephoniere am Nachmittag, und der Oberkellner
nennt mir die Nummer des Zimmers. Das Theater ist aus, ich gehe hin,
der Kellner, der mich sehr gut kennt, lt mich vorbeigehen, und ich
hre schon von weitem unsere Gesellschaft lrmen. Da passiert mir das
Unglck, ich mu die Nummer des Zimmers vergessen haben, da ich nun
eine falsche Tre ffne und sehe, wen glauben Sie? Den jungen Baron
Valescott und --

Nicht weiter Specht! rief Arnold herrisch und legte die Gabel auf den
Tisch.

Specht senkte die hochgewlbten Lider und sagte: Namen sind verpnt,
Sie haben Recht. Aber Sie verstehen mich hoffentlich. Ich sah spter
noch dieselbe Dame, dicht vermummt, in einem undurchsichtigen Schleier,
es war Mitternacht, als sie gingen. Baron Valescott hatte sich beim
Kellner erkundigt und war sehr aufgebracht ber den dummen Irrtum, der
mir passiert war. Ich dachte mir nur, Sie knnten hier ebenso
erfolgreich den Wahrheitsmann machen wie damals Hanka gegenber. Die
Wahrheit ist eine sehr schne Sache, besonders wenn man fr sie einsteht
... Teufel, ich verplaudere mich, leben Sie wohl, auf Wiedersehn.

Arnold reichte ihm nicht die Hand. Er hatte die Elust eingebt, zahlte
und ging. Zorn gegen Specht erfllte ihn, Unschlssigkeit, Trauer,
allgemeine Tatensehnsucht, aber es dauerte nicht lange, so senkte sich
ein wohlttiger Schleier ber das unharmonische Wogen der Gefhle.

Es war vier Uhr und er entschlo sich, zu Valescott zu gehen. Das Haus,
welches die Familie bewohnte, lag im Mittelpunkt der Stadt und war einer
jener alten verwitterten Palste, deren ursprngliche Majestt, in eine
enge, finstere, wurmartig gekrmmte Gasse verdrngt, sich ganz in
Melancholie verwandelt hat. Das Zimmer, in welches Arnold gefhrt wurde,
war sehr hoch, hatte rot tapezierte Wnde und eine stuckverkleidete
Decke, von der ein altmodischer, kostbarer Kronleuchter herabhing. Der
Diener kam zurck und sagte, der Herr Baron msse jeden Augenblick
zurckkommen, er habe hinterlassen, Herr Ansorge mge bestimmt auf ihn
warten.

Arnold nickte. Er stand am Fenster und blickte ruhig auf die einsame
Gasse hinab. Whrend er bemht war, einem bestimmten Gedanken Einla in
sein Gehirn zu verwehren, ertnte ein Klavier im Nebenraum und ein
wiegender Gesang, sehr gedmpft durch die geschlossene Tre und die
dicke Portiere. Arnold ging zur Tr und lauschte. Es war eine
Mdchenstimme, welche die Tanzweise begleitete. Lchelnd schob er die
Portiere beiseite, drckte auf die Klinke, ffnete behutsam und steckte
den Kopf vorsichtig in die Spalte. Die ltere Valescott sa am Klavier
und spielte mit einer mden, doch rhythmisch schaukelnden Bewegung des
Krpers. Das brnette Haar, im griechischen Knoten lose gesteckt, hing
tief ber den Nacken und gab der Gestalt von rckwrts etwas
Nachlssig-Vertrumtes. Die andere Schwester und noch ein sehr junges
Mdchen tanzten auf dem Teppich in der Mitte des Zimmers. Sie hielten
einander zag bei den Hnden. Die ltere der beiden war im Straenkleid;
die jngste trug ein Kostm, kurzes lila Rckchen, zu den Knieen
reichend, violette Strmpfe und seidene Schuhe von der gleichen Farbe.
Das braune Haar war mit violetten Stiefmtterchen bekrnzt, und in der
Hand trug sie einen Strohkorb, dicht gefllt mit denselben Blumen.

Diese erblickte zuerst Arnolds Kopf in der Tre. Sie schrie und lief
davon. Die Spielerin erhob sich erschreckt, aber bald lachte sie mit der
zweiten Schwester im Verein. Kommen Sie nur ganz, da Sie doch einmal
eingebrochen sind, sagte die mittlere, welche die gewandteste war. Die
lteste blieb still mit rckwrts verschrnkten Armen am Flgel stehen.
In ihrem Gesicht lag Sinnlichkeit und Selbstsucht, aber ohne Frohsinn.
Sie schien weder leichtsinnig noch ernst. Ihre schlanke Gestalt machte
den Eindruck der Gesundheit, die aber durch irgendwelche einander
entgegenwirkenden Krfte gestrt wurde. Ein seltsames Gemisch von
Haltlosigkeit und dumpfem Eigensinn war an ihr auffallend.

Arnold drckte beiden die Hand und sagte: Nun wei ich noch nicht
einmal Ihre Namen.

Raten Sie, sagte die lteste fast streng.

Er riet, -- stellte sich ein wenig verschmitzt und verzweifelt, bis die
Mdchen ihm zu Hilfe kamen. Felicia hie die lteste, Dora die zweite
und die jngste, die eben fortgelaufen war, Anastasia.

Sind Sie denn allein zu Hause? fragte Arnold.

Mama und Franz wurden zu Tante Rochlitz gerufen, antwortete Dora.
Jedenfalls mssen Sie auf Franz warten. Es ist sonst nicht blich, auf
diese Art Herrenbesuche zu empfangen, -- sie lachte, -- aber bei Ihnen
wollen wir eine Ausnahme machen.

Felicia, die sich wieder ans Klavier gesetzt hatte, schlug leise einen
Mollakkord an.

Sind Sie eigentlich schon lange in Wien? fragte Dora, indem sie Platz
nahm. Erzhlen Sie uns doch etwas. Wir hren gern Geschichten.

Geschichten wei ich nicht, erwiderte Arnold.

Dann erzhlen Sie Wahrheiten oder Lgen oder Trume. Dora lachte.

Es ist sehr schwer, nicht zu lgen, wenn man Trume erzhlt, sagte
Arnold. Er stockte, schwieg und sah geradeaus. Ein sinnendes und sogar
ein wenig schwrmerisches Lcheln wich nicht von seinen Lippen. Das
gerade schien die Mdchen wunderbar zu berhren. Dora blickte voll
ernster Aufmerksamkeit in sein Gesicht. Felicia hatte ein paarmal kurz
ber die Schulter zurckgeschaut, nun legte sie die Hnde in den Scho
und lauschte. Ich erinnere mich, begann Arnold, einst hatte ich einen
sonderbaren Traum. Es waren zwei Pferde da ... grne Pferde. Auf einer
Mauer stand geschrieben: diese Pferde knnen sprechen. Eine Glocke hing
ber der Mauer und sobald die Glocke tnte, machte das eine Pferd sein
Maul auf und sagte: wer reiner Hnde ist, mehrt die Kraft. Ich frchtete
mich, mir grauste und ich lief davon. Aber damals verachtete ich
Trume.

Wo waren Sie denn da? fragte Dora.

In Podolin. Dort ist meine Heimat. Es ist ein schmuckloses Land, eine
Ebene, Wald, ein Hgel, ein schmutziger Flu. Aber wenn ich
zurckdenke --! Einmal, ich war siebzehn Jahre alt, passiert folgendes.
Ich liege im Wald, weitab vom Weg in der Nhe der wilden Kapelle, wie
sie genannt wird. Ein ganz altes Weiberl kommt, schaut sich um, sieht
mich aber nicht und grbt etwas in den Boden. Ich denke nichts dabei,
niemals dacht ich ber etwas nach. Ein paar Tage spter heit es, der
Waldhofbuerin ist die Mutter Gottes im Traum erschienen und hat ihr
angezeigt, da bei der wilden Kapelle ein wunderttiger Rosenkranz
vergraben ist. Am Sonntag strmen Tausende aus allen Drfern hinaus, die
bucklige alte Buerin voraus. Ein schreckliches Gedrnge entsteht bei
der Kapelle, die Alte betet, dann grbt sie und grbt mit bloen Fingern
die Erde, die tausend Mnner, Weiber und Kinder knieen hin, weinen,
beten und schluchzen und graben ebenfalls mit den Hnden in den Boden,
als meine Alte ihren gefundenen Rosenkranz in die Luft hlt. Hunderte
fallen ber sie her, reien ihr die Kleider vom Leib, denn sie ist jetzt
eine Heilige, und jedes will seine Reliquie haben. Die rohesten Bauern
kssen sie, heulen und sind zerknirscht. So ein Land ist das mit solchen
Menschen.

Die Mdchen schwiegen. Felicia hatte sich umgewandt, in vorgebeugter
Haltung blickte sie anscheinend ruhig zu Boden.

Mademoiselle Dora! rief eine krhende Stimme vom Flur.

Dora erhob sich. Die Franzsin, sagte sie geringschtzig und ging
hinaus.

Arnold blickte Felicia an. Er trat vor sie hin und fragte: Warum
spielen Sie nicht?

Was lieben Sie? entgegnete das junge Mdchen, indem es ihn mit
prfenden Augen ansah und die linke Hand rckwrts auf den Haarknoten
legte.

Auf einmal hatte Arnold sein Gesicht herabgebeugt, und sie kten
einander hastig wie Verbrecher. Arnold blickte trb vor sich hin.




Achtundvierzigstes Kapitel


Valescott und die Baronin traten mit Dora ins Zimmer. Der Leutnant zog
Arnold sogleich beiseite und fragte ihn, wozu er sich entschlossen habe.
Als Arnold seine Einwilligung gab, zu spielen, drckte er ihm die Hand.

Der Diener kam mit zwei Karten auf einem Bronzeteller. Die Baronin
sagte, sie lasse bitten. Dann forderte sie mit anmutiger Handbewegung
Arnold auf, ihr in das Empfangszimmer zu folgen. Dort begrte sie die
beiden Besucher, einen Herrn von Grden und den alten Baron Drusius. Der
Tisch zum Tee war gedeckt.

Die beiden jungen Mdchen saen nebeneinander. Drusius knackte wie immer
mit seinen Fingern. Dora starrte wie verzaubert auf seinen riesigen
Kehlkopfapfel, der sich beim Sprechen auf und abbewegte. Herr von
Grden, der etwas beleibt war, ein dickes, rundes Gesicht und
freundliche, hflich-aufmerksame Augen hatte, wandte sich zuvorkommend
an Arnold. Herr Ansorge, -- wenn ich recht verstanden habe --? sagte
er. Haben Sie Verwandte dort oben in Mhren in ... Podolin?

Nein, aber ich selbst bin dort zu Hause, erwiderte Arnold.

Herr von Grden rusperte sich. Ich war drei Jahre lang Gerichtsadjunkt
in der Nhe, in Lomnitz, Sie werden das Nest kennen.

Ja, es ist ein altes Dorf, erwiderte Arnold.

Gott verzeih mir, fuhr der junge, behagliche Mann mit einem
Aufschlagen seiner Augen fort, es war eine schreckliche Zeit. Nichts
als Bauern und Juden und langweilige Kommissionen. Sagen Sie, Herr
Ansorge, Sie erinnern sich doch an die Affre mit dem Juden Elasser --?
Sind Sie es vielleicht selbst, der damals, wie soll ich sagen, so
starken Anteil daran genommen hat? Sind Sie es selbst?

Jawohl, erwiderte Arnold.

Das ist mir ein Rtsel, fuhr Herr von Grden mit aufrichtigem
Erstaunen fort. Es ist ja schon ziemlich lange her, ich erinnere mich
nicht mehr genau, ein Lehrer dort namens ... namens ...

Specht?

Ganz recht! Specht! Dieser Specht hatte mir von Ihnen erzhlt.

Alle blickten auf Arnold.

Warum ist Ihnen das ein Rtsel? entgegnete Arnold, der sich ein wenig
verfrbt hatte. Es handelte sich doch um ffentlichen Raub --? Er
heftete den Blick streng und erwartungsvoll auf den jungen Mann.

Ja, ja, ja! ganz gewi, natrlich, sagte Herr von Grden bereitwillig,
aber immerhin, das verrottete jdische Gesindel mu ein wenig
gepeitscht werden. Sie mssen mir doch zugeben, da diese Leute nicht
unserer differenzierten Empfindung zugnglich sind. Das Mdchen wird es
im Kloster tausendmal besser haben, als in dem Stall, in dem sie
aufgewachsen ist. Der ganze Lrm, den man deshalb aufgeschlagen hat, war
doch nur eine verabredete Komdie. Sie mssen doch zugeben --

Ich gebe nichts zu, unterbrach ihn Arnold. Wie knnen Sie so
sprechen, Sie, ein Jurist, ein Diener der Regierung? Als ich zum
erstenmal davon hrte, ich glaubte zu sterben vor Scham. Ich sollte das
gewi nicht sagen, denn solche Worte sind eben Worte. Aber wie knnen
Sie es entschuldigen? Kein Mensch darf das wagen, der selbst darauf
angewiesen ist, da man gerecht gegen ihn ist. Denken Sie doch nach.
Alles beiseite gelassen, Jude und Kloster, Ihre Verachtung, oder Ihre
Bequemlichkeit zu urteilen, so bleibt doch eine so ungeheure
Versndigung brig, da kein Gedanke sich daran gewhnen kann. Ich
konnte damals nichts davon begreifen, die ganze Welt brach zusammen wie
unter einem furchtbaren Futritt. Man raubt ein Kind, man will es
zwingen, die Religion zu verlassen, die mit ihm geboren ist, was fr
eine Religion, das ist doch gleichgltig, und nichts geschieht, keine
Gerechtigkeit gibt es, das Recht wird bswillig erstickt. Und Sie reden
von Komdie!

Arnold hatte den Kopf erhoben, und der Ernst seiner Worte war mit dem
Gefhl der Erleichterung verbunden, welche ihm dieser Ausbruch
verschaffte.

Drusius klopfte ihm auf die Schulter. Wacker, sagte er, ein wackeres
Wort. Ich hab es immer gesagt, der hat Fleisch und Blut. Redet wie der
Teufel! Er lachte, und dies Lachen wirkte befreiend auf die
unbehagliche Stimmung der Baronin. Sie reichte Arnold die Hand ber den
Tisch und sagte mit verbindlichem Lcheln: Sie haben mir aus dem Herzen
gesprochen.

Herr von Grden antwortete nicht; nach einiger Zeit erhob er sich und
nahm ziemlich verstimmt Abschied.

Wir haben nicht viel Zeit, sagte die Baronin zu ihren Tchtern, die
Oper beginnt um halb sieben. Herrn Ansorge macht es vielleicht
Vergngen, mit in unsere Loge zu kommen --?

Arnold verbeugte sich dankend, und sagte, es wrde zu spt werden, bis
er sich umgekleidet htte. Aber der Leutnant drngte ihn und erbot sich,
ihn zu begleiten.

Valescott plauderte auf dem Weg durch die Straen von allem mglichen.
Er war uerlich von sehr angenehmer Wirkung, hbsch, auerordentlich
gepflegt und besa eine angeborene Liebenswrdigkeit. Schlielich
erzhlte er Weibergeschichten. Am liebsten hab ich mit verheirateten
Frauen zu tun, sagte er khl und wissenschaftlich, es ist oft
gefhrlich, gewi, aber in den meisten Fllen bequem. Sie werden ja die
Erfahrung selbst gemacht haben. Der Aufwand an Gefhl steht in einem
vollkommen richtigen Verhltnis zu dem, was an Gefhl verlangt wird.

Arnold berhrte die Schamlosigkeit dieses Gestndnisses erstaunlich. Er
blieb pltzlich stehen, als ob er etwas erwidern wollte. Er dachte an
das heutige Gesprch mit Specht und den Rcken hinab rieselte etwas wie
ein kalter Wassertropfen. Aber er schwieg. Es war noch nicht lang genug
her, da er eine entrstete Rede vom Stapel gelassen hatte. Er hatte
Eindruck damit gemacht. Jemand hatte ihm auf die Schulter geklopft und
hatte gesagt: ein wackeres Wort. Entrstung, Zorn, Emprung -- kleine
Aderlsse fr das berstrmende Herz. Er schwieg, er schwieg. Man konnte
nicht schon wieder, man konnte nicht zweimal hintereinander den
Moralisten machen. Man wre lcherlich erschienen, und nur nicht
lcherlich werden, alles nur das nicht.

Aber Arnold war aufrichtig betrbt. Er zog mit groer Eile seinen Frack
an, um keine Zeit zu verlieren, aber er war so betrbt, da er falsche
Knpfe in das Hemd steckte und sich trotz des Eilens noch zwei Minuten
lang niedersetzte, um nachzudenken.

Gegen das Ende des ersten Aktes kamen sie in die Oper. Als Arnold seine
Blicke ber die Reihe der geschmckten Damen schweifen lie, die an den
Brstungen der Logen saen, empfand er wieder jenes berauschende
Machtgefhl eines Menschen, der zu besitzen erhoffen kann, was immer
sein frechster Traum umspannt.

Er lernte Leute kennen, welche kamen, um die Baronin whrend der Pausen
zu besuchen. Er bemerkte wohl, da er Eindruck machte. Er mhte sich,
herauszufinden, welche Eigenschaften es denn eigentlich seien, durch die
er eroberte. Um nicht zu verlieren, was ihm einmal gehrte, beobachtete
er sich und hielt sich fest im Zaum. Da er sich gegen Felicia hatte
hinreien lassen, bereute er, denn er fand es unwrdig, mit einer
lebendigen Seele zu spielen. Aber sie, sonderbar, auch sie zog sich
zurck und das rgerte ihn. Er hatte ihr imponiert durch seine
Heiterkeit und eine gewisse liebenswrdige Vertieftheit, die sie nie
zuvor an irgend einem Mann bemerkt. Aber ihr Herz war ohne Halt.

Arnold trank von seinem Becher. Die Tage erwiesen sich als zu kurz, die
Nchte ebenfalls. Wie reich erschien ihm das Leben! Er geriet in
Bestrzung, wenn er berlegte, wie wenig auch bei der gnstigsten Fgung
von diesem Reichtum fr ihn abfallen konnte.

Gegen Ende der Woche schrieb ihm Borromeo wegen der schwebenden
Kapitalsangelegenheit. Er bat Arnold in sein Bureau. Arnold verschob es
zwei Tage lang, dann nahm er einen Wagen und fuhr hin. Durch einen
dstern Flur kam er in ein groes, gewlbeartiges Zimmer mit plumpen
Mbeln und hohen Regalen, in denen die Bcherreihen pedantisch geordnet
standen. Unbefangen setzte sich Arnold in einen lederbezogenen Sessel,
Borromeo gegenber, dessen Bart heute besonders steifgebgelt schien,
whrend die Lippen fahl wie Sand waren. Arnold fhlte seine Strke,
seinen Frohsinn, sein Vertrauen in dem finsteren Gewlbe doppelt. Da
geschah das Grausige, da nach den ersten Worten, die Arnold geredet,
ein heftiger Donnerschlag ertnte. Arnold hatte nichts von einem
Gewitter am Himmel gesehen, in Sekunden mute sich das Wetter geballt
haben. Er hrte Spechts Worte wie ein Echo des Donners in seinem
Innern: Eine unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen
werden ... Auch damals war ein Gewitter, als ich zu Hanka kam, dachte
Arnold.

Sechs Prozent ist ja eine sehr hohe Verzinsung, sagte Borromeo,
nachdem er flchtig gegen das Fenster geschaut und dem Verrollen des
Donners nachgelauscht hatte, aber bedenke, was du dabei riskierst. Ich
habe mich erkundigt, -- man zuckt die Achseln.

Arnold nahm sich zusammen, fest zusammen, wie selten zuvor. Soll ich
reden? dachte er und wute doch schon, da er nicht reden wrde. Er
blickte auf den schwarzen Bart Borromeos und erwiderte: Die Konjunktur
ist aber gnstig. Das Unternehmen hat jetzt gute Aussichten. Das brige
ist Sache des Glcks.

Damit war der Betrug entschieden. Die Elemente hatten keine Macht mehr
ber Arnold.




Neunundvierzigstes Kapitel


Kaum hatte Natalie Osterburg von der Veranstaltung des groen
Blumenfestes gehrt, als sie, von einer schwindelnden Aufregung
ergriffen, alles Denkbare unternahm, um eine Rolle dabei spielen zu
drfen. Es gelang ihr, der Frstin-Protektorin vorgestellt zu werden,
ein paar leutselige Worte zu erwischen und beglckt eilte sie nach
Hause. Sie sollte zusammen mit zwei adligen Damen ein Verkaufszelt fr
Zuckerwaren erhalten.

Noch die Tre in der Hand, rief sie atemlos: Petra, denk dir --! Und
sie erzhlte. Aber Petra zeigte sich nicht besonders gerhrt von den
Erfolgen der Schwester. Sie hielt Natalie vor, da es unrecht sei, bei
der tglich schlimmer werdenden Krankheit der Mutter an Vergngungen zu
denken. Petra hatte Pflichtgefhl.

Natalie hatte kein Pflichtgefhl. Sie war von allen Wrmegraden
abhngig, welche die Luft der Gesellschaft erzeugt. Ihre Ehe, ihre
Kinder, ihr Haushalt, alles war fr sie eine niedliche, bald
unterhaltende, bald langweilige Spielerei.

Ihre Sinne waren jetzt nur auf das Blumenfest gerichtet. Fr nichts
anderes hatte sie Teilnahme. Sie war nur besorgt, ob das Wetter schn
bleiben werde, und jeden, bis zum Bckerjungen und zur Milchfrau
ersuchte sie um ausfhrliche Meinung darber. Sie bezog das ganze
Weltall auf das Gelingen ihrer Wnsche.

So rckte der Tag heran. Die Schneiderin kam um elf Uhr morgens und
sofort begann Natalie sich anzukleiden. Es war ein Empirekleid aus
blauer Seide, kunstvoll mit Veilchen bestickt. Es flo wie
Paradieseshauch um die zarten Glieder Natalies. Um zwlf Uhr kam die
Friseurin. Sorgsam zusammengesteckte Veilchen wurden in das dunkle Haar
verwoben. Um den Hals legte Natalie eine goldene Kette, an welcher ber
der Brust ein rundes Medaillon mit einem schnen Edelstein befestigt
war. Dann die langen Handschuhe, deren Zuknpfen eine Viertelstunde
dauerte, und so, blauseidene Schuhe und blauseidene Strmpfe an den
Fen, trat Natalie in das Krankenzimmer der Mutter, wo ihr Mann und
Petra mit Kartenspielen beschftigt waren.

Frau Knig lag im Bette und trank Sauerstoff aus einem groen Ballon,
welchen die Wrterin hielt. Sie lie beim Eintritt Natalies das Saugrohr
sinken und ihr Gesicht wurde durch ein zrtliches Lcheln nicht
verschnt, sondern entstellt. Natalie, mein Kind, du gehst zum
Vergngen. Recht hast du, sagte sie, und ihre Stimme glich einem rauhen
Krchzen. Auch ich war vergngt in deinem Alter. Und du, Petra, mein
Kind, wirst zu Hause bleiben bei deiner armen Mutter? Recht so. Sie ist
ein philosophisches Kind, meine Petra. Sie war immer berlegt und
taktvoll.

Sprich nicht so viel, Mama, sagte Petra stirnrunzelnd.

Natalie stand beschmt und rgerlich da wie ein Snger, der bemerkt, da
er vor tauben Ohren singt. Glaubst du, da das Kleid zu tief
ausgeschnitten ist? fragte sie ihren Mann.

Meine liebe Natalie, erwiderte Osterburg rauflustig, ich habe andere
Sorgen, das kannst du mir glauben. Ich wei nicht, ob irgend ein Mensch
in der Welt je solche Schmerzen gelitten hat wie ich -- Er rieb sein
Knie. Du bist eine leichtsinnige Frau, fuhr er wtend fort, ich traue
mich nicht eine Zigarre zu kaufen und du -- Alle starrten ihn entsetzt
an. Er schwieg zerknirscht, beobachtete einen Augenblick die Wrterin
und begann pltzlich franzsisch zu reden, wobei jedoch das Wort #alors#
die Hauptrolle spielte; mehr war kaum zu verstehen.

Frau Knig verfolgte mit stillem Ha dies Gesprch. Sie glaubte weder
an ihre Krankheit noch glaubte sie, da sie je wrde sterben mssen. Da
sie so liegen mute und Sauerstoff atmen, schrieb sie einem
Zusammenwirken boshafter Umstnde zu, und sie hate die eigenen Kinder,
wenn sie ihr allzudeutlich zeigten, was es heit, mitzuleben. Es gab nur
einen Menschen, dem sie Vertrauen entgegenbrachte, das war der Arzt.
Wenn sie sich in seiner Gunst festsetzte, so glaubte sie den Tod
machtlos. Krampfhaft klammerte sie sich an das Leben wie sie es
verstand: da man in der Frhe gemtlich Kaffee trank, dann die
Klatschereien hrte, mit Behagen beim Mittagstisch sa, nachmittags in
die Geschfte oder in den Prater fuhr, abends wohlgelaunt im Kreis der
Familie sich unterhielt, um dann zehn Stunden fest und tief zu schlafen,
zwei Glser mit Wasser auf dem Nachttisch. So htte sie es gern ein paar
tausend Jahre lang getrieben.

Mit klopfendem Herzen setzte sich Natalie in den Wagen und gelangte noch
zu frher Stunde in den festlich geschmckten Park des Belvedere-Schlosses.
Befangen blickte sie umher. Sie sah nicht den blauen Himmel, nicht das
grne Laub, nicht die Blumenkrnze, die sich von Baum zu Baum spannten,
nicht die Wasserknste, die langen Reihen der Verkaufszelte, die
neugierigen Menschen; ihr war alles ein unbefriedigender Spiegel fr
ihre eigene geschmckte Person, und sie lchelte, lchelte wie im
Schlaf, wute kaum, da sie ging, wo sie stand, was sie sprach und was
zu ihr gesprochen wurde. Ihr kleines Herz war leicht und lustig, und
nicht mehr sah daraus das gefesselte Seelchen wie durch Gitterfenster in
die Welt. So htte es auch Natalie gern tausend Jahre lang gehabt.

Sie trank braunen, eisgekhlten, sen Kaffee und weischaumige Torte,
beantwortete mit demselben inhaltlosen, seligen Lcheln die Fragen eines
jungen Adeligen, der wie ein Backfisch aussah und eigentlich auch nichts
anderes war. Sie verkaufte eine Nichtigkeit und erhielt eine Banknote
dafr. Anna Borromeo kam, um Natalie zu begren. Sie hatte eine
Glckslotterie zusammen mit zwei Hofschauspielerinnen. Sie trug ein
Kleid, wei wie Jasmin, mit schweren, griechischen Falten, ber den
Hften durch einen kostbaren mit fnf Smaragden besteckten Grtel
zusammengehalten. Das rotgoldne, kronengleiche Haar gab der Gestalt
etwas Knigliches, das durch das bleiche Gesicht und den bleichen, unter
blulichen Blutgefen vibrierenden Hals verstrkt wurde.

Wo ist Herr Ansorge? fragte Natalie und ihr neugieriges Kindergesicht
drehte sich mit einem Ausdruck der Verzagtheit und des Neides der
schneren Frau zu. Anna Borromeo deutete auf einen Seitenweg, wo Arnold
im Gesprch mit den Valescotts stand. Er verbeugte sich aus der Ferne
vor Natalie. Geqult musterte Natalie die beiden Valescottschen Damen,
deren einfache Kleidung sie mit Besorgnis erfllte. Arnold kam herber
und sagte: Sie sind schn, Frau Natalie, und diese Worte gengten, sie
zur Zufriedenheit und Menschenliebe zu stimmen. Sie versuchte auch
nicht, etwas dagegen einzuwenden, sondern wurde rot bis zu den
Schultern herab.

Bald war ihr rosenbekrnztes Verkaufszelt dicht umdrngt. Grfinnen,
Frstinnen kamen, mit Natalie ein freundliches Wort, einen Gru zu
tauschen, ein Erzherzog blieb stehen und lie sich die anmutige Dame
vorstellen, junge Kavaliere nherten sich dienstbeflissen. Sie sprhte
von Geist; die Triumphe betubten ihr Herz. Sie kam sich vor wie eine
fremde Prinzessin, die, lange verkannt, endlich die ihr gebhrenden
Ehren empfngt.

Drei Musikkapellen spielten, auf drei Pltze des Gartens verteilt. Sich
auf den Zehen wiegend, lauschte Natalie entzckt einem Walzer, als sie
unter dem Menschenstrom, der sich heranwlzte, ihren Mann bemerkte,
dessen Augen hastig unter den Zeltdchern umherblickten. Dieser dstere,
unheilvolle Blick ihres Gatten berhrte wie ein eisiger Anhauch Natalies
Stirn und Wangen. Sie hatte vollstndig vergessen, da sie mit diesem
Menschen verheiratet war, und ihn gerade jetzt zu sehen, war ihr wie ein
Peitschenschlag.

Als Osterburg sie gewahrt und sich zu ihr durchgedrngt hatte, sagte er:
Natalie, komm nach Hause, deine Mutter ...

Natalie seufzte leise und schwer. Ihr war, als wrde sie pltzlich blind
vor Schrecken. Ihre Augen fllten sich mit Trnen; sie rhrte sich nicht
von der Stelle.

Du mut kommen, drngte Osterburg, whrend er zu gleicher Zeit
neugierig und begehrlich um sich blickte. Die Mutter hat einen
furchtbaren Anfall ...

Es ist sicher nicht rger als sonst, erwiderte Natalie vorwurfsvoll.
Nur noch bis der Kaiser kommt, la mich hier.

Osterburg htte sehr gern eingewilligt, denn er fing an, mit dem
festlichen Treiben sich zu befreunden und zu vergessen, was ihn
hergefhrt. Aber Natalies erwachtes Gewissen rief. Mit zitternden Hnden
warf sie ihren Umhang um die Schultern. In ihrem verwirrten Herzen
zrnte sie der Mutter.

Eifrig begegnete ihnen Arnold auf einem der Wiesenwege, die schneller
zum Ausgang fhrten. Wohin? wohin? rief er.

Natalie schluchzte wie ein Kind.

Arnold schaute Natalie bestrzt nach. Dann bahnte er sich durch die
immer dichter werdende Volksmenge einen Weg zum Zelt der Valescottschen
Damen, welche Lose feilboten, und zwar kam auf alle Lose nur ein
einziger Treffer, eine goldene Chrysantheme.

Was zahlt man fr ein Los? fragte Arnold, vor das Zelt tretend.

Das steht bei Ihnen, erwiderte Dora.

Er warf fnf Gulden auf das Brett und zog lachend. Es war nichts. Zum
zweiten und dritten Mal, ohne Erfolg. Er entnahm einen Hundertguldenschein
der Brieftasche und whlte dafr zwanzig Lose. Von allen Seiten kamen
Neugierige und stellten sich hastig drngend in engem Halbkreis auf.
Hinter den Zelten wurden die Damen des Festes und mehrere Herren
sichtbar. Anna Borromeo verlor keine Bewegung Arnolds aus den Augen.
Ich habe kein Geld mehr, sagte Arnold und blickte sich um. Aber
Kredit, so viel Sie wollen! rief Dora. Er nahm lachend zwei Hnde voll
Lose und schrieb einen Schuldzettel ber fnfhundert Gulden. Bravo
Narzi! rief Valescott, der ebenfalls zwischen die Zelte getreten war;
die Damen klatschten in die Hnde, und einige waren ihm behlflich, die
Rllchen zu ffnen. Die Leute drngten sich nher. Arnold griff nach
beiden noch gefllten Schalen, schwenkte sie in den Armen und warf den
leicht fliegenden Inhalt ber die Kpfe der Leute hinweg. Unzhlige
Hnde streckten sich aus, und in bengstigender Kreiselbewegung drehte
sich die ganze Masse um sich selbst. Mitten in das tolle Wesen
erschallte der Ruf: Der Kaiser! Der Kaiser!

Die Musikkapellen traten zusammen und spielten die Hymne, Soldaten
schoben die Menge auseinander, und es bildete sich eine Gasse, durch
welche von fern der Kaiser herangeschritten kam. Ein Schauer fuhr Arnold
durch den Krper. Wie in einem frheren Dasein sah er sich selbst, mit
trichten Erwartungen auf die damals so ferne Gestalt des Monarchen
blickend. Nun stand der Frst kaum fnf Schritte weit, nickte lchelnd
und ging vorber, durch das schweigende Volk.

Es wurde Abend. Auf der Balustrade am oberen Ende des Gartens war
Feuerwerk.

Die Buden wurden geschlossen, und die vornehme Welt versammelte sich im
Schlo, um die Tnze und lebenden Bilder zu sehen. Arnold stand unter
den Bumen und blickte still in den Lichterglanz des Gartens.

Hier war es dunkel, und er wollte ein wenig zu sich selbst kommen. Aus
der Ferne kam das alberne Klappern der Musik und das Geschrei der
Menschen, des Volkes, wie Baronin Valescott bedeutsam sagte. Arnold
zuckte zusammen. Zwei Arme hatten ihn von rckwrts umfat, und eine
Stimme flsterte: Schon lange, schon lange lieb ich dich.

Als er sich umwandte, lieen ihn die Arme los, ein weies Kleid rauschte
durch das Laub, die Gestalt wandte sich noch einmal um und an einem
goldenen Grtel blitzten Smaragde im Schein einiger verirrter
Lichtstrahlen.

Arnold senkte den Kopf und blieb gedankenlos lchelnd stehen. Wohl ahnte
er, wer ihn umfangen hatte, doch er erstickte das Nachdenken. Denn sonst
htte er niederstrzen mssen ins Gras, um Gott zu bitten, da er ihn
flchten lasse oder die Seele in einen strkeren Krper presse. Er hob
seine Augen eine Sekunde lang demtig zum Himmel.




Fnfzigstes Kapitel


Die Tage schlichen gleichmig vorber. Arnold machte viele Besuche,
aber selten vermochte ihn ein Gesprch zu fesseln. Ein paarmal suchte er
Hyrtl auf, der ihn liebte und ihn auf jede Weise an sich zu binden
suchte, aber der krnkliche Mann erregte seinen Widerwillen.

Er nahm an den Zusammenknften einer Anzahl von Schauspielern und
sonstigen Theaterleuten teil, trieb sich nchtelang umher und machte
sich die unwahre Lustigkeit dieser Menschen zu eigen. Er bte wie jeder
Kritik an jedem und urteilte schlecht ber den, dem er soeben vertraut.
Seine tieferen menschlichen Eigenschaften, seine Entschiedenheit, die
witzige und lebhafte Art, durch die er im Sprechen selbst das
Gewhnliche zu adeln schien, verschafften ihm Ansehen und er wurde fr
eine ursprngliche Natur erklrt. Aber auf dem Gipfel seiner Erfolge
schttelte er diese Anhnger von sich ab und kehrte auf die reinlichere
Schwelle der guten Gesellschaft zurck. Er wollte unterbrochene Arbeiten
vollenden, aber sein Herz war unruhig wie eine Maus in der Falle.
Wnsche traten an die Stelle der Plne. Leere Verabredungen trieben ihn
auf, er folgte ihnen gehorsam, ging hin, war gesprchig,
unternehmungslustig, teilnehmend und sorglos. Aber die Not wurde grer;
er machte Reiseplne und verwarf sie wieder in der Befrchtung,
Wichtiges zu versumen. Die Welt lockte ihn, sobald er die Augen schlo;
offenen Auges stie sie ihn ab. In seinem Innern entstanden Znkereien
wie unter den Parteien eines Hauses. Ungesammelt begann der Tag,
ungesammelt endigte er. Jede Kraft erwies sich nun als verderblich, auch
die der Selbstbeherrschung, denn sie ntigte zur Heuchelei. Mitten in
einer Nacht erhob sich Arnold aus dem Bett und begann den Aufenthalt in
diesen Rumen widerwrtig zu finden. Er beschlo Hanka aufzusuchen, den
er seit Wochen nicht gesehen hatte. Kaum war es Tag geworden, so fhrte
er seinen Vorsatz aus.

Im Hotel erhielt er die Auskunft, da Hanka nicht mehr dort wohne,
sondern ein Logis im dritten Bezirk bezogen habe. Er nahm einen Wagen
und fuhr hin. Die Kchin sagte, der Herr Doktor schlafe noch. Wecken
Sie ihn nur auf, erwiderte Arnold, es ist elf Uhr. Sagen Sie ihm, ein
Freund sei da.

Hanka rkelte sich im Bette, als Arnold eintrat, und fragte: Nun, mein
Teurer, was fhrt Sie zu mir?

Ich wollte mich nur berzeugen, ob Sie noch am Leben sind, antwortete
Arnold und nahm neben dem Bett Platz. Weshalb machen Sie sich
unsichtbar? Warum sind Sie nicht zu mir gekommen?

Hanka richtete sich ein wenig empor und sttzte den Kopf auf den Arm.
Es ist kein gutes Zeichen fr Ihr geistiges Wohlbefinden, da Sie
gerade mich suchen, sagte er.

Unsinn, versetzte Arnold. Stehen Sie auf und reden wir vernnftig.

Hanka lachte, sprang aus dem Bett, streichelte mit klglichem Gesicht
seine dnnen Beine und fuhr schlotternd in die Unterhosen. Was treiben
Sie? orgelte seine tiefe Stimme. Haben Sie noch immer so groen
Lebensappetit?

Arnold deutete auf ein lbildnis an der Wand und fragte: Wer ist das?

Hanka wusch sich und entgegnete prustend: Das ist ein Mann, der frher
oder spter wahnsinnig werden wird.

Und deshalb hngt sein Bild hier?

Jawohl. Fr den Einbeinigen ist es eine Erquickung, jemand zu sehen,
der gar keine Beine hat. Darauf beruht alle wahre Zufriedenheit.

Sie gingen zusammen zum Essen, saen im Kaffeehaus, blieben den Abend
ber beieinander und trennten sich erst in der Nacht.

Hanka sah wohl, da Arnold gleichsam als Bittsteller zu ihm komme. Er
bittet mich um meine Zeit, dachte Hanka, und wirklich, mit diesem
Gegenstand kann ich verschwenderisch sein, aber je mehr ich ihm davon
geben kann, je rmer wird er daran werden; ein sonderbares
Rechenexempel.

Hanka wollte allein gehen. In jeder Beziehung zwischen Menschen sah er
das Ende voraus und frchtete es. Er sah das liebevollste Gesicht zu Ha
und Wrdelosigkeit verzerrt, und die Schnheit atmete ihm schon Fulnis
entgegen. Ihm htte es gedient, in einer wandellosen Welt zu leben, in
welcher das Wasser nicht die Erde hhlt und nicht der Freund einst zum
Verleumder werden wird. Er lebte in allem was verdarb, was sich zum Tod
neigte und an den Gesetzen der Vernderung teilnahm. Er sah das Wasser
schon als Wolke, die Wolke als Regen. Keine Bewegung, kein Lcheln, kein
Entschlu, der nicht den Lauf der Schicksale unterbrechen und
verwandeln, keine Speise, kein Trunk, kein Hrchen des Krpers, welches
nicht auf seine besondere Weise das Ende bringen konnte.

Seine Logik war grausam, sein Scharfblick unbestechlich und sein Wissen
profund. Dem grenzenlosen Schweifen unreifer Empirie setzte er die
Formel entgegen, und zu anderer Zeit stie er alles Lehrwerk wie
morsche Hlzer beiseite und trat in den lichten Raum der Anschauung und
der Idee.

Arnold kmpfte hier vergebens um Freundschaft. Er begann Hanka dunkel zu
hassen. Er verlegte sich auf den leeren Widerspruch, auf eine scheinbare
Verachtung von Hankas enger Sachlichkeit, und wie furchtbar war es ihm
in manchem Augenblick zumut, wenn er ahnen mute, da er um etwas ganz
anderes stritt, als was er vorgab. Er beneidete Hanka um die ruhige
berlegenheit, und mit formloser und zaghafter Begierde suchte er nach
Mitteln des Sieges, irgendwelchen Sieges, um jeden Preis; er frchtete
sich vor der stummen Kritik in Hanka, wie er sich vor sich selbst, vor
der Welt, vor der Vergangenheit und vor der Zukunft frchtet. Eines
Tages sah er bei Hanka in der Ecke des Schreibtisches eine kleine
Pappendeckel-Tafel, auf welcher in Hankas Schrift die Worte standen:
#Precaria salus:# ich durchschritt die Pforten des Todes, ich betrat
die Schwelle der Proserpina, und nachdem ich durch alle Elemente
gefahren, kehrte ich zurck. In der Mitte der Nacht sah ich die Sonne in
ihrem hellsten Schein.

Arnold las es und fragte ironisch: Was ist das fr ein Geschwtz?
Schmen Sie sich nicht, solche Dunkelmeierei zu treiben? Er nahm den
Pappendeckel und lie ihn geringschtzig fallen.

Hanka erwiderte ebenso bedchtig wie nachsichtig: Das ist ein Spruch
aus den Isis-Mysterien, mein Teurer.

Nicht die Antwort oder der Ton bewirkte eine Vernderung in Arnold, so
da er schweigend zum Fenster trat. Nur Hankas Blick hatte ihn
getroffen, gro, fragend, sehr erstaunt: was kann dich berechtigen, in
mein Leben einzugreifen? nicht zu billigen, was ich denke --? fliehst du
vielleicht aus dir, wunderlicher Mensch, und willst dich in einer
fremden Wohnung niederlassen?

Als Arnold nach Hause kam, fand er einen Brief von Hyrtl. Vergessen?
gnzlich vergessen? schrieb Hyrtl. Vor einigen Tagen dachte ich wieder
an Sie, und nun kann ich Sie nicht wieder loswerden. Kommen Sie doch!
Ich darf nicht ausgehen. Kommen Sie heute Abend. Ich bin gnzlich
verlassen, sitze zu Hause und bin bel dran. Das beste Backwerk Europas
la ich fr Sie herrichten, und wenn Sie nicht reden wollen, knnen Sie
bei mir auch schweigen. Nur kommen sollen Sie. Ich habe seit Monaten
keinen wirklichen Menschen gesehen und bin allein. Bald wird es mit mir
zu Ende gehen. Ihr Hyrtl.

Gleichgltig warf Arnold das Schreiben beiseite. Dies weibliche Werben
erregte seinen Abscheu. Er versuchte zu lesen, warf aber bald das Buch
wieder weg, nahm Hut und Stock und ging ins Kaffeehaus. Doch auch hier
hielt es ihn nicht lange. Die Strae lockte ihn. Langsam schlenderte er
durch die Dmmerung, kehrte aber bald nach Hause zurck, denn zum
Abendessen erwartete er Hanka. Oben auf der Treppe stand der eine Diener
und murmelte mit zerknirschtem Gesicht: Gndiger Herr, es ist etwas
passiert. Arnold sah ihn von oben bis unten an; der junge Mensch ging
voraus und ffnete die Tre zu dem Raum, worin der Antinous sich befand.
Die Statue lag auf der Erde; der Kopf war gegen das Fenster gerollt und
der linke Arm, ebenfalls abgebrochen, lag mit seiner schnen Geberde
neben dem Leib. Es erwies sich, da die beiden Diener whrend seiner
Abwesenheit sich in jenem Zimmer mit Raufen vergngt hatten. Sie waren
an die Statue gestoen und mitsamt der Figur zu Falle gekommen. Arnold
sagte den zwei Leuten den Dienst auf und setzte sich dann traurig vor
die Trmmer. Als Hanka kam, hoben sie zusammen den Rumpf empor und
untersuchten die Bruchstellen. Hanka sagte, das Unglck sei nicht gro,
es lasse sich mit geringen Kosten wieder gutmachen, aber ihn belustigte
Arnolds Niedergeschlagenheit. Seit wann lieben Sie denn die toten Dinge
so sehr? fragte er etwas ungeduldig.




Einundfnfzigstes Kapitel


Sie gingen in das Speisezimmer. Whrend des Essens erzhlte Hanka, da
ihm der Verkauf seines Hauses, seiner Wertgegenstnde, die Vereinfachung
seiner Lebensweise nicht viel gentzt habe. Er habe noch
Schuldverpflichtungen im Betrag von fnfzehntausend Gulden. Auerdem
stehe noch die Zahlung an seine frhere Gattin aus, und da drfe er
nicht lange zgern, schaltete er bitter ein, wo die Moralitt eine
Geldfrage sei. Er schrecke davor zurck, sich an seine Schwester Agnes
zu wenden, die sich auf dem Wege der Genesung befinde und durch die
leiseste Andeutung seines Ruins in ihrer schwachen Natur erschttert
werden knne.

Arnold hrte mit halbem Ohr zu. Nach einem neuen Gesprchsstoff suchend,
erinnerte er sich an Hyrtls Brief und gab ihn Hanka. Der las ihn
zweimal, betrachtete das Papier von allen Seiten und fragte endlich:
Weshalb sind Sie nicht zu ihm gegangen?

Arnold zuckte die Achseln. Der Mann lgt, sagte er kalt. Nicht der
Tat nach, sondern dem Gefhl nach.

So lgt man nicht, antwortete Hanka kopfschttelnd. In frherer Zeit
bin ich oft mit Hyrtl beisammen gewesen, meist durch Natalie Osterburg.
Er ist ein gutmtiger Mensch.

Hyrtl freut sich seiner Wehleidigkeit, sagte Arnold lebhaft, er wrde
mit Vergngen sterben, wenn er den Eindruck seines Todes erleben
knnte.

Hanka schmunzelte, schaute aber Arnold ziemlich berrascht ins Gesicht.

Sie sind ja ein Psycholog, erwiderte er. Aber das ist eigentlich
nicht die rechte Art. Ich meine, diese Art, ein Urteil zu bilden und
einen Menschen fr alle Zeiten abzufertigen. Nein, das ist nicht gut.

Arnold wollte etwas entgegnen, doch es lutete drauen, und darnach kam
der Diener und meldete Herrn Hyrtl. Arnold und Hanka sahen einander an.

Mit steifen Schrittchen trat Hyrtl ein. Er reichte beiden die Hand und
setzte sich. Kinder, wenn ihr wtet, was es heit, allein zu sein!
sagte er mit einem Seufzer, welchem er etwas Scherzhaftes beizumischen
versuchte. Man sieht Gesichter in der Luft, die Wnde schrumpfen
zusammen, das Zimmer wird bodenlos. Hyrtls Augen lagen tief und irrten
angstvoll in den Hhlen, und auf der Stirne brach bestndig Schwei
hervor, den er mit dem Taschentuch von Zeit zu Zeit abwischte. Hanka
hrte nicht auf, ihn zu betrachten; bisweilen warf er einen hastigen
Seitenblick auf Arnold, der schweigend den Rauch einer Zigarre in dnnen
Kegeln emporblies.

Und wie geht es Ihnen also, mein Liebster? wandte sich Hyrtl an Arnold
und in seinem Blick glhte ehrliche Freundschaft, rhrende Hingebung. Er
sah in Arnold das Leben, die Gesundheit, die Kraft, und es war ihm dabei
zumut wie dem Sklaven, der einen Adler in der blauen Luft schweben
sieht.

Gut, sehr gut, antwortete Arnold trocken. Und Sie, Sie sind krank wie
immer. Raffen Sie sich doch auf! Warum rauchen Sie, wenn es Ihnen
schdlich ist? Welche Widersprche!

Hyrtl wiegte den Kopf, als ob ihm kein Ratschlag mehr ntzen knne.
Jetzt ist mir wieder wohl, sagte er. Ich habe meinen Arzt betrogen
und bin ausgegangen. Wenn ich liebe Menschen sehe, gehts mir gut. Nun,
was wollen Sie, ich bin ein Schwchling. Und Sie, Doktor, wandte er
sich an Hanka, was treiben Sie? Hanka ist ein ehrenhafter Mensch,
bemerkte er nach seiner Gewohnheit, einen Anwesenden rcksichtslos ins
Gesicht zu loben. Wenn das Wort ehrenhaft nicht da wre, fr Hanka
mte man es erfinden.

Errtend, wirklich errtend, legte Hanka ein Bein ber das andere.
Hyrtl und Arnold lachten, und Hyrtl so sehr, da ihm Trnen in die Augen
traten. Dann erhob er sich, legte einen Arm zrtlich um Arnolds Nacken
und ttschelte dessen Wange. Erinnern Sie sich an unsere hbschen
Abende? fragte er. Erinnern Sie sich an den Hausball? Verena! Welch
eine Schnheit! Wo ist sie? wo ist Verena?

Sie sind wieder einmal kindisch, sagte Arnold mit einem fast drohenden
Blick und schob Hyrtl von sich weg.

Ich sehne mich nach einem Stck Wald, sagte Hyrtl umhergehend, und
ich mchte fr mein Leben gern mit euch beiden morgen Mittag ber Land
fahren. Mein Wagen steht zur Verfgung, wir essen drauen in aller
Gemtlichkeit, wollen Sie? Sagen Sie doch ja, Arnold, seien Sie nicht so
finster ...!

Arnold schttelte den Kopf und Hyrtl wurde traurig. Er nahm wieder Platz
und plauderte in melancholischer Selbstvergessenheit. Ich wre gern mit
Ihnen nach Dornbach gefahren, Arnold. Da drauen ist noch ein
Spielplatz, auf dem ich als Kind fast tglich herumtrieb. Ich erinnere
mich, ich hatte ein weies Lamm, dem ich einmal die Augen herausbrach,
denn es interessierte mich riesig, was hinter den Augen steckte. Aber es
waren natrlich nur Sgespne da, wie bei manchem unserer wackeren
Mitbrger. Er lachte. Und meine erste Liebe hab ich da erlebt, -- ach!
Sie war ein Bckertchterlein, vier Jahre alt. Einst glaubte ich mich
von ihr vernachlssigt und sagte zu ihr: Sophie, heut mu ich sterben.
Darauf lachte sie verchtlich und gab mir zur Antwort: Menschen sterben
nicht, du Dummkopf.

Na, fahren wir doch mit ihm hinaus, sagte Hanka gutmtig.

Ja, tun Sie es! rief Hyrtl. Tun Sies, Arnold! Wenn Sie wten wie
gern ich Sie habe! Sie sind so eine Art Ideal fr mich. Wenn ich wieder
anfangen drfte zu leben, mcht ich so sein wie Sie.

Endlich lie sich Arnold bewegen und Hyrtl ging zufrieden fort, von
Hanka begleitet.

Gegen elf Uhr am andern Morgen kamen Arnold und Hanka fast gleichzeitig
in Hyrtls Wohnung. Der Diener trat ihnen im Flur entgegen und flsterte:
Der gndige Herr schlft noch.

Arnold war entrstet. Die Tr des Schlafzimmers weit ffnend, rief er:
Auf! auf! Langschlfer! der schnste Tag!

Hyrtl lag mit friedlichem Lcheln im Bett und rhrte sich nicht. Der
Diener stand mibilligend unter der Tre, nherte sich langsam, beugte
sich ber das Bett und ergriff die Hand des Schlfers. Pltzlich rief er
schluchzend: Der gndige Herr! und fiel neben dem Bett auf die Knie.

Hanka hielt sich an den Messingknpfen der beiden Bettpfosten fest. Sein
Gesicht war grnlich bleich geworden. Arnold schrie: Laufen Sie zum
Arzt! Der weinende Mensch erhob sich schnell und folgte dem Befehl.
Schweigend setzte sich Hanka in eine Ecke. Nach einer Viertelstunde kam
der Arzt. Das Ergebnis seiner Untersuchung war, da der Tod schon vor
Stunden eingetreten sein msse, ein Herzschlag whrend des Schlafes.

Fremde Leute traten ein, die einen Ausdruck komischer Finsternis in ihr
Gesicht gelegt hatten, als ob sie versprochen htten, eine Stunde lang
nicht zu lachen. Arnold und Hanka verstndigten sich durch ein Zeichen
und gingen. Keiner von ihnen vermochte den andern anzureden. Arnold
frchtete Hankas Gesicht, Hankas Gedanken; er frchtete ebenso sehr, da
Hanka ihn jetzt allein lassen knnte. Pltzlich blieb er stehen und
sagte: Hren Sie Hanka, ich habe mir das berlegt, was Sie mir gestern
erzhlt haben. Sie sind in einer milichen Lage und ich kann Ihnen
leicht die fnfzehntausend Gulden leihen, die Sie brauchen.

Hanka blieb ebenfalls stehen und starrte gerade aus. Aha, dachte er
betrbt, bestechen willst du mich, mein Urteil willst du bestechen. Ich
danke Ihnen, sagte er kalt, ich brauche es nicht.

Noch gestern und er htte das Geld angenommen. Sein Herz wnschte sich
in dieser Sekunde weit weg. Ihm war, als htte ihn eine gespensterhafte
Hand ins Gesicht geschlagen. Mit traurigen, verchtlichen Augen blickte
er vor sich hin und stie sein leer gewordenes Schifflein gleichgltig
ins Meer. Er mochte nicht so von Arnold gehen, wie er innerlich schon
von ihm gegangen, darum blieben sie noch ein paar Stunden beieinander.
Es kommt gar nicht darauf an, eine schlechte oder eine lobenswerte
Handlung zu begehen, dachte Hanka, nur mu der Sinn, aus dem sie
geflossen, unwandelbar sein. Er hatte nicht Willenskraft genug, dies
Arnold zu sagen.

Gegen Abend gingen sie noch einmal hin, um den toten Hyrtl aufzusuchen.
Die Auentre stand offen. Krnze lagen im Flur. Sie wollten in das
Sterbezimmer treten, als Hanka stehen blieb und seine Hand auf Arnolds
Schulter legte, um ihn gleichfalls aufmerksam zu machen. Durch die
angelehnte Tr sahen sie, wie der Diener, allein mit dem Toten, sich mit
natrlicher Verehrung ber die Leiche beugte und die Hand des Herrn
kte.

Leise kehrte Hanka um, und Arnold folgte ihm mechanisch. Gute Nacht,
sagte Hanka, als sie drauen waren. Sehen Sie, nicht einmal so viel war
er uns wie der Kreatur, die er bezahlt hat.

Hanka ging nach Hause.




Borromeo


Zweiundfnfzigstes Kapitel


Beide Ellbogen auf die Knie gestemmt, das Gesicht derart zwischen den
Armen vergraben, da die Hnde sich ber dem Kopf verschrnkten, sa
Anna Borromeo in ihrem Schlafzimmer, noch mitten in der Unordnung des
Morgens. Heute war sie dreiig Jahre alt, und ihre Trauer galt nicht
etwa einer unntz hingebrachten Vergangenheit, sondern der Aussicht auf
eine gleichgltige Zukunft.

Ihre Vergangenheit! Es schien ihr nicht der Mhe wert, darber
nachzudenken. Es war nichts Auerordentliches in ihrem Leben. Sie
erinnerte sich, da sie als Kind sich nie gleich andern Kindern von
einem Tag auf den folgenden hatte freuen knnen. Auch wenn sie an einem
Ereignis mit Erwartung hing, so wute sie doch genau, wie weit die
Wirklichkeit hinter dem Bild ihrer Phantasie zurckbleiben wrde. Sie
hatte Borromeo geheiratet an einem Zeitpunkt ihres Lebens, an dem kein
Traum mehr in ihr war. Ihr war alles so wohlbekannt wie dem Schauspieler
das Ende des Stcks. Sie trat ihrem Gatten nicht mit Sympathie entgegen.
Sie sah es ihm an, am ersten Tage durchschaute sie diesen Mann der
wenigen Worte, da sie ihm nichts zu geben hatte, was er brauchen
konnte. Und er, er konnte ihr nur eines geben, was sie brauchen konnte,
ein sicheres Auskommen.

Sie holte den Handspiegel und betrachtete dster ihr Gesicht. Nur von
dem greren oder geringeren Glanz ihrer Augen, der frischen
Feuchtigkeit der Lippen und dem goldenen Glanz der Wangenhrchen machte
sie ihre Teilnahme an den Dingen des Lebens abhngig, -- ohne es zu
wissen, denn sie hielt sich fr eine faustisch-unzufriedene Natur.

Schlielich raffte sie sich auf und ging in die Kche. Kaum hatte sie
ihr Zimmer verlassen, als ihr Gesicht sich vernderte wie das einer
Amtsperson, welche in eine Versammlung tritt. Sie gab die ntigen
Anweisungen fr den Tag und als sie ber den Korridor zurckging, kam
Borromeo nach Hause. Sie folgte ihm und fragte, ob er vom Gericht oder
von der Kanzlei komme.

Borromeo schttelte den Kopf. Anna sagte mit liebloser Klte: Wo in
aller Welt bist du zu finden, wenn man nach dir schickt? Um sechs Uhr
frh hast du schon das Haus verlassen und niemand wei, wohin du gehst.
Ich htte notwendig hundertfnfzig Gulden fr die Schneiderin
gebraucht ...

Borromeo lachte; das heit, dies Lachen bestand darin, da er die Lippen
und die Mundwinkel auseinanderzog und die Zungenspitze zwischen die
Zhne legte. Er entnahm seiner Brieftasche den verlangten Betrag, legte
die Noten eine nach der andern auf den Tisch und strich sie mit der
flachen Hand glatt. Anna Borromeo sah dieser Beschftigung verwundert
zu. Dann senkte sie den Kopf. Seit Tagen verschwindest du in der
geheimnisvollsten Weise, Friedrich, sagte sie und zwang sich zu einem
Lcheln. Hast du etwas vor?

Borromeo blickte in die Luft und seine Brauen zogen sich zusammen. Ich
habe etwas vor, antwortete er, mit dem Zeigefinger seine Worte
skandierend.

Frau Anna stutzte. Sie sah ihrem Mann ins Gesicht und sagte rasch:
Valescotts lassen dich gren. Ich war gestern nachmittag dort.

Mit einem Lcheln nherte sich Borromeo der Frau, legte die Hand fast
liebevoll auf ihre Haare und bog den Kopf sachte zurck. Ihre Blicke
begegneten einander. Anna erhob sich und sagte rauh und erschreckt: Du
bist sonderbar.

Borromeo zuckte die Achseln und begann den Bart mit beiden Hnden zu
liebkosen. Was ist eigentlich mit Arnold? fragte er umhergehend. Er
meidet uns. Findest du nicht, da er uns meidet?

Ach, -- er macht es wie tausend andere, er lebt sich aus, warf Frau
Anna gleichgltig hin.

Es ist nicht ntig, fr ihn besorgt zu sein, sagte Borromeo. Was ein
richtiges Waldtier ist, findet immer wieder zur Trnke.

Du hast eine halsstarrige Manier, dich ber Arnold zu tuschen,
entgegnete Anna Borromeo ruhig.

Borromeo legte die eine Hand auf die Brust und lchelte beinahe
trumerisch vor sich hin. Du hast heute Geburtstag, nicht wahr, Anna?
fragte er endlich. Ich glaube, man darf einander ruhig beglckwnschen,
wenn man wieder ein Jahr hinter sich hat. Zugleich mchte ich dir etwas
mitteilen. Ich gehe mit dem Plan um, meine Praxis aufzugeben.

Dann tust du etwas der Form nach, was du in der Tat schon lange hinter
dir hast, antwortete die Frau mit ersticktem Zorn.

Ja. Ich bin es mde, die Klopffechtereien einer sogenannten Justiz zu
erdulden. Ich bin es mde. Es ist noch nicht lange her, da ich zu einer
wirklichen Einsicht gelangt bin, aber an demselben Tag, wo es geschah,
war ich auch fertig. Und mir graut jetzt vor allem, was ich in frherer
Zeit ohne diese Einsicht unternommen und ausgefhrt habe. Deshalb kann
ich nicht lnger mittun. Denn unser Leben luft immer darauf hinaus, da
wir unsere Handlungen von Anfang an mit Konsequenz festhalten, und wer
immer schlecht gehandelt hat, darf nicht auf einmal das Gute wollen,
sonst geht er zugrunde.

Ich glaube, Friedrich, du solltest einmal mit einem Arzt sprechen,
sagte Anna Borromeo ernst und geringschtzig. Sie zuckte die Achseln,
als Borromeo schwieg und verlie das Zimmer. Drben in ihrem eigenen
Gemach wartete die Friseurin und Anna unterhielt sich mit ihr von den
neuen Ereignissen in der Gesellschaft. Als dies beendet war, machte sie
sich daran, Einladungskarten fr den Samstagabend zu schreiben. Auch an
Arnold richtete sie eine Karte, zerri sie aber wieder, nahm statt
dessen ein Briefblatt zur Hand und schrieb: Mein Lieber, drfen wir
dich fr den dreizehnten abends erwarten? Borromeo krnkt sich wieder
einmal ber dein Fernbleiben, ich aber finde es natrlich. Ich finde es
natrlich, das hindert aber nicht, da ich oft mit Scham an dich denke.
Httest du nicht vergessen, so wrde ich dich beschwren: vergi.
Offenbar gehst du darauf aus, alles was du bist und vorstellst, zu
spielen, sonst httest du mich am selben Abend erdolcht. Ernst und
Wahrheit spielt man leider nicht, ohne da es sich an denen rcht, die
daran glauben. Sie stand auf, warf sich in die Ecke des Sofas und
weinte, indem sie das Taschentuch fest vor das Gesicht drckte. Sie
weinte aus Wut, aus innerer Leere, aus Entschlulosigkeit, weinte
darber, da ihre Hand solche Worte schrieb, an die sie nicht glaubte
und vor denen sie bestrzt und feige stand, wenn sie gleich
selbstndigen Wesen ihr auf dem Briefpapier ins Gesicht lachten. Sie
trocknete die Augen und ohne ihr Schreiben noch einmal zu berblicken,
zerri sie es in hundert Fetzen und schrieb eine Karte wie an alle
andern Eingeladenen. Nur schrieb sie die Worte dazu: ich bin heute
nachmittag allein zu Hause und langweile mich. Dies schickte sie sofort
und mit Eilpost ab.

Mittags blieb sie in ihrem Zimmer unter dem Vorgeben, sie fhle sich
nicht wohl. Dann versuchte sie zu schlafen, nahm aber einen
italienischen Roman und las.

Arnold kam. Sein Gesicht war schmal geworden. Die Augen hatten einen
schwermtigen Ausdruck.

Anna fragte, warum er so lange nicht gekommen sei. Er zuckte die
Achseln.

Verkehrst du noch mit deinem schweigsamen Philosophen?

Mit Hanka? Nein. Der lebt auf einem Dorf in Steiermark. Wir haben uns
zuletzt bei Hyrtls Begrbnis gesehen.

Ach ja, Hyrtl, das arme Kerlchen. Man glaubte ihm seine Krankheit nie.

Er war ein guter Freund.

Ein guter Freund, ja, aber kein Freund. Wie lebst du, Arnold?

Schlecht.

Du solltest Karriere machen.

Wozu? Es lockt mich nicht.

Du solltest reich sein.

Ich habe genug.

Genug? Fr dich vielleicht. Reichtum ist etwas anderes. Wieviel hast du
denn? Ein paarmal hunderttausend Gulden. Lappalie. Reich sein heit
alles Hliche, Armselige, Strende im Umkreis von zehn Meilen
entfernen. Reich sein heit, der Phantasie so viel zu geben, da sie den
Tod vergit. Ich sehne mich nach Reichtum.

Mir scheint, du sehnst dich nach vielem.

Weil ich nichts besitze.

Weil du nichts halten kannst.

Ich habe zu viel Sorgen und zu wenig Freuden.

Liebst du denn nicht deinen Mann?

Anna Borromeo hatte diese Frage nicht erwartet. Sie erbleichte.

War sie es? dachte Arnold schaudernd; gibt es mehrere solche Grtel mit
Smaragden wie sie einen trug, damals ...?

Sie erriet vielleicht Arnolds Gedanken, denn sie sah ihn flehentlich an.

Hast du schon wieder Schulden? fragte er pltzlich in strengem Ton.

Sie schwieg.

Sprich doch!

Glaubst du, ich rechne auf dich? versetzte sie kalt. Ihr seid ja
lauter Krmer.

Sie brach in Schluchzen aus.

Arnold hatte Mitleid. Er blickte sie bewegt an. Auf einmal erschienen
ihm ihre vor das Gesicht geschlagenen Hnde als das Schnste, Zarteste,
was er je gesehen. Er ergriff ihre eine Hand, zog sie weg von der Wange
und drckte sanft seine Lippen darauf.

Anna erhob sich. Endlich hatte ihr unbefriedigtes Herz irgendwo einen
Widerhall gefunden.

Ein wenig spter verlie Arnold das Haus. In dem dunklen Bedrfnis nach
freier Luft, nach Baum und Wiese, begab er sich zur nchsten
Stadtbahnstation und nahm eine Karte nach einer der Wiener
Waldstationen.

Die Bahn, die auf einem langen Viadukte ber Gumpendorf emporfhrte,
gelangte zu einer Biegung und weit hingedehnt, im graublauen
Dmmerlicht, lag die Stadt vor Arnold. Rauch und Staub verwischten die
Horizontlinie und manche fahle Lampe in einem Haus glich tuschend einem
Stern. Unzhlbare Schlte ragten empor, bleich leuchtend von einem
unsichtbaren Licht. Husermauern ber Husermauern, angegraut von Asche,
Zeit und Elend, so dicht mit Fenstern besetzt wie ein Wespennest mit
Lchern, Hfe, in denen schwarze Menschen krabbelnd sich bewegten und
Dach neben Dach bis in den Himmel hinein. Hier wohnten sie, einer im
Atem des andern, unter dem graublauen, nach Kohle und Schwei riechenden
Mantel des Abends, die Millionen.

Reich sein, reich sein, dachte Arnold.




Dreiundfnfzigstes Kapitel


Zwei Tage spter, als Arnold ber den Graben ging, winkte ihm pltzlich
jemand mit Lebhaftigkeit zu und rief seinen Namen. Es war Wolmut.
Schlank, fein, freundlich, rotbckig wie immer, eilte er auf Arnold zu
und htte ihn beinahe umarmt. Arnold freute sich, und war fast
ungehalten, als Wolmut ihm mitteilte, er bleibe nur wenige Tage in der
Stadt. Er wolle aber gern den Mittag und den Nachmittag mit Arnold
verbringen. Mit ihm habe sich inzwischen mancherlei ereignet. Er habe
seine national-konomische Broschre herausgegeben und sich Freunde
damit gemacht. Auch stehe seine Befrderung auf der Statthalterei bevor.
Wolmuts weie Stirn leuchtete von Hoffnungen.

Nicht wenig berrascht war Wolmut, als er in Arnolds prchtige Wohnung
gefhrt wurde. Aber er lie nichts verlauten. Er dachte sich sein Teil.

Was haben Sie gearbeitet? was haben Sie fertig gebracht? fragte er.

Ich habe wenig gearbeitet, ich habe nur gelebt, antwortete Arnold.

Auch nicht das Schlechteste. Man nennt das Sichausleben, wie? Haben Sie
sich ausgelebt?

Ein bses Wort, lieber Freund.

Es klingt ein bichen verdchtig, Sie haben recht.

Wie bringen Sie es eigentlich fertig, Wolmut, alles beiseite zu
schieben, was Ihnen nicht dienlich ist? Sie haben offenbar die Gabe,
Hindernisse schon von weitem zu erkennen und ihnen auszuweichen.

Ausweichen? Nein. Ich gehe auf alles schnurstracks zu. Allerdings
halte ich mich meistens an das Ntzliche.

Sie sind eine harmonische Natur.

Damit wollen Sie sich trsten, mein Lieber, indem Sie mir zu verstehen
geben, da Sie zu viel Phantasie haben, um harmonisch zu sein. Das sind
nur Worte. Jeder Mensch hat seine inneren Kapitalien. Wer nicht damit zu
wirtschaften versteht, mu Bankerott machen. Jeder Mensch kann einmal,
wie soll ich sagen, das groe Los seiner Existenz ziehen. Aber man mu
aufmerken, man mu der Geisterstimme lauschen knnen. Diesen Augenblick
verschlafen aber die meisten, sie vergessen ihr Stichwort und das nennen
sie dann vom Schicksal verfolgt sein. Es gibt keine Abhilfe von auen,
denn nichts kann das Verbrechen ungeschehen machen, das jeder einzelne
an sich selbst begeht. Man mu Ehrfurcht vor sich selber haben. Man darf
nicht mit dem eigenen Krper umspringen wie mit einem gekauften Gert,
und mit der eigenen Seele auch nicht. Um die Kraft, die ich in mir
zugrunde richte, wird die Menschheit rmer. Auer mir ist kein
Schicksal, nur ich selbst kann mich vernichten.

Der Diener trat ein und flsterte Arnold etwas zu. Er ging hinaus, ber
den Korridor in das Empfangszimmer, wo Anna Borromeo sa und ihm ruhig
entgegenlchelte. Ich wollte doch einmal sehen, wo du residierst,
sagte sie, und ihre Stimme klang ein wenig heiser. Arnold bat, sie mge
ihn noch eine kurze Weile entschuldigen, er msse einen Freund
fortschicken. Sie nickte und schlug ein Landschaftenalbum auf, whrend
Arnold zu Wolmut zurckging und ihm freimtig erklrte, da sie nicht
lnger beisammenbleiben knnten. Auch wenn hier Anla gewesen wre,
Wolmut gehrte nicht zu den Verletzlichen. Sein Verkehr mit Menschen
bestand ja in einer geradezu programmmigen Ehrlichkeit.

Als die beiden Freunde sich voneinander verabschiedet hatten und Arnold
zurckkam, fand er Anna nicht mehr in dem groen Raum. Sie hatte die
Tre zu dem anschlieenden Bibliothekszimmerchen geffnet und sa dort
in der Ecke eines Divans, den Oberleib zurckgebeugt, den Kopf mit
regungslos starrenden Augen auf der Armlehne.

Arnold blieb schweigend stehen.

Wieviel Uhr ist es? fragte Anna, ohne sich zu rhren.

Dreiviertelfnf, antwortete Arnold. Sein Gesicht war ernst geworden,
hatte aber jede Unbefangenheit verloren.

Dann bleibt mir noch eine Stunde, sagte Anna und richtete sich langsam
auf. Komm einmal, Arnold, sieh dir diesen Ring an.

Arnold nahm den Ring aus ihrer Hand. Er drehte ihn hin und her und
meinte endlich: Was ist daran zu sehen? Ein gewhnlicher Ring.

Wenn du ihn trgst, wirst du Macht ber mich haben, entgegnete sie.

Arnold warf ihr einen hastigen Blick zu, betrachtete wieder den Ring,
lchelte mechanisch und gab ihr den Ring zurck. Macht ber dich heit
Ohnmacht ber mich, sagte er.

Manchmal ist mir, als wren wir fr einander geboren, sagte Anna
leise.

Mit stockender Stimme entgegnete Arnold: Du bist mit dem Bruder meiner
Mutter verheiratet.

Das ist wahr, sagte Anna ruhig aber ich bin dreiig Jahre alt und
habe kein Kind.

Ich will dir nur gestehen, fuhr sie fort, und ihre Stimme nahm einen
gleichgltigen Klang an, da ich mich eine Zeitlang mit Valescott
abgegeben habe, ohne da es zu etwas Ernstem htte kommen knnen. Er ist
blind und stumm und wei nur von Abenteuern. Eines Tages verga er seine
Rolle und ich jagte ihn davon. Es war gefhrlich. Aber fr alles, was
ich tue, stehe ich ein mit allem was ich bin.

Arnold schritt auf und ab, die Hnde mit festaneinander geklammerten
Fingern auf dem Rcken. Pltzlich blieb er stehen und sagte mit
erloschenem Blick: Wozu mu ich das wissen? Oder -- er trat zwei
Schritte vor Anna hin und erhob den Kopf, oder ist es dir bekannt, da
ich es schon vorher wute?

Anna war erstaunt. Sie sttzte den Kopf in die Hand und nach einer Weile
sagte sie: Das war unappetitlich, also reden wir von etwas anderm.

Arnold hrte es nicht. Der Klang ihrer Stimme berckte ihn. Ihn
verlangte nach grund- und bodenloser Leidenschaft wie den Eingesperrten
nach Freiheit. Er suchte sich in einer seltsamen Weise zu prfen; indem
er vor Anna auf und abging, verglich er die Empfindung, die er in ihrer
unmittelbaren Nhe hatte, mit derjenigen am entgegengesetzten Teil des
Zimmers. Furcht und Begehrlichkeit ergriffen Arnold. Eine
unergrndliche Falschheit und der Hochmut der Schwche bemchtigten sich
seiner und indem er stehen blieb, sagte er: Ich kann nicht glcklich
sein in der Lge. Ja, Anna, ich sehe wohl, da wir uns etwas andres sein
knnten, als wir uns jetzt sind. Aber ich kann nicht leben in der Lge.
Das ist es.

Anna lchelte mit einem halb vertrumten, halb mitfhlenden Ausdruck.
Nehmen wir also an, es geschieht nach deinem Wunsch? fragte sie.
Nehmen wir an, es geschieht mit Wahrheit?

Zwischen Trauer und Gewissenslast wie zwischen zwei hohen Felsen
stehend, erwiderte Arnold ohne Festigkeit: Das .... wre undenkbar.

Undenkbar? fragte sie mit rtselhafter Miene. Ich kann es denken. Und
du, du kannst es fhlen. Es ist lauter Feigheit. Die sublimste Feigheit,
die nennt man Moral.

Arnold schwieg.

Ich mu fort, sagte sie aufstehend. Hre, Arnold, fgte sie lebhaft
hinzu, ich bin morgen abend ganz allein. Friedrich fhrt nach Preburg.
Willst du mir Gesellschaft leisten?

Morgen abend --? Arnold zgerte, als besinne er sich, ob nicht andere
Verabredungen ihn verpflichteten. Dann versprach er zu kommen. Anna
reichte ihm die Hand und ging. Arnold wanderte beunruhigt, ja, in seinem
Tiefsten bestndig zitternd, durch die Zimmer.




Vierundfnfzigstes Kapitel


Um fnf Uhr morgens erwachte Friedrich Borromeo nach kaum zweistndigem
Schlaf. Er griff nach den Streichhlzern und machte Licht. Er wute, da
es vergeblich war, auf das Wiedereinschlafen zu warten, darum erhob er
sich, als die ersten Morgenlaute von der Strae heraufdrangen. Langsam
wusch er sich und kleidete sich an, und um sechs Uhr war er fertig. Doch
wohin mit all der Zeit, wohin? Neunzehn oder zwanzig Stunden lagen vor
ihm, bis er sich wieder auskleiden konnte, um wieder das Bett
aufzusuchen wie gestern. Jede dieser Stunden forderte ihn zu einer Art
von Zweikampf heraus, und am Abend bemchtigte sich seiner von all dem
Indieluft-Kmpfen eine so grenzenlose Erschpfung, da er sich vor dem
Wiederaufwachen nach sprlichem Schlaf frchtete. Er frchtete die
Gerusche, durch die sich der Tag ankndigt, und das Licht, das der
Sonne vorauseilt scheute er ebenso, wie ihm die Finsternis Grauen
erregte. Er liebte weder das Leben, noch wollte er den Tod, sondern es
war, als ob er einen Schlupfwinkel zwischen den beiden ausspren wolle,
fern von Gedanken, Erinnerungen, Erwartungen und Gefhlen der
Verantwortlichkeit, gleichsam in den ruhenden Mittelpunkt des
ewigbeweglichen Kreises verkrochen. Er htte selbst nicht zu sagen
vermocht, durch welche Einwirkungen allmhlich dieser sonderbare Zustand
von Fulnis in seinem Krper und Gemt entstanden und angewachsen war.
Lustlosigkeit war es, die das Wesen seiner Worte und seiner Handlungen
gebildet hatte von jeher. Er hatte keine Freude an der Welt und keine
Freude an den Menschen und keine Freude an sich selbst. Nur einen
einzigen Menschen gab es, an dem er mit fatalistischer Zuneigung hing,
und das war Arnold.

Die Straen lagen schon in goldner Frhsonne, als Borromeo das Haus
verlie. Er ging in ein Kaffeehaus, frhstckte, las die Morgenbltter,
zahlte und machte sich auf den Weg zur Kanzlei. Er war der erste dort;
in seinem Arbeitsraum war der Diener noch mit Kehren beschftigt, und
der Staub lief in den Sonnenstrahlen wie eine Sammetbrcke durch den
Raum. Unruhig schritt Borromeo umher. Die Schreiber kamen mit
verschlafenen Gesichtern; einer brachte ihm den Gerichtsakt, den er fr
die Verhandlung in Preburg ntig hatte. Er nahm Hut und Mantel und fuhr
zum Bahnhof. Er setzte sich in ein leeres Abteil und gab dem Schaffner
ein Geldstck, damit er ihn allein lasse. Der Zug setzte sich in
Bewegung, und Borromeo schlo die Augen. Pltzlich aber erwachte in ihm
ein tiefer Widerwille gegen das Ziel seiner Fahrt. Er wollte nicht
reden, nicht hren, nicht angestrengt nach Antwort sinnen, nicht
lcheln, fragen, nicken und sich verbeugen, wollte nicht jene
gleichgltigen, altbackenen, gefrorenen, mhseligen Redensarten ber die
Zunge wlzen, durch die allein eine Verstndigung zwischen den Menschen
mglich ist. Als die nchste Haltestation erreicht war, verlie er den
Wagen, nahm seine Aktenmappe unter den Arm und spazierte in den Wald,
welcher unmittelbar hinter dem kleinen Bahnhof begann. Aber nicht lange
setzte er den Weg fort. Die Einsamkeit und Stille flten ihm so groe
Furcht ein, da die Haut ber seiner Brust sich spannte und in ein
konvulsivisches Zittern geriet. Er wagte auch nicht, sogleich wieder
umzukehren, sondern setzte sich auf einen Baumstamm. Was ist mit mir?
dachte er, mir graut vor dem Getmmel der Straen und mir graut vor der
Ruhe des Waldes. Er nahm sein Messer und schabte geduldig die dicke
Rinde von dem Stamm, auf dem er sa bis das gelbe feuchte Fleisch zum
Vorschein kam. Dann seufzte er, erhob sich, wanderte zur Station zurck
und schickte ein Entschuldigungs-Telegramm dorthin, wo er vergeblich
erwartet wurde.

Mit dem nchsten Zug, der erst am spten Nachmittag kam, fuhr er wieder
in die Stadt. Er wollte nicht in die Kanzlei, denn auch dort erwarteten
ihn vielleicht Fragen; er wollte nicht nach Hause. So setzte er sich
denn wieder in ein Kaffeelokal, nur da er jetzt statt der Morgenbltter
die Abendbltter las. Und als er dieser Beschftigung berdrssig war,
lehnte er sich zurck und starrte in die Luft. Viertelstunde auf
Viertelstunde verging. Er empfand Hunger und bestellte ein Butterbrot.
Der Raum wurde leer; es war schon halb zehn, als er sich entschlo,
aufzubrechen. Wieder nahm er seine Aktentasche unter den Arm und schritt
durch die verdenden Straen.

Ohne da ihn jemand hrte, weil er niemand zu stren wnschte, erreichte
er sein Schlafzimmer. Er wollte die Hnde und das Gesicht waschen, doch
waren die Krge auf dem Waschtisch leer. Man hatte ihn fr diese Nacht
nicht zurckerwartet. Er drckte auf den Knopf der Glocke, welche in die
Kche fhrte, aber niemand kam. Er wartete und lauschte und zndete
endlich eine Kerze an, um selbst nachzusehen, denn da es noch nicht zehn
Uhr war, muten die Mdchen oder der Diener noch wach sein. In der Kche
war alles finster; hat sie Anna aus dem Haus geschickt? dachte er, und
ist sie selber fort? Er ffnete die Tre des Salons, auch hier war es
finster, aber durch die Spalten der nchsten Tr drang ein
Lichtschimmer. Er hielt die Kerze vor, ging ber den Teppich, und als er
die Hand auf die Klinke legte, vernahm er Murmeln und Flstern. Leise
ffnete er, denn die Anspruchslosigkeit seines Benehmens war so
bertrieben, da er kaum die Tren weit genug fr seinen Krper zu
ffnen wagte. Er sah zuerst nur ein Stck der dunklen Portiere, mit der
in jenem Zimmer die Tre verhngt war, dann erst konnte er einen Teil
des Zimmers selbst berblicken. Kaum war dies geschehen, als sich sein
Mund im grten Entsetzen weit auseinanderzog. Er lie die Klinke los;
er wagte die Tre nicht wieder zu schlieen, sie hatten nichts gehrt
drinnen und konnten nicht sehen, da die Tre hinter der Portiere offen
stand. Im Korridor entfiel die Kerze seiner Hand, und er tastete sich an
der Mauer weiter bis zu seinem Zimmer, wo die Gaslampe brannte. Mit
einem dnnen, wimmernden Gerusch, das sich fortwhrend seinen Lippen
entprete, warf sich Borromeo auf das Sofa, mit dem Bauch zu unterst.




Fnfundfnfzigstes Kapitel


Als Anna am Morgen erfuhr, da ihr Mann schon den vorherigen Abend
zurckgekehrt sei, ging sie hinber und klopfte an seine Tre. Es wurde
nicht geantwortet. Im Glauben, er schlafe noch, entfernte sie sich
leise, vollendete ihren Anzug und ging aus. Gegen Mittag kam sie nach
Hause und das Stubenmdchen sagte ihr, der gndige Herr habe noch nicht
das Zimmer verlassen und gehe bestndig auf und ab; sie habe nicht
gewagt, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Ohne Hut und Umhang abzunehmen
und ohne etwas zu erwidern, schritt Anna den Korridor entlang und trat
in das Zimmer Borromeos. Sie erblickte mit Erstaunen das unberhrte
Bett. Borromeo stand, ihr den Rcken zuwendend, am Fenster und drehte
sich, als er ihre Schritte hrte, mit bleierner Langsamkeit um. Sie
erschrak so vor seinem Aussehen, da sie einen Schrei ausstie. Bist du
nicht wohl, Friedrich? fragte sie mit schwerer Zunge.

Borromeo antwortete nicht. Er schaute an ihr vorber und seine Lider
fielen ein paarmal zu und hoben sich wieder wie bei den knstlichen
Augen einer Wachsfigur.

Friedrich! rief jetzt Anna Borromeo laut und in Angst.

Es ist nichts, Anna, sagte er nun mit leiser, schleppender Stimme; es
ist nichts, beruhige dich nur.

Hast du denn nicht geschlafen?

Er zuckte die Achseln und packte pltzlich den Bart mit beiden vollen
Hnden. Anna wich mechanisch zurck, als er auf sie zukam. Aber er
schritt an ihr vorbei, kehrte um und ging wieder zum Fenster. Scheu und
besinnend blickte Anna zu Boden, dann eilte sie hinaus, klingelte und
schickte zum Hausarzt, der schon nach einer halben Stunde kam. Anna
wartete auf seinen Bescheid. Gndige Frau, sagte der Arzt, als er
Borromeos Zimmer verlassen hatte, unser Freund scheint sehr verndert;
um das zu konstatieren haben Sie mich aber wahrscheinlich nicht
gebraucht. Die Sache ist die, da er mich nicht einmal seine Hand
ergreifen lie. Er hat mich weggeschickt.

Ich danke Ihnen, Doktor, erwiderte Anna Borromeo freundlich. Ich
selbst begreife nichts davon. Noch gestern war er in der besten
Verfassung ...

Der Arzt zuckte die Achseln. Vielleicht eine geschftliche
Katastrophe --, obwohl er fr solche Dinge doch immer ziemlich
unempfindlich war. Sein Aussehen macht mich bedenklich. Es sieht
verteufelt einer Gemtsstrung hnlich. Warten wir jedenfalls noch die
nchsten vierundzwanzig Stunden ab.

Das Gesprch mit einem Fremden hatte Anna ein wenig beruhigt. Sie setzte
sich zu Tisch, nahm einige Bissen und verlie bald darauf das Haus, um
zu Arnold zu fahren. Er war ausgegangen; sie wartete. Eine Stunde
verflo. Sie lutete dem Diener und bat um ein Glas Wasser. Noch eine
halbe Stunde schlich hin, dann kam Arnold. Er trat ein, noch im Mantel,
den Hut im schlaff herabhngenden Arm haltend. Sein Gesicht, das nun
das vollkommene Oval des geistig leidenden Menschen zeigte, sah geqult
aus.

Ich habe dich warten lassen? Wie lang bist du schon hier? fragte er
hastig. Er setzte sich neben sie und ergriff mit gtiger und
liebenswrdiger Bewegung ihre beiden Hnde.

La nur, Arnold, antwortete sie, entzog ihm die eine Hand, packte ihn
beim Kinn und hob den Kopf ein wenig empor. Er lchelte, wobei er auf
ihren Hals sah. Da fllt mir etwas ein, sagte er ich will dir etwas
geben. Er eilte aus dem Zimmer. Whrend ihres kurzen Alleinseins hatte
Anna Borromeo einen erschreckenden Gedanken. Sie legte beide Hnde an
die Stirn und dachte nach. Ungewiheit war ihr das verhateste aller
Gefhle, deshalb beschlo sie, noch heute ihrem Zweifel ein Ende zu
machen. Aber in ihrem sonst undurchdringlichen Gesicht hatte sich
whrend der kleinen Weile so viel begeben, da Arnold, als er zurckkam,
sie stumm fragend anblickte.

Er brachte eine kleine Schachtel, in welcher ein altertmlicher Schmuck
auf schwarzem Sammet lag. Es war ein Blumenstruchen; die Stengel, frei
gebunden, bestanden aus Gold, die Bltenkelche wurden durch fein
gearbeitete farbige Edelsteine dargestellt. Dies ist noch von meiner
Mutter, sagte Arnold, und du sollst es haben.

Anna betrachtete es, ohne da sie sich eines wunderlichen Schauers
erwehren konnte, der langsam ihren Rcken hinabrieselte. Und du
glaubst, ich soll es tragen? fragte sie. Das geht auf keinen Fall.
Sie heftete die stahlblauen Augen ohne Leidenschaft auf Arnold, dessen
Stirn sich verfinsterte. Was sollen wir also tun, sagte er wie zu sich
selbst und warf einen schchternen Blick zum Himmel.

O, ich knnte es ausdenken, Arnold, da du ihm die ganze Wahrheit sagen
wrdest. So tief drfen wir doch nicht sinken, da uns Mitleid oder
Angst oder Furcht daran verhindert. Oder haben wir uns nur ein kleines
Vergngen auerhalb des Erlaubten verschafft? Besinne dich nur, Arnold,
und versuche, etwas anderes zu tun, als das was ich von dir erwarte und
was du dir schuldig bist. Und ob nach dem ersten Satz, den du ihm gesagt
hast, ich nicht ruhig diese hbsche Brosche werde tragen knnen. Sie
nahm das Schmuckstck zwischen die Fingerspitzen und drckte die Lippen
darauf.

Und diese Worte sagte Anna Borromeo, um zu probieren, das war es. Nicht
glaubte sie daran, da Arnold vor Borromeo mit einem Bekenntnis
hintreten wrde, aber sie wollte sehen, was daraus werden wrde, wenn
die Stunde gekommen war. Fr jetzt hatte sie nur eines im Sinn: zu
erfahren, ob Friedrich Borromeo etwas ahnte oder wute und ob das
unberhrte Bett der heutigen Nacht auf dies Wissen Bezug habe.

Arnold schmte sich und gab ihr recht. Aber er erbleichte, wenn er das
Bevorstehende im Bild zu sehen versuchte, und hatte das Gefhl, als
verbreitete sich Blsse ber Zunge und Gaumen ins Innere des Krpers.
Ich denke daran, sagte er umhergehend, ob Borromeo nicht in Podolin
leben will. Ihn wird es locken, allein zu sein und Ruhe zu haben.

Sie gingen zusammen fort. Indem Arnold an Annas Seite durch die Straen
ging, schnitt er sich mit wilder Entschlossenheit von allem Vergangenen
ab und nahm sich vor, nur die Gegenwart zu leben, den Augenblick zu
nutzen, und was feindlich dagegen aufstand zu vernichten. Daran
klammerte er sich, um sein Herz mit einem Anschein von Recht verhrten
zu knnen.

Ist der Herr zu Hause? fragte Anna Borromeo sogleich, als ihnen das
Mdchen geffnet hatte, und die Antwort lautete bejahend. Gut, fuhr
Anna fort, indem sie Schleier, Hut und Jacke abnahm, wir wollen in
einer Viertelstunde zu Abend essen. Benachrichtigen Sie den Herrn, da
ich auf ihn warte, ich allein, verstehen Sie? Niemand ist sonst
zugegen.

Sie traten in das Speisezimmer. Was heit das? fragte Arnold. Warum
soll er nicht wissen, da ich da bin?

Anna Borromeo ging nahe zu Arnold heran und erwiderte, indem sie
aufmerksam die Ngel ihrer Hand betrachtete: Er ist gestern abend
gekommen, ohne da wir ihn gehrt haben, und ich frchte --

Arnold machte einen Ruck mit dem ganzen Krper. Dann schlug er pltzlich
die Hnde zusammen und wandte sich ab. Anna blickte ihn strenge an. Das
Mdchen trat ein und berichtete: Der gndige Herr hat mir nicht
geantwortet.

Nehmen wir also einstweilen Platz, Arnold, sagte Anna in
gesellschaftlichem Ton.

Kaum saen sie, so ffnete sich die Tre und Borromeo erschien auf der
Schwelle. Und kaum hatte er Arnold am Tisch erblickt, als sein Gesicht
die weie Farbe verlor und sich rtete. Niemand hatte das je zuvor an
ihm beobachtet. Mit schlaffem, blinzelndem Blick sah er Arnold an, dann
trat er wieder zurck, schlo geruschlos die Tre und Anna und Arnold
waren wieder allein. Sie schwiegen lange.

Deine Idee mit Podolin ist sehr gut, sagte endlich Anna Borromeo mit
eigentmlichem Lcheln, so knnte es doch nicht weitergehen. Er hat
ohnehin schon lange aufgehrt unter Menschen zu leben. Fr ihn ist es
das beste und fr uns ist es das ruhigste und einfachste.

Arnold antwortete nicht.

Ich will nicht damit zgern, ich werde sogleich mit ihm sprechen.

Ja, tu es nur, sagte Arnold dumpf, und seine Augen loderten in jener
lgnerischen Entschlossenheit, die ihn berfallen hatte.

Anna erhob sich und ging. Als sie auf den Korridor trat, hrte sie
sonderbare Laute. Der vordere Teil des Flurs war erleuchtet; um zu
Borromeos Zimmer zu gelangen, mute sie, schon im Halbdunkel, um eine
Ecke biegen. Aber hier sah sie auf einmal Borromeo. Er stand regungslos
und murmelte vor sich hin. Friedrich! Friedrich! rief Anna
erschrocken. Er setzte zur Antwort sein Gemurmel fort, aus dem sich
schlielich die hrbaren Worte rangen: Ich kann nicht weiter, es ist
finster. Anna schluckte ihren Schrecken hinab, ging zurck, zndete
eine Kerze an, wobei sie es vermied, einen der Dienstleute aufmerksam
zu machen, und leuchtete dann ihrem Mann voraus.

Es war kalt in Borromeos Zimmer. Er nahm einen rotkarrierten Schal und
hllte ihn um seine Schultern. Anna stellte die Kerze auf den Tisch
nieder und blickte eine Weile sinnend in die Flamme. Es ist nun
geschehen, Friedrich, sagte sie dann. Es hat auch geschehen mssen, --
aus vielen Grnden. Doch du mut dir selbst und uns das berflssige und
Qulende ersparen. Ich schlage dir vor, die nchsten Jahre still auf dem
Land zu verbringen. Deine Nerven sind zerstrt, und so wird es in jeder
Beziehung gut fr dich sein.

Borromeo stand, an die Tr gelehnt, frstelnd, regungslos. Ich kann
nicht auf dem Land leben, sagte er.

Und in der Stadt fhlst du dich keineswegs wohl, sagte Anna
liebenswrdig tadelnd. Also wo willst du denn leben? Im Nichts?

Im Nichts. Ganz recht. Im Nichts, flsterte Borromeo.

Willst du den Skandal? fuhr die Frau ernster fort. Willst du, da ich
gehe?

Ich will nicht einsam drauen leben in der Natur, Anna. Das macht mich
kaput, sagte Borromeo auf einmal erregt, vllig gegen seine sonstige
Art. Er zitterte am ganzen Krper.

Also willst du reisen, Friedrich? fragte Anna liebevoll.

Er schttelte mde den Kopf.

Hre mich, begann Anna wieder. Wie wre es, wenn du nach Podolin
gingest und dort --. Man wrde dir die beste Pflege verschaffen ... Sie
verstummte. Borromeo schaute seine Frau gro und kalt an und erwiderte
langsam: Podolin? Ich? Er trat zum Tisch und sttzte beide Arme auf
die Platte. Eher gleich verdorren, murmelte er vor sich hin.

Anna Borromeo war verwundert. Arnold will es, sagte sie, er selbst
macht dir das Anerbieten und hlt es fr gut.

Da fingen Borromeos Augen zu glhen an und sein Gesicht berzog sich
abermals mit Rte. Arnold? fragte er und nickte dazu krampfhaft mit
dem Kopf. Will --? Das ist nicht wahr! Das will Arnold nicht! Das ist
eine Lge ... eine Lge ist es. Er hatte den Arm ausgestreckt und
deutete mit dem sich bewegenden Zeigefinger ins Leere, als ob er die
Lge mit Augen sehe. Sein ganzes Wesen war unheimlich verwandelt.

ngstlich haschte Anna nach seiner Hand. Borromeo schlo einige Sekunden
die Augen, atmete tief und sein Gesicht erhielt wieder die frhere fahle
Frbung.

Es ist nicht Lge, sagte Anna fast schchtern. Sie ahnte nicht, was in
diesem Augenblick in dem Manne vorging.

Nun gut, sagte Borromeo mit grblerischem und traurigem Ausdruck.
Podolin, -- das ist schlimm, schlimm fr mich. Aus vielen Grnden, wie
du dich ausgedrckt hast. Aber, er erhob nun wieder seine Stimme, die
dann nicht laut klang, aber unendlichen Zorn und Kummer in sich zu
verhalten schien, aber wenn Arnold vor mich hertritt und mir sagt:
dies, Onkel Borromeo, will ich, dies halte ich fr gut, nun, dann ...
dann will ich nach Podolin.

Anna senkte den Kopf, dachte noch eine Weile nach und verlie stumm das
Zimmer.




Sechsundfnfzigstes Kapitel


Er will es nicht, Arnold. Er strubt sich dagegen wie gegen Feuer,
sagte Anna Borromeo, als sie in das Speisezimmer zurckkam. Er war so
erregt, wie ich ihn nie sah. Ich glaube, es wre schlecht fr ihn, nach
Podolin zu gehen.

Arnold war verwundert. Es mu ja nicht sein, antwortete er.

Wenn Arnold vor mich hintritt und sagt, ich will es, gut dann will ich
gehn, sagt er. Das sind seine Worte. Anna legte sich ermdet auf das
Sofa.

Arnold verstummte. Die Vorstellung, da Borromeo wissen knnte, was ihn
mit Anna verband, versetzte ihn pltzlich in die grte Angst.

Am nchsten Tag erzhlte Anna, da Borromeo dem Diener befohlen habe,
sein Bett in dem Zimmer aufzustellen, welches an sein eigenes stie. Er
irrte durch die Rume im Haus, ging in das obere Stockwerk, stellte sich
zu den Dienstboten, ohne etwas zu reden. Die Leute begannen sich vor ihm
zu frchten. Bei Nacht ffnete er das Fenster und sphte die Gasse
hinauf und hinunter. So ging es bis zum Ende der Woche. Sein Benehmen
war stets sanft und still. Und als am Montag Anna in ihrem Salon Besuche
empfing, stellte sich pltzlich auch Borromeo ein, blickte jedem
einzelnen mit besinnendem Ausdruck ins Gesicht, setzte sich in die Nhe
des Ofens und schien aufmerksam den Gesprchen zu folgen. Wenn ihn
selber jemand ansprach, nickte er oder schttelte den Kopf. Er blieb
sitzen, bis der letzte gegangen war und bis Arnold kam. Nun schritt
Borromeo ruhig hinaus, wanderte eine Weile im Flur auf und ab, bis er
zusammenschreckte, sich umsah, Hut und Mantel nahm und auf die Strae
ging.

Annas Gemt verdunkelte sich langsam unter dem ihr unerklrlichen Blick
Borromeos. Seine Nhe lie sie erstarren, sein nicht zu brechendes
Schweigen erfllte sie mit Grauen. Sie getraute sich kaum mehr, das Haus
zu verlassen, und wenn sie mit Arnold allein war, gerieten beide
unwillkrlich in den Flsterton. Das ertrug Arnold nicht. So geduckt zu
stehen und auf das Ungefhre zu warten, folterte seinen Stolz und
vernichtete seine sanfteren Empfindungen. Gelst auf Gelst siedete in
seinem Herzen empor, und er suchte Anna dorthin zu ziehen, von wo er
selbst sie vorher zurckgehalten hatte. Aber sie schien wie gelhmt.
Finde einen Rat! sprachen ihre Augen. Er wollte nicht erkennen, was er
htte tun sollen, und er vermochte es nicht mehr. Da dachte er wieder an
jenen ersten Ausweg: Podolin! Und er gelangte zu dem Schlu, da es ja
nur auf ihn selbst ankam, da Borromeo die Entscheidung von ihm selbst
abhngig gemacht hatte. Er brauchte nur zu reden. Als ob
gemeinschaftliche Qual sie beide in diesem Punkt erflle, teilte er Anna
ruhig mit, was er fr das beste halte. Sie stimmte ihm nicht zu, riet
aber auch nicht ab; sie schwieg.

So kam der Abend. Borromeo, hie es, sei soeben heimgekehrt. Arnold ging
hinber, pochte an die Tre und trat ein. Borromeo sa am Tisch vor der
Lampe. Er erblickte Arnold, und es war, als ob eine lang
zurckgehaltene, gewaltige Angst in seinem Gesicht nun offen zur Schau
trete. Arnold suchte sich durch den Anblick der im Zimmer verstreuten
Gegenstnde zu sammeln. Dann begann er. Es ist besser fr dich, dort
einsam zu sein, als hier, sagte er unter anderm. Podolin ist ja
gewissermaen ein Familiensitz fr uns geworden. Nichts wird dir zur
Behaglichkeit fehlen, und es wird nicht lange dauern, bis du dich von
deinem unerklrlichen Leiden erholt hast. Podolin ist gesund fr das
Gemt.

Arnold konnte nicht anders, er mute seinen Blick in denjenigen
Borromeos tauchen; er versuchte nicht einmal, ihn abzuwenden. Und nicht
verga er diesen Blick, der durch Traum, Schlaf und Wachen seine gleiche
Gewalt behielt. Jetzt erst nahm er wahr, da Borromeo alles wute. Aber
das lie ihn fast gleichgltig gegenber dem einen Wort, das aus
Borromeos Augen unsichtbar auf ihn zustrmte: Ungerechter!

Borromeo stand etwas schwerfllig auf und sagte kurzangebunden: Gut,
ich gehe. Verla das Zimmer, Arnold.

Als Arnold drauen war, stellte sich Borromeo aufrechter Haltung ans
Fenster und weinte. Aber er schmte sich seiner Trnen selbst vor der
Nacht und htte gern seinen Kopf in die Erde gebohrt. Eine Stunde
verging. Der Diener brachte das Essen. Borromeo gewahrte es nicht. Bis
Mitternacht stand er fast unbeweglich. Dann setzte er sich vor den
Schreibtisch, und sein Kopf sank auf die Brust. Bald begann er zu
trumen.

Er sah sich auf einer kleinen kahlen Insel vollkommen allein; das Meer
ringsum bewegte sich nicht, sondern war still wie Blei. Darber erwachte
er, aber das Entsetzen blieb. Er frchtete sich vor Podolin wie ein Kind
vor dem Gang in die Finsternis. Aber Arnold wollte es, und nicht aus
Unterordnung oder Einsicht fgte sich Borromeo, sondern um Arnold zu
beweisen, wie sehr er im Unrecht handle, denn Borromeo fhlte, was
bevorstand. Damit hatte er auch abgeschlossen mit allem, was ihn an das
Leben knpfte.

Der Diener Christian, ein anhnglicher Mensch, der schon elf Jahre im
Hause war, sollte Borromeo begleiten und bei ihm bleiben. Er packte
Wsche und Kleider in den Koffer und mittags um zwei Uhr sollten sie zum
Bahnhof fahren. Borromeo lag auf dem Bett und stierte in die Luft. Sein
Blick schien sich nicht vom nchsten Umkreis seines Krpers entfernen zu
knnen. Oft seufzte er tief und lang. Anna kam, gab dem Diener Auftrge,
forderte von ihm tglichen Bericht, dann stand sie stumm vor Borromeo,
der sich langsam erhob und an ihr vorbeiging. Der Diener nahm den
Koffer, Borromeo folgte in gebeugter Haltung, blickte nicht vorwrts,
nicht seitwrts, sondern nur einwrts wie ein fast Erblindeter. Anna
zitterte ber die ganze Haut, als sie ihm nachblickte. Sie sperrte
Borromeos Zimmer zu und steckte den Schlssel in ihre Tasche.

Eine halbe Stunde spter kam Arnold. Er hatte noch gestern
telegraphische Anweisung fr die Aufnahme in Podolin getroffen und den
dortigen jungen Arzt, der alte war verstorben, mit einem Wagen auf die
Station bestellt. Das teilte er Anna Borromeo mit, aber sie nahm es khl
auf. Schweigend sa er bei ihr, bis sich ein trber Zorn in ihm
angesammelt hatte. Er packte mit beiden Hnden ihren Kopf, bog ihn zu
sich heran und fragte durch die Zhne, indem er seine aufgerissenen
Augen vor ihre halbgeschlossenen hielt: Sieht denn die Erfllung anders
aus als der Wunsch? Und Anna entgegnete flsternd: Ja. Da erhob sich
Arnold, lachte und ging. Gern htte ihn Anna zurckgerufen, aber sie
konnte nicht. Ihre Neugierde hatte nichts mehr zu erwarten. Freiheit und
Geheimnislosigkeit war das, was sie am wenigsten ersehnte. Sie versank
in eine de Trauer. Sie trauerte darber, da sie sich von Arnold ihre
Schulden hatte bezahlen lassen, und vieles erschien ihr nur noch gemein
und hlich, was vor der Erfllung abenteuerlich gewesen war. Zu rasch
hatte sich alles erfllt, zu viel hatte er gegeben; zu viel und zu
wenig, denn von ihm selbst besa sie nichts. Sie verwnschte ihr Leben.

In der Kanzlei und unter den Bekannten wurde erzhlt, Borromeo sei zur
Erholung fr einige Wochen nach dem mhrischen Landgut seines Neffen
gereist. Aber auch andere Gerchte tauchten auf und zngelten umher, die
auf Anna Borromeo Bezug hatten. Sie sprte es, denn Leute wie sie, die
nur durch die Luft dieser besonderen Welt ihr besonderes Leben fhren,
erleiden eine Art Tod, wenn sie sich nicht mehr ebenbrtig geachtet
wissen. Seltsam, von der Stunde an, wo Borromeo aus dem Hause gegangen,
waren Anna und Arnold wie voneinander abgeschnitten. Ruhelosigkeit und
Zerfahrenheit herrschten in Arnolds Verrichtungen. Er war so sehr mit
sich selbst beschftigt, da alles auerhalb Liegende seine Wichtigkeit
eingebt hatte. Und doch, wenn er zu dem Punkte kam, wo es htte hell
werden knnen, so blieb er stehen und begann zu trumen. Er verlor
Appetit und Schlaf, er verlor die Teilnahme an den Menschen, die ihn
bewundert und geliebt hatten. Er verlangte Rechenschaft von sich, aber
bei der ersten Erwiderung, die seine Vernunft oder sein Herz gab,
schauderte er zurck. Er hatte kein Ma fr den Lauf der Tage, er
achtete die Zeit nicht mehr. Eingefangen und verstrickt erschien er
sich, verschlungen von etwas Ungeheurem. Er sprte die Erschtterung
eines Sturmes, aber nicht er selbst litt darunter, sondern ein von ihm
abgelstes Wesen, das im leeren Raume umhertrieb wie ein Fahrzeug ohne
Ruder und Mast. Kaffeehaus, Theater, Spiel, Gesellschaft, alles zog ihn
an und stie ihn, kaum genossen, wieder ab. Er konnte nicht begreifen,
was denn eigentlich mit ihm geschehen sei, und er hegte fieberhafte
Wnsche, wnschte eine neue Erde zu finden, einen andern schweifenden
Stern, um dort von neuem zu beginnen, was hier so widernatrlich sich in
Unheil und Migeschick gebohrt hatte. Bestndig glaubte er, glhende
Luft zu atmen und eine wunderliche Scheu erfllte ihn, zu denken und zu
schauen. Oft sa er allein und starrte, wie ein Schiffbrchiger aufs
Wasser starrt, das immer ruhiger zu werden droht und sich weigert,
selbst den Balken weiterzutreiben, an den er sich hlt.

Eines Abends gegen die Dmmerstunde, es ging schon tief in den Herbst
hinein, suchte er Anna Borromeo auf. Sie zeigte ihm die Berichte
Christians und des Arztes aus Podolin. Beide hatten sich einander zu
verhehlen gesucht, was dort vorging, aber das letzte Schreiben des
treuen Dieners lautete wie folgt: Gndige Frau, der gndige Herr sieht
jetzt immer Gesichter in der Luft. Er glaubt, jemand will ihn
totschlagen. Er will auch keine Speise nehmen, der gndige Herr, weil er
glaubt, jemand will ihn vergiften. Er sagt, er hrt Stimmen, und der
Doktor von Podolin sagt, der gndige Herr verliert den Verstand. Er sagt
auch, der gndige Herr, er will ans Gericht gehen, um sein Recht zu
erhalten.

Anna Borromeo las vor. Arnold hatte die Lehne eines Stuhles gepackt, sie
gegen die Knie gedrckt, so fest, da die Lehne pltzlich am Sitz
entzweibrach. Mit einem sonderbaren Laut sprang er auf, trat ans
Fenster, erblickte aber nichts als den Nebel, der sich blulich-wei wie
Milch an die Scheiben drckte. Dann murmelte er einen Gru, warf drauen
in aller Hast den Mantel um und ging. Ihm brannte das Gesicht, der
Hals, die Brust und die Fe. Er lief durch die Straen, als ob Leben
und Tod von der Schnelligkeit seines Schrittes abhnge, um pltzlich
stehen zu bleiben und mit zusammengeballten Hnden und verzweiflungsvoll
aufgerissenen Augen wie ein dem Fieberbett Entlaufener um sich zu
blicken, an eine Hauswand gelehnt, in den Nebel tastend, als ob er ein
Gebilde seiner Phantasie wre. Da sah er gegenber auf der andern Seite
der Strae die geffneten Tren einer Kirche. Ein feierliches rtliches
Dunkel dehnte sich in dem leeren Raum. Er ging hinber, betrat die
Kirche, sank in einer finstern Ecke auf die Knie und betete, betete
hastig, aufblicklos, glaubenslos, mit verschlossener, strmischer,
strmisch einen Abgrund hinunterrollender Seele.




Siebenundfnfzigstes Kapitel


Er kam auf die Strae und sah nichts; er sah nicht einmal die Strae,
viel weniger die Menschen. Er taumelte mehr, als da er ging; er
flsterte, seufzte und machte mit den Armen trunkene Bewegungen. Ja
ja, rief er stehen bleibend und den Arm in die Hhe streckend, einem
alten Mann nach, der stillzufrieden an ihm vorbeigegangen war, ja ja.
Der Alte drehte sich um, stutzte und lachte.

Zu Hause machte er in allen Zimmern Licht. An den elektrischen Flammen
war ihm nicht genug, er zndete auch noch Kerzen an. Es war ihm kalt,
wie wenn er aus der Ofenwrme eines Zimmers auf ein Eisfeld getreten
wre. Kein Gegenstand vermochte den Blick seiner Augen zu fesseln; eine
gerechte und furchtbare Macht rollte pltzlich den Faden seines Lebens
nach rckwrts ab und zwang Arnold, sich umzuwenden und der Gewalt zu
folgen. Die ersten Stunden der Nacht vergingen in einer vollkommenen
Besinnungslosigkeit. Er eilte unaufhrlich durch die Flucht der Zimmer.
Vllig erschpft warf er sich endlich auf ein Sofa. Dennoch nahte Bild
auf Bild, qulend wie die Trume an der Grenze des Erwachens. Er legte
den Kopf zwischen die Hnde und schlief ein, gerade als der erste
Tagesstrahl die Finsternis drauen durchbohrte. Er trumte, er se auf
einem armseligen Leiterwagen, welcher durch Schnee und Regen nach
Podolin fuhr. Ein frchterlicher Blitz erleuchtete das Dunkel und Arnold
sah, da er gegen Borromeo die Peitsche schwang. Denn kein Pferd war
vorgespannt, sondern Borromeo zog das knirschende Gefhrt durch den
tiefen Schlamm und Morast, und beim Aufflammen des Blitzes gewahrte
Arnold die angespannte Nackenhaut und den mde gesenkten Kopf. Pltzlich
aber wandte sich Borromeo, schritt auf Arnold zu und wollte reden, da
erwachte Arnold von der Berhrung des Dieners, der seinem Herrn gefllig
zu sein glaubte, wenn er ihn aus so unbequemer Schlafgelegenheit half.

Er ging ins Badezimmer, lie einen kalten Wasserstrahl ber den Kopf
laufen, trocknete und kmmte sich und verlie das Haus. Langsam schritt
er durch den unbeweglichen Morgennebel. Nach einer halben Stunde stand
er vor dem Haus, wo einst Verena gewohnt hatte. Eine Stimme erhob sich
aus der Ferne, rief, rief ... Arnold konnte nicht verstehen. War es
Verenas Stimme? Fremd war ihm Verena. Wie dunkel lagen die Wege!

Valescott begegnete ihm. Wie sehen Sie aus, lieber Freund! rief der
Leutnant. Ihnen ist nicht wohl, wie? Soll ich einen Wagen besorgen? den
Arzt benachrichtigen? Nichts von alledem. Arnold entzog sich dem
Besorgten. Jedes menschliche Gesicht flte ihm Furcht ein, denn in
jedem sah er verwandelt sein eigenes, aller guten Triebe beraubt, leer,
dnkelhaft und lgnerisch.

Ohne da ein Vorsatz seine Schritte gelenkt htte, befand er sich
pltzlich vor dem Nordbahnhof. In der Halle studierte er den Zugsplan
und sah, da er in einer Stunde nach Podolin fahren konnte. Er kaufte
ein Billett, setzte sich im Wartesaal in einen dunkeln Winkel, und so,
ohne Reisegepck, in wster, geschlagener Dumpfheit, bestieg er auch den
Zug.




Achtundfnfzigstes Kapitel


Der Nebel bedeckte das Land und schien die Bewegung und das Klappern der
Rder zu dmpfen. Schwarze Bume streckten mit verzweifelter Gebrde
ihre ste in den Qualm. Mitten auf freier Strecke mute der Zug halten,
und die Bediensteten liefen rufend hin und wieder. Arnold stieg aus und
ging langsam neben einem Acker zur Maschine, vor welcher der Leichnam
eines Pferdes hingestreckt lag. Geschftig, aber unttig standen die
Leute beisammen. Arnold wandte sich ab; der Kopf des toten Tieres
erinnerte ihn an sein Traumpferd. Angst und Ahnung lieen seine Zge
zusammenschrumpfen wie den Schwamm eine Faust.

Das Zeichen zur Weiterfahrt wurde gegeben. Arnold setzte sich wieder in
seine Ecke, Minute auf Minute rollte hrbar an seinem Ohr vorbei und
mischte sich mit den Millionen der schon verflossenen. Leicht glaubte
Arnold diejenige herausklauben zu knnen, whrend welcher er auf so
rtselhafte Weise sich selbst verloren hatte. Aber alle sahen einander
gleich; stumm wie Holzscheite schwammen sie auf dem glatten Strom der
Zeit ins Ewige hinaus.

Die Station kam, in der Arnold den Zug verlie. Weit und breit war kein
Wagen zu haben. Er mute zu Fu nach Podolin. Der Boden war hart, wenn
auch nicht gefroren. Von oben schien Gott gegen die Erde zu blasen,
worauf das Nebelwerk widerwillig verflog. Wie in die Tiefe eines
Trichters blickte ein Stck hellblauen Himmels herab. Leer und still
dehnte sich das Land. Auch vor Arnolds Schritten wich der Nebel zurck,
bis er sich allmhlich gegen den Horizont drngte. Die Sonne beschien
ihn brunlich golden und nur den Flu entlang trmte er sich noch wie
eine fabelhafte Bergkette.

Es war drei Uhr nachmittags, als er durch eine Biegung des Wegs rechts
den Hgel von Podolin gewahrte. Er ging links gegen den Ansorge-Hof;
auf dem hlzernen Steg, der ber den Flu fhrte, blieb er stehen und
schaute ins Wasser. Jetzt erst dachte er daran, wen das heimatliche Haus
drben beherbergte, und eine finstere Verzagtheit ergriff von ihm
Besitz. Morastig und faul wie das Wasser unten erschien ihm sein
Inneres, und er lehnte sich mit einer Inbrunst an das schwache
Holzgelnder des Stegs, als frchte er, selbst das dunkle Abbild seines
Ichs zu verlieren, welches der Wasserspiegel zurckgab und welches ihm
doch wenigstens seine eigenen Zge, seine Augen, seinen Mund, seine Arme
zeigte.

Er ging weiter und trat ins Haus, als Ursula gerade mit mehlweien
Hnden aus der Kche kam. Freude schien die Alte ber sein Kommen nicht
zu empfinden. Die Luft im Hause war verndert. Ursula, die hier ihre
eigentliche Heimat gefunden hatte, fhlte sich nun unbehaglich. In dem
schmalen Flur ging Arnold auf und ab; Ursula beobachtete ihn traurig und
etwas erstaunt. Sie fragte, wo er sein Reisegepck habe, doch er
antwortete nicht. Er knne nur in der Hinterstube wohnen, fuhr sie
betrbt fort, die drei andern Zimmer htten der Herr Onkel und Christian
inne.

Arnold stellte sich auf die Schwelle zur Kchentre und lehnte die eine
Schlfe gegen den Pfosten, whrend Ursula hantierte und dabei erzhlte.
Sie buk einen Obstkuchen fr Borromeo; nur dies esse er bisweilen, sonst
verweigere er fast alle Nahrung. Er sei sehr ruhig, nur in der Nacht
fange er oft an zu phantasieren, aber niemand knne etwas davon
begreifen. Es drfe nie finster sein, er frchte sich vor der
Finsternis. Bevor er sich niederlege, schliche er zehnmal zu den Tren,
um zu sehen, ob sie fest verschlossen seien. Oft lasse ihm dieser
Gedanke auch im Schlaf keine Ruhe, und Christian msse dann mit der
Kerze in alle Winkel leuchten. Der hiesige Doktor behauptet, fuhr
Ursula fort, da die Einsamkeit an allem schuld ist und da jetzt
nichts mehr zu machen ist. Er ist unheilbar. Jede Woche luft uns auch
eins vom Gesinde davon. Sie sind aberglubisch und ngstigen sich vor
dem guten Herrn wie vor dem Teufel.

Arnold ging wieder in den Flur zurck. Er trat an die Tre von Borromeos
Zimmer und legte die Hand auf die Klinke. Er wagte nicht einzutreten,
ihm schwindelte. Unsicheren Schrittes ging er auf den Hof und sah vom
Zaun aus gegen die Fenster. Dann eilte er in den Park. Er atmete schwer.
Pltzlich aber stand er still und klammerte den einen Arm um eine Fhre.
Mit aller Gewalt sammelte er sich zu einem Entschlu. Seine Stirn und
Blicke waren gesenkt, als er zum Haus zurckging. Ohne weiteres Zaudern
ffnete er die Tr zum Zimmer des Oheims.

Borromeo sa einige Schritte vom Fenster entfernt und schaute, eine
steinerne Unbeweglichkeit in allen Gliedern und selbst im Gesicht, gegen
die Landschaft hinaus. Sein Bart war vollstndig grau geworden. Der
ziemlich kahle und seltsam abgeplattete Kopf mit der niedrigen Stirn
hatte etwas von einem aufgesetzten Wachsmodell. Die Hnde waren gelb und
schmutzig. Sehr langsam wandte Borromeo den Kopf gegen die Tre. Das
Gerusch des Eintretenden war lngst verklungen, aber es schien, als
brauchten die Laute zehnfache Zeit, um zu seinem Ohr zu gelangen. Er
blickte Arnold ins Gesicht. Sein Blick schien nicht sehen, sondern nur
tasten zu knnen. Er fletschte die Lippen und lchelte endlich, wobei
Geifer in den Bart rann.

Schrecklich hob und spannte sich Arnolds Brust. Onkel Borromeo, kennst
du mich nicht? fragte er endlich.

H --? machte Borromeo. Es war ein empfindungsloser Laut, von einer
Bewegung des Mitrauens begleitet. Auf einmal sagte er, indem er beide
Hnde zur Hhe des Halses erhob: Zurckgesetzt ... sie lauern ... man
mu vo--orsichtig sein ... Sie sperren einen sonst ins Kloster ...

Arnold, als ob er einen Faustschlag auf den Hinterkopf erhalten htte,
wankte und streckte den Arm aus. Borromeo verdrehte ngstlich die Augen
und wollte sich erheben. Da nahm sich Arnold zusammen und verlie den
Raum.




Neunundfnfzigstes Kapitel


Drauen berfiel ihn eine betubende Schlafsucht. Er taumelte in das
Zimmer, das Ursula inzwischen notdrftig fr ihn hergerichtet hatte,
warf sich auf die nackte Matratze und schlief ein.

Nach Mitternacht erwachte er, erhob sich, suchte Licht zu machen, fand
aber weder Streichhlzer, noch Kerze. Er tastete sich, nachdem er den
Mantel umgeworfen hatte, in den Flur, fand aber die Haustre versperrt.
Er berlegte, ob er Ursula wecken solle; er lehnte die Stirn an die
kalte Mauer, und feurige Gebilde erschienen vor seinen ungewissen Augen.
In seinem Innern war eine ahnungsvolle Stille eingetreten. Wenige
Minuten, und er kehrte zurck und stieg durch das Fenster in den Hof,
zog vor dem frostigen Anhauch der Nacht den Mantel fest ber der Brust
zusammen, und bald hatte er das Haus weit im Rcken.

Das Land lag dumpf und schwarz. Wie er so ging, schien es, als suche er
auf dem Boden etwas, das ihm gehrte. Mit feuchten Augen blickte er in
das Dunkel und rief pltzlich aus: Bezahlen! das ist das groe Wort,
bezahlen!

Auf einer hgeligen Erhebung des Bodens blieb er stehen. Fern, hinter
dem fernsten Waldrand glhte der schwarze Himmel rot. Ein Brand schien
dort zu wten, aber der runde, abgegrenzte Feuerfleck sah mehr wie das
geffnete Tor zu einer unbekannten Welt aus. Arnold sprte, wie eine
geistergleiche Hand Trbes und Ungleiches aus seinem Innern entfernte
und wie das ungeduldig pochende Herz sich ausdehnte und freier zu
schlagen begann. Bezahlen, dachte er, das ist es. Nicht darum handelt es
sich, von neuem hinauszugehen und zu probieren, ob das Schlechte nicht
wiederkommt. Nicht darf man sich betrgen und glauben, ein neues Leben
ist da, wenn man nur das alte vergessen kann. Und wie sehr ich vergessen
kann, das hat sich gezeigt. Wenn ich das Gute und Groe vergessen
konnte, um wie viel eher werde ich das Schlechte und Gemeine vergessen.
Leicht ist es, sich selber zu betrgen und zu glauben, du bist besser
geworden, nur weil du gesehen hast, wie schlecht das Schlechte ist. Habe
ich nicht erfllt, wozu ich mich ausersehen hatte, so ist auf ewig
verloren, was mir bestimmt war. Es ist unrechtmig, glcklich werden zu
wollen, wenn man schlecht gelebt hat. Ich darf mich nicht schleppen mit
dem Vergangenen und ich darf es nicht hinter mich werfen, -- was mu ich
also tun, damit Gerechtigkeit entsteht?

Mechanisch streckte er die Arme aus, und es war ihm, als knne ihn die
Erde nicht lnger tragen. Schauer auf Schauer berflutete ihn.
Undeutlich und fieberhaft zuerst, dann, indem die Wlbung seiner Brust
und seiner Stirne sich furchtbar spannten, erst Gedanke, dann Gefhl,
dann zusammenrauschend und -strzend, erhob sich eine Stimme wie der
Flgelschlag eines heranschwebenden Vogels: Nur wenn du nicht mehr bist,
wird auch dein bel nicht mehr sein; erst aus der shnenden Tat erwacht
das Bessere wieder!

Er sank zu Boden. Seine Finger bohrten sich in den Sand, Wange und Kinn
wurden von einem Strauch geritzt, Krmpfe durchzuckten seinen Krper.
Wann hat es begonnen? grbelte er; an welchem Tag, zu welcher Stunde?
Langsam hat mich ein Ungeheuer umschlungen, und seine Kunst war es, mich
mde und faul zu machen. Eingeschlfert hat es mein Herz und dann
entzwei gerissen. Bezahlen mut du, Arnold, bezahlen!

Als er sich erhob, wuchs wie neugeboren auch sein ganzes Wesen empor,
gesammelt, friedlich und fest. Er war sich selber dankbar, und als ob er
in einer dazwischenliegenden, dunklen Zeitspanne nur mit einem kleinen
Teil seiner Sinne gelebt htte, _fhlte_ er sich jetzt, fhlte er klar
und leicht den menschlichen Sieg ber die ungefhren, blind
niederreienden Schicksalsmchte.

Der stliche Himmel kam ins Glhen. Mit einem seltsam khlen und
heiteren Lcheln setzte Arnold seinen Weg fort. Er verfolgte gespannt
das Auseinanderflieen der flammenden Cirruswlkchen und wie der Himmel
mit jeder Minute klarer und strahlender wurde, als htte ihn eine
verborgene Quelle mit Blue bergossen. Die Luft war frisch und
dnstelos. Als Arnold nach Podolin kam, war es schon ziemlich weit im
Vormittag, aber die Huser sahen aus, als lgen sie noch im Schlaf.

Bei der Werkstatt eines Mechanikers blieb Arnold stehen und betrachtete
die ausgehngten Flinten und Hirschfnger. Die Werkstatt lag einige
Treppen tiefer als die Strae. Arnold ging hinunter und verlangte einen
Revolver. Er whlte eine billige und gewhnliche Waffe, bezahlte den
geringen Preis und empfahl sich freundlich. Er schritt den Hgel hinan,
kam wieder in die freie Landschaft und sah pltzlich hinter dem Zaun
ihres Grtchens Agnes Hanka. Sie schttelte Zwetschgen von den Bumen
und sah gesund aus. Kaum hatte sie Arnold erkannt, als sie freudig
winkend zum Pfrtchen schritt und ihm schchtern lchelnd die Hand
reichte. Ich wei, da Sie mit Alexander befreundet sind, sagte sie,
da sind Sie also auch mein Freund.

Arnold errtete. Er begriff in diesem Augenblick, was ihn und Hanka
auseinandergerissen hatte. Kopfschttelnd antwortete er: Hanka und ich
sind Freunde gewesen; wir sind es nicht mehr durch meine Schuld. Agnes
lchelte, wie Frauen ber Mnnerumtriebe zu lcheln pflegen. Sie nahm es
nicht recht ernst. Indem sie offen in Arnolds frisches und von innen
strahlendes Gesicht blickte, welches keine bernchtigkeit zeigte, lud
sie ihn zu einem Butterbrot und einem Glas Wein ins Haus. Sie wnschte
stets zu geben; da dies fr sie am leichtesten und unverfnglichsten
war, machte sie ihre Speisekammer zu einem Vorzimmer ihres Herzens.

Arnold hatte Hunger und nahm die Einladung an. Alsbald setzte Agnes
Brot, Schinken, Butter, Honig und eingemachte Frchte vor ihn hin,
rckte einen Stuhl an die andere Seite des Tisches und sah gerhrt und
dankbar dem eifrig Essenden zu, denn sie hatte seit langer Zeit keinen
Gast mehr in ihrem Hause gehabt. Arnold erzhlte mit Vorsicht von Hanka,
denn er erinnerte sich, da er gewisse Geheimnisse vor Agnes nicht
preisgeben drfe. Als er genug gegessen, getrunken und erzhlt hatte,
erhob er sich, reichte der lieben Wirtin die Hand und ging.

In ziemlich weitem Bogen fhrte sein Weg gegen den Ansorge-Hof. Als er
das Haus betrat, erfuhr er von Ursula, da um sieben Uhr morgens ein
Arzt und ein Wrter angekommen seien und schon zwei Stunden spter seien
Borromeo und Christian mit jenen beiden wieder abgereist. Arnold zuckte
zusammen, als er dies vernahm, wie wenn sich lngstvergessenes Unheil
wieder vor seinem inneren Blick entfalte; aber dies war nur ein letztes
Gedenken. Ruhig wanderte er eine Zeit ber im Hof auf und ab. Dann trat
er von neuem ins Haus, suchte einen Bogen reinen Papiers aus der Lade,
wo dergleichen verwahrt wurde, setzte sich nicht ohne Umstndlichkeit an
einen Tisch und schrieb: Der Ansorge-Hof fllt nach meinem Tode mit
allem beweglichen und unbeweglichen Gut an unsere alte Dienerin Ursula
Kmmerer. Mein in ungarischen Staatspapieren auf der Depositenbank
liegendes Barvermgen im Betrage von achtmalhundertvierzigtausend Gulden
laut Kontokorrent vom 1. Juli #a. c.# vermache ich meinem Freunde, dem
Statthaltereibeamten Ludwig Wolmut, zurzeit in Graz. Er soll es auf eine
solche Weise verwenden, die dem in unsern gemeinschaftlichen Gesprchen
oft aufgestellten Ideal angemessen ist. Ich vertraue ihm. Bei klarem
Bewutsein meiner selbst und in gerechter Selbstbestimmung habe ich dies
niedergeschrieben zu Podolin in Mhren, am 27. Oktober. Arnold Ansorge.




Sechzigstes Kapitel


Es war zwei Uhr nachmittags, als Arnold das Haus verlie.

Er ging ein Stck am Flu entlang, bis er zu einem verwahrlosten
Httchen kam. Am Ufer hockten ein Mann und ein Weib und flickten Netze.
Im Wasser lag ein kleines Boot. Arnold bat die Leute um das Fahrzeug; er
wolle nur bis zum Wald hinunter rudern. Zugleich gab er dem Mann ein
Guldenstck und stieg ein. Stehend, mit der Stange stie er das Boot
fluabwrts, wobei er lange Ruhepausen machte, um den strahlenden Himmel
oder sein dunkleres Abbild im dunklen Wasser zu betrachten. Es schien
ihm, als gleite er zwischen zwei Himmeln dahin.

An einer ziemlich einsamen Stelle, wo der Wald an beiden Ufern dicht zum
Wasser trat, legte Arnold an und kettete das Boot an einen Stamm. Seine
Blicke fielen auf das hellgrne Moos, den Bltterteppich, die
glitzernden Grserspitzen, das Mckengewimmel in der weilichen Luft,
durch gelbe und goldene Sonnenstrahlen schieend. Er horchte auf das
feine Sausen des Windes hoch in den Kronen, auf vielfltige, schlfrige,
halberstorbene Laute, Zweigeknacken, Bltterrascheln, das Flattern
kleiner Vgel. Die meisten Strucher waren schon kahl; auf einem kleinen
Wiesenstck standen Hunderte violetter Herbstzeitlosen. In der Tiefe des
Forstes ertnte Hundegeklff, dann ebenso fern das Knallen einer
Peitsche. Bisweilen stieg ein Hauch wie Nebel zwischen den Stmmen
empor.

Die Sonne war am Sinken. Rtlich zitterten die Tannennadeln in der Luft.
Der Himmelsausschnitt, den eine Lichtung wahrnehmen lie, vernderte
sein sattes Tiefblau ins Grnlich-Violette. Arnold legte sich auf eine
Schicht von braunem Nadelwerk. Mit der Hand haschte er nach den Fden
des Altweibersommers, die ihn umschwebten. Vertieft blickte er dann auf
einen Ameisenzug neben seiner Schulter, und er fhlte sich klein wie
eine Grille und betrachtete liebend diese Welt der Ameisen und den Wald
der Grser von unten und innen. Seine Zge wurden noch ruhiger als
bisher, aber auch ernster. Er rckte ein wenig hinauf, um sich bequem an
den dicken Stamm der Fhre lehnen zu knnen, die von allen ringsum am
hchsten ragte, als erste das Abendrot an ihrer Spitze auffing und im
Osten zugleich den Mond begrte. Arnold pflckte einen Grashalm und zog
ihn lchelnd durch den Mund, so da die tauige Feuchtigkeit seine Lippen
erfrischte. Dann ffnete er den Rock und das Hemd, zog den Revolver aus
der Tasche und drckte die Laufmndung fest gegen die linke Brust.

                           _Ende_




Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlag erschienen:

Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. 9. Auflage.
Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe.
Der niegekte Mund. Hilperich. Novellistische Studien.
Alexander in Babylon. Roman. Dritte Auflage.
Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage.

Bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart:

Caspar Hauser oder die Trgheit des Herzens. Roman. 6. Aufl.



Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlage erschienen:


Die Juden von Zirndorf

Roman. Neubearbeitete Ausgabe

Geh. M. 4.--, geb. M. 5.--

Der Verfasser der Geschichte der jungen Renate Fuchs, Jakob
Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman Die Juden von
Zirndorf in einer neubearbeiteten Ausgabe herausgegeben, der die
Krzungen trefflich zustatten gekommen sind. Ein merkwrdiger Roman,
diese Juden von Zirndorf. Kaum je hat ein jdischer Poet seinen
Glaubensgenossen und ber das Judentum der Gegenwart berhaupt schrfere
und zutreffendere Dinge gesagt, als Wassermann in diesem Buche. Die
besten Eigenschaften des jdischen Volkes erscheinen in ihm selbst
verkrpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch sich selbst
nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann eine starke,
jedoch mehr mystisch als sinnlich glhende Phantasie, der namentlich in
dem phantastischen Vorspiel des Romans, welches eine mit dem
Erscheinen des merkwrdigen Messias Sabbatai Zewi verknpfte
Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glnzende
poetische Leistung gelungen ist. Dieses Vorspiel bildet den Grundakkord
zu der in unseren Tagen spielenden Geschichte der Juden von Zirndorf,
in denen ein begabter Jngling Agathon, in dem das edelste Judentum
verkrpert ist, die von einem brutalen Christen erduldete Schmach durch
einen Mord an seinem Peiniger rcht. Dennoch beweist der Dichter sowohl
in der reichen Flle feingezeichneter Charaktere als im Gange der
Handlung die vollkommenste Objektivitt.

(Neue Zrcher Zeitung)

Dieser Roman ist das vielleicht noch immer bedeutendste Buch
Wassermanns. Schon sein Gegenstand, die Judenfrage, in einer tiefen und
nachsprenden Weise dargestellt, reizt das aktuelle Interesse. Dabei ist
der Verfasser, selbst ein Jude, voll klarer Einsicht in die Dinge und
steht, soweit das berhaupt mglich ist, ber ihnen. Das Buch gehrt
nach Form und Inhalt zu den bedeutendsten Erscheinungen in der deutschen
Literatur der letzten Jahre.

(Arbeiterzeitung, Wien)


Die Geschichte der jungen Renate Fuchs

Roman. Neunte Auflage. Geh. M. 6.--, geb. M. 7.50

Jedes groe, befreiende Buch mu ein Buch der Erlsung und der
Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlsung der Frauen, die
alten sinnlichen Vorurteilen zu mitrauen beginnen, die ihr Schicksal,
ihr Frauenschicksal erleben und nicht lnger leibeigen sein wollen. --
Seit dem Grnen Heinrich Kellers ist in deutscher Sprache kein so
interessanter und tiefsinniger Roman erschienen.

(Die Zukunft)

Ernsthafte Kritiker werden nach sorgfltiger Registrierung aller
Stimmungen und aller Gedankentiefen, nach angestrengtem Studium aller
Formfeinheiten und aller Seelenanalysen auf Eid und Gewissen versichern
drfen, da es sich bei dem Buch Jakob Wassermanns wirklich um ein
bedeutendes dichterisches Werk handle, um ein Werk, von dem jedes
Kapitel ein vollgltiger Beweis intimster Empfindung und feinster
Erkenntnis der menschlichen Natur sei.

(Berliner Tageblatt)

Ein subjektives Entzcken ist es eigentlich, das an dieses Buch fesselt.
Ein subjektiver, mnnlich empfundener Frauenroman -- damit kann man das
Buch literarisch kennzeichnen. Ich halte es fr ein Ereignis. Bei
Wassermanns Darstellungskunst im einzelnen kann ich nicht lange
verweilen. Seiner Art von psychologischer Dialektik widersteht man
nicht: sie rhrt ans Feinste und oft an kaum mehr Sagbares. Seine
Erfindung im kleinen, im Zusammenhnge-Schaffen und Verweben von Motiven
ist fr den mitstrebenden Arbeitsgenossen bewundernswert. Und seine
Sprache, das eigentlich Schnste und Phantasievollste an ihm, wchst
aus schlichtesten Einzelheiten zu wundervollen Wirkungen. Durch den
deutschen Naturalismus und andere Errungenschaften ist im Lande unserer
Kunst nun jahrelang gest worden, Wassermanns Roman ist reiche Ernte.

(Die Zeit, Wien)


Der niegekte Mund -- Hilperich

Novellistische Studien. Geh. M. 2.--, geb. M. 3.--

In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzhlungskunst eine mehr als
respektable Hhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer
so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen
Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist
ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in
den Verhltnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die Linie
fliet, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten,
Ausfhrung und Andeutung zueinander stehen -- alles das verrt einen in
Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein viel Talent. In
dieser Hinsicht wren nur wenig Aussetzungen zu machen, so wenige, da
man sie verschweigen darf und erklren: der knstlerisch Genieende, der
Kenner, wird hier sein volles Gengen finden.

(Die Zeit, Wien)


Alexander in Babylon

Roman. Dritte Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50

Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders
Rckkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzhlt,
dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit
ebenso khner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr
ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende
Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch
pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk,
sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine kaum
genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehrt zu unsern schnsten
deutschen Prosabchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen
zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und
beseelt.

(Neue Freie Presse, Wien)

Wassermann hat mit dieser Krankheitsgeschichte eines Riesengeistes ein
Kunstwerk geschaffen, das weit hinausragt ber die meisten historischen
Romane alten Stiles.

(Kreuzzeitung, Berlin)

... Da man sich ja nicht durch die Erinnerung an die gyptischen Romane
von Ebers oder an die Vlkerwanderungsromane von Felix Dahn abschrecken
lasse, diesen Alexander in Babylon zu lesen. Hier gibt es keine in
Griechen oder Perser verkleidete deutsche Leutnants; man braucht nur,
wenn man es nicht ohnehin sprt, in Plutarchs Alexander nachzulesen,
um alsobald zu begreifen, da Wassermann die antike Welt gleichsam in
seine Seele hineingeglht hat, etwa so, wie es in neuerer Zeit der
Dichter Hugo von Hofmannsthal in seinem Drama Elektra tat.

(Berner Bund, Bern)

Nach Babylon! Der bloe Name versetzte die Sldner in Entzcken. Der
wei nichts von irdischer Glckseligkeit, hie es unter ihnen, der
nichts von Babylon wei. Und auch uns versetzt der Name dieser groen
Stadt in Entzcken, erinnern wir uns ihrer nach dem Lesen dieses Buches,
so intensiv, so herrlich, so betrend ist uns Babel, fr das das Neue
Testament nicht genug verchtliche Ausdrcke finden konnte, geschildert
worden. Babylon -- das ist das Leitmotiv dieses Buches, die goldene,
unermelich groe, an Freuden nie auszuschpfende. Und oft scheint es
sogar, als ob auch Alexander nur ihretwegen geschaffen sei. Aber es lag
dazu doch eine zwingendere Notwendigkeit vor. Wassermann wollte sich
auseinandersetzen mit einer solchen herrlichen, die Zeiten berdauernden
Persnlichkeit. Und wie er's getan, das ist bewunderungswrdig.

(Neue Hamburger Zeitung)

... So mu Alexander der Groe, der Bezwinger des Orients, gewesen
sein, so mu er, als der Traum der Weltherrschaft ihn packte und er sich
gtterhoch ber die Mitmenschen erhoben dnkte, Menschenverachtung und
brtende Einsamkeit umfangen, und ihm auch die geraubt haben, die er
liebte und denen er vertrauen wollte. So, wie Wassermann mit dem Pinsel
eines echten Knstlers malt, mu die Glut des Orients gebrannt haben; so
mu die Farbenpracht Indiens und die Gre Babylons, die berckende
Schnheit der Frauen Persiens und Indiens, die Idee, die Welt den
mazedonischen Waffen zu Fen zu legen, auf die Mnner, die Alexander
umgaben und mit ihm zogen, eingewirkt haben ... Manche Schilderungen
erheben sich zu erschtternder Kraft, man hrt die Herzen gegen die
Rippen pochen, die Leidenschaften wten und emporzngeln und steht starr
und von Grauen berwltigt vor dem unerbittlichen Walten eines scheinbar
finsteren Verhngnisses.

(Dna-Zeitung, Riga)


Die Schwestern

Drei Novellen. Dritte Auflage.

Geh. M. 2.--, geb. M. 3.--

In den zehn Jahren, die nunmehr seit dem ersten Auftreten Jakob Wassermanns
verflossen sind, ist keinerlei Wandlung in der Art seines knstlerischen
Schaffens, seiner knstlerischen Anschauungen vor sich gegangen. Dieses
stete Sichgleichbleiben in der Auffassung von Menschen und Dingen,
Belebtem und Unbelebtem verrt, da die melancholisch-dstere, manchmal
seltsame und bizarre Art, in der dieser Dichter das Leben vergangener
wie heutiger Zeit geistig sieht und wiedergibt, echt, nicht anempfunden
und verlogen ist. Pseudoknstler lieben es aus gutem Grunde, Masken zu
tragen, die ihr wahres Antlitz verbergen sollen; unwillkrlich aber
fllt zuweilen die Larve und offenbart die uninteressanten Zge eines
vermummten Bluffers.

Wer aber wie Jakob Wassermann in so mannigfachen Schpfungen, in
Wesentlichem wie Unwesentlichem, Groem wie Kleinem stets sich gleich
geblieben ist, gibt wohl das wahre Abbild seines Denkens und Dichtens,
nicht ein geputztes und geschminktes. So stammt also das Verschleierte
und Nebulose, das Rtselhafte und Versteckte, das berreizte und
Nervse, das vielen Figuren seines knstlerischen Schaffens so sehr
eignet, aus Wassermanns tiefinnerer Natur selbst, und steht in voller
Harmonie mit jener seltsamen Art und Weise, in der er sich individuell
mit Menschen und Menschenwerk alter und neuer Zeit psychisch abfindet.
Alter Zeit, der die exotischen Naturen seiner Novellen Schwestern und
des Vorspiels der Juden von Zirndorf angehren, neuer Zeit, in der die
Juden von Zirndorf selbst und die Fortsetzung dieses Romanes, die
Geschichte der jungen Renate Fuchs spielen. Die sonderbaren Erlebnisse
der Schwestern zu erzhlen, die fremdartig anmutenden Frauen Johanna,
Sara und Clarissa kritisch zu analysieren, sei ngstlich und mit Absicht
vermieden: solch Unterfangen hiee mit plumper Hand eingreifen in ein
wundersames Spiel von Phantasie und Wirklichkeit, wie's nur ein Meister
dunkler Knste zu dichten vermag. Aber angemerkt sei, da auch in diesem
neuen Werke die seelische Eigenart Wassermanns, die zehn Jahre vorher
schon im Erstlingswerke des Jugendlichen, den Juden von Zirndorf, so
deutlich fhlbar ward, in unverminderter Strke in Erscheinung tritt;
da nach wie vor unerschpft geblieben ist die Gabe, in unserer schweren
deutschen Sprache auch die geheimsten Regungen der schwermtigen und
gepeinigten Seele wiederzugeben, und die Gabe, mit feinem, mit feinstem
Striche die phantastische Silhouette flchtig vorberhuschender, eilig
wieder auftauchender Menschen festzuhalten.

(Allgemeine Zeitung, Mnchen)

Die Heldinnen dieser Novellen gehren zu jenen glcklichen,
unglcklichen Geschpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht,
ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem
Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus
dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen.
Glnzen uns hier nicht Schnheiten entgegen, die wir sonst an unserem
Lebenswege vergeblich suchen? ffnet sich hier nicht dem Blick ein neues
Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen?
Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde Schwrmerei ist
das Buch, in den Tnen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder Traum,
von siegesstarken Sehnschten und Ahnungen durchzuckt. Man liest es, um
es nicht mehr zu vergessen.

(Hannoverscher Kurier)

Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der
Schilderung des Tatschlichen von der Einfachheit der altitalienischen
Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam geschliffenen
Wortprgungen spezifisch Wassermannscher Art. Nur einem kabbalistischen
Grbelsinn, einer so heien Phantasie wie der dieses deutschen
Orientalen konnte es gelingen, die Verrcktheiten der kastilischen
Isabella so tief poetisch mrchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei
phantastisch konstruierten Kriminalfllen das Rauschen geheimnisvoller
seelischer Unterstrmungen so hervortnen zu lassen. -- Das historische
Vorspiel der Juden von Zirndorf, Alexander in Babylon und diese drei
Novellen bezeichnen fr mich bisher die Hhepunkte im Schaffen Jakob
Wassermanns.

(Ernst von Wolzogen im Literarischen Echo)

Diese Geschichten, die etwas Legendres an sich haben, sind erfllt von
einem unheimlichen unterirdischen Klingen, etwas Grauenhaftes webt in
ihnen, das uns bannt, und wir spren Fden aus fernen Welten, die wir
ahnen, aber nicht kennen. Die Novellen sind vorgetragen in einem
ruhigen, khlen, klaren, ganz und gar sachlichen Stil, der dabei etwas
Prezises an sich hat und der das leidenschaftliche Brausen absichtlich
verbirgt. Es sind absichtlich stilisierte Novellen, aber das Leben ist
nicht etwa erstarrt in ihnen, es ist nur gebndigt; der Autor steht ber
dem, was er berichtet; nicht so sehr sein Herz spricht als vielmehr sein
knstlerisches Bewutsein. Diese drei Frauengestalten stehen wie ein
paar alte, goldtonige Gemlde vor uns.

(Rheinisch-Westflische Zeitung, Essen)



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der dritten und vierten, vom Autor neubearbeiteten Auflage
erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller
gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 082: [Komma entfernt] als frchtete er sie zu zerzausen.,
S. 090: tyranischem bereinkommen -> tyrannischem
S. 102: [evtl.: Mundwinkeln] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.
S. 125: [Anfhrungszeichen ergnzt] Wir knnen uns auf einen groen
S. 126: [vereinheitlicht] darauf lchelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich
S. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine
S. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels
S. 148: [Anfhrungszeichen ergnzt] ist dem Teufel zu schlecht.
S. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem
S. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette
S. 237: [Punk ergnzt] und darauf sitzenbleiben.
S. 255: [Anfhrungszeichen ergnzt] da du mich liebst,
S. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen
S. 295: [Anfhrungszeichen] eine Schulter. Sie haben -> Schulter. Sie
S. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm
S. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in
S. 337: Glaubst du, ich rechne auf dich? -> dich?
S. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersezt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of a third
and fourth edition copy, newly revised by the author. The table below
lists all corrections applied to the original text.

p. 082: [removed extra comma] als frchtete er sie zu zerzausen.,
p. 090: tyranischem bereinkommen -> tyrannischem
p. 102: [possibly: "Mundwinkeln"] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.
p. 125: [added quote] Wir knnen uns auf einen groen
p. 126: [normalized] darauf lchelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich
p. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine
p. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels
p. 148: [added quote] ist dem Teufel zu schlecht.
p. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem
p. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette
p. 237: [added period] und darauf sitzenbleiben.
p. 255: [added quote] da du mich liebst,
p. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen
p. 295: [fixed quote] eine Schulter. Sie haben -> Schulter. Sie
p. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm
p. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in
p. 337: Glaubst du, ich rechne auf dich? -> dich?
p. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua:    #text in Antiqua font# ]





End of the Project Gutenberg EBook of Der Moloch, by Jakob Wassermann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MOLOCH ***

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