The Project Gutenberg eBook of Die Leute von Seldwyla -- Band 2, by
Gottfried Keller


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Title: Die Leute von Seldwyla -- Band 2


Author: Gottfried Keller



Release Date: February 9, 2009  [eBook #28042]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LEUTE VON SELDWYLA -- BAND 2***


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      Antiquaschrift: #Antiquatext#]





Gottfried Kellers

Gesammelte Werke

Fnfter Band

[Illustration: Verlags-Logo]

Stuttgart und Berlin 1913

J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger


       *       *       *       *       *


DIE LEUTE VON SELDWYLA

Erzhlungen von

GOTTFRIED KELLER

Zweiter Band

74.-78. Auflage







[Illustration: Verlags-Logo]


Stuttgart und Berlin 1913

J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger

Alle Rechte vorbehalten




     Inhalt

                                        Seite

     Einleitung                             7

     Kleider machen Leute                  11

     Der Schmied seines Glckes            66

     Die mibrauchten Liebesbriefe        101

     Dietegen                             188

     Das verlorene Lachen                 260



Seit die erste Hlfte dieser Erzhlungen erschienen, streiten sich etwa
sieben Stdte im Schweizerlande darum, welche unter ihnen mit Seldwyla
gemeint sei; und da nach alter Erfahrung der eitle Mensch lieber fr
schlimm, glcklich und kurzweilig, als fr brav aber unbeholfen und
einfltig gelten will, so hat jede dieser Stdte dem Verfasser ihr
Ehrenbrgerrecht angeboten fr den Fall, da er sich fr sie erklre.

Weil er aber schon eine Heimat besitzt, die hinter keinem jener
ehrgeizigen Gemeinwesen zurcksteht, so suchte er sie dadurch zu
beschwichtigen, da er ihnen vorgab, es rage in jeder Stadt und in jedem
Tale der Schweiz ein Trmchen von Seldwyla, und diese Ortschaft sei
mithin als eine Zusammenstellung solcher Trmchen, als eine ideale Stadt
zu betrachten, welche nur auf den Bergnebel gemalt sei und mit ihm
weiterziehe, bald ber diesen, bald ber jenen Gau, und vielleicht da
oder dort ber die Grenze des lieben Vaterlandes, ber den alten
Rheinstrom hinaus.

Whrend aber einige der Stdte hartnckig fortfahren, sich ihres Homers
schon bei dessen Lebzeiten versichern zu wollen, hat sich mit dem
wirklichen Seldwyla eine solche Vernderung zugetragen, da sich sein
sonst durch Jahrhunderte gleich gebliebener Charakter in weniger als
zehn Jahren gendert hat und sich ganz in sein Gegenteil zu verwandeln
droht.

Oder, wahrer gesagt, hat sich das allgemeine Leben so gestaltet, da die
besonderen Fhigkeiten und Ncken der wackeren Seldwyler sich herrlicher
darin entwickeln knnen, ein gnstiges Fahrwasser, ein dankbares
Ackerfeld daran haben, auf welchem gerade sie Meister sind und dadurch
zu gelungenen, beruhigten Leuten werden, die sich nicht mehr von der
braven brigen Welt unterscheiden.

Es ist insonderlich die berall verbreitete Spekulationsbettigung in
bekannten und unbekannten Werten, welche den Seldwylern ein Feld
erffnet hat, das fr sie wie seit Urbeginn geschaffen schien und sie
mit _einem_ Schlage Tausenden von ernsthaften Geschftsleuten
gleichstellte.

Das gesellschaftliche Besprechen dieser Werte, das Herumspazieren zum
Auftrieb eines Geschftes, mit welchem keine weitere Arbeit verbunden
ist, als das Erdulden mannigfacher Aufregung, das Erffnen oder Absenden
von Depeschen und hundert hnliche Dinge, die den Tag ausfllen, sind so
recht ihre Sache. Jeder Seldwyler ist nun ein geborener Agent oder
dergleichen, und sie wandern als solche frmlich aus, wie die Engadiner
Zuckerbcker, die Tessiner Gipsarbeiter und die savoyischen Kaminfeger.

Statt der ehemaligen dicken Brieftasche mit zerknitterten Schuldscheinen
und Bagatellwechseln fhren sie nun elegante kleine Notizbcher, in
welchen die Auftrge in Aktien, Obligationen, Baumwolle oder Seide kurz
notiert werden. Wo irgend eine Unternehmung sich auftut, sind einige
von ihnen bei der Hand, flattern wie die Sperlinge um die Sache herum
und helfen sie ausbreiten. Gelingt es einem, fr sich selbst einen
Gewinn zu erhaschen, so steuert er stracks damit seitwrts, wie der
Karpfen mit dem Regenwurm, und taucht vergngt an einem andern Lockort
wieder auf.

Immer sind sie in Bewegung und kommen mit aller Welt in Berhrung. Sie
spielen mit den angesehensten Geschftsmnnern Karten und verstehen es
vortrefflich, zwischen dem Ausspielen schnelle Antworten auf
Geschftsfragen zu geben oder ein bedeutsames Schweigen zu beobachten.

Dabei sind sie jedoch bereits einsilbiger und trockener geworden; sie
lachen weniger als frher und finden fast keine Zeit mehr, auf Schwnke
und Lustbarkeiten zu sinnen.

Schon sammelt sich da und dort einiges Vermgen an, welches bei
eintretenden Handelskrisen zwar zittert wie Espenlaub, oder sich sogar
still wieder auseinander begibt wie eine ungesetzliche Versammlung, wenn
die Polizei kommt.

Aber statt der frheren plebejisch-gemtlichen Konkurse und
Verlumpungen, die sie untereinander abspielten, gibt es jetzt vornehme
Akkommodements mit stattlichen auswrtigen Glubigern, anstndig
besprochene Schicksalswendungen, welche annherungsweise wie etwas
Rechtes aussehen, sodann Wiederaufrichtungen, und nur selten mu noch
einer vom Schauplatze abtreten.

Von der Politik sind sie beinahe ganz abgekommen, da sie glauben, sie
fhre immer zum Kriegswesen; als angehende Besitzlustige frchten und
hassen sie aber alle Kriegsmglichkeiten, wie den baren Teufel, whrend
sie sonst hinter ihren Bierkrgen mit der ganzen alten Pentarchie zumal
Krieg fhrten. So sind sie, ehemals die eifrigsten Kannegieer, dahin
gelangt, sich ngstlich vor jedem Urteil in politischen Dingen zu hten,
um ja kein Geschft, bewut oder unbewut, auf ein solches zu sttzen,
da sie das blinde Vertrauen auf den Zufall fr solider halten.

Aber eben durch alles das verndert sich das Wesen der Seldwyler; sie
sehen, wie gesagt, schon aus wie andere Leute; es ereignet sich nichts
mehr unter ihnen, was der beschaulichen Aufzeichnung wrdig wre, und es
ist daher an der Zeit, in ihrer Vergangenheit und den guten lustigen
Tagen der Stadt noch eine kleine Nachernte zu halten, welcher Ttigkeit
die nachfolgenden weiteren fnf Erzhlungen ihr Dasein verdanken.




Kleider machen Leute


An einem unfreundlichen Novembertage wanderte ein armes Schneiderlein
auf der Landstrae nach Goldach, einer kleinen reichen Stadt, die nur
wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist. Der Schneider trug in seiner
Tasche nichts als einen Fingerhut, welchen er, in Ermangelung irgend
einer Mnze, unablssig zwischen den Fingern drehte, wenn er der Klte
wegen die Hnde in die Hosen steckte, und die Finger schmerzten ihm
ordentlich von diesem Drehen und Reiben, denn er hatte wegen des
Fallimentes irgend eines Seldwyler Schneidermeisters seinen Arbeitslohn
mit der Arbeit zugleich verlieren und auswandern mssen. Er hatte noch
nichts gefrhstckt als einige Schneeflocken, die ihm in den Mund
geflogen, und er sah noch weniger ab, wo das geringste Mittagsbrot
herwachsen sollte. Das Fechten fiel ihm uerst schwer, ja schien ihm
gnzlich unmglich, weil er ber seinem schwarzen Sonntagskleide,
welches sein einziges war, einen weiten dunkelgrauen Radmantel trug, mit
schwarzem Sammet ausgeschlagen, der seinem Trger ein edles und
romantisches Aussehen verlieh, zumal dessen lange schwarze Haare und
Schnurrbrtchen sorgfltig gepflegt waren und er sich blasser aber
regelmiger Gesichtszge erfreute.

Solcher Habitus war ihm zum Bedrfnis geworden, ohne da er etwas
Schlimmes oder Betrgerisches dabei im Schilde fhrte; vielmehr war er
zufrieden, wenn man ihn nur gewhren und im stillen seine Arbeit
verrichten lie; aber lieber wre er verhungert, als da er sich von
seinem Radmantel und von seiner polnischen Pelzmtze getrennt htte, die
er ebenfalls mit groem Anstand zu tragen wute.

Er konnte deshalb nur in greren Stdten arbeiten, wo solches nicht zu
sehr auffiel; wenn er wanderte und keine Ersparnisse mitfhrte, geriet
er in die grte Not. Nherte er sich einem Hause, so betrachteten ihn
die Leute mit Verwunderung und Neugierde und erwarteten eher alles
andere, als da er betteln wrde; so erstarben ihm, da er berdies nicht
beredt war, die Worte im Munde, also da er der Mrtyrer seines Mantels
war und Hunger litt, so schwarz wie des letzteren Sammetfutter.

Als er bekmmert und geschwcht eine Anhhe hinauf ging, stie er auf
einen neuen und bequemen Reisewagen, welchen ein herrschaftlicher
Kutscher in Basel abgeholt hatte und seinem Herrn berbrachte, einem
fremden Grafen, der irgendwo in der Ostschweiz auf einem gemieteten oder
angekauften alten Schlosse sa. Der Wagen war mit allerlei Vorrichtungen
zur Aufnahme des Gepckes versehen und schien deswegen schwer bepackt zu
sein, obgleich alles leer war. Der Kutscher ging wegen des steilen Weges
neben den Pferden, und als er oben angekommen den Bock wieder bestieg,
fragte er den Schneider, ob er sich nicht in den leeren Wagen setzen
wolle. Denn es fing eben an zu regnen und er hatte mit einem Blicke
gesehen, da der Fugnger sich matt und kmmerlich durch die Welt
schlug.

Derselbe nahm das Anerbieten dankbar und bescheiden an, worauf der Wagen
rasch mit ihm von dannen rollte und in einer kleinen Stunde stattlich
und donnernd durch den Torbogen von Goldach fuhr. Vor dem ersten
Gasthofe, zur Wage genannt, hielt das vornehme Fuhrwerk pltzlich, und
alsogleich zog der Hausknecht so heftig an der Glocke, da der Draht
beinahe entzwei ging. Da strzten Wirt und Leute herunter und rissen den
Schlag auf; Kinder und Nachbaren umringten schon den prchtigen Wagen,
neugierig, welch' ein Kern sich aus so unerhrter Schale enthlsen
werde, und als der verdutzte Schneider endlich hervorsprang in seinem
Mantel, bla und schn und schwermtig zur Erde blickend, schien er
ihnen wenigstens ein geheimnisvoller Prinz oder Grafensohn zu sein. Der
Raum zwischen dem Reisewagen und der Pforte des Gasthauses war schmal
und im brigen der Weg durch die Zuschauer ziemlich gesperrt. Mochte es
nun der Mangel an Geistesgegenwart oder an Mut sein, den Haufen zu
durchbrechen und einfach seines Weges zu gehen, -- er tat dieses nicht,
sondern lie sich willenlos in das Haus und die Treppe hinangeleiten und
bemerkte seine neue seltsame Lage erst recht, als er sich in einen
wohnlichen Speisesaal versetzt sah und ihm sein ehrwrdiger Mantel
dienstfertig abgenommen wurde.

Der Herr wnscht zu speisen? hie es, gleich wird serviert werden, es
ist eben gekocht!

Ohne eine Antwort abzuwarten lief der Wagwirt in die Kche und rief:
Ins drei Teufels Namen! Nun haben wir nichts als Rindfleisch und die
Hammelskeule! Die Rebhuhnpastete darf ich nicht anschneiden, da sie fr
die Abendherren bestimmt und versprochen ist. So geht es! Den einzigen
Tag, wo wir keinen solchen Gast erwarten und nichts da ist, mu ein
solcher Herr kommen! Und der Kutscher hat ein Wappen auf den Knpfen und
der Wagen ist wie der eines Herzogs! und der junge Mann mag kaum den
Mund ffnen vor Vornehmheit!

Doch die ruhige Kchin sagte: Nun, was ist denn da zu lamentieren,
Herr? Die Pastete tragen Sie nur khn auf, die wird er doch nicht
aufessen! Die Abendherren bekommen sie dann portionenweise, sechs
Portionen wollen wir schon noch herausbringen!

Sechs Portionen? Ihr verget wohl, da die Herren sich satt zu essen
gewohnt sind! meinte der Wirt, allein die Kchin fuhr unerschttert
fort: Das sollen sie auch! Man lt noch schnell ein halbes Dutzend
Kotelettes holen, die brauchen wir so wie so fr den Fremden, und was er
brig lt, schneide ich in kleine Stckchen und menge sie unter die
Pastete, da lassen Sie nur mich machen!

Doch der wackere Wirt sagte ernsthaft: Kchin, ich habe Euch schon
einmal gesagt, da dergleichen in dieser Stadt und in diesem Hause nicht
angeht! Wir leben hier solid und ehrenfest und vermgen es!

Ei der Tausend, ja, ja! rief die Kchin endlich etwas aufgeregt, wenn
man sich dann nicht zu helfen wei, so opfere man die Sache! Hier sind
zwei Schnepfen, die ich den Augenblick vom Jger gekauft habe, die kann
man am Ende der Pastete zusetzen! Eine mit Schnepfen geflschte
Rebhuhnpastete werden die Leckermuler nicht beanstanden! Sodann sind
auch die Forellen da, die grte habe ich in das siedende Wasser
geworfen, wie der merkwrdige Wagen kam, und da kocht auch schon die
Brhe im Pfnnchen, so haben wir also einen Fisch, das Rindfleisch, das
Gemse mit den Kotelettes, den Hammelsbraten und die Pastete; geben Sie
nur den Schlssel, da man das Eingemachte und den Dessert herausnehmen
kann! Und den Schlssel knnten Sie, Herr! mir mit Ehren und Zutrauen
bergeben, damit man Ihnen nicht allerorten nachspringen mu und oft in
die grte Verlegenheit gert!

Liebe Kchin! Das braucht Ihr nicht bel zu nehmen, ich habe meiner
seligen Frau am Totbette versprechen mssen, die Schlssel immer in
Hnden zu behalten; sonach geschieht es grundstzlich und nicht aus
Mitrauen! Hier sind die Gurken und hier die Kirschen, hier die Birnen
und hier die Aprikosen; aber das alte Konfekt darf man nicht mehr
aufstellen; geschwind soll die Lise zum Zuckerbeck laufen und frisches
Backwerk holen, drei Teller, und wenn er eine gute Torte hat, soll er
sie auch gleich mitgeben!

Aber Herr! Sie knnen ja dem einzigen Gast das nicht alles aufrechnen,
das schlgt's beim besten Willen nicht heraus!

Tut nichts, es ist um die Ehre! Das bringt mich nicht um; dafr soll
ein groer Herr, wenn er durch unsere Stadt reist, sagen knnen, er habe
ein ordentliches Essen gefunden, obgleich er ganz unerwartet und im
Winter gekommen sei! Es soll nicht heien, wie von den Wirten zu
Seldwyl, die alles Gute selber fressen und den Fremden die Knochen
vorsetzen! Also frisch, munter, sputet Euch allerseits!

Whrend dieser umstndlichen Zubereitungen befand sich der Schneider in
der peinlichsten Angst, da der Tisch mit glnzendem Zeuge gedeckt wurde,
und so hei sich der ausgehungerte Mann vor kurzem noch nach einiger
Nahrung gesehnt hatte, so ngstlich wnschte er jetzt, der drohenden
Mahlzeit zu entfliehen. Endlich fate er sich einen Mut, nahm seinen
Mantel um, setzte die Mtze auf und begab sich hinaus, um den Ausweg zu
gewinnen. Da er aber in seiner Verwirrung, und in dem weitlufigen Hause
die Treppe nicht gleich fand, so glaubte der Kellner, den der Teufel
bestndig umhertrieb, jener suche eine gewisse Bequemlichkeit, rief:
Erlauben Sie geflligst, mein Herr, ich werde Ihnen den Weg weisen!
und fhrte ihn durch einen langen Gang, der nirgend anders endigte, als
vor einer schnen lackierten Tre, auf welcher eine zierliche Inschrift
angebracht war.

Also ging der Manteltrger ohne Widerspruch, sanft wie ein Lmmlein,
dort hinein und schlo ordentlich hinter sich zu. Dort lehnte er sich
bitterlich seufzend an die Wand, und wnschte der goldenen Freiheit der
Landstrae wieder teilhaftig zu sein, welche ihm jetzt, so schlecht das
Wetter war, als das hchste Glck erschien.

Doch verwickelte er sich jetzt in die erste selbstttige Lge, weil er
in dem verschlossenen Raum ein wenig verweilte und er betrat hiermit den
abschssigen Weg des Bsen.

Unterdessen schrie der Wirt, der ihn gesehen hatte im Mantel dahingehen:
Der Herr friert! heizt mir ein im Saal! Wo ist die Lise, wo ist die
Anne? Rasch einen Korb Holz in den Ofen und einige Hnde voll Spne, da
es brennt! Zum Teufel, sollen die Leute in der Wage im Mantel zu Tisch
sitzen?

Und als der Schneider wieder aus dem langen Gange hervorgewandelt kam,
melancholisch wie der umgehende Ahnherr eines Stammschlosses, begleitete
er ihn mit hundert Komplimenten und Handreibungen wiederum in den
verwnschten Saal hinein. Dort wurde er ohne ferneres Verweilen an den
Tisch gebeten, der Stuhl zurechtgerckt und da der Duft der krftigen
Suppe, dergleichen er lange nicht gerochen, ihn vollends seines Willens
beraubte, so lie er sich in Gottes Namen nieder und tauchte sofort den
schweren Lffel in die braungoldene Brhe. In tiefem Schweigen
erfrischte er seine matten Lebensgeister und wurde mit achtungsvoller
Stille und Ruhe bedient.

Als er den Teller geleert hatte und der Wirt sah, da es ihm so wohl
schmeckte, munterte er ihn hflich auf, noch einen Lffel voll zu
nehmen, das sei gut bei dem rauhen Wetter. Nun wurde die Forelle
aufgetragen, mit Grnem bekrnzt, und der Wirt legte ein schnes Stck
vor. Doch der Schneider, von Sorgen geqult, wagte in seiner Bldigkeit
nicht, das blanke Messer zu brauchen, sondern hantierte schchtern und
zimperlich mit der silbernen Gabel daran herum. Das bemerkte die Kchin,
welche zur Tr hineinguckte, den groen Herren zu sehen, und sie sagte
zu den Umstehenden: Gelobt sei Jesus Christ! Der wei noch einen feinen
Fisch zu essen, wie es sich gehrt, der sgt nicht mit dem Messer in dem
zarten Wesen herum, wie wenn er ein Kalb schlachten wollte. Das ist ein
Herr von groem Hause, darauf wollt' ich schwren, wenn es nicht
verboten wre! Und wie schn und traurig er ist! Gewi ist er in ein
armes Frulein verliebt, das man ihm nicht lassen will! Ja, ja, die
vornehmen Leute haben auch ihre Leiden!

Inzwischen sah der Wirt, da der Gast nicht trank, und sagte
ehrerbietig: Der Herr mgen den Tischwein nicht, befehlen Sie
vielleicht ein Glas guten Bordeaux, den ich bestens empfehlen kann?

Da beging der Schneider den zweiten selbstttigen Fehler, indem er aus
Gehorsam ja statt nein sagte, und alsobald verfgte sich der Wagwirt
persnlich in den Keller, um eine ausgesuchte Flasche zu holen; denn es
lag ihm alles daran, da man sagen knne, es sei etwas Rechtes im Ort zu
haben. Als der Gast von dem eingeschenkten Wein wiederum aus bsem
Gewissen ganz kleine Schlcklein nahm, lief der Wirt voll Freuden in die
Kche, schnalzte mit der Zunge und rief: Hol' mich der Teufel, der
versteht's, der schlrft meinen guten Wein auf die Zunge, wie man einen
Dukaten auf die Goldwage legt!

Gelobt sei Jesus Christ! sagte die Kchin, ich hab's behauptet, da
er's versteht!

So nahm die Mahlzeit denn ihren Verlauf und zwar sehr langsam, weil der
arme Schneider immer zimperlich und unentschlossen a und trank und der
Wirt, um ihm Zeit zu lassen, die Speisen genugsam stehen lie. Trotzdem
war es nicht der Rede wert, was der Gast bis jetzt zu sich genommen;
vielmehr begann der Hunger, der immerfort so gefhrlich gereizt wurde,
nun den Schrecken zu berwinden, und als die Pastete von Rebhhnern
erschien, schlug die Stimmung des Schneiders gleichzeitig um und ein
fester Gedanke begann sich in ihm zu bilden. Es ist jetzt einmal, wie
es ist, sagte er sich, von einem neuen Trpflein Weines erwrmt und
aufgestachelt; nun wre ich ein Tor, wenn ich die kommende Schande und
Verfolgung ertragen wollte, ohne mich dafr sattgegessen zu haben! Also
vorgesehen, weil es noch Zeit ist! Das Trmchen, was sie da aufgestellt
haben, drfte leichtlich die letzte Speise sein, daran will ich mich
halten, komme was da wolle! Was ich einmal im Leibe habe, kann mir kein
Knig wieder rauben!

Gesagt, getan; mit dem Mute der Verzweiflung hieb er in die leckere
Pastete, ohne an ein Aufhren zu denken, so da sie in weniger als fnf
Minuten zur Hlfte geschwunden war und die Sache fr die Abendherren
sehr bedenklich zu werden begann. Fleisch, Trffeln, Klchen, Boden,
Deckel, alles schlang er ohne Ansehen der Person hinunter, nur besorgt,
sein Rnzchen voll zu packen, ehe das Verhngnis hereinbrche; dazu
trank er den Wein in tchtigen Zgen und steckte groe Brotbissen in den
Mund; kurz es war eine so hastig belebte Einfuhr, wie wenn bei
aufsteigendem Gewitter das Heu von der nahen Wiese gleich auf der Gabel
in die Scheune geflchtet wird. Abermals lief der Wirt in die Kche und
rief: Kchin! Er it die Pastete auf, whrend er den Braten kaum
berhrt hat! Und den Bordeaux trinkt er in halben Glsern!

Wohl bekomm' es ihm, sagte die Kchin, lassen Sie ihn nur machen, der
wei, was Rebhhner sind! Wr' er ein gemeiner Kerl, so htte er sich an
den Braten gehalten!

Ich sag's auch, meinte der Wirt, es sieht sich zwar nicht ganz
elegant an; aber so hab' ich, als ich zu meiner Ausbildung reiste, nur
Generle und Kapitelsherren essen sehen!

Unterdessen hatte der Kutscher die Pferde fttern lassen und selbst ein
handfestes Essen eingenommen in der Stube fr das untere Volk, und da er
Eile hatte, lie er bald wieder anspannen. Die Angehrigen des Gasthofes
zur Wage konnten sich nun nicht lnger enthalten und fragten, eh' es zu
spt wurde, den herrschaftlichen Kutscher geradezu, wer sein Herr da
oben sei, und wie er heie? Der Kutscher, ein schalkhafter und
durchtriebener Kerl, versetzte: Hat er es noch nicht selbst gesagt?

Nein, hie es, und er erwiderte: Das glaub' ich wohl, der spricht
nicht viel in einem Tage; nun, es ist der Graf Strapinski! Er wird aber
heut und vielleicht einige Tage hier bleiben, denn er hat mir befohlen
mit dem Wagen vorauszufahren.

Er machte diesen schlechten Spa, um sich an dem Schneiderlein zu
rchen, das, wie er glaubte, statt ihm fr seine Geflligkeit ein Wort
des Dankes und des Abschiedes zu sagen, sich ohne Umsehen in das Haus
begeben hatte und den Herren spielte. Seine Eulenspiegelei aufs uerste
treibend, bestieg er auch den Wagen, ohne nach der Zeche fr sich und
die Pferde zu fragen, schwang die Peitsche und fuhr aus der Stadt, und
alles ward so in der Ordnung befunden und dem guten Schneider aufs
Kerbholz gebracht.

Nun mute es sich aber fgen, da dieser, ein geborener Schlesier,
wirklich Strapinski hie, Wenzel Strapinski, mochte es nun ein Zufall
sein, oder mochte der Schneider sein Wanderbuch im Wagen hervorgezogen,
es dort vergessen und der Kutscher es zu sich genommen haben. Genug, als
der Wirt freudestrahlend und hndereibend vor ihn hintrat und fragte, ob
der Herr Graf Strapinski zum Nachtisch ein Glas alten Tokaier oder ein
Glas Champagner nehme, und ihm meldete, da die Zimmer soeben zubereitet
wrden, da erblate der arme Strapinski, verwirrte sich von neuem und
erwiderte gar nichts.

Hchst interessant! brummte der Wirt fr sich, indem er abermals in
den Keller eilte und aus besonderem Verschlage nicht nur ein Flschchen
Tokaier, sondern auch ein Krgelchen Bocksbeutel holte und eine
Champagnerflasche schlechthin unter den Arm nahm. Bald sah Strapinski
einen kleinen Wald von Glsern vor sich, aus welchem der Champagnerkelch
wie eine Pappel emporragte. Das glnzte, klingelte und duftete gar
seltsam vor ihm, und was noch seltsamer war, der arme, aber zierliche
Mann griff nicht ungeschickt in das Wldchen hinein, und go, als er
sah, da der Wirt etwas Rotwein in seinen Champagner tat, einige Tropfen
Tokaier in den seinigen. Inzwischen war der Stadtschreiber und der Notar
gekommen, um den Kaffee zu trinken, und das tgliche Spielchen um
denselben zu machen; bald kam auch der ltere Sohn des Hauses Hberlein
und Co., der jngere des Hauses Ptschli-Nievergelt, der Buchhalter
einer groen Spinnerei, Herr Melcher Bhni; allein statt ihre Partie zu
spielen, gingen smtliche Herren in weitem Bogen hinter dem polnischen
Grafen herum, die Hnde in den hinteren Rocktaschen, mit den Augen
blinzelnd und auf den Stockzhnen lchelnd. Denn es waren diejenigen
Mitglieder guter Huser, welche ihr Leben lang zu Hause blieben, deren
Verwandte und Genossen aber in aller Welt saen, weswegen sie selbst die
Welt sattsam zu kennen glaubten.

Also das sollte ein polnischer Graf sein? Den Wagen hatten sie freilich
von ihrem Kontorstuhl aus gesehen; auch wute man nicht, ob der Wirt den
Grafen oder dieser jenen bewirte; doch hatte der Wirt bis jetzt noch
keine dummen Streiche gemacht; er war vielmehr als ein ziemlich schlauer
Kopf bekannt, und so wurden denn die Kreise, welche die neugierigen
Herren um den Fremden zogen, immer kleiner, bis sie sich zuletzt
vertraulich an den gleichen Tisch setzten und sich auf gewandte Weise zu
dem Gelage aus dem Stegreif einluden, indem sie ohne weiteres um eine
Flasche zu wrfeln begannen.

Doch tranken sie nicht zu viel, da es noch frh war; dagegen galt es,
einen Schluck trefflichen Kaffee zu nehmen und dem Polacken, wie sie den
Schneider bereits heimlich nannten, mit gutem Rauchzeug aufzuwarten,
damit er immer mehr rche, wo er eigentlich wre.

Darf ich dem Herrn Grafen eine ordentliche Zigarre anbieten? Ich habe
sie von meinem Bruder auf Kuba direkt bekommen! sagte der eine.

Die Herren Polen lieben auch eine gute Zigarette, hier ist echter Tabak
aus Smyrna, mein Kompagnon hat ihn gesandt, rief der andere, indem er
ein rotseidenes Beutelchen hinschob.

Dieser aus Damaskus ist feiner, Herr Graf, rief der dritte, unser
dortiger Prokurist selbst hat ihn fr mich besorgt!

Der vierte streckte einen ungefgen Zigarrenbengel dar, indem er
schrie: Wenn Sie etwas ganz Ausgezeichnetes wollen, so versuchen Sie
diese Pflanzerzigarre aus Virginien, selbstgezogen, selbstgemacht und
durchaus nicht kuflich!

Strapinski lchelte sauers, sagte nichts und war bald in feine
Duftwolken gehllt, welche von der hervorbrechenden Sonne lieblich
versilbert wurden. Der Himmel entwlkte sich in weniger als einer
Viertelstunde, der schnste Herbstnachmittag trat ein; es hie, der
Genu der gnstigen Stunde sei sich zu gnnen, da das Jahr vielleicht
nicht viele solcher Tage mehr brchte; und es wurde beschlossen,
auszufahren, den frhlichen Amtsrat auf seinem Gute zu besuchen, der
erst vor wenigen Tagen gekeltert hatte, und seinen neuen Wein, den roten
Sauser, zu kosten. Ptschli-Nievergelt, Sohn, sandte nach seinem
Jagdwagen, und bald schlugen seine jungen Eisenschimmel das Pflaster vor
der Wage. Der Wirt selbst lie ebenfalls anspannen, man lud den Grafen
zuvorkommend ein, sich anzuschlieen und die Gegend etwas kennen zu
lernen.

Der Wein hatte seinen Witz erwrmt; er berdachte schnell, da er bei
dieser Gelegenheit am besten sich unbemerkt entfernen und seine
Wanderung fortsetzen knne; den Schaden sollten die trichten und
zudringlichen Herren an sich selbst behalten. Er nahm daher die
Einladung mit einigen hflichen Worten an und bestieg mit dem jungen
Ptschli den Jagdwagen.

Nun war es eine weitere Fgung, da der Schneider, nachdem er auf seinem
Dorfe schon als junger Bursch dem Gutsherrn zuweilen Dienste geleistet,
seine Militrzeit bei den Husaren abgedient hatte und demnach genugsam
mit Pferden umzugehen verstand. Wie daher sein Gefhrte hflich fragte,
ob er vielleicht fahren mge, ergriff er sofort Zgel und Peitsche und
fuhr in schulgerechter Haltung in raschem Trabe durch das Tor und auf
der Landstrae dahin, so da die Herren einander ansahen und flsterten:
Es ist richtig, es ist jedenfalls ein Herr!

In einer halben Stunde war das Gut des Amtsrates erreicht, Strapinski
fuhr in einem prchtigen Halbbogen auf und lie die feurigen Pferde aufs
beste anprallen; man sprang von den Wagen, der Amtsrat kam herbei und
fhrte die Gesellschaft ins Haus, und alsobald war auch der Tisch mit
einem halben Dutzend Karaffen voll karneolfarbigen Sausers besetzt. Das
heie, grende Getrnk wurde vorerst geprft, belobt, und sodann
frhlich in Angriff genommen, whrend der Hausherr im Hause die Kunde
herum trug, es sei ein vornehmer Graf da, ein Polacke, und eine feinere
Bewirtung vorbereitete.

Mittlerweile teilte sich die Gesellschaft in zwei Partien, um das
versumte Spiel nachzuholen, da in diesem Lande keine Mnner zusammen
sein konnten, ohne zu spielen, wahrscheinlich aus angeborenem
Ttigkeitstriebe. Strapinski, welcher die Teilnahme aus verschiedenen
Grnden ablehnen mute, wurde eingeladen zuzusehen, denn das schien
ihnen immerhin der Mhe wert, da sie so viel Klugheit und
Geistesgegenwart bei den Karten zu entwickeln pflegten. Er mute sich
zwischen beide Partien setzen, und sie legten es nun darauf an,
geistreich und gewandt zu spielen und den Gast zu gleicher Zeit zu
unterhalten. So sa er denn wie ein krnkelnder Frst, vor welchem die
Hofleute ein angenehmes Schauspiel auffhren und den Lauf der Welt
darstellen. Sie erklrten ihm die bedeutendsten Wendungen, Handstreiche
und Ereignisse, und wenn die eine Partei fr einen Augenblick ihre
Aufmerksamkeit ausschlielich dem Spiele zuwenden mute, so fhrte die
andere dafr um so angelegentlicher die Unterhaltung mit dem Schneider.
Der beste Gegenstand dnkte sie hierfr Pferde, Jagd und dergleichen;
Strapinski wute hier auch am besten Bescheid, denn er brauchte nur die
Redensarten hervorzuholen, welche er einst in der Nhe von Offizieren
und Gutsherren gehrt und die ihm schon dazumal ausnehmend wohl gefallen
hatten. Wenn er diese Redensarten auch nur sparsam, mit einer gewissen
Bescheidenheit und stets mit einem schwermtigen Lcheln vorbrachte, so
erreichte er damit nur eine grere Wirkung; wenn zwei oder drei von den
Herren aufstanden und etwa zur Seite traten, so sagten sie: Es ist ein
vollkommener Junker!

Nur Melcher Bhni, der Buchhalter, als ein geborener Zweifler, rieb sich
vergngt die Hnde und sagte zu sich selbst: Ich sehe es kommen, da es
wieder einen Goldacher Putsch gibt, ja, er ist gewissermaen schon da!
Es war aber auch Zeit, denn schon sind's zwei Jahre seit dem letzten!
Der Mann dort hat mir so wunderlich zerstochene Finger, vielleicht von
Praga oder Ostrolenka her! Nun, ich werde mich hten, den Verlauf zu
stren!

Die beiden Partien waren nun zu Ende, auch das Sausergelste der Herren
gebt, und sie zogen nun vor, sich an den alten Weinen des Amtsrates
ein wenig abzukhlen, die jetzt gebracht wurden; doch war die Abkhlung
etwas leidenschaftlicher Natur, indem sofort, um nicht in schnden
Miggang zu verfallen, ein allgemeines Hasardspiel vorgeschlagen wurde.
Man mischte die Karten, jeder warf einen Brabantertaler hin und als die
Reihe an Strapinski war, konnte er nicht wohl seinen Fingerhut auf den
Tisch setzen. Ich habe nicht ein solches Geldstck, sagte er errtend;
aber schon hatte Melcher Bhni, der ihn beobachtet, fr ihn eingesetzt,
ohne da jemand darauf acht gab, denn alle waren viel zu behaglich, als
da sie auf den Argwohn geraten wren, jemand in der Welt knne kein
Geld haben. Im nchsten Augenblicke wurde dem Schneider, der gewonnen
hatte, der ganze Einsatz zugeschoben; verwirrt lie er das Geld liegen
und Bhni besorgte fr ihn das zweite Spiel, welches ein anderer gewann,
sowie das dritte. Doch das vierte und fnfte gewann wiederum der
Polacke, der allmhlich aufwachte und sich in die Sache fand. Indem er
sich still und ruhig verhielt, spielte er mit abwechselndem Glcke;
einmal kam er bis auf einen Taler herunter, den er setzen mute, gewann
wieder, und zuletzt, als man das Spiel satt bekam, besa er einige
Louisdor, mehr als er jemals in seinem Leben besessen, welche er, als er
sah, da jedermann sein Geld einsteckte, ebenfalls zu sich nahm, nicht
ohne Furcht, da alles ein Traum sei. Bhni, welcher ihn fortwhren
scharf betrachtete, war jetzt im klaren ber ihn und dachte: den Teufel
fhrt der in einem vierspnnigen Wagen!

Weil er aber zugleich bemerkte, da der rtselhafte Fremde keine Gier
nach dem Gelde gezeigt, sich berhaupt bescheiden und nchtern verhalten
hatte, so war er nicht bel gegen ihn gesinnt, sondern beschlo, die
Sache durchaus gehen zu lassen.

Aber der Graf Strapinski, als man sich vor dem Abendessen im Freien
erging, nahm jetzt seine Gedanken zusammen und hielt den rechten
Zeitpunkt einer geruschlosen Beurlaubung fr gekommen. Er hatte ein
artiges Reisegeld und nahm sich vor, dem Wirt zur Wage von der nchsten
Stadt aus sein aufgedrungenes Mittagsmahl zu bezahlen. Also schlug er
seinen Radmantel malerisch um, drckte die Pelzmtze tiefer in die Augen
und schritt unter einer Reihe von hohen Akazien in der Abendsonne
langsam auf und nieder, das schne Gelnde betrachtend, oder vielmehr
den Weg ersphend, den er einschlagen wollte. Er nahm sich mit seiner
bewlkten Stirne, seinem lieblichen, aber schwermtigen Mundbrtchen,
seinen glnzenden schwarzen Locken, seinen dunkeln Augen, im Wehen
seines faltigen Mantels vortrefflich aus; der Abendschein und das
Suseln der Bume ber ihm erhhte den Eindruck, so da die Gesellschaft
ihn von Ferne mit Aufmerksamkeit und Wohlwollen betrachtete. Allmhlich
ging er immer etwas weiter vom Hause hinweg, schritt durch ein Gebsch,
hinter welchem ein Feldweg vorber ging, und als er sich vor den Blicken
der Gesellschaft gedeckt sah, wollte er eben mit festem Schritt ins Feld
rcken, als um eine Ecke herum pltzlich der Amtsrat mit seiner Tochter
Nettchen ihm entgegentrat. Nettchen war ein hbsches Frulein, uerst
prchtig, etwas stutzerhaft gekleidet und mit Schmuck reichlich
verziert.

Wir suchen Sie, Herr Graf! rief der Amtsrat, damit ich Sie erstens
hier meinem Kinde vorstelle und zweitens, um Sie zu bitten, da Sie uns
die Ehre erweisen mchten, einen Bissen Abendbrot mit uns zu nehmen; die
anderen Herren sind bereits im Hause.

Der Wanderer nahm schnell seine Mtze vom Kopfe und machte
ehrfurchtsvolle, ja furchtsame Verbeugungen, von Rot bergossen. Denn
eine neue Wendung war eingetreten, ein Frulein beschritt den Schauplatz
der Ereignisse. Doch schadete ihm seine Bldigkeit und bergroe
Ehrerbietung nicht bei der Dame; im Gegenteil, die Schchternheit, Demut
und Ehrerbietung eines so vornehmen und interessanten jungen Edelmanns
erschien ihr wahrhaft rhrend, ja hinreiend. Da sieht man, fuhr es ihr
durch den Sinn, je nobler, desto bescheidener und unverdorbener; merkt
es euch, ihr Herren Wildfnge von Goldach, die ihr vor den jungen
Mdchen kaum mehr den Hut berhrt!

Sie grte den Ritter daher auf das holdseligste, indem sie auch
lieblich errtete, und sprach sogleich hastig und schnell und vieles mit
ihm, wie es die Art behaglicher Kleinstdterinnen ist, die sich den
Fremden zeigen wollen. Strapinski hingegen wandelte sich in kurzer Zeit
um; whrend er bisher nichts getan hatte, um im geringsten in die Rolle
einzugehen, die man ihm aufbrdete, begann er nun unwillkrlich, etwas
gesuchter zu sprechen und mischte allerhand polnische Brocken in die
Rede, kurz, das Schneiderbltchen fing in der Nhe des Frauenzimmers an
seine Sprnge zu machen und seinen Reiter davon zu tragen.

Am Tisch erhielt er den Ehrenplatz neben der Tochter des Hauses; denn
die Mutter war gestorben. Er wurde zwar bald wieder melancholisch, da er
bedachte, nun msse er mit den andern wieder in die Stadt zurckkehren
oder gewaltsam in die Nacht hinaus entrinnen, und da er ferner
berlegte, wie vergnglich das Glck sei, welches er jetzt geno. Aber
dennoch empfand er dies Glck und sagte sich zum voraus: Ach, einmal
wirst du doch in deinem Leben etwas vorgestellt und neben einem solchen
hheren Wesen gesessen haben.

Es war in der Tat keine Kleinigkeit, eine Hand neben sich glnzen zu
sehen, die von drei oder vier Armbndern klirrte, und bei einem
flchtigen Seitenblick jedesmal einen abenteuerlich reizend frisierten
Kopf, ein holdes Errten, einen vollen Augenaufschlag zu sehen. Denn er
mochte tun oder lassen, was er wollte, alles wurde als ungewhnlich und
nobel ausgelegt und die Ungeschicklichkeit selbst als merkwrdige
Unbefangenheit liebenswrdig befunden von der jungen Dame, welche sonst
stundenlang ber gesellschaftliche Verste zu plaudern wute. Da man
guter Dinge war, sangen ein paar Gste Lieder, die in den
Dreiigerjahren Mode waren. Der Graf wurde gebeten, ein polnisches Lied
zu singen. Der Wein berwand seine Schchternheit endlich, obschon nicht
seine Sorgen; er hatte einst einige Wochen im Polnischen gearbeitet und
wute einige polnische Worte, sogar ein Volksliedchen auswendig, ohne
ihres Inhaltes bewut zu sein, gleich einem Papagei. Also sang er mit
edlem Wesen, mehr zaghaft als laut und mit einer Stimme, welche wie von
einem geheimen Kummer leise zitterte, auf polnisch:

      Hunderttausend Schweine pferchen
    Von der Desna bis zur Weichsel,
    Und Kathinka, dieses Saumensch,
    Geht im Schmutz bis an die Knchel!

      Hunderttausend Ochsen brllen
    Auf Wolhyniens grnen Weiden,
    Und Kathinka, ja Kathinka,
    Glaubt, ich sei in sie verliebt!

Bravo! Bravo! riefen alle Herren, mit den Hnden klatschend, und
Nettchen sagte gerhrt: Ach das Nationale ist immer so schn!
Glcklicherweise verlangte niemand die bersetzung dieses Gesanges.

Mit dem berschreiten solchen Hhepunktes der Unterhaltung brach die
Gesellschaft auf; der Schneider wurde wieder eingepackt und sorgfltig
nach Goldach zurckgebracht; vorher hatte er versprechen mssen, nicht
ohne Abschied davonzureisen. Im Gasthof zur Wage wurde noch ein Glas
Punsch genommen; jedoch Strapinski war erschpft und verlangte nach dem
Bette. Der Wirt selbst fhrte ihn auf seine Zimmer, deren Stattlichkeit
er kaum mehr beachtete, obgleich er nur gewohnt war, in drftigen
Herbergskammern zu schlafen. Er stand ohne alle und jede Habseligkeit
mitten auf einem schnen Teppich, als der Wirt pltzlich den Mangel an
Gepck entdeckte und sich vor die Stirne schlug. Dann lief er schnell
hinaus, schellte, rief Kellner und Hausknechte herbei, wortwechselte mit
ihnen, kam wieder und beteuerte: Es ist richtig, Herr Graf, man hat
vergessen, Ihr Gepck abzuladen! Auch das Notwendigste fehlt!

Auch das kleine Paketchen, das im Wagen lag? fragte Strapinski
ngstlich, weil er an ein handgroes Bndelein dachte, welches er auf
dem Sitze hatte liegen lassen und das ein Schnupftuch, eine Haarbrste,
einen Kamm, ein Bchschen Pomade und einen Stengel Bartwichse enthielt.

Auch dieses fehlt, es ist gar nichts da, sagte der gute Wirt
erschrocken, weil er darunter etwas sehr Wichtiges vermutete. Man mu
dem Kutscher sogleich einen Expressen nachschicken, rief er eifrig,
ich werde das besorgen!

Doch der Herr Graf fiel ihm ebenso erschrocken in den Arm und sagte
bewegt: Lassen Sie, es darf nicht sein! Man mu meine Spur verlieren
fr einige Zeit, setzte er hinzu, selbst betreten ber diese Erfindung.

Der Wirt ging erstaunt zu den Punsch trinkenden Gsten, erzhlte ihnen
den Fall und schlo mit dem Ausspruche, da der Graf unzweifelhaft ein
Opfer politischer oder der Familienverfolgung sein msse; denn um eben
diese Zeit wurden viele Polen und andere Flchtlinge wegen gewaltsamer
Unternehmungen des Landes verwiesen; andere wurden von fremden Agenten
beobachtet und umgarnt.

Strapinski aber tat einen guten Schlaf, und als er spt erwachte, sah er
zunchst den prchtigen Sonntagsschlafrock des Wagwirtes ber einen
Stuhl gehngt, ferner ein Tischchen mit allem mglichen
Toilettenwerkzeug bedeckt. Sodann harrten eine Anzahl Dienstboten, um
Krbe und Koffer, angefllt mit feiner Wsche, mit Kleidern, mit
Zigarren, mit Bchern, mit Stiefeln, mit Schuhen, mit Sporen, mit
Reitpeitschen, mit Pelzen, mit Mtzen, mit Hten, mit Socken, mit
Strmpfen, mit Pfeifen, mit Flten und Geigen abzugeben von seiten der
gestrigen Freunde, mit der angelegentlichen Bitte, sich dieser
Bequemlichkeiten einstweilen bedienen zu wollen. Da sie die
Vormittagsstunden unabnderlich in ihren Geschften verbrachten, lieen
sie ihre Besuche auf die Zeit nach Tisch ansagen.

Diese Leute waren nichts weniger, als lcherlich oder einfltig, sondern
umsichtige Geschftsmnner, mehr schlau als vernagelt; allein da ihre
wohlbesorgte Stadt klein war und es ihnen manchmal langweilig darin
vorkam, waren sie stets begierig auf eine Abwechslung, ein Ereignis,
einen Vorgang, dem sie sich ohne Rckhalt hingaben. Der vierspnnige
Wagen, das Aussteigen des Fremden, sein Mittagessen, die Aussage des
Kutschers waren so einfache und natrliche Dinge, da die Goldacher,
welche keinem migen Argwohn nachzuhngen pflegten, ein Ereignis darauf
aufbauten, wie auf einen Felsen.

Als Strapinski das Warenlager sah, das sich vor ihm ausbreitete, war
seine erste Bewegung, da er in seine Tasche griff, um zu erfahren, ob
er trume oder wache. Wenn sein Fingerhut dort noch in seiner Einsamkeit
weilte, so trumte er. Aber nein, der Fingerhut wohnte traulich zwischen
dem gewonnenen Spielgelde und scheuerte sich freundschaftlich an den
Talern; so ergab sich auch sein Gebieter wiederum in das Ding und stieg
von seinen Zimmern herunter auf die Strae, um sich die Stadt zu
besehen, in welcher es ihm so wohl erging. Unter der Kchentre stand
die Kchin, welche ihm einen tiefen Knix machte und ihm mit neuem
Wohlgefallen nachsah; auf dem Flur und an der Haustre standen andere
Hausgeister, alle mit der Mtze in der Hand und Strapinski schritt mit
gutem Anstand und doch bescheiden heraus, seinen Mantel sittsam
zusammennehmend. Das Schicksal machte ihn mit jeder Minute grer.

Mit ganz anderer Miene besah er sich die Stadt, als wenn er um Arbeit
darin ausgegangen wre. Dieselbe bestand grtenteils aus schnen,
festgebauten Husern, welche alle mit steinernen oder gemalten
Sinnbildern geziert und mit einem Namen versehen waren. In diesen
Benennungen war die Sitte der Jahrhunderte deutlich zu erkennen. Das
Mittelalter spiegelte sich ab in den ltesten Husern oder in den
Neubauten, welche an deren Stelle getreten, aber den alten Namen
behalten aus der Zeit der kriegerischen Schultheie und der Mrchen. Da
hie es: zum Schwert, zum Eisenhut, zum Harnisch, zur Armbrust, zum
blauen Schild, zum Schweizerdegen, zum Ritter, zum Bchsenstein, zum
Trken, zum Meerwunder, zum goldenen Drachen, zur Linde, zum Pilgerstab,
zur Wasserfrau, zum Paradiesvogel, zum Granatbaum, zum Kmbel, zum
Einhorn und dergleichen. Die Zeit der Aufklrung und der Philanthropie
war deutlich zu lesen in den moralischen Begriffen, welche in schnen
Goldbuchstaben ber den Haustren erglnzten, wie: zur Eintracht, zur
Redlichkeit, zur alten Unabhngigkeit, zur neuen Unabhngigkeit, zur
Brgertugend #a#, zur Brgertugend #b#, zum Vertrauen, zur Liebe, zur
Hoffnung, zum Wiedersehen 1 und 2, zum Frohsinn, zur inneren
Rechtlichkeit, zur ueren Rechtlichkeit, zum Landeswohl (ein reinliches
Huschen, in welchem hinter einem Kanarienkficht, ganz mit Kresse
behngt, eine freundliche alte Frau sa mit einer weien Zipfelhaube
und Garn haspelte), zur Verfassung (unten hauste ein Bttcher, welcher
eifrig und mit groem Gerusch kleine Eimer und Fchen mit Reifen
einfate und unablssig klopfte); ein Haus hie schauerlich: zum Tod!
ein verwaschenes Gerippe erstreckte sich von unten bis oben zwischen den
Fenstern; hier wohnte der Friedensrichter. Im Hause zur Geduld wohnte
der Schuldenschreiber, ein ausgehungertes Jammerbild, da in dieser Stadt
keiner dem andern etwas schuldig blieb.

Endlich verkndete sich an den neuesten Husern die Poesie der
Fabrikanten, Bankiere und Spediteure und ihrer Nachahmer in den
wohlklingenden Namen: Rosental, Morgental, Sonnenberg, Veilchenburg,
Jugendgarten, Freudenberg, Henriettental, zur Camellia, Wilhelminenburg
und so weiter. Die an Frauennamen gehngten Tler und Burgen bedeuteten
fr den Kundigen immer ein schnes Weibergut.

An jeder Straenecke stand ein alter Turm mit reichem Uhrwerk, buntem
Dach und zierlich vergoldeter Windfahne. Diese Trme waren sorgfltig
erhalten; denn die Goldacher erfreuten sich der Vergangenheit und der
Gegenwart und taten auch recht daran. Die ganze Herrlichkeit war aber
von der alten Ringmauer eingefat, welche, obwohl nichts mehr ntze,
dennoch zum Schmucke beibehalten wurde, da sie ganz mit dichtem, altem
Efeu berwachsen war und so die kleine Stadt mit einem immergrnen
Kranze umschlo.

Alles dieses machte einen wunderbaren Eindruck auf Strapinski; er
glaubte sich in einer anderen Welt zu befinden. Denn als er die
Aufschriften der Huser las, dergleichen er noch nicht gesehen, war er
der Meinung, sie bezgen sich auf die besonderen Geheimnisse und
Lebensweisen jedes Hauses und es sehe hinter jeder Haustre wirklich so
aus, wie die berschrift angab, so da er in eine Art moralisches
Utopien hineingeraten wre. So war er geneigt zu glauben, die
wunderliche Aufnahme, welche er gefunden, hnge hiemit im Zusammenhang,
so da zum Beispiel das Sinnbild der Wage, in welcher er wohnte,
bedeute, da dort das ungleiche Schicksal abgewogen und ausgeglichen und
zuweilen ein reisender Schneider zum Grafen gemacht wrde.

Er geriet auf seiner Wanderung auch vor das Tor, und wie er nun so ber
das freie Feld hinblickte, meldete sich zum letzten Male der
pflichtgeme Gedanke, seinen Weg unverweilt fortzusetzen. Die Sonne
schien, die Strae war schn, fest, nicht zu trocken und auch nicht na,
zum Wandern wie gemacht. Reisegeld hatte er nun auch, so da er angenehm
einkehren konnte, wo er Lust dazu versprte, und kein Hindernis war zu
ersphen.

Da stand er nun, gleich dem Jngling am Scheidewege, auf einer
wirklichen Kreuzstrae; aus dem Lindenkranze, welcher die Stadt umgab,
stiegen gastliche Rauchsulen, die goldenen Turmknpfe funkelten lockend
aus den Baumwipfeln; Glck, Genu und Verschuldung, ein geheimnisvolles
Schicksal winkten dort; von der Feldseite her aber glnzte die freie
Ferne; Arbeit, Entbehrung, Armut, Dunkelheit harrten dort, aber auch ein
gutes Gewissen und ein ruhiger Wandel; dieses fhlend, wollte er denn
auch entschlossen ins Feld abschwenken. Im gleichen Augenblicke rollte
ein rasches Fuhrwerk heran; es war das Frulein von gestern, welches mit
wehendem, blauem Schleier ganz allein in einem schmucken leichten
Fuhrwerke sa, ein schnes Pferd regierte und nach der Stadt fuhr.
Sobald Strapinski nur an seine Mtze griff und dieselbe demtig vor
seine Brust nahm in seiner berraschung, verbeugte sich das Mdchen
rasch errtend gegen ihn, aber beraus freundlich, und fuhr in groer
Bewegung, das Pferd zum Galopp antreibend, davon.

Strapinski aber machte unwillkrlich ganze Wendung und kehrte getrost
nach der Stadt zurck. Noch an demselben Tage galoppierte er auf dem
besten Pferde der Stadt, an der Spitze einer ganzen Reitergesellschaft,
durch die Allee, welche um die grne Ringmauer fhrte, und die fallenden
Bltter der Linden tanzten wie ein goldener Regen um sein verklrtes
Haupt.

Nun war der Geist in ihn gefahren. Mit jedem Tage wandelte er sich,
gleich einem Regenbogen, der zusehends bunter wird an der vorbrechenden
Sonne. Er lernte in Stunden, in Augenblicken, was andere nicht in
Jahren, da es in ihm gesteckt hatte, wie das Farbenwesen im
Regentropfen. Er beachtete wohl die Sitten seiner Gastfreunde und
bildete sie whrend des Beobachtens zu einem Neuen und Fremdartigen um;
besonders suchte er abzulauschen, was sie sich eigentlich unter ihm
dchten und was fr ein Bild sie sich von ihm gemacht. Dies Bild
arbeitete er weiter aus nach seinem eigenen Geschmacke, zur
vergnglichen Unterhaltung der einen, welche gern etwas Neues sehen
wollten, und zur Bewunderung der anderen, besonders der Frauen, welche
nach erbaulicher Anregung drsteten. So ward er rasch zum Helden eines
artigen Romanes, an welchem er gemeinsam mit der Stadt und liebevoll
arbeitete, dessen Hauptbestandteil aber immer noch das Geheimnis war.

Bei alledem verlebte Strapinski, was er in seiner Dunkelheit frher nie
gekannt, eine schlaflose Nacht um die andere, und es ist mit Tadel
hervorzuheben, da es ebensoviel die Furcht vor der Schande, als armer
Schneider entdeckt zu werden und dazustehen als das ehrliche Gewissen
war, was ihm den Schlaf raubte. Sein angeborenes Bedrfnis, etwas
Zierliches und Auergewhnliches vorzustellen, wenn auch nur in der Wahl
der Kleider, hatte ihn in diesen Konflikt gefhrt und brachte jetzt auch
jene Furcht hervor, und sein Gewissen war nur insoweit mchtig, da er
bestndig den Vorsatz nhrte, bei guter Gelegenheit einen Grund zur
Abreise zu finden und dann durch Lotteriespiel und dergleichen die
Mittel zu gewinnen, aus geheimnisvoller Ferne zu vergten, um was er die
gastfreundlichen Goldacher gebracht hatte. Er lie sich auch schon aus
allen Stdten, wo es Lotterien oder Agenten derselben gab, Lose kommen
mit mehr oder weniger bescheidenem Einsatze, und die daraus entstehende
Korrespondenz, der Empfang der Briefe wurde wiederum als ein Zeichen
wichtiger Beziehungen und Verhltnisse vermerkt.

Schon hatte er mehr als einmal ein paar Gulden gewonnen und dieselben
sofort wieder zum Erwerb neuer Lose verwendet, als er eines Tages von
einem fremden Kollekteur, der sich aber Bankier nannte, eine namhafte
Summe empfing, welche hinreichte, jenen Rettungsgedanken auszufhren. Er
war bereits nicht mehr erstaunt ber sein Glck, das sich von selbst zu
verstehen schien, fhlte sich aber doch erleichtert und besonders dem
guten Wagwirt gegenber beruhigt, welchen er seines guten Essens wegen
sehr wohl leiden mochte. Anstatt aber kurz abzubinden, seine Schulden
gradaus zu bezahlen und abzureisen, gedachte er, wie er sich
vorgenommen, eine kurze Geschftsreise vorzugeben, dann aber von irgend
einer groen Stadt aus zu melden, da das unerbittliche Schicksal ihm
verbiete, je wiederzukehren; dabei wolle er seinen Verbindlichkeiten
nachkommen, ein gutes Andenken hinterlassen und seinem Schneiderberufe
sich aufs neue und mit mehr Umsicht und Glck widmen, oder auch sonst
einen anstndigen Lebensweg ersphen. Am liebsten wre er freilich auch
als Schneidermeister in Goldach geblieben und htte jetzt die Mittel
gehabt, sich da ein bescheidenes Auskommen zu begrnden; allein es war
klar, da er hier nur als Graf leben konnte.

Wegen des sichtlichen Vorzuges und Wohlgefallens, dessen er sich bei
jeder Gelegenheit von Seite des schnen Nettchens zu erfreuen hatte,
waren schon manche Redensarten im Umlauf und er hatte sogar bemerkt, da
das Frulein hin und wieder die Grfin genannt wurde. Wie konnte er
diesem Wesen nun eine solche Entwicklung bereiten? Wie konnte er das
Schicksal, das ihn gewaltsam so erhht hatte, so frevelhaft Lgen
strafen und sich selbst beschmen?

Er hatte von seinem Lotteriemann, genannt Bankier, einen Wechsel
bekommen, welchen er bei einem Goldacher Haus einkassierte; diese
Verrichtung bestrkte abermals die gnstigen Meinungen ber seine Person
und Verhltnisse, da die soliden Handelsleute nicht im entferntesten an
einen Lotterieverkehr dachten. An demselben Tage nun begab sich
Strapinski auf einen stattlichen Ball, zu dem er geladen war. In tiefes,
einfaches Schwarz gekleidet erschien er und verkndete sogleich den ihn
Begrenden, da er gentigt sei, zu verreisen.

In zehn Minuten war die Nachricht der ganzen Versammlung bekannt und
Nettchen, deren Anblick Strapinski suchte, schien, wie erstarrt, seinen
Blicken auszuweichen, bald rot, bald bla werdend. Dann tanzte sie
mehrmals hintereinander mit jungen Herren, setzte sich zerstreut und
schnell atmend und schlug eine Einladung des Polen, der endlich
herangetreten war, mit einer kurzen Verbeugung aus, ohne ihn anzusehen.

Seltsam aufgeregt und bekmmert ging er hinweg, nahm seinen famosen
Mantel um und schritt mit wehenden Locken in einem Gartenwege auf und
nieder. Es wurde ihm nun klar, da er eigentlich nur dieses Wesens
halber so lange dageblieben sei, da die unbestimmte Hoffnung, doch
wieder in ihre Nhe zu kommen, ihn unbewut belebte, da aber der ganze
Handel eben eine Unmglichkeit darstelle von der verzweifeltsten Art.

Wie er so dahin schritt, hrte er rasche Tritte hinter sich, leichte,
doch unruhig bewegte. Nettchen ging an ihm vorber und schien, nach
einigen ausgerufenen Worten zu urteilen, nach ihrem Wagen zu suchen,
obgleich derselbe auf der andern Seite des Hauses stand und hier nur
Winterkohlkpfe und eingewickelte Rosenbumchen den Schlaf der Gerechten
vertrumten. Dann kam sie wieder zurck, und da er jetzt mit klopfendem
Herzen ihr im Wege stand und bittend die Hnde nach ihr ausstreckte,
fiel sie ihm ohne weiteres um den Hals und fing jmmerlich an zu weinen.
Er bedeckte ihre glhenden Wangen mit seinen fein duftenden dunklen
Locken und sein Mantel umschlug die schlanke, stolze, schneeweie
Gestalt des Mdchens wie mit schwarzen Adlersflgeln; es war ein
wahrhaft schnes Bild, das seine Berechtigung ganz allein in sich selbst
zu tragen schien.

Strapinski aber verlor in diesem Abenteuer seinen Verstand und gewann
das Glck, das fter den Unverstndigen hold ist. Nettchen erffnete
ihrem Vater noch in selbiger Nacht beim Nachhausefahren, da kein
anderer als der Graf der Ihrige sein werde; dieser erschien am Morgen in
aller Frhe, um bei dem Vater liebenswrdig, schchtern und
melancholisch wie immer, um sie zu werben, und der Vater hielt folgende
Rede: So hat sich denn das Schicksal und der Wille dieses trichten
Mdchens erfllt! Schon als Schulkind behauptete sie fortwhrend, nur
einen Italiener oder einen Polen, einen groen Pianisten oder einen
Ruberhauptmann mit schnen Locken heiraten zu wollen, und nun haben wir
die Bescherung! Alle inlndischen wohlmeinenden Antrge hat sie
ausgeschlagen, noch neulich mute ich den gescheiten und tchtigen
Melchior Bhni heimschicken, der noch groe Geschfte machen wird, und
sie hat ihn noch schrecklich verhhnt, weil er nur ein rtliches
Backenbrtchen trgt und aus einem silbernen Dschen schnupft! Nun, Gott
sei Dank, ist ein polnischer Graf da aus wildester Ferne! Nehmen Sie die
Gans, Herr Graf, und schicken Sie mir dieselbe wieder, wenn sie in Ihrer
Polackei friert und einst unglcklich wird und heult! Ach, was wrde die
selige Mutter fr ein Entzcken genieen, wenn sie noch erlebt htte,
da das verzogene Kind eine Grfin geworden ist!

Nun gab es groe Bewegung; in wenig Tagen sollte rasch die Verlobung
gefeiert werden, denn der Amtsrat behauptete, da der knftige
Schwiegersohn sich in seinen Geschften und vorhabenden Reisen nicht
durch Heiratssachen drfe aufhalten lassen, sondern diese durch die
Befrderung jener beschleunigen msse.

Strapinski brachte zur Verlobung Brautgeschenke, welche ihn die Hlfte
seines zeitlichen Vermgens kosteten; die andere Hlfte verwandte er zu
einem Feste, das er seiner Braut geben wollte. Es war eben
Fastnachtszeit und bei hellem Himmel ein versptetes glnzendes
Winterwetter. Die Landstraen boten die prchtigste Schlittenbahn, wie
sie nur selten entsteht und sich hlt, und Herr von Strapinski
veranstaltete darum eine Schlittenfahrt und einen Ball in dem fr solche
Feste beliebten stattlichen Gasthause, welches auf einer Hochebene mit
der schnsten Aussicht gelegen war, etwa zwei gute Stunden entfernt und
genau in der Mitte zwischen Goldach und Seldwyla.

Um diese Zeit geschah es, da Herr Melchior Bhni in der letzteren Stadt
Geschfte zu besorgen hatte und daher einige Tage vor dem Winterfest in
einem leichten Schlitten dahin fuhr, seine beste Zigarre rauchend; und
es geschah ferner, da die Seldwyler auf den gleichen Tag, wie die
Goldacher, auch eine Schlittenfahrt verabredeten, nach dem gleichen
Orte, und zwar eine kostmierte oder Maskenfahrt.

So fuhr denn der Goldacher Schlittenzug gegen die Mittagsstunde unter
Schellenklang, Posthorntnen und Peitschenknall durch die Straen der
Stadt, da die Sinnbilder der alten Huser erstaunt herniedersahen, und
zum Tore hinaus. Im ersten Schlitten sa Strapinski mit seiner Braut, in
einem polnischen berrock von grnem Sammet, mit Schnren besetzt und
schwer mit Pelz verbrmt und gefttert. Nettchen war ganz in weies
Pelzwerk gehllt; blaue Schleier schtzten ihr Gesicht gegen die frische
Luft und gegen den Schneeglanz. Der Amtsrat war durch irgend ein
pltzliches Ereignis verhindert worden, mitzufahren; doch war es sein
Gespann und sein Schlitten, in welchem sie fuhren, ein vergoldetes
Frauenbild als Schlittenzierat vor sich, die Fortuna vorstellend; denn
die Stadtwohnung des Amtsrates hie zur Fortuna.

Ihnen folgten fnfzehn bis sechzehn Gefhrte mit je einem Herren und
einer Dame, alle geputzt und lebensfroh, aber keines der Paare so schn
und stattlich, wie das Brautpaar. Die Schlitten trugen, wie die
Meerschiffe ihre Galions, immer das Sinnbild des Hauses, dem jeder
angehrte, so da das Volk rief: Seht, da kommt die Tapferkeit! wie
schn ist die Tchtigkeit! Die Verbesserlichkeit scheint neu lackiert zu
sein und die Sparsamkeit frisch vergoldet! Ah, der Jakobsbrunnen und
der Teich Bethesda! Im Teiche Bethesda, welcher als bescheidener
Einspnner den Zug schlo, kutschierte Melchior Bhni still und
vergngt. Als Galion seines Fahrzeuges hatte er das Bild jenes jdischen
Mnnchens vor sich, welcher an besagtem Teiche dreiig Jahre auf sein
Heil gewartet. So segelte denn das Geschwader im Sonnenscheine dahin und
erschien bald auf der weithin schimmernden Hhe, dem Ziele sich nahend.
Da ertnte gleichzeitig von der entgegengesetzten Seite lustige Musik.

Aus einem duftig bereiften Walde heraus brach ein Wirrwarr von bunten
Farben und Gestalten und entwickelte sich zu einem Schlittenzug, welcher
hoch am weien Feldrande sich auf den blauen Himmel zeichnete und
ebenfalls nach der Mitte der Gegend hinglitt, von abenteuerlichem
Anblick. Es schienen meistens groe buerliche Lastschlitten zu sein, je
zwei zusammengebunden, um absonderlichen Gebilden und Schaustellungen
zur Unterlage zu dienen. Auf dem vordersten Fuhrwerke ragte eine
kolossale Figur empor, die Gttin Fortuna vorstellend, welche in den
ther hinaus zu fliegen schien. Es war eine riesenhafte Strohpuppe voll
schimmernden Flittergoldes, deren Gazegewnder in der Luft flatterten.
Auf dem zweiten Gefhrte aber fuhr ein ebenso riesenmiger Ziegenbock
einher, schwarz und dster abstechend und mit gesenkten Hrnern der
Fortuna nachjagend. Hierauf folgte ein seltsames Gerste, welches sich
als ein fnfzehn Schuh hohes Bgeleisen darstellte, dann eine gewaltig
schnappende Schere, welche mittels einer Schnur auf- und zugeklappt
wurde und das Himmelszelt fr einen blauseidenen Westenstoff anzusehen
schien. Andere solche landlufige Anspielungen auf das Schneiderwesen
folgten noch, und zu Fen aller dieser Gebilde sa auf den gerumigen,
je von vier Pferden gezogenen Schlitten die Seldwyler Gesellschaft in
buntester Tracht, mit lautem Gelchter und Gesang.

Als beide Zge gleichzeitig auf dem Platze vor dem Gasthause auffuhren,
gab es demnach einen geruschvollen Auftritt und ein groes Gedrnge von
Menschen und Pferden. Die Herrschaften von Goldach waren berrascht und
erstaunt ber die abenteuerliche Begegnung; die Seldwyler dagegen
stellten sich vorerst gemtlich und freundschaftlich bescheiden. Ihr
vorderster Schlitten mit der Fortuna trug die Inschrift Leute machen
Kleider und so ergab es sich denn, da die ganze Gesellschaft lauter
Schneidersleute von allen Nationen und aus allen Zeitaltern darstellte.
Es war gewissermaen ein historisch-ethnographischer Schneiderfestzug,
welcher mit der umgekehrten und ergnzenden Inschrift abschlo: Kleider
machen Leute! In dem letzten Schlitten mit dieser berschrift saen
nmlich, als das Werk der vorausgefahrenen heidnischen und christlichen
Nahtbeflissenen aller Art, ehrwrdige Kaiser und Knige, Ratsherren und
Stabsoffiziere, Prlaten und Stiftsdamen in hchster Gravitt.

Diese Schneiderwelt wute sich gewandt aus dem Wirrwarr zu ordnen und
lie die Goldacher Herren und Damen, das Brautpaar an deren Spitze,
bescheiden ins Haus spazieren, um nachher die unteren Rume desselben,
welche fr sie bestellt waren, zu besetzen, whrend jene die breite
Treppe empor nach dem groen Festsaale rauschten. Die Gesellschaft des
Herren Grafen fand dies Benehmen schicklich und ihre berraschung
verwandelte sich in Heiterkeit und beiflliges Lcheln ber die
unverwstliche Laune der Seldwyler; nur der Graf selbst hegte gar dunkle
Empfindungen, die ihm nicht behagten, obgleich er in der jetzigen
Voreingenommenheit seiner Seele keinen bestimmten Argwohn versprte und
nicht einmal bemerkt hatte, woher die Leute gekommen waren. Melchior
Bhni, der seinen Teich Bethesda sorglich bei Seite gebracht hatte und
sich aufmerksam in der Nhe Strapinskis befand, nannte laut, da dieser
es hren konnte, eine ganz andre Ortschaft als den Ursprungsort des
Maskenzuges.

Bald saen beide Gesellschaften, jegliche auf ihrem Stockwerke, an den
gedeckten Tafeln und gaben sich frhlichen Gesprchen und Scherzreden
hin, in Erwartung weiterer Freuden.

Die kndigten sich denn auch fr die Goldacher an, als sie paarweise in
den Tanzsaal hinber schritten und dort die Musiker schon ihre Geigen
stimmten. Wie nun aber alles im Kreise stand und sich zum Reihen ordnen
wollte, erschien eine Gesandtschaft der Seldwyler, welche das
freundnachbarliche Gesuch und Anerbieten vortrug, den Herren und Frauen
von Goldach einen Besuch abstatten zu drfen und ihnen zum Ergtzen
einen Schautanz aufzufhren. Dieses Anerbieten konnte nicht wohl
zurckgewiesen werden; auch versprach man sich von den lustigen
Seldwylern einen tchtigen Spa und setzte sich daher nach der Anordnung
der besagten Gesandtschaft in einem groen Halbring, in dessen Mitte
Strapinski und Nettchen glnzten gleich frstlichen Sternen.

Nun traten allmhlich jene besagten Schneidergruppen nacheinander ein.
Jede fhrte in zierlichem Gebrdenspiel den Satz Leute machen Kleider
und dessen Umkehrung durch, indem sie erst mit Emsigkeit irgend ein
stattliches Kleidungsstck, einen Frstenmantel, Priestertalar und
dergleichen anzufertigen schien und sodann eine drftige Person damit
bekleidete, welche urpltzlich umgewandelt sich in hchstem Ansehen
aufrichtete und nach dem Takte der Musik feierlich einherging. Auch die
Tierfabel wurde in diesem Sinne in Szene gesetzt, da eine gewaltige
Krhe erschien, die sich mit Pfauenfedern schmckte und quakend
umherhpfte, ein Wolf, der sich einen Schafspelz zurecht schneiderte,
schlielich ein Esel, der eine furchtbare Lwenhaut von Werg trug und
sich heroisch damit drapierte, wie mit einem Karbonarimantel.

Alle, die so erschienen, traten nach vollbrachter Darstellung zurck und
machten allmhlich so den Halbkreis der Goldacher zu einem weiten Ring
von Zuschauern, dessen innerer Raum endlich leer ward. In diesem
Augenblicke ging die Musik in eine wehmtig ernste Weise ber und
zugleich beschritt eine letzte Erscheinung den Kreis, dessen Augen
smtlich auf sie gerichtet waren. Es war ein schlanker junger Mann in
dunklem Mantel, dunkeln schnen Haaren und mit einer polnischen Mtze;
es war niemand anders als der Graf Strapinski, wie er an jenem
Novembertag auf der Strae gewandert und den verhngnisvollen Wagen
bestiegen hatte.

Die ganze Versammlung blickte lautlos gespannt auf die Gestalt, welche
feierlich schwermtig einige Gnge nach dem Takte der Musik umher trat,
dann in die Mitte des Ringes sich begab, den Mantel auf den Boden
breitete, sich schneidermig darauf niedersetzte und anfing ein Bndel
auszupacken. Er zog einen beinahe fertigen Grafenrock hervor, ganz wie
ihn Strapinski in diesem Augenblicke trug, nhete mit groer Hast und
Geschicklichkeit Troddeln und Schnre darauf und bgelte ihn
schulgerecht aus, indem er das scheinbar heie Bgeleisen mit nassen
Fingern prfte. Dann richtete er sich langsam auf, zog seinen
fadenscheinigen Rock aus und das Prachtkleid an, nahm ein Spiegelchen,
kmmte sich und vollendete seinen Anzug, da er endlich als das
leibhafte Ebenbild des Grafen dastand. Unversehens ging die Musik in
eine rasche, mutige Weise ber, der Mann wickelte seine Siebensachen in
den alten Mantel und warf das Pack weit ber die Kpfe der Anwesenden
hinweg in die Tiefe des Saales, als wollte er sich ewig von seiner
Vergangenheit trennen. Hierauf beging er als stolzer Weltmann in
stattlichen Tanzschritten den Kreis, hier und da sich vor den Anwesenden
huldreich verbeugend, bis er vor das Brautpaar gelangte. Pltzlich fate
er den Polen, ungeheuer berrascht, fest ins Auge, stand als eine Sule
vor ihm still, whrend gleichzeitig wie auf Verabredung die Musik
aufhrte und eine frchterliche Stille wie ein stummer Blitz einfiel.

Ei ei ei ei! rief er mit weithin vernehmlicher Stimme und reckte den
Arm gegen den Unglcklichen aus, sieh da den Bruder Schlesier, den
Wasserpolacken! Der mir aus der Arbeit gelaufen ist, weil er wegen einer
kleinen Geschftsschwankung glaubte, es sei zu Ende mit mir. Nun es
freut mich, da es Ihnen so lustig geht und Sie hier so frhliche
Fastnacht halten! Stehen Sie in Arbeit zu Goldach?

Zugleich gab er dem bleich und lchelnd dasitzenden Grafensohn die Hand,
welche dieser willenlos ergriff wie eine feurige Eisenstange, whrend
der Doppelgnger rief: Kommt, Freunde, seht hier unsern sanften
Schneidergesellen, der wie ein Raphael aussieht und unsern Dienstmgden,
auch der Pfarrerstochter so wohl gefiel, die freilich ein bichen
bergeschnappt ist!

Nun kamen die Seldwyler Leute alle herbei und drngten sich um
Strapinski und seinen ehemaligen Meister, indem sie ersterem treuherzig
die Hand schttelten, da er auf seinem Stuhle schwankte und zitterte.
Gleichzeitig setzte die Musik wieder ein mit einem lebhaften Marsch; die
Seldwyler, sowie sie an dem Brautpaar vorber waren, ordneten sich zum
Abzuge und marschierten unter Absingung eines wohl einstudierten
diabolischen Lachchores aus dem Saale, whrend die Goldacher, unter
welchen Bhni die Erklrung des Mirakels blitzschnell zu verbreiten
gewut hatte, durcheinander liefen und sich mit den Seldwylern kreuzten,
so da es einen groen Tumult gab.

Als dieser sich endlich legte, war auch der Saal beinahe leer; wenige
Leute standen an den Wnden und flsterten verlegen untereinander; ein
paar junge Damen hielten sich in einiger Entfernung von Nettchen,
unschlssig, ob sie sich derselben nhern sollten oder nicht.

Das Paar aber sa unbeweglich auf seinen Sthlen gleich einem steinernen
gyptischen Knigspaar, ganz still und einsam; man glaubte den
unabsehbaren glhenden Wstensand zu fhlen.

Nettchen, wei wie ein Marmor, wendete das Gesicht langsam nach ihrem
Brutigam und sah ihn seltsam von der Seite an.

Da stand er langsam auf und ging mit schweren Schritten hinweg, die
Augen auf den Boden gerichtet, whrend groe Trnen aus denselben
fielen.

Er ging durch die Goldacher und Seldwyler, welche die Treppen bedeckten,
hindurch wie ein Toter, der sich gespenstisch von einem Jahrmarkt
stiehlt, und sie lieen ihn seltsamerweise auch wie einen solchen
passieren, indem sie ihm still auswichen ohne zu lachen oder harte Worte
nachzurufen. Er ging auch zwischen den zur Abfahrt gersteten Schlitten
und Pferden von Goldach hindurch, indessen die Seldwyler sich in ihrem
Quartiere erst noch recht belustigten, und er wandelte halb unbewut,
nur in der Meinung, nicht mehr nach Goldach zurckzukommen, dieselbe
Strae gegen Seldwyla hin, auf welcher er vor einigen Monaten
hergewandert war. Bald verschwand er in der Dunkelheit des Waldes,
durch welchen sich die Strae zog. Er war barhuptig, denn seine
Polenmtze war im Fenstergesimse des Tanzsaales liegen geblieben nebst
den Handschuhen, und so schritt er denn gesenkten Hauptes und die
frierenden Hnde unter die gekreuzten Arme bergend vorwrts, whrend
seine Gedanken sich allmhlich sammelten und zu einigem Erkennen
gelangten. Das erste deutliche Gefhl, dessen er inne wurde, war
dasjenige einer ungeheuren Schande, gleich wie wenn er ein wirklicher
Mann von Rang und Ansehen gewesen und nun infam geworden wre durch
Hereinbrechen irgend eines verhngnisvollen Unglckes. Dann lste sich
dieses Gefhl aber auf in eine Art Bewutsein erlittenen Unrechtes; er
hatte sich bis zu seinem glorreichen Einzug in die verwnschte Stadt nie
ein Vergehen zu Schulden kommen lassen; soweit seine Gedanken in die
Kindheit zurckreichten, war ihm nicht erinnerlich, da er je wegen
einer Lge oder einer Tuschung gestraft oder gescholten worden wre,
und nun war er ein Betrger geworden dadurch, da die Torheit der Welt
ihn in einem unbewachten und sozusagen wehrlosen Augenblicke berfallen
und ihn zu ihrem Spielgesellen gemacht hatte. Er kam sich wie ein Kind
vor, welches ein anderes boshaftes Kind berredet hat, von einem Altare
den Kelch zu stehlen; er hate und verachtete sich jetzt, aber er weinte
auch ber sich und seine unglckliche Verirrung.

Wenn ein Frst Land und Leute nimmt, wenn ein Priester die Lehre seiner
Kirche ohne berzeugung verkndet, aber die Gter seiner Pfrnde mit
Wrde verzehrt; wenn ein dnkelvoller Lehrer die Ehren und Vorteile
eines hohen Lehramtes inne hat und geniet, ohne von der Hhe seiner
Wissenschaft den mindesten Begriff zu haben und derselben auch nur den
kleinsten Vorschub zu leisten; wenn ein Knstler ohne Tugend, mit
leichtfertigem Tun und leerer Gaukelei sich in Mode bringt und Brot und
Ruhm der wahren Arbeit vorwegstiehlt; oder wenn ein Schwindler, der
einen groen Kaufmannsnamen geerbt oder erschlichen hat, durch seine
Torheiten und Gewissenlosigkeiten Tausende um ihre Ersparnisse und
Notpfennige bringt, so weinen alle diese nicht ber sich, sondern
erfreuen sich ihres Wohlseins und bleiben nicht einen Abend ohne
aufheiternde Gesellschaft und gute Freunde.

Unser Schneider aber weinte bitterlich ber sich, das heit er fing
solches pltzlich an, als nun seine Gedanken an der schweren Kette, an
der sie hingen, unversehens zu der verlassenen Braut zurckkehrten und
sich aus Scham vor der Unsichtbaren zur Erde krmmten. Das Unglck und
die Erniedrigung zeigten ihm mit einem hellen Strahle das verlorene
Glck und machten aus dem unklar verliebten Irrgnger einen verstoenen
Liebenden. Er streckte die Arme gegen die kalt glnzenden Sterne empor
und taumelte mehr als er ging, auf seiner Strae dahin, stand wieder
still und schttelte den Kopf, als pltzlich ein roter Schein den Schnee
um ihn her erreichte und zugleich Schellenklang und Gelchter ertnte.
Es waren die Seldwyler, welche mit Fackeln nach Hause fuhren. Schon
nherten sich ihm die ersten Pferde mit ihren Nasen; da raffte er sich
auf, tat einen gewaltigen Sprung ber den Straenrand und duckte sich
unter die vordersten Stmme des Waldes. Der tolle Zug fuhr vorbei und
verhallte endlich in der dunklen Ferne, ohne da der Flchtling bemerkt
worden war; dieser aber, nachdem er eine gute Weile reglos gelauscht
hatte, von der Klte wie von den erst genossenen feurigen Getrnken und
seiner gramvollen Dummheit bermannt, streckte unvermerkt seine Glieder
aus und schlief ein auf dem knisternden Schnee, whrend ein eiskalter
Hauch von Osten heranzuwehen begann.

Inzwischen erhob auch Nettchen sich von ihrem einsamen Sitze. Sie hatte
dem abziehenden Geliebten gewissermaen aufmerksam nachgeschaut, sa
lnger als eine Stunde unbeweglich da und stand dann auf, indem sie
bitterlich zu weinen begann und ratlos nach der Tre ging. Zwei
Freundinnen gesellten sich nun zu ihr mit zweifelhaft trstenden Worten;
sie bat dieselben, ihr Mantel, Tcher, Hut und dergleichen zu
verschaffen, in welche Dinge sie sich sodann stumm verhllte, die Augen
mit dem Schleier heftig trocknend. Da man aber, wenn man weint, fast
immer zugleich auch die Nase schneuzen mu, so sah sie sich doch
gentigt, das Taschentuch zu nehmen und tat einen tchtigen Schneuz,
worauf sie stolz und zornig um sich blickte. In dieses Blicken hinein
geriet Melchior Bhni, der sich ihr freundlich, demtig und lchelnd
nherte und ihr die Notwendigkeit darstellte, nunmehr einen Fhrer und
Begleiter nach dem vterlichen Hause zurckzuhaben. Den Teich Bethesda,
sagte er, werde er hier im Gasthause zurcklassen und dafr die Fortuna
mit der verehrten Unglcklichen sicher nach Goldach hingeleiten.

Ohne zu antworten ging sie festen Schrittes voran nach dem Hofe, wo der
Schlitten mit den ungeduldigen wohlgeftterten Pferden bereit stand,
einer der letzten, welche dort waren. Sie nahm rasch darin Platz,
ergriff das Leitseil und die Peitsche, und whrend der achtlose Bhni,
mit glcklicher Geschftigkeit sich gebrdend, dem Stallknecht, der die
Pferde gehalten, das Trinkgeld hervorsuchte, trieb sie unversehens die
Pferde an und fuhr auf die Landstrae hinaus in starken Stzen, welche
sich bald in einen anhaltenden munteren Galopp verwandelten. Und zwar
ging es nicht nach der Heimat, sondern auf der Seldwyler Strae hin.
Erst als das leichtbeschwingte Fahrzeug schon dem Blicke entschwunden
war, entdeckte Herr Bhni das Ereignis und lief in der Richtung gegen
Goldach mit Ho ho! und Haltrufen, sprang dann zurck und jagte mit
seinem eigenen Schlitten der entflohenen oder nach seiner Meinung durch
die Pferde entfhrten Schnen nach, bis er am Tore der aufgeregten Stadt
anlangte, in welcher das rgernis bereits alle Zungen beschftigte.

Warum Nettchen jenen Weg eingeschlagen, ob in der Verwirrung oder mit
Vorsatz, ist nicht sicher zu berichten. Zwei Umstnde mgen hier ein
leises Licht gewhren. Einmal lagen sonderbarerweise die Pelzmtze und
die Handschuhe Strapinskis, welche auf dem Fenstersimse hinter dem Sitze
des Paares gelegen hatten, nun im Schlitten der Fortuna neben Nettchen;
wann und wie sie diese Gegenstnde ergriffen, hatte niemand beachtet und
sie selbst wute es nicht; es war wie im Schlafwandel geschehen. Sie
wute jetzt noch nicht, da Mtze und Handschuhe neben ihr lagen. Sodann
sagte sie mehr als einmal laut vor sich hin: Ich mu noch zwei Worte
mit ihm sprechen, nur zwei Worte!

Diese beiden Tatsachen scheinen zu beweisen, da nicht ganz der Zufall
die feurigen Pferde lenkte. Auch war es seltsam, als die Fortuna in die
Waldstrae gelangte, in welche jetzt der helle Vollmond hineinschien,
wie Nettchen den Lauf der Pferde migte und die Zgel fester anzog, so
da dieselben beinahe nur im Schritt einhertanzten, whrend die Lenkerin
die traurigen aber dennoch scharfen Augen gespannt auf den Weg heftete,
ohne links und rechts den geringsten aufflligen Gegenstand auer acht
zu lassen.

Und doch war gleichzeitig ihre Seele wie in tiefer, schwerer,
unglcklicher Vergessenheit befangen; was sind Glck und Leben! von was
hangen sie ab? Was sind wir selbst, da wir wegen einer lcherlichen
Fastnachtslge glcklich oder unglcklich werden? Was haben wir
verschuldet, wenn wir durch eine frhliche glubige Zuneigung Schmach
und Hoffnungslosigkeit einernten? Wer sendet uns solche einfltige
Truggestalten, die zerstrend in unser Schicksal eingreifen, whrend sie
sich selbst daran auflsen, wie schwache Seifenblasen?

Solche mehr getrumte als gedachte Fragen umfingen die Seele Nettchens,
als ihre Augen sich pltzlich auf einen lnglichen dunklen Gegenstand
richteten, welcher zur Seite der Strae sich vom mondbeglnzten Schnee
abhob. Es war der langhingestreckte Wenzel, dessen dunkles Haar sich mit
dem Schatten der Bume vermischte, whrend sein schlanker Krper
deutlich im Lichte lag.

Nettchen hielt unwillkrlich die Pferde an, womit eine tiefe Stille ber
den Wald kam. Sie starrte unverwandt nach dem dunklen Krper, bis
derselbe sich ihrem hellsehenden Auge fast unverkennbar darstellte und
sie leise die Zgel festband, ausstieg, die Pferde einen Augenblick
beruhigend streichelte und sich hierauf der Erscheinung vorsichtig,
lautlos nherte.

Ja, er war es. Der dunkelgrne Sammet seines Rockes nahm sich selbst auf
dem nchtlichen Schnee schn und edel aus; der schlanke Leib und die
geschmeidigen Glieder, wohl geschnrt und bekleidet, alles sagte noch in
der Erstarrung, am Rande des Unterganges, im Verlorensein: Kleider
machen Leute!

Als sich die einsame Schne nher ber ihn hinbeugte und ihn ganz sicher
erkannte, sah sie auch sogleich die Gefahr, in der sein Leben schwebte,
und frchtete, er mchte bereits erfroren sein. Sie ergriff daher
unbedenklich eine seiner Hnde, die kalt und fhllos schien. Alles
andere vergessend rttelte sie den rmsten und rief ihm seinen Taufnamen
ins Ohr: Wenzel! Wenzel! Umsonst, er rhrte sich nicht, sondern atmete
nur schwach und traurig. Da fiel sie ber ihn her, fuhr mit der Hand
ber sein Gesicht, und gab ihm in der Bengstigung Nasenstber auf die
erbleichte Nasenspitze. Dann nahm sie, hiedurch auf einen guten Gedanken
gebracht, Hnde voll Schnee und rieb ihm die Nase und das Gesicht und
auch die Finger tchtig, soviel sie vermochte und bis sich der glcklich
Unglckliche erholte, erwachte und langsam seine Gestalt in die Hhe
richtete.

Er blickte um sich und sah die Retterin vor sich stehen. Sie hatte den
Schleier zurckgeschlagen; Wenzel erkannte jeden Zug in ihrem weien
Gesicht, das ihn ansah mit groen Augen.

Er strzte vor ihr nieder, kte den Saum ihres Mantels und rief:
Verzeih mir! Verzeih mir!

Komm, fremder Mensch! sagte sie mit unterdrckter zitternder Stimme,
ich werde mit dir sprechen und dich fortschaffen!

Sie winkte ihm, in den Schlitten zu steigen, was er folgsam tat; sie gab
ihm Mtze und Handschuh, ebenso unwillkrlich, wie sie dieselben
mitgenommen hatte, ergriff Zgel und Peitsche und fuhr vorwrts.

Jenseits des Waldes, unfern der Strae, lag ein Bauernhof, auf welchem
eine Buerin hauste, deren Mann unlngst gestorben. Nettchen war die
Patin eines ihrer Kinder, sowie der Vater Amtsrat ihr Zinsherr. Noch
neulich war die Frau bei ihnen gewesen, um der Tochter Glck zu wnschen
und allerlei Rat zu holen, konnte aber zu dieser Stunde noch nichts von
dem Wandel der Dinge wissen.

Nach diesem Hofe fuhr Nettchen jetzt, von der Strae ablenkend und mit
einem krftigen Peitschenknallen vor dem Hause haltend. Es war noch
Licht hinter den kleinen Fenstern; denn die Buerin war wach und machte
sich zu schaffen, whrend Kinder und Gesinde lngst schliefen. Sie
ffnete das Fenster und guckte verwundert heraus. Ich bin's nur, wir
sind's! rief Nettchen. Wir haben uns verirrt wegen der neuen obern
Strae, die ich noch nie gefahren bin; macht uns einen Kaffee, Frau
Gevatterin, und lat uns einen Augenblick hineinkommen, ehe wir weiter
fahren!

Gar vergngt eilte die Buerin her, da sie Nettchen sofort erkannte, und
bezeigte sich entzckt und eingeschchtert zugleich, auch das groe
Tier, den fremden Grafen zu sehen. In ihren Augen waren Glck und Glanz
dieser Welt in diesen zwei Personen ber ihre Schwelle getreten;
unbestimmte Hoffnungen, einen kleinen Teil daran, irgend einen
bescheidenen Nutzen fr sich oder ihre Kinder zu gewinnen, belebten die
gute Frau und gaben ihr alle Behendigkeit, die jungen Herrschaftsleute
zu bedienen. Schnell hatte sie ein Knechtchen geweckt, die Pferde zu
halten, und bald hatte sie auch einen heien Kaffee bereitet, welchen
sie jetzt hereinbrachte, wo Wenzel und Nettchen in der halbdunklen Stube
einander gegenber saen, ein schwach flackerndes Lmpchen zwischen sich
auf dem Tische.

Wenzel sa, den Kopf in die Hnde gesttzt, und wagte nicht
aufzublicken. Nettchen lehnte auf ihrem Stuhle zurck und hielt die
Augen fest verschlossen, aber ebenso den bitteren schnen Mund, woran
man sah, da sie keineswegs schlief.

Als die Gevattersfrau den Trank auf den Tisch gesetzt hatte, erhob sich
Nettchen rasch und flsterte ihr zu: Lat uns jetzt eine halbe
Viertelstunde allein, legt Euch aufs Bett, liebe Frau, wir haben uns ein
bichen gezankt und mssen uns heute noch aussprechen, da hier gute
Gelegenheit ist.

Ich verstehe schon, Ihr macht's gut so! sagte die Frau und lie die
zwei bald allein.

Trinken Sie dies, sagte Nettchen, die sich wieder gesetzt hatte, es
wird Ihnen gesund sein! Sie selbst berhrte nichts. Wenzel Strapinski,
der leise zitterte, richtete sich auf, nahm eine Tasse und trank sie
aus, mehr weil sie es gesagt hatte, als um sich zu erfrischen. Er
blickte sie jetzt auch an und als ihre Augen sich begegneten, und
Nettchen forschend die seinigen betrachtete, schttelte sie das Haupt
und sagte dann: Wer sind Sie? Was wollten Sie mit mir?

Ich bin nicht ganz so, wie ich scheine! erwiderte er traurig, ich bin
ein armer Narr, aber ich werde alles gut machen und Ihnen Genugtuung
geben und nicht lange mehr am Leben sein! Solche Worte sagte er so
berzeugt und ohne allen gemachten Ausdruck, da Nettchens Augen
unmerklich aufblitzen. Dennoch wiederholte sie: Ich wnsche zu wissen,
wer Sie eigentlich seien und woher Sie kommen und wohin Sie wollen?

Es ist alles so gekommen, wie ich Ihnen jetzt der Wahrheit gem
erzhlen will, antwortete er und sagte ihr, wer er sei und wie es ihm
bei seinem Einzug in Goldach ergangen. Er beteuerte besonders, wie er
mehrmals habe fliehen wollen, schlielich aber durch ihr Erscheinen
selbst gehindert worden sei, wie in einem verhexten Traume.

Nettchen wurde mehrmals von einem Anflug von Lachen heimgesucht; doch
berwog der Ernst ihrer Angelegenheit zu sehr, als da es zum Ausbruch
gekommen wre. Sie fuhr vielmehr fort zu fragen: Und wohin gedachten
Sie mit mir zu gehen, und was zu beginnen? -- Ich wei es kaum,
erwiderte er; ich hoffte auf weitere merkwrdige oder glckliche Dinge;
auch gedachte ich zuweilen des Todes in der Art, da ich mir denselben
geben wolle, nachdem ich--

Hier stockte Wenzel und sein bleiches Gesicht wurde ganz rot.

Nun, fahren Sie fort! sagte Nettchen, ihrerseits bleich werdend,
indessen ihr Herz wunderlich klopfte.

Da flammten Wenzels Augen gro und s auf und er rief: Ja, jetzt ist
es mir klar und deutlich vor Augen, wie es gekommen wre! Ich wre mit
dir in die weite Welt gegangen und, nachdem ich einige kurze Tage des
Glckes mit dir gelebt, htte ich dir den Betrug gestanden und mir
gleichzeitig den Tod gegeben. Du wrest zu deinem Vater zurckgekehrt,
wo du wohl aufgehoben gewesen wrest und mich leicht vergessen httest.
Niemand brauchte darum zu wissen; ich wre spurlos verschollen. --
Anstatt an der Sehnsucht nach einem wrdigen Dasein, nach einem gtigen
Herzen, nach Liebe lebenslang zu kranken, fuhr er wehmtig fort, wre
ich einen Augenblick lang gro und glcklich gewesen und hoch ber
allen, die weder glcklich noch unglcklich sind und doch nie sterben
wollen! O htten Sie mich liegen gelassen im kalten Schnee, ich wre so
ruhig eingeschlafen!

Er war wieder still geworden und schaute dster sinnend vor sich hin.

Nach einer Weile sagte Nettchen, die ihn still betrachtet, nachdem das
durch Wenzels Reden angefachte Schlagen ihres Herzens sich etwas gelegt
hatte: Haben Sie dergleichen oder hnliche Streiche frher schon
begangen und fremde Menschen angelogen, die Ihnen nichts zu leide
getan?

Das habe ich mich in dieser bitteren Nacht selbst schon gefragt und
mich nicht erinnert, da ich je ein Lgner gewesen bin! Ein solches
Abenteuer habe ich noch gar nie gemacht oder erfahren! Ja, in jenen
Tagen, als der Hang in mir entstanden, etwas Ordentliches zu sein oder
zu scheinen, in halber Kindheit noch, habe ich mich selbst berwunden
und einem Glck entsagt, das mir beschieden schien!

Was ist dies? fragte Nettchen.

Meine Mutter war, ehe sie sich verheiratet hatte, in Diensten einer
benachbarten Gutsherrin und mit derselben auf Reisen und in groen
Stdten gewesen. Davon hatte sie eine feinere Art bekommen, als die
anderen Weiber unseres Dorfes, und war wohl auch etwas eitel; denn sie
kleidete sich und mich, ihr einziges Kind, immer etwas zierlicher und
gesuchter, als es bei uns Sitte war. Der Vater, ein armer Schulmeister,
starb aber frh, und so blieb uns bei grter Armut keine Aussicht auf
glckliche Erlebnisse, von welchen die Mutter gerne zu trumen pflegte.
Vielmehr mute sie sich harter Arbeit hingeben, um uns zu ernhren, und
damit das Liebste, was sie hatte, etwas bessere Haltung und Kleidung,
aufopfern. Unerwartet sagte nun jene neu verwitwete Gutsherrin, als ich
etwa sechszehn Jahre alt war, sie gehe mit ihrem Haushalt in die
Residenz fr immer; die Mutter solle mich mitgeben, es sei schade fr
mich in dem Dorfe ein Taglhner oder Bauernknecht zu werden, sie wolle
mich etwas Feines lernen lassen, zu was ich Lust habe, whrend ich in
ihrem Hause leben und diese und jene leichtere Dienstleistungen tun
knne. Das schien nun das Herrlichste zu sein, was sich fr uns ereignen
mochte. Alles wurde demgem verabredet und zubereitet, als die Mutter
nachdenklich und traurig wurde und mich eines Tages pltzlich mit vielen
Trnen bat, sie nicht zu verlassen, sondern mit ihr arm zu bleiben; sie
werde nicht alt werden, sagte sie, und ich wrde gewi noch zu etwas
Gutem gelangen, auch wenn sie tot sei. Die Gutsherrin, der ich das
betrbt hinterbrachte, kam her und machte meiner Mutter Vorstellungen;
aber diese wurde jetzt ganz aufgeregt und rief einmal um das andere, sie
lasse sich ihr Kind nicht rauben; wer es kenne--

Hier stockte Wenzel Strapinski abermals und wute sich nicht recht
fortzuhelfen.

Nettchen fragte: Was sagte die Mutter, wer es kenne? Warum fahren Sie
nicht fort?

Wenzel errtete und antwortete: Sie sagte etwas Seltsames, was ich
nicht recht verstand und was ich jedenfalls seither nicht versprt habe;
sie meinte, wer das Kind kenne, knne nicht mehr von ihm lassen, und
wollte wohl damit sagen, da ich ein gutmtiger Junge gewesen sei oder
etwas dergleichen. Kurz, sie war so aufgeregt, da ich trotz alles
Zuredens jener Dame entsagte und bei der Mutter blieb, wofr sie mich
doppelt lieb hatte, tausendmal mich um Verzeihung bittend, da sie mir
vor dem Glcke sei. Als ich aber nun auch etwas verdienen lernen sollte,
stellte es sich heraus, da nicht viel anderes zu tun war, als da ich
zu unserem Dorfschneider in die Lehre ging. Ich wollte nicht, aber die
Mutter weinte so sehr, da ich mich ergab. Dies ist die Geschichte.

Auf Nettchens Frage, warum er denn doch von der Mutter fort sei und
wann? erwiderte Wenzel: Der Militrdienst rief mich weg. Ich wurde
unter die Husaren gesteckt und war ein ganz hbscher roter Husar, obwohl
vielleicht der dmmste im Regiment, jedenfalls der stillste. Nach einem
Jahr konnte ich endlich fr ein paar Wochen Urlaub erhalten und eilte
nach Hause, meine gute Mutter zu sehen; aber sie war eben gestorben. Da
bin ich denn, als meine Zeit gekommen war, einsam in die Welt gereist
und endlich hier in mein Unglck geraten.

Nettchen lchelte, als er dieses vor sich hin klagte und sie ihn dabei
aufmerksam betrachtete. Es war jetzt eine Zeitlang still in der Stube;
auf einmal schien ihr ein Gedanke aufzutauchen.

Da Sie, sagte sie pltzlich, aber dennoch mit zgerndem, spitzigen
Wesen, stets so wertgeschtzt und liebenswrdig waren, so haben Sie
ohne Zweifel auch jederzeit Ihre gehrigen Liebschaften oder dergleichen
gehabt und wohl schon mehr als ein armes Frauenzimmer auf dem Gewissen
-- von mir nicht zu reden?

Ach Gott, erwiderte Wenzel, ganz rot werdend, eh' ich zu Ihnen kam,
habe ich niemals auch nur die Fingerspitzen eines Mdchens berhrt,
ausgenommen--

Nun, sagte Nettchen.

Nun, fuhr er fort, das war eben jene Frau, die mich mitnehmen und
bilden lassen wollte, die hatte ein Kind, ein Mdchen von sieben oder
acht Jahren, ein seltsames heftiges Kind und doch gut wie Zucker und
schn wie ein Engel. Dem hatte ich vielfach den Diener und Beschtzer
machen mssen und es hatte sich an mich gewhnt. Ich mute es regelmig
nach dem entfernten Pfarrhof bringen, wo es bei dem alten Pfarrer
Unterricht geno, und es von da wieder abholen. Auch sonst mute ich
fter mit ihm ins Freie, wenn sonst niemand gerade mitgehen konnte.
Dieses Kind nun, als ich es zum letztenmal im Abendschein ber das Feld
nach Hause fhrte, fing von der bevorstehenden Abreise zu reden an,
erklrte mir, ich mte dennoch mitgehen und fragte, ob ich es tun
wolle. Ich sagte, da es nicht sein knne. Das Kind fuhr aber fort, gar
beweglich und dringlich zu bitten, indem es mir am Arme hing und mich am
Gehen hinderte, wie Kinder zu tun pflegen, so da ich mich bedachtlos
wohl etwas unwirsch frei machte. Da senkte das Mdchen sein Haupt und
suchte beschmt und traurig die Trnen zu unterdrcken, die jetzt
hervorbrachen, und es vermochte kaum das Schluchzen zu bemeistern.
Betroffen wollte ich das Kind begtigen, allein nun wandte es sich
zornig ab und entlie mich in Ungnaden. Seitdem ist mir das schne Kind
immer im Sinne geblieben und mein Herz hat immer an ihm gehangen,
obgleich ich nie wieder von ihm gehrt habe--

Pltzlich hielt der Sprecher, der in eine sanfte Erregung geraten war,
wie erschreckt inne und starrte erbleichend seine Gefhrtin an.

Nun, sagte Nettchen ihrerseits mit seltsamem Tone in gleicher Weise
etwas bla geworden, was sehen Sie mich so an?

Wenzel aber streckte den Arm aus, zeigte mit dem Finger auf sie, wie
wenn er einen Geist she, und rief: Dieses habe ich auch schon
erblickt. Wenn jenes Kind zornig war, so hoben sich ganz so, wie jetzt
bei Ihnen, die schnen Haare um Stirne und Schlfe ein wenig aufwrts,
da man sie sich bewegen sah, und so war es auch zuletzt auf dem Felde
in jenem Abendglanze.

In der Tat hatten sich die zunchst den Schlfen und ber der Stirne
liegenden Locken Nettchens leise bewegt wie von einem ins Gesicht
wehenden Lufthauche.

Die allezeit etwas kokette Mutter Natur hatte hier eines ihrer
Geheimnisse angewendet, um den schwierigen Handel zu Ende zu fhren.

Nach kurzem Schweigen, indem ihre Brust sich zu heben begann, stand
Nettchen auf, ging um den Tisch herum dem Manne entgegen und fiel ihm um
den Hals mit den Worten: Ich will dich nicht verlassen! Du bist mein,
und ich will mit dir gehen trotz aller Welt!

So feierte sie erst jetzt ihre rechte Verlobung aus tief entschlossener
Seele, indem sie in ser Leidenschaft ein Schicksal auf sich nahm und
Treue hielt.

Doch war sie keineswegs so blde, dieses Schicksal nicht selbst ein
wenig lenken zu wollen; vielmehr fate sie rasch und keck neue
Entschlsse. Denn sie sagte zu dem guten Wenzel, der in dem abermaligen
Glckeswechsel verloren trumte: Nun wollen wir gerade nach Seldwyl
gehen und den Dortigen, die uns zu zerstren gedachten, zeigen, da sie
uns erst recht vereinigt und glcklich gemacht haben!

Dem wackern Wenzel wollte dies nicht einleuchten. Er wnschte vielmehr
in unbekannte Weiten zu ziehen und geheimnisvoll romantisch dort zu
leben in stillem Glcke, wie er sagte.

Allein Nettchen rief: Keine Romane mehr! Wie du bist, ein armer
Wandersmann, will ich mich zu dir bekennen und in meiner Heimat allen
diesen Stolzen und Spttern zum Trotze dein Weib sein. Wir wollen nach
Seldwyla gehen und dort durch Ttigkeit und Klugheit die Menschen, die
uns verhhnt haben, von uns abhngig machen!

Und wie gesagt, so getan! Nachdem die Buerin herbeigerufen und von
Wenzel, der anfing seine neue Stellung einzunehmen, beschenkt worden
war, fuhren sie ihres Weges weiter. Wenzel fhrte jetzt die Zgel.
Nettchen lehnte sich so zufrieden an ihn, als ob er eine Kirchensule
wre. Denn des Menschen Wille ist sein Himmelreich, und Nettchen war
just vor drei Tagen volljhrig geworden und konnte dem ihrigen folgen.

In Seldwyla hielten sie vor dem Gasthause zum Regenbogen, wo noch eine
Zahl jener Schlittenfahrer beim Glase sa. Als das Paar im Wirtssaale
erschien, lief wie ein Feuer die Rede herum: Ha, da haben wir eine
Entfhrung; wir haben eine kstliche Geschichte eingeleitet!

Doch ging Wenzel ohne Umsehen hindurch mit seiner Braut, und nachdem sie
in ihren Gemchern verschwunden war, begab er sich in den Wilden Mann,
ein anderes gutes Gasthaus, und schritt stolz durch die dort ebenfalls
noch hausenden Seldwyler hindurch in ein Zimmer, das er begehrte, und
berlie sie ihren erstaunten Beratungen, ber welchen sie sich das
grimmigste Kopfweh anzutrinken gentigt waren.

Auch in der Stadt Goldach lief um die gleiche Zeit schon das Wort
Entfhrung! herum.

In aller Frhe schon fuhr auch der Teich Bethesda nach Seldwyla, von dem
aufgeregten Bhni und Nettchens betroffenem Vater bestiegen. Fast wren
sie in ihrer Eile ohne Anhalt durch Seldwyla gefahren, als sie noch
rechtzeitig den Schlitten Fortuna wohlbehalten vor dem Gasthause stehen
sahen und zu ihrem Troste vermuteten, da wenigstens die schnen Pferde
auch nicht weit sein wrden. Sie lieen daher ausspannen, als sich die
Vermutung besttigte und sie die Ankunft und den Aufenthalt Nettchens
vernahmen, und gingen gleichfalls in den Regenbogen hinein.

Es dauerte jedoch eine kleine Weile, bis Nettchen den Vater bitten lie,
sie auf ihrem Zimmer zu besuchen und dort allein mit ihr zu sprechen.
Auch sagte man, sie habe bereits den besten Rechtsanwalt der Stadt rufen
lassen, welcher im Laufe des Vormittags erscheinen werde. Der Amtsrat
ging etwas schweren Herzens zu seiner Tochter hinauf, berlegend, auf
welche Weise er das desperate Kind am besten aus der Verirrung
zurckfhre, und war auf ein verzweifeltes Gebaren gefat.

Allein mit Ruhe und sanfter Festigkeit trat ihm Nettchen entgegen. Sie
dankte ihrem Vater mit Rhrung fr alle ihr bewiesene Liebe und Gte und
erklrte sodann in bestimmten Stzen: erstens sie wolle nach dem
Vorgefallenen nicht mehr in Goldach leben, wenigstens nicht die nchsten
Jahre; zweitens wnsche sie ihr bedeutendes mtterliches Erbe an sich zu
nehmen, welches der Vater ja schon lange fr den Fall ihrer Verheiratung
bereit gehalten; drittens wolle sie den Wenzel Strapinski heiraten;
woran vor allem nichts zu ndern sei; viertens wolle sie mit ihm in
Seldwyla wohnen und ihm da ein tchtiges Geschft grnden helfen, und
fnftens und letztens werde alles gut werden; denn sie habe sich
berzeugt, da er ein guter Mensch sei und sie glcklich machen werde.

Der Amtsrat begann seine Arbeit mit der Erinnerung, da Nettchen ja
wisse, wie sehr er schon gewnscht habe, ihr Vermgen zur Begrndung
ihres wahren Glckes je eher je lieber in ihre Hnde legen zu knnen.
Dann aber schilderte er mit aller Bekmmernis, die ihn seit der ersten
Kunde von der schrecklichen Katastrophe erfllte, das Unmgliche des
Verhltnisses, das sie festhalten wolle und schlielich zeigte er das
groe Mittel, durch welches sich der schwere Konflikt allein wrdig
lsen lasse. Herr Melchior Bhni sei es, der bereit sei, durch
augenblickliches Einstehen mit seiner Person den ganzen Handel
niederzuschlagen und mit seinem unantastbaren Namen ihre Ehre vor der
Welt zu schtzen und aufrecht zu halten.

Aber das Wort Ehre brachte nun doch die Tochter in grere Aufregung.
Sie rief, gerade die Ehre sei es, welche ihr gebiete, den Herrn Bhni
nicht zu heiraten, weil sie ihn nicht leiden knne, dagegen dem armen
Fremden getreu zu bleiben, welchem sie ihr Wort gegeben habe, und den
sie auch leiden knne!

Es gab nun ein fruchtloses Hin- und Widerreden, welches die standhafte
Schne endlich doch zum Trnenvergieen brachte.

Fast gleichzeitig drangen Wenzel und Bhni herein, welche auf der Treppe
zusammengetroffen, und es drohte eine groe Verwirrung zu entstehen, als
auch der Rechtsanwalt erschien, ein dem Amtsrate wohlbekannter Mann, und
vor der Hand zur friedlichen Besonnenheit mahnte. Als er in wenigen
vorlufigen Worten vernahm, worum es sich handle, ordnete er an, da vor
allem Wenzel sich in den Wilden Mann zurckziehe und sich dort still
halte, da auch Herr Bhni sich nicht einmische und fortgehe, da
Nettchen ihrerseits alle Formen des brgerlichen guten Tones wahre bis
zum Austrag der Sache und der Vater auf jede Ausbung von Zwang
verzichte, da die Freiheit der Tochter gesetzlich unbezweifelt sei.

So gab es denn einen Waffenstillstand und eine allgemeine Trennung fr
einige Stunden.

In der Stadt, wo der Anwalt ein paar Worte verlauten lie von einem
groen Vermgen, welches vielleicht nach Seldwyla kme durch diese
Geschichte, entstand nun ein groer Lrm. Die Stimmung der Seldwyler
schlug pltzlich um zu Gunsten des Schneiders und seiner Verlobten, und
sie beschlossen, die Liebenden zu schtzen mit Gut und Blut und in ihrer
Stadt Recht und Freiheit der Person zu wahren. Als daher das Gercht
ging, die Schne von Goldach sollte mit Gewalt zurckgefhrt werden,
rotteten sie sich zusammen, stellten bewaffnete Schutz- und Ehrenwachen
vor den Regenbogen und vor den Wilden Mann und begingen berhaupt mit
gewaltiger Lustbarkeit eines ihrer groen Abenteuer, als merkwrdige
Fortsetzung des gestrigen.

Der erschreckte und gereizte Amtsrat schickte seinen Bhni nach Goldach
um Hilfe. Der fuhr im Galopp hin, und am nchsten Tage fuhren eine
Anzahl Mnner mit einer ansehnlichen Polizeimacht von dort herber, um
dem Amtsrat beizustehen, und es gewann den Anschein, als ob Seldwyla ein
neues Troja werden sollte. Die Parteien standen sich drohend gegenber;
der Stadttambour drehte bereits an seiner Spannschraube und tat einzelne
Schlge mit dem rechten Schlgel. Da kamen hhere Amtspersonen,
geistliche und weltliche Herren auf den Platz, und die Unterhandlungen,
welche allseitig gepflogen wurden, ergaben endlich, da Nettchen fest
blieb und Wenzel sich nicht einschchtern lie, aufgemuntert durch die
Seldwyler, da das Aufgebot ihrer Ehe nach Sammlung aller ntigen
Schriften frmlich stattfinden und da gewrtigt werden solle, ob und
welche gesetzliche Einsprachen whrend dieses Verfahrens dagegen erhoben
wrden und mit welchem Erfolge.

Solche Einsprachen konnten bei der Volljhrigkeit Nettchens einzig noch
erhoben werden wegen der zweifelhaften Person des falschen Grafen Wenzel
Strapinski.

Allein der Rechtsanwalt, der seine und Nettchens Sache nun fhrte,
ermittelte, da den fremden jungen Mann weder in seiner Heimat noch auf
seinen bisherigen Fahrten auch nur der Schatten eines bsen Leumunds
getroffen habe und von berall her nur gute und wohlwollende Zeugnisse
fr ihn einliefen.

Was die Ereignisse in Goldach betraf, so wies der Advokat nach, da
Wenzel sich eigentlich gar nie selbst fr einen Grafen ausgegeben,
sondern da ihm dieser Rang von andern gewaltsam verliehen worden; da
er schriftlich auf allen vorhandenen Belegstcken mit seinem wirklichen
Namen Wenzel Strapinski ohne jede Zutat sich unterzeichnet hatte und
somit kein anderes Vergehen vorlag, als da er eine trichte
Gastfreundschaft genossen hatte, die ihm nicht gewhrt worden wre, wenn
er nicht in jenem Wagen angekommen wre und jener Kutscher nicht jenen
schlechten Spa gemacht htte.

So endigte denn der Krieg mit einer Hochzeit, an welcher die Seldwyler
mit ihren sogenannten Katzenkpfen gewaltig schossen zum Verdrusse der
Goldacher, welche den Geschtzdonner ganz gut hren konnten, da der
Westwind wehte. Der Amtsrat gab Nettchen ihr ganzes Gut heraus, und sie
sagte, Wenzel msse nun ein groer Marchand-Tailleur und Tuchherr werden
in Seldwyla; denn da hie der Tuchhndler noch Tuchherr, der
Eisenhndler Eisenherr und so weiter.

Das geschah denn auch, aber in ganz anderer Weise, als die Seldwyler
getrumt hatten. Er war bescheiden, sparsam und fleiig in seinem
Geschfte, welchem er einen groen Umfang zu geben verstand. Er machte
ihnen ihre veilchenfarbigen oder wei und blau gewrfelten Sammetwesten;
ihre Ballfrcke mit goldenen Knpfen, ihre rot ausgeschlagenen Mntel,
und alles waren sie ihm schuldig, aber nie zu lange Zeit. Denn um neue,
noch schnere Sachen zu erhalten, welche er kommen oder anfertigen lie,
muten sie ihm das frhere bezahlen, so da sie unter einander klagten,
er presse ihnen das Blut unter den Ngeln hervor.

Dabei wurde er rund und stattlich und sah beinahe gar nicht mehr
trumerisch aus; er wurde von Jahr zu Jahr geschftserfahrener und
gewandter und wute in Verbindung mit seinem bald vershnten
Schwiegervater, dem Amtsrat, so gute Spekulationen zu machen, da sich
sein Vermgen verdoppelte und er nach zehn oder zwlf Jahren mit ebenso
vielen Kindern, die inzwischen Nettchen, die Strapinska, geboren hatte,
und mit letzterer nach Goldach bersiedelte und daselbst ein angesehener
Mann ward.

Aber in Seldwyla lie er nicht einen Stber zurck, sei es aus Undank
oder aus Rache.




Der Schmied seines Glckes


John Kabys, ein artiger Mann von bald vierzig Jahren, fhrte den Spruch
im Munde, da jeder der Schmied seines eigenen Glckes sein msse, solle
und knne, und zwar ohne viel Gezappel und Geschrei.

Ruhig, mit nur wenigen Meisterschlgen schmiede der rechte Mann sein
Glck! war seine ftere Rede, womit er nicht etwa die Erreichung blo
des Notwendigen, sondern berhaupt alles Wnschenswerten und
berflssigen verstand.

So hatte er denn als zarter Jngling schon den ersten seiner
Meisterstreiche gefhrt und seinen Taufnamen Johannes in das englische
John umgewandelt, um sich von vornherein fr das Ungewhnliche und
Glckhafte zuzubereiten, da er dadurch von allen brigen Hansen abstach
und berdies einen angelschsisch unternehmenden Nimbus erhielt.

Darauf verharrte er einige Jhrchen ruhig, ohne viel zu lernen oder zu
arbeiten, aber auch ohne ber die Schnur zu hauen, sondern klug
abwartend.

Als jedoch das Glck auf den ausgeworfenen Kder nicht anbeien wollte,
tat er den zweiten Meisterschlag und verwandelte das i in seinem
Familiennamen Kabis in ein y. Dadurch erhielt dies Wort (anderwrts auch
Kapes), welches Weikohl bedeutet, einen edleren und fremdartigern
Anhauch, und John Kabys erwartete nun mit mehr Berechtigung, wie er
glaubte, das Glck.

Allein es vergingen abermals mehrere Jahre, ohne da selbiges sich
einstellen wollte, und schon nherte er sich dem einunddreiigsten, als
er sein nicht bedeutendes Erbe mit aller Migung und Einteilung endlich
doch aufgezehrt hatte. Jetzt begann er aber sich ernstlich zu regen und
sann auf ein Unternehmen, das nicht fr den Spa sein sollte. Schon oft
hatte er viele Seldwyler um ihre stattlichen Firmen beneidet, welche
durch Hinzufgen des Frauennamens entstanden. Diese Sitte war einst
pltzlich aufgekommen, man wute nicht wie und woher; aber genug, sie
schien den Herren vortrefflich zu den roten Plschwesten zu passen und
auf einmal erklang das ganze Stdtchen an allen Ecken von pompsen
Doppelnamen. Groe und kleine Firmatafeln, Haustren, Glockenzge,
Kaffeetassen und Teelffel waren damit beschrieben und das Wochenblatt
strotzte eine Zeitlang von Anzeigen und Erklrungen, deren einziger
Zweck das Anbringen der Alliance-Unterschrift war. Insbesondere gehrte
es zu den ersten Freuden der Neuverheirateten, alsobald irgend ein
Inserat vom Stapel laufen zu lassen. Dabei gab es auch mancherlei Neid
und rgernis; denn wenn etwa ein schwrzlicher Schuster oder sonst fr
gering Geachteter durch Fhrung solchen Doppelnamens an der allgemeinen
Respektabilitt teilnehmen wollte, so wurde ihm das mit Nasermpfen bel
vermerkt, obgleich er im legitimsten Besitze der anderen Ehehlfte war.
Immerhin war es nicht ganz gleichgltig, ob ein oder mehrere Unbefugte
durch dieses Mittel in das allgemeine vergngte Kreditwesen eindrangen,
da erfahrungsgem die geschlechterhafte Namensverlngerung zu den
wirksameren, doch zartesten Maschinenteilchen jenes Kreditwesens
gehrte.

Fr John Kabys aber konnte der Erfolg einer solchen Hauptvernderung
nicht zweifelhaft sein. Die Not war jetzt gerade gro genug, um diesen
lang aufgesparten Meisterstreich zur rechten Stunde zu fhren, wie es
einem alten Schmied seines Glckes geziemt, der da nicht in den Tag
hinein hmmert, und John sah demgem nach einer Frau aus, still, aber
entschlossen. Und siehe! schon der Entschlu schien das Glck endlich
heraufzubeschwren; denn noch in derselben Woche langte an, wohnte in
Seldwyla mit einer mannbaren Tochter eine ltere Dame und nannte sich
Frau Oliva, die Tochter Frulein Oliva. Kabys-Oliva! klang es sogleich
in Johns Ohren und wiederhallte es in seinem Gemte! Mit einer solchen
Firma ein bescheidenes Geschft begrndet, mute in wenig Jahren ein
groes Haus daraus werden. So machte er sich denn weislich an die Sache,
ausgerstet mit allen seinen Attributen.

Diese bestanden in einer vergoldeten Brille, in drei emaillierten
Hemdeknpfen, durch goldene Ketten unter sich verbunden, in einer langen
goldenen Uhrkette, welche eine geblmte Weste berkreuzte, mit allerlei
Anhngseln, in einer gewaltigen Busennadel, welche als Miniaturgemlde
eine Darstellung der Schlacht von Waterloo enthielt, ferner in drei oder
vier groen Ringen, einem groen Rohrstock, dessen Knopf ein kleiner
Operngucker bildete in Gestalt eines Perlmutterfchens. In den Taschen
trug, zog hervor und legte er vor sich hin, wenn er sich setzte: ein
groes Futteral aus Leder, in welchem eine Zigarrenspitze ruhte aus
Meerschaum geschnitzt, darstellend den aufs Pferd gebundenen Mazeppa;
diese Gruppe ragte ihm, wenn er rauchte, bis zwischen die Augenbrauen
hinauf und war ein Kabinettsstck; ferner eine rote Zigarrentasche mit
vergoldetem Schlo, in welcher schne Zigarren lagen mit kirschrot und
wei getigertem Deckblatt, ein abenteuerlich elegantes Feuerzeug, eine
silberne Tabaksdose und eine gestickte Schreibtafel. Auch fhrte er das
komplizierteste und zierlichste aller Geldtschchen mit unendlich
geheimnisvollen Abteilungen.

Diese smtliche Ausrstung war ihm die Idealausstattung eines Mannes im
Glcke; er hatte dieselbe, als khn entworfenen Lebensrahmen, im voraus
angeschafft, als er noch an seinem kleinen Vermgen geknabbert, aber
nicht ohne einen tieferen Sinn. Denn solche Anhufung war jetzt nicht
sowohl das Behnge eines geschmacklosen eiteln Mannes, als vielmehr eine
Schule der bung, der Ausdauer und des Trostes zur Zeit des Unsterns,
sowie eine wrdige Bereithaltung fr das endlich einkehrende Glck,
welches ja kommen konnte wie ein Dieb in der Nacht. Lieber wre er
verhungert, als da er das geringste seiner Zierstcke veruert oder
versetzt htte; so konnte er weder vor der Welt, noch vor sich selbst
fr einen Bettler gelten und lernte das uerste erdulden, ohne an Glanz
einzuben. Ebenso war, um nichts zu verlieren, zu verderben, zu
zerbrechen oder in Unordnung zu bringen, eine fortwhrend ruhige und
wrdevolle Haltung geboten. Kein Ruschchen und keine andere Aufregung
durfte er sich gestatten, und wirklich besa er seinen Mazeppa schon
seit zehn Jahren, ohne da an dem Pferde ein Ohr oder der fliegende
Schweif abgebrochen wre, und die Hkchen und Ringelchen an seinen Etuis
und Necessaires schlossen noch so gut als am Tage ihrer Schpfung. Auch
mute er zu all dem Schmucke Rock und Hut suberlich schonen, sowie er
auch stets ein blankes Vorhemdchen zu besitzen wute, um seine Knpfe,
Kettchen und Nadeln auf weiem Grunde zu zeigen.

Freilich lag eigentlich mehr Mhe darin, als er in seinem Spruche von
den wenigen Meisterschlgen zugestehen wollte; allein man hat ja immer
die Werke des Genies flschlich fr mhelos ausgegeben.

Wenn nun die beiden Frauenzimmer das Glck waren, so lie es sich nicht
ungern in dem ausgespannten Netze des Meisters fangen, ja er schien
ihnen mit seiner Ordentlichkeit und seinen vielen Kleinodien gerade der
Mann zu sein, den zu suchen sie ins Land gekommen waren. Sein geregelter
Miggang deutete auf einen behaglichen und sichern Zinsleinpicker oder
Rentier, der seine Werttitel gewi in einem artigen Kstchen
aufbewahrte. Sie sprachen einiges von ihrem eigenen wohlbestellten
Wesen; als sie aber merkten, da Herr Kabys nicht viel Gewicht darauf zu
legen schien, hielten sie klglich inne und ihre Persnlichkeit fr das,
was diesen guten Mann allein anziehe. Kurz, in wenig Wochen war er mit
dem Frulein Oliva verlobt, und gleichzeitig reiste er nach der
Hauptstadt, um eine reich verzierte Adrekarte mit dem herrlichen
Doppelnamen stechen zu lassen, anderseits ein prchtiges Firmaschild zu
bestellen und einige Handelsverbindungen mit Kredit fr ein Geschft mit
Ellenwaren zu erffnen. Im bermut kaufte er gleich noch zwei oder drei
Ellenstbe von poliertem Pflaumenholz, einige Dutzend Wechselformulare
mit vielen merkurialischen Emblemen, Preiszettel und kleine Papierchen
mit goldenem Rande zum Aufkleben, Handlungsbcher und derartiges mehr.

Vergngt eilte er wieder in seine Heimatstadt und zu seiner Braut, deren
einziger Fehler ein etwas unverhltnismig groer Kopf war. Freundlich,
zrtlich wurde er empfangen und seinem Reiseberichte die Erffnung
entgegengesetzt, da die Papiere der Braut, so fr die Hochzeit
erforderlich waren, angekommen seien. Doch geschah diese Erffnung mit
einer lchelnden Zurckhaltung, wie wenn er auf eine zwar unbedeutende,
aber immerhin nicht ganz ordnungsgeme Nebensache mte vorbereitet
werden. Alles dies ging endlich vorber und es ergab sich, da die
Mutter allerdings eine verwitwete Dame Oliva, die Tochter hingegen ein
auereheliches Kind von ihr war aus ihrer Jugendzeit und ihren eigenen
Familiennamen trug, wenn es sich um amtliche und zivilrechtliche Dinge
handelte. Dieser Name war: Huptle! Die Braut hie: Jungfer Huptle, und
die knftige Firma also: John Kabys-Huptle, zu deutsch: Hans
Kohlkpfle.

Sprachlos stand der Brutigam eine gute Weile, die unselige Hlfte
seines neuesten Meisterwerkes betrachtend; endlich rief er: Und mit
einem solchen Hauptkopfschdel kann man Huptle heien! Erschrocken und
demtig senkte die Braut ihr Huptlein, um das Gewitter vorbergehen zu
lassen; denn noch ahnte sie nicht, da die Hauptsache an ihr fr
Kabyssen jener schne Name gewesen sei.

Herr Kabys schlechtweg aber ging ohne weiteres nach seiner Behausung, um
sich den Fall zu berlegen; allein schon auf dem Wege riefen ihm seine
lustigen Mitbrger Hans Kohlkpfle zu, da das Geheimnis bereits verraten
war. Drei Tage und drei Nchte suchte er das gefehlte Werk in tiefer
Einsamkeit umzuschmieden. Am vierten Tage hatte er seinen Entschlu
gefat, ging wieder dorthin und begehrte die Mutter statt der Tochter
zur Ehe. Allein die entrstete Frau hatte nun ihrerseits in Erfahrung
gebracht, da Herr Kabys gar kein Mahagonikstchen mit Werttiteln
besitze, und wies ihm schnde die Tre, worauf sie mit ihrer Tochter um
ein Stdtchen weiter zog.

So sah Herr John das glnzende Oliva entschwinden wie eine schimmernde
Seifenblase im therblau, und hchst betreten hielt er seinen
Glcksschmiedehammer in der Hand. Seine letzte Barschaft war ber diesem
Handel fortgegangen. Daher mute er sich endlich entschlieen, etwas
Wirkliches zu arbeiten oder wenigstens zur Grundlage seines Daseins zu
machen, und indem er sich so hin und her prfte, konnte er gar nichts,
als vortrefflich rasieren, ebenso die Messer dazu im stande halten und
scharf machen. Nun stellte er sich auf mit einem Bartbecken und in einem
schmalen Stbchen zu ebener Erde, ber dessen Tre er ein John Kabys
befestigte, welches er aus jener stattlichen Firmatafel eigenhndig
herausgesgt und von dem verlorenen Oliva wehmtig abgetrennt hatte. Der
Spitzname Kohlkpfle blieb ihm jedoch in der Stadt und fhrte ihm
manchen Kunden zu, so da er mehrere Jahre lang ganz leidlich dahin
lebte, Gesichter schabend und Messer abziehend, und seinen bermtigen
Wahlspruch fast ganz zu vergessen schien.

Da sprach eines Tages ein Brger bei ihm ein, der soeben von langen
Reisen zurckgekehrt war, und jetzt nachlssig, indem er sich zum
Einseifen setzte, hinwarf: So gibt es, wie ich aus Ihrem Schilde
ersehe, doch noch Kabysse in Seldwyla? Ich bin der letzte meines
Geschlechts, erwiderte der Barbier nicht ohne Wrde, doch warum frugen
Sie das, wenn ich fragen darf? Der Fremde schwieg jedoch, bis er
barbiert und gesubert, und erst als alles beendigt und der Ehrensold
entrichtet war, fuhr er fort: In Augsburg kannte ich einen alten
reichen Kauz, welcher fter versicherte, seine Gromutter sei eine
geborene Kabis von Seldwyla in der Schweiz gewesen, und es nehme ihn
hchlich Wunder, ob da noch Leute dieses Geschlechtes lebten?

Hierauf entfernte sich der Mann.

Hans Kohlkpfle dachte nach und dachte nach und kam in eine groe
Aufregung, als er sich endlich dunkel erinnerte, da eine Vorfahrin von
ihm sich wirklich vor langen Jahren nach Deutschland verheiratet haben
sollte, die seither verschollen war. Ein rhrendes Familiengefhl
erwachte pltzlich in ihm, ein romantisches Interesse fr Stammbume,
und es ward ihm bange, ob der Gereiste auch wiederkommen wrde. Nach der
Art seines Bartwuchses mute er in zwei Tagen wieder erscheinen. In der
Tat kam der Mann pnktlich um diese Zeit. John seifte ihn ein und
schabte ihn beinahe zitternd vor Neugierde. Als er fertig war, platzte
er heraus und erkundigte sich angelegentlich nach den nheren Umstnden.
Der Mann sagte: Es ist einfach ein Herr Adam Litumlei, hat eine Frau,
aber keine Kinder, und wohnt in der und der Strae zu Augsburg.

John beschlief sich den Handel noch eine Nacht und fate in derselben
den Mut, doch noch tchtig glcklich zu werden. Am nchsten Morgen
schlo er seinen Ladenstreifen, packte seinen Sonntagsanzug in einen
alten Tornister und alle seine wohlerhaltenen Wahrzeichen in ein
besonderes Paketlein, und nachdem er sich mit hinlnglichen
Ausweisschriften und pfarrbcherlichen Auszgen versehen, trat er
unverweilt die Reise nach Augsburg an, still und unscheinbar, wie ein
lterer Handwerksbursche.

Als er die Trme und die grnen Wlle der Stadt vor sich sah, berzhlte
er seine Barschaft und fand, da er sich sehr knapp halten msse, wenn
er im ungnstigen Falle den Rckweg wieder bestehen wolle. Darum kehrte
er in der bescheidensten Herberge ein, welche er nach einigem Suchen
auffinden konnte; er trat in die Gaststube und sah verschiedene
Handwerkszeichen ber den Tischen hangen, worunter auch dasjenige der
Schmiede. Unter dieses setzte er sich als ein Schmied seines Glckes,
der guten Vorbedeutung wegen, und strkte sein Leibliches durch ein
Frhstck, da es noch zeitig am Tage. Dann lie er sich ein eigenes
Kmmerchen geben, wo er sich umkleidete. Er stutzte sich auf jegliche
Weise auf und behing sich mit dem ganzen Zierat; auch schraubte er das
Perspektivfchen auf den Stock. So trat er aus der Kammer hervor, da
die Wirtin erschrak ob all der Pracht.

Es dauerte ziemlich lang, eh er die Strae fand, nach der sein Herz
begehrte. Doch endlich sah er sich in einer weiten Gasse, worin mchtige
alte Huser standen; aber kein lebendes Wesen war zu erblicken. Endlich
wollte doch ein Mgdlein mit einem blanken schumenden Knnchen Bier an
ihm vorberhuschen. Er hielt es fest und fragte nach Herrn Adam
Litumlei, und das Mdchen zeigte ihm das Haus, vor welchem er gerade
stand.

Neugierig schaute er daran hinauf. ber einem ansehnlichen Portale
trmten sich mehrere Stockwerke mit hohen Fenstern empor, deren starke
Gesimse und Profile ein senkrechtes Meer von khnen Verkrzungen vor dem
Auge des armen Glcksuchers ausbreiteten, so da es ihm fast bnglich
wurde und er befrchtete, eine zu groartige Sache unternommen zu haben;
denn er stand vor einem frmlichen Palast. Dennoch drckte er sachte an
dem schweren Torflgel, schlpfte hinein und befand sich in einem
prchtigen Treppenhaus. Eine steinerne Doppeltreppe baute sich mit
breiten Abstzen in die Hhe, von einem reich geschmiedeten Gelnder
eingefat. Unter der Treppe hindurch und durch die hintere offene
Haustre sah man Sonnenschein und Blumenbeete. John ging leise dahin, um
vielleicht einen Dienstboten oder einen Grtner zu finden, sah aber
nichts als einen groen altfrnkischen Garten, der voll der schnsten
Blumen war, sowie einen steinernen Brunnen mit vielen Figuren.

Alles war wie ausgestorben; er ging wieder zurck und begann die Treppe
hinaufzusteigen. An den Wnden hingen groe vergilbte Landkarten, Plne
alter Reichsstdte mit ihren Festungswerken, mit stattlichen
allegorischen Darstellungen in den Ecken. Eine eichene Tre unter
mehreren war blo angelehnt; der Eindringling ffnete sie zur Hlfte und
sah eine ziemlich hbsche Frau auf einem Ruhebette ausgestreckt, welcher
das Strickzeug entfallen war und die ein geruhiges Schlfchen tat,
obgleich es erst zehn Uhr Vormittags war. Mit klopfendem Herzen hielt
John Kabys, da das Zimmer sehr tief war, seinen Stock ans Auge und
betrachtete die Erscheinung durch das Perspektivchen von Perlmutter; das
seidene Kleid, die rundlichen Formen der Schlferin lieen ihm das Haus
immer mehr wie ein verzaubertes Schlo erscheinen, und hchst gespannt
zog er sich zurck und stieg weiter hinauf, sachte und vorsichtig.

Zu oberst war das Treppenhaus eine ordentliche Rstkammer, da es
behangen war mit Rstungen und Waffen aus allen Jahrhunderten; rostige
Panzerhemden, Eisenhte, Galakrasse aus der Zopfzeit, Schlachtschwerter,
vergoldete Luntenstbe, alles hing durcheinander, und in den Ecken standen
ziervolle kleine Geschtze, grn vor Alter. Kurz, es war das Treppenhaus
eines groen Patriziers und Herrn John wurde es feierlich zu Mute.

Da lie sich pltzlich eine Art Geschrei vernehmen, ganz in der Nhe,
wie von einem greren Kinde, und als es nicht aufhrte, benutzte John
den Anla, ihm nachzugehen und so zu Leuten zu kommen. Er ffnete die
nchste Tre und sah einen weitlufigen Ahnensaal, von unten bis oben
mit Bildnissen angefllt. Der Boden bestand aus sechseckigen Fliesen
verschiedener Farbe, die Decke aus Gipsstukkaturen mit lebensgroen,
fast frei schwebenden Menschen- und Tiergestalten, Fruchtkrnzen und
Wappen. Vor einem zehn Fu hohen Kaminspiegel aber stand ein winziges
eisgraues Greischen, nicht schwerer als ein Zicklein, in einem
Schlafrock von scharlachrotem Sammet, mit eingeseiftem Gesicht. Das
strampelte vor Ungeduld, schrie weinerlich und rief: Ich kann mich
nicht mehr rasieren! Ich kann mich nicht mehr rasieren! Mein Messer
schneidt nicht! Niemand hilft mir, o je, o je! Als es im Spiegel den
Fremden sah, schwieg es still, kehrte sich um und sah mit dem Messer in
der Hand verblfft und furchtsam auf Herrn John, welcher, den Hut in der
Hand, mit vielen Bcklingen vordrang, den Hut abstellte, lchelnd dem
Mnnchen das Messer aus der Hand nahm und dessen Schneide prfte. Er zog
sie einige Male auf seinem Stiefel, dann auf dem Handballen ab, prfte
hierauf die Seife und schlug einen dichtern Schaum, kurz er barbierte
das Mnnchen in weniger als drei Minuten aufs herrlichste.

Verzeihen Sie, hochgeehrter Herr! sagte hierauf Kabys, die Freiheit,
die ich mir genommen habe! Allein da ich Sie in solcher Verlegenheit
sah, glaubte ich mich dergestalt auf die natrlichste Weise bei Ihnen
einzufhren, insofern ich etwa die Ehre habe, vor Herrn Adam Litumlei zu
stehen.

Das Alterchen betrachtete noch immer erstaunt den Fremden; dann schaute
es in den Spiegel und fand sich sauber rasiert, wie lange nicht mehr,
worauf es, Wohlgefallen mit Mitrauen vermischend, den Knstler abermals
besah und mit Zufriedenheit wahrnahm, da es ein anstndiger Fremder
sei. Doch fragte es mit immer noch unwirschem Stimmchen, wer er sei und
was er wolle?

John rusperte sich und versetzte: er sei ein gewisser Kabys aus
Seldwyla, und da er sich gerade auf Reisen befinde und hiesige Stadt
passiere, so habe er nicht versumen wollen, die Nachkommen einer Ahne
seines Hauses aufzusuchen und zu begren. Und er tat, als ob er von
Kindheit auf nur von Herrn Litumlei sprechen gehrt htte. Dieser war
auf einmal freudig berrascht und rief freundlich und wohlgemut: Ha! so
blhet also das Geschlecht der Kabysse noch! Ist es zahlreich und
angesehen?

John hatte schon gleich einem Wandergesellen, der vor dem Torschreiber
steht, seine Schriften ausgepackt und vorgelegt. Indem er auf sie wies,
sprach er ernst: Zahlreich ist es nicht mehr, denn ich bin der letzte
des Geschlechtes! Aber seine Ehre steht noch unbewegt! Erstaunt und
gerhrt ob solchen Reden bot ihm der Alte die Hand und hie ihn
willkommen. Die beiden Herren verstndigten sich schnell ber den Grad
ihrer Verwandtschaft; abermals rief Litumlei: So nahe berhren sich
unsere Lebenszweige! Kommen Sie, lieber Vetter, hier sehen Sie Ihre edle
und treffliche Urgrotante, meine leibliche Gromama! Und er fhrte ihn
im mchtigen Saale umher, bis sie vor einem schnen Frauenbilde standen
in der Tracht des vorigen Jahrhunderts. In der Tat bezeichnete ein
Papierbrtchen, welches in der Ecke des Rahmens befestigt war, die
besagte Dame, sowie auch eine Anzahl der andern Bildnisse mit solchen
Zetteln versehen war. Freilich zeigten die Gemlde selbst noch andere
Inschriften in lateinischer Sprache, welche mit den angehefteten
Papierchen nicht bereinstimmten. Aber John Kabys stand und stand und
berlegte in seinem Innern: So hast du denn doch gut geschmiedet! Denn
hier blickt auf dich hernieder, hold und freundlich, die Ahnfrau deines
Glckes im reichen Rittersaal!

Melodisch zu dieser Selbstansprache klangen die Worte des Herrn
Litumlei, welcher sagte, da nun von einer Weiterreise keine Rede sein
drfe, sondern der werteste Vetter zur Begrndung eines engeren
Verhltnisses vorerst so lange, als dessen Zeit es erlaube, sein Gast
sein msse. Denn das flunkernde Ziergerte des Herrn Groneffen,
welches ihm schon in die Augen gefallen, versah trefflich seinen Dienst
und erfllte ihn mit Vertrauen.

Darum zog er jetzt mit aller Macht an einer Glocke, worauf allmhlich
einige Dienstboten herbeischlurften, um nach ihrem kleinen Gebieter zu
sehen, und endlich erschien auch die Dame, welche im ersten Stock
geschlafen hatte, noch gertet von ihrem Schlfchen und mit halb offenen
Augen. Als ihr aber der angekommene Gast vorgestellt wurde, tat sie
dieselben ganz auf, neugierig und vergnglich, wie es schien, ber die
unerwartete Begebenheit. John wurde nun in andere Rume gefhrt und
mute eine gehrige Erfrischung einnehmen, wobei ihm das Ehepaar so
eifrig half, wie Kinder, die zu jeder Stunde Elust haben. Dies gefiel
dem Gast ber die Maen, da er sah, da es Leute waren, die sich nichts
abgehen lieen und welche noch Freude an den guten Dingen htten.
Seinerseits aber verfehlte er auch nicht, stndlich einen angenehmeren
Eindruck zu machen, ja schon beim bald folgenden Mittagessen stellte
sich derselbe entschieden fest, als jedes der beiden Leutchen seine
eigenen Leibgerichte auftragen lie, und John Kabys von allem a und
alles trefflich fand und seine angewhnte ruhige Wrde seinem Urteil
einen noch hheren Wert gab. Es wurde aufs rhmlichste gegessen und
getrunken, und noch nie genossen drei wackere Leute zusammen ein
reichlicheres und zugleich schuldloseres Dasein. Es war fr John ein
Paradies, in welchem kein Sndenfall mglich schien.

Genug, es gab sich alles auf das beste. Bereits lebte er acht Tage in
dem ehrwrdigen Hause und kannte dasselbe schon in allen Ecken. Er
vertrieb dem Alten die Zeit auf tausenderlei Weise, ging mit ihm
spazieren und rasierte ihn so leicht wie ein Zephir, was dem Mnnchen
vor allem aus gefiel. John merkte, da Herr Litumlei ber irgend etwas
nachzusinnen begann und erschrak, wenn jener von seiner Abreise sprach,
was er etwa in ernsten Andeutungen tat. Da fand er, es sei Zeit, jetzt
wieder einen kleinen Meisterschlag zu wagen, und kndigte seinem Gnner
am Ende des achten Tages deutlicher seine demnchstige Abreise an, zum
Grunde nehmend, da er durch lngeres Zaudern den Abschied und die
Gewhnung an ein einfacheres Leben nicht erschweren drfe. Denn mnnlich
wolle er sein Schicksal ertragen, das Schicksal eines letzten seines
Geschlechtes, der da in strenger Arbeit und Zurckgezogenheit die Ehre
des Hauses bis zum Erlschen zu wahren habe.

Kommen Sie mit mir hinaus in den Rittersaal! erwiderte Herr Adam
Litumlei; sie gingen; als dort der Alte einigemal feierlich auf und ab
gewandelt, begann er wieder: Hren Sie meinen Entschlu und meinen
Vorschlag, lieber Groneffe! Sie sind der letzte Ihres Geschlechts, es
ist dies ein ernstes Schicksal! Allein ein nicht minder ernstes habe ich
zu tragen! Blicken Sie mich an, wohlan! Ich bin der erste des meinigen!

Stolz richtete er sich auf, und John sah ihn an, konnte aber nicht
entdecken, was das heien sollte. Aber jener fuhr fort: Ich bin der
erste des meinigen will so viel heien, als: Ich habe mich entschlossen,
ein solch groes und rhmliches Geschlecht zu grnden, wie Sie hier an
den Wnden dieses Saales gemalt sehen! Dieses sind nmlich nicht meine
Ahnen, sondern die Glieder eines ausgestorbenen Patriziergeschlechtes
dieser Stadt. Als ich vor dreiig Jahren hier einwanderte, war das Haus
mit all seinem Inhalt und seinen Denkmlern eben kuflich und ich
erstand sogleich den ganzen Apparat als Grundlage zur Verwirklichung
meines Lieblingsgedankens. Denn ich besa ein groes Vermgen, aber
keinen Namen, keine Vorfahren, und ich kenne nicht einmal den Taufnamen
meines Grovaters, welcher eine Kabis geheiratet hat. Ich entschdigte
mich anfnglich damit, die hier gemalten Herren und Frauen als meine
Vorfahren zu erklren und einige zu Litumleis, andere zu Kabissen zu
machen mittels solcher Zettel, wie Sie sehen; doch meine
Familienerinnerungen reichten nur fr sechs oder sieben Personen aus,
die brige Menge dieser Bilder, das Ergebnis von vier Jahrhunderten,
spottete meiner Bestrebungen. Umso dringender war ich an die Zukunft
gewiesen, an die Notwendigkeit, selbst ein lang andauerndes Geschlecht
zu stiften, dessen gefeierter Stammvater ich bin. Mein Bild habe ich
lngst anfertigen lassen, sowie einen Stammbaum, an dessen Wurzel mein
Name steht. Aber ein hartnckiger Unstern verfolgt mich! Schon habe ich
die dritte Frau und noch hat mir keine ein Mdchen, geschweige denn
einen Sohn und Stammhalter geschenkt. Die beiden frheren Weiber, von
denen ich mich scheiden lie, haben seither mit andern Mnnern aus
Bosheit verschiedene Kinder gehabt, und die Gegenwrtige, welche ich
auch schon sieben Jahre besitze, wrde es gewilich gerade so machen,
wenn ich sie laufen liee.

Ihre Erscheinung, teurer Groneffe! hat mir nun eine Idee eingegeben,
diejenige einer knstlichen Nachhilfe, wie sie in der Geschichte, in
groen und kleinen Dynastien vielfach gebraucht wurde. Was sagen Sie
hiezu: Sie leben bei uns wie das Kind im Hause, ich setze Sie
gerichtlich zu meinem Erben ein! Dagegen haben Sie zu leisten: Sie
opfern uerlich Ihre eigene Familienberlieferung (sind Sie ja doch der
letzte Ihres Geschlechtes) und nehmen nach meinem Tode, das heit bei
Antritt des Erbes, meinen Namen an! Ich verbreite unter der Hand das
Gercht, da Sie ein natrlicher Sohn von mir seien, die Frucht eines
tollen Jugendstreiches; Sie nehmen diese Auffassung an, widersprechen
ihr nicht! Vielleicht lt sich in der Folge eine schriftliche
Kundgebung darber aufsetzen, eine Memoire, ein kleiner Roman, eine
denkwrdige Liebesgeschichte, worin ich eine feurige, wenn auch
unbesonnene Figur mache, Unheil anrichte, das ich im Alter wieder gut
mache. Endlich verpflichten Sie sich, diejenige Gattin von meiner Hand
anzunehmen, die ich unter den angesehenen Tchtern der Stadt fr Sie
aussuchen werde, zur weiteren Verfolgung meines Zieles. Das ist im
ganzen und im besondern mein Vorschlag!

John war whrend dieser Rede abwechselnd rot und bleich geworden, aber
nicht aus Scham und Schreck, sondern vor Freude und Erstaunen ber das
endlich eingetroffene Glck und ber seine eigene Weisheit, welche
dasselbe herbeigefhrt habe. Aber mit nichten lie er sich davon
berrumpeln, sondern er tat, als ob er sich nur schwer entschlieen
knnte wegen der Aufopferung seines ehrbaren Familiennamens und seiner
ehelichen Geburt. Er nahm sich eine Bedenkzeit von vierundzwanzig
Stunden, in hflichen und wohlgesetzten Worten, und fing darnach an, in
dem schnen Garten hchst nachdenklich auf und ab zu spazieren. Die
lieblichen Blumen, die Levkoyen, Nelken und Rosen, die Kaiserkronen und
Lilien, die Geranienbeete und Jasminlauben, die Myrten- und
Oleanderbumchen, alle ugelten ihn hflich an und huldigten ihm als
ihrem Herrn.

Als er eine halbe Stunde lang den Duft und Sonnenschein, den Schatten
und die Frische des Brunnens genossen, ging er ernsthaft hinaus auf die
Strae, um die Ecke, und trat in einen Gebckladen, wo er drei warme
Pastetchen samt zwei Spitzglsern feinen Weines zu sich nahm. Hierauf
kehrte er in den Garten zurck und spazierte abermals eine halbe Stunde,
doch diesmal eine Zigarre dazu rauchend. Da entdeckte er ein Beet voll
kleiner, zarter Radieschen. Er zog ein Bschel davon aus der Erde,
reinigte sie am Brunnen, dessen steinerne Tritonen ihn mit den Augen
ergebenst anzwinkerten, und begab sich damit in ein khles Bruhaus, wo
er einen Krug schumendes Bier dazu trank. Er unterhielt sich
vortrefflich mit den Brgern und versuchte schon seinen Heimatdialekt in
das weichere Schwbische umzuwandeln, da er voraussichtlich unter diesen
Leuten einen hervorragenden Mann abgeben wrde.

Absichtlich versumte er die Mittagsstunde und versptete sich beim
Essen. Um dort eine kritische Appetitlosigkeit durchzufhren, a er
vorher noch drei Mnchner Weiwrste und trank einen zweiten Krug Bier,
der ihm noch besser schmeckte, als der erste. Endlich runzelte er doch
seine Stirn und begab sich mit derselben zum Essen, wo er die Suppe
anstarrte.

Das Mnnchen Litumlei, welches durch unerwartete Hindernisse einem
leidenschaftlichen Eigensinn zu verfallen pflegte und keinen Widerspruch
ertragen konnte, empfand schon zornige Angst, da seine letzte Hoffnung,
ein Geschlecht zu grnden, zu Wasser werde, und beobachtete den
unbestechlichen Gast mit mitrauischen Blicken. Endlich ertrug er die
Ungewiheit, ob er ein Stammvater sein solle oder keiner, nicht lnger,
sondern forderte den Bedenkzeitler auf, jene vierundzwanzig Stunden
abzukrzen und seinen Entschlu sogleich zu fassen. Denn er frchtete,
die strenge Tugend seines Vetters mchte mit jeder Stunde wachsen. Er
holte eigenhndig eine uralte Flasche Rheinwein aus dem Keller, von
welchem John noch keine Ahnung gehabt. Als die entfesselten
Sonnengeister unsichtbar ber den Kristallglsern dufteten, die gar
fein erklangen, und mit jedem Tropfen des flssigen Goldes, das man auf
die Zunge brachte, schnell ein Blumengrtlein unter die Nase zu wachsen
schien, da erweichte endlich der rauhe Sinn John Kabyssens und er gab
sein Jawort. Schnell wurde der Notar geholt und bei einem herrlichen
Kaffee ein rechtsgltiges Testament aufgesetzt. Schlielich umarmten
sich der knstlich-natrliche Sohn und der geschlechtergrndende
Erzvater; aber es war nicht wie eine warme Umarmung von Fleisch und
Blut, sondern weit feierlicher, eher wie das Zusammenstoen von zwei
groen Grundstzen, die auf ihren Wurfbahnen sich treffen.

Nun sa John im Glcke. Er hatte jetzt weiter nichts zu tun, als seiner
angenehmen Bestimmung inne zu sein, etwas rcksichtsvoll sich gegen
seinen Herrn Vater zu benehmen und ein reichliches Taschengeld auf die
Art zu verzehren, die ihm am meisten zusagte. Dies geschah alles auf die
anstndigste und ruhigste Weise, und er kleidete sich dabei wie ein
Baron. Von Wertgegenstnden brauchte er nicht einen einzigen mehr
anzuschaffen; es zeigte sich jetzt sein Genie, indem die vor Jahren
erworbenen auch jetzt noch gerade ausreichten und einem genau
entworfenen Schema glichen, welches durch die Flle des Glckes nun
vollkommen gedeckt wurde. Die Schlacht von Waterloo blitzte und donnerte
auf einer zufriedenen Brust; Ketten und Klunkern schaukelten sich auf
einem wohlgefllten Magen, durch die goldene Brille guckte ein
vergngtes und stolzes Auge, der Stock zierte mehr einen klugen Mann,
als er ihn sttzte, und die schne Zigarrentasche war mit guten Stengeln
angefllt, welche er aus dem Mazepparhrchen mit Verstand rauchte. Das
wilde Pferd war schon glnzend braun, der Mazeppa darauf aber erst hell
rtlich, beinahe fleischfarbig, so da das doppelte Kunstwerk des
Schnitzers und des Rauchers die rechte Bewunderung der Sachverstndigen
erregte. Auch Papa Litumlei wurde hchlich davon eingenommen und lernte
bei seinem Pflegeshnchen eifrig Meerschume anrauchen. Es wurde eine
ganze Sammlung solcher Pfeifen angeschafft; doch der Alte war zu unruhig
und ungeduldig in der edlen Kunst. Der Junge mute berall nachhelfen
und gut machen, was jenem wiederum Achtung und Zutrauen einflte.

Jedoch fand sich bald eine noch wichtigere Ttigkeit fr die beiden
Mnner vor, als der Papa darauf drang, nun gemeinschaftlich jenen Roman
zu erfinden und aufzuschreiben, durch welchen John zu seinem natrlichen
Sohn erhoben wurde. Es sollte ein geheimes Familiendokument werden in
der Form fragmentarischer Denkwrdigkeiten. Um Eifersucht und Unruhe der
Frau Litumlei zu verhten, mute es in geheimen Sitzungen abgefat und
sollte ganz im stillen in das zu grndende Familienarchiv verschlossen
werden, um erst in knftigen Zeiten, wenn das Geschlecht in Blte
stnde, an das Tageslicht zu treten und von der Geschichte des
Litumleiblutes zu reden.

John hatte sich schon vorgenommen, nach dem Absterben des Alten sich
nicht schlechtweg Litumlei, sondern #Kabys de Litumley# zu nennen, da
er fr seinen eigenen Namen, den er so zierlich geschmiedet, eine
verzeihliche Vorliebe hegte; ebenso nahm er sich vor, das zu errichtende
Schriftstck, wodurch er um seine eheliche Geburt und zu einer
liederlichen Mutter kommen sollte, dereinst ohne weiteres zu verbrennen.
Aber dennoch mute er jetzt daran mitarbeiten, was eine leise Trbung
seines Wohlseins verursachte. Doch schickte er sich weislich in die
Sache und schlo sich eines Morgens mit dem Alten in einem Gartenzimmer
ein, um das Werk zu beginnen. Da saen sie nun an einem Tische sich
gegenber und entdeckten pltzlich, da ihr Vorhaben schwieriger war,
als sie gedacht, indem keiner von ihnen je hundert Zeilen nacheinander
geschrieben hatte. Sie konnten durchaus keinen Anfang finden, und je
nher sie die Kpfe zusammensteckten, desto weniger wollte ihnen etwas
einfallen. Endlich besann sich der Sohn, da sie eigentlich zuerst ein
Buch starkes und schnes Papier haben mten, um ein dauerhaftes
Schriftstck zu errichten. Das leuchtete ein; sie machten sich sogleich
auf, ein solches zu kaufen, und durchstreiften eintrchtig die Stadt.
Als sie gefunden, was sie suchten, rieten sie einander, da es ein warmer
Tag war, in ein Schenkhaus zu gehen und sich allda zu erfrischen und zu
sammeln. Vergngt tranken sie mehrere Knnchen und aen Nsse, Brot,
Wrstchen, bis John pltzlich sagte, er htte jetzt den Anfang der
Geschichte erfunden und wolle stracks nach Hause laufen, um ihn
aufzuschreiben, damit er ihn nicht wieder verliere. So lauf nur
schnell, sagte der Alte, ich will unterdessen hier die Fortsetzung
erfinden, ich merke, da sie mir schon auf dem Weg ist!

John eilte wirklich mit dem Buch Papier nach jenem Zimmer und schrieb:
Es war im Jahr 17.., als es ein gesegnetes Jahr war. Der Eimer Wein
kostete sieben Gulden, der Eimer Apfelmost einen halben Gulden und die
Ma Kirschbranntwein vier Batzen. Ein zweipfndiges Weibrot einen
Batzen, ein ditto Roggenbrot einen halben Batzen und ein Sack Erdpfel
acht Batzen. Auch war das Heu gut geraten und der Scheffel Haber kostete
zwei Gulden. Auch waren die Erbsen und Bohnen gut geraten und der Flachs
und Hanf waren nicht gut geraten, dagegen wieder die lfrchte und der
Talg oder Unschlitt, so da alles in allem die merkwrdige Sachlage
stattfand, da die brgerliche Gesellschaft gut genhrt und getrnkt,
notdrftig gekleidet und wiederum wohl beleuchtet war. So ging das Jahr
ohne weiteres zu Ende, wo nun jedermann mit Recht neugierig war zu
erleben, wie sich das neue Jahr anlassen wrde. Der Winter bezeigte sich
als ein gehriger und regelrechter Winter, kalt und klar; eine warme
Schneedecke lag auf den Feldern und schtzte die junge Saat. Aber
dennoch ereignete sich zuletzt etwas Seltsames. Es schneite, taute und
fror wieder whrend des Monats Hornung in so hufigem Wechsel, da nicht
nur viele Menschen krank wurden, sondern auch eine solche Menge
Eiszapfen entstand, da das ganze Land aussah wie ein groes Glasmagazin
und jedermann ein kleines Brett auf dem Kopfe trug, um von den fallenden
Spitzen nicht angestochen zu werden. Im brigen behaupteten sich die
Preise der Lebensmittel noch immer, wie oben bemerkt und schwankten
endlich einem merkwrdigen Frhling entgegen.

Hier kam der kleine Alte eifrig hergerannt, nahm den Bogen an sich, und
ohne das bisher Geschriebene zu lesen oder etwas zu sagen, schrieb er
weiter: Nun kam Er und hie Adam Litumlei. Er verstand keinen Spa und
war geboren anno 17... Er kam dahergestrmt wie ein Frhlingswetter. Er
war einer von denjenigen. Er trug einen roten Sammetrock, einen Federhut
und einen Degen. Er trug eine goldene Weste mit dem Wahlspruch: Jugend
hat keine Tugend! Er trug goldene Sporen und ritt auf einem weien
Hengst; er stellte denselben in den ersten Gasthof und rief: Ich kmmere
mich den Teufel darum, denn es ist Frhling und Jugend mu austoben! Er
zahlte alles bar und alles wunderte sich ber ihn. Er trank den Wein, er
a den Braten, er sagte: das taugt mir alles nichts! Ferner sagte er:
Komm, du holdes Liebchen, du taugst mir besser als Wein und Braten, als
Silber und Gold! Was kmmere ich mich darum? Denke was du willst, was
sein mu, mu sein!

Hier blieb er pltzlich stecken und konnte durchaus nicht weiter. Sie
lasen zusammen das Geschriebene, fanden es nicht bel und sammelten sich
wieder whrend acht Tagen, wobei sie ein lockeres Leben fhrten; denn
sie gingen fter ins Bierhaus, um einen neuen Anlauf zu gewinnen; allein
das Glck lachte nicht alle Tage. Endlich erwischte John wieder einen
Zipfel, lief nach Hause und fuhr fort: Diese Worte richtete der junge
Litumlei nmlich an eine gewisse Jungfrau Liselein Federspiel, welche in
den uersten Husern der Stadt wohnte, wo die Grten sind und bald ein
Wldchen oder Hlzchen kommt. Diese war eine der reizendsten
Schnheiten, welche die Stadt je hervorgebracht hat, mit blauen Augen
und kleinen Fen. Sie war so schn gewachsen, da sie kein Korsett
brauchte und aus dieser Ersparnis, denn sie war arm, allmhlich ein
violettes Seidenkleid kaufen konnte. Aber alles dies war verklrt durch
eine allgemeine Traurigkeit, welche nicht nur ber die lieblichen
Gesichtszge, sondern ber die ganze Gliederharmonie des Frulein
Federspiel zitterte, da man in aller Windstille die wehmtigen Akkorde
einer olsharfe zu hren glaubte. Denn es war jetzt ein gar denkwrdiger
Maimonat angebrochen, in welchem sich alle vier Jahreszeiten
zusammenzudrngen schienen. Es gab im Anfang noch einen Schnee, da die
Nachtigallen mit Schneeflocken auf dem Kopfe sangen, als ob sie weie
Zipfelmtzchen trgen; dann trat eine solche Wrme ein, da die Kinder
im Freien badeten und die Kirschen reiften, und die Chronik bewahrt
davon den Reim auf:

     Eis und Schnee,
     Buben baden im See,
     Reife Kirschen und blhender Wein
     Mocht' alles in einem Maimond sein.

Diese Naturerscheinungen machten die Menschen nachdenklich und wirkten
auf verschiedene Weise. Die Jungfer Liselein Federspiel, welche
besonders tiefsinnig war, grbelte auch nach und ward zum erstenmal
inne, da sie ihr Wohl und Wehe, ihre Tugend und ihren Fall in der
eigenen Hand trage, und indem sie nun die Wage hielt und diese
verantwortliche Freiheit erwog, ward sie ebenso traurig darber. Wie sie
nun dastand, kam jener verwegene Rotrock und sagte unverweilt:
Federspiel, ich liebe dich! Worber sie durch eine sonderbare Fgung
pltzlich ihren vorigen Gedankengang nderte und in ein helles Gelchter
ausbrach.

Jetzt la mich fortfahren! rief der Alte, welcher erhitzt nachgelaufen
kam und dem Jungen ber die Schulter las, es pat mir nun eben recht!
und setzte die Geschichte fort: Da ist nichts zu lachen! sagte jener,
denn ich verstehe keinen Spa! Kurz, es kam, wie es kommen mute; wo das
Wldchen auf der Hhe stand, sa mein Federspiel im Grnen und lachte
noch immer; aber schon sprang der Ritter auf seinen Schimmel und flog so
schnell in die Ferne, da er durch die platzgreifende Luftperspektive in
wenig Augenblicken ganz blulich aussah. Er verschwand, kehrte nicht
mehr zurck; denn er war ein Teufelsbraten!

Ha, nun ist's geschehen! schrie Litumlei und warf die Feder hin, nun
habe ich das meinige getan, fhre du nun den Schlu herbei, ich bin ganz
erschpft von diesen hllischen Erfindungen! Beim Styx! Es nimmt mich
nicht wunder, da man die Ahnherren groer Huser so hoch hlt und in
Lebensgre malt, da ich spre, welche Mhe mich die Grndung des
meinigen kostet! Aber habe ich das Ding nicht khn behandelt?

John schrieb nun weiter: Die arme Jungfer Federspiel empfand eine groe
Unzufriedenheit, als sie pltzlich vermerkte, da der verfhrerische
Jngling entschwunden war, fast gleichzeitig mit dem denkwrdigen
Maimonat. Doch hatte sie die Geistesgegenwart, schnell das Vorgefallene
in ihrem Innern fr ungeschehen zu erklren, um so den frheren Zustand
einer gleichschwebenden Wage wieder herzustellen. Aber sie geno dieses
Nachspiel der Unschuld nur kurze Zeit. Der Sommer kam, man schnitt das
Korn; es ward einem gelb vor den Augen, wohin man blickte, vor all' dem
goldenen Segen; die Preise gingen wieder bedeutend herunter, Liselein
Federspiel stand auf jenem Hgel und schaute allem zu; aber sie sah
nichts vor lauter Verdru und Reue. Es kam der Herbst, jeder Weinstock
war ein flieender Brunnen, vom Fallen der pfel und Birnen trommelte es
fortwhrend auf der Erde: man trank, man sang, kaufte und verkaufte.
Jeder versorgte sich, das ganze Land war ein Jahrmarkt, und so reichlich
und wohlfeil alles war, so wurde doch das berflssige noch gelobt und
gehtschelt und dankbar angenommen. Nur allein der Segen, den Liselein
brachte, sollte nichts gelten und keiner Nachfrage wert sein, als ob der
im berflu schwimmende Menschenhaufen nicht ein einziges Mulchen mehr
brauchen knnte. Da hllte sie sich in ihre Tugend und gebar, einen
Monat zu frh, ein munteres Knblein, welches so recht darauf angewiesen
war, der Schmied seines eigenen Glckes zu werden.

Dieser Sohn fhrte sich auch so wacker durch ein vielbewegtes Leben,
da er, durch wunderbare Schicksale endlich mit seinem Vater vereinigt,
von demselben zu Ehren gezogen und in seine Rechte eingesetzt wurde, und
ist dies der zweite bekannte Stammherr des Geschlechtes der Litumlei.

Unter dieses Dokument schrieb der Alte: Eingesehen und besttigt,
Johann Polykarpus Adam Litumlei. Und John unterschrieb ebenfalls. Dann
drckte Herr Litumlei noch sein Siegel bei, dessen Wappenschild drei
halbe goldene Fischangeln im blauen Felde und sieben wei und rot
quadrierte Bachstelzen auf einem schrglaufenden grnen Balken zeigte.

Sie wunderten sich aber, da das Schriftstck nicht grer geworden;
denn sie hatten kaum einen Bogen von dem Buch Papier beschrieben.
Nichtsdestoweniger legten sie es in das Archiv, wozu sie einstweilen
eine alte eiserne Kiste bestimmten, und waren zufrieden und guter Dinge.

Unter solchen und anderen Beschftigungen verging die Zeit auf das
angenehmste; es wurde dem glckhaften John beinahe unheimlich, da es
auch gar nichts mehr zu hoffen und zu frchten, zu schmieden und zu
spekulieren gab. Indem er sich so nach neuer Ttigkeit umsah, wollte es
ihn bednken, da die Gemahlin des Hausherrn ein etwas unzufriedenes und
verdchtiges Gesicht gegen ihn zeige; es dnkte ihn nur, bestimmt konnte
er es nicht behaupten. Er hatte diese Frau, welche fast immer schlief,
oder wenn sie wachte, etwas Gutes a, ber seinen anderweitigen
Bestrebungen wenig beachtet, da sie sich in nichts mischte und mit allem
zufrieden schien, wenn ihre Ruhe nicht gestrt wurde. Jetzt frchtete er
pltzlich, sie knnte ihm irgend eine nachteilige Wandlung der Dinge
bereiten, ihren Mann umstimmen und dergleichen.

Er legte den Finger an die Nase und sagte: Halt! Hier drfte es
geraten sein, dem Werke noch die letzte Feile zu geben! Wie konnte ich
nur diese wichtige Partie so lange aus den Augen setzen! Gut ist gut,
aber besser ist besser!

Der Alte war eben fort, um im stillen an der Ausmittelung einer
zweckmigen Gattin fr seinen Stammhalter ttig zu sein, wovon er
selbst diesem nichts verriet. John beschlo unverweilt, sich zu der Dame
zu begeben mit der unbestimmten Vorstellung, ihr auf irgend eine Weise
den Hof zu machen, und sich bei ihr einzuschmeicheln, um das Versumte
nachzuholen. Er suselte ehrbarlich die Treppe hinunter bis zu dem
Gemach, wo sie sich aufzuhalten pflegte, und fand wie gewhnlich die
Tre halb offen stehen; denn sie war bei aller Trgheit neugierig und
liebte, immer gleich zu hren, was vorging.

Er trat vorsichtig hinein und sah sie wieder schlummernd daliegen, ein
halb aufgegessenes Himbeertrtchen in der Hand. Ohne recht zu wissen,
was eigentlich beginnen, ging er endlich auf den Zehen hin, ergriff ihre
runde Hand und kte sie ehrerbietig. Sie regte sich nicht im mindesten;
doch ffnete sie die Augen zur Hlfte und sah ihn, ohne den Mund zu
verziehen, mit einem hchst seltsamen Blick an, so lang er dastand.
Verblfft und stotternd zog er sich endlich zurck und lief in sein
Zimmer. Dort setzte er sich in eine Ecke, jenen Blick aus schmaler
Augenzwinkerung immer vor sich. Er eilte wieder hinunter, die Frau
verhielt sich unbeweglich wie vorhin, und wie er nher trat, taten sich
die Augen wieder halb auf. Wiederum zog er sich zurck, wiederum sa er
in der Ecke seiner Kammer, zum drittenmal fuhr er in die Hhe, stieg die
Treppe hinunter, huschte hinein und blieb nun dort, bis der Patriarch
nach Hause kehrte.

Es verging nun kaum ein Tag, wo die zwei Leute sich nicht zusammenzutun
und den Alten zu hintergehen wuten, da es eine Art hatte. Die
schlfrige Frau wurde auf einmal munter in ihrer Weise; John aber ergab
sich dem leidenschaftlichsten Undank gegen seinen Wohltter, immer in
der Absicht, seine Stellung zu befestigen und das Glck recht an die
Wand zu nageln.

Beide Snder taten indessen nur umso freundlicher und ergebener gegen
den betrogenen Litumlei, der dabei sich ganz behaglich fhlte und sein
Haus auf das beste bestellt zu haben glaubte, so da man nicht
unterscheiden konnte, welcher von beiden Herren mehr mit sich zufrieden
war. Eines Morgens schien jedoch der Alte den Sieg davonzutragen infolge
einer vertraulichen Unterredung, welche seine Frau mit ihm gepflogen;
denn er ging ganz sonderbar herum, stand keinen Augenblick still und
suchte fortwhrend allerlei Stzchen zu pfeifen, was aber wegen Mangels
an Zhnen nicht gelang. Er schien um mehrere Zoll gewachsen zu sein ber
Nacht, kurz, er war der Inbegriff der Selbstzufriedenheit. Aber
denselben Tag noch neigte sich der Sieg wieder auf die Seite des
Jngeren, als ihn der Alte unversehens frug, ob er nicht Lust habe, eine
tchtige Reise zu machen, um auch noch die Welt ein wenig kennen zu
lernen und besonders auch, indem er sich selber bilde, die verschiedenen
Arten der Jugenderziehung in den Lndern in Betracht zu nehmen und sich
ber die diesfalls herrschenden Grundstze zu unterrichten, namentlich
mit Bezug auf die vornehmeren Stnde?

Nichts konnte ihm willkommener sein, als solch herrlicher Antrag, und
freudig genehmigte er denselben. Er wurde schnell fr die Reise
ausgerstet und mit Wechseln versehen, und er fuhr in hchster Gloria
davon. Zuerst bereiste er Wien, Dresden, Berlin und Hamburg; dann wagte
er sich nach Paris, und berall fhrte er ein prchtiges und weises
Leben. Er patrouillierte alle Vergngungsorte, Sommertheater und
Spektakelpltze ab, lief durch die Rarittenkammern der Schlsser und
stand allmittags in der Sonnenhitze auf den Paradepltzen, um die Musik
zu hren und die Offiziere anzugaffen, eh' er zur Tafel ging. Wenn er
all die Herrlichkeiten unter tausend anderen Menschen mit ansah, so
wurde er ganz stolz und schrieb sich von allem Glanz und Getn das
alleinige Verdienst zu, jeden fr einen unwissenden Tropf haltend, der
nicht dabei war. Mit dem behenden Genieen verband er aber die grte
Weisheit, um seinem Wohltter zu zeigen, da er keinen Hasen auf Reisen
geschickt habe. Keinem Bettler gab er etwas, keinem armen Kinde kaufte
er je etwas ab, den Dienstbaren in den Gasthusern wute er beharrlich
mit dem Trinkgelde durchzugehen, ohne Schaden zu leiden, und um jeden
Dienst feilschte er lange, ehe er ihn annahm. Am meisten Spa machte ihm
das Vexieren und Foppen der verlorenen Wesen, mit denen er sich im
Vereine mit zwei oder drei Gleichgesinnten auf den ffentlichen Bllen
unterhielt. Mit einem Wort: er lebte so sicher und vergngt, wie ein
alter Weinreisender.

Zum Schlusse konnte er sich nicht versagen, einen Abstecher nach seiner
Heimat Seldwyla zu machen. Dort logierte er im ersten Gasthof, sa
geheimnisvoll und einsilbig an der Mittagstafel und lie seine Mitbrger
sich die Kpfe darber zerbrechen, was aus ihm geworden sei. Sie waren
berzeugt, da nicht viel hinter der Sache stecke, und doch lebte er zur
Zeit unzweifelhaft im Wohlstand, so da sie einstweilen ihren Spott
zurckhielten und mit krausen Nasenflgeln nach dem Golde blinzelten,
das er sehen lie. Er aber regalierte sie nicht mit einer einzigen
Flasche Wein, obgleich er vor ihren Augen vom besten trank und sann,
wie er ihnen noch weiteres antun knne.

Da gedachte er, am Ende seiner Reise, pltzlich des Auftrages, der ihm
zur Erforschung des Erziehungswesens in den durchreisten Lndern
geworden, um die Grundstze festzustellen, nach welchen die Kinder des
von Litumlei gegrndeten und von Kabys fortzupflanzenden Geschlechtes
erzogen werden sollten. Diese Aufgabe in Seldwyla zu lsen, kam ihm nun
trefflich zu statten, da er in den Mantel einer hheren Mission gehllt,
als eine Art Edukationsrat auftreten und die Seldwyler noch mehr foppen
konnte. Er kam auch gerade vor die rechte Schmiede. Denn seit einiger
Zeit schon waren sie auf einen herrlichen Erwerbszweig geraten, indem
sie alle ihre Mdchen zu Erzieherinnen machten und versandten. Kluge und
unkluge, gesunde und krnkliche Kinder wurden in dieser Weise zubereitet
in eigenen Anstalten und fr alle Bedrfnisse. Wie man Forellen
verschiedentlich behandelt, sie blau absiedet oder bckt oder spickt und
so weiter, so wurden die guten Mdchen entweder mehr positiv christlich
oder mehr weltlich, mehr fr die Sprachen oder mehr fr die Musik, fr
vornehme Huser oder fr mehr brgerliche Familien zugerichtet, je nach
der Weltgegend, fr welche sie bestimmt waren und von wo die Nachfrage
kam. Das Seltsame dabei war, da die Seldwyler fr alle diese
verschiedenen Zweckbestimmungen sich vollkommen neutral und gleichgltig
verhielten und auch von den betreffenden Lebenskreisen durchaus keine
Kenntnis besaen, und der gute Absatz lie sich nur dadurch erklren,
da die Abnehmer des Exportartikels ebenso gleichgltig und kenntnislos
waren. Ein Seldwyler, der den unvershnlichsten Kirchenfeind spielte,
konnte seine nach England bestimmten Kinder auf Gebet und
Sonntagsheiligung einben lassen; ein anderer, der in ffentlichen
Reden von der edlen Stauffacherin, der Zierde des freien Schweizerhauses
schwrmte, hatte seine fnf oder sechs Tchter nach den russischen
Steppen oder in andere unwirtliche Gegenden verbannt, wo sie in ferner
Trostlosigkeit schmachteten.

Die Hauptsache war, da die wackeren Brger die armen Wesen so bald als
mglich mit einem Reisepa und Regenschirm versehen hinausjagen und mit
dem heimgesandten Erwerbe derselben sich gtlich tun konnten.

Aus alledem war aber bald eine gewisse berlieferung und
Geschicklichkeit fr die uerliche Zurichtung der Mdchen entstanden
und John Kabys hatte vollauf zu tun, die kuriosen Grundstze, die hierin
walteten, mit noch kurioserer Auffassungsgabe einzusammeln und sich zu
notieren. Er ging in den verschiedenen Fabriklein herum, wo die Mdchen
zubereitet wurden, befragte Vorsteherinnen und Lehrer und suchte sich
vorzglich ein Bild davon zu entwerfen, wie die Erziehung eines
Knbchens in einem groen Hause von Anfang an standesmig betrieben
wrde und zwar so recht auf Kosten der hiefr bezahlten Leute und ohne
Mhsal noch Verdru der Eltern.

Hierber fertigte er ein merkwrdiges Memorandum an, welches in einigen
Tagen, dank seinen fleiigen Notizen, zu mehreren Bogen anschwoll, und
mit dem er sich Aufsehen erregend beschftigte. Er verwahrte die Schrift
zusammengerollt in einer runden Blechkapsel und trug dieselbe an einem
Lederriemchen bestndig an der Hfte. Als aber die Seldwyler das
bemerkten, glaubten sie, er sei abgesandt, ihnen das Geheimnis ihrer
Industrie abzustehlen und in das Ausland zu verpflanzen. Sie erbosten
sich ber ihn und trieben ihn drohend und scheltend davon.

Erfreut, da er sie habe rgern knnen, reiste er ab und langte endlich
in Augsburg an, gesund und frhlich, wie ein junger Hecht. Er trat
wohlgemut ins Haus und fand dasselbe ebenso froh belebt. Eine muntere
schne Landfrau mit hohem Busen war das erste, was er antraf; sie trug
eine Schssel mit warmem Wasser und er hielt sie fr eine neue Kchin
und betrachtete sie vorlufig nicht ohne Wohlgefallen. Doch drngte es
ihn, die Hausfrau schnell zu begren; allein sie war nicht zu sprechen
und lag im Bett, obgleich das Haus von einem seltsamen Gerusch
widerhallte. Dieses rhrte vom alten Litumlei her, welcher herumrannte,
sang, rief, lachte und krakeelte und endlich zum Vorschein kam, blasend,
pustend, die Augen rollend und ganz rot vor Freude, Stolz und Hochmut.
Ausgelassen und wrdeatmend zugleich hie er seinen Gnstling willkommen
und eilte wieder davon, um etwas anderes zu verrichten; denn er schien
alle Hnde voll zu tun zu haben.

Zwischendurch lie sich von einer Gegend her wiederholt ein gedmpftes
Quieken vernehmen, wie von einem Kreuzertrompetchen; die vollbusige
Buerin ging wieder ber die Szene mit einer Handvoll weier Tchelchen
und rief aus ihrer weien Kehle: Gleich, mein Schtzchen! gleich, mein
Bbchen!

Da dich! sagte John, was ist das fr ein leckerer Bissen!

Aber er horchte wieder auf jenes Quieken, das sich fort und fort
vernehmen lie.

Nun? rief Litumlei, der wieder hergetrppelt kam, singt der Vogel
nicht schn? Was sagst du dazu, mein Bursche?

Welcher Vogel? fragte John.

Ei, Herr Jesus! Du weit am Ende noch gar nichts? rief der Alte; ein
Sohn ist uns allendlich geboren, ein Stammhalter, so munter wie ein
Ferkel, liegt uns in der Wiege! Alle meine Wnsche, meine alten Plne
sind erfllt!

Der Schmied seines Glckes stand wie eine Bildsule, ohne jedoch die
Folgen des Ereignisses schon zu bersehen, so einfach sie auch sein
mochten; er fhlte nur, da es ihm hchst widerstrebend zu Mute war,
machte ganz runde Augen und spitzte den Mund, wie wenn er einen Igel
kssen mte.

Nun, fuhr der vergngte Alte fort, sei nur nicht zu verdrielich!
Etwas verndert wird allerdings unser Verhltnis, habe auch bereits das
Testament umgestoen und verbrannt, sowie jenen lustigen Roman, dessen
wir nun nicht mehr bedrfen! Du aber bleibst im Hause, du sollst bei der
Erziehung meines Sohnes die Oberleitung bernehmen, du sollst mein Rat
sein und mein Helfer in allen Dingen, und es soll dir nichts abgehen, so
lang ich lebe. Nun ruh dich aus, ich mu dem kleinen Kreuzkerl einen
rechten Namen zusammensuchen! Schon dreimal hab' ich den Kalender
durchgesehen, will jetzt noch eine alte Chronik durchstbern, dort
gibt's so alte Stammbume mit ganz merkwrdigen Taufnamen!

John begab sich endlich auf sein Zimmer und setzte sich in jene Ecke;
die Blechkapsel mit der Erziehungsdenkschrift hatte er noch umhngen und
er hielt sie unbewut zwischen den Knieen. Er sah die Sachlage ein, er
verwnschte die bse Frau, welche ihm diesen Streich gespielt und einen
Erben untergeschoben; er verwnschte den Alten, der da glaubte, er htte
einen rechtmigen Sohn; nur sich selbst verwnschte er nicht, der doch
der wirkliche und alleinige Urheber des kleinen Schreiers war und sich
so selbst enterbt hatte. Er zappelte in einem unzerreilichen Netze,
rannte aber wieder nach dem Alten, um ihm trichterweise die Augen zu
ffnen.

Glauben Sie denn wirklich, sagte er mit gedmpfter Stimme zu ihm, da
das Kind das Ihrige sei?

Wie, was? sagte Herr Litumlei und sah von seiner Chronik auf.

John fuhr fort, in abgebrochenen Redensarten ihm zu verstehen zu geben,
da er selbst ja nie im stande gewesen sei, Vater zu werden, da seine
Frau wahrscheinlich sich eine Untreue habe zu Schulden kommen lassen und
so fort.

Sobald ihn das kleine Mnnchen ganz verstand, fuhr es wie besessen in
die Hhe, stampfte auf den Boden, schnaubte und schrie endlich: Aus den
Augen mir, undankbares Scheusal, verleumderischer Schuft! Warum sollte
ich nicht im stande sein, einen Sohn zu haben? Sprich, Elender! Ist das
der Dank fr meine Wohltaten, da du die Ehre meines Weibes und meine
eigene Ehre begeiferst mit deiner niedertrchtigen Zunge? Welch ein
Glck, da ich noch rechtzeitig erkenne, welch eine Schlange ich an
meinem Busen genhrt habe! Wie werden doch solche groe Stammhuser
gleich in der Wiege schon vom Neid und von der Selbstsucht attackiert!
Fort! aus dem Hause mit dir von Stund' an!

Er lief zitternd vor Wut nach seinem Schreibtische, nahm eine Handvoll
Goldstcke, wickelte sie in ein Papier und warf es dem Unglcklichen vor
die Fe.

Hier ist noch ein Zehrpfennig und damit fort auf immer! Hiemit
entfernte er sich, immer zischend wie eine Schlange.

John hob das Pcklein auf, ging aber nicht aus dem Hause, sondern
schlich auf seine Kammer, mehr tot als lebendig, zog sich aus bis auf
das Hemd, obschon es noch nicht Abend war, und legte sich ins Bett,
schlotternd und erbrmlich sthnend. In allem Jammer zhlte er, da er
keinen Schlaf finden konnte, das erhaltene Geld und das, welches er auf
der Reise in oben beschriebener Weise erspart. Unntz! sagte er, ich
denke nicht daran fortzugehen, ich will und mu hier bleiben!

Da klopften zwei Polizeimnner an die Tre, traten herein und hieen ihn
aufstehen und sich anziehen. Voll Angst und Schrecken tat er es; sie
befahlen ihm, seine Sachen zusammenzupacken; es war aber alles noch auf
das schnste beisammen, da er seine Reisekoffer noch gar nicht geffnet
hatte. Darauf fhrten sie ihn aus dem Hause; ein Knecht trug die Sachen
nach, setzte sie auf die Strae und schlo die Tre vor seiner Nase zu.
Hierauf lasen ihm die Mnner von einem Papier ein Verbot vor, bei Strafe
nicht mehr das Haus zu betreten. Dann gingen sie fort; er aber blickte
nochmals an das Haus seines verlorenen Glckes hinauf, als eben einer
der hohen Fensterflgel sich ein wenig ffnete, jene hbsche Amme eine
in lndlicher Weise dort getrocknete Windel hereinlangte und
gleichzeitig das Stimmchen des Kindes sich wieder vernehmen lie.

Da floh er endlich mit seiner Habe in einen Gasthof, zog sich dort
wiederum aus und legte sich nun ungestrt ins Bett.

Am andern Tage lief er aus Verzweiflung noch zu einem Advokaten, um zu
erfahren, ob denn gar nichts mehr zu machen sei? Sobald der aber seine
Rede halb angehrt, rief er zornig: Machen Sie, da Sie fortkommen, Sie
Esel, mit Ihrer einfltigen Erbschleicherei, oder ich lasse Sie
verhaften!

Ganz verstrmt reiste er allendlich nach seinem guten Seldwyla, wo er
erst vor einigen Tagen gewesen war. Er setzte sich wieder in den Gasthof
und zehrte einige Zeit nachdenklich von seiner Barschaft, und je mehr
sie sich verminderte, desto kleinlauter wurde er. Humoristisch
gesellten sich die Seldwyler zu ihm, und als sie, da er nun zugnglicher
geworden, sein Schicksal so ziemlich erforscht hatten und ihn im Besitze
seines abnehmenden kleinen Vermgens sahen, verkauften sie ihm eine
kleine alte Nagelschmiede vor dem Tore, die gerade feil stand und, wie
sie sagten, ihren Mann nhrte. Er mute aber, um den Kaufschilling voll
zu machen, alle seine Attribute und Kleinode veruern, was er umso
leichter tat, als er nun keine Hoffnung mehr auf diese Dinge setzte; sie
hatten ihn ja immer betrogen und er mochte nicht mehr um sie Sorge
tragen.

Mit der Nagelschmiede, in der zwei oder drei Arten einfacher Ngel
gemacht wurden, ging ein alter Geselle in den Kauf, von dem der neue
Inhaber die Hantierung selbst ohne viel Mhe erlernte und dabei noch ein
wackerer Nagelschmied wurde, der erst in leidlicher, dann in ganzer
Zufriedenheit so dahin hmmerte, als er das Glck einfacher und
unverdrossener Arbeit spt kennen lernte, das ihn wahrhaft aller Sorge
enthob und von seinen schlimmen Leidenschaften reinigte.

Dankbarlich lie er schne Krbisstauden und Winden an dem niedrigen
schwrzlichen Huschen emporranken, das auerdem von einem groen
Holunderbaum berschattet war und dessen Esse immer ein freundliches
Feuerlein hegte.

Nur in stillen Nchten bedachte er etwa noch sein Schicksal, und einige
Mal, wenn der Jahrestag wiederkehrte, wo er die Dame Litumlei bei dem
Himbeertrtchen gefunden hatte, stie der Schmied seines Glckes den
Kopf gegen die Esse, aus Reue ber die unzweckmige Nachhilfe, welche
er seinem Glck hatte geben wollen.

Allein auch diese Anwandlungen verloren sich allmhlich, je besser die
Ngel gerieten, welche er schmiedete.




Die mibrauchten Liebesbriefe


Viktor Strteler, von den Seldwylern nur Viggi Strteler genannt, lebte
in behaglichen und ordentlichen Umstnden, da er ein eintrgliches
Speditions- und Warengeschft betrieb und ein hbsches, gesundes und
gutmtiges Weibchen besa. Dieses hatte ihm auer der sehr angenehmen
Person ein ziemliches Vermgen gebracht, welches Gritli von auswrts
zugefallen war, und sie lebte zutulich und still bei ihrem Manne. Ihr
Geld aber war ihm sehr frderlich zur Ausbreitung seiner Geschfte,
welchen er mit Flei und Umsicht oblag, da sie trefflich gediehen.
Hierbei schtzte ihn eine Eigenschaft, welche, sonst nicht landesblich,
ihm einstweilen wohl zu statten kam. Er hatte seine Lehrzeit und einige
Jahre darber nmlich in einer greren Stadt bestanden und war dort
Mitglied eines Vereines junger Kontoristen gewesen, welcher sich
wissenschaftliche und sthetische Ausbildung zur Aufgabe gestellt hatte.
Da die jungen Leute ganz sich selbst berlassen waren, so bernahmen sie
sich und machten allerhand Dummheiten. Sie lasen die schwersten Bcher
und fhrten eine verworrene Unterhaltung darber; sie spielten aus ihrem
Theater den Faust und den Wallenstein, den Hamlet, den Lear und den
Nathan; sie machten schwierige Konzerte und lasen sich schreckbare
Aufstze vor, kurz, es gab nichts, an das sie sich nicht wagten.

Hiervon brachte Viggi Strteler die Liebe fr Bildung und Belesenheit
nach Seldwyla zurck; vermge dieser Neigung aber fhlte er sich zu
gut, die Sitten und Gebruche seiner Mitbrger zu teilen; vielmehr
schaffte er sich Bcher an, abonnierte in allen Leihbibliotheken und
Lesezirkeln der Hauptstadt, hielt sich die Gartenlaube und
unterschrieb auf alles, was in Lieferungen erschien, da hier ein
fortlaufendes, schn verteiltes Studium geboten wurde. Damit hielt er
sich in seiner Huslichkeit und zugleich seine Umstnde vor Schaden
bewahrt. Wenn er seine Tagesgeschfte munter und vorsichtig
durchgefhrt, so zndete er seine Pfeife an, verlngerte die Nase und
setzte sich hinter seinen Lesestoff, in welchem er mit groer
Gewandtheit herumfuhr. Aber er ging noch weiter. Bald schrieb er
verschiedene Abhandlungen, welche er seiner Gattin als Essays
bezeichnete, und er sagte fter, er glaube, er sei seiner Anlage nach
ein Essayist. Als jedoch seine Essays von den Zeitschriften, an welche
er sie sandte, nicht abgedruckt wurden, begann er Novellen zu schreiben,
die er unter dem Namen Kurt vom Walde nach allen mglichen
Sonntagsblttchen instradierte. Hier ging es ihm besser, die Sachen
erschienen wirklich feierlich unter dem herrlichen Schriftstellernamen
in den verschiedensten Gegenden des Deutschen Reiches, und bald begann
hier ein Roderich vom Tale, dort ein Hugo von der Insel und wieder dort
ein Gnserich von der Wiese einen stechenden Schmerz zu empfinden ber
den neuen Eindringling. Auch konkurrierte er heimlich bei allen
ausgeschriebenen Preisnovellen und vermehrte hierdurch nicht wenig die
angenehme Bewegtheit seines eingezogenen Lebens. Neuen Aufschwung gewann
er stets auf seinen krzeren oder lngeren Geschftsreisen, wo er dann
in den Gasthfen manchen Gesinnungsverwandten traf, mit dem sich ein
gebildetes Wort sprechen lie; auch der Besuch der befreundeten
Redaktionsstbchen in den verschiedenen Provinzen gewhrte neben den
Handelsgeschften eine gebildete Erholung, obgleich diese hier und da
eine Flasche Wein kostete.

Ein Haupterlebnis feierte er eines Tages an der abendlichen Wirtstafel
in einer mittleren deutschen Stadt, an welcher nebst einigen alten
Stammgsten des Ortes mehrere junge Reisende saen. Die wrdigen alten
Herren mit weien Haaren fhrten ein gemchliches Gesprch ber allerlei
Schreiberei, sprachen von Cervantes, von Rabelais, Sterne und Jean Paul,
sowie von Goethe und Tieck, und priesen den Reiz, welchen das Verfolgen
der Kompositionsgeheimnisse und des Stiles gewhre, ohne da die Freude
an dem Vorgetragenen selbst beeintrchtigt werde. Sie stellten
einlliche Vergleichungen an und suchten den roten Faden, der durch
all' dergleichen hindurchgehe; bald lachten sie eintrchtig ber irgend
eine Erinnerung, bald erfreuten sie sich mit ernstem Gesicht ber eine
neu gefundene Schnheit, alles ohne Gerusch und Erhitzung, und endlich,
nachdem der eine seinen Tee ausgetrunken, der andere sein Schppchen
geleert, klopften sie die langen Tonpfeifen aus und begaben sich auf
etwas gichtischen Fen zu ihrer Nachtruhe. Nur einer setzte sich
unbeachtet in eine Ecke, um noch die Zeitung zu lesen und ein Glas
Punsch zu trinken.

Nun aber entwickelte sich unter den jngeren Gsten, welche bislang
horchend dagesessen hatten, das Gesprch. Einer fing an mit einer
spttischen Bemerkung ber die altvterische Unterhaltung dieser Alten,
welche gewi vor vierzig Jahren einmal die Schngeister dieses Nestes
gespielt htten. Diese Bemerkung wurde lebhaft aufgenommen, und indem
ein Wort das andere gab, entwickelte sich abermals ein Gesprch
belletristischer Natur, aber von ganz andrer Art. Von den verjhrten
Gegenstnden jener Alten wuten sie nicht viel zu berichten, als das
und jenes vergriffene Schlagwort aus schlechten Literargeschichten;
dagegen entwickelte sich die ausgebreitetste und genaueste Kenntnis in
den tglich auftauchenden Erscheinungen leichterer Art und aller der
Personen und Persnchen, welche sich auf den tausend grauen Blttern
stndlich unter wunderbaren Namen herumtummeln. Es zeigte sich bald, da
dies nicht solche Ignoranten von alten Gerichtsrten und
Privatgelehrten, sondern Leute vom Handwerk waren. Denn es dauerte nicht
lange, so hrte man nur noch die Worte Honorar, Verleger, Clique,
Koterie und was noch mehr den Zorn solchen Volkes reizt und seine
Phantasie beschftigt. Schon tnte und schwirrte es, als ob zwanzig
Personen sprchen, die tckischen uglein blinkerten und eine allgemeine
glorreiche Erkennung konnte nicht lnger ausbleiben. Da entlarvte sich
dieser als Guido von Strahlheim, jener als Oskar Nordstern, ein dritter
als Kunibert vom Meere. Da zgerte auch Viggi nicht lnger, der bisher
wenig gesprochen, und wute es mit einiger Schchternheit einzuleiten,
da er als Kurt vom Walde erkannt wurde. Er war von allen gekannt, sowie
er ebenso alle kannte, denn diese Herren, welche ein gutes Buch
jahrzehntelang ungelesen lieen, verschlangen alles, was von
ihresgleichen kam, auf der Stelle, es in allen Kaffeebuden
zusammensuchend, und zwar nicht aus Teilnahme, sondern aus einer
sonderbaren Wachsamkeit.

Sie sind Kurt vom Walde? hie es drhnend, ha! willkommen! Und nun
wurden mehrere Flaschen eines unechten wohlfeilen und sauren Weines
bestellt, der billigste unter Siegel, der im Hause war, und es hob erst
ein energisches Leben an. Nun galt es zu zeigen, da man Haare auf den
Zhnen habe! Alle Mnner, die es zu irgend einem Erfolge gebracht und in
diesem Augenblicke Hunderte von Meilen entfernt vielleicht schon den
Schlaf der Gerechten schliefen, wurden auf das grndlichste demoliert;
jeder wollte die genauesten Nachrichten von ihrem Tun und Lassen haben,
keine Schandtat gab es, die ihnen nicht zugeschrieben wurde, und der
Refrain bei jedem war schlielich ein trocken sein sollendes: Er ist
brigens Jude! Worauf es im Chor ebenso trocken hie: Ja, er soll ein
Jude sein!

Viggi Strteler rieb sich entzckt die Hnde und dachte: Da bist du
einmal vor die rechte Mhle gekommen! Ein Schriftsteller unter
Schriftstellern! Ei! was das fr geriebene Geister sind! Welches
Verstndnis und welch sittlicher Zorn!

In dieser Nacht und bei diesem Schwefelwein ward nun, um der schlechten
Welt vom Amte zu helfen und ein neues Morgenrot herbeizufhren, die
frmliche und feierliche Stiftung einer neuen Sturm- und Drangperiode
beschlossen, und zwar mit planvoller Absicht und Ausfhrung, um
diejenige Grung knstlich zu erzeugen, aus welcher allein die Klassiker
der neuen Zeit hervorgehen wrden.

Als sie jedoch diese gewaltige Abrede getroffen, konnten sie nicht
weiter, sondern senkten alsbald ihre Hupter und muten das Lager
suchen; denn diese Propheten ertrugen nicht einmal guten, geschweige
denn schlechten Wein und bten jede kleine Ausschreitung mit groer
Abschwchung und belkeit.

Als sie abgezogen waren, fragte der alte Herr, welcher zurckgeblieben
war und sich hchlich an dem Treiben ergtzt hatte, den Kellner, was das
fr Leute wren? Zwei davon, sagte dieser, sind Geschftsreisende,
ein Herr Strteler und ein Herr Huberl; der dritte heit Herr Stralauer,
doch nur den vierten kenn' ich nher, der nennt sich Doktor Mewes und
hat sich vergangenen Winter einige Wochen hier aufgehalten. Er gab im
Tanzsaal beim Blauen Hecht, wo ich damals war, Vorlesungen ber deutsche
Literatur, welche er wrtlich abschrieb aus einem Buche. Dasselbe mute
aus irgend einer Bibliothek gestohlen worden sein, dem Einbande nach zu
urteilen, und war ganz voll Eselsohren, Tinten- und lflecke. Auer
diesem Buche besa er noch einen zerzausten Leitfaden zur franzsischen
Konversation und ein Kartenspiel mit obsznen Bildern darin, wenn man es
gegen das Licht hielt. Er pflegte jenes Buch im Bett auszuschreiben, um
die Heizung zu sparen; da verschttete er schlielich das Tintenfa ber
Steppdecke und Leintuch, und als man ihm eine billige Entschdigung in
die Rechnung setzte, drohte er, den Blauen Hecht in seinen Schriften und
'Feuilletons' in Verruf zu bringen. Da er sonst allerlei hliche
Gewohnheiten an sich hatte, wurde er endlich aus dem Hause getan. Er
schreibt brigens unter dem Namen Kunibert vom Meere allerhand sliche
und nachgeahmte Sachen.

Was Teufel! sagte der Alte, Ihr wit ja wie ein Mann vom Handwerk
ber diese Dinge zu reden, Meister Georg! Der Kellner errtete, stockte
ein wenig und sagte dann: Ich will nur gestehen, da ich selbst
anderthalb Jahre Schriftsteller gewesen bin! -- Ei der Tausend! rief
der Alte, und was habt Ihr denn geschrieben? -- Das wei ich kaum
grndlich zu berichten, fuhr jener fort, ich war Aufwrter in einem
Kaffeehaus, wo sich eine Anzahl Leute von der Gattung unserer heutigen
Gste beinahe den ganzen Tag aufhielt. Das lag herum, flanierte,
rsonierte, durchstberte die Zeitungen, rgerte sich ber fremdes
Glck, freute sich ber fremdes Unglck und lief gelegentlich nach
Hause, um im grten Leichtsinn schnell ein Dutzend Seiten zu schmieren;
denn da man nichts gelernt hatte, so besa man auch keinen Begriff von
irgend einer Verantwortlichkeit. Ich wurde bald ein Vertrauter dieser
Herren, ihr Leben schien mir meiner dienstbaren Stellung weit
vorzuziehen und ich wurde ebenfalls ein Schriftsteller. Auf meiner
Schlafkammer verbarg ich einen Pack zerlesene Nummern von franzsischen
Zeitungen, die ich in den verschiedenen Wirtschaften gesammelt, wo ich
frher gedient hatte, ursprnglich, um mich darin ein wenig in die
Sprache hineinzubuchstabieren, wie es einem jungen Kellner geziemt. Aus
diesen verschollenen Blttern bersetzte ich einen Mischmasch von
Geschichtchen und Geschwtz aller Art, auch ber Persnlichkeiten, die
ich nicht im mindesten kannte. Aus Unkenntnis der deutschen Sprache
behielt ich nicht nur fter die franzsische Wort- und Satzstellung,
sondern auch alle mglichen Gallizismen bei, und die Salbadereien,
welche ich aus meinem eigenen Gehirne hinzufgte, schrieb ich dann
ebenfalls in diesem Kauderwelsch, welches ich fr echt schriftstellerisch
hielt. Als ich ein Buch Papier auf solche Weise berschmiert hatte,
anvertraute ich es als ein Originalwerk meinen Herren und Freunden,
und siehe, sie nahmen es mit aller Aufmunterung entgegen und wuten es
sogleich zum Druck zu befrdern. Es ist etwas Eigentmliches um die
schlechten Skribenten. Obgleich sie die unvertrglichsten und
gehssigsten Leute von der Welt sind, so haben sie doch eine
unberwindliche Neigung, sich zusammenzutun und ins Massenhafte zu
vermehren, gewissermaen um so einen mechanischen Druck nach der
oberen Schicht auszuben. Mein Bchlein wurde sofort als das
sehr zu beachtende Erstlingswerk eines geistreichen jungen Autors
verkndet, welcher deutsche Schrfe des Urteils mit franzsischer
Eleganz verbinde, was wohl von dessen mehrjhrigem Aufenthalt in Paris
herrhre. Ich war nmlich in der Tat ein halbes Jahr in dieser Stadt
bei einem deutschen Gastwirt gewesen. Da unter dem bersetzten Zeuge
mehrere pikante, aber vergessene Anekdoten waren, so zirkulierten diese,
unter Anfhrung meines Buches, alsbald durch eine Menge von Blttern.
Ich hatte mich auf dem Titel George d'Esan, welches eine Umkehrung
meines ehrlichen Namens Georg Nase ist, genannt. Nun hie es berall:
George Desan in seinem interessanten Buche erzhlt folgenden Zug von dem
oder von jenem, und ich wurde dadurch so aufgeblasen und keck, da ich
auf der betretenen Bahn ohne weiteren Aufenthalt fortrannte, wie eine
abgeschossene Kanonenkugel.

Aber zum Teufel! sagte jetzt der Alte, was hattet Ihr denn nur fr
Schreibestoff? Ihr konntet doch nicht immer von Eurem Pack alter
Zeitungen zehren?

Nein! Ich hatte eben keinen Stoff als sozusagen das Schreiben selbst.
Indem ich Tinte in die Feder nahm, schrieb ich ber diese Tinte. Ich
schrieb, kaum da ich mich zum Schriftsteller ernannt sah, ber die
Wrde, die Pflichten, Rechte und Bedrfnisse des Schriftstellerstandes,
ber die Notwendigkeit seines Zusammenhaltens gegenber den andern
Stnden, ich schrieb ber das Wort Schriftsteller selbst, unwissend, da
es ein echt deutsches und altes Wort ist, und trug auf dessen
Abschaffung an, indem ich andere, wie ich meinte, viel geistreichere und
richtigere Benennungen ausheckte und zur Erwgung vorschlug, wie zum
Beispiel Schriftner, Dinterich, Schriftmann, Buchner, Federknstler,
Buchmeister und so fort. Auch drang ich auf Vereinigung aller
Schreibenden, um die Gewhrleistung eines schnen und sicheren
Auskommens fr jeden Teilnehmer zu erzielen, kurz ich regte mit allen
diesen Dummheiten einen erheblichen Staub auf und galt eine Zeitlang fr
einen Teufelskerl unter den brigen Schmierpetern. Alles und jedes
bezogen wir auf unsere Frage und kehrten immer wieder zu den
'Interessen' der Schriftstellerei zurck. Ich schrieb, obgleich ich der
unbelesenste Gesell von der Welt war, ausschlielich nur ber
Schriftsteller, ohne deren Charakter aus eigener Anschauung zu kennen,
komponierte 'ein Stndchen bei X.', oder 'ein Besuch bei N.', oder 'eine
Begegnung mit P.', oder 'ein Abend bei der Q.' und dergleichen mehr, was
ich alles mit unsglicher Naseweisheit, Frechheit und Kinderei ausstattete.
berdies betrieb ich eine rhrige Industrie mit sogenannten 'Mitgeteilts'
nach allen Ecken und Enden hin, indem ich allerlei Neuigkeitskram und
Klatsch verbreitete. Wenn gerade nichts aus der Gegenwart vorhanden war,
so bersetzte ich die Sesenheimer Idylle wohl zum zwanzigsten Male aus
Goethes schner Sprache in meinen gemeinen Jargon und sandte sie als
neue Forschung in irgend ein Winkelblttchen. Auch zog ich aus bekannten
Autoren solche Stellen, ber welche man in letzter Zeit wenig gesprochen
hatte, wenigstens nicht meines Wissens, und lie sie mit einigen
albernen Bemerkungen als Entdeckung herumgehen. Oder ich schrieb wohl
aus einem eben herausgekommenen Bande einen Brief, ein Gedicht aus und
setzte es als handschriftliche Mitteilung in Umlauf, und ich hatte immer
die Genugtuung, das Ding munter durch die ganze Presse zirkulieren zu
sehen. Insbesondere gewhrte mir der Dichter Heine die fetteste Nahrung;
ich gedieh an seinem Krankenbette frmlich wie die Rbe im Mistbeete.

Aber Ihr seid ja ein ausgemachter Halunke gewesen! rief der alte Herr
mit Erstaunen, und Meister Georg versetzte: Ich war kein Halunke,
sondern eben ein armer Tropf, welcher seine Kellnergewohnheiten in eine
Ttigkeit bertrug und in Verhltnisse, von denen er weder einen
sittlichen noch einen unsittlichen, sondern gar keinen Begriff hatte.
berdies brachte mein Verfahren niemandem einen wirklichen Schaden.

Und wie seid Ihr denn von dem schnen Leben wieder abgekommen? fragte
der Alte.

Ebenso kurz und einfach, wie ich dazu gekommen! antwortete der
Exschriftner, ich befand mich trotz alles Glanzes doch nicht behaglich
dabei und vermite besonders die bessere Nahrung und die guten
Weinrestchen meines frhern Standes. Auch ging ich ziemlich schbig
gekleidet, indem ich einen ganz abgetragenen Aufwrterfrack unter einem
dnnen berzieher Sommer und Winter trug. Unversehens fiel mir aus der
Heimat eine kleine Geldsumme zu, und da ich von frher her noch eine
alte Sehnsucht nhrte, ordentlich gekleidet zu sein, so bestellte ich
mir sofort einen feinen neuen Frack, eine gute Weste und kaufte ein
gutvergoldetes Uhrkettchen, sowie ein feines Hemd mit einem Jabot. Als
ich mich aber, dergestalt ausgeputzt, im Spiegel besah, fiel es mir wie
Schuppen von den Augen; ich fand mich pltzlich zu gut fr einen
Schriftsteller, dagegen reif genug fr einen Oberkellner in einem
Mittelgasthofe und suchte demgem eine Anstellung.

Aber wie kommt es, fragte der Gast noch, da Ihr nun so einsichtig
und ordentlich ber jenes Treiben zu urteilen wit?

Das mag daher kommen, erwiderte Georg Nase lchelnd, da ich mich
erst jetzt in meinen Muestunden zu unterrichten suche, aber blo zu
meinem Privatvergngen!

Worauf der Alte endlich seine Zeche bezahlte und sich entfernte, nachdem
er den Aufwrter eingeladen, in Zukunft doch an den Gesprchen der Gste
teilzunehmen und ja nicht zu versumen, von seinen lustigen Taten und
Erlebnissen so viel mitzuteilen, als er immer wte. So fgte es sich,
da in diesem Gasthofe die tglichen Stammgste samt dem Kellner mehr
Bildung und Schule besaen, als der kleine Schriftstellerkongre, der
zur Stunde unter dem gleichen Dache schlummerte.

Am nchsten Tage zerstreuten sich die Herren nach allen Winden, nicht
ohne nochmals die zu grndende Sturm- und Drangperiode krftiglichst
besprochen zu haben. Indem sie vorlufig schon einige Rollen verteilten,
wurde es als eine glckliche Fgung gepriesen, da in Viggi Strteler
die schweizerischen Beziehungen trefflich angebahnt seien, und er
bernahm es, einstweilen Bodmer und Lavater zusammen darzustellen, um
die reisenden neuen Klopstocks, Wieland und Goethe zu empfangen und
aufzumuntern.

So kehrte er ganz aufgeblht von Aussichten und Entwrfen in seine
Heimat zurck. Er lie die Haare lang wachsen, strich sie hinter die
Ohren, setzte eine Brille von lauterem Fensterglas auf und trug ein
kleines Spitzbrtchen, um sein ueres dem bedeutenden Inhalte
entsprechen zu lassen, den er durch seine neuen Bekanntschaften mit
einem Schlage gewonnen. Seiner Sendung gem, die er bernommen, begann
er sich mehr unter seinen Mitbrgern umzutun und suchte Anhnger. Wo er
wute, da einer ein Histrchen in den Kalender geschickt oder einige
spttische Knittelverse verfat hatte, die einzige Literatur, so in
Seldwyla betrieben wurde, da strebte er ein Mitglied fr die Sturm- und
Drangperiode zu erwerben. Allein sobald die wackeren Leute seine
Absichten merkten und seine wunderlichen Aufforderungen verstanden,
machten sie ihn zum Gegenstande ihres Gelchters und neuer Knittelverse,
welche zu seinem Verdru in den Wirtschaften verlesen wurden. Als er
vollends an einem Brgermahle den Stadtschreiber verblmt fragte, was
er von Kurt vom Walde fr eine Meinung hege, und jener erwiderte:
Kurt vom Walde? was ist das fr ein Kalb? da hatte er fr einmal genug
und spann sich wieder in seine Huslichkeit ein.

Dort betrachtete er sein Weib, und da er sah, wie anmutig Gritli in
ihrem Hubchen am Spinnrdchen sa, mit rosigem Munde, mit stillbewegtem
Busen und mit zierlichem Fue, da ging ihm ein Licht auf; er beschlo,
sie zu erhhen und zu seiner Muse zu machen. Von Stund an hie er sie
das mit beinernen Ringen und Glckchen kunstreich gezierte Spinnrad zur
Seite stellen und das grne Band vom seidigen Flachse wickeln. Dafr gab
er ihr eine alte Anthropologie in die Hand und befahl ihr, darin zu
lesen, whrend er in seinem Kontor arbeite, damit die groe
Angelegenheit in der Zeit nicht brach liege. Hierauf ging er an seine
Geschfte, sehr zufrieden mit seinem Einfall. Als er aber zum Essen kam
und begierig war auf die erste geistige Rcksprache mit seiner Muse, da
schttelte sie den Kopf und wute nichts zu sagen.

Ich mu zartere Saiten aufziehen fr den Anfang! dachte er und gab ihr
nach Tisch einen Band Frhlingsbriefe von einer Einsamen, darin sollte
sie lesen bis zum Abend. Dann ging er in sein Magazin, einen Haufen
Farbhlzer wegfhren zu lassen, dann in den Wald, um einer Steigerung
von Eichenrinde beizuwohnen. Dort machte er einen guten Handel und,
vergngt darber, noch einen Spaziergang, aber nicht ohne abermaligen
Nutzen. Er steckte das geschftliche Notizbuch beiseite und zog ein
kleineres hervor mit einem Stahlschlchen.

Damit stellte er sich vor den ersten besten Baum, besah ihn genau und
schrieb: Ein Buchenstamm. Hellgrau mit noch helleren Flecken und
Querstreifen. Zweierlei Moos bekleidet ihn, ein fast schwrzliches und
dann ein sammethnliches glnzend grnes. Auerdem gelbliche, rtliche
und weie Flechten, welche fter ineinander spielen. Eine Efeuranke
steigt an der einen Seite hinauf. Die Beleuchtung ist ein andermal zu
studieren, da der Baum im Schatten steht. Vielleicht in Ruberszenen
anzuwenden.

Dann blieb er vor einem eingerammten Pflock stehen, auf welchen irgend
ein Kind eine tote Blindschleiche gehngt hatte. Er schrieb:
Interessantes Detail. Kleiner Stab in Erde gesteckt. Leiche von
silbergrauer Schlange darum gewunden, gebrochen im Starrkrampf des
Todes. Ameisen kommen aus dem hohlen Innern hervor oder gehen hinein,
Leben in die tragische Szene bringend. Die Schlagschatten von einigen
schwanken Grsern, deren Spitzen mit rtlichen hren versehen sind,
spielen ber das Ganze. Ist Merkur tot und hat seinen Stab mit toten
Schlangen hier stecken lassen? Letztere Anspielung mehr fr
Handelsnovelle tauglich. #NB.# Der Stab oder Pflock ist alt und
verwittert, von der gleichen Farbe wie die Schlange; wo ihn die Sonne
bescheint, ist er wie mit silbergrauen Hrchen besetzt. (Die letztere
Beobachtung drfte neu sein.)

Auch vor einem Karrengeleise stellte er sich auf und schrieb: Motiv fr
Dorfgeschichte: Wagenfurche halb mit Wasser gefllt, in welchem kleine
Wassertierchen schwimmen. Hohlweg. Erde feucht, dunkelbraun. Auch die
Fustapfen sind mit Wasser gefllt, welches rtlich, eisenhaltig. Groer
Stein im Wege, zum Teil mit frischen Beschdigungen, wie von
Wagenrdern. Hieran liee sich Exposition knpfen von umgeworfenen
Wagen, Streit und Gewalttat.

Weiter gehend, stie er auf eine arme Landdirne, hielt sie an, gab ihr
einige Mnzen und bat sie, fnf Minuten still zu stehen, worauf er, sie
vom Kopf zu Fen beschauend, niederschrieb: Derbe Gestalt, barfu, bis
ber die Knchel voll Straenstaub; blaugestreifter Kittel, schwarzes
Mieder, Rest von Nationaltracht, Kopf in rotes Tuch gehllt, wei
gewrfelt-- allein urpltzlich rannte die Dirne davon und warf die
Beine aus, als ob ihr der bse Feind im Nacken se. Viktor, ihr
begierig nachsehend, schrieb eifrig: Kstlich! dmonisch-populre
Gestalt, elementarisches Wesen. Erst in weiter Entfernung stand sie
still und schaute zurck; da sie ihn immer noch schreiben sah, kehrte
sie ihm den Rcken zu und klopfte sich mit der flachen Hand mehrere Male
hinter die Hften, worauf sie im Walde verschwand.

So kehrte er heimwrts, beladen wie eine Biene mit seiner Ausbeute.
Nun, liebes Muschen! rief er seine Frau an, hast du dein Buch
gelesen? Mir ist es sehr gut gegangen, ich bringe treffliche Studien
nach Hause, ber deren Benutzung wir heute noch plaudern wollen! Allein
sie wute abermals nichts zu sagen, weil sie den ganzen Nachmittag im
Garten gesessen und mit groer Behaglichkeit grne Erbsen ausgehlst
hatte. Diesmal schttelte er seinerseits den Kopf und dachte: Seltsam!
Vielleicht ist es besser, gleich mit der Praxis zu beginnen und sich auf
den weiblichen Scharfsinn zu verlassen! Demgem las er ihr beim
Nachtessen seine heutigen Notizen vor, entwickelte ein Gesprch ber den
Nutzen solcher Beobachtungen, und indem er ihr riet, sich ebenfalls
dergleichen Wahrnehmungen aufzuzeichnen und ihm das Gesammelte
mitzuteilen, forderte er sie auf, ihre Meinung ber alles dies zu sagen.
Ich verstehe dies alles nicht! war ihre ganze Antwort. Sich zur
Geduld zwingend, sagte er: So wollen wir gleich ein Ganzes vornehmen,
welches dir vielleicht klarer sein wird, und worin du vielleicht die
Verfechtung solcher Teile, so kunstreich sie auch ist, wahrnehmen
magst!

Also nahm er seine neueste Handschrift hervor und begann sie vorzulesen,
oft unterbrochen durch die Strungen, welche die allerorts
durchstrichene und verbesserte Schreiberei veranlate, sowie durch das
Hin- und Herrcken der Brille, welche ihn blendete. Dennoch gewahrte er
erst nach einem halben Stndchen, da seine Gattin eingeschlummert war.

Da klingelte er mit dem Messer gegen den metallenen Leuchter und sagte,
als sich Gritli zusammenraffte, ernst und mifllig: Das kann so nicht
gehen, liebe Frau! Du siehst, wie ich mir alle Mhe gebe, dich zu mir
heranzubilden, und du kommst mir dennoch nicht entgegen! Du weit, da
ich die dornenvolle Laufbahn eines Dichters betreten habe, da ich des
Verstndnisses, der begeisterten Anregung, des liebevollen Mitempfindens
eines weiblichen Wesens, einer gleichgestimmten Gattin bedarf, und du
lssest mich im Stich, du schlfst ein!

Ei, mein lieber Mann! erwiderte Frau Gritli, indem sie ber diese
Reden errtete, mich dnkt, ein rechter Dichter soll seine Kunst
verstehen ohne eine solche Einblserin!

Gut! rief Viggi, verhhne mich nur noch, statt mich zu erheben und
aufzurichten! Gut! Ich werde in Gottes Namen meinen Weg allein wandeln!

Und er legte sich kummervoll schmollend zu Bett und sein Weib legte sich
neben ihn in Sorgen, da es um seinen Verstand bel stehen mchte. Er
schmollte nun mehrere Tage und wandelte seinen Weg allein; doch hielt er
das nicht aus, sondern beschlo, nunmehr mit mnnlicher Strenge seinen
Willen durchzusetzen und die Gattin zu dem zu zwingen, wofr sie ihm
einst danken wrde. Er machte schnell einen Erziehungsplan, legte eine
Anzahl Bcher zurecht, trat fest vor die Frau hin und wies sie an,
unfehlbar zu lesen und zu lernen, was er ihr vorlege. Dadurch geriet sie
in groe Not; sie sah, da der Friede Gefahr lief, gnzlich zerstrt zu
werden; auch getraute sie sich nirgends Rats zu holen, um ihren Mann
nicht zu verraten und dem Spotte der Leute auszusetzen, welchen diese
Geschichte ein gefundenes Fressen wre. Sie fgte sich also, obgleich
mit zornigem Herzen, und tat wie er verlangte, indem sie die Bcher in
die Hand nahm und so aufmerksam als mglich darin zu lesen suchte; auch
hrte sie seinen Reden und Vortrgen fleiig zu, nahm sich vor dem
Einschlafen in acht und stellte sich sogar, als ob ihr das Verstndnis
fr manches ausginge, weil sie glaubte, dadurch dem Unglck blder zu
entrinnen. Heimlich aber vergo sie bittere Trnen; sie schmte sich vor
sich selber in dieser trichten und schimpflichen Lage und schleuderte
die Bcher oft in eine Ecke oder trat sie unter die Fe. Denn der
Teufel ritt ihren Mann, da er ihr alles in die Hand gab, was er von
langweiliger und herzloser Ziererei und Schntuerei nur
zusammenschleppen konnte.

Anfnglich war er nicht bel zufrieden mit ihrer Fgsamkeit; als er aber
nach einigen Wochen bemerkte, da sie immer noch keine begeisternde
Anregung von sich ausgehen lie, sagte er eines Morgens: Das fhrt uns
vorderhand nicht weiter! Darum frisch nun das Leben selbst, die schne
Leidenschaft zu Hilfe gerufen! Eine lngere Reise werde ich heute
antreten, da ich das Herbstgeschft einleiten mu. Wohlan, wir werden
einen Briefwechsel fhren, der sich einst darf sehen lassen! Nun gilt
es, mein liebes Weibchen, deine Empfindungen und Gedanken in Flu zu
bringen! Ich werde dir gleich von der nchsten Stadt aus den ersten
Brief schreiben; diesen beantwortest du im gleichen Sinne. Da du mir ja
nicht schreibst, das Sauerkraut sei bereits geschnitten, und du habest
mir neue Nachthemden bestellt, und du wollest mich am Ohrlppchen
zupfen, wenn ich nach Hause komme, und du habest neulich in meiner
Nachtmtze geschlafen und es am Morgen nicht mehr gewut, sondern darin
gefrhstckt, und was dergleichen Trivialitten mehr sind, die du sonst
zu schreiben pflegst! Nein doch! Ermanne dich, oder vielmehr erweibe
dich einmal! mchte ich beinahe sagen, das heit kehre deine hhere
Weiblichkeit hervor, lasse voll und rein die Harmonien ertnen, die in
dir schlafen mssen, so gewi als in einem schnen Leibe eine schne
Seele wohnt! Kurz, merke auf den Ton und Hauch in meinen Briefen und
richte dich danach, mehr sag' ich nicht!

Als er wirklich reisefertig in der Stube stand, berraschte ihn Gritli
mit einem allerliebsten Handkfferchen aus buntem Korbgeflecht, in
welchem ein gebratenes Huhn, einige Brtchen, zwei Kristallflschchen
mit altem Wein und Likr, ein silbernes Becherchen, ein Besteck und zwei
kleine Servietten auf das bequemste und appetitlichste zusammengepackt
waren. Das hatte sie alles nach ihrer Angabe herrichten lassen, weil er
sich schon oft ber den Hunger und Durst beklagt, welchen man auf den
endlosen Eisenbahnen erleiden msse. Er nahm es, von seinen Ideen
eingenommen, zerstreut entgegen, sagte aber beim Abschiede noch kalt und
streng: Wende deine Gedanken nun von dergleichen materiellen Dingen ab
und sinne an das, was ich dir gesagt! Bedenke, da von dieser letzten
Probe der Frieden und das Glck unserer Zukunft abhangen!

Hiemit entfernte er sich und ffnete, eh' noch zwei Stunden vergangen
waren, das Krbchen, eine leckere Mahlzeit zu halten und die
Reisegefhrten zu reizen. Das Huhn war vortrefflich zerschnitten und
kunstreich wieder zusammengefgt, die Brtchen besonders wohlgebacken;
nur war er unschlssig, ob er von dem alten Sherry oder von dem feinen
Kirschbranntwein trinken solle; nahm aber zuletzt von beidem. So lebte
er lecker und frhlich und zndete sich dann eine Zigarre an aus dem
reichen Tschchen, das ihm seine Frau gestickt.

Diese sa indessen nicht in der besten Gemtsverfassung zu Hause; das
Herz war ihr recht schwer; denn als ein sehr eingefleischter Narr hatte
Herr Viggi Strteler einen herrlichen Ausweg gefunden, sie auch aus der
Ferne zu qulen, und anstatt da durch seine Abreise ein Alp von ihr
genommen wurde, welcher Gedanke ihr auch neu und verwirrend war, hatte
sie nun in dem Postboten ein neues Schreckgespenst zu erwarten. Und da
die ganze Geschichte bedenklich wurde, bewiesen seine letzten Worte. So
harrte sie denn voll Bangigkeit der Dinge, die da kommen sollten, und
nahm sich vor, wenn immer mglich, die Briefe ihres Mannes zu
beantworten nach ihren besten Krften. Richtig erschien noch vor Ablauf
von sechzig Stunden folgender Brief:

     Teuerste Freundin meiner Seele!

Wenn sich zwei Sterne kssen, so gehen zwei Welten unter! Vier rosige
Lippen erstarren, zwischen deren Ku ein Gifttropfen fllt! Aber dieses
Erstarren und jener Untergang sind Seligkeit und ihr Augenblick wiegt
Ewigkeiten auf! Wohl hab' ich's bedacht und hab' es bedacht und finde
meines Denkens kein Ende: -- Warum ist Trennung? --? -- Nur _eines_
wei ich dieser furchtbaren Frage entgegenzusetzen und schleudere das Wort
in die Wagschale: Die Glut meines Liebeswillens ist strker als
Trennung, und wre diese die Urverneinung selbst -- -- so lange dies
Herz schlgt, ist das Universum noch nicht um die Urbejahung gekommen!!
Geliebte! fern von Dir umfngt mich Dunkelheit -- ich bin herzlich mde!
Einsam such' ich mein Lager -- -- schlaf' wohl!----

Bei diesem Briefe lag noch ein Zettel des Inhalts:

#P. S.# Ich habe absichtlich, liebe Frau! diesen ersten Brief kurz
gehalten, da der Anfang Dir nicht zu schwierig erscheinen mge! Du
siehst, da es sich in diesen Zeilen nur um ein einziges Motiv handelt,
um den Begriff der Trennung. uere nun hierber Deine Gefhle und fge
eine neue Anregung hinzu, welche zu finden nun eben die Sache Deines
Herzens und Deines guten Willens sein wird. Heut schlaf' ich zum
erstenmal in einem Bette seit meiner Abreise; wenn's nur keine Wanzen
hat! Der junge Mller an der Burggasse, welchen ich angetroffen, hat
mich um vierzig Franken angepumpt in Gegenwart von andern Reisenden und
ganz #en passant#, so da ich es in der Eile nicht abschlagen konnte. Da
ich wei, da seine Eltern noch eine Partie lsamen haben, so soll unser
Kommis gleich hingehen und den lsamen kaufen und auf Rechnung setzen.
Es mu aber gleich geschehen, ehe sie wissen, da der Junge mir Geld
schuldig ist, sonst bekommen wir weder lsamen noch Geld.

#NB.# Wir wollen die geschftlichen und huslichen Angelegenheiten auf
solche Extrazettel setzen, damit man sie nachher absondern kann. In
Erwartung Deiner baldigen Antwort, Dein Gatte und Freund Viktor.

Mit diesem Briefe in der Hand sa sie nun da und las und wute nichts
darauf zu antworten. Wenn sie sich auch ber die Grausamkeit oder
Ntzlichkeit der Trennung einige hausbackene Gedanken zurecht gezimmert,
so fehlte ihr fr die neue Anregung, die sie hinzufgen sollte, jeder
Einfall, oder wenn sich einer einstellen wollte, so blieb er weit hinter
den kssenden Sternen und hinter der Urbejahung zurck, und darber
verbleichten auch wieder ihre Trennungsbetrachtungen, welche sich doch
nur um die Notwendigkeit und Eintrglichkeit einer Geschftsreise
drehten, da ihr sonst kein anderer Grund bekannt war.

Sie ging mit dem Briefe auch in den Garten und ging auf und nieder, in
immer grerer Angst befangen; da sah sie den Handlungsdiener ihres
Mannes und geriet auf den Einfall, ihn ins Vertrauen zu ziehen, ihm ihre
Not zu klagen und ihn zur Mithilfe zu veranlassen. Allein sie gab diesen
Gedanken sofort auf, um den Respekt gegen ihren Mann nicht zu
untergraben. Da fiel ihr Blick auf das Grtchen eines Nachbarhauses,
welches von ihrem Garten nur durch eine grne Hecke getrennt war, und
pltzlich verfiel ihre Frauenlist auf den wunderlichsten Ausweg, welchen
sie auch, ohne sich lange zu besinnen und wie von einem hheren Licht
erleuchtet, alsobald betrat.

In dem Nachbarhuschen wohnte ein armer Unterlehrer der Stadt, namens
Wilhelm, ein junger, fr unklug oder beschrnkt geltender Mensch, mit
etwas schwrmerischen und dunkeln Augen. Derselbe sah fr sein Leben
gern die Frauen, war aber auerordentlich still und schchtern und
durfte berdies seiner beschrnkten und rmlichen Stellung wegen nicht
daran denken, sich zu verheiraten oder sonst dem schnen Geschlechte den
Hof zu machen. Er begngte sich daher, die Schnheit mehr aus der Ferne
zu bewundern, und da es fr sein Verlangen gleich erfolglos war, ob er
eine Frau oder ein Mdchen zum Gegenstande seiner Bewunderung machte,
so wechselte er in aller Ehrbarkeit und whlte bald diese, bald jene zum
Ziel seiner Gedanken. So lebte er in seinem Herzen wie ein Pascha, und
alles Schne, was Kaffee trank und Strmpfe strickte oder auch mig
ging, gehrte ihm. Dies doch einigermaen leichtfertige Wesen
wissenschaftlich zu begrnden oder zu beschnigen, war der gute Wilhelm
auch vom Christentum abgefallen und, obgleich er des Sonntags in der
Kinderlehre vorsingen mute, wo er immer aufs neue den Katechismus
erlutern hrte, einer wahrhaft heidnischen Philosophie zugesteuert.
Alle Gtter und Gttinnen der Mythologien, welche er gelesen, rief er
ins Leben zurck und bevlkerte damit sich zur Kurzweil die Landschaft;
je nach der Stimmung des Himmels, der ber Seldwyla hing, war er
entweder Germane, Grieche oder Indier, und behandelte seine Weiber
heimlich nach der Art dieser Landsleute. Nur wenn das Wetter gar zu
graulich, sein Brot gar zu knapp und nirgends ein freundliches
Frauenauge zu erblicken war, blies er zuweilen alle diese Gtter
auseinander und behauptete bei sich selbst, zu einem solchen Leben
brauche man gar keinen Gott.

Diesen jungen Schulmeister whlte sich die schne Frau zu ihrem Retter,
sobald er ihr in den Sinn kam. Da er sie gern sah, wute sie seit
einiger Zeit, und da er ein ganz stiller und schchterner Mensch war,
ebenso, weil er errtete und die Augen niederschlug, wenn er ihr
begegnete, und er schien ihr gerade von der rechten Art zu sein, um ein
Geheimnis zu verschweigen. Sie ging also hin und schrieb den Brief ihres
Mannes ab und zwar dergestalt, da sie einige Worte vernderte, oder
hinzusetzte, als ob eine Frau an einen Mann schreiben wrde. Dann
faltete sie das Papier zierlich zusammen und versiegelte es, ohne aber
eine Adresse darauf zu setzen.

Dann ging sie zur Abendzeit wieder in den Garten, als Wilhelm eben seine
paar Blmchen bego, nahe der Hecke. Sie trat so dicht davor, als sie
konnte, und rief ihn leise beim Namen. Zitternd und verstohlen zeigte
sie ihm das Briefchen, als er aufblickte, und fragte, indem sie einen
ganz seltsam sonnigen Blick hinber scho: Ob er schweigsam sein knne?
Diesmal verga er, die Augen niederzuschlagen, lachte sie unbewut
vielmehr an, wie ein halbjhriges Kind, welchem man ein glnzendes Ding
zeigt, und war im Begriff, indem er die Giekanne fallen lie, mit den
Hnden nach ihrem Kopf zu fahren, um ihn auch nach dem Munde zu fhren,
wie es die Kinder machen, die den Raum noch nicht zu beurteilen wissen.
Doch antwortete er nicht, bis sie ihn nochmals gefragt hatte, worauf er
ernsthaft nickte. So nehmt das Briefchen hier, wenn es niemand sieht,
und legt mir eine hbsche und passende Antwort dafr hin! es handelt
sich um einen Scherz und Ihr sollt nicht im Schaden bleiben! sagte sie,
steckte die Epistel durch das Laub des Hages und eilte davon, wie von
einer Schlange gebissen, sich auf ihrem Stbchen verbergend.

Wilhelm schaute ihr nach, wie einer, der eine Erscheinung sah; dann nahm
er den Brief sachte aus dem Weidorn, machte einen Umweg, so gro ihn
das kleine Grngrtchen erlaubte, und schlpfte dann in sein kleines
Gemach, welches unmittelbar am Grtchen lag. Dort las er hastig den
Brief, einmal, zweimal und rief, indem ihm das Herz bermchtig zu
schlagen anfing: O Herr Jesus! Das ist wahrhaftig ein Liebesbrief!
Sogleich zerkte er das Papier, dann stutzte er wieder, erinnerte sich
jedoch des Blickes, welchen sie ihm zugeworfen und hielt sich fr
geliebt. Er sah sich um in seinem Stbchen. Dichte Winden mit blauen und
roten Blumen verhllten fast ganz die niederen Fenster, doch drang die
Abendsonne hindurch und streute einige goldene Lichter an die Wand, ber
sein rmliches Bett und seine drei oder vier Gtterlehren und das
Schreibzeug. Der erste Gedanke, der sein dankbares Gemt durchblitzte,
war der liebe Gott, und zwar der alleinige und christlich anstndige.
Versteht sich! rief er auf- und niedergehend, den Brief in der Hand,
wie eine Depesche, versteht sich, gibt es einen Gott! Versteht sich,
natrlich! Und er fhlte sich ganz glckseliglich, da er auf so
angenehme Weise seinen Frieden mit dem Schpfer schlieen konnte, der
die schnen Frauen geschaffen. Aber aufs neue stutzte er. Was Teufel
tue ich mit ihr? Sie hat ja einen Mann! -- Aber halt! das ist ihre
Sache! Was sie befiehlt, das tu' ich! Will sie's, so sprech' ich nie ein
Wort zu ihr, verlangt sie's, so kriech' ich mit ihr in die Erde hinein,
und begehrt sie's, so tue ich's allein! Nun setzte er sich auf das Bett
und ergab sich einem entzckten Trumen; endlich berlas er in der
spten Dmmerung nochmals das Briefchen; es schien ihm doch etwas kurios
und tricht geschrieben zu sein. Ach! sagte er lchelnd vor sich hin,
auch bei einem geschenkten Herzen heit es: dem geschenkten Gaul sieh
nicht ins Maul! Ich will die Antwort in ihrer Weise schreiben, da sie es
so liebt und versteht!

Also zndete er ein Lichtstmpfchen an, suchte ein Blatt Papier hervor
und schrieb darauf eine Antwort auf Viggis Brief, wie sie dieser nur
wnschen konnte, nicht ohne Geist, aber dazu noch mit aller herzlichen
Glut durchwrmt, welche er in diesem Augenblicke empfand. Er faltete das
Blatt zusammen und trug es hinaus in die Hecke. Sodann ging er zurck
und zu seiner Wirtin, um seine Abendsuppe zu essen; aber siehe da! er
war ganz erstaunt, da er nur wenige Lffel hinunter brachte, so
gesttigt fhlte er sich von allen guten Dingen, whrend er sonst bei
seinen getrumten Liebesverhltnissen allzeit die grte Elust
empfunden hatte. Darum legte er sich ungesumt zu Bett und war nur
begierig, ob er auch von seiner Geliebten trumen wrde; denn ohne das
schienen ihm die langen Stunden des Schlafes ein unverantwortlicher
Zeit- und Sachverlust zu sein. Kaum lag er im Bette, so fing er, seit
geraumer Zeit zum ersten Male, ganz von selbst an zu beten und begann
dem lieben Herrgott inniglich und angelegentlich zu danken fr die gute
Gabe einer Liebsten, die er so unerwartet gewonnen; aber mitten im Gebet
brach er kleinlaut ab, da ihm einfiel, da der Handel doch nicht ganz
zum Beten eingerichtet sei, und er bedauerte fast, da er so
unvorsichtig den christlichen Gott seiner Kindheit wieder eingesetzt
hatte, der nicht so lustig mit sich umspringen lie, wie die
Alphabetgtter aus seinen Wrterbchern. Und doch war es ein schnes
Leben, was ihn beseelte; denn in den schlimmsten Tagen hatte er nie um
ein Stck Brot gebetet. So dachte er denn auch, gewissermaen
hinterrcks, an die schne Frau, bis der Morgen anbrach und er fest
einschlief. Da hatte er einen Traum. Ihm trumte, er sitze und mahle ein
Pfund duftig gersteten Kaffee, und die Kaffeemhle spielte eine se
himmlisch klingende Musik, da ihm ganz selig zu Mute ward, und doch
trumte er nicht von Frau Gritli.

Diese hatte inzwischen seinen Brief richtig gesucht und gefunden und
noch whrend der Nacht abgeschrieben mit den ntigen Vernderungen.
Hierbei begegneten ihr zwei Dinge; erstens klopfte ihr das Herz ziemlich
bang und ungestm, als sie gar wohl die Wrme fhlte, welche in
Wilhelms Worten glhte, und sie dieselben so bedchtig abschrieb;
zweitens aber fiel es ihr diesmal im Traume nicht ein, in der befohlenen
geschftlichen Nachschrift oder auch im Briefe selbst eine jener muntern
Redensarten von Zupfen am Ohrlppchen oder von der Nachtmtze einflieen
zu lassen, und das Verbot ihres Mannes erwies sich als ganz berflssig.
Aber auf beide Dinge gab sie nicht weiter acht, da die Sorge, ihren Mann
zufrieden zu stellen, sie zu sehr beschftigte. Ihre Nachschrift aber
lautete: Unser Schreiber ist heute gleich zu Mllers an der Burggasse
gegangen und hat den lsamen gekauft; aber kaum zwei Minuten nachher,
noch ehe wir ihn herbringen konnten, lieen sie fr den Betrag hundert
blaue Wetzsteine holen. Derweil mssen sie die Nachricht von ihrem Sohne
bekommen haben, da er von Dir vierzig Franken entlehnt; denn als man
hierauf den lsamen holen wollte, lieen sie sich entschuldigen, die
Frau habe ohne Wissen des Mannes denselben schon vor zwei Tagen an einen
Bauer verhandelt. So haben sie nun die vierzig Franken und die
Wetzsteine dazu. Gebe Gott, da Dir mein Brief nicht gnzlich mifallen
mge; er hat mich ziemlich Anstrengung gekostet, jedoch nicht allzu
groe, und ich merke, da das Ding schon gehen kann.

Mit der ersten Post versandte sie den Brief und erhielt schon nach zwei
Tagen eine Antwort von vier Seiten mit folgendem Beizettel: Hier wre
der zweite Brief von mir, liebe Frau! Ich bin ordentlich stolz darauf,
da ich nun endlich das richtige Verfahren eingeschlagen; denn, ohne
Schmeichelei, Du hast Dich vortrefflich gehalten! Aber nun nicht locker
gelassen! Du siehst, da ich schon tchtig ins Zeug mit Dir gehe und
vier Seiten mit lauter energischen Gedanken und Bildern angefllt habe.
Ich sage abermals nichts weiter, als: mach' Dich dahinter! Die Mllers
soll der Teufel holen, wenn ich nach Hause komme! Es hat mich gekrnkt,
was sie taten, und mir einen schnen Tag verbittert, wo ich die
interessantesten Bekanntschaften gemacht! Ich habe vergessen, den ersten
Brief zu unterzeichnen, schreibe doch darunter, aber genau: Kurt v. W.
Oder la es lieber bleiben, ich werde doch die ganze Sammlung nachher
durchgehen.

Whrend der letzten zwei Tage hatte Gritli sich die Sache ernstlicher
berlegt und beschlossen, mit Wilhelm abzubrechen. Sie wollte ihm noch
zur rechten Zeit sagen, da es sich um einen Scherz gehandelt habe, den
sie ihm auf irgend eine Weise schon noch zu erklren gedenke; auch hatte
sie durch das Abschreiben der beiden Briefe etwas Mut geschpft und
hoffte, am Ende allein zurechtzukommen. Als sie aber das neue
Geschreibsel in Hnden hielt, ward es ihr rot und blau vor den Augen,
und wenn sie bedachte, da das nun fortschreitend immer toller werde, so
gab sie jede Hoffnung auf und beeilte sich in ihrer erneuten Angst, die
vier Seiten nur wieder abzuschreiben und an den bewuten Ort zu tun.

Wilhelm, welcher zwei schlimme Tage zugebracht hatte, weil er von seiner
Dame nichts hrte oder sah, strzte sich wie ein Habicht auf die Beute
und stellte in weniger als einer Stunde eine Antwort her, welche an
Schwung und Zrtlichkeit Viggis Kunstwerk weit hinter sich lie. Als
Gritli dies abschrieb, fhlte sie sich tief bewegt und es fielen ihr
sogar einige Trnen auf das Papier, denn dergleichen hatte ihr noch
niemand gesagt. Fast wollte es sie bednken, wenn sie an einen Menschen
wie Wilhelm zu schreiben htte, so wrde ihr das Werk leichter, aber an
Viggi? sie gab nun jeden Gedanken auf, den Briefwechsel allein zu fhren
und lie den Dingen ihren Lauf, auf ihre List vertrauend, welche in der
Not schon einen neuen Ausweg finden sollte. Diesmal fgte sie folgende
Nachschrift hinzu: Neues wei ich von hier nichts zu melden, als eine
kleine nrrische Geschichte, welche ich nicht in den Hauptbrief zu
setzen wagte. Der arme Schorenhans an dem Tore, welcher, wie Du weit,
mehr Witze macht als er Fleisch zu sehen kriegt, sollte jngsten Sonntag
einen schweren Zins nach der Hauptstadt tragen. Weil er fast nichts
brig behielt, um dort einzukehren und etwas zu genieen, so sagte er zu
seiner Frau: 'Ich werde mich frh um 4 Uhr auf die Beine machen und
streng laufen, denn es sind sieben Stunden, so werde ich bis zum
Mittagessen eintreffen und wohl einen Teller Suppe und vielleicht auch
ein Glas Wein vom Zinsherrn bekommen.' So tat er denn auch und lief mit
seinem Gelde wie besessen. Um 10 Uhr ungefhr versprte er einen solchen
Hunger, da er kaum glaubte, hinzugelangen, und fragte daher die Leute,
welche des Weges kamen, wie weit es noch sei? 'Wenn Ihr gut lauft,' hie
es, 'so habt Ihr noch eine Stunde!' Und wann man denn dort Mittag esse?
fragte er noch ngstlich. 'Am Sonntag um 11 Uhr!' sagten die Leute. So
lief der arme Kerl aus allen Leibeskrften, denn es handelte sich um den
langen Rckweg und er trug nicht einen eigenen Batzen in der Tasche.
Endlich langte er an, als es eben 11 Uhr lutete, und drang atemlos
gleich hinter der anmeldenden Dienstmagd in die Stube, mit seinem
Geldsckchen ein Gerusch erregend. Die Familie sa schon am Tische und
die Suppe wurde eben weggetragen. Etwas ungehalten ber das Eindringen
sagte der Zinsherr: 'Gut, lieber Mann! setzt Euch nur dort auf die
Ofenbank und geduldet Euch eine Weile!' So setzte er sich erschpft und
wehmtig auf die Bank und sah der Herrschaft zu, wie sie a und trank,
und hrte die Kinder plaudern und lachen und roch den mchtigen Braten,
der jetzt herein gebracht wurde. Niemand gedachte seiner, bis zufllig
der Herr sich zu ihm wandte und sagte: 'Und was gibt es Neues bei Euch
drauen, guter Freund?'

'Nichts Apartes!' erwiderte der Schorenhans schnell besonnen, 'als da
merkwrdigerweise diese Woche eine Sau dreizehn Ferkel geworfen hat!' Auf
diese Worte schlug die Zinsfrau erbarmungsvoll die Hnde ber dem Kopf
zusammen und rief: 'O du lieber Gott! Was machen sie doch aus deiner
Weltordnung! Ein Mutterschwein hat ja nur zwlf Zitzchen, wo soll denn das
dreizehnte Sulein saugen!' Schorenhans zuckte lchelnd die Achsel und
erwiderte: 'Es hat's eben wie ich, es mu zusehen!' Darber lachte der
Hausherr und rief: 'Frau, la dem Bauer einen Teller bringen, und gib ihm
zu essen von allem, was wir gehabt haben!' So geschah es, er bekam Suppe,
Braten und alles Gute und der Herr schenkte ihm von dem alten Weine in das
Glas und gab ihm ein gutes Trinkgeld, als er fortging. Ich teile dir,
lieber Mann! diesen Spa nur deswegen mit, weil mir etwas dabei eingefallen
ist. Ich wnschte nmlich, da du so viele Verbindungen hast, da du die
kleine Geschichte als einen artigen Beitrag fr eines deiner
Unterhaltungsbltter abfassen oder aufsetzen und ein bichen ausschmcken
mchtest, bis sie betrchtlich genug ist. Dann wrdest du, indem du ja den
Zweck angeben knntest, ein kleines Honorar, etwa zehn Franken, dafr
verlangen, und diese gben wir dem Schorenhans, der gewi eine komische
Freude htte ber diesen unverhofften Ertrag seines Einfalls!

Auf diesen Brief erfolgte von Viggis Seiten ein noch grerer mit
folgender Beilage: Die Sache geht gut, liebes Gritli! Wir knnen nun
keck ausschreiten und wollen uns tglich schreiben, hrst Du, tglich!
Vielleicht in einiger Zeit zweimal des Tages, um die Dauer meiner
Abwesenheit gut zu benutzen und eine ansehnliche Sammlung zu stande zu
bringen. Ich denke auch schon auf einen idealen Namen fr Dich; denn
Deinen prosaischen Hausnamen knnen wir hier nicht brauchen. Wie gefllt
Dir Isidora oder Alwine? Mit Deiner Geschichte vom Schorenhans hast Du
nichts erreicht, als da sie mir die doppelte Brieftaxe verursachte;
denn erstens ist aus diesem albernen Witze nichts zu machen, und wenn es
wre, so kannst Du doch nicht verlangen, da ich meine Muse mit
dergleichen kleinlichen Angelegenheiten beschftige! Fr eine
ffentliche wohlttige Unternehmung liee sich das eher hren; ich bin
auch schon bei einigen solchen ehrenvollen Missionen engagiert. Wenn Du
jedoch den Leuten ein paar Franken aus der Tasche magst zukommen lassen,
so habe ich nichts dagegen; denn ich mchte Deinem mildttigen Sinne
nicht gerade hinderlich sein. Ich wnschte, da Du Dich fr den Namen
Alwine entscheidest.

Nun ging also die seltsame Briefpost tagtglich und nach einiger Zeit in
der Tat zweimal des Tages. Gritli hatte nun alle Tage vier lange Briefe
abzuschreiben, weshalb ihre feinen rosigen Finger fast immer mit Tinte
befleckt waren. Sie seufzte reichlich bei diesem ungewohnten Tun, mute
bald lachen, bald weinen ber die Einflle und Mitteilungen der beiden
Briefsteller, die durch ihre Hand gingen, und sie unterschrieb die
Briefe an Viggi mit Alwine, diejenigen an Wilhelm mit Gritli, wobei sie
dachte: der ist wenigstens zufrieden mit meinem armen Namen! Seit
einiger Zeit hatte sie bemerkt, da Wilhelm nicht zum besten mit Papier
versehen war, indem er immer andere Farben und Abschnitzel verwandte.
Sie kaufte daher ein Paket schnes Briefpapier und legte es ihm hin mit
der Anweisung: Es mu jetzt tglich zweimal geschrieben werden! Fragt
nicht warum, kennt mich nicht, seht nicht nach mir! Das Geheimnis wird
sich aufklren!

Sie rechnete fest auf seine Gutherzigkeit, Einfalt und stille
Ergebenheit, welche, wenn auch eines Tages enttuscht, dennoch das
Geheimnis bewahren wrde, froh darber, ein solches zu besitzen. So ging
denn der Verkehr wie besessen, und an drei Orten hufte sich ein Sto
gewaltiger Liebesbriefe an. Viggi sammelte die vermeintlichen Briefe
seiner Frau sorgfltig auf, Gritli verwahrte die Originale von beiden
Seiten und Wilhelm bewahrte Gritlis feine Abschriften in einer dicken
Brieftasche auf seiner Brust, whrend er sich um seine eigenen
Erzeugnisse nicht mehr kmmerte.

In einer Nachschrift bemerkte Viggi: Ich habe mit Vergngen gesehen,
da Spuren von vergossenen Trnen zwischen Deinen Zeilen zu sehen sind
(wenn Du nicht etwa einen Schnupfen hattest!). Aber gleichviel, ich
trage mich jetzt mit dem Gedanken, ob solche Trnen zwischen den Zeilen
bei einer allflligen Herausgabe im Druck nicht durch einen zarten
Tondruck knnten angedeutet werden? Freilich, fllt mir ein, mte dann
wohl die ganze Sammlung faksimiliert werden, was sich indessen berlegen
lt. Wilhelm schrieb dagegen in einem Briefe: O liebes Herz, es ist
doch traurig, so unerbittlich getrennt zu sein und immer mit der
schwarzen Tinte zu sprechen, wo man das rote Blut mchte reden lassen!
Ich habe heute schon zweimal einen frischen Bogen nehmen mssen, weil
mir Trnen darauf gefallen sind, und soeben konnte ich einen dritten nur
dadurch retten, da ich schnell die Hand darauf legte. Wenn Du mich nur
ein wenig liebst, so verachtest Du mich nicht wegen dieser
Schwachheit!

Solche Stellen, welche sie nach ihrer Meinung besonders angingen, merzte
sie sorgfltig aus in der Abschrift; dafr verwechselte sie manchmal die
hochtrabenden Anreden: Teurer Freund meiner Seele! und dergleichen in
den Sendungen an Wilhelm mit vertraulichen Benennungen, wie mein liebes
Mnnchen oder mein gutes Kind, was sie dann wieder in Reu' und Sorgen
setzte, whrend sie die groen, hohlen Worte in den Briefen an den Mann
groartig stehen lie. Kurz, sie wnschte endlich sehnlich die Heimkehr
ihres Eheherrn, damit alle Gefhrde ein Ende nehmen und zum Schlu
gebracht werden mchte. Da schrieb er unversehens, seine Geschfte jeder
Art seien nun zu Ende. Allein der Briefwechsel sei nun in einen so
glcklichen Zug geraten, da er noch vierzehn Tage fortbleiben wolle,
damit diese Angelegenheit, an welcher ihm sehr viel liege, recht
ausgebildet und zur glcklichen Vollendung gefhrt werden knne. Er
werde sich diese zwei Wochen noch ausschlielich damit beschftigen und
ermahne auch sie, getreulich auszuhalten und das Ziel, welches ihr auf
immer eine Stelle in den Reihen ausgezeichneter Frauen sichere, bis ans
Ende zu verfolgen.

Daher wurde aufs neue geschrieben und geschrieben, da die Federn flogen.
Gritli wurde bleich und angegriffen, denn sie mute schreiben wie ein
Kanzlist; und der Schulmeister magerte ganz ab und wute nicht mehr wo ihm
der Kopf stand, da er dazu noch in voller Leidenschaftlichkeit schrieb und
nicht mehr aus alledem klug wurde. Gritli wagte nicht mehr sich im Garten
aufzuhalten, um ihn nicht zu sehen, und wenn sie ihn auf der Strae etwa
traf, wagte er seinerseits nicht sie anzusehen, wie wenn er der beltter
wre.

Viggi indessen, so viel er auch schrieb, lie sich wohl sein und lebte
in allen Stcken wie ein echter Weltfahrer, da er berhaupt gewohnt war,
nach der Art mancher Leute, seine Geschftsreisen als Ausnahmezustand zu
betrachten und sich von aller huslichen Ordnung zu erholen. Jeden Abend
fhrte er eine andere Schne ins Theater oder auf die ffentlichen
Blle, wobei er die Sucht hatte, sich von jeder die Geschichte ihres
Schicksals erzhlen und tchtig anlgen zu lassen. Gegen das Ende wurde
er dann regelmig gefhlvoll, fand alles hchst bedeutsam, fing an zu
notieren und wurde hinter dem Rcken verspottet, whrend man seinen
Champagner trank. Zuletzt jedoch begab er sich auf den Heimweg, nachdem
er noch Gelegenheit gefunden, einen guten Handel in Strohwaren
abzuschlieen.

Auf der letzten Station stieg er aus; da es ein schner Herbsttag war,
wollte er zu Fu Seldwyla erreichen, das Notizbchlein in der Hand, um
eine Wanderers Heimkehr zu studieren und in der goldenen Abendluft
einen recht famosen Titel fr den Briefwechsel auszudenken. Er war
zufrieden mit sich, mit der Welt, mit seiner Frau, mit dem Himmel, und
trug ein hchst wunderbares Htchen auf dem Kopf, halb von Stroh, halb
von Seide, dessen Band ihm auf den Rcken fiel. Im Grunde, sagte er,
braucht es da keinen besonders knstlichen Titel! Das Einfachste wird
das Beste sein, etwa die beiden Namen zusammengezogen, gibt ein famos
klingendes Wort: Kurtalwino, Briefe zweier Zeitgenossen! Das ist gut,
ganz gut! Und bermtig froh fing er in dem Gehlz, durch das er ging,
pltzlich an zu singen in der Melodie des Rinaldiniliedes: Kurtalwino,
rief sie schmeichelnd, Kurtalwino wache auf! Deine Leute sind schon
munter, lngst ging schon die Sonne auf und so fort. Mit diesem
verrckten Gesange weckte er einen schlanken jungen Mann auf, welcher
unter einer Tanne sa und den Kopf auf die Hand gesttzt in tiefen
Gedanken in das Tal schaute. Es war Wilhelm, welcher sich auf den ersten
Ton von Herrn Strtelers Gesang erhob und davoneilte. Dafr setzte sich
dieser an seinen Platz, als er eine dicke Brieftasche dort liegen sah,
die jener offenbar vergessen. Was hat, sagte er, dieser
Hungerschlucker im Freien zu tun, anstatt seine Schulhefte zu mustern?
Was Kuckucks hat er hier fr ein Archiv bei sich gehabt? Und ohne
weiteres ffnete er das Bndel und fand die Unzahl Briefe Gritlis,
welche, obschon auf feines Postpapier geschrieben, doch kaum
zusammenzuhalten waren. Er machte sogleich den ersten auf; denn, dachte
er, wer wei, welch interessantes Geheimnis, welche gute Studie hier zu
erbeuten ist!

Der Brief fing an wenn sich zwei Sterne kssen und so fort. Er besah
die Handschrift genauer, es war die seiner Frau. Er tat den zweiten
Brief auf, den dritten, es waren seine Briefe, er fing von hinten an und
stie genau auf den letzten, welchen er geschrieben, alle waren zierlich
abgeschrieben und an den Schulmeister adressiert. Er sprang in die Hhe
und rief: Was Kreuz Millionenhagel ist denn das? Bin ich konfus oder
nicht?

Einige Minuten stand er wie verstrt; dann stie er die Brieftasche mit
den Papieren kunterbunt in das Reisetschchen, das er umgehngt hatte,
schwang seinen Stab, drckte sein Htchen in die Augen, da das arme
Ding knitterte und sich verbog, und schritt gestrengen Schrittes
vollends heimwrts. Auf dem Weg lief der Schulmeister ngstlich und
hastig an ihm vorber wieder zurck, offenbar seine Briefe zu suchen.
Viggi tat als she er ihn nicht und ging vorwrts.

Als er durch die Stadt zog, waren die Seldwyler verwundert ber seine
starre Haltung und da er niemand grte. Viggi Strteler ist zurck!
hie es: jeder Zoll ein Mann! Potz Tausend, da geht er hin! Er aber
drang unaufhaltsam vor und in sein Haus. Dort sah er die Kellertr offen
stehen, ging hinein und sah sein Weib einige pfel auswhlen, das Licht
in der Hand. Unversehens trat er vor sie hin, da sie leicht erschrak
und noch etwas blasser wurde. Er bemerkte dies und betrachtete sie einen
Augenblick, sie sah ihn auch an und keines sagte ein Wort. Pltzlich
nahm er ihr das Licht aus der Hand, ri ihr den Schlsselbund von der
Seite, ging hinaus, schlo die Kellertr zu und steckte den Schlssel zu
sich. Darauf ging er in die Wohnstube hinauf, wo ihr Schreibtischchen
stand, ein zerbrechliches kleines Ziermbel, ihr einst zum Namenstage
geschenkt und nicht geeignet gefhrliche Geheimnisse zu beherbergen.
Daher brauchte er auch den Schlsselbund nicht und die Behltnisse
ffneten sich von selbst, wie man sie nur recht berhrte. In einem
Schubkstchen fand er denn auch seine eigenen Briefe und zu seinem neuen
Erstaunen im andern die Originale zu den Briefen seiner Frau, von
fremder Hand, ja mit der Unterschrift des Schulmeisters. Er besah einen
nach dem andern, machte sie auf und wieder zu und wieder auf und warf
alle auf einen runden Tisch, der im Zimmer stand. Dann zog er auch die
Briefe aus seiner Reisetasche hervor, beschaute sie auch nochmals und
warf sie ebenfalls auf den Tisch; es gab einen ganz artigen Haufen.

Dann ging er mit halb irrem Blick um den Tisch herum, hier und da mit
seinem Stock auf die Papiermasse schlagend, da die Briefe emporflogen.
Endlich erschnappte er etwas Luft und sagte: Kurtalwino! Kurtalwino;
fahre wohl, du schner Traum!

Als er noch einige Mal um den Tisch herumgegangen, stand er still,
reckte den Arm mit dem Stocke aus und fuhr fort: Eine Buhlerin mit
glattem Gesicht und hohlem Kopfe, zu dumm, ihre Schande in Worte zu
setzen, zu unwissend, um den Buhlen mit dem kleinsten Liebesbrieflein
kitzeln zu knnen, und doch schlau genug zum himmelschreiendsten Betrug,
den die Sonne je gesehen! Sie nimmt die treuen, ehrlichen Ergsse, die
Briefe des Gatten, verrenkt das Geschlecht und verdreht die Namen und
traktiert damit, prunkend mit gestohlenen Federn, den betrten Genossen
ihrer Snde! So entlockt sie ihm hnliche Ergsse, die in sndiger Glut
brennen, schwelgt darin, ihre Armut zehrt wie ein Vampyr am fremden
Reichtum; doch nicht genug! Sie dreht dem Geschlechte abermals das
Genick um, verwechselt abermals die Namen und betrgt mit tckischer
Seele den arglosen Gemahl mit den neuen erschlichenen Liebesbriefen, das
hohle und doch so verschmitzte Haupt abermals mit fremden Federn
schmckend! So ffen sich zwei unbekannte Mnner, der echte Gatte und
der verfhrte Buhle, in der Luft fechtend, mit ihrem niedergeschriebenen
Herzblut; einer bertrifft den andern und wird wiederum berboten an
Kraft und Leidenschaft; jeder whnt sich an ein holdes Weib zu richten,
whrend die unwissende, aber lsterne Teufelin unsichtbar in der Mitte
sitzt und ihr hllisches Spiel treibt! O ich begreife es ganz, aber ich
fasse es nicht! -- Wer jetzt als ein Fremder, Unbeteiligter diese schne
Geschichte betrachten knnte, wahrhaftig, ich glaube, er knnte sagen,
er habe einen guten Stoff gefunden fr--

Hier brach er ab und schttelte sich, da eine Ahnung in ihm aufging, da
er nun selbst der Gegenstand einer frmlichen Geschichte geworden sei,
und das wollte er nicht, er wollte ein ruhiges und unangefochtenes Leben
fhren. -- Wo ist meine Ruhe, meine Frhlichkeit, sagte er, nur
bewegt von leichten Geschftssorgen, die ich spielend beherrschte? Dies
Weib zerstrt mir das Leben, nach wie vor; ich hielt sie fr eine Gans;
sie ist auch eine, aber eine Gans mit Geierkrallen!

Er lachte und rief: Eine Gans mit Geierkrallen! das ist gut gesagt!
Warum fallen mir dergleichen Dinge nicht ein, wenn ich schreibe? Ich
werde noch verrckt, es mu ein Ende nehmen!

Damit ging er hinaus, schlo das Zimmer ab und begab sich aus dem Hause.
Auf der Treppe stie er das Dienstmdchen zur Seite, welches verwundert
und ratlos die Herrschaft suchte.

Voll von rger und Kummer ber die verletzte Eitelkeit und Eigenliebe
ging er durch die dunkeln Straen. Die Hauptsache, die verlorene Liebe
seiner Frau, schien ihm nicht viel Beschwerde zu machen; wenigstens a
er ein groes Stck trefflicher Lachsforelle aus der Rathausstube, wohin
er sich begab und wo die Angesehenen den Samstagabend zuzubringen und
die Nacht durchzuzechen pflegten. Dort sa er einsilbig und verwirrt,
oder er mischte sich hastig mit fremden Gegenstnden ins Gesprch, und
beides zog ihm bald Sticheleien zu, da er eine ungewohnte Erscheinung
war und die Gesellschaft strte. Er trug immer noch sein neuestes
Modehtchen auf dem Kopfe, welches den Herren nicht genehm war. Denn
wenn sie auch jede Mode, sobald sie im Zuge war, alsobald mitmachten, so
konnten sie die verfrhten Erstlinge derselben nie leiden und hteten
sich berhaupt vor dem Allzuzierlichen und Nrrischen. Nun hatte jngst
einer von Paris den Witz heimgebracht, den hohen runden Mnnerhut
Hornbchse (#bote  cornes#) zu nennen, welchen Ausdruck sie mit
Jubel aufgriffen. Seither sagten sie statt Deckel, Angstrhre, Ofenrohr,
Schlosser, Lusepfanne, Grtzma #noli me tangere#, Kbel, Witzschale,
Filz und dergleichen fr jede Art Hut nur Hornbchse, und sie benannten
Viggis Kopfbedeckung demgem ein artiges Hornbchschen und meinten,
seine Hrnchen mten noch ganz jung, zart und klein sein, ansonst er
eine festere Bchse brauchte. Er glaubte, sein Unglck sei also
stadtbekannt und sie zielten schnurstracks auf das, was ihn dermal
bewege; er spitzte die Ohren, stichelte wieder, um sie zu mehrerem
Schwatzen zu verleiten, und hielt mehrere Stunden einen peinlichen Krieg
aus, ganz allein gegen die ganze Ratsstube, ohne da etwas Mehreres
herauskam, als da er sich im Zorne betrank und hchst unglckselig
wurde. Als er kein anderes Ziel erreichte, gab er ihnen endlich klar zu
verstehen, da er sie samt und sonders fr Lumpenkerle halte, worauf sie
ihn, nun selber hchlich aufgebracht, hinausfuhrwerkten. Er rckte sich
sein armes mihandeltes Htchen zurecht und torkelte bitterlich weinend
nach seinem Hause, legte sich zu Bett und schlief wie ein Murmeltier,
bis es zur Kirche lutete, und er wrde noch lange geschlafen haben,
wenn ihn nicht Knecht und Magd geweckt htten mit der Frage und Klage
nach der Hausfrau. Da stellten sich ihm alle Erfahrungen des letzten
Tages pltzlich dar, verzerrt und vergrert durch die Verwirrung seines
Kopfes; in frchterlichem Zorn und mit wilden Gebrden raffte er sich
auf, rieb sich aber dann die Stirn und besann sich, bis ihm der
Kellerschlssel einfiel. Es war ihm zu Mut, als ob er seine Frau schon
seit Wochen eingesperrt htte, so sehr war er aus dem Huschen; aber das
dnkte ihn nur desto wichtiger und groartiger, und er eilte mit
rollenden Augen, das Gericht zu Ende zu bringen. Er ffnete den Keller,
in welchem Gritli totenbla und erfroren auf einem alten Schemel sa.
Sie hatte sich bisher ruhig und still verhalten in der Hoffnung, der
Mann werde ohne Zeugen kommen und aufmachen, und sie knne alsdann mit
ihm reden; denn bei seinem ersten unerwarteten Anblicke hatte sie
gefhlt, da er ihres Migriffs mit den Briefen bereits inne geworden,
ohne da sie erraten konnte, auf welchem Wege. Wie sie seiner daher nun
ansichtig wurde, stand sie auf, ergriff seine Hand und wollte ihn
beschwren, nur einige Minuten zuzuhren; doch da sie sah, da die
Dienstboten hinter ihm standen, konnte sie nichts sagen, und berdies
nahm er sie sofort beim Arme und fhrte sie unsanft mit den Worten auf
die Gasse hinaus: Hiermit verstoe und verjage ich dich,
verbrecherisches Weib! und nie mehr wirst du diese Schwelle betreten!

Worauf er die Haustr zuschlug und seine Leute barsch an ihre Geschfte
wies.

Hierauf begab er sich, da seine Munterkeit bereits erschpft war, wieder
ins Bett und schlief abermals wie ein Ratz bis in den Nachmittag hinein.

Vor dem Hause hatte sich schon seit einer Stunde ein Hufchen
Nachbarweiber gesammelt, welche die Ausgestoene neugierig umgaben und
mit Lamentieren auf jedem Schritte begleiteten. Sie glaubte vor
Erschpfung, Scham und Verwirrung in die Erde zu sinken, wagte nicht
aufzusehen und wandte sich unschlssig bald auf diese, bald auf jene
Seite; denn sie hatte keine Eltern oder Verwandte mehr zu Seldwyla,
ausgenommen eine alte Base, welche ihr endlich einfiel. Sie schlug den
Weg nach der Wohnung derselben ein und erreichte sie, ohne die vielen
Kirchgnger zu sehen, durch welche sie hindurch mute; es herrschte bei
einem Teil der Einwohner gerade wieder eine strkere religise Strmung,
welche jedoch nicht hinderte, da nicht einige vom Wege zum Tempel
Gottes abschweiften und mit dem Kirchenbuche in der Hand der irrenden
Frau nachliefen.

Gritli wurde brigens von der Alten gut und sorglich aufgenommen.
Nachdem sie sich etwas erholt, fing sie heftig an zu schluchzen, und als
auch dies vorber war, schwur sie, nie mehr in das Haus Viggi Strtelers
zurckzukehren, und die Base, schnell beraten, lie noch am gleichen
Tage Gritlis notwendigste Sachen bei ihm abholen.

Als er endlich ausgeschlafen hatte, fhlte er einen gewaltigen Hunger
und wollte sich stracks zu Tisch setzen; doch die ratlose Magd hielt
nichts bereit und statt mit dem Essen war der Tisch noch mit dem
Briefwechsel zweier Zeitgenossen gedeckt. Er tobte aufs neue, befahl
sogleich zu kochen, was das Haus vermchte, und verschlo die Briefe bis
auf weiteres in sein Pult. Nachdem er gegessen, war er endlich etwas
beruhigt und begann seiner Einsamkeit inne zu werden, und erst jetzt
wurde es ihm unheimlich; denn nach den Vorfllen der letzten Nacht
konnte er nicht einmal Zuflucht in der Gesellschaft seiner Mitbrger
suchen. Als vollends eine Person kam und er das lieblich duftende Zeug
seiner Frau aus den Schrnken herausgeben mute, liefen ihm die Augen
ber, und er wnschte beinahe, da sie noch da wre, und berlegte, ob
sich die beltat nicht vielleicht verzeihen liee nach genauerer
Prfung.

Er wartete daher zwei Tage, ob sie nichts von sich hren liee, und als
sie das nicht tat, begab er sich zum Stadtpfarrer, um die Scheidung
anhngig zu machen. ber den Vershnungsversuchen, welche der
geistlichen Behrde oblagen, dachte er, werde sich das Ding vielleicht
aufklren. Er war aber sehr verwundert, als er vernahm, da Gritli in
gleicher Sache soeben dagewesen sei, und als ihm der Pfarrer bereits
mitteilen konnte, wie es mit den Briefen zugegangen sei, wie Gritli
ihren Fehlgriff einsehe, denselben aber fr abgebt halte und wegen
des berschusses an Strafe und sonstiger unvernnftiger Behandlung sich
von ihm zu trennen wnsche.

Er hielt diese Erzhlung fr Flausen und gedachte die Snderin schon noch
herumzubringen, lie also der Sache ihren Lauf. Als er nach Hause kam, fand
er einen Brief vor von einer Dame namens Ktter Ambach. Es war dies ein
Frulein von sechs- bis achtunddreiig Jahren, welche seit ihrem
vierzehnten Jahre auf allen Liebhaberbhnen zu Seldwyla, so oft deren
errichtet worden, die erste Liebhaberin gespielt hatte, und zwar nicht
wegen ihrer schnen Gestalt, sondern wegen ihres hhern Geistes und ihrer
kecken Vordringlichkeit. Denn was ihre Gestalt betraf, so besa sie einen
sehr langen hohen Rumpf, der auf zwei der allerkrzesten Beinen einherging,
so da ihre Taille nur um ein Drittel der ganzen Gestalt ber der Erde
schwebte. Ferner hatte sie einen unverhltnismigen Unterkiefer, mit
welchem sie betrchtliche Gaben von Fleisch und Brot zermalmen konnte, der
aber ihr Gesicht zum grten Teile in Kinn verwandelte, so da dieses wie
ein ungeheurer Sockel aussah, auf welchem ein ganz kleines Huschen ruhte
mit einer engen Kuppel und einem winzigen Erkerlein, nmlich der Nase,
welche sich vor der vorherrschenden Kinnmasse wie zerschmettert zurckzog.
Auf jeder Seite des Gesichts hing eine lange einzelne Locke weit herunter,
whrend am Hinterhaupte ein dnnes Rattenschwnzchen sich ringelte und mit
seiner uersten Spitze stets dem Kamme und der Nadel zu entfliehen
trachtete. Denn steckte man eine Nadel hindurch, so ging es auseinander und
spaltete sich in eine Schlangenzunge, und zwischen den engsten Kammzhnen
schlpfte es hindurch, hast du nicht gesehen!

Was ihren Geist betrifft, so war er, wie schon gesagt, ein hherer, was
man alsobald aus ihrem Schreiben ersehen wird, welches Viggi zu Hause
fand:

     Edler Mann!

Es gibt Lagen, welche uns die Rcksichten der beschrnkten Alltagswelt
vergessen lassen und selbst dem zarteren Weibe den Mut geben, ja die
Pflicht auferlegen, aus sich herauszutreten und seine edelste Teilnahme
offen dahin zu wenden, wo verkannte und mihandelte Mnnergre sich in
unverdienten Leiden verzehrt. In einer solchen Lage scheine ich
Endesunterzogene mich zu befinden, und ber alle kleinlichen Bedenken
erhaben durch meine Weltkenntnis wie durch meine Bildung, wage ich es
daher, mich in der edelsten Absicht Ihnen zu nhern, geehrter Herr! und
Ihnen freimtig diejenigen Dienste anzubieten, welche Ihr Unglck
vielleicht hindern knnen! Lngst habe ich die Blten Ihres
Geisteslebens im stillen bewundert und umso inniger in mich aufgenommen,
als ich darber trauerte, da ein Mann wie Sie so unverstanden und
einsam in dieser barbarischen Gegend bleiben mu. Umso vertrauter und
glcklicher, dachte ich, mu er im Allerheiligsten seiner Huslichkeit,
an der Seite einer seelenvollen Gattin sich fhlen! Nun steht auch Ihr
Haus verdet, eine peinliche Kunde durchschweift unsere Stadt --
verzeihen Sie, wenn ich hier den Schleier edler Weiblichkeit vorziehe!
Um es kurz zu sagen: sollten Sie in ihrer jetzigen Verlassenheit der
Teilnahme eines mitfhlenden Herzens, des ordnenden Rates und der Tat
einer sorglichen weiblichen Hand irgendwie bedrfen, so wrde ich Sie
bitten, mir die Freude zu machen und ganz ungeniert ber meine Zeit und
meine Krfte zu verfgen; denn ich bin durchaus unabhngig in der
Verwendung meiner Mue und knnte tglich leicht das ein und andere
Stndchen ihren Angelegenheiten widmen. Gewi, wenn auch Ihr starker
Geist keiner erleichternden Mitteilung bedarf, so ist dafr Ihr Haushalt
dann und wann der vorsorgenden Aufsicht umso bedrftiger; das wei der
sichere Takt gebildeter Frauen noch besser, als der rohe Instinkt jener
platten Weiber es ahnt, und so werde ich mir es nicht nehmen lassen,
heute oder morgen persnlich an Ihrem verwaisten Herde zu erscheinen, um
Ihre etwaigen Wnsche und Bedrfnisse entgegenzunehmen. Sobald Ihre
Verhltnisse wieder glcklicher geordnet sind, werde ich mich mit der
edelsten Uneigenntzigkeit sogleich zurckziehen in die geweihte Stille
meines Arbeitszimmers.

Genehmigen Sie die herzlichste Versicherung der aufrichtigsten
Hochachtung, womit ich mich zeichne

                    Ihre ergebenste Kthchen Ambach.

Als Viggi diesen Brief gelesen, beschlich ihn eine sehr gemischte
Empfindung. Er war wie alle Welt gewohnt gewesen, ber die Ktter zu
lachen, und hegte nicht die angenehmsten Vorstellungen von ihrem uern.
Und doch war es ihm, als ob er schon lange nur auf einen solchen Brief
gewartet habe, als ob hier eine Stimme aus einer besseren Welt sich
hren liee, als ob hier ein verstndnisvolles Gemt sich vor ihm
enthlle. Indem er so darber brtete, erschien Ktter selbst.

Sie trug ein Kleid von schwarzem Baumwollsammet, einen roten Schal und
ein rundes graues Htchen mit einer Feder. Diese Erscheinung bestach ihn
pltzlich, und als sie nun ihm schweigend die Hand gab und ihn mit einem
wehmtig trstenden Blick ansah, da verga er vollends, da er jemals
ber diese Person gelacht; vielmehr fand er sich sogleich trefflich in
die Weise hinein.

Die Unterredung, welche zwischen diesen beiden Geistern nun erfolgte,
ist nicht zu beschreiben; genug, als sie zu Ende war, fhlte Viggi sich
getrstet und durchaus fr Ktter eingenommen. Am meisten hatte sie ihn
gerhrt, als er ihr die Geschichte mit den Briefen erzhlte und den
ganzen Haufen vorwies. Sie hatte kein Wort erwidert, sondern nur
geseufzt und einige stille Trnen vergossen, und zwar ziemlich
aufrichtig, weil sie bedachte, wie viel weiser und geschickter sie fr
eine solch' glckliche Stellung eingerichtet gewesen wre: denn sie
schrieb fr ihr Leben gern Briefe.

Zum Schlusse stellte sie mit der Magd ein Verhr an, besichtigte die
Kche, gab einige berflssige Anweisungen und stieg endlich, das Kleid
aufnehmend, mit groen Umstnden und laut sprechend die gerumige Treppe
hinunter, welche ihr, verglichen mit ihrer Hhnerstiege zu Hause,
ausnehmend wohl gefiel. Der angehende Witwer begleitete sie bis auf die
Strae, und es fand ein gespreizter und ansehnlicher Abschied statt.

Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Leut'! sagte ein
Seldwyler, der eben vorbeiging und den stattlichen Auftritt besah.

Der Unglcklichste von allen war Wilhelm, der Schulmeister. Er hatte
sich halbwegs ein Herz gefat und gesucht, mit Frau Gritli zu sprechen;
allein es milang ihm gnzlich, da sie sich nirgends blicken und nichts
von sich hren lie. Da schrieb er einen Brief an sie, in welchem er den
Hergang mit seiner Brieftasche erzhlte und sie um Aufschlu bat, wie er
sich zu ihrem Besten zu verhalten habe? Weiter wagte er nichts mehr zu
schreiben, als da er alles tun wolle, was sie fr gut erachte. Diesen
Brief trug er mehrere Stunden weit auf die Post und erhielt darauf nur
wenige Zeilen zur Antwort, des Inhalts: Er solle sich ganz ruhig
verhalten, bis er gerichtlich befragt wrde; dann solle er sagen, was
er wte, nicht mehr und nicht weniger, nmlich er habe auf ihren Wunsch
die Antworten auf die ihm mitgeteilten Briefe geschrieben.

So sich selbst berlassen, von allerlei Gerchten geqult und in voller
Ungewiheit, was alles das zu bedeuten habe, getraute er sich nicht
einmal mehr vor seine Tre hinaus, um sein Grtchen zu besorgen, und der
rstige Briefsteller empfand nun eine nicht unverdiente Furcht vor
allem, was in dem Hause des Nachbar Viggi lebte und webte.

Whrend so die beschuldigten Sndersleute sich niemals sahen, lebten
Strteler und die Ktter bald im vertrautesten Umgange. Sie besuchte
tglich zweimal sein Haus und gab sich in der ganzen Stadt das Ansehen,
als ob sie aus reiner Aufopferung den Mann aus den traurigsten
Zustnden, wenigstens aus dem Grbsten, erretten mte. Dabei schilderte
sie, wo sie hinkam, die von Gritli hinterlassene Ordnung als die
schlimmste, kehrte auch richtig in Viggis Hause das Unterste zu oberst,
indem sie alle Mbeln anders stellte, in alle Ecken Efeuranken
anbrachte, die schnen Vorhnge zerschnitt und wunderliche gezackte
Fhnchen daraus machte. Unter dem Vorwande des Ordnungschaffens leerte
sie alle Schrnke aus und whlte besonders in Gritlis stattlicher
Aussteuer herum, die noch im Hause war. Auch kommandierte sie die Kche;
Viggi war erstaunt und erfreut, immer frisches Fleisch zu genieen und
nie aufgewrmtes Gemse zu sehen; denn Ktter a in der Kche das kalte
Fleisch mit groen Stcken Brot, und wenn nichts anderes da war, so tat
sie die Fettscheiben von der Bratenbrhe auf das Brot. Ebenso a sie
halbe Schsseln voll kalter Bohnen, Kohlrabi und Kartoffeln, und sechs
groe Tpfe, welche Gritli noch mit eingemachten Frchten gefllt,
hatte sie in weniger als vier Wochen ausgehhlt, aber auch vollkommen.
Nach diesen Taten setzte sie sich auf ein Stndchen zu Viggi, trstete
ihn, las mit ihm seine Arbeiten durch, schwrmte mit ihm und wute ihn
gegen seine Frau aufzustacheln, ohne den Anschein zu haben, und endlich
packte sie noch sein neuestes Schriftstellerwerk ein, um es die Nacht
durchzustudieren. berdies schleppte sie lernbegierig von seinen Bchern
nach Hause, was sie unter den Arm fassen konnte, las aber dort nur die
kurzweiligsten Sachen daraus, wie Kinder, welche die Rosinen aus dem
Kuchen klauben.

Unter diesen Umstnden war es nicht zu verwundern, wenn die
Schlichtungsversuche der Behrden keinen Erfolg hatten und der Endproze
der Scheidung endlich heranrckte. Frau Gritli wurde nicht im mindesten
geschont, indem eine ziemliche Anzahl Zeugen, deren Auffindung Ktter
Ambach betrieben hatte, vernommen wurden. Auch Wilhelm wurde wiederholt
verhrt, aber alles dies ergab nichts, was die beiden beltter
belstigen konnte. Nur ein Kind hatte mehrmals die Briefe in die Hecke
tun oder daraus nehmen sehen; aber dieser briefliche Verkehr wurde von
Gritli und Wilhelm selbst eingestanden.

So erschien denn der groe Gerichtstag, und Viggi hielt eine strenge und
beredte Anklage. Er schilderte auf das anmutigste sein edles, geistiges
Streben, wie er mit heiliger Mhe gesucht habe, seine Gattin an
demselben teilnehmen zu lassen und jene Harmonie in der Gesinnung zu
erringen, ohne welche ein glckliches Ehebndnis unmglich sei; wie sie
aber erst durch eigensinniges Verharren in der Unwissenheit und
Geistestrgheit ihm das Leben verbittert, dann durch schlaue Verstellung
ihn getuscht und endlich wegen seiner mhevollen Geschftsreisen, die
er sich durch einen innigen und gebildeten Briefwechsel mit der Gattin
habe erleichtern und erheitern wollen, zum frmlichsten Treubruch
geschritten sei und die emprendste Komdie mit dem vertrauensseligen
Gatten gespielt habe! Er berlasse zutrauensvoll den Richtern, zu
beurteilen, ob das fernere Zusammenleben mit einer solchen mit
Geierkrallen bewaffneten Gans mglich sei!

Mit diesem schimpflichen Trumpf, den er sich nicht versagen konnte,
schlo er seinen Vortrag. Ein allgemeines leises Gelchter erfolgte
darauf; die gekrnkte Frau verhllte ihr Gesicht einige Augenblicke und
weinte. Doch dann erhob sie sich und verteidigte sich mit einer
Entrstung und mit einer Beredsamkeit, welche ihren eiteln Mann sogleich
in Erstaunen setzte und in die grte Beschmung.

Ob sie roh und unwissend sei, knne sie selbst nicht beurteilen, sagte
sie, aber noch seien die Lehrer und die Geistlichen alle am Leben,
welche sie erzogen, denn es sei noch nicht so lange her, da sie ein
Kind gewesen. Ihr Mann habe sie als ein einfaches Brgermdchen
geehelicht und sie ihn als einen Kaufmann und nicht als einen Gelehrten
und Schngeist. Nicht sie habe ihren Charakter gendert, sondern er, und
bis dahin habe sie treulich und zufrieden mit ihm gelebt und er
scheinbar mit ihr. Selbst als er seine neuen Knste angefangen, wie
jedermann bekannt sei, habe sie nicht mit den Leuten darber gelacht,
sondern als sie gesehen, da es sich um den huslichen Frieden handle,
sei sie ehrlich beflissen gewesen, in seine Weise einzugehen, so lange
nur immer mglich, ungeachtet der peinlichen und wenig rhmlichen Lage,
in welche sie dadurch geraten. Zuletzt aber habe er das Unmgliche von
ihr verlangt, nmlich ihre Frauengefhle in einer geschraubten und
unnatrlichen Sprache und in langen Briefen fr die ffentlichkeit
aufzuschreiben, und statt ihrem huslichen Leben nachzugehen, die
schne Zeit mit einer ihr fremden und widerwrtigen, nutzlosen Ttigkeit
zu verbringen. Nicht sie habe sich der Verstellung hingegeben, sondern
gerade er, indem er, bei trockenen und durchaus nicht begeisterten
Gewohnheiten, sich selbst und sie damit gezwungen habe, eine hchst
lcherliche Komdie in Briefen zu spielen. Dennoch habe sie, von ihm
gengstigt und in der Hoffnung, diese ganze Strung werde umso eher
vorbergehen, ihn zufriedenzustellen gesucht, allerdings auf einem in
der Not und Verwirrung falsch gewhlten Wege, wie sie unverhohlen
bekenne.

Jede Frau in Seldwyla wisse, da der junge Lehrer Wilhelm ein ebenso
verliebter als bescheidener, schchterner und ehrbarer Mensch sei, mit
welchem man zur Not einen unschuldigen Scherz ausfhren knne, ohne in
eine bedenkliche Stellung zu geraten. Umso eher habe sie geglaubt, eine
harmlose List gebrauchen und ihm die Beantwortung der Briefe ihres
Mannes aufgeben, ja frmlich bestellen zu knnen, wie man fter
schriftliche Arbeiten und namentlich auch Liebesbriefe durch Schullehrer
anfertigen lasse; sie berufe sich hierin auf manch wackeres
Dienstmdchen. Nicht sie habe die zu beantwortenden Briefe verfat,
sondern Strteler, und hiermit sei wohl die Anklage der Untreue kurz
abgeschnitten. Der Handel gehre nach ihrer Meinung und nach ihren
schwachen Begriffen vor ein literarisches Gericht und nicht vor ein
Ehegericht. Dennoch habe sie sich dem letzteren unterzogen, weil das
Geschehene ein unvermutetes Licht ber den innern Zustand dieser Ehe
aufgesteckt habe. Sie empfinde keine Zuneigung mehr fr Herrn Strteler,
fr sie Grund genug, da die Dinge einmal so weit gediehen, ebenfalls auf
gnzlicher Trennung zu bestehen.

Obgleich das Gericht, da sich der Treubruch als ein bloes uerliches
Fehlgreifen herausstellte, wenigstens fr ein streng altvterisches
Ehegericht, nun die Scheidung nicht htte aussprechen mssen, so machte
es den Herren und der ganzen Stadt zu viel Spa, den armen Viggi seiner
schmucken und feinen Frau zu berauben und ihn mit der komischen Ktter
zusammenrennen zu lassen, als da sie die Scheidung nicht ausgesprochen
htten. Sie ward also erkannt auf Grund unvereinbarer Neigungen und
Gewohnheiten, roher Mihandlung von Seite des Mannes, wie Einsperrung in
den Keller und rcksichtslose Ausstoung auf die Strae, und
leichtsinniger Fehlgriffe der Frau, wie der Briefverkehr mit dem Lehrer.
Doch solle die Frau als unbescholten und unverdchtig gelten, jeder Teil
in seinem Vermgen bleiben und zu keinerlei Leistung verpflichtet sein,
so da Strteler das Vermgen Gritlis, das sie zugebracht, von Stund' an
herauszugeben oder sicherzustellen habe.

Viggi ging mehr niedergeschlagen als frhlich nach Hause und wunderte
sich selbst darber, da er doch nun frei war von der bedrckenden Last
einer geistestrgen und nichtsnutzigen Hausfrau. Allein es fehlte ihm
nicht an Aufklrungen und Erluterungen; denn schon unter der Tr des
Gerichtshauses riefen ihm einige Herumsteher zu: O du Erznarr! Du mut
Tinte gesoffen haben, da du ein solches Weibchen kannst fahren lassen!
Und das artige Vermgen, die runden Schultern, der treffliche Anstand!
Hast du gesehen, sagte einer zum andern, wie auf allen Seiten
glnzende Locken unter ihrem Hute hervorrollten? Ja, erwiderte der,
und hast du gesehen den allerliebsten Zorn, das sanfte Feuer, das noch
in ihren lachenden Augen brannte? Wahrlich, wenn ich die htte, ich
machte sie alle Tage bs, nur um sie in ihrem Zorne dann abkssen zu
knnen! Nun, Gott sei Dank, die wird jetzt schon noch an einen Kenner
geraten!

Auf dem Wege rief jemand: Da geht einer, der wirft Aprikosen aus dem
Fenster und it Holzpfel! -- Wohl bekomm's ihm! antwortete es von
der andern Seite. Ein Schuster rief: Der gibt dem Quark eine Ohrfeig'
und meint, er sei ein Fechtmeister! Und ein Knopfmacher: Lat ihn, er
ist halt ein Grbler, es gibt aber verschiedene Grbler, es gibt auch
Mistgrbler. Der Kupferschmied endlich, der mit dem Werg in einer
verzinnten Pfanne herumfuhr, setzte hinzu: Er hat's wie der Teufel; ich
mu mich verndern! sagte der, nahm eine Kohle unter den Schwanz und
setzte sich auf ein Pulverfa.

Diese Reden krnkten und betrbten den Viggi ber die Maen; er trat
recht mutlos in seine Stube und verfiel in groe Traurigkeit. Allein
bald zerstreuten sich diese Wolken vor der Sonne, die ihm aufging.
Ktter Ambach trat herein in flottem Taffetkleide, geschmckt mit einem
dnnschaligen, brchigen, goldenen hrchen, das seit fnfzehn Jahren nie
aufgezogen war, weil es lngst keine Feder mehr in sich barg. Sie warf
das Tuch ab und setzte sich, seine Hand teilnehmend ergreifend, neben
Viggi auf das Sofa; sie bestrickte ihn vllig und das treffliche Paar
wurde stracks einig, sich zu heiraten und das Musterbild einer Ehe im
Geist und schner Leidenschaft darzustellen. So hatte sich die lustige
Ktter glcklich zur Braut gemacht; sie blieb gleich zum Essen da und
sie trieben ein solches Karessieren, da die Magd, welche der frheren
Frau anhing, sich schmte. Sie bespitzten sich leicht in Viggis bestem
Weine und zogen am Nachmittage Arm in Arm durch die Straen, bis sie
endlich in Ktters Wohnung einmndeten, einige Bekannte zusammenriefen
und die Verlobung feierten. Das beste war, da Ktters alte Mutter bei
dieser Gelegenheit reichliches Essen und Trinken herbeischleppen sah und
sich seit langen Jahren einmal sattessen konnte; denn sie hatte seit
dreiig Jahren nur besorgt sein mssen, die heihungrige Tochter zu
fttern und derselben mehr zugesehen, als selbst gegessen. Doch da
Ktter endlich noch einen wohlhabenden Schwiegersohn ins Haus fhrte,
dachte sie nun gern zu sterben, weil die Tochter, die nichts zu arbeiten
wute, nicht verlassen und hilflos in der Welt zurckblieb. So ist jedes
Unwesen noch mit einem goldenen Bndchen an die Menschlichkeit gebunden.

Die Hochzeit wurde so bald als mglich gehalten, glnzend, reichlich und
geruschvoll; denn Ktter wollte diese Aktion in allen Einzelheiten
recht durchgenieen und sich als den holden Mittelpunkt eines groen
Festes sehen, und Viggi benutzte die Gelegenheit, indem er eine Menge
Menschen einlud, sich mit den gut bewirteten Mitbrgern wieder auf einen
bessern Fu zu stellen. Die neue Frau Strteler war nicht gesonnen, ein
stilles und beschauliches Leben zu fhren, sondern veranlate ihren
Mann, die Lustbarkeit, welche mit der Hochzeit begonnen, fortzusetzen,
alle Gesellschaften mit ihr zu besuchen, sein eigenes Haus aufzusperren
und im vollen Galopp zu fahren.

Er befand sich brigens herrlich dabei und lebte zufrieden mit ihr in
solchem Trubel; denn berall gab sie ihn fr ein Genie aus und machte
ihn allerorten zum Gegenstande des Gesprchs, bezog alles auf ihn und
nannte ihn nur Kurt.

Mein Kurt hat dies gesagt und jenes geuert, sagte sie alle
Augenblicke; wie hast du dich doch neulich ausgedrckt, lieber Kurt, es
war zu kstlich! Ich mu dich nur bewundern, bester Kurt, da du nicht
gnzlich abgespannt bist bei deinen Arbeiten und Studien! Ach! ich
fhle recht die schwere Pflicht und was eine Gattin einem solchen Manne
sein knnte und sollte! Wollen wir auch nicht lieber nach Hause gehen,
guter Kurt? Du scheinst mir doch mde; wickle ja deinen Plaid recht um
dich, mein Kind! Heute darfst du mir aber nicht mehr schreiben, wenn wir
heimkommen, das sage ich dir schon jetzt!

Alles dies schwatzte sie vor vielen Leuten, und Viggi schlrfte es ein
wie Honig, nannte seine Frau dafr mein khnes Weib oder trautes
Weib und stellte sich leidend oder feurig, je nach den Reden seiner
kurzbeinigen Fama.

Den Seldwylern aber schmeckte alles das noch besser als Austern und
Hummersalat, ja ein gebratener Fasan htte sie schwerlich weggelockt, wo
Viggi und Ktter sich aufspielten. Fr Jahre waren sie mit neuem
Lachstoff versehen; doch benahmen sich die abgefeimten Schlingel mit der
uersten Vorsicht, um das Vergngen zu verlngern, und es entstand
daraus eine neue bung, nmlich einen tollen Witz vorzuschieben und
scheinbar ber diesen zu lachen, wenn die Mundwinkel nicht mehr
gehorchen wollten. Es wurde stets ein Vorrat solcher Schwnke in
Bereitschaft gehalten, vermehrt und verbessert und gedieh zuletzt zu
einer Sammlung von selbstndigem Werte. Es gab Seldwyler, Handwerker und
Beamte, welche Tage, ja Wochen ber der Erfindung und Ausfeilung eines
neuen Geschichtchens zubringen konnten. Schien der Schwank gehrig
durchdacht und abgerundet, so wurde er erst in einem Kneipchen probiert,
ob die Pointe die rechte Wirkung tte, und je nach Befund, oft unter
Zuziehung von Sachverstndigen, nochmals verbessert, nach allen Regeln
eines knstlerischen Verfahrens. Wiederholungen, Lngen und
bertreibungen waren strenge verpnt oder nur statthaft, wenn eine
besondere Absicht zu Grunde lag.

Von diesem gewissenhaften Fleie besa Viggi keine Ahnung. Mit
bedauerndem Hochmut sa er in der Gesellschaft, wenn dergleichen
vorgetragen wurde und das Gelchter von ihm ablenkte. Wie glcklich ist
man doch zu preisen, sagte er zu seiner Gemahlin, wenn man ber solche
Kindereien hinweg ist und etwas Hheres kennt!

Auf diesem Hheren fuhr er nun mit vollen Segeln dahin, aufgeblasen
durch den gewaltigen Odem seiner Frau. Und er fuhr so trefflich, da er
binnen Jahr und Tag mit Ktters Hilfe da landete, wo es den meisten
Seldwylern zu landen bestimmt ist, besonders da sein Kapital mit Gritlis
Vermgen aus dem Geschfte geschieden war. Statt diesem obzuliegen,
trieb er mit einer Handvoll hnlicher Kuze, die er im Lande
aufgegabelt, eine wilde und schlerhafte Literatur, welche so neben der
vernnftigen Welt herlief und sich mit ewigen Wiederholungen als etwas
Nagelneues und Unerhrtes ausgab, obgleich sie nur an weggeworfenen
Abschnitzeln kaute oder reinen Unsinn hervorbrachte. Gegen jeden, der
sich nicht auf ihren zudringlichen Ruf stellte, wurde der Spie gedreht
und der einzelne als bsartige und feindliche Clique bezeichnet. Sie
selbst verachteten sich gegenseitig unter der Hand, und Viggi, der sonst
ein so einfaches und sorgloses Leben gefhrt, war jetzt nicht nur von
Sorgen und Verwicklungen, sondern auch von trichten Leidenschaften und
den Qualen des gehnselten und ohnmchtigen Ehrgeizes geplagt. Bereits
machte es ihm Beschwerde, das Postgeld zu erlegen fr all' die
inhaltlosen Briefe, fr die gedruckten oder lithographierten Sendungen,
Aufrufe und Prospekte, die tglich hin und her flogen und weniger als
nichts wert waren. Seufzend schnitt er schon die Frankomarken von den
immer krzer werdenden Riemchen, whrend die soliden, eintrglichen und
frankierten Geschftsbriefe immer seltener wurden. Endlich hatte er
berhaupt keine Marken mehr im Hause und Ktter ging gem ihrer Mission
mit den Sachen auf die Post, um sie dort zu frankieren; aber sie warf
die Briefe in den Kasten und vernaschte das Geld. War es Vormittag, so
ging sie in den Wurstladen und a einen Schweinsfu; nach Tische dagegen
besuchte sie den Zuckerbcker und a eine Apfeltorte. Dafr bekam Viggi
dann von den rachschtigen Korrespondenten doppelt so viele unfrankierte
Zusendungen mit Gru und Handschlag und heimlichen Verwnschungen.

Whrend dieser Zeit war Gritli wie von der Erde verschwunden. Man sah
sie nirgends und hrte nichts von ihr, so eingezogen lebte sie. Wenn sie
ausging, so trat sie aus der Hintertr ihres Hauses, welches an der
Stadtmauer lag, ins Freie und machte einsame Spaziergnge; auch war sie
fters abwesend, manchmal monatelang, wo sie sich dann an andern Orten
bescheidentlich erholen und ihrer Freiheit freuen mochte. In Seldwyla
war sie fr keinen Freier zu sprechen; doch hie es mehrmals, sie habe
sich auswrts von neuem verlobt, ohne da jemand etwas Nheres wute.
Da sie sich auch nichts um Wilhelm zu kmmern schien und ihn niemals
sah, wunderte niemand; denn niemand glaubte, da sie ernstlich dem armen
jungen Menschen zugetan gewesen sei.

Desto schlimmer erging es ihm. Von ihm zweifelte keiner, da er nicht
bis ber die Ohren in Gritli verliebt sei, und Mnner wie Frauen nahmen
es ihm uerst bel, die Augen auf sie gerichtet zu haben, whrend er
zugleich wegen seiner leichtglubigen Briefstellerei verhhnt wurde.
Sogar die Mdchen am Brunnen sangen, wenn er vorberging:

     Schulmeisterlein, Schulmeisterlein,
     Des Nachbars pfel sind nicht dein!

Er schmte sich auch gewaltig und zwar nicht so sehr vor den Leuten als
vor sich selbst. Die Art, wie ihn Gritli vor Gericht hingestellt hatte,
war ihm als ein Stich ins Herz gegangen, ffnete ihm, wie er meinte, die
Augen ber sich und die Weiber, und er stie die ganze Schar von nun an
aus seinen Gedanken. Also ging er in sich, lie alle Narrheit fahren und
wandte sich mit Flei und Liebe seinen Schulkindern zu. Aber im besten
Zuge ging just seine Amtsdauer zu Ende, da er nur Verweser und nicht
fest angestellt war. Wie er nun aufs neue gewhlt werden sollte, wute
der Stadtpfarrer als Vorstand der Schulpflege seine Besttigung bei den
Behrden zu hintertreiben, indem er Bericht erstattete von Wilhelms
Verwicklung in einem bedenklichen Ehehandel und den jungen Snder einer
heilsamen Bestrafung empfahl. Er hate den Schulmeister wegen seines
Unglaubens und seiner mythologischen Hantierungen; denn er wute nicht,
da Wilhelm sich zum alleinigen und wahren Gott bekehrt hatte, sobald er
sich geliebt glaubte. So wurde er fr zwei Jahre auer Amts gesetzt und
stand brot- und erwerblos da.

Er schnrte darum sein Bndel, um anderwrts ein Unterkommen zu suchen,
und zwar entschlo er sich in seinem Reumut, sich in die Dunkelheit zu
begeben und als ein armer Feldarbeiter bei den Bauern sein Brot zu
verdienen; denn als der Sohn einer verschwundenen Bauernfamilie aus der
Umgegend kannte er die lndlichen Arbeiten, denen er sich von
Kindesbeinen auf hatte unterziehen mssen. In dieser Absicht wanderte er
an einem trben Mrzmorgen ber den Berg; als er aber auf die Hhe
gekommen, verwandelte sich der feuchte Nebel in einen heftigen Regen;
Wilhelm sah sich nach einem Obdach um, da er hoffte, der Regen wrde
bald vorbergehen. Er bemerkte in einiger Entfernung ein Rebhuschen,
welches zu oberst in einem groen Weinberge stand, am Rande des
Gehlzes. Das Vordach dieses Winzerhuschens gewhrte guten Schutz, und
er ging hin, sich auf die steinerne Treppe darunter zu setzen. Es war
ein malerisches altes Huslein mit einer Wetterfahne und runden
Fensterscheiben. Das Vordach ruhte auf zwei hlzernen Sulen, die Treppe
war mit einem eisernen Gelnder versehen und bildete zugleich einen
Balkon, von welchem man, wenn es schn war, weit ins Land hinein sah,
nach Sden und Westen in die Schneeberge. Das Holzwerk und die
Fensterlden waren bunt bemalt, alles jedoch etwas verwittert und
verwaschen.

Wie er so da sa, regte sich's in der kleinen Stube, die Tr tat sich
auf und der Eigentmer des Weinberges trat heraus und lud Wilhelm ein,
ins Innere zu kommen und mit ihm gemeinschaftlich den Regen abzuwarten.
Es stand eine Flasche mit Kirschgeist auf dem Tisch; der Mann holte noch
ein Glschen aus einem Wandschrnkchen und fllte es fr seinen Gast.
Brot habe ich keines hier oben, sagte er, doch wollen wir eine Pfeife
zusammen rauchen! Er holte also aus dem Schrnklein zwei neue lange
Tonpfeifen nebst gutem Knaster; denn es war bei den Mnnern von
Seldwyla, da ihnen die Zigarren verleidet waren, soeben Mode geworden,
wieder wrdevoll aus altertmlichen Tonpfeifen zu rauchen, wie
hollndische Kaufherren.

Dieser Seldwyler, obgleich er ein Tuchscherer war, hatte den Einfall
bekommen, Landwirtschaft zu treiben, weil deren Erzeugnisse hoch im Preise
standen und die Betreibung zahlreiche Spaziergnge veranlate. Der Weinberg
bildete mit mehreren groen Wiesen und einigen Bergckern eine ehemalige
Staatsdomne, welche der Tuchscherer gekauft, und er war jetzt
hinaufgestiegen, um den Zustand der Reben zu untersuchen, weil die
Frhlingsarbeit in demselben beginnen sollte. Er fragte Wilhelm, wo er hin
wolle, was er im Sinne habe; denn er wute noch nichts von seiner
Absetzung. Wilhelm sagte, da er bei Landleuten sein Auskommen suchen
wolle, indem er ihnen in allem an die Hand gehe, was zu tun sei; da er
nicht viel bedrfe, so hoffe er, sich im stillen durchzubringen. Der
Tuchscherer wunderte sich hierber und drang weiter in ihn, bis er die
Ursache von des Schulmeisterleins Auszug erfahren. Das ist, sagte er,
ein recht hmischer Streich von dem Pfaffen, der eine Kinderei nicht von
einer Schlechtigkeit unterscheiden kann. Wir wollen ihm brigens sein
ewiges Gehtschel und Gettschel mit seinen Unterweisungsschlerinnen auch
einmal abschaffen; die Hbschen und die Feinen hlt er sich allfort dicht
in der Nhe, die Buckligen aber, die Einugigen und die Armseligen setzt er
in den Hintergrund und spricht kaum mit ihnen, und das ist rgerlicher als
Eure ganze Briefschreiberei. Wenn diese Stilbungen ihm bel angebracht
schienen, so ist uns sein Schnheitssinn noch weniger am rechten Ort! Aber
verstehen Sie denn etwas von der Feldarbeit und den lndlichen Dingen
berhaupt?

O ja, ziemlich! antwortete Wilhelm, ich habe whrend der Krankheit
meiner verstorbenen Eltern alles gemacht und bin erst im achtzehnten
Jahre, als sie gestorben und unser Gut verkauft wurde, mit dem kleinen
Vermgensreste ins Lehrerseminar gegangen; es sind erst fnf Jahre
seither, und im Seminar muten wir auch Feldarbeit betreiben. Und
warum wollen Sie nicht lieber Ihre Kenntnisse benutzen und eine bessere
Ttigkeit suchen, als den Bauern zu dienen? fragte jener; allein
Wilhelm hatte seinen Entschlu gefat und war nicht aufgelegt, sich mit
dem Manne weiter ber seine Lage einzulassen.

Indessen hatte sich der Regen wirklich gelegt und die Sonne beschien
sogar die weite Gegend. Der Eigentmer schickte sich an, den Weinberg zu
besehen und forderte Wilhelm auf, ihm noch eine Stunde Gesellschaft zu
leisten, weil er fr heute noch weit genug kommen wrde.

In den Reben sah der Seldwyler, da Wilhelm in diesen Dingen eben so
sichere Kenntnis als guten Verstand besa, und als er hier und da eine
Rebe schnitt und aufband, um seine Meinung zu zeigen, erwies sich auch
eine gebte Hand. Er ging daher mit ihm auch in die Matten und cker und
befragte ihn dort um seine Meinung. Wilhelm riet ihm kurzweg, die cker
ebenfalls wieder in Matten umzuschaffen, was sie frher auch gewesen
seien; denn was an Ackerfrchten hier oben gedeihe, sei nicht der Rede
wert, whrend vom Walde her genug Feuchtigkeit da sei, die Wiesen zu
trnken. Dadurch wrde ein Viehstand erhalten, der an Milch und
verkuflichen Tieren schnen Vorteil versprche; schon die Herbstweide
allein sei reiner Gewinn. Das leuchtete dem Tuchscherer ein; er besann
sich kurze Zeit, worauf er dem Lehrer antrug, in seinen Dienst zu
treten. Er solle arbeiten, was er leicht mge, und im brigen das Gut in
Ordnung halten und alles beaufsichtigen. Was er irgend zu verdienen
gedchte, das wolle er ihm auch geben und ihn darber hinaus noch mit
Rcksicht behandeln. Wilhelm bedachte sich auch einige Minuten und
schlug dann ein, aber unter der Bedingung, da er in dem Rebhuschen
auf dem Berge wohnen drfe und nicht in der Stadt zu verkehren brauche.
Das war jenem sogar lieb, und so hatte der Flchtling schon am Beginne
seiner Wanderschaft ein Obdach gefunden.

Der Tuchscherer lie noch denselben Tag ein Bett hinaufbringen und etwas
Lebensmittel, welche von Zeit zu Zeit erneuert werden sollten. Eine
kleine Kche war vorhanden, um zur Zeit der Weinlese sieden und braten
zu knnen; ebenso enthielt das Erdgescho einen Vorratsraum, und unter
der Treppe war mit wenig Mhe ein Ziegenstall hergestellt fr eine
solche Milchtrgerin. So ward Wilhelm pltzlich zu einem
einsiedlerischen Arbeitsmanne und fgte sich mit Geschick und Flei in
seine Lage. Er lie die cker von den Tagelhnern, welche der
Tuchscherer anstellte, sorgfltig zubereiten und besonders die Steine
hinaustragen und besete sie mit Heusamen. Die Reben bearbeitete er fast
ganz allein und kam damit zu Ende, ehe man es gedacht; wie es denn fter
vorkommt, da solche, die ausnahmsweise oder nach langer Unterbrechung
ein Werk beginnen, im ersten Eifer mehr vor sich bringen, als die immer
dabei sind. In wenigen Wochen gewann er Zeit, sich zunchst dem Huschen
ein Gemsegrtchen anzulegen, um etwas Kohl und Rben mit dem Fleische
kochen zu knnen, welches man ihm wchentlich zweimal schickte. In einer
dunkeln Nacht holte er sich sogar in der Stadt Schlinge von seinen
Nelken und Levkojen und setzte sie, wo sich ein Raum bot; um das
Grtchen her zog er eine Hecke von wilden Rosen, an Gelnder und Sulen
empor lie er Geiblatt ranken, und als der Sommer da war, sah das Ganze
aus fast so bunt und zierlich wie ein Albumblatt.

Noch ehe die Sonne im Osten heraufstieg, war er tglich auf den Fen
und suchte seinen Frieden in rastloser Bewegung, bis der letzte
Rosenschimmer im Hochgebirge verblichen war. Dadurch wurde seine Zeit
ausgiebig und reichlich, da er frei wurde in der Verwendung der
Stunden, ohne seine Pflicht zu vernachlssigen. Um sich seinen
Holzbedarf zu sammeln, machte er weite Rundgnge durch den Wald, aus
welchen sich eine Brde fast von selbst zusammenfand. Er benutzte dazu
die heie Tageszeit, um im Schatten zu sein und zugleich fr die
Erdschwere der Handarbeit ein erbauliches Gegengewicht zu suchen. Denn
der Wald war jetzt seine Schulstube und sein Studiersaal, wenn auch
nicht in groer Gelehrsamkeit, so doch in beschaulicher Anwendung des
Wenigen, was er wute. Er belauschte das Treiben der Vgel und der
andern Tiere, und nie kehrte er zurck, ohne Gaben der Natur in seinem
Reisigbndel wohlverwahrt heimzutragen, sei es eine schne Moosart, ein
kunstreiches, verlassenes Vogelnest, ein wunderlicher Stein, oder eine
auffallende Mibildung an Bumen und Struchern. Aus einem verfallenen
Steinbruche klopfte er manches Stck mit uralten Resten heraus von
Krutern und Tieren. Auch legte er eine vollstndige Sammlung an von den
Rinden aller Waldbume in den verschiedenen Lebensaltern, indem er
schne viereckige Stcke davon, mit Moosen und Flechten bewachsen,
herausschnitt oder sinnig zusammensetzte, die Nadelhlzer sogar mit den
glnzenden Harztropfen, so da jedes Stck ein artiges Bild abgab. Mit
alledem schmckte er in Ermanglung anderen Raumes die Wnde und die
Decke seines Stbchens. Nur nichts Lebendiges heimste er ein; je schner
und seltener ein Schmetterling war, den er flattern sah, und es gab auf
diesen Hhen deren mehrere Arten, desto andchtiger lie er ihn fliegen.
Denn, sagte er sich, wei ich, ob der arme Kerl sich schon vermhlt hat?
Und wenn das nicht wre, wie abscheulich, die Stammtafel eines so
schnen, unschuldigen Tieres, welches eine Zierde des Landes ist und
eine Freude den Augen, mit einem Zuge auszulschen! Abzutun, ab und tot,
das Geschlecht einer zarten fliegenden Blume, die sich durch so viele
Jahrtausende hindurch von Anbeginn erhalten hat und welche vielleicht
die letzte ihres Geschlechtes in der ganzen Gegend sein knnte! Denn wer
zhlt die Feinde und Gefahren, die ihr auflauern?

Fr diesen frommen Sinn wurde er von einem untergegangenen Geschlechte
belohnt, indem eine Erderhhung mitten im Forste, welche ihm verdchtig
erschien und die er ausgrub, das Grab eines keltischen Kriegsmannes
enthllte. Ein langes Gerippe mit Schmuck und Waffen zeigte sich vor
seinen Blicken. Aber er baute das Grab sorgfltig wieder auf, ohne
jemand davon zu sagen, weil er nicht aus seiner Verborgenheit treten
mochte. Indessen durchforschte er den Wald aufmerksam, entdeckte noch
mehrere solche Erhhungen mit darauf zerstreuten Steinen und behielt
sich vor, in spterer Zeit davon Anzeige zu machen. Die gefundenen
Schmuck- und Waffensachen fgte er den Merkwrdigkeiten seiner
Einsiedelei bei.

Auf diese Weise erfuhr er, wie das grne Erdreich Trost und Kurzweil hat
fr den Verlassenen und die Einsamkeit eine gesegnete Schule ist fr
jeden, der nicht ganz roh und leer.

Umso schneller machte er sich unsichtbar, wenn der Tuchscherer etwa mit
groer Gesellschaft heraufkam, um sie in dem lustigen Winzerhuschen zu
bewirten und auf den Matten herumspringen zu lassen. Insbesondere die
lustigen Damen suchten neugierig des einsiedlerischen Jnglings
ansichtig zu werden, der sich so gut anschickte und in Freiheit, Sonne
und Bergluft ein hbscher brauner Gesell geworden. Es schien auf einmal
der Mhe wert, den Flchtling nicht zu unabhngig von der Macht ihrer
Augen werden zu lassen. Auch einzeln dehnte dann und wann eine
Vorwitzige ihre Spaziergnge bis zu dieser Hhe aus und spukte wie von
ungefhr um das Huschen herum. Allein Wilhelm war wie umgewandelt.
Anstatt die Augen niederzuschlagen und heimlich verliebt zu sein,
blickte er die Streifzglerinnen ruhig und halb spttisch an und ging
seiner Wege ohne alle Anfechtung. Das war ein neues Wunder und vermehrte
das Gerede ber ihn in der Stadt.

Der Tuchscherer war zufrieden ber seinen Besitz. In der Ebene, wo er
auch ein Stck Land besa, hatte er eine gerumige Stallung und eine
Scheune gebaut. Dort stand das Vieh, dessen Zucht und Verkauf Wilhelm
mit gutem Verstande beriet. Die zweimalige Heuernte brachte er ebenfalls
glcklich unter Dach, und die Weinlese, welche darauf folgte, zeigte,
da der Berg trefflich besorgt war.

Als der Tuchscherer nun seine Rechnung machte, fand er, da er fr die
Zukunft wohl bestehen wrde, wenn es so fortginge, und statt nur seinen
vorbergehenden Spa an der Sache zu haben, wie es am Orte Sitte war,
entschlo er sich, mit Ernst dabei auszuharren und zu trachten, da er
ein gutes Ende gewnne. Obgleich er auch ein lustiger Tuchscherer war,
barg er doch eine gute Anlage in sich von irgend einem derchen her,
weshalb er durch die frische Arbeitslust, Verstndigkeit und Ausdauer
Wilhelms aufmerksam wurde, besonders da er sah, da der trumende und
verliebte Schulmeister ganz pltzlich diese Tugenden hervorgekehrt, als
wenn er sie auf der Strae gefunden htte. Was ein anderer knne, dachte
er, das werde er auch im stande sein; und so wurde er in ehrgeiziger
Laune ein sorgfltiger und wachsamer Mann. Er stand frh auf und nahm
seine Geschfte der Ordnung nach an die Hand. Statt in seiner
Tuchschererei alles den Arbeitern zu berlassen, sah er selbst dazu und
frderte die Arbeit, da sie gut getan wurde und rasch vor sich ging,
und er gewann noch hinlngliche Zeit fr seine Landwirtschaft. Den
Aufenthalt in den Versammlungen und Wirtshusern, wo die Spottvgel
saen, krzte er immer mehr ab und gewhnte sich, zu jeder beliebigen
Zeit auszubrechen und sich loszureien, ohne gerade ein sogenannter
Leimsieder zu werden. Er bemerkte, da die rechte Lustigkeit erst nach
getaner Arbeit entsteht, und da Leute, welche immer in derselben
Wirtshausluft, bei denselben Manieren sitzen, zur schnsten Krhwinkelei
gedeihen; da der liederliche Spiebrger um kein Haar geistreicher ist,
als der solide, und da berhaupt Mnner, die sich immerwhrend und
tglich mehrmals sehen, einander zuletzt dumm schwatzen. Dennoch stie
seine Bekehrung auf groe Schwierigkeiten und er mute die tapfersten
Anstrengungen machen, um nicht zurckzufallen. Aber wenn die Verlockung
und das Gerusch zu stark wurden, verlie er die Stadt und floh zu
Wilhelm hinauf, den er liebgewonnen und zu seinem Vertrauten machte.
Hierdurch wurde dieser wiederum angefeuert, da er in seinem lblichen
Wesen nicht mrbe wurde. Allein der Teufel suchte abermals Unkraut zu
sen, indem des Tuchscherers Frau nicht von der alten Weise lassen
wollte und den Verkehr mit den Migen und Lustigmachern stets
erneuerte. Der Mann klagte dem Einsiedler seine Not; Wilhelm dachte nach
und riet ihm dann, der Frau das Haar dicht am Kopfe wegzuschneiden,
damit sie ein Jahr lang nicht ausgehen knne. Denn er hielt sich fr
einen Weiberfeind und freute sich, einer eine Bue anzutun. Doch der
Tuchscherer sagte, das ginge nicht an, das Haar seiner Frau sei zu schn
und, da sie sonst nicht viel tauge, ein Hauptstck seines Inventars. Da
besann sich Wilhelm aufs neue und riet ihm dann, der Frau den
Milchverkauf zu bergeben und ihr einen Teil des Gewinns zu lassen.
Dadurch wrde ihre Habsucht gereizt, sie werde nicht verfehlen, Wasser
unter die Milch zu mischen, sich deshalb mit der ganzen Stadt verfeinden
und in eine wohlttige Isolierung geraten. Dieser Plan ward nicht bel
befunden und bewhrte sich auch so ziemlich. Die Frau fand Freude an dem
Gewinn und war, besonders des Abends, ans Haus gebunden, um das Melken
der Khe zu berwachen und zu sehen, da sie nicht zu kurz kme.

Inzwischen war der Herbst gekommen und fr Wilhelm nichts weiter zu tun,
als das Vieh zu hten, welches jetzt auf die Weide getrieben wurde. Er
lie sich das demtige Amt nicht nehmen und wollte wenigstens einen
Herbst entlang mit den schnen Tieren allein auf der Weide sein. Allein
gerade diese bertreibung, da er den Dienst eines kleinen Hirtenbuben
verrichtete, bekam ihm bel und beraubte ihn pltzlich wieder der
Freiheit und Gemtsruhe, welche er sich erarbeitet hatte. Denn als er so
da sa auf den sonnigen Hgeln, beim Getn der Herdenglocken und die
Stadt im goldenen Herbstrauch liegen sah, tauchte die Gestalt Gritlis
immer deutlicher wieder empor, fast nach dem Sprichworte: Miggang ist
aller Laster Anfang! Im Grunde war es eine von den unfertigen und
abgebrochenen Geschichten, welche wie ein abgeschossenes Bein mit der
Vernderung der Jahreszeiten und des Wetters sich immer bemerklich
machen. Jedes zurckgebliebene Restchen von Hoffnung auf ein verlorenes
Glck erneut tausend Schmerzen, sobald die Seele mig wird und die
Sonne durchscheinen lt.

Als er eines Tages, da es in den Tlern Mittag lutete, nach seinem
Huschen ging, um sein einfaches Essen zu bereiten, entdeckte er
pltzlich eine zierliche Frau, welche unter dem Vordache stand und in
die Ferne hinaussah. Er war kaum noch zweihundert Schritte entfernt und
glaubte Gritli zu erkennen. Heftig erschreckend stand er still und
sagte: Was will sie hier? was sucht sie da?

Er verbarg sich hinter einem wilden Birnbaum und wagte wohl fnf Minuten
lang nicht mehr hinzusehen. Als er es aber endlich tat, hatte sich die
Erscheinung umgekehrt, guckte durch das Fenster in das Innere des
Winzerhuschens und schien die kleine Stube aufmerksam zu betrachten,
darauf setzte sie sich auf die oberste Treppenstufe, zog, wie es schien,
ein Brtchen oder dergleichen aus der Tasche und fing an es zu essen,
und es war keine Aussicht, da die Dame so bald wieder abziehen wolle.
Wilhelm machte Kehrtum und ging ohne Umsehen und ohne gegessen zu haben,
zu seiner Herde zurck, da er seine Behausung solchergestalt bewacht
fand. In groer Aufregung blieb er bis zum Abend fort, aber endlich
trieb ihn der Hunger wieder hin; vorsichtig nherte er sich seiner
Klause und fand den Platz gerumt. Der Engel mit dem feurigen Schwert
war abgezogen vor der Pforte. Wilhelm betrachtete alles wohl, das
Fenster und die Treppe, und fand alles, wie es gewesen, still und
unverfnglich. Doch seine Ruhe war dahin, wenngleich er nicht einmal
bestimmt wute, ob es Gritli gewesen sei.

Ohne es sich gestehen zu wollen, kleidete er sich von dem Tage an
sorgfltiger, da er fr einen Rinderhirten fast zu gut aussah, und
nherte sich nicht selten behutsam dem Huschen; aber die Erscheinung
kehrte nicht wieder. Dafr bevlkerte sich der ganze Berg mit ihrem
Bilde, auf Weg und Steg trat es ihm entgegen und guckte ihm durch die
runden Scheiben; es schien ihm unertrglich, so nahe bei ihr zu wohnen,
und doch htte er nicht wegziehen mgen; denn der Umstand, da sie jetzt
frei und einsam war, vermehrte die Unordnung seiner Gedanken. Doch
zuletzt wurde er nochmals Meister ber dies Wesen und stellte sich
wieder steif auf die Beine.

Als der erste Schnee fiel, war es mit dem Hirtenleben vorbei; der
Tuchscherer wollte Wilhelm nun zu sich ins Haus nehmen. Der aber
strubte sich dagegen und bat, ihn auf dem Berge zu lassen; jener mochte
ihn in seiner Laune nicht hindern, schaffte ihm einen kleinen Ofen
hinauf und versah ihn mit allerhand Arbeit von sich und andern. Auch
kaufte sich Wilhelm fr den Lohn, den er erhielt, einige Bcher, die ihm
der Tuchscherer besorgte, damit er der Pflege seiner Geisteskrften
obliegen knne, und so wurde er bald eingeschneit und sah sich einsamer
als je.

Eigentlich nur so einsam, als ein rechter Einsiedel sein kann, denn ein
solcher hat noch allerlei Zuspruch. So bekam auch Wilhelm jetzt eine
wunderliche Kundschaft. Die Bauern der Umgegend, mehrere Stunden in die
Runde, sprachen von ihm als von einem halben Weisen und Propheten, was
hauptschlich von seinem Treiben im Walde und der seltsamen
Ausstaffierung seiner Wohnung herrhrte. Sobald die Bauern einen solchen
Heiligen aufspren, der von Reue ber irgend einen geheimnisvollen
Fehltritt ergriffen, sich auf auerordentlichem Wege zu helfen sucht, in
die Einsamkeit geht und ein ungewhnliches Leben fhrt, so wird alsobald
ihre Phantasie aufgeregt und sie schreiben dem Sonderling besondere
Einsichten und Krfte zu, welche zu nutznieen sie eine unberwindliche
Lust verspren, im Gegensatze zu den Stdtern und Aufgeklrten, so ihren
Rat bei denen holen, die niemals von der goldenen Mittelstrae abweichen
und nie ber die Schnur gehauen haben.

Zuerst kam eine bedrngte Witwe mit einem ungeratenen Kinde, welches in
der Schule nichts lernen wollte und sonst allerlei Streiche verbte, und
bat ihn um Rat, indem sie vor dem Kinde ihre bittere Klage vorbrachte.
Wilhelm sprach freundlich mit dem Snder, fragte, warum es dies und
jenes tue und nicht tue, und ermahnte es zum Guten, indem es sich besser
dabei befinden werde. Der weite Gang, die feierliche Klage der Mutter,
die abenteuerliche Einrichtung des Propheten und dessen
freundlich-ernste Worte machten einen solchen Eindruck auf das Kind, da
es sich in der Tat besserte, und die Witwe verbreitete den Ruhm
Wilhelms.

Bald darauf kam eine andere Frau, welche ber eine bse Nachbarin
klagte; dann kam ein alter Bauer, der sich das Schnupfen abgewhnen
wollte, weil er es fr Snde hielt; Wilhelm sagte, er solle nur
fortschnupfen, es sei keine Snde, und dieser lobte und pries den
Ratgeber, wo er hinkam. Endlich verging kaum ein Tag, wo er nicht
solchen Besuch empfing, und alle mglichen moralischen und huslichen
Gebrechen enthllten sich vor ihm. Am meisten besuchten ihn Mdchen und
Weiber, um geheime Briefe von ihm schreiben zu lassen, welchen sie eine
besondere Wirkung zutrauten, und sogar aberglubische Leute kamen, denen
er gestohlene oder verlorene Sachen wieder verschaffen oder
geheimnisvolle Mittel gegen krperliche bel oder am Ende gar weissagen
sollte. Das wurde ihm denn doch lstig und bedenklich, und er suchte die
Bittsteller mit Scherzen oder barschen Worten abzuweisen. Allein nun
hie es erst recht, er habe seine Mucken und stehe nicht jedem Rede,
woran er ganz recht tue. Am liebsten verkehrte er mit Kindern, die in
der Schule nicht fortkamen und deren man ihm hufig brachte, so da sie
nachher allein kommen konnten. Mit diesen gab er sich liebevoll ab und
war froh, fter eines oder mehrere um sich zu haben. Er brachte fast
alle ins Geleise und erwarb sich dadurch Dank und Ansehen und unter den
Kleinen eine groe Anhngerschaft, die ihn an schnen Sonntagen manchmal
in ganzen Scharen besuchte und ihm kindliche Geschenke brachte, zum
Beispiel jedes einen schnen Apfel, so da alle zusammen ein Krbchen
voll gaben, oder jedes zehn Nsse, so da sich eine Lade damit fllte.
Sie muten dann singen und er geleitete sie eine Strecke weit heimwrts.

Von diesen Taten hrte Frau Gritli hufig erzhlen und sie nahm
lebendigen Anteil, ohne es merken zu lassen. Sie war sehr neugierig und
wnschte eifrig, seine Wirtschaft selbst einmal zu sehen und ihn
sprechen zu hren. Als eine auswrtige vertraute Freundin sie fr einige
Zeit besuchte, um ihr die Tage verbringen zu helfen, beschlossen die
beiden zu dem Einsiedel zu gehen. Sie verkleideten sich in junge
Buerinnen, frbten ihre Gesichter mit vieler Kunst und verhllten
berdies die Kpfe mit groen Tchern. So machten sie sich an einem
hellen Wintermorgen auf den Weg und bestiegen den Berg, der in seiner
weien Decke blendend vom blauen Himmel abstach. Als sie vor dem
Rebhuschen anlangten, standen sie still und betrachteten es neugierig
und mit erstaunten Blicken. Denn es glitzerte und leuchtete wie lauter
Kristall und Silber. Vom Dache hingen ringsherum groe Eiszacken nieder
mit feinen Spitzen, manche beinahe bis auf den Boden. Die Wetterfahne,
die eisernen Verzierungen des Gelnders, noch aus der Zopfzeit, und die
Geiblattranken waren mit Reif besetzt, und das alles wurde von der
Sonne mit siebenfarbigen Strahlen umsumt. Unter dem Vordache auf den
Steinplatten wimmelte es von grern und kleinern Waldvgeln, die da
ihr Futter pickten und lustig durcheinander hpften; sie waren so zahm,
da sie kaum Platz machten vor den Fen der Pilgerinnen und sich der
Reihe nach auf das Gelnder und vor das Fenster setzten. Jede der Frauen
stie die andere an, da sie anklopfen sollte; die eine hustete, die
andere kicherte, aber keine wollte klopfen. Doch wagte es endlich die
Freundin, pochte nun so stark wie ein Bauer, und ffnete zugleich die
Tr, mit patzigen Schritten eintretend.

Wilhelm sa ber einem groen Buche mit Pflanzenbildern; er war nicht
sehr erfreut ber die frhe Strung, zumal er zwei junge frische
Weibsbilder ankommen sah. Aber nnchen, die Freundin, begann sogleich
ein gelufiges Kauderwelsch, in welchem sie eine Anzahl Fragen und
Anliegen bunt durcheinander vorbrachte. Sie wollte eine Rechnung ber
verkauftes Stroh berichtigt haben, gegen welches sie eine Zeitkuh
eingetauscht, zog ein Papier voll gegossenen Bleies hervor und forderte
die Erklrung desselben; dann sollte er aus ihrer Hand wahrsagen,
Auskunft geben, wann es am besten Hafer zu sen sei, ob man im gleichen
Jahre zweimal die Ehe versprechen drfe, ob er nicht eine verhexte
Kaffeemhle herstellen knne, in welcher ein Kobold sitze; ferner
brachte sie ein dickes Bndel Hhner-, Enten- und Gnsefedern zu Tage
und bat ihn, dieselben zu schneiden fr Geld und gute Worte, sie wolle
sie dann schon gelegentlich abholen; denn sie schreibe fr ihr Leben
gern, habe aber keine Federn; und endlich verlangte sie zu wissen, ob
das neue Jahr gedeihlich zum Heiraten sein wrde fr eine ehrbare junge
Buerin. Dies alles, Stroh, Zeitkuh, Hafer, Blei, Kaffeemhle, Kobold,
Federn und Heirat, warf sie so behend und verworren untereinander, da
kein Mensch darauf antworten konnte, und wenn Wilhelm den Mund auftat,
unterbrach sie ihn sogleich, widersprach ihm, sie habe nicht das,
sondern jenes gemeint, und machte den ergtzlichsten Auftritt. In der
Zeit stand Gritli da, die Hnde unter der Schrze, und rhrte sich
nicht, aus Furcht, sich zu verraten. Sie beschaute sich eifrig Wilhelms
sonderliche Behausung, welche inwendig noch mrchenhafter aussah als von
auen. Die Wnde waren mit bemooster Baumrinde, mit Ammonshrnern,
Vogelnestern, glnzenden Quarzen ganz bekleidet, die Decke mit wunderbar
gewachsenen Baumsten und Wurzeln, und allerhand Waldfrchte,
Tannzapfen, blaue und rote Beerenbschel hingen dazwischen. Die Fenster
waren herrlich gefroren; jedes der runden Glser zeigte ein anderes
Bild, eine Landschaft, eine Blume, eine schlanke Baumgruppe, einen Stern
oder ein silbernes Damastgewebe; es waren wohl hundert solcher Scheiben,
und keine glich der andern, gleich dem Werk eines gotischen Baumeisters,
der einen Kreuzgang baut und fr die hundert Spitzbogen immer neues
Mawerk erfindet.

Das alles gefiel der Frau, welche von Viggi und seiner Ktter als eine
platte und prosaische Natur verschrieen wurde, ber die Maen wohl; doch
lie sie zuweilen auch einen Blick ber den Bewohner dieses Raumes
gleiten, und derselbe gefiel ihr nicht minder. Er war in einen rtlichen
Fuchspelz gehllt, den ihm der Tuchscherer fr den Winter gegeben; sein
dunkles Haar war dicht und lang gewachsen, ein dunkles Brtchen war auf
seiner Oberlippe erstanden, und der ganze Gesell hatte an selbstbewuter
und freier Haltung gewonnen. Ein langes rotes Tuch, welches er lose um
den Hals geschlungen trug, vermehrte noch die kecke Wirkung seines
Aussehens, welche freilich kaum so keck gewesen wre, wenn er gewut
htte, wen er vor sich habe.

nnchen machte aber ihre Sache so gut, da er keinen Verdacht schpfte
und ein tolles Weibsstck zu sehen glaubte, begleitet von einer blden
und schchternen Person. Als ihm der Handel endlich zu bunt wurde,
unterbrach er die Schwtzerin gewaltsam und sagte: Eure Rechnung ber
Stroh und Kuh betrgt so und so viel, alles brige ist dummes Zeug, das
Ihr anderwrts anbringen mgt, liebe Frau!

So! sagte nnchen in kstlichem Tone, und Wilhelm: Ja, so! Geht in
Gottes Namen und lat mich in Ruhe!

Auf die Weise! erwiderte nnchen, aha! So so! Nun, so habt denn Dank,
Herr Hexenmeister! und nichts fr ungut! Beht' Euch Gott wohl und
zrnet nicht! Komm, Frau Barbel!

Doch als sie bereits unter der Tr war, kehrte sie nochmals um und rief:
Ei, so htte ich bald vergessen, Euch den Gru auszurichten! Oder hab'
ich's schon getan? Nein! von wem? Ei, von einer gar feinen und
hbschen Frau, Ihr werdet sie besser kennen als ich, denn ich wei ihren
Namen nicht zu sagen! Ich wei nicht, ich kenne keine solche Frau!
He, so besinnt Euch nur, sie wohnt an der Stadtmauer, ist nicht gar
gro, aber ebenmig gewachsen und trgt den Kopf voll brauner
Haarlocken wie ein Pudel! Da, die Barbel und ich haben ihr Eier
gebracht, wir sagten, da wir da hinaufgehen wollten, um uns wahrsagen
zu lassen, und da war's, da sie uns den Gru bestellte!

Wilhelm wurde hochrot, rief hastig: Ich wei nicht, wen Ihr meint! und
wandte sich stracks zu seinem Buche, ohne die Frauen weiter eines
Blickes zu wrdigen. So trollten sich diese davon und polterten in ihren
schweren Schuhen mutwillig die Stufen hinunter.

Kaum waren sie auer dem Bereiche des Husleins, so sagte nnchen:
Hre, wenn ich nicht schon einen Mann htte, so wrde ich dir den
wegfangen! Dies ist ja ein netter Kerl, obgleich er ein grober Lmmel
ist!

Ach, er gefllt mir nur gar zu wohl, seufzte Gritli, aber ich trau'
ihm nicht! Er knnte trotz der soliden Manier, die er angenommen hat,
leicht wieder ein verliebter Zeisig werden oder noch sein, der sich in
alle Welt vergafft, und dann kme ich vom Regen in die Traufe. Man mte
ihn auf irgend eine Art auf die Probe stellen!

Nun, das kann man ja tun! sagte die Freundin; sie berieten sich ber
den Weg, den sie einschlagen wollten, und nnchen versprach, die Sache
auszufhren, sobald der Winter vorber sei. Da seufzte Gritli abermals
und meinte: Ach, das ist noch lange hin und im Frhling sollte es schon
getan sein!

Lachend erwiderte nnchen: Da kann ich nicht helfen, meine Liebe! Ich
mu jetzt wieder zu meinem Mann; auch habe ich doch nicht Lust, durch
diesen Schnee fter in die Wildemannshtte zu klettern, so hbsch
eingefroren sie auch ist! Also Geduld! sobald die Veilchen blhen, werde
ich wieder kommen und deine Bergamsel probieren, aber auf deine Gefahr
hin!

Gritli fgte sich darein; sie verbrachte den Rest des Winters in grter
Stille; aber der Schnee schien ihr nicht weichen zu wollen und sie
schwankte manchmal, ob sie die Probe berhaupt anstellen und nicht
lieber die Sache gleich zu Ende fhren wolle. Da kam endlich der
gewaltige Sdwind und go seine warmen Regenfluten schief ber Berg und
Tal hin. In eilender Flucht schmolzen die Schneemassen und Wasser
sprangen von allen Abhngen, lachend, redend und singend mit tausend
Zungen. Gritli lauschte dem Klingen, als ob es ein Hochzeitsgelute
wre. Sobald die nchste Wiese trocken war, lief sie hinaus, um nach den
Veilchen zu sehen; sie fand keines, dafr aber einige Schneeglckchen,
und als sie zurckkam, war dennoch die Freundin angekommen mit einem
groen Koffer, worin sie das ntige Handwerkszeug fr ihr Vorhaben
mitbrachte.

Es war die vollstndige stattliche Sonntagstracht einer Landfrau mit
mehreren Stcken zum Wechseln, alles neu und zierlich, beinahe kstlich
gemacht. Am ersten Sonntag in aller Frhe kleidete sich nnchen mit
Gritlis Hilfe sorgfltig darein und lie ihrer Schnheit, die nicht
gering war, mit bermtiger Berechnung den Zgel schieen. ber eine
kurze Scharlachjuppe wurde eine genau so lange schwarze angezogen, so
da der Scharlach nur bei einer raschen Bewegung sichtbar wurde und das
blendende Wei der Strmpfe umso reizender erscheinen lie. Rcken,
Schultern und die runden Arme zeichnete eine knappe, braune, seidene
Jacke vortrefflich und lie die Brust frei, welche dafr mit einem
Brustlatz von schwarzem Sammet bedeckt und mit dergleichen Bndern
eingeschnrt war, die durch silberne Haken gingen. ber der Stirn wurden
einige kokette buerliche Lcklein gebrannt; das brige Haar hing in
dicken Zpfen fast bis auf die Erde und endigte in breiten, mit Spitzen
besetzten Sammetbndern. Mit jedem Stck, das sie der lachenden Freundin
nesteln half, wurde Frau Gritli ernsthafter und besorgter, und als
endlich die bermtige ganz geschmckt war und sich in bewuter
Schnheit spiegelte, bereute jene die ganze Erfindung und erhob allerlei
Bedenklichkeiten. Doch sie wurde nur ausgelacht und nnchen rief: Was
man tun will, das soll man recht tun! Willst du deinen Waldbruder mit
einer Vogelscheuche versuchen? Dergleichen Heilige hatten von je einen
besseren Geschmack!

Da meinte Gritli, sie sollte wenigstens die weien Strmpfe mit
schwarzen wollenen vertauschen, es sei noch khl und feucht! Dafr hab'
ich starke Schuhe, sagte nnchen, die Waden erkltet keine Frau, das
weit du wohl, mein Schatz! Jedenfalls mut du den Hals besser
verwahren! bat die Besorgte noch klglich, und die Unverbesserliche
antwortete: Da hast du recht! gib mir jenes seidene Tchlein, ich kann
es nachher in die Tasche stecken, sobald ich an die warme Sonne komme!

Dann ffnete sie das Fenster und guckte in die Sonntagsfrhe hinaus; es
war noch alles still und die Zeit schien gnstig, rasch hinweg zu
huschen. Allein Gritli hielt sie mit dem Frhstck so lange als mglich
auf und brockte ihr alle mglichen Lieblingsbissen vor, um den
Augenblick hinauszuschieben; dennoch erschien er, und als nnchen nun
ging, brach die Bekmmerte in Trnen aus. Da kehrte jene mit groen
Augen um und sagte ernsthaft: Nun, du nrrisches Ding! wenn du wirklich
meinst, es sei nicht zu trauen, so lassen wir's einfach bleiben!
Entscheide dich! Ich bin bald wieder umgekleidet!

Gritli weinte heftiger, aber sie kmpfte mit sich und rief dann
entschlossen: Nein: geh nur und tu, was du fr gut findest! Es mu ja
sein!

Frau nnchen ging also wohlgemut durch das Frhlingsland und badete
unternehmungslustig ihre Gestalt in der glnzenden Luft. Ihre Rcke
schwangen sich hin und wieder, da der rote Scharlachsaum bei jedem
Schritt aufleuchtete; im Arme trug sie einen frisch gebackenen Eierzopf
und eine Schiefertafel in ein wei und blau gewrfeltes Tuch gewickelt.
Dergestalt erreichte sie das Rebhuschen; diesmal klopfte sie nur
mittelmig stark an die Tr und trat mit gutem Anstande in die Stube.
Wilhelm erkannte sie nicht sogleich, war aber betroffen ber die
anmutvolle Erscheinung. Er kochte eben seinen Sonntagskaffee, welcher
angenehm durch den Raum duftete. nnchen machte einen zierlichen Knicks
und sagte: Da komme ich gerade recht! Habt Ihr meine Federn
geschnitten, Herr Hexenmeister? Ich will sie abholen; und hier habt Ihr
auch eine kleine Gabe fr Eure Mhe, nur um den guten Willen zu zeigen!
Damit entwickelte sie das Gebck, das sie trug, und legte es auf den
Tisch. So knnt Ihr das Geschenk wieder mitnehmen, erwiderte Wilhelm,
denn Eure Federn sind nicht zum Schreiben und ich habe sie
weggeworfen! So? nun, da mu ich mir Federn in der Stadt kaufen; aber
das tut nichts, ich lasse den Zopf dennoch hier und esse selbst einen
Zipfel davon, wenn Ihr mir eine Tasse Kaffee dazu gebt! Das tut Ihr
doch, nicht wahr? Sie setzte sich ohne Umstnde zum Tische und fing an,
das feine Brot zu schneiden. Wilhelm wute nicht, was er daraus machen
sollte, es war ihm zu Mute, wie wenn da ein gefhrlicher Geist durch
sein stilles Huschen wehte, und die Frhlingssonne funkelte gar seltsam
durch die klaren Fenster und ber die schne Buerin her. Doch fgte er
sich, holte eine von des Tuchscherers Porzellantassen, welche dieser
hier aufbewahrte, und teilte seinen Kaffee ehrlich mit dem Eindringling.

Ihr knnt wahrlich guten Kaffee machen, Herr Hexenmeister, sagte sie,
wo habt Ihr's nur gelernt? Freut mich, wenn er Euch schmeckt! sagte
Wilhelm, doch bitte ich Euch, mich nicht immer Hexenmeister zu nennen;
denn ich kann leider nicht hexen! Nicht? ich hab's geglaubt! sagte
sie lchelnd, indem sie einen glnzenden Blick zu ihm hinberscho,
wenigstens habt Ihr mir es schon ein weniges angetan, obgleich Ihr
nicht der hflichste seid! Aber ein hbscher Mensch seid Ihr! ist es
Euch nicht langweilig so ganz allein? Es scheint nicht so! erwiderte
Wilhelm errtend, sonst wrde ich wohl unter die Leute gehen; Ihr
scheint aber gut aufgelegt, schne Frau!

Schne Frau? Ei seht, das tnt schon besser! Ihr solltet noch ein wenig
in die Schule gehen, ich glaube, es knnte doch noch gut mit Euch
kommen! Aber leider mu ich selbst in die Schule gehen. Da habe ich noch
ein Anliegen, da ich es nicht vergesse, das ist die Hauptsache, warum
ich gekommen bin, wenn's erlaubt ist! Die Rechnung, die Ihr mir neulich
so schnell gemacht, da ich es nicht einmal merkte, hat mir guten Dienst
geleistet. Ich habe aber einen groen Hof und kein Mann ist da, der das
Wesen in Ordnung hlt und rechnet; ich selbst habe als Schulkind niemals
aufgemerkt und nichts gelernt, wie ich denn auch sonst nicht viel
taugte. Nun mu ich es erst ben und bereuen, denn ich wei nie, wie
ich stehe und ob ich betrogen werde oder nicht? Gut! dacht' ich, du bist
noch nicht zu alt zum Lernen, ein Jahr fnf- oder sechsundzwanzig, du
gehst also zum Hexenmeister und bittest ihn, da er dir zeige, wie man
dies und jenes ausrechnet. Fr guten Lohn wird er's gewi tun, ein Sack
Erdpfel oder eine halbe Speckseite sollen mich nicht reuen, wenn er's
zurecht bringt, da ich mit den verwnschten Zahlen umgehen kann. Seht,
da habe ich schon eine Tafel mitgebracht und auch eine Kreide, nun, wo
hab' ich die Kreide?

Sie legte die Tafel auf den Tisch, fuhr mit der Hand in die Rocktasche
und klapperte ungeduldig darin. Dann zog sie eine Handvoll Zeug heraus
und warf es auf den Tisch, ein geringes Taschenmesser, einen eisernen
Fingerhut, einige Geldstcke, Brotkrumen, eine Hundepfeife, eine
gedrrte Birne und ein kleines Stck Kreide. Die Birne steckte sie
schnell in den Mund und rief kauend: Da ist die Teufelskreide! Jetzt
fangt nur an! Zugleich rckte sie mit ihrem Stuhle ihm dicht zur Seite
und schaute ihm erwartungsvoll ins Gesicht.

So groe Schlerinnen bin ich eigentlich nicht gewohnt, sagte Wilhelm
verlegen und rckte ein bichen zur Seite, doch wenn Ihr gut aufmerken
wollt, so will ich wohl sehen, was zu machen ist! Hierauf begann er,
der Frau die vier Spezies vorzumachen, und sie stellte sich, als ob sie
nagelneue Dinge hrte. Sie rckte ihm wieder nher, nahm ihm alle
Augenblicke die Kreide aus der Hand, verdarb die Rechnung und trieb
tausend schnackische Dinge, ber welchen sie zuweilen pltzlich die
Augen voll zu ihm aufschlug. Er sah sie dann verwundert und nicht ohne
Wohlgefallen an, ohne jedoch aus der Fassung zu geraten, und auch wenn
sie auf die Tafel blickte, betrachtete er ruhig den hbschen Kopf, wie
man etwa ein edles Gewchs betrachtet. Indessen wurde er dabei still und
verga ein paarmal zu antworten. Unversehens stand sie auf und sagte:
Fr heute mu es gut sein, sonst werde ich zu gelehrt! bermorgen auf
den Abend komm' ich wieder, wenn Ihr dann Zeit habt; beht' Euch Gott,
Herr!

Womit sie, ohne seine Antwort abzuwarten, sich entfernte, so unerwartet
als sie gekommen war.

Wilhelm sah ihr nach, ohne von seinem Stuhle aufzustehen. Dann grbelte
er etwas in seinen Gedanken herum und sagte schlielich: Am Ende werde
ich hier auch fortgetrieben; es scheint mir mit dieser Person nicht ganz
richtig zu sein!

Frau nnchen gefiel sich so gut in der lndlichen Tracht, da sie auf
einsamen Feldwegen herumspazierte, bis es Mittag lutete. Sie
betrachtete gedankenvoll bald die junge Saat, bald den emsigen Lauf
eines Bchleins; doch sie bedachte weder die Saat noch das Wasser,
sondern erwog, wie weit sie die Probe mit dem jungen Manne treiben
wolle; sie glaubte den Erfolg in ihrer Gewalt zu haben und war nur
unschlssig, ob sie denselben erst ein wenig zu ihrer eigenen
Lustbarkeit lenken oder ob sie als ehrliche Frau und Freundin handeln
solle. Denn der Einsiedler schien ihr wie geschaffen zu einer
ersprielichen Zerstreuung und zu einem Lustspiel fr eigene Rechnung.
Wenn Wilhelm sich verlocken lie, so war ja ihrer Freundin von einem
unbestndigen Mann geholfen und trefflich gedient und er selbst wurde
durch einen lustigen Betrug gehrig bestraft. Sie stand eben vor einer
stillen Ansammlung eines Wsserleins und beschaute darin ihr
Spiegelbild. Sie kam sich fast zu schn vor fr ihren eigenen
teilnahmslosen Mann; auf der andern Seite aber schien das Abenteuer doch
bedenklich und konnte ihr zuletzt bel bekommen und ihre behagliche Ruhe
in die Luft sprengen; auch war der Freundin ein freundliches Los zu
gnnen und sie wute wohl, da Gritli den Vogel festhalten wrde, wenn
sie ihn nur erst unversehrt in der Hand hielte. So schwebten ihre
ernsten Erwgungen im Gleichgewicht; sie stellte die Entscheidung
endlich auf ein welkes Blatt, das in der Wasserstille langsam kreiste
und einen Ausweg suchte. Legte es sich ans rechte Bord, so wollte sie
der Freundin dienen, wenn ans linke, fr sich selbst sorgen. Allein das
Blatt schwamm pltzlich abwrts und ins Weite, und sie beschlo, der
Sache den Lauf zu lassen, wie es gehen mge. Da erklang die
Mittagsglocke und nnchen schritt, von keinem menschlichen Auge gesehen,
nach der Hintertr in der Stadtmauer; denn es war die Zeit, da in der
alten Welt der groe Pan schlief und in der neuen die Seldwyler mit
Kind und Kegel so vollzhlig um den Sonntagsbraten saen, da die
Straen stiller waren als in dunkler Mitternacht.

Mit ngstlicher Erwartung verschlangen Gritlis Augen die mutwillige
Freundin, als sie lachend in die Stube trat. Diese umarmte und kte sie
sogleich, indem sie rief: Komm, es ist mir ganz ksserlich zu Mute
geworden bei deinem Schatz! O! sei nicht so hlich! rief jene
vorwurfsvoll, du hast doch nicht so tolles Zeug getrieben! Wie ist es
gegangen? Wie hat er sich gehalten? Sei ruhig, wie ein Stck Holz hat
er sich gehalten! sagte nnchen, und Gritli rief: Gott sei Dank! so
wollen wir es denn dabei bewenden lassen! Bewenden lassen? das wre
eine schne Geschichte! fuhr nnchen dazwischen, da wten wir erst
recht nichts! Er war wie ein Stck Holz, aber nun kommt erst die
Hauptsache, wo er sich immer noch zum Schlimmen wenden kann, freilich
auch zum Guten! Nun, wie er sich bettet, so wird er liegen!

Da ermannte sich Gretchen abermals und sagte: Ja! es mu durchgefhrt
sein! Wenn er deinen Teufeleien entrinnt, so hat er sich grndlich
gebessert und wird umso preiswrdiger sein!

Also machte sich die Versucherin am zweiten Tage wieder auf den Weg und
zwar in der Abenddmmerung. Sie trug dieselbe Tracht, nur mit einiger
Abwechslung und grerer Einfachheit, wie eine Buerin etwa whrend der
Woche zu tragen pflegt, wenn sie ber Land geht. Sie trug aber Sorge,
da nichtsdestoweniger alles gut und reizend sa. Die Haare waren
merkwrdigerweise stdtisch geflochten und mit einem Tuche bedeckt.

Wilhelm war absichtlich weggegangen und dachte, die sonderbare Schne,
wenn sie wirklich wiederkommen sollte, einen vergeblichen Gang tun zu
lassen. Als es aber dunkelte, beschleunigte er mehr als notwendig seine
Schritte, die Wohnung zu erreichen, sei es aus Neugier oder aus dem
Bedrfnisse, sich an der scherzhaften Dame zu erheitern. Er traf richtig
mit ihr an der Tr zusammen, als sie eben vergeblich gepocht hatte.
Ach, da kommt Ihr! sagte sie sanft, ich habe schon geglaubt, Ihr
httet mich im Stich gelassen! Nun, da bin ich wieder, wenn's erlaubt
ist, ich konnte den Tag ber nicht abkommen. Er zndete das Licht an
und sagte: Wie steht's? Habt Ihr noch was behalten vom neulichen
Unterricht oder habt Ihr's schon wieder vergessen? Ich wei es selber
kaum, erwiderte sie bescheidentlich und schien berhaupt in einer
weichen Stimmung zu sein, so da der Lehrer wieder nicht aus ihr klug
wurde.

Als sie zu rechnen begannen, war die Frau still und zerstreut und in der
Zerstreuung machte sie nicht nur keinen Fehler, sondern rechnete die
Aufgaben wie aus Versehen rasch und richtig zu Ende und machte von
selbst die Proben dazu. Sie konnte pltzlich so gut rechnen wie der
Schulmeister selbst, schien es aber durchaus nicht zu wissen. Er sah ihr
eine geraume Weile zu, whrend es ihm pricklig im Gemt wurde. Da fiel
es ihm endlich auf, welch weie Hand die Bauersfrau besa, und ihr
knstlich geflochtenes Haar duftete nicht weit von seiner Nase. Einesmal
sagte er: Sie sind keine Buerin! Woher kommen Sie? Was wollen Sie
hier?

Sie legte erschrocken die Kreide hin, sah ihn furchtsam an und dann vor
sich nieder, indem sie die Hnde ineinander legte. Es herrschte eine
groe Stille. Endlich begann sie mit einem leichten Seufzer und leise:
Ich bin eine junge Witfrau, die aus langer Weile schon mehr als eine
Torheit begonnen hat. Neulich wurde ich mit einer Freundin einig, den
weisen Einsiedler zu beschauen, der so viel von sich reden macht. Sie
haben gesehen, wie wir unsern Vorsatz ausfhrten; aber die Neugierde ist
mir nicht gut bekommen!

Und warum nicht? fragte Wilhelm lachend, obgleich es ihm anfing,
schwl zu werden. Da sagte sie noch leiser: Ich habe mich leider in Sie
verliebt! und zugleich schlug sie lchelnd die Augen zu ihm empor. Es
war freilich kein echter und ursprnglicher Blick, sondern einer aus der
Fabrik, ein bhmischer Brillant, das fhlte Wilhelm wohl; dennoch war er
feurig genug, in ihm eine Reihe von Gefhlen und Gedanken zu erwecken,
welche sich schnell wie der Blitz aneinander entzndeten.

Man mu am Ende die Weiber nehmen wie die Skorpione, den Stich des
einen heilt man mit dem Safte, den man dem andern ausquetscht! Was ntzt
es, die Sigkeit der Frauen zu verschmhen, weil sie schwach und
betrglich sind? Pflcke die Rosen vorsichtig oben weg, und lasse den
Stock unberhrt, so wirst du nicht gestochen! Trinke den Wein und stelle
den Becher dahin, so wirst du in Frieden leben! Wer durch die Wste
wandelt, der trinke vom Brunnen der Gelegenheit, und wer einsam ist, der
locke die Amsel! Sieh! die eine geht, die andere kommt, die ist braun
und jene golden; gut ist nur die, so dich kt!

Nicht diese ausfhrlichen Worte, aber deren frevelhafter Sinn drngte
sich in Wilhelms Empfindung zusammen, als er nnchens Hand ergriff und
sie unschlssig, aber lchelnd ansah. Freilich waren seine Handlungen
viel zaghafter als seine Gedanken, und so kam es, da nach einer Minute
nicht er die Schne, sondern sie ihn im Arme hielt und ihm eben einen
Ku aufdrcken wollte, als abermals eine Reihe von Gedanken und
Vorstellungen sich in dem Augenblick und in Wilhelms Gemte
zusammendrngte.

Das ist also, dachte er ungefhr, das vielgewnschte Glck in
Frauenarmen! Nun, schn genug ist's und gar nicht unangenehm! Gott sei
Dank, da ich mal eine dicht bei mir habe! Was wrde wohl Gritli dazu
sagen, wenn sie mich so she?

Zugleich sah er Gritli im Geiste auf der Treppe vor dem Huschen stehen
und dann sitzen. Wie, dachte er, wenn sie dich gesucht, wenn sie dich
doch lieb htte? Ein groes Mitleiden mit ihr ergriff ihn, er erschrak
ordentlich ber seine Hartherzigkeit; kurz, zerstreut und in Gedanken
verloren fuhr er zurck und entzog damit pltzlich und unerwartet seinen
Mund dem Kusse, den nnchen eben darauf absetzen wollte. Er starrte ins
Blaue hinaus und sah immer deutlicher Frau Gritlis vermeinte Gestalt,
wie sie still vor seiner Tr sa und auf ihn zu warten schien. Dann
besann er sich und sagte unversehens zu nnchen: Was hatte es denn fr
eine Bewandtnis mit dem Grue, den Sie mir das erste Mal, da Sie hier
waren, von jener Frau gebracht haben? Und was macht sie, wie geht es
ihr?

Welche Frau, welcher Gru? fragte sie etwas betroffen und verlegen,
und als er sich genauer erklrt, sagte sie kalt: Ach, das war nur eine
Neckerei von mir! Ich kenne die Frau gar nicht! Diese schnde und khle
Antwort gefiel ihm nicht und krnkte ihn; unwillkrlich machte er sich
frei und trat ans Fenster, ffnete es und guckte verstimmt hinaus in die
Nacht.

Der gestirnte Himmel spannte sich ber das Tal, in welchem die Lichter
von Seldwyla in einem dichten Haufen glnzten; darber verga er, was in
der Stube war, seine Gedanken irrten um die dunkle Stadtmauer in der
Tiefe, und eben tat er einen ordentlichen Seufzer, als dicht unter
seinem Fenster eine weibliche Gestalt vorberging mit den Worten: Gute
Nacht, Herr Hexenmeister! Es war Frau nnchen, welche unbemerkt aus dem
Huschen gehuscht war und lachend den Berg hinuntersprang. Er machte
eine Bewegung und eine Stimme rief in ihm: La sie nicht entwischen!
Aber dennoch wich er nicht von der Stelle und seine Sehnsucht flog ber
die spukhafte Buerin hinweg in das Tal, wo Gritli war. Alle Geister der
Leidenschaft waren nun aufgeweckt und taumelten wie trunken in seinem
Herzen umher, und er verbrachte die Nacht schlaflos und aufgeregt.

Dem wollen wir abhelfen! rief er, als die Sonne schon hoch am Himmel
stand und er aus dem unruhigen Morgenschlaf erwachte, ich will fr
einige Zeit den Platz rumen, und andere Luft suchen! Gesagt, getan! Er
hing zum zweitenmal die Reisetasche um, ergriff einen Stecken, schlo
Fensterladen und Tr und machte sich auf den Weg, dem Tuchscherer den
Schlssel zu bringen und sich bei ihm zu beurlauben.

Ein leichter und rascher Schritt weckte ihn aus dem Brten, in dem er
alles getan hatte. Er kannte den Schritt und lauschte ihm einige
Augenblicke, eh' er aufzuschauen wagte. Schon warf die Morgensonne den
leichten Schatten eines Schleiers auf den glnzenden Weg, dicht unter
seine Augen; der Florschatten umflatterte ein paar rund gezeichnete
Schultern. Wilhelm war pltzlich wie in ein Fegefeuer gesteckt und
bemerkte dennoch in aller Verwirrung, da der wohlklingende Schritt fast
unmerklich zgerte. Endlich blickte er in die Hhe und sah Frau Gritli
nahe vor sich, welche ihrerseits errtete und verlegen lchelnd vor sich
hinsah. Beide Personen beschleunigten in der Verwirrung ihren Gang und
eilten sich vorber, wahrscheinlich um sich nie wieder zu treffen. Da
zog Wilhelm doch noch seinen Hut und Gritli erwiderte den Gru mit einer
raschen Verbeugung. Wie an einem Drahte gezogen sah jedes zurck, stand
still und wendete sich mit mehr oder weniger langsamer Bewegung; endlich
schossen sie zusammen wie zwei Hlzchen, die auf einem Wasserspiegel
dahintreiben, und stehenden Fues gingen sie eilig nebeneinander fort.
Sie wollen doch nicht verreisen, weil Sie Tasche und Stab tragen?
sagte Gritli. Wilhelm erwiderte, er wolle allerdings fortgehen, und als
sie fragte, warum und wohin? erzhlte er von Geschften, von schnem
Wetter, von diesem und jenem, und Gritli flocht ebenso inhaltlose Dinge
dazwischen, aber alles in tiefster Bewegung. Sie gingen rasch, atmeten
schnell und sahen sich abwechselnd an; so waren sie, ohne es zu sehen,
auf einen Waldpfad geraten und gingen schon tief in den Bumen, als
Gritli endlich rief: Wo sind wir denn hingekommen? Ist das Ihr Weg?
Meiner? sagte Wilhelm ernsthaft, nein! Nun, das ist gut! meinte
sie lachend, so mssen wir nur sehen, da wir bald wieder
hinauskommen! Er sagte: Da wollen wir hier quer durchgehen! und
wanderte auf einem schmalen Seitenpfade voran durch den Forst. Nach
einer Weile kamen sie auf eine kleine Lichtung, die von hohen Fhren
eingeschlossen war, deren Kronen sich ineinander bauten. Unter den
Fhren lagen groe rtliche Steine bereinander, denn es war das Grab
des keltischen Mannes, und rings herum war der Platz von den weien
Sternen der Anemonen bedeckt.

Hier ist's schn! rief Gritli, hier mu ich ein wenig ausruhen, ich
bin mde geworden! Sie setzte sich auf die Steine und Wilhelm blieb vor
ihr stehen. Machen Sie nicht, da der aufwacht, der da unten liegt!
sagte er; erschreckt fragte sie, was er meine, und er erzhlte ihr die
Geschichte von dem Grabe. Nach einer Weile bemerkte sie: Wo mag wohl
seine Frau liegen? Gewi nicht weit! Das kann man freilich nicht
wissen! antwortete Wilhelm lachend, vielleicht liegt sie auf einem
Schlachtfelde in Gallien, vielleicht auf einem andern Berge in dieser
Gegend, vielleicht hier ganz in der Nhe, und vielleicht hat er gar
keine gehabt!

Hierauf trat eine Stille zwischen die zwei Leute und jedes schien in
eigentmliche Gedanken vertieft. Gritli hatte ihren Hut abgelegt und
zeigte pltzlich statt der Locken, die dem Schulmeister sonst in die
Augen gestochen, ein glnzend glattgekmmtes Haar, einen schlichten
runden Kopf. Das verblffte und verblendete ihn gnzlich, denn durch die
ungewohnte Vernderung erschien sie ihm schner als je. Auch war sie
auerordentlich fein und anmutig gekleidet, obschon einfach, aber alles
frisch und wohlgemacht; nichts Einzelnes fiel auf und doch machte alles
einen angenehmen Eindruck, der sich wieder der Herrschaft des schlichten
blhenden Kopfes durchaus unterordnete. Diese Frau war in ihren Kleidern
und bei sich selbst zu Hause, und wer da einkehrte, befand sich in
keiner Marktbude. Das alles versetzte Wilhelm in tiefe Melancholie und
er sah die schne Frau vor sich, wie man in die frhlingsblaue Ferne
sieht, in die man nicht hinein kann.

Als die tiefe Stille einige Minuten gedauert, whrend Gritlis Busen
unruhig wallte, rief der Kuckuck aus der Tiefe des Waldes, und zwar nur
ein einziges Mal, aber hell und widerhallend. Beide sahen sich an, und
ohne weitere Zeit zu verlieren, sagte Gritli mit einem freundlichen
Lcheln: Es ist mir lieb, Sie noch getroffen zu haben; denn halb und
halb hatte ich die Absicht, Sie in Ihrem Huschen aufzusuchen!

Wilhelm sah sie mit groen Augen an; diese Worte weckten ihn aus seiner
Vergessenheit und machten ihm das Verhltnis gegenwrtig, in welchem er
eigentlich zu der Frau stand. Er brachte deswegen nur ein mitrauisches
und kurzes Warum? hervor und glaubte sich mit heien Wangen einer
neuen Komdie ausgesetzt. Sie aber sagte: Ich wollte Sie gern fragen,
ob Sie mir noch zrnen wegen der Geschichte mit den Liebesbriefen?

Ich habe Ihnen nie gezrnt, erwiderte er, sondern nur mir selbst;
dennoch war das, was Sie vor Gericht von mir sagten, nicht gut und auch
undankbar; denn ich habe Ihre Schnheit und Lieblichkeit so hoch
gehalten, da ich mir nicht anders zu helfen wute, als an einen Gott zu
glauben, der Sie geschaffen und mir geschenkt habe, was freilich ein
eitler und eigenntziger Gedanke war!

Eine prchtige Rte berflog Gritlis Gesicht. Ich war nicht undankbar!
sagte sie, indem sie die Handschuhe auszog und ihre Fingerspitzen
betrachtete, als ich jene Worte sprach, dachte ich -- sie stockte, und
Wilhelm sagte mit fast tonloser Stimme: Nun, was dachten Sie? Ich
dachte, flsterte sie, die Augen niederschlagend, nun, ich dachte in
meinem Herzen, da dafr meine Person, wie sie ist, Ihnen fr immer
angehren solle, wenn die Zeit gekommen sei! Und da bin ich nun!

Zugleich reichte sie beide Hnde hin und schlug die Augen zu ihm auf. Es
war kein so blitzender Blick, wie sie ihm einst ber die Hecke
zugeworfen, aber doch viel tiefer und klarer. Er ergriff ihre Hnde, sie
stand auf; doch wute der gute Pascha, der in seinen Gedanken eine ganze
Stadt voll Weiber beherrscht hatte, mit dieser einzigen sogleich nichts
anzufangen, als da er wie betubt mit ihr auf der Lichtung hin und her
ging und sie anlachte, ohne ihre Hand loszulassen. Endlich setzten sie
den Weg wieder fort, Wilhelm ging voraus, sah sich aber von Zeit zu Zeit
wieder um, ob sie ihm auch folge auf dem schmalen Pfade, und immer war
sie lchelnd hinter ihm. Da trat sie einsmals hinter eine dicke Buche
und verbarg sich dort, und als er wieder rckwrts blickte, fand er sie
nicht mehr. Ungewi und erschrocken stand er still, und als er nichts
mehr von ihr hrte und sah, ging er langsam etwa zwanzig Schritte
zurck, und mit jedem Schritte stieg schwrzer der betrbte Verdacht in
ihm auf, da er abermals der Gegenstand einer Posse geworden sei, so
abenteuerlich das auch gewesen wre; denn er konnte sich kaum in seine
Stellung als beglckter Liebhaber finden. Da hustete es schalkhaft
hinter der Buche, und als er nher trat, breitete die Vermite die Arme
nach ihm aus. Jetzt endlich umschlang er sie, bedeckte sie mit Kssen,
die mit jeder Sekunde besser gelangen, und sie hielt ihm schweigend
still und fand, da sie bis jetzt auch nicht viel von Liebe gewut habe.

Nachdem Wilhelm sich frs erste in etwas beruhigt, lie er sich mit der
Geliebten auf eine mchtige bemooste Wurzel der Buche nieder,
streichelte ihr die Wangen und fragte, ob sie nicht einmal eines Mittags
im Herbste schon vor seinem Huschen gewesen sei? Hast du mich also
doch gesehen? erwiderte sie und bejahte seine Frage. Er erzhlte ihr
das Abenteuer und offenherzig auch dasjenige mit der Frau nnchen und
wie nur die Erinnerung an jenen Anblick, da Gritli auf seiner Treppe
gesessen, ihn vor dem Abfalle bewahrt habe.

Gritli streichelte ihn hinwieder, kte ihn und sagte: So bist du also
einer von den Rechten, bei denen keine Mhe verloren ist!

Als der Mai gekommen, hielten sie unter blhenden Bumen eine frhliche
Hochzeit. Whrend sie die Reise machten, suchte der Tuchscherer in der
Gegend fr sie ein betrchtliches Landgut, welches sie nach ihrer
Rckkehr kauften und bezogen. Wilhelm baute den Besitz mit Flei und
Umsicht und mehrte ihn, so da er ein angesehener und wohlberatener Mann
wurde, whrend seine Frau in gesegneter Anmut sich immer gleich blieb.
Wenn ein Schatten des Unmutes ber ihren Mann kam oder ein kleiner
Streit entstand, so entrollte sie ihre Locken, und wenn deren Macht
nicht mehr vorhalten wollte, so strich sie dieselben wieder hinter die
Ohren, worauf Wilhelm aufs neue geschlagen war. Sie hatten wohlerzogene
Kinder, welche sich, als sie erwachsen waren, andere Wohlerzogene zur
Ehe herbeiholten. Auch der Tuchscherer blieb in der Freundschaft und
erhielt sich als ein geborgener Mann, so da nach und nach eine kleine
Kolonie von Gutbestehenden anwuchs, welche, ohne einem heitern
Lebensgenusse zu entsagen, dennoch Ma hielten und gediehen. Sie wurden
von den Seldwylern ironisch die halblustigen Gutbestehenden oder die
Schlaukpfe genannt, waren aber wohl gelitten, weil sie in manchen
Dingen ntzlich waren und dem Orte zum Ansehen gereichten.

Viktor Strteler aber und seine Ktter waren samt jenen Liebesbriefen,
welche sie aus Hunger und Not doch wieder hergestellt, auf sich bezogen
und unter vielem Geznke vermehrt hatten, lngst vergessen und
verschollen.




Dietegen


An den Nordabhngen jener Hgel und Wlder, an welchen sdlich Seldwyla
liegt, florierte noch gegen das Ende des fnfzehnten Jahrhunderts die Stadt
Ruechenstein im khlen Schatten. Grau und finster war das gedrngte Korpus
ihrer Mauern und Trme, schlecht und recht die Rt und Burger der Stadt,
aber streng und mrrisch, und ihre Nationalbeschftigung bestand in
Ausbung der obrigkeitlichen Autoritt, in Handhabung von Recht und Gesetz,
Mandat und Verordnung, in Erla und Vollzug. Ihr hchster Stolz war der
Besitz eines eigenen Blutbannes, gro und dick, den sie im Verlauf der
Zeiten aus verschiedenen zerstreuten Blutgerichten von Kaiser und Reich so
eifrig und opferfreudig an sich gebracht und abgerundet hatten, wie andere
Stdte ihre Seelenfreiheit und irdisches Gut. Auf den Felsvorsprngen rings
um die Stadt ragten Galgen, Rder und Richtsttten mannigfacher Art, das
Rathaus hing voll eiserner Ketten mit Halsringen, eiserne Kfige hingen auf
den Trmen, und hlzerne Drehmaschinen, worin die Weiber gedrillt wurden,
gab es an allen Straenecken. Selbst an dem dunkelblauen Flusse, der die
Stadt besplte, waren verschiedene Stationen errichtet, wo die beltter
ertrnkt oder geschwemmt wurden, mit zusammengebundenen Fen oder in
Scken, je nach der feineren Unterscheidung des Urteils.

Die Ruechensteiner waren nun nicht etwa eiserne, robuste und
schreckhafte Gestalten, wie man aus ihren Neigungen htte schlieen
knnen; sondern es war ein Schlag Leute von ganz gewhnlichem,
philisterhaftem Aussehen, mit runden Buchen und dnnen Beinen, nur da
sie durchweg lange gelbe Nasen zeigten, eben dieselben, mit denen sie
sich gegenseitig das Jahr hindurch beschnarchten und anherrschten.
Niemand htte ihrem kmmelspalterischen Leiblichen, wie es erschien, so
derbe Nerven zugetraut, als zum Anschau'n der unaufhrlichen
Hochnotpeinlichkeit erforderlich waren. Allein sie hatten's in sich
verborgen.

So hielten sie ihre Gerichtsbarkeit ber ihrem Weichbilde ausgespannt
gleich einem Netz, immer auf einen Fang begierig; und in der Tat gab es
nirgends so originelle und seltsame Verbrechen zu strafen, wie zu
Ruechenstein. Ihre unerschpfliche Erfindungsgabe in neuen Strafen
schien diejenige der Snder ordentlich zu reizen und zum Wetteifer
anzuspornen; aber wenn dennoch ein Mangel an belttern eintrat, so
waren sie darum nicht verlegen, sondern fingen und bestraften die
Schelmen anderer Stdte; und es mute einer ein gutes Gewissen haben,
wenn er ber ihr Gebiet gehen wollte. Denn sobald sie von irgend einem
Verbrechen, in weiter Ferne begangen, hrten, so fingen sie den ersten
besten Landlufer und spannten ihn auf die Folter, bis er bekannte, oder
bis es sich zufllig erwies, da jenes Verbrechen gar nicht verbt
worden. Sie lagen wegen ihren Kompetenzkonflikten auch immer im Streit
mit dem Bunde und den Orten und muten fter zurechtgewiesen werden.

Zu ihren Hinrichtungen, Verbrennungen und Schwemmungen liebten sie ein
windstilles, freundliches Wetter, daher an recht schnen Sommertagen
immer etwas vorging. Der Wanderer im fernen Felde sah dann in dem
grauen Felsennest nicht selten das Aufblitzen eines Richtschwertes, die
Rauchsule eines Scheiterhaufens, oder im Flusse wie das glnzende
Springen eines Fisches, wenn etwa eine geschwemmte Hexe sich
emporschnellte. Das Wort Gottes htte ihnen bel geschmeckt ohne
mindestens ein Liebesprchen mit Strohkrnzen vor dem Altar und ohne
Verlesen geschrfter Sittenmandate. Sonstige Freuden, Festlichkeiten und
Aufzge gab es nicht, denn alles war verboten in unzhligen Mandaten.

Man kann sich leicht denken, da diese Stadt keine widerwrtigeren
Nachbaren haben konnte, als die Leute von Seldwyla; auch saen sie
diesen hinter dem Walde im Nacken, wie das bse Gewissen. Jeder
Seldwyler, der sich auf Ruechensteiner Boden betreten lie, wurde
gefangen und auf den zuletzt gerade vorgefallenen Frevel inquiriert.
Dafr packten die Seldwyler jeden Ruechensteiner, der sich bei ihnen
erwischen lie, und gaben ihm auf dem Markt ohne weitere Untersuchung,
blo weil er ein Ruechensteiner war, sechs Rutenstreiche auf den
Hintern. Dies war das einzige Birkenreis, was sie gebrauchten, da sie
sich selbst untereinander nicht weh zu tun liebten. Dann frbten sie ihm
mit einer hllischen Farbe die lange Nase schwarz und lieen ihn unter
schallendem Jubelgelchter nach Hause laufen. Deshalb sah man zu
Ruechenstein immer einige besonders mrrische Leute mit geschwrzten,
nur langsam verbleichenden Nasen herumgehen, welche wortkarg nach
Armensnderblut schnupperten.

Die Seldwyler aber hielten jene Farbtunke stets bereit in einem eisernen
Topfe, auf welchen das Ruechensteiner Stadtwappen gemalt war und welchen
sie den freundlichen Nachbar benannten und samt dem Pinsel im Bogen
des nach Ruechenstein fhrenden Tores aufhingen. War die Beize
ausgetrocknet oder verbraucht, so wurde sie unter nrrischem Aufzug und
Gelage erneuert zum Schabernack der armen Nachbaren. Hierber wurden
diese einmal so ergrimmt, da sie mit dem Banner auszogen, die Seldwyler
zu zchtigen. Diese, noch rechtzeitig unterrichtet, zogen ihnen entgegen
und griffen sie unerschrocken an. Allein die Ruechensteiner hatten ein
Dutzend graubrtige verwitterte Stadtknechte, welche neue Stricke an den
Schwertgehngen trugen, ins Vordertreffen gestellt, worber die
Seldwyler eine solche Scheu ergriff, da sie zurckwichen und fast
verloren waren, wenn nicht ein guter Einfall sie gerettet htte; denn
sie fhrten Spaes halber den freundlichen Nachbar mit sich und statt
des Banners einen langen ungeheuren Pinsel. Diesen tauchte der Trger
voll Geistesgegenwart in die schwarze Wichse, sprang mutig den
vordersten Feinden entgegen und bestrich blitzschnell ihre Gesichter,
also da alle, die zunchst von der verabscheuten Schwrze bedroht
waren, Reiaus nahmen und keiner mehr der Vorderste sein wollte. Darber
geriet ihre Schar ins Schwanken; ein unbestimmter Schreck ergriff die
Hintern, whrend die Seldwyler ermutigt wieder vordrangen unter wildem
Gelchter und die Ruechensteiner gegen ihre Stadt zurckdrngten. Wo
diese sich zur Wehre setzten, rckte der gefrchtete Pinsel herbei an
seinem langen Stiele, wobei es keineswegs ohne ernsthaften Heldenmut
zuging; schon zweimal waren die verwegenen Pinseltrger von Pfeilen
durchbohrt gefallen, und jedesmal hatte ein anderer die seltsame Waffe
ergriffen und von neuem in den Feind getragen.

Am Ende aber wurden die Ruechensteiner gnzlich zurckgeschlagen und
flohen mit ihrem Banner in hellem Haufen durch den Wald zurck, die
Seldwyler auf den Fersen. Sie konnten sich mit Not in die Stadt retten
und das Tor schlieen, welches ihre Verfolger samt der Zugbrcke so
lange mit dem verwnschten Pinsel schwarz beklecksten, bis jene sich
etwas gesammelt und die lrmenden Maler mit Kalktpfen bewarfen.

Weil nun einige angesehene Seldwyler in der Hitze des Andranges in die
Stadt geraten und dort abgeschlossen, dafr aber auch ein Dutzend
Ruechensteiner von den Siegern gefangen worden waren, so verglich man
sich nach einigen Tagen zur Auswechslung dieser Gefangenen und hieraus
entstand ein frmlicher Friedensschlu, so gut es gehen wollte. Man
hatte sich beiderseitig etwas ausgetobt und empfand ein Bedrfnis
ruhiger Nachbarschaft. So wurde ein freundnachbarliches Benehmen
verheien; zum Beginn desselben versprachen die Seldwyler, den eisernen
Topf auszuliefern und fr immer abzuschaffen, und die Ruechensteiner
sollten dagegen auf jedes eigenmchtige Strafverfahren gegen spazierende
Seldwyler feierlich Verzicht leisten, sowie die diesflligen Rechte
berhaupt sorgfltig ausgeschieden werden.

Zur Besttigung solchen bereinkommens wurde ein Tag angesetzt und die
Berglichtung zur Zusammenkunft gewhlt, auf welcher das Haupttreffen
stattgefunden hatte. Von Ruechenstein fanden sich einige jngere
Ratsherren ein; denn die Alten brachten es nicht ber sich, in Minne mit
den Leuten von Seldwyla zu verkehren. Diese erschienen auch wirklich in
zahlreicher Abordnung, brachten den freundlichen Nachbar mit lustigem
Aufwand und fhrten ein Fchen ihres ltesten Stadtweines mit nebst
einigen schnen silbernen und vergoldeten Ehrengeschirren. Damit
betrten sie denn die jungen Ruechensteiner Herren, denen ein
ungewohnter Sonnenblick aufging, so glcklich, da sie sich verleiten
lieen, statt unverweilt heimzukehren, mit den Verfhrern nach Seldwyla
zu gehen. Dort wurden sie auf das Rathaus geleitet, wo ein gehriger
Schmaus bereit war; schne Frauen und Jungfrauen fanden sich ein, immer
mehrere Stufe, Kpfe, Schalen und Becher wurden aufgesetzt, so da ber
all dem Glnzen der feurigen Augen und des edlen Metalles die armen
Ruechensteiner sich selbst vergaen und ganz guter Dinge wurden. Sie
sangen, da sie nichts anderes konnten, einen lateinischen Psalm um den
anderen zwischen die Zechlieder der Seldwyler und endeten hchst
leichtsinnig damit, da sie diese dringend einluden, ihrer Stadt mit
ihren Frauen und Tchtern einen Gegenbesuch zu machen, und ihnen den
freundlichsten Empfang versprachen. Hierauf erfolgte die einmtige
Zusage, hierauf neuer Jubel, kurz die Geschftsherren von Ruechenstein
verabschiedeten sich in vollstndiger Seligkeit und hielten sich,
Schnippchen schlagend, dazu noch fr glckliche Eroberer, als die
lachenden Damen ihnen bis zum Tore das Geleit gaben.

Freilich verzog sich das liebliche Antlitz der Sache, als die frhlichen
Herren am andern Tage in ihrer finstern Stadt erwachten und nun Bericht
erstatten muten ber den ganzen Hergang. Wenig fehlte, als sie zum
Punkte der Einladung gediehen, da sie nicht als Behexte inhaftiert und
untersucht wurden. Indessen fhlten sie auch obrigkeitliches Blut in
ihren Adern, und obgleich sie das Ding selbst schon gereute, so blieben
sie doch fest bei der Stange, ihr gegebenes Wort zu lsen, und stellten
den Alten vor, wie die Ehre der Stadt es schlechterdings erfordere, die
Seldwyler gut zu empfangen. Sie gewannen einen Anhang unter der
Brgerschaft, vorzglich durch ihre Beschreibung des reichen
Stadtgertes, womit die Seldwyler so herausfordernd geprahlt htten,
sowie durch das Herausstreichen ihrer Frauen und deren zierlicher
Kleidung. Die Mnner fanden, das drfe man sich nicht bieten lassen, man
msse den eigenen Reichtum dagegen auftischen, der in den eisernen
Schrnken funkle, und die Frauen juckte es, die strengen Kleidermandate
zu umgehen und unter dem Deckmantel der Politik sich einmal tchtig zu
schmcken und zu putzen. Denn das Zeug dazu hatten sie alle in den
Truhen liegen, sonst wren ihnen die strengen Verordnungen lngst
unertrglich gewesen und durch ihre Macht gestrzt worden. Der Empfang
der neuen Freunde und alten Widersacher ward also durchgesetzt, zum
groen Verdru der Bejahrteren. Auch beschlossen diese sogleich, den
rgerlichen Tag durch eine vorzunehmende Hinrichtung zu feiern und damit
eine zu lebhafte Frhlichkeit heilsam und wrdig zu dmpfen. Whrend die
jngeren Herren mit den Zurichtungen zum Feste bettigt waren, trafen
jene in aller Stille ihre Anstalten und nahmen einen ganz jungen,
unmndigen armen Snder beim Kragen, der gerade im Netze zappelte. Es
war ein bildschner Knabe von elf Jahren, dessen Eltern in kriegerischen
Zeitluften verschollen waren und der von der Stadt erzogen wurde. Das
heit, er war einem niedertrchtigen und bsen Bettelvogt in die Kost
gegeben, welcher das schlanke, wohlgebildete und kraftvolle Kind fast
wie ein Haustier hielt und dabei an seiner Frau eine wackere Helferin
fand. Der Knabe wurde Dietegen genannt, und dieser Taufname war sein
ganzes Hab und Gut, sein Morgen- und Abendsegen und sein Reisegeld in
die Zukunft. Er war erbrmlich gekleidet, hatte nie ein Sonntagsgewand
besessen und wrde an den Feiertagen, wo alles besser gekleidet ging, in
seinem Jammerhabitchen wie eine Vogelscheuche ausgesehen haben, wenn er
nicht so schn gewesen wre. Er mute scheuern und fegen und lauter
solche Mgdearbeiten verrichten, und wenn die Bettelvgtin nichts
Schndes fr ihn zu tun hatte, so lieh sie ihn den Nachbarsweibern aus
gegen Mietsgeld, um ihnen alle Lumpereien zu tun, die sie begehrten. Sie
hielten ihn trotz seiner Anstelligkeit fr einen dummen Kerl, weil er
sich stillschweigend allem unterzog und nie Widerstand leistete; und
dennoch vermochten sie nicht lang ihm in die feurigen Augen zu blicken,
wenn er in unbewuter Khnheit blitzend umhersah.

Vor mehreren Tagen nun war Dietegen gegen Abend zum Kfer geschickt
worden, um Essig zu holen, da es seine Pflegeeltern nach einem Salat
gelstete. Der Essig wurde seit alter Zeit in einem kleinen Knnchen
gehalten, welches, schwarz angelaufen, wie es war, fr schlechtes Blech
angesehen wurde und schon von der Mutter der Bettelvgtin einst fr
einige Pfennige nebst anderem Germpel gekauft worden, das aber in der
Tat von gutem Silber war. Der Kfer, der den Essig machte, wohnte in
einer einsamen Gegend hinter der Stadtmauer. Wie nun der Knabe mit
seinem Knnchen so daherkam, schlich ein alter Jude mit seinem Sack
vorbei, welcher schnell einen Blick auf das zierlich gearbeitete, obwohl
schmutzige Gef warf, und es dem Burschen mit schmeichlerischen Worten
zur nheren Betrachtung abforderte. Dietegen gab es hin, der Jude
schrfte heimlich mit seinem groen Daumnagel daran und bot dem
Erstaunten sogleich eine hbsch aussehende Armbrust dafr zum Tausch an,
welche er aus dem Sacke zog, nebst einigen Bolzen in einer Tasche von
zerfressenem Otterfell. Begierig griff der Junge nach der Waffe und
spannte sie sogleich mit geschickter und krftiger Hand, whrend der
Hebrer sachte seines Weges ging, ohne da jener sich weiter um ihn
kmmerte. Im Gegenteil fing er alsobald an, nach der Tre eines kleinen
Turmes zu schieen, der dort an die Mauer gebaut war, und ohne von
jemand gestrt zu werden, setzte er, die ganze Welt vergessend, das
Spiel fort, bis es dunkelte, und scho immer fort im Scheine des
aufgegangenen Mondes.

Unterdessen hatte der Bettelvogt auch noch einen Gang um die Stadt
gemacht und den Juden gefangen, welcher eben aus dem Tore schlpfen
wollte. Als der Sack des Juden untersucht wurde, erkannte der Vogt
verwundert sein Essigkrglein, das er soeben dem Pflegling selbst in die
Hand gegeben. Der Jud, in der Angst um seinen Hals, gestand sogleich,
da es von Silber sei, und gab vor, ein junger Mensch habe es ihm mit
Gewalt fr eine herrliche Armbrust aufgedrngt, die gleichwohl nicht so
viel wert sein mge. Jetzt lief der Bettelvogt und holte einen
Goldschmied; der prfte das Knnchen und besttigte, da es ein altes
feines Ding von Silber sei und von trefflicher Arbeit. Da gerieten der
Bettelvogt und sein Weib, das mittlerweile auch herbeigelaufen, in die
grte Aufregung und Wut, erstens, weil sie, ohne es zu wissen, ein so
kostbares Essighfelchen besaen, und zweitens, weil sie fast darum
gekommen wren. Die Welt schien ihnen voll des ungeheuersten Unrechtes
zu gren, das Kind erschien ihnen als der Erbfeind, der ihre ewige
Seligkeit, den Lohn unendlicher Duldungen und Verdienste, beinahe
entfhrt htte. Sie stellten sich pltzlich, als ob sie von je gewut
htten, da die Kanne von Silber sei und als ob sie immer in ihrem Hause
dafr gegolten. Mit den tollsten Verwnschungen klagten sie den Knaben
des schweren Diebstahls an, und whrend der Arglose noch immer mit
seinen Pfeilen beschftigt war und mit jedem Schusse das Ziel besser
traf, zogen schon zwei Haufen von Hschern aus, den Entflohenen zu
suchen; an der Spitze des einen zog der Bettelvogt einher, vor dem
andern die Frau, die es sich nicht nehmen lie. So stieen sie von
verschiedenen Seiten bald auf den Schtzen, welcher rstig im Mondlicht
hantierte und wie aus einem Traum erwachte, als er unversehens umringt
war. Nun fiel ihm erst seine Versumnis ein und zugleich der Mangel des
Knnchens. Aber er glaubte, einen guten Handel gemacht zu haben, reichte
auch lchelnd dem Bettelvogt die Armbrust hin, um ihn zu begtigen.
Nichtsdestoweniger wurde er auf der Stelle gebunden, ins Gefngnis
geschleppt, verhrt und er gab den ganzen Hergang zu, ohne sich im
mindesten verteidigen zu knnen.

Dies arme Kind wurde nun zum Galgen verurteilt und die Hinrichtung auf
den Tag verlegt, da die Seldwyler zum Besuch kommen wollten.

Sie erschienen denn auch in stattlichem Zuge, in leuchtenden Farben und
ihre Stadttrompeter an der Spitze; brigens waren sie alle mit guten
Schwertern und Dolchen bewaffnet, fhrten aber nichtsdestominder ein
Dutzend ihrer kecksten jungen Frauen, reich geschmckt, in der Mitte,
und sogar einige Kinder in den Stadtfarben, welche Geschenke trugen. Die
jungen Ratsherren von Ruechenstein, ihre Freunde, ritten ihnen eine
Strecke vor das Tor entgegen, bewillkommten sie und fhrten sie etwas
kleinmtig in die Stadt. Das Tor war mglichst abgekratzt, frisch
bertncht und mit etwas magerem Kranzwerk behangen. Innerhalb des Tores
aber standen die smtlichen Stadtknechte aufgestellt in voller Rstung,
welche rasselnd und klirrend den Zug durch die schattig dunklen Straen
begleiteten. Die Leute guckten stumm, aber neugierig aus den Fenstern,
wie wenn ein Meerwunder sich durch die Gasse gewlzt htte, und wo ein
Seldwyler lustig hinaufsah und grte, da fuhren die Weiber scheu mit
den Kpfen zurck. Ihre Mnner hingegen drckten sich seltsam die
Nasenspitzen an den grnlichen Glasscheiben platt, um die ungewohnte
Erscheinung bloer Frauenhlse zu beobachten.

Also erreichte der Zug die groe Ratsstube. Die war reich, aber dster
anzusehen, Wnde und Decke ganz mit schwarz gefrbtem Eichenholz
getfert mit etwas Vergoldung. Eine lange Tafel war mit gewirktem
Linnenzeug gedeckt, worein Laubwerk mit Hirschen, Jgern und Hunden mit
grner Seide und Goldfden gewoben war. Darber lagen noch feine
Tchlein von ganz weiem Damast, welche bei nherem Hinsehen ein gar
kunstreiches Bildwerk von sehr frhlichen Gttergeschichten zeigte, wie
man sie in diesem gravittischen Saale am wenigsten vermutet htte. Auf
diesem prchtigen Gedecke stand nun alles bereit, was zu einer
ffentlichen Mahlzeit gehrte, und darunter besonders eine groe Zahl
kstlicher Geschirre, welche wiederum in getriebener Arbeit, bald halb
erhaben, bald rund, eine glnzende Welt bewegter Nymphen, Najaden und
anderer Halbgtter zur Schau trugen; sogar das Hauptstck, ein hoch
aufgetakeltes silbernes Kriegsschiff, sonst ganz ehrbar und staatsmig,
zeigte als Galion eine Galatea von den verwegensten Formen.

Lngs dieser Tafel ging eine Anzahl von Ratsfrauen auf und ab, in starre
schwarze oder blutrote Seidengewnder gekleidet, von steifem
Spitzenschmuck bis an das Kinn verhllt. Sie trugen vielfache goldene
Ketten, Grtel und Hauben, und ber den Handschuhen eine Menge Ringe an
allen Fingern. Diese Frauen waren nicht hlich, sondern eher hbsch zu
nennen; wenigstens waren fast alle mit einer zarten durchsichtigen
Gesichtsfarbe und zierlichen roten Wnglein begabt; aber sie sahen so
unfreundlich, streng und sauer aus, da man zweifelte, ob sie je in
ihrem Leben gelacht, wenn nicht hchstens einmal in dunkler Nacht, wenn
sie dem Mann die erste Nachtmtze aufgeschwatzt hatten.

Die Begrung war denn auch befangen genug und man war allerseits froh,
bald am Tische zu sitzen und die Verlegenheit mit Essen und Trinken zu
vertreiben. Die Seldwyler fanden zuerst ihre natrliche Heiterkeit
wieder und zwar durch die Bewunderung des reichen Tafelzeuges. Dies
gefiel den Ruechensteinern nicht bel und sie schickten sich eben an,
ein steifes Gesprch zu fhren, als die Sache eine Wendung nahm, die sie
sich nie getrumt htten. Denn die Seldwyler, welche ihre Augen
gebrauchten, entdeckten alsobald die heitern und anmutigen Darstellungen
der gewirkten Decken sowohl, wie der Trinkgeschirre, lieen die Blicke
voll lachenden Vergngens ber die freien und ppigen Szenen schweifen,
machten sich gegenseitig aufmerksam und wuten scherzend und zierlich
das Dargestellte zu deuten und zu benennen, und die Damen hielten sich
so wenig zurck, als die Herren. Dies dnkte die Wirte und Wirtinnen
doch etwas kindisch und sie sahen jetzt auch nher zu, was denn da so
lustig zu betrachten wre. Wie vom Himmel gefallen, erstarrten sie mit
offenem Munde! Sie hatten in ihrem beschrnkten Sinne all die
Herrlichkeit noch gar nie genauer beschaut und Zierat schlechtweg fr
Zierat genommen, der seinen Dienst zu tun habe, ohne da ernsthafte
Leute ihn eines schrferen Blickes wrdigen. Nun sahen sie mit
Entsetzen, welch eine heidnische Greuelwelt sie dicht unter ihren
ehrbaren Augen hatten. Aber sie waren emprt ber die neugierige und
ungezogene Art, mit welcher die Seldwyler den unbedeutenden Tand ans
Licht zogen, anstatt gesetzt und wrdig darber wegzusehen und nur die
Kostbarkeit der Stoffe zu bewundern. Die Herren lchelten sauer und
mivergngt, wenn hier eine Leda und dort eine Europa entdeckt wurde;
die Frauen aber errteten und wurden bla vor Zorn, und sie waren eben
daran, entrstet aufzubrechen, als der traurige Klang einer Glocke sie
pltzlich beruhigte. Es war das Armensnderglckchen von Ruechenstein;
ein dumpfes Gerusch auf der Strae verkndete, da der junge Dietegen
jetzt zum Galgen hinausgefhrt werde. Die ganze Tischgesellschaft erhob
sich und eilte an die Fenster, wobei die Ruechensteiner ihren
aufgerumten Gsten mit hmischem Lcheln den Platz frei lieen.

Ein Pfaffe, ein Henker mit seinem Knecht, einige Gerichtspersonen und
Scharwchter zogen vorbei und an ihrer Spitze ging der gute Dietegen
barfu und nur mit einem weien, schwarzgesumten Armensnderhemde
bekleidet, die Hnde auf den Rcken gebunden und vom Henker an einem
Stricke gefhrt. Das schne Haar fiel ihm auf den glnzenden bloen
Nacken, verwirrt und flehend sah er, wie Hilfe und Erbarmen suchend, an
die Huser hinauf. Unter dem Portale des Rathauses standen die festlich
geputzten Knaben und Mdchen der Seldwyler, welche nach Kinderart vom
Tische gesprungen und ins Freie geeilt waren. Als der arme Snder diese
hbschen und glcklichen Kinder erblickte, dergleichen er noch nie
gesehen, wollte er vor ihnen stehen bleiben und die Trnen liefen ihm
hei ber die Wangen; doch der Henker stie ihn vorwrts, da der Zug
vorberging und bald verschwand. Die Seldwylerinnen oben erblaten und
auch ihre Mnner fate ein tiefes Grauen, da sie berhaupt nicht
Liebhaber von dergleichen Vorgngen waren. Es ward ihnen unheimlich bei
diesen Menschen, so da sie dem Drngen ihrer Frauen, welche fort
wollten, nachgaben, und sich, so hflich sie konnten, beurlaubten. Die
Ruechensteiner dagegen waren mit dem Trumpf, welchen sie ausgespielt,
zufrieden und fast heiter geworden; sie fhrten daher ihre werten Gste,
wie sie sagten, guter Dinge wieder zum Tore hinaus, galant und
gesprchig.

Vor dem Tore stie der Zug auf die zurckkehrenden Richtmenschen, welche
mrrisch vorbeigingen. Gleich darauf folgte ein einzelner Knecht, der
einen Karren vor sich her stie, auf welchem der Gerichtete in einem
schlechten Sarge lag. Scheu und ehrerbietig hielt der arme Teufel an und
stellte sich zur Seite, um die glnzenden Leute vorberziehen zu lassen,
und er rckte den losen Sargdeckel zurecht, welcher stets herabzufallen
und den Gehngten zu enthllen drohte. Nun war unter den Kindern der
Seldwyler ein siebenjhriges Mdchen, keck, schn und lockig, das hatte
nicht aufgehrt zu weinen, seit es den Knaben hatte dahinfhren sehen,
und konnte nicht getrstet werden. Wie der Zug jetzt an dem Karren
vorbeiging, sprang das Kind wie ein Blitz hinzu, stieg auf das Rad und
warf den Deckel hinunter, so da der leblose Dietegen vor aller Augen
lag. In demselben Augenblicke schlug er die Augen auf und tat einen
leisen Atemzug; denn er war in der Zerstreuung des Tages schlecht
gehenkt und zu frh vom Galgen genommen worden, weil die Beamteten noch
etwas von der Mahlzeit zu erschnappen gedachten. Das heftige Mdchen
schrie laut auf und rief: Er lebt noch! er lebt noch! Sogleich
drngten sich die Frauen von Seldwyla um den Sarg, und als sie den
schnen erbleichten Knaben sich regen sahen, bemchtigten sie sich
seiner, nahmen ihn vom Karren und riefen ihn vollends ins Leben zurck,
indem sie ihn rieben, mit Wasser besprengten, ihm Wein einflten und
ihn auf jede Weise pflegten. Die Mnner untersttzten sie dabei, whrend
die Herren Ruechensteiner ganz betroffen umherstanden und nicht wuten,
was sie tun sollten. Als der Knabe endlich wieder auf den Fen stand
und sich umschaute, wie wenn er im Paradies erwacht wre, erblickt' er
pltzlich den Henkersknecht, der ihm den Strick umgelegt hatte, und
entsetzt, da auch dieser, wie er meinte, mit in den Himmel gekommen
sei, flchtete und drngte er sich aufs neue in die Frauen hinein.
Gerhrt baten diese die gestrengen Nachbarn, da sie ihnen den Buben
schenken mchten, zum Zeichen guter Freundschaft; die Mnner stimmten
ihnen bei und die Ruechensteiner, nachdem sie eine Weile geratschlagt,
erklrten, da sie nichts dagegen einzuwenden htten, wenn sie den
kleinen Snder mitnhmen, und da er ihnen, wie er da wre, geschenkt
sein solle samt seinem Leben. Da waren die hbschen Frauen und ihre
Kinder voll Freuden, und Dietegen zog, wie er war, in seinem
Armensnderhemde mit ihnen davon. Es war aber ein schner Sommerabend,
weswegen, als die Seldwyler auf der Hhe des Berges und auf ihrem
Gebiete angekommen waren, sie beschlossen, sich hier in dem abendlichen
Sommerwalde auf eigene Rechnung zu belustigen und von dem gehabten
Schrecken zu erholen, zumal ihnen aus ihrer Stadt noch ein ansehnlicher
Zuzug entgegenkam, voll Neugierde, wie es ihnen ergangen sei. So muten
denn die Musikanten wieder aufspielen und die mitgefhrten Becher
kreisten erst jetzt in voller Frhlichkeit.

Dietegen blickte so glckselig, neugierig und harmlos umher, da man von
weitem sah, da das ein unschuldiges Kind war, was seine Erzhlung auch
besttigte. Die Seldwylerinnen konnten sich nicht satt an ihm sehen,
flochten ihm einen Kranz von Laub und Waldblumen auf den Kopf, da er in
seinem langen weiten Hemde gar lieblich aussah, und endlich kten sie
ihn der Reihe nach, und wenn ihn die letzte aus den Armen lie, nahm
ihn die erste wieder beim Kopf.

Aber jenes kleine Mdchen, welches den Dietegen eigentlich gerettet
hatte, trat jetzt pltzlich aus der Menge hervor und stellte sich zornig
zwischen den Knaben und die Frau, welche ihn eben kssen wollte; es nahm
ihn eifrig bei der Hand, um ihn in den Kreis der Kinder zu fhren, so
da die Gesellschaft in neue Heiterkeit ausbrach und rief: So ist es
recht! die kleine Kngolt hlt ihre Eroberung fest! und Geschmack hat
sie auch, seht nur, wie gut das Mnnchen zu ihr pat! Kngolts Vater
aber, der Forstmeister der Stadt, sagte: Der Bub gefllt mir wohl, er
hat sehr gute Augen! Wenn es den Herren recht ist, so nehme ich ihn
einstweilen bei mir auf, da ich doch nur ein Kind habe, und will sehen,
da ich einen ehrlichen Weidmann aus ihm mache!

Dieser Vorschlag erhielt den Beifall der Seldwyler, und so lie Kngolt,
wohl zufrieden, ihren Dietegen nicht mehr von der Hand, sondern hielt
ihn fest bei sich. Das Prchen nahm sich in der Tat hchst anmutig aus;
auch das Mdchen trug einen ppigen Kranz auf dem Kpfchen und war in
Grn und Rot gekleidet. Deshalb gingen sie wie ein Bild aus alter
Mrchenzeit vor dem frhlichen Volke her, als dieses endlich beim
glhenden Abendrot berghinunter heimwrts zog. Bald jedoch trennte sich
der Forstmeister von dem Zuge und ging mit den Kindern seitwrts nach
seinem Forsthause, welches unweit der Stadt im Walde lag. Ein dunkler
Baumgang fhrte zu dem Hause, in welchem die stille Frau des Frsters
sa und mit Erstaunen die Kinder eintreten sah. Sogleich sammelte sich
auch das Gesinde, und whrend die Frau den mden Kindern zu essen gab,
erzhlte der Mann das Abenteuer mit dem Knaben. Der war aber jetzt
gnzlich erschpft, auch fror es ihn in seiner allzuleichten Tracht;
daher wurde herumgefragt, wer den Ankmmling fr die erste Nacht in
seinem Bette aufnehmen wolle? Aber die Knechte, sowie die Magd wichen
scheu zurck und hteten sich, ein Kind zu berhren, das soeben am
Galgen gehangen hatte. Da rief Kngolt eifrig: Er soll in meinem
Bettchen schlafen, es ist gro genug fr uns beide! Als hierber alles
lachte, sagte die Forstmeisterin freundlich: Das soll er, mein Kind!
Und den Jungen liebevoll betrachtend, setzte sie hinzu: Gleich als der
arme Schelm hereintrat, befiel mich eine sonderbare Ahnung, als ob ein
guter Engel erschiene, der uns noch zum Heil gereichen wrde. Soviel ist
sicher nach meinem Gefhle: Unheil wird er uns nicht bringen!

Damit fhrte sie die Kinder in das Kmmerchen neben der groen Stube und
befrderte sie zu Bette. Dietegen, welcher kaum mehr sah und hrte, was
um ihn vorging, machte die gewohnten Bewegungen, um sich zu entkleiden;
da er aber sozusagen schon im Hemde war, so machten seine
schlaftrunkenen vergeblichen Versuche einen so komischen Eindruck auf
das Mdchen, welches inzwischen schon unter die Decke geschlpft war,
da es vor Vergngen laut auflachte und rief: O seht mir den
Hemdlemann! Er will sich immer ausziehen und hat doch weder Wmschen
noch Stiefelchen an! Auch die Mutter mute lcheln und sagte: Geh in
Gottes Namen nur in deinem Armensnderhemdchen zu Bett, du lieber
Schelm! Es ist ja ganz neu und dazu von guter Leinwand! Wahrlich, die
bsen Leute zu Ruechenstein betreiben ihre Greuel wenigstens mit einem
gewissen Aufwand!

Damit deckte sie die Kinder behaglich zu und konnte sich nicht
enthalten, beide zu kssen, so da nun Dietegen herrlicher aufgehoben
war, als er es sich noch am Morgen oder je in seinem Leben getrumt
htte. Aber seine Augen waren schon geschlossen und seine Seele in
tiefem Schlafe. Nun hat er aber gar nicht gebetet! sagte Kngolt
halblaut und bekmmert, worauf die Mutter erwiderte: So bete du auch
fr ihn, mein Kindchen! und in die Stube zurckging. In der Tat sprach
das Mdchen nun zwei Vaterunser, eines fr sich und eines fr seinen
Schlafkameraden, worauf es still wurde im dunklen Kmmerlein.

Geraume Zeit nach Mitternacht erwachte Dietegen, weil nun erst ihn sein
Hals zu schmerzen begann von dem unfreundlichen Strick. Das Gemach war
ganz hell vom Mondschein, aber er konnte sich durchaus nicht entsinnen,
wo er war und was aus ihm geworden sei. Nur das erkannte er, da es ihm,
vom Halsweh abgesehen, unendlich wohl ergehe. Das Fenster stand offen,
ein Brunnen klang lieblich herein, die silberne Nacht webte flsternd in
den Waldbumen, ber welchen der Mond schwebte: alles dies schien ihm
unbegreiflich und wunderbar, da er noch nie den Wald, weder bei Tag noch
bei Nacht, gesehen hatte. Er schaute, er horchte, endlich richtete er
sich auf und sah neben sich Kngoltchen liegen, welcher der Mond gerade
ins Gesicht schien. Sie lag still, aber ganz wach, weil sie vor Freude
und Aufregung nicht schlafen konnte. Deshalb glnzten ihre Augen weit
geffnet und ihr Mund lchelte, als ihr der nahe Dietegen ins Gesicht
schaute und sich nun besann. Warum schlfst du nicht? Du mut
schlafen! sagte das Mdchen; allein er klagte nun, da ihm der Hals weh
tte. Sogleich schlang Kngolt ihre zarten rmchen um seinen Hals und
schmiegte mitleidig ihre Wangen an die seinigen, und wirklich glaubte er
bald nichts mehr von dem Schmerze zu verspren, so heilsam schien ihm
dieser Verband. Nun plauderten sie halblaut; Dietegen mute von sich
erzhlen; allein er war einsilbig, weil er nicht viel zu sagen wute,
was ihn freute, und vom erlebten Elend konnte er keine Darstellung
machen, weil er noch keinen Gegensatz davon kannte, den heutigen Abend
ausgenommen. Doch fiel ihm pltzlich sein Vergngen mit der Armbrust
ein, das er seither ganz vergessen, und er erzhlte von dem alten Juden,
wie der ihn in die Tinte gebracht, wie er aber herrlich geschossen habe
lnger als eine Stunde, und wie er sich nur wieder eine solche Armbrust
wnsche. Armbrste und Schiezeug hat mein Vater genug, da kannst du
gleich morgen anfangen zu schieen, so viel du willst! sagte
Kngoltchen, und nun fing sie an herzuzhlen, was alles fr gute Dinge
und schne Sachen im Hause seien, was sie selbst fr Hauptsachen in
einer kleinen Truhe besitze, zwei goldene Regenbogenschsselchen, ein
Halsband von Bernstein, ein Legendenbchlein mit bunten Heiligen und
auch einen schnen Schnecken, in welchem eine kleine Muttergottes sitze
in Gold und roter Seide, mit einem Glasscheibchen bedeckt. Auch gehre
ihr ein vergoldeter silberner Lffel mit einem gewundenen Stiel, mit dem
drfe sie aber erst essen, wenn sie einst gro sei und einen Mann habe;
dann bekomme sie zur Hochzeit den Brautschmuck ihrer Mutter und deren
blaues Brokatkleid, welches ganz allein aufrecht stehen knne, ohne da
jemand drin stecke. Hierauf schwieg sie ein Weilchen; dann ihren
Schlafgesellen fester an sich schlieend, sagte sie leiser: Du,
Dietegen! Was? fragte er, und sie erwiderte: Du mut mein Mann
werden, wenn wir gro sind, du gehrst mein! Willst du freiwillig? Ja
freilich, sagte er. So gib mir die Hand darauf! meinte die
Heiratslustige; er tat es, und nach diesem Eheversprechen schliefen sie
endlich ein und erwachten nicht, bis die Sonne schon hoch am Himmel
stand. Denn die gute Mutter hatte absichtlich, um dem Knaben seine
Erholung zu gnnen, auch ihr Kind nicht geweckt.

Jetzt aber trat sie sorglich in die Kammer, ein vollstndiges
Knabengewand auf dem Arme tragend. Vor zwei Jahren war ihr von einer
gefllten Eiche ein Sohn erschlagen worden, dessen Kleider, obgleich er
ein Jahr lter gewesen als Dietegen, diesem recht sein mochten, da er
vollkommen die Gre jenes verlorenen Kindes besa. Es war das
Feiertagskleid, welches sie mit Leid und Weh aufbewahrt; darum war sie
mit der Sonne aufgestanden, um einige bunte Bnder davon abzutrennen,
welche dasselbe zierten, und die Schlitze zuzunhen, die das seidene
Unterfutter durchschimmern lieen. Ihre Trnen waren ber dieser Arbeit
wieder geflossen, als sie die rote Seide, welche wie ein verlorener
Frhling hervorglnzte, allmhlich hinter dem schwarzen Tuche des
Wmschens und der kleinen Pumphose verschwinden sah. Aber ein ser
Trost beschlich sie, da ihr das Schicksal jetzt ein so schnes, dem Tod
abgejagtes Menschenkind zusandte, welches sie mit der dunklen Hlle
ihres eigenen Kindes bekleiden konnte, und sie lie nicht nur aus Eile,
sondern absichtlich die helle Seide darunter, wie das verborgene Feuer
ihres eigenen Herzens; denn sie meinte es viel besser und lieblicher mit
allen Wesen, als sie in ihrer Stille zu zeigen vermochte. Wenn der Junge
sich gut anlie, so wollte sie die Schlitze wieder auftrennen; er sollte
das Kleid ohnehin nur einige Tage fr die Woche tragen, bis ein
handfesteres Werkelkleid gezimmert war. Whrend sie aber dem Knaben
Anleitung angab, das ungewohnte Staatskleid sich anzuziehen, war
Kngoltchen lngst aus dem Bette und hatte unversehens das abgelegte
Galgenhemd erwischt und aus Mutwillen sich ber den Kopf gezogen, so da
sie jetzt darin herumspazierte und es auf dem Boden nachschleppte. Dazu
trug sie die Hnde auf dem Rcken, wie wenn sie gebunden wren, und
sang: Ich bin ein armes Snderlein und habe keinen Strumpf am Bein!
Darber erschrak die Frau Forstmeisterin tdlich und erbleichte. Um
Christi willen, sagte sie dennoch sanft und leise, wer lehrt dich nur
solche schlimmen Spe! und sie nahm dem vergngten Kind das bse Hemd.
Dietegen aber ergriff es voll Zorn und zerri es mit wenig Zgen in
zwanzig Stcke.

Nun die Kinder angekleidet waren, ging es endlich zum Frhstck in die
Stube. Es war in der Frhe Brot gebacken worden, daher gab es frische
Kmmelkuchen zu der Milchsuppe, und statt des kleinen Extrabrtchens,
das sonst fr Kngolt sorglich gebildet und gebacken werden mute, da
es in seiner Gestalt den groen Broten gleich sah, waren heute zwei
gemacht worden, und das Mdchen ruhte nicht, bis Dietegen das
vollkommenere gewhlt hatte. Er a ohne Schchternheit alles, was man
ihm gab, wie wenn er von fremden bsen Leuten in das Vaterhaus
zurckgekommen wre. Aber er war ganz still dabei und besah sich
fortwhrend die freundliche milde Frau, die helle Stube und die
stattlichen Gerte; als er gegessen, setzte er diese Betrachtungen fort,
denn die Wnde waren mit Tannenholz getfert und mit buntem Blumenwerk
bermalt und in den Fenstern glnzten zwei gemalte Scheiben mit den
Wappen des Mannes und der Frau. Als er auch das Bfett mit dem blanken
Zinngeschirr aufmerksam beschaut, erinnerte er sich pltzlich des
schmutzigen Silberknnchens, das ihn ins Unglck gebracht, und der
unfreundlichen Bettelvogtswohnung, und in der Meinung, er msse wieder
dahin zurckkehren, sagte er ngstlich: Mu ich jetzt wieder nach Haus
gehen? Ich wei den Weg nicht!

Den brauchst du auch nicht zu wissen, sagte die Mutter gerhrt und
streichelte ihm das Kinn; hast du noch nicht gemerkt, da du bei uns
bleiben mut? Geh jetzt mit ihm herum, Kngoltchen, und zeig ihm das
Haus und den Wald und alles, aber geht nicht zu weit!

Da nahm ihn Kngoltchen bei der Hand und fhrte ihn in des Forstmeisters
Kammer, wo er seine Waffen bewahrte. Sechs oder sieben schne Armbrste
hingen dort, ferner Jagdspiee, Hirschfnger, Weidmesser und Dolche;
auch des Forstmeisters langes Schwert stand in einer Ecke. Dietegen
beschaute alles, ohne ein Wort zu sprechen, aber mit glnzenden Augen;
Kngolt stieg auf einen Stuhl, um ihm die Armbrste herunter zu reichen,
von denen einige mit eingelegter Arbeit knstlich verziert waren. Er
bewunderte alles mit ehrerbietigen Blicken, wie etwa ein talentvoller
Junge sich in der Werkstatt eines groen Malers umsieht, whrend dieser
nicht zu Hause ist. Kngolts Versprechen, eine Schiebelustigung
anzustellen, konnte freilich nicht ausgefhrt werden, weil die Bolzen in
einem Kasten verschlossen waren; dafr gab sie ihm einen schnen kurzen
Spie in die Hand, damit er eine Waffe trage, und fhrte ihn nun in den
Forst hinaus. Zunchst kamen sie durch einen eingehegten Wildgarten, in
welchem die Stadt zahmes Rotwild pflegen lie, damit es ja nie an einem
guten Braten fehle zu ihren ffentlichen Schmausereien. Das Mdchen
lockte einen Hirsch herbei und einige Rehe; solche Tiere hatte Dietegen
bisher nur tot gesehen; er stand deshalb ganz verzckt mit seinem Spie
auf der Schulter und konnte sich nicht satt schauen an dem Stehen und
Gehen des schnen Wildes. Begierig streckte er die Hand aus nach dem
stolzen Hirsch, um ihn zu streicheln, und als derselbe mit einem Satze
seitwrts sprang und lssig davontrabte, lief er ihm aufjubelnd und
jauchzend nach und sprang mit ihm in die Wette im weiten Kreise herum.
Es war vielleicht das erste Mal in seinem Leben, da er auf diese Weise
seine Glieder brauchte und seiner Lebenslust inne ward, und der Hirsch,
voll Anmut und Kraft, schien den behenden Knaben zu seinem Vergngen zu
verlocken und, indem er vor ihm floh, seine schnsten Sprnge zu ben.

Doch Dietegen wurde wieder still und beschaulich, als sie den Hochwald
betraten, in welchem die Tannen und die Eichen, die Fichten und die
Buchen, der Ahorn und die Linde dicht ineinander zum Himmel wuchsen. Das
Eichhrnchen blitzte rtlich von Stamm zu Stamm, die Spechte hmmerten,
hoch in der Luft schrieen die Raubvgel und tausend Geheimnisse
rauschten unsichtbar in den Laubkronen und im dichten Gestude. Kngolt
lachte wie nrrisch, weil der arme Dietegen nichts von allem verstand
und kannte, obgleich er in einem Berg- und Waldstdtchen aufgewachsen,
und sie wute ihm alles gelufig zu weisen und zu benennen. Sie zeigte
ihm den Hher, der hoch in den Zweigen sa, und den bunten Specht, der
eben um einen Stamm herumkletterte, und ber alles wunderte er sich
hchlich, und da die Bume und Strucher so viele Namen hatten. Nicht
einmal die Haselnu und die Brombeerstrucher hatte er gekannt. Sie
kamen an einen rauschenden Bach, in welchen, von ihren Fen
aufgescheucht, eben eine Schlange schlpfte und davonschwamm oder sich
in den Steinen verkroch. Schnell ri sie ihm den Spie aus der Hand und
wollte damit in dem Wasser herumstechen, um die Schlange aufzustbern.
Aber als Dietegen sah, da sie die blankgeschliffene schne Waffe
mihandeln wollte, nahm er ihr dieselbe stracks wieder aus den Hnden
und machte sie aufmerksam, wie sie die glnzende scharfe Spitze an den
Steinen verderben wrde. Das ist wohlgetan von dir, du wirst gut zu
brauchen sein! sagte pltzlich der Forstmeister, der mit einem Knechte
hinter den Kindern stand. Sie hatten ihn wegen des Bachgerusches nicht
kommen hren. Der Knecht trug einen geschossenen Auerhahn an der Hand,
denn sie waren in der Morgenfrhe schon ausgezogen. Dietegen durfte den
prchtigen Vogel an seinen Spie hngen und ber der Schulter
vorantragen, da die entfcherten Flgel seine schlanken Hften
verhllten, und der Forstmeister betrachtete voll Wohlgefallen den
schnen Knaben und verhie, einen rechten Gesellen aus ihm zu machen.

Vorderhand jedoch sollte er nur notdrftig etwas lesen und schreiben
lernen und mute zu diesem Ende hin jeden Tag mit Kngoltchen zur Stadt
gehen, wo in einem Nonnen- und in einem Mnchskloster fr die
Brgerkinder einiger Unterricht erteilt wurde. Aber die
Hauptunterweisung erhielt Dietegen auf dem Hin- und Herwege, auf welchem
das Mdchen ihm die Welt auftat und ihm Auskunft gab ber alles, was am
Wege stand oder darber lief. Hierbei befolgte die kleine Lehrjungfer
eine Erziehungsart von eigentmlicher Erfindung. Sie neckte, hnselte
und belog den unwissenden und leichtglubigen Knaben erst ber alle
Dinge, indem sie ihm die dicksten Bren und Erfindungen aufband, und
wenn er dann ihre Lgen und Mrchen gutmtig glaubte und sich darber
verwunderte, so beschmte sie ihn mit der Erklrung, da alles nicht
wahr sei; nachdem sie ihm dann seinen blinden Glauben spottend
verwiesen, verkndigte sie ihm mit groer Weisheit den wahren Bestand
der Welt, so weit er ihrem Kinderkpfchen bekannt war, und er befli
sich errtend eines greren Scharfsinnes, bis sie ihm eine neue Falle
stellte. Nach und nach aber wurde er dadurch gewitzigt, den Weltlauf
besser zu verstehen, was ein anderer Junge zu seinem Schrecken erfahren
mute; denn als dieser es dem Mdchen nachtun wollte und den Dietegen
mit einem frechen Aufschnitt bewirtete, schlug der ihn unverweilt ins
Gesicht. Kngolt, hierber verblfft, war neugierig, ob sich ein solcher
Zorn auch gegen sie wenden knnte, und probierte den Schler auf der
Stelle, aber sachte, mit neuen Lgen. Von ihr jedoch nahm er alles an,
und sie setzte ihren wunderlichen Unterricht kecklich fort, bis sie
entdeckte, da er gutmtig mit ihren Lgen zu spielen anfing und einen
zierlichen Gegenunterricht begann, indem er ihre mutwilligen Erfindungen
mit nicht unwitzigen Querzgen durchkreuzte, so da sie manchmal auf ein
glattes Eis gesetzt wurde. Da fand sie, da es Zeit sei, ihn aus dieser
Schule zu entlassen und einen Schritt weiter zu fhren. Sie begann ihn
jetzt zu tyrannisieren, da er fast in rgere Dienstbarkeit verfiel, als
er einst bei dem Bettelvogt erduldet hatte. Alles gab sie ihm zu tragen,
zu heben, zu holen und zu verrichten; jeden Augenblick mute er um sie
sein, ihr das Wasser schpfen, die Bume schtteln, die Nsse
aufklopfen, das Krbchen halten und die Schuhe binden; und selbst ihr
das Haar zu strhlen und zu flechten, wollte sie ihn abrichten; aber das
schlug er ab. Da schmollte und zankte sie mit ihm, und als ihn die
Mutter untersttzte und sie zur Ruhe verwies, wurde sie sogar gegen
diese ungebrdig.

Doch Dietegen erwiderte ihre Unart nicht, gab ihr kein bses Wort und
war immer gleich geduldig und anhnglich. Das sah die Forstmeisterin mit
groem Wohlgefallen, und um ihn dafr zu belohnen, erzog sie den Knaben
wie ihr eigenes Kind, indem sie ihm alle jene zarteren und feineren
Zurechtweisungen und unmerklichen Leitungen gab, welche man sonst nur
dem eigenen Blute zukommen lt und durch welche man ihm die schne
Farbe herkmmlicher guter Sitte verleiht. Freilich hatte sie davon den
Gewinn, da sie in dem Pflegling einen kleinen Sittenspiegel fr das
mutwillige Mdchen schuf, und es war drollig anzusehen, wie die unruhige
Kngolt bald beschmt ihrem besseren Vorbild nachzuleben trachtete, bald
eiferschtig und zornig auf dasselbe wurde. Einmal war sie so gereizt,
da sie mit einer Schere leidenschaftlich nach ihm stach; Dietegen fing
rasch und still ihr Handgelenk, und ohne ihr weh zu tun, ohne einen
bsen Blick wand er die Schere sanft aber sicher aus ihrer Hand. Dieser
Auftritt, welchem die Mutter im verborgenen zugesehen, bewegte sie so
heftig, da sie hervortrat, den Knaben in die Arme schlo und liebevoll
kte. Still und bleich vor Aufregung ging das Mdchen hinaus. Geh,
vershne dich mit ihr und mach den Trotzkopf wieder gut! sagte die
Mutter; du bist ihr guter Engel!

Dietegen suchte sie und fand sie hinter dem Hause unter einem
Holunderbaum; sie weinte wild und krampfhaft, zerri ihre Halsschnur,
indem sie dieselbe zusammenzog, als ob sie sich erdrosseln wollte, und
zerstampfte die zerstreuten Glasperlen auf dem Boden. Als Dietegen sich
ihr nherte und ihre Hnde ergreifen wollte, rief sie schluchzend:
Niemand darf dich kssen, als ich! denn du gehrst mir allein, du bist
mein Eigentum, ich allein habe dich aus dem Sarge befreit, in dem du auf
ewig geblieben wrest!

       *       *       *       *       *

Da der Knabe gar stattlich heranwuchs, erklrte der Forstmeister eines
Tages, da es nun Zeit fr ihn sei, mit in den Wald zu gehen und die
Jgerkunst zu lernen. So wurde er von Kngolts Seite genommen und war
die meisten Tage vom Morgengrauen bis zur sinkenden Nacht mit den
Mnnern in den Wldern, auf Moor und Heide. Erst jetzt reckten sich
seine Glieder aus, da es eine Freude war; rasch und gelenksam wie ein
Hirsch gehorchte er auf den Wink und lief zur Stelle, wohin man ihn
schickte. Schweigsam und gelehrig war er berall zur Hand, trug die
Gerte, half die Netze stellen, sprang ber Halden und Grben und
ersphte den Stand des Wildes. Bald kannte er die Fhrten aller Tiere,
wute den Lockruf der Vgel nachzuahmen, und ehe man sich's versah, lie
er ein junges Schwarzwild auf den Sauspie rennen. Nun gab ihm der
Forstmeister auch eine Armbrust. Mit derselben bte er sich zu jeder
Stunde nach der Scheibe sowohl wie nach lebendigen Zielen, kurz, als
Dietegen sechzehn Jahre zhlte, war er bereits ein junger Weidmann, den
man berall hinstellen durfte, und der Forstmeister sandte ihn schon
etwa allein hinaus, die Knechte anzufhren und die Stadtforste zu
berwachen.

Dietegen war daher nicht nur mit der Armbrust auf dem Rcken, sondern
auch mit dem Schreibzeug im Grtel auf den Bergen zu sehen, und er
gereichte mit seinen wachsamen Augen, mit seinem frischen Gedchtnis
seinem Pflegvater zu guter Aushilfe. Da er sich nun so gut anlie,
gewann ihn der Forstmeister tglich lieber und sagte, er msse ihm
gnzlich ein ehr- und wehrbarer Stadtmann werden.

Es war begreiflich, da Dietegen dem Forstmeister mit Leib und Seele
anhing; denn nichts gleicht der Neigung eines Jnglings zu dem Manne,
von welchem er wei, da er ihm sein Bestes zuwenden und lehren will und
den er fr sein untrgliches Vorbild hlt.

Der Forstmeister war ein Mann von etwa vierzig Jahren, gro und fest,
von breiten Schultern und schnen Ansehens. Sein goldblondes Haar war
bereits von einem Silberschimmer berflogen, dagegen die Gesichtsfarbe
frisch gertet und die blauen Augen gro, offen und voll Feuer. In
seiner Jugend war er denn auch der lustigste und wildeste der Seldwyler
gewesen, der stets die wunderlichsten Streiche angegeben; als er aber
seine junge Frau heimgefhrt, nderte er sich augenblicklich und blieb
seit der Zeit der gesetzteste und ruhigste Mann von der Welt. Denn die
Frau war von uerst zarter Beschaffenheit, von einer wehrlosen
Herzensgte, und obgleich nicht unwitzig, htte sie doch mit keinem
scharfen Worte einer Unbilde zu widerstehen vermocht. Eine rstig
Streitbare wrde den lebhaften Mann wahrscheinlich zu weiterem Tun
gereizt haben; gegen die anmutige Schwche der zarten Frau aber benahm
er sich wie die wahre Strke; er htete sie wie seinen Augapfel, tat was
ihr Freude gewhrte und blieb nach vollbrachtem Tagwerk ruhig an seinem
Herde.

Nur bei den wichtigsten Festlichkeiten der Stadt, des Jahres etwa
drei-oder viermal, ging er unter die Rt' und Brger, fhrte dort mit
frischer Kraft den Reigen, und nachdem er die Alltagszecher einen um den
andern unter den Tisch getrunken, ging er als der letzte aufrecht von
der Ratsstube und stieg frhlich in den Wald hinauf.

Aber die Hauptlustbarkeit ergab sich jedesmal am andern Tag, wenn ihm
dann doch der Kopf gelinde summte und der Mann mit einer halb
verdrielichen, halb heitern Lwenlaune erwachte, welche sich in der Tat
zu dem kleinen Katzenjammer der heutigen verhielt, wie der Lwe zur
Katze. Zeitig in der hellen Morgensonne erschien er beim Frhstck, und
das Unwohlsein bezwingend, erffnete er dasselbe mit einem mrrischen
Scherzworte, einem drolligen Einfall. Seine Frau, welche stets hungrig
nach den Witzen ihres sonst schweigsamen Mannes war, lachte sogleich
mit so hellem Geklingel, wie man hinter dem sanften Wesen nie gesucht
htte; es lachten die Kinder, die Jger und das Gesinde. Auf diese Art
ging es fort; unter allgemeinem Gelchter wurden die Geschfte getan,
der Forstmeister immer voran, die Axt schwingend oder Lasten hebend. An
einem solchen Tage war einst Feuer in der Stadt ausgebrochen; ber
brennenden Dchern ragte ein unzugngliches hlzernes Fachwerk, in
welchem eine vergessene alte Frau jammerte und auf deren Schulter ein
zahmer Star sich klglich und drollig gebrdete. Niemand wute ihr
beizukommen, als der Forstmeister zur Stelle kam. Der erklomm einen
Absatz an einer gegenberstehenden hohen Mauer, zog mit gewaltiger Kraft
eine Leiter nach sich, schwenkte sie in der Luft und legte sie nach dem
Fenster der Verlassenen hinber. Auf dieser Schwindelbrcke ging er hin
und schritt wieder herber, das Weib auf den Armen, den Vogel auf dem
Kopfe und das leckende Feuer unter sich. Alles dies tat er wie zum
Scherze, mit launigen Ausdrcken und Bewegungen.

War dann ein tchtiges Stck Arbeit getan, so bewirtete er sein Haus auf
das beste und hielt eine lustige Nachfeier mit den Seinen. Dabei war er
ungewhnlich zrtlich gegen seine Frau, nahm sie wohl auf die Kniee, zum
groen Vergngen der Kinder, und nannte sie sein Weikehlchen und seine
Schwalbe, und sie, die Arme bereinandergelegt in selbstvergessener
Behaglichkeit, verwandte lachend kein Auge von ihm.

An einem solchen Tage war es auch, da er einen Tanz veranstaltet, da es
gerade der erste Mai war. Er lie einen Spielmann holen und einige junge
Leutchen aus der Stadt dazu laden. So wurde denn auf dem glatten Rasen
unter den blhenden Bumen zunchst des Hauses zierlich getanzt, und der
Forstmeister erffnete den Reigen mit seiner Frau, die sich bescheiden
geschmckt hatte, aber ihre feine Gestalt lchelnd herumdrehte. Da sah
auch Dietegen, welcher sich die letzten Jahre eifrig zu den Mnnern
gehalten, da Kngolt ein schnes Weib zu werden begann. Ihr Gesicht,
von zarten und lieblichen Zgen, erinnerte an die Mutter; der Wuchs aber
artete dem Vater nach; denn sie scho wie eine junge Tanne in die Hhe,
die Brustknochen waren so khn gewlbt, da sie trotz ihrer vierzehn
Jahre fast vollbusig schien; goldgelbes Ringelhaar fiel ppig ber den
Rcken und verhllte die noch eckigen aber schn und festgeformten
Schulterbltter. Sie ging grn gekleidet, trug um den bloen Hals ihr
Bernsteinband und auf dem Haupte, gleich den andern Mdchen, nach
damaliger Sitte ein Rosenkrnzchen. Ihre Augen leuchteten offen und
freundlich umher; aber unversehens blitzten sie einmal mutwillig auf und
streiften wie Pfeile ber die Jnglinge hin, bis sie einen Augenblick
auf Dietegen ruhten und dann wieder weiter fuhren. Dietegen sah
unverwandt hin, sie flchtig noch einmal zurck, worauf er den Blick
errtend niederschlug und Kngolt sich an ihrem Haar zu schaffen machte.
Das war das erste Mal, da sie sich nicht mehr unbefangen ansahen; aber
bald darauf waren sie wieder in der Nhe und fanden sich Hand in Hand in
einem Ringreihen. Ein neues ses Gefhl durchstrmte ihn und verlie
ihn auch nicht mehr, als der Ring sich wieder lste. Kngolt aber ging
von ihm wie von einer Sache, die einem zu eigen gehrt und deren man
sicher ist; nur zuweilen warf sie einen Blick ber ihn, und wenn er etwa
in die Nhe anderer Mdchen geriet, war sie unversehens da und stand
dazwischen.

Dergestalt herrschte ein glckseliges Leben bis in die Nacht; die Jungen
wurden so munter und flgge wie die jungen Holztauben und taten es bald
dem lustigen Forstmeister zuvor, und dieser spiegelte sich wohlgemut in
dem frhlichen Nachwuchs, gab aber vor allen seiner Frau die Ehre, deren
Wohlgefallen ihn hchlich zu erquicken schien, besonders da sie nun
anfing, ihm auch allerlei lustige Spitznamen anzuhngen. So ehrbar nun
all die Lustbarkeit war, so htte sie doch der Brger einer andern Stadt
vielleicht um ein kleines Ma zu warm befunden; der Wrzwein, welchen
die Leutchen tranken, war untadelhaft gemischt, aber in ihnen selbst war
ein klein bichen zu viel Zucker und in ihrer Freude um ein weniges zu
viel Sigkeit. Die Hnde der jungen Mdchen lagen fortwhrend auf den
Schultern der Jnglinge und das Vlkchen nahm sich auf den Scho und
kte sich gelegentlich, ohne ein Pfnderspiel vorzuschtzen, wie die
heutigen Philister. Kurz, es fehlte ihnen das Glas und der Kristall
einer gewissen Sprdigkeit, mit welcher Dietegen dafr zu reichlich
gesegnet war als ein Abkmmling von Ruechenstein. Denn obgleich er
bereits verliebt war, floh er das Liebkosen, welches ziemlich allgemein
begonnen hatte, wie das Feuer und hielt sich vorsichtig auerhalb der
gefhrlichen Linie. Desto kecker und zutulicher wurde Kngolt, welche in
kindlicher Unwissenheit, nach Art unerwachsener Mdchen, sich nicht
beherrschte, sondern den sprden Knaben aufsuchte, der im Schatten
dunkler Bume sa, und sich neben ihn setzte, seine Hand ergreifend und
halb kindlich mit seinen Fingern spielend. Als er dies geschehen lie
und ihr mit der Hand gnnerhaft und sanft, fast wie wenn er ihr Pate
wre, durch das Ringelhaar fuhr, legte sie sogleich den Arm um seinen
Hals und liebkoste ihn mit der Unbefangenheit, aber auch mit all' dem
rckhaltlosen Ungestm eines Kindes, whrend es doch schon die Jungfrau
in ihr war, die sie bewegte. Dietegen, der kein Kind mehr war, wollte
fr beide Verstand brauchen und war ngstlich beflissen, sich aus ihren
Armen loszumachen, als die frhlich erregte Forstmeisterin herbeikam und
mit Vergngen die Kinder beisammen sah.

Das ist recht, da ihr auch zusammenhaltet, sagte sie, indem sie beide
zumal in die Arme schlo, sei nur dem Dietegen recht gut, mein Kind! er
verdient es, da er eine Heimat nicht nur in unserem Hause, sondern auch
in deinem Herzchen behlt; und du, Dietegen! sei meinem Kngoltchen
allezeit ein treuer Wchter und Beschtzer und la es nie aus deinen
Augen, denen ich alles Gute zutraue!

Er gehrt niemand als mir, und das schon lange! sagte Kngolt fast
trotzig und kte ihn keck und leichthin auf die Wange, halb wie einen
Brutigam und halb wie ein Kind ein junges Ktzchen kt. Jetzt ward dem
armen Burschen zu hei und unheimlich zwischen Tochter und Mutter; er
machte sich ziemlich unsanft von ihnen los und trat einige Schritte weit
hinweg, Kngolt verfolgte ihn mutwillig, und als er fliehend wieder in
die Nhe der hbschen Mutter kam, fing ihn diese scherzend auf, hielt
ihn fest und rief: Hier hast du ihn, mein Tchterchen! Komm und halt'
ihn fest!

Als er aufs neue so gefangen war, klopfte ihm das Herz vor groer
Aufregung, und indem er sich so wohl geborgen sah, empfand er erst recht
seine Einsamkeit in der Welt. Er kam sich vor wie eine vom Baume des
Lebens geschttelte verlorene Seele, welche, von weichen Hnden
aufgehoben und gepflegt, nun fr immer des eigenen freien Daseins
beraubt wre. Deshalb, wie nun das Gefhl der persnlichen Freiheit mit
der zrtlichen Zuneigung in ihm rang, stand er zitternd und schweigend,
halb in Emprung gegen die eigenmchtige Zutulichkeit der Frauen, halb
in Versuchung, das Mdchen ungestm an sich zu ziehen und beim Kopf zu
nehmen. Er liebte die Mutter mit der treuesten und dankbarsten
Anhnglichkeit, aber ihre unbefangene Aufmunterung zum Kosen machte ihm
wunderlich und schwl zu Mute; er betrachtete sich als dem Tchterchen
ganz zu eigen gehrig; aber hchst ernsthaft war er um ihre gute Sitte
besorgt, und als ihn Kngolt nun heftig auf den Mund kssen wollte,
hielt er pltzlich die Hand dazwischen und sagte wohlwollend aber mit
dem Tone eines alten Schulmeisters: Du bist noch zu jung zu diesem! Das
schickt sich nicht fr dich!

Das Mdchen wurde bla vor Unmut und Beschmung; pltzlich ging sie
hinweg und mischte sich wieder unter die Gesellschaft, wo sie mit
zorniger Ausgelassenheit einigemal herumsprang und sich dann finster zur
Seite setzte. Die Forstmeisterin streichelte dem jungen Sittenprediger
lchelnd die Wange und sagte: Ei du bist ja ein gar gestrenger Gespan!
Aber umso treuer wirst du um mein Kind sorgen! Versprich mir, es nie zu
verlassen! Sieh, wir sind alle ein lustiges Vlklein und es mag sein,
da wir zu wenig an die Zukunft denken!

Dietegen gab ihr mit nassen Augen die Hand und sie fhrte ihn ebenfalls
zu den Leuten zurck. Doch Kngolt kehrte ihm schnde den Rcken und
schaute mit wirklichem Kummer und Zorn in die Mainacht hinaus.

Wunderbar! Nun war das Kind auf einmal gro genug, dem sprden Jnglinge
Liebessorge zu machen; denn traurig und betreten stand er auch zur Seite
und war noch mehr beschmt als das Mdchen. Was ist das? Was gibt's da
zu grmen? sagte der vergngte Forstmeister, als er es bemerkte, und
leidenschaftlich fing Kngolt an zu weinen und rief vor aller Welt: Er
ist mir geschenkt worden von den Richtern, da er nichts als ein
Leichnam war, den ich zum Leben erweckt habe! Drum hat nicht er ber
mich zu richten, sondern ich allein ber ihn, und er mu tun alles, was
ich will, und wenn ich ihn gern ksse, so habe ich es allein zu
verantworten und er hat nur still zu halten!

Alles lachte ber diese wunderliche uerung; die Forstmeisterin aber
nahm den Dietegen bei der Hand, fhrte ihn zu dem Kinde hin und sagte:
Komm! vershne dich mit ihr und la dich diesmal noch kssen! Nachher
sollst du auch deinen Willen haben und ihr Vorgesetzter sein in solchen
Sachen! Errtend wegen der vielen Zuschauer bot Dietegen dem Mdchen
halbwegs den Mund hin; sie ergriff ihn herrisch bei den Locken, kte
ihn, und nachdem sie noch einen Blick voll Zorn auf ihn geworfen, ging
sie so rasch und trotzig hinweg, da der goldene Flug ihres Ringelhaares
in der Nachtluft wehte und Dietegens Gesicht im Vorbergehen streifte.
Jetzt glhte auch in ihm ein leidenschaftliches Wesen an; er verlie
bald nach ihr den Kreis und suchte die wilde Kngolt schnell und
schneller, bis er sie auf der andern Seite des Hauses fand, wie sie
trumerisch am Brunnen sa und mit der Bernsteinkette an ihrem Halse
spielte. Dort ergriff er ihre beiden Hnde, prete sie in seine rechte
Hand, fate mit der linken ihre Schulter, da das glnzende, noch
unvollkommene Gebilde unter seiner festen Hand zusammenzuckte, und sagte
hastig: Hre, du Kind! Ich lasse nicht mit mir spielen! Von heut an
bist du so gut mein Eigentum, wie ich das deinige, und kein anderer Mann
soll dich lebendig bekommen! Daran denke, wenn du einst gro genug
bist!

O du groer und alter Mann! sagte Kngolt leise lchelnd, indem sie
etwas erblate, du bist mein und nicht ich dein! Aber das hat dich
nicht zu kmmern; denn ich werde dich wohl niemals fahren lassen!

Damit stand sie auf und ging, ohne den Gespielen weiter anzusehen, um
das Haus herum.

Die gute Forstmeisterin aber erkltete sich in der khlen Mainacht und
trug eine tdliche Krankheit davon, welcher sie in wenigen Monaten
erlag. Auf dem Totbette war sie sehr bekmmert um ihren Mann und um das
Kind; auch suchte sie hartnckig die Ursache der Krankheit zu leugnen;
denn sie fhlte wohl, da das nicht die rechte Todesart fr eine
Hausmutter sei, die von Unvorsichtigkeit in der Freude herrhrt.

Weil sie nun tot im Hause lag, waren alle sehr traurig und die ganze
Stadt bedauerte sie, da sie keinen einzigen Feind hatte. Der
Forstmeister selbst weinte des Nachts in seinem Bette; des Tages sprach
er kein Wort und ging nur ab und zu vor den Sarg und besah sich die
stille Leiche, worauf er kopfschttelnd wieder wegging.

Er lie einen schweren Kranz von jungem Tannengrn binden und legte ihn
auf den Sarg; Kngolt hufte noch ein Gebirge von Waldblumen darauf, und
dergestalt wurde die Leiche von der Hhe hinunter zur Kirche getragen,
gefolgt von den Verwandten und Freunden und den Jgerknechten.

       *       *       *       *       *

Als sie in der khlen Erde lag, fhrte der Forstmeister das
Leichenbegleit in die Herberge, wo er ein reichliches Totenmahl hatte
anrichten lassen. Das Wildbret dazu, einen Rehbock und zwei prchtige
Auerhhne, hatte er eigenhndig geschossen, voll Schmerz ber seinen
Verlust, und als die schn gefiederten Vgel nun auf dem Tische
prangten, gedachte er abermals des hohen Bergwaldes, in welchem sie
gesessen und welchen er in den jungen Jahren seiner Liebe so oft
durchstreift hatte, das Bild der Toten im Sinne tragend. Doch durfte
der Forstmeister nicht lange solchen Gedanken nachhngen; denn als der
Claret und der Malvasier nun kredenzt und die Tafel mit einem groen
Korbe voll vermischten Zuckerwerkes berschttet wurde, belebten sich
die Gste und der Traueranla war bald von einem Taufmahle nicht mehr zu
unterscheiden.

Der Forstmeister sa zwischen Kngolt und Dietegen, die sich wegen
seiner groen Gestalt nicht sehen konnten, ohne sich vornberzubeugen
oder hinter ihm durch, und dies mochten sie nicht tun, da sie allein in
der erwachenden Frhlichkeit traurig und ernst blieben. Ihm gegenber
sa eine Person von vielleicht bald dreiig Jahren, eine Base des
Forstmeisters Namens Violande. Diese Dame fiel auf wegen ihrer
ausgesuchten, sonderbaren Kleidung, welches nicht die Kleidung einer
Zufriedenen und Glcklichen, sondern eher einer Unruhigen und
Hohlherzigen zu sein schien. Sie war schn und wute anmutig zu blicken,
wenn nicht gerade etwas unselig Verlogenes und Selbstschtiges ber ihr
Wesen zuckte.

Als vierzehnjhriges Mdchen schon war sie in den nachmaligen
Forstmeister verliebt gewesen, weil er just der grte und schnste
junge Mann war unter denen, die ihr zu Gesicht kamen. Er merkte aber
nichts von dieser frhen Leidenschaft, da er berhaupt auf das kleine
Bschen nicht achtete und seinen Sinn mehr auf erwachsene Personen
richtete, die ihm gefielen. Voll Neid und Eifersucht und ebenso schon
voll Rnke wute das junge Wesen nun zwei oder drei Liebesverhltnisse
des Forstmeisters zu zerstren, indem es durch fast unbemerkbare
Zwischentrgereien die Dinge entstellte und verwirrte. Wenn er eine
Schne zu gewinnen im Begriffe war, so erfand und verbreitete das
verschlagene Kind unter der Hand ganz unbefangen Zge und Tatsachen,
woraus hervorzugehen schien, da er eigentlich die in Rede stehende
Person gar nicht leiden knne, vielmehr eine andere im Auge habe und
berhaupt ein hinterlistiger und verstellter Mensch sei. So wute er
wiederholt nicht, wie es kam, da die, welche er liebte, sich pltzlich
und mitrauisch von ihm abwandte, whrend eine andere, an die er nie
gedacht, ihn unversehens mit ihrer Gunst beehrte und, einmal im Zuge,
nicht mehr nachlie, bis er mit ihr im Gercht war. Dann pflanzte er in
Ungeduld und Verwirrung die eine wie die andere hin und ergab sich auf
kurze Zeit der Freiheit. Auf diese Weise verdarb ihm, obgleich er ein
schner und tchtiger Gesell war, alles, bis er an die nun verstorbene
Forstmeisterin geriet. Diese hielt ihn fest, da sie so ehrlich war wie
er selbst und alle Knste der kleinen Hexe waren vergeblich, ja sie
bemerkte dieselben nicht einmal, weil sie nur auf die Augen des
Geliebten sah. Hiefr war er ihr auch dankbar und treu geblieben und
hielt sie fr eine teure Errungenschaft, so lang sie lebte.

Violande dagegen, als sie den Mann endlich versorgt sah, bte die
erworbenen Geschicklichkeiten, um sie nicht brach liegen zu lassen, nun
auch anderwrts aus, und je lter sie wurde, mit desto mehr Einsicht und
Erfolg, aber ohne Glck fr sie selber; denn sie blieb unverheiratet und
die Mnner, welche sie ihren Freundinnen abspenstig machte, wendeten
sich deswegen nicht zu ihr, da sie eher Ha und Verachtung fr sie
empfanden. Da wandte sie sich dem Himmel zu und sagte, sie wolle eine
Nonne werden; doch berlegte sie sich das Ding noch in der letzten
Stunde und trat statt in ein Kloster in ein solches Ordenshaus, aus
welchem sie allenfalls wieder herausgehen, und sogar noch heiraten
konnte. Sie verschwand nun aus den Augen der Leute, da sie von einem
Haus ins andere in verschiedenen Stdten herumzog und nirgends Ruhe
fand. Pltzlich, als die Forstmeisterin auf dem Krankenbette lag,
erschien sie wieder in weltlicher Tracht zu Seldwyla, und so fgte es
sich, da sie am Totenmahle dem trauernden Witwer gegenbersa.

Sie bezwang ihre Unruhe und sah manche Augenblicke bescheiden und
kindlich aus, und als die Frauen sich erhoben und unter sich
umhergingen, whrend die zechenden Mnner am Tisch blieben, ging sie auf
Kngolt zu, kte sie und schlo Freundschaft mit ihr. Das Mdchen
fhlte sich geehrt durch diese Annherung einer halbgeistlichen Frau,
die weit herumgekommen war und voll Weltkenntnis schien; sie fhrten
sogleich ein langes und vertrautes Gesprch, als ob sie seit Jahren
bekannt wren, und beim allgemeinen Aufbruch bat Kngolt ihren Vater, er
mchte Violanden in sein Haus berufen, dasselbe zu besorgen, denn sie
selbst fhle sich noch zu jung und unerfahren dazu. Der Forstmeister,
dessen Stimmung jetzt aus einer wunderbaren Mischung von Trauer und
Weinlaune bestand und dessen Gedanken weit abwesend bei der Toten waren,
gab ohne weiteres Nachdenken seine Zustimmung, obgleich er sich nicht
viel aus der Base machte und sie fr eine schnurrige Person hielt.

Sie zog also in den nchsten Tagen ins Forsthaus und stellte sich mit
gutem Anstand und nicht ohne Rhrung an dessen Herd, an welchem ihr
endlich, nach langem Irrsal, die Wnsche ihrer frhsten Jugend in ruhige
Erfllung zu gehen schienen. Sie ffnete bescheiden die Schrnke ihrer
Vorgngerin und sah das Linnen und die Vorrte wohlgeordnet und im
tiefen Frieden liegen; zierlich gereiht sah sie die Tpfe und die
Kessel, die Krge und die Bchsen und lauschig hingen die Flachsbschel
unter dem Dache. In diesem Frieden lie sie alles ein paar Wochen
bestehen; dann aber begann sie allmhlich die kleinen Tpfe zwischen die
groen zu stellen, die Leinwand durcheinander zu werfen, den Flachs zu
zerzausen, und bis sie damit zu Ende war, hatte sie auch die
menschlichen Dinge im Hause in beginnende Unordnung gebracht.

Da sie beabsichtigte, endlich doch noch des Forstmeisters Frau zu
werden, um sich wenigstens zu versorgen, so galt es vor allem, sein Kind
und den jungen Dietegen, deren Lage sie bald inne geworden, auseinander
zu bringen und fr immer zu trennen. Denn sie dachte richtig, da
Dietegen, wenn er das Mdchen zur Frau bekme, als des Forstmeisters
Nachfolger im Hause bleiben und dieser, bei seiner Anhnglichkeit an
seine tote Frau, dann nicht mehr heiraten wrde, was dagegen leichter
geschehen drfte, wenn beide Kinder fort kmen und er sich in seinem
Hause vereinsamt she.

Wie nun Kngolt mit jedem Tage zusehends sich entwickelte und schner
wurde, weckte sie in ihr das frhzeitige Bewutsein dieser Schnheit und
den Geist einer wenn auch noch kindischen Buhlsucht, indem sie, ohne da
es jemand merkte, das Mdchen mit wenigen Worten zu allen jungen Leuten
in ein befangenes Verhltnis zu bringen wute, so da das Kind jeden
drum ansehen lernte, ob er seine Schnheit auch fhle und anerkenne, und
hinwieder jeder vermeinte, er sei dem jungen hbschen Mdchen besonders
ins Auge gefallen.

Dann zog Violande noch andere junge Frauenzimmer herbei, da da fter
gute Kompanie beisammen war und unter ihrer Fhrung immer gelinde
courtoisiert wurde.

So kam es, da Kngolt, noch ehe sie vllig sechzehn Jahre zhlte, schon
einen Kreis unruhiger Gemter um sich versammelt sah.

Es gab allerlei kleine und grere Festlichkeiten, Geschichtchen,
Streitigkeiten, Gerusch und Gesang, und wie es zu gehen pflegt, machten
sich vorwitzige oder trichte Leutchen unangenehm und wurden dabei am
ehesten gelitten.

Hierber wurde Dietegen nicht glcklich. Im Anfang sah er mit einer
gewissen scheuen Wehmut zu, welche heranwachsenden Jnglingen nicht
sonderlich geschickt ansteht; als aber die Gesellschaft davon eher
belustigt als gerhrt schien und Kngolt selbst es kalt beachtete,
wollte er sich gegen solche Unlust mit linkischem Schmollen und Trotz
erwehren. Allein das brachte ihn noch weniger auf einen grnen Zweig und
endigte damit, da er eines Tages zu bemerken glaubte, wie Kngolt
allein in einem Kreise von spttisch aussehenden Jnglingen sa und mit
Wohlgefallen die Mireden mit anhrte, die sie offenbar ber ihn
fhrten.

Da wendete er sich ab und mied von nun an schweigend die Gesellschaft.
Er war ohnehin in das Alter getreten, in welchem die krftigeren Knaben
sich wehrbar zu machen begannen. Auf dem Grundstcke der Frsterei ruhte
von alters her die Verpflichtung zum Bereithalten von drei oder vier
Mannsrstungen, und der Forstmeister hatte immer darauf gesehen, eigene
Leute dazu stellen zu knnen. Mit Wohlgefallen fand er, da Dietegen,
schlank und wohlgebaut aufwachsend, bald in einen zierlichen Harnisch
taugen wrde, in dem er einst seinen eigenen Sohn zu erblicken gehofft
hatte.

So ging denn Dietegen mit andern jungen Knechten an den langen
Winterabenden in die Fechtschule, wo er die krzeren Waffen fhren
lernte nach heimischer Kriegsart; und im Frhjahr, den Sommer hindurch,
weilte er manchen Sonn- und Feiertag auf dem weiten Felde oder in
Waldlichtungen, wenn die Jnglinge sich im behenden Marsch und im
festgeschlossenen Vordrange bten, an ihren langen Spieen ber breite
Grben setzten und die Krper in jeder Weise sich dienstbar machten,
oder endlich der Kunst der Bchsenschtzen oblagen.

Da durch alles dies das Leben im Hause sich nderte und besonders das
weibliche Treiben ihn strte, ohne da er recht beachtete, wie es
eigentlich damit beschaffen war, so nahm seinerseits der Forstmeister
fter, als zu Lebzeiten seiner Frau geschehen, den Weg in die
Trinkstuben seiner Stadtgenossen. Fern von der kindischen Torheit des
Hauses lag er der reiferen Torheit der Mnner ob und trug sein Haupt
zuweilen beladen, aber immer aufrecht den Forst hinan, wenn die
Mitternachtsglocke verhallte.

So gingen die Dinge ihre verschiedenen Wege und die Zeit vorber, bis an
einem sonnenhellen Johannistage allerlei Geschicke sich zu erfllen
begannen.

Der Forstmeister ging in die Stadt auf seine Zunft, welche ihr
Hauptgebot mit groem Jahresschmaus abhielt, und er gedachte, bis in die
Nacht zu zechen.

Dietegen ging zeitig ins Schtzenhaus, da er einmal einen langen
Sommertag hindurch nach Herzenslust schieen wollte. Die brigen Knechte
gingen auch ihres Weges, der eine ber Land zu den Seinigen, der andere
zum Tanz mit seinem Schatz, der dritte auf einen Markt, um sich Tuch fr
Gewand zu erstehen, oder ein paar neue Schuhe.

So saen nun die Frauen allein im Forsthause, einerseits wenig erbaut
ber die schnde Art, wie die Mnner an diesem Freudentage alle
davongegangen, ohne sich zu kmmern, wie jene ihre Zeit vertreiben
sollten, anderseits aber ugelten sie in das webende Sonnenlicht hinaus
und sphten, wie sie sich auch eine Lustbarkeit schaffen mchten.

Zunchst fingen sie an, Kuchen zu backen und allerhand Swerk zu
bereiten; auch brauten sie einen groen, gewrzten Wein fr alle Flle
und um den heimkehrenden Mnnern einen Nachttrunk bieten zu knnen, wie
sie meinten. Dann kleideten sie sich feiertglich und schmckten sich
mit Blumen, whrend andere Jungfrulein, die sie zu einer Frauenlust
hatten entbieten lassen, eins nach dem andern ebenso geschmckt
herankamen, und auch das letzte Dienstmgdlein im Hause geputzt und
frhlich dreinsah.

Unter schnen Lindenbumen, die vor dem Forsthause standen, war der
Tisch gedeckt, als der Abend nahte und goldenes Licht ber der Stadt und
dem Tale ruhte.

Da saen nun die Frauen um den Tisch gereiht, taten sich gtlich und
sangen bald mit wohlklingenden Stimmen vielstrophige Lieder mit
sehnschtigem Ton, von Liebesglck und Herzeleid, von den zwei
Knigskindern oder Es spielt ein Ritter mit einer Maid und
dergleichen. Der Gesang tnte lockend ins Land hinaus; die Vgel in den
Linden und im nahen Walde, die erst ein wenig zugehrt, sangen
wetteifernd mit. Aber bald lie sich noch ein dritter Chor vernehmen,
indem vom Berge her Geigen und Pfeifen erklangen, vermischt mit
Mnnerstimmen. Ein Trupp Jnglinge war von Ruechenstein herbergekommen,
trat jetzt aus dem Holze hervor und beschritt den Weg, der mitten durch
die Frsterei in das Tal fhrte, ein paar Spielleute an der Spitze. Es
war der Sohn des Schultheien von Ruechenstein, ein halbwegs frhlicher
Gesell, der aus der Art schlug; von der Schule nach Hause gekehrt, hatte
der einige wilde Studenten mitgebracht, worunter ein paar geistliche
Schler und dabei auch ein junger Mnch, sowie Hans Schafrli, der
Ratsschreiber von Ruechenstein, eine buckelige, gebogene Gestalt mit
einem langen Degen, der letzte im Zuge, da sie wegen der Schmalheit des
Weges einer hinter dem andern daherkamen.

Als sie jedoch der sangbaren Frauen ansichtig wurden, stellten sie die
eigene Musik ein und schienen das Ende des Liedes abwarten zu wollen,
welches jene sangen. Indessen verstummten die Frauen ebenfalls; sie
waren berrascht und lchelten zugleich erwartungsvoll den Dingen
entgegen, die jetzt geschehen wrden. Violande zeigte sich nicht
betroffen, sondern trat auf den Schultheiensohn zu, welcher sie hflich
begrte und erklrte, wie er mit seinen Freunden einen kurzweiligen
Besuch in der frhlichen Nachbarstadt habe machen wollen, um den
Johannistag nicht allzu trostlos zu verleben, wie nun aber hier noch ein
schnerer Aufenthalt winke, sofern es gestattet sei, den Jungfrauen
einen ehrbaren Tanz anzubieten.

In weniger als drei Minuten war die Angelegenheit geordnet, und sie
tanzten alle auf dem groen Flur des Forsthauses, Kngolt mit dem
Schultheiensohn, Violande mit dem Mnch und die brigen mit den
Schlern; aber am gewandtsten und leidenschaftlichsten tummelte sich der
Ratsschreiber herum, der trotz seines Buckels mit seinen Beinen weiter
ausgriff als alle andern, da sie gleich unter dem Kinn schon sich zu
spalten schienen.

Kngolt war nicht froh und wute nicht, was ihr fehlte. Als daher
Violande ihr zuflsterte, sie sollte es auf das Schultheienkind
absehen, damit sie Schultheiin von Ruechenstein wrde, blieb sie kalt
und teilnahmlos, bis sie pltzlich den Buckligen mit seinem gewaltigen
Tanzen sah und hoch auflachte. Sie begehrte sofort mit ihm zu tanzen,
und es sah aus wie ein Mrchen, als ihre schne Gestalt in grnem Kleide
und das Haupt mit dunkelroten Rosen geschmckt am Arme des spukhaften
Schreibers dahinflog, der seinen Hcker in Scharlach gehllt trug.

Doch unversehens nderte sie ihre Laune und sie geriet an den Mnch, von
diesem an einen der Studenten, und eh' eine halbe Stunde vergangen,
hatte sie mit allen anwesenden jungen Mnnern sich gedreht, so da alle
seltsam aufgeregt die Blicke an ihr haften lieen, indessen die brigen
Frauen allmhlich auch wieder zu den Ihrigen zu kommen suchten. Damit
das geschehe, rief Violande die Gesellschaft zum Tische unter den
Linden, um sich dort auszuruhen und zu erquicken, indem je ein Jngling
neben eine Jungfer zu sitzen kam und Kngolt zu dem Schultheiensohn.

Kngolt aber war von einer Sehnsucht geqult, alle diese Jnglinge sich
unterworfen zu sehen. Sie rief, sie wolle die Schenkin sein, und eilte
ins Haus, noch mehr Wein zu holen. Dort schlich sie schnell in Violandes
Kammer und suchte etwas in deren Kleidertruhe. Violande hatte ihr einst
im geheimen ein kleines Flschchen gezeigt und anvertraut, das sei ein
Philtrum oder Liebestrank, Gang mir nach genannt; wer es von der Hand
einer Weibsperson zu trinken bekomme, der sei derselbigen ohne Gnade
verfallen und msse ihr nachgehen. Es sei in dem Flschlein zwar nicht
das starke und gefhrlichere Gift Hippomanes, aus dem Stirngewchs eines
erstgebornen Fllens gebraut, sondern das Trnklein sei aus den
Gebeinlein eines grnen Frosches gemacht, welcher in einen Ameisenhaufen
gelegt und von diesen zernagt und zierlich prpariert worden sei. Aber
es sei immerhin noch stark genug, um einem halben Dutzend unbotmiger
Mnner die Kpfe zu verdrehen. Sie habe das Flschlein von einer Nonne
geschenkt bekommen, deren Geliebter vor der Anwendung pltzlich an der
Pest gestorben, so da sie entsagend ins Kloster gegangen sei. Violande
selbst getraue sich weder dasselbe zu gebrauchen, noch es wegzuwerfen,
weil hieraus ein unbekanntes Unheil entstehen knnte.

Dieses Flschchen fand Kngolt und go seinen Inhalt schnell und
verstohlen in eine frische Kanne Wein, mit welcher sie klopfenden
Herzens hinauseilte. Sie hie die Jnglinge alle ihre Glser leeren,
weil sie ihnen einen neuen sen Trunk einschenken wolle, und sie wute
es so einzurichten, da in dem Kruge nichts brig blieb, nachdem sie
alle Glser der Mnner gefllt und jedem nachtrglich etwas zugegossen
hatte, whrend sie ihn wie ein Wetterleuchten s und schalkhaft
anblickte.

In diesen gleichmig und unparteiisch verteilten Blicken lag das
Zaubergift, welches nebst dem starken Wein jetzt die Knaben betrte, da
alle voll Verblendung und Leidenschaft das glnzende Mdchen umwarben
mit jener Selbstsucht, welche sich allaugenblicklich stets dahin wendet,
wo sie ein von anderen gewnschtes oder allgemein erstrebtes Gut locken
sieht. Alle lieen die brigen Frauen stehen, welche bla aus rger vor
sich niedersahen oder ihre Verlegenheit unter lautem Geplauder zu
verbergen suchten. Selbst der Mnch lie pltzlich ein braunes
Dienstmgdlein fahren, das er soeben kosend umfangen hatte, und
Schafrli, der Ratsschreiber, drngte sich mit einem langen Schritte vor
den Schultheiensohn, der die Kngolt sponsierend an der Hand hielt.

Diese aber lie keinen auskommen; kalt wie Eis gegen jeden einzelnen in
ihrem Herzen, wute sie wie eine Schlange sich unter ihnen umzutun, und
als sie sah, da sie alle umstrickt hielt, selbst die anderen Frauen
wieder freundlich zu machen und herbeizulocken.

Es war nun dunkel geworden. Die Sterne funkelten am Himmel und die
Mondsichel stand ber dem Walde, erbleichte jedoch bald hinter einem
hellen Johannisfeuer, das von einer Anhhe aufflammte, vom jungen
Landvolke angezndet.

Lat uns zum Feuer gehen! rief Kngolt, der Weg ist kurz und lieblich
durch den Wald! Aber wie es sich geziemt, die Frauen voran und die
Knaben hinten drein! So geschah es und sie zogen mit angezndeten
Kienfackeln durch den Wald mit lautem Gesange.

Nur Violande blieb zurck, das Haus zu hten und den Forstmeister zu
erwarten; denn auch sie gedachte heute ihren Fang zu tun. Es dauerte
auch nicht lange, bis er ankam, in starker Stimmung und mit umflorten
Sinnen. Als er die Tische unter den Linden sah, setzte er sich hin und
verlangte wohlgelaunt einen Schlaftrunk von Violanden, die ihm denselben
davoneilend zu bereiten ging.

Aber auch sie schlpfte vorher schnell in ihre Kammer hinauf, das lang
gehtete Flschlein mit dem Gang mir nach zu holen, und sie fand es
nicht. Sie konnte es auch auf dem Wege nicht finden, den sie verlegen
und sinnend zurckkam; denn dort wo es Kngolt hastig und achtlos
hingeworfen, hatte es bereits das vom Mnche zur Seite gestellte
Mgdlein aufgehoben, das sich grollend ins Haus zurckgezogen.

Doch Violande besann sich nicht lange. Sie machte den Trank umso ser
und strker und gesellte sich, als er ihn trank, nahe zum Forstmeister.
Es strmte ein zrtlich-trautes Wesen von ihr aus; auch trug sie ein
blagelbes Kleid, das berall rot eingefat war und ihr untadelig weies
Fell, wie man damals sagte, am Halse wohl sehen lie. Die Blumen hatte
sie aus dem Haar getan, um nicht kindisch zu erscheinen, und sie wand
ihre starken dunkeln Zpfe frisch um den Kopf.

Ei Base, sagte der Forstmeister, als er sie ber den Becher weg von
ungefhr erblickt hatte, ganz nah bei ihm, wie seht Ihr gut aus!

Da lchelte sie wie selig und sah ihn mit s funkelnden Augen
unverhohlen an, indem sie sagte: Gefall' ich Euch endlich und so spt?
Wenn Ihr wtet, wie gern ich Euch schon gesehen habe, als ich noch ein
Kind war!

Das ging dem guten Mann ein, strker als ein Liebestrank von
Froschbeinchen; wunderliche Vorstellungen, eine dunkle Erinnerung an ein
schnes Mdchenkind zogen durch seine Sinne, whrend das Kind jetzt als
lange schn bleibende Weibesgestalt in Lebensreife bei ihm war, wie aus
weiter Ferne unversehens herangetreten. Sein gromtiges Herz stieg in
das aufgeregte Hirn empor und schaffte dort in aller Eile an allerlei
Bildwerk herum. Violande erschien ihm pltzlich als eine durch Leiden
und viele Erfahrung hchst wertvoll gewordene Person, mit der man ein
bedeutendes und geheimnisreiches Stck Leben in die Arme schlsse und
welcher Heimat und Ruhe zu geben dem Schenker selbst ein goldenes Gut
verleihen wrde.

Er nahm ihre Hand, streichelte ihr die Wangen und sagte: Wir sind nicht
alt, Violande, liebe Base! Wollt Ihr noch meine Frau werden? Und da sie
ihm die Hand lie und sich nher zu ihm neigte, von wirklicher
Glckesgte erglnzend, machte er den Brautring seiner ersten Frau, den
er seit ihrem Tode an einer Verzierung seines Dolchgriffes trug, los und
steckte das Kleinod an Violandes Finger. Sie drckte ihr Gesicht in sein
breites blondgraues Lwenantlitz, sie umfingen und kten sich zrtlich
unter den rauschenden Nachtlinden, und der kluge Mann glaubte den Stein
der Weisen gefunden zu haben.

In diesem Augenblicke kam Dietegen mit seinen Waffen nach Hause. Da er
quer ber den Rasen daherging, hrten ihn die Kosenden nicht und er
schaute in hchster Betroffenheit, was er da vor sich sah. Beschmt und
errtend zog er sich so still als mglich zurck und umging das Haus, um
die hintere Tr zu gewinnen. Dort aber hrte er mit einemmal vom Walde
her ein lautes Schreien und Rufen, wie wenn Menschen in Streit oder
Gefahr wren. Ohne Zgern ging Dietegen dem Lrmen nach. Bald fand er
die so frhlich ausgezogene Gesellschaft in schrecklichem Zustande. Von
Wein und allgemeiner Eifersucht toll geworden, waren die jungen Mnner
auf dem Rckwege vom Johannisfeuer, als sie mit den Weibern vermischt
gingen, hintereinander geraten und hatten sich mit ihren Dolchen
angegriffen, so da mehr als einer blutete. Gerade aber, als Dietegen
ankam, hatte der krumme Ratsschreiber wtend den jungen Schultheien mit
seinem Degen niedergestochen, der, gleichfalls das Schwert in der Hand,
im grnen Kraute lag und eben den Geist aufgab, whrend die brigen sich
schn paarweise noch an den Gurgeln gepackt hielten und die Weiber
entsetzt um Hilfe schrieen, mit Ausnahme Kngolts, die totenbla aber
neugierig und mit offenem Munde in das schreckhafte Schauspiel starrte.

Kngolt, was ist das? sagte Dietegen zu ihr, als er sie rasch
erblickt; es war das erste Wort, das er seit langem an sie gerichtet.
Sie zuckte zusammen, sah ihn aber wie erleichtert an. Doch sprang er
jetzt ohne Aufenthalt unter die Streitenden und es gelang ihm mit
einigen krftigen Anstrengungen, die tollen Jnglinge auseinander zu
bringen und ihnen den Toten zu zeigen, worauf sie stracks die Arme
sinken lieen und ganz vernichtet bald auf die Leiche, bald auf den
grimmigen Schafrli schauten, der wie wahnsinnig um sich stierte.

Inzwischen waren Bauern und auch die heimkehrenden Knechte
herbeigekommen, welche die Ruechensteiner einstweilen gefangen nahmen
und den Schafrli banden.

Das war nun ein schlimmer Morgen, der darauf folgte. Der Forstmeister
war mit der bsen Violande verlobt, sein Kopf summte sehr unleidig, ein
toter Ruechensteiner lag im Hause, die andern waren eingetrmt, und eh'
es Mittag war, erschien eine Abordnung aus Ruechenstein mit dem alten
Schultheien selbst, um nach dem Unglcke und dessen Entstehung zu
fragen und alle Rechenschaft zu fordern.

Aber schon hatte im Turm der gefangene Ratsschreiber, der wute, da es
ihm als Mrder des Schultheiensohnes an den Kragen ging, grimmige Klage
gegen die Weiber von Seldwyla und hauptschlich gegen Kngolt erhoben,
die er der Zauberei und Behexung beschuldigte.

Jenes grollende Mgdlein hatte dem Mnch, dem es nun verzieh, das
Flschlein mit einigen Worten zuzustecken gewut und dieser es dem
Schafrli gegeben.

Zum Schrecken der Seldwyler drehte sich der Handel noch am gleichen Tage
gegen das Kind des Forstmeisters und gegen dessen Haus; denn jedermann,
in Seldwyla sowohl als in Ruechenstein, glaubte an die Wirkung der
Zaubertrnke, und die anwesenden Ruechensteiner traten so drohend auf,
da das Ansehen und die Beliebtheit des Forstmeisters die
Gefangensetzung der Kngolt nicht abwenden konnten, zumal er sich in
seinen Gedanken wie gelhmt fhlte.

Sie gestand die Tatsache alsobald ein, halb bewutlos vor Schrecken, und
der Schafrli mit seinen Gesellen wurde freigelassen. Die Ruechensteiner
verlangten nun, die Zauberhexe, welche ihre Angehrigen geschdigt und
den Tod eines ihrer Brger verursacht habe, solle ihnen zur Bestrafung
ausgeliefert werden. Dies wurde nicht gewhrt und jene zogen grollend
mit der Leiche des Schultheiensohnes von dannen. Als sie aber nachher
vernahmen, da die Seldwyler das Mdchen nur zu einer einjhrigen milden
Gefngnisstrafe verurteilt htten, erwachte die alte Feindschaft wieder,
welche eine Reihe von Jahren geschlafen, und es wurde fr jeden
Seldwyler gefhrlich, ihren Bann zu betreten.

Die Stadt Seldwyla hielt nun fr Vergehen, die sie nach ihrer
Lebensanschauung zu den leichteren zhlte und nach Umstnden mit
Nachsicht behandeln wollte, kein Gefngnis, sondern verdingte die
Verurteilten, besonders wenn es sich um Frauen und jugendliche Personen
handelte, an irgend eine Haushaltung zur Haft und Pflege. So sollte denn
die arme Kngolt auf die Ratstube gebracht und dort zu einer
ffentlichen Steigerung ausgestellt werden.

Der Forstmeister, dessen Frhlichkeit dahin war, sagte seufzend zu
Dietegen, es sei ein saurer Gang fr ihn, aufs Rathaus zu gehen und bei
dem Kind zu wachen; denn es msse jemand von den Seinigen bei ihm sein
whrend dieser bittern Stunde. Da erwiderte Dietegen: Ich will es schon
tun, wenn ich Euch gut genug dazu bin! Der Forstmeister gab ihm die
Hand. Tu's, sagte er, du sollst Dank dafr haben!

Dietegen ging hin, wo die Abgeordneten des Rats saen und einige
Steigerungslustige, sowie ein Huflein Neugieriger sich sammelten. Er
hatte sein Schwert umgetan und sah mannhaft und dster blickend aus.

Als nun Kngolt hereingefhrt wurde, bla und bekmmert, und sie vor dem
Tische stehen sollte, zog Dietegen rasch einen Stuhl herbei und lie sie
darauf sitzen, indem er sich hinter den Stuhl stellte und die Hand auf
dessen Lehne sttzte. Sie hatte ihn berrascht angeblickt und sah noch
mit einem schmerzlichen Lcheln nach ihm zurck; allein er schaute
scheinbar ruhig und streng ber sie hinweg.

Der erste, welcher ein Angebot auf ihre Gefangenhaltung tat, war der
Stadtpfeifer, ein vertrunkener Mann, der von seiner Frau hergeschickt
war, um mit dem Erwerbe die zerrtteten Umstnde etwas zu verbessern,
insonderlich weil zu hoffen war, da der Gefangenen aus ihrem
elterlichen Hause offen oder heimlich allerhand Gutes zuflieen wrde,
dessen man sich bemchtigen oder wenigstens teilhaftig machen knnte.

Willst du zum Stadtpfeifer? fragte Dietegen die Kngolt kurz, und sie
sagte nein! nachdem sie den beduselten und rotnasigen Musikus
angesehen. Der rief lachend: Ist mir auch recht! und schwankte ab.

Hierauf bot ein alter Seckler und Pelzkappenmacher auf Kngolt, welcher
sie tapfer zum Nhen anzuhalten gedachte, um einen schnen Nutzen aus
ihr zu ziehen. Er hatte aber einen offenen Schaden am Bein, welchen er
den ganzen Tag salbte und pflasterte, und auf dem Kopf ein Gewchs wie
ein Hhnerei, welches Kngolt als Kind schon gefrchtet hatte, wenn sie
in die Schule und an seiner Werkstatt vorbeigegangen. Als daher Dietegen
fragte, ob sie zu diesem wolle, sagte sie wiederum nein, und er zog
keifend davon.

Nunmehr trat ein Geldwechsler hervor, der einerseits wegen seines
wucherischen und hlichen Geizes und anderseits wegen seiner
widerwrtigen Lsternheit verrufen war. Kaum hatte der aber seine roten
Augen auf Kngolt gerichtet und den schiefen Mund zum Angebote geffnet,
so winkte ihm Dietegen, ihn drohend anblickend, mit der Hand hinweg,
ohne das erschrockene Mdchen zu befragen.

Jetzt kamen nur noch einige ordentliche Leute, gegen welche nicht wohl
etwas einzuwenden war, und diese wurden nun zur eigentlichen
Versteigerung oder Gant zugelassen. Am mindesten forderte fr ihre
Aufnahme und Ernhrung der Totengrber an der Stadtkirche, ein stiller,
ehrbarer Mann, welcher eine brave Frau und auch, nach seiner Meinung,
ein geeignetes Lokal besa und schon einige Strflinge dieser Art
beherbergt hatte.

Diesem wurde Kngolt von der Ratsabordnung zugeschlagen und sofort in
sein Haus gefhrt, das zwischen dem Kirchhof und einer Seitengasse
gelegen war. Dietegen ging mit, um zu sehen, wo sie untergebracht wrde.
Das war in einer offenen kleinen Vorhalle des Hauses, welche unmittelbar
an den Totengarten grenzte und von demselben durch ein eisernes Gitter
abgeschlossen war. Dort pflegte nmlich der Totengrber in der wrmeren
Jahreszeit seine Gefangenen einzusperren, whrend er sie ber den Winter
einfach in die Stube nahm und mit einer leichten eisernen Kette an einen
Fu des Ofens band.

Als aber Kngolt in ihrem Gefngnis war und sich nur durch ein
Eisengitter von den Grbern der Toten getrennt sah, berdies in nchster
Nachbarschaft das alte Beinhaus bemerkte, das mit Schdeln und andern
Gebeinen angefllt war, fing sie an zu zittern und bat flehentlich, man
mchte sie nicht da lassen, wenn es Nacht werde. Die Frau des
Totengrbers dagegen, welche eben einen Strohsack und eine Decke
herbeischleppte, auch eine Art Vorhang an dem Gitter anbrachte, sagte,
das knne nicht sein und der ernste Aufenthalt gereiche ihr nur zur
wohlttigen Bue fr ihren sndigen Sinn.

Da sagte Dietegen: Sei ruhig, ich frchte mich nicht vor den Toten und
Gespenstern und will des Nachts so lange hieher kommen und vor dem
Gitter wachen, bis du dich auch daran gewhnt hast!

Das sagte er aber so zu ihr, da die Frau es nicht hren konnte, und
begab sich hierauf nach Hause. Dort fand er den traurigen Forstmeister,
wie er sich eben mit Violanden verstndigt hatte, da sie ihre Hochzeit
erst halten wollten, wenn Kngolts Strafzeit vorber und die schlimme
Sache einigermaen ausgeglichen wre. Violande hielt sich dabei
muschenstill, zufrieden, da sie als die eigentliche Urheberin der
unglcklichen Hexerei und ihrer Folgen so gut davongekommen war. Bei dem
strengen Verhr, dem sie auch unterworfen gewesen, hat man ihrer
Aussage, da sie jenen Liebestrank nur verwahrt, damit er nicht in
unrechte Hnde gerate, zur Not geglaubt und sie entlassen.

Als nun die Dmmerung vorber und die Mitternacht im Anzuge war, machte
sich Dietegen ungesehen auf, nahm sein Schwert und ein kleines
Flschchen mit gutem Wein und stieg wieder in die Stadt hinunter, wo er
unverweilt sich ber die Kirchhofmauer schwang und furchtlos ber die
Grber hin vor Kngolts unheimliche Wohnsttte ging. Sie sa lautlos auf
ihrem Strohsack zusammengekauert hinter dem Vorhang und lauschte
zitternd jedem Gerusche; denn sie hatte, ehe die Geisterstunde
gekommen, schon einige Schrecknisse erlebt. Im Beinhause war eine Katze
ber die Knochen weggestrichen, so da dieselben sachte etwas geklappert
hatten. Dann wurden vom Nachtwind die Strucher ber den Grbern
bewegt, da sie leise rauschten, und der Hahn auf dem Dachreiter der
Kirche gedreht, welches einen seltsamen Ton gab, den man im
Tagesgerusch nie vernahm.

Als daher Kngolt die nahenden Schritte hrte, erschrak sie von neuem
und fuhr zusammen; als er aber durch das Gitter griff und den Vorhang
zurckschob, da der Vollmond den Raum erhellte, und sie leise anrief,
da stand sie eilig auf, lief ihm entgegen und streckte beide Hnde durch
das Gitter.

Dietegen! rief sie und brach in Trnen aus, die ersten, die sie seit
dem Unglckstag vergieen konnte; denn sie hatte bis jetzt wie in einer
starren Betubung gelebt.

Dietegen gab ihr aber die Hand nicht, sondern das Weinflschchen und
sagte: Nimm einen Schluck Wein, es wird dir gut tun. Sie trank und
nahm auch von dem guten Brot ihres Vaterhauses, das er ihr gebracht. So
wurde es ihr besser zu Mut, und als sie sah, da er nicht weiter mit ihr
sprechen wollte, zog sie sich schweigend auf ihr Lager zurck und weinte
leise, bis sie in einen ruhigen Schlaf versank.

Dietegen aber hielt sie nach seinen jugendlich sprden Begriffen und in
seiner Unerfahrenheit fr ein bs gewordenes Wesen, das nicht recht tun
knne, und er wachte bei ihr, indem er sich auf einen an der Wand
lehnenden alten Grabstein setzte, ihrer toten Mutter zuliebe und weil er
ihr selbst sein Leben verdankte.

Kngolt schlief, bis die Sonne aufging, und als sie erwachte, sah sie,
da Dietegen still weggegangen war.

Dergestalt kam er eine Nacht um die andere, bei ihr zu wachen; denn er
hielt nach seinem Glauben den Ort fr in der Tat gefhrlich fr jemand,
der kein gutes Gewissen habe und voll Furcht sei. Jedesmal brachte er
ihr etwas zur Labung mit und frug sie etwa, was sie sich wnschte, und
er brachte ihr alles, was ihm recht schien. Er kam auch, wenn es regnete
und strmte und versumte keine Nacht, und wenn es nach damaligem
Volksglauben in Ansehung der Toten und ihres Treibens besonders
verrufene Nchte waren, so erschien er umso pnktlicher.

Kngolt ihrerseits richtete sich unvermerkt so ein, da sie whrend des
Tages ihren Vorhang zog, um sich vor den Neugierigen zu verbergen, wie
sie sagte, wenn Leute auf den Kirchhof kmen, in der Tat aber, um zu
schlafen; denn sie liebte es, whrend der Nacht munter zu sein, kein
Auge von der dunkeln Gestalt ihres Wchters zu verwenden, und ber ihn
und sich und wie alles gekommen sei, nachzudenken, whrend er sie
schlafend whnte.

Sie fhlte sich von einem neuen, ungeahnten Glcke umflossen, sobald er
kam und sie ihren Gedanken in seiner Gegenwart still und stumm
nachhngen konnte. Sein hartes Urteil ahnte sie nicht und hoffte ihr
Anrecht an ihn wieder erringen zu knnen, da er sich so treu erwies.
Nicht so dachte ihr Vater, der sie jede Woche einmal besuchte; wenn sie
dann fast jedesmal schchtern auf irgend eine Weise Dietegens Namen
nannte und er wohl merkte, da sie sich ihm wieder zugewendet, seufzte
er innerlich, weil er wohl wnschte, da das halb verlorene Kind durch
den braven Pflegesohn gerettet werden mchte, aber frchtete, der werde
schwerlich eine angehende und schon eingesperrt gewesene Hexe erwerben
wollen.

Mittlerweile hatte sich auch noch anderer Besuch bei Kngolt
eingestellt. Der Ratsschreiber von Ruechenstein, der gewaltttige
Krummbuckel Schafrli, konnte das schne Wesen nicht vergessen und
fhlte sein stark durch die Krmmungen des Krpers strmendes Blut von
ihrem Bilde bewohnt und befahren, nach seinem Glauben wie von einer
Hexe, welche nchtlich einsam auf einem Strome in dunklem Kahne
dahinschiee.

Er gedachte daher, da er ein verwegener Kerl war, statt bei den
Kapuzinern, bei der Urheberin selbst seine Heilung und Befreiung zu
versuchen und wanderte in dunkler Nacht ber den Berg und bis auf den
Kirchhof, wo sie gefangen sa. Da es noch nicht die Zeit war, um welche
Dietegen zu erscheinen pflegte und auch seine Schritte fremd klangen, so
erschrak Kngolt und duckte sich hinter ihren Vorhang. Schafrli aber
zndete ein kleines Licht an, das er mitgenommen, ri das Tuch zurck
und leuchtete in den vergitterten Raum hinein, bis er sie entdeckte.

Komm heran, Hexenmdchen! flsterte er heftig und halblaut, und gib
mir beide Hnde und deinen Mund, denn du mut mir heilen, was du
verdorben hast!

Sie erkannte ihn an seiner Gestalt, und die Erinnerung an all das
geschehene Unheil, sowie die Gegenwart des Mannes erfllten sie mit
solcher Angst, da sie, ohne einen Laut zu geben, zitterte wie
Espenlaub.

Da begann der Ratschreiber an dem Gitter zu rtteln, und weil es
keineswegs besonders fest war, vielmehr nur fr schwchere Gefangene zu
dienen hatte, schickte er sich an, es mit Gewalt aus den Angeln zu
heben. In demselben Augenblicke kam aber Dietegen, sah den Vorgang und
packte den Schafrli an der Schulter. Der schrie wild auf und wollte
seinen Dolch ziehen. Doch Dietegen hielt ihm die Hnde fest und rang mit
ihm, bis er ihn bezwungen hatte. Er besann sich, ob er ihn gefangen
nehmen und anzeigen, oder ob er ihn blo verjagen solle, und weil er den
Zusammenhang des Vorfalls noch nicht kannte, und nicht eine neue
Verwicklung fr Kngolt herbeifhren wollte, lie er den krummen Mann
laufen, indem er ihm bei Sicherheit seines Lebens verbot, je wieder an
den Ort zu kommen. Zugleich aber ging er in das Haus hinein und
veranlate den Totengrber, die Gefangene nunmehr in die Stube zu
nehmen, da ja ohnehin der Herbst vor der Tr sei und die Nchte zu khl
wrden fr den bisherigen Aufenthalt.

Kngolt wurde also noch in dieser Nacht mit der herkmmlichen leichten
Kette am Fue an den Ofen gefesselt. Es war das ein schlankes Gebude
von grnen Kacheln, welche in erhabener Arbeit die Geschichte der
Erschaffung des Menschen und des Sndenfalls darstellten; an den vier
Ecken des Ofens standen die vier groen Propheten auf vorstehenden
gewundenen Sulchen, und das Ganze bildete ein nicht unzierlich
gegliedertes Monument, an welches hingeschmiegt nun Kngolt auf der
Ofenbank sa.

Sie freute sich der geschtzteren Lage und der Rettung, welche sie dem
Dietegen dankte, und schrieb alles seiner treuen Gesinnung fr sie zu,
obgleich er in dieser Nacht kein Wort mit ihr gesprochen und sich nach
getaner Sache ohne weiteres hinwegbegeben hatte.

Als nun aber die gute Kngolt dergestalt installiert war, fand sich ein
neuer Liebhaber ihrer Schnheit ein in der Person eines Kaplans, welcher
allerhand kleine Priestergeschfte an der Kirche besorgte und auch den
geistlichen Beistand bei den Siechen und Gefangenen auszuben hatte.
Dieses Pffflein kam nun, da Kngolt in der warmen Stube sa, fleiig zu
ihr, um ihr Zusprache zu halten, ihr die Neigung zur Zauberei und
Spendierung von Liebestrnken auszutreiben und sich dabei ihres schnen
Anblickes und lieblichen Wesens zu erfreuen. Denn seit der Zeit ihres
Leidens war eine neue Art von Schnheit ber sie gekommen; sie war ein
reifes, schlankes, obgleich blasses Frauenbild geworden, dessen Augen in
sanftem und lieblichem Feuer strahlten, von einem Trauerschatten
umgeben. Sie wurde, vom Anbinden abgesehen, wie ein Glied des Hauses
gehalten, in dem auch einige Kinder sich befanden, und wenn der Kaplan
kam, so wurde er mit einem Glase Wein oder Bier bewirtet, fr welches
der Forstmeister etwa sorgte. Wenn nun der Geistliche sein Sprchlein
getan hatte, seine Erfrischung zu sich nahm und ersichtlich nur noch
blieb, um die getrstete Snderin ein bichen anzugucken und etwa
bescheidentlich ihre Hand zu streicheln, so berlie sich Kngolt einer
aufwachenden, kleinen anmutigen Heiterkeit, indem sie bedachte, welch
einen prchtigen Liebhaber sie, nach ihrer Meinung, diesem Pffflein
gegenber in Dietegen besa.

So kam es, da das Mdchen in seiner bescheidenen Frhlichkeit, nachdem
sie den Tag ber von der besseren Zukunft getrumt hatte, des Abends der
Liebling der Totengrbersleute war und sie den Tisch zu ihr an den Ofen
rckten. Auch in der Neujahrsnacht, die nun gekommen, ging es so, und
der Priester gesellte sich hinzu, so da der Totengrber, seine Frau und
Kinder und der Kaplan bei der angebundenen Kngolt um den Tisch
herumsaen, mit Nssen spielten und Kngolt eben laut ber etwas lachte,
was der Pfaffe gesagt hatte, whrend er ihre Hand hielt, als Dietegen
hereintrat, um seinem Schtzling und Kind seines Herrn einige gute
Sachen von Hause zu bringen. Ein unbewuter Zug des Herzens, das
eingeschlafene Heimweh nach ihr hatte ihn doch den Vorsatz fassen
lassen, etwa eine Stunde dort zu verweilen, damit Kngolt, welche die
erste Neujahrsnacht ihres jungen Lebens auer dem Hause zubrachte,
jemand von den Ihrigen bei sich htte.

Als er aber den frhlichen Auftritt und den Priester sah, der die Hand
der lachenden Kngolt streichelte, ergriff ihn eine eisige Klte, da
ihm das Blut beinahe erstarrte, und er ging, nachdem er dem Mdchen die
Sachen mit zwei Worten als Sendung des Vaters bergeben, ohne weiteren
Aufenthalt wieder fort, whrend zwischen seinen Zhnen sich die Worte
lsten: hin ist hin! Jetzt ahnte Kngolt pltzlich den Inhalt dieses
Augenblickes und auch ihr trat alles Blut zum Herzen zurck. Sie sank
erbleichend an den Ofen hin und die Leutchen gingen betreten
auseinander: das Licht in der Totengrberwohnung erlosch, noch eh' die
erste Stunde des neuen Jahres angebrochen war.

Kngolt blieb nun fast wie vergessen von den Ihrigen, zumal in diesen
Tagen die Eidgenossenschaft immer lauter von Kriegslrm ertnte und jene
Ereignisse sich folgten, welche man den Burgunderkrieg nennt. Als das
Frhjahr da war, und der Tag von Grandson nahte, zogen auch die Stdte
Seldwyla und Ruechenstein, wie andere ihrer Nachbarorte, mit ihren
Fhnlein in das Feld, und es war fr den Forstmeister sowie fr Dietegen
eine Erlsung, aus dem gestrten Hause hinauszutreten und die frische
rauhe Kriegesluft zu atmen.

Festen Schrittes gingen sie mit ihrem Banner, obwohl schweigsamer als
die anderen, und stieen mit den brigen herbeieilenden Scharen zu dem
Gewalthaufen der Eidgenossen, welcher den schon im Streite Stehenden zu
Hilfe kam.

Wie ein eiserner Garten stand das lange Viereck geordnet und in seiner
Mitte wehten die Fahnen der Lnder und Stdte. Mann an Mann standen die
Tausende, jeder in Zuverlssigkeit und Furchtlosigkeit wieder eine Welt
fr sich, und alle zusammen doch nur ein Huflein Menschenkinder.

Da harrte der Leichtsinnige und der Verschwender neben dem Geizigen und
dem Sorgenfreund seiner Stunde; der Zankschtige und der Friedliebende
hielten mit gleicher Geduld ihre Kraft bereit; wer schweren Herzens war,
hielt sich so still, wie der Prahler und der Redselige; der Arme und
Verlassene stand ruhig und stolz neben dem Reichen und Gebietenden.
Ganze Gassen sonst im Streite liegender Nachbarn standen gedrngt; aber
Neid und Migunst hielten den Spie oder die Hellebarde so fest, wie die
Gromut und Leutseligkeit, und der Ungerechte richtete wie der Gerechte
sein Auge auf die nchste Pflicht. Wer mit seinem Leben abgeschlossen
und einen Rest seiner Kraft unbeweint zu opfern hatte, galt nicht mehr
oder weniger als der aufblhende Knabe, auf dessen Auge die Hoffnung der
Mutter und einer ganzen Zukunft stand. Der dster Gesinnte ertrug ohne
Murren die halblauten Einflle des Possenmachers und dieser wiederum
ohne Gelchter die kleinen heimlichen Vorkehrungen des Spiebrgers, der
neben ihm stand.

Neben dem Banner von Seldwyla ragte dasjenige von Ruechenstein, so da
die Reihen der grollenden Nachbarstdte sich dicht berhrten und der
Forstmeister, der einen Teil seiner Mitbrger fhrte und ihren Eckstein
bildete, der Nachbar des Ratschreibers von Ruechenstein war, welcher am
Ende einer Rotte der Seinigen stand; allein keiner von ihnen schien
dessen zu gedenken, was vorgefallen. Dietegen ging mit den Schtzen und
verlorenen Knaben auerhalb des Gewalthaufens und lebte schon mitten im
furchtbaren Getmmel, als dieser sich jetzt pltzlich in Bewegung setzte
und in die Schlacht ging, um einen der ersten Kriegsfrsten mit seinem
in Glanz und ppigkeit strahlenden Heerzuge wie einen Fabelknig in die
Flucht zu schlagen.

Im Drange des harten Streites war der Forstmeister mit einigen seiner
Knechte durch burgundische Reiterei von seinem Banner getrennt worden
und schlug sich durch die Reiter hindurch, aber nur, um einsam unter
feindliches Fuvolk zu geraten; in diesem arbeitete er sich getreulich
ein Kmmerlein aus, wie ein fleiiger Bergmann; aber eben, als er sich
auch ein Pfrtlein in dasselbe gebrochen hatte, kam durch diese ffnung
eine versptete verirrte Stckkugel Karls des Khnen und zerschlug ihm
die breite Brust, also da er in einem kurzen Augenblick im Frieden der
ewigen Ruhe dalag und nichts ihn mehr beschwerte.

Als Dietegen frisch und gesund aus dem Kampfe und von der Verfolgung der
fliehenden Burgunder zurckkam und nach kurzer Nachfrage den gefallenen
Freund und Vater fand, begrub er ihn samt seinem Schwerte selbst
zwischen die Wurzelarme einer mchtigen Eiche, welche unweit des
Schlachtfeldes am Rande eines Haines stand.

Dann zog er mit dem Heere nach Hause und wurde von der Stadt wegen
seiner Tapferkeit und Tchtigkeit fr einstweilen in das Forsthaus
gesetzt, um dort die Aufsicht zu fhren. Mit dem Tode des Forstmeisters
war dessen Hausstand aufgelst. Sein Gut war in den letzten Jahren wegen
Unachtsamkeit geschwunden, und Kngolt hatte nichts mehr auf dieser
Welt, als sich selbst und die Vorsorge Dietegens, soweit er etwa sorgen
konnte, da er selbst ein armes Blut war.

Sie sa unbewegt an ihrem Ofen, die Wangen an die rauhen Bildwerke
desselben gelehnt, welche den Verlust des Paradieses darstellten in vier
oder fnf Bildern, die sich um den ganzen Ofen herum immer
wiederholten; die Erschaffung Adams, diejenige der Eva, der Baum der
Erkenntnis und die Verstoung aus dem Garten. Wenn das Gesicht sie von
dem Drucke schmerzte, so lste sie es ab und kehrte es gegen die harten
Darstellungen, dieselben immer wieder von neuem betrachtend, indessen
ihr Trnen entfielen, wenn sich hiezu etwa wieder so viel Kraft
gesammelt hatte. Ja, wenn sie zuweilen zu demjenigen Bildwerke kam,
welches die Verstoung aus dem Garten vorstellte, so empfand sie sogar
einen Lachreiz. Denn durch die Unaufmerksamkeit des Tpfers oder
Bildners hatte auf dieser Platte Adam statt eines vertieften Nabels ein
erhabenes rundes Knpfchen auf dem Bauche, welches regelmig auf jeder
Verstoung wiederkehrte.

Wenn dann aber Kngolt lachen sollte ber diese harmlose Erscheinung, so
schnrte ihr dagegen das Elend das Herz und die Kehle zusammen, so da
ein erbrmliches Ringen und ein krperlicher Schmerz daraus entstand fr
einen Augenblick, bis ihr die Augen bergingen und sie das Gesicht
verzog, wie jemand, der niesen sollte und nicht kann. Sie vermied daher
zuletzt, dieses Bild anzuschauen.

Indessen war auch die Schlacht von Murten geschlagen worden und um die
gleiche Zeit die Strafdauer Kngolts zu Ende. Dietegen hatte angeordnet,
da sie in das Forsthaus kommen solle, um dort mit Violanden vorderhand
zu hausen, welche jetzt bescheiden, traurig und ziemlich ordentlich
geworden war; denn sie hatte in der spten Verlobung mit dem
Forstmeister und seinem Tode doch noch etwas Rechtes erlebt und einigen
Halt daran genommen. Dietegen selbst aber kam nicht nach Hause, sondern
tummelte sich bis ans Ende jener Kriegszge im Felde herum.

Damit aber auch er nicht ohne Fehl und Tadel aus diesen Schicksalslufen
hervorgehe, hatten die Gewohnheiten des Krieges, verbunden mit dem
stummen Schmerze wegen des Verlorenen, eine gewisse Wildheit in ihn
gebracht. Er schlo sich jenen rauhen jungen Gesellen an, welche unter
dem Namen des trichten Lebens sich aufgemacht hatten, um die der Stadt
Genf im Friedensvertrage auferlegte und von ihr hinterhaltene
Brandschatzung auf eigene Faust einzutreiben. Aus burgundischen
Beutestcken, die ihm zugefallen, hatte er sich Prunkkleider machen
lassen; er trug, hinter der tollen Eberfahne herziehend, Gewand von
blarotem Burgunderdamast; das eidgenssische Kreuz auf Brust und Rcken
war von Silberstoff und mit Perlen besetzt. Den Hut berragte rings eine
breite Last von wogenden Straufedern, den in eroberten Lagern
zerstreuten Ritterhten entnommen. Dolch und Schwert trug er reich an
kostbarem Wehrgehnge und neben der Feuerbchse einen langen Speer, an
welchem seine tannenschlanke breitschulterige Gestalt sich lssig lehnte
und wiegte, wenn er drohend unter seinem Hute hervorschaute, um einen
feigen Lrmmacher oder eine Dirne zu schrecken. Er liebte es, etwa eine
schreiende Magd bei den Zpfen zu packen, ihr einen Augenblick forschend
ins Gesicht zu sehen und die Erschrockene oder auch Lachende dann wieder
laufen zu lassen.

In solcher Tracht war er, ehe er sich zu dem Zuge des trichten Lebens
gesellt hatte, auch einen Augenblick auf dem Frsterhofe zu Seldwyla
erschienen, einem Abkmmling aus uraltem, reinem Volksstamme gleichend,
so khn, sicher, stark und zugleich gelenk bewegte er sich.

Als Kngolt ihn so sah, der er im Vorbergehen ein kaltes wildes Lcheln
zugeworfen, wie er es sich im Felde angewhnt, waren ihre Augen wie
geblendet. Whrend er nun in Welschland lag, war es ihr einziges Tun,
ber die Vergangenheit zu grbeln und in den glcklichen Tagen der
verlorenen Kindheit zu leben. Besonders verweilte ihr Sinnen fast zu
jeder Stunde auf jener Waldhhe, wo die Seldwyler Frauen das vom Tode
errettete Kind Dietegen einst in seinem Armensnderhemde gekost und mit
Blumen geschmckt hatten, und sie eilte, so oft sie konnte, hinauf und
schaute voll Sehnsucht nach dem fernen Sdwesten, wo man sagte, da die
drohende Schar der unbezwinglichen Jnglinge sich gelagert habe.

Aber in der gleichen Berggegend, welche vom Ruechensteiner Grenzbanne
durchschnitten war, kreiste der Ratsschreiber Schafrli herum, der
stetsfort nach Heilung des ihm angetanen Schadens oder aber nach Rache
drstete; denn es waltete in Ruechenstein trotz der vermeintlichen
Hexerei wegen der Ttung des Schultheiensohnes doch ein offener und
geheimer Ha gegen ihn, den er durch den Tod der von den Seldwylern nach
Ruechensteiner Ansicht unbestraft gelassenen Kngolt zu shnen hoffte.
Als daher eines Tages die arme Kngolt achtlos gerade auf einem
Grenzsteine sa, und zwar so, da ihre Fe auf dem Ruechensteiner Boden
ruhten, trat Schafrli unversehens mit einem Ratsknechte aus den Bumen
hervor, nahm sie gefangen und fhrte sie gebunden nach seiner Stadt, wo
ihr wegen des durch ihre Zauberei herbeigefhrten ungeshnten Todes des
Schultheiensohnes sofort von neuem der Proze gemacht wurde.

In Seldwyla war, zumal in diesen aufgeregten Zeitlufen, niemand mehr,
der sich ihrer angenommen htte, auch wenn ein Erfolg in Aussicht
gewesen wre. Es hie daher bald, ihr Leben werde wohl dahin sein. Nun
war es die einst so schlimme Violande, welche, von Reue und Mitleid
erschttert, sich aufraffte und die einzige Hilfe aufsuchte, die ihr
denkbar schien. Sie machte sich auf und wanderte Tag und Nacht gegen
Westen, um die Bande des tollen Lebens und Dietegen zu finden. Das
Gercht von dem Treiben der verwegenen Schar leitete sie auch bald auf
den rechten Weg und sie fand den Gesuchten, wie er eben mit einigen
Gefhrten in einer Schenke gleichgltig um Geld wrfelte.

Sie gab ihm Kunde von dem neuen Unglcke Kngolts und er hrte ihr wider
Erwarten aufmerksam zu, sagte aber dann: Hier kann ich nichts machen!
Das ist eine Rechtssache und da die Seldwyler selbst nichts tun, so
wrde ich keine zehn Gesellen finden, die mir folgen wrden, um das Kind
zu befreien!

Violande aber, welche von ihrem frheren Wesen und Treiben her alle
mglichen Heiratsflle im Gedchtnisse hatte, erwiderte: Gewalt ist
auch nicht ntig. Die Ruechensteiner haben seit altem her die Satzung,
da ein zum Tode verurteiltes Weib von jedem Manne gerettet werden kann
und demselben bergeben wird, der sie zu ehelichen begehrt und sich auf
der Stelle mit ihr trauen lt!

Dietegen schaute der Sprecherin verwundert und wunderlich ins Gesicht,
nicht ohne sein spttisches Soldatenlcheln.

Ich soll also eine Art Dirne zur Frau nehmen, meint Ihr? sagte er,
indem er seinen hervorsprossenden Schnurrbart drehte und sich sehr
unglubig anstellte, obgleich es ihm durch das Antlitz zuckte. Sag
nicht Dirne, antwortete Violande, sie ist es nicht!

Und pltzlich in Trnen ausbrechend, ergriff sie Dietegens Hnde und
fuhr fort: Was sie gefehlt hat, ist meine Schuld, la es mich bekennen;
denn ich wollte euch trennen und beide aus dem Hause bringen, um den
Vater zu bekommen! Darum habe ich das Kind zu allen seinen Torheiten
verleitet!

Sie htte sich nicht sollen verleiten lassen, rief Dietegen, ihre
Eltern sind von guter Art gewesen; aber sie ist nicht geraten!

Und ich schwre dir bei meiner Seligkeit, rief Violande, es ist alles
wie vom Feuer weggebrannt, was sie verunziert hat; sie ist gut und sanft
und liebt dich so, da sie schon lngst sich ein Leid angetan htte,
wenn du nicht in der Welt zurckbleiben wrdest. brigens gedenke doch
dessen, was du ihr schuldest! Wrdest du jetzt in deiner Kraft und
Schnheit dastehen, wenn sie dich nicht aus dem Sarge des Henkers
genommen htte? Und gedenke auch der Mutter Kngolts und ihres braven
Vaters, die dich erzogen haben, wie ihr eigenes Kind. Und bist denn du
der einzige Richter ber den Fehl eines schwachen Kindes? Hast du selbst
noch nie unrecht getan? Hast du keinen Mann erschlagen in deinen
Kriegen, dessen Tod nicht gerade ntig gewesen wre? Hast du keine
Htten von Armen und Wehrlosen verbrannt? Und wenn du auch dies nicht
getan, hast du immer Barmherzigkeit gebt, wo du es gekonnt httest?

Dietegen errtete und sagte: Ich will nichts geschenkt haben und
niemandem etwas schuldig bleiben! Wenn es sich verhlt, wie Ihr sagt,
mit dem Ruechensteinischen Rechtsbrauche, so will ich hingehen und das
Kind zu mir nehmen! Mge Gott mir und ihr dann weiter helfen, wenn sie
nicht mehr recht tun kann!

Sogleich gab er der gnzlich erschpften Frau, die ihm nicht htte
folgen knnen, einiges Geld, womit sie sich etwas pflegen und zur
Rckreise strken sollte. Er selbst ging augenblicklich, seine Waffen
ergreifend, auf und davon, quer durch das Land, und ruhte nicht, bis er
die finstere Stadt Ruechenstein erblickte.

Dort hatten sie nicht lange Spa gemacht, sondern nach wenig Tagen die
Kngolt, die im alten Turme sa, zum Tode verurteilt, und zwar wegen
ihres unbescholtenen Vaters, der fr das Vaterland gefallen sei, aus
besonderer Milde zum Tode durch Enthauptung, statt durch Feuer oder Rad
oder eine andere ihrer blichen Praktiken.

Sie wurde demgem zum Tore hinausgefhrt nach dem Richtplatze, barfig
und mit nichts als dem Armensnderhemde bekleidet, Nacken und Rcken von
dem schweren flatternden Haare bedeckt. Schritt fr Schritt ging sie
ihren Todespfad, inmitten ihrer Peiniger, zuweilen strauchelnd, aber
gefaten Mutes, da sie sich ergeben und aller weiteren Lebens- und
Glckeshoffnung entschlagen hatte. So kann es einem ergehen! dachte
sie mit einem fast merklichen Lcheln, und erst als sie pltzlich wieder
an Dietegen dachte, entfielen ihren Augen se Trnen; denn sie bedachte
auch, da er ihr sein blhendes Leben danke, und sie fhlte sich durch
dieses Erinnern getrstet, so selbstlos und gut war ihr Herz geworden.

Schon sa sie auf dem Stuhle und war gewissermaen froh, da sie nur
sitzen und ausruhen konnte von dem mhseligen Gang. Sie schaute zum
letzten Male ber das Land hin und in den blauen Schmelz der Ferne. Da
verband ihr der Henker die Augen und schickte sich an, ihr das reiche
Haar abzunehmen, soweit es unter der Binde hervorquoll, als Dietegen in
einiger Entfernung zum Vorschein kam und mchtig rufend seinen Hut und
seinen Spie schwenkte. Gleichzeitig aber, um die Handlung aufzuhalten,
ri er seine Bchse von der Schulter und sandte eine Kugel ber den Kopf
des Henkers weg. berrascht und erschreckt hielten die Richter inne und
alles griff zu den Waffen, als der reisige Jngling in weiten Stzen
heran und auf das Blutgerst sprang, da dasselbe von der Wucht seines
Sprunges beinahe zusammenbrach. Die sitzende Kngolt bei der Schulter
fassend, da ihre Hnde auf den Rcken gebunden waren, suchte er eine
Weile nach Atem, eh' er sprechen konnte. Die Ruechensteiner, als sie
sahen, da er allein war und kein weiterer berfall erfolgte, harrten
der Dinge, die da kommen sollten, und als er endlich sein Begehren
erklren konnte, traten sie zur Beratung der Angelegenheit zusammen.

Sowohl ihre Art, an den einmal herrschenden Rechtsgewohnheiten
unverbrchlich festzuhalten, als das Ansehen, welches Dietegen in diesen
kriegerischen Tagen und mit seiner ganzen Erscheinung behauptete, lieen
den Handel ohne Schwierigkeit beilegen, nachdem der grmliche Verdru
ber die ungewhnliche Strung einmal berwunden war. Selbst der
Ratsschreiber, der sich nicht versagt hatte, sein Amt in dieser Sache
selbst zu versehen und sich von dem Untergange der Hexe zu berzeugen,
verbarg sich, so gut er konnte, um den wilden Kriegsmann, dessen Hand er
trotz seines Mutes frchtete, nicht auf sich aufmerksam zu machen.

Der gleiche Priester, der vorher mit der Verurteilten gebetet hatte,
mute nun stehenden Fues die Trauung auf dem Gerste vornehmen. Kngolt
wurde losgebunden, auf die schwankenden Fe gestellt und befragt, ob
sie diesem Manne, der sie zu ehelichen begehre, als seine rechte Ehefrau
folgen und ihm ihre Hand geben wolle.

Stumm blickte sie zu ihm auf, der das erste war, was sie nach
abgenommener Augenbinde von der Welt wieder sah, und sie blickte wie in
einen Traum hinein; doch um, auch wenn es ein solcher wre, nichts zu
verfehlen, nickte sie, da sie nicht reden konnte, mit Geistesgegenwart
und geisterhaft drei- oder viermal, und gleich darauf noch ein paarmal,
so da selbst die dsteren Ratsmnner gerhrt wurden und die Zitternde
sttzten, als sie hierauf in aller Form mit dem Manne verbunden wurde.

Erst jetzt wurde sie ihm mit Leib und Leben, wie sie stand und ging,
ohne Nachwhr noch irgend einigen Anspruch auf Gut oder Schadenersatz,
bergeben, gegen Erlegung der Gebhr fr den Trauschein dem Pfaffen und
Bezahlung von zehn Kopf Weins fr den Scharfrichter und seine Knechte,
als Hochzeitgabe, auch drei Pfund Heller fr ein neues Wams dem
Scharfrichter.

Als er alles bezahlt hatte, nahm Dietegen sein Weib bei der Hand und
verlie mit ihr den Richtplatz. Weil er sie aber nehmen mute, wie sie
stand und ging, und sie barfu und mit nichts als dem Totenhemde
bekleidet, auch die Jahreszeit noch frh und khl war, so befand sie
sich nicht gut und konnte nicht wohl neben dem Manne fortkommen. Er hob
sie daher vom Boden auf den Arm, schob seinen Hut ber die Schultern
zurck, sie schlang sogleich ihre Arme um seinen Nacken, legte ihr Haupt
auf das seinige und schlief nach wenigen Schritten ein, die er mit dem
Speer in der andern Hand zurcklegte. So wandelte er rstig weiter auf
einsamer Hhe und fhlte, wie sie im Schlafe leise weinte und ihr Atem
in ser Erlsung freier wurde, und als ihre Trnen seine Stirne
benetzten, da wurde es ihm zu Mute, als ob er vom seligen Glcke selbst
getauft wrde, und dem rauhen starken Gesellen rollten die eigenen
Trnen ber die Wangen. Sein war das Leben, das er trug, und er hielt
es, als ob er die reiche Welt Gottes trge.

Als sie auf der Stelle anlangten, wo er selbst als Kind im
Snderhemdchen unter den Frauen gesessen und krzlich Kngolt gefangen
worden war, schien die Mrzensonne so hell und warm, da ein kurzes
Ausruhen erlaubt schien. Dietegen setzte sich auf den Grenzstein und
lie seine reiche Last sachte auf seine Kniee nieder; der erste Blick,
den die Erwachende ihm gab, und die ersten armen Wrtchen, die sie nun
endlich stammelte, besttigten ihm, da er nicht sowohl eine Pflicht
treu erfllt, als eine neue eingegangen habe, nmlich diejenige, so gut
und wacker zu werden, da er des Glckes, das ihn jetzt beseelte, auch
allezeit wert sei.

Der Boden um den Markstein her war schon mit Maliebchen und andern
frhen Blumen best, der Himmel weit herum blau, und kein Ton unterbrach
die Nachmittagsstille, als der Gesang der Buchfinken in den Wldern.

Weiter sprachen sie nun nichts, sondern atmeten eintrchtiglich in die
laue Luft hinaus; endlich aber erhoben sie sich, und weil der Weg nur
noch ber weichen Moosboden durch die Buchenwaldung abwrts fhrte nach
dem Forsthause, so gingen sie nun nebeneinander hin.

Unversehens griff Kngolt an ihr Goldhaar, welches sie erst jetzt
abgeschnitten glaubte, und da sie es noch fand, wie es gewesen, stand
sie still und sagte zu Dietegen, indem sie ihn treuherzig ansah: Kann
ich nicht noch ein Brautkrnzchen bekommen?

Er sah sich um und gewahrte eine glnzend grne Stechpalme. Rasch
schnitt er einen starken Zweig vom Strauche, machte einen Kranz daraus
und setzte ihr denselben sorgsam aufs Haupt mit den Worten: Es ist ein
rauher Brautkranz, aber wehrhaft, wie unsere Ehre es jederzeit sein
soll! Wer sie mit Wort oder Tat beleidigen will, wird die Strafe
fhlen!

Er kte sie hierauf ein einziges Mal fest unter ihrem Kranze und sie
ging zufrieden weiter mit ihm.

Das Forsthaus stand leer und verlassen, als sie es erreichten. Das
Gesinde hatte sich wegen der vermeintlichen Hinrichtung teils aus
Trauer, teils aus ungetreuem Leichtsinn verlaufen und niemand kehrte an
diesem Tage mehr zurck. Umso traulicher wurde das rasch auflebende
junge Weib mit jedem Augenblick. Sie eilte von Schrank zu Schrank, von
Kammer zu Kammer, und bald erschien sie in dem kstlichen Brautkleid
ihrer Mutter, von welchem sie ihrem jetzigen Manne in jener Nacht
erzhlt, als sie zusammen im gleichen Kinderbettchen gelegen. Dann
deckte sie den Tisch mit festlichen Linnen und trug auf, was sie an
Speise und Wein hatte finden und bereiten knnen.

In tiefer Stille und Einsamkeit saen sie nun nebeneinander, sie in
ihrem Kranze und er mit abgelegten Waffen, und nachdem sie ihr einfaches
Mahl genossen, gingen sie zur Ruhe. So kann es einem ergehen! sagte
Kngolt heute zum zweiten Male und mit leichterem Herzen leise vor sich
hin, als sie zufrieden an der Seite ihres Mannes lag; denn es blieb
immer ein Restchen von Schalkheit in ihr.

Dietegen wurde ein angesehener Mann durch das Kriegswesen, nicht besser
als andere jener Zeit, vielmehr den gleichen Fehlern unterworfen. Er
wurde ein Feldhauptmann, der fr oder wider die fremden Herren Partei
nahm, Sldner warb, Gold und Beute raffte und so von Krieg zu Krieg sein
Wesen trieb, gleich den Ersten seines Landes, so da er emporkam und
einen oft gewaltttigen Einflu bte. Allein mit seiner Frau lebte er in
ununterbrochener Eintracht und Ehre und grndete mit ihr ein zahlreiches
Geschlecht, das jetzt noch in Blte steht in verschiedenen Lndern,
wohin der kriegerische Zug der Zeiten die Vorfahren einst getrieben.

Violande ihrerseits war bald nach der Hochzeit Dietegens und Kngolts,
die ihr zum Troste gereicht hatte, in ein wirkliches Kloster gegangen
und eine wirkliche Nonne geworden, welche den Kindern Kngolts zuweilen
allerlei Backwerk und Nschereien sandte. Auch gefiel sie sich darin,
wenn Herr Dietegen auf der Hhe seines Ansehens etwa groe Gasterei
hielt und mit langem Bart und goldener Ritterkette dasa, als geistliche
Frau auf Besuch zugegen zu sein und mit einem goldenen Kreuze auf der
Brust, und intrigante hfliche Reden mit den Kriegsherren zu wechseln.

Wie Kngolt im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts ausgesehen, ist noch
aus dem Bilde eines guten Malers zu entnehmen, welches in einer
bekannten Galerie hngt und laut Inschrift ihr Bildnis ist. Man sieht da
eine schlanke feine Patrizierfrau, deren schne Gesichtszge einen
gewissen tiefen Ernst verknden, durchblht aber von sanfter kluger
Laune.

Auch sie starb noch in guten Jahren an einer Erkltung, gleich ihrer
Mutter, der Forstmeisterin, als nmlich ihr Mann in einem der Mailnder
Feldzge endlich ums Leben kam und auf dem Friedhofe eines lombardischen
Kirchleins begraben wurde. Sie eilte hin, in der Absicht, ihm ein
Grabmal zu errichten, in der Tat aber, um ungesehen eine lange
Regennacht hindurch auf seinem Grabe zu sitzen, so da ein Fieber sie in
zwei Tagen dahinraffte und sie an der Seite Dietegens ihre Ruhestatt
fand.




Das verlorene Lachen

Erstes Kapitel


     Drei Ellen gute Bannerseide,
     Ein Huflein Volkes ehrenwert,
     Mit klarem Aug', im Sonntagskleide,
     Ist alles, was mein Herz begehrt!
     So end' ich mit der Morgenhelle
     Der Sommernacht beschrnkte Ruh'
     Und wand're rasch dem frischen Quelle
     Der vaterlnd'schen Freuden zu.

     Die Schiffe fahren und die Wagen,
     Bekrnzt, auf allen Pfaden her;
     Die luft'ge Halle seh' ich ragen,
     Von Steinen nicht noch Sorgen schwer;
     Vom Rednersimse schimmert lieblich
     Des Festpokales Silberhort:
     Heil uns, noch ist bei Freien blich
     Ein leidenschaftlich freies Wort!

     Und Wort und Lied, von Mund zu Munde,
     Von Herz zu Herzen hallt es hin;
     So blht des Festes Rosenstunde
     Und mu mit goldner Wende flieh'n!
     Und jede Pflicht hat sie erneuet,
     Und jede Kraft hat sie gesthlt,
     Und eine Krnersaat gestreuet,
     Die niemals ihre Frucht verhehlt.

     Drum weilet, wo im Feierkleide
     Ein rstig Volk zum Feste geht
     Und leis die feine Bannerseide
     Hoch ber ihm zum Himmel weht!
     In Vaterlandes Saus und Brause,
     Da ist die Freude sndenrein,
     Und kehr' nicht besser ich nach Hause,
     So werd' ich auch nicht schlechter sein!

Dieses Lied sang der Fahnentrger des Seldwyler Mnnerchors, welcher an
einem prachtvollen Sommermorgen zum Sngerfeste wanderte. Nachdem die
Herren am Abend vorher aufgebrochen und einen Teil des Weges auf der
Schienenbahn befrdert worden waren, hatten sie beschlossen, den Rest in
der Morgenkhle zu Fu zu machen, da es nur noch durch schne Waldungen
ging.

Schon breitete sich der glnzende See vor ihnen aus mit der bunt
beflaggten Stadt am Ufer, als die sechzig bis siebzig jngeren und
lteren Mnner des Vereines in zerstreuten Gruppen durch einen
herrlichen Buchenwald hinabstiegen und das hinter den groen Stmmen
wohnende Echo mit Jauchzen und einzelnen Liederstrophen widerhallen
lieen, auch etwa einem weiterhin niedersteigenden Fhnlein antworteten.

Nur der allen vorausziehende Fahnentrger, ein schlank gewachsener
junger Mann mit bildschnem Antlitz, sang sein Lied vollstndig durch
mit freudeheller und doch gemigter Baritonstimme. Geschmckt mit
breiter reichgestickter Schrpe und stattlichem Federhut, trug er die
ebenso reiche, schwere Seidenfahne, halb zusammengefaltet, ber die
Schulter gelegt, und deren goldene Spitze funkelte hin und wieder im
grnen Schatten, wo die Strahlen der Morgensonne durch die Laubgewlbe
drangen.

Als er nun sein Lied geendet, schaute er lchelnd zurck und man sah
das schne Gesicht in vollem Glcke strahlen, das ihm jeder gnnte, da
ein eigentmlich angenehmes Lachen, wenn es sich zeigte, jeden fr ihn
gewann.

Unser Jukundi, sagten die hinter ihm Gehenden zueinander, wird wohl
der schnste Fhnrich am Feste sein. Er fhrte nmlich den heiter
klingenden Namen Jukundus Meyenthal und wurde mit allgemeiner
Zrtlichkeit schlechtweg der Jukundi genannt. Es erwahrte sich auch die
Hoffnung; denn als die Seldwyler, am Orte angekommen, sich zum Einzuge
unter die langen Sngerscharen reihten, erregte seine Erscheinung, wo
sie durchzogen, berall groes Wohlgefallen.

Denjenigen, welche schon mehrere Feste gesehen hatten, war er auch schon
auf das vorteilhafteste bekannt als eine mustergltige Festerscheinung.
Von steter Frhlichkeit und Ausdauer vom ersten bis zum letzten
Augenblicke, war Jukundi dennoch die Ruhe und Gelassenheit selbst; immer
sah man ihn teilnehmend an jeder allgemeinen Freude und an jeder
besondern Ausfhrung, ausharrend und hilfreich, nie berlaut oder gar
betrunken. Den schreienden Possenmacher wute er zu ertragen, wie den
bellaunischen Festgast, der sich bernommen und die Freude verdorben
hatte, und beide verstand er voll Duldung und Freundlichkeit aus
allerlei Fhrlichkeiten zu erlsen, wenn die allgemeine Geduld zu
brechen drohte, und sie aus beschmendem Schiffbruche zu erretten.
Selbst den bewutlosen Jhzornigen fhrte er, alle Schmhungen
berhrend, mit stillem Geschicke aus dem Gedrnge und erwarb sich Dank
und Anhnglichkeit des Nchterngewordenen.

In dieser bung konnte er brigens nur als eine Darstellung aller
Seldwyler gelten, wenn sie zu Feste zogen. So ungeregelt und mig sie
sonst lebten, so sehr hielten sie auf Ordnung, Flei und gute Haltung
bei solchen Anlssen. Rhmlich zogen sie auf und wieder ab, eine gut
gemusterte, einige Schar, so lange die Lustbarkeit dauerte, und sich im
voraus auf die zwanglose Erholung freuend, welche zu Hause nach so
ernster Anstrengung sich langehin zu gnnen sein werde.

In dieser Weise hatten sie auch den Gesang, mit welchem sie am
Sngertage um den Preis zu ringen gedachten, trefflich eingebt und
schonten ihre Stimmen mit groer Entbehrung. Sie hatten eine Tondichtung
gewhlt, welche Veilchens Erwachen! betitelt und auf irgend ein
nichtssagendes Liedchen aufgebaut, aber so knstlich und schwer
auszufhren war, da es schon Monate vorher ein groes Gerede gab an
allen Orten, als ob die Seldwyler zu viel unternommen und sich dem
Untergang ausgesetzt htten.

Als aber der Tag der Wettgesnge vorgerckt war und in der mchtigen
weiten Halle Tausende von Hrern vor fast so viel tausend Sngern saen
und das Huflein der Seldwyler, da ihre Stunde gekommen, mit dem Banner
einsam vortrat in dem Menschenmeere, da hielten sie den ebenso zarten
als schweren Gesang durch alle schwierigen Harmonien und Verwicklungen
hindurch aufrecht ohne Wanken, und lieen ihn so weich und rein
verhauchen, da man das blaue Veilchenknspchen glaubte leise aufplatzen
und das erste Dftlein durch die Halle schweben zu hren.

Rauschend, tosend brach der Beifall nach der atemlosen Stille los, die
erhabenen Kampfrichter nickten vor allem Volke sichtbar mit den Huptern
und sahen sich an, die goldenen Dosen ergreifend, Ehrengeschenke
entlegen wohnender Frsten und Vlker, und sich gegenseitig Prisen
anbietend; denn es befanden sich von den ersten Kapellmeistern
darunter.

Die Seldwyler selbst traten mit ruhiger Haltung zurck und wuten ohne
Aufsehen aus der Schlachtordnung sich hinauszuwinden, um in einem
schattigen Garten ein miges Champagnerfrhstck einzunehmen. Keiner
begehrte mehr als seine drei Glser zu trinken, niemand merkte, wo sie
gewesen seien, als sie wieder in der Halle sich einfanden.

Dergestalt wrdig verhielten sie sich whrend der Dauer des ganzen
Festes, bis die Stunde der Preiserteilung kam. Das Gold der
Nachmittagssonne durchwebte den bis zum letzten Platz angefllten
Festbau, welcher mit rotem Tuch und Grn ausgeschlagen, mit vielen
Fahnen geschmckt, in feierlichem Glanze wie zu schwimmen schien. Auf
erhhter Stelle, wo die zu Preisen und Festgeschenken bestimmten Schalen
und Hrner in Gold und Silber leuchteten, saen einige Jungfrauen,
auserwhlt, die Krnze an die gekrnten Sngerfahnen zu binden.

Oder vielmehr dienten sie der schnsten und grten unter ihnen zum
Geleit, der schnen Justine Glor von Schwanau, welche sich mit vieler
Mhe hatte erbitten lassen, das Anbinden der Krnze zu bernehmen. Sie
sah auch aus wie eine Muse; in reichgelocktem braunem Haar trug sie
einen frischen Rosenkranz und das weie Gewand rot gegrtet.

Aller Augen hafteten an ihr, als sie sich erhob und den ersten Kranz
ergriff, welcher soeben den Seldwylern unter Trompeten- und Paukenschall
zugesprochen worden war. Zugleich sah man aber auch den Jukundus, der
unversehens mit seiner Fahne vor ihr stand und in frohem Glcke lachte.
Da strahlte wie ein Widerschein das gleiche schne Lachen, wie es ihm
eigen, vom Gesichte der Kranzspenderin, und es zeigte sich, da beide
Wesen aus der gleichen Heimat stammten, aus welcher die mit diesem
Lachen begabten kommen. Da jedes von ihnen sich seiner Eigenschaft wohl
mehr oder weniger bewut war und sie nun am anderen sah, auch das Volk
umher die Erscheinung berrascht wahrnahm, so errteten beide, nicht
ohne sich wiederholt anzublicken, whrend der Kranz angeheftet wurde.

Eine Stunde spter ordnete sich der letzte und rauschendste Zug durch
die Feststadt, unter den unzhligen Wimpeln und Krnzen und durch das
wogende Volk hindurch, indem die gewonnenen Festgeschenke und die
gekrnten Fahnen umhergetragen wurden. Da sahen sich die beiden wieder,
als Justine von der Gartenzinne ihrer Gastfreunde aus den Zug anschaute
und Jukundus vorberziehend seine Fahne schwenkte; und am Abend
ereignete es sich, da das gute Glck heute besonders fleiig war, da
Jukundus whrend des Schlubankettes der Schnen am gleichen Tische
gegenber zu sitzen kam, so da sie um Mitternacht schon in aller
Frhlichkeit und Freundlichkeit aneinander gewhnt waren.

Sie trafen sich auch am nchsten Morgen als gute Bekannte auf einem
groen beflaggten Dampfboote, welches die Festregierung mit einer Zahl
eingeladener Verdienst- und Ehrenpersonen und auswrtiger Freunde zu
einer Lustfahrt den See entlang tragen sollte. Ein wolkenloser Himmel
breitete sich ber Wasser, Land und Gebirge und ffnete die letzten
Quellen edler Freude, welche noch verschlossen sein konnten. Das Schiff
durchfurchte das tiefgrne kristallene Wasser, bald von den Klngen
guter Musik getragen, bald von Liedern umtnt. Von den blhenden
Ortschaften an den weithin sich ziehenden Ufern rechts und links
schallten Gre und winkten Fahnen herber, und mit Stolz wies man den
Gsten das wohlbekannte Land, die reichen Wohnsitze und Ortschaften.
Ein stattlicher Kranz von Frauen sa auf erhhtem Platze des Schiffes,
unter ihnen Justine Glor in schner einfacher Modekleidung, den
Sonnenschirm in der Hand, so da Jukundus, als er in seiner
Fahnentrgertracht grend vor sie trat, berrascht von ihrem
vernderten und fast noch feineren Aussehen, beinahe befangen wurde. Sie
wechselten jedoch nur wenige Worte, wie zu geschehen pflegt, wenn ein
reichlich langer Sommertag zu Gebote steht.

Als eine Weile spter Jukundus wieder in ihre Nhe kam, winkte sie ihm
und teilte ihm mit, da ihre Eltern in Schwanau, welches am oberen Teile
des Sees lag, die ganze Gesellschaft auf den Abend in ihre Grten
einladen, da das Schiff dort vor Anker gehen wrde, und da sie hoffe,
er werde auch so lange dabei bleiben. Diese vertrauliche Mitteilung, von
der nur noch wenige wuten, trug ihm sofort Anspielungen und
Glckwnsche der Umstehenden ein, die er bescheidentlich ablehnte, aber
gerne vernahm.

In der Tat wurde es bald kund, da das Schiff gegen Abend in Schwanau
anhalten wrde und da alle gebeten seien, die letzte Erfrischung im
Besitztume der Familie Glor einzunehmen. Dieselbe tat das der Tochter zu
Ehren, um zu zeigen, da sie wo zu Hause sei und eigentlich nicht ntig
habe, an fremden Festtafeln zu sitzen, sondern selbst ein Fest geben
knne. Denn es waren Leute, die auf ihre Besitztmer, als
selbsterworbene, etwas viel hielten.

Um also den vielverheienden Abend unverkrzt zu genieen, wurden die
Aufenthalte an den brigen Uferorten, wo das Schiff erwartet wurde,
genau abgemessen und innegehalten, und das tnende und singende Schiff
fuhr rechtzeitig quer ber den funkelnden See, von Kanonenschlgen
begrt, nach Schwanau hinber und legte an, wo die hohen Bume der
Glorschen Grten sich im Wasser spiegelten und darber weg von den
Terrassen und Hgeln ihre Huser glnzten.

Whrend das Sngervolk sich unter den Bumen ausbreitete, verschwand
Justine im Hause, um den Ihrigen Handreichung zu tun, wogegen der Vater
und die Brder sich um die zahlreichen Gste und deren Begrung
bemhten. In Lauben und Veranden waren Niederlassungen fr die Frauen
mit den entsprechenden Erfrischungen bereitet; in einer frischgemhten
Wiese, unter Fruchtbumen, lange Tische fr die Mnner gedeckt. Es
dauerte aber nicht lange, so waren auch alle Frauen auf der Wiese,
angelockt von den Scherzen, Possen und Neckereien, welche die junge
Mnnerwelt unter sich trieb, um ein Aufsehen zu erregen. Und es gab
genug zu schauen und zu lachen, da Laune und Geschicklichkeit der
einzelnen hundert kleine artige Erfindungen und Stcklein
hervorbrachten, wobei das Naivste, mit guter Art entstanden, in der
allgemeinen glcklichen Stimmung den herzlichsten Beifall weckte. Selbst
ein unvermutet geschlagener Purzelbaum fand seine Gnner und sogar der
unglckliche Virtuose, welcher auf seinem Frisierkamm allen Ernstes eine
gefhlvolle Weise hatte blasen wollen und daran scheiterte, freute sich
ber die ungetrbte Heiterkeit, die er erweckt, und tat den ihm
aufgesetzten Strohkranz nicht mehr vom Kopfe.

Nur Jukundus fhlte sich etwas vereinsamt in dem Treiben, weil er
Justinen gar zu lange nicht mehr erblickte, an die er schon ein kleines
Anrecht zu haben glaubte, wenigstens fr diesen letzten Tag. Indessen
fand sich eine holde Erlsung, da unversehens die Jungfrau dicht bei ihm
stand, ohne da er wute, wo sie her kam, und ihn dem Vater und den
Brdern vorstellte als den Bannerherrn des erstgekrnten Vereines. Er
wurde von den Mnnern hflich und auch freundlich gegrt und willkommen
geheien, aber nicht ohne jene feste khle Haltung, welche so reiche
Arbeitsherren einem nichts oder wenig besitzenden Seldwyler gegenber
bewahren muten, insofern er etwa Mehreres vorzustellen gedchte, als
einen stattlichen Festbesucher.

Der gutmtige Snger fhlte das doch augenblicklich und wurde etwas
verlegen, so auch Justine, welche ihn darum zur Entschdigung weiter
fhrte, als die Herren weggegangen, und ihm das Gut zu zeigen vorschlug.

Zwei gleichgebaute, villenartige Huser neuesten Stiles, welche zunchst
dem See in den schattigen Anlagen standen, bezeichnete sie ihm als die
Wohnungen der beiden Brder, wovon jeder schon seine eigene Familie
gegrndet hatte, ohne deswegen aus der Gesamtfamilie auszuscheiden. Dann
stieg sie mit ihm Wege und Treppen empor, bis wo ber den Wipfeln der
unteren Bume die Wohnung der Eltern stand, worin sie selber lebte, von
etwas lterer Bauart, aber immerhin ein stattliches Herrenhaus, umgeben
von Wirtschaftsgebuden und Stllen; weiterhin sah man lange hohe
Gewerbshuser mit zahllosen Fenstern, welche an die staubige Landstrae
grenzten, die hier vorberfhrte. Jenseits der Strae aber, an dem
ansteigenden Bergabhang, dehnten sich cker, Weinberge und Wiesen mit
Wldern von Obstbumen und hoch ber allem diesem zeigte ihm Justine das
Haus der Groeltern als den Stammsitz der Ihrigen, in der Abendsonne
weit ber das Land hin schimmernd, ein weitlufiges vornehmes Bauernhaus
von altertmlicher Bauart, mit hellen Fensterreihen, weiem Mauerwerk
und buntbemaltem Holzwerk an Dach und Scheunen, mit steinernen
Vortreppen und knstlich geschmiedeten eisernen Gelndern. Hier hausten
der Grovater und die Gromutter mit ihrem Gesinde, beide achtzigjhrige
Landleute, beide noch tglich und stndlich schaffend und befehlende,
zhe und gestrenge alte Personen von einfachster Lebensweise und stets
fertig mit ihrem Urteil ber alle Jngeren, wie Justine ihrem Begleiter
sie schilderte. Wollen wir noch schnell hinaufgehen und sie gren, da
sie es verschmhen, von ihrer Hhe herunter zu steigen und unsere
Lustbarkeit anzusehen? Es ist eine herrliche Aussicht dort oben! so
sagte das Mdchen. Aber Jukundus empfand eine Art Scheu vor den Alten
und dankte hflich fr weitere Bemhung seiner Fhrerin, da ihn berdies
all das ausgedehnte Wesen eher ngstigte als erfreute.

Sie kehrten daher wieder zurck und mischten sich unter die
Festgenossen, die je lnger je lustiger wurden, bis im Osten der
Vollmond aufging und nach dem Niedergang der Sonne hinberschaute, so
da Rosen und Silber sich in den Lften und auf den Wassern vermengten
und das Schiff zur Abfahrt bereitet, auch bald bestiegen wurde.

Es gab ein Gedrnge hiebei, da jeder den Wirten, die am Ufer standen,
die Hand geben wollte, whrend die Schiffleute zur Eile mahnten. So kam
es, da Jukundus Meyenthal von seinem Vorhaben, von der schnen Justine
Abschied zu nehmen, abgedrngt wurde und dem Strome folgen mute, da sie
nicht am Wege stand. Freilich schttelten auch ihm Vater und Brder die
Hand, flchtig sprechend: Es hat uns gefreut; aber der eine nannte ihn
Herr Thalmeyer, der andere Meienberg, der dritte gar Herr Meierheim, und
keiner sagte: Auf Wiedersehen!

Als das Schiff in den Abendglanz hinausfuhr, sah er sie auch nicht mehr,
da sie mit den anderen Frauen im dunkelnden Schatten der Bume stand.

       *       *       *       *       *

Zu Hause lebte Jukundus bei seiner Mutter, deren einziger Sohn und
Jukundi er war und deren groe Hoffnung. Weil der Vater frh gestorben,
so hatte er das von auswrts zugebrachte Vermgen der Frau nur halb
aufbrauchen und sie mit der anderen Hlfte den Sohn aufziehen knnen;
und es war auch jetzt noch etwas da, obschon er noch keinen
entschiedenen Anlauf gemacht und noch wenig erworben hatte. Aber es war
von ihm auch noch nichts verschwendet worden, weil er der Mutter, von
welcher er seine Schnheit und Gesundheit besa und die ihn mit
Freundlichkeit liebte, leidlich gehorchte und sich von ihr leiten lie.

Bei einem bestimmten Berufe war er noch nicht geblieben. Zuerst hatte es
geschienen, da er fr technisches Wesen Neigung zeige, und er war
deshalb eine Zeitlang auf die Bureaus eines Ingenieurs gegangen. Dann
nderte sich aber diese Stimmung zu Gunsten des Kaufmannsstandes, und er
trat in ein Geschft ein, welches bald darauf aus Migeschick sich
auflste, ohne da er viel einbte; jetzt war er gerade in der
Richtung, sich dem Militrwesen zu widmen, indem er sich zu einem
Unterrichts- und Stabsoffizier ausbildete. Da er hiebei den grten Teil
des Jahres auf den Waffenpltzen zuzubringen hatte und Sold empfing, so
gewhrte das fr einstweilen ein stattliches Dasein, ohne da es bei
seiner migen Lebensweise groen Zuschu eigener Mittel erforderte.

Als er nun nach dem Feste in schmuckem Kriegsgewand und den Sbel an der
Seite zu Pferde sa, beschaute ihn seine Mutter mit Wohlgefallen und
bemerkte dabei, da sein anmutiges Lcheln eine kleine Beimischung von
Melancholie oder dergleichen gewonnen hatte. Er schien auszusehen wie
einer, der irgend ein Heimweh oder eine Sehnsucht aufgelesen hat. Sie
dachte darber nach und stellte auch einige vorsichtige Forschungen an,
und als sie von dem Abenteuer mit der Kranzjungfrau hrte und wie er
etwa von den andern damit geneckt wurde, ging ihr ein Licht auf, bei
dessen Scheine sie sofort still an die Arbeit ging, um ein Glck zu
schaffen, wohl angemessen und gut genht.

Nachdem sie mehr aus den Mienen als aus den wenigen uerungen Jukundis
gemerkt hatte, da sich dem also verhielte, wie sie meinte, da er aber
als ein bescheidener und die Verhltnisse wohl durchschauender Mensch
kaum groe Unternehmungslust versprte, sagte sie vorderhand nichts
mehr. Als aber der Sommer vorgerckt war, verkndigte sie, zum ersten
Male in ihrem Leben, da sie in ihren Jahren doch anfangen msse, etwas
fr die Gesundheit zu tun und fr einige Wochen einen schnen Kurort zu
besuchen Lust habe, wenn Jukundus die Kosten nachher mit ihr
gemeinschaftlich durch Sparsamkeit wieder einbringen wolle. Er erklrte
sich sofort dazu bereit und sie reiste vergngt hierber und in bester
Gesundheit ab, mit ihrem schnsten Staate beladen.

Sie gab ihrem Sohne die Weisung, dannzumal, wenn sie ihn benachrichtigen
wrde, sie heimzuholen, und es aber so einzurichten, da er auch noch
einige Tage an jenem Orte verweilen knne.

Bald darauf tauchte sie in der nicht unberhmten und herrlich in einer
Gebirgsgegend gelegenen Kuranstalt auf und setzte sich wohlgeputzt, aber
mit unbefangener Haltung unten an die Tafel, an welcher oben die reiche
und hochangesehene Frau Gertrud Glor von Schwanau mit ihrer schnen
Tochter Justine sa und die Gelegenheit beherrschte. Sie war ebenso hoch
gewachsen wie die Mutter Jukundi, aber bedeutend fester, mit weisen und
etwas strengen Blicken, und gab gern zu verstehen, da man sie nicht nur
im Kreise der Ihrigen, sondern auch in der Gemeinde, ja wohl noch in
weiteren Bezirken, eine Stauffacherin nenne, wahrscheinlich weil sie
auch Gertrud heie, wie die rat- und tugendreiche Ehewirtin in Schillers
berhmtem Schauspiele Wilhelm Tell.

Sie lie sich aber etwan belehren, da man gar wohl wisse, was der Name
zu bedeuten habe, und da er das Ideal einer klugen und starken
Schweizerfrau bezeichne, einen Stern und Schmuck des Hauses und Trost
des Vaterlandes.

Frau Meyenthal hrte das am ersten halben Tage, den sie am Orte
zubrachte, hielt sich aber ganz still und zurckgezogen, und erst gegen
Ende des zweiten Tages, als Frau Gertrud nicht mehr dulden konnte, da
ein weiblicher Ankmmling von ihr ungekannt sei, lie die Mutter Jukundi
sich von ihr abfangen und in ein hfliches, kurzes Gesprch verwickeln.
Doch fand sie im Verlaufe desselben rasch die Gelegenheit, die Hand der
festen Dame zu ergreifen und in herzlichem Tone mitzuteilen, sie fhle
sich gedrngt, ihre Freude darber zu uern, da sie eine solche
wahrhafte Stauffacherinnengestalt kennen gelernt habe! Man erwarte jeden
Augenblick, sie aus einem wappen- und spruchgezierten Schwyzerhause
hervortreten zu sehen und wie sie die trostreiche Hand auf die Schulter
des sorgenvollen Eheherrn lege!

Whrend Frau Glor von Schwanau wohlgefllig errtete, erschrak
ihrerseits Frau Meyenthal, als whrend ihrer Rede ihre Augen die schne
Tochter Justine berflogen, die dabei stand; sie sah deren holdes
Lcheln, welches dasjenige ihres Sohnes war, genau mit dem gleichen
Schatten einer leisen Sehnsucht gemischt, wie das seinige.

Frau Meyenthal erschrak ber dieses wundervolle Naturspiel, diese
unverkennbare Willensuerung des Schicksals und diese offenbare
Tatsache berhaupt, zumal Justine, welcher das Gesicht der Mutter des
Fahnentrgers bekannt und vertraut erschienen war, keinen Augenblick
zweifelte, wen sie vor sich habe, als sie ihren Namen und Herkunft
hrte, und daher ein kurzes unbewachtes Weilchen eben mit jenem Lcheln
erfreut an ihren Augen hing.

Als die Sonne niederging, beglnzte sie die drei hohen Frauengestalten,
welche seltsam bewegt von der Liebe zu sich selbst oder von der Liebe
und Sorge fr andere, auf der Bergeshhe beisammenstanden und
einigermaen verwirrt auseinander zu schweben schienen.

Die Mutter Jukundi fate sich jedenfalls am schnellsten, indem sie noch
am gleichen Abend ihrem Sohne schrieb, er solle in etwa einer Woche sie
besuchen, um nach einigen Tagen Aufenthalt mit ihr heimreisen zu knnen.
Gegen die Frauen von Schwanau tat sie hierauf, als ob sie keine Ahnung
von der Begegnung auf der Sngerfahrt htte, und die Frau Gertrud
erinnerte sich der Sache auch kaum und hatte den hbschen Fahnentrger
zu jener Zeit gar nicht gesehen, da sie wegen der Bewirtung meist im
Innern eines Gartenhauses geblieben war.

Nur Justine war befangen und in Unruhe; sie wagte nicht, die neue
Bekannte nach dem Sohne zu fragen, und doch glaubte sie auch nicht
gerne, da er so gar nichts von dem Festerlebnisse und von ihr zu Hause
erzhlt haben sollte. Frau Meyenthal wollte aber, da die jungen Leute
sich ganz unerwartet und unverhofft wiedershen und hielt sich daher
zurck, ohne die Gelegenheit indessen zu versumen, bei der alten
Stauffacherin mehr als einen Stein im Brett zu erobern durch kluges
Benehmen. Denn man konnte jene insofern schon die alte Stauffacherin
nennen, als die schne, gute Justine in ihrer vollsten Lebensblte stand
und ihr nichts mehr fehlte zur Wrde und bung eigenen Stauffachertums,
als ein fr die Geschicke des Landes in Sorgen stehender Gemahl.

Da ein solcher nicht schon vorhanden war, lag in den seltsamen
Geschicken, welche gerade ausgezeichnete Jungfrauen so oft zu Jahren
kommen lassen wegen der scheinbaren Klte, fr welche ihre edle Ruhe
gehalten wird, wegen der eiferschtigen Hut, deren sie sich seitens der
Ihrigen erfreuen, und vor allem auch durch Wahrung des greren Rechtes,
das sie besitzen, nur auf die Stimme des Herzens zu achten.

Endlich kam aber ein schner Abend ber das Gebirge und mit ihm langte
Jukundus an, und zwar, da er aus einem Feldlager kam und nur wieder in
ein anderes gehen mute, in militrischer Tracht, mit etwas Rot und mit
etwas Gold am dunkeln Kleide. Nachdem er sich erfrischt und genugsam mit
der Mutter geplaudert hatte, ging er ahnungslos mit ihr spazieren und
sie lenkte den Weg dahin, wo sie die beiden Schwanauerinnen wute, durch
das Gehlz auf einen einsamen Felsvorsprung, der mit Sitzen und
Gelndern versehen war, hoch ber einer blauenden Taltiefe.

Die pltzliche Glckseligkeit der beiden jungen Personen, die sich beim
unverhofften Wiedersehen auf ihren Gesichtern zeigte, die
Gleichartigkeit derselben und das eigentmliche kindliche Lcheln, das
sie begleitete, gingen so ber alle Vorstellung und Erwartung selbst der
Mutter Meyenthal, da von Kunst und Durchspielen einer Rolle bei ihr
keine Rede mehr sein konnte und sie nur froh war, so ruhig und besonnen
als mglich den Dingen zuzusehen.

Frau Gertrud aber wendete ganz erstaunt kein Auge von den Kindern und
lenkte ihre Blicke immer von einem Gesichte auf das andere. Zuletzt
legten sich aber die sanften Wellen der allgemeinen unversehenen
Aufregung und es entspann sich ein hchst angenehmes Geschwtz und
Gezwitscher, ber welchem der Mond aufging, der in der Tiefe der Tler
verborgen gewesene Bche und Weiher beglnzte, da sie wie goldene
Sterne heraufleuchteten.

Frau Gertrud Glor empfand eine Art von Wonne, wie wenn sie ein eigenes
verschollenes Jugendglck neu erlebte, und nahm die Mama Meyenthal an
den Arm, als auf dem Wege zum Kurhause die Kinder nebeneinander
vorangingen und abwechselnd plauderten oder schwiegen. Frau Meyenthal
ihrerseits war gerhrt und betroffen von der Wichtigkeit der Tatsache
und in beide Kinder gleichmig verliebt und zugleich in Sorgen, wie das
nun enden wrde.

Bei der Abendtafel erhhte sich die glckliche Stimmung womglich, wie
es zu geschehen pflegt, wenn eine eingekehrte schne Hoffnung die
Beteiligten und Mitwissenden belebt und sie reizt, das Geheimnis
ungefhrdet an der allgemeinen Frhlichkeit zu sonnen.

Frau Gertrud Glor trank ein kleines Spitzchen mit Jukundus aus lauter
Wohlgefallen an seiner guten und schnen Haltung, und als beim
Schlafengehen die Tochter sie umhalste und einige schwere Trnen in der
Mutter Halskrause niederlegte, wie einen sauer ersparten Zinsgroschen,
da war sie gar nicht verwundert, sondern streichelte dem Kind
teilnahmvoll die Wangen.

Aber kaum war das Spitzchen notdrftig ausgeschlafen, was schon bald
nach Mitternacht getan war, da es nur klein gewesen, wie es einer
Stauffacherin geziemt, so wachte sie sorgenvoll auf und besah sich den
Schaden die brige Nacht hindurch, whrend Justine auch nicht schlief
und wohl merkte, da die Mutter wachte. Aber sie hielt sich
muschenstill und war nur glcklich, da sie keine Zeit mit Schlafen
verlor und unaufhrlich an die Sache denken konnte.

Der Mutter indessen wurde es mit der zunehmenden Morgendmmerung immer
deutlicher, da ja unmglich ein Mann aus Seldwyla in die Familie
heiraten drfe, aus dem Orte, in welchem noch nie einer auf einen grnen
Zweig gekommen sei und wo niemand etwas besitze. Sie wachte daher mit
Sorge, aber auch mit Entschlossenheit dem Morgen entgegen, um das
entstehende bel im Werden zu ersticken, das ihr umso grer erschien,
wenn sie noch der strengen Gesinnung der Mnner ihres Hauses in diesem
Punkte gedachte.

Bestrkt wurde sie noch in diesen Vorstzen, als um die Zeit des
Sonnenaufganges ein spter Schlafgnger, offenbar angetrunken, die
Treppen heranstieg und von einem Hausbediensteten an den verschiedenen
Zimmertren vorbeigeleitet wurde, nicht ohne vor derjenigen der
Glorschen Frauen ber deren Schuhe zu stolpern und dieselben mit dem
Fue wegzuschleudern. Die Schuhe der Mama fuhren, der eine berzwerch,
der andere mit dem Hinterteil voran, den ganzen Korridor entlang; die
Stiefelchen der Tochter aber reisten infolge eines rckwrts scharrenden
Stoes wie zwei wettfahrende Schifflein der Treppe zu und ber dieselbe
hinunter.

Aha! rief drinnen die wachsame Frau, da haben wir den Seldwyler!

Und das Herz wurde ihr schon leichter ber diesen rechtzeitigen
Enthllungen.

Justine sa aber auch schon aufrecht in ihrem Bette und lauschte mit
angstvoller Spannung; als sie noch ein paar Worte des drauen
Hinwandelnden gehrt, rief sie ihrerseits erleichtert, ja mit sndlicher
Freude:

Es ist nicht der Hauptmann! Es ist ja unser Rudolf, der Stimme nach zu
urteilen!

Die Mutter sah sich berrascht nach der Tochter um und sagte fast
erbost: Bist du bei Verstand? Wie soll unser Rudolf hieher kommen und
zu dieser Stunde? Und seit wann stolpert der betrunken in den
Gasthusern herum? Und ist er nicht eben jetzt weit weg bei einer
Militrbung?

Es war aber dennoch der jngere Sohn und Augapfel der Frau Gertrud, der
soeben zu Bett gegangen auf diesem hohen Berge.

Er war spt in der Nacht noch eilig mit einem Fhrer angekommen,
erschpft und anscheinend mit einem Kummer belastet. Auch er trug den
Soldatenrock und kam soeben von seinem Waffenplatze hergeflchtet, wo er
von einem andern Offizier, den er beleidigt hatte, gefordert worden war.
Da er sich mehr auf die Buchfhrung und die Kurszettel verstand, als auf
Duellangelegenheiten, und eine junge Frau mit zwei kleinen Kindlein
besa und sich beklemmt fhlte, so hatte er Bedenkzeit genommen und war
schnell hieher gelaufen, um seine Mutter zu Rate zu ziehen, wie er sich
verhalten solle.

Im Speisesaal hatte er noch den Jukundus getroffen, welcher, keine
Schlaflust versprend, in angenehmer Trumerei noch ein Stndchen allein
verwachte.

Der gemeinsame Kriegspfad, auf dem sie wandelten, zwang die beiden
Herren, sich zu begren und eine Unterhaltung zu erffnen, als der
Leutnant Glor sich an den Tisch setzte, um noch ein Nachtessen
einzunehmen. Weil er krzlich von dem guten Ansehen vernommen, in
welchem der Hauptmann Meyenthal in militrischen Kreisen bereits stand,
erneuerte er jetzt gern dessen Bekanntschaft und fhlte sich gleich
vertrauensvoll zu ihm hingezogen. Von einigen Glsern Weines, die er in
seiner Aufregung rasch getrunken, hingerissen, erzhlte er dem Jukundus
bald seinen Handel und wie er nun hergekommen sei, seine Mutter, welche
nmlich eine wahre Stauffacherin genannt werden msse und fr alles
einen Rat besitze, um ihre Meinung zu befragen.

Jukundus gab ihm aber den Rat, das nicht zu tun, wenn er den Handel
nicht verschlimmern wolle. Er setzte ihm auseinander, wie nach der
einmal herrschenden Anschauung in solchen Sachen er Gefahr laufe, als
Offizier unmglich zu werden, sobald es ruchbar wrde, da er seine
Duellangelegenheiten der Mutter anvertraue und ihre Weisungen befolge.

Da versank Herr Rudolf in neue Kmmernis, denn es wollte ihm
vernnftigermaen durchaus nicht einleuchten, warum er wegen solcher
Dummheiten von Frau und Kindern wegsterben solle.

Jukundus befragte ihn jetzt um die eigentliche Natur des Streites, und
was denn vorgefallen sei?

Rudolf hatte mit drei andern Kriegern eine Partie Karten gespielt. Nach
Beendigung einer Tour, in welcher sein Partner nicht nach Rudolfs Wunsch
ausgespielt hatte, ward der Verlauf, whrend die Karten neu gegeben
wurden, kritisiert und zwar mit den Konjugationen der gegenwrtigen
Zeit. Ich spiele also dies, hie es und du jenes; nun mu er so spielen
und nicht so, und ich werde hierauf zu ihm halten und das spielen,
worauf du wieder jenes spielen wirst, das ist doch klar, wenn wir
gewinnen wollen. Nein, das ist nicht klar, hatte Rudolfs Partner
erwidert, sondern ich steche zunchst den Trumpf ab und spiele dann
jenes.

Dann spielst du wie ein Esel! hatte Rudolf gerufen, worauf dann
sogleich allgemeiner Aufbruch und am andern Morgen die Forderung erfolgt
war in so feierlicher und barscher Form, da der gute junge Mann gar
nicht hatte dazu kommen knnen, sich in genugtuender Weise zu erklren.

Als Jukundus ber diese Geschichte lchelte und noch den Namen des
Forderers erfuhr, sagte er: So, der! Nun der mu in Gottes Namen alle
Jahr eine Forderung vom Stapel lassen, damit seine Ehre nicht schimmelig
wird! Die Ihrige aber, Herr Leutnant, erfordert allerdings, da Sie
wegen dieses Vorfalls Ihr Leben nicht aufs Spiel setzen und also dem
Gegner einfach erklren, da er nicht wie ein Esel gespielt haben wrde,
sondern in jeder beliebigen andern Eigenschaft, welche er vorzge! Sie
knnen daraus immerhin die Lehre ziehen, da man sich in Uniform stets
einer etwas gemessenen Sprache bedienen sollte, auch in den Stunden der
Erholung. Nun darf es aber durchaus nicht den Anschein haben, als ob
Ihre Erklrung das Ergebnis einer Unterredung mit der Mutter wre, wenn
Sie, wie ich schon gesagt, nicht noch schlimmere Folgen herbeifhren
wollen. Wenn Ihnen daher damit gedient ist, will ich als Ihr Ratgeber
und Helfer auftreten und dem Herrn gleich jetzt mit drei Zeilen
schreiben, da Sie mit mir gesprochen und jene genugtuende Erklrung
abgegeben haben und zwar auf meinen Rat! Morgen frh wird der Brief
abgehen und die Sache wird damit zu aller Zufriedenheit abgetan sein,
dafr kann ich Ihnen brgen!

Jetzt war von dem Herzen des jungen Kriegers ein groer Stein gefallen,
und um seine Dankbarkeit zu beweisen und zugleich sich fr die
ausgestandene Sorge zu entschdigen, hatte er in gewaltsamer Weise
vieles und gutes Getrnke kommen lassen und den hilfreichen Freund bis
zum anbrechenden Morgen festgehalten. Der war auch gern bei ihm sitzen
geblieben und hatte gar willig dem frohen Geplauder des jungen Mannes
zugehrt, der Justines Bruder war. Allein der Wein verzischte
unschdlich in der Tiefe seiner warmen Neigung und er ging still mit
guten Sinnen zu Bette, whrend jener so geruschvoll sein Lager suchte.

So hatten sich nun fr die Stauffacherin, whrend sie ber das bel mit
der aufgehenden Sonne zu triumphieren glaubte, die Dinge nur schlimmer
gestaltet; denn nicht nur war es ihr eigenes Blut, welches so
angeheitert dahin gewallt, sondern in demselben auch ein guter
Parteignger fr den Feind erstanden.

Justine hatte durch die halbgeffnete Tre eine Magd herbeizurufen
gewut und von derselben vernommen, da in der Tat ihr Herr Bruder
angekommen und die Nacht hindurch in guter Gesellschaft mit dem Herrn
Hauptmann geblieben sei. Darauf war sie wieder ins Bett geschlpft und
endlich vergngt eingeschlafen.

Jukundus schlief auch ziemlich lang und Rudolf war bis tief in den
Vormittag hinein nicht zu erwecken, bis die Mutter mit Gewalt in sein
Zimmer drang und ihn zur Rede stellte. Weil er nun den Ehrenhandel fr
abgetan erachten konnte, so vertraute er die Sache doch noch seiner
Mutter an und erzhlte ihr, wie der gute Rat und die Tat des Seldwyler
Hauptmanns die Schwierigkeit gelst und sein Leben, man knne wohl
sagen, erhalten habe; denn er knne sich gar nicht vorstellen, wie er
mit einer wirklichen Pistolenkugel auf einen gesunden Menschen htte
schieen sollen, whrend er diesem dann doch htte stillhalten mssen.
Und er pries in seiner immer noch aufgeregten Redseligkeit die Weisheit
und Bravheit des Seldwylers so gewaltig an, da sie von Betroffenheit
und rger verwirrt in ihr Zimmer eilte und sich vorderhand dort
einschlo.

Sie war berdies eiferschtig auf ihren Stauffacherruhm und auf ihr
mtterliches Ansehen und Recht ganz erbost, wieso ihr Rat dem Sohne
bler htte bekommen sollen, als derjenige eines jungen Seldwylers. Sie
strmte daher bald wieder aus ihrem Versteck hervor, um dem unberufenen
Ratgeber selbst den Kopf zu waschen und damit zugleich ntzliche Hndel
mit ihm anzufangen, welche die Freundschaft aufhben. Allein sie fand
die ganze Gesellschaft in frhlicher Eintracht in einer Laube
beisammensitzen, jedes mit einem verspteten Frhstck eigener Erfindung
versehen und alle untereinander damit Tauschhandel treibend. Kaum hatte
sie das junge Paar wieder so schn und glcklich nebeneinander erblickt,
so war auch schon jeder Vorsatz vergessen und sie half sogleich fr den
Nachmittag einen schnen Ausflug beraten und festsetzen; denn sie war
eine frhliche Frau, wie alle Stauffacherinnen, wenn gerade keine
Gewitterwolken ber den Mnnern schweben, die sie zerstreuen sollen.

Wie nun gar whrend des Tags sie den Jukundus, den sie doch zur Rede
stellte, mit hflichen und klugen Worten die Duellsache
auseinandersetzen hrte, sah sie wohl ein, da er recht und ihrem Sohne
einen guten Dienst geleistet habe, was sie mit einem dankbaren Gefhl
und Zutrauen erfllte.

Sie machte sich daher gleichen Tages auch an die Mutter des Jukundi und
stellte auch diese zur Rede mit allerlei ausholenden Sprchen und
Anschraubungen von wegen der zwei Kinder.

Frau Meyenthal fing das Garn ihrer Rede auch sofort ein und wickelte es
behende auf ein Splchen, welches sie der Gegnerin mit dem Trumpfe
zurckgab, da sie das bel von Seldwyla gar wohl kenne. Allein es komme
alles auf die Umstnde an. Auch sie habe von auen her sich da
angeheiratet und sei eine gute Partie geheien worden, und es sei,
abgesehen von dem frhen Hinscheiden des seligen Mannes, nicht bel
gegangen, so da, wie sie glaube, der Sohn, Gott sei Dank, gut geraten
und fr ein gutes und ehrbares Leben empfnglich sei, was Frau Glor auch
glaubte.

Hiemit war die magebende Geheimverhandlung durchgefhrt und was
mchtige Naturstimmen wnschten, im Lauf. Die beim brigen Teil der
Schwanauer Familie noch harrenden Schwierigkeiten wurden still und
anstndig berwunden und in wenig Monaten Jukundus und Justine als
Verlobte ausgerufen.

Es erschien das allgemein als ein so hbsches und gerechtes Ereignis,
da keine Mirede zu vernehmen war. Die Verlobten erhielten nicht einen
einzigen anonymen Schmh- oder Warnungsbrief, wie das sonst so zu
geschehen pflegt, wenn ein groer Neid erregt wird. Der klarste
Morgenhimmel lachte ber ihrem Brautstande und die Hochzeit selbst ward
zu einem sonnigen und klangvollen Feste mit Fahnen und Gesngen, welches
das teilnehmende Volk wie ein altes schnes Lied anmutete.


Zweites Kapitel

Die jungen Eheleute wohnten im elterlichen Hause zu Seldwyla. Es war das
ein ziemlich groes Gebude mit hohen Zimmern und Slen, im vorigen
Jahrhundert von einem Brger erbaut, der im Auslande reich geworden und
sein Gut in der Vaterstadt prchtig hatte ausbreiten wollen. Ehe es aber
wohnlich eingerichtet und ausgestattet war, hatte der Mann sein ganzes
Vermgen in den eingetretenen Revolutions- und Kriegsjahren wieder
verloren, so da er statt das Haus zu beziehen, wieder fortgezogen war,
um dort, wo er die frheren Glcksgter gefunden, nachzusehen, ob nicht
solche von neuem zu erhaschen wren. Das Haus aber war seither von Hand
zu Hand gegangen in der Art, da immer derjenige Seldwyler, der am
meisten Lust und Mittel zu einem herrschaftlichen Dasein versprte,
dasselbe bernahm und eine Zeitlang bewohnte, ohne da es jedoch im
Innern jemals ganz fertig wurde.

Am lngsten hatten es jetzt die Meyenthal besessen und im Verlaufe der
Zeit hier eine Tapete, dort einen Anstrich aufgewendet; vor der Hochzeit
hatte Jukundus noch die Auenseiten des Hauses auffrischen und den
Garten in gute Ordnung bringen lassen, und als nun Justine mit einer
gewaltigen Aussteuer an fahrender Habe aller Art eingezogen und diese in
den stattlichen Rumen auf das schnste verteilt und untergebracht war,
schien das geschmiedete, oder in diesem Falle das genhte Glck endlich
fr eine gute Dauer in dem Hause zu wohnen. Auch residierte die
Urheberin desselben, die Meyenthal, zufrieden und stolz in ihrer
Abteilung, besonders da sie sah, da die schne Justine einen festen und
klaren Sinn fr den Besitz und dessen Erhaltung zeigte und Jukundus
seine gutgeartete Lenksamkeit auch der jungen Gattin gegenber nicht zu
verlieren Miene machte.

Mit der Verheiratung hatte er verabredetermaen die militrische
Laufbahn als Berufssache wieder aufgegeben wegen der fortwhrenden
Abwesenheit, die sie mit sich brachte. Um sich aber dafr einen ehrbaren
Erwerb und eine geordnete Ttigkeit zu sichern, hatte er ein
Handelsgeschft errichtet, welches sich auf den Holzreichtum der
Stadtgemeinde und der umgebenden Landschaft grndete. Zu den groen
Allmenden, die von der alemannischen Bodenteilung herrhrten, waren
spter noch die Waldungen von Burg und Stift gekommen, an deren Mauern
die Stadt sich angebaut hatte.

Diese hatte bisher die Quellen ihrer Behaglichkeit geschont und auch aus
brgerlichem Stolz erhalten, wie sie ihre reichen Trinkgeschirre und den
alten Wein im Stadtkeller sorgfltig erhielt. Allein durch irgend eine
Spalte war die Verlockung und die Gewinnsucht endlich hereingeschlpft
und es wandelte ungesehen schon der Tod durch die weiten Waldeshallen,
schlich lngs den Waldsumen hin und klopfte mit seinen Knochenfingern
an die glatten Stmme. Als daher eben um diese Zeit Jukundus auftrat, um
das Bau- und Brennholz anzukaufen und auszufhren, kam sein Geschft
alsobald in Schwung; denn die Seldwyler zogen die Vermittlung des ihnen
wohlbekannten ehrlichen Mitbrgers dem Andringen der fremden Hndler,
durch die das Unheil eingeschlichen, vor.

Jetzt begannen die hundertjhrigen Hochwaldbestnde zu fallen und auch
sofort dem Strich der Hagelwetter den Durchla auf die Weinberge und
Fluren zu ffnen. Allein sie waren auch einmal jung und niedrig gewesen
oder schon mehrmals vielleicht, und sie konnten wieder alt und hoch
werden. Doch als die Axt auch an die jngeren Wlder geriet, fr das
zustrmende Geld immer schnere Zwecke erfunden und die Berghnge dafr
immer kahler wurden, fing es den Jukundus innerlich an zu frieren, da er
von Jugend auf ein groer Freund und Liebhaber des Waldes gewesen.
Whrend er an dem Handel einen ordentlichen Gewinn machte, begann er
sich desselben mehr und mehr zu schmen; er erschien sich als ein Feind
und Verwster aller grnen Zier und Freude, wurde unlustig und oft
traurig und vertraute sich seiner Frau an, da sie sein frohes Lcheln,
das zu dem ihrigen wie ein Zwillingsgeschwister war, fast seltener
werden sah und ihn ngstlich befragte. Sie dachte aber, die Dinge wrden
mit oder ohne den Mann ihren Lauf gehen und wahrscheinlich nur noch
schlimmer, und sie war nur darauf bedacht, ihn bald aus eigenen Krften
wohlhabend und unabhngig zu wissen, um auch von dieser Seite her stolz
auf ihn sein zu knnen. Sie bestrkte daher den Mann nicht in seiner
Unlust, sondern ermunterte ihn vielmehr zum Ausharren und er fuhr dann
so fort.

Da wurde an einer schief und spitz sich hinziehenden Berglehne, welche
der Wolfhartsgeeren hie, ein schnes Stck Mittelwald geschlagen. Aus
demselben hatte von jeher eine gewaltige Laubkuppel geragt, welche eine
wohl tausendjhrige Eiche war, die Wolfhartsgeereneiche genannt. In
lteren Urkunden aber besa sie als Merk- und Wahrzeichen noch andere
Namen, die darauf hinwiesen, da einst ihr junger Wipfel noch in
germanischen Morgenlften gebadet hatte. Wie nun der Wald um sie her
niedergelegt war, weil man den mchtigen Baum fr den besondern Verkauf
aufsparte, stellte die Eiche ein Monument dar, wie kein Frst der Erde
und kein Volk es mit allen Schtzen htte errichten oder auch nur
versetzen knnen. Wohl zehn Fu im Durchmesser betrug der untere Stamm
und die wagrecht liegenden Verstungen, welche in weiter Ferne wie
zartes Reisig auf den ther gezeichnet schienen, waren in der Nhe
selbst gleich mchtigen Bumen. Meilenweit erblickte man das schne
Baumdenkmal und viele kamen herbei, es in der Nhe zu sehen.

Als man nun gewrtigte, welcher Kufer den hchsten Preis dafr bieten
wrde, erbarmte sich Jukundus des Baumes und suchte ihn zu retten. Er
stellte vor, wie gut es dem Gemeinwesen anstehen wrde, solche Zeugen
der Vergangenheit als Landesschmuck bestehen zu lassen und ihnen auf
allgemeine Kosten Luft und Tau und die Spanne Erdreich ferner zu gnnen;
wie die verhltnismig kleine Summe des Erlses nicht in Betracht
kommen knne gegenber dem unersetzlichen inneren Wert einer solchen
Zierde. Allein er fand kein Gehr; gerade die Gesundheit des alten
Riesen sollte ihn sein Leben kosten, weil es hie, jetzt sei die rechte
Zeit, den hchsten Ertrag zu erzielen; wenn der Stamm einmal erkrankt
sei, sinke der Wert sofort um vieles. Jukundus wandte sich an die
Regierung, indem er die Erhaltung einzelner schner Bume, wo solche
sich finden mgen, als einen allgemeinen Grundsatz belieben wollte. Es
wurde erwidert, der Staat besitze wohl fr Millionen Waldungen und knne
diese nach Gutdnken vermehren, allein er besitze nicht einen Taler und
nicht die kleinste Befugnis, einen schlagfhigen Baum auf Gemeindeboden
anzukaufen und stehen zu lassen.

Er sah wohl, da man berall nicht zugnglich war fr seinen Gedanken
und da er sich nur als Geschftsmann blostellte und heimlich belchelt
wurde. Da kaufte er selbst die Eiche und das Stck Boden, auf welchem
sie stund, suberte den Boden und stellte eine Bank unter den Baum,
unter dem es eine schne Fernsicht gab, und jedermann lobte ihn nun fr
seine Tat und lie sich den Anblick gefallen. Aber von diesem
Augenblicke an suchte auch jedermann, ihn zu benutzen und zu
bervorteilen, wie einen groen Herrn, der keiner Schonung bedrfe.

Aus Widerwillen gegen die Baumschlchterei nderte Jukundus nach und
nach, aber so rasch als mglich, sein Geschft, indem er den Holzhandel
verlie und dafr sich auf den Verkehr mit jenen Schtzen warf, welche
aus dem Schoe der Erde kommen und das Holz ersetzen. Er errichtete
Magazine von Stein- und Braunkohlen, fhrte Ton- und Eisenrohre ein, um
die hlzernen Wasserleitungen zu verdrngen, Backsteine zu leichteren
Baulichkeiten, die man sonst von Holz zu erstellen pflegte, Zement fr
allerlei Behlter, und verleitete einen reichen Bauer, sich ein
gewaltiges festes und khles Mostfa aus Zement errichten zu lassen. Als
dies gelang, sah er im Geiste schon statt der hlzernen Fsser in jedem
Keller solche Vorratsgefe, gleich den groen in der Erde ruhenden
Weinkrgen der Alten, und das gute Eichenholz gespart. Auch kaufte er
Massen von ausgedienten Eisenbahnschienen, welche in hundert Fllen
einen Holzbalken vertreten.

Natrlich ging die Holzausfuhr ohne ihn und ber ihn hinweg nach den
alles aufzehrenden Stdten; allein er war nun mit seinem Gewissen im
reinen, ohne welchen stillen Gesellschafter er sich als Handelsherr
nicht glcklich fhlte. Auch wren die neuen Geschfte an sich nicht
ohne Gewinn geblieben, wenn nicht bei jener Geschftsnderung eine
gewisse Strung stattgefunden und, seit er den Baum als Pensionr an
seine Kost genommen, sich das Gebaren der Geschftsfreunde verndert
htte, so da diese nun das wahre Gesicht zeigten.

Jukundus sagte immer die Wahrheit und glaubte dafr auch alles, was man
ihm sagte. Er erffnete stets im Anfang seine ganze Meinung und was er
tun und halten konnte und nahm als richtig an, was ihm der andere von
seinen Kaufs- und Verkaufsbedingungen und von der Beschaffenheit der
Ware mitteilte, erst in der Meinung, da jener schon sich bemhen werde,
der Sache nher auf den Grund zu kommen, spter, als das nicht geschah,
gleich mit dem kecken Vorsatz der Tuschung. Und alle Erfahrung half
hier nichts und jede Ermahnung der Frauen, nicht so leichtglubig zu
sein, war fruchtlos. Denn gleich das nchste Mal glaubte er wieder, weil
er nicht anders konnte, oder es war ihm zu widerwrtig und verchtlich,
lange zu zanken und zu feilschen. Dazu kam, da er nichts weniger als
ein geschickter Finanzmann war, der Geld und Kredit zu wenden wute, und
so fgte es sich, da eines Tages seine Mittel erschpft waren und das
Ende herangekommen. Es geschah dies pltzlich, weil er nicht lange von
einem Nagel an den andern gehngt und keinen Scheinverkehr getrieben
hatte.

Er berlegte, ob er sich zuerst der Mutter oder der Gattin oder beiden
gleichzeitig anvertrauen und mitteilen solle, da der Wohlstand dahin
sei und von unten auf wieder angefangen werden msse, was und wo, wisse
er noch nicht. Er entschied sich fr die Frau. Als er nun mit ihr allein
in seiner Handelsstube stand und schweren Herzens von seiner Lage zu
erzhlen begann, trat sie ganz nahe zu ihm hin, strich ihm mit der Hand
ber die sorgenvolle Stirne und unterbrach ihn mit der Frage, ob seine
Bcher richtig und vollstndig gefhrt seien? Als er die Frage bejahte,
lachte sie ihn so schn an, da ihm das Herz aufging, und sagte, in
diesem Falle kenne sie den Sachbestand schon, da sie neugierig gewesen
sei und neulich in seiner Abwesenheit seine oder vielmehr ihre
gemeinschaftlichen Angelegenheiten studiert habe.

In der Tat hatte sie, da sie inne geworden, da er Kummer verbarg, eines
stillen Sonntags, als er verreisen mute und, wie gewohnt, die Schlssel
auf ihr Arbeitstischchen legte, diese genommen und sich auf seiner
Schreibstube eingeschlossen; dort hatte sie seine Bcher und Papiere
untersucht, was sie gar wohl verstand. Es war alles klar und
durchsichtig und jede Zahl an ihrem Platze. Sie sah, da es nicht lange
mehr gehen knne, jedoch die Gefahr eines schimpflichen Vorganges nicht
vorhanden sei, wenn zur rechten Zeit der Strich unter die Rechnung
gemacht werde. Bei seiner Offenheit gewi, da seine Beichte nicht lange
auf sich warten lassen werde, hatte sie seither bereits gehandelt und
ihre Eltern ins Vertrauen gezogen. Schon bei der Einwilligung zu der
Heirat war in dem stolzen Sinne der reichen Leute der Fall vorausgesehen
und im Geheimen festgesetzt worden, da die jungen Leute nach Schwanau
kommen sollten, wenn es, wie wahrscheinlich wre, in Seldwyla nicht
ginge. So war denn Justine ber ihre Entdeckung nicht eben sehr
erschrocken, sondern empfand fast eher eine geheime Freude, da sie den
lieben, schnen, guten Mann in ihr Vaterhaus ziehen und dort mit aller
Vorsorge einspinnen und in Seide wickeln knne, wie ein zerbrechliches
Glasmnnchen.

Wie sie ihm diese Plne nun aber mitteilte und erffnete, da man nur
eine rasche, stille Abwicklung der Geschftslage in Seldwyla vorzunehmen
und nach Schwanau berzusiedeln brauche, wo Jukundus sich schon werde
ntzlich machen knnen, erblate er und sagte: Da wrde meine Freiheit
und mein Selbstbewutsein dahin sein! Lieber will ich Holz hacken!

Nun, da kann ich auch dabei sein! erwiderte Justine, da helfe ich dir
sgen, und wenn wir alsdann so im Regenwetter auf der Strae sind und
beide an der Sge hin und her ziehen, zanken wir miteinander, da die
Leute stillstehen, wie wir es auf unserer Hochzeitsreise in jener groen
Stadt gesehen haben!

Sie setzte sich und fuhr fort: Erinnerst du dich noch, welch einen
seltsamen Eindruck es auf uns machte? Das regnete, regnete unaufhrlich,
das Holz war na und die Sge war na und der Mann und die Frau waren
durchnt und sie rissen die Sge unablssig hin und her und zankten
bitterlich mit harten Worten! Weit du, warum? Sie stritten um die Not,
um das Elend, um die Sorge, und schmten sich nicht im geringsten vor
den Leuten, die zuhrten--

Schweig, rief Jukundus, wie kannst du mein Wort so ausmalen und
ausbeuten, da du wohl weit, wie es zu nehmen ist!

Es kann alles darin liegen, was ich gesagt habe! antwortete Justine.
Komm, sagte sie und legte den Arm um seine Schultern, alles liebt
dich und alles hilft dir, du bist ein ganzer Mann, wenn du nur erst
einen vernnftigen Boden unter den Fen hast! Aber hier gedeihen wir
nicht!

Jukundus brach die Unterredung ab, um sich zu sammeln; denn er war
verwirrt und gestrt, weil er die Sache nicht so trost- und mutlos
angesehen hatte wie seine Frau, und er fhlte sich gekrnkt. Er ging zu
seiner Mutter; die fing aber sogleich an zu weinen, als sie von der Lage
Kenntnis erhielt. Alles schien ihr verloren, wenn der Sohn sich nicht an
die Frau und deren Haus hielte, und sie beschwor ihn, sein und der
Seinigen Glck nicht zu Grunde zu richten.

Die gute Mutter hatte sich gegen die Armut nun so lange zu wehren und
derselben durch ihre kluge Verheiratung des Sohnes, wie sie glaubte, fr
immer zu entgehen gewut, und sie frchtete die Armut wie ein
geschliffenes Schwert.

Justine dagegen hate und verachtete die Armut wie etwas an sich Bses
und Verchtliches, wenn es sich nicht etwa um fremde arme Leute
handelte, denen man gemchlich Gutes tun kann. Sie bte sogar eine
eifrige und geordnete Mildttigkeit, ging in die Htten der Armen und
suchte sie auf. Aber wo die Armut in ihre engeren Lebenskreise der
Blutsverwandtschaft oder Freundschaft eindringen wollte, empfand sie
einen harten Abscheu, wie gegen die Pest, und floh ordentlich davor. Es
half daher nichts, da Jukundus wieder zu ihr ging und ihr vorstellte,
sie knne ja das ungewisse Schicksal immer ein wenig mit ihm versuchen
und ertragen, da ihr ja schlielich die elterliche Zuflucht und ihr
reiches Erbe gesichert sei. Nicht einen Tag wollte sie ihn und sich der
Not und der Erniedrigung ausgesetzt sehen, und als ihr Vater kam und ihm
freundlich zuredete, als zu einer Sache, die ja selbstverstndlich sei
und sich fr alle aufs beste ordnen lasse, mute er sich ergeben.

Die Arbeitsleute Jukundis wurden ausbezahlt und verabschiedet, der
Grundbesitz verkauft, weil die Mutter, welche noch teil daran hatte,
nicht allein in Seldwyla bleiben wollte, und alle Verbindlichkeiten
gelst. Jukundus behielt hierauf nicht einen Taler mehr in der Hand fr
den Augenblick, was ihm eine hchst seltsame Empfindung verursachte.
Justine indessen betrieb guten Mutes und voll Munterkeit das Einpacken
der fahrenden Habe und die bersiedlungsanstalten; bald war sie in
Schwanau, um dort die Wohnung einzurichten, bald wieder in Seldwyla, um
hier die Dinge zu besorgen, war reichlich mit Geldmitteln versehen und
verga in ihrem frohen Eifer gnzlich, daran zu denken, ob auch Jukundus
noch etwas bedrfe oder in der Hand habe.

Da wurde es ihm zu Mute, wie wenn er ohne einen Zehrpfennig in ein
fernes Land unter wildfremde Menschen wandern mte, deren Sprache er
nicht verstehe, und er sah sich besorgt um, wo er noch wenigstens ein
Stck eigenes Handgeld erraffen knne fr alle Flle. Es war noch der
groe Eichbaum vergessen worden, den er gerettet und erhalten hatte.
Mit wehmtigem Lcheln verkaufte er den alten Riesen nun doch samt dem
Boden, auf dem er stand, und erhielt einige tausend Franken, welche er
sorgfltig aufbewahrte.

Der Kufer des Baumes stellte sogleich ein Dutzend Mnner ein, welche
dessen Wurzeln frei machten und untergruben und volle acht Tage damit zu
schaffen hatten. Als man endlich so weit war, da der Baum umgezerrt
werden konnte, strmte ganz Seldwyla auf die Berghalde hinaus, um den
Fall mit anzusehen, und Tausende von Menschen waren rings herum
gelagert, mit Speise und Trank wohl versehen.

Starke Taue wurden in der Krone befestigt, lange Reihen von Mnnern
daran gestellt, welche auf den Befehlsruf zu ziehen begannen; die Eiche
schwankte aber nur ein weniges und es mute stundenlang wieder gelst
und gesgt werden in den mchtigen Wurzeln. Das Volk a und trank
unterdessen und machte sich einen guten Tag, aber nicht ohne gespannte
Erwartung und erregtes Gefhl.

Endlich wurde der Platz wieder weithin gerumt, das Tauwerk wieder
angezogen und nach einem minutenlangen starken Wanken, whrend einer
wahren Totenstille, strzte die Eiche auf ihr Antlitz hin mit
gebrochenen sten, da das weie Holz hervorstarrte. Nach dem ersten
allgemeinen Aufschrei wimmelte es augenblicklich um den ungeheuren Stamm
herum. Hunderte kletterten an ihm hinauf und in das grne Gehlz der
Krone hinein, die im Staube lag. Andere krochen in der Standgrube herum
und durchsuchten das Erdreich. Sie fanden aber nichts, als ein kleines
Stck gegossenen dicken Glases aus der Rmerzeit, das vor Alter wie
Perlmutter glnzte, und eine von Rost zerfressene Pfeilspitze.

Auf einer fernen Berghhe, ber welche eben Jukundus mit den Seinigen
langsam hinwegfuhr, riefen arbeitende Landleute pltzlich, nach dem
Horizont hinweisend: Seht doch, wie die alte Wolfhartsgeereneiche
schwankt, weht denn dort ein Sturmwind? Denn sie konnten die Leute
nicht sehen, die daran zogen. Jukundus blickte auch hin und sah, wie sie
pltzlich nicht mehr dort und nur der leere Himmel an der Stelle war.

Da ging es ihm durchs Herz, wie wenn er allein Schuld wre und das
Gewissen des Landes in sich tragen mte.

Die Seldwyler aber lebten an jenem Abend eher betrbt als lustig, da der
Baum und der Jukundi nicht mehr da waren.

       *       *       *       *       *

Im Beginn seines Aufenthaltes zu Schwanau verbrachte Jukundus seine
meiste Zeit bei den Groeltern auf dem Berge, die er einst wegen ihres
scheinbar unfreundlichen, herben und rastlosen Wesens beinah gefrchtet
hatte. Im Verlaufe der Zeit war er aber auf einen guten Fu mit ihnen
geraten und sogar der Liebling der Alten geworden, wie denn fter
geschieht, da solche Landleute in ihrer uralten Sicherheit gern etwas
Miges und ihnen Ungleiches um sich leiden mgen, das ihre Heiterkeit
weckt. In dem jungen Manne sahen sie etwas fremdartig Unpraktisches,
aber Liebenswrdiges, das vermutlich keinen guten Stern haben wrde und
daher Mitleid und Teilnahme verdiene. So dachten die Ehgaumers, wie sie
im Volke noch hieen von dem verschollenen Ehegaumeramte her, das der
Grovater vor einem halben Jahrhundert einst bekleidet hatte und eine
Art Sitten- und Eherichteramt gewesen war. So alt wie dieser Titel war
auch der Schnitt der weien Haube und des groen weien Halstuches,
womit die Ehegaumerin sich schmckte, und alles stammte noch aus jener
Zeit, da schon Goethe bei einem Besuch in dieser Gegend schrieb, der Ort
gebe von der schnsten und hchsten Kultur einen reizenden und idealen
Begriff, die Gebude stehen weit auseinander, Weinberge, Felder, Grten,
Obstanlagen breiten sich zwischen ihnen aus und so weiter, und: was man
von konomen wnschen hre, den hchsten Grad von Kultur mit einer
gewissen migen Wohlhabenheit, das sehe man hier vor Augen.

Dieser Zustand war nun auf diesem Hochsitz noch der nmliche bis auf das
Wohnhaus, das Nubaumgerte in der Stube und das Geschirr in den
Schrnken, whrend die neue Zeit mit ihrem vernderten Angesicht und
ihren gesteigerten Verhltnissen sich gegen das Ufer hinab lagerte.
Jukundus erfreute sich der reinen Luft auf der Hhe und half den Alten
und ihren Dienstleuten so eifrig bei ihren Arbeiten, da er bald aller
Dinge kundig und ein Offizier wurde bei den Patriarchen, den sie nicht
wieder entlassen wollten.

Justine freute sich des guten Ansehens, das ihr Mann sich bei den
Groeltern erwarb, und kam fter vergngt auf den Berg gestiegen, um ihn
Abends herunterzuholen, oder sie freute sich auch, oben ein Gewitter zu
erleben whrend der Heuernte, das die jungen Leute zwang, dort die Nacht
zuzubringen. Dann zog sie ihr modisches Oberkleid aus, schlug eines der
weien Halstcher der Gromutter um, die Zipfel auf dem Rcken
verbunden, und kochte die gebrannte Mehlsuppe, buk den duftenden
Eierkuchen oder briet die leckere Fettwurst, die sie eigenmchtig zum
Nachtmahl aus der Vorratskammer geraubt. Wenn sie dann mit gertetem
Gesicht gar frhlich und lieblich dreinschaute und vollends die
glnzende Zinnkanne mit klarem, leichtem Weine regierte, so bezeugten
die Alten, da sie erst jetzt wie eine rechte alte Landjungfer aussehe,
und es gab etwa noch eine kleine Mummerei, indem die Gromutter ihren
verjhrten Granatschmuck, sowie Sonntagshubchen und seidene Jacken
herbeibrachte, die sie vor sechzig Jahren in blhender Jugend getragen.
Damit kleidete sich die Enkelin zum allgemeinen Wohlgefallen; aber
anstatt in den Spiegel schaute Justine dann mit ihrem glckseligen
Lachen dem Jukundus ins Gesicht, das die wie aus weiter Zeitferne
herberleuchtende Erscheinung anstaunte.

Auch an Sonntagen ging er meistens in den Berg hinauf, da es ihm dort
wohler zu Mut war, als in dem lauten, aber eintnigen Gesellschaftslrm,
welchen die viel sprechenden Leute bei ihren Zusammenknften unten
erhoben.

An Feiertagen lag auf dem Berge immer die Bibel geffnet auf dem Tische,
damit die Ehgaumerin die langen Stunden hindurch bequem ab und zu darin
lesen konnte, wenn es ihr einfiel, wie man einen Krug Wein, eine
Schssel mit Kirschen oder andern Nschereien an solchen Ruhetagen zur
Erquickung bereitstehen lt.

Hatte sie ihren Rosmarinzweig und ihre Brille dann auf das Buch gelegt,
wenn sie des Lesens mde war, so pflegte Jukundus gern sich hinter die
Bibel zu setzen und darin zu lesen, weil ihm das Buch sonst selten zur
Hand war, wie es so geht, wo man stets Neueres und Notwendigeres lesen
soll oder dann jenes Alte in der Zwangszeit der Schuljahre sich genugsam
angeeignet zu haben meint. Er betrachtete die schwlen Gewittergrnde
des Alten Testamentes, die leidenschaftlichen Gestalten darin, oder
entdeckte die hamletartige Szene im Johannesevangelium, wo Jesus
nachdenklich mit dem Finger etwas auf den Boden schreibt, ehe er sagt,
wer ohne Snde sei, mge den ersten Stein auf die Snderin werfen, wo er
dann wieder schreibt und, als er aufsieht, alle Anklger hinweggegangen
sind und das Weib einsam vor ihm steht im still gewordenen Tempel.

Die Gromutter sah das sehr gern; denn sie war ganz alt- und
rechtglubig und berzeugt, da das Lesen in der Bibel jedem ohne
weiteres gedeihlich sei. Justine hatte ihn, um sein unkirchliches Wesen
zu beschnigen, bei den Alten fr einen Philosophen ausgegeben; denn sie
selbst hing der unbestimmten Zeitreligion an und war darin umso
eifriger, je gestaltloser ihre Vorstellungen waren.

Einst setzte sich die Alte traulich zu ihm, als er wieder las; die fein
geflteten Spitzenflgel ihrer Haube streiften seine Wange und sie
streichelte ihm die Hand, indem sie sagte: Nun, Herr Philosoph, ich
glaube immer, du hast doch ein klein wenig Gottesfurcht!

Jukundus war von dieser Frage berrascht und dachte darber nach. Es
dnkte ihn, er knnte wohl antworten; allein sollte er der alten Frau
das anvertrauen, was ihn seine eigene Frau eigentlich noch nie gefragt
hatte, wenn er es recht berlegte? Und wie sollte diese auch nach dem
fragen, was sie nicht kannte? Denn sie besa warmes religises Gefhl,
aber sie war in Hinsicht auf gttliche Dinge viel zu neugierig und
indiskret und hatte auch ein zu groes persnliches Sicherheitsgefhl,
um das haben zu knnen, was man in reinerem Sinne sonst unter
Gottesfurcht verstanden hat. Da es mit dem lieben Gott selbst nun
kritisch beschaffen war, hatte sie schon von den gesuchtesten
Kanzelrednern vernommen, deren Vortrgen sie nachreiste. Fr Christum
aber, den schnsten und vollkommensten Menschen, wie ihn diese Priester
nannten, hegte sie mehr die Gesinnung schwesterlicher Verehrung oder
schwrmerischer Freundschaft; ihm htte sie das schnste Sofakissen und
die herrlichsten Pantoffeln sticken knnen, seinem Haupt und seinen
Fen zur wrdigen Ruhe! Ja, die tiefste Rhrung hatte sie einst
ergriffen, als sie auf Reisen jenes berhmte Bild Correggios gesehen,
welches das Antlitz Christi auf dem Schweituch der Veronika mit
magischer Wirkung darstellt. In den Anblick des trumerisch starren
Ausdruckes des hchsten Leidens versunken, hatte sie tief aufgeseufzt
und alsbald Mitgefhl suchend ihren Mann angelchelt, der ihr zur Seite
stand, und noch jetzt gehrte jener Augenblick zu ihren liebsten
Erinnerungen; aber alles dies glich nicht der Gottesfurcht.

Als die Alte indessen auf einer Antwort bestand, sagte Jukundus
bedchtig: Ich glaube, der Sache nach habe ich wohl etwas wie
Gottesfurcht, indem ich Schicksal und Leben gegenber keine Frechheit zu
uern fhig bin. Ich glaube nicht verlangen zu knnen, da es berall
und selbstverstndlich gut gehe, sondern frchte, da es hie und da
schlimm ablaufen knne, und hoffe, da es sich dann doch zum Bessern
wenden werde. Zugleich ist mir bei allem, was ich auch ungesehen und von
andern unbewut tue und denke, das ganze der Welt gegenwrtig, das
Gefhl, als ob zuletzt alle um alles wten und kein Mensch ber eine
wirkliche Verborgenheit seiner Gedanken und Handlungen verfgen oder
seine Torheiten und Fehler nach Belieben tot schweigen knnte. Das ist
einem Teil von uns angeboren, dem anderen nicht, ganz abgesehen von
allen Lehren der Religion. Ja, die strksten Glaubenseiferer und
Fanatiker haben gewhnlich gar keine Gottesfurcht, sonst wrden sie
nicht so leben und handeln, wie sie wirklich tun.

Wie nun dieses Wissen aller um alles mglich und beschaffen ist, wei
ich nicht; aber ich glaube, es handelt sich um eine ungeheure Republik
des Universums, welche nach einem einzigen und ewigen Gesetze lebt und
in welcher schlielich alles gemeinsam gewut wird. Unsere heutigen
kurzen Einblicke lassen eine solche Mglichkeit mehr ahnen als je; denn
noch nie ist die innere Wahrheit des Wortes so fhlbar gewesen, das in
diesem Buch hier steht: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen!

Amen! sagte die Alte, die aufmerksam zugehrt hatte; das ist doch
etwas und besser als gar nichts, was du da predigst. Lies nur fleiig in
meiner Bibel, da wirst du fr deine Republik schon noch einen
Brgermeister bekommen!

Wohl mglich, erwiderte Jukundus lachend, da zuweilen ein solcher
gewhlt wird und somit der Herrgott eine Art Wahlknig ist!

Die Alte lachte auch ber diese Idee, indem sie rief: So ein ordentlich
angesehener Herr Weltammann! Wie sie da drben Landammnner haben! Sie
deutete hiebei durch das offene Fenster nach dem Gebirge hinber, wo in
den alten Landrepubliken die obersten Amtleute so genannt wurden.

Sie lachte immer mehr darber; denn da sie in ihrem hohen Alter allezeit
an Gott und die Ewigkeit zu denken liebte, so war ihr auch das
unschuldige Spiel mit dem Namen Gottes willkommen, um ihn zur Hand zu
haben.

Wie beide nun in ihrem nicht gerade schulgerechten Religionsgesprche
sich vergngten und lachten, schaute Justine durch die Nelkenstcke
herein, die vor dem Fenster standen, und ihr Gesicht glhte trotz den
Nelken, da sie den Berg erstiegen hatte, um ihren Mann herunter zu
holen. Ihr schnes Gesicht berglhte aber fast noch die roten Nelken,
als die Gromutter lustig rief: Komm schnell herein, Kind! Eine
Neuigkeit! Dein Mann hier hat ein bichen ganz ordentliche Gottesfurcht,
er hat es soeben mir selber gestanden!

Es ergriff sie augenblicklich eine seltsame Eifersucht, da die
Gromutter mehr von den Gedanken Jukundis wissen sollte, als sie, seine
Frau, und sie sagte: Wahrscheinlich tut er mir darum kein einziges Mal
die Ehre an, mit mir zur Kirche zu gehen!

Sei still! sagte Jukundus, zanke nicht! Wir zanken ja auch nicht ums
klare Wasser, das jedes trinkt, wann und wo es will!

Dieses Wort nahm Justine wieder auf, als sie am Arme ihres Mannes die
abendliche Hhe entlang wandelte, um auf einem entfernteren Wege
hinunter zu gehen.

Wir zanken nicht ums Wasser! Aber wir mssen sorgen, da wir auch nie
ums liebe Brot streiten mssen, weder unter uns, noch mit andern! sagte
sie und erzhlte ihm, wie die Familie und sie selbst wnschen, da er
nun sich in fester Weise in dem groen Gewerbs- und Handelsgeschfte des
Hauses bettigen und Stellung nehmen mchte. Die lndliche Beschftigung
bei den Alten auf dem Berge passe auf die Dauer nicht recht fr ihn und
fhre zu nichts, whrend unten alle bereit seien, ihn in die Geschfte
einzufhren und Arbeit wie Gewinn redlich mit ihm zu teilen.

Jukundus fhlte die Meinung wohl, die es hiebei hatte; man wollte
niemand in der Familie dulden, der nicht reich zu werden fhig und
willig war, und da er im Grunde keine bessere Meinung verlangen konnte,
so ergab er sich ohne weiteres Zgern darein, obgleich mit geheimem
Mitrauen gegen sich selbst. Er sagte also der Justine, er werde gleich
am nchsten Morgen, da es Montag sei, anfangen und einen vollen
Wochenlohn zu verdienen suchen.

So wurde er denn frh am andern Tage in die Schreibstuben und
Arbeitsrume des Hauses eingefhrt, um der Reihe nach die verschiedenen
Zweige des Geschftes kennen zu lernen und derselben Herr zu werden. Das
Haus Glor betrieb seit mehr als dreiig Jahren die Seidenweberei,
welches Geschft mit der Zeit zu bedeutendem Umfange gediehen war. In
hundert lndlichen Wohnungen an den sonnigen Berglehnen, hinter klaren
Fenstern, standen die Websthle der Mdchen und jngeren Frauen der
Bevlkerung, welche die glnzenden Stoffstcke mit leichter fleiiger
Hand webten und so selber allwrts den Grund zu einem kleineren
Wohlstande legten. Auf allen Wegen eilten die rstigen Gestalten mit den
Weberbumen auf der Schulter heran, um das fertige Stck abzugeben und
die Seide fr ein neues Stck zu holen. In groen Slen waren aber auch
Maschinen aufgestellt, an welchen schwerere und reichere Stoffe
verfertigt und mnnliche Arbeiter beschftigt wurden.

Der Ankauf der rohen Seide, die Vorbereitung derselben durch die
verschiedenen Stadien, die Beaufsichtigung und Beurteilung der Arbeit,
der Verkauf der gehuften Vorrte, der Ausblick in den allgemeinen
Verkehr und die Berechnung des richtigen Augenblickes fr jede
Geschftshandlung, endlich die vorteilhaftere Verwendung der eingehenden
Wertsummen, alles dies bedingte eine unaufhrliche, rasch laufende
Ttigkeit und eine Reihe ineinandergreifender Erfahrungen.

Der Verkehr mit den zustrmenden Mklern, welche die aus verschiedenen
Weltteilen herkommenden Wrmergespinste anboten, derjenige mit den
Mnnern, welche die Ausfuhr der fertigen Gewebe nach anderen Weltteilen
vermittelten und hiebei wieder eigenen Reichtum zu gewinnen trachteten,
erheischte fortwhrende Gewandtheit und rasche berlegung. Die tglich
sich mehrende Konkurrenz forderte ein peinliches Zuratehalten der
aufzuwendenden Mittel und zugleich die genaueste Prfung der gelieferten
Arbeit in Bezug auf ihre Gte und Reinheit, whrend die gleichen
arbeitenden Hnde, die man so streng berwachen mute, von anderer Seite
eifrig gesucht und abwendig gemacht wurden, wenn die Unternehmungslust
im Schwange war; ging sie aber zurck, so muten dieselben auf die
besseren Tage hin mit Opfern in Ttigkeit erhalten bleiben.

Wiederum mute der Wechsel des Geschmacks und der Bedrfnisse unter den
verschiedensten Himmelsstrichen aufmerksam verfolgt werden. Hier mute
das gefllige und dauerhafte Seidenkleid der Brgersfrau alt geordneter
Gesellschaftslnder geliefert werden; dort handelte es sich um das
billige Prunkkleid, das die Weiber der kalifornischen oder australischen
Abenteurer einige Jubeltage hindurch schmckte, um nachher weggeworfen
zu werden. Je nach der Bestimmung mute die Kunst der groen Frbereien
in Anspruch genommen und der Krieg mit denselben gefhrt werden um die
schnsten und dauerhaftesten Farben fr das Kennerauge der echten
Hausfrau oder um den trgerischen Schein fr die farbigen Schnheiten im
entlegensten Westen.

In dies verwickelte Getriebe war nun Jukundus hineingestellt, um darin
schwimmen zu lernen, und er bestand die Probe nicht gut. Im Anfang, bei
den einzelnen einfacheren Hantierungen, ging es ordentlich, weil er
aufmerksam und sorgfltig arbeitete. Allein man klagte bald ber
Langsamkeit, da die Beweglichkeit und der leichte Sinn der ersten
Jugend vorber war, und es hie, er kme nicht recht von der Stelle. Um
ihn nun mit Gewalt schwimmen zu lehren, wurde er kpflings in den
Strudel gestrzt, und er trieb sich auch mit gezwungener Lustigkeit oder
vielmehr mit einer gewissen Angst hastig in demselben herum, da ihm
Hren und Sehen verging. Arbeiter betrogen ihn um die anvertraute Seide,
indem sie das Gewebe zu leicht und locker machten und ihn ber die
Ursache belogen. Andere wuten ihm Geschftsgeheimnisse abzuschwatzen,
um auf eigene Faust eine schdliche Konkurrenz zu erffnen. Den Mklern
und Zwischenhndlern glaubte er gegen alle gefaten Vorstze immer
wieder aufs Wort und genehmigte alle ihre Angebote schon, wenn die
anderen erst begannen, ihnen halbwegs zuzuhren und Antwort zu geben. In
diese Ungeschicklichkeit arbeitete er sich recht eigentlich noch hinein,
mehr als es in seinem Wesen bedingt war; eine Art unnatrlicher Dummheit
legte sich auf seine Seele und umschleierte seine Gedanken, sobald es
sich um Geschfte handelte, und ehe ein halbes Jahr vorber war, hatte
er wie ein verborgener Marder einen merklichen Schaden in Gestalt eines
Mindergewinns angerichtet, welchem nachgesprt wurde.

Als Justine bemerkte, da die fremden Leute und Angestellten des Hauses
ihren Mann bereits nicht mehr fr ein Kirchenlicht hielten und ihn
mitleidig belchelten, weinte sie heimlich vor Aufregung und Bekmmernis
und verfiel in eine beklemmende Angst, da sie werde anfangen mssen,
ihn fr einen unglcklichen beschrnkten Menschen zu halten. Die
Aussprche des Vaters und der Brder, wenn die Angelegenheit geheim
beraten wurde, waren auch nicht angetan, ihren Mut und ihr Selbstgefhl
zu erhhen, und selbst die Trostworte der alten Stauffacherin, da man
in einem solchen Hause wohl vermge, einen blinden Passagier mitreisen
zu lassen, wenn er sonst gesittet sei, vermochten nicht, sie
aufzurichten.

Ging sie aber zu Jukundis Mutter, um zu fragen und zu klagen, so weinte
diese mit ihr und beschwor sie, nur auszuharren, Jukundus sei gewi kein
dummer Kerl, er werde sich schon noch bewhren und so weiter.

Jukundus hatte keine Ahnung, wie es um ihn her tnte, und doch war ihm
keineswegs wohl bei der Sache. Da jeder berzeugt war, da es nicht
lange so gehen und ohnehin eine Aufklrung eintreten werde, so wollte
niemand zuerst mit ihm reden und niemand ihm zuerst weh tun; allein es
verbreitete sich doch ein leichter Nebel um ihn her, welcher die Augen
der Umstehenden zu verhllen und den Ton ihrer Stimmen zu dmpfen
schien.

Als er aber eines Tages wieder einen Vorrat roher Seide gekauft hatte zu
einem Preise, der noch vor zwlf Stunden gegolten, jetzt aber schon
etwas gefallen war, und er gebeten wurde, diesen Teil der Geschfte
lieber lassen zu wollen, und als diese Bitte sich in einigen Tagen auch
auf einem anderen Gebiete wiederholte, hrte er, etwas betreten, ganz
auf. Erst als niemand ihn um die Ursache seiner genommenen Mue fragte
und alles seinen Weg fortging, als ob nichts geschehen wre, erkannte
Jukundus endlich seine Lage und seine vllige Vereinsamung.

Am gleichen Tage wurde ihm auch seine Erkenntnis besttigt.

Justine war auf den Abend ins Pfarrhaus eingeladen, wo der Pfarrherr
eine Abhandlung ber die zeitgeme Wiederbelebung und Erneuerung der
Kirche durch die Knste vorlesen wollte, ein Thema, welches sie sehr
ansprach und auch nach Magabe der kleinen Verhltnisse schon
beschftigte. Jukundus seinerseits verhielt sich khl in dieser Sache
und liebte, so wenig als mglich in der Sprechweite des Geistlichen zu
weilen. Doch hatte er, da es ein dunkler Herbsttag war, versprochen, die
Gattin abzuholen.

       *       *       *       *       *

Der Pfarrer stand auf der uersten Linie der Streiter fr die zu
reformierende Kirche, die religise Gemeinde der Zukunft. Die
Jugendjahre hindurch hatte er im allgemeinen freisinnig und schn
gepredigt, so da die Herden, die er gehtet, sehr erbaut, wenn auch
nicht durchaus klar waren, auf welchem Boden sie eigentlich standen.
Unter dem Schutze der weltlichen Macht und nach dem Beispiel
altbewhrter Fhrer hatte das jngere Geschlecht die freiere
Weltbetrachtung auf der Kanzel, sowie die freiere Bewegung im Leben
errungen. Die strengglubige Richtung war unvermerkt zur bloen
Verteidigung ihres Daseins hinbergedrngt worden, ohne da von alledem
an der ueren Form des Gottesdienstes viel zu merken war. Die alten
Lieder, die alten Gebetformen, die alten Bibeltexte herrschten, und nur
bei gegebenem Anlasse wurde das bermenschliche menschlich behandelt; im
brigen blieb Christus der Erlser und Herr und an der Einheit und
Persnlichkeit der Weltordnung, sowie an der Unsterblichkeit der Seele
durfte nicht gerttelt werden. Die Theologie galt noch fr eine
geschlossene Wissenschaft, auch wo ihre Trger lngst im stillen allen
mglichen zweifelhaften Anschauungen nachhingen und den lieben Gott
einen guten Mann sein lieen, auch mit geheimen Seufzern das mgliche
Ende ihres Selbstbewutseins bedachten.

Dabei wurde mit Geringschtzung auf die frheren Aufklrer und
Rationalisten herabgesehen, welche mit ihrer trockenen Tapferkeit doch
die jetzige Zeit vorbereitet hatten, und die philistrsen Wundererklrer
wurden selbstzufrieden belchelt, whrend man selbst immer das eine oder
andere Wunder ausnahm und dasselbe halb natrlich, halb bernatrlich
geschehen lie.

Allein diese glckliche Zeit, wo alles so behaglich und rhmlich verlief
fr jeden, der gewandt in der Rede war und dem es nicht an Keckheit
mangelte, verwandelte sich, wie alles in der Welt.

Gerade durch die wachsende Ausbreitung und Macht der freien Richtung
wurde die Lust zur festeren Vereinigung und Gestaltung und der Wunsch
nach der Herrschaft genhrt, was zugleich ein deutlicheres Aussprechen
dessen mit sich brachte, was man eigentlich bekannte und meinte.

Nun war aber gerade wieder die Zeit, wo die Physiker eine Reihe
merkwrdiger Erfahrungen und Entdeckungen machten und die Neigung, das
Sehen mit dem Begreifen zu verwechseln, berhand nahm und naturgem vom
Stckweisen auf das Ganze geschlossen wurde, fter aber nur da nicht, wo
es am ntigsten war.

Auch verbreiteten neue Philosophen, welche ihre Stichwrter wie alte
Hte von einem Nagel zum andern hingen, bse, verwegene Redensarten, und
es geschah ein groer Zwang in nachgesagten Meinungen und Sprchen.

Wer nun unter den Priestern ruhiger und bescheiden war, dachte, es komme
auf ein gewisses Ma des Mehr oder Weniger in der Unklarheit nicht
gerade an, und verhielt sich klglicherweise friedlich auf dem
gewonnenen Standort, streitbar nur gegen die alten Feinde und
Unterdrcker. Andere dagegen wollten um keinen Preis den Anschein haben,
als ob sie hinter irgend einer Sache zurckblieben, nicht alles wten
und nicht an der Spitze der Dinge stnden. Diese rsteten sich mit
schweren Waffen und setzten sich auf die uersten Zweige des Baumes
hinaus, von wo sie einst mit groem Klirren herabfallen werden.

Der Pfarrer von Schwanau hatte sich zu dieser Schar gesellt, weil auch
ihm es nicht mglich war, im Widerspruche mit dem Geiste und der Bildung
der Zeit zu leben, wie er sie verstand.

Er lehrte daher, es sei der Wissenschaft zuzugeben, da ein persnlicher
Lenker der Welt und hierber eine Theologie nicht mehr bestehen knne.
Aber da wo die Wissenschaft aufhre, fange das Glauben und Ahnen des
Unerklrten und Unbestimmten an, welches allein das Gemt ausfllen
knne, und diese Ausfllung sei eben die Religion, die nach wie vor
verwaltet werden msse, und die Verwaltung dieses Gebietes sei jetzt
Theologie, Priester- und Kirchentum. Das gttliche Wort sei demnach
unsterblich und heilig und seine Verwaltung heilig und weihevoll. Nach
wie vor stehe der Tabernakel aufgerichtet, um welchen alle sich scharen
sollen, die nicht an trostloser Leere des Herzens zu Grunde gehen
wollen. Ja, das geheimnisvolle Ausfllsel des Tabernakels bedrfe mehr
als je der weihenden und ruchernden Priester, als Lenker der hilflosen
Herde. Keiner drfe hinter dem Tabernakel herumgehen, sondern jeder
msse sich vertrauensvoll an dessen Verwalter wenden; dafr drfen die
Priester nichts menschlichem mehr fern bleiben, das sie immer noch am
besten verstnden, und sie seien erbtig, berall nach wie vor zu helfen
und beizustehen, da die Wurst am rechten Zipfel angeschnitten wrde.
Nur verlangen sie dafr Heilighaltung des Tabernakels des Unbekannten
und allgemeine Aufmerksamkeit bei Verkndung und Beschreibung
desselben.

Hiebei beklagte der Pfarrer in ergreifender Weise die Unwahrhaftigkeit
auf der Kanzel, welche die Dinge nicht beim rechten Namen nenne und dem
Volke keinen reinen Wein einzuschenken wage, als ob es denselben nicht
vertragen knnte, und er beschrieb die Unwahrhaftigkeit und Kunst des
Verwischens so trefflich, da die zuhrende Gemeinde von neuem
hingerissen ausrief: Wie schn, wie wahr und tief hat er das wieder
gesagt!

Dann aber forderte er die Versammlungen wiederum auf, alle Schlacken
auszuwerfen und sich zu weihen fr den Gedanken der Unsterblichkeit
durch die Heiligung alles Tuns. Zwar sei der Wissenschaft zuzugeben, da
die persnliche Fortdauer der Seele ein Traum der Vergangenheit sein
drfte. Wolle und msse inzwischen einer doch darauf hoffen, so sei ihm
das unbenommen; im brigen aber sei die Unsterblichkeit jetzt schon und
in jedem Augenblicke da. Sie bestehe in den unaufhrlichen Wirkungen,
die aus jedem Atemzug in den andern folgen und in denen die Gewhr
ewiger Fortdauer liege. Seinen Schilderungen konnte dann die unvermhlt
gebliebene Greisin entnehmen, da wir in unsern Kindern und Enkeln
fortleben; der Arme im Geiste getrstete sich der unsterblichen
Fortwirkung seiner Gedanken und Werke; der durch haushlterischen und
sparsamen Sinn oft Geplagte freute sich, da nicht ein Atom seines
Leiblichen wirklich verloren gehe, sondern in dem Haushalte der Natur in
ewig wechselnder Gestaltung zu Ehren gezogen bleiben und
verschwenderisch zur Hervorbringung von tausend neuen Keimen beitragen
werde. Der Mhselige und Beladene endlich durfte auf ein durchgreifendes
Ausruhen von aller Beschwerde hoffen.

Das Gebude seiner Rede tapezierte er schlielich mit tausend Verslein
und Bildern aus den Dichtern aller Zeiten und Vlker auf das schnste
aus, wie nie zuvor gesehen worden; es war wie in dem Stbchen eines
Zolleinnehmers, der die Armut seiner vier Wnde mit Bildausschnitten und
Fragmenten, mit Briefkpfen und Wechselvignetten aus allen Ecken der
Welt berklebt und vor dem Fenster ein Kapuzinerchen stehen hat, das die
Kapuze auf und ab tut.

Es galt aber nicht nur, den Tempel des gesprochenen Wortes also
auszuschmcken, sondern auch der wirkliche gemauerte Tempel mute der
neuen Zeit entsprechend wieder hergestellt werden. Die Kirche zu
Schwanau war noch ein paar Jahrhunderte vor der Reformation erbaut
worden und jetzt in dem schmucklosen Zustande, wie der Bildersturm und
die strenggeistige Gesinnung sie gelassen. Seit Jahrhunderten war das
altertmliche graue Bauwerk auen mit Efeu und wilden Reben bersponnen,
innen aber hell geweit, und durch die hellen Fenster, die immer klar
gehalten wurden, flutete das Licht des Himmels ungehindert ber die
Gemeinde hin. Kein Bildwerk war mehr zu sehen, als etwa die
eingemauerten Grabsteine frherer Geschlechter, und das Wort des
Predigers allein waltete ohne alle sinnliche Beihilfe in dem hellen,
einfachen und doch ehrwrdigen Raume. Die Gemeinde hatte sich seit drei
Jahrhunderten fr stark genug gehalten, allen ueren Sinnenschmuck zu
verschmhen, um das innere geistige Bildwerk der Erlsungsgeschichte
umso eifriger anbeten zu knnen. Jetzt, da auch dieses gefallen vor dem
rauhen Wehen der Zeit, mute der uere Schmuck wieder herbei, um den
Tabernakel des Unbestimmten zieren zu helfen.

Hiefr war vorzglich Justine gewonnen worden, welche, um den lauen Sinn
ihres Mannes so viel als mglich gut zu machen, dem wunderlichen
Reformwerke doppelt zugetan war und sowohl mit eigenen reichen Gaben,
als mit dem eifrigen Sammeln fremder Spenden voranging und krftig
eingriff.

Das sonnige, vom Sommergrn und den hereinnickenden Blumen eingefate
Wei der Wnde hatte zuerst einem bunten Anstrich gotischer Verzierung
von dazu unkundiger Hand weichen mssen. Die Gewlbefelder der Decke
wurden blau bemalt und mit goldenen Sternen best. Dann wurde fr
gemalte Fenster gesammelt, und bald waren die lichten Bogen mit
schwchlichen Evangelisten- und Apostelgestalten ausgefllt, welche mit
ihren groen schwachgefrbten modernen Flchen keine tiefe Glut, sondern
nur einen krnklichen Dunstschein hervorzubringen vermochten.

Dann mute wieder ein gedeckter Altartisch und ein Altarbild her, damit
der unmerkliche Kreislauf des Bilderdienstes wieder beginnen knne mit
dem sthetischen Reizmittel, um unfehlbar dereinst bei dem
wunderttigen blut- oder trnenschwitzenden Figurenwerk, ja bei dem
Gtzenbild schlechtweg zu endigen, um knftige Reformen nicht ohne
Gegenstand zu lassen.

Endlich wurden die Abendmahlkelche von weiem Ahornholze, die weien
reinlichen Brotteller und die zinnernen Weinkannen verbannt und silberne
Kelche, Platten und Schenkkrge vergabt bei jedem Familienereignis in
reichen Husern, auf Justines Betreibung hin, deren reichstolzes Gemt
sich an dem Glanze erfreute, nicht fhlend, da sie der neuen Kirche zur
Grundlage eines artigen alten Kirchenschatzes verhalf, der sich ja jeden
Tag still aber beharrlich vermehren und auch den ckern und Weinbergen
und dem Zehnten von jeder Hand Arbeit wieder locken konnte, zumal ein
leerer Tabernakel noch mehr Platz hat, als ein besetzter.

Schon waren alle Knste, selbst die Bildhauerei mit einigen bermalten
Gipsfiguren, vertreten, ausgenommen die Musik, welche daher eiligst
herbeigeholt wurde. Weil zu einem Orgelwerk die Mittel noch nicht
beisammen waren, stiftete einer einen trompetentnigen Quiekkasten; ein
gemischter Chor studierte kurzerhand alte katholische Mestcke ein, die
man der erhhten Feierlichkeit wegen und weil niemand den Text verstehen
konnte, lateinisch sang. Dieser Chor spaltete sich in verschiedene
Abteilungen; Kindergruppen wurden zugezogen und eingebt, und unter dem
Namen einer den Gottesdienst neubelebenden Liturgie wurde, nur
versuchsweise, ein wackeres kleines Dramolet in Szene gesetzt, aus
welchem sich mit der Zeit wieder die pomphafte Darstellung eines
Weltmysteriums gestalten konnte.

Alles Geschaffene wre aber salzlos gewesen ohne die bung heilsamer
Zucht. Um das erneuerte Tempelhaus zu fllen, duldete der Pfarrer
keinen, der nicht hineingehen wollte. Er kehrte also den Spie vor allem
gegen diejenigen, welche sich drauen hielten und sich vermaen, das,
was er verkndige, selbst schon zu wissen.

Nicht die Jesuiten und Aberglubigen, rief er von der Kanzel mit
lauter Stimme, sind jetzt die gefhrlichsten Feinde der Kirche, sondern
jene Gleichgltigen und Kalten, welche in dnkelhafter berhebung, in
trauriger Halbwisserei unserer Kirche und religisen Gemeinschaft
glauben entraten zu knnen und unsere Lehren verachten, indem sie in
schndem Weltsinne nur der Welt und ihren materiellen Interessen und
Genssen nachjagen. Warum sehen wir diesen und jenen nicht unter uns,
wenn wir in unserem Tempel vereinigt und ber das Zeitliche zu erheben
und das Gttliche, Unvergngliche zu finden trachten? Weil er glaubt,
nachdem wir in hundertjhrigem Kampfe die Kirche befreit vom starren
Dogmenpanzer, er habe jetzt nichts mehr zu glauben, nichts mehr zu
frchten, nichts mehr zu hoffen, was er sich nicht selbst besser sagen
knne, als jeder Priester! Weil er nicht wei, da alles vergangene und
gegenwrtige Glauben und Wissen von gttlichen Dingen nur eine
zusammenhngende, groe und tiefe Wissenschaft bildet, die fortlebt und
verwaltet werden mu von denen, die es gelernt haben und verstehen. Weil
er endlich nicht wei, da er in der bitteren Stunde seines Todes nach
unserem Beistande schmachten und des geheimnisvollen Trostes des
Tabernakels bedrftig sein wird!

Aber jetzt ist er noch in Selbstsucht und Dnkel befangen. Weil er frei
und ungehindert ist durch _unser_ Verdienst, so verschmht er es voll
Undank, an unserem Zusammenhalte gegen die Gewalt der Finsternis und der
Lge teilzunehmen, den Kampf des Lebens gemeinschaftlich mit uns zu
kmpfen, unsere Freude zu der seinigen zu machen und, indem er sich
einen Christen nennt, den Altar mit uns zu zieren! Da geht er denn nun
so hin, der dieser und jener, der Gleichgltling, der Indifferent ist,
der Stlzling. Freilich wei er nicht, wie drftig und betrbt er uns
vorkommt in seiner Sicherheit, die wir ihm freilich nicht mehr nehmen
knnen oder wollen, obgleich er sie nur von uns hat! Freilich wei er
nicht, wie drr der Pfad ist, auf dem er so dahinwandelt, an welchem
keine Sonntagsglocken luten, auf dem keine Ostern und keine
Auferstehung blht, nicht die Auferstehung des Fleisches meine ich,
sondern die Auferstehung des Geistes, die ewigen Ostern des Herzens! Es
geht ihm auch darnach! Kein Segen begleitet ihn, sein Gemt verbittert
sich und grollt mit uns, die wir uns unserer Errungenschaften und des
Werkes unseres Herrn Jesu Christi erfreuen und das Osterlamm genieen
jetzt und alle Tage. Wenn dann Strom und Bche vom Eise befreit sind und
selig und jubelvoll 'bis zum Sinken berladen entfernt sich unser
letzter Kahn', dann wird er traurig am Ufer stehen und uns trotzig
nachschauen, ein Selbstausgeschlossener und Selbstverurteilter! denn _wir_
verurteilen niemanden und verdammen keinen. Nein, wir lassen jedem seine
Freiheit, eingedenk des allerdings furchtbar doppelsinnigen Wortes: 'Vor
dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, vor dem freien Menschen erzittert
nicht!'

Du aber la ihn nicht entrinnen aus den diamantenen Ketten deiner ewigen
Sittengesetze, die du gegrndet hast, o allliebender Schpfer und Herr,
Urheber der Grundfesten des Landes und der grtenden Flut des Meeres, o
du Spanner des ewigen Himmelszeltes! Fhre ihn zurck in dein
schtzendes Heiligtum, das wir dir errichtet nach deinem Gebote, das du
uns verkndet durch den Mund Mose:

     'Und wer unter euch verstndig ist, der komme und
         mache, was der Herr geboten hat:
      Nmlich die Wohnung mit ihrer Htte und Decke,
         Rengen, Brettern, Ngeln, Sulen und Fen;
      die Lade mit ihren Stangen, den Gnadenstuhl und
         Vorhang;
      den Tisch mit seinen Stangen und allem seinem Gerte,
         und die Schaubrote;
      den Leuchter zu leuchten und sein Gerte und seine
         Lampen, und das l zum Licht;
      den Ruchaltar mit seinen Stangen, die Salbe und
         Spezerei zum Ruchwerke, das Tuch vor der Wohnung Tr;
      das Handfa mit seinem Fue;
      die Kleider des Amtes zum Dienst im Heiligen, die
         heiligen Kleider Aarons, des Priesters, mit den
         Kleidern seiner Shne, zum Priestertum.'

Bringe ihn herein in deine Wohnung, da er mit uns bete:

      Geist der Liebe, Weltenseele, Vaterohr, das keine
        Stimme berhret der dich lobenden Gemeine!
      Eine Reihe Dankgebetes, Lobgesangs ein Faden,
        Zieht sich hin vom Duft des Morgens zu des Abends Scheine
      Eine Reihe Lobgesanges, Dankgebets ein Faden,
        Zieht sich hin vom Duft des Abends zu des Morgens Scheine,
      Gieb, da diese Seele auch durch der Gebetesflammen
        Schrung dir die innere Lebendigkeit bescheine!

Gib, da er das Land der Unvergnglichkeit suche mit der Sehnsucht der
Goetheschen Priesterjungfrau, die da sagte:

     Und an dem Ufer steh' ich lange Tage,
     Das Land der Griechen mit der Seele suchend!

da er einst mit der sterbenden Blume des Dichters singe:

     Ew'ges Flammenherz der Welt,
     La verglimmen mich an dir!
     Himmel, spann' dein blaues Zelt,
     Mein vergrntes sinket hier.
     Heil, o Frhling, deinem Schein!
     Morgenluft, Heil deinem Weh'n!
     Ohne Kummer schlaf ich ein,
     Ohne Hoffnung aufzusteh'n.

und ihm die Antwort werde:

     O bescheidenes Gemt,
     Trste dich, beschieden ist
     Samen allem, was da blht.
     La den Sturm des Todes doch
     Deinen Lebensstaub verstreu'n,
     Aus dem Staube wirst du noch
     Hundertmal dich selbst erneu'n.
           Amen!

Hatte er dermaen wohlklingend und nicht selten mit wirklich feuchten
Augen, von seinem Galimathias selbst aufgeregt, geendet, so geschah es
hufig, da auf dem Kirchwege die Zuhrer herbeieilten und ihm dankend
die Hnde drckten, und an den wohlbesetzten Mittagstafeln wurde er aus
schnem Munde gefhlsbedrftig gepriesen, von klugen Mnnern gelobt, da
man jetzt auch wieder einmal kirchlich und christlich sein knne, ohne
sich dem Verdachte der Beschrnktheit und des Zurckbleibens
auszusetzen.

       *       *       *       *       *

Zu den also bescholtenen Gleichgltigen und Indifferenten gehrte auch
Jukundus. Er war der neuen Kirche nicht feindlich gesinnt und wnschte
ihr nichts in den Weg zu legen, wohl wissend, da alle Dinge in der Welt
ihren Verlauf haben mssen. Allein mit seiner naiven Wahrheitsliebe war
es ihm unmglich, den Schein einer solchen wenigstens fr gedankengebte
Mnner unwahren Kirchlichkeit mit zu tragen, und machte von dem Rechte
seiner persnlichen Freiheit ohne Gerusch und Prahlen Gebrauch. Er tat
dies umso hartnckiger, als dieses Gebiet fast das einzige war, auf
welchem er seine volle Unabhngigkeit von der Sorge wie von der Liebe
noch bewahrte.

Der Pfarrer aber, welcher die Frau Justine zu seinen Hauptsttzen
zhlte, da sie mit ihrem Ansehen fast fr einen Kirchenltesten gelten
konnte, mochte nicht gerne leiden, da deren Mann die Sache durch sein
Fernstehen nicht zu billigen und so ber derselben stehen zu wollen
schien. Er empfand alles solches Fernstehen als einen stillen Vorwurf
gegen sich selbst und eine schweigende Kritik seines Tuns, und er hatte
daher einen Groll gegen Jukundus gefat und predigte gegen ihn. Denn
auch diese Untugend hatten einige der neuen Priester von den alten
herbergenommen, da sie auf der Kanzel, wo sie allein das Wort fhrten
und niemand erwidern durfte, aussprachen, was sie irgend persnlich
bedrckte, und nach Gutdnken anklagten und anzeigten. Jener wute aber
hievon nichts, weil er nicht viel achtgab auf der Leute Reden und dem
Sinne undeutlicher Anspielungen nicht nachfragte.

Als Jukundus am spteren Abend also auf den Pfarrhof kam, um seine Frau
versprochenermaen abzuholen, hatte der Pfarrer seinen Vortrag ber die
gegenseitige Verjngung der Kirche und der schnen Knste vor einigen
Freunden eben beendigt. Jukundus mute noch ein wenig Platz nehmen.

Wenn Sie mir gegnnt htten, meine kleine Arbeit mit Ihrem Mitanhren
zu beehren, sagte der Pfarrherr, so wrden Sie vielleicht einen
Ausgleichspunkt gefunden haben in dem Gedanken, da jetzt die Zeit da
ist, wo die Kunst ihr Dasein der Religion danken und der guten reichen
und doch jetzt so armen Mutter vergelten kann! Sie wrden vielleicht
selbst einige Befriedigung in der Aussicht finden, wenigstens in einem
bedeutenden Tonwerk etwa einst in Gemeinschaft mit uns Ihr Herz
aussingen zu knnen, mchten Sie auch dabei denken, was Sie wollten, und
uns berlassen, das gleiche zu tun!

Justine schaute bei diesen Worten ihren Mann hoffnungsvoll an. Es war
ihre schnste Erinnerung, in dem ersten Jahre ihrer Ehe mit ihm in einer
greren Stadt an einem musikalischen Feste mitgewirkt zu haben. Bei der
Auffhrung eines mchtigen biblischen Oratoriums hatten sie sich, jedes
bei seiner Stimme, so nahe gestanden, da sie in den Pausen einander die
Hand geben konnten. Am Abend hatte Jukundus seine Frau zrtlich in die
Arme geschlossen und ihr gestanden, da er trotz allem Erlebten noch nie
so glcklich gewesen sei wie heute, da er in dem wohltnigen Sturme der
Musik und des Gesanges mitgesungen und dabei neben sich noch ihre liebe
Stimme mitgehrt habe.

Allein jetzt erwiderte er dem Geistlichen, schon in trber Stimmung
gekommen und durch dessen Gewaltsamkeit nicht aufgeheitert, etwas
trocken: Ich bin nicht Ihrer Ansicht, da die Religion die Kunst
hervorgebracht habe. Ich glaube vielmehr, da die Kunst fr sich allein
da ist von jeher und da sie es ist, welche die Religion auf ihrem Wege
mitgenommen und eine Strecke weit gefhrt hat!

Der Pfarrer wurde ganz rot; er ertrug im Kreise seiner engsten Gemeinde
solchen Widerspruch nicht leicht und sagte: Nun, wir wollen die Sache
nicht weiter verfolgen; Sie sind wohl in mehr als einer Beziehung ein
Laie, sonst wrde Ihnen bekannt sein, da wir Theologen heutzutage
manche Kreise des Wissens in unsere theologische Wissenschaft
hereingezogen haben, die ihr sonst nicht verpflichtet waren und deren
bersicht Ihnen in Ihrer Lebensstellung fehlt!

Jukundus versetzte etwas hart: Dieses Bedrfnis mgt Ihr Theologen
fhlen; ich glaube aber nicht, da Eure Theologie dadurch den Charakter
einer lebendigen Wissenschaft wiedergewinnt, so wenig als die ehemalige
Kabbalistik, die Alchimie oder die Astrologie noch eine solche genannt
werden knnte!

Hierdurch in seinem Innersten getroffen und beleidigt, rief der
Geistliche: Ihr Ha gegen uns macht Sie blind und tricht! Aber es ist
genug, wir stehen ber Ihnen und Ihresgleichen, und Ihr werdet in Eurem
verblendeten Dnkel die Kpfe an unserem festen Bau einrennen!

Immer gleich das Gefhrlichste! sagte Jukundus, der inzwischen ganz
ruhig geworden war; wir rennen gegen keine Wand! Auch handelt es sich
nicht um Ha und nicht um Zorn! Es handelt sich einfach darum, da wir
nicht immer von neuem anfangen drfen, Lehrmter ber das zu errichten,
was keiner den anderen lehren kann, wenn er ehrlich und wahr sein will,
und diese mter denen zu bertragen, welche die Hnde danach
ausstrecken. Ich als einzelner halte es vorlufig so und wnsche Euch
indessen alles Wohlergehen; nur bitte ich, mich vollkommen in Ruhe zu
lassen; denn hierin verstehe ich keinen Scherz!

Er hatte diese letzten Worte mit fester Stimme gesprochen, und diese
Stimme zerri seiner Frau, die seinen Arm zum Weggehen ergriffen hatte,
das Herz. Sie hatte in der neuen Kirchenkultur, die ihr so freisinnig,
so gebildet, so billig schien, zuletzt fast den einzigen Halt gegen den
geheimen Kummer gefunden, der sie drckte; nun war ihr Mann in offener
Auflehnung dagegen ausgebrochen. Denn sie hielt ihn dem Pfarrer
gegenber fr unwissend und unzulnglich, fr einen Unglcklichen! Das
Unheil eines Glaubenszwiespaltes in Verbindung mit einem beginnenden
huslichen Unglck war pltzlich da, mitten in der so erleuchteten und
wohlredenden Kirchenwelt.

Kaum auf die Strae gekommen, lie Justine den Arm ihres Mannes fahren
und ging wie taumelnd neben ihm her, leise weinend. Da es herbstlich
strmte und regnete, so glaubte Jukundus, sie wolle bequemer allein
gehen und achtete nicht auf ihren Zustand. Bis sie zu Hause angekommen,
hatte sie sich uerlich gefat; inwendig aber zitterte sie vor
Aufregung und Entrstung.

Jukundus, den Vorfall schnell vergessend und von anderen Sorgen erfllt,
wollte mit ihr jetzt die gemeinsame Lage besprechen und ihr darstellen,
wie er glaube, da sein rechter Platz nicht in diesem Hause sei, da er
doch versuchen msse, auf eigenen Fen zu stehen, wozu wohl noch schne
Zeit sei; da sie ihm in die Hauptstadt folgen sollte, wo er gute
Verbindungen und Freunde habe. Wenn sie einige Mittel von den Eltern
mitnehmen knnte fr den Anfang, nur so viel, als sie etwa fr den
Kirchenkultus und die anderen Lieblingssachen schon ausgegeben habe, so
wre ihm fr die Zukunft nicht bange.

Er berhrte diesen letzteren Punkt nur kleinlaut, weil er fr sich
nichts zu bedrfen glaubte und nur die Scheu Justines vor aller
Mittellosigkeit ins Auge fate.

Kaum war er aber hier angelangt, so schwieg sie nicht lnger; die rauhe
Ursprnglichkeit der emporgekommenen Volksfamilie, welche die Mnner
zuweilen berfiel, brach mit aller Herbigkeit auch bei ihr unversehens
zu Tage. Leidenschaftlich und rcksichtslos und ebenso unbesonnen rief
sie, er mge gehen, wohin er wolle, sie werde ihm nicht folgen, wenn er
in ihrem Hause nicht zu gedeihen vermge, wo es ihm an nichts und an
keinem Entgegenkommen gemangelt habe. Weder den Ihrigen noch ihr selbst
fiele es ein, noch das geringste Opfer an ein solch verlorenes Leben zu
wagen und das Geld einem solchen ... nachzuwerfen.

Sie brauchte dabei einen Ausdruck, den sie kaum je im Munde gefhrt, und
welchen, ohne da es gerade ein eigentliches Schimpfwort war, doch kein
rechter Mann von seiten seiner Frau ertrgt.

Kaum war das Wort ihrem Munde entflohen, so erblate Justine, und sie
schaute ihren Mann mit groen Augen an, der schon vorher erbleicht war
und jetzt schweigend hinausging.

Justine eilte, ihre Mutter zu suchen; die war aber noch im Hause eines
der Brder, und jene ging daher dorthin, um Rat und Zuflucht zu finden.

Jukundus aber weckte seine eigene Mutter, welche ermdet schon zu Bette
gegangen war, hie sie sich ankleiden, packte dann das Notwendigste
zusammen, holte in der Nacht selbst einen Mietwagen herbei und fuhr
unbemerkt in der strmischen Regennacht mit seiner Mutter davon,
versehen mit dem wenigen Gelde, das er noch von dem Verkaufe jenes alten
Eichbaums brig behalten und aufbewahrt hatte.

Von diesem Augenblicke an war aus dem Gesichte der beiden Ehegatten
jenes anmutige und glckliche Lachen verschwunden, so vollstndig, als
ob es niemals darin gewohnt htte.

In dem dunkeln Wagen, neben der alternden Mutter, die in Ergebung und
Schlaftrunkenheit wieder eingeschlummert war, sah Jukundus das schne
Gesicht Justines vor sich, wie es ihn zum ersten Male angelacht hatte.
Dieses Lcheln, sagte er sich bitter, sind die Knste eines Muskels, der
gerade so und nicht anders gebildet ist; durchschneidet ihn mit einem
kleinen leichten Schnitt und alles ist vorbei fr immer!

In der Morgendmmerung stand Justine, die nicht zu Bette gegangen war,
vor einem Spiegel und sah ihre starren, bleichen Lippen; sie versuchte
schmerzlich zu lcheln ber den schnen, schlimmen Traum des
entschwundenen Glckes. Allein ihr Mund und beide Wangen waren starr und
unbeweglich wie Marmor, der Mund blieb von nun an verschlossen, und vom
Morgen bis zum Abend und einen Tag wie den andern.


Drittes Kapitel

Jukundus hatte sich nach der Landeshauptstadt begeben, wo es seine erste
Sorge war, die vor Schreck und Kummer erkrankte Mutter zu pflegen und zu
begraben; denn sie erholte sich nicht mehr, weil sie keine Hoffnung mehr
barg, da es dem Sohne noch wohlgehen und das, was sie nicht gesponnen
und gewebt, vorhalten knne.

Auf dem Rckwege von ihrem Grabe begegnete er einem militrischen
Vorgesetzten, der ihn wohl kannte, aber lang nicht gesehen hatte. Der
fragte ihn nach seinen jetzigen Umstnden, und als er dieselben, soweit
sie mitteilbar waren, kennen gelernt, sagte er zu Jukundus, er wre
gerade der Mann, den er suche, um in seinem ausgebreiteten Handels- und
Unternehmungswesen eine bestimmte Lcke auszufllen. Er suche einen
zuverlssigen ruhigen Mann, von dem er wisse, da er seine
Obliegenheiten kurzweg und pnktlich erflle, nicht nach rechts oder
links schaue, ohne die Wachsamkeit zu verlieren, und hauptschlich keine
eigenen Spekulationen betreibe.

Jukundus verband sich mit dem Manne und bernahm sofort die ihm
zugedachte Stelle, und es ging vom erstem Augenblicke an gut. Die ihm
angewiesene Ttigkeit war der Art, da er weder selbst zu tuschen und
zu lgen, noch die Lgen anderer zu glauben brauchte. Er hatte nicht
ntig zu berfordern oder zu unterbieten, zu feilschen oder zu
berlisten und berlistungen abzuwehren. Was darber hinaus an
Menschenkenntnis und deren Anwendung erfordert wurde, ward ihm gelufig,
wie ehedem, da ihm mit der verschwundenen Befangenheit es wie Schuppen
von den Augen fiel.

So flossen seine Tage ernst und still dahin, und nicht die kleinste
Freude erhellte seine Augen. Mit Justine lebte er ohne jede Verbindung;
er erwartete vergeblich ein Zeichen von ihr, da sie die geschehene
Beleidigung bereue und zurckzunehmen wnsche, whrend sie hieran von
den Ihrigen verhindert wurde, welche fanden, es sei besser, die Dinge
einstweilen liegen zu lassen, wie sie lgen, und das weitere Glck des
Jukundus abzuwarten, ob dasselbe auch Bestand habe. Sie hatten nicht
unrecht, es ein Glck zu nennen; denn das Finden seiner selbst in
dunkeln Tagen ist meistens mehr Glckssache, als die Menschen gewhnlich
eingestehen wollen, und hier hatte es vielleicht einzig von der
zuflligen Begegnung mit dem erfahrenen und einsichtigen fremden Manne
abgehangen.

Jukundus' kalte und bittere Ruhe dauerte aber nicht lange. Whrend er in
seiner Geschftsstellung sich tglich brauchbarer erwies und bald ber
die anfnglich angewiesene Stufe hinausgehoben wurde, fast ohne jemandes
Zutun, so da der frher so schwer erreichbar erschienene reichere
Erwerb und die gegrndete Aussicht auf Besitz sich wie von selbst
einstellten, trat im ffentlichen Leben eine Bewegung ein, in welche er
mehr seiner verbitterten Gemtsstimmung als eigentlicher Neigung gem
leidenschaftlich hineingezogen wurde.

In der Republik waren seit der letzten jener politischen Umgestaltungen,
durch welche das Volk sich verlorene Rechte erneuert oder vorhandene
erweitert, vierzig Jahre verflossen, und es war im jngeren Geschlechte
der Wille einer neueren Zeit reif geworden, ohne da die noch
herrschenden Trger der frheren Gestaltung denselben kannten oder
anerkennen wollten. Sie hielten die Welt und den Staat, wie sie gerade
jetzt bestanden, fr fertig und gut und wiesen ihre Mitwirkung zu jeder
erheblichen nderung mit einem beharrlichen Nein von sich, indem sie
sich auf eine ununterbrochene Ttigkeit in der mhlichen Ausbildung des
Bestehenden, einst so Gepriesenen zurckzogen. Durch diesen Widerstand
erwarben sie sich das Aussehen von Stehenbleibenden, ja Feinden des
Fortschrittes, und erweckten eine je lnger je heftiger gereizte
Stimmung gegen sich. Da sie aber die Geschfte sachlich und redlich
besorgten und alle Mhe auf allerlei Dinge verwendeten, welche an sich
keineswegs wie Rckschritt aussahen, so war der Anfang zu einer groen
Aktion schwer zu finden. Denn wenn das Volk hiebei nicht den Ansto zu
gewaltsamen Ereignissen gewinnt, woraus an einem Tage von selbst das
Gewnschte sich gestaltet, so bedarf es einer ungeheuren moralischen
Aufregung, um auf dem Wege der gesetzlichen Ordnung zu seinem Ziele zu
gelangen und eine selbstgegebene Verfassung, selbstgewhlte Vertreter zu
beseitigen und an deren Stelle das Neue zu setzen.

Diese Aufregung, welche bei der gewaltsamen Umwlzung durch einige
Tropfen rauchenden Blutes hervorgebracht wird, erreicht das Volk auf dem
anderen Wege, um schlssig zu werden, nur dadurch, da es das erste
Unrecht begeht mittels einer falschen Anschuldigung und sodann getreu
dem Satze, da der Unrechttuende den leidenden Teil mit wachsendem Hasse
verfolgt, nicht mehr ruht, bis der Stein des Anstoes hinweggerumt und
der neue Rechtsboden, den es will, errungen ist.

Aber auch zu einer vollen runden Hauptanschuldigung, welche fr solch
eine allgemein um sich greifende Gemtsbewegung ausgereicht htte, fand
sich keine rechte Handhabe vor. Jedes einzelne der unerfllten Begehren
war nicht eine Frage der Unehrlichkeit oder des Volksbetruges, sondern
nur eine Frage der Zweckmigkeit, welche bestritten war.

Da aber ein Volk oder eine Republik, wenn sie durchaus Hndel suchen
mit ihren Fhrern und Verwaltern, nicht auf die Dauer wegen des Anfanges
verlegen sind und immer neue Mittel erfinden, so stellte man sich
zuletzt einfach vor die Personen hin und sagte: Euere Gesichter gefallen
uns nicht mehr.

Dies geschah mittels einer dmonisch seltsamen Bewegung, welche mehr
Schrecken und Verfolgungsqualen in sich barg, als manche blutige
Revolution, obgleich nicht ein Haar gekrmmt wurde und kein einziger
Backenstreich fiel.

Es entstand zuerst ein Ausspotten einiger nicht bedeutender Personen an
irgend einem Punkte, dann ein Verhhnen einiger anderer, die schon mehr
Bedeutung hatten, wegen halb lcherlicher, halb unzukmmlicher, immerhin
entstellter Eigenschaften. Eine spott- und verfolgungslustige Laune
verbreitete sich mehr und mehr, es bildeten sich Anfhrer und Virtuosen
im Hohn und der Entstellung aus, und bald verwandelte sich der lustige
Spott in grimmige Verleumdung, welche umherraste, die Huser ihrer Opfer
bezeichnete und das persnliche Leben auf das Straenpflaster
hinausschleifte.

Nachdem diese Opfer in einen Teig von Lcherlichkeit, bestehend aus
erfundenen krperlichen Gebrechen und Gewohnheiten, meist nur etwa
linkischen Gebrden, eingeknetet waren und so herumgestoen wurden,
legte man ihnen pltzlich lngst begangene geheime Verbrechen, einen
abscheulichen Lebenswandel, eine Niedrigkeit der Denk- und
Handlungsweise zur Last, welche durch das Ansehen, das sie bisher
genossen, nur umso greller und unertrglicher hervorgehoben wurden. Zwar
wurden die Anschuldigungen bestimmter beltaten, welche sofort einem
Kriminalverfahren nach allen Seiten hin rufen muten, beim ersten
Aufschrei der Betroffenen lchelnd fallen gelassen. Allein der Abscheu
blieb an den Personen haften und aller brige gestaltlose Unfug wurde
festgehalten durch die Ratlosigkeit der Verfolgten, und bei dem
allgemeinen Schrecken und Widerwillen entstand eine frmliche
Straflosigkeit, zumal jede Prozeverhandlung zu einem Feste fr die
Verfolger zu werden begann und mit den schwersten Drohungen begrt
wurde.

So eilten denn aus allen Ritzen und Schlupfwinkeln die Teilnehmer an dem
allgemeinen Reichstage der Verleumdung und der Beschimpfung herbei.
Personen, deren eigene physiognomische Beschaffenheit, Lebensarten und
Taten sie selbst zum Gegenstande der Schilderung, des Unwillens und des
Spottes zu machen geeignet waren, stellten sich gerade in die vorderste
Reihe und erhuben als rechte Herzoge der Schmhsucht und der Verleumdung
ihre Stimme, und je lauter der grimmige Lrm war, desto stiller und
kleinlauter wurden die Geschmhten. Ein fr die Betroffenen furchtbarer
Gemeinplatz wurde von den gedankenlosen Gaffern ausgesprochen. Wenn nur
der hundertste Teil der Anschuldigungen wahr wre, so wrde das mehr als
genug sein! hie es, und sie bedachten hiebei nicht, da ja jeder von
ihnen einen solchen hundertsten Teil auf den Schultern trge, wenn
gerecht gemessen wrde.

Neben den Angesehenen und Bekannten im Lande wurde wohl auch etwa in
irgend einem Winkel ein armer Unbekannter vernichtet, da es anzuhren
war wie das Schreien eines Hhnchens, das ein Marder nchtlicherweise
einsam erwrgt. Oder es fielen ein paar der Herzoge unter den reienden
Tieren einander selbst an auf irgend einem besonderen Wechselplatz,
kehrten aber mit zerbissenen und blutigen Schnauzen zum allgemeinen
Reichstage zurck, ohne da es ihnen dort etwas geschadet htte. Sie
beleckten sich die zerzausten Blge und nahmen frech wieder das Wort.

Die ganze Erscheinung war so neuer und eigentmlicher Art, da der
Geschichtsfreund sie mit keiner vorangegangenen zu vergleichen wute,
wo doch auch mehr als einmal aus einem ungerechten Anla oder unwahren
Vorwand die Staatsvernderung und die Erweiterung der Freiheit
hervorgegangen war.

Mnner, die in ihrer entstellten Gestalt mitten in der Not und
Verfolgung standen, in der doch kein Tropfen Blut flo und kein Arm
berhrt wurde, sahen sich von alten Freunden verlassen, die
unentschlossen ihren Unschuldsbeteurungen zuhrten und fr sich selber
darum nicht umso besser fuhren.

Andere, die ein entscheidendes Wort des Mutes htten sprechen knnen,
schwiegen still, um nicht vor der Braut oder der Gattin eine infame
Beschmutzung erleiden zu mssen, und wiederum andere schwiegen aus Sorge
fr den Frieden und die Unschuld ihrer unmndigen Kinder. Mancher dankte
nur Gott, da er bis jetzt verschont geblieben, wenn er bedachte, da
diese oder jene menschliche Schwche, die ihn vielleicht schon
angewandelt, dem Unheil einen Angriffspunkt bieten knnte, und er hielt
sich muschenstille. Dicht dabei stand ein offenkundiger Bsewicht
ebenso stille, der doch zu notorisch war, um sich zu den Verfolgern
gesellen zu knnen, und nun mit stechenden Augen gewrtigte, was an ihn
kommen wolle. Auch der blieb verschont, nicht nur, weil er als
gefhrlicher Bsewicht von den Verleumdern gefrchtet war, sondern weil
die merkwrdige Bewegung bei aller scheinbaren Malosigkeit ein gewisses
Gesetz der konomie innehielt und keine Opfer verlangte, die ihr nicht
gerade im Wege standen.

brigens war nicht zu verkennen, da das Bewutsein, es sei eigentlich
nur ein groer, etwas grober Spa, nicht fehlte. Denn whrend die Menge
kein Bedenken trug, das Land als von der Schlechtigkeit unterfressen,
angefllt und beherrscht vor aller Welt darzustellen, blieb die
wirkliche unterirdische Schicht der Niedertracht, die in keinem Lande
fehlt, unangefochten in ihrer Ruhe, wo sie nicht freiwillig ans Licht
emporstieg, um auch an den Reichstag zu kommen und die verhate
Ehrbarkeit ausplndern zu helfen. Der aktive Lgnerhaufen glich der
volkstmlichen Dorfkltscherin, welche in ihrem Humor es fr
selbstverstndlich hlt, da jeder zusehe, was er glauben wolle, und da
jeder Angeschwrzte ihr den Spa nicht allzu belnehme.

Von diesem Humor war nun Jukundus nicht. In der Verfassung, in der er
sich befand, war er doppelt aufgelegt, alles zu glauben, wenn er auch
nicht sonst schon durch seine einfache Natur darauf angelegt gewesen
wre. Whrend er im Geschftsleben schon vorsichtiger geworden war,
wurde er von dieser Bewegung berrascht wie ein Kind und glaubte jede
Schndlichkeit, die man vorbrachte, wie ein Evangelium, ber die Maen
erstaunt, wie es also habe zugehen knnen und was in einer Republik
mglich sei.

Seine besonderen Mitbrger, die Seldwyler, hatten von Anfang an diese
Ereignisse wie ein goldenes Zeitalter begrt. Nichts Lustigeres konnte
es fr sie geben als das Auslachen und Heruntermachen so vieler
betrbter langer Gesichter, die so lange besser hatten sein wollen als
andere Leute. Sie taten sich nicht gerade hervor in der Erfindung von
Abscheulichkeiten, waren aber umso ttiger im Aufbringen von
Lcherlichkeiten. Immer kamen einige oder ganze Gesellschaften von ihnen
nach der Hauptstadt, um zu sehen, was es Neues gbe, und an der tglich
hher gehenden Bewegung teilzunehmen. Weil Jukundus die beste Gestalt
unter ihnen war, so machten sie ihn zu ihrem Huptling, und er ging im
tiefsten Ernste vor der lachenden und stets zechenden Zunft der
Seldwyler her, traurig und bekmmert, aber auch entrstet und
straflustig.

Denn er hatte die Welt noch nie in diesem Lichte gesehen; es war ihm zu
Mut, als ob der Frhling aus derselben entflohen und eine graue, heie,
trostlose Sandwste zurckgeblieben wre, an deren fernem,
verschleiertem Saume der Schatten seiner Frau einsam entschwinde. Wenn
er in den Klubs und Versammlungen neben handfesten und bekannten
Agitatoren allerlei aus dunkeln Lchern hervorgekrochene Gesellen sah,
die langjhrigen Unstern in der allgemeinen Sndflut mit schmutzigen
Hnden zu ersufen suchten oder die obere Schicht wie mit Feuerhaken zu
sich herunterzureien bestrebt waren, so sah er wohl, da es keine
Oberkirchenrte waren, die ihm die Hand drckten. Aber er empfand jetzt
eher ein tiefes Mitleid mit solchen Heiligen, die er als die Opfer einer
Welt betrachtete, von der er auch ein Lied singen zu knnen glaubte. Wie
die heilige Elisabeth eine Vorliebe fr unreinliche Kranke und Elende
bezeigte und sich sogar in das Bett eines Ausstzigen legte, so hegte
auch Jukundus eine wahre Zrtlichkeit fr seine Rudigen und ging
tglich mit Leuten, die er frher, wie man zu sagen pflegt, nicht mit
einem Stecklein htte anrhren mgen.

Er tat dies, whrend die Volksbewegung schon ber den Anfangsstrudel
hinaus war und das Volk, auf seine Ziele zusteuernd, jene
Schattengestalten laufen lie und seine neuen Rechte feststellte, wie
man glnzende Farben und Wohlgerche aus dunklen Stoffen und Schmutz
hervorbringt und diesen wegwirft. Er merkte kaum, da er mit dem
verlorenen Haufen schon seitwrts der Heerstrae stand, und als er es
einzusehen begann, berfiel ihn neues Mitleiden mit den armen Propheten,
die wiederum betrogen sein sollten. Es half nichts, da einige klgere
Seldwyler ihm zuraunten, die Verleumder und Ehrenfeinde seien bereits
nicht mehr Mode, man halte sich jetzt an das rein Politische und
Staatsmige, und er solle sich nicht blostellen; man brauche eben auch
wieder einen Staat mit Einrichtungen und Ehrbarkeiten, wo man mit
Lgnern und Schubiaken nicht kutschieren knne. Er glaubte den Armen und
Verstoenen, und nicht jenen Warnern.

Um seinen Mut offenkundig zu bewhren und zu zeigen, da er sie
beschtze, lud er eines Tages eine schne Auswahl seiner Freunde zu
einem Festmahle ein, das er ihnen in einem Gasthause gab, und bewirtete
sie so reichlich, da sie in die allerbeste Laune versetzt wurden.

Verkommene Winkeladvokaten, ungetreue und bestrafte kleine Amtsleute,
betrgerische Agenten, miggngerische Kaufleute und Bankerottierer,
verkannte Witzlinge und Sandfhrer verschiedener Art saen um ihn
geschart und jubelten und sangen, als ob das tausendjhrige Reich da
wre. Aber je lustiger sie wurden, desto ernster sah Jukundus aus, und
nicht das leiseste Lcheln berflog sein trauriges Gesicht; er gedachte
der Tage, wo er auch froh gewesen und harmlos sich des Lebens gefreut,
und alles war dahin! Als nun der Wein den frhlichen Gesellen immer mehr
die Zungen lste und die Besonnenheit ersterben lie, fingen sie an,
ihre Schicksale und Taten zu besprechen und das Unrecht zu erzhlen, das
sie erduldet. Es erhob sich jedoch da oder dort ein Widerspruch des
einen gegen den andern, oder die Auflehnung eines dritten, die
Einsprache eines vierten, die nhere Erluterung eines fnften, woraus
ein wirrer Lrm gegenseitiger Vorwrfe und Anschuldigungen wurde und fr
den unbefangenen Zuhrer sich ergab, da es sich um ein ziemlich
ausgebreitetes und verknotetes Gewebe von geringen wenig rhmlichen
Verrichtungen handelte, wegen welcher alle sich gegenseitig die
ausgezeichnetsten Spitzbuben schalten, und zwar in einer so knstlichen
Durch- und berkreuzung, da wenn man, etwa nach Art der Chladnischen
Klangfiguren, ein sichtbares Bild davon htte machen knnen, dieses die
schnste Brsseler Spitzenarbeit dargestellt htte, oder das zierlichste
Genueser Silberfiligran, so wunderbar und mannigfaltig sind Gottes
Werke.

Jukundus bemhte sich, zuerst aus Liebe, dann von Verwunderung bewegt,
das Gewebe zu verstehen und zu entwirren, und sein Gesicht wurde immer
ernsthafter, je deutlicher und gewisser ihm seine abermalige
Leichtglubigkeit wurde. Als das bedenkliche Kreuzgesprch immer lauter
und drohender wurde und an verschiedenen Punkten in Ttlichkeiten
berging, so da mehrere Paare sich schon an den Kehlen gepackt hielten
oder sich an den Brten zerrten, immer hinter dem Tische sitzend,
schritt der kundige Wirt mit einem sichern Mittel ein, den ausbrechenden
Sturm zu beschwren. Er besetzte hurtig den Tisch mit einem bereit
gehaltenen zweiten Essen, welches aus groben, aber reichlichen
Salatspeisen bestand, gemacht von Ochsenfen, von Bohnen, Kartoffeln,
Zwiebeln, Heringen und Kse. Kaum erblickten die Streitenden diese
Erquickungen, so beruhigten sie sich und setzten sich in tiefstem
Schweigen, welches nicht eher gebrochen wurde, als bis alles aufgezehrt
war.

Dann aber erfolgte eine feierliche allgemeine Vershnung, wie nach einem
geistlichen Liebesmahl, und alle beklagten die Torheit, sich dergestalt
einander selbst angefallen zu haben, whrend Eintracht so nottue.

Viel besser und zweckmiger wre, hie es, wieder einmal ber einen
Volksfeind und Unterdrcker Gericht zu halten und eine lustige Jagd nach
einem solchen einzuleiten. Noch mancher laufe ungebeugt und trotzig
herum oder halte sich geduckt, in der Meinung, da das Wetter an ihm
vorbergehe. Allein Zeit sei es, ihn jetzt hervorzuziehen, und Zeit sei
es, den Schrecken zu erneuern.

Ein solches Vorgehen wurde im Grundsatz beschlossen und sodann zur
Benennung der einzelnen Opfer geschritten, welche um Glck und Ehre
gebracht werden sollten. Es waren bald zwei oder drei Namen solcher
Personen gekrt, welche diesem oder jenem aus der Gesellschaft irgend
einmal in den Weg getreten und deshalb von ihm gehat waren. Wie man
aber die Art und Weise des Angriffes und die anzugreifenden Schwchen
und Vergehen der Betreffenden festsetzen wollte, wute die Versammlung
sich nicht zu helfen, entweder weil die Erfindungsgabe nicht mehr
lebendig genug war oder weil die natrliche Klugheit der Ratschlagenden
in der spten Nachtstunde etwas Not gelitten hatte. Nachdem manches
Vergebliche und Gehaltlose vorgeschlagen und verworfen worden, rief
endlich einer: da mu das lweib wieder helfen, es geht nicht anders!

Jukundus, der immer aufmerksamer wurde, fragte, wer oder was das lweib
sei? Das sei eine alte Frau, wurde ihm erklrt, die man so nenne nach
der biblischen Witwe mit dem unerschpflichen lkrglein, weil ihr der
gute Ratschlag und die ble Nachrede so wenig ausgehe, wie jener das l.
Wenn man glaube, es sei gar nichts mehr ber einen Menschen vorzubringen
und nachzureden, so wisse diese Frau, die in einer entlegenen Htte
wohne, immer noch ein Trpflein fetten les hervorzupressen, denselben
zu beschmutzen, und sie verstehe es, in wenig Tagen das Land mit einem
Gerchte anzufllen.

Jukundus anerbot sich, die Mission zu bernehmen und zu dem alten lweib
zu gehen, was ihm frhlich gewhrt wurde. Er lie sich die Namen der
Opfer, welche fallen sollten, deutlich vorsagen. Es betraf, soviel ihm
bewut war, rechtliche Leute, die noch nicht viel von sich reden
gemacht, und er schrieb sie genau und sorgfltig in sein Taschenbuch.

Hierauf bestellte er eine neue Ladung guten Wein, um die Gesellschaft zu
weiterer Redseligkeit anzufeuern, und lehnte sich seufzend zurck, um
zuzuhren.

Allein die Herren waren jetzt der ernsteren Arbeit mde und wieder mehr
zum Singen geneigt, und sie sangen mit hoher Stimme die ersten Verse
aller ihnen bekannten Lieder.

Der Saal, in welchem sie sich befanden, war gro, aber sehr niedrig und
mehr dunkel als hell, und seltsam verziert. Denn der Wirt hatte aus
einem greren Hause eine abgelegte Tapete gekauft und seinen Saal damit
austapeziert.

Dieselbe stellte eine gromchtige und zusammenhngende
Schweizerlandschaft vor, welche um smtliche vier Wnde herumlief und
die Gebirgswelt darstellte mit Schneespitzen, Alpen, Wasserfllen und
Seen. Da aber der Saal, fr welchen dieses prchtige Tapetenwerk frher
bestimmt gewesen, um die Hlfte hher war, als der Raum, in welchen es
jetzt verpflanzt worden, so hatte zugleich die Decke damit bekleidet
werden knnen, also da die gewaltigen Bergriesen, nmlich die Jungfrau,
der Mnch, der Eiger und das Wetterhorn, das Schreck- und das
Finsterarhorn, sich in ihrer halben Hhe umbogen und ihre schneeigen
Hupter in der Mitte der niedrigen Zimmerdecke zusammenstieen, wo sie
jedoch von Dunst und Lampenru etwas verdstert waren. An der Wand
hingegen thronten die grnen Alpen mit roten und weien Khen beset,
weiter unten leuchteten die blauen Seen, Schiffe fuhren darauf mit
bunten Wimpeln, auf Gasthofterrassen sah man Herren und Damen spazieren
in blauen Frcken und gelben Rcken und mit altmodischen hohen Hten.
Auch standen Soldaten gereiht mit weien Hosen und schnen Tschakos; bei
einer ganzen schnurgeraden Reihe war das linke rote Wnglein ein wenig
neben die gehrige Stelle abgesetzt oder gedruckt durch den
Tapetendrucker, was der kommandierende Oberst mit seinem groen Bogenhut
und ausgestrecktem Arm eben zu mibilligen schien; denn die halbwegs
neben den leeren Backen stehenden roten Scheibchen waren anzusehen, wie
der aus der Mondscheibe tretende Erdschatten bei einer Mondfinsternis.

Auf dem ganzen gemalten Lande herum ging jedoch in der Hhe eines
sitzenden Mannes eine dunkle Beschmutzung von den fettigen Kpfen der
Stammgste, die sich im Verlaufe der Zeit schon daran gerieben hatten.

Pltzlich entdeckte ein bleicher Genosse, der vorzugsweise als der
Idealist bezeichnet wurde, das gemalte nchtliche Tapetenvaterland und
benutzte es sofort zu einem feurigen Trinkspruche auf das herrliche,
teure, das schne Vaterland, das den Verein wackerer Eidgenossen hier so
recht als engere Heimat umschliee. Und da auch diese Armen im Geiste
und an Glck das Vaterland liebten, so fand er einen lauten Wiederhall
und es wurden alle bekannten Vaterlandslieder angestimmt. Nur einige
ungerhrte Gesellen machten sich nichts daraus und schleuderten, da sie
eben Heringe aen, die Heringsseelen geschickt an die ewigen Eisfirnen
empor, die ber ihren Huptern hingen, da jene dort kleben blieben.

Hierber murrten die andern und der ideale Redner verwies den belttern
ihre gemeine Gesinnung und rief, sie htten ihre eigenen Heringsseelen
dem Vaterlande ins Angesicht geschleudert und die reinen Alpenfirnen
beschmutzt. Doch jene lachten nur und riefen: Selbst Heringsseelen! so
da es abermals Streit und Lrmen gab.

Jukundus legte die Arme auf den Tisch und den Kopf darauf und seufzte
tief.

Jetzt ertnte mitten in dem Tumulte die dnne Fistelstimme eines
gewesenen Gemeindesckelmeisters, der vergeblich jenes Lied zu singen
suchte, welches Jukundus auf dem Wege zum Gesangfeste durch den Wald
gesungen hatte; endlich besann sich der Snger auf die Schluworte und
kreischte in schrillem Tone:

     In Vaterlandes Saus und Brause,
     Da ist die Freude sndenrein,
     Und kehr' ich besser nicht nach Hause,
     So werd' ich auch nicht schlechter sein!

Da erinnerte sich Jukundus des schnen und glcklichen Tages, an dem er
Justinen zum ersten Male gesehen hatte, und verbarg sein Gesicht noch
tiefer, indem er mit Mhe bittere Trnen zurckhielt.

       *       *       *       *       *

Inzwischen gedachte auch Justine mit grerer Sehnsucht der Tage, wo sie
dem Jukundus zuerst begegnet war, und sie htte ihn gern aufgesucht und
ihr Unrecht gut gemacht, wenn nicht immer die Verhltnisse dazwischen
getreten wren. Vorerst war sein Anschlu an die Volksbewegung und sein
besonderer Umgang mit dem verlorenen Huflein das Hindernis, weil ihre
ganze Familie und Freundschaft auf der anderen Seite stand und man dort
nur die dstersten Anschauungen von der Sache hegte.

Sie hatte sich daher, um ihre Gedanken zu beschftigen und ihr Gemt zu
befriedigen, mit erneutem Eifer dem Pfarrer und der kirchenpflegerischen
Ttigkeit hingegeben und ihr Wirken auch auf weltliche Dinge ausgedehnt.
Sie wurde Vorsteherin nach allen mglichen Richtungen hin und brauchte
jetzt viele und gute Schuhe, die sie sich strker als frher anfertigen
lie, da sie stets auf der Strae zu sehen war von Schule zu Schule, von
Haus zu Haus, von Sitzung zu Sitzung. Bei allen Zeremonien und
Verhandlungen, ffentlichen Vortrgen und Festlichkeiten sa sie auf den
vordersten Bnken, aber ohne da sie Ruhe gefunden htte oder das
leiseste Lcheln auf ihr blasses Gesicht zurckgekehrt wre. Die Unruhe
trieb sie selbst wieder in einen musikalischen Verein, den sie seit
lange verlassen, und sie sang ernsten Gesichtes und mit wohltnender
Stimme, ohne jedoch die mindeste Frhlichkeit zu erreichen. Der Arzt
wurde sogar bedenklich und sagte aus, der melodisch vibrierende Klang
ihrer Stimme lasse auf beginnende Brustkrankheit schlieen und man msse
zusehen, da sie sich schone.

Alle fhlten wohl, was ihr fehle, wuten ihr aber nicht zu helfen und
wurden unversehens selber hilfsbedrftig; denn es brach eine jener
grimmigen Krisen von jenseits des Ozeans ber die ganze Handelswelt
herein und erschtterte auch das Glorsche Haus, welches so fest zu
stehen schien, mit so pltzlicher Wut, da es beinahe vernichtet wurde
und nur mit groer Not stehen blieb. Schlag auf Schlag fielen die
Unglcksberichte innerhalb weniger Wochen und machten den stolzen
Menschen die Nchte schlaflos, den Morgen zum Schrecken und die langen
Tage zur unausgesetzten Prfung. Groe Warenmassen lagen jenseits der
Meere entwertet, alle Forderungen waren so gut wie verloren und das
angesammelte Vermgen schwand von Stunde zu Stunde mit den
hochprozentigen Papieren, in welchen es angelegt war, so da zuletzt nur
noch der Grundbesitz und einiges in alten Landestiteln bestehende
Stammvermgen vorhanden war. Aber auch dieses sollte dahingeopfert
werden, um die eigenen Verbindlichkeiten zu erfllen, welche im
Augenblicke des Sturmes bei dem groen Verkehre gerade bestanden.

Die Mnner rechneten und sprachen miteinander bleich und still Tage und
Nchte lang, und die Hausordnung schien erstarrt zu sein. Die
Dienstboten arbeiteten ohne Befehl und bereiteten das Essen, aber
niemand a oder wute, was er a. Die Uhren liefen ab und wurden
kummervoll aufgezogen, nachdem sie tagelang still gestanden. Die Zeit
mute dann zusammengesucht werden, wie man in der Finsternis ein
Lichtlein am andern anzndet, um sehen zu knnen. Einige junge Ktzchen,
welche bis zum Tage des Unglcks der Zeitvertreib und das Spiel von alt
und jung gewesen waren, wurden pltzlich gar nicht mehr gesehen und
zogen sich mit ihren kleinen Sprngen schchtern in einen Winkel zurck,
und als nach geraumer Zeit einige Seelenruhe wieder in das Haus gekommen
war, wunderten sich alle, da die Katzen unter ihren Augen auf einmal
gro geworden seien.

Als es hie, da, wenn die Ehre des Hauses gerettet und alle Schulden
bezahlt sein werden, nicht eines Talers Wert mehr im Besitze der Familie
bleibe und sie, gnzlich verarmt, von neuem anfangen mten, stand die
Frau Gertrud, die Stauffacherin, und schlotterte an ihrem ganzen Leibe;
sie mute niedersitzen.

Justine dagegen, Schreck und Furcht vor der Armut im Herzen, fate
sogleich Gedanken der Selbsthilfe. Sie wollte mit ihren Kenntnissen
augenblicklich in die Welt hinaus und nicht nur sich selbst, sondern
auch Vater und Mutter erhalten, und sie entwarf abenteuerliche Plne mit
fiebriger Hast.

Allein nun trat die Mutter wiederum auf und erklrte, da sie einen
guten Teil des Vermgens als Weibergut beanspruche, um das Haus zu
retten und ein ferneres Bestehen mglich zu machen. Die Mnner sollen
mit den Glubigern ein Abkommen treffen, wie das fast an allen Orten
jetzt geschehe.

Die Mnner schttelten finster die Kpfe und sagten, das knnten und
wollten sie nicht tun; lieber wollen sie arm werden und auswandern und
in anderm Lande Tag und Nacht arbeiten, um wieder zu etwas zu kommen.

Doch die Stauffacherin hatte jetzt ihre Kraft und Beredsamkeit wieder
gewonnen; sie bestand auf ihrer Meinung und zeigte an mehreren
Beispielen, wie durch solch ein besonnenes Verfahren der Sturm
berstanden, die Zukunft gerettet und spter auch jede billige
Verpflichtung noch gelst und zu Ehren gezogen worden sei.

Alles dieses war gewissermaen noch das Geheimnis des Hauses. Die vielen
Arbeiter kamen nach wie vor mit ihren Geweben und Gespinsten und
erhielten ihren Lohn und neue Arbeit, weil jede Entschlieung angstvoll
hinausgeschoben wurde. Mit jedem Tage lngerer Zgerung wankten die
Mnner mehr in ihrem Vorsatze strenger Pflichterfllung, bei welcher sie
als wahrhaft Freie vor niemandem die Augen niederzuschlagen brauchten.
Schon war die Stauffacherin im Begriffe, obzusiegen und in der festen
berzeugung, da sie nur im besten Rechte handle, denn sie besa ein
Weibergut; da stiegen aber die Alten vom Berge herunter, der Ehgaumer
und seine Frau, um gegen die Machenschaft aufzutreten und sie zu
verhindern. Der Alte konnte nicht sprechen, weil er von dem den Kindern
widerfahrenen Unheil, selber stark am Besitze hngend, angegriffen war.
Er setzte sich hustend auf einen Stuhl und hie die Alte reden.

Diese legte ein Bndel vergilbter Pfandbriefe auf den Tisch und sagte,
da brchten sie, die Alten, was sie erhauset, um den guten Namen retten
zu helfen; aber es mten alle Schulden bezahlt werden und keine
Machenschaft mit dem Frauenvermgen drfe stattfinden. Sie sprach mit so
beredten und starken Worten, da sie in ihrer weien Zipfelhaube die
wahre Stauffacherin zu sein schien und die letztere sich weinend ans
Fenster stellte.

Solcher Kleinmut wurde ihr von der Alten verwiesen, die aber
gleichzeitig bemerkte, da in dem wohleingerichteten Zimmer, wo die
ganze Familie sich eben befand, das Klavier und die Spiegeltische mit
Staub bedeckt waren; und unverweilt begann sie, denselben mit ihrem
Schnupftuche abzuwischen.

Die Familie entschlo sich zu der strengen, gegen sich selbst harten
Handlungsweise und blieb in Frieden und Ansehen. Der freie Grundbesitz
wurde verpfndet und der Geschftsverkehr nicht unterbrochen; allein zur
Zeit waren alle Glieder des Hauses arm, wie die Kirchenmuse, und keines
hatte einen Franken fr etwas Unntiges oder fr eine Liebhaberei
auszugeben.

So fiel auch die Vorsteherschaft und der Glanz Justinens in Kirche und
Gesellschaft dahin und sie hielt sich still und beschmt im verborgenen.
Sie ertrug aber diese gnzliche Mittellosigkeit nicht und verschaffte
sich im geheimen, nach Art verarmter Frauen aus der oberen Schicht,
allerlei feine weibliche Handarbeit, um einiges Taschengeld zu
verdienen. Sie wute dabei nicht, da sie der ganz hilflosen Witwe, der
verlassenen Waise, die sich auf gleiche Weise kmmerlich nhrte, das
Brot vor dem Munde wegnahm, um ihrem Triebe nach Besitz genug zu tun. Je
merklicher sich die bescheidenen Geldsmmchen vermehrten, welche sie so
erwarb, desto eifriger und fleiiger war sie bei der Arbeit, die sie mit
ihrer Energie und Geschicklichkeit in betrchtlicher Menge an sich zog
und bewltigte, also da die Leute, welche die Ware bestellten und
verkauften, ihr von derselben kaum genug zuwenden konnten und sie
anderen entziehen muten.

Die unausgesetzte Beschftigung war ihr umso lieber, als sie whrend der
Arbeit ihren schweren Gedanken entweder nachhngen oder dieselben
zerstreuen, die schwachen Hoffnungen auf ein wiederkehrendes Glck
erwgen konnte. Die Mutter war mit im Geheimnis; sie hatte in ihrem
Stolze zuerst dagegen angekmpft; doch als sie in Justinens Erwerb fr
sich selbst auch die Mittel fand, manche Nebenausgabe zu bestreiten, fr
die sie die Kasse der ngstlich und verdrossen arbeitenden Mnner nicht
mehr anzusprechen wagte, fgte sie sich leicht dem Sinne der Tochter.

Allein Vater und Brder wurden endlich aufmerksam; sie wunderten sich,
wo die vielen Stickereien und Strickarbeiten eigentlich blieben, die
unaufhrlich zu stande kamen und gerieten schlielich hinter das
Geheimnis. Nun wollten sie aber, whrend sie sich alle Entbehrungen
auferlegten und ihre Wagen, Luxuspferde und dergleichen alles verkauft
hatten, doch nicht fr Leute gelten, die nicht mehr vermchten, ein paar
Weiber zu erhalten, und fanden es ungehrig, da diese selber um
Handarbeit ausgingen, indessen arme Arbeiterinnen solche im Hause
suchten und fanden.

Die Sache wurde daher mit Entschiedenheit unterdrckt, Justine
angewiesen, fr ihre Bedrfnisse, wie frher, das Ntige zu verlangen
und sich keinen Zwang anzutun; denn sie wisse ja, da sie um diesen
Preis nicht feil sei. Justine jedoch konnte in ihrem gefangenen Sinn
nicht ber die Frage hinwegkommen. Sie verfiel immer mehr in die kranke
Sucht nach Selbstndigkeit, welche die Frauen dieser Zeit durchfiebert
wegen der etwelchen Unsicherheit, in welcher die Mnner die Welt halten.
Sie grbelte und brtete und entwarf zuletzt den Plan, anderwrts als
Lehrerin ein Unterkommen zu suchen. Wenn sie dabei an die Hauptstadt mit
ihren zahlreichen Schulanstalten dachte, so wirkte die stille Hoffnung
mit, dort eher ihrem Manne wieder begegnen zu knnen als im Elternhause,
wo jetzt hrter ber ihn geurteilt wurde als frher, obwohl bekannt war,
da es ihm nun gut gehe.

Kaum war dieser Entschlu gefat, so zgerte sie nicht, ihn auszufhren,
und begab sich zu dem Pfarrer, um dessen Rat und Vermittlung zu finden.
Erst auf dem Wege nach dem Pfarrhof fiel ihr ein und auf, da der
geistliche Herr, der sonst ein Freund des Hauses gewesen, seit dem
Unfall, der es betroffen, nie mehr in demselben erschienen war, da er
auch niemandem gemangelt und niemand daran gedacht hatte, sich ihm
mitzuteilen und seinen Trost zu hren.

Eine frstelnde Empfindung durchschauerte sie, als sie ferner pltzlich
bedachte, da sie selber seit mehreren Monaten nicht mehr in der von ihr
geschmckten Kirche gewesen sei. Sie stand still und suchte sich den
seltsamen Zustand zurechtzulegen, aber es gelang ihr nicht in der
Schnelligkeit. Umso rascher eilte sie wieder vorwrts, wie um Licht zu
gewinnen.

Im Pfarrgarten traf sie die Gattin des Geistlichen, eine unbeachtete
Frau, welche gelassen Petersilie pflckte, und vernahm von ihr, da er
soeben vom Besuche eines Sterbenden zurckgekehrt sei und etwas unwohl
scheine. Doch mge Justine nur hinaufgehen, ihr Besuch werde ihn gewi
freuen. Unverweilt eilte sie nach seinem Studierzimmer und trat, wie sie
gewohnt war, nach krftigem Klopfen rasch ein.

Er sa erschpft und bleich in seinem Lehnstuhl und sttzte den Kopf auf
die Hand. Als er sich wandte und aufstand, schien er ihr auch abgemagert
und leidend zu sein.

Sie sehen, sagte der Pfarrherr, nachdem er Justinen begrt, da ich
auch nicht in guten Schuhen stecke, und das mag Ihnen erklren, warum
ich mich so lange nicht habe blicken lassen. Ich bin in der Tat, mehr
als Sie denken, im gleichen Spitale krank, wie Sie und die Ihrigen!

Als Justine sich verwundert eine deutlichere Auskunft erbat, fuhr er
fort: Ich habe reich werden wollen und habe daher im Umgange mit den
Ihrigen, in Ihrem Hause, gelauscht und mir gemerkt, auf welcherlei Weise
die Vermgenssummen dort verwendet werden; ich habe mir die
Handelspapiere aufgeschrieben, von welchen der grte Gewinn erwartet
wurde, und ich habe die Operationen, die ich machen sah, im geheimen
nachgefft mit dem migen Vermgen meiner Frau, und als ich ahnte, da
das Haus Glor erschttert war, wute ich zugleich, da ich selbst alles
verloren und das Erbe meiner Gattin und ihrer Kinder vergeudet und
verspielt hatte. Sie wei es noch nicht und ich darf es niemandem sagen,
wenn ich nicht meinen Stand verunehren will. Aber Ihnen gegenber, da
Sie mir so unversehens erscheinen, drngt es mich zur Offenheit!

Justine war erschrocken; dieser neue Verlust machte ihr aufrichtigen
rger und Verdru, und sie sagte daher etwas unwillig: Aber was in
aller Welt hat Sie denn gezwungen, in Handelsgeschften zu wagen, da Sie
ein Pfarramt und Einkommen besitzen?

Ich habe Ihnen gesagt, erwiderte der Pfarrer mit Traurigkeit, da ich
meinen Stand nicht blostellen drfe durch das Eingestehen meiner
lasterhaften Torheit, und ich gehre diesem Stande innerlich nicht
einmal mehr an, ich habe ihn verlassen und darum reich werden wollen, um
unabhngig leben zu knnen! Nach jenem Unglcksabend, an welchem ich
hier mit Ihrem Manne gestritten hatte, war mir ein Stachel im Herzen
geblieben, den ich vergeblich hinausreden und wegtrotzen wollte. Ich
sah, wie Jukundus bei allem Un- und Migeschick religis so unbeirrt und
unbescholten dahin wandelte, und ich konnte nicht umhin, alles zu
berdenken und zu prfen, was ich leider mit Beziehung auf die sittliche
Seite der Sache in Ansehung des eigenen Herzens seit Jahren nicht mehr
getan hatte. Ich fand, da ich nicht religis oder christlich mehr lebe
und kein Priester mehr sei!

Ich mute mir gestehen, da ich jahraus, jahrein, sobald ich allein
war, nicht den leisesten Trieb fhlte, des gekreuzigten Mannes zu
gedenken, dessen Namen mein Lebensberuf trug und der mich ernhrte, da
mein Herz und alle meine Sinne nur an der Welt und ihren
Annehmlichkeiten, wenn Sie wollen, auch an ihren Mhen und Pflichten
hing, aber ohne da der leiseste Schauer eigener persnlicher Andacht,
die geringste Furcht vor dem, den wir handwerksmig als unsern Herren
und Erlser verkndeten, an mich herantrat, sei es Tag oder Nacht
gewesen.

Ja, wenn ich zuweilen noch, ohne vom Berufe dazu veranlat zu sein,
der von mir fr so geheiligt ausgegebenen Person Christi in der
Einsamkeit gedachte, so geschah es mehr mit dem hochmtigen Sinn eines
Schutzherrn, der sich etwa eines armen Teufels annimmt und ihm im
Vertrauen sagt: Lieber, du machst mir viele Mhe!

Ich empfand endlich, da ich ein beifallsdurstiger Wohlredner und
Schwtzer geworden sei, ohne es zu merken; da ich, wenn ich nicht den
goldenen Schlssel eines wirklichen jenseitigen Gotteswortes besa, vom
Geheimnis meines Nebenmenschen nicht mehr verstand und nicht mehr Gewalt
ber sein Gemt hatte, als ein Kind, ja, da ich wegen der Halbwahrheit
und des Doppelsinns meiner Worte auch einem Kinde gegenber in schlimmer
Lage war.

Ich fing an, mich des gedankenlosen Beifalls zu schmen, der mir
entgegengetragen wurde; dazu war es mir des Handwerks wegen unmglich,
meine Gedanken fr mein stilles Inneres, fr den eigenen Frieden zu
ordnen, weil sich das mit der lauten Gewaltsamkeit und den Anforderungen
des Standes nicht vertrug, und darum wollte ich ihn verlassen und meinen
fadenscheinigen Reformatorenrock an den Nagel hngen.

Das ist mir nun unmglich geworden, wenigstens fr jetzt, weil ich
mich, indem ich auf dem Wege des Reichtums fliehen wollte, sogar der
Mittel beraubt habe, eine nhrende Existenz mit einiger Sicherheit zu
grnden.

Justine sa wie versteinert; sie war gekommen, Rat und Beistand zu
holen, und sah wieder eine Sttze, einen Lebensinhalt dahinsinken; denn
wie ein Blitz leuchtete es in sie hinein, wie es mit diesen Dingen stand
und warum sie selbst im Unglck ihre bunte Kirche nicht gesucht hatte.
Eine bittere Qual stieg in ihrer arbeitenden Brust auf; aber sie konnte
derselben nicht nachgeben, weil ein noch strkeres Mitgefhl jetzt
gefordert wurde, als der Geistliche in Trnen ausbrach und sagte:

Heute ist mir nun das uerste widerfahren, ich bin von einem
Sterbebette hinweggewiesen worden! Eine zhe Greisin ringt seit vielen
Stunden mit dem Tode, welche eigensinnig alle ihre Kinder wiederzusehen
hofft, besonders ihren im Elend gestorbenen ltesten Sohn. Ich komme
hin, voll Sorgen und zerstreut, und halte, indem ich mich anschicke,
meine selbstverfaten, wie Sie wissen, etwas pantheistisch klingenden
Sterbegebete zu verrichten, auf ihre an mich gerichteten Fragen nach der
Gewiheit des ewigen Lebens haltlose, unsichere Reden, so da die
Sterbende mir den Rcken kehrt und die Umstehenden, vom Arzte
untersttzt, mich zur Seite fhren und leise ersuchen, meine
seelsorgerische Funktion hier einzustellen.

Diesen Vorgang erzhlte der Pfarrer mit abgebrochenen Worten und
bedeckte am Schlusse das Gesicht mit seinem Taschentuche. Er war so
erschttert, weil keiner auch von einer unbeliebten Berufsart sich gerne
nachsagen lt, da er sie nicht nach den Regeln der Kunst auszuben
verstehe.

Auf die entsetzte Justine machte die Szene einen Eindruck, als ob sie
einen Berg einstrzen she. Was ihr einen felsenfesten Bestand zu haben
schien, sah sie wanken und vergehen mit dem Selbstvertrauen dieses
Priesters und beim Anblick seiner Tempelflucht. Sie empfand wohl die
drckende Wucht, welche in dem unscheinbaren, noch verborgenen Vorgang
lag, der da, dort, an hundert Punkten vielleicht bald sich wiederholte,
aber sie verstand dessen allgemeine Bedeutung nicht und fhlte nur den
schmerzlichen Druck.

Verwirrt, ratlos ging sie fort, ohne ihr Anliegen, das sie hergefhrt,
vorzubringen oder den Pfarrer mit Trostreden beruhigen zu wollen. Erst
auf der Strae, je mehr sie die uerungen des Geistlichen berdachte
und mit frhern vereinzelten Worten und Vorfallenheiten zusammenhielt,
fing es sie recht an zu frieren. Sie ward inne, da sie zunchst keine
Kirche mehr hatte, und in ihrem Frauensinne, durch die Macht der
Gewohnheit wurde es ihr zu Mut wie einer verirrten Biene, welche in der
kalten Herbstnacht ber endlosen Meereswellen schwebt. Vom Manne
verlassen, das Gut verloren, und nun auch noch ohne kirchliche
Gemeinschaft: das alles zusammen schien ihr einer fast ehrlos machenden
chtung gleich zu kommen.

Die Kirchenlosigkeit, so uerlich ihre Kirchlichkeit gewesen, schien
ihr alle brige Miwende einzuschlieen und zu besiegeln, und
merkwrdigerweise glaubte sie jetzt dem Pfarrer aufs erste Wort, da
nichts in seinem Tabernakel sei, whrend sie ihres Mannes Anschauungen
nie hatte annehmen wollen, eben weil er keine geistliche Autoritt fr
sie besa.

Sie wandelte lautlos nach Hause, nahm dort, um die nchste Stunde
zuzubringen und auszufllen, ein Strickzeug und setzte sich damit an ein
Gartentor dicht an die Strae, wie um zu zeigen, da sie noch da sei und
sich nicht zu scheuen brauche. Aber sie sprach mit niemandem und sah
bleich auf ihre Arbeit, whrend ihre Lippen mechanisch die Strickmaschen
zhlten.

Der Abend nahte heran, auf dem still glnzenden See fuhren Schiffe
heimwrts und auf der Strae wanderten Arbeitsleute vorber, ohne da
Justine aufblickte, bis ein steinaltes Weiblein, welches mhselig daher
gepilgert kam, vor ihr stillstand, um auszuruhen und Atem zu holen. Das
Wesen trug einen hohen gelben Strohhut auf dem Kopfe, einen kurzen roten
Rock und solche Strmpfe, auf dem gekrmmten Rcken ein weies Scklein
und in der Hand einen Stab und stellte sich so als eine Pilgerin dar,
die aus ferner Gegend kommend nach dem berhmten Wallfahrtsorte
wanderte, der wenige Stunden weiter im Gebirge gelegen war.

Als Justine sah, da das Mtterchen kaum mehr stehen konnte, hie sie
dasselbe zu ihr auf die Bank sitzen. Das will ich gern tun, wenn Ihr's
erlaubt, schne Frau! sagte die Pilgerin und sumte nicht, sich neben
ihr niederzulassen. Auch kramte sie sogleich in ihrem Reisesack und zog
ein Stck Brot hervor, indem sie sich nach einem Brunnen umsah, der ihr
einen Trunk Wasser dazu bte. Justine holte aber ein Glas guten alten
Weines im Hause und gab es ihr, und sie labte sich vergnglich daran.

Warum geht Ihr in Eurem Alter so allein auf der heien, harten Strae,
whrend alle andern Wallfahrer auf der Eisenbahn und den Dampfschiffen
reisen und bequemlich beieinander sitzen? fragte Justine.

Ei, das wre ja kein Verdienst und kein Opfer fr mich arme Snderin!
antwortete die Pilgerin; die andern, die reisen heutzutage mehr zur
Lust und aus Vorwitz und verrichten allenfalls am Gnadenort ein
ntzliches Gebet. Ich aber wandere auf meinen alten Fen zur
allerseligsten Maria Mutter Gottes, und da bin ich nicht nur vor ihrem
heiligen Altare bei ihr, sondern auf dem ganzen langen Wege begleitet
sie mich auf jedem Schritt und Tritt und hlt mich aufrecht, wenn ich
sinken will, wie eine gute Tochter ihre alte schwache Mutter! Eben jetzt
hat sie mir durch Eure weie Hand diesen strkenden Trunk gereicht! Wenn
Ihr wtet, wie s und lieb sie ist, wie schn, wie glnzend! Und
welche Macht besitzt sie, welche Klugheit! Fr alles wei sie Rat und
alles kann sie!

Whrend solcher Lobpreisung lie das Mtterchen seinen Rosenkranz nicht
einen Augenblick aus der Hand. Neugierig sah ihr Justine zu, wie sie
fortwhrend mit den Kugeln spielte, und verlangte zu wissen, in welcher
Weise man ihn gebrauche und um die Hand wickle. Die Alte zeigte es ihr
sogleich und wand ihr die rmliche Kugelschnur um die Hnde. Justine
hielt diese einige Augenblicke nachdenklich gefaltet und schaute so in
Gedanken verloren vor sich hin; dann schttelte sie aber langsam den
Kopf und gab der Pilgersfrau ihren Rosenkranz zurck, ohne ein Wort zu
sagen.

Das Pilgerweiblein wollte nun nicht lnger ruhen, sondern noch ein gutes
Stndlein weiter gehen, ehe es die Herberge aufsuchte, und so bedankte
es sich, versprach fr die gute schne Frau ein Gebet zu verrichten, ob
sie es wolle oder nicht, und wanderte auf den schwachen Fen in den
dmmernden Abend hinaus, so wohlgemut und sicher, wie wenn es zu Hause
in seiner Stube herumginge.

Justine lehnte sich zurck und sah der roten, schwankenden Gestalt nach,
bis sie in dem blauen Schatten des Abends verschwand.

Katholisch! rief sie, sich selbst vergessend, und versank wieder in
tiefe suchende Gedanken; und sie schttelte abermals das Haupt.

Aber ihre obdachlose Frauenseele suchte fort und fort; sie ging
ungegessen zu ihrem Lager und brachte schlaflos die Nacht zu. Sie konnte
jetzt nicht einmal mehr sagen, sie sei arm wie eine Kirchenmaus, da sie
nur mehr eine wilde Feldmaus war. In dieser Not erinnerte sie sich einer
kleinen armen Arbeiterfamilie, einer Witwe mit ihrer Tochter, welche im
Rufe einer ganz eigentmlichen Frmmigkeit standen und unter den
armseligsten Umstnden einer vollkommenen Zufriedenheit und Seelenruhe
genossen, so da der Pfarrer selbst, obgleich sie einer wie er sagte
trichten und unwissenden Sekte angehrten, von ihnen geurteilt hatte,
sie knnten ganz gut einen Begriff von den Urchristen der ersten Zeit
geben. Die beiden Personen hatten frher in Schwanau gelebt und die
Tochter hatte in den Glorschen Fabrikslen gearbeitet. Justine, welche
eine gewisse Zuneigung zu den Leutchen empfunden, war zu verschiedenen
Malen von dem Vorsatze, dieselben zu bekehren und fr ihre artig
eingerichtete und verstndige Kirche zu gewinnen, unwillkrlich
abgestanden, sobald sie an die Ausfhrung hatte gehen wollen; dann waren
Mutter und Tochter aus der Gegend weg und in die Nhe der Hauptstadt
gezogen, und jetzt beschlo die schlaflose Justine, sie aufzusuchen und
das Geheimnis ihres Friedens und ihres Glaubens zu erforschen und ihrer
Glckseligkeit teilhaftig zu werden, wenn es mglich wre. Sie beschlo
auch, das schon am nchsten Tage ins Werk zu setzen.


Viertes Kapitel

Am Morgen, der einen schnen Tag ansagte, stand Justine denn auch in
aller Frhe auf und rstete sich zum Wandern; denn sie wollte, obschon
sie beinahe drei Stunden weit zu gehen hatte, demtig zu Fu pilgern,
angeregt ohne Zweifel von dem wallfahrenden Mtterchen und weil sie so
am ehesten ihren Gedanken berlassen war. Sie zog ein Paar ihrer
ehemaligen starken Vorsteherinnenschuhe an, welche ihr jetzt trefflich
zu statten kamen, und belud sich auch mit einem Korbe, in welchem sie
fr die guten Urchristen eine Gabe barg, eine Flasche guter reiner
Sahne, ein frisches Weizenbrot, ein Dtchen Schnupftabak fr die
Mutter, welche, wie sie wute, trotz ihrer Weltentsagung gerne ein
Prischen nahm, wenn sie es haben konnte und fr die Tochter ein Paar
gute neue Strmpfe. So schrzte sie ihr Kleid und begab sich auf den
Weg, statt des Pilgerstabs freilich einen Sonnenschirm in der Hand, der
ihr nebst dem breitrandigen Strohhut genugsam Schatten gab.

Sie berlegte sich whrend des Gehens noch alles, was sie von den Frauen
wute, und befreundete sich immer mehr mit dem gefaten Vorsatze.

Die Mutter Ursula war als arme Dienstmagd in die Gegend gekommen und
hatte still und brav ihrer Pflicht gelebt. Allein sie liebte damals, wie
sie sagte, die Welt und gab einem Sohn wohlhabender Landleute, gerhrt
von seiner Gutmtigkeit und Herzenseinfalt, Gehr, also da sie sich
zusammentaten, arm wie die Tierlein des Feldes, und ein Paar wurden.
Denn der Mann wurde sofort von den Seinigen verstoen und verlassen, und
sie gaben ihm nicht einmal einen leeren Holzkorb mit. Sie lebten nun
kmmerlich als Tagelhner in einer elenden entlegenen Htte und waren
verlassener, als alle Robinsone auf ihren Inseln. Sie lenkten mit ihrer
Einfalt und Geduld alle Hartherzigkeit der Menschen auf sich, mitten in
einer reichen und christlich milden Landschaft, wie der Magnet das
Eisen; alles, was von hochmtigem Miverstand ringsum vorhanden war,
schien sich vereinigt gegen die Armen zu richten, so da einer den
andern am Helfen hinderte und sie noch dazu lachten; und niemand wute
warum, wie es in der Welt so gehen kann.

Das Frauchen war aber immer noch von Weltlust erfllt. Sie lockte eine
dicke Bauernkatze, die in der Nhe der Htte im Felde schlich, zog ihr
das Pelzrcklein aus und sott sie im Wasser, um den schwarzen Hunger zu
stillen; auch nahm sie sorglich das Fett ab zum Kochen einiger
Wassersuppen fr den Fall, da ein wenig Mehl oder Brot ins Haus kme.
Allein diese Gewalttat wurde entdeckt und die Geldbue, welche der Frau
dafr auferlegt wurde, nahm den Lohn eines ganzen Monats hinweg, welchen
der Mann endlich nach langem Suchen bei einem Straenbau hatte erwerben
knnen. Deshalb trank derselbe in seiner gutmtigen Einfalt, auf den Rat
anderer, vom nchsten Lohn sogleich einen Rausch, ehe man ihm das Geld
nehmen konnte, und wurde dabei von einer unterhhlten Erdlast
erschlagen, da er nicht rechtzeitig vor dem Sturze floh. Damit war aber
auch die Zeit der Snde und der Weltlust fr die Frau Ursula vorber.

Um jene Zeit waren rmliche namenlose Prediger erschienen, welche unter
dem geringen Volke fr irgend eine Sekte Anhnger suchten und die
bekehrten Leute tauften. Sie lehrten das reine ursprngliche
Christentum, wie es nach ihrer Meinung ohne jede Gelehrsamkeit in der
Bibel zu finden war, wenn man nur jedes Wort ganz buchstblich und zwar
in der deutschen bersetzung, die ihnen zu Gebote stand, auffate. Die
Hauptsache war, da in Tat und Wahrheit ein neues geheiligtes Leben
gefhrt werden msse zu jeder Stunde des Tages und an jedem Orte, und
da ferner die Glubigen unter sich einen festen Verband der Liebe und
der gegenseitigen Anhnglichkeit bilden, um sich fr die groe Stunde
des verheienen Weltgerichtes, das bald kommen werde, zu strken und
bereit zu halten.

Diese Prediger sammelten bald eine Gemeinde um sich, bestehend aus
hilfsbedrftigen dunklen Seelen, aus natrlichen Kopfhngern, aus
schwachen Hochmtigen, welche selbst an ihrem geringen Orte einen
Standpunkt suchten, von welchem aus sie besser sein konnten, als der
Nachbar, aus guten Herzen, die ihre Liebe trieb, aus Unglcklichen, die
einen Trost zu finden hofften, der ihnen anderwrts nirgends blhte.
Einige von ihnen, wenn sie katholisch gewesen wren, htten sich einfach
in ein Kloster gemacht, andere, wenn es ihre Lebensverhltnisse mit sich
gebracht htten, wren Freimaurer geworden, wiederum andere, wenn sie
bemittelt und gebildet gewesen wren, htten sich irgend einem
gemeinntzigen oder wohlttigen Verein oder einer gelehrten, oder einer
musikalischen Gesellschaft angeschlossen, um sich aus dem Staube des
gemeinen Lebens zu erheben. Alles dies ersetzte ihnen nun die stille
glubige Genossenschaft; da fanden sie nicht nur die Heiligkeit und das
ewige Leben, sondern auch Kurzweil und Unterhaltung zur Genge in
fortwhrendem Reden, Lehren, Disputieren, Beten und Singen.

Allein sie waren keineswegs geschtzt und beliebt, sondern von allen
Seiten verfolgt und verlacht, von der Kirche, von den Freien, von den
Orthodoxen, von den vornehmeren Frommen, vom Volke, von den Behrden.
Besonders auf dem Lande wurden ihre Zusammenknfte gestrt und
auseinandersprengt, und die Unduldsamkeit, welche sich bei ihnen selbst
frhzeitig einnistete, wurde auch reichlich gegen sie gebt.

Am Orte, in welchem die arme Witwe wohnte, waren die Sektierer besonders
heftig verfolgt worden, und sie durften nicht mehr im Gemeindebann sich
versammeln. Sie hielten ihren Gottesdienst daher in einer Wildnis, in
dem abgelegenen Gemuer einer zerstrten Zwingburg, welche man die
Teufelskche nannte. Sie kehrten sich nicht an den neuen Spott, der
hiedurch gereizt wurde, und predigten und sangen gar andchtig zwischen
dem Gebsch und Unkraut.

Ursula hrte in ihrer verfallenen Htte eines Sonntag Abends die
frommen Lieder durch die stille Luft herbertnen, just von daher, wo
die goldenen Wolken ber dem Walde standen. Es zog sie gar trstlich,
dem Glanz und dem Tone nachzugehen; sie nahm also ihr zweijhriges
Tchterchen, das Agathchen, auf den Arm und ging, bis sie die verborgene
Versammlung fand, setzte sich bescheiden auf ein Trmmerstck im
Hintergrunde der Teufelskche, das Kind auf dem Schoe in den Armen
haltend, und lauschte aufmerksam auf jedes Wort, das gesprochen wurde.
Verschiedene Prediger standen auf, welche neben der Verwaltung der
Heilslehre jeder ein schlichtes Handwerk trieben und das Wort selbst
auch ganz schlicht handhabten; denn noch kannten sie nicht einmal den
theologischen Unterschied zwischen Peter und Paul, und niemand wute
hier so recht, wer eigentlich die Rmer gewesen seien, deren Soldaten
den Heiland gekreuzigt haben.

Im Anfang war die arme Witwe vom Schatten einer Haselstaude bedeckt;
doch wie die Sonne tiefer sank, berstreute sie die Witwe und das Kind
mit spielenden Lichtern, und zuletzt leuchtete das Bild ganz bergldet
aus dem feurigen Grn heraus. Dadurch fiel es dem Manne in die Augen,
der eben predigte. Er unterbrach sich, als er die still aufhorchende
Frau sah, und hie sie mit lauter Stimme nher kommen und in dem Kreise
der Glubigen Platz nehmen, also da die ganze Gemeinde den Kopf wandte
und die Fremde wahrnahm.

Diese rhrte sich aber nicht und blieb schchtern sitzen, bis von einer
Reihe von fnf oder sechs lteren Waschfrauen, die an hervorragender
Stelle feierlich auf einem Baumstamme saen, wie ebensoviel Bischfe,
eine sich erhob und das verlorene Schflein mit seinem Jungen abholte
und an der Hand herbeifhrte.

So war sie nun in die Gemeinde aufgenommen und wuchs mit ihrem Kinde zu
einem angesehenen Mitgliede derselben heran, eigentmlich und
verschieden von allen andern, wie aus dem gleichen Erdreiche je nach
ihrer Art die verschiedensten Pflanzen wachsen.

Die Waschfrauen zunchst einverleibten sie ihrem Verbande und
verschafften ihr gengende Arbeit, so da sie eine Wscherin im Herren
wurde, welche in den Husern vierzig Jahre lang ohne Aufhren schaffte
und sich abmhte Tag und Nacht, bis ihre Krfte mehr als erschpft
waren. Whrend dieser Zeit hatte die Gemeinde sich lngst Duldung
errungen und zu einer gewissen Stattlichkeit entwickelt; die Glieder
waren alle, durch gegenseitige Hilfe und geordnetes Leben emporgehalten,
in einem behaglichen Zustande; die Prediger stellten sich schon mehr als
Geistliche mit einiger Gelehrsamkeit dar und trugen bessere Rcke; die
Versammlungen fanden in einem hellen freundlichen Betsaale statt, auch
wurde der Landeskirche sowohl als andern sich ausbreitenden Sekten
gegenber schon eine kleine Kirchenpolitik getrieben.

Ursula aber und Agathchen, ihre Tochter, blieben sich immer gleich,
verharrten in der Einfalt der ersten Zeit und wurden ohne ihr Wissen
Musterbilder menschlicher Frmmigkeit. Die Tochter war schwach und
krnklich von Krper; sie haspelte lange Jahre Seide in den
Arbeitsrumen des Glorschen Hauses und lebte so mit ihrer Mutter
zusammen, welche wusch. So lange sie so fortarbeiten konnten, erwarben
sie zur Genge, wessen sie bedurften, konnten ihren Religionsgenossen
helfen und beisteuern, wo es not tat, und lieen sich nicht suchen; und
darber hinaus hatten sie immer noch kleine Mittel, sich freundlich und
dankbar zu erweisen gegenber der Welt, fr jeden kleinen Dienst, fr
jede Freundlichkeit, die ihnen erwiesen wurden. Sie verstanden ohne
Absicht die Kunst, in der Armut reich zu sein, allein durch die
unaufhrliche Arbeit und die eigene Gengsamkeit und Zufriedenheit. Der
einzige Krieg, welchen sie unter sich fhrten, bestand in dem
gegenseitigen Wetteifer mit eben solchen Freundlichkeiten und Wohltaten,
wie sie den Fremden erwiesen, weil jedes, sobald es empfangen sollte,
sich dagegen wehrte und behauptete, das sei unntig und bertrieben.

Sonst lebten sie im tiefsten Frieden mit aller Welt. Jede Krnkung
verziehen sie im Augenblicke der Tat und erwiderten nie ein rauhes Wort
im gleichen Tone, da sie aus ihrer Frmmigkeit eine Selbstbeherrschung
schpften, welche sonst nur durch Geburt und Erziehung erworben wird. In
gleichem Sinne unterdrckten sie ohne Anstrengung unbescheidene
Neugierde und Tadelsucht und wie alle die kleinen Gesellschaftslaster
heien, und gegen die Unglubigen und Weltkinder waren sie umso
wohlwollender und duldsamer, je sicherer sie zu wissen glaubten, da
dieselben tief unglcklich, wohl gar verloren seien.

Das Unrecht nahmen sie hin, ohne sich seiner gerade zu erfreuen, aber
auch ohne es zu bestreiten. Brder des verstorbenen Mannes und Vaters
hatten sich emporgeschwungen und lebten scheinbar in Wohlhabenheit und
Ansehen, ohne das kleine Erbe, das dem Kinde und seiner Mutter zukam,
jemals herauszugeben oder ihnen auch nur einige Zinsen davon zu gnnen.
Die Hochfahrenden waren eben stets in Geldsachen gedrckt und mochten
die migsten Summen nicht entbehren, das aber nicht eingestehen und
stellten sich daher, als anerkennten sie das Recht nicht, so klar es
war. Es htte die zwei Frauen nur ein Wort gekostet, jene dazu zu
zwingen und ihr ffentliches Ansehen blozustellen; allein sie waren
selbst von ihren Glaubensgenossen nicht dazu zu bewegen und blieben, so
lange sie lebten, die armen geduldigen Glubiger der hochfahrenden
ungerechten Verwandten, so da in Wahrheit man sie die Reichen und diese
die Armen nennen konnte.

Mit der Zeit nun waren sie lter und alt geworden; die Arbeit fing an
ihnen beschwerlich, ein tgliches Leiden zu werden, ohne da sie sich
derselben entschlagen wollten, und die krnkliche Tochter strengte sich
doppelt und dreifach an, um der Mutter wenigstens die ntigste
Erleichterung verschaffen zu knnen, und bei alledem blieben sie heiter
und gefat und gewhrten eher immer noch anderen Trost und kleine
Hilfsleistungen, als da sie solche beanspruchten.

Um diese Zeit kam das groe Unglck ber das Haus Glor, wo die
zahlreichen Arbeiter ber Bedrfnis und Vermgen hinaus fort beschftigt
wurden. Whrend nun manche solcher Arbeiter, die Haus und Hof besaen
und von der Sachlage wohl stille Kenntnis hatten, ihren Verdienst ruhig
weiter bezogen und die rmeren vollends ihr Auskommen wie eine
Schuldigkeit nach wie vor forderten, machte sich das arme schwache
Agathchen allein ein Gewissen daraus.

Sie und ihre Mutter sagten sich, da die verunglckten Herren mit jedem
Tagelohn, den sie weiter auszahlten, ein gezwungenes Opfer brchten,
welches sie nicht annehmen drften oder wollten; sie beschlossen, ohne
alle berhebung, sondern aus reiner Gte, diesem Opfer aus dem Wege zu
gehen, und zogen wirklich aus der Gegend hinweg. Agathchen, das alternde
Mdchen, hatte freilich dabei noch den geheimen Plan, die Mutter ihrer
Kundschaft zu entfhren, bei deren Bedienung sie anfing
zusammenzubrechen, wenn die groen Waschfeldzge eines Morgens um drei
Uhr begannen und drei Tage hindurch dauerten. Sie dachte, ein
Haspel-oder Windewerk ins Haus zu bekommen, wo sie dann die ruhende
Mutter den ganzen Tag pflegen und zugleich fr beide arbeiten knnte.

Sie fanden in der Nhe der Hauptstadt das gesuchte Unterkommen in einem
kleinen Huschen, welches ihnen der Seidenherr zum Wohnen gab. Dieses
Gebudchen befand sich in einem entlegenen Baumgarten und enthielt zwei
kleine Gemcher in der Art, da das eine nach dem Baumgarten hinausging
und nur zu erreichen war durch das andere, welches an der Landstrae
lag. Jenes war ein sonniger, freundlicher Aufenthalt im Grnen, da die
Wiese mit den Bumen dicht am Fenster lag. Dieses dagegen war ein
dunkles unfreundliches Gela, dessen Eingang zugleich die Haustre
bildete und auf die staubige Landstrae ging. Neben der Tre gab es als
Fenster nur noch ein kleines vergittertes Loch in der Mauer.

In diesem finstern Aufenthalt sa ein unzufriedenes und hliches altes
Weib, welches denselben htte rumen sollen, aber auf Bitten der frommen
Frauen dort gelassen worden war. Sie selbst wohnten in dem freundlichern
Gemach. Zwar hatten sie dasselbe schon einmal mit dem dunkeln Loch
vertauscht, als die bse Alte sich darber beklagte und zankte, und
diese in das helle Stbchen sitzen lassen; allein hier hatte sie
wiederum nicht bleiben wollen, weil sie den Eingang nicht bewachen und
nicht sehen konnte, was auf der Strae vorging. Die beiden
Geduldberinnen hatten also doch wieder nach hinten ziehen mssen, und
sie wohnte wiederum im Loch, wo sie unaufhrlich schalt und drohte und
die Ein- und Ausgehenden belauerte, ausfragte und gegen die guten
Leutchen einzunehmen versuchte. Denn sie hatten allerlei Zuspruch von
Freunden und solchen, welche eines friedlichen Wortes bedrftig waren.
Sie teilten auch alle kleinen Liebesgaben, die sie etwa erhielten und
mit aufrichtigem Danke annahmen, sogleich mit dem Ungetm, das die
Teilung jedoch unwirsch abma und grob zurckwies, wenn sie ihm nicht
rasch und pnktlich genug schien.

Sie frchteten aber das Unwesen keineswegs und lebten in dessen Nhe,
wie etwa fromme Einsiedler in der Nachbarschaft eines wilden Tieres oder
eines schreckhaften Dmons.

Dies Weib war nun jene Sibylle der Verleumdung, welche man das lweib
hie, und die Jukundus Meyenthal aufsuchen wollte, um dem Unheil auf den
Grund zu kommen, das er in der frhlichen Nacht entdeckt hatte.

Als Justine das Huschen erfragt und jetzt hergewandert kam, sa das
lweib vor der Tre an der Strae und scheuerte mrrisch ein Pfnnchen.

Die Sage erzhlt, da zur Zeit, als Attila mit seinen Hunnen erschien,
in der Nhe von Augsburg eine wegen ihrer abscheulichen Hlichkeit
verbannte Hexe wohnte, welche dem zahllosen Heere, als es ber den Lech
setzen wollte, ganz allein und nackt auf einem abgemagerten schmutzigen
Pferde entgegengeritten sei und Pack dich, Attila! geschrieen habe,
also da Attila mit dem ganzen Heere voll Schrecken sich stracks
gewendet und eine andere Richtung eingeschlagen habe, und so die Stadt
von der verstoenen Hexe gerettet und diese mit einem guten neuen Hemde
belohnt worden sei. Aber diese Hexe hier verdiente um ihr Vaterland
schwerlich ein neues Hemd.

Auch Justine wre beinahe umgekehrt und entflohen, als sie das lweib
vor der Tre sitzen sah mit dem groen viereckigen, gelblichen Gesicht,
in welchem Neid, Rachsucht und Schadenfreude ber gebrochener Eitelkeit
gelagert waren, wie Zigeuner auf einer Heide um ein erloschenes Feuer.

Die Unholdin zischte die schne und stattliche Justine an und fragte
sie, indem sie sich aufrichtete, wohin sie wolle, was sie bei den Leuten
zu tun habe; aber Justine fate Mut und drang bei ihr vorbei durch die
Finsternis und stand pltzlich bei den friedlichen Frauen im
Sonnenschein, das frische Grn vor den Augen.

Ei wie schn ist es hier! rief sie, indem sie Korb und anderes
abstellte, den Hut weglegte und sich setzte. Ursula und Agathe hingegen
gerieten vom Erstaunen ber die berraschung in die herzlichste Freude
hinein. Ursula sa gichtbrchig in einem Lehnstuhle und konnte sich
nicht erheben; Agathchen aber lie ihr halbes Dutzend Haspelchen, die
sich mit glnzend roter Seide in der Sonne drehten, stille stehen. Eine
vornehme gelassene Herzlichkeit verklrte das bleiche Gesicht der
Tochter, die doch keine vornehme Erziehung genossen hatte. Justine
bemerkte, da auch sie nicht ganz sicher auf den Fen stand; Agathchen
erklrte lchelnd, da diese sie freilich etwas zu schmerzen anfingen
und zuweilen ein bichen geschwollen wrden. Aber sie klagte, so wenig
wie die Mutter, mit einem einzigen Wrtchen. Vielmehr beschrieben sie
mit unschuldiger Heiterkeit die schnurrige Hexe vor der Tre, als
Justine nach der unheimlichen Erscheinung fragte, und wie man Geduld mit
der armen Kreatur haben msse, welche von bsen Geistern bewohnt und
gewi leidend genug sei.

Wie erstaunten sie aber, als Justine ihre einfachen Geschenke
hervorholte. Die Strmpfe htten dem Agathchen nicht willkommener sein
knnen; denn es gestand, da es doch fast keine Zeit mehr finde zum
Stricken, besonders seit die Augen des Nachts beim Lmpchen nicht mehr
recht sehen wollten. Ihrerseits hatte die Mutter das Pcklein frischen
Schnupftabak schon geffnet und mit einer beinahe zu lebhaften
Befriedigung ihr kleines Horndschen damit gefllt. Hier war der einzige
Punkt, wo das Kind die Mutter ein wenig beherrschte, indem es ihr nicht
ganz so viel von der schwrzlichen Weltlust zukommen lie, wie sie
vielleicht, im Rckfall in ihre Jugendsnden, zu verbrauchen im stande
gewesen wre. Doch lchelte jetzt Agathchen selbst gegen Justine hin,
als die Mutter die frische Prise so frhlich zu sich nahm.

Von der Sahne aber fllte Agathchen sogleich eine Schale und schnitt ein
Stck von dem weien duftigen Brot, um es dem armen Weib drauen zu
bringen. Nicht so rasch! sagte die Mutter leise, damit sie nicht
berrumpelt wird, wenn sie wieder an der Tre horcht! Tritt ein bichen
laut auf mit den Fen!

Ach, sie tun mir ja zu weh, wenn ich damit stampfe! erwiderte die
Tochter und lachte selbst zu dem harmlosen Betrug, welchen sie spielen
sollte. Doch hustete sie, ehe sie die Tre aufmachte, ein weniges, und
richtig sah man drauen in der Dmmerung des Vorraumes die unfrmliche
Gestalt des Weibes hinhuschen, behender als man von ihr erwartete.

Als es nun wieder stille war, wollten Mutter und Tochter doch wissen,
auf welche Weise die junge Herrenfrau hieher gekommen sei und wohin des
Weges sie gehe; denn sie bildeten sich nicht ein, da sie nur zu ihnen
allein so weit her habe kommen wollen.

Die Sonnenlichter, mit den Schatten der schwankenden Baumzweige
vermischt, spielten auf dem Boden und an den Wnden des kleinen
Stbchens; vor den offenen Fenstern summten die Bienen und ein grnes
Eidechschen war von der Wiese heraufgeklettert und guckte neugierig in
das Gemach; ein zweites gesellte sich dazu und beide schienen der Dinge
gewrtig, die da kommen sollten. Justine sah alles und fhlte diesen
Frieden; aber sie fand keinen rechten Mut, die Stille zu unterbrechen,
bis sie zu weinen anfing und nun bedrngt und beklemmt den Frauen
anvertraute und erzhlte, da sie religionslos geworden sei und bei
ihnen Rat und Aufschlu suche, worin ihr Glck bestehe und woher ihr
Seelenfrieden komme. Sie hoffte ein Neues, noch nicht Erfahrenes,
bermchtiges zu erleben, dem sie sich ohne weiteres Grbeln hingeben
knne. Sogleich tat die Ursula ihr Tabaksdschen weg und Agathe legte
nieder, was sie eben in den Hnden hatte; beide sahen sich erschrocken
an, falteten unwillkrlich die Hnde und Justine sah, wie jedes fr sich
leise betete und die Lippen bewegte, Agathchen mit rinnenden Trnen, die
Mutter aber mit der ruhigeren Fassung des Alters. Keines getraute sich,
ein Wort zu sagen; sie waren ganz erschttert von der an sie
herangetretenen Forderung, eine gelehrte und glnzende Person fr das
Heil zu gewinnen, und doch war die himmlische Fgung nicht zu verkennen
und anzuzweifeln.

Ursula fing zuerst langsam an, einige Worte zu sprechen, whrend
Agathchen einen Schemel zu Justinen hinschob, sich zu ihren Fen setzte
und ihre Hnde ergriff und streichelte. Denn Justine war lngst ihre
geheime Liebe und der vornehmste Gegenstand all ihres Wohlwollens und
ihrer Bewunderung gewesen.

Indessen kam die Sache in den gesuchten Gang, die Zungen lsten sich,
und nun wetteiferten die beiden Wesen, dem Weltkinde die groe
Angelegenheit darzutun und einander das Wort abzunehmen und zu ergnzen,
wie zwei Kinder, welche einem dritten das soeben von der Gromutter
gehrte Mrchen erzhlen.

Aber es war nichts Neues und Unerhrtes, was sie vorbrachten, sondern
die alte harte und drre Geschichte vom Sndenfall, von der Vershnung
Gottes durch das Blut seines Sohnes, der demnchst kommen werde, zu
richten die Lebendigen und die Toten, von der Auferstehung des Fleisches
und der Gebeine, von der Hlle und der ewigen Verdammnis und von dem
unbedingten Glauben an alle diese Dinge. Das alles erzhlten sie wie
etwas, das niemand so recht und gut wisse, wie sie und ihre Gemeinde,
und sie brachten es vor nicht mit der menschlich schnen Anmut, die
ihnen sonst innewohnte bei allem, was sie taten und sagten, sondern mit
einer hastigen Trockenheit, eintnig und farblos, wie ein
Auswendiggelerntes. Bei keinem Punkte wurden die Worte weicher und
milder, nirgends die Augen wrmer und belebter, selbst das Leiden und
Sterben Jesu behandelten sie wie einen Lehrgegenstand und nicht wie eine
Gemts- oder Gefhlssache. Es war eine wesenlose Welt fr sich, von der
sie sprachen, und sie selbst mit ihrem brigen Wesen waren wieder eine
andere Welt.

Dazu redeten sie, in einfltiger Nachahmung ihrer Prediger, unbeholfen
und ungefllig, ja befehlshaberisch in Hinsicht auf das bei jedem
zweiten Wort wieder geforderte Glauben.

Da sah Justine, da die guten Frauen ihren Frieden wo anders her hatten,
als aus ihrer Kirchenlehre, und ihn nicht mit dieser verschenken
konnten; oder da vielmehr nur sie mit ihrer besonderen Einrichtung auf
diesem drren Erdreich hatten wachsen knnen, weil sie die Nahrung aus
den freien Himmelslften zogen. Sie war vergeblich hergekommen; das Herz
zog sich ihr zusammen, da es beinahe still zu stehen drohte, und sie
lehnte sich auf ihrem hlzernen Stuhle zurck, um sich zu erholen,
whrend die Predigerinnen immer noch fortsprachen. Sie erholte sich auch
nach und nach, war aber immer noch wei, wie die getnchte Wand
ringsumher, und suchte sich zu besinnen, wie sie, ohne die Frauen zu
krnken, die Sache beendigen und fortkommen knne.

Pltzlich ertnte vor der Tre ein hlicher Schrei, wie wenn einer
Katze auf den Schwanz getreten wrde. Erschreckt eilte Agathchen hin und
ffnete die Tre, da das volle Licht in die dunkle Vorkammer drang, und
man sah einen schlanken hochgewachsenen Mann, welcher das lweib an der
Kehle festhielt und ein weniges an die Wand drckte. Beschmt und
verlegen lie er die Hexe aber sogleich wieder frei, als das Licht auf
die Szene fiel, und auch aus Ekel, weil sie ihm in der Angst und Wut auf
die Hand geiferte, die er nun abwischte. Jetzt lie sich aber ein
wohltnender Ausruf hren von Seite Justinens her, welche in dem Manne
den Herrn Jukundus Meyenthal erkannte; der kehrte sich zu ihr und sofort
fielen sich beide Gatten um den Hals und hielten sich lange umfat. Dann
betrachteten sie sich aufmerksam und sorglich die ernsten traurigen
Gesichter und gingen endlich vorderhand in das Stbchen der Frauen
hinein an das Sonnenlicht.

Jukundus war, whrend Justine ihren Glaubensunterricht empfing, zur
guten Stunde in die Hhle der Hexe gekommen. Sie hatte zuerst boshaft
und zufrieden gelchelt, weil sie glaubte, der hbsche Mann und die
schne Frau htten ein verbotenes Stelldichein bei den frommen Weibern,
und diese bten endlich ihre schwache Seite dar und ein ganzer Krug voll
Rosenl werde aus diesem Abenteuer zu gewinnen sein.

Als aber Jukundus sein Verzeichnis anzuschwrzender Biederleute
hervorzog, ihr sagte, um was es sich handle, in wessen Namen und Auftrag
er gekommen, und sie ziemlich trocken und kurz zu fragen begann, was sie
von jedem wisse oder was sich tun lasse, um denselben als Bsewicht in
das verdiente Gercht zu bringen und zur Strafe zu ziehen, sagte sie
mrrisch: Den kenne ich nicht! Die haben mir nichts getan!

Dieses Tier hat doch wenigstens den Instinkt, nur diejenigen zu beien,
die es berhrt oder gestoen haben! dachte Jukundus und fragte, was ihr
denn dieser oder jener von den frher Angefallenen getan habe?

Sie lachte sogleich heiser, als sie die Namen jener Opfer hrte und sich
des gewichtigen Anteils erinnerte, welcher ihr an der lustigen Hetzjagd
vergnnt gewesen. Jedoch gab sie keine Antwort auf die Frage, sondern
begann mit schwerflliger Beredsamkeit zu schildern, wie sie bei dem
Aufbringen und Ausbreiten der bsen Nachreden und Anschuldigungen
verfahren sei. Da brauche es zuerst nur eine bestimmte, an sich
unschuldige Eigenschaft, einen Zustand, ein Kennzeichen des
Betreffenden, einen Vorfall, das Zusammenkommen zweier Umstnde oder
Zuflle, irgend etwas, das an sich wahr und unbezweifelt sei und fr die
zu machende Erfindung einen Kern von Wirklichkeit abgebe. Auch seien
nicht nur Erfindungen zu verwenden, sondern man knne auch mit Vorteil
die von dem einen verbten Vergehen und Abscheulichkeiten auf den andern
bertragen mittelst jener ueren wirklichen Zuflligkeiten, oder das,
was man selbst zu tun immer Lust verspre oder vielleicht schon ein
bichen getan habe, einem andern anhngen. Auf solche Weise das oft
unbillige Schicksal auszugleichen und zu verbessern, gewhre ein
gewissermaen gttliches Vergngen, wie zum Beispiel wenn man von zwei
Menschen den einen wohl leiden mge, den andern hasse, der erste aber
ein armer, bser milungener Schwerenter, der letztere ein
unertrglicher Rechttuer sei, der nichts an sich kommen lasse. Da fhle
man sich dann so recht wie eine Vorsehung, wenn man die
Unreinlichkeiten und Gebrechen des guten Freundes und Dulders diesem
abzunehmen und dem widerwrtigen Rechthaber aufzubrden verstehe. Ja, es
sei etwas Groes, mit einem ausgestreuten Wrtlein ein stolzes Haus in
Schmach und Ungemach zu strzen, grer, als wenn ein Zauberer einen
Sturm erregen und Schiffe auf dem Meer untergehen lassen knne.

Bei diesen Reden verriet das Weib weit mehr Welt- und Personenkenntnis,
als ihr ungefges uere und die rmliche Lage htten erwarten lassen;
aber alle diese Kenntnis war verkmmert und verkrppelt und wucherte nur
um die Oberflche der Dinge herum, wie ein Moosgeflecht. Auch glich sie
trotz ihrer Verschmitztheit zuweilen einem Kinde, welches in
Unwissenheit mit dem Feuer spielt und dabei eine Stadt anzndet.

Den oft verworrenen Worten und Anspielungen war mit Mhe zu entnehmen,
da das Weib den eigenen Eltern oder Groeltern vorwarf, eine vornehme
Herkunft verlppert und sie dem Elend und der Dunkelheit ausgesetzt zu
haben, da sie einst mit einem Schuster verheiratet gewesen, der lang
mit ihr gerungen, sie aber zuletzt besiegt und fortgejagt hatte, und da
sie sich jetzt mit Hausieren ernhrte, indem sie bald diese, bald jene
Ware ausfindig machte, mit welcher sie, wenn sie aufgelegt war, in allen
Gassen herumstreichen, von Haus zu Haus schleichen und ihrem finstern
Treiben obliegen konnte.

Pltzlich unterbrach sich die Hexe in ihrer Rede und verlangte nochmals
die Namen derjenigen zu sehen, die neuerdings verleumdet werden sollten,
denn sie hatte ber ihrem Reden unversehens Lust bekommen, wieder zu
handeln und Vorsehung zu spielen.

Jukundus gab ihr den Zettel in die Hnde, um zum letzten berflu noch
zu sehen, wie sie im einzelnen zu Werke ging, nachdem er sich im
allgemeinen schon berzeugt hatte, auf welcher Grundlage die groe
ffentliche Verfolgung aufgebaut sei.

Gleich beim ersten Namen, der einem ehrlichen Brgersmann angehrte,
rief sie: Halt, den kenne ich doch! Wie konnte ich den bersehen? Das
ist ja der saubere Herr, der mich einmal aus dem Hause gewiesen hat, als
ich in seiner Kche mit den Dienstboten sprach! Der hat rasch
hintereinander mehrere Erbschaften gemacht und ist reich geworden,
whrend arme Verwandte am Hungertuch nagen! Der wird ein artiger
Erbschleicher sein, wenn man die Sache nher untersucht und in einen
vernnftigen Zusammenhang bringt. Denn ein paar alte Basen von ihm, die
er beerbt hatte, sind unvermutet gestorben, ja, was sage ich? Sein
eigener Vater ist vor ein paar Jahren gestorben, ohne da er sehr alt
oder krank war, hchst wunderlich!

Jetzt erschrak aber Jukundus ber die Folgen seines Tuns und er entri
der Alten den Zettel, indem er rief: Schweigt still, abscheuliche
lhexe! und untersteht Euch nicht, ein einziges Wort von alledem zu
wiederholen, was Ihr da lgt, oder Ihr habt es mit mir zu tun!

Mit Euch? erwiderte die Unholdin, die ihn pltzlich mit aufgerissenen
Augen anglotzte und dann zischte: Was ist's mit Euch? Was willst du
eigentlich von mir, du Hund? Du verfluchter Spion? Willst du mich
bestechen und zu Schlechtigkeiten mibrauchen? Wart, dich wollen wir
schn in die Mache nehmen! Man kennt dich schon! Man kennt dich schon,
du erzschlechter Kerl!

Von der hlichen Wut des Weibes und dem ungeheuerlichen Gesicht, das
sie zeigte, gereizt, packte Jukundus, der sich schon zum Gehen gewandt
hatte, sie einen Augenblick, sich vergessend, am Kragen und entlockte
ihr eben dadurch den Schrei, welcher das Wiedersehen mit Justinen
herbeifhrte, so da er die Verletzung des morgenlndischen Gebotes:

     Mit einer Blume nur zu schlagen
     Ein Frauenbild, nicht sollst du wagen!

welches ihm nachher einfiel, schlielich doch nicht bereute.

       *       *       *       *       *

Ursula und ihre Tochter waren von dem Zusammentreffen der getrennten
Gatten in ihrer Wohnung gerhrt und erfreut; sie betrachteten es als
eine weitere Fgung Gottes, wobei ihnen zweifelhaft erschien, ob die
begonnene Glaubenslehre ihren Fortgang haben werde; denn sie trauten dem
Herrn Meyenthal nicht ganz. Sie stellten daher die Sache einem Hheren
anheim und schwiegen jetzt bescheiden von derselben; sogleich nahm auch
Ursula ihr Tabaksdschen wieder zur Hand.

Jukundus und Justine sprachen indessen nicht viel und trachteten, ins
Freie zu kommen. Nachdem sie ber ihr Zusammentreffen an diesem Orte das
Ntigste sich erklrt hatten, verabschiedeten sie sich von den guten
Christinnen, die Jukundus noch wohl kannte, und versprachen ihnen
weitere Nachricht und Teilnahme. Als sie durch das Gela des lweibes
gingen, war dieses nicht zu sehen und mute sich versteckt haben. Doch
kaum waren sie auf der Strae, so erschien ihr Gesicht unter dem
Gitterfensterchen, wo sie ihnen greuliche Schimpf- und Drohworte
nachrief. Doch sie hrten nichts davon, da sie gengsam mit sich selber
beschftigt waren und mit einem neuartigen Glcksgefhl, doch immerfort
in tiefem Ernste, nebeneinander hingingen.

Jukundus hatte in einem Gasthause ein Pferd stehen, auf welchem er die
ziemlich weite Strecke hergeritten war; Justine hatte mit einem Bruder
verabredet, auf einem aus der Stadt kommenden Dampfboote an der nchsten
Landungsstelle zur gemeinsamen Rckfahrt zusammenzutreffen. Sie
verabredeten daher, sich am nchsten Morgen wieder zu sehen und zwar bei
den Groeltern auf dem Berge bei Schwanau, wohin Jukundus sich in aller
Frhe aufmachen sollte. Dort wollten sie den ganzen Tag zubringen und
sich aussprechen. So gingen sie fr heute voneinander und blickten sich
dabei treuherzig und innig in die Augen, aber immer im tiefsten Ernste.

Der folgende Tag war ein Sonntag, der mit dem schnsten Junimorgen
aufging. Justine war mit der Sonne wach; sie rstete und schmckte sich,
als ob es zu einem Feste ginge, indem sie gegen ihre letzte Gewohnheit
das Haar in reiche Locken ordnete, ein duftiges helles Sommerkleid
anzog, auch den Hals mit etwelchem feinen Schmucke bedachte. So ging
sie, ungesehen von den noch schlafenden Ihrigen, den Weg nach der Hhe,
das Gesicht leicht gertet und rstigen Schrittes. Die Gromutter war
ber ihre jugendliche und reizende Erscheinung ganz verwundert und auch
zufrieden mit der Wendung, welche das Schicksal zu nehmen schien. Sie
zwang, da sie beim Frhstck sa, die Enkelin, die noch nichts genossen
hatte, eine Schale Kaffee zu trinken. Doch ruhte Justine nicht lange,
sondern brach wieder auf, um auf dem Bergwege, auf welchem Jukundus
kommen mute, ihm entgegen zu gehen. So wandelte sie in bnglich froher
Erwartung in die Sonntagsmorgenstille hinein. Die Erde war berall, wo
man hinsah, mit Blumen bedeckt, von den eben verblhenden Bumen wehten
die Blten hinweg, wenn ein Lufthauch sich erhob. Jetzt begannen die
Kirchenglocken in der Nhe und in der Ferne zu luten, rings um den
langhin gedehnten See, in den weischimmernden Ortschaften; die tiefen
vollen Tne der mchtigen Glocken flossen zusammen und erfllten weit
und breit die Luft wie ein unendliches Klangmeer, welches an das
klopfende Herz Justines hinanschwoll und es in seine Tiefe
zurckzuziehen drohte. Allein sie kehrte nicht zurck, sondern eilte,
getragen von den tnenden Wogen, dem Manne entgegen, der jetzt im
Scheine der Morgensonne raschen Schrittes herankam. Sobald sie einander
gewahrten, kehrte das verloren gewesene Lachen in ihre Gesichter zurck,
und sie umarmten und kten sich herzlich.

Ohne darauf zu achten, wohin sie gingen, gerieten sie auf einen Waldpfad
und bestiegen Arm in Arm die oberste Hhe des Berges, whrend sie in
gegenseitigem Geplauder sich alles erzhlten, was ihnen widerfahren und
was sie gelebt und gedacht ber die Zeit ihrer Trennung. Das
Glockengelute verlor sich indessen allmhlich durch die hinter ihnen
liegenden Waldungen, sowie durch das endliche Aufhren, und als der
letzte Ton mit einem einzelnen Nachschlag verhallte, wurden sie doch der
tiefen Stille inne, welche jetzt eintrat. Sie befanden sich am Rande
einer gerumigen Waldlichtung, die eine schn gepflegte Baumschule
umfate. In wohlgeordneten Reihen standen Tausende und wieder Tausende
von winzigen Weitnnchen, Rottnnchen, Fichtchen, Lrchlein, kaum drei
bis vier Zoll hoch, die ihre hellgrnen Kpfchen emporstreckten und
einer festlichen Versammlung vieler Kleinkinderschulen glichen. Dann
standen die gereihten Scharen kniehoher, dann brusthoher Bumchen, wie
wackere Knabenschulen, bis ein Heer mannshoher Buchen-, Eichen- und
Ahornjnglinge folgte und im Rcken derselben die schtzende Gemeinde
der alten Hochwaldbume die Versammlung abschlo. Die ganze Pflanzschule
war so sorgfltig und zierlich gehalten wie der Garten eines groen
Herren, obwohl sie nur einer buerlichen Genossenschaft gehrte; die
feierliche Stille erhhte den berraschenden Eindruck, welchen der
Anblick einer liebevollen Sorge hervorbrachte, die nicht mehr fr das
eigene Leben, sondern fr ein kommendes Jahrhundert, fr die Enkel und
Urenkel waltete.

Im durchsichtigen Schatten junger Ahornstmmchen war von den Forstleuten
eine Ruhebank angebracht worden, auf welche Jukundus und Justine sich
niederlieen, den trstlichen Anblick schweigend und ruhevoll genieend.

Siehst du, sagte endlich Jukundus, indem er Justinens Hnde ergriff,
so wie wir uns nur wieder gefunden haben, sehen wir gleich, da die
Welt berhaupt nicht so schlimm ist, als sie sich gerne stellen mchte.
Alle diese hastigen und harten Selbstschtigen geben sich eigentlich
doch alle ihre Mhe nur fr ihre Kinder und erfllen sogar Pflichten der
Vorsorge fr die ihnen unbekannten knftigen Geschlechter!

Hast du mich auch noch ein bichen lieb? erwiderte Justine, welche in
diesem Augenblicke nur fr sich sorgen mochte. Jukundus blickte in die
Ferne und sah durch ein paar Tannenwipfel hindurch eine Spanne des
blauen Horizontes mit einem lnglichen weien Gebude schimmern, das
mehr zu ahnen als zu erkennen war.

Kannst du jenes weiglnzende Ding sehen? sagte er, es ist einst ein
Kloster gewesen, das vor siebenhundert Jahren ein Rittersmann zum
Gedchtnis seiner Frau gestiftet hat, als sie ihm gestorben war. Er
selbst ging in das Haus hinein und verlie es in seinem Leben nicht
wieder. So lieb bist du mir wie dem seine Frau war, obgleich ich in kein
Kloster gehen wrde, wenn ich dich verlre. Aber der ganze glnzende und
stille Weltsaal wre fr mich das Gotteshaus deines Gedchtnisses,
deine Grabkirche! Doch la uns nun den kleinen Ehrenhandel schlichten,
der noch zwischen uns schwebt. Zur Bue und Shnung sollst du mir jenes
grobe Wort noch einmal sagen, das uns entzweit hat, du grbliches
Liebchen, aber mit lachendem Munde, damit es seinen bsen Sinn verliert!
Schnell also, wie hie es?

Er legte hiebei den Arm um ihre Schultern und hielt mit der andern Hand
ihr Kinn fest. Sie schttelte aber den Kopf und verschlo, so dicht sie
konnte, den Mund. Da klopfte er ihr sachte auf die Wangen, suchte ihr
den Mund aufzumachen und sagte immer: Schnell! heraus mit der Sprache,
rhre dein Znglein! bis sie voll Zrtlichkeit und Scherz das Wort
rasch, aber fast unhrbar hersagte: Lumpazi! worauf Jukundus sie kte.

Wie sie nun so sich umfat hielten und eine Weile schwiegen, sagte
Justine unversehens: Jukundus, was wollen wir nun mit der Religion oder
mit der Kirche machen?

Nichts, antwortete er. Nach einigem Sinnen fuhr er fort: Wenn sich das
Ewige und Unendliche immer so stillhlt und verbirgt, warum sollten wir uns
nicht auch einmal eine Zeit ganz vergngt und friedlich stillhalten knnen?
Ich bin des aufdringlichen Wesens und der Plattheiten aller dieser
Unberufenen mde, die auch nichts wissen und mich doch immer behirten
wollen. Wenn die persnlichen Gestalten aus einer Religion hinweggezogen
sind, so verfallen ihre Tempel und der Rest ist Schweigen. Aber die
gewonnene Stille und Ruhe ist nicht der Tod, sondern das Leben, das
fortblht und leuchtet, wie dieser Sonntagsmorgen, und guten Gewissens
wandeln wir hindurch, der Dinge gewrtig, die kommen oder nicht kommen
werden. Guten Gewissens und ungeteilt schreiten wir fort; nicht Kopf und
Herz oder Wissen und Gemt lassen wir uns durch den bekannten elenden
Gemeinplatz auseinanderreien; denn wir mssen als ganze unteilbare Leute
in das Gericht, das jeden ereilt!

Justine schaute ihren Mann whrend dieser Reden unverwandt an und mit
errtendem Gesicht, weil sie empfand, da sie ihn lngst so offen htte
zu ihr sprechen hren knnen, wenn sie sich eher ihm anvertraut htte,
als einem Kirchenmanne.

Mochten nun Jukundus' Worte weise oder tricht sein, so gefielen sie ihr
jedenfalls ber die Maen wohl, zum Beweise, da sie jetzt ganz ihm
angehrte.

Amen! sagte Jukundus, ich glaube fast, ich fange auch an zu
predigen!

Nicht Amen! rief Justine, fahre fort und sprich weiter! Denke, diese
Baumschule sei deine Gemeinde und predige ihr, wie jener Heilige den
Steinen oder ein anderer den Fischen!

Nein, die Kirche ist aus! hrst du das Zeichen? antwortete Jukundus
lachend, als wirklich in der Ferne hier und dort die Glocken die
Beendigung des Gottesdienstes verkndeten.

Sie erhoben sich und gingen langsam nach der Wohnung der Groeltern, so
da es Mittag wurde, bis sie dort anlangten. Die Alten hatten aber, um
ein rechtes Vershnungsfest bei sich zu sehen, die ganze Familie aus
Schwanau heraufbeschieden und ein einfach krftiges Mahl nach lndlicher
Art bereitet. Alles war versammelt, als das vershnte schne Paar kam.
Es herrschte aber zuerst einige Spannung und Befangenheit; doch als man
sah, da das verlorene Lachen wiedergekehrt war, verbreitete sich der
Sonnenschein des alten Glckes im ganzen Hause. Die Stauffacherin
glnzte wie ein Stern und ergriff fest wieder das Steuer, um das
wiederhergestellte Glcksschiff zu lenken.

Justine zog nun zu ihrem Mann nach der Stadt, wo er ohne Unterbrechung
wohl gedieh und seine Leichtglubigkeit in Geschfts- und Verkehrssachen
verlor, ohne deswegen selbst unwahr und trgerisch zu werden.

Sie bekamen einen Sohn und eine Tochter, welche sie Justus und Jukunde
nannten und die blhende, lachende Schnheit weiter vererben werden.

Sie besuchten fter die frommen Frauen Ursula und Agathchen, wenn sie
einen Spaziergang machten, und lieen es ihnen an nichts fehlen. Das
lweib war fortgezogen, da es die vollkommene Unschuld und Gte nicht
vertrug.

Der Pfarrer, dessen schwache Stunde Justine gesehen hatte, kam zuweilen
auch wieder herbei und vertraute sich dem Paare gerne an. Er fhrte mit
schwerem Herzen noch eine Zeitlang seinen bedenklichen Tanz auf dem
schwanken Seile aus und war dann froh, durch Jukundis Vermittlung in ein
weltliches Geschft treten zu knnen, in welchem er sich viel geriebener
und brauchbarer erwies, als Jukundus selber einst in Seldwyla und
Schwanau getan hatte; denn er, der Pfarrer, glaubte nicht leicht, was
ihm einer vorgab.




     Druck der
     Union Deutsche Verlagsgesellschaft
     in Stuttgart




       *       *       *       *       *




Anmerkungen zur Transkription:

Auflistung aller gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:

S. 11 nichts, als einen Fingerhut --> nichts als einen Fingerhut
(Komma nach 'nichts' entfernt)

S. 79 nachzusinnnen --> nachzusinnen ('n' entfernt)

S. 126 zurechtzukommen, Als --> zurechtzukommen. Als
(Komma durch Punkt ersetzt)

Wenn die wrtliche Rede mehrere Abstze lang ist, werden neue
Abstze, in denen die wrtliche Rede fortgefhrt wird, im Original jeweils
mit Anfhrungszeichen eingeleitet. Diese Anfhrungszeichen wurden in der
Transkription entfernt.



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     of receipt of the work.

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     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
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forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://www.gutenberg.org/about/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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