The Project Gutenberg EBook of Geschichte von England seit der
Thronbesteigung Jakob's des Zweiten., by Thomas Babington Macaulay

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Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten.
       Zweiter Band

Author: Thomas Babington Macaulay

Translator: Wilhelm Hartwig Beseler

Release Date: December 29, 2009 [EBook #30793]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND--ZWEITER BAND ***




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  Thomas Babington Macaulay's

  Geschichte von England


  seit der

  Thronbesteigung Jakob's des Zweiten.


  Aus dem Englischen.


  +Vollstndige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.+


  Zweiter Band.


  Leipzig, 1854.
  _G. H. Friedlein._


       *       *       *       *       *
           *       *       *       *


  Drittes Kapitel.

  England im Jahre 1685.




  =Inhalt.=

                                                               Seite
  Einleitung                                                       5
  Groe Vernderung in dem Zustande Englands seit 1685             6
  Bevlkerung Englands im Jahre 1685                               6
  Die Zunahme der Bevlkerung im Norden grer als im Sden        8
  Staatseinknfte im Jahre 1685                                   10
  Das Militairsystem                                              12
  Die Seemacht                                                    17
  Die Artillerie                                                  22
  Kosten der Civilverwaltung                                      23
  Groe Einknfte der Minister und Hflinge                       24
  Zustand des Ackerbaues                                          25
  Mineralreichthum des Landes                                     29
  Zunahme der Grundrente                                          31
  Die Landgentlemen                                               31
  Die Geistlichkeit                                               34
  Die Freisassen                                                  41
  Wachsthum der Stdte                                            41
  Bristol                                                         42
  Norwich                                                         42
  Andere Provinzialstdte                                         44
  Manchester                                                      45
  Leeds                                                           45
  Sheffield                                                       46
  Birmingham                                                      46
  Liverpool                                                       47
  Die Badeorte                                                    47
  Cheltenham                                                      48
  Brighton                                                        48
  Buxton                                                          48
  Tunbridge Wells                                                 48
  Bath                                                            49
  London                                                          50
  Die City                                                        51
  Der vornehme Theil der Hauptstadt                               55
  Die Londoner Polizei                                            58
  Beleuchtung von London                                          59
  Whitefriars                                                     59
  Der Hof                                                         60
  Die Kaffeehuser                                                62
  Schwierigkeiten des Reisens                                     65
  Schlechter Zustand der Landstraen                              66
  Die Diligencen                                                  69
  Straenruber                                                   71
  Die Gasthfe                                                    73
  Die Briefposten                                                 74
  Zeitungen                                                       76
  Die Neuigkeitsbriefe                                            77
  Der Observator                                                78
  Seltenheit von Bchern auf dem Lande                            79
  Weibliche Erziehung                                             79
  Literarische Bildung der Gentlemen                              80
  Einflu der franzsischen Literatur                             81
  Unsittlichkeit der schnen Literatur Englands                   82
  Zustand der Wissenschaft in England                             87
  Zustand der schnen Knste                                      91
  Lage des niederen Volks                                         93
  Lhne der Feldarbeiter                                          93
  Lhne der Fabrikarbeiter                                        95
  Arbeit der Kinder in den Fabriken                               96
  Lhne verschiedener Klassen von Handwerkern                     97
  Zahl der Armen                                                  97
  Welchen Nutzen die Fortschritte der Civilisation
      dem gemeinen Volke brachten                                 99
  Tuschung welche die Menschen verleitet, das Glck
      frherer Geschlechter zu berschtzen                      101




[_Einleitung._] In diesem Kapitel gedenke ich eine Schilderung des
Zustandes zu geben, in welchem sich England zu der Zeit befand, als die
Krone von KarlII. auf seinen Bruder berging. Eine solche Schilderung
kann allerdings nur sehr unvollkommen sein, da sie aus sprlichem und
zerstreutem Material gebildet ist; indessen wird sie doch vielleicht zur
Berichtigung mancher falschen Ansichten dienen, welche das Verstndni
oder das Interesse der nachfolgenden Erzhlung beeintrchtigen wrden.

Wenn wir die Geschichte unserer Vorfahren mit wirklichem Nutzen studiren
wollen, mssen wir uns stets sorgfltig vor dem Irrthume hten, den die
wohl bekannten Namen von Familien, Orten und mtern sehr leicht
hervorrufen, und drfen nie vergessen, da das Land, von dem wir lesen,
ganz verschieden war von dem, in welchem wir leben. Wie jede
Erfahrungswissenschaft die Tendenz zur Vervollkommnung in sich trgt,
so liegt auch in jedem menschlichen Wesen der Wunsch, seine Lage zu
verbessern. Diese beiden Prinzipien waren oft hinreichend zum raschen
Fortschreiten der Civilisation, selbst wenn derselben groe ffentliche
Calamitten und schlechte Einrichtungen hindernd im Wege standen. Kein
gewhnliches Unglck, keine, gewhnlichen Regierungsfehler knnen in
gleichem Mae das Sinken einer Nation herbeifhren, wie die
unterbrochenen Fortschritte der Naturwissenschaften und das
stete Streben jedes Einzelnen nach Verbesserung seiner Lage das
Emporblhen einer Nation befrdern. Man hat viele Beispiele
davon, da verschwenderischer Aufwand, hohe Abgaben, verkehrte
Handelsbeschrnkungen, verderbte Gerichtshfe, unglckliche Kriege,
Aufstnde, Verfolgungen, Feuersbrnste und berschwemmungen nicht im
Stande waren, das Kapital so rasch zu vernichten, wie die Thatkraft
einzelner Brger es zu schaffen vermochte. Es ist nicht schwer zu
beweisen, da in unserem Lande der Nationalreichthum seit mindestens
sechs Jahrhunderten in fast ununterbrochenem Wachsen begriffen ist; da
er unter den Tudors grer war als unter den Plantagenets; da er unter
den Stuarts grer war als unter den Tudors; da er trotz Kriegen,
Belagerungen und Confiscationen zur Zeit der Restauration grer war als
beim Zusammentritte des Langen Parlaments; da er trotz schlechter
Verwaltung und Verschwendung, trotz ffentlichen Bankerotts, trotz
zweier kostspieligen und unglcklichen Kriege, trotz verheerender
Seuchen und Feuersbrnste beim Tode KarlsII. grer war als bei seiner
Wiedererhebung auf den Thron. Dieser Fortschritt erhielt, nachdem er
bereits mehrere Jahrhunderte gedauert, um die Mitte des achtzehnten
einen ungeheuren Aufschwung und hat seine Schnelligkeit whrend des
neunzehnten verdoppelt. Wir haben es theils unserer geographischen,
theils unserer sittlichen Lage zu danken, da wir mehrere Menschenalter
hindurch von beln verschont geblieben sind, welche anderwrts die
Anstrengungen des Gewerbfleies hemmten und die Frchte desselben
zerstrten. Whrend der ganze Continent, von Moskau bis Lissabon, der
Schauplatz blutiger und verheerender Kriege war, sah man bei uns kein
feindliches Banner, auer als Trophe. Whrend rund um uns her
Revolutionen stattgefunden haben, ist unsere Regierung niemals gewaltsam
gestrzt worden. Seit hundert Jahren hat unsere Insel keinen Tumult
gesehen, der so bedeutend gewesen wre, da man ihn einen Aufstand htte
nennen knnen. Nie ist bei uns das Gesetz, weder durch die Volkswuth,
noch durch knigliche Tyrannei mit Fen getreten worden. Der
ffentliche Credit ist heilig gehalten worden und die Rechtspflege stets
rein gewesen. Selbst in Zeiten, welche der Englnder mit gutem Grunde
schlimme Zeiten nennen kann, haben wir noch immer die brgerliche und
religise Freiheit in einem Mae genossen, das fast jede andere Nation
der Welt als ein reichliches betrachtet haben wrde. Jedermann hatte die
vertrauensvolle berzeugung, da der Staat ihn im Besitze dessen was er
sich durch Betriebsamkeit erworben und durch weise Sparsamkeit
gesammelt, schtzen werde. Unter dem wohlthtigen Einflusse des Friedens
und der Freiheit blhten die Wissenschaften und wurden in einem vorher
nicht gekannten Umfange zu praktischen Zwecken angewendet.


[_Groe Vernderung in dem Zustande Englands seit 1685._] Die Folge
davon ist, da in unserem Lande eine Vernderung stattgefunden, von der
die Geschichte der alten Welt kein hnliches Beispiel aufzuweisen hat.
Knnte das England von 1685 durch einen Zauberproze vor unsere Augen
gebracht werden, so wrden wir nicht eine Gegend unter Hunderten, nicht
ein Haus unter Tausenden erkennen. Der Gutsbesitzer wrde seine eigenen
Felder, der Stdter seine eigene Strae nicht wieder erkennen. Alles hat
sich verndert bis auf die groen Hauptzge der Natur und einige wenige
dauerhafte Werke der menschlichen Kunst. Den Snowdon und Windermere, die
Cheddar-Klippen und Beachy-Head wrden wir wohl finden, auch hier und da
einen normnnischen Dom oder ein altes Schlo erkennen, das die Kriege
der Rosen mit angesehen; aber mit wenigen solchen Ausnahmen wrde uns
Alles fremd sein. Viele Tausend Quadratmeilen, welche gegenwrtig reiche
Getreidefelder und Wiesen sind, durchschnitten von grnen Hecken und
Zunen und beset mit freundlichen Drfern und reizenden Landsitzen,
wrden sich unseren Blicken als mit Ginsterbschen bedeckte Moore oder
den wilden Enten berlassene Smpfe darstellen. Wo wir jetzt groe
Fabrikstdte und Seehfen erblicken, deren Name und Ruf bis an die
uersten Enden der Welt reicht, wrden wir nur einzelne hlzerne Htten
mit Strohdchern finden. Selbst die Hauptstadt wrde zu einem Umfange
zusammenschrumpfen, welche den ihrer heutigen Vorstadt am sdlichen
Themseufer nicht bersteigen drfte. Nicht minder auffallend wrden uns
Tracht und Sitten des Volks, Gerthschaften und Equipagen, so wie die
innere Einrichtung der Lden und Wohnungen erscheinen. Eine solche
Vernderung in dem Zustande einer Nation hat gewi mindestens eben so
gegrndeten Anspruch auf die Beachtung des Geschichtsschreibers, wie ein
Wechsel der Dynastie oder des Ministeriums.


[_Bevlkerung Englands im Jahre 1685._] Fr den Forscher, der sich einen
richtigen Begriff von dem Zustande eines Staates zu einer gegebenen Zeit
bilden will, mu es eine der ersten Aufgaben sein zu untersuchen,
wieviel Bewohner derselbe damals hatte. Leider kann man die Volkszahl
Englands im Jahre 1685 nicht mit vollkommener Genauigkeit bestimmen,
denn zu jener Zeit hatte noch kein groer Staat die weise Einrichtung
einer periodischen Volkszhlung angenommen. Man berlie das der
Schtzung jedes Einzelnen und da solche Schtzungen gewhnlich ohne
grndliche Untersuchung und unter dem Einflusse von Leidenschaften und
Vorurtheilen angestellt wurden, so war das Ergebni derselben oft
widersinnig und lcherlich. Selbst verstndige Londoner gaben die
Bevlkerung der Hauptstadt zu mehreren Millionen Seelen an. Viele
behaupteten allen Ernstes, die Einwohnerzahl habe sich whrend der
fnfunddreiig Jahre zwischen der Thronbesteigung KarlsI. und der
Restauration um zwei Millionen vermehrt.[1] Selbst unmittelbar nach den
Verheerungen, welche Pest und Feuer angerichtet, pflegte man zu sagen,
da London noch immer anderthalbe Million Einwohner zhle.[2] Dagegen
verfielen einige Andere, denen solche bertreibungen zuwider waren, in
das entgegengesetzte Extrem. So behauptete Isaak Vossius, ein Mann von
unbestreitbaren Talenten und Kenntnissen, da in England, Schottland und
Irland zusammengenommen nicht mehr als zwei Millionen Menschen
lebten.[3]

Es fehlt uns indessen nicht an den nthigen Quellen, um die lcherlichen
Irrthmer, zu denen Einige durch Nationaleitelkeit und Andere durch eine
krankhafte Sucht nach Paradoxen verleitet wurden, zu berichtigen. Es
existiren drei verschiedene Berechnungen, welche vorzugsweise Beachtung
verdienen, da sie vllig unabhngig von einander, nach ganz
verschiedenen Prinzipien angestellt wurden, und doch in ihren Resultaten
nur wenig von einander abweichen.

Eine dieser Berechnungen wurde im Jahre 1696 von Gregor King, Lancaster
Herold, einem Statistiker von groem Scharfblick und treffendem
Urtheile, vorgenommen. Die Grundlage seiner Schtzungen bildete die
Huserzahl, wie sie im Jahre 1690 von den Beamten, welche die letzte
Heerdsteuer erhoben, angegeben ward. Er gelangte dadurch zu dem
Resultate, da sich die Bevlkerung Englands auf nahe an fnf und eine
halbe Million Seelen belief.[4]

Um die nmliche Zeit wnschte Knig Wilhelm III. die Mitgliederzahl der
verschiedenen religisen Secten zu erfahren, in welche die
Gesammtbevlkerung zerfiel. Zu dem Ende wurden genaue Forschungen
angeordnet und ihm aus allen Kirchspielen des Reichs Berichte vorgelegt,
aus denen sich ergab, da die Zahl der englischen Unterthanen ungefhr
fnf Millionen und zweimalhunderttausend betragen mute.[5]

Endlich hat in unseren Tagen Mr. Finlaison, ein Beamter von groer
Einsicht und Geschftstchtigkeit, die alten Gemeinderegister den
Prfungen unterworfen, zu denen ihn die Fortschritte der Neuzeit in der
Statistik in den Stand setzten, und seine Ansicht geht dahin, da zu
Ende des siebzehnten Jahrhunderts die Bevlkerung Englands etwas unter
fnf Millionen und zweimalhunderttausend Seelen betrug.[6]

Von diesen drei Schtzungen, welche ganz unabhngig von einander durch
verschiedene Personen und nach verschiedenen Materialien aufgestellt
wurden, bersteigt die hchste, die von King, die niedrigste, die von
Finlaison, noch nicht um ein Zwlftel. Wir knnen daher zuversichtlich
behaupten, da unter der Regierung JakobsII. England zwischen fnf und
sechsthalb Millionen Einwohner zhlte. Nimmt man die hchste Schtzung
an, so hatte es damals weniger als ein Drittel der gegenwrtigen
Bewohnerzahl und nicht ganz dreimal so viel als jetzt seine riesige
Hauptstadt allein enthlt.

    [Anmerkung 1: +Observations on the Bills of Mortality+, vom
    Kapitain John Graunt (Sir William Petty) Kap. 11.]

    [Anmerkung 2:
      Sie birgt in ihren Mauern
      Voll Fnfzehnhundert Tausend, die ihr Leben
      D'rin verbringen.
        -- +Great Britain's Beauty, 1671.+]

    [Anmerkung 3: +Isaac Vossius, de Magnitudine Urbium Sinarum,
    1685.+ St. Evremond sagt uns, da Isaak Vossius fter und
    ausfhrlicher ber diesen Gegenstand sprach, als es in den hheren
    Kreisen gern gesehen wurde.]

    [Anmerkung 4: +King's Natural and Political observations, 1696.+
    Diese werthvolle Abhandlung, die man so lesen mu, wie der
    Verfasser sie schrieb, und nicht in dem Auszuge von Davenant,
    findet sich in einigen Ausgaben von +Chalmers's Estimate+.]

    [Anmerkung 5: +Dalrymple's Appendix to Part II. Book I.+ Das
    Verfahren, die Bevlkerung nach der Kopfzahl der Religionssecten
    zu berechnen, war lange blich. Gulliver sagt von dem Knige von
    Brobdingnag: Er lachte ber meine einfltige Arithmetik, wie er
    dieselbe zu nennen beliebte, weil ich die Zahl unseres Volks nach
    einer Berechnung der Mitglieder unserer verschiedenen religisen
    und politischen Parteien schtzte.]

    [Anmerkung 6: Vorrede zu den +Population Returns+ von 1831.]


[_Die Zunahme der Bevlkerung im Norden grer als im Sden._] Die
Zunahme der Bevlkerung ist zwar in allen Theilen des Landes stark
gewesen, im Durchschnitt aber in den nrdlichen Provinzen viel
bedeutender als in den sdlichen. Ein groer Theil des Landes jenseit
des Trent befand sich in der That bis zum achtzehnten Jahrhunderte in
einem Zustande von Rohheit. Physische und moralische Ursachen verbanden
sich, um die Ausbreitung der Civilisation in diesen Gegenden zu hemmen.
Das Klima war rauh, der Boden im Allgemeinen von solcher Beschaffenheit,
da er einer geschickten und mhsamen Pflege bedurfte, und in einer
Gegend, welche hufig der Schauplatz von Kriegen war und selbst in
nominellen Friedenszeiten bestndig durch schottische Ruberbanden
beunruhigt wurde, konnte man wohl kaum viel Gewerbflei und
Betriebsamkeit erwarten. Vor der Vereinigung der beiden britischen
Kronen und noch lange nachher war ein eben so groer Unterschied
zwischen Middlesex und Northumberland als heutzutage zwischen
Massachusetts und den Austeilungen jener Squatters im fernen Westen des
Mississippi, welche mit Bchse und Dolch eine rohe Justiz ausben. Noch
unter der Regierung Karl's II. waren die Spuren, welche
jahrhundertelange Metzeleien und Plnderungen zurckgelassen, viele
Meilen sdlich vom Tweed, an dem Aussehen des Landes und an dem
gesetzlosen Treiben des Volks deutlich zu erkennen. Um diese Zeit gab es
dort noch eine Menge Straenruber, welche davon lebten, da sie die
Wohnungen plnderten und ganze Viehherden forttrieben. Bald nach der
Restauration hielt man es fr nthig, sehr strenge Gesetze zu erlassen,
um diesem Unwesen zu steuern. Die Behrden von Northumberland und
Cumberland wurden ermchtigt, zur Vertheidigung des Eigenthums und der
Ordnung bewaffnete Mannschaften zu errichten, und zur Deckung der
Kosten, welche die Aushebung und der Unterhalt dieser Truppen
verursachten, wurden rtliche Abgaben auferlegt.[7] Die Gemeinden wurden
angewiesen, Bluthunde zu halten, um damit auf die Freibeuter Jagd zu
machen. Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts konnten sich viele
alte Leute noch sehr gut der Zeit erinnern, wo diese frchterlichen
Hunde in Gebrauch waren.[8] Doch selbst mit diesen Hlfsmitteln war es
oft unmglich, die Ruber bis in ihre Schlupfwinkel im Gebirge und in
den Smpfen zu verfolgen, denn die topographische Kenntni jener
Gegenden war damals noch sehr unvollkommen. Selbst nach dem
Regierungsantritte Georg's III. war zum Beispiel der Weg von Borrowdale
nach Ravenglas ber das Gebirge noch ein Geheimni, das von den
Thalbewohnern, von denen einige in ihrer Jugend wahrscheinlich auf
diesem Wege den Verfolgungen der Justiz entronnen waren, sorgfltig
bewahrt wurde.[9] Die Landsitze des Adels und die greren Pachthfe
waren befestigt; die Rinder wurden des Nachts unter den Wetterdchern
des Hauses angebunden, was man Peel nannte; die Bewohner schliefen nur
mit den Waffen zur Seite; man hielt bestndig groe Steine und kochendes
Wasser in Bereitschaft, um den Ruber, der es etwa wagte, die kleine
Besatzung anzugreifen, zu zerschmettern und zu verbrhen. Kein Reisender
wagte sich in diese Gegend, ohne vorher sein Testament zu machen. Die
Richter, welche auf ihrer Rundreise begriffen waren, ritten bewaffnet
und von einer starken Bedeckung unter dem Commando der Sheriffs
begleitet, mit der ganzen Schaar der Anwlte, Schreiber und Diener von
Newcastle nach Carlisle. Man mute sich mit Lebensmitteln versehen, denn
diese Gegend war eine Wildni, in der nichts zu bekommen war. Der Platz
unter einer riesigen Eiche, wo die Cavalcade Halt zu machen pflegte, um
das Mittagsmahl einzunehmen, ist heutigen Tages noch nicht vergessen.
Die ungewhnliche Strenge, mit der die Strafrechtspflege dort gehandhabt
wurde, machte einen erschtternden Eindruck auf solche Beobachter,
welche bis dahin in ruhigeren Distrikten gelebt hatten. Wer bei einem
Einbruche oder einem Viehdiebstahle ergriffen wurde, den verurtheilten
die von Ha und dem Gefhle der gemeinsamen Gefahr erfllten Geschwornen
mit der summarischen Schnelligkeit eines Kriegsgerichts bei einer
Meuterei, und die Verurtheilten wurden zu Zwanzigen an den Galgen
geschickt.[10] Noch zu einer Zeit, deren sich manche Leute der jetzigen
Generation erinnern knnen, fand der Waidmann, den die Verfolgung des
Wildes zu den Quellen des Tyne fhrte, die Haiden in der Umgegend von
Keeldar Castle von Menschen bewohnt, die kaum weniger wild waren, als
die Indianer von Kalifornien, und hrten mit Erstaunen halb nackte
Weiber einen wilden Gesang anstimmen, whrend die Mnner mit
geschwungenen Dolchen einen Kriegstanz auffhrten.[11]

Langsam und mit groer Mhe wurde endlich die Ruhe in dem Grenzgebiete
hergestellt, und mit derselben fanden sich auch Gewerbflei und alle
Knste des Lebens ein. Mittlerweile machte man die Entdeckung, da die
Gegenden nrdlich vom Trent in ihren Kohlenlagern eine reichere Quelle
des Wohlstandes besaen, als die Goldgruben von Peru, und man berzeugte
sich bald, da in der Nhe dieser Lager fast jede Fabrik mit groem
Vortheil betrieben werden konnte. In Folge dessen begann eine anhaltende
Auswanderung nach dem Norden. Aus den Bevlkerungslisten von 1841 ergab
es sich, da die ehemalige erzbischfliche Provinz York zwei Siebentel
der gesammten Einwohnerzahl Englands enthielt, whrend man zur Zeit der
Revolution annahm, da nur ein Siebentel der Gesammtbevlkerung auf
diese Provinz komme.[12] In Lancashire hat sich die Einwohnerzahl um das
Neunfache vermehrt, whrend sich dieselbe in Norfolk, Suffolk und
Northamptonshire kaum verdoppelt hat.[13]

    [Anmerkung 7: +Statutes 14 Car. II. c. 22; 18 & 19 Car. II. c. 3;
    29 & 30 Car. II. c. 2.+]

    [Anmerkung 8: +Nicholson and Bourne, Discourse on the ancient
    State of the Border, 1777.+]

    [Anmerkung 9: +Gray's Journal of a Tour in the Lakes, Oct. 3.
    1769.+]

    [Anmerkung 10: +North's life of Guildford. Hutchinson's History of
    Cumberland, parish of Brampton.+]

    [Anmerkung 11: Siehe Sir Walter Scotts Tagebuch vom 7. Oct. 1827
    in seiner Biographie von Lockhart.]

    [Anmerkung 12: +Dalrymple Appendix to Part II. Book I.+ Die
    Heerdgeldlisten ergeben so ziemlich dasselbe Resultat. Die Heerde
    in der Provinz York betrugen nicht den sechsten Theil der
    smmtlichen Heerde Englands.]

    [Anmerkung 13: Ich mache hier natrlich keinen Anspruch auf
    strenge Genauigkeit; allein ich glaube, da wer sich die Mhe
    nehmen will, die letzten Heerdgeldlisten aus der Regierungszeit
    WilhelmsIII. mit dem Ergebnisse der Volkszhlung von 1841 zu
    vergleichen, zu einem Resultate gelangen wird, das von dem
    meinigen nicht erheblich abweicht.]


[_Staatseinknfte im Jahre 1685._] Von dem Ertrage der Steuern knnen
wir mit grerer Sicherheit und Genauigkeit sprechen als von der
Bevlkerung. Die ffentlichen Einnahmen Englands waren klein im
Verhltni zu den Hilfsquellen, die es schon damals besa, oder im
Vergleich mit den Summen, welche von den Regierungen der Nachbarlnder
erhoben wurden. Sie hatten sich zwar seit der Restauration fast
bestndig vermehrt, betrugen aber doch wenig mehr als drei Viertel von
denen der Vereinigten Provinzen und kaum ein Fnftel von denen
Frankreichs.

Der bedeutendste Einnahmeposten war die Accise, welche im
letzten Jahre der Regierung Karl's einen Reinertrag von
fnfhundertfnfundachtzigtausend Pfund Sterling abwarf. Der Nettoertrag
der Zlle belief sich in demselben Jahre auf fnfhundertdreiigtausend
Pfund. Diese Abgaben lasteten nicht schwer auf der Nation. Die
Heerdsteuer erregte ein viel lauteres Murren, obgleich sie bei weitem
weniger eintrug. Allerdings steht auch die Unzufriedenheit, welche durch
directe Steuern hervorgerufen wird, fast immer in keinem Verhltni zu
der Menge des Geldes, das sie dem Staatsschatze einbringen, und die
Heerdsteuer war selbst unter den directen Steuern noch eine ganz
besonders drckende, denn sie konnte nur durch Besichtigung der
Wohnungen festgestellt werden, und derartige Besuche sind den Englndern
von jeher in einem Grade verhat gewesen, von dem sich andere Lndern
nur einen schwachen Begriff machen knnen. Die rmeren Einwohner waren
oft nicht im Stande, ihr Heerdgeld zur rechten Zeit zu bezahlen, und
wenn dieser Fall eintrat, wurden sie ohne Gnade ausgepfndet, denn die
Steuer war verpachtet, und der Steuerpchter ist sprichwrtlich der
habgierigste und unerbittlichste Glubiger. Die Einsammler wurden laut
beschuldigt, da sie ihre miliebige Pflicht mit anmaender Hrte
ausbten; man sagte, da, sobald sie auf der Schwelle eines Hauses
erschienen, die Kinder zu weinen begannen und die alten Weiber eiligst
ihr Kchengeschirr versteckten. Ja das einzige Bett einer armen Familie
ward zuweilen weggenommen und verkauft. Der jhrliche Reinertrag dieser
Steuer belief sich auf zweimalhunderttausend Pfund.[14]

Rechnen wir zu den eben erwhnten drei Hauptquellen der Staatseinknfte
die kniglichen Domnen, welche damals viel bedeutender waren als
gegenwrtig, die Naturalleistungen und Zehnten, welche noch nicht der
Kirche berwiesen waren, die Herzogthmer Cornwall und Lancaster, sowie
die Geldstrafen und Geldbuen, so finden wir, da das gesammte
Jahreseinkommen der Krone recht gut auf ungefhr eine Million
viermalhunderttausend Pfund geschtzt werden kann. Ein Theil dieses
Einkommens war erblich, das brige war Karl auf Lebenszeit gesichert,
und er durfte ganz nach Belieben darber verfgen. Was er an dem
Aufwande fr die verschiedenen Departements der Verwaltung ersparen
konnte, war ein Beitrag zu seiner Privatchatulle. Von dem Postwesen,
dessen Ertrgnisse das Parlament dem Herzoge von York zugetheilt hatte,
werden wir nachher ausfhrlicher sprechen.

Auf den Einknften des Knigs lastete -- oder htte vielmehr lasten
sollen, -- die jhrliche Ausgabe von achtzigtausend Pfund als Zinsen fr
die Summe, welche die Cabale betrgerischer Weise im Staatsschatze
zurckgehalten hatte. So lange Danby an der Spitze der Finanzverwaltung
stand, hatten die Glubiger ihre Zinsen erhalten, wenn auch nicht mit
der strengen Pnktlichkeit der neueren Zeit; seine Nachfolger im
Schatzamte aber hatten es weniger verstanden oder es weniger fr nthig
erachtet, den ffentlichen Credit aufrecht zu erhalten. Seit dem Siege,
den der Hof ber die Whigs davongetragen, war nicht ein Farthing bezahlt
worden, und die darunter Leidenden hatten keine Aussicht, eher etwas zu
erhalten, als bis eine neue Dynastie und mit dieser ein neues System zur
Herrschaft gelangte. Es kann keinen greren Irrthum geben, als wenn man
glaubt, die Erfindung, die Bedrfnisse des Staatshaushaltes durch
Anlehen zu decken, sei durch WilhelmIII. auf unserer Insel eingefhrt
worden. Schon seit undenklichen Zeiten haben alle englischen Regierungen
Schulden gemacht. Die Revolution brachte nur den Gebrauch mit, dieselben
ehrlich zu bezahlen.[15]

Durch Beraubung der Staatsglubiger wurde es mglich, mit einem
Einkommen von ungefhr vierzehnhunderttausend Pfund, nebst einigen
gelegentlichen Zuschssen aus Frankreich, die nothwendigen Ausgaben der
Regierung und den verschwenderischen Aufwand des Hofes zu bestreiten.
Denn die Last, welche am schwersten auf den Finanzen der groen Staaten
des Continents lag, wurde bei uns kaum gefhlt. In Frankreich, in
Deutschland und in den Niederlanden wurden mitten im Frieden Armeen
unterhalten, wie HeinrichIV. und PhilippII. sie in Kriegszeiten nicht
verwendeten. Allenthalben erhoben sich Bastionen und Schanzwerke, welche
nach Systemen angelegt waren, die Parma und Spinola nicht gekannt
hatten. Es wurden Vorrthe von Geschtzen und Kriegsbedarf aufgehuft,
welche selbst Richelieu, den die vorhergehende Generation als einen
Schpfer von Wunderwerken betrachtet hatte, fabelhaft genannt haben
wrde. Man konnte in diesen Lndern nicht viele Meilen weit reisen, ohne
den Trommelwirbel eines auf dem Marsche begriffenen Regiments zu hren
oder von den Schildwachen auf der Zugbrcke einer Festung angerufen zu
werden.

    [Anmerkung 14: In der Pepys'schen Bibliothek finden sich einige
    Balladen aus jener Zeit ber das Heerdgeld, von denen ich hier
    einige Proben anfhren will:

      Sobald die guten Damen den Heerdmann kommen seh'n,
      Flieh'n sie erschreckt hinweg mit Topf und Krug;
      Im ganzen Lande ist Eine unter Zehn
      Der bei dem Worte Heerdmann nicht entschlpft ein Fluch.

    Ferner:

      Wie plndernde Soldaten strmen sie herein
      Zu rauben selbst dem Armen sein letztes Gut;
      Wie auch die Kinder angstvoll mgen schrei'n
      Nichts beuget ihren frechen bermuth.

    Im Britischen Museum finden sich Knittelverse ber denselben
    Gegenstand und in gleichem Sinne:

      Und wenn die Armuth nicht bezahlen kann
      Greift rohe Hand das einz'ge Bett selbst an
      Auf das der Arme legt sein mdes Haupt.
      So Ruh' und Brod zugleich man raubt.

    Ich ergreife diese Gelegenheit, die erste, die sich mir darbietet,
    um dem Vorsteher und dem Vicevorsteher des Magdalenencollegiums zu
    Cambridge fr die freundliche Bereitwilligkeit zu danken, mit der
    sie mir die werthvollen Pepys'schen Sammlungen zugnglich machten.]

    [Anmerkung 15: Meine hauptschlichsten Autoritten fr diese
    finanziellen Angaben finden sich in den +Commons' Journals+ vom 1.
    und 20. Mrz 1688--89.]


[_Das Militairsystem._] Auf unsrer Insel hingegen konnte man lange leben
und weite Reisen machen, ohne ein einziges Mal durch irgend einen
kriegerischen Anblick oder Ton daran erinnert zu werden, da die
Vertheidigung der Nationen eine Wissenschaft und ein Beruf geworden war.
Die meisten jungen Englnder unter fnfundzwanzig Jahren hatten
vielleicht noch nie eine Compagnie regulrer Truppen gesehen, und von
den Stdten, welche zur Zeit des Brgerkrieges feindliche Heere tapfer
zurckgeschlagen hatten, war kaum eine jetzt im Stande, eine Belagerung
auszuhalten. Die Thore waren Tag und Nacht geffnet, die Grben waren
ausgetrocknet und die Wlle hatte man verfallen lassen oder sie nur in
so weit erhalten, damit sie den Bewohnern an schnen Sommerabenden zu
einem angenehmen Spaziergange dienen konnten. Von den alten Stammburgen
der frheren Barone waren viele durch die Kanonen Fairfax' und
Cromwell's zerschmettert und lagen jetzt in Trmmerhaufen, auf denen
Epheu wucherte. Die verschont gebliebenen hatten ihren kriegerischen
Character verloren und waren jetzt lndliche Palste des hohen Adels.
Die Wallgrben waren in Behlter fr Karpfen und Hechte verwandelt, die
Mauern waren mit duftenden Struchern und Gebschen bepflanzt, zwischen
denen sich gewundene Pfade zu reizenden Lusthusern schlngelten,
die mit Spiegeln und Gemlden reich geschmckt waren.[16] Auf den
Vorgebirgen der Seekste und auf vielen Anhhen des Binnenlandes sah man
noch hohe Pfhle mit leeren Fssern auf den Spitzen derselben. Diese
Fsser waren einst mit Pulver gefllt gewesen. In Zeiten der Gefahr
wurden hier Wachen aufgestellt, und wenige Stunden nachdem ein
spanisches Segel im Kanal entdeckt oder nachdem ein Schwarm schottischer
Ruber ber den Tweed gegangen war, loderten funfzig Meilen in der Runde
Signalfeuer empor und ganze Grafschaften traten unter die Waffen. Doch
viele Jahre waren verflossen, seit die Lrmfeuer geleuchtet hatten, und
sie wurden nur noch mehr als merkwrdige Erinnerungszeichen an alte
Sitten, denn als Theile einer fr die Sicherheit des Staates nthigen
Einrichtung angesehen.[17]

Die einzige Armee, die das Gesetz anerkannte, war die Miliz. Diese
Streitmacht war durch zwei kurz nach der Restauration erlassene
Parlamentsacte umgestaltet worden. Jeder, der aus Grundeigenthum ein
jhrliches Einkommen von fnfhundert Pfund bezog oder ein bewegliches
Vermgen von sechstausend Pfund besa, war verpflichtet, auf seine
Kosten einen Reiter zu liefern, zu equipiren und zu unterhalten, und wer
funfzig Pfund jhrlich von Grundbesitz bezog oder sechshundert Pfund
bewegliches Vermgen hatte, mute in gleicher Weise einen Lanzknecht
oder einen Musketier stellen. Kleinere Grundbesitzer wurden zu einer Art
Societt verbunden, fr welche unsre Sprache keinen besonderen Namen
hat, die aber ein Athenienser eine Synteleia genannt haben wrde, und
jede solche Societt war gehalten, je nach ihren Mitteln einen Reiter
oder einen Fusoldaten zu liefern. Die Gesammtzahl der auf diese Weise
zusammengebrachten Reiterei und Infanterie wurde gewhnlich auf
hundertdreiigtausend Mann geschtzt.

Kraft der alten Verfassung des Reichs und durch die neuere feierliche
Anerkennung beider Parlamentshuser war der Knig der einzige
Generalcapitain dieser starken Streitmacht. Die Lord Lieutenants und
ihre Stellvertreter befehligten unter ihm und bestimmten die
Zusammenknfte zur Waffenbung und Musterung. Diese bungen und
Musterungen durften jedoch nicht mehr als vierzehn Tage im Jahre Zeit
wegnehmen. Die Friedensrichter waren ermchtigt, fr Disciplinarvergehen
leichte Strafen zuzuerkennen. Die Krone trug zu den gewhnlichen Kosten
nichts bei; wenn aber die Miliz gegen den Feind aufgeboten wurde, so
fiel ihr Unterhalt den allgemeinen Staatseinknften zur Last und sie war
dann der uersten Strenge der Kriegsgesetze unterworfen.

Von Vielen wurde jedoch die Miliz nicht mit freundlichem Auge
betrachtet. Leute, die oft auf dem Continent gereist waren und die
trotzige Entschiedenheit bewundert hatten, mit welcher in den von Vauban
erbauten Festungen jede Schildwache sich bewegte und sprach, die die
gewaltigen Heere gesehen hatten, die sich auf allen Straen Deutschlands
dahin wlzten, um den Osmanen von den Thoren Wiens zu verjagen, und die
ber die wohlgeordnete Pracht der Haustruppen Knig Ludwigs gestaunt
hatten, machten sich bei jeder Gelegenheit darber lustig, wie die
plumpen Bauern von Devonshire und Yorkshire marschirten, sich bewegten
und ihre Gewehre oder Piken trugen. Die Feinde der Freiheiten und der
Religion Englands blickten mit entschiedener Abneigung auf eine
Streitmacht, welche nicht ohne die grte Gefahr gegen diese Freiheiten
und gegen diese Religion verwendet werden konnte, und sie benutzten jede
Gelegenheit, um das lndliche Kriegsvolk zu verspotten.[18] Und selbst
aufgeklrte Patrioten muten bei Vergleichung der ungebten Truppen mit
den wohl disciplinirten Bataillonen, welche in Kriegszeiten binnen
wenigen Stunden an die Kste von Kent oder Sussex gelangen konnten,
eingestehen, da, so gefhrlich auch die Unterhaltung eines stehenden
Heeres sein knne, es am Ende doch noch weit gefhrlicher sei, die Ehre
und Unabhngigkeit des Landes in einem Kampfe zwischen Bauern unter der
Anfhrung von Friedensrichtern, und langgedienten Kriegern unter dem
Commando der Marschlle Frankreichs aufs Spiel zu setzen. Im Parlament
mute man jedoch solche Ansichten mit einiger Vorsicht aussprechen, denn
die Miliz war eine auerordentlich populre Institution. Jede tadelnde
Bemerkung gegen dieselbe erregte den Unwillen beider groen Parteien im
Staate und ganz besonders derjenigen, die sich vorzugsweise durch ihren
Eifer fr die Monarchie und fr die anglikanische Kirche auszeichneten.
Das Aufgebot der Grafschaften wurde fast ausschlielich durch Tories vom
Adel und von der Gentry befehligt, und diese, stolz auf ihren
militairischen Rang, betrachteten jede Beleidigung des Dienstes, dem sie
angehrten, als eine Beleidigung ihrer selbst. Auch erkannten sie recht
gut, da Alles was gegen die Miliz gesagt wurde indirect fr ein
stehendes Heer sprechen sollte, und der bloe Name eines stehenden
Heeres war ihnen schon verhat. Eine solche Armee hatte bereits einmal
in England geherrscht und unter dieser Herrschaft war der Knig
ermordet, der Adel seiner Ehren und Titel beraubt, die brgerlichen
Grundbesitzer ausgeplndert und die Kirche verfolgt worden. Es gab kaum
einen Landedelmann, der nicht eine Geschichte von Beschimpfungen und
Unbilden zu erzhlen wute, die er oder sein Vater von Seiten der
Soldaten des Parlaments zu ertragen gehabt hatte. Jener alte Cavalier
hatte es mit ansehen mssen, wie die Hlfte seines Stammschlosses in die
Luft gesprengt ward; einem Andern waren seine uralten Ulmen umgehauen
worden; ein Dritter konnte nicht in die Kirche seines Sprengels gehen,
ohne durch die verstmmelten Wappen und Standbilder seiner Ahnen daran
erinnert zu werden, da Cromwells Rothrcke einst diese Rume zum Stall
fr ihre Pferde benutzt hatten. In Folge dessen waren gerade die
Royalisten, welche am bereitwilligsten persnlich fr den Knig gekmpft
haben wrden, die Letzten, von denen er die Mittel zur Werbung regulrer
Truppen zu verlangen wagen durfte.

Gleichwohl hatte Karl einige Monate nach seiner Wiedereinsetzung
angefangen, eine kleine stehende Armee zu errichten. Er fhlte, da ohne
einen besseren Schutz als den der Miliz und seiner Leibwchter sein
Palast und seine Person in der Nhe einer groen Stadt, in der es von
eben erst entlassenen kriegslustigen Mnnern der fnften Monarchie
wimmelte, kaum sicher sein wrden. Trotz seiner Sorglosigkeit und
Verschwendungssucht beschlo er daher, seine Ausgaben fr Vergngungen
in soweit zu beschrnken, da er die zum Unterhalt einer Leibgarde
erforderliche Summe ersparte. Mit der Zunahme des Handels und des
ffentlichen Wohlstandes vermehrten sich auch seine Einknfte, und er
wurde dadurch in den Stand gesetzt, trotz des gelegentlichen Murrens der
Gemeinen, seine regulre Streitmacht nach und nach zu verstrken. Noch
wenige Monate vor dem Ende seiner Regierung erhielt dieselbe einen
ansehnlichen Zuwachs. Die kostspielige, nutzlose und ungesunde Besitzung
Sanger, wurde den umwohnenden Barbaren berlassen und die aus einem
Regiment Reitern und zwei Regimentern Fuvolk bestehende Garnison nach
England zurckgebracht.

Die kleine Armee, welche Karl II. auf diese Art gebildet, war der Keim
zu seinem groen und berhmten Heere, das in dem gegenwrtigen
Jahrhundert siegreich in Madrid und Paris, in Canton und Kandahar
eingezogen ist. Die Leibgarden, welche jetzt zwei Regimenter bilden,
bestanden damals aus drei Abtheilungen, von denen jede ohne die
Offiziere zweihundert Carabiniers zhlte. Dieses Corps, dem die
Bewachung des Knigs und der Kniglichen Familie anvertraut war, hatte
einen ganz eigenthmlichen Character. Selbst die Gemeinen wurden
Gentlemen von der Garde genannt; viele von ihnen waren von guter
Familie und hatten whrend der Brgerkriege Offizierstellen bekleidet.
Ihr Sold war bedeutend hher als in unsrer Zeit der des bevorzugtesten
Regiments und wrde damals als ein ganz anstndiges Einkommen fr den
jngeren Sohn eines Landedelmanns betrachtet worden sein. Ihre schnen
Pferde, ihre kostbaren Schabracken, ihre Brustharnische und ihre mit
Bndern, Sammet und Goldtressen reich verzierten Wmser nahmen sich in
St. James Park prchtig aus. Jeder Abtheilung war ein kleines Corps
Grenadier-Dragoner beigegeben, welche von niederer Herkunft waren und
auch geringeren Sold erhielten. Eine andere Truppe Leibcavallerie, die
sich durch blaue Rcke und Mntel unterschied und daher noch jetzt die
Blauen genannt wird, lag gewhnlich in der Umgegend der Hauptstadt in
Garnison. Eben so stand in der Nhe der Hauptstadt das Corps, welches
gegenwrtig als das erste Dragonerregiment bezeichnet wird, damals aber
das einzige derartige Regiment der englischen Armee war. Dieses Regiment
war erst krzlich aus der von Tanger zurckgekehrten Reiterei gebildet
worden. Ein besonderer Zug Dragoner, der keinem Regiment angehrte,
stand unweit Berwick, um die Ruber des Grenzgebiets im Schach zu
halten, denn zu diesem Dienste wurde der Dragoner als besonders geeignet
betrachtet. Spter ist er ein bloer Reitersoldat geworden; im
siebzehnten Jahrhundert aber beschrieb ihn Montecucculi genau als einen
Fusoldaten, der sich des Pferdes nur dazu bediente, um schneller an den
Ort zu gelangen, wo es militairischen Dienst zu verrichten gab.

Die Gardeinfanterie bestand aus zwei Regimentern, welche damals, wie
noch jetzt das erste Regiment Fugarden und die Coldstreamgarden genannt
wurden und in der Regel um Whitehall und St. James Palast Dienste
thaten. Da es damals noch keine Kasernen gab, nach der Petition um
Recht aber Militair in Privatwohnungen nicht einquartirt werden durfte,
so waren alle Alehuser in den Stadttheilen Westminster und Strand mit
Rothrcken angefllt.

Auerdem gab es noch fnf andere Infanterieregimenter. Eines davon,
das sogenannte Admiral's-Regiment, war speciell fr den Dienst auf der
Flotte bestimmt, und die vier brigen werden noch jetzt als die vier
ersten Linienregimenter bezeichnet. Zwei davon reprsentirten zwei
Brigaden, welche auf dem Continente lange Zeit den Ruf der britischen
Tapferkeit aufrecht erhalten hatten. Das erste oder Knigliche Regiment
hatte unter dem groen Gustav zur Befreiung Deutschlands wesentlich
beigetragen, und das dritte Regiment, das sich durch fleischfarbene
Aufschlge unterschied, welche ihm den allbekannten Namen der Buffs
(Rothgelben oder Bffelhute) verschafften, hatte unter Moritz von
Nassau nicht weniger tapfer fr die Befreiung der Niederlande gefochten.
Diese beiden wackeren Truppen waren endlich nach langen, wechselvollen
Kmpfen von KarlII. aus dem fremden Dienste zurckgerufen und auf den
englischen Militairetat gesetzt.

Die beiden Regimenter, welche gegenwrtig als das zweite und vierte
Linienregiment bezeichnet werden, waren 1685 eben erst aus Tanger
zurckgekehrt und hatten von dort grausame und ausschweifende
Gewohnheiten mitgebracht, die sie whrend ihres langjhrigen Krieges mit
den Mauren angenommen. Auerdem lagen noch einige Compagnien Fuvolk,
welche noch keinem Regimente einverleibt waren, als Garnison in Tilburg'
Fort, Portsmouth, Plymouth und einigen anderen wichtigen Pltzen an oder
unweit der Kste.

Seit dem Anfange des 17. Jahrhunderts war in der Bewaffnung der
Infanterie eine wichtige Vernderung eingetreten. Die Lanze war nach und
nach durch die Muskete verdrngt worden, und am Schlusse der Regierung
Karl's II. waren die meisten seiner Fusoldaten Musketiere. Es befanden
sich indessen noch immer eine bedeutende Anzahl Lanzentrger darunter.
Jede Truppengattung wurde gelegentlich im Gebrauche der Waffe gebt,
welche vorzugsweise der anderen Gattung angehrte. Der Fusoldat war zum
Gebrauch beim Handgemenge mit einem Seitengewehr versehen; der Dragoner
war bewaffnet wie ein Musketier und trug ebenfalls noch eine Nebenwaffe,
die im Laufe vieler Jahre nach und nach eingefhrt wurde und welche die
Englnder damals Dolch (+dagger+) nannten, fr die aber seit unsrer
Revolution der franzsische Name Bajonett angenommen ist. Das Bajonett
scheint jedoch damals noch kein so furchtbares Mordwerkzeug gewesen zu
sein, als es nachmals geworden ist, denn es wurde in der Mndung des
Gewehres befestigt und der Soldat verlor viel Zeit mit dem Herausziehen
des Bajonetts, wenn er feuern wollte, und mit dem Aufstecken desselben,
wenn er im Sturm angreifen mute.

Die regulre Armee, welche zu Anfang des Jahres 1685 in England
unterhalten wurde, bestand mit Einschlu der Offiziere aus etwa
siebentausend Mann Fuvolk und ungefhr siebzehnhundert Mann Reitern und
Dragonern. Die smmtlichen Kosten ihres Unterhalts beliefen sich auf
etwa zweihundertneunzigtausend Pfund jhrlich, das heit noch nicht ein
Zehntel von dem, was das franzsische Heer damals in Friedenszeiten
kostete. Der Tagessold eines Gemeinen von der Leibgarde war vier
Schilling, bei den Blauen zwei und ein halber Schilling, bei den
Dragonern achtzehn Pence, bei der Fugarde zehn Pence und bei der Linie
acht Pence. Die Disciplin war locker und sie konnte auch nicht anders
sein. Das englische gemeine Recht wute nichts von Kriegsgerichten und
machte in Friedenszeiten keinen Unterschied zwischen dem Soldaten und
jedem andren Brger; auch durfte es die Regierung damals nicht wagen,
selbst das loyalste Parlament um ein Aufruhrgesetz anzugehen. Wenn daher
ein Soldat seinen Obersten zu Boden schlug, so traf ihn dafr nur die
gewhnliche, auf Thtlichkeiten und Mihandlungen gesetzte Strafe,
und wenn er einem Befehl nicht gehorchte, oder auf seinem Wachposten
einschlief oder desertirte, so verwirkte er dadurch gar keine
gesetzliche Strafe. Allerdings wurden unter der Regierung Karl's II.
ohne Zweifel militairische Strafen verhngt, aber doch nur selten und in
einer Weise, da sie die ffentliche Aufmerksamkeit nicht erregten und
keine Berufung an die Gerichtshfe von Westminsterhall veranlaten.

Ein solches Heer war sicherlich nicht geeignet, fnf Millionen Englnder
zu knechten; es wrde kaum im Stande gewesen sein, einen Aufstand in
London zu unterdrcken, wenn die Stadtmiliz sich den Aufrhrern
angeschlossen htte. Auch konnte der Knig, im Fall ein Aufstand in
England ausbrach, nicht erwarten, da er aus seinen anderen Besitzungen
Beistand erhalten wrde, denn obgleich sowohl Schottland als Irland ein
eignes Heer unterhielten, so war dieses doch eben nur hinreichend, um
die puritanischen Unzufriedenen des ersteren Landes und die papistischen
Unzufriedenen des andren im Schach zu halten. Indessen hatte die
Regierung eine andre bedeutende militairische Hlfsquelle, die nicht
unbercksichtigt bleiben darf. Im Dienste der Vereinigten Provinzen
standen sechs schne Regimenter, welche frher der tapfere Ossory
befehligt hatte. Von diesen Regimentern waren drei in England und drei
in Schottland ausgehoben und ihr Landesfrst hatte sich das Recht
vorbehalten, sie zurckrufen zu knnen, sobald er ihrer Hlfe gegen
einen auswrtigen oder einheimischen Feind bedrfe. Inzwischen wurden
sie unterhalten, ohne da sie ihm selbst das Geringste kosteten, und
standen unter einer vorzglichen Disciplin, der er sie zu unterwerfen
nicht htte wagen drfen.[19]

    [Anmerkung 16: Man sehe zum Beispiel die Schilderung der Wlle von
    Marlborough in +Stokeley's Itinerarium Curiosum.+]

    [Anmerkung 17: +Chamberlayne's State of England+, 1684.]

    [Anmerkung 18: Dryden drckt in seinem +Cymon und Iphigenia+ mit
    der ihm eigenen rcksichtslosen Derbheit die Besinnungen aus,
    welche unter den kriechenden Schmeichlern JakobsII. im Schwunge
    waren:

      Das ganze Land erdrhnt vom lauten Lrme
      Der roh sich tummelnden Milizenschwrme.
      Viel Muler ohne Arm, kostspiel'ges Heer:
      Im Frieden eine Last, im Krieg 'ne schwache Wehr.
      Einmal im Monat tobt die Schaar durch's Land,
      Ist stets, nur nicht wenn man sie braucht, zur Hand.
      So sieht man sie am Morgen der Parade
      In Reih' und Glied in ihrem Waffenstaate,
      Bereit zum kurzen, flcht'gen Kriegesspiel.
      Dann geht's zum Trinkgelag', dem wahren Ziel.]

    [Anmerkung 19: Die meisten Materialien, welche ich zu diesem
    Nachweis ber die regulre Armee benutzt habe, findet man in den
    auf Befehl Knig Wilhelm's IV. und unter der Leitung des
    Generaladjutanten verffentlichten +Historical Records of
    Regiments+. Auerdem sehe man +Chamberlayne's State of England,
    1684+; +Abridgement of the english Military Discipline+, auf
    besonderen Befehl gedruckt, 1685, und +Exercise of foot+, auf
    Befehl J.J.M.M., 1690.]


[_Die Seemacht._] Wenn aber das Mitrauen des Parlaments und der Nation
es dem Knige unmglich machten, ein achtunggebietendes stehendes Heer
zu unterhalten, so stand ihm kein hnliches Hinderni entgegen, England
zur ersten Seemacht zu erheben. Whigs und Tories waren gleich bereit,
jeden Schritt beifllig aufzunehmen, der darauf hinzielte, eine Macht zu
verstrken, welche gegen die brgerliche Freiheit nichts vermochte,
whrend sie der beste Schutz fr die Insel gegen auswrtige Feinde war.
Die grten von englischen Soldaten verrichteten Heldenthaten, deren
sich die damalige Generation erinnern konnte, waren im Kampfe gegen
englische Frsten ausgefhrt worden. Unsere Seeleute dagegen hatten ihre
Siege ber fremde Feinde erfochten und den vaterlndischen Boden vor
Verwstung und Plnderung bewahrt. Der Schlacht von Naseby erinnerte
sich mindestens die Hlfte der Nation mit Abscheu, und selbst der von
Dunbar nur mit einem Stolze, der nicht frei war von schmerzlichen
Gefhlen; an die Niederlage der Armada aber und an die Seeschlachten
Blake's gegen die Hollnder und Spanier dachten alle Parteien mit
ungetrbter Begeisterung zurck. Seit der Restauration hatten sich die
Gemeinen, selbst in Zeiten, wo sie hchst mivergngt und geizig waren,
stets bis zur Verschwendung freigebig gezeigt, sobald es das Interesse
der Seemacht galt. Whrend Danby Minister war, hatte man ihnen
vorgestellt, da viele Schiffe der kniglichen Flotte alt und nicht mehr
seetchtig seien, und obgleich das Haus damals eben nicht in freigebiger
Stimmung war, so bewilligte es doch eine Summe von nahe an
sechsmalhunderttausend Pfund zum Bau von dreiig neuen Kriegsschiffen.

Die Freigebigkeit der Nation war jedoch durch die Snden der Regierung
fruchtlos gemacht worden. Die Liste der kniglichen Kriegsfahrzeuge sah
zwar ganz stattlich aus; sie zhlte neun Linienschiffe ersten, vierzehn
zweiten, neununddreiig dritten Ranges und viele kleinere. Allerdings
waren die Linienschiffe erster Gre damals kleiner als in unseren Tagen
die des dritten Ranges, und die der dritten Gre wrden gegenwrtig
nicht mehr fr sehr groe Fregatten gelten. Dessen ungeachtet wrde
diese Flotte, wenn sie wirklich vorhanden gewesen wre, von den grten
Machthabern als eine furchtbare betrachtet worden sein. Aber sie
existirte nur auf dem Papiere. Gegen das Ende der Regierung Karl's war
seine Flotte in einem so schlechten, verfallenen Zustande, da man es
kaum glauben wrde, wre es nicht durch die ganz von einander
unabhngigen und bereinstimmenden Aussagen von Zeugen besttigt, deren
Zuverlssigkeit ber jeden Zweifel erhaben ist. Pepys, damals der
ausgezeichnetste Admiral Englands, entwarf im Jahre 1684 fr den Knig
eine Denkschrift ber den Stand seines Verwaltungszweiges. Einige Monate
spter legte Bonrepaux, der fhigste Kopf in der franzsischen
Admiralitt, der eigens zu dem Zwecke nach England gekommen war, um die
Strke seiner Seemacht zu untersuchen, Ludwig das Resultat seiner
Nachforschungen vor. Beide Berichte stimmen im Wesentlichen mit einander
berein. Bonrepaux erklrte, er habe Alles in Unordnung und in
jmmerlichem Zustande gefunden, die berlegenheit der franzsischen
Seemacht werde in Whitehall mit Beschmung und Neid anerkannt und der
Zustand unsrer Marine und unserer Schiffswerften biete schon an sich
hinreichende Brgschaft dafr, da wir uns in die europischen
Streitigkeiten nicht mischen wrden.[20] Pepys berichtete seinem
Gebieter, da die Verwaltung des Seewesens ein beispielloses Gewebe von
Geldverschwendung, Bestechung, Unwissenheit und Sorglosigkeit sei, da
man keiner Schtzung trauen drfe, da kein Vertrag gehalten, kein
Verbot durchgesetzt wrde. Die Schiffe, zu deren Bau die krzliche
Freigebigkeit des Parlaments die Regierung in den Stand gesetzt und
welche noch nie den Hafen verlassen hatten, waren von so schlechtem
Holze gezimmert, da sie weniger seetchtig waren als die alten Wracks,
welche vor dreiig Jahren durch die Kanonen der Hollnder und Spanier
zerschossen wurden. Einige von den neuen Kriegsschiffen waren wirklich
schon so verfault, da sie auf ihren Ankerpltzen sinken muten, wenn
sie nicht schleunigst reparirt wurden. Und dabei wurden die Matrosen so
unpnktlich bezahlt, da sie froh waren, wenn sie einen Wucherer fanden,
der ihre Soldanweisungen mit vierzig Procent Abzug kaufte. Die
Commandanten, welche keine mchtigen Freunde bei Hofe hatten, waren noch
schlimmer daran, und mehrere Offiziere, welche bedeutende Rckstnde zu
fordern hatten, waren, nachdem sie die Regierung viele Jahre hindurch
vergebens um Bezahlung angegangen, aus Mangel an einem Stck Brod
gestorben.

Die meisten brauchbaren Kriegsschiffe wurden von Mnnern befehligt,
welche nicht fr den Seedienst erzogen und gebildet waren. Dies war
allerdings kein Mibrauch, den die Regierung Karl's eingefhrt hatte.
Kein alter oder neuer Staat hatte bis dahin den Seedienst streng von dem
Landkriegsdienste getrennt. Bei den groen civilisirten Nationen der
alten Welt hatten Cimon und Lysander, Pompejus und Agrippa zur See so
gut wie zu Lande Schlachten geliefert, und auch der Aufschwung, den die
Schifffahrtskunde am Schlusse des fnfzehnten Jahrhunderts nahm, hatte
keinen wesentlichen Fortschritt in der Theilung des Dienstes zur Folge
gehabt. Bei Flodden wurde der rechte Flgel des siegreichen Heeres von
dem englischen Admiral befehligt; bei Jarnac und Moncontour fhrte der
franzsische Admiral die Reihen der Hugenotten. Weder Johann von
sterreich, der Sieger von Lepanto, noch Lord Howard von Effingham,
dessen Leitung die britische Seemacht anvertraut war, als die Spanier
sich in feindseliger Absicht unseren Ksten nherten, hatte eine
seemnnische Erziehung genossen. Der als Schiffscommandant so hoch
gerhmte und gefeierte Raleigh hatte mehrere Jahre in Frankreich, den
Niederlanden und Irland als Soldat gedient. Blake hatte sich durch seine
geschickte und tapfere Vertheidigung einer Binnenstadt ausgezeichnet,
bevor er den bermthigen Stolz Hollands und Castiliens zur See beugte.
Das nmliche System war auch nach der Restauration noch befolgt worden,
man hatte die Fhrung groer Flotten Ruprecht und Monk bertragen,
von denen Ersterer vorzugsweise als ein feuriger und waghalsiger
Reiteroffizier bekannt war und Letzterer die Heiterkeit seines
Schiffsvolks erregte, wenn er, um die Richtung seines Schiffes verndern
zu lassen, links abgeschwenkt! commandirte.

Um diese Zeit aber kamen kluge Mnner zu der Einsicht, da die raschen
Fortschritte in der Kriegskunst, wie in der Schifffahrtskunde es nthig
machten, zwischen diesen beiden bisher vermischten Berufsarten eine
Scheidelinie zu ziehen. Das Commando eines Regiments sowohl wie eines
Schiffes war jetzt eine Beschftigung, welche die ganze Thtigkeit eines
Mannes in Anspruch nahm. Die franzsische Regierung beschlo daher im
Jahre 1672, junge Mnner aus guter Familie von frher Jugend an
ausschlielich fr den Seedienst heranbilden zu lassen. Anstatt aber
dieses treffliche Beispiel nachzuahmen, verlieh die englische Regierung
nicht nur nach wie vor hohe Schiffscommando's an Offiziere des
Landheeres, sondern whlte dazu sogar solche Leute, denen man auch zu
Lande einen wichtigen Posten nicht mit Ruhe htte bertragen knnen.
Jeder junge Laffe von adeliger Abkunft, jeder sittenlose Hfling, fr
den eine der Maitressen des Knigs ein gutes Wort einlegte, durfte
hoffen, da ein Linienschiff und mit demselben die Ehre des Landes und
das Leben von Hunderten wackerer Seeleute seiner Obhut anvertraut werden
wrde. Da er in seinem Leben noch keine andre Reise zu Wasser als auf
der Themse gemacht, da er sich bei einem Sturme nicht auf den Fen
erhalten und die Lngengrade nicht von den Breitengraden unterscheiden
konnte, war Nebensache. Eine vorhergehende Ausbildung fr seinen Beruf
wurde nicht fr nthig erachtet, oder man schickte ihn hchstens auf
kurze Zeit auf ein Kriegsschiff, wo er keiner Disciplin unterworfen,
mit ausgezeichneter Achtung behandelt wurde und seine Zeit unter
Vergngungen und Lustbarkeiten hinbrachte. Lernte er in den wenigen
Stunden zwischen Schmausen, Trinken und Spielen die Bedeutung einiger
technischer Ausdrcke und die Benennungen der Compastriche, so war er
vollkommen befhigt, um das Commando eines Dreideckers zu bernehmen.
Diese Schilderung ist durchaus nicht bertrieben. Im Jahre 1666 diente
der siebzehnjhrige John Sheffield, Earl von Mulgrave, als Freiwilliger
zur See gegen die Hollnder. Er brachte sechs Wochen auf seinem Schiffe
zu, amsirte sich nach Mglichkeit in Gesellschaft einiger junger
vornehmer Wstlinge und kehrte dann nach Hause zurck, um das Commando
einer Reitertruppe zu bernehmen. Hierauf ging er nicht wieder zur See
bis zum Jahre 1672, wo er abermals in die Marine eintrat und fast
sogleich zum Kapitain eines Schiffes von vierundachtzig Kanonen, das fr
das schnste der ganzen Flotte galt, ernannt wurde. Er war damals
dreiundzwanzig Jahr alt und hatte im Ganzen keine drei Monate auf der
See zugebracht. Sobald er wieder ans Land zurckkam, wurde er zum
Obersten eines Infanterieregiments ernannt. Dies ist ein Beispiel
von der Art und Weise, wie zur damaligen Zeit die hchsten
Befehlshaberposten in der Marine vergeben wurden, und zwar ist es noch
ein gnstiges Beispiel, denn es fehlte Mulgrave allerdings an Erfahrung,
aber wenigstens nicht an Talent und Muth. Auf dieselbe Art wurden jedoch
auch Andere befrdert, welche nicht nur keine guten Offiziere waren,
sondern denen es selbst an der geistigen und sittlichen Befhigung
fehlte, jemals gute Offiziere zu werden und deren einzige Empfehlung
darin bestand, da sie sich durch thrichte Verschwendung und
Lasterhaftigkeit zu Grunde gerichtet hatten. Der Hauptkder, der diese
Leute in den Seedienst lockte, war der Gewinn, den sie durch die
Befrderung edler Metalle und anderer werthvoller Waaren von einem Hafen
zum andern ziehen konnten, denn das Atlantische wie das Mittellndische
Meer wurden damals durch Seeruber aus der Barbarei so unsicher gemacht,
da die Kaufleute werthvolle Ladungen nicht gern einem anderen als einem
Kriegsschiffe anvertrauten. Auf diese Weise verdiente ein Kapitain
zuweilen mehrere Tausend Pfund Sterling durch eine kurze Seereise, und
ber dieses eintrgliche Geschft vernachlssigte er nur zu oft das
Interesse seines Landes und die Ehre seiner Flagge, erniedrigte sich
fremden Mchten gegenber, miachtete die bestimmtesten Befehle seiner
Vorgesetzten, lag unthtig in einem Hafen, whrend er auf einen
Seeruber von Salleh Jagd machen sollte, oder segelte mit einer
Geldladung nach Livorno, whrend seine Instructionen ihn nach Lissabon
riefen. Und dies Alles konnte er ungestraft thun. Der nmliche Einflu,
der ihm den Posten, fr den er ganz untauglich war, verschafft hatte,
erhielt ihn auch auf demselben. Ein Admiral, der von diesen verderbten
und leichtsinnigen Palastgnstlingen zum Besten gehalten wurde, wagte es
kaum, ihnen schchtern mit dem Kriegsgericht zu drohen. Zeigte ein
Offizier mehr Pflichtgefhl als seine Kameraden, so gelangte er bald zu
der Einsicht, da er dadurch Geld verlor, ohne Ehre zu gewinnen. Zu
einem Kapitain, der durch strenge Befolgung der Admiralittsbefehle sich
eine Ladung entgehen lie, die ihm viertausend Pfund Sterling
eingebracht haben wrde, sagte Karl mit unedler Leichtfertigkeit, er sei
ein rechter Narr, da er so gewissenhaft gehandelt habe.

Die Disciplin der Flotte war durchgngig in allen Rangverhltnissen
gleich. Wie der hfische Kapitain die Admiralitt verachtete, so wurde
er wieder von seiner Mannschaft verachtet. Es lie sich nicht verhehlen,
da er in seemnnischen Kenntnissen jedem Matrosen an Bord nachstand,
und man konnte daher nicht erwarten, da alte Seeleute, die mit den
Strmen der Tropengegenden und mit den Eisbergen der Polarmeere vertraut
waren, einem Vorgesetzten, der von Wind und Wellen nicht mehr wute, als
man auf einer Fahrt in vergoldeter Barke zwischen Whitehall-Stairs und
Hampton-Court lernen konnte, pnktlichen und ehrerbietigen Gehorsam
leisten sollte. Einem solchen Neuling die Leitung eines Schiffes
anzuvertrauen, war geradezu unmglich. Diese wurde demnach dem Kapitain
entzogen und dem ersten Leutnant bertragen; aber diese Theilung der
Autoritt hatte unzhlige Nachtheile in ihrem Gefolge. Eine strenge
Grenzlinie war nicht gezogen und konnte vielleicht auch nicht gezogen
werden; daher gab es bestndig Streit und Zank. Der Kapitain, der um so
gebieterischer auftrat, je unwissender er war, behandelte seinen
Leutnant mit vornehmer Geringschtzung, und der Leutnant, der wohl
wute, wie gefhrlich es fr ihn werden konnte, wenn er sich seinen
mchtigen Vorgesetzten zum Feinde machte, gab nur zu oft gegen seine
berzeugung nach kurzem Widerstreben nach, und man konnte noch von Glck
sagen, wenn Schiff und Mannschaft nicht dabei zu Grunde gingen. In der
Regel waren die unschdlichsten unter den hochadeligen Kapitainen
diejenigen, welche die Leitung ihres Schiffes ganz und gar anderen
Hnden berlieen und sich nur damit beschftigten, Geld zu verdienen
und zu verschwenden. Diese Herren fhrten inde ein so glnzendes und
ppiges Leben, da sie bei all' ihrer Habgier doch nur selten reich
wurden. Sie kleideten sich bestndig wie zu einer Galacour in
Versailles, speisten von Silbergeschirr, tranken die feinsten Weine und
hielten frmliche Harems auf ihren Schiffen, whrend Hunger und Skorbut
unter der Mannschaft wtheten und tglich Leichname ber Bord geworfen
wurden.

Dies war der gewhnliche Character derjenigen, welche damals
Gentlemen-Kapitaine genannt wurden. Zum Glck fr unser Vaterland gab es
jedoch unter ihnen auch Schiffscommandeure ganz anderer Art, Mnner, die
ihr ganzes Leben auf dem Meere zugebracht und sich von der niedrigsten
Stufe zu Rang und Auszeichnung emporgearbeitet und gekmpft hatten.
Einer der vorzglichsten von diesen Offizieren war Sir Christoph Mings,
der als Kajtenjunge in den Dienst trat, im tapferen Kampfe gegen die
Hollnder fiel und von seiner Mannschaft unter Thrnen und Rachegelbden
zu Grabe getragen ward. Von ihm stammten gewissermaen durch eine
eigenthmliche Art von Nachkommenschaft eine Reihe tapferer und
erfahrener Seeleute ab. Sein Kajtenjunge war Sir John Narborough, und
dessen Kajtenjunge wieder Sir Cloudesley Shovel. Dem ausgezeichneten
natrlichen Verstande und dein unerschrockenen Muthe dieser Klasse von
Mnnern ist England zu groem Danke verpflichtet, den es nie vergessen
darf. Durch solche energische Charactere wurden trotz schlechter
Verwaltung und trotz der Migriffe hfischer Admirle, viel traurige und
gefahrvolle Jahre hindurch unsere Ksten beschtzt und der gute Ruf
unserer Flagge aufrecht erhalten. Dem Nichtseemanne erschienen diese
Theerjacken, wie man sie nannte, als ein ganz sonderbares und halb
wildes Geschlecht. Ihre Kenntnisse beschrnkten sich lediglich auf ihren
Beruf, und auch diese waren mehr praktischer als theoretischer Art.
Auerhalb ihres Elements waren sie einfltig wie Kinder; ihr Benehmen
war unbeholfen, selbst in ihrer Treuherzigkeit lag etwas Rauhes und wo
ihre Rede nicht mit Seemannsausdrcken durchflochten war, strotzte
dieselbe nur zu hufig von Flchen und Schwren. Dies waren die
Befehlshaber, unter deren strenger Zucht jene rauhen Krieger gebildet
wurden, nach denen Smollet im folgenden Jahrhundert den Leutnant Bowling
und den Commodore Trunnion zeichnete. Es scheint jedoch unter keinem der
Stuarts einen einzigen Flottenoffizier gegeben zu haben, wie er nach den
Begriffen unserer Zeit sein soll, das heit ein Mann, der in der Theorie
wie in der Praxis seines Berufs gleich erfahren, gegen alle Gefahren des
Kampfes und des Sturmes abgehrtet ist und dabei doch einen gebildeten
Geist und feine Manieren besitzt. Es gab in der Flotte Karl's II.
Gentlemen und Seemnner; aber die Seemnner waren keine Gentlemen und
die Gentlemen keine Seemnner.

Die englische Seemacht hatte nach den genauesten Schtzungen, welche auf
uns gekommen sind, mit einem Aufwande von dreihundertachtzigtausend
Pfund jhrlich in gutem Zustande erhalten werden knnen. In Wirklichkeit
aber wurden vierhunderttausend Pfund fr dieselbe ausgegeben, und mit
wie geringem Nutzen, haben wir eben gesehen. Die franzsische Marine
kostete ungefhr eben so viel zu unterhalten, die hollndische dagegen
bedeutend mehr.[21]

    [Anmerkung 20: Ich beziehe mich hier auf eine Depesche von
    Bonrepaux an Seignelay vom 8--18. Februar 1680. Sie wurde whrend
    des Friedens von Amiens fr Fox aus den franzsischen Archiven
    abgeschrieben und mir nebst anderen Materialien, welche dieser
    groe Mann zusammengetragen hat, durch die Geflligkeit der
    verstorbenen Lady Holland und des gegenwrtigen Lord Holland zur
    Benutzung anvertraut. Ich mu noch bemerken, da ich selbst
    inmitten der Unruhen, welche vor kurzem Paris bewegten, keine
    Schwierigkeiten fand, um durch die Liberalitt der dortigen
    Beamten Auszge zu erlangen, die einige Lcken in Fox' Sammlung
    ausfllen.]

    [Anmerkung 21: Meine Angaben ber den damaligen Zustand der Marine
    sind hauptschlich aus Pepys geschpft. Der Bericht, den er
    KarlII. im Mai 1684 vorlegte, ist, wie ich glaube, nie gedruckt
    worden. Die Handschrift befindet sich im Magdalenen-Collegium zu
    Cambridge. Ebendaselbst befindet sich auch ein werthvolles
    Manuscript, das eine ausfhrliche Abhandlung ber das Seewesen des
    Landes im December 1684 enthlt. +Pepys' Memoirs relating to the
    State of the Royal Navy for Ten Years, determined December 1688+,
    sowie sein Tagebuch und sein Briefwechsel whrend seines
    Aufenthalts in Tanger, sind gedruckt, und ich habe diese Schriften
    vielfach benutzt. Man sehe auerdem +Sheffield's Memoirs, Teonge's
    Diary, Aubrey's Life of Monk, The Life of Sir Cloudesley Shovel,
    1708+, und +Commons' Journal+ vom 1. und 20. Mrz 1688--89.]


[_Die Artillerie._] Die Kosten der britischen Artillerie waren im
siebzehnten Jahrhundert im Vergleich mit den Ausgaben fr andere
Bedrfnisse des Heeres und der Flotte, weit geringer als gegenwrtig.
Wohl befanden sich bei allen Besatzungen Geschtze und an diesem und
jenem wichtigen Platze auch ein Ingenieur; aber es gab kein besonderes
Artillerieregiment, keine Brigade Sappeurs und Mineurs und keine
Anstalt, in der junge Leute die wissenschaftliche Seite der Kriegfhrung
lernen konnten. Die Schwierigkeit, Feldstcke zu transportiren, war
auerordentlich gro. Als Wilhelm einige Jahre spter aus Devonshire
nach London marschirte, erregte der Kriegsapparat, den er mit sich
fhrte, obgleich ein solcher auf dem Festlande schon lngst in Gebrauch
war und derselbe gegenwrtig in Woolwich als roh und schwerfllig gelten
wrde, bei unseren Vorfahren die nmliche Bewunderung, mit der die
Indianer Amerika's die kastilianischen Bchsen betrachteten. Von dem
Pulvervorrathe, welcher damals in den britischen Festungen und
Zeughusern aufbewahrt wurde, sagen patriotische Schriftsteller der
damaligen Zeit, da derselbe den Nachbarvlkern wohl Respect einflen
werde. Er belief sich auf vierzehn- bis fnfzehntausend Fsser, ungefhr
ein Zwlftel des Quantums, das man in unseren Tagen immer vorrthig zu
halten fr nthig erachtet. Die Ausgaben fr die Artillerie betrugen im
Durchschnitt etwas ber sechzigtausend Pfund jhrlich.[22]

Die Gesammtkosten fr den Effektivbestand der Armee, der Marine und der
Artillerie beliefen sich auf etwa siebenhundertfunfzigtausend Pfund.
Ausgaben fr den nichtaktiven Dienst, welche gegenwrtig einen sehr
bedeutenden Theil unserer Staatslasten bilden, gab es damals so gut wie
gar nicht. Nur eine sehr geringe Anzahl von Seeoffizieren, die nicht im
wirklichen Dienste angestellt waren, bezog halben Sold. Auf der Liste
stand kein Leutnant und sogar kein Kapitain, der nicht ein Schiff ersten
oder zweiten Ranges befehligt hatte. Da nun das Land damals nur siebzehn
Schiffe ersten und zweiten Ranges besa, welche jemals zur See gewesen
waren, und ein groer Theil der Offiziere, welche derartige Schiffe
commandirt hatten, eintrgliche Posten zu Lande bekleideten, so knnen
die Ausgaben unter dieser Rubrik in der That nur sehr unbedeutend
gewesen sein.[23] Bei dem Landheere wurde der halbe Sold ebenfalls nur
als eine besondere und zeitweilige Vergnstigung einer kleinen Anzahl
von Offizieren zweier bevorzugter Regimenter bewilligt.[24] Das Hospital
von Greenwich war noch nicht gegrndet; das von Chelsea war im Bau
begriffen, aber die Kosten dieser Anstalt wurden zum einen Theil durch
einen Abzug von der Lhnung der Truppen, zum andern durch Privatbeitrge
bestritten. Der Knig versprach nur zwanzigtausend Pfund zu den
Baukosten und fnftausend Pfund jhrlich zum Unterhalt der Invaliden
beizusteuern.[25] Da auch Invaliden auerhalb des Hospitals Pensionen
erhalten sollten, lag nicht im Plane des Unternehmens. Der
Gesammtaufwand fr den nicht aktiven Land- und Seedienst kann
zehntausend Pfund des Jahres kaum berstiegen haben. Jetzt betrgt
derselbe tglich ber zehntausend Pfund.

    [Anmerkung 22: +Chamberlayne's State of England, 1684+; +Commons'
    Journals+ vom 1. Mrz und 20. Mrz 1688--89. Im Jahre 1833 wurde
    nach reiflicher Erwgung festgesetzt, da bestndig
    hundertsiebzigtausend Fsser Schiepulver vorrthig gehalten
    werden sollten, und diese Norm wird noch jetzt festgehalten.]

    [Anmerkung 23: Aus den Urkunden der Admiralitt geht hervor,
    da Flaggenoffizieren im Jahre 1668 halber Sold gewhrt wurde,
    Kapitainen ersten und zweiten Ranges erst seit 1674.]

    [Anmerkung 24: Verordnung in den +War Office Records+, +d. d.+
    26. Mrz 1678.]

    [Anmerkung 25: +Evelyn's Diary+ vom 27. Januar 1682. Ich habe eine
    geheime Kabinetsordre vom 17. Mai 1683 gesehen, welche Evelyn's
    Aussage besttigt.]


[_Kosten der Civilverwaltung._] Von den Kosten der Civilverwaltung trug
die Krone nur einen kleinen Theil. Die groe Mehrzahl der Beamten, denen
die Ausbung der Justiz und die Aufrechthaltung der Ordnung bertragen
war, leisteten ihre Dienste dem Publikum entweder ganz unentgeltlich,
oder sie wurden auf eine Weise bezahlt, da diese Ausgabe den
Staatseinnahmen nicht zur Last fiel. Die Sheriffs, Mayors und Aldermen
der Stdte, die Landedelleute, welche als Friedensrichter fungirten, die
Oberkonstabels (+Head-boroughs+), Bailiffs und Unterkonstabels kosteten
dem Knige nichts. Die hheren Gerichtshfe wurden hauptschlich durch
den Ertrag ihrer Gebhren unterhalten.

Unsere Vertretung an auswrtigen Hfen war nach einem uerst sparsamen
Fue eingerichtet. Der einzige diplomatische Agent, der den Titel eines
Gesandten fhrte, residirte in Konstantinopel und wurde zum Theil von
der Trkischen Compagnie unterhalten. Sogar am Hofe von Versailles hatte
England nur einen Geschftstrger, und an dem spanischen, schwedischen
und dnischen Hofe nicht einmal einen solchen. Die Gesammtausgaben unter
dieser Rubrik knnen im letzten Jahre der Regierung Karl's II. nicht
viel ber zwanzigtausend Pfund betragen haben.[26]

    [Anmerkung 26: Jakob II. schickte Gesandte nach Spanien, Schweden
    und Dnemark, aber dennoch betrug der jhrliche Aufwand fr die
    Diplomatie unter seiner Regierung nicht viel ber dreiigtausend
    Pfund. Siehe +Commons' Journals+ vom 20. Mrz 1688--89, und
    +Chamberlayne's State of England+, 1684, 1688.]


[_Groe Einknfte der Minister und Hflinge._] Diese Sparsamkeit war
jedoch keineswegs lobenswerth. Karl war wie immer knauserig am unrechten
Orte und freigebig am unrechten Orte. Die Staatsdiener lie er darben,
um Hflinge zu msten. Die Ausgaben fr die Flotte, fr das
Geschtzwesen, fr Pensionirung bedrftiger alter Offiziere und fr die
auswrtigen Gesandtschaften mssen der jetzigen Generation sehr gering
erscheinen. Dagegen wurden die persnlichen Gnstlinge des Knigs, seine
Minister und die Kreaturen dieser Minister mit dem Gelde des Landes
frmlich berschttet. Ihre Gehalte und Pensionen waren im Vergleich zu
den Einknften des hohen Adels, der Gentry und der Handels- und
Gewerbsleute jener Zeit ungeheuer. Die grten Vermgen im Knigreiche
berstiegen damals wenig mehr als zwanzigtausend Pfund Renten. Der
Herzog von Ormond hatte jhrlich zweiundzwanzigtausend Pfund,[27] der
Herzog von Buckingham, bevor sein groes Vermgen sich durch
Verschwendung vermindert, neunzehntausendsechshundert Pfund zu
verzehren.[28] Georg Monk, Herzog von Albemarle, der zum Lohn fr seine
ausgezeichneten Dienste mit unermelichen Kronlndereien beschenkt
worden und wegen seiner Geldgier wie wegen seines Geizes gleich bekannt
war, hinterlie fnfzehntausend Pfund jhrlicher Einknfte von
Grundstcken und sechzigtausend Pfund zinsbar angelegte Kapitalien,
welche hchst wahrscheinlich sieben Prozent trugen.[29] Diese drei
Herzge galten allgemein fr drei der reichsten englischen Unterthanen.
Der Erzbischof von Canterbury kann kaum fnftausend Pfund jhrlich
gehabt haben.[30] Das durchschnittliche Einkommen eines weltlichen Peers
wurde von den Bestunterrichteten auf dreitausend Pfund, das eines
Baronets auf neunhundert, das eines Mitglieds des Unterhauses auf
weniger als achthundert Pfund geschtzt.[31] Tausend Pfund jhrlich galt
als ein hohes Einkommen fr einen Rechtsanwalt. Auf zweitausend Pfund
brachte man es kaum beim Gerichtshofe der Kings-Bench, die Kronanwlte
ausgenommen.[32] Aus dem allen ergiebt es sich, da ein ffentlicher
Beamter gut bezahlt gewesen wre, wenn er den vierten oder fnften Theil
von dem bekommen htte, was gegenwrtig als ein angemessener Gehalt
betrachtet wird. Trotzdem aber standen sich die hheren Staatsbeamten
thatschlich eben so gut als jetzt, ja nicht selten noch besser. Der
Lord Schatzmeister hatte zum Beispiel achttausend Pfund jhrlich, und
wenn der Staatsschatz durch eine Commission verwaltet wurde, so hatten
die derselben angehrenden jngeren Lords sechzehnhundert Pfund. Der
Zahlmeister des Heeres bekam von allem Gelde, das durch seine Hnde
ging, eine Provision, die sich auf ungefhr fnftausend Pfund im Jahre
belief. Der Oberkammerherr hatte fnftausend Pfund, die Zollcommissre
jeder zwlfhundert, die Kammerherrn jeder tausend Pfund jhrlich.[33]
Allein der feste Gehalt war damals der geringste Theil des Einkommens
eines ffentlichen Beamten. Von den Edelleuten an, welche den weien
Stab und das groe Siegel fhrten, bis herab zu dem untersten
Zollbeamten und Aichmeister wurde ungescheut und ungestraft ausgebt,
was man jetzt grobe Bestechlichkeit nennen wrde. Titel, Stellen, mter
und Begnadigungen wurden von den hohen Wrdentrgern des Reichs tglich
auf offenem Markte verkauft, und jeder Schreiber in irgend welchem
Staatsbureau ahmte das bse Beispiel nach so gut er konnte.

Whrend des letzten Jahrhunderts ist kein auch noch so mchtiger
Premierminister im Amte reich geworden, mehrere setzten sogar ihr
Privatvermgen zu, um ihre hohe Stelle auch uerlich wrdig
auszufllen. Im siebzehnten Jahrhundert dagegen konnte ein Staatsmann,
der an der Spitze der Verwaltung stand, in nicht zu langer Zeit, ohne
rgerni zu geben, ein Vermgen sammeln, das mehr als hinreichend war,
um ein frstliches Haus zu fhren. Es ist sehr wahrscheinlich, da das
Einkommen eines Premierministers whrend seiner Amtsfhrung das jedes
anderen Unterthanen weit berstieg. Die Stelle des Lord Lieutenants von
Irland wurde auf vierzigtausend Pfund jhrlich geschtzt.[34] Die
Einknfte des Kanzlers Clarendon, Arlingtons, Lauderdale's und Danby's
waren kolossal. Der prachtvolle Palast, den das gemeine Volk von London
Dunkirk-House nannte, die stattlichen Pavillons, die Fischteiche, der
Thiergarten und die Orangerie von Euston, der mehr als italienische
Luxus von Ham mit seinen Statuen, Springbrunnen und Vogelhusern waren
einige von den vielen Zeichen, welche den krzesten Weg zu unermelichen
Reichthmern andeuteten. Dies ist auch die wahre Ursache der
rcksichtslosen Heftigkeit, mit welcher die Staatsmnner der damaligen
Zeit nach hohen mtern rangen, der Zhigkeit, mit der sie, aller
Mhseligkeiten, Demthigungen und Gefahren ungeachtet, daran hingen,
und der schmachvollen Erniedrigungen, zu denen sie sich herablieen, um
dieselben zu behaupten. Selbst in unsrer Zeit wrde, so gro auch die
Macht der ffentlichen Meinung und so streng der Mastab der
Rechtschaffenheit gegenwrtig ist, eine beklagenswerthe Vernderung in
dem Character unserer Staatsmnner ernstlich zu befrchten sein, wenn
der Posten des ersten Lords des Schatzes oder des Staatssekretrs
hunderttausend Pfund jhrlich eintrge. Zum Glck fr unser Land sind
die Einknfte der hchsten Beamtenklasse nicht nur keineswegs im
Verhltni zu der allgemeinen Vermehrung unsres Wohlstandes gestiegen,
sondern sie haben sich sogar positiv vermindert.

    [Anmerkung 27: +Carte's Life of Ormond.+]

    [Anmerkung 28: +Pepys's Diary+ vom 14. Februar 1688--89.]

    [Anmerkung 29: Siehe den Bericht ber den Proze Bath-Montague,
    der im December 1693 durch den Lord Siegelbewahrer Somers
    entschieden ward.]

    [Anmerkung 30: Dreiviertel Jahr lang, von Weihnachten 1689 an
    wurden die Einknfte des Erzbisthums Canterbury durch einen von
    der Krone dazu angestellten Beamten erhoben. Die Rechnungsablage
    dieses Beamten befindet sich gegenwrtig im Britischen Museum
    (+Lansdown Mscrpts. 885+). Die Bruttoeinnahme whrend dieser drei
    Quartale betrug nicht ganz viertausend Pfund, und der Unterschied
    zwischen dem Brutto- und dem Nettoeinkommen war jedenfalls nicht
    unbedeutend.]

    [Anmerkung 31: +King's Natural and Political Conclusions.
    Davenant, On the Balance of Trade.+ Sir W. Temple sagt:
    Die Einknfte eines Hauses der Gemeinen haben selten
    viermalhunderttausend Pfund berstiegen. Dessen Memoiren.
    3. Theil.]

    [Anmerkung 32: +Langton's Conversations with Chief Justice Hale,
    1672.+]

    [Anmerkung 33: +Commons' Journals+ vom 27. April 1689;
    +Chamberlayne's State of England, 1684+.]

    [Anmerkung 34: Siehe die Reisen des Groherzogs Cosmus.]


[_Zustand des Ackerbaues._] Die Thatsache, da sich der Ertrag der
Steuern in England whrend eines Zeitraums von etwa zwei langen
Menschenleben um das Dreiigfache vermehrt hat, ist auffallend und mag
auf den ersten Anblick fast etwas Erschreckendes haben. Aber wen die
Vermehrung der ffentlichen Lasten beunruhigt, der wird sich vielleicht
wieder beruhigen, wenn er dagegen die Zunahme der ffentlichen
Hlfsquellen in Erwgung zieht. Im Jahre 1685 berstieg der Werth der
Bodenerzeugnisse bei weitem den aller anderen Frchte des menschlichen
Fleies. Gleichwohl befand sich damals der Ackerbau in einem Zustande,
den man heutzutage roh und unvollkommen nennen wrde. Die besten
Statistiker jener Zeit schtzten den Umfang des pflgbaren Ackerlandes
und des Weidelandes auf nicht viel ber die Hlfte des gesammten
Flcheninhalts der Monarchie.[35] Das brige bestand angeblich aus Moor,
Sumpf und Waldungen. Die Richtigkeit dieser Berechnungen wird durch die
Reisebcher und Landkarten des siebzehnten Jahrhunderts vollkommen
besttigt. Aus diesen Bchern und Karten geht klar und deutlich hervor,
da viele Straen, welche gegenwrtig durch endlose Obstpflanzungen,
Wiesen und Bohnenfelder fhren, damals ber nichts als Haiden, Smpfe
und Jagdgehege gingen.[36] Auf den Zeichnungen englischer Landschaften,
welche damals fr den Groherzog Cosmus angefertigt wurden, sieht man
kaum eine Baumhecke, und zahlreiche Strecken, welche jetzt vortrefflich
angebaut sind, erscheinen kahl wie die Ebene von Salisbury.[37] Bei
Enfield, wo man fast noch den Rauch der Hauptstadt sehen kann, war ein
Gebiet von fnfundzwanzig Meilen im Umfange, das nicht mehr als drei
Huser und fast gar keine umfriedigten Felder enthielt. Das Rothwild
tummelte sich dort zu Tausenden wie in einem amerikanischen Urwalde.[38]
Ich mu hierbei bemerken, da wilde Thiere von bedeutender Gre damals
noch viel zahlreicher waren als jetzt. Zwar waren die letzten
Wildschweine, welche zum Vergngen des Knigs gehegt wurden und die mit
ihren Hauern das angebaute Land verwsten durften, whrend des
zgellosen Treibens zur Zeit der Brgerkriege durch das erbitterte
Landvolk vernichtet, und der letzte Wolf, der auf unsrer Insel gehaust,
kurz vor dem Ende der Regierung Karl's II. in Schottland erlegt worden.
Aber viele jetzt ganz ausgestorbene oder doch nur sehr selten
vorkommende Arten von Sugethieren und Vgeln waren noch sehr
gewhnlich. Der Fuchs, dessen Leben gegenwrtig in vielen Grafschaften
fast so heilig gehalten wird als das eines Menschen, wurde lediglich als
eine Landplage betrachtet. Oliver St. John sagte dem Langen Parlamente,
Stafford sei nicht als ein Hirsch oder Hase zu betrachten, auf den man
noch einige Rcksicht nehmen knne, sondern als ein Fuchs, den man auf
jede Weise verfolgen und ohne Mitleid todtschlagen msse. Dieser
Vergleich wrde nichts weniger als glcklich gewhlt sein, wenn man
denselben gegen einen Landedelmann unserer Zeit aussprechen wollte; zu
St. John's Zeiten aber wurden nicht selten groe Vertilgungkriege gegen
die Fchse veranstaltet, zu denen sich die Landleute mit allen Hunden,
die sie auftreiben konnten, eifrig drngten. Es wurden Fallen gelegt und
Netze gestellt und kein Pardon gegeben; die Erlegung eines trchtigen
Weibchens wurde als eine That betrachtet, welche den Dank der ganzen
Nachbarschaft verdiente. Das Hochwild war damals in Gloucestershire und
Hampshire so gewhnlich, wie jetzt in den Grampian-Gebirgen. Die Knigin
Anna erblickte einst auf einer Reise nach Portsmouth ein Rudel von nicht
weniger als fnfhundert Stck. Den wilden Stier mit seiner weien Mhne
begegnete man noch zuweilen in einigen sdlichen Wldern. Der Dachs grub
noch an jedem Hgelabhange, der mit dichtem Gebsch bewachsen war,
seinen dunklen, gewundenen Bau. Wilde Katzen hrte man noch hufig des
Nachts in der Nhe der Wildmeisterwohnungen heulen. Der gelbbrstige
Marder wurde noch in Cranbourne Chase seines Pelzes wegen gejagt, dem
man nur das Zobelfell vorzog. Sumpfadler, welche von einer Flgelspitze
bis zur andern ber neun Fu maen, stellten den Fischen an der Kste
von Norfolk nach. Auf allen Dnen vom Britischen Kanal bis nach
Yorkshire schwrmten riesige Trappen in Schaaren von funfzig bis sechzig
Stck umher und wurden oft mit Windhunden gehetzt. Die Moorgegenden von
Cambridgeshire und Lincolnshire waren jedes Jahr einige Monate lang mit
ungeheuren Schwrmen von Kranichen bedeckt. Durch die Fortschritte des
Landbaues sind einige dieser Thiergattungen vllig ausgerottet; andere
Arten haben sich so vermindert, da das Volk ein Exemplar davon
anstaunt, wie einen bengalischen Tiger oder einen Eisbr.[39]

Das Fortschreiten dieser groen Vernderung lt sich nirgends leichter
verfolgen als in der Gesetzsammlung. Die Anzahl der seit der
Thronbesteigung Knig Georg's II. genehmigten Einhegungsakte betrgt
ber viertausend, und der kraft dieser Bewilligungen eingefriedigte
Flchenraum bersteigt nach miger Schtzung zehntausend Quadratmeilen.
Wieviel Quadratmeilen frher gar nicht, oder doch schlecht angebauten
Landes in der nmlichen Zeit von den Besitzern ohne specielle
Genehmigung der Behrden eingefriedigt und sorgfltig cultivirt wurden,
lt sich blo muthmaen. Man kann jedoch mit groer Wahrscheinlichkeit
annehmen, da im Laufe von wenig mehr als einem Jahrhunderte der vierte
Theil von England aus einer Wildni in einen Garten verwandelt worden
ist.

Selbst in denjenigen Theilen des Reichs, welche zu Ende der Regierung
Karl's II. am besten angebaut waren, stand die Landwirthschaft
ungeachtet der groen Fortschritte, die seit den Brgerkriegen darin
gemacht waren, doch noch nicht auf einer solchen Stufe, da man
heutzutage von ihr sagen wrde, sie sei mit Geschick betrieben worden.
Bis jetzt hat die Regierung leider noch keine wirksamen Maregeln
angeordnet, um genaue Aufstellungen ber den Ertrag des englischen Grund
und Bodens zu erhalten. Der Geschichtsschreiber mu sich daher mit
einigem Mitrauen an die Angaben derjenigen Statistiker halten, welche
am meisten in dem Rufe der Sorgfalt und Zuverlssigkeit stehen. Der
gegenwrtige Durchschnittsertrag an Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und
Hlsenfrchten wird auf weit ber dreiig Millionen Quarters geschtzt.
Die Weizenernte, die zwlf Millionen Quarters nicht berstiege, wrde
als eine schlechte gelten. Nach einer Berechnung Gregor King's vom Jahre
1696 betrug damals die jhrliche Gesammtproduction von Weizen, Roggen,
Gerste, Hafer und Hlsenfrchten etwas unter zehn Millionen Quarters.
Den Ertrag des Weizens, welcher damals nur auf dem fettesten Lehmboden
erbaut und nur von der wohlhabenderen Klasse consumirt wurde, schtzte
er auf weniger als zwei Millionen Quarters. Karl Davenant, ein
scharfsinniger und wohlunterrichteter, aber durchaus charakterloser und
gehssiger Politiker, wich zwar in einigen Punkten der Berechnung von
King ab, gelangte aber so ziemlich zu demselben allgemeinen
Resultate.[40]

Die sogenannte Wechselwirthschaft verstand man damals noch sehr
unvollkommen. Man wute zwar, da einige seit Kurzem auf unserer Insel
eingefhrte Pflanzen, namentlich die weie Rbe, ein vortreffliches
Winterfutter fr Schafe und Rinder gaben; allein es war noch nicht
gebruchlich, das Vieh damit zu fttern. Es war daher keineswegs leicht,
die Thiere whrend der Jahreszeit, wo das Gras selten wird, zu erhalten.
Beim Beginn der kalten Witterung wurden sie denn auch in groer Menge
geschlachtet und eingesalzen und mehrere Monate hindurch a selbst der
Reiche fast gar kein frisches Fleisch, ausgenommen Wild und Flufische,
welche eben deshalb damals in der Haushaltung eine viel wichtigere Rolle
spielten als gegenwrtig. Aus dem +Northumberland Household Book+
ersehen wir, da unter der Regierung HeinrichsVII. selbst die Gentlemen
im Gefolge eines groen Earl nur whrend der kurzen Zeit zwischen der
Mitte des Sommers und Michaelis frisches Fleisch genossen. Im Laufe von
zwei Jahrhunderten waren jedoch schon manche Verbesserungen in der
Viehzucht eingetreten, und unter KarlII. legten die Familien ihren
Wintervorrath von gesalzenem Fleische, das man damals Martinsfleisch
nannte, nicht vor Anfang Novembers ein.[41]

Die Schafe und Rinder jener Zeit waren im Vergleich mit denen, welche
heutzutage auf unsere Mrkte getrieben werden, sehr klein.[42] Unsere
einheimischen Pferde waren zwar brauchbar, aber nicht besonders
geschtzt und ziemlich wohlfeil. Die zuverlssigsten Autoritten in der
Berechnung des Nationalreichthums schlugen sie im Durchschnitt auf nicht
hher als funfzig Schilling das Stck an. Die Pferde auslndischer Zucht
wurden allgemein vorgezogen, und fr die schnsten galten die spanischen
Zelter, welche fr den Bedarf des Luxus und des Kriegs eingefhrt
wurden. Die Kutschen des hohen Adels wurden von grauen flamndischen
Stuten gezogen, welche fr die elegantesten Traber galten und besser als
irgend ein einheimischer Schlag geeignet sein sollten, die damaligen
plumpen Equipagen ber das holperige Straenpflaster von London zu
schleppen. Weder das Zugpferd noch das Racepferd der Neuzeit waren
damals bekannt. Erst zu einer viel spteren Periode wurden die Vorfahren
der riesigen Vierfler, welche jetzt von allen Fremden zu den grten
Merkwrdigkeiten der Weltstadt gerechnet werden, aus dem Moorlande von
Walcheren, die Ahnen eines Childers und Eclipse[43] aus den Sandwsten
Arabiens zu uns gebracht. Indessen war schon damals unser Adel und unsre
Gentry fr die Vergngungen der Rennbahn leidenschaftlich eingenommen.
Man sah die Nothwendigkeit ein, unsere Gestte durch Beimischung fremden
Blutes zu veredeln, und zu diesem Zwecke war vor kurzem eine
betrchtliche Anzahl von Pferden aus der Barbarei eingefhrt worden.
Zwei Mnner, deren Autoritt in solchen Dingen besonderes Gewicht hatte,
der Herzog von Newcastle und Sir John Fenwick, erklrten, da der
geringste Klepper aus Tanger eine schnere Nachkommenschaft erzeugen
werde, als man sie von dem besten Hengste unserer einheimischen Zucht
erwarten knne. Sie ahneten damals schwerlich, da eine Zeit kommen
wrde, wo die Frsten und Edelleute der Nachbarstaaten eben so eifrig
bemht waren, Pferde aus England zu beziehen, als die Englnder damals
nach der Einfhrung von Berberrossen trachteten.[44]

    [Anmerkung 35: +King's Natural and Political Conclusions.
    Davenant, On the Balance of Trade.+]

    [Anmerkung 36: Siehe das +Itinerarium Angliae, 1675+, von John
    Ogilby, knigl. Kosmographen. Nach seiner Beschreibung befanden
    sich in einem groen Theile des Landes zu beiden Seiten der
    Straen nichts als Wald, Sumpf und Haide. Auf einigen seiner
    Karten sind die durch eingehegtes Land gehenden Straen mit
    Linien, und die durch uneingehegtes fhrenden mit Punkten
    bezeichnet. Der verhltnimige Umfang des nicht eingehegten
    Landes, das, wenn es berhaupt angebaut war, doch sehr schlecht
    angebaut sein mute, scheint sehr bedeutend gewesen zu sein.
    Zwischen Abingdon und Gloucester zum Beispiel, eine Strecke von
    vierzig bis funfzig Meilen, befand sich nicht eine einzige
    Einfriedigung, zwischen Biggleswade und Lincoln kaum eine solche.]

    [Anmerkung 37: Eine groe Anzahl von diesen hchst interessanten
    Zeichnungen befinden sich in der Sammlung, welche Grenville dem
    Britischen Museum vermacht hat.]

    [Anmerkung 38: +Evelyn's Diary+ vom 2. Juni 1675.]

    [Anmerkung 39: Siehe +White's Selborne+; +Bell's History of
    British Quadrupeds+; +Gentleman's Recreation, 1686+; +Aubrey's
    Natural History of Wiltshire, 1685+; +Morton's History of
    Northamptonshire, 1712+; +Willoughby's Ornithology+, herausgegeben
    von Ray, 1678; +Latham's General Synopsis of Birds+ und +Sir
    Thomas Browne's Account of Birds found in Norfolk.+]

    [Anmerkung 40: +King's Natural and Political Conclusions+;
    +Davenant, On the Balance of Trade.+]

    [Anmerkung 41: Siehe die Almanachs von 1684 und 1685.]

    [Anmerkung 42: Siehe +M'Culloch's Statistical Account of The
    British EmpireIII.+ Thl. 1. Kap. 6. Abschn.]

    [Anmerkung 43: Namen berhmter Rennpferde der Neuzeit.
    Anm. d. bers.]

    [Anmerkung 44: King und Davenant wie oben; der Herzog von
    Newcastle ber die Reitkunst; +Gentleman's Recreation, 1686+. Die
    scheckigen flandrischen Stuten waren zu Pope's Zeiten und auch
    noch spter Zeichen von Vornehmheit. Das gemeine Sprichwort die
    graue Stute ist das beste Pferd hat, wie ich vermuthe, seinen
    Ursprung ebenfalls in dem Vorzuge, den man den grauen flandrischen
    Stuten vor den schnsten englischen Kutschpferden gab.]


[_Mineralreichthum des Landes._] So gro aber auch die Vermehrung der
Erzeugnisse des Pflanzen- und Thierreichs war, so erscheint sie doch nur
unbedeutend im Vergleich mit der Zunahme unseres Mineralreichthums.
Im Jahre 1685 war das Zinn von Cornwall, welches vor mehr als zwei
Jahrtausenden die tyrischen Schiffe bis ber die Sulen des Herkules
hinaus gelockt hatte, noch eines der werthvollsten unterirdischen
Erzeugnisse der Insel. Die Quantitt, welche davon alljhrlich gewonnen
wurde, belief sich einige Jahre spter auf sechzehnhundert Tonnen,
ungefhr ein Drittel des gegenwrtigen Ertrags.[45] Aber die in der
nmlichen Gegend befindlichen Kupferadern wurden zur Zeit Karl's II.
noch fast gar nicht beachtet, und kein Grundeigenthmer brachte sie mit
in Anschlag, wenn er den Werth seines Besitzthums feststellte.
Gegenwrtig liefern Cornwall und Wales zusammen jhrlich nahe an 15,000
Tonnen Kupfer im Werthe von fast anderthalb Millionen Pfund Sterling,
das heit dem ungefhren doppelten Werthe der jhrlichen Ausbeute aller
englischen Bergwerke irgend welcher Art zusammengenommen im siebzehnten
Jahrhunderte.[46] Das erste Steinsalzlager war nicht lange nach der
Restauration in Cheshire entdeckt worden, scheint aber damals noch nicht
ausgebeutet worden zu sein. Das Salz, welches durch ein rohes Verfahren
aus Salzquellen gewonnen wurde, war nicht sehr geschtzt. Die Pfannen,
in denen die Bereitung geschah, dnsteten einen Schwefelgeruch aus und
nach vollendeter Verdampfung war die zurckgebliebene Substanz fast
unbrauchbar. Die rzte schrieben die unter den Englndern verbreiteten
Skorbut- und Lungenaffectionen diesem ungesunden Gewrz zu. Es wurde
daher von den hheren und mittleren Stnden nur selten gebraucht und in
Folge dessen fand eine regelmige und bedeutende Einfuhr aus Frankreich
statt. Gegenwrtig decken unsere Quellen und Bergwerke nicht allein
unseren eigenen groen Bedarf, sondern versenden jhrlich noch ungefhr
700 Millionen Pfund vortrefflichen Salzes nach dem Auslande.[47]

Noch viel bedeutender sind die Fortschritte unsrer Eisenerzeugung. Schon
lange existirten auf unsrer Insel Eisenwerke, aber sie wollten nicht
gedeihen und wurden weder von der Regierung noch vom Publikum mit
gnstigen Augen angesehen. Es war damals noch nicht gebruchlich, zum
Schmelzen des Erzes Kohlen anzuwenden und der ungeheure Verbrauch von
Holz machte die Staatskonomen besorgt. Schon unter der Regierung
Elisabeth's klagte man laut darber, da ganze Wlder geschlagen wurden,
um die Schmelzfen zu speisen und das Parlament war eingeschritten,
indem es den Fabrikanten verbot, Bauholz zu brennen. In Folge dessen
gerieth die Fabrikation ins Stocken. Zu Ende der Regierung Karl's II.
wurde ein groer Theil des Eisenbedarfs fr das Land von auswrts
eingefhrt und die Gesammtmasse des bei uns gewonnenen Eisens betrug
nicht ber zehntausend Tonnen. Gegenwrtig gilt dieser Fabrikationszweig
fr gedrckt, wenn weniger als eine Million Tonnen im Jahre producirt
werden.[48]

Noch ist ein Mineral zu erwhnen, das vielleicht wichtiger ist als
selbst das Eisen. Obwohl die Steinkohle in den Fabriken noch fast gar
keine Verwendung fand, so war sie doch in einigen Gegenden, die so
glcklich waren, groe Lager davon zu besitzen, wie auch in der
Hauptstadt, welche zu Wasser leicht damit versehen werden konnte,
bereits das gewhnliche Brennmaterial. Man kann mit Recht annehmen, da
damals mindestens die Hlfte der aus allen Gruben gewonnenen Menge in
London verbraucht wurde. Die Consumtion Londons erschien den
Schriftstellern jener Zeit ungeheuer und ward von ihnen oft als ein
Beweis fr die Gre der Hauptstadt erwhnt. Sie erwarteten kaum Glauben
zu finden, wenn sie versicherten, da in dem letzten Regierungsjahre
KarlsII. 280,000 Chaldrons, das heit etwa 350,000 Tonnen zur Themse
gebracht worden seien. Gegenwrtig braucht London jhrlich nahe an 3
Millionen Tonnen und die gesammte Jahresausbeute des Landes darf nach
der migsten Schtzung nicht unter 30 Millionen Tonnen angeschlagen
werden.[49]

    [Anmerkung 45: Siehe eine interessante Note von Tonkin in Lord de
    Dunstanville's Ausgabe von +Carew's Survey of Cornwall.+]

    [Anmerkung 46: +Borlase's Natural History of Cornwall, 1758.+
    Meine Angabe der gegenwrtig erzeugten Kupfermenge ist den
    statistischen Verzeichnissen des Parlaments entnommen. Davenant
    schtzte den jhrlichen Ertrag aller Bergwerke Englands im Jahre
    1700 auf sieben- bis achtmalhunderttausend Pfund Sterling.]

    [Anmerkung 47: +Philosophical Transactions+ Nr. 53, Nov. 1669,
    Nr. 66, Dec. 1670, Nr. 103, Mai 1674, Nr. 156, Febr. 1683--1684.]

    [Anmerkung 48: +Yarranton, England's Improvement by Sea and Land,
    1677+; +Porter's Progress of the Nation.+ Siehe auch die
    gedrngte, aber ungemein klare Geschichte der britischen
    Eisenwerke in +M'Culloch's Statistical Account of the British
    Empire.+]

    [Anmerkung 49: Siehe +Chamberlayne's State of England, 1684,
    1687+; +Angliae Metropolis, 1691+; +M'Culloch's Statistical
    Account of the British Empire+ III. Thl. 2. Kap. (Ausg. v. 1847).
    Im Jahre 1845 betrug die nach London gebrachte Kohlenmenge nach
    den Parlamentslisten 3,460,000 Tonnen.]


[_Zunahme der Grundrente._] Whrend diese groen Vernderungen vor sich
gingen, war die Grundrente, wie sich erwarten lie, in fortwhrendem
Steigen. In einigen Districten hat sie sich mehr als verzehnfacht, in
anderen nur verdoppelt; im Durchschnitt aber kann man annehmen, da sie
um das Vierfache gestiegen ist.

Ein groer Theil dieser Einknfte vertheilte sich unter die
Landgentlemen, eine Klasse von Leuten, deren Stellung und Character klar
zu erkennen von groer Wichtigkeit ist, denn durch ihren Einflu und
ihre Leidenschaften wurde das Schicksal der Nation in mehreren wichtigen
Krisen entschieden.


[_Die Landgentlemen._] Wir wrden sehr irren, wenn wir glaubten, da die
Squires des siebzehnten Jahrhunderts ihren heutigen Nachkommen, mit den
Grafschaftsabgeordneten und Vorsitzenden der Quartalsitzungen der
Friedensrichter, wie wir sie kennen, eine genaue hnlichkeit gehabt
htten. Der Landgentleman unsrer Zeit erhlt in der Regel eine sehr gute
Erziehung, besucht nach genossener vortrefflicher Schulbildung eine
ausgezeichnete Universitt und es wird ihm jede Gelegenheit geboten,
um etwas Tchtiges zu lernen. Er hat sich gewhnlich in fremden Lndern
umgesehen, hat einen groen Theil seines Lebens in der Hauptstadt
zugebracht und die verfeinerten Sitten der Hauptstadt begleiten ihn auf
das Land. Es giebt vielleicht keine reizenderen Wohnungen, als die
Landsitze der englischen Gentry. In den Parks und Gartenanlagen
erscheint uns die durch die Kunst verschnerte, aber nicht verwischte
Natur in ihrem lieblichsten Gewande. In den Gebuden verbindet sich
taktvolle Einsicht mit gutem Geschmack, um eine glckliche Vereinigung
von Comfort und Eleganz zu erzeugen. Die Gemlde, die musikalischen
Instrumente und die Bibliothek wrden in jedem anderen Lande als ein
Beweis von der feinen Bildung ihres Eigenthmers betrachtet werden.
Ein Landgentleman, der die Revolution erlebte, bezog damals aus seinem
Grundbesitz wahrscheinlich nur etwa den vierten Theil der Einknfte, die
seine gegenwrtige Nachkommenschaft geniet. Er war daher im Vergleich
mit dieser ein armer Mann und in der Regel genthigt, mit kurzen
Unterbrechungen auf seinem Gute zu wohnen. Reisen auf dem Continente,
eine husliche Einrichtung in London oder selbst nur hufige Besuche der
Hauptstadt waren Gensse, die sich nur die groen Gutsbesitzer erzeugen
konnten. Man kann dreist behaupten, da von zwanzig Squires, deren Namen
unter den Friedensrichtern und Grafschaftsvorstnden figurirten, nicht
einer war, der alle fnf Jahre einmal nach London gekommen oder je in
seinem Leben nach Paris gereist wre. Manche Gutsherren hatten eine
Erziehung genossen, die sich von der ihrer Dienstleute wenig
unterschied. Oft hatte der Erbe eines Gutes whrend seiner Knaben- und
Jnglingsjahre auf dem Stammsitze seiner Familie keine anderen
Hofmeister, als Lakaien und Wildhter, und lernte kaum soviel, damit er
seinen Namen unter einen gerichtlichen Verhaftbefehl schreiben konnte.
Besuchte er eine Schule oder eine Universitt, so kehrte er gewhnlich
schon vor dem zwanzigsten Jahre in die Abgeschiedenheit des vterlichen
Hauses zurck und wenn ihn die Natur in geistiger Beziehung nicht
besonders reich, begabt hatte, verga er bald seine akademischen Studien
ber lndlichen Beschftigungen und Vergngungen. Sein wichtiges
Geschft war die Sorge fr seine Besitzung. Er untersuchte Kornproben,
betastete Ferkel und an Markttagen schlo er beim Glase mit den Vieh-
und Hopfenhndlern Verkufe ab. Seine Hauptvergngungen beschrnkten
sich fast ausschlielich auf Jagd und Pferderennen und auf die Gensse
einer rohen Sinnlichkeit. Seine Rede und seine Aussprache waren so, wie
wir sie jetzt nur von dem ungebildetsten Menschen erwarten wrden; seine
Flche, seine rohen Scherze und unsauberen Schimpfworte wurden in dem
breitesten Dialecte seiner Provinz ausgesprochen. Schon nach den ersten
Worten, die er sprach, konnte man leicht unterscheiden, ob er aus
Somersetshire oder aus Yorkshire war. Er kmmerte sich wenig um die
Ausschmckung seines Hauses, und wenn er wirklich einen derartigen
Versuch machte, war das Resultat selten etwas Besseres als geschmacklose
Entstellung. Der Unrath des Wirthschaftshofes sammelte sich unter den
Fenstern seines Schlafzimmers und die Kohlkpfe und Stachelbeerstrucher
wuchsen bis dicht vor die Hausthr. Sein Tisch war reich besetzt mit
ordinren Speisen und Gste waren ihm an demselben herzlich willkommen.
Da aber in der Klasse, der er angehrte, die Gewohnheit, bermig viel
zu trinken, allgemein war und seine Mittel ihm nicht erlaubten, jeden
Tag eine zahlreiche Gesellschaft mit Burgunder und Kanariensect zu
berauschen, so war ein starkes Bier das gewhnliche Getrnk. Die
Biermasse, welche zur damaligen Zeit consumirt wurde, war in der That
ungeheuer, denn es wurde damals unter den mittleren und niederen Stnden
nicht nur von denen getrunken, die es gegenwrtig trinken, sondern es
ersetzte auch den jetzigen Genu von Wein, Thee und Branntwein. Nur in
vornehmen Husern oder bei festlichen Gelegenheiten kamen auslndische
Getrnke auf die Tafel. Die Frau vom Hause, welche gewhnlich das Mahl
selbst bereitet hatte, zog sich zurck, sobald die Schsseln geleert
waren und lie die Herren beim Ale und beim Tabak, denen die Schwelger
in lrmender Frhlichkeit oft noch so lange zusprachen, bis sie unter
den Tisch fielen.

Nur sehr selten hatte der Landedelmann hin und wieder einen Blick in die
vornehmen Zirkel gethan, und was er davon sah, diente eher dazu, seinen
Verstand zu verwirren, als aufzuklren. Da er seine Ansichten ber
Religion, Verfassung, fremde Lnder und frhere Zeiten nicht aus eigenen
Studien und Beobachtungen oder aus der Unterhaltung mit gebildeten
Leuten, sondern nur aus den Traditionen seines beschrnkten
Gesellschaftskreises geschpft hatte, so waren es die Ansichten eines
Kindes. Trotzdem hing er mit der Zhigkeit an denselben, welche
unwissenden Menschen, die gewohnt sind, mit Schmeicheleien berhuft zu
werden, eigen ist, dabei besa er zahlreiche und heftige Abneigungen.
Er hate Franzosen und Italiener, Schotten und Iren, Papisten und
Presbyterianer, Independenten und Baptisten, Quker und Juden. Gegen
London und die Londoner hegte er einen Widerwillen, der mehr als einmal
bedeutende politische Folgen hatte. Seine Gattin und seine Tochter
standen in Bildung und Kenntnissen unter einer Haushlterin oder einem
Kammermdchen unserer Tage. Sie nheten und spannen, braueten
Stachelbeerwein, setzten Frchte ein und buken Wildpasteten.

Aus dieser Beschreibung des englischen Esquires knnte man schlieen,
da er sich wenig von einem Mller oder einem Schenkwirthe unserer Zeit
unterschied; allein wir haben noch einige wesentliche Characterzge zu
erwhnen, welche diese Meinung bedeutend modificiren werden. So
mangelhaft seine Bildung und seine Kenntnisse auch waren, so zeigte er
sich doch in einigen wichtigen Punkten als ein chter Gentleman. Als
Mitglied einer stolzen und mchtigen Aristokratie zeichnete er sich
durch manche den Aristokraten eigene, theils gute, theils schlechte
Eigenschaften aus. Sein Familienstolz war grer als der eines Talbot
oder eines Howard. Er kannte die Stammbume und Wappen aller seiner
Nachbarn, er konnte sagen, welche von ihnen sich widerrechtlich angemat
hatten, Wappentrger zu halten, und welche so unglcklich waren, Urenkel
von Aldermen zu sein. Er war Gerichtsherr und bte als solcher bei den
Bewohnern der Umgegend unentgeltlich eine patriarchalische und rohe
Justiz aus, welche trotz zahlreicher Irrthmer und gelegentlicher Acte
von Tyrannei immer noch besser war als gar keine. Er war ferner Offizier
bei der Miliz, und mochte diese militairische Wrde den Tapferen, welche
an einem Feldzuge in Flandern Theil genommen, auch lcherlich
erscheinen, so erhob sie ihn doch in seinen eigenen Augen, wie in denen
seiner Nachbarn. brigens war es auch in der That ungerecht, seine
militairischen Functionen zu verspotten. In jeder Grafschaft gab es
ltere Gentlemen, welche Zeiten gesehen hatten, in denen der Dienst der
Brgerwehr kein Kinderspiel war. Der Eine war nach der Schlacht von
Edgehill von KarlI. zum Ritter geschlagen worden; ein Andrer trug noch
das Pflaster auf einer Wunde, die er bei Naseby erhalten; ein Dritter
hatte sein altes Schlo vertheidigt, bis Fairfax die Thr mit einer
Petarde sprengte. Die Anwesenheit dieser ergrauten Cavaliere mit ihren
alten Schwertern, ihren alten Pistolenholftern und ihren alten
Geschichten von Goring und Lunsford verlieh den Musterungen der Miliz
ein ernstes und kriegerisches Geprge, das ihnen sonst gefehlt haben
wrde. Selbst diejenigen Landgentlemen, welche zu jung waren, als da
sie sich mit den Krassieren des Parlaments geschlagen haben konnten,
waren wenigstens von Jugend auf von den zurckgelassenen Spuren der
letzten Kriege umgeben gewesen und waren mit den Geschichten der
tapferen Heldenthaten ihrer Vter und Oheime genhrt worden. So bestand
der Character des englischen Esquire des siebzehnten Jahrhunderts aus
zwei Elementen, die wir nicht gewohnt sind, beisammen zu finden; seine
Unwissenheit, seine mangelhafte Bildung, seine rohen Neigungen und seine
gemeine Sprache wrden heutzutage als ein Zeichen von durchaus
plebejischer Herkunft und Erziehung betrachtet worden sein: dessen
ungeachtet war er entschieden ein Patrizier und besa in hohem Mae die
Tugenden und Fehler, welche denen eigen sind, die ihrer Geburt nach
einen hohen Rang einnehmen und an Befehlen, an Decorum und an
Selbstachtung gewhnt sind. Einer Generation, welche gewohnt ist,
ritterliche Gesinnungen nur im Verein mit wissenschaftlicher Bildung und
feinen Manieren zu finden, wird es nicht leicht, sich einen Mann mit dem
Benehmen, dem Vocabularium und der Redeweise eines Karrenfhrers zu
denken, der gleichwohl in Sachen der Herkunft und der Rangordnung
ungemein streng und bereit ist, eher sein Leben aufs Spiel zu setzen,
als einen Flecken auf die Ehre seines Hauses werfen zu lassen. Indessen
knnen wir uns eben nur durch die Vereinigung dieser Eigenschaften,
welche in unserer eigenen Erfahrung selten oder nie beisammen gefunden
werden, einen richtigen Begriff von dem Landadel bilden, der die
Hauptstrke der Heere Karl's I. war und lange Zeit mit bewundernswerther
Treue die Interessen seiner Nachkommen vertheidigte.

Dieser rohe, ungebildete und selten gereiste Landgentleman war
gewhnlich ein Tory; aber obgleich ein entschiedener Anhnger der
erblichen Monarchie, hegte er doch keine parteiliche Vorliebe fr die
Hflinge und Minister. Er war, und nicht ohne Grund, der Meinung, da
Whitehall mit den verderbtesten Creaturen angefllt sei; er glaubte, da
ein Theil der ungeheuren Summen, die das Parlament seit der Restauration
bewilligt, von schlauen Staatsmnnern unterschlagen, ein anderer an
Possenreier und auslndischen Courtisanen vergeudet worden sei. Sein
stolzes englisches Herz emprte sich bei dem bloen Gedanken, da die
Regierung seines Vaterlandes von Frankreich Vorschriften annehmen
sollte. In der Regel selbst ein alter Cavalier oder doch der Sohn eines
solchen, gedachte er mit heftigem Unwillen des schnden Undanks, mit dem
die Stuarts ihre unglcklichen Freunde belohnt hatten. Wer ihn ber die
Geringschtzung, mit der er behandelt, und ber die Verschwendung,
mit der die Bastarde von Lorchen Gwynn und Madame Carwell ausgestattet
wurden, murren hrte, htte ihn fr eine Rebellion reif halten knnen;
aber sein Unmuth dauerte nur so lange, als der Thron in Gefahr schwebte.
Gerade wenn Diejenigen, die der Monarch mit Reichthmern und
Ehrenbezeigungen berhuft hatte, ihn verlieen, schaarten sich die zur
Zeit seines Glcks so mrrischen und widersetzlichen Landedelleute wie
ein Mann um ihn. So kamen sie KarlII., nachdem sie zwanzig Jahre lang
gegen seine schlechte Regierung gemurrt hatten, im Augenblicke der
uersten Gefahr zu Hlfe, als seine eigenen Staatssekretre und Lords
des Schatzes von ihm abfielen, und setzten ihn in den Stand, die
Opposition vollstndig zu besiegen. Es unterliegt keinem Zweifel, da
sie auch seinem Bruder Jakob die nmliche Hingebung bewiesen haben
wrden, wenn er sich noch im letzten Augenblicke htte enthalten knnen,
ihre heiligsten Gefhle zu verletzen; denn eine Institution, aber auch
nur diese eine, achteten sie noch hher als die erbliche Monarchie, und
diese Institution war die englische Kirche. Ihre Liebe zu dieser war
zwar nicht das Resultat des Nachdenkens oder des Studiums, denn nur
wenige unter ihnen htten einen aus der heiligen Schrift oder aus der
Kirchengeschichte hergeleiteten Grund angeben knnen, weshalb sie den
Lehren, den Gebruchen und der Verfassung dieser Kirche anhingen, und
eben so wenig waren sie, im Ganzen genommen, strenge Beobachter des
allen christlichen Secten gemeinsamen Sittengesetzes; aber die Erfahrung
vieler Jahrhunderte beweist uns, da Menschen im Stande sein kennen, fr
eine Religion, deren Glaubensstze sie nicht verstehen und nach deren
Vorschriften sie so gut als gar nicht handeln, bis zum letzten Athemzuge
zu kmpfen und die Gegner derselben erbarmungslos zu verfolgen.[50]

    [Anmerkung 50: Meine Schilderung des Landadels des 17.
    Jahrhunderts ist zu vielen Quellen entlehnt, als da ich sie hier
    anfhren knnte. Ich mu daher meine hier angesprochenen Ansichten
    der Beurtheilung Derer berlassen, welche die Geschichte und die
    leichtere Literatur jener Zeit studirt haben.]


[_Die Geistlichkeit._] Die Landgeistlichkeit war in ihrem Toryismus
sogar noch heftiger als die Landgentry und dabei ein kaum minder
wichtiger Stand. Es mu jedoch bemerkt werden, da der Geistliche als
Individuum, verglichen mit dem Gentleman als solchem, auf einer viel
tieferen Stufe stand als in unseren Tagen. Die hauptschlichste
Finanzquelle der Kirche war der Zehnten, und der Zehnten bildete damals
einen viel geringeren Theil des Einkommens, als gegenwrtig. King
schtzte die Gesammteinknfte der Parochial- und Collegiatgeistlichen
auf nicht mehr als vierhundertachtzigtausend Pfund Sterling jhrlich,
Davenant auf fnfhundertvierundvierzigtausend Pfund. Gegenwrtig
bersteigen sie sicherlich das Siebenfache der letzteren Summe. Der
Durchschnittsertrag der Landrente ist nach seiner Schtzung in gleichem
Verhltnisse gestiegen, und daraus folgt, da die Pfarrer und ihre
Vikare im Vergleich zu den benachbarten Rittern und Squires im
siebzehnten Jahrhunderte viel rmer gewesen sein mssen, als im
neunzehnten.

Die gesellschaftliche Stellung des Geistlichen war durch die Reformation
vllig verndert worden. Vor diesem Zeitabschnitte bildeten die
Geistlichen die Majoritt im Hause der Lords; sie kamen an Glanz und
Reichthum den vornehmsten weltlichen Baronen gleich, ja sie bertrafen
diese zuweilen darin und bekleideten in der Regel die hchsten
Staatsmter, der Lordschatzmeister war hufig ein Bischof, der
Lordkanzler war es fast stets. Der Geheimsiegelbewahrer und der
Staatsarchivar waren ebenfalls gewhnlich Priester, Diener der Kirche
versahen die wichtigsten diplomatischen Geschfte, kurz, man war der
Ansicht, da der ganze, sehr bedeutende Zweig der Verwaltung, zu dessen
Fhrung der rauhe, kriegerische Adel untauglich war, speziell den
Theologen zustehe. Eben deshalb nahmen Mnner, welche dem Lagerleben
abgeneigt, dabei aber von dem Drange beseelt waren, eine hohe Stellung
im Staate zu erlangen, in der Regel die Tonsur. Man zhlte unter ihnen
Shne unserer vornehmsten Familien und nahe Verwandte des Thrones, wie
die Scroop und Neville, die Bourchier, die Stafford und die Pole. Die
Klster bezogen die Einknfte ungeheurer Grundbesitzungen und den ganzen
sehr bedeutenden Theil des Zehnten, der sich gegenwrtig in den Hnden
von Laien befindet. Bis um die Mitte der Regierung Heinrich's VIII. war
daher kein Beruf so lockend fr ehrgeizige und habschtige Charactere,
als der Priesterstand. Dann aber trat eine gewaltsame Vernderung ein.
Die Abschaffung der Klster entzog der Kirche zu gleicher Zeit den
grten Theil ihres Reichthums und das bergewicht im Oberhause des
Parlaments. Kein Abt von Glastonbury oder von Reading sa mehr unter den
Peers und bezog Einknfte, welche denen eines mchtigen Earl
gleichkamen. Die frstliche Pracht eines Wilhelm von Wykeham und eines
Wilhelm von Wayneflete war verschwunden, der rothe Hut des Kardinals und
das silberne Kreuz des Legaten waren dahin. berdies hatte der Clerus
auch den Einflu verloren, der die natrliche Folge der berlegenheit an
geistiger Bildung ist. Wenn ehedem ein Mann lesen konnte, vermuthete man
sogleich, da er dem geistlichen Stande angehre; zu einer Zeit aber,
welche Laien, wie Wilhelm Cecil und Nikolaus Bacon, Roger Ascham und
Thomas Smith, Walter Mildmay und Franz Walsingham hervorbrachte, war es
nicht mehr nthig, Prlaten als ihren Kirchspielen herbeizurufen, damit
sie Vertrge abschlssen, die Finanzen beaufsichtigten oder die Justiz
verwalteten. Der geistliche Stand hatte nicht nur aufgehrt, eine
nothwendige Bedingung zur bernahme hoher Staatsmter zu sein, sondern
er begann sogar als eine Eigenschaft betrachtet zu werden, welche dazu
unfhig machte. Die weltlichen Beweggrnde, welche frher so viele
intelligente, strebsame und vornehme junge Mnner bestimmt hatten, das
Priestergewand anzulegen, existirten somit nicht mehr. Unter zweihundert
Pfarreien brachte noch nicht eine soviel ein, als ein Mann von Stande zu
seinem Unterhalt fr nthig erachtete. Es gab zwar noch eintrgliche
Stellen in der Kirche, doch ihrer waren sehr wenige und selbst die
reichsten erschienen drftig im Vergleich mit dem Glanze, der frher die
Frsten der Kirche umgeben hatte. Das Haus, das ein Parker und Grindal
fhrten, mute Denen rmlich vorkommen, die sich der kaiserlichen Pracht
Wolsey's, seiner Palste, Whitehall und Hampton Court, welche die
Lieblingswohnungen der Knige geworden waren, der drei glnzenden
Tafeln, welche tglich in seinem Speisesaale gedeckt wurden, der
vierundvierzig prachtvollen Chorrcke, die in seiner Kapelle hingen, der
kostbaren Livreen seiner Bedienten und der vergoldeten Streitxte seiner
Leibwchter erinnerten. So verlor der geistliche Stand seine
Anziehungskraft fr die hheren Klassen, und whrend des ganzen
Jahrhunderts nach der Thronbesteigung der Knigin Elisabeth sah man kaum
einen einzigen Jngling von vornehmer Geburt in den Priesterstand
treten. Zu Ende der Regierung Karl's II. gab es zwei Bischfe und vier
oder fnf Geistliche mit eintrglichen Stellen, welche Peersshne waren;
aber diese wenigen Ausnahmen verwischten den Micredit nicht, der auf
dem ganzen Stande lastete. Der Klerus wurde in seiner Gesammtheit als
eine plebejische Klasse betrachtet. Und in der That, auf einen
Geistlichen, der wie ein Gentleman lebte, kamen zehn andere, die nicht
viel mehr als Hausdiener waren. Ein groer Theil von denjenigen, welche
keine Pfrnden hatten oder deren Pfrnden zu gering waren, um ein
anstndiges Auskommen zu gewhren, lebte in den Husern von Laien. Da
diese Sitte die Wrde des geistlichen Standes untergraben mute, hatte
man schon lngst erkannt; Laud hatte sich bemht, eine nderung
herbeizufhren und KarlI. hatte mehr als einmal auf das Bestimmteste
anbefohlen, da es nur vornehmen und angesehenen Familien gestattet
werden solle, Hauskaplane zu halten.[51] Aber diese Verordnungen wurden
nicht mehr befolgt. Whrend der Herrschaft der Puritaner konnten auch
wirklich viele abgesetzte Diener der anglikanischen Kirche auf keine
andere Art Obdach und Brod erhalten, als indem sie sich royalistischen
Familien anschlossen, und diese zu den Zeiten der brgerlichen Unruhen
angenommene Sitte bestand noch lange nach der Wiederherstellung der
Monarchie und des Episcopats. In den Husern freisinniger und gebildeter
Leute wurde der Kaplan allerdings freundlich und anstndig behandelt,
seine Unterhaltung, sein wissenschaftlicher und geistlicher Rath wurden
als reichliche Gegenleistung fr die ihm gewhrte Kost, Wohnung und
Besoldung betrachtet, allein so war es nicht bei der Mehrzahl der
Landedelleute. Der ungebildete und unwissende Squire hielt es fr ein
nothwendiges Attribut seiner Wrde, da ein Priester in vollem Ornate an
seiner Tafel das Tischgebet sprach und wute es so einzurichten, da er
die Wrde mit Sparsamkeit vereinigte. Fr Kost, ein Dachstbchen und
zehn Pfund Sterling jhrlich war ein junger Levit -- dies war die damals
bliche Benennung -- zu haben, und dafr mute er nicht nur seine
amtlichen Functionen verrichten, sondern auch die geduldige Zielscheibe
des Witzes und den stets bereitwilligen Zuhrer abgeben, bei schnem
Wetter jederzeit zum Kegeln, bei Regenwetter zum Beillespiel bei der
Hand sein und zuweilen sogar die Ausgabe fr einen Grtner oder einen
Bedienten ersparen, denn nicht selten verstutzte der hochwrdige Mann
die Obstbume, oder striegelte die Pferde, oder bezahlte die Rechnung
des Hufschmieds, oder ging mit einem Briefe oder einem Packete zehn
Meilen weit ber Land. Er durfte zwar mit am Familientische essen, aber
man erwartete von ihm, da er sich mit der einfachsten Kost begngte; er
durfte sich seinen Teller mit Pkelfleisch und Mhren fllen so oft er
wollte, sobald aber die Torten und Pasteten erschienen, stand er auf und
ging auf die Seite, bis er wieder gerufen wurde, um Gott fr eine
Mahlzeit zu danken, die er nur theilweise genossen hatte.[52]

Nachdem er einige Jahre so gedient, fand er vielleicht eine Anstellung,
die sein Auskommen sicherte; aber oft mute er dieses Glck durch eine
Art von Simonie erkaufen, welche mehreren Generationen von Spttern
reichen Stoff zu Witzeleien lieferte. Es war gebruchlich, da er mit
der Pfarre zugleich auch eine Frau nahm. Diese hatte gewhnlich bei
seinem Principal in Dienst gestanden, und er konnte von Glck sagen,
wenn man sie nicht in dem Verdacht hatte, die Gunst ihres Herrn in zu
reichem Mae besessen zu haben. Der Character der ehelichen
Verbindungen, welche der Geistliche der damaligen Zeit zu schlieen
pflegte, bezeichnet in der That am besten die Stellung, die er in der
Gesellschaft einnahm. Ein Oxforder, der einige Monate nach dem Tode
Karl's II. schrieb, beklagte sich bitter nicht nur ber die
Geringschtzung, mit der auf dem Lande der Advokat und der Apotheker auf
den Pfarrer herabsahen, sondern auch darber, da man jedes junge
Mdchen aus anstndiger Familie eindringlich ermahnte, nie einen
geistlichen Anbeter zu ermuthigen, und da eine junge Dame durch
Nichtachtung dieser Vorschrift fast in gleichem Grade entehrt wurde, wie
durch eine unerlaubte Liebe.[53] Clarendon, der gewi der Kirche nicht
feind war, erwhnt es als einen Beweis von der durch die groe
Revolution herbeigefhrten Verschmelzung der verschiedenen Stnde, da
einige junge adelige Frulein sich mit Geistlichen verbunden hatten.[54]
Ein Kammermdchen wurde gewhnlich als die geeignetste Lebensgefhrtin
fr einen Pfarrer betrachtet. Die Knigin Elisabeth selbst hatte dieses
Vorurtheil gewissermaen frmlich sanctionirt durch die specielle
Verordnung, da kein Geistlicher sich erlauben drfe, ein Dienstmdchen
ohne Erlaubni ihrer Herrschaft zu heirathen.[55] Daher waren denn
mehrere Generationen hindurch die Liebesverhltnisse zwischen
Geistlichen und Dienstmdchen ein unerschpfliches Thema fr Scherz und
Spott, und es drfte nicht leicht sein, in den Theaterstcken des
siebzehnten Jahrhunderts ein einziges Beispiel zu finden, da ein
Geistlicher eine Frau bekommt, die sich ber den Rang einer Kchin
erhebt.[56] Selbst noch unter der Regierung Georg's II. bemerkte ein
Geistlicher, der scharfsinnigste Beobachter der Lebensweise und der
Sitten seiner Zeit, da in reichen Husern der Kaplan der letzte Trost
fr eine Kammerzofe von zweideutigem Rufe sei, die keine Hoffnung mehr
habe, den Hausverwalter zu kapern.[57]

In der Regel machte der Geistliche, der seinen Kaplanposten um einer
Pfarre und einer Gattin willen aufgegeben, sehr bald die Erfahrung,
da er seine Knechtschaft nur mit einer andren vertauscht hatte. Es gab
unter funfzig Pfarrstellen noch nicht eine, die ihrem Inhaber so viel
eintrug, da er mit seiner Familie anstndig leben konnte. In dem Mae
als die Kinder sich mehrten und heranwuchsen, zog Noth und Elend in das
Haus des Pfarrers ein; die Lcher im Dache seines Presbyteriums und in
seinem einzigen Rocke wurden immer grer und zahlreicher; oft mute er
durch Handarbeit auf dem Felde, durch Fttern der Schweine oder durch
Auf- und Abladen von Dngerkarren sein tgliches Brod verdienen und
selbst die uerste Anstrengung schtzte ihn nicht immer davor, da der
Gerichtsbote ihm auf dem Wege der Execution seine Concordanz und sein
Schreibzeug nahm. Es war ein Festtag fr ihn, wenn er in die Kche eines
vornehmen Hauses eingelassen und von der Dienerschaft mit kaltem Braten
und Bier bewirthet wurde. Seine Kinder erhielten keine bessere Erziehung
als die der benachbarten Landleute; die Shne muten den Acker pflgen
und die Tchter in Dienst gehen. Zu studiren war ihm unmglich, denn die
Summe, fr welche das Patronatrecht seines Amtes htte verkauft werden
knnen, wrde kaum zur Anschaffung einer guten theologischen Bibliothek
hingereicht haben; er mute sich daher schon beraus glcklich schtzen,
wenn er auf seinem Regale zwischen den Tpfen und Schsseln etwa ein
Dutzend alter Bcher stehen hatte. In einer so rmlichen Lage mute auch
ein hervorragender und lernbegieriger Geist verrosten.

Zwar fehlte es auch damals der englischen Kirche nicht an Geistlichen,
die sich durch Talente und wissenschaftliche Bildung auszeichneten, aber
diese waren nicht unter dem Landvolke zerstreut. Sie concentrirten sich
in einigen Stdten, wo die Mittel und Gelegenheiten, sich Kenntnisse zu
erwerben und die Verstandeskrfte durch hufige bung auszubilden, in
berflu vorhanden waren.[58] An solchen Orten fand man Theologen,
welche durch Talent, Beredtsamkeit, umfassende Kenntni der Literatur,
der Wissenschaft und des Lebens befhigt waren, ihre Kirche gegen Ketzer
und Zweifler siegreich zu vertheidigen, die Aufmerksamkeit eines
frivolen und weltlichen Zuhrerkreises zu fesseln, ffentliche
Verhandlungen zu leiten und der Religion selbst bei dem
ausschweifendsten Hofe Achtung zu verschaffen. Einige beschftigten sich
damit, die Tiefen der metaphysischen Theologie zu erforschen; Andere
waren in der Auslegung der Bibel grndlich bewandert; noch Andere
verbreiteten Licht ber die dunkelsten Stellen der Kirchengeschichte.
Diese zeigten sich als vollendete Meister in der Logik, Jene widmeten
sich der Redekunst mit solchem Eifer und Erfolg, da ihre Vortrge noch
heute mit vollem Rechte fr Muster des Styls gelten. Diese
ausgezeichneten Mnner fanden sich jedoch fast ohne Ausnahme nur auf den
Universitten, an den groen Kathedralen, oder in der Hauptstadt. Barrow
war krzlich in Cambridge gestorben, Pearson war von dort auf die
Bischofsbank versetzt worden, und Cudworth und Heinrich More lebten noch
daselbst. South und Pococke, Jane und Aldrich waren in Oxford, Prideaux
in dem Kapitel von Norwich, Whitby in dem von Salisbury. Vorzugsweise
aber war es die Londoner Geistlichkeit, von der man berhaupt stets wie
von einer besonderen Klasse sprach, welche den Ruf der Gelehrsamkeit und
Beredtsamkeit ihres Standes aufrecht erhielt. Die ersten Kanzeln der
Hauptstadt waren damals mit einer bedeutenden Anzahl ausgezeichneter
Mnner besetzt, unter denen man auch einen groen Theil der
Hauptwrdentrger der Kirche whlte. Sherlock predigte im Temple,
Tillotson in Lincoln's Inn, Wake und Jeremias Collier in Gray's Inn,
Burnet im Archive, Stillingfleet in der St. Paulskathedrale, Patrik in
der St. Paulskirche in Coventgarden, Fowler in St. Giles, Cripplegate,
Sharp in St. Giles in the Fields, Tenison in St. Martin, Sprat in St.
Margaret, Beveridge in St. Peter in Cornhill. Von diesen zwlf Mnnern,
die sich smmtlich einen berhmten Namen in der Kirchengeschichte
gemacht haben, wurden zehn Bischfe und vier von diesen zehn
Erzbischfe. Ebenso waren fast die einzigen bedeutenden theologischen
Werke, welche von einem Landgeistlichen herrhrten, die von Georg Bull,
der spter Bischof von St. David wurde, und auch diese Werke wrde Bull
schwerlich zu Stande gebracht haben, htte er nicht ein Gut geerbt,
dessen Verkauf ihm die Mittel gewhrte, sich eine Bibliothek
anzuschaffen, wie sie damals wahrscheinlich kein anderer Landgeistlicher
in England besa.[59]

So zerfiel der anglikanische Klerus in zwei Klassen, die in Bezug auf
Kenntnisse, Sitten und gesellschaftliche Stellung weit verschieden von
einander waren. Die eine von diesen beiden Klassen, welche fr die
Stdte und Hfe herangebildet war, enthielt Mnner, welche grndliche
Kenntni der alten und neuen Wissenschaften besaen; Mnner, welche
fhig waren, gegen einen Hobbes oder Bossuet mit allen Waffen der
Polemik aufzutreten; Mnner, welche in ihren Kanzelreden die Schnheit
und Erhabenheit des Christenthums mit solchem Scharfsinn und so
krftiger Sprache zu schildern verstanden, da selbst der gleichgltige
KarlII. ihnen aufmerksam zuhrte und der bermthige Buckingham zu
hohnlcheln verga; Mnner, welche ihre Bildung, ihre feinen Manieren
und ihre Weltkenntni befhigte, die Gewissensrthe der Reichen und
Adeligen zu sein; Mnner, mit denen Halifax gern ber das Wohl und Wehe
der Staaten sprach und von denen Dryden, wie er sich nicht scheute offen
zu gestehen, schreiben gelernt hatte.[60] Der andren Klasse war ein
bescheideneres und hrteres Loos bestimmt. Sie war auf dem platten Lande
zerstreut und bestand grtentheils aus Leuten, die nicht wohlhabender
und auch nicht viel gebildeter waren als kleine Pchter oder hhere
Dienstboten. Und dennoch war bei diesen Landgeistlichen, die ihr Leben
nur krglich mit den Zehntgarben und Zehntferkeln fristeten und nicht
die entfernteste Aussicht hatten, es je in ihrem Berufe zu etwas Hherem
zu bringen, das Gefhl der Amtswrde am strksten. Unter den Theologen,
welche der Stolz der Universitten und die Freude der Hauptstadt waren,
und die Reichthum und hohen Rang entweder schon besaen oder doch
gegrndete Hoffnung hatten, solche zu erlangen, gab es eine der Zahl
nach sehr bedeutende Partei von hchst ehrenwerthem Character, die sich
zu den constitutionellen Regierungsgrundstzen hinneigte. Diese Partei
lebte auf dem freundschaftlichsten Fue mit Presbyterianern,
Independenten und Baptisten, sie wrde gern allen protestantischen
Secten die unbeschrnkteste Duldung gewhrt und selbst einige nderungen
in der Liturgie bewilligt haben, um die aufrichtigen und redlichen
Nonconformisten auszushnen. Von solcher Toleranz und Migung aber
wollte der Landgeistliche nichts wissen. Er war in der That stolzer auf
seinen zerrissenen Rock als seine Vorgesetzten auf ihren Purpur und
Batist. Gerade das Bewutsein, da er sich in Bezug auf seine
gesellschaftliche Stellung nur wenig von den Landleuten unterschied, vor
denen er predigte, war der Grund, warum er einen bertrieben hohen Werth
auf die geistliche Wrde legte, die ihm allein Anspruch auf ihre Achtung
gab. Da er in bestndiger Abgeschiedenheit gelebt und nur wenig
Gelegenheit gehabt hatte, durch Lesen oder durch mndliche Unterredungen
seine Ansichten zu modificiren, so glaubte und predigte er die Lehren
von dem unveruerlichen Erbrechte, dem passiven Gehorsam und der
Verwerflichkeit des Widerstandes in ihrer ganzen abgeschmackten
Ungereimtheit. Seit langer Zeit im Kriege mit den Dissenters der
Nachbarschaft hate er diese nur zu oft lediglich um des Unrechts
willen, das er ihnen zugefgt und fand an den Fnfmeilen-[61] und der
Conventikelacte nichts weiter auszusetzen, als da diese verhaten
Gesetzte nicht schrfer wren. Den ganzen Einflu, den seine amtliche
Stellung ihm verlieh, und dieser Einflu war sehr gro, verwendete er
mit leidenschaftlichem Eifer zu Gunsten des Toryismus. Man wrde sehr
irren, wollte man glauben, da die Macht des Klerus damals geringer war
als jetzt, weil der Landpfarrer im Allgemeinen nicht als ein Gentleman
angesehen wurde, weil er sich nicht um die Hand einer Tochter des
Gutsherrn bewerben durfte, weil er in hheren Gesellschaftszirkeln
keinen Zutritt hatte und man es ihm berlie, mit den Dienstleuten zu
trinken und zu rauchen. Der Einflu einer ganzen Klasse richtet sich
keineswegs nach dem Ansehen der einzelnen Glieder derselben. Ein
Kardinal ist gewi ein viel angesehenerer Mann als ein Bettelmnch, aber
es wrde ein gewaltiger Irrthum sein, wenn man annehmen wollte, da das
Kardinalscollegium deshalb eine grere Herrschaft ber die ffentliche
Meinung in Europa ausgebt, als zum Beispiel der Franziskanerorden.
In Irland steht gegenwrtig ein Peer weit hher im Ansehen als ein
rmisch-katholischer Priester; dennoch aber giebt es in Munster und
Connaught wenige Grafschaften, in denen bei einem Wahlkampfe ein Verein
von Priestern gegen eine Verbindung von Peers nicht den Sieg davon
tragen wrde. Im siebzehnten Jahrhunderte war die Kanzel fr einen
groen Theil der Bevlkerung das, was heutzutage die periodische Presse
ist. Kaum einer von den Bauern, die zur Pfarrkirche kamen, hatte je in
seinem Leben eine Zeitung, oder eine politische Flugschrift zu Gesicht
bekommen. Mochten die Kenntnisse ihres Seelenhirten noch so gering sein,
jedenfalls war er unterrichteter als sie. Allwchentlich sprach er
einmal zu ihnen und Niemand erwiderte etwas auf seine Reden; bei jeder
wichtigen Gelegenheit ertnten auf vielen tausend Kanzeln zu gleicher
Zeit heftige Schmhungen gegen die Whigs und Ermahnungen zum Gehorsam
gegen den Gesalbten des Herrn, und die Wirkung dieser Reden war
ungeheuer. Von allen Ursachen, welche nach der Auflsung des Oxforder
Parlaments die heftige Reaction gegen die Exclusionisten hervorriefen,
scheinen die Predigten der Landpfarrer die wirksamsten gewesen zu sein.

    [Anmerkung 51: +Heylin's Cyprianus Anglicus.+]

    [Anmerkung 52: +Eachard, Causes of the Contempt of the Clergy+;
    +Oldham, Satire adressed to a Friend about to leave the
    University+; +Tatler, 255, 258.+ Auch in den Reisen des
    Groherzogs Cosmus, Anhang A, wird gesagt, da die englische
    Geistlichkeit eine niedrig geborene Klasse sei.]

    [Anmerkung 53: +A causidico, medicastro, ipsaque artificum
    farragine, ecclesiae rector aut vicarius contemnitur et fit
    ludibrio. Gentis et familiae nitor sacris ordinibus pollutus
    censetur: foeminisque natalitio insignibus unicum inculcatur
    saepius praeceptum, ne modestiae naufragium, faciant, aut, (quod
    idem auribus tam delicatulis sonat) ne clerico se nuptas dari
    patiantur. -- Angliae Notitia+ von T. Wood am New-College, Oxford
    1686.]

    [Anmerkung 54: +Clarendon's Life II. 21.+]

    [Anmerkung 55: Siehe die Verordnungen von 1559 in der Sammlung des
    Bischofs Sparrow. Jeremias Collier spricht in seinem +Essay of
    Pride+ ebenfalls mit einem Unwillen von dieser Verordnung, welcher
    beweist, da sein eigner Stolz noch nicht gebeugt war.]

    [Anmerkung 56: Roger und Abigail in Fletcher's +Scornful Lady+,
    Bull und die Amme in Vanbrugh's +Relapse+, Smirk und Susanna in
    Shadwell's, +Lancashire Witches+ sind nur einige Beispiele.]

    [Anmerkung 57: +Swift's Directions to Servants.+]

    [Anmerkung 58: Diese Unterscheidung zwischen Land- und
    Stadtgeistlichen wird von Eachard besonders hervorgehoben und mu
    Jedem auffallen, der die Kirchengeschichte der damaligen Zeit
    studirt.]

    [Anmerkung 59: +Nelson's Life of Bull.+ Wie schwer es dem
    Landgeistlichen damals war, sich Bcher anzuschaffen, darber
    findet man Nheres in der Biographie von Thomas Bray, dem Grnder
    der Gesellschaft zur Verbreitung des Evangeliums.]

    [Anmerkung 60: Ich habe ihn (Dryden) oft mit wahrem Vergngen
    uern hren, da er sein geringes schriftstellerisches Talent nur
    dem hufigen Lesen der Schriften des groen Erzbischofs Tillotson
    verdanke. Congreve's Widmung zu Dryden's Schauspielen.]

    [Anmerkung 61: Siehe S. 22 im zweiten Kapitel.  D. bers.]


[_Die Freisassen._] Dem Einflusse des Landadels und der
Landgeistlichkeit hielt indessen der Einflu der Freisassen, einer
hchst energischen und biederen Klasse, einigermaen die Wage. Die
kleinen Grundbesitzer, welche mit eigner Hand ihr Feld bestellten und
ein miges Einkommen genossen, ohne sich um Wappen und Helmbsche zu
kmmern oder nach einem Sitze auf der Richterbank zu trachten, bildeten
damals einen viel bedeutenderen Theil der Bevlkerung als gegenwrtig.
Wenn man den besten Statistikern jener Zeit glauben darf, so lebten
nicht weniger als hundertsechzigtausend Gutsbesitzer, welche mit ihren
Familien mehr als ein Siebentel der ganzen Bevlkerung ausgemacht haben
mssen, von dem Ertrage kleiner Freigter. Das durchschnittliche
Jahreseinkommen dieser kleinen Grundeigenthmer, bestehend aus Renten,
Nutznieungen und Miethzinsen, wurde auf sechzig bis siebzig Pfund
Sterling geschtzt. Man hatte berechnet, da die Anzahl der
Gutsbesitzer, welche ihren Grund und Boden selbst bebauten, grer war
als die Zahl Derer, welche die Gter Anderer pachtweise
bewirthschafteten.[62] Ein groer Theil der Freisassen hatte sich seit
dem Beginn der Reformation zu dem Puritanismus hingeneigt, war im
Brgerkriege auf die Seite des Parlaments getreten, hatte auch nach der
Restauration dabei beharrt, Presbyterianer- und Indepedentenprediger zu
hren, hatte die Exclusionisten bei den Wahlen stets krftig untersttzt
und betrachtete selbst nach der Entdeckung des Ryehousecomplots und der
Verbannung der Whighupter das Papstthum und die Willkrherrschaft noch
mit ungeschwchter Feindseligkeit.

    [Anmerkung 62: Ich habe hierbei Davenant's Schtzung zum Grunde
    gelegt, die etwas niedriger ist als die von King.]


[_Wachsthum der Stdte._] So gro auch die Vernderungen waren, die seit
der Revolution auf dem platten Lande vorgingen, in den Stdten waren sie
noch viel staunenerregender. Gegenwrtig ist ein Sechstel der ganzen
Bevlkerung in den Provinzialstdten von mehr als dreiigtausend
Einwohnern zusammengedrngt. Zur Zeit Karl's II. hatte noch keine
einzige Provinzialstadt im ganzen Reiche dreiigtausend Einwohner,
nur vier zhlten zehntausend Seelen.


[_Bristol._] Der Hauptstadt zunchst, aber noch immer in ungeheurem
Abstande, kamen Bristol, damals der wichtigste Seehafen, und Norwich,
damals die erste Fabrikstadt Englands. Beide sind seitdem von jngeren
Nebenbuhlerinnen weit berflgelt worden, haben aber gleichwohl beide
sehr bedeutende positive Fortschritte gemacht, denn die Bevlkerung von
Bristol hat sich vervierfacht, die von Norwich mehr als verdoppelt.

Pepys, welcher Bristol acht Jahre nach der Restauration besuchte, war
erstaunt ber den Glanz dieser Stadt. Allerdings scheint er keinen hohen
Mastab angelegt zu haben, denn er bezeichnet es als ein Wunder, da man
in Bristol allenthalben nichts als Huser erblicke, wenn man sich
umsehe. Danach scheint es, da in keiner andren ihm bekannten Stadt,
London ausgenommen, die Huser Wald und Feld vllig verdrngt hatten.
So gro Bristol damals erschien, bedeckte es doch nur einen sehr kleinen
Theil des Flchenraumes, den es gegenwrtig einnimmt. Einige Kirchen von
ausgezeichneter Schnheit erhoben sich aus einem Labyrinth von engen
Gchen, deren Huser keine besonders festen Grundmauern hatten. Fuhr
ein Wagen oder Karren durch diese Gassen, so lief er Gefahr, zwischen
den Husern stecken zu bleiben oder in die Kellergewlbe einzubrechen.
Die Waaren wurden daher fast ausschlielich auf kleinen, von Hunden
gezogenen Karren in die Stadt gebracht und die reichen Einwohner trugen
ihren Wohlstand nicht in goldstrotzenden Equipagen zur Schau, sondern
indem sie sich auf ihren Gngen durch die Stadt von einer zahlreichen
Dienerschaft in prchtiger Livree begleiten lieen und glnzende
Gastmhler gaben. Der Pomp bei Taufen und Leichenbegngnissen berstieg
dort Alles, was man irgend anderwrts in England sah. Die
Gastfreundschaft dieser Stadt war weit berhmt, ganz besonders die
Collationen, mit denen die Besitzer der Zuckerraffinerien ihre Gste
bewirtheten. Diese Mahlzeiten wurden in dem Siedekessel servirt und
waren stets von einem aus dem besten spanischen Weine bereiteten
kstlichen Getrnk begleitet, das im ganzen Lande unter dem Namen
Bristolmilch bekannt war. Der damals blhende Handel mit den
nordamerikanischen Pflanzungen und mit Westindien gestattete diesen
Luxus. Die Leidenschaft fr den Handel mit den Colonien war so
allgemein, da es in Bristol kaum einen Krmer gab, der nicht
Handelsgter am Bord eines nach Virginien oder nach den Antillen
bestimmten Schiffes gehabt htte. Diese Geschfte waren allerdings zum
Theil nicht der ehrenvollsten Art. In berseeischen Besitzungen der
Krone war groe Nachfrage nach Arbeitern und diesem Bedarfe wurde
theilweis durch ein frmliches Pre- und Menschenraubsystem gengt,
das sich in den englischen Seehfen gebildet hatte. Dieses System wurde
nirgends mit solcher Thtigkeit und in solchem Umfange betrieben als in
Bristol. Selbst die hchsten Magistratsbeamten der Stadt scheuten sich
nicht, sich durch einen so schmachvollen Handel zu bereichern. Aus den
damaligen Heerdgeldlisten geht hervor, da die Huserzahl im Jahre 1685
gerade fnftausenddreihundert betrug. Die Zahl der Bewohner eines Hauses
drfen wir kaum hher annehmen, als sie in der City von London war, und
hier kamen damals auf je zehn Huser fnfundfnfzig Personen. Demnach
mu die Bevlkerung von Bristol sich auf ungefhr neunundzwanzigtausend
Seelen belaufen haben.[63]

    [Anmerkung 63: +Evelyn's Diary, June 27. 1654+; +Pepys's Diary,
    June 13. 1668+; +Roger North's Lives of Lord Keeper Guildford,
    and of Sir Dudley North+; +Petty's Political Arithmetic.+ Ich habe
    Petty's Angaben zum Grunde gelegt, aber in den daraus
    hergeleiteten Folgerungen habe ich mich an King und Davenant
    gehalten, die zwar nicht geschickter waren als jener, aber den
    Vortheil hatten, da sie nach ihm kamen. Bezglich des
    Menschenhandels, wegen dessen Bristol berchtigt war, sehe man
    +North's Life of Guildford, 121. 216.+ und die Rede Jeffreys' in
    der Unparteiischen Geschichte seines Lebens und Todes
    zusammengedruckt mit den Blutigen Assisen. Sein Styl war, wie
    immer, roh und widerlich, aber ich kann den Verweis, den er den
    Magistratsbeamten von Bristol gab, nicht zu seinen Verbrechen
    zhlen.]


[_Norwich._] Norwich war die Hauptstadt einer groen und fruchtbaren
Provinz, der Sitz eines Bischofs und eines Kapitels und der Hauptsitz
des wichtigsten Fabrikationszweiges. Manche ausgezeichnete Mnner der
Wissenschaft hatten in letzter Zeit dort gelebt und keine Stadt des
Landes, die Hauptstadt und die Universittsstdte ausgenommen, enthielt
so viele Sehenswrdigkeiten. Die Mitglieder der +Royal Society+ waren
der Meinung, schon die Bibliothek, das Museum, das Vogelhaus und der
botanische Garten Sir Thomas Browne's seien einer weiten Reise werth.
Auch besa Norwich einen kleinen Hof. Im Herzen der Stadt stand ein
alter Palast der Herzge von Norfolk, der fr das grte stdtische
Wohnhaus im ganzen Lande, mit Ausnahme von London, galt. Dieser Palast,
zu dem ein Ballhaus, eine Kegelbahn und ein groer Park gehrte, der
sich an den Ufern des Wansum hinzog, ward zu Zeiten von der vornehmen
Familie der Howard bewohnt, welche ein Haus fhrte wie mancher kleine
Souverain. Die Getrnke wurden den Gsten in Bechern von reinem Golde
gereicht, selbst die Kohlenschaufeln und Feuerzangen waren von Silber.
Die Wnde waren mit Gemlden von italienischen Meistern geschmckt und
die Zimmer mit einer prchtigen Sammlung von Gemmen gefllt, die jener
Earl von Arundel gekauft hatte, dessen Marmorbilder jetzt eine Zierde
von Oxford sind. Hier war im Jahre 1671 Knig Karl mit seinem Hofstaate
glnzend bewirthet worden, hier waren jedes Jahr von Weihnacht bis zum
Dreiknigstag alle Gste willkommen. Fr das gemeine Volk flo das Bier
in Strmen; drei Wagen, von denen einer, der vierzehn Personen fate,
fnfhundert Pfund Sterling gekostet hatte, fuhren jeden Abend in der
Stadt umher, um die Damen zu den Festlichkeiten zu holen, und der Tanz
wurde jedesmal mit einem glnzenden Festmahle beschlossen. Wenn der
Herzog von Norfolk nach Norwich kam, wurde er empfangen wie ein Knig,
der in seine Residenz einzieht. Die Glocken der Kathedrale und der
Kirche St. Peter-Mancroft wurden gelutet, die Kanonen des Schlosses
abgefeuert und der Mayor und die Aldermen berreichten ihrem hohen
Mitbrger Glckwunschadressen. Im Jahre 1693 fand man durch wirkliche
Zhlung, da die Bevlkerung von Norwich zwischen achtundzwanzig- und
neunundzwanzigtausend Seelen betrug.[64]

Viel tiefer als Norwich, aber doch immer hoch in Ansehen und Bedeutung
standen die Hauptstdte einiger anderen Grafschaften. Es geschah damals
selten, da ein Landgentleman mit seiner Familie nach London kam; seine
Metropole war die Hauptstadt der Grafschaft und dort verlebte er
zuweilen einen Theil des Jahres. Jedenfalls riefen ihn Geschfte und
Vergngungen, Assisen, Quartalsitzungen, Wahlen, Musterungen der Miliz,
Pferderennen und andere Festlichkeiten oft dahin. Dort waren die Sle,
in denen die Richter in ihren scharlachrothen Rcken und begleitet von
Trompetern und Hellebardieren zweimal des Jahres im Namen des Knigs
ihre Verhandlungen erffneten. Dort waren die Mrkte, auf welchen die
Umgegend ihr Getreide, ihr Vieh, ihre Wolle und ihren Hopfen zum Verkauf
brachte, sowie die groen Jahrmrkte, zu denen selbst Kaufleute von
London kamen und wo die Landkrmer ihren Jahresbedarf an Zucker,
Schreibmaterialien, Stahlwaaren und Kleiderstoffen einkauften. Dort
waren endlich die Lden und Magazine, aus denen die angesehendsten
Familien der Nachbarschaft ihre Spezereiwaaren und Modeartikel bezogen.
Einige von diesen Stdten hatten auerdem wegen geschichtlicher
Erinnerungen eine gewisse Berhmtheit. Bald war es eine Kathedrale, die
in aller Kunst und Pracht des Mittelalters strahlte, bald ein Palast,
den eine lange Reihe von Prlaten bewohnt hatte, bald ein Domkapitel,
umgeben von den ehrwrdigen Wohnungen der Dechanten und Canonici, bald
ein festes Schlo, das in alter Zeit den Nevilles oder De Vere
widerstanden hatte und das noch die neueren Spuren der Rache Cromwell's
oder Ruprecht's zeigte.

    [Anmerkung 64: +Fuller's Worthies+; +Evelyn's Diary, Oct. 17.
    1671+; +Journal of E. Browne+, dem Sohne des Sir Thomas Browne,
    vom Januar 1663--64; +Blomfield's History of Norfolk+; +History of
    the City and County of Norwich, 2vols. 1768.+]


[_Andere Provinzialstdte._] Unter diesen interessanten Stdten
zeichneten sich namentlich York, die Hauptstadt des Nordens, und Exeter,
die Hauptstadt des Sdens, aus. Keine von beiden kann damals viel ber
zehntausend Einwohner gehabt haben. Worcester, die Knigin des
Ciderlandes, zhlt deren achttausend, Nottingham wahrscheinlich eben so
viel. Gloucester, berhmt durch seine entschlossene Vertheidigung,
welche KarlI. so verderblich wurde, hatte gewi zwischen vier- und
fnftausend, Derby nicht ganz viertausend. Shrewsbury war der Hauptort
eines groen fruchtbaren Bezirks, und die Sitzungen der Marken von Wales
wurden daselbst gehalten. In der Sprache der Gentry viele Meilen im
Umkreise von Wrekin hie zur Hauptstadt gehen so viel als nach
Shrewsbury gehen. Die Stutzer und Damen, der Provinz ahmten so gut sie
konnten, auf den Promenaden am Ufer des Severn die Moden und Sitten von
St. James-Park nach. Die Einwohnerzahl belief sich auf ungefhr
siebentausend.[65]

Die Bevlkerungen aller dieser Stdte haben sich seit der Revolution
mehr als verdoppelt, in einigen ist sie auf das Siebenfache gestiegen.
Die Straen sind fast durchgngig neu gebaut, das Stroh ist durch
Schiefer, das Holz durch Backsteine ersetzt worden. Unser gegenwrtiges
Pflaster und unsere Straenbeleuchtung, die prachtvolle Ausstattung
vieler Kauflden und die in den Wohnungen der Gentry herrschende
geschmackvolle Eleganz wrden im siebzehnten Jahrhundert wie eben so
viele Wunder angestaunt worden sein; dessen ungeachtet haben die alten
Provinzialhauptstdte jetzt bei weitem nicht die relative Wichtigkeit,
die sie ehedem hatten. Jngere Stdte, die von unseren frheren
Geschichtsschreibern selten oder gar nicht erwhnt werden und welche
keine Vertreter ins Parlament schickten, sind unter den Augen noch
lebender Personen zu einer Gre herangewachsen, die unsere Generation
mit Stolz und Bewunderung, aber auch nicht ohne Angst und Besorgni
betrachtet.

    [Anmerkung 65: Aus den Tauf- und Sterbelisten in Drake's
    Geschichte geht hervor, da die Bevlkerung von York im Jahre 1730
    ungefhr dreizehntausend Seelen betrug. Exeter hatte noch 1801 nur
    siebzehntausend Einwohner. Die Bevlkerung von Worcester wurde
    kurz vor der Belagerung im Jahre 1646 gezhlt. Siehe +Nash's
    History of Worcestershire+. Ich habe auf die whrend eines
    Zeitraums von vierzig Jahren wahrscheinliche Zunahme Rcksicht
    genommen. Im Jahre 1740 wurde durch eine Zhlung die Bevlkerung
    von Nottingham gerade zehntausend Seelen stark gefunden. Siehe
    +Dering's History+. Die Einwohnerzahl von Gloucester lt sich aus
    der Huserzahl, welche King in den Heerdgeldlisten fand, sowie aus
    den Geburts- und Sterbetabellen in Atkyns' Geschichte leicht
    ermitteln. Derby zhlte 1712 viertausend Einwohner. Siehe
    +Wolley's M.S. History+, die in +Lyson's Magna Britannia+ erwhnt
    ist. Die Bevlkerung von Shrewsbury wurde im Jahre 1695 durch
    wirkliche Zhlung ermittelt. Bezglich der Annehmlichkeiten von
    Shrewsbury sehe man +Farquhar's Recruiting Officer+. Farquhar's
    Schilderung wird durch eine Ballade in der Pepys'schen Bibliothek
    besttigt, deren Refrain lautet: Shrewsbury fr mich.]


[_Manchester._] Indessen waren die hervorragendsten dieser Stdte schon
im siebzehnten Jahrhunderte als wichtige Sitze des Gewerbfleies
bekannt. Ja ihr rasches Emporblhen und ihr Reichthum ward sogar
zuweilen in einer Sprache geschildert, welche Jedem, der ihren
gegenwrtigen Glanz steht, spahaft vorkommt. Eine der bevlkertsten und
blhendsten war Manchester. Der Protector hatte sie aufgefordert, einen
Vertreter in sein Parlament zu schicken und die Schriftsteller aus der
Zeit Karl's II. nennen sie eine betriebsame und reiche Stadt. Seit einem
halben Jahrhunderte schon wurde Baumwolle von Cypern und Smyrna dahin
gebracht, aber die Fabrikation war noch in ihrer Kindheit, denn Whitney
hatte noch nicht gelehrt, wie der Rohstoff in fast fabelhaften
Quantitten erlangt werden konnte, so wenig als Arkwright die Kunst
gezeigt, sie mit einer zauberhaften Geschwindigkeit und Akkuratesse zu
verarbeiten. Die jhrliche Gesammteinfuhr erreichte zu Ende des
siebzehnten Jahrhunderts noch nicht zwei Millionen Pfund, ein Quantum,
das gegenwrtig kaum den Bedarf von achtundvierzig Stunden decken wrde.
Diese wundervolle Handelsstadt, die an Einwohnerzahl und Reichthum so
viele berhmte Hauptstdte, wie Berlin, Madrid und Lissabon bei weitem
bertrifft, war damals noch ein kleiner und schlecht gebauter
Marktflecken mit kaum sechstausend Einwohnern. Damals hatte es nicht
eine einzige Presse, jetzt hat es hundert Druckereien; damals besa es
nicht eine einzige Kutsche, jetzt zhlt es zwanzig Wagenfabrikanten.[66]

    [Anmerkung 66: +Blome's Britannia, 1678+; +Aikin's Country round
    Manchester+; +Manchester Directory, 1845+; +Baines, History of the
    Cotton Manufacture.+ Die besten Aufschlsse ber die Bevlkerung
    von Manchester im siebzehnten Jahrhundert fand sich in einem von
    dem Rev. R. Parkinson verfaten Aufsatze im +Journal of the
    Statistical Society+ vom October 1842.]


[_Leeds._] Leeds war schon damals der Hauptsitz der Wollenmanufactur von
Yorkshire, aber die lteren Einwohner erinnerten sich noch recht gut der
Zeit, als das erste Backsteinhaus, damals und noch lange nachher das
rothe Haus genannt, erbaut worden war. Sie rhmten sich laut ihres
zunehmenden Wohlstandes und der ungeheuren Tuchverkufe, welche unter
freiem Himmel auf der Brcke abgeschlossen wurden. Hunderte, ja Tausende
von Pfunden Sterling wurden an einem einzigen lebhaften Markttage
umgesetzt. Die zunehmende Bedeutung von Leeds hatte die Aufmerksamkeit
mehrerer aufeinanderfolgenden Regierungen auf diese Stadt gelenkt.
KarlI. gewhrte ihr gewisse stdtische Vorrechte und Oliver Cromwell
forderte sie auf, einen Vertreter in das Haus der Gemeinen zu senden.
Aus den Heerdgeldlisten scheint jedoch klar hervorzugehen, da die
Bevlkerung des ganzen Stadtgebiets, zu welchem damals mehrere Drfer
gehrten, unter der Regierung Karl's II. die Zahl von siebentausend
Seelen nicht berstieg. Im Jahre 1841 zhlte es deren mehr als
hundertfunfzigtausend.[67]

    [Anmerkung 67: +Thoresby's Ducatus Leodensis+; +Whitaker's Loidis
    and Elmete+; +Wardell's Municipal History of the Borough of
    Leeds.+]


[_Sheffield._] Ungefhr eine Tagereise sdlich von Leeds lag am Saume
einer wilden Moorstrecke ein alter jetzt reich angebauter, damals aber
unfruchtbarer und nicht einmal eingehegter Gutsbezirk, der unter dem
Namen Hallamshire bekannt war. Dort gab es Eisen im berflu und die
daselbst fabricirten plumpen Messer wurden im ganzen Lande verkauft.
Geoffrey Chaucer erwhnt ihrer in seinen +Canterbury Tales+. Die
Fabrikation machte jedoch whrend der nchstfolgenden drei Jahrhunderte
nur sehr langsame Fortschritte. Dieser Umstand lt sich vielleicht
dadurch erklren, da der Handel fast whrend jenes ganzen langen
Zeitraums den Bestimmungen unterworfen war, welche der Gutsherr und
dessen Gerichtshof vorzuschreiben fr gut fanden. Die feineren
Messerschmiedewaaren wurden daher theils in London fabricirt, theils vom
Continent eingefhrt. Erst unter GeorgI. hrten die britischen rzte
auf, die feinen Instrumente, deren sie zu ihren chirurgischen
Operationen bedurften, aus Frankreich zu beziehen. Die Mehrzahl der
Werksttten von Hallamshire befand sich in einem Marktflecken, der in
der Nhe des herrschaftlichen Schlosses entstanden war und der noch
unter JakobI. ein elender Ort mit etwa zweitausend Einwohnern war, von
denen der dritte Theil aus halbverhungerten und halbnackten Bettlern
bestand. Aus den Kirchenregistern ergiebt sich mit ziemlicher Gewiheit,
da die Bevlkerung zu Ende der Regierung Karl's II. noch nicht
viertausend Seelen betrug. Man sah dort eine Menge Krppel und jeder
Reisende erkannte auf den ersten Blick die verderblichen Wirkungen einer
der Gesundheit und Kraft des menschlichen Krpers hchst nachtheiligen
Beschftigung. Dies war das Sheffield, welches gegenwrtig mit seinen
Vorstdten hundertzwanzigtausend Einwohner zhlt und seine
vortrefflichen Messer, Scheeren und chirurgischen Instrumente bis nach
den entferntesten Weltgegenden versendet.[68]

    [Anmerkung 68: +Hunter's History of Hallamshire.+]


[_Birmingham._] Birmingham ward zu Oliver's Zeiten noch nicht fr
wichtig genug gehalten, um im Parlament durch ein Mitglied vertreten zu
sein. Indessen waren die dortigen Fabrikanten schon ein sehr
betriebsames Vlkchen, dessen Wohlstand sich fortwhrend vermehrte. Sie
waren stolz auf den Ruf, den ihre Eisenwaaren, wenn auch noch nicht in
Peking und Lima, in Bokhara und Timbuktu, so doch in London und selbst
in Irland genossen. Eine minder ehrenvolle Berhmtheit hatten sie als
Falschmnzer erlangt. Der Spottname Birminghams, den die Torypartei
den Demagogen gab, welche einen heuchlerischen Eifer gegen das Papstthum
zur Schau trugen, war eine Anspielung auf die dort verfertigten falschen
Groatstcke. Die Bevlkerung der Stadt, welche gegenwrtig nicht viel
unter zweimalhunderttausend Seelen betrgt, belief sich damals noch
nicht auf viertausend. Die Birminghamer Knpfe fingen eben erst an
bekannt zu werben, von Birminghamer Schiegewehren hatte noch kein
Mensch etwas gehrt, und die Stadt, aus der zwei Generationen spter die
Prachtwerke Baskerville's hervorgingen, welche alle Buchhndler Europa's
in Erstaunen setzten, hatte damals noch nicht einen einzigen
ordentlichen Buchladen, wo man eine Bibel oder einen Kalender kaufen
konnte. Nur an den Markttagen kam ein Buchhndler, Namens Michael
Johnson, der Vater des groen Samuel Johnson, von Lichfield, um auf
einige Stunden seine Marktbude zu ffnen, und diese literarische
Bezugsquelle wurde lange Zeit fr den Bedarf gengend erachtet.[69]

Diese vier Hauptsitze unsrer groartigen Fabrikindustrie verdienen
besondere Erwhnung. Es wrde ermdend sein, wollten wir auerdem alle
die jetzt dicht bevlkerten und reichen Bienenstcke des Gewerbfleies
anfhren, welche vor hundertfunfzig Jahren noch Drfer ohne Pfarrkirche
oder de Moorstrecken waren, auf denen nur Birkhhner und andres Wild
hauste. Nicht minder wichtig sind die Vernderungen in den
Ausfuhrpltzen gewesen, durch welche sich die Erzeugnisse der englischen
Websthle und Schmieden nach allen Weltgegenden ergieen.

    [Anmerkung 69: +Blome's Britannia, 1763+; +Dugdale's
    Warwickshire+; +North's Examen+, 321; Vorrede zu +Absalom and
    Achitophel+; +Hutton's History of Birmingham+; +Boswell's Life of
    Johnson+. Im Jahre 1690 starben in Birmingham 150 Personen und 125
    Kinder wurden getauft. Ich glaube da die jhrliche Sterblichkeit
    nicht mehr als vier Prozent betrug; in London war sie viel
    bedeutender. Ein Geschichtsschreiber in Nottingham rhmte funfzig
    Jahre spter die auerordentliche Gesundheit seiner Vaterstadt,
    in der die Sterblichkeit nur 3-1/3 Prozent betrug. Siehe +Dering's
    History of Nottingham+.]


[_Liverpool._] Liverpool zhlt gegenwrtig dreimalhunderttausend
Einwohner und der Rauminhalt der in seinen Hafenregistern
eingezeichneten Schiffe betrgt zwischen vier- und fnfmalhunderttausend
Tonnen. Mehr als einmal ist im dortigen Zollhause in einem Jahre eine
Summe bezahlt worden, welche das Gesammteinkommen der englischen Krone
im Jahre 1685 um mehr als das Dreifache bersteigt. Die Einnahme des
Postamtes zu Liverpool bertrifft selbst seit der Portoermigung die
Summe, die das Postwesen des ganzen Reiches dem Herzoge von York
eintrug. Seine riesigen Docks, Quais und Waarenspeicher werden zu den
Weltwundern gerechnet, und doch scheinen sie fr den Bedarf des
ungeheuren Merseyhandels kaum zu gengen, so da bereits eine
rivalisirende Stadt am andren Ufer des Flusses rasch emporwchst. Zu den
Zeiten Karl's II. wurde Liverpool als eine aufblhende Stadt
beschrieben, welche neuerdings groe Fortschritte gemacht habe und mit
Irland und den Zuckercolonien einen ergiebigen Handel treibe. Binnen
sechzehn Jahren hatte sich der Ertrag der Zlle verachtfacht und die
damals als ungeheuer betrachtete Summe von fnfzehntausend Pfund
Sterling jhrlich erreicht. Die Bevlkerung kann jedoch kaum viertausend
Seelen berstiegen haben, der Gehalt seiner Schiffe betrug ungefhr
vierzehnhundert Tonnen, das heit weniger als der Tonnengehalt eines
einzigen unserer jetzigen Ostindienfahrer erster Klasse, und die Anzahl
der zum Hafen gehrenden Seeleute darf auf nicht mehr als zweihundert
Kpfe angeschlagen werden.[70]

    [Anmerkung 70: +Blome's Britannia+; +Gregson's Antiquities of the
    County Palatine and Duchy of Lancaster, Part. II.+; Petition von
    Liverpool in dem +Privy Council Book, May 10, 1686+. Im Jahre 1690
    war die Zahl der Sterbeflle in Liverpool hunderteinundfunfzig,
    die der Taufen hundertzwanzig. Im Jahre 1844 belief sich der
    Reinertrag der Zlle in Liverpool auf 4,365,526 Pf. St. 1Schill.
    8P.]


[_Die Badeorte._] So wuchsen die Stdte empor, in denen Reichthmer
erworben und aufgehuft wurden. Nicht minder rasch erhob sich eine andre
Klasse von Stdten, in denen der anderwrts erworbene Reichthum entweder
aus Gesundheitsrcksichten oder um des Vergngens willen verzehrt wird.
Von den bedeutendsten derselben sind einige erst seit den Zeiten der
Stuarts entstanden.


[_Cheltenham._] Cheltenham ist jetzt grer als irgend eine Stadt des
ganzen Reichs im siebzehnten Jahrhundert, London allein ausgenommen,
whrend es im siebzehnten und noch zu Anfang des achtzehnten
Jahrhunderts von Lokalgeschichtschreibern nur als ein lndliches
Kirchspiel erwhnt wird, das am Fue der Cotswold-Hgel liege und guten
Boden fr Ackerbau und Weide habe. An der Stelle, welche gegenwrtig mit
freundlichen Straen und Landhusern bedeckt ist, wuchs damals Korn und
weidete Vieh.[71]

    [Anmerkung 71: +Atkyns' Gloucestershire.+]


[_Brighton._] Brighton wurde als ein ehemals wohlhabender Ort
geschildert, der eine Menge kleiner Fischerboote besessen und in seiner
hchsten Blthe etwa zweitausend Einwohner gehabt habe, jetzt aber
seinem Untergnge entgegeneile. Das Meer splte ein Haus nach dem andren
fort und die Stadt mute endlich ganz verschwinden. Noch vor neunzig
Jahren konnte man zwischen den Steinen und dem Seetang am Strande die
Trmmer eines alten Forts sehen, und alte Leute konnten noch die Spuren
der Grundmauern einer Strae von mehr als hundert Htten bezeichnen, die
von den Wogen verschlungen worden war. Nach diesem Unglcke verdete der
Ort bald dermaen, da man die dortige Pfarrei kaum noch des Besitzes
werth hielt. Einige arme Fischer fuhren jedoch fort, ihre Netze auf den
Kstenfelsen zu trocknen, wo jetzt eine Stadt, die mehr als zweimal so
gro und volkreich ist, als das Bristol der Stuarts in einer Ausdehnung
von mehreren Meilen ihre freundliche und fantastische Fronte dem Meere
zeigt.[72]

    [Anmerkung 72: +Magna Britannia+; +Grose's Antiquities+; +New
    Brighthelmstone Directory, 1770.+]


[_Buxton._] England war jedoch im siebzehnten Jahrhundert durchaus nicht
ohne alle Badeorte. Die Gentry von Derbyshire und der benachbarten
Grafschaften begab sich nach Buxton, wo sie in niedrigen hlzernen
Htten zusammengepfercht und mit einem Brode von Hafermehl und einem
Fleische bewirthet wurden, welches die Gastwirthe fr Hammelfleisch
ausgaben, das aber die Consumenten stark in dem Verdachte hatten, da es
von Hunden herrhrte.[73]

    [Anmerkung 73: +Tour in Derbyshire, by Thomas Browne, Son of Sir
    Thomas Browne.+]


[_Tunbridge Wells._] Weit mehr Anziehendes hatte Tunbridge Wells, das
etwa eine Tagereise von London in einer der reichsten und kultivirtesten
Gegenden des Reiches lag. Gegenwrtig erblicken wir daselbst eine Stadt,
die der Einwohnerzahl nach vor hundertsechzig Jahren die vierte oder
fnfte Stadt Englands gewesen wre. Die Eleganz der Lden und der Luxus
der Privatwohnungen bertrifft jetzt Alles was England damals irgendwo
aufzuweisen hatte. Als der Hof kurz nach der Restauration Tunbridge
Wells besuchte, war es noch keine Stadt, sondern man sah nur eine Anzahl
Htten, etwas freundlicher und sauberer als die gewhnlichen Htten
jener Zeit, welche in der nchsten Umgebung der Heilquellen zerstreut
umherlagen. Einige von diesen Htten waren transportabel und wurden auf
Schleifen versetzt wohin man es wnschte. In diese Htten kam die feine
Welt von London, des Gerusches und des Rauches der Hauptstadt mde,
zuweilen im Sommer, um frische Luft einzuathmen und einen Vorgeschmack
vom Landleben zu erhalten. Whrend der Saison wurde tglich in der Nhe
der Quellen eine Art Markt gehalten. Die Frauen und Tchter der
Landwirthe von Kent brachten aus den umliegenden Drfern Rahm, Obst,
Weikehlchen und Wachteln zum Verkauf, und mit ihnen zu scherzen und zu
tndeln, ihre Strohhte und ihre kleinen Fchen zu rhmen, war fr
Wstlinge, welche der prtentisen Manieren der Schauspielerinnen und
Hofdamen berdrssig waren, ein angenehmer Zeitvertreib.
Putzmacherinnen, Galanteriewaarenhndler und Juweliere kamen von London
und erffneten unter den Bumen einen Bazar. In der einen Bude fand der
Politiker seine Tasse Kaffee und die Londoner Zeitung; in einer andren
wurde heimlich Basset gespielt; an schnen Abenden fanden sich
Musikanten ein und auf einem weichen Rasenplatze wurde der Mohrentanz
aufgefhrt. Im Jahre 1685 war eben unter den Brunnengsten eine Sammlung
zum Bau einer Kirche erffnet worden, welche auf Verlangen der damals
berall dominirenden Tories dem heiligen Karl, dem Mrtyrer, geweiht
werden mute.[74]

    [Anmerkung 74: +Memoires de Grammont+; +Hasted's History of Kent+;
    +Tunbridge Wells, aComedy, 1678+; +Causton's Tunbridgialia,
    1688+; +Metellus, apoem on Tunbridge Wells, 1693.+]


[_Bath._] Der wichtigste Badeort Englands war jedoch unstreitig Bath.
Die dortigen Heilquellen waren schon zu den Zeiten der Rmer berhmt und
mehrere Jahrhunderte lang war die Stadt der Sitz eines Bischofs gewesen.
Aus allen Theilen des Landes strmten die Kranken dahin und selbst der
Knig hielt dort zuweilen seinen Hof. Bei alledem war Bath damals nur
ein winkeliger Ort von vier- bis fnfhundert Husern, welche unweit des
Avon innerhalb einer alten Befestigungsmauer zusammengedrngt waren.
Es giebt noch Abbildungen von den schnsten dieser Huser, welche groe
hnlichkeit mit den schlechtesten Htten und Schenken an der
Radcliffestrae zeigen. Selbst die damaligen Reisenden klagten ber die
Enge und Unsauberkeit der Straen. Die schne Stadt, welche gegenwrtig
selbst das Auge Derer entzckt, die an den Anblick der Meisterwerke
eines Bramante und Palladio gewhnt sind, und deren Boden durch den
Genius von Anstey und Smollett, von Frances Burney und Johanna Austen
eine klassische Berhmtheit erlangt hat, existirte damals noch nicht.
Die jetzige Milsomstrae war noch ein Stck Feld, das weit auerhalb der
Umfassungsmauer lag, und Baumhecken durchzogen den Platz, den
gegenwrtig der Crescent und der Cirkus einnehmen. Die
bedauernswerthen Kranken, denen der Gebrauch der Heilquellen verordnet
war, muten in Rumen zubringen, welche, um uns des Ausdrucks eines
damaligen Arztes zu bedienen, mehr einem Stalle, als einer menschlichen
Wohnung glichen. ber den Luxus und die Bequemlichkeiten, welche die zum
Zwecke, der Kur oder des Vergngens dahin kommenden vornehmen Badegste
in den Husern fanden, haben wir vollstndigere und genauere
Nachrichten, als sie sonst in Bezug auf derartige Gegenstnde zu
erlangen sind. Ein Schriftsteller, der ungefhr sechzig Jahre nach der
Revolution eine Beschreibung der Stadt herausgab, schildert mit groer
Genauigkeit die Vernderungen, die im Bereiche seiner Erinnerung
daselbst stattgefunden haben. Er versichert uns, da in seinen jngeren
Jahren die Badegste in Zimmern schlafen muten, welche nicht viel
besser waren als die Dachkammern, die er spter von den Dienstleuten
bewohnt fand. Der Fuboden der Speisezimmer war mit keinem Teppiche
bedeckt und mit einer aus Ru und Dnnbier bereiteten Flssigkeit
berstrichen, um seine Unsauberkeit zu verbergen; keine Wand war gemalt,
kein Herd oder Kaminmantel war von Marmor, eine Platte von ordinren
Quadern und Feuerbcke, die nicht mehr als einige Schillinge kosteten,
wurden fr gengend erachtet. Die besten Zimmer waren mit einem groben
wollenen Stoffe ausgeschlagen und mit Rohrsthlen versehen. Leser, die
sich fr die Fortschritte der Civilisation und der ntzlichen Knste
interessiren, werden dem bescheidenen Topographen fr die Aufzeichnung
dieser Details dankbar sein und es vielleicht bedauern, da
anspruchsvollere Geschichtschreiber ihre Erzhlungen von Schlachten und
politischen Intriguen nicht zuweilen um einige Seiten abkrzen, um uns
mitzutheilen, wie es in den Wohn- und Schlafzimmern unserer Voreltern
aussah.[75]

    [Anmerkung 75: Siehe +Wood's History of Bath, 1749+; +Evelyn's
    Diary, June 27. 1654+; +Pepys's Diary, June 12, 1668+; +Stukeley's
    Itinerarium Curiosum+; +Collinson's Somersetshire+; +Dr. Peirce's
    History and Memoirs of the Bath, 1713, book I, chap. 8, obs. 2.
    1684.+ Ich habe mehrere alte Plne und Abbildungen von Bath,
    besonders einen hchst interessanten, der mit Ansichten der
    Hauptgebude eingefat ist, vor Augen gehabt. Letzterer ist v.
    Jahre 1717.]


[_London._] London nahm im Verhltni zu den anderen Stdten des
Knigreichs zur Zeit Karl's II. einen viel hheren Rang ein als
gegenwrtig. Seine Bevlkerung ist jetzt wenig mehr als sechsmal so
stark wie die von Manchester oder Liverpool; unter KarlII. aber
berstieg dieselbe die von Bristol oder Norwich um mehr als das
Siebzehnfache. Ich glaube nicht, da es noch eine andre Hauptstadt in
der Welt giebt, deren Gre in einem hnlichen Verhltnisse zu der
zweiten Stadt des Landes steht. Man hat guten Grund zu glauben, da
London schon 1685 seit etwa einem halben Jahrhundert die volkreichste
Stadt in Europa war. Die Einwohnerzahl, welche jetzt mindestens
neunzehnhunderttausend Seelen betrgt, belief sich damals wahrscheinlich
auf nicht viel ber eine halbe Million.[76] Als Handelsstadt hatte
London nur eine Nebenbuhlerin, die jedoch lngst berflgelt ist: das
mchtige, und reiche Amsterdam. Die englischen Schriftsteller rhmten
den Wald von Masten, der von der Brcke bis zum Tower den Flu bedeckte,
und die enormen Summen, welche im Zollhause von Thames Street eingingen.
Es unterliegt in der That keinem Zweifel, da der Handel der Hauptstadt
damals zu dem Handel des ganzen Landes in einem gnstigeren Verhltnisse
stand als jetzt; allein unserer Generation mssen die brigens
wohlbegrndeten Lobpreisungen unserer Vorfahren doch ein wenig komisch
vorkommen. Der Inhalt der der Stadt gehrenden Schiffe, den sie als
ungeheuer betrachteten, scheint siebzigtausend Tonnen nicht berstiegen
zu haben. Allerdings war dies damals mehr als ein Drittel des
Tonnengehalts smmtlicher Schiffe des Landes, gegenwrtig aber ist es
nur ein Viertel von dem Tonnengehalte Newcastle's, und der Tonnengehalt
der Themsedampfer allein drfte ihm ziemlich gleichkommen.
Der Ertrag der Zlle belief sich 1685 in London auf ungefhr
dreihundertdreiigtausend Pfund jhrlich; in unseren Tagen bersteigt
der Reinertrag derselben zehn Millionen.[77]

Wenn man die zu Ende der Regierung Karl's II. erschienenen Plne von
London betrachtet, so findet man, da damals nur erst der Kern der
gegenwrtigen Hauptstadt existirte. Die Stadt erstreckte sich noch nicht
in unmerklichen Abstufungen weit ber die lndliche Umgegend. Es zogen
sich noch keine langen Reihen von Landhusern, umrankt von Hollunder und
Bohnenbaum, von dem groen Mittelpunkte des Reichthums und der
Civilisation bis zu den Grenzen von Middlesex und tief ins Herz von Kent
und Surrey hinein. Man dachte noch nicht an die Anlage der endlosen
Reihen von Waarenmagazinen und der knstlichen Seen, die sich jetzt im
Osten der Stadt vom Tower bis Blackwall erstrecken. Im Westen sah man
kaum eines von den stattlichen Husern, in denen jetzt die Reichen und
Vornehmen wohnen, und Chelsea, das gegenwrtig ber vierzigtausend
Einwohner zhlt, war noch ein bloes Dorf, dessen Bevlkerung tausend
Seelen nicht berstieg.[78] Im Norden weidete das Vieh und Jger
streiften mit ihren Hunden und Flinten umher, wo sich jetzt der Borough
Marylebone befindet, sowie auf der noch weit greren Flche, welche die
Boroughs Finsbury und Tower Hamlets bedecken. Islington war fast noch
eine Einde, deren friedliche Stille die Dichter gern dem lrmenden
Getmmel des Ungeheuers London gegenberstellten.[79] Im Sden ist die
Hauptstadt jetzt mit ihren Vorstdten durch mehrere Brcken verbunden,
die an Schnheit und Festigkeit den stolzesten Bauwerken der Csaren
nicht nachstehen. Im Jahre 1685 hemmte nur eine einzige Linie
unregelmiger Bgen, mit einer Anzahl schmutziger und halb verfallener
Huser bedeckt und nach einer der nackten Barbaren von Dahomey wrdigen
Sitte mit etwa zwanzig verwesenden Kpfen verziert, die Schifffahrt auf
dem Flusse.

    [Anmerkung 76: Nach King fnfhundertdreiigtausend.]

    [Anmerkung 77: +Macpherson's History of Commerce+; +Chalmers's
    Estimate+; +Chamberlayne's State of England, 1684.+ Der Gehalt der
    dem Londoner Hafen gehrenden Dampfer betrug zu Ende des Jahres
    1847 etwa sechzigtausend Tonnen. Die jhrlichen Zolleinnahmen
    beliefen sich von 1842--45 auf durchschnittlich elf Millionen Pfd.
    Sterl.]

    [Anmerkung 78: +Lyson's Environs of London.+ Von 1680--90 wurden
    in Chelsea jhrlich nicht mehr als zweiundvierzig Kinder getauft.]

    [Anmerkung 79: +Cowley, Discourse of Solitude.+]


[_Die City._] Der wichtigste Theil der Hauptstadt war die City. Sie war
zur Zeit der Restauration grtentheils aus Holz und Mrtel erbaut
worden, die wenigen Backsteine, die man dazu verwendet, waren schlecht
gebrannt, die Buden, in denen die Waaren feilgeboten wurden, traten weit
in die Strae hervor und die oberen Stockwerke der Huser hingen
gleichsam ber ihnen. Einige Beispiele von dieser Bauart kann man noch
in den Straen sehen, die bei dem groen Brande verschont geblieben
waren. Diese Feuersbrunst hatte binnen wenigen Tagen einen Flchenraum
von ziemlich einer Quadratmeile mit den Trmmern von neunundachtzig
Kirchen und dreizehntausend Husern bedeckt. Die City aber war mit einer
Schnelligkeit wiedererstanden, welche die Bewunderung der Nachbarlnder
erweckte. Leider wurde die vorherige Richtung und Breite der Straen zum
groen Theile beibehalten und da sie ursprnglich zu einer Zeit angelegt
waren, wo selbst die Prinzessinnen zu Pferde reisten, waren sie meist zu
schmal, damit Rderfuhrwerke einander bequem ausweichen konnten. Reiche
Leute konnten daher zu jener Zeit, wo sechsspnnige Equipagen ein
modischer Luxus waren, die City nicht gut bewohnen. Der Baustyl der
neuen Huser war brigens weit schner als der der niedergebrannten und
das gewhnliche Baumaterial waren Ziegelsteine von viel besserer
Qualitt, als die frher benutzten. An der Stelle der frheren
Pfarrkirchen hatten sich eine Menge neuer Kathedralen, Thrme und
Thrmchen erhoben, welche das fruchtbare Genie Wren's bekundeten.
berall, mit Ausnahme eines einzigen Punktes, waren die Spuren der
verheerenden Feuersbrunst vollstndig verschwunden, aber noch lange sah
man unzhlige Arbeiter, gigantische Gerste und Massen behauener Steine
an der Stelle, wo sich der stolzeste aller protestantischen Tempel
langsam aus den Trmmern der alten St. Paulskathedrale erhob.[80]

Seit jener Zeit hat sich der ganze Character der City durchaus
verndert. Gegenwrtig kommen die Bankiers, die Grohndler und die
vornehmsten Detailhndler an den sechs Werktagen der Woche jeden Morgen
dahin, um ihre Geschfte zu besorgen, aber sie wohnen in anderen Theilen
der Hauptstadt oder auf nahegelegenen Landsitzen mit schnen Parken und
Grten. Diese Umwlzung in den Privatgewohnheiten hat eine politische
Vernderung von nicht geringer Wichtigkeit hervorgebracht. Die reichen
Kaufleute hngen nicht mehr mit der Vorliebe, die Jedermann fr seine
Heimath empfindet, an der City und es knpfen sich keine huslichen
Zuneigungen und Annehmlichkeiten mehr an diesen Namen, denn der
husliche Herd, die Kinderstube, die gesellige Tafel und das trauliche
Bett befinden sich nicht mehr dort. Lombard Street und Threadneedle
Street sind weiter nichts mehr als Lokalitten zum Arbeiten und
Geldverdienen; um das erworbene Geld auszugeben und zu genieen geht man
anderswohin. Des Sonntags oder des Abends nach den Geschftsstunden sind
viele Hfe und Passagen, in denen es wenige Stunden zuvor von eiligen
Fen und ngstlichen Gesichtern wimmelte, still und einsam wie ein
Friedhof. Die Hupter des Handelsstandes sind nicht mehr Brger der
City; sie vermeiden und verachten fast die stdtischen Ehren und
Pflichten und berlassen dieselben Anderen, welche zwar ebenfalls ganz
ntzliche und achtbare Mnner sein mgen, aber doch nur selten den
frstlichen Handelshusern angehren, deren Firmen in der ganzen Welt
bekannt sind.

Im siebzehnten Jahrhunderte dagegen _wohnten_ die Kaufleute auch in der
City. Die noch vorhandenen Wohnhuser der ehemaligen reichen Brger sind
zu Comptoirs und Waarenmagazinen eingerichtet, aber man sieht es ihnen
noch heute an, da sie ursprnglich den Palsten des hohen Adels an
Schnheit und Pracht nicht nachstanden. Sie stehen zum Theil in
abgelegenen und dsteren Hfen und haben unbequeme Zugnge, aber ihr
Umfang ist bedeutend und ihr Aussehen majesttisch. Ihre Eingnge sind
mit reicher Bildhauerarbeit verziert, die Treppenhuser und Vorpltze
sind prchtig und die Fubden zuweilen auf franzsische Art
parquettirt. Der Palast Sir Robert Clayton's in der alten Judenstadt
enthielt einen prachtvollen Speisesaal mit Wandgetfel von Cedernholz
und mit Frescogemlden, welche die Kmpfe der Gtter und Titanen
darstellten.[81] Sir Dudley North verwendete viertausend Pfund, eine
Summe, welche damals fr einen Herzog schon bedeutend gewesen wre, auf
die reiche Ausschmckung seiner Wohnzimmer in Basinghall Street.[82] In
solchen Husern entfalteten noch unter den letzten Stuarts die Hupter
der groen Firmen eine auerordentliche Pracht und Gastfreundschaft,
und die strksten Bande des Interesses und des Herzens fesselten sie an
dieselben. Hier hatten sie ihre Jugend verlebt, ihre Freundschaften
geschlossen, ihre Gattinnen kennen gelernt und ihre Kinder heranwachsen
sehen; hier ruhten die irdischen berreste ihrer Eltern, an deren Seite
sie ebenfalls einst ruhen wollten. Unter solchen Verhltnissen mute
sich in hohem Mae der glhende Patriotismus entwickeln, welcher Denen
eigen ist, die auf einem engen Raume beisammenleben. London war dem
Londoner, was Athen zu den Zeiten des Perikles dem Athener, was Florenz
dem Florentiner des fnfzehnten Jahrhunderts war. Der Brger war stolz
auf die Gre seiner Stadt, legte hohen Werth auf die Wahrung ihres
Ansehens wie auf die Bekleidung von stdtischen Ehrenmtern und war
eiferschtig auf ihre Freiheiten.

Zu Ende der Regierung Karl's II. erfuhr der Stolz der Londoner eine
schmerzliche Demthigung. Ihr alter Freibrief war ihnen genommen und die
Magistratur neu organisirt worden. Alle stdtischen Beamten waren Tories
und die Whigs, obgleich an Zahl und Reichthum ihren Gegnern berlegen,
sahen sich von jedem Ehrenamte ausgeschlossen. Indessen hatte sich der
uere Glanz der stdtischen Verwaltung durch diesen Wechsel eher noch
vermehrt als vermindert. Unter der Herrschaft einiger Puritaner, welche
unlngst an der Spitze der Behrden gestanden, hatte der alte Ruf der
City hinsichtlich des heiteren Wohllebens in der That abgenommen, unter
dem neuen Magistrate aber, der einer lebenslustigeren Partei angehrte
und an dessen Tafel oft vornehme und angesehene Gste von jenseit Temple
Bar zu finden waren, wurden Guildhall und die Sle der groen
Gesellschaften oft durch glnzende Gastmhler belebt. Bei diesen
Banketten wurden Oden, die der gekrnte Dichter der Corporation zu Ehren
des Knigs, des Herzogs und des Mayors verfat hatte, unter
Musikbegleitung gesungen. Es wurde stark getrunken und laut gejubelt.
Ein toryistischer Beobachter, der oft an diesen Gelagen Theil genommen,
bemerkt, da die Sitte, nach ausgebrachten Toasten donnernde Hurrahs
erschallen zu lassen, sich aus jener frhlichen Zeit herschreibe.[83]

Der hchste stdtische Beamte entfaltete eine fast knigliche Pracht.
Der vergoldete Staatswagen, welcher jetzt alljhrlich von der gaffenden
Menge bewundert wird, existirte damals allerdings noch nicht, denn bei
feierlichen Gelegenheiten erschien der Lordmayor zu Pferde, begleitet
von einer zahlreichen Cavalcade, die an Pracht nur dem Gefolge
nachstand, das bei einer Krnung den Monarchen vom Tower nach
Westminster geleitete. Er zeigte sich ffentlich nie ohne seinen
prachtvollen Mantel, sein schwarzes Sammetbarett, seine goldene Kette,
seine Juwelen und ein groes Gefolge von Lufern und Garden.[84] Dieser
ihn bestndig umgebende Pomp hatte auch durchaus nichts Lcherliches in
den Augen der damaligen Zeitgenossen, denn er entsprach nur der
Stellung, welche dieser Mann als Reprsentant der Macht und Wrde der
Stadt London im Staate einnahm. Diese Stadt, welche damals im ganzen
Lande nicht ihres Gleichen, ja nicht einmal eine ihr nahekommende
Rivalin hatte, bte fnfundvierzig Jahre lang einen fast eben so groen
Einflu auf die Politik Englands aus, wie Paris in unseren Zeiten auf
die Politik Frankreichs. An Intelligenz war London allen brigen Theilen
des Knigreichs weit berlegen, und eine Regierung, welche die
Untersttzung und das Vertrauen der Hauptstadt besa, konnte in einem
Tage Geldmittel erlangen, zu deren Aufbringung in den brigen Theilen
der Insel viele Monate nthig gewesen wren. Auch die militairischen
Hlfsquellen der Hauptstadt waren nicht zu verachten. Die Gewalt, welche
in anderen Theilen des Landes die Lordleutnants ausbten, war in London
einer Commission von angesehenen Brgern anvertraut. Unter den Befehlen
dieser Commission standen zwlf Regimenter Infanterie und zwei
Regimenter Kavalerie. Allerdings wrde diese Armee von Handlungsdienern
und Schneidergesellen, deren Hauptleute Gemeinderthe und deren Obersten
Aldermen waren, gegen regulre Truppen nicht lange Stand gehalten haben,
aber es gab damals auch nur sehr wenig regulre Truppen im Lande. Daher
mute eine Stadt, die binnen einer Stunde zwanzigtausend von natrlichem
Muthe beseelte und leidlich bewaffnete Streiter, denen es keineswegs
ganz an militairischer Disciplin fehlte, ins Feld stellen konnte, eine
eben so werthvolle Bundesgenossin als furchtbare Feindin sein. Man hatte
noch nicht vergessen, da Hampden und Pym durch die Londoner Miliz gegen
gesetzwidrige Tyrannei vertheidigt worden, da in der kritischen Zeit
des Brgerkrieges die Londoner Miliz nach Gloucester marschirt war, um
die Belagerung dieser Stadt aufzuheben, noch da sie bei der Bewegung
gegen den Militairdespotismus, der auf den Sturz Richard Cromwell's
folgte, eine sehr bedeutende Rolle gespielt hatte. Man kann ohne
bertreibung behaupten, da KarlI. nie besiegt worden wre, wenn er die
City nicht gegen sich gehabt htte, und da KarlII. ohne den Beistand
der City schwerlich htte wiedereingesetzt werden knnen.

Aus diesen Verhltnissen lt es sich auch erklren, warum trotz des
Zuges, der seit einer langen Reihe von Jahren die Aristokratie allmlig
nach der weltlichen Seite Londons fhrte, einige wenige Mnner von hohem
Range bis auf die neueste Zeit in der Nachbarschaft der Brse und von
Guildhall wohnen blieben. Als Shaftesbury und Buckingham in heftiger und
rcksichtsloser Opposition gegen die Regierung verwickelt waren,
glaubten sie ihre Intriguen nirgends so sicher und bequem betreiben zu
knnen, wie unter dem Schutze der stdtischen Behrden und der Miliz.
Shaftesbury wohnte daher in Aldersgate Street, in einem Hause, das noch
jetzt an seinen Sulen und guirlandenartigen Verzierungen, dem
geschmackvollen Werke Inigo's, leicht zu erkennen ist. Buckingham hatte
seinen Palast unweit Charing Cro, die ehemalige Wohnung der Erzbischfe
von York, niederreien lassen und whrend an dieser Stelle neue Straen
und Gassen entstanden, welche noch jetzt seinen Namen fhren, zog er es
vor, in Dowgate zu wohnen.[85]

    [Anmerkung 80: Die ausfhrlichsten und glaubwrdigsten Aufschlsse
    ber den damaligen Zustand der Londoner Gebude findet man auf den
    Plnen und Zeichnungen im Britischen Museum und in der Pepys'schen
    Bibliothek. Die schlechte Beschaffenheit der Backsteine, aus denen
    die alten Huser von London bestehen, wird auch in den Reisen des
    Groherzogs Cosmus erwhnt. Einen Bericht ber den Bau der St.
    Paulskirche findet man in Ward's London Spy. Ich schme mich fast,
    derartige schlechte Literatur zu citiren, aber beim Forschen nach
    Materialien habe ich oft noch tiefer herabsteigen mssen, wenn
    dies berhaupt mglich ist.]

    [Anmerkung 81: +Evelyn's Diary, Sept. 20. 1672.+]

    [Anmerkung 82: +Roger North's Life of Sir Dudley North.+]

    [Anmerkung 83: +North's Examen.+ Dieser hchst unterhaltende
    Schriftsteller hat uns eine kleine Probe von dem poetischen
    Entzcken hinterlassen, dem sich die Pindare der City zuweilen
    hingaben:

      Zu dem verehrten Sir John Moore
      Blick' noch die Nachwelt stolz empor!]

    [Anmerkung 84: +Chamberlayne's State of England, 1684+; +Angliae
    Metropolis, 1690+; +Seymour's London, 1734.+]

    [Anmerkung 85: +North's Examen, 116. Wood, Ath. Ox. Shaftesbury.
    The Duke of Buckingham's Litany.+]


[_Der vornehme Theil der Hauptstadt._] Dies waren jedoch nur seltene
Ausnahmen. Fast alle hochadeligen Familien Englands hatten die Mauern
der City schon lngst verlassen. Der Stadttheil, in dem sich die
Mehrzahl ihrer Wohnhuser befand, liegt zwischen der City und den
Straen, welche gegenwrtig als die vornehmsten gelten. Nur wenige Groe
behielten ihre ererbten Palste zwischen dem Strand und dem Flusse inne.
Am gesuchtesten waren damals die stattlichen Wohnungen sdlich und
westlich von Lincoln's Inn Fields, die Piazza of Coventgarden,
Southampton Square, jetzt Bloomsbury Square genannt, und King's Square
in Soho Fields, der gegenwrtig Soho Square heit. Bloomsbury Square
wurde selbst fremden Frsten als eines der Wunder Englands gezeigt.[86]
Soho Square, der eben erst angelegt war, wurde von unseren Vorfahren mit
einem Stolze betrachtet, den ihre Nachkommen wohl schwerlich theilen
werden. So lange das Glck des Herzogs von Monmouth blhte, dessen
Palast sich auf der Sdseite erhob, hatte der Platz den Namen Monmouth
Square gefhrt. Die Faade dieses Palastes war zwar unschn, aber
imposant und reich verziert. Die Wnde der Prunkgemcher waren mit
Schnitzwerk in Frchten, Laubgewinden und Wappenfiguren geschmckt und
mit gesticktem Seidenstoffe ausgeschlagen.[87] Jetzt ist von dieser
Pracht nichts mehr vorhanden und man findet in diesem ehedem
aristokratischen Stadttheile nicht eine einzige aristokratische Wohnung
mehr. Etwas weiter nrdlich von Holborn, am Saume von Weiden und
Kornfeldern, standen zwei berhmte Palste, jeder mit einem groen
Garten. Der eine davon, zu jener Zeit Southampton House und spter
Bedford House genannt, ward vor etwa fnfzig Jahren niedergerissen, um
einem neuen Stadttheile Platz zu machen, der mit seinen Pltzen, Straen
und Kirchen eine groe Flche bedeckt, die im siebzehnten Jahrhundert
ihrer Pfirsichen und Schnepfen wegen berhmt war. Der andre, Montague
House, der sich durch seine Fresken und seine Mbeln auszeichnete,
brannte einige Monate nach dem Tode Karl's II. bis auf den Grund nieder,
wurde aber alsbald wieder durch ein neues und viel prchtigeres Montague
House ersetzt, das, nachdem es lange Zeit so mannichfaltige und kostbare
Schtze der Kunst, Wissenschaft und Literatur geborgen, wie sie
schwerlich je zuvor unter einem Dache vereinigt waren, unlngst einem
noch prachtvolleren Gebude Platz gemacht hat.[88]

Dem Hofe nher, auf einem Platze mit Namen St. James Fields, waren vor
Kurzem St. James' Square und Jermyn Street angelegt und zur
Bequemlichkeit der Bewohner dieses Stadttheils die St. Jameskirche
erffnet worden.[89] Golden Square, der in der nchstfolgenden
Generation von Lords und Staatsministern bewohnt wurde, war damals noch
nicht begonnen. berhaupt sah man im Norden von Piccadilly noch keine
anderen Wohnungen als einige alleinstehende, fast lndlich aussehende
Huser, von denen das berhmteste der von Clarendon erbaute kostspielige
Palast war, den man den Spottnamen Dunkirk House gegeben hatte. Nach dem
Sturze seines Erbauers war er vom Herzoge von Albemarle angekauft
worden. Das Hotel Clarendon und Albemarle Street erinnern noch an die
Lage des Platzes.

Wer sich damals in die Gegend verlief, welche jetzt den schnsten und
lebhaftesten Theil von Regent Street bildet, sah sich in einer Einde,
wo er vielleicht so glcklich war, eine Schnepfe schieen zu knnen.[90]
Weiter nrdlich zog sich die Strae nach Oxford zwischen Hecken hin.
Einige hundert Yards gegen Sden sah man die Gartenmauern einiger groen
Huser, die nicht mehr als zur Stadt gehrend betrachtet wurden. Auf der
Westseite befand sich eine Wiese, berhmt durch eine Quelle, welche
spter der Conduit Street (Wasserleitungsstrae) den Namen gab. stlich
war ein Feld, ber welches damals kein Londoner ohne Grauen gehen
kennte. An dieser von jeder menschlichen Wohnung entfernten Stelle war
zwanzig Jahre frher, zur Zeit der groen Pest, eine ungeheure Grube
angelegt worden, in welche die Leichenkarren allnchtlich Haufen von
Todten warfen. Das Volk war der Meinung, die Erde sei dadurch verpestet
und knne nicht ohne Gefahr fr das menschliche Leben wieder ausgegraben
werden. Erst nachdem zwei Generationen vorbergegangen waren, ohne da
die Pest zurckkehrte, und nachdem der unheimliche Platz schon auf allen
Seiten von Husern umgeben war, wagte man es endlich, ihn zu
bebauen.[91]

Wir wrden uns sehr irren, wenn wir glaubten, da irgend eine der
Straen oder einer der Pltze so ausgesehen habe wie jetzt. Die groe
Mehrzahl der Huser ist seitdem ganz oder theilweis neugebaut worden.
Die vornehmsten Stadttheile wrden, wenn sie uns jetzt in ihrer
damaligen Gestalt vor Augen trten, uns durch ihr schmutziges Aussehen
und durch ihre verdorbene Atmosphre abstoen. In Coventgarden wurde
ganz nahe bei den Wohnungen der Groen ein unsauberer und lrmender
Markt gehalten. Obstweiber riefen ihre Waare aus, Krrner schlugen sich
und Kohlstengel und verfaulte pfel lagen haufenweis vor den Hausthren
der Herzogin von Berkshire und des Bischofs von Durham.[92]

Der Mittelpunkt von Lincoln's Inn Fields war ein freier Platz, auf dem
sich jeden Abend der Pbel wenige Schritte von Cardigan House und
Winchester House versammelte, um die Reden von Marktschreiern anzuhren
und Brentnze oder Kmpfe zwischen Hunden und Stieren anzusehen. Eine
widerliche Unreinlichkeit herrschte auf dem ganzen Platze, Pferde wurden
daselbst zugeritten und das Bettelvolk war dort so lrmend und
zudringlich wie in den am schlechtesten verwalteten Stdten des
Continents. Die Bezeichnung Lincoln's-Inn-Bettler war sprichwrtlich.
Die ganze Sippschaft kannte das Wappen und die Livree jedes mildthtigen
Groen in der nchsten Umgebung und sobald die sechsspnnige Equipage
Seiner Herrlichkeit erschien, hinkten und krochen sie schaarenweis
herbei, um ihn durch ihr Gewinsel zu belstigen. Diese Unordnungen
whrten trotz vielfacher Unflle und jeweiligen gerichtlichen
Einschreitens so lange, bis unter der Regierung Georg's II. der
Staatsarchivar, Sir Joseph Jeckyll, mitten auf dem Platze zu Boden
geschlagen und fast ermordet wurde. Jetzt endlich wurde er eingezunt
und durch freundliche Gartenanlagen verschnert.[93]

St. James Square war der Sammelplatz fr allen Unrath, alle Asche und
alle todten Katzen und Hunde von Westminster. Eine Zeitlang gab ein
Stockkmpfer dort seine Vorstellungen; spter erbaute ein frecher Mensch
aus eigner Machtvollkommenheit einen Schuppen zur Aufbewahrung von
Lumpen und anderen Abgngen, unter den Fenstern der vergoldeten
Prunksle, in denen die ersten Magnaten des Reichs, die Norfolk, die
Ormond, die Kent und die Pembroke Gastmhler und Blle gaben. Erst
nachdem diese Unzutrglichkeiten ein ganzes Menschenalter gedauert
hatten und viel darber geschrieben worden war, wendeten sich die
Bewohner an das Parlament und erhielten die Erlaubni, den Platz
einzunen und einige Bume auf demselben pflanzen zu drfen.[94]

Wenn sich der von der vornehmsten Klasse der Gesellschaft bewohnte
Stadttheil in einem solchen Zustande befand, so lt sich leicht denken,
da die groe Masse der Bevlkerung Dinge ertragen mute, welche jetzt
fr unertrglich gehalten werden wrden. Das Straenpflaster war
abscheulich und alle Fremden schrieen Zeter darber; die Abzugskanle
waren so schlecht, da bei starkem Regen die Gossen zu reienden Strmen
wurden. Mehrere humoristische Dichter haben die Wuth besungen, mit der
sich diese schwarzen Strme Snow Hill und Ludgate Hill hinabwlzten,
um Fleet Ditch einen ansehnlichen Beitrag an animalischem und
vegetabilischem Unrath aus den Buden der Metzger und der Gemsehndler
zuzufhren. Durch die vorberfahrenden Wagen und Karren wurde dieses
schmutzige Wasser nach allen Seiten hin emporgesprtzt, so da jeder
Fugnger sich mglichst weit von dem Fahrwege zu entfernen, suchte.
Die Sanftmtigen und Schchternen gaben die Mauer frei, der sich die
Dreisteren und Strkeren bemchtigten; begegneten einander aber zwei
Starrkpfe, so drckten sie die Hte ins Gesicht und stieen sich so
lange herum, bis der Schwchere in den Rinnstein taumelte. War der
Besiegte ein Poltron, so zog er mit der Drohung, es werde sich schon
eine Gelegenheit finden, ab; war er dagegen rauflustig, so endete die
Geschichte zuweilen mit einem Zweikampfe hinter Montague House.[95]

Die Huser waren damals nicht nummerirt, was auch nur geringen Nutzen
gehabt haben wrde, da die groe Mehrzahl der Kutscher, Snftentrger,
Hausknechte und Laufburschen Londons nicht lesen konnte. Man mute sich
daher solcher Kennzeichen bedienen, die auch der Unwissendste verstand,
und zu dem Ende waren alle Lden mit gemalten Schildern versehen, welche
den Straen ein eben so freundliches als seltsames Ansehen gaben. Der
Weg von Charing Cro nach Whitechapel fhrte durch eine endlose Reihe
von Mohrenkpfen, Knigseichen, Blauen Bren und Goldenen Lmmern,
welche verschwanden, sobald sie dem gemeinen Volke nicht mehr als
Wegweiser dienen konnten.

Des Abends war eine Fuwanderung durch London in der That mit ernsten
Schwierigkeiten und selbst mit Gefahren verknpft. Die Fenster wurden
geffnet und allerhand Gefe ohne Rcksicht auf die Vorbergehenden
ausgeschttet. Flle, Quetschungen und Arm- oder Beinbrche kamen sehr
hufig vor, denn bis zum letzten Regierungsjahre Karl's II. lie man die
meisten Straen des Nachts in tiefster Finsterni. Diebe und
Straenruber konnten ungestraft ihr Handwerk ausben, doch waren diese
von den friedlichen Brgern kaum so gefrchtet, als eine andre Klasse
von Bsewichtern. Es war ein Lieblingsvergngen der bermthigen jungen
Herren, des Nachts durch die Stadt zu schwrmen und Fenster einzuwerfen,
Snften umzustrzen, ruhige Leute zu prgeln und hbsche Damen durch
rohe Zudringlichkeiten zu belstigen. Seit der Restauration hatten schon
mehrere Dynastien dieser Tyrannen die Straen beherrscht. Die Muns und
die Tityre Tus hatten den Hectors Platz gemacht und auf die
Hectors waren neuerdings die Scourers gefolgt. Spter kam der
Nicker, der Hawcubite und der noch weit mehr gefrchtete
Mohawk.[96]

    [Anmerkung 86: Reisen des Groherzogs Cosmus.]

    [Anmerkung 87: +Chamberlayne's State of England, 1684+; +Pennant's
    London+; +Smith's Life of Nollekens.+]

    [Anmerkung 88: +Evelyn's Diary, Oct. 10. 1683, Jan. 19.
    1685--86.+]

    [Anmerkung 89: +Stat. 1. Jac. I. c. 22.+ +Evelyn's Diary, Dec. 7.
    1684.+]

    [Anmerkung 90: Der alte General Oglethorpe, der 1785 starb,
    versicherte, das er dort zu den Zeiten der Knigin Anna Vgel
    geschossen habe. Siehe +Pennant's London+ und +Gentleman's
    Magazine, July 1785.+]

    [Anmerkung 91: Das Pestfeld ist noch auf Plnen angegeben, welche
    zu Ende der Regierung Georg's I. erschienen.]

    [Anmerkung 92: Man sehe einen hchst interessanten Plan von
    Coventgarden, der ums Jahr 1690 fr Smith's +History of
    Westminster+ gestochen wurde. Ferner auch Hogarth's Morgen,
    welcher zu der Zeit gemalt wurde, als die Huser der Piazza noch
    von vornehmen Leuten bewohnt waren.]

    [Anmerkung 93: +London Spy+; +Tom Brown's Comical View of London
    and Westminster+; +Turner's Propositions for the employing of the
    Poor, 1678+; +Daily Courant and Daily Journal+ vom 7. Juni 1733;
    +Case of Michael v. Allestree, 1676, 2Levinz p. 172.+ Michael war
    von zwei Pferden, welche Allestree auf Lincoln's Inn Fields
    einfuhr, niedergeworfen worden. Die Anklage lautete dahin, da der
    Angeklagte +porta deux chivals ungovernable en un coach, et
    improvide, incaute, et absque debita consideratione ineptitudinis
    loci la eux drive pour eux faire tractable et apt pur un coach,
    quels chivals, pur ceo que, per leur ferocite, ne poient estre
    rule, curre sur le plaintiff et le noie.+]

    [Anmerkung 94: +Stat. 12. Geo. I. c. 25+; +Commons' Journals,
    Febr. 25, March 2. 1725--26+; +London Gardener, 1712+; +Evening
    Post, March 23. 1731.+ Ich habe diese Nummer der Evening Post
    nicht erlangen knnen und fhre sie daher nur auf Verantwortung
    Malcolm's an, der sie in seiner +History of London+ erwhnt.]

    [Anmerkung 95: +Lettres sur les Anglois+, geschrieben whrend der
    ersten Regierungsjahre Wilhelm's III.; +Swift's City Shower+;
    +Gay's Trivia+. Johnson pflegte oft ein interessantes Gesprch zu
    erzhlen, das er in Bezug auf das Geben und Nehmen der Mauerseite
    mit seiner Mutter gehabt.]

    [Anmerkung 96: +Oldham's Imitation of the 3d Satire of Juvenal+,
    1682; +Shadwell's Scourers+, 1690. Wer die Volksliteratur dieser
    und der nchstfolgenden Generation kennt, dem werden leicht noch
    andere Autoritten beifallen. Man kann annehmen, da es einige
    Tityre Tus waren, die kurz nach der Restauration als chte
    Kavaliere Milton die Fenster einwarfen. Ich bin berzeugt, da
    der Dichter diese Qulgeister von London im Sinne hatte, als er
    die schnen Strophen niederschrieb:

      Und wenn in prcht'gen Stdten das Gerusch
      Des frechen bermuths emporsteigt zu
      Den hchsten Thrmen, wenn des Abends Schatten
      Sich auf die Straen senken, dann tobt Belial's Gezcht
      Vom Weine trunken lrmend hin und her.]


[_Die Londoner Polizei._] Die Maregeln zur Aufrechthaltung der Ruhe
waren hchst mangelhaft. Zwar gab es eine Verordnung des Gemeinderaths,
nach welcher mehr als tausend Nachtwchter fortwhrend von
Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang auf den Beinen sein und da jeder
Einwohner der Reihe nach diesen Dienst versehen sollte, allein diese
Verordnung wurde nur sehr lssig durchgefhrt. Wenige von Denen, welche
aufgefordert waren, verlieen das Haus und diese Wenigen fanden es meist
angenehmer, in den Bierhusern zuzubringen als durch die Straen zu
wandern.[97]

    [Anmerkung 97: +Seymour's London.+]


[_Beleuchtung von London._] Es mu bemerkt werden, da im letzten Jahre
der Regierung Karl's II. in dem Polizeiwesen der Hauptstadt eine
wichtige Vernderung eintrat, welche zum Wohle der Gesammtbevlkerung
vielleicht eben so viel beigetragen hat, als manche andre viel
berhmtere Umwlzung. Ein spekulativer Kopf, Namens Eduard Heming,
erhielt ein Patent, durch welches ihm auf eine bestimmte Anzahl Jahre
die Beleuchtung London's ausschlielich berlassen wurde. Gegen eine
mige Vergtung verpflichtete er sich in mondlosen Nchten von
Michaelis bis zum Tage Maria Verkndigung, Abends von sechs bis zwlf
Uhr an jeder zehnten Hausthr ein Licht anzubringen. Wer jetzt die
Hauptstadt das ganze Jahr hindurch von der Abend- bis zur
Morgendmmerung in einem Lichtmeere strahlen sieht, gegen welches die
festlichen Illuminationen wegen der Siege von La Hogue und Blenheim matt
erschienen sein wrden, der wird vielleicht bei dem Gedanken an Heming's
Laternen lcheln, die ungefhr den dritten Theil des Jahres whrend
einiger Stunden der Nacht vor jedem zehnten Hause einen schwachen
Lichtschein verbreiteten. Heming's Zeitgenossen waren andrer Meinung;
sein Plan fand enthusiastischen Beifall, erfuhr aber auf der andren
Seite auch die heftigsten Angriffe. Die Freunde des Fortschritts priesen
ihn als den grten Wohlthter seiner Vaterstadt. Was waren, fragten
sie, die vielgerhmten Erfindungen des Archimedes im Vergleich zu der
Verbesserung dieses Mannes, der die Schatten der Nacht in helles
Tageslicht verwandelt! Aber trotz dieser beredten Lobeserhebungen hatte
auch die Sache der Finsterni ihre Vertheidiger. Es gab zu jener Zeit
Schwachkpfe, die sich der Einfhrung dieses sogenannten neuen Lichtes
eben so hartnckig widersetzten, wie sich die Thoren unsrer Zeit der
Einfhrung der Kuhpockenimpfung und der Eisenbahnen und die Thoren der
grauen Vorzeit ohne Zweifel der Einfhrung des Pfluges und der
Buchstabenschrift widersetzt haben. Noch viele Jahre nach Ertheilung des
Patents an Heming gab es ganze Stadttheile, in denen keine Lampe zu
sehen war.[98]

    [Anmerkung 98: +Angliae Metropolis, 1690, Sect. 17+, unter der
    berschrift: +On the new lights+. -- +Seymour's London+.]


[_Whitefriars._] Man kann daraus leicht schlieen, in welchem Zustande
sich damals diejenigen Stadttheile London's befunden haben mgen, die
von dem Auswurfe der Gesellschaft bewohnt waren. Einer von diesen
Stadttheilen war ganz besonders berchtigt. An den Grenzen der City und
des Temple war im dreizehnten Jahrhunderte ein Kloster fr Karmeliter,
die sich durch ihre weien Kaputzen unterschieden, erbaut worden. Die
Rume dieses Klosters waren vor der Reformation eine Zufluchtssttte fr
Verbrecher gewesen und es besa noch immer das Privilegium, verfolgte
Schuldner vor der Verhaftung zu schtzen. Das ganze Kloster war daher
bestndig, vom Keller bis zum Dachboden, mit solchen Leuten angefllt,
von denen ein groer Theil Schurken und Wstlinge waren, die gewhnlich
noch verworfenere Weibspersonen mit in dieses Asyl brachten. Die
brgerliche Gewalt war nicht im Stande, in einem Stadtbezirke, der von
solchen Bewohnern wimmelte, Ordnung zu halten, und so wurde Whitefriars
der Lieblingsaufenthalt aller Derjenigen, die sich von dem lstigen
Zwange des Gesetzes befreien wollten. Obgleich sich die dem Kloster
gesetzlich zustehenden Vorrechte nur auf Schuldverhltnisse erstreckten,
so fanden doch auch Betrger, falsche Zeugen, Flscher und Ruber
daselbst bereitwillige Aufnahme. Unter einem so verzweifelten Gesindel
war ein ffentlicher Beamter seines Lebens nicht sicher. Auf den Ruf zu
Hlfe! strmten Raufbolde mit Schwertern und Knitteln und kampflustige
Weiber mit Bratspieen und Besenstielen zu Hunderten herbei, und der
unberufene Eindringling konnte noch von Glck sagen, wenn er ohne
Kleider und am ganzen Krper zerschlagen die Strae wieder erreichte.
Selbst ein Verhaftbefehl von Seiten des Oberrichters von England konnte
nicht ohne den Beistand einer Compagnie Soldaten vollzogen werden.
Solche berreste von dem Barbarismus des rohesten Zeitalters fanden sich
in geringer Entfernung von den Zimmern, in denen Somers Geschichte und
Rechtswissenschaft studirte, von der Kirche, in welcher Tillotson
predigte, von dem Kaffeehause, wo Dryden ber Poesie und Theater sein
Urtheil abgab, und von dem Saale, in welchem die Knigliche Societt das
Sternensystem Isaak Newton's prfte.[99]

    [Anmerkung 99: +Stowe's Survey of London+; +Shadwell's squire of
    Alsatia+; +Ward's London Spy+; +Stat. 8. and 9 Gul. III. cap.
    27.+]


[_Der Hof._] Jede der beiden Stdte, welche zusammen die Hauptstadt
England's bildeten, hatte ihren besonderen Mittelpunkt, der seine
Anziehungskraft ausbte. In der Hauptstadt des Handels war dieser
Centralpunkt die Brse, in der Hauptstadt der vornehmen Welt der
knigliche Palast. Letzterer behauptete jedoch seinen Einflu nicht so
lange als die Brse. Die Revolution fhrte eine vollstndige Vernderung
des Verhltnisses zwischen dem Hofe und den hheren Klassen der
Gesellschaft herbei. Man kam nach und nach dahinter, da der Knig fr
seine Person sehr wenig zu vergeben hatte, da Adelsdiplome und Orden,
Bisthmer und Gesandtschaften, Schatz- und Zahlmeisterposten in der
Schatzkammer, ja selbst Stallmeister- und Kammerherrnstellen eigentlich
nicht von ihm, sondern von seinen Rthen vergeben wurden. Jeder
Ehrgeizige und Habschtige sah ein, da er weit besser fr seinen
Vortheil sorge, wenn er die Herrschaft in einem Flecken von Cornwall
erlangte und dem Ministerium in einer kritischen Parlamentssession gute
Dienste leistete, als wenn er der Gesellschaft und selbst der Gnstling
seines Frsten wurde. Die Menge der Stellenjger war daher alltglich
nicht in den Vorzimmern Georg's I. und Georg's II., sondern in denen
Walpole's und Pelham's zu finden. Auch mu bemerkt werden, da die
nmliche Revolution, die es unseren Knigen unmglich machte, das ihnen
zustehende Patronatsrecht im Staate lediglich zur Befriedigung ihrer
persnlichen Neigungen auszuben, uns mehrere Knige gab, die in Folge
ihrer Erziehung und ihrer Gewohnheiten unfhig waren, freundliche und
angenehme Wirthe zu sein. Sie waren auf dem Continent geboren und
erzogen und fhlten sich nie recht heimisch auf unsrer Insel. Wenn sie
unsre Sprache berhaupt sprachen, so sprachen sie sie doch ohne Eleganz
und nur mit Anstrengung, verstanden unsren Nationalcharacter nie
vollkommen und versuchten es kaum, sich unsere Nationalsitten
anzueignen. Zwar erfllten sie den wichtigsten Theil ihrer Pflicht
besser als irgend einer ihrer Vorgnger, denn sie regierten streng den
Gesetzen gem, aber nie konnten sie die ersten _Gentlemen_ des Reichs,
die Oberhupter der gebildeten Gesellschaft werden. Wenn sie einmal den
Zwang der Etikette abwarfen, so geschah es nur in einem sehr kleinen
Kreise, in welchem kaum ein englisches Gesicht zu erblicken war und sie
fhlten sich nie glcklicher, als wenn sie auf einen Sommer in ihr
Geburtsland entfliehen konnten. Sie empfingen zwar an bestimmten Tagen
unsren Adel und unsre Gentry, aber dieser Empfang war eine bloe
Formalitt und wurde zuletzt so feierlich wie ein Leichenbegngni.

Anders war es am Hofe Karl's II. Whitehall war whrend seines
Aufenthalts daselbst der Brennpunkt der politischen Intriguen und der
vornehmen Vergngungen. Die Hlfte aller Rnke und Umtriebe der ganzen
Hauptstadt wurde unter seinem Dache gesponnen. Wer es verstand, sich die
Gunst des Frsten oder seiner Maitresse zu erwerben, der durfte hoffen,
sich emporzuschwingen, ohne der Regierung Dienste geleistet zu haben,
ja ohne einem Minister nur von Ansehen bekannt zu sein. Dieser erlangte
eine Fregatte, Jener eine Compagnie, ein Dritter die Begnadigung eines
reichen Verbrechers, ein Vierter die Pachtung von Kronlndereien unter
billigen Bedingungen. Sprach der Knig den Wunsch aus, da ein
unbeschftigter Advokat zum Richter, oder ein ausschweifender Baronet
zum Peer ernannt werden mochte, so fgten sich auch die ernstesten Rthe
der Krone nach schchterner Einsprache.[100] Das Interesse fhrte daher
bestndig eine Menge Bittsteller an die Thore des Palastes und diese
waren stets geffnet. Der Knig hielt jeden Tag vom Morgen bis zum Abend
offenes Haus fr die gute Gesellschaft von London, mit alleiniger
Ausnahme der heftigsten Whigs. Einem Gentlemen wurde es fast niemals
schwer, zu der Person des Knigs zu gelangen. Das Lever war ein solches
im wahren Sinne des Worts, denn jeden Morgen fanden sich einige
hochstehende Mnner ein, um ihrem Gebieter Gesellschaft zu leisten und
ihn zu unterhalten, whrend er sich ankleiden lie, und ihn dann auf
seinem Morgenspaziergange durch den Park zu begleiten. Jeder der bei
Hofe gehrig vorgestellt war, konnte ohne besondere Einladung in den
Palast kommen, um den Knig speisen, tanzen oder spielen zu sehen, und
konnte das Vergngen haben, ihm hchst interessante und unterhaltende
Geschichten von seiner Flucht aus Worcester und von den Leiden, die er
als Staatsgefangener in den Hnden der frmmelnden und anmaenden
Priester Schottland's hatte ertragen mssen, erzhlen zu hren.
Anwesende, die Seine Majestt erkannte, wurden oft mit einem
freundlichen Worte beglckt. Dieses Verfahren erwies sich als weit
nutzbringender fr den Knig als das seines Vaters oder seines
Grovaters. Auch der starrste Republikaner aus Marvel's Schule konnte
dem Zauber einer solchen Freundlichkeit und Herablassung nicht leicht
widerstehen, und mancher alte Veteran, in dessen Herzen der Gedanke an
unvergoltene Opfer und Dienste zwanzig Jahre lang bitteren Groll gehuft
hatte, fhlte sich fr Wunden und Vermgensconfiscation durch den
freundlichen Blick seines Souverains und durch ein Gott gr' Euch,
alter Freund! in einem Augenblicke entschdigt.

So wurde Whitehall ganz natrlich die Hauptquelle aller Neuigkeiten.
Wenn sich das Gercht verbreitete, da irgend etwas Wichtiges geschehen
sei oder geschehen werde, so strmte alsbald das Volk dahin, um aus der
ersten Hand Nachricht zu erhalten. Die Corridors hatten dann das
Aussehen eines modernen Clubzimmers in bewegter Zeit. Sie waren
angefllt mit Leuten, die sich erkundigten, ob die hollndische Post
eingetroffen sei, welche Nachrichten der Expresse aus Frankreich
gebracht, ob Johann Sobiesky die Trken geschlagen habe oder ob der Doge
von Genua wirklich in Paris sei. Dies waren Dinge, von denen man
ungescheut sprechen durfte, allein es gab auch andere, ber die man nur
leise Erkundigungen einzog und Auskunft gab. War Rochester durch Halifax
verdrngt? Sollte das Parlament einberufen werden? Ging der Herzog von
York wirklich nach Schottland? War Monmouth wirklich aus dem Haag
zurckberufen wurden? Man versuchte es in den Mienen des Ministers zu
lesen, der sich eben durch das Gewhl drngte, um in das knigliche
Kabinet zu gehen, oder aus demselben zurckkehrte. Aus dem Tone, in
welchem Seine Majestt mit dem Lord Prsidenten gesprochen, oder
aus dem Lcheln, mit dem Seine Majestt einen Scherz des Lord
Geheimsiegelbewahrers beehrt hatte, wurden allerhand Schlsse gezogen,
und binnen wenigen Stunden hatten sich die aus solchen geringfgigen
Anzeichen geschpften Hoffnungen oder Befrchtungen durch alle
Kaffeehuser vom St. Jamespalast bis zum Tower verbreitet.[101]

    [Anmerkung 100: Siehe Sir Roger North's +Account of the way in
    which Wright was made a judge+, und Clarendon's +Account of the
    way in which Sir George Savile was made a peer.+]

    [Anmerkung 101: Die Quellen, denen ich meine Mittheilungen ber
    den Hof entlehnt habe, sind zu zahlreich, als da ich sie alle
    hier anfhren knnte. Unter anderen sind es die Depeschen von
    Barillon, Citters, Ronquillo und Adda, die Reisen des Groherzogs
    Cosmus, die Tagebcher von Pepys, Evelyn und Teonge und die
    Memoiren von Grammont und Reresby.]


[_Die Kaffeehuser._] Das Kaffeehaus darf nicht blo oberflchlich
berhrt werden, denn es htte damals nicht mit Unrecht eine hchst
wichtige politische Institution genannt werden knnen. Seit Jahren war
kein Parlament versammelt gewesen; der Gemeinderath der City war nicht
mehr der Reprsentant der Gesinnung der Brger; Volksversammlungen,
Reden, Beschlsse und das ganze brige neuere Getriebe der Agitation war
noch nicht angekommen, es gab noch kein Zeitungswesen, das dem unsrigen
hnelte. Unter solchen Umstnden waren die Kaffeehuser die Hauptorgane,
durch welche sich die ffentliche Meinung der Hauptstadt uerte.

Das erste derartige Etablissement war zur Zeit der Republik von einem
mit der Trkei Handel treibenden Kaufmanne errichtet worden, der bei den
Muhamedanern Geschmack an ihrem Lieblingsgetrnk gefunden hatte. Die
Annehmlichkeit, in allen Theilen der Stadt Zusammenkunftsorte zu haben
und die Abende sehr wohlfeil in Gesellschaft zubringen zu knnen, war so
gro, da sich die Mode rasch verbreitete. Jeder Mann aus den hheren
und mittleren Stnden ging tglich in sein Kaffeehaus, um Neuigkeiten zu
erfahren und darber zu sprechen, und jedes Kaffeehaus hatte einen oder
mehrere Wortfhrer, deren Reden der groe Haufe mit Bewunderung anhrte
und welche bald das wurden, als was man auch die Journalisten unsrer
Zeit bezeichnet hat: ein vierter Stand des Reichs. Der Hof hatte das
Erstehen dieser neuen Macht im Staate schon lngst mit miliebigem Auge
betrachtet und es war auch unter Danby's Verwaltung ein Versuch gemacht
worden, die Kaffeehuser zu schlieen; aber Mnner aller Parteien
vermiten ihre gewohnten Versammlungsorte so schmerzlich, da ein
allgemeines Wehgeschrei ertnte. Die Regierung wagte es daher nicht,
so allgemein und entschieden ausgesprochenen Wnschen entgegen eine
Verordnung durchzufhren, deren Gesetzmigkeit wohl in Zweifel gezogen
werden konnte. Seitdem waren zehn Jahre vergangen und whrend dieses
Zeitraums hatte sich die Zahl und der Einflu der Kaffeehuser bestndig
vermehrt. Fremde machten die Bemerkung, da das Kaffeehaus das sei,
wodurch sich London wesentlich von allen anderen Stdten unterscheide,
da es die eigentliche Heimath des Londoners sei und da Derjenige, der
einen Gentleman aufsuchen wolle, nicht danach zu fragen pflege, ob er in
Fleet Street oder in Chancery Lane wohne, sondern ob er den Griechen
oder den Regenbogen besuche. Niemand war von diesen Lokalen
ausgeschlossen, der seinen Penny bezahlte. Indessen hatte jeder Rang und
Stand und jede religise und politische Farbe ihr besondres
Hauptquartier. In der Nhe von St. James Park waren Kaffeehuser, in
denen sich Stutzer versammelten, deren Kopf und Schultern mit schwarzen
oder weien Perrcken von nicht geringerem Umfange bedeckt waren, wie
sie jetzt der Kanzler und der Sprecher des Hauses der Gemeinen tragen.
Die Perrcke stammte aus Paris, eben so auch der brige Staat des feinen
Herrn: der gestickte Frack, die mit Fransen besetzten Handschuhe und die
Troddelschnur, die das Beinkleid ber den Hften festhielt. Dort wurde
in dem Dialecte gesprochen, der noch lange, nachdem er in den vornehmen
Kreisen aus der Mode gekommen war, im Munde Lord Foppington's die
Lachlust des Theaterpublikums reizte.[102] Die Atmosphre hatte
hnlichkeit mit der eines Parfmerieladens und der Tabak war in jeder
andren Form als in der eines lieblich duftenden Schnupftabaks streng
verpnt. Fiel es einem mit den Sitten bei Hauses noch Unbekannten etwa
ein, eine Pfeife zu verlangen, so belehrten ihn das hhnische Lcheln
der Anwesenden und die kurzen Antworten der Kellner sehr bald, da er
besser thun wrde, anderswohin zugehen. Er hatte auch nicht weit zu
gehen, denn in den meisten Kaffeehusern wurde geraucht wie in einer
Wachstube und Fremde wunderten sich zuweilen darber, da so viele Leute
ihre Wohnung verlieen, um bestndig in einem solchen Nebel und Gestank
zu sitzen. Am strksten wurde in Will's Kaffeehause geraucht. Dieses
berhmte Haus, das zwischen Coventgarden und Bow Street lag, war den
schnen Wissenschaften geweiht. Die Hauptgegenstnde der Unterhaltung
waren dort die poetische Gerechtigkeit und die Einheit von Raum und
Zeit; es gab eine Faction fr Perrault und die Neueren, eine andere fr
Boileau und die Alten. Die eine Gruppe diskutirte darber, ob das
Verlorene Paradies nicht htte in Reimen geschrieben werden sollen,
einer andern bewies ein mignstiges Poetlein, da das Gerettete
Venedig im Theater htte ausgezischt werden sollen. Nirgends konnte man
unter einem Dache eine grere Mannichfaltigkeit von Gestalten sehen:
Earls mit Sternen und Ordensbndern, Geistliche in ihren Priesterrcken,
naseweise Templer, schchterne Knaben von den Universitten, bersetzer
und Indexmacher in zerrissenen Flausrcken. Das rgste Gedrnge war
immer in der Nhe des Platzes, auf dem John Dryden sa. Im Winter war
dieser Platz im wrmsten Winkel unweit des Kamins, im Sommer auf dem
Balcon. Ihn zu begren und seine Meinung ber Racine's neuestes
Trauerspiel oder ber Bossu's Werk ber die epische Dichtkunst zu hren,
galt fr ein Glck. Eine Prise aus seiner Dose war eine Ehre, die einem
jungen Enthusiasten den Kopf verrcken konnte. Es gab ferner
Kaffeehuser, in denen man die angesehensten rzte consultiren konnte.
Der Doctor John Radcliffe, der im Jahre 1685 von allen Londoner rzten
die ausgedehnteste Praxis besa, kam tglich um die Zeit, wo es an der
Brse am lebhaftesten war, aus seiner Wohnung in Bow Street, damals
einem eleganten Stadttheile von London, in Garraway's Kaffeehaus, wo man
ihn regelmig, von Wundrzten und Apothekern umgeben, an einem
besonderen Tische fand. Auch gab es puritanische Kaffeehuser, in denen
man keinen Schwur hrte, und wo glattkpfige Mnner in nselndem Tone
von Gnadenwohl und Verdammni sprachen; ferner jdische Kaffeehuser, wo
sich schwarzugige Geldwechsler aus Venedig und Amsterdam versammelten,
und endlich papistische, in denen, wie die guten Protestanten glaubten,
Jesuiten bei der Kaffeetasse ber den Plan zu einem neuen groen Brande
brteten und silberne Kugeln gossen, um damit den Knig zu
erschieen.[103]

Diese geselligen Gewohnheiten bildeten einen characteristischen Zug des
Londoners der damaligen Zeit. Er war in der That ein von dem englischen
Provinzbewohner ganz verschiedenes Wesen, und es bestand damals zwischen
diesen beiden Klassen noch nicht der Verkehr, wie gegenwrtig. Nur sehr
vornehme und reiche Leute pflegten ihren Aufenthalt zwischen Stadt und
Land zu theilen. Wenige Landedelleute kamen in ihrem Leben dreimal nach
London, und ebensowenig war es damals Mode, da die wohlhabenderen
Bewohner der Hauptstadt im Sommer einige Wochen lang die frische
Landluft einathmeten. Das Londoner Stadtkind wurde auf dem Dorfe
angestaunt, als ob es sich in ein Hottentotten-Kraal verlaufen htte.
Wenn auf der andren Seite ein Gutsbesitzer aus Lincolnshire oder
Shropshire in Fleet Street erschien, so wurde er von den Stadtbewohnern
eben so leicht unterschieden, wie ein Trke oder ein Lascar. Seine
Kleidung, sein Gang, seine Sprache, die Art und Weise, wie er die Lden
anstaunte, in die Rinnsteine stolperte, gegen die Lasttrger anrannte
und unter den Dachtraufen stehen blieb, machte ihn zu einem willkommenen
Schlachtopfer fr Gauner und zu einer trefflichen Zielscheibe fr
muthwillige Spavgel. Raufbolde stieen ihn absichtlich in die Gosse,
Miethkutscher bespritzten ihn vom Kopf bis zu den Fen, und wenn er mit
bewunderndem Entzcken den Lord Mayor mit seinem glnzenden Gefolge
vorberziehen sah, untersuchten gewandte Diebe mit alter Bequemlichkeit
die weiten Taschen seines Reitrockes. Verschmitzte Gauner, noch wund von
der Peitsche des Zuchtmeisters, knpften ein Gesprch mit ihm an und
dnkten ihm die liebenswrdigsten und rechtschaffensten Mnner, die er
jemals kennen gelernt. Geschminkte Dirnen, der Auswurf von Lewkner Lane
und Whetstone Park, gab sich ihm gegenber fr Grfinnen und
Hoffruleins aus. Wenn er sich nach dem Wege nach St. James erkundigte,
schickte man ihn nach Mile End. Trat er in einen Laden, so erkannte man
in ihm sogleich einen Kufer fr solche Waaren, die kein Mensch sonst
haben mochte, und man hing ihm verlegene Stickereien, kupferne Ringe und
Uhren auf, die nicht gehen wollten. Lie er sich in einem eleganten
Kaffeehause blicken, so wurde er alsbald die Zielscheibe des
rcksichtslosen Spottes der Stutzer und ernsterer Neckereien von Seiten
der Studenten. Voll rger und Verdru kehrte er sehr bald auf sein
Landgut zurck und fand in der Ehrerbietung seiner Pchter und in der
Unterhaltung mit seinen heiteren Genossen Trost fr die erlittenen
Demthigungen und Krnkungen. Hier fhlte er sich wieder als Mann von
Gewicht und erblickte Niemanden ber sich, ausgenommen, wenn er bei den
Assisen seinen Platz neben dem Richter einnahm oder wenn er bei der
Musterung der Miliz den Lordlieutenant begrte.

    [Anmerkung 102: Die Haupteigenthmlichkeit dieses Dialectes
    bestand darin, da in einer Menge von Wrtern das +o+ wie +a+
    ausgeprochen wurde. So wurde z.B. +stork+ (Storch) +stark+
    ausgesprochen. Siehe +Vanbrugh's Relapse.+ Lord Sunderland war ein
    groer Meister in dieser Hofsprache, wie Roger North sie nennt,
    und Titus Oates affectirte dieselbe, in der Hoffnung, fr einen
    eleganten Gentleman gehalten zu werden. +Examen, 77, 254.+]

    [Anmerkung 103: +Letters sur les Anglois+; +Tom Brown's Tour+;
    +Ward's London Spy+; +The Character of a Coffee-House, 1673+;
    +Rules and Orders of the Coffee-House, 1674+; +Coffee-Houses
    vindicated, 1675+; +A Satyr against Coffee+; +North's Examen,
    138+; +Life of Guildford, 152+; +Life of Sir Dudley North, 149+;
    +Life of Dr. Radcliffe, published by Curll, 1715.+ Die
    unterhaltendste Beschreibung von Will's Kaffeehause befindet sich
    in +The City and County Mouse+. Eine interessante Stelle ber den
    Einflu der Kaffeehausredner kommt auch in +Halstead's Succinct
    Genealogies, 1685+, vor.]


[_Schwierigkeiten des Reisens._] Ein Haupthinderni fr die
Verschmelzung der verschiedenen Elemente der Gesellschaft war die groe
Schwierigkeit, die es unseren Vorfahren machte, wenn sie sich an einen
andren Ort begeben wollten. Mit alleiniger Ausnahme des Alphabets und
der Buchdruckerkunst haben diejenigen Erfindungen, welche die Entfernung
abkrzten, zur Civilisation unsres Geschlechts am meisten beigetragen.
Jede Vervollkommnung der Communicationsmittel bringt der Menschheit
sowohl in materieller, als auch in moralischer und intellectueller
Hinsicht Nutzen und erleichtert nicht nur den Austausch der
verschiedenen Natur- und Kunstproducte, sondern trgt auch zur
Beseitigung nationaler und provinzieller Vorurtheile und zur engeren
Verbindung aller Zweige der groen menschlichen Familie bei. Im
siebzehnten Jahrhundert waren die Bewohner von London zu fast jedem
praktischen Zwecke von Reading weiter entfernt, als heutzutage von
Edinburg, und von Edinburg weiter als jetzt von Wien.

Den Unterthanen Karl's II. war brigens die Kraft, die in unseren Tagen
eine beispiellose Umwlzung in allen menschlichen Dingen hervorgebracht,
welche Flotten in den Stand gesetzt hat gegen Wind und Fluth zu steuern,
und Bataillone, mit Gepck und Geschtzen ganze Reiche mit der
Geschwindigkeit des besten Renners zu durcheilen, nicht mehr ganz
unbekannt. Der Marquis von Worcester hatte unlngst die Expansivkraft
des durch Hitze verdnnten Wassers erkannt, und nach vielen Versuchen
war es ihm gelungen, eine rohe Dampfmaschine zu construiren, die er
Feuerwasserwerk nannte und als eine bewunderungswrdige
Fortbewegungsmaschine von auerordentlicher Kraft bezeichnete.[104] Aber
man hielt den Marquis fr wahnsinnig und berdies war er als Papist
bekannt. Seine Erfindungen fanden daher keine gnstige Aufnahme; sein
Feuerwasserwerk gab vielleicht Stoff zu einem Vortrage in der
Kniglichen Societt, aber zu einem praktischen Zwecke wurde es nicht
angewendet. Schienenwege gab es damals noch nicht, einige hlzerne
ausgenommen, von den Kohlengruben in Northumberland bis an die Ufer des
Tyne.[105] Die inneren Wasserverbindungen waren ebenfalls noch sehr
sprlich; zwar hatte man einige Versuche gemacht, die Flsse zu
vertiefen und zu dmmen, aber mit sehr geringem Erfolge. Kaum ein
einziger schiffbarer Kanal war nur projectirt. Die damaligen Englnder
sprachen mit einer neidischen Bewunderung von dem groen Kanale, durch
welchen Ludwig XIV. den Atlantischen Ocean mit dem Mittellndischen
Meere verbunden hatte. Sie ahneten nicht, da ihr ganzes Land einige
Generationen spter auf Kosten von Privatunternehmern von knstlichen
Strmen durchschnitten sein wrde, welche viermal so lang sind als die
Themse, der Severn und der Trent zusammengenommen.

    [Anmerkung 104: +Century of Inventions, 1663, No. 68.+]

    [Anmerkung 105: +North's Life of Guildford, 136.+]


[_Schlechter Zustand der Landstraen._] Die Reisenden und Waaren wurden
meist auf den Landstraen von Ort zu Ort geschafft und diese befanden
sich in einem viel schlechteren Zustande, als man es bei dem Grade von
Reichthum und Civilisation, den die Nation schon damals erreicht, htte
erwarten sollen. Die besten Verbindungswege hatten tiefe Geleise, steile
Abhnge und waren im Dunkeln kaum von den zu beiden Seiten befindlichen
Haiden und Smpfen zu unterscheiden. Der Alterthumsforscher Ralph
Thoresby war in Gefahr, sich auf der groen Nordstrae zwischen Barnby
Moor und Tuxford zu verirren und verirrte sich wirklich zwischen
Doncaster und York.[106] Pepys und seine Gattin, welche mit eigner
Equipage reisten, verirrten sich zwischen Newbury und Reading; auf der
nmlichen Reise verirrten sie sich noch einmal in der Nhe von
Salisbury, wo sie die Nacht fast htten auf freiem Felde zubringen
mssen.[107] Nur bei gutem Wetter konnte die Strae in ihrer ganzen
Breite von Rderfuhrwerk benutzt werden. Oft lag tiefer Koth zu beiden
Seiten und nur ein schmaler Streifen festen Bodens zog sich zwischen dem
Moraste hin.[108] Zu solchen Zeiten gab es hufigen Aufenthalt und
Streit, denn die Strae war zuweilen lange von Fuhrleuten versperrt, die
einander nicht ausweichen wollten. Es kam fast tglich vor, da Kutschen
stecken blieben, bis ein Ochsenvorspann aus dem nchsten Dorfe
herbeigeschafft werden konnte, um sie aus dem Schlamme zu ziehen. In der
schlechten Jahreszeit aber hatte der Reisende mit noch viel greren
Widerwrtigkeiten zu kmpfen. Thoresby, der oft von Leeds nach der
Hauptstadt und zurck reisen mute, hat in seinem Tagebuche eine Reihe
von Gefahren und Unfllen aufgezeichnet, die fr eine Reise nach dem
Eismeere oder durch die Wste Sahara vollkommen genug sein wrden.
Einmal erfuhr er, da zwischen Ware und London die Flsse ausgetreten
waren, da Reisende sich nur durch Schwimmen gerettet hatten und da ein
Hausirer, der dies, auch hatte versuchen wollen, ums Leben gekommen war.
In Folge dieser Nachrichten lenkte er von der Heerstrae ab und ritt
ber einige Wiesen, wo ihm das Wasser bis an den Sattel ging.[109] Auf
einer andren Reise entging er mit knapper Noth der Gefahr, von einer
berschwemmung des Trent hinweggesplt zu werden. Spter einmal mute er
des schlechten Zustandes der Strae wegen vier Tage in Stamford liegen
bleiben und wagte dann die Weiterreise nur in Gesellschaft von vierzehn
Mitgliedern des Hauses der Gemeinen, welche mit Fhrern und einem
zahlreichen Gefolge nach London zum Parlament reisten.[110] Auf den
Straen von Derbyshire waren die Reisenden in steter Gefahr, den Hals zu
brechen und muten oft absteigen und ihre Pferde fhren.[111] Die
Hauptstrae durch Wales nach Holyhead war in einem solchen Zustande, da
im Jahre 1685 ein Viceknig, der sich nach Irland begab, fnf Stunden
brauchte, um den vierzehn Meilen langen Weg von St. Asaph nach Conway
zurckzulegen. Zwischen Conway und Beaumaris mute er eine groe Strecke
zu Fu gehen und seine Gemahlin in einer Snfte tragen lassen. Sein
Wagen konnte ihm nur mit Beihlfe vieler Hnde in unverndertem Zustande
nachgeschickt werden. In der Regel wurden die Wagen in Conway
auseinandergenommen und von krftigen waleser Landleuten bis ans Ufer
der Menaistrae getragen.[112] In einigen Theilen von Kent und Sussex
konnten im Winter nur die strksten Pferde durch den Schlamm kommen,
in den sie bei jedem Schritte versanken. Die Mrkte muten deshalb oft
mehrere Monate ausgesetzt werden. Es wird erzhlt, da die Feldfrchte
zuweilen an einem Orte unbenutzt verfaulten, whrend an einem wenige
Meilen davon entfernten Orte der Vorrath bei weitem nicht dem Bedarf
entsprach. Die Rderfuhrwerke wurden in dieser Gegend meist von Ochsen
gezogen.[113] Als der Prinz Georg von Dnemark bei nassem Wetter das
prchtige Schlo Petworth besuchte, brauchte er sechs Stunden zu neun
Meilen Wegs und mehrere krftige Mnner muten zu beiden Seiten des
Wagens gehen, um denselben zu sttzen. Von den Wagen seines Gefolges
wurden mehrere umgeworfen und beschdigt. Es existirt noch ein Brief von
einem seiner Kammerdiener, worin der gute Mann sich beklagt, da er in
vierzehn Stunden nicht ein einziges Mal ausgestiegen sei, auer wenn
sein Wagen umwarf oder im Kothe stecken blieb.[114]

Eine Hauptursache der schlechten Beschaffenheit der Heerstraen scheint
die Mangelhaftigkeit der Gesetze gewesen zu sein. Jedes Kirchspiel war
verpflichtet, die durch sein Gebiet fhrende Chaussee in Stand zu
halten. Zu dem Ende mute jeder Landmann sechs Tage im Jahre
unentgeltlich daran arbeiten, und gengte dies nicht, so wurden Arbeiter
gemiethet und die Kosten durch freiwillige Beitrge aufgebracht. Da
eine Heerstrae, welche zwei groe Stdte verbindet, die einen lebhaften
und eintrglichen Handel mit einander treiben, auf Kosten der zwischen
ihnen zerstreuten lndlichen Bevlkerung unterhalten werden soll, ist
offenbar unbillig, und diese Unbilligkeit war namentlich bei der groen
Nordstrae in die Augen fallend, indem dieselbe durch sehr arme und dnn
bevlkerte Districte fhrte, aber sehr wohlhabende und volkreiche mit
einander verband. Es liegt wohl klar am Tage, da man den Gemeinden von
Huntingdonshire nicht zumuthen konnte, eine Strae in Stand zu halten,
welche durch den lebhaften Handelsverkehr zwischen dem Westen von
Yorkshire und London arg zugerichtet wurde. Bald nach der Restauration
erregte dieser belstand die Aufmerksamkeit des Parlaments und es wurde
eine Verordnung, das erste unserer zahlreichen Chausseegesetze,
erlassen, durch welche den Reisenden und Gtern eine kleine Abgabe als
Beitrag zu den Unterhaltungskosten dieser wichtigen Verbindungslinie
auferlegt ward.[115] Diese Neuerung erregte jedoch heftiges Murren und
die brigen groen Zugnge nach der Hauptstadt blieben daher noch lange
unter dem alten Systeme, bis endlich, nicht ohne groe Schwierigkeiten,
eine Vernderung vorgenommen wurde. Ungerechte und zwecklose Steuern,
an die das Volk einmal gewhnt ist, zahlt es oft williger als eine neue,
wenn auch noch so vernnftige Abgabe. Erst nachdem viele Schlagbume
gewaltsam zerstrt, in vielen Bezirken die bewaffnete Macht gegen das
Volk eingeschritten und viel Blut vergossen worden war, gewann das
zweckmige System festen Boden.[116] Der Verstand siegte nach und nach
ber das Vorurtheil und gegenwrtig ist unsre Insel mit einem Netze von
dreiigtausend Meilen vortrefflicher Chausseen berzogen.

Auf den besseren Landstraen wurden zur Zeit Karl's II. schwere Gter
gewhnlich durch ffentliche Frachtfuhrwerke befrdert. In dem Strohe
dieser Frachtwagen nistete immer ein Hufchen Passagiere, welche nicht
die Mittel hatten, um in einer Kutsche oder zu Pferde zu reisen und die
durch Gebrechlichkeit oder durch ihr Gepck verhindert waren, zu Fue zu
gehen. Die Kosten der Versendung von Frachtgtern auf diesem Wege waren
enorm. Von London nach Birmingham betrug die Fracht sieben Pfund, von
London nach Exeter zwlf Pfund Sterling fr die Tonne.[117] Dies machte
pro Tonne etwa fnfzehn Pence auf die Meile, ein Drittel mehr als spter
auf den besten Chausseen bezahlt wurde, und fnfzehnmal so viel als
jetzt die Eisenbahngesellschaften verlangen. Bei manchen ntzlichen
Gegenstnden waren die hohen Frachtkosten so gut wie ein Prohibitivzoll.
Besonders Steinkohlen sah man nirgends als in den Districten, wo sie zu
Tage gefrdert wurden, oder hchstens in den Gegenden, wohin sie zur See
gebracht werden konnten, weshalb sie auch im sdlichen England allgemein
unter dem Namen Seekohlen bekannt waren.

Auf Nebenwegen und namentlich durch das ganze Gebiet nrdlich von York
und westlich von Exeter wurden die Frachtgter durch lange Zge von
Packpferden befrdert. Diese starken und frommen Thiere, deren Schlag
jetzt ausgestorben ist, wurden von einer eignen Menschenklasse gefhrt,
welche groe hnlichkeit mit den spanischen Maulthiertreibern gehabt zu
haben scheint. Dem unbemittelten Reisenden war es oft willkommen, wenn
er auf einem Packsattel zwischen zwei Waarenballen unter der Obhut
dieser krftigen Fhrer reisen konnte. Die Kosten dieser
Reisegelegenheit waren gering, aber die Karawane ging nur im Schritt und
die Klte war daher im Winter oft nicht zu ertragen.[118]

Die Reichen reisten gewhnlich in eigenen Wagen und mit wenigstens vier
Pferden. Der humoristische Dichter Cotton versuchte es von London nach
dem Peakgebirge nur zweispnnig zu fahren; in St. Albans aber berzeugte
er sich, da die Reise entsetzlich langweilig werden wrde, und er
nderte daher seinen Plan. Sechsspnnige Equipagen sieht man heutzutage
fast nie mehr, auer bei feierlichen Gelegenheiten. Die hufige
Erwhnung solcher Equipagen in alten Bchern kann uns leicht zu dem
Irrthum fhren, diesen Aufwand der Prachtliebe zuzuschreiben, whrend er
in Wirklichkeit nur eine sehr unangenehme Nothwendigkeit war. Zur Zeit
Karl's II. reiste man mit sechs Pferden, weil man mit wenigeren groe
Gefahr lief, im Kothe stecken zu bleiben. Selbst sechs Pferde
waren nicht immer hinreichend. Unter der nchsten Generation
beschrieb Vanbrugh mit geistreichem Humor die Reise eines zum
Parlamentsabgeordneten gewhlten Landedelmanns nach London. Alle
Anstrengungen der sechs Pferde, deren zwei vom Pfluge weggenommen waren,
vermochten bei dieser Gelegenheit die Familienkutsche nicht dagegen zu
schtzen, da sie in den Schlamm gebettet wurde.

    [Anmerkung 106: +Thoresby's Diary, Oct. 21, 1680, Aug. 3, 1712.+]

    [Anmerkung 107: +Pepys's Diary, June 12. & 16. 1668.+]

    [Anmerkung 108: +Ibid. Feb. 28. 1660.+]

    [Anmerkung 109: +Thoresby's Diary, May 17. 1695.+]

    [Anmerkung 110: +Ibid. Dec. 27. 1708.+]

    [Anmerkung 111: +Tour in Derbyshire, by J. Browne, son of Sir
    Thomas Browne, 1662. Cotton's Angler, 1676.+]

    [Anmerkung 112: +Correspondence of Henry Earl of Clarendon, Dec.
    30. 1685, Jan. 1. 1686.+]

    [Anmerkung 113: +Postlethwaite's Dict., Roads.+ Geschichte von
    Hawthurst in der +Bibliotheca Topographica Britannica.+]

    [Anmerkung 114: +Annals of Queen Anne, 1703. Appendix No. 3.+]

    [Anmerkung 115: +15, Car. II. c. 1.+]

    [Anmerkung 116: Die Nachtheile des alten Systems sind in vielen
    Petitionen, die sich in dem +Commons' Journal+ von 1725--26
    finden, schlagend dargethan. Welche heftige Opposition das neue
    System fand, kann man aus dem +Gentleman's Magazine+ von 1749
    ersehen.]

    [Anmerkung 117: +Postlethwaite's Dictionary, Roads.+]

    [Anmerkung 118: +Loidis and Elmete. Marshall's Rural Economy of
    England+. Roderich Random kam 1739 auf einem Packpferde aus
    Schottland nach Newcastle.]


[_Die Diligencen._] Die ffentlichen Reisegelegenheiten waren neuerdings
sehr verbessert worden. Whrend der ersten Jahre nach der Restauration
war die Diligence zwischen London und Oxford zwei Tage unterwegs, und in
Beaconsfield wurde bernachtet. Im Frhjahr 1669 ward endlich eine
wichtige und khne Neuerung versucht. Es wurde angekndigt, da ein
Wagen, den man die fliegende Kutsche nannte, die ganze Reise zwischen
Aufgang und Untergang der Sonne machen werde. Das muthige Unternehmen
ward von den Huptern der Universitt feierlich berathen und genehmigt
und erregte damals das Interesse in gleichem Mae, wie heutzutage die
Erffnung einer neuen Eisenbahn. Der Vicekanzler bestimmte in einer an
allen Straenecken angeschlagenen Bekanntmachung Ort und Stunde der
Abfahrt. Der Versuch gelang vollkommen. Um sechs Uhr Morgens fuhr der
Wagen von dem Platze vor dem Allerseelen-Collegium in Oxford ab, und um
sieben Uhr Abends stiegen die muthigen Gentlemen, welche die gefhrliche
Reise zuerst gewagt hatten, wohlbehalten am Thore ihres Gasthofes in
London aus.[119] Dadurch wurde der Wetteifer der Schwesteruniversitt
rege gemacht, und bald war eine Diligence eingerichtet, welche die
Passagiere ebenfalls in einem Tage von Cambridge nach London brachte.
Zu Ende der Regierung Karl's II. fuhren dreimal wchentlich solche
fliegende Kutschen von London nach den wichtigsten Provinzialstdten.
Aber keine Diligence und selbst kein Frachtwagen scheint weiter nach
Norden als bis York und weiter nach Westen als bis Exeter gefahren zu
sein. Eine Eilkutsche machte im Sommer gewhnlich ungefhr funfzig
Meilen den Tag; im Winter aber, wo die Wege schlecht und die Nchte lang
waren, wenig mehr als dreiig. Die Diligencen von Chester, York und
Exeter erreichten whrend der schnen Jahreszeit London gewhnlich in
vier Tagen, um Weihnachten aber nicht vor dem sechsten Tage. Die
Passagiere, sechs an der Zahl, saen alle im Innern des Wagens, denn es
kamen so hufig Unflle vor, da es lebensgefhrlich gewesen wre, die
Imperiale zu besteigen. Das gewhnliche Fahrgeld betrug im Sommer etwa
dritthalb Pence auf die Meile, im Winter etwas mehr.[120]

Diese Art zu reisen, welche der Englnder unserer Tage als unertrglich
langsam betrachtet haben wrde, dnkte unseren Vorfahren wunderbar, ja
erschreckend schnell. In einem wenige Monate vor dem Tode Karl's II.
erschienen Werke werden die Eilkutschen als alle hnlichen Fuhrwerke,
die die Welt je gesehen, weit bertreffend gepriesen. Ganz besonders
wird ihre Schnelligkeit gerhmt und triumphirend mit dem Schneckengange
der festlndischen Posten verglichen. Mit diesen Lobeserhebungen
vermischten sich jedoch auch klagende und schmhende Stimmen. Die
Einfhrung der neuen Diligencen hatte in der That die Interessen einiger
Klassen beeintrchtigt, und auerdem erhoben, wie immer, Viele aus
bloer Beschrnktheit und zher Anhnglichkeit an das Bestehende, ein
lautes Geschrei gegen diese Neuerung, lediglich deshalb, weil es eben
eine Neuerung war. Man behauptete mit Heftigkeit, da eine solche
Befrderungsweise der Pferdezucht und der edlen Reitkunst verderblich
werden, da die Themse, welche so lange eine wichtige Schule fr
Seeleute gewesen sei, aufhren werde, die Hauptfahrstrae von London
nach Windsor hinauf und nach Gravesend hinunter zu sein, da Hunderte
von Sattlern und Sporern ruinirt und zahlreiche Gasthfe, in denen
Reisende mit eigenem Geschirr abzusteigen pflegten, verden und keine
Abgaben mehr zahlen wrden, da es in den neuen Wagen im Sommer zu hei,
im Winter zu kalt sei, da die Passagiere durch Kranke und durch
schreiende Kinder arg belstigt wrden, da die Kutsche zuweilen so spt
an Ort und Stelle ankomme, da man kein Abendessen mehr erhalten, und
zuweilen so frhzeitig abfahre, da man noch kein Frhstck bekommen
knne. Aus allen diesen Grnden wurde ganz ernstlich darauf angetragen,
da es keinem ffentlichen Wagen erlaubt sein solle, mehr als vier
Pferde vorzuspannen, fter als ein Mal wchentlich zu fahren und mehr
als dreiig Meilen den Tag zurckzulegen. Man hoffte, da wenn dieses
Regulativ angenommen wrde, Jedermann, mit Ausnahme von Kranken und
Gebrechlichen, zu der frheren Art des Reisens zurckkehren wrde.
Petitionen in diesem Sinne von verschiedenen Corporationen der City, von
mehreren Provinzialstdten und von den Richtern mehrerer Grafschaften
wurden dem Knige im Ministerrathe berreicht. Wir lcheln jetzt ber
dergleichen Dinge, aber es ist nicht unwahrscheinlich, da unsere
Nachkommen, wenn sie die Geschichte der Opposition lesen, welche die
Verbesserungen des neunzehnten Jahrhunderts von Seiten der Habsucht und
des Vorurtheils erfahren haben, ebenfalls lcheln werden.[121]

Trotz der Vortheile, welche die Eilkutschen gewhrten, pflegten gesunde
und krftige Leute, die nicht viel Gepck bei sich zu fhren brauchten,
lngere Reisen noch hufig zu Pferde zu machen. War dem Reisenden um
schnelles Fortkommen zu thun, so bediente er sich dazu der Postpferde.
Auf allen groen Hauptstraen waren in gemessenen Entfernungen frische
Reitpferde und Fhrer zu bekommen. Jedes Pferd kostete fr die Meile
drei Pence und vier Pence erhielt der Fhrer fr die Station. Wenn die
Wege gut waren, konnte man auf diese Weise eine geraume Zeit so schnell
vorwrts kommen, wie durch irgend ein vor der Erfindung der Dampfkraft
in England bekanntes Transportmittel. Postchaisen gab es damals noch
nicht, auch konnten Diejenigen, welche mit eigener Equipage reisten, in
der Regel die Pferde nicht wechseln. Nur der Knig und die vornehmsten
Staatsbeamten konnten Relais bestellen. So reiste Karl gewhnlich in
einem Tage von Whitehall nach Newmarket, ein etwa fnfundfnfzig Meilen
langer Weg in durchaus ebener Gegend, und dies galt bei seinen
Unterthanen fr eine auerordentliche Geschwindigkeit. Evelyn machte
diese Reise einmal, in Gesellschaft des Lordschatzmeisters Clifford. Der
Wagen ward von sechs Pferden gezogen, welche zuerst in Bishop Stortford
und dann noch einmal in Chesterford gewechselt wurden. Die Reisenden
erreichten Newmarket in der Nacht. Eine solche Art zu reisen scheint
jedoch als ein nur Frsten und Ministern zustehender Luxus betrachtet
worden zu sein.[122]

    [Anmerkung 119: +Anthony  Wood's Life of himself.+]

    [Anmerkung 120: +Chamberlayne's State of England, 1684.+ Man sehe
    auch das Verzeichni der ffentlichen Personen- und Frachtwagen am
    Schlusse des Buches, betitelt +Angliae Metropolis, 1690.+]

    [Anmerkung 121: +John Cresset's Reasens for suppressing Stage
    Coaches, 1672.+ Diese Grnde wurden spter in einer Abhandlung
    betitelt: +The Grand Concern of England explained, 1673+,
    aufgenommen. Cresset's Angriff gegen die Diligencen rief einige
    Erwiderungen hervor, die mir vorgelegen haben.]

    [Anmerkung 122: +Chamberlayne's State of England, 1684. North's
    Examen, 105, Evelyn's Diary, Oct. 9, 10. 1871.+]


[_Straenruber._] Mochte man inde reisen wie man wollte, stets war man
der Gefahr ausgesetzt, angefallen und beraubt zu werden, wenn man nicht
in zahlreicher und wohlbewaffneter Gesellschaft reiste. Der berittene
Straenruber, den unsre Generation nur noch aus Bchern kennt, war auf
jeder Hauptstrae zu finden, ganz besonders aber hausten diese Banditen
auf den den Strecken, welche zur Seite der groen Chausseen unweit
London lagen. Am berchtigtsten in dieser Beziehung waren vielleicht die
Hounslow-Haide an der groen Weststrae und der Finchley-Anger an der
groen Nordstrae. Die Studenten von Cambridge zitterten selbst am
hellen Tage, wenn sie sich dem Eppingwalde nherten. Seeleute, welche
eben in Chatham ihren Sold ausgezahlt bekommen hatten, muten hufig
ihre Brsen bei Gadshill herausgeben, welcher Ort hundert Jahre frher
von dem grten aller Dichter als Schauplatz der Missethaten Poins' und
Fallstaff's gefeiert worden war. Die Behrden schienen oft nicht zu
wissen, wie sie die Ruber behandeln sollten. Einmal wurde in der
Gazette angekndigt, da mehrere Personen, welche stark im Verdachte des
Straenraubes stnden, gegen die aber keine gengenden Beweise vorlgen,
in Newgate in Reitkleidern zur Schau ausgestellt werden sollten; auch
sollten ihre Pferde gezeigt werden und alle Gentlemen, welche krzlich
ausgeplndert worden, waren eingeladen, die sonderbare Ausstellung in
Augenschein zu nehmen. Ein andermal wurde einem Ruber ffentlich
Straflosigkeit zugesichert, wenn er einige ungeschliffene Diamanten von
ungeheurem Werthe herausgebe, die er bei einem berfalle der Harwicher
Eilpost entwendet hatte. Kurze Zeit darauf erschien eine andre
Bekanntmachung, in der den Gasthaltern bedeutet wurde, da die Regierung
ein wachsames Auge auf sie habe, indem ihr verbrecherisches
Einverstndni mit den Banditen es diesen mglich mache, die Heerstraen
ungestraft zu beunruhigen. Da dieser Verdacht nicht ungegrndet war,
beweisen die letzten Gestndnisse einiger reuiger Straenruber jener
Zeit, denen die Wirthe offenbar hnliche Dienste geleistet hatten, wie
Farquhar's Bonifaz dem Gibbet leistete.[123]

Um das gefhrliche Handwerk mit Erfolg und Sicherheit betreiben zu
knnen, mute der Straenruber ein khner und gewandter Reiter und sein
ueres und sein Benehmen von der Art sein, wie man es von dem Besitzer
eines schnen Pferdes erwartete. Er nahm daher in der Gemeinschaft der
Diebe einen hohen Rang ein, besuchte die elegantesten Kaffee- und
Spielhuser und wettete auf der Rennbahn mit vornehmen Mnnern.[124]
Zuweilen war er auch wirklich von guter Herkunft und Bildung. Es knpfte
sich daher und knpft sich vielleicht jetzt noch ein romantisches
Interesse an die Namen der Freibeuter dieser Klasse. Der groe Hause war
ganz versessen auf die Geschichtchen von ihrer Wildheit und
Verwegenheit, von gelegentlichen Acten der Gromuth und Gutherzigkeit,
von ihren Liebschaften, ihren wunderbaren Entweichungen, ihren
verzweifelten Kmpfen und ihrem mnnlichen Benehmen vor Gericht und auf
dem Karren. So wurde von Wilhelm Nevison, dem groen Ruber von
Yorkshire, erzhlt, da er von allen Viehhndlern des Nordens eine
bestimmte Abgabe erhob, wogegen er nicht allein selbst sie verschonte,
sondern sie auch gegen alle anderen Ruber schtzte, da er die Brsen
auf die hflichste Manier abforderte, von dem, was er den Reichen
genommen, den Armen reichlich gab, da die knigliche Gnade ihm einmal
das Leben schenkte, da er aber dessenungeachtet wiederholt sein Glck
versuchte und endlich im Jahre 1685 in York am Galgen starb.[125] Es
wurde ferner erzhlt, wie Claude Duval, der franzsische Page des
Herzogs von Richmond, da Ruberhandwerk ergriff, der Hauptmann einer
gefrchteten Bande wurde und die Ehre hatte, in einem kniglichen
Erlasse gegen berchtigte Missethter zuerst genannt zu werden; wie er
an der Spitze seiner Schaar den Wagen einer Dame anhielt, in welchem er
eine Beute von vierhundert Pfund fand, von denen er nur hundert nahm und
die brigen dreihundert der schnen Eigenthmerin unter der Bedingung
lie, da sie dafr mit ihm einen Coranto auf der Haide tanzte; wie er
durch seine feurige Galanterie die Herzen aller Frauen gewann, wie seine
Geschicklichkeit im Gebrauche der Waffen ihn zum Schrecken aller Mnner
machte und wie er endlich im Jahre 1670 im Weinrausch ergriffen ward;
wie vornehme Damen ihn im Gefngni besuchten und sich mit Thrnen fr
sein Leben verwendeten; wie der Knig ihn auch begnadigt haben wrde,
htte der Richter Morton, der Schrecken aller Straenruber, nicht
Einsprache dagegen erhoben und gedroht, sein Amt niederzulegen, wenn man
dem Gesetze nicht seinen Lauf lasse, und wie nach der Hinrichtung der
Leichnam mit allem Geprnge von Wappenschildern, Wachskerzen,
Trauerbehngen und stummen Wchtern zur Parade ausgestellt wurde, bis
der nmliche herzlose Richter, der sich der Gnade des Knigs widersetzt,
Beamte abschickte, um die Todtenfeier zu stren.[126] Gewi hat die
Phantasie starken Antheil an diesen Anekdoten, aber sie verdienen
deshalb nicht minder erwhnt zu werden, denn es ist eine ebenso
authentische als bedeutungsvolle Thatsache, da solche Erzhlungen,
mochten sie nun wahr oder unwahr sein, bei unseren Vorfahren ein
bereitwilliges und glubiges Ohr fanden.

    [Anmerkung 123: Siehe die London Gazette vom 14. Mai 1677, vom 4.
    Aug. 1687 und vom 5. Dec. 1687. Die letzte Beichte Augustin
    King's, welcher der Sohn eines ausgezeichneten Theologen und in
    Cambridge erzogen war, aber im Mrz 1688 zu Colchester gehngt
    wurde, ist hchst interessant.]

    [Anmerkung 124:

      _Aimwell._ Erlauben Sie, Sir, habe ich Sie nicht in Will's
          Kaffeehause gesehen?
      _Gibbet._ Ja, Sir, und auch bei White.

        +Beaux' Stratagem+.]

    [Anmerkung 125: +Gent's History of York.+ Ein andrer Straenruber
    von derselben Art, Namens Bi, wurde 1695 in Salisbury gehngt.
    In einer Ballade, die sich in der Pepys'schen Bibliothek befindet,
    wird seine Vertheidigung vor dem Richter folgendermaen
    dargestellt:

      Was sagt Ihr nun, mein edler Lord,
      Was war so Bses d'ran?
      Nur reiche Filze hate Bi
      Der tapfre, brave Mann.]

    [Anmerkung 126: +Pope's Memoirs of Duval+, welche kurz nach der
    Hinrichtung erschienen. Oates' #Eikn basilik#, TheilI.]


[_Die Gasthfe._] Die mannichfachen Gefahren, denen der Reisende
ausgesetzt war, wurden durch die Dunkelheit noch bedeutend vergrert,
und er wnschte daher fr die Nacht ein schtzendes Obdach, das nicht
schwer zu erlangen war. Die Gasthfe Englands sind schon von Alters her
berhmt. Unser erster groer Dichter (Chaucer) hat schon die
vortrefflichen Bequemlichkeiten geschildert, die sie den Reisenden des
vierzehnten Jahrhunderts darboten. Neunundzwanzig Personen nebst ihren
Pferden fanden in den gerumigen Zimmern und Stllen des Waffenrocks
in Southwark Platz. Die Speisen waren vortrefflich und die Weine so,
da sie die Tischgesellschaft zum reichlichen Genusse verleiteten.
Zweihundert Jahre spter, unter der Regierung Elisabeth's, gab Wilhelm
Harrison eine anziehende Beschreibung von dem berflusse und dem Comfort
der groen Gasthfe. Er sagte, das ganze brige Europa habe nichts
hnliches aufzuweisen. Es gab Gasthfe, in denen zwei- bis dreihundert
Menschen mit ihren Pferden ohne Schwierigkeit Aufnahme und Unterhalt
finden konnten. Die Betten, die Teppiche und vor Allem die Flle und
Sauberkeit des Leinzeugs setzten Jedermann in Erstaunen. Auf den Tafeln
sah man nicht selten kostbares Silbergeschirr und manche Schilder hatten
dreiig bis vierzig Pfund Sterling gekostet. Im siebzehnten Jahrhundert
hatte England schon berflu an vortrefflichen Gasthfen jeden Ranges.
Oft fand der Reisende in einem kleinen Dorfe ein Gasthaus, wie Walton es
beschrieben hat, wo die steinernen Fubden von Sauberkeit glnzten,
wo die Wnde mit Balladen geschmckt waren, die Betten nach Lavendel
dufteten und ein behagliches Feuer, ein Krug guten Bieres und ein
Gericht Forellen, im nahen Bache frisch gefangen, fr wenig Geld zu
haben waren. In den greren Gasthfen fand man Betten mit seidenen
Vorhngen, feine Kche und Claret, wie er in London nicht besser
getrunken wurde.[127] Auch die Wirthe, sagte man, seien ganz verschieden
von den Gastwirthen anderer Lnder. Auf dem Festlande war der Wirth der
Tyrann Derer, die seine Schwelle berschritten, in England war er ihr
Diener. Der Englnder fhlte sich nie heimischer, als wenn er es sich in
seinem Gasthofe bequem machte. Selbst reiche Leute, die sich in ihrem
eigenen Hause jeden nur denkbaren Luxus erzeugen konnten, pflegten oft
ihre Abende im Gesellschaftszimmer eines nahen Gasthofes zuzubringen;
sie schienen der Meinung zu sein, da sie Comfort und Freiheit nirgends
in gleicher Vollkommenheit genieen konnten. Diese Neigung war mehrere
Generationen hindurch ein characteristischer Zug der Nation. Die
Ungebundenheit und Frhlichkeit des Gasthoflebens bot lange Zeit unseren
Roman- und Schauspieldichtern reichen Stoff. Johnson erklrte, ein Stuhl
im Gasthause sei der Thron des irdischen Glcks, und Shenstone beklagte
sich sanft darber, da kein auch noch so befreundetes Privathaus den
Wanderer so freundlich und zuvorkommend aufnehme, als das Dach eines
Gasthofes.

In den Hotels unsrer Zeit findet man manche Annehmlichkeiten, welche im
siebzehnten Jahrhundert in Hampton Court und Whitehall unbekannt waren.
Im Ganzen genommen aber ist soviel gewi, da die Verbesserung unserer
Gasthfe mit den Verbesserungen unserer Straen und unserer
Befrderungsmittel keineswegs gleichen Schritt gehalten hat. Dies kann
auch nicht auffallen, denn es liegt auf der Hand, da unter brigens
gleichen Verhltnissen die Gasthuser da am besten sein werden, wo die
Befrderungsmittel am mangelhaftesten sind. Je schneller man reisen
kann, um so weniger bedarf es zahlreicher angenehmer Ruhepltze fr den
Reisenden. Wer vor hundertsechzig Jahren aus einer entfernten Grafschaft
in die Hauptstadt kam, brauchte in der Regel unterwegs zwlf bis
fnfzehn Mahlzeiten und fnf bis sechs Nachtquartiere. War er ein
vornehmer Mann, so erwartete er berall eine wohlbesetzte Tafel und eine
bequeme, ja selbst elegante Wohnung. Gegenwrtig fliegen wir von York
oder Exeter nach London beim Sonnenschein eines einzigen Wintertages.
Der Reisende hlt sich daher jetzt selten blo der Ruhe und Erfrischung
halber unterwegs auf, und die Folge davon ist, da Hunderte
vortrefflicher Gasthfe gnzlich in Verfall gerathen sind. Binnen Kurzem
wird man gute Huser dieser Art nur noch an solchen Orten finden, wo
sich bestndig viel Fremde in Geschften oder zum Vergngen aufhalten.

    [Anmerkung 127: Siehe den Prolog zu den +Canterbury Tales,
    Harrison's Historical Description of the Island of Great Britain+
    und Pepys' Beschreibung seiner Reise im Sommer 1668. Auch in den
    Reisen des Groherzogs Cosmus wird die Vorzglichkeit der
    englischen Gasthfe erwhnt.]


[_Die Briefposten._] Die Art und Weise der Briefbefrderung zwischen
entfernten Punkten mag der jetzigen Generation ein mitleidiges Lcheln
entlocken, aber sie wrde die Bewunderung und den Neid der gebildetsten
Nationen des Alterthums sowie der Zeitgenossen Raleigh's und Cecil's
erregt haben. Bereits unter KarlI. war eine rohe und mangelhafte
Briefpost eingerichtet worden, der Brgerkrieg aber hatte sie wieder
zerstrt. Unter der Republik wurde der Plan von neuem aufgenommen. Nach
der Restauration ward der Ertrag der Postanstalt, nach Abzug aller
Kosten, dem Herzoge von York berwiesen. Auf den meisten Routen gingen
und kamen die Briefposten nur einen Tag um den andren; in Cornwall,
in den Smpfen von Lincolnshire und zwischen den Bergen und Seen von
Cumberland erhielt man sogar nur einmal wchentlich Briefe. Whrend
einer Reise des Knigs wurde tglich eine Briefpost von London nach dem
Orte expedirt, wo der Hof sich eben aufhielt. Ebenso bestand eine
tgliche Postverbindung zwischen London und den Dnen, welcher Vorzug
zuweilen auch auf Tunbridge Wells und Bath ausgedehnt wurde, whrend der
Monate, wo diese Bder von den Groen zahlreich besucht waren. Die
Postfelleisen wurden zu Pferde, am Tage wie bei Nacht, mit einer
Schnelligkeit von etwa fnf Meilen in der Stunde befrdert.[128]

Das Briefporto war brigens nicht die einzige Ertragsquelle dieser
Anstalt. Das Postamt war auerdem allein berechtigt, Postpferde zu
liefern, und die Zhigkeit, mit der man dieses Monopol aufrecht erhielt,
beweist am besten, da es sehr eintrglich war.[129] Hatte indessen ein
Reisender eine halbe Stunde gewartet, ohne das gewnschte Pferd erhalten
zu haben, so durfte er anderwrts eins miethen.

Die Erleichterung des Briefverkehrs zwischen den verschiedenen Theilen
von London gehrte ursprnglich nicht zu den Zwecken des Postamts. Unter
der Regierung Karl's II. aber errichtete ein unternehmender Brger der
Hauptstadt, Namens Wilhelm Dockwray, mit groen Kosten eine Pennypost,
durch welche Briefe und Packete in den geschftsreichen und belebten
Straen zunchst der Brse tglich sechs- bis achtmal, in den
entfernteren Stadttheilen aber viermal besorgt wurden. Diese
Verbesserung stie, wie jede andre, auf heftigen Widerstand. Die
Austrger beklagten sich, da man ihren Verdienst schmlere und rissen
die Anschlge ab, in denen der Plan dem Publikum mitgetheilt wurde.
Die durch Godfrey's Ermordung und durch die Auffindung von Coleman's
Papieren hervorgerufene Erbitterung hatte damals gerade ihren Hhepunkt
erreicht und die Pennypost wurde daher allgemein als eine papistische
Erfindung ausgeschrieen. Man behauptete, der groe Doctor Oates habe den
Verdacht geuert, da die Jesuiten hinter dem Plane steckten und da
man die Briefbeutel bei nherer Untersuchung voll verrtherischer
Papiere finden werde.[130] Der Nutzen des Unternehmens war jedoch so
gro und in die Augen springend, da aller Widerstand erfolglos blieb.
Sobald es sich zeigte, da die Spekulation eintrglich war, verklagte
der Herzog von York den Unternehmer wegen Eingriffs in sein Monopol und
die Gerichtshfe sprachen sich zu Gunsten des Ersteren aus.[131]

Der Ertrag des Postamts steigerte sich von allem Anfang an fortwhrend.
Im Jahre der Restauration hatte ein Ausschu des Hauses der Gemeinen
nach sorgfltiger Prfung den reinen Gewinn auf ungefhr zwanzigtausend
Pfund geschtzt; zu Ende der Regierung Karl's II. betrug derselbe schon
wenig unter funfzigtausend Pfund, und dies galt damals fr eine
ungeheure Summe. Die Bruttoeinnahme belief sich auf etwa siebzigtausend
Pfund. Das Porto fr einen einfachen Brief betrug bis zu achtzig Meilen
zwei Pence, fr eine grere Entfernung drei Pence. Es stieg im
Verhltni zu dem Gewicht des Packets.[132] Gegenwrtig wird ein
einfacher Brief bis ans uerste Ende von Schottland oder Irland fr
einen Penny befrdert und das Postpferdmonopol besteht schon lngst
nicht mehr. Trotzdem beluft sich die jhrliche Bruttoeinnahme dieses
Departements auf mehr als achtzehnhunderttausend Pfund und der
Nettoertrag auf siebenhunderttausend Pfund. Es ist daher kaum zu
bezweifeln, da die Zahl der gegenwrtig durch die Post befrderten
Briefe siebzigmal so gro ist als sie zur Zeit der Thronbesteigung
Jakob's II. war.

    [Anmerkung 128: +Stat. 12 Car. II. c. 35. Chamberlayne's State of
    England, 1684. Angliae Metropolis, 1690. London Gazette, June 12.
    1685, Aug. 15. 1687.+]

    [Anmerkung 129: +London Gazette, Sept. 14. 1685.+]

    [Anmerkung 130: +Smith's Current Intelligence, March 30. & April
    3. 1680.+]

    [Anmerkung 131: +Angliae Metropolis, 1690.+]

    [Anmerkung 132: +Commons' Journals, Sept. 4, 1660, March 1.
    1688--89. Chamberlayne, 1684. Davenant on the Public Revenue,
    DiscourseIV.+]


[_Zeitungen._] Der wichtigste Theil der Packereien, welche die alten
Posten befrderten, waren die Neuigkeitsbriefe. Im Jahre 1685 gab es
noch nichts, was der heutigen Londoner Tagespresse hnlich sah, und es
konnte auch nichts Derartiges geben. Weder das nthige Kapital, noch das
nthige Geschick war dazu vorhanden; auch fehlte die Freiheit, ein nicht
minder wesentlicher Mangel als der des Kapitals und der
Geschicklichkeit. Allerdings stand die Presse damals noch nicht unter
einer allgemeinen Censur, denn das kurz nach der Restauration erlassene
Censurgesetz war schon 1679 nicht mehr in Kraft. Jedermann konnte daher
auf eigne Gefahr und ohne vorherige Genehmigung von Seiten irgend eines
ffentlichen Beamten eine Geschichte, eine Predigt oder ein Gedicht
drucken; aber die Richter waren einstimmig der Meinung, da diese
Freiheit sich nicht auch auf Zeitungen erstrecke, und da nach dem
gemeinen Rechte Englands Niemand ohne specielle Erlaubni der Krone
berechtigt sei, politische Neuigkeiten zu verffentlichen.[133] So lange
die Whigpartei noch mchtig war, hielt die Regierung es fr gerathen,
eine bertretung dieser Regel vorkommendenfalls nicht zu streng zu
nehmen. Whrend des groen Kampfes wegen der Ausschlieungsbill durften
viele Zeitungen erscheinen, wie die +Protestant Intelligence+, die
+Current Intelligence+, die +Domestic Intelligence+, die +True News+,
der +London Mercury+.[134] Keine von diesen erschien jedoch fter als
zweimal wchentlich und keine berstieg in Umfang ein einfaches kleines
Blatt. Die Quantitt des Stoffes, die der ganze Jahrgang einer dieser
Zeitungen enthielt, war nicht grer als man oft in zwei Nummern der
Times findet. Nach Besiegung der Whigs hatte der Knig nicht mehr
nthig, bei der Ausbung des ihm nach dem Ausspruche aller seiner
Richter unzweifelhaft zustehenden Hoheitsrechts besondere Rcksichten zu
nehmen. So durfte denn auch gegen das Ende seiner Regierung keine
Zeitschrift mehr ohne seine Genehmigung erscheinen, und diese wurde
ausschlielich der London Gazette ertheilt. Auch die London Gazette
erschien nur Montags und Donnerstags. Der Inhalt einiger Nummern bestand
gewhnlich in einer kniglichen Proklamation, einigen toryistischen
Adressen, der Anzeige von einigen Befrderungen, einen Bericht von einem
Scharmtzel zwischen den Kaiserlichen und den Janitscharen an der Donau,
das Signalement eines Straenrubers, die Ankndigung eines von zwei
hochstehenden Personen veranstalteten Hahnenkampfes und eine Anzeige,
welche dem Wiederbringer eines entlaufenen Hundes eine Belohnung
zusicherte. Dies Alles fllte zwei Seiten von mig groem Format. Alle
Mittheilungen ber Angelegenheiten von hoher Bedeutung waren in dem
hlzernsten und frmlichsten Style abgefat. Wenn es indessen der
Regierung zuweilen beliebte, die ffentliche Neugierde in Betreff eines
wichtigen Vorfalls zu befriedigen, so wurde ein groer Bogen ausgegeben,
der ausfhrlichere Mittheilungen enthielt, als die Gazette sie geben
konnte; aber weder diese noch irgend eine amtlich gedruckte Beilage
brachte je eine Nachricht, deren Verffentlichung nicht den Zwecken des
Hofes diente. Die wichtigsten parlamentarischen Verhandlungen und
Staatsprozesse, von denen uns die Geschichte erzhlt, wurden mit tiefem
Stillschweigen bergangen.[135] In der Hauptstadt ersetzten die
Kaffeehuser einigermaen die fehlenden Zeitungen; dahin strmten die
Londoner, wie einst die alten Athener nach dem Marktplatze, um zu hren,
ob etwas Neues geschehen sei. Dort konnte man erfahren, wie brutal ein
Whig am vorigen Tage in Westminsterhall behandelt worden war, welche
haarstrubenden Berichte von den Folterqualen der Covenanters die Briefe
aus Edinburg enthielten, wie grblich die Admiralitt die Krone bei der
Verproviantirung der Flotte betrogen und welche schweren Anschuldigungen
der Geheimsiegelbewahrer in Betreff des Heerdgeldes gegen das Schatzamt
erhoben habe.

    [Anmerkung 133: London Gazette vom 5. und 17. Mai 1680.]

    [Anmerkung 134: Eine hchst interessante und meines Wissens die
    einzige Sammlung dieser Zeitungen befindet sich im Britischen
    Museum.]

    [Anmerkung 135: So wird zum Beispiel von den wichtigen
    Parlamentsverhandlungen vom November 1685, wie von dem Prozesse
    und der Freisprechung der sieben Bischfe kein Wort erwhnt.]


[_Die Neuigkeitsbriefe._] Aber Diejenigen, welche von der groen
Schaubhne des politischen Kampfes entfernt waren, konnten von dem, was
daselbst vorging, nur durch die sogenannten Neuigkeitsbriefe regelmig
Nachricht erhalten. Das Schreiben derartiger Briefe wurde daher in
London ein Erwerbszweig, wie es dies jetzt bei den Eingeborenen Indiens
ist. Der Neuigkeitsschreiber wanderte von Kaffeehaus zu Kaffeehaus, um
Nachrichten zu sammeln, drngte sich in den Sitzungssaal der Old Bailey,
wenn daselbst ein interessanter Proze verhandelt wurde, und erlangte
sogar zuweilen Zutritt in die Galerien von Whitehall, wo er bemerken
konnte, wie der Knig und der Herzog aussahen. Auf diese Weise sammelte
er Materialien zu Wochenberichten, welche bestimmt waren, eine
Provinzialstadt oder einen lndlichen Magistrat zu erleuchten. Dies
waren die Quellen, aus denen die Bewohner der greren Provinzialstdte
und die Gesammtheit der Landgentry und der Geistlichkeit fast allein
ihre ganze Kenntni der Geschichte ihrer Zeit schpften. Wir drfen
annehmen, da es in Cambridge eben so viele Leute gab, welche gern
erfahren wollten, was in der Welt vorging, als in irgend einer andren
Stadt des Knigreichs, London ausgenommen. Dennoch hatten die Doctoren
des Rechts und die Magister der freien Knste in Cambridge whrend eines
groen Theils der Regierung Karl's II. keine andre regelmige
Neuigkeitsquelle als die Londoner Gazette, bis endlich die Dienste eines
der Nachrichtensammler in der Hauptstadt angenommen wurden. Es war ein
denkwrdiger Tag, an welchem die ersten Neuigkeitsbriefe aus London auf
einem Tische des einzigen Kaffeehauses von Cambridge ausgelegt
waren.[136] Auf dem Wohnsitze eines reichen Mannes auf dem Lande wurde
der Neuigkeitsbrief stets mit Ungeduld erwartet, und acht Tage nach
seiner Ankunft war er durch die Hnde von zwanzig Familien gegangen.
Er lieferte den umwohnenden Squires den Stoff zu ihrer Unterhaltung an
Winterabenden und den benachbarten Pfarrern Themata zu heftigen
Predigten gegen Whiggismus oder Papismus. Bei genauer Nachsuchung in den
Archiven alter Familien wrden sich ohne Zweifel noch viele von diesen
merkwrdigen Journalen finden. Einige werden in unseren ffentlichen
Bibliotheken aufbewahrt und eine Reihenfolge derselben, welche einen
werthvollen Theil der von Sir Jakob Mackintosh gesammelten literarischen
Schtze bildet, wird im Verlaufe dieses Werks noch dann und wann citirt
werden.[137]

Es bedarf kaum der Erwhnung, da es damals keine Provinzialbltter
gab. Ja es gab sogar, auer in der Hauptstadt und in den beiden
Universittsstdten, kaum noch einen Buchdrucker im Knigreiche. Die
einzige Presse in England nrdlich vom Trent scheint sich in York
befunden zu haben.[138]

    [Anmerkung 136: +Roger North's Life of Dr. John North.+ ber die
    Neuigkeitsbriefe sehe man das +Examen, 133.+]

    [Anmerkung 137: Ich ergreife diese Gelegenheit, um der Familie
    meines lieben und verehrten Freundes, Sir Jakob Mackintosh meinen
    wrmsten Dank dafr auszusprechen, da sie mir die Materialien zur
    Benutzung berlie, die er zu einer Zeit gesammelt hatte, als er
    ein hnliches Werk wie das vorliegende zu schreiben gedachte. Ich
    habe nie eine so werthvolle Sammlung von Auszgen aus ffentlichen
    und Privatarchiven gesehen, und ich glaube nicht, da irgendwo
    noch eine zweite von gleichem Umfange existirt. Der richtige
    Scharfblick, mit dem Sir Jakob aus groen Massen geschichtlichen
    Stoffes das Werthvollste auswhlte und das Werthlose unbeachtet
    lie, versteht nur Derjenige zu wrdigen, der nach ihm das
    nmliche Gebiet bearbeitet hat.]

    [Anmerkung 138: +Life of Thomas Gent.+ Ein vollstndiges
    Verzeichni aller im Jahre 1724 vorhanden gewesenen Druckereien
    befindet sich in +Nichol's Literary Anecdotes of the eighteenth
    century+. Obgleich sich binnen wenigen Jahren die Zahl der Pressen
    bedeutend vermehrt hatte, gab es doch in vierunddreiig
    Grafschaften, darunter Lancashire, noch keinen Buchdrucker.]


[_Der Observator._] Die London Gazette war brigens nicht das
einzige Organ, durch welches die Regierung dem Volke politische
Belehrung ertheilte. Dieses Journal enthielt nur sprliche Nachrichten
ohne Commentar; ein andres, ebenfalls unter dem Patronat des Hofes
erscheinendes Journal, brachte dagegen nur Commentare ohne Nachrichten.
Dieses Blatt, der Observator betitelt, wurde von einem alten
toryistischen Pamphletschreiber, Namens Roger Lestrange, herausgegeben.
Es fehlte diesem Lestrange durchaus nicht an schriftstellerischer
Gewandtheit und an Schlauheit; seine Diction war zwar gemein und durch
einen damals im Vorzimmer und im Wirthshause fr witzig geltenden Jargon
verunziert, aber dennoch nicht ohne Schwung und Kraft. In jeder Zeile
aber, die aus seiner Feder flo, zeigte sich sein heftiger und unedler
Character. Als die ersten Nummern des Observator erschienen, gab es
allerdings einige Entschuldigungsgrnde fr seine Bitterkeit, denn die
Whigs waren damals mchtig und er hatte zahlreiche Gegner zu bekmpfen,
deren rcksichtslose Heftigkeit eine gleiche Sprache zu rechtfertigen
schien. Im Jahre 1685 aber war alle Opposition unterdrckt, und ein
edler Character wrde es daher verschmht haben, eine Partei, die nicht
antworten durfte, zu beschimpfen und die traurige Lage von Gefangenen,
Verbannten und beraubten Familien noch zu verschlimmern; aber dem
hmischen Lestrange war selbst das Grab und das Trauerhaus nicht heilig.
Im letzten Monate der Regierung Karl's II. starb Wilhelm Innkyn, ein
hochbetagter und angesehener Dissenterpfarrer, der wegen keines andren
Vergehens, als weil er Gott auf die Weise anbetete, welche damals von
dem ganzen protestantischen Europa allgemein angenommen war; grausame
Verfolgungen zu erdulden hatte, in Newgate an Gram und Entbehrungen. Dem
Ausdruck der innigen Theilnahme von Seiten des Volks konnte man nicht
Schweigen gebieten, und es folgte daher dem Sarge ein Zug von
hundertfunfzig Wagen. Selbst Hflinge betrauerten den Verstorbenen und
sogar der gedankenlose Knig zeigte einige Theilnahme. Lestrange allein
brach in ein rohes Freudengeheul aus, lachte ber das weibische Mitleid
der Trimmer, erklrte laut, da der lsterliche alte Heuchler seine
wohlverdiente Strafe erhalten, und gelobte alle Scheinheiligen und
falschen Mrtyrer nicht nur bis zum Tode, sondern noch ber das Grab
hinaus zu bekriegen.[139] Dies war der Geist des Blattes, welches damals
das Orakel der Torypartei und ganz besonders der Landgeistlichkeit war.

    [Anmerkung 139: Observator vom 29. und 31. Januar 1685. +Calamy's
    Life of Baxter. Nonconformist Memorial.+]


[_Seltenheit von Bchern auf dem Lande._] Die Literatur, welche durch
das Postfelleisen verbreitet werden konnte, bildete damals den grten
Theil der geistigen Nahrung, welche den Geistlichen und Richtern auf dem
Lande zu Gebote stand. Die Befrderung groer Packete von einem Orte zum
andren war mit solchen Schwierigkeiten und Kosten verknpft, da ein
umfangreiches Werk mehr Zeit brauchte, um von Paternoster Row nach
Devonshire oder Lancashire zu gelangen, als gegenwrtig nach Kentucky.
Wie sprlich eine Landpfarre damals selbst mit solchen Bchern versehen
war, die ein Theolog am nthigsten braucht, ist schon bemerkt worden.
Die Huser der Gentry waren nicht reichlicher versehen. Nur wenige
Landedelleute der Grafschaft hatten so gute Bibliotheken, wie man sie
jetzt in jedem Bedientenzimmer und in der Ladenstube jedes Krmers
findet. Ein Esquire, der auf seinem Fensterbrete zwischen Angeln und
Vogelflinten den +Hudibras+ und +Baker's Chronicle+, +Tarlton's Jests+
und die +Seven Champions of Christendom+ liegen hatte, galt bei seinen
Nachbarn fr einen groen Gelehrten. Selbst in der Hauptstadt gab es
damals noch weder Leihbibliotheken noch Lesezirkel; aber diejenigen
Bcherfreunde, welche nicht viel kaufen konnten, hatten dort wenigstens
ein Aushlfsmittel. Die Lden der groen Buchhndler in der Umgebung der
Paulskirche waren den ganzen Tag mit Lesern gefllt und ein bekannter
Kunde durfte oft auch ein Buch mit nach Hause nehmen. Auf dem Lande
fehlte diese Annehmlichkeit, was man lesen wollte, mute man
kaufen.[140]

    [Anmerkung 140: Cotton scheint, wie aus seinem +Angler+
    hervorgeht, auf seinem Fensterbrete Platz genug fr seine ganze
    Bibliothek gehabt zu haben, und Cotton war ein wissenschaftlich
    gebildeter Mann. Selbst als Franklin 1724 das erstemal nach London
    kam, waren Leihbibliotheken daselbst noch unbekannt. Von dem
    Zudrange zu den Buchlden im Stadtviertel Little Britain spricht
    Roger North in der Lebensbeschreibung seines Bruders Johann.]


[_Weibliche Erziehung._] Die Literaturschtze der Gattin und Tchter des
Grundherrn bestanden gewhnlich in einem Gebetbuche und einem
Receptbuche. Indessen verloren sie in der That wenig bei ihrer
lndlichen Abgeschiedenheit, denn selbst in den hchsten Stnden und
unter Verhltnissen, welche die geistige Ausbildung erleichterten,
genossen die Englnderinnen zur damaligen Zeit eine schlechtere
Erziehung als jemals seit dem Wiederaufblhen der Wissenschaften. In
frherer Zeit studirten sie die Meisterwerke des antiken Genius, in
unseren Tagen kmmern sie sich zwar wenig um die todten Sprachen, sind
aber dafr mit der Sprache Pascal's und Molire's, Dante's und Tasso's,
Gthe's und Schiller's vertraut, und es giebt kein reineres und
eleganteres Englisch als das, welches gebildete Frauen gegenwrtig
sprechen und schreiben. Whrend der zweiten Hlfte des siebzehnten
Jahrhunderts aber scheint die Bildung des weiblichen Geistes fast ganz
vernachlssigt worden zu sein. Eine junge Dame, die nur die
oberflchliche Kenntni der Literatur besa, galt fr ein Wunder.
Hochgeborne, vornehm erzogene und mit guten natrlichen Anlagen
ausgestattete Ladies waren nicht im Stande eine Zeile in ihrer
Muttersprache ohne orthographische und stylistische Fehler zu schreiben,
deren sich jetzt eine Armenschlerin schmen wrde.[141]

Die Erklrung liegt sehr nahe. Malose Ausschweifung, die natrliche
Wirkung bertriebener Strenge, war damals vorherrschend und die
Ausschweifung hatte ihre gewhnliche Folge, die sittliche und geistige
Erniedrigung der Frauen, nach sich gezogen. Ihren krperlichen Reizen
pflegte man rohe und freche Huldigungen darzubringen, aber die
Bewunderung und das Verlangen, welche ihre Schnheit erregte, war selten
mit Achtung, wahrer Zuneigung und irgend einem ritterlichen Gefhl
gepaart. Die Eigenschaften, welche sie zu Lebensgefhrtinnen,
Rathgeberinnen und vertrauten Freundinnen befhigten, stieen die
Wstlinge von Whitehall eher ab, als da sie sie anzogen. Ein
Ehrenfrulein, die sich so kleidete, da ihrem Busen das vollste Recht
widerfuhr, die bestndig liebugelte, wollstig tanzte, sich durch
vorlaute Keckheit auszeichnete, sich nicht entbldete, mit Kammerherren
und Offizieren zu kokettiren, schlpfrige Lieder mit bezeichnendem
Ausdrucke zu singen, und sich zur Ausfhrung eines muthwilligen
Streiches als Page zu verkleiden, hatte an diesem Hofe mehr Aussicht,
gefeiert und bewundert zu werden, die Beachtung des Knigs auf sich zu
ziehen und einen reichen und vornehmen Gatten zu erobern, als eine
Johanna Gray oder Lucie Hutchinson gehabt haben wrden. Unter solchen
Umstnden mute das Maa der weiblichen Bildung nothwendig sehr niedrig
sein, und es war gefhrlicher, ber diesem Mae zu stehen, als unter
demselben. uerste Unwissenheit und Leichtfertigkeit wurden bei einer
Dame viel eher entschuldigt, als der geringste Anflug von Pedanterie.
Von den nur zu berhmten Frauen, deren Portraits wir noch jetzt an den
Wnden von Hampton Court bewundern, pflegten wenige etwas Besseres zu
lesen als Akrosticha, Spottlieder und bersetzungen der Clelia und des
Groen Cyrus.

    [Anmerkung 141: Ein Beispiel mag gengen. Die Knigin Marie hatte
    gute natrliche Anlagen, war von einem Bischofe erzogen, eine
    Freundin der Geschichte und Poesie und wurde von den
    ausgezeichnetsten Mnnern als eine hochgebildete Frau betrachtet.
    Zu der Bibliothek im Haag befindet sich eine prachtvolle Bibel,
    die ihr bei der Krnung in der Westminsterabtei berreicht worden
    war. Auf dem Titelblatte dieser Bibel stehen folgende von ihr
    eigenhndig geschriebene Worte: +This book was given the King
    and I, at our crownation. MarieR.+]


[_Literarische Bildung der Gentlemen._] Die literarischen Kenntnisse
selbst der vollendetsten Gentlemen jener Zeit scheinen bei weitem nicht
so solid und grndlich gewesen zu sein, als in frheren oder spteren
Zeiten. Griechische Gelehrsamkeit wenigstens blhte unter der Regierung
Karl's II. bei uns nicht, wie sie vor dem Brgerkriege geblht hatte und
lange nach der Revolution wieder blhte. Es gab wohl auch Gelehrte,
denen die ganze griechische Literatur von Homer bis Photius genau
bekannt war, aber solche Gelehrte fanden sich fast ausschlielich nur
unter den Geistlichen der Universittsstdte, ja selbst dort waren ihrer
nur wenige, und diese wenigen nicht gebhrend geschtzt. In Cambridge
wurde es durchaus nicht fr nthig gehalten, da ein Theolog die Bibel
in der Ursprache lesen konnte.[142] Auch in Oxford stand die
Gelehrsamkeit auf keiner hheren Stufe. Als sich unter der Regierung
Wilhelm's III. das ganze Christchurch-Kollegium wie ein Mann erhob,
um die chtheit der Briefe des Phalaris zu vertheidigen, stand diesem
groen Kollegium, welches damals als der Hauptsitz der Philologie im
ganzen Lande betrachtet wurde, nicht soviel attische Gelehrsamkeit zu
Gebote, als sie heutzutage mancher Gymnasiast besitzt. Nach dem allen
wird man leicht denken knnen, da eine todte Sprache, welche die
Universitten vernachlssigten, von den Laien nicht viel studirt wurde.
Zu einer frheren Zeit hatten die Poesie und die Beredtsamkeit
Griechenlands einen Raleigh und Falkland entzckt, zu einer sptern
Periode entzckten sie einen Pitt und Fox, einen Windham und Grenville;
whrend der zweiten Hlfte des siebzehnten Jahrhunderts aber gab es in
England kaum einen bedeutenden Staatsmann, der eine Seite von Sophokles
oder Plato mit Genu lesen konnte.

Gute Lateiner gab es dagegen in Menge. Allerdings hatte auch damals die
Sprache Roms ihren Character als Weltsprache noch nicht ganz verloren
und war in manchen Lndern Europa's dem Reisenden und Diplomaten noch
unentbehrlich. Die Fertigkeit, sie gut zu sprechen, war daher viel
hufiger als zu unsrer Zeit, und es fehlte weder Oxford noch Cambridge
an Dichtern welche bei einer feierlichen Gelegenheit glckliche
Nachahmungen der Verse, in denen Virgil und Ovid die Gre des Augustus
gepriesen hatten, am Fue des Thrones niederlegen konnten.

    [Anmerkung 142: Roger North erzhlt uns, da sein Bruder Johann,
    welcher Professor der griechischen Sprache in Cambridge war, sich
    ber die allgemeine Vernachlssigung dieser Sprache unter der
    Universittsgeistlichkeit bitter beklagte.]


[_Einflu der franzsischen Literatur._] Doch auch das Latein wurde
durch einen jngeren Nebenbuhler verdrngt. Frankreich behauptete damals
fast in jeder Beziehung den Vorrang. Sein militairischer Ruhm hatte den
Hhepunkt erreicht, es hatte wichtige Coalitionen besiegt, Vertrge
dictirt und groe Stdte und Provinzen unterworfen; es hatte den
kastilianischen Stolz gezwungen, ihm den Vorrang zuzugestehen, es hatte
italienische Frsten sich unterthan gemacht, sein Verfahren war in allen
Angelegenheiten der feinen Lebensart, vom Zweikampfe bis zur Menuett
magebend; es bestimmte, welchen Schnitt der Rock eines Gentleman haben,
wie lang seine Perrcke, ob seine Abstze hoch oder niedrig und ob sein
Hutband breit oder schmal sein msse. In der Literatur gab es der Welt
Gesetze, ganz Europa war des Ruhmes seiner Schriftsteller voll, kein
andres Land hatte einen tragischen Dichter wie Racine, einen komischen
wie Molire, einen so liebenswrdigen Tndler wie Lafontaine, einen so
gewandten Redner wie Bossuet aufzuweisen. Der literarische Ruhm Italiens
und Spaniens war untergegangen, der von Deutschland war noch nicht
aufgegangen. Das Genie der ausgezeichneten Mnner, welche die Hauptstadt
Frankreichs zierten, strahlte daher in einem Glanze, welcher durch den
Contrast noch mehr hervorgehoben ward. In der That, Frankreich bte
damals eine Weltherrschaft aus, wie selbst die rmische Republik sie nie
erreicht hatte, denn als Rom in politischer Beziehung herrschte, war es
in den Knsten und Wissenschaften Griechenlands demthiger Schler;
Frankreich hatte auf die benachbarten Lnder zu gleicher Zeit den
Einflu, den Rom auf Griechenland, und den, welchen Griechenland auf Rom
ausbte. Das Franzsische erhob sich rasch zur Weltsprache, zur Sprache
der feinen Gesellschaft und zur Sprache der Diplomatie. An mehreren
Hfen sprachen die Frsten und der Adel sie besser und eleganter als
ihre Muttersprache. Auf unsrer Insel war jedoch diese sklavische
Unterordnung noch nicht so weit gediehen als auf dem Continent, weder
unsere guten noch unsere schlechten Eigenschaften waren fremden
Ursprungs. Doch auch bei uns huldigte man der literarischen
berlegenheit unserer Nachbarn, wenn auch ungeschickt und ungern. Die
wohlklingende toskanische Sprache, die allen vornehmen Herren und Damen
am Hofe Elisabeth's so gelufig war, kam aus der Mode. Ein Gentleman,
der den Horaz oder Terenz citirte, galt in feiner Gesellschaft fr einen
prahlerischen Pedanten; verzierte er aber seine Unterhaltung mit
franzsischen Brocken, so war dies der beste Beweis, den er von seinen
Talenten und seiner Bildung geben konnte.[143] Neue Regeln der Kritik,
neue Muster des Styls kamen in die Mode. Die gesuchte Gespreiztheit,
welche Donne's und Cowley's Verse verunziert hatte, verschwand aus
unsrer Poesie. Unsre Prosa verlor zwar an edlem Schwunge, an kunstvollem
Satzbau und an wohllautender Abwechselung im Vergleich mit der einer
frheren Periode, aber sie wurde klarer, geflliger und besser geeignet
zur Polemik und zum Erzhlen. Es ist unmglich, in diesen Vernderungen
den Einflu franzsischer Muster und franzsischen Beispiels zu
verkennen. Selbst groe Meister unsrer Sprache verschmhten es nicht in
ihren werthvollsten Werken sich franzsischer Ausdrcke zu bedienen, wo
ebenso bezeichnende und wohlklingende englische ganz nahe lagen[144] und
aus Frankreich wurde die Tragdie in Versen bei uns eingefhrt, eine
exotische Pflanze, welche in unsrem Boden siechte und bald einging.

  [Anmerkung 143: Butler sagt in einer sehr beienden Satire:

      Citirst Du Griechen und Lateiner,
      So bist Du der Pedanten einer;
      Doch flechtest Du franzs'sche Brocken ein
      Gilt's fr verdienstlich und fr fein.]

    [Anmerkung 144: Das grbste Beispiel dieser Art, dessen ich mich
    entsinne, kommt in einem Gedicht auf die Krnung Karl's II. von
    Dryden vor, der es gewi nicht durch Wortarmuth entschuldigen
    konnte, da er einer fremden Sprache Worte entlehnte:

      +Hither in summer evenings you repair
      To taste the _fraicheur_ of the cooler air+
      (Hier bringst im Sommer Du die Abendstunden hin,
      Um khle, frische Luft mit Wonne einzuzieh'n.)]


[_Unsittlichkeit der schnen Literatur Englands._] Unsere Schriftsteller
wrden wohl gethan haben, wenn sie auch den Anstand nachgeahmt htten,
den ihre groen franzsischen Zeitgenossen mit wenigen Ausnahmen
beobachteten, denn die Unsittlichkeit der englischen Schauspiele,
Satiren, Lieder und Romane jener Zeit ist ein arger Flecken auf unsrem
Nationalruhm. Die Quelle des bels ist leicht zu finden. Die
Schngeister und die Puritaner standen nie auf freundlichem Fue mit
einander, es fand keine Sympathie zwischen diesen beiden Klassen statt.
Sie betrachteten das ganze System des menschlichen Lebens aus
verschiedenen Gesichtspunkten und in verschiedenem Lichte. Der Ernst der
einen war der andern Spott, die Vergngungen jeder von beiden waren der
andren ein Greuel. Dem finstren Rigoristen dnkte selbst das unschuldige
Spiel der Phantasie ein Verbrechen, und den leichteren und
lebenslustigeren Characteren bot das feierliche Wesen der eifernden
Brder reichen Stoff zu Sptteleien. Von der Reformation bis zu dem
Brgerkriege hatte fast jeder mit einem feinen Scharfblicke zur
Auffindung des Lcherlichen begabte Schriftsteller eine Gelegenheit
ergriffen, um den glatthaarigen, nselnden und weinerlichen Heiligen,
die ihre Kinder nach dem Buche Nehemia tauften, die beim Anblick des
Hans im Grnen[145] im Stillen seufzten und die es fr gottlos hielten,
am Weihnachtstage Rosinensuppe zu essen, etwas anzuhaben. Es kam jedoch
eine Zeit, wo auch an die Lacher die Reihe kommen sollte, ein ernstes
Gesicht zu machen. Nachdem die strengen, abstoenden Zeloten zwei
Generationen hindurch reichen Stoff zu Witzeleien geliefert hatten,
erhoben sie sich mit bewaffneter Hand, siegten, herrschten und traten
mit schadenfrohem Lcheln die ganze Schaar der Sptter unter die Fe.
Die Wunden, welche der heitere Muthwille geschlagen, wurden mit der
finstren, unerbittlichen Rachgier vergolten, welche Frmmlern eigen ist,
die ihren Groll fr Tugend halten. Die Theater wurden geschlossen und
die Schauspieler gestupt. Die Presse ward unter die Aufsicht strenger
Censoren gestellt, die Musen von ihren Lieblingssitzen, Cambridge und
Oxford vertrieben. Cowley, Crashaw und Cleveland wurden ihrer Lehrsthle
entsetzt, der junge Candidat fr akademische Wrden mute nicht mehr
ovidische Briefe oder virgilische Hirtengedichte schreiben, sondern er
wurde von einer Synode finstrer Supralapsarier genau ber Tag und Stunde
seiner Wiedergeburt befragt. Ein solches System mute natrlich eine
Menge Heuchler hervorbringen. Unter dem schlichten Rocke und hinter der
Maske des strengen Ernstes verbarg sich viele Jahre lang das glhende
Verlangen nach zgelloser Freiheit und Rache. Dieses Verlangen wurde
endlich gestillt. Die Restauration befreiete Tausende von Geistern von
einem unertrglich gewordenen Joche. Der alte Kampf begann von neuem und
zwar mit nie gekannter Erbitterung; es war kein Kampf des Scherzes mehr,
sondern ein Krieg auf Tod und Leben. Der Rundkopf hatte von Denen, die
er verfolgt, keine bessere Behandlung zu erwarten, als ein grausamer
Sklaventreiber von aufstndischen Sklaven, welche die Spuren seiner
Halseisen und seiner Peitschen noch an sich tragen.

Der Krieg zwischen Verstand und Puritanismus wurde bald ein Krieg
zwischen Verstand und Moralitt. Die durch eine lcherliche Karrikirung
der Tugend hervorgerufene Erbitterung verschonte auch die wirkliche
Tugend nicht mehr. Alles was der nselnde Rundkopf mit Ehrfurcht
betrachtet hatte, wurde verhhnt, und was er verdammt hatte, ward
begnstigt. Weil er gegen die geringfgigsten Kleinigkeiten Bedenken
erhoben hatte, wrde jeder Gewissensskrupel ins Lcherliche gezogen.
Weil er seine Fehler mit der Maske der Frmmigkeit verhllt hatte,
so wurde Jedermann dazu aufgemuntert, mit cynischer Frechheit die
abscheulichsten Laster dem Blicke des Publikums preiszugeben. Weil er
unerlaubte Liebe mit herzloser Strenge bestraft hatte, wurden
jungfruliche Unschuld und eheliche Treue schamlos verspottet. Dem
scheinheiligen Jargon, der sein Schibboleth war, wurde ein anderer,
nicht minder widerlicher und hlicher Jargon gegenbergestellt. Wie er
den Mund nicht ffnete, ohne sich biblischer Worte zu bedienen, so
ffnete die neue Brut von Schngeistern und Gentlemen nie den Mund, ohne
Zoten hervorzubringen, deren sich jetzt ein Lasttrger schmen wrde,
und ohne den Schpfer anzurufen, da er die Heuchler verfluchen,
verderben, vernichten und verdammen mge.

Es ist daher kein Wunder, da unsre schne Literatur, als sie zugleich
mit der frheren brgerlichen und kirchlichen Verfassung wieder
auflebte, eine beispiellose Unsittlichkeit zur Schau trug. Nur wenige
ausgezeichnete Mnner, die einer frheren und besseren Periode
angehrten, blieben frei von der allgemeinen Ansteckung. Waller's
Poesien athmeten noch immer die Gefhle, welche ein ritterlicheres
Geschlecht beseelt hatten. Cowley, der sich als treuer Anhnger des
Thrones und als Gelehrter auszeichnete, erhob muthig seine Stimme gegen
die Unsittlichkeit, welche die Literatur wie die Loyalitt schndete.
Ein noch grerer Dichter, durch Leiden, Gefahren, Armuth, Schmhungen
und Blindheit zu gleicher Zeit hart geprft,[146] lie, nicht achtend
des wsten Lrms, der rings um ihn tobte, einen so erhabenen und
heiligen Gesang ertnen, da er die Lippen der hehren Tugenden nicht
entweiht haben wrde, die er mit seinem geistigen Blicke, den kein
Ungemach verdunkeln konnte, ihre amaranthnen und goldenen Kronen auf das
Jaspispflaster herabwerfen sah. Butler's starker und fruchtbarer Genius
entging zwar nicht ganz der herrschenden Ansteckung, nahm aber die
Seuche nur in milderer Form in sich auf. Aber dies waren Mnner, deren
Geist in einer vergangenen Welt gebildet worden war. An ihre Stelle trat
bald eine jngere Generation von Schngeistern, und der vorherrschende
Character dieses Geschlechts, von Dryden bis herab zu Durfey, war eine
gefhl- und schamlose, prahlerische und dabei geschmacklose, inhumane
Unzchtigkeit. Der Einflu dieser Schriftsteller war ohne Zweifel
schdlich; aber er htte noch weit schdlicher werden knnen, wenn sie
minder verderbt gewesen wren. Das Gift, welches sie gaben, war so
stark, da es nach kurzer Zeit mit Ekel wieder ausgeworfen wurde. Keiner
von ihnen verstand die gefhrliche Kunst, Bilder unerlaubter Lust in ein
anziehendes und edles Gewand zu kleiden, keiner von ihnen sah ein, da
auch die Wollust ein gewisses Decorum verlangt, da Verhllung lockender
sein kann als Nacktheit, und da die Phantasie durch leise Andeutungen,
die sie zu eigner Thtigkeit reizen, mchtiger erregt wird, als durch
plumpe Schilderungen, die sie gedankenlos in sich aufnimmt.

Der Geist der antipuritanischen Reaction weht fast durch die ganze
schne Literatur der Regierungsepoche Karl's II. Die wahre Quintessenz
dieses Geistes aber findet sich im komischen Drama. Die
Schauspielhuser, welche die rcksichtslosen Fanatiker in den Tagen
ihrer Herrschaft geschlossen htten, waren wieder gefllt und zu ihren
frheren Reizen hatten sich neue und mchtigere gesellt. Scenerien,
Kostme und Dekorationen, die zwar heutzutage fr drftig und
geschmacklos gelten wrden, die aber dem Blicke Derer, welche zu Anfang
des siebzehnten Jahrhunderts auf den schmutzigen Bnken der Hoffnung
oder unter dem Strohdache der Rose gesessen hatten, von unglaublicher
Pracht erschienen sein wrden, entzckten die Augen der Menge. Der
Zauber des schnen Geschlechts wurde herbeigerufen, um den Zauber der
Kunst zu untersttzen, und der junge Schauspieler sah mit einer den
Zeitgenossen Shakespeare's und Jonson's unbekannten Gefhlserregung
liebende und muthige Heldinnen durch holde Damen dargestellt. Von dem
Augenblicke ihrer Wiedererffnung an wurden die Theater Pflanzsttten
des Lasters, und das bel griff immer weiter um sich. Die Unsittlichkeit
der Darstellungen verscheuchte bald die anstndigen Leute, und die
Frivolen und Schamlosen, welche zurckblieben, verlangten mit jedem
Jahre strkere Reizmittel. So verdarben die Knstler die Zuschauer und
umgekehrt die Zuschauer die Knstler, bis endlich die Unsittlichkeit der
Bhne einen Grad erreichte, der Jeden in Erstaunen setzen mu, welcher
nicht bercksichtigt, da uerste Erschlaffung die natrliche Folge
hchster Anspannung ist und da nach dem regelmigen Laufe der Dinge
auf ein Zeitalter der Heuchelei ein Zeitalter der Schamlosigkeit folgen
mute.

Nichts characterisirt jene Zeit besser als das angelegentliche Bestreben
der Dichter, ihre lockersten Verse Frauen in den Mund zu legen. Am
weitesten trieb man die Frechheit in den Epilogen, welche fast stets von
den beliebtesten Schauspielerinnen gesprochen wurden, und es war ein
Hochgenu fr das verderbte Publikum, die unanstndigsten Zeilen aus dem
Munde eines schnen Mdchens zu hren, von der man annehmen kennte, da
sie ihre Unschuld noch nicht verloren hatte.[147]

Unser damaliges Theater entlehnte viele seiner Intriguen und Charactere
den Spaniern, den Franzosen und den alten englischen Meistern; aber was
unsere dramatischen Dichter berhrten, das beschmutzten sie auch. In
ihren Nachahmungen wurden die Huser der ehrenwerthen und hochherzigen
kastilianischen Herren Calderon's Pfhle des Lasters, Shakespeare's
Viola eine Kupplerin, Molire's Menschenfeind ein Ehrenruber, Molire's
Agnes eine Ehebrecherin. Nichts war so rein und heroisch, da es bei der
Verarbeitung durch jene schmutzigen und gemeinen Hnde nicht schmutzig
und gemein geworden wre.

So stand es mit dem Schauspiel, und das Schauspiel war derjenige Zweig
der schnen Literatur, in welchem der Dichter die meiste Aussicht hatte,
sich mit der Feder seinen Unterhalt zu erwerben. Bcher wurden so wenig
gekauft, da selbst ein Mann mit dem berhmtesten Namen fr das
Verlagsrecht des besten Werkes nur ein geringes Honorar erwarten durfte.
Es giebt keinen sprechenderen Beleg fr diese Behauptung, als das
Schicksal von Dryden's letztem Geistesproducte, seinen Fabeln. Dieser
Band erschien zu einer Zeit, wo Dryden allgemein als der erste lebende
Dichter Englands anerkannt war. Derselbe enthlt ungefhr zwlftausend
Zeilen. Der Versbau ist wunderschn, die Erzhlungen und Schilderungen
voll Leben. Noch heutzutage entzcken Palamon und Arcite, Cymon und
Iphigenia, Theodora und Honoria jeden Kritiker wie jeden Schulknaben.
Die Sammlung enthlt auch das Fest Alexanders, die herrlichste Ode in
unsrer Sprache. Dryden erhielt fr das Verlagsrecht funfzig Pfund
Sterling, das heit weniger als heutzutage zuweilen fr zwei Beitrge
fr eine Zeitschrift bezahlt wird.[148] Dessenungeachtet scheint das
Honorar im Verhltni nicht niedrig gewesen zu sein, denn das Buch ging
nur langsam und erst zehn Jahre nach dem Tode des Verfassers wurde eine
zweite Auflage nthig. Wer fr die Bhne schrieb, konnte mit weit
geringerer Anstrengung viel grere Summen erwerben. So erhielt Southern
fr ein einziges Stck siebenhundert Pfund;[149] Otway schwang sich
durch den Erfolg seines Don Carlos aus tiefster Armuth zu
vorbergehendem Reichthum empor;[150] Shadwell bekam fr eine einzige
Vorstellung seines Squire of Alsatia hundertdreiig Pfund,[151] Die
Folge davon war, da Jedermann, der von dem Ertrage seiner
Geistesproducte leben mute, Theaterstcke schrieb, gleichviel ob er
inneren Beruf dazu hatte oder nicht. So auch Dryden. Als Satyriker
wetteiferte er mit Juvenal, als didactischer Dichter htte er, bei
Sorgfalt und Studium, vielleicht Lucretius an die Seite gestellt werden
knnen, und auerdem ist er unter den lyrischen Dichtern, wenn nicht der
erhabenste, doch der glnzendste und ergreifendste. Aber die Natur, die
ihn mit so vielen seltenen Gaben reich ausgestattet, hatte ihm das
dramatische Talent versagt. Dennoch vergeudete er die ganze Kraft seiner
besten Jahre an dramatische Werke. Er war zu einsichtsvoll, um nicht zu
erkennen, da ihm die Fhigkeit mangelte, Charactere durch den Dialog zu
zeichnen, und er that sein Mglichstes, um diesen Mangel bald durch
berraschende und ergtzliche Wendungen, bald durch edle Deklamation,
bald durch wohllautende Verse; bald durch schlpfrige Zweideutigkeiten,
zu verdecken, welche dem Geschmack eines profanen und sittenlosen
Publikums nur zu wohl entsprachen. Dennoch erlangte er nie einen
dramatischen Erfolg, hnlich denen, welche die Anstrengungen einiger
Mnner belohnten, die an Talent berhaupt tief unter ihm standen. Er
schtzte sich glcklich, wenn er hundert Guineen fr ein Stck erhielt,
ein karger, aber jedenfalls hherer Lohn, als ihm jede andre
literarische Arbeit von gleichem Umfange eingebracht, haben wurde,[152]

Die Untersttzung, welche den Schngeistern jener Zeit von Seiten des
Publikums zu Theil wurde, war so gering, da sie sich gezwungen sahen,
ihr Einkommen zu erhhen, indem sie die Brsen der Groen in
Contribution setzten. Jeder reiche und gutherzige Lord wurde daher von
den Autoren mit so zudringlicher Bettelei und so kriechender
Schmeichelei belstigt, wie sie unsrer Zeit unglaublich erscheinen
mssen. Von dem Gnner, dem ein Werk gewidmet wurde, erwartete der
Verfasser, da er ihn mit einer goldgefllten Brse belohnen werde. Das
fr die Widmung eines Buches bewilligte Geschenk war oft bedeutender,
als die Summe, welche irgend ein Verleger fr das Verlagsrecht bezahlt
haben wrde. Es wurden daher oft Bcher lediglich um der Zuneigung
willen gedruckt. Dieser Handel mit Lob hatte die Wirkung, welche davon
zu erwarten war. Eine an Unsinn, ja zuweilen an Gottlosigkeit streifende
Schmeichelei war keine Schande fr den Dichter, die Welt verlangte keine
Unabhngigkeit, Wahrhaftigkeit und Selbstachtung von ihm, kurz, er war
in moralischer Beziehung ein Mittelding zwischen einem Kuppler und einem
Bettler.

Zu den anderen Fehlern, welche den literarischen Character schndeten,
kam gegen das Ende der Regierung Karl's II. die maloseste Heftigkeit
des Parteigeistes. Die Schngeister als Stand waren durch ihren alten
Ha gegen den Puritanismus bewogen worden, auf die Seite des Hofes zu
treten, und hatten sich als ntzliche Bundesgenossen erwiesen. Dryden
insbesondere hatte dem Hofe gute Dienste geleistet. Sein Absalom und
Achitophel, die grte Satire der neueren Zeit, hatte die Hauptstadt in
Erstaunen gesetzt, mit beispielloser Schnelligkeit selbst in lndliche
Bezirke den Weg gefunden und allenthalben, wo sie erschien, die
Exclusionisten tief gekrnkt und den Muth der Tories gehoben. Wir drfen
jedoch ber die Bewunderung, die wir der edlen Diction und dem schnen
Versbau zollen, die wichtige Unterscheidung zwischen Gutem und Bsem
nicht auer Acht lassen. Der Geist, von welchem Dryden und viele seiner
Standesgenossen damals gegen die Whigs beseelt waren, verdient hmische
Bosheit genannt zu werden. Die servilen Richter und Sheriffs jener
schlimmen Zeit konnten das Blut nicht so schnell vergieen, als die
Dichter danach schrieen. Das Verlangen von mehr Opfern, abscheuliche
Spe ber den Strang und bittere Verhhnung Derjenigen, welche, nachdem
sie dem Knige in der Stunde der Gefahr treu zur Seite gestanden, ihm
jetzt zu einer nachsichtigen und gromthigen Behandlung seiner
besiegten Feinde riethen, wurden auf offener Bhne ausgesprochen, und
zwar, damit das Ma der Schuld und Schande voll werde, von Frauen, in
denen man so jeden Funken von Mitgefhl zu ersticken suchte, nachdem sie
schon lngst gelernt hatten, alle Sittlichkeit von sich zu werfen.[153]

    [Anmerkung 145: +Jack in the Green+, ein Scherz der Essenkehrer,
    den sie am 1. Mai vorzunehmen pflegen und welcher darin besteht,
    da sie den Lngsten von ihnen in ein mit Blumen und grnen
    Zweigen umgebenes taugliches Korbgeflecht stecken, so da man fast
    nichts von ihm sieht.  D. bers.]

    [Anmerkung 146: Milton.  Der bers.]

    [Anmerkung 147: Jeremias Collier hat diese schmachvolle Unsitte
    mit gewohnter Kraft und Schrfe gegeielt.]

    [Anmerkung 148: Der Contract findet sich in Sir Walter Scott's
    Ausgabe von Dryden's Werken.]

    [Anmerkung 149: Siehe +Shiels's Life of Southern.+]

    [Anmerkung 150: Siehe +Rochester's Trial of the Poets.+]

    [Anmerkung 151: Aus einem Bericht ber die englische Bhne.]

    [Anmerkung 152: +Life of Southern by Shiels.+]

    [Anmerkung 153: Sollte dieser oder jener Leser meine Ausdrcke zu
    stark finden, so rathe ich ihm, Dryden's Epilog in seinem Herzog
    von Guise zu lesen und dabei im Auge zu behalten, da derselbe
    von einer Dame gesprochen wurde.]


[_Zustand der Wissenschaft in England._] Es ist eine bemerkenswerthe
Thatsache, da, whrend die leichtere Literatur Englands auf diese Art
ein wunder Fleck und eine Schmach der Nation wurde, der englische Genius
in der Wissenschaft eine Umwlzung bewirkte, die bis an's Ende aller
Zeiten zu den glnzendsten Leistungen des menschlichen Geistes gezhlt
werden wird. Bacon hatte den guten Samen zu ungnstiger Zeit in einen
trgen Boden geset. Auch hatte er keine frhzeitige Ernte erwartet und
in seinem letzten Testamente seinen Ruhm feierlich dem nchsten
Zeitalter vermacht. Whrend einer ganzen Generation war seine
Philosophie trotz aller Unruhen, Kriege und Verbannungen in einigen
wenigen reich begabten Kpfen langsam gereift. Whrend Parteien um die
Herrschaft ber einander kmpften, hatte sich eine kleine Schaar von
Weisen mit lobenswerther Verachtung von dem Kampfe zurckgezogen und
sich dem edleren Zwecke gewidmet, die Herrschaft des Menschen ber die
Materie zu erweitern. Sobald die Ruhe wieder hergestellt war, fanden
diese Lehrer ohne Mhe aufmerksame Zuhrer, denn die Schule, durch
welche die Nation gegangen war, hatte den ffentlichen Geist in eine
Stimmung versetzt, die ihn zur Aufnahme der Verulamischen Lehren wohl
geeignet machte. Die brgerlichen Unruhen hatten die Fhigkeiten der
gebildeten Klassen geweckt und eine rastlose Thtigkeit und eine
unersttliche Wibegierde hervorgerufen, wie sie unter uns nie zuvor
gekannt war. Jene Unruhen hatten jedoch auch die Wirkung gehabt, da
politische und religise Reformplne in der Regel mit Argwohn und
Verachtung angesehen wurden. Zwanzig Jahre lang hatten sich rhrige und
scharfsinnige Mnner vorzugsweise damit beschftigt, Verfassungen mit
und ohne hchste Beamten, mit erblichen Senaten, mit durch das Loos zu
whlenden Senaten, mit jhrlich wechselnden Senaten oder mit bleibenden
Senaten zu entwerfen. Nichts war bei diesen Plnen vergessen. Alle
Einzelnheiten, die ganze Nomenclatur, das ganze Ceremonial der
imaginren Regierung war vollstndig ausgefhrt: Polemarchen und
Phylarchen, Tribus und Galaxien,[154] der Lord Archon und der Lord
Strategus, welche Wahlurnen grn und welche roth, welche Kugeln von Gold
und welche von Silber sein, welche Beamten Hte und welche schwarze
Sammtkappen mit Troddeln tragen, wie das Scepter gehalten werden und
wann die Herolde sich entblen sollten; alle diese und noch hundert
andere derartige Kleinigkeiten waren von Mnnern nicht gewhnlicher
Fhigkeiten und wissenschaftlicher Bildung ernstlich erwogen und
festgestellt.[155] Aber die Zeit fr solche Trume war vorber, und wenn
wirklich noch hier und da ein zher Republikaner sich damit
beschftigte, so bewog ihn doch die Furcht, ffentlich ausgelacht und
des Hochverraths angeklagt zu werden, in der Regel zur sorgfltigsten
Geheimhaltung seiner Phantasiegebilde. Es war jetzt unpopulr und
gefhrlich, nur ein Wort gegen die Grundgesetze der Monarchie laut
werden zu lassen, aber khne und erfinderische Kpfe konnten sich dafr
entschdigen, indem sie auf die bisherigen Grundgesetze der Natur mit
mitleidiger Geringschtzung herabsahen. Der in dem einen Bette gedmmte
Strom suchte sich gewaltsam ein andres; der revolutionre Geist konnte
in der Politik nicht mehr thtig sein und fing daher an, sich mit noch
nicht dagewesener Kraft und Regsamkeit in jedem Zweige der
Naturwissenschaften zu rhren. Das Jahr 1660, die Epoche der
Wiedereinsetzung der alten Verfassung, ist zugleich auch der Zeitpunkt,
mit dem der Einflu der neuen Philosophie beginnt. In diesem Jahre wurde
die knigliche Societt gegrndet, welche das Hauptwerkzeug einer langen
Reihe von rhmlichen und heilsamen Reformen werden sollte.[156] Binnen
wenigen Monaten wurde die Experimentalwissenschaft allenthalben Mode.
Die Transfusion des Blutes, das Wgen der Luft und die Fixirung des
Quecksilbers nahmen im Geiste des Publikums die Stelle ein, welche bis
vor Kurzem die Controversen der Rota ausgefllt hatten. Ideen ber
vollkommenere Verfassungsformen machten Trumen von Flgeln, mit denen
man vom Tower bis zur Abtei fliegen konnte, und von doppelkieligen
Schiffen Platz, bei denen ein Scheitern, selbst im heftigsten Sturme,
nicht mglich sein sollte. Die herrschende Stimmung ri alle Klassen mit
sich fort, Kavalier und Rundkopf, Staats-, Kirchenmann und Puritaner
waren mit einem Male wieder einig. Theologen, Juristen, Staatsmnner,
Edelleute und Frsten erhhten den Sieg der Bacon'schen Philosophie. Die
Dichter verkndeten mit wetteiferndem Feuer das Herannahen des goldenen
Zeitalters. Cowley forderte in sinnvollen und glnzenden Versen die
Auserwhlten auf, Besitz zu nehmen von dem gelobten Lande, wo Milch und
Honig flssen, von dem Lande, das ihr groer Befreier und Gesetzgeber
wie vom Gipfel des Pisgah herab gesehen, aber nicht habe betreten
drfen.[157] Dryden stimmte mit mehr Begeisterung als Sachkenntni in
den allgemeinen Jubel ein und weissagte Dinge, die er so wenig als
irgend Jemand verstand. Die Knigliche Societt, prophezeiete er, werde
uns bald an den uersten Rand des Erdballs fhren und uns dort mit
einer besseren Ansicht des Mondes berraschen.[158] Zwei gebildete und
strebsame Prlaten, Ward, Bischof von Salisbury, und Wilkins, Bischof
von Chester, gehrten zu den Fhrern der Bewegung. Die Geschichte
derselben wurde in beredter Sprache von einem jngern Theologen
geschrieben, der sich in seinem Berufe zu hoher Auszeichnung
emporschwang, von Thomas Sprat, nachmals Bischof von Rochester. Auch der
Oberrichter Hale und der Lordsiegelbewahrer Guildford stahlen ihren
richterlichen Geschften einige Stunden ab, um Schriften ber die
Hydrostatik zu schreiben. In der That waren die ersten Barometer, welche
in London zum Verkauf gestellt wurden, unter Guildford's unmittelbarer
Leitung verfertigt.[159] Die Chemie theilte auf kurze Zeit mit dem Wein
und der Liebe, mit der Bhne und dem Spieltische, mit den Hofintriguen
und den demagogischen Umtrieben die Aufmerksamkeit des ruhelosen
Buckingham. Dem Prinzen Ruprecht wurde die Erfindung der schwarzen Kunst
zugeschrieben, und nach ihm ist die seltsame Glasblase benannt, welche
so lange die Kinder unterhalten und die Philosophen in Verlegenheit
gesetzt hat.[160] Karl selbst hatte in Whitehall ein Laboratorium und
war dort viel thtiger und aufmerksamer als im Staatsrathe. Es gehrte
fast zu den Erfordernissen eines gebildeten Gentleman, da er ber
Luftpumpen und Teleskope zu sprechen verstand, und selbst seine Damen
hielten es zuweilen fr passend, Neigung zu den Wissenschaften zur Schau
zu tragen, fuhren mit Sechsen nach den Greshamer Sehenswrdigkeiten und
stieen einen Freudenruf aus, wenn sie sahen, da ein Magnet wirklich
eine Nadel anzog und da eine Fliege unter dem Mikroskop so gro aussah
wie ein Sperling.[161]

Wie in jeder groen Bewegung des menschlichen Geistes, lag allerdings
auch in dieser etwas, das wohl ein Lcheln entlocken konnte. Es ist eine
allgemeine Regel, da jede Lehre, jedes Studium, wenn es zur Modesache
wird, einen Theil der Wrde verliert, die es besa, whrend es noch auf
einen kleinen aber ernsten Kreis beschrnkt war und nur um seiner selbst
willen geliebt wurde. Es ist wahr, die Thorheiten mancher Leute, die
ohne wirkliches Geschick fr die Wissenschaft eine leidenschaftliche
Liebe zu derselben zur Schau trugen, lieferten einigen boshaften
Satirikern, die noch der vorhergehenden Generation angehrten und welche
das, was sie in der Jugend gelernt, nicht gern vergessen wollten, Stoff
zu verchtlichem Spott.[162] Nicht minder wahr aber ist es, da das
groe Werk der Erforschung der Natur von den Englndern jener Zeit in
einer Weise gefrdert wurde, wie nie zuvor zu irgend einer Zeit und von
irgend einer Nation. Der Geist Franz Bacon's, dieser Geist, in welchem
Khnheit und Besonnenheit zu einem wundervollen Ganzen verbunden waren,
schwebte ber dem Volke. Man war fest berzeugt, da die ganze Welt voll
von Geheimnissen von hoher Wichtigkeit fr das Wohl des Menschen sei und
da der Schpfer ihm den Schlssel in die Hand gelegt, der bei richtigem
Gebrauch ihm die Kenntni derselben verschaffen konnte. Zu gleicher Zeit
aber war man auch berzeugt, da man in den Naturwissenschaften nur
durch genaue Beobachtung einzelner Erscheinungen zur Kenntni der
allgemeinen Gesetze gelangen konnte. Tief durchdrungen von diesen groen
Wahrheiten widmeten sich die Jnger der neuen Philosophie ihrer Aufgabe,
und noch vor Ablauf eines Vierteljahrhunderts hatten sie schon einen
groen Theil von den Schtzen zu Tage gefrdert, welche spter
vervollstndigt worden sind. Schon hatte eine Reform des Landbaus
begonnen, neue Pflanzen wurden angebaut, neue landwirthschaftliche
Gerthe und neue Dngemittel wurden angewendet.[163] Evelyn hatte mit
ausdrcklicher Genehmigung der Kniglichen Societt seinen Landsleuten
Unterricht im Anpflanzen gegeben. Temple hatte in seinen Muestunden
allerhand Versuche im Gartenbau angestellt und den Beweis geliefert, da
viele kstliche Frchte, die Erzeugnisse begnstigterer Himmelsstriche,
mit Hlfe der Kunst in englischem Boden gezogen werden konnten. Die
Arzneiwissenschaft, die sich in Frankreich noch in trauriger
Abhngigkeit befand und Molire unerschpflichen Stoff zu gerechtem
Spott lieferte, war in England eine Experimentalwissenschaft geworden,
welche trotz Hippokrates und Galen mit jedem Tage einen neuen
Fortschritt machte. Zum ersten Male richtete sich die Aufmerksamkeit
denkender Mnner auf die so wichtige Gesundheitspolizei. Die groe Pest
von 1665 gab ihnen Veranlassung, die Mngel der Bauart, der Abzugskanle
und der Lftung der Hauptstadt sorgfltig zu untersuchen, und der groe
Brand im darauffolgenden Jahre bot Gelegenheit zur Einfhrung
ausgedehnter Verbesserungen. Die Knigliche Societt prfte die Sache
mit grter Thtigkeit, und den Anregungen von Seiten dieser
Gesellschaft sind zum Theil die Vernderungen zuzuschreiben, welche
allerdings noch weit hinter dem zurckblieben, was die ffentliche
Wohlfahrt erheischte, aber doch einen groen Unterschied zwischen dem
alten und dem neuen London hervortreten lieen und den Verheerungen der
Pest in unsrem Vaterlande wahrscheinlich ein Ziel setzten.[164] Zu
gleicher Zeit schuf einer von den Grndern der Gesellschaft, Sir Wilhelm
Petty, die Wissenschaft der politischen Arithmetik, die bescheidene,
aber unentbehrliche Gehlfin der Staatsweisheit. Kein Naturreich blieb
unerforscht. Jener Zeit gehren die Entdeckungen Boyle's im Gebiete der
Chemie und Sloane's erste botanische Forschungen an. Damals stellte Ray
eine neue Classification der Vgel und Fische auf und Woodward begann
seine Aufmerksamkeit den Fossilien und Muscheln zuzuwenden. Die
Phantome, die whrend langer Jahrhunderte der Finsterni die Welt
bethrt hatten, flohen eines nach dem andren vor dem Lichte. Die
Astrologie und Alchymie wurden Gegenstnde des Spotts. Bald gab es kaum
noch eine Grafschaft, wo nicht Einige auf der Richterbank verchtlich
gelchelt htten, wenn eine alte Frau vor sie gefhrt wurde, weil sie
auf Besenstielen geritten sei oder es dem Viehe angethan habe. Die
wichtigsten Triumphe aber errang der englische Genius der damaligen Zeit
in den edelsten und schwierigsten Zweigen der Wissenschaft, in denen
Induction und mathematischer Beweis zur Entdeckung der Wahrheit
zusammenwirken. John Wallis gab dem ganzen System der Statik eine neue
Grundlage. Edmund Halley untersuchte die Eigenschaften der Atmosphre,
die Ebbe und Fluth des Meeres, die Gesetze des Magnetismus und den Lauf
der Kometen; weder Mhen, noch Gefahren, noch die Verbannung konnten ihm
die Pflege der Wissenschaft verleiden. Whrend er auf dem Felsen von St.
Helena eine Karte von den Sternbildern der sdlichen Hemisphre entwarf,
ward unsre Nationalsternwarte in Greenwich erbaut, und John Flamsteed,
der erste knigliche Astronom, begann die lange Reihe von Beobachtungen,
welche auf keinem Punkte der ganzen Erde ohne Achtung und Dankbarkeit
erwhnt werden. Doch wie gro auch der Ruhm dieser Mnner ist, er wird
durch den Alles berstrahlenden Glanz eines unsterblichen Namens in den
Schatten gestellt. In Isaak Newton vereinigten sich wie in keinem Andren
vor ihm oder nach ihm zwei Arten von geistiger Kraft, welche wenig mit
einander gemein haben und nicht oft in einem hohen Grade der Vollendung
beisammen gefunden werden, die aber nichtsdestoweniger bei Erforschung
der hchsten Gebiete der Naturwissenschaft gleich nothwendig sind.
Es mag Geister gegeben haben, welche fr den Anbau der reinen
mathematischen Wissenschaft eben so glcklich constituirt waren als der
seinige; es mag Geister gegeben haben, welche in der Pflege der reinen
Experimentalwissenschaft dem seinigen nicht nachstanden: in keinem
andren Geiste aber haben sich das demonstrative und das inductive Talent
in solch hchster Vollendung und in so unvergleichlicher Harmonie
vereinigt. In einem Zeitalter von Scotisten und Thomisten wrde
vielleicht auch sein Geist verkmmert sein, wie mancher andre, der nur
dem seinigen nachstand. Glcklicherweise aber gab der Geist des
Zeitalters, das ihm zugefallen war, seinem Geiste die rechte Richtung,
und sein Genie wirkte wieder mit zehnfacher Kraft auf den Geist seiner
Zeit zurck. Im Jahre 1685 war sein Ruhm, obwohl schon glnzend, doch
erst im Entstehen, sein Genie aber hatte den Zenith erreicht. Sein
groes Werk, das Werk, das auf den wichtigsten Gebieten der
Naturwissenschaft eine Revolution herbeifhrte, war vollendet, aber noch
nicht im Druck erschienen, und sollte eben der Beurtheilung der
Kniglichen Societt unterbreitet werden.

    [Anmerkung 154: +Galaxy+, Milchstrae, im bildlichen Sinne eine
    glnzende Versammlung.  D. bers.]

    [Anmerkung 155: Siehe besonders +Harrington's Oceana.+]

    [Anmerkung 156: Siehe +Sprat's History of the Royal Society.+]

    [Anmerkung 157: +Cowley's Ode to the Royal Society.+]

    [Anmerkung 158:

      Dann geh'n wir an des Erdballs fernsten Rand,
      Wo Meer und Himmel in einander flieen.
      Um unsere Nachbarn in dem Sternenland,
      Die ganze Mondwelt freundlich zu begren.

          +Annus Mirabilis, 164.+]

    [Anmerkung 159: +North's Life of Guildford.+]

    [Anmerkung 160: Die Glasthrnen oder Glastropfen heien im
    Englischen +Rupert's+ drops.  D. bers.]

    [Anmerkung 161: +Pepys's Diary, May 30. 1667.+]

    [Anmerkung 162: Butler war meines Wissens in der Zeit zwischen der
    Restauration und der Revolution der einzige wirklich geistreiche
    Mann, der gegen die neue Philosophie, wie sie damals genannt
    wurde, eine heftige Feindschaft an den Tag legte. Siehe seine
    Satire auf die Knigliche Societt und der Elephant im Monde.]

    [Anmerkung 163: Der Eifer, mit dem die Landwirthe der damaligen
    Zeit Versuche anstellten und Verbesserungen einfhrten, wird von
    Aubrey in seiner +Natural History of Wiltshire, 1685+, treffend
    geschildert.]

    [Anmerkung 164: +Sprat's History of the Royal Society.+]


[_Zustand der schnen Knste._] Es ist nicht ganz leicht zu erklren,
warum die Nation, die in den Wissenschaften ihren Nachbarn so weit
voraus war, in der Kunst ihnen allen weit nachstand. Dennoch war es so.
In der Baukunst, einer Kunst, die eine halbe Wissenschaft ist, einer
Kunst, in der sich nur ein Geometer auszeichnen kann, eine Kunst, welche
nur einen mittelbar oder unmittelbar vom Nutzen abhngigen Mastab der
Schnheit hat und deren Schpfungen wenigstens einen Theil ihrer
Majestt von der bloen krperlichen Masse herleiten, konnte sich unser
Vaterland allerdings in Christoph Wren eines wahrhaft groen Mannes
rhmen, und das Feuer, welches London in Asche legte, hatte ihm eine in
der neueren Geschichte noch nicht dagewesene Gelegenheit gegeben, sein
Talent zu entfalten. Die ernste Schnheit der atheniensischen
Sulenhalle und die dstre Groartigkeit des gothischen Spitzbogens war
er, gleich allen seinen Zeitgenossen, unfhig zu erreichen, aber kein
diesseits der Alpen Geborener hat die Pracht der palasthnlichen Kirchen
Italiens mit so glcklichem Erfolge nachgeahmt. Selbst der
prachtliebende Ludwig hat der Nachwelt kein Werk hinterlassen, das mit
der Paulskirche einen Vergleich aushalten knnte. Aber zu Ende der
Regierung Karl's II. gab es nicht einen einzigen englischen Maler oder
Bildhauer, dessen Name noch jetzt genannt wrde. Diese Unfruchtbarkeit
hat etwas Rthselhaftes, denn Maler und Bildhauer waren durchaus keine
verachtete oder krglich bezahlte Klasse von Knstlern, sie nahmen
damals eine fast eben so hohe Stellung in der Gesellschaft ein als
jetzt, ja ihr Verdienst war im Verhltni zu dem Nationalreichthum und
dem Lohne, welcher anderen Arten geistiger Arbeit gewhrt wurde, sogar
grer als gegenwrtig. In der That zog die freigebige Gnnerschaft,
welche den Knstlern zu Theil ward, sie schaarenweise an unsere Ksten.
Lely, der uns die ppigen Locken, die vollen Lippen und die
schmachtenden Augen der von Hamilton gefeierten therischen Schnheiten
hinterlassen hat, war ein Westfale. Er starb 1680, nachdem er lange
glnzend gelebt, die Ritterwrde empfangen und sich von den Frchten
seiner Kunst ein ansehnliches Vermgen erspart hatte. Seine schne
Sammlung von Zeichnungen und Gemlden wurde nach seinem Tode mit
Erlaubni des Knigs im Bankethause von Whitehall ausgestellt und dann
fr die fast unglaubliche Summe von sechsundzwanzigtausend Pfund
Sterling versteigert, eine Summe, welche zu dem Vermgen der damaligen
Reichen in einem greren Verhltnisse stand, als hunderttausend Pfund
zu dem Vermgen eines Reichen unserer Tage.[165] Auf Lely folgte sein
Landsmann Gottfried Kneller, der nacheinander zum Ritter und zum Baronet
erhoben wurde und der, obgleich er ein groes Haus gefhrt und in
unglcklichen Spekulationen viel Geld verloren hatte, seiner Familie
doch noch ein sehr bedeutendes Vermgen hinterlassen konnte. Die beiden
Vandevelde, geborene Hollnder, waren durch die englische Freigebigkeit
bewogen worden, zu uns berzusiedeln, und malten fr den Knig und den
hohen Adel einige der schnsten Seestcke, die es giebt. Ein andrer
Hollnder, Simon Varelst, malte herrliche Sonnenblumen und Tulpen zu
Preisen, wie sie bis dahin noch nie bezahlt worden waren. Verrio, ein
Neapolitaner, schmckte Decken und Treppenhuser mit Gorgonen und Musen,
mit Nymphen und Satyrn, mit Tugenden und Lastern, mit nektarschlrfenden
Gttern und lorbeerbekrnzten, im Triumph einherziehenden Frsten. Das
Einkommen, das ihm seine Arbeiten verschafften, setzte ihn in den Stand,
eine der ppigsten Tafeln in England zu fhren. Fr seine Malereien in
Windsor allein erhielt er siebentausend Pfund, eine Summe, welche damals
hinreichte, einem Gentleman von bescheidenen Ansprchen fr seine
Lebenszeit ein anstndiges Auskommen zu sichern, eine Summe, welche
Dryden whrend einer vierzigjhrigen literarischen Laufbahn von den
Buchhndlern noch bei weitem nicht erhalten hatte.[166] Verrio's erster
Gehlfe und Nachfolger, Ludwig Laguerre, stammte aus Frankreich. Auch
die zwei berhmtesten Bildhauer jener Zeit waren Auslnder. Cibber,
dessen ergreifende Statuen der Raserei und der Melancholie noch jetzt
eine Zierde von Bedlam sind, war ein Dne. Gibbons, dessen anmuthiger
Phantasie und zartem Pinsel viele unserer Palste, Collegien und Kirchen
ihre schnsten inneren Ausschmckungen verdanken, war ein Hollnder.
Selbst die Zeichnungen fr die Mnze wurden von franzsischen Knstlern
gefertigt. Erst unter der Regierung Georg's II. konnte sich unser
Vaterland eines groen Malers rhmen, und GeorgIII. sa auf dem Throne,
bevor es Ursache hatte, auf einen seiner Bildhauer stolz zu sein.

Es ist Zeit, da ich mit der Betreibung des England, das KarlII.
regierte, zum Schlu eile. Ein Gegenstand von hoher Wichtigkeit ist
jedoch noch nicht berhrt worden. Ich habe noch nichts von der groen
Masse des Volks gesagt, von Denen, die hinter dem Pfluge gingen, welche
die Ochsen pflegten, an den Websthlen von Norwich arbeiteten und die
Portlandsteine fr die St. Paulskirche herrichteten. Viel kann von ihnen
auch nicht gesagt werden. Gerade ber die zahlreichste Klasse haben wir
die drftigsten Nachrichten. Damals betrachteten es die Philantropen
noch nicht fr eine heilige Pflicht und die Demagogen erkannten es noch
nicht als ein eintrgliches Geschft, sich ber die Noth des Arbeiters
ausfhrlich zu verbreiten. Die Geschichte war zu sehr von Hfen und
Lagern in Anspruch genommen, als da sie eine Zeile fr die Htte des
Landmanns oder fr die Dachstube des Handwerkers htte erbrigen knnen.
Die Presse liefert jetzt oft in einem Tage eine grere Menge von
Errterungen und Schilderungen der Lage des Arbeiters, als in den
achtundzwanzig Jahren zwischen der Restauration und der Revolution
verffentlicht wurden. Man wrde jedoch sehr irren, wollte man aus der
Vermehrung der Klagen ber diesen Gegenstand auf eine Zunahme des Elends
schlieen.

    [Anmerkung 165: +Walpole's Anecdotes of Painting+; +London
    Gazette, Mai 31. 1683+; +North's Life of Guildford.+]

    [Anmerkung 166: Die hohen Preise, welche Varelst und Verrio
    bezahlt wurden, sind in Walpole's +Anecdotes of Painting+
    erwhnt.]


[_Lage des niederen Volks._] Der wichtigste Mastab fr die Lage des
gemeinen Volks ist die Hhe der Arbeitslhne, und da im siebzehnten
Jahrhundert vier Fnftel des gemeinen Volks beim Landbau beschftigt
war, so ist die Feststellung der Lhne bei der landwirthschaftlichen
Industrie von ganz besonderer Wichtigkeit. Es stehen uns die Mittel zu
Gebote, um in Bezug auf diesen Gegenstand zu Ergebnissen zu gelangen,
die fr unsren Zweck hinreichend genau sind.


[_Lhne der Feldarbeiter._] Sir Wilhelm Petty, dessen bloe Aussage
schon groes Gewicht hat, versichert uns, da ein Feldarbeiter, der mit
Kost vier Pence und ohne Kost acht Pence Tagelohn erhielt, sich noch
nicht am schlechtesten stand. Vier Schillinge, war daher nach Petty's
Berechnung beim Landbau ein sehr guter Wochenlohn.[167]

Wir haben mehr als hinlngliche Beweise dafr, da diese Berechnung
nicht weit von der Wirklichkeit abweicht. Zu Anfang des Jahres 1685
setzten die Richter von Warwickshire kraft einer ihnen durch einen Erla
der Knigin Elisabeth ertheilten Vollmacht in ihrer Quartalsitzung eine
Lohntaxe fr die Grafschaft fest und bestimmten, da jeder Arbeitgeber,
der mehr als die festgesetzten Lhne bewilligte, sowie jeder Arbeiter,
der mehr annhme, bestraft werden solle. Der Lohn des gemeinen
Feldarbeiters wurde vom Mrz bis zum September genau auf den von Petty
angegebenen Betrag festgesetzt, nmlich auf vier Schillinge wchentlich,
ohne Kost. Vom September bis zum Mrz sollte der Lohn nur drei
Schillinge 6 Pence betragen.[168]

Die Lhne des Landmanns waren jedoch damals, wie auch jetzt, in den
verschiedenen Theilen des Landes sehr verschieden. In Warwickshire
betrugen sie wahrscheinlich ungefhr die Durchschnittssumme, in den
Grafschaften zunchst der schottischen Grenze waren sie noch niedriger;
allein es gab auch begnstigtere Districte. In dem nmlichen Jahre --
1685 -- lie ein Gentleman von Devonshire, Namens Richard Dunning, ein
kleines Schriftchen erscheinen, in welchem er die Lage der Armen dieser
Grafschaft beschrieb. Es kann nicht bezweifelt werden, da er von seinem
Gegenstande die genaueste Kenntni hatte, denn schon nach wenigen
Monaten erlebte die Schrift eine neue Auflage und wurde von den zur
Quartalsitzung in Exeter versammelten Magistratsbeamten der Beachtung
aller Gemeindevorstnde dringend empfohlen. Nach ihm betrug der
Wochenlohn des Feldarbeiters in Devonshire ungefhr fnf Schillinge ohne
Kost.[169]

Noch besser standen sich die Arbeiter in der Umgegend von Bury St.
Edmund's. Die Magistratsbeamten von Suffolk versammelten sich dort im
Frhjahr 1682, um eine Lohntaxe festzustellen, und sie beschlossen, da
der Arbeiter, wenn er nicht bekstigt wrde, im Winter fnf und im
Sommer sechs Schillinge wchentlich erhalten sollte.[170]

Im Jahre 1661 hatten die Richter von Chelmsford den Wochenlohn des
Arbeiters in Essex, wenn er nicht bekstigt wurde, auf sechs Schillinge
im Winter und sieben im Sommer festgesetzt. Dies scheint der hchste
Lohn zu sein, der zwischen der Restauration und der Revolution fr
Feldarbeit im Knigreiche bewilligt wurde, und es ist hierbei noch zu
bemerken, da in dem Jahre, wo diese Bestimmungen getroffen wurden, die
Lebensmittel unmig theuer waren. Der Quarter Weizen kostete siebenzig
Schillinge, ein Preis, bei dem man selbst heutzutage von Hungersnoth
sprechen wrde.[171]

Diese Thatsachen stehen im vollkommensten Einklange mit einem anderen
Factum, das Beachtung verdient. Es liegt auf der Hand, da in einem
Lande, wo Niemand zum Militairdienst gezwungen werden kann, die Reihen
einer Armee sich nicht fllen werden, wenn die Regierung einen erheblich
geringeren Sold bietet, als der Lohn eines gewhnlichen Landarbeiters
betrgt. Gegenwrtig betrgt die Lhnung eines Gemeinen, einschlielich
des Biergeldes, bei der Linie sieben Schillinge und sieben Pence die
Woche. Dieser Sold, verbunden mit der Aussicht auf eine Pension, zieht
jedoch die englische Jugend nicht in hinreichender Zahl an, und man
sieht sich genthigt, den Ausfall durch ausgedehnte Werbungen unter der
rmeren Bevlkerung von Munster und Connaught zu decken. Im Jahre 1685
betrug die Lhnung des gemeinen Infanteristen nur vier Schillinge acht
Pence die Woche, und dennoch ist es erwiesen, da es der Regierung in
jenem Jahre nicht schwer wurde, binnen sehr kurzer Zeit viele Tausend
englische Rekruten zu erhalten. In der Armee der Republik hatte die
Lhnung des gemeinen Fusoldaten sieben Schillinge betragen, das heit
so viel, als unter KarlII. ein Korporal bekam,[172] und dieser Sold
erwies sich als hinreichend, um die Reihen des Heeres mit Mnnern zu
fllen, welche entschieden ber der groen Masse des Volks standen. Im
Ganzen scheint man daher mit gutem Grunde annehmen zu knnen, da unter
der Regierung Karl's II. der gewhnliche Lohn des Bauern nicht ber vier
Schillinge die Woche betrug, da aber in einigen Gegenden des Landes
fnf Schillinge, sechs Schillinge, und whrend der Sommermonate selbst
sieben Schillinge bezahlt wurden. Gegenwrtig wrde der Zustand eines
Districts, in welchem der Arbeitsmann nur sieben Schillinge wchentlich
verdiente, fr hchst traurig gelten. Der durchschnittliche Lohn ist
bedeutend hher, und in wohlhabenden Grafschaften steigt der Wochenlohn
des lndlichen Arbeiters auf zwlf, vierzehn und sogar sechzehn
Schillinge.

    [Anmerkung 167: +Petty's Political Arithmetic.+]

    [Anmerkung 168: +Stat. 5. Eliz. c. 4. Archaeologia vol. XI.+]

    [Anmerkung 169: +Plain and easy Method showing how the Office of
    Overseer of the Poor may be managed, by Richard Dunning; 1st
    edition, 1685, 2d edition, 1686.+]

    [Anmerkung 170: +Cullum's History of Hawsted.+]

    [Anmerkung 171: +Ruggles on The Poor.+]

    [Anmerkung 172: Siehe in +Thurloe's State Papers+ das Memorandum
    der hollndischen Deputirten, vom 2.(12.) August 1653.]


[_Lhne der Fabrikarbeiter._] Der Lohn der in den Fabriken beschftigten
Arbeiter ist stets hher gewesen, als der der landwirthschaftlichen
Arbeiter. Im Jahre 1680 bemerkte ein Mitglied des Hauses der Gemeinen,
da es wegen der hohen Arbeitslhne, die in unsrem Lande bezahlt wrden,
unseren Geweben unmglich sei, mit den Erzeugnissen der indischen
Websthle zu concurriren. Anstatt wie ein Eingeborner von Bengalen fr
eine Kupfermnze zu arbeiten, verlange ein englischer Fabrikarbeiter
tglich einen Schilling.[173] Man hat noch andere Beweise dafr, da der
englische Fabrikarbeiter damals auf einen Tagelohn von einem Schilling
Anspruch machen zu knnen glaubte, da er aber oft gezwungen war, fr
einen geringeren Lohn zu arbeiten. Das gemeine Volk jener Zeit pflegte
sich noch nicht zum Behuf ffentlicher Besprechungen zu versammeln,
Reden zu halten oder beim Parlament zu petitioniren. Keine Zeitung
vertrat seine Sache, nur in rohen Liedern sprach seine Liebe und sein
Ha, seine Freude und sein Kummer sich aus. Einen groen Theil seiner
Geschichte kann man nur aus seinen Balladen lernen. Eins der
merkwrdigsten von den Volksliedern, welche zur Zeit Karl's II. in den
Straen von Norwich und Leeds gesungen wurden, kann man noch heute auf
dem ursprnglichen Druckbogen lesen. Es ist ein heftiger und bitterer
Wehschrei der Arbeit gegen das Kapital, es schildert die guten alten
Zeiten, als noch jeder Arbeiter in den Wollenmanufacturen so gut lebte
wie ein Pchter. Aber diese Zeiten waren vorbei. Sechs Pence den Tag
waren jetzt das Hchste, was bei angestrengter Arbeit am Webstuhle
verdient werden konnte. Wenn die Armen sich beklagten, da sie von so
kargem Lohne nicht leben knnten, antwortete man ihnen, da es ihnen
freistehe, denselben anzunehmen oder nicht. Fr so jmmerlichen Lohn
muten die Erzeuger des Reichthums vom frhen Morgen bis zum spten
Abend arbeiten, whrend der Meister Tuchmacher unter Essen, Schlafen und
Miggehen durch ihre Anstrengungen reich wurde. Ein Schilling den Tag,
erklrt der Dichter, sei der Lohn, der dem Weber von Rechtswegen
zukomme.[174] Wir knnen daraus schlieen, da unter der der Revolution
vorausgehenden Generation ein in der groen Hauptmanufactur Englands
beschftigter Arbeiter sich fr gut bezahlt hielt, wenn er sechs
Schillinge die Woche verdiente.

    [Anmerkung 173: Der Redner war John Basset, Abgeordneter von
    Barnstaple. Siehe +Smith's Memoirs of Wool, chap. 68.+]

    [Anmerkung 174: Diese Ballade befindet sich im Britischen Museum.
    Das Jahr ist nicht angegeben, aber das Imprimatur von Roger
    Lestrange bezeichnet das Datum hinreichend genau fr meinen Zweck.
    Ich will einige Strophen hier anfhren. Der Meister Tuchmacher
    wird folgendermaen redend eingefhrt:

      In frheren Zeiten zahlten wir einen Lohn,
      Da der Arbeiter lebte wie des Pchters Sohn,
      Doch mgen sie wissen, da sich ndert die Zeit.
      -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
      Hart soll er arbeiten fr sechs Pence den Tag,
      Obwohl ihm ein Schilling zukommen mag.
      Und murrt er und sagt, der Lohn sei zu klein,
      So hat er die Wahl, ob ja oder nein.
      So werden wir reich und pflegen uns gut
      Von des Armen saurem Schwei und Blut.
      Das Tuchgeschft hoch! Es geht ja ganz brav!
      Doch wir denken nicht d'ran uns zu plagen wie 'nSklav'.
      Unser Arbeiter schwitzt, wir freu'n uns der Welt
      Und gehen und kommen wie's uns gefllt.]


[_Arbeit der Kinder in den Fabriken._] Es mag hier erwhnt werden,
da der Gebrauch, Kinder frhzeitig zur Arbeit zu verwenden, ein
Gebrauch, den der Staat als rechtmiger Beschtzer Derer, die sich
selbst noch nicht beschtzen knnen, in unsrer Zeit mit weiser
Menschenfreundlichkeit verboten hat, im siebzehnten Jahrhundert in einer
Ausdehnung herrschte, welche bei Vergleichung mit dem Umfange des
Fabrikwesens kaum glaublich erscheint. In Norwich, dem Hauptsitze der
Tuchmanufactur, wurde ein sechsjhriges Kind schon fr arbeitsfhig
gehalten. Verschiedene Schriftsteller jener Zeit, darunter manche, die
fr groe Menschenfreunde galten, erwhnen rhmend, da in dieser Stadt
allein Knaben und Mdchen von zartem Alter einen Reichthum erzeugten,
der das zu ihrem Lebensunterhalt Erforderliche um zwlftausend Pfund
Sterling jhrlich bersteige.[175] Je sorgfltiger wir die Geschichte
der Vergangenheit prfen, um so mehr Grund finden wir, von der Meinung
Derer abzuweichen, welche glauben, unsre Zeit sei fruchtbar an neuen
socialen beln gewesen. Die Wahrheit ist, da diese bel, mit kaum einer
Ausnahme, alt sind. Neu ist nur die Einsicht, welche dieselben erkennt,
und die Humanitt, die sie beseitigt.

    [Anmerkung 175: +Chamberlayne's State of England+; +Petty's
    Political Arithmetic, chap. VIII+; +Dunning's Plain and Easy
    Method+; +Firmin's Proposition for the Employing of the Poor.+ Es
    mu bemerkt werden, da Firmin ein ausgezeichneter Philantrop
    war.]


[_Lhne verschiedener Klassen von Handwerkern._] Wenn wir von den
Tuchwebern zu einer andren Klasse von Arbeitern bergehen, so werden
unsere Untersuchungen zu den nmlichen Resultaten fhren. Die Commissare
des Greenwich-Hospitals zeichneten mehrere Generationen hindurch die
Lhne auf, welche verschiedenen bei den Reparaturen des Gebudes
beschftigten Handwerkern bezahlt wurden. Aus diesen werthvollen
Aufzeichnungen ergiebt sich, da im Laufe von hundertzwanzig Jahren der
Tagelohn des Ziegeldeckers von einer halben Krone auf vier Schillinge
zehn Pence, der des Maurers von einer halben Krone auf fnf Schillinge
drei Pence, der des Zimmermanns von einer halben Krone auf fnf
Schillinge fnf Pence, und der des Bleideckers von drei Schillingen auf
fnf Schillinge sechs Pence gestiegen ist.

Daraus geht klar hervor, da die Arbeitslhne, nach dem Geldbetrage, im
Jahre 1685 nur halb so hoch waren als gegenwrtig, und nur wenige fr
den Arbeiter wichtige Artikel waren 1685 nur halb so theuer als jetzt.
Das Bier war allerdings damals viel wohlfeiler als jetzt. Auch das
Fleisch war wohlfeiler, aber immer noch so theuer, da Tausende von
Familien kaum den Geschmack desselben kannten.[176] Der Preis des
Weizens hat sich wenig gendert. Whrend der zwlf letzten
Regierungsjahre Karl's II. war der Durchschnittspreis des Quarters
funfzig Schillinge. Daher war ein Brod, wie es gegenwrtig die Bewohner
eines Zuchthauses bekommen, damals selbst auf dem Tische eines
Freisassen oder eines Ladenkrmers eine Seltenheit. Die groe Mehrzahl
der Nation lebte von Roggen, Gerste und Hafer.

Die Erzeugnisse der tropischen Gegenden, die Erzeugnisse des Bergbaues
und die Erzeugnisse des Maschinenwesens waren unzweifelhaft theurer als
gegenwrtig. Zu den Bedrfnissen, welche der Arbeiter 1685 theurer
bezahlen mute als seine Nachkommen im Jahre 1848, gehrten unter
anderen Zucker, Salz, Kohlen, Lichter, Seife, Schuhe, Strmpfe und
berhaupt alle Bekleidungsstcke und alles Bettzeug. Man darf
hinzusetzen, da die Kleider und Bettdecken in frherer Zeit nicht nur
theurer, sondern auch weniger haltbar waren als die neueren Fabrikate.

    [Anmerkung 176: King veranschlagt in seinen +National and
    Political Conclusions+ das gemeine Volk Englands auf ungefhr
    achthundertachtzigtausend Familien. Nur die Hlfte von diesen
    Familien geno seiner Aussage nach zweimal wchentlich animalische
    Nahrung, die andre Hlfte gar keine, oder hchstens einmal die
    Woche.]


[_Zahl der Armen._] Man darf nicht vergessen, da diejenigen Arbeiter,
welche im Stande waren, sich und ihre Familien durch ihrer Hnde Arbeit
zu ernhren, nicht die bedrftigsten Mitglieder des Gemeinwesens waren.
Unter ihnen stand noch eine zahlreiche Klasse, welche ohne fremde
Untersttzung nicht leben konnte. Es wird kaum einen besseren Mastab
fr die Lage des gemeinen Volks geben als das Verhltni, in welchem die
erwhnte Klasse zu der Einwohnerzahl steht. Aus den amtlichen
Armenlisten geht hervor, da gegenwrtig die Mnner, Frauen und Kinder,
welche Untersttzung erhalten, in schlechten Jahren ein Zehntel und in
guten ein Dreizehntel der Bewohner Englands bilden. Gregor King schtzte
sie zu seiner Zeit auf mehr als ein Fnftel; und diese Schtzung, die
wir bei aller Achtung vor seiner Autoritt kaum anders als bertrieben
nennen knnen, wurde von Davenant fr hchst verstndig erklrt.

Wir sind nicht ganz ohne die Mittel, um selbst eine Schtzung zu machen.
Die Armensteuer war unzweifelhaft die drckendste Abgabe, die zu jener
Zeit auf unseren Vorfahren lastete. Sie wurde unter KarlII. auf nahe an
siebenhunderttausend Pfund Sterling jhrlich berechnet; das war weit
mehr als der Ertrag der Accise und Zlle und nicht viel weniger als die
Hlfte des Gesammteinkommens der Krone. Die Armensteuer nahm mit
reiender Schnelligkeit zu und stieg in kurzer Zeit auf acht- bis
neunhunderttausend Pfund, das heit auf ein Sechstel ihres jetzigen
Betrags. Die Einwohnerzahl war damals nur ein Drittel so stark als
gegenwrtig. Das Minimum des Arbeitslohnes, in Gelde geschtzt, war die
Hlfte von dem was es jetzt ist, und wir drfen daher kaum annehmen, da
die einem Armen gewhrte Untersttzung im Durchschnitt mehr als die
Hlfte von dem betrug, was ihm gegenwrtig zu Theil wird. Daraus scheint
zu folgen, da damals ein grerer Theil des englischen Volks
Gemeindeuntersttzung erhielt als jetzt. Man mu gegen solche
Schtzungen immer mitrauisch sein, jedenfalls aber ist es noch durch
nichts bewiesen worden, da der Pauperismus whrend des letzten Viertels
des siebzehnten Jahrhunderts eine minder drckende Last oder ein
kleineres sociales bel war als er es in unsrer Zeit ist.[177]

In einem Punkte mu man indessen zugestehen, da der Fortschritt der
Civilisation das physische Wohlsein eines Theils der rmsten Klasse
vermindert hat. Es ist schon erwhnt worden, da viele tausend
Quadratmeilen, die jetzt eingehegt und angebaut sind, damals Sumpf, Wald
und Heide waren. Von diesem wilden Land war ein groer Theil rechtliches
Gemeingut, und vieles von dem, was nicht Gemeingut war, hatte einen so
geringen Werth, da die Eigenthmer es factisch Gemeingut sein lieen.
Auf solchen Landstrecken wurden unbefugte Ansiedler in einer jetzt nicht
gekannten Ausdehnung geduldet. Der dort wohnende Landmann konnte sich
mit wenig oder gar keinen Kosten zuweilen eine schmackhafte Zuspeise zu
seiner harten Kost verschaffen und sich fr den Winter mit Brennholz
versorgen. Auf dem Platze, der gegenwrtig ein Obstgarten mit blhenden
pfelbumen ist, hielt er eine Heerde Gnse. Er fing wildes Geflgel auf
dem Sumpfe, der jetzt schon lngst ausgetrocknet und in Korn- und
Rbenfelder abgetheilt ist. Er stach Torf unter den Ginsterbschen auf
dem Moore, der jetzt eine Wiese mit blhendem Klee ist, berhmt durch
ihre Butter und ihrem Kse.

    [Anmerkung 177: Vierzehnter Bericht der Armengesetz-Commission,
    Anhang +B+, Nr. 2, Anhang +C+, Nr. 1, 1848. Von den beiden oben
    erwhnten Schtzungen war die eine von Arthur Moore, die andre,
    einige Jahre spter vorgenommene von Richard Dunning. Moore's
    Schtzung findet man in Davenant's +Essay on Ways and Means+, die
    Dunning'sche in Sir Friedrich Eden's werthvollem Werke ber die
    Armen. King und Davenant schtzen die Armen und Bettler im Jahre
    1696 auf die unglaubliche Zahl von 1,330,000 bei einer Bevlkerung
    von 5 Millionen. Im Jahre 1846 belief sich nach den amtlichen
    Listen die Zahl Derer, welche Untersttzung erhielten, nur auf
    1,332,089 bei einer Bevlkerung von ungefhr 17 Millionen. Hierbei
    ist auch zu bemerken, da in den amtlichen Listen ein Armer sehr
    leicht mehr als einmal gezhlt wird. -- Ich mchte dem Leser
    rathen, De Foe's Flugschrift, betitelt: +Giving Alms no Charity+,
    zu lesen und die Listen von Greenwich in M'Culloch's +Commercial
    Dictionary+ unter dem Artikel +Prices+ nachzusehen.]


[_Welchen Nutzen die Fortschritte der Civilisation dem gemeinen Volke
brachten._] Die Fortschritte des Landbaues und die Zunahme der
Bevlkerung muten den Landmann dieser Vortheile nothwendig berauben;
dafr aber lt sich eine lange Liste anderer Vortheile anfhren. Ein
groer Theil der Segnungen, welche Civilisation und wissenschaftliche
Bildung in ihrem Gefolge haben, kommt allen Stnden zu Gute und wrde im
Fall der Entziehung von dem Arbeiter eben so schmerzlich vermit werden,
als von dem Peer. Der Marktort, den der Bauer mit seinem Karren jetzt in
einer Stunde erreichen kann, war vor hundertsechzig Jahren eine
Tagereise weit entfernt. Die Strae, die dem Handwerker jetzt die ganze
Nacht hindurch einen sicheren, bequemen und glnzend erleuchteten
Spaziergang darbietet, war vor hundertsechzig Jahren nach
Sonnenuntergang so dunkel, da er die Hand nicht vor den Augen htte
sehen knnen, so schlecht gepflastert, da er bestndig in Gefahr
geschwebt htte, den Hals zu brechen, und so schlecht bewacht, da er
keinen Augenblick sicher gewesen wre, berfallen und seines kleinen
Verdienstes beraubt zu werden. Jeder Maurer, der von einem Gerste
herabfllt, jeder Gassenkehrer, der von einem Wagen berfahren wird, hat
jetzt die Gewiheit, da seine Wunden so zweckmig verbunden und seine
Glieder so geschickt eingerichtet werden, wie es vor hundertsechzig
Jahren ein vornehmer Lord wie Ormond, oder ein Handelsfrst wie Clayton
fr all' seinen Reichthum nicht haben konnte. Manche schreckliche
Krankheiten sind durch die Wissenschaft ausgerottet, manche andere durch
polizeiliche Maregeln beseitigt worden. Die Dauer des menschlichen
Lebens hat sich im ganzen Knigreiche und namentlich in den Stdten
verlngert. Das Jahr 1685 galt fr kein ungesundes, und doch starb in
diesem Jahre mehr als einer von dreiundzwanzig Bewohnern der
Hauptstadt.[178] Gegenwrtig stirbt erst von vierzig Einwohnern der
Hauptstadt im Jahre einer. Der Unterschied in gesundheitlicher Beziehung
zwischen dem London des neunzehnten und dem London des siebzehnten
Jahrhunderts ist weit grer als der zwischen dem heutigen London in
gewhnlicher Zeit und zur Cholerazeit.

Noch wichtiger sind die Vortheile, welche allen Klassen der
Gesellschaft, und namentlich den niederen durch den mildernden Einflu
der Civilisation auf den Nationalcharacter erwachsen sind. Der Grundzug
desselben ist allerdings viele Menschenalter hindurch insofern der
nmliche geblieben, als man berhaupt sagen kann, da der allgemeine
Character des Einzelnen, nachdem er ein gebildeter und verstndiger Mann
geworden, noch derselbe ist als zu der Zeit, da er ein unerfahrener und
gedankenloser Schulknabe war. Es ist eine erfreuliche Erscheinung, da
der englische Volksgeist, whrend er gereift ist, sich zugleich auch
gemildert hat und da wir im Laufe der Zeit nicht nur ein weiseres,
sondern auch ein sanfteres Volk geworden sind. Es giebt kaum ein Blatt
der Geschichte oder der leichteren Literatur des siebzehnten
Jahrhunderts, welches nicht einen Beleg dafr enthielte, da unsere
Vorfahren weniger human waren als ihre Nachkommen es sind. In den
Werksttten, in den Schulen und in den Familien herrschte eine ungleich
strengere, obwohl keineswegs wirksamere Zucht als gegenwrtig.
Dienstherren von guter Herkunft und Erziehung pflegten ihre Untergebenen
zu schlagen; Lehrer und Erzieher kannten kein andres Mittel, um ihren
Zglingen Kenntnisse beizubringen, als Schlge, und Ehemnner ganz
achtbaren Standes schmten sich nicht, ihre Gattinnen zu schlagen.
Die Erbitterung feindlicher Parteien war so heftig, da wir es kaum
begreifen knnen. Whigs murrten darber, da man Stafford sterben lie,
ohne vorher seine Eingeweide vor seinen Augen zu verbrennen. Tories
schmhten und insultirten Russell, als er vom Tower nach dem Richtplatze
in Lincoln's Inn Fields fuhr.[179] Eben so wenig Mitleid zeigte der
Pbel gegen Verurtheilte niederen Standes. Ein Verbrecher, der an den
Pranger gestellt wurde, konnte von Glck sagen, wenn er unter dem Hagel
von Ziegel und Pflastersteinen mit dem Leben davon kam.[180] Wenn er an
den Karren angebunden wurde, um gestupt zu werden, drngte sich der
Haufe um ihn und ermahnte den Henker, ihm tchtig aufzuzhlen, damit er
ordentlich heulte.[181] Gentlemen unternahmen an Gerichtstagen
Lustfahrten nach Bridgewell, um die unglcklichen Weiber auspeitschen zu
sehen, welche dort Hanf brechen muten.[182] Ein Mann, der zu Tode
gepret wurde, weil er sich weigerte, vor Gericht zu antworten, oder
eine Frau, die wegen Falschmnzerei verbrannt wurde, erregten weniger
Theilnahme als jetzt ein wundgeriebenes Pferd oder ein bermig
angestrengter Ochse; Kmpfe, im Vergleich mit denen ein Boxerkampf ein
edles und humanes Schauspiel ist, gehrten zu den Lieblingsbelustigungen
eines groen Theiles der Bewohner. Massen von Zuschauern versammelten
sich, um Gladiatoren einander mit tdtlichen Waffen in Stcke hauen zu
sehen und brachen in Jubelgeschrei aus, wenn einer der Kmpfer einen
Finger oder ein Auge verlor. Die Gefngnisse waren irdische Hllen,
Herde aller nur denkbaren Laster und Krankheiten. Bei den Assisen
brachten die abgezehrten und leichenhaft aussehenden Angeklagten aus
ihren Kerkern einen Pestgestank mit in das Gerichtszimmer, der sie
zuweilen an den Richtern, Anwlten und Geschwornen empfindlich rchte.
Aber gegen all' dieses Elend blieb die Gesellschaft vollkommen
gleichgltig. Nirgends fand man die mitleidige, nie ruhende Theilnahme,
welche in unsrer Zeit dem Kinde in den Fabriken, wie der Hinduwittwe und
dem Negersklaven einen krftigen Schutz gewhrt, die die Mundvorrthe
und Wasserfsser jedes Auswandererschiffes untersucht, der jeder
Peitschenhieb auf den Rcken eines betrunkenen Soldaten weh thut, die es
nicht dulden will, da der Dieb auf den Gefangnenschiffen schlecht
genhrt oder bermig angestrengt wird und die sich wiederholt selbst
fr das Leben des Mrders verwendet hat. Allerdings mu, wie jedes andre
Gefhl, das Mitleid unter der Oberherrschaft der Vernunft bleiben und es
hat, wenn es sich von dieser Herrschaft lossagt, schon oft nachtheilige
und selbst beklagenswerthe Folgen gehabt. Aber je genauer wir die
Annalen der Vergangenheit studiren, um so freudiger werden wir erkennen,
da wir in einem Zeitalter des Erbarmens leben, in einem Zeitalter, in
welchem jede Grausamkeit verabscheut und selbst wohlverdienter Schmerz
nur mit Widerwillen und lediglich aus Pflichtgefhl zugefgt wird. Durch
diese groe sittliche Vernderung hat unzweifelhaft jede Klasse viel
gewonnen, am meisten aber die rmste, die abhngigste und wehrloseste
Klasse.

    [Anmerkung 178: Die Zahl der Todesflle betrug 23,222. -- +Petty's
    Political Arithmetic.+]

    [Anmerkung 179: +Burnet I. 560.+]

    [Anmerkung 180: +Muggleton's Acts of The Witnesses of the
    Spirit.+]

    [Anmerkung 181: Tom Browne schildert eine solche Scene in Worten,
    die ich nicht anzufhren wage.]

    [Anmerkung 182: +Ward's London Spy.+]


[_Tuschung, welche die Menschen verleitet, das Glck frherer
Geschlechter zu berschtzen._] Das Gesammtergebni der dem Leser
vorgefhrten Thatsachen drfte kaum zweifelhaft sein. Trotz der
augenflligsten Beweise aber werden sich noch immer Viele das England
der Stuarts als ein glcklicheres Land vorstellen als das England ist,
in dem wir leben. Es mag auf den ersten Blick sonderbar scheinen, da
eine Gesellschaft, die mit rastloser Eil vorwrts schreitet, dennoch
bestndig mit schmerzlicher Sehnsucht zurckblickt. Aber wie unvereinbar
diese beiden Neigungen auch scheinen mgen, so lassen sie sich doch
leicht auf gleichen Ursprung zurckfhren. Beide entspringen aus unsrer
Unzufriedenheit mit dem Zustande, in dem wir uns eben befinden, und
diese Unzufriedenheit spornt uns an, vergangene Generationen zu
berflgeln, verleitet uns aber zu gleicher Zeit auch, ihr Glck zu
berschtzen. In gewissem Sinne ist es thricht und undankbar von uns,
da wir bestndig unzufrieden sind mit einem Zustande, der sich
bestndig bessert. Aber eben weil bestndige Unzufriedenheit herrscht,
findet bestndige Besserung statt. Wenn wir mit der Gegenwart vollkommen
zufrieden wren, wrden wir aufhren zu sinnen, zu arbeiten und in
Hinblick auf die Zukunft zu sparen. Da uns aber die Gegenwart nicht
befriedigt, ist es auch natrlich, da wir eine zu gnstige Meinung von
der Vergangenheit haben.

Wir sind in der That in einer Tuschung befangen, hnlich der, welche
den Reisenden in der arabischen Wste irre fhrt. Unter den Fen der
Karawane ist Alles trocken und kahl, und vor und hinter ihr in weiter
Ferne schimmern erquickende Wasserspiegel. Die Pilger eilen vorwrts und
finden nichts als Sand, wo sie vor einer Stunde einen See gesehen
hatten. Sie wenden sich um und erblicken einen See da, wo sie vor einer
Stunde durch den Sand wateten. Eine hnliche Tuschung scheint die
Nationen durch alle Stadien der langen Reise aus Armuth und Barbarei zu
den hchsten Stufen des Wohlstandes und der Civilisation zu begleiten.
Verfolgen wir aber das Trugbild entschlossen nach rckwrts, so werden
wir es bis in die Regionen des sagenhaften Alterthums zurckweichen
sehen. Man pflegt jetzt das goldene Zeitalter Englands in eine Zeit zu
versetzen, wo der vornehmste Mann Bequemlichkeiten entbehrte, deren
Mangel einem modernen Lakaien unertrglich sein wrde, wo der Landwirth
und Krmer zum Frhstck ein Brod aen, dessen bloer Anblick in einem
Arbeitshause der Neuzeit eine Meuterei hervorrufen wrde, wo die
Menschen in der reinsten Landluft frher starben, als jetzt in den
verpestetsten Gchen unserer Stdte, und wo sie in den Gchen der
Stdte frher starben als jetzt auf der Kste von Guiana. Auch wir
werden einst bertroffen, auch wir werden einst beneidet werden. Es kann
wohl kommen, da im zwanzigsten Jahrhundert der Landmann von Dorsetshire
sich mit fnfzehn Schillingen die Woche fr schlecht bezahlt hlt, da
der Zimmermann in Greenwich zehn Schillinge den Tag verdient, da der
Arbeiter eben so wenig gewohnt ist, zu Mittag das Fleisch zu entbehren,
als er jetzt gewohnt ist, Roggenbrod zu essen, da Gesundheitspolizei
und arzneiwissenschaftliche Entdeckungen die durchschnittliche Dauer des
menschlichen Lebens noch um mehrere Jahre verlngern, da zahlreiche
Annehmlichkeiten und Gensse, die jetzt unbekannt oder doch nur Wenigen
zugnglich sind, jedem fleiigen und strebsamen Arbeiter erreichbar
werden. Und doch wird man auch dann vielleicht sagen, da die Zunahme
des Wohlstandes und die Fortschritte der Wissenschaft nur der Minderheit
auf Kosten der Mehrheit zu Gute gekommen seien, und wird von der
Regierung der Knigin Victoria sprechen als von einer Zeit, da England
wirklich das glckliche England war, wo das Band brderlicher Sympathie
alle Klassen umschlang, wo der Anblick des Reichen das Auge des Armen
nicht verletzte und der Arme den Glanz des Reichen nicht beneidete.


       *       *       *       *       *
           *       *       *       *


  Viertes Kapitel

  Jakob II.




  =Inhalt.=

                                                               Seite
  Tod Karl's II.                                                   5
  Verdacht der Vergiftung                                         13
  Rede Jakob's II. an den Geheimen Rath                           14
  Ausrufung Jakob's                                               15
  Stand des Ministeriums                                          16
  Neue Anordnungen                                                17
  Sir Georg Jeffreys                                              18
  Erhebung der Kroneinnahmen ohne Parlamentsacte                  22
  Einberufung eines Parlaments                                    23
  Verhandlungen zwischen Jakob und dem Knig von Frankreich       23
  Churchill als Gesandter nach Frankreich geschickt               25
  Seine Geschichte                                                25
  Stimmung der Regierungen des Continents in Bezug auf England    27
  Innerer Kampf Jakob's II.                                       31
  Schwankungen seiner Politik                                     31
  ffentliche Ausbung des katholischen Ritus in Jakob's Palast   33
  Jakob's Krnung                                                 34
  Enthusiastische Adresse der Tories                              36
  Die Wahlen                                                      37
  Proze gegen Oates                                              41
  Proze gegen Dangerfield                                        44
  Proze gegen Baxter                                             45
  Zusammentritt des schottischen Parlaments                       48
  Gesinnungen Jakob's gegen die Puritaner                         49
  Grausame Behandlung der schottischen Covenanters                50
  Stimmung Jakob's gegen die Quker                               53
  Wilhelm Penn                                                    55
  Besondere Bevorzugung der Katholiken und Quker                 57
  Zusammenkunft des englischen Parlaments                         59
  Trevor zum Sprecher gewhlt                                     59
  Seymour's Character                                             59
  Rede des Knigs an das Parlament                                60
  Debatte bei den Gemeinen. -- Rede Seymour's                     61
  Bewilligung des Einkommens                                      62
  Verhandlungen der Gemeinen hinsichtlich der Religion            62
  Bewilligung nachtrglicher Steuern                              63
  Sir Dudley North                                                63
  Verhandlungen der Lords                                         64
  Bill zur Aufhebung der Verurtheilung Stafford's                 65




[_Tod Karl's II._] Der Tod Karl's II. war der Nation berraschend. Er
besa eine krftige Constitution und schien nicht durch Ausschweifungen
gelitten zu haben. Bei seinen Vergngungen lie er nie die Rcksicht auf
die Gesundheit aus den Augen, und seine Gewohnheiten berechtigten zur
Erwartung eines langen Lebens und rstigen Greisenalters. Wie trge er
auch immer da erschien, wo Anstrengung des Geistes nthig war, in
krperlichen bungen war er lebhaft und ausdauernd. Er war in seiner
Jugend ein rhmlich bekannter Ballspieler gewesen,[1] und noch im
hheren Lebensalter ein unermdlicher Fugnger von so auergewhnlichem
Schritt, da Diejenigen, denen die Ehre seines Umgangs zu Theil wurde,
Mhe hatten, mit ihm fortzukommen. Er verlie sehr zeitig das Bett und
bewegte sich regelmig drei bis vier Stunden in der freien Luft. Ehe
noch der Thau von dem Grase des St. James-Parks verschwunden war, sah
man ihn schon unter den Bumen lustwandeln und mit seinen Wachtelhunden
spielen, oder den Enten Korn vorwerfen, und diese Beschftigungen
machten ihn beim gemeinen Volke sehr beliebt, welches immer die
Mchtigen gern bei ihren zwanglosen Erholungen beobachtet.[2]

Endlich -- es war gegen den Schlu des Jahres 1684 -- traf ihn ein
leichter Anfall, wie man glaubte, von Gicht, wodurch es ihm unmglich
wurde, seine gewhnlichen Ausflge vorzunehmen und er die Morgenstunden
in seinem Laboratorium zubrachte, beschftigt mit Experimenten ber die
Natur des Quecksilbers. Auf seine Gemthsstimmung schien dieses
Abgeschlossensein eine ungnstige Wirkung zu uern. Es bestand keine
gerechtfertigte Ursache zur Unruhe, das Knigreich war beruhigt, es
drckte ihn kein Geldmangel, seine Macht war bedeutender als jemals,
die Partei, welche ihm so oft im Wege stand, war vernichtet, aber die
Frhlichkeit, welche ihn auch bei dem traurigsten Geschick nicht
gnzlich verlassen, war in dieser Zeit des Glcks von ihm gewichen. Ein
unbedeutendes Ereigni vermochte jetzt die elastischen Lebensgeister
niederzuhalten, welche gegen Niederlage, Verbannung und Drftigkeit
angestrebt hatten. Seine Reizbarkeit verrieth sich oft durch Mienen und
uerungen, wie man sie von einem durch heitere Laune und seine Bildung
bekannten Manne kaum erwarten konnte, man hatte jedoch keine Ahnung, da
seine Gesundheit ernstlich angegriffen sei.[3]

Selten hatte sein Palast einen lustigeren oder auch unanstndigeren
Anblick geboten, als am Sonntag Abend den 1. Februar 1685.[4] Einige
wrdige Personen, welche nach der Sitte jener Zeit nach Hofe gingen, um
dem Souverain ihre Ehrfurcht zu beweisen, und an diesem Tage daselbst
ein anstndiges Aussehen erwarteten, wurden von Erstaunen und Abscheu
erfllt. Die groe Halle von Whitehall, ein herrlicher berrest der
Pracht der Tudors, war gedrngt voller Schwelger und Spieler. Darunter
sa der Knig, plaudernd und scherzend mit drei Frauen, deren Reize der
Stolz und deren Verdorbenheit die Schande dreier Nationen waren. Es war
dabei Barbara Palmer, Herzogin von Cleveland, zwar nicht mehr jung, aber
noch jetzt mit Spuren jener wunderbaren, ppigen Reize begabt, welche
vor zwanzig Jahren ihr die Herzen aller Mnner gewannen; dann die
Herzogin von Portsmouth, deren sanfte, feine Zge von franzsischer
Lebhaftigkeit berflogen waren. Hortensia Manzini, Herzogin von Mazarin
und Nichte des berhmten Cardinals schlo die Gruppe. Man hatte sie in
frher Jugend aus ihrem Geburtslande Italien nach dem Hofe gebracht, wo
ihr Oheim herrschte. Die Macht desselben und ihre Reize hatte eine Menge
vornehmer Freier um sie gesammelt, und Karl selbst hatte whrend seines
Exils ohne Erfolg um ihre Hand geworben. Keine Gabe der Natur und des
Glcks schien ihr versagt zu sein. Ihr Antlitz zeigte die vollendete
Schnheit des Sdens, ihr Verstand war lebhaft, ihr Benehmen
liebenswrdig, ihr Stand hocherhaben und ihre Besitzungen von ungeheurer
Gre; aber ihre wilden Leidenschaften hatten all diesen Segen in Fluch
verwandelt. Sie hatte die Beschwerden einer unglcklichen Ehe
unertrglich gefunden, war dem Gemahl entflohen, hatte ihre Reichthmer
im Stiche gelassen, und nachdem sie Rom und Piemont durch ihre Abenteuer
in Verwunderung gesetzt, ihren Aufenthalt in England genommen. Ihr Haus
war der Lieblingsaufenthalt von witzigen und lebenslustigen Mnnern,
welche um ihres Lchelns und ihrer Tafel willen oftmalige Ausbrche von
bermuth und Launenhaftigkeit sich gefallen lieen. Rochester und
Godolphin erholten sich oft in ihrer Gesellschaft von den Sorgen der
Regierung, Barillon und St. Evremond trsteten sich durch den Umgang mit
ihr ber die lange Verbannung von Paris; Vossius' Gelehrsamkeit und
Waller's Geistesreichthum waren eifrig bemht ihr zu schmeicheln und
Unterhaltung zu verschaffen; aber ihr krankes Gemth verlangte
krftigere Aufregungsmittel. Sie suchte dieselben in Liebschaften,
Basset und irlndischem Gewrzbranntwein.[5] Whrend Karl mit seinen
drei Sultaninnen scherzte, trllerte Hortensia's franzsischer Page, ein
hbscher Knabe, dessen Gesangsleistungen ganz Whitehall bezauberten und
durch hufige Geschenke von schnen Kleidern, kleinen Pferden und
Guineen belohnt wurden, verliebte Lieder.[6] Um eine groe Tafel saen
eine Anzahl von zwanzig Hofherren vor mchtigen Goldhaufen und spielten
Karten.[7] Schon damals beklagte sich der Knig ber ein leichtes
Unwohlsein, er hatte keinen Appetit zum Abendessen und eine ruhelose
Nacht, stand aber am nchsten Morgen nach seiner Gewohnheit frhzeitig
auf.

Auf diesen Morgen hatten die streitenden Factionen des Geheimen Rathes
seit mehreren Tagen mit ngstlicher Erwartung hingeblickt. Der Kampf
zwischen Halifax und Rochester schien sich einem entscheidenden
Wendepunkte zu nhern. Halifax, nicht zufrieden, seinen Nebenbuhler
bereits vom Schatzamte verdrngt zu haben, war entschlossen, den Beweis
zu fhren, da derselbe sich einer solchen Unredlichkeit oder
Nachlssigkeit in der Finanzverwaltung schuldig gemacht, welche
nothwendig mit Entfernung aus dem Staatsdienste geahndet werden msse.
Man flsterte sich sogar zu, der Lord Prsident wrde vermuthlich in den
Tower gebracht werden. Der Knig hatte eine Untersuchung dieser Sache
versprochen, und der zweite Februar war dazu bestimmt; mehrere
Finanzbeamte sollten sich mit ihren Bchern an diesem Tage einfinden[8]
-- aber das Schicksal hatte es anders beschlossen.--

Kaum hatte Karl sein Lager verlassen, als die aufwartenden Personen
bemerkten, da seine Aussprache undeutlich und seine Gedanken verwirrt
und unstt zu sein schienen. Mehrere hochgestellte Mnner hatten sich,
wie es blich war, eingefunden, um ihren Herrn rasiren und ankleiden zu
sehen. Er machte eine Anstrengung, mit ihnen in seiner gewhnlichen
heiteren Manier sich zu unterhalten, aber sein verstrtes Aussehen
bestrzte und ngstigte sie. Bald darauf wurde sein Antlitz schwarz, er
verdrehte die Augen, schrie laut auf, taumelte und sank in die Arme des
Thomas Lord Bruce, Sohnes des Earls von Ailesbury. Zufllig war der Arzt
in der Nhe, dem die Sorge fr des Knigs Schmelztiegel und Retorten
oblag, dieser ffnete in Ermangelung einer Lanzette mit dem Federmesser
eine Ader, das Blut flo ungehindert, aber der Knig war noch immer ohne
Bewutsein.

Man brachte ihn auf sein Bett, wo sich die Herzogin von Portsmouth eine
Zeit lang mit der Vertraulichkeit einer Gattin ber ihn hinneigte. Aber
schon war Lrm geworden. Die Knigin und die Herzogin von York eilten
herbei und nthigten die begnstigte Favorite, sich in ihre Zimmer
zurckzuziehen. Diese Gemcher waren von ihrem Geliebten zu Befriedigung
ihrer Launen dreimal niedergerissen und dreimal wieder aufgebaut worden.
Selbst das Gerth des Kamins war aus massivem Silber gearbeitet.
Verschiedene prachtvolle Gemlde, eigentlich der Knigin gehrig, waren
in die Zimmer der Maitresse gebracht worden. Die Seitentische waren mit
dem kostbarsten Silbergerth bedeckt. In den Nischen standen Kstchen,
welche Meisterwerke japanischer Geschicklichkeit waren. Auf den
Vorhngen, welche eben von den Pariser Websthlen kamen, befanden sich
in Farben, welche keine englische Kunst nachzuahmen verstand, Vgel mit
dem prachtvollsten Gefieder, Landschaften, Jagdbilder, die wunderschne
Terrasse von Saint-Germain, die Statuen und Fontainen von Versailles
dargestellt.[9] Und mitten in dieser durch Schuld und Schmach erworbenen
Pracht gab das unglckliche Weib sich dem tiefsten Kummer hin, welcher,
um gerecht zu sein, nicht ganz selbstschtig war.

Jetzt wurden die Pforten von Whitehall, welche in der Regel allen
Kommenden offen standen, geschlossen. Nur bekannten Personen wurde der
Eintritt bewilligt. Die Vorzimmer und Gallerien waren bald darauf
berfllt, und selbst im Krankenzimmer drngten sich Pairs, Geheime
Rthe und fremde Gesandte. Alle rzte von Ruf in London wurden
herbeigeholt. Man kann sich einen Begriff von der politischen
Erbitterung machen, wenn man erfhrt, da die Anwesenheit einiger
whiggistisch gesinnter rzte als ein hchst auffallender Umstand
betrachtet wurde.[10] Ein damals durch seine Geschicklichkeit sehr
berhmter katholischer Arzt, Doctor Thomas Short, war zugegen.
Verschiedene von den verordneten Recepten sind auf unsere Zeit gekommen,
eines davon ist von vierzehn rzten unterzeichnet. Man lie dem
Patienten reichlich zur Ader, brachte glhendes Eisen an seinen Kopf und
fllte ihm ein ekelhaftes, flchtiges Salz ein, welches aus
Menschenschdeln prparirt war. Die Besinnung kehrte zurck, aber der
Zustand des Kranken war offenbar ein uerst gefhrlicher.

Eine Zeit lang pflegte ihn die Knigin unverdrossen, und der Herzog von
York wich kaum einen Augenblick vom Bette seines Bruders. Der Primas und
vier andere Bischfe, welche damals in London waren, blieben den ganzen
Tag in Whitehall und wachten abwechselnd whrend der Nacht in dem Zimmer
des Knigs. Die Kunde von seiner Krankheit erregte in der Hauptstadt
Angst und Sorge, denn sein freundliches Gemth und leutseliges Wesen
hatten ihn bei der Mehrzahl des Volkes beliebt gemacht, und Diejenigen,
welche nicht eben gnstig fr ihn gesinnt waren, zogen doch seinen
charakterlosen Leichtsinn der strengen und finstren Bigotterie seines
Bruders vor.

Am Morgen des Donnerstag, den 5. Februar, machte die Londoner Gazette
bekannt, da das Befinden Sr. Majestt sich zusehends bessere und die
rzte die Gefahr fr beseitigt hielten. Frhliches Glockengelute
ertnte von den Thrmen und in den Straen wurden Vorbereitungen zu
einer Erleuchtung getroffen; jedoch am Abend verbreitete sich die
Nachricht, da ein Rckfall stattgefunden habe und von den rzten alle
Hoffnung aufgegeben worden sei. Alles war in heftiger Aufregung, doch
zeigte sich nirgends Neigung zu Aufruhr. Der Herzog von York, welcher es
schon bernommen hatte, Befehle zu ertheilen, erkannte durch eigene
Anschauung, da die Stadt vollkommen ruhig sei und da er ohne Mhe zum
Knig ausgerufen werden knne, sobald sein Bruder die Augen schlo.

Der Knig fhlte groe Schmerzen und klagte darber, da er die
Empfindung habe, als ob Feuer in seinem Innern brenne, ertrug jedoch
seine Leiden mit einer Ergebung, welche seiner weichlichen, ppigen
Gemthsart nicht angemessen schien. Die Knigin war vom Anblick seines
trostlosen Zustandes so tief erschttert, da sie ohnmchtig wurde und
man sie besinnungslos nach ihren Zimmern bringen mute. Die anwesenden
Prlaten hatten schon anfangs ihn ermahnt, an den Tod zu denken, jetzt
hielten sie es fr ihre Pflicht, ihn noch dringlicher daran zu mahnen.
Der Erzbischof von Canterbury, Wilhelm Sancroft, ein redlicher, frommer,
wenn auch etwas beschrnkter Mann, sprach ohne alle Rcksichten. Es ist
jetzt Zeit, offenherzig zu sein, sagte er, denn Sie sind im Begriff,
Sire, vor einen Richter zu treten, bei dem kein Ansehen der Person
gilt. Der Knig erwiderte kein Wort.

Jetzt begann Thomas Ken, Bischof von Bath und Wells, seine
berredungskunst zu versuchen. Er war ein talentvoller, gelehrter Mann,
von feinem Tact und begrndeter Tugend. Seine greren Werke sind lngst
vergessen, aber seine Morgen- und Abendhymnen werden noch tglich in
Tausenden von Wohnungen wiederholt. Obgleich er wie fast alle seine
Standesgenossen, vollkommen monarchisch gesinnt war, hatte er sich doch
nie als Schmeichler gezeigt, und bevor er Bischof wurde, seine
geistliche Wrde dadurch gewahrt, da er bei Anwesenheit des Hofes zu
Winchester sich weigerte, Eleonore Gwynn in dem Hause, welches er damals
als Priester innehatte, Wohnung zu geben.[11] Der Knig war vernnftig
genug, einen so krftigen Geist zu achten, unter allen Prlaten war er
Ken am meisten zugethan, trotzdem aber blieb die eifrige Beredtsamkeit
des guten Bischofs ohne den gewnschten Erfolg. Seine feierliche und
ergreifende Rede rief unter den Umstehenden eine so hohe Ehrfurcht und
Zerknirschung hervor, da einige derselben glaubten, derselbe Geist sei
ber ihn gekommen, welcher durch den Mund des Nathan und Elias sndige
Frsten zur Bue ermahnte. Karl jedoch blieb ungerhrt. Er duldete zwar,
da ihm das Gebet von der Heimsuchung der Kranken vorgelesen wurde, und
erwiderte auf die dringenden Fragen der Geistlichen, da er seine Snden
bereue, gestattete auch, da die Absolution nach dem Ritus der
englischen Kirche ber ihn gesprochen wurde; als man ihn aber
aufforderte, laut zu erklren, da er im Schooe dieser Kirche sterben
wolle, schien er diese Worte nicht zu verstehen, und nichts konnte ihn
dahin bringen, das Abendmahl aus der Hand der Bischfe zu empfangen. Man
brachte einen Tisch mit Brod und Wein an sein Lager; es war aber Alles
vergeblich. Einmal sagte er, es habe keine Eile, und dann, er sei zu
schwach.

Viele hielten diese Gleichgltigkeit fr eine Verachtung gttlicher
Dinge, Andere fr Stumpfsinn, welcher bisweilen dem Tode vorausgeht. Es
befanden sich jedoch im Palaste einige Personen, welche den Grund besser
kannten. Karl war niemals ein aufrichtiger Bekenner der Staatskirche
gewesen, er hatte lange zwischen Hobbismus und Papismus geschwankt.
Bei gesundem Krper und frohem Lebensmuthe war er Sptter, und in den
wenigen ernsten Augenblicken seines Lebens Katholik. Der Herzog von York
wute das, er war jedoch mit der Sorge fr seine eigenen Angelegenheiten
zu sehr beschftigt. Er hatte befohlen, die Hfen zu schlieen und
Detachements der Garden auf verschiedenen Punkten der Stadt
aufzustellen. Ebenso war es ihm gelungen, die mit zitternder Hand
gefhrte Unterschrift des sterbenden Knigs unter ein Dokument zu
erhalten, wodurch einige, nur bis zum Thronwechsel bewilligte Zlle auf
fernere drei Jahre verpachtet wurden. Diese Angelegenheiten
beschftigten Jakob so ausschlielich, da er, der sonst keine
Gelegenheit vorberlie, durch unzeitigen und rcksichtslosen Eifer
seiner Kirche Proselyten zu gewinnen, jetzt nicht daran dachte, da sein
Bruder Gefahr laufe, ohne die letzten Sakramente aus der Welt zu
scheiden. Diese Saumseligkeit war um so unbegreiflicher, da die Herzogin
von York auf die Bitte der Knigin an dem Morgen, wo der Knig
erkrankte, darauf aufmerksam gemacht hatte, wie nothwendig es sein
mchte, fr geistliche Beihlfe Sorge zu tragen. Diesen Beistand empfing
Karl durch eine ganz andre Vermittelung, als die seiner frommen Gemahlin
und Schwgerin. Ein lasterhaftes und frivoles Leben hatte in der
Herzogin von Portsmouth noch nicht alles religise Gefhl und alle jene
Gte erstickt, welche der Ruhm des weiblichen Geschlechts ist. Der
franzsische Gesandte, Barillon, welcher nach dem Palaste gekommen war,
um sich nach dem Zustande des Knigs zu erkundigen, stattete ihr einen
Besuch ab und fand sie in Kummer und Verzweiflung. Sie bat ihn, ihr in
ein geheimes Zimmer zu folgen, und sprach sich ohne Rckhalt aus. Ich
mu Ihnen -- sagte sie -- eine Sache von groer Wichtigkeit mittheilen,
wrde sie bekannt, so knnte mein Leben in Gefahr kommen. Der Knig ist
ganz gewi katholisch, aber er wird sterben, ohne mit der Kirche Frieden
geschlossen zu haben. Des Knigs Zimmer ist mit protestantischen
Geistlichen angefllt, ich darf nicht hineingehen ohne Ansto zu geben
und der Herzog denkt nur an sich. Sprechen Sie mit ihm, erinnern Sie
ihn, da es eine Seele gilt, er ist jetzt der Gebieter, auf seinen
Befehl wird man das Zimmer rumen. Gehen Sie diesen Augenblick, oder es
wird zu spt sein! Barillon ging nach dem Krankenzimmer, trat mit dem
Herzog bei Seite und entdeckte ihm die Mittheilung der Favorite. Da
erwachte Jakob's Gewissen, er fuhr, wie aus dem Schlafe geweckt, heftig
empor und versicherte, da er ohne jede Rcksicht die heilige Pflicht
erfllen werde, welche schon zu lange verabsumt worden sei. Mehre Plne
wurden hin und her berlegt, zuletzt befahl der Herzog den Umstehenden,
auf die Seite zu treten, ging an das Bette, neigte sich herab und
flsterte einige Worte, welche Niemand im Zimmer hren konnte, die man
aber fr eine Frage in Bezug auf Staatsangelegenheiten hielt. Karl
entgegnete mit munterer Stimme: Ja, ja, von ganzem Herzen! Keiner der
Anwesenden, mit Ausnahme des franzsischen Gesandten, hatte eine Ahnung,
da der Knig mit diesen Worten den Entschlu aussprach, sich in die
Arme der katholischen Kirche zu werfen.

Soll ich einen Priester bringen? fragte der Herzog. Thue es, mein
Bruder, entgegnete der kranke Mann, um Gottes Willen thue es und
verliere keine Zeit. Aber nein, es wird dir viele Mhe machen.

Und sollte es mein Leben kosten, rief der Herzog, ich schaffe einen
Priester!

Es war aber keine leichte Aufgabe, in diesem Augenblicke einen Priester
zu solchem Zweck aufzufinden, denn nach damaligem Gesetz war Derjenige,
welcher einen Proselyten in die katholische Kirche aufnahm, ein schwerer
Verbrecher. Graf Castel Melhor, ein portugiesischer Edelmann, der aus
politischen Grnden seine Heimath verlassen mute und am englischen Hofe
ein Asyl gefunden hatte, unternahm es, einen Beichtvater aufzusuchen.
Er wandte sich an seine Landsleute, welche dem Hofstaate der Knigin
angehrten, aber es zeigte sich, da keiner ihrer Kaplne der englischen
oder franzsischen Sprache mchtig genug war, um das Amt eines
Beichtigers beim Knige zu versehen. Der Herzog und Barillon waren schon
im Begriff, den venetianischen Gesandten um seinen Geistlichen zu
bitten, als sie erfuhren, da ein Benediktinermnch, mit Namen John
Huddleston, zufllig in Whitehall anwesend sei. Derselbe hatte mit
groer Lebensgefahr dem Knig nach der Schlacht bei Worcester das Leben
gerettet und war aus diesem Grunde seit der Restauration stets eine
bevorzugte Person gewesen. In den strengsten Verordnungen gegen
katholische Priester, und als falsche Zeugen das Volk zur Wuth
entflammten, war Huddleston stets namentlich ausgenommen worden.[12] Er
war gern erbtig, sein Leben ein zweites Mal fr seinen Knig
preiszugeben, aber es war noch immer eine groe Klippe im Wege. Der gute
Mnch war nmlich so unwissend, da er keinen Begriff davon hatte, was
er bei einer so wichtigen Veranlassung sagen msse. Durch Vermittelung
Castel Melhor's empfing er von einem portugiesischen Priester
verschiedene Andeutungen und wurde, so instruirt, von Chiffinch eine
geheime Treppe hinaufgefhrt. Dieser war ein vertrauter Diener, welcher,
nach den Satiren jener Zeit zu urtheilen, oft Besuche ganz andrer Art
auf diesem Wege eingefhrt hatte. Der Herzog gebot jetzt im Namen des
Knigs allen Anwesenden, mit Ausnahme von Ludwig Duras, Earl von
Feversham, und Johann Granville, Earl von Bath, sich aus dem Gemache zu
entfernen. Beide Lords waren zwar Protestanten, aber Jakob wute, da er
auf ihre Ergebenheit sich verlassen konnte. Feversham, ein Franzose von
hoher Geburt und Neffe des groen Turenne, bekleidete einen hohen Posten
in der englischen Armee und war dabei Kammerherr der Knigin; Bath
versah das Amt eines Garderobeinspectors.

Dem Befehle des Herzogs wurde Folge geleistet, und selbst die rzte
zogen sich zurck, worauf Pater Huddleston durch die Hinterthr eintrat.
ber sein Priesterornat hatte er einen Mantel geworfen, und ber der
Tonsur trug er eine lockige Perrcke. Sire, sagte der Herzog, dieser
brave Mann rettete einst Ihr Leben, er kommt jetzt, Ihre Seele zu
retten. Er ist willkommen, entgegnete Karl mit leiser Stimme.
Huddleston erfllte seine Aufgabe ber alte Erwartung. Er warf sich
neben dem Bett auf die Knie, nahm die Beichte ab, gab die Absolution und
ertheilte die letzte lung. Er fragte, ob der Knig das heilige
Abendmahl zu empfangen wnsche? Das will ich, entgegnete Karl, wenn
ich dessen nicht unwrdig bin! Man brachte die Hostie, und der Knig
machte eine mhsame Anstrengung, sich vor ihr zu erheben und
niederzuknieen, der Priester aber gebot ihm, ruhig liegen zu bleiben,
indem Gott die Demthigung des Geistes, nicht aber des Krpers verlange.
Es kostete dem Knig so groe Mhe, die Hostie zu verschlucken, da man
die Thr ffnen und ein Glas Wasser herbeischaffen lassen mute. Nach
Beendigung dieser Feierlichkeit erhob der Mnch vor dem Bufertigen das
heilige Kreuz, ermahnte ihn, seine letzten Gedanken auf die Leiden des
Heilands zu richten, und verlie das Sterbezimmer. Der ganze Act hatte
etwa dreiviertel Stunden gedauert, und whrend dieser Zeit hatten die in
den Vorzimmern befindlichen Hflinge durch Flstern und bezeichnende
Winke einander ihren Verdacht mitgetheilt. Endlich wurde die Thr
geffnet, und die Menge trat wiederum in das Zimmer des Sterbenden.

Es war jetzt spt am Abend und der Knig schien durch das eben
Geschehene sehr erleichtert zu sein. Man fhrte seine natrlichen Kinder
an das Bett: die Herzge von Grafton, Southampton und Northumberland,
Shne der Herzogin von Cleveland, den Herzog von St. Albans Sohn der
Eleonore Gwynn, und den Herzog von Richmond, Sohn der Herzogin von
Portsmouth. Karl gab Allen seinen Segen, behandelte aber mit besonderer
Zrtlichkeit den Herzog von Richmond. Aber ein Gesicht fehlte, das
hierher gehrte, das lteste und geliebteste Kind war in der Verbannung
und streifte heimathlos umher. Sein Name kam nicht ein einziges Mal ber
des Vaters Lippen!

Whrend der Nacht empfahl Karl die Herzogin von Portsmouth und ihren
Sohn der Frsorge Jakob's; und la auch das arme Lorchen keine Noth
leiden, fgte er gutmthig hinzu. Die Knigin lie sich durch Halifax
wegen ihrer Abwesenheit entschuldigen, indem sie vorgab, so tief
ergriffen zu sein, da sie sich auer Stande fhle, ihre Stelle am
Sterbelager wieder einzunehmen. Sie lie um Verzeihung bitten fr alles
Unrecht, das sie ihm unwissentlich angethan haben knnte. Sie bittet um
meine Verzeihung, das arme Weib! sagte Karl; ich bitte um die ihrige
mit aufrichtigem Herzen!

Die Morgensonne fiel durch die Fenster von Whitehall herein und Karl bat
die Diener, die Vorhnge zurckzuschlagen, damit er noch einmal den Tag
sehen knne. Er machte darauf aufmerksam, da es an der Zeit sei, eine
Uhr aufzuziehen, welche nicht weit von seinem Bett sich befand. Diese
unerheblichen Umstnde blieben lange im Gedchtni, weil sie den klaren
Beweis lieferten, da zur Zeit, wo er sich fr den Katholicismus
erklrte, der Knig im vlligen Besitz seiner Geisteskrfte gewesen war.
Er bat alle Diejenigen, welche sein Lager umstanden, whrend der Nacht
um Verzeihung, da er ihnen so viele Unruhe mache. Er liege eine ganz
unverantwortlich lange Zeit im Sterben, sagte er, aber er hoffe,
sie wrden das entschuldigen. Dies war das letzte Aufblitzen jener
unverwstlichen Heiterkeit, durch deren Macht er so oft den gerechten
Zorn seines entrsteten Volkes hinwegzuzaubern vermocht hatte. Bald nach
der Morgendmmerung verlor der Sterbende die Sprache, und noch vor der
zehnten Stunde das Bewutsein. Das Volk hatte sich in Massen zur Stunde
des Frhgottesdienstes in die Kirchen begeben, und als das Gebet fr den
Knig verlesen wurde, verriethen schwere Seufzer und lautes Schluchzen
die allgemeinste innige Theilnahme. In der Mittagstunde, am Freitag den
6. Februar, verschied er ruhig und ohne Kampf.[13]

    [Anmerkung 1: +Pepys's Diary, Dec. 28. 1663, Sept. 2. 1667.+]

    [Anmerkung 2: +Burnet, I. 606+; +Spectator, No. 462+; +Lords'
    Journals, Oct. 28. 1678+; +Cibber's Apology.+]

    [Anmerkung 3: +Burnet, I. 605, 606+; +Welwood 138. North's Life of
    Guildford, 251.+]

    [Anmerkung 4: Ich bemerke hierbei, da da, wo ich nur ein Datum
    anfhre, ich dem alten Style folge, welcher im siebzehnten
    Jahrhundert in England gebruchlich war, aber ich rechne das Jahr
    vom 1. Januar an.]

    [Anmerkung 5: +Saint Evremont, passim+; +St. Real, Memoires de la
    Duchesse de Mazarin+; +Rochester Farewell+; +Evelyn's Diary, Sept.
    6. 1676, June 11, 1699.+]

    [Anmerkung 6: +Evelyn's Diary, Jan. 28. 1684/85+; +Saint
    Evremont's Letter to Dry.+]

    [Anmerkung 7: +Evelyn's Diary, Feb. 4. 1684/85.+]

    [Anmerkung 8: +Roger North's Life of Sir Dudley North, 170+; +The
    True Patriot vindicated, or a Justification of his Excellency the
    E-- of R--+; +Burnet, I. 605.+ Die Bcher des Schatzamts beweisen,
    da Burnet gut unterrichtet war.]

    [Anmerkung 9: +Evelyn's Diary, Jan. 24. 1681/82, Oct. 4. 1683.+]

    [Anmerkung 10: +Dugdale's Correspondence.+]

    [Anmerkung 11: +Hawkins's Life of Ken, 1713.+]

    [Anmerkung 12: Siehe die London Gazette vom 21. Nov. 1678.
    Barillon und Burnet versichern, da Huddleston von allen
    Parlamentsacten, welche gegen Priester erschienen, ausgenommen
    gewesen sei, doch ist das ein Irrthum.]

    [Anmerkung 13: +Clarke's Life of James the Second, I. 746. Orig.
    Mem.+; +Barillon's Despatch of Febr. 8.(18.) 1685+; +Citters's
    Despatches of Febr. 3.(13.) and Febr. 6.(16.)+; +Huddleston's
    Narrative+; +Letters of Philip, second Earl of Chesterfield, 277+;
    +Sir H. Ellis's Original Letters, First Series, III. 333+; +Second
    SeriesIV. 74+; +Chaillot M.S.+; +Burnet, I, 606+; +Evelyn's Diary
    Feb. 4. 1684(5)+; +Welwood's Memoirs, 140+; +North's Life of
    Guildford, 252+; +Examen, 648+; +Hawkins's Life of Ken+; +Dryden's
    Threnodia Augustalis+; +Sir H. Halford's Essay on Deaths of
    Eminent Persons+. Man sehe auch das Bruchstck eines Briefes,
    welchen Lord Bruce geraume Zeit nach seiner Ernennung zum Earl von
    Ailesbury schrieb und welcher im +European Magazine+ vom April
    1795 abgedruckt ist. Ailesbury nennt Burnet einen Betrger, allein
    seine eigene Darstellung und die Burnet's werden einem
    unbefangenen und umsichtigen Leser keinen Widerspruch erkennen
    lassen. Im Britischen Museum, sowie in der Bibliothek des
    kniglichen Instituts ist mir ein merkwrdiger Foliobogen zu
    Gesicht gekommen, auf welchem sich ein Bericht ber den Tod Karl's
    befindet. Der Verfasser desselben war offenbar ein Katholik, und
    es mssen ihm vorzgliche Quellen zu Gebote gestanden haben. Ich
    vermuthe, da er zu Jacob selbst in mittelbaren oder unmittelbaren
    Beziehungen gestanden haben mag. Kein Name ist ausgeschrieben,
    aber die Anfangsbuchstaben sind vllig verstndlich, bis auf eine
    Stelle, Es heit hier: Der D. von Y. sei an die Pflicht, welche er
    seinem Bruder schuldig, durch P.M.A.C.F. gemahnt worden. Ich
    mu gestehen, da ich diese fnf letzten Buchstaben nicht zu
    entziffern vermag.

    Man sollte meinen, es knnten uns keine Vorgnge in der Geschichte
    klarer sein, als diejenigen, welche sich am Sterbelager Karl's
    ereigneten. Es existiren verschiedene Berichte, von Personen
    niedergeschrieben, welche in der That an seinem Krankenbett
    standen, und ebenso Berichte von Anderen, die zwar nicht
    Augenzeugen waren, aber vorzgliche Gelegenheit hatten, von
    solchen Kunde zu erhalten. Wer aber auch immer versuchen wollte,
    diese groe Menge von Stoff zu einer Erzhlung zu bearbeiten,
    wrde bald einsehen, da er sich eine mhsame Aufgabe gestellt
    hat. Selbst Jakob und dessen Gemahlin, als sie die Geschichte den
    Nonnen von Chaillot erzhlten, konnten ber einige Punkte nicht
    ins Klare kommen. Die Knigin versicherte, nachdem Karl die
    letzten Sakramente empfangen, htten die protestantischen Bischfe
    ihre Ermahnungen von Neuem begonnen; der Knig hingegen erwiderte,
    es sei nicht der Fall gewesen. Gewi߫, rief die Knigin, Sie
    selbst haben es mir ja erzhlt! -- Es ist nicht mglich, da ich
    es Ihnen gesagt haben sollte, entgegnete der Knig, denn es ist
    etwas Derartiges gar nicht vorgekommen.

    Es ist zu bedauern, da Sir Heinrich Halford sich so wenig Mhe
    gegeben, ber die Thatsachen etwas Bestimmtes zu erfahren, die er
    seinem Urtheile unterwarf. Er scheint von der Existenz der
    Erzhlungen von Jakob, Barillon und Huddleston gar nichts gewut
    zu haben.

    Da diese Gelegenheit die erste ist, wo ich den Briefwechsel der
    hollndischen Gesandten am englischen Hofe erwhne, so kann ich
    hier nicht unbemerkt lassen, da eine Anzahl ihrer Depeschen von
    der Thronbesteigung Jakob's II. an bis zu seiner Flucht einen sehr
    werthvollen Theil der Macintosh-Sammlung bilden. Die darauf
    folgenden Depeschen bis zur Festsetzung der Regierung im Februar
    1689 verschaffte ich mir vom Haag. Man hat die hollndischen
    Archive noch nicht genug durchsucht. Sie enthalten eine Menge von
    Nachrichten, welche fr jeden Englnder vom hchsten Interesse
    sind. Dabei sind sie vortrefflich geordnet und werden von Mnnern
    verwahrt, deren Hflichkeit, Liberalitt und Eifer fr die
    Interessen der Literatur nicht genug gerhmt werden knnen.
    Ich spreche in der aufrichtigsten Weise meine dankbaren
    Verpflichtungen gegen die Herren de Jonge und Van Zwanne aus.]


[_Verdacht der Vergiftung._] In jener Zeit pflegte das gemeine Volk in
ganz Europa, namentlich aber in England, den Tod frstlicher Personen,
zumal wenn der Verstorbene beim Volke beliebt war und der Tod rasch
eintrat, dem abscheulichsten und schndlichsten Meuchelmorde Schuld zu
geben. Man hatte JakobI. in Verdacht, den Prinzen Heinrich vergiftet zu
haben, und ebenso, behauptete man, htte KarlI. JakobI. ums Leben
gebracht. Als whrend der Republik die Prinzessin Elisabeth zu
Carisbrook starb, wurde laut versichert, Cromwell wre feig und ruchlos
genug gewesen, schdliche Stoffe unter die Speisen eines jungen Mdchens
zu mischen, der etwas Bses zuzufgen kein einziger vernnftiger Grund
vorhanden war.[14] Nach wenigen Jahren wurde die rasche Verwesung von
Cromwell's eigenem Krper von Vielen einem tdtlichen Mittel
schuldgegeben, welches ihm in der Arznei beigebracht worden wre. Es ist
nur zu natrlich, da auch bei dem Tode Karl's II. hnliche Gerchte
umgingen. Das Publikum hatte schon verschiedene Male Geschichten von
papistischen Anschlgen auf des Knigs Leben gehrt, so da viele
Gemther bereits von Vorurtheilen eingenommen waren, und einige
unglckliche Zuflligkeiten schienen diese befangenen Gemther darauf
hinzuweisen, da in der That ein Verbrechen verbt worden sei. Die
vierzehn rzte, welche ber den Krankheitsfall des Knigs disputirten,
widersprachen einander, so wie sich selbst. Einige von ihnen erklrten
den Anfall fr epileptischer Natur, dem man seinen ungestrten Verlauf
lassen msse; die Mehrzahl aber erklrte ihn fr apoplectisch und
peinigte den Kranken mehrere Stunden lang wie einen Indianer am
Marterpfahl. Hierauf einigte man sich, die Krankheit ein Fieber zu
nennen und ihm Quantitten von Chinarinde einzugeben. Ein Arzt
protestirte aber gegen diese Behandlung und versicherte der Knigin, da
bei solchem Verfahren der Knig unter den Hnden seiner Kollegen sterben
werde. Von einer so groen Anzahl von Rathgebern lie sich natrlich
nichts Andres als Zwist und Unentschlossenheit erwarten, aber viele
Leute glaubten natrlicher Weise, bei der auerordentlichen Verlegenheit
dieser groen Heilknstler, da die Krankheit ganz ungewhnlicher Art
sein msse. Es ist Ursache da, zu glauben, da Short, der trotz seiner
rztlichen Geschicklichkeit doch ein reizbarer, grilliger Mann gewesen
zu sein scheint und der sich vermuthlich durch die Besorgni vor
gehssigen Beschuldigungen, denen er als Katholik besonders ausgesetzt
war, in nicht ganz ungestrtem Genusse seiner Urtheilskraft befand, von
einem furchtbaren Verdachte ergriffen worden sei. Es kann daher nicht
berraschen, wenn von dem gemeinen Volke eine Menge toller Geschichten
nacherzhlt und geglaubt wurden. Die Zunge Sr. Majestt war bis zur
Gre einer Rindszunge angeschwollen, in seinem Gehirn hatte man eine
verhrtete Masse von giftigem Pulver gefunden, auch auf seiner Brust
blaue Flecken und auf seiner Schulter schwarze Flecken wahrgenommen. Es
war ihm irgend Etwas in die Schnupftabaksdose gethan worden, oder auch
in seine Suppe; vielleicht hatte man ihm auch in seinem
Lieblingsgericht, Eier mit grauem Ambra, etwas beigebracht. Die Herzogin
von Portsmouth hatte ihn mit einer Tasse Chokolade, die Knigin mit
einer Schale gebackener Birnen vergiftet. Solche Erzhlungen verdienen
aufbewahrt zu werden, denn sie geben uns einen Begriff von der Einsicht
und Moralitt einer Generation, welche sie begierig in sich aufnahm. Da
in unserer Zeit dergleichen Gerchte keinen Boden mehr finden, selbst
wenn Menschenleben, von denen wichtige Interessen abhngen, durch
raschentwickelte Krankheitsanflle beendigt wurden, ist eines Theils dem
Fortschritte der medizinischen und chemischen Wissenschaft, so wie
andren Theils, wie wir annehmen drfen, den Fortschritten zu danken,
welche das Volk in Bezug auf vernnftiges Urtheil, Gerechtigkeit und
Menschlichkeit gemacht hat.[15]

    [Anmerkung 14: Clarendon spricht von dieser Verleumdung mit
    geziemender Verachtung. Nach der freundlichen Gesinnung jener Zeit
    gegen Cromwell suchten viele die Ursache dieses Todesfalls in
    einer Vergiftung, wofr jedoch eben so wenig ein ueres Anzeichen
    sprach, als jemals spter ein Beweis dafr aufzufinden gewesen
    ist.]

    [Anmerkung 15: +Welwood. 139+; +Burnet I. 609+; +Sheffield's
    Character of Charles the Second+; +North's Life of Guildford,
    252+; +Examen, 648+; +Revolution Politics+; +Higgons on Burnet.+
    Was North von der Rathlosigkeit und dem Schwanken der rzte sagt,
    besttigen die Depeschen Citters'. Ich war sehr im Unklaren ber
    die auffallende Geschichte hinsichtlich des Short'schen Verdachts.
    Einmal war ich entschlossen, die Erklrung North's anzunehmen,
    aber obgleich ich auf die Autoritt Welwood's und Burnet's in
    solchem Falle wenig Gewicht lege, kann ich doch das Zeugni eines
    so wohl unterrichteten und unparteiischen Mannes wie Sheffield
    nicht verwerfen.]


[_Rede Jakob's II. an den Geheimen Rath._] Als Alles vorber war, zog
sich Jakob von dem Sterbelager nach seinem Zimmer zurck, wo er eine
Viertelstunde allein blieb. Indessen versammelten sich die im Palaste
anwesenden Geheimen Rthe, der neue Knig erschien und nahm seinen Sitz
am oberen Theile der Sessionstafel ein. Dem Herkommen gem erffnete er
seine Regierung mit einer Rede an den Geheimen Rath. Er sprach sein
Bedauern aus, rcksichtlich des Verlustes, der ihn so eben betroffen,
und versicherte, die hohe Milde nachahmen zu wollen, welche eine der
vorzglichsten Eigenschaften der letzten Regierung gewesen sei. Es sei
ihm nicht unbekannt, sagte er, da man ihn einer Vorliebe fr
Willkrherrschaft beschuldige, es sei das aber nicht die einzige Lge,
die sich ber ihn im Umlaufe befinde. Er habe die Absicht, die
bestehende Verfassung in Kirche und Staat aufrecht zu erhalten. Die
Kirche von England sei ausgezeichnet loyal, daher werde er aufs
Angelegentlichste bemht sein, sie zu untersttzen und zu vertheidigen.
Es sei ihm bekannt, da Englands Gesetze gengten, ihn zu einem so
groen Knige zu erheben, als er nur wnschen knne. Seine eigenen
Rechte werde er streng aufrecht erhalten, aber auch die Rechte Anderer
achten. Er habe vordem sein Leben bei der Vertheidigung des Vaterlandes
preisgegeben und werde auch jetzt beim Schutz der gerechten Freiheiten
so weit gehen wie irgend Einer. Diese Rede war nicht, wie es bei
hnlichen Gelegenheiten geschieht, von den Rthen des Souverains
vorbereitet, sondern sie enthielt den augenblicklichen Ausdruck der
Empfindungen des neuen Knigs in einem Momente hoher Aufregung. Die
Rathsmitglieder ergossen sich in lauten uerungen des Entzckens und
der Dankbarkeit. Der Lord Prsident Rochester sprach im Namen des
Kollegiums den Wunsch aus, da Sr. Majestt glckverheiende Erklrung
zur ffentlichkeit gelangen mchte. Der Generalprokurator Heneage Finch,
erbot sich, den Sekretr abzugeben. Er war ein eifriger Anhnger der
Staatskirche, und als solcher wnschte er natrlich, da die gndige
Zusage, welche so eben ausgesprochen worden, in einer unvergnglichen
Urkunde wiedergegeben wrde. Diese Versprechungen, rief er aus, haben
einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht, da ich sie wrtlich
wiederholen kann. Bald darauf legte er seinen Bericht vor, den Jakob
durchlas, genehmigte, und darauf befahl, ihn zur ffentlichen Kenntni
zu bringen. In spterer Zeit behauptete er diesen Schritt ohne die
nthige berlegung gethan zu haben, seine vorher nicht berdachten
Ausdrcke rcksichtlich der englischen Kirche seien zu stark gewesen,
und Finch habe mit einer Gewandtheit, welche damals von ihm unbeachtet
gelassen worden, sie noch strker gemacht.[16]

    [Anmerkung 16: +London Gazette, Feb. 9. 1684/5+; +Clarke's Life of
    James the second II. 3.+; +Barillon, Feb. 9.(19.)+; +Evelyn's
    Diary, Feb. 6.+]


[_Ausrufung Jakob's._] Der Knig fhlte sich durch langes Wachen und
rasch auf einander folgende Gemthsbewegungen erschpft, und begab sich
zur Ruhe. Nachdem ihn die Geheimen Rthe voll Ehrerbietung nach dem
Schlafzimmer begleitet hatten, kehrten sie in den Sitzungssaal zurck,
und erlieen Verordnungen in Betreff der feierlichen Ausrufung. Die
Garden standen unter den Waffen, die Herolde erschienen in ihren
prachtvollen Wappenrcken und die Feierlichkeit ging ohne jede Strung
vor sich. In den Straen waren Weinfsser aufgestellt und die
Vorbergehenden wurden aufgefordert, auf die Gesundheit des neuen
Herrschers zu trinken. Obgleich aber hier und da ein Jubelruf ertnte,
befand sich das Volk dennoch in keiner frohen Stimmung. Viele weinten,
und man konnte wahrnehmen, da in London kaum eine Magd war, die sich
nicht mit einem Stckchen Trauerflor zu Ehren Knig Karl's geschmckt
htte.[17]

Das Leichenbegngni erfuhr vielfachen Tadel. Es wre auch wirklich
eines reichen, adeligen Unterthanen kaum wrdig gewesen. Die Tories
tadelten mit Schonung die Sparsamkeit des neuen Knigs, die Whigs
raisonnirten ber den Mangel an verwandtschaftlicher Zuneigung, und die
heftigen schottischen Covenanters verkndigten frohlockend, da der seit
Alters her ber ruchlose Frsten verhngte Fluch offenbar in Erfllung
gegangen, und der dahingegangene Tyrann wie ein Esel zu Grabe gebracht
worden sei.[18] Doch trat Jakob seine Regierung bei einem ziemlichen
Mae des ffentlichen Vertrauens an. Seine Rede an den Geheimen Rath
erschien im Druck und der durch sie hervorgebrachte Eindruck war ein
hchst gnstiger. Das war also der Frst, den eine Partei in das Exil
getrieben und seines Geburtsrechts zu berauben gesucht hatte, aus der
Ursache, weil man ihn fr einen heftigen Widersacher der Religion und
der Landesgesetze hielt. Er hatte gesiegt, er sa auf dem Throne, und
seine erste That war die Versicherung, da er die Kirche schtzen und
die Rechte seines Volkes streng in Ehren halten wolle. Die Ansicht,
welche jede Partei ber seinen Character sich gebildet hatte, veranlate
eine berschtzung jedes Wortes, das von ihm kam. Die Whigs erklrten
ihn fr hochmthig, unvershnlich, starrkpfig, rcksichtslos gegen die
ffentliche Meinung; die Tories rhmten seine frstlichen Tugenden,
beklagten aber dabei, da er die Knste vernachlssige, durch welche er
sich die Liebe des Volkes erwerben knne. Selbst die Satire hatte ihn
nie als einen Mann hingestellt, der die Absicht habe, die Gunst des
Publikums dadurch zu gewinnen, da er etwas vorgebe, was er nicht
empfinde, und etwas verspreche, was er nicht zu erfllen beabsichtige.
An dem Sonntage, welcher dem Regierungsantritt folgte, wurde seine Rede
auf vielen Kanzeln erwhnt. Wir haben jetzt fr unsre Kirche -- rief
ein loyaler Prediger -- das Wort eines Knigs, und zwar eines Knigs,
welcher niemals schlechter war als sein Wort! Diese geistreiche
uerung machte bald die Runde durch Stadt und Land und wurde das
Losungswort der Torypartei.[19]

    [Anmerkung 17: Man sehe die in der vorhergehenden Note angefhrten
    Citate, auerdem +Examen 647+; +BurnetI. 620+; +Higgons on
    Burnet.+]

    [Anmerkung 18: +London Gazette, Feb. 14. 1684/5+; +Evelyn's Diary+
    von demselben Datum; +BurnetI. 610+; +the Hind let loose.+]

    [Anmerkung 19: +Burnet I. 628+; +Lestrange, Observator, Feb. 11.
    1684/5.+]


[_Stand des Ministeriums._] Durch die Erledigung des Thrones waren
smmtliche hohe Staatsmter freigeworden, und es wurde nthig, da Jakob
ihre Wiederbesetzung vornahm. Wenige von den Mitgliedern des vorigen
Kabinets hatten Ursache, auf seine Gunst zu rechnen. Sunderland, der
Staatssekretr, und Godolphin, der erste Lord des Schatzes, hatten fr
die Ausschlieungsbill gestimmt; und Halifax, der Geheimsiegelbewahrer,
hatte sich zwar mit der Kraft der Beweisfhrung und Beredtsamkeit
derselben widersetzt, aber er war ein Todfeind von Despotismus und
Papstthum. Mit tiefer Besorgni sah er den Fortschritt der franzsischen
Waffen auf dem Festlande und die Wirkung des franzsischen Goldes auf
die Rathschlsse Englands. Htte man seinen Rath befolgt, so wren die
Gesetze streng beobachtet, die besiegten Whigs mit Gte behandelt, das
Parlament zusammenberufen und ein Versuch gemacht worden, die inneren
Parteien zu vershnen; die Prinzipien der Triplealliance wrden alsdann
unsre auswrtige Politik wieder geleitet haben. Dadurch hatte er sich
Jakob's bittere Feindschaft zugezogen. Von dem Lord Siegelbewahrer
Guildford lie sich kaum behaupten, da er einer der Parteien angehre,
in welche der Hof zerfiel. Er war keineswegs ein Freund der Freiheit und
besa doch eine so hohe Achtung vor dem Buchstaben des Gesetzes, da er
als Werkzeug willkrlicher Herrschaft nicht zu verwenden war. Die
heftigen Tories bezeichneten ihn daher als Trimmer und Jakob empfand
gegen ihn einen stark mit Verachtung gemischten Widerwillen. Ormond,
Lord Oberhofmeister und Viceknig von Irland, befand sich damals in
Dublin. Derselbe hatte gerechtere Anwartschaft auf die Dankbarkeit des
Knigs, als jeder andre Unterthan. Er hatte fr KarlI. tapfer die
Waffen gefhrt, war KarlII. in die Verbannung gefolgt und seiner
Loyalitt trotz mancher Versuchungen treugeblieben. Obgleich zur Zeit
des bergewichts der Cabale in Ungnade gefallen, hatte er doch niemals
einer factisen Opposition sich angeschlossen und in den Tagen des
papistischen Complots und der Ausschlieungsbill sich unter den ersten
Vertheidigern des Thrones befunden. Jetzt war er alt, und krzlich hatte
ihn das Schicksal schwer betroffen, indem er einen Sohn zu Grabe
geleitet, der nach dem gewhnlichen Gange der Dinge seinem Sarge htte
folgen mssen: den tapferen Ossory. Die anerkennungswerthen Verdienste,
das hohe Alter und das husliche Migeschick Ormond's erregten fr ihn
die allgemeine Theilnahme des Volkes. Die Kavaliere sahen in ihm ihr
Haupt nach dem Rechte des Alters wie des Verdienstes, und den Whigs war
wohlbekannt, da er zwar stets treulich auf Seite der Monarchie
gestanden, dabei aber niemals weder dem Despotismus noch dem
Katholicismus zugethan gewesen war. Obgleich er aber die allgemeine
Achtung geno, auf die Gunst seines neuen Gebieters durfte er wenig
Hoffnung setzen. Jakob hatte, als er selbst noch Unterthan war, seinen
Bruder aufgefordert, mit der irischen Verwaltung eine Umnderung
vorzunehmen. Karl war darauf eingegangen, und man hatte bestimmt, da
nach einigen Monaten Rochester zum Lord Statthalter ernannt werden
solle.[20]

    [Anmerkung 20: Die Briefe, welche Rochester und Ormond in dieser
    Angelegenheit gewechselt, befinden sich in der Correspondenz
    Clarendon's.]


[_Neue Anordnungen._] Rochester war das einzige Mitglied des Kabinets,
welches sich der hohen Gunst des Knigs erfreute. Man glaubte allgemein,
da er unverzglich mit der Leitung der Geschfte beauftragt und da mit
allen brigen hohen Staatsbeamten ein Wechsel vorgenommen werden wrde,
aber diese Annahme bewies sich nur zum Theil als begrndet. Rochester
wurde zum Lord Schatzmeister ernannt und war als solcher erster
Minister; jedoch unterblieb die Wahl eines Lord Groadmirals, sowie
eines Admiralittsraths. Der neue Knig, welcher fr die Einzelnheiten
der Marineverwaltung eingenommen war und einen vortrefflichen Beamten
auf den Werften von Chatham abgegeben haben wrde, entschlo sich, sein
eigner Marineminister zu werden. Unter ihm wurde die Leitung dieses
wichtigen Verwaltungszweiges dem Samuel Pepys bergeben, dessen
Bibliothek und Tagebuch seinen Namen bis auf unsre Zeit gebracht haben.
Keinen der Rthe des verstorbenen Souverains traf ffentliche Ungnade.
Sunderland entwickelte eine solche Schlauheit und Gewandtheit, wute so
viel Gnner in Thtigkeit zu setzen und war in so viele Geheimnisse
eingeweiht, da man ihn im Besitze seiner Siegel lie. Godolphin's
Gefgigkeit, Flei, Erfahrung und Verschwiegenheit lieen sich nicht
wohl entbehren, und da er beim Schatzamte berflssig geworden war, so
wurde er zum Kammerherrn der Knigin erwhlt. Diese drei Lords fragte
der Knig bei allen wichtigen Angelegenheiten um Rath; was aber Ormond,
Halifax und Guildford betraf, so nahm er sich vor, sie noch nicht zu
entlassen, sondern nur zu demthigen und zu peinigen.

Dem Halifax wurde befohlen, das Geheimsiegel abzugeben und das Prsidium
im Geheimen Rathe zu bernehmen. Er gehorchte mit grtem Widerwillen.
Denn obgleich der Vorsitzende des Geheimen Rathes immer im Range ber
dem Lord Geheimsiegelbewahrer stand, so war doch die Stellung eines
Geheimsiegelbewahrers zu damaliger Zeit eine viel wichtigere, als die
eines Lord-Prsidenten. Rochester hatte den Witz, der vor einigen
Monaten bei seinem Abgange vom Schatzamte gemacht worden, noch nicht
vergessen, und geno nun seines Theils das Vergngen, seinen Nebenbuhler
die Treppe hinaufzuwerfen. Das Geheimsiegel empfing Rochester's lterer
Bruder, Heinrich Earl von Clarendon. Vor Barillon machte Jakob kein Hehl
aus seinem heftigen Widerwillen gegen Halifax. Ich kenne ihn wohl,
es ist ihm nicht zu trauen, er soll bei den Staatsgeschften nicht
verwendet werden! Was die Stellung betrifft, die ich ihm angewiesen
habe, so wird dieselbe dazu dienen, um zu zeigen, wie unbedeutend sein
Einflu ist. Halifax gegenber hielt man es freilich fr gerathener, in
ganz andrer Weise zu sprechen. Alles Geschehene ist vergessen, sagte
der Knig, mit Ausnahme des Dienstes, welchen Sie mir bei der Debatte
ber die Ausschlieungsbill erzeigt haben. Diese Bemerkung ist oft als
Beweis angefhrt worden, da Jakob nicht so rachschtig gewesen sei,
als seine Feinde behaupteten; sie scheint jedoch eher darzuthun, da er
durchaus des Lobes nicht wrdig ist, welches seine Freunde seiner
Offenherzigkeit ertheilten.[21]

Ormond wurde hflich in Kenntni gesetzt, da man seine Dienste in
Irland nicht lnger beanspruche, und aufgefordert, nach Whitehall zu
gehen und das Amt eines Lord Oberhofmeisters zu bernehmen. Er fgte
sich pflichtgem, machte aber kein Hehl daraus, da die neue Anordnung
seine Gefhle tief verletze. Am Abend vor seiner Abreise gab er den
Offizieren der Dubliner Besatzung in dem damals eben beendigten
Kilmainhamhospital ein glnzendes Mahl. Zu Ende der Tafel stand er auf,
fllte einen Pokal bis zum Rande mit Wein und frug, ihn emporhaltend,
ob er einen Tropfen verschttet habe. Nein, meine Herren, was auch die
Hofleute reden mgen, noch bin ich nicht kindisch geworden, noch versagt
mir meine Hand nicht den Dienst und meine Hand ist nicht fester als mein
Herz. Auf das Wohl Knig Jakob's! Es war Ormond's letztes Lebewohl an
Irland. Er berlie die Verwaltung den Oberrichtern und ging nach
London, wo man ihn mit den auffallendsten Zeichen ffentlicher
Hochachtung empfing. Viele Personen von hohem Range kamen ihm entgegen.
Eine lange Reihe von Wogen folgte ihm nach dem St. Jamesplatz, wo sein
Haus stand, und der Platz war mit einer zahlreichen Volksmenge bedeckt,
die ihn mit lautem Jubel empfing.[22]

    [Anmerkung 21: Die Vernderungen im Ministerium sind angezeigt in
    der London Gazette vom +19. Febr. 1684/5. Burnet, I., 621+;
    +Barillon, Feb. 9.(19.) 16.(26.) & Feb. 19. (March 1.)+]

    [Anmerkung 22: +Carte's Life of Ormond+; +Secret Consults of the
    Romish Party in Ireland, 1690+; +Memoirs of Ireland, 1716.+]


[_Sir Georg Jeffreys._] Das groe Siegel blieb in Guildford's
Verwahrung, aber eine harte Demthigung ward ihm zu gleicher Zeit zu
Theil. Es wurde der Entschlu gefat, einen energischen und tchtigen
Juristen der Verwaltung beizugeben, und hierzu whlte man Sir Georg
Jeffreys, Oberrichter des Gerichtshofes der Kings-Bench. Die
Verworfenheit dieses Mannes ist zum Sprichwort geworden. Die beiden
groen Parteien Englands haben sein Andenken mit wetteifernder
Heftigkeit angegriffen, denn die Whigs erblickten in ihm einen grausamen
Feind, und die Tories fanden es fr angemessen, die Schuld an allen den
Verbrechen, durch welche sie ihren Sieg entehrten, auf ihn zu wlzen.
Eine genaue und auf Wahrheit beruhende Untersuchung wird darthun, da
einige entsetzliche Geschichten, welche man von ihm erzhlt, unrichtig
oder bertrieben sind, doch selbst der besonnene Geschichtsschreiber
kann von der beispiellosen Menge von Schndlichkeiten, welche das
Andenken dieses verworfenen Richters entehren, nur wenige beseitigen.

Er war ein Mann von regsamem, krftigem Geiste, aber von Natur zur
Frechheit und wilden Leidenschaften geneigt. Kaum dem Kindesalter
entwachsen, hatte er seine Praxis an den Schranken der Old Bailey
begonnen, wo die Rechtsgelehrten immer eine Freiheit der Sprache
ausgebt haben, wie sie in Westminsterhall vllig unbekannt war. Hier
war viele Jahre lang seine Hauptbeschftigung, die Verhre der
verstocktesten Bsewichter der Hauptstadt abzuhalten, und seine tgliche
Berhrung mit lockeren Dirnen und Dieben weckte und vervollkommnete sein
Talent dergestalt, da er der ausgebildetste Rabulist wurde, den jemals
sein Beruf erzeugte. Jede schonende Rcksicht fr die Gefhle Anderer,
jede Selbstachtung, jeder Sinn fr Anstand waren ihm fremd. Er gewann
eine unbeschreibliche Fertigkeit in der Ausdrucksweise, in welcher der
Pbel Ha und Verachtung ausspricht. Der Reichthum von Verwnschungen
und Schmhreden, aus denen sein Wrterbuch bestand, lie kaum auf dem
Fischmarkt oder im Brengarten etwas hnliches auffinden. Sein
Gesichtsausdruck und seine Stimme mssen immer unliebenswrdig gewesen
sein, aber diese natrlichen Vorzge -- denn als solche scheint er sie
betrachtet zu haben -- waren von ihm zu einer solchen Vollkommenheit
ausgebildet worden, da es nicht Viele gab, die ihn in seinen
Wuthausbrchen sehen und hren konnten, ohne heftig erregt zu werden.
Frechheit und Wildheit thronten auf seiner Stirne. Der Blick seines
Auges bte einen Zauber aus auf das unselige Schlachtopfer, auf das es
sich richtete; doch behauptete man, seine Stirn und seine Augen htten
weniger Entsetzliches gehabt, als die verzerrten Zge seines Mundes.
Sein Wuthgebrll klang, wie Jemand sagte, der ihn oft gehrt, wie der
Donner des Weltgerichts. Diese Eigenschaften brachte er von der Barre
mit auf den Richterstuhl. Er wurde sehr bald Gemeindesachwalter und
spter Syndikus von London. Als Richter bei den Sitzungen der City
entwickelte er dieselben Neigungen, die ihm nach der Zeit in einer
hheren Stellung einen nicht eben beneidenswerthen Nachruhm verschafft
haben. Schon konnte man an ihm das abscheulichste Laster, dessen die
menschliche Natur fhig ist, Vergngen am Elend, lediglich als solchem,
wahrnehmen. Es lag eine hmische Wollust in der Art und Weise, wie er
den Verbrechern das Urtheil verkndigte. Ihr Jammern und Flehen schien
ihm einen angenehmen Kitzel zu verursachen, und es amsirte ihn, sie bis
zu Krmpfen zu peinigen, indem er ihnen mit der weitlufigsten
Ausfhrlichkeit die Einzelheiten der Qualen schilderte, welche sie zu
erdulden htten. Wenn er Gelegenheit fand, eine unglckliche
Frauensperson zum Staupbesen zu verurtheilen, so rief er: Henker!
ich verlange, da Ihr dieser Dame besondere Aufmerksamkeit schenkt.
Peitschet derb drauf los, Mann! Haut sie, bis das Blut herunterluft!
Es ist Weihnachten, eine khle Zeit fr Madame, um sich zu entkleiden,
bemht Euch, da ihr die Schultern warm werden.[23] Er war kaum weniger
scherzhaft, als er den armen Ludwig Muggleton verurtheilte, den
trunkenen Schneider, der sich fr einen Propheten ausgab. Frecher
Schurke, brllte Jeffreys, Du sollst eine leichte, eine ungemein leichte
Strafe erhalten. Ein Theil dieser leichten Strafe war der Schandpfahl,
an welchem der arme Fanatiker durch Steinwrfe beinahe getdtet
wurde.[24]

Zu dieser Zeit war Jeffreys' Gemth bis zu einem Grade verhrtet, wie es
bei den schlimmsten Werkzeugen der Tyrannei erforderlich ist. Bisher
hatte er in Betreff seiner Befrderung im Amte nur auf die Corporation
von London gerechnet. Aus diesem Grunde hatte er sich zum Rundkopf
bekannt, und immer eine freudigere Aufregung gezeigt, wenn er
katholischen Priestern ankndigte, da sie lebendig aufgeschnitten
werden und mit eigenen Augen ansehen sollten, wie ihre Eingeweide ins
Feuer geworfen wrden, als wenn er ein gewhnliches Todesurtheil
aussprach. Sobald er von der City alles erlangt hatte, was von ihr zu
erwarten war, lie er es sich angelegen sein, seine eiserne Stirn und
giftgeschwollene Zunge dem Hofe zu verkaufen. Chiffinch, dem es nichts
Neues war, bei ehrlosen Geschften aller Art den Unterhndler abzugeben,
war ihm dabei behlflich. Derselbe hatte manche galante und politische
Intrigue geleitet, nie aber seinem Herrn einen schndlicheren Dienst
erwiesen, als durch die Einfhrung Jeffreys' in Whitehall. Der
berlufer erfreute sich bald der Gnnerschaft des hartherzigen und
rachschtigen Jakob, whrend Karl, dessen Fehler, so bedeutend sie
auch immer waren, doch in keiner Verbindung mit Unverschmtheit und
Grausamkeit standen, Verachtung und Abneigung gegen ihn empfand.
Dieser Mensch, sagte der Knig, hat weder Kenntnisse, noch
Verstand und Lebensart, und mehr Frechheit als zehn ausgepeitschte
Bordellschwestern.[25] Aber es gab Beschftigungen, die Niemand
bernehmen mochte, der Achtung vor dem Gesetz oder Gefhl fr Schande
hatte, und so wurde Jeffreys in einem Lebensalter, wo ein Sachwalter
sich glcklich schtzt, wenn man ihm einen bedeutenden Proze
anvertraut, zum Oberrichter an der Kings Bench erhoben.

Selbst seine Feinde konnten brigens nicht in Abrede stellen, da er
manche Eigenschaften eines groen Richters besa. Seine Rechtskunde
beschrnkte sich allerdings nur auf Kenntnisse, wie sie eine Praxis von
nicht besonderer Wichtigkeit verleihen konnte, doch besa er einen
vortheilhaft organisirten Verstand, der ihn durch Irrwege von
Sophistereien und Massen unerheblicher Thatsachen gerade auf das
gesuchte Ziel hinfhrte. brigens war er selten im vollen Besitz seiner
Geisteskrfte, und selbst in civilen Rechtsfallen verwirrte sein
boshafter und despotischer Character sehr hufig sein gesundes Urtheil.
Vor seinen Gerichtshof treten war wie der Eintritt in die Hhle eines
reienden Thieres, das unzhmbar ist und durch Liebkosungen wie durch
Angriffe in gleiche Wuth versetzt wird. Er berhufte bisweilen Klger
und Beklagte, Anwlte und Advokaten, Zeugen und Geschworne mit einer
Fluth unsinniger Schimpfworte, vermischt mit Fluchreden und Schwren.
Sein Blick und Ton hatten Furcht erregt, als er noch ein junger Advokat
war, der sich Praxis zu verschaffen suchte, jetzt, wo er Prsident des
furchtbarsten Gerichtshofs des Reiches war, gab es in Wahrheit nur
Wenige, die nicht vor ihm gezittert htten. Selbst in nchternem
Zustande war seine Leidenschaftlichkeit entsetzlich genug, gewhnlich
aber befand sich sein Verstand unter dem Einflusse des Rausches und
seine gehssigen Leidenschaften erlangten dadurch eine hhere
Gereiztheit. Seine Abende verbrachte er insgemein bei Trinkgelagen, und
wer ihn blos bei der Weinflasche sah, mute ihn fr einen zwar groben,
plumpen, rohen und sinnlichen Menschen, zugleich aber auch fr einen
gemthlichen und geselligen Mann halten. In seiner Gesellschaft befanden
sich bei solchen Gelegenheiten gewhnlich Possenreier, welche in der
Mehrzahl aus den erbrmlichsten Zungendreschern, welche vor ihm
praktizirten, gewhlt waren, und sich zu seinem Amsement schimpften und
aufzogen. Er ri mit ihnen Zoten, stimmte in ihre Rundgesnge ein, und
wenn sein Kopf erhitzt wurde, so herzte und kte er sie in seliger
Weinlaune. Wenn aber auch anfnglich der Wein auf sein Herz einen
besnftigenden Einflu auszuben schien, so machte sich doch nach
einigen Stunden eine ganz andre Wirkung bemerkbar. Oft, wenn der
Gerichtshof ihn lngere Zeit erwartet und sein Rausch erst halb
verflogen war, betrat er seinen Gerichtssitz mit glhenden Wangen und
Augen, starrend wie die eines Verrckten. Befand er sich in solchem
Zustande, so thaten seine Zechgenossen von voriger Nacht wohl, wenn sie
ihm fern blieben, denn die Erinnerung an die ihnen gestattete
Vertraulichkeit erregte seinen Zorn und er benutzte zuverlssig jeden
Anla, um sie mit Schimpf und Schande zu berschtten. Unter seinen
vielen abscheulichen Sonderbarkeiten bestand eine in dem Vergngen,
Diejenigen, welchen er bei seinen Anfllen von trunkener Zrtlichkeit
seine Gunst zugesagt hatte, nachher ffentlich anzufahren und sie zu
beleidigen.

Die Dienste, welche die Regierung von ihm erwartete, leistete er nicht
nur ohne Zgern, sondern eifrig und triumphirend. Der Justizmord
Algernon Sidney's war seine erste That, und was darauf folgte, stand mit
derselben in vlligem Einklange. Ehrenwerthe Tories beklagten die
Schande, welche die Unmenschlichkeit und das unanstndige Betragen eines
so hochgestellten Beamten auf die Verwaltung der Rechtspflege brachte,
aber die Frevelthaten, welche bei diesen Mnnern Entsetzen erregten
gaben Anspruch auf die Hochschtzung Jakob's, und deshalb erhielt
Jeffreys nach Karl's Tode einen Sitz im Kabinet und die Pairswrde.
Letztere Auszeichnung war ein besonderes Zeichen der kniglichen Gnade,
denn seit der Umgestaltung der Gerichtsverfassung des Reichs -- im
dreizehnten Jahrhundert -- war kein Oberrichter Lord des Parlaments
gewesen.[26]

Guildford sah sich nun von seiner politischen Thtigkeit entfernt und
auf sein Amt als Billigkeitsrichter beschrnkt. Im Rathe wurde er von
Jeffreys mit bemerkbarer Unhflichkeit behandelt. Die Besetzung aller
Justizmter befand sich in den Hnden des Oberrichters, und die
Rechtsgelehrten wuten wohl, da es das beste Mittel sei, den
Oberrichter zu beruhigen, wenn man den Lord Siegelbewahrer verchtlich
behandelte.

    [Anmerkung 23: Protokolle der Weihnachtssession von 1678.]

    [Anmerkung 24: +The Acts of the Witnesses of the Spirit, part V.
    chapter V.+ In diesem Werke rcht sich Ludwig nach seiner Weise an
    dem brllenden Teufel, wie er Jeffreys nennt, durch eine Masse von
    Flchen, um welche ihn Ernulphus beneidet haben wrde. Der Proze
    fand im Jahre 1677 statt.]

    [Anmerkung 25: Dieser Ausspruch ist in vielen gleichzeitigen
    Flugschriften zu finden. Titus Oates wurde nicht mde, denselben
    anzufhren. Man sehe sein #Eikn basilik#.]

    [Anmerkung 26: Die besten Auskunftsquellen ber Jeffreys sind die
    Staatsprozesse und +North's Life of Lord Guildford.+ Einige
    weniger wichtige Zge verdanke ich gleichzeitigen Flugschriften in
    Versen und Prosa. Dergleichen sind the +Bloody Assizes, the Life
    and Death of George Lord Jeffreys, the Panegyric on the late
    Jeffreys, the Letter to the Lord Chancellor, Jeffreys's Elegy.+
    Man sehe auch +Evelyn's Diary, Dec. 5. 1683, Oct. 31. 1685.+ Es
    ist unnthig, dem Leser zu empfehlen, Lord Campbell's
    vortreffliches Buch zu Rathe zu ziehen.]


[_Erhebung der Kroneinnahmen ohne Parlamentsacte._] Nur wenige Stunden
erst war Jakob Knig, als schon zwischen den beiden Huptern der Justiz
Streitigkeiten ausbrachen. Die Zlle waren Karl nur auf die Dauer seines
Lebens berlassen worden, und der neue Souverain konnte sie aus diesem
Grunde gesetzlich nicht erheben. Ehe ein Haus der Gemeinen gewhlt
wurde, muten einige Wochen vergehen, und wenn whrend dieser Zeit die
Erhebung der Zlle sistirt wurde, so erlitt das Staatseinkommen
Verluste, der regelmige Handelsverkehr kam ins Stocken, die
Consumenten hatten keinen Gewinn davon, und die Einzigen, welche
Vortheil daraus zogen, waren die glcklichen Spekulanten, deren
Waarenladungen zufllig in der Zeit zwischen dem Thronwechsel und der
Versammlung des Parlaments anlangten. Das Schatzamt wurde von Kaufleuten
umlagert, deren Magazine mit verzollten Gtern angefllt waren, und
welche in groer Sorge schwebten, durch niedrigere Preise zu Grunde
gerichtet zu werden. Unparteiische Mnner muten zugestehen, da dies
ein Fall war, wo die Abweichung einer Regierung von dem streng
verfassungsmigen Verfahren zu rechtfertigen ist; gebietet ihr aber die
Nothwendigkeit, den strengverfassungsmigen Weg zu verlassen, so darf
sie nicht weiter von demselben sich entfernen, als die Umstnde es
erfordern. Guildford sah das ein, und machte einen Vorschlag, der ihm
zur Ehre gereichte. Er gab den Rath, da man die Zlle einfordere, die
eingegangenen Gelder aber, getrennt von anderen Summen, im Schatzamte so
lange verwahre, bis das Parlament zusammengetreten sei. Auf diese Art
wrde der Knig den Beweis liefern, da wenn er auch den Buchstaben des
Gesetzes verletze, er doch im Geiste desselben zu handeln wnsche.
Jeffreys war andrer Meinung. Er rieth Jakob, ein Edict zu erlassen,
worin gesagt wrde, es sei Sr. Majestt Wunsch und Wille, da die Zlle
fortgezahlt wrden. Dieser Rath war vollkommen nach des Knigs Sinne.
Der vernnftige Vorschlag des Lord Siegelbewahrers wurde als nur eines
Whigs, -- oder was viel schlimmer -- eines Trimmers wrdig, verworfen,
und es erschien eine ffentliche Bekanntmachung nach der Angabe des
Oberrichters. Viele glaubten, da der allgemeine Unwille dadurch in
hohem Grade erregt werden wrde, es war aber nicht der Fall. Der Geist
der Opposition war noch nicht wieder zu Leben gekommen, und der Hof
konnte ohne alle Gefahr sich Handlungen erlauben, welche fnf Jahre
frher eine Revolution hervorgerufen haben wrden. In der vor kurzer
Zeit noch so unruhigen Hauptstadt lie sich kaum ein Murren hren.[27]

    [Anmerkung 27: +London Gazette, Feb. 12. 1684--85. North's Life of
    Guildford, 254.+]


[_Einberufung eines Parlaments._] Die Proklamation, welche die
Forterhebung der Zlle ankndigte, zeigte zugleich an, da baldigst ein
Parlament zusammenkommen wrde. Nicht ohne groes Bedenken hatte Jakob
den Entschlu gefat, die Stnde des Reiches zu versammeln. Allerdings
war der Zeitpunkt zu einer allgemeinen Wahl ein hchst gnstiger, denn
seit der Thronbesteigung des Hauses Stuart waren die Wahlkrper noch nie
dem Hofe so wohlgesinnt gewesen, wie jetzt; aber der Geist des neuen
Herrschers war von einer Besorgni umfangen, die selbst nach so langer
Zeit noch Scham und rger erzeugen mu, wenn man ihrer gedenkt. Er
frchtete, da die Versammlung des englischen Parlaments den Unwillen
des Knigs von Frankreich erregen knnte.


[_Verhandlungen zwischen Jakob und dem Knig von Frankreich._] Dem Knig
von Frankreich war es hchst gleichgltig, welche der zwei englischen
Parteien bei den Wahlen den Sieg davon trug, denn smmtliche Parlamente,
welche seit der Restauration zusammengekommen waren, in welcher Stimmung
sie auch rcksichtlich der inneren Staatsverwaltung sich befunden,
hatten die emporstrebende Macht des Hauses Bourbon mit eiferschtigem
Auge betrachtet. In dieser Beziehung bestand kein groer Unterschied
zwischen den Whigs und den trotzigen Landedelleuten, welche die
Hauptmacht der Torypartei bildeten. Ludwig hatte deshalb weder
Bestechungen noch Drohungen unterlassen, um Karl von der
Zusammenberufung der Huser abzuhalten, und Jakob, von jeher in das
Geheimni der auswrtigen Politik seines Bruders eingeweiht, war nun,
nachdem er Knig von England geworden, gleichfalls ein Miethling und
Vasall Frankreichs.

Rochester, Godolphin und Sunderland, aus welchen das innere Kabinet
bestand, war es kein Geheimni, da ihr voriger Herrscher von dem
Versailler Hofe Geld empfing. Jakob zog sie zu Rathe, ob es angemessen
sei, den gesetzgebenden Krper zu versammeln. Sie gestanden zu, da es
von groer Bedeutung sei, Ludwig bei guter Laune zu erhalten, aber es
schien ihnen, da die Einberufung eines Parlaments durchaus keine Sache
einer freien Wahl sein knne. Wie nachgiebig die Nation sich auch
zeigte, ihre Geduld hatte Grenzen. Der Grundsatz, da der Knig nicht
berechtigt sei, das Geld seiner Unterthanen ohne Beistimmung der
Gemeinen zu erheben, hatte in der ffentlichen Meinung feste Wurzel
gefat, und wenn auch in einem auerordentlichen Falle selbst Whigs
bereit waren, einige Wochen hindurch Zlle zu entrichten, deren Erhebung
nicht gesetzlich gerechtfertigt war, so lie sich doch nicht bezweifeln,
da selbst Tories widerspenstig werden muten, wenn solche unbillige
Besteuerung lnger whren sollte, als die besonderen Verhltnisse,
welche sie veranlat hatten. Die Huser muten daher unbedingt
zusammentreten, und je frher sie einberufen wurden, um so besser war
es. Selbst der kurze Aufschub, welcher, aus einer Mittheilung nach
Versailles entstehen mute, konnte ein Unglck herbeifhren, das nicht
wieder zu beseitigen war. Unzufriedenheit und Verdacht wrden sich
schnell im Publikum verbreiten, und Halifax sich beschweren, da man die
Grundgesetze der Verfassung angegriffen habe. Der Lord Siegelbewahrer,
als furchtsamer, pedantischer Kleinigkeitskrmer, wrde ihn
untersttzen. Was man mit freiem Willen htte thun knnen, wrde man
spter gezwungen thun. Gerade diejenigen Minister, denen der Knig die
ffentliche Achtung zu entziehen wnschte, wrden sich auf seine Kosten
beliebt machen. Die schlechte Volksstimmung konnte auf die Wahlresultate
einen wichtigen Einflu haben. Diese Grnde lieen sich nicht
widerlegen, und der Knig that dem Lande seinen Willen, kund, ein
Parlament zusammen zu berufen. Dabei aber war er ngstlich bemht, sich
von dem Verdachte freizuhalten, als habe er vertragswidrig und
unehrerbietig gegen Frankreich gehandelt. Er geleitete Barillon in ein
geheimes Zimmer und bat um Verzeihung, da er einen so bedeutungsvollen
Schritt ohne vorherige Erlaubni Ludwig's gethan habe. Geben Sie Ihrem
Herrn die Versicherung meiner Dankbarkeit und Ergebenheit, ich wei,
da ich ohne seinen Schutz machtlos bin. Es ist mir bekannt, welche
Unannehmlichkeiten meinem Bruder dadurch entstanden sind, da er nicht
treulich zu Frankreich hielt. Ich werde Sorge tragen, da die Huser
sich nicht in auswrtige Angelegenheiten mischen knnen; bemerke ich bei
ihnen die Absicht, Unheil anzustiften, so werde ich sie unverzglich
heimschicken. Sagen Sie das meinem geliebten Bruder, ich hoffe, er wird
es mir nicht bel deuten, da ich ohne seinen Rath gehandelt habe, er
hat ein Recht darauf, von mir um Rath gefragt zu werden, und es ist mein
Wunsch, ber Alles seinen Rath zu hren; bei dieser Gelegenheit aber
htte ein Aufschub von einer einzigen Woche ernste Folgen nach sich
ziehen knnen. Diese schmachvollen Entschuldigungen wurden am nchsten
Morgen von Rochester wiederholt, und Barillon nahm sie artig auf.
Rochester, dadurch ermuthigt, bat nun um Geld. Es wird gut angelegt
werden, bemerkte er, Ihr Gebieter kann seine Einnahmen nicht
eintrglicher verwenden. Machen Sie ihn angelegentlichst darauf
aufmerksam, von welcher Bedeutung es ist, da der Knig nicht von seinem
Volke, sondern von der Freundschaft Frankreichs abhngig sei.[28]

Barillon sumte nicht, Ludwig mit den Wnschen der englischen Regierung
bekannt zu machen, aber Ludwig war ihnen bereits zuvorgekommen. Kaum
hatte er den Tod Karl's erfahren, so beeilte er sich, Wechsel auf
England, im Werthe von fnfhunderttausend Livres, anzuschaffen, eine
Summe, die etwa siebenunddreiigtausendfnfhundert Pfund Sterling
gleichkam. Solche Wechsel waren zu jener Zeit in Paris nicht leicht im
Laufe eines Tages aufzubringen, nach wenigen Stunden aber war das
Geschft schon besorgt, und ein Courier ging nach London ab.[29] Sobald
Barillon die Rimessen erhielt, eilte er mit seinen angenehmen
Neuigkeiten nach Whitehall. Jakob schmte sich nicht, Thrnen der Freude
und Dankbarkeit zu vergieen, oder zu thun, als vergsse er solche.
Niemand, auer Ihrem Knig, begeht so edle und freundliche Handlungen,
sagte er. Ich kann ihm niemals meine Dankbarkeit zur Genge beweisen,
geben Sie ihm die Versicherung, da meine Ergebenheit erst mit meinem
Tode endigen wird. Rochester, Sunderland und Godolphin kamen, Einer
nach dem Andern, den Gesandten zu umarmen und ihm ins Ohr zu raunen,
da er ihrem kniglichen Herrn neues Leben gegeben habe.[30]

Obgleich Jakob und seinen drei Rthen die von Ludwig bewiesene
Schnelligkeit recht wohlgefiel, so erreichte doch der Betrag des
Geschenks keineswegs ihre Erwartung. Da sie durch zudringliche Bettelei
anstig zu werden besorgten, so deuteten sie ihre Wnsche nur leise an.
Sie versicherten, es sei nicht ihre Absicht, mit einem so edelmthigen
Wohlthter wie der Knig von Frankreich zu feilschen, und sie wren
entschlossen, gnzlich seiner Freigebigkeit zu vertrauen. Zugleich
machten sie den Versuch, ihn durch ein groes Opfer der Nationalehre
sich geneigt zu machen. Es war kein Geheimni, da es ein Hauptzweck
seiner Politik war, die belgischen Provinzen mit seinem Gebiete zu
vereinigen. England hatte durch einen Vertrag mit Spanien, der
abgeschlossen werden war, als Danby das Schatzmeisteramt verwaltete, die
Verpflichtung bernommen, jedem Versuche Frankreichs auf jene Provinzen
sich zu widersetzen. Die drei Minister erklrten Barillon, da ihr Herr
durch jenen Vertrag sich nicht mehr fr gebunden erachte, da er durch
Karl abgeschlossen worden sei. Fr diesen knne er gltig gewesen sein,
sein Bruder aber fhle sich nicht durch ihn verpflichtet. Der
allerchristlichste Knig mge daher ohne jede Besorgni vor Einspruch
von Seiten Englands beliebige Schritte thun, Brabant und Hennegau seinem
Reiche einzuverleiben.[31]

    [Anmerkung 28: Die Hauptquelle fr Barillon's Depesche vom 9.(19.)
    Febr. 1685. Sie befindet sich im Anhange zu +Fox' History.+ Man
    sehe auch Preston's Brief an Jakob +d.d.+ 18.(28.) April 1685 bei
    Dalrymple.]

    [Anmerkung 29: Ludwig an Barillon, 16.(26.) Febr. 1685.]

    [Anmerkung 30: Barillon, 16.(26.) 1685.]

    [Anmerkung 31: Barillon, 18.(26.) Febr. 1685.]


[_Churchhill als Gesandter nach Frankreich geschickt._]. Zu gleicher
Zeit wurde bestimmt, da eine auerordentliche Gesandtschaft abgeschickt
werden sollte, um Ludwig der Dankbarkeit und Ergebenheit Jakob's zu
versichern. Mit dieser Sendung beauftragte man eine Persnlichkeit,
welche noch keine besonders hohe Stellung einnahm, deren Ruf aber,
seltsam aus Schande und Ruhm hervorgegangen, zu einer spteren Periode
die ganze gebildete Welt erfllte.


[_Seine Geschichte._] Bald nach der Restauration, in den frhlichen,
sittenlosen Zeiten, welche durch die Feder Hamilton's so lebhaft
geschildert worden ist, fhlte sich Jakob, jung und feurig im Genu, von
Arabella Churchhill angezogen, einer Ehrendame seiner ersten Gemahlin.
Das Frulein war nicht schn, aber Jakob's Geschmack auch nicht
whlerisch, und so wurde sie seine erklrte Maitresse. Sie war die
Tochter eines armen Ritters, welcher nach Whitehall kam und sich durch
Herausgabe einer lngst verschollenen, schwerflligen und gezierten
Folioschrift blamirte. Die Verlegenheiten der Churchhills waren
dringender Art, ihre Loyalitt glhend, und ihre einzige Empfindung bei
Arabella's Entehrung scheint ein freudiges Erstaunen gewesen zu sein,
da ein so einfaches Mdchen so hoher Auszeichnung wrdig befunden
wurde.

Ihr Einflu war von nicht geringem Nutzen fr ihre Anverwandten, keiner
von ihnen gelangte aber zu so besonderem Glck wie ihr ltester Bruder,
Johann, ein schner junger Mann, der eine Offiziersstelle in der Garde
zu Fu bekleidete. Er avancirte rasch, am Hofe wie im Heere, und machte
sich bald als ein Mann von Welt und Heiterkeit bemerkbar. Er besa eine
stattliche Gestalt, ein hbsches Antlitz und ein uerst einnehmendes
Betragen, jedoch mit solcher Wrde gepaart, da es dem naseweisesten
Gecken nicht in den Sinn kam, sich Freiheiten gegen ihn zu erlauben, und
dabei wute er sein Temperament in den unangenehmsten und aufregendsten
Fllen vollkommen zu beherrschen. Doch hatte, er eine so mangelhafte
Erziehung genossen, da er die gewhnlichsten Worte seiner Muttersprache
nicht richtig zu schreiben wute, aber sein durchdringender, krftiger
Verstand ersetzte in hohem Grade die fehlende Bchergelehrsamkeit. Er
war nicht gesprchig, aber bei der Nothwendigkeit ffentlich zu reden,
wurde seine kunstlose Beredtsamkeit von den gebtesten Rhetoriken
bewundert. Whrend vieler von Sorge und Gefahr begleiteten Jahre hat er
auch in den kritischesten Augenblicken den vollkommenen Gebrauch seiner
seltenen Urtheilskraft nicht einmal verloren.

Als er dreiundzwanzig Jahre alt war, stie er mit seinem Regimente zu
den franzsischen Truppen, welche damals gegen Holland operirten. Seine
frhliche Tapferkeit zeichnete ihn unter den Tausenden wackerer Soldaten
aus, seine militairische Tchtigkeit gewann ihm die Achtung der lteren
Offiziere. Turenne, der damals das hchste militairische Ansehen geno,
dankte ihm einst ffentlich vor der Fronte des Heeres und gab ihm viele
Beweise von Achtung und Vertrauen.

Unglcklicherweise waren die glnzenden Eigenschaften Churchhill's mit
Fehlern der schmutzigsten Art verbunden. Einige Neigungen, welche bei
der Jugend besonders widerwrtig sind, begannen sich bei ihm sehr zeitig
zu entwickeln. Selbst bei seinen Lastern lie er den Vortheil nicht aus
den Augen, und bezog bedeutende Stipendien von Damen, welche sich durch
die Geschenke freigebigerer Liebhaber bereicherten. Einige Zeit war er
ein Gegenstand der heftigen aber vergnglichen Liebe der Herzogin von
Cleveland. Als er einst vom Knig bei ihr angetroffen wurde, war er
genthigt, aus dem Fenster zu springen, und sie belohnte ihm diese
ritterliche Galanterie mit einem Geschenk von fnftausend Pfund. Mit
diesem Gelde kaufte sich der junge kluge Held sofort eine Leibrente von
fnfhundert Pfund jhrlich, welche durch Grundbesitz gesichert war.[32]
In seinen geheimen Schubfchern befanden sich bereits Haufen von
Goldstcken, welche nach funfzig Jahren, als er Herzog, Reichsfrst und
der reichste Unterthan in Europa war, noch unberhrt lagen.[33]

Nach beendigtem Kriege wurde er dem Hofstaate des Herzogs von York
zugeordnet, ging mit seinem Gnner nach den Niederlanden und Edinburg
und erhielt fr seine Dienste eine schottische Pairschaft und den Befehl
ber das einzige Dragonerregiment, welches damals im englischen Heere
sich befand.[34] Seine Gemahlin war im Hofstaate der jngeren Tochter
Jakob's, der Prinzessin von Dnemark, angestellt.

Lord Churchhill ging nun als auerordentlicher Gesandter nach
Versailles. Er war beauftragt, die warme Dankbarkeit der englischen
Regierung fr das so freigebig gespendete Geld auszusprechen. Vorher
hatte man den Plan gehabt, Ludwig um eine viel grere Geldsumme zu
ersuchen, aber bei weiterem Nachdenken die Besorgni gehegt, solch
unzarte Gier knnte dem Wohlthter, dessen unerbetene Freigebigkeit sich
so glnzend gezeigt, unangenehm berhren, deshalb bekam Churchhill
Befehl, blos den Dank fr das Geschehene auszudrcken und ber die
Zukunft zu schweigen.[35]

Wahrend Jakob und seine Minister jeden Schein von Zudringlichkeit zu
vermeiden suchten, wuten sie doch sehr verstndlich anzudeuten, welche
Wnsche und Hoffnungen sie noch hegten. Sie besaen an dem franzsischen
Gesandten einen gewandten, thtigen, wohl auch nicht uneigenntzigen
Unterhndler. Ludwig machte einige Schwierigkeiten, vermuthlich zu dem
Zwecke, den Werth seiner Geschenke zu erhhen, in einigen Wochen aber
erhielt Barillon von Versailles fernere fnfzehnhunderttausend
Livres, und bekam den Auftrag, diese Summe, welche ungefhr
einhundertzwlftausend Pfund Sterling betrug, vorsichtig zu vertheilen.
Er sollte der englischen Regierung dreiigtausend Pfund zur Bestechung
von Mitgliedern des neuen Hauses der Gemeinen einhndigen, und den Rest
fr irgend einen auerordentlichen Fall, wie eine Auflsung des
Parlaments oder eine Revolution, aufbewahren.[36]

Die Nichtswrdigkeit dieser Verhandlungen ist allgemein anerkannt, aber
ihre wahre Natur scheint oft Mideutungen unterlegen zu haben, denn
obgleich die auswrtige Politik der letzten zwei Knige der Stuart'schen
Dynastie niemals, seit die Correspondenz Barillon's zur Kenntni des
Publikums gekommen ist, einen Vertheidiger unter uns gefunden hat, so
existirt doch noch immer eine Partei, welche es sich angelegen sein
lt, ihre innere Politik zu beschnigen. Es besteht aber kein Zweifel,
da zwischen ihrer inneren und auswrtigen Politik ein nothwendiger und
nicht zu trennender Zusammenhang stattfand. Htten sie nur einige Monate
lang die Ehre des Landes nach Auen vertreten, so muten sie sich
entschlieen, das ganze System ihrer inneren Verwaltung einer nderung
zu unterwerfen. Sie zu rhmen, weil sie sich strubten, in
bereinstimmung mit den Ansichten des Parlaments zu regieren, und sie
doch zu tadeln, weil sie den Befehlen Ludwig's Folge leisteten, ist ein
Widerspruch, denn sie hatten nur die Wahl, von Ludwig oder vom
Parlamente abhngig zu sein.

Um gerecht zu sein, mu man sagen, da Jakob gern einen dritten Weg
eingeschlagen haben wrde, aber es war keiner aufzufinden. Er wurde
Frankreichs Sklave, aber man wrde sich irren, wollte man glauben, er
sei ein zufriedener Sklave gewesen. Er hatte Verstand genug, bisweilen
sich selbst ber solche Beugung unter das franzsische Joch zu zrnen
und eine Befreiung davon zu wnschen, welche Absicht von den Agenten der
fremden Mchte aufs Eifrigste untersttzt wurde.

    [Anmerkung 32: Dartmouth's Note in Burnet, +I. 264+;
    +Chesterfield's Letters, Nov. 18. 1748.+ Chesterfield ist ein
    unverwerflicher Zeuge, denn die Leibrente ruhte auf dem Gute
    seines Grovaters Halifax. Ich hoffe, da ein Zusatz zu dieser
    Geschichte, der sich bei Pope findet, keine Wahrheit enthlt:

      Der Ritter, dem sie diese Summe gab,
      Schlug spter eine halbe Kron' ihr ab.

    Curll nennt dies ein Stck wandernden Skandal.]

    [Anmerkung 33: Pope in Spence's +Anecdotes.+]

    [Anmerkung 34: Man sehe die geschichtlichen Nachrichten von dem
    ersten, oder kniglichen Dragonerregimente. Die Ernennung
    Churchhill's zum Befehlshaber dieses Regiments wurde als Beispiel
    unsinniger Parteilichkeit verschrieen. Ein Spottgedicht jener
    Zeit, das ich nicht gedruckt gesehen zu haben mich erinnere,
    von dem aber ein Manuscript im britischen Museum sich befindet,
    enthlt folgende Zeilen:

      Schneidet mit Lffeln ins Fleisch
      So zeigt das mehr Verstand,
      Als da Churchhill sollte sein
      Der Dragoner Commandant.]

    [Anmerkung 35: Barillon, 16.(24.) Febr. 1685.]

    [Anmerkung 36: Barillon, 6.(16.) April, Ludwig an Barillon,
    14.(24.) April.]


[_Stimmung der Regierungen des Continents in Bezug auf England._] Sein
Regierungsantritt hatte an jedem Hofe des Festlandes Hoffnungen und
Befrchtungen hervorgerufen, und der Beginn seiner Regierung wurde von
Fremden mit nicht weniger Aufmerksamkeit beobachtet, als von seinen
eigenen Unterthanen. Eine einzige Regierung wnschte, da die Unruhen,
welche England drei Menschenalter hindurch erschttert hatten, niemals
aufhren mchten; alle brigen Regierungen aber, republikanische wie
monarchische, protestantische wie katholische, hofften, da diese
Zerwrfnisse bald ein glckliches Ende nehmen mchten.

Die Natur der langen Streitigkeiten zwischen den Stuarts und ihren
Parlamenten wurde freilich von den auswrtigen Diplomaten nur sehr
unvollkommen begriffen, aber keinem Staatsmanne konnte die Wirkung
verborgen bleiben, welche diese Streitigkeiten auf das Gleichgewicht der
europischen Mchte ausbten. Nach dem gewhnlichen Gange der Dinge
wrden die Sympathien der Hfe von Wien und Madrid ohne Zweifel einem
Frsten gehrt haben, der gegen Unterthanen, und namentlich einem
katholischen Frsten, der gegen ketzerische Unterthanen kmpfte, aber
alle diese Sympathien wurden jetzt durch ein mchtigeres Gefhl
beherrscht. Die Besorgni und der Ha, welche durch die Macht, die
Ungerechtigkeit und den Stolz des franzsischen Knigs hervorgerufen
worden waren, befanden sich auf dem Culminationspunkte. Seine Nachbarn
konnten wohl in Ungewiheit sein, ob es nachtheiliger sei, mit ihm in
Krieg oder in Frieden zu leben, denn im Frieden hrte er nicht auf, sie
zu berauben und zu verhhnen, und Krieg hatten sie schon ohne allen
Erfolg mit ihm gefhrt. In dieser bedrngten Lage richteten sie ihren
Blick mit banger Erwartung auf England. Lie sich annehmen, da es nach
den Grundstzen der Tripleallianz oder denen des Vertrages von Dover
handeln wrde? Von dieser Entscheidung hing das Schicksal aller seiner
Nachbarn ab. Mit Englands Beistand war es noch mglich, Ludwig
Widerstand zu leisten, aber man konnte auf keine Hlfe von ihm rechnen,
so lange es nicht mit sich selbst einig war. Bevor der Kampf zwischen
dem Throne und dem Parlamente begann, war es eine Macht ersten Ranges;
von dem Tage an, wo die Streitigkeiten ausgeglichen wurden, trat es
wieder in die Reihe der Mchte hchsten Ranges, so lange aber der
Zwiespalt fortdauerte, war es zu Unthtigkeit und Abhngigkeit verdammt.
Zu den Zeiten der Plantagenets und Tudors war es gro gewesen, unter den
Frsten, welche nach der Revolution auf dem Throne saen, war es
wiederum gro, aber unter den Knigen aus der Dynastie der Stuarts
zeigte es auf der Karte von Europa eine leere Stelle. Whrend eine
Gattung von Krften versiegt war, hatte es eine andre noch nicht
gewonnen. Die Art von Macht, welche es ihm im vierzehnten Jahrhunderte
mglich machte, Frankreich und Spanien zu demthigen, war verschwunden;
die Art von Macht, welche im achtzehnten Jahrhundert Frankreich und
Spanien wiederum niederwarf, noch nicht geschaffen. Die Regierung war
nicht mehr eine beschrnkte Monarchie, wie im Mittelalter, sie war auch
noch nicht eine beschrnkte nach der neueren Einrichtung geworden. Sie
besa die Mngel zweier verschiedener Systeme, aber nicht die Kraft
eines derselben. Die Elemente dieser Staatseinrichtung, anstatt
vereinigt zu wirken, hinderten und vernichteten sich gegenseitig.
berall herrschte Unschlssigkeit, Hader und Unordnung. Das
hauptschliche Streben des Souverains zielte dahin, die Prrogative des
gesetzgebenden Krpers zu beeintrchtigen, und das Streben des
gesetzgebenden Krpers ging nach bergriffen in die Hoheitsrechte des
Souverains. Der Knig bediente sich unbedenklich auswrtiger
Untersttzung, welche ihn von dem Elend frei machte, von einem
aufrhrerischen Parlamente abhngig zu sein. Das Parlament verweigerte
dem Knig die Mittel, die Ehre der Nation nach Auen hin krftig zu
vertreten, weil es mit gutem Grunde befrchtete, diese Mittel mchten
benutzt werden, um im Inlande Despotismus zu erzeugen. Die Folge dieses
gegenseitigen Mitrauens war, da unser Vaterland trotz seiner
bedeutenden Hlfsquellen eine so untergeordnete Stellung in der
Christenheit einnahm wie das Herzogthum Savoyen, oder das Herzogthum
Lothringen, und gewi noch weniger Geltung hatte, wie die kleine Provinz
Holland.

Frankreich hatte die begrndetsten Ursachen, den Stand dieser
Verhltnisse so lange wie mglich zu erhalten,[37] whrend alle brigen
Mchte dringend wnschen muten, ihn beendigt zu sehen. Ganz Europa war
von dem Wunsche durchdrungen, da Jakob im Einverstndni mit dem Gesetz
und der ffentlichen Meinung regieren mchte. Selbst vom Escurial
langten Zuschriften an, welche in ernster Weise die Hoffnung
aussprachen, da der neue Knig in gutes Vernehmen mit seinem Volke und
seinem Parlamente treten werde.[38] Auch der Vatikan sandte Warnungen
gegen unweisen Eifer fr den katholischen Glauben. Benedikt Odescalchi,
welcher unter dem Namen Innocenz XI. auf dem ppstlichen Stuhle sa,
empfand in seiner Stellung als weltlicher Souverain alle die
Befrchtungen, mit denen andere Frsten die berhandnahme der
franzsischen Macht betrachteten. Er hatte auch seine besonderen Grnde
zur Besorgni. Es war ein wohlthtiger Umstand fr den Protestantismus,
da in dem Moment, wo der letzte katholische Knig von dem Throne
Englands Besitz nahm, die katholische Kirche durch Uneinigkeit
geschwcht und von einem Schisma bedroht war. Ein hnlicher Kampf, wie
im elften Jahrhundert die Kaiser und Ppste mit einander fhrten, war
zwischen Innocenz und Ludwig ausgebrochen. Ludwig, dem Katholizismus bis
zur Bigotterie ergeben, aber mit eiserner Consequenz an seiner
kniglichen Autoritt haltend, beschuldigte den Papst der Eingriffe in
die weltlichen Rechte der franzsischen Krone, und erhielt wiederum vom
Papste den Vorwurf, da er sich Eingriffe in das geistliche Amt der
Schlssel erlaubt habe. Welchen Hochmuth der Knig auch immer besa, er
fand hier einen noch entschlosseneren Geist, als den seinigen. Innocenz
war in seinem Privatleben ein hchst sanfter und gutmthiger Mann, wenn
er aber amtlich vom Stuhle Petri sprach, so geschah es in einem Tone,
wie ihn GregorVII. und SixtusV. zu gebrauchen pflegten. Der Streit
wurde heftiger, Beauftragte des Knigs wurden in den Bann gethan;
Anhnger des Papstes verwiesen. Der Knig erhob die Vertheidiger seiner
Autoritt zu Bischfen, der Papst versagte ihnen die Bestallung. Sie
bewohnten die bischflichen Palste und bezogen die Einknfte, aber sie
waren nicht berechtigt, das bischfliche Amt zu verrichten. Noch vor der
Beendigung des Streites befanden sich in Frankreich dreiig Prlaten,
welche nicht firmeln oder die Weihen ertheilen durften.[39]

Htte zu damaliger Zeit ein andrer Frst als Ludwig eine solche
Streitigkeit mit dem Vatikan gehabt, so htte er darauf rechnen knnen,
da alle protestantischen Regierungen fr ihn Partei nehmen wrden, aber
die Besorgni und der Mimuth, welche der Ehrgeiz und bermuth des
Knigs von Frankreich hervorgerufen hatte, waren so bedeutend, da
Jeder, der muthig genug war, ihm mannhaften Widerstand entgegenzusetzen,
der allgemeinen Billigung gewi sein durfte. Selbst Lutheraner und
Calvinisten, welche gegen den Papst den tiefsten Ha fhlten, konnten
nicht umhin, ihm gegen einen Tyrannen, der eine Universalmonarchie
herzustellen beabsichtigte, glcklichen Erfolg zu wnschen. Auf gleiche
Art billigten in unsrem Jahrhunderte Viele, welche in dem Papste den
Antichrist erblickten, den Widerstand, den derselbe der ungeheuren Macht
Napoleon's entgegenstellte.

Die Erbitterung Innocenz' gegen Frankreich veranlate ihn, die
englischen Angelegenheiten mit Milde und Unbefangenheit aufzufassen. Die
Rckkehr des englischen Volkes zur Heerde, die er htete, wrde ihn ohne
Zweifel sehr glcklich gemacht haben, er war aber ein zu einsichtsvoller
Mann, um zu erwarten, da eine so khne und trotzige Nation durch die
gewaltthtige und verfassungswidrige Handhabung der kniglichen
Autoritt in den Schoo der katholischen Kirche zurckgeleitet werden
knne. Es war leicht vorauszusehen, da ein Versuch Jakob's, die
Interessen seiner Religion durch ungesetzliche und unpopulre Mittel zu
untersttzen, milingen wrde, da der Ha, den die ketzerischen
Insulaner gegen den wahren Glauben hegten, heftiger und strker als
jemals emporlodern und sich bei ihnen eine nicht zu trennende Verbindung
zwischen Protestantismus und brgerlicher Freiheit, zwischen
Katholizismus und Willkrherrschaft bilden msse. Zu gleicher Zeit wrde
der Knig fr sein Volk ein Gegenstand der Abneigung und des Verdachts
sein. Wie zur Zeit Jakob's I., Karl's I. und Karl's II. wrde England
als eine Macht dritten Ranges dastehen, und Frankreich rcksichtslos
ber die Alpen und den Rhein hinaus seine Herrschaft ausben. In anderer
Hinsicht war es nicht unwahrscheinlich, da Jakob bei klugem und
gemigtem Benehmen, bei strenger Achtung vor dem Gesetz und wenn er
sich bemhte, das Vertrauen des Parlaments zu erlangen, seinen
Glaubensgenossen bedeutende Erleichterungen verschaffen konnte.
Die Strafgesetze muten sofort fallen, und die Gesetze, welche die
Unfhigkeit zu brgerlichen mtern bestimmten, bald nachfolgen. Indessen
konnte der englische Knig und sein Volk an die Spitze der europischen
Coalition treten und den Gelsten Ludwig's einen unbersteiglichen Damm
entgegenstellen.

Innocenz wurde in seiner Ansicht durch die vornehmsten Englnder, welche
an seinem Hofe lebten, untersttzt. Der bedeutendste unter ihnen war
Philipp Howard, Abkmmling einer der edelsten Familien Britanniens, von
einer Seite Enkel des Earl von Arundel, von der anderen des Herzogs von
Lennox. Philipp war schon seit langer Zeit ein Mitglied des heiligen
Collegiums, wurde gewhnlich als der Cardinal von England bezeichnet,
und war in Betreff aller Angelegenheiten, welche sein Vaterland
betrafen, der wichtigste Rathgeber des heiligen Stuhles. Das Geschrei
fanatischer Protestanten hatte ihn in die Verbannung getrieben, und ein
Mitglied seiner Familie, der unglckliche Stafford, war als ein Opfer
ihrer Wuth gefallen. Aber weder die eigenen Leiden des Cardinals, noch
die seines Hauses hatten sein Gemth so erbittert, da er unbesonnene
Rathschlge gegeben htte, daher rieth jede Zuschrift, welche vom
Vatikan nach Whitehall gesandt wurde, zu Geduld, Migung und Rcksicht
auf die Vorurtheile des englischen Volks.[40]

    [Anmerkung 37: Es liee sich die halbe Correspondenz Barillon's
    als Beweis dieser Behauptung abschreiben, ich werde jedoch blos
    eine Stelle angeben, worin die Absichten, welche die franzsische
    Politik rcksichtlich Englands leiteten, kurz und mit vlliger
    Klarheit ausgesprochen sind. +On peut tenir pour une maxime
    indubitable, que l'accord du Roy d'Angleterre avec son Parlament,
    en quelque manire qu'il se fasse, n'est pas conforme aux intrts
    de V.M. Je me contente de penser cela sans m'en ouvrir 
    personne, et je cache avec soin mes sentiments  cet gard.+ --
    Barillon an Ludwig, 28. Febr. (10. Mrz) 1687. Da dieses das
    wirkliche Geheimni der ganzen Politik Ludwig's in Bezug auf unser
    Vaterland war, wute man in Wien recht gut. Kaiser Leopold schrieb
    am 30. Mrz (9. April) 1689 an Jakob: +Galli id unum agebant, ut,
    perpetuas inter Serenitatem vestram et ejusdem populos fovendo
    simultates, reliquae Christianae Europe tanto securius
    insultarent.+]

    [Anmerkung 38: +Que sea unido con su reyno, y en todo buena
    intelligencia con el parlamento.+ Depesche des Knigs von Spanien
    an Don Pedro Ronquillo vom 16.(26.) Mrz 1685. Diese Depesche ist
    in den Archiven von Simancas aufbewahrt, welche eine Menge Papiere
    enthalten, die sich auf englische Angelegenheiten beziehen.
    Copieen der interessantesten derselben besitzt Herr Guizot, welche
    er mir geliehen hat. Es macht mir ein besonderes Vergngen, heute
    diesen Beweis der Freundschaft eines so groen Mannes erwhnen zu
    knnen.]

    [Anmerkung 39: Wenige englische Leser werden ein tieferes Eingehen
    in die Geschichte dieses Handels beanspruchen. bersichten finden
    sich in Cardinal Bausset's Leben, Bossuet's und in Voltaire's
    Zeitalter Ludwig's XIV.]

    [Anmerkung 40: +Burnet, I. 661+ und Brief von Rom; +Dodd's Church
    History, part. VIII, book I, art. 1.+]


[_Innerer Kampf Jakob's II._] In Jakob's Seele fand ein heftiger Kampf
statt. Man wrde ihm Unrecht thun, wollte man glauben, da ein
Abhngigkeitszustand seiner Gemthsart zugesagt htte. Er liebte Ansehen
und Beschftigung und besa einen hohen Begriff von seiner persnlichen
Wrde, ja es fehlte ihm nicht gnzlich eine Empfindung, welche
hnlichkeit mit Vaterlandsliebe hatte. Tief qulte ihn der Gedanke, da
das von ihm beherrschte Knigreich weit weniger Bedeutung in der Welt
habe, als viele Staaten, welche geringere natrliche Vortheile besaen,
und er hrte mit Eifer auf die Rede der fremden Gesandten, wenn sie in
ihn drangen, die Wrde seines Ranges zu behaupten, sich an die Spitze
eines groen Bndnisses zu stellen, der Schutzherr gekrnkter Nationen
zu werden und den Stolz jener Macht zu demthigen, welche der Schrecken
des Continents war. Solche Ermahnungen erregten in seiner Brust
Regungen, wie sie sein leichtfertiger und ppiger Bruder nie gefhlt
hatte. Jedoch wurden diese Regungen gar bald durch ein strkeres Gefhl
verdrngt. Eine krftige, auswrtige Politik setzte natrlich eine
vershnliche innere voraus. Es war nicht denkbar, der Macht Frankreichs
entgegentreten und zugleich die Freiheiten Englands angreifen zu wollen.
Die ausbende Gewalt war nicht im Stande, ohne den Beistand der Gemeinen
etwas Wichtiges zu unternehmen, und dieser Beistand war nur dadurch zu
erreichen, da sie in bereinstimmung mit der Ansicht des Hauses
handelte. So fand Jakob, da die zwei Dinge, nach denen er vorzugsweise
strebte, sich nicht zu gleicher Zeit besitzen lieen.


[_Schwankungen seiner Politik._] Sein andrer Wunsch war, im Auslande
gefrchtet und geachtet, sein erster aber im eigenen Lande
unumschrnkter Gebieter zu sein. Zwischen den nicht zu vereinigten
Zielpunkten, nach denen sein Sinn strebte, schwankte er lange
unentschlossen hin und her. Der Kampf, der ihm am Herzen nagte,
gab seinen ffentlichen Handlungen einen seltsamen Anstrich von
Unentschlossenheit und Falschheit. Wer ohne nhere Kenntni der Sache
die Irrgnge seiner Politik zu durchschauen versuchte, war nicht im
Stande, sich zu erklren, wie derselbe Mann in der nmlichen Woche so
hochmthig und so erniedrigend sich betragen konnte. Selbst Ludwig wurde
durch das wunderliche Benehmen eines Bundesgenossen, der in wenigen
Stunden von Huldigungen zu Trotz und von Trotz zu Huldigungen berging,
aus der Fassung gebracht. Jetzt aber, wo das ganze Verfahren Jakob's
klar vor uns liegt, scheint diese Unschlssigkeit eine ganz einfache
Deutung zuzulassen.

Als Jakob die Regierung antrat, war er in Ungewiheit, ob das Knigreich
sich gutwillig seiner Gewalt fgen werde. Die Ausschlieungsmnner,
welche vor kurzer Zeit noch so groe Macht besaen, konnten die Waffen
gegen ihn ergreifen, er konnte franzsisches Geld und franzsische
Truppen sehr nothwendig brauchen mssen, und so lie er sich bestimmen,
einige Tage lang die Rolle eines Schmeichlers und Bettlers zu spielen.
Er bat demthig um Verzeihung, da er sich erlaubt habe, sein Parlament
ohne Genehmigung der franzsischen Regierung zusammen zu berufen. Er bat
dringend um franzsische Subsidiengelder, vergo Freudenthrnen ber die
franzsischen Wechsel und schickte eine auerordentliche Gesandtschaft
nach Versailles, welche die Versicherung seiner Dankbarkeit, Ergebenheit
und Unterwerfung berbringen sollte. Die Gesandtschaft war jedoch kaum
abgegangen, als auch schon seine Gesinnungen sich nderten. Man hatte
ihn aller Orten ohne einen einzigen Aufstand, ohne jede aufrhrerische
Kundgebung zum Knig ausgerufen, aus jedem Winkel der Insel kamen
Nachrichten, da das Volk ruhig und gehorsam sei, und sein Muth nahm
berhand. Das unwrdige Verhltni, in welchem er zu einer fremden Macht
stand, schien ihm jetzt unertrglich, er wurde anmaend, rechthaberisch,
groprahlerisch und streitschtig. Er sprach in einem so hohen Tone ber
die Wrde seiner Krone und das Gleichgewicht der Macht, da sein ganzer
Hof nichts Geringeres vermuthete, als eine vollstndige Revolution in
der auswrtigen Politik des Knigreichs. Er gab Churchhill Befehl, eine
genaue Darstellung des Ceremoniells in Versailles einzusenden, damit der
franzsische Gesandte zu Whitehall nur dieselben Ehren empfangen mchte,
welche der englischen Gesandtschaft am franzsischen Hofe zu Theil
geworden waren. Die Kunde von dieser Sinnesnderung wurde zu Madrid,
Wien und im Haag mit groer Freude aufgenommen.[41] Anfnglich fand
Ludwig die Sache nur spahaft. Mein guter Bundesgenosse spricht stolz,
sagte er, aber er hat eben so groe Liebe zu meinen Pistolen, wie sein
Bruder sie jemals hatte. Bald jedoch erregte das vernderte Betragen
Jakob's, und die Erwartungen, welche daraus fr die beiden Zweige des
Hauses sterreich hervorgingen, ernstere Aufmerksamkeit. Ein
interessanter Brief des franzsischen Knigs ist auf unsre Zeiten
gekommen, worin derselbe den starken Verdacht ausspricht, da er
betrogen sei, und da die Summen, welche er nach Westminster gesandt,
gegen ihn benutzt werden knnten.[42]

Zu dieser Zeit hatte sich England von der Bestrzung und den
Befrchtungen erholt, welche durch den Tod des gutmthigen Karl
hervorgerufen worden waren. Die Tories bekannten offen ihre
Anhnglichkeit an den neuen Herrscher und die Whigs wagten nicht, ihren
Ha zu zeigen. Die groe Masse, welche nicht bleibend einer Partei
angehrt, sondern heute dem Whiggismus, morgen dem Toryismus huldigt,
stand noch immer auf Seiten der Tories. Die Reaction, welche nach der
Auflsung des Oxfordparlaments eintrat, hatte ihre Kraft noch nicht
erschpft.

    [Anmerkung 41: Berathungen des spanischen Staatsraths am 2.(12.)
    und 16.(26.) April 1685, in den Archiven von Simancas.]

    [Anmerkung 42: Ludwig an Barillon vom 22. Mai (1. Juni) 1685;
    +Burnet, I. 623.+]


[_ffentliche Ausbung des katholischen Ritus in Jakob's Palaste._] Der
Knig unterwarf die Loyalitt seiner protestantischen Freunde sehr bald
einer Prfung. So lange er noch Unterthan war, hatte er die Gewohnheit,
die Messe bei verschlossenen Thren in einer kleinen Kapelle zu hren,
welche fr seine Gemahlin hergestellt worden; jetzt gab er Befehl, die
Thren zu ffnen, damit Alle, welche in der Absicht ihm ihre Ehrfurcht
zu bezeigen nach Hofe kamen, die Ceremonie mit ansehen mchten. Bei der
Erhebung der Hostie entstand im Vorzimmer eine heillose Verwirrung. Die
Katholiken sanken auf die Knie, die Protestanten verlieen das Zimmer.
Es wurde bald darauf im Palaste eine neue Kanzel hergestellt, und
whrend der Fastenzeit eine Reihe von Predigten durch katholische
Geistliche vorgetragen, zur grten Entrstung der eifrigen Anhnger der
Landeskirche.[43]

Eine Neuerung ernsterer Art folgte. Die Charwoche kam heran, und der
Knig fate den Entschlu, die Messe mit derselben Pracht zu hren,
welche seine Vorgnger zur Schau gestellt hatten, wenn sie sich in die
Gotteshuser der Landeskirche verfgten. Er theilte seine Absicht den
drei Mitgliedern des inneren Kabinets mit und beanspruchte ihre
Begleitung. Sunderland, bei welchem alle Religionen gleiche Geltung
hatten, willigte ohne Weiteres ein; Godolphin als Kammerherr der Knigin
war daran gewhnt, derselben den Arm zu bieten wenn sie nach der Kapelle
ging, und deshalb trug er kein Bedenken von Amtswegen sich in dem Hause
Rimmon's zu demthigen. Aber Rochester war in groer Verlegenheit. Sein
Einflu im Lande grndete sich auf die vom Klerus und der Partei der
Tories gefate Meinung, da er ein eifriger unbeugsamer Anhnger der
Landeskirche sei, und seine Rechtglubigkeit galt als ein vollkommener
Ersatz fr Fehler, welche ihn auerdem zum miliebigsten Manne im Reiche
gemacht htten: fr grenzenlosen Hochmuth, bertriebene Heftigkeit und
Brutalitt.[44] Er hegte die Besorgni, da durch Fgsamkeit in das
knigliche Verlangen er die Achtung seiner Partei verlieren wrde. Nach
einigen Debatten bekam er die Erlaubni, die Festtage auerhalb der
Hauptstadt zu verleben; alle brigen hohen Staatsbeamten erhielten die
Aufforderung, am Ostersonntag auf ihrem Posten zu sein. Die Gebruche
der rmischen Kirche wurden wiederum nach einem Zeitraum von einhundert
und siebenundzwanzig Jahren zu Westminster mit kniglicher Pracht
ausgebt. Die Garden standen in Parade, die Ritter des Hosenbandes
trugen die groen Bnder. Der Herzog von Somerset, unter den weltlichen
Groen des Reiches im Range der zweite, hielt das Staatsschwert. Ein
langer Zug hoher Lords geleitete den Knig nach seinem Sitze, doch
bemerkte man, da Ormond und Halifax im Vorzimmer zurckblieben. Noch
vor wenigen Jahren hatten sie die Sache Jakob's muthig gegen einige von
Denen beschtzt, welche sich jetzt an ihnen vorberdrngten. Ormond
hatte sich bei den Hinopferungen der Katholiken nicht betheiligt,
Halifax hatte den Muth gehabt, Stafford fr unschuldig zu erklren.
Whrend Diejenigen, welche den Mantel nach dem Winde hingen, einst
vorgaben, schon bei dem Gedanken an einen katholischen Knig sich zu
entsetzen, und unbarmherzig das unschuldige Blut eines katholischen
Peers vergossen, stieen sie jetzt einander zur Seite, um sich dem
katholischen Altar zu nhern. Wohl hatte der vollkommene Trimmer einiges
Recht, sich mit geheimem Stolze seines unpopulren Spottnamens zu
freuen.[45]

    [Anmerkung 43: +Clarke's Life of James de Second, II. 5.+;
    Barillon, 19. Febr. (1. Mrz) 1685; +Evelyn's Diary, March 5.
    1684--85.+]

    [Anmerkung 44:

      Und wird von ihm etwas begehrt
      So schimpft und flucht er unerhrt,
      Als wrs ein Lffeldieb, der bei ihm eingekehrt.

          +Lamentable Lory, aBallad, 1684.+]

    [Anmerkung 45: Barillon, April 20.(30.) 1685.]


[_Jakob's Krnung._] Eine Woche nach dieser Ceremonie brachte Jakob
seinen eigenen religisen Vorurtheilen ein bedeutenderes Opfer, als er
jemals von einem seiner protestantischen Unterthanen beansprucht hatte.
Er wurde am 23. April, dem Tage des heiligen Schutzpatrons des Reiches
gekrnt. Die Abtei und die Halle waren prachtvoll geschmckt, und die
Anwesenheit der Knigin, umgeben von den Damen der Peers, gab der
Festlichkeit einen Glanz, welcher bei der prachtvollen Inauguration des
vorigen Knigs gefehlt hatte. Diejenigen aber, die sich derselben noch
erinnerten, meinten doch, da der jetzigen Feierlichkeit etwas uerst
Erhebliches mangle. Es war eine alte Sitte, da der Souverain vor seiner
Krnung umgeben von den Herolden, Richtern, Geheimen Rthen, Lords und
Growrdentrgern im glnzenden Zuge vom Tower nach Westminster ritt.
Die letzte und prachtvollste dieser Cavalcaden war die, welche sich
durch die Hauptstadt bewegte, als die durch die Restauration
hervorgerufenen Empfindungen noch in voller Kraft waren. Triumphbgen
berragten die Straen, ganz Cornhill, Cheapside, der St. Paulskirchhof,
Fleet Street und der Strand waren mit Schaugersten umgeben, und die
ganze City eingeladen, das Knigthum in der prachtvollsten und
feierlichsten Gestalt zu bewundern, in der es sich zeigen kann. Jakob
lie die Kosten berechnen, welche eine solche Procession erfordern
wrde, und da sich herausstellte, da dieselben ungefhr die Hlfte der
Summe betragen wrde, welche er zur Anschaffung von Schmuck fr seine
Gemahlin bestimmt hatte, so fate er den Entschlu, da verschwenderisch
zu sein, wo Sparsamkeit an ihrem Orte, und geizig, wo Verschwendung zu
entschuldigen gewesen wre. Der Putz der Knigin wurde mit
hunderttausend Pfund bezahlt, und der Festzug vom Tower unterblieb. Die
Thorheit dieses Verfahrens ist einleuchtend. Wenn Prunk im Staatsleben
von Vortheil ist, so kann er es nur als Mittel sein, um auf die
Phantasie der Menge einzuwirken. Es verrth einen hohen Grad von
Beschrnktheit, das gemeine Volk von einem glnzenden Schauspiel
zurckzuweisen, dessen Zweck eben darin besteht, einen Eindruck auf den
groen Haufen zu machen. Jakob htte eine weit vernnftigere
Freigebigkeit und weisere Sparsamkeit gezeigt, wenn er London mit der
gewohnten Pracht von Ost nach West durchzogen und die Staatskleider
seiner Gemahlin etwas weniger reich mit Perlen und Diamanten htte
besetzen lassen. Seine Nachfolger ahmten brigens sein Beispiel noch
lange Zeit nach, und Geldsummen, welche vernnftig angewendet einem
groen Theile des Volkes einen auerordentlichen Genu verursacht haben
wrden, verschwendete man zu Schaustellungen, welchen nur drei- bis
viertausend bevorzugte Personen beiwohnen durften. Schlielich trat der
altehrwrdige Gebrauch wieder ins Leben. An dem Tage, wo die Knigin
Victoria gekrnt wurde, fand ein Festzug statt, bei welchem zwar nicht
wenig Mngel zu bemerken waren, der aber mit theilnehmender Freude von
einer halben Million ihrer Unterthanen betrachtet ward, und ohne Zweifel
weit greres Vergngen machte und hhere Begeisterung hervorrief, als
das kostbarere Schauspiel, dessen Zeuge ein auserwhlter Kreis im Innern
der Abtei war.

Jakob hatte Sancroft den Auftrag ertheilt, das Ritual abzukrzen.
ffentlich fhrte man als Ursache an, da der Tag zur Durchfhrung alles
dessen, was zu thun sei, zu kurz wre, aber wer die Abnderungen, welche
getroffen wurden, genauer prft, wird finden, da man die Beseitigung
einiger, die religisen Gefhle eines Katholiken verletzenden Dinge
beabsichtigte. Der Dienst beim Abendmahl wurde nicht verlesen, die
Ceremonie, dem Souverain ein prachtvoll gebundenes Exemplar der
englischen Bibel zu berreichen, und ihn zu ermahnen, hher als alle
Reichthmer der Erde ein Buch zu schtzen, welches er, als von falschen
Lehren entstellt betrachten gelernt hatte -- kam in Wegfall. Was aber
alle diese Abkrzungen noch brig lieen, htte wohl in dem Herzen eines
Mannes, welcher berzeugt war, da die englische Kirche eine ketzerische
Genossenschaft sei, in deren Schooe man auf keine Seligkeit zu hoffen
habe, Bedenklichkeiten erregen knnen. Der Knig legte ein Opfer auf dem
Altar nieder, schien in die Bitten der Litanei einzustimmen, welche die
Bischfe absangen, erhielt von den falschen Propheten die eine gttliche
Ausgieung darstellende Salbung und sank mit dem Ausdruck der Demuth auf
die Knie, whrend sie den heiligen Geist auf ihn herabriefen, dessen
bse und hartnckige Feinde sie nach seiner Meinung waren. So gro
zeigen sich die Widersprche in der menschlichen Natur, da dieser Mann,
der aus fanatischem Eifer fr seinen Glauben drei Knigreiche von sich
warf, lieber eine Handlung beging, die einer Apostasie sehr hnlich sah,
als da er das kindische Vergngen entbehrte, mit dem symbolischen Tand
der kniglichen Gewalt geschmckt zu werden.[46]

Franz Turner, Bischof von Ely, hielt die Predigt. Er gehrte zu jenen
Schriftstellern, welche noch immer den veralteten Styl des Erzbischofs
Williams und des Bischofs Andrews nachahmten. Die Predigt bestand aus
gezierten Knsteleien, wie sie siebzig Jahre frher Bewunderung
hervorgerufen haben wrden, die aber den Spott einer Generation
erregten, welche an die reinere Beredtsamkeit eines Sprat, South und
Tillotson gewhnt war. Knig Salomo war Knig Jakob, Adonia war
Monmouth. Joab war ein Roggenhaus-Verschwrer, Simei ein whiggistischer
Pasquillant, Ab Jathar ein redlicher, aber der Verfhrung erlegener
Kavalier. Eine Stelle in den Bchern der Chronik wurde dergestalt
interpretirt, da der Knig ber dem Parlament stehe, und eine andre als
Beweis citirt, da blos der Knig das Recht habe, die Miliz zu
commandiren. Am Ende des Vortrags deutete der Prediger uerst
schchtern auf die neue und schwierige Situation hin, in der sich die
Kirche hinsichtlich des Souverains befand, und erinnerte seine Zuhrer,
da Kaiser Constantius Chlorus, obgleich kein Christ, doch diejenigen
Christen hoch geachtet, welche ihrer Religion treu blieben, diejenigen
aber mit Verachtung behandelt habe, welche sein Wohlwollen durch Abfall
zu erwerben suchten. Nach dem Gottesdienste fand ein groes Banket in
der Halle statt, dem Banket folgte ein Feuerwerk, und dem Feuerwerke
eine Menge schlechte poetische Ergsse.[47]

    [Anmerkung 46: Aus Adda's Depesche vom 22. Jan. (1. Febr.) 1686
    und aus den Worten des Paters d'Orleans (+Histoire des Revolutions
    d'Angleterre liv. XI+) geht hervor, da die strengen Katholiken
    das Verfahren des Knigs fr unverantwortlich hielten.]

    [Anmerkung 47: +London Gazette+; +Gazette de France+; +Clarke's
    Life of James the Second, II. 10+; +History of the Coronation of
    King James the Second and Queen Mary by Francis Sandford,
    Lancaster Herald, fol. 1687+; +Evelyn's Diary, May 21. 1685.+
    Depesche der hollndischen Gesandten vom 10.(20.) April 1685;
    +Burnet, I. 628+; +Eachard, III. 734+; +A Sermon, preached before
    their Majesties King James the Second and Queen Mary at their
    Coronation in Westminster Abbey, April 23. 1685 by Francis, Lord
    Bishop of Ely and Lord Almoner.+ Ich habe einen italienischen
    Bericht in der Hand gehabt, welcher in Modena verffentlicht und
    besonders wegen der Geschicklichkeit merkwrdig ist, womit der
    Verfasser die Thatsache umgeht, da die Gebete und Psalmen
    englisch und die Bischfe Ketzer waren.]


[_Enthusiastische Adressen der Tories._] Diesen Moment kann man als
denjenigen bezeichnen, wo die Begeisterung der Torypartei den
Culminationspunkt erreicht hatte. Seit dem Antritte seiner Regierung war
der neue Knig mit Adressen berschttet worden, welche die tiefste
Verehrung fr seine Person und sein Amt und den strksten Abscheu gegen
die besiegten Whigs aussprachen. Die Magistratspersonen von Middlesex
dankten Gott, da er die Anschlge jener Knigsmrder und
Ausschlieungsmnner zu Nichte gemacht, welche, nicht zufrieden, einen
vortrefflichen Frsten gemordet zu haben, auch mit der Absicht
umgegangen seien, die Grundpfeiler der Monarchie umzustrzen. Die Stadt
Gloucester verdammte die blutgierigen Bsewichter, welche den Versuch
gewagt htten, Se. Majestt um ihr Erbrecht zu bringen. Die Brgerschaft
von Wigan versprach ihrem Herrscher, da sie ihn gegen alle
verschwrungsschtigen Ahitophels und rebellischen Absaloms vertheidigen
wollte. Die groe Jury von Suffolk sprach die Hoffnung aus, da das
Parlament alle Ausschlieungsmnner in die Verbannung schicken werde.
Verschiedene Krperschaften verpflichteten sich, niemals Jemand in das
Parlament zu whlen, der seine Stimme fr die Entziehung von Jakob's
Geburtsrecht gegeben habe. Selbst die Hauptstadt zeigte sich hchst
unterwrfig. Die Juristen und der Handelsstand wetteiferten zusammen in
der Dienstbeflissenheit. Die Collegien der Gerichtshfe des gemeinen
Rechts und der Kanzlei bersandten bombastische Versicherungen der
Anhnglichkeit und Devotion, und die groen Handelsgesellschaften,
die Ostindische Compagnie, die Afrikanische, Trkische, Moskowitische,
Hudsonsbai-Compagnie, die Marylandkaufleute, die Jamaikakaufleute,
die abenteuernden Kaufleute, sie Alle erklrten, da sie sich der
kniglichen Verordnung, welche von ihnen die fernere Bezahlung des
Zolles beanspruchte, gern fgten. Bristol, die zweite Stadt Englands,
war das Echo von London, nirgends aber zeigte sich der Geist der
Loyalitt bedeutender, als an den beiden Universitten. Oxford
versicherte, da es nimmer die religisen Grundstze aufgeben werde,
welche ihm die Verbindlichkeit auferlegten, dem Knig ohne jeden
Vorbehalt und jede Beschrnkung Gehorsam zu leisten; Cambridge
mibilligte in den heftigsten Ausdrcken die Eigenmchtigkeit und
Verrtherei jener unruhigen Mnner, welche den bswilligen Versuch
gewagt htten, den Gang der Thronfolge aus seiner alten Bahn zu
drngen.[48]

    [Anmerkung 48: Siehe die London Gazette in den Monaten Februar,
    Mrz und April 1685.]


[_Die Wahlen._] Adressen, wie die angefhrten, fllten lange Zeit die
Nummern der Londoner Zeitung, doch bewiesen die Tories nicht nur durch
Adressen ihren Eifer. Die Aufforderungen zur Wahl eines neuen Parlaments
waren erlassen worden und das Land durch die geruschvolle Thtigkeit
der Whlenden in Aufregung versetzt. Noch nie hatte die Wahl unter
Verhltnissen stattgefunden, welche dem Hofe so gnstig waren wie die
jetzigen. Hunderttausende, welche das papistische Complot zum Whiggismus
getrieben, waren durch das Ryehousecomplot wieder zum Toryismus
zurckgescheucht worden. In den Grafschaften konnte die Regierung auf
eine berwiegende Majoritt der Gentlemen mit dreihundert Pfund und mehr
jhrlichen Einkommens, so wie bei dem Klerus auf jedes Mitglied
desselben zhlen. Jenen Burgflecken, einst die Festungen des Whiggismus,
hatte man krzlich durch richterlichen Ausspruch ihre Freibriefe
entzogen, oder sie waren dem Urtheil durch freiwilliges Aufgeben
derselben zuvorgekommen. Sie waren jetzt in der Art umgestaltet, da man
berzeugt sein konnte, sie wrden bei der Wahl nur auf Mnner
reflectiren, welche der Krone zugethan waren. Wo man den Stadtbewohnern
kein Vertrauen schenken konnte, wurde das Wahlrecht auf die benachbarten
Squires bertragen. In einigen kleinen Corporationen des Westens
bestanden die Wahlkrper hauptschlich aus Hauptleuten und Leutnants der
Garde. berall handelten die Wahlbeamten im Interesse des Hofes. Der
Lordlieutenant und seine Abgeordneten bildeten in jeder Grafschaft einen
mchtigen, thtigen und aufmerksamen Ausschu, um die Freisassen zu
gewinnen und einzuschchtern. Von tausend Kanzeln ertnten feierliche
Warnungen, fr keinen Whigcandidaten zu stimmen, indem eine solche
Handlung vor Demjenigen zu verantworten sein werde, der die Obrigkeit
angeordnet und die Rebellion fr eine eben so groe Todsnde erklrt
habe, wie die Zauberei. Alle diese Vortheile benutzte die herrschende
Partei nicht nur aufs uerste, sondern trieb mit ihnen einen so
schamlosen Mibrauch, da ruhige und besonnene Mnner, welche der
Monarchie in der Gefahr treu zur Seite gestanden und weder fr
Republikaner, noch fr Schismatiker eingenommen waren, erschraken und
aus solchem Beginnen das Herannahen schlimmer Zeiten weissagten.[49]

Die Whigs aber, obgleich sie die gerechte Vergeltung ihrer Irrthmer
erduldeten, obgleich sie besiegt, entmuthigt und zersprengt waren,
wichen nicht ohne Kampf. Noch immer waren sie eine bedeutende Anzahl,
namentlich aus den Handelsleuten und Handwerkern der Stdte und den
Freisassen und Landleuten des flachen Landes bestehend. In einigen
Bezirken, wie in Dorsetshire und in Somersetshire bildeten sie die
Mehrzahl der Bevlkerung. Zwar konnten sie in den neuconstituirten
Burgflecken nichts ausrichten, aber in jeder Grafschaft, wo sich ihnen
irgend eine Aussicht bot, kmpften sie wie Verzweifelte. In
Bedfordshire, dessen letzter Vertreter der edle, tugendhafte Russel
gewesen war, siegten sie beim Hndeaufheben, unterlagen aber bei der
Abstimmung.[50] In Essex hatten sie dreizehnhundert Stimmen gegen
achtzehnhundert.[51] Bei der Wahl fr Northampton war der Pbel in
seinem Hasse gegen den Candidaten des Hofes so heftig, da Truppen auf
dem Marktplatze der Hauptstadt der Grafschaft aufgestellt wurden und
Befehl erhielten, scharf zu laden.[52] Die Geschichte des Wahlgefechts
um Buckinghamshire ist noch merkwrdiger. Der Candidat der Whigs, Thomas
Wharton, ltester Sohn von Lord Philipp Wharton, war ein durch
Gewandtheit und Khnheit ausgezeichneter Mann, und bestimmt, eine
hervorragende, wenn auch nicht immer achtungswerthe Rolle in der Politik
verschiedener Regierungen zu spielen. Er gehrte zu den Mitgliedern des
Hauses der Gemeinen, welche damals die Ausschlieungsbill vor die
Schranke des Hauses der Lords gebracht hatten. Der Hof bemhte sich
daher, ihn durch redliche oder unredliche Mittel zu beseitigen. Der Lord
Oberrichter Jeffreys verfgte sich selbst nach Buckinghamshire, um einem
Gentleman, mit Namen Hacket, beizustehen, welcher zu den Hochtories
gehrte. Es wurde eine Kriegslist ersonnen, von der man erwartete, da
sie nicht miglcken knne. Man verbreitete das Gercht, die Wahl solle
zu Ailesbury vor sich gehen, und Wharton, der eine ungemeine
Geschicklichkeit in der Anwendung von Wahlknsten besa, entwarf auf
diese Voraussetzung hin seinen Plan; im letzten Augenblicke jedoch
verlegte der Sheriff die Wahlhandlung nach Newport Pagnell. Wharton
verfgte sich mit seinen Freunden schleunigst dorthin, fand aber,
da Hacket, dem das Geheimni bekannt war, dort alle Gasthuser und
sonstigen Herbergen in Beschlag genommen hatte. Die whiggistischen
Freisassen sahen sich gezwungen, ihre Pferde an die Hecken zu binden und
auf den Wiesen, welche die kleine Stadt umgaben, zu bernachten. Es
machte auerordentliche Mhe, in so kurzer Zeit fr eine so groe Anzahl
von Menschen und Thieren die nothwendigen Nahrungsmittel
herbeizuschaffen, obgleich Wharton, der im Interesse seines Ehrgeizes
und Parteigeistes kein Geld schonte, an einem Tage fnfzehnhundert Pfund
ausgab, in damaliger Zeit eine sehr bedeutende Summe. Diese
Ungerechtigkeit mag brigens auf den Muth der munteren Freisassen von
Bucks, der Shne der Whler John Hampden's, gnstig eingewirkt haben,
denn Wharton erhielt nicht allein die meisten Stimmen, sondern er konnte
auch seine brigen Stimmen auf einen Mann von gemigteren Ansichten
bertragen, wodurch der Candidat des Oberrichters durchfiel.[53]

In Cheshire whrte der Kampf sechs Tage. Die Whigs hatten ungefhr
siebzehnhundert Stimmen, die Tories etwa zweitausend. Das niedere Volk
stand entschieden auf Seiten der Whigs, schrie: Nieder mit den
Bischfen! beleidigte die Geistlichen auf den Straen von Cheshire,
schlug einen Gentleman von den Tories zu Boden, zertrmmerte die Fenster
und prgelte die Constabler. Man rief die Miliz unter die Waffen, um dem
Tumult ein Ende zu machen, und lie sie beisammen, um die Festlichkeiten
der siegreichen Partei zu schtzen. Als die Abstimmung vorber war,
verkndete eine Salve aus fnf schweren Geschtzen vom Schlosse der
umliegenden Gegend den Sieg der Kirche und der Krone, die Glocken
ertnten und die neugewhlten Abgeordneten zogen feierlich, begleitet
von einem Musikcorps und einem langen Zuge von Rittern und Squires zu
dem Stadtkreuz, Auf ihrem Wege sang die Prozession Heil dem groen
Csar, eine loyale Ode, die Durfey krzlich gedichtet und die, wie alle
literarischen Erzeugnisse desselben, zwar sehr jmmerlich, aber trotzdem
damals nicht weniger beliebt war, als einige Jahre spter das
Lillibullero.[54] Die Milizen standen in Parade um das Kreuz, ein
Freudenfeuer loderte empor, die Ausschlieungsbill ward verbrannt und
unter lautem Jubelgeschrei auf das Wohl Knig Jakob's getrunken. Am
folgenden Tage, einem Sonntage, bildete am frhen Morgen die Miliz auf
den Straen, welche nach der Kathedrale fhrten, ein Spalier. Die beiden
Abgeordneten der Grafschaft wurden von den Magistratspersonen der Stadt
mit groem Pomp nach dem Chor gefhrt, hrten eine Predigt des Dechanten
-- vermuthlich ber die Pflicht des passiven Gehorsams -- mit an, und
wurden sodann von dem Mayor zu einem feierlichen Mahle gezogen.[55]

In Northumberland war der Sieg Sir Johann Fenwick's, eines Hofmanns,
dessen Name spter eine traurige Berhmtheit erlangte, von Umstnden
begleitet, welche in London Aufsehen erregten und fr wichtig genug
gehalten wurden, in den Depeschen fremder Minister erwhnt zu werden.
Newcastle war durch brennende Holzste erleuchtet und von den Thrmen
schallte das frhliche Gelute der Glocken. Eine Copie der
Ausschlieungsbill und ein schwarzes Kstchen, hnlich demjenigen,
welches nach der Volkssage den Heirathsvertrag zwischen KarlII.
und Lucie Walters umschlieen sollte, wurde ffentlich unter lautem
Jubelrufe in die Flammen geworfen.[56]

Das allgemeine Resultat der Wahlen bertraf die khnsten Erwartungen des
Hofes. Voller Freude entdeckte Jakob, da es nicht nothwendig sei, auch
nur einen Heller zur Erkaufung von Stimmen zu zahlen; er sagte,
mit Ausnahme von etwa vierzig Personen wre das Haus genau so
zusammengesetzt, wie er selbst es gewhlt haben wrde,[57] und nach
damaligem Gesetze stand es vllig in seiner Macht, dieses Haus der
Gemeinen fr die ganze Dauer seiner Regierung zu behalten.

Des parlamentarischen Beistandes gewi konnte er nun daran denken, sich
dem Rachegefhl hinzugeben. Er war nicht vershnlicher Natur, und als er
noch Unterthan war, hatte er verschiedene Male Beleidigungen und
Beschimpfungen erduldet, welche selbst ein zur Vershnung geneigtes
Gemth zu heftiger und nachhaltiger Rachsucht aufregen konnten.
Namentlich hatte _eine_ Klasse von Menschen mit beispielloser und
unbeschreiblicher Niedertrchtigkeit und Grausamkeit seine Ehre und sein
Leben bedroht: die Zeugen des Complots. Es war zu verzeihen, wenn er Ha
gegen sie fhlte, da noch heute die Erwhnung ihrer Namen den Abscheu
und das Grausen aller Secten und Parteien hervorruft.

Einige dieser Elenden waren bereits dem Arme menschlicher Gerechtigkeit
entrckt. Bedloe war in seiner Verruchtheit gestorben, ohne jedes
Zeichen von Reue oder Scham.[58] Auch Dugdale war ins Grab gesunken, zum
Wahnsinn getrieben, wie man sagte, durch die Qualen des bsen Gewissens,
und mit Jammergeschrei die Umstehenden anflehend, Lord Stafford von
seinem Sterbelager zu entfernen.[59] Auch Carstairs war gestorben. Er
endete mit Grauen und Verzweiflung, und in den letzten Augenblicken
seines Lebens hatte er den Wrtern geboten, man solle ihn, wie einen
Hund, in einen Graben werfen, denn er verdiene kein Grab auf einem
christlichen Friedhofe.[60]

    [Anmerkung 49: Es liee sich leicht ein Band fllen mit dem, was
    Geschichtschreiber und Verfasser von Flugschriften ber diesen
    Gegenstand gesagt haben. Ich will nur einen Zeugen nennen, einen
    Kirchenmann und Tory. Von den Wahlen, sagt Evelyn, behaupte man,
    da sie in den meisten Orten hchst unschicklich vor sich gingen.
    Gott gebe einen bessern Erfolg, als Manche erwarten (10. Mai
    1685). Dann sagt er: Es ist die Wahrheit, da unter den neuen
    Mitgliedern sich viele befinden, deren Wahlen und Abordnungen
    allgemein verdammt werden. (22. Mai.)]

    [Anmerkung 50: Aus einem Neuigkeitsbriefe in der Bibliothek des
    kniglichen Instituts. Citters erwhnt die Strke der Whigpartei
    in Bedfordshire.]

    [Anmerkung 51: +Bramston's Memoirs.+]

    [Anmerkung 52: +Reflexions on a Remonstrance and Protestation of
    all the good Protestants of this Kingdom, 1689+; +Dialogue between
    Two Friends 1689.+]

    [Anmerkung 53: +Memoirs of the Life of Thomas Marquess of Wharton,
    1715.+]

    [Anmerkung 54: Man sehe den Guardian Nr. 67, ein treffliches
    Probestck von Addison's eigenthmlicher Manier. Es wrde nicht
    leicht sein, bei einem andren Schriftsteller einen solchen Beweis
    von Wohlwollen, mit Spott gewrzt, aufzufinden.]

    [Anmerkung 55: +The Observator, April 4. 1685.+]

    [Anmerkung 56: Depesche des hollndischen Gesandten v. 10.(20.)
    April 1685.]

    [Anmerkung 57: +Burnet I. 626.+]

    [Anmerkung 58: +A faithful account of the Sickness, Death and
    Burial of Captain Bedlow, 1680+; +Narrative of Lord Chief Justice
    North.+]

    [Anmerkung 59: +Smith's Intrigues of the Popish Plot, 1685.+]

    [Anmerkung 60: +Burnet I. 439.+]


[_Proze gegen Oates._] Oates und Dangerfield aber befanden sich noch im
Bereiche des strengen Frsten, den sie beleidigt hatten. Kurz vor seinem
Regierungsantritte hatte Jakob eine Civilklage gegen Oates wegen
ehrverletzender uerungen erhoben und eine Jury hatte den Schadenersatz
auf den ungeheuren Betrag von hunderttausend Pfund festgestellt. Der
Beklagte war in Arrest genommen worden und befand sich jetzt ohne
Hoffnung auf Befreiung im Gefngni. Einige Wochen vor Karl's Tode hatte
die groe Jury von Middlesex ihn zweimal des Meineides schuldig
befunden, und bald nach dem Schlusse der Wahlen nahm der Proze seinen
Anfang.[61]

Oates war unter den hheren und mittleren Klassen kaum ein Freund
geblieben. Alle einsichtsvolleren Whigs hatten jetzt die berzeugung,
da, wenn auch seiner Erzhlung einige Thatsachen zu Grunde lgen, er
doch auf diese Grundlage ein groes Gebude romantischer Darstellungen
errichtet habe. Eine nicht unbedeutende Anzahl von Fanatikern aus der
niederen Volksklasse sahen in ihm jedoch noch immer einen ffentlichen
Wohlthter. Diesen Leuten war es nicht unbekannt, da sein Urtheil ein
hchst strenges sein wrde, wenn es gelang, ihm seine Schuld zu
beweisen, und sie waren daher unermdlich in ihren Versuchen, ihm zur
Flucht zu verhelfen. Obgleich er sich jetzt nur in Schuldhaft befand,
wurde er doch von den Beamten des Gefangenhauses in Eisen gelegt und
selbst auf diese Art nur mit groer Mhe in sicherem Gewahrsam erhalten.
Ein Bullenbeier, welcher als Wchter vor seiner Thr lag, wurde
vergiftet und in der Nacht vor dem Beginn seines Prozesses eine
Strickleiter in seine Zelle gebracht.

An dem Tage, wo er vor Gericht gestellt wurde, war Westminsterhall
berfllt von Zuschauern, worunter viele Katholiken, die begierig waren,
das Elend und die Erniedrigung ihres Verfolgers zu betrachten.[62] Vor
wenigen Jahren war sein kurzer Hals, seine krummen Dachsbeine, seine
Stirn, so zusammengedrckt wie die eines Pavians, seine dunkelrothen
Wangen und die seltsame Lnge seines Kinnes Allen wohlbekannt, welche
die Gerichtshfe betraten; damals war er der Abgott des Volkes, wo er
sich zeigte, hatte man vor ihm das Haupt entblt, das Leben und die
Gter der ersten Mnner des Reichs waren seiner Willkr preisgegeben;
jetzt war es anders geworden, und Viele, die frher in ihm den Befreier
des Vaterlandes erblickten, erfate jetzt ein Grausen, als sie die
scheulichen Zge erblickten, auf welche die Hand Gottes den Stempel der
Schurkerei gedruckt zu haben schien.[63]

Es war bis zur grten Gewiheit erwiesen, da dieser Mann durch falsche
Beschuldigungen mit Absicht mehrere unschuldige Personen um's Leben
gebracht hatte. Vergeblich bat er die bedeutendsten Mitglieder des
Parlaments, welche ihn belohnt und erhoben hatten, zu seinem Gunsten
Zeugni abzulegen, einige von den Aufgeforderten verlieen den Saal,
keiner aber machte den geringsten Versuch zu seiner Vertheidigung.
Einer, der Earl von Huntingdon, machte ihm die heftigsten Vorwrfe, da
er die Huser betrogen und die Schuld auf sie geladen habe, unschuldiges
Blut zu vergieen. Die Richter lieen den Angeklagten hart an und
schmhten ihn mit einer Leidenschaftlichkeit, welche selbst in den
scheulichsten Fllen mit der richterlichen Wrde sich nicht vertrgt.
Er zeigte jedoch weder Furcht noch Scham und ertrug die Fluth von
Schmhungen, welche von den Schranken, der Richterbank und Zeugenloge
auf ihn losbrach, mit dem Trotze der Verzweiflung. Er wurde beider
Anklagen schuldig befunden. Sein Verbrechen war zwar, vom moralischen
Standpunkte angesehen, Mord der schwersten Art, nach dem Gesetz jedoch
noch kein peinliches Verbrechen. Es lag aber in der Absicht des
Tribunals, seine Strafe empfindlicher zu machen, als sie Verbrechern der
ersten und zweiten Klasse zu Theil wurde, und ihm nicht blos das Leben
zu rauben, sondern ihn auch unter entsetzlichen Qualen zu tdten. Es
wurde das Urtheil ber ihn ausgesprochen, er solle, seiner geistlichen
Tracht entkleidet, im Palasthofe an den Pranger gestellt werden, alsdann
sollte man ihn -- mit einer Inschrift, welche seine Schandthaten
aussprach, ber seinem Haupte -- um Westminsterhall fhren, der
kniglichen Brse gegenber wieder an den Pranger stellen und alsdann
von Oldgate nach Newgate peitschen. Nach einer Pause von zwei Tagen
sollte er wieder von Newgate nach Tyburn gepeitscht werden. Wenn er
gegen alle Wahrscheinlichkeit nach dieser entsetzlichen Strafe noch
lebte, so sollte er lebenslnglich -- in enger Kerkerhaft bleiben, in
jedem Jahre aber fnfmal aus dem Gefngni gebracht und in verschiedenen
Theilen der Hauptstadt an den Schandpfahl gestellt werden.[64]

Das schreckliche Urtheil wurde streng vollstreckt. An dem Tage, wo Oates
am Pranger stand, wurde er unbarmherzig gesteinigt und war in grter
Gefahr, zerrissen zu werden.[65] In der City erregten zwar seine
Anhnger, die sich in bedeutender Anzahl versammelt hatten, einen Tumult
und warfen den Pranger um; aber es gelang ihnen nicht, ihren Liebling zu
befreien.[66]

Man besorgte, er wrde einen Versuch machen, dem schrecklichen
Schicksale, welches seiner harrte, sich durch Gift zu entziehen, deshalb
wurde Alles, was er geno, einer sorgfltigen Prfung unterworfen. Am
nchsten Morgen wurde er vorgefhrt, um die erste Auspeitschung zu
empfangen, und schon in der frhesten Stunde wogten die Menschenmassen
in den Straen zwischen Oldgate und der Old Bailey. Der Henker fhrte
die Peitsche mit solcher Erbarmungslosigkeit, da man wohl sah, er habe
ganz besondere Befehle erhalten. Das Blut strmte an dem Verbrecher
herab. Eine Zeit lang zeigte er eine auerordentliche Standhaftigkeit,
bis endlich seine hartnckige Ausdauer erlag. Sein Geheul war
frchterlich, er fiel mehrere Male in Ohnmacht, aber die Peitsche hrte
nicht auf, ihn zu zerfleischen. Als er losgebunden wurde, schien er das
uerste ertragen zu haben, was ein menschlicher Krper bis zur
Auflsung auszuhalten vermag. Jakob wurde gebeten, die zweite
Auspeitschung zu unterlassen, aber seine Antwort war kurz und bndig:
Man soll damit fortfahren, so lange er noch Athem im Leibe hat! Ein
Versuch, die Verwendung der Knigin fr den Unglcklichen zu erlangen,
miglckte gleichfalls, indem sie sich entrstet weigerte, ein Wort zu
Gunsten eines solchen Elenden zu verlieren. Nach einer Pause von
achtundvierzig Stunden wurde Oates wiederum aus dem Gefngni
herbeigeholt. Er war nicht mehr fhig, sich auf den Fen zu erhalten,
so da es nthig wurde, ihn auf einer Schleife nach Tyburn zu schleppen.
Wie es schien, hatte er nicht die geringste Empfindung, und die Tories
versicherten, da er sich durch den Genu starker Getrnke betubt habe.
Eine Person, welche die Schlge, welche er am zweiten Tage empfing,
gezhlt hat, versicherte, da er deren siebzehnhundert erhalten. Der
elende Mensch kam mit dem Leben davon, jedoch mit so genauer Noth, da
seine beschrnkten und bigotten Anhnger seine Genesung fr ein Wunder
hielten und dieselbe als einen Beweis seiner Schuldlosigkeit anfhrten.
Die Thr des Gefngnisses fiel hinter ihm ins Schlo und viele Monate
lang lag er gefesselt in dem finstersten Kerker von Newgate. Man
versicherte, da er in seiner Zelle gnzlich der Schwermuth anheimfiel
und, tiefe Seufzer ausstoend, die Arme verschlungen und den Hut ber
die Augen gezogen, Tage lang vor sich hinbrtete. Nicht blos England
nahm an diesen Ereignissen regen Antheil. Millionen Katholiken, welche
weder von unseren Institutionen, noch unseren Parteien etwas wuten,
hatten erfahren, da auf unsrer Insel die Bekenner des wahren Glaubens
einer unmenschlichen Verfolgung ausgesetzt gewesen wren, da viele
fromme Mnner den Mrtyrertod erlitten und Titus Oates das Haupt der
Mrderbande gewesen sei; daher entstand groer Jubel in fernen Landen,
als man erfuhr, da Gottes Gericht ihn getroffen habe. Kupferstiche,
welche ihn am Schandpfahl und auf der Schleife sich windend darstellten,
verbreiteten sich ber das ganze Europa und Epigrammenschreiber machten
in allen Sprachen ihre Witze ber den Doctortitel, welchen er von der
Universitt zu Salamanca erlangt haben wollte, und bemerkten, da seine
Stirn nicht mehr des Errthens fhig sei, so wre es ganz in der
Ordnung, da sein Rcken dazu gebracht werde.[67]

Obgleich die Leiden des Oates entsetzlich waren, so standen sie doch zu
seinen Verbrechen in keinem Verhltni. Das alte englische Gesetz,
welches auer Gebrauch gekommen war, behandelte den falschen Zeugen, der
durch seinen Meineid den Tod eines Menschen verursachte, als Mrder.[68]
Es verrieth das eben so viel Weisheit wie Gerechtigkeit, denn ein
solcher Zeuge ist in der That ein hchst gefhrlicher Mrder. Mit dem
Verbrechen, unschuldiges Blut zu vergieen, vereinigt er die schwere
Schuld, die heiligste Verpflichtung zu verletzen, welche der Mensch
seinem Mitmenschen gegenber eingehen kann, und Gerichtsstellen, auf die
das Volk nothwendig mit Ehrerbietung und Vertrauen blicken mu, zu
Werkzeugen abscheulichen Unrechts und Gegenstnden des allgemeinen
Mitrauens zu machen. Das Unglck, welches durch einen gewhnlichen
Meuchelmord herbeigefhrt wird, steht in keinem Verhltni zu dem
Unglck, welches ein Meuchelmord erzeugt, bei dessen Ausbung die
Gerichtshfe als Helfershelfer mitgewirkt haben. Die bloe Vernichtung
des Menschenlebens ist der unbedeutendste Theil von dem, was eine
Hinrichtung entsetzlich macht. Die verlngerte Seelenangst des
Delinquenten, die Schande und das Unglck seiner Angehrigen, die bis
zur dritten und vierten Generation nachwirkende Schmach, das sind viel
schrecklichere Dinge, als der Tod selbst. Man kann mit Gewiheit
annehmen, da der Vater einer zahlreichen Familie lieber alle seine
Kinder durch ein bses Geschick oder Krankheit verlieren wrde, als ein
einziges durch die Hand des Henkers. Mord, durch falsches Zeugni
herbeigefhrt, ist daher die schwerste Art des Mordes, und Oates hatte
sich vieler solcher Morde schuldig gemacht; dennoch lt sich die
Strafe, mit welcher er belegt wurde, nicht rechtfertigen. Indem ihn die
Richter verurtheilten, das geistliche Gewand abzulegen und auf
Lebenszeit im Kerker zu schmachten, scheinen sie ber ihre gesetzliche
Berechtigung hinausgegangen zu sein. Sie waren ohne Zweifel befugt, ihn
zur Auspeitschung zu verurtheilen, auch hatte das Gesetz die Anzahl der
Hiebe nicht bestimmt; vollkommen verstndlich war aber der Geist des
Gesetzes, da kein peinliches _Vergehen_ strenger bestraft werden
drfte, als ein scheuliches Verbrechen. Der schwerste Verbrecher konnte
blos zum Galgen verurtheilt werden, die Richter jedoch verurtheilten den
Oates -- wie sie wenigstens glaubten -- zum Tode durch die Peitsche.
Die Mangelhaftigkeit des Gesetzes bietet keine gengende Entschuldigung,
denn mangelhafte Gesetze mssen durch die gesetzgebende Gewalt gendert
und nicht von den Gerichtshfen ausgedehnt werden, am wenigsten aber
sollte man ein Gesetz mibrauchen, um Qualen zu verursachen und Leben zu
vernichten. Da Oates ein Schurke war, entschuldigt nicht ausreichend,
denn in der Regel erdulden zuerst die Schuldigen solche Unbilden, welche
man nachher als Vorgnge benutzt, um die Unschuldigen zu unterdrcken.
So war es in diesem Falle. Die unbarmherzige Anwendung der Peitsche
wurde sehr bald eine Strafe fr unbedeutende politische Vergehen. Man
verurtheilte wegen unberlegter uerungen gegen die Regierung Menschen
zu solchen Martern, da sie in vollem Ernste baten, man mchte sie
lieber eines Capitalverbrechens anklagen und an den Galgen schicken.
Glcklicherweise wurde diesem groen bel sehr bald durch die Revolution
und durch den Artikel der Bill der Rechte, welche alle grausamen und
ungewhnlichen Strafen verwirft, eine Ende gemacht.

    [Anmerkung 61: Man sehe die Verhandlungen in der +Collection of
    State Trials.+]

    [Anmerkung 62: +Evelyn's Diary, May 7, 1685.+]

    [Anmerkung 63: Es giebt noch verschiedene Portraits von Oates. Die
    richtigsten Schilderungen seiner Person finden sich in +North's
    Examen, 225+; in +Dryden's Absalom and Achitophel+ und in einem
    Folioblatt unter dem Titel: +AHue and Cry after T.O.+]

    [Anmerkung 64: Die Verhandlungen sind ausfhrlich in der Sammlung
    der Staatsprozesse zu finden.]

    [Anmerkung 65: +Gazette de France, May 29. (Juni 9.) 1685.+]

    [Anmerkung 66: Depesche des hollndischen Gesandten, 19.(29.) Mai
    1685.]

    [Anmerkung 67: +Evelyn's Diary, May 22. 1685+; +EachardIII. 741+;
    +Burnet, I. 637+; +Observator, May 27. 1685+; +Oates's #Eikn
    brotoloigou#, 1697+; +Commons' Journals, May, June and July, 1689+;
    +Tom Brown's Advice to Dr. Oates.+ Einige interessante Umstnde
    werden auf einem Foliobogen im Verlag von A. Brooks, Charing Cro,
    1685, erwhnt. Ebenso habe ich damals erschienene franzsische und
    italienische Flugschriften gesehen, welche die Geschichte des
    Prozesses und der Strafvollstreckung enthielten. Ein Kupferstich,
    worauf Titus am Pranger abgebildet ist, erschien zu Mailand mit
    folgender wunderlicher Inschrift: +Questo e il naturale ritratto
    di Tito Otez o vero Oatz, Inglese, posto in berlina, uno de,
    principali professori della religione protestante acerrimo
    persecutore de Cattolici e gran spergiuro.+ Ebenso ist mir ein
    hollndischer Kupferstich mit seiner Bestrafung vorgekommen,
    worauf einige lateinische Verse stehen, von denen ich hier eine
    Probe gebe:

      +At Doctor Fictus non Fictos pertulit ictus,
      A tortore datos haud molli in corpore gratos,
      Disceret ut vere scelera ob commissa rubere.+

    Das Anagram seines Namens: +Testis Ovat+ ist auf vielen in den
    verschiedenen Lndern erschienenen Stichen zu finden.]

    [Anmerkung 68: +Blackstone's Commentaries, Chapter of Homicide.+]


[_Proze gegen Dangerfield._] Die Schurkerei des Dangerfield hatte nicht
wie die des Oates viele unschuldige Opfer vernichtet, indem Dangerfield
das Geschft eines falschen Zeugen erst zu betreiben anfing, als das
Complot bereits seine Wichtigkeit verloren und die Geschwornen unglubig
geworden waren.[69] Man stellte ihn nicht wegen Meineids, sondern wegen
des geringern Vergehens, eine Schmhschrift verfat zu haben, vor
Gericht. Whrend der Aufregung, welche die Ausschlieungsbill
hervorrief, hatte er eine Erzhlung in Umlauf gebracht, worin einige
unwahre und heimtckische Beschuldigungen gegen den vorigen und den
jetzigen Knig enthalten waren; in Folge dieser Verffentlichung wurde
er jetzt, nach Ablauf von fnf Jahren, pltzlich verhaftet, vor den
Geheimen Rath gebracht, verhrt, fr schuldig erklrt und verurtheilt,
von Oldgate nach Newgate und von da nach Tyburn gepeitscht zu werden.
Der Unglckliche behauptete whrend der Verhandlungen eine groe
Keckheit, als ihm aber sein Urtheil bekannt gemacht wurde, erfate ihn
die uerste Verzweiflung, er betrachtete sein Leben als verloren und
whlte einen Text zu seiner Leichenpredigt. Er hatte richtig geahnet.
Wenn er auch nicht so ganz unmenschlich gepeitscht wurde wie Oates,
so besa er auch nicht dessen krperliche und geistige Kraft. Nach
erlittener Strafe wurde Dangerfield in eine Miethkutsche gebracht und
nach dem Gefngni zurcktransportirt. Als er an der Ecke von Hatton
Garden vorberkam, hielt ein Tory von Gray's Inn, mit Namen Francis, den
Wagen an und rief mit brutaler bermthigkeit: Nun Freund, ist es Euch
diesen Morgen nicht warm geworden? Der blutbedeckte Gefangene, durch
diesen Hohn zur Wuth gebracht, antwortete mit einem Fluche; da schlug
ihn Francis sofort mit einem Rohrstocke ber das Gesicht und verletzte
ihm das Auge. Dangerfield wurde mit dem Tode ringend nach Newgate
gebracht. Diese schndliche Gewaltthtigkeit emprte die Umstehenden
dermaen, da sie Francis ergriffen und nur mit grter Mhe
zurckgehalten wurden, ihn in Stcken zu reien. Der Anblick von
Dangerfield's Krper, den die Peitsche entsetzlich zerfleischt hatte,
lie Viele glauben, da sein Tod vorzglich, wenn auch nicht allein
durch die Peitschenhiebe verursacht worden sei; die Regierung aber und
der Oberrichter hielten es fr gut, die ganze Schuld auf Francis zu
laden, dem man, obgleich er im schlimmsten Falle nur eines Todtschlags
unter erschwerenden Umstnden schuldig gewesen zu sein scheint, wegen
Mordes den Proze machte und ihn hinrichten lie. Seine letzte Rede ist
ein hchst merkwrdiges Denkmal der Sitten jener Zeit. Der wilde Geist,
der ihn an den Galgen brachte, blieb ihm bis zum letzten Augenblick.
Prahlerische Versicherungen seiner Loyalitt und Schimpfreden auf die
Whigs wechselten ab mit Abschiedsseufzern, womit er seine Seele der
Gnade des Himmels empfahl. Es circulirte ein Gercht, da Dangerfield,
der ein schner Mann war und im Rufe der Galanterie stand, von Francis'
Weibe geliebt worden sei, und man behauptete, die Eifersucht habe den
verhngnivollen Schlag gefhrt. Der dem Tode geweihte Ehemann nahm mit
einem halb komischen, halb rhrenden Eifer die Ehre seiner Gattin in
Schutz. Sie ist ein tugendhaftes Weib aus einem loyalen Geschlecht,
sagte er, und wenn sie die Absicht gehabt htte, ihr eheliches Gelbde
zu brechen, so wrde sie wenigstens einen Tory und Anhnger der
Landeskirche zu ihrem Geliebten gewhlt haben.[70]

    [Anmerkung 69: Nach Roger North entschieden die Richter, da
    Dangerfield, der frher des Meineids berfhrt wurden, der
    Zeugenschaft in der Verschwrungsgeschichte unfhig sei. Das ist
    aber eines der vielen Beispiele von Roger's Ungenauigkeit. Aus
    einem Berichte ber den Proze des Lord Castlemaine im Juli 1680
    geht hervor, da nach vielen Debatten unter den Sachwaltern und
    langer Berathung unter den Richtern der verschiedenen Gerichtshfe
    in Westminsterhall Dangerfield vereidet wurde und seine Erzhlung
    vortragen durfte; die Jury aber schenkte ihm vernnftiger Weise
    keinen Glauben.]

    [Anmerkung 70: ber Dangerfield's Proze fehlen die offiziellen
    Nachrichten, ich habe aber einen gedrngten Bericht darber in
    einer gleichzeitigen Flugschrift gefunden. Ein Auszug des Beweises
    gegen Francis, so wie seine letzte Rede, befindet sich in der
    +Collection of State Trials+. Man sehe +EachardIII. 741+.
    Burnet's Erzhlung enthlt mehr Fehler als Zeilen. Auch sehe man
    +North's Examen+, 256, den Abri von Dangerfield's Leben in den
    +Bloody Assizes+, den Observator vom 29. Juli 1685, und das
    Gedicht mit der berschrift: +Dangerfields Ghost to Jeffreys+.
    In dem sehr seltenen Band, betitelt: +Succinet Genealogies, by
    Robert Halstead+, erklrt Lord Peterborough, da Dangerfield,
    mit dem er einigen Umgang hatte, ein junger Mann war, dessen
    anstndiges uere, ernste Haltung und Rede mehr als gewhnliche
    Bildung verriethen.]


[_Proze gegen Baxter._] Zu derselben Zeit betrat ein Angeklagter ganz
andrer Art wie Oates und Dangerfield den Gerichtssaal der Kings Bench.
Kein hervorragender Parteifhrer ist jemals durch lange Jahre
brgerlicher und religiser Unruhen schuldloser geblieben, als Richard
Baxter. Er gehrte der mildesten und gemigtsten Klasse der Puritaner
an und war noch ein junger Mann, als die Revolution ausbrach. berzeugt,
da das Recht auf Seiten der Huser sich befinde, bernahm er
unbedenklich die Stelle eines Kaplans bei einem Regimente der
Parlamentsarmee, und sein heller und etwas skeptischer Verstand, sowie
sein starker Sinn fr Gerechtigkeit schtzten ihn vor allen bergriffen.
Er lie es sich angelegen sein, die fanatische Wildheit der Soldaten zu
zgeln, und mibilligte die gewaltthtigen Handlungen des hohen
Gerichtshofs. Whrend der Republik war er verwegen genug, bei vielen
Gelegenheiten, und sogar einmal in Cromwell's Anwesenheit, Liebe und
Ehreehrbietung fr die alten Staatseinrichtungen des Vaterlandes
auszusprechen. Whrend die knigliche Familie in der Verbannung lebte,
hielt sich Baxter meistentheils zu Kidderminster auf und lag mit groem
Eifer seinen geistlichen Pflichten ob. Er betheiligte sich aufs
Angelegentlichste bei der Restauration und wnschte von ganzem Herzen
eine Einigung, zwischen den Episcopalen und den Presbyterianern
herbeizufhren. Mit einer, fr die damalige Zeit seltenen Unbefangenheit
betrachtete er die Fragen ber die kirchliche Verfassung als von
geringerer Bedeutung, als die groen Prinzipien des Christenthums, und
hatte selbst damals, als das Prlatenthum von den dominirenden Gewalten
am meisten gehat war, nicht in das Geschrei gegen die Bischfe
eingestimmt. Der Versuch, die feindlichen Parteien zu vershnen,
miglckte. Baxter theilte freiwillig sein Schicksal mit dem seiner
verbannten Freunde, wies den Bischofshut von Hereford zurck, entsagte
der Pfarrei zu Kidderminster und beschftigte sich nur mit seinen
Studien. Seine theologischen Werke, obgleich zu gemigt, um den
bigotten Anhngern einer der beiden Parteien zu gefallen, hatten einen
groen Ruf. Eifernde Mnner der Hochkirche nannten ihn einen Rundkopf,
und viele Nichtconformisten schimpften ihn einen Erastinianer und
Arminianer. Sein redliches Herz aber, so wie die Unbescholtenheit seines
Lebens, die Strke seiner Fhigkeiten und seine bedeutenden Kenntnisse
erkannten die rechtlichsten und weisesten Mnner jeder Glaubensrichtung
an. Trotz der Unterdrckung, welche ihm und seinen Brdern zu Theil
geworden, hatten seine politischen Meinungen die Grenzen der Migung
nie berschritten. Er war ein Freund der kleinen Partei, welche die
Whigs und die Tories haten, und versicherte, nicht in die Verdammung
der Trimmer einstimmen zu knnen, wenn er daran dchte, wer es gewesen
sei, der die Friedensstifter gesegnet habe.[71]

In einem Commentar zum neuen Testamente hatte er mit einiger Bitterkeit
ber die Verfolgung geklagt, der die Dissenters ausgesetzt waren. Da
Mnner, die, weil sie das Gebetbuch nicht benutzten, aus ihren Husern
vertrieben, ihres Eigenthums beraubt und in das Gefngni gebracht
wurden, es wagten, ihre Unzufriedenheit darber kundzugeben, wurde
damals als ein schweres Verbrechen gegen Staat und Kirche betrachtet.
Roger Lestrange, der Kmpfer fr die Regierung und das Orakel der
Geistlichkeit, erhob im Observator den Kriegsruf, und es wurde eine
Anklage geschmiedet. Baxter bat um eine Frist, seine Vertheidigung
vorzubereiten. An demselben Tage, wo Oates im Palasthofe am Pranger
stand, kam das berhmte Haupt der Puritaner, niedergedrckt von Alter
und Krnklichkeit, nach Westminsterhall, um dieses Gesuch vorzutragen.
Jeffreys schumte vor Wuth. Nicht eine Minute, brllte er, und
kostete es mein Leben. Ich werde mit Heiligen ebenso gut fertig, wie mit
Sndern. Dort steht Oates auf einer Seite des Prangers, wenn Baxter auf
der andren stnde, so wrden die zwei grten Halunken des Landes
nebeneinander stehen.

Als der Proze in Guildhall begann, war der Gerichtshof angefllt mit
Denen, welche Baxter Liebe und Verehrung zollten. Ihm zur Seite stand
Doctor William Bates, einer der vorzglichsten nonconformistischen
Geistlichen. Zwei whiggistische Advokaten von bedeutendem Rufe,
Pollexfen und Wallop, erschienen fr den Angeklagten. Eben hatte
Pollexfen seine Anrede an die Jury begonnen, als der Oberrichter
losdonnerte: Pollexfen, ich kenne Euch sehr gut und will Euch ein
Zeichen anhngen, Ihr seid der Beschtzer der Faction! Das ist ein alter
Schuft, ein schismatischer Halunke, ein heuchelnder Bube! Er ist ein
Feind der Liturgie und verlangt nichts als langgedehntes Gewinsel ohne
Buch. Darauf verdrehte Seine Herrlichkeit die Augen, faltete die Hnde
und begann in einer Art, welche er fr eine Persiflage von Baxter's
Manier zu predigen hielt, durch die Nase zu singen: Herr, wir sind dein
Volk, dein auserwhltes Volk, dein theures Volk! Pollexfen machte den
Gerichtshof mit Bescheidenheit darauf aufmerksam, da Seine Majestt,
der verstorbene Knig, Baxter eines Bisthums wrdig gehalten habe. Und
was kratzte denn den alten Dummkopf, da er es nicht annahm? schrie
Jeffreys. Seine Wuth erreichte jetzt den hchsten Grad, er schimpfte
Baxter einen Hund, und schrie, da es nur ein Act der hchsten
Gerechtigkeit sein wrde, solch einen Buben durch die Stadt peitschen zu
lassen. Jetzt nahm Wallop das Wort, es erging ihm aber nicht besser,
als seinem Vorgnger. Ihr betheiligt Euch bei allen schmutzigen
Angelegenheiten, Mr. Wallop, sagte der Richter, Gentlemen in der Robe
der Rechtsgelehrten sollten sich schmen, solchen revolutionren
Schuften ihren Beistand zu gewhren. Der Anwalt bemhte sich noch
einmal, Gehr zu erlangen, aber vergebens, Wenn Euch Eure Pflicht
unbekannt ist, rief Jeffreys, so will ich sie Euch kennen lehren.

Wallop setzte sich nieder, und jetzt machte Baxter einen Versuch, sich
zu vertheidigen, aber der Oberrichter lie durch einen Strom von
schmutzigen und schmhenden Worten, vermischt mit Citaten aus Hudibras,
keine vernnftige Vorstellung aufkommen. Mylord, sagte der Greis, die
Dissenters haben mir den Vorwurf gemacht, da ich mit Achtung von den
Bischfen gesprochen. Was? schrie der Richter, Baxter fr die
Bischfe? das ist in der That ein kstlicher Einfall! ich verstehe,
was Ihr unter Bischfen versteht, Schufte, wie Ihr selbst,
Kidderminster-Bischfe, revolutionre, schnffelnde Presbyterianer!
Noch einmal bemhte sich Baxter, zu Worte zu kommen, und wiederum schrie
Jeffreys. Richard, Richard, glaubst Du, wir werden Dir erlauben den Hof
zu vergiften? Du bist ein alter Schurke, Richard, hast so viel Bcher
geschrieben, da man einen Wagen damit beladen knnte, und jedes Buch
ist mit revolutionren Ideen angefllt, wie ein Ei mit Flssigkeiten!
Bei der Gnade des Himmels, ich will mit Dir fertig werden. Wie ich
bemerke, harrt eine groe Anzahl Eurer Brderschaft auf den Ausgang, um
zu erfahren, welches Schicksal ihren Meister treffen wird. Und hier ist
ein Doctor der Partei an Eurer Seite, fuhr er fort, indem er mit wilden
Blicken Bates betrachtete, aber beim allmchtigen Gott, Ihr sollt alle
der Vernichtung anheimfallen!

Baxter schwieg, aber einer der jngeren Advocaten, welchem die
Vertheidigung zustand, machte einen letzten Versuch, um den Beweis zu
liefern, da die Worte, auf welche die Anklage gegrndet war, die
Auslegung nicht gestatteten, welche die Klagschrift angab. Zu diesem
Behuf begann er den Inhalt derselben vorzulesen, aber sofort wurde er
niebergebrllt. Ihr sollt den Gerichtshof in keinen Betsaal
verwandeln! Als Baxter's Freunde in lautes Weinen ausbrachen, nannte
sie der Richter blkende Klber.

Unter den Entlastungszeugen befanden sich auch mehrere Geistliche der
Landeskirche, der Oberrichter aber wollte nichts hren. Glaubt Eure
Herrlichkeit, fragte Baxter, da irgend eine Jury bei einem Verfahren
wie das gegenwrtige den Angeklagten fr schuldig erklren kann? Das
versichere ich Euch, Mr. Baxter, entgegnete Jeffreys, tragt keine
Sorge darum! Jeffreys hatte wahr gesprochen, die Sheriffs waren
Werkzeuge der Regierung, die Geschwornen von den Sheriffs aus den
eifrigsten Anhngern der Torypartei genommen, und so beriethen sich
diese nur wenige Augenblicke und sprachen dann das Schuldig aus. Als
Baxter den Gerichtshof verlie, sagte er: Mylord, es gab einst einen
Oberrichter, der ganz anders mit mir umgegangen sein wrde! Er meinte
seinen gelehrten und redlichen Freund, Sir Matthus Hale. Jeffreys
erwiderte: Es giebt keinen anstndigen Mann in England, der in Dir
nicht einen Schurken erblicken wird![72]

Das Urtheil war fr damalige Zeiten sehr mild. Was bei der Berathung
unter den Richtern geschah, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Die
Nonconformisten glaubten, und wohl mit Recht, da der Oberrichter von
seinen drei Kollegen berstimmt worden sei. Derselbe soll den Vorschlag
gemacht haben, Baxter durch London hin den Staupbesen geben zu lassen.
Die Majoritt war der Ansicht, da ein vorzglicher Geistlicher, dem vor
einem Vierteljahrhundert eine Mitra geboten wurde und der jetzt siebzig
Jahre zhlte, mit Geldbue und persnlicher Haft hinreichend bestraft
sein wrde.[73]

    [Anmerkung 71: Baxter's Vorrede zu Sir Matthew Hale's +Judgment of
    the Nature of True Religion, 1684.+]

    [Anmerkung 72: Man sehe den Observator vom 25. Februar 1685, die
    Klagschrift in der +Collection of State Trials+, den von Calamy im
    14. Kap. von Baxter's Lebensbeschreibung gegebenen Bericht von den
    Ereignissen im Gerichtshof und die sehr interessanten Excerpte aus
    Baxter's Manuscripten in der von Orme 1830 herausgegebenen
    Lebensbeschreibung.]

    [Anmerkung 73: +Baxter M.S.+ angefhrt von Orme.]


[_Zusammentritt des schottischen Parlaments._] Die Behandlung, welche
sich Baxter von einem Richter gefallen lassen mute, der ein Mitglied
des Kabinets war und sich der Gunst des Monarchen erfreute, beweist in
nicht zu verkennender Art die Gesinnung, welche zu jener Zeit die
Regierung gegen die protestantischen Nonconformisten hegte. Diese
Stimmung aber hatte sich schon durch strkere und entsetzlichere
Andeutungen bemerkbar gemacht. Das schottische Parlament war
zusammengetreten, Jakob hatte es sich angelegen sein lassen, die
Versammlung dieser Krperschaft nach Krften zu beschleunigen und die
Sitzung der englischen Huser in der Erwartung hinausgeschoben, da das
zu Edinburg gegebene Beispiel in Westminster eine vortheilhafte Wirkung
uern werde. Denn der gesetzgebende Krper im Norden seines Knigreichs
war so gefgig wie jene bretagnischen und burgundischen Provinzalstnde,
denen Ludwig XIV. noch immer mit einigen ihrer alten Rechte zu spielen
erlaubte. Nur Bischfliche hatten das Recht, im schottischen Parlamente
zu sitzen oder auch nur hinein zu whlen, und in Schottland war ein
Bischflicher immer ein Tory. Von einer derartig constituirten
Versammlung war fr die Wnsche des Knigs keine Opposition zu erwarten,
und selbst diese Versammlung konnte ohne vorhergegangene Genehmigung von
Seiten eines Ausschusses von Hofleuten kein Gesetz erlassen.

Jedes Verlangen der Regierung wurde ohne Widerspruch gewhrt. In
finanzieller Beziehung hatte die Freigebigkeit der schottischen Stnde
allerdings wenig Bedeutung, inde gaben sie, was in ihren Krften stand.
Sie vereinigten fr immer mit der Krone die Zlle, welche dem vorigen
Knig zugestanden und damals auf vierzigtausend Pfund berechnet worden
waren. Dann gewhrten sie Jakob auf die Dauer seines Lebens eine
Erhhung seines Einkommens von zweihundertsechszehntausend schottischen
Pfunden oder so viel wie achtzehntausend Pfund Sterling. Die ganze
Summe, welche sie bewilligen konnten, bestand in jhrlich etwa
sechzigtausend Pfund, nicht viel mehr, als die Einnahme der englischen
Schatzkammer in vierzehn Tagen betrug.[74]

Da wenig Geld zu ihrer Verfgung stand, so ersetzten die Stnde diesen
Mangel durch loyale Versicherungen und unmenschliche Gesetze. Der Knig
verlangte in einem Schreiben, welches in heftiger Sprache verfat war
und ihnen bei der Erffnung der Sitzung vorgelesen wurde, sie mchten
darauf bedacht sein, neue Strafgesetze gegen die widerspenstigen
Presbyterianer zu beschlieen, und bedauerte, da er durch Geschfte
abgehalten sei, solche persnlich vom Throne aus in Vorschlag zu
bringen. Seinen Befehlen wurde gehorcht. Rasch wurde ein von den
Ministern der Krone entworfenes Gesetz angenommen, welches selbst unter
den Gesetzen des unglcklichen Landes in jener traurigen Zeit an
Abscheulichkeit nicht seines Gleichen hat. Es wurde in kurzen
nachdrcklichen Worten verordnet, da Jeder, der bei einer
Betversammlung in einem Hause predigen, oder, gleichviel ob als Prediger
oder als Zuhrer, an einem Conventikel unter freiem Himmel theilnehmen
wrde, mit Verlust seines Vermgens und dem Tode bestraft werden
solle.[75]

    [Anmerkung 74: +Act. Parl. Car. II. March 29. 1661+; +Jac. VII.
    April 28. 1685 & May 13. 1685.+]

    [Anmerkung 75: +Act. Parl. Jac. VII., May 8. 1685+; +Observator,
    June 20. 1685.+ Lestrange hegte offenbar den Wunsch, da man
    diesem Beispiele in England folgen mge.]


[_Gesinnungen Jakob's gegen die Puritaner._] Dieses Gesetz, welches auf
Verlangen des Knigs von der, seinem Willen gehorsamen Versammlung
angenommen wurde, ist einer besonderen Beachtung werth. Unwissende
Schriftsteller haben ihn oft als einen zwar unberlegten und in der Wahl
seiner Mittel rcksichtslosen Regenten, zugleich aber auch als einen
Frsten dargestellt, der es sich angelegen sein lie, den edelsten Zweck
eines solchen, die Begrndung vollstndiger religiser Freiheit,
zu erreichen. Es kann nicht in Abrede gestellt werden, da einige
Abschnitte in seinem Leben, wenn man sie von den anderen sondert und
oberflchlich betrachtet, diese vortheilhafte Meinung von seinem
Character zu besttigen scheinen. Noch als Unterthan war er lange Jahre
der Verfolgung ausgesetzt gewesen, und diese hatte ihre gewhnliche
Wirkung auf ihn nicht verfehlt; sein schwacher und beschrnkter Geist
hatte durch diese harte Schule gewonnen. Als er vom Hofe, der
Admiralitt und dem Geheimen Rathe ausgeschlossen war, als er sogar
Gefahr lief, das Recht der Thronfolge zu verlieren, nur deshalb, weil er
mit berzeugung an die Transsubstantiation und an die Autoritt des
ppstlichen Stuhles glaubte, machte er so schnelle Fortschritte in den
Lehren der Duldung, wie sie Milton und Locke nicht gekannt. Wie knne es
ein greres Unrecht geben, pflegte er zu sagen, als _Absichten_ mit
Strafen zu belegen, die blos der _That_ gebhrten, und wie unklug wrde
es sein, tchtige Kriegsleute, Seemnner, Juristen, Diplomaten und
Finanzmnner zurckzuweisen, blos weil sie eine falsche Meinung ber die
Anzahl der Sakramente und mehrfache Gegenwart der Heiligen htten.
Er wute die Gemeinpltze auswendig, welche alle Sekten so gelufig
wiederholen, wenn sie Verfolgung erdulden, und sofort vergessen, wenn es
ihnen mglich wird, Vergeltung auszuben. Und in der That wute er seine
Lektion so vortrefflich herzusagen, da Diejenigen, welche ihn zufllig
ber diesen Gegenstand sprechen hrten, ihm viel mehr Einsicht und
Redefertigkeit zutrauten, als er besa. Seine Versicherungen tuschten
einige gutherzige Personen und vielleicht sogar ihn selbst, aber sein
Eifer fr die Gewissensfreiheit verschwand mit der Herrschaft der
Whigpartei. Als das Glck sich wendete und nicht lnger zu besorgen war,
da er der Verfolgung Anderer ausgesetzt sein wrde, es aber in seiner
Macht stand, Andere zu verfolgen, machten sich seine wahren Neigungen
bemerklich. Der Ha, den er gegen die puritanischen Sekten hegte, war
mannigfaltig: theologisch und politisch, angeerbt und persnlich. Er sah
in ihnen Feinde des Himmels, Feinde aller legitimen Gewalt in Staat und
Kirche, Feinde seiner Urgromutter, seines Grovaters, seiner Eltern,
seines Bruders und seiner selbst; er, der sich so bitter ber die
Gesetze gegen Papisten beklagte, behauptete jetzt, er begreife nicht,
wie man die Frechheit haben knne, auf Zurcknahme der den Puritanern
entgegenstehenden Verordnungen anzutragen.[76] Er, dessen Lieblingsthema
die Ungerechtigkeit gewesen war, von Staatsdienern Religionseide zu
verlangen, fhrte whrend seines Aufenthalts in Schottland dort den
strengsten Religionseid ein, den man jemals im Lande gekannt hatte;[77]
er, der seinen begrndeten Unwillen aussprach, als man die Priester
seines eigenen Glaubens hngte und viertheilte, hatte, sein Vergngen
daran, das Jammergeschrei der Covenanters zu hren und die schmerzlichen
Windungen ihres Krpers anzusehen, indem ihre Kniee in den spanischen
Stiefeln zerquetscht wurden.[78] In dieser Stimmung bestieg er den
Thron, und ohne Zgerung beanspruchte und erhielt er von den
unterwrfigen schottischen Stnden als berzeugendsten Beweis ihrer
Loyalitt das blutigste Gesetz, welches jemals auf unseren Inseln gegen
protestantische Nonconformisten erlassen worden ist.

    [Anmerkung 76: Seine eignen Worte, berichtet von ihm selbst.
    +Clarke's Life of James the Second, I. 656. Orig. Mem.+]

    [Anmerkung 77: +Act. Parl. Car. II. August 31. 1681.+]

    [Anmerkung 78: +Burnet I. 583+; +Wodrow III. v. 2.+ Leider fehlen
    die Acten des schottischen Geheimen Rathes whrend der ganzen
    Verwaltung des Herzogs von York.]


[_Grausame Behandlung der schottischen Covenanters._] Mit diesem Gesetz
stand der Geist seiner Verwaltung in vollstndigem Einklang. Die
grausame Verfolgung, welche whrend seiner Statthalterschaft in
Schottland wthete, wurde von dem Tage seiner Thronbesteigung an noch
heftiger. Diejenigen Grafschaften, in denen die meisten Covenanters
lebten, wurden der Zgellosigkeit des Heeres preisgegeben. Unter der
Armee befand sich eine Miliz, welche aus den wildesten und verworfensten
Subjekten Derjenigen gebildet war, welche sich Episcopalen nannten.
Hervorragend unter den Banden, welche diese unglcklichen Distrikte
unterdrckten und verwsteten, waren die Dragoner, welche unter dem
Befehle Jakob Graham's von Claverhouse standen. Man behauptete, da
diese verworfenen Menschen bei ihren Zechgelagen um die Hllenstrafen
spielten, und sich unter einander mit den Namen von Teufeln und
verdammten Seelen zu benennen pflegten.[79] Der Anfhrer dieser Hlle
auf Erden, ein durch Muth und Geschicklichkeit in seinem Berufe
ausgezeichneter Soldat, jedoch ruberisch, ruchlos, von heftiger
Gemthsart und Hartherzigkeit, hat einen Namen hinterlassen, der berall
auf Erden, wo der schottische Stamm sich angesiedelt hat, mit
untilgbarem Hasse genannt wird. Es wrde eine nicht zu lsende Aufgabe
sein, wollte man alle die Unthaten aufzhlen, durch welche dieser Mann
und seine Rotte die Landleute des westlichen Niederlandes zur
Verzweiflung trieb. Wenige Beispiele mgen hinreichen, und dieselben
sollen aus einem Zeitraume von nur zwei Wochen genommen werden, jenen
zwei Wochen, in denen auf Jakob's dringendes Ansuchen das schottische
Parlament ein neues Gesetz von unerhrter Strenge gegen die Dissenters
erlie.

Johann Brown, ein armer Fuhrmann in Lanarkshire, wurde wegen seiner
besonderen Frmmigkeit insgemein der christliche Fuhrmann genannt. Nach
vielen Jahren, als Ruhe, Wohlstand und religise Freiheit nach
Schottland zurckgekehrt waren, schilderten ihn hochbejahrte Leute, die
sich jener traurigen Zeit erinnerten, als einen in gttlichen Dingen
bewanderten Mann, unbescholten im Leben und so friedfertig, da die
Tyrannen nichts Unrechtes an ihm auffinden konnten, auer da er den
ffentlichen Gottesdienst der Episcopalen nicht besuchte. Am 1. Mai
arbeitete er in einer Torfgrube, als er von den Claverhouse'schen
Dragonern ergriffen, eilig verhrt, der Nonconformitt berfhrt und zum
Tode verurtheilt wurde. Selbst unter den Soldaten soll sich keiner zur
Vollstreckung des Urtheils haben entschlieen knnen, denn die Frau des
unglcklichen Mannes war zugegen. Sie fhrte ein kleines Kind an der
Hand, und man sah, da sie nahe daran war, ein andres zur Welt zu
bringen. Die wilden, herzlosen Menschen, die einander mit den Beinamen
Apollyon und Beelzebub belegten, schauderten vor der Ruchlosigkeit
zurck, den Mann vor den Augen der Gattin abzuschlachten. Der Gefangene,
durch die nahe Aussicht auf die Ewigkeit erhoben, betete laut und
inbrnstig wie in Begeisterung, bis Claverhouse in Wuth gerathend ihn
niederscho. Glaubwrdige Zeugen berichteten, da die Wittwe in ihrem
tiefen Schmerze ausrief: Gut, Herr, gut, der Tag der Rechenschaft wird
kommen! worauf der Mrder entgegnete: Was ich gethan, kann ich vor
Menschen verantworten, mit Gott will ich schon fertig werden! Doch ging
die Sage, da selbst auf sein verhrtetes Gewissen und unmenschliches
Herz die Sterbegebete seines Opfers einen Eindruck machten, der sich
nimmer verwischen lie.[80]

Am 5. Mai wurden zwei Handwerker, Peter Gillies und John Bryce in
Ayrshire durch ein Kriegsgericht verurtheilt, welches aus fnfzehn
Soldaten zusammengesetzt war. Die Anklage ist noch vorhanden. Man
beschuldigte die Gefangenen nicht etwa einer revolutionren Handlung,
sondern da sie denselben verderblichen Lehren huldigten, welche Andere
zum Aufruhr veranlat htten, und es nur an Gelegenheit gefehlt habe,
ihnen gem zu handeln. Das Verfahren war summarisch. Einige Stunden
spter waren die beiden Angeklagten berfhrt, gehngt und ihre
Leichname in ein Loch unter dem Galgen geworfen.[81]

Der 11. Mai zeichnete sich durch mehr als ein groes Verbrechen aus.
Einige strenge Calvinisten hatten aus der Lehre von der Verwerfung den
Schlu gezogen, da das Gebet fr eine Person, welche zur Verdammni
bestimmt wre, eine Handlung der Auflehnung gegen die ewigen Beschlsse
des Allmchtigen sei. Drei arme Arbeitsleute, welche von diesem
herzlosen Glauben tief berzeugt waren, wurden nahe bei Glasgow von
einem Offizier verhaftet, und gefragt, ob sie fr Knig JakobVII. beten
wollten. Sie weigerten sich dessen, es wre denn, da er zu den
Auserwhlten gehre. Eine Abtheilung Musketiere traten vor, die
Gefangenen knieten nieder, man verband ihnen die Augen, und eine Stunde
nach ihrer Festnehmung leckten die Hunde ihr Blut vom Boden.[82]

Whrend sich dieses in Clydesdale ereignete, wurde in Eskdale eine nicht
weniger abscheuliche That verbt. Ein gechteter Covenanter hatte, von
Krankheit heimgesucht, in dem Hause einer rechtlichen Wittwe Zuflucht
gefunden und war daselbst gestorben. Der Laird von Westerhall, ein
kleiner Tyrann, der in den Tagen der Covenanters den grten Eifer fr
die presbyterianische Kirche gezeigt, seit der Restauration aber das
Wohlwollen der Regierung durch seinen Abfall erlangt hatte, und gegen
die von ihm aufgegebene Partei, wie jeder Abtrnnige, unvershnlichen
Ha fhlte, entdeckte den Leichnam des Verstorbenen. Dieser Mensch lie
das Wohnhaus des armen Weibes niederreien, ihren Hausrath wegbringen,
und indem er sie und ihre Kinder hinaustrieb, um auf den Feldern
herumzuirren, schleppte er ihren Sohn Andreas, der fast noch ein Knabe
war, vor Claverhouse, welcher gerade damals durch diesen Theil des
Landes zog. Claverhouse war eben auffallend mild gesinnt, -- Einige
versicherten, seit dem vor zehn Tagen geschehenen Morde des christlichen
Fuhrmanns wre er noch nicht wieder zu sich selbst gekommen -- aber
Westerhall wnschte sehnlichst, einen Beweis von seiner Loyalitt zu
geben, und erzwang eine ungern gegebene Zustimmung. Die Musketen wurden
geladen, und der Jngling aufgefordert, die Mtze ber das Gesicht zu
ziehen. Er schlug es ab, und stand mit freiem Blick, die Bibel in der
Hand, seinen Mrdern gegenber. Ich kann Euch offen ins Antlitz
blicken, rief er, denn ich habe nichts gethan, dessen ich mich schmen
mte. Aber wie wollt Ihr an jenem Tage dreinsehen, wo Ihr nach dem
gerichtet werden sollt, was in diesem Buche steht? -- Er strzte todt
zu Boden und wurde im Moore eingescharrt.[83]

An demselben Tage wurden zwei Frauen, Margarethe Maclachlan und
Margarethe Wilson, erstere eine bejahrte Wittwe, letztere ein Mdchen
von achtzehn Jahren, fr ihren Glauben in Wigtonshire ermordet. Sie
sollten ihr Leben geschenkt erhalten, wenn sie sich entschlieen
knnten, die Sache der aufrhrerischen Covenanters abzuschwren und dem
bischflichen Gottesdienste beizuwohnen. Sie weigerten sich und wurden
zum Tode durch Ertrnken verurtheilt. Man fhrte sie an einen Ort, wo
der Solway zweimal des Tages seine Ufer berschwemmt, und band sie
zwischen den Zeichen des hohen und niederen Wasserstandes an in dem
Sande befestigte Pfhle. Die ltere der beiden Dulderinnen wurde in der
Erwartung, da ihre Todesqual die jngere zum Abfall bewegen mchte, der
aufsteigenden Fluth nher gebracht. Der Anblick war grauenhaft, aber der
Muth der berlebenden war von so hoher Begeisterung untersttzt, wie die
Geschichte der Mrtyrer sie nur zu schildern vermag. Ohne jedes Zeichen
von Unruhe sah sie die See herankommen, sie betete und sang Verse aus
Psalmen, bis die Wogen ihre Stimme erstickten. Als sie die Bitterkeit
des Todes gefhlt, hatte man die grausame Barmherzigkeit, sie
loszubinden und wieder zum Leben zu bringen. Nachdem ihr Bewutsein
zurckgekehrt war, flehten sie mitleidige Freunde und Nachbarn an, sich
zu fgen. Liebe Margarethe, sage nur, Gott erhalte den Knig! Das
unglckliche Mdchen, ihrem strengen Glauben getreu, wimmerte: Mag ihn
Gott erhalten, wenn es Gottes Wille ist! Ihre Freunde drngten sich um
den vorsitzenden Offizier. Sie hat es gesagt, Herr, wahrhaftig, sie hat
es gesagt! Wird sie die Abschwrungsformel leisten? erkundigte sich
der Offizier. Nimmermehr, rief sie aus, ich bin Christi, lat mich
gehen![84] -- Die Wogen schlugen zum letzten Male ber ihr zusammen.

So regierte Schottland ein Frst, den unwissende Menschen als einen
Freund religiser Freiheit geschildert haben, dessen Unglck es gewesen,
zu weise und zu gtig fr das Zeitalter zu sein, in welchem er lebte.
Ja sogar die Gesetze, welche ihm die Gewalt gaben, in solcher Weise zu
regieren, waren nach seiner Ansicht von einer tadelnswerthen Milde.
Indem seine Offiziere die Mordscenen verbten, welche eben geschildert
wurden, verlangte er von dem schottischen Parlament ein neues Gesetz,
mit welchem im Vergleich alle frheren Gesetze barmherzig genannt zu
werden verdienen.

So gro auch in England sein Ansehen war, unterlag dasselbe doch einer
Beschrnkung durch alte, edle Gesetze, deren bertretung selbst die
Tories von ihm nicht ruhig hingenommen haben wrden. Hier durfte er
nicht Dissenters vor Kriegsgerichte treiben, oder im Rathe das Amsement
haben, sie in den spanischen Stiefeln ohnmchtig niederstrzen zu sehen;
hier gab es keine Jungfrauen zu ersufen, weil sie sich weigerten, die
Abschwrungsformel zu leisten, oder arme Landleute niederzuschieen,
weil sie in Zweifel waren, ob er einer der Auserwhlten sei. Jedoch
unterlie er auch in England nicht, die Puritaner, soweit seine Macht
reichte, zu verfolgen, bis Ereignisse, welche spter erzhlt werden
sollen, ihn veranlaten, den Plan zu fassen, Puritaner und Papisten zur
Entwrdigung und Beraubung der Landeskirche mit einander zu vereinigen.

    [Anmerkung 79: +Wodrow III. 9, 6.+]

    [Anmerkung 80: +Wodrow, III. 9. 6.+ Der Herausgeber der Oxforder
    Ausgabe des Burnet macht einen Versuch, diese That zu
    entschuldigen, indem er sagt, da Claverhouse zu jener Zeit eben
    bemht war, alle Verbindung zwischen Argyle und Monmouth
    abzuschneiden, und glaubt, Brown mge als Zwischentrger der
    beiden Rebellenheere entdeckt worden sein. Zum Unglck fr diese
    Annahme wurde Brown am 1. Mai erschossen, wo Argyle und Monmouth
    in Holland waren und kein Aufruhr in irgend einem Stelle unsrer
    Insel stattfand.]

    [Anmerkung 81: +Wodrow, III. 9. 6.+]

    [Anmerkung 82: +Ibid.+]

    [Anmerkung 83: +Wodrow, III. 9. 6. Cloud of Witnesses.+]

    [Anmerkung 84: +Wodrow, III. 9. 6.+ Die Grabschrift der Margarethe
    Wilson auf dem Friedhofe zu Wigton ist in dem Anhange zu +the
    Cloud of Witnesses+ gedruckt:

      Gemordet, blos weil sie geglaubt,
      Da Christus seiner Kirche Haupt;
      Weil sie die Prlatur nicht ehrte,
      Sich nicht von reiner Lehre kehrte,
      Hat sie zu Christi Lob, gebunden
      Im Meer ihr frhes Grab gefunden!]


[_Stimmung Jakob's gegen die Quker._] Eine Sekte der protestantischen
Dissenters betrachtete er jedoch selbst in dieser frhen Periode seiner
Regierung mit einiger Zuneigung: die Gesellschaft der Freunde. Seine
Vorliebe fr diese eigenthmliche Brderschaft ist keinen religisen
Sympathien zuzuschreiben, denn unter Allen, welche an die gttliche
Sendung Christi glauben, weichen der rmische Katholik und der Quker am
weitesten von einander ab. Es klingt widersinnig, zu behaupten, da eben
dieser Umstand ein Band zwischen dem Katholiken und dem Quker knpfte,
und doch ist es so, denn sie entfernten sich in entgegengesetzten
Richtungen von dem, was die Mehrzahl des Volkes als wahr anerkannt, so
weit, da selbst vorurtheilsfreie Mnner in der Regel sie auerhalb der
Grenzen der ausgedehntesten Duldung betrachteten. So hatten die zwei
extremen Sekten eben dadurch, da sie extrem waren, ein gemeinsames
Interesse, welches sich von dem der dazwischenliegenden Sekten
unterschied; auch trugen die Quker durchaus keine Schuld an dem
Unrecht, das Jakob und seinem Hause angethan worden war. Sie bildeten
erst dann eine Gemeinschaft, als der Krieg zwischen seinem Vater und dem
Langen Parlamente sich zu Ende neigte, und von einigen der
revolutionren Regierungen hatten sie sogar grausame Verfolgung
ausstehen mssen. Seit der Restauration hatten sie trotz oftmaliger
bler Behandlung der kniglichen Gewalt sich demthig gefgt, denn --
obgleich aus Vorderstzen schlieend, welche die anglikanischen
Gottesgelehrten als heterodox ansahen -- waren sie gleich diesen zu der
berzeugung gekommen, da keine bertriebene Tyrannei eines Frsten den
thtigen Widerstand der mihandelten Unterthanen rechtfertigen knne.
Niemals war ein Quker als Verfasser einer Schmhschrift erfunden
worden,[85] und nie war ein solcher bei einer Verschwrung gegen die
Regierung betheiligt gewesen. Die Gesellschaft hatte sich nicht bei dem
Rufe nach der Ausschlieungsbill betheiligt, und das Ryehousecomplot als
einen hllischen Anschlag und ein Satanswerk feierlich verdammt.[86] Die
Quker betheiligten sich in damaliger Zeit wirklich sehr wenig bei
brgerlichen Streitigkeiten, denn sie wohnten nicht, wie zu jetziger
Zeit, in groen Stdten massenhaft zusammen, sondern trieben fast
durchgngig Landbau, aus welcher Beschftigung sie nach und nach durch
die Bedrckungen vertrieben wurden, welche eine Folge ihres seltsamen
Bedenkens ber die Entrichtung des Zehnten waren. Sie standen daher dem
Schauplatze der politischen Streitigkeiten ziemlich fern, auch vermieden
sie aus Grundsatz, selbst im huslichen Leben, jede politische
Unterhaltung. Denn dergleichen Gesprche waren ihrer Ansicht nach nicht
zutrglich fr ihre geistliche Stimmung und hatten strenden Einflu auf
den strengen Gleichmuth ihres Benehmens. Die jhrlichen Versammlungen
damaliger Zeit warnten die Brder mehrere Male, Gesprche ber
Staatsangelegenheiten zu fhren.[87] Noch jetzt lebende Personen wissen
sich zu erinnern, da jene ernsten ltesten, welche die Sitten einer
vergangenen Generation festgehalten hatten, solche weltliche Reden
systematisch zu verhindern suchten.[88] Natrlich mute Jakob einen
groen Unterschied machen zwischen diesen friedlichen Leuten und jenen
aufgeregten, eifrigen Sekten, welche den Kampf gegen Tyrannei fr eine
Christenpflicht hielten, in Deutschland, Frankreich und Holland, gegen
legitime Frsten die Waffen ergriffen und vier Generationen hindurch dem
Hause Stuart feindlich gegenber gestanden hatten. Hierzu kam die
Mglichkeit, den Katholiken und den Qukern eine bedeutende
Erleichterung zu gewhren, ohne die Bedrckung der puritanischen Sekten
zu mildern. Ein damaliges Gesetz belegte Jedermann mit Strafen, welcher
auf Verlangen die Ablegung des Supremateides verweigerte. Dieses Gesetz
konnte die Presbyterianer, Independenten oder Baptisten nicht berhren,
denn diese zeigten sich smmtlich willig, Gott zum Zeugen aufzurufen,
da sie aller geistlichen Verbindung mit auswrtigen Prlaten und
Potentaten sich enthielten; aber der rmische Katholik wollte keinen Eid
schwren, da der Papst in England keine Gerichtsbarkeit habe, und der
Quker leistete berhaupt keinen Eid. Andrerseits wurden weder
Katholiken noch Quker von der Fnfmeilen-Acte getroffen, welche unter
allen Gesetzen des Gesetzbuchs wohl das drckendste fr die
puritanischen Nonconformisten war.[89]

    [Anmerkung 85: Brief an Knig Karl II., der sich vor Barclay's
    Apologie befindet.]

    [Anmerkung 86: +Sewel's History of the Quakers, book X.+]

    [Anmerkung 87: +Minutes of Yearly Meetings, 1689, 1690.+]

    [Anmerkung 88: +Clarkson on Quakerism+; +Peculiar Customs, chapter
    V.+]

    [Anmerkung 89: Als ich diese Stelle geschrieben hatte, fand ich in
    dem britischen Museum ein Manuscript (+Harl. Ms. 7506+) betitelt:
    +An account of the Seizures, Sequestrations, great Spoil and
    Havock made upon the Estates of the several Protestant Dissenters
    called Quakers, upon Prosecution of old Statutes made against
    Papist and Popish Recusants.+ Dieses Manuscript ist als frheres
    Eigenthum Jakob's bezeichnet und scheint von seinem vertrauten
    Diener, Oberst Graham, dem Lord Oxford eingehndigt worden zu
    sein. Dieser Umstand bestrkt mich in der Meinung, die ich von dem
    Verfahren des Knigs gegen die Quker gefat habe.]


[_Wilhelm Penn._] Die Quker hatten einen mchtigen und eifrigen
Frsprecher am Hofe. Obgleich sie als Gesellschaft betrachtet mit der
Welt wenig in Berhrung kamen, und die Staatsangelegenheiten als eine
Sache vermieden, die ihre geistlichen Interessen gefhrdete, so lebte
doch einer der Ihrigen, der sich von den Anderen durch Stellung und
Reichthum bedeutend unterschied, in den hchsten Kreisen, und fand bei
dem Knig stets bereitwilliges Gehr. Es war dies der gepriesene Wilhelm
Penn. Sein Vater hatte eine hohe Befehlshaberstelle bei der Flotte
bekleidet, war Commissar der Admiralitt und Parlamentsmitglied gewesen
und hatte, nachdem er die Ehre des Ritterschlags empfangen, Aussicht auf
eine Peerschaft erlangt. Dem Sohne war eine liberale Erziehung zu Theil
geworden, er sollte in Kriegsdienste treten, als er, noch sehr jung,
seine Aussichten dadurch trbte und seinen Angehrigen dadurch Kummer
verursachte, da er sich denen anschlo, die man zu jener Zeit allgemein
fr eine Rotte unsinniger Ketzer hielt. Man hatte ihn bald in den Tower,
bald in Newgate eingesperrt, und ihm bei der Old Bailey den Proze
gemacht, weil er gegen den Willen des Gesetzes Predigten gehalten.
Nochmals schlo er jedoch mit seiner Familie Vershnung, und hatte so
mchtigen Schutz zu erlangen gewut, da whrend alle Gefngnisse
Englands mit seinen Brdern angefllt waren, er es viele Jahre hindurch
wagen durfte, seine Meinungen ohne Belstigung auszusprechen. Gegen das
Ende der vorigen Regierung hatte man ihn zur Tilgung einer alten Schuld,
welche er von der Krone zu fordern hatte, mit ungeheuren Lnderstrecken
in Nordamerika beliehen, und er forderte seine verfolgten Freunde auf,
sich in dieser, blos von indianischen Jgern bewohnten Gegend
niederzulassen. Als Jakob zur Regierung gelangte, war die Colonie noch
im Entstehen.

Jakob und Penn hatten schon seit langer Zeit eine vertraute
Bekanntschaft unterhalten. Der Quker wurde jetzt ein Hofmann und
beinahe ein Gnstling. Er wurde tglich aus dem Vorzimmer in das Kabinet
gerufen und hatte hufig lange Audienzen, whrend Peers im Vorzimmer
warten muten, und man behauptete, da er mehr wirkliche Gewalt zu
ntzen und zu schaden habe, als viele mit hohen mtern beliehene
Edelleute. Bald sah er sich von Schmeichlern und Bittstellern umgeben,
und in seinem Hause zu Kensington fanden sich, wenn er Morgens das Bett
verlie, oft mehr als zweihundert Menschen ein, welche ihm ein Anliegen
vorzutragen hatten. Jedoch kam ihm dieses scheinbare Glck theuer zu
stehen, seine eigene Sekte behandelte ihn mit Klte, und lohnte seine
Dienste mit Vorwrfen. Man beschuldigte ihn laut, Papist und Jesuit zu
sein, Einige behaupteten, er sei zu St. Omer erzogen, Andere er habe in
Rom die Ordination empfangen. Obgleich nun diese Verleumdungen nur bei
dem kurzsichtigen Haufen Glauben fanden, so waren dieselben doch mit
besser begrndeten Beschuldigungen verbunden.[90]

Die volle Wahrheit ber Penn auszusprechen ist ein Unternehmen, welches
einigen Muth erfordert, indem er mehr eine mythische als eine
historische Person ist. Eiferschtige Nationen und feindliche Sekten
haben sich zu seiner Heiligsprechung geeinigt, England nennt mit Stolz
seinen Namen, eine mchtige Republik jenseit des atlantischen Ozeans
empfindet fr ihn eine hnliche Ehrfurcht, wie sie die Athenienser fr
Theseus und die Rmer fr Quirinus fllten. Die ehrenwerthe
Gesellschaft, der er angehrte, erblickt in ihm einen Apostel, und
fromme Mnner andren Glaubens haben ihn in der Regel als ein Muster
christlicher Tugenden aufgestellt. Dagegen ist sein Lob auch von
Verehrern ganz anderer Art ausgesprochen worden. Die franzsischen
Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts verziehen ihm das, was sie
seine aberglubischen Einbildungen nannten, in Betracht seiner
Verachtung der Priester und seines menschenfreundlichen Wohlwollens, das
sich ohne Unterschied ber alle Stmme und Glaubensformen erstreckte.
Deshalb ist sein Name in allen civilisirten Lndern von gleicher
Bedeutung mit Redlichkeit und Menschenliebe.

Dieser hohe Ruf ist nicht ganz unverdient. Penn war ohne Zweifel ein
Mann von groen Tugenden. Er hatte ein starkes Gefhl fr religise
Pflicht und einen heien Trieb, das Glck der Menschen zu frdern. ber
einige Punkte von hoher Bedeutung besa er richtigere Ansichten, als zu
damaliger Zeit selbst Mnner von unbefangenem Geiste sie hegten, und als
Besitzer und Gesetzgeber einer Provinz, welche anfnglich fast unbewohnt
war und ein weites Feld fr moralische Versuche darbot, hatte er das
seltene und vorzgliche Glck, seine Theorien ohne Rcksicht auf bereits
bestehende Einrichtungen in Ausfhrung bringen zu knnen. Er wird stets
als der Grnder einer Colonie, der das bergewicht, welches die
Civilisation gewhrt, bei seinem Verkehr mit einem wilden Volke, niemals
mibrauchte, sowie als Gesetzgeber, der in einem Zeitalter der
Verfolgung religise Freiheit zum Grundstein der Staatsverfassung
machte, in hohen Ehren bleiben; seine Werke jedoch, wie auch sein Leben
beweisen hinreichend, da er kein Mann von groem Geiste war. Er hatte
kein Geschick dazu, die Charactere zu erforschen, und sein Vertrauen zu
Leuten, die nicht so tugendhaft waren als er selbst, veranlate manchen
Irrthum und hufiges Migeschick. Sein Enthusiasmus fr einen groen
Grundsatz lie ihn oftmals anderen groen Grundstzen zu nahe treten,
gegen die er hatte tiefe Ehrfurcht zeigen sollen, auch hielt seine
Rechtlichkeit nicht immer den Versuchungen Stand, denen er in jener
glnzenden, feingebildeten, aber vllig sittenlosen Gesellschaft, in der
er sich bewegte, ausgesetzt war. Intriguen der Galanterie und des
Ehrgeizes erhielten den Hof in bestndiger Ghrung, der Handel mit
Ehren, mtern und Begnadigungen wurde ohne Unterbrechung getrieben, es
war also natrlich, da man einen Mann, der tglich im Palaste war und
von dem man wute, da er tglich Zutritt zum Knig hatte, hufig anlag,
seinen Einflu fr Zwecke geltend zu machen, die eine strenge Moral
verwerfen mute. Die Biederkeit Penn's hatte der Verleumdung und
Verfolgung widerstanden, aber jetzt, angegriffen durch das Lcheln des
Knigs, den Zauber weiblicher Liebenswrdigkeit, gewinnender
berredungskunst und feiner Schmeichelei gewandter Diplomaten und
Hofleute fing seine Festigkeit an zu wanken. Titel und Redensarten,
welche er oft gemibilligt hatte, flossen jetzt bei Gelegenheit von
seinen Lippen und aus seiner Feder. Es wre gut, wenn man ihm nichts
bleres vorwerfen knnte, als da er sich den Gebruchen der Welt fgte,
aber leider ist nicht in Abrede zu stellen, da er bei einigen
Verhandlungen sehr stark betheiligt war, welche nicht nur von der
strengen Moral der Gesellschaft, der er angehrte, sondern berhaupt von
dem Rechtlichkeitsgefhl aller unverdorbenen Menschen mit Abscheu
betrachtet wurden. Er versicherte spterhin feierlich, da er sich nie
durch unerlaubten Gewinn bereichert, und nie Belohnung von Denjenigen
angenommen habe, welche ihm verpflichtet waren, obgleich whrend der
Zeit seines Einflusses am Hofe es ihm leicht gewesen sein wrde, sich
auf diese Weise hundertzwanzigtausend Pfund zu verschaffen.[91] Diese
Bereicherung ist nicht in Zweifel zu ziehen, aber Bestechungen lassen
sich sowohl der Habgier wie der Eitelkeit anbieten, und es kann nicht
geleugnet werden, da Penn bestimmt wurde, sich bei einigen
unverantwortlichen Verhandlungen zu betheiligen, von denen Andere den
Gewinn zogen.

    [Anmerkung 90: Die Besuche Penn's zu Whitehall und seine Levers zu
    Kensington beschreibt -- wenn auch in schlechtem Latein -- Gerhard
    Croese mit groer Lebendigkeit. Er sagt: +Sumebat rex saepe
    secretum, non horarium, vero horarum plurium, in quo de variis
    rebus cum Penno serio sermonem conferebat, et interim differebat
    audire praecipuorum nobilium ordinem, qui hoc interim Spatio in
    procoetone, in proximo, regem conventum praesto erant.+ ber den
    Zudrang der Bittsteller nach Penn's Hause sagt Croese: +Vidi
    quandoque de hoc genere hominum non minus bis centum. Historia
    Quakeriana, lib. II. 1695.+]

    [Anmerkung 91: Zwanzigtausend in meinen Beutel und hunderttausend
    in meine Provinz. Penn's Brief an Popple.]


[_Besondere Bevorzugung der Katholiken und Quker._] Der erste Gebrauch,
den er von seinem Einflusse machte, war sehr lobenswerth. Er schilderte
dem neuen Knig die Leiden der Quker, und dieser erkannte mit
Vergngen, da man diesen friedlichen Sektirern und den rmischen
Katholiken Nachsicht gewhren knne, ohne dieselbe den brigen Parteien,
welche damals noch der Verfolgung ausgesetzt waren, zu Theil werden zu
lassen. Es wurde ein Verzeichni der Personen angefertigt, welche
deshalb in Anklagezustand versetzt worden, weil sie die Eide verweigert,
oder die Kirche nicht besucht, ber deren Loyalitt aber die Regierung
gltige Zeugnisse empfangen hatte. Diese Leute wurden in Freiheit
gesetzt, und befohlen, da kein hnliches Verfahren eingeleitet werden
solle, bevor der Knig dazu Belieben tragen wrde. Auf diese Art
erlangten etwa fnfzehnhundert Quker und eine noch grere Anzahl
Katholiken ihre Freiheit.[92]

Jetzt war die Zeit herangerckt, wo das englische Parlament
zusammentreten mute. Die Mitglieder des Hauses der Gemeinen, welche
nach der Hauptstadt gekommen waren, bildeten eine so groe Anzahl, da
man zweifelte, der Sitzungssaal in seiner damaligen Einrichtung wrde
gengenden Raum zu ihrer Aufnahme darbieten. Sie benutzten die der
Erffnung der Sitzung vorangehenden Tage zu Unterredungen ber die
ffentlichen Angelegenheiten unter sich und mit den Beauftragten der
Regierung. Eine groe Zusammenkunft der loyalen Partei fand in dem
Wirthshause zur Quelle am Strand statt, und Roger Lestrange, dem der
Knig krzlich den Ritterschlag ertheilt, und den die Stadt Winchester
ins Parlament gewhlt hatte, betheiligte sich bei der Leitung ihrer
Berathungen.[93]

Bald stellte es sich heraus, da ein groer Theil der Gemeinen Absichten
hegte, welche mit den Wnschen des Hofes nicht ganz im Einklange
standen. Die toryistischen Landedelleute verlangten fast einstimmig die
Aufrechterhaltung der Testacte und der Habeas-Corpus-Acte, und einige
von ihnen waren der Ansicht, man solle das Einkommen nur auf eine
bestimmte Reihe von Jahren gewhren. Sie zeigten jedoch die grte
Bereitwilligkeit, strenge Gesetze gegen die Whigs zu erlassen, und sie
wrden mit Vergngen gesehen haben, da man alle Diejenigen, welche die
Ausschlieungsbill untersttzten, fr unfhig erklrte, ein ffentliches
Amt zu versehen. Andrerseits wnschte der Knig vom Parlament ein
lebenslngliches Einkommen, die Zulassung der Katholiken zu mtern und
die Aufhebung der Habeas-Corpus-Acte zu erlangen. Auf diese drei Punkte
richtete sich seine Sehnsucht und er fhlte sich keineswegs geneigt, ein
Strafgesetz gegen die Ausschlieungsmnner als Ersatz anzunehmen. Im
Gegentheile, es wrde ihm ein derartiges Gesetz nicht angenehm gewesen
sein, indem eine Klasse der Ausschlieungsmnner bei ihm in hoher Gunst
stand, die Klasse, welche Sunderland reprsentirte, und die whrend der
Tage des Complots nur deshalb mit den Whigs gemeinschaftliche Sache
machte, weil diese die Herrschaft fhrten, mit dem Umschwunge des Glcks
aber ihre Gesinnungen wechselte. Jakob sah mit Recht in diesen Renegaten
die nutzbarsten Werkzeuge, welche zu seiner Verfgung standen. Von den
tapferen Kavalieren, welche in trber Zeit ihm treu zur Seite geblieben,
durfte er in seinem Glck keinen sklavischen, gewissenlosen Gehorsam
erwarten. Die Mnner aber, welche nicht von dem Gefhl fr Freiheit oder
Religion durchdrungen, sondern nur von selbstschtiger Gier und Furcht
getrieben, whrend seiner Machtlosigkeit zu seiner Unterdrckung
mitgewirkt hatten, waren die passenden Leute, um von derselben Gier und
Furcht geleitet, ihm jetzt, wo er Gewalt hatte, bei der Unterdrckung
des Volkes zur Hand zu gehen.[94] Obgleich rachschtig, machte er doch
in der Ausbung seiner Rache einen Unterschied. Es giebt kein einziges
Beispiel, wo er ein edelmthiges Mitleid fr Diejenigen an den Tag
gelegt htte, die ihm offenherzig und aus politischen Beweggrnden
entgegentraten; nicht selten aber verschonte und erhob er Andere, welche
aus niedrigen Ursachen ihn beleidigt hatten, denn die Schlechtigkeit,
welche sie zu brauchbaren Werkzeugen der Tyrannei stempelte, schtze er
hoch genug, da er selbst dann, wenn sie auf seine eigenen Kosten sich
geltend machte, Nachsicht eintreten lie.

Die Wnsche des Knigs wurden auf verschiedenen Wegen den toryistischen
Mitgliedern des Unterhauses bekannt gemacht. Die Mehrzahl lie sich
leicht bestimmen, jede Absicht auf ein Strafgesetz gegen die
Ausschlieungsmnner aufzugeben, und einzuwilligen, da Se. Majestt das
Einkommen auf die Dauer des Lebens erhielt. In Bezug auf die Testacte
und Habeas-Corpus-Acte konnten die Geschftstrger des Hofes keine
zufriedenstellende Zusicherung erhalten.[95]

    [Anmerkung 92: Diese Befehle, von Sunderland unterzeichnet, finden
    sich in Sewel's Geschichte. Sie datiren vom 18. April 1685 und
    sind in einem dunklen und verwickelten Style abgefat, doch glaube
    ich den Sinn richtig wiedergegeben zu haben. Es ist mir nicht
    gelungen, einen Beweis zu finden, da eine Person, welche nicht
    Quker oder Katholik gewesen, auf diese Befehle hin in Freiheit
    gesetzt worden wre. Man sehe: +Neal's History of the Puritans,
    vol. II. chap. II+; +Gerard Croese, lib. II.+ Croese schtzt die
    Zahl der freigelassenen Quker auf vierzehnhundertsechzig.]

    [Anmerkung 93: Barillon, 28. Mai (7. Juni) 1685. +Observator,
    May 27. 1685+; +Sir J. Reresby's Memoirs.+]

    [Anmerkung 94: Ludwig schrieb ber diese Klasse der
    Ausschlieungsmnner an Barillon: +L'intrt qu'ils auront 
    effacer cette tche par des services considrables les portera,
    selon toutes les apparences, le servir plus utilement que ne
    pourraient faire ceux qui ont toujours t les plus attachs  sa
    personne.+ 15.(25.) Mai 1685.]

    [Anmerkung 95: Barillon, 4.(14.) Mai 1685; +Sir John Reresby's
    Memoirs.+]


[_Zusammenkunft des englischen Parlaments._] Am 19. Mai wurde die
Sitzung erffnet. Die Bnke der Gemeinen gewhrten einen seltsamen
Anblick. Jene mchtige Partei, welche in den drei letzten Parlamenten
die Oberhand gehabt, war jetzt zu einer klglichen Minderzahl
zusammengeschmolzen und betrug in der That nicht viel mehr als den
fnfzehnten Theil des Hauses. Von den fnfhundertunddreizehn Rittern und
Brgern hatten hundertfnfunddreiig frher diesen Platz eingenommen.
Es ist klar, da eine Versammlung so unerfahrener Neulinge in einigen
wichtigen Beziehungen weit unter dem durchschnittlichen Werthe unserer
reprsentativen Corporationen stehen mute.[96]

Die Leitung des Hauses hatte Jakob zwei Peers des Knigreichs Schottland
bertragen. Der Eine, Carl Middleton, Earl von Middleton, hatte frher
ein hohes Amt in Edinburg bekleidet, war aber kurz vor dem Tode des
vorigen Knigs im englischen Geheimen Rath vereidigt und zum
Staatssekretr ernannt worden; der Andre war Richard Graham, Viscount
Preston, welcher lange Zeit den Gesandtschaftsposten in Versailles
innegehabt hatte.

    [Anmerkung 96: +Burnet, I. 626+; +Evelyn's Diary, May 22. 1685.+]


[_Trevor zum Sprecher gewhlt._] Das erste Geschft der Gemeinen bestand
in der Wahl eines Sprechers. Wer es werden sollte, war eine im Kabinet
schon vielfach verhandelte Frage. Guildford hatte Sir Thomas Meres
vorgeschlagen, der, wie er selbst, zu den Trimmern gehrte. Jeffreys,
der jede Veranlassung benutzte, dem Lord Siegelbewahrer
entgegenzutreten, untersttzte mit allen Krften Sir Johann Trevor.
Trevor hatte eine Erziehung, halb als Rabulist, halb als Spieler
erhalten, und Gesinnungen und Grundstze in das politische Leben mit
hinbergenommen, welche dieses doppelten Berufes wrdig waren. Dabei war
er ein Schmarotzer des Oberrichters geworden, und verstand es,
gelegentlich den Strafredenstyl seines Gnners mit ziemlichem Glck
nachzuahmen. Jeffreys' Gnstling wurde natrlich von Jakob bevorzugt,
von Middleton in Vorschlag gebracht und ohne Widerspruch gewhlt.[97]

    [Anmerkung 97: +Roger North's Life of Guildford, 218+; +Bramston's
    Memoirs.+]


[_Seymour's Character._] So weit ging Alles gut, aber ein Widersacher
von bedeutendem Muthe wartete seine Zeit ab. Es war dies Eduard Seymour
von Berry Pomeroy Castle, Mitglied fr die Stadt Exeter. Durch seine
Abkunft stand Seymour mit dem vornehmsten Adel Europa's auf gleicher
Stufe. Er war der directe mnnliche Leibeserbe jenes Herzogs von
Somerset, Schwagers Heinrich's VIII. und Protectors des englischen
Reiches. Nach der ursprnglichen Bestimmung der herzoglichen Familie
Somerset war der jngere Sohn des Protectors dem lteren vorgezogen
worden, vom jngeren stammten die Herzge von Somerset, vom lteren die
Familie ab, welche zu Berry Pomeroy wohnte. Seymour besa ein sehr
groes Vermgen und bedeutenden Einflu im Westen Englands, auch war die
Bedeutung, welche ihm Geburt und Reichthum verliehen, nicht die einzige,
denn sowohl in der Debatte, wie in den Staatsgeschften gehrte er zu
den vorzglichsten Mnnern im Lande. In den vielen Jahren, welche er im
Hause der Gemeinen zugebracht, hatte er eine genaue Kenntni aller
Regeln und Herkmmlichkeiten desselben erlangt, und kannte alle
Eigenthmlichkeiten desselben von Grund aus. Whrend der vorigen
Regierung hatte man ihn unter Umstnden, welche diese Bevorzugung
besonders ehrenvoll erscheinen lieen, zum Sprecher erwhlt, indem
mehrere Menschenalter hindurch nur Rechtsgelehrte auf den
Prsidentenstuhl berufen worden waren, und er als der erste
Landedelmann, dessen Kenntnisse und Geschick ihn dazu befhigten, diesem
alten Herkommen ein Ende machte. Er hatte spter hohe Staatsmter
bekleidet und einen Sitz im Kabinet inne gehabt, aber sein stolzes und
unfgsames Wesen erweckte ihm soviel Widersacher, da er sich
zurckziehen mute. Als Tory und Hochkirchenmann, welcher zugleich der
Ausschlieungsbill sich krftig widersetzt, konnte er sich deshalb mit
aller Sicherheit in dem Hause eine Sprache erlauben, fr welche jede im
Verdacht des Republikanismus stehende Person in den Tower geworfen
worden wre. Lange Zeit war er der Fhrer einer starken
parlamentarischen Verbindung gewesen, welche die Westliche Allianz
genannt wurde und viele Gentlemen aus Devonshire, Somersetshire und
Cornwall in sich fate.[98]

In jedem Hause der Gemeinen wird ein Mann, der neben Rednergabe,
Kenntnissen, Geschicklichkeit und Reichthum auch noch von vornehmer
Abkunft ist, ein hohes Ansehen genieen; aber in einem Hause der
Gemeinen, von welchem die vorzglichsten Redner und parlamentarischen
Tactiker jener Zeit ausgeschlossen und das mit Mnnern angefllt war,
die niemals eine Debatte angehrt hatten, mute der Einflu eines
solchen Mannes furchtbarer Art sein. Sittlichen Werth besa Eduard
Seymour allerdings nicht, er war liederlich, ruchlos, verdorben, zu
stolz, die gewhnliche Hflichkeit zu zeigen, und doch nicht zu stolz,
um unredlichen Gewinn zu verschmhen; dabei aber ein ntzlicher
Bundesgenosse und gefhrlicher Widersacher, so da ihm oft Diejenigen am
meisten schmeichelten, welche die grndlichste Abneigung gegen ihn
fhlten.[99]

Er befand sich jetzt in gereizter Stimmung gegen den Hof. Durch die neue
Organisirung der westlichen Burgflecken hatte sein Einflu an einigen
Orten gelitten, durch die Erhebung Trevor's auf den Stuhl des
Prsidenten hatte man seinen Stolz verletzt, und er ergriff bald eine
Gelegenheit zur Rache.

    [Anmerkung 98: +North's Life of Guildford 228+; +News from
    Westminster.+]

    [Anmerkung 99: +Burnet, I. 382+; +Rawdon Papers+; Lord Conway an
    Sir Georg Rawdon vom 28. Dec. 1677.]


[_Rede des Knigs an das Parlament._] Am 22. Mai wurden die Gemeinen vor
die Schranken des Oberhauses geladen, und der Knig, auf seinem Throne
sitzend, hielt an beide Huser eine Rede. Er erklrte seinen Entschlu,
die bestehende Verfassung in Staat und Kirche aufrecht zu erhalten, aber
er beeintrchtigte den Eindruck dieser Erklrung, indem er eine
besondere Ermahnung an die Gemeinen erlie. Er hege die Besorgni,
uerte er, da sie geneigt wren, ihm das Geld in Zwischenrumen
zuzutheilen, um ihn dadurch zu hufigerer Einberufung zu veranlassen;
aber er msse ihnen ein fr alle Mal erklren, da er sich in dieser Art
nicht behandeln lassen wrde, und da sie nur bei einem angemessenen
Betragen hoffen drften, hufiger einberufen zu werden. Da es offenbar
unmglich war, da die Regierung ohne die nothwendigen Geldmittel
fortgefhrt werden konnte, so besagten diese Worte ganz einfach, da,
wenn sie ihm weniger bewilligten, als sich mit seinen Wnschen
vereinigen lie, er sich das Fehlende nehmen wrde. Merkwrdigerweise
wurde diese Rede von den Gentlemen der Torypartei mit lauten
Acclamationen begrt, doch waren solche Zurufe damals nicht
ungewhnlich. Seit langen Jahren hat jetzt das Parlament die ernste und
wrdige Sitte angenommen, alle uerungen, angenehme wie unangenehme,
die vom Throne ausgehen, in ehrfurchtsvollem Schweigen anzuhren.[100]

Es herrschte damals der Gebrauch, da, nachdem der Knig in gedrngter
Krze seine Grnde fr die Zusammenberufung des Parlaments angegeben
hatte, der Minister, dem das groe Siegel anvertraut war, dem Hause den
Stand der Staatsangelegenheiten ausfhrlicher auseinandersetzte.
Guildford hatte, wie seine Vorgnger, Clarendon, Shaftesbury, Bridgeman
und Nottingham zu thun pflegten, eine ausgearbeitete Rede in
Bereitschaft, erfuhr jedoch zu seiner groen Demthigung, da man seiner
Dienste nicht bedurfte.

    [Anmerkung 100: +London Gazette, May 25. 1685+; +Evelyn' Diary,
    May 22. 1685.+]


[_Debatte bei den Gemeinen. -- Rede Seymour's._] Nachdem die Gemeinen in
ihr Sitzungslokal zurckgekehrt waren, wurde der Vorschlag gemacht, fr
die Feststellung des kniglichen Einkommens einen Ausschu zu ernennen.
Jetzt erhob sich Seymour. Die Bilder, welche noch von ihm existiren,
geben uns eine Vorstellung, wie er dastand, er, das Haupt eines
ausschweifenden stolzen Adels, mit den knstlichen Locken, die in
modischer Flle ber seine Schultern wallten, und den Ausdruck von
ppigkeit und Verachtung in den Augen und auf den Lippen. Er wnsche
nicht, sagte der stolze Kavalier, da das Parlament der Krone die Mittel
zur Fhrung der Regierung verweigere, aber wre denn wirklich ein
Parlament vorhanden? Befnden sich nicht hier auf diesen Sitzen eine
ziemliche Anzahl von Mnnern, die, wie allgemein bekannt, nicht
berechtigt wren, auf diesen Bnken einen Platz einzunehmen, viele
Mnner, deren Wahl durch Bestechung befleckt. Viele, welche man durch
Einschchterung den widerstrebenden Whlern aufgedrungen, und Viele,
deren Wahl von Corporationen vollzogen worden sei, die das Gesetz als
bestehend nicht anerkenne? Hatte man nicht Wahlkrper trotz kniglicher
Freibriefe und uralter Verjhrung neugestaltet? und wren nicht berall
Wahlbeamte die rcksichtslosen Geschftstrger des Hofes gewesen? Da er
erkenne, da die Grundlage der Volksvertretung so systematisch
angegriffen werde, knne er sich nicht entschlieen, die ihn umgebende
Menge von Gentlemen mit dem ehrenwerthen Namen eines Hauses der Gemeinen
zu bezeichnen, und doch wre es niemals nthiger gewesen, als jetzt, wo
das ffentliche Wohl es erheischt htte, da das Parlament Wrde und
Ansehen in sich vereinige. Die kirchliche und brgerliche Verfassung des
Landes sei von groen Gefahren bedroht, es sei allgemein bekannt und
bedrfe keines Beweises, da man die Testacte, den Schild der Religion,
und die Habeas-Corpus-Acte, den Schild der brgerlichen Freiheit, der
Vernichtung anheim geben wolle. Ehe wir zur Verhandlung ber Fragen von
so bedeutender Wichtigkeit bergehen, wollen wir uns wenigstens
Gewiheit verschaffen, ob wir in der That eine gesetzgebende Versammlung
sind. Beginnen wir daher mit der Untersuchung, in welcher Art und Weise
die Wahlen stattgefunden haben, und lat uns aufmerksam sein, da diese
Prfung vllig unparteiisch bleibe. Denn wenn das Volk zu der
berzeugung gelangt, da keine Abhlfe auf friedlichem Wege erreicht
werden kann, dann drfte vielleicht bald an uns die Gerechtigkeit
vollstreckt werden, welche gegen Andere auszuben wir Bedenken tragen.
Er schlo mit dem Antrage, da noch vor jeder Geldbewilligung das Haus
Petitionen gegen die Wahlen in Erwgung ziehen, und da kein Mitglied,
dessen Wahl angefochten werde, stimmfhig sein solle.

Aber kein Zuruf ertnte, nicht ein Mitglied hatte die Khnheit, den
Antrag zu untersttzen. Seymour hatte in der That viel gesagt, was kein
Andrer ungestraft htte sagen drfen. Der Antrag fiel durch und wurde
nicht einmal in das Protokoll aufgenommen, machte aber einen
auerordentlichen Eindruck. Barillon schrieb seinem Monarchen, da
Viele, die es nicht gewagt, diese merkwrdige Rede zu untersttzen, sie
vollkommen gebilligt htten, da sie das Tagesgesprch in London bilde
und da der Eindruck, die sie auf die ffentliche Meinung ausgebt, ein
bleibender sein werde.[101]

    [Anmerkung 101: +Burnet, I. 639+; +Evelyn's Diary, May 22. 1685+;
    Barillon, 23. Mai (2. Juni) und 25. Mai (4. Juni) 1685. Das
    Schweigen des Protokolls fiel Mr. Fox auf, es erklrt sich jedoch
    dadurch, da Seymour keine Untersttzung fand.]


[_Bewilligung des Einkommens._] Die Gemeinen bildeten unverzglich einen
Ausschu und bewilligten dem Knig auf die Dauer seines Lebens das ganze
Einkommen, welches sein Bruder genossen hatte.[102]

    [Anmerkung 102: +Journals, May 22. Stat. Jac. II. I, 1.+]


[_Verhandlungen der Gemeinen hinsichtlich der Religion._] Die eifrigen
Hochkirchenmnner, aus denen die Majoritt des Hauses bestand, scheinen
die Ansicht gehabt zu haben, da die Schnelligkeit, mit der sie dem
Wunsche Jakob's hinsichtlich seines Einkommens nachkamen, ihnen
Berechtigung auf einige Zugestndnisse auch von seiner Seite gebe. Sie
sagten, es sei viel zu seiner Zufriedenstellung gethan worden, man msse
nun auch etwas thun, um die Nation zu befriedigen. Das Haus verwandelte
sich daher in einen Ausschu fr Religionsangelegenheiten, um die besten
Mittel zur Sicherheit der Kirchenverfassung in Erwgung zu ziehen. In
diesem Ausschusse wurden einstimmig zwei Beschlsse angenommen: der eine
sprach feurige Anhnglichkeit an die Kirche von England aus, der andre
forderte den Knig auf, die Strafgesetze gegen alle Personen, welche
nicht zu dieser Kirche gehrten, in Anwendung zu bringen.[103]

Die Whigs wrden es gewi am liebsten gesehen haben, wenn man die
protestantischen Dissenters duldete und nur die Katholiken der
Verfolgung aussetzte, aber die Whigs bildeten jetzt eine kleine,
entmuthigte Minderheit. Sie machten sich daher so wenig als mglich
bemerkbar, gaben ihren Parteinamen auf, hteten sich, ihre besonderen
Ansichten einem feindseligen Zuhrerkreise aufzudrngen, und bemhten
sich, jeden Vorschlag zu untersttzen, der die Eintracht, welche bisher
noch zwischen dem Parlamente und dem Hofe bestand, zu stren geeignet
war.

Als der Knig die Verhandlungen des Religionsausschusses in Whitehall
erfuhr, gerieth er in heftigen Zorn, auch ist er mit Recht nicht zu
tadeln, da ihn das Verhalten der Tories beleidigte. Hatten sie die
Absicht, an der strengen Ausfhrung der Strafgesetze festzuhalten, so
muten sie unbedingt die Ausschlieungsbill untersttzen, denn einen
Katholiken auf den Thron erheben und dann verlangen, da er die Lehrer
des Glaubens, in welchem nach seiner Ansicht einzig das Heil der Seele
zu erstreben sei, auf den Tod verfolgen solle, wre ein offenbarer
Unsinn gewesen. Milderte der Knig durch eine weniger strenge Verwaltung
die Hrte der blutigen Gesetze Elisabeth's, so trat er keinem
verfassungsmigen Grundsatze zu nahe, sondern bediente sich nur einer
Gewalt, welche stets der Krone zugestanden war; ja er that nichts
weiter, als was spterhin eine Reihe von Souverainen, welche mit groem
Eifer den Lehren der Reformation huldigten, wie Wilhelm, Anna und die
Frsten des Hauses Braunschweig, gethan haben. Htte er gestattet, da
katholische Geistliche, deren Leben er ohne Verletzung der Gesetze
retten konnte, gehngt, geschleift und geviertheilt wurden, weil ihre
Handlungen ihren geistlichen Pflichten entsprachen, so wrden selbst
Diejenigen ihn mit Ha und Abscheu betrachtet haben, deren Vorurtheilen
er dieses verwerfliche Zugestndni machte, und htte es ihm gengt,
den Mitgliedern seiner eigenen Kirche eine ausgedehnte Duldung zu Theil
werden zu lassen, so wrde die Nachwelt ihn deshalb einstimmig gepriesen
haben.

Die Gemeinen erkannten vermuthlich bei ruhigerem Nachdenken ber die
Sache, da sie sich eine widersinnige Handlungsweise hatten zu Schulden
kommen lassen, und es erregte ihre Besorgni, als sie hrten, da der
Knig, dem sie eine aberglubische Verehrung zollten, sehr erbittert
sei. Sie lieen es sich daher angelegen sein, ihre Fehler wieder gut zu
machen, verwarfen im Hause einstimmig den Antrag, den sie im Ausschu
einstimmig angenommen hatten, und faten einen Beschlu des Inhalts,
da sie sich mit vollstndigem Vertrauen auf Sr. Majestt Versprechen
verlieen, die Religion in Schutz zu nehmen, welche ihnen theurer sei
als selbst das Leben.[104]

    [Anmerkung 103: +Journals, May 26, 27. Sir J. Reresby's Memoirs.+]

    [Anmerkung 104: +Commons' Journals, May 27. 1685.+]


[_Bewilligung nachtrglicher Steuern._] Drei Tage nachher zeigte der
Knig dem Hause an, da sein Bruder einige Schulden hinterlassen habe
und die Vorrthe der Flotte und der Artillerie ziemlich erschpft seien.
Es wurde sofort der Entschlu gefat, neue Steuern aufzulegen. Die
Person, welcher der Auftrag wurde, Mittel und Wege ausfindig zu machen,
war Sir Dudley North, jngerer Bruder des Lord Siegelbewahrers.


[_Sir Dudley North._] Dudley North war einer der befhigtsten Mnner
seiner Zeit. In seiner Jugend hatte man ihn nach der Levante gesandt, wo
er sich lange mit kaufmnnischen Unternehmungen beschftigt hatte. Die
meisten Menschen wrden in dieser Lage ihre Fhigkeiten haben einrosten
lassen, da es in Smyrna und Konstantinopel an Bchern und gebildetem
Umgange fehlte, aber der jugendliche Geschftsfhrer besa einen starken
Geist, der von ueren Hlfsmitteln unabhngig war. In seiner Einsamkeit
gab er sich tiefem Nachsinnen ber die Philosophie des Handels hin und
schuf sich nach und nach eine Theorie, im Allgemeinen derjenigen gleich,
welche hundert Jahre spter Adam Smith entwickelte. Nach vieljhriger
Abwesenheit von der Heimath kehrte Dudley North mit groen Reichthmern
nach England zurck und grndete in der City von London ein
Handelsgeschft nach der Trkei. Seine ausgedehnte theoretische wie
praktische Kenntni des Handels und die klare, lebhafte
Auseinandersetzung seiner Ansichten lenkte bald die Aufmerksamkeit der
Staatsmnner auf seine Person. Die Regierung entdeckte in ihm einen
erleuchteten Rathgeber und gewissenlosen Diener, denn neben seinen
auerordentlichen geistigen Vorzgen besa er weder Character noch ein
fhlendes Herz. Als die toryistische Reaction in vollem Gange war, lie
er sich zum Sheriff ernennen, lediglich zu dem Zwecke, dem Hofe bei
seiner Rache behlflich zu sein. Seine Geschwornen verabsumten niemals
das Schuldig auszusprechen, und an dem Tage einer gerichtlichen
Metzelei wurden zum Entsetzen seiner Gemahlin Karren, auf welchen die
Glieder geviertheilter Whigs lagen, vor seinen Palast in Basinghall
Street zu weiterer Bestimmung aufgefahren. Der Lohn fr seine Dienste
bestand in der Ehre des Ritterschlags, einem Aldermans-Mantel und dem
Amte eines Zollcommissars. Er war als Abgeordneter fr Banbury ins
Parlament getreten, und obgleich ein neues Mitglied, hatte doch auf ihn
der Lord Schatzmeister rcksichtlich der Leitung der Finanzgeschfte im
Unterhause hauptschlich sein Vertrauen gesetzt.[105]

Obgleich die Gemeinen den einmthigen Entschlu gefat hatten, der Krone
weitere Geldmittel zu bewilligen, so waren sie doch noch durchaus nicht
ber die Quellen einig, aus denen dieselben geschpft werden sollten.
Man beschlo alsbald, da ein Theil des nthigen Geldes durch eine
Erhhung des Zolles auf Wein und Essig, auf acht Jahre hinaus,
aufgebracht wrde; das war aber nicht ausreichend. Verschiedene
unsinnige Vorschlge wurden gemacht. Viele Landedelleute empfahlen, eine
bedeutende Steuer auf alle Neubauten der Hauptstadt zu legen. Hierdurch
hoffte man der Vergrerung einer Stadt hemmend entgegenzutreten, deren
Wachsthum schon seit lngerer Zeit von der lndlichen Aristokratie mit
Eifersucht und Abneigung betrachtet wurde. Dudley North's Plan ging
dahin, da man Zusatzzlle auf Zucker und Tabak acht Jahre hindurch
legen solle; darber entstand aber ein groes Geschrei. Verkufer von
Colonialwaaren, Zuckerbcker und Tabakshndler richteten Bittgesuche an
das Haus und belagerten die Behrden. Die Bewohner Bristol's, welche mit
Jamaika und Virginien in ausgedehnten Handelsverbindungen standen,
sandten eine Deputation, welche an den Schranken der Gemeinen gehrt
wurde. Rochester war einen Augenblick betroffen, aber North's rascher
Verstand und vollkommene Handelskenntni beseitigten, im Schatzamt wie
im Parlament, jeden Widerspruch. Die alten Mitglieder sahen mit
Verwunderung, wie ein Mann, der kaum vierzehn Tage im Hause sa und sein
Leben grtentheils in fernen Lndern zugebracht, alle Verrichtungen
eines Kanzlers der Schatzkammer mit grter Zuversicht und
Geschicklichkeit bernahm und befolgte.[106]

Sein Plan ging durch und die Krone kam in Besitz eines aus
England allein hervorgehenden Einkommens von einer Million und
neunhunderttausend Pfund. Ein solches Einkommen gengte damals
vollkommen zur Bestreitung der Regierungskosten in Friedenszeit.[107]

    [Anmerkung 105: +Roger North's Life of Sir Dudley North+; +Life of
    Lord Guildford 166+; +M'Culloch's Literature of Political
    Economy.+]

    [Anmerkung 106: +Life of Dudley North, 176+; +Lonsdale's Memoirs+;
    Van Citters 12.(22.) Juni 1685.]

    [Anmerkung 107: +Commons' Journals, March 1, 1689.+]


[_Verhandlungen der Lords._] Whrend dem waren bei den Lords mehrere
wichtige Fragen zur Errterung gekommen. Die Torypartei war unter den
Peers stets stark vertreten gewesen, zu ihr gehrte die Bank der
Bischfe, und in den letzten vier Jahren nach der vorigen Auflsung
hatte sie durch einige neue Ernennungen bedeutende Verstrkung erlangt.
Von den neun Peers waren die hervorragendsten der Lord Schatzmeister
Rochester, der Lord Siegelbewahrer Guildford, der Lord Oberrichter
Jeffreys und Lord Churchill, der nach seiner Rckkehr von Versailles zum
englischen Baron ernannt worden war.

Die Peers zogen sehr bald die Sache von vier Mitgliedern ihrer
Krperschaft, welche unter der vorigen Regierung in Anklage versetzt,
niemals aber gerichtet und nach kurzer Haft von dem Gerichtshof der
Kings Bench gegen Brgschaft freigelassen worden waren, zur Verhandlung.
Drei dieser angeklagten Peers, welche auf Verlangen sich dem Gerichtshof
zu stellen hatten, waren katholischen Glaubens, der vierte ein
Protestant von groem Ansehen und Einflu, der Earl von Danby. Nach
seinem Falle und der Anklage der Gemeinen gegen ihn auf Hochverrath
waren vier Parlamente aufgelst, er aber weder freigesprochen, noch
verurtheilt worden. 1679 hatten die Lords mit Rcksicht auf seine Lage
in Erwgung gezogen, ob eine Anklage durch Auflsung des Parlaments
erlsche oder nicht, und nach langer Debatte und genauer Prfung der
Vorgnge entschieden, da die Anklage noch anhngig sei. Diese
Entscheidung wurde jetzt verworfen, obgleich mehrere whiggistische
Mitglieder einen erfolglosen Versuch machten, dagegen zu protestiren.
Die Gemeinen beruhigten sich ohne Widerspruch bei der Entscheidung des
Oberhauses, Danby nahm seinen Sitz unter den Peers ein und wurde ein
thtiges und einflureiches Mitglied der Torypartei.[108]

Die Verfassungsfrage, ber welche die Lords in dem kurzen Zeitraume von
sechs Jahren zweimal in entgegengesetztem Sinne entschieden hatten,
ruhte lnger als ein Jahrhundert und wurde zuletzt durch die
Parlamentsauflsung, welche whrend der Dauer des langen Prozesses von
Warren Hastings eintrat, wieder in Anregung gebracht. Es war damals
nthig, zu entscheiden, ob die 1679 aufgestellte oder die im Jahre 1685
geschaffene, ersterer entgegenlaufende Regel als Gesetz des Lande zu
betrachten sei. Es wurde in beiden Husern lange ber diesen Punkt
debattirt, wobei sich die vorzglichsten juristischen und
parlamentarischen Krfte, an denen jenes Zeitalter beraus reich war,
betheiligten. Die Juristen waren nicht ungleich getheilt. Thurlow,
Kenyon, Scott und Erskine stellten die Behauptung auf, da die Auflsung
die Anklage aufhebe; die entgegengesetzte Meinung vertheidigten
Mansfield, Camden, Loughborough und Grant. Unter denjenigen
Staatsmnnern aber, welche ihre Beweisgrnde nicht auf Vorgnge und
technische Analogien, sondern auf tiefe und klare verfassungsmige
Grundstze sttzten, bestand wenig Meinungsverschiedenheit. Pitt und
Grenville, sowie Burke und Fox waren der Ansicht, das die Anklage noch
immer gltig sei. Beide Huser verwarfen mit groer Majoritt die
Entscheidung von 1685 und erklrten die von 1679 fr bereinstimmend mit
den Gesetzen des Parlaments.

    [Anmerkung 108: +Lords' Journals, March 18. 19. 1679, May 22.
    1685.+]


[_Bill zur Aufhebung der Verurtheilung Stafford's._] Von den
Nationalverbrechen, welche whrend der Herrschaft des panischen
Schreckens, hervorgerufen durch die Lgen des Oates, begangen worden
waren, nahm der Justizmord Stafford's die erste Stelle ein. Alle
unparteiischen Mnner sahen jetzt in der Verurtheilung des unglcklichen
Edelmanns ein schweres Unrecht. Dem Hauptzeugen fr seine Schuld hatte
man eine Reihe der niedertrchtigsten Meineide nachgewiesen, und unter
solchen Verhltnissen war es die Pflicht der gesetzgebenden Versammlung,
dem Andenken eines schuldlos Hingeopferten Gerechtigkeit widerfahren zu
lassen, und einen unverdienten Flecken von einem Namen zu tilgen, der so
lange in den Jahrbchern unsres Vaterlandes geglnzt hat. Eine Bill auf
Umstoung der Verurtheilung Stafford's ging im Oberhause durch, trotz
des Murrens einiger Peers, denen es unangenehm war, zugestehen zu
mssen, da sie unschuldiges Blut vergieen halfen. Im Unterhause wurde
die Bill zweimal ohne Abstimmung verlesen und dann an den Ausschu
verwiesen, an dem Tage aber, welcher fr diesen Ausschu bestimmt war,
kam die Kunde, da im Westen Englands ein furchtbarer Aufstand
ausgebrochen sei. Hieraus entstand die Nothwendigkeit, viele wichtige
Geschfte zu verschieben. Die Genugthuung, welche man dem Andenken
Stafford's schuldig war, wurde, wie man glaubte, nur auf kurze Zeit
hinausgeschoben, aber die fehlerhafte Regierung Jakob's vernderte in
wenigen Monaten den Standpunkt der ffentlichen Stimmung vollkommen.
Mehrere Menschenalter hindurch waren die Katholiken nicht in der Lage,
Genugthuung fr erlittene Ungerechtigkeiten zu verlangen, und waren
vllig zufrieden, wenn man sie unbeschwert in Schweigen und Dunkelheit
leben lie. Endlich, unter der Regierung Georg's IV., mehr als
hundertvierzig Jahre nach dem Tage, wo Stafford's Blut den Boden von
Towerhill frbte, wurde die lang verschobene Shne gewhrt. Ein Gesetz,
welches die Verurtheilung fr nichtig erklrte und die schwergekrnkte
Familie in ihre alten Wrden einsetzte, wurde von den Ministern der
Krone dem Parlamente vorgelegt, von den Mnnern aller Parteien freudig
begrt und ohne eine widersprechende Stimme angenommen.[109]

Es ist jetzt nothwendig, da ich die Veranlassung und den Fortschritt
des Aufstandes verfolge, durch den die Berathung der Huser pltzlich
unterbrochen wurde.

    [Anmerkung 109: +Stat. V. Georg IV, Chap. 46.+]




  Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig.


       *       *       *       *       *
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Druckfehler und Unregelmssigkeiten

Rechtschreibungsformen wie funfzig : fnfzig, Urtel : Urtheil
und Partein : Parteien sind ungendert. Die Namen Evremond und
Evremont, Churchill und Churchhill sind ebenso ungendert (auch
wenn es um die selbe Person handelt). Weitere:

  Clerus : Klerus
  Collegium : Kollegium
  Pepys' : Pepys's, Citters' : Citters's _und hnliche_

Einige doppelte Punkte wie

  [_Churchhill als Gesandter nach Frankreich geschickt._].

sind leise korrigiert.

III. Kapitel

  [Anm. III.4] ... +Chalmers's Estimate+  [Chalmer's]
  Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts  [Jahrhunders]
  [Anm. III.19] ... the english Military Discipline  [_ungendert_]
  bei Jarnac und Moncontour  [Mancontour]
  nach denen Smollet im folgenden Jahrhundert  [_ungendert_]
  [_Zustand des Ackerbaues._]
    [_Titel fehlt: aus Inhaltsverzeichniss ergnzt_]
  Stafford sei nicht als ein Hirsch oder Hase  [Strafford]
  [Anm. III.52] ... Satire adressed to a Friend  [_ungendert_]
  [Anm. III.63] ... die Rede Jeffreys'  [Jeffrey's]
  [Anm. III.65] ... sehe man +Farquhar's Recruiting Officer+.
    Farquhar's Schilderung ...  [_beide_ Farguhar]
  [Anm. III.71] Atkyns' Gloucestershire  [Atkyn's]
  [Anm. III.75] ... Stukeley's Itinerarium Curiosum  [Itinerarum]
  hatte der Platz den Namen Monmouth Square gefhrt  [Monmuth]
  in einem Flecken von Cornwall  [Cornwallis]
  [Anm. III.100] ... the way in which Wright was  [Whrigt]
  jede religise und politische Farbe  [relise]
  noch einmal in der Nhe von Salisbury  [Salesbury]
  [Anm. III.121] ... John Cresset's Reasens for suppressing Stage
    Coaches, 1672.  [_ungendert_]
  So wurde von Wilhelm Nevison  [Wilhem]
  [Anm. III.124] ... +Beaux' Stratagem+.  [Beaux' +Stratagem+]
    [_d.h., als ob Beaux der Verfasser wre_]
  in Cornwall, in den Smpfen von Lincolnshire  [Cornwallis]
  [Anm. III.132] ... Commons' Journals  [Common's]
  [_Die Neuigkeitsbriefe._] Aber Diejenigen  [Dienigen]
  [Anm. III.143] ... Butler sagt  [Buttler]
  Wilkins, Bischof von Chester  [Milkins]
  [Anm. III.158] ... Die ganze Mondwelt freundlich zu begren.
    [_anfhrungsszeichen fehlt_]
  der Beachtung aller Gemeindevorstnde dringend empfohlen  [empohlen]

IV. Kapitel

  [Anm. IV.5] ... +Saint Evremont, passim+; +St. Real  [passim+. +St.]
  [Anm. IV.12] ... Huddleston von allen Parlamentsacten  [Huddlestone]
  [_Seine Geschichte._] Bald nach der Restauration
    [ [_Seine Geschichte_]. ]
  [Anm. IV.32] [drei Folgende]
  Dartmouth's Note in Burnet, +I. 264+; +Chesterfield's Letters ...+
    [Dortmouth's ... +I. 264+. ... Lettres]
  der franzsischen Regierung zusammen zu berufen  [zusammmen]
  Der Herzog von Somerset, unter den weltlichen Groen  [Sommerset]
  [Anm. IV.43] ... +Clarke's Life of James de Second, II. 5.+
    [_ungendert_]
  alle verschwrungsschtigen Ahitophels und rebellischen Absaloms
    [_ungendert: Fehler fr Achitophels?_]
  als man erfuhr, da Gottes Gericht  [das]
  der Vater einer zahlreichen Familie  [Famile]
  [Anm. IV.90] ... sagt Croese: +Vidi quandoque
    [_anfhrungsszeichen fehlt_]
  die Entscheidung von 1685 und erklrten  [erlrten]
  [Anm. IV.108] ... Lords' Journals  [Lord's]






End of the Project Gutenberg EBook of Geschichte von England seit der
Thronbesteigung Jakob's des Zweiten., by Thomas Babington Macaulay

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND--ZWEITER BAND ***

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page at http://pglaf.org

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     Chief Executive and Director
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