Project Gutenberg's Massenpsychologie und Ich-Analyse, by Sigmund Freud

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Title: Massenpsychologie und Ich-Analyse

Author: Sigmund Freud

Release Date: January 4, 2010 [EBook #30843]

Language: German

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*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MASSENPSYCHOLOGIE UND ICH-ANALYSE ***




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                           MASSENPSYCHOLOGIE

                                  UND

                              ICH-ANALYSE

                                  VON

                           PROF. SIGM. FREUD

                            INTERNATIONALER
                 PSYCHOANALYTISCHER VERLAG G.M.B.H.

                          LEIPZIG WIEN ZRICH

                                  1921




  Alle Rechte, besonders das der bersetzung in alle Sprachen, vorbehalten.
                             Copyright 1921 by
    Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges.m.b.H. Wien.


             Gesellschaft fr graphische Industrie, WienIII.




Inhalt.


     I. Einleitung                                            1

    II. _Le Bon_'s Schilderung der Massenseele                5

   III. Andere Wrdigungen des kollektiven Seelenlebens      25

    IV. Suggestion und Libido                                37

     V. Zwei knstliche Massen: Kirche und Heer              46

    VI. Weitere Aufgaben und Arbeitsrichtungen               57

   VII. Die Identifizierung                                  66

  VIII. Verliebtheit und Hypnose                             78

    IX. Der Herdentrieb                                      89

     X. Die Masse und die Urhorde                           100

    XI. Eine Stufe im Ich                                   112

   XII. Nachtrge                                           122




I.

Einleitung.


Der Gegensatz von Individual- und Sozial- oder Massenpsychologie, der
uns auf den ersten Blick als sehr bedeutsam erscheinen mag, verliert
bei eingehender Betrachtung sehr viel von seiner Schrfe. Die
Individualpsychologie ist zwar auf den einzelnen Menschen eingestellt
und verfolgt, auf welchen Wegen derselbe die Befriedigung seiner
Triebregungen zu erreichen sucht, allein sie kommt dabei nur selten,
unter bestimmten Ausnahmsbedingungen, in die Lage, von den Beziehungen
dieses Einzelnen zu anderen Individuen abzusehen. Im Seelenleben des
Einzelnen kommt ganz regelmig der Andere als Vorbild, als Objekt, als
Helfer und als Gegner in Betracht und die Individualpsychologie ist
daher von Anfang an auch gleichzeitig Sozialpsychologie in diesem
erweiterten, aber durchaus berechtigten Sinne.

Das Verhltnis des Einzelnen zu seinen Eltern und Geschwistern, zu
seinem Liebesobjekt und zu seinem Arzt, also alle die Beziehungen,
welche bisher vorzugsweise Gegenstand der psychoanalytischen
Untersuchung geworden sind, knnen den Anspruch erheben, als soziale
Phnomene gewrdigt zu werden, und stellen sich dann in Gegensatz zu
gewissen anderen, von uns _narzitisch_ genannten Vorgngen, bei denen
die Triebbefriedigung sich dem Einflu anderer Personen entzieht oder
auf sie verzichtet. Der Gegensatz zwischen sozialen und narzitischen --
_Bleuler_ wrde vielleicht sagen: _autistischen_ -- seelischen Akten
fllt also durchaus innerhalb des Bereichs der Individualpsychologie und
eignet sich nicht dazu, sie von einer Sozial- oder Massenpsychologie
abzutrennen.

In den erwhnten Verhltnissen zu Eltern und Geschwistern, zur
Geliebten, zum Freunde und zum Arzt erfhrt der Einzelne immer nur den
Einflu einer einzigen oder einer sehr geringen Anzahl von Personen, von
denen eine jede eine groartige Bedeutung fr ihn erworben hat. Man hat
sich nun gewhnt, wenn man von Sozial- oder Massenpsychologie spricht,
von diesen Beziehungen abzusehen und die gleichzeitige Beeinflussung des
Einzelnen durch eine groe Anzahl von Personen, mit denen er durch
irgend etwas verbunden ist, whrend sie ihm sonst in vielen Hinsichten
fremd sein mgen, als Gegenstand der Untersuchung abzusondern. Die
Massenpsychologie behandelt also den einzelnen Menschen als Mitglied
eines Stammes, eines Volkes, einer Kaste, eines Standes, einer
Institution oder als Bestandteil eines Menschenhaufens, der sich zu
einer gewissen Zeit fr einen bestimmten Zweck zur Masse organisiert.
Nach dieser Zerreiung eines natrlichen Zusammenhanges lag es dann
nahe, die Erscheinungen, die sich unter diesen besonderen Bedingungen
zeigen, als uerungen eines besonderen, weiter nicht zurckfhrbaren
Triebes anzusehen, des sozialen Triebes -- herd instinct, group mind --
der in anderen Situationen nicht zum Ausdruck kommt. Wir drfen aber
wohl den Einwand erheben, es falle uns schwer, dem Moment der Zahl eine
so groe Bedeutung einzurumen, da es ihm allein mglich sein sollte,
im menschlichen Seelenleben einen neuen und sonst nicht bettigten Trieb
zu wecken. Unsere Erwartung wird somit auf zwei andere Mglichkeiten
hingelenkt: da der soziale Trieb kein ursprnglicher und unzerlegbarer
sein mag, und da die Anfnge seiner Bildung in einem engeren Kreis wie
etwa in dem der Familie gefunden werden knnen.

Die Massenpsychologie, obwohl erst in ihren Anfngen befindlich, umfat
eine noch unbersehbare Flle von Einzelproblemen und stellt dem
Untersucher ungezhlte, derzeit noch nicht einmal gut gesonderte
Aufgaben. Die bloe Gruppierung der verschiedenen Formen von
Massenbildung und die Beschreibung der von ihnen geuerten psychischen
Phnomene erfordern einen groen Aufwand von Beobachtung und Darstellung
und haben bereits eine reichhaltige Literatur entstehen lassen. Wer dies
schmale Bchlein an dem Umfang der Massenpsychologie mit, wird
ohneweiters vermuten drfen, da hier nur wenige Punkte des ganzen
Stoffes behandelt werden sollen. Es werden wirklich auch nur einige
Fragen sein, an denen die Tiefenforschung der Psychoanalyse ein
besonderes Interesse nimmt.




II.

Le Bon's Schilderung der Massenseele.


Zweckmiger als eine Definition voranzustellen scheint es, mit einem
Hinweis auf das Erscheinungsgebiet zu beginnen und aus diesem einige
besonders auffllige und charakteristische Tatsachen herauszugreifen, an
welche die Untersuchung anknpfen kann. Wir erreichen beides durch einen
Auszug aus dem mit Recht berhmt gewordenen Buch von _Le Bon_,
_Psychologie der Massen_[1].

  [1] bersetzt von Dr. Rudolf _Eisler_, zweite Auflage 1912.

Machen wir uns den Sachverhalt nochmals klar: Wenn die Psychologie,
welche die Anlagen, Triebregungen, Motive, Absichten eines einzelnen
Menschen bis zu seinen Handlungen und in die Beziehungen zu seinen
Nchsten verfolgt, ihre Aufgabe restlos gelst und alle diese
Zusammenhnge durchsichtig gemacht htte, dann fnde sie sich pltzlich
vor einer neuen Aufgabe, die sich ungelst vor ihr erhebt. Sie mte die
berraschende Tatsache erklren, da dies ihr verstndlich gewordene
Individuum unter einer bestimmten Bedingung ganz anders fhlt, denkt und
handelt, als von ihm zu erwarten stand, und diese Bedingung ist die
Einreihung in eine Menschenmenge, welche die Eigenschaft einer
psychologischen Masse erworben hat. Was ist nun eine Masse, wodurch
erwirbt sie die Fhigkeit, das Seelenleben des Einzelnen so entscheidend
zu beeinflussen, und worin besteht die seelische Vernderung, die sie
dem Einzelnen aufntigt?

Diese drei Fragen zu beantworten, ist die Aufgabe einer theoretischen
Massenpsychologie. Man greift sie offenbar am besten an, wenn man von
der dritten ausgeht. Es ist die Beobachtung der vernderten Reaktion des
Einzelnen, welche der Massenpsychologie den Stoff liefert; jedem
Erklrungsversuch mu ja die Beschreibung des zu Erklrenden
vorausgehen.

Ich lasse nun _Le Bon_ zu Worte kommen. Er sagt (S.13): An einer
psychologischen Masse ist das Sonderbarste dies: welcher Art auch die
sie zusammensetzenden Individuen sein mgen, wie hnlich oder unhnlich
ihre Lebensweise, Beschftigung, ihr Charakter oder ihre Intelligenz
ist, durch den bloen Umstand ihrer Umformung zur Masse besitzen sie
eine Kollektivseele, vermge deren sie in ganz anderer Weise fhlen,
denken und handeln, als jedes von ihnen fr sich fhlen, denken und
handeln wrde. Es gibt Ideen und Gefhle, die nur bei den zu Massen
verbundenen Individuen auftreten oder sich in Handlungen umsetzen. Die
psychologische Masse ist ein provisorisches Wesen, das aus heterogenen
Elementen besteht, die fr einen Augenblick sich miteinander verbunden
haben, genau so wie die Zellen des Organismus durch ihre Vereinigung ein
neues Wesen mit ganz anderen Eigenschaften als denen der einzelnen
Zellen bilden.

Indem wir uns die Freiheit nehmen, die Darstellung _Le Bon_'s durch
unsere Glossen zu unterbrechen, geben wir hier der Bemerkung Raum: Wenn
die Individuen in der Masse zu einer Einheit verbunden sind, so mu es
wohl etwas geben, was sie an einander bindet, und dies Bindemittel
knnte gerade das sein, was fr die Masse charakteristisch ist. Allein
_Le Bon_ beantwortet diese Frage nicht, er geht auf die Vernderung des
Individuums in der Masse ein und beschreibt sie in Ausdrcken, welche
mit den Grundvoraussetzungen unserer Tiefenpsychologie in guter
bereinstimmung stehen.

(S.14.) Leicht ist die Feststellung des Maes von Verschiedenheit des
einer Masse angehrenden vom isolierten Individuum, weniger leicht ist
aber die Entdeckung der Ursachen dieser Verschiedenheit.

Um diese Ursachen wenigstens einigermaen zu finden, mu man sich
zunchst der von der modernen Psychologie gemachten Feststellung
erinnern, da nicht blo im organischen Leben, sondern auch in den
intellektuellen Funktionen die unbewuten Phnomene eine berwiegende
Rolle spielen. Das bewute Geistesleben stellt nur einen recht geringen
Teil neben dem unbewuten Seelenleben dar. Die feinste Analyse, die
schrfste Beobachtung gelangt nur zu einer kleinen Anzahl bewuter
Motive des Seelenlebens. Unsere bewuten Akte leiten sich aus einem,
besonders durch Vererbungseinflsse geschaffenen, unbewuten Substrat
her. Dieses enthlt die zahllosen Ahnenspuren, aus denen sich die
Rassenseele konstituiert. Hinter den eingestandenen Motiven unserer
Handlungen gibt es zweifellos die geheimen Grnde, die wir nicht
eingestehen, hinter diesen liegen aber noch geheimere, die wir nicht
einmal kennen. Die Mehrzahl unserer alltglichen Handlungen ist nur die
Wirkung verborgener, uns entgehender Motive.

In der Masse, meint _Le Bon_, verwischen sich die individuellen
Erwerbungen der Einzelnen, und damit verschwindet deren Eigenart.
Das rassenmige Unbewute tritt hervor, das Heterogene versinkt im
Homogenen. Wir werden sagen, der psychische Oberbau, der sich bei den
Einzelnen so verschiedenartig entwickelt hat, wird abgetragen, und das
bei allen gleichartige unbewute Fundament wird blogelegt.

Auf diese Weise kme ein durchschnittlicher Charakter der
Massenindividuen zustande. Allein _Le Bon_ findet, sie zeigen auch neue
Eigenschaften, die sie vorher nicht besessen haben, und sucht den Grund
dafr in drei verschiedenen Momenten.

(S.15.) Die erste dieser Ursachen besteht darin, da das Individuum in
der Masse schon durch die Tatsache der Menge ein Gefhl unberwindlicher
Macht erlangt, welches ihm gestattet, Trieben zu frhnen, die es allein
notwendig gezgelt htte. Es wird dies nun umso weniger Anla haben, als
bei der Anonymitt und demnach auch Unverantwortlichkeit der Masse das
Verantwortlichkeitsgefhl, welches die Individuen stets zurckhlt,
vllig schwindet.

Wir brauchten von unserem Standpunkt weniger Wert auf das Auftauchen
neuer Eigenschaften zu legen. Es gengte uns zu sagen, das Individuum
komme in der Masse unter Bedingungen, die ihm gestatten, die
Verdrngungen seiner unbewuten Triebregungen abzuwerfen. Die
anscheinend neuen Eigenschaften, die es dann zeigt, sind eben die
uerungen dieses Unbewuten, in dem ja alles Bse der Menschenseele
in der Anlage enthalten ist; das Schwinden des Gewissens oder
Verantwortlichkeitsgefhls unter diesen Umstnden macht unserem
Verstndnis keine Schwierigkeit. Wir hatten lngst behauptet, der Kern
des sogenannten Gewissens sei soziale Angst.

    Eine gewisse Differenz zwischen der Anschauung _Le Bon_'s und der
    unserigen stellt sich dadurch her, da sein Begriff des Unbewuten
    nicht ganz mit dem von der Psychoanalyse angenommenen zusammenfllt.
    Das Unbewute _Le Bon_'s enthlt vor allem die tiefsten Merkmale der
    Rassenseele, welche fr die Psychoanalyse eigentlich auer Betracht
    kommt. Wir verkennen zwar nicht, da der Kern des Ichs, dem die
    archaische Erbschaft der Menschenseele angehrt, unbewut ist,
    aber wir sondern auerdem das unbewute Verdrngte ab, welches
    aus einem Anteil dieser Erbschaft hervorgegangen ist. Dieser Begriff
    des Verdrngten fehlt bei _Le Bon_.

(S.16.) Eine zweite Ursache, die Ansteckung, trgt ebenso dazu bei,
bei den Massen die uerung spezieller Merkmale und zugleich deren
Richtung zu bewerkstelligen. Die Ansteckung ist ein leicht zu
konstatierendes aber unerklrliches Phnomen, das man den von uns
sogleich zu studierenden Phnomenen hypnotischer Art zurechnen mu. In
der Menge ist jedes Gefhl, jede Handlung ansteckend, und zwar in so
hohem Grade, da das Individuum sehr leicht sein persnliches Interesse
dem Gesamtinteresse opfert. Es ist dies eine seiner Natur durchaus
entgegengesetzte Fhigkeit, deren der Mensch nur als Massenbestandteil
fhig ist.

    Wir werden auf diesen letzten Satz spter eine wichtige Vermutung
    begrnden.

(S.16.) Eine dritte, und zwar die wichtigste Ursache bedingt in den
zur Masse vereinigten Individuen besondere Eigenschaften, welche denen
des isolierten Individuums vllig entgegengesetzt sind. Ich rede hier
von der Suggestibilitt, von der die erwhnte Ansteckung brigens nur
eine Wirkung ist.

Zum Verstndnis dieser Erscheinung gehrt die Vergegenwrtigung gewisser
neuer Entdeckungen der Physiologie. Wir wissen jetzt, da ein Mensch
mittels mannigfacher Prozeduren in einen solchen Zustand versetzt werden
kann, da er nach Verlust seiner ganzen bewuten Persnlichkeit allen
Suggestionen desjenigen gehorcht, der ihn seines Persnlichkeitsbewutseins
beraubt hat, und da er die zu seinem Charakter und seinen Gewohnheiten
in schrfstem Gegensatz stehenden Handlungen begeht. Nun scheinen sehr
sorgfltige Beobachtungen darzutun, da ein eine Zeitlang im Schoe
einer ttigen Masse eingebettetes Individuum in Blde -- durch
Ausstrmungen, die von ihr ausgehen oder sonst eine unbekannte Ursache
-- in einem Sonderzustand sich befindet, der sich sehr der Faszination
nhert, die den Hypnotisierten unter dem Einflu des Hypnotisators
befllt ..... Die bewute Persnlichkeit ist vllig geschwunden, Wille
und Unterscheidungsvermgen fehlen, alle Gefhle und Gedanken sind nach
der durch den Hypnotisator hergestellten Richtung orientiert.

So ungefhr verhlt sich auch der Zustand des einer psychologischen
Masse angehrenden Individuums. Es ist sich seiner Handlungen nicht mehr
bewut. Wie beim Hypnotisierten knnen bei ihm, whrend zugleich gewisse
Fhigkeiten aufgehoben sind, andere auf einen Grad hchster Strke
gebracht werden. Unter dem Einflusse einer Suggestion wird es sich mit
einem unwiderstehlichen Triebe an die Ausfhrung bestimmter Handlungen
machen. Und dieses Ungestm ist bei den Massen noch unwiderstehlicher
als beim Hypnotisierten, weil die fr alle Individuen gleiche Suggestion
durch Gegenseitigkeit anwchst.

(S.17.) Die Hauptmerkmale des in der Masse befindlichen Individuums
sind demnach: Schwund der bewuten Persnlichkeit, Vorherrschaft der
unbewuten Persnlichkeit, Orientierung der Gedanken und Gefhle in
derselben Richtung durch Suggestion und Ansteckung, Tendenz zur
unverzglichen Verwirklichung der suggerierten Ideen. Das Individuum ist
nicht mehr es selbst, es ist ein willenloser Automat geworden.

Ich habe dies Zitat so ausfhrlich wiedergegeben, um zu bekrftigen, da
_Le Bon_ den Zustand des Individuums in der Masse wirklich fr einen
hypnotischen erklrt, nicht etwa ihn blo mit einem solchen vergleicht.
Wir beabsichtigen hier keinen Widerspruch, wollen nur hervorheben,
da die beiden letzten Ursachen der Vernderung des Einzelnen in
der Masse, die Ansteckung und die hhere Suggerierbarkeit offenbar
nicht gleichartig sind, da ja die Ansteckung auch eine uerung der
Suggerierbarkeit sein soll. Auch die Wirkungen der beiden Momente
scheinen uns im Text _Le Bon_'s nicht scharf geschieden. Vielleicht
deuten wir seine uerung am besten aus, wenn wir die Ansteckung auf die
Wirkung der einzelnen Mitglieder der Masse aufeinander beziehen, whrend
die mit den Phnomenen der hypnotischen Beeinflussung gleichgestellten
Suggestionserscheinungen in der Masse auf eine andere Quelle hinweisen.
Auf welche aber? Es mu uns als eine empfindliche Unvollstndigkeit
berhren, da eines der Hauptstcke dieser Angleichung, nmlich die
Person, welche fr die Masse den Hypnotiseur ersetzt, in der Darstellung
_Le Bon_'s nicht erwhnt wird. Immerhin unterscheidet er von diesem im
Dunkeln gelassenen faszinierenden Einflu die ansteckende Wirkung, die
die Einzelnen auf einander ausben, durch welche die ursprngliche
Suggestion verstrkt wird.

Noch ein wichtiger Gesichtspunkt fr die Beurteilung des
Massenindividuums: (S.17.) Ferner steigt durch die bloe Zugehrigkeit
zu einer organisierten Masse der Mensch mehrere Stufen auf der Leiter
der Zivilisation herab. In seiner Vereinzelung war er vielleicht ein
gebildetes Individuum, in der Masse ist er ein Barbar, d.h. ein
Triebwesen. Er besitzt die Spontaneitt, die Heftigkeit, die Wildheit
und auch den Enthusiasmus und Heroismus primitiver Wesen. Er verweilt
dann noch besonders bei der Herabsetzung der intellektuellen Leistung,
die der Einzelne durch sein Aufgehen in der Masse erfhrt[2].

  [2] Vergleiche das _Schiller_'sche Distichon:

      Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verstndig;
      Sind sie in corpore, gleich wird euch ein Dummkopf daraus.

Verlassen wir nun den Einzelnen und wenden wir uns zur Beschreibung der
Massenseele, wie _Le Bon_ sie entwirft. Es ist kein Zug darin, dessen
Ableitung und Unterbringung dem Psychoanalytiker Schwierigkeiten
bereiten wrde. _Le Bon_ weist uns selbst den Weg, indem er auf die
bereinstimmung mit dem Seelenleben der Primitiven und der Kinder
hinweist. (S.19.)

Die Masse ist impulsiv, wandelbar und reizbar. Sie wird fast
ausschlielich vom Unbewuten geleitet[3]. Die Impulse, denen die Masse
gehorcht, knnen je nach Umstnden edel oder grausam, heroisch oder
feige sein, jedenfalls aber sind sie so gebieterisch, da nicht das
persnliche, nicht einmal das Interesse der Selbsterhaltung zur Geltung
kommt. (S.20.) Nichts ist bei ihr vorbedacht. Wenn sie auch die Dinge
leidenschaftlich begehrt, so doch nie fr lange, sie ist unfhig zu
einem Dauerwillen. Sie vertrgt keinen Aufschub zwischen ihrem Begehren
und der Verwirklichung des Begehrten. Sie hat das Gefhl der Allmacht,
fr das Individuum in der Masse schwindet der Begriff des
Unmglichen[4].

  [3] Unbewut wird von _Le Bon_ richtig im Sinne der Deskription
  gebraucht, wo es nicht allein das Verdrngte bedeutet.

  [4] Vergleiche _Totem und Tabu_ III., Animismus, Magie und Allmacht
  der Gedanken.

Die Masse ist auerordentlich beeinflubar und leichtglubig, sie ist
kritiklos, das Unwahrscheinliche existiert fr sie nicht. Sie denkt
in Bildern, die einander assoziativ hervorrufen, wie sie sich beim
Einzelnen in Zustnden des freien Phantasierens einstellen, und die von
keiner verstndigen Instanz an der bereinstimmung mit der Wirklichkeit
gemessen werden. Die Gefhle der Masse sind stets sehr einfach und sehr
berschwenglich. Die Masse kennt also weder Zweifel noch Ungewiheit.

    In der Deutung der Trume, denen wir ja unsere beste Kenntnis vom
    unbewuten Seelenleben verdanken, befolgen wir die technische Regel,
    da von Zweifel und Unsicherheit in der Traumerzhlung abgesehen und
    jedes Element des manifesten Traumes als gleich gesichert behandelt
    wird. Wir leiten Zweifel und Unsicherheit von der Einwirkung der
    Zensur ab, welcher die Traumarbeit unterliegt, und nehmen an, da
    die primren Traumgedanken Zweifel und Unsicherheit als kritische
    Leistung nicht kennen. Als Inhalte mgen sie natrlich, wie alles
    andere, in den zum Traum fhrenden Tagesresten vorkommen.
    (S. Traumdeutung. 5.Aufl. 1919, S.386.)

Sie geht sofort zum uersten, der ausgesprochene Verdacht wandelt sich
bei ihr sogleich in unumstliche Gewiheit, ein Keim von Antipathie
wird zum wilden Ha. (S.32.)

    Die nmliche Steigerung aller Gefhlsregungen zum Extremen und
    Malosen gehrt auch der Affektivitt des Kindes an und findet sich
    im Traumleben wieder, wo dank der im Unbewuten vorherrschenden
    Isolierung der einzelnen Gefhlsregungen ein leiser rger vom Tage
    sich als Todeswunsch gegen die schuldige Person zum Ausdruck bringt
    oder ein Anflug irgend einer Versuchung zum Ansto einer im Traum
    dargestellten verbrecherischen Handlung wird. Zu dieser Tatsache hat
    Dr. Hanns _Sachs_ die hbsche Bemerkung gemacht: Was der Traum uns
    an Beziehungen zur Gegenwart (Realitt) kundgetan hat, wollen wir
    dann auch im Bewutsein aufsuchen und drfen uns nicht wundern, wenn
    wir das Ungeheuer, das wir unter dem Vergrerungsglas der Analyse
    gesehen haben, als Infusionstierchen wiederfinden. (Traumdeutung,
    S.457.)

Selbst zu allen Extremen geneigt, wird die Masse auch nur durch
bermige Reize erregt. Wer auf sie wirken will, bedarf keiner
logischen Abmessung seiner Argumente, er mu in den krftigsten Bildern
malen, bertreiben und immer das Gleiche wiederholen.

Da die Masse betreffs des Wahren oder Falschen nicht im Zweifel ist und
dabei das Bewutsein ihrer groen Kraft hat, ist sie ebenso intolerant
wie autorittsglubig. Sie respektiert die Kraft und lt sich von der
Gte, die fr sie nur eine Art von Schwche bedeutet, nur mig
beeinflussen. Was sie von ihren Helden verlangt, ist Strke, selbst
Gewaltttigkeit. Sie will beherrscht und unterdrckt werden und ihren
Herrn frchten. Im Grunde durchaus konservativ hat sie tiefen Abscheu
vor allen Neuerungen und Fortschritten und unbegrenzte Ehrfurcht vor der
Tradition. (S.37.)

Um die Sittlichkeit der Massen richtig zu beurteilen, mu man in
Betracht ziehen, da im Beisammensein der Massenindividuen alle
individuellen Hemmungen entfallen und alle grausamen, brutalen,
destruktiven Instinkte, die als berbleibsel der Urzeit im Einzelnen
schlummern, zur freien Triebbefriedigung geweckt werden. Aber die
Massen sind auch unter dem Einflu der Suggestion hoher Leistungen von
Entsagung, Uneigenntzigkeit, Hingebung an ein Ideal fhig. Whrend der
persnliche Vorteil beim isolierten Individuum so ziemlich die einzige
Triebfeder ist, ist er bei den Massen sehr selten vorherrschend. Man
kann von einer Versittlichung des Einzelnen durch die Masse sprechen.
(S.39.) Whrend die intellektuelle Leistung der Masse immer tief unter
der des Einzelnen steht, kann ihr ethisches Verhalten dies Niveau ebenso
hoch berragen wie tief darunter herabgehen.

Ein helles Licht auf die Berechtigung, die Massenseele mit der Seele der
Primitiven zu identifizieren, werfen einige andere Zge der _Le Bon_'schen
Charakteristik. Bei den Massen knnen die entgegengesetztesten Ideen
nebeneinander bestehen und sich miteinander vertragen, ohne da sich aus
deren logischem Widerspruch ein Konflikt ergbe. Dasselbe ist aber im
unbewuten Seelenleben der Einzelnen, der Kinder und der Neurotiker der
Fall, wie die Psychoanalyse lngst nachgewiesen hat.

    Beim kleinen Kinde bestehen z.B. ambivalente Gefhlseinstellungen
    gegen die ihm nchsten Personen lange Zeit nebeneinander, ohne da
    die eine die ihr entgegengesetzte in ihrem Ausdruck strt. Kommt
    es dann endlich zum Konflikt zwischen den beiden, so wird er oft
    dadurch erledigt, da das Kind das Objekt wechselt, die eine der
    ambivalenten Regungen auf ein Ersatzobjekt verschiebt. Auch aus der
    Entwicklungsgeschichte einer Neurose beim Erwachsenen kann man
    erfahren, da eine unterdrckte Regung sich hufig lange Zeit in
    unbewuten oder selbst bewuten Phantasien fortsetzt, deren Inhalt
    natrlich einer herrschenden Strebung direkt zuwiderluft, ohne da
    sich aus diesem Gegensatz ein Einschreiten des Ichs gegen das von
    ihm Verworfene ergbe. Die Phantasie wird eine ganze Weile ber
    toleriert, bis sich pltzlich einmal, gewhnlich infolge einer
    Steigerung der affektiven Besetzung derselben, der Konflikt zwischen
    ihr und dem Ich mit allen seinen Folgen herstellt.

    Im Fortschritt der Entwicklung vom Kinde zum reifen Erwachsenen
    kommt es berhaupt zu einer immer weiter greifenden _Integration_
    der Persnlichkeit, zu einer Zusammenfassung der einzelnen
    unabhngig voneinander in ihr gewachsenen Triebregungen und
    Zielstrebungen. Der analoge Vorgang auf dem Gebiet des Sexuallebens
    ist uns als Zusammenfassung aller Sexualtriebe zur definitiven
    Genitalorganisation lange bekannt (Drei Abhandlungen zur
    Sexualtheorie 1905). Da die Vereinheitlichung des Ichs brigens
    dieselben Strungen erfahren kann wie die der Libido, zeigen
    vielfache, sehr bekannte Beispiele, wie das der Naturforscher, die
    bibelglubig geblieben sind u.a.

Ferner unterliegt die Masse der wahrhaft magischen Macht von Worten, die
in der Massenseele die furchtbarsten Strme hervorrufen und sie auch
besnftigen knnen. (S.74.) Mit Vernunft und Argumenten kann man gegen
gewisse Worte und Formeln nicht ankmpfen. Man spricht sie mit Andacht
vor den Massen aus, und sogleich werden die Mienen respektvoll und die
Kpfe neigen sich. Von vielen werden sie als Naturkrfte oder als
bernatrliche Mchte betrachtet. (S.75.) Man braucht sich dabei nur
an die Tabu der Namen bei den Primitiven, an die magischen Krfte, die
sich ihnen an Namen und Worte knpfen, zu erinnern[5].

  [5] Siehe _Totem und Tabu_.

Und endlich: Die Massen haben nie den Wahrheitsdurst gekannt. Sie
fordern Illusionen, auf die sie nicht verzichten knnen. Das Irreale hat
bei ihnen stets den Vorrang vor dem Realen, das Unwirkliche beeinflut
sie fast ebenso stark wie das Wirkliche. Sie haben die sichtliche
Tendenz, zwischen beiden keinen Unterschied zu machen. (S.47.)

Diese Vorherrschaft des Phantasielebens und der vom unerfllten Wunsch
getragenen Illusion haben wir als bestimmend fr die Psychologie der
Neurosen aufgezeigt. Wir fanden, fr die Neurotiker gelte nicht die
gemeine objektive, sondern die psychische Realitt. Ein hysterisches
Symptom grnde sich auf Phantasie anstatt auf die Wiederholung
wirklichen Erlebens, ein zwangsneurotisches Schuldbewutsein auf die
Tatsache eines bsen Vorsatzes, der nie zur Ausfhrung gekommen. Ja wie
im Traum und in der Hypnose, tritt in der Seelenttigkeit der Masse die
Realittsprfung zurck gegen die Strke der affektiv besetzten
Wunschregungen.

Was _Le Bon_ ber die Fhrer der Massen sagt, ist weniger erschpfend
und lt das Gesetzmige nicht so deutlich durchschimmern. Er meint,
sobald lebende Wesen in einer gewissen Anzahl vereinigt sind, einerlei
ob eine Herde Tiere oder eine Menschenmenge, stellen sie sich instinktiv
unter die Autoritt eines Oberhauptes. (S.86.) Die Masse ist eine
folgsame Herde, die nie ohne Herrn zu leben vermag. Sie hat einen
solchen Durst zu gehorchen, da sie sich jedem, der sich zu ihrem Herrn
ernennt, instinktiv unterordnet.

Kommt so das Bedrfnis der Masse dem Fhrer entgegen, so mu er ihm doch
durch persnliche Eigenschaften entsprechen. Er mu selbst durch einen
starken Glauben (an eine Idee) fasziniert sein, um Glauben in der Masse
zu erwecken, er mu einen starken, imponierenden Willen besitzen, den
die willenlose Masse von ihm annimmt. _Le Bon_ bespricht dann die
verschiedenen Arten von Fhrern und die Mittel, durch welche sie auf die
Masse wirken. Im ganzen lt er die Fhrer durch die Ideen zur
Bedeutung kommen, fr die sie selbst fanatisiert sind.

Diesen Ideen wie den Fhrern schreibt er berdies eine geheimnisvolle
unwiderstehliche Macht zu, die er Prestige benennt. Das Prestige ist
eine Art Herrschaft, die ein Individuum, ein Werk oder eine Idee ber
uns bt. Sie lhmt all unsere Fhigkeit zur Kritik und erfllt uns mit
Staunen und Achtung. Sie drfte ein Gefhl hervorrufen, hnlich wie das
der Faszination der Hypnose. (S.96.)

Er unterscheidet erworbenes oder knstliches und persnliches Prestige.
Das erstere wird bei Personen durch Name, Reichtum, Ansehen verliehen,
bei Anschauungen, Kunstwerken u.dgl. durch Tradition. Da es in allen
Fllen auf die Vergangenheit zurckgreift, wird es fr das Verstndnis
dieses rtselhaften Einflusses wenig leisten. Das persnliche Prestige
haftet an wenigen Personen, die durch dasselbe zu Fhrern werden, und
macht, da ihnen alles wie unter der Wirkung eines magnetischen Zaubers
gehorcht. Doch ist jedes Prestige auch vom Erfolg abhngig und geht
durch Mierfolge verloren. (S.105.)

Man gewinnt nicht den Eindruck, da bei _Le Bon_ die Rolle der Fhrer
und die Betonung des Prestige in richtigen Einklang mit der so glnzend
vorgetragenen Schilderung der Massenseele gebracht worden ist.




III.

Andere Wrdigungen des kollektiven Seelenlebens.


Wir haben uns der Darstellung von _Le Bon_ als Einfhrung bedient, weil
sie in der Betonung des unbewuten Seelenlebens so sehr mit unserer
eigenen Psychologie zusammentrifft. Nun mssen wir aber hinzufgen, da
eigentlich keine der Behauptungen dieses Autors etwas Neues bringt.
Alles was er Abtrgliches und Herabsetzendes ber die uerungen der
Massenseele sagt, ist schon vor ihm ebenso bestimmt und ebenso
feindselig von anderen gesagt worden, wird seit den ltesten Zeiten der
Literatur von Denkern, Staatsmnnern und Dichtern gleichlautend so
wiederholt[6]. Die beiden Stze, welche die wichtigsten Ansichten _Le
Bon_'s enthalten, der von der kollektiven Hemmung der intellektuellen
Leistung und der von der Steigerung der Affektivitt in der Masse waren
kurz vorher von _Sighele_ formuliert worden[7]. Im Grunde erbrigen als
_Le Bon_ eigentmlich nur die beiden Gesichtspunkte des Unbewuten und
des Vergleichs mit dem Seelenleben der Primitiven, auch diese natrlich
oftmals vor ihm berhrt.

  [6] Vergleiche den Text und das Literaturverzeichnis in B. _Kraskovic_
  jun., Die Psychologie der Kollektivitten. Aus dem Kroatischen
  bersetzt von _Siegmund von Posavec_. Vukovar 1915.

  [7] Siehe Walter _Moede_, Die Massen- und Sozialpsychologie im
  kritischen berblick. Zeitschrift fr pdagogische Psychologie und
  experimentelle Pdagogik von _Meumann_ und _Scheibner_, XVI., 1915.

Aber noch mehr, die Beschreibung und Wrdigung der Massenseele, wie
_Le Bon_ und die anderen sie geben, ist auch keineswegs unangefochten
geblieben. Kein Zweifel, da alle die vorhin beschriebenen Phnomene der
Massenseele richtig beobachtet worden sind, aber es lassen sich auch
andere, geradezu entgegengesetzt wirkende uerungen der Massenbildung
erkennen, aus denen man dann eine weit hhere Einschtzung der
Massenseele ableiten mu.

Auch _Le Bon_ war bereit zuzugestehen, da die Sittlichkeit der Masse
unter Umstnden hher sein kann als die der sie zusammensetzenden
Einzelnen, und da nur die Gesamtheiten hoher Uneigenntzigkeit und
Hingebung fhig sind.

(S.38.) Whrend der persnliche Vorteil beim isolierten Individuum so
ziemlich die einzige Triebfeder ist, ist er bei den Massen sehr selten
vorherrschend.

Andere machen geltend, da es berhaupt erst die Gesellschaft ist,
welche dem Einzelnen die Normen der Sittlichkeit vorschreibt, whrend
der Einzelne in der Regel irgendwie hinter diesen hohen Ansprchen
zurckbleibt. Oder, da in Ausnahmszustnden in einer Kollektivitt das
Phnomen der Begeisterung zustande kommt, welches die groartigsten
Massenleistungen ermglicht hat.

In Betreff der intellektuellen Leistung bleibt zwar bestehen, da die
groen Entscheidungen der Denkarbeit, die folgenschweren Entdeckungen
und Problemlsungen nur dem Einzelnen, der in der Einsamkeit arbeitet,
mglich sind. Aber auch die Massenseele ist genialer geistiger
Schpfungen fhig, wie vor allem die Sprache selbst beweist, sodann das
Volkslied, Folklore und anderes. Und berdies bleibt es dahingestellt,
wieviel der einzelne Denker oder Dichter den Anregungen der Masse, in
welcher er lebt, verdankt, ob er mehr als der Vollender einer seelischen
Arbeit ist, an der gleichzeitig die anderen mitgetan haben.

Angesichts dieser vollkommenen Widersprche scheint es ja, da die Arbeit
der Massenpsychologie ergebnislos verlaufen msse. Allein es ist leicht,
einen hoffnungsvolleren Ausweg zu finden. Man hat wahrscheinlich als
Massen sehr verschiedene Bildungen zusammengefat, die einer Sonderung
bedrfen. Die Angaben von _Sighele_, _Le Bon_ und anderen beziehen sich
auf Massen kurzlebiger Art, die rasch durch ein vorbergehendes
Interesse aus verschiedenartigen Individuen zusammengeballt werden. Es
ist unverkennbar, da die Charaktere der revolutionren Massen,
besonders der groen franzsischen Revolution, ihre Schilderungen
beeinflut haben. Die gegenstzlichen Behauptungen stammen aus der
Wrdigung jener stabilen Massen oder Vergesellschaftungen, in denen die
Menschen ihr Leben zubringen, die sich in den Institutionen der
Gesellschaft verkrpern. Die Massen der ersten Art sind den letzteren
gleichsam aufgesetzt, wie die kurzen, aber hohen Wellen den langen
Dnungen der See.

_McDougall_, der in seinem Buch _The Group Mind_[8] von dem nmlichen,
oben erwhnten Widerspruch ausgeht, findet die Lsung desselben im
Moment der Organisation. Im einfachsten Falle, sagt er, besitzt die
Masse (group) berhaupt keine Organisation oder eine kaum nennenswerte.
Er bezeichnet eine solche Masse als einen Haufen (crowd). Doch gesteht
er zu, da ein Haufen Menschen nicht leicht zusammenkommt, ohne da
sich in ihm wenigstens die ersten Anfnge einer Organisation bildeten,
und da gerade an diesen einfachen Massen manche Grundtatsachen der
Kollektivpsychologie besonders leicht zu erkennen sind. (S.22.) Damit
sich aus den zufllig zusammengewehten Mitgliedern eines Menschenhaufens
etwas wie eine Masse im psychologischen Sinne bilde, wird als Bedingung
erfordert, da diese Einzelnen etwas miteinander gemein haben, ein
gemeinsames Interesse an einem Objekt, eine gleichartige Gefhlsrichtung
in einer gewissen Situation und (ich wrde einsetzen: infolgedessen) ein
gewisses Ma von Fhigkeit sich untereinander zu beeinflussen. (Some
degree of reciprocal influence between the members of the group)
(S.23.) Je strker diese Gemeinsamkeiten (this mental homogeneity)
sind, desto leichter bildet sich aus den Einzelnen eine psychologische
Masse und desto aufflliger uern sich die Kundgebungen einer
Massenseele.

  [8] Cambridge, 1920.

Das merkwrdigste und zugleich wichtigste Phnomen der Massenbildung ist
nun die bei jedem Einzelnen hervorgerufene Steigerung der Affektivitt
(exaltation or intensification of emotion) (S.24). Man kann sagen,
meint _McDougall_, da die Affekte der Menschen kaum unter anderen
Bedingungen zu solcher Hhe anwachsen, wie es in einer Masse geschehen
kann, und zwar ist es eine genureiche Empfindung fr die Beteiligten,
sich so schrankenlos ihren Leidenschaften hinzugeben und dabei in der
Masse aufzugehen, das Gefhl ihrer individuellen Abgrenzung zu verlieren.
Dies Mitfortgerissenwerden der Individuen erklrt _McDougall_ aus dem
von ihm so genannten principle of direct induction of emotion by way of
the primitive sympathetic response (S.25), d.h. durch die uns bereits
bekannte Gefhlsansteckung. Die Tatsache ist die, da die wahrgenommenen
Zeichen eines Affektzustandes geeignet sind, bei dem Wahrnehmenden
automatisch denselben Affekt hervorzurufen. Dieser automatische Zwang
wird umso strker, an je mehr Personen gleichzeitig derselbe Affekt
bemerkbar ist. Dann schweigt die Kritik des Einzelnen und er lt sich
in denselben Affekt gleiten. Dabei erhht er aber die Erregung der
anderen, die auf ihn gewirkt hatten, und so steigert sich die
Affektladung der Einzelnen durch gegenseitige Induktion. Es ist
unverkennbar etwas wie ein Zwang dabei wirksam, es den anderen
gleichzutun, im Einklang mit den Vielen zu bleiben. Die grberen und
einfacheren Gefhlsregungen haben die grere Aussicht, sich auf solche
Weise in einer Masse zu verbreiten. (S.39.)

Dieser Mechanismus der Affektsteigerung wird noch durch einige andere,
von der Masse ausgehende Einflsse begnstigt. Die Masse macht dem
Einzelnen den Eindruck einer unbeschrnkten Macht und einer
unbesiegbaren Gefahr. Sie hat sich fr den Augenblick an die Stelle der
gesamten menschlichen Gesellschaft gesetzt, welche die Trgerin der
Autoritt ist, deren Strafen man gefrchtet, der zuliebe man sich so
viele Hemmungen auferlegt hat. Es ist offenbar gefhrlich, sich in
Widerspruch mit ihr zu setzen, und man ist sicher, wenn man dem
ringsumher sich zeigenden Beispiel folgt, also eventuell sogar mit den
Wlfen heult. Im Gehorsam gegen die neue Autoritt darf man sein
frheres Gewissen auer Ttigkeit setzen und dabei der Lockung des
Lustgewinns nachgeben, den man sicherlich durch die Aufhebung seiner
Hemmungen erzielt. Es ist also im ganzen nicht so merkwrdig, wenn wir
den Einzelnen in der Masse Dinge tun oder gutheien sehen, von denen er
sich in seinen gewohnten Lebensbedingungen abgewendet htte, und wir
knnen selbst die Hoffnung fassen, auf diese Weise ein Stck der
Dunkelheit zu lichten, die man mit dem Rtselwort der Suggestion zu
decken pflegt.

Dem Satz von der kollektiven Intelligenzhemmung in der Masse
widerspricht auch _McDougall_ nicht (S.41). Er sagt, die geringeren
Intelligenzen ziehen die greren auf ihr Niveau herab. Die letzteren
werden in ihrer Bettigung gehemmt, weil die Steigerung der Affektivitt
berhaupt ungnstige Bedingungen fr korrekte geistige Arbeit schafft,
ferner weil die Einzelnen durch die Masse eingeschchtert sind und ihre
Denkarbeit nicht frei ist, und weil bei jedem Einzelnen das Bewutsein
der Verantwortlichkeit fr seine Leistung herabgesetzt wird.

Das Gesamturteil ber die psychische Leistung einer einfachen,
unorganisierten Masse lautet bei _McDougall_ nicht freundlicher als
bei _Le Bon_. Eine solche Masse ist (S.45): beraus erregbar, impulsiv,
leidenschaftlich, wankelmtig, inkonsequent, unentschlossen und dabei
zum uersten bereit in ihren Handlungen, zugnglich nur fr die
grberen Leidenschaften und einfacheren Gefhle, auerordentlich
suggestibel, leichtsinnig in ihren berlegungen, heftig in ihren
Urteilen, aufnahmsfhig nur fr die einfachsten und unvollkommensten
Schlsse und Argumente, leicht zu lenken und zu erschttern, ohne
Selbstbewutsein, Selbstachtung und Verantwortlichkeitsgefhl, aber
bereit, sich von ihrem Kraftbewutsein zu allen Untaten fortreien zu
lassen, die wir nur von einer absoluten und unverantwortlichen Macht
erwarten knnen. Sie benimmt sich also eher wie ein ungezogenes Kind
oder wie ein leidenschaftlicher, nicht beaufsichtigter Wilder in einer
ihm fremden Situation; in den schlimmsten Fllen ist ihr Benehmen eher
das eines Rudels von wilden Tieren als von menschlichen Wesen.

Da _McDougall_ das Verhalten der hoch organisierten Massen in Gegensatz
zu dem hier Geschilderten bringt, werden wir besonders gespannt sein zu
erfahren, worin diese Organisation besteht und durch welche Momente sie
hergestellt wird. Der Autor zhlt fnf dieser principal conditions fr
die Hebung des seelischen Lebens der Masse auf ein hheres Niveau auf.

Die erste, grundlegende Bedingung ist ein gewisses Ma von Kontinuitt
im Bestand der Masse. Diese kann eine materielle oder eine formale sein,
das erste, wenn dieselben Personen lngere Zeit in der Masse verbleiben,
das andere, wenn innerhalb der Masse bestimmte Stellungen entwickelt
sind, die den einander ablsenden Personen angewiesen werden.

Die zweite, da sich in dem Einzelnen der Masse eine bestimmte
Vorstellung von der Natur, der Funktion, den Leistungen und Ansprchen
der Masse gebildet hat, so da sich daraus fr ihn ein Gefhlsverhltnis
zum Ganzen der Masse ergeben kann.

Die dritte, da die Masse in Beziehung zu anderen ihr hnlichen, aber
doch von ihr in vielen Punkten abweichenden Massenbildungen gebracht
wird, etwa da sie mit diesen rivalisiert.

Die vierte, da die Masse Traditionen, Gebruche und Einrichtungen
besitzt, besonders solche, die sich auf das Verhltnis ihrer Mitglieder
zueinander beziehen.

Die fnfte, da es in der Masse eine Gliederung gibt, die sich in der
Spezialisierung und Differenzierung der dem Einzelnen zufallenden
Leistung ausdrckt.

Durch die Erfllung dieser Bedingungen werden nach _McDougall_ die
psychischen Nachteile der Massenbildung aufgehoben. Gegen die kollektive
Herabsetzung der Intelligenzleistung schtzt man sich dadurch, da man
die Lsung der intellektuellen Aufgaben der Masse entzieht und sie
Einzelnen in ihr vorbehlt.

Es scheint uns, da man die Bedingung, die _McDougall_ als Organisation
der Masse bezeichnet hat, mit mehr Berechtigung anders beschreiben kann.
Die Aufgabe besteht darin, der Masse gerade jene Eigenschaften zu
verschaffen, die fr das Individuum charakteristisch waren und die bei
ihm durch die Massenbildung ausgelscht wurden. Denn das Individuum
hatte -- auerhalb der primitiven Masse -- seine Kontinuitt, sein
Selbstbewutsein, seine Traditionen und Gewohnheiten, seine besondere
Arbeitsleistung und Einreihung und hielt sich von anderen gesondert, mit
denen es rivalisierte. Diese Eigenart hatte es durch seinen Eintritt in
die nicht organisierte Masse fr eine Zeit verloren. Erkennt man so
als Ziel, die Masse mit den Attributen des Individuums auszustatten, so
wird man an eine gehaltreiche Bemerkung von W. _Trotter_[9] gemahnt, der
in der Neigung zur Massenbildung eine biologische Fortfhrung der
Vielzelligkeit aller hheren Organismen erblickt.

  [9] Instincts of the herd in peace and war. London 1916.




IV.

Suggestion und Libido.


Wir sind von der Grundtatsache ausgegangen, da ein Einzelner innerhalb
einer Masse durch den Einflu derselben eine oft tiefgreifende
Vernderung seiner seelischen Ttigkeit erfhrt. Seine Affektivitt wird
auerordentlich gesteigert, seine intellektuelle Leistung merklich
eingeschrnkt, beide Vorgnge offenbar in der Richtung einer Angleichung
an die anderen Massenindividuen; ein Erfolg, der nur durch die Aufhebung
der jedem Einzelnen eigentmlichen Triebhemmungen und durch den Verzicht
auf die ihm besonderen Ausgestaltungen seiner Neigungen erreicht werden
kann. Wir haben gehrt, da diese oft unerwnschten Wirkungen durch eine
hhere Organisation der Massen wenigstens teilweise hintangehalten
werden, aber der Grundtatsache der Massenpsychologie, den beiden Stzen
von der Affektsteigerung und der Denkhemmung in der primitiven Masse
ist dadurch nicht widersprochen worden. Unser Interesse geht nun dahin,
fr diese seelische Wandlung des Einzelnen in der Masse die
psychologische Erklrung zu finden.

Rationelle Momente wie die vorhin erwhnte Einschchterung des
Einzelnen, also die Aktion seines Selbsterhaltungstriebes, decken
offenbar die zu beobachtenden Phnomene nicht. Was uns sonst als
Erklrung von den Autoren ber Soziologie und Massenpsychologie geboten
wird, ist immer das nmliche, wenn auch unter wechselnden Namen: das
Zauberwort der _Suggestion_. Bei _Tarde_ hie sie _Nachahmung_, aber wir
mssen einem Autor recht geben, der uns vorhlt, die Nachahmung falle
unter den Begriff der Suggestion, sei eben eine Folge derselben[10]. Bei
_Le Bon_ wurde alles Befremdende der sozialen Erscheinungen auf zwei
Faktoren zurckgefhrt, auf die gegenseitige Suggestion der Einzelnen
und das Prestige der Fhrer. Aber das Prestige uert sich wiederum nur
in der Wirkung, Suggestion hervorzurufen. Bei _McDougall_ konnten wir
einen Moment lang den Eindruck empfangen, da sein Prinzip der primren
Affektinduktion die Annahme der Suggestion entbehrlich mache. Aber bei
weiterer berlegung mssen wir doch einsehen, da dies Prinzip nichts
anderes aussagt als die bekannten Behauptungen der Nachahmung oder
Ansteckung, nur unter entschiedener Betonung des affektiven Moments.
Da eine derartige Tendenz in uns besteht, wenn wir die Zeichen eines
Affektzustandes bei einem anderen gewahren, in denselben Affekt zu
verfallen, ist unzweifelhaft, aber wie oft widerstehen wir ihr
erfolgreich, weisen den Affekt ab, reagieren oft in ganz gegenstzlicher
Weise? Warum also geben wir dieser Ansteckung in der Masse regelmig
nach? Man wird wiederum sagen mssen, es sei der suggestive Einflu der
Masse, der uns ntigt, dieser Nachahmungstendenz zu gehorchen, der den
Affekt in uns induziert. brigens kommen wir auch sonst bei _McDougall_
nicht um die Suggestion herum; wir hren von ihm wie von anderen: die
Massen zeichnen sich durch besondere Suggestibilitt aus.

  [10] _Brugeilles_, L'essence du phnomne social: la suggestion. Revue
  philosophique XXV. 1913.

Man wird so fr die Aussage vorbereitet, die Suggestion (richtiger die
Suggerierbarkeit) sei eben ein weiter nicht reduzierbares Urphnomen,
eine Grundtatsache des menschlichen Seelenlebens. So hielt es auch
_Bernheim_, von dessen erstaunlichen Knsten ich im Jahre 1889 Zeuge
war. Ich wei mich aber auch damals an eine dumpfe Gegnerschaft gegen
diese Tyrannei der Suggestion zu erinnern. Wenn ein Kranker, der sich
nicht gefgig zeigte, angeschrieen wurde: Was tun Sie denn? Vous vous
contresuggestionnez! so sagte ich mir, das sei offenbares Unrecht und
Gewalttat. Der Mann habe zu Gegensuggestionen gewi ein Recht, wenn man
ihn mit Suggestionen zu unterwerfen versuche. Mein Widerstand nahm dann
spter die Richtung einer Auflehnung dagegen, da die Suggestion, die
alles erklrte, selbst der Erklrung entzogen sein sollte. Ich
wiederholte mit Bezug auf sie die alte Scherzfrage[11]:

    Christoph trug Christum,
    Christus trug die ganze Welt,
    Sag', wo hat Christoph
    Damals hin den Fu gestellt?

    Christophorus Christum, sed Christus sustulit orbem:
    Constiterit pedibus dic ubi Christophorus?

  [11] _Konrad Richter_, Der deutsche S. Christoph. Berlin 1896. Acta
  Germanica V, 1.

Wenn ich nun nach etwa 30jhriger Fernhaltung wieder an das Rtsel der
Suggestion herantrete, finde ich, da sich nichts daran gendert hat.
Von einer einzigen Ausnahme, die eben den Einflu der Psychoanalyse
bezeugt, darf ich ja bei dieser Behauptung absehen. Ich sehe, da man
sich besonders darum bemht, den Begriff der Suggestion korrekt zu
formulieren, also den Gebrauch des Namens konventionell festzulegen[12],
und dies ist nicht berflssig, denn das Wort geht einer immer weiteren
Verwendung mit aufgelockerter Bedeutung entgegen und wird bald jede
beliebige Beeinflussung bezeichnen wie im Englischen, wo to suggest,
suggestion unserem nahelegen, unserer Anregung entspricht. Aber
ber das Wesen der Suggestion, d.h. ber die Bedingungen, unter denen
sich Beeinflussungen ohne zureichende logische Begrndung herstellen,
hat sich eine Aufklrung nicht ergeben. Ich wrde mich der Aufgabe nicht
entziehen, diese Behauptung durch die Analyse der Literatur dieser
letzten 30 Jahre zu erhrten, allein ich unterlasse es, weil mir bekannt
ist, da in meiner Nhe eine ausfhrliche Untersuchung vorbereitet wird,
welche sich eben diese Aufgabe gestellt hat.

  [12] So _McDougall_ im Journal of Neurology and Psychopathology,
  Vol I, No. 1, May 1920: A note on suggestion.

Anstatt dessen werde ich den Versuch machen, zur Aufklrung der
Massenpsychologie den Begriff der _Libido_ zu verwenden, der uns im
Studium der Psychoneurosen so gute Dienste geleistet hat.

Libido ist ein Ausdruck aus der Affektivittslehre. Wir heien so die
als quantitative Gre betrachtete -- wenn auch derzeit nicht mebare
-- Energie solcher Triebe, welche mit alldem zu tun haben, was man als
_Liebe_ zusammenfassen kann. Den Kern des von uns Liebe Geheienen
bildet natrlich, was man gemeinhin Liebe nennt und was die Dichter
besingen, die Geschlechtsliebe mit dem Ziel der geschlechtlichen
Vereinigung. Aber wir trennen davon nicht ab, was auch sonst an dem
Namen Liebe Anteil hat, einerseits die Selbstliebe, andererseits
die Eltern- und Kindesliebe, die Freundschaft und die allgemeine
Menschenliebe, auch nicht die Hingebung an konkrete Gegenstnde
und an abstrakte Ideen. Unsere Rechtfertigung liegt darin, da die
psychoanalytische Untersuchung uns gelehrt hat, alle diese Strebungen
seien der Ausdruck der nmlichen Triebregungen, die zwischen den
Geschlechtern zur geschlechtlichen Vereinigung hindrngen, in anderen
Verhltnissen zwar von diesem sexuellen Ziel abgedrngt oder in der
Erreichung desselben aufgehalten werden, dabei aber doch immer genug
von ihrem ursprnglichen Wesen bewahren, um ihre Identitt kenntlich zu
erhalten (Selbstaufopferung, Streben nach Annherung).

Wir meinen also, da die Sprache mit dem Wort Liebe in seinen
vielfltigen Anwendungen eine durchaus berechtigte Zusammenfassung
geschaffen hat, und da wir nichts Besseres tun knnen, als dieselbe
auch unseren wissenschaftlichen Errterungen und Darstellungen zugrunde
zu legen. Durch diesen Entschlu hat die Psychoanalyse einen Sturm von
Entrstung entfesselt, als ob sie sich einer frevelhaften Neuerung
schuldig gemacht htte. Und doch hat die Psychoanalyse mit dieser
erweiterten Auffassung der Liebe nichts Originelles geschaffen. Der
_Eros_ des Philosophen _Plato_ zeigt in seiner Herkunft, Leistung
und Beziehung zur Geschlechtsliebe eine vollkommene Deckung mit der
Liebeskraft, der Libido der Psychoanalyse, wie _Nachmansohn_ und
_Pfister_ im Einzelnen dargelegt haben[13], und wenn der Apostel
_Paulus_ in dem berhmten Brief an die Korinther die Liebe ber alles
andere preist, hat er sie gewi im nmlichen erweiterten Sinn
verstanden[14], woraus nur zu lernen ist, da die Menschen ihre groen
Denker nicht immer ernst nehmen, auch wenn sie sie angeblich sehr
bewundern.

  [13] _Nachmansohn_, Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eroslehre
  Platos. Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse III, 1915, _Pfister_, ebd.
  VII, 1921.

  [14] Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und htte der
  Liebe nicht, so wre ich ein tnend Erz oder eine klingende Schelle,
  u.ff.

Diese Liebestriebe werden nun in der Psychoanalyse a potiori und von
ihrer Herkunft her Sexualtriebe geheien. Die Mehrzahl der Gebildeten
hat diese Namengebung als Beleidigung empfunden und sich fr sie
gercht, indem sie der Psychoanalyse den Vorwurf des Pansexualismus
entgegenschleuderte. Wer die Sexualitt fr etwas die menschliche Natur
Beschmendes und Erniedrigendes hlt, dem steht es ja frei, sich der
vornehmeren Ausdrcke Eros und Erotik zu bedienen. Ich htte es auch
selbst von Anfang an so tun knnen und htte mir dadurch viel
Widerspruch erspart. Aber ich mochte es nicht, denn ich vermeide gern
Konzessionen an die Schwachmtigkeit. Man kann nicht wissen, wohin
man auf diesem Wege gert; man gibt zuerst in Worten nach und dann
allmhlich auch in der Sache. Ich kann nicht finden, da irgend ein
Verdienst daran ist, sich der Sexualitt zu schmen; das griechische
Wort Eros, das den Schimpf lindern soll, ist doch schlielich nichts
anderes als die bersetzung unseres deutschen Wortes Liebe, und endlich,
wer warten kann, braucht keine Konzessionen zu machen.

Wir werden es also mit der Voraussetzung versuchen, da Liebesbeziehungen
(indifferent ausgedrckt: Gefhlsbindungen) auch das Wesen der
Massenseele ausmachen. Erinnern wir uns daran, da von solchen bei den
Autoren nicht die Rede ist. Was ihnen entsprechen wrde, ist offenbar
hinter dem Schirm, der spanischen Wand, der Suggestion verborgen. Auf
zwei flchtige Gedanken sttzen wir zunchst unsere Erwartung. Erstens,
da die Masse offenbar durch irgend eine Macht zusammengehalten wird.
Welcher Macht knnte man aber diese Leistung eher zuschreiben als dem
Eros, der alles in der Welt zusammenhlt? Zweitens, da man den Eindruck
empfngt, wenn der Einzelne in der Masse seine Eigenart aufgibt und sich
von den anderen suggerieren lt, er tue es, weil ein Bedrfnis bei ihm
besteht, eher im Einvernehmen mit ihnen als im Gegensatz zu ihnen zu
sein, also vielleicht doch ihnen zuliebe.




V.

Zwei knstliche Massen: Kirche und Heer.


Aus der Morphologie der Massen rufen wir uns ins Gedchtnis, da man
sehr verschiedene Arten von Massen und gegenstzliche Richtungen in
ihrer Ausbildung unterscheiden kann. Es gibt sehr flchtige Massen und
hchst dauerhafte; homogene, die aus gleichartigen Individuen bestehen,
und nicht homogene; natrliche Massen und knstliche, die zu ihrem
Zusammenhalt auch einen ueren Zwang erfordern; primitive Massen und
gegliederte, hoch organisierte. Aus Grnden aber, in welche die Einsicht
noch verhllt ist, mchten wir auf eine Unterscheidung besonderen Wert
legen, die bei den Autoren eher zu wenig beachtet wird; ich meine die
von fhrerlosen Massen und von solchen mit Fhrern. Und recht im
Gegensatz zur gewohnten bung soll unsere Untersuchung nicht eine
relativ einfache Massenbildung zum Ausgangspunkt whlen, sondern an
hoch organisierten, dauerhaften, knstlichen Massen beginnen. Die
interessantesten Beispiele solcher Gebilde sind die Kirche, die
Gemeinschaft der Glubigen, und die Armee, das Heer.

Kirche und Heer sind knstliche Massen, das heit, es wird ein gewisser
uerer Zwang aufgewendet, um sie vor der Auflsung zu bewahren und
Vernderungen in ihrer Struktur hintanzuhalten. Man wird in der Regel
nicht befragt oder es wird einem nicht freigestellt, ob man in eine
solche Masse eintreten will; der Versuch des Austritts wird gewhnlich
verfolgt oder strenge bestraft oder ist an ganz bestimmte Bedingungen
geknpft. Warum diese Vergesellschaftungen so besonderer Sicherungen
bedrfen, liegt unserem Interesse gegenwrtig ganz ferne. Uns zieht nur
der eine Umstand an, da man an diesen hochorganisierten, in solcher
Weise vor dem Zerfall geschtzten Massen mit groer Deutlichkeit gewisse
Verhltnisse erkennt, die anderswo weit mehr verdeckt sind.

In der Kirche -- wir knnen mit Vorteil die katholische Kirche zum
Muster nehmen -- gilt wie im Heer, so verschieden beide sonst sein
mgen, die nmliche Vorspiegelung (Illusion), da ein Oberhaupt da ist,
-- in der katholischen Kirche Christus, in der Armee der Feldherr --
das alle Einzelnen der Masse mit der gleichen Liebe liebt. An dieser
Illusion hngt alles; liee man sie fallen, so zerfielen sofort, soweit
der uere Zwang es gestattete, Kirche wie Heer. Von Christus wird diese
gleiche Liebe ausdrcklich ausgesagt: Was ihr getan habt Einem unter
diesen meinen geringsten Brdern, das habt ihr mir getan. Er steht zu
den Einzelnen der glubigen Masse im Verhltnis eines gtigen lteren
Bruders, ist ihnen ein Vaterersatz. Alle Anforderungen an die Einzelnen
leiten sich von dieser Liebe Christi ab. Ein demokratischer Zug geht
durch die Kirche, eben weil vor Christus alle gleich sind, alle den
gleichen Anteil an seiner Liebe haben. Nicht ohne tiefen Grund wird
die Gleichartigkeit der christlichen Gemeinde mit einer Familie
heraufbeschworen und nennen sich die Glubigen Brder in Christo, d.h.
Brder durch die Liebe, die Christus fr sie hat. Es ist nicht zu
bezweifeln, da die Bindung jedes Einzelnen an Christus auch die Ursache
ihrer Bindung unter einander ist. hnliches gilt fr das Heer; der
Feldherr ist der Vater, der alle seine Soldaten gleich liebt, und darum
sind sie Kameraden untereinander. Das Heer unterscheidet sich
strukturell von der Kirche darin, da es aus einem Stufenbau von
solchen Massen besteht. Jeder Hauptmann ist gleichsam der Feldherr und
Vater seiner Abteilung, jeder Unteroffizier der seines Zuges. Eine
hnliche Hierarchie ist zwar auch in der Kirche ausgebildet, spielt aber
in ihr nicht dieselbe konomische Rolle, da man Christus mehr Wissen und
Bekmmern um die Einzelnen zuschreiben darf als dem menschlichen
Feldherrn.

    Gegen diese Auffassung der libidinsen Struktur einer Armee wird man
    mit Recht einwenden, da die Ideen des Vaterlandes, des nationalen
    Ruhms u.a., die fr den Zusammenhalt der Armee so bedeutsam sind,
    hier keine Stelle gefunden haben. Die Antwort darauf lautet, dies
    sei ein anderer, nicht mehr so einfacher Fall von Massenbindung, und
    wie die Beispiele groer Heerfhrer, Caesar, Wallenstein, Napoleon,
    zeigen, sind solche Ideen fr den Bestand einer Armee nicht
    unentbehrlich. Von dem mglichen Ersatz des Fhrers durch eine
    fhrende Idee und den Beziehungen zwischen beiden wird spter kurz
    die Rede sein. Die Vernachlssigung dieses libidinsen Faktors in
    der Armee, auch dann, wenn er nicht der einzig wirksame ist, scheint
    nicht nur ein theoretischer Mangel, sondern auch eine praktische
    Gefahr. Der preuische Militarismus, der ebenso unpsychologisch war
    wie die deutsche Wissenschaft, hat dies vielleicht im groen
    Weltkrieg erfahren mssen. Die Kriegsneurosen, welche die deutsche
    Armee zersetzten, sind ja bekanntlich als Protest des Einzelnen
    gegen die ihm in der Armee zugemutete Rolle erkannt worden, und
    nach den Mitteilungen von E. _Simmel_[15] darf man behaupten, da
    die lieblose Behandlung des gemeinen Mannes durch seine Vorgesetzten
    obenan unter den Motiven der Erkrankung stand. Bei besserer
    Wrdigung dieses Libidoanspruches htten wahrscheinlich die
    phantastischen Versprechungen der 14 Punkte des amerikanischen
    Prsidenten nicht so leicht Glauben gefunden und das groartige
    Instrument wre den deutschen Kriegsknstlern nicht in der Hand
    zerbrochen.

  [15] Kriegsneurosen und Psychisches Trauma, Mnchen 1918.

Merken wir an, da in diesen beiden knstlichen Massen jeder Einzelne
einerseits an den Fhrer (Christus, Feldherrn), andererseits an die
anderen Massenindividuen libidins gebunden ist. Wie sich diese beiden
Bindungen zueinander verhalten, ob sie gleichartig und gleichwertig sind
und wie sie psychologisch zu beschreiben wren, das mssen wir einer
spteren Untersuchung vorbehalten. Wir getrauen uns aber jetzt schon
eines leisen Vorwurfes gegen die Autoren, da sie die Bedeutung des
Fhrers fr die Psychologie der Masse nicht gengend gewrdigt haben,
whrend uns die Wahl des ersten Untersuchungsobjekts in eine gnstigere
Lage gebracht hat. Es will uns scheinen, als befnden wir uns auf dem
richtigen Weg, der die Haupterscheinung der Massenpsychologie, die
Unfreiheit des Einzelnen in der Masse, aufklren kann. Wenn fr jeden
Einzelnen eine so ausgiebige Gefhlsbindung nach zwei Richtungen
besteht, so wird es uns nicht schwer werden, aus diesem Verhltnis die
beobachtete Vernderung und Einschrnkung seiner Persnlichkeit
abzuleiten.

Einen Wink ebendahin, das Wesen einer Masse bestehe in den in ihr
vorhandenen libidinsen Bindungen, erhalten wir auch in dem Phnomen der
Panik, welches am besten an militrischen Massen zu studieren ist. Eine
Panik entsteht, wenn eine solche Masse sich zersetzt. Ihr Charakter ist,
da kein Befehl des Vorgesetzten mehr angehrt wird, und da jeder fr
sich selbst sorgt ohne Rcksicht auf die anderen. Die gegenseitigen
Bindungen haben aufgehrt und eine riesengroe, sinnlose Angst wird
frei. Natrlich wird auch hier wieder der Einwand naheliegen, es sei
vielmehr umgekehrt, indem die Angst so gro gewachsen sei, da sie sich
ber alle Rcksichten und Bindungen hinaussetzen konnte. _McDougall_
hat sogar (S.24) den Fall der Panik (allerdings der nicht militrischen)
als Musterbeispiel fr die von ihm betonte Affektsteigerung durch
Ansteckung (primary induction) verwertet. Allein diese rationelle
Erklrungsweise geht hier doch ganz fehl. Es steht eben zur Erklrung,
warum die Angst so riesengro geworden ist. Die Gre der Gefahr kann
nicht beschuldigt werden, denn dieselbe Armee, die jetzt der Panik
verfllt, kann hnlich groe und grere Gefahren tadellos bestanden
haben, und es gehrt geradezu zum Wesen der Panik, da sie nicht im
Verhltnis zur drohenden Gefahr steht, oft bei den nichtigsten Anlssen
ausbricht. Wenn der Einzelne in panischer Angst fr sich selbst zu
sorgen unternimmt, so bezeugt er damit die Einsicht, da die affektiven
Bindungen aufgehrt haben, die bis dahin die Gefahr fr ihn
herabsetzten. Nun, da er der Gefahr allein entgegensteht, darf er sie
allerdings hher einschtzen. Es verhlt sich also so, da die panische
Angst die Lockerung in der libidinsen Struktur der Masse voraussetzt
und in berechtigter Weise auf sie reagiert, nicht umgekehrt, da die
Libidobindungen der Masse an der Angst vor der Gefahr zugrunde gegangen
wren.

    Mit diesen Bemerkungen wird der Behauptung, da die Angst in der
    Masse durch Induktion (Ansteckung) ins Ungeheure wachse, keineswegs
    widersprochen. Die _McDougall_'sche Auffassung ist durchaus
    zutreffend fr den Fall, da die Gefahr eine real groe ist und da
    in der Masse keine starken Gefhlsbindungen bestehen, Bedingungen,
    die verwirklicht werden, wenn z.B. in einem Theater oder
    Unterhaltungslokal Feuer ausbricht. Der lehrreiche und fr unsere
    Zwecke verwertete Fall ist der oben erwhnte, da ein Heereskrper
    in Panik gert, wenn die Gefahr nicht ber das gewohnte und oftmals
    gut vertragene Ma hinaus gesteigert ist. Man wird nicht erwarten
    drfen, da der Gebrauch des Wortes Panik scharf und eindeutig
    bestimmt sei. Manchmal bezeichnet man so jede Massenangst, andere
    Male auch die Angst eines Einzelnen, wenn sie ber jedes Ma
    hinausgeht, hufig scheint der Name fr den Fall reserviert, da der
    Angstausbruch durch den Anla nicht gerechtfertigt wird. Nehmen wir
    das Wort Panik im Sinne der Massenangst, so knnen wir eine
    weitgehende Analogie behaupten. Die Angst des Individuums wird
    hervorgerufen entweder durch die Gre der Gefahr oder durch das
    Auflassen von Gefhlsbindungen (Libidobesetzungen); der letztere
    Fall ist der der neurotischen Angst. (S. Vorlesungen zur Einfhrung
    in die Psychoanalyse, XXV., 3.Aufl., 1920.) Ebenso entsteht die
    Panik durch die Steigerung der Alle betreffenden Gefahr oder durch
    das Aufhren der die Masse zusammenhaltenden Gefhlsbindungen, und
    dieser letzte Fall ist der neurotischen Angst analog. (Vgl. hiezu
    den gedankenreichen, etwas phantastischen Aufsatz von _Bela
    v.Felszeghy_: Panik und Pankomplex, Imago, VI, 1920.)

    Wenn man die Panik wie _McDougall_ (l.c.) als eine der deutlichsten
    Leistungen des group mind beschreibt, gelangt man zum Paradoxon,
    da sich diese Massenseele in einer ihrer aufflligsten uerungen
    selbst aufhebt. Es ist kein Zweifel mglich, da die Panik die
    Zersetzung der Masse bedeutet, sie hat das Aufhren aller Rcksichten
    zur Folge, welche sonst die Einzelnen der Masse fr einander zeigen.

Der typische Anla fr den Ausbruch einer Panik ist so hnlich, wie er
in der _Nestroy_'schen Parodie des _Hebbel_schen Dramas von Judith und
Holofernes dargestellt wird. Da schreit ein Krieger: Der Feldherr hat
den Kopf verloren, und darauf ergreifen alle Assyrer die Flucht. Der
Verlust des Fhrers in irgend einem Sinne, das Irrewerden an ihm bringt
die Panik bei gleichbleibender Gefahr zum Ausbruch; mit der Bindung an
den Fhrer schwinden -- in der Regel -- auch die gegenseitigen Bindungen
der Massenindividuen. Die Masse zerstiebt wie ein Bologneser Flschchen,
dem man die Spitze abgebrochen hat.

Die Zersetzung einer religisen Masse ist nicht so leicht zu beobachten.
Vor kurzem geriet mir ein von katholischer Seite stammender, vom Bischof
von London empfohlener englischer Roman in die Hand mit dem Titel: When
it was dark, der eine solche Mglichkeit und ihre Folgen in geschickter
und, wie ich meine, zutreffender Weise ausmalte. Der Roman erzhlt wie
aus der Gegenwart, da es einer Verschwrung von Feinden der Person
Christi und des christlichen Glaubens gelingt, eine Grabkammer in
Jerusalem auffinden zu lassen, in deren Inschrift Josef von Arimatha
bekennt, da er aus Grnden der Piett den Leichnam Christi am dritten
Tag nach seiner Beisetzung heimlich aus seinem Grab entfernt und hier
bestattet habe. Damit ist die Auferstehung Christi und seine gttliche
Natur abgetan und die Folge dieser archologischen Entdeckung ist eine
Erschtterung der europischen Kultur und eine auerordentliche Zunahme
aller Gewalttaten und Verbrechen, die erst schwindet, nachdem das
Komplott der Flscher enthllt werden kann.

Was bei der hier angenommenen Zersetzung der religisen Masse zum
Vorschein kommt, ist nicht Angst, fr welche der Anla fehlt, sondern
rcksichtslose und feindselige Impulse gegen andere Personen, die sich
bis dahin dank der gleichen Liebe Christi nicht uern konnten[16].
Auerhalb dieser Bindung stehen aber auch whrend des Reiches Christi
jene Individuen, die nicht zur Glaubensgemeinschaft gehren, die ihn
nicht lieben und die er nicht liebt; darum mu eine Religion, auch wenn
sie sich die Religion der Liebe heit, hart und lieblos gegen diejenigen
sein, die ihr nicht angehren. Im Grunde ist ja jede Religion eine
solche Religion der Liebe fr alle, die sie umfat, und jeder liegt
Grausamkeit und Intoleranz gegen die nicht dazugehrigen nahe. Man darf,
so schwer es einem auch persnlich fllt, den Glubigen daraus keinen zu
argen Vorwurf machen; Unglubige und Indifferente haben es in diesem
Punkte psychologisch umso viel leichter. Wenn diese Intoleranz sich
heute nicht mehr so gewaltttig und grausam kundgibt wie in frheren
Jahrhunderten, so wird man daraus kaum auf eine Milderung in den Sitten
der Menschen schlieen drfen. Weit eher ist die Ursache davon in der
unleugbaren Abschwchung der religisen Gefhle und der von ihnen
abhngigen libidinsen Bindungen zu suchen. Wenn eine andere
Massenbindung an die Stelle der religisen tritt, wie es jetzt der
sozialistischen zu gelingen scheint, so wird sich dieselbe Intoleranz
gegen die Auenstehenden ergeben wie im Zeitalter der Religionskmpfe,
und wenn die Differenzen wissenschaftlicher Anschauungen je eine
hnliche Bedeutung fr die Massen gewinnen knnten, wrde sich dasselbe
Resultat auch fr diese Motivierung wiederholen.

  [16] Vgl. hiezu die Erklrung hnlicher Phnomene nach dem Wegfall der
  landesvterlichen Autoritt bei P. _Federn_, Die vaterlose Gesellschaft,
  Wien, Anzengruber-Verlag, 1919.




VI.

Weitere Aufgaben und Arbeitsrichtungen.


Wir haben bisher zwei artifizielle Massen untersucht und gefunden, da
sie von zweierlei Gefhlsbindungen beherrscht werden, von denen die eine
an den Fhrer -- wenigstens fr sie -- bestimmender zu sein scheint als
die andere, die der Massenindividuen aneinander.

Nun gbe es in der Morphologie der Massen noch viel zu untersuchen und
zu beschreiben. Man htte von der Feststellung auszugehen, da eine
bloe Menschenmenge noch keine Masse ist, so lange sich jene Bindungen
in ihr nicht hergestellt haben, htte aber das Zugestndnis zu machen,
da in einer beliebigen Menschenmenge sehr leicht die Tendenz zur
Bildung einer psychologischen Masse hervortritt. Man mte den
verschiedenartigen, mehr oder minder bestndigen Massen, die spontan
zustande kommen, Aufmerksamkeit schenken, die Bedingungen ihrer
Entstehung und ihres Zerfalls studieren. Vor allem wrde uns der
Unterschied zwischen Massen, die einen Fhrer haben, und fhrerlosen
Massen beschftigen. Ob nicht die Massen mit Fhrer die ursprnglicheren
und vollstndigeren sind, ob in den anderen der Fhrer nicht durch eine
Idee, ein Abstraktum ersetzt sein kann, wozu ja schon die religisen
Massen mit ihrem unaufzeigbaren Oberhaupt die berleitung bilden, ob
nicht eine gemeinsame Tendenz, ein Wunsch, an dem eine Vielheit Anteil
nehmen kann, den nmlichen Ersatz leistet. Dieses Abstrakte knnte sich
wiederum mehr oder weniger vollkommen in der Person eines gleichsam
sekundren Fhrers verkrpern, und aus der Beziehung zwischen Idee und
Fhrer ergben sich interessante Mannigfaltigkeiten. Der Fhrer oder die
fhrende Idee knnten auch sozusagen negativ werden; der Ha gegen eine
bestimmte Person oder Institution knnte ebenso einigend wirken und
hnliche Gefhlsbindungen hervorrufen wie die positive Anhnglichkeit.
Es fragte sich dann auch, ob der Fhrer fr das Wesen der Masse wirklich
unerllich ist u.a.m.

Aber all diese Fragen, die zum Teil auch in der Literatur der
Massenpsychologie behandelt sein mgen, werden nicht imstande sein,
unser Interesse von den psychologischen Grundproblemen abzulenken, die
uns in der Struktur einer Masse geboten werden. Wir werden zunchst von
einer berlegung gefesselt, die uns auf dem krzesten Weg den Nachweis
verspricht, da es Libidobindungen sind, welche eine Masse
charakterisieren.

Wir halten uns vor, wie sich die Menschen im allgemeinen affektiv
zueinander verhalten. Nach dem berhmten _Schopenhauer_'schen Gleichnis
von den frierenden Stachelschweinen vertrgt keiner eine allzu intime
Annherung des anderen.

    Eine Gesellschaft Stachelschweine drngte sich, an einem kalten
    Wintertage, recht nahe zusammen, um durch die gegenseitige Wrme,
    sich vor dem Erfrieren zu schtzen. Jedoch bald empfanden sie die
    gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder voneinander
    entfernte. Wenn nun das Bedrfnis der Erwrmung sie wieder nher
    zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite bel, so da sie
    zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine
    mige Entfernung herausgefunden hatten, in der sie es am besten
    aushalten konnten. (Parerga und Paralipomena, II.Teil, XXXI.,
    Gleichnisse und Parabeln.)

Nach dem Zeugnis der Psychoanalyse hinterlt fast jedes intime
Gefhlsverhltnis zwischen zwei Personen von lngerer Dauer --
Ehebeziehung, Freundschaft, Eltern- und Kindschaft[17] -- einen
Bodensatz von ablehnenden, feindseligen Gefhlen, der erst durch
Verdrngung beseitigt werden mu. Unverhllter ist es, wenn jeder
Kompagnon mit seinem Gesellschafter hadert, jeder Untergebene gegen
seinen Vorgesetzten murrt. Dasselbe geschieht dann, wenn die Menschen
zu greren Einheiten zusammentreten. Jedesmal, wenn sich zwei Familien
durch eine Eheschlieung verbinden, hlt sich jede von ihnen fr die
bessere oder vornehmere auf Kosten der anderen. Von zwei benachbarten
Stdten wird jede zur mignstigen Konkurrentin der anderen; jedes
Kantnli sieht geringschtzig auf das andere herab. Nchstverwandte
Vlkerstmme stoen einander ab, der Sddeutsche mag den Norddeutschen
nicht leiden, der Englnder sagt dem Schotten alles Bse nach, der
Spanier verachtet den Portugiesen. Da bei greren Differenzen sich
eine schwer zu berwindende Abneigung ergibt, des Galliers gegen den
Germanen, des Ariers gegen den Semiten, des Weien gegen den Farbigen,
hat aufgehrt uns zu verwundern.

  [17] Vielleicht mit einziger Ausnahme der Beziehung der Mutter zum
  Sohn, die auf Narzimus gegrndet, durch sptere Rivalitt nicht
  gestrt und durch einen Ansatz zur sexuellen Objektwahl verstrkt
  wird.

Wenn sich die Feindseligkeit gegen sonst geliebte Personen richtet,
bezeichnen wir es als Gefhlsambivalenz und erklren uns diesen Fall in
wahrscheinlich allzu rationeller Weise durch die vielfachen Anlsse zu
Interessenkonflikten, die sich gerade in so intimen Beziehungen ergeben.
In den unverhllt hervortretenden Abneigungen und Abstoungen gegen
nahestehende Fremde knnen wir den Ausdruck einer Selbstliebe, eines
Narzimus, erkennen, der seine Selbstbehauptung anstrebt und sich so
benimmt, als ob das Vorkommen einer Abweichung von seinen individuellen
Ausbildungen eine Kritik derselben und eine Aufforderung sie umzugestalten
mit sich brchte. Warum sich eine so groe Empfindlichkeit gerade auf
diese Einzelheiten der Differenzierung geworfen haben sollte, wissen wir
nicht; es ist aber unverkennbar, da sich in diesem ganzen Verhalten der
Menschen eine Habereitschaft, eine Aggressivitt kundgibt, deren
Herkunft unbekannt ist, und der man einen elementaren Charakter
zusprechen mchte.

    In einer krzlich (1920) verffentlichten Schrift Jenseits des
    Lustprinzips habe ich versucht, die Polaritt von Lieben und Hassen
    mit einem angenommenen Gegensatz von Lebens- und Todestrieben zu
    verknpfen, und die Sexualtriebe als die reinsten Vertreter der
    ersteren, der Lebenstriebe, hinzustellen.

Aber all diese Intoleranz schwindet, zeitweilig oder dauernd, durch die
Massenbildung und in der Masse. Solange die Massenbildung anhlt oder
soweit sie reicht, benehmen sich die Individuen als wren sie
gleichfrmig, dulden sie die Eigenart des anderen, stellen sich ihm
gleich und verspren kein Gefhl der Abstoung gegen ihn. Eine solche
Einschrnkung des Narzimus kann nach unseren theoretischen Anschauungen
nur durch ein Moment erzeugt werden, durch libidinse Bindung an andere
Personen. Die Selbstliebe findet nur an der Fremdliebe, Liebe zu
Objekten, eine Schranke[18]. Man wird sofort die Frage aufwerfen, ob
nicht die Interessengemeinschaft, an und fr sich und ohne jeden
libidinsen Beitrag, zur Duldung des anderen und zur Rcksichtnahme
auf ihn fhren mu. Man wird diesem Einwand mit dem Bescheid begegnen,
da auf solche Weise eine bleibende Einschrnkung des Narzimus doch
nicht zustande kommt, da diese Toleranz nicht lnger anhlt als der
unmittelbare Vorteil, den man aus der Mitarbeit des anderen zieht.
Allein der praktische Wert dieser Streitfrage ist geringer, als man
meinen sollte, denn die Erfahrung hat gezeigt, da sich im Falle der
Mitarbeiterschaft regelmig libidinse Bedingungen zwischen den
Kameraden herstellen, welche die Beziehung zwischen ihnen ber das
Vorteilhafte hinaus verlngern und fixieren. Es geschieht in den
sozialen Beziehungen der Menschen dasselbe, was der psychoanalytischen
Forschung in dem Entwicklungsgang der individuellen Libido bekannt
geworden ist. Die Libido lehnt sich an die Befriedigung der groen
Lebensbedrfnisse an und whlt die daran beteiligten Personen zu ihren
ersten Objekten. Und wie beim Einzelnen, so hat auch in der Entwicklung
der ganzen Menschheit nur die Liebe als Kulturfaktor im Sinne einer
Wendung vom Egoismus zum Altruismus gewirkt. Und zwar sowohl die
geschlechtliche Liebe zum Weibe mit all den aus ihr flieenden
Ntigungen das zu verschonen, was dem Weibe lieb war, als auch die
desexualisierte, sublimiert homosexuelle Liebe zum anderen Manne, die
sich aus der gemeinsamen Arbeit ergab.

  [18] S. Zur Einfhrung des Narzimus 1914, Sammlung kleiner Schriften
  zur Neurosenlehre, vierte Folge 1918.

Wenn also in der Masse Einschrnkungen der narzitischen Eigenliebe
auftreten, die auerhalb derselben nicht wirken, so ist dies ein
zwingender Hinweis darauf, da das Wesen der Massenbildung in
neuartigen libidinsen Bindungen der Massenmitglieder aneinander
besteht.

Nun wird aber unser Interesse dringend fragen, welcher Art diese
Bindungen in der Masse sind. In der psychoanalytischen Neurosenlehre
haben wir uns bisher fast ausschlielich mit der Bindung solcher
Liebestriebe an ihre Objekte beschftigt, die noch direkte Sexualziele
verfolgen. Um solche Sexualziele kann es sich in der Masse offenbar
nicht handeln. Wir haben es hier mit Liebestrieben zu tun, die ohne
darum minder energisch zu wirken, doch von ihren ursprnglichen Zielen
abgelenkt sind. Nun haben wir bereits im Rahmen der gewhnlichen
sexuellen Objektbesetzung Erscheinungen bemerkt, die einer Ablenkung des
Triebs von seinem Sexualziel entsprechen. Wir haben sie als Grade von
Verliebtheit beschrieben und erkannt, da sie eine gewisse Beeintrchtigung
des Ichs mit sich bringen. Diesen Erscheinungen der Verliebtheit werden
wir jetzt eingehendere Aufmerksamkeit zuwenden, in der begrndeten
Erwartung, an ihnen Verhltnisse zu finden, die sich auf die Bindungen
in den Massen bertragen lassen. Auerdem mchten wir aber wissen, ob
diese Art der Objektbesetzung, wie wir sie aus dem Geschlechtsleben
kennen, die einzige Weise der Gefhlsbindung an eine andere Person
darstellt, oder ob wir noch andere solche Mechanismen in Betracht zu
ziehen haben. Wir erfahren tatschlich aus der Psychoanalyse, da es
noch andere Mechanismen der Gefhlsbindung gibt, die sogenannten
_Identifizierungen_, ungengend bekannte, schwer darzustellende
Vorgnge, deren Untersuchung uns nun eine gute Weile vom Thema der
Massenpsychologie fernhalten wird.




VII.

Die Identifizierung.


Die Identifizierung ist der Psychoanalyse als frheste uerung einer
Gefhlsbindung an eine andere Person bekannt. Sie spielt in der
Vorgeschichte des dipuskomplexes eine Rolle. Der kleine Knabe legt ein
besonderes Interesse fr seinen Vater an den Tag, er mchte so werden
und so sein wie er, in allen Stcken an seine Stelle treten. Sagen wir
ruhig: er nimmt den Vater zu seinem Ideal. Dies Verhalten hat nichts mit
einer passiven oder femininen Einstellung zum Vater (und zum Manne
berhaupt) zu tun, es ist vielmehr exquisit mnnlich. Es vertrgt sich
sehr wohl mit dem dipuskomplex, den es vorbereiten hilft.

Gleichzeitig mit dieser Identifizierung mit dem Vater oder etwas spter,
hat der Knabe begonnen, eine richtige Objektbesetzung der Mutter nach
dem Anlehnungstypus vorzunehmen. Er zeigt also dann zwei psychologisch
verschiedene Bindungen, zur Mutter eine glatt sexuelle Objektbesetzung,
zum Vater eine vorbildliche Identifizierung. Die beiden bestehen eine
Weile nebeneinander, ohne gegenseitige Beeinflussung oder Strung.
Infolge der unaufhaltsam fortschreitenden Vereinheitlichung des
Seelenlebens treffen sie sich endlich und durch dies Zusammenstrmen
entsteht der normale dipuskomplex. Der Kleine merkt, da ihm der Vater
bei der Mutter im Wege steht; seine Identifizierung mit dem Vater nimmt
jetzt eine feindselige Tnung an und wird mit dem Wunsch identisch, den
Vater auch bei der Mutter zu ersetzen. Die Identifizierung ist eben von
Anfang an ambivalent, sie kann sich ebenso zum Ausdruck der Zrtlichkeit
wie zum Wunsch der Beseitigung wenden. Sie benimmt sich wie ein
Abkmmling der ersten _oralen_ Phase der Libidoorganisation, in welcher
man sich das begehrte und geschtzte Objekt durch Essen einverleibte und
es dabei als solches vernichtete. Der Kannibale bleibt bekanntlich auf
diesem Standpunkt stehen; er hat seine Feinde zum Fressen lieb, und er
frit nur die, die er lieb hat.[19]

  [19] S. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie und _Abraham_:
  Untersuchungen ber die frheste prgenitale Entwicklungsstufe der
  Libido. Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IV, 1916, auch in dessen
  Klinische Beitrge zur Psychoanalyse. Intern. psychoanalyt.
  Bibliothek. Bd.10, 1921.

Das Schicksal dieser Vateridentifizierung verliert man spter leicht aus
den Augen. Es kann dann geschehen, da der dipuskomplex eine Umkehrung
erfhrt, da der Vater in femininer Einstellung zum Objekte genommen
wird, von dem die direkten Sexualtriebe ihre Befriedigung erwarten, und
dann ist die Vateridentifizierung zum Vorlufer der Objektbindung an den
Vater geworden. Dasselbe gilt mit den entsprechenden Ersetzungen auch
fr die kleine Tochter.

Es ist leicht, den Unterschied einer solchen Vateridentifizierung von
einer Vaterobjektwahl in einer Formel auszusprechen. Im ersten Falle ist
der Vater das, was man _sein_, im zweiten das, was man _haben_ mchte.
Es ist also der Unterschied, ob die Bindung am Subjekt oder am Objekt
des Ichs angreift. Die erstere ist darum bereits vor jeder sexuellen
Objektwahl mglich. Es ist weit schwieriger, diese Verschiedenheit
metapsychologisch anschaulich darzustellen. Man erkennt nur, die
Identifizierung strebt danach, das eigene Ich hnlich zu gestalten wie
das andere zum Vorbild genommene.

Aus einem verwickelteren Zusammenhange lsen wir die Identifizierung bei
einer neurotischen Symptombildung. Das kleine Mdchen, an das wir uns
jetzt halten wollen, bekomme dasselbe Leidenssymptom wie seine Mutter,
z.B. denselben qulenden Husten. Das kann nun auf verschiedenen
Wegen zugehen. Entweder ist die Identifizierung dieselbe aus dem
dipuskomplex, die ein feindseliges Ersetzenwollen der Mutter bedeutet,
und das Symptom drckt die Objektliebe zum Vater aus; es realisiert die
Ersetzung der Mutter unter dem Einflu des Schuldbewutseins: Du hast
die Mutter sein wollen, jetzt bist du's wenigstens im Leiden. Das ist
dann der komplette Mechanismus der hysterischen Symptombildung. Oder
aber, das Symptom ist dasselbe wie das der geliebten Person (so wie
z.B. Dora im Bruchstck einer Hysterieanalyse den Husten des Vaters
imitiert); dann knnen wir den Sachverhalt nur so beschreiben, _die
Identifizierung sei an Stelle der Objektwahl getreten, die Objektwahl
sei zur Identifizierung regrediert_. Wir haben gehrt, da die
Identifizierung die frheste und ursprnglichste Form der Gefhlsbindung
ist; unter den Verhltnissen der Symptombildung, also der Verdrngung,
und der Herrschaft der Mechanismen des Unbewuten kommt es oft vor,
da die Objektwahl wieder zur Identifizierung wird, also das Ich die
Eigenschaften des Objekts an sich nimmt. Bemerkenswert ist es, da das
Ich bei diesen Identifizierungen das eine Mal die ungeliebte, das andere
Mal aber die geliebte Person kopiert. Es mu uns auch auffallen, da
beide Male die Identifizierung eine partielle, hchst beschrnkte ist,
nur einen einzigen Zug von der Objektperson entlehnt.

Es ist ein dritter, besonders hufiger und bedeutsamer Fall der
Symptombildung, da die Identifizierung vom Objektverhltnis zur
kopierten Person ganz absieht. Wenn z.B. eines der Mdchen im Pensionat
einen Brief vom geheim Geliebten bekommen hat, der ihre Eifersucht
erregt, und auf den sie mit einem hysterischen Anfall reagiert, so
werden einige ihrer Freundinnen, die darum wissen, diesen Anfall
bernehmen, wie wir sagen, auf dem Wege der psychischen Infektion. Der
Mechanismus ist der der Identifizierung auf Grund des sich in dieselbe
Lage Versetzenknnens oder Versetzenwollens. Die anderen mchten auch
ein geheimes Liebesverhltnis haben und akzeptieren unter dem Einflu
des Schuldbewutseins auch das damit verbundene Leid. Es wre unrichtig,
zu behaupten, sie eignen sich das Symptom aus Mitgefhl an. Im Gegenteil,
das Mitgefhl entsteht erst aus der Identifizierung, und der Beweis
hiefr ist, da sich solche Infektion oder Imitation auch unter
Umstnden herstellt, wo noch geringere vorgngige Sympathie zwischen
beiden anzunehmen ist, als unter Pensionsfreundinnen zu bestehen pflegt.
Das eine Ich hat am anderen eine bedeutsame Analogie in einem Punkte
wahrgenommen, in unserem Beispiel in der gleichen Gefhlsbereitschaft,
es bildet sich daraufhin eine Identifizierung in diesem Punkte, und
unter dem Einflu der pathogenen Situation verschiebt sich diese
Identifizierung zum Symptom, welches das eine Ich produziert hat. Die
Identifizierung durch das Symptom wird so zum Anzeichen fr eine
Deckungsstelle der beiden Ich, die verdrngt gehalten werden soll.

Das aus diesen drei Quellen Gelernte knnen wir dahin zusammenfassen,
da erstens die Identifizierung die ursprnglichste Form der
Gefhlsbindung an ein Objekt ist, zweitens da sie auf regressivem Wege
zum Ersatz fr eine libidinse Objektbindung wird, gleichsam durch
Introjektion des Objekts ins Ich, und da sie drittens bei jeder neu
wahrgenommenen Gemeinsamkeit mit einer Person, die nicht Objekt der
Sexualtriebe ist, entstehen kann. Je bedeutsamer diese Gemeinsamkeit
ist, desto erfolgreicher mu diese partielle Identifizierung werden
knnen und so dem Anfang einer neuen Bindung entsprechen.

Wir ahnen bereits, da die gegenseitige Bindung der Massenindividuen von
der Natur einer solchen Identifizierung durch eine wichtige affektive
Gemeinsamkeit ist, und knnen vermuten, diese Gemeinsamkeit liege in der
Art der Bindung an den Fhrer. Eine andere Ahnung kann uns sagen, da
wir weit davon entfernt sind, das Problem der Identifizierung erschpft
zu haben, da wir vor dem Vorgang stehen, den die Psychologie
Einfhlung heit, und der den grten Anteil an unserem Verstndnis
fr das Ichfremde anderer Personen hat. Aber wir wollen uns hier auf die
nchsten affektiven Wirkungen der Identifizierung beschrnken und ihre
Bedeutung fr unser intellektuelles Leben beiseite lassen.

Die psychoanalytische Forschung, die gelegentlich auch schon die
schwierigeren Probleme der Psychosen in Angriff genommen hat, konnte uns
auch die Identifizierung in einigen anderen Fllen aufzeigen, die
unserem Verstndnis nicht ohne weiteres zugnglich sind. Ich werde zwei
dieser Flle als Stoff fr unsere weiteren berlegungen ausfhrlich
behandeln.

Die Genese der mnnlichen Homosexualitt ist in einer groen Reihe von
Fllen die folgende: Der junge Mann ist ungewhnlich lange und intensiv
im Sinne des dipuskomplexes an seine Mutter fixiert gewesen. Endlich
kommt doch nach vollendeter Pubertt die Zeit, die Mutter gegen ein
anderes Sexualobjekt zu vertauschen. Da geschieht eine pltzliche
Wendung; der Jngling verlt nicht seine Mutter, sondern identifiziert
sich mit ihr, er wandelt sich in sie um und sucht jetzt nach Objekten,
die ihm sein Ich ersetzen knnen, die er so lieben und pflegen kann, wie
er es von der Mutter erfahren hatte. Dies ist ein hufiger Vorgang, der
beliebig oft besttigt werden kann und natrlich ganz unabhngig von
jeder Annahme ist, die man ber die organische Triebkraft und die Motive
jener pltzlichen Wandlung macht. Auffllig an dieser Identifizierung
ist ihre Ausgiebigkeit, sie wandelt das Ich in einem hchst wichtigen
Stck, im Sexualcharakter, nach dem Vorbild des bisherigen Objekts um.
Dabei wird das Objekt selbst aufgegeben, ob durchaus oder nur in dem
Sinne, da es im Unbewuten erhalten bleibt, steht hier auer
Diskussion. Die Identifizierung mit dem aufgegebenen oder verlorenen
Objekt zum Ersatz desselben, die Introjektion dieses Objekts ins Ich,
ist fr uns allerdings keine Neuheit mehr. Ein solcher Vorgang lt sich
gelegentlich am kleinen Kind unmittelbar beobachten. Krzlich wurde
in der Internationalen Zeitschrift fr Psychoanalyse eine solche
Beobachtung verffentlicht, da ein Kind, das unglcklich ber den
Verlust eines Ktzchens war, frischweg erklrte, es sei jetzt selbst das
Ktzchen, dem entsprechend auf allen Vieren kroch, nicht am Tische essen
wollte usw.[20]

  [20] _Markuszewicz_, Beitrag zum autistischen Denken bei Kindern,
  Internationale Zeitschrift fr Psychoanalyse, VI., 1920.

Ein anderes Beispiel von solcher Introjektion des Objekts hat uns die
Analyse der Melancholie gegeben, welche Affektion ja den realen oder
affektiven Verlust des geliebten Objekts unter ihre aufflligsten
Veranlassungen zhlt. Ein Hauptcharakter dieser Flle ist die grausame
Selbstherabsetzung des Ichs in Verbindung mit schonungsloser Selbstkritik
und bitteren Selbstvorwrfen. Analysen haben ergeben, da diese
Einschtzung und diese Vorwrfe im Grunde dem Objekt gelten und die
Rache des Ichs an diesem darstellen. Der Schatten des Objekts ist auf
das Ich gefallen, sagte ich an anderer Stelle. Die Introjektion des
Objekts ist hier von unverkennbarer Deutlichkeit.

Diese Melancholien zeigen uns aber noch etwas anderes, was fr unsere
spteren Betrachtungen wichtig werden kann. Sie zeigen uns das Ich
geteilt, in zwei Stcke zerfllt, von denen das eine gegen das andere
wtet. Dies andere Stck ist das durch Introjektion vernderte, das das
verlorene Objekt einschliet. Aber auch das Stck, das sich so grausam
bettigt, ist uns nicht unbekannt. Es schliet das Gewissen ein, eine
kritische Instanz im Ich, die sich auch in normalen Zeiten dem Ich
kritisch gegenbergestellt hat, nur niemals so unerbittlich und so
ungerecht. Wir haben schon bei frheren Anlssen die Annahme machen
mssen (Narzimus, Trauer und Melancholie), da sich in unserem Ich eine
solche Instanz entwickelt, welche sich vom anderen Ich absondern und in
Konflikte mit ihm geraten kann. Wir nannten sie das Ichideal und
schrieben ihr an Funktionen die Selbstbeobachtung, das moralische
Gewissen, die Traumzensur und den Haupteinflu bei der Verdrngung zu.
Wir sagten, sie sei der Erbe des ursprnglichen Narzimus, in dem das
kindliche Ich sich selbst gengte. Allmhlich nehme sie aus den
Einflssen der Umgebung die Anforderungen auf, die diese an das Ich
stelle, denen das Ich nicht immer nachkommen knne, so da der Mensch,
wo er mit seinem Ich selbst nicht zufrieden sein kann, doch seine
Befriedigung in dem aus dem Ich differenzierten Ichideal finden drfe.
Im Beobachtungswahn, stellten wir ferner fest, werde der Zerfall dieser
Instanz offenkundig und dabei ihre Herkunft aus den Einflssen der
Autoritten, voran der Eltern, aufgedeckt[21]. Wir haben aber nicht
vergessen anzufhren, da das Ma der Entfernung dieses Ichideals vom
aktuellen Ich fr das einzelne Individuum sehr variabel ist, und da bei
vielen diese Differenzierung innerhalb des Ichs nicht weiter reicht als
beim Kinde.

  [21] Zur Einfhrung des Narzimus, l.c.

Ehe wir aber diesen Stoff zum Verstndnis der libidinsen Organisation
einer Masse verwenden knnen, mssen wir einige andere der
Wechselbeziehungen zwischen Objekt und Ich in Betracht ziehen.

    Wir wissen sehr gut, da wir mit diesen der Pathologie entnommenen
    Beispielen das Wesen der Identifizierung nicht erschpft haben und
    somit am Rtsel der Massenbildung ein Stck unangerhrt lassen. Hier
    mte eine viel grndlichere und mehr umfassende psychologische
    Analyse eingreifen: Von der Identifizierung fhrt ein Weg ber die
    Nachahmung zur Einfhlung, d.h. zum Verstndnis des Mechanismus,
    durch den uns berhaupt eine Stellungnahme zu einem anderen
    Seelenleben ermglicht wird. Auch an den uerungen einer
    bestehenden Identifizierung ist noch vieles aufzuklren. Sie hat
    unter anderem die Folge, da man die Aggression gegen die Person,
    mit der man sich identifiziert hat, einschrnkt, sie verschont und
    ihr Hilfe leistet. Das Studium solcher Identifizierungen, wie sie
    z.B. der Clangemeinschaft zugrunde liegen, ergab _Robertson Smith_
    das berraschende Resultat, da sie auf der Anerkennung einer
    gemeinsamen Substanz beruhen (Kinship and Marriage, 1885), daher
    auch durch eine gemeinsam genommene Mahlzeit geschaffen werden
    knnen. Dieser Zug gestattet es, eine solche Identifizierung mit der
    von mir in Totem und Tabu konstruierten Urgeschichte der
    menschlichen Familie zu verknpfen.




VIII.

Verliebtheit und Hypnose.


Der Sprachgebrauch bleibt selbst in seinen Launen irgend einer Wirklichkeit
treu. So nennt er zwar sehr mannigfaltige Gefhlsbeziehungen Liebe,
die auch wir theoretisch als Liebe zusammenfassen, zweifelt aber dann
wieder, ob diese Liebe die eigentliche, richtige, wahre sei, und deutet
so auf eine ganze Stufenleiter von Mglichkeiten innerhalb der
Liebesphnomene hin. Es wird uns auch nicht schwer, dieselbe in der
Beobachtung aufzufinden.

In einer Reihe von Fllen ist die Verliebtheit nichts anderes als
Objektbesetzung von seiten der Sexualtriebe zum Zweck der direkten
Sexualbefriedigung, die auch mit der Erreichung dieses Zieles erlischt;
das ist das, was man die gemeine, sinnliche Liebe heit. Aber wie
bekannt, bleibt die libidinse Situation selten so einfach. Die
Sicherheit, mit der man auf das Wiedererwachen des eben erloschenen
Bedrfnisses rechnen konnte, mu wohl das nchste Motiv gewesen sein,
dem Sexualobjekt eine dauernde Besetzung zuzuwenden, es auch in den
begierdefreien Zwischenzeiten zu lieben.

Aus der sehr merkwrdigen Entwicklungsgeschichte des menschlichen
Liebeslebens kommt ein zweites Moment hinzu. Das Kind hatte in der
ersten, mit fnf Jahren meist schon abgeschlossenen Phase in einem
Elternteil ein erstes Liebesobjekt gefunden, auf welches sich alle seine
Befriedigung heischenden Sexualtriebe vereinigt hatten. Die dann
eintretende Verdrngung erzwang den Verzicht auf die meisten dieser
kindlichen Sexualziele und hinterlie eine tiefgreifende Modifikation
des Verhltnisses zu den Eltern. Das Kind blieb fernerhin an die Eltern
gebunden, aber mit Trieben, die man zielgehemmte nennen mu. Die
Gefhle, die es von nun an fr diese geliebten Personen empfindet,
werden als zrtliche bezeichnet. Es ist bekannt, da im Unbewuten die
frheren sinnlichen Strebungen mehr oder minder stark erhalten
bleiben, so da die ursprngliche Vollstrmung in gewissem Sinne
weiterbesteht[22].

  [22] S. Sexualtheorie l.c.

Mit der Pubertt setzen bekanntlich neue sehr intensive Strebungen nach
den direkten Sexualzielen ein. In ungnstigen Fllen bleiben sie als
sinnliche Strmung von den fortdauernden zrtlichen Gefhlsrichtungen
geschieden. Man hat dann das Bild vor sich, dessen beide Ansichten von
gewissen Richtungen der Literatur so gerne idealisiert werden. Der Mann
zeigt schwrmerische Neigungen zu hochgeachteten Frauen, die ihn aber
zum Liebesverkehr nicht reizen, und ist nur potent gegen andere Frauen,
die er nicht liebt, geringschtzt oder selbst verachtet[23]. Hufiger
indes gelingt dem Heranwachsenden ein gewisses Ma von Synthese der
unsinnlichen, himmlischen und der sinnlichen, irdischen Liebe, und ist
sein Verhltnis zum Sexualobjekt durch das Zusammenwirken von
ungehemmten mit zielgehemmten Trieben gekennzeichnet. Nach dem Beitrag
der zielgehemmten Zrtlichkeitstriebe kann man die Hhe der Verliebtheit
im Gegensatz zum blo sinnlichen Begehren bemessen.

  [23] ber die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens. Sammlung,
  4.Folge, 1918.

Im Rahmen dieser Verliebtheit ist uns von Anfang an das Phnomen
der Sexualberschtzung aufgefallen, die Tatsache, da das geliebte
Objekt eine gewisse Freiheit von der Kritik geniet, da alle seine
Eigenschaften hher eingeschtzt werden als die ungeliebter Personen
oder als zu einer Zeit, da es nicht geliebt wurde. Bei einigermaen
wirksamer Verdrngung oder Zurcksetzung der sinnlichen Strebungen kommt
die Tuschung zustande, da das Objekt seiner seelischen Vorzge wegen
auch sinnlich geliebt wird, whrend umgekehrt erst das sinnliche
Wohlgefallen ihm diese Vorzge verliehen haben mag.

Das Bestreben, welches hier das Urteil flscht, ist das der
_Idealisierung_. Damit ist uns aber die Orientierung erleichtert; wir
erkennen, da das Objekt so behandelt wird wie das eigene Ich, da also
in der Verliebtheit ein greres Ma narzitischer Libido auf das Objekt
berfliet. Bei manchen Formen der Liebeswahl wird es selbst
augenfllig, da das Objekt dazu dient, ein eigenes, nicht erreichtes
Ichideal zu ersetzen. Man liebt es wegen der Vollkommenheiten, die man
frs eigene Ich angestrebt hat und die man sich nun auf diesem Umweg zur
Befriedigung seines Narzimus verschaffen mchte.

Nehmen Sexualberschtzung und Verliebtheit noch weiter zu, so
wird die Deutung des Bildes immer unverkennbarer. Die auf direkte
Sexualbefriedigung drngenden Strebungen knnen nun ganz zurckgedrngt
werden, wie es z.B. regelmig bei der schwrmerischen Liebe des
Jnglings geschieht; das Ich wird immer anspruchsloser, bescheidener,
das Objekt immer groartiger, wertvoller; es gelangt schlielich in den
Besitz der gesamten Selbstliebe des Ichs, so da dessen Selbstaufopferung
zur natrlichen Konsequenz wird. Das Objekt hat das Ich sozusagen
aufgezehrt. Zge von Demut, Einschrnkung des Narzimus, Selbstschdigung
sind in jedem Falle von Verliebtheit vorhanden; im extremen Falle werden
sie nur gesteigert und durch das Zurcktreten der sinnlichen Ansprche
bleiben sie alleinherrschend.

Dies ist besonders leicht bei unglcklicher, unerfllbarer Liebe der
Fall, da bei jeder sexuellen Befriedigung doch die Sexualberschtzung
immer wieder eine Herabsetzung erfhrt. Gleichzeitig mit dieser
Hingabe des Ichs an das Objekt, die sich von der sublimierten Hingabe
an eine abstrakte Idee schon nicht mehr unterscheidet, versagen die dem
Ichideal zugeteilten Funktionen gnzlich. Es schweigt die Kritik, die
von dieser Instanz ausgebt wird; alles was das Objekt tut und fordert,
ist recht und untadelhaft. Das Gewissen findet keine Anwendung auf
alles, was zugunsten des Objekts geschieht; in der Liebesverblendung
wird man reuelos zum Verbrecher. Die ganze Situation lt sich restlos
in eine Formel zusammenfassen: _Das Objekt hat sich an die Stelle des
Ichideals gesetzt._

Der Unterschied der Identifizierung von der Verliebtheit in ihren
hchsten Ausbildungen, die man Faszination, verliebte Hrigkeit heit,
ist nun leicht zu beschreiben. Im ersteren Falle hat sich das Ich um die
Eigenschaften des Objekts bereichert, sich dasselbe nach _Ferenczi_'s
Ausdruck introjiziert; im zweiten Fall ist es verarmt, hat sich
dem Objekt hingegeben, dasselbe an die Stelle seines wichtigsten
Bestandteils gesetzt. Indes merkt man bei nherer Erwgung bald, da
eine solche Darstellung Gegenstze vorspiegelt, die nicht bestehen. Es
handelt sich konomisch nicht um Verarmung oder Bereicherung, man kann
auch die extreme Verliebtheit so beschreiben, da das Ich sich das
Objekt introjiziert habe. Vielleicht trifft eine andere Unterscheidung
eher das Wesentliche. Im Falle der Identifizierung ist das Objekt
verloren gegangen oder aufgegeben worden; es wird dann im Ich wieder
aufgerichtet, das Ich verndert sich partiell nach dem Vorbild des
verlorenen Objekts. Im anderen Falle ist das Objekt erhalten geblieben
und wird als solches von seiten und auf Kosten des Ichs berbesetzt.
Aber auch hiegegen erhebt sich ein Bedenken. Steht es denn fest, da die
Identifizierung das Aufgeben der Objektbesetzung voraussetzt, kann es
nicht Identifizierung bei erhaltenem Objekt geben? Und ehe wir uns in
die Diskussion dieser heikeln Frage einlassen, kann uns bereits die
Einsicht aufdmmern, da eine andere Alternative das Wesen dieses
Sachverhalts in sich fat, nmlich _ob das Objekt an die Stelle des Ichs
oder des Ichideals gesetzt wird_.

Von der Verliebtheit ist offenbar kein weiter Schritt zur Hypnose.
Die bereinstimmungen beider sind augenfllig. Dieselbe demtige
Unterwerfung, Gefgigkeit, Kritiklosigkeit gegen den Hypnotiseur wie
gegen das geliebte Objekt. Dieselbe Aufsaugung der eigenen Initiative;
kein Zweifel, der Hypnotiseur ist an die Stelle des Ichideals getreten.
Alle Verhltnisse sind in der Hypnose nur noch deutlicher und
gesteigerter, so da es zweckmiger wre, die Verliebtheit durch die
Hypnose zu erlutern als umgekehrt. Der Hypnotiseur ist das einzige
Objekt, kein anderes wird neben ihm beachtet. Da das Ich traumhaft
erlebt, was er fordert und behauptet, mahnt uns daran, da wir
verabsumt haben, unter den Funktionen des Ichideals auch die Ausbung
der Realittsprfung zu erwhnen[24]. Kein Wunder, da das Ich eine
Wahrnehmung fr real hlt, wenn die sonst mit der Aufgabe der
Realittsprfung betraute psychische Instanz sich fr diese Realitt
einsetzt. Die vllige Abwesenheit von Strebungen mit ungehemmten
Sexualzielen trgt zur extremen Reinheit der Erscheinungen weiteres bei.
Die hypnotische Beziehung ist eine uneingeschrnkte verliebte Hingabe
bei Ausschlu sexueller Befriedigung, whrend eine solche bei der
Verliebtheit doch nur zeitweilig zurckgeschoben ist und als sptere
Zielmglichkeit im Hintergrunde verbleibt.

  [24] S. Metapsychologische Ergnzung zur Traumlehre. Sammlung kleiner
  Schriften zur Neurosenlehre, Vierte Folge, 1918.

Anderseits knnen wir aber auch sagen, die hypnotische Beziehung sei --
wenn dieser Ausdruck gestattet ist -- eine Massenbildung zu zweien. Die
Hypnose ist kein gutes Vergleichsobjekt mit der Massenbildung, weil sie
vielmehr mit dieser identisch ist. Sie isoliert uns aus dem komplizierten
Gefge der Masse ein Element, das Verhalten des Massenindividuums zum
Fhrer. Durch diese Einschrnkung der Zahl scheidet sich die Hypnose von
der Massenbildung, wie durch den Wegfall der direkt sexuellen
Strebungen von der Verliebtheit. Sie hlt insoferne die Mitte zwischen
beiden.

Es ist interessant zu sehen, da gerade die zielgehemmten
Sexualstrebungen so dauerhafte Bindungen der Menschen aneinander
erzielen. Dies versteht sich aber leicht aus der Tatsache, da sie einer
vollen Befriedigung nicht fhig sind, whrend ungehemmte
Sexualstrebungen durch die Abfuhr bei der Erreichung des jedesmaligen
Sexualziels eine auerordentliche Herabsetzung erfahren. Die sinnliche
Liebe ist dazu bestimmt, in der Befriedigung zu erlschen; um andauern
zu knnen, mu sie mit rein zrtlichen, d.h. zielgehemmten Komponenten
von Anfang an versetzt sein oder eine solche Umsetzung erfahren.

Die Hypnose wrde uns das Rtsel der libidinsen Konstitution einer
Masse glatt lsen, wenn sie selbst nicht noch Zge enthielte, die sich
der bisherigen rationellen Aufklrung -- als Verliebtheit bei Ausschlu
direkt sexueller Strebungen -- entziehen. Es ist noch vieles an ihr als
unverstanden, als mystisch anzuerkennen. Sie enthlt einen Zusatz von
Lhmung aus dem Verhltnis eines bermchtigen zu einem Ohnmchtigen,
Hilflosen, was etwa zur Schreckhypnose der Tiere berleitet. Die Art,
wie sie erzeugt wird, ihre Beziehung zum Schlaf, sind nicht durchsichtig,
und die rtselhafte Auswahl von Personen, die sich fr sie eignen,
whrend andere sie gnzlich ablehnen, weist auf ein noch unbekanntes
Moment hin, welches in ihr verwirklicht wird, und das vielleicht erst
die Reinheit der Libidoeinstellungen in ihr ermglicht. Beachtenswert
ist auch, da hufig das moralische Gewissen der hypnotisierten Person
sich selbst bei sonst voller suggestiver Gefgigkeit resistent zeigen
kann. Aber das mag daher kommen, da bei der Hypnose, wie sie zumeist
gebt wird, ein Wissen erhalten geblieben sein kann, es handle sich nur
um ein Spiel, eine unwahre Reproduktion einer anderen, weit
lebenswichtigeren Situation.

Durch die bisherigen Errterungen sind wir aber voll darauf vorbereitet,
die Formel fr die libidinse Konstitution einer Masse anzugeben.
Wenigstens einer solchen Masse, wie wir sie bisher betrachtet haben, die
also einen Fhrer hat und nicht durch allzu viel Organisation sekundr
die Eigenschaften eines Individuums erwerben konnte. _Eine solche
primre Masse ist eine Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe
Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt und sich infolgedessen in
ihrem Ich miteinander identifiziert haben._ Dies Verhltnis lt eine
graphische Darstellung zu:

[Illustration]




IX.

Der Herdentrieb.


Wir werden uns nur kurze Zeit der Illusion freuen, durch diese Formel
das Rtsel der Masse gelst zu haben. Alsbald mu uns die Mahnung
beunruhigen, da wir ja im wesentlichen die Verweisung auf das Rtsel
der Hypnose angenommen haben, an dem so vieles noch unerledigt ist. Und
nun zeigt uns ein anderer Einwand den weiteren Weg.

Wir drfen uns sagen, die ausgiebigen affektiven Bindungen, die wir in
der Masse erkennen, reichen voll aus, um einen ihrer Charaktere zu
erklren, den Mangel an Selbstndigkeit und Initiative beim Einzelnen,
die Gleichartigkeit seiner Reaktion mit der aller anderen, sein
Herabsinken zum Massenindividuum sozusagen. Aber die Masse zeigt, wenn
wir sie als Ganzes ins Auge fassen, mehr; die Zge von Schwchung der
intellektuellen Leistung, von Ungehemmtheit der Affektivitt, die
Unfhigkeit zur Migung und zum Aufschub, die Neigung zur berschreitung
aller Schranken in der Gefhlsuerung und zur vollen Abfuhr derselben
in Handlung, dies und alles hnliche, was wir bei _Le Bon_ so
eindrucksvoll geschildert finden, ergibt ein unverkennbares Bild von
Regression der seelischen Ttigkeit auf eine frhere Stufe, wie wir sie
bei Wilden oder bei Kindern zu finden nicht erstaunt sind. Eine solche
Regression gehrt insbesondere zum Wesen der gemeinen Massen, whrend
sie, wie wir gehrt haben, bei hoch organisierten, knstlichen
weitgehend hintangehalten werden kann.

Wir erhalten so den Eindruck eines Zustandes, in dem die vereinzelte
Gefhlsregung und der persnliche intellektuelle Akt des Individuums zu
schwach sind, um sich allein zur Geltung zu bringen, und durchaus auf
Bekrftigung durch gleichartige Wiederholung von seiten der anderen
warten mssen. Wir werden daran erinnert, wieviel von diesen Phnomenen
der Abhngigkeit zur normalen Konstitution der menschlichen Gesellschaft
gehrt, wie wenig Originalitt und persnlicher Mut sich in ihr findet,
wie sehr jeder Einzelne durch die Einstellungen einer Massenseele
beherrscht wird, die sich als Rasseneigentmlichkeiten, Standesvorurteile,
ffentliche Meinung u.dgl. kundgeben. Das Rtsel des suggestiven
Einflusses vergrert sich fr uns, wenn wir zugeben, da ein solcher
nicht allein vom Fhrer, sondern auch von jedem Einzelnen auf jeden
Einzelnen gebt wird, und wir machen uns den Vorwurf, da wir die
Beziehung zum Fhrer einseitig herausgehoben, den anderen Faktor der
gegenseitigen Suggestion aber ungebhrend zurckgedrngt haben.

Auf solche Weise zur Bescheidenheit gewiesen, werden wir geneigt sein,
auf eine andere Stimme zu horchen, welche uns Erklrung auf einfacheren
Grundlagen verspricht. Ich entnehme eine solche dem klugen Buch von W.
_Trotter_ ber den Herdentrieb, an dem ich nur bedauere, da es sich den
durch den letzten groen Krieg entfesselten Antipathien nicht ganz
entzogen hat[25].

  [25] W. _Trotter_, Instincts of the Herd in Peace and War. London
  1916.

_Trotter_ leitet die an der Masse beschriebenen seelischen Phnomene von
einem Herdeninstinkt (gregariousness) ab, der dem Menschen wie anderen
Tierarten angeboren zukommt. Diese Herdenhaftigkeit ist biologisch eine
Analogie und gleichsam eine Fortfhrung der Vielzelligkeit, im Sinne
der Libidotheorie eine weitere uerung der von der Libido ausgehenden
Neigung aller gleichartigen Lebewesen, sich zu immer umfassenderen
Einheiten zu vereinigen[26]. Der Einzelne fhlt sich unvollstndig
(incomplete), wenn er allein ist. Schon die Angst des kleinen Kindes sei
eine uerung dieses Herdeninstinkts. Widerspruch gegen die Herde ist
soviel wie Trennung von ihr und wird darum angstvoll vermieden. Die
Herde lehnt aber alles Neue, Ungewohnte ab. Der Herdeninstinkt sei etwas
Primres, nicht weiter Zerlegbares (which cannot be split up).

  [26] Siehe meinen Aufsatz: Jenseits des Lustprinzips. BeiheftII zur
  Internationalen Zeitschrift fr Psychoanalyse, VI., 1920.

_Trotter_ gibt als die Reihe der von ihm als primr angenommenen Triebe
(oder Instinkte): den Selbstbehauptungs-, Ernhrungs-, Geschlechts- und
Herdentrieb. Der letztere gerate oft in die Lage, sich den anderen
gegenberzustellen. Schuldbewutsein und Pflichtgefhl seien die
charakteristischen Besitztmer eines gregarious animal. Vom
Herdeninstinkt lt _Trotter_ auch die verdrngenden Krfte ausgehen,
welche die Psychoanalyse im Ich aufgezeigt hat, und folgerichtig
gleicherweise die Widerstnde, auf welche der Arzt bei der
psychoanalytischen Behandlung stt. Die Sprache verdanke ihre Bedeutung
ihrer Eignung zur gegenseitigen Verstndigung in der Herde, auf ihr
beruhe zum groen Teil die Identifizierung der Einzelnen miteinander.

Wie _Le Bon_ vorwiegend die charakteristischen flchtigen
Massenbildungen und _McDougall_ die stabilen Vergesellschaftungen, so
hat _Trotter_ die allgemeinsten Verbnde, in denen der Mensch, dies
+zon politikon+ lebt, in den Mittelpunkt seines Interesses gerckt und
deren psychologische Begrndung angegeben. Fr _Trotter_ bedarf es aber
keiner Ableitung des Herdentriebes, da er ihn als primr und nicht
weiter auflsbar bezeichnet. Seine Bemerkung, _Boris Sidis_ leite den
Herdentrieb von der Suggestibilitt ab, ist zum Glck fr ihn
berflssig; es ist eine Erklrung nach bekanntem, unbefriedigendem
Muster, und die Umkehrung dieses Satzes, also da die Suggestibilitt
ein Abkmmling des Herdeninstinkts sei, erschiene mir bei weitem
einleuchtender.

Aber gegen _Trotters_ Darstellung lt sich mit noch besserem Recht als
gegen die anderen einwenden, da sie auf die Rolle des Fhrers in der
Masse zu wenig Rcksicht nimmt, whrend wir doch eher zum gegenteiligen
Urteil neigen, da das Wesen der Masse bei Vernachlssigung des Fhrers
nicht zu begreifen sei. Der Herdeninstinkt lt berhaupt fr den
Fhrer keinen Raum, er kommt nur so zufllig zur Herde hinzu, und im
Zusammenhange damit steht, da von diesem Trieb aus auch kein Weg zu
einem Gottesbedrfnis fhrt; es fehlt der Hirt zur Herde. Auerdem aber
kann man _Trotters_ Darstellung psychologisch untergraben, d.h. man
kann es zum mindesten wahrscheinlich machen, da der Herdentrieb nicht
unzerlegbar, nicht in dem Sinne primr ist wie der Selbsterhaltungstrieb
und der Geschlechtstrieb.

Es ist natrlich nicht leicht, die Ontogenese des Herdentriebes zu
verfolgen. Die Angst des kleinen Kindes, wenn es allein gelassen wird,
die _Trotter_ bereits als uerung des Triebes in Anspruch nehmen will,
legt doch eine andere Deutung nher. Sie gilt der Mutter, spter anderen
vertrauten Personen und ist der Ausdruck einer unerfllten Sehnsucht,
mit der das Kind noch nichts anderes anzufangen wei, als sie in Angst
zu verwandeln[27]. Die Angst des einsamen kleinen Kindes wird auch
nicht durch den Anblick eines beliebigen anderen aus der Herde
beschwichtigt, sondern im Gegenteil durch das Hinzukommen eines solchen
Fremden erst hervorgerufen. Dann merkt man beim Kinde lange nichts von
einem Herdeninstinkt oder Massengefhl. Ein solches bildet sich zuerst
in der mehrzhligen Kinderstube aus dem Verhltnis der Kinder zu den
Eltern, und zwar als Reaktion auf den anfnglichen Neid, mit dem das
ltere Kind das jngere aufnimmt. Das ltere Kind mchte gewi das
nachkommende eiferschtig verdrngen, von den Eltern fernhalten und es
aller Anrechte berauben, aber angesichts der Tatsache, da auch dieses
Kind -- wie alle spteren -- in gleicher Weise von den Eltern geliebt
wird, und infolge der Unmglichkeit, seine feindselige Einstellung ohne
eigenen Schaden festzuhalten, wird es zur Identifizierung mit den
anderen Kindern gezwungen, und es bildet sich in der Kinderschar ein
Massen- oder Gemeinschaftsgefhl, welches dann in der Schule seine
weitere Entwicklung erfhrt. Die erste Forderung dieser Reaktionsbildung
ist die nach Gerechtigkeit, gleicher Behandlung fr alle. Es ist
bekannt, wie laut und unbestechlich sich dieser Anspruch in der Schule
uert. Wenn man schon selbst nicht der Bevorzugte sein kann, so soll
doch wenigstens keiner von allen bevorzugt werden. Man knnte diese
Umwandlung und Ersetzung der Eifersucht durch ein Massengefhl in
Kinderstube und Schulzimmer fr unwahrscheinlich halten, wenn man nicht
den gleichen Vorgang spter unter anderen Verhltnissen neuerlich
beobachten wrde. Man denke an die Schar von schwrmerisch verliebten
Frauen und Mdchen, die den Snger oder Pianisten nach seiner Produktion
umdrngen. Gewi lge es jeder von ihnen nahe, auf die andere
eiferschtig zu sein, allein angesichts ihrer Anzahl und der damit
verbundenen Unmglichkeit, das Ziel ihrer Verliebtheit zu erreichen,
verzichten sie darauf, und anstatt sich gegenseitig die Haare
auszuraufen, handeln sie wie eine einheitliche Masse, huldigen dem
Gefeierten in gemeinsamen Aktionen und wren etwa froh, sich in seinen
Lockenschmuck zu teilen. Sie haben sich, ursprnglich Rivalinnen, durch
die gleiche Liebe zu dem nmlichen Objekt miteinander identifizieren
knnen. Wenn eine Triebsituation, wie ja gewhnlich, verschiedener
Ausgnge fhig ist, so werden wir uns nicht verwundern, da jener
Ausgang zustande kommt, mit dem die Mglichkeit einer gewissen
Befriedigung verbunden ist, whrend ein anderer, selbst ein nher
liegender, unterbleibt, weil die realen Verhltnisse ihm die Erreichung
dieses Zieles versagen.

  [27] Siehe Vorlesungen zur Einfhrung in die Psychoanalyse, ber die
  Angst.

Was man dann spter in der Gesellschaft als Gemeingeist, esprit de corps
usw. wirksam findet, verleugnet nicht seine Abkunft vom ursprnglichen
Neid. Keiner soll sich hervortun wollen, jeder das gleiche sein und
haben. Soziale Gerechtigkeit will bedeuten, da man sich selbst vieles
versagt, damit auch die anderen darauf verzichten mssen, oder was
dasselbe ist, es nicht fordern knnen. Diese Gleichheitsforderung ist
die Wurzel des sozialen Gewissens und des Pflichtgefhls. In
unerwarteter Weise enthllt sie sich in der Infektionsangst der
Syphilitiker, die wir durch die Psychoanalyse verstehen gelernt haben.
Die Angst dieser Armen entspricht ihrem heftigen Struben gegen den
unbewuten Wunsch, ihre Infektion auf die anderen auszubreiten, denn
warum sollten sie allein infiziert und von so vielem ausgeschlossen sein
und die anderen nicht? Auch die schne Anekdote vom Urteil Salomonis hat
denselben Kern. Wenn der einen Frau das Kind gestorben ist, soll auch
die andere kein lebendes haben. An diesem Wunsch wird die
Verlusttrgerin erkannt.

Das soziale Gefhl ruht also auf der Umwendung eines erst feindseligen
Gefhls in eine positiv betonte Bindung von der Natur einer
Identifizierung. Soweit wir den Hergang bis jetzt durchschauen knnen,
scheint sich diese Umwendung unter dem Einflu einer gemeinsamen
zrtlichen Bindung an eine auer der Masse stehende Person zu
vollziehen. Unsere Analyse der Identifizierung erscheint uns selbst
nicht als erschpfend, aber unserer gegenwrtigen Absicht gengt es,
wenn wir auf den einen Zug, da die konsequente Durchfhrung der
Gleichstellung gefordert wird, zurckkommen. Wir haben bereits bei der
Errterung der beiden knstlichen Massen, Kirche und Armee, gehrt, ihre
Voraussetzung sei, da alle von einem, dem Fhrer, in gleicher Weise
geliebt werden. Nun vergessen wir aber nicht, da die Gleichheitsforderung
der Masse nur fr die Einzelnen derselben, nicht fr den Fhrer gilt.
Alle Einzelnen sollten einander gleich sein, aber alle wollen sie von
einem beherrscht werden. Viele Gleiche, die sich miteinander
identifizieren knnen, und ein einziger, ihnen allen berlegener, das
ist die Situation, die wir in der lebensfhigen Masse verwirklicht
finden. Getrauen wir uns also, die Aussage _Trotter_'s, der Mensch sei
ein _Herdentier_, dahin zu korrigieren, er sei vielmehr ein
_Hordentier_, ein Einzelwesen einer von einem Oberhaupt angefhrten
Horde.




X.

Die Masse und die Urhorde.


Im Jahre 1912 habe ich die Vermutung von Ch. _Darwin_ aufgenommen, da
die Urform der menschlichen Gesellschaft die von einem starken Mnnchen
unumschrnkt beherrschte Horde war. Ich habe darzulegen versucht, da
die Schicksale dieser Horde unzerstrbare Spuren in der menschlichen
Erbgeschichte hinterlassen haben, speziell, da die Entwicklung des
Totemismus, der die Anfnge von Religion, Sittlichkeit und sozialer
Gliederung in sich fat, mit der gewaltsamen Ttung des Oberhauptes und
der Umwandlung der Vaterhorde in eine Brdergemeinde zusammenhngt[28].
Es ist dies zwar nur eine Hypothese wie so viele andere, mit denen die
Prhistoriker das Dunkel der Urzeit aufzuhellen versuchen -- eine just
so story nannte sie witzig ein nicht unliebenswrdiger englischer
Kritiker (_Kroeger_) -- aber ich meine, es ist ehrenvoll fr eine solche
Hypothese, wenn sie sich geeignet zeigt, Zusammenhang und Verstndnis
auf immer neuen Gebieten zu schaffen.

  [28] Totem und Tabu. 2.Auflage 1920.

Die menschlichen Massen zeigen uns wiederum das vertraute Bild des
berstarken Einzelnen inmitten einer Schar von gleichen Genossen, das
auch in unserer Vorstellung von der Urhorde enthalten ist. Die
Psychologie dieser Masse, wie wir sie aus den oft erwhnten
Beschreibungen kennen, -- der Schwund der bewuten Einzelpersnlichkeit,
die Orientierung von Gedanken und Gefhlen nach gleichen Richtungen,
die Vorherrschaft der Affektivitt und des unbewuten Seelischen, die
Tendenz zur unverzglichen Ausfhrung auftauchender Absichten, -- das
alles entspricht einem Zustand von Regression zu einer primitiven
Seelenttigkeit, wie man sie gerade der Urhorde zuschreiben mchte.

    Fr die Urhorde mu insbesondere gelten, was wir vorhin in der
    allgemeinen Charakteristik der Menschen beschrieben haben. Der Wille
    des Einzelnen war zu schwach, er getraute sich nicht der Tat. Es
    kamen gar keine anderen Impulse zustande als kollektive, es gab nur
    einen Gemeinwillen, keinen singulren. Die Vorstellung wagte es
    nicht, sich in Willen umzusetzen, wenn sie sich nicht durch die
    Wahrnehmung ihrer allgemeinen Verbreitung gestrkt fand. Diese
    Schwche der Vorstellung findet ihre Erklrung in der Strke der
    allen gemeinsamen Gefhlsbindung, aber die Gleichartigkeit der
    Lebensumstnde und das Fehlen eines privaten Eigentums kommen hinzu,
    um die Gleichfrmigkeit der seelischen Akte bei den Einzelnen zu
    bestimmen. -- Auch die exkrementellen Bedrfnisse schlieen, wie man
    an Kindern und Soldaten merken kann, die Gemeinsamkeit nicht aus.
    Die einzige mchtige Ausnahme macht der sexuelle Akt, bei dem der
    Dritte zumindest berflssig, im uersten Fall zu einem peinlichen
    Abwarten verurteilt ist. ber die Reaktion des Sexualbedrfnisses
    (der Genitalbefriedigung) gegen das Herdenhafte siehe unten.

Die Masse erscheint uns so als ein Wiederaufleben der Urhorde. So wie
der Urmensch in jedem Einzelnen virtuell erhalten ist, so kann sich aus
einem beliebigen Menschenhaufen die Urhorde wieder herstellen; soweit
die Massenbildung die Menschen habituell beherrscht, erkennen wir den
Fortbestand der Urhorde in ihr. Wir mssen schlieen, die Psychologie
der Masse sei die lteste Menschenpsychologie; was wir unter
Vernachlssigung aller Massenreste als Individualpsychologie isoliert
haben, hat sich erst spter, allmhlich und sozusagen immer noch nur
partiell aus der alten Massenpsychologie herausgehoben. Wir werden noch
den Versuch wagen, den Ausgangspunkt dieser Entwicklung anzugeben.

Eine nchste berlegung zeigt uns, in welchem Punkt diese Behauptung
einer Berichtigung bedarf. Die Individualpsychologie mu vielmehr ebenso
alt sein wie die Massenpsychologie, denn von Anfang gab es zweierlei
Psychologien, die der Massenindividuen und die des Vaters, Oberhauptes,
Fhrers. Die Einzelnen der Masse waren so gebunden, wie wir sie heute
finden, aber der Vater der Urhorde war frei. Seine intellektuellen Akte
waren auch in der Vereinzelung stark und unabhngig, sein Wille bedurfte
nicht der Bekrftigung durch den anderer. Wir nehmen konsequenterweise
an, da sein Ich wenig libidins gebunden war, er liebte niemand auer
sich, und die anderen nur insoweit sie seinen Bedrfnissen dienten. Sein
Ich gab nichts berschssiges an die Objekte ab.

Zu Eingang der Menschheitsgeschichte war er der _bermensch_, den
_Nietzsche_ erst von der Zukunft erwartete. Noch heute bedrfen die
Massenindividuen der Vorspiegelung, da sie in gleicher und gerechter
Weise vom Fhrer geliebt werden, aber der Fhrer selbst braucht niemand
anderen zu lieben, er darf von Herrennatur sein, absolut narzitisch,
aber selbstsicher und selbstndig. Wir wissen, da die Liebe den
Narzimus eindmmt und knnten nachweisen, wie sie durch diese Wirkung
Kulturfaktor geworden ist.

Der Urvater der Horde war noch nicht unsterblich, wie er es spter
durch Vergottung wurde. Wenn er starb, mute er ersetzt werden; an
seine Stelle trat wahrscheinlich ein jngster Sohn, der bis dahin
Massenindividuum gewesen war wie ein anderer. Es mu also eine
Mglichkeit geben, die Psychologie der Masse in Individualpsychologie
umzuwandeln, es mu eine Bedingung gefunden werden, unter der sich
solche Umwandlung leicht vollzieht, hnlich wie es den Bienen mglich
ist, aus einer Larve im Bedarfsfalle eine Knigin anstatt einer
Arbeiterin zu ziehen. Man kann sich da nur dies eine vorstellen: Der
Urvater hatte seine Shne an der Befriedigung ihrer direkten sexuellen
Strebungen verhindert; er zwang sie zur Abstinenz und infolgedessen zu
den Gefhlsbindungen an ihn und aneinander, die aus den Strebungen mit
gehemmtem Sexualziel hervorgehen konnten. Er zwang sie sozusagen in die
Massenpsychologie. Seine sexuelle Eifersucht und Intoleranz sind in
letzter Linie die Ursache der Massenpsychologie geworden.

    Es lt sich etwa auch annehmen, da die vertriebenen Shne, vom
    Vater getrennt, den Fortschritt von der Identifizierung miteinander
    zur homosexuellen Objektliebe machten und so die Freiheit gewannen,
    den Vater zu tten.

Fr den, der sein Nachfolger wurde, war auch die Mglichkeit der sexuellen
Befriedigung gegeben und damit der Austritt aus den Bedingungen der
Massenpsychologie erffnet. Die Fixierung der Libido an das Weib, die
Mglichkeit der Befriedigung ohne Aufschub und Aufspeicherung machte der
Bedeutung zielgehemmter Sexualstrebungen ein Ende und lie den Narzimus
immer zur gleichen Hhe ansteigen. Auf diese Beziehung der Liebe zur
Charakterbildung werden wir in einem Nachtrag zurckkommen.

Heben wir noch als besonders lehrreich hervor, in welcher Beziehung zur
Konstitution der Urhorde die Veranstaltung steht, mittels deren eine
knstliche Masse zusammengehalten wird. Bei Heer und Kirche haben wir
gesehen, es ist die Vorspiegelung, da der Fhrer alle Einzelnen in
gleicher und gerechter Weise liebt. Dies ist aber geradezu die
idealistische Umarbeitung der Verhltnisse der Urhorde, in der sich alle
Shne in gleicher Weise vom Urvater verfolgt wuten und ihn in gleicher
Weise frchteten. Schon die nchste Form der menschlichen Soziett, der
totemistische Clan, hat diese Umformung, auf die alle sozialen Pflichten
aufgebaut sind, zur Voraussetzung. Die unverwstliche Strke der Familie
als einer natrlichen Massenbildung beruht darauf, da diese notwendige
Voraussetzung der gleichen Liebe des Vaters fr sie wirklich zutreffen
kann.

Aber wir erwarten noch mehr von der Zurckfhrung der Masse auf die
Urhorde. Sie soll uns auch das noch Unverstandene, Geheimnisvolle an der
Massenbildung nher bringen, das sich hinter den Rtselworten Hypnose
und Suggestion verbirgt. Und ich meine, sie kann es auch leisten.
Erinnern wir uns daran, da die Hypnose etwas direkt Unheimliches an
sich hat; der Charakter des Unheimlichen deutet aber auf etwas der
Verdrngung verfallenes Altes und Wohlvertrautes hin[29]. Denken wir
daran, wie die Hypnose eingeleitet wird. Der Hypnotiseur behauptet im
Besitz einer geheimnisvollen Macht zu sein, die dem Subjekt den eigenen
Willen raubt, oder, was dasselbe ist, das Subjekt glaubt es von ihm.
Diese geheimnisvolle Macht -- populr noch oft als tierischer
Magnetismus bezeichnet -- mu dieselbe sein, welche den Primitiven als
Quelle des Tabu gilt, dieselbe, die von Knigen und Huptlingen ausgeht
und die es gefhrlich macht, sich ihnen zu nhern (Mana). Im Besitz
dieser Macht will nun der Hypnotiseur sein und wie bringt er sie zur
Erscheinung? Indem er die Person auffordert, ihm in die Augen zu sehen;
er hypnotisiert in typischer Weise durch seinen Blick. Gerade der
Anblick des Huptlings ist aber fr den Primitiven gefhrlich und
unertrglich, wie spter der der Gottheit fr den Sterblichen. Noch
Moses mu den Mittelsmann zwischen seinem Volke und Jehova machen, da
das Volk den Anblick Gottes nicht ertrge, und wenn er von der Gegenwart
Gottes zurckkehrt, strahlt sein Antlitz, ein Teil des Mana hat sich
wie beim Mittler[30] der Primitiven auf ihn bertragen.

  [29] Das Unheimliche. Imago, V, 1919.

  [30] S. Totem und Tabu, und die dort zitierten Quellen.

Man kann die Hypnose allerdings auch auf anderen Wegen hervorrufen, was
irrefhrend ist und zu unzulnglichen physiologischen Theorien Anla
gegeben hat, z.B. durch das Fixieren eines glnzenden Gegenstandes oder
durch das Horchen auf ein monotones Gerusch. In Wirklichkeit dienen
diese Verfahren nur der Ablenkung und Fesselung der bewuten
Aufmerksamkeit. Die Situation ist die nmliche, als ob der Hypnotiseur
der Person gesagt htte: Nun beschftigen Sie sich ausschlielich mit
meiner Person, die brige Welt ist ganz uninteressant. Gewi wre es
technisch unzweckmig, wenn der Hypnotiseur eine solche Rede hielte;
das Subjekt wrde durch sie aus seiner unbewuten Einstellung gerissen
und zum bewuten Widerspruch aufgereizt werden. Aber whrend der
Hypnotiseur es vermeidet, das bewute Denken des Subjekts auf seine
Absichten zu richten, und die Versuchsperson sich in eine Ttigkeit
versenkt, bei der ihr die Welt uninteressant vorkommen mu, geschieht
es, da sie unbewut wirklich ihre ganze Aufmerksamkeit auf den
Hypnotiseur konzentriert, sich in die Einstellung des Rapports, der
bertragung, zum Hypnotiseur begibt. Die indirekten Methoden des
Hypnotisierens haben also, hnlich wie manche Techniken des Witzes, den
Erfolg, gewisse Verteilungen der seelischen Energie, welche den Ablauf
des unbewuten Vorgangs stren wrden, hintanzuhalten, und sie fhren
schlielich zum gleichen Ziel wie die direkten Beeinflussungen durch
Anstarren oder Streichen.

    Die Situation, da die Person unbewut auf den Hypnotiseur eingestellt
    ist, whrend sie sich bewut mit gleichbleibenden, uninteressanten
    Wahrnehmungen beschftigt, findet ein Gegenstck in den
    Vorkommnissen der psychoanalytischen Behandlung, das hier erwhnt
    zu werden verdient. In jeder Analyse ereignet es sich mindestens
    einmal, da der Patient hartnckig behauptet, jetzt fiele ihm aber
    ganz bestimmt nichts ein. Seine freien Assoziationen stocken und die
    gewhnlichen Antriebe, sie in Gang zu bringen, schlagen fehl. Durch
    Drngen erreicht man endlich das Eingestndnis, der Patient denke an
    die Aussicht aus dem Fenster des Behandlungsraumes, an die Tapete
    der Wand, die er vor sich sieht, oder an die Gaslampe, die von der
    Zimmerdecke herabhngt. Man wei dann sofort, da er sich in die
    bertragung begeben hat, von noch unbewuten Gedanken in Anspruch
    genommen wird, die sich auf den Arzt beziehen, und sieht die
    Stockung in den Einfllen des Patienten schwinden, sobald man ihm
    diese Aufklrung gegeben hat.

_Ferenczi_ hat richtig herausgefunden, da sich der Hypnotiseur mit dem
Schlafgebot, welches oft zur Einleitung der Hypnose gegeben wird, an die
Stelle der Eltern setzt. Er meinte zwei Arten der Hypnose unterscheiden
zu sollen, eine schmeichlerisch begtigende, die er dem Muttervorbild,
und eine drohende, die er dem Vater zuschrieb[31]. Nun bedeutet das
Gebot zu schlafen in der Hypnose auch nichts anderes als die
Aufforderung, alles Interesse von der Welt abzuziehen und auf die Person
des Hypnotiseurs zu konzentrieren; es wird auch vom Subjekt so
verstanden, denn in dieser Abziehung des Interesses von der Auenwelt
liegt die psychologische Charakteristik des Schlafes und auf ihr beruht
die Verwandtschaft des Schlafes mit dem hypnotischen Zustand.

  [31] _Ferenczi_, Introjektion und bertragung. Jahrbuch der
  Psychoanalyse, I, 1909.

Durch seine Manahmen weckt also der Hypnotiseur beim Subjekt ein Stck
von dessen archaischer Erbschaft, die auch den Eltern entgegenkam und
im Verhltnis zum Vater eine individuelle Wiederbelebung erfuhr, die
Vorstellung von einer bermchtigen und gefhrlichen Persnlichkeit,
gegen die man sich nur passiv-masochistisch einstellen konnte, an die
man seinen Willen verlieren mute, und mit der allein zu sein, ihr
unter die Augen zu treten ein bedenkliches Wagnis schien. Nur so etwa
knnen wir uns das Verhltnis eines Einzelnen der Urhorde zum Urvater
vorstellen. Wie wir aus anderen Reaktionen wissen, hat der Einzelne ein
variables Ma von persnlicher Eignung zur Wiederbelebung solch alter
Situationen bewahrt. Ein Wissen, da die Hypnose doch nur ein Spiel,
eine lgenhafte Erneuerung jener alten Eindrcke ist, kann aber erhalten
bleiben und fr den Widerstand gegen allzu ernsthafte Konsequenzen der
hypnotischen Willensaufhebung sorgen.

Der unheimliche, zwanghafte Charakter der Massenbildung, der sich in
ihren Suggestionserscheinungen zeigt, kann also wohl mit Recht auf ihre
Abkunft von der Urhorde zurckgefhrt werden. Der Fhrer der Masse ist
noch immer der gefrchtete Urvater, die Masse will immer noch von
unbeschrnkter Gewalt beherrscht werden, sie ist im hchsten Grade
autorittsschtig, hat nach _Le Bon_'s Ausdruck den Durst nach
Unterwerfung. Der Urvater ist das Massenideal, das an Stelle des
Ichideals das Ich beherrscht. Die Hypnose hat ein gutes Anrecht auf die
Bezeichnung: eine Masse zu zweit; fr die Suggestion erbrigt die
Definition einer berzeugung, die nicht auf Wahrnehmung und Denkarbeit,
sondern auf erotische Bindung gegrndet ist.

    Es erscheint mir der Hervorhebung wert, da wir durch die
    Errterungen dieses Abschnittes veranlat werden, von der
    _Bernheim_'schen Auffassung der Hypnose auf die naive ltere
    derselben zurckzugreifen. Nach _Bernheim_ sind alle hypnotischen
    Phnomene von dem weiter nicht aufzuklrenden Moment der Suggestion
    abzuleiten. Wir schlieen, da die Suggestion eine Teilerscheinung
    des hypnotischen Zustandes ist, der in einer unbewut erhaltenen
    Disposition aus der Urgeschichte der menschlichen Familie seine gute
    Begrndung hat.




XI.

Eine Stufe im Ich.


Wenn man, eingedenk der einander ergnzenden Beschreibungen der Autoren
ber Massenpsychologie, das Leben der heutigen Einzelmenschen
berblickt, mag man vor den Komplikationen, die sich hier zeigen, den
Mut zu einer zusammenfassenden Darstellung verlieren. Jeder Einzelne ist
ein Bestandteil von vielen Massen, durch Identifizierung vielseitig
gebunden, und hat sein Ichideal nach den verschiedensten Vorbildern
aufgebaut. Jeder Einzelne hat so Anteil an vielen Massenseelen, an der
seiner Rasse, des Standes, der Glaubensgemeinschaft, der Staatlichkeit
usw. und kann sich darber hinaus zu einem Stckchen Selbstndigkeit und
Originalitt erheben. Diese stndigen und dauerhaften Massenbildungen
fallen in ihren gleichmig anhaltenden Wirkungen der Beobachtung
weniger auf als die rasch gebildeten, vergnglichen Massen, nach denen
_Le Bon_ die glnzende psychologische Charakteristik der Massenseele
entworfen hat, und in diesen lrmenden, ephemeren, den anderen gleichsam
superponierten Massen begibt sich eben das Wunder, da dasjenige, was
wir eben als die individuelle Ausbildung anerkannt haben, spurlos, wenn
auch nur zeitweilig untergeht.

Wir haben dies Wunder so verstanden, da der Einzelne sein Ichideal
aufgibt und es gegen das im Fhrer verkrperte Massenideal vertauscht.
Das Wunder, drfen wir berichtigend hinzufgen, ist nicht in allen
Fllen gleich gro. Die Sonderung von Ich und Ichideal ist bei
vielen Individuen nicht weit vorgeschritten, die beiden fallen noch
leicht zusammen, das Ich hat sich oft die frhere narzitische
Selbstgeflligkeit bewahrt. Die Wahl des Fhrers wird durch dies
Verhltnis sehr erleichtert. Er braucht oft nur die typischen
Eigenschaften dieser Individuen in besonders scharfer und reiner
Ausprgung zu besitzen und den Eindruck grerer Kraft und libidinser
Freiheit zu machen, so kommt ihm das Bedrfnis nach einem starken
Oberhaupt entgegen und bekleidet ihn mit der bermacht, auf die er sonst
vielleicht keinen Anspruch htte. Die anderen, deren Ichideal sich in
seiner Person sonst nicht ohne Korrektur verkrpert htte, werden dann
suggestiv, d.h. durch Identifizierung mitgerissen.

Wir erkennen, was wir zur Aufklrung der libidinsen Struktur einer
Masse beitragen konnten, fhrt sich auf die Unterscheidung des Ichs vom
Ichideal und auf die dadurch ermglichte doppelte Art der Bindung --
Identifizierung und Einsetzung des Objekts an die Stelle des Ichideals
-- zurck. Die Annahme einer solchen Stufe im Ich als erster Schritt
einer Ichanalyse mu ihre Rechtfertigung allmhlich auf den
verschiedensten Gebieten der Psychologie erweisen. In meiner Schrift
Zur Einfhrung des Narzimus[32] habe ich zusammengetragen, was sich
zunchst von pathologischem Material zur Sttze dieser Sonderung
verwerten lie. Aber man darf erwarten, da sich ihre Bedeutung bei
weiterer Vertiefung in die Psychologie der Psychosen als eine viel
grere enthllen wird. Denken wir daran, da das Ich nun in die
Beziehung eines Objekts zu dem aus ihm entwickelten Ichideal tritt, und
da mglicherweise alle Wechselwirkungen, die wir zwischen uerem
Objekt und Gesamt-Ich in der Neurosenlehre kennen gelernt haben, auf
diesem neuen Schauplatz innerhalb des Ichs zur Wiederholung kommen.

  [32] Jahrbuch der Psychoanalyse, VI, 1914. -- Sammlung kleiner
  Schriften zur Neurosenlehre, 4.Folge.

Ich will hier nur einer der von diesem Standpunkt aus mglichen
Folgerungen nachgehen und damit die Errterung eines Problems
fortsetzen, das ich an anderer Stelle ungelst verlassen mute[33]. Jede
der seelischen Differenzierungen, die uns bekannt geworden sind, stellt
eine neue Erschwerung der seelischen Funktion dar, steigert deren
Labilitt und kann der Ausgangspunkt eines Versagens der Funktion, einer
Erkrankung werden. So haben wir mit dem Geborenwerden den Schritt vom
absolut selbstgengsamen Narzimus zur Wahrnehmung einer vernderlichen
Auenwelt und zum Beginn der Objektfindung gemacht, und damit ist
verknpft, da wir den neuen Zustand nicht dauernd ertragen, da wir ihn
periodisch rckgngig machen und im Schlaf zum frheren Zustand der
Reizlosigkeit und Objektvermeidung zurckkehren. Wir folgen dabei
allerdings einem Wink der Auenwelt, die uns durch den periodischen
Wechsel von Tag und Nacht zeitweilig den grten Anteil der auf uns
wirkenden Reize entzieht. Keiner hnlichen Einschrnkung ist das zweite,
fr die Pathologie bedeutsamere Beispiel unterworfen. Im Laufe unserer
Entwicklung haben wir eine Sonderung unseres seelischen Bestandes in ein
kohrentes Ich und in ein auerhalb dessen gelassenes, unbewutes
Verdrngtes vorgenommen und wir wissen, da die Stabilitt dieser
Neuerwerbung bestndigen Erschtterungen ausgesetzt ist. Im Traum und in
der Neurose pocht dieses Ausgeschlossene um Einla an den von
Widerstnden bewachten Pforten, und in wacher Gesundheit bedienen wir
uns besonderer Kunstgriffe, um das Verdrngte mit Umgehung der
Widerstnde und unter Lustgewinn zeitweilig in unser Ich aufzunehmen.
Witz und Humor, zum Teil auch das Komische berhaupt, drfen in diesem
Licht betrachtet werden. Jedem Kenner der Neurosenpsychologie werden
hnliche Beispiele von geringerer Tragweite einfallen, aber ich eile zu
der beabsichtigten Anwendung.

  [33] Trauer und Melancholie. Internationale Zeitschrift fr
  Psychoanalyse, IV, 1916/18. -- Sammlung kleiner Schriften zur
  Neurosenlehre, 4.Folge.

Es wre gut denkbar, da auch die Scheidung des Ichideals vom Ich nicht
dauernd vertragen wird und sich zeitweilig zurckbilden mu. Bei allen
Verzichten und Einschrnkungen, die dem Ich auferlegt werden, ist der
periodische Durchbruch der Verbote Regel, wie ja die Institution der
Feste zeigt, die ursprnglich nichts anderes sind als vom Gesetz
gebotene Exzesse und dieser Befreiung auch ihren heiteren Charakter
verdanken[34]. Die Saturnalien der Rmer und unser heutiger Karneval
treffen in diesem wesentlichen Zug mit den Festen der Primitiven
zusammen, die in Ausschweifungen jeder Art mit bertretung der sonst
heiligsten Gebote auszugehen pflegen. Das Ichideal umfat aber die Summe
aller Einschrnkungen, denen das Ich sich fgen soll, und darum mte
die Einziehung des Ideals ein groartiges Fest fr das Ich sein, das
dann wieder einmal mit sich selbst zufrieden sein drfte.

  [34] Totem und Tabu.

    Es kommt immer zu einer Empfindung von Triumph, wenn etwas im Ich mit
    dem Ichideal zusammenfllt. Als Ausdruck der Spannung zwischen Ich
    und Ideal kann auch das Schuldgefhl (und Minderwertigkeitsgefhl)
    verstanden werden.

    _Trotter_ lt die Verdrngung vom Herdentrieb ausgehen. Es ist eher
    eine bersetzung in eine andere Ausdrucksweise als ein Widerspruch,
    wenn ich in der Einfhrung des Narzimus gesagt habe: die
    Idealbildung wre von seiten des Ichs die Bedingung der Verdrngung.

Es gibt bekanntlich Menschen, bei denen das Allgemeingefhl der Stimmung
in periodischer Weise schwankt, von einer bermigen Gedrcktheit durch
einen gewissen Mittelzustand zu einem erhhten Wohlbefinden, und zwar
treten diese Schwankungen in sehr verschieden groen Amplituden auf, vom
eben Merklichen bis zu jenen Extremen, die als Melancholie und Manie
hchst qualvoll oder strend in das Leben der Betroffenen eingreifen.
In typischen Fllen dieser zyklischen Verstimmung scheinen uere
Veranlassungen keine entscheidende Rolle zu spielen; von inneren Motiven
findet man bei diesen Kranken nicht mehr oder nichts anderes als bei
allen anderen. Man hat sich deshalb gewhnt, diese Flle als nicht
psychogene zu beurteilen. Von anderen, ganz hnlichen Fllen zyklischer
Verstimmung, die sich aber leicht auf seelische Traumen zurckfhren,
soll spter die Rede sein.

Die Begrndung dieser spontanen Stimmungsschwankungen ist also
unbekannt; in den Mechanismus der Ablsung einer Melancholie durch eine
Manie fehlt uns die Einsicht. Somit wren dies die Kranken, fr welche
unsere Vermutung Geltung haben knnte, da ihr Ichideal zeitweilig in's
Ich aufgelst wird, nachdem es vorher besonders strenge regiert hat.

Halten wir zur Vermeidung von Unklarheiten fest: Auf dem Boden unserer
Ichanalyse ist es nicht zweifelhaft, da beim Manischen Ich und Ichideal
zusammengeflossen sind, so da die Person sich in einer durch keine
Selbstkritik gestrten Stimmung von Triumph und Selbstbeglcktheit des
Wegfalls von Hemmungen, Rcksichten und Selbstvorwrfen erfreuen kann.
Es ist minder evident, aber doch recht wahrscheinlich, da das Elend des
Melancholikers der Ausdruck eines scharfen Zwiespalts zwischen beiden
Instanzen des Ichs ist, in dem das bermig empfindliche Ideal seine
Verurteilung des Ichs im Kleinheitswahn und in der Selbsterniedrigung
schonungslos zum Vorschein bringt. In Frage steht nur, ob man die
Ursache dieser vernderten Beziehungen zwischen Ich und Ichideal in den
oben postulierten periodischen Auflehnungen gegen die neue Institution
suchen, oder andere Verhltnisse dafr verantwortlich machen soll.

Der Umschlag in Manie ist kein notwendiger Zug im Krankheitsbild der
melancholischen Depression. Es gibt einfache, einmalige und auch
periodisch wiederholte Melancholien, welche niemals dieses Schicksal
haben. Anderseits gibt es Melancholien, bei denen die Veranlassung
offenbar eine tiologische Rolle spielt. Es sind die nach dem Verlust
eines geliebten Objekts, sei es durch den Tod desselben oder infolge von
Umstnden, die zum Rckzug der Libido vom Objekt gentigt haben. Eine
solche psychogene Melancholie kann ebensowohl in Manie ausgehen und
dieser Zyklus mehrmals wiederholt werden wie bei einer anscheinend
spontanen. Die Verhltnisse sind also ziemlich undurchsichtig, zumal da
bisher nur wenige Formen und Flle von Melancholie der psychoanalytischen
Untersuchung unterzogen worden sind[35]. Wir verstehen bis jetzt nur
jene Flle, in denen das Objekt aufgegeben wurde, weil es sich der Liebe
unwrdig gezeigt hatte. Es wird dann durch Identifizierung im Ich wieder
aufgerichtet und vom Ichideal streng gerichtet. Die Vorwrfe und
Aggressionen gegen das Objekt kommen als melancholische Selbstvorwrfe
zum Vorschein.

  [35] Vgl. _Abraham_, Anstze zur psychoanalytischen Erforschung und
  Behandlung des manisch-depressiven Irreseins etc., 1912, in Klinische
  Beitrge zur Psychoanalyse, 1921.

    Genauer gesagt: sie verbergen sich hinter den Vorwrfen gegen das
    eigene Ich, verleihen ihnen die Festigkeit, Zhigkeit und
    Unabweisbarkeit, durch welche sich die Selbstvorwrfe der
    Melancholiker auszeichnen.

Auch an eine solche Melancholie kann sich der Umschlag in Manie
anschlieen, so da diese Mglichkeit einen von den brigen Charakteren
des Krankheitsbildes unabhngigen Zug darstellt.

Ich sehe indes keine Schwierigkeit, das Moment der periodischen
Auflehnung des Ichs gegen das Ichideal fr beide Arten der Melancholien,
die psychogenen wie die spontanen, in Betracht kommen zu lassen. Bei den
spontanen kann man annehmen, da das Ichideal zur Entfaltung einer
besonderen Strenge neigt, die darin automatisch seine zeitweilige
Aufhebung zur Folge hat. Bei den psychogenen wrde das Ich zur
Auflehnung gereizt durch die Mihandlung von seiten seines Ideals, die
es im Fall der Identifizierung mit einem verworfenen Objekt erfhrt.




XII.

Nachtrge.


Im Laufe der Untersuchung, die jetzt zu einem vorlufigen Abschlu
gekommen ist, haben sich uns verschiedene Nebenwege erffnet, die wir
zuerst vermieden haben, auf denen uns aber manche nahe Einsicht winkte.
Einiges von dem so zurckgestellten wollen wir nun nachholen.

A. Die Unterscheidung von Ichidentifizierung und Ichidealersetzung durch
das Objekt findet eine interessante Erluterung an den zwei groen
knstlichen Massen, die wir eingangs studiert haben, dem Heer und der
christlichen Kirche.

Es ist evident, da der Soldat seinen Vorgesetzten, also eigentlich den
Armeefhrer, zum Ideal nimmt, whrend er sich mit seinesgleichen
identifiziert und aus dieser Ichgemeinsamkeit die Verpflichtungen der
Kameradschaft zur gegenseitigen Hilfeleistung und Gterteilung ableitet.
Aber er wird lcherlich, wenn er sich mit dem Feldherrn identifizieren
will. Der Jger in Wallensteins Lager verspottet darob den Wachtmeister:

    Wie er ruspert und wie er spuckt,
    Das habt ihr ihm glcklich abgeguckt!...

Anders in der katholischen Kirche. Jeder Christ liebt Christus als
sein Ideal und fhlt sich den anderen Christen durch Identifizierung
verbunden. Aber die Kirche fordert von ihm mehr. Er soll berdies
sich mit Christus identifizieren und die anderen Christen lieben, wie
Christus sie geliebt hat. Die Kirche fordert also an beiden Stellen die
Ergnzung der durch die Massenbildung gegebenen Libidoposition. Die
Identifizierung soll dort hinzukommen, wo die Objektwahl stattgefunden
hat, und die Objektliebe dort, wo die Identifizierung besteht. Dieses
Mehr geht offenbar ber die Konstitution der Masse hinaus. Man kann ein
guter Christ sein und doch knnte einem die Idee, sich an Christi Stelle
zu setzen, wie er alle Menschen liebend zu umfassen, ferne liegen.
Man braucht sich ja nicht als schwacher Mensch die Seelengre und
Liebesstrke des Heilands zuzutrauen. Aber diese Weiterentwicklung
der Libidoverteilung in der Masse ist wahrscheinlich das Moment, auf
welches das Christentum den Anspruch grndet, eine hhere Sittlichkeit
gewonnen zu haben.

B. Wir sagten, es wre mglich, die Stelle in der seelischen Entwicklung
der Menschheit anzugeben, an der sich auch fr den Einzelnen der
Fortschritt von der Massen- zur Individualpsychologie vollzog.

    Das hier folgende steht unter dem Einflusse eines Gedankenaustausches
    mit Otto _Rank_.

Dazu mssen wir wieder kurz auf den wissenschaftlichen Mythus vom Vater
der Urhorde zurckgreifen. Er wurde spter zum Weltenschpfer erhht,
mit Recht, denn er hatte alle die Shne erzeugt, welche die erste
Masse zusammensetzten. Er war das Ideal jedes einzelnen von ihnen,
gleichzeitig gefrchtet und verehrt, was fr spter den Begriff des
Tabu ergab. Diese Mehrheit fate sich einmal zusammen, ttete und
zerstckelte ihn. Keiner der Massensieger konnte sich an seine Stelle
setzen, oder wenn es einer tat, erneuerten sich die Kmpfe, bis sie
einsahen, da sie alle auf die Erbschaft des Vaters verzichten mten.
Sie bildeten dann die totemistische Brdergemeinschaft, alle mit
gleichem Rechte und durch die Totemverbote gebunden, die das Andenken
der Mordtat erhalten und shnen sollten. Aber die Unzufriedenheit mit
dem Erreichten blieb und wurde die Quelle neuer Entwicklungen. Allmhlich
nherten sich die zur Brudermasse Verbundenen einer Herstellung des
alten Zustandes auf neuem Niveau, der Mann wurde wiederum Oberhaupt
einer Familie und brach die Vorrechte der Frauenherrschaft, die sich in
der vaterlosen Zeit festgesetzt hatte. Zur Entschdigung mag er damals
die Muttergottheiten anerkannt haben, deren Priester kastriert wurden
zur Sicherung der Mutter nach dem Beispiel, das der Vater der Urhorde
gegeben hatte; doch war die neue Familie nur ein Schatten der alten, der
Vter waren viele und jeder durch die Rechte des anderen beschrnkt.

Damals mag die sehnschtige Entbehrung einen Einzelnen bewogen haben,
sich von der Masse loszulsen und sich in die Rolle des Vaters zu
versetzen. Wer dies tat, war der erste epische Dichter, der Fortschritt
wurde in seiner Phantasie vollzogen. Dieser Dichter log die Wirklichkeit
um im Sinne seiner Sehnsucht. Er erfand den heroischen Mythus. Heros
war, wer allein den Vater erschlagen hatte, der im Mythus noch als
totemistisches Ungeheuer erschien. Wie der Vater das erste Ideal des
Knaben gewesen war, so schuf jetzt der Dichter im Heros, der den Vater
ersetzen will, das erste Ichideal. Die Anknpfung an den Heros bot
wahrscheinlich der jngste Sohn, der Liebling der Mutter, den sie vor
der vterlichen Eifersucht beschtzt hatte, und der in Urhordenzeiten
der Nachfolger des Vaters geworden war. In der lgenhaften Umdichtung
der Urzeit wurde das Weib, das der Kampfpreis und die Verlockung des
Mordes gewesen war, wahrscheinlich zur Verfhrerin und Anstifterin der
Untat.

Der Heros will die Tat allein vollbracht haben, deren sich gewi nur die
Horde als Ganzes getraut hatte. Doch hat nach einer Bemerkung von _Rank_
das Mrchen deutliche Spuren des verleugneten Sachverhalts bewahrt. Denn
dort kommt es hufig vor, da der Held, der eine schwierige Aufgabe zu
lsen hat -- meist ein jngster Sohn, nicht selten einer, der sich vor
dem Vatersurrogat dumm, d.h. ungefhrlich gestellt hat -- diese Aufgabe
doch nur mit Hilfe einer Schar von kleinen Tieren (Bienen, Ameisen)
lsen kann. Dies wren die Brder der Urhorde, wie ja auch in der
Traumsymbolik Insekten, Ungeziefer die Geschwister (verchtlich: als
kleine Kinder) bedeuten. Jede der Aufgaben in Mythus und Mrchen ist
berdies leicht als Ersatz der heroischen Tat zu erkennen.

Der Mythus ist also der Schritt, mit dem der Einzelne aus der
Massenpsychologie austritt. Der erste Mythus war sicherlich der
psychologische, der Heroenmythus; der erklrende Naturmythus mu weit
spter aufgekommen sein. Der Dichter, der diesen Schritt getan und sich
so in der Phantasie von der Masse gelst hatte, wei nach einer weiteren
Bemerkung von _Rank_ doch in der Wirklichkeit die Rckkehr zu ihr zu
finden. Denn er geht hin und erzhlt dieser Masse die Taten seines
Helden, die er erfunden. Dieser Held ist im Grunde kein anderer als er
selbst. Er senkt sich somit zur Realitt herab und hebt seine Hrer zur
Phantasie empor. Die Hrer aber verstehen den Dichter, sie knnen sich
auf Grund der nmlichen sehnschtigen Beziehung zum Urvater mit dem
Heros identifizieren[36].

  [36] Vgl. _Hanns Sachs_, Gemeinsame Tagtrume, Autoreferat eines
  Vortrags auf dem VI. psychoanalytischen Kongre im Haag, 1920.
  Internationale Zeitschrift fr Psychoanalyse, VI, 1920.

Die Lge des heroischen Mythus gipfelt in der Vergottung des Heros.
Vielleicht war der vergottete Heros frher als der Vatergott, der
Vorlufer der Wiederkehr des Urvaters als Gottheit. Die Gtterreihe
liefe dann chronologisch so: Muttergttin--Heros--Vatergott. Aber erst
mit der Erhhung des nie vergessenen Urvaters erhielt die Gottheit die
Zge, die wir noch heute an ihr kennen.

    In dieser abgekrzten Darstellung ist auf alles Material aus Sage,
    Mythus, Mrchen, Sittengeschichte usw. zur Sttze der Konstruktion
    verzichtet worden.

C. Wir haben in dieser Abhandlung viel von direkten und von
zielgehemmten Sexualtrieben gesprochen und drfen hoffen, da diese
Unterscheidung nicht auf groen Widerstand stoen wird. Doch wird eine
eingehende Errterung darber nicht unwillkommen sein, selbst wenn sie
nur wiederholt, was zum groen Teil bereits an frheren Stellen gesagt
worden ist.

Das erste, aber auch beste Beispiel zielgehemmter Sexualtriebe hat uns
die Libidoentwicklung des Kindes kennen gelehrt. Alle die Gefhle,
welche das Kind fr seine Eltern und Pflegepersonen empfindet, setzen
sich ohne Schranke in die Wnsche fort, welche dem Sexualstreben des
Kindes Ausdruck geben. Das Kind verlangt von diesen geliebten Personen
alle Zrtlichkeiten, die ihm bekannt sind, will sie kssen, berhren,
beschauen, ist neugierig, ihre Genitalien zu sehen und bei ihren intimen
Exkretionsverrichtungen anwesend zu sein, es verspricht, die Mutter
oder Pflegerin zu heiraten, was immer es sich darunter vorstellen mag,
setzt sich vor, dem Vater ein Kind zu gebren usw. Direkte Beobachtung
sowie die nachtrgliche analytische Durchleuchtung der Kindheitsreste
lassen ber das unmittelbare Zusammenflieen zrtlicher und
eiferschtiger Gefhle und sexueller Absichten keinen Zweifel und legen
uns dar, in wie grndlicher Weise das Kind die geliebte Person zum
Objekt aller seiner noch nicht richtig zentrierten Sexualbestrebungen
macht. (Vgl. Sexualtheorie.)

Diese erste Liebesgestaltung des Kindes, die typisch dem dipuskomplex
zugeordnet ist, erliegt dann, wie bekannt, vom Beginn der Latenzzeit an
einem Verdrngungsschub. Was von ihr erbrigt, zeigt sich uns als rein
zrtliche Gefhlsbindung, die denselben Personen gilt, aber nicht mehr
als sexuell bezeichnet werden soll. Die Psychoanalyse, welche die
Tiefen des Seelenlebens durchleuchtet, hat es nicht schwer aufzuweisen,
da auch die sexuellen Bindungen der ersten Kinderjahre noch
fortbestehen, aber verdrngt und unbewut. Sie gibt uns den Mut zu
behaupten, da berall, wo wir ein zrtliches Gefhl begegnen, dies der
Nachfolger einer voll-sinnlichen Objektbindung an die betreffende
Person oder ihr Vorbild (ihre Imago) ist. Sie kann uns freilich nicht
ohne besondere Untersuchung verraten, ob diese vorgngige sexuelle
Vollstrmung in einem gegebenen Fall noch als verdrngt besteht oder ob
sie bereits aufgezehrt ist. Um es noch schrfer zu fassen: es steht
fest, da sie als Form und Mglichkeit noch vorhanden ist und jederzeit
wieder durch Regression besetzt, aktiviert werden kann; es fragt sich
nur und ist nicht immer zu entscheiden, welche Besetzung und Wirksamkeit
sie gegenwrtig noch hat. Man mu sich hierbei gleichmig vor zwei
Fehlerquellen in Acht nehmen, vor der Scylla der Unterschtzung des
verdrngten Unbewuten, wie vor der Charybdis der Neigung, das Normale
durchaus mit dem Ma des Pathologischen zu messen.

Der Psychologie, welche die Tiefe des Verdrngten nicht durchdringen
will oder kann, stellen sich die zrtlichen Gefhlsbindungen jedenfalls
als Ausdruck von Strebungen dar, die nicht nach dem Sexuellen zielen,
wenngleich sie aus solchen, die danach gestrebt haben, hervorgegangen
sind.

    Die feindseligen Gefhle, um ein Stck komplizierter aufgebaut,
    machen hievon keine Ausnahme.

Wir sind berechtigt zu sagen, sie sind von diesen sexuellen Zielen
abgelenkt worden, wenngleich es seine Schwierigkeiten hat, in der
Darstellung einer solchen Zielablenkung den Anforderungen der
Metapsychologie zu entsprechen. brigens halten diese zielgehemmten
Triebe immer noch einige der ursprnglichen Sexualziele fest; auch der
zrtlich Anhngliche, auch der Freund, der Verehrer sucht die
krperliche Nhe und den Anblick der nur mehr im _paulinischen_ Sinne
geliebten Person. Wenn wir es wollen, knnen wir in dieser Zielablenkung
einen Beginn von _Sublimierung_ der Sexualtriebe anerkennen oder aber
die Grenze fr letztere noch ferner stecken. Die zielgehemmten
Sexualtriebe haben vor den ungehemmten einen groen funktionellen
Vorteil. Da sie einer eigentlich vollen Befriedigung nicht fhig sind,
eignen sie sich besonders dazu, dauernde Bindungen zu schaffen, whrend
die direkt sexuellen jedesmal durch die Befriedigung ihrer Energie
verlustig werden und auf Erneuerung durch Wiederanhufung der sexuellen
Libido warten mssen, wobei inzwischen das Objekt gewechselt werden
kann. Die gehemmten Triebe sind jedes Maes von Vermengung mit den
ungehemmten fhig, knnen sich in sie rckverwandeln, wie sie aus
ihnen hervorgegangen sind. Es ist bekannt, wie leicht sich aus
Gefhlsbeziehungen freundschaftlicher Art, auf Anerkennung und
Bewunderung gegrndet, erotische Wnsche entwickeln (das _Molire_'sche:
Embrassez-moi pour l'amour du Grec), zwischen Meister und Schlerin,
Knstler und entzckter Zuhrerin, zumal bei Frauen. Ja die Entstehung
solcher zuerst absichtsloser Gefhlsbindungen gibt direkt einen viel
begangenen Weg zur sexuellen Objektwahl. In der Frmmigkeit des Grafen
von Zinzendorf hat _Pfister_ ein berdeutliches, gewi nicht
vereinzeltes Beispiel dafr aufgezeigt, wie nahe es liegt, da auch
intensive religise Bindung in brnstige sexuelle Erregung
zurckschlgt. Anderseits ist auch die Umwandlung direkter, an sich
kurzlebiger, sexueller Strebungen in dauernde, blo zrtliche Bindung
etwas sehr gewhnliches und die Konsolidierung einer aus verliebter
Leidenschaft geschlossenen Ehe beruht zu einem groen Teil auf diesem
Vorgang.

Es wird uns natrlich nicht verwundern zu hren, da die zielgehemmten
Sexualstrebungen sich aus den direkt sexuellen dann ergeben, wenn sich
der Erreichung der Sexualziele innere oder uere Hindernisse
entgegenstellen. Die Verdrngung der Latenzzeit ist ein solches inneres
-- oder besser innerlich gewordenes -- Hindernis. Vom Vater der Urhorde
haben wir angenommen, da er durch seine sexuelle Intoleranz alle Shne
zur Abstinenz ntigt und sie so in zielgehemmte Bindungen drngt,
whrend er selbst sich freien Sexualgenu vorbehlt und somit ungebunden
bleibt. Alle Bindungen, auf denen die Masse beruht, sind von der Art der
zielgehemmten Triebe. Damit aber haben wir uns der Errterung eines
neuen Themas genhert, welches die Beziehung der direkten Sexualtriebe
zur Massenbildung behandelt.

D. Wir sind bereits durch die beiden letzten Bemerkungen darauf
vorbereitet zu finden, da die direkten Sexualstrebungen der Massenbildung
ungnstig sind. Es hat zwar auch in der Entwicklungsgeschichte der Familie
Massenbeziehungen der sexuellen Liebe gegeben (die Gruppenehe), aber je
bedeutungsvoller die Geschlechtsliebe fr das Ich wurde, je mehr
Verliebtheit sie entwickelte, desto eindringlicher forderte sie die
Einschrnkung auf zwei Personen -- una cum uno --, die durch die Natur
des Genitalziels vorgezeichnet ist. Die polygamen Neigungen wurden
darauf angewiesen, sich im Nacheinander des Objektwechsels zu
befriedigen.

    Die beiden zum Zweck der Sexualbefriedigung aufeinander angewiesenen
    Personen demonstrieren gegen den Herdentrieb, das Massengefhl,
    indem sie die Einsamkeit aufsuchen. Je verliebter sie sind, desto
    vollkommener gengen sie einander. Die Ablehnung des Einflusses
    der Masse uert sich als Schamgefhl. Die uerst heftigen
    Gefhlsregungen der Eifersucht werden aufgeboten, um die sexuelle
    Objektwahl gegen die Beeintrchtigung durch eine Massenbindung zu
    schtzen. Nur, wenn der zrtliche, also persnliche, Faktor der
    Liebesbeziehung vllig hinter dem sinnlichen zurcktritt, wird der
    Liebesverkehr eines Paares in Gegenwart anderer oder gleichzeitige
    Sexualakte innerhalb einer Gruppe wie bei der Orgie mglich.
    Damit ist aber eine Regression zu einem frhen Zustand der
    Geschlechtsbeziehungen gegeben, in dem die Verliebtheit noch keine
    Rolle spielte, die Sexualobjekte einander gleichwertig erachtet
    wurden, etwa im Sinne von dem bsen Wort _Bernard Shaw_'s:
    Verliebtsein heie, den Unterschied zwischen einem Weib und einem
    anderen ungebhrlich berschtzen.

    Es sind reichlich Anzeichen dafr vorhanden, da die Verliebtheit
    erst spt in die Sexualbeziehungen zwischen Mann und Weib Eingang
    fand, so da auch die Gegnerschaft zwischen Geschlechtsliebe und
    Massenbindung eine spt entwickelte ist. Nun kann es den Anschein
    haben, als ob diese Annahme unvertrglich mit unserem Mythus von der
    Urfamilie wre. Die Brderschar soll doch durch die Liebe zu den
    Mttern und Schwestern zum Vatermord getrieben worden sein, und es
    ist schwer, sich diese Liebe anders denn als eine ungebrochene,
    primitive, d.h. als innige Vereinigung von zrtlicher und
    sinnlicher vorzustellen. Allein bei weiterer berlegung lst sich
    dieser Einwand in eine Besttigung auf. Eine der Reaktionen auf den
    Vatermord war doch die Einrichtung der totemistischen Exogamie, das
    Verbot jeder sexuellen Beziehung mit den von Kindheit an zrtlich
    geliebten Frauen der Familie. Damit war der Keil zwischen die
    zrtlichen und sinnlichen Regungen des Mannes eingetrieben, der
    heute noch in seinem Liebesleben festsitzt[37]. Infolge dieser
    Exogamie muten sich die sinnlichen Bedrfnisse der Mnner mit
    fremden und ungeliebten Frauen begngen.

  [37] S. ber die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens, 1912,
  Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 4.Folge.

In den groen knstlichen Massen, Kirche und Heer, ist fr das Weib als
Sexualobjekt kein Platz. Die Liebesbeziehung zwischen Mann und Weib
bleibt auerhalb dieser Organisationen. Auch wo sich Massen bilden, die
aus Mnnern und Weibern gemischt sind, spielt der Geschlechtsunterschied
keine Rolle. Es hat kaum einen Sinn zu fragen, ob die Libido, welche die
Massen zusammenhlt, homosexueller oder heterosexueller Natur ist, denn
sie ist nicht nach den Geschlechtern differenziert und sieht insbesondere
von den Zielen der Genitalorganisation der Libido vllig ab.

Die direkten Sexualstrebungen erhalten auch fr das sonst in der Masse
aufgehende Einzelwesen ein Stck individueller Bettigung. Wo sie
berstark werden, zersetzen sie jede Massenbildung. Die katholische
Kirche hatte die besten Motive, ihren Glubigen die Ehelosigkeit zu
empfehlen und ihren Priestern das Zlibat aufzuerlegen, aber die
Verliebtheit hat oft auch Geistliche zum Austritt aus der Kirche
getrieben. In gleicher Weise durchbricht die Liebe zum Weibe die
Massenbindungen der Rasse, der nationalen Absonderung und der sozialen
Klassenordnung und vollbringt damit kulturell wichtige Leistungen.
Es scheint gesichert, da sich die homosexuelle Liebe mit den
Massenbindungen weit besser vertrgt, auch wo sie als ungehemmte
Sexualstrebung auftritt; eine merkwrdige Tatsache, deren Aufklrung
weit fhren drfte.

Die psychoanalytische Untersuchung der Psychoneurosen hat uns gelehrt,
da deren Symptome von verdrngten, aber aktiv gebliebenen direkten
Sexualstrebungen abzuleiten sind. Man kann diese Formel vervollstndigen,
wenn man hinzufgt: oder von solchen zielgehemmten, bei denen die Hemmung
nicht durchgehends gelungen ist oder einer Rckkehr zum verdrngten
Sexualziel den Platz gerumt hat. Diesem Verhltnis entspricht, da die
Neurose asozial macht, den von ihr Betroffenen aus den habituellen
Massenbildungen heraushebt. Man kann sagen, die Neurose wirkt in
hnlicher Weise zersetzend auf die Masse wie die Verliebtheit. Dafr
kann man sehen, da dort, wo ein krftiger Ansto zur Massenbildung
erfolgt ist, die Neurosen zurcktreten und wenigstens fr eine Zeitlang
schwinden knnen. Man hat auch mit Recht versucht, diesen Widerstreit
von Neurose und Massenbildung therapeutisch zu verwerten. Auch wer das
Schwinden der religisen Illusionen in der heutigen Kulturwelt nicht
bedauert, wird zugestehen, da sie den durch sie Gebundenen den
strksten Schutz gegen die Gefahr der Neurose boten, so lange sie selbst
noch in Kraft waren. Es ist auch nicht schwer, in all den Bindungen
an mystisch-religise oder philosophisch-mystische Sekten und
Gemeinschaften den Ausdruck von Schiefheilungen mannigfaltiger Neurosen
zu erkennen. Das alles hngt mit dem Gegensatz der direkten und der
zielgehemmten Sexualstrebungen zusammen.

Sich selbst berlassen ist der Neurotiker gentigt, sich die groen
Massenbildungen, von denen er ausgeschlossen ist, durch seine
Symptombildungen zu ersetzen. Er schafft sich seine eigene
Phantasiewelt, seine Religion, sein Wahnsystem und wiederholt so die
Institutionen der Menschheit in einer Verzerrung, welche deutlich den
bermchtigen Beitrag der direkten Sexualstrebungen bezeugt[38].

  [38] S. Totem und Tabu, zu Ende des AbschnittsII: Das Tabu und die
  Ambivalenz.

E. Fgen wir zum Schlu eine vergleichende Wrdigung der Zustnde, die
uns beschftigt haben, vom Standpunkt der Libidotheorie an, der
Verliebtheit, Hypnose, Massenbildung und der Neurose.

Die _Verliebtheit_ beruht auf dem gleichzeitigen Vorhandensein von
direkten und von zielgehemmten Sexualstrebungen, wobei das Objekt einen
Teil der narzitischen Ichlibido auf sich zieht. Sie hat nur Raum fr
das Ich und das Objekt.

Die _Hypnose_ teilt mit der Verliebtheit die Einschrnkung auf diese
beiden Personen, aber sie beruht durchaus auf zielgehemmten
Sexualstrebungen und setzt das Objekt an die Stelle des Ichideals.

Die _Masse_ vervielfltigt diesen Vorgang, sie stimmt mit der Hypnose
in der Natur der sie zusammenhaltenden Triebe und in der Ersetzung des
Ichideals durch das Objekt berein, aber sie fgt die Identifizierung
mit anderen Individuen hinzu, die vielleicht ursprnglich durch die
gleiche Beziehung zum Objekt ermglicht wurde.

Beide Zustnde, Hypnose wie Massenbildung, sind Erbniederschlge aus
der Phylogenese der menschlichen Libido, die Hypnose als Disposition,
die Masse berdies als direktes berbleibsel. Die Ersetzung der direkten
Sexualstrebungen durch die zielgehemmten befrdert bei beiden die
Sonderung von Ich und Ichideal, zu der bei der Verliebtheit schon ein
Anfang gemacht ist.

Die _Neurose_ tritt aus dieser Reihe heraus. Auch sie beruht auf einer
Eigentmlichkeit der menschlichen Libidoentwicklung, auf dem durch die
Latenzzeit unterbrochenen, doppelten Ansatz der direkten Sexualfunktion.
(S. Sexualtheorie, 4.Aufl., 1920, S.96.)

Insoferne teilt sie mit Hypnose und Massenbildung den Charakter einer
Regression, welcher der Verliebtheit abgeht. Sie tritt berall dort auf,
wo der Fortschritt von direkten zu zielgehemmten Sexualtrieben nicht
voll geglckt ist, und entspricht einem _Konflikt_ zwischen den ins Ich
aufgenommenen Trieben, welche eine solche Entwicklung durchgemacht
haben, und den Anteilen derselben Triebe, welche vom verdrngten
Unbewuten her -- ebenso wie andere vllig verdrngte Triebregungen --
nach ihrer direkten Befriedigung streben. Sie ist inhaltlich ungemein
reichhaltig, da sie alle mglichen Beziehungen zwischen Ich und Objekt
umfat, sowohl die, in denen das Objekt beibehalten als auch andere, in
denen es aufgegeben oder im Ich selbst aufgerichtet ist, aber ebenso die
Konfliktbeziehungen zwischen dem Ich und seinem Ichideal.




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

    [10] _Brugeilles_, L'essence du phnomne social: la suggestion Revue
    [10] _Brugeilles_, L'essence du phnomne social: la suggestion. Revue

  frit nur die, die er lieb hat[19]
  frit nur die, die er lieb hat.[19]

  den direkten Sexualzielen an. In ungnstigen Fllen bleiben sie als
  den direkten Sexualzielen ein. In ungnstigen Fllen bleiben sie als

    Internationalen Zeitschrift fr Psychoanalyse, VI., 1920
    Internationalen Zeitschrift fr Psychoanalyse, VI., 1920.

  Wir sind bereits durch die beiden letzten Bemerkungen darauf
  D. Wir sind bereits durch die beiden letzten Bemerkungen darauf

  Teil der narzistischen Ichlibido auf sich zieht. Sie hat nur Raum fr
  Teil der narzitischen Ichlibido auf sich zieht. Sie hat nur Raum fr

  ]





End of Project Gutenberg's Massenpsychologie und Ich-Analyse, by Sigmund Freud

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