The Project Gutenberg EBook of Onkel Tom's Htte, by Harriet Beecher Stowe

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Title: Onkel Tom's Htte
       oder die Geschichte eines christlichen Sklaven. Band 1 (von 3).

Author: Harriet Beecher Stowe

Translator: L. du Bois

Release Date: March 1, 2010 [EBook #31459]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ONKEL TOM'S HTTE ***




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Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Textauszeichnungen wurden folgendermaen ersetzt:

Sperrung: =gesperrter Text=
Antiquaschrift: #Antiquatext#


                        Onkel Tom's Htte
                            oder die
             Geschichte eines christlichen Sklaven.

                               Von

                      Harriet Beecher Stowe.
                             ________

                  Aus dem Englischen bertragen
                               von
                           L. Du Bois.

                          Erster Band.

                           S. Zickel.
                      Nro. 19. Dey-Street.
                            NEW-YORK.




Erstes Kapitel.

In welchem der Leser die Bekanntschaft eines menschenfreundlichen Mannes
macht.


An einem kalten Februartage, spt des Nachmittags, saen zwei Herren in
einem schn mblirten Ezimmer, in der Stadt P-- in Kentucky, allein
beim Weine. Keine Dienstboten waren gegenwrtig, und die Herren, mit
dicht an einander gerckten Sthlen, schienen den Gegenstand ihrer
Unterhaltung mit sehr groem Eifer zu besprechen.

Der Bequemlichkeit halber haben wir uns bisher des Ausdrucks: zwei
=Herren= bedient; allein einer derselben wrde bei einer genaueren
Untersuchung, im strengeren Sinne des Wortes, nicht unter diese
Kathegorie zu bringen gewesen sein. Er war ein kurzer, untersetzter
Mann, mit groben, gemeinen Zgen, und jenem grothuenden, gemeinen
Wesen, welches stets einen Menschen niedrigen Standes verrth, der
bemht ist, sich in hhere Sphren hinauf zu drngen. Seine Kleidung war
berladen, und lie eine bunte Weste von zahllosen Farben mit einer
blauen, gelbgefleckten Halsbinde sehen, deren stutzermige Schleife mit
dem ganzen Wesen des Mannes in genauem Einklange stand. Seine groen,
ungeschickten Hnde waren reich mit Ringen bedeckt, und an seiner Brust
hing eine schwere goldene Uhrkette, mit Petschaften von ungewhnlicher
Gre und sehr verschiedenartigen Farben, welche er im Eifer des
Gesprchs, augenscheinlich mit groem Wohlgefallen, durch seine Hnde
spielen lie. Seine Unterhaltung verrieth eine freie und dreiste
Verachtung jeder grammatischen Regel, und war berdies in passenden
Zwischenrumen mit verschiedenen gemeinen Ausdrcken und Wendungen
ausgeschmckt, die selbst der Wunsch, in unserer Schilderung getreu zu
sein, uns nicht bestimmen kann, hier wiederzugeben.

Sein Gesellschafter, Mr. Shelby, hatte das Aeuere eines Gentleman, und
die huslichen Einrichtungen, so wie das ganze Aeuere des Hauses und
Haushaltes lieen auf gute Verhltnisse und sogar auf Reichthum
schlieen. Wie wir vorher erwhnt haben, befanden sich Beide in sehr
angelegentlicher Unterhaltung.

Dies ist der Weg, den ich vorschlagen wrde, um die Sache in Ordnung zu
bringen, sagte Mr. Shelby.

Kann auf diese Weise keinen Handel machen, -- kann wahrhaftig nicht,
Mr. Shelby, sagte der Andere, ein Glas Wein zwischen seinem Auge und
dem Lichte haltend.

Ja, aber ich versichere Euch, Haley, der Tom ist ein ganz
ungewhnlicher Kerl; er ist ganz ohne Zweifel die Summe berall
werth, -- bestndig, ehrlich, tchtig, und verwaltet eine ganze Wirthschaft
wie nach der Uhr.

Ihr meint, so ehrlich, wie's bei Negern mglich ist, sagte Haley, sich
selbst ein Glas Brandwein einschenkend.

Nein, ich meine in vollem Ernste, Tom ist ein guter, sttiger,
vernnftiger, frommer Kerl. Er hat seine Religion in einer
Brderversammlung, vor vier Jahren empfangen; und ich glaube, er besitzt
=wirklich= Religion. Ich habe ihm seitdem Alles anvertraut, was ich
besitze, -- Geld, Haus und Pferde, -- habe ihn durch das Land gehen
lassen und ihn dennoch stets treu und redlich gefunden.

Manche Leute glauben nicht an fromme Neger, Shelby, sagte Haley mit
einer ungenirten Handbewegung, aber ich glaube dran. Ich hatte 'mal
einen Kerl, -- er war mit unter dem letzten Trupp, den ich dieses Jahr
nach Orleans brachte, -- 's war so gut wie eine Betstunde, wenn man den
Kerl beten hrte, und dabei war er ganz sanft und gefgig. Brachte mir
auch eine gute Summe ein, denn ich hatte ihn von Einem gekauft, der
verkaufen =mute=; so gewann ich netto sechs hundert an ihm. Ja, kein
Zweifel, Religion ist eine ganz vortreffliche Sache in einem Neger,
wenn's chte Waare ist, kein Zweifel.

Nun, bei Tom ist es chte Waare, entgegnete der Andere. Seht, letzten
Herbst lie ich ihn allein nach Cincinnati gehen, um fr mich Geschfte
abzumachen und ungefhr fnfhundert Dollar zu holen. >Tom,< sagte ich zu
ihm, >ich vertrau Dir, weil ich wei, da Du ein Christ bist, -- da Du
nicht betrgen willst.< Tom kmmt zurck, pnktlich, ich wute es wohl.
Einige schlechte Kerle sollen zu ihm gesagt haben: >Tom, warum nahmst Du
nicht den Weg nach Canada?< >Ah,< hat er geantwortet, >Master hat mir
getraut, und ich konnte nicht.< So ist mir erzhlt worden. Ich mu sagen,
es thut mir leid, mich von ihm zu trennen. Ihr solltet ihn fr den ganzen
Rest der Schuld annehmen; und Ihr wrdet es thun, Haley, wenn Ihr ein
Gewissen httet.

Je nun, ich habe gerade so viel Gewissen, wie ein Mann in Geschften
brauchen kann, -- grade so etwas, um drauf zu schwren, so zu sagen,
entgegnete der Hndler scherzhaft, und dann bin ich auch immer gern
bereit, guten Freunden gefllig zu sein; aber dieses Jahr, seht, dieses
Jahr ist ein wenig zu schwer fr einen Mann, -- zu schwer. Bei diesen
Worten seufzte der Hndler gedankenvoll und schttete von Neuem etwas
Brandwein hinunter.

Nun so sagt, Haley, wie soll der Handel werden? sagte Mr. Shelby nach
einer peinlichen Pause.

Wohl, ist denn da kein Junge oder Mdchen, das mit Tom in den Handel
geworfen werden kann?

Hm! -- ich wte keinen, den ich entbehren knnte, und, um die Wahrheit
zu sagen, es ist nur eine bittere Nothwendigkeit, was mich berhaupt
dazu bestimmt, zu verkaufen. Ich trenne mich hchst ungern von irgend
einem meiner Leute, ganz gewi.

Hier ffnete sich die Thr, und ein kleiner Mulattenknabe von vier bis
fnf Jahren kam in das Zimmer. Es lag etwas auerordentlich Liebliches
und Einnehmendes in seiner Erscheinung. Sein schwarzes, seidenfeines
Haar hing in vollen Locken um sein volles Gesicht, whrend ein Paar
groer, dunkler Augen unter schweren, langen Wimpern hervorschauten, als
er neugierig in das Zimmer blickte. Ein buntes Rckchen von gelber und
scharlachrother Farbe, welches sehr sorgfltig gearbeitet und besonders
passend fr ihn war, hob seine ppige, dunkle Schnheit noch mehr, und
eine gewisse komische Zuversicht mit einer eigenthmlichen Mischung von
Schchternheit in seinem Wesen verrieth, da er von seinem Herrn nicht
unbeachtet und ungehtschelt geblieben war.

Sieh da, Jim Crow! rief Mr. Shelby pfeifend und ihm eine Weintraube
zuwerfend, greif zu!

Das Kind sprang mit allen Krften nach der Beute, whrend sein Herr
lachte.

Komm hierher, Jim Crow, sagte Mr. Shelby, und klopfte, als das Kind zu
ihm getreten war, freundlich seinen lockigen Kopf und sein Kinn. Nun,
Jim Crow, zeige diesem Herrn, wie Du tanzen und singen kannst.

Der Knabe begann augenblicklich mit seiner hellen, klaren Stimme einen
jener wilden Gesnge, die unter den Negern blich sind, und begleitete
ihn mit mannigfachen Bewegungen seiner Hnde, Fe und seines ganzen
Krpers, welche in genauem Einklange mit dem Takte der Musik waren.

Bravo! sagte Haley, ihm eine halbe Orange zuwerfend.

Nun, Jim, la uns sehen, wie Onkel Cudjoe geht, wenn er die Gicht hat,
sagte sein Herr.

Sofort nahmen die biegsamen Glieder des Knaben eine migestaltete
verzerrte Form an, whrend er, mit hinaufgezogenen Schultern, den Stock
seines Herrn in der Hand, durch das Zimmer hinkend, sein kindliches
Gesicht in eine schmerzhafte Miene verzog, und, nach rechts und links
speiend, die Gewohnheit eines alten Mannes nachffte.

Beide Anwesende brachen in ein schallendes Gelchter aus.

Nun, Jim, zeige uns, wie der alte Elder Robins den Psalm singt, sagte
drauf sein Herr.

Der Knabe verzog sein rothwangiges Gesicht in unglaubliche Lnge und
begann einen Psalm mit unerschtterlichem Ernste durch die Nase zu
singen.

Hurra, bravo! was fr ein Junge ist das! rief Haley. Der Junge ist
ein Kapital, auf mein Wort! -- Hrt, sagte er dann pltzlich, seine
Hand auf Mr. Shelby's Schulter legend, werft den Jungen mit in den
Handel -- und unsre Rechnung soll abgemacht sein. Kommt, seht, das ist
der beste Weg!

In diesem Augenblicke wurde die Thre langsam geffnet, und eine junge
Mulattin, ungefhr fnfundzwanzig Jahr alt, trat ein. Es bedurfte nur
eines Blickes auf sie und das Kind, um sie als die Mutter desselben zu
erkennen. Sie hatte dasselbe tiefe, volle und dunkle Auge, mit den
langen Wimpern, und dieselben Locken schwarzen seidenen Haares. Das
Braun ihrer Haut wich auf den Wangen einem deutlich erkennbaren Anfluge
von Rthe, welche sich steigerte, als sie den Blick des fremden Mannes
in dreister und unverstellter Bewunderung auf ihre Person geheftet sah.
Ihre Kleidung war im hchsten Grade sauber und passend, und lie ihre
schnen Krperformen vortheilhaft hervortreten. Ihre zart geformte Hand
und ihr niedlicher Fu waren Dinge, die dem schnellen Auge des Hndlers
nicht entgingen, welches daran gewhnt war, in einem Blicke alle
Merkmale eines schnen weiblichen Artikels aufzufassen.

Nun, Elisa? fragte der Herr, als sie zaudernd still stand und ihn
anblickte.

Ich suchte Harry, erwiderte sie, whrend der Knabe in groen Stzen
auf sie zugesprungen kam, ihr seine Beute zeigend, die er im Schooe
seines Kleides trug.

Wohl, so nimm' ihn hinweg, sagte Mr. Shelby, worauf sie sich eiligst,
den Knaben auf den Arm nehmend, mit ihm entfernte.

Bei Jupiter! rief der Hndler, sich voll von Bewunderung zu Mr. Shelby
umwendend, das ist ein Artikel! Ihr knntet Euer Glck mit dem Mdchen
allein jeden Augenblick in Orleans machen. Ich habe mehr als tausend fr
Mdchen bezahlen sehen, die kaum so hbsch waren.

Ich will mein Glck mit ihr nicht machen, entgegnete Mr. Shelby
trocken, und suchte das Gesprch auf einen andern Gegenstand zu lenken,
indem er eine neue Flasche ffnete und den Gast um seine Meinung darber
fragte.

Vortrefflich, -- erste Qualitt! sagte der Hndler und fuhr dann fort,
sich zu Shelby wendend und ihm vertraulich auf die Schulter schlagend:
Kommt, was wollt Ihr fr das Mdchen haben? -- was soll ich sagen? --
was verlangt Ihr? Mr. Haley, sie soll nicht verkauft werden, sagte
Shelby, meine Frau wrde sich nicht fr eben so viel Gold, als sie
wiegt, von ihr trennen.

Pah, pah, Weiber reden immer so, weil sie keine Berechnung haben. Zeigt
ihnen nur, wie viel Uhren, Federn und andere Sachen fr so viel Gold,
als ein Mensch wiegt, gekauft werden knnen, das wird die Sache schon
ndern, denke ich.

Ich sage Euch, Haley, davon darf keine Rede sein, ich sage nein und ich
meine nein, sagte Shelby mit Nachdruck.

Nun, so werdet Ihr mir wenigstens den Jungen lassen, sagte der
Hndler, Ihr mt zugestehen, da ich ein hbsches Gebot fr ihn
gemacht habe.

Wozu in aller Welt braucht Ihr den Jungen? sagte Shelby.

Wozu? seht, ich habe einen Freund, der in diesen Artikeln handelt, --
der hbsche Jungen aufkaufen und fr den Markt aufziehen will. Sind
natrlich Luxusartikel, -- werden als Aufwrter und so dergleichen an
Reiche verkauft, die dafr bezahlen knnen. Es macht sich gar nicht bel
in solchen groen Husern, -- wenn ein wirklich hbscher Junge die Thr
aufmacht, und aufwartet und bedient. Diese Art bringt einen hbschen
Preis; und dieser kleine Hallunke ist so ein komisches, musikalisches
Exemplar, da er gerade dazu pat.

Ich mchte ihn doch lieber nicht verkaufen, sagte Mr. Shelby
nachdenkend; seht, Herr, ich habe menschliches Gefhl, und kann das
Kind nicht von der Mutter reien.

O wahrhaftig? -- So etwas von der Art? -- ich verstehe, ganz richtig.
S'ist manchmal =gewaltig= fatal, mit Weibern zu thun zu haben. Ich hasse
das Geschrei und Geheul. S'ist =gewaltig= fatal; aber seht, so wie ich
das Geschft einrichte, wird es gewhnlich vermieden. Warum schickt Ihr
nicht das Mdchen fr eine Woche, oder ein paar Tage oder so aus dem
Wege? -- dann macht sich die Sache ganz ruhig ab; -- ehe sie zurckkmmt
ist Alles vorber. Eure Frau mag ihr dann ein Paar Ohrringe, oder ein
neues Kleid, oder so etwas Aehnliches geben, was Alles wieder gut macht
bei ihr.

Ich frchte nicht! sagte Shelby.

Gott helf mir! Diese Geschpfe sind ja nicht wie weie Menschen; die
kommen da bald drber weg, wenn Ihr's richtig angreift. Da sagt das
Volk, fgte er, eine vertrauliche Miene annehmend, hinzu, -- diese Art
Geschft mache Einen hartherzig; aber ich habe das nie gefunden. Die
Sache ist, ich hab's nie so treiben knnen; wie es Manche thun. Ich habe
Viele gesehen, die die Kinder den Weibern aus den Armen rissen, und zum
Verkaufe ausstellten, whrend jene wie wahnsinnig schrieen; -- groe
Thorheit, -- schadet dem Artikel nur, -- macht ihn zuweilen ganz
unbrauchbar. Ich sah einmal in Orleans ein hbsches Weib, das durch
solche Art Behandlung total drauf ging. Der Kerl, der sie in Handel
hatte, wollte ihr Kind nicht haben, und sie war eine von der rechten,
hohen Art, wenn ihr Blut hei war. Ich sage Euch, sie drckte das Kind
in ihre Arme, und schrie, und gebhrdete sich auf eine schrecklich
Weise. Es luft mir noch jetzt kalt ber, wenn ich daran denke; und als
sie das Kind fortschleppten und sie einsperrten, fing sie an zu rasen,
und war acht Tage nachher todt. Tausend Dollar, Herr, gradezu
weggeworfen, -- nur durch unrichtige Behandlung, -- so ist's. Es ist am
besten, die Sache menschlich zu betreiben; das ist meine Erfahrung.

Nach diesen Worten lehnte sich der Hndler, mit verschrnkten Armen und
einer Miene tugendhafter Entschlossenheit, zurck in seinen Stuhl, und
hielt sich augenscheinlich fr einen zweiten Wilberforce. Der Gegenstand
schien inde den Ehrenmann zu interessiren, denn whrend Mr. Shelby
gedankenvoll eine Orange abschlte, hub er von Neuem an, zwar mit
bescheidener Zurckhaltung, aber als wenn er von der Gewalt der Wahrheit
unwiderruflich getrieben wrde, noch einige Worte hinzuzufgen.

Es sieht zwar nicht gut aus, wenn ein Mensch sich selbst rhmt, aber
ich sage es nur, weil's die Wahrheit ist. Ich glaube, ich bin bekannt
dafr, da ich die besten Negerzge auf den Markt bringe; wenigstens hat
man mir so gesagt: alle in gutem Stande, -- fett und gesund, und ich
verliere weniger als irgend Einer im Geschfte. Alles das kommt aber nur
von der Art her, wie ich das Geschft betreibe, Herr! Menschlichkeit,
Herr, kann ich sagen, ist die groe Sule meines Geschfts.

Mr. Shelby wute nicht, was er eben dazu sagen sollte, und sagte deshalb
nur: Wirklich?

Ja, seht, man hat mich ausgelacht wegen dieser Ideen, und hat mir
Vorwrfe gemacht. Sie wren nicht populr, und nicht allgemein, hie es;
aber ich blieb dabei, -- blieb dabei, und habe guten Profit damit
gemacht; -- ja, Herr, sie haben sich bezahlt gemacht, kann ich sagen,
fgte er, ber seinen eigenen Witz lachend, hinzu.

Es lag etwas so Pikantes und Originelles in dieser Anschaulichmachung
von Menschlichkeit, da Mr. Shelby unwillkrlich mitlachen mute.
Vielleicht lachst Du auch, lieber Leser; allein Du weit, da
Menschlichkeit sich heut zu Tage unter sehr verschiedenartigen Formen
und Gestalten zeigt, und da die Sonderbarkeiten des menschlichen Thuns
und Treibens nie aufhren werden.

Mr. Shelby's Lachen ermuthigte den Hndler, fortzufahren.

S'ist kurios! aber ich habe das niemals den Leuten in den Kopf bringen
knnen. Da war Tom Locker, mein alter Compagnon, in Natchez, -- ein
gewandter, geschickter Kerl, dieser Tom, -- aber ein wahrer Teufel bei
den Negern; -- und aus Grundsatz, -- aus Grundsatz, denn einen
gutherzigeren Kerl hat es nie gegeben; -- aber s'war sein System, Herr.
Ich pflegte mit ihm zu reden. >Tom,< sagte ich, >wenn Deine Weiber an zu
schreien fangen, was ntzt es dann, ihnen mit der Peitsche um die Ohren zu
hauen? S'ist lcherlich,< sagt' ich, >und thut nicht gut. Ich nehm's ihnen
nicht bel,< sagt' ich, >s'ist Natur,< sagt' ich, -- >und mu sich Bahn
machen so oder so. Und nebenbei, Tom,< -- sagt' ich -- >verdirbt's Dir die
Weiber, sie werden krnklich und lassen's Maul hngen; -- und manchmal
werden sie hlich, -- besonders die gelben, -- oder der Teufel holt sie
ganz und gar. Warum< -- sagt' ich -- >kannst Du sie nicht lustig machen,
und freundlich mit ihnen reden? Glaube mir, Tom, so ein Bischen
Menschlichkeit mit hineingeworfen in's Geschft, ist ein gut Theil besser,
als Dein Fluchen und Peitschen; und auerdem bringt's mehr ein,< -- sagt'
ich, -- >glaube mir.< Aber Tom wollte nichts davon wissen, und verdarb mir
so Viele, da ich zuletzt mit ihm abbrechen mute, obgleich er ein
gutherziger Kerl war, und ganz vortrefflich im Geschfte.

Und findet Ihr, da Eure Art das Geschft zu betreiben, vortheilhafter
ist, als Tom seine? sagte Mr. Shelby.

Ja, ich glaube. Seht, wenn ich irgend kann, so geb' ich wohl Acht, bei
den unangenehmen Theilen des Geschfts, wie Kinder verkaufen, -- schaffe
die Weiber aus dem Wege, -- aus den Augen, aus dem Sinn, Ihr wit ja, --
und wenn Alles abgemacht ist, und Nichts mehr dran gendert werden kann,
so gewhnten sie sich natrlich daran. S'ist ja nicht, als wenn es Weie
wren, die dazu erzogen worden sind, fr ihre Weiber und Kinder zu
sorgen, und alles das. Neger, wit Ihr wohl, die richtig aufgebracht
worden sind, wissen von allem Dem nichts und so wird's ihnen viel
leichter.

Dann frchte ich, da die meinigen nicht richtig aufgebracht worden
sind, sagte Mr. Shelby.

Wahrscheinlich. Ihr Kentucky Leute verderbt alle Eure Neger. Ihr
meint's ganz gut, aber das heit nicht ihnen wirklich Gutes thun. Seht,
ein Neger, der in der Welt herumgestoen und geworfen, und an Tom, und
Dick, und Gott wei wen, verkauft werden soll, -- fr den ist's keine
Wohlthat, Begriffe zu bekommen und Hoffnungen, oder zu gut aufgebracht
zu werden, denn das Rauhe und Harte fllt ihm nachher um so schwerer.
Die Sache ist, Mr. Shelby, jeder Mensch hlt natrlich seinen eigenen
Weg fr den besten; und ich denke, ich behandle meine Neger gerade so
gut, als es ihnen zutrglich ist.

Es ist eine schne Sache, mit sich selbst zufrieden zu sein, sagte Mr.
Shelby mit einem leichten Schauder und einer lebhaften Empfindung von
Abscheu.

Wohl, sagte Haley, nachdem Beide eine Zeit lang stillschweigend ihre
Nsse geschlt hatten, was meint Ihr dazu?

Ich will die Sache mit meiner Frau berlegen und besprechen, sagte Mr.
Shelby. Inzwischen, Haley, wenn Ihr wnscht, da die Sache in aller
Stille abgemacht werden soll, wie Ihr vorhin erwhntet, so wrdet Ihr am
besten thun, Euch nichts davon hier in der Nachbarschaft merken zu
lassen. Es knnte sonst unter meine Leute kommen, und es mchte kein
sehr ruhiges Geschft sein, einen von ihnen von hier wegzubekommen, wenn
sie es vorher wissen, -- darauf verlat Euch.

Versteht sich, auf jeden Fall, nichts gesprochen. Aber hrt, ich hab's
teufelmig eilig, und mu es so schnell wie mglich wissen, woran ich
bin, sagte er indem er aufstand und sich seinen Ueberrock anzog.

Wohl, kommt diesen Abend zwischen sechs und sieben Uhr, dann sollt Ihr
meine Antwort haben, sagte Mr. Shelby, worauf der Hndler sich mit
einer Verbeugung aus dem Zimmer entfernte.

Ich wollte, ich htte den Kerl die Treppe hinunter werfen knnen,
sagte Shelby zu sich selbst, als die Thr wieder fest geschlossen
war, -- mit seiner Unverschmtheit! allein er wei, welchen Vortheil er
ber mich hat. Wenn Jemand jemals zu mir gesagt htte, da ich den Tom
an einen dieser schuftigen Hndler im Sden verkaufen sollte, so wrde
ich gefragt haben: >Ist Dein Diener ein Hund, da das mit ihm geschehen
soll?< -- und nun mu es doch geschehen, so viel ich sehen kann. Und
Elisa's Kind dazu! Ich wei im voraus, da ich deshalb bei meiner Frau
einen harten Strau zu bestehen haben werde: und eben so wegen Tom's.
Alles wegen der fatalen Schulden! -- Der Kerl sieht seinen Vortheil und
will so viel Nutzen wie mglich davon ziehen.

Die mildeste Form von Sklaverei ist vielleicht in Kentucky zu finden, wo
die ausgedehntere Betreibung eines ruhigen Feldbaues in regelmigen
Abstufungen nicht jene periodischen Ueberhufungen von Arbeit
herbeifhrt, die in den sdlicheren Provinzen so gewhnlich sind, und
deshalb das Loos des Negers ein unertrglicheres ist, whrend der Herr,
zufrieden mit einem allmhlicheren Erwerbe, nicht jenen Versuchungen,
hartherzig zu werden, ausgesetzt ist, die stets den Sieg ber die
schwache menschliche Natur davon tragen, sobald die Aussicht auf einen
schnellen und pltzlichen Gewinn in die Wagschaale fllt, und kein
schwereres Gegengewicht vorhanden ist, als die Rcksicht auf Hlflose
und Schutzlose.

Wer gewisse Besitzungen dort besucht, und die nachsichtige, wohlwollende
Behandlung einzelner Herren und Herrinnen, und die aufrichtige
Anhnglichkeit einzelner Sklaven sieht, mchte sich versucht fhlen, von
der oft wiederholten poetischen Fabel patriarchalischer Institutionen zu
trumen; allein ber diesen Scenen hngt ein schwarzer Schatten, -- der
Schatten =des Gesetzes=. So lange das Gesetz alle diese menschlichen
Wesen mit schlagenden Herzen und regen Empfindungen nur als eben so viel
Dinge ansieht, die einem Herrn gehren, -- so lange das Falissement,
oder sonstiges Unglck, oder Unklugheit, oder der Tod eines
menschenfreundlichen Herrn die Ursache werden kann, da dieselben ein
Leben freundlichen Schutzes und Wohlwollens gegen ein Leben voll harter
Arbeit und endloses Elend vertauschen mssen, -- so lange ist es
unmglich, auch das bestverwaltete Sklavenverhltni zu einem schnen,
angenehmen Loose zu machen.

Mr. Shelby war ein gewhnlicher, gutmthiger Mensch, freundlich und
stets bereit, den Wnschen seiner Umgebung zu entsprechen, so da den
Negersklaven seiner Besitzung nie etwas mangelte, was zu ihrem
krperlichen Wohlbefinden beitragen konnte. Er hatte sich aber in
bedeutende und unvorsichtige Speculationen eingelassen, hatte sich dabei
tief verwickelt, und seine Wechsel waren zu einem bedeutenden Betrage in
Haley's Hnde gefallen. Dieser Umstand diene als Schlssel zu der
vorangegangenen Unterhaltung.

Inzwischen hatte es sich zugetragen, da Elisa, als sie sich der Thr
nahte, genug von obiger Unterhaltung hrte, um zu erfahren, da der
Hndler ihrem Herrn Anerbietungen fr irgend Jemanden mache. Sie htte
gern an der Thr gehorcht, als sie das Zimmer wieder verlie, allein
ihre Herrin rief gerade nach ihr und zwang sie davon zu eilen. Dennoch
glaubte sie gehrt zu haben, da der Hndler ein Gebot fr ihr Kind
gemacht habe; -- konnte sie sich geirrt haben? Ihr Herz schlug
fieberhaft, und unwillkrlich prete sie ihn so gewaltsam an sich, da
das Kind ihr erstaunt ins Gesicht blickte.

Elisa, Mdchen, was ist heut mit Dir? fragte ihre Herrin, als Elisa
das Waschbecken ausgeschttet, die Wasserkaravine umgestoen hatte, und
endlich ihrer Herrin in voller Gedankenlosigkeit ein langes Nachthemde
an Stelle des seidenen Kleides brachte, welches sie ihr aufgetragen
hatte, aus der Garderobe zu holen.

Elisa erschrack, und kam zur Besinnung. O Mistre! sagte sie, indem
sie ihre Augen aufschlug, und dann in Thrnen ausbrechend, sich
schluchzend auf einen Stuhl niedersetzte.

Elisa, Kind, was fehlt Dir? fragte ihre Herrin.

O Mistre, Mistre, sagte Elisa, ein Sklavenhndler ist bei dem Herrn
im Zimmer, und hat mit ihm gesprochen. Ich hrte ihn.

Nun, dummes Mdchen, wenn auch, was ist's weiter?

O Mistre, glauben Sie, da der Herr meinen Harry verkaufen knnte?
Und das arme Wesen fiel von Neuem in einen Stuhl, und begann
convulsivisch zu schluchzen.

Ihn zu verkaufen! Nein, albernes Mdchen! Du weit, da Dein Herr nie
mit diesen sdlichen Hndlern Geschfte macht, und nicht Willens ist, je
einen seiner Dienstboten zu verkaufen, so lange diese sich gut betragen.
Wer denkst Du denn, thrichtes Kind, wrde Deinen Harry kaufen wollen?
Glaubst Du denn, da die ganze Welt in ihn so vernarrt ist, wie Du,
Gnschen? Komm her, sei munter, und hake mein Kleid zu. Nun lege mein
Haar in die hbsche Flechte, die Du vor ein paar Tagen gelernt hast, und
horche nie wieder an den Thren.

Ja, aber nicht wahr, Mistre, Sie wrden nie Ihre Einwilligung dazu
geben, da -- da --

Dummes Zeug! Kind. Gewi, nimmer. Wozu sind diese Schwatzereien? Eben
so wenig, wie da eins meiner Kinder verkauft wrde. Aber wahrhaftig,
Elisa, Du wirst mir beinahe zu stolz auf den Buben. Kein Mensch darf
seine Nase zur Thre hinein stecken, ohne da Du glaubst, Dein Bube soll
verkauft werden.

Beruhigt durch den zuversichtlichen Ton ihrer Herrin fuhr Elisa flink
und gewandt mit ihren Toilettengeschften fort, und lachte selbst ber
ihre Befrchtungen.

Mistre Shelby war eine Frau von hoher geistiger und moralischer
Bildung. Mit jener angeborenen Hochherzigkeit, welche so hufig als ein
charakteristisches Merkmal der Weiber in Kentucky gefunden wird, verband
sie ein religises Gefhl, welches sich in allen ihren Handlungen
praktisch kund gab. Ihr Mann, der keinen Anspruch auf besondere
Religiositt machte, achtete und ehrte nichts destoweniger diese Seite
in ihrem Charakter, und hegte vielleicht sogar eine Art Scheu vor ihrer
Meinung. Gewi ist, da er ihr unbegrnzte Machtvollkommenheit in allen
ihren Bestrebungen fr das Wohl und den Unterricht ihrer Dienstboten
gab, obgleich er selbst keinen direkten Antheil daran nahm. In der That,
wenn er auch nicht an die Lehre von der Wirksamkeit der =besondern=
guten Werke der Heiligen glaubte, so schien er doch gewissermaen
anzunehmen, da seine Frau Frmmigkeit und Wohlthtigkeit genug fr zwei
besitze, -- und die schwache Hoffnung zu hegen, durch Vermittlung
derjenigen Tugenden in den Himmel zu gelangen, welche seine Frau in so
groem Maae besa, obgleich er selbst darauf keinen besondern Anspruch
machen konnte.

Die schwerste Last auf seiner Seele jetzt, nach der Unterredung mit dem
Sklavenhndler, war die von ihm vorempfundene Nothwendigkeit, seiner
Frau die getroffenen Verabredungen mitzutheilen, und den dringenden
Gegenvorstellungen zu begegnen, auf die er, wie er wute, mit Sicherheit
rechnen konnte.

Da Mistre Shelby von den finanziellen Verlegenheiten ihres Ehemannes
durchaus keine Ahnung hatte, und die gewhnliche Gutmthigkeit seines
Herzens kannte, so war sie in dem Ausdrucke ihrer Unglubigkeit
rcksichtlich des von Elisa geuerten Verdachtes ganz aufrichtig
gewesen. Sie hatte in der That mit keinem Gedanken weiter daran gedacht;
und da sie berdie mit den Vorbereitungen zu einem Abendbesuche
beschftigt war, so entschwand der Gegenstand gnzlich aus ihrem Kopfe.




Zweites Kapitel.

Die Mutter.


Elisa war von ihrer Kindheit an bei ihrer Herrin als ein gehtschelter
und verwhnter Gnstling auferzogen worden.

Der Reisende im Sden wird oft jene Zartheit und Sanftheit der Stimme
und des ganzen Wesens bemerkt haben, welche sehr hufig eine besondre
Gabe der Mestizen und Mulattenweiber zu sein scheint. Die natrliche
Grazie der Mulattin ist oft mit einer blendenden Schnheit, und stets
wenigstens mit einem uerst angenehmen und einnehmenden Aeueren
verbunden. Elisa, wie wir sie geschildert haben, ist kein Phantasiebild,
sondern der Erinnerung entnommen, wie wir sie vor Jahren in Kentucky
gesehen haben. Sicher unter der schtzenden Sorge ihrer Herrin hatte sie
ihre krperliche Reife ohne jene Versuchungen erlangt, welche die
Schnheit einer Sklavin so hufig zu einer so unheilvollen Erbschaft
machen. Sie war an einen hbschen und talentvollen jungen Mulatten
verheirathet worden, der Sklave auf einer nachbarlichen Besitzung war,
und den Namen Georg Harris fhrte.

Dieser junge Mann war von seinem Herrn in eine Fabrik von Sackleinwand
verdungen worden, wo seine Geschicklichkeit und Einsicht ihm sehr bald
den Ruf des besten Arbeiters verschafft hatten. Er hatte eine Maschine
erfunden, den Hanf zu reinigen, welche, wenn man die Erziehung und
Verhltnisse des Erfinders bercksichtigte, eben so viel mechanisches
Genie verrieth, wie Whitney's Baumwollenspinnmaschine. Er war von
hbscher Figur und einnehmendem Wesen, wodurch er bald der allgemeine
Liebling in der Fabrik wurde. Nichtsdestoweniger waren alle diese
edleren Eigenschaften, da der junge Mann vor dem Gesetze nicht ein
Mensch, sondern nur eine Sache war, der Herrschaft eines gemeinen,
engherzigen, tyrannischen Herrn unterworfen. Dieser Ehrenmann, als er
von der in der Umgegend viel besprochenen Erfindung Georgs gehrt hatte,
nahm sich eines Tages die Mhe, nach der Fabrik hinber zu reiten, um zu
sehen, was dieses einsichtsvolle Stck seines Eigenthums dort treibe.
Der Besitzer empfing ihn mit groer Begeisterung, und gratulirte ihm,
einen so werthvollen Sklaven zu besitzen. Er wurde durch die ganze
Fabrik gefhrt, und Georg zeigte ihm das ganze Maschinenwesen, und
sprach dabei so lebhaft und so flieend, zeigte eine solche Haltung, und
erschien so schn und mnnlich, da seinen Herrn ein gewisses
unbehagliches Gefhl von Untergeordnetheit beschlich. Wozu hatte sein
Sklave nthig, durch das Land zu gehen, Maschinen zu erfinden, und mit
Gentlemen zu verkehren? Er wollte dem bald ein Ende machen, -- er wollte
ihn zurckholen und hacken und graben lassen, und sehen, ob er sich
dabei auch so stattlich ausnehmen werde. Wie gesagt, so geschehen. Der
Fabrikbesitzer und alle dabei gegenwrtigen Arbeiter waren erstaunt, als
er pltzlich Georgs Lohn verlangte, und seine Absicht zu erkennen gab,
ihn mit sich nach Hause zu nehmen.

Aber, Mr. Harris, entgegnete der Fabrikbesitzer, ist das nicht
eigentlich zu schnell?

Und wenn es ist? -- ist der Mann nicht =mein=?

Ich wrde nichts dagegen haben, Mr. Harris, den Lohn zu erhhen.

Gleichviel, Herr, ich habe nicht nthig meine Arbeiter auszudingen,
wenn ich keine Lust dazu habe.

Aber, Herr, er scheint ganz besonders geeignet zu diesem Geschfte.
Mag sein, -- er taugte aber nie viel zu irgend einer Sache die ich ihm
auftrug, mein Seel'!

Denken Sie aber nur an seine Erfindung der Maschine, wendete hier
einer der Arbeiter unglcklicher Weise ein.

O ja! -- eine Maschine um Arbeit zu sparen, nicht wahr? So etwas wird
er schon erfinden, ohne Zweifel! 's mte ja kein Neger sein. Die sind
alle selbst Maschinen, die Arbeit zu sparen, -- einer wie der andere!
Nein, er soll das Feld treten!

Georg stand wie angezaubert da, als er so pltzlich sein Urtheil von
einer Gewalt ausgesprochen hrte, gegen die kein Widerstand mglich war.
Er prete die Lippen krampfhaft zusammen, und ein ganzer Vulkan bitterer
Empfindungen brannte in seinem Busen, und sandte Feuerstrme durch seine
Adern. Sein Athem ging kurz, seine groen, dunklen Augen glhten wie
feurige Kohlen, und es mchte vielleicht ein gefhrlicher Ausbruch bei
ihm statt gefunden haben, wenn nicht der gutherzige Fabrikbesitzer
seinen Arm berhrt, und ihm leise zugeflstert htte: Gieb nach, Georg;
geh jetzt mit ihm; wir wollen doch sehen, wie wir Dir helfen knnen.

Der Tyrann bemerkte das Flstern, und errieth seine Bedeutung, obgleich
er nicht hren konnte, was gesagt wurde, und diese Wahrnehmung bestrkte
ihn nur in seinem Vorsatze, die Gewalt, die ihm ber sein Opfer zustand,
geltend zu machen.

Georg wurde nach Hause gefhrt und an die niedrigsten Arbeiten der
Farmwirthschaft gestellt. Er hatte es ber sich vermocht, jedes
unehrerbietige Wort zu unterdrcken; aber das funkelnde Auge und die
finstere Stirn waren Theile einer natrlichen Sprache, welche sich nicht
unterdrcken lie, -- sichere Anzeichen dessen, da der Mensch nicht zur
Sache werden knne.

Es war whrend jener glcklichen Periode seiner Beschftigung in der
Fabrik, da Georg sein Weib kennen gelernt und geheirathet hatte.
Whrend jener Zeit hatte er, da der Fabrikherr ihm seine Gunst und sein
Vertrauen in besonderem Grade zugewendet hatte, volle Freiheit gehabt,
zu gehen und zu kommen, wann und wie er wollte. Die Heirath wurde von
Mistre Shelby besonders begnstigt, die, mit einer Art weiblichen
Gefallens an Ehestiftungen, sich gefreut hatte, ihren schnen Schtzling
mit einem in jeder Beziehung passenden Manne derselben Klasse verbunden
zu sehen; und so wurden Beide in dem Wohnzimmer ihrer Herrin verbunden,
und diese selbst schmckte das schne Haar der Braut mit Orangenblthen,
und warf den brutlichen Schleier darber, der ohne Zweifel auf keinem
schneren Kopfe geruht haben knnte. Auch fehlte es nicht an weien
Handschuhen und Kuchen und Wein, und an Gsten, die die Schnheit der
Braut und die Gte und Freigebigkeit der Herrin priesen.

Ein oder zwei Jahre lang sah Elisa ihren Gatten hufig, und nichts
strte ihr Glck, als der Verlust zweier Kinder im ersten Alter, an
denen sie mit leidenschaftlicher Liebe hing, und um die sie mit so
verzehrendem Kummer trauerte, da ihre Herrin sich veranlat fhlte, ihr
sanfte Vorwrfe zu machen, und sich bemhte, ihre von Natur
leidenschaftlichen Empfindungen durch den Einflu der Vernunft und
Religion zu migen. Nach der Geburt des kleinen Harry war sie jedoch
allmhlig ruhiger geworden und jeder blutende, zuckende Nerv schien
durch die neue Verbindung mit diesem jungen Leben geheilt worden zu
sein, und Elisa war wieder ein glckliches Weib bis zu dem Augenblicke,
wo ihr Mann von seinem menschenfreundlichen Principale auf so rohe Weise
losgerissen, und unter die eiserne Herrschaft seines rechtmigen
Besitzers zurckgebracht worden war.

Der Fabrikherr besuchte, seinem Versprechen getreu, nach ein oder zwei
Wochen Mr. Harris, in der Hoffnung, da die erste Hitze sich gelegt
haben werde, und wandte alles Mgliche an, um ihn zu bestimmen, Georg
seiner frheren Beschftigung zurckzugeben.

Sie brauchen sich keine Mhe zu geben, und weiter darber zu sprechen,
sagte er mrrisch, ich wei am besten selbst was ich zu thun habe.

Ich wollte mir nicht anmaen, mich in Ihre Angelegenheiten zu mischen;
sondern ich dachte nur, Sie wrden es selbst Ihrem Interesse angemessen
finden, uns diesen Mann unter den offerirten Bedingungen zu berlassen.

O ich verstehe Alles vollkommen. Ich sah Ihr Winken und Flstern an dem
Tage, wo ich ihn von der Fabrik wegholte, aber ich lasse mich auf diese
Weise nicht hintergehen. Es ist hier ein freies Land, Herr; der Mann ist
=mein=, und ich thue mit ihm was mir gefllt, -- verstanden?

Und so fiel Georgs letzte Hoffnung zu Boden. Nichts lag nun vor ihm als
ein Leben voll Mhe und Qual, welches durch die gesuchten Krnkungen und
Entwrdigungen noch mehr verbittert wurde, welche eine tyrannische
Erfindungskunst zu erdenken vermochte.

Ein sehr menschenfreundlicher Jurist sagte einst: das grte Uebel, das
du dem Menschen zufgen kannst, ist ihn zu hngen. Nein, es gibt noch
ein anderes Uebel, welches dem Menschen zugefgt werden kann, und
welches =grer= ist!




Drittes Kapitel.

Der Gatte und Vater.


Mistre Shelby hatte das Haus verlassen, um ihren Besuch zu machen, und
Elisa stand in der Veranda des Hauses und schaute traurig dem
fortfahrenden Wagen nach, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte.
Sie wandte sich um, und ein freundliches Lcheln leuchtete
augenblicklich aus ihren schnen Augen.

Georg, bist Du es? Wie Du mich erschreckt hast! Ach, wie froh bin ich,
da Du gekommen bist! Mistre ist ausgefahren, um einen Besuch zu
machen; komm' also in mein kleines Zimmer, wir haben den ganzen
Nachmittag fr uns.

Indem sie dies sagte, zog sie ihn in ein niedliches kleines Gemach,
welches an der einen Seite der Vorhalle lag und in welchem sie sich
gewhnlich aufhielt, mit ihren Nhereien beschftigt, um den Ruf ihrer
Herrin hren zu knnen.

Wie froh ich bin! Warum bist Du denn nicht freundlich? -- Und sieh'
Harry, wie er wchst. Der Knabe blickte scheu durch seine Locken
hindurch auf den Vater und hielt sich ngstlich an den Rcken seiner
Mutter fest. Ist er nicht hbsch? sagte Elisa, seine Locken aufhebend
und ihn kssend.

Ich wollte, er wre nie geboren worden! sagte Georg bitter. Ich
wollte, ich wre selbst nie geboren worden!

Ueberrascht und erschreckt setzte sich Elisa nieder, lehnte ihren Kopf
an ihres Gatten Schulter und brach in Thrnen aus.

Das noch, Elisa, o es ist zu sndlich von mir, Dir solchen Schmerz zu
bereiten, armes Weib! sagte er zrtlich, 's ist zu sndlich. O, wie
wnsche ich, da Du mich nie gesehen httest, -- dann httest Du
vielleicht glcklich werden knnen.

Georg, Georg, wie kannst Du so reden? Was ist denn Schreckliches
geschehen, oder was soll geschehen? Wir waren doch so glcklich bis vor
Kurzem.

Das waren wir, sagte Georg. Dann das Kind auf seinen Schoo nehmend,
schaute er ihm in seine funkelnden, dunklen Augen und fuhr mit den
Hnden durch seine langen Locken.

Gerade wie Du, Elisa; und Du bist das hbscheste Weib, das ich je
gesehen habe, und das beste, das ich je zu sehen wnsche. Aber ach! ich
wollte, ich htte Dich nie gesehen, und Du nie mich.

O Georg, wie kannst Du --?

Ja, Elisa, 's ist Alles Elend, Elend, nichts als Elend. Mein Leben ist
bitter wie Wermuth; alle Lebenskraft verzehrt sich in mir. Ich bin ein
armes, elendes, verlorenes Lastthier; ich werde Dich nur mit mir
hinabziehen, das ist Alles! Was ntzt es, da man sich Mhe giebt, etwas
zu verrichten, etwas zu lernen, etwas zu sein? Wozu ntzt das ganze
Leben? Ich wollte, ich wre todt!

O lieber Georg, aber das ist wahrhaftig sndlich! Ich wei, wie sehr es
Dich schmerzt, da Du Deinen Platz in der Fabrik verloren hast, und da
Du einen harten Herrn hast; aber, bitte, sei geduldig, vielleicht --

Geduldig! sagte er, sie unterbrechend; bin ich nicht geduldig
gewesen? Sagte ich ein Wort, als er kam und mich ohne jeden irdischen
Grund von dem Orte wegnahm, wo Jeder freundlich gegen mich war? Ich habe
ihm gewissenhaft jeden Cent von meinem Lohne ausgeliefert, -- und Alle
sagten, da ich ein guter Arbeiter wre.

Ja, es ist schrecklich, sagte Elisa, aber Du weit, er ist doch nun
einmal Dein Herr!

Mein Herr? und wer machte ihn zu meinem Herrn? Das ist es gerade, was
mir durch den Kopf geht, -- welches Recht hat er auf mich? Ich bin ein
Mensch, so gut wie er; -- ich bin ein besserer Mensch als er. Ich
verstehe mehr vom Geschfte als er; ich kann besser lesen als er, besser
schreiben als er, -- und ich habe es Alles selbst gelernt, ohne seinen
Beistand, -- selbst gegen seinen Willen. Welches Recht hat er nun, aus
mir ein Zugpferd zu machen? -- mich von Geschften wegzunehmen, die ich
verrichten kann, und besser verrichten kann als er, um mich zu Arbeiten
anzustellen, die nur fr ein Pferd geeignet sind. Er versucht es; er
sagt, er will mich niederdrcken, er will mich demthigen, und giebt mir
deshalb absichtlich die schwerste, niedrigste und schmutzigste Arbeit.

O Georg, Georg! Du erschreckst mich! Ich habe Dich nie so reden hren;
ich frchte mich, da Du etwas Schreckliches begehen knntest. Ich
wundere mich durchaus nicht ber Deine Empfindungen, aber ich bitte
Dich, sei vorsichtig, -- bitte, bitte, -- um meinetwillen, um Harry's
willen!

Ich bin vorsichtig gewesen, und bin geduldig gewesen, aber es wird
immer schlimmer; Fleisch und Blut kann es nicht lnger tragen: jede
Gelegenheit, die sich darbietet, mich zu krnken und zu qulen, benutzt
er. Ich dachte, ich knnte meine Arbeit ruhig und still verrichten, und
wrde dann nach den Arbeitsstunden einige Zeit zum Lesen und Lernen
haben; allein je mehr er sieht, da ich thun kann, desto mehr ladet er
mir auf. Er sagt, da obgleich ich nichts sage, er dennoch sehe, da ich
den Teufel in mir habe, und den wolle er austreiben; -- ja, er soll
dieser Tage herausfahren, aber in einer Weise, die ihm nicht gefallen
wird, denke ich.

O Gott! was sollen wir thun? sagte Elisa traurig.

Erst gestern wieder, sagte Georg, als ich beschftigt war, Steine in
einen Wagen zu laden, stand der junge Master Tom dabei und knallte mit
seiner Peitsche so dicht ber dem Pferde, da es unruhig wurde. Ich bat
ihn so freundlich als ich konnte, es nicht zu thun, -- allein nun fuhr
er erst recht fort. Ich bat ihn abermals, worauf er sich gegen mich
wendete und mich an zu peitschen fing. Ich hielt seine Hand fest, und
dann schrie er und schlug um sich und lief zu seinem Vater, dem er
erzhlte, ich habe ihn angreifen wollen. =Der= kam wthend zu mir gerannt
und sagte, er wolle mir zeigen, wer mein Herr sei, und band mich an
einen Baum und schnitt Ruthen fr den jungen Herrn aus, und hie ihn
mich peitschen, so lange er knne, -- und das that er. -- Wenn ich ihm
das nicht noch 'mal vergelte!

Bei diesen Worten wurde die Stirn des jungen Mannes so finster und seine
Augen begannen so zu funkeln, da seine junge Frau davor erbebte. Wer
machte diesen Mann zu meinem Herrn? Das ist es, was ich wissen will!
sagte er.

Wohl, sagte Elisa traurig, ich dachte immer, da ich meinem Herrn und
meiner Herrin gehorchen msse, oder ich knne keine Christin sein.

In Deinem Falle hat es Etwas fr sich. Sie haben Dich auferzogen wie
ein Kind, haben Dich genhrt, gekleidet und unterrichtet, so da Du eine
gute Erziehung bekommen hast. Hier ist wenigstens einiger Grund, weshalb
sie auf Dich Anspruch haben. Aber ich bin gestoen und gepeitscht und
verflucht worden, und im glcklichsten Falle mir allein berlassen
worden; und was schulde ich? Ich habe meine Erhaltung mehr als
hundertmal bezahlt. Ich =will= es nicht lnger tragen! Nein, ich =will=
nicht! sagte er, seine Faust mit einem wilden Blicke ballend.

Elisa zitterte und schwieg. Sie hatte ihren Gatten noch nie in solcher
Stimmung gesehen, und ihr sanftes System von Ethik schien sich wie
Schilf in der Brandung solcher Leidenschaft zu beugen.

Du weit, du gabst mir den armen kleinen Carlo, fgte Georg hinzu;
das Thierchen war mein einziger Trost. Er schlief mit mir des Nachts
und folgte mir des Tages berall, und sah mich an, als wenn er wisse,
was ich fhlte. Eines Tages ftterte ich ihn gerade mit einigen
Ueberbleibseln, die ich vor der Kchenthr gefunden hatte, als der Herr
vorber kam und sagte, ich fttere den Hund auf seine Kosten, und das
knne er nicht ausfhren, da jeder Neger seinen Hund halte. Er befahl
mir, ihm einen Stein an den Hals zu binden und ihn in's Wasser zu
werfen.

O Georg, Du thatest es doch nicht?

Ich nicht, aber er that es. Er und Tom warfen das arme Thier mit
Steinen, whrend es im Ertrinken war. Es sah mich so traurig an, als
wenn es sich wundere, da ich ihm nicht zu Hlfe komme. Ich wurde
gepeitscht, weil ich es nicht selbst thun wollte. Ich frage nichts
darnach. Er wird schon sehen, da ich Keiner bin, der sich durch
Peitschenhiebe zhmen lt. Meine Zeit wird schon noch kommen, wenn er
sich nicht vorsieht.

Was hast Du im Sinne? O Georg, thue nichts Schlechtes! Wenn Du nur auf
Gott vertraust und Recht thust, so wird er Dich erretten.

Ich bin kein Christ, wie Du, Elisa; mein Herz ist voll Bitterkeit; ich
kann nicht auf Gott vertrauen. Warum lt er das so geschehen?

O Georg, wir mssen glauben. Mistre sagt, da, wenn uns Alles
miglckt, wir glauben mssen, Gott habe es zu unserm Besten gethan.

Das knnen solche Leute leicht sagen, die auf ihrem Sopha sitzen und in
ihrem Wagen fahren; aber la sie an meinem Platze sein, ich glaube, dann
wrde es ihnen etwas schwerer fallen. Ich wollte, ich knnte fromm sein;
aber mein Herz brennt mir und kann nicht wieder ruhig werden. Du
knntest es auch nicht in meiner Stelle, -- Du kannst es jetzt nicht,
wenn ich Dir Alles gesagt habe, was ich zu sagen habe. Du weit noch
nicht Alles.

Was kann denn jetzt noch kommen?

Vor einiger Zeit sagte mein Herr, er sei ein Narr gewesen, da er mir
erlaubt habe, auerhalb des Platzes zu heirathen; da er Mr. Shelby und
seine ganze Familie hasse, weil sie Alle stolz wren und ihre Kpfe
hher trgen als er, und da ich stolze Begriffe von ihnen bekommen
htte; und sagte, da er mich gar nicht wieder hierher gehen lassen
wolle, und da ich auf seinem Gute ein Weib nehmen solle. Anfangs sagte
er diese Dinge nur, wenn er brummte und schalt, aber gestern befahl er
mir, Mina als Weib zu mir zu nehmen und mit ihr in eine Htte zu ziehen,
oder er wolle mich den Flu hinunter schicken und verkaufen lassen.

Wie? -- Du bist ja aber mit =mir= verheirathet worden, durch den
Geistlichen, gerade so, als wenn Du ein Weier wrest! sagte Elisa
einfach.

Weit Du nicht, da ein Sklave sich nicht verheirathen kann? Es giebt
kein Gesetz dafr in diesem Lande. Ich kann Dich nicht als mein Weib
behalten, wenn es ihm einfllt uns zu trennen. Das ist der Grund,
weshalb ich wollte, ich htte Dich nie gesehen, -- weshalb ich wnschte,
ich wre nie geboren worden; es wre fr uns beide besser gewesen, -- es
wre fr dieses arme Kind besser gewesen, wenn es nie geboren worden
wre. Alles dies kann ihm auch noch begegnen!

O, aber mein Herr ist so gut!

Ja, aber wer wei? -- er kann sterben, -- und dann kann er verkauft
werden, Gott wei, an wen. Welche Freude kann es uns gewhren, da er
schn und krftig ist? Ich sage Dir, Elisa, da ein Schwert Dein Herz
durchdringen wird fr jede gute und schne Eigenschaft, die das Kind
besitzt; es wird ihn Dir zu werth machen, als da Du ihn behalten
knntest!

Diese Worte fielen Elisa schwer auf's Herz. Die Erscheinung des
Sklavenhndlers trat wieder vor ihre Augen, und als wenn irgend Jemand
ihr einen tdtlichen Schlag versetzt htte, wurde sie pltzlich bleich
und verlor den Athem. Sie blickte angstvoll nach der Veranda, wohin sich
der Knabe, berdrssig der ernsten Unterhaltung, zurckgezogen hatte,
und wo er auf Mr. Shelby's Spazierstock triumphirend auf- und
niederritt. Sie war im Begriff, ihrem Manne ihre Befrchtungen
mitzutheilen, aber hielt dennoch zurck.

Nein, nein, -- er hat genug zu tragen, der Arme! dachte sie. Nein,
ich will ihm nichts davon sagen; berdies ist es ja auch nicht wahr;
Mistre tuscht uns niemals.

Also, Elisa, mein Weib, sagte der Mann traurig, sei standhaft, und
nun lebe wohl, ich gehe.

Du gehst, Georg? -- wohin denn?

Nach Canada, sagte er, sich hoch aufrichtend, und wenn ich dort bin,
will ich Dich kaufen; das ist die einzige Hoffnung, die uns bleibt. Ich
will Dich und den Knaben kaufen, -- so Gott mir helfe!

O schrecklich! wenn Du gefangen werden solltest!

Ich werde nicht gefangen werden, Elisa; eher will ich =sterben=! Ich
will frei sein, oder sterben!

Du wirst Dich doch nicht selbst umbringen?

Das wird nicht nthig sein, -- sie werden mich schnell genug
niedermachen. Nimmer sollen sie mich lebendig den Flu hinab bringen!

O Georg, um meinetwillen sei vorsichtig! Thue nichts Bses, lege nicht
Hand an Dich selbst, oder an irgend einen Andern! Du bist zu sehr
gereizt, -- zu sehr. Gehen mut Du, -- aber sei vorsichtig, sei weise.
Bitte Gott, da er Dir beistehe.

Wohlan denn, Elisa, so hre meinen Plan. Meinem Herrn fiel es ein, mich
grade hier vorbei zu schicken mit einem Briefe an Mr. Symmes, der eine
Meile weiter wohnt. Ich glaube, er rechnete drauf, da ich hierher
gehen wrde, Dir zu erzhlen, was ich bekommen habe. Es wrde ihm Freude
machen, wenn er denken knnte, da das >Shelby'sche Volk<, wie er es
nennt, sich darber rgerte. Ich gehe jetzt nach Hause, und thue, als
wenn ich ganz resignirt wre, verstehst Du, als wenn Alles vorbei wre.
Inzwischen habe ich schon einige Vorbereitungen getroffen, -- und ich
habe Freunde, die mir helfen werden, -- und in Zeit von acht Tagen oder
so werde ich vermit werden. Elisa, bete fr mich, vielleicht erhrt
=Dich= der gute Gott!

O bete selbst fr Dich, Georg, und vertraue auf ihn, wenn Du gehst;
dann wirst Du nichts Bses thun.

So =lebe wohl= denn, sagte Georg, Elisa's Hnde haltend, und
unverwandt in ihre Augen blickend. Beide standen eine Zeit lang
schweigend; dann folgten die letzten Worte, Schluchzen und bittre
Thrnen, und ein solcher Abschied, wie er zwischen Personen stattfinden
mu, deren Hoffnung auf Wiedersehen so schwach wie Spinngewebe ist. Dann
trennten sich Gatte und Gattin.




Viertes Kapitel.

Ein Abend in Onkel Tom's Htte.


Onkel Tom's Htte war ein kleines von Balken errichtetes Gebude dicht
bei =dem Hause=, wie die Neger #par excellence# die Wohnung ihres
Herrn bezeichnen. Vor demselben lag ein sauberer Gartenfleck, in welchem
jeden Sommer Stachelbeeren und Himbeeren und allerhand andere Frchte
und Gemse unter sorgsamer Hand blhten. Die ganze Front des Huschens
war von den Stauden einer einheimischen, immerblhenden Rose bedeckt,
deren Ranken sich so verflochten, da kaum eine Spur von den rauhen
Balken sichtbar war. Auch verschiedene Jahresblumen, wie Goldlack,
Nelken und Levkojen fanden hier im Sommer ein stilles Pltzchen, in dem
sie ihre Pracht und ihre Wohlgerche entfalten konnten, und waren der
Stolz und die Freude Tante Chlo's.

Lat uns in die Wohnung eintreten. Die Abendmahlzeit im Herrenhause ist
vorber, und Tante Chlo, die als oberste Kchin die Zubereitung
desselben zu leiten pflegt, hat den Unterbeamten der Kche das Geschft
des Reinigens und Aufrumens berlassen, und sich in ihr eignes,
behagliches Territorium begeben, um ihrem Alten das Abendbrod zu
reichen. Ihr drft deshalb nicht daran zweifeln, da sie es ist, die am
Feuer steht, und mit ngstlicher Aufmerksamkeit gewisse zischende
Gegenstnde in einer Pfanne beobachtet, und von Zeit zu Zeit mit sehr
ernster Vorsicht den Deckel der Backpfanne aufhebt, unter welchem ganz
unzweifelhafte Anzeigen von etwas Guten hervordampfen. Ihr Gesicht ist
rund, schwarz und so glnzend, da man glauben mchte, sie wre, wie
eine ihrer Theezwiebacke, mit Eiwei berstrichen worden. Ihr ganzes,
volles Gesicht strahlt unter ihrem wohlgestrkten Turbane von
Zufriedenheit und Frohsinn, obgleich es, wenn wir doch einmal gestehen
mssen, einen leichten Anstrich des Selbstbewutseins verrth, welches
der ersten Kchin in der ganzen Nachbarschaft, wofr Tante Chlo ganz
allgemein galt und gehalten wurde, rechtmig zustand.

Eine Kchin war sie ohne Zweifel durch und durch. Allen Hhnern,
Truthhnen und Enten auf dem Hhnerhofe wurde Angst, wenn sie Tante
Chlo sich nahen sahen, und dachten augenscheinlich an ihr Ende; und
gewi ist, da sie fortwhrend ber schmoren, braten und backen mit
solcher Lebhaftigkeit nachdachte, da sie jeden denkenden lebendigen
Vogel dadurch in Schrecken setzen mute. Ihr Kornkuchen, in allen seinen
Modificationen war ein erhabenes Geheimni fr alle weniger gebten
Kchenpraktikanten; und sie schttelte ihre fetten Seiten vor Freude und
Stolz, wenn sie von den fruchtlosen Versuchen erzhlte, die einer oder
der andre ihrer Collegen gemacht hatte, ihren Hhenpunkt zu erreichen.

Die Ankunft von Gsten im Hause, die Zubereitung von Mittag- und
Abendessen im groen Style erweckte alle ihre Lebensgeister; und kein
Anblick war ihr erfreulicher als eine hohe Schicht Reisekoffer in der
Veranda, denn dann hatte sie Aussicht auf neue Anstrengungen und neue
Triumphe.

Grade in diesem Augenblicke schaut jedoch Tante Chlo in die Backpfanne,
und wir wollen sie in dieser ihr innig verwandten Beschftigung lassen,
bis wir das Bild der Htte vollendet haben.

In einer Ecke derselben steht ein Bett mit saubrer, weier Decke; und an
der Seite desselben lag ein Stck Teppich von ziemlich bedeutendem
Umfange. Auf diesem Stcke Teppich hatte Tante Chlo ihren Stand, da sie
unzweifelhaft zu den hheren Regionen des menschlichen Lebens gehrte,
und dasselbe, so wie das Bett, bei dem es lag, und berhaupt die ganze
Ecke des Zimmers, wurden mit rcksichtsvoller Achtung behandelt, und so
viel wie mglich vor den Einbrchen und Entheiligungen des kleineren
Volkes geschtzt. Diese Ecke war das Gastzimmer des Hauses. In einer
andern Ecke stand ein Bett von weit unscheinbarerem Aeuern, und war
augenscheinlich fr den Gebrauch bestimmt. Die Wand ber dem Kamin war
mit einigen hellfarbigen Bildern aus der heiligen Schrift und einem
Portrait General Washington's geschmckt, welches dergestalt gezeichnet
und colorirt war, da es ohne Zweifel diesen Helden in Erstaunen
gesetzt haben wrde, wenn er je einen Abdruck desselben gesehen htte.

Auf einer rohen Bank in einer andern Ecke war ein Paar wollkpfiger
Knaben mit glnzend schwarzen Augen und fetten, glnzenden Wangen
beschftigt, die ersten Gehversuche des jngsten Kindes zu berwachen,
welche, wie gewhnlich, darin bestanden, sich auf den Fen zu erheben,
einen Augenblick zu schwanken, und dann wieder umzufallen, wobei jeder
erfolglose Versuch mit schallendem Gelchter begleitet wurde.

Ein Tisch, schon etwas rheumatisch in seinen Gliedmaen, befand sich vor
dem Feuer, und war mit einem Tuche bedeckt, welches Tassen und Schalen,
von unzweifelhaft schnem Muster, mit noch anderen Symptomen eines
herannahenden Mahles trug. An diesem Tische sa Onkel Tom, Mr. Shelby's
bester Sklave, den wir, da er der Held unserer Erzhlung ist, fr unsere
Leser daguerreotypiren mssen. Er war ein groer, krftig gebauter Mann,
mit breiter Brust, vom glnzendsten Schwarz und mit einem Gesichte,
dessen cht afrikanische Zge Ernst und Verstand in Verbindung mit
natrlicher Herzensgte verriethen. Es lag in seinem ganzen Aeuern eine
gewisse Selbstachtung und Wrde, verbunden mit vertrauungsvoller
Einfachheit des Sinnes.

Er war grade in diesem Augenblicke sehr eifrig mit einer Tafel
beschftigt, welche vor ihm lag, und auf der er langsam und mit groer
Sorgfalt einige Buchstaben nachzumalen versuchte, whrend Master Georg,
ein muntrer, hbscher Knabe von dreizehn Jahren, diese Beschftigung
berwachte, und der Wrde seiner Stellung als Lehrer vollkommen zu
entsprechen schien.

Nicht so, Onkel Tom, -- nicht so, sagte er lebhaft, als Onkel Tom
mhsam den Schweif seines G auf die falsche Seite gebracht hatte; das
macht Q, siehst Du?

Gott's Willen, wirklich? sagte Onkel Tom, ehrfurchtsvoll und
bewundrungsvoll seinen jungen Lehrer anblickend, whrend dieser mit
flchtiger Hand zahllose Q's und G's zu seiner Erbauung auf die Tafel
malte; und sodann den Griffel in seine dicken, schweren Finger nehmend,
begann er sein Werk von Neuem.

Wie leicht weie Menschen Alles machen! sagte Tante Chlo, einen
Augenblick inne haltend, whrend sie beschftigt war, eine eiserne
Pfanne mit einem Stck Speck auf der Gabel auszufetten, und blickte
stolz auf Master Georg. Wie er schreiben kann! und lesen dazu! Und dann
Abends herunter zu kommen, und uns die Bibel vorzulesen, -- s'ist
mchtig interessant!

Aber Tante Chlo, ich werde mchtig hungrig, sagt Georg; ist denn der
Kuchen in der Pfanne noch nicht bald gut?

Beinahe, Master Georg, sagte Tante Chlo, den Deckel aufhebend und
hinunter blickend; -- brunt wunderschn, -- prchtiges Braun. Fr das,
lat nur Tante Chlo allein! Neulich Missis lie Sally Versuch machen,
'nen Kuchen zu backen, -- grade nur, um's zu lernen, sagte sie. O
geht, Missis, sagte ich, es thut mir wirklich weh, zu sehen, die guten
Sachen alle so wegzuwerfen! Kuchen ri ganz auf an einer Seite, -- keine
Form, nichts -- nicht mehr als mein Schuh, geht!

Und mit diesen Schluworten, dem Ausdrucke ber die Ungeschicklichkeit
Sally's, nahm Tante Chlo den Deckel der Backpfanne schnell hinweg, und
lie einen schn gebackenen Pfundkuchen sehen, dessen sich kein
stdtischer Zuckerbcker zu schmen gehabt haben wrde. Da dieser
augenscheinlich der wesentlichste Bestandtheil des Gastmahls war, so
begann Tante Chlo nunmehr sehr ernstlich den Tisch herzurichten.

Hier, Ihr, Mose und Pete! geht aus dem Wege, Ihr Niggers! -- Geh'
Polly, mein Honig, -- Mama gibt ihrem Kinde was, nachher. Nun, Master
Georg, Sie, nehmen Sie die Bcher fort da, und setzen Sie sich zu meinem
Alten, und ich will die Wrste heraus nehmen, und Ihre Teller sollen im
Augenblick voll Kuchen sein.

Ich sollte zum Abendessen in's Haus kommen, sagte Georg, aber ich
wute was besser war, Tante Chlo.

Ja, ja, Sie wuten's -- Sie wuten's, Zuckerkind, sagte Tante Chlo,
die dampfenden Kuchen auf seinen Teller hufend; Sie wuten's, alte
Tante wrde schon s'Beste aufheben fr Sie. O freilich! Und mit diesen
Worten gab Tante Chlo Georg einen Sto mit ihrem Finger, und wandte
sich dann wieder mit groer Geschftigkeit zu ihrer Pfanne.

Nun soll's an den Kuchen gehen, sagte Master Georg, als die Thtigkeit
der Pfanne etwas nachgelassen hatte, und schwang dabei ein groes Messer
ber besagtem Artikel.

Gott's willen, Master Georg! rief Tante Chlo, mit groem Ernste ihm
in den Arm fallend, Sie wollen ihn doch nicht mit dem groen, schweren
Messer schneiden? Zerquetschen ja Alles, verderben's ganz und gar. Hier,
ich habe ein altes, dnnes Messer; ich halt's immer scharf, grade dazu!
Hier, nun, sehen Sie, -- geht aus einander leicht wie 'ne Feder! Nun
essen's los! -- s'nichts zu beien drin.

Tom Lincoln sagt, bemerkte Georg, mit vollem Munde redend, da ihre
Jinny eine bessere Kchin wre, als Du.

Kommt nichts drauf an, was die Lincoln's sagen, -- gar nicht! sagte
Tante Chlo verchtlich; sind nichts, ich meine neben =unsern= Leuten.
Sind ganz achtbare Leute, ganz genug, in 'ner einfachen Art; aber was in
groen Style machen -- nichts davon, keinen Begriff davon. Just nun,
stellen Sie Master Lincoln neben Master Shelby! Guter Gott! und Missis
Lincoln! -- kann sie auftreten wie meine Missis -- so glnzend
verstehen Sie? O nichts! gehn Sie mir, sagen Sie mir nichts von den
Lincoln's! -- und Tante Chlo warf ihren Kopf in die Hhe, wie Jemand,
der sich selbst bewut war, etwas von der Welt zu verstehen.

Gut, aber ich habe Dich doch selbst sagen hren, Tante Chlo, sagte
Georg, da Jinny eine gute Kchin sei.

Ganz richtig, sagte Tante Chlo, -- und das 's wahr. Gut, gewhnlich,
einfachen kochen -- Jinny kann; -- kann gutes Brod backen, -- Kartoffeln
kochen, -- ihr Kornkuchen sind nicht extra, nein, Jinny's Kornkuchen
sind nicht extra; aber nun hher 'nauf, in hheren Zweigen, was kann
sie? -- lieber Gott! Sie kann Pasteten machen, -- gewi, sie kann, --
aber was fr Teig und Kruste? Kann sie den wirklichen, leichten Teig
machen, der Ihnen im Munde zerfliet und aufgeht wie ein Hauch? Just,
hren Sie, -- ich ging da h'nber, wenn Mi Marien's Hochzeit war, und
Jinny just zeigte mir die Hochzeitpasteten. Jinny und ich sind's gute
Freunde immer, Sie wissen. Ich sagte nichts, nimmer, Master Georg!
Gewi, glauben's mir, -- knnte nicht 'nen Augenblick schlafen, die
ganze Woche, wenn ich solches Gebck Pasteten gemacht htte; -- waren
nichts werth, gar nichts!

Ich glaube, Jinny hat gedacht, sie wren vortrefflich, sagte Georg.

Nicht wahr? -- so sie dachte. Da war sie, zeigte sie, ganz
unschuldig, -- sehen Sie's just hier, Jinny wute's nicht. Geht mir, die
Familie ist nichts! Wie kann sie's wissen? Nicht ihre Schuld. Ah, Master
Georg, Sie kennen nicht halb Ihre Privilegien in Ihrer Familie, und in 'er
Auferziehung! Bei diesen Worten seufzte Tante Chlo und schlug ihre
Augen mit tiefer Bewegung auf.

Ganz gewi, Tante Chlo, ich kenne alle meine Pasteten und
Puddings-Privilegien, sagte Georg. Frage nur Tom Lincoln, ob ich mich
nicht jedesmal damit rhme, wenn ich ihn treffe und ihn auslache.

Tante Chlo lehnte sich in ihren Stuhl zurck und lachte aus
Herzenskrften ber den Witz des jungen Herrn, lachte, bis die Thrnen
ihre schwarzen, glnzenden Backen hinunterliefen, whrend sie
abwechselnd dabei beschftigt war, ihn im Scherze zu stoen und zu
schlagen und ihm zu sagen, da er fortgehen solle und da er ein
Bsewicht sei, -- da er im Stande sei, sie zu tdten und da er sie
sicherlich nchstens umbringen werde, und verfiel dabei zwischen diesen
blutigen Prophezeihungen in immer neue Ausbrche des Lachens, die immer
lnger anhielten, bis endlich Georg wirklich zu glauben begann, er sei
ein hchst gefhrlich witziger Mensch, und da er wohl Acht geben msse,
auf was er spreche.

Und das haben Sie Tom gesagt? Haben Sie? O Herr, was die Jugend nicht
alles thut? Haben ihn ausgelacht, und wie haben Master Georg ihn
ausgelacht!

Ja, sagte Georg, ich sagte zu ihm, >Tom, Du mut 'mal Tante Chlo's
Pasteten sehen; das ist die rechte Art!< sagte ich.

'S ist ein Jammer, nun, Tom kann nicht, sagte Tante Chlo, auf deren
menschenfreundliches Herz Tom's ungnstiges Loos einen tiefen Eindruck
zu machen schien. Sollten ihn doch 'mal zu Mittag laden, 'mal dieser
Tage, Master Georg, fgte sie hinzu; 's wrde sich ganz hbsch von
Ihnen machen. Sie wissen's, Master Georg, Sie sollen sich nicht ber
Niemand erheben, wegen Ihrer Priv'legien, weil alle unsre Priv'legien
uns sind gegeben. Wir sollen immer daran denken, sagte Tante Chlo ganz
ernsthaft.

Gut, ich will Tom an irgend einem Tage in der nchsten Woche hierher
einladen, sagte Georg, und Du thust Dein Bestes, Tante Chlo, und er
soll die Augen aufreien. Soll er uns nicht so viel essen, da er fr
vierzehn Tage genug hat?

Ja, ja, -- gewi! sagte Tante Chlo ganz erfreut, -- Sie sollen
sehen. O Herr! an manche von unsern Mahlzeiten zu denken! Wissen's noch
die groe Hhnerpastete, die ich machte, wenn General Knox war hier? Ich
und Missis, wir beinahe hatten was Streit, wegen des Teigs. Was manchmal
solche Damen Einflle haben, -- wei nicht; aber manchmal, wenn ein
Mensch just am meisten Verantwortlichkeit hat auf sich, so zu sagen, und
ist 'ne ganz wichtige Sache, solche Damen haben den Einfall um Einen
herumzuhngen, und sich in Alles zu mischen! Nun, Missis wollte, ich
sollte's =so= machen, und dann sollt' ich's =so= machen; und endlich
wurd ich beinahe unartig und sagte: >Nun, Missis, schauen Sie auf die
schnen, weien Hnde, Ihre, mit langen Fingern, alle mit blanken
Ringen, just wie meine weien Lilien, wenn der Thau drauf liegt; und nun
schauen Sie meine groen, schwarzen Hnde. Nun, denken Sie nicht, da
der Herr gewollt hat, ich soll den Pastetenteig machen, und Sie sollen
im Zimmer bleiben?< Da haben Sie's, Master Georg, so unartig war ich.

Und was sagte Mutter? fragte Georg.

Sagte? -- je nun, sie lachte gar mit den Augen, -- den schnen, groen
Augen, ihren, und sagte: >Gut Tante Chlo, ich glaube, Du hast recht,<
sagte sie, und fort ging sie in's Zimmer. Sie htte mir eins an den Kopf
geben sollen, da ich so unartig war; aber so ist's, -- ich kann nichts
thun mit Damen in der Kche!

Wohl, Du legtest groe Ehre mit dem Gastmahle ein, -- ich entsinne mich
deutlich, Jedermann sagte es, bemerkte Georg.

Und stand ich nicht hinter der Thr des Speisezimmers an dem Tage? und
sah ich nicht, wie General Knox dreimal seinen Teller hinreichte, grade
nach dieser Pastete? -- und, sagte er: >Sie mssen eine
auerordentliche Kchin haben, Mistre Shelby.< -- O Herr! ich htte aus
einander gehen mgen! --

Und der General, er wei, was kochen ist, fgte Tante Chlo hinzu,
sich stolz aufrichtend. Sehr hbscher Mann, der General! Er kommt von
der ersten Familie in Virginien! Er wei was es heit, so gut wie ich --
der General. Sehen Sie, da sind Punkte in allen Pasteten, Master Georg;
aber 's wei nicht jeder, was das ist oder sein soll. Aber der General,
er wei es; o, ich merkt's, was er sagte. Ja, er wei, was die Punkte
sind!

Um diese Zeit war Master Georg endlich zu dem Punkte gelangt, den selbst
ein Knabe (unter besondern Umstnden) erreichen kann, da er in der That
keinen Bissen mehr hinunterbringen konnte, und hatte dehalb Zeit, die
Reihe von Wollkpfen und leuchtenden Augen zu bemerken, die aus einem
entfernten Winkel seine Operationen mit hungrigem Magen beobachtet
hatten.

Hier, Du, Mose, Pete, rief er, freigebig groe Stcke vom Kuchen vor
sich abbrechend und ihnen zuwerfend; Ihr wollt was haben, nicht wahr?
Komm, Tante Chlo, backe ihnen ein paar Kuchen.

Und Georg und Tom begaben sich nach einem bequemen Sitze in der
Kaminecke, whrend Tante Chlo, nachdem sie einen ansehnlichen Haufen
Kuchen gebacken hatte, ihr jngstes Kind auf den Schoo nahm, und nun
begann abwechselnd dessen Mund und ihren eigenen zu fllen und
angemessene Antheile an Mose und Pete auszutheilen, welche es
vorzuziehen schienen, ihre Portionen zu verzehren, whrend sie sich auf
dem Erdboden, unter dem Tische, umherwlzten und einander kitzelten.

O geht, wollt Ihr? sagte die Mutter, ihnen von Zeit zu Zeit, wenn die
Bewegungen derselben zu lstig wurden, einen Sto mit dem Fue unter dem
Tische gebend. Knnt Ihr nicht artig sein, wenn weie Leute hier sind
bei Euch? Wollt Ihr? ruhig da, oder ich setze Euch ein Knopfloch tiefer,
wenn Master Georg fort ist!

Was diese schreckliche Drohung fr eine Bedeutung hatte, lt sich
schwer sagen, gewi ist aber, da sie einen sehr geringen Eindruck auf
die jungen Snder machte.

Na, denn! sagte Onkel Tom, die sind so voller Uebermuth, die knnen
sich nicht ordentlich betragen.

Die Knaben tauchten unter dem Tische hervor, Gesicht und Hnde wohl
bedeckt mit einer Mischung von Fett, Zucker und Schmutz, und begannen
ein herzhaftes Kssen des jngsten Kindes.

Fort mit euch! sagte die Mutter, die wolligen Kpfe bei Seite stoend.
Ihr mt ja alle zusammenkleben und nie wieder los kommen, wenn Ihr's
so macht. Fort, geht an den Brunnen, und wascht Euch! sagte sie, diese
Worte mit einem Schlage begleitend, welcher einen furchtbaren Schall
verursachte, aber keine andere Wirkung zu haben schien, als ein noch
greres Gelchter auf Seiten der Kinder zu erzeugen, whrend sie ber
einander zur Thr hinauspurzelten und im vollsten Jubel aus
Leibeskrften schrieen.

Gab es je solche ungezogenen Blge? sagte Tante Chlo, halb
schmunzelnd, whrend sie ein altes Handtuch hervorsuchte, welches
besonders fr solche Zwecke gehalten wurde, etwas Wasser aus dem
halbzerbrochenen Theetopfe darauf schttete und jene pflasterartige
Mischung von dem Gesichte und den Hnden des jngsten Kindes abwusch,
worauf sie es in Tom's Schoo setzte und sodann das Geschirr und die
Ueberreste des Abendessens wegzurumen begann. Das Kind benutzte diese
Zwischenzeit dazu, an Tom's Nase zu zupfen, ihm das Gesicht zu
zerkratzen und die kleinen, fetten Hnde in sein wolliges Haar zu
stecken, was ihm besonderes Vergngen zu gewhren schien.

Ist's nicht ein prchtiges Kind? sagte Tom, es von sich entfernt
haltend, um es in seiner ganzen Lnge zu betrachten; und sodann
aufstehend setzte er es auf seine breite Schulter und begann mit ihm zu
springen und zu tanzen, whrend Master Georg mit dem Taschentuche nach
ihm schnappte, und Mose und Pete, welche inzwischen zurckgekehrt waren,
dergestalt hinter her brllten, da Tante Chlo erklrte, sie verliere
ihren Kopf in dem Lrmen. Da jedoch, ihrer eigenen Angabe zufolge dies
eine chirurgische Operation war, welche sich tglich wiederholte, so
verminderte diese Erklrung nicht im geringsten die Heiterkeit der
Kinder, bis sie sich vollstndig mde getanzt, gewlzt und geschrieen
hatten.

Na, denn, hoffe, nun seid Ihr fertig, sagte Tante Chlo, die
inzwischen ein aus einem rohen Kasten bestehendes Rollbett hervorgezogen
hatte; nun, Mose und Pete, hier hinein, denn wir haben jetzt
Betstunde.

O Mutter, noch nicht. Wir wollen mit in Betstunde, -- Betstunde ist so
komisch, -- wir gern in Betstunde.

Ah was, Tante Chlo, schieb's wieder hinunter, und la sie mit
aufbleiben, sagte Master Georg mit Bestimmtheit, der rohen Maschine
einen Sto gebend.

Nachdem Tante Chlo auf diese Weise den Schein gewahrt hatte, schien sie
hchlich erfreut, den Kasten wieder bei Seite schieben zu knnen, indem
sie sagte: Gut, vielleicht thut's ihnen gut!

Nunmehr lste sich das Haus in eine Comite auf, um die Vorbereitungen
und Vorrichtungen fr die Betstunde zu berathschlagen.

Wo nun Sthle her bekommen, ich wei wahrlich nicht, sagte Tante
Chlo.

Da die Betstunde seit lngerer Zeit regelmig jede Woche bei Onkel Tom
gehalten worden war, ohne Hlfe von mehr Sthlen, so war einige
Aussicht vorhanden, da sich gegenwrtig vielleicht ein Ausweg finden
lassen werde.

Onkel Pete hat beide Beine von der alten Stuhl abgesungen -- vorige
Woche, bemerkte Mose.

Du geh! wei gewi, Du hast sie abgebrochen, selbst, sagte Tante
Chlo, so einer von Deinen Streichen.

Aber er steht noch, sagte Mose, wenn er nur an der Wand stehen
bleibt.

Denn Onkel Pete mu nicht sitzen drin, denn er rckt immer, wenn er
anfngt singen. Einen Abend er beinahe durch das ganze Zimmer gerckt,
sagte Pete.

Ho, denn lass' ihn sitzen drin, sagte Mose, und denn er wird
anfangen: >O Heilige und Snder kommt --< und denn bricht er ein; --
und Mose ahmte dabei den nselnden Ton des alten Mannes genau nach und
wlzte sich zugleich an der Erde, um ein Bild der zu erwartenden
Katastrophe zu geben.

Whrend Mose und Pete dies zwischen sich verhandelten, waren zwei leere
Fsser in die Htte gerollt worden, und nachdem beide durch an die
Seiten gelegte Steine einen festen Stand bekommen hatten, wurden Bretter
darber gelegt, so da durch diese Vorrichtung, mit Hlfe
verschiedentlicher umgestlpter Eimer und anderer hnlicher Hausgerthe,
die Vorbereitungen beendigt waren.

Master Georg liest die Bibel so wunderschn, na, ich wei, er wird doch
hier bleiben, und uns was lesen, sagte Tante Chlo, -- ich dchte,
s'wre gleich viel mehr interessant.

Georg bequemte sich sehr gern dazu, denn welcher Knabe ist nicht jeder
Zeit zu Allem bereit, was ihm eine Art Wichtigkeit verleiht. Das Zimmer
fllte sich bald mit einer gemischten Versammlung vom alten, greisen
achtzigjhrigen Patriarchen bis zum jungen Mdchen und dem
fnfzehnjhrigen Buben hinab, von denen Mehrere nachbarlichen Familien
angehrten und Erlaubni erhalten hatten, dieser Versammlung
beizuwohnen.

Nach einer einleitenden Unterhaltung ber die verschiedenartigsten
Gegenstnde, je nachdem sie gerade die Interessen der anwesenden
Andchtigen berhrten, begann zum augenscheinlichen Ergtzen Aller der
Gesang. Selbst die strende Einwirkung der nselnden Tne konnte den
mchtigen Eindruck der natrlich schnen Stimmen in Gesngen, die
zugleich lebhaft und geistig waren, nicht vernichten. Der Text war
zuweilen der wohlbekannter gewhnlicher Kirchenhymnen, und zuweilen von
einem unbestimmteren, milderen Charakter, wie er namentlich in den
freien Brderversammlungen zu hren ist.

In vielen dieser Gesnge kamen wiederholte Beziehungen auf die Ufer des
Jordan, die Felder Canaan's und das neue Jerusalem vor; denn der
Geist des Negers, von Natur mit Leidenschaftlichkeit und
Einbildungskraft begabt, whlt sich Hymnen und Ausdrcke eines
lebhaften, malerischen Charakters; und whrend die Anwesenden sangen,
lachten Einige derselben, und Andere weinten, und noch Andere schlugen
die Hnde zusammen, oder drckten sich die Hnde in Entzckung, als wenn
sie schon glcklich am jenseitigen Ufer des Flusses angelangt wren.

Master Georg las auf Verlangen die letzten Kapitel der Offenbarung,
wobei er oft durch Ausrufungen wie: O hrt nur das! O denkt an das!
Wird das nicht alles geschehen? u. s. w. unterbrochen wurde.

Georg, der ein aufgeweckter Knabe, und in religisen Gegenstnden von
seiner Mutter wohl unterrichtet worden war und sich hier ein Gegenstand
allgemeiner Bewunderung sah, warf von Zeit zu Zeit Erklrungen seiner
eignen Eingebung mit hinein, natrlich mit dem erforderlichen Ernste und
der nthigen Wrde, wofr er von den Alten gesegnet und von den Jungen
bewundert wurde; und Alle stimmten endlich darin berein, da ein
Geistlicher es nicht besser auslegen knne, als er, und da es
wirklich zum Erstaunen sei!

Onkel Tom galt in der ganzen Nachbarschaft als eine Art Patriarch in
religisen Gegenstnden. Da in seinem Geiste, vermge natrlicher
Anlage, das moralische Gefhl vorherrschend war, und da sein Geist einen
greren Umfang und grere Bildung besa, als seine Gefhrten sich
dessen zu rhmen vermochten, so wurde er von Allen mit groer Achtung
und als eine Art Geistlicher angesehen; und der einfache, herzliche,
aufrichtige Ausdruck seiner Ermahnungen htte vielleicht selbst hher
gebildete Personen erbauen knnen. Aber es war namentlich die Art des
Gebets, worin er sich auszeichnete. Nichts konnte die rhrende
Einfachheit, die kindliche Begeisterung seines Gebetes bertreffen, so
getreu gehalten in der Sprache der Bibel, die ein so integrirender Theil
seines Wesens geworden zu sein schien, da sie unwillkhrlich seinen
Lippen entflo. Er betete in der Ausdrucksweise eines frommen, alten
Negers gerade hinauf. Und einen solchen Eindruck uerte stets sein
Gebet auf die Empfindungen der Andacht unter seiner Zuhrerschaft, da
oft Gefahr drohte, es mchte ganz verloren gehen unter dem Ausbruche der
Gefhle und Antworten von allen Seiten.

                         -------------------------

Whrend sich diese Scene in der Htte des Sklaven zutrug, fand eine
davon sehr verschiedene in dem Salon des Herrn statt.

Der Sklavenhndler und Mr. Shelby saen wieder in dem frher erwhnten
Ezimmer beisammen, an einem Tische, der mit Papieren und
Schreibmaterialien bedeckt war.

Mr. Shelby war beschftigt, verschiedene Packete Wechsel zu berzhlen
und zu berrechnen, und schob sie sodann zu dem Hndler hinber, der sie
ebenfalls nachzhlte.

Alles richtig, sagte der Hndler; nun also =unterzeichnen= diese da!

Mr. Shelby zog hastig die Verkaufsbriefe an sich und unterzeichnete sie,
wie ein Mann, der ber ein unangenehmes Geschft hinwegeilt, und schob
sie sodann mit dem Gelde zur andern Seite hinber. Haley zog hierauf aus
einer stark abgenutzten Brieftasche ein Pergament hervor, welches er,
nachdem er es zuvor berblickt hatte, an Mr. Shelby aushndigte, der es
mit einer Bewegung unterdrckten Eifers an sich nahm.

Wohl, die Sache ist =gemacht=, sagte der Hndler aufstehend.

Ist =abgemacht=! sagte Mr. Shelby in sinnendem Tone und wiederholte
nach einem langen und tiefen Athemzuge: ist =abgemacht=!

Ihr scheint mir nicht sonderlich damit zufrieden zu sein, sagte der
Hndler.

Haley, sagte Mr. Shelby, ich hoffe, Ihr werdet nicht vergessen, was
Ihr mir auf Eure Ehre versprochen habt, da Ihr nmlich den Tom nicht
verkaufen wollt, ohne vorher zu wissen, in was fr Hnde er geht.

Warum? Ihr habt jetzt gerade dasselbe gethan, sagte der Hndler.

Umstnde, wie Ihr wohl wit, nthigten mich, sagte Shelby in stolzem
Tone.

Wohl, sehet, die knnen mich auch nthigen, sagte der Hndler. Inde,
will mein Bestes thun, ihm 'ne gute Koje zu verschaffen; -- und was mich
betrifft, so braucht Ihr nicht besorgt zu sein, da ich ihn schlecht
behandele. Wenn's etwas in der Welt gibt, wofr ich dem Herrn dankbar
bin, so ist's, da ich nicht grausam bin.

Nach den Erluterungen, welche der Hndler zuvor ber die Principien
seiner Menschlichkeit gegeben hatte, fhlte sich Mr. Shelby durch diese
Erklrungen nicht sonderlich beruhigt; allein da sie die einzige
Beruhigung waren, die er finden konnte, so lie er den Hndler
schweigend gehen und suchte Zerstreuung in einer einsamen Cigarre.




Fnftes Kapitel.

Die Gefhle lebenden Eigenthums unter wechselnden Besitzern.


Mr. und Missis Shelby hatten sich am Abend in ihr Zimmer zurckgezogen.
Er streckte sich in einem groen, bequemen Armstuhle und las einige
Briefe, die mit der Nachmittagspost angekommen waren, whrend sie vor
dem Spiegel stand und die verwickelten Flechten und Locken wieder glatt
brstete, welche Elisa zuvor gemacht hatte; denn als ihr die bleichen
Wangen und verweinten Augen derselben zu Gesicht gekommen waren, hatte
sie sie von ihren Dienstgeschften fr diesen Abend entbunden und sie zu
Bett geschickt. Ihre gegenwrtige Beschftigung erinnerte unwillkhrlich
an die Unterhaltung dieses Morgens mit ihrer Dienerin. Indem sie sich
dehalb zu ihrem Manne umwandte, sagte sie nachlssig:

Sage mir doch, lieber Arthur, wer war denn der ordinaire Mensch, den
Du heut an unsern Mittagstisch zogst?

Haley ist sein Name, sagte Shelby, sich unbehaglich in seinem Stuhle
umwendend und seine Augen unverwandt auf den Brief gerichtet haltend.

Haley! Bitte, sage mir, was ist er denn? und was mag er denn nur fr
Geschfte hier gehabt haben?

Nun, s'ist ein Mann, mit dem ich einige Geschfte gemacht hatte, als
ich zum letzten Male in Natchez war, sagte Mr. Shelby.

Und dehalb machte er sich's hier so bequem und kam und lud sich zum
Mittagessen ein, -- ja?

Nein, ich lud ihn ein; ich hatte einige Rechnungen mit ihm abzumachen,
sagte Shelby.

Ist er ein Sklavenhndler? fragte Mrs. Shelby, eine gewisse
Verlegenheit im Wesen ihres Mannes erkennend.

Warum, mein Kind, was bringt Dich denn auf die Frage? sagte Mr. Shelby
aufblickend.

O nichts, -- nur, Elisa kam heut nach Tische weinend und in grter
Verzweiflung zu mir und sagte, Du sprchest mit einem Hndler und sie
habe ihn gehrt Dir ein Gebot fr ihren Jungen machen, -- das alberne
Gnschen!

So? sagte Mr. Shelby, wieder auf seinen Brief blickend, der einige
Augenblicke lang seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen
schien, obgleich er nicht bemerkte, da er ihn verkehrt in der Hand
hielt.

Es mu heraus, jetzt oder spter, sagte er im Geiste zu sich.

Ich sagte Elisa, bemerkte Mrs. Shelby, whrend sie fortfuhr, ihr Haar
zu brsten, da sie eine Nrrin sei, sich solche Angst zu bereiten, und
da Du nie irgend etwas mit solchen Menschen zu thun habest. Ich wute
ja, da Du nie die Absicht hattest, irgend einen unserer Leute zu
verkaufen, -- am wenigsten an solchen Menschen.

Richtig, Emilie, sagte der Mann, so habe ich immer gedacht und
gesagt; allein die Sache ist, meine Verhltnisse sind jetzt von der Art,
da ich jetzt nicht mehr umhin kann. Ich werde einige meiner Leute
verkaufen mssen.

An dieses Geschpf? Unmglich! Shelby, das kann nicht Dein Ernst sein.

Es thut mir leid, sagen zu mssen, da es wirklich mein Ernst ist,
sagte Mr. Shelby. Ich habe mich dazu verstanden, Tom zu verkaufen.

Was? unsern Tom? -- dieses gute, treue Geschpf! -- ist Dein treuer
Diener von seiner Kindheit an gewesen! -- O Shelby! -- und Du hast ihm
auerdem die Freiheit versprochen, -- Du und ich, wir haben hundertmal
mit ihm davon gesprochen. -- Wohl, nun kann ich Alles glauben, -- =nun=
kann ich auch glauben, da Du den kleinen Harry, das einzige Kind der
armen Elisa, verkaufen knntest! sagte Mrs. Shelby in einem Tone, der
eine Mischung von Kummer und Unwillen verrieth.

Wohl, da Du doch einmal Alles wissen mut, -- es ist so. Ich habe
versprochen, Tom und Harry zu verkaufen; und ich sehe nicht ein, wehalb
ich um einer Handlung willen fr ein Ungeheuer gehalten werden soll, die
von Andern jeden Tag verbt wird.

Aber warum unter Allen grade diese whlen? sagte Mrs. Shelby, wenn Du
berhaupt verkaufen mut.

Weil diese die hchste Summe von Allen einbringen, -- das ist der
Grund. Ich htte allerdings noch eine andere Wahl treffen knnen, wenn
Du so willst. Der Kerl machte mir ein hohes Gebot fr Elisa. Htte Dir
das besser zugesagt?

Der Elende! sagte Mrs. Shelby mit Heftigkeit.

Ich habe ihn natrlich keinen Augenblick angehrt; -- aus Rcksicht
fr Dich wollte ich nicht. La mir also wenigstens so viel Gerechtigkeit
widerfahren.

Mein Lieber, sagte Mrs. Shelby sich sammelnd, verzeihe mir. Ich war
berrascht, und gnzlich unvorbereitet fr diese Nachrichten; aber gewi
wirst Du mir erlauben, ein Frwort fr diese armen Geschpfe einzulegen.
Tom ist ein edelherziger, treuer Mensch, wenn er auch schwarz ist. Ich
glaube, Shelby, da, wenn es nthig wre, er sogar willig sein Leben fr
Dich hingeben wrde.

Ich wei es, -- ich glaube es, -- aber was hilft das alles? Ich kann
mir nicht anders helfen!

Warum nicht ein Opfer in Geld bringen? Ich will gern meinen Theil daran
tragen. O, Shelby, ich habe mich bemht, -- gewissenhaft bemht, wie
eine Christin soll, -- meine Pflichten gegen diese armen, einfachen,
abhngigen Geschpfe zu erfllen. Ich habe fr sie gesorgt, sie
unterrichtet, ber sie gewacht, und alle ihre kleinen Sorgen und Freuden
seit Jahren gekannt; und wie kann ich jemals wieder meinen Kopf unter
ihnen aufrichten, wenn wir, um eines kleinen, erbrmlichen Gewinnes
willen, ein so treues, vortreffliches, vertrauungsvolles Wesen, wie den
armen Tom, verkaufen, und in einem Augenblick ihn von Allem losreien,
was wir ihn schtzen und lieben gelehrt haben? Ich habe ihnen die
Pflichten der Familie gelehrt, der Eltern und der Kinder, des Gatten und
des Weibes; und wie kann ich den Gedanken tragen, ffentlich anerkennen
zu mssen, da wir, sobald es sich um den Werth des Geldes handelt,
keine Pflicht und kein Band ehren, wie heilig es auch immer sein mge.
Ich habe mit Elisa ber ihren Knaben gesprochen, -- ber ihre Pflicht
gegen ihn als eine christliche Mutter ber ihn zu wachen, fr ihn zu
beten, und ihn nach christlichen Grundstzen zu erziehen; und was soll
ich nun sagen, wenn Du ihn von ihr reiest, und ihn verkaufst, Seele und
Leib, an einen gemeinen Menschen ohne alle Grundstze, -- nur um etwas
Geld zu gewinnen? Ich habe ihr gesagt, da eine menschliche Seele mehr
werth sei, als alles Geld in der Welt: und wie kann sie nun meinen
Worten Glauben schenken, wenn sie uns, im Widerspruche hiermit, ihr Kind
verkaufen sieht, -- vielleicht zu seinem sichern Ruine an Leib und
Seele!

Es thut mir leid, da Du Dir das so sehr zu Herzen nimmst, Emilie, --
wahrlich, sagte Mr. Shelby, und ich ehre Deine Empfindungen, wenn ich
sie auch nicht in ihrer ganzen Ausdehnung theile, aber ich versichere
Dir heilig, da es nichts ntzt, -- ich kann mir nicht anders helfen. Es
war nicht meine Absicht, Dir dies zu sagen; aber, um die reine Wahrheit
zu gestehen, es bleibt mir keine andere Wahl, als entweder diese Beiden
oder -- Alles zu verkaufen. Haley ist in den Besitz einer Hypothek
gekommen, welche, wenn ich sie nicht unverzglich abzahle, Alles
verschlingt. Ich habe zusammengescharrt und gekratzt, was mglich war,
ich habe geborgt und Alles gethan, nur nicht gebettelt, und der Preis
fr diese Beiden war grade noch nthig, um das Fehlende zu decken, und
so mute ich sie dran geben. Haley hatte an dem Kinde Gefallen gefunden,
und wollte auch kein anderes Arrangement eingehen. Ich war in seiner
Gewalt und mute es thun. Wenn es Dir so nahe geht, diese verkauft zu
sehen, wrde es besser sein, wenn Alle verkauft wrden?

Mrs. Shelby stand wie vom Schlage gerhrt. Endlich, sich wieder zu ihrer
Toilette wendend, bedeckte sie ihr Gesicht mit beiden Hnden und seufzte
tief.

Das ist der Fluch der Sklaverei! -- Ein Fluch fr den Herrn wie fr den
Sklaven! Ich war eine Thrin zu glauben, da ich aus einem so tdtlichen
Uebel noch etwas Gutes bilden knne. Es ist eine Snde, unter Gesetzen,
wie die unsrigen sind, Sklaven zu halten; ich fhlte das immer, -- ich
dachte das immer, als ich noch ein Mdchen war, -- ich fhlte es noch
mehr, als ich in den Kirchenverband getreten war; aber ich dachte, ich
knne es mit Gold berziehen, ich knne durch Gte, Sorgfalt und
Belehrung das Verhltni der Meinigen besser machen, als es in der
Freiheit sein wrde, -- Thrin, die ich war!

Aber Weib, Du wirst ja ein vollstndiger Abolitionist.

Abolitionist! Wenn Jene von der Sklaverei so viel wten wie ich, so
mchten sie reden. Wir bedrfen ihrer nicht. Du weit, da ich Sklaverei
nie gebilligt habe, -- da ich nie gewnscht habe, Sklaven zu besitzen.

Ja, in diesem Punkte bist Du verschiedener Meinung von vielen weisen
und gelehrten Mnnern, sagte Mr. Shelby. Erinnerst Du Dich an Mr.
B...'s Predigt, vor einigen Wochen?

Ich will solche Predigten nicht hren; ich mag Mr. B. nie wieder in
unserer Kirche hren. Geistliche knnen dem Uebel vielleicht nicht
abhelfen, -- knnen es nicht heilen, so wenig wie wir, -- aber es
vertheidigen! -- das ging immer gegen meinen Verstand. Und ich glaube,
Du selbst hast auch von der Predigt nicht viel gehalten!

Ich mu gestehen, sagte Mr. Shelby, diese Geistlichen treiben die
Sache zuweilen noch weiter, als wir armen Snder es thun wrden. Wir
Weltmenschen mssen gewaltig oft ein Auge zudrcken, und uns an Manches
gewhnen, was nicht ganz in Ordnung ist; aber wir mgen's nicht leiden,
wenn Weiber und Geistliche gro und breit auftreten und in solchen
Dingen noch weiter gehen als wir. Aber nun, meine Liebe, hoffe ich, hast
Du die Nothwendigkeit eingesehen, und Dich berzeugt, da ich das Beste
gethan habe, was die Umstnde zulieen.

O ja, ja, sagte Mrs. Shelby hastig und zerstreut, ihre goldene Uhr in
der Hand wiegend, und fgte sodann nach einer Pause gedankenvoll hinzu:
-- ich besitze keine Juwelen von einigem Werthe, aber -- wrde diese
Uhr nicht vielleicht etwas ntzen? -- sie war sehr theuer, als sie
gekauft wurde. Wenn ich nur wenigstens Elisa's Kind retten knnte, so
wrde ich gern Alles opfern, was ich habe.

Es thut mir leid, sehr leid, Emilie, sagte Mr. Shelby, da Dir dies
so sehr zu Herzen geht; aber es hilft nichts. Die Sache ist, Emilie,
Alles ist bereits abgemacht; die Verkaufsscheine sind bereits
unterschrieben und in Haley's Hnden, und Du mut Gott danken, da es
nicht noch schlimmer ist. Der Mann hatte es in seiner Gewalt, uns alle
zu Grunde zu richten, -- und nun sind wir ihn glcklich los. Wenn Du den
Mann kenntest, wie ich ihn kenne, so wrdest Du einsehen, da wir einer
groen Gefahr entgangen sind.

Ist er denn so hartherzig?

Nicht hart und grausam grade, aber ein Mensch wie Leder, -- ein Mensch,
der fr nichts Anderes lebt, als fr Handel und Gewinn, -- kalt und ohne
Bedenken, und unerbittlich wie Tod und Grab. Er wrde fr einen guten
Gewinn seine eigne Mutter verkaufen, -- ohne dabei der alten Frau
irgendwie Uebles zu wnschen.

Und diesem Elenden gehren der gute, treue Tom, und Elisa's Kind!

In der That, meine Liebe, dies liegt mir schwer auf dem Herzen, -- ich
kann nicht daran denken. Haley will die Sache schnell betrieben haben,
und schon morgen Besitz ergreifen. Ich werde mein Pferd aus dem Stalle
nehmen, bei guter Zeit, und mich auf und davon machen. Ich kann Tom
nicht sehen, das ist gewi; und Du thtest auch am besten, wenn Du eine
Fahrt irgendwohin unternhmest, und Elisa mit Dir fhrtest. La die
Sache abgemacht werden, whrend sie aus dem Wege ist.

Nein, sagte Mrs. Shelby, ich will auf keine Weise Mitschuldige oder
Mithelferin in diesem grausamen Geschfte sein. Ich will den armen,
alten Tom sehen, und mge Gott ihm Kraft geben in seinem Unglck! Sie
sollen wenigstens sehen, da ihre Herrin fr sie und mit ihnen fhlen
kann. Was Elisa betrifft, so wage ich nicht an sie zu denken! -- Gott
sei uns gndig! Was haben wir denn gethan, da diese grausame
Nothwendigkeit ber uns kommen mu? --

Es gab einen Zuhrer dieser Unterhaltung, an den Mr. und Mrs. Shelby
wenig dachten.

In Verbindung mit dem Zimmer, in welchem sich Beide befanden, stand ein
gerumiges Kabinet, welches nach dem ueren Gange fhrte. Als Elisa von
Mrs. Shelby fr den Abend entlassen worden war, hatte ihr fieberhaft
aufgeregter Geist sie an dieses Kabinet erinnert, und sie hatte sich
dort versteckt, und mit fest gegen die Spalte der Thre gedrcktem Ohre
kein Wort der ganzen Unterhaltung verloren.

Als die Stimmen allmhlig erstarben, schlich sie leise davon. Bla,
frstelnd, mit starren Zgen und zusammengepreten Lippen, schien aus
dem zarten, furchtsamen Geschpfe, was sie bisher gewesen war, ein ganz
anderes Wesen geworden zu sein. Sie schlich vorsichtig den Flur entlang,
hielt einen Augenblick an der Zimmerthr ihrer Herrin an, hob ihre Hnde
auf wie in stummem Rufe zum Himmel, und schlich dann in ihr eignes
Zimmer. Es war ein stilles, reinliches Gemach, auf demselben Flure mit
dem Zimmer ihrer Herrin belegen. Hier war das freundliche, sonnige
Fenster, wo sie so oft singend, mit ihrer Nherei beschftigt, gesessen
hatte; dort stand eine kleine Bchersammlung, vor der verschiedene
kleine Schmuckartikel, Geschenke des Weihnachtsfestes, in sorgfltiger
Ordnung lagen; hier befand sich ihre einfache Garderobe, im Wandschranke
und in der Kommode; hier, mit einem Worte, war ihre Heimath, die im
Ganzen genommen bisher eine glckliche gewesen war. Aber dort, auf dem
Bette, lag ihr schlummerndes Kind, dessen lange Locken nachlssig um
seine bewutlosen Zge fielen, whrend sein rosiger Mund halb geffnet
war, seine kleinen, fetten Hnde ausgestreckt auf der Bettdecke lagen,
und ein Lcheln, gleich einem Sonnenstrahle, sich ber das ganze Gesicht
breitete.

Armes Kind! armes Wesen! sagte Elisa, sie haben Dich verkauft! aber
Deine Mutter will Dich dennoch retten!

Keine Thrne fiel auf das Kissen; in solchen Momenten hat das Herz keine
Thrnen; -- es trpfelt nur Blut, bis es sich still und schweigend
ausgeblutet hat. Sie ergriff ein Blatt Papier und Bleifeder, und schrieb
eilig folgende Worte:

O Mistre! theure Mistre! halten Sie mich nicht fr undankbar, --
denken Sie nicht zu hart von mir, -- ich habe Alles gehrt, was Sie heut
Abend mit dem Herrn gesprochen haben. Ich will es versuchen, mein Kind
zu retten, -- Sie werden mich nicht verdammen! Gott segne Sie, und lohne
Ihnen alle Ihre Gte!

Nachdem sie dieses Blatt hastig zusammengelegt und addressirt hatte,
ffnete sie eine Kommode, und legte ein kleines Packet Kleidungsstcke
fr das Kind zurecht, welches sie mittelst eines Taschentuches fest um
ihren Leib band; und so zrtlich ist die Sorge einer Mutter, da sie
selbst in den Schrecken dieser Stunde nicht verga, ein oder zwei
Lieblingsstcke seines Spielzeugs mit in das Packet zu legen, whrend
sie einen bunt gemalten Papagei zurckbehielt, um ihn damit zu
unterhalten, wenn sie ihn aufwecken mute. Es kostete einige Mhe, den
kleinen Schlfer zu ermuntern; allein nach einigen Versuchen sa er im
Bette auf, und spielte mit seinem Vogel, whrend seine Mutter sich den
Hut aufsetzte und das Tuch umhing.

Wo willst Du hingehen, Mutter? fragte er, als sie sich mit seinem
Rckchen und seiner Mtze dem Bette nherte.

Seine Mutter kam dicht zu ihm heran, und sah ihm so ernst in die Augen,
da er sogleich merkte, da etwas Ungewhnliches vorgehen msse.

Still, Harry, sagte sie, Du mut nicht laut sprechen, oder sie hren
uns. Ein bser Mann ist gekommen, um den kleinen Harry seiner Mutter
wegzunehmen, und im Dunkeln fortzutragen; Mutter aber will ihn nicht
lassen, -- Mutter will ihrem kleinen Harry das Rckchen anziehen und die
Mtze aufsetzen, und mit ihm davon laufen, so da der bse Mann ihn
nicht fangen kann.

Whrend dieser Worte hatte sie dem Kinde die einfache Kleidung angelegt,
und ihn in ihre Arme genommen, und indem sie ihm zuflsterte, recht
still zu sein, ffnete sie eine Thre ihres Zimmers, welches in die
uere Veranda fhrte, und schlich leise hinaus.

Es war eine sternhelle, kalte Nacht, und die Mutter schlug ihr Tuch so
dicht wie mglich um das Kind, welches von dumpfen Schrecken ganz still
geworden war, und sich ngstlich um ihren Hals klammerte.

Der alte Bruno, ein groer Neufundland-Hund, welcher am Eingange des
Portals schlief, erhob sich mit leisem Geknurre, als sie sich ihm nahte.
Sie rief jedoch freundlich seinen Namen, worauf das Thier, ihr alter
Spielgefhrte, augenblicklich zu wedeln und ihr zu folgen begann,
obgleich er in seinem schlichten Kopfe mit groem Bedenken zu erwgen
schien, was diese nchtliche Promenade zu bedeuten haben mge; denn
mehrmals stand er still, und blickte auerordentlich ernsthaft erst nach
Elisa und dann nach dem Hause, bis er endlich, wie durch Nachdenken
beruhigt, ihr weiter nachtrabte. Wenige Minuten brachten sie an das
Fenster von Onkel Tom's Htte, wo Elisa still stand und leise an die
Scheibe klopfte.

Die Betstunde bei Onkel Tom war durch Absingen mehrerer Hymnen bis zu
einer spten Stunde ausgedehnt worden; und da Onkel Tom nach derselben
noch zu seiner eigenen Erbauung einige lange Solos unternommen hatte,
so war die Folge davon, da, obgleich es jetzt zwischen zwlf und ein
Uhr war, er und seine wrdige Ehehlfte noch nicht schliefen.

Guter Gott! was ist das? sagte Tante Chlo, aufspringend und hastig
den Fenstervorhang wegziehend. Meiner Seel! ist's nicht Lizy! Zieh Dich
an, Alter, schnell! -- da ist Bruno auch, der herumwedelt; was in aller
Welt! Ich will die Thr aufmachen.

Wie gesagt, so geschehen. Die Thre flog auf, und der Schein des
Talglichtes, welches Tom in der Eile angezndet hatte, fiel auf das
bleiche Gesicht und die dunklen, wilden Augen des Flchtlings.

Gott helf! -- Ich frchte mich, Dich anzusehen, Lizy! Bist Du so krank,
oder was ist vorgegangen mit Dir?

Ich will entfliehen, Onkel Tom und Tante Chlo, -- und mein Kind mit
mir nehmen, -- Master hat es verkauft!

Verkauft? riefen Beide einstimmig, ihre Hnde vor Schrecken aufhebend.

Ja verkauft, sagte Eliza mit fester Stimme. Ich kroch diesen Abend in
das Kabinet an Mistre's Thr, und hrte, wie der Herr ihr erzhlte, da
er meinen Harry und Euch, Onkel Tom, an einen Hndler verkauft habe; und
da er diesen Morgen fort reiten wolle, und da der Hndler heut' Besitz
ergreifen wolle.

Tom hatte whrend dieser Rede mit aufgehobenen Hnden und aufgerissenen
Augen wie ein Trumender da gestanden. Langsam und allmhlig, wie er die
Bedeutung begriff, sank er in seinem alten Stuhl zusammen, und lie sein
Haupt auf das Knie herabfallen.

Der gute Gott sei uns barmherzig! sagte Tante Chlo. O, es scheint
mir, es kann nicht wahr sein! Was hat er denn gethan, da der Herr =ihn=
verkaufen sollte?

Nichts hat er gethan, -- es ist nicht dewegen. Master verkauft ihn
nicht gern; und Mistre, -- ach, sie ist immer gut. Ich hrte, wie sie
fr uns stritt und bat; aber er sagte ihr, da Alles vergeblich sei, da
er in der Schuld dieses Mannes sei, und da dieser Mann ihn in seiner
Gewalt habe; und da, wenn er ihn nicht rein ausbezahle, es damit enden
msse, da das ganze Gut mit allen Leuten verkauft wrde, und er
fortziehen msse. Ja, ich hrte ihn deutlich sagen, da er keine andere
Wahl habe, als entweder diese beiden oder Alles zu verkaufen, weil der
Mann ihn so hart drnge. Master sagte, es thte ihm leid; aber o!
Missis, -- Ihr httet sie sprechen hren sollen! Wenn sie keine Christin
und kein Engel ist, so hat es nie einen gegeben. Ich bin ein schlechtes
Weib, da ich sie so verlasse, aber ich kann nicht anders. Sie sagte
selbst, eine Seele sei mehr werth als die Welt, -- und dieser Knabe hat
eine Seele; und wenn ich ihn fortschleppen lasse, wer kann dann wissen,
was daraus wird? Es mu recht sein; -- aber wenn es unrecht ist, so mag
Gott mir verzeihen, denn ich kann nicht anders!

Nun, Alter, sagte Tante Chlo, warum gehst Du nicht auch? Willst Du
warten, bis Du den Flu 'nuntergeschleppt wirst, wo sie Niggers tdten
mit schwerer Arbeit und Hungerleiden? Ich wollte viel, viel lieber
sterben, als dahin gehen, jemals! S' ist noch Zeit, -- mach' fort mit
Lizy, -- Du hast 'nen Pa zu kommen und zu gehen, alle Zeit. Komm',
mach' auf, -- ich will Deine Sachen zusammen suchen.

Tom hob langsam seinen Kopf auf, und blickte kummervoll und gefat um
sich und sagte:

Nein, nein, -- ich will nicht gehen. La' Elisa gehen, -- sie hat
recht! Ich wollte nicht der Eine sein, zu sagen, nein -- 's ist nicht in
=Natur= fr sie, zu bleiben; aber Du hast gehrt, was sie sagte! Wenn
ich verkauft werden mu, oder alles Volk auf dem Gute, und Alles geht
zu Grunde, nun -- so lat mich verkauft werden. Denke, kann's tragen so
gut wie Einer, fgte er hinzu, whrend ein Seufzer und eine Art
Schluchzen seine breite, rauhe Brust convulsivisch erschtterte. --
Master hat mich immer am Platze gefunden, -- er soll es immer. Ich habe
nie mein Wort gebrochen, -- und nie meinen Pa nirgend gegen mein
Versprechen gebraucht, und will es nimmer. S' ist besser, da ich allein
gehe, als da Alles genommen und verkauft wird. Master ist nicht zu
tadeln, Chlo, und er wird sorgen fr Dich und die armen --

Hier wandte er sich zu dem breiten Rollbett um, welches voll von
kleinen, wolligen Kpfen lag, und brach gnzlich zusammen. Er lehnte
ber dem Rcken eines Stuhles, und bedeckte sein Gesicht mit seinen
groen Hnden. Schweres und tiefes Sthnen machte den Stuhl unter ihm
wanken, und groe und schwere Thrnen fielen durch seine Finger auf den
Fuboden; grade solche Thrnen, Mann, wie Du ber dem Sarge Deines
Erstgeborenen weintest; solche Thrnen, Weib, wie Deinem Auge
entstrmten, als Du das Schreien Deines sterbenden Suglings hrtest.
Denn, Herr, er war ein Mann, und Du bist auch nur einer; -- und, Weib,
wenn gleich mit Seide und Juwelen bedeckt, bist Du doch nur ein Weib,
und in des Lebens schweren Stunden fhlt Ihr beide denselben Schmerz!

Und nun noch, -- sagte Elisa, whrend sie in der Thr stand, ich sah
und sprach noch diesen Nachmittag meinen Mann, als ich keine Ahnung von
dem hatte, was kommen wrde. Sie haben ihn ganz niedergetreten, und er
sagte mir heut', da er entfliehen wolle. Bitte, seht zu, ihm Nachricht
zu geben. Sagt ihm, wie ich gegangen bin, und warum; und sagt ihm, da
ich versuchen wolle, Canada zu erreichen. Ihr mt ihm meinen Gru
bringen, und ihm sagen, im Fall ich ihn nie wieder sehen sollte, --
hier wandte sie sich um, und stand einen Augenblick lang Jenen mit dem
Rcken zugewandt; dann fgte sie mit heiserer Stimme hinzu: ihm sagen,
da er immer gut sein mge, -- um mich im Himmel wieder zu sehen.

Ruft Bruno herein, fgte sie hinzu. Macht die Thr vor ihm zu, gutes
Thier! Er darf nicht mit mir gehen!

Einige Worte und Thrnen noch, ein einfaches Lebewohl, und ihr
verwundertes, erschrecktes Kind in ihre Arme drckend, schlich sie leise
davon.




Sechstes Kapitel.

Die Entdeckung.


Mr. und Mrs. Shelby fanden in Folge der langen Besprechung am Abend
nicht sehr bald ihren Schlaf, und schliefen dehalb am nchsten Morgen
etwas lnger als gewhnlich.

Ich wundre mich, wo Elisa bleibt, sagte Mrs. Shelby, nachdem sie die
Glocke mehrmals vergeblich gezogen hatte.

Mr. Shelby stand vor seinem Toilettenspiegel, und wetzte sein
Rasirmesser, und grade in diesem Augenblicke ffnete sich die Thr, und
ein farbiger Knabe brachte das Rasirwasser herein.

Andy, sagte seine Mistre, geh' an Elisa's Thr, und sage ihr, da
ich schon dreimal geschellt habe. Armes Wesen! fgte sie seufzend
hinzu.

Andy kehrte bald zurck, aber mit Augen, die vor Erstaunen weit
aufgerissen waren.

O Missis! Lizy's Kommode ist alles offen, und ihre Sachen alles umher,
-- und ich glaube, sie ist davon!

Mr. Shelby und seine Frau erkannten in demselben Moment, was geschehen
war. Er rief: Dann hat sie Verdacht geschpft, und ist fort!

Gott sei gedankt! sagte Mrs. Shelby. Ich hoffe es!

Weib, Du sprichst wie eine Thrin! Wahrhaftig, das wird eine schne
Verlegenheit fr mich geben, wenn sie wirklich fort ist. Haley sah, da
ich zauderte, dieses Kind zu verkaufen, und nun wird er denken, ich habe
mit dazu geholfen, es fortzuschaffen. Das berhrt meine Ehre! Und Mr.
Shelby verlie eiligst das Zimmer.

Nun begann etwa eine Viertelstunde lang ein Laufen und Schreien, und
Threnauf- und Zumachen, und Gesichter in allen Farben und Schattirungen
wurden an verschiedenen Orten sichtbar. Nur eine Person, die vielleicht
etwas Licht ber die Sache htte verbreiten knnen, sagte kein Wort, und
das war die oberste Kchin, Tante Chlo. Schweigend und mit einer
finstern Wolke auf ihrem sonst so frohen Gesichte, war sie beschftigt,
die Zwiebacke fr das Frhstck zu rsten, als wenn sie von der
allgemeinen Bewegung um sie her nichts hrte und she.

Sehr bald hing etwa ein Dutzend junger farbiger Sprlinge, gleich
ebenso vielen Krhen, auf dem eisernen Gitter der Veranda, jeder fest
entschlossen, der Erste zu sein, der dem fremden Herrn die Nachricht
bringe.

Er wird ganz toll werden, mein Seel'! sagte Andy.

Wird er nicht =fluchen=? sagte der kleine schwarze Jack.

Ja, denn er flucht immer, sagte die wollkpfige Mandy. Ich hren ihn
gestern, bei Tische, ich hren denn Alles, weil ich in Missis Kammer
gewesen, wo die groen Tpfe sein, -- da ich Alles hren. Und Mandy,
die nie zuvor in ihrem Leben an die Bedeutung eines Wortes, welches sie
gehrt, mehr gedacht hatte als eine schwarze Katze, gab sich nun das
Ansehen eines besonderen Wissens, und verga dabei gnzlich zu erwhnen,
da, obgleich sie sich zur angegebenen Zeit zusammengekauert in der
Geschirrkammer befunden, sie dort die ganze Zeit fest geschlafen hatte.

Als endlich Haley erschien, gestiefelt und gespornt, wurde er von allen
Seiten mit der bsen Nachricht begrt. Die jungen Kobolde an der
Veranda wurden in ihrer Erwartung, ihn fluchen zu hren, nicht
getuscht, denn er that dies mit einer Gelufigkeit, die Alle hchlich
ergtzte, whrend sie sich duckten und schmiegten, um auerhalb des
Bereiches seiner Reitpeitsche zu sein, und dann, ihn in vollem Chore
verhhnend, unter endlosem Gelchter in einen Haufen auf dem drren
Rasen unter der Veranda zusammenfielen, und nach Herzenslust schrieen
und lrmten.

Wenn ich die kleinen Teufel nur htte! murmelte Haley zwischen den
Zhnen.

Aber Ihr habt sie nicht! rief Andy mit triumphirendem Lachen hinter
dem Rcken des unglcklichen Hndlers her, als dieser entfernt genug
war, um nicht mehr gehrt zu werden, und schnitt ihm die abscheulichsten
Gesichter nach.

Nun wahrhaftig, Shelby, dies ist ein ganz sonderbarer Handel! sagte
Haley, whrend er ohne Umstnde in dessen Wohnzimmer trat. Es scheint,
die Dirne ist fort mit ihrem Jungen!

Mr. Haley, Mistre Shelby ist gegenwrtig, sagte Shelby.

Ah, ich bitte um Verzeihung, Madame, sagte Haley, sich ein wenig
verneigend, doch immer noch mit finsterer Stirn; aber ich mu es noch
'mal sagen, dies ist 'ne sehr sonderbare Nachricht. Ist es wahr, Herr?

Mr. Haley, sagte Shelby, wenn Sie mit mir zu sprechen wnschen, so
mssen Sie in Ihrem Betragen das Decorum eines Gentleman beobachten.
Andy, nimm dem Herrn den Hut und die Reitpeitsche ab. Setzen Sie sich.
Ja, mein Herr, ich bedaure Ihnen sagen zu mssen, da das junge
Frauenzimmer, nachdem es entweder unsere Unterhaltung behorcht oder
deren Inhalt auf andere Weise erfahren hat, whrend der Nacht mit ihrem
Kinde entflohen ist.

Ich mu gestehen, sagte Haley, ich erwartete hier ehrlichen Handel.

Halt, Herr! sagte Mr. Shelby, sich scharf gegen ihn umwendend, wie
soll ich diese Bemerkung verstehen? Sobald Jemand meine Ehre in Zweifel
zieht, so habe ich nur =eine= Antwort.

Diese Worte machten Eindruck auf den Hndler und er bemerkte nun mit
gemigterer Stimme, da es verdammt hart fr einen Menschen sei, der
sich ehrlich auf einen Handel eingelassen habe, auf diese Weise
hintergangen zu werden.

Mr. Haley, sagte Shelby, wenn ich nicht annhme, da Sie einigen
Grund zur Unzufriedenheit htten, so wrde ich selbst nicht die rohe und
unhfliche Weise, mit der Sie diesen Morgen in dieses Zimmer traten,
geduldet haben. Ich mu Ihnen jedoch so viel sagen, da es nothwendig zu
sein scheint, da ich keine Bemerkungen erlauben werde, die mich einer
Unredlichkeit in diesem Geschfte beschuldigen. Ueberdies werde ich es
fr meine Pflicht halten, Ihnen jeden mglichen Beistand durch Bentzung
meiner Pferde, Diener u. s. w. zu leisten. Also mit einem Worte, Haley,
fgte er, pltzlich aus dem Tone einer gemessenen Klte in seinen
gewhnlichen freimthigen verfallend, hinzu, das Beste, was Sie thun
knnen, ist, guter Laune zu bleiben, und mit mir zu frhstcken, und
dann wollen wir sehen, was zu thun ist.

Nach diesen Worten erhob sich Mrs. Shelby, indem sie erklrte, da ihre
Geschfte sie verhinderten, diesen Morgen beim Frhstcke gegenwrtig zu
sein; und nachdem sie sodann eine Mulattin von ganz wohlgeflligem
Aeuern beauftragt hatte, beim Frhstcke den Herren aufzuwarten,
verlie sie das Zimmer.

Alte Dame -- mag ihren ergebenen Diener nicht leiden, durchaus nicht,
sagte Haley, mit einiger Anstrengung, einen mglichst vertraulichen Ton
anzunehmen.

Ich bin nicht gewohnt, von meiner Frau in dieser Weise reden zu hren,
bemerkte Mr. Shelby trocken.

Bitte um Verzeihung; natrlich nur Scherz, -- versteht sich, sagte
Haley, ein Lachen erzwingend.

Es giebt gewisse Scherze, die nicht angenehm sind, entgegnete Shelby.

Verdammt dreist, seit ich die Papiere unterzeichnet habe, -- der Teufel
soll ihn holen! brummte Haley fr sich. Ganz vornehm seit gestern.

Nie verursachte der Fall irgend eines Premierministers bei Hofe mehr
Sensation als Tom's Schicksal unter seinen Gefhrten auf dem Gute. Es
war der Gegenstand des Gesprches in jedem Munde und berall; und auf
dem Felde wie im Hause geschah fast nichts Anderes als da die mglichen
Folgen dieses Ereignisses besprochen wurden. Endlich trug Elisa's
Flucht -- ein ganz unerhrter Fall auf dem Gute -- noch dazu bei, die
allgemeine Aufregung zu erhhen.

Der schwarze Sam, wie er gewhnlich genannt wurde, weil seine Haut
ungefhr um drei Schatten schwrzer war als die seiner andern
ebenholzfarbigen Brder auf dem Gute, betrachtete die Sache von allen
Seiten und Gesichtspunkten mit einer Schrfe des Urtheils und einer
Frsorge fr seine eigne Wohlfahrt, die dem besten Patrioten in
Washington Ehre gemacht haben wrde.

Ein bser Wind, das weht hier jetzt, -- das 's gewi! sagte Sam mit
geheimnivoller Miene, whrend er beschftigt war, seine Beinkleider
hher hinaufzuziehen und an Stelle eines abgerissenen Knopfes einen
langen Nagel zu befestigen. Ja, 's ist ein bser Wind, das weht,
wiederholte er. -- Da, Tom ist nieder, -- natrlich, Platz fr einen
andern Nigger 'naufzukommen, -- und warum ich nicht dieser Nigger?
Tom -- reitet in's Land, -- Stiefeln geputzt -- Pa in Tasche -- ganz gro
wie Kuffe -- wer anders als er? Nu, warum nicht Sam? -- Das ist, was ich
wissen mchte.

Halloh, Sam, -- Sam! Master will, Du sollst Bill und Jerry fangen,
sagte Andy, Sams Selbstgesprch unterbrechend.

Hoho, was 's nun los, Junge? fragte Sam.

Haha, weit nicht -- gar -- da Lizy ist ausgerissen, mit ihrem
Jungen?

Du geh' zu Deiner Gromutter! sagte Sam mit unaussprechlicher
Verachtung, wut's 'nen Haufen frher als Du, dummer Nigger!

Gut, Master will, Bill und Jerry soll 'sattelt und 'zumt werden; und
Du und ich soll mit Master Haley gehen, und suchen nach ihr.

Gut, das 's die rechte Zeit! sagte Sam. S' ist Sam, der jetz' nthig
ist, -- in solcher Zeit; ja, er's der Nigger. Sehn, ob ich sie nicht
fange, nun; Master soll sehen, was Sam kann!

Eh, aber Sam, sagte Andy, Du besser denkst noch 'mal nach; denn
Missis will nicht, sie soll gefangen werden, -- Missis wird Dir in die
Wolle fahren.

Hoho! sagte Sam, seine Augen weit aufreiend. Wie wissen Du das?

Hrt' sie sagen so -- mir selbst -- diesen Morgen, wenn ich Master
Wasser brachte. Sie schickte mich nach Lizy, zu sehen, warum sie nicht
kommen that, sie anziehen; und wenn ich ihr sagte, da sie davon war,
stund sie grad' auf und sagt: >Der Herr sei gelobt!< und Master, er
schien ganz toll, er sagte: >Weib, sprichst wie ein Narr!< Aber eh, sie
wird ihn bringen 'rum! wei schon, ganz genau, wie das wird sein, --
sage Dir, 's ist immer 's Beste, bei Missis stehen, -- sage Dir!

Der schwarze Sam kratzte sich nach dieser Mittheilung seinen wolligen
Schdel, welcher, wenn er auch nicht sehr tiefe Weisheit enthielt, doch
einen groen Theil jener besondern Art Klugheit besa, die in der
Volkssprache am besten dadurch auszudrcken ist: da er wute, auf
welcher Seite das Brod mit Butter geschmiert ist.

Kann's kein Mensch nie sagen, -- was will geschehen in =dieser= Welt,
sagte er endlich.

Sam sprach wie ein Philosoph, einen besondern Nachdruck auf =dieser=
legend, als wenn er eine ausgedehnte Kenntni andrer Welten habe, und
deshalb nach reiflicher Ueberlegung zu diesem Schlusse gelangt sei.

Nun doch, ganz gewi, htte ich gesagt, Missis wrde die ganze Welt
nach Lizy durchfegen, fgte Sam sinnend hinzu.

Und das wrde sie, sagte Andy, aber -- kannst denn nicht durch 'ne
Leiter sehen, schwarzer Nigger? Missis will nicht, da dieser Master
Haley Lizy's Jungen haben soll, -- das ist's!

Hoh! rief Sam mit einer unbeschreibbaren Betonung, die nur Denen
bekannt sein kann, welche sie unter den Negern gehrt haben.

Und ich will Dir noch mehr sagen, -- und Alles, sagte Andy, ich
meine, am besten Du machtest jetzt hinter die Pferde her, -- ganz
schnell dazu, -- denn ich hre Missis fragen nach Dir, -- hast lange
genug hier 'rum genarrt.

Sam begann nunmehr in allem Ernste sich an das Geschft zu machen, und
erschien nach einiger Zeit mit Bill und Jerry in kurzem Gallop graden
Weg's nach dem Hause zureitend, und indem er geschickt absprang, ehe
noch die Pferde daran dachten, still zu stehen, brachte er sie, gleich
einer Windsbraut, grade an die Seite des Pferdepfostens heran. Haley's
Pferd, welches ein munteres junges Hengstfllen war, schlug aus, und
bumte sich, und ri gewaltsam am Halfter.

Hoho! sagte Sam, scheu? bist du? und sein schwarzes Gesicht
leuchtete von einem sonderbaren, boshaften Scheine. Ich will dich
festmachen, sagte er.

Auf dem Platze stand eine groe Buche mit breiten schattigen Zweigen,
deren kleine, scharfe, dreieckige Nsse den Boden unterhalb bedeckten.
Eine derselben zwischen seinen Fingern haltend, nahte sich Sam dem
Fllen, streichelte und klopfte es, und bemhte sich scheinbar, die
Unruhe desselben zu stillen. Unter dem Scheine, den Sattel befestigen zu
wollen, schob er geschickt die kleine, scharfe Nu darunter, so da die
geringste Last auf dem Sattel das reizbare Gefhl des Thieres
schmerzhaft erregen mute, ohne eine sichtbare Schramme oder Wunde zu
verursachen.

Da! sagte er, seine Augen mit einem beiflligen Grinsen rollend, ich
es festgemacht.

In diesem Augenblicke erschien Mrs. Shelby auf dem Balkone, und winkte
ihm. Sam nherte sich mit einem eben so festen Entschlusse, sich
angenehm zu machen, als es je ein Bewerber um eine leere Stelle am Hofe
von St. James oder in Washington that.

Weshalb hast Du Dich so lange herum getrieben, Sam? Ich lie Dir durch
Andy sagen, eilig zu sein.

Gott helf mir, Missis, sagte Sam, Pferde kann nicht alle im Nu
gefangen werden; -- waren ein gut Stck Weg die Weide hinunter gerannt,
und Gott wei, wo alles.

Sam, wie oft mu ich Dir sagen, nicht die Worte zu gebrauchen: >Gott
helf, und Gott wei,< und solche Dinge? Es ist sndlich.

O Gott sei mir gndig! Ich 's ganz vergessen, Missis! Ich will nichts
solches mehr sagen.

Ja aber, Sam, grade in diesem Augenblicke hast Du es wieder gesagt.

Habe ich? Gott! ich meine -- ich wollts nicht sagen, Missis.

Du mut auf Dich Acht geben, Sam.

Lat mich nur zu Athem kommen, Missis, und ich will ganz ordentlich
reden; -- ich sehr Acht geben.

Gut, Sam, Du mut mit Mr. Haley reiten, und ihm den Weg zeigen, und ihm
helfen. Nimm die Pferde wohl in Acht, Sam, Du weit, Jerry war vorige
Woche etwas lahm; =reite sie nicht zu schnell=.

Mrs. Shelby sprach die letzten Worte mit gedmpfter Stimme und
besonderem Nachdrucke.

Lat mich nur machen! sagte Sam, seine Augen bedeutungsvoll rollend.
Gott wei! -- Hei! -- hab's nicht gesagt, das! fgte er mit einer
possierlichen Affectation von Schrecken hinzu, die selbst Mrs. Shelby
wider Willen zum Lachen nthigte. Ja, Missis, ich die Pferde schon in
Acht nehmen.

Nu, Andy, sagte Sam, als er zu seinem Stande unter der Buche
zurckkehrte, siehst Du, ich wrd' gar nicht wundern, wenn den Herrn
sein Thier 'nen Satz machen sollte, nachher, wenn er aufsteigen will.
Weit ja, Andy, Thiere machens so, und gab Andy bei diesen Worten in
hchst bedeutungsvoller Weise einen Sto in die Seite.

Hei! sagte Andy, mit dem Ausdrucke augenblicklichen Verstndnisses.

Ja, siehst Du, Andy, Missis will Zeit gewinnen, -- das ist klar, -- das
ein blinder Mann sieht. Ich will dazu was thun. Siehst nun, Du machst
alle die Pferde da los, la sie alle permiskus hier um diese da 'rum
springen, und 'nunter da an den Wald, und ich denke, Master soll so
schnell nicht fortkommen.

Andy grinste.

Siehst Du, sagte Sam, siehst Du, Andy, wenn so was sollt' passiren,
wie Masters Pferd widerspenstig sein, -- und ausschlagen, -- denn Du und
ich just lassen gehn uns're, ihm zu helfen, eh' =wir wollen ihm helfen=,
-- o ja! Und Sam und Andy legten ihre Kpfe zurck, und brachen in ein
unmiges aber unterdrcktes Lachen aus, und schnappten mit den Fingern,
und schlugen mit den Hacken aus in unbegrnztem Entzcken.

In diesem Augenblicke erschien Haley in der Veranda. Etwas besnftigt
durch eine Anzahl Tassen vortrefflichen Kaffe's kam er schmunzelnd und
schmalzend in ziemlich guter Laune heraus. Sam und Andy griffen nach
gewissen Stcken von Palmblttern, die sie gewohnt waren, als ihre Hte
zu betrachten, und eilten nach dem Pferdepfosten, um dem Master zu
helfen.

Sam's Palmblatt war auf sehr sinnreiche Weise von jeder Art Flechtung
befreit, und die grade auf- und abwrts stehenden Nebenschlinge
verliehen der ganzen Kopfbedeckung einen solchen Schein von Freiheit und
Trotz, da sie irgend eines Fejee-Huptlings wrdig gewesen sein wrde;
whrend Andy den Scheitel seiner Kopfhlle mit einem geschickten Drucke
zusammenprete, und sich so wohlgefllig umschaute, als wollte er sagen:
Wer sagt, da ich keinen Hut habe?

Nun, Jungens, sagte Haley, jetzt munter; wir haben keine Zeit zu
verlieren.

Nicht einen Moment, Master! sagte Sam, indem er Haley die Zgel seines
Pferdes in die Hnde gab und den Steigbgel hielt, whrend Andy die
andern beiden Pferde vom Pfosten los machte.

In demselben Augenblicke, wo Haley den Sattel berhrte, hob sich das
feurige Thier in einem pltzlichen Sprunge von der Erde, und warf seinen
Herrn einige Fu weit auf den weichen trockenen Rasen. Sam versuchte
mit einem wilden Schreie einen Griff nach den Zgeln, aber erreichte
weiter nichts, als da er das vorher erwhnte, hoch aufstehende
Palmblatt dem Pferde in's Auge stie, was keineswegs zur Beruhigung der
erregten Nerven desselben beitrug. Indem es ihn dehalb mit heftiger
Gewalt umrannte, zwei oder dreimal ein verchtliches Schnaufen ausstie,
und krftig mit den Hufen in die Luft schlug, jagte es dem unteren Ende
des freien Platzes zu, whrend Bill und Jerry ihm folgten, welche Andy,
der Uebereinkunft gem, nicht verfehlt hatte, los zu machen, und nun
mit verschiedenen wthenden Ausrufungen zu noch grerer Eile antrieb.
Und nun folgte eine Scene der grten Verwirrung. Sam und Andy rannen
und schrieen, -- Hunde bellten hier und dort, -- und Mike, Mose, Mandy,
Fanny, und alle die jngeren Sprlinge des Gutes, weiblichen wie
mnnlichen Geschlechts, rannen und schlugen in die Hnde, pfiffen und
schrieen mit unmiger Geschftigkeit und unermdlichem Eifer.

Haley's Pferd, ein Schimmel, flchtig und feurig, schien mit groem
Wohlgefallen auf den Geist der ganzen Scene einzugehen; und indem es zu
seinem Rennlaufe, einen freien Platz, von beinahe einer halben Meile
Ausdehnung vor sich hatte, der nach allen Seiten hin sich in eine
unbegrnzte Waldung sanft abflachte, schien es besonderes Vergngen daran
zu finden, seine Verfolger nahe herankommen zu lassen, und dann, wenn
sie sich ihm bis auf eine Hand breit genhert hatten, schnaubend und
springend davon zu fliegen, und weit hinab in einen der Holzwege zu
galoppiren. Nichts war Sam's Absicht weniger, als da irgend eins der
Pferde frher gefangen werden solle, als er fr zeitgem hielt, -- und
dabei waren die Anstrengungen, die er machte, wirklich heroisch. Gleich
dem Schwerdte #Coeur de Lion's#, welches stets voran und im dicksten
Gefechte flammte, war Sam's Palmblatt berall sichtbar, wo nicht die
entfernteste Gefahr vorhanden war, da das Pferd gefangen werden knne;
-- da sprang er in vollem Laufe drauf los, und schrie: drauf! drauf!
fang ihn! fang ihn! in solcher Weise, da in einem Augenblicke Alles in
die vollstndigste Verwirrung gesetzt war.

Haley rann inzwischen auf und ab, und schwor und fluchte und stampfte
mit dem Fue abwechselnd. Mr. Shelby bemhte sich vergeblich, Befehle
vom Balkone aus hinunter zu rufen, und Mrs. Shelby stand bald lachend,
bald sich wundernd am Fenster ihres Zimmers, -- jedoch nicht ohne eine
leise Ahnung dessen, was dieser ganzen Verwirrung zu Grunde lag.

Endlich, ungefhr gegen zwlf Uhr Mittags, erschien Sam triumphirend,
auf Jerry reitend und Haley's Pferd an der Seite fhrend, welches zwar
von Schwei triefend war, aber dessen noch immer flammende Augen und
ausgedehnten Nasenlcher verriethen, da der Geist der Freiheit es noch
nicht gnzlich verlassen hatte.

Er's gefangen! rief Sam mit triumphirender Miene. Wenn's nicht ich
gewesen wre, die Alle htten sich knnen qulen, -- Alle! aber ich ihn
gefangen.

Du! brummte Haley in keiner sehr liebenswrdigen Stimmung, wenn Du
nicht gewesen wrest, so wrde Alles das nicht geschehen sein.

Gott helf mir! Master, sagte Sam im Tone tiefster Betrbni, ich, der
'rumgejagt und gerannt ist, da der Schwei mir 'nunter luft!

Gut, gut! sagte Haley, Du hast mich um beinahe drei Stunden mit
Deinem verfluchten Unsinn gebracht; -- nun fort, keine Narrheiten
weiter.

Wie, Master? sagte Sam in einem beschwrenden Tone, ich glaube, Ihr
wollt uns Alle umbringen, -- Pferde und Alle. Hier, wir sind Alle just
fertig, umzufallen, und die Pferde rauchen nur so von Schwei. Denke,
Master wird nicht wollen aufbrechen, nur erst nach Tische. -- Masters
Pferd mu abgerieben werden, -- hat sich ganz voll gespritzt; -- und
Jerry ist noch dazu lahm! -- glaube nicht, Missis wird uns lassen reiten
so just nun. Gott helf mir, Master, -- wir wollen sie schon noch
fangen, -- warten thut nichts. Lizy nie war groer Lufer nicht.

Mrs. Shelby, welche von der Veranda aus diese Unterhaltung nicht ohne
groes Vergngen mit angehrt hatte, beschlo nunmehr, auch ihren Theil
zu thun. Sie trat dehalb hervor, drckte in hflichster Weise ihr
Bedauern ber Haleys Unfall aus, und bat ihn dringend, zum Mittagessen
zu bleiben, indem sie hinzufgte, da die Kchin es sofort auf den Tisch
bringen sollte.

Unter diesen Umstnden sah Haley sich genthigt, sich, obgleich mit sehr
zweifelhafter guter Laune, in das Wohnzimmer zu begeben, whrend Sam,
seine Augen mit unaussprechlicher Bedeutung hinter ihm her rollend,
sodann die Pferde mit der ernsthaftesten Miene nach dem Stalle fhrte.

Hast ihn gesehen, Andy? hast ihn gesehen? sagte Sam, nachdem er
glcklich hinter eine ihn verbergende Scheune gelangt war und die Pferde
an einen Pfosten befestigt hatte. O Herr, war's nicht ein Spa, zu
sehen -- wie er tanzte und schlug und fluchte. Fluche nur, alter Kerl
(sagt' ich zu mir), -- willst Dein Pferd jetzt haben, oder willst
warten, bis ich's fange? (sagte ich). O Herr, ich denke, ich seh'n noch
jetzt! Und Sam und Andy legten sich gegen die Scheune und lachten aus
vollem Herzen.

Htt'st nur sehen sollen, wie toll er aussah, als ich's Pferd 'rauf
brachte. Guter Gott, glaub', er htt' mich umgebracht, wenn er gedurft
htte; -- und da stand ich -- ganz unschuldig und demthig.

O ja, ich sah Dich, sagte Andy, bist Du nicht ein altes Pferd, Sam?

Glaub's beinahe, ich bin's, sagte Sam. Hast nicht Missis gesehen --
oben am Fenster? Ich sah's, wie sie lachte.

Nein, sagte Andy, hatte so gelaufen, habe nichts gesehen.

Wohl, siehst Du, sagte Sam, indem er ernsten Gesichts dazu schritt,
Haley's Tony abzuwaschen, -- ich habe mir angenommen eine Gewohnheit,
was man =Beobachtung= nennen kann, Andy. S' ist 'ne sehr wichtige
Gewohnheit, Andy; und ich rathe Dir's, zu ben, weil Du jung bist. --
Heb' den Hinterfu hier auf, Andy. Siehst, Andy, 's ist Beobachtung, was
allen Unterschied macht zwischen Niggers. Hab' ich nicht gesehen, wo der
Wind her kam, diesen Morgen? Hab' ich nicht gesehen, was Missis wollte,
wenn sie auch nichts sagte? Das 's Beobachtung, Andy. Glaube, 's ist,
was man 'ne Gabe nennen kann. Gaben ist verschieden in verschiedenen
Leuten, aber Uebung thut gro viel.

So? ich glaube, wenn ich Deiner Beobachtung nicht geholfen htte,
diesen Morgen, wrdest Deinen Weg nicht so gut gefunden haben, sagte
Andy.

Andy, erwiderte Sam, bist ein hoffnungsvolles Kind, -- kein Zweifel!
Denke gro viel von Dir, Andy, -- schme mich nicht, Ideen von Dir
anzunehmen. Sollen Niemand bersehen, Andy, denn der Klgste wird auch
manchmal angefhrt. Und nun, Andy, la uns in's Haus gehen; -- bin
gewi, Missis gibt uns 'nen ganz besonders guten Bissen -- diesmal.




Siebentes Kapitel.

Der Kampf der Mutter.


Es ist unmglich, sich ein mehr verlassenes und verlorenes menschliches
Wesen zu denken, als Elisa in dem Augenblicke war, wo sie ihre Schritte
von Onkel Tom's Htte abwendete. Ihres Mannes Leiden und Gefahren, die
Gefahr ihres Kindes, Alles vermischte sich in ihrem Geiste mit einem
dunkeln, betubenden Gefhle des groen Wagnisses, welches sie
unternahm, indem sie die einzige Heimath verlie, die sie jemals gekannt
hatte, und sich von dem Schutze einer Freundin losri, die sie geliebt
und geehrt hatte. Dazu kam die Trennung von jedem ihr vertrauten
Gegenstande, -- von dem Orte, an dem sie aufgewachsen war, den Bumen,
unter denen sie gespielt hatte, den Gebschen, in denen sie so manches
Mal Abends an der Seite ihres jungen Gatten gewandelt hatte, -- jeder
Gegenstand, der in der kalten, sternhellen Nacht vor ihr lag, schien sie
vorwurfsvoll zu fragen, wohin sie sich von einer so glcklichen Heimath
wenden wolle?

Aber strker als Alles war das Gefhl der Mutterliebe, welches sich vor
der so nahe drohenden, schrecklichen Gefahr zu einem Paroxismus von
Raserei steigerte. Ihr Knabe war alt genug, um an ihrer Seite gehen zu
knnen, und unter anderen Umstnden wrde sie ihn nur an der Hand
gefhrt haben; allein jetzt machte sie der bloe Gedanke, ihn aus ihren
Armen zu lassen, schaudern, und whrend sie eilends vorwrts schritt,
prete sie ihn mit krampfhaftem Drucke an ihren Busen.

Der gefrorene Boden knarrte unter ihren Fen und sie zitterte bei
diesen Tnen; jedes rauschende Blatt und jeder fliehende Schatten machte
ihr Blut im Herzen erstarren und trieb ihre Fe zu noch grerer Eile
an. Sie wunderte sich innerlich selbst ber die Strke, die sie zu
durchstrmen schien; denn sie fhlte die Last ihres Kindes wie die einer
Feder, und jede neu aufsteigende Regung von Furcht schien die
bernatrliche Kraft zu erhhen, die sie forttrug, whrend von ihren
bleichen Lippen hufige Anrufe an einen Freund im Himmel flossen: Gott,
hilf mir! Gott, rette mich!

Wenn es =Dein= Harry wre, Mutter, oder Dein William, der Dir morgen
frh durch einen rohen Sklavenhndler entrissen werden sollte, -- wenn
Du den Mann gesehen und gehrt httest, da die Papiere unterzeichnet
und bergeben wren, und Du httest nur Zeit von Mitternacht bis zum
Morgen, um Deine Flucht zu bewerkstelligen, wie schnell wrden =Deine=
Schritte sein? Wie viel Meilen wrdest Du nicht in jenen wenigen, kurzen
Stunden zurcklegen knnen, mit dem Liebling an Deiner Brust, -- die
kleinen, schlafmden Hnde auf Deiner Schulter, und die zarten, weichen
Arme um Deinen Nacken geschlungen?

Denn der Knabe schlief. Anfangs hatten ihn die Neuheit der Umstnde und
die Unruhe wach erhalten; aber seine Mutter hielt so ngstlich den Athem
und jeden Laut zurck, und hatte ihn so fest versichert, da, wenn er
nur still sei, sie ihn sicherlich retten werde, da er beruhigt ihren
Nacken umschlang, und schon halb entschlummert nur noch Fragen an sie
richtete.

Mutter, ich brauche nicht wach zu bleiben, nicht wahr?

Nein, mein Liebling, schlafe, wenn Du mde bist.

Aber, Mutter, wenn ich einschlafe, wirst Du doch nicht zugeben, da er
mich nimmt?

Nein, so Gott mir helfe! sagte die Mutter mit blsserer Wange und
hellerer Gluth in ihrem dunklen Auge.

=Gewi= nicht, Mutter?

=Gewi= nicht! sagte die Mutter mit einer Stimme, vor der sie selbst
erschrack, denn sie schien von einem geistigen Wesen in ihr zu kommen,
das keinen Theil an ihr habe; und der Knabe senkte seinen kleinen, mden
Kopf auf ihre Schulter, und war bald entschlummert. Wie die Berhrung
dieser warmen Arme, der sanfte Hauch seiner Athemzge an ihrem Nacken
ihren Bewegungen neues Leben und Feuer zu verleihen schienen! Es kam ihr
vor, als wenn aus jeder Berhrung, jeder Bewegung des schlummernden, auf
sie vertrauenden Kindes elektrische Strme neuer Kraft auf sie
ausstrmten. Erhaben ist die Herrschaft des Geistes ber den Krper, die
Fleisch und Nerven unberwindlich macht, und die Sehnen sich wie Stahl
spannen lt, so da Schwache so mchtig werden.

Die Grenzen der Farmbesitzung, die Gebsche, die Waldung schwanden
dmmernd an ihr vorber, whrend sie weiter schritt; aber sie hielt
nicht an, sie eilte vorwrts, einen vertrauten Gegenstand nach dem
andern hinter sich zurcklassend, bis die rthlichen Strahlen des ersten
Tageslichtes sie, manche lange Meile weit von jeder Spur vertrauter
Gegenstnde entfernt, auf der offenen Landstrae fanden.

Sie hatte fters ihre Herrin auf Besuchen bei Bekannten in dem kleinen
Dorfe T-- nicht weit vom Ohioflusse, begleitet, und kannte den Weg dahin
genau. Dorthin zu eilen und ber den Ohioflu zu fliehen, waren die
ersten Umrisse ihres Fluchtplanes gewesen; darber hinaus konnte sie nur
auf Gottes Hlfe vertrauen.

Als Wagen und Pferde sich auf der Landstrae zu bewegen begannen, wurde
sie vermge der einem aufgeregten geistigen Zustande so eigenthmlichen
Schrfe des Fassungsvermgens inne, da ihr eilender Schritt und ihr
verstrtes Aeuere Veranlassung zu Aufmerksamkeit und Verdacht geben
knnten. Sie lie dehalb den Knaben auf die Erde nieder, brachte ihre
Kleidung und Kopfbedeckung in Ordnung, und ging so schnell, wie es sich
mit der Bewahrung des ueren Scheines vertrug, weiter. In ihrem kleinen
Vorrathe hatte sie fr eine hinreichende Quantitt von Kuchen und
Aepfeln gesorgt, deren sie sich als Mittel bediente, um den Fortschritt
des Kindes zu beschleunigen, indem sie den Apfel einige Schritte weit
vorauswarf, dem der Knabe sodann mit allen Krften nacheilte; und diese
List fters wiederholt, brachte sie ber manche halbe Meile hinweg.

Nach einiger Zeit kamen sie an eine dichte Waldung, durch die ein
klarer, murmelnder Bach flo. Da der Knabe ber Hunger und Durst klagte,
so stieg sie mit ihm ber den umgebenden Zaun, setzte sich hinter einem
groen Felsen nieder, der sie den auf der Landstrae Vorbergehenden
verbarg, und reichte ihm sein Frhstck aus ihrem kleinen Bndel. Der
Knabe wunderte sich und war traurig, da sie nicht essen wolle; und als
er seine Arme um ihren Nacken schlang und etwas Kuchen in ihren Mund zu
drcken versuchte, war es ihr, als msse das in ihrer Kehle aufsteigende
Gefhl sie ersticken.

Nein, nein, Harry, mein liebes Kind! Mutter kann nicht essen, bis Du in
Sicherheit bist! Wir mssen fort, -- fort, bis wir an den Flu kommen!
Und sie eilte wieder auf den Weg zurck, und zwang sich wieder,
ordentlich und in ruhiger Haltung weiter zu gehen.

Sie war jetzt viele Meilen ber denjenigen Theil der Gegend hinaus, wo
sie persnlich bekannt war. Im Falle sie irgend Jemanden begegnen
sollte, der sie kannte, dachte sie, da die allbekannte Gte der
Familie, der sie angehrte, jeden Verdacht insofern unterdrcken werde,
als es eben um dehalb unwahrscheinlich erschien, da sie auf der Flucht
sein knne. Da sie berdies so wei war, da ihre farbige Abstammung,
ohne besonders scharfe Beobachtung, nicht erkennbar war, und ihr Kind
dieselbe Farbe hatte, so war es fr sie um so leichter, ihren Weg ohne
Erregung von Verdacht fortsetzen zu knnen.

In dieser Annahme hielt sie um Mittag bei einem niedlichen, reinlichen
Farmhause an, um sich auszuruhen und um ein Mittagsmahl fr ihr Kind und
sich selbst zu erlangen; denn, indem die Gefahr mit der zunehmenden
Entfernung abnahm, lie auch die bernatrliche Spannung ihres
Nervensystemes nach, und sie fhlte sich ermattet und hungrig.

Die Wirthin, welche freundlich und geschwtzig war, schien froh zu sein,
da irgend jemand bei ihr eingekehrt sei, mit dem sie schwatzen knne,
und nahm dehalb Elisa's Angaben, da sie einen kleinen Ausflug mache,
um Freunde einige Tage zu besuchen, ohne weitere Prfung und
Untersuchung als richtig an.

Kurz vor Sonnenuntergang erreichte sie das Dorf T--, am Ohioflusse, mde
zwar, und mit wunden Fen, aber immer noch stark im Herzen. Ihr erster
Blick war auf den Flu, der gleich dem Jordan zwischen ihr und dem
Canaan der Freiheit auf der andern Seite lag. Es war jetzt in der ersten
Zeit des Frhjahrs, wehalb der Flu angeschwollen und unruhig war, und
groe Schollen schwimmenden Eises im trben Wasser schwerfllig auf- und
niederschwankten. Vermge der eigenthmlichen Gestaltung des Ufers an
der Kentucky-Seite, wo das Land sich weit in das Wasser hinein
erstreckte, hatte sich das Eis in groen Massen angesammelt, und der
enge Kanal, welcher diese Landzunge umflo, war mit bereinander
geschichteten Schollen so angefllt, da sich daselbst ein frmlicher
Wall gebildet hatte, welcher das heranschwimmende Eis aufhielt, und
dieses eine Art wellenfrmigen Flosses bildete, welches den ganzen Flu
bedeckte und sich beinahe bis dicht an das Ufer der Kentucky-Seite
erstreckte.

Elisa stand einen Augenblick still, diesen unglcklichen Zustand der
Dinge betrachtend, welcher, wie sie sogleich erkannte, das Ueberfahren
der gewhnlichen Fhre verhindern mute, und begab sich sodann in ein
kleines Wirthshaus am Ufer, um Erkundigungen einzuziehen.

Die Wirthin, welche mit Braten und Schmoren, als Vorbereitungen zum
Abendessen beschftigt war, hielt, mit der Gabel in der Hand, inne, als
Elisa's sanfte und klagende Stimme sie anredete.

Was giebts? sagte sie.

Geht jetzt hier keine Fhre ber, die Reisende nach B-- bringt? fragte
Elisa.

Nein, jetzt nicht! sagte das Weib. Die Boote gehen jetzt nicht.

Der Ausdruck von Furcht und getuschter Hoffnung in Elisa's Gesichte
fiel der Frau auf, und sie fragte:

Ihr wollt wohl berfahren? -- Jemand krank? Ihr scheint in groer
Unruhe zu sein?

Ich habe ein Kind, das gefhrlich krank ist, sagte Elisa. Ich bekam
gestern Abend die erste Nachricht davon, und bin nun den ganzen Tag
gewandert, in der Hoffnung, hier eine Fhre zu finden.

So, das ist freilich unglcklich, sagte die Frau, deren mtterliche
Sympathie angeregt worden war. Ihr thut mir wahrlich leid. Solomon!
rief sie dann zum Fenster hinaus nach einem kleinen Hintergebude,
worauf ein Mann mit einer Lederschrze und sehr schmutzigen Hnden
erschien.

Hre, Sol, sagte die Frau zu ihm, geht denn der Mann mit den Fssern
heute Abend noch hinber?

Er sagte, er woll's versuchen, wenn's einiger Maen rathsam wre,
entgegnete der Mann.

Da ist ein Mann hier, ein Stck Weg's weiter hinunter, der diesen Abend
mit Waaren hinberfahren will, wenn's geht; er wird zum Abendessen hier
sein. So thut Ihr am besten, Ihr setzt Euch und wartet hier. Was fr ein
lieber kleiner Bube, sagte die Frau, dem Knaben ein Stck Kuchen
reichend.

Allein das Kind, bermig erschpft, weinte vor Mdigkeit.

Armer Wurm! er ist nicht daran gewhnt, so weit zu gehen, und ich habe
ihn so getrieben, sagte Elisa.

Nun, so nehmt ihn in das Zimmer da, sagte die Frau, ein kleines
Schlafgemach ffnend, in welchem ein bequemes Bett stand.

Elisa legte den ermdeten Knaben darauf, und hielt seine Hnde in den
ihrigen, bis er eingeschlafen war. Denn fr sie war hier keine Ruhe. Wie
ein Feuer in ihren Gebeinen trieb der Gedanke an ihren Verfolger sie
weiter, und mit sehnschtigen Blicken schaute sie auf die finsteren,
brausenden Wellen, die zwischen ihr und ihrer Freiheit lagen.

Allein hier mssen wir fr jetzt von ihr Abschied nehmen, um den Lauf
ihrer Verfolger zu begleiten.

                         -------------------------

Obgleich Mrs. Shelby versprochen hatte, da das Essen so schnell wie
mglich auf den Tisch gebracht werden solle, so zeigte sich doch bald,
da mehr als eine Person dazu erforderlich sei, um einen Handel zu
machen. Ungeachtet dessen also, da der Befehl in Haley's Gegenwart
ertheilt, und wenigstens durch ein Dutzend jugendlicher Boten an Tante
Chlo befrdert worden war, lie diese wrdige Dame dennoch nichts als
ein wiederholtes mrrisches Schnaufen als Antwort darauf hren, und
fuhr in ihren Geschften auf eine sehr gemchliche und umstndliche
Weise fort.

Aus irgend einem besondern Grunde, schien sich die allgemeine Meinung
unter der Dienerschaft verbreitet zu haben, da Mistre ber etwas
Verzug nicht besonders ungehalten sein werde; und es war wunderbar, was
fr eine Menge widriger Umstnde sich ereigneten, um den Lauf der Dinge
zu verzgern. Ein unglcklicher Bursche schttete die Saue aus; und
dann mute die Saue #de novo# gemacht werden, und zwar mit gehriger
Sorgfalt und Umstndlichkeit, wobei Tante Chlo mit der hartnckigsten
Genauigkeit verfuhr, und auf alles Antreiben zur Eile nur kurz
antwortete, da sie keine rohe Saue auf den Tisch bringen wolle, um
Anderen beim Fangen behlflich zu sein. Ein Andrer stolperte und fiel
mit dem Wasser nieder, und mute dehalb von Neuem an den Brunnen gehen,
um frisches zu holen; und wieder ein Andrer schttete die Butter als
Hinderni in den Lauf der Begebenheiten; und whrend dessen gelangten
von Zeit zu Zeit kichernde Nachrichten in die Kche, da Master Haley
gewaltig unruhig sei, und auf seinem Stuhle nicht still sitzen knne,
sondern unaufhrlich zwischen Fenster und Thr auf und nieder laufe.

Geschieht ihm recht! sagte Tante Chlo unwillig. Wird ihm schon noch
schlimmer ergehen, bald, wenn er seine Wege nicht ndert. =Sein= Herr
wird ihn rufen, und wie wird er dann aussehen!

Er kommt in die Hlle, ohne Zweifel! sagte der kleine Jack.

Er verdient's! sagte Tante Chlo mit grimmiger Miene, -- ich sage
Euch -- er hat viele, viele, viele Herzen gebrochen! sagte sie, inne
haltend in ihrer Beschftigung, und mit aufgehobener Gabel in ihrer
Hand; 's ist, was Master Georg in der Offenbarung liest: -- >Seelen,
schreien unter dem Altare den Herrn um Rache an, gegen Solche!< -- und
der Herr wird sie hren! -- er wird!

Tante Chlo, welche in der Kche sehr geachtet war, wurde von Allen mit
offenem Munde angehrt; und da das Mittagessen endlich glcklich
abgesendet worden war, so hatte die ganze Kchenbevlkerung Mue mit ihr
zu schwatzen, und ihre Bemerkungen anzuhren.

Solche mssen ewig brennen, -- ganz gewi, -- nicht wahr? sagte Andy.

Ich mchte sie brennen sehen, -- mein Seel'! sagte der kleine Jack.

Kinder! sagte hier pltzlich eine Stimme, welche Alle aufschreckte. Es
war Onkel Tom, welcher in die Thr getreten war, und die Unterhaltung
mit angehrt hatte. Kinder! sagte er, ich frchte, Ihr wit nicht was
Ihr sprecht. Ewig ist ein =schreckliches= Wort; -- 's schaudert Einen
dran zu denken; -- solltet das keiner menschlichen Kreatur wnschen.

Wir wollen's Niemanden wnschen, -- nur den Seelenverkufern, sagte
Andy; -- man kann sich nicht helfen, die sind so schlecht.

Thut nicht die Natur selbst schreien gegen sie? sagte Tante Chlo.
Reien sie nicht den Sugling gerade weg von Mutters Brust, und
verkaufen ihn, -- und die kleinen Kinder, wenn sie schreien, und sich
festhalten an Mutters Kleidern, -- reien sie sie nicht los und
verkaufen sie? Reien sie nicht Mann und Weib auseinander? fuhr sie zu
weinen anfangend fort, -- wenn's ihnen auch das Leben nimmt? -- und
fhlen sie was dabei? -- trinken und rauchen sie nicht, und sind ganz
gleichgltig dabei? -- O Herr, wenn der Teufel die nicht holt, -- wozu
ist er dann ntze? Und Tante Chlo bedeckte ihr Gesicht mit ihrer
buntgefleckten Schrze, und fing in vollem Ernste bitterlich an zu
weinen.

Bittet fr die, so Euch beleidigen, sagt das gute Buch, bemerkte Tom.

Bitten fr sie, sagte Tante Chlo; -- o Herr! das ist zu viel! Ich
kann nicht fr sie beten.

's ist Natur, Chlo, und Natur ist mchtig, sagte Tom, aber des Herrn
Gnade ist mchtiger; -- auerdem, solltest auch an den schrecklichen
Zustand denken, in dem die Seele solcher armen Kreatur ist, die solche
Dinge thut; -- solltest Gott danken, Chlo, da Du nicht bist =wie= sie.
-- Wei gewi, -- wollte lieber zehntausendmal verkauft werden, als die
Verantwortung haben, die solche arme Kreatur hat auf sich.

Ich auch, ein gut Theil lieber, sagte Jack. O Herr, wie wrde 's uns
gehen, Andy?

Andy zuckte mit den Achseln, und gab ein beiflliges Pfeifen zu
vernehmen.

Ich bin froh, da Master heute frh nicht fortgegangen ist, wie er
wollte, fuhr Tom fort; -- das htte mir weher gethan, als verkauft
werden. Vielleicht, es wre natrlich fr ihn gewesen, aber mir wr's
hart angekommen, -- hab' ihn ja gekannt, als er noch ein Sugling war.
Aber ich habe Master gesehn, und bin vershnt nun mit Gottes Willen.
Master konnte sich nicht anders helfen; er hat recht gethan, aber
frchte, da doch Alles wird zu Grunde gehen, wenn ich fort bin. Master
kann nicht berall herumkriechen und aufpassen, wie ich habe gethan, --
und alle Enden zusammenhalten. Die Jungens meinen's ganz gut, aber sind
mchtig nachlssig. Das macht mir Sorge.

In diesem Augenblicke erscholl die Glocke, und Tom wurde in's Zimmer
berufen.

Tom, sagte sein Herr in gtigem Tone zu ihm, ich mache Dich
aufmerksam darauf, da ich diesem Herrn Verschreibungen ber tausend
Dollar gegeben habe fr den Fall, da Du nicht da sein solltest, wenn er
Dich verlangt. Er hat heut mit seinen brigen Geschften zu thun, und
Du kannst den Tag fr Dich frei haben. Geh', wohin Du willst, mein alter
Junge.

Dank schn, Master, sagte Tom.

Und pa' auf, sagte der Hndler, und bring's nicht ber Deinen Herrn
mit einem von Deinen Niggerpfiffen, denn ich will jeden Cent aus ihm
herausdrcken, wenn Du nicht da bist. Wr' er mir gefolgt, so htt' er
gar nicht einem von Euch -- glatten Aalen getraut!

Master, sagte Tom, -- sich grade aufrichtend, -- ich war just acht
Jahr alt, wenn alte Missis Euch in meine Arme legte, und Ihr wart noch
kein Jahr alt. >Da,< sagte sie, >Tom, das wird =Dein= junger Herr sein;
nimm ihn wohl in Acht,< sagte sie. Und nun wollt' ich Euch fragen, Master,
hab' ich Euch je ein Wort gebrochen oder Euch zuwider gehandelt, besonders,
seit ich ein Christ bin?

Mr. Shelby war von seinem Gefhle vollstndig berwltigt und Thrnen
drangen aus seinen Augen hervor.

Mein guter Junge, sagte er, Gott wei, da das wahr ist, was Du
sagst; und wenn es in meinen Krften stnde, es zu verhindern, so sollte
Niemand in der Welt Dich kaufen drfen.

Und so wahr ich eine christliche Frau bin, sagte Mrs. Shelby, Du
sollst wieder eingelst werden, sobald ich einigermaen Mittel
zusammenbringen kann. Mr. Haley, fgte sie zu Haley gewendet hinzu,
merken Sie sich ja genau, an wen Sie ihn verkaufen, und lassen Sie mich
es wissen.

Gott, ja, warum denn nicht? sagte der Hndler, kann ihn ja in einem
Jahr wieder 'raufbringen, nicht viel abgenutzt, und ihn zurckhandeln.

Ich will dann mit Ihnen handeln, und es soll Ihr Nutzen sein, sagte
Mrs. Shelby.

Natrlich, sagte der Hndler, -- 's mir Alles gleich, handle hin und
zurck, wenn es nur ein gutes Geschft gibt. Will ja nur meinen
Lebensunterhalt verdienen, Madame, das ist Alles, was unser Einer will,
denk' ich.

Mr. und Mrs. Shelby waren innerlich emprt ber die unverschmte
Vertraulichkeit des Hndlers, aber dennoch fhlten Beide die absolute
Nothwendigkeit, ihre Gefhle zurckzuhalten. Je gefhlloser und
schmutziger er erschien, desto grer war Mrs. Shelby's Furcht, da es
ihm gelingen knne, Elisa und ihr Kind wieder einzufangen, und um so
mehr fhlte sie sich dehalb gedrungen, jeden weiblichen Kunstgriff zu
benutzen, um ihn noch lnger aufzuhalten. Sie lchelte ihm dehalb
beifllig zu, schwatzte vertraulich mit ihm und that Alles, was sie
konnte, um ihm die Zeit unbemerkt entfliehen zu lassen.

Um zwei Uhr endlich fhrten Sam und Andy die Pferde vor, wie es schien,
bedeutend erfrischt und ermuthigt durch den am Morgen gehaltenen
Rennlauf.

Sam kam frisch gelt vom Essen, mit einem Ueberflu von eifriger und
williger Geschftigkeit. Whrend Haley sich nherte, prahlte er gegen
Andy von dem sichern, ganz unzweifelhaften Erfolge, den das Unternehmen
haben msse, nachdem er nun endlich so weit gekommen sei, dran gehen
zu knnen.

Euer Herr hlt wohl keine Hunde? sagte Haley nachdenkend, whrend er
sich anschickte aufzusteigen.

Die Menge, sagte Sam triumphirend; da 's Bruno, -- 's ist ein
Brller! und dann hat hier auch noch jeder Nigger ein paar junge Hunde
von einer Sorte oder anderer!

Pah! sagte Haley, -- und fgte noch etwas Anderes mit Bezug auf die
erwhnten Hunde hinzu, worauf Sam murmelte:

Seh' nicht ein, wozu -- was nthig -- drauf zu fluchen.

Aber Euer Herr hlt keine Hunde (ich wei es ganz gewi), um Niggers
aufzuspren.

Unsere Hunde alle haben sehr scharfen Geruch. Glaube, 's ist die rechte
Sorte, -- haben zwar nie keine Praxis gehabt. Brave Hunde, Master, auf
Alles, wenn Ihr sie loslat. Hier, Bruno, rief er, einem
umherschlendernden Neufundlnder zupfeifend, worauf dieser mit
gewaltigem Gerusche auf ihn zugesprungen kam.

Du sollst gehenkt werden! sagte Haley aufsteigend. Komm, kriech'
hinauf nun.

Sam kroch demgem hinauf, dabei jedoch auf geschickte Weise Gelegenheit
findend, Andy zu kitzeln, was diesen nthigte, in ein helles Lachen
auszubrechen, in Folge dessen Haley in heftigem Unmuthe mit der
Reitpeitsche nach ihm hieb.

's ist erstaunlich, Andy! sagte Sam mit schrecklichem Ernste. Die
ein sehr wichtiges Geschft; -- mut hier keinen Spa treiben; -- das
ist keine Art, Master zu helfen.

Ich werde den graden Weg nach dem Flusse nehmen, sagte Haley mit
Bestimmtheit, als sie die Grnzen der Besitzung erreicht hatten. Ich
wei, welchen Weg alle Die nehmen, -- die laufen Alle in die Niederung.

Sicher, sagte Sam, das ist die rechte Idee. Master Haley trifft's
just in die Mitte. Nun, da sind zwei Wege an den Flu, -- der Holzweg
und die Chaussee; -- welchen will Master nehmen?

Andy blickte unschuldig zu Sam auf, berrascht, diese neue Geographie zu
hren, aber besttigte augenblicklich, was jener gesagt hatte, durch
eine lebhafte Wiederholung desselben.

Natrlich, sagte Sam, sollte eher denken, Lizy ist den Holzweg
gegangen, weil er einsamer ist.

Haley, obgleich er ein erfahrener alter Fuchs war und stets mitrauisch,
war dennoch nahe daran, sich durch diese Ansicht bestimmen zu lassen.

Wenn Ihr nicht Beide so verdammte Lgner wret! sagte er gedankenvoll,
whrend er einen Augenblick nachsann.

Der tiefsinnige Ton, in dem die gesagt wurde, schien Andy so ber alle
Maen zu amsiren, da er ein Stckchen hinter Haley zurckblieb und
sich vor Lachen so schttelte, da er Gefahr lief vom Pferde zu fallen,
whrend Sam's Gesicht unbeweglich den schwermthigsten Ernst bewahrte.

Natrlich, sagte Sam, Master kann thun, was er will; -- gehen den
graden Weg, wenn Master hlt's fr's Beste, -- uns Alles einerlei. Ja,
wenn ich so drber studire, denk' ich auch, der grade Weg ist am Besten,
-- ohne Zweifel.

Sie wird natrlich einen einsamen Weg gewhlt haben, sagte Haley, laut
denkend, und Sam's Bemerkung nicht beachtend.

Lt sich da nichts sagen, fuhr Sam fort; -- Weiber immer sonderbar,
-- Weiber immer thun, was Ihr denkt, -- gewhnlich grade 's Gegentheil.
Weiber von Natur entgegen, -- und so, wenn Ihr denkt, sie sind gegangen
=den= Weg, 's ist gewi, Ihr thut am Besten und nehmt den andern, --
dann findet Ihr sie ganz sicher. Hier nun ist meine Meinung, Lizy hat
den Holzweg genommen, -- also wre 's am Besten, den graden zu nehmen.

Diese grndliche, geschlechtliche Ansicht ber die weibliche Natur
schien Haley nicht sonderlich fr den chaussirten Weg bestimmen zu
knnen, und er erklrte seinen festen Entschlu, den andern zu whlen,
und fragte Sam, wann sie diesen erreichen wrden.

Ein Stckchen weiter hinauf, sagte Sam, indem er Andy einen Wink mit
dem Auge der ihm zugewendeten Seite seines Kopfes gab, und fgte dann im
ernstesten Tone hinzu: aber ich habe drber nachgedacht und 's ist mir
ganz klar, wir sollten nicht diesen Weg gehen. Bin nie diesen Weg
gekommen, 's ist ein verzweifelt einsamer, -- knnten uns leicht
verlieren, -- Gott wei, wo wir hinkommen knnten.

Thut nichts, sagte Haley, ich will dennoch diesen Weg gehen.

Nun ich nachdenke drber, fuhr Sam fort, ist mir's, als htt' ich
hren sagen, da der Weg ganz abgesperrt ist durch Dmme und Zune, und
so -- nicht wahr, Andy?

Andy wute es nicht gewi; er hatte nur reden hren von dem Wege, aber
war ihn nie selbst gegangen. Mit einem Worte, er hielt sich ganz
neutral.

Haley, gewohnt, das Gewicht der Wahrscheinlichkeiten zwischen greren
und geringen Lgen gehrig abzuwgen, nahm an, da dasselbe sich zu
Gunsten des erwhnten Holzweges neige. Er glaubte, da die erste
Erwhnung desselben von Seiten Sam's unwillkhrlich gewesen sei, und
seine verwirrten Versuche, ihm davon abzurathen, hielt er fr
verzweifelte Lgen, die aus spterem Nachdenken und der Absicht
hervorgingen, Elisa auer Gefahr zu bringen. Als Sam dehalb den
bewuten Weg anzeigte, nahm er mit entschiedener Wendung seine Richtung
in denselben, whrend Sam und Andy ihm folgten.

Dieser Weg war in der That ein alter, der frher zum Flusse gefhrt
hatte, aber seit vielen Jahren, nach Errichtung der Chausseestrae
verlassen worden war. Ungefhr eine Stunde weit zu reiten war er offen,
aber nachher durch verschiedene Zune und Farmgebude abgesperrt. Sam
wute dies alles ganz genau -- und der Weg war in der That schon seit so
langer Zeit unfahrbar geworden, da Andy niemals davon gehrt hatte. Er
ritt dehalb mit der Miene pflichtschuldiger Ergebung weiter, und nur
von Zeit zu Zeit lie er einzelne Ausrufe hren, wie, da es sehr
holpriger Weg und sehr bse fr Jerry's Fu߫ sei.

Na denn, ich will Euch was sagen, begann Haley pltzlich, ich wei,
was Ihr wollt mit all dem Geschwtze, -- Ihr wollt mich von dieser
Strae abbringen, aber 's hilft Euch nichts, -- also thut Ihr besser,
Ihr haltet 's Maul.

Master will seinen eigenen Weg gehen! sagte Sam mit dem Ausdrucke
schmerzlicher Ergebung, gleichzeitig jedoch Andy sehr bedeutungsvoll
zuwinkend, dessen Entzcken jetzt nahe daran war loszubrechen.

Sam schien in besonders guter Laune zu sein und that, als wenn er sich
auerordentliche Mhe gebe, die Gegend scharf zu beobachten, indem er
bald ausrief, da er einen Weiberhut auf der Spitze einer entfernten
Hhe sehe, und bald Andy fragte, ob das nicht Lizy sei -- da unten in
dem Hohlwege, und dabei diese und hnliche Ausrufungen immer grade dann
erschallen lie, wenn sie sich an einer besonders rauhen Stelle des
Weges befanden, wo das schrfere Antreiben der Pferde fr alle Theile
besonders unangenehm war, so da Haley dadurch in einem Zustande
fortwhrender Aufregung erhalten wurde.

Nachdem sie auf diesem Wege etwa eine Stunde lang geritten waren, lief
derselbe pltzlich in einen Ackerhof aus, welcher zu einer bedeutenden
Farmbesitzung gehrte. Keine Seele war daselbst sichtbar, da alle
Arbeiter auf dem Felde beschftigt waren; allein da das nchste
Scheunengebude klar und deutlich quer ber dem Wege stand, so konnte
kein Zweifel darber obwalten, da ihre Reise in dieser Richtung zu
einem entschiedenen Ende gelangt sei.

War's das nicht, was ich Euch vorher gesagt habe? sagte Sam mit der
Miene beleidigter Unschuld. Warum denken fremde Herren mehr zu wissen
von der Gegend, als die, die drin geboren und erzogen sind?

Du Schuft! sagte Haley, Du hast das Alles vorhergewut.

Hab' ich's denn nicht gesagt, da ich's =wute=, und Ihr wolltet mir
nicht glauben! Ich sagte Master, da Alles wre gesperrt und da ich
nicht dchte, wir knnten durchkommen -- Andy hat's gehrt.

Es war Alles zu wahr, als da es htte in Abrede gestellt werden knnen,
und der unglckliche Mann mute seinen Aerger mit so viel Anstand
niederbeien, als er konnte. Alle drei nahmen dann ihre Wendung zur
Rechten, in gerader Richtung nach der Landstrae.

In Folge aller dieser verschiedenen Verzgerungen war es ungefhr drei
Viertelstunden spter, nachdem Elisa ihr Kind in der Dorfschenke zur
Ruhe niedergelegt hatte, als die Gesellschaft auf dasselbe Gebude
zugeritten kam. Elisa stand am Fenster, nach einer andern Richtung
blickend, als Sam's scharfes Auge ihrer gewahr wurde. Haley und Andy
waren einige Schritte weit hinter ihm zurck. In diesem kritischen
Momente gelang es Sam, seine Kopfbedeckung zu verlieren, als wenn der
Wind sie ihm abgeweht htte, in Folge dessen er einen lauten, ihm
eigenthmlichen Schrei ausstie, durch welchen Elisa auf ihn aufmerksam
wurde. Sie zog sich schnell vom Fenster zurck, an dem der ganze Zug
vorber ging, um an den Haupteingang zu gelangen.

Tausend Leben schienen in diesem Augenblicke in Elisa concentrirt zu
sein. Ihr Zimmer gewhrte durch eine Seitenthr einen Ausgang nach dem
Flusse. Sie raffte ihr Kind auf und sprang die zum Ufer hinabfhrenden
Stufen hinunter. Der Sklavenhndler bekam sie deutlich zu Gesicht gerade
in dem Augenblicke, als sie unter dem Ufer verschwand, und indem er sich
vom Pferde hinab warf, und Sam und Andy ihm zu folgen zurief, sprang er
hinter ihr her wie ein Hund hinter einer gejagten Hirschkuh. In diesem
schwindelnden Momente schienen Elisa's Fe kaum den Boden zu berhren
und ein Augenblick brachte sie an den Wasserrand des Flusses. Dicht
hinter ihr folgten Jene, und -- wie gesthlt von einer Kraft, wie sie
Gott nur den Verzweifelnden verleiht, und mit einem wilden Schrei und
flugartigen Sprunge, flog sie ber den trben Strom am Ufer hin bis auf
die nchste Eisscholle. Es war ein unbegreiflicher Sprung, -- der nur in
Wahnsinn oder Verzweiflung gemacht werden konnte, und Haley, Sam und
Andy schrieen instinktmig wie aus einem Munde auf und hoben ihre Hnde
auf, als sie ihn gewahrten.

Das riesige, grne Eisstck, auf welchem sie Fu fate, krachte und
senkte sich, als ihre Last darauf nieder fiel, aber sie hielt nicht
einen Augenblick an. Unter wilden Schreien und mit verzweifelnder Kraft
sprang sie auf ein anderes und wieder ein anderes Eisstck, whrend sie
bald stolperte, bald sprang, bald ausglitt, und wieder aufsprang! Ihre
Schuhe waren zurckgelassen -- ihre Strmpfe von den Fen geschnitten,
-- und jeder Futritt war mit Blut gezeichnet; aber sie sah nichts, sie
fhlte nichts, bis nebelartig, wie im Traume, die Ohio-Seite des Flusses
vor ihre Blicke trat und ein Mann ihr das Ufer hinauf half.

Bist eine brave Dirne, wahrhaftig, wer Du auch immer sein magst! sagte
der Mann mit einem Schwure.

Elisa erkannte die Stimme und das Gesicht eines Mannes, welcher nicht
weit von ihrer alten Heimath eine Farm besa.

O Mr. Symmes! -- retten Sie mich -- bitte, retten Sie mich, --
verbergen Sie mich! rief Elisa flehend.

Wie, was ist das? sagte der Mann. Ist denn das nicht Shelby's Dirne?

Mein Kind! -- dieses Kind! -- er hat es verkauft! Dort ist sein Herr!
sagte sie, nach dem Kentucky-Ufer hindeutend. O Mr. Symmes, Sie haben
auch ein Kind!

Das habe ich, sagte der Mann, whrend er rauh, aber gtig sie das
steile Ufer hinaufzog. Ueberdie bist Du eine brave Dirne. Ich achte
Muth, wo ich ihn auch immer finde.

Als Beide die Hhe des Ufers erreicht hatten, stand der Mann still.

Ich mchte gern was fr Dich thun, sagte er, aber ich wei keinen
Ort, wo ich Dich hinbringen knnte. Das Beste, was ich thun kann, ist,
da ich Dir rathe, =dort= hinzugehen, sagte er, auf ein groes, weies
Gebude deutend, welches isolirt an der Hauptstrae des Dorfes stand.
Geh dort hin; das sind gute Leute. Dort ist keine Gefahr fr Dich, --
die werden Dir helfen, -- die sind in solchen Fllen immer bereit.

Gott segne Sie! rief Elisa inbrnstig.

Keine Ursache, gar keine Ursache, sagte der Mann. Was ich gethan
habe, hat gar nichts zu bedeuten.

O, und nicht wahr, Herr, -- Sie werden's Niemanden sagen?

Geh' zum Donnerwetter, Mdchen! Wofr hltst Du Einen? Versteht sich --
nein, sagte der Mann. Komm nun, geh' zu, wie eine brave, vernnftige
Dirne, was Du bist. Hast Dir Deine Freiheit gewonnen und sollst sie
behalten, so weit ich's helfen kann.

Elisa wickelte ihr Kind dichter an ihren Busen, und schritt fest und
eilig weiter. Der Mann blieb stehen und schaute ihr nach.

Shelby wird dies vielleicht nicht gerade fr 'nen sehr nachbarlichen
Dienst halten, -- aber was soll ein Mensch thun? Wenn er eine von meinen
Dirnen auf demselben Striche findet, so mag er mir zurckzahlen. Hab's
nie mit ansehen knnen, wie die armen Kreaturen rennen und keuchen, um
sich zu retten, und dann die Hunde hinten drein. Wei auch berhaupt
nicht, warum ich fr andere Leute jagen und fangen soll.

So sprach dieser arme, heidnische Mann von Kentucky, welcher ber seine
constitutionellen Beziehungen und Verpflichtungen nie aufgeklrt worden
war, und sich dehalb verleiten lie, in einer Art christlichen Weise zu
handeln, welche er, wenn er sich in grerem Wohlstande befunden und
mehr Aufklrung genossen htte, -- sich schwerlich erlaubt haben wrde.

Haley hatte einen frmlich erstarrten Zuschauer der Scene abgegeben, bis
Elisa am gegenberliegenden Ufer verschwunden war, worauf er sich mit
einem leeren, fragenden Blicke nach Sam und Andy umwandte.

Das war kein bles Stckchen, sagte Sam.

Ich glaube, das Weibstck hat sieben Teufel im Leibe! sagte Haley,
Gerade wie 'ne wilde Katze sprang sie!

Ja, nu, sagte Sam, sich in den Haaren kratzend, -- hoffe, Master wird
uns entschuldigen -- von dem Wege da. -- Denke, habe nicht Courage genug
-- dazu! mit einem heiseren Lachen hinzufgend.

Du lachst! sagte Haley brummend.

Gott helf mir, Master, ich kann nicht anders -- nun, sagte Sam, seinem
lange zurckgehaltenen Entzcken vollen Lauf lassend. 's sah so curios
aus -- wie sie sprang und hpfte, -- und nun, krack -- das Eis -- und
plump! und platsch! -- Spring' Du und -- o Herr! -- und Sam und Andy
lachten, da ihnen die Thrnen an den Backen hinunter liefen.

Wart', ich will Euch auf 'ne andere Weise lachen machen! sagte Haley,
indem er mit der Reitpeitsche um ihre Kpfe schlug.

Beide duckten sich und rannen schreiend und jauchzend das Ufer hinab,
und waren bei ihren Pferden, ehe er ihnen nachkommen konnte.

Guten Abend, Master! rief Sam mit groem Ernste. Vermuthe sehr,
Missis wird um Jerry besorgt sein. Master Haley wird uns nicht lnger
brauchen, -- Missis mcht' 's nicht gerne hren, wenn wir die Thiere
ber Lizy's Brcke ritten -- heute Abend noch! und, Andy muthwillig in
die Rippen stoend, trabte er, von Letzterem gefolgt, in voller Eile
davon, whrend der Wind ihr fernes, lautes Gelchter zu Haley
zurcktrug.




Achtes Kapitel.

Ein wrdiges Trio.


Die Dmmerung begann gerade herein zu brechen, als Elisa ihren
verzweifelten Rckzug ber den Flu unternahm. Die grauen Abendnebel,
welche langsam vom Flusse aufstiegen, umhllten sie, als sie am
jenseitigen Ufer verschwand, und der angeschwollene Lauf des Stromes mit
den wogenden Eismassen bildete eine hoffnungslose Schranke zwischen ihr
und ihrem Verfolger. Haley kehrte dehalb langsam und mimuthig nach dem
kleinen Wirthshause zurck, um darber nachzudenken, was weiter zu thun
sei. Die Wirthsfrau ffnete die Thr eines kleinen Zimmers, dessen Boden
mit einem Fragmente von Teppich bedeckt war, und in welchem ein Tisch
mit einer glnzend schwarzen Wachstuchdecke, sowie verschiedene
schlanke, hochlehnige Holzsthle standen, whrend ber dem Kamine und
oberhalb eines schwellenden, dampfenden Feuers mehrere Papierbilder mit
hellen und grellen Farben die Wand bedeckten. Ein langer, harter,
hlzerner Sitz breitete seine unbequeme Lnge vor dem Kamine aus, und
hier lie Haley sich nieder, um ber die Unbestndigkeit menschlichen
Glckes und menschlicher Hoffnungen im Allgemeinen zu reflektiren.

Wozu brauchte ich den verdammten kleinen Balg nun? sagte er zu sich
selbst, da ich mich wie einen Affen habe behandeln lassen mssen, --
was ich bin! und erleichterte sein Herz sodann dadurch, da er eine
nicht sehr ausgewhlte Litanei von Verwnschungen und Schimpfnamen gegen
sich ausstie, welche, obgleich jeder mgliche Grund vorhanden ist, sie
als passend zu erachten, wir hier des guten Geschmackes halber unerwhnt
lassen wollen.

Aus diesen Selbstbetrachtungen wurde er durch eine laute und
unharmonische Stimme eines Mannes erweckt, welcher vor der Thr des
Hauses abzusteigen schien. Er eilte an das Fenster.

Beim Himmel! nun, wenn das nicht gerade so was ist, was die Leute
Vorsehung nennen, sagte Haley. Glaube wahrhaftig, das ist Tom Locker.

Haley eilte hinaus. Am Schenktische, in der Ecke des Zimmers, stand ein
fleischiger, muskulser Mann, volle sechs Fu hoch und im Verhltni
ebenso breit. Er trug einen Rock von Buffalohaut, mit der rauhen Seite
nach Auen, was ihm ein wildes Aeuere verlieh, welches mit dem ganzen
Ausdrucke seiner Physiognomie in vollem Einklange stand. In seiner Kopf-
und Gesichtsbildung zeigte sich jedes Organ, welches Rohheit und
rcksichtslose Gewaltthtigkeit verrieth, in der hchst vollkommensten
Ausbildung. In der That, wenn sich unsere Leser einen Bullenbeier in
menschlicher Gestalt, mit einem Rock und Hut umherwandelnd denken
knnten, so wrden sie keine unrichtige Vorstellung von der Erscheinung
und dem Eindrucke seiner Krperbildung haben. An seiner Seite befand
sich ein Reisegesellschafter, welcher in verschiedenen Beziehungen ein
vollstndiges Gegenstck zu ihm bildete. Er war klein und schlank, und
geschmeidig wie eine Katze in seinen Bewegungen, und hatte einen
lauernden Ausdruck in seinen stechenden, schwarzen Augen, mit denen
jeder Zug seines Gesichts im Einklang zu stehen schien. Seine schmale,
lange Nase lief in einer solchen Richtung aus, als wolle sie sich in die
Natur aller Dinge im Allgemeinen einbohren; sein glattes, dnnes,
schwarzes Haar war sorgfltig nach vorn zusammen gelegt, und alle seine
Wendungen und Bewegungen drckten eine trockene, vorsichtige Schrfe
aus. Der groe, dicke Mann schenkte ein Bierglas halb voll mit reinem
Branntwein ein und strzte es hinunter, ohne ein Wort zu sagen. Der
kleine Mann stand auf den Zehen, und nachdem er seinen Kopf zuerst nach
der einen, und dann nach der andern Seite vorgestreckt, und in allen
Richtungen nach den verschiedenen Flaschen gerochen hatte, bestellte er
endlich mit einer dnnen, zitternden Stimme und mit besonders
vorsichtiger Miene ein Glas Sodawasser. Als er es eingeschenkt hatte,
betrachtete er es mit scharfem, wohlgeflligem Blicke, wie ein Mann, der
der Meinung ist, das Rechte gefunden und den Nagel auf den Kopf
getroffen zu haben, und schritt sodann dazu, es in langsamen und
wohlbedachten Schlckchen zu leeren.

Wahrhaftig, wer htte das gedacht, da ich's so gut treffen sollte?
Sieh da, Locker, wie geht's Euch? sagte Haley vortretend und seine Hand
dem groen Manne entgegen streckend.

Der Teufel! war die hfliche Antwort. Was bringt Euch denn hierher,
Haley?

Der Mann mit dem lauernden Blicke, welcher den Namen Marks fhrte, hielt
sofort mit seinem Schlrfen inne und streckte seinen Kopf vor, und
betrachtete scharf und neugierig die neue Bekanntschaft, so wie eine
Katze zuweilen ein wehendes, trockenes Blatt oder irgend einen andern
hnlichen Gegenstand der Verfolgung betrachtet.

Na, ich sage, Tom, das ist der glcklichste Zufall in der Welt. Ich bin
in 'ner teufelsmigen Patsche, und Ihr sollt mir 'raushelfen.

Uf! so? -- wahrscheinlich! grunzte sein hflicher Freund. Man kann
sicher auf so 'was rechnen, wenn Ihr Euch freut, Einen zu sehen, da Ihr
ihn zu irgend 'was braucht. Was gibts denn nun?

Ihr habt 'nen Freund hier? sagte Haley, etwas zweifelhaft auf Marks
blickend, -- vielleicht ein Compagnon?

Ja, entgegnete Jener. Hier, Marks! hier, das ist der Kerl, mit dem
ich in Natchez zusammen war.

Werde mich freuen, seine Bekanntschaft zu machen, sagte Marks, seine
lange, dnne Hand wie eine Rabenklaue ausstreckend. Vermuthe, Mr.
Haley?

Derselbe, sagte Haley. Und nun, meine Herren, da wir hier so
glcklich zusammen getroffen sind, so denke ich, ich kann hier 'ne
Kleinigkeit zum Besten geben, hier da, in der Wirthsstube. Also nun,
alter Affe, sagte er zu dem Manne hinter dem Schenktische, bring' uns
heies Wasser und Zucker und Cigarren, und 'ne gute Quantitt >chten
Stoff<, und dann wollen wir 'mal lustig sein.

Der Anordnung gem wurden die Lichter angezndet, das Feuer zur hellen
Flamme aufgestrt, und bald saen unsere drei Ehrenmnner um den Tisch,
welcher mit den vorher aufgezhlten Erfordernissen guter Kameradschaft
reichlich bedeckt war.

Haley begann einen pathetischen Vortrag seiner eigenthmlichen
Unglcksflle, welchem Locker mit geschlossenem Munde und finsterer,
mrrischer Aufmerksamkeit zuhrte. Marks, welcher mit groer
Aengstlichkeit und Sorgsamkeit und sehr lebhaften Bewegungen beschftigt
war, sich ein Glas nach seinem eigenen, besonderen Geschmacke zu
bereiten, blickte von Zeit zu Zeit von seiner Beschftigung auf, und
indem er sodann seine lange, scharfe Nase und Kinn bis beinahe in
Haley's Gesicht steckte, schien er der ganzen Erzhlung die gespannteste
Aufmerksamkeit zu widmen. Der Schlu derselben schien ihn
auerordentlich zu belustigen, denn er schttelte schweigend seine
Schultern und Seiten, und prete seine dnnen Lippen mit dem Ausdrucke
groen inneren Vergngens zusammen.

Also richtig angefhrt, -- nicht so? sagte er, -- he, he, he, he! --
's war gut gemacht!

Der verdammte Kinderhandel macht Einem unmenschliche Umstnde im
Geschfte, sagte Haley mit sehr verdrielicher Miene.

Wenn wir 'ne Brut Dirnen ausfinden knnten, die nach ihren Jungen
nichts fragen, -- ich sage Euch, 's wrde der grte moderne Fortschritt
sein, den ich kenne, -- nicht wahr? sagte Marks, indem er seinen Scherz
mit einem stillen und wohlgeflligen Lcheln begleitete.

Ganz recht, sagte Haley, -- ich hab's nie begreifen knnen; Junge
machen ihnen doch 'ne schreckliche Menge Umstnde; man sollte doch
denken, sie mten froh sein, wenn sie sie los wrden, -- aber nein. Und
je mehr Umstnde solch' ein Junges macht, und je weniger es ntze ist im
Allgemeinen, desto mehr hngen sie dran.

Ja, Mr. Haley, sagte Marks, -- just reicht mir das heie Wasser, --
ja, Ihr sagt just das, was ich denke, und wir Alle. Einmal kauft' ich
'ne Dirne, als ich noch im Geschfte war, -- und 's war ein strammes,
nettes Mensch, und die hatte ein Junges, ein elendes, krnkliches Ding,
bucklich, und wer wei was Alles. So gab ich's also weg an 'nen Mann,
der's versuchen wollte und 's aufziehen, -- kostete nichts, natrlich;
-- dachte nimmer, wit Ihr, da sie was darnach fragen wrde, -- aber, o
Herr, nun httet Ihr sehen sollen, wie sie los ging. Wahrhaftig, mir
kam's vor, als wenn sie 's Balg gerade darum lieber htte, just weil's
so elend war und immer schrie und sie plagte; -- und sie wollt' sich's
nicht beibringen lassen und wollt's nicht glauben, und schrie und lief
umher, als wenn sie Alles verloren htte. 's ist meiner Seel' drollig,
daran zu denken. Ja, was die Weiber fr Begriffe haben, -- da ist kein
Ende dran!

Just so mit mir, sagte Haley. Vorigen Sommer, unten am Flusse,
kriegt' ich 'ne Dirne mit in den Handel, die hatte ein Kind, und 's sah
ganz gut aus, und hatte Augen so hell wie Eure; aber, wie ich's nher
besah, fand ich, 's war stockblind. So, wit Ihr, dacht' ich, 's htte
weiter nichts auf sich, wenn ich's so mit weg gbe in den Handel, ohne
weiter was davon zu sagen; -- und wurd's auch richtig los fr ein Fa
Whisky; aber wie 's von der Dirne los kriegen? -- die war grade wie ein
Tieger. Es war just ehe wir abgingen, und ich hatte meinen Trupp noch
nicht zusammen gekettet; so -- was hat sie zu thun? -- sie springt auf
'nen Ballen Baumwolle wie 'ne Katze, und reit einem von den
Schiffsleuten ein Messer weg, und jagt 'ne Minute lang Alles in die
Flucht, bis sie endlich sah, es half ihr nichts; und dann -- dreht sie
sich herum, und mit dem Kopf zuerst, und ihr Junges im Arm, strzt sie
sich in den Flu, und, plump, -- ging sie unter, und kam nie wieder
herauf.

Pah! sagte Tom Locker, der diese Erzhlungen mit schlecht verhehltem
Widerwillen mit angehrt hatte, -- Dummkpfe, alle beide! =meine=
Dirnen machen mir solche Streiche nicht, -- das sag ich Euch!

Wirklich! und wie macht Ihr's denn? fragte Marks dreist.

Machen? was, -- wenn ich 'ne Dirne kaufe, und sie hat ein Junges, das
loszuschlagen ist, so geh' ich zu ihr 'ran, und halt' ihr meine Faust
unter's Gesicht, und sage: >Gieb Acht, nun, wenn Du mir ein Wort hren
lt aus Deinem Munde, so zerschmettr' ich Dir 's Gesicht. Kein Wort
will ich hren, -- nicht den Anfang davon.< So sag' ich zu ihr, und:
>das Junge da ist mein, und nicht Dein, Du hast nichts damit zu thun;
-- ich verkaufe 's an den Ersten besten, und merke Dir, da Du mir keine
Streiche machst, oder Du sollst wnschen, da Du nie geboren worden
wrest.< Sage Euch, sie merken's bald, s' ist kein Spa zu machen, wenn ich
sie habe. Ich mache sie so stumm wie Fische; und wenn eine anfngt, und
schreit los, und dann --; und Mr. Locker lie seine Faust mit einer
solchen Gewalt auf den Tisch niederfallen, da der unausgesprochene Schlu
seiner Rede sich vollstndig daraus erklren lie.

Das ist, was Ihr =Nachdruck= nennen knnt, sagte Marks, indem er Haley
in die Seite stie, und wieder in ein leises Kichern verfiel. Ist Tom
nicht ein kurioser Kerl? he, he, he! Tom, ich glaube, Ihr bringt's den
Negerkpfen bei, -- Euch verstehen sie, Tom, ohne Zweifel. Wenn Ihr
nicht der Teufel selbst seid, so seid Ihr wenigstens sein
Zwillingsbruder, -- so viel sage ich!

Tom nahm das Compliment mit angemessener Bescheidenheit auf, und begann
eine so leutselige Miene anzunehmen, wie es, nach John Bunyan's Worten,
mit seiner hndischen Natur mglich war.

Haley, welcher von den Vorrthen des Abends in reichem Mae zu sich
genommen hatte, fhlte seine moralischen Fhigkeiten angeregt und
gehoben, -- was unter hnlichen Umstnden bei Mnnern von ernster und
schweigsamer Natur kein ungewhnliches Phnomen ist.

Na, hrt, Tom, sagte er, Ihr seid wirklich zu schlecht, wie ich's
immer gesagt habe. Ihr wit, Tom, Ihr und ich haben fters ber diese
Dinge gesprochen in Natchez, und ich habe Euch immer bewiesen, da wir
grade eben so viel machten und wren wohl auf in dieser Welt, wenn wir
sie gut behandelten, und htten auerdem mehr Aussicht endlich in's
Himmelreich zu kommen, wenn Staub geht zu Staub, und dann nichts mehr zu
holen ist, -- Ihr wit?

Pah! sagte Tom, wei ich nicht? -- macht mir nicht bel mit Eurem
Unsinn, -- mein Magen ist so nicht in Ordnung; -- und Tom schttete ein
halbes Glas reinen Brandwein hinunter.

Ich meine, sagte Haley, sich in seinen Stuhl zurck legend, und sehr
nachdrucksvoll gestikulirend, -- ich meine, 's war immer meine Absicht,
meinen Handel so zu treiben, da ich =vor allen Dingen= Geld bei
verdiene, so viel wie Einer; aber dann, -- Handel macht nicht Alles, und
Geld macht nicht Alles, denn wir haben Seelen. Ich frage nichts darnach,
nun, wer's hrt, -- und schere mich den Henker darum, -- und kann's also
grade heraus sagen. Ich glaube an Religion, und nchstens, wenn ich
Alles sicher und in Ordnung habe, so will ich meine Seele auf diese
Dinge richten; -- also wozu ntzt's, mehr Schlechtigkeit zu begehen, als
durchaus nothwendig ist? -- 's scheint mir gar nicht klug gethan.

Eure Seele richten! wiederholte Tom verchtlich; sucht nur in Euch
herum nach 'ner Seele, -- thut besser, spart Euch alle Mhe, was das
betrifft. Wenn der Teufel Euch durch ein Haarsieb siebt, so wird er
keine finden.

Nun, aber, Tom, Ihr nehmt's bel, sagte Haley, warum knnt Ihr's
nicht gut aufnehmen, wenn ein Mensch zu Eurem Besten spricht.

Halt Euer Maul davon, entgegnete Tom brummisch. Kann meist all' Euer
Geschwtz aushalten, ausgenommen Euren frommen Unsinn. Und am Ende, was
ist denn der Unterschied zwischen Euch und mir? 'S ist nicht, da Ihr
Euch ein Bichen mehr daraus macht, oder da Ihr ein Bichen mehr Gefhl
habt, -- nein, 's ist reine, klare, hnd'sche Gemeinheit, -- wollt' den
Teufel betrgen, und Eure eigne Haut retten; -- seh' ich nicht durch und
durch? All Euer religis Werden, wie Ihr's nennt, ist zu erbrmlich
gemein fr irgend eine Kreatur; -- habt Euer ganzes Leben 'ne lange
Rechnung mit dem Teufel gemacht, und wollt Euch dann davon schleichen,
wenn's an's Zahlen geht! Pah!

Kommt', kommt', meine Herren, halt, das ist kein Geschft, sagte
Marks. Ihr wit, es giebt verschiedene Seiten, alle Dinge zu
betrachten. Mr. Haley ist ein vortrefflicher Mann, ohne Zweifel, und hat
sein eignes Gewissen; und Ihr, Tom, habt Eure Ansichten, und sehr gute,
Tom; aber Streit anfangen, wit Ihr, fhrt zu keinem Zwecke. Lat uns
also an's Geschft gehen. Nun, Mr. Haley, was ist's? -- Ihr wollt, wir
sollen's bernehmen, die Dirne da einzufangen?

Die Dirne geht mich nichts an, -- sie gehrt Shelby; 's ist nur ihr
Junges. Ein Esel war ich, da ich den Affen gekauft habe!

Ihr seid meist immer ein Esel! sagte Tom brummisch.

Na, Locker, keine Bisse weiter, sagte Marks, seine Lippen leckend;
Ihr seht, Mr. Haley will uns ein gutes Geschft machen lassen, gewi;
nun seid 'mal ruhig; -- diese Art Sachen abzumachen das ist grade mein
Forte. Also, Mr. Haley, diese Dirne, -- wie ist sie? was ist sie?

Nun, -- wei und hbsch, -- gut aufgebracht. Ich htte Shelby so 'n
achthundert oder tausend fr geboten, und doch noch ein gutes Geschft
mit gemacht.

Wei und hbsch, -- gut aufgebracht! sagte Marks, whrend seine
scharfen Augen, Nase und Mund von Begierde strahlten; -- nun, schaut
hier, Locker, ist das nicht eine prchtige Gelegenheit? Wir machen hier
ein Geschft fr eigne Rechnung; -- wir besorgen 's Fangen: -- das Junge
natrlich kriegt Mr. Haley, -- und die Dirne bringen wir nach Orleans,
und speculiren mit. Ist es nicht prchtig?

Tom, dessen groer, schwerer Mund whrend der Mittheilung weit offen
gestanden hatte, lie ihn jetzt pltzlich zuschnappen, ungefhr so, wie
ein groer Hund ein Stck Fleisch fest zu halten pflegt, und schien die
Idee in Gemchlichkeit verdauen zu wollen.

Seht, sagte Marks zu Haley, whrend er seinen Punsch umrhrte, seht,
wir haben hier das ganze Ufer entlang, auf allen Punkten, Richter genug,
die uns 'nen kleinen Gefallen in unsern Geschften thun, -- ganz billig.
Tom besorgt das Festhalten und so, -- und ich komme dann herein, --
angezogen, -- blanke Stiefeln, -- alles groartig, wenn das Schwren
abzunehmen ist. Solltet nur 'mal sehen, sagte Marks in einem Gefhle
geschftigen Stolzes, wie ich dabei reden kann. Heut bin ich Mr.
Twickem, von New-Orleans, -- und morgen komm' ich von meinen Plantagen
am Perl-Flu; und ein andres Mal bin ich ein weitlufiger Verwandter von
Henry Clay, oder sonst irgend 'nen alten Hahn in Kentucky. Ihr wit,
Talente sind verschieden. Tom ist ein Hauptkerl, wenn's an's Schlagen
geht, -- aber lgen, -- nein, dazu ist er nichts ntze, Tom nicht, --
seht, 's ist ihm gar nicht natrlich; aber, Herr, wenn da Einer ist, im
ganzen Lande, der Alles und Jedes beschwren kann, und alle die Umstnde
und was dazu gehrt, hinein bringen kann, und bringt's besser durch als
ich, -- den mcht' ich sehen! -- Ich glaube, -- meiner Seel' -- ich kme
durch, wenn auch die Richter genauer wren, als sie sind. Manchmal war's
mir wirklich lieber, wenn sie genauer waren; -- 's machte mehr Spa, --
wit Ihr.

Tom Locker, der, wie wir angedeutet haben, ein Mensch von langsamen
Entschlssen und Bewegungen war, unterbrach hier Marks dadurch, da er
seine schwere Faust in solcher Weise auf den Tisch niederfallen lie,
da Alles davon wiederhallte. Das 's genug! rief er.

Gott sei bei Euch, Tom, Ihr braucht ja nicht alle Glser zu
zerbrechen! sagte Marks; hebt Euch Eure Faust auf, wenn's Noth thut.

Aber, meine Herren, soll ich denn keinen Theil am Profit haben? fragte
Haley.

Ist 's nicht genug, wenn wir 's Junge fr Euch fangen? sagte Locker.
Was wollt Ihr weiter?

So, sagte Haley, wenn ich Euch 's Geschft gebe, so ist's doch 'was
werth, -- wenigstens zehn Procent vom Profit, die Ausgaben abgerechnet.

Nu seht mir, sagte Locker mit einem schrecklichen Fluche seine schwere
Faust von Neuem auf den Tisch nieder schlagend, -- kenn' ich denn Euch
nicht, Daniel Haley? Denkt nur nicht, da Ihr ber mich kommen wollt!
Nicht wahr, -- Marks und ich, wir haben den Fanghandel angefangen grade
nur um solchen Herren, wie Ihr seid, zu dienen, und nichts fr uns
selbst dabei zu haben? -- Nein, noch lange nicht, wir wollen's
Frauenzimmer haben -- ganz, und Ihr haltet 's Maul, oder -- versteht
Ihr -- wir wollen sie beide haben. -- Wer sollt' uns hindern? -- Habt Ihr
uns nicht gezeigt, wie man 's machen mu? 'S ist uns so gut erlaubt wie
Euch, denk' ich; -- und wenn Ihr oder Shelby etwa Jagd auf uns machen
wollt, -- na, da seht zu wo die Rebhhner voriges Lager lagen; -- wenn
Ihr sie findet, soll's recht sein.

Schon gut, versteht sich, lat 's nur so gehen, sagte Haley
unruhig: -- Ihr fangt mir den Jungen dafr; -- wei ja, Tom, Ihr habt
immer ehrlich mit mir gehandelt, und Euer Versprechen gehalten.

Ihr wit's, sagte Tom, da ich keinen von Euren Schleich- und
Schniffelwegen habe, aber ich will auch selbst den Teufel nicht belgen
in meinem Geschfte; -- was ich sage, das halt' ich, -- Ihr wit das,
Dan Haley!

Ganz recht, ganz recht, ich sagt's schon, entgegnete Haley, und wenn
Ihr mir nur versprechen wollt, den Jungen in acht Tagen oder so an
irgend 'nen bestimmten Ort zu bringen, -- das ist Alles, was ich will.

Aber, 's ist nicht Alles, was ich will, -- lange nicht, -- sagte Tom.
Ihr mt nicht denken, ich bin mit Euch in Natchez im Geschfte gewesen
fr nichts, Haley; -- ich hab's gelernt von Euch 'nen Aal festzuhalten,
wenn ich ihn gefangen habe. Ihr mt mir fnfzig Dollar spucken, baar
Geld, -- oder mit dem Kinde geht's keinen Schritt vorwrts -- kenne
Euch!

Was, wenn Ihr ein Geschft macht, was Euch 'en tausend oder
sechszehnhundert rein einbringt, Tom, -- das ist unbillig, sagte Haley.

Ja, und haben wir denn nicht Geschfte auf fnf Wochen vollauf, -- mehr
als wir machen knnen? Und wenn wir nun Alles liegen lassen und rennen
hinter Eurem Jungen her und kriegen endlich 's Weibsstck doch nicht, --
und Weibsvolk ist teufelmig zu fangen, -- was dann? Werdet Ihr uns
dann einen Cent bezahlen, -- he, wollt Ihr? O ja, ich seh's Euch schon
thun, -- uf! -- Nein, nein, Ihr schmeit Eure fnfzig Dollar 'raus. Wenn
wir 's Geschft machen und 's lohnt sich, so sollt Ihr sie zurck haben;
wenn nicht, so ist's fr unsre Mhe, -- das ist nicht mehr als billig,
nicht wahr, Marks?

Versteht sich, versteht sich, sagte Marks mit vershnendem Tone, --
's ist nur ein Kostenvorschu, versteht Ihr -- he! he! he! -- wir sind
Advokaten. Wohl, wir mssen Alle bei guter Laune bleiben -- versteht
Ihr. Tom bringt Euch den Jungen wohin Ihr ihn haben wollt, -- nicht
wahr, Tom?

Wenn ich 's Junge finde, will ich's nach Cincinnati bringen und bei
Granny Betcher, am Strande, lassen, sagte Locker.

Marks hatte inzwischen aus seiner Tasche eine schmutzige Brieftasche
hervorgeholt, aus welcher er ein langes Papier herausnahm, sich
niedersetzte und seine stechenden, schwarzen Augen darauf heftend,
dessen Inhalt halblaut und abgebrochen zu lesen begann: Barnes --
Shelby Distrikt -- Bursche Jim, dreihundert Dollar, todt oder lebendig.
-- Edwards -- Dick und Luey -- Mann und Frau, sechshundert Dollar; --
Weib Polly mit zwei Jungen -- sechshundert fr sie oder ihren Kopf.

Ich laufe grade nur unsre Liste ber, um zu sehen, ob wir das Geschft
handlich bernehmen knnen. Locker, sagte er nach einer Pause, ich
denke, wir mssen Adams und Springer auf die Spur setzen; die sind schon
'ne gute Weile hier notirt.

Werden zu viel fordern, sagte Tom.

Das will ich schon abmachen; -- sind noch jung im Geschfte und mssen
billig arbeiten, sagte Marks, whrend er fortfuhr zu lesen. Hier sind
drei ganz leichte Flle, -- haben natrlich nichts weiter zu thun, als
sie niederzuschieen oder zu schwren, da sie niedergeschossen sind, --
knnen nicht viel fordern dafr. Die andern Flle, fgte er hinzu, sein
Papier wieder zusammenschlagend, lassen sich schon noch 'ne Weile
aufschieben. Also lat uns die besondern Umstnde hren, Mr. Haley. Ihr
habt sie also gesehen, die Dirne, als sie an's Ufer kam?

Zuverlssig, -- so deutlich, wie ich Euch sehe.

Und ein Mann half ihr das Ufer hinauf? fragte Locker.

Freilich, das hab' ich gesehen.

Wahrscheinlich, sagte Marks, ist sie irgendwo versteckt worden; aber
wo -- das ist die Frage. Tom, was sagt Ihr?

Mssen heute Abend noch ber den Flu, -- keine Frage, sagte Tom.

Aber da ist kein Boot, sagte Marks; -- und das Eis treibt
frchterlich, Tom, -- ist's nicht gefhrlich?

Wei nicht -- nichts, -- aber 's mu geschehen, sagte Tom entschieden.

Nun, aber, sagte Marks unruhig, 's wird -- seht nur, an das Fenster
gehend, 's ist finster wie in 'nem Wolfsrachen, und, Tom --

Kurz und lang, Ihr seid furchtsam, Marks; -- kann aber nichts helfen,
-- mt hinber. Glaube gar, Ihr wollt hier ein paar Tage liegen
bleiben, bis die Dirne in die Niederung geschleppt ist, nach Sandusky
oder so, eh' Ihr Euch dran macht.

O nein, bin nicht furchtsam, -- gar nicht, sagte Marks, nur --

Was nur? sagte Tom.

Ich meine 's Boot. Ihr seht, 's ist kein Boot hier.

Die Frau hat mir gesagt, da eins kommt diesen Abend, und da ein Mann
drin berfahren will. Alles oder nichts, wir mssen mit ihm hinber,
sagte Tom.

Ihr habt doch gute Hunde? sagte Haley.

Die allerbesten, sagte Marks; aber was helfen sie? Ihr habt nichts
von ihr, um sie dran riechen zu lassen.

O ja, entgegnete Haley triumphirend. Hier ist ihr Tuch, was sie in
der Eile auf dem Bette zurckgelassen hat, -- und ihr Hut auch.

Das ist gut, bemerkte Locker, gebt's her.

Aber die Hunde knnten 's Weib beschdigen, wenn sie unversehends drauf
zu kmen, sagte Haley.

Freilich, das ist 'ne andre Frage, erwiderte Marks. Unsre Hunde
rissen neulich 'nen Kerl halb in Stcke, in Mobile, eh' wir sie von ihm
loskriegen konnten.

Ja, also, seht, =die= Sorte wird verkauft darnach wie sie aussieht,
also, seht, -- das geht nicht, sagte Haley.

Freilich, entgegnete Marks. Auerdem, wenn sie irgendwo versteckt
worden ist, hilft's auch nichts. Hunde sind nichts ntze hier in diesen
Staaten, wo sie diese Ausreier fahren; natrlich, sie knnen die Spur
nicht finden. Sie sind nur weiter unten gut, in den Plantagen, wo die
Niggers, wenn sie ausreien wollen, selbst laufen mssen und keine Hlfe
bekommen.

Na denn, sagte Locker, der inzwischen hinausgegangen war, um
Erkundigungen einzuziehen, ich hre, der Mann mit dem Boote ist
gekommen; also Marks --

Dieser Ehrenmann warf einen traurigen Blick auf die behaglichen
Verhltnisse, die er verlassen mute, aber erhob sich langsam von seinem
Sitze, um zu gehorchen. Nach einigen weiter gewechselten Worten, das
Uebereinkommen betreffend, hndigte Haley mit sichtbarem inneren
Struben, die fnfzig Dollar an Tom aus, und das wrdige Trio trennte
sich sodann fr diesen Abend.

Wenn Einigen unter unsern gebildeten und christlichen Lesern die
Gesellschaft zuwider ist, in welche sie in dieser Scene eingefhrt
worden sind, so mssen wir sie bitten, ihre Vorurtheile bei Zeiten zu
bekmpfen, indem wir sie daran erinnern, da das Geschft des Einfangens
der Sklaven jetzt angefangen hat zu einem gesetzlichen und patriotischen
Berufe erhoben zu werden. Wenn all' das weite Land zwischen dem
Mississippi und dem stillen Ocean ein groer Markt fr Krper und Seelen
wird und menschliches Eigenthum die locomotiven Tendenzen des
neunzehnten Jahrhunderts beibehlt, so knnen der Sklavenhndler und der
Sklavenfnger leicht noch in den Reihen unserer Aristokratie Aufnahme
finden.

                         -------------------------

Whrend diese Scene sich im Wirthshause zutrug, verfolgten Sam und Andy
in hchster Selbstzufriedenheit ihren Rckweg. Sam befand sich im
Zustande der vollkommensten Ausgelassenheit und drckte seinen Jubel
durch bernatrliches Schreien und Geheul aller Art und durch die
verschiedenartigsten Bewegungen und Verdrehungen seines ganzen Krpers
aus. Zuweilen sa er rckwrts, mit dem Gesichte nach dem Pferdeschweife
zugewendet und sprang dann pltzlich mit einem Schrei und Burzelbaume
herum auf die andre Seite und zog sein Gesicht in eine ernste Lnge und
begann Andy in hochtrabenden Worten Vorhaltungen ber sein Lachen und
seine Narrenstreiche zu machen. Mit allen diesen Evolutionen gelang es
ihm, die Pferde in vollster Eile zu erhalten, bis deren Hufe endlich
zwischen zehn und elf Uhr auf dem gepflasterten Wege unter dem Balkone
des Hauses erklangen. Mistre Shelby flog hinaus auf den Balkon.

Bist Du es, Sam? Wo sind sie? rief sie.

Master Haley ausruht in dem Wirthshause; er 's schrecklich mde,
Missis, entgegnete Sam.

Und Elisa, Sam?

Sie 's ber den Jordan, -- wie man knnte sagen, im Lande Canaan.

Wie, Sam, was meinst Du? sagte Mrs. Shelby athemlos und beinahe
ohnmchtig, als sie die mgliche Meinung dieser Worte fate.

Wohl, Missis, der Herr schtzt die Seinen. Lizy ist ber den Flu
gekommen, in Ohio, so merkwrdig, als wenn sie der Herr hinber getragen
htte in 'nem feurigen Wagen und zwei Pferden.

Sam's Frmmigkeitsader war immer sehr voll und warm, wenn er vor seiner
Mistre stand, und er pflegte sich dann stark in biblischen Figuren und
Bildern zu bewegen.

Komm' hier herauf, Sam, sagte Mr. Shelby, der seiner Frau in die
Veranda gefolgt war, und erzhle Deiner Mistre, was sie zu wissen
verlangt. Komm', komm', Emilie, fgte er dann hinzu, Du bist kalt und
frierst; Du gibst Dich Deinen Gefhlen zu sehr hin.

Meinen Gefhlen zu sehr hin? Bin ich nicht ein Weib und -- eine Mutter?
Sind wir nicht beide Gott fr dieses arme Wesen verantwortlich? O mein
Gott! schreibe diese Snde nicht in unser Schuldbuch!

Welche Snde, Emilie? Du siehst ja selbst, da wir nur das gethan
haben, was wir gezwungen waren zu thun.

Und dennoch lastet ein schreckliches Gefhl von Schuld auf mir, sagte
Mrs. Shelby, -- ich kann es durch keine Vernunftgrnde verscheuchen.

Hier Andy, Du, Nigger, sei munter! rief Sam unter der Veranda; bringe
hier diese Pferde in den Stall, -- hrst nicht Master rufen? und gleich
darauf erschien Sam, sein Palmblatt in der Hand, in der Thr des
Zimmers.

Nun, Sam, erzhle uns deutlich, was sich begeben hat, sagte Mr.
Shelby. Wo ist Elisa, wenn Du es weit.

Wohl, Master, ich sah sie mit mein eigen Augen, wie sie ging 'nber das
schwimmende Eis. 's war ganz erstaunlich, 's war beinahe ein Wunder; --
und dann sah' ich einen Mann, der half ihr 'nauf die Ohioseite, und dann
war sie verschwunden in Nebel.

Sam, dies kommt mir etwas apocryphisch vor -- dieses Wunder. Ueber das
schwimmende Eis zu gehen, ist nicht so leicht, sagte Mr. Shelby.

Leicht, -- kein Mensch htt's thun knnen ohne den Herrn. Ja, seht,
sagte Sam, 's war just so. Master Haley, und ich, und Andy, wir kommen
an das kleine Wirthshaus am Flusse, und ich reite ein Stckchen voraus
(war so begierig Lizy zu fangen, konnt' mich gar nicht halten) -- und
wie ich nher an's Fenster komme, da stand sie gro und breit, und =Die=
hinter mir drein. So ich verliere meinen Hut, und schreie auf laut
genug, um alle Todten aufzuwecken. Lizy, natrlich, hrt's und duckt
sich, wie Master Haley das Fenster passirt; und dann, seht, springt sie
durch 'ne Seitenthr hinaus und hinunter an den Flu. Master Haley sah
sie ganz deutlich, und schrie uns zu, und er und ich und Andy, wir
hinter ihr drein. -- Sie springt grad' hinunter an den Flu, und da ging
ein Strom am Ufer entlang -- zehn Fu breit -- und dahinter 'ne groe
Menge Eis auf und nieder -- grade als wr's ein Eiland. Wir sind dicht
hinter ihr, und ich dacht' mein Seel', er htte sie sicher genug, --
wenn sie mit einmal solchen Schrei ausstt wie ich nimmer gehrt, --
und da war sie -- grad' hinber ber den Strom -- bis auf's Eis, und nun
ging sie weiter -- springend und schreiend, -- und das Eis ging krack!
-- krack! -- auf und nieder -- und sie drber weg springt grad' wie ein
Bock! -- O Herr! die Sprnge, die diese Dirnen in sich haben, 's ist
unglaublich -- denk' ich!

Mrs. Shelby sa schweigend da, bla vor innerer Aufregung, whrend Sam
seine Geschichte erzhlte.

Gott sei gelobt, so ist sie nicht todt! sagte sie dann; aber wo ist
das arme Kind nun?

Der Herr wird sorgen, sagte Sam, seine Augen fromm aufrollend. Wie
ich gesagt habe, 's ist 'ne Vorsehung und kein Zweifel, wie Missis uns
immer gelehrt hat. Da immer sind Werkzeuge, um des Herrn Willen zu thun.
So, wenn's ich nicht gewesen wre heut, sie wre ein Dutzend Mal
gefangen worden. War's nicht ich, der die Pferde los lie diesen Morgen
und bis gegen Mittag mit herum jagte? Und habe ich nicht Master Haley
gut fnf Meilen weit vom Wege abgebracht, diesen Abend, oder er htte
Lizy so leicht eingeholt, wie ein Hund 'nen Affen. Diese Dinge alle
Vorsehung.

Diese Dinge sind eine Art Vorsehung, die ich Dir in Zukunft rathe wohl
zu vermeiden, Master Sam. Ich erlaube nicht dergleichen Streiche gegen
Herren auf meiner Besitzung, sagte Mr. Shelby mit so vielem Ernste,
wie er unter den obwaltenden Umstnden in seinem Gesichte
zusammenbringen konnte.

Es ist jedoch eben so vergeblich, einen Neger glauben machen zu wollen,
da man erzrnt gegen ihn sei, wie ein Kind; beide erkennen
instinktmig den wahren Stand der Dinge, aller Bemhungen ungeachtet,
den entgegengesetzten Eindruck zu erzeugen, und Sam wurde dehalb durch
diesen Vorwurf nicht im Geringsten entmuthigt, obgleich er die Miene
ernster Betrbni annahm und mit heruntergezogenen Mundwinkeln in hchst
reuiger Haltung da stand.

Master ganz recht -- ganz recht; war sehr hlich von mir -- ohne
Zweifel, -- und natrlich, Master und Missis werden so 'was nicht gut
heien. Sehe das ein, ja -- aber ein armer Nigger wie ich manchmal gro
in Versuchung, hlich zu handeln, wenn ein Mensch sich solchen Anschein
geben will, wie da Mr. Haley; -- er kein Gentleman; -- wer so erzogen
worden wie ich, das leicht kann sehen.

Gut, Sam, sagte Mrs. Shelby, da Du Deine Fehler gebhrender Maen
einzusehen scheinst, so magst Du nun zu Tante Chlo gehen und ihr sagen,
da sie Dir von dem kalten Schinken etwas geben soll, der von heut
Mittag brig geblieben ist. Du und Andy, Ihr mt beide hungrig sein.

Missis gro viel zu gut fr uns, sagte Sam, indem er seine Verbeugung
mit groer Behendigkeit machte und das Zimmer verlie.

Unsere Leser werden bemerkt haben, was von uns schon frher angedeutet
worden ist, da Sam ein angeborenes Talent besa, welches ihn in einem
politischen Leben ohne Zweifel zu groer Auszeichnung erhoben haben
wrde, -- das Talent, ein Kapital aus Allem zu machen, was sich ihm
darbot, und es zu seinem besondern Preise und Ruhme zweckmig
anzulegen. Nachdem er jetzt, wie er glaubte, hinreichende Frmmigkeit
und Demuth an den Tag gelegt hatte, um sich die Zufriedenheit des
herrschaftlichen Wohnzimmers zu sichern, klappte er sein Palmblatt um
den Kopf mit einer Art #rakish, free and easy air#, und wandte sich dem
Gebiete Tante Chlo's zu, mit der Absicht, diesen Abend in der Kche
eine sehr bedeutende Rolle zu spielen.

Ich will reden zu diesen Niggers, sagte er zu sich selbst, nun ich
'ne Gelegenheit habe. Herr! wie will ich das rollen auf, da sie sollen
starren!

Es mu hier erwhnt werden, da es von jeher zu Sam's grten Genssen
gehrt hatte, seinen Herrn als Diener auf Reisen zu politischen
Versammlungen jeder Art begleiten zu drfen, wo er, auf irgend einem
eisernen Gitter sitzend oder hoch oben in einem Baume hngend, die
Redner mit dem grten Wohlgefallen anzuhren schien, und sodann zu den
verschiedenartigen Brdern seiner eignen Farbe hinab stieg, welche sich
zu demselben Zwecke hier versammelt hatten, und diese durch die
seltsamsten Possen und Nachahmungen zu ergtzen suchte, welche jedoch
alle von ihm mit dem feierlichsten und unerschtterlichsten Ernste zum
Besten gegeben wurden; und obgleich die um ihn zunchst versammelten
Zuhrer meist Brder seiner eigenen Farbe waren, so geschah es doch
nicht selten, da diese von einem Kranze hellerer Gesichter
eingeschlossen wurden, welche lachend und winkend zu Sam's grter
Genugthuung zuhrten. Sam sah berhaupt die Redekunst als das Feld
seines Berufes an und lie keine Gelegenheit vorbergehen, diesen Beruf
zu verherrlichen.

Leider herrschte zwischen Sam und Tante Chlo seit alten Zeiten eine Art
chronischer Fehde, oder vielmehr eine entschiedene Klte; allein, da
Sam, als nothwendige Unterlage zu seinen Operationen, auf etwas Solides
aus dem Departement der Vorrathskammer speculirte, so beschlo er bei
dieser Gelegenheit den mglichst vershnendsten Ton anzustimmen; denn er
wute sehr wohl, da, obgleich die von Missis gegebenen Befehle ohne
Zweifel buchstblich befolgt werden wrden, es dennoch fr ihn von
Vortheil sein knne, wenn es ihm zugleich gelnge, den guten Willen
Tante Chlo's fr sich zu gewinnen. Er erschien dehalb vor ihr mit
einer rhrenden Miene von Erschpfung und Resignation, wie Jemand, der
um eines verfolgten Mitmenschen willen namenlose Leiden ausgestanden
hat, -- brachte die von Missis erhaltene Weisung vor, sich an Tante
Chlo wegen der zur Wiederherstellung seines Gleichgewichts
erforderlichen Speisen und Getrnke zu wenden, -- und erkannte dadurch
auf unzweifelhafte Weise ihr Hoheitsrecht ber das ganze
Kchendepartement mit allen Zubehrungen an.

Die List gelang vollkommen; denn nie wurde eine arme, einfache,
unschuldige Seele durch einen Stimmen sammelnden Parlamentscandidaten
leichter gewonnen, als Tante Chlo durch Sam's Schmeicheleien; und wenn
er selbst der verlorene Sohn gewesen wre, so htte er nicht mit mehr
mtterlicher Freigebigkeit berschttet werden knnen. Er fand sich also
sehr bald, glcklich und ruhmvoll vor einer zinnernen Pfanne sitzend,
welche eine Art #olla potrida# alles dessen enthielt, was in den letzten
zwei bis drei Tagen auf den Tisch gekommen war. Saftige Scheiben
Schinken, goldene Stcke Kornkuchen und Fragmente einer Pastete von
jeder denkbaren mathematischen Figur, Hhnerflgel, Kropf und Magen,
Alles zeigte sich in einer malerischen Mischung; und Sam, als
Beherrscher alles dessen, was er bersehen konnte, sa mit frhlich auf
die Seite gedrcktem Palmblatte davor, und erlaubte huldreich Andy, an
seiner rechten Seite zu sitzen.

Die ganze Kche war angefllt mit seinen Gevattern, die von ihren
verschiedenen Htten herbeigeeilt waren und sich hineingedrngt hatten,
um das Resultat der Tagesbegebenheiten zu hren. Jetzt hatte Sam's
glorreiche Stunde geschlagen. Die Geschichte des Tages wurde mit jeder
mglichen Ausschmckung wiederholt, die dazu dienen konnte, den Effekt
zu erhhen; denn Sam, gleich einigen unserer modernen Dilettanti, lie
nie eine Erzhlung an ihrer Vergoldung dadurch verlieren, da sie durch
seine Hnde ging. Brllendes Gelchter begleitete den Bericht, und wurde
von der jngern Brut, welche in verschiedenen Gruppen auf dem Erdboden
und in allen Ecken umher lag, aufgenommen und fortgesetzt. Sam hingegen
bewahrte whrend dieses Tumultes und Gelchters den unerschtterlichsten
Ernst, nur von Zeit zu Zeit seine Augen aufrollend und seinen Zuhrern
unaussprechlich komische Blicke zuwerfend, ohne jedoch seinen
salbungsreichen Ton zu verlassen.

Seht, Landsleute, sagte Sam, whrend er eine Entenkeule mit groer
Energie aufhob, -- Ihr seht nun, dieses Kind grade -- wie das ist ein
Schutz geworden fr Euch alle, -- ja, Euch alle, denn wer einen von
unsern Leuten versucht zu langen, ist eben so gut, als wenn alle: Ihr
seht, das =Princip= 's dasselbe, -- das ist klar. Und jeder von diesen
Treibern, der da kommt hier herum schnffeln nach unsern Leuten, ja, er
soll mich treffen in seinem Wege; -- =ich= bin der Kerl, mit dem er
anbinden mu, -- =ich= bin der Kerl, zu dem Ihr alle kommen mt,
Brder, -- ich will aufstehen fr Eure Rechte, -- ich sie vertheidigen
bis zum letzten Hauch!

Aber Sam, erst diesen Morgen sagtest Du mir, da Du Master helfen
wolltest, Lizy zu fangen, -- scheint mir doch, 's hngt nicht recht
zusammen, was Du sagst, bemerkte Andy.

Ich will Dir sagen, Andy, entgegnete Sam mit dem Ausdrucke einer
furchtbaren Ueberlegenheit, mut nicht sprechen, von was Du gar nicht
verstehst, -- Burschen wie Du, Andy, meinen's gut, aber knnen nicht die
groen Princips von Handlungen colludiren.

Andy machte eine verlegene Miene, besonders in Folge des gewichtigen
Wortes colludiren, welches alle die jngeren Mitglieder der
Gesellschaft als entscheidend in der Sache ansahen, whrend Sam
fortfuhr:

Das war =Gewissen=, Andy; -- als ich dachte drauf Lizy zu verfolgen,
glaubt' ich, Master sitze den Weg; als ich fand, Missis sa den andern
Weg, das war Gewissen =noch mehr=, -- denn 's immer besser fr unser
Einen auf Missis Seite halten, -- so Du siehst also, ich bin persistent
auf jedem Wege, und halte auf Gewissen -- und auf Princips. Ja,
Princips, sagte Sam, einem Gnsehalse einen enthusiastischen Sto
versetzend, -- wozu sind Princips gut, wenn wir nicht persistent sind,
ich mchte wissen? -- Da, Andy, kannst den Knochen hier haben, -- 's ist
noch was dran.

Da Sam's Zuhrer mit offenem Munde an seinen Worten hingen, so konnte er
nicht anders als fortfahren.

Dieser Gegenstand von Persistenz, Brder Niggers, sagte Sam mit einer
Miene, als wolle er auf ein hchst abstraktes Thema eingehen, -- ist
ein Ding nicht ganz klar fr manchen Einen. Seht, wenn ein Mensch ist
ganz einen Tag und Nacht fr eine Sache, und den nchsten fr 'ne andre,
die Leute sagen (natrlich genug) er ist nicht persistent; -- Andy,
reich' mir das Stck Kornkuchen da. -- Aber wollen's nher anschauen.
Ich hoffe, die Herren und die Damen vom schnen Geschlecht werden 'ne
ordinre Gleichung entschuldigen. Hier! ich will hinauf steigen den
Heuhaufen. Gut, ich setze meine Leiter diese Seite, -- 's geht nicht; --
dann, versteht sich, ich setze meine Leiter just die andere Seite, --
bin ich nicht persistent? Ich bin persistent, weil ich irgend eine Seite
hinauf steigen will, wo meine Leiter ist; -- seht Ihr nicht das alle?

'S ist das Einzige, wo Du je bist persistent in, Gott wei! murmelte
Tante Chlo, welche allmhlig anfing aufstzig zu werden, da die
Frhlichkeit des Abends fr sie -- nach einem biblischen Gleichnisse --
wie Essig auf der Kreide war.

Ja, wirklich! sagte Sam, erfllt von Abendessen und Ruhmgefhl, zu
einer letzten Anstrengung sich erhebend. Ja, meine Mitbrger und Damen
vom andern Geschlecht im Allgemeinen, ich habe Princip's, -- bin stolz
zu bekennen, -- sind vortrefflich in dieser Zeit und aller Zeit. Ich
habe Princips, und halte fest dran wie vierzig; -- ja, Alles was ich
denke, ist Princip, ich gehe hinein; -- ich fragte nicht, wenn sie mich
verbrennen wollten lebendig, ich ging grade 'nauf an den Scheiterhaufen,
ich wollte, -- und sagte, hier ich komme, mein Blut zu gieen fr meine
Princips, mein Vaterland, und die gemeinen Vortheile der menschlichen
Gesellschaft.

So, sagte Tante Chlo, ich denke, eins von Deinen Princips wird sein,
endlich zu Bett zu gehen, und nicht alle Welt aufzuhalten bis 'n frhen
Morgen. Nu, Ihr da, Jungens, wenn Ihr nicht 'was an den Kopf haben
wollt, macht fort, -- mchtig schnell!

Niggers! Ihr alle! sagte Sam, sein Palmblatt mit Wohlwollen
schwenkend, ich gebe Euch allen meinen Segen; -- geht zu Bett und seid
gute Jungens!

Und nach dieser pathetischen Benediktion zerstreute sich die
Versammlung.




Neuntes Kapitel.

Worin es sich zeigt, da ein Senator nur ein Mensch ist.


Der Schein eines behaglichen Feuers fiel auf den Teppich eines kleinen,
bequemen Wohnzimmers, und schimmerte auf den Seiten der Theetassen und
der blank geputzten Theekanne, als Senator Bird sich seine Stiefeln
auszog, als Vorbereitung dazu, seine Fe in ein Paar neuer, schner
Pantoffeln schlpfen zu lassen, welche seine Frau fr ihn whrend seiner
Abwesenheit in seinen Geschften als Senator gefertigt hatte. Mistre
Bird, ein Bild innerer Wonne in diesem Momente, war beschftigt, das
Arrangement des Tisches zu treffen, whrend sie dabei von Zeit zu Zeit
ermahnende Bemerkungen an eine Zahl frhlicher Kleinen ergehen lie,
welche sich mit allerhand Arten nicht zu beschreibender, muthwilliger
Streiche belustigten, die je Mtter seit der Sndfluth in Erstaunen
gesetzt haben.

Tom, la den Thrknopf los, es kmmt ein Mann! -- Marie! Marie! zupfe
die Katze nicht an dem Schwanz, -- armes Thierchen! Dim, Du mut nicht
auf den Tisch klettern, -- nein! -- Ach, Du kannst nicht glauben, mein
Lieber, wie Du uns Alle berrascht hast, Dich heut Abend noch hier zu
sehen! sagte sie, als sie endlich einen Augenblick Zeit gefunden, auch
ein paar Worte an ihren Mann zu richten.

Ja, ja, ich dachte, ich wollte grad 'mal hinunterlaufen, eine Nacht
hier zubringen und mich zu Hause pflegen. Ich bin todtmde und mein Kopf
thut mir weh.

Mrs. Bird warf einen Blick nach der Kampferflasche, welche in dem halb
geffneten Wandschranke stand, und verrieth die Absicht, sie holen zu
wollen, allein ihr Mann verhinderte es.

Nein, nein, Marie, nicht doktern, eine Tasse guten, heien Thees und
etwas von unserer guten Hauskost ist Alles, was ich brauche. 's ist ein
ermdendes Geschft, -- diese Gesetzgebung!

Und der Senator lchelte, als wenn er sich in dem Gedanken gefiele, sich
als eine Art Opfer fr sein Vaterland anzusehen.

Nun, sagte seine Frau, als die Geschfte am Theetische allmhlich
nachzulassen schienen, was ist denn im Senate verhandelt worden?

Es war eine ganz ungewhnliche Erscheinung bei der sanften, kleinen
Mistre Bird, da sie sich jemals den Kopf mit dem beschwerte, was im
Senatshause vorging, indem sie weislich bedachte, da sie genug mit
ihren eigenen Geschften zu thun habe. Mr. Bird schlug dehalb seine
Augen verwundert auf und sagte nur:

Nicht viel von Bedeutung.

Aber ist es denn wahr, fuhr seine kleine Frau fort, da ein Gesetz
erlassen worden ist, was verbietet, den armen farbigen Leuten, die
manchmal des Weges kommen, zu essen und zu trinken zu geben? Ich hrte
davon reden, da ein solches Gesetz im Vorschlage sei; aber ich konnte
mir nicht denken, da irgend eine christliche Gesetzgebung es wirklich
erlassen knne!

Wie, Marie, Du wirst ja frmlich ein Politiker, -- mit einem Male,
sagte Mr. Bird lchelnd.

Nein, Thorheit! Ich kmmere mich fr gewhnlich nicht im Geringsten um
Eure Politik, aber dieses wrde ich fr etwas durchaus Grausames und
Unchristliches halten. Nicht wahr, lieber Mann, ein solches Gesetz ist
nicht erlassen worden?

Es ist allerdings ein Gesetz erlassen worden, mein Kind, welches
verbietet, den von Kentucky herber kommenden flchtigen Sklaven
fortzuhelfen. So weit haben es diese rcksichtslosen Abolitionisten
getrieben, da unsere Brder in Kentucky in gewaltiger Aufregung sind,
und es sowohl nothwendig wie christlich und billig zu sein scheint, da
von Seiten unseres Staates Etwas geschehe, um diese Aufregung zu
stillen.

Und worin besteht das Gesetz? Es verbietet uns doch nicht, diesen armen
Kreaturen ein Nachtlager zu geben, und ihnen etwas zu essen und ein paar
alte Kleidungsstcke zu reichen, und sodann ruhig wieder fortzuschicken?
-- oder thut es das?

Allerdings, meine Liebe, das wrde helfen und begnstigen sein, --
verstehst Du?

Mrs. Bird war eine furchtsame, scheue, kleine Frau, ungefhr vier Fu
gro, mit sanften, blauen Augen, einem Gesichtchen, so zart wie eine
Pfirsichblthe, und einer weichen, sanften Stimme. Was ihren Muth
betraf, so war es bekannt, da ein miger Truthahn sie durch sein
erstes Kollern oft in die Flucht gejagt hatte, und ein gewhnlicher
Haushund sie durch bloes Zhnefletschen zur Unterwrfigkeit bringen
konnte. Ihr Mann und ihre Kinder waren ihre Welt, und in dieser
herrschte sie mehr durch Bitte und Ueberredung, als durch Grnde und
Befehle. Es gab nur eine Art von Veranlassung, die sie zu Heftigkeit
aufreizen konnte, und diese war gerade gegen ihr sanftes, mitfhlendes
Gemth gerichtet; -- jede Art von Grausamkeit versetzte sie in heftige
Leidenschaft, die um so auffallender und unerklrlicher war, als sie mit
der gewhnlichen Sanftmuth ihres Gemthes in so grellem Widerspruche
stand. Obgleich sie fr gewhnlich die nachsichtigste Mutter und so sehr
leicht zu erbitten war, so bewahrten ihre Shne dennoch ein sehr
ehrfurchtsvolles Andenken an eine strenge Zchtigung, die sie ihnen
einst ertheilt hatte, als sie in Verbindung mit einigen gottlosen Buben
der Nachbarschaft ein hlfloses Hhnchen gesteinigt hatten.

Ich sage Dir, pflegte Bill zu sagen, ich war ganz erschrocken damals.
Mutter kam auf mich zu, als wenn sie rasend wre, und peitschte mich,
und warf mich in's Bett, ohne Abendbrod, ehe ich nur zur Besinnung
kommen konnte; und nachher hrte ich Mutter'n vor der Thre weinen, was
mir noch mehr weh that, als alles Andere. Ich sage Dir, wir Jungens
haben nie wieder ein Huhn gesteinigt!

Bei der gegenwrtigen Veranlassung erhob sich Mrs. Bird schnell mit hoch
gertheten Wangen, die ihre ganze Erscheinung verschnerten, ging mit
einer ganz entschlossenen Miene auf ihren Mann zu und sagte zu ihm in
entschiedenem Tone:

Nun, John, ich mchte wissen, ob Du solch ein Gesetz fr recht und
christlich hltst?

Du wirst mich doch nicht todt schieen, Marie, wenn ich ja sage?

Ich htte es nie von Dir gedacht, John; -- nicht wahr, Du hast nicht
dafr gestimmt?

Ganz gewi habe ich, mein schner, kleiner Politiker.

So solltest Du Dich schmen, John! Arme, heimathlose, obdachlose
Geschpfe! Es ist ein schndliches, schlechtes, abscheuliches Gesetz,
und ich will bei der ersten Gelegenheit, die sich mir darbietet, es
bertreten; und ich hoffe, da sich mir eine darbieten wird, gewi! Es
ist weit gekommen, wenn eine Frau nicht mehr ein warmes Abendbrod und
ein Bett solchen verkmmernden Kreaturen geben kann, gerade dehalb,
weil sie Sklaven sind, und ihr ganzes Leben lang mihandelt und gedrckt
worden sind!

Aber, Marie, hre mich nur einmal an. Deine Gefhle sind ganz wahr und
achtungswerth, und ich liebe Dich um ihrer willen; aber, meine
Theuerste, wir drfen unser Urtheil nicht mit unsern Gefhlen davon
laufen lassen; bedenke, es hat nichts mit unsern Privatempfindungen zu
thun, -- es handelt sich hier um groe, allgemeine Interessen, -- es
herrscht und steigert sich tglich eine so allgemeine Aufregung, da wir
unsere Privatempfindungen bei Seite setzen mssen.

Hre, John, ich verstehe nichts von Politik, aber ich kann meine Bibel
lesen; und die sagt mir, da ich Hungrige speisen, Nackte kleiden und
die bekmmerten Herzens sind, trsten soll; und meiner Bibel bin ich zu
folgen entschlossen.

Allein in Fllen, in denen eine solche Handlungsweise von Deiner Seite
groe allgemeine Nachtheile zur Folge haben wrde --

Gott gehorchen kann nie allgemeine Uebel herbei fhren; ich wei, es
kann nicht. Es ist immer am sichersten, berall das zu thun, was =Er uns
gebietet=!

Hre mich nur einmal an, Marie, und ich kann Dir einen ganz klaren
Beweis geben, da --

O Thorheit, John! Du knntest die ganze Nacht sprechen, es wrde Dir
doch nicht gelingen. Ich frage Dich, John, knntest Du ein armes,
frierendes, hungriges Wesen von der Thr jagen, weil es ein entlaufener
Sklave ist? Knntest =Du= es thun?

Um die Wahrheit zu sagen, unser Senator hatte das Unglck, ein Mann von
ganz besonders menschenfreundlichem, zugnglichem Gemthe zu sein, und
Jemanden von sich zu stoen, der sich in Noth und Elend befand, war nie
seine starke Seite gewesen; und was die Verlegenheit, in welche ihn
dieses Argument versetzte, noch vermehrte, war das, da seine Frau es
wute, und also einen Angriff auf einen ganz unzuvertheidigenden Punkt
machte. Er nahm dehalb zu den unter solchen Umstnden gewhnlichen
Mitteln, Zeit zu gewinnen, Zuflucht: er sagte hm und hustete mehrmals,
und nahm sein Taschentuch heraus, um seine Brillenglser abzuwischen.
Mrs. Bird inzwischen, die den vertheidigungslosen Zustand des
feindlichen Gebietes erkannte, war gewissenlos genug, ihren Vortheil
noch weiter zu verfolgen.

Ich mchte Dich das wohl thun sehen, John, -- wahrlich! Zum Beispiel,
ein Weib in ein Schneegestber hinausstoen; oder vielleicht wrdest Du
sie aufnehmen und dann in's Gefngni abliefern, -- nicht wahr? Das wre
ganz was fr Dich!

Es wrde natrlich eine sehr unangenehme Pflicht fr mich sein, begann
Mr. Bird in gemigtem Tone.

Pflicht, John! gebrauche nicht diesen Ausdruck! Du weit, es ist keine
Pflicht, es kann keine Pflicht sein! Wenn Leute wollen, da ihre Sklaven
nicht davonlaufen, so mgen sie sie gut behandeln, -- das ist meine
Ansicht. Wenn ich Sklaven bese (was, ich hoffe, nie geschehen wird),
so mchte ich wohl sehen, ob sie mir oder Dir davonlaufen wrden, John.
Ich sage Dir, sie laufen nicht davon, wenn sie glcklich sind; und wenn
sie entfliehen, -- die armen Wesen! -- so haben sie genug an Klte,
Hunger und Furcht auszustehen, auch wenn sie nicht von Jedermann
feindlich behandelt und verfolgt werden; Gesetz oder nicht, ich will es
nimmer thun, so helfe mir Gott!

Marie! Marie! Meine Liebe, la mich mit Dir aus Grnden streiten,
sagte Mr. Bird.

Ich hasse dieses Streiten aus Grnden, John, -- besonders ber solche
Gegenstnde. Ihr Politiker habt eine Weise, eine einfache, richtige
Sache gnzlich zu verdrehen, und wenn es zum Handeln kmmt, so glaubt
Ihr selbst nicht dran. Ich kenne Dich zu gut, John, Du hltst es ebenso
wenig fr recht wie ich, -- und Du wrdest es ebenso wenig thun wie
ich.

In diesem kritischen Momente steckte der alte Cudjoe, der einzige
schwarze Diener des Hauses, seinen Kopf in die Thr und bat, da
Missis in die Kche kommen mchte; und unser Senator, ziemlich
erleichtert, schaute seiner kleinen Frau mit einer komischen Mischung
von Vergngen und Aerger nach, und setzte sich sodann in den Lehnstuhl
und begann die Zeitungen zu lesen.

Wenige Augenblicke nachher wurde die Stimme seiner Frau in einem
hastigen, eifrigen Tone an der Thr gehrt: -- John! John! bitte, komm'
einen Augenblick hierher!

Mr. Bird legte die Zeitungen bei Seite und ging nach der Kche, wo er
ber den Anblick erschrack, der sich ihm darbot. Ein junges, schlank
gebautes Frauenzimmer, mit zerrissenen und gefrorenen Kleidungsstcken,
nur mit einem Schuhe bekleidet, whrend von dem andern verwundeten und
blutenden Fue der Strumpf herabgerissen war, befand sich in einer
todtenhnlichen Ohnmacht auf zwei Sthlen liegend. Der Ausdruck des
verachteten Geschlechtes lag auf ihrem Gesichte, aber jeder Umstehende
fhlte unwillkhrlich die rhrende, traurige Schnheit desselben,
whrend die steinerne Schrfe, der kalte, starre, todtenhnliche Anblick
einen feierlichen Schauer ber Jeden ausgossen. Mr. Bird hielt den Athem
an und stand schweigend da. Seine Frau und deren einzige farbige
Dienerin, die alte Tante Dinah, waren eifrigst bemht, wiederbelebende
Mittel zur Anwendung zu bringen, whrend der alte Cudjoe den Knaben auf
seinem Schooe hielt, ihm die Schuhe und Strmpfe auszog und die kalten
kleinen Fe zu erwrmen versuchte.

Nu sicher, ist's nicht ein schrecklicher Anblick zu sehen! sagte die
alte Dinah mitleidig; 's scheint, sie ist von der Hitze ohnmchtig
geworden. Sie war ziemlich munter als sie hereinkam, und fragte, ob sie
sich hier ein Bichen wrmen knnte; und ich wollte sie just fragen, wo
sie her kme, als sie gradezu ohnmchtig niederfiel. Hat nie viel harte
Arbeit gethan, vermuthe, nach ihren Hnden.

Armes Wesen! sagte Mrs. Bird mitleidig, whrend das Frauenzimmer
langsam ihre groen, schwarzen Augen aufschlug, und gedankenlos um sich
schaute. Pltzlich fuhr ein schmerzhafter Zug ber ihr Gesicht, und sie
sprang auf mit den Worten: O mein Harry! Haben sie ihn?

Der Knabe, als er dies hrte, sprang von Cudjoe's Schoo, und lief an
ihre Seite, indem er seine Arme zu ihr hinaufstreckte. O, da ist er! da
ist er! rief sie.

O Madame, fuhr sie in wilder Aufregung fort, ich bitte Sie,
beschtzen Sie uns! lassen Sie sie ihn mir nicht nehmen!

Niemand soll Dir hier ein Leid zufgen, armes Weib, sagte Mrs. Bird,
ihr Muth einflend. Du bist hier sicher; frchte nichts.

Gott segne Sie! sagte das Weib schluchzend und ihr Gesicht bedeckend,
whrend der Knabe, als er seine Mutter weinen sah, auf ihren Schoo zu
steigen versuchte.

Durch manche sanfte, weibliche Zusprache, die Niemand besser verstand
als Mistre Bird, wurde das arme Weib allmhlig ruhiger. Ein
einstweiliges Bett wurde fr sie auf den Sitz am Feuer aufgeschlagen;
und nach kurzer Zeit fiel sie mit dem Kinde in einen festen Schlaf,
welches, nicht weniger ermdet, ebenfalls in tiefen Schlummer versank,
whrend sie es in ihrem Arme hielt; denn die Mutter widerstand mit
fieberhafter Angst jedem, auch dem freundlichsten Versuche, es ihr
abzunehmen, und selbst whrend des Schlafes prete sich ihr Arm mit
krampfhaftem Drucke um dasselbe, als knne sie selbst dann nicht in
ihrer wachsamen Hut betrogen werden.

Mr. und Mistre Bird waren nach ihrem Zimmer zurckgegangen, wo, so
sonderbar es erscheinen mag, von keiner Seite irgend eine Erwhnung der
vorangegangenen Unterhaltung gemacht wurde, indem Mrs. Bird eifrig zu
stricken begann, und Mr. Bird sich den Anschein gab, als lese er die
Zeitungen.

Ich mchte wissen, wer und was sie ist! sagte endlich Mr. Bird, das
Blatt niederlegend.

Wenn sie aufwacht und sich erholt hat, knnen wir es hren, entgegnete
Mrs. Bird.

Hre, Frau! sagte Mr. Bird, nachdem er wieder eine Weile ber seinen
Zeitungen gebrtet hatte.

Was, lieber Mann?

Sie knnte wohl keins von Deinen Kleidern tragen, wenn Du einen Saum
auslieest, oder so etwas? Sie scheint etwas grer zu sein als Du.

Ein stilles Lcheln schimmerte ber Mistre Bird's Gesicht, whrend sie
antwortete: Wir wollen sehen.

Nach einer neuen Pause brach Mr. Bird von Neuem hervor: hre Frau!

Was denn nun?

Sieh, da ist der alte Mantel von Bombasin, den Du besonders aufhebst,
um ihn ber mich zu breiten, wenn ich mein Nachmittagsschlfchen mache,
-- den knntest Du ihr wohl geben, -- sie braucht neue Kleidung.

In diesem Augenblicke schaute Dinah in die Thr mit der Anzeige, da die
Frau erwacht sei, und Missis zu sehen wnsche.

Mr. und Mistre Bird gingen nach der Kche, von ihren beiden ltesten
Shnen gefolgt, whrend die jngere Brut vorher schon in ihre Betten
sicher niedergelegt worden war.

Die Frau sa jetzt aufrecht auf dem Sitze am Feuer, unverwandt in die
Gluth mit einem ruhigen, schmerzlichen Ausdrucke schauend, der von ihrer
vorherigen, wilden Aufregung sehr verschieden war.

Hast Du nach mir verlangt? sagte Mrs. Bird in sanften Tnen. Ich
hoffe, Du fhlst Dich jetzt wohler, arme Frau.

Ein tiefer, bebender Seufzer war die einzige Antwort; aber sie schlug
ihre dunklen Augen auf, und heftete sie auf die Fragende mit einem so
trostlosen, flehenden Blicke, da der kleinen Frau augenblicklich die
Thrnen in die Augen traten.

Du brauchst Dich nicht zu frchten, wir sind Freunde hier, arme Frau!
Sage mir, woher Du kommst, und was Du willst? sagte sie.

Ich kam von Kentucky, entgegnete die Frau.

Wann? fragte Mr. Bird, das Verhr fortsetzend.

Diesen Abend.

Auf welche Weise kamst Du herber?

Ich ging ber das Eis.

Ueber das Eis? wiederholten alle Umstehenden.

Ja, entgegnete die Frau langsam. Gott half mir, und ich ging ber das
Eis; denn Jene waren hinter mir, -- dicht hinter mir, -- und es gab
keinen andern Weg!

O Herr! rief Cudjoe, Missis, das Eis ist lauter Stcke und Blcke, --
geht auf und nieder in dem Wasser!

Ich wute das, -- ich wute es! sagte sie wieder mit lebhafter
Aufregung; -- aber ich that es! Ich htte nicht gedacht, da ich's
knnte, -- ich dachte nicht, da ich hinber kommen wrde, aber 's war
mir gleich! ich konnte nur sterben, wenn's nicht gelang. Der Herr half
mir; -- o Niemand wei, wie gro die Hlfe des Herrn ist, bis er's
versucht, sagte die Frau mit flammendem Auge.

Warst Du Sklavin? fragte Mr. Bird.

Ja, Herr, ich gehrte einem Manne in Kentucky.

War er hart gegen Dich?

Nein, Herr, er war ein guter Herr.

Oder war Deine Mistre hart gegen Dich?

Nein, o nein! meine Mistre war immer gut gegen mich.

Was hat Dich denn aber veranlat, eine gute Heimath zu verlassen, und
davon zu laufen, um Dich solchen Gefahren auszusetzen?

Die Frau schaute auf zu Mrs. Bird mit einem scharfen, forschenden
Blicke, und es entging ihr nicht, da diese in tiefe Trauer gekleidet
war.

Madame, sagte sie pltzlich, haben Sie jemals ein Kind verloren?

Die Frage kam unerwartet, und war ein Sto auf eine frische Wunde; denn
erst einen Monat zuvor war ein Lieblingskind der Familie in's Grab
gelegt worden.

Mr. Bird wandte sich um und ging an's Fenster, und Mrs. Bird brach in
Thrnen aus; aber ihre Stimme wieder sammelnd, sagte sie:

Warum fragst Du mich das? -- ja, ich habe ein Kind verloren.

Dann werden Sie fr mich empfinden. Ich habe zwei verloren, eins nach
dem andern, -- ich lie dort ihre Grber zurck, als ich fortging, --
und hatte nur dieses Eine noch. Ich schlief nie eine Nacht ohne ihn; er
war Alles, was ich besa. Er war mein Trost und mein Stolz, Tag und
Nacht! und, Madame, sie wollten ihn mir nehmen, -- ihn verkaufen --
verkaufen nach Sden hinunter, -- das Kind, das noch nie in seinem Leben
seine Mutter verlassen hatte! -- Ich konnt' es nicht tragen, Madame. Ich
wute, da ich nie wieder zu etwas tauglich sein wrde, wenn sie es
thaten; und als ich dehalb wute, da die Papiere unterzeichnet waren,
und da er verkauft war, nahm ich ihn und entfloh in der Nacht; und sie
verfolgten mich, -- der Mann, der ihn gekauft hatte, und einige andre
von Masters Leuten, -- und sie kamen dicht hinter mir, und ich hrte
sie. Da sprang ich auf's Eis, -- und wie ich hinber kam, wei ich
nicht, -- das Erste, was ich mich besinnen kann, war, da mir ein Mann
das Ufer hinauf half.

Das Weib schluchzte nicht und weinte nicht; es war bis zu einem Stadium
gelangt, wo Thrnen versiegen. Aber alle Umstehenden verriethen, je nach
der ihnen eigenthmlichen Weise, das innigste Mitgefhl.

Die beiden kleinen Knaben, nachdem sie verzweiflungsvoll ihre Taschen
nach jenen Tchern durchsucht hatten, von denen Mtter wissen, da sie
dort nie zu finden sind, hatten ihre Gesichter in die Falten des
mtterlichen Kleides gesteckt und schluchzten und wischten sich die
Augen und Nase nach Herzenslust. Mrs. Bird verbarg ihr Gesicht
vollstndig im Taschentuche; und die alte Dinah, ber deren schwarzes,
ehrliches Gesicht die Thrnen hinab strmten, rief wiederholt, und mit
all' der Inbrunst einer Brderversammlung: O Herr! sei uns gndig!
whrend der alte Cudjoe, seine Augen heftig mit dem Rockrmel reibend
und die seltsamsten und verschiedenartigsten Gesichter dabei schneidend,
zuweilen aus demselben Schlssel, und mit groer Inbrunst, antwortete.
Unser Senator war ein Staatsmann, und konnte deshalb nicht, wie andre
Sterbliche, weinen; und deshalb wandte er der ganzen Gesellschaft den
Rcken, und sah zum Fenster hinaus, und schien besonders bemht seine
Kehle zu reinigen, und seine Augenglser abzuwischen, wobei er sich
zuweilen in einer Weise ausschnaubte, die Verdacht htte erregen knnen,
wenn Jemand im Stande gewesen wre, ihn genau zu beobachten.

Wie kamst Du dazu, mir zu sagen, da Du einen guten Herrn gehabt
habest? rief pltzlich Mr. Bird, indem er gewaltsam etwas hinunter
schluckte, was ihm in der Kehle aufstieg, und sich pltzlich nach der
Frau umwandte.

Weil er wirklich ein guter Herr war; ich werde das immer von ihm sagen;
-- und meine Missis war gut; -- aber sie konnten sich nicht anders
helfen. Sie waren Geld schuldig, und auf eine oder die andre Weise, --
ich kann nicht sagen, wie, -- war es geschehen, da ein Mann sie in
seine Gewalt bekommen hatte, und da sie ihm seinen Willen thun muten.
Ich horchte, und hrte, wie er dies zu Missis sagte, und wie sie fr
mich bat und stritt, -- und er sagte, da er sich nicht helfen knne,
und da die Papiere schon alle unterschrieben wren; -- und dann nahm
ich mein Kind, und verlie meine Heimath, und floh. Ich wute, es wre
ganz fruchtlos gewesen, wenn ich htte versuchen wollen zu leben,
nachdem sie 's gethan htten, -- denn dies Kind ist Alles, was ich
habe!

Hast Du keinen Mann?

Ja, aber er gehrt einem anderen Herrn. Sein Master ist sehr hart gegen
ihn, und will ihn nie ausgehen lassen, um mich zu sehen; und er ist
immer schlimmer gegen uns geworden, und hat ihm gedroht, ihn nach Sden
zu verkaufen -- ich werde ihn wohl nie wieder sehen!

Der ruhige Ton, in welchem die Frau diese Worte sagte, htte einen
oberflchlichen Beobachter verleiten knnen zu glauben, da sie sich in
vollstndiger Apathie befinde; aber aus ihrem groen dunklen Auge sprach
ein stummer, tiefer Schmerz, der einen ganz andern Gemthszustand
verrieth.

Und wohin willst Du denn gehen, meine gute Frau? fragte Mistre Bird.

Nach Canada; -- wenn ich nur wte, wo es wre. Ist es sehr weit von
hier, -- Canada? sagte sie, mit einfachem, vertrauungsvollem Blicke zu
Mrs. Bird aufschauend.

Armes Wesen! sagte Mrs. Bird unwillkhrlich.

Ist es =sehr= weit von hier, -- glauben Sie? fragte die Frau eifriger.

Viel weiter, als Du glaubst, armes Kind! sagte Mrs. Bird; aber wir
wollen versuchen und sehen was sich fr Dich thun lt. Hier, Dinah,
schlage ihr ein Bett auf in Deinem eignen Zimmer, dicht bei der Kche,
und ich will berlegen was morgen frh fr sie gethan werden kann.
Inzwischen frchte nichts, liebe Frau; setze Dein Vertrauen auf Gott, er
wird Dich beschtzen.

Mrs. Bird und ihr Mann kehrten in das Zimmer zurck. Sie setzte sich in
ihren kleinen Wiegenstuhl vor das Feuer und schaukelte sich gedankenvoll
hin und her, whrend Mr. Bird im Zimmer auf und ab schritt, und vor sich
hin murmelte: Puh! pah! fatale, verdammte Geschichte! Endlich, zu
seiner Frau heran tretend, sagte er:

Hre, Frau, sie wird von hier fort mssen, heute Nacht noch. Der Kerl
wird ihr nach sein auf der Spur und wird morgen frh bei guter Zeit hier
sein. Wenn's das Weib allein wre, so knnte sie ruhig liegen bleiben,
bis Alles vorber ist; aber der kleine Bengel wird nicht still sein
knnen, wenn da ein Trupp Pferde und Menschen ankommt; er wird uns alle
verrathen, indem er den Kopf durch irgend ein Fenster oder eine Thr
steckt. 'S wr' ein schnes Gericht Fische fr mich, wenn Beide gerade
jetzt hier gefangen wrden! Nein, sie mssen diese Nacht noch fort.

Diese Nacht! Wie ist das mglich? -- Wohin denn?

Gut, ich wei schon, wohin, sagte der Senator, indem er mit
nachdenkender Miene anfing, seine Stiefel anzuziehen, und dann
innehaltend, als sein Bein halb hinein war, sein Knie mit beiden Armen
umschlang und sich in tiefstes Nachsinnen zu verlieren schien.

'S ist eine verdammte, fatale Geschichte, sagte er endlich, seinen
Stiefel von Neuem anziehend, das ist gewi! Als der eine Stiefel
glcklich angezogen war, sa der Senator mit dem andern in der Hand da
und schien die Figuren des Teppichs grndlich zu studiren. Aber 's mu
doch geschehen, sehe keinen andern Weg, -- hng' die ganze Geschichte!
und er zog den andern Stiefel hastig an und schaute zum Fenster hinaus.

Mrs. Bird war eine sehr discrete kleine Frau, -- eine Frau, die nie zu
ihrem Manne sagte: ich hab's Dir vorher gesagt! und bei der
gegenwrtigen Gelegenheit, obgleich sie recht wohl errieth, welche
Richtung die Gedanken ihres Mannes nahmen, htete sie sich weislich, in
dieselben einzugreifen, sondern sa ganz ruhig in ihrem Stuhle und
schien ganz vorbereitet, die Beschlsse ihres Herrn und Gemahls zu
hren, sobald er fr gut befinden sollte, dieselben zu uern.

Siehst Du, sagte er, da ist mein alter Freund, Van Trompe, der von
Kentucky herber gekommen ist und alle seine Sklaven frei gelassen hat,
-- er hat einen Platz gekauft, etwa sieben Meilen weit die Bucht hinauf,
tief in der Waldung drin, wo Niemand hinkommt, ausgenommen, wenn er
absichtlich hingeht; -- und es ist ein Ort, der nicht leicht ausgefunden
wird. Da ist sie sicher genug; aber das Uebel ist, da Niemand mit einem
Wagen diese Nacht dahin fahren kann, als ich selbst.

Warum denn nicht? Cudjoe ist ein vortrefflicher Fuhrmann.

Ganz gut, aber hier, das ist die Sache. Man mu zweimal ber die Bucht
fahren, und die zweite Ueberfahrt ist sehr gefhrlich, wenn man die
Richtung nicht genau kennt. Ich bin hundertmal durchgeritten, und kenne
ganz genau alle Wendungen, die ich zu nehmen habe. Also Du siehst, da
hilft nichts. Cudjoe mu die Pferde, ungefhr um zwlf Uhr, so still wie
mglich anspannen, und ich will sie hinber bringen; und dann, um der
Sache einen Anschein zu geben, mu er mich bis an das nchste Wirthshaus
bringen, um mit der Post nach Columbus weiter fahren zu knnen, die
ungefhr zwischen drei und vier Uhr dort ankommt, und so hat es dann
den Schein, als wenn ich den Wagen blos zu diesem Zwecke genommen htte.
Ich werde morgen frh recht zeitig in meinen Geschften sein, aber ich
glaube, ich werde nicht viel ntze sein nach alle dem, was gesprochen
und gethan worden ist; aber, zum Henker, ich kann nicht anders!

Dein Herz ist in diesem Falle besser, als Dein Kopf, John, sagte seine
Frau, ihre kleine weie Hand in die seinige legend. Htte ich Dich je
lieben knnen, wenn ich Dich nicht besser gekannt htte, als Du Dich
selbst? Und die kleine Frau sah bei diesen Worten so hbsch aus,
whrend Thrnen in ihren Augen glnzten, da der Senator dachte, er
msse ganz entschieden ein auerordentlicher Mensch sein, um ein so
hbsches Wesen in eine so leidenschaftliche Bewunderung fr ihn
versetzen zu knnen; und was konnte er unter diesen Umstnden also
anderes thun, als gelassen fortgehen, um nach dem Wagen zu sehen. An der
Thr hielt er jedoch einen Augenblick an, und kam dann zurck, indem er
zaudernd sagte:

Marie, ich wei nicht, wie Du darber denkst, -- aber da ist die
Kommode voll von Sachen von -- von -- unsrem armen kleinen Henry. So
sagend wandte er sich schnell um und schlo die Thr hinter sich.

Die Frau ffnete eine nach einem kleinen Schlafgemach fhrende Thr,
welches dicht neben dem Wohnzimmer belegen war, setzte ein Licht auf ein
darin befindliches Bureau, und nahm einen Schlssel aus einem kleinen
Kstchen hervor, den sie gedankenvoll in das Schlo eines unterhalb
befindlichen Schubkastens schob, und hielt dann pltzlich inne, whrend
zwei Knaben, welche kinderhnlich ihren Tritten gefolgt waren, hinter
ihr standen und ihre Mutter schweigend und mit bedeutsamen Blicken
betrachteten. Und o Mutter, die Du dieses liesest, ist in Deinem Hause
nie ein Kstchen oder irgend ein Behltni gewesen, dessen Oeffnen fr
Dich wie das Wiederffnen eines kleinen Grabes war? O glckliche
Mutter, die Du das nie erfahren hast.

Mrs. Bird ffnete den Schubkasten langsam. Es lagen darin kleine
Rckchen von verschiedener Form, Ste von Hemdchen und Reihen von
kleinen Strmpfchen, und aus den Falten eines Papieres blickten selbst
ein Paar kleiner, getragener Schuhe mit abgeriebenen Fuspitzen hervor.
Ein hlzernes Pferdchen und ein Wagen, ein Kreisel und ein Ball lagen
darin, -- alles Angedenken, die mit mancher Thrne und dem bittersten
Schmerze gesammelt worden waren! Sie setzte sich nieder an den Kasten,
lehnte ihr Haupt in ihre Hnde, und weinte, bis die Thrnen durch ihre
Finger in den Kasten niederfielen; dann pltzlich sich aufrichtend,
begann sie mit ngstlicher Eile die einfachsten und dauerhaftesten
Stcke auszusuchen und sie in ein Bndel zu sammeln.

Mamma, sagte der eine Knabe, ihren Arm sanft berhrend, willst Du
denn diese Sachen fortgeben?

Meine lieben Kinder, entgegnete sie sanft und ernst, wenn unser
lieber kleiner Henry vom Himmel herabblickt, so wird er sich freuen, da
wir die thun. Mein Herz htte sich nie dazu verstehen knnen, sie an
eine gewhnliche Person fort zu geben, aber ich gebe sie einer Mutter,
deren Herz noch mehr gebrochen und noch kummervoller als das meinige
ist, und ich hoffe, Gott wird ihnen seinen Segen mit geben!

Es gibt in dieser Welt besonders gesegnete Seelen, aus deren Kummer
Freuden fr Andere entsprieen; deren irdische Hoffnungen, wenn sie mit
vielen Thrnen ins Grab gelegt worden sind, der Same zu heilenden Blumen
und zu Balsam fr Leidende und Trostlose werden. Und zu diesen gehrte
die zarte Frau, die jetzt mit der Lampe dort sitzt und aus deren Augen
langsame Thrnen fallen, whrend sie die Angedenken ihres eignen
verlorenen Kindes fr die ausgestoene Heimathlose sammelt.

Nach einiger Zeit ffnete Mrs. Bird einen Kleiderschrank, nahm ein oder
zwei einfache, brauchbare Kleider heraus, setzte sich an ihrem
Arbeitstische mit Nadel, Scheere und Fingerhut nieder, und begann
schweigend den ihr von ihrem Manne empfohlenen Proce des Auslassens,
und fuhr emsig damit fort, bis die alte Uhr in der Ecke des Zimmers
zwlf schlug und sie ein leises Rasseln der Rder vor der Thr hrte.

Marie, sagte ihr Mann, mit dem Mantel auf dem Arme eintretend, Du
mut sie nun aufwecken; wir mssen fort.

Mrs. Bird legte schnell die verschiedenen, von ihr gesammelten Artikel
in einen kleinen Mantelsack, bat ihren Mann, diesen in den Wagen bringen
zu lassen und ging hinaus, um die Frau zu wecken. Bald darauf erschien
diese, in einen Mantel gehllt, mit Hut und Shawl, was Alles ihrer
Wohlthterin angehrt hatte, in der Thr, ihr Kind auf dem Arme tragend.
Mr. Bird drngte sie in den Wagen und Mrs. Bird folgte ihr bis an den
Tritt desselben. Elisa lehnte sich hinaus und streckte ihre Hand aus,
eine Hand, so sanft und schn wie die war, die als Erwiederung gereicht
wurde. Sie heftete ihre groen, dunkeln Augen mit unbeschreiblichem
Ausdrucke auf Mrs. Bird's Gesicht und schien sprechen zu wollen. Ihre
Lippen bewegten sich, -- sie versuchte ein, zweimal, aber kein Laut
wurde hrbar, und indem sie endlich nur himmelwrts zeigte, mit einem
nie zu vergessenden Blicke, sank sie in ihren Sitz zurck und bedeckte
ihr Gesicht. Die Thr schlo sich und der Wagen fuhr fort.

Welche Lage war dies nun fr einen patriotischen Senator, der die ganze
Woche vorher den gesetzgebenden Krper seines Geburtslandes angeregt
hatte, strengere Bestimmungen gegen flchtige Sklaven und deren Helfer
und Mitschuldige zu erlassen!

Unser guter Senator wurde in seinem Geburtsstaate von keinem seiner
Brder in Washington in Betreff derjenigen Beredsamkeit bertroffen,
welche diesen unsterblichen Ruhm erworben hatte! Wie stolz er dort
gesessen hatte, mit den Hnden in der Tasche, whrend er die
sentimentale Schwche derjenigen bespttelte, die die groen
Staatsinteressen ber das Wohl einiger elenden Flchtlinge vergessen
wollten! Er war khn wie ein Lwe in dieser Sache, und vollstndig
berzeugt davon, so wie jeder, der ihn hrte; allein seine Vorstellung
von einem Flchtlinge war lediglich eine Vorstellung, welche den
Buchstaben, aus denen das Wort bestand, -- oder hchstens der Abbildung
irgend eines kleinen Zeitungsbildes entnommen war, welches einen Mann
mit einem Stocke und Bndel darstellte und die Unterschrift trug: dem
Unterzeichneten entlaufen! Die zauberische Wirkung wirklichen Elends,
-- das flehende, menschliche Auge, die schwache, zitternde Hand, das
verzweifelnde Flehen um Beistand, der hlflose Todesschmerz, -- diese
waren ihm fremd geblieben. Er hatte nie daran gedacht, da ein
Flchtling eine unglckliche Mutter, ein wehrloses Kind sein knne, --
gleich dem, das jetzt das wohlbekannte Mtzchen seines kleinen
verlorenen Henry trug, und da unser armer Senator weder von Stein noch
von Stahl, sondern ein Mensch war, und dazu ein edelherziger, so mu
Jeder sehen, da er sich mit seinem Patriotismus in einer bsen Lage
befand. Du brauchst nicht ber ihn zu frohlocken, guter Bruder des
Sdens, denn wir haben Winke bekommen, da Mancher von Euch unter
hnlichen Umstnden nicht anders gehandelt haben wrde. Wir haben Grund
anzunehmen, da in Kentucky sowohl wie in Mississippi edle, gromthige
Herzen schlagen, denen nie eine Schilderung menschlichen Leidens
vergeblich gemacht worden ist. Also, guter Bruder, ist es billig, da
Du von uns Dienste erwartest, die Dein eigenes braves ehrenhaftes Herz
Dir nicht zu leisten erlauben wrde, wenn Du in unsrer Stelle wrest?

Dem sei, wie ihm wolle, wenn unser guter Senator ein politischer Snder
war, so befand er sich auf dem besten Wege, dafr eine nchtliche Bue
zu thun. Es hatte seit lngerer Zeit anhaltendes Regenwetter geherrscht
und der weiche, fruchtbare Boden von Ohio ist, wie jedermann wei, ganz
besonders fr die Fabrikation von Schlamm geeignet, -- und der Weg war
berdies ein Ohio'scher Bahnweg der guten, alten Zeit.

O bitte, was fr eine Art Weg mag dies sein? fragt irgend ein
stlicher Reisender, der gewohnt ist, keine andern Ideen mit einem
Bahnwege zu verbinden, als die der Ebenheit und Schnelligkeit.

So wisse denn, unschuldiger, stlicher Freund, da in den gesegneten
Regionen des Westens, wo der Koth von sublimer, unergrndlicher Tiefe
ist, Straen von runden, rohen Scheiten gebaut werden, welche man dicht
und quer ber einander legt und sodann mit Erde, Rasen, oder was immer
zur Hand sein mag, bewirft, -- und dies nennt selbstzufrieden der
Eingeborene einen Weg, und versucht sofort darauf zu fahren. Im Laufe
der Zeit wscht natrlich der Regen Rasen und Erde ab, und die Scheite
verlieren ihre ursprngliche Lage und nehmen allerhand malerische
Stellungen an, auf und nieder und quer, mit verschieden Abgrnden und
Gleisen schwarzen Schlammes dazwischen.

Ein solcher Weg war es, welchen unser Senator jetzt stolpernd verfolgte,
whrend er sich mit moralischen Betrachtungen in so ununterbrochener
Weise beschftigte, wie die Umstnde es zulieen, indem der Lauf des
Wagens etwa folgender Art war: -- bump! bump! bump! platsch! nieder in
den Schlamm! -- Der Senator, die Frau und das Kind verndern ihre Sitze
so pltzlich, da sie ohne besondere Vorbereitung gegen die Fenster der
Seite liegen. Der Wagen steckt fest, whrend Cudjoe auerhalb sehr laut
mit den Pferden verhandelt.

Nach wiederholtem Anziehen und Reien der Zgel, gerade in dem
Augenblicke, wo der Senator alle seine Geduld verliert, hebt sich
pltzlich der Wagen in Bogen, -- die beiden Vorderrder gehen nieder in
einen andern Abgrund, und der Senator, die Frau und das Kind, fallen in
bunter Mischung auf den Vordersitz, -- des Senators Hut ist ihm ohne
alle Ceremonie bis ber Augen und Nase hinunter gedrckt, und er hlt
sich fr vollstndig ausgelscht; das Kind schreit, und Cudjoe hlt
auerhalb eine sehr lebhafte Anrede an die Pferde, welche toben und
schlagen, und unter wiederholten Peitschenhieben die Strnge reien. Der
Wagen springt auf in einen neuen Bogen, -- nieder gehen die Hinterrder,
-- und Senator, Frau und Kind fliegen zurck auf den Rcksitz, whrend
die Ellbogen des Ersteren Elisa's Hut sehr unsanft berhren, und ihre
beiden Fe sich in dem Hute des Senators eingeklemmt befinden, welcher
ihm whrend des Stoes vom Kopfe gefallen ist. Nach einigen Augenblicken
hat der Wagen das Morastloch verlassen; -- der Senator findet seinen
Hut, die Frau bringt den ihrigen wieder in Ordnung, und beruhigt das
Kind, und Alle bereiten sich auf eine Wiederholung vor.

Eine Zeit lang mischt sich nur das regelmige bump! bump! der
Abwechselung halber, mit einigen Seitensten, und die Reisenden fangen
an sich Glck zu wnschen, da ihre Lage dennoch nicht so ganz schlimm
ist; allein endlich, und zwar mit einem heftigen Stoe, da Alle in die
Hhe und dann mit unglaublicher Schnelligkeit in ihren Sitz
zurckgeworfen werden, hlt der Wagen pltzlich ganz still, und nach
einer lngeren und sehr lebhaften Bewegung auerhalb, erscheint endlich
Cudjoe an der Wagenthr.

Verzeihen Sie, Herr, 's ist mchtig dunkel hier; -- wei nicht, wie
wir 'raus kommen sollen; -- denke, wir mssen frische Gleise legen.

Der Senator steigt verzweiflungsvoll aus, indem er vorsichtig mit dem
einen Fue nach einem festen Grunde sucht; -- nieder fhrt ein Fu in
eine bodenlose Tiefe, -- er versucht ihn wieder herauszuziehen, allein
er verliert das Gleichgewicht und fllt in den Schlamm, aus welchem er
durch Cudjoe in einem hchst traurigen Zustande wieder hervorgezogen
wird.

Aber wir wollen aus Mitleid fr unsere Leser uns jeder weiteren
Schilderung enthalten; genug, es war spt in der Nacht, als der Wagen
endlich, triefend und mit Koth bedeckt, die Bucht verlie, und vor der
Thr eines groen Farmgebudes anhielt.

Es kostete nicht wenig Geduld und Ausdauer, die schlafenden Inwohner zu
erwecken; aber endlich erschien der ehrenwerthe Besitzer und ffnete die
Thr. Es war ein groer, struppiger Orson von Mann, volle sechs Fu und
einige Zoll hoch, und in ein rothwollenes Jagdhemde gekleidet. Eine
ziemlich schwere Decke rothen Haares, in einem entschieden ungekmmten
Zustande, und ein mehrere Tage alter Bart, verliehen dem Ehrenmanne ein,
im gelindesten Ausdrucke, nicht sehr einnehmendes Aeuere. Er stand
einige Minuten lang, das Licht hoch erhoben haltend, stumm da, und
schaute unsere Reisenden mit einer finsteren, mystischen Miene an, die
wirklich komisch war. Unser Senator hatte einige Mhe, ihm das ganze
Sachverhltni vollkommen deutlich zu machen; und whrend der gute Mann
sein Bestes thut, es gehrig aufzufassen, wollen wir unsere Leser etwas
nher mit ihm bekannt machen.

Der brave, alte John Van Trompe war frher ein sehr bedeutender Land-
und Sklavenbesitzer im Staate Kentucky. Da er nichts weiter zu tragen
hatte, als seine eigene Haut, und da er von Natur ein groes, gutes,
gerechtes Herz besa, welches im richtigsten Verhltni mit seinem
gigantischen Krper stand, so hatte er schon seit lngeren Jahren mit
Mibehagen die Wirkungen eines fr den Unterdrcker und den
Unterdrckten gleich nachtheiligen Systems beobachtet. Eines Tages
endlich, begann John's groes, gutes Herz zu sehr zu schwellen um seine
Fesseln lnger tragen zu knnen; und so nahm er sein Taschenbuch aus
seinem Schreibtische hervor, und ging hinber nach Ohio, und kaufte ein
Viertel eines ganzen Stadtgebietes, ppiges Land, fertigte
Freilassungsscheine fr alle seine Sklaven aus, -- Mnner, Weiber und
Kinder, packte sie auf Wagen, und sandte sie fort, um sich dort
niederzulassen; und dann wandte sich Ehren John der Bucht zu, und lie
sich auf einer kleinen, abgelegenen Farm nieder, um sich seines
Bewutseins und seiner Betrachtungen zu freuen.

Seid Ihr der Mann, der ein armes Weib und ein Kind aufnehmen will, um
sie nicht den Sklavenhschern in die Hnde fallen zu lassen? sagte der
Senator mit Nachdruck.

Denke schon, da ich's bin, entgegnete Ehren John mit demselben
Nachdrucke.

Ich dachte so, sagte der Senator.

Wenn Jemand kommen solle, sagte der gute Mann, seine groe, muskulse
Figur aufrichtend, =na=, so will ich ihn empfangen; habe auch sieben
Shne, jeder sechs Fu hoch, die fr ihn bereit sind. Bestellt ihm nur
mein Compliment, fgte John hinzu, und sagt ihm nur, 's komme gar
nicht drauf an, wie bald er komme, -- macht gar keinen Unterschied,
sagte John, durch seine struppigen Haare fahrend, und in lautes Lachen
ausbrechend.

Matt, ermdet und gebrochen, schleppte sich Elisa bis an die Thr,
whrend ihr Kind in festem Schlafe auf ihrem Arme lag. Der rauhe Mann
hielt das Licht vor ihr Gesicht, und indem er dann eine Art mitleidigen
Grunzens ausstie, ffnete er die Thr eines kleinen Schlafzimmers,
welches neben der groen Kche lag, in der sie standen, und bedeutete
sie, da hinein zu gehen. Er holte ein Talglicht, zndete es an, setzte
es auf den Tisch, und wendete sich dann an Elisa.

Brauchst Dich hier nicht zu frchten, mein Wort, la kommen wer will.
Bin fertig fr alles das, sagte er, auf einige handfeste Gewehre
deutend, die ber dem Kamine hingen: -- und die Meisten, die mich
kennen, wissen, da es nicht gut gethan ist, Einen aus meinem Hause
wegzuholen, so lange ich drin bin. Also nun, lege Dich hin und schlafe,
so ruhig als wenn Dich Deine Mutter wiegte, sagte er, whrend er die
Thr zumachte.

Das ist ein ungewhnlich hbsches Weibsbild, sagte er dann zu dem
Senator. Ja, ja, die Hbschen haben die grte Gefahr auszustehen, oft,
wenn sie ein Bichen Gefhl haben, wie ordentliche Frauenzimmer haben
sollen. Kenne das alles.

Der Senator theilte ihm kurz, in wenigen Worten, Elisa's Geschichte mit.

O! o! sieh Einer! sagte der gute Mann mitleidig; nun ja! das ist
natrlich, versteht sich, armes Wesen! -- gehetzt wie ein Thier, grade
deshalb, weil sie natrliche Gefhle hat, und das thut, was keine Mutter
anders kann. Ich sage Euch, diese Dinge htten mich beinahe zum Fluchen
gebracht, -- zu wer wei was, sagte der ehrliche John, whrend er seine
Augen mit der Kehrseite seiner groen, fleckigen Hand wischte. Ich sage
Euch, Mann, es hat Jahre und Jahre gedauert, da ich nicht in die Kirche
ging, weil die Geistlichen da in unsrer ganzen Gegend predigten, da die
Bibel alle diese Schndlichkeiten gut heie, -- und ich konnte nicht mit
ihnen fertig werden, mit ihrem Griechisch und Ebrisch, und so lie ich
sie hinter mir, Bibel und Alles. Bin nie in der Kirche gewesen, bis ich
einen Pfarrer fand, der 's Alles verstand, Griechisch und Alles, und der
grade das Gegentheil sagte; und dann hielt ich fest dran, und ging in
die Kirche, -- so ist's, sagte John, der inzwischen emsig beschftigt
gewesen war, einige vortreffliche Flaschen Cider zu ffnen, die er
nunmehr, bei dieser Pause, seinem Gaste offerirte.

Solltet nun grade hier bleiben, bis es Tag wird, sagte er in
herzlichem Tone; ich will meine alte Frau wecken, und Ihr sollt ein
Bett im Nu fertig haben.

Ich danke Euch, mein guter Freund, sagte der Senator, ich mu fort,
um die Nachtpost nach Columbus zu treffen.

So, nun, wenn Ihr mt, so will ich Euch ein Stck begleiten, und Euch
einen Richteweg zeigen, der Euch besser hinbringen wird, als der, auf
dem Ihr kamt. Das ist ein bitter bser Weg.

John zog sich an, und war bald fertig, mit einer Laterne in der Hand, um
des Senators Wagen einen Hohlweg hinab zu fhren, der hinter seinem
Hause hinlief. Als sie von einander schieden, drckte der Senator ihm
einen Zehndollarschein in die Hand.

Das ist fr sie, sagte er kurz.

Ja, ja, entgegnete John mit hnlicher Krze.

Beide reichten sich die Hand, und schieden.




Zehntes Kapitel.

Das Eigenthum wird fortgeschafft.


Der Februarmorgen blickte trbe und feucht durch Onkel Tom's
Httenfenster. Er schien auf traurige Gesichter, den Spiegel trauriger
Herzen. Vor dem Feuer stand der Tisch, auf dem eine Plettdecke lag;
ber einem Stuhl am Feuer hingen einige grobe, aber reine Hemden, und
Tante Chlo hatte ein andres vor sich auf dem Tische ausgebreitet.
Sorgfltig plettete sie jede Falte und jede Naht mit der
gewissenhaftesten Genauigkeit, und hob nur von Zeit zu Zeit ihre Hand
zum Gesichte auf, um die Thrnen abzuwischen, die herabliefen.

Tom sa dabei, die aufgeschlagene Bibel auf dem Knie haltend, und seinen
Kopf in die Hand lehnend, -- aber keiner sprach. Es war noch frh, und
die Kinder lagen alle fest schlafend in ihrem Rollbette.

Tom, der im vollsten Mae das sanfte, weiche Gefhl fr Huslichkeit
hatte, welches ein besondrer charakteristischer Zug dieses unglcklichen
Geschlechtes ist, stand auf und ging schweigend an das Bett seiner
Kinder, um sie zu betrachten.

's ist das letzte Mal, sagte er.

Tante Chlo antwortete nicht, sondern plettete nur mit erhhtem Eifer
das grobe Hemd weiter, das bereits so glatt war wie Hnde es machen
konnten; und indem sie endlich ihr Eisen mit einem verzweifelnden Stoe
bei Seite schob, setzte sie sich am Tische nieder, und erhob ihre
Stimme, und weinte.

Glaube schon, wir mssen gefat sein; aber, o Herr! wie kann ich? Wenn
ich nur wte, wo Du hinkmst, und wie sie Dich behandeln werden! Missis
sagt, sie will versuchen, und Dich einlsen in ein oder zwei Jahren;
aber, o Herr, da kommt ja keiner zurck, der hingegangen ist! Jeder wird
ja umgebracht! Hab's ja gehrt, wie sie abgetrieben werden da in den
Plantagen!

's wird derselbe Gott da sein, Chlo, wie hier.

Mag sein, sagte Tante Chlo, aber der Herr lt schreckliche Dinge
geschehen, manchmal. Ich kann da keinen Trost drin finden, -- nein!

Ich bin in Gottes Hand, sagte Tom, nichts kann gehn weiter als er es
will; und da ist eins, wofr ich ihm kann dankbar sein. Ich bin's, der
verkauft ist, und hinunter gehen mu, und nicht Du oder die Kinder. Ihr
seid hier sicher; -- was kommt, kommt nur ber mich, und der Herr wird
mir helfen, -- ich wei, er wird.

Braves, mnnliches Herz! -- das seinen eignen Kummer niederdrckt, um
andre geliebte Wesen zu trsten! Tom sprach mit schwerer stockender
Stimme, aber sprach brav und mnnlich.

La uns an unsre Wohlthaten denken! fgte er mit bebender Stimme
hinzu, als wenn er dessen gewi wre, da er das Bedrfni fhle, an
diese sehr ernstlich zu denken.

Wohlthaten! sagte Tante Chlo, sehe keine Wohlthat drin! 's ist nicht
recht! 's ist nicht recht, da es so sein mu! Master htte 's nie
sollen so kommen lassen, da Du fr seine Schulden genommen werden
konntest. Hast ihm Alles verdient, was er fr Dich kriegt, doppelt. Er
war Dir Deine Freiheit schuldig, und htte sie Dir geben sollen, vor
Jahren schon. Mag sein, da er sich jetzt nicht helfen kann, aber ich
fhle 's, 's ist doch unrecht; -- nichts bringt das heraus aus mir.
Solches treues Geschpf, wie Du gewesen bist, -- hast immer seine
Geschfte vorgesetzt, berall, vor Deinen eignen, -- und immer an ihn
mehr gedacht als an Dein eigen Weib und Kinder! Wer Herzliebe und
Herzblut verkaufen kann, um herauszukommen aus seiner Noth, -- der Herr
wird ihm schon dafr lohnen!

Chlo! nun, wenn Du mich lieb hast, sprichst Du nicht so, wenn 's
vielleicht grade das letzte Mal ist, da wir so mit einander reden! Und
ich sage Dir, Chlo, 's geht mir ganz zuwider, ein Wort gegen Master zu
hren. Ist er nicht als ein Sugling in meinen Arm gelegt worden? -- 's
ist natrlich, da ich viel auf ihn halte, -- und Master kann nicht so
viel auf den armen Tom halten. Masters sind gewhnt, sich alle solche
Sachen thun zu lassen, und denken natrlich nicht so viel davon; -- 's
kann's Niemand erwarten. Setz' ihn andern Mastern an die Seite, -- wer
hat die Behandlung und 's gute Leben, wie ich's gehabt habe? Und er
htte das nie ber mich kommen lassen, wenn er 's htte vorher sehen
knnen. Ich wei gewi!

's ist gut, irgendwo steckt da doch was Unrecht's, sagte Tante Chlo,
in der ein hartnckiger Gerechtigkeitssinn vorherrschend war; -- ich
kann's nicht ausfinden, wo es steckt, aber irgendwo ist was Unrecht's,
-- das wei ich gewi.

Du solltest aufblicken zum Herrn ber uns, -- er ist ber Alle -- kein
Sperling fllt vom Dache ohne ihn.

Es will mich nicht trsten, aber 's kann wohl sein, es sollte, sagte
Tante Chlo. Aber 's Reden hilft alles nichts; ich will nur jetzt den
Kornkuchen herausnehmen, und Dir ein gutes Frhstck zurecht machen,
denn wer wei, wenn Du wieder eins findest.

Um die Leiden der nach dem Sden verkauft werdenden Neger gehrig zu
wrdigen, mssen wir daran erinnern, da alle instinktmigen Neigungen
dieses Geschlechtes besonders stark sind. Ihre Anhnglichkeit an Orte
namentlich ist dauernd; sie sind zwar nicht khn und unternehmend, aber
huslich und anhnglich. Man rechne hinzu alle die Schrecken, mit denen
Unwissenheit das Fremde, Unbekannte bekleidet, und ferner den Umstand,
da nach dem Sden verkauft werden dem Neger von frher Jugend an als
der uerste, schrecklichste Grad von Strafe vorschwebt. Die Drohung,
welche mehr schreckt, als gepeitscht werden oder Tortur irgend einer
Art, ist die, den Flu hinab geschickt zu werden. Wir haben selbst den
Ausdruck dieses Gefhl's und den ungeknstelten Schrecken beobachtet,
mit dem sie in ihren Muestunden bei einander sitzen, und sich
schauderhafte Geschichten von dem Sden erzhlen, der ihnen als

      Das unentdeckte Land, von dessen Grnzen
      Kein Reisender je kehrt,

gilt. Ein Missionr unter den entflohenen Negern in Canada erzhlte uns,
da viele von ihnen bekannt htten, verhltnimig gtigen Herrn
entflohen zu sein, und sich den Gefahren der Flucht ausgesetzt zu haben,
lediglich durch den furchtbaren Schrecken dazu bewogen, den sie vor dem
Verkauftwerden nach dem Sden hegten, einem Schicksale, das drohend ber
den Huptern Aller, ber Mnnern, Weibern und Kindern hnge. Dies
erfllt den Afrikaner, der von Natur geduldig und schchtern ist, mit
heroischem Muthe, und lt ihn Hunger, Klte und Schmerzen tragen, und
sich den Gefahren der Wildni, und den noch schrecklicheren Strafen des
Wiedereinfangens aussetzen.

Das einfache Morgenmahl dampfte jetzt auf dem Tische, denn Mistre
Shelby hatte Tante Chlo von ihren Dienstleistungen im Herrenhause fr
diesen Morgen entbunden. Die arme Seele hatte alle ihre geringen Krfte
zu diesem Abschiedsmahle erschpft, -- hatte ihre besten Hhner
geschlachtet und gebraten, und ihren Kornkuchen mit der
gewissenhaftesten Genauigkeit, ganz nach dem Geschmacke ihres Mannes,
zubereitet, und brachte endlich noch ein Paar Krge hervor mit einigen
aufbewahrten Raritten, die nur bei ganz besondern Gelegenheiten zum
Vorschein kamen.

O Pete, sagte Mose triumphirend, haben wir nicht ein prchtiges
Frhstck auf dem Tisch! in demselben Augenblicke nach einem Stcke
Huhn greifend.

Tante Chlo gab ihm eine unerwartete Ohrfeige. Da nun,
krht ber 's letzte Frhstck, das Euer armer Tate hier zu Hause essen
wird!

O Chlo! sagte Tom sanft.

Ach, ich kann mir nicht helfen, sagte Tante Chlo, ihr Gesicht in der
Schrze bergend! ich bin so voll Jammer, das macht mich so hlich.

Die Knaben blieben still stehen, und sahen erst ihren Vater, und dann
ihre Mutter an, whrend das jngste Kind an den Kleidern derselben empor
kletterte, und einen gebieterischen, befehlenden Schrei zu erheben
begann.

Da! sagte Tante Chlo, ihre Augen trocknend und das Kind aufhebend; --
nun bin ich fertig, denk' ich, -- nun i etwas, -- das hier ist mein
bestes Huhn. Da, Jungens, sollt' auch was haben, arme Blger! Mamme ist
hlich gegen Euch gewesen.

Die Knaben bedurften keiner zweiten Einladung, sondern machten sich mit
groem Eifer an die Vorrthe, und es war gut, da sie es thaten, denn
sonst wrde von keiner Seite zu diesem Zwecke viel gethan worden sein.

Nun, sagte Tante Chlo, nach dem Frhstck geschftig aufstehend, ich
mu nun Deine Kleider zusammenthun. 's ist zwar so gut, wie nicht;
werden sie doch alle nehmen. Kenne ihre Wege, -- sind schmutzig, wie
Koth, sind sie! Also hier, Deine Unterjacken, gegen den Flu, hier in
der Ecke; sei vorsichtig, denn 's wird Dir keiner wieder welche machen.
Dann hier sind Deine alten Hemden und hier die neuen. Habe die Strmpfe
hier gestopft, gestern Abend, und neue Hacken eingesetzt, -- aber, o
groer Gott, wer wird sie je wieder ausbessern? und Tante Chlo war von
Neuem so berwltigt, da sie ihren Kopf an die Seite des Kastens lehnte
und schluchzte. Nur dran zu denken! -- kein Mensch, der was fr Dich
thun wird, krank oder gesund! Ich wei nicht, wozu ich noch gut sein
soll!

Die Knaben, nachdem sie Alles verzehrt hatten, was auf dem Tische zu
finden war, begannen ihre Aufmerksamkeit auf das zu richten, was um sie
vorging; und als sie ihre Mutter weinen sahen und das traurige Gesicht
ihres Vaters gewahrten, fingen sie auch an zu wimmern und ihre Hnde zu
den Augen zu erheben. Onkel Tom hatte das jngste Kind auf seinem Knie,
und lie es sich nach Herzenslust damit vergngen, sein Gesicht zu
kratzen und sein Haar zu zausen, whrend es von Zeit zu Zeit laute
Ausbrche von Wonne hren lie, die augenscheinlich aus eigenen inneren
Betrachtungen hervorgingen.

Krhe nur, krhe, armes Geschpf! sagte Tante Chlo, kommst auch noch
an die Reihe! wirst leben und sehen, wie Dein Mann verkauft wird, oder
selbst verkauft werden; -- und diese armen Jungen da werden auch
verkauft werden, ohne Zweifel, wenn sie zu was gut sind, -- taugt nicht,
wenn Niggers zu was gut sind!

In diesem Augenblicke rief einer der Knaben laut: Da, Missis kommt
herein!

Sie kann nichts mehr helfen; -- was ntzt 's kommen? sagte Tante
Chlo.

Mrs. Shelby trat ein. Tante Chlo setzte ihr einen Stuhl in einer
auffallend mrrischen Weise hin. Sie schien jedoch weder die Handlung
noch die Art und Weise zu beachten. Sie sah bla und aufgeregt aus.

Tom, sagte sie, ich komme um -- aber pltzlich inne haltend und die
schweigende Gruppe vor sich betrachtend, setzte sie sich nieder auf den
Stuhl, bedeckte ihr Gesicht mit dem Taschentuche und brach in heftiges
Schluchzen aus.

Nun, Missis, o nein, nicht -- das nicht? sagte Tante Chlo, ihrerseits
auch in Weinen ausbrechend, und einige Augenblicke lang war die ganze
Gesellschaft in Thrnen. Und in diesen Thrnen, die Alle
gemeinschaftlich vergoen, Hohe und Niedere, schmolz aller Groll und
alle Bitterkeit der Unterdrckten hinweg. O Ihr, die Ihr Leidende
besucht, wit Ihr nicht, da Alles, was Euer Geld kaufen kann, wenn es
mit kaltem, abgewandtem Gesichte gegeben wird, nicht so viel werth ist,
wie eine warme Thrne, die aus wahrem Mitgefhl geweint wird?

Mein guter Tom, sagte Mrs. Shelby, ich kann Dir nichts geben, was fr
Dich von Nutzen wre. Wollte ich Dir Geld geben, so wrde es Dir nur
genommen werden. Aber ich verspreche Dir heilig und vor Gott, da ich
Dich nicht aus meinen Augen verlieren und Dich zurckkaufen will, sobald
ich genug Geld dazu aufbringen kann, bis dahin vertraue auf Gott!

Hier riefen pltzlich die Knaben, da Master Haley komme und unmittelbar
darauf flog durch einen sehr unceremonisen Sto die Thr auf. Da stand
Haley in sehr bler Laune, indem er die vorhergehende Nacht einen langen
Ritt gemacht hatte und das in Verfolgung seiner Beute gehabte
Migeschick nicht sonderlich zur Aufheiterung seines Gemthes beitrug.

Komm, sagte er, Nigger, bist Du fertig? -- Diener, Madame! fgte er,
seinen Hut abnehmend, hinzu, als er Mrs. Shelby gewahrte.

Tante Chlo machte den Kasten zu und band einen Strick darum, und stand
dann auf, den Hndler finster anblickend, wobei ihre Thrnen sich in
Feuerfunken zu verwandeln schienen.

Tom erhob sich geduldig, um seinem neuen Herrn zu folgen, und legte den
schweren Kasten auf seine Schulter. Seine Frau nahm das jngste Kind auf
den Arm, um ihn bis an den Wagen zu begleiten, und die andern Kinder,
noch immer weinend, folgten nach.

Mrs. Shelby trat zu dem Hndler heran und hielt ihn einige Augenblicke
fest, indem sie in sehr eifrigem Tone zu ihm sprach; und whrend die
geschah, bewegte sich die ganze Familie einem Wagen zu, der angespannt
und bereit vor der Thr stand.

Alle Sklaven der Besitzung, Alt und Jung, hatten sich in groer Menge
versammelt und umgaben ihn, um ihrem alten Genossen ein letztes Lebewohl
zu sagen. Tom war von Allen als der erste Diener und als ihr
christlicher Lehrer angesehen worden, und es zeigte sich dehalb unter
ihnen, namentlich unter den Weibern, viel aufrichtige Theilnahme und
Betrbni.

Wie, Chlo, Du trgst's besser als wir? sagte eins der Weiber, welches
in heftigem Weinen begriffen war und die finstere Ruhe bemerkte, mit der
Chlo am Wagen stand.

Bei mir ist's mit den Thrnen vorbei! entgegnete sie, grimmig den
Hndler anblickend, der sich nherte, mag nicht weinen vor dem alten
Schuft da!

Steig hinein! sagte Haley zu Tom, whrend er durch die Menge von
Sklaven hindurchschritt, die ihn mit finsteren Blicken betrachteten.

Tom stieg ein und Haley zog unter dem Wagensitze ein Paar schwerer
Fuschellen hervor, welche er um seine Fugelenke befestigte. Ein
unterdrcktes Sthnen von Unwillen rann durch die ganze Versammlung, und
Mrs. Shelby rief von der Veranda aus hinab:

Mr. Haley, ich versichere Sie, diese Vorsicht ist ganz unnthig.

Wei nicht, Madame, entgegnete Haley, -- habe schon fnfhundert
Dollar hier auf dem Platze verloren, kann mich durchaus nicht solcher
Gefahr noch 'mal aussetzen.

Was konnte sie anders von ihm erwarten? sagte Tante Chlo, innerlich
emprt, whrend ihre beiden Knaben die Lage ihres Vaters nun mit einem
Male zu begreifen schienen, und sich an die Kleider ihrer Mutter hngend
heftig schluchzten und sthnten.

Es thut mir leid, sagte Tom, da Master Georg nicht hier ist.

Georg hatte einen Ausflug in die Umgegend auf einige Tage unternommen,
um einen Jugendfreund zu besuchen; und da er frh am Morgen abgereist
war, ehe das Gercht von Tom's Unglck sich allgemein verbreitet hatte,
so war es ihm unbekannt geblieben.

Bringt Master Georg meinen Gru, sagte er dringend zu seiner Frau und
den Umstehenden.

Haley hieb auf die Pferde, und mit einem festen, traurigen Blicke, den
er unverwandt auf seine heimathliche Sttte richtete, sah Tom sie
allmhlig vor seinen Augen verschwinden.

Mr. Shelby war um diese Zeit nicht zu Hause. Er hatte Tom im Drange der
Nothwendigkeit verkauft, um aus der Gewalt eines Mannes zu kommen, den
er frchtete, -- und sein erstes Gefhl nach dem Abschlusse des
Geschftes war das innerer Beruhigung gewesen. Allein die Vorstellungen
seiner Frau erweckten seine halb schlummernde Reue, und Tom's mnnliche
Uneigenntzigkeit hatte die Peinlichkeit seiner Empfindungen erhht.
Vergeblich sagte er sich, da er ein Recht habe es zu thun, -- da
Jedermann es thue, -- und da Viele sogar es thten, ohne die
Entschuldigung der Nothwendigkeit fr sich zu haben, -- sein Gefhl
wollte sich dadurch nicht beruhigen lassen; und um nicht die traurigen
Schluscenen mit ansehen zu mssen, hatte er eine kleine Geschftsreise
in die Umgegend unternommen, in der Hoffnung, da bei seiner Rckkehr
Alles vorber sein werde.

Tom und Haley rasselten den staubigen Weg entlang, bei allen den
vertrauten Oertern vorber fliegend, bis die Grnzen der Besitzung
hinter ihnen lagen, und sie sich auf der offenen Landstrae befanden.
Als sie ungefhr eine Meile weit gefahren waren, hielt Haley pltzlich
vor der Thr eines Hufschmieds an, nahm ein paar Handschellen aus dem
Wagen hervor und trat damit in die Schmiede, um eine Aenderung derselben
vornehmen zu lassen.

Diese hier sind etwas zu klein fr seinen Bau, sagte Haley, die
Handschellen zeigend und auf Tom deutend.

Mein Seel'! ist denn das nicht Shelby's Tom? -- er hat ihn doch nicht
verkauft? sagte der Schmied.

Ja, er hat ihn verkauft, entgegnete Haley.

Warum nicht gar, wirklich? sagte der Schmied, wer htte das gedacht!
Je, ich glaube, Ihr habt nicht nthig, ihn auf diese Weise fest zu
machen, -- er ist die treueste, beste Seele --

Ja, ja, sagte Haley, aber Eure guten Seelen sind grade die rechten,
um davon zu laufen. Die Dummen, die nichts darnach fragen, wohin sie
gehen, und andere Versoffene, die sich aus nichts was machen, die
bleiben und haben's eher gern, nach allen Gegenden herumgerollt zu
werden; aber grade diese Hauptkerle, die hassen's wie die Snde. Hilft
nichts, -- die Schellen mssen dran, -- hat Beine, wird sie schon
gebrauchen -- kein Zweifel!

Na, Mann, sagte der Schmied, unter seinem Arbeitszeug umher suchend,
die Plantagen da unten sind auch nicht grade der Platz, wo ein
Kentucky-Nigger hin verlangt; sie sterben da ziemlich schnell, -- nicht
wahr?

O ja, sterben ziemlich schnell; von Klima und sonst so sterben sie so,
da immer ein ziemlich starker Markt ist, sagte Haley.

Man sollte aber doch meinen, da es ein Jammer wre, so 'nen ruhigen,
ordentlichen, guten Kerl zu haben, so einen wie Tom, und ihn denn nun da
fertig machen zu lassen in den Zucker-Plantagen.

Na, er hat 'ne gute Aussicht. Ich habe versprochen, was fr ihn zu
thun; -- will sehen, da ich ihn bei irgend 'ner guten, alten Familie
in's Haus bringen kann; und wenn er dann 's Fieber aushlt und 's Klima,
na, so hat er 's so gut wie 's irgend ein Nigger nur verlangen kann.

Seine Frau und Kinder hat er wohl da gelassen?

Ja; aber wird schon 'ne andre da kriegen; -- 's gibt ja Weiber genug da
berall, sagte Haley.

Tom sa inzwischen traurig auerhalb der Schmiede, whrend diese
Unterhaltung gefhrt wurde. Pltzlich hrte er einen schnellen, kurzen
Hufschlag hinter sich, und ehe er sich vollstndig von seiner
Ueberraschung erholen konnte, sprang Master Georg in den Wagen, schlang
in wilder Aufregung seine Arme um Tom's Nacken, und schluchzte und
schalt aus Leibeskrften.

Ich sage, es ist abscheulich! Ich frage nichts danach, was sie sagen,
wer 's auch ist! Es ist eine Schande! Wenn ich ein Mann wre, sollten
sie es nicht thun, -- sollten sie es ganz bestimmt nicht thun! rief er
mit unterdrcktem Schluchzen.

O Master Georg! das thut mir wohl! sagte Tom. Ich konnt 's nicht
tragen, da ich fort mute, ohne Sie noch 'mal gesehen zu haben! Das
thut mir wahrlich wohl, -- Sie knnen's nicht glauben!

Bei diesen Worten machte Tom eine Bewegung mit seinen Fen, und Georg's
Blicke fielen auf die Fessel.

Welche Schande! rief er, seine Hnde aufhebend. Ich schlage den alten
Kerl nieder, -- ja, ich thue es!

Nein, Sie thun 's nicht, Master Georg; und mssen nicht so laut
sprechen. Es kann mir zu nichts helfen, ihn rgerlich zu machen.

Gut, ich will es nicht thun, um Deinetwillen; aber nur dran zu denken,
-- ist es nicht abscheulich? Sie haben mich nicht holen lassen, haben
mir nicht einmal Nachricht davon gegeben, und wenn Tom Lincoln nicht
gewesen wre, so htte ich gar nichts davon gehrt. Ich sage Dir, ich
habe sie ausgescholten, Alle zusammen zu Hause!

Das war wohl nicht recht, Master Georg!

Ich konnte nicht anders! Es ist eine Schande, sage ich! -- Sieh' hier,
Onkel Tom, fgte er dann hinzu, seinen Rcken gegen die Schmiede
wendend und in geheimnivollem Tone sprechend: =ich habe Dir meinen
Dollar gebracht=!

O, ich kann ihn ja nicht annehmen, Master Georg, nein, um Alles in der
Welt nicht! sagte Tom ganz gerhrt.

Aber Du =sollst= ihn nehmen! sagte Georg; sieh' hier, -- ich sagte es
Tante Chlo, da ich's thun wollte, und sie hat mir den Rath gegeben,
ein Loch hineinzubohren und eine Schnur hinein zu ziehen, so, nun kannst
Du ihn um den Hals hngen und ihn verstecken; sonst wrde dieser gemeine
Ruber ihn Dir wegnehmen. Ich sage Dir, Tom, ich mchte mit ihm
anbinden! es wrde mir gut thun!

Nein, thun Sie 's nicht, Master Georg, denn es wrde =mir= nichts Gutes
bringen!

Wohl, ich will es nicht thun, um Deinetwillen, sagte Georg, seinen
Dollar geschftig um Tom's Hals hngend; aber nun knpfe Deinen Rock
fest drber zu und bewahre ihn, und jedes Mal, wenn Du ihn ansiehst, so
denke daran, da ich zu Dir hinunter kommen will und Dich zurck holen.
Ich habe mit Tante Chlo darber gesprochen; ich habe ihr gesagt, da
sie nichts frchten soll; ich will dafr sorgen, und ich will Vater'n zu
Tode rgern, wenn er 's nicht thut!

O Master Georg, Sie mssen nicht so von Ihrem Vater reden.

Gott, Onkel Tom, ich meine ja nichts Bses!

Und nun, Master Georg, fuhr Onkel Tom fort, Sie mssen immer ein
guter Sohn sein; bedenken Sie, wie viele Herzen da sind, die an Ihnen
hngen. Halten Sie immer fest an Ihrer Mutter und fallen Sie nie in
solche thrichten Wege, wie Knaben sie manchmal haben, und wollen zu
gro sein, um auf ihre Mutter zu hren. Will Ihnen was sagen, Master
Georg, der Herr gibt manche gute Dinge zweimal, aber 'ne Mutter gibt er
nur einmal. Sie werden nie wieder 'ne solche Frau finden, Master Georg,
und wenn Sie hundert Jahr alt werden. Also nun, Sie halten fest an ihr,
und werden gro, und werden ihr Trost sein, -- da, das ist mein guter
Sohn, -- nicht wahr, Sie wollen?

Ja, ich will, Onkel Tom, sagte Georg ernsthaft.

Und sein Sie vorsichtig was Sie sprechen, Master Georg. Junge Leute,
wenn sie in Ihr Alter kommen, sind eigenwillig, manchmal, -- 's ist
Natur; aber wirkliche Gentlemen, wie Sie einer sein werden, ich hoffe,
lassen nie Worte fallen ber ihre Eltern, die nicht ehrerbietig sind.
Sie sind doch nicht bse, Master Georg?

O nein, gewi nicht, Onkel Tom; Du hast mir immer gute Lehren gegeben.

Bin lter, Sie wissen, sagte Tom, indem er die schnen lockigen Haare
des Knaben mit seiner groen starken Hand strich, aber dabei mit einer
Stimme sprach, die so weich wie die eines Weibes war, und ich sehe
Alles was in Ihnen steckt, -- Klugheit, Stand, Lesen, Schreiben, -- und
Sie werden aufwachsen und ein groer, gelehrter, guter Mann sein, und
alle Leute im Orte, und Ihr Vater und Ihre Mutter werden stolz auf Sie
sein. Sein Sie auch ein guter Herr, wie Ihr Vater, -- und ein guter
Christ, wie Ihre Mutter. Denken Sie an Ihren Schpfer in den Tagen wo
Sie jung sind, Master Georg.

Ja, ich will wirklich gut sein, Onkel Tom, ich gelobe 's Dir! sagte
Georg, und sei Du nicht muthlos. Ich will Dich auf jeden Fall zu uns
zurck haben. Wie ich Tante Chlo diesen Morgen gesagt habe, -- ich will
Dein Haus neu ausbauen lassen und Du sollst ein eignes Zimmer haben mit
einem Teppich darin, wenn ich ein Mann bin. O, Du sollst noch gute
Zeiten haben!

Haley trat in die Thre der Schmiede mit den Handeisen in der Hand.

Hrt, Mister Haley, sagte Georg mit einer Miene groer Ueberlegenheit,
whrend er aus dem Wagen sprang, ich werde es meinen Eltern anzeigen,
wie Ihr Onkel Tom behandelt!

Soll mir lieb sein, sagte der Hndler.

Ich sollte denken, Ihr mtet Euch schmen, Euer ganzes Leben lang
Mnner und Weiber aufzukaufen und sie wie Vieh zusammen zu schlieen!
Ich sollte meinen, Ihr mtet Euch selbst abscheulich vorkommen! sagte
Georg.

So lange Eure vornehmen Leute noch Mnner und Weiber kaufen wollen, --
bin ich so gut wie jene, sagte Haley; 's ist nicht schlechter
verkaufen, als kaufen.

Ich werde keines von beiden thun, wenn ich ein Mann bin, sagte Georg.
Ich schme mich heut, da ich ein Kentuckier bin; -- frher war ich
immer stolz darauf. Und Georg sa auf seinem Pferde so grade, und
blickte mit einer solchen Miene um sich, als erwarte er, da der ganze
Staat davon durchdrungen werden solle.

Leb' wohl, Onkel Tom, behalte guten Muth! sagte Georg.

Leben Sie wohl, Master Georg, entgegnete Onkel Tom, ihn zrtlich und
mit Bewunderung anblickend. Gott der Allmchtige segne Sie! -- Ach,
Kentucky hat nicht Viele wie Sie! fgte er hinzu, als das freie, offene
Gesicht des Knaben seinem Blicke entzogen war. Fort flog Georg, und Tom
schaute ihm nach, bis der Hufschlag seines Pferdes nicht mehr zu hren
war, -- der letzte Ton, der letzte Blick aus seiner Heimath. Aber ber
seinem Herzen schien eine warme Stelle zu sein, da wo jene jugendlichen
Hnde den kostbaren Dollar hingelegt hatten. Tom hob seine Hand auf und
drckte sie fest auf sein Herz.

Nun hre, Tom, ich will Dir was sagen, sagte Haley, whrend er an den
Wagen trat und die Handschellen hinein warf, ich meine, Du sollst 's
gut bei mir haben, wie 's meine Nigger immer haben; und also sag' ich
Dir gleich zum Anfang, Du bist ehrlich gegen mich, und ich bin gut gegen
Dich. Bin nie hart gegen meine Nigger, -- thue immer 's Beste fr sie,
was ich kann. Also, Du siehst, das Gescheidste ist, Du bist ruhig und
zufrieden und machst mir keine Streiche; denn die Niggerstreiche kenn'
ich alle, und werde damit fertig. Wenn Niggers ruhig sind und versuchen
nicht davon zu laufen, so haben sie gute Zeit bei mir; und wenn nicht,
na, denn so ist 's ihre eigne Schuld und nicht meine.

Tom versicherte Haley, da er nicht die Absicht habe, davon zu laufen.
Die Ermahnung schien in der That ziemlich berflssiger Weise an einen
Mann gerichtet zu sein, der schwere Fueisen an seinen Beinen trug.
Allein Mr. Haley hatte die Gewohnheit angenommen, sein Verhltni zu
neuen Waarenartikeln stets mit kleinen derartigen Ermahnungen zu
erffnen, die darauf hinwirkten, wie er glaubte, ihnen guten Muth und
Zutrauen einzuflen, und die Nothwendigkeit unangenehmer Scenen zu
verhten.

Und hier nehmen wir fr jetzt von Onkel Tom Abschied, um die Schicksale
andrer Personen unserer Erzhlung zu verfolgen.




Elftes Kapitel.

Worin das Eigenthum in einen unpassenden Geisteszustand gerth.


Es war an einem regnichten Nachmittage, als ein Reisender an der Thr
eines kleinen Gasthofes im Dorfe N-- in Kentucky abstieg. Im
Schenkzimmer fand er eine sehr gemischte Gesellschaft, die vom Wetter
hier, um Schutz zu suchen, zusammen getrieben worden war, und der Ort
gewhrte deshalb die gewhnliche Scenerie solcher Versammlungen. Groe,
hagere Kentuckier, in ihren Jagdhemden, die ihre gelenkigen Gliedmaen,
in der ihnen so eigenthmlichen, behaglichen Faulheit ber einen
unglaublichen Raum ausstreckten; -- Gewehre, die aufgestapelt in den
Ecken standen, Jagdtaschen, Schrotbeutel, Jagdhunde, kleine Neger, in
bunter Mischung durch einander rollend, -- waren die charakteristischen
Zge des Gemldes. Auf jeder Seite des Kamines sa ein langbeiniger
Gentleman, mit zurck gelehntem Stuhle, seinen Hut auf dem Kopfe, und
die Hacken seiner schlammigen Stiefel auf dem Kaminsimse ruhen lassend,
-- eine Stellung, die, wie wir unserm Leser versichern mssen,
entschieden gnstig fr diejenige Art von Betrachtungen ist, welche in
jenen westlichen Wirthshusern gefunden werden, in denen die Reisenden
eine besondre Vorliebe fr diese besondre Art und Weise, ihrem
Reflektionsvermgen nachzuhelfen, an den Tag legen.

Der Wirth, welcher hinter dem Schenktische stand, war, wie die meisten
seiner Landsleute, gro von Gestalt, gutmthig und gewandt, mit einer
unglaublichen Decke von Haar auf seinem Kopfe, auf der er einen groen,
hohen Hut trug.

Es trug berhaupt Jeder im Zimmer dieses charaktervolle Zeichen der
mnnlichen Souvernett, sei es ein Felbelhut, oder ein Palmblatt, ein
schmutziger Filzhut, oder ein schner, neuer #chapeau#, -- dort ruhte er
mit cht republikanischer Unabhngigkeit, und schien in der That das
charakteristische Merkmal jeder einzelnen Individualitt zu sein. Einige
trugen ihn verwegen auf die Seite gedrckt, -- das waren muntere,
lustige, frhliche Burschen; Andere hatten ihn bis tief auf die Nasen
hinabgedrckt, -- das waren jene harten Charaktere, Mnner durch und
durch, die, wenn sie einen Hut trugen, ihn ganz tragen wollten, und
grade so wie es ihnen gefiel; noch Andre lieen ihn weit hinten ber
fallen, -- tief blickende Mnner, die von Allem eine deutliche
Anschauung haben wollten; whrend wieder andre, sorglose Mnner, welche
entweder nicht wuten, oder sich nichts daraus machten, wie ihr Hut sa,
ihn nach allen Seiten umher schwanken lieen. Die verschiedenartigen
Hte gewhrten in der That ein Feld fr ein wahrhaft Shakespearsches
Studium.

Verschiedene Neger, in weiten Beinkleidern, liefen geschftig hin und
her, ohne da man ein besondres Resultat ihrer Geschftigkeit entdecken
konnte, aber mit der ihrem Geschlechte eigenthmlichen Willigkeit, Alles
in der ganzen Schpfung umzukehren, um ihrem Master und seinen Gsten
dienstlich zu sein. Denke Dir endlich, lieber Leser, zu diesem Bilde ein
munteres, prasselndes Feuer, welches den groen, weiten Rauchfang
hinauffhrt, -- alle Thren und Fenster weit offen, so da die Gardinen
in der kalten, feuchten Zugluft hin und her wehen, -- und Du hast eine
Idee von den Annehmlichkeiten eines Kentuckischen Wirthshauses.

Der Kentuckier der jetzigen Zeit ist eine treffliche Versinnlichung der
Lehre von ererbten Instinkten und Eigenthmlichkeiten. Seine Vorvter
waren gewaltige Jger, -- Mnner, die in den Wldern lebten, und unter
dem freien Himmel und dem Lichte der Sterne schliefen; und ihr
Abkmmling handelt bis auf den heutigen Tag so, als wenn das Haus sein
Lager wre, -- trgt seinen Hut zu allen Zeiten, rollt sich umher und
wirft seine Hacken auf die Sthle und Kaminsimse, grade so wie sein
Vorvater sich auf dem grnen Rasen umher rollte, und seine Fe auf
Stmme und Bume legte, -- hlt alle Fenster und Thren Sommer und
Winter offen, -- nennt jedermann Fremder mit #nonchalant bonhommie#,
und ist berhaupt die offenherzigste, ungenirteste und gemthlichste
Kreatur der Welt.

In eine solche freie und leichte Gesellschaft trat unser Reisender. Er
war ein kleiner, untersetzter Mann, sorgfltig gekleidet, mit einem
runden, gutmthigen Gesichte, und hatte etwas Komisches, Sonderbares in
seiner ganzen Erscheinung. Er schien fr seine Reisetasche und seinen
Regenschirm sehr besorgt zu sein, denn er brachte sie mit eignen Hnden
herein und widerstand dabei hartnckig allen Versuchen der Dienstboten,
ihm diese Last abzunehmen. Indem er sich etwas ngstlich im Schenkzimmer
umschaute, zog er sich mit seinen Kostbarkeiten in die wrmste Ecke
desselben zurck, legte diese unter seinen Stuhl, setzte sich nieder,
und blickte beinahe furchtsam auf zu dem Ehrenmanne, dessen Hacken vom
Kaminsimse getragen wurden, und der ununterbrochen von rechts nach links
mit einem Muthe und einer Heftigkeit ausspie, da Leute von schwachen
Nerven und besondern Gewohnheiten sich nothwendig dadurch beunruhigt
fhlen muten.

Guten Tag, Fremder, wie geht's? sagte der so eben beschriebene Herr,
indem er eine Ehrensalve von Tabackssaft nach der Gegend des neuen
Ankmmling's zu abfeuerte.

Ziemlich gut, war die Antwort des Anderen, whrend er mit einiger
Unruhe der drohenden Ehre auszuweichen suchte.

Neuigkeiten? fragte Ersterer wieder, eine Rolle Taback und ein groes
Jagdmesser aus seiner Tasche nehmend.

Wte keine, war die Antwort.

Kauen? fragte Jener, indem er dem alten Herrn ein Stck Taback mit
cht brderlicher Miene hinreichte.

Nein, danke schn, -- es bekommt mir nicht, sagte der kleine Mann,
zurck rckend.

Nicht, ah so! bemerkte der Andre, whrend er den Taback in seinen
eignen Mund steckte, um daselbst den nthigen Vorrath von Saft zum
allgemeinen Besten der Gesellschaft in steter Bereitschaft zu halten.

Der alte Herr lie jedesmal einen leisen Schrecken sehen, wenn sein
langer Bruder nach seiner Gegend zu feuerte; und als dieser das
bemerkte, richtete er gutmthig seine Artillerie nach einer andern
Seite, und begann die Feuerzange mit einem Grade militrischen Talentes
anzugreifen, der hinreichend gewesen sein wrde, um eine Stadt zu
strmen.

Was ist das? fragte der alte Herr, als er mehrere Anwesende um einen
groen Anschlagezettel gruppirt sah.

Ein Nigger ist bekannt gemacht! entgegnete Einer derselben kurz.

Mr. Wilson, denn dies war der Name des alten Herrn, stand auf, und
nachdem er sorgfltig seine Reisetasche und seinen Regenschirm zurecht
gelegt hatte, schritt er bedchtig dazu, seine Brille hervor zu ziehen,
setzte diese auf die Nase, und begann sodann zu lesen:

     Dem Unterzeichneten entlaufen ein Mulattenbursche, Georg. Besagter
     Georg ist sechs Fu gro, ein sehr hellfarbiger Mulatte, hat
     braunes, lockiges Haar, spricht gut, kann lesen und schreiben;
     wird wahrscheinlich versuchen fr einen Weien zu gelten; hat tiefe
     Narben auf dem Rcken und Schultern, und trgt an der rechten Hand
     ein Brandmal mit dem Buchstaben #H#.

     Ich will vierhundert Dollar fr ihn lebendig geben, und dieselbe
     Summe fr den vollstndigen Nachweis, da er getdtet worden ist.

Der alte Herr las diese Anzeige von Anfang bis zu Ende mit leiser
Stimme, als wenn er sie studiere.

Der langbeinige Veteran, der, wie vorher erwhnt, die Feuerzange
gestrmt hatte, lie jetzt seine bedeutende Lnge nieder, erhob seine
hohe Gestalt, schritt nach dem Orte, wo diese Anzeige angeschlagen war,
und spie dann eine volle Ladung von Tabackssaft auf dieselbe.

Das ist meine Meinung darber! sagte er kurz, und setzte sich dann
wieder nieder.

Oho, Fremder, was soll das heien? sagte der Wirth.

Ich wrde dasselbe mit Dem thun, der's geschrieben hat, wenn er hier
wre, entgegnete kaltbltig der lange Mann, whrend er seine alte
Beschftigung, Taback zu schneiden, wieder vornahm. Jeder, der einen
Burschen besitzt wie der, und keinen bessern Weg finden kann, ihn zu
behandeln, =verdient= ihn zu verlieren. Solche Papiere wie das da, sind
eine Schande fr Kentucky! Das ist meine Meinung grade heraus, wenn
Jemand sie wissen will!

Das ist 'mal gewi! sagte der Wirth, whrend er Etwas in sein Buch
eintrug.

Ich habe einen Trupp Burschen, Herr, sagte der lange Mann, indem er
seinen Angriff auf die Feuerzange von Neuem begann, und rede mit ihnen
so: -- >Jungens,< sage ich -- >rennt nun, lauft! wenn ihr wollt! -- ich
will Euch nie nachlaufen!< -- So halt' ich =meine=. Lat sie 's wissen,
da sie fortlaufen knnen wenn sie wollen, dann grade verlieren sie die
Lust. Ueberdies habe ich Freischeine fr sie alle ausgefertigt, im Fall
es mir 'mal zu bunt wird in den jetzigen Zeiten; und das wissen sie. Ich
sage Euch, Fremder, 's giebt keinen Kerl hier, der mehr aus seinen
Negern herausbringt, als ich. Glaubt Ihr's? Meine Burschen sind bis nach
Cincinnati gegangen mit Fllen, fnfhundert Dollar werth, und haben mir
das Geld alles richtig heimgebracht, -- mehr als einmal. 'S ist ganz
natrlich, warum. Behandelt sie wie Hunde, und Ihr habt Hundewerk;
behandelt sie wie Menschen, und Ihr habt Menschenwerk. Und der ehrliche
Pferdehndler bekrftigte sein moralisches Gefhl dadurch, da er ein
frmliches #feu de joie# gegen den Kamin loslie.

Ich glaube, Ihr habt vollkommen recht, Freund, sagte Mr. Wilson; und
der hier beschriebene Bursche ist wirklich ein braver Bursche, -- kein
Zweifel darber. Er hat fr mich beinahe sechs Jahre lang in meiner
Sackfabrik gearbeitet, und war mein bester Arbeiter, Herr. Er ist
auerdem ein kluger, erfinderischer Bursche. Er hat eine Maschine zum
Reinigen des Hanfes erfunden, -- eine wirklich werthvolle Sache, die
jetzt in vielen Fabriken angewendet wird. Sein Herr hat das Patent
darauf.

Kann mir's denken, sagte der Pferdehndler, hat es und macht Geld
mit, und dann dreht er sich um und brennt den Burschen in die rechte
Hand. Wenn ich 'ne gute Gelegenheit htte, ich wollte ihn zeichnen,
meiner Seele, er sollte 's 'ne gute Zeit mit sich herum tragen.

Ja, die klugen Burschen das sind alle ungezogene, impertinente
Schlingel, sagte ein Mann von rohem, ungeschlachtem Aeuern auf der
andern Seite des Zimmers; das ist's warum sie gepeitscht und so
gezeichnet werden. Wenn sie sich ordentlich betrgen, wrde 's nicht
geschehen.

Das heit, Gott hat sie Menschen werden lassen, und 's mu ein harter
Druck sein, um sie zu Bestien zu machen, sagte der Pferdehndler
trocken.

Kluge Niggers sind gar nichts ntze fr 'nen Herrn, fuhr der Andre
fort, der gegen die Verachtung seines Gegners in einer rohen,
bewutlosen Stumpfheit wohl verschanzt war; -- wozu brauchen sie
Talente und solche Sachen, wenn Ihr selbst keinen Nutzen davon haben
knnt? Alles, was sie mit thun ist, da sie Euch betrgen. Habe ein paar
solche Burschen gehabt, aber habe sie bald den Flu hinunter verkauft.
Wute doch, da ich sie frh oder spt verlieren wrde, wenn ich's nicht
that.

Noch besser, Ihr schickt eine Bestellung hinauf zum lieben Gott, da er
Euch welche schafft ohne Seelen, sagte der Pferdehndler.

Hier wurde die Unterhaltung durch das Heranfahren eines kleinen,
einspnnigen Kabriolet's vor das Wirthshaus unterbrochen. Es hatte ein
anstndiges Aeueres, und darin sa ein fein gekleideter Mann mit einem
farbigen Diener, welcher fuhr.

Die ganze Versammlung im Schenkzimmer betrachtete den neuen Ankmmling
mit der Neugierde, mit welcher Wirthshausgste an einem regnichten Tage
gewhnlich einen frisch Ankommenden beobachten. Er war sehr gro, und
hatte eine dunkle, spanische Gesichtsbildung, schne, ausdrucksvolle
Augen, und dichtes, lockiges Haar, welches ebenfalls rabenschwarz war.
Seine schngeformte, gebogene Nase, seine schmalen Lippen, und die
auffallend schnen Formen seiner Glieder erregten bei der ganzen
Gesellschaft sofort die Idee von etwas Ungewhnlichem. Er schritt mit
leichter Haltung in das Zimmer, grte die Gesellschaft, und deutete dem
Kellner durch einen Wink an, wo er seinen Mantelsack niederzusetzen
habe, worauf er, mit seinem Hute in der Hand, sich nachlssig an den
Schenktisch begab, und seinen Namen als Henry Butler, von Oakland,
Grafschaft Shelby, angab. Sich sodann mit gleichgltiger Miene
umwendend, schlenderte er an die im Zimmer ausgehngte Bekanntmachung
heran, und las sie.

Jim, sagte er zu seinem Diener, ich glaube, wir sind einem Burschen,
der diesem hnlich sieht, in der Nhe von Bernan begegnet, nicht wahr?

Ja wohl, Master, sagte Jim, nur wei ich nicht, ob's mit der Hand
zutrifft?

Ich habe natrlich nicht darauf geachtet, sagte der Fremde, nachlig
ghnend. Sodann sich zum Wirth begebend, verlangte er ein besonderes
Zimmer, da er, wie er sagte, sofort einige Schreibereien zu besorgen
habe.

Der Wirth war uerst bereitwillig, und ein halbes Dutzend Neger, alt
und jung, mnnlichen und weiblichen Geschlechts, gro und klein,
sprangen gleich darauf umher, eilig und geschftig, wie ein Volk
Rebhhner, einander auf die Fe tretend und ber einander stolpernd in
ihrem Eifer, um Master's Zimmer in Stand zu setzen, whrend dessen er
sich nachlssig in einen Stuhl in der Mitte des Zimmers niedergelassen
und mit dem ihm zunchst Sitzenden ein Gesprch begonnen hatte.

Der Fabrikant, Mr. Wilson, hatte den Fremden vom ersten Augenblicke ab,
wo er in's Zimmer getreten war, mit dem Ausdrucke unruhiger Neugierde
betrachtet. Er glaubte ihn irgendwo gesehen und kennen gelernt zu haben,
aber er konnte sich nicht besinnen, wo. Jeden Augenblick, wenn der Mann
sprach oder lchelte, oder sich bewegte, hob er sich und heftete seine
Blicke auf ihn und wandte sich dann schnell wieder ab, wenn die dunkeln,
leuchtenden Augen desselben den seinigen mit dem Ausdrucke der
sorglosesten Ruhe begegneten. Endlich schien eine pltzliche Erinnerung
in ihm aufzuflammen, denn er starrte den Fremden mit einer Miene solcher
Verwunderung und solchen Schreckens an, da dieser auf ihn zuging.

Mr. Wilson, wenn ich nicht irre, sagte er in einem Tone, als erkenne
er ihn so eben, seine Hand ausstreckend. Ich bitte um Verzeihung, ich
habe Sie vorher nicht erkannt. Ich sehe, Sie erinnern sich meiner -- Mr.
Butler, von Oakland, Grafschaft Shelby.

Ja -- ja -- ja, sagte Mr. Wilson wie Jemand, der in einem Traume
spricht.

Grade in diesem Augenblicke kam ein Negerknabe herein, welcher
ankndigte, da das Zimmer des Herrn bereit sei.

Jim, sieh nach dem Gepck, sagte der Herr nachlig, und fgte sodann,
sich an Mr. Wilson wendend, hinzu: Ich wrde Sie um eine kurze
Unterhaltung ber Geschftssachen in meinem Zimmer bitten, wenn Sie
nichts dagegen haben.

Mr. Wilson folgte ihm, wie Jemand, der im Schlafe wandelt, und sie
gelangten in ein groes Zimmer im oberen Stocke, wo ein frisch
angezndetes Feuer prasselte, und verschiedene Dienstboten noch umher
flogen, um die letzte Hand an die Ordnung des Zimmers zu legen.

Als Alles gethan war und die Dienstboten sich entfernt hatten, schlo
der junge Mann vorsichtig die Thr zu und steckte den Schlssel die
Tasche, schaute sich um, und dann seine Arme auf der Brust ber einander
schlagend, schaute er Mr. Wilson voll in's Gesicht.

Georg, sagte Mr. Wilson.

Ja, Georg, entgegnete der junge Mann.

Ich htte mir's nicht denken knnen!

Ich bin ziemlich gut entstellt, glaube ich, sagte der junge Mann.
Etwas Wallnuschale hat meiner gelben Haut ein sanftes Braun verliehen,
und mein Haar habe ich schwarz gefrbt. So, sehen Sie, pat die
Bekanntmachung auf mich durchaus nicht.

O Georg! aber das ist gefhrliches Spiel, was Du treibst. Ich htte Dir
nicht rathen knnen, es zu thun.

Ich kann es auf meine eigene Verantwortung thun, entgegnete Georg mit
demselben stolzen Lcheln.

Wir mssen #en passant# bemerken, da Georg von seines Vaters Seite
weier Abkunft war. Seine Mutter war eine jener Unglcklichen ihres
Geschlechtes, die durch ihre persnliche Schnheit dazu bestimmt sind,
die Sklavinnen der Begierden ihrer Besitzer, und Mtter von Kindern zu
werden, die nie ihren Vater kennen drfen. Von einer der stolzesten
Familien in Kentucky hatte er schne, europische Zge und einen
stolzen, unzhmbaren Geist ererbt. Von seiner Mutter hatte er eine
leichte Mulattenfrbung empfangen, die durch das damit verbundene
glnzende, dunkle Auge vollstndig aufgewogen wurde. Eine kleine
Vernderung in der Farbe seiner Haut und seiner Haare hatte ihm das
Ansehen eines Spaniers verliehen, unter welchem er sich jetzt zeigte;
und da eine edle Haltung und ein anstndiges Benehmen ihm von jeher
natrlich gewesen waren, so fand er keine Schwierigkeit darin, die khne
Rolle zu spielen, in der er sich jetzt bewegte, -- die eines mit seinem
Bedienten reisenden Gentlemans.

Mr. Wilson, ein gutmthiger, aber auerordentlich zaghafter und
vorsichtiger alter Mann, lief unruhig im Zimmer auf und ab, whrend in
seinem Innern der Wunsch, Georg beizustehen, mit einem dunkeln Begriffe
von Aufrechterhaltung des Gesetzes und der Ordnung zu kmpfen schien.
Whrend er dehalb im Zimmer umherstrich, gab er sich etwa auf folgende
Weise zu vernehmen:

So, Georg, vermuthe, Du bist davon gelaufen Deinem rechtmigen Herrn,
Georg, -- (wundere mich nicht) -- aber ich mu Dir doch sagen, es thut
mir leid, Georg, -- ja, entschieden -- ich mu Dir das sagen, Georg, --
es ist meine Pflicht, Dir das zu sagen.

Was thut Ihnen leid, lieber Herr? fragte Georg ruhig.

Je nun, da ich sehe, da Du dich gleichsam den Gesetzen Deines
Vaterlandes entgegen stellst.

=Meines= Vaterlandes! sagte Georg mit starker und bitterer Betonung;
welches andere Vaterland habe ich, als das Grab? -- und ich wnschte
bei Gott, da ich schon darin lge.

Wie, Georg, nein -- nein -- das geht nicht; solches Gesprch ist
sndhaft, unchristlich. Georg, Du hast einen schlimmen Herrn -- das ist
wahr, -- sein Betragen ist sehr zu tadeln, -- ich will ihn nicht
vertheidigen; aber Du weit, wie der Engel Hagar befahl, zu ihrer Herrin
zurckzukehren und sich ihrer Hand zu unterwerfen, -- und der Apostel
sandte Onesimus zurck zu seinem Herrn.

Fhren Sie mir nicht die Bibel an auf diese Weise, Mr. Wilson, sagte
Georg mit flammendem Auge, -- ich bitte Sie, thun Sie es nicht! denn
mein Weib ist eine Christin, und ich gedenke ein Christ zu sein, wenn
ich je dahin gelangen sollte, wohin ich kann; aber einem Menschen in
meinen Verhltnissen gegenber die Bibel anfhren ist genug, um ihn
Alles aufgeben zu lassen. Ich berufe mich auf Gott den Allmchtigen, --
ich bin bereit, mit meiner Sache vor Ihn zu treten und Ihn zu fragen, ob
ich Unrecht thue, indem ich meine Freiheit suche.

Diese Gefhle sind ganz natrlich, Georg, sagte der gutmthige Mann,
sein Taschentuch gebrauchend. Ja, sie sind natrlich, aber es ist meine
Pflicht, Dich nicht darin zu bestrken. Ja, mein Junge, Du thust mir
leid, es ist ein schlimmes Ding -- sehr schlimm; aber der Apostel sagt:
>Ein Jeglicher bleibe in dem Berufe, darinnen er berufen ist.< Wir
mssen uns alle den Winken der Vorsehung unterwerfen, -- siehst Du das
nicht ein?

Georg stand da mit zurckgebogenem Kopfe, mit fest unter einander
geschlagenen Armen auf seiner breiten Brust, und mit einem bittern
Lcheln auf der Lippe.

Es sollte mich wundern, Mr. Wilson, ob, wenn die Indianer kmen und Sie
von Weib und Kindern wegschleppten, und Sie lebenslang bei sich behalten
wollten, um ihnen das Korn zu mahlen, -- ob Sie es dann fr Ihre Pflicht
halten wrden, in der Lage zu bleiben, in die Sie versetzt worden sind.
Ich glaube eher, Sie wrden das erste, beste frei umher laufende Pferd,
das Sie finden knnten, fr einen Wink der Vorsehung halten, -- was
meinen Sie?

Der alte Herr starrte mit beiden Augen, als er diese Anschauung der
Sachlage hrte; und obgleich er kein groer Denker war, so hatte er doch
so viel gesunden Sinn, worin er von manchen Logikern nicht bertroffen
wird, -- da nichts zu sagen, wo nichts gesagt werden kann. Whrend er
dehalb beschftigt war, seinen Regenschirm zu streichen und jede Falte
darin auszugltten, fuhr er mit seinen Ermahnungen in allgemeiner
Beziehung fort.

Du siehst, Georg, Du weit, da ich immer Dein Freund gewesen bin, und
was ich gesagt habe, habe ich immer nur zu Deinem Besten gesagt. Hier
nun, scheint es mir, setzest Du dich einer schrecklichen Gefahr aus. Du
kannst nicht darauf hoffen, es auszufhren, und wenn sie Dich fangen, so
wird Deine Lage noch schlimmer werden, als sie bisher gewesen ist. Sie
werden Dich mihandeln und halb umbringen, und Dich den Flu hinunter
verkaufen.

Mr. Wilson, ich wei das Alles, sagte Georg. Ich setze mich einer
Gefahr aus, aber -- hier ffnete er seinen Ueberrock und lie zwei
Pistolen und ein Weidmesser sehen. Hier! sagte er, ich bin bereit fr
sie! Hinunter nach Sden will ich nimmer gehen. Nein! wenn es dahin
kmmt, so kann ich mir wenigstens noch sechs Fu freien Grund und Boden
erringen, -- den ersten und letzten, den ich jemals in Kentucky besitzen
werde!

Hre, Georg, diese Gemthsstimmung ist schrecklich! -- sie ist ganz
verzweifelt, Georg. Das bekmmert mich sehr; -- so die Gesetze Deines
Vaterlandes bertreten zu wollen!

Wieder, =meines Vaterlandes=! Mr. Wilson, =Sie= haben ein Vaterland;
aber welches Vaterland habe ich oder irgend Einer, der von einer
Sklavenmutter geboren worden ist? Welche Gesetze bestehen denn fr uns?
Wir erlassen sie nicht, -- wir geben nicht unsre Stimme dazu, wir haben
nichts mit ihnen zu thun; Alles, was sie fr uns thun, ist, da sie uns
niederschmettern und uns niederhalten. Habe ich denn nicht ihre Reden am
4ten Juli gehrt? Haben sie uns nicht allen alljhrlich einmal gesagt,
da die Regierungen ihre Gewalt nur durch den Willen der Regierten
erhalten? Kann ein Mensch denn nicht denken, der solche Sachen hrt?
Kann er dies und jenes nicht zusammenreimen und sich daraus Schlsse
ziehen?

Mr. Wilson's Geist war einer von denjenigen, die nicht unpassend mit
einem Ballen Baumwolle verglichen werden knnen, -- sanft, weich,
nachgiebig und verworren. Er bedauerte wirklich Georg von ganzem Herzen,
und hatte sogar eine dunkle, nebelichte Ahnung von dem Gefhl, welches
diesen erfllte: aber er hielt es fr seine Pflicht, beharrlich mit
seinen =guten= Vorstellungen fortzufahren.

Georg, das ist unrecht. Ich mu es Dir sagen, als Dein Freund, Du
weit, Du thtest besser, Dich mit solchen Ideen nicht zu beschftigen;
die sind ganz unpassend, Georg, ganz unpassend fr Burschen in Deinem
Verhltni. Und Mr. Wilson setzte sich nieder und begann in heftigster
Aufregung an dem Knopfe seines Schirmes zu kauen.

Nun sehen Sie hier, Mr. Wilson, sagte Georg, indem er zu ihm herantrat
und sich mit entschiedenem Wesen dicht vor ihn setzte; -- sehen Sie
mich jetzt an. Sitze ich hier nicht vor Ihnen als ein Mensch in jeder
Beziehung grade so gut wie Sie? Schauen Sie in mein Gesicht, auf meine
Hnde, auf meinen Krper, und bei diesen Worten hob sich der junge Mann
stolz auf, bin ich nicht ein Mensch so gut wie Einer? Wohl, Mr. Wilson,
hren Sie, was ich Ihnen sagen will. Ich hatte einen Vater, -- er
gehrte zu Ihren Kentucky'schen Gentlemen, -- der sich nicht so viel aus
mir machte, da er mich dagegen sicherte, mit seinen Pferden und Hunden
nach seinem Tode verkauft zu werden. Ich sah meine Mutter zum Verkaufe
ausgestellt mit ihren sieben Kindern. Sie wurden alle, eins nach dem
andern, vor ihren Augen an verschiedene Herren verkauft; und ich war das
jngste. Sie kam und sank vor meinem alten Master zu Fen und flehte
ihn an, sie mit mir zu kaufen, damit sie wenigstens ein Kind bei sich
habe; -- und er stie sie mit dem Hacken zur Seite. Ich sah es, als er
es that; und das Letzte, was ich von ihr hrte, war ihr Sthnen und
Schreien, als ich an den Hals seines Pferdes gebunden wurde, um mit ihm
fortgeschleppt zu werden.

Nun, also?

Mein Herr kaufte spter meine lteste Schwester von dem Manne, der sie
erstanden hatte. Sie war ein frommes, gutes Mdchen, -- und so schn wie
ihre arme Mutter gewesen war. Sie war gut erzogen worden, und wute sich
gut zu benehmen. Anfangs freute ich mich, da sie gekauft worden war,
denn ich hatte nun eine Freundin in meiner Nhe; aber bald bereute ich
es. Ich habe an der Thr gestanden und gehrt, wie sie gepeitscht wurde,
whrend jeder Schlag mein entbltes Herz zu treffen schien, und konnte
ihr nicht helfen; und sie wurde gepeitscht, Herr, blos deshalb, weil sie
ein sittliches, christliches Leben fhren wollte, ein solches, wie Ihre
Gesetze einem Sklavenmdchen nicht erlauben zu fhren; und endlich sah
ich sie geschlossen in dem Trupp eines Sklavenhndlers, um nach
New-Orleans auf den Markt gebracht zu werden, -- dort hingeschickt blos
deshalb, weil sie -- und das ist das Letzte, was ich von ihr wei. --
Ich selbst wuchs auf, -- lange, lange Jahre, -- keinen Vater, keine
Mutter, keine Schwester, kein menschliches Wesen bei mir, das sich um
mich mehr als um einen Hund kmmerte; nichts als gepeitscht, geschimpft
werden, und Hunger leiden. Ich bin oft so hungrig gewesen, da ich froh
war, die Knochen zu finden, die den Hunden vorgeworfen wurden; und
dennoch war es nicht der Hunger, nicht der Schmerz der Peitschenhiebe,
weshalb ich oft als ein kleiner Knabe lange Nchte wachend und weinend
auf meinem Lager zubrachte. Nein, Herr, es war meine Mutter und meine
Schwestern, um die ich weinte, -- es war, weil ich keinen Freund auf
Erden hatte, der mich liebte. Ich habe nie gewut, was Friede und
Annehmlichkeiten des Lebens waren; nie wurde ein freundliches Wort zu
mir gesprochen, bis ich in Ihre Fabrik kam. Mr. Wilson, Sie haben mich
gut behandelt, Sie haben mich ermuthigt, gut zu sein, lesen und
schreiben zu lernen, und etwas aus mir selbst zu machen; und Gott wei
es, wie dankbar ich Ihnen dafr bin. Dann fand ich meine Frau; Sie haben
sie gesehen, -- Sie wissen, wie schn sie ist. Als ich sah, da sie mich
liebte, als ich sie heirathete, konnte ich kaum glauben, da ich
wirklich lebe, so glcklich war ich; und sie ist ebenso gut wie schn.
Aber was kam nun? -- Mein Master kommt und nimmt mich von meiner Arbeit
fort, von meinen Freunden und Allem, was ich lieb hatte, um mich in den
Staub zu treten! Und weshalb? Weil ich, wie er sagt, vergessen habe, was
ich sei, um, wie er sagt, mir zu lehren, da ich nichts als ein Neger
sei! Endlich tritt er auch zwischen mich und mein Weib, und verlangt,
ich solle sie aufgeben und mit einem andern Weibe leben. Und zu allen
diesen Handlungen geben ihm Ihre Gesetze Macht und Vollkommenheit, trotz
Gott und Menschen. Mr. Wilson, hren Sie! Es ist hier nicht =eine
einzige= Handlung unter allen diesen, die die Herzen meiner Mutter,
meiner Schwester, meines Weibes und mein eignes gebrochen haben, welche
Ihre Gesetze nicht billigten, und jedem Manne in Kentucky ohne
Widerspruch erlaubten! Nennen Sie nun diese die Gesetze =meines=
Vaterlandes? Nein, Herr, ich habe nicht mehr ein Vaterland, als ich
einen Vater habe. Aber ich bin im Begriffe, eins zu erlangen. Ich
verlange nichts von =Ihrem= Vaterlande, als da es mich in Frieden lasse
und mir erlaube, ruhig hinaus zu gehen; und wenn ich nach Kanada komme,
wo die Gesetze mich anerkennen und mich beschtzen werden, so soll dies
mein Vaterland sein, und ich will seinen Gesetzen gehorchen. Aber wenn
Jemand versuchen sollte, mich aufzuhalten, so mag er sich vorsehen, denn
ich bin verzweifelt. Ich werde kmpfen fr meine Freiheit bis zum
letzten Hauche. Sie sagen, Ihre Vorvter thaten dasselbe; wohl, wenn es
fr sie recht war, so ist es auch fr mich recht.

Diese Rede, welche von ihm, theils am Tische sitzend, theils im Zimmer
auf und ab gehend, gesprochen wurde, mit Thrnen, funkelnden Augen und
verzweifelnden Geberden, war fr den guten alten Mann zu viel, an den
sie gerichtet war, und der inzwischen ein groes, gelbes Taschentuch
herausgezogen hatte und sein Gesicht damit herzhaft wischte.

La sie alle zum Henker gehen! brach er pltzlich hervor. Habe ich's
nicht immer gesagt, -- die verdammten Hallunken! -- Ich habe doch nicht
geflucht, jetzt? -- Gut, Georg, geh' zu, geh' zu! aber sei vorsichtig,
mein Junge; schiee Keinen todt, Georg, wenn's nicht -- ja, -- aber noch
besser, Du schieest gar nicht, denk' ich; wenigstens wrde ich
Niemandem Schaden zufgen, verstehst Du? -- Wo ist Dein Weib, Georg?
fgte er hinzu, whrend er heftig erregt aufstand, und im Zimmer auf und
ab zu gehen begann.

Fort, fort, mit ihrem Kinde im Arme, Gott wei, wohin, -- dem Nordstern
nach, und wann wir uns wieder sehen, und ob wir uns je wieder in dieser
Welt, kann Niemand sagen.

Ist es mglich! unglaublich! fort von einer so guten Familie?

Ja, aber gute Familien gerathen in Schulden, und die Gesetze =unseres=
Vaterlandes erlauben ihnen, das Kind von der Mutterbrust weg zu
verkaufen, um die Schulden des Herrn zu bezahlen, sagte Georg mit
bitterem Tone.

Gut, gut, sagte der brave alte Mann, in seiner Tasche herum fhlend.
Ich glaube vielleicht, ich folge hier nicht ganz meinem Verstande, --
aber, la Alles gehenkt werden, ich will ihm nicht folgen! fgte er
pltzlich hinzu; also hier, Georg! diesem eine Rolle Banknoten
hinreichend, die er aus seiner Brieftasche genommen hatte.

Nein, nein, mein guter, guter Herr! sagte Georg; Sie haben so viel
fr mich gethan, und dies knnte Sie in Verlegenheit bringen. Ich habe
Geld genug, hoffe ich, um mich so weit zu bringen, wie ich nthig habe.

Nein, aber Du mut, Georg. Geld ist eine groe Hlfe berall; -- man
kann nicht zu viel haben, wenn's ehrlich gewonnen ist. Nimm es, --
bitte, nimm es, nun, -- nimm es, mein Junge!

Unter der Bedingung, da ich es spter zurckzahlen darf, will ich es
annehmen, sagte Georg.

Und nun, Georg, wie lange denkst Du auf diese Weise zu reisen? -- nicht
lange oder weit, hoffe ich. 'S ist gut angefangen, aber zu dreist. Und
der schwarze Bursche, -- wer ist das?

Ein treuer Mensch, der lnger als vor Jahresfrist nach Kanada ging.
Nachdem er dorthin gelangt war, hrte er, da sein Herr ber sein
Entlaufen so zornig geworden sei, da er seine arme alte Mutter
gepeitscht habe; und er ist deshalb den ganzen Weg zurckgekommen, um
sie zu trsten und sie mit fortzunehmen.

Hat er sie?

Noch nicht; er ist lange Zeit um den Ort herum geschlichen, aber hat
noch keine Gelegenheit gefunden. Inzwischen will er mich bis nach Ohio
begleiten, um mich zu Freunden zu bringen, die ihm geholfen haben, und
dann will er wieder hierher zurckkehren.

Gefhrlich, sehr gefhrlich! sagte der alte Mann.

Georg richtete sich auf und lchelte stolz.

Der alte Mann betrachtete ihn von Kopf bis zu Fen mit einer Art
unschuldiger Verwunderung.

Georg, irgend Etwas hat Dich erstaunlich verndert. Du trgst Deinen
Kopf, und sprichst und bewegst Dich grade wie ein anderer Mensch, sagte
Mr. Wilson.

Weil ich ein =freier Mensch= bin, sagte Georg stolz. Ja, Herr, ich
habe zum letzten Male zu irgend einem Menschen >Master< gesagt. =Ich bin
frei!=

Sieh Dich vor! Du bist noch nicht sicher, -- Du knntest wieder
gefangen werden.

Alle Menschen sind frei und gleich im Grabe, wenn es dahin kommen
sollte, Mr. Wilson, entgegnete Georg.

Ich bin vollstndig erstarrt vor Deiner Dreistigkeit! sagte Mr.
Wilson, -- grade hierher in das nchste Wirthshaus zu kommen!

Mr. Wilson, es ist =so= dreist, und dieses Wirthshaus ist =so= nahe,
da Niemand je daran denken wird; man wird mich weiter voraus suchen,
und Sie selbst wrden mich nicht kennen. Jim's Master wohnt nicht in
dieser Gegend; es kennt ihn hier Niemand. Ueberdies ist er lngst
vergessen; Niemand sucht ihn mehr, und Niemand wird mich nach der
Bekanntmachung erkennen, glaube ich.

Aber das Zeichen an Deiner Hand.

Georg zog seinen Handschuh aus und zeigte eine frisch geheilte Wunde an
seiner Hand.

Das ist ein Liebeszeichen, was Mr. Harris mir zum Abschiede gegeben
hat, sagte Georg spttisch. Vor ungefhr vierzehn Tagen kam es ihm in
den Kopf, mir dies zu geben, weil er, wie er sagte, glaubte, da ich
dieser Tage davon laufen werde. Sieht es nicht interessant aus? fgte
er hinzu, indem er seinen Handschuh wieder anzog.

Ich versichere Dich, Georg, mein Blut wird kalt wie Eis, wenn ich daran
denke, -- an Deine Lage und Deine Gefahren! sagte Mr. Wilson.

Das meinige ist manches lange Jahr kalt gewesen; -- jetzt ist es
ungefhr im Siedepunkte, entgegnete Georg.

Und nun, mein guter Herr, fuhr Georg nach einer Pause von wenigen
Minuten fort, ich bemerkte, da Sie mich erkannten; und so dachte ich,
es wre am besten, wenn ich eine Unterredung hier mit Ihnen htte, damit
mich Ihre verwunderten Blicke nicht verrathen mchten. Ich reise morgen
frh, vor Tagesanbruch, wieder ab, und gedenke morgen Abend in Ohio in
Sicherheit zu schlafen. Ich werde bei Tage reisen, in den besten
Gasthfen logiren, und mit den Herren des Landes an einer Tafel speisen.
Also leben Sie wohl, lieber Herr; und wenn Sie hren sollten, da ich
gefangen worden bin, so knnen Sie als gewi annehmen, da ich todt
bin!

Georg stand wie ein Fels, und streckte seine Hand mit der Miene eines
Frsten aus. Der gutmthige, kleine alte Mann drckte sie herzlich, und
nahm sodann vorsichtig seinen Regenschirm und suchte tappend seinen Weg
zum Zimmer hinaus.

Georg schaute ihm gedankenvoll nach, als der alte Mann die Thre schlo.
Ein Gedanke schien pltzlich in ihm aufzusteigen; er eilte zur Thre,
ffnete sie und sagte:

Mr. Wilson, noch auf ein Wort!

Der alte Herr kehrte in's Zimmer zurck, und Georg schlo, wie zuvor,
die Thr ab, und stand dann einige Augenblicke lang still, unschlssig
auf den Boden schauend. Endlich seinen Kopf mit pltzlicher Anstrengung
erhebend, sagte er:

Mr. Wilson, Sie haben sich mir in der Behandlung, die ich von Ihnen
erfahren habe, als ein Christ gezeigt, -- ich wollte Sie um einen
letzten christlichen Liebesdienst bitten.

Gut, Georg, was ist's?

Was Sie vorher sagten, -- ist wahr; ich setze mich einer entsetzlichen
Gefahr aus. Es gibt auf der ganzen Erde keine lebende Seele, die sich
darum kmmert, wenn ich umkomme, sagte er mit schwerem Athem und mit
groer Anstrengung, -- man wird mich mit dem Fue auf die Seite stoen
und wie einen Hund einscharren, und kein Mensch wird den folgenden Tag
mehr daran denken, -- nur =mein armes Weib=! Arme Seele! sie wird
trauern und sich abhrmen. -- Wenn es Ihnen nur mglich wre, Mr.
Wilson, ihr diese Busennadel zu senden. Sie gab sie mir einst zum
Weihnachtsgeschenke, das arme Wesen! Geben Sie sie ihr, und sagen Sie
ihr, da ich sie bis zum letzten Augenblicke lieben wrde. Wollen Sie?
=wollen= Sie es thun? fgte er dringend hinzu.

Ja, sicher, -- mein armer Junge! sagte der alte Herr, die Nadel
nehmend, mit nassen Augen und einem melancholischen Zittern seiner
Stimme.

Sagen Sie ihr dieses Eine noch, fuhr Georg fort; es ist mein letzter
Wunsch, -- nach Kanada zu gehen, wenn sie irgend hinkommen knne.
Gleichviel, wie gut ihre Mistre sei, -- gleichviel, wie sehr sie an
ihrer Heimath hnge; bitten Sie sie, nicht dahin zurckzukehren, -- denn
Sklaverei endet immer in Elend. Sagen Sie ihr, sie solle unser Kind zu
einem freien Menschen erziehen, dann werde er nicht das erdulden mssen,
was ich erduldet habe. Sagen Sie ihr dies, Mr. Wilson, -- wollen Sie?

Ja, Georg, ich will es ihr sagen; aber ich hoffe, Du wirst nicht
sterben; fasse Muth, -- bist ja ein braver Bursche. Vertraue auf Gott,
Georg. Ich wnschte nur, Du wrest erst glcklich durch, -- das ist mein
Wunsch.

Gibt es einen Gott, auf den man vertrauen kann? sagte Georg in einem
Tone so bitterer Verzweiflung, da der alte Mann dadurch in seiner Rede
stockte. O ich habe mein ganzes Leben lang so viele Dinge gesehen, die
in mir das Gefhl erzeugt haben, da es keinen Gott geben knne. Ihr
Christen wit nicht, wie uns diese Dinge erscheinen. Fr Euch gibt es
einen Gott, -- aber nicht fr uns.

O nein, sprich nicht so -- nicht so, mein Junge! sagte der alte Mann
beinahe schluchzend; la nicht solche Gedanken aufkommen. Es gibt -- es
gibt einen Gott; Wolken und Dunkel ist um ihn her, aber Gerechtigkeit
und Gericht ist seines Stuhles Festung. Es lebt ein Gott, Georg! --
glaube an Ihn, vertraue auf Ihn, und Er wird Dir sicher helfen. Er wird
Alles in Ordnung bringen, wenn nicht in dieser, doch in einer anderen
Welt.

Die wahrhafte Frmmigkeit und Gte des schlichten, alten Mannes verlieh
ihm momentan, whrend er sprach, eine Art Wrde. Georg hielt in seinem
verzweifelten Laufe das Zimmer auf und nieder inne, blieb einen
Augenblick gedankenvoll stehen und sagte dann ruhig:

Ich danke Ihnen fr das, was Sie mir gesagt haben, mein guter Freund;
-- ich will =daran denken=!








End of Project Gutenberg's Onkel Tom's Htte, by Harriet Beecher Stowe

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ONKEL TOM'S HTTE ***

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