The Project Gutenberg EBook of Schach von Wuthenow, by Theodor Fontane

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.net


Title: Schach von Wuthenow
       Erzhlung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes

Author: Theodor Fontane

Release Date: July 30, 2011 [EBook #36905]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHACH VON WUTHENOW ***




Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
book was produced from scanned images of public domain
material from the Google Print project.)






  [ Anmerkungen zur Transkription:

    Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen;
    lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
    der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes.

    Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
    Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert.
    Im Original fett gedruckter Text wurde mit ~ markiert.
  ]




Schach von Wuthenow




Von ~Theodor Fontane~ erschienen in gleichem Verlage:

~L'Adultera.~ Roman aus der Berliner Gesellschaft.

~Ccile.~ Roman.

~Graf Petfy.~ Roman.

~Irrungen Wirrungen.~ Berliner Roman.

~Stine.~ Berliner Sitten-Roman.

~Kriegsgefangen.~ Erlebtes 1870.

~Aus den Tagen der Occupation.~ Eine Osterreise.

~Frau Jenny Treibel.~ Roman.

~Meine Kinderjahre.~ Autobiographischer Roman.

~Von vor und nach der Reise.~ Plaudereien und kleine Geschichten.

~Effi Briest.~ Roman.

~Die Poggenpuhls.~ Erzhlung.

~Von Zwanzig bis Dreissig.~ Autobiographisches.

~Der Stechlin.~ Roman.

~Aus England und Schottland.~ Reisebilder.


Gesammelte Romane und Erzhlungen.

Ausgabe in 12 Bnden mit dem Bilde des Dichters.

=Inhalt=: ~L'Adultera.~ Roman aus der Berliner Gesellschaft. --
Ellernklipp. Nach einem Harzer Kirchenbuch. -- ~Graf Petfy.~ Roman. --
~Unterm Birnbaum.~ Erzhlung. -- ~Schach von Wuthenow.~ Erzhlung. --
~Grete Minde.~ Nach einer altmrkischen Chronik. -- ~Vor dem Sturm.~
Roman aus dem Winter 1812 auf 13. -- ~Irrungen Wirrungen.~ Berliner
Roman. -- ~Stine.~ Berliner Sitten-Roman. -- ~Kriegsgefangen.~ Erlebtes
1870.




  Schach von Wuthenow

  Erzhlung
  aus der Zeit des Regiments Gensdarmes

  von
  Theodor Fontane

  Vierte Auflage.

  Berlin W
  F. Fontane & Co.
  1901




  Alle Rechte, vor allem das der Uebersetzung, vorbehalten.




Erstes Kapitel.

Im Salon der Frau von Carayon.


In dem Salon der in der Behrenstrae wohnenden Frau von Carayon und
ihrer Tochter Victoire waren an ihrem gewhnlichen Empfangsabend einige
Freunde versammelt, aber freilich wenige nur, da die groe Hitze des
Tages auch die treuesten Anhnger des Zirkels ins Freie gelockt hatte.
Von den Offizieren des Regiments Gensdarmes, die selten an einem dieser
Abende fehlten, war nur einer erschienen, ein Herr von Alvensleben, und
hatte neben der schnen Frau vom Hause Platz genommen unter
gleichzeitigem scherzhaftem Bedauern darber, da gerade =der= fehle,
dem dieser Platz in Wahrheit gebhre.

Beiden gegenber, an der der Mitte des Zimmers zugekehrten Tischseite,
saen zwei Herren in Civil, die, seit wenig Wochen erst heimisch in
diesem Kreise, sich nichtsdestoweniger bereits eine dominirende Stellung
innerhalb desselben errungen hatten. Am entschiedensten der um einige
Jahre jngere von beiden, ein ehemaliger Stabskapitn, der, nach einem
abenteuernden Leben in England und den Unionsstaaten in die Heimat
zurckgekehrt, allgemein als das Haupt jener militrischen Frondeurs
angesehen wurde, die damals die politische Meinung der Hauptstadt
machten, beziehungsweise terrorisirten. Sein Name war von Blow.
Nonchalance gehrte mit zur Genialitt, und so focht er denn, beide Fe
weit vorgestreckt und die linke Hand in der Hosentasche, mit seiner
Rechten in der Luft umher, um durch lebhafte Gestikulationen seinem
Kathedervortrage Nachdruck zu geben. Er konnte, wie seine Freunde
sagten, nur sprechen um Vortrag zu halten, und -- er sprach eigentlich
immer. Der starke Herr neben ihm war der Verleger seiner Schriften, Herr
Daniel Sander, im Uebrigen aber sein vollkommener Widerpart, wenigstens
in allem was Erscheinung anging. Ein schwarzer Vollbart umrahmte sein
Gesicht, das ebensoviel Behagen wie Sarkasmus ausdrckte, whrend ihm
der in der Taille knapp anschlieende Rock von niederlndischem Tuche
sein Embonpoint zusammenschnrte. Was den Gegensatz vollendete, war die
feinste weie Wsche, worin Blow keineswegs excellirte.

Das Gesprch, das eben gefhrt wurde, schien sich um die kurz vorher
beendete Haugwitzsche Mission zu drehen, die, nach Blows Ansicht, nicht
nur ein wnschenswerthes Einvernehmen zwischen Preuen und Frankreich
wieder hergestellt, sondern uns auch den Besitz von Hannover noch als
Morgengabe mit eingetragen habe. Frau von Carayon aber bemngelte
diese Morgengabe, weil man nicht gut geben oder verschenken knne, was
man nicht habe, bei welchem Worte die bis dahin unbemerkt am Theetisch
beschftigt gewesene Tochter Victoire der Mutter einen zrtlichen Blick
zuwarf, whrend Alvensleben der schnen Frau die Hand kte.

Ihrer Zustimmung, lieber Alvensleben, nahm Frau von Carayon das Wort,
war ich sicher. Aber sehen Sie, wie minos- und rhadamantusartig unser
Freund Blow dasitzt. Er brtet mal wieder Sturm, Victoire, reiche Herrn
von Blow von den Karlsbader Oblaten. Es ist, glaub' ich, das Einzige,
was er von Oesterreich gelten lt. Inzwischen unterhlt uns Herr Sander
von unsern Fortschritten in der neuen Provinz. Ich frchte nur, da sie
nicht gro sind.

Oder sagen wir lieber, gar nicht existiren, erwiderte Sander. Alles
was zum welfischen Lwen oder zum springenden Ro hlt, will sich nicht
preuisch regieren lassen. Und ich verdenk es Keinem. Fr die Polen
reichten wir allenfalls aus. Aber die Hannoveraner sind feine Leute.

Ja, das sind sie, besttigte Frau von Carayon, whrend sie gleich
danach hinzufgte: Vielleicht auch etwas hochmthig.

Etwas! lachte Blow. O, meine Gndigste, wer doch allzeit einer
hnlichen Milde begegnete. Glauben Sie mir, ich kenne die Hannoveraner
seit lange, hab ihnen in meiner Altmrker-Eigenschaft so zu sagen von
Jugend auf ber den Zaun gekuckt, und darf Ihnen danach versichern, da
alles das, was mir England so zuwider macht, in diesem welfischen
Stammlande doppelt anzutreffen ist. Ich gnn' ihnen deshalb die
Zuchtruthe, die wir ihnen bringen. Unsere preuische Wirthschaft ist
erbrmlich, und Mirabeau hatte Recht, den gepriesenen Staat Friedrichs
des Groen mit einer Frucht zu vergleichen, die schon faul sei, bevor
sie noch reif geworden, aber faul oder nicht, =Eines= haben wir
wenigstens: ein Gefhl davon, da die Welt in diesen letzten funfzehn
Jahren einen Schritt vorwrts gemacht hat, und da sich die groen
Geschicke derselben nicht nothwendig zwischen Nuthe und Notte vollziehen
mssen. In Hannover aber glaubt man immer noch an eine Spezialaufgabe
Kalenbergs und der Lneburger Haide. _Nomen est omen._ Es ist der Sitz
der Stagnation, eine Brutsttte der Vorurtheile. =Wir= wissen
wenigstens, da wir nichts taugen, und in dieser Erkenntni ist die
Mglichkeit der Besserung gegeben. Im Einzelnen bleiben wir hinter ihnen
zurck, zugegeben, aber im Ganzen sind wir ihnen voraus, und darin
steckt ein Anspruch und ein Recht, die wir geltend machen mssen. Da
wir, trotz Sander, in Polen eigentlich gescheitert sind, beweist nichts;
der Staat strengte sich nicht an und hielt seine Steuereinnehmer gerade
fr gut genug, um die Kultur nach Osten zu tragen. In soweit mit Recht,
als selbst ein Steuereinnehmer die Ordnung vertritt, wenn auch freilich
von der unangenehmen Seite.

Victoire, die von dem Augenblick an, wo Polen mit ins Gesprch gezogen
worden war, ihren Platz am Theetisch aufgegeben hatte, drohte jetzt zu
dem Sprecher hinber und sagte: Sie mssen wissen, Herr von Blow, da
ich die Polen liebe, sogar _de tout mon coeur_. Und dabei beugte sie
sich aus dem Schatten in den Lichtschein der Lampe vor, in dessen Helle
man jetzt deutlich erkennen konnte, da ihr feines Profil einst dem der
Mutter geglichen haben mochte, durch zahlreiche Blatternarben aber um
seine frhere Schnheit gekommen war.

Jeder mut' es sehen, und der Einzige, der es =nicht= sah, oder, wenn er
es sah, als absolut gleichgltig betrachtete, war Blow. Er wiederholte
nur: o ja, die Polen. Es sind die besten Mazurkatnzer, und darum
lieben Sie sie.

Nicht doch. Ich liebe sie, weil sie ritterlich und unglcklich sind.

Auch das. Es lt sich dergleichen sagen. Und um dies ihr Unglck
knnte man sie beinah beneiden, denn es trgt ihnen die Sympathien aller
Damenherzen ein. In Fraueneroberungen haben sie, von alter Zeit her, die
glnzendste Kriegsgeschichte.

Und wer rettete....

Sie kennen meine ketzerischen Ansichten ber Rettungen. Und nun gar
Wien! Es wurde gerettet. Allerdings. Aber wozu? Meine Phantasie schwelgt
ordentlich in der Vorstellung, eine Favoritsultanin in der Krypta der
Kapuziner stehen zu sehen. Vielleicht da, wo jetzt Maria Theresia steht.
Etwas vom Islam ist bei diesen Hahndel- und Fasahndelmnnern immer zu
Hause gewesen, und Europa htt' ein bischen mehr von Serail- oder
Haremwirthschaft ohne groen Schaden ertragen....

Ein eintretender Diener meldete den Rittmeister von Schach, und ein
Schimmer freudiger Ueberraschung berflog beide Damen, als der
Angemeldete gleich darnach eintrat. Er kte der Frau von Carayon die
Hand, verneigte sich gegen Victoire, und begrte dann Alvensleben mit
Herzlichkeit, Blow und Sander aber mit Zurckhaltung.

Ich frchte, Herrn von Blow unterbrochen zu haben....

Ein allerdings unvermeidlicher Fall, antwortete Sander und rckte
seinen Stuhl zur Seite. Man lachte, Blow selbst stimmte mit ein, und
nur an Schachs mehr als gewhnlicher Zurckhaltung lie sich erkennen,
da er entweder unter dem Eindruck eines ihm persnlich unangenehmen
Ereignisses oder aber einer politisch unerfreulichen Nachricht in den
Salon eingetreten sein msse.

Was bringen Sie, lieber Schach? Sie sind prokkupirt. Sind neue
Strme....

Nicht =das=, gndigste Frau, nicht das. Ich komme von der Grfin
Haugwitz, bei der ich um so hufiger verweile, je mehr ich mich von dem
Grafen und seiner Politik zurckziehe. Die Grfin wei es und billigt
mein Benehmen. Eben begannen wir ein Gesprch, als sich drauen vor dem
Palais eine Volksmasse zu sammeln begann, erst Hunderte, dann Tausende.
Dabei wuchs der Lrm und zuletzt ward ein Stein geworfen und flog an dem
Tisch vorbei, daran wir saen. Ein Haar breit und die Grfin wurde
getroffen. Wovon sie aber =wirklich= getroffen wurde, das waren die
Worte, die Verwnschungen, die heraufklangen. Endlich erschien der Graf
selbst. Er war vollkommen gefat und verleugnete keinen Augenblick den
Kavalier. Es whrte jedoch lang', eh' die Strae gesubert werden
konnte. Sind wir bereits dahin gekommen? Emeute, Krawall. Und das im
Lande Preuen, unter den Augen Seiner Majestt.

Und speziell =uns= wird man fr diese Geschehnisse verantwortlich
machen, unterbrach Alvensleben, speziell =uns= von den Gensdarmes. Man
wei, da wir diese Liebedienerei gegen Frankreich mibilligen, von der
wir schlielich nichts haben als gestohlene Provinzen. Alle Welt wei,
wie wir dazu stehen, auch bei Hofe wei man's, und man wird nicht
sumen, =uns= diese Zusammenrottung in die Schuh zu schieben.

Ein Anblick fr Gtter, sagte Sander. Das Regiment Gensdarmes unter
Anklage von Hochverrath und Krawall.

Und nicht mit Unrecht, fuhr Blow in jetzt wirklicher Erregung
dazwischen. Nicht mit Unrecht, sag' ich. Und das witzeln Sie nicht
fort, Sander. Warum fhren die Herren, die jeden Tag klger sein wollen,
als der Knig und seine Minister, warum fhren sie diese Sprache? Warum
politisiren sie? Ob eine Truppe politisiren darf, stehe dahin, aber
=wenn= sie politisirt, so politisire sie wenigstens richtig. Endlich
sind wir jetzt auf dem rechten Weg, endlich stehen wir da, wo wir von
Anfang an htten stehen sollen, endlich hat Seine Majestt den
Vorstellungen der Vernunft Gehr gegeben und was geschieht? Unsere
Herren Offiziere, deren drittes Wort der Knig und ihre Loyalitt ist,
und denen doch immer nur wohl wird, wenn es nach Ruland und Juchten und
recht wenig nach Freiheit riecht, unsere Herren Offiziere, sag' ich,
gefallen sich pltzlich in einer ebenso naiven wie gefhrlichen
Oppositionslust, und fordern durch ihr keckes Thun und ihre noch
keckeren Worte den Zorn des kaum besnftigten Imperators heraus.
Dergleichen verpflanzt sich dann leicht auf die Gasse. Die Herren vom
Regiment Gensdarmes werden freilich den Stein nicht selber heben, der
schlielich bis an den Theetisch der Grfin fliegt, aber sie sind doch
die moralischen Urheber dieses Krawalles, =sie= haben die Stimmung dazu
gemacht.

Nein, diese Stimmung war da.

Gut. Vielleicht war sie da. Aber =wenn= sie da war, so galt es, sie zu
bekmpfen, nicht aber sie zu nhren. Nhren wir sie, so beschleunigen
wir unsern Untergang. Der Kaiser wartet nur auf eine Gelegenheit, wir
sind mit vielen Posten in sein Schuldbuch eingetragen, und zhlt er erst
die Summe, so sind wir verloren.

Glaub's nicht, antwortete Schach. Ich vermag Ihnen nicht zu folgen,
Herr von Blow.

Was ich beklage.

Ich desto weniger. Es trifft sich bequem fr Sie, da Sie mich und
meine Kameraden ber Landes- und Knigstreue belehren und aufklren
drfen, denn die Grundstze, zu denen Sie sich bekennen, sind momentan
obenauf. Wir stehen jetzt nach Ihrem Wunsch und allerhchstem Willen am
Tische Frankreichs und lesen die Brosamen auf, die von des Kaisers
Tische fallen. Aber auf wie lange? Der Staat Friedrichs des Groen mu
sich wieder auf sich selbst besinnen.

So er's nur thte, replizirte Blow. Aber das versumt er eben. Ist
dies Schwanken, dies immer noch halbe Stehen zu Ruland und Oesterreich,
das uns dem Empereur entfremdet, ist das Fridericianische Politik? Ich
frage Sie?

Sie miverstehen mich.

So bitt ich, mich aus dem Miverstndni zu reien.

Was ich wenigstens versuchen will .... Uebrigens =wollen= Sie mich
miverstehen, Herr von Blow. Ich bekmpfe nicht das franzsische
Bndni, weil es ein Bndni ist, auch nicht =deshalb=, weil es nach Art
aller Bndnisse darauf aus ist, unsere Kraft zu diesem oder jenem Zweck
zu doubliren. O, nein; wie knnt' ich? Allianzen sind Mittel, deren
=jede= Politik bedarf; auch der groe Knig hat sich dieser Mittel
bedient und innerhalb dieser Mittel bestndig =gewechselt=. Aber =nicht=
gewechselt hat er in seinem Endzweck. Dieser war unverrckt: ein starkes
und selbststndiges Preuen. Und nun frag' ich Sie, Herr von Blow, ist
=das=, was uns Graf Haugwitz heimgebracht hat, und was sich Ihrer
Zustimmung so sehr erfreut, ist =das= ein starkes und selbststndiges
Preuen? Sie haben =mich= gefragt, nun frag ich =Sie=.




Zweites Kapitel.

Die Weihe der Kraft.


Blow, dessen Zge den Ausdruck einer uersten Ueberheblichkeit
anzunehmen begannen, wollte repliziren, aber Frau von Carayon unterbrach
und sagte: Lernen wir etwas aus der Politik unserer Tage: wo nicht
Friede sein kann, da sei wenigstens Waffenstillstand. Auch hier .... Und
nun rathen Sie, lieber Alvensleben, wer heute hier war, uns seinen
Besuch zu machen? Eine Berhmtheit. Und von der Rahel Lewin uns
zugewiesen.

Also der Prinz, sagte Alvensleben.

O nein, berhmter oder doch wenigstens tagesberhmter. Der Prinz ist
eine etablirte Celebritt, und Celebritten, die zehn Jahre gedauert
haben, sind keine mehr .... Ich will Ihnen brigens zu Hilfe kommen, es
geht ins Litterarische hinber, und so mcht' ich denn auch annehmen,
da uns Herr Sander das Rthsel lsen wird.

Ich will es wenigstens versuchen, gndigste Frau, wobei mir Ihr
Zutrauen vielleicht eine gewisse Weihekraft, oder sagen wirs lieber rund
heraus, eine gewisse 'Weihe der Kraft' verleihen wird.

O vorzglich. Ja, Zacharias Werner war hier. Leider waren wir aus, und
so sind wir denn um den uns zugedachten Besuch gekommen. Ich hab es sehr
bedauert.

Sie sollten sich umgekehrt beglckwnschen, einer Enttuschung
entgangen zu sein, nahm Blow das Wort. Es ist selten, da die Dichter
der Vorstellung entsprechen, die wir uns von ihnen machen. Wir erwarten
einen Olympier, einen Nektar- und Ambrosiamann, und sehen statt dessen
einen Gourmand einen Putenbraten verzehren; wir erwarten Mittheilungen
aus seiner geheimsten Zwiesprach mit den Gttern und hren ihn von
seinem letzten Orden erzhlen oder wohl gar die allergndigsten Worte
citiren, die Serenissimus ber das jngste Kind seiner Muse geuert
hat. Vielleicht auch Serenissima, was immer das denkbar Albernste
bedeutet.

Aber doch schlielich nichts Alberneres, als das Urtheil solcher, die
den Vorzug haben, in einem Stall oder einer Scheune geboren zu sein,
sagte Schach spitz.

Ich mu Ihnen zu meinem Bedauern, mein sehr verehrter Herr von Schach,
auch auf =diesem= Gebiete widersprechen. Der Unterschied, den Sie
bezweifeln, ist wenigstens nach =meinen= Erfahrungen thatschlich
vorhanden, und zwar, wie Sie mir zu wiederholen gestatten wollen, zu
=Nicht=-Gunsten von Serenissimus. In der Welt der kleinen Leute steht
das Urtheil an und fr sich nicht hher, aber die verlegene
Bescheidenheit, darin sich's kleidet und das stotternde
Schlechte-Gewissen, womit es zu Tage tritt, haben allemal etwas
Vershnendes. Und nun spricht der Frst! Er ist der Gesetzgeber seines
Landes in all und jedem, in Groem und Kleinem, also natrlich auch in
Aestheticis. Wer ber Leben und Tod entscheidet, sollte der nicht auch
ber ein Gedichtchen entscheiden knnen? Ah, bah! Er mag sprechen was er
will, es sind immer Tafeln direkt vom Sinai. Ich habe solche zehn Gebote
mehr als einmal verknden hren und wei seitdem was es heit: _regarder
dans le Nant_.

Und doch stimm' ich der Mama bei, bemerkte Victoire, der daran lag das
Gesprch auf seinen Anfang, auf das Stck und seinen Dichter also
zurckzufhren. Es wre mir wirklich eine Freude gewesen, den
'tagesberhmten Herrn', wie Mama ihn einschrnkend genannt hat, kennen
zu lernen. Sie vergessen, Herr von Blow, da wir =Frauen= sind, und da
wir als solche ein Recht haben, neugierig zu sein. An einer Berhmtheit
wenig Gefallen zu finden, ist schlielich immer noch besser, als sie gar
nicht gesehen zu haben.

Und wir werden ihn in der That nicht mehr sehen, in aller Bestimmtheit
nicht, fgte Frau von Carayon hinzu. Er verlt Berlin in den nchsten
Tagen schon und war berhaupt nur hier, um den ersten Proben seines
Stckes beizuwohnen.

Was also heit, warf Alvensleben ein, da an der Auffhrung selbst
nicht lnger mehr zu zweifeln ist.

Ich glaube, nein. Man hat den Hof dafr zu gewinnen oder wenigstens
alle beigebrachten Bedenken niederzuschlagen gewut.

Was ich unbegreiflich finde, fuhr Alvensleben fort. Ich habe das
Stck gelesen. Er will Luther verherrlichen, und der Pferdefu des
Jesuitismus guckt berall unter dem schwarzen Doktormantel hervor. Am
rthselhaftesten aber ist es mir, da sich Iffland dafr interessirt,
Iffland, ein Freimaurer.

Woraus ich einfach schlieen mchte, da er die Hauptrolle hat,
erwiderte Sander. Unsere Prinzipien dauern gerade so lange, bis sie mit
unsern Leidenschaften oder Eitelkeiten in Konflikt gerathen und ziehen
dann jedesmal den krzeren. Er wird den Luther spielen wollen. Und das
entscheidet.

Ich bekenne, da es mir widerstrebt, sagte Victoire, die Gestalt
Luthers auf der Bhne zu sehen. Oder geh' ich darin zu weit?

Es war Alvensleben, an den sich die Frage gerichtet hatte. Zu weit? O,
meine theuerste Victoire, gewi nicht. Sie sprechen mir ganz aus dem
Herzen. Es sind meine frhesten Erinnerungen, da ich in unserer
Dorfkirche sa, und mein alter Vater neben mir, der alle
Gesangbuchsverse mitsang. Und links neben dem Altar da hing unser Martin
Luther in ganzer Figur, die Bibel im Arm, die Rechte darauf gelegt, ein
lebensvolles Bild, und sah zu mir herber. Ich darf sagen, da dies
ernste Mannesgesicht an manchem Sonntage besser und eindringlicher zu
mir gepredigt hat als unser alter Kluckhuhn, der zwar dieselben hohen
Backenknochen und dieselben weien Pffchen hatte wie der Reformator,
aber auch weiter nichts. Und diesen Gottesmann, nach dem wir uns nennen
und unterscheiden, und zu dem ich nie anders als in Ehrfurcht und
Andacht aufgeschaut habe, den will ich nicht aus den Koulissen oder aus
einer Hinterthr treten sehen. Auch nicht, wenn Iffland ihn giebt, den
ich brigens schtze, nicht blos als Knstler, sondern auch als Mann von
Grundstzen und guter preuischer Gesinnung.

_Pectus facit oratorem_, versicherte Sander, und Victoire jubelte.
Blow aber, der nicht gern neue Gtter neben sich duldete, warf sich in
seinen Stuhl zurck und sagte, whrend er sein Kinn und seinen Spitzbart
strich: Es wird Sie nicht berraschen, mich im Dissens zu finden.

O, gewi nicht, lachte Sander.

Nur dagegen mcht' ich mich verwahren, als ob ich durch einen solchen
Dissens irgendwie den Anwalt dieses pfffischen Zacharias Werner zu
machen gedchte, der mir in seinen mystisch-romantischen Tendenzen
einfach zuwider ist. Ich bin Niemandes Anwalt....

Auch nicht Luthers? fragte Schach ironisch.

Auch nicht Luthers!

Ein Glck, da er dessen entbehren kann....

Aber auf wie lange? fuhr Blow sich aufrichtend fort. Glauben Sie
mir, Herr von Schach, auch =er= ist in der Decadence, wie so viel
anderes mit ihm, und ber ein Kleines wird keine Generalanwaltschaft der
Welt ihn halten knnen.

Ich habe Napoleon von einer 'Episode Preuen' sprechen hren,
erwiderte Schach. Wollen uns die Herren Neuerer, und Herr von Blow an
ihrer Spitze, vielleicht auch mit einer 'Episode Luther' beglcken?

Es ist so. Sie treffen es. Uebrigens sind nicht =wir= es, die dies
Episodenthum schaffen wollen. Dergleichen schafft nicht der Einzelne,
die Geschichte schafft es. Und dabei wird sich ein wunderbarer
Zusammenhang zwischen der Episode Preuen und der Episode Luther
herausstellen. Es heit auch da wieder: 'Sage mir, mit wem Du umgehst,
und ich will Dir sagen, wer Du bist.' Ich bekenne, da ich die Tage
Preuens gezhlt glaube, und 'wenn der Mantel fllt, mu der Herzog
nach.' Ich berlass' es Ihnen, die Rollen dabei zu vertheilen. Die
Zusammenhnge zwischen Staat und Kirche werden nicht genugsam gewrdigt;
jeder Staat ist in gewissem Sinne zugleich auch ein =Kirchenstaat=; er
schliet eine Ehe mit der Kirche, und soll diese Ehe glcklich sein, so
mssen beide zu einander passen. In Preuen passen sie zu einander. Und
warum? Weil beide gleich drftig angelegt, gleich eng gerathen sind. Es
sind Kleinexistenzen, beide bestimmt in etwas Grerem auf- oder
unterzugehen. Und zwar bald. _Hannibal ante portas._

Ich glaubte Sie dahin verstanden zu haben, erwiderte Schach, da uns
Graf Haugwitz nicht den Untergang, wohl aber die Rettung und den Frieden
gebracht habe.

Das hat er. Aber er kann unser Geschick nicht wenden, wenigstens auf
die Dauer nicht. Dies Geschick heit Einverleibung in das Universelle.
Der nationale wie der konfessionelle Standpunkt sind hinschwindende
Dinge, vor allem aber ist es der preuische Standpunkt und sein _alter
ego_ der lutherische. Beide sind knstliche Gren. Ich frage, was
bedeuten sie? welche Missionen erfllen sie? Sie ziehen Wechsel
aufeinander, sie sind sich gegenseitig Zweck und Aufgabe, das ist alles.
Und das soll eine Weltrolle sein! Was hat Preuen der Welt geleistet?
Was find' ich, wenn ich nachrechne? Die Groen Blauen Knig Friedrich
WilhelmsI., den eisernen Ladestock, den Zopf, und jene wundervolle
Moral, die den Satz erfunden hat, 'ich hab' ihn an die Krippe gebunden,
warum hat er nicht gefressen?'

Gut, gut. Aber Luther....

Nun wohl denn, es geht eine Sage, da mit dem Manne von Wittenberg die
Freiheit in die Welt gekommen sei, und beschrnkte Historiker haben es
dem norddeutschen Volke so lange versichert, bis man's geglaubt hat.
Aber was hat er denn in Wahrheit in die Welt gebracht? Unduldsamkeit und
Hexenprozesse, Nchternheit und Langeweile. Das ist kein Kitt fr
Jahrtausende. Jener Weltmonarchie, der nur noch die letzte Spitze fehlt,
wird auch eine Weltkirche folgen, denn wie die kleinen Dinge sich finden
und im Zusammenhange stehen, so die groen noch viel mehr. Ich werde mir
den Bhnen-Luther nicht ansehen, weil er mir in dieses Herren Zacharias
Werner Verzerrung einfach ein Ding ist, das mich rgert; aber ihn nicht
ansehen, weil es Ansto gebe, weil es =Entheiligung= sei, das ist mehr
als ich fassen kann.

Und =wir=, lieber Blow, unterbrach Frau von Carayon, wir werden ihn
uns ansehen, =trotzdem= es uns Ansto giebt. Victoire hat Recht, und
wenn bei Iffland die Eitelkeit strker sein darf als das Prinzip, so bei
=uns= die Neugier. Ich hoffe, Herr von Schach und Sie, lieber
Alvensleben, werden uns begleiten. Uebrigens sind ein paar der
eingelegten Lieder nicht bel. Wir erhielten sie gestern. Victoire, Du
knntest uns das ein' oder andere davon singen.

Ich habe sie kaum durchgespielt.

O, dann bitt' ich um so mehr, bemerkte Schach. Alle Salonvirtuositt
ist mir verhat. Aber was ich in der Kunst liebe, das ist ein solches
poetisches Suchen und Tappen.

Blow lchelte vor sich hin und schien sagen zu wollen: Ein jeder nach
seinen Mitteln.

Schach aber fhrte Victoiren an das Klavier, und diese sang, whrend er
begleitete.

    Die Blthe, sie schlft so leis und lind
    Wohl in der Wiege von Schnee;
    Einlullt sie der Winter Schlaf ein geschwind
    Du blhendes Kind
    Und das Kind es weint und verschlft sein Weh
    Und hernieder steigen aus duftiger Hh
    Die Schwestern und lieben und blhn

Eine kleine Pause trat ein, und Frau von Carayon fragte: Nun, Herr
Sander, wie besteht es vor Ihrer Kritik? Es mu sehr schn sein,
antwortete dieser. Ich versteh es nicht. Aber hren wir weiter. Die
Blthe, die vorlufig noch schlft, wird doch wohl mal erwachen.

      Und kommt der Mai dann wieder so lind,
    Dann bricht er die Wiege von Schnee,
    Er schttelt die Blthe Wach auf geschwind
    Du welkendes Kind.
    Und es hebt das Aeuglein, es thut ihm weh
    Und steigt hinauf in die leuchtende Hh
    Wo strahlend die Brderlein blhn.

Ein lebhafter Beifall blieb nicht aus. Aber er galt ausschlielich
Victoiren und der Komposition, und als schlielich auch der Text an die
Reihe kam, bekannte sich Alles zu Sanders ketzerischen Ansichten.

Nur Blow schwieg. Er hatte, wie die meisten mit Staatenuntergang
beschftigten Frondeurs, auch seine schwachen Seiten, und eine davon war
durch das Lied getroffen worden. An dem halbumwlkten Himmel drauen
funkelten ein paar Sterne, die Mondsichel stand dazwischen, und er
wiederholte, whrend er durch die Scheiben der hohen Balkonthr
hinaufblickte: wo strahlend die Brderlein blhn.

Wider Wissen und Willen, war er ein Kind seiner Zeit, und romantisirte.

Noch ein zweites und drittes Lied wurde gesungen, aber das Urtheil blieb
dasselbe. Dann trennte man sich zu nicht allzu spter Stunde.




Drittes Kapitel.

Bei Sala Tarone.


Die Thurmuhren auf dem Gensdarmenmarkt schlugen elf, als die Gste der
Frau von Carayon auf die Behrenstrae hinaustraten und nach links
einbiegend auf die Linden zuschritten. Der Mond hatte sich verschleiert,
und die Regenfeuchte, die bereits in der Luft lag und auf Wetterumschlag
deutete, that allen wohl. An der Ecke der Linden empfahl sich Schach,
allerhand Dienstliches vorschtzend, whrend Alvensleben, Blow und
Sander bereinkamen, noch eine Stunde zu plaudern.

Aber wo? fragte Blow, der im Ganzen nicht whlerisch war, aber doch
einen Abscheu gegen Lokale hatte, darin ihm Aufpasser und Kellner die
Kehle zuschnrten.

Aber wo? wiederholte Sander. Sieh, das Gute liegt so nah, und wies
dabei auf einen Eckladen, ber dem in mig groen Buchstaben zu lesen
stand: Italiener-, Wein- und Delikatessen-Handlung von Sala Tarone. Da
schon geschlossen war, klopfte man an die Hausthr, an deren einer Seite
sich ein Einschnitt mit einer Klappe befand. Und wirklich, gleich darauf
ffnete sich's von innen, ein Kopf erschien am Kuckloch, und als
Alvenslebens Uniform ber den Charakter der etwas spten Gste beruhigt
hatte, drehte sich innen der Schlssel im Schlo, und alle drei traten
ein. Aber der Luftzug, der ging, lschte den Blaker aus, den der Kfer
in Hnden hielt, und nur eine ganz im Hintergrunde, dicht ber der
Hofthr schweelende Laterne, gab gerade noch Licht genug, um das
Gefhrliche der Passage kenntlich zu machen.

Ich bitte Sie, Blow, was sagen Sie zu diesem Defil, brummte Sander,
sich immer dnner machend, und wirklich hie es auf der Hut sein, denn
in Front der zu beiden Seiten liegenden Oel- und Weinfsser, standen
Zitronen- und Apfelsinenkisten, deren Deckel nach vorn hin aufgeklappt
waren. Achtung, sagte der Kfer. Is hier allens voll Pinnen und
Ngel. Habe mir gestern erst einen eingetreten.

Also auch spanische Reiter .... O, Blow! In solche Lage bringt einen
ein militrischer Verlag.

Dieser Sandersche Schmerzensschrei stellte die Heiterkeit wieder her,
und unter Tappen und Tasten war man endlich bis in die Nhe der Hofthr
gekommen, wo, nach rechts hin, einige der Fsser weniger dicht
nebeneinander lagen. Hier zwngte man sich denn auch durch, und gelangte
mit Hlfe von vier oder fnf steilen Stufen in eine mig groe
Hinterstube, die gelb gestrichen und halb verblakt und nach Art aller
Frhstcksstuben um Mitternacht am vollsten war. Ueberall, an
niedrigen Panelen hin, standen lange, lngst eingesessene Ledersophas,
mit kleinen und groen Tischen davor, und nur =eine= Stelle war da, wo
dieses Mobiliar fehlte. Hier stand vielmehr ein mit Ksten und Realen
berbautes Pult, vor welchem einer der Reprsentanten der Firma tagaus
tagein auf einem Drehschemel ritt, und seine Befehle (gewhnlich nur ein
Wort) in einen unmittelbar neben dem Pult befindlichen Keller
hinunterrief, dessen Fallthr immer offen stand.

Unsere drei Freunde hatten in einer dem Kellerloch schrg gegenber
gelegenen Ecke Platz genommen, und Sander, der grad lange genug Verleger
war, um sich auf lukullische Feinheiten zu verstehen, berflog eben die
Wein- und Speisekarte. Diese war in russisch Leder gebunden, roch aber
nach Hummer. Es schien nicht, da unser Lukull gefunden hatte, was ihm
gefiel; er schob also die Karte wieder fort und sagte: Das Geringste,
was ich von einem solchen hundstglichen April erwarten kann, sind
Maikruter, _Asperula odorata Linni_. Denn ich hab auch Botanisches
verlegt. Von dem Vorhandensein frischer Apfelsinen haben wir uns drauen
mit Gefahr unseres Lebens berzeugt, und fr den Mosel brgt uns die
Firma.

Der Herr am Pult rhrte sich nicht, aber man sah deutlich, da er mit
seinem Rcken zustimmte, Blow und Alvensleben thaten desgleichen, und
Sander resolvirte kurz: Also Maibowle.

Das Wort war absichtlich laut und mit der Betonung einer Ordre
gesprochen worden, und im selben Augenblicke scholl es auch schon vom
Drehstuhl her in das Kellerloch hinunter Fritz! Ein zunchst nur mit
halber Figur aus der Versenkung auftauchender, dicker und kurzhalsiger
Junge, wurde, wie wenn auf eine Feder gedrckt worden wre, sofort
sichtbar, bersprang diensteifrig, indem er die Hand aufsetzte, die
letzten zwei, drei Stufen und stand im Nu vor Sander, den er, allem
Anscheine nach, am besten kannte.

Sagen Sie, Fritz, wie verhlt sich die Firma Sala Tarone zur Maibowle?

Gut. Sehr gut.

Aber wir haben erst April, und so sehr ich im allgemeinen der Mann der
Surrogate bin, so hass' ich doch eins: die Toncabohne. Die Toncabohne
gehrt in die Schnupftabacksdose, nicht in die Maibowle. Verstanden?

Zu dienen, Herr Sander.

Gut denn. Also Maikruter. Und nicht lange ziehen lassen. Waldmeister
ist nicht Kamillenthee. Der Mosel, sagen wir ein Zeltlinger oder ein
Brauneberger, wird langsam ber die Bschel gegossen; das gengt.
Apfelsinenschnitten als bloes Ornament. Eine Scheibe zuviel macht
Kopfweh. Und nicht zu s, und eine Cliquot extra. Extra, sag ich.
Besser ist besser.

Damit war die Bestellung beendet und ehe zehn Minuten um waren, erschien
die Bowle, darauf nicht mehr als drei oder vier Waldmeisterblttchen
schwammen, nur gerade genug, den Beweis der Aechtheit zu fhren.

Sehen Sie, Fritz, das gefllt mir. Auf mancher Maibowle schwimmt es wie
Entengrtze. Und das ist schrecklich. Ich denke wir werden Freunde
bleiben. Und nun grne Glser.

Alvensleben lachte. Grne?

Ja. Was sich dagegen sagen lt, lieber Alvensleben, wei ich und la
es gelten. Es ist in der That eine Frage, die mich seit lnger
beschftigt, und die, neben anderen, in die Reihe jener Zwiespalte
gehrt, die sich, wir mgen es anfangen wie wir wollen, durch unser
Leben hinziehen. Die Farbe des Weins geht verloren, aber die Farbe des
Frhlings wird gewonnen, und mit ihr das festliche Gesammtkolorit. Und
dies erscheint mir als der wichtigere Punkt. Unser Essen und Trinken, so
weit es nicht der gemeinen Lebensnothdurft dient, mu mehr und mehr zur
symbolischen Handlung werden, und ich begreife Zeiten des spteren
Mittelalters, in denen der Tafelaufsatz und die Fruchtschalen mehr
bedeuteten, als das Mahl selbst.

Wie gut Ihnen das kleidet, Sander, lachte Blow. Und doch dank ich
Gott, Ihre Kapaunenrechnung nicht bezahlen zu mssen.

Die Sie schlielich =doch= bezahlen.

Ah, das =erste= Mal, da ich einen dankbaren Verleger in Ihnen
entdecke. Stoen wir an .... Aber alle Welt, da steigt ja der lange
Nostitz aus der Versenkung. Sehen Sie, Sander, er nimmt gar kein
Ende....

Wirklich, es war Nostitz, der, unter Benutzung eines geheimen Eingangs,
eben die Kellertreppe hinaufstolperte, Nostitz von den Gensdarmes, der
lngste Lieutenant der Armee, der, trotzdem er aus dem Schsischen
stammte, seiner sechs Fu drei Zoll halber so ziemlich ohne Widerrede
beim Elite-Regiment Gensdarmes eingestellt und mit einem verbliebenen
kleinen Reste von Antagonismus mittlerweile lngst fertig geworden war.
Ein tollkhner Reiter und ein noch tollkhnerer Kour- und
Schuldenmacher, war er seit lang ein Allerbeliebtester im Regiment, so
beliebt, da ihn sich der Prinz, der kein anderer war als Prinz Louis,
bei Gelegenheit der vorjhrigen Mobilisirung, zum Adjutanten erbeten
hatte.

Neugierig, woher er komme, strmte man mit Fragen auf ihn ein, aber erst
als er sich in dem Ledersopha zurecht gerckt hatte, gab er Antwort auf
all das, was man ihn fragte. Woher ich komme? Warum ich bei den
Carayons geschwnzt habe? Nun, weil ich in Franzsisch-Buchholz
nachsehen wollte, ob die Strche schon wieder da sind, ob der Kuckuck
schon wieder schreit, und ob die Schulmeisterstochter noch so lange
flachsblonde Flechten hat, wie voriges Jahr. Ein reizendes Kind. Ich
lasse mir immer die Kirche von ihr zeigen, und wir steigen dann in den
Thurm hinauf, weil ich eine Passion fr alte Glockeninschriften habe.
Sie glauben gar nicht, was sich in solchem Thurme Alles entziffern lt.
Ich zhle das zu meinen glcklichsten und lehrreichsten Stunden.

Und eine Blondine, sagten Sie. Dann freilich erklrt sich alles. Denn
neben einer Prinzessin Flachshaar kann unser Frulein Victoire nicht
bestehn. Und nicht einmal die schne Mama, die schn ist, aber doch am
Ende brnett. Und blond geht immer vor schwarz.

Ich mchte das nicht geradezu zum Axiom erheben, fuhr Nostitz fort.
Es hngt doch alles noch von Nebenumstnden ab, die hier freilich
ebenfalls zu Gunsten meiner Freundin sprechen. Die schne Mama, wie Sie
sie nennen, wird siebenunddreiig, bei welcher Addition ich
wahrscheinlich galant genug bin, ihr ihre vier Ehejahre =halb= statt
doppelt zu rechnen. Aber das ist Schachs Sache, der ber kurz oder lang
in der Lage sein wird, ihren Taufschein um seine Geheimnisse zu
befragen.

Wie das? fragte Blow.

Wie das? wiederholte Nostitz. Was doch die Gelehrten, und wenn es
gelehrte Militrs wren, fr schlechte Beobachter sind. Ist Ihnen denn
das Verhltni zwischen Beiden entgangen? Ein ziemlich vorgeschrittenes,
glaub' ich. _C'est le premier pas, qui cote ...._

Sie drcken sich etwas dunkel aus, Nostitz.

Sonst nicht gerade mein Fehler.

Ich meinerseits glaube Sie zu verstehen, unterbrach Alvensleben. Aber
Sie tuschen sich, Nostitz, wenn Sie daraus auf eine Partie schlieen.
Schach ist eine sehr eigenartige Natur, die, was man auch an ihr
aussetzen mag, wenigstens manche psychologische Probleme stellt. Ich
habe beispielsweise keinen Menschen kennen gelernt, bei dem alles so
ganz und gar auf das Aesthetische zurckzufhren wre, womit es
vielleicht in einem gewissen Zusammenhange steht, da er berspannte
Vorstellungen von Intaktheit und Ehe hat. Wenigstens von einer Ehe, wie
=er= sie zu schlieen wnscht. Und so bin ich denn wie von meinem Leben
berzeugt, er wird niemals eine Wittwe heirathen, auch die schnste
nicht. Knnt' aber hierber noch irgend ein Zweifel sein, so wrd' ihn
=ein= Umstand beseitigen, und dieser eine Umstand heit: =Victoire=.

Wie das?

Wie schon so mancher Heirathsplan an einer unreprsentablen Mutter
gescheitert ist, so wrd' er hier an einer unreprsentablen Tochter
scheitern. Er fhlt sich durch ihre mangelnde Schnheit geradezu genirt,
und erschrickt vor dem Gedanken, seine Normalitt, wenn ich mich so
ausdrcken darf, mit ihrer Unnormalitt in irgend welche Verbindung
gebracht zu sehen. Er ist krankhaft abhngig, abhngig bis zur Schwche,
von dem Urtheile der Menschen, speziell seiner Standesgenossen, und
wrde sich jederzeit auer Stande fhlen, irgend einer Prinzessin oder
auch nur einer hochgestellten Dame, Victoiren als seine Tochter
vorzustellen.

Mglich. Aber dergleichen lt sich vermeiden.

Doch schwer. Sie zurckzusetzen, oder ganz einfach als Aschenbrdel zu
behandeln, das widerstreitet seinem feinen Sinn, dazu hat er das Herz zu
sehr auf dem rechten Fleck. Auch wrde Frau von Carayon das einfach
nicht dulden. Denn so gewi sie Schach liebt, so gewi liebt sie
Victoire, ja, sie liebt diese noch um ein gut Theil =mehr=. Es ist ein
absolut ideales Verhltni zwischen Mutter und Tochter, und gerade dies
Verhltni ist es, was mir das Haus so werth gemacht hat und noch
macht.

Also begraben wir die Partie, sagte Blow. Mir persnlich zu
besondrer Genugthuung und Freude, denn ich schwrme fr diese Frau. Sie
hat den ganzen Zauber des Wahren und Natrlichen, und selbst ihre
Schwchen sind reizend und liebenswrdig. Und daneben dieser =Schach=!
Er mag seine Meriten haben, meinetwegen, aber mir ist er nichts als ein
Pedant und Wichtigthuer, und zugleich die Verkrperung jener preuischen
Beschrnktheit, die nur drei Glaubensartikel hat: erstes Hauptstck die
Welt ruht nicht sichrer auf den Schultern des Atlas, als der preuische
Staat auf den Schultern der preuischen Armee, zweites Hauptstck der
preuische Infanterieangriff ist unwiderstehlich, und drittens und
letztens eine Schlacht ist nie verloren, so lange das Regiment Garde du
Corps nicht angegriffen hat. Oder natrlich auch das Regiment
Gensdarmes. Denn sie sind Geschwister, Zwillingsbrder. Ich verabscheue
solche Redensarten, und der Tag ist nahe, wo die Welt die Hohlheit
solcher Rodomontaden erkennen wird.

Und doch unterschtzen Sie Schach. Er ist immerhin einer unserer
Besten.

Um so schlimmer.

Einer unsrer Besten, sag ich, und =wirklich= ein Guter. Er spielt nicht
blos den Ritterlichen, er =ist= es auch. Natrlich auf seine Weise.
Jedenfalls trgt er ein ehrliches Gesicht und keine Maske.

Alvensleben hat Recht, besttigte Nostitz. Ich habe nicht viel fr
ihn brig, aber das ist wahr, alles an ihm ist echt, auch seine steife
Vornehmheit, so langweilig und so beleidigend ich sie finde. Und =darin=
unterscheidet er sich von uns. Er ist immer er selbst, gleichviel ob er
in den Salon tritt, oder vorm Spiegel steht, oder beim Zubettegehn sich
seine saffranfarbenen Nachthandschuh anzieht. Sander, der ihn nicht
liebt, soll entscheiden und das letzte Wort ber ihn haben.

Es ist keine drei Tage, hob dieser an, da ich in der Haude und
Spenerschen gelesen, der Kaiser von Brasilien habe den Heiligen Antonius
zum Obristlieutenant befrdert und seinen Kriegsminister angewiesen,
besagtem Heiligen die Lhnung bis auf Weiteres gut zu schreiben. Welche
Gutschreibung mir einen noch greren Eindruck gemacht hat, als die
Befrderung. Aber gleichviel. In Tagen derartiger Ernennungen und
Befrderungen wird es nicht auffallen, wenn ich die Gefhle dieser
Stunde, zugleich aber den von mir geforderten Entscheid und
Richterspruch, in die Worte zusammenfasse: Seine Majestt der
Rittmeister von Schach, er lebe hoch.

O, vorzglich Sander, sagte Blow, damit haben Sie's getroffen. Die
ganze Lcherlichkeit auf einen Schlag. Der kleine Mann in den groen
Stiefeln! Aber meinetwegen, er lebe!

Da haben wir denn zum Ueberflu auch noch die Sprache von Sr. Majestt
getreuster Opposition, antwortete Sander und erhob sich. Und nun
Fritz, die Rechnung. Erlauben die Herren, da ich das Geschftliche
arrangire.

In besten Hnden, sagte Nostitz.

Und fnf Minuten spter traten alle wieder ins Freie. Der Staub wirbelte
vom Thor her die Linden herauf, augenscheinlich war ein starkes Gewitter
im Anzug, und die ersten groen Tropfen fielen bereits.

_Htez-vous._

Und Jeder folgte der Weisung und mhte sich, so rasch wie mglich und
auf nchstem Wege seine Wohnung zu erreichen.




Viertes Kapitel.

In Tempelhof.


Der nchste Morgen sah Frau von Carayon und Tochter in demselben
Eckzimmer, in dem sie den Abend vorher ihre Freunde bei sich empfangen
hatten. Beide liebten das Zimmer, und gaben ihm auf Kosten aller andern
den Vorzug. Es hatte drei hohe Fenster, von denen die beiden unter
einander im rechten Winkel stehenden auf die Behren- und
Charlottenstrae sahen, whrend das dritte, thrartige, das ganze, breit
abgestumpfte Eck einnahm, und auf einen mit einem vergoldeten
Rokoko-Gitter eingefaten Balkon hinausfhrte. Sobald es die Jahreszeit
erlaubte, stand diese Balkonthr offen, und gestattete, von beinah jeder
Stelle des Zimmers aus, einen Blick auf das benachbarte Straentreiben,
das, der aristokratischen Gegend unerachtet, zu mancher Zeit ein
besonders belebtes war, am meisten um die Zeit der Frhjahrsparaden, wo
nicht blos die berhmten alten Infanterieregimenter der Berliner
Garnison, sondern, was fr die Carayons wichtiger war, auch die
Regimenter der Garde du Corps und Gensdarmes unter dem Klang ihrer
silbernen Trompeten an dem Hause vorberzogen. Bei solcher Gelegenheit
(wo sich dann selbstverstndlich die Augen der Herrn Offiziers zu dem
Balkon hinaufrichteten) hatte das Eckzimmer erst seinen eigentlichen
Werth, und htte gegen kein anderes vertauscht werden knnen.

Aber es war auch an stillen Tagen ein reizendes Zimmer, vornehm und
gemthlich zugleich. Hier lag der trkische Teppich, der noch die
glnzenden, fast ein halbes Menschenalter zurckliegenden Petersburger
Tage des Hauses Carayon gesehen hatte, hier stand die malachitne
Stutzuhr, ein Geschenk der Kaiserin Katharina, und hier paradirte vor
allem auch der groe, reich vergoldete Trumeau, der der schnen Frau
tglich aufs Neue versichern mute, da sie noch eine schne Frau sei.
Victoire lie zwar keine Gelegenheit vorbergehn, die Mutter ber diesen
wichtigen Punkt zu beruhigen, aber Frau von Carayon war doch klug genug,
es sich jeden Morgen durch ihr von ihr selbst zu kontrolirendes
Spiegelbild neu besttigen zu lassen. Ob ihr Blick in solchem Momente zu
dem Bilde des mit einem rothen Ordensband in ganzer Figur ber dem Sopha
hngenden Herrn von Carayon hinberglitt, oder ob sich ihr ein
stattlicheres Bild vor die Seele stellte, war fr Niemanden zweifelhaft,
der die huslichen Verhltnisse nur einigermaen kannte. Denn Herr von
Carayon war ein kleiner, schwarzer Koloniefranzose gewesen, der auer
einigen in der Nhe von Bordeaux lebenden vornehmen Carayons und einer
ihn mit Stolz erfllenden Zugehrigkeit zur Legation, nichts Erhebliches
in die Ehe mitgebracht hatte. Am wenigsten aber mnnliche Schnheit.

Es schlug elf, erst drauen, dann in dem Eckzimmer, in welchem beide
Damen an einem Tapisserierahmen beschftigt waren. Die Balkonthr war
weit auf, denn trotz des Regens, der bis an den Morgen gedauert hatte,
stand die Sonne schon wieder hell am Himmel und erzeugte so ziemlich
dieselbe Schwle, die schon den Tag vorher geherrscht hatte. Victoire
blickte von ihrer Arbeit auf und erkannte den Schach'schen kleinen
Groom, der mit Stulpenstiefeln und zwei Farben am Hut, von denen sie zu
sagen liebte, da es die Schach'schen Landesfarben seien, die
Charlottenstrae heraufkam.

O sieh nur, sagte Victoire, da kommt Schachs kleiner Ned. Und wie
wichtig er wieder thut! Aber er wird auch zu sehr verwhnt, und immer
mehr eine Puppe. Was er nur bringen mag?

Ihre Neugier sollte nicht lange unbefriedigt bleiben. Schon einen
Augenblick spter hrten beide die Klingel gehn, und ein alter Diener in
Gamaschen, der noch die vornehmen Petersburger Tage miterlebt hatte,
trat ein, um auf einem silbernen Tellerchen ein Billet zu berreichen.
Victoire nahm es. Es war an Frau von Carayon adressirt.

An =Dich= Mama.

Lies nur, sagte diese.

Nein, Du selbst; ich hab eine Scheu vor Geheimnissen.

Nrrin, lachte die Mutter und erbrach das Billet und las: Meine
gndigste Frau. Der Regen der vorigen Nacht hat nicht nur die Wege
gebessert, sondern auch die Luft. Alles in allem ein so schner Tag, wie
sie der April uns Hyperboreern nur selten gewhrt. Ich werde vier Uhr
mit meinem Wagen vor Ihrer Wohnung halten, um Sie und Frulein Victoire
zu einer Spazierfahrt abzuholen. Ueber das Ziel erwarte ich Ihre
Befehle. Wissen Sie doch wie glcklich ich bin, Ihnen gehorchen zu
knnen. Bitte Bescheid durch den Ueberbringer. Er ist gerade firm genug
im Deutschen, um ein ja oder nein nicht zu verwechseln. Unter Gru
und Empfehlungen an meine liebe Freundin Victoire (die zu grerer
Sicherheit vielleicht eine Zeile schreibt) Ihr Schach.

Nun, Victoire, was lassen wir sagen ...?

Aber Du kannst doch nicht ernsthaft fragen, Mama?

Nun denn also 'ja'.

Victoire hatte sich mittlerweile bereits an den Schreibtisch gesetzt,
und ihre Feder kritzelte: Herzlichst acceptirt, trotzdem die Ziele
vorlufig im Dunkeln bleiben. Aber ist der Entscheidungsmoment erst da,
so wird er uns auch das Richtige whlen lassen.

Frau von Carayon las ber Victoires Schulter fort. Es klingt so
vieldeutig, sagte sie.

So will ich ein bloes Ja schreiben, und Du kontrasignirst.

Nein; la es nur.

Und Victoire schlo das Blatt, und gab es dem drauen wartenden Groom.

Als sie vom Flur her in das Zimmer zurckkehrte, fand sie die Mama
nachdenklich. Ich liebe solche Pikanterien nicht, und am wenigsten
solche Rthselstze.

=Du= drftest sie auch nicht schreiben. Aber ich? Ich darf alles. Und
nun hre mich. Es mu etwas geschehen, Mama. Die Leute reden so viel,
auch schon zu mir, und da Schach immer noch schweigt und Du nicht
sprechen =darfst=, so mu =ich= es thun statt Eurer und Euch
verheirathen. Alles in der Welt kehrt sich einmal um. Sonst verheirathen
Mtter ihre Tochter, hier liegt es anders, und ich verheirathe Dich. Er
liebt Dich und Du liebst ihn. In den Jahren seid ihr gleich, und ihr
werdet das schnste Paar sein, das seit Menschengedenken im
franzsischen Dom oder in der Dreifaltigkeitskirche getraut wurde. Du
siehst, ich lasse Dir wenigstens hinsichtlich der Prediger und der
Kirche die Wahl; mehr kann ich nicht thun in dieser Sache. Da Du mich
mit in die Ehe bringst, ist nicht gut, aber auch nicht schlimm. Wo viel
Licht ist, ist viel Schatten.

Frau von Carayons Auge wurde feucht. Ach meine se Victoire, Du siehst
es anders, als es liegt. Ich will Dich nicht mit Bekenntnissen
berraschen, und in bloen Andeutungen zu sprechen, wie Du gelegentlich
liebst, widerstreitet mir. Ich mag auch nicht philosophiren. Aber =das=
la Dir sagen, es liegt alles vorgezeichnet in uns, und was Ursach
scheint, ist meist schon wieder Wirkung und Folge. Glaube mir, Deine
kleine Hand wird das Band =nicht= knpfen, das Du knpfen mchtest. Es
geht nicht, es kann nicht sein. Ich wei es besser. Und warum auch?
Zuletzt lieb' ich doch eigentlich nur =Dich=.

Ihr Gesprch wurde durch das Erscheinen einer alten Dame, Schwester des
verstorbenen Herrn von Carayon, unterbrochen, die jeden Dienstag ein fr
allemal zu Mittag geladen war, und unter zu Mittag pnktlicherweise
zwlf Uhr verstand, trotzdem sie wute, da bei den Carayons erst um
drei Uhr gegessen wurde. Tante =Marguerite=, das war ihr Name, war noch
eine echte Koloniefranzsin, d.h. eine alte Dame, die das damalige,
sich fast ausschlielich im Dativ bewegende Berlinisch mit geprntem
Munde sprach, das  dem i vorzog, entweder Krschen a, oder in die
Krche ging, und ihre Rede selbstverstndlich mit franzsischen
Einschiebseln und Anredefloskeln garnirte. Sauber und altmodisch
gekleidet, trug sie Sommer und Winter denselben kleinen Seidenmantel,
und hatte jene halbe Verwachsenheit, die damals bei den alten
Koloniedamen so allgemein war, da Victoire einmal als Kind gefragt
hatte: Wie kommt es nur, liebe Mama, das fast alle Tanten so 'ich wei
nicht wie' sind? Und dabei hatte sie eine hohe Schulter gemacht. Zu dem
Seidenmantel Tante Margueritens gehrten auch noch ein Paar seidene
Handschuhe, die sie ganz besonders in Ehren hielt, und immer erst auf
dem obersten Treppenabsatz anzog. Ihre Mittheilungen, an denen sie's nie
fehlen lie, entbehrten all und jedes Interesses, am meisten aber dann,
wenn sie, was sie sehr liebte, von hohen und hchsten Personen sprach.
Ihre Spezialitt waren die kleinen Prinzessinnen der kniglichen
Familie: _la petite princesse Charlotte, et la petite princesse
Alexandrine_, die sie gelegentlich in den Zimmern einer ihr befreundeten
franzsischen Erzieherin sah, und mit denen sie sich derartig liirt
fhlte, da, als eines Tages die Brandenburger Thorwache beim
Vorberfahren von _la princesse Alexandrine_ versumt hatte, rechtzeitig
ins Gewehr zu treten und die Trommel zu rhren, sie nicht nur das
allgemeine Gefhl der Emprung theilte, sondern das Ereigni berhaupt
ansah, als ob Berlin ein Erdbeben gehabt habe.

Das war das Tantchen, das eben eintrat.

Frau von Carayon ging ihr entgegen und hie sie herzlich willkommen,
herzlicher als sonst wohl, und das einfach deshalb, weil durch ihr
Erscheinen ein Gesprch unterbrochen worden war, das selbst fallen zu
lassen, sie nicht mehr die Kraft gehabt hatte. Tante Marguerite fhlte
sofort heraus, wie gnstig heute die Dinge fr sie lagen, und begann
denn auch in demselben Augenblicke, wo sie sich gesetzt und die
Seidenhandschuh in ihren Pompadour gesteckt hatte, sich dem hohen Adel
kniglicher Residenzien zuzuwenden, diesmal mit Umgehung der
Allerhchsten Herrschaften. Ihre Mittheilungen aus der Adelssphre
waren ihren Hofanekdoten in der Regel weit vorzuziehn, und htten ein
fr allemal passiren knnen, wenn sie nicht die Schwche gehabt htte,
die doch immerhin wichtige Personalfrage mit einer uersten
Geringschtzung zu behandeln. Mit andern Worten, sie verwechselte
bestndig die Namen, und wenn sie von einer Escapade der Baronin
Stieglitz erzhlte, so durfte man sicher sein, da sie die Grfin Taube
gemeint hatte. Solche Neuigkeiten erffneten denn auch das heutige
Gesprch, Neuigkeiten, unter denen =die=, da der Rittmeister von
Schenk vom Regiment Garde du Corps der Prinzessin von Croy eine Serenade
gebracht habe die weitaus wichtigste war, ganz besonders als sich nach
einigem Hin- und Herfragen herausstellte, da der Rittmeister von Schenk
in den Rittmeister von Schach, das Regiment Garde du Corps in das
Regiment Gensdarmes, und die Prinzessin von Croy in die Prinzessin von
Carolath zu transponiren sei. Solche Richtigstellungen wurden von Seiten
der Tante jedesmal ohne jede Spur von Verlegenheit entgegengenommen, und
solche Verlegenheit kam ihr denn auch =heute= nicht, als ihr, zum Schlu
ihrer Geschichte, mitgetheilt wurde, da der Rittmeister von Schenk
_alias_ Schach noch im Laufe dieses Nachmittags erwartet werde, da man
eine Fahrt ber Land mit ihm verabredet habe. Vollkommener Kavalier wie
er sei, werde er sich sicherlich freuen, eine liebe Verwandte des Hauses
an dieser Ausfahrt mit theilnehmen zu sehen. Eine Bemerkung, die von
Tante Marguerite sehr wohlwollend aufgenommen und von einem
unwillkrlichen Zupfen an ihrem Taftkleide begleitet wurde.

Um Punkt drei war man zu Tische gegangen und um Punkt vier --
_l'exactitude est la politesse des rois_, wrde Blow gesagt haben --
erschien eine zurckgeschlagene Halbchaise vor der Thr in der
Behrenstrae. Schach, der selbst fuhr, wollte die Zgel dem Groom geben,
beide Carayons aber grten schon reisefertig vom Balkon her, und waren
im nchsten Moment mit einer ganzen Ausstattung von Tchern, Sonnen- und
Regenschirmen unten am Wagenschlag. Mit ihnen auch Tante Marguerite, die
nunmehr vorgestellt und von Schach mit einer ihm eigenthmlichen
Mischung von Artigkeit und Grandezza begrt wurde.

Und nun das dunkle Ziel, Frulein Victoire.

Nehmen wir Tempelhof, sagte diese.

Gut gewhlt. Nur Pardon, es ist das undunkelste Ziel von der Welt.
Namentlich heute. Sonne und wieder Sonne.

In raschem Trabe ging es, die Friedrichsstrae hinunter, erst auf das
Rondel und das Hallesche Thor zu, bis der tiefe Sandweg, der zum
Kreuzberg hinauffhrte, zu langsamerem Fahren nthigte. Schach glaubte
sich entschuldigen zu mssen, aber Victoire, die rckwrts sa und in
halber Wendung bequem mit ihm sprechen konnte, war, als echtes
Stadtkind, aufrichtig entzckt ber all und jedes, was sie zu beiden
Seiten des Weges sah, und wurde nicht mde Fragen zu stellen und ihn
durch das Interesse, das sie zeigte, zu beruhigen. Am meisten amsirten
sie die seltsam ausgestopften Alt-Weiber-Gestalten, die zwischen den
Struchern und Gartenbeeten umher standen, und entweder eine
Strohhutkiepe trugen oder mit ihren hundert Papilloten im Winde
flatterten und klapperten.

Endlich war man den Anhang hinauf, und ber den festen Lehmweg hin, der
zwischen den Pappeln lief, trabte man jetzt wieder rascher auf Tempelhof
zu. Neben der Strae stiegen Drachen auf, Schwalben schossen hin und
her, und am Horizonte blitzten die Kirchthrme der nchstgelegenen
Drfer.

Tante Marguerite, die, bei dem Winde der ging, bestndig bemht war,
ihren kleinen Mantelkragen in Ordnung zu halten, bernahm es
nichtsdestoweniger den Fhrer zu machen, und setzte dabei beide
Carayonsche Damen ebenso sehr durch ihre Namensverwechselungen, wie
durch Entdeckung gar nicht vorhandener Aehnlichkeiten in Erstaunen.

Sieh, liebe Victoire, dieser Wlmersdrfer Krchthrm! Aehnelt er nicht
unsrer Dorotheenstdtschen Krche?

Victoire schwieg.

Ich meine nicht um seiner Spitze, liebe Victoire, nein, um seinem Corps
de Logis.

Beide Damen erschraken. Es geschah aber was gewhnlich geschieht, =das=
nmlich, das alles das was die Nherstehenden in Verlegenheit bringt,
von den Fernerstehenden entweder berhrt oder aber mit Gleichgltigkeit
aufgenommen wird. Und nun gar Schach! Er hatte viel zu lang in der Welt
alter Prinzessinnen und Hofdamen gelebt, um noch durch irgend ein
Dummheits- oder Nicht-Bildungszeichen in ein besondres Erstaunen gesetzt
werden zu knnen. Er lchelte nur und benutzte das Wort
Dorotheenstdtische Kirche, das gefallen war, um Frau von Carayon zu
fragen ob sie schon von dem Denkmal Kenntni genommen habe, das in
ebengenannter Kirche, seitens des hochseligen Knigs seinem Sohne, dem
Grafen von der Mark errichtet worden sei?

Mutter und Tochter verneinten. Tante Marguerite jedoch, die nicht gerne
zugestand, etwas =nicht= zu wissen oder wohl gar nicht gesehen zu haben,
bemerkte ganz ins allgemeine hin. Ach, der liebe, kleine Prinz. Da er
so frh sterben mute. Wie jmmerlich. Und hnelte doch seiner
hochseligen Frau Mutter um beiden Augen.

Einen Augenblick war es, als ob der in seinem Legitimittsgefhle stark
verletzte Schach antworten und den von seiner hochseligen Mutter
geborenen lieben kleinen Prinzen aufs schmhlichste dethronisiren
wollte, rasch aber bersah er die Lcherlichkeit solcher Idee, wies also
lieber um doch wenigstens etwas zu thun, auf das eben sichtbar werdende
grne Kuppeldach des Charlottenburger Schlosses hin, und bog im nchsten
Augenblick in die groe, mit alten Linden bepflanzte Dorfgasse von
Tempelhof ein.

Gleich das zweite Haus war ein Gasthaus. Er gab dem Groom die Zgel und
sprang ab, um den Damen beim Aussteigen behlflich zu sein. Aber nur
Frau von Carayon und Victoire nahmen die Hlfe dankbar an, whrend Tante
Marguerite verbindlich ablehnte, weil sie gefunden habe, da man sich
auf seinen eigenen Hnden immer am besten verlassen knne.

Der schne Tag hatte viele Gste hinausgelockt, und der von einem
Staketenzaun eingefate Vorplatz war denn auch an allen seinen Tischen
besetzt. Das gab eine kleine Verlegenheit. Als man aber eben schlssig
geworden war, in dem Hintergarten, unter einem halboffenen
Kegelbahnhuschen, den Kaffee zu nehmen, ward einer der Ecktische frei,
so da man in Front des Hauses, mit dem Blick auf die Dorfstrae
verbleiben konnte. Das geschah denn auch, und es traf sich, da es der
hbscheste Tisch war. Aus seiner Mitte wuchs ein Ahorn auf und wenn es
auch, ein paar Spitzen abgerechnet, ihm vorlufig noch an allem
Laubschmucke fehlte, so saen doch schon die Vgel in seinen Zweigen und
zwitscherten. Und nicht =das= blos sah man; Equipagen hielten in der
Mitte der Dorfstrae, die Stadtkutscher plauderten, und Bauern und
Knechte, die mit Pflug und Egge vom Felde herein kamen, zogen an der
Wagenreihe vorber. Zuletzt kam eine Heerde, die der Schferspitz von
rechts und links her zusammenhielt, und dazwischen hrte man die
Betglocke, die lutete. Denn es war eben die sechste Stunde.

Die Carayons, so verwhnte Stadtkinder sie waren, oder vielleicht auch
=weil= sie's waren, enthusiasmirten sich ber all und jedes, und
jubelten, als Schach einen Abendspaziergang in die Tempelhofer Kirche
zur Sprache brachte. Sonnenuntergang sei die schnste Stunde. Tante
Marguerite freilich, die sich vor dem unvernnftigen Viehe frchtete,
wre lieber am Kaffeetische zurckgeblieben, als ihr aber der zu
weiterer Beruhigung herbeigerufene Wirth aufs eindringlichste versichert
hatte, da sie sich um den Bullen nicht zu frchten brauche, nahm sie
Victoirens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstrae hinaus, whrend
Schach und Frau von Carayon folgten. Alles, was noch an dem
Staketenzaune sa, sah ihnen nach.

Es ist nichts so fein gesponnen, sagte Frau von Carayon und lachte.

Schach sah sie fragend an.

Ja lieber Freund, ich wei alles. Und niemand Geringeres als Tante
Marguerite hat uns heute Mittag davon erzhlt.

Wovon?

Von der Serenade. Die Carolath ist eine Dame von Welt und vor allem
eine Frstin. Und Sie wissen doch, was Ihnen nachgesagt wird, 'da Sie
der garstigsten _princesse_ vor der schnsten _bourgeoise_ den Vorzug
geben wrden.' Jeder garstigen Prinze sag ich. Aber zum Ueberflu ist
die Carolath auch noch schn. _Un teint de lys et de rose._ Sie werden
mich eiferschtig machen.

Schach kte der schnen Frau die Hand. Tante Marguerite hat Ihnen
richtig berichtet, und Sie sollen nun alles hren. Auch das Kleinste.
Denn, wenn es mir, wie zugestanden, eine Freude gewhrt, einen solchen
Abend unter meinen Erlebnissen zu haben, so gewhrt es mir doch eine
noch grere Freude, mit meiner schnen Freundin darber plaudern zu
knnen. Ihre Plaisanterien, die so kritisch und doch zugleich so voll
guten Herzens sind, machen mir erst alles lieb und werth. Lcheln Sie
nicht. Ach da ich Ihnen alles sagen knnte. Theure Josephine, Sie sind
mir das Ideal einer Frau: klug und doch ohne Gelehrsamkeit und Dnkel,
espritvoll und doch ohne Mocquanterie. Die Huldigungen, die mein =Herz=
darbringt, gelten nach wie vor nur Ihnen, Ihnen, der Liebenswrdigsten
und Besten. Und das ist Ihr hchster Reiz, meine theure Freundin, da
Sie nicht einmal wissen, wie gut Sie sind, und welch stille Macht Sie
ber mich ben.

Er hatte fast mit Bewegung gesprochen, und das Auge der schnen Frau
leuchtete, whrend ihre Hand in der seinen zitterte. Rasch aber nahm sie
den scherzhaften Ton wieder auf und sagte: Wie gut Sie zu sprechen
verstehen. Wissen Sie wohl, so gut spricht man nur aus der Verschuldung
heraus.

Oder aus dem Herzen. Aber lassen wir's bei der Verschuldung, die nach
Shne verlangt. Und zunchst nach Beichte. Deshalb kam ich gestern. Ich
hatte vergessen, da Ihr Empfangsabend war, und erschrak fast, als ich
Blow sah, und diesen aufgedunsenen Roturier, den Sander. Wie kommt er
nur in Ihre Gesellschaft?

Er ist der Schatten Blows.

Ein sonderbarer Schatten, der dreimal schwerer wiegt als der
Gegenstand, der ihn wirft. Ein wahres Mammuth. Nur seine Frau soll ihn
noch bertreffen, weshalb ich neulich spttisch erzhlen hrte, 'Sander,
wenn er seine Brunnenpromenade vorhabe, gehe nur dreimal um seine Frau
herum.' Und =dieser= Mann Blows Schatten! Wenn Sie lieber sagten, sein
Sancho Pansa....

So nehmen Sie Blow selbst als Don Quixote?

Ja, meine Gndigste .... Sie wissen, da es mir im allgemeinen
widersteht, zu medisiren, aber dies ist _au fond_ nicht medisiren, ist
eher Schmeichelei. Der gute Ritter von La Mancha war ein ehrlicher
Enthusiast, und nun frag ich Sie, theuerste Freundin, lt sich von
Blow dasselbe sagen? Enthusiast! Er ist excentrisch, nichts weiter, und
das Feuer, das in ihm brennt, ist einfach das einer infernalen
Eigenliebe.

Sie verkennen ihn, lieber Schach. Er ist verbittert, gewi; aber ich
frchte, da er ein Recht hat, es zu sein.

Wer an krankhafter Ueberschtzung leidet, wird immer tausend Grnde
haben, verbittert zu sein. Er zieht von Gesellschaft zu Gesellschaft,
und predigt die billigste der Weisheiten, die Weisheit _post festum_.
Lcherlich. An allem, was uns das letzte Jahr an Demthigungen gebracht
hat, ist, wenn man ihn hrt, nicht der Uebermuth oder die Kraft unserer
Feinde schuld, o nein, dieser Kraft wrde man mit einer greren Kraft
unschwer haben begegnen knnen, wenn man sich unsrer Talente, will also
sagen, der Talente Blows rechtzeitig versichert htte. Das unterlie
die Welt, und daran geht sie zu Grunde. So geht es endlos weiter. Darum
Ulm und darum Austerlitz. Alles htt ein andres Ansehen gewonnen, sich
anders zugetragen, wenn diesem korsischen Thron- und Kronenruber,
diesem Engel der Finsterni, der sich Bonaparte nennt, die Lichtgestalt
Blows auf dem Schlachtfeld entgegengetreten wre. Mir widerwrtig. Ich
hasse solche Fanfaronaden. Er spricht von Braunschweig und Hohenlohe,
wie von lcherlichen Gren, ich aber halte zu dem fridericianischen
Satze, da die Welt nicht sicherer auf den Schultern des Atlas ruht, als
Preuen auf den Schultern seiner Armee.

Whrend dieses Gesprch zwischen Schach und Frau von Carayon gefhrt
wurde, war das ihnen voranschreitende Paar bis an eine Wegstelle
gekommen, von der aus ein Fupfad ber ein frisch gepflgtes Ackerfeld
hin sich abzweigte.

Das ist die Krche, sagte das Tantchen und zeigte mit ihrem Parasol
auf ein neugedecktes Thurmdach, dessen Roth aus allerlei Gestrpp und
Gezweig hervorschimmerte. Victoire besttigte, was sich ohnehin nicht
bestreiten lie, und wandte sich gleich danach nach rckwrts, um die
Mama durch eine Kopf- und Handbewegung zu fragen, ob man den hier
abzweigenden Fupfad einschlagen wolle? Frau von Carayon nickte
zustimmend, und Tante und Nichte schritten in der angedeuteten Richtung
weiter. Ueberall aus dem braunen Acker stiegen Lerchen auf, die hier,
noch ehe die Saat heraus war, schon ihr Furchennest gebaut hatten, ganz
zuletzt aber kam ein Stck brachliegendes Feld, das bis an die
Kirchhofsmauer lief, und, auer einer sprlichen Grasnarbe, nichts
aufwies, als einen trichterfrmigen Tmpel, in dem ein Unkenpaar
musizirte, whrend der Rand des Tmpels in hohen Binsen stand.

Sieh, Victoire, das sind Binsen.

Ja, liebe Tante.

Kannst Du Dir denken, _ma chre_, da, als ich jung war, die Binsen als
kleine Nachtlichter gebraucht wurden, und auch wirklich ganz ruhig auf
einem Glase schwammen, wenn man krank war oder auch blo nicht schlafen
konnte....

Gewi, sagte Victoire. Jetzt nimmt man Wachsfdchen, die man
zerschneidet, und in ein Kartenstckchen steckt.

Ganz recht, mein Engelchen. Aber frher waren es Binsen, _des joncs_.
Und sie brannten auch. Und deshalb erzhl' ich es Dir. Denn sie mssen
doch ein natrliches Fett gehabt haben, ich mchte sagen etwas
Kienenes.

Es ist wohl mglich, antwortete Victoire, die der Tante nie
widersprach, und horchte, whrend sie dies sagte, nach dem Tmpel hin,
in dem das Musiziren der Unken immer lauter wurde. Gleich danach aber
sah sie, da ein halberwachsenes Mdchen von der Kirche her im vollen
Lauf auf sie zukam und mit einem zottigen weien Spitz sich neckte, der
bellend und beiend an der Kleinen empor sprang. Dabei warf die Kleine,
mitten im Lauf, einen an einem Strick und einem Klppel hngenden
Kirchenschlssel in die Luft, und fing ihn so geschickt wieder auf, da
weder der Schlssel noch der Klppel ihr weh thun konnte. Zuletzt aber
blieb sie stehn und hielt die linke Hand vor die Augen, weil die
niedergehende Sonne sie blendete.

Bist Du die Ksterstochter? fragte Victoire.

Ja, sagte das Kind.

Dann bitte, gieb uns den Schlssel oder komm mit uns und schlie uns
die Kirche wieder auf. Wir mchten sie gerne sehen, wir und die
Herrschaften da.

Gerne, sagte das Kind und lief wieder vorauf, berkletterte die
Kirchhofsmauer und verschwand alsbald hinter den Haselnu- und
Hagebuttenstruchern, die hier so reichlich standen, da sie, trotzdem
sie noch kahl waren, eine dichte Hecke bildeten.

Das Tantchen und Victoire folgten ihr und stiegen langsam ber
verfallene Grber weg, die der Frhling noch nirgends mit seiner Hand
berhrt hatte; nirgends zeigte sich ein Blatt, und nur unmittelbar neben
der Kirche war eine schattig-feuchte Stelle wie mit Veilchen berdeckt.
Victoire bckte sich, um hastig davon zu pflcken, und als Schach und
Frau von Carayon im nchsten Augenblick den eigentlichen Hauptweg des
Kirchhofes heraufkamen, ging ihnen Victoire entgegen und gab der Mutter
die Veilchen.

Die Kleine hatte mittlerweile schon aufgeschlossen und sa wartend auf
dem Schwellstein; als aber beide Paare heran waren, erhob sie sich rasch
und trat, allen vorauf, in die Kirche, deren Chorsthle fast so schrg
standen, wie die Grabkreuze drauen. Alles wirkte kmmerlich und
zerfallen, der eben sinkende Sonnenball aber, der hinter den nach Abend
zu gelegenen Fenstern stand, bergo die Wnde mit einem rthlichen
Schimmer und erneuerte, fr Augenblicke wenigstens, die lngst blind
gewordene Vergoldung der alten Altarheiligen, die hier noch, aus der
katholischen Zeit her, ihr Dasein fristeten. Es konnte nicht ausbleiben,
da das genferisch reformirte Tantchen aufrichtig erschrak, als sie
dieser Gtzen ansichtig wurde, Schach aber, der unter seine
Liebhabereien auch die Genealogie zhlte, fragte bei der Kleinen an, ob
nicht vielleicht alte Grabsteine da wren?

Einer ist da, sagte die Kleine. Dieser hier, und wies auf ein
abgetretenes, aber doch noch deutlich erkennbares Steinbild, das
aufrecht in einen Pfeiler, dicht neben dem Altar, eingemauert war. Es
war ersichtlich ein Reiteroberst.

Und wer ist es? fragte Schach.

Ein Tempelritter, erwiderte das Kind, und hie der Ritter von
Tempelhof. Und diesen Grabstein lie er schon bei Lebzeiten machen, weil
er wollte, da er ihm hnlich werden sollte.

Hier nickte das Tantchen zustimmend, weil das Aehnlichkeitsbedrfni des
angeblichen Ritters von Tempelhof eine verwandte Saite in ihrem Herzen
traf.

Und er baute diese Kirche, fuhr die Kleine fort, und baute zuletzt
auch das Dorf, und nannt es Tempelhof, weil er selber Tempelhof hie.
Und die Berliner sagen Templow. Aber es ist falsch.

All das nahmen die Damen in Andacht hin, und nur Schach, der neugierig
geworden war, fragte weiter ob sie nicht das ein oder andre noch aus
den Lebzeiten des Ritters wisse?

Nein, aus seinen Lebzeiten nicht. Aber nachher.

Alle horchten auf, am meisten das sofort einen leisen Grusel versprende
Tantchen, die Kleine hingegen fuhr in ruhigem Tone fort: Ob es alles so
wahr ist, wie die Leute sagen, das wei ich nicht. Aber der alte
Kossthe Maltusch hat es noch mit erlebt.

Aber was denn, Kind?

Er lag hier vor dem Altar ber hundert Jahre, bis es ihn rgerte, da
die Bauern und Einsegnungskinder immer auf ihm herumstanden, und ihm das
Gesicht abschurrten, wenn sie zum Abendmahl gingen. Und der alte
Maltusch, der jetzt ins neunzigste geht, hat mir und meinem Vater
erzhlt, er hab es noch mit seinen eigenen Ohren gehrt, da es noch
mitunter so gepoltert und gerollt htte, wie wenn es drben ber
Schmargendorf donnert.

Wohl mglich.

Aber sie verstanden nicht, was das Poltern und Rollen bedeutete, fuhr
die Kleine fort. Und so ging es bis das Jahr, wo der russische General,
dessen Namen ich immer vergesse, hier auf dem Tempelhofer Felde lag. Da
kam einen Sonnabend der vorige Kster und wollte die Singezahlen
wegwischen und neue fr den Sonntag anschreiben. Und nahm auch schon das
Kreidestck. Aber da sah er mit einem Male, da die Zahlen schon
weggewischt und neue Gesangbuchzahlen und auch die Zahlen von einem
Bibelspruch, Kapitel und Vers, mit angeschrieben waren. Alles altmodisch
und undeutlich, und nur so grade noch zu lesen. Und als sie
nachschlugen, da fanden sie: 'Du sollst Deinen Todten in Ehren halten
und ihn nicht schdigen an seinem Antlitz.' Und nun wuten sie, wer die
Zahlen geschrieben, und nahmen den Stein auf, und mauerten ihn in diesen
Pfeiler.

Ich finde doch, sagte Tante Marguerite, die, je schrecklicher sie sich
vor Gespenstern frchtete, desto lebhafter ihr Vorhandensein bestritt,
ich finde doch, die Regierung sollte mehr gegen dem Aberglauben thun.
Und dabei wandte sie sich ngstlich von dem unheimlichen Steinbild ab,
und ging mit Frau von Carayon, die, was Gespensterfurcht anging, mit dem
Tantchen wetteifern konnte, wieder dem Ausgange zu.

Schach folgte mit Victoire, der er den Arm gereicht hatte.

War es wirklich ein Tempelritter? fragte diese. Meine
Tempelritter-Kenntni beschrnkt sich freilich nur auf den =einen= im
'Nathan,' aber wenn unsre Bhne die Kostmfrage nicht =zu= willkrlich
behandelt hat, so mssen die Tempelritter durchaus anders ausgesehen
haben. Hab ich Recht?

=Immer= Recht, meine liebe Victoire. Und der Ton dieser Worte traf ihr
Herz und zitterte darin nach, ohne da sich Schach dessen bewut gewesen
wre.

Wohl. Aber wenn kein Templer, was =dann=? fragte sie weiter und sah
ihn zutraulich und doch verlegen an.

Ein Reiteroberst aus der Zeit des dreiigjhrigen Krieges. Oder
vielleicht auch erst aus den Tagen von Fehrbellin. Ich las sogar seinen
Namen: Achim von Haake.

So halten Sie die ganze Geschichte fr ein Mrchen?

Nicht eigentlich das, oder wenigstens nicht in allem. Es ist erwiesen,
da wir Templer in diesem Lande hatten, und die Kirche hier mit ihren
vorgothischen Formen mag sehr wohl bis in jene Templertage
zurckreichen. So viel ist glaubhaft.

Ich hre so gern von diesem Orden.

Auch ich. Er ist von der strafenden Hand Gottes am schwersten
heimgesucht worden und eben deshalb auch der poetischste und
interessanteste. Sie wissen, was ihm vorgeworfen wird: Gtzendienst,
Verleugnung Christi, Laster aller Art. Und ich frchte mit Recht. Aber
gro wie seine Schuld, so gro war auch seine Shne, ganz dessen zu
geschweigen, da auch hier wieder der unschuldig Ueberlebende die Schuld
voraufgegangener Geschlechter zu ben hatte. Das Loos und Schicksal
aller Erscheinungen, die sich, auch da noch wo sie fehlen und irren, dem
Alltglichen entziehn. Und so sehen wir denn den schuldbeladenen Orden,
all seiner Unrhmlichkeiten unerachtet, schlielich in einem
wiedergewonnenen Glorienschein zu Grunde gehen. Es war der Neid, der ihn
tdtete, der Neid und der Eigennutz, und schuldig oder nicht, mich
berwltigt seine Gre.

Victoire lchelte. Wer Sie so hrte, lieber Schach, knnte meinen,
einen nachgebornen Templer in Ihnen zu sehen. Und doch war es ein
mnchischer Orden, und mnchisch war auch sein Gelbde. Htten Sie's
vermocht als Templer zu leben und zu sterben?

Ja.

Vielleicht verlockt durch das Kleid, das noch kleidsamer war, als die
Supra-Weste der Gensdarmes.

Nicht durch das Kleid, Victoire. Sie verkennen mich. Glauben Sie mir,
es lebt etwas in mir, das mich vor keinem Gelbde zurckschrecken lt.

Um es zu halten?

Aber eh er noch antworten konnte, fuhr sie rasch in wieder scherzhafter
werdendem Tone fort: Ich glaube Philipp le Bel hat den Orden auf dem
Gewissen. Sonderbar, da alle historischen Personen, die den Beinamen
des '=Schnen=' fhren, mir unsympathisch sind. Und ich hoffe, nicht aus
Neid. Aber die Schnheit, das mu wahr sein, macht selbstisch, und wer
selbstisch ist, ist undankbar und treulos.

Schach suchte zu widerlegen. Er wute, da sich Victoirens Worte, so
sehr sie Piquanterien und Andeutungen liebte, ganz unmglich gegen =ihn=
gerichtet haben konnten. Und darin traf er's auch. Es war alles nur _jeu
d'esprit_, eine Nachgiebigkeit gegen ihren Hang zu philosophiren. Und
doch, alles was sie gesagt hatte, so gewi es absichtslos gesagt worden
war, so gewi war es doch auch aus einer dunklen Ahnung heraus
gesprochen worden.

Als ihr Streit schwieg, hatte man den Dorfeingang erreicht, und Schach
hielt, um auf Frau von Carayon und Tante Marguerite, die sich beide
versumt hatten, zu warten.

Als sie heran waren, bot er der Frau von Carayon den Arm, und fhrte
=diese= bis an das Gasthaus zurck.

Victoire sah ihnen betroffen nach, und sann nach ber den Tausch, den
Schach mit keinem Worte der Entschuldigung begleitet hatte. Was war
das? Und sie verfrbte sich, als sie sich, aus einem pltzlichen
Argwohn heraus, die selbstgestellte Frage beantwortet hatte.

Von einem Wiederplatznehmen vor dem Gasthause war keine Rede mehr, und
man gab es um so leichter und lieber auf, als es inzwischen khl
geworden und der Wind, der den ganzen Tag ber geweht hatte, nach
Nordwesten hin umgesprungen war.

Tante Marguerite bat sich den Rcksitz aus, um nicht gegen dem Winde zu
fahren.

Niemand widersprach. So nahm sie denn den erbetenen Platz, und whrend
jeder in Schweigen berdachte, was ihm der Nachmittag gebracht hatte,
ging es in immer rascherer Fahrt wieder auf die Stadt zurck.

Diese lag schon in Dmmer als man bis an den Abhang der Kreuzberghhe
gekommen war und nur die beiden Gensdarmenthrme ragten noch mit ihren
Kuppeln aus dem graublauen Nebel empor.




Fnftes Kapitel.

Victoire von Carayon an Lisette von Perbandt.


Berlin, den 3. Mai. _Ma chre Lisette._

Wie froh war ich, endlich von Dir zu hren, und so Gutes. Nicht als ob
ich es anders erwartet htte; wenige Mnner hab ich kennen gelernt, die
mir so ganz eine Garantie des Glckes zu bieten scheinen, wie der
Deinige. Gesund, wohlwollend, anspruchslos, und von jenem schnen
Wissens- und Bildungsma, das ein gleich gefhrliches Zuviel und Zuwenig
vermeidet. Wobei ein Zuviel das vielleicht noch gefhrlichere ist.
Denn junge Frauen sind nur zu geneigt, die Forderung zu stellen Du
sollst keine andren Gtter haben neben mir. Ich sehe das beinah tglich
bei Rombergs, und Marie wei es ihrem klugen und liebenswrdigen Gatten
wenig Dank, da er ber Politik und franzsische Zeitungen die Visiten
und Toiletten vergit.

Was mir allein eine Sorge machte, war Deine neue masurische Heimat, ein
Stck Land, das ich mir immer als einen einzigen groen Wald mit hundert
Seen und Smpfen vorgestellt habe. Da dacht ich denn, diese neue Heimat
knne Dich leicht in ein melancholisches Trumen versetzen, das dann
immer der Anfang zu Heimweh oder wohl gar zu Trauer und Thrnen ist. Und
davor, so hab ich mir sagen lassen, erschrecken die Mnner. Aber ich
sehe zu meiner herzlichen Freude, da Du auch =dieser= Gefahr entgangen
bist, und da die Birken, die Dein Schlo umstehn, grne Pfingstmaien
und keine Trauerbirken sind. _A propos_ ber das Birkenwasser mut Du
mir gelegentlich schreiben. Es gehrt zu den Dingen, die mich immer
neugierig gemacht haben, und die kennen zu lernen mir bis diesen
Augenblick versagt geblieben ist.

Und nun soll ich Dir ber =uns= berichten. Du frgst theilnehmend nach
all und jedem, und verlangst sogar von Tante Margueritens neuester
Prinzessin und neuester Namensverwechslung zu hren. Ich knnte Dir
gerade =davon= erzhlen, denn es sind keine drei Tage, da wir
(wenigstens von diesen Verwechslungen) ein gerttelt und geschttelt Ma
gehabt haben.

Es war auf einer Spazierfahrt, die Herr von =Schach= mit uns machte,
nach Tempelhof, und zu der auch das Tantchen aufgefordert werden mute,
weil es ihr Tag war. Du weit, da wir sie jeden Dienstag als Gast in
unsrem Hause sehn. Sie war denn auch mit uns in der Krche, wo sie,
beim Anblick einiger Heiligenbilder aus der katholischen Zeit her, nicht
nur bestndig auf Ausrottung des Aberglaubens drang, sondern sich mit
eben diesem Anliegen auch regelmig an Schach wandte, wie wenn dieser
im Konsistorium se. Und da leg ich denn (weil ich nun mal die Tugend
oder Untugend habe, mir alles gleich leibhaftig vorzustellen) whrend
des Schreibens die Feder hin, um mich erst herzlich auszulachen. _Au
fond_ freilich ist es viel weniger lcherlich, als es im ersten
Augenblick erscheint. Er hat etwas konsistorialrthlich Feierliches, und
wenn mich nicht alles tuscht, so ist es gerade dies Feierliche, was
Blow so sehr gegen ihn einnimmt. Viel, viel mehr als der Unterschied
der Meinungen.

Und beinah klingt es, als ob ich mich in meiner Schilderung Blow
anschlsse. Wirklich, wtest Du's nicht besser, Du wrdest dieser
Charakteristik unsres Freundes nicht entnehmen knnen, wie sehr ich ihn
schtze. Ja, mehr denn je, trotzdem es an manchem Schmerzlichen nicht
fehlt. Aber in meiner Lage lernt man milde sein, sich trsten, verzeihn.
Htt ich es =nicht= gelernt, wie knnt ich leben, =ich=, die ich so gern
lebe! Eine Schwche, die (wie ich einmal gelesen) alle diejenigen haben
sollen, von denen man es am wenigsten begreift.

Aber ich sprach von manchem Schmerzlichen, und es drngt mich, Dir davon
zu erzhlen.

Es war erst gestern auf unsrer Spazierfahrt. Als wir den Gang aus dem
Dorf in die Kirche machten, fhrte Schach Mama. Nicht zufllig, es war
arrangirt, und zwar durch =mich=. Ich lie beide zurck, weil ich eine
Aussprache (Du weit =welche=) zwischen beiden herbeifhren wollte.
Solche stillen Abende, wo man ber Feld schreitet, und nichts hrt als
das Anschlagen der Abendglocke, heben uns ber kleine Rcksichten fort
und machen uns freier. Und sind wir erst =das=, so findet sich auch das
rechte Wort. Was zwischen ihnen gesprochen wurde, wei ich nicht,
jedenfalls nicht =das=, was gesprochen werden sollte. Zuletzt traten wir
in die Kirche, die vom Abendroth wie durchglht war, alles gewann Leben,
und es war unvergelich schn. Auf dem Heimwege tauschte Schach, und
fhrte =mich=. Er sprach sehr anziehend, und in einem Tone, der mir
ebenso wohlthat, als er mich berraschte. Jedes Wort ist mir noch in der
Erinnerung geblieben, und giebt mir zu denken. Aber was geschah? Als wir
wieder am Eingange des Dorfes waren, wurd er schweigsamer, und wartete
auf die Mama. Dann bot er =ihr= den Arm, und so gingen sie durch das
Dorf nach dem Gasthause zurck, wo die Wagen hielten und viele Leute
versammelt waren. Es gab mir einen Stich durchs Herz, denn ich konnte
mich des Gedankens nicht erwehren, da es ihm peinlich gewesen sei, mit
=mir= und an meinem Arm unter den Gsten zu erscheinen. In seiner
Eitelkeit, von der ich ihn nicht freisprechen kann, ist es ihm
unmglich, sich ber das Gerede der Leute hinwegzusetzen, und ein
spttisches Lcheln verstimmt ihn auf eine Woche. So selbstbewut er
ist, so schwach und abhngig ist er in diesem =einen= Punkte. Vor
niemandem in der Welt, auch vor der Mama nicht, wrd ich ein solches
Bekenntni ablegen, aber =Dir= gegenber mut ich es. Hab ich Unrecht,
so sage mir, da mein Unglck mich mitrauisch gemacht habe, so halte
mir eine Strafpredigt in allerstrengsten Worten, und sei versichert, da
ich sie mit dankbarem Auge lesen werde. Denn all seiner Eitelkeit
unerachtet, schtz ich ihn wie keinen andern. Es ist ein Satz, da
Mnner nicht eitel sein drfen, weil Eitelkeit lcherlich mache. Mir
scheint dies bertrieben. Ist aber der Satz dennoch richtig, so bedeutet
Schach eine Ausnahme. Ich hasse das Wort ritterlich und habe doch kein
anderes fr ihn. =Eines= ist er vielleicht noch mehr, diskret,
imponirend, oder doch voll natrlichen Ansehns, und sollte sich mir
=das= erfllen, was ich um der Mama und auch um meinetwillen wnsche, so
wrd es mir nicht schwer werden, mich in eine Respektsstellung zu ihm
hinein zu finden.

Und dazu noch eins. Du hast ihn nie fr sehr gescheidt gehalten, und ich
meinerseits habe nur schchtern widersprochen. Er hat aber doch die
beste Gescheidtheit, die mittlere, dazu die des redlichen Mannes. Ich
empfinde dies jedesmal, wenn er seine Fehde mit Blow fhrt. So sehr ihm
dieser berlegen ist, so sehr steht er doch hinter ihm zurck. Dabei
fllt mir mitunter auf, wie der Groll, der sich in unserm Freunde regt,
ihm eine gewisse Schlagfertigkeit, ja, selbst Esprit verleiht. Gestern
hat er Sander, dessen Persnlichkeit Du kennst, den Blowschen Sancho
Pansa genannt. Die weiteren Schlufolgerungen ergeben sich von selbst,
und ich find es nicht bel.

Sanders Publikationen machen mehr von sich reden, denn je; die Zeit
untersttzt das Interesse fr eine lediglich polemische Litteratur.
Auer von Blow sind auch Aufstze von Massenbach und Phull erschienen,
die von den Eingeweihten als etwas Besonderes und nie Dagewesenes
ausgepriesen werden. Alles richtet sich gegen Oesterreich, und beweist
aufs neue, da wer den Schaden hat, fr den Spott nicht sorgen darf.
Schach ist emprt ber dies anmaliche Besserwissen, wie er's nennt, und
wendet sich wieder seinen alten Liebhabereien zu, Kupferstichen und
Rennpferden. Sein kleiner Groom wird immer kleiner. Was bei den
Chinesinnen die kleinen Fe sind, sind bei den Grooms die kleinen
Proportionen berhaupt. Ich meinerseits verhalte mich ablehnend gegen
beide, ganz besonders aber gegen die chinesisch eingeschnrten Fchen,
und bin umgekehrt froh, in einem bequemen Pantoffel zu stecken. Fhren,
schwingen werd' ich ihn nie; das berlasse ich meiner theuren Lisette.
Thu' es mit der Milde, die Dir eigen ist. Empfiehl mich Deinem theuren
Manne, der nur den =einen= Fehler hat, Dich mir entfhrt zu haben. Mama
grt und kt ihren Liebling, ich aber lege Dir den Wunsch ans Herz,
vergi in der Flle des Glcks, die Dir zu Theil wurde, nicht =ganz=
Deine, wie Du weit auf ein bloes Pflichttheil des Glckes gesetzte
=Victoire=.




Sechstes Kapitel.

Bei Prinz Louis.


An demselben Abend, an dem Victoire von Carayon ihren Brief an Lisette
von Perbandt schrieb, empfing Schach in seiner in der Wilhelmstrae
gelegenen Wohnung ein Einladungsbillet von der Hand des Prinzen Louis.

Es lautete:

Lieber Schach. Ich bin erst seit drei Tagen hier im Moabiter Land und
drste bereits nach Besuch und Gesprch. Eine Viertelmeile von der
Hauptstadt, hat man schon die Hauptstadt nicht mehr und verlangt nach
ihr. Darf ich fr morgen auf Sie rechnen? Blow und sein verlegerischer
Anhang haben zugesagt, auch Massenbach und Phull. Also lauter
Opposition, die mich erquickt, auch wenn ich sie bekmpfe. Von Ihrem
Regiment werden Sie noch Nostitz und Alvensleben treffen. Im
Interimsrock und um fnf Uhr. Ihr =Louis=, Prinz von Pr.

Um die festgesetzte Stunde fuhr Schach, nachdem er Alvensleben und
Nostitz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am
rechten Fluufer, umgeben von Wiesen und Werftweiden, und hatte die
Front, ber die Spree fort, auf die Westlisire des Thiergartens.
Anfahrt und Aufgang waren von der Rckseite her. Eine breite, mit
Teppich belegte Treppe fhrte bis auf ein Podium und von diesem auf
einen Vorflur, auf dem die Gste vom Prinzen empfangen wurden. Blow und
Sander waren bereits da, Massenbach und Phull dagegen hatten sich
entschuldigen lassen. Schach war es zufrieden, fand schon Blow mehr als
genug, und trug kein Verlangen die Zahl der Genialittsleute verstrkt
zu sehen. Es war heller Tag noch, aber in dem Speisesaal, in den sie von
dem Vestibul aus eintraten, brannten bereits die Lichter und waren
(brigens bei offenstehenden Fenstern) die Jalousien geschlossen. Zu
diesem knstlich hergestellten Licht, in das sich von auen her ein
Tagesschimmer mischte, stimmte das Feuer, in dem in der Mitte des Saales
befindlichen Kamine. Vor eben diesem, ihm den Rcken zukehrend, sa der
Prinz, und sah, zwischen den offenstehenden Jalousiebrettchen hindurch,
auf die Bume des Thiergartens.

Ich bitte frlieb zu nehmen, begann er, als die Tafelrunde sich
arrangirt hatte. Wir sind hier auf dem Lande, das mu als
Entschuldigung dienen, fr alles was fehlt. '_A la guerre, comme  la
guerre._' Massenbach, unser Gourm, mu brigens etwas derart geahnt,
respektive gefrchtet haben. Was mich auch nicht berraschen wrde.
Heit es doch, lieber Sander, Ihr guter Tisch habe mehr noch als Ihr
guter Verlag die Freundschaft zwischen Ihnen besiegelt.

Ein Satz, dem ich kaum zu widersprechen wage, Knigliche Hoheit.

Und doch =mten= Sie's eigentlich. Ihr ganzer Verlag hat keine Spur
von jenem '_laisser passer_,' das das Vorrecht, ja, die Pflicht aller
gesttigten Leute ist. Ihre Genies (Pardon, Blow) schreiben alle wie
Hungrige. Meinetwegen. Unsre Paradeleute geb ich Ihnen Preis, aber da
Sie mir auch die Oesterreicher so schlecht behandeln, das mifllt mir.

Bin =ich= es, Knigliche Hoheit? Ich, fr meine Person, habe nicht die
Prtension hherer Strategie. Nebenher freilich, mcht ich, so zu sagen
aus meinem Verlage heraus, die Frage stellen drfen: war Ulm etwas
Kluges?

Ach, mein lieber Sander, was ist klug? Wir Preuen bilden uns bestndig
ein, es zu sein; und wissen Sie, was Napoleon ber unsre vorjhrige
thringische Aufstellung gesagt hat? Nostitz, wiederholen Sie's!.... Er
will nicht. Nun, so mu ich es selber thun. '_Ah, ces Prussiens_' hie
es, '_ils sont encore =plus= stupides, que les Autrichiens_'. Da haben
Sie Kritik ber unsere vielgepriesene Klugheit, noch dazu Kritik von
einer allerberufensten Seite her. Und htt er's damit getroffen, so
mten wir uns schlielich zu dem Frieden noch beglckwnschen, den uns
Haugwitz erschachert hat. Ja, erschachert. Erschachert, indem er fr ein
Mitbringsel unsre Ehre preisgab. Was sollen wir mit Hannover? Es ist der
Brocken, an dem der preuische Adler ersticken wird.

Ich habe zu der Schluck- und Verdauungskraft unsres preuischen Adlers
ein besseres Vertrauen, erwiderte Blow. Gerade =das= kann er und
versteht er von alten Zeiten her. Indessen =darber= mag sich streiten
lassen; worber sich aber =nicht= streiten lt, das ist der Friede, den
uns Haugwitz gebracht hat. Wir brauchen ihn wie das tgliche Brot und
muten ihn haben, so lieb uns unser Leben ist. Knigliche Hoheit haben
freilich einen Ha gegen den armen Haugwitz, der mich insoweit
berrascht, als dieser Lombard, der doch die Seele des Ganzen ist, von
jeher Gnade vor Eurer Kniglichen Hoheit Augen gefunden hat.

Ah, Lombard! Den Lombard nehm ich nicht ernsthaft, und stell ihm
auerdem noch in Rechnung, da er ein halber Franzose ist. Dazu hat er
eine Form des Witzes, die mich entwaffnet. Sie wissen doch, sein Vater
war =Friseur= und seiner Frau Vater ein =Barbier=. Und nun kommt eben
diese Frau, die nicht nur eitel ist bis zum Nrrischwerden, sondern auch
noch schlechte franzsische Verse macht, und fragt ihn, was schner sei:
'_L'hirondelle =frise= la surface des eaux_' oder '_l'hirondelle =rase=
la surface des eaux_?' Und was antwortet er? 'Ich sehe keinen
Unterschied, meine Theure; _l'hirondelle =frise=_ huldigt =meinem= Vater
und _l'hirondelle =rase=_ dem =Deinigen=.' In diesem Bonmot haben Sie
den ganzen Lombard. Was mich aber persnlich angeht, so bekenn ich Ihnen
offen, da ich einer so witzigen Selbstpersiflage nicht widerstehen
kann. Er ist ein Polisson, kein Charakter.

Vielleicht, da sich ein Gleiches auch von Haugwitz sagen liee, zum
Guten wie zum Schlimmen. Und wirklich, ich geb Eurer Kniglichen Hoheit
den =Mann= preis. Aber =nicht= seine Politik. Seine Politik ist gut,
denn sie rechnet mit gegebenen Gren. Und Eure Knigliche Hoheit wissen
das besser als ich. Wie steht es denn in Wahrheit mit unsren Krften?
Wir leben von der Hand in den Mund und warum? weil der Staat Friedrichs
des Groen nicht ein Land mit einer Armee, sondern eine Armee mit einem
Lande ist. Unser Land ist nur Standquartier und Verpflegungsmagazin. In
sich selber entbehrt es aller groen Ressourcen. Siegen wir, so geht es;
aber Kriege fhren drfen nur solche Lnder, die Niederlagen ertragen
knnen. Das knnen wir =nicht=. Ist die Armee hin, so ist alles hin. Und
wie schnell eine Armee hin sein kann, das hat uns Austerlitz gezeigt.
Ein Hauch kann uns tdten, gerad auch =uns=. 'Er blies, und die Armada
zerstob in alle vier Winde.' _Afflavit Deus et dissipati sunt._

Herr von Blow, unterbrach hier Schach, mge mir eine Bemerkung
verzeihn. Er wird doch, denk ich, in dem Hllenbrodem, der jetzt ber
die Welt weht, nicht den Odem Gottes erkennen wollen, nicht =den=, der
die Armada zerblies.

=Doch=, Herr von Schach. Oder glauben Sie wirklich, da der Odem Gottes
im Spezialdienste des Protestantismus, oder gar Preuens und seiner
Armee steht?

Ich hoffe, ja.

Und ich frchte, =nein=. Wir haben die 'propreste Armee', das ist
alles. Aber mit der 'Proprett' gewinnt man keine Schlachten. Erinnern
sich Knigliche Hoheit der Worte des groen Knigs, als General Lehwald
ihm seine dreimal geschlagenen Regimenter in Parade vorfhrte? 'Propre
Leute' hie es. 'Da seh' er meine. Sehen aus wie die Grasdeibel, =aber
beien='. Ich frchte, wir haben jetzt zu viel Lehwaldsche Regimenter
und zu wenig altenfritzige. Der Geist ist heraus, alles ist Dressur und
Spielerei geworden. Giebt es doch Offiziere, die, der groen Prallheit
und Drallheit halber, ihren Uniformrock direkt auf dem Leibe tragen.
Alles Unnatur. Selbst das Marschiren-knnen, diese ganz gewhnliche
Fhigkeit des Menschen, die Beine zu setzen, ist uns in dem ewigen
Paradeschritt verloren gegangen. Und Marschiren-knnen ist jetzt die
erste Bedingung des Erfolges. Alle modernen Schlachten sind mit den
Beinen gewonnen worden.

Und mit =Gold=, unterbrach hier der Prinz. Ihr groer Empereur,
lieber Blow, hat eine Vorliebe fr kleine Mittel. Ja, fr
allerkleinste. Da er lgt, ist sicher. Aber er ist auch ein Meister in
der Kunst der Bestechung. Und wer hat uns die Augen darber geffnet? Er
selber. Lesen Sie, was er unmittelbar vor der Austerlitzer Bataille
sagte. 'Soldaten' hie es, 'der Feind wird marschiren und unsre Flanke
zu gewinnen suchen; bei dieser Marschbewegung aber wird er die seinige
preisgeben. Wir werden uns auf diese seine Flanke werfen, und ihn
schlagen und vernichten.' Und genau so verlief die Schlacht. Es ist
unmglich, da er aus der bloen Aufstellung der Oesterreicher auch
schon ihren Schlachtplan errathen haben knnte.

Man schwieg. Da dies Schweigen aber dem lebhaften Prinzen um vieles
peinlicher war als Widerspruch, so wandt er sich direkt an Blow und
sagte: Widerlegen Sie mich.

Knigliche Hoheit befehlen und so gehorch ich denn. Der Kaiser wute
genau was geschehen werde, =konnt= es wissen, weil er sich die Frage
'was thut hier die =Mittelmigkeit=' in vorausberechnender Weise nicht
blos gestellt, sondern auch beantwortet hatte. Die hchste Dummheit, wie
zuzugestehen ist, entzieht sich ebenso der Berechnung wie die hchste
Klugheit, -- das ist eine von den groen Seiten der echten und
unverflschten Stupiditt. Aber jene 'Mittelklugen', die gerade klug
genug sind, um von der Lust 'es auch einmal mit etwas Geistreichem zu
probiren', angewandelt zu werden, diese Mittelklugen sind allemal am
leichtesten zu berechnen. Und warum? Weil sie jederzeit nur die Mode
mitmachen und heute kopiren, was sie gestern sahn. Und das alles wute
der Kaiser. _Hic haeret._ Er hat sich nie glnzender bewhrt, als in
dieser Austerlitzer Aktion, auch im Nebenschlichen nicht, auch nicht in
jenen Impromptus und witzigen Einfllen auf dem Gebiete des Grausigen,
die so recht eigentlich das Kennzeichen des Genies sind.

Ein Beispiel.

Eines fr hundert. Als das Centrum schon durchbrochen war, hatte sich
ein Theil der russischen Garde, vier Bataillone, nach ebenso viel
gefrorenen Teichen hin zurckgezogen, und eine franzsische Batterie
fuhr auf, um mit Karttschen in die Bataillone hineinzufeuern. In diesem
Augenblick erschien der Empereur. Er berblickte sofort das Besondere
der Lage. 'Wozu hier ein sich Abmhen _en dtail_?' Und er befahl mit
Vollkugeln auf das =Eis= zu schieen. Eine Minute spter und das Eis
barst und brach, und alle vier Bataillone gingen _en carr_ in die
morastige Tiefe. Solche vom Moment eingegebenen Blitze hat nur immer das
Genie. Die Russen werden sich jetzt vornehmen, es bei nchster
Gelegenheit ebenso zu machen, aber wenn Kutusow auf Eis wartet, wird er
pltzlich in Wasser oder Feuer stecken. Oesterreich-russische Tapferkeit
in Ehren, nur nicht ihr Ingenium. Irgendwo heit es: 'In meinem
Wolfstornister, Regt sich des Teufels Kster, Ein =Kobold=, heit
'Genie' -- nun, in dem russisch-sterreichischen Tornister ist dieser
'Kobold und Teufelskster' nie und nimmer zu Hause gewesen. Und um dies
Manko zu kassiren, bedient man sich der alten, elenden Trostgrnde:
Bestechung und Verrtherei. Jedem Besiegten wird es schwer, den Grund
seiner Niederlagen an der einzig richtigen Stelle, nmlich =in sich
selbst= zu suchen, und auch Kaiser Alexander, mein ich, verzichtet auf
ein solches Nachforschen am recht eigentlichsten Platz.

Und wer wollt ihm darber zrnen? antwortete Schach. Er that das
seine, ja mehr. Als die Hhe schon verloren und doch andrerseits die
Mglichkeit einer Wiederherstellung der Schlacht noch nicht geschwunden
war, ging er klingenden Spiels an der Spitze neuer Regimenter vor; sein
Pferd ward ihm unter dem Leibe erschossen, er bestieg ein zweites, und
eine halbe Stunde lang schwankte die Schlacht. Wahre Wunder der
Tapferkeit wurden verrichtet, und die Franzosen selbst haben es in
enthusiastischen Ausdrcken anerkannt.

Der Prinz, der, bei der vorjhrigen Berliner Anwesenheit des
unausgesetzt als _deliciae generis humani_ gepriesenen Kaisers, keinen
allzu gnstigen Eindruck von ihm empfangen hatte, fand es einigermaen
unbequem, den liebenswrdigsten der Menschen auch noch zum
heldischsten erhoben zu sehen. Er lchelte deshalb und sagte: Seine
kaiserliche Majestt in Ehren, so scheint es mir doch, lieber Schach,
als ob Sie franzsischen Zeitungsberichten mehr Gewicht beilegten, als
ihnen beizulegen =ist=. Die Franzosen sind kluge Leute. Je mehr Rhmens
sie von ihrem Gegner machen, desto grer wird ihr eigner Ruhm, und
dabei schweig ich noch von allen mglichen politischen Grnden, die
jetzt sicherlich mitsprechen. 'Man soll seinem Feinde goldene Brcken
bauen', sagt das Sprichwort, und sagt es mit Recht, denn, wer heute mein
Feind war, kann morgen mein Verbndeter sein. Und in der That, es spukt
schon dergleichen, ja, wenn ich recht unterrichtet bin, so verhandelt
man bereits ber eine neue Theilung der Welt, will sagen ber die
Wiederherstellung eines morgenlndischen und abendlndischen
Kaiserthums. Aber lassen wir Dinge, die noch in der Luft schweben, und
erklren wir uns das dem Heldenkaiser gespendete Lob lieber einfach aus
dem Rechnungssatze: 'wenn der unterlegene russische Muth einen vollen
Centner wog, so wog der siegreich franzsische natrlich =zwei='.

Schach, der, seit Kaiser Alexanders Besuch in Berlin, das Andreaskreuz
trug, bi sich auf die Lippen und wollte repliziren. Aber Blow kam ihm
zuvor und bemerkte: Gegen 'unter dem Leibe erschossene Kaiserpferde'
bin ich berhaupt immer mitrauisch. Und nun gar hier. All diese
Lobeserhebungen mssen Seine Majestt sehr in Verlegenheit gebracht
haben, denn es giebt ihrer zu viele, die das Gegentheil bezeugen knnen.
Er ist der 'gute Kaiser' und damit Basta.

Sie sprechen das so spttisch, Herr von Blow, antwortete Schach. Und
doch frag ich Sie, giebt es einen schneren Titel?

O gewi giebt es den. Ein =wirklich= groer Mann wird nicht um seiner
Gte willen gefeiert und noch weniger danach benannt. Er wird umgekehrt
ein Gegenstand bestndiger Verleumdungen sein. Denn das Gemeine, das
berall vorherrscht, liebt nur das, was ihm gleicht. Brenkenhof, der,
trotz seiner Paradoxien, mehr gelesen werden sollte, als er gelesen
wird, behauptet geradezu, 'da in unserm Zeitalter die besten Menschen
die schlechteste Reputation haben mten'. Der gute Kaiser! Ich bitte
Sie. Welche Augen wohl Knig Friedrich gemacht haben wrde, wenn man ihn
den 'guten Friedrich' genannt htte.

Bravo, Blow, sagte der Prinz, und grte mit dem Glase hinber. Das
ist mir aus der Seele gesprochen.

Aber es htte dieses Zuspruches nicht bedurft. Alle Knige, fuhr Blow
in wachsendem Eifer fort, die den Beinamen des 'guten' fhren, sind
solche, die das ihnen anvertraute Reich zu Grabe getragen oder doch bis
an den Rand der Revolution gebracht haben. Der letzte Knig von Polen
war auch ein sogenannter 'guter'. In der Regel haben solche
Frstlichkeiten einen groen Harem und einen kleinen Verstand. Und geht
es in den Krieg, so mu irgend eine Kleopatra mit ihnen, gleichviel mit
oder ohne Schlange.

Sie meinen doch nicht, Herr von Blow, entgegnete Schach, durch
Auslassungen wie =diese=, den Kaiser Alexander charakterisirt zu haben.

Wenigstens annhernd.

Da wr ich doch neugierig.

Es ist zu diesem Behufe nur nthig, sich den letzten Besuch des Kaisers
in Berlin und Potsdam zurckzurufen. Um was handelte sich's? Nun,
anerkanntermaen um nichts Kleines und Alltgliches, um Abschlu eines
Bndnisses auf Leben und Tod, und wirklich, bei Fackellicht trat man in
die Gruft Friedrichs des Groen, um sich, ber dem Sarge desselben, eine
halbmystische Blutsfreundschaft zuzuschwren. Und was geschah
unmittelbar danach? Ehe drei Tage vorber waren, wute man, da der aus
der Gruft Friedrichs des Groen glcklich wieder ans Tageslicht
gestiegene Kaiser, die fnf anerkanntesten _beauts_ des Hofes in eben
so viele Schnheitskategorien gebracht habe: _beaut coquette_ und
_beaut triviale_, _beaut cleste_ und _beaut du diable_, und endlich
fnftens '_beaut, qui inspire seul du vrai sentiment_'. Wobei wohl
jeden die Neugier angewandelt haben mag, das Allerhchste '_vrai
sentiment_' kennen zu lernen.




Siebentes Kapitel.

Ein neuer Gast.


All diese Sprnge Blows hatten die Heiterkeit des Prinzen erregt, der
denn auch eben mit einem ihm bequem liegenden Capriccio ber _beaut
cleste_ und _beaut du diable_ beginnen wollte, als er, vom Korridor
her, unter dem halbzurckgeschlagenen Portirenteppich, einen ihm
wohlbekannten kleinen Herrn von unverkennbaren Knstlerallren
erscheinen und gleich danach eintreten sah.

Ah, Dussek, das ist brav, begrte ihn der Prinz. _Mieux vaut tard
que jamais._ Rcken Sie ein. Hier. Und nun bitt ich alles was an
Sigkeiten noch da ist, in den Bereich unsres Knstlerfreundes bringen
zu wollen. Sie finden noch _tutti quanti_, lieber Dussek. Keine
Einwendungen. Aber was trinken Sie? Sie haben die Wahl. Asti,
Montefiascone, Tokayer.

Irgend einen Ungar.

Herben?

Dussek lchelte.

Thrichte Frage, korrigirte sich der Prinz und fuhr in gesteigerter
guter Laune fort: Aber nun, Dussek, erzhlen Sie. Theaterleute haben,
die Tugend selber ausgenommen, allerlei Tugenden, und unter diesen auch
=die= der Mittheilsamkeit. Sie bleiben einem auf die Frage 'was Neues'
selten eine Antwort schuldig.

Und auch heute nicht, Knigliche Hoheit, antwortete Dussek, der,
nachdem er genippt hatte, eben sein Brtchen putzte.

Nun, so lassen Sie hren. Was schwimmt obenauf?

Die ganze Stadt ist in Aufregung. Versteht sich, wenn ich sage, 'die
ganze Stadt', so mein ich das Theater.

Das Theater =ist= die Stadt. Sie sind also gerechtfertigt. Und nun
weiter.

Knigliche Hoheit befehlen. Nun denn, wir sind in unsrem Haupt und
Fhrer empfindlich gekrnkt worden und haben denn auch aus eben diesem
Grunde nicht viel weniger als eine kleine Theateremeute gehabt. =Das=
also, hie es, seien die neuen Zeiten, =das= sei das brgerliche
Regiment, =das= sei der Respekt vor den preuischen '_belles lettres et
beaux arts_.' Eine 'Huldigung der Knste' lasse man sich gefallen, aber
eine Huldigung =gegen= die Knste, die sei so fern wie je.

Lieber Dussek, unterbrach der Prinz, Ihre Reflexionen in Ehren. Aber
da Sie gerade von Kunst sprechen, so mu ich Sie bitten, die Kunst der
Retardirung nicht bertreiben zu wollen. Wenn es also mglich ist,
Thatsachen. Um was handelt es sich?

Iffland ist gescheitert. Er wird den Orden, von dem die Rede war,
=nicht= erhalten.

Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostitz skandirte:
_Parturiunt montes nascetur ridiculus mus._

Aber Dussek war in wirklicher Erregung, und diese wuchs noch unter der
Heiterkeit seiner Zuhrer. Am meisten verdro ihn Sander. Sie lachen,
Sander. Und doch trifft es in diesem Kreise nur Sie und mich. Denn gegen
wen anders ist die Spitze gerichtet, als gegen das Brgerthum
berhaupt.

Der Prinz reichte dem Sprecher ber den Tisch hin die Hand. Recht,
lieber Dussek. Ich liebe solch Eintreten. Erzhlen Sie. Wie kam es?

Vor allem ganz unerwartet. Wie ein Blitz aus heitrem Himmel. Knigliche
Hoheit wissen, da seit lange von einer Dekorirung die Rede war, und wir
freuten uns, alles Knstlerneides vergessend, als ob wir den Orden
mitempfangen und mittragen sollten. In der That, alles lie sich gut an,
und die 'Weihe der Kraft', fr deren Auffhrung der Hof sich
interessirt, sollte den Ansto und zugleich die spezielle Gelegenheit
geben. Iffland ist Maon (auch =das= lie uns hoffen), die Loge nahm es
energisch in die Hand, und die Knigin war gewonnen. Und nun =doch=
gescheitert. Eine kleine Sache, werden Sie sagen; aber nein, meine
Herren, es ist eine groe Sache. Dergleichen ist immer der Strohhalm, an
dem man sieht, woher der Wind weht. Und er weht bei uns nach wie vor von
der alten Seite her. _Chi va piano va sano_, sagt das Sprchwort. Aber
im Lande Preuen heit es '_pianissimo_.'

Gescheitert, sagten Sie, Dussek. Aber gescheitert woran?

An dem Einflu der Hofgeneralitt. Ich habe Rchels Namen nennen hren.
Er hat den Gelehrten gespielt und darauf hingewiesen, wie niedrig das
Histrionenthum immer und ewig in der Welt gestanden habe, mit alleiniger
Ausnahme der neronischen Zeiten. Und =die= knnten doch kein Vorbild
sein. Das half. Denn welcher allerchristlichste Knig will Nero sein
oder auch nur seinen Namen hren. Und so wissen wir denn, da die Sache
vorlufig _ad acta_ verwiesen ist. Die Knigin ist chagrinirt, und an
diesem Allerhchsten Chagrin mssen wir uns vorlufig gengen lassen.
Neue Zeit und alte Vorurtheile.

Lieber Kapellmeister, sagte Blow, ich sehe zu meinem Bedauern, da
Ihre Reflexionen Ihren Empfindungen weit voraus sind. Uebrigens ist das
das Allgemeine. Sie sprechen von Vorurtheilen, in denen wir stecken, und
stecken selber drin. Sie, sammt Ihrem ganzen Brgerthum, das keinen
neuen freien Gesellschaftszustand schaffen, sondern sich nur eitel und
eiferschtig in die bevorzugten alten Klassen einreihen will. Aber damit
schaffen Sie's nicht. An die Stelle der Eiferschtelei, die jetzt das
Herz unsres dritten Standes verzehrt, mu eine Gleichgiltigkeit gegen
alle diese Kindereien treten, die sich einfach berlebt haben. Wer
Gespenster wirklich ignorirt, fr den giebt es keine mehr, und wer Orden
ignorirt, der arbeitet an ihrer Ausrottung. Und dadurch an Ausrottung
einer wahren Epidemie....

Wie Herr von Blow umgekehrt an Errichtung eines neuen Knigreichs
Utopien arbeitet, unterbrach Sander. Ich meinerseits nehme vorlufig
an, da die Krankheit, von der er spricht, in der Richtung von Osten
nach Westen immer weiter wachsen, aber nicht umgekehrt in der Richtung
von Westen nach Osten hin absterben wird. Im Geiste seh ich vielmehr
immer neue Multiplikationen, und das Erblhen einer Ordens-Flora mit 24
Klassen wie das Linnsche System.

Alle traten auf die Seite Sanders, am entschiedensten der Prinz. Es
msse durchaus etwas in der menschlichen Natur stecken, das, wie
beispielsweise der Hang zu Schmuck und Putz, sich auch zu =dieser= Form
der Quincaillerie hingezogen fhle. Ja, so fuhr er fort, es giebt
kaum einen Grad der Klugheit, der davor schtzt. Sie werden doch alle
Kalkreuth fr einen klugen Mann halten, ja mehr, fr einen Mann, der,
wie wenige, von dem 'Alles ist eitel' unsres Thuns und Trachtens
durchdrungen sein mu. Und doch, als er den rothen Adler erhielt,
whrend er den schwarzen erwartet hatte, warf er ihn wthend ins
Schubfach und schrie: 'Da liege, bis du =schwarz= wirst.' Eine
Farbennderung, die sich denn auch mittlerweile vollzogen hat.

Es ist mit Kalkreuth ein eigen Ding, erwiderte Blow, und offen
gestanden, ein andrer unsrer Generle, der gesagt haben soll: 'ich gbe
den schwarzen drum, wenn ich den rothen wieder los wre,' gefllt mir
noch besser. Uebrigens bin ich minder streng, als es den Anschein hat.
Es giebt auch Auszeichnungen, die =nicht= als Auszeichnung ansehn zu
wollen, einfach Beschrnktheit oder niedrige Gesinnung wre. Admiral
Sidney Smith, berhmter Vertheidiger von St. Jean d'Acre und Verchter
aller Orden, legte =doch= Werth auf ein Schaustck, das ihm der Bischof
von Acre mit den Worten berreicht hatte: 'Wir empfingen dieses
Schaustck aus den Hnden Knig Richards Coeur de Lion, und geben es,
nach sechshundert Jahren, einem seiner Landsleute zurck, der,
heldenmthig wie er, unsre Stadt vertheidigt hat.' Und ein Elender und
Narr, setz ich hinzu, der sich einer =solchen= Auszeichnung =nicht= zu
freuen versteht.

Schtze mich glcklich, ein solches Wort aus Ihrem Munde zu hren,
erwiderte der Prinz. Es bestrkt mich in meinen Gefhlen fr Sie,
lieber Blow, und ist mir, Pardon, ein neuer Beweis, da der Teufel
nicht halb so schwarz ist, als er gemalt wird.

Der Prinz wollte weiter sprechen. Als aber in eben diesem Augenblick
einer der Diener an ihn heran trat und ihm zuflsterte, da der
Rauchtisch arrangirt und der Kaffee servirt sei, hob er die Tafel auf,
und fhrte seine Gste, whrend er Blows Arm nahm, auf den an den
Esaal angebauten Balkon. Eine groe, blau und wei gestreifte Marquise,
deren Ringe lustig im Winde klapperten, war schon vorher herabgelassen
worden, und unter ihren weit niederhngenden Fransen hinweg, sah man,
fluaufwrts, auf die halb im Nebel liegenden Thrme der Stadt,
fluabwrts aber auf die Charlottenburger Parkbume, hinter deren eben
ergrnendem Gezweige die Sonne niederging. Jeder blickte schweigend in
das anmuthige Landschaftsbild hinaus, und erst als die Dmmrung
angebrochen und eine hohe Sinumbralampe gebracht worden war, nahm man
Platz und setzte die hollndischen Pfeifen in Brand, unter denen jeder
nach Gefallen whlte. Dussek allein, weil er die Musikpassion des
Prinzen kannte, war phantasirend an dem im Esaale stehenden Flgel
zurckgeblieben, und sah nur, wenn er den Kopf zur Seite wandte, die
jetzt drauen wieder lebhafter plaudernden Tischgenossen und ebenso die
Lichtfunken, die von Zeit zu Zeit aus ihren Thonpfeifen aufflogen.

Das Gesprch hatte das Ordensthema nicht wieder aufgenommen, wohl aber
sich der ersten Veranlassung desselben, also Iffland und dem in Sicht
stehenden neuen Schauspiele zugewandt, bei welcher Gelegenheit
Alvensleben bemerkte, da er einige der in den Text eingestreuten
Gesangsstcke whrend dieser letzten Tage kennen gelernt habe.
Gemeinschaftlich mit Schach. Und zwar im Salon der liebenswrdigen Frau
von Carayon und ihrer Tochter Victoire. Diese habe gesungen und Schach
begleitet.

Die Carayons, nahm der Prinz das Wort. Ich hre keinen Namen jetzt
fter als =den=. Meine theure Freundin Pauline, hat mir schon frher von
beiden Damen erzhlt, und neuerdings auch die Rahel. Alles vereinigt
sich, mich neugierig zu machen und Anknpfungen zu suchen, die sich,
mein ich, unschwer werden finden lassen. Entsinn ich mich doch des
schnen Fruleins vom Massowschen Kinderballe her, der, nach Art aller
Kinderblle, des Vorzugs geno, eine ganz besondre Schaustellung
erwachsener und voll erblhter Schnheiten zu sein. Und wenn ich sage,
'voll erblhter', so sag ich noch wenig. In der That, an keinem Ort und
zu keiner Zeit hab ich je so schne Dreiigerinnen auftreten sehen, als
auf Kinderbllen. Es ist, als ob die Nhe der bewut oder unbewut auf
Umsturz sinnenden Jugend, alles, was heute noch herrscht, doppelt und
dreifach anspornte, sein Uebergewicht geltend zu machen, ein
Uebergewicht, das vielleicht morgen schon nicht mehr vorhanden ist. Aber
gleichviel, meine Herren, es wird sich ein fr allemal sagen lassen, da
Kinderblle nur fr Erwachsene da sind, und dieser interessanten
Erscheinung in ihren Ursachen nachzugehen, wre so recht eigentlich ein
Thema fr unsren Gentz. Ihr philosophischer Freund Buchholtz, lieber
Sander, ist mir zu solchem Spiele nicht grazis genug. Uebrigens nichts
fr ungut; er ist Ihr Freund.

Aber doch nicht so, lachte Sander, da ich nicht jeden Augenblick
bereit wre, ihn Euer Kniglichen Hoheit zu opfern. Und wie mir bei
dieser Gelegenheit gestattet sein mag, hinzuzusetzen, nicht blo aus
einem allerspeziellsten, sondern auch noch aus einem ganz allgemeinen
Grunde. Denn wenn die Kinderblle, nach Ansicht und Erfahrung Euer
Kniglichen Hoheit, eigentlich am besten ohne Kinder bestehen, so die
Freundschaften am besten ohne Freunde. Die Surrogate bedeuten berhaupt
alles im Leben, und sind recht eigentlich die letzte Weisheitsessenz.

Es mu sehr gut mit Ihnen stehn, lieber Sander, entgegnete der Prinz,
da Sie sich zu solchen Ungeheuerlichkeiten offen bekennen knnen.
_Mais rvenons  notre belle Victoire._ Sie war unter den jungen Damen,
die durch lebende Bilder das Fest damals einleiteten, und stellte, wenn
mich mein Gedchtni nicht trgt, eine Hebe dar, die dem Zeus eine
Schale reichte. Ja, so war es, und indem ich davon spreche, tritt mir
das Bild wieder deutlich vor die Seele. Sie war kaum fnfzehn, und von
jener Taille, die jeden Augenblick zu zerbrechen scheint. Aber sie
zerbrechen nie. '_Comme un ange_', sagte der alte Graf Neale, der neben
mir stand, und mich durch eine Begeisterung langweilte, die mir einfach
als eine Karrikatur der meinigen erschien. Es wre mir eine Freude, die
Bekanntschaft der Damen erneuern zu knnen.

Eure Knigliche Hoheit wrden das Frulein Victoire nicht wieder
erkennen, sagte Schach, dem der Ton, in dem der Prinz sprach, wenig
angenehm war. Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den
Blattern befallen, und nur wie durch ein Wunder gerettet. Ein gewisser
Reiz der Erscheinung ist ihr freilich geblieben, aber es sind immer nur
Momente, wo die seltene Liebenswrdigkeit ihrer Natur einen
Schnheitsschleier ber sie wirft, und den Zauber ihrer frheren Tage
wiederherzustellen scheint.

Also _restitutio in integrum_, sagte Sander.

Alles lachte.

Wenn Sie so wollen, ja, antwortete Schach in einem spitzen Tone,
whrend er sich ironisch gegen Sander verbeugte.

Der Prinz bemerkte die Verstimmung und wollte sie coupiren. Es hilft
Ihnen nichts, lieber Schach. Sie sprechen, als ob Sie mich abschrecken
wollten. Aber weit gefehlt. Ich bitte Sie, was ist Schnheit? Einer der
allervaguesten Begriffe. Mu ich Sie an die fnf Kategorien erinnern,
die wir in erster Reihe Sr. Majestt dem Kaiser Alexander und in zweiter
unsrem Freunde Blow verdanken? =Alles ist schn= und =nichts=. Ich
persnlich wrde der _beaut du diable_ jederzeit den Vorzug geben, will
also sagen einer Erscheinungsform, die sich mit der des _ci-devant_
schnen Fruleins von Carayon einigermaen decken wrde.

Knigliche Hoheit halten zu Gnaden, entgegnete Nostitz, aber es
bleibt mir doch zweifelhaft, ob Knigliche Hoheit die Kennzeichen der
_beaut du diable_ an Frulein Victoire wahrnehmen wrden. Das Frulein
hat einen witzig-elegischen Ton, was auf den ersten Blick als ein
Widerspruch erscheint, und doch keiner ist, unter allen Umstnden aber
als ihr charakteristischer Zug gelten kann. Meinen Sie nicht auch,
Alvensleben?

Alvensleben besttigte.

Der Prinz indessen, der ein sich Einbohren in Fragen ber die Maen
liebte, fuhr, indem er sich dieser Neigung auch heute hingab, immer
lebhafter werdend fort: Elegisch sagen Sie, witzig-elegisch; ich
wte nicht, was einer _beaut du diable_ besser anstehn knnte. Sie
fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren. Alles was Ihnen dabei
vorschwebt, ist nur eine Spielart der alleralltglichsten
Schnheitsform, der _beaut coquette_: das Nschen ein wenig mehr
gestubst, der Teint ein wenig dunkler, das Temperament ein wenig
rascher, die Manieren ein wenig khner und rcksichtsloser. Aber damit
erschpfen Sie die hhere Form der =beaut du diable= keineswegs. Diese
hat etwas Weltumfassendes, das ber eine bloe Teint- und Rassenfrage
weit hinausgeht. Ganz wie die Katholische Kirche. Diese wie jene sind
auf ein Innerliches gestellt, und das Innerliche, das in =unserer= Frage
den Ausschlag giebt, heit Energie, Feuer, Leidenschaft.

Nostitz und Sander lchelten und nickten.

Ja, meine Herren, ich gehe weiter und wiederhole 'was ist Schnheit?'
Schnheit, bah! Es kann nicht nur auf die gewhnlichen Schnheitsformen
verzichtet werden, ihr Fehlen kann sogar einen allerdirektesten Vorzug
bedeuten. In der That, lieber Schach, ich habe wunderbare Niederlagen
und noch wunderbarere Siege gesehn. Es ist auch in der Liebe wie bei
Morgarten und Sempach, die schnen Ritter werden geschlagen und die
hlichen Bauern triumphiren. Glauben Sie mir, das Herz entscheidet,
=nur= das Herz. Wer liebt, wer die Kraft der Liebe hat, ist auch
liebenswrdig, und es wre grausam, wenn es anders wre. Gehen Sie die
Reihe der eigenen Erfahrungen durch. Was ist alltglicher, als eine
schne Frau durch eine nicht schne Geliebte verdrngt zu sehn! Und
nicht etwa nach dem Satze _toujours perdrix_. O nein, es hat dies viel
tiefre Zusammenhnge. Das Langweiligste von der Welt ist die
lymphatisch-phlegmatische _beaut_, die _beaut par excellence_. Sie
krnkelt hier, sie krnkelt da, ich will nicht sagen immer und
nothwendig, aber doch in der Mehrzahl der Flle, whrend meine _beaut
du diable_ die Trgerin einer allervollkommensten Gesundheit ist, jener
Gesundheit, die zuletzt alles bedeutet und gleichwerthig ist mit
hchstem Reiz. Und nun frag ich Sie, meine Herren, wer htte mehr davon
als =die= Natur, die durch die grten und gewaltigsten
Luterungsprozesse wie durch ein Fegefeuer gegangen ist. Ein paar
Grbchen in der Wange sind das Reizendste von der Welt, das hat schon
bei den Rmern und Griechen gegolten, und ich bin nicht ungalant und
unlogisch genug, um einer Grbchen-Vielheit einen Respekt und eine
Huldigung zu versagen, die der Einheit oder dem Prchen von Alters her
gebhrt. Das paradoxe '_le laid c'est le beau_' hat seine vollkommne
Berechtigung, und es heit nichts andres, als da sich hinter dem
anscheinend Hlichen eine hhere Form der Schnheit verbirgt. Wre
meine theure Pauline hier, wie sie's leider =nicht= ist, sie wrde mir
zustimmen, offen und nachdrcklich, ohne durch persnliche Schicksale
captivirt zu sein.

Der Prinz schwieg. Es war ersichtlich, da er auf einen allseitigen
Ausdruck des Bedauerns wartete, Frau Pauline, die gelegentlich die
Honneurs des Hauses machte, heute =nicht= anwesend zu sehn. Als aber
Niemand das Schweigen brach, fuhr er fort: Es fehlen uns die Frauen,
und damit dem Wein und unsrem Leben der Schaum. Ich nehme meinen Wunsch
wieder auf und wiederhole, da es mich glcklich machen wrde, die
Carayon'schen Damen in dem Salon meiner Freundin empfangen zu drfen.
Ich zhle darauf, da diejenigen Herren, die dem Kreise der Frau von
Carayon angehren, sich zum Interpreten meiner Wnsche machen. Sie
Schach, oder auch Sie, lieber Alvensleben.

Beide verneigten sich.

Alles in allem wird es das Beste sein, meine Freundin Pauline nimmt es
persnlich in die Hand. Ich denke, sie wird den Carayon'schen Damen
einen ersten Besuch machen, und ich sehe Stunden eines angeregtesten
geistigen Austausches entgegen.

Die peinliche Stille, womit auch diese Schluworte hingenommen wurden,
wrde noch fhlbarer gewesen sein, wenn nicht Dussek in eben diesem
Moment auf den Balkon hinausgetreten wre. Wie schn, rief er und wies
mit der Hand auf den westlichen, bis hoch hinauf in einem glhgelben
Lichte stehenden Horizont.

Alle waren mit ihm an die Brstung des Balkons getreten, und sahen
fluabwrts in den Abendhimmel hinein. Vor dem gelben Lichtstreifen
standen schwarz und schweigend die hohen Pappeln und selbst die
Schlokuppel wirkte nur noch als Schattenri.

Einen jeden der Gste berhrte diese Schnheit. Am schnsten aber war
der Anblick zahlloser Schwne, die, whrend man in den Abendhimmel sah,
vom Charlottenburger Park her in langer Reihe herankamen. Andre lagen
schon in Front. Es war ersichtlich, da die ganze Flottille durch irgend
was bis in die Nhe der Villa gelockt sein mute, denn sobald sie die
Hhe derselben erreicht hatte, schwenkten sie wie militrisch ein und
verlngerten die Front derer, die hier schon still und regungslos und
die Schnbel unter dem Gefieder verborgen, wie vor Anker lagen. Nur das
Rohr bewegte sich leis in ihrem Rcken. So verging eine geraume Zeit.
Endlich aber erschien einer in unmittelbarer Nhe des Balkons, und
reckte den Hals, als ob er etwas sagen wollte.

Wem gilt es? fragte Sander. Dem Prinzen oder Dussek oder der
Sinumbralampe.

Natrlich dem Prinzen, antwortete Dussek.

Und warum?

Weil er nicht blos Prinz ist, sondern auch Dussek und '_sine umbra_'.

Alles lachte (der Prinz mit), whrend Sander allerfrmlichst zum
Hofkapellmeister gratulirte. Und wenn unser Freund, so schlo er, in
Zukunft wieder Strohhalme sammelt, um an ihnen zu sehen, woher der Wind
weht, so wird dieser Wind ihm allemal aus dem Lande geheiligter
Traditionen und nicht mehr aus dem Lande der Vorurtheile zu kommen
scheinen.

Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflottille, die wohl
durch die Dusseksche Musik herbeigelockt sein mute, wieder in Bewegung,
und segelte fluabwrts, wie sie bis dahin fluaufwrts gekommen war.
Nur der Schwan, der den Obmann gemacht, erschien noch einmal, als ob er
seinen Dank wiederholen und sich in ceremoniellster Weise verabschieden
wolle.

Dann aber nahm auch er die Mitte des Flusses, und folgte den brigen,
deren Tte schon unter dem Schatten der Parkbume verschwunden war.




Achtes Kapitel.

Schach und Victoire.


Es war kurz nach diesem Diner beim Prinzen, da in Berlin bekannt wurde,
der Knig werde noch vor Schlu der Woche von Potsdam herberkommen, um
auf dem Tempelhofer Felde eine groe Revue zu halten. Die Nachricht
davon weckte diesmal ein mehr als gewhnliches Interesse, weil die
gesammte Bevlkerung nicht nur dem Frieden mitraute, den Haugwitz mit
heimgebracht hatte, sondern auch mehr und mehr der Ueberzeugung lebte,
da im Letzten immer nur unsre eigene Kraft auch unsere Sicherheit
beziehungsweise unsre Rettung sein werde. Welch andre Kraft aber hatten
wir als die Armee, die Armee, die, was Erscheinung und Schulung anging,
immer noch die friedericianische war.

In solcher Stimmung sah man dem Revuetage, der ein Sonnabend war,
entgegen.

Das Bild, das die Stadt vom frhen Morgen an darbot, entsprach der
Aufregung, die herrschte. Tausende strmten hinaus, und bedeckten vom
Halleschen Thor an die bergansteigende Strae, zu deren beiden Seiten
sich die Knapphnse, diese bekannten Zivilmarketender, mit ihren
Krben und Flaschen etablirt hatten. Bald danach erschienen auch die
Equipagen der vornehmen Welt, unter diesen =die= Schachs, die fr den
heutigen Tag den Carayonschen Damen zur Disposition gestellt worden war.
Im selben Wagen mit ihnen befand sich ein alter Herr von der Recke,
frher Offizier, der, als naher Anverwandter Schachs, die Honneurs und
zugleich den militrischen Interpreten machte. Frau von Carayon trug ein
stahlgraues Seidenkleid und eine Mantille von gleicher Farbe, whrend
von Victoirens breitrandigem Italienerhut ein blauer Schleier im Winde
flatterte. Neben dem Kutscher sa der Groom und erfreute sich der Huld
beider Damen, ganz besonders auch der ziemlich willkrlich accentuirten
englischen Worte, die Victoire von Zeit zu Zeit an ihn richtete.

Fr elf Uhr war das Eintreffen des Knigs angemeldet worden, aber lange
vorher schon erschienen die zur Revue befohlenen, altberhmten
Infanterieregimenter Alt Larisch, von Arnim und Mllendorff, ihre
Janitscharenmusik vorauf. Ihnen folgte die Kavallerie: Garde du Corps,
Gensdarmes und Leibhusaren, bis ganz zuletzt in einer immer dicker
werdenden Staubwolke die Sechs- und Zwlfpfnder heranrasselten und
klapperten, die zum Theil schon bei Prag und Leuthen und neuerdings
wieder bei Valmy und Pirmasens gedonnert hatten. Enthusiastischer Jubel
begleitete den Anmarsch, und wahrlich, wer sie so heranziehen sah, dem
mute das Herz in patriotisch stolzer Erregung hher schlagen. Auch die
Carayons theilten das allgemeine Gefhl, und nahmen es als bloe
Verstimmung oder Altersngstlichkeit, als der alte Herr von der Recke
sich vorbog und mit bewegter Stimme sagte: Prgen wir uns diesen
Anblick ein, meine Damen. Denn glauben Sie der Vorahnung eines alten
Mannes, wir werden diese Pracht nicht wiedersehen. Es ist die
Abschiedsrevue der friedericianischen Armee.

                   *       *       *       *       *

Victoire hatte sich auf dem Tempelhofer Felde leicht erkltet und blieb
in ihrer Wohnung zurck, als die Mama gegen Abend ins Schauspiel fuhr,
ein Vergngen, das sie jederzeit geliebt hatte, zu keiner Zeit aber mehr
als damals, wo sich zu der knstlerischen Anregung auch noch etwas von
wohlthuender politischer Emotion gesellte. Wallenstein, die Jungfrau,
Tell erschienen gelegentlich, am hufigsten aber Holbergs politischer
Zinngieer, der, wie Publikum und Direktion gemeinschaftlich fhlen
mochten, um ein Erhebliches besser als die hohe Schillersche Muse zu
lrmenden Demonstrationen geeignet war.

Victoire war allein. Ihr that die Ruhe wohl und in einen trkischen
Shawl gehllt, lag sie trumend auf dem Sopha, vor ihr ein Brief, den
sie kurz vor ihrer Vormittagsausfahrt empfangen und in jenem Augenblicke
nur flchtig gelesen hatte. Desto langsamer und aufmerksamer freilich,
als sie von der Revue wieder zurckgekommen war.

Es war ein Brief von Lisette.

Sie nahm ihn auch jetzt wieder zur Hand, und las eine Stelle, die sie
schon vorher mit einem Bleistiftsstrich bezeichnet hatte: ....Du mut
wissen, meine liebe Victoire, da ich, Pardon fr dies offne Gestndni,
mancher Aeuerung in Deinem letzten Briefe keinen vollen Glauben
schenke. Du suchst Dich und mich zu tuschen, wenn Du schreibst, da Du
Dich in ein Respektsverhltni zu S. hineindenkst. Er wrde selber
lcheln, wenn er davon hrte. Da Du Dich pltzlich so verletzt fhlen,
ja, verzeihe, so piquirt werden konntest, als er den Arm Deiner Mama
nahm, verrth Dich, und giebt mir allerlei zu denken, wie denn auch
andres noch, was Du speziell in dieser Veranlassung schreibst. Ich lerne
Dich pltzlich von einer Seite kennen, von der ich Dich noch nicht
kannte, von der argwhnischen nmlich. Und nun, meine theure Victoire,
hab ein freundliches Ohr fr das, was ich Dir in Bezug auf diesen
wichtigen Punkt zu sagen habe. Bin ich doch die ltere. Du darfst Dich
ein fr allemal nicht in ein Mitrauen gegen Personen hineinleben, die
durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben drfen. Und zu diesen
Personen, mein ich, gehrt Schach. Ich finde, je mehr ich den Fall
berlege, da Du ganz einfach vor einer Alternative stehst, und entweder
Deine gute Meinung ber S., oder aber Dein Mitrauen =gegen= ihn fallen
lassen mut. Er sei Kavalier, schreibst Du mir, 'ja, das Ritterliche',
fgst Du hinzu, 'sei so recht eigentlich seine Natur', und im selben
Augenblicke, wo Du dies schreibst, bezichtigt ihn Dein Argwohn einer
Handelsweise, die, trfe sie zu, das Unritterlichste von der Welt sein
wrde. Solche Widersprche giebt es nicht. Man ist entweder ein Mann von
Ehre, oder man ist es nicht. Im Uebrigen, meine theure Victoire, sei
gutes Muthes, und halte Dich ein fr allemal versichert, =Dir lgt der
Spiegel=. Es ist nur =Eines=, um dessentwillen wir Frauen leben, wir
leben, um uns ein Herz zu gewinnen, aber =wodurch= wir es gewinnen, ist
gleichgiltig.

Victoire faltete das Blatt wieder zusammen. Es rth und trstet sich
leicht aus einem vollen Besitz heraus; sie hat alles und nun ist sie
gromthig. Arme Worte, die von des Reichen Tische fallen.

Und sie bedeckte beide Augen mit ihren Hnden.

In diesem Augenblick hrte sie die Klingel gehen, und gleich danach ein
zweites Mal, ohne da jemand von der Dienerschaft gekommen wre. Hatten
es Beate und der alte Jannasch berhrt? Oder waren sie fort? Eine
Neugier berkam sie. Sie ging also leise bis an die Thr und sah auf den
Vorflur hinaus. Es war Schach. Einen Augenblick schwankte sie, was zu
thun sei, dann aber ffnete sie die Glasthr und bat ihn einzutreten.

Sie klingelten so leise. Beate wird es berhrt haben.

Ich komme nur, um nach dem Befinden der Damen zu fragen. Es war ein
prchtiges Paradewetter, khl und sonnig, aber der Wind ging doch
ziemlich scharf....

Und Sie sehen mich unter seinen Opfern. Ich fiebre, nicht gerade
heftig, aber wenigstens =so=, da ich das Theater aufgeben mute. Der
Shawl (in den ich bitte, mich wieder einwickeln zu drfen) und diese
Tisane, von der Beate wahre Wunder erwartet, werden mir wahrscheinlich
zutrglicher sein als Wallensteins Tod. Mama wollte mir anfnglich
Gesellschaft leisten. Aber Sie kennen ihre Passion fr alles, was
Schauspiel heit, und so hab ich sie fortgeschickt. Freilich auch aus
Selbstsucht; denn da ich es gestehe, mich verlangte nach Ruhe.

Die nun mein Erscheinen =doch= wiederum strt. Aber nicht auf lange,
nur gerade lange genug, um mich eines Auftrags zu entledigen, einer
Anfrage, mit der ich brigens leichtmglicherweise zu spt komme, wenn
Alvensleben schon gesprochen haben sollte.

Was ich nicht glaube, vorausgesetzt, da es nicht Dinge sind, die Mama
fr gut befunden hat, selbst vor mir als Geheimni zu behandeln.

Ein sehr unwahrscheinlicher Fall. Denn es ist ein Auftrag, der sich an
Mutter und Tochter gleichzeitig richtet. Wir hatten ein Diner beim
Prinzen, _cercle intime_, zuletzt natrlich auch Dussek. Er sprach vom
Theater (von was andrem sollt er) und brachte sogar Blow zum Schweigen,
was vielleicht eine That war.

Aber Sie medisiren ja, lieber Schach.

Ich verkehre lange genug im Salon der Frau von Carayon, um wenigstens
in den Elementen dieser Kunst unterrichtet zu sein.

Immer schlimmer, immer grere Ketzereien. Ich werde Sie vor das
Groinquisitoriat der Mama bringen. Und wenigstens der Tortur einer
Sittenpredigt sollen Sie nicht entgehen.

Ich wte keine liebere Strafe.

Sie nehmen es zu leicht .... Aber nun der Prinz....

Er will Sie sehen, =beide=, Mutter und Tochter. Frau Pauline, die, wie
Sie vielleicht wissen, den Zirkel des Prinzen macht, soll Ihnen eine
Einladung berbringen.

Der zu gehorchen, Mutter und Tochter sich zu besondrer Ehre rechnen
werden.

Was mich nicht wenig berrascht. Und Sie knnen, meine theure Victoire,
dies kaum im Ernste gesprochen haben. Der Prinz ist mir ein gndger
Herr, und ich lieb ihn _de tout mon coeur_. Es bedarf keiner Worte
darber. Aber er ist ein Licht mit einem reichlichen Schatten, oder,
wenn Sie mir den Vergleich gestatten wollen, ein Licht, das mit einem
Ruber brennt. Alles in allem, er hat den zweifelhaften Vorzug so vieler
Frstlichkeiten, in Kriegs- und in Liebesabenteuern gleich hervorragend
zu sein, oder es noch runder heraus zu sagen, er ist abwechselnd ein
Helden- und ein Debauchenprinz. Dabei grundsatzlos und rcksichtslos,
sogar ohne Rcksicht auf den Schein. Was vielleicht das Allerschlimmste
ist. Sie kennen seine Beziehungen zu Frau Pauline?

Ja.

Und....

Ich billige sie nicht. Aber sie nicht billigen, ist etwas andres als
sie verurtheilen. Mama hat mich gelehrt, mich ber derlei Dinge nicht zu
kmmern und zu grmen. Und hat sie nicht Recht? Ich frage Sie, lieber
Schach, was wrd aus uns, ganz speziell aus uns zwei Frauen, wenn wir
uns innerhalb unsrer Umgangs- und Gesellschaftssphre zu Sittenrichtern
aufwerfen und Mnnlein und Weiblein auf die Korrektheit ihres Wandels
hin prfen wollten? Etwa durch eine Wasser- und Feuerprobe. Die
Gesellschaft ist souvern. Was sie gelten lt, gilt, was sie verwirft,
ist verwerflich. Auerdem liegt hier alles exzeptionell. Der Prinz ist
ein Prinz, Frau von Carayon ist eine Wittwe, und ich .... bin ich.

Und bei diesem Entscheide soll es bleiben, Victoire?

Ja. Die Gtter balanciren. Und wie mir Lisette Perbandt eben schreibt:
'wem genommen wird, dem wird auch gegeben'. In meinem Falle liegt der
Tausch etwas schmerzlich, und ich wnschte wohl, ihn nicht gemacht zu
haben. Aber andrerseits geh ich nicht blind an dem eingetauschten Guten
vorber, und freue mich meiner Freiheit. Wovor andre meines Alters und
Geschlechts erschrecken, das darf ich. An dem Abende bei Massows, wo man
mir zuerst huldigte, war ich, ohne mir dessen bewut zu sein, eine
Sklavin. Oder doch abhngig von hundert Dingen. Jetzt bin ich frei.

Schach sah verwundert auf die Sprecherin. Manches, was der Prinz ber
sie gesagt hatte, ging ihm durch den Kopf. Waren das Ueberzeugungen oder
Einflle? War es Fieber? Ihre Wangen hatten sich gerthet, und ein
aufblitzendes Feuer in ihrem Auge traf ihn mit dem Ausdruck einer
trotzigen Entschlossenheit. Er versuchte jedoch sich in den leichten
Ton, in dem ihr Gesprch begonnen hatte, zurckzufinden, und sagte:
Meine theure Victoire scherzt. Ich mchte wetten, es ist ein Band
Rousseau, was da vor ihr liegt, und ihre Phantasie geht mit dem
Dichter.

Nein, es ist nicht Rousseau. Es ist ein anderer, der mich =mehr=
interessirt.

Und =wer=, wenn ich neugierig sein darf?

Mirabeau.

Und warum =mehr=?

Weil er mir nher steht. Und das Allerpersnlichste bestimmt immer
unser Urtheil. Oder doch fast immer. Er ist mein Gefhrte, mein
spezieller Leidensgeno. Unter Schmeicheleien wuchs er auf. 'Ah, das
schne Kind,' hie es tagein, tagaus. Und dann eines Tags war alles hin,
hin wie .... wie....

Nein, Victoire, Sie sollen das Wort nicht aussprechen.

Ich =will= es aber, und wrde den Namen meines Gefhrten und
Leidensgenossen zu meinem =eigenen= machen, wenn ich es knnte. Victoire
=Mirabeau= de Carayon, oder sagen wir Mirabelle de Carayon, das klingt
schn und ungezwungen, und wenn ich's recht bersetze, so heit es
Wunderhold.

Und dabei lachte sie voll Uebermuth und Bitterkeit. Aber die Bitterkeit
klang vor.

Sie drfen =so= nicht lachen, Victoire, nicht =so=. Das kleidet Ihnen
nicht, das verhlicht Sie. Ja, werfen Sie nur die Lippen, --
=verhlicht= Sie. Der Prinz hatte doch Recht, als er enthusiastisch von
Ihnen sprach. Armes Gesetz der Form und der Farbe. Was allein gilt, ist
das ewig Eine, da sich die Seele den Krper schafft oder ihn
durchleuchtet und verklrt.

Victoirens Lippen flogen, ihre Sicherheit verlie sie, und ein Frost
schttelte sie. Sie zog den Shawl hher hinauf, und Schach nahm ihre
Hand, die eiskalt war, denn alles Blut drngte nach ihrem Herzen.

Victoire, Sie thun sich Unrecht; Sie wthen nutzlos gegen sich selbst,
und sind um nichts besser als der Schwarzseher, der nach allem Trben
sucht und an Gottes hellem Sonnenlicht vorber sieht. Ich beschwre Sie,
fassen Sie sich und glauben Sie wieder an Ihr Anrecht auf Leben und
Liebe. War ich denn blind? In dem bittren Wort, in dem Sie sich
demthigen wollten, in eben diesem Worte haben Sie's getroffen, ein fr
allemal. Alles ist Mrchen und Wunder an Ihnen; ja Mirabelle, ja
Wunderhold!

Ach, das waren die Worte, nach denen ihr Herz gebangt hatte, whrend es
sich in Trotz zu waffnen suchte.

Und nun hrte sie sie willenlos und schwieg in einer sen Betubung.

                   *       *       *       *       *

Die Zimmeruhr schlug neun und die Thurmuhr drauen antwortete. Victoire,
die den Schlgen gefolgt war, strich das Haar zurck und trat ans
Fenster und sah auf die Strae.

Was erregt Dich?

Ich meinte, da ich den Wagen gehrt htte.

Du hrst zu fein.

Aber sie schttelte den Kopf, und im selben Augenblicke fuhr der Wagen
der Frau von Carayon vor.

Verlassen Sie mich .... Bitte.

Bis auf morgen.

Und ohne zu wissen, ob es ihm glcken werde, der Begegnung mit Frau von
Carayon auszuweichen, empfahl er sich rasch und huschte durch Vorzimmer
und Korridor.

Alles war still und dunkel unten, und nur von der Mitte des Hausflurs
her fiel ein Lichtschimmer bis in die Nhe der obersten Stufen. Aber das
Glck war ihm hold. Ein breiter Pfeiler, der bis dicht an die
Treppenbrstung vorsprang, theilte den schmalen Vorflur in zwei Hlften,
und hinter diesen Pfeiler trat er und wartete.

Victoire stand in der Glasthr und empfing die Mama.

Du kommst so frh. Ach, und wie hab ich Dich erwartet!

Schach hrte jedes Wort. Erst die Schuld und dann die Lge, klang es
in ihm. Das alte Lied.

Aber die Spitze seiner Worte richtete sich gegen ihn und nicht gegen
Victoire.

Dann trat er aus seinem Versteck hervor und schritt rasch und
geruschlos die Treppe hinunter.




Neuntes Kapitel.

Schach zieht sich zurck.


Bis auf morgen, war Schachs Abschiedswort gewesen, aber er kam nicht.
Auch am zweiten und dritten Tage nicht. Victoire suchte sich's
zurechtzulegen, und wenn es nicht glcken wollte, nahm sie Lisettens
Brief und las immer wieder die Stelle, die sie lngst auswendig wute.
Du darfst Dich, ein fr allemal, nicht in ein Mitrauen gegen Personen
hineinleben, die durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben drfen.
Und zu diesen Personen, mein ich, gehrt Schach. Ich finde, je mehr ich
den Fall berlege, da Du ganz einfach vor einer Alternative stehst, und
entweder Deine gute Meinung ber S., oder aber Dein Mitrauen gegen ihn
fallen lassen mut. Ja, Lisette hatte Recht und doch blieb ihr eine
Furcht im Gemthe. Wenn doch alles nur.... Und es bergo sie mit
Blut.

Endlich am vierten Tage kam er. Aber es traf sich, da sie kurz vorher
in die Stadt gegangen war. Als sie zurckkehrte, hrte sie von seinem
Besuch; er sei sehr liebenswrdig gewesen, habe zwei-, dreimal nach ihr
gefragt, und ein Bouquet fr sie zurckgelassen. Es waren Veilchen und
Rosen, die das Zimmer mit ihrem Dufte fllten. Victoire, whrend ihr die
Mama von dem Besuche vorplauderte, bemhte sich, einen leichten und
bermthigen Ton anzuschlagen, aber ihr Herz war zu voll von
widerstreitenden Gefhlen, und sie zog sich zurck, um sich in zugleich
glcklichen und bangen Thrnen auszuweinen.

Inzwischen war der Tag herangekommen, wo die Weihe der Kraft gegeben
werden sollte. Schach schickte seinen Diener und lie anfragen, ob die
Damen der Vorstellung beizuwohnen gedchten? Es war eine bloe Form,
denn er wute, da es so sein werde.

Im Theater waren alle Pltze besetzt. Schach sa den Carayons gegenber
und grte mit groer Artigkeit. Aber bei diesem Grue blieb es, und er
kam nicht in ihre Loge hinber, eine Zurckhaltung, ber die Frau von
Carayon kaum weniger betroffen war, als Victoire. Der Streit indessen,
den das hinsichtlich des Stcks in zwei Lager getheilte Publikum fhrte,
war so heftig und aufregend, da beide Damen ebenfalls mit hingerissen
wurden und momentan wenigstens alles Persnliche vergaen. Erst auf dem
Heimweg kehrte die Verwunderung ber Schachs Benehmen zurck.

Am andern Vormittage lie er sich melden. Frau von Carayon war erfreut,
Victoire jedoch, die schrfer sah, empfand ein tiefes Unbehagen. Er
hatte ganz ersichtlich diesen Tag abgewartet, um einen bequemen
Plauderstoff zu haben und mit Hilfe desselben ber die Peinlichkeit
eines ersten Wiedersehens mit ihr leichter hinwegzukommen. Er kte der
Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoire, um dieser
sein Bedauern auszusprechen, sie bei seinem letzten Besuche verfehlt zu
haben. Man entfremde sich fast, anstatt sich fester anzugehren. Er
sprach dies so, da ihr ein Zweifel blieb, ob er es mit tieferer
Bedeutung oder aus bloer Verlegenheit gesagt habe. Sie sann darber
nach, aber ehe sie zum Abschlu kommen konnte, wandte sich das Gesprch
dem Stcke zu.

Wie finden Sie's? fragte Frau von Carayon.

Ich liebe nicht Komdien, antwortete Schach, die fnf Stunden
spielen. Ich wnsche Vergngen oder Erholung im Theater, aber keine
Strapaze.

Zugestanden. Aber dies ist etwas Aeuerliches, und beilufig ein
Mistand, dem ehestens abgeholfen sein wird. Iffland selbst ist mit
erheblichen Krzungen einverstanden. Ich will Ihr Urtheil ber das
Stck.

Es hat mich =nicht= befriedigt.

Und warum nicht?

Weil es alles auf den Kopf stellt. =Solchen= Luther hat es Gott sei
Dank nie gegeben, und wenn solcher je kme, so wrd er uns einfach dahin
zurckfhren, von wo der echte Luther uns seinerzeit wegfhrte. Jede
Zeile widerstreitet dem Geist und Jahrhundert der Reformation; alles ist
Jesuitismus oder Mysticismus, und treibt ein unerlaubtes und beinah
kindisches Spiel mit Wahrheit und Geschichte. Nichts pat. Ich wurde
bestndig an das Bild Albrechts Drers erinnert, wo Pilatus mit
Pistolenhalftern reitet oder an ein ebenso bekanntes Altarblatt in
Soest, wo statt des Osterlamms ein westflischer Schinken in der
Schssel liegt. In diesem seinwollenden Lutherstck aber liegt ein
allerpfffischster Pfaff in der Schssel. Es ist ein Anachronismus von
Anfang bis Ende.

Gut. Das ist Luther. Aber ich wiederhole, das =Stck=?

Luther ist das Stck. Das andre bedeutet nichts. Oder soll ich mich fr
Katharina von Bora begeistern, fr eine Nonne, die schlielich keine
war.

Victoire senkte den Blick und ihre Hand zitterte. Schach sah es, und
ber seinen _faux pas_ erschreckend, sprach er jetzt hastig und in sich
berstrzender Weise von einer Parodie, die vorbereitet werde, von einem
angekndigten Proteste der lutherischen Geistlichkeit, vom Hofe, von
Iffland, vom Dichter selbst, und schlo endlich mit einer bertriebenen
Lobpreisung der eingelegten Lieder und Kompositionen. Er hoffe, da
Frulein Victoire noch den Abend in Erinnerung habe, wo er diese Lieder
am Klavier begleiten durfte.

All dies wurde sehr freundlich gesprochen, aber so freundlich es klang,
so fremd klang es auch, und Victoire hrte mit feinen Ohren heraus, da
es nicht =die= Sprache war, die sie fordern durfte. Sie war bemht, ihm
unbefangen zu antworten, aber es blieb ein uerliches Gesprch bis er
ging.

Den Tag nach diesem Besuche kam Tante Marguerite. Sie hatte bei Hofe von
dem schnen Stcke gehrt, das so schn sei, wie noch gar keins, und
so wollte sie's gerne sehn. Frau von Carayon war ihr zu Willen, nahm sie
mit in die zweite Vorstellung, und da wirklich sehr gekrzt worden war,
blieb auch noch Zeit daheim eine halbe Stunde zu plaudern.

Nun Tante Marguerite, fragte Victoire, wie hat es Dir gefallen?

Gut, liebe Victoire. Denn es berhrt doch den Hauptpunkt in unsrer
gereinigten Krche.

Welchen meinst Du, liebe Tante?

Nun =den= von der chrstlichen Ehe.

Victoire zwang sich ernsthaft zu bleiben und sagte dann: Ich dachte,
dieser Hauptpunkt in unsrer Kirche lge doch noch in etwas andrem, also
z.B. in der Lehre vom Abendmahl.

O nein, meine liebe Victoire, =das= wei ich ganz genau. Mit oder ohne
Wein, das macht keinen so groen Unterschied; aber ob unsre
_prdicateurs_ in einer sittlich getrauten Ehe leben oder nicht, =das=,
mein Engelchen, ist von einer wrklichen _importance_.

Und ich finde, Tante Marguerite hat ganz Recht, sagte Frau von
Carayon.

Und das ist es auch, fuhr die gegen alles Erwarten Belobigte fort,
was das Stck =will=, und was man um so deutlicher sieht, als die
Bethmann wrklich eine sehr hbsche Frau ist. Oder doch zum wenigstens
viel hbscher, als sie wrklich war. Ich meine die Nonne. Was aber
nichts schadet, denn er war ja auch kein hbscher Mann, und lange nicht
so hbsch als =er=. Ja werde nur roth, meine liebe Victoire, so viel
wei ich auch.

Frau von Carayon lachte herzlich.

Und das mu wahr sein, unser Herr Rittmeister von Schach ist wrklich
ein =sehr= angenehmer Mann, und ich denke noch mmer an Tempelhof und
den aufrechtstehenden Ritter .... Und wit Ihr denn, in Wlmersdorf soll
auch einer sein, und auch ebenso weggeschubbert. Und von wem ich es
habe? Nun? Von _la petite Princesse Charlotte_.




Zehntes Kapitel.

Es mu etwas geschehn.


Die Weihe der Kraft wurde nach wie vor gegeben, und Berlin hrte nicht
auf in zwei Lager getheilt zu sein. Alles was mystisch-romantisch war,
war =fr=, alles was freisinnig war, =gegen= das Stck. Selbst im Hause
Carayon setzte sich diese Fehde fort, und whrend die Mama theils um des
Hofes, theils um ihrer eignen Gefhle willen berschwnglich
mitschwrmte, fhlte sich Victoire von diesen Sentimentalitten
abgestoen. Sie fand alles unwahr und unecht, und versicherte, da
Schach in jedem seiner Worte Recht gehabt habe.

Dieser kam jetzt von Zeit zu Zeit, aber doch immer nur, wenn er sicher
sein durfte, Victoiren in Gesellschaft der Mutter zu treffen. Er bewegte
sich wieder viel in den groen Husern, und legte, wie Nostitz
spottete, den Radziwills und Carolaths zu, was er den Carayons entzog.
Auch Alvensleben scherzte darber, und selbst Victoire versuchte, den
gleichen Ton zu treffen. Aber ohne da es ihr glcken wollte. Sie
trumte so hin, und nur eigentlich traurig war sie nicht. Noch weniger
unglcklich.

Unter denen, die sich mit dem Stck, also mit der Tagesfrage
beschftigten, waren auch die Offiziere vom Regiment Gensdarmes, obschon
ihnen nicht einfiel, sich ernsthaft auf ein =Fr= oder =Wider=
einzulassen. Sie sahen alles ausschlielich auf seine komische Seite hin
an, und fanden in der Auflsung eines Nonnenklosters, in Katharina von
Boras, neunjhriger Pflegetochter und endlich in dem bestndig Flte
spielenden Luther, einen unerschpflichen Stoff fr ihren Spott und
Uebermuth.

Ihr Lieblingsversammlungsort in jenen Tagen war die Wachtstube des
Regiments, wo die jngeren Kameraden den dienstthuenden Offizier zu
besuchen und sich bis in die Nacht hinein zu divertiren pflegten. Unter
den Gesprchen, die man in Veranlassung der neuen Komdie hier fhrte,
kamen Spttereien wie die vorgenannten kaum noch von der Tagesordnung,
und als einer der Kameraden daran erinnerte, da das neuerdings von
seiner frheren Hhe herabgestiegene Regiment eine Art patriotische
Pflicht habe, sich mal wieder als es selbst zu zeigen, brach ein
ungeheurer Jubel aus, an dessen Schlu alle einig waren, da etwas
geschehen msse. Da es sich dabei lediglich um eine Travestie der
Weihe der Kraft, etwa durch eine Maskerade, handeln knne, stand von
vornherein fest, und nur ber das wie gingen die Meinungen noch
auseinander. In Folge davon beschlo man, ein paar Tage spter eine
=neue= Zusammenkunft abzuhalten, in der nach Anhrung einiger
Vorschlge, der eigentliche Plan fixirt werden sollte.

Rasch hatte sich's herumgesprochen, und als Tag und Stunde da waren,
waren einige zwanzig Kameraden in dem vorerwhnten Lokal erschienen:
Itzenplitz, Jrga und Britzke, Billerbeck und Diricke, Graf Haeseler,
Graf Herzberg, von Rochow, von Putlitz, ein Kracht, ein Klitzing, und
nicht zum letzten ein schon lterer Lieutenant von Zieten, ein kleines,
hliches und sbelbeiniges Kerlchen, das durch entfernte Vetterschaft
mit dem berhmten General und beinahe mehr noch durch eine keck in die
Welt hineinkrhende Stimme zu balanciren wute, was ihm an sonstigen
Tugenden abging. Auch Nostitz und Alvensleben waren erschienen. Schach
fehlte.

Wer prsidirt? fragte Klitzing.

Nur zwei Mglichkeiten, antwortete Diricke. Der lngste oder der
krzeste. Will also sagen, Nostitz oder Zieten.

Nostitz, Nostitz, riefen alle durcheinander, und der so durch
Akklamation Gewhlte nahm auf einem ausgebuchteten Gartenstuhle Platz.
Flaschen und Glser standen die lange Tafel entlang.

Rede halten: Assemble nationale....

Nostitz lie den Lrm eine Weile dauern, und klopfte dann erst mit dem
ihm als Zeichen seiner Wrde zur Seite liegenden Pallasch auf den Tisch.

_Silentium, Silentium._

Kameraden vom Regiment Gensdarmes, Erben eines alten Ruhmes auf dem
Felde militrischer und gesellschaftlicher Ehre (denn wir haben nicht
nur der Schlacht die Richtung, wir haben auch der Gesellschaft den =Ton=
gegeben), Kameraden, sag ich, wir sind schlssig geworden: =es mu etwas
geschehn!=

Ja, ja. Es mu etwas geschehn.

Und neu geweiht durch die 'Weihe der Kraft', haben wir, dem alten
Luther und uns selber zu Liebe, beschlossen, einen Aufzug zu
bewerkstelligen, von dem die sptesten Geschlechter noch melden sollen.
Es mu etwas Groes werden! Erinnern wir uns, wer nicht vorschreitet,
der schreitet zurck. Ein Aufzug also. So viel steht fest. Aber Wesen
und Charakter dieses Aufzuges bleibt noch zu fixiren, und zu diesem
Behufe haben wir uns hier versammelt. Ich bin bereit, Ihre Vorschlge
der Reihe nach entgegen zu nehmen. Wer Vorschlge zu machen hat, melde
sich.

Unter denen, die sich meldeten, war auch Lieutenant von Zieten.

Ich gebe dem Lieutenant von Zieten das Wort.

Dieser erhob sich und sagte, whrend er sich leicht auf der Stuhllehne
wiegte: Was ich vorzuschlagen habe, heit =Schlittenfahrt=.

Alle sahen einander an, Einige lachten.

Im Juli?

Im Juli, wiederholte Zieten. Unter den Linden wird Salz gestreut, und
ber diesen Schnee hin, geht unsre Fahrt. Erst ein paar aufgelste
Nonnen; in dem groen Hauptschlitten aber, der die Mitte des Zuges
bildet, paradiren Luther und sein Famulus, jeder mit einer Flte,
whrend Katharinchen auf der Pritsche reitet. _Ad libitum_ mit Fackel
oder Schlittenpeitsche. Vorreiter erffnen den Zug. Kostme werden dem
Theater entnommen oder angefertigt. Ich habe gesprochen.

Ein ungeheurer Lrm antwortete, bis der Ruhe gebietende Nostitz endlich
durchdrang. Ich nehme diesen Lrm einfach als Zustimmung, und
beglckwnsche Kamerad Zieten, mit einem einzigen und ersten
Meisterschu gleich ins Schwarze getroffen zu haben. Also
Schlittenfahrt. Angenommen?

Ja, ja.

So bleibt nur noch Rollenvertheilung. Wer giebt den Luther?

Schach.

Er wird ablehnen.

Nicht doch, krhte Zieten, der gegen den schnen, ihm bei mehr als
einer Gelegenheit vorgezogenen Schach eine Spezialmalice hegte: wie
kann man Schach so verkennen! Ich kenn ihn besser. Er wird es freilich
eine halbe Stunde lang beklagen, sich hohe Backenknochen auflegen und
sein Normal-Oval in eine burische _tte carr_ verwandeln zu mssen.
Aber schlielich wird er Eitelkeit gegen Eitelkeit setzen, und seinen
Lohn darin finden, auf vierundzwanzig Stunden der Held des Tages zu
sein.

Ehe Zieten noch ausgesprochen hatte, war von der Wache her ein Gefreiter
eingetreten, um ein an Nostitz adressiertes Schreiben abzugeben.

Ah, _lupus in fabula_.

Von Schach?

Ja!

Lesen, lesen!

Und Nostitz erbrach den Brief und las. Ich bitte Sie, lieber Nostitz,
bei der muthmalich in eben diesem Augenblicke stattfindenden
Versammlung unsrer jungen Offiziere, meinen Vermittler und wenn nthig,
auch meinen Anwalt machen zu wollen. Ich habe das Zirkular erhalten, und
war anfnglich gewillt zu kommen. Inzwischen aber ist mir mitgetheilt
worden, um was es sich aller Wahrscheinlichkeit nach handeln wird, und
diese Mittheilung hat meinen Entschlu gendert. Es ist Ihnen kein
Geheimni, da all das, was man vorhat, meinem Gefhl widerstreitet, und
so werden Sie sich mit Leichtigkeit herausrechnen knnen, wie viel oder
wie wenig ich (dem schon ein =Bhnen=-Luther _contre coeur_ war) fr
einen Mummenschanz-Luther brig habe. Da wir diesen Mummenschanz in
eine Zeit verlegen, die nicht einmal eine Fastnachtsfreiheit in Anspruch
nehmen darf, bessert sicherlich nichts. Jngeren Kameraden soll aber
durch diese meine Stellung zur Sache kein Zwang auferlegt werden, und
jedenfalls darf man sich meiner Diskretion versichert halten. Ich bin
nicht das Gewissen des Regiments, noch weniger sein Aufpasser. Ihr
Schach.

Ich wut es, sagte Nostitz in aller Ruhe, whrend er das Schachsche
Billet an dem ihm zunchst stehenden Lichte verbrannte. Kamerad Zieten
ist grer in Vorschlgen und Phantastik, als in Menschenkenntni. Er
will mir antworten, seh ich, aber ich kann ihm nicht nachgeben, denn in
diesem Augenblicke heit es ausschlielich: wer spielt den Luther? Ich
bringe den Reformator unter den Hammer. Der Meistbietende hat ihn. Zum
Ersten, Zweiten und zum .... Dritten. Niemand? So bleibt mir nichts
brig als Ernennung: Alvensleben, Sie.

Dieser schttelte den Kopf. Ich stehe dazu wie Schach; machen Sie das
Spiel, ich bin kein Spielverderber, aber ich spiele persnlich nicht
mit. Kann nicht und will nicht. Es steckt mir dazu zu viel Katechismus
_Lutheri_ im Leibe.

Nostitz wollte nicht gleich nachgeben. Alles zu seiner Zeit, nahm er
das Wort und wenn der Ernst seinen Tag hat, so hat der Scherz
wenigstens seine Stunde. Sie nehmen alles zu gewissenhaft, zu feierlich,
zu pedantisch. Auch darin wie Schach. Keinerlei Ding ist an sich gut
oder bs. Erinnern Sie sich, da wir den alten Luther nicht verhhnen
wollen, im Gegentheil, wir wollen ihn rchen. Was verhhnt werden soll,
ist das =Stck=, ist die Lutherkarrikatur, ist der Reformator in
falschem Licht und an falscher Stelle. Wir sind Strafgericht, Instanz
aller oberster Sittlichkeit. Thun Sie's. Sie drfen uns nicht im Stiche
lassen oder es fllt alles in den Brunnen.

Andere sprachen in gleichem Sinn. Aber Alvensleben blieb fest, und eine
kleine Verstimmung schwand erst, als sich unerwartet (und eben deshalb
von allgemeinstem Jubel begrt) der junge Graf Herzberg erhob, um sich
fr die Lutherrolle zu melden.

Alles was danach noch zu ordnen war, ordnete sich rasch, und ehe zehn
Minuten um waren, waren bereits die Hauptrollen vertheilt: Graf Herzberg
den Luther, Diricke den Famulus, Nostitz, wegen seiner kolossalen Gre,
die Katharina von Bora. Der Rest wurde einfach als Nonnenmaterial
eingeschrieben, und nur Zieten, dem man sich besonders verpflichtet
fhlte, rckte zur Aebtissin auf. Er erklrte denn auch sofort, auf
seinem Schlittensitz ein _jeu_ entriren oder mit dem Klostervogt eine
Partie Mariage spielen zu wollen. Ein neuer Jubel brach aus, und nachdem
noch in aller Krze der nchste Montag fr die Maskerade festgesetzt,
alles Ausplaudern aber aufs strengste verboten worden war, schlo
Nostitz die Sitzung.

In der Thr drehte sich Diricke noch einmal um, und fragte: Aber wenn's
regnet?

Es darf nicht regnen.

Und was wird aus dem Salz?

_C'est pour les domestiques._

_Et pour la canaille_, schlo der jngste Cornet.




Elftes Kapitel.

Die Schlittenfahrt.


Schweigen war gelobt worden, und es blieb auch wirklich verschwiegen.
Ein vielleicht einzig dastehender Fall. Wohl erzhlte man sich in der
Stadt, da die Gensdarmes etwas vorhtten und mal wieder ber einem
jener tollen Streiche brteten, um derentwillen sie vor andern
Regimentern einen Ruf hatten, aber man erfuhr weder worauf die Tollheit
hinauslaufen werde, noch auch fr welchen Tag sie geplant sei. Selbst
die Carayonschen Damen, an deren letztem Empfangsabende weder Schach
noch Alvensleben erschienen waren, waren ohne Mittheilung geblieben, und
so brach denn die berhmte Sommer-Schlittenfahrt ber Nher- und
Fernerstehende gleichmig berraschend herein.

In einem der in der Nhe der Mittel- und Dorotheenstrae gelegenen
Stallgebude hatte man sich bei Dunkelwerden versammelt, und ein Dutzend
prachtvoll gekleideter und von Fackeltrgern begleiteter Vorreiter
vorauf, ganz also wie Zieten es proponirt hatte, scho man mit dem
Glockenschlage neun an dem Akademiegebude vorber auf die Linden zu,
jagte weiter abwrts erst in die Wilhelms-, dann aber umkehrend in die
Behren- und Charlottenstrae hinein und wiederholte diese Fahrt um das
ebenbezeichnete Linden-Quarr herum in einer immer gesteigerten Eile.

Als der Zug das =erste= Mal an dem Carayonschen Hause vorberkam und das
Licht der vorausreitenden Fackeln grell in alle Scheiben der Bel-Etage
fiel, eilte Frau von Carayon, die sich zufllig allein befand,
erschreckt ans Fenster und sah auf die Strae hinaus. Aber statt des
Rufes Feuer, den sie zu hren erwartete, hrte sie nur, wie mitten im
Winter, ein Knallen groer Hetz- und Schlittenpeitschen mit
Schellengelut dazwischen, und ehe sie sich zurecht zu finden im Stande
war, war alles schon wieder vorber und lie sie verwirrt und fragend
und in einer halben Betubung zurck. In solchem Zustande war es, da
Victoire sie fand.

Um Gotteswillen, Mama, was ist?

Aber ehe Frau von Carayon antworten konnte, war die Spitze der Maskerade
zum =zweiten= Male heran, und Mutter und Tochter, die jetzt rasch und zu
bessrer Orientirung von ihrem Eckzimmer aus auf den Balkon
hinausgetreten waren, waren von diesem Augenblick an nicht lnger mehr
im Zweifel, was das Ganze bedeute. Verhhnung, gleichviel auf wen und
was. Erst unzchtige Nonnen, mit einer Hexe von Aebtissin an der Spitze,
johlend, trinkend und Karte spielend, und in der Mitte des Zuges ein auf
Rollen laufender und in der Flle seiner Vergoldung augenscheinlich als
Triumphwagen gedachter Hauptschlitten, in dem Luther sammt Famulus und
auf der Pritsche Katharina von Bora sa. An der riesigen Gestalt
erkannten sie Nostitz. Aber wer war =der= auf dem Vordersitz? fragte
sich Victoire. Wer verbarg sich hinter dieser Luther-Maske? War =er= es?
Nein, es war unmglich. Und doch, auch wenn er es =nicht= war, er war
doch immer ein Mitschuldiger in diesem widerlichen Spiele, das er
gutgeheien oder wenigstens nicht gehindert hatte. Welche verkommne
Welt, wie piettlos, wie baar aller Schicklichkeit! Wie schaal und ekel.
Ein Gefhl unendlichen Wehs ergriff sie, das Schne verzerrt und das
Reine durch den Schlamm gezogen zu sehen. Und warum? Um einen Tag lang
von sich reden zu machen, um einer kleinlichen Eitelkeit willen. Und
=das= war die Sphre, darin sie gedacht und gelacht, und gelebt und
gewebt, und darin sie nach Liebe verlangt, und ach, das Schlimmste von
allem, an Liebe geglaubt hatte!

La uns gehen, sagte sie, whrend sie den Arm der Mutter nahm, und
wandte sich, um in das Zimmer zurckzukehren. Aber ehe sie's erreichen
konnte, wurde sie wie von einer Ohnmacht berrascht und sank auf der
Schwelle des Balkons nieder.

Die Mama zog die Klingel, Beate kam, und beide trugen sie bis an das
Sopha, wo sie gleich danach von einem heftigen Brustkrampfe befallen
wurde. Sie schluchzte, richtete sich auf, sank wieder in die Kissen, und
als die Mutter ihr Stirn und Schlfe mit klnischem Wasser waschen
wollte, stie sie sie heftig zurck. Aber im nchsten Augenblick ri sie
der Mama das Flacon aus der Hand und go es sich ber Hals und Nacken.
Ich bin mir zuwider, zuwider wie die Welt. In meiner Krankheit damals
hab ich Gott um mein Leben gebeten .... Aber wir =sollen= nicht um unser
Leben bitten .... Gott wei am besten, was uns frommt. Und wenn er uns
zu sich hinaufziehen will, so sollen wir nicht bitten: la uns noch ....
O, wie schmerzlich ich das fhle! Nun leb ich .... Aber wie, wie!

Frau von Carayon kniete neben dem Sopha nieder und sprach ihr zu.
Denselben Augenblick aber scho der Schlittenzug zum =dritten= Mal an
dem Hause vorber, und wieder war es, als ob sich schwarze phantastische
Gestalten in dem glhrothen Scheine jagten und haschten. Ist es nicht
wie die Hlle? sagte Victoire, whrend sie nach dem Schattenspiel an
der Decke zeigte.

Frau von Carayon schickte Beaten, um den Arzt rufen zu lassen. In
Wahrheit aber lag ihr weniger an dem Arzt, als an einem Alleinsein und
einer Aussprache mit dem geliebten Kinde.

Was ist Dir? Und wie Du nur fliegst und zitterst. Und siehst so starr.
Ich erkenne meine heitre Victoire nicht mehr. Ueberlege, Kind, was ist
denn geschehen? Ein toller Streich mehr, einer unter vielen, und ich
wei Zeiten, wo Du diesen Uebermuth mehr belacht als beklagt httest. Es
ist etwas andres, was Dich qult und drckt; ich seh es seit Tagen
schon. Aber Du verschweigst mir's, Du hast ein Geheimni. Ich beschwre
Dich, Victoire, sprich. Du darfst es. Es sei, was es sei.

Victoire schlang ihren Arm um Frau von Carayons Hals, und ein Strom von
Thrnen entquoll ihrem Auge.

Beste Mutter!

Und sie zog sie fester an sich, und kte sie und beichtete ihr alles.




Zwlftes Kapitel.

Schach bei Frau von Carayon.


Am andern Vormittage sa Frau von Carayon am Bette der Tochter und
sagte, whrend diese zrtlich und mit einem wiedergewonnenen
ruhig-glcklichen Ausdruck zu der Mutter aufblickte: Habe Vertrauen,
Kind. Ich kenn ihn so lange Zeit. Er ist schwach und eitel nach Art
aller schnen Mnner, aber von einem nicht gewhnlichen Rechtsgefhl und
einer untadligen Gesinnung.

In diesem Augenblicke wurde Rittmeister von Schach gemeldet, und der
alte Jannasch setzte hinzu, da er ihn in den Salon gefhrt habe.

Frau von Carayon nickte zustimmend.

Ich wute, das er kommen wrde, sagte Victoire.

Weil Du's getrumt?

Nein, nicht getrumt; ich beobachte nur und rechne. Seit einiger Zeit
wei ich im voraus, an welchem Tag und bei welcher Gelegenheit er
erscheinen wird. Er kommt immer, wenn etwas geschehen ist oder eine
Neuigkeit vorliegt, ber die sich bequem sprechen lt. Er geht einer
intimen Unterhaltung mit mir aus dem Wege. So kam er nach der Auffhrung
des Stcks, und heute kommt er nach der Auffhrung der Schlittenfahrt.
Ich bin doch begierig, ob er mit dabei war. War er's, so sag ihm, wie
sehr es mich verletzt hat. Oder sag es lieber nicht.

Frau von Carayon war bewegt. Ach, meine se Victoire, Du bist zu gut,
viel zu gut. Er verdient es nicht; keiner. Und sie streichelte die
Tochter und ging ber den Korridor fort in den Salon, wo Schach ihrer
wartete.

Dieser schien weniger befangen als sonst und verbeugte sich ihr die Hand
zu kssen, was sie freundlich geschehen lie. Und doch war ihr Benehmen
verndert. Sie wies mit einem Ceremoniell, das ihr sonst fremd war, auf
einen der zur Seite stehenden japanischen Sthle, schob sich ein
Fukissen heran, und nahm ihrerseits auf dem Sopha Platz.

Ich komme, nach dem Befinden der Damen zu fragen und zugleich in
Erfahrung zu bringen, ob die gestrige Maskerade Gnade vor Ihren Augen
gefunden hat oder nicht.

Offen gestanden, nein. Ich, fr meine Person, fand es wenig passend,
und Victoire fhlte sich beinah widerwrtig davon berhrt.

Ein Gefhl, das ich theile.

So waren Sie nicht mit von der Partie?

Sicherlich nicht. Und es berrascht mich, es noch erst versichern zu
mssen. Sie kennen ja meine Stellung zu dieser Frage, meine theure
Josephine, kennen sie seit jenem Abend, wo wir zuerst ber das Stck und
seinen Verfasser sprachen. Was ich damals uerte, gilt ebenso noch
heut. Ernste Dinge fordern auch eine ernste Behandlung, und es freut
mich aufrichtig, Victoiren auf meiner Seite zu sehen. Ist sie zu Haus?

Zu Bett.

Ich hoffe nichts Ernstliches.

Ja und nein. Die Nachwirkungen eines Brust- und Weinkrampfes, von dem
sie gestern Abend befallen wurde.

Muthmalich infolge dieser Maskeradentollheit. Ich beklag es von ganzem
Herzen.

Und doch bin ich eben dieser Tollheit zu Danke verpflichtet. In dem
Degot ber die Mummerei, deren Zeuge sie sein mute, lste sich ihr die
Zunge; sie brach ihr langes Schweigen, und vertraute mir ein Geheimni
an, ein Geheimni, das Sie kennen.

Schach, der sich doppelt schuldig fhlte, war wie mit Blut bergossen.

Lieber Schach, fuhr Frau von Carayon fort, whrend sie jetzt seine
Hand nahm und ihn aus ihren klugen Augen freundlich aber fest ansah:
lieber Schach, ich bin nicht albern genug, Ihnen eine Szene zu machen
oder gar eine Sittenpredigt zu halten; zu den Dingen, die mir am meisten
verhat sind, gehrt auch Tugendschwtzerei. Ich habe von Jugend auf in
der Welt gelebt, kenne die Welt, und habe manches an meinem eignen
Herzen erfahren. Und wr ich heuchlerisch genug, es vor mir und andern
verbergen zu wollen, wie knnt ich es vor =Ihnen=?

Sie schwieg einen Augenblick, whrend sie mit ihrem Battisttuch ihre
Stirn berhrte. Dann nahm sie das Wort wieder auf und setzte hinzu:
Freilich es giebt ihrer, und nun gar unter uns Frauen, die den Spruch
von der Linken, die nicht wissen soll was die Rechte thut, dahin deuten,
da das Heute nicht wissen soll, was das Gestern that. Oder wohl gar das
Vorgestern! Ich aber gehre nicht zu diesen Virtuosinnen des Vergessens.
Ich leugne nichts, will es nicht, mag es nicht. Und nun verurtheilen Sie
mich, wenn Sie knnen.

Er war ersichtlich getroffen, als sie so sprach, und seine ganze Haltung
zeigte, welche Gewalt sie noch immer ber ihn ausbte.

Lieber Schach, fuhr sie fort, Sie sehen, ich gebe mich Ihrem Urtheil
preis. Aber wenn ich mich auch bedingungslos einer jeden Vertheidigung
oder Anwaltschaft fr Josephine von Carayon enthalte, fr =Josephine=
(Verzeihung, Sie haben eben selbst den alten Namen wieder
heraufbeschworen) so darf ich doch nicht darauf verzichten, der Anwalt
der =Frau= von Carayon zu sein, ihres Hauses und ihres Namens.

Es schien, da Schach unterbrechen wollte. Sie lie es aber nicht zu.
Noch einen Augenblick. Ich werde gleich gesagt haben, was ich zu sagen
habe. Victoire hat mich gebeten, ber =alles= zu schweigen, nichts zu
verrathen, auch =Ihnen= nicht, und nichts zu verlangen. Zur Shne fr
eine halbe Schuld (und ich rechne hoch, wenn ich von einer =halben=
Schuld spreche) will sie die =ganze= tragen, auch vor der Welt, und will
sich in jenem romantischen Zuge, der ihr eigen ist, aus ihrem Unglck
ein Glck erziehen. Sie gefllt sich in dem Hochgefhl des Opfers, in
einem sen Hinsterben fr =den=, den sie liebt, und fr =das=, was sie
lieben =wird=. Aber so schwach ich in meiner Liebe zu Victoire bin, so
bin ich doch nicht schwach genug, ihr in dieser Gromuthskomdie zu
willen zu sein. Ich gehre der Gesellschaft an, deren Bedingungen ich
erflle, deren Gesetzen ich mich unterwerfe; daraufhin bin ich erzogen,
und ich habe nicht Lust, einer Opfermarotte meiner einzig geliebten
Tochter zur Liebe meine gesellschaftliche Stellung mit zum Opfer zu
bringen. Mit andern Worten, ich habe nicht Lust ins Kloster zu gehen
oder die dem Irdischen entrckte Sulenheilige zu spielen, auch nicht um
Victoirens willen. Und so mu ich denn auf Legitimisirung des
Geschehenen dringen. Dies, mein Herr Rittmeister, war es, was ich Ihnen
zu sagen hatte.

Schach, der inzwischen Gelegenheit gefunden hatte sich wieder zu
sammeln, erwiderte, da er wohl wisse, wie jegliches Ding im Leben
seine natrliche Konsequenz habe. Und solcher Konsequenz gedenk er sich
nicht zu entziehen. Wenn ihm =das=, was er jetzt wisse, bereits frher
bekannt geworden sei, wrd er um eben die Schritte, die Frau von Carayon
jetzt fordere, seinerseits aus freien Stcken gebeten haben. Er habe den
Wunsch gehabt, unverheirathet zu bleiben, und von einer solchen
langgehegten Vorstellung Abschied zu nehmen, schaffe momentan eine
gewisse Verwirrung. Aber er fhle mit nicht mindrer Gewiheit, da er
sich zu dem Tage zu beglckwnschen habe, der binnen kurzem diesen
Wechsel in sein Leben bringen werde. Victoire sei der Mutter Tochter,
das sei die beste Gewhr seiner Zukunft, die Verheiung eines wirklichen
Glcks.

All dies wurde sehr artig und verbindlich gesprochen, aber doch zugleich
auch mit einer bemerkenswerthen Khle.

Dies empfand Frau von Carayon in einer ihr nicht nur schmerzlichen,
sondern sie geradezu verletzenden Weise; das, was sie gehrt hatte, war
weder die Sprache der Liebe noch der Schuld, und als Schach schwieg,
erwiderte sie spitz: Ich bin Ihnen sehr dankbar fr Ihre Worte, Herr
von Schach, ganz besonders auch fr =das=, was sich darin an meine
Person richtete. Da Ihr 'ja' rckhaltloser und ungesuchter htte
klingen knnen, empfinden Sie wohl am eignen Herzen. Aber gleichviel,
mir gengt das 'Ja'. Denn wonach drst ich denn am Ende? Nach einer
Trauung im Dom und einer Galahochzeit. Ich will mich einmal wieder in
gelbem Atlas sehn, der mir kleidet, und haben wir dann erst unsren
Fackeltanz getanzt und Victoirens Strumpfband zerschnitten -- denn ein
wenig prinzelich werden wir's doch wohl halten mssen, schon um Tante
Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _carte blanche_, Sie sind
dann wieder frei, frei wie der Vogel in der Luft, in Thun und Lassen, in
Ha und Liebe, denn es ist dann einfach geschehen, was geschehen
=mute=.

Schach schwieg.

Ich nehme vorlufig ein stilles Verlbni an. Ueber alles andre werden
wir uns leicht verstndigen. Wenn es sein mu, schriftlich. Aber die
Kranke wartet jetzt auf mich, und so verzeihen Sie.

Frau von Carayon erhob sich und gleich danach verabschiedete sich Schach
in aller Frmlichkeit, ohne da weiter ein Wort zwischen ihnen
gesprochen worden wre.




Dreizehntes Kapitel.

_Le choix du Schach._


In beinah offner Gegnerschaft hatte man sich getrennt. Aber es ging
alles besser, als nach dieser gereizten Unterhaltung erwartet werden
konnte, wozu sehr wesentlich ein Brief beitrug, den Schach andern Tags
an Frau von Carayon schrieb. Er bekannte sich darin in allem Freimuth
schuldig, schtzte, wie schon whrend des Gesprchs selbst,
Ueberraschung und Verwirrung vor, und traf in allen diesen Erklrungen
einen wrmeren Ton, eine herzlichere Sprache. Ja, sein Rechtsgefhl, dem
er ein Genge thun wollte, lie ihn vielleicht mehr sagen, als zu sagen
gut und klug war. Er sprach von seiner Liebe zu Victoiren und vermied
absichtlich oder zufllig all jene Versicherungen von Respekt und
Werthschtzung, die so bitter wehe thun, wo das einfache Gestndni
einer herzlichen Neigung gefordert wird. Victoire sog jedes Wort ein,
und als die Mama schlielich den Brief aus der Hand legte, sah diese
letztre nicht ohne Bewegung, wie zwei Minuten Glck ausgereicht hatten,
ihrem armen Kinde die Hoffnung, und =mit= dieser Hoffnung auch die
verlorene Frische zurckzugeben. Die Kranke strahlte, fhlte sich wie
genesen, und Frau von Carayon sagte: wie hbsch Du bist, Victoire.

Schach empfing am selben Tage noch ein Antwortsbillet, das ihm
unumwunden die herzliche Freude seiner alten Freundin ausdrckte.
Manches Bittre, was sie gesagt habe, mg er vergessen; sie habe sich,
lebhaft wie sie sei, hinreien lassen. Im Uebrigen sei noch nichts
Ernstliches und Erhebliches versumt, und wenn, dem Sprichworte nach,
aus Freude Leid erblhe, so kehre sich's auch wohl um. Sie sehe wieder
hell in die Zukunft und hoffe wieder. Was sie persnlich zum Opfer
bringe, bringe sie gern, wenn dies Opfer die Bedingung fr das Glck
ihrer Tochter sei.

Schach, als er das Billet gelesen, wog es hin und her, und war
ersichtlich von einer gemischten Empfindung. Er hatte sich, als er in
seinem Briefe von Victoire sprach, einem ihr nicht leicht von irgendwem
zu versagenden, freundlich-herzlichen Gefhl berlassen, und diesem
Gefhle (dessen entsann er sich) einen besonders lebhaften Ausdruck
gegeben. Aber das, woran ihn das Billet seiner Freundin jetzt aufs neue
gemahnte, das war =mehr=, das hie einfach Hochzeit, Ehe, Worte, deren
bloer Klang ihn von alter Zeit her erschreckte. Hochzeit! Und Hochzeit
mit =wem=? Mit einer Schnheit, die, wie der Prinz sich auszudrcken
beliebt hatte, durch ein Fegefeuer gegangen war. Aber, so fuhr er in
seinem Selbstgesprche fort, ich stehe nicht auf dem Standpunkte des
Prinzen, ich schwrme nicht fr 'Luterungsprozesse', hinsichtlich deren
nicht feststeht, ob der Verlust nicht grer ist als der Gewinn, und
wenn ich mich auch persnlich zu diesem Standpunkte bekehren knnte, so
bekehr ich doch nicht die Welt .... Ich bin rettungslos dem Spott und
Witz der Kameraden verfallen, und das Ridikl einer allerglcklichsten
'Land-Ehe', die wie das Veilchen im Verborgenen blht, liegt in einem
wahren Musterexemplare vor mir. Ich sehe genau, wie's kommt: ich
quittire den Dienst, bernehme wieder Wuthenow, ackre, meliorire, ziehe
Raps oder Rbsen, und befleiige mich einer allerehelichsten Treue.
Welch Leben, welche Zukunft! An =einem= Sonntage Predigt, am =andern=
Evangelium oder Epistel, und dazwischen Whist _en trois_, immer mit
demselben Pastor. Und dann kommt einmal ein Prinz in die nchste Stadt,
vielleicht Prinz Louis in Person, und wechselt die Pferde, whrend ich
erschienen bin um am Thor oder am Gasthof ihm aufzuwarten. Und er
mustert mich und meinen altmodischen Rock und frgt mich: 'wie mir's
gehe?' Und dabei drckt jede seiner Mienen aus: 'O Gott, was doch drei
Jahr aus einem Menschen machen knnen.' Drei Jahr .... Und vielleicht
werden es dreiig.

Er war in seinem Zimmer auf und abgegangen, und blieb vor einer
Spiegelkonsole stehen, auf der der Brief lag, den er whrend des
Sprechens bei Seite gelegt hatte. Zwei, drei mal hob er ihn auf und lie
ihn wieder fallen. Mein Schicksal. Ja, 'der Moment entscheidet.' Ich
entsinne mich noch, so schrieb sie damals. Wute sie, was kommen wrde?
=Wollte= sie's? O pfui, Schach, verunglimpfe nicht das se Geschpf.
Alle Schuld liegt bei =Dir=. Deine =Schuld= ist Dein Schicksal. Und ich
will sie tragen.

Er klingelte, gab dem Diener einige Weisungen, und ging zu den Carayons.

Es war, als ob er sich durch das Selbstgesprch, das er gefhrt, von dem
Drucke, der auf ihm lastete, frei gemacht habe. Seine Sprache der alten
Freundin gegenber war jetzt natrlich, beinah herzlich, und ohne da
auch nur eine kleinste Wolke das wiederhergestellte Vertrauen der Frau
von Carayon getrbt htte, besprachen beide was zu thun sei. Schach
zeigte sich einverstanden mit allem: in einer Woche Verlobung, und nach
drei Wochen die Hochzeit. Unmittelbar nach der Hochzeit aber sollte das
junge Paar eine Reise nach Italien antreten, und nicht vor Ablauf eines
Jahres in die Heimath zurckkehren, Schach nach der Hauptstadt, Victoire
nach Wuthenow, dem alten Familiengute, das ihr, von einem frheren
Besuche her, (als Schachs Mutter noch lebte) in dankbarer und
freundlicher Erinnerung war. Und war auch das =Gut= inzwischen in Pacht
gegeben, so war doch noch das =Schlo= da, stand frei zur Verfgung, und
konnte jeden Augenblick bezogen werden.

Nach Festsetzungen wie diesen, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag
ber dem Hause Carayon, und Victoire verga aller Betrbni die
vorausgegangen war.

Auch Schach legte sich's zurecht. Italien wiederzusehen, war ihm seit
seinem ersten, erst um wenige Jahre zurckliegenden Aufenthalte
daselbst, ein brennender Wunsch geblieben; =der= erfllte sich nun, und
kehrten sie dann zurck, so lie sich ohne Schwierigkeit auch aus der
geplanten doppelten Wirthschaftsfhrung allerlei Nutzen und Vortheil
ziehen. Victoire hing an Landleben und Stille. Von Zeit zu Zeit nahm er
dann Urlaub und fuhr oder ritt hinber. Und dann gingen sie durch die
Felder und plauderten. O, sie plauderte ja so gut, und war einfach und
espritvoll zugleich. Und nach abermals einem Jahr, oder einem zweiten
und dritten, je nun, da hatte sich's verblutet, da war es todt und
vergessen. Die Welt vergit so leicht, und die Gesellschaft noch
leichter. Und dann hielt man seinen Einzug in das Eckhaus am
Wilhelmsplatz und freute sich beiderseits der Rckkehr in Verhltnisse,
die doch schlielich nicht blos seine, sondern auch =ihre= Heimath
bedeuteten. Alles war berstanden und das Lebensschiff an der Klippe des
Lcherlichen =nicht= gescheitert.

Armer Schach! Es war anders in den Sternen geschrieben.

Die Woche, die bis zur Verlobungsanzeige vergehen sollte, war noch nicht
um, als ihm ein Brief mit voller Titelaufschrift und einem groen rothen
Siegel ins Haus geschickt wurde. Den ersten Augenblick hielt er's fr
ein amtliches Schreiben (vielleicht eine Bestallung) und zgerte mit dem
Oeffnen, um die Vorfreude der Erwartung nicht abzukrzen. Aber woher kam
es? von wem? Er prfte neugierig das Siegel und erkannte nun leicht, da
es berhaupt kein Siegel, sondern ein Gemmenabdruck sei. Sonderbar. Und
nun erbrach er's und ein Bild fiel ihm entgegen, eine radirte Skizze mit
der Unterschrift: _Le choix du Schach_. Er wiederholte sich das Wort,
ohne sich in ihm oder dem Bilde selbst zurecht finden zu knnen und
empfand nur ganz allgemein und aufs Unbestimmte hin etwas von Angriff
und Gefahr. Und wirklich, als er sich orientirt hatte, sah er, da sein
erstes Gefhl ein richtiges gewesen war. Unter einem Thronhimmel sa der
persische Schach, erkennbar an seiner hohen Lammfellmtze, whrend an
der untersten Thronstufe zwei weibliche Gestalten standen und des
Augenblicks harrten, wo der von seiner Hhe her kalt und vornehm
Dreinschauende seine Wahl zwischen ihnen getroffen haben wrde. Der
persische Schach aber war einfach =unser= Schach und zwar in
allerfrappantester Portrthnlichkeit, whrend die beiden ihn fragend
anblickenden, und um vieles flchtiger skizzirten Frauenkpfe,
wenigstens hnlich genug waren, um Frau von Carayon und Victoire mit
aller Leichtigkeit erkennen zu lassen. Also nicht mehr und nicht weniger
als eine Karrikatur. Sein Verhltni zu den Carayons hatte sich in der
Stadt herumgesprochen und einer seiner Neider und Gegner, deren er nur
zu viel hatte, hatte die Gelegenheit ergriffen, seinem boshaften Gelst
ein Genge zu thun.

Schach zitterte vor Scham und Zorn, alles Blut stieg ihm zu Kopf, und es
war ihm, als wrd er vom Schlage getroffen.

Einem natrlichen Verlangen nach Luft und Bewegung folgend, oder
vielleicht auch von der Ahnung erfllt, da der letzte Pfeil noch nicht
abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen.
Begegnungen und Geplauder sollten ihn zerstreuen, ihm seine Ruhe
wiedergeben. Was war es denn schlielich? Ein kleinlicher Akt der Rache.

Die Frische drauen that ihm wohl; er athmete freier und hatte seine
gute Laune fast schon wiedergewonnen, als er vom Wilhelmsplatz her die
Linden einbiegend, auf die schattigere Seite der Strae hinberging, um
hier ein paar Bekannte, die des Wegs kamen, anzusprechen. Sie vermieden
aber ein Gesprch und wurden sichtlich verlegen. Auch Zieten kam, grte
nonchalant und wenn nicht alles tuschte sogar mit hmischer Miene.
Schach sah ihm nach, und sann und berlegte noch, was die Suffisance des
einen und die verlegenen Gesichter der andern bedeutet haben mochten,
als er, einige Hundert Schritte weiter aufwrts, einer ungewhnlich
groen Menschenmenge gewahr wurde, die vor einem kleinen Bilderladen
stand. Einige lachten, andre schwatzten, alle jedoch schienen zu fragen
was es eigentlich sei? Schach ging im Bogen um die Zuschauermenge
herum, warf einen Blick ber ihre Kpfe weg, und wute genug. An dem
Mittelfenster hing dieselbe Karrikatur, und der absichtlich niedrig
normirte Preis war mit Rothstift gro darunter geschrieben.

Also eine Verschwrung.

Schach hatte nicht die Kraft mehr seinen Spaziergang fortzusetzen, und
kehrte in seine Wohnung zurck.

Um Mittag empfing Sander ein Billet von Blow: Lieber Sander. Eben
erhalte ich eine Karrikatur, die man auf Schach und die Carayonschen
Damen gemacht hat. Im Zweifel darber, ob Sie dieselbe schon kennen,
schlie ich sie diesen Zeilen bei. Bitte, suchen Sie dem Ursprunge
nachzugehn. Sie wissen ja alles, und hren das Berliner Gras wachsen.
Ich meinerseits bin emprt. =Nicht= Schachs halber, der diesen 'Schach
von Persien' einigermaen verdient (denn er ist wirklich so was), aber
der Carayons halber. Die liebenswrdige Victoire! So blosgestellt zu
werden. Alles Schlechte nehmen wir uns von den Franzosen an, und an
ihrem Guten, wohin auch die Gentilezza gehrt, gehen wir vorber. Ihr
B.

Sander warf nur einen flchtigen Blick auf das Bild, das er kannte,
setzte sich an sein Pult und antwortete: _Mon Gnral!_ Ich brauche dem
Ursprunge nicht nachzugehen, er ist =mir= nachgegangen. Vor etwa vier,
fnf Tagen erschien ein Herr in meinen Kontor und befragte mich, ob ich
mich dazu verstehen wrde, den Vertrieb einiger Zeichnungen in die Hand
zu nehmen. Als ich sah, um was es sich handelte, lehnte ich ab. Es waren
drei Bltter, darunter auch _le choix du Schach_. Der bei mir
erschienene Herr gerirte sich als ein Fremder, aber er sprach, alles
geknstelten Radebrechens unerachtet, das Deutsche so gut, da ich seine
Fremdheit fr eine bloe Maske halten mute. Personen aus dem Prinz
R.schen Kreise, nehmen Ansto an seinem Gelieble mit der Prinzessin, und
stecken vermuthlich dahinter. Irr ich aber in dieser Annahme, so wird
mit einer Art von Sicherheit auf Kameraden seines Regiments zu schlieen
sein. Er ist nichts weniger als beliebt, wer den Aparten spielt, ist es
nie. Die Sache mchte hingehn, wenn nicht, wie Sie sehr richtig
hervorheben, die Carayons mit hineingezogen wren. Um =ihret=willen
beklag ich den Streich, dessen Gehssigkeit sich in diesem =einem= Bilde
schwerlich erschpft haben wird. Auch die beiden andern, deren ich
Eingangs erwhnte, werden muthmalich folgen. Alles in diesem anonymen
Angriff ist klug berechnet, und klug berechnet ist auch der Einfall, das
Gift nicht gleich auf einmal zu geben. Es wird seine Wirkung nicht
verfehlen, und nur auf das 'wie' haben wir zu warten. _Tout  vous. S._

In der That, die Besorgni, die Sander in diesen Zeilen an Blow
ausgesprochen hatte, sollte sich nur als zu gerechtfertigt erweisen.
Intermittirend wie das Fieber, erschienen in zweitgigen Pausen auch die
beiden andern Bltter, und wurden, wie das erste, von jedem
Vorbergehenden gekauft oder wenigstens begafft und besprochen. Die
Frage Schach-Carayon war ber Nacht zu einer _cause celbre_ geworden,
trotzdem das neubegierige Publikum nur die Hlfte wute. Schach, so hie
es, habe sich von der schnen Mutter ab- und der unschnen Tochter
zugewandt. Ueber das Motiv erging man sich in allerlei Muthmaungen,
ohne dabei das Richtige zu treffen.

Schach empfing auch die beiden andern Bltter unter Kouvert. Das Siegel
blieb dasselbe. Blatt 2 hie _la gazza ladra_ oder die diebische
=Schach=-Elster, und stellte eine Elster dar, die, zwei Ringe von
ungleichem Werthe musternd, den unscheinbareren aus der Schmuckschale
nimmt.

Am weitaus verletzendsten aber berhrte das den Salon der Frau von
Carayon als Szenerie nehmende dritte Blatt. Auf dem Tische stand ein
Schachbrett, dessen Figuren, wie nach einem verloren gegangenen Spiel
und wie um die Niederlage zu besiegeln, umgeworfen waren. Daneben sa
Victoire, gut getroffen, und ihr zu Fen kniete Schach, wieder in der
persischen Mtze des ersten Bildes. Aber diesmal bezipfelt und
eingedrckt. Und darunter stand: Schach -- matt.

Der Zweck dieser wiederholten Angriffe wurde nur =zu= gut erreicht.
Schach lie sich krank melden, sah niemand und bat um Urlaub, der ihm
auch umgehend von seinem Chef, dem Obersten von Schwerin, gewhrt wurde.

So kam es, da er am selben Tag, an dem, nach gegenseitigem Abkommen,
seine Verlobung mit Victoire verffentlicht werden sollte, Berlin
verlie. Er ging auf sein Gut, ohne sich von den Carayons (deren Haus er
all die Zeit ber nicht betreten hatte) verabschiedet zu haben.




Vierzehntes Kapitel.

In Wuthenow am See.


Es schlug Mitternacht, als Schach in Wuthenow eintraf, an dessen
entgegengesetzter Seite das auf einem Hgel erbaute, den Ruppiner See
nach rechts und links hin berblickende =Schlo= Wuthenow lag. In den
Husern und Htten war alles lngst in tiefem Schlaf, und nur aus den
Stllen her hrte man noch das Stampfen eines Pferds oder das halblaute
Brllen einer Kuh.

Schach passirte das Dorf und bog am Ausgang in einen schmalen Feldweg
ein, der, allmhlich ansteigend, auf den Schlohgel hinauf fhrte.
Rechts lagen die Bume des Auenparks, links eine gemhte Wiese, deren
Heugeruch die Luft erfllte. Das Schlo selbst aber war nichts als ein
alter, weigetnchter und von einer schwarzgetheerten Balkenlage
durchzogener Fachwerkbau, dem erst Schachs Mutter, die verstorbene
Gndige, durch ein Doppeldach, einen Blitzableiter und eine prchtige,
nach dem Muster von Sanssouci hergerichtete Terrasse, das Ansehen
allernchternster Tagtglichkeit genommen hatte. Jetzt freilich, unter
dem Sternenschein, lag alles da wie das Schlo im Mrchen, und Schach
hielt fters an und sah hinauf, augenscheinlich betroffen von der
Schnheit des Bildes.

Endlich war er oben und ritt auf das Einfahrtsthor zu, das sich in einem
flachen Bogen zwischen dem Giebel des Schlosses und einem
danebenstehenden Gesindehause wlbte. Vom Hof her vernahm er im selben
Augenblick ein Bellen und Knurren und hrte, wie der Hund wthend aus
seiner Htte fuhr und mit seiner Kette nach rechts und links hin an der
Holzwandung umherschrammte.

Kusch Dich, Hektor. Und das Thier, die Stimme seines Herrn erkennend,
begann jetzt vor Freude zu heulen und zu winseln, und abwechselnd auf
die Htte hinauf- und wieder hinunterzuspringen.

Vor dem Gesindehause stand ein Wallnubaum mit weitem Gezweige. Schach
stieg ab, schlang den Zgel um den Ast, und klopfte halblaut an einen
der Fensterlden. Aber erst als er das zweite Mal gepocht hatte, wurd es
lebendig drinnen, und er hrte von dem Alkoven her eine halb
verschlafene Stimme: Wat is?

Ich, Krist.

Jott, Mutter, dat's joa de junge Herr.

Joa, dat is hei. Steih man upp un mach flink.

Schach hrte jedes Wort und rief gutmthig in die Stube hinein, whrend
er den nur angelegten Laden halb ffnete: La Dir Zeit, Alter.

Aber der Alte war schon aus dem Bette heraus, und sagte nur immer,
whrend er hin und her suchte: Glieks, junge Herr, glieks. Man noch en
beten.

Und wirklich nicht lange, so sah Schach einen Schwefelfaden brennen, und
hrte, da eine Laternenthr auf- und wieder zugeknipst wurde. Richtig,
ein erster Lichtschein blitzte jetzt durch die Scheiben, und ein paar
Holzpantinen klappten ber den Lehmflur hin. Und nun wurde der Riegel
zurckgeschoben, und Krist, der in aller Eile nichts als ein leinenes
Beinkleid bergezogen hatte, stand vor seinem jungen Herrn. Er hatte vor
manchem Jahr und Tag, als der alte Gndge-Herr gestorben war, den
durch diesen Todesfall erledigten Ehren- und Respektstitel auf seinen
jungen Herrn bertragen wollen, aber dieser, der mit Krist das erste
Wasserhuhn geschossen und die erste Bootfahrt ber den See gemacht
hatte, hatte von dem neuen Titel nichts wissen wollen.

Jott, junge Herr, sunst schrewens doch mmer ihrst, o'r schicken uns
Baarsch'en o'r den kleenen inglischen Kierl. Un nu keen Wort nich. Awers
ick wut' et joa, as de Poggen ht Oabend mit ehr Gequoak nich to Enn'
koam' knn'n. 'Jei, jei, Mutter,' seggt ick, 'dat bedt' wat.' Awers as
de Fruensld' sinn! Wat seggt se? 'Wat sall et bedden?' seggt se,
'Regen bedt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tffeln bruken't.'

Ja, ja, sagte Schach, der nur mit halbem Ohr hingehrt hatte, whrend
der Alte die kleine Thr aufschlo, die von der Giebelseite her ins
Schlo fhrte. Ja, ja. Regen ist gut. Aber geh nur vorauf.

Krist that wie sein junger Herr ihm geheien, und beide gingen nun einen
mit Fliesen gedeckten schmalen Korridor entlang. Erst in der Mitte
verbreiterte sich dieser und bildete nach links hin eine gerumige
Treppenhalle, whrend nach rechts hin eine mit Goldleisten und
Rokokoverzierungen reich ausgelegte Doppelthr in einen Gartensalon
fhrte, der als Wohn- und Empfangszimmer der verstorbenen Frau Generalin
von Schach, einer sehr vornehmen und sehr stolzen alten Dame gedient
hatte. Hierher richteten sich denn auch die Schritte beider, und als
Krist die halb verquollene Thr nicht ohne Mh und Anstrengung geffnet
hatte, trat man ein.

Unter dem Vielen, was an Kunst- und Erinnerungsgegenstnden in diesem
Gartensalon umherstand, war auch ein bronzener Doppelleuchter, den
Schach selber, vor drei Jahren erst, von seiner italienischen Reise mit
nach Hause gebracht und seiner Mutter verehrt hatte. Diesen Leuchter
nahm jetzt Krist vom Kamin und zndete die beiden Wachslichter an, die
seit lange schon in den Leuchtertellern steckten, und ihrerzeit der
verstorbenen Gndigen zum Siegeln ihrer Briefe gedient hatten. Die
Gndige selbst aber war erst seit einem Jahre todt, und da Schach, von
jener Zeit an, nicht wieder hier gewesen war, so hatte noch alles den
alten Platz. Ein paar kleine Sophas standen wie frher an den
Schmalseiten einander gegenber, whrend zwei grere die Mitte der
Lngswand einnahmen und nichts als die vergoldete Rokoko-Doppelthr
zwischen sich hatten. Auch der runde Rosenholztisch (ein Stolz der
Generalin) und die groe Marmorschale, darin alabasterne Weintrauben und
Orangen und ein Pinienapfel lagen, standen unverndert an ihrem Platz.
In dem ganzen Zimmer aber, das seit lange nicht gelftet war, war eine
stickige Schwle.

Mach ein Fenster auf, sagte Schach. Und dann gieb mir eine Decke. Die
da.

Wullen's sich denn =hier= hen leggen, junge Herr?

Ja, Krist. Ich habe schon schlechter gelegen.

Ick weet. Jott, wenn de oll jndge Herr uns =doa=vunn vertellen deih!
Uemmer so platsch in'n Kalkmodder 'rin. Nei, nei, dat wihr nix fr mi.
'Jott, jndge Herr,' seggt ick denn mmer, 'ick gloob de Huut geit em
runner'. Awers denn lachte joa de oll jndge Herr mmer, un seggte:
'Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.'

Whrend der Alte noch so sprach und vergangener Zeiten gedachte, griff
er zugleich doch nach einem breiten, aus Rohr geflochtenen Ausklopfer,
der in einer Kaminecke stand, und versuchte damit das eine Sopha, das
sich Schach als Lagersttt ausgewhlt hatte, wenigstens aus dem Grbsten
herauszubringen. Aber der dichte Staub, der aufstieg, zeigte nur das
Vergebliche solcher Bemhungen, und Schach sagte mit einem Anfluge von
guter Laune: Stre den Staub nicht in seinem Frieden. Und erst als
er's gesprochen hatte, fiel ihm der Doppelsinn darin auf, und er
gedachte der Eltern, die drunten in der Dorfkirche in groen
Kupfersrgen und mit einem aufgeltheten Kruzifix darauf in der alten
Gruft der Familie standen.

Aber er hing dem Bilde nicht weiter nach und warf sich aufs Sopha.
Meinem Schimmel gieb ein Stck Brod und einen Eimer Wasser; dann hlt
er aus bis morgen. Und nun stelle das Licht ans Fenster und la es
brennen .... Nein, nicht da, nicht ans offene; an das daneben. Und nun
gute Nacht, Krist. Und schliee von auen zu, da sie mich nicht
wegtragen.

Ih, se wihren doch nich....

Und Schach hrte bald darnach die Pantinen, wie sie den Korridor
hinunterklappten. Ehe Krist aber die Giebelthr noch erreicht, und von
auen her zugeschlossen haben konnte, legte sich's schon schwer und
bleiern auf seines Herrn berreiztes Gehirn.

Freilich nicht auf lang. Aller auf ihm lastenden Schwere zum Trotz,
empfand er deutlich, da etwas ber ihn hinsumme, ihn streife und
kitzle, und als ein sich Drehen und Wenden und selbst ein
unwillkrliches und halbverschlafenes Umherschlagen mit der Hand nichts
helfen wollte, ri er sich endlich auf und zwang sich ins Wachen zurck.
Und nun sah er, was es war. Die beiden eben verschweelenden Lichter, die
mit ihrem Qualme die schon stickige Luft noch stickiger gemacht hatten,
hatten allerlei Gethier vom Garten her in das Zimmer gelockt, und nur
ber Art und Beschaffenheit desselben war noch ein Zweifel. Einen
Augenblicke dacht er an Fledermuse; sehr bald aber mut er sich
berzeugen, da es einfach riesige Motten und Nachtschmetterlinge waren,
die zu ganzen Dutzenden in dem Saale hin und her flogen, an die Scheiben
stieen und vergeblich das offene Fenster wieder zu finden suchten.

Er raffte nun die Decke zusammen und schlug mehrmals durch die Luft, um
die Strenfriede wieder hinauszujagen. Aber das unter diesem Jagen und
Schlagen immer nur ngstlicher werdende Geziefer schien sich zu
verdoppeln und summte nur dichter und lauter als vorher um ihn herum. An
Schlaf war nicht mehr zu denken, und so trat er denn ans offene Fenster
und sprang hinaus, um, drauen umhergehend, den Morgen abzuwarten.

Er sah nach der Uhr. Halb zwei. Die dicht vor dem Salon gelegene
Gartenanlage bestand aus einem Rondeel mit Sonnenuhr, um das herum, in
meist dreieckigen und von Buchsbaum eingefaten Beeten, allerlei
Sommerblumen blhten: Reseda und Rittersporn und Lilien und Levkojen.
Man sah leicht, da eine ordnende Hand hier neuerdings gefehlt hatte,
trotzdem Krist zu seinen vielfachen Aemtern auch das eines Grtners
zhlte; die Zeit inde, die seit dem Tode der Gndigen vergangen war,
war andrerseits eine viel zu kurze noch, um schon zu vollstndiger
Verwilderung gefhrt zu haben. Alles hatte nur erst den Charakter eines
wuchernden Blhens angenommen, und ein schwerer und doch zugleich auch
erquicklicher Levkojenduft lag ber den Beeten, den Schach in immer
volleren Zgen einsog.

Er umschritt das Rondeel, einmal, zehnmal, und balancirte, whrend er
einen Fu vor den andern setzte, zwischen den nur handbreiten Stegen
hin. Er wollte dabei seine Geschicklichkeit proben und die Zeit mit
guter Manier hinter sich bringen. Aber diese Zeit wollte nicht
schwinden, und als er wieder nach der Uhr sah, war erst eine
Viertelstunde vergangen.

Er gab nun die Blumen auf und schritt auf einen der beiden Laubengnge
zu, die den groen Parkgarten flankirten und von der Hhe bis fast an
den Fu des Schlohgels herniederstiegen. An mancher Stelle waren die
Gnge nach obenhin berwachsen, an andern aber offen, und es unterhielt
ihn eine Weile den abwechselnd zwischen Dunkel und Licht liegenden Raum
in Schritten auszumessen. Ein paarmal erweiterte sich der Gang zu
Nischen und Tempelrundungen, in denen allerhand Sandsteinfiguren
standen: Gtter und Gttinnen, an denen er frher viele hundertmale
vorbergegangen war, ohne sich auch nur im geringsten um sie zu kmmern
oder ihrer Bedeutung nachzuforschen; heut aber blieb er stehn und freute
sich besonders aller derer, denen die Kpfe fehlten, weil sie die
dunkelsten und unverstndlichsten waren, und sich am schwersten errathen
lieen. Endlich war er den Laubengang hinunter, stieg ihn wieder hinauf
und wieder hinunter und stand nun am Dorfausgang und hrte da es zwei
schlug. Oder bedeuteten die beiden Schlge halb? War es halb drei? Nein,
es war erst zwei.

Er gab es auf, das Auf und Nieder seiner Promenade noch weiter
fortzusetzen und beschrieb lieber einen Halbkreis um den Fu des
Schlohgels herum, bis er in Front des Schlosses selber war. Und nun
sah er hinauf, und sah die groe Terrasse, die von Orangeriekbeln und
Cypressenpyramiden eingefat, bis dicht an den See hinunterfhrte. Nur
ein schmal Stck Wiese lag noch dazwischen, und auf eben dieser Wiese
stand eine uralte Eiche, deren Schatten Schach jetzt umschritt, einmal,
vielemal, als wrd er in ihrem Bann gehalten. Es war ersichtlich, da
ihn der Kreis, in dem er ging, an einen andern Kreis gemahnte, denn er
murmelte vor sich hin: knnt' ich heraus!

Das Wasser, das hier so verhltnimig nah an die Schloterrasse
herantrat, war ein bloer todter Arm des Sees, nicht der See selbst. Auf
diesen See hinauszufahren aber war in seinen Knabenjahren immer seine
hchste Wonne gewesen.

Ist ein Boot da, so fahr ich. Und er schritt auf den Schilfgrtel zu,
der die tief einmndende Bucht von drei Seiten her einfate. Nirgends
schien ein Zugang. Schlielich inde fand er einen berwachsenen Steg,
an dessen Ende das groe Sommerboot lag, das seine Mama viele Jahre lang
benutzt hatte, wenn sie nach Karwe hinberfuhr, um den Knesebecks einen
Besuch zu machen. Auch Ruder und Stangen fanden sich, whrend der flache
Boden des Boots, um einen trockenen Fu zu haben, mit hochaufgeschttetem
Binsenstroh berdeckt war. Schach sprang hinein, lste die
Kette vom Pflock und stie ab. Irgend welche Ruderknste zu
zeigen war ihm vor der Hand noch unmglich, denn das Wasser war so
seicht und schmal, da er bei jedem Schlage das Schilf getroffen haben
wrde. Bald aber verbreiterte sichs und er konnte nun die Ruder
einlegen. Eine tiefe Stille herrschte; der Tag war noch nicht wach, und
Schach hrte nichts als ein leises Wehen und Rauschen und den Ton des
Wassers, das sich glucksend an dem Schilfgrtel brach. Endlich aber war
er in dem groen und eigentlichen See, durch den der Rhin fliet, und
die Stelle, wo der Strom ging, lie sich an einem Gekrusel der sonst
spiegelglatten Flche deutlich erkennen. In diese Strmung bog er jetzt
ein, gab dem Boote die rechte Richtung, legte sich und die Ruder ins
Binsenstroh und fhlte sofort, wie das Treiben und ein leises Schaukeln
begann.

Immer blasser wurden die Sterne, der Himmel rthete sich im Osten und er
schlief ein.

Als er erwachte, war das mit dem Strom gehende Boot schon weit ber die
Stelle hinaus, wo der todte Arm des Sees nach Wuthenow hin abbog. Er
nahm also die Ruder wieder in die Hand und legte sich mit aller Kraft
ein, um aus der Strmung heraus und an die verpate Stelle
zurckzukommen, und freute sich der Anstrengung die es ihn kostete.

Der Tag war inzwischen angebrochen. Ueber dem First des Wuthenower
Herrenhauses hing die Sonne, whrend drben am andern Ufer die Wolken im
Widerschein glhten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See
warfen. Auf dem See selbst aber begann es sich zu regen, und ein die
Morgenbrise benutzender Torfkahn glitt mit ausgespanntem Segel an Schach
vorber. Ein Frsteln berlief diesen. Aber dies Frsteln that ihm wohl,
denn er fhlte deutlich, wie der Druck, der auf ihm lastete, sich dabei
minderte. Nahm er es nicht zu schwer? Was war es denn am Ende? Bosheit
und Uebelwollen. Und wer kann sich =dem= entziehn! Es kommt und geht.
Eine Woche noch, und die Bosheit hat sich ausgelebt. Aber whrend er so
sich trstete, zogen auch wieder andre Bilder herauf, und er sah sich in
einem Kutschwagen bei den prinzlichen Herrschaften vorfahren, um ihnen
Victoire von Carayon als seine Braut vorzustellen. Und er hrte
deutlich, wie die alte Prinze Ferdinand ihrer Tochter, der schnen
Radziwill, zuflsterte: _Est-elle riche?_ _Sans doute._ _Ah, je
comprends._

Unter so wechselnden Bildern und Betrachtungen bog er wieder in die kurz
vorher so stille Bucht ein, in deren Schilf jetzt ein buntes und
bewegtes Leben herrschte. Die darin nistenden Vgel kreischten oder
gurrten, ein paar Kibitze flogen auf, und eine Wildente, die sich
neugierig umsah, tauchte nieder, als das Boot pltzlich in Sicht kam.
Eine Minute spter, und Schach hielt wieder am Steg, schlang die Kette
fest um den Pflock, und stieg unter Vermeidung jedes Umwegs die Terrasse
hinauf, auf deren oberstem Absatz er Krists Frau, der alten Mutter
Kreepschen begegnete, die schon auf war, um ihrer Ziege das erste
Grnfutter zu bringen.

Tag, Mutter Kreepschen.

Die Alte schrak zusammen, ihren drinnen im Gartensalon vermutheten
jungen Herrn (um dessentwillen sie die Hhner nicht aus dem Stall
gelassen hatte, blo damit ihr Gackern ihn nicht im Schlafe stren
sollte) jetzt von der Frontseite des Schlosses her auf sich zukommen zu
sehn.

Jott, junge Herr. Wo kmmen's denn her?

Ich konnte nicht schlafen, Mutter Kreepschen.

Wat wihr denn los? Htt et wedder spkt?

Beinah. Mcken und Motten waren's. Ich hatte das Licht brennen lassen.
Und der eine Fensterflgel war auf.

Awers wormm hebbens denn dat Licht nich utpuust? Dat weet doch
jed-een, wo Licht is, doa sinn ook mmer Gnitzen un Motten. Ick weet
nich! Un mien oll Kreepsch, he woahrd ook mmer dmmscher. Jei, jei. Un
nich en Oog to.

Doch, Mutter Kreepschen. Ich habe geschlafen, im Boot, und ganz gut und
ganz fest. Aber jetzt frier ich. Und wenns Feuer brennt, dann bringt Ihr
mir wohl was Warmes. Nicht wahr? 'Ne Suppe oder 'nen Kaffee.

Jott, et brennt joa all lang, junge Herr; Fer is mmer dat ihrst.
Versteiht sich, versteiht sich, wat Warm's. Un ick bring et ook glieks;
man blot de oll Zick, de geiht fr. Se jloben joar nich, junge Herr, wie
schabernacksch so'n oll' Zick' is. De weet, as ob se 'ne Uhr in'n Kopp
htt, ob et feif is o'r sss. Un wenn't sss is, denn wohrd se falsch.
Un kumm ick denn un will ehr melken, joa, wat jloben se woll, wat se
denn deiht? Denn sttt se mi. Un mmer hier in't Krz, dicht bi de
Hft'. Un wormm? Wiel se weet, dat ick doa miene Wehdag hebben deih.
Awers nu kummen's man ihrst in uns Stuw, un setten sich en beten dahl.
Mien oll Kreepsch is joa nu groad bie't Pierd und schtt't em wat in.
Awers keen Viertelstunn mihr, junge Herr, denn hebben's ehren Koffe. Un
ook wat dato. De oll Semmelfru von Herzberg wihr joa all hier.

Unter diesen Worten war Schach in Kreepschens gute Stube getreten. Alles
darin war sauber und rein, nur die Luft nicht. Ein eigenthmlicher
Geruch herrschte vor, der von einem Pfeffer- und Koriander-Mixtum
herrhrte, das die Kreepschen als Mottenvertreibungsmittel in die
Sophaecken gesteckt hatte. Schach ffnete deshalb das Fenster, kettelte
den Haken ein, und war nun erst im Stande, sich all der Kleinigkeiten zu
freun, die die gute Stube schmckten. Ueber dem Sopha hingen zwei
kleine Kalenderbildchen, Anekdoten aus dem Leben des Groen Knigs
darstellend, Du, du stand unter dem einen, und _Bon soir, Messieurs_
unter dem andern. Um die Bilderchen und ihre Goldborte herum hingen zwei
dicke Immortellenkrnze mit schwarzen und weien Schleifen daran,
whrend auf dem kleinen, niedrigen Ofen eine Vase mit Zittergras stand.
Das Hauptschmuckstck aber war ein Schilderhuschen mit rothem Dach, in
dem frher, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein Eichktzchen gehaust und
seinen Futterwagen an der Kette herangezogen hatte. Jetzt war es leer,
und der Wagen hatte stille Tage.

Schach war eben mit seiner Musterung fertig, als ihm auch schon gemeldet
wurde da drben alles klar sei.

Und wirklich, als er in den Gartensalon eintrat, der ihm ein Nachtlager
so beharrlich verweigert hatte, war er berrascht, was Ordnungssinn und
ein paar freundliche Hnde mittlerweile daraus gemacht hatten. Thr und
Fenster standen auf, die Morgensonne fllte den Raum mit Licht und aller
Staub war von Tisch und Sopha verschwunden. Einen Augenblick spter
erschien auch schon Krists Frau mit dem Kaffee, die Semmeln in einen
Korb gelegt, und als Schach eben den Deckel von der kleinen Meiner
Kanne heben wollte, klangen vom Dorfe her die Kirchenglocken herauf.

Was ist denn =das=? fragte Schach. Es kann ja kaum sieben sein.

Justement sieben, junge Herr.

Aber sonst war es doch erst um elf. Und um zwlfe dann Predigt.

Joa, so wihr et. Awers nu nich mihr. Un mmer den dritt'n Snndag is et
anners. Twee Snndag', wenn de Radenslebensche kmmt, denn is't um
twlwen, wiel he joa ihrst in Radensleben preestern deiht, awers den
dritten Snndag, wenn de oll Ruppinsche rwer kmmt, denn is et all um
achten. Un mmer, wenn uns oll Kriwitz von sine Thurmluk' ut unsen
Ollschen von drwen absttten seiht, denn treckt he joa sien Klock. Und
dat's mmer um seb'n.

Wie heit denn jetzt der Ruppinsche?

Na, wie sall he heten? He heet mmer noch so. Is joa mmer noch de oll
Bienengrber.

Bei dem bin ich ja eingesegnet. War immer ein sehr guter Mann.

Joa, dat is he. Man blot, he hett keene Teihn mihr, ook nich een', un
nu brummelt un mummelt he mmerto, un keen Minsch versteiht em.

Das ist gewi nicht so schlimm, Mutter Kreepschen. Aber die Leute haben
immer was auszusetzen. Und nun gar erst die Bauern! Ich will hingehen
und mal wieder nachsehen, was mir der alte Bienengrber zu sagen hat,
mir und den andern. Hat er denn noch in seiner Stube das groe Hufeisen,
dran ein Zehnpfundgewicht hing? Das hab ich mir immer angesehn, wenn ich
nicht aufpate.

Dat woahrd he woll noch hebben. De Jungens passen joa all nich upp.

Und nun ging sie, um ihren jungen Herrn nicht lnger zu stren, und
versprach ihm ein Gesangbuch zu bringen.

Schach hatte guten Appetit und lie sich die Herzberger Semmeln
schmecken. Denn seit er Berlin verlassen, war noch kein Bissen ber
seine Lippen gekommen. Endlich aber stand er auf, um in die Gartenthr
zu treten und sah von hier aus ber das Rondeel und die
Buchsbaumrabatten und weiter dahinter ber die Baumwipfel des Parkes
fort, bis sein Auge schlielich auf einem sonnenbeschienenen
Storchenpaar ausruhte, das unten, am Fue des Hgels, ber eine mit
Ampfer und Ranunkel roth und gelb gemusterte Wiese hinschritt.

Er verfiel im Anblicke dieses Bildes in allerlei Betrachtungen; aber es
lutete gerade zum dritten Mal, und so ging er denn ins Dorf hinunter,
um, von dem herrschaftlichen Chorstuhl aus zu hren, was ihm der alte
Bienengrber zu sagen habe.

Bienengrber sprach gut genug, so recht aus dem Herzen und der Erfahrung
heraus, und als der letzte Vers gesungen und die Kirche wieder leer war,
wollte Schach auch wirklich in die Sakristei gehen, dem Alten danken fr
manches gute Wort aus lngst vergangener Zeit her, und ihn in seinem
Boot ber den See hin zurckbegleiten. Unterwegs aber wollt er ihm alles
sagen, ihm beichten, und seinen Rath erbitten. Er wrde schon Antwort
wissen. Das Alter sei allemal weise, und wenn nicht von Weisheits-, so
doch blo schon von Alters wegen. Aber, unterbrach er sich mitten in
diesem Vorsatze, was soll mir schlielich seine Antwort? hab ich diese
Antwort nicht schon vorweg? hab ich sie nicht in mir selbst? Kenn ich
nicht die Gebote? Was mir fehlt, ist blo die Lust, ihnen zu gehorchen.

Und whrend er so vor sich hinredete, lie er den Plan eines
Zwiegesprchs fallen, und stieg den Schloberg wieder hinauf.

Er hatte von dem Gottesdienst in der Kirche nichts abgehandelt, und
=doch= schlug es erst zehn, als er wieder oben anlangte.

Hier ging er jetzt durch alle Zimmer, einmal, zweimal, und sah sich die
Bilder aller der Schachs an, die zerstreut und in Gruppen an den Wnden
umherhingen. Alle waren in hohen Stellungen in der Armee gewesen, alle
trugen sie den Schwarzen Adler oder den Pour le Merite. =Das= hier war
der General, der bei Malplaquet die groe Redoute nahm, und =das= hier
war das Bild seines eigenen Grovaters, des Obersten im Regiment
Itzenplitz, der den Hochkirchner Kirchhof mit vierhundert Mann eine
Stunde lang gehalten hatte. Schlielich fiel er, zerhauen und
zerschossen, wie alle die, die mit ihm waren. Und dazwischen hingen die
Frauen, einige schn, am schnsten aber seine Mutter.

Als er wieder in dem Gartensalon war, schlug es zwlf. Er warf sich in
die Sopha-Ecke, legte die Hand ber Aug und Stirn und zhlte die
Schlge. Zwlf. Jetzt bin ich zwlf Stunden hier, und mir ist als wren
es zwlf Jahre .... Wie wird es sein? Alltags die Kreepschen, und
Sonntags Bienengrber oder der Radenslebensche, was keinen Unterschied
macht. Einer wie der andre. Gute Leute, versteht sich, alle gut .... Und
dann geh ich mit Victoire durch den Garten, und aus dem Park auf die
Wiese, dieselbe Wiese, die wir vom Schlo aus immer und ewig und ewig
und immer sehn, und auf der der Ampfer und die Ranunkeln blhn. Und
dazwischen spazieren die Strche. Vielleicht sind wir allein; aber
vielleicht luft auch ein kleiner Dreijhriger neben uns her und singt
in einem fort: 'Adebaar, Du Bester, bring mir eine Schwester.' Und meine
Schloherrin errthet und wnscht sich das Schwesterchen =auch=. Und
endlich sind elf Jahre herum, und wir halten an der 'ersten Station,' an
der ersten Station, die die 'stroherne Hochzeit' heit. Ein sonderbares
Wort. Und dann ist auch allmhlich die Zeit da, sich malen zu lassen,
malen zu lassen fr die Galerie. Denn wir drfen doch am Ende nicht
fehlen! Und zwischen die Generle rck ich dann als Rittmeister ein, und
zwischen die schnen Frauen kommt Victoire. Vorher aber hab ich eine
Konferenz mit dem Maler und sag ihm: 'Ich rechne darauf, da Sie den
=Ausdruck= zu treffen wissen. Die Seele macht hnlich.' Oder soll ich
ihm geradezu sagen: 'machen Sie's gndig'.... Nein, nein!




Fnfzehntes Kapitel.

Die Schachs und die Carayons.


Was immer geschieht, geschah auch diesmal: die Carayons erfuhren nichts
von dem, was die halbe Stadt wute. Dienstag, wie gewhnlich, erschien
Tante Marguerite, fand Victoiren um dem Kinn etwas spitz und warf im
Laufe der Tischunterhaltung hin: Wit Ihr denn schon, es sollen ja
Karrikatren erschienen sein?

Aber dabei blieb es, da Tante Marguerite jenen alten Gesellschaftsdamen
zuzhlte, die nur immer von allem gehrt haben, und als Victoire
fragte: =was= denn, liebe Tante? wiederholte sie nur: Karrikatren,
liebes Kind. Ich wei es ganz genau. Und damit lie man den
Gesprchsgegenstand fallen.

Es war gewi ein Glck fr Mutter und Tochter, da sie von den Spott-
und Zerrbildern, deren Gegenstand sie waren, nichts in Erfahrung
brachten; aber fr den =Dritt=betheiligten, fr Schach, war es ebenso
gewi ein Unglck und eine Quelle neuer Zerwrfnisse. Htte Frau von
Carayon, als deren schnster Herzenszug ein tiefes Mitgefhl gelten
konnte, nur die kleinste Vorstellung von all dem Leid gehabt, das, die
ganze Zeit ber, ber ihren Freund ausgeschttet worden war, so wrde
sie von der ihm gestellten Forderung zwar nicht Abstand genommen, aber
ihm doch Aufschub gewhrt und Trost und Theilnahme gespendet haben; ohne
jede Kenntni jedoch von dem, was inzwischen vorgefallen war, aigrirte
sie sich gegen Schach immer mehr und erging sich von dem Augenblick
an, wo sie von seinem Rckzug nach Wuthenow erfuhr, ber seinen
Wort- und Treubruch, als den sie's ansah, in den heftigsten und
unschmeichelhaftesten Ausdrcken.

Es war sehr bald, da sie von diesem Rckzuge hrte. Denselben Abend
noch, an dem Schach seinen Urlaub angetreten hatte, lie sich
Alvensleben bei den Carayons melden. Victoire, der jede Gesellschaft
peinlich war, zog sich zurck, Frau von Carayon aber lie bitten und
empfing ihn mit besondrer Herzlichkeit.

Da ich Ihnen sagen knnte, lieber Alvensleben, wie sehr ich mich
freue, Sie nach so vielen Wochen einmal wieder zu sehen. Eine Welt von
Dingen hat sich seitdem zugetragen. Und ein Glck, da Sie standhaft
blieben, als man Ihnen den Luther aufzwingen wollte. Das htte mir Ihr
Bild ein fr allemal verdorben.

Und doch, meine Gndigste, schwankt' ich einen Augenblick, ob ich
ablehnen sollte.

Und weshalb?

Weil unser beiderseitiger Freund unmittelbar =vor=her abgelehnt hatte.
Nachgerade widersteht es mir, immer wieder und wieder in seine Futapfen
zu treten. Giebt es ihrer doch ohnehin schon genug, die mich einfach als
seinen Abklatsch bezeichnen, an der Spitze Zieten, der mir erst neulich
wieder zurief: 'Hten Sie sich, Alvensleben, da Sie nicht als
SchachII. in die Rang- und Quartierliste kommen'.

Was nicht zu befrchten steht. Sie sind eben doch anders.

Aber nicht besser.

Wer wei.

Ein Zweifel, der mich aus dem Munde meiner schnen Frau von Carayon
einigermaen berrascht, und unsrem verwhnten Freunde, wenn er davon
hrte, seine Wuthenower Tage vielleicht verleiden wrde.

Seine Wuthenower Tage?

Ja, meine Gndigste. Mit unbestimmtem Urlaub. Und Sie wissen nicht
davon? Er wird sich doch nicht ohne vorgngigen Abschied von Ihnen in
sein altes Seeschlo zurckgezogen haben, von dem Nostitz neulich
behauptete, da es halb Wurmfra und halb Romantik sei.

Und doch ist es geschehen. Er ist launenhaft, wie Sie wissen. Sie
wollte mehr sagen, aber es gelang ihr, sich zu bezwingen und das
Gesprch ber allerhand Tagesneuigkeiten fortzusetzen, bei welcher
Gelegenheit Alvensleben zu seiner Beruhigung wahrnahm, da sie von der
Haupttagesneuigkeit, von dem Erscheinen der Bilder, nicht das Geringste
wute. Wirklich, es war der Frau von Carayon auch in der
zwischenliegenden halben Woche nicht einen Augenblick in den Sinn
gekommen, etwas Nheres ber das von dem Tantchen Angedeutete hren zu
wollen.

Endlich empfahl sich Alvensleben, und Frau von Carayon, alles Zwanges
nunmehr los und ledig, eilte, whrend Thrnen ihren Augen entstrzten,
in Victoirens Zimmer, um ihr die Mittheilung von Schachs Flucht zu
machen. Denn eine Flucht war es.

Victoire folgte jedem Wort. Aber ob es nun ihre Hoffnung und Zuversicht
oder umgekehrt ihre Resignation war, gleichviel, sie blieb ruhig.

Ich bitte Dich, urtheile nicht zu frh. Ein Brief von ihm wird
eintreffen und ber alles Aufklrung geben. La es uns abwarten; Du
wirst sehn, da Du Deinem Verdacht und Deiner Verstimmung gegen ihn mehr
nachgegeben hast, als recht und billig war.

Aber Frau von Carayon wollte sich nicht umstimmen lassen.

Ich kannt ihn schon, als Du noch ein Kind warst. Nur zur gut. Er ist
eitel und hochfahrend, und die prinzlichen Hfe haben ihn vollends
berschraubt. Er verfllt mehr und mehr ins Ridikle. Glaube mir, er
will Einflu haben und zieht sich im Stillen irgend einen politischen
oder gar staatsmnnischen Ehrgeiz gro. Was mich aber am meisten
verdriet, ist das, er hat sich auch pltzlich auf seinen Obotritenadel
besonnen, und fngt an sein Schach- oder Schachenthum fr etwas ganz
Besondres in der Weltgeschichte zu halten.

Und thut damit nicht mehr, als was =alle= thun .... Und die Schachs
sind doch =wirklich= eine alte Familie.

Daran mag er denken und das Pfauenrad schlagen, wenn er ber seinen
Wuthenower Hhnerhof hingeht. Und solche Hhnerhfe giebt es hier
berall. Aber was soll =uns= das? Oder zum wenigsten was soll es =Dir=? An
mir htt er vorbeistolzieren und der brgerlichen Generalpchterstochter,
der kleinen Roturire, den Rcken kehren knnen. Aber Du
Victoire, Du; Du bist nicht blos meine Tochter, Du bist auch
Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!

Victoire sah die Mama mit einem Anfluge schelmischer Verwunderung an.

Ja, lache nur, Kind, lache laut, ich verble Dir's nicht. Hast Du mich
doch selber oft genug ber diese Dinge lachen sehen. Aber, meine se
Victoire, die Stunden sind nicht gleich, und heute bitt ich Deinem Vater
ab und dank ihm von Herzen, weil er mir in seinem Adelsstolze, mit dem
er mich zur Verzweiflung gebracht und aus seiner Nhe hinweg gelangweilt
hat, eine willkommene Waffe gegen diesen mir unertrglichen Dnkel in
die Hand giebt. Schach, Schach! Was ist Schach? Ich kenn ihre Geschichte
nicht und =will= sie nicht kennen, aber ich wette diese meine Broche
gegen eine Stecknadel, da Du, wenn Du das ganze Geschlecht auf die
Tenne wirfst, da, wo der Wind am schrfsten geht, da nichts brig
bleibt, sag ich, als ein halbes Dutzend Obersten und Rittmeister, alle
devotest erstorben und alle mit einer Pontaknase. Lehre mich =diese=
Leute kennen!

Aber, Mama....

Und nun die Carayons! Es ist wahr, ihre Wiege hat nicht an der Havel
und nicht einmal an der Spree gestanden, und weder im Brandenburger noch
im Havelberger Dom ist je gelutet worden, wenn einer von ihnen kam oder
ging. _Oh, ces pauvres gens, ces malheureux Carayon!_ Sie hatten ihre
Schlsser, beilufig =wirkliche= Schlsser, so blos armselig an der
Gironde hin, waren blos Girondins und Deines Vaters leibliche Vettern
fielen unter der Guillotine, weil sie treu und frei zugleich waren und
uneingeschchtert durch das Geschrei des Berges fr das Leben ihres
Knigs gestimmt hatten.

Immer verwunderter folgte Victoire.

Aber, fuhr Frau von Carayon fort, ich will nicht von
Jngstgeschehenem sprechen, will nicht sprechen von =heute=. Denn ich
wei wohl, das von Heutesein ist immer ein Verbrechen in den Augen
derer, die schon gestern da waren, gleichviel =wie=. Nein, ich will von
alten Zeiten sprechen, von Zeiten, als der erste Schach ins Land und an
den Ruppiner See kam, und einen Wall und Graben zog, und eine
lateinische Messe hrte, von der er nichts verstand. Eben damals zogen
die Carayons, _ces pauvres et malheureux Carayon_, mit vor Jerusalem und
eroberten es und befreiten es. Und als sie heimkamen, da kamen Snger an
ihren Hof, und sie sangen selbst, und als Victoire de Carayon (ja sie
hie auch Victoire) sich dem groen Grafen von Lusignan vermhlte,
dessen erlauchter Bruder Groprior des hohen Ordens vom Spital und
endlich Knig von Cypern war, da waren wir mit einem Knigshause
versippt und verschwgert, mit den Lusignans, aus deren groem Hause die
schne Melusine kam, unglcklichen aber Gott sei Dank unprosaischen
Angedenkens. Und von uns Carayons, die wir ganz andere Dinge gesehn
haben, will sich dieser Schach abwenden und sich hochmthig zurckziehn?
=Unsrer= will er sich schmen? Er, Schach. Will er es als Schach, oder
will er es als Grundherr von Wuthenow? Ah, bah! Was ist es denn mit
beiden? Schach ist ein blauer Rock mit einem rothen Kragen, und Wuthenow
ist eine Lehmkathe.

Mama, glaube mir, Du thust ihm Unrecht. Ich such es nach einer andern
Seite hin. Und da =find= ich es auch.

Frau von Carayon beugte sich zu Victoire nieder und kte sie
leidenschaftlich. Ach, wie gut Du bist, viel viel besser, als Deine
Mama. Und nur =Eines= ist gut an ihr, da sie Dich liebt. Er aber sollte
Dich =auch= lieben! Schon um Deiner Demuth willen.

Victoire lchelte.

Nein, nicht so. Der Glaube, da Du verarmt und ausgeschieden seiest,
beherrscht Dich mit der Macht einer fixen Idee. Du =bist= nicht so
verarmt. Und auch er....

Sie stockte.

Sieh, Du warst ein schnes Kind, und Alvensleben hat mir erzhlt, in
welch enthusiastischen Worten der Prinz erst neulich wieder von Deiner
Schnheit auf dem Massowschen Balle gesprochen habe. Das ist nicht hin,
davon blieb Dir, und jeder mu es finden, der ihm liebevoll in Deinen
Zgen nachzugehen den Sinn und das Herz hat. Und wenn wer dazu
verpflichtet ist, so ist =er='s! Aber er strubt sich, denn so hautain
er ist, so konventionell ist er. Ein kleiner ngstlicher Aufmerker. Er
hrt auf das, was die Leute sagen, und wenn das ein Mann thut (=wir=
mssen's), so hei ich das Feigheit und _lchet_. Aber er soll mir Rede
stehn. Ich habe meinen Plan jetzt fertig und will ihn demthigen, so
gewi er =uns= demthigen wollte.

Frau von Carayon kehrte nach diesem Zwiegesprch in das Eckzimmer
zurck, setzte sich an Victoirens kleinen Schreibtisch und schrieb.

Einer Mittheilung Herrn von Alvenslebens entnehme ich, da Sie, mein
Herr von Schach, heute, Sonnabend Abend, Berlin verlassen und sich fr
einen Landaufenthalt in Wuthenow entschieden haben. Ich habe keine
Veranlassung, Ihnen diesen Landaufenthalt zu mignnen oder Ihre
Berechtigung dazu zu bestreiten, mu aber Ihrem Rechte =das= meiner
Tochter gegenberstellen. Und so gestatten Sie mir denn, Ihnen in
Erinnerung zu bringen, da die Verffentlichung des Verlbnisses, fr
morgen, Sonntag, zwischen uns verabredet worden ist. Auf diese
Verffentlichung besteh ich auch heute noch. Ist sie bis Mittwoch frh
nicht erfolgt, erfolgen meinerseits andre, durchaus selbststndige
Schritte. So sehr dies meiner Natur widerspricht (Victoirens ganz zu
geschweigen, die von diesem meinem Schreiben nichts wei und nur bemht
sein wrde, mich daran zu hindern), so lassen mir doch die Verhltnisse,
die Sie, das Mindeste zu sagen, nur zu gut kennen, keine Wahl. Also bis
auf Mittwoch! Josephine von Carayon.

Sie siegelte den Brief und bergab ihn persnlich einem Boten mit der
Weisung, sich bei Tagesanbruch nach Wuthenow hin auf den Weg zu machen.

Auf Antwort zu warten, war ihm eigens untersagt worden.




Sechzehntes Kapitel.

Frau von Carayon und der alte Kckritz.


Der Mittwoch kam und ging, ohne da ein Brief Schachs oder gar die
geforderte Verlobungsankndigung erschienen wre. Frau von Carayon hatte
dies nicht anders erwartet und ihre Vorbereitungen darauf hin getroffen.

Am Donnerstag frh hielt ein Wagen vor ihrem Hause, der sie nach Potsdam
hinber fhren sollte, wo sich der Knig seit einigen Wochen aufhielt.
Sie hatte vor, einen Fufall zu thun, ihm den ihr widerfahrenen Affront
vorzustellen und seinen Beistand anzurufen. Da es in des Knigs Macht
stehen werde, diesen Beistand zu gewhren und einen Ausgleich
herbeizufhren, war ihr auer Zweifel. Auch ber die Mittel und Wege,
sich Sr. Majestt zu nhern, hatte sie nachgedacht, und mit gutem
Erfolge. Sie kannte den Generaladjutanten von Kckritz, der vor dreiig
Jahren und lnger, als ein junger Lieutenant oder Stabskapitn, in ihrem
elterlichen Hause verkehrt und der kleinen Josephine, dem allgemeinen
Verzuge, manche Bonbonnire geschenkt hatte. Der war jetzt Liebling des
Knigs, einflureichste Person seiner nchsten Umgebung, und durch
=ihn=, zu dem sie wenigstens in oberflchlichen Beziehungen geblieben
war, hoffte sie sich einer Audienz versichert halten zu drfen.

Um die Mittagsstunde war Frau von Carayon drben, stieg im Einsiedler
ab, ordnete ihre Toilette, und begab sich sofort ins Schlo. Aber hier
mute sie von einem zufllig die Freitreppe herabkommenden Kammerherrn
in Erfahrung bringen, da Seine Majestt Potsdam bereits wieder
verlassen und sich zur Begrung Ihrer Majestt der Knigin, die Tags
darauf aus Bad Pyrmont zurckzukehren gedenke, nach =Paretz= begeben
habe, wo man, frei vom Zwange des Hofes, eine Woche lang in glcklicher
Zurckgezogenheit zu verleben gedenke.

Das war nun freilich eine bse Nachricht. Wer sich zu einem peinlichen
Gange (und wenn es der hochnothpeinlichste wre) anschickt und mit
Sehnsucht auf das Schreckensende wartet, fr den ist nichts hrter als
Vertagung. Nur rasch, rasch! Eine kurze Strecke geht es, aber dann
versagen die Nerven.

Schweren Herzens, und gengstigt durch die Vorstellung, da ihr dieser
Fehlschlag vielleicht einen Fehlschlag berhaupt bedeute, kehrte Frau
von Carayon in das Gasthaus zurck. An eine Fahrt nach Paretz hinaus war
fr heute nicht mehr zu denken, um so weniger, als zu so spter
Nachmittagszeit unmglich noch eine Audienz erbeten werden konnte. So
denn also warten bis morgen! Sie nahm ein kleines Diner, setzte sich
wenigstens zu Tisch, und schien entschlossen, die langen langen Stunden
in Einsamkeit auf ihrem Zimmer zu verbringen. Aber die Gedanken und
Bilder, die vor ihr aufstiegen und vor allem die feierlichen Ansprachen,
die sie sich zum hundertsten Male wiederholte, so lange wiederholte, bis
sie zuletzt fhlte, sie werde, wenn der Augenblick da sei, kein einziges
Wort hervorbringen knnen, -- alles das gab ihr zuletzt den gesunden
Entschlu ein, sich gewaltsam aus ihren Grbeleien herauszureien und in
den Straen und Umgebungen der Stadt umherzufahren. Ein Lohndiener
erschien denn auch, um ihr seine Dienste zur Verfgung zu stellen, und
um die sechste Stunde hielt eine mittel-elegante Miethschaise vor dem
Gasthause, da sich das von Berlin her benutzte Gefhrt, nach seiner
halbtgigen Anstrengung im Sommersand, als durchaus ruhebedrftig
herausgestellt hatte.

Wohin befehlen, gndige Frau?

Ich berla es Ihnen. Nur keine Schlsser, oder doch so wenig wie
mglich; aber Park und Garten, und Wasser und Wiesen.

_Ah, je comprends_, radebrechte der Lohndiener, der sich daran gewhnt
hatte, seine Fremden ein fr allemal als Halbfranzosen zu nehmen, oder
vielleicht auch dem franzsischen Namen der Frau von Carayon einige
Bercksichtigung schuldig zu sein glaubte. _Je comprends._ Und er gab
dem in einem alten Tressenhut auf dem Bock sitzenden Kutscher Ordre,
zunchst in den Neuen Garten zu fahren.

In dem Neuen Garten war es wie todt, und eine dunkle, melancholische
Cypressenallee schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Endlich lenkte man
nach rechts hin in einen neben einem See hinlaufenden Weg ein, dessen
einreihig gepflanzte Bume mit ihrem weit ausgestreckten und
niederhngenden Gezweige den Wasserspiegel berhrten. In dem Gitterwerke
der Bltter aber glomm und glitzerte die niedergehende Sonne. Frau von
Carayon verga ber diese Schnheit all ihr Leid, und fhlte sich dem
Zauber derselben erst wieder entrissen, als der Wagen aus dem Uferweg
abermals in den groen Mittelgang einbog, und gleich danach vor einem
aus Backstein aufgefhrten, im Uebrigen aber mit Gold und Marmor reich
geschmckten Hause hielt.

Wem gehrt es?

Dem Knig.

Und wie heit es?

Das Marmor-Palais.

Ah das Marmor-Palais. Das ist also das Palais....

Zu dienen, gndige Frau. Das ist das Palais, in dem weiland Seine
Majestt Knig Friedrich Wilhelm der Zweite seiner langen und
schmerzlichen Wassersucht allerhchst erlag. Und steht auch noch alles
ebenso, wies damals gestanden hat. Ich kenne das Zimmer ganz genau, wo
der gute gndige Herr immer 'den Lebensgas' trank, den ihm der
Geheimrath Hufeland in einem kleinen Ballon ans Bett bringen lie oder
vielleicht auch blo in einer Kalbsblase. Wollen die gndige Frau das
Zimmer sehn? Es ist freilich schon spt. Aber ich kenne den
Kammerdiener, und er thut es, denk ich, auf meinen Empfehl .... versteht
sich .... Und ist auch dasselbe kleine Zimmer, worin sich eine Figur von
der Frau Rietz oder wie manche sagen von der Mamsell Encken oder der
Grfin Lichtenau befindet, das heit, nur eine kleine Figur, so blo bis
an die Hften oder noch weniger.

Frau von Carayon dankte. Sie war bei dem Gange, der ihr fr morgen
bevorstand, nicht in der Laune, das Allerheiligste der Rietz oder auch
nur ihre Portrtbste kennen lernen zu wollen. Sie sprach also den
Wunsch aus, immer weiter in den Park hineinzufahren, und lie erst
umkehren, als schon die Sonne nieder war und ein khlerer Luftton den
Abend ankndigte. Wirklich, es schlug neun, als man auf der Rckfahrt an
der Garnisonkirche vorberkam, und ehe noch das Glockenspiel seinen
Choral ausgespielt hatte, hielt der Wagen wieder vor dem Einsiedler.

Die Fahrt hatte sie gekrftigt und ihr ihren Muth zurckgegeben. Dazu
kam eine wohlthuende Mdigkeit, und sie schlief besser als seit lange.
Selbst was sie trumte, war hell und licht.

Am andern Morgen erschien, wie verabredet, ihre nun wieder ausgeruhte
Berliner Equipage vor dem Hotel; da sie jedoch allen Grund hatte, der
Kenntni und Umsicht ihres eigenen Kutschers zu mitrauen, engagirte
sie, wie zur Aushilfe, denselben Lohndiener wieder, der sich gestern,
aller kleinen Eigenheiten seines Standes unerachtet, so vorzglich
bewhrt hatte. Das gelang ihm denn auch heute wieder. Er wute von jedem
Dorf und Lustschlo, an dem man vorber kam, zu berichten, am meisten
von Marquardt, aus dessen Parke, zu wenigstens vorbergehendem Interesse
der Frau von Carayon, jenes Gartenhuschen hervorschimmerte, darin unter
Zuthun und Anleitung des Generals von Bischofswerder, dem dicken
Knige (wie sich der immer konfidentieller werdende Cicerone jetzt ohne
weiteres ausdrckte) die Geister erschienen waren.

Eine Viertelmeile hinter Marquardt hatte man die Wublitz, einen von
Mummeln berblhten Havelarm zu passiren, dann folgten Aecker und
Wiesengrnde, die hoch in Gras und Blumen standen, und ehe noch die
Mittagsstunde heran war, war ein Brckensteg und alsbald auch ein
offenstehendes Gitterthor erreicht, das den Paretzer Parkeingang
bildete.

Frau von Carayon, die sich ganz als Bittstellerin empfand, lie in dem
ihr eigenen, feinen Gefhl an dieser Stelle halten und stieg aus, um den
Rest des Weges zu Fu zu machen. Es war nur eine kleine,
sonnenbeschienene Strecke noch, aber gerade das Sonnenlicht war ihr
peinlich, und so hielt sie sich denn seitwrts unter den Bumen hin, um
nicht vor der Zeit gesehen zu werden.

Endlich inde war sie bis an die Sandsteinstufen des Schlosses heran und
schritt sie tapfer hinauf. Die Nhe der Gefahr hatte ihr einen Theil
ihrer natrlichen Entschlossenheit zurckgegeben.

Ich wnschte den General von Kckritz zu sprechen, wandte sie sich an
einen im Vestibl anwesenden Lakaien, der sich gleich beim Eintritt der
schnen Dame von seinem Sitz erhoben hatte.

Wen hab ich dem Herrn General zu melden?

Frau von Carayon.

Der Lakai verneigte sich und kam mit der Antwort zurck: Der Herr
General lasse bitten in das Vorzimmer einzutreten.

Frau von Carayon hatte nicht lange zu warten. General von Kckritz, von
dem die Sage ging, da er auer seiner leidenschaftlichen Liebe zu
seinem Knige keine weitere Passion als eine Pfeife Tabak und einen
Rubber Whist habe, trat ihr von seinem Arbeitszimmer her entgegen,
entsann sich sofort der alten Zeit und bat sie mit verbindlichster
Handbewegung Platz zu nehmen. Sein ganzes Wesen hatte so sehr den
Ausdruck des Gtigen und Vertrauenerweckenden, da die Frage nach seiner
Klugheit nur sehr wenig daneben bedeutete. Namentlich fr solche, die
wie Frau von Carayon mit einem Anliegen kamen. Und das sind bei Hofe die
meisten. Er besttigte durchaus die Lehre, da eine =wohlwollende=
Frstenumgebung einer geistreichen immer weit vorzuziehen ist. Nur
freilich sollen diese frstlichen Privatdiener nicht auch Staatsdiener
sein und nicht mitbestimmen und mitregieren wollen.

General von Kckritz hatte sich so gesetzt, da ihn Frau von Carayon im
Profil hatte. Sein Kopf steckte halb in einem beraus hohen und steifen
Uniformkragen, aus dem nach vorn hin ein Jabot quoll, whrend nach
hinten ein kleiner sauber behandelter Zopf fiel. Dieser schien ein
eigenes Leben zu fhren und bewegte sich leicht und mit einer gewissen
Koketterie hin und her, auch wenn an dem Manne selbst nicht die
geringste Bewegung wahrzunehmen war.

Frau von Carayon, ohne den Ernst ihrer Lage zu vergessen, erheiterte
sich doch offenbar an diesem eigenthmlich neckischen Spiel, und erst
einmal ins Heitre gekommen, erschien ihr das, was ihr oblag, um vieles
leichter und bezwingbarer, und befhigte sie, mit Freimuth ber all und
jedes zu sprechen, auch ber =das=, was man als den delikaten Punkt in
ihrer oder ihrer Tochter Angelegenheit bezeichnen konnte.

Der General hatte nicht nur aufmerksam, sondern auch theilnahmevoll
zugehrt und sagte, als Frau von Carayon schwieg: Ja, meine gndigste
Frau, das sind sehr fatale Sachen, Sachen, von denen Seine Majestt
nicht zu hren liebt, weshalb ich im allgemeinen darber zu schweigen
pflege, wohlverstanden so lange nicht Abhilfe zu schaffen und berhaupt
nichts zu bessern ist. Hier aber =ist= zu bessern, und ich wrde meine
Pflicht versumen und Seiner Majestt einen schlechten Dienst erweisen,
wenn ich ihm einen Fall wie den Ihrigen vorenthalten oder da Sie selber
gekommen sind Ihre Sache vorzutragen, Sie, meine gndigste Frau, durch
knstlich erfundene Schwierigkeiten an solchem Vortrage behindern
wollte. Denn solche Schwierigkeiten sind allemalen erfundene
Schwierigkeiten in einem Lande wie das unsre, wo von alter Zeit her die
Frsten und Knige das Recht ihres Volkes wollen und nicht gesonnen
sind, der Forderung eines solchen Rechtes bequem aus dem Wege zu gehen.
Am allerwenigsten aber mein Allergndigster Knig und Herr, der ein
starkes Gefhl fr das =Ebenmige= des Rechts und eben deshalb einen
wahren Widerwillen und rechten Herzensabscheu gegen alle =die=jenigen
hat, die sich, wie manche Herren Offiziers, insonderheit aber die sonst
so braven und tapfren Offiziers von Dero Regiment Gensdarmes, aus einem
schlechten Dnkel allerlei Narrethei zu permittiren geneigt sind, und es
fr angemessen und lblich oder doch zum mindesten fr nicht unstatthaft
halten, das Glck und den Ruf Andrer ihrem Uebermuth und ihrer
schlechten _moralit_ zu opfern.

Frau von Carayons Augen fllten sich mit Thrnen. _Que vous tes bon,
mon cher General._

Nicht ich, meine theure Frau. Aber mein Allergndigster Knig und Herr,
=der= ist gut. Und ich denke, Sie sollen den Beweis dieser seiner
Herzensgte bald in Hnden halten, trotzdem wir heut einen schlimmen
oder sagen wir lieber einen schwierigen Tag haben. Denn wie Sie
vielleicht schon in Erfahrung gebracht haben, der Knig erwartet in
wenig Stunden die Knigin zurck, um nicht gestrt zu werden in der
Freude des Wiedersehns, =des=halb befindet er sich hier, =des=halb ist
er hierher gegangen nach Paretz. Und nun luft ihm in dies Idyll ein
Rechtsfall und eine Streitsache nach. Und eine Streitsache von so
delikater Natur. Ja, wirklich ein Schabernack ist es und ein rechtes
Schnippchen, das ihm die Laune der Frau Fortuna schlgt. Er will sich
seines Liebesglckes freuen (Sie wissen, wie sehr er die Knigin liebt)
und in demselben Augenblicke fast, der ihm sein Liebesglck bringen
soll, hrt er eine Geschichte von unglcklicher Liebe. Das verstimmt
ihn. Aber er ist zu gtig, um dieser Verstimmung nicht Herr zu werden,
und treffen wir's nur einigermaen leidlich, so mssen wir uns aus eben
diesem Zusammentreffen auch noch einen besonderen Vortheil zu ziehen
wissen. Denn das eigne Glck, das er erwartet, wird ihn nur noch
geneigter machen als sonst, das getrbte Glck andrer wieder
herzustellen. Ich kenn ihn ganz in seinem Rechtsgefhl und in der Gte
seines Herzens. Und so geh ich denn, meine theure Frau, Sie bei dem
Knige zu melden.

Er hielt aber pltzlich wie nachdenkend inne, wandte sich noch einmal
wieder und setzte hinzu: Irr ich nicht, so hat er sich eben in den Park
begeben. Ich kenne seinen Lieblingsplatz. Lassen Sie mich also sehen. In
wenig Minuten bring ich Ihnen Antwort, ob er Sie hren will oder nicht.
Und nun noch einmal, seien Sie gutes Muthes. Sie drfen es.

Und damit nahm er Hut und Stock, und trat durch eine kleine Seitenthr
unmittelbar in den Park hinaus.

In dem Empfangszimmer, in dem Frau von Carayon zurckgeblieben war,
hingen allerlei Buntdruckbilder, wie sie damals von England her in der
Mode waren: Engelskpfe von Josua Reynolds, Landschaften von
Gainsborough, auch ein paar Nachbildungen italienischer Meisterwerke,
darunter eine bende Magdalena. War es die von Corregio? Das wundervoll
tiefblau getnte Tuch, das die Bende halb verhllte, fesselte Frau von
Carayons Aufmerksamkeit, und sie trat heran, um sich ber den Maler zu
vergewissern. Aber ehe sie noch seinen Namen entziffern konnte, kehrte
der alte General zurck, und bat seinen Schtzling ihm zu folgen.

Und so traten sie denn in den Park, drin eine tiefe Stille herrschte.
Zwischen Birken und Edeltannen hin schlngelte sich der Weg und fhrte
bis an eine knstliche, von Moos und Epheu berwachsene Felswand, in
deren Front (der alte Kckritz war jetzt zurckgeblieben) der Knig auf
einer Steinbank sa.

Er erhob sich, als er die schne Frau sich nhern sah, und trat ihr
ernst und freundlich entgegen. Frau von Carayon wollte sich auf ein Knie
niederlassen, der Knig aber litt es nicht, nahm sie vielmehr
aufrichtend bei der Hand, und sagte: Frau von Carayon? Mir sehr wohl
bekannt ... Erinnre Kinderball ... schne Tochter ... Damals...

Er schwieg einen Augenblick, entweder in Verlegenheit ber das ihm
entschlpfte letzte Wort, oder aber aus Mitgefhl mit der tiefen
Bewegung der unglcklichen und beinah zitternd vor ihm stehenden Mutter,
und fuhr dann fort: Kckritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr=
fatal .... Aber bitte .... sich setzen, meine Gndigste .... Muth ....
Und nun sprechen Sie.




Siebzehntes Kapitel.

Schach in Charlottenburg.


Eine Woche spter hatten Knig und Knigin Paretz wieder verlassen, und
schon am Tage danach ritt Rittmeister von Schach in Veranlassung eines
ihm in Schlo Wuthenow bergebenen Kabinetsschreibens nach
Charlottenburg hinaus, wohin inzwischen der Hof bersiedelt war. Er nahm
seinen Weg durchs Brandenburger Thor und die groe Thiergartenallee,
links hinter ihm Ordonnanz Baarsch, ein mit einem ganzen Linsengericht
von Sommersprossen berdeckter Rothkopf mit brigens noch rtherem
Backenbart, auf welchen rothen und etwas abstehenden Bart hin Zieten zu
versichern pflegte, da man auch =diesen= Baarsch an seinen Flossen
erkennen knne. Wuthenower Kind und seines Gutsherrn und Rittmeisters
ehemaliger Spielgefhrte, war er diesem und allem, was Schach hie,
selbstverstndlich in unbedingten Treuen ergeben.

Es war vier Uhr Nachmittags und der Verkehr nicht gro, trotzdem die
Sonne schien und ein erquickender Wind wehte. Nur wenige Reiter
begegneten ihnen, unter diesen auch ein paar Offiziere von Schachs
Regiment. Schach erwiderte ihren Gru, passirte den Landwehrgraben und
ritt bald danach in die breite Charlottenburger Hauptstrae mit ihren
Sommerhusern und Vorgrten ein.

Am trkischen Zelt, das sonst wohl sein Ziel zu sein pflegte, wollte
sein Pferd einbiegen; zwang er es aber weiter und hielt erst bei dem
Morellischen Kaffeehause, das ihm heute fr den Gang, den er vorhatte,
bequemer gelegen war. Er schwang sich aus dem Sattel, gab der Ordonnanz
den Zgel und ging ohne Versumni auf das Schlo zu. Hier trat er nach
Passirung eines den und von der Julisonne lngst verbrannten
Grasvierecks erst in ein gerumiges Treppenhaus und bald danach in einen
schmalen Korridor ein, an dessen Wnden in anscheinend berlebensgroen
Portrts die glotzugigen blauen Riesen Knig Friedrich WilhelmsI.
paradirten. Am Ende dieses Ganges aber traf er einen Kammerdiener, der
ihn, nach vorgngiger Meldung, in das Arbeitskabinet des Knigs fhrte.

Dieser stand an einem Pult, auf dem Karten ausgebreitet lagen, ein paar
Plne der Austerlitzer Schlacht. Er wandte sich sofort, trat auf Schach
zu, und sagte: Habe Sie rufen lassen, lieber Schach .... Die Carayon;
fatale Sache. Spiele nicht gern den Moralisten und Splitterrichter; mir
verhat; auch meine Verirrungen. Aber in Verirrungen nicht stecken
bleiben; wieder gut machen. Uebrigens nicht recht begreife. Schne Frau,
die Mutter; mir =sehr= gefallen; kluge Frau.

Schach verneigte sich.

Und die Tochter! Wei wohl, wei; armes Kind .... Aber _enfin_, mssen
sie doch charmant gefunden haben. Und was man einmal charmant gefunden,
findet man, wenn man nur will, auch wieder. Aber das ist =Ihre= Sache,
geht mich nichts an. Was mich angeht, das ist die _honntet_. =Die=
verlang ich und um dieser _honntet_ willen verlang ich Ihre Heirath
mit dem Frulein von Carayon. Oder Sie mten denn Ihren Abschied nehmen
und den Dienst quittiren wollen.

Schach schwieg, verrieth aber durch Haltung und Miene, da ihm dies das
Schmerzlichste sein wrde.

Nun denn bleiben also; schner Mann; liebe das. Aber Remedur mu
geschafft werden, und bald, und gleich. Uebrigens alte Familie, die
Carayons, und wird Ihren Frulein Tchtern (Pardon, lieber Schach) die
Stiftsanwartschaft auf Marienflie oder Heiligengrabe nicht verderben.
Abgemacht also. Rechne darauf, dringe darauf. Und werden mir Meldung
machen.

Zu Befehl, Ew. Majestt.

Und noch eines; habe mit der Knigin darber gesprochen; will Sie sehn;
Frauenlaune. Werden sie drben in der Orangerie treffen .... Dank
Ihnen.

Schach war gndig entlassen, verbeugte sich und ging den Korridor
hinunter auf das am entgegengesetzten Flgel des Schlosses gelegene
groe Glas- und Gewchshaus zu, von dem der Knig gesprochen hatte.

Die Knigin aber war noch nicht da, vielleicht noch im Park. So trat er
denn in diesen hinaus und schritt auf einem Fliesengange zwischen einer
Menge hier aufgestellter rmischer Kaiser auf und ab, von denen ihn
einige faunartig anzulcheln schienen. Endlich sah er die Knigin von
der Fhrbrcke her auf sich zukommen, eine Hofdame mit ihr, allem
Anscheine nach das jngere Frulein von Viereck. Er ging beiden Damen
entgegen, und trat in gemessener Entfernung bei Seite, um die
militrischen Honneurs zu machen. Das Hoffrulein aber blieb um einige
Schritte zurck.

Ich freue mich Sie zu sehen, Herr von Schach. Sie kommen vom Knige.

Zu Befehl, Ew. Majestt.

Es ist etwas gewagt, fuhr die Knigin fort, da ich Sie habe bitten
lassen. Aber der Knig, der anfnglich dagegen war und mich darber
verspottete, hat es schlielich gestattet. Ich bin eben eine Frau, und
es wre hart, wenn ich mich meiner Frauenart entschlagen mte, nur weil
ich eine =Knigin= bin. Als Frau aber interessirt mich alles, was unser
Geschlecht angeht, und was ging uns nher an als eine solche _question
d'amour_.

Majestt sind so gndig.

Nicht gegen Sie, lieber Schach. Es ist um des Fruleins willen .... Der
Knig hat mir alles erzhlt, und Kckritz hat von dem Seinen
hinzugethan. Es war denselben Tag, als ich von Pyrmont wieder in Paretz
eintraf, und ich kann Ihnen kaum aussprechen, wie gro meine Theilnahme
mit dem Frulein war. Und nun wollen Sie, gerade =Sie=, dem lieben Kinde
diese Theilnahme versagen und mit dieser Theilnahme zugleich sein Recht.
Das ist unmglich. Ich kenne Sie so lange Zeit und habe Sie jederzeit
als einen Kavalier und Mann von Ehre befunden. Und dabei, denk ich,
belassen wir's. Ich habe von den Spottbildern gehrt, die publizirt
worden sind, und diese Bilder, so nehm ich an, haben Sie verwirrt und
Ihnen Ihr ruhiges Urtheil genommen. Ich begreife das, wei ich doch aus
allereigenster Erfahrung, wie weh dergleichen thut und wie der giftige
Pfeil uns nicht blo in unserem Gemthe verwundet, sondern auch
verwandelt und =nicht= verwandelt zum Besseren. Aber wie dem auch sei,
Sie muten sich auf sich selbst besinnen, und damit zugleich auch auf
=das=, was Pflicht und Ehre von Ihnen fordern.

Schach schwieg.

Und Sie =werden= es, fuhr die Knigin immer lebhafter werdend fort,
und werden sich als einen Reuigen und Bufertigen zeigen. Es kann Ihnen
nicht schwer werden, denn selbst aus der Anklage gegen Sie, so
versicherte mir der Knig, habe noch immer ein Ton der Zuneigung
gesprochen. Seien Sie dessen gedenk, wenn Ihr Entschlu je wieder ins
Schwanken kommen sollte, was ich nicht frchte. Wt ich doch kaum
etwas, was mir in diesem Augenblicke so lieb wre, wie die Schlichtung
dieses Streits und der Bund zweier Herzen, die mir fr einander bestimmt
erscheinen. Auch durch eine recht eigentliche Liebe. Denn Sie werden
doch, hoff ich, nicht in Abrede stellen wollen, da es ein
geheimnivoller Zug war, was Sie zu diesem lieben und einst so schnen
Kinde hinfhrte. Das Gegentheil anzunehmen, widerstreitet mir. Und nun
eilen Sie heim, und machen Sie glcklich und werden Sie glcklich. Meine
Wnsche begleiten Sie, Sie =Beide=. Sie werden sich zurckziehen, so
lang es die Verhltnisse gebieten; unter allen Umstnden aber erwart
ich, da Sie mir Ihre Familienereignisse melden, und den Namen Ihrer
Knigin als erste Taufpathin in Ihr Wuthenower Kirchenbuch eintragen
lassen. Und nun Gott befohlen.

Ein Gru und eine freundliche Handbewegung begleiteten diese Worte;
Schach aber, als er sich kurz vor der Gartenfront noch einmal umsah,
sah, wie beide Damen in einem Seitenweg einbogen und auf eine
schattigere, mehr der Spree zu gelegene Parthie des Parkes zuschritten.

Er selbst sa eine Viertelstunde spter wieder im Sattel; Ordonnanz
Baarsch folgte.

Die gndigen Worte beider Majestten hatten eines Eindrucks auf ihn
nicht verfehlt; trotzdem war er nur getroffen, in nichts aber umgestimmt
worden. Er wute, was er dem Knig schuldig sei: =Gehorsam=! Aber sein
Herz widerstritt, und so galt es denn fr ihn, etwas ausfindig zu
machen, was Gehorsam und Ungehorsam in sich vereinigte, was dem Befehle
seines Knigs und dem Befehle seiner eigenen Natur gleichmig
entsprach. Und dafr gab es nur =einen= Weg. Ein Gedanke, den er schon
in Wuthenow gefat hatte, kam ihm jetzt wieder und reifte rasch zum
Entschlu, und je fester er ihn werden fhlte, desto mehr fand er sich
in seine frhere gute Haltung und Ruhe zurck. Leben, sprach er vor
sich hin. Was ist leben? Eine Frage von Minuten, eine Differenz von
heut auf morgen. Und er fhlte sich, nach Tagen schweren Druckes, zum
ersten Male wieder leicht und frei.

Als er, heimreitend, bis an die Wegstelle gekommen war, wo eine alte
Kastanienallee nach dem Kurfrstendamm hin abzweigte, bog er in diese
Allee ein, winkte Baarsch an sich heran und sagte, whrend er den Zgel
fallen lie und die linke Hand auf die Kruppe seines Pferdes stemmte:
Sage Baarsch, was hltst Du eigentlich von heirathen?

Jott, Herr Rittmeister, wat soll ich davon halten? Mein Vater selig
sagte man mmer: heirathen is gut, aber nich heirathen is noch besser.

Ja, das mag er wohl gesagt haben. Aber wenn =ich= nun heirathe,
Baarsch?

Ach, Herr Rittmeister werden doch nich!

Ja wer wei .... Ist es denn ein solches Malheur?

Jott, Herr Rittmeister, vor =Ihnen= grade nich, aber vor =mir=....

Wie das?

Weil ich mit Untroffzier Czepanski gewett't hab, es wrd' =doch=
nichts. Un wer verliert, mu die ganze Corporalschaft freihalten.

Aber woher wutet Ihr denn davon?

I Jott, des munkelt ja nu all lang. Un wie nu vorige Woch ooch noch die
Bilders kamen....

Ah, so .... Nu sage, Baarsch, wie steht es denn eigentlich mit der
Wette? Hoch?

I nu, 's jeht, Herr Rittmeister. 'Ne Cottbusser un'n Kmmel. Aber vor
jed' een.

Nu, Baarsch, Du sollst dabei nicht zu Schaden kommen. Ich werde die
Wette bezahlen.

Und danach schwieg er und murmelte nur noch vor sich hin _et payer les
pots casss_.




Achtzehntes Kapitel.

Fata Morgana


Schach war zu guter Stunde wieder heim, und noch denselben Abend schrieb
er ein Billet an Frau von Carayon, in dem er in anscheinend aufrichtigen
Worten um seines Benehmens willen um Entschuldigung bat. Ein
Kabinetsschreiben, das er vorgestern in Wuthenow empfangen habe, hab ihn
heute Nachmittag nach Charlottenburg hinausgefhrt, wo Knig und Knigin
ihn an =das=, was seine Pflicht sei, gemahnt htten. Er bedaure, solche
Mahnung verschuldet zu haben, finde den Schritt, den Frau von Carayon
gethan, gerechtfertigt, und bte morgen im Laufe des Vormittags sich
beiden Damen vorstellen zu drfen, um ihnen sein Bedauern ber diese
neuen Versumnisse persnlich zu wiederholen. In einer Nachschrift, die
lnger als der Brief selbst war, war hinzugefgt, da er durch eine
Krisis gegangen sei; diese Krisis aber liege jetzt hinter ihm, und er
hoffe sagen zu drfen, ein Grund an ihm oder seinem Rechtsgefhle zu
zweifeln, werde =nicht= wiederkehren. Er lebe nur noch dem einen Wunsch
und Gedanken, alles was geschehen sei, durch Gesetzlichkeit
auszugleichen. Ueber ein Mehr leg er sich vorlufig Schweigen auf.

Dies Billet, das der kleine Groom berbrachte, wurde, trotz der schon
vorgerckten Stunde, von Frau von Carayon auf der Stelle beantwortet.
Sie freue sich, in seinen Zeilen einer so vershnlichen Sprache zu
begegnen. Ueber alles, was seinem Briefe nach als ein nunmehr
Zurckliegendes anzusehen sei, werd es am besten sein zu schweigen; auch
=sie= fhle, da sie ruhiger und rcksichtsvoller htte handeln sollen,
sie habe sich hinreien lassen, und nur das =Eine= werd ihr vielleicht
zur Entschuldigung dienen drfen, da sie von jenen hmischen Angriffen
in Wort und Bild, die sein Benehmen im Laufe der letzten Woche bestimmt
zu haben schienen, erst seit zwei Tagen Kenntni habe. Htte sie diese
Kenntni frher gehabt, so wrde sie vieles milder beurtheilt,
jedenfalls aber eine abwartende Haltung ihm und seinem Schweigen
gegenber eingenommen haben. Sie hoffe jetzt, da alles wieder
einklingen werde. Victoirens groe Liebe (nur zu gro) und seine eigene
Gesinnung, die, wie sie sich berzeugt halte, wohl schwanken aber nie
dauernd erschttert werden knne, gben ihr die Gewhr einer friedlichen
und wenn ihre Bitten Erhrung fnden auch einer glcklichen Zukunft.

Am andern Vormittage wurde Schach bei Frau von Carayon gemeldet. Sie
ging ihm entgegen, und das sich sofort entspinnende Gesprch verrieth
auf beiden Seiten weniger Verlegenheit, als nach dem Vorgefallenen htte
vorausgesetzt werden sollen. Und doch erklrte sich's auch wieder. Alles
was geschehen war, so schmerzlich es hben und drben berhrt hatte, war
doch schlielich von jeder der beiden Parteien verstanden worden, und wo
Verstndni ist, ist auch Verzeihung oder wenigstens die Mglichkeit
einer solchen. Alles hatte sich in natrlicher Konsequenz aus den
Verhltnissen heraus entwickelt, und weder die Flucht, die Schach
bewerkstelligt, noch die Klage, die Frau von Carayon an oberster Stelle
gefhrt hatte, hatten Uebelwollen oder Gehssigkeit ausdrcken sollen.

Als das Gesprch einen Augenblick zu stocken begann, erschien Victoire.
Sie sah sehr gut aus, nicht abgehrmt, vielmehr frischer als sonst. Er
trat ihr entgegen, nicht kalt und ceremonis, sondern herzlich, und der
Ausdruck einer innigen und aufrichtigen Theilnahme, womit er auf sie sah
und ihr die Hand reichte, besiegelte den Frieden. Es war kein Zweifel,
er war ergriffen, und whrend Victoire vor Freude strahlte, fllten
Thrnen das Auge der Mutter.

Es war der beste Moment, das Eisen zu schmieden. Sie bat also Schach,
der sich schon erhoben hatte, seinen Platz noch einmal auf einen kurzen
Augenblick einnehmen zu wollen, um gemeinschaftlich mit ihm die
nthigsten Festsetzungen zu treffen. Was sie zu sagen habe, seien nur
wenige Worte. So viel sei gewi, Zeit sei versumt worden, und diese
Versumni wieder einzubringen, empfehle sich wohl zunchst. Ihre
langjhrige freundschaftliche Beziehung zum alten Konsistorialrath
Bocquet, der sie selber getraut und Victoiren eingesegnet habe, bte
dazu die beste Gelegenheit. Es werde leicht sein, an die Stelle des
herkmmlichen dreimaligen Aufgebots ein einmaliges zu setzen; das msse
nchsten Sonntag geschehen, und am Freitage der nchsten Woche -- denn
die Freitage, die gemeinhin fr Unglckstage glten, htte sie
persnlich von der durchaus entgegengesetzten Seite kennen gelernt --
werde dann die Hochzeit zu folgen haben. Und zwar in ihrer eignen
Wohnung, da sie Hochzeiten in einem Hotel oder Gasthause von ganzer
Seele hasse. Was dann weiter zu geschehen habe, das stehe bei dem jungen
Paare; sie sei neugierig, ob Venedig ber Wuthenow oder Wuthenow ber
Venedig den Sieg davon tragen werde. Die Lagunen htten sie gemeinsam
und die Gondel auch, und nur um Eines msse sie bitten, da der kleine
Brckensteg unterm Schilf, an dem die Gondel liege, nie zur
Seufzerbrcke erhoben werde.

So ging das Geplauder, und so verging der Besuch.

Am Sonntage, wie verabredet, erfolgte das Aufgebot, und der Freitag, an
dem die Hochzeit stattfinden sollte, rckte heran. Alles im Carayonschen
Hause war Aufregung, am aufgeregtesten Tante Marguerite, die jetzt
tglich erschien, und durch ihre naive Glckseligkeit alles Unbequeme
balancirte, das sonst unzertrennlich von ihrem Erscheinen war.

Abends kam Schach. Er war heitrer und in seinem Urtheile milder als
sonst, und vermied nur in ebenso bemerkenswerther wie zum Glck
unbemerkt bleibender Weise von der Hochzeit und den Vorbereitungen dazu
zu sprechen. Wurd er gefragt, ob er dies oder jenes wnsche, so bat er
mit einer Art von Empressement, ganz nach eigenem Dafrhalten verfahren
zu wollen; er kenne den Takt und guten Geschmack der Damen und wisse,
da ohne sein Rathen und Zuthun alles am besten entschieden werden
wrde; wenn ihm dabei manches dunkel und geheimnivoll bleibe, so sei
dies ein Vortheil mehr fr ihn, hab er doch von Jugend auf eine Neigung
gehabt, sich berraschen zu lassen.

Unter solchen Ausflchten entzog er sich jedem Geplauder, das, wie Tante
Marguerite sich ausdrckte, den Ehrentag _en vue_ hatte, war aber um
so plauderhafter, wenn das Gesprch auf die Reisetage =nach= der
Hochzeit hinberlenkte. Denn Venedig, aller halben Widerrede der Frau
von Carayon zum Trotz, hatte doch schlielich ber Wuthenow gesiegt, und
Schach, wenn die Rede darauf kam, hing mit einer ihm sonst vllig
fremden Phantastik allen erdenklichen Reiseplnen und Reisebildern nach.
Er wollte nach Sizilien hinber und die Sireneninseln passiren, ob frei
oder an den Mast gebunden, berla er Victoiren und ihrem Vertrauen.
Und dann wollten sie nach Malta. Nicht um Maltas willen, o nein. Aber
auf dem Wege dahin, sei die Stelle, wo der geheimnivolle schwarze
Welttheil in Luftbildern und Spiegelungen ein allererstes Mal zu dem in
Nebel und Schnee gebornen Hyperboreer sprche. =Das= sei die Stelle, wo
die bilderreiche Fee wohne, die =stumme= Sirene, die mit dem Zauber
ihrer Farbe fast noch verfhrerischer locke, als die singende. Bestndig
wechselnd seien die Scenen und Gestalten ihrer _Laterna magica_, und
whrend eben noch ein ermdeter Zug ber den gelben Sand ziehe, dehne
sichs pltzlich wie grne Triften und unter der schattengebenden Palme
se die Schaar der Mnner, die Kpfe gebeugt und alle Pfeifen in Brand,
und schwarz und braune Mdchen, ihre Flechten gelst und wie zum Tanze
geschrzt, erhben die Becken und schlgen das Tambourin. Und mitunter
sei's, als lach es. Und dann schwieg es und schwnd es wieder. Und diese
Spiegelung aus der geheimnivollen Ferne, =das= sei das Ziel!

Und Victoire jubelte, hingerissen von der Lebhaftigkeit seiner
Schilderung.

Aber im selben Augenblick berkam es sie bang und dster, und in ihrer
Seele rief eine Stimme: =Fata Morgana=.




Neunzehntes Kapitel.

Die Hochzeit.


Die Trauung hatte stattgefunden und um die vierte Stunde versammelten
sich die zur Hochzeit Geladenen in dem nach dem Hofe hinaus gelegenen
groen Esaale, der fr gewhnlich als ein bloes unbequemes Anhngsel
der Carayonschen Wohnung angesehen und seit einer ganzen Reihe von
Jahren heute zum erstenmale wieder in Gebrauch genommen wurde. Dies
erschien thunlich, trotzdem die Zahl der Gste keine groe war. Der alte
Konsistorialrath Bocquet hatte sich bewegen lassen, dem Mahle mit
beizuwohnen, und sa, dem Brautpaare gegenber, neben der Frau von
Carayon; unter den anderweit Geladenen aber waren, auer dem Tantchen
und einigen alten Freunden aus der Generalfinanzpchterzeit her, in
erster Reihe Nostitz, Alvensleben und Sander zu nennen. Auf letzteren
hatte Schach, aller sonstigen, auch bei Feststellung der Einladungsliste
beobachteten Indifferenz unerachtet, mit besonderem Nachdruck bestanden,
weil ihm inzwischen das rcksichtsvolle Benehmen desselben bei
Gelegenheit des Verlagsantrages der drei Bilder bekannt geworden war,
ein Benehmen, das er um so hher anschlug, als er es von =dieser= Seite
her nicht erwartet hatte. Blow, Schachs alter Gegner, war nicht mehr in
Berlin, und htte wohl auch gefehlt, wenn er noch dagewesen wre.

Die Tafelstimmung verharrte bis zum ersten Trinkspruch in der
herkmmlichen Feierlichkeit; als indessen der alte Konsistorialrath
gesprochen und in einem dreigetheilten und als historischer Rckblick zu
bezeichnenden Toast, erst des grovterlichen Generalfinanzpchterhauses,
dann der Trauung der Frau von Carayon und drittens (und
zwar unter Citirung des ihr mit auf den Lebensweg gegebenen
Bibelspruches) der Konfirmation Victoirens gedacht, endlich
aber mit einem halb ehrbaren, halb scherzhaften Hinweis auf den
egyptischen Wundervogel, in dessen verheiungsvolle Nhe man sich
begeben wolle geschlossen hatte, war das Zeichen zu einer Wandlung der
Stimmung gegeben. Alles gab sich einer ungezwungenen Heiterkeit hin, an
der sogar Victoire theilnahm, und nicht zum wenigsten, als sich
schlielich auch das zu Ehren des Tages in einem grasgrnen Seidenkleid
und einem hohen Schildpattkamme erschienene Tantchen erhob, um einen
=zweiten= Toast auf das Brautpaar auszubringen. Ihr verschmtes Klopfen
mit dem Dessertmesser an die Wasserkaraffe war eine Zeitlang unbemerkt
geblieben, und kam erst zur Geltung, als Frau von Carayon erklrte:
Tante Marguerite wnsche zu sprechen.

Diese verneigte sich denn auch zum Zeichen der Zustimmung, und begann
ihre Rede mit viel mehr Selbstbewutsein, als man nach ihrer
anfnglichen Schchternheit erwarten durfte. Der Herr Konsistorialrath
hat so schn und so lange gesprochen, und ich hnle nur dem Weibe Ruth,
das ber dem Felde geht und Aehren sammelt, was auch der Text war,
worber am letzten Sonntag in der kleinen Melonenkrche gepredigt wurde,
die wieder sehr leer war, ich glaube nicht mehr als lf oder zwlf. Aber
als Tante der lieben Braut, in welcher Beziehung ich wohl die lteste
bin, erheb ich dieses Glas, um noch einmal auf dem Wohle des jungen
Paares zu trinken.

Und danach setzte sie sich wieder, um die Huldigungen der Gesellschaft
entgegenzunehmen. Schach versuchte der alten Dame die Hand zu kssen,
was sie jedoch wehrte, wogegen sie Victoirens Umarmung mit allerlei
kleinen Liebkosungen und zugleich mit der Versicherung erwiderte: sie
hab es alles vorher gewut, von dem Nachmittag an, wo sie die Fahrt nach
Tempelhof und den Gang nach der Krche gemacht htten. Denn sie hab es
wohl gesehen, da Victoire neben dem groen fr die Mama bestimmten
Veilchenstrau auch noch einen kleinen Strau in der Hand gehalten
htte, den habe sie dem lieben Brutigam, dem Herrn von Schach, in der
Krchenthre prsentiren wollen. Aber als er dann gekommen sei, habe sie
das kleine Bouquet wieder weggeworfen, und es sei dicht neben der Thr
auf ein Kindergrab gefallen, was immer etwas bedeute, und auch =dies=mal
etwas bedeutet habe. Denn so sehr sie gegen dem Aberglauben sei, so
glaube sie doch an Sympathie, natrlich bei abnehmendem Mond. Und der
ganze Nachmittag stehe noch so deutlich vor ihr, als wr es gestern
gewesen, und wenn manche so thten, als wisse man nichts, so htte man
doch auch seine zwei gesunden Augen, und wisse recht gut wo die besten
Krschen hingen. In diesen Satz vertiefte sie sich immer mehr, ohne da
die Bedeutung desselben dadurch klarer geworden wre.

Nach Tante Margueritens Toast lste sich die Tafelreihe; jeder verlie
seinen Platz, um abwechselnd hier oder dort eine Gastrolle geben zu
knnen, und als bald danach auch die groen Jostyschen Devisenbonbons
umhergereicht und allerlei Sprche wie beispielsweise Liebe wunderbare
Fee, Selbst dein Wehe thut nicht weh, aller kleinen und undeutlichen
Schrift unerachtet, entziffert und verlesen worden waren, erhob man sich
von der Tafel. Alvensleben fhrte Frau von Carayon, Sander Tante
Marguerite, bei welcher Gelegenheit, und zwar ber das Ruth-Thema, von
Seiten Sanders allerlei kleine Neckereien verbt wurden, Neckereien, die
der Tante so sehr gefielen, da sie Victoiren, als der Kaffee servirt
wurde, zuflsterte: Charmanter Herr. Und so galant. Und so
bedeutungsvoll.

Schach sprach viel mit Sander, erkundigte sich nach Blow, der ihm zwar
nie sympathisch, aber trotz all seiner Schrullen immer ein Gegenstand
des Interesses gewesen sei und bat Sander, ihm, bei sich darbietender
Gelegenheit, dies ausdrcken zu wollen. In allem was er sagte, sprach
sich Freundlichkeit und ein Hang nach Vershnung aus.

In diesem Hange nach Vershnung stand er aber nicht allein da, sondern
begegnete sich darin mit Frau von Carayon. Als ihm diese persnlich eine
zweite Tasse prsentirte, sagte sie, whrend er den Zucker aus der
Schale nahm: Auf ein Wort, lieber Schach. Aber im Nebenzimmer.

Und sie ging ihm dahin vorauf.

Lieber Schach, begann sie, hier auf einem grogeblmten Kanapee Platz
nehmend, von dem aus beide mit Hilfe der offenstehenden Flgelthr einen
Blick auf das Eckzimmer hin frei hatten, es sind dies unsere letzten
Minuten, und ich mchte mir, ehe wir Abschied von einander nehmen, noch
manches von der Seele heruntersprechen. Ich will nicht mit meinem Alter
kokettiren, aber ein Jahr ist eine lange Zeit, und wer wei, ob wir uns
wiedersehen. Ueber Victoire kein Wort. Sie wird Ihnen keine trbe Stunde
machen: sie liebt Sie zu sehr, um es zu knnen oder zu wollen. Und Sie,
lieber Schach, werden sich dieser Liebe wrdig zeigen. Sie werden ihr
nicht wehe thun, diesem sen Geschpf, das nur Demuth und Hingebung
ist. Es ist unmglich. Und so verlang ich denn kein Versprechen von
Ihnen. Ich wei im Voraus, ich hab es.

Schach sah vor sich hin, als Frau von Carayon diese Worte sprach, und
trpfelte, whrend er die Tasse mit der Linken hielt, den Kaffee langsam
aus dem zierlichen kleinen Lffel.

Ich habe seit unsrer Vershnung, fuhr sie fort, mein Vertrauen
wieder. Aber dies Vertrauen, wie mein Brief Ihnen schon aussprach, war
in Tagen, die nun glcklicher Weise hinter uns liegen, um vieles mehr
als ich es fr mglich gehalten htte, von mir gewichen, und in diesen
Tagen hab ich harte Worte gegen Sie gebraucht, harte Worte, wenn ich mit
Victoiren sprach, und noch hrtere, wenn ich mit mir allein war. Ich
habe Sie kleinlich und hochmthig, eitel und bestimmbar gescholten, und
habe Sie, was das Schlimmste war, der Undankbarkeit und der _lchet_
geziehen. Und das beklag ich jetzt, und schme mich einer Stimmung, die
mich unsre Vergangenheit so vergessen lassen konnte.

Sie schwieg einen Augenblick. Aber als Schach antworten wollte, litt
sie's nicht und sagte: Nur ein Wort noch. Alles was ich in jenen Tagen
gesagt und gedacht habe, bedrckte mich, und verlangte nach dieser
Beichte. Nun erst ist alles wieder klar zwischen uns, und ich kann Ihnen
wieder frei ins Auge sehen. Aber nun genug. Kommen Sie. Man wird uns
ohnehin schon vermit haben.

Und sie nahm seinen Arm und scherzte: Nicht wahr? _On revient toujours
 ses premiers amours._ Und ein Glck, da ich es Ihnen lachend
aussprechen kann, und in einem Momente reiner und ganzer Freude.

Victoire trat Schach und ihrer Mama von dem Eckzimmer her entgegen, und
sagte: Nun, was war es?

Eine Liebeserklrung.

Ich dacht es. Und ein Glck, Schach, da wir morgen reisen. Nicht wahr?
Ich mchte der Welt um keinen Preis das Bild einer eiferschtigen
Tochter geben.

Und Mutter und Tochter nahmen auf dem Sopha Platz, wo sich Alvensleben
und Nostitz ihnen gesellten.

In diesem Augenblick wurde Schach der Wagen gemeldet, und es war als ob
er sich bei dieser Meldung verfrbe. Frau von Carayon sah es auch. Er
sammelte sich aber rasch wieder, empfahl sich, und trat in den Korridor
hinaus, wo der kleine Groom mit Mantel und Hut auf ihn wartete. Victoire
war ihm bis an die Treppe hinaus gefolgt, auf der noch vom Hof her ein
halber Tagesschein flimmerte.

Bis auf morgen, sagte Schach, und trennte sich und ging.

Aber Victoire beugte sich weit ber das Gelnder vor und wiederholte
leise: Bis auf morgen. Hrst Du?.... Wo sind wir morgen?

Und siehe, der se Klang ihrer Stimme verfehlte seines Eindrucks
=nicht=, auch in =diesem= Augenblicke nicht. Er sprang die Stufen wieder
hinauf, umarmte sie, wie wenn er Abschied nehmen wolle fr immer, und
kte sie.

Auf Wiedersehn, Mirabelle.

Und nachhorchend hrte sie noch seinen Schritt auf dem Flur. Dann fiel
die Hausthr ins Schlo, und der Wagen rollte die Strae hinunter.

Auf dem Bocke saen Ordonnanz Baarsch und der Groom, von denen jener
sich's eigens ausbedungen hatte, seinen Rittmeister und Gutsherrn an
diesem seinem Ehrentage fahren zu drfen. Was denn auch ohne weiteres
bewilligt worden war. Als der Wagen aus der Behren- in die
Wilhelmsstrae einbog, gab es einen Ruck oder Schlag, ohne da ein Sto
von unten her versprt worden wre.

_Damm_, sagte Groom. _What's that?_

Wat et is? Wat soll et sind, Kleener? En Steen is et; en doter
Feldwebel.

_Oh no_, Baarsch. Nich _stone. 't was something .... dear me .... like
shooting._

Schuting? Na nu.

_Yes; pistol-shooting...._

Aber der Satz kam nicht mehr zu Ende, denn der Wagen hielt vor Schachs
Wohnung, und der Groom sprang in Angst und Eile vom Bock, um seinem
Herrn beim Aussteigen behilflich zu sein. Er ffnete den Wagenschlag,
ein dichter Qualm schlug ihm entgegen, und Schach sa aufrecht in der
Ecke, nur wenig zurckgelehnt. Auf dem Teppich zu seinen Fen lag das
Pistol. Entsetzt warf der Kleine den Schlag wieder ins Schlo und
jammerte: _Heavens, he is dead._

Die Wirthsleute wurden alarmirt, und so trugen sie den Todten in seine
Wohnung hinauf.

Baarsch fluchte und flennte, und schob alles auf die Menschheit, weil
er's aufs Heirathen zu schieben nicht den Muth hatte. Denn er war eine
diplomatische Natur wie alle Bauern.




Zwanzigstes Kapitel.

Blow an Sander.


=Knigsberg=, 14. Sept. 1806. ....Sie schreiben mir, lieber Sander,
auch von Schach. Das rein Thatschliche wut ich schon, die Knigsberger
Zeitung hatte der Sache kurz erwhnt, aber erst Ihrem Briefe verdank ich
die Aufklrung, so weit sie gegeben werden kann. Sie kennen meine
Neigung (und dieser folg ich auch heut), aus dem Einzelnen aufs Ganze zu
schlieen, aber freilich auch umgekehrt aus dem Ganzen aufs Einzelne,
was mit dem Generalisiren zusammenhngt. Es mag das sein Miliches haben
und mich oft zu weit fhren. Indessen wenn jemals eine Berechtigung dazu
vorlag, so hier, und speziell =Sie= werden es begreiflich finden, da
mich dieser Schach-Fall, der nur ein Symptom ist, um eben seiner
symptomatischen Bedeutung willen aufs ernsteste beschftigt. Er ist
durchaus Zeiterscheinung, aber wohlverstanden mit lokaler Begrenzung,
ein in seinen Ursachen ganz abnormer Fall, der sich in dieser Art und
Weise nur in Seiner Kniglichen Majestt von Preuen Haupt- und
Residenzstadt, oder, wenn ber diese hinaus, immer nur in den Reihen
unsrer nachgeborenen fridericianischen Armee zutragen konnte, einer
Armee, die statt der Ehre nur noch den Dnkel, und statt der Seele nur
noch ein Uhrwerk hat -- ein Uhrwerk, das bald genug abgelaufen sein
wird. Der groe Knig hat diesen schlimmen Zustand der Dinge
vorbereitet, aber da er =so= schlimm werden konnte, dazu muten sich
die groen Knigsaugen erst schlieen, vor denen bekanntermaen jeder
mehr erbangte, als vor Schlacht und Tod.

Ich habe lange genug dieser Armee angehrt, um zu wissen da 'Ehre' das
dritte Wort in ihr ist; eine Tnzerin ist charmant 'auf Ehre', eine
Schimmelstute magnifique 'auf Ehre', ja, mir sind Wucherer empfohlen und
vorgestellt worden, die sperb 'auf Ehre' waren. Und dies bestndige
Sprechen von Ehre, von einer falschen Ehre, hat die Begriffe verwirrt
und die richtige Ehre todt gemacht.

All das spiegelt sich auch in diesem Schach-Fall, in Schach selbst, der,
all seiner Fehler unerachtet, immer noch einer der besten war.

Wie lag es denn? Ein Offizier verkehrt in einem adligen Hause; die
Mutter gefllt ihm, und an einem schnen Maitage gefllt ihm auch die
Tochter, vielleicht, oder sagen wir lieber sehr wahrscheinlich, weil ihm
Prinz Louis eine halbe Woche vorher einen Vortrag ber _beaut du
diable_ gehalten hat. Aber gleichviel, sie gefllt ihm, und die Natur
zieht ihre Konsequenzen. Was, unter so gegebenen Verhltnissen, wre nun
wohl einfacher und natrlicher gewesen, als Ausgleich durch einen
Eheschlu, durch eine Verbindung, die weder gegen den ueren Vortheil,
noch gegen irgend ein Vorurtheil verstoen htte. Was aber geschieht? Er
flieht nach Wuthenow, einfach weil das holde Geschpf, um das sich's
handelt, ein paar Grbchen mehr in der Wange hat, als gerade modisch
oder herkmmlich ist, und weil diese paar Grbchen zuviel unsren
glatten und wie mit Schachtelhalm polirten Schach auf vier Wochen in
eine von seinen Feinden bewitzelte Stellung htten bringen knnen. Er
flieht also, sag ich, lst sich feige von Pflicht und Wort, und als ihn
schlielich, um ihn selber sprechen zu lassen, sein Allergndigster
Knig und Herr an Pflicht und Wort erinnert und strikten Gehorsam
fordert, da gehorcht er, aber nur, um im Momente des Gehorchens den
Gehorsam in einer allerbrskesten Weise zu brechen. Er kann nun mal
Zietens spttischen Blick nicht ertragen, noch viel weniger einen neuen
Ansturm von Karrikaturen, und in Angst gesetzt durch einen Schatten,
eine Erbsenblase, greift er zu dem alten Auskunftsmittel der
Verzweifelten: _un peu de poudre_.

Da haben Sie das Wesen der falschen Ehre. Sie macht uns abhngig von dem
Schwankendsten und Willkrlichsten, was es giebt, von dem auf Triebsand
aufgebauten Urtheile der Gesellschaft, und veranlat uns, die heiligsten
Gebote, die schnsten und natrlichsten Regungen eben diesem
Gesellschaftsgtzen zum Opfer zu bringen. Und diesem Kultus einer
falschen Ehre, die nichts ist als Eitelkeit und Verschrobenheit, ist
denn auch Schach erlegen, und Greres als er wird folgen. Erinnern Sie
sich dieser Worte. Wir haben wie Vogel Strau den Kopf in den Sand
gesteckt, um nicht zu hren und nicht zu sehen. Aber diese
Strauenvorsicht hat noch nie gerettet. Als es mit der Mingdynastie zur
Neige ging und die siegreichen Mandschuheere schon in die Palastgrten
von Peking eingedrungen waren, erschienen immer noch Boten und
Abgesandte, die dem Kaiser von Siegen und wieder Siegen meldeten, weil
es gegen 'den Ton' der guten Gesellschaft und des Hofes war, von
Niederlagen zu sprechen. O, dieser gute Ton! Eine Stunde spter war ein
Reich zertrmmert und ein Thron gestrzt. Und warum? weil alles
Geschraubte zur Lge fhrt und alle Lge zum Tod.

Entsinnen Sie sich des Abends in Frau von Carayons Salon, wo bei dem
Thema '_Hannibal ante portas_' Aehnliches ber meine Lippen kam? Schach
tadelte mich damals als unpatriotisch. Unpatriotisch! Die Warner sind
noch immer bei diesem Namen genannt worden. Und nun! Was ich damals als
etwas blos Wahrscheinliches vor Augen hatte, jetzt ist es =thatschlich=
da. Der Krieg ist erklrt. Und was das bedeutet, steht in aller
Deutlichkeit vor meiner Seele. Wir werden an derselben Welt des Scheins
zu Grunde gehn, an der Schach zu Grunde gegangen ist. Ihr =Blow=.

=Nachschrift.= Dohna (frher bei der Garde du Corps), mit dem ich eben
ber die Schachsche Sache gesprochen habe, hat eine Lesart, die mich an
frhere Nostitzsche Mittheilungen erinnerte. Schach habe die Mutter
geliebt, was ihn, in einer Ehe mit der Tochter, in seltsam peinliche
Herzenskonflikte gefhrt haben wrde. Schreiben Sie mir doch darber.
Ich persnlich find es pikant, aber nicht zutreffend. Schachs Eitelkeit
hat ihn zeitlebens bei voller Herzenskhle gehalten, und seine
Vorstellungen von Ehre (hier ausnahmsweise die richtige) wrden ihn
auerdem, wenn er die Ehe mit der Tochter wirklich geschlossen htte,
vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B.




Einundzwanzigstes Kapitel.

Victoire von Schach an Lisette von Perbandt.


=Rom=, 18. August 1807. _Ma chre Lisette._

Da ich Dir sagen knnte, wie gerhrt ich war ber so liebe Zeilen! Aus
dem Elend des Krieges, aus Krnkungen und Verlusten heraus, hast Du mich
mit Zeichen alter, unvernderter Freundschaft berschttet und mir meine
Versumnisse nicht zum Ueblen gedeutet.

Mama wollte mehr als einmal schreiben, aber ich selber bat sie, damit zu
warten.

Ach, meine theure Lisette, Du nimmst Theil an meinem Schicksal und
glaubst, der Zeitpunkt sei nun da, mich gegen Dich auszusprechen. Und Du
hast Recht. Ich will es thun, so gut ich's kann.

Wie sich das alles erklrt? fragst Du und setzest hinzu: Du stndest
vor einem Rthsel, das sich Dir nicht lsen wolle. Meine liebe Lisette,
wie lsen sich die Rthsel? Nie. Ein Rest von Dunklem und Unaufgeklrtem
bleibt, und in die letzten und geheimsten Triebfedern andrer oder auch
nur unsrer eignen Handlungsweise hineinzublicken, ist uns versagt. Er
sei, so versichern die Leute, der schne Schach gewesen, und ich, das
Mindeste zu sagen, die nicht-schne Victoire, -- das habe den Spott
herausgefordert, und diesem Spotte Trotz zu bieten, dazu habe er nicht
die Kraft gehabt. Und so sei er denn aus Furcht vor dem Leben in den Tod
gegangen.

So sagt die Welt, und in vielem wird es zutreffen. Schrieb er mir doch
hnliches und verklagte sich darber. Aber wie die Welt strenger gewesen
ist, als nthig, so vielleicht auch er selbst. Ich seh es in einem
andern Licht. Er wute sehr wohl, da aller Spott der Welt schlielich
erlahmt und erlischt, und war im Uebrigen auch Manns genug, diesen Spott
zu bekmpfen, im Fall er =nicht= erlahmen und =nicht= erlschen wollte.
Nein, er frchtete sich nicht vor diesem Kampf, oder wenigstens nicht
so, wie vermuthet wird; aber eine kluge Stimme, die die Stimme seiner
eigensten und innersten Natur war, rief ihm bestndig zu, da er diesen
Kampf =umsonst= kmpfen, und da er, wenn auch siegreich gegen die Welt,
=nicht= siegreich gegen sich selber sein wrde. =Das= war es. Er gehrte
durchaus, und mehr als irgendwer, den ich kennen gelernt habe, zu =den=
Mnnern, die =nicht= fr die Ehe geschaffen sind. Ich erzhlte Dir
schon, bei frherer Gelegenheit, von einem Ausfluge nach Tempelhof, der
berhaupt in mehr als einer Beziehung einen Wendepunkt fr uns
bedeutete. Heimkehrend aus der Kirche, sprachen wir ber Ordensritter
und Ordensregeln, und der ungesucht ernste Ton, mit dem er, trotz meiner
Neckereien, den Gegenstand behandelte, zeigte mir deutlich, welchen
Idealen er nachhing. Und unter diesen Idealen -- all seiner Liaisons
unerachtet, oder vielleicht auch um dieser Liaisons willen -- war
sicherlich =nicht= die Ehe. Noch jetzt darf ich Dir versichern, und die
Sehnsucht meines Herzens ndert nichts an dieser Erkenntni, da es mir
schwer, ja fast unmglich ist, ihn mir _au sein de sa famille_
vorzustellen. Ein Kardinal (ich seh ihrer hier tglich) lt sich eben
nicht als Ehemann denken. Und Schach auch nicht.

Da hast Du mein Bekenntni, und hnliches mu er selber gedacht und
empfunden haben, wenn er auch freilich in seinem Abschiedsbriefe darber
schwieg. Er war seiner ganzen Natur nach auf Reprsentation und
Geltendmachung einer gewissen Grandezza gestellt, auf mehr =uerliche=
Dinge, woraus Du sehen magst, da ich ihn nicht berschtze. Wirklich,
wenn ich ihn in seinen Fehden mit Blow immer wieder und wieder
unterliegen sah, so fhlt ich nur zu deutlich, da er weder ein Mann von
hervorragender geistiger Bedeutung, noch von superiorem Charakter sei;
zugegeben das alles; und doch war er andererseits durchaus befhigt,
innerhalb enggezogener Kreise zu glnzen und zu herrschen. Er war wie
dazu bestimmt, der Halbgott eines prinzlichen Hofes zu sein, und wrde
diese Bestimmung, Du darfst darber nicht lachen, nicht blo zu seiner
persnlichen Freude, sondern auch zum Glck und Segen andrer, ja vieler
anderer, erfllt haben. Denn er war ein guter Mensch, und auch klug
genug, um immer das Gute zu wollen. An dieser Laufbahn als ein
prinzlicher Liebling und Plenipotentiaire, htt ich ihn verhindert, ja,
htt ihn, bei meinen anspruchslosen Gewohnheiten, aus all und jeder
Karrire herausgerissen und ihn nach Wuthenow hingezwungen, um mit mir
ein Spargelbeet anzulegen oder der Kluckhenne die Kchelchen
wegzunehmen. Davor erschrak er. Er sah ein kleines und beschrnktes
Leben vor sich, und war, ich will nicht sagen auf ein groes gestellt,
aber doch auf ein solches, das =ihm= als gro erschien.

Ueber meine Nichtschnheit wr er hinweggekommen. Ich hab' ihm, ich
zgre fast es niederzuschreiben, nicht eigentlich mifallen, und
vielleicht hat er mich wirklich geliebt. Befrag ich seine letzten, an
mich gerichteten Zeilen, so wr es in Wahrheit so. Doch ich mitraue
diesem sen Wort. Denn er war voll Weichheit und Mitgefhl, und alles
Weh, was er mir bereitet hat, durch sein Leben und sein Sterben, er
wollt es ausgleichen, so weit es auszugleichen war.

Alles Weh! Ach wie so fremd und strafend mich dieses Wort ansieht! Nein,
meine liebe Lisette, nichts von Weh. Ich hatte frh resignirt, und
vermeinte kein Anrecht an jenes Schnste zu haben, was das Leben hat.
Und nun hab ich es gehabt. Liebe. Wie mich das erhebt und durchzittert,
und alles Weh in Wonne verkehrt. Da liegt das Kind und schlgt eben die
blauen Augen auf. =Seine= Augen. Nein, Lisette, viel Schweres ist mir
auferlegt worden, aber es federt leicht in die Luft, gewogen neben
meinem Glck.--

Das Kleine, Dein Pathchen, war krank bis auf den Tod, und nur durch ein
Wunder ist es mir erhalten geblieben.

Und davon mu ich Dir erzhlen.

Als der Arzt nicht mehr Hlfe wute, ging ich mit unserer Wirthin (einer
chten alten Rmerin in ihrem Stolz und ihrer Herzensgte) nach der
Kirche Araceli hinauf, einem neben dem Kapitol gelegenen alten
Rundbogenbau, wo sie den 'Bambino,' das Christkind, aufbewahren, eine
hlzerne Wickelpuppe mit groen Glasaugen und einem ganzen Diadem von
Ringen, wie sie dem Christkind, um seiner gespendeten Hlfe willen, von
unzhligen Mttern verehrt worden sind. Ich bracht ihm einen Ring mit,
noch eh ich seiner Frsprache sicher war, und dieses Zutrauen mu den
Bambino gerhrt haben. Denn sieh, er half. Eine Krisis kam unmittelbar,
und der Dottore verkndigte sein '_va bene_'; die Wirthin aber lchelte,
wie wenn sie selber das Wunder verrichtet htte.

Und dabei kommt mir die Frage, was wohl Tante Marguerite, wenn sie davon
hrte, zu all dem 'Aberglauben' sagen wrde? Sie wrde mich vor der
'alten Krche' warnen, und mit =mehr= Grund, als sie wei.

Denn nicht nur =alt= ist Araceli, sondern auch trostreich und labevoll,
und khl und schn.

Sein Schnstes aber ist sein Name, der '=Altar des Himmels=' bedeutet.
Und auf diesem Altar steigt tagtglich das Opfer meines Dankes auf.




Verlag von F. Fontane & Co. -- Berlin W 35


Unentbehrlich fr jeden Gebildeten, der sich ber die
litterarische Bewegung des In- und Auslandes auf
dem Laufenden halten will, ist

Das litterarische Echo

Halbmonatsschrift fr Litteraturfreunde

Herausgeber: Dr. =Josef Ettlinger=

Dritter Jahrgang

Sammel-Organ fr alle litterarischen Interessen

Essais, Biographien, Kritiken aus angesehenen Federn * Litteraturbriefe
aus allen Kulturlndern * Gedrngte Revue der in- und auslndischen
Zeitschriften * Vollstndige Bibliographie * Portrts * Proben aus neu
erscheinenden Werken * Nachrichten

In der ~Zeitschrift f. deutschen Unterricht~ (Leipzig, B.G. Teubner)
vom Februar 1899 widmete deren Herausgeber Prof. ~Dr. Otto Lyon~ dem
Litt. Echo eine dritthalb Seiten lange Besprechung, in der es u.a.
heit:

Das gesamte litterarische Leben unserer Nation wie in einem Spiegel
zusammenzufassen und den Litteraturfreunden so die Mglichkeit zu
verschaffen, dieses eigenartige und intime geistige Leben unseres Volkes
zu berschauen und mit lebendigem Anteil zu verfolgen, ist der Zweck der
vorliegenden neuen Zeitschrift. ~Da eine solche Zeitschrift eine
unbedingte Notwendigkeit fr unsere Zeit ist~, wird jeder zugestehen,
der mit uns der Meinung ist, da in unserem Zeitalter nur das Volk auf
die Dauer lebens- und leistungsfhig bleibt, das durch das gemeinsame
Bindemittel einer tiefgehenden litterarischen Bildung fest
zusammengekittet wird ... darum ist es heute vielleicht unsere
allerwichtigste Aufgabe, die Kreise der Gebildeten unseres Volkes fr
dessen Litteratur ~nachdrcklich zu interessieren~ und so unser Volk vor
Verflachung und gigerlhafter Verbldung, die uns leider in den Straen
und Gesellschaftsslen unserer Hauptstdte schon vielfach entgegentritt,
zu bewahren. Eines fehlt gerade den magebenden Kreisen unseres Volkes
vielfach noch in groem Mae: Die Fhigkeit litterarisch zu genieen und
die zu litterarischem Genu drngende E- oder Trinklust. Zu dieser mu
unser Volk seinem grten Teile nach erst erzogen werden, die Aufgabe,
eine solche Erziehung anzubahnen und in die rechten Formen zu leiten,
will die vorliegende Zeitschrift zu lsen versuchen. Ich glaube, dieses
Ziel ist so hoch und gro, da alle, die unser Volk und sein geistiges
Leben lieben, sich freudig in den Dienst dieses reinen Strebens stellen
werden. Und ~jeder, der zur Verbreitung dieser Zeitung beitrgt, hilft
an der Erreichung des weitgesteckten Zieles thatkrftig mitarbeiten~. --
Und diese Zeitschrift verdient es, da sie die ~weiteste Verbreitung vor
allem auch in Lehrer- und Schulkreisen~, den berufenen Erziehern unseres
Volkes, findet u.s.w.

Preis vierteljhrlich Mark 3.--

Probenummern kostenfrei

Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postmter




Verlag von ~Wilhelm Hertz~ in Berlin W 9.

Werke von Theodor Fontane.


Gedichte.

Sechste Auflage.

=Mit einem Bildni.=

8o. 462 Seiten.

~Preis brosch. 5 M., geb. in
Leinw. 6 M.~


Vor dem Sturm.

Roman aus dem Winter
1812 auf 1813.

Dritte, wohlfeile Volksausgabe in
1 Bande, 8o. 773 Seiten.

~Preis brosch. 4 M., geb. in
Leinw. 5 M.~


Quitt.

Roman.

8o. 338 Seiten.

~Preis brosch. 5 M., geb. in
Leinw. 6 M.~


Grete Minde.

Nach einer altmrkischen Chronik.

Zweite Auflage.

kl. 8o. 154 Seiten.

~Preis brosch. 3 M., geb. in
Leinw. 4 M.~


Unwiederbringlich.

Roman.

Dritte Auflage.

8o. 343 Seiten.

~Preis brosch. 4 M., geb. in
Leinw. 5 M.~


Ellernklipp.

Nach einem Harzer Kirchenbuch.

Zweite Auflage.

8o. 190 Seiten.

~Preis brosch. 3 M., geb. in
Leinw. 4 M.~


Wanderungen durch die Mark Brandenburg.

4 Bnde. ~Wohlfeile Ausgabe.~

~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M.~

    I. ~Die Grafschaft Ruppin.~ (559S.)

   II. ~Das Oderland.~ Barnim-Lebus. (506S.)

  III. ~Havelland.~ Die Landschaft um Spandau, Potsdam,
       Brandenburg. (485S.)

   IV. ~Spreeland.~ Beeskow-Storkow u. Barnim-Teltow. (459S.)


Fnf Schlsser.

Altes und Neues aus Mark Brandenburg.

8o. 468 Seiten.

~Preis brosch. 7 M., geb. in Leinw. 8 M. 20Pf.~

=Inhalt:=
Quitzwel. -- Plaue a.B. -- Hoppenrade. -- Liebenberg. -- Dreilinden.


Christian Friedrich Scherenberg
und das litterarische Berlin von 1840 bis 1860.

8o. 260 Seiten.

~Preis brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M. 20Pf.~




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  der in der Taille knapp anschlieende Rock von niederlndischen Tuche
  der in der Taille knapp anschlieende Rock von niederlndischem Tuche

  Kalenbergs und der Lneburger Haide. _Nomen et omen._ Es ist der Sitz
  Kalenbergs und der Lneburger Haide. _Nomen est omen._ Es ist der Sitz

  man jetzt deutlich erkennen konnte, da ihr feines Profil, einst dem der
  man jetzt deutlich erkennen konnte, da ihr feines Profil einst dem der

  rthselhaftesten aber aber ist es mir, da sich Iffland dafr
  rthselhaftesten aber ist es mir, da sich Iffland dafr

  Iffland ein Freimaurer.
  Iffland, ein Freimaurer.

  Es war Alvensleben, an dem sich die Frage gerichtet hatte. Zu weit? O,
  Es war Alvensleben, an den sich die Frage gerichtet hatte. Zu weit? O,

  tagein auf einem Drehschemmel ritt, und seine Befehle (gewhnlich nur ein
  tagein auf einem Drehschemel ritt, und seine Befehle (gewhnlich nur ein

  schon wieder schreit, und ob die Schulmeisters Tochter noch so lange
  schon wieder schreit, und ob die Schulmeisterstochter noch so lange

  Wie das? wiederholte Nostiz. Was doch die Gelehrten, und wenn es
  Wie das? wiederholte Nostitz. Was doch die Gelehrten, und wenn es

  Sie tuschen sich, Nostiz, wenn Sie daraus auf eine Partie schlieen.
  Sie tuschen sich, Nostitz, wenn Sie daraus auf eine Partie schlieen.

  gebessert, sondern auch die Luft, Alles in allem ein so schner Tag, wie
  gebessert, sondern auch die Luft. Alles in allem ein so schner Tag, wie

  von den Fernenstehenden entweder berhrt oder aber mit Gleichgltigkeit
  von den Fernerstehenden entweder berhrt oder aber mit Gleichgltigkeit

  ebengenannter Kirche, eitens des hochseligen Knigs seinem Sohne, dem
  ebengenannter Kirche, seitens des hochseligen Knigs seinem Sohne, dem

  wre lieber am Kaffetische zurckgeblieben, als ihr aber der zu
  wre lieber am Kaffeetische zurckgeblieben, als ihr aber der zu

  Victoriens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstrae hinaus, whrend
  Victoirens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstrae hinaus, whrend

  und keine Trauerbirken sind. _A propos_ ber das Birkenwasser mu Du
  und keine Trauerbirken sind. _A propos_ ber das Birkenwasser mut Du

  Regiment werden Sie noch Nostiz und Alvensleben treffen. Im
  Regiment werden Sie noch Nostitz und Alvensleben treffen. Im

  Nostiz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am
  Nostitz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am

  jenem Impromptus und witzigen Einfllen auf dem Gebiete des Grausigen,
  jenen Impromptus und witzigen Einfllen auf dem Gebiete des Grausigen,

  der Lage. 'Wozu hier ein sich Abmhen _en dtail_? Und er befahl mit
  der Lage. 'Wozu hier ein sich Abmhen _en dtail_?' Und er befahl mit

  'Genie' -- nun, in dem russisch-stereichischen Tornister ist dieser
  'Genie' -- nun, in dem russisch-sterreichischen Tornister ist dieser

  so viele Schnheitskategorien gebracht habe: _beaut coquettte_ und
  so viele Schnheitskategorien gebracht habe: _beaut coquette_ und

  Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostiz skandirte:
  Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostitz skandirte:

  im Lande Preuen heit es '_pianissimo_.'
  im Lande Preuen heit es '_pianissimo_.'

  worden, und unter ihren weit niederhngenden Frangen hinweg, sah man,
  worden, und unter ihren weit niederhngenden Fransen hinweg, sah man,

  angenehm war. Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den
  angenehm war. Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den

  Knigliche Hoheit halten zu Gnaden, entgegnete Nostiz, aber es
  Knigliche Hoheit halten zu Gnaden, entgegnete Nostitz, aber es

  fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren Alles was Ihnen dabei
  fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren. Alles was Ihnen dabei

  Nostiz und Sander lchelten und nickten.
  Nostitz und Sander lchelten und nickten.

  Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflotille, die wohl
  Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflottille, die wohl

  heftig, aber wenigstens =so=, da ich das Theater aufgeben mute Der
  heftig, aber wenigstens =so=, da ich das Theater aufgeben mute. Der

  Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoiren, um dieser
  Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoire, um dieser

  Welchen meinst Du, liebe Tante.
  Welchen meinst Du, liebe Tante?

  Dieser erhob sich und sagte, whrend er sich leicht auf der Stuhllene
  Dieser erhob sich und sagte, whrend er sich leicht auf der Stuhllehne

  Schlittenfahrt Angenommen?
  Schlittenfahrt. Angenommen?

  Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _charte blanche_, Sie sind
  Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _carte blanche_, Sie sind

  Nach Festsetzungen wie diese, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag
  Nach Festsetzungen wie diesen, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag

  abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen
  abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen.

  Ich meinseits bin emprt. =Nicht= Schachs halber, der diesen 'Schach
  Ich meinerseits bin emprt. =Nicht= Schachs halber, der diesen 'Schach

  nimmt
  nimmt.

  Husern und und Htten war alles lngst in tiefem Schlaf, und nur aus den
  Husern und Htten war alles lngst in tiefem Schlaf, und nur aus den

  'Regen bedt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tffeln bruken't.'
  'Regen bedt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tffeln bruken't.'

  'Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.'
  'Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.'

  Wiederschein glhten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See
  Widerschein glhten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See

  Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!
  Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!

  Einer Mittheilung Herrn von Alvensleben entnehme ich, da Sie, mein
  Einer Mittheilung Herrn von Alvenslebens entnehme ich, da Sie, mein

  auf Mittwoch! Josephine von Carayon.
  auf Mittwoch! Josephine von Carayon.

  mon chr General._
  mon cher General._

  und fuhr dann fort: Kckeritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr=
  und fuhr dann fort: Kckritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr=

  Ich habe lange genug dieser Armee angehrt, um zu wissen 'da Ehre' das
  Ich habe lange genug dieser Armee angehrt, um zu wissen da 'Ehre' das

  vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B.
  vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B.

  berhaupt in mehr als einer Beziehung ein Wendepunkt fr uns
  berhaupt in mehr als einer Beziehung einen Wendepunkt fr uns

  Und auf diesem Altar steigt tagtglich das Opfer meines Dankes auf.
  Und auf diesem Altar steigt tagtglich das Opfer meines Dankes auf.

  Verflachung und gigerlhafte Verbldung, die uns leider in den Straen
  Verflachung und gigerlhafter Verbldung, die uns leider in den Straen

  Nach einer altmrkischen Chronik
  Nach einer altmrkischen Chronik.

  ~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 Mk.~
  ~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M.~

  ]






End of the Project Gutenberg EBook of Schach von Wuthenow, by Theodor Fontane

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHACH VON WUTHENOW ***

***** This file should be named 36905-8.txt or 36905-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/3/6/9/0/36905/

Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
book was produced from scanned images of public domain
material from the Google Print project.)


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.net/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.net

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.net),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.net

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
