The Project Gutenberg EBook of Wartalun, by Waldemar Bonsels

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Title: Wartalun
       Der Niedergang eines Geschlechts

Author: Waldemar Bonsels

Release Date: January 23, 2012 [EBook #38650]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WARTALUN ***




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                                Wartalun

                    Der Niedergang eines Geschlechts

                                  Roman
                                   von
                            Waldemar Bonsels


                       Im Verlag Ullstein  Berlin


          Umschlagbild: Leila Hyams. Fot. Metro-Goldwyn-Mayer.
   Alle Rechte sind streng vorbehalten, besonders das der bersetzung
             Copyright 1917 by Schuster & Loeffler, Berlin




Erstes Kapitel


Afra lag in der Mittagssonne im Korn. ber ihr bewegte sich im
tiefblauen Himmel eine groe rote Mohnblte, nur ein klein wenig und so
feierlich, wie es zu der Ruhe stimmte, die weit umher herrschte. Hin und
wieder schaukelte ein Schmetterling vorber, trunken von der Wrme und
vom Licht, und sein Schatten huschte ber das helle Kleid des jungen
Mdchens. Neben ihr lag ein breitrandiger gelber Sommerhut mit blauen
hngenden Bndern auf den hren, drckte sie sacht ein wenig nieder und
spendete der ruhenden Stirn und den grauen Augen unter sich Schatten.

Afra verscheuchte die Trume, die mit dem warmen Licht und der
willkommenen Mdigkeit des Sommermittags kamen, sie dachte in bitterer
Betrbnis daran, da der Schloherr von Wartalun gestorben und mit ihm
eine Zeit gesicherter Lebensarbeit und geordneter Verhltnisse fr sie
und fr ihren Vater vergangen war. Es war alles ungewi geworden. Es
machte mimutig, nicht zu wissen, was sich tun lie, nicht zu wissen,
welche Vorteile fr ihren Vater und fr sie aus den Vernderungen
erwachsen wrden, und die neue Herrschaft nicht zu kennen, die erwartet
wurde.

Sie betrachtete die rote Mohnblte, die im warmen Sommerwind
schaukelte, hob langsam ihre braune Hand zu ihr empor, knickte
gedankenlos den grnen Stiel mit seinen winzigen hellen Hrchen und
entbltterte ber ihren ernsten Augen die Blume. Es sank mit lichten
Purpurflgeln auf ihr Kleid und blieb wie Blut und Feuer in der zornigen
Sonne liegen.

Eine Lerche stieg auf. Afra wandte den Blick, um den Vogel am Himmel zu
finden, da sah sie zwischen den hren fern die grauen Schlotrme von
Wartalun aus den Eichen ragen, der eine trug einen Hahn, der andere das
seltsam verschnrkelte Doppelkreuz, das auch im Wappen des Geschlechts
zu finden war.

War Wartalun nicht ihr Eigentum gewesen, solange sie zurckdenken
konnte? Nun erst, wo vieles sich ndern sollte, lernte sie erkennen, da
sie alles allein der Gte des Verstorbenen verdankt hatte und da dieser
Reichtum ihrer Kindheit sein tgliches Geschenk gewesen war. Der Gedanke
qulte sie tief, das Bewutsein, da es Mchte gab, die ihr diese
Schtze rauben konnten, ohne sie zu fragen, ohne sie zu beachten, als
wre nicht mehr, was sie wnschte und was ihr gefiel, auch ihr Eigentum.

Sie trug Verlangen danach, den neuen Herrn zu sehen, jetzt gleich, in
diesem Augenblick, in dem sie litt. Da sein Kommen erst mit dem Abend
erwartet wurde, lie sie ihn beinahe hassen, ihn, der sich ihr nicht
zeigen wollte, mit dem sie abzurechnen hatte. Der Gedanke, da der
Verstorbene ihr einen Teil seines Besitzes htte hinterlassen knnen,
war ihr zuwider. Vielleicht das Forsthaus mit dem Buchenhain oder
Wendalen mit seinen Moorgrben ... ihr Vater hatte ihr besttigt: er
hat niemand so geliebt wie dich.

Sie dachte ohne Trauer an die letzten Monate. An den scheidenden Winter
und den kommenden Frhling mit seinen Strmen, seinem zgernden Einzug
in das ebene Land, das er ber Feldern, Grten und Rasenpltzen wie mit
den schimmernden Wogen eines leuchtenden Meeres berzogen hatte. Das war
die letzte Schnheit gewesen, die der alte Mann von der Terrasse des
Schlosses aus gesehen hatte, wo sie, an seinen Tragstuhl gelehnt, ber
seinen Schlaf wachte, ohne zu wissen, da es sein letzter war. Der Wind
vom Garten war warm und feucht gewesen und von Bltenduft schwer. Aber
eindringlicher als diese Stunde waren ihr die Winterabende im Gedchtnis
geblieben, an denen sie ihm zur eintnigen Melodie des Kaminfeuers hatte
vorlesen mssen. Dann hob er zuweilen die Hand als Zeichen, da sie
warten sollte, sah ihr in die Augen und fragte sie:

Hast du verstanden, was du eben ausgesprochen hast?

Sie nickte nachdenklich, weil sie fhlte, da er dies wnschte.

Einmal, whrend sie las, hrte sie, da er schluchzte, und hielt inne.
Ihre erstaunten Blicke schienen ihn zu enttuschen. Seine Bewegung
qulte sie, und vorsichtig senkte sie den Blick, um zu erfahren, was er
von ihr erwartete. Da begann er ihr von den mattgoldenen Tauben zu
erzhlen, die in den groen Wandteppich gewoben waren, gegen einen
verblaten blauen Himmel, in den die Zinnen einer alten Stadt ragten,
aus deren Toren Reiter auszogen. Die Decken ihrer Pferde waren aus
erloschenem Silber, und ihre Rstungen glnzten nicht mehr. Wollte er,
da sie die Trnen verga, die sie bei ihm gesehen hatte? Sie vermutete
es und fragte ihn, weshalb er geweint htte. Da antwortete er ihr in
einem Tonfall, den sie noch kaum bei ihm kannte:

Weil ich deine Stimme gehrt habe, als du last, und weil ich die
Bewegungen deiner Lippen sah und den Schein des Feuers in deinem hellen
Haar. Und weil ich die holde Mhe deiner Hand sah, als du die Seite des
Buchs umwendetest. Ich sah auch deine Schultern, deine Knie und die Fe
am Saum deines Kleides. Du hast mir schon als ganz kleines Mdchen, kaum
da du gehen konntest, am Morgen frische Blumen aus dem Garten gebracht,
die dein Vater dir fr mich gab ... jeden Tag bin ich dir begegnet wie
dem Licht der Sonne, dem niemand entgeht, der atmet, aber ich bin
niemals deinem Herzen begegnet. Meine Trnen, nach deren Sinn du mich
gefragt hast, wirst du spt verstehen lernen, aber jede Liebe, die dir
in deinem Leben begegnet, wird sie aufheben und bewahren und zu Gott
bringen, zu dem ich gehe.

Sie hatte sich damals eine Weile besonnen, was er meinen knnte, und
sich gefragt, ob sie ihm Anla gegeben habe, mit ihr unzufrieden zu
sein. Aber im Grunde fhlte sie deutlich, da ihr etwas zugute gekommen
war und da der unerfllte Wunsch, den er ausgesprochen hatte, nicht zu
jenen gehrte, die sie erfllen konnte. --

Auf dem Feldweg knatterte ein Leiterwagen heran, und sie hrte ein Pferd
schnauben. Das rief sie aus ihren Erinnerungen in den hellen Tag zurck.
Sie nahm ihren Hut vom Korn und drckte ihn neben sich in die Halme,
damit der Fuhrmann sie nicht ersphen sollte, aber er sa zu hoch auf
seinem Heufuder, reckte den Hals nach ihr, lachte, als er sie erkannte,
und hielt die Pferde an.

Es war Martin. Er wute, wie alle Dienstboten, da Afra nicht hochmtig
war.

Du hast es gut, sagte er, als er vor ihr stand und die Kornhren mit
der Hand zur Seite bog. Ist es erlaubt, einzutreten?

Sie nickte, sah ihn an und blieb liegen.

Er lie sich dicht neben ihr nieder, nahm den Strohhut von der heien
Stirn und lchelte.

Einen Gru knntest du schon sagen ...

Gott ... machte sie lssig, und dann fgte sie mit forschenden Augen
hinzu:

Heute abend ...?

Das ist wahr, sagte er mit einer Miene, als empfinge er eine
betrbliche Nachricht, heute abend kommen sie.

Alle auf dem Gut dachten daran. Afra hrte mit an, wie Martin sich den
neuen Herrn vorstellte.

Pltzlich unterbrach sie ihn:

Du bist ein Narr, rief sie. Ihr seid alle Narren.

Weit du es besser?

Ihr alle seht den neuen Herrn in euren Gedanken so, wie ihr ihn euch zu
eurem Vorteil wnscht. Der Vater meint, da er eine Vorliebe fr neue
Treibhuser habe und Spalierobst bevorzugen wrde, der Verwalter faselt
von groem Geschick, einen Kornjuden zu berlisten, und der Frster
wei, da er Schmetterlinge im Flug mit der Kugel treffen kann.

Wie du sprichst ... sagte der Bursche. Man knnte glauben, da es so
im Katechismus steht.

Man sagt immer zu viel, meinte Afra nachdenklich, aber wenn man sich
langweilt ... man sollte sich nie langweilen.

Martin zog Kirschen aus der Rocktasche und bot ihr die roten Kugeln dar,
die an dnnen Stielen zwischen seinen Fingern hingen, aber sie kehrte
seine Hand um, ffnete sie und suchte langsam drei Frchte heraus. Dann
schob sie seine Hand zurck.

Ich will ihn sehen, sagte sie langsam, das ist es, was ich von ihm
wei. Und noch eins: er wird mich sehen. Sie lie langsam die Blicke
ber den jungen Burschen gleiten, beinahe ohne den Kopf zu wenden,
lchelte einsam und verschwieg, was sie noch hatte sagen wollen. Man
durfte nicht sprechen. Es war gut, fr sich zu behalten, was man wute.
Irgend etwas im Schatten seiner Augen und um seinen unbewachten Mund
verlockte sie, sich in seiner unwissenden Anteilnahme gehen zu lassen.
Aber dann dachte sie: er tut auch ohnehin, was ich will.

Martin empfand an Afras Seite etwas wie Wohlbehagen und Mistimmung
zugleich. Es mochte daher kommen, da er zu Lebzeiten des Grafen gewohnt
gewesen war, in Afra seine Herrin zu sehen, und da sie nun zu
seinesgleichen herabgesunken war. Wenigstens fr einige Zeit, fr diese
Tage der Ungewiheit und des bangen Harrens. Auch ihm ging es wie den
meisten der anderen, er war begierig, zu erfahren, was nun aus Afra
werden wrde. Er umkleidete sie in seinen Gedanken mit dem mrchenhaften
Zauberglanz von Macht und Reichtum, den die Liebe des alten Mannes um
sie gewoben hatte. Es konnte wohl sein, da alles, was seine Augen
sahen, das Schlo, die Wlder, der Ackergrund, auf dem er lag, und sein
eigenes Geschick in die Hnde gegeben waren, die er neben sich sah, wie
sie das blaue Band des Huts durch die Finger zogen. Und er wute auch,
da er diese Hand dort dicht neben der seinen ergreifen konnte, ohne da
Afra ihn daran hindern wrde. War es denn wirklich so? Es glhte in ihm
empor, sein Entschlu, es zu tun, qulte ihn eigensinnig, sein Wunsch,
dies Einfache zu tun, dies Unmgliche ...

Da tat er es, beinahe nur, um sich aus seiner unverstandenen Qual zu
befreien. Was wrde geschehen?

Nicht einmal mein Pferd ist sicher mein eigen, sagte Afra, ich habe
genommen, welches ich wollte. Wrdest du um eines bitten, wenn alle dir
erreichbar wren?

Es ist wahr, sagte er und zog seine Hand von der ihren, du konntest
tun, was du wolltest. Der neue Herr ...

Sprich nicht von ihm, warf Afra ein. Sie erhob sich, so da sie im
Korn sa, ordnete an ihrem Haar, das im Sonnenschein heller leuchtete
als die goldenen hren. Martin stand mit verdrossenem Gesicht auf.

Fhrst du mit? fragte er.

Sie stieg aufs Rad des Wagens und dann auf seine Schulter, mit raschem
weichem Fu, dessen Druck er erst zu verspren glaubte, als sie bereits
hoch im Heu sa und nur ein Zipfel ihres weien Kleids zu ihm
hinunterlachte.

Geh du nebenher! klang es aus dem Blau ber ihm, und so schritt er
neben dem Wagen dahin und rief den Pferden laute Worte zu.

Afra lag hoch und so, da niemand sie sah. Sie sttzte das Kinn in beide
Hnde, so da ihre Ellbogen sich ins Heu gruben, und blinzelte in den
Sonnenschein hinaus. Der ferne Wald zur Linken unter der Sonne lag in
einem feinen blauen Schleier, der sich von den Wiesen her zu ihm zu
heben schien. Sie schaute zu ihm hinber, als sei er ihr Ziel, whrend
der Wagen sie langsam, eingehllt in den Duft welken Grases und
vergangener Blumen, auf Wartalun zuschaukelte.




Zweites Kapitel


Nachts hrte Afra Pferdegetrappel im Hof, Hundebellen, Stimmen und das
Knarren eines Wagens. Der Lichtschein der Laternen drang vom Hof her
durch die kleinen Fenster ihres Stbchens ein, wanderte an der
Zimmerdecke und huschte rasch und ngstlich ber die Gegenstnde des
Raums. Sie erhob sich hastig und voll ruhloser Gedanken. Seit dem Tode
des alten Herrn hatte sie ein Stbchen im Hause ihres Vaters bezogen,
der als Grtner des Gutes im Wirtschaftsgebude eine Wohnung innehatte.
Sie hatte nicht gewagt, ihre Zimmer im Schlo, der fremden Herrschaft
gegenber als ihr Eigentum zu behaupten; verdrossen und beinahe
rachschtig wollte sie abwarten, ob man sich unterfangen wrde, ihr ihre
alten Rechte streitig zu machen, aber niemals htte sie ertragen knnen,
aus dem Hause gewiesen zu werden.

Leise ffnete sie einen Flgel des Fensters, der Lindenduft zog s und
schwl zu ihr herein. Die tiefhngenden ste des uralten Baumes, der
fast den ganzen Schlohof beschattete, verhllten ihr den Ausblick. Sie
erkannte nur die alte Staatskarosse des Hauses, hrte eine etwas
weinerliche, zarte Frauenstimme und Martins wenig ergebene Antworten auf
ihre unverstndlichen Fragen oder Befehle. Dann wurden im Schlo die
Fenster hell, erst im Speisesaal, dann unten in den Wohnrumen, so da
sie die weien Sulen der Terrasse schimmern sah, endlich im Zimmer des
alten Herrn und zuletzt sogar im Ahnensaal, dessen knarrende Torflgel
mit ihren geschnitzten Figuren sie zu sehen glaubte, als sie es hrte.

Dann wurde es langsam Fenster fr Fenster wieder dunkel, nur im
Treppenhaus glommen noch Lichter, und die Hunde kamen nicht zur Ruhe.
Sie sah noch Melchior, den alten Diener, mit gesenktem Haupt die Treppe
niedersteigen, offenbar besann er sich, als er die Hunde hrte, ob er
sie beruhigen msse; aber er lie es und verschwand in der Dunkelheit
mit dem letzten Licht. Afra dachte an die beunruhigten Hunde, die alle
an den Ketten lagen, die sonst die vertraute Nacht bevlkert und sie oft
auf einsamen Wegen begleitet hatten. Es war gewi nicht dieser Gedanke,
der sie so tief bewegte, aber pltzlich warf sie den Kopf hart auf die
Bank des offenen Fensters mit einem wilden, eigensinnigen Schluchzen.
Ihr war, als seien Ruber in das Schlo eingedrungen. Schliefen denn
umher alle diese Geduldigen, war keiner da, der ihrer gedachte, keiner,
der vor den rechtlosen Eindringling hintrat und gebieterisch auf Afra
wies, ihm bedeutend, da es gelte, mit ihr zu teilen. Zu teilen? Ein
kalter Zorn lie sie auffahren. Niemals wrde sie teilen, nie! Ihr war,
als msse sie aufspringen und hinauseilen durch den schlafenden
Schlogarten, weit hinaus bis an die dunkle Fichtenstrae, die zur
Begrbnisstatt des toten Herrn fhrte. Sie sah den eisernen Sarg mit
seinem einen Kranz aus Rosen, der lngst verwelkt war, den sie ihm hatte
winden mssen, denn nur sie sollte um ihn trauern, nur sie sollte ihn
fr seine letzte Fahrt mit Blumen schmcken. Sie sah sich an dem kalten
schweren Eisen rtteln: Wach auf, du, mit deiner Liebe zu mir, sie
stehlen dein Schlo, deine Macht, deine Liebe zu mir treten sie mit
Fen der Verachtung, und sie verhhnen mich, dein Glck.

Es regnete sacht in die blhende Linde, drauen in der Nacht, in der
auch der Tote schlief. Je mehr Afra sich vergegenwrtigte, was dieser
Todesschlaf bedeutete, um so heier stieg in ihr, wie eine brennende
junge Seligkeit, das Bewutsein dafr auf, da sie selbst lebte und da
sie stark und jung und schn war. Ihr war, als sei ihr Verhltnis zu dem
Toten, das er einst in bebender Ehrfurcht gerhmt hatte, nun um vieles
deutlicher und gezeichneter erstanden. War er nicht um vieles
benachteiligter als sie?

Im Einschlafen durchdachte sie ruhiger noch einmal die letzten Wochen,
die sie mit ihm durchlebt hatte, auf alle seine Aussagen hin, forschte
eifrig nach dem Sinn seiner traurigen Worte, die sie damals kaum
beachtet hatte, und prfte jedes daraufhin, wie weit es eine Verheiung
fr ihre Zukunft enthalten knnte. Sie sah seinen weien Bart dicht vor
sich, fhlte seine Greisenhnde auf ihrem Scheitel: Du arme Reiche,
sagte er. Und als sie schwieg: Wie hat meine Liebe zu dir mich reich
gemacht. Sag, was hast du denn von mir empfangen knnen?

Hie das nicht, da er bereit sei, noch viel zu geben?

Nun befahl sie Martin, ihr das Pferd zu satteln, das war schon im Traum.
Sie sa in ihrem Kleid aus hellem Tuch auf einem schwarzen Pferd, umritt
das Schlo, lockte die Hunde und strmte ber die Felder, die ihr
gehrten. In Wendalen erwarteten die Tagelhner sie in ihrem
Sonntagsstaat, verneigten sich, und die Kinder streuten Blumen. So hatte
sie es einst gesehen, als sie den Grafen an seinem letzten Namenstag
hinausbegleitet hatte. Nun lag er im Sarg, aber er schaute sie an und
lchelte zu all ihrem Tun. Damals, auf dem Heimweg, hatte er lange in
ihr Gesicht geschaut, das stolz, hei erhoben vom Glck des Tags und
bermtig beseligt gelchelt hatte. --

Als es Morgen wurde, hrte es auf zu regnen. Der junge Tag erhob in
khlem Wehen sein lichtes, blaues Leben, in dem alles in tiefer Stille
auf die aufgehende Sonne wartete. Die Haustiere und die Vgel im Garten
waren noch nicht erwacht, als Afra sich erhob und in einer ganz neuen,
zitternden Seligkeit an ihrem jungen Dasein langsam begann, sich an den
weit offenen Fenstern anzukleiden, die den Bltenduft der Linde und alle
Hoffnung der erneuten Erde zu ihr einlieen. Dies war die liebste Stunde
ihres Tags, in der niemand ihren erwachten Sinnen etwas streitig machte,
in der ihr alles zu eigen war, was sie sah, erdachte oder ersehnte. Sie
schaute vorgebeugt hinaus in den verschwiegenen Hof, auf dem noch nichts
sich regte, nur vor den Starenksten am Lindenstamm saen schon die
Alten, zum ersten Ausflug gerstet, und sie meinte die feinen Stimmchen
der Jungen zu hren, deren zarte Laute sich in das kaum vernehmbare
Flstern der Bltter mischten. Die Tore des Hofes waren noch
geschlossen. Die breiten Laubgnge des Efeus sahen wie dunkle
Verkleidungen am Mauerwerk aus, wie schwere, grne, zerfetzte Teppiche,
die das Alter des dicken Gemuers verhllten. Er war beinahe ein wenig
eng, dieser Hof, aber seine hohe Eingeschlossenheit und seine Schatten
von den Wnden des Hauses gegen Westen verliehen ihm eine traumhafte
Versunkenheit, die durch die Farben der Zeit und durch die Zinnen der
Mauern in dieser Stille in das Bereich alter Mrchen gerckt wurde.

Afras blondes Haar war so schwer und weich wie alte Seide. In der
Ahnengalerie des Herrenhauses, dicht unter der getfelten Decke hing das
Bildnis einer jungen Frau, deren Haare den ihren glichen. Auch sie
hatten diesen seltsamen gedmpften Glanz von Kupfer und Asche, der sich,
ins Licht getaucht, in ein beinahe farbloses Gold verwandeln konnte und
der aus Stirn und Schlfen hervorbrach, fast ohne da man erkannte, wo
der Wuchs der Haare begann. Aber den hochherzig versunkenen Blick der
lngst Verstorbenen hate Afra, wie auch ihren kleinen lieblichen Mund,
dessen Trotz ihr tricht erschien, weil er nichts verbarg. Ihr eigener
Mund war breit und fast ein wenig zu gro, und da niemand ihr noch
gesagt hatte, welch betrender Zauber voll Lebenssigkeit und
Daseinswonnen sich in seiner ruhenden Schnheit offenbarte, achtete sie
ihn beinahe gering, diesen groen Mund.

Die Sperlinge wurden im Efeu wach, als Afra ber den Hof ging, ihr
Schritt hallte von den Steinwnden wider. Sie klopfte an Martins
Kammerfenster neben dem Pferdestall, sein Ghnen erweckte ihr Mitleid.
Er solle nur ffnen, das Weitere wrde sie schon selbst besorgen; aber
er kam doch hervor, um ihr zu helfen, das Pferd zu satteln, und murmelte
schlaftrunken allerhand von seinen Aussichten, sich noch einmal
niederlegen zu knnen. Afra verschmhte es, ihn nach der neuen
Herrschaft zu fragen.

Wohin reitest du denn? fragte er. Er glaubte ihr diese Teilnahme
schuldig zu sein.

Heb den Baum am Tor, sagte sie.

Sie zog den Sattelgurt fester. Du schlfst ja noch, tadelte sie
nachlssig. Martin fand ihre Bemerkung zutreffend und am Platze. Sie
wollte noch, da er die Wolfshunde freimachen sollte, Aja und Fenn,
deren Ketten sie hrte.

Dann sah er ihr nach, und ber dem Anblick, wie sie die Landstrae
entlang steil und fest zu Pferde, vom Bellen der Hunde wie von ergebenem
Beifall geleitet, dahinritt, verga er seine Mdigkeit. Eine seltsame
heie Erwartung hielt ihn gefangen. Wartalun gehrt Afra, war das
Resultat seines einfltigen Grbelns. Drben in den angebauten
Wirtschaftsgebuden hinter den Birken der Landstrae sah er die ersten
Tagelhner, eine Pumpe klang, ein Hahnenruf. Ihm schien ein
ereignisreicher Tag zu beginnen, und er war zu wichtig, um ihn zu
verschlafen, man mute nachdenken, um sich ber alles klar zu werden.

Die Morgensonnenstrahlen fielen, immer noch khl und ohne Kraft, ber
die Dcher der Kornschuppen von Wendalen, als Afra dort anlangte. Sie
hatte sich auf den schmalen Pfaden durchs Moorgelnde Zeit gelassen,
hatte in der Heide das Pferd eine Weile durch die kaum erblhten
Strucher gefhrt und tief in Gedanken zugesehen, wie ihr suchender Fu
Schritt fr Schritt die silbernen Perlen des Taus am Boden zum Fallen
brachte. Je lnger der Tag wurde, um so eindringlicher wachten alle
Gedanken mit ihm auf, und ihr war, als zerstrten sie ihr ganz langsam
ihre Kraft. Denn Afra war sich ihrer Krfte noch nicht bewut, wenn sie
sie nicht in ihrer Wirkung erprobte; erst die Gelegenheit, sich bewhren
zu mssen, fand sie stark.

Das schne Pferd hielt den kleinen Kopf gesenkt wie seine Herrin, die
immer um einen Schritt voraus war und die Zgel nachhngen lie. So
schritten sie gegen den groen Horizont des ebenen Landes ber den roten
Teppich der Heide dahin. Die Wlfe eilten ruhelos, die schwarzen
Schnauzen am Boden, in weitem Bogen voraus, scheuchten Wildenten aus den
Moortmpeln auf und einmal, in einem kleinen Birkenwldchen, schon nahe
am Vorwerk, ein junges Reh. Aber auf Afras leisen Pfiff wandten sie, wie
von unsichtbaren Fusten zurckgerissen, die Kpfe und kehrten um. Sie
hingen in seltsamer Treue an Afra, niemand nahm sich ihrer mit mehr Zeit
und Geduld an, niemand schlug sie grausamer.

Erst als sie in den Hof einritt und die Knechte sie grten, besann sie
sich darauf, was sie als Grund fr ihr Kommen angeben sollte. Man wrde
sie nach der neuen Gutsherrschaft fragen, vielleicht war der Verwalter
schon unterwegs nach Wartalun. --

Sie sa wieder zu Pferde, als er kam, und in einer uneingestandenen
Furcht vor einem Verrat der ngste ihrer Seele begrte sie ihn
hochmtig und ohne den Kopf zu senken. Harmlos fragte er dies und das,
aber sie wute, worauf er wartete. Seine Einladung, im Zimmer ein
Frhstck einzunehmen, lehnte sie ab. Die Tcke und Unterwrfigkeit
dieses arbeitsamen und wohlgeschickten Mannes, die sie bislang mit kaum
amsierter Herablassung festgestellt hatte, erschien ihr heute
hassenswert. Anfangs erkhlte er sichtlich unter ihrem vernderten
Wesen, dann begann er langsam ihre Zurckhaltung mit groer Hflichkeit
zu beantworten, die schnell zur Ergebenheit wurde, je mehr das Mdchen
sie gelassen einstrich. Oh, er wrde vermuten, da die Wrfel gefallen
seien und da, was die einen hofften, die anderen frchteten, Wahrheit
geworden sei, da sie nach dem Willen des Verstorbenen Herrin von
Wartalun geworden war.

Die heimliche Freude, die ihre unbeabsichtigte Tuschung ihr eintrug,
wurde rasch zu unbezhmbarer Sucht, diese Rolle zu spielen. Mit khlem
und geheimnisvollem Lcheln sah sie auf den Neugierigen herab, der ihr
zu gefallen und zu dienen trachtete. Doch pltzlich verachtete sie sich
in dieser Lage, aber ohne ihre Haltung zu ndern, nickte sie khl und
hastig, nahm umstndlich das Pferd herum und pfiff den Hunden.

Bis morgen! rief sie, so ernst, da es beinahe traurig wirkte. Drauen
empfing die frohe Sonne sie, wogende Felder und bald wieder die
Melancholie und Verlassenheit ihrer Heide. Es erfllte sie mit bitterer
Genugtuung, da sie jemanden zurcklie, dem ihre Hoffnung Gewiheit
geworden war, als htte sie ihrem zgernden Schicksal Gewalt angetan.

Du bist der erste, der das Schlo verlt, wenn es mein ist, rief sie
laut. Dann war ihr, als mte sie weinen, und ihre aufsteigende Qual
beantwortete sie mit einem harten Lachen, das seltsam bse aus diesen
weichen, unerwachten Lippen drang und in herbem Widerspruch zur Anmut
ihrer freien Haltung stand.

Im Moorgrund waren Arbeiter am Werke. Hohe Torfmauern spiegelten sich
schwarz in den stillen Grben, alles versprach einen heien Tag. Den
Gru eines Landmannes, den sie kannte, erwiderte sie mit einem kecken
Scherz. Der Alte blieb stehen, schtzte die Augen und sein breites,
wohlgeflliges Lcheln mit der schweren braunen Hand und sah ihr nach.
Nah am Kreuzweg, als schon Moor und Heide zurckblieben und die Trme
des Schlosses aus den Eichen schauten, traf sie einen Fremden, der sie
grte, sehr hflich und auf eine Art zgernd, als habe er eine Frage zu
stellen. Sie sah zurck und hielt das Pferd an. Beide schwiegen eine
Weile, die Wlfe sahen abwartend zu ihr empor. Sie rief sie barsch an,
mehr um den Gehorsam der Hunde zu zeigen, als weil eine Befrchtung
nahelag. Sie sah in das Gesicht des jungen Mannes, der hinzutrat. Ein
schmales und sehr blasses Angesicht hob sich zu ihr empor, unsicher im
Wesen und Blick durch eine goldene Brille, deren Glser blinkten. Er war
schwarz gekleidet, trug ein seltsam mitgenommenes Htchen aus Filz und
erschien ihr zart von Figur, beinahe ein wenig gebrechlich. Seine
schmale Hand, mit der er befangen sein Kinn hielt, fiel ihr auf; solche
Hnde wnschte sie sich ...

Verzeihen Sie mir, mein gndiges Frulein, sagte er zgernd, aber
nicht unsicher, wie lange wrde ich von hier aus brauchen, um bis
Wandelen zu gelangen?

Wollen Sie denn zu Fu gehen? brigens heit das Vorwerk Wendalen.

Wendalen, gewi ... ich irrte.

Sie stemmte die Rechte leicht in die schlanke Hfte, schaute ber Land,
als erwge sie ernstlich die Antwort, um sie treffend geben zu knnen.
Ihre Art der Herablassung war voll Anmut, von einer holden Sicherheit
berlegenen Geistes und frohen Herrentums. Er verga, was er wissen
wollte, und sah sie bewundernd an.

Ich habe von dort bis hier fast eine Stunde mit dem Pferde gebraucht,
aber Sie sehen, es ist na. Sie wrden zwei Stunden brauchen an einem
Tage wie heute. Und der Weg ... kennen Sie den Weg denn?

Nein, sagte er, ich bin hier fremd, auch mu ich bei solcher
Entfernung meinen Plan aufgeben, ich habe nicht gewut, wie weit es ist,
es htte mich sehr interessiert, da ich diese Frhmorgenstunde nicht
besser zuzubringen wute. Im Schlosse schliefen sie noch alle.

Afra lchelte. Er sah ihr Lcheln mit Bestrzung. Es wirkte auf ihn wie
Sonnenschein im Frhling und wie der traurige Gedanke an einen frhen
Tod.

Es ist nicht ganz richtig, da alle schliefen. Aber jetzt? Kehren Sie
denn jetzt um?

Ja, sagte er, hilflos und so befangen, da eine heie Freude am
Triumph ihrer berlegenheit ihr Blut klopfen lie; sie sprang vom
Pferde, und in der berwindenden Unbefangenheit, die ihr Wesen
auszeichnete, sagte sie:

So gehen wir miteinander. Es tut Joni gut, ein wenig ledig
dahinzutraben. Mit der Gerte wies sie auf das Pferd und sagte: Das ist
Joni.

Sie stellen mir Ihr Pferd vor, mein gndiges Frulein, gewi, um mich
daran zu erinnern, da ich Ihre groe Liebenswrdigkeit angenommen habe,
ohne Ihnen meinen Namen zu nennen. Verzeihen Sie mir.

Und er nannte undeutlich und rasch einen Namen, den sie kaum zu
verstehen fr ntig hielt, und verbeugte sich dabei, nicht ganz in der
blichen Richtung und auf eine Art, die ihm im Schreiten milang.

Und darf ich auch Sie bitten, fuhr er fort, mir die Ehre zu erweisen,
zu sagen, wer Sie sind?

Afra sah hinber zu den Trmen von Wartalun, wartete, bis er ihren Blick
sah, und meinte:

Tut es etwas zur Sache?

Er glaubte ihr die Gelegenheit nehmen zu mssen, darber nachzudenken,
da dies wenig hflich sei, und sagte rasch:

Oh, gewi nicht, gewi nicht. Meine Bitte war sicherlich recht tricht.
Der Vorzug Ihrer freundlichen Begleitung sollte mir genug sein, und er
ist es, sicherlich, mein gndiges Frulein.

Sie strich ohne Bedenken sein Entgegenkommen ein wie ihr Recht, obgleich
sie ihn beneidete.

Wie kommen Sie nur so frh hierher? fragte sie, und was an ihrer Frage
htte Neugierde sein knnen, wirkte im Tonfall ihrer Stimme einzig wie
eine kindliche Bitte.

Ich habe dort im Schlo geschlafen, sagte er, und eigentlich
schlecht; ich bin ohne meinen Willen und beinahe zufllig gekommen; es
ergeht mir oft so, da mir eine fremde Umgebung anfangs keine Ruhe
schenkt.

So, im Schlo? meinte Afra und legte in ihr Lcheln eine neckische
Bewunderung. Das klingt ja fast, als wollten Sie mir sagen, da Sie den
Schloherrn von Wartalun persnlich kennten.

Ich vermute, da ich es _bin_, antwortete er bescheiden.

Und ohne zu beachten, da die Zgel in ihrer Hand bebten, da ihr
Schritt wankte und ihr Angesicht sich langsam in jher Erstarrung mit
tdlicher Blsse berzog, fuhr er fort:

Es sind unerwartete Umstnde, die mich herfhren, und seltsame
Verhltnisse, die ich vorfinde. Ich finde mich schwer in ihnen zurecht.
Der verstorbene Graf von Wartalun, den Sie zweifellos gekannt haben,
mein gndiges Frulein, war nur sehr fern mit mir verwandt, und die
Erbschaft seiner Gter hatte niemand von uns erwartet. Die Familien
waren zu Zeiten meines Vaters entzweit, wir hrten nie mehr voneinander,
da kein Zwischenglied htte vermitteln knnen, auch trug die groe
uere Entfernung zur Entfremdung bei. Die letzte Nachricht, die zu uns
drang, waren vereinzelte unsichere Annahmen ber eine spt noch geplante
Verheiratung des alten Herrn.

Sie achtete, auch als er nun weitersprach, kaum auf seine Worte. Als sie
mit groer Mhe ihre Fassung zurckerrungen hatte und ihre Gedanken
ordnen konnte, empfand sie zunchst nur eins, da die Art, wie er von
sich als vom knftigen Schloherrn gesprochen hatte, nicht vllige
Gewiheit darber kundgab, ob er es in der Tat sei. So waren die Wrfel
noch nicht gefallen. Das hielt ihr Mut und Sinne in zitternder Spannung
wach und lie sie vergessen, da sie eben noch eine arge Niederlage
erlitten hatte, von der er noch nichts wute. Mochte er, wenn er nun
erfuhr, wer sie war, denken was er wollte. Sie fhlte, da keiner der
Gedanken, die er sich darber machen wrde, sich jemals in Zorn oder
Verachtung gegen sie kehren knnte. Seine angstvolle, vorsichtige und
hfliche Art weckte Vertrauen und zugleich Neid und Geringschtzung in
ihr. Es kam in ihrem Herzen etwas hinzu, das beinahe wie
Hilfsbereitschaft war und sie tief beruhigte. Sie wute pltzlich, da
das Bild, das sie vom neuen Herrn im Sinne getragen hatte, dem des
Verstorbenen geglichen hatte, sie sah mit einem raschen Lcheln ber die
Gestalt ihres Begleiters. Das herrische Angesicht des Toten, sein
schwerer, breitschultriger Krper erschienen ihr, und sie glaubte seine
dunkle Stimme zu hren und den unnahbaren und grollenden Eigensinn
darin, oder die herbeilassende Gte seiner Zge, wenn er wohlgesinnt und
froh Abrechnung hielt ber Pflichttreue und Verdienst seiner
Untergebenen. Und nun sollte dieser zierliche schwarze Herr in den
verlassenen Sattel steigen, diese schmchtige Hand sollte am Zgel
ruhen, den die Faust des Toten gehalten hatte? Afra reckte sich auf in
den Sonnenschein und lchelte.

Ihre jhe Bewegung lie ihn innehalten.

Verzeihung, vielleicht langweilt Sie dies alles, sagte er leise. Mich
beschftigt es, bitte verstehen Sie, und man ist sicherlich allgemein
geneigt, vor einer so selbstverstndlichen Liebenswrdigkeit, wie die
Ihre es ist, ohne Bedenken ber das zu sprechen, was einen bewegt.

Afra wurde rot vor Freude und schwieg. In ihrem Glck ber die vllig
ungewohnte Art der Anerkennung, die ihr zuteil wurde, verga sie, da
eine Antwort notwendig sei. Er legte ihr Schweigen wie eine
selbstbewute Besttigung seiner Befrchtung aus.

Aber nun besann sie sich und machte es gut. Ihr lag am Triumph, den der
Augenblick zulie, und sie vermied es unbewut, ihre Worte anders zu
setzen, als es ihr in diesen kurzen Augenblicken einer fremden Rolle
ntzlich erschien.

Mir liegt alles am Herzen, was die Schicksale Wartaluns betrifft,
sagte sie eifrig und vorsichtig. Ich habe den Grafen gekannt und
geliebt und einen Teil seiner Sorgen und Angelegenheiten geteilt. Ihre
Offenheit ist eine Freude fr mich.

Sie glhte vor Stolz darber, da diese Worte, von denen sie fhlte, da
sie ihr wohlgelungen waren, ihn bewegten. Einen Augenblick zgerte er
mit der Antwort, es schien, als wollte er aufs neue nach ihrem Namen
fragen. Irgend etwas machte ihn unsicher. Gewi war es jene eigen
unberwindliche Sicherheit der jungen Dame an seiner Seite, eine
Sicherheit, die sich so wunderbar mit dem Zauber einer kindlichen Freude
daran verband. Ihm schien, als verberge sie ihm etwas, dann wieder, als
machte sie sich heimlich ein wenig ber ihn lustig.

Er dankte ihr warm. Als er in ihre Augen sah, erschrak er. Gott, dachte
er, gibt es so viel Kraft, so viel Jugend, so viel Allmacht des
Frhlings in einem Menschengesicht? Das Leuchten ihres Haars verzauberte
seine Gedanken in Trume, so gewaltttig, da er selbstvergessen und
fast ergebungsvoll diesen Wandel in seinem Empfinden wie ein heies
Emporschweben in eine ganz neue Welt hinnahm.

Sie, die Sie augenscheinlich aus diesem Lande und aus dieser Gegend
sind, gndiges Frulein, sagte er stockend, und dann schwieg er
pltzlich, weil er sah, da ihn diese Worte zu etwas fhrten, das er
nicht hatte sagen wollen.

Wartalun ist wunderschn, sagte Afra, und erst daran, da er nach
diesen Worten unbefangen zu sprechen begann, wute sie, da sie ihm
damit aus seiner Verwirrung geholfen hatte. Und whrend er erzhlte,
mute sie wieder und wieder denken: Nun erst wird das Leben schn. Ich
habe wie ein Kind gespielt und geschlafen. Ihr war, als liebte sie
diesen Mann neben sich, weil er der erste war, der ihr Gelegenheit gab,
neue Krfte ihres Wesens in heiem Daseinsglck zu verspren und zu
erproben.

Sie warf die Stirn zurck und gab der Sonne ihr Haar. Ihre Lippen
bekamen etwas von jenem irdischen Daseinslicht, das zuweilen die Lippen
junger Frauen umglht, die sich zum erstenmal ber schwerem Wein
schlieen, so da das tiefe Blut der Erde im Lebensblut ihres Leibes in
die Lippen emporsteigt, als blhten wieder die Reben ...

Nun verstand sie ihn wieder, konnte, zurckkehrend aus sich, seinen
freundlichen Worten folgen:

Als dann die Nachricht zu mir kam, dies alles sollte mir zufallen,
sagte er, traf sie mich ohne rechte Kraft, mich ihrer zu freuen. Ich
war ganz mit meinen Studien ausgefllt und hatte kein anderes Ziel im
Auge, als ihre Vollendung. Jeder Besitz, der ber die Ansprche meines
Daseins hinausgeht, hat mich fast immer noch beunruhigt. Ich trage
schwer am Gefhl der Verantwortlichkeit, nehme es auch vielleicht mit
der eigenen Innenwelt und mit den Aufgaben, die sie mir stellt, ein
wenig zu schwer ...

Er lchelte traurig vor sich hin und schien ganz zu vergessen, vor wem
er sprach. Ihm war, als sprche er vor sich hin, wie er gewohnt war, es
oft auf einsamen Spaziergngen zu tun.

Meine Frau, fuhr er fort, wollte dann, da ich unser neues Eigentum
selbst verwalten sollte. Ihr war es seit langem ein lieber Wunsch, die
Stadt zu verlassen, die sie niemals recht geliebt hat. Und schlielich
hat sie wohl recht damit, wenn sie meint, auch hier liee sich fr mich
Zeit erbrigen, meinen Studien zu leben. Aber je mehr ich beginne,
langsam die ganze Gre dieses Besitzes zu ermessen, alle Pflichten
einzusehen, die sich mir aufbrden werden, um so mehr beunruhigt mich
mein Entschlu. Es ist auch alles noch ungewi.

Wieso? fragte Afra.

Er schien eine andere Antwort erwartet zu haben, ging aber gleich auf
ihre Frage ein.

Mein Verwandter teilte seine letzten Lebensjahre mit einem jungen Ding,
zu dem er eine groe Vorliebe gefat zu haben schien. Ich kenne nur
ihren Vornamen, mir wurde von ihr nur als von einer gewissen Afra
berichtet und da sie die Tochter des Grtners sei. Ein seltsam
unverstndlicher und auerordentlich altvterisch verfater Brief ist
vor dem Testament in meine Hnde gelangt. Er wirkt eher wie eine
philosophische Lebensbetrachtung als wie das rechtsgltige Dokument
einer letzten Verfgung. Das Testament selbst hat noch nicht erffnet
werden knnen, da ich noch Papiere beizubringen habe. Aber das ist nur
noch eine Frage von Tagen.

Ist Ihnen so gleichgltig, was darin steht? sagte Afra.

Eigentlich nicht mehr. Gewi, es ist mir wichtig.

Und der Brief?

Er sah sie an.

Interessiert Sie der Inhalt des Briefs?

Ja, sagte Afra.

Der Alte war sicherlich ein Sonderling, aber zweifellos ein Mann von
hochherzigem Charakter und voller vergrbelter und verschlossener Werte.
ber die Art des jungen Mdchens geht aus dem Briefe nicht viel hervor,
da wohl kaum alles das tatschlich stimmen wird, was er von ihr hielt,
was der Alternde in sie hineinlegte. Aber vielleicht werden Sie mich in
Einzelheiten unterrichten knnen? Das Kind wird Ihnen doch sicherlich zu
Gesicht gekommen sein. Was mir die Bedienten sagen, war ebenso
unverstndlich wie mysteris. Sie scheinen sie nicht gerade zu lieben.

Er lchelte vor sich hin.

Haben Sie das Gesinde nach Afra ausgefragt?

Er erschrak ber den Klang ihrer Stimme und sah sie erstaunt an. Ihre
Augen glnzten hart und einsam und wiesen ihn ab.

Verzeihen Sie, da ich dies Thema vor Ihnen berhre, aber seien Sie
versichert, die Beziehungen des alten Herrn zu diesem Kind waren derart,
da sie vor jedem Angesicht gerhmt werden drfen. Bitte, verstehen Sie
nicht falsch, was Sie zweifellos nur aus dem Klatsch Urteilsloser oder
Neidischer gehrt haben.

Sie antwortete kalt:

Solch ein Klatsch wrde mich niemals erreicht haben. Und hingerissen
von einer pltzlichen Erbitterung, die sie alles vergessen lie, fuhr
sie fort: Sprechen Sie nicht von seiner Liebe zu Afra, zu diesem
>jungen Ding<, wie Sie sagen. Sprechen Sie auch nicht von seinem Wert,
ich will es nicht! Lassen Sie sich an seinen ueren Gtern gengen ...

Ein wildes Aufschluchzen beschlo ihre heien Worte. Sie suchte nach
einem Halt. Es bot sich ihr nichts als der Hals ihres Pferdes, so warf
sie strmisch den Arm um den Nacken des Tieres und schluchzte, am ganzen
Krper bebend und von Scham, Wut und Bewegung geschttelt, ohne Halt und
so friedlos und aufgelst fort, da ihm in heier Bedrngnis zumute war,
als sei durch kein Heil von Menschenkraft je wieder etwas an diesem
Unverstndlichen gutzumachen, das sein ahnungsloses Herz an diesem
Sommermorgen angerichtet hatte.

Und whrend er sich in groer Hilflosigkeit darum bemhte, das junge
Mdchen zu beruhigen und den Grund ihres Leids zu erfahren, whrend er
eine ungeordnete Flle liebevoller und wirkungsloser Worte stammelte und
sogar wagte, ihre Schulter mit seiner Hand zu berhren, dachte Afra
mitten im Sturm ihrer aufgewhlten Gefhle pltzlich klar und bestimmt:

War es klug so, wie ich gehandelt habe? Ja, es war klug, und fr ihn und
fr meine Stellung zu ihm war es zweifellos so richtig. Sie wute nicht
weshalb, wute nicht, da sie ein tiefes Gefhl von Schuld in das Herz
dieses Mannes gesenkt hatte, den unermdlichen Wunsch, die Schmach vor
ihr abzudienen, in die er sie gestoen hatte. Sie schluchzte leise fort,
rhrte sich nicht und lauschte. ber seine Worte mute sie pltzlich
lcheln, und sie schluchzte fort in der Bewegtheit des neuen Gefhls,
von dem er nichts ahnte. Einmal, als das Pferd den Kopf senkte und hob,
stie ihre Schulter hrter, als er es gewollt hatte, mit seiner Hand
zusammen, die gar so gern ein wenig Beruhigung gebracht htte.

Sie hob den Kopf und sah ihn an. Er trat sofort zurck.

Ich bitte Sie, ich beschwre Sie -- verzeihen Sie mir, sagte er. Ich
wei nicht, ich wei in der Tat nicht, was ich verfehlt habe und wie ich
es gutmachen kann.

Ich bin Afra, sagte sie und fuhr fort, ihn anzuschauen. Sie senkte den
Blick nicht, als sei ihr alles unendlich wichtig, was sie ihm mit ihren
Worten zu erkennen gegeben hatte und wie diese Offenbarung auf ihn
wirkte. Und whrend er sie anstarrte, dachte sie: Ich kann mich jetzt
unmglich so gelassen zeigen, wie mir zumute ist, es wrde die Hlfte
dessen zerstren, was ich erreicht habe, er mu denken, ich wre sehr
verzweifelt. Denn Afra fhlte nach ihrer kurzen Erfahrung nun gut und
fr immer, da dieser Mann sich nur schwer und mhsam mit den ueren
Erscheinungen des Lebens abzufinden wute und mit den Frauen noch um
vieles schwerer. Es schadet gewi nicht, noch eine Weile recht traurig
zu sein, dachte sie, und whrend er nun zu ihr sprach, gefater, ernst
und sehr wrdevoll, mute sie hinter ihren Hnden, die sie vor ihr
Gesicht geschlagen hatte, lcheln. Sie geno den Reiz der Erinnerung an
ihre harten Worte ohne Falsch, denn von allem, was geschehen war, hatte
sie nichts berechnet. Wenn er jetzt she, wie ich empfinde, so wrde er
mich verachten, dachte sie. Und dann wute sie pltzlich, da sie ihn
ein wenig geringschtzte, weil er sich tuschen lie, weil er nicht
empfand, wie es um sie stand, und weil er es nie verstehen wrde.

Es ist gut, allein zu sein, dachte sie, es macht stark.




Drittes Kapitel


Als Afra und der junge Gutsherr das Schlo nahezu erreicht hatten,
erschien es dem Mdchen, als sei es nicht gut, sich nun schon zu
trennen, denn alles, was noch an Worten gefallen war, befriedigte sie
nicht und lie eine Leere in ihr zurck, wie es oft kommt, da die
Nachwehen eines etwas gewaltsam eingetretenen Erlebnisses enttuschten.
Irgend etwas mute bestimmter geworden sein, ehe sie ihn entlie, ihr
war, als mte er greifbare Zugestndnisse gemacht und mehr gegeben
haben als diese nachgiebige Hflichkeit, der sie mitraute, weil sie ihr
neu war. Gewi, sie war ungeduldig, aber es lag in ihrer Art, sich eher
mit einer geringen Sicherheit zu begngen als mit einer ungewissen
Aussicht.

Ihm war bei alledem so seltsam zumut wie nicht oft in seinem Leben. Aber
viel mehr als die Geschehnisse und ihre Verwirrungen wirkte Afra selbst
auf ihn. Er wagte kaum noch den Kopf nach ihr zu wenden, weil er
frchtete, sie mchte lngst schon gemerkt haben, wie ber alles
gewhnliche Ma hinaus sie ihn erregte und fesselte. Wenn er versuchte,
sie sich vorzustellen, so war sein Eindruck zuerst der einer ganz
eigenartig klar geschiedenen farbigen Hrte. Der Hut, das goldene Haar,
die Farbe des Angesichts, die des Tuchs ihres Kleides ... alles erschien
ihm in seiner Vorstellung von jener bedeutungsvollen und eindringlichen
Gesondertheit wie die Farben auf den Bildern alter Meister. Jener
Meister, die den Farbenwert nicht in unendlich viel ergnzenden Nuancen
suchten, sondern die den Mittelton fanden und gaben, klar und wie in
unfehlbarer Gewiheit, da er alles Leben und alle Vielgestalt des
Lichts dennoch voll enthielte und ausstrahlte. Diese entschiedene und
geschlossene Gestalt neben ihm offenbarte ihm im Grunde ihr Wesen doch
allein durch das Leben ihrer schnen und unschuldigen Augen. Diese Augen
erschienen ihm so ungebrochen, so unberhrt und selig in sich selbst, in
ihrer Wirkung und Gewalt, wie nur die Dinge der Natur auf einen Menschen
wirken knnen. Diese Khnheit, die ohne einen Schein von Frechheit doch
so herausfordernd und berlegen wirkte, so selbstherrlich machtvoll und
voll reiner Unerfahrenheit und Klugheit zugleich. Er kannte diesen Blick
bei Kindern, deren Gedanken vielleicht bei den Spielen im Garten sind,
whrend sie ernst und ohne Aufmerksamkeit den Worten der Alten lauschen,
die sie noch nicht verstehen knnen. Kinder, deren Menschentum in seiner
seligen Beschrnkung der gewichtigen Erfahrung der Groen oft so weit
berlegen ist. Solche Augen schienen ihm beides in einem Herzen zu
wecken: Heimweh und Schuldbewutsein.

Sie hatten eine Weile geschwiegen. Afra betrachtete den Mann an ihrer
Seite, der mit gesenktem Haupt neben ihr dahinschritt und dem sie
deutlich anmerkte, da seine Gedanken bei ganz anderen Dingen weilten
als die ihren. Er wute nicht einmal, was sie beschftigte. Erst als er,
beinahe wie aufgeschreckt durch ihr leises Lachen, rasch den Kopf hob,
besann er sich darauf, da die Interessen der jungen Dame an seiner
Seite wohl kaum bei seinen Trumereien weilten. Er berdachte ihre Lage
und empfand sich als lieblos und selbstschtig.

Warum lachen Sie denn? fragte er.

Woran dachten Sie denn? gab sie zurck.

Nun lchelte er.

Ach, wenn ich's der Wahrheit nach sagen soll, so dachte ich mehr an
Ihre Person als an Ihre Lage, und letztere sollte mir doch eigentlich
aus vielen Grnden am Herzen liegen; aber meine Bitte wird mir nicht
ganz leicht. Sie wird mir um so schwerer, als ich noch vor kurzem eine
Krnkung ausgesprochen habe statt des Danks, den ich Ihnen schulde. So
viel wei ich wohl aus den Mitteilungen anderer, denen ich meine
Erfahrung von heute morgen zugeselle, da die Verwaltung des Schlosses
und aller Gter bisher beinahe ganz in Ihren Hnden gelegen hat. Sie
waren die Vertraute des alten Herrn und sind sicher in alle
Notwendigkeiten und in alle Verwaltungspflichten viel besser eingeweiht,
als ich es jemals sein werde. Sehen Sie, und meine Bitte geht nun darauf
hin, ob Sie uns die Liebe erweisen wollen, es in Ihrer Stellung zu allem
und zu uns beim alten zu lassen? Ich erbitte vielleicht mehr, als Sie
leichten Herzens gewhren knnen, denn ich zweifle keinen Augenblick
daran, da einzig die Neigung des Herrn Grafen zu Ihnen und die Ihre zu
ihm Sie hier gehalten hat ...

Er stockte und sah sie besorgt und liebevoll an. Mochte es sein, weil
dem Namen Erwhnung getan war, Afra mute an den Toten denken, der sie
geliebt hatte, und an seine stolze und vornehme Art, in der er alle
seine Gaben dargebracht hatte, als sei er der Empfangende. Es qulte und
beglckte sie zugleich. Sie schritt mit gesenktem Haupt dahin, das
Angebot erschien ihr als das Vorteilhafteste, was ihr vorlufig
geschehen konnte, aber sie nickte nur nachdenklich und zgernd. Mochte
er denken, sie sei undankbar, es war immer noch besser, als da sie sich
ihm durch Dankesworte fr verpflichtet erklrte.

Die Rosenhecke des Schloparks begann. Jasmin und Holunderstrucher
drngten ber die blhenden Rosen hin, nur Vgel fanden den Weg durch
dieses verworrene Dickicht, drang einmal der Blick hindurch, so blinkte
hinter dem Grn die schwermtige Farbe des toten Grabenwassers, das an
drei Seiten die Schlomauern umzog und tief im Park einen ruhigen See
bildete. Hart am Zaun, am Weg, stand eine alte Holzbank im Schatten
eines verwilderten Apfelbaums. Afra blieb stehen. Er verstand sie und
lud ein, ein wenig zu rasten. Sie warf die Zgel des Pferdes lose in ein
Bschel Zweige.

Es bleibt schon, sagte sie. Die Hunde lieen sich ihr zu Fen nieder,
hngten die hellroten Zungen aus den schwarzen Wolfsmulern und sahen zu
ihr auf.

So bitte ich Sie auch herzlich, begann er nach einer kleinen Weile
wieder, Ihre Zimmer im Schlo wieder zu beziehen. Gewi nicht allein
aus Grnden der Autoritt vor den Bediensteten, sondern auch aus Piett
gegen den Willen des Toten. Wenn Sie mir die Freude machen wollen, heute
mittag unser Gast zu sein, so da ich Ihnen meine Frau vorstellen kann,
mchte ich Ihnen auch gern den Brief des alten Herrn zeigen, in dem ich
nun vieles besser verstehe.

Ich mu so kommen, wie ich bin, sagte Afra, ohne zu danken, ich habe
wenig Kleider.

Bitte, sagte er einfach.

Obgleich Afra nicht gro war, empfand er sich als klein und schwchlich
neben ihr. Er sah zu, wie sie ihre Reitgerte zwischen den Fuspitzen
pendeln lie, sah ihre harte, schne Hand, den klaren, geneigten Umri
ihrer Schultern, fast ohne Wehmut, und doch von groer Lieblichkeit. In
allen Einzelheiten, die zwischen ihnen besprochen waren, hatte er seine
heimliche berlegenheit in Dingen einer bewuten Gemtskraft empfunden,
aber ohne Genugtuung und im Tiefsten befangen. Ihm war, whrend er so
dasa und die Schweigende verstohlen betrachtete, als kme es im
eigentlichen, wahrhaftigen Daseinskampf auf ganz andere Krfte an als
auf die, welche er zu besitzen glaubte. Eine ganz feine, bohrende
Besorgnis wuchs in seiner Seele empor. Er strich sich ber die Stirn,
als verscheuchte er eine dunkle Ahnung. Wollte sie denn noch lange hier
sitzenbleiben? Oder lag es nicht eigentlich an ihm, aufzubrechen? Nun,
es kam ja auf ein halbes Stndchen gewi nicht an. So geschah es denn,
da Afra ihn nach einer Weile entlie, beinahe ein wenig gndig, wie man
jemand fortschickt, dem man schlielich zugeben mu, da er getan hat,
was in seinen Krften steht.

                    *       *       *       *       *

In der Nachmittagssonne durchschritten sie nebeneinander die Rume des
Schlosses. Afra erschien dem jungen Schloherrn auf ganz neue Art, nun
sie in der intimeren Kleidung des Hauses bei ihm war. Aus Bildern und
Wandteppichen schaute die Vergangenheit auf sie nieder, die Freude und
die Trauer des Verflossenen.

Diese hohen Fenster sind neu, sagte Afra, die alten waren eng und
klein, wie sie jetzt noch drben gegen den Park zu sind.

Er nickte und betrachtete nur sie, wie sie mitten in der Sonne stand. Er
dachte mit leisem Grauen an die vergangene Stunde, in der Afra und seine
junge Frau sich zum ersten Male begegnet waren. Aber das mute doch
anders werden, es war einzig der verwirrende Geist des Neuen, der auf
sie beide eindrang, auf sein Weib und ihn; alles war fremd und
geheimnisvoll, schien sie zu ngstigen und abzuweisen, aber es wrde
weichen, wrde sich verlieren ... Er besann sich. Was denn nur? Er
kannte sich nicht wieder, so verwirrt und benommen wie er war.

Frulein Afra, sagte er pltzlich, es gibt Geister.

Was fr Geister? fragte sie und sah ihn gro und erwartungsvoll an.

Er schmte sich pltzlich. Diese Augen, die ihm so gefahrvoll
erschienen, wenn er ihrer gedachte, ernchterten ihn nun in ihrer
unschuldigen Hrte. Aber nun mute er sprechen:

Ich meine, die Toten leben noch lange fort. Nicht in weien Tchern als
Gespenster, die nachts umherirren, sondern um vieles vergeistigter und
machtvoller. Die Sage von Gespenstern erfand nur das ungeklrte
Bewutsein des Volks, das leicht fr unverstandene Gefhle fabare
Unverstndlichkeiten einsetzt. Nein, ich meine, da die Spuren der Toten
zurckbleiben und da in ihnen ihr Geist fortlebt, ihre Gte, ihre
Bosheit, ihre Vorsicht oder ihre Schuld.

Afra lie sich in einen geschnitzten Sessel nieder, dessen schmale hohe
Lehne ihr blondes Haupt berragte. Er sah ber ihren Haaren den burisch
derben und gediegenen Zierat des Schnitzwerks und folgte mit den Augen
den Ornamenten, als zeichnete er sie nach.

Sie sehen ja ber mich weg, sagte sie. Bitte sprechen Sie doch
weiter. Sie legen in alle Dinge viel mehr hinein, als darin ist, das tat
auch Ihr Oheim, aber er tat es ... wie soll ich es nennen ... weniger
vorsichtig und sehr bestimmt. Ihm htte man nicht widersprechen knnen,
dafr glaubte man ihm aber auch nicht immer.

Tief berrascht sah er auf.

Es ist erstaunlich, Afra, es ist unendlich wunderbar ...

Sie wute nicht, da er sie und ihre Entgegnung bewunderte, so blieb sie
unbefangen und bei der begonnenen Unterhaltung. Noch vor Stunden hatte
er geglaubt, da sie ihm die Lage verdankte, in der sie sich ihm und dem
Schlogut gegenber befand, er hatte gehofft, einen Schein von
Erkenntlichkeit in ihrem Wesen zu finden, nie htte er fr mglich
gehalten, da sie so selbstverstndlich annahm, was er bot. Es mu ihr
Recht vor Gott und allen Menschen sein, dachte er, und seine
Erschtterung bewegte ihn pltzlich bis zur Trauer.

Ihre Blicke zwangen ihn, gleichmtig lchelnd, zur Unterhaltung zurck.

So finde ich auch in Ihrer Art und in Ihrem Wesen den Geist des Toten
wieder, sagte er. Es gibt Gespenster von Fleisch und Blut, die die
Sonne mehr lieben als die Nacht, die sich nicht auf die zwlfte Stunde
beschrnken, sondern die Tag und Nacht umgehen, voller Grauen nur durch
die berwindende Lieblichkeit, in der sie das Vergangene uns
Vergnglichen als bestehenden Wert darbieten.

Es ist wahr, sagte Afra einfach, ich verdanke dem Grafen, was ich
geworden bin. Ich htte die Dorfschule in Wartaheim besuchen mssen.
Zwei Stunden lang htte ich durch die Sonne oder durch den Schnee
laufen mssen und wre heute nicht viel mehr als die Mdchen, die
drauen das Heu wenden. Das wollten Sie doch sagen, nicht wahr?

Nein, sagte er, ohne einen Trotz in seine Entgegnung zu legen. Sie
wren immer geworden, was Sie heute sind. Zufllig ist an allem nur die
uere Lage und ein Teil der Erscheinungen, nicht aber das Wesentliche.
Unseren Drang nach Bildung gibt uns niemand, wir empfangen ihn mit
unserem Blut nach dem Ma unserer Werte. Und was Sie reich und stark
macht, hat Ihnen niemand gegeben. Bildung hat so wenig mit Wissen
gemein, fgte er hinzu, wer ganz geworden ist, was er seinen Anlagen
nach hat werden mssen, der ist gebildet.

Sie unterbrach ihn ungeduldig.

Sagten Sie, ich sei reich?

Ja, Afra.

Ihr Oheim sagte das Gegenteil.

So verstehe ich meinen Oheim nicht, oder er meinte es in einem anderen
Sinn und Zusammenhang.

Sie schwieg. So wute er nicht, um was sie ihn, wie einst den alten
Mann, oft heimlich beneidet hatte. Es war gewi nicht einzig der uere
Besitz. Sie empfand, beide hatten ihr irgend etwas voraus, das durch
keine Verluste im Leben zu verlieren war. Sie fhlte sich pltzlich
verstimmt und stand auf. Diesen schmerzhaften Gedanken jetzt hate sie
tief in ihrer Seele, dieses Empfinden des Zurckgesetzten, der stets
empfangen mu, das einst ihr vterlicher Freund mit so viel glckhafter
Herablassung in ihr geweckt hatte. Nie war sein Gesicht schner gewesen,
als wenn er gab ... Sie waren von gleicher Art, diese beiden, nur
erschien es ihr, als sei jener ein Mann gewesen und als sei dieser ein
Jngling.

Sie schritten durch den Saal, in dem die Bilder der Toten des
Geschlechts hingen. Afra zog mit hartem Ruck die schweren Vorhnge von
einem der Fenster zurck, eine feine Staubwolke drngte sich trge in
die Sonnenstrahlen, ein tiefer goldener Atemzug der erwachenden
Vergangenheit.

Wie einfach, wie schn, sagte er bewundernd im Umschauen. Langsam
schritt er an den Bildern entlang. Sie folgte ihm neugierig mit den
Blicken und lehnte sich an das Fenstersims.

Welch einen Sinn fr Ma haben die Mnner gehabt, die hier geherrscht
und gebildet haben, sagte er. Nichts ist hier in Prunksucht und Gier
nach fremden Gtern herbeigeschafft worden, alles ist im Lande geboren,
mit ihm hat es sein Angesicht erhalten, sein Geprge, seine Schnheit.
Die Bildrahmen sind aus den Eichen von Wartalun, die Mbel und
Verkleidungen der Wnde tragen die Farben der cker, ihr Wert scheint
einzig in ihrer Nutzbarkeit zu liegen, und alles ist ernst und gro wie
das geduldige Land. So sind auch diese Angesichter. Diese verstanden zu
herrschen, weil sie zu arbeiten verstanden. Die Zge erheischen
Gehorsam, aber keine Unterwrfigkeit ... wir sind anders ...

Sie hrte ihm kaum zu. Erst als ein erstaunter Schreckensruf sie traf,
trat sie hinzu. Es war dmmrig im Winkel des Saals, in dem er stand, die
Schatten schienen von dem ungeheuren Kamin zu sinken, dessen grne
Kacheln ergraut waren unter der feinen Staubschicht, die sie trugen.

Wer hat das getan? fragte er und wies auf einen farbigen Wandteppich
von groer Schnheit, aus dem von ungefger und hilfloser Hand kleine
Stckchen herausgeschnitten waren.

Vgel, sagte Afra, Tauben waren darin. Damals wollte ich sie.

Sie haben diese Gobelins zerstrt?

Ich war fast noch ein Kind und bat um die bunten Vgel aus irgendeiner
Laune. Er erlaubte mir, sie herauszuschneiden.

Afra ... das ist unmglich.

Es ist schade, meinte sie. Der Graf legte keinen groen Wert auf
diese Dinge, wenigstens zuweilen nicht. Ich mu in einer ungnstigen
Stunde gebeten haben. Spter kamen ihm Trnen in die Augen, als er es
sah.

Erschauernd trat er zurck, und den flimmernden Blick am Boden, ging ihm
zum erstenmal eine Ahnung von der ganzen Gewalt und Tiefe des
Mrtyrertums dieses sterbenden Liebenden auf. Er empfand seine eigene
Schwche bis zum Zittern. In einer grellen und zugleich traurigen Vision
sah er die ermdete Herrlichkeit einer alten Zeit dem jubelnden Ansturm
und dem bedachtlosen Frohsinn einer neuen weichen. Er sttzte die
blasse Stirn. Rosen entbltterten sich vor seinen inneren Augen,
tieffarbig und langsam, dunkel in die Farben eines sinkenden Tages
gestreut. Die Vgel sangen nirgends, es wurde still, und die Toten
schliefen in einer Nacht ohne Morgen. Er dachte an sein junges Weib, das
ihn vor kaum einer Stunde mit flehenden Blicken gebeten hatte, Afra
fortzuschicken ... ber allem wurde ihm haltlos wehmtig zu Sinn, eine
beinahe heldenhafte Traurigkeit wehte hinber und hllte sein Herz in
trnenfeuchte Schleier.

Afra, Sie sollten ... fort -- -- groe Stdte und viele Menschen sehen,
andere Menschen. Es mten sich Ihnen Gelegenheiten bieten, Ihre Krfte
und Gaben vor ganz neuen Aufgaben zu bewhren ...

Spter, sagte sie khl. Es geht jetzt nicht. Was wrde aus Wartalun?

Das ist wahr, sagte er. Irgend etwas stimmte ihn froh an ihrer klaren
Entschiedenheit. Er fhlte sich erleichtert und verstand, nun da er ihr
argloses, sinnendes Lcheln sah, seine Besorgnis nicht mehr recht.

Wie eigen mich hier alles berhrt, meinte er, wie es beginnt, mich zu
verndern.

Sie gingen weiter. Unten im Herrenzimmer, dem Arbeitsraum des Toten,
ward ihm wieder eigen beklommen zumut im Dmmerlicht der dickwandigen
Erker. ber dem Schreibtisch hing ein verhlltes Bild Afras. Das Mdchen
nahm den Schleier ab. Es raschelte darunter von verwelkten Blumen, und
die Bltter sanken flsternd auf die Gertschaften des groen Tisches,
zwischen die grnlichen Bronzeleuchter, deren Kerzen halb
heruntergebrannt waren.

In einem Sommer zog ein junger Mann durchs Land, dessen Beruf es war,
Bilder zu malen, erklrte Afra wichtig. Er war unser Gast und mute
dies Bild machen. Er sagte mir, da es nicht ganz vollendet sei, aber
dem Herrn Grafen gefiel es wohl. Eines Morgens war er fort.

Weshalb?

Oh -- er wollte sich mit mir verheiraten. Wo er stand, sprach er
davon.

Und Sie wollten nicht?

Afra drehte eine verdorrte Nelke in der Hand, ganz rasch, da sie
schwirrte.

Ich? fragte sie und begann zu lachen.

Er nahm ein Kuvert aus einem Schubfach und zog einen Brief heraus. Ehe
er davon sprach, meinte Afra ber seine Schulter hin:

Das ist seine Schrift.

Ja. Es ist jener Brief, von dem ich heute morgen gesprochen habe.
Wollen Sie ihn anhren? Dieser erste Teil bezieht sich auf
Angelegenheiten der Verwaltung, vielleicht darf ich ihn spter mit Ihnen
betrachten, dieser Teil handelt von Ihnen. Er ist so stolz, so
zurckhaltend und einsam. Was ich heute morgen darber gesagt habe, war
Torheit ..., er stockte. War das denn dieser Tag, ist das heute morgen
gewesen?

Wann denn sonst?

Es erscheint mir, als lge viel mehr Zeit dazwischen. Sie mssen
bedenken, Frulein Afra, da mein Leben ohne groe uere Ereignisse
dahinlief, und die Erlebnisse der Innenwelt sind seltsam zeitlos; sie
haben so gar nichts mit den ueren Lebensverhltnissen zu schaffen, und
auf die Dauer rauben sie einem den Sinn fr die Zeitmae der Umwelt.

Was schreibt er denn?

Versuchen Sie mich zu verstehen ..., bat er.

Gewi ...

Beide schwiegen.

Ich darf ihr den Brief nicht vorlesen, empfand er. Es ist nicht ihr
Teil, irgend etwas in ihrem Wesen beleidigt noch die Andacht, die Liebe,
den Wert dieser Worte, sie ist zu jung. Und doch schien es ihm wieder
eher ihr Recht als das seine. Hatte der Verstorbene jemals mit den Gaben
seiner Liebe zurckgehalten? So mag es denn geschehen, beschlo er, mit
der Bitterkeit eines, der mit bsem Gewissen Gutes tut.

In seltsam altvterischen Zgen, die lange Schleifen nach oben und unten
zogen, aber im Verlauf der Schrift selbst wie eine einzige feine Linie
wirkten, liefen die langen Zeilen dahin. Er las mhsam und geqult,
ernchterte alles Innige der Worte zu khler Sachlichkeit und verdarb
manchem sein Gewicht durch den gleichgltigen Tonfall seiner Stimme,
deren Beben er zu verbergen trachtete. Es entging ihm der Sinn mancher
seltsamen Wendung, weil er oft an nichts anderes denken konnte als
daran, wie Afra das Gelesene aufgenommen hatte. Aber einzelne Stze
prgten sich ihm tief ein, einmal hielt er inne, suchte den Beginn und
las einen Satz noch einmal:

... so bleibt Wartalun in den Hnden meines Geschlechts, das es
begrndet, erbaut und gemehrt hat, aber es sei denen gesagt, die es zu
eigen haben sollen, da es keinen ererbten Besitz in der Welt gibt, der
vor Gott Gltigkeit hat, und Gott erkenne ich in der Kraft des
Lebendigen.

Er sah Afra an.

Ja, ja, sagte sie. Das hie: Lesen Sie weiter.

Er schrieb in der Folge von seiner Liebe zu Afra, der ergriffene Mann
las sehr leise, als scheute er sich, Dinge auszusprechen, die der Tote
im Grund seines Herzens getragen hatte.

Wenn ihr Herz so beschaffen ist, wie ich Irrender oft vermeint habe zu
erkennen, so wollte Gott, da meine Liebe wie seine Gabe zu ihr kam,
denn das Wesen der Liebe ist ausgleichender Natur. Ich habe gesehen, da
die Liebe dem verschwiegenen Trotz die Demut entgegenschickte und der
Bosheit die Sanftmut. Sie offenbart sich in einem ewigen Krieg der
Geschlechter, nur die Kmpfenden erdulden ihr Wesen ganz.

Zum Schlu lautete es wieder allgemein in Worten, die an die Erben
gerichtet waren:

Es hiee Unrecht tun, eure alten Rechte, die in dieser Zeit nicht mehr
gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure besten Gter wahren, denn die
zeitlichen knnt ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch
herabwrdigen, denn das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der
neuen Zeit nichts gemein, und ihr sollt ihre Waffen nicht fhren.

Der Brief brach hier ab.

Wie wahr, sagte der junge Gutsherr, aber dann erschien es, als
erinnere er sich pltzlich der Gegenwart Afras, und er fgte schnell
hinzu:

Es ist nicht alles klar gesagt in diesem Schreiben.

Aber Afra schttelte nachdenklich den Kopf und meinte:

Ich verstehe es gut, weil er ber diese Dinge oft mit mir gesprochen
hat. Dort am Kamin, der Sessel steht noch an seinem Platz. Ich sa ihm
zu Fen und bin oft, die Stirn auf seinen Knien, eingeschlafen. Er
weckte mich aber nie, sondern sprach erst weiter, wenn ich aufgewacht
war. Er hat viel vom Leben und von Gott gesprochen, von den Armen und
Reichen und vom groen, ewigen Krieg in der Welt. Da sagte er auch
einmal: >Die Reichen sind oft migeschickte Krieger in diesem Kampf.<
Aber wenn er vom Reichtum sprach, meinte er nie den Besitz der Menschen
an Geld oder Land, sondern er meinte etwas anderes ...

Sie schwiegen beide, und es war, als dchten sie an dieses Andere, das
keiner von ihnen nannte.




Viertes Kapitel


Nun war es Nacht, und ber Wartalun stieg langsam der groe Mond herauf.
Die vielgestaltigen Dcher der Erker und Mauern lagen hier weilich und
scharf in seinem Schein, als seien sie mit Schnee bedeckt, dort ruhten
sie ungewi in blauer Dunkelheit. Durch die Eichen, die den Parksee auf
freien Rasenpltzen umstanden, fiel das Licht in das ruhige Wasser, das
Schilf rhrte sich nicht, und die Schwne schliefen. Sah man ber die
Steinmauern ins Land hinaus, so erblickte man hinter den ckern, fern
ber dem lichten Teppich des Korns, die grauen flachen Seen des Nebels
ber dem Moor. Von dort aus mochte das alte Schlo in dieser Ebene
beinahe wie ein ungefges steinernes Ungetm wirken, das am Rand des
Eichwalds im Schlummer lag. Gewaltttig und gebieterisch lag es da und
duldete nicht Haus noch Baum in der Nhe seiner Hhe. Das Licht der
Nacht, das alles Belanglose des eifrigen Tags zu zeitlosen Gebilden der
Welt emporzauberte, fhrte die Gedanken des Beschauenden in vergangene
Jahrhunderte zurck. Alle Interessen des Alltags wurden unter diesem
Anblick armselig und wesenlos, als kme es in der kurzen Zeitspanne
irdischen Daseins auf ganz andere Dinge an ...

Wie hoch und warm wirkte dies groe Zimmer im Mond. Der junge Gutsherr
lag ohne Schlaf auf seinem Lager, lang ausgestreckt auf dem Rcken,
ruhelos und mde, und betrachtete die Schnitzereien und Bildwerke der
getfelten Decke, die ihm im gedmpften Licht unwirklich und ungreifbar
erschienen, als she er sie nicht, sondern als lausche er einer
altmodischen Erzhlung. Auf einer Eichentruhe, nahe am Fenster, lag ein
breiter Streifen Licht wie ein leinenes Tuch, der alte Schrank im
Schatten und die hochlehnigen Sthle bekamen in dieser Stunde ein eigen
persnliches Ansehen. Ihm war zumute, als sei alles hier ihm feindlich
gesinnt, er empfand sich als heimatlos, als Eindringling und rechtlos.

Neben sich vernahm er die Atemzge seiner jungen Frau. Wenn er
hinberschaute, sah er im Dmmerlicht nur ihr dunkles Haar in den hellen
Kissen. Er wute nicht, ob sie schlief. Ihr Schweigen hatte ihn den
Abend hindurch geqult, er wute wohl, wie er es htte brechen knnen,
aber der Name war nicht gefallen, an den beide dachten. In einem
eigensinnigen Schmerz, in einem unerklrbaren Schuldbewutsein, die ihn
peinigten, hatte er endlich ihren Namen genannt, aber er sprach dann nur
von gleichgltigen Dingen.

Nun hrte er, wie sie den Kopf wandte.

Auch du schlfst nicht, Elsbeth? Wie das Neue hier alles in einem zu
verndern trachtet. Ich frchte sehr, da ich hier lange Zeit nicht zur
Arbeit kommen werde. Die Verwaltung erfordert viel ernstliche Mhe, bis
ich ein wenig bersehen gelernt habe, wo ich notwendig bin. Aber es
erscheint mir so, als herrschte allenthalben groe Ordnung, die
Ertrglichkeit der Gter ist ungewhnlich. Wir sind sehr reich geworden,
Elsbeth.

Sie schwieg.

Hast du gesehen, wie wunderschn der Schlohof und der Park im
Mondlicht liegen? Hrst du den Brunnen? Ich glaube, wir werden hier
lernen, glcklich zu leben, und dein Kindlein erwacht in einem
sonnigen, freien Paradies zum Dasein. Denke an den Weg, den wir durch
den Wald und ber die Felder gemacht haben. Alles, was du hast sehen
knnen, wird einmal sein Eigentum sein.

Da hrte er, da sie weinte. Er sprang empor und setzte sich an ihr
Bett, die Hnde um ihre Schlfen, beugte sich tief ber sie und
flsterte innig und liebevoll.

Begegnet man so einem groen Glck? versuchte er sie endlich zu
trsten. Gestern warst du noch guten Muts, als wir ankamen. Diese
Einsamkeit ist gewilich ein herber Gegensatz zu dem Leben und Treiben,
aus dem wir uns losgerissen haben, aber es ist dein Wille gewesen, und
du wirst bald empfinden, da es recht war, ihn auszufhren.

Sie legte den Arm um seinen Hals und lie traurig den Kopf zur Seite
sinken, die Augen gegen das weie Licht geffnet, das ins Zimmer sank.
Und so sprach sie auch, von ihm abgewandt und als wte sie kaum, da er
ihr zuhrte:

Ich frchte mich. Ich meine, da ich das Leben nie verstanden habe. Ich
habe gehofft, da ich hier, von allen Menschen entfernt, meiner selbst
viel sicherer wrde, da die Ruhe und die Natur mir helfen knnten,
vieles leichter und freier zu begreifen als frher, aber hier bedrckt
mich alles. Sieh diese Wnde an, es wrde kein Ruf, kein Geschrei durch
sie hindurch zu den Menschen dringen, niemand wrde uns hier jemals
suchen, man ist wie verabschiedet von allen Lebendigen, und das Moor
sieht aus wie ein einziges endloses Totenfeld. Zu diesen Menschen werde
ich niemals lernen eine Beziehung zu unterhalten, und ich werde nie ihr
Herz finden. Ich verstehe sie in ihrer Sprechweise nicht, und ihre
Angesichter erschrecken mich, und ...

Er wartete. Dann, als sie schwieg, warf er schchtern ein:

Du bist ungeduldig.

Ja, vielleicht, sagte sie mde, aber ich glaube an die Wahrheit der
ersten Eindrcke, und sich gewaltsam gegen die innere Stimme zu wehren,
hat bei mir niemals zum Guten gefhrt.

Mich trifft hart, was du sagst, antwortete er ihr, als wre ich dir
nichts, als knnte ich dir nichts erleichtern und nichts vertraut
machen.

Wie eifrig hatte sie sonst solchen Zweifeln und Anklagen seines Herzens
widersprochen. Jetzt nahm sie sie hin, als habe er eine bittere Wahrheit
ausgesprochen.

Und obgleich sie nicht ablie zu weinen, er sah in ihren groen ruhigen
Augen die Trnen langsam kommen und fallen, fuhr er um manches weniger
herzlich fort:

Vielleicht ist dein Zustand an vielem schuld ...

Er stockte. Wir schweigen beide beharrlich ber das, was uns in Wahrheit
bedrckt, wute er pltzlich, mit einer heien Welle von Blut, die ihm
in die Schlfen drang und strmisch pochte. Er sammelte Mut, den Namen
zu nennen, ber dessen Klang hin sie einzig sich auf alte Art des
Vertrauens finden konnten, aber sein Stolz hinderte ihn, da er dem Recht
seiner Liebe zu seinem Weibe nicht Gewalt antun wollte. Er htte sich
als klein empfunden, wenn er sie ber Dinge beruhigt htte, die ihr
keine Befrchtung bringen durften. Mochte _sie_ sprechen, wenn es not tat.
Dabei betrachtete er ihre Trnen, die das Tuch ihres Bettes nten, und
schwieg, eigenwillig und traurig und mit seinem ganzen Wesen pltzlich
dorthin versetzt, wohin er seine Gedanken nicht schicken wollte.

Ich kann nicht, sagte sie mit Zittern, als htte sie alle seine
Gedanken und Besorgnisse erlauscht, sprich doch! Wie htte ich vorhaben
knnen, dich zu betrben. Sprich doch von ... ihr. Sie ist den ganzen
Tag kaum von deiner Seite gewichen, warum sprichst du nicht von ihr? Was
hindert dich daran? Konnte dich krnken, da ich heute darum bat, du
mchtest sie fortschicken?

Nein, sagte er, ich habe nicht absichtlich von ihr geschwiegen, ich
glaubte nur, bei deiner Abneigung gegen die junge Dame sei es besser,
die Sache vorlufig ruhen zu lassen.

Sie fuhr empor und drngte ihn zurck.

Das ist nicht wahr, das ist nicht alles! Oh, nun erst bin ich traurig.
Ich habe gesehen, wie du in ihr Gesicht geschaut hast, ich habe mit
jedem Wort, das dich von ihr traf und das du ihr entgegnetest,
empfunden, wie sie auf dich wirkt. Eine Abneigung, sagst du, htte ich
gegen sie? Oh, es ist viel mehr, ich habe ein Grauen vor diesem schnen
kalten Wesen, ich friere und zittere, wenn sie spricht, ihr Lachen nimmt
mir den Atem. Alles an ihr ist lieblos und herzlos, sie sinnt einzig auf
ihren Vorteil und auf ihren Genu, und jedes Mittel ist ihr recht, ihn
zu erreichen.

Nicht, nicht doch, bat er erschrocken, nicht heute, nicht jetzt,
denke daran, da alle Erregung nicht allein dir schaden knnte. Sie soll
fort, ich will es dir versprechen, aber noch kann es nicht sein. Ich
bedarf ihrer. Ich habe erfahren, da sie als Vertraute des Oheims ...

Das ist nicht wahr. Du bedarfst ihrer nicht. Eben noch hast du mir
gesagt, da wir reich seien, wie kann dir da an einem geringen Opfer
liegen, wenn es meine Ruhe gilt, um die du dich besorgt zeigst?

Du denkst falsch von Afra, sagte er ruhig. Sie ist ein Kind. Ich kann
ihr nicht morgen verweigern, was ich ihr heute zugesagt habe.

So hat sie dir schon Versprechungen entlockt?! Oh, wie ich dies Mdchen
kenne.

Sie hat mir nichts entlockt, es ist anders. Ihre Stellung zum Herzen
des Verstorbenen legt mir Pflichten auf. Er macht mich auf eine Art fr
ihr Ergehen verantwortlich, die ich achten mu, wenn ich mich seines
Erbteils als wrdig erweisen soll. Ich will dir morgen seine Worte
zeigen. Ich fhle tief innerlich, da ich zu den Dingen stehen mu, wie
er zu ihnen gestanden hat, da diese Pflicht einen Teil meines
Lebensschicksals in sich einschliet und da ich nichts daran ndern
kann, ohne die Treue gegen mich selbst zu verletzen.

Er sprach ernst und so berzeugt, da es beinahe drohend klang.

Sie richtete sich steil und angstvoll auf und sah ihn gro und entsetzt
an, ihr dunkles Haar hing nchtlich schwer und wie in Trauer um die
blassen Zge ihres Gesichts.

Helmut ...

Sie sank in die Kissen und weinte bitterlich und wollte sich nicht mehr
trsten lassen. --

Endlich wurde es ruhig im Zimmer, und es schien, als habe der Schlaf die
junge Frau aus ihren ngsten in sein Vergessen hinbergetragen, aber der
Gutsherr von Wartalun lag noch lange wach und sah den Mondschein das
Zimmer durchwandern, bis er am Mauerwerk des Erkers endlich ganz
verschwand und nur noch sein Widerschein ein ganz sprliches Licht zu
ihm in den Schlafraum sandte. -- Aus seinem Schmerz rettete ihn ein
bitterer Trotz, der zur Einsamkeit hinberdrngte, jener Trotz der immer
neuen Erwartung, den nur die Jugend hat, der ber die Werte der
Gegenwart zu tuschen wei und der das aufrichtigste Herz zu betrgen
vermag. Eine fremde, se und eifrige Freude, von der es ihm erschien,
als liee sie flackernde bunte Tchlein der Daseinslust vor seinen
sehenden Augen tanzen, lag im Kampf mit einem bohrenden Bewutsein von
Schuld. Bis seine Mdigkeit ihm alles verwischte, und in der Wohltat
dieses lauen, gndigen Versinkens traf ihn geheimnisvoll das Wort des
Toten: Die Reichen sind oft migeschickt zum Kampf.

                    *       *       *       *       *

Als der alte Diener Melchior am frhen Morgen die Tr zum Hof ffnete,
flatterten die blauen Tauben von der Schwelle auf und schlugen sich in
den roten Streifen der Morgensonne am Dachfirst empor. Er sah
nachdenklich zu ihnen hinauf, wie sie sich in der Khle drehten, und
strich mit der Hand ber die ergraute Schlfe.

Am Tor klang Martins aufgeregte Stimme, Melchior hrte den Namen fallen,
an den er dachte, das gedmpfte Kreischen irgendeiner Mdchenstimme
erscholl, und ein Kchenfenster wurde aufgestoen. Er schritt in jener
stetig leidenden Besorgtheit hinber, die oft die welken, bartlosen
Gesichter alternder Hausgeister berzieht, um nach dem Grund des frhen
Lrms zu forschen. Da kamen sie ihm schon entgegen und trugen eine grobe
Holzkiste mit einer kleinen Gittertr. Frulein Afra sollte man rufen.

Es war ein Marder in die Falle gegangen. Der Alte lie die Kiste
niederstellen, drehte sie gegen das Licht und schaute hinein. Tief
hinten, in die Ecke gekauert, erblickte er das kleine braune Tier,
abwartend und tckisch kauerte es dort, nur die harten hellen Steinaugen
lebten in kalter Bereitschaft zum Kampf oder zum Tode. Es flte viel
mehr Angst ein, als es verriet. Wie leicht wrde es allen diesen zu
entgehen wissen, wenn es nicht ihrer List erlegen wre. Voll Verachtung
und Trauer verharrte es in seiner schmachvollen Lage.

Die Kchin riet, den ganzen Kfig ins Wasser zu tauchen, das sei
gefahrlos und sicher; aber Martin sah sie zornig an:

Frulein Afra mu zuerst den Marder sehen.

Warum? fragte Melchior. Warum mu sie ihn zuerst sehen?

Martin starrte ihn an, er verstand nicht, wie man daran zweifeln konnte.

Ein Marder ist keine Maus, sagte er dann, deine Stubenmuse braucht
niemand anzuschauen.

Er gab einem Knecht die Falle in Gewahrsam und eilte fort zu den
Wirtschaftsgebuden.

Da findest du das Frulein nicht, sagte Melchior in unnahbarer
berlegenheit und seines Wissens froh.

Im Schlo? fragte Martin hastig.

Der Alte nickte melancholisch, und Martin nderte bewegt und erfreut den
Kurs. So gehrte es sich. Das Leben schien ihm wieder leichter. Was wre
es auch gewesen, wenn jener dnne Herr, der eingedrungen war, Afra etwas
vorenthalten htte.

Sie kam lachend und mit raschen Schritten die Terrasse herunter und lief
quer ber den Rasenplatz, ohne Hut, die Jagdbchse in der Hand.

Jetzt werden ihm die Hhner heimgezahlt, rief sie. Melchiors adelige
Verbeugung voll Zurckhaltung fand keine Beachtung, Martin bekam einen
gelinden Sto, da sein etwas ruppiger Knabenkopf ihr den Blick in den
Kfig verwehrte. Sie sah hinein, und ihre Zge spannten sich, gefesselt
zu groem Ernst.

Schn, sagte sie, wunderschn ist er.

Sie wurde einen Augenblick nachdenklich.

Jetzt pat auf, rief sie hell und richtete sich auf, wir tragen ihn
in den Park auf den groen Rasenplatz, und ich stehe hinter der Falle.
Bei drei macht ihr auf. Er verdient es, in der Freiheit zu sterben. Die
Falle ist gemein. Los, Martin, fa an.

Melchior beteiligte sich aus der Entfernung, die Knechte und Mgde aber
liefen mit, und Afra lie es zu.

Vor dem See, ordnete sie an, dann kann er nur nach rechts oder nach
links ausbrechen. Ihr mt viel mehr zurcktreten.

Er wird ins Wasser gehen, befrchtete Martin, aber Afra war es
gleichgltig, wo er getroffen wurde.

Hast du eine Kugel im Lauf? fragte Martin.

Eine Kugel? Du bist verrckt. Tritt zur Seite.

Sie stellte sich hinter die Kiste in Anschlag, warf das Haar zurck und
kommandierte. Die Tr flog auf, aber das verngstete Tier wagte den
Sprung in die Freiheit nicht ohne Besinnen. Afra stie die Kiste mit der
Fuspitze an, da sie wohl einen Meter weit ber den Rasen rutschte, da
huschte es heraus, windschnell, ein Schatten, kaum da das Auge ihm
folgen konnte, grad auf den See zu. Als es den Winkel am Ufer machte, um
seitlich zu entkommen, krachte der Schu unter den khlen Augen, die
dieser letzten Flucht mit Sicherheit folgten. Das Tier schnellte
kerzengerade empor, reckte im Todeskampf alle vier Fe starr von sich
ab und kreiste im Niederfallen blitzschnell und sinnlos am Boden, wie
ein zerstrtes Uhrwerk im Ablaufen.

Afra trat mit ein paar schnellen Schritten dicht heran und schaute zu,
wie Tod und Leben in dem kleinen zhen Krper rangen. Er hat genug,
sagte sie zu Martin, der zu einem zweiten Schu riet, und wies ihn mit
einer sachten Bewegung der Hand beiseite, als wnschte sie keine
Gemeinschaft in ihrer Betrachtung. Ihre Augen, voll Grauen und Andacht,
folgten jeder Bewegung des sterbenden Tierchens, das zuckend einen
letzten Kreis auf dem Rasen beschrieb. Die blanken Augen waren noch
ungebrochen, sie glhten lebensgierig und voll bser Unschuld. Aber dann
ffnete sich das beinahe se, unendlich feine Raubtiermaul, ffnete und
schlo sich und war voll Blut, der Kopf hob sich in die Morgenluft, zu
den Grsern, die ber ihm schaukelten, und sank dann nieder, ohne einen
Schatten von Leid oder Verzerrung, wieder stark und geduldig, wie bei
Lebzeiten, und voll natrlicher Wrde.

Oben im Schlo bewegte sich im Schlafzimmer eine Gardine. Die
Herrschaften waren durch diesen Schu aus dem Schlaf erwacht. Melchior
trat hinzu und meldete es Afra voll ermahnender Nachsicht.

Sie sah ihn an.

O Guter, sagte sie still, deine Sorge wre auch vor der Schandtat zu
spt gekommen. brigens ist es Zeit, aufzustehen.




Fnftes Kapitel


Einige Wochen darauf erhob sich der junge Gutsherr eines Tages mit dem
Morgengrauen, und, den Sinn voll erregter und trber Gedanken, wanderte
er planlos die Landstrae entlang, die auf das Dorf Wartaheim zufhrte.
Die auf dem Schlosse verbrachte Zeit hatte seiner inneren Bedrngtheit
und dem Gefhl von Fremdheit, das ihn qulte, keinen Abbruch getan. Als
die gewohnten Mbel und Hausgertschaften angelangt waren, hatten sie
sich nirgends einpassen wollen, und der grte Teil war auf die
Dachbden gestellt worden. Ihm schien, als sollte auch uerlich alles
anders fr ihn werden, wie sein Inneres begann, sich, wie von
unerbittlicher Notwendigkeit gedrngt, auf neue Werte einzustellen. Der
Druck, der auf seiner Seele lastete, wurde ihm um vieles schmerzhafter
unter der geduldigen Art, in der seine Frau das unvermeidlich gewordene
Schicksal ertrug. Sie hatten niemals mehr ber die Dinge gesprochen, die
in einer Nacht so gewichtig zwischen ihnen gestanden hatten, aber die
Schatten jener Sorge blieben. Ihr stilles Gesicht, in dem unter der
blassen Stirn die Augen klagten, die ihm einst so froh und
vertrauensvoll begegnet waren und deren Blicke ihm nun auswichen, wenn
andere als alltgliche Angelegenheiten erwhnt werden sollten, verfolgte
ihn berall, anklgerisch ohne Zorn.

Sein Herz war schmerzvoll geteilt. Er lie sich kraftlos dahintreiben,
auf irgendein Ereignis vertrauend, das alles ndern sollte, das er bald
ersehnte, bald frchtete. Anfangs hatte er sich bemht, die
Gutsangelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, aber seine freie und
kluge Natur strubte sich rasch dagegen, etwas gewaltsam in sein
Wirkungsgebiet zu bringen, das in Afras Hnden besser verwaltet wurde.
Seine Anerkennung verwandelte sich rasch in Bewunderung, und die
Aufrichtigkeit, in der er bewundern konnte, was sie gelassen und
einsichtsvoll tat, beruhigte ihn. Er nahm sie wie eine Wohltat hin, in
der er sich zugleich in seiner Stellung entschuldigt fhlte. Er war voll
lauten Lobes ihrer Fhigkeiten, ihrer Uneigenntzigkeit und ihrer
fachlichen Geschicklichkeit und empfand doch, da sie gerade durch diese
Eigenschaften mehr und mehr Macht ber ihn gewann. Sein Trost war, da
er es gerecht nannte, jedem das Teil an Lebensarbeit zuzuschieben, fr
dessen Verwaltung er geschaffen schien. So hatte er es ruhig hingehen
lassen, als er einmal von Martin erfuhr, da er die bestellten
Kutschpferde nicht bekommen knnte, da Frulein Afra ihrer bedrfe. Als
der Landrat vor Tagen seinen Besuch machte, hatte Afra dem Beamten
bestellen lassen, der gndige Herr sei verhindert, ihn zu empfangen, er
mge gelegentlich wiederkommen. Als er dies erfuhr, lie er Afra zu sich
bitten, da er glaubte, Rechenschaft ber diesen selbstndigen und
scheinbar unbegrndeten Schritt fordern zu mssen.

Sie brachte den Sonnenschein und den Geruch des Gartens mit in sein
dmmeriges Zimmer und lachte, als er von seiner Sorge sprach, der Herr
mchte gekrnkt sein. Sehen Sie, sagte er unsicher, der Freiherr tut
mir eine Ehre mit der Aufmerksamkeit an ...

Sie strich mit der Hand in der Luft seine Worte aus:

Sie wrden alles tun, was Ihr Ansehen herabsetzte, sagte sie bedacht
und eifrig. Er hat sich etwas vergeben, indem er kam, ohne Ihren
Besuch abzuwarten. Das ist nicht hflich, sondern unterwrfig. Er kommt
auch nicht zu Ihnen, sondern zu Ihrem Reichtum und weil er hofft,
endlich die Beachtung zu finden, die ihm Ihr Oheim nicht schenkte. Er
wrde Ihnen dafr die besten Rehbcke jenseits der Grenze fortschieen.

Helmut mute lcheln, aber sie blieb ernst.

Nun wei er seine Stellung, fuhr sie fort, und Sie knnen unbesorgt
sein, er wird wiederkommen.

So? fragte er und sah auf. Wohl nicht einzig meinetwegen?

Nun war sie es, die lachte. Es gibt nichts Sorgloseres in der Welt als
ihr Lachen, dachte er. Sie sagte leichthin:

Er langweilt sich.

Es waren vielerlei derartige Vorflle gewesen, die ihm bewiesen hatten,
da er gut daran tat, Afra die Zgel dieser lndlichen Herrschaft zu
lassen, denn sie hatte einen guten Lehrmeister gehabt, dessen Handlungen
sie nicht nur gesehen, sondern auch verstanden hatte. Ihren natrlichen
Sinn fr das Zweckmige, der weit ber die Bedrfnisse des Alltags
hinausging, bewunderte er um so mehr, als er selbst ihn nicht hatte.
Denn er fhlte und wute wohl, da seine Geistigkeit und alles, was ihn
innerlich beschftigte am Fehlen dieses gesunden Sinns litt, den keine
Arbeitskraft entbehren kann, auf welchem Gebiet immer sie sich regt.

Solchen Erinnerungen und Gedanken hing er bewegt nach, als er an diesem
khlen Sommermorgen durch die Felder seines Guts ging. Ein rechtes
Gefhl fr die Bedeutung der Tatsache, da dies alles in Wahrheit sein
Eigentum war, hatte er noch immer nicht. Oft sagte er es sich mit leisem
Staunen vor: Diese Bume sind mein, diese Huser, dies Land, so weit
ich es sehe, und dieser See. Fehlte ihm denn der Sinn fr das
Erfreuliche dieser Wahrheit und wurden alle Vorzge seines neuen Lebens
ihm nur deshalb nicht zur Gewiheit, weil sein Inneres durch ganz andere
Erkenntnisse und Zwiespalte ausgefllt war?

Arme Elsbeth, sagte er pltzlich laut.

Er erschrak bitter. Ihm war, als habe er sich selbst, wie einem
grausamen Richter, sein erstes Gestndnis abgelegt.

Die Landstrae wurde ber eine breite, schwerfllige Brcke gefhrt, die
ber die Anner geschlagen war. Er wute, der kleine Flu begrenzte gegen
Norden sein Gut. Das rasche stille Wasser kam aus dem Moorland,
durchflo die Birkenhaine von Annerwehr, einer kleinen Kornmhle, die es
trieb und die ihm gehrte. Ohne rechten Entschlu bog er in die Wiesen
ein und schritt den schmalen Schilfweg dahin, der hart am Ufer entlang
nach der Mhle fhrte.

In den ruhigen Schilfhalmen erwachten die ersten Libellen, der Morgen
leuchtete silbern im Wasser, und am Ufer blinkte der Tau. Die Flut eilte
still und schnell dahin, nahm die Rinnsale der Wiesen auf und
verbreitete einen sen, wrmlichen Duft von sommerlicher Feuchtigkeit.
In den Birken lag der erste Frhsonnenschein.

Wie glcklich es sich hier leben liee, dachte der Dahinschreitende,
eine groe Welt umgibt mich, die mein Eigentum ist. Aber wir besitzen im
Grunde nicht mehr als die Schtze in der eigenen Brust; nur so viel
unsere eigene Natur enthlt, wird aus der Umwelt unser Eigentum.

Durch die Bume klang das ferne Rauschen des kleinen Wasserfalls von
Annerwehr. Als er die letzten Uferbsche durchschritten hatte, die den
Weg beengten, sah er das Anwesen vor sich liegen, das rote Dach
leuchtete in der Sonne, und das schmale, hohe Mhlrad glitzerte vom
rinnenden Wasser.

Auf einer bemoosten Holzbank am Wasserfall sa Afra. Er blieb stehen und
schaute zu ihr hinber. Es wunderte ihn nicht, sie so pltzlich vor sich
zu sehen, beinahe erschien es ihm natrlich, da seine Gedanken bei ihr
geweilt hatten. Hinter ihr bewegte ihr Pferd sich grasend auf dem
Wiesengrund. Als er hinzutrat, sah er, da sie fischte. Sie wandte sich
nach ihm um und lchelte ihn an, ihm war, als habe sie ihn schon lngst
gesehen, so ohne berraschung begrte sie ihn.

So frh schon? sagte er herzlich im Aufwallen eines Gefhls von
inniger Freude.

O bitte, treten Sie ein wenig zurck, bat sie, Ihr Schatten darf
nicht aufs Wasser fallen. Sie wies neben sich. Im Gras, ihr zur Seite,
lagen zwei prchtige Forellen. Sie gab ihm die Hand, ohne sich voll nach
ihm umzuwenden, dann rckte sie auf der Bank ein wenig beiseit, um ihm
Platz zu machen.

Auch dies verstehen Sie, sagte er, wie wohl es Ihnen ansteht, Afra.
Und Ihr Erfolg macht es ntzlich.

Wie weise, lachte sie, Ihr Oheim hat es mich gelehrt. Er sah ihr zu,
wie sie langsam und sorgfltig einen neuen Wurm auf den Haken zog. Wenn
er sich noch bewegt, so ist es am besten, erklrte sie ihm, die
Forellen erkennen in den Wirbeln ihre Nahrung nicht deutlich, sie
schieen auf die Bewegung hin zu. Sie schnellte die Angel in das
Geflle, so da sie durch die Strudel in die Mitte des Kessels trieb,
den der Fall bildete.

Ihm war, whrend er in das kreisende Wasser starrte, als wre irgend
etwas Wichtiges zu sagen. Der Frohsinn seiner Stimmung war dahin. Auf
den Wiesen, jenseits des Wassers, wurde Gras gemht, und in den
Niederungen schritten Strche durch die flachen Tmpel. Sie schwiegen
beide. Afras klares Gesicht war voll heller Wunder einer unbedachten
Seligkeit an Jugend und Leben. Nach einer Weile trat der Mller zu
ihnen, grte zurckhaltend und betrachtete den jungen Gutsherrn
aufmerksam.

Helmut richtete ein paar Fragen an ihn, die Afra berflssig fand. Es
wird mir schwer, mit den Leuten in rechte Beziehung zu treten, sagte er
spter dem Mdchen; sie lchelte unter den sinnend gesenkten Augen und
antwortete nicht. Ich habe keine rechte Ruhe mehr zum Fischen, meinte
sie bald darauf und zog die Angel ein. Sie empfahl das Pferd der Sorge
des Mllers, und bald darauf schritten sie miteinander quer ber die
Wiesen auf Wartalun zu, und er trug ihre Beute.

Er wute nicht recht, wie ihm der Gedanke gerade nun kam, aber pltzlich
empfand er: sie ist herzlos. Wie sie vor ihm dahinschritt, berauschte
ihn die liebliche Vollkommenheit ihres jungen Krpers, seine Frische und
Kraft. Alles an ihr schien seiner selbst in unzerstrbarer Seligkeit
gewi, die kleinen krftigen Hnde, die unberhrten Augen und die
rtlichen Feuer ihres Haars an den Schlfen. Zgernd sagte er:

Ich denke viel mehr an Sie, Afra, als an meine Pflichten.

Sie antwortete ihm frei und ernst, so sei es ihr lieb, denn es sei am
besten, sie bernhme diese Pflichten an seiner Stelle. Dann fragte sie
ihn ganz unvermittelt und ein klein wenig unsicher:

Ich habe gesehen, wie viele Bcher Sie mitgebracht haben, und mich
verlangt oft sehr danach, zu lesen. Sind welche darunter, die ich
verstehen kann?

Viele, sagte er eifrig, ich will Ihnen welche auswhlen, und wenn es
an Verstndnis fehlen sollte, so will ich gern nachhelfen. Es ist
hbsch, ein Buch miteinander zu lesen.

Sie nickte zgernd, dann sagte sie: Die Bcher, welche der Pfarrer von
Wartaheim aufhebt, erfreuen mich nicht. Ich glaube, sie sind nur dazu
da, damit er sie jhrlich einmal vom Staub reinigen kann. In den Bchern
der Schlobibliothek finde ich mich nicht zurecht. Es sind alles groe
schwere Bnde und so dick, da man den Mut verliert, bevor man sie
geffnet hat.

Ich habe immer nur mit meinen Bchern gelebt, fuhr er fort, ohne auf
sie einzugehen. Schon als Kind. Sie waren in aller Bedrngnis meines
Lebens meine Gefhrten und meine Trster. Sie schauen mich zweifelnd an,
gewi glauben Sie nicht recht, da es fr mich oft schwere Stunden gab.
uerlich war es auch nicht so, aber ich war meine Jugend hindurch fast
immer allein. Ich bin ohne Geschwister aufgewachsen und habe von den
Freuden meiner Jugendgenossen nur die wenigsten teilen knnen. Ich
fhlte mich dem Leben gegenber zurckgesetzt, weil ich niemals die
glckliche Unbefangenheit gehabt habe, seine Gter bedachtlos als mein
Recht fr mich zu beanspruchen. Es ging mir den Gtern des Daseins
gegenber hnlich, wie es Ihnen angesichts der Bcher unserer Bibliothek
ergangen ist. Ehe ich sie mir zu eigen machte, entmutigte mich ihre
Gre. Ich war im Leben etwa das Gegenteil von Ihnen ...

Denken Sie nicht gut von mir?

Aber Afra, nicht doch, oh, gewi nicht. Sie mssen verstehen, wie ich
Sie sehe. Sie sind fr mich wie eine Offenbarung dessen, was Gott mit
uns Menschen vorgehabt hat. Sie gehen dahin wie die vollkommene
Verwirklichung eines glhenden Traums. So stark, so unschuldig ist
alles, was Sie sind und tun. Keine Gedanken trben Ihren reichen,
glcklichen Tag, Sie sehen das Leben vor sich liegen in frhlicher
Erwartung des Besten, was kommen kann, Sie sind schn, Gott wei es, Sie
sind wunderschn!

Oh, sagte sie leise und hob ihr erglhtes Angesicht zu ihm empor,
senkte schnell wieder das blonde Haupt und stammelte:

Warum sprechen Sie so gut von mir?

Ich kann nie Worte finden, um Ihnen zu sagen, wie von Herzen lieb Sie
mir sind, sagte er rasch und bebend und blieb stehen und prete die
Hnde ineinander. Sein Gesicht war so traurig bei diesen Worten, als
wnsche er sich nichts, als sterben zu drfen.

Aber nein ... sagte sie, und dann begann sie pltzlich zu lachen, trat
auf ihn zu und suchte seine Hand zu ergreifen. Aber sie konnte seine
Hnde nicht auseinanderlsen, da sank auch die ihre nieder, und sie
starrte ihn mit groen verwunderten Augen an, wie er dastand in der
Sonne, mit seinem von Schmerz ganz entstellten Gesicht, und ihr war
zumut, als sei er unerreichbar fern und ganz allein in der grnenden
Erdenweite, die sie umgab.

Du lachst, sagte er, krank vor Bitterkeit.

Was soll ich denn sonst tun? rief sie trotzig.

Der gekrnkte Ton ihrer Stimme rief ihn zu sich.

Kind, sagte er, ach Kind. Vergib ... vergeben Sie, Afra. Versuchen
Sie, mich zu verstehen. Es mu Ihnen schwer sein -- glauben Sie mir, da
ich anders als andere Menschen bin, haltloser, wertloser ...

Ja, so erscheint es, sagte sie, hart auch gegen sich selbst.

So erscheint es Ihnen! Er sah sie einsam an. Nur dies erkennen Sie,
nur dies geben Sie mir zu. Wer in der Welt wei mehr, wer spricht mich
noch frei? Ach, nun wohl niemand mehr, weil ich nur deine Stimme noch
hren will, diese schne, herzlose, klare Menschenstimme. Afra, so klang
es mir schon meine ganze Jugend hindurch aus der Welt entgegen. Wenn ich
mich herabsetzte, um anderen recht zu geben, die geringer als ich waren,
so ist immer dieselbe Antwort zurckgekommen, die Sie mir gegeben
haben.

Warum sind Sie traurig? fragte Afra.

Oh Unschuld, se, harte Unschuld du. Kind du! Ich bin es nicht, da es
doch dich in der Welt gibt. Denke von mir, wie du willst, ich denke an
dich in all der Frmmigkeit, zu der mein Herz verurteilt ist.

Wie soll ich Sie denn recht verstehen? fragte sie betrbt. Es macht
mir Angst, wie Sie sprechen. Ich habe ja nicht gelacht, um Sie zu
verletzen, ich habe berhaupt nicht ber Sie oder ber Ihre Worte
gelacht. Ich habe gelacht, weil es mich schttelte. Sie verstehen
wahrscheinlich nicht, wie man zu so etwas kommen kann. Dann trug gewi
auch noch dazu bei, fuhr sie zgernd und mit einem schchternen Lcheln
fort, da Ihre Brillenglser in der Sonne so zornig blitzen, da ich
denken mute, es wren Ihre Augen, die ich nicht sehen konnte. Denken
Sie, solche Augen macht doch niemand, der so trbsinnig redet.

Er schwieg eine Weile, indem er nachdenklich nickte.

Dir gegenber, sagte er dann zgernd, werden alle anderen zuletzt
unrecht haben.

Wieso? fragte sie.

Er antwortete ihr nicht, sondern schritt, wie im Bann ganz neuer
Gedanken, still neben ihr hin, ein verwindendes Lcheln in den frh
gealterten Zgen seines Gesichts. Da warf Afra mit leichtsinniger Anmut
ihr Haupt zurck in den Sonnenschein. -- Es blieb von diesem Tage ab
heimlich zwischen ihnen bei diesem Du, das ein Augenblick der Erregung
mit sich gebracht hatte.




Sechstes Kapitel


Afra zog in dieser klaren Nacht die hellen Vorhnge von den Fenstern
ihres Wohnraumes fort, der Mond war aufgegangen, aber sie sah ihn nicht,
als sie sich nun in die khle Nacht hinausbeugte, die einen Geruch von
Heu und Jasmin zu ihr hereintrug. Im stillen Hof hrte sie feine hohe
Stimmchen im Dunkeln, drben auf dem Giebel des Gesindehauses sa eine
Eule starr und bewegungslos, als sei sie aus Stein gehauen. Die Schatten
der Trme, zwei schwere Teppiche, die sich an der Mauer emporhoben,
lagen im Hof.

Afra bewohnte nun wieder die schnen Rume des Schlosses, die ihr der
alte Graf seit ihren frhesten Mdchentagen eingerumt hatte, aber sie
waren seit kurzem verndert, und nur wenig erinnerte noch an den
Aufenthalt eines jungen Mdchens von noch nicht zwanzig Jahren. Der
zierliche Schreibtisch aus alter Zeit, mit seinen geschwungenen goldenen
Beinen und seinen winzigen Fcherchen, hatte einem breiten Arbeitstisch
Platz gemacht, auf dem die ganze bleiche Nchternheit des geschftigen
Alltags ausgebreitet lag. Geschftsbcher und Rechnungen, die
Arbeitshefte des Gesindes und Kornproben neben Jagdpatronen. Die
geflochtene Reitpeitsche diente als Briefbeschwerer, und ihr feines Ende
lag wie ein gewundener Schlangenleib ber einer Planzeichnung der neuen
Grabenanlagen von Wendalen. Auf alles sah hoch von der Wand, aus einem
Kranz von Efeublttern, das stolze und melancholische Lcheln des
letzten Grafen von Wartalun hernieder.

Afra kam aus dem Park. Nun nahm sie den breiten Sonnenhut mit raschem
Griff von den hellen Haaren, warf ihn in weitem Schwung auf das Ruhebett
in die Zimmerecke, da die blauen Bnder im Drehen flatterten, und lie
sich auf dem lieblosen Holzstuhl nieder. Das Kinn in den Hnden, sah sie
in das Angesicht des Toten empor, der in ihrem Herzen lebte.

Schaute man vom nchternen Ernst und der Sachlichkeit der vielerlei
Tischgerte in ihr Angesicht, so erschien das Mdchen wie ein groes
verirrtes Kind. In der Nacht, in der vieles beredt wird, was am Tage
schweigt, begannen die armen Dinge des Alltags ihre verschwiegene
Zwiesprache mit ihrer jugendlichen Herrin. Ein erstauntes Raunen stand
auf, schwirrte durch den Raum wie Insekten der Nacht, alles sprach leise
durcheinander und blieb unverstndlich und fremdartig. Es sang und
summte um die Augen und um die Lippen des Mdchens, als kme von ihnen
ein verwirrendes Licht. Aus Zahlen und Buchstaben brausten leise fernher
die wogenden Kornfelder im Sommerwind, die Pferde schnoben, und ihr
Atem dampfte im Frhnebel, die gefllten Baumstmme chzten im Sinken,
und das Wasser pltscherte ber das bemooste Mhlrad. Stimmen riefen,
heie Gesichter tauchten auf, von Arbeit gefurcht, und Lachen und Weinen
erklang. Nun brach es strmisch durchs grne Unterholz des Waldes,
schnellte verzweiflungsvoll empor, und ber dem feuchten Moos brachen
die groen, friedsamen Augen. Die wilden Tauben stellten ihr
inbrnstiges Rufen nicht ein, und aus dem sanften Talgrund klang der
Kuckuck. Die Abendsonne schlich rot ber die Hnge und verwandelte die
Kornfelder in ein goldenes Meer ... Nun sang eine Mundharmonika in den
Mond hinber, sie kam aus dem Schatten, in dem noch eben eine Stalltr
angeschlagen hatte ...

Afra sah auf. Das war Wirklichkeit, die liebe weinerliche Weise lebte
drauen in der Khle. Sie sah hinaus mit einem traurigen Blick, der eben
noch wie um Antwort bittend in den Zgen des alten Mannes gesucht hatte.
Worauf hatte sie eine Antwort gewollt? Hatte sie nicht im Grunde zu ihm
gesprochen, whrend alles umher zu ihr sprach? Sie besann sich wie auf
einen Traum, und nun wute sie es wieder: Du bist allein gewesen. Du
bist hart gewesen. Ich habe deine Liebe geliebt, ohne zu wrdigen, da
sie mir galt, ich habe sie niemals annehmen knnen. La mir deine Liebe,
in ihr bin ich jung und noch immer ein Kind. Unter diesen anderen bin
ich frh verdammt, lter zu sein als sie, hrter als sie und als ich
mchte. -- Sie hatte sicher diese Worte nicht gesagt, aber sie mgen
etwas von dem enthalten, was ihr Gesicht ausdrckte.

Da heulte Aja drauen auf, und Fenn fiel ein. Langgezogen und erbost und
angstvoll. Ein bses, andauerndes Bellen folgte und kam eilig nher.
Afra trat ans Fenster und pfiff ihren hohen, kurzen Pfiff, aber die
Hunde gaben nicht Ruhe, eher schlugen sie eifriger an, und doch sicherer
und weniger angstvoll, als wten sie nun, da man ihre Warnungen
beachtete. Da rief Afra mit ihrer klaren Stimme die Namen der Tiere, und
sie kamen heran, unter ihr Fenster, blieben dort stehen, die schwarzen
gesenkten Kpfe boshaft gegen den Park gerichtet und widerwillig
gebannt. Und wenn auch bebend und mit funkelnden Augen, so gehorchten
sie doch auch nun, als langsam aus dem Dunkel eines Parkwegs, auf die
Holzpforte zu, eine weie Gestalt nahte. Afra starrte hinber und fhlte
ihr Herz stillstehen ... Es lag daran, da sie eben noch an ihn gedacht
hatte, der drauen im Grund des Parkes schlief. Aber dann fuhr sie mit
kurzem Auflachen ber ihre Stirn, besann sich und schwang sich ber das
niedrige Fensterbrett in den Hof hinab, um der fremden Erscheinung
entgegenzugehen. Die Hunde folgten ihr knurrend, ein unberwindbarer
Schutz, eines Winks gewrtig, um vorzustrmen, aber dann begann Aja
zgernd zu wedeln ... Afra erkannte die junge Grfin von Wartalun, die
Gattin des Mannes, der heute morgen mit ihr ber die Wiesen geschritten
war.

Sie ffnete die Holzpforte.

Der Garten ist feucht, sagte sie ruhig, als sie das dnne Tuch ber
den Schultern der jungen Frau erkannte.

Ja, es ist spt geworden, kam zgernd die Antwort. Ich danke Ihnen,
da Sie die Hunde beruhigt haben. Sie kennen mich immer noch nicht.

Es klang wie eine Anklage.

Afra sagte:

Doch, aber Ihre Erscheinung war ihnen im Nachtlicht fremd. Sie kmmern
sich auch nicht um die Tiere. Sie wollte in ihrer Aufklrung darber,
wie man die Hunde an sich gewhnen knnte, fortfahren, aber sie lie es.
Aja und Fenn gehren mir, dachte sie. Auch lag ihr nicht daran, der
jungen Frau gegenber, die sich in all der Zeit kaum um sie gekmmert
hatte, mehr Worte als ntig zu machen.

Darf ich fr eine Weile zu Ihnen eintreten? fragte Frau Elsbeth mit
einem vernehmlichen Beben in der Stimme.

Afra nickte.

Wir mssen durch den Hof ber die Terrasse, sagte sie.

Sie schritten nebeneinander dahin, nicht ohne da die junge Frau sich
zuvor durch einen schnellen Blick davon berzeugt hatte, da die Lichter
im Saal erloschen waren.

Als sie ins Haus eintraten, griff Afra hinter die Vorhnge des Fensters,
zog eine Kerze hervor und zndete sie an. Auf den Treppen ist es
dunkel, warf sie ein und lschte das Zndholz sorgfltig. Die Hunde
waren drauen geblieben. Im hohen Flur des Schlosses verlor sich der
Lichtschein, die Treppengelnder tauchten aus dem Dmmerlicht empor wie
Luftbrcken, und whrend Afra, die voranschritt, langsam Stufe fr Stufe
nahm, wobei sie das Licht hochhielt, damit die Nachfolgende es leichter
haben mchte, ihr zu folgen, dachte sie darber nach, was der Grund
dieses spten Besuchs sein knnte. Darber kam ihr in den Sinn, was
Martin ihr vor kurzem von Grfin Elsbeth erzhlt hatte. Sie war in das
Haus eines kleinen Bauern nahe bei Wartaheim gegangen, um ihm eine
Geldsumme zu erlassen, die er dem Schlo schuldig war. Sie hatte das
Kind der armen Leute aus seiner drftigen Wiege gehoben und es an ihr
Herz gedrckt. Alle sprachen von diesem ungewhnlichen Vorfall.

Gehe ich zu rasch? fragte Afra zurck.

Es kam keine Antwort.

Afra empfand diese Handlung als gut und schn, aber irgend etwas daran
beschmte sie, und sie empfand, da dies Gefhl von Scham nicht allein
demtigend fr sie selbst war. Es erschien ihr nicht alles rechtlich an
dieser Handlung. Sie hatte den Gru des Bauern am nchsten Tag
unerwidert gelassen. Unter dieser neuen Herrschaft werden alle den
Respekt verlieren, dachte sie; diese Wohltaten stiften Unordnung, weil
sie den Einfachen ihre einzige Wrde rauben. Vielleicht kam ihr dieses
Urteil daher, weil sie solche Handlungen einer eilfertigen Gte niemals
bei ihrem vterlichen Freund gefunden hatte, an dessen groem Herzen sie
trotzdem nicht gezweifelt hatte. Auch er war freigebig gewesen, aber
ohne sich herbeizulassen und ohne zu demtigen.

An den Wnden tauchten in matten Farben erloschene Angesichter auf. Nun
muten sie die Treppe zum Flgel des Schlosses wieder hinunter. Die Tr
schrie grell in ihren Angeln. Die junge Frau zuckte zusammen wie unter
einem Aufschrei. Afras ruhige Augen lieen alles gelassen geschehen. Als
sie endlich im Stbchen des jungen Mdchens angelangt waren, lie Grfin
Elsbeth sich schwer auf einen Sessel sinken, der nah am Kamin stand, und
sprach wie zu sich selbst leise Worte vor sich hin.

Afra lehnte sich an ihren Schreibtisch. Als nun die junge Frau das
Gesicht gegen sie hob, erschrak sie furchtbar. Alles, was jetzt kam,
entwickelte sich so unverstndlich hastig, so leidenschaftlich schnell
und berraschend, da Afra erst viel spter deutlich empfinden lernte,
um was es sich gehandelt haben mochte. Sie hrte einen langen weinenden
Aufschrei, so klagend, wie sie niemals die Stimme eines Menschen gehrt
hatte, und verstand von den blassen, zuckenden Lippen der Frau zu ihren
Fen nur abgerissene Worte, aus denen immer wieder die flehentliche
Bitte klang:

Geh fort, geh fort aus diesem Haus!

Afra konnte sich lange nicht fassen, denn sie empfand unbewut, da alle
Mittel, deren Macht sie erprobt hatte, diesem Schmerz gegenber ohne
Wirkung bleiben wrden.

Der Tod kommt mit dir zu uns, hrte sie, ich flehe dich an, geh
fort, ich und das unwissende Kind, das mir an meinem Herzen vertraut. --

Du hast alles zerstrt, Afra! Daran bist du vielleicht unschuldig, das
wei allein der barmherzige Gott, der dies Unglck zugelassen hat, aber
was kommt, ist grlich. Du kannst es hindern, wenn du gehst. Das Kind,
um derentwillen ich bitte, soll seine Hnde gegen das Herz seines Vaters
erheben, und er wird sich dann zu seinem Glck zurckfinden lernen, das
du gemordet hast. Bedenke, wie wird er es lieben, wenn es erst
einherluft. Aber morde nicht mein Kind, ermorde mein kleines Kind
nicht, das sich nicht wehren kann. -- Ich htte meine Heimat nicht
verlassen drfen, dies Haus ist voll bser Geister, die alles verderben.
Nimm von uns, was du willst, ich bin reich -- aber geh noch in dieser
Nacht.

Stehen Sie auf! rief Afra.

Gehen Sie fort! flehte es zu ihren Knien. Er darf Sie niemals
wiedersehen. Er greift im Schlaf nach Ihnen und stammelt von seinem
Verlangen, indem ich das Leben seines Kindes pochen fhle. Ich habe
nicht gewut, da solche Marter auf der Erde mglich ist, als ich von
meiner Mutter fortging! Oh, glauben Sie etwa, ich knnte nicht sterben?
Leicht, leicht! Ich habe verlernt zu leben, der Tod ist ser als jeder
Schlaf fr mein zertretenes Wesen. Aber das Kind --

Afra ergriff ein Zorn, wie sie ihn nie gekannt hatte. Sie bebte am
ganzen Krper, und alles in ihr drngte sie bermchtig dazu, diesen
Mund mit Gewalt zu schlieen, der so unerhrte Dinge in ihr Leben
hineinsthnte. Sie hatte nur den einen Wunsch, diese furchtbare
Demtigung, die geschah, mchte ein Ende finden.

Ich bin ein Mensch wie du, rief sie, ohne zu verstehen weshalb, und
versuchte die schwere Frau zu ihren Fen aufzurichten, deren Haar sich
gelst hatte und deren Augen mit dem beinahe tierischen Ausdruck eines
sinnlosen Schmerzes zu ihr aufstarrten.

Oh, la deinen Stolz, schrie die Verzweifelte auf, dein Stolz wird
eines Tages gebrochen werden wie der meine. Du wirst bitten und knien
lernen wie ich, wenn sich in deinem Leben erfllt hat, wozu es gut ist.
Was soll ich tun, damit dein kalter Sinn mich begreift? Du bist noch du
selbst, du hast noch keinen Schritt ins Leben gemacht. Das sind
Torheiten, glaub mir, in denen wir leben, bevor wir zu sterben beginnen.
Aber du bist ein Weib, hre mich: Er hat mich mit seiner Gier gepeinigt,
die dich meinte. Er ist nicht schlecht ..., und ohne da Afra
geantwortet hatte, schrie sie ihr ins Gesicht: Schweig, er ist gut! Er
leidet. Du weit nicht, was das heit. Leiden kenne ich nun! Die
Finsternis ist ein einziger wtender Schmerz, und das Leben nichts als
ein Abgrund von solcher Finsternis. Ich versinke! schrie sie gellend.
Rette mich, halte mich!

Da sprang Afra auf und zurck, die Farbe des Todes in ihrem Gesicht, das
wie unter einem furchtbaren Traum zerrissen erschien. In einem Grauen,
das sie beinahe betubte, ergriff sie den Klingelzug an der Tr und ri
ihn wieder und wieder nieder, so da die Glocke durch das stille Haus
gellte wie eine Kinderstimme, die sich in Todesfurcht berschreit. Dann
stie sie die Tr auf, um der Errettung, die sie gerufen hatte, den Weg
zu bereiten, und lauschte mit weiem Gesicht in die Finsternis der
ruhigen Halle hinaus. Es war ganz still geworden. Sie stand wie eine
Bildsule am Ausgang des Zimmers, immer noch den Glockenzug in der
gekrampften Hand, und schaute starr auf die junge Frau nieder, die am
Boden lag, ohne noch ein Lebenszeichen von sich zu geben. Ihr Angesicht
ruhte auf dem willenlosen Arm, und ber den Fuboden flutete ihr dunkles
Haar. Das verlieh der Haltung etwas grausam Gewaltsames, als wre sie
von rohen Fusten niedergerissen worden ...

Da endlich klang oben im Haus eine rufende Stimme, es war Melchior. Im
Flgel des Herrn konnte man den Klang der Glocke kaum vernommen haben.
Aber ehe der Alte noch die Treppe niedergestolpert war, hrte sie
Martins Fuste an die Lden des Fensters schlagen, die sie bei ihrem
Eintritt geschlossen hatte.

Afra, brllte er drauen, ist der Teufel los?! Soll ich die Lden
einschlagen?

Sie wollte antworten, aber sie brachte keinen Laut hervor.

Allbarmherziger Gott ... hrte sie neben sich. Da stand Melchior im
Rahmen der Tr.

Teufel auch, klang es drauen wieder keuchend, und dann krachte der
Laden unter Martins Fusten. Unter diesem Beweis einer natrlichen Kraft
kehrte Afras Besinnung zurck. Ihre Bewegung erlste sich in einem
malosen Zorn, den sie nicht verstand.

Rasch, schrie sie Melchior an, die Kammerzofe der gndigen Frau,
Iduna, soll kommen.

Hier ist ein Mord geschehen, heulte Melchior.

Esel! Schweig! Komm erst her und hilf mir die Kranke auf das Bett
legen. Worauf wartest du?!

Ich werde den Herrn Grafen ... o Afra, Afra, was hast du getan!

Gehorche! Hund du, tu, was ich sage! Afra sprang zum Tisch und ri die
Peitsche von den Blttern.

Gehorchst du?

Dir? Nie. Nie mehr! Der Graf soll kommen ...

Ehe ein zweites Unheil geschah, wurde Afra durch das Klirren der
Fensterscheibe aus ihrem Rausch von Zorn und Todesangst gerissen. Martin
ffnete sich in buerischer Gelassenheit und in unbekmmertem Vertrauen
auf das erwiesene bergewicht seiner Fuste das Fenster nun selbst und
stand pltzlich neben Afra, oder vielmehr zwischen Melchior und ihr,
denn er erkannte, da sich der Zorn seiner jungen Herrin zunchst gegen
den Alten richtete. Und so war auch Afra in diesem Augenblick nichts
wichtiger als die Niederlage dieses eigensinnigen Widersachers.

Wirf ihn hinaus! rief sie. Sofort!

Melchior erhob sich drohend, ganz verstrt im Eigensinn einer
vermeintlichen Treue, aber Martin hatte Afras bleiches Gesicht gesehen,
und ihn bewegte nur ein einziger Gedanke. Es mochte ein alter Grimm
gegen Melchior hinzukommen, jedenfalls sagte er mit einer Bewegung, die
nicht falsch zu verstehen war:

Du hast gehrt ... also geh lieber selbst.

Du junger Bursche wagst ...

Da war er drauen, und die Tr war zugeschlossen, und die Finsternis
verschlang die Versicherungen von Wrde, die der Alte drauen keuchte.

Afra lachte krampfhaft auf.

Verflucht, sagte Martin, das ist ja wahrhaftig die neue Gndige. Ich
habe mir gleich gedacht, da es nicht gut geht.

Komm, hilf, sagte Afra, die sich endlich gefat hatte. Sie trugen die
ohnmchtige Frau schwer und langsam ins Nebenzimmer und legten sie auf
das Bett des jungen Mdchens.

Tot ist sie nicht, sagte Martin.

Schweig doch! rief Afra heftig, aber in dem beinahe vertraulichen Ton,
in den sie Martin gegenber stets verfiel. Von frhester Kindheit an war
eine bewhrte Kameradschaft zwischen ihnen gewesen, die auch mit sich
brachte, da Martin sich mehr als alle anderen vor Afra erlauben durfte.

Junge, Junge, sagte er ratlos, das passiert nicht alle Tage. Was soll
ich denn jetzt tun?

Afra stand vor dem Spiegel und ordnete ihr Haar.

Mach drben die Lichter an.

Er gehorchte. Dann kam er zurck.

Du wirst jedenfalls zum Arzt mssen, Martin, geh, schirr >Husar< an,
oder willst du reiten?

Da ist mir schon der Wagen lieber.

Natrlich. Also tu, was du willst, nur eil dich.

Was ist denn hier nur geschehen? fragte der Bursche. Afra wandte sich
um, da sie hrte, da er an seiner Hand saugte.

Blutest du?

Das ist das wenigste, sagte er, aber dir geht es schlecht. Du siehst
wie Kreide aus.

Komm her, sagte Afra, zog ihn am rmel zum Tisch, go Wasser ber
seine blutenden Finger und zerri ein Taschentuch zu zwei Streifen.

Deine Hnde zittern, sagte er.

Halt still, gab sie zurck.

Sie half ihm mit ihrem ernsten Gesicht, das einen Ausdruck von
kindlicher Geschftigkeit bekam. Dann gab sie ihm einen gelinden Sto,
und als die Tr sich nun ffnete, stand sie wieder vor dem Spiegel und
steckte ihr Haar, das im Kerzenschein in seltsam bsen und unschuldigen
Lichtern flimmerte. Sie sah im Glas, da Melchior mit einer Miene von
eiserner Dummheit halb im Rahmen der Tr stand und die Klinke hielt.

Ah, Melchior, sagte sie leise, ohne den Kopf zu wenden, morgen gehst
du, hast du verstanden? Mittags bist du ber alle Berge und lt dich
nie mehr in Wartalun sehen.

Er antwortete nicht. Als sie sich umdrehte, stand Graf Helmut hinter
ihr.

Was bedeutet dies alles? sagte er mit erhobener Stimme, die jedoch
merklich zitterte. Wo ist meine Frau?

Da stolperte Melchior vor ihn hin.

Herr ... ich bin im Dienst in diesem Haus ergraut. Lassen Sie nicht zu,
da mir Unrecht geschieht.

Afra wandte sich langsam vllig um und sah Helmut abwartend an, mit fest
geschlossenen Lippen und kalten Augen, in einem eigenen Trotz der
Erwartung, der doch im Grunde Sicherheit war.

Gehen Sie hinaus, sagte der junge Herr zu Melchior.

Afra schob Martin hinter dem Alten her, der fassungslos gehorchte. Ehe
sie die Tr ganz geschlossen hatte, fuhr es Graf Helmut unbeherrscht und
in groer Erregtheit heraus:

Afra, das geht zu weit. Ich bestimme in diesem Haus. La mich mein
Vertrauen nicht bereuen. Hte dich, leg mir nicht als Schwche aus, was
Gerechtigkeit war, zwing mich nicht zu Handlungen, die mich schnden.

Zwinge du niemand dazu! rief sie hell und beinahe vllig am Ende ihres
Halts. Oh, wre nur jemand hier gewesen, dessen Arme stark gewesen
wren, sie htte sich mit wildem Aufweinen hineingestrzt. Er hatte sie
niemals so gesehen. Mit der ihm eigenen Fhigkeit, den Zustand anderer
zu erkennen, sah er, da etwas ganz Ungewhnliches geschehen sein mute,
denn er wute, da Afras gelassene Natur nicht durch kleinliche Dinge in
Aufruhr zu bringen war, und er empfand diesen Aufruhr ihrer Seele wie
einen hellen heien Wind. Dabei war er in aller Not seiner Zweifel
gezwungen, zu sehen, wie wunderschn sie war in der heimlichen Glut
dieser leidenschaftlichen Flammen, die sie erhoben. Ihr Anblick bannte
ihn auch dann noch, als sie herzlos und bse fortfuhr:

Wenn du in diesem Hause bestimmst, und mit der Gerechtigkeit, die du
vorgibst, so bewahre mich, dich und deine Frau vor solchen Auftritten,
wie hier eben einer stattgefunden hat ... ich bitte dich, fgte sie
hinzu, da sein Schreck sie bestrzt machte.

Er starrte sie an.

Was ist denn geschehen? Aus Melchiors Gestammel bin ich nicht klug
geworden. Afra, sag rasch!

Sie wies auf die geffnete Tr zum Nebenzimmer.

Dort liegt deine Frau ...

Er machte ein paar haltlose Schritte auf die Tr zu, ergriff aber dann
schwankend die Lehne eines Stuhls, und die Hand an der Stirn, blieb er
mit einem tiefen Seufzer stehen, der alles wie mit Traurigkeit erfllte.
Er ahnte, was geschehen sein mute, ihn verlangte pltzlich nicht mehr
danach, Einzelheiten zu wissen. Am Abend hatte Elsbeth ihm
leidenschaftliche und schwermtige Andeutungen von ihrem Vorhaben
gemacht, die er nun verstand. Er schmte sich hei vor Afra, ihm war,
als mte er ihr etwas abbitten und nicht jener Frau, die dicht neben
ihnen in ein Vorgefhl ihres ewigen Vergessens versunken war.

Er fragte Afra, nur indem er mit dem Kopfe eine Bewegung auf die Tr zu
machte, wobei er sie ansah.

Sie ist ohnmchtig, sagte Afra, und liegt auf meinem Bett. Ihr war
pltzlich frei und leicht zumut. Martin ist zum Arzt gefahren, ich
glaube aber nicht, da deine Frau anders krank ist als hier. Sie wies
auf ihr Herz und lchelte traurig, als wollte sie irgend etwas
hinzufgen, was ihrem Fhlen nah, aber ihrem Erkennen fern lag.

Betone nur dein eigenes Herz nicht, dachte er bitter, und wute doch,
da er ihr Unrecht tat. Wie deutlich empfand er pltzlich, da ein
junges und starkes Herz der Hrte bedurfte, um sein Gutes fr groe und
eigene Stunden zu bewahren. Wie konnte Afra dies alles in Wahrheit
nahegehen? Er sah sie an, und etwas von der Beruhigung, die die
unbewute Natur fr empfindsame Gemter haben kann, ging von ihr auf ihn
ber, das fllte sein Herz mit Dankbarkeit und stimmte ihn milde.

Willst du nicht hineingehen? fragte Afra. Und da er sich nicht rhrte,
fgte sie hinzu:

Es war schrecklich. Deine Frau leidet sehr.

Sprich doch nicht ...

Soll ich nicht sprechen? Ich fhl mich schuldig ...

Nein, sagte er, das ist nicht wahr, du fhlst dich nicht schuldig.
Das kannst du nicht. Das kann niemand, der nicht wahrhaft Liebe erlitten
hat.




Siebentes Kapitel


Am anderen Morgen lief Melchior, der alte Diener, im Hause umher,
verstrt und von Angst und Trauer ganz von Sinnen. Es galt, seine
Habseligkeiten zusammenzupacken und die Reise in die Fremde anzutreten,
fort von den bsen Geistern, die seine Heimat zu beherrschen begannen.
Ihm war zumute, als sei eine Rotte bser Hunde, die die Kraft des toten
Schloherrn einst zu friedlichen Haustieren gebndigt hatte,
losgelassen, um Unrast, Verwstung und Verfall ber das wohlbestellte
reiche Erbgut zu bringen. Wie er nun, von Schmerzen verwirrt, im Hause
umhertappte, merkte er, da er viel mehr mit fortnehmen mute, als
Menschen von der Stelle schaffen knnen, wenn er sein Eigentum bergen
wollte, wenn er retten wollte, woran sein Herz hing. Er wollte gar nicht
an das denken, was seine bewegliche Habe darstellte, was er bergen und
mitnehmen konnte, er hatte nur immer im Sinn, zu retten, woran sein Herz
hing. Es waren vielerlei Dinge in Haus und Hof und Stllen verstreut,
die ihm zu eigen waren: die Geweihe im Gartenhaus, ein altes Bild des
Herrn, das in der Gesindekammer hing, die Pfeifen, die ihm geschenkt
worden waren, von denen noch krzlich Martin eine entliehen hatte,
vielerlei Gartengerte und ein alter Hund. Allerlei unntze kleine Dinge
kamen ihm wider Willen in den Sinn. Er blieb ratlos auf der Treppe
stehen, starrte nieder in den Hof und tastete mit bebenden Hnden die
schweren Steinmauern ab. Die Starenksten im Lindenbaum gehrten ihm, er
hatte sie gezimmert und die kleinen schrgen Dcher geteert -- -- Da
schlug er die Hnde vor sein gealtertes Gesicht.

Afra, rief er, Afra ... was tust du?! Was bist du geworden, du
ungeratenes Kind, du bser Kobold, du Kleine, die ich auf den Knien
gehabt habe? Du tust Snde, du ladest schwere Schuld auf dich! Solche
Rechte hat kein Mensch. Das hat Gott gesehen, was du tust --

Er sah mit trben Augen hinaus. Von hier oben hatte man ber die
Hofmauern einen weiten Blick ins Land, in der Ferne lagen die Wlder in
der Sonne.

Unten ging eine Tr auf, heftig und kurz. Dann blieb es still, als
lauschte jemand zu ihm empor und auf seine klagende Stimme. Er glaubte
ein tiefes Seufzen zu hren, und ganz leise ging die Klinke nieder und
die Tr wieder ins Schlo.

Ihm schien, als seufzte es im Hause seit Wochen von allen Wnden und aus
allen Winkeln. Warum war Wartalun mit seinen Trmen und Mauern nicht
dahingesunken mit seinem Herrn?

Gibt es noch Menschen in meiner Nhe, die ein Herz haben? sthnte er
heiser und lehnte sich an die Wand. Nein, er wute, es gab niemand,
auer Afra selbst, der Macht gehabt htte, ihm zu helfen. Es ward ihm
unbewut klar, da er sich an niemand wenden wrde, er brachte es nicht
noch einmal ber sich, bei jemand Recht zu suchen, dem er nicht gedient
hatte. Auch war ihm deutlich im Gedchtnis, wie gleichgltig und hilflos
ihn der junge Herr an Afra verwiesen hatte, wann immer er schchtern
versucht hatte, von ihm Befehle zu erhalten, die ber etwas Wichtiges
entschieden. Der pltzliche Gedanke an Martin lie ihn erzittern, ja er
bebte am ganzen Krper vor Wut und Beschmung und ballte die Fuste.

Er hatte die schlimmste Nacht hinter sich, derer er sich erinnerte; der
Gedanke an das, was er in seinem kurzen Schlaf getrumt hatte, stimmte
ihn milder, obgleich es trostlos dster gewesen war. Er sah Afra vor
sich stehen, sie sah ihn mit ihren farblosen Augen an und stand mitten
in Wartalun, sie war riesengro, das Gut lag wie ein Teppich unter ihr.
Dann hob sie den Arm und wies ihn fort, und er erkannte, da alles, was
nicht zu Wartalun gehrte, Abgrund war. --

Es gingen zwei junge Frauen ber den Hof, Arbeiterinnen, die einen
schweren Korb mit Torf und Holz trugen, die eine von ihnen lachte
heimlich und verbarg das Gesicht mit der erhobenen freien Hand hinter
der blauen Schrze. Da dachte der alte Melchior:

Ach -- das Leben.

So einfltig sein schlichter Gedanke sein mochte, so war ihm doch, als
habe er lange Zeit nicht mehr so tief ber das Leben nachgedacht. Sehr
frh war es ihm so ergangen, als noch alle Ereignisse seines Lebens im
goldenen Schein der Jugend gelegen hatten. Er sah hinaus, ber die Bume
des Parks hin, und es war ihm, als habe in der langen Zeit seines Lebens
sich hier nichts verndert. Ihm erschien es, als seien die Bume nicht
grer geworden; war nicht auch der Efeu immer schon bis an den
Dachfirst herangewachsen, hatte er nicht immer schon die Zinnen
umschlungen und seine Ranken durch die goldenen Speerspitzen des hohen
Seitentores geflochten, das nie geffnet wurde? --

Da erklang unten im Hause Afras Stimme, sie schien Martin etwas
zuzurufen, und er hrte gegen Ende ihrer kurzen Stze, da ein Scherz
folgte. Da fate eine wehmtige Gewalt von so groer Kraft sein Herz,
da er alle Beherrschung verlor. Er eilte wankend die Treppe hinunter,
er schaukelte mit vorgestreckten Hnden durch den Flur, ri Afras
Zimmertr auf, wobei er alle Vorsicht und Ehrfurcht verga, die man ihn
gelehrt hatte, und so stand er nun vor ihr, die ihn ruhig anschaute.

La mich hier bleiben ... hier leben ... bis ... Afra, sei barmherzig
gegen mich! Ich bin ein alter Mann in diesem Hause geworden.

Das junge Mdchen war zurckgetreten. Nun sah sie ohne Zeichen groer
Erregung auf den Bittenden hin, der ihr seine Hnde entgegenreckte und
auf dessen weiem Haar die Morgensonne lag.

Natrlich, sagte sie freundlich, bleib doch, Melchior. Ich wollte
dich schon darum bitten. Aber vergi nicht, da im Hause Ordnung sein
mu.

Sie entzog ihm ihre Hand.

Willst du nicht Martin sagen, da wir die Pferde brauchen? Ich will
nach Wendalen und werde wohl einige Tage dort bleiben. Seit der Herr tot
ist, gelt Melchior, geht nicht alles seinen Gang? Dem Nissen mu ich
einmal in die Bcher schauen.

Der alte Diener suchte nach einer Antwort. ber sein Gesicht liefen
Trnen, und seine Lippen zuckten.

Ich soll bleiben, sagte er endlich und schlug die Hnde zusammen. Afra
ordnete Papiere am Schreibtisch. Sei es nun, da er ihren Befehl
unbewut als das empfunden hatte, was er gewesen war, als einen Versuch
Afras, ihm ber den schweren Augenblick seiner Demtigung
hinwegzuhelfen, sei es, da er ihn im Sturm seiner Erregung und Freude
verga, jedenfalls fhrte er ihn nicht aus, sondern lief in den Garten
und suchte nach Blumen, die er in Afras Zimmer trug, als sie das Haus
verlassen hatte.

                    *       *       *       *       *

Kurz nach diesem Vorfall ritt Afra mit Graf Helmut aus dem Schlo, den
fahrbaren Feldweg auf Wendalen zu. Sie sprachen miteinander ber
gleichgltige Dinge, die die Verwaltung angingen. Afra fragte nicht nach
Frau Elsbeth, sie nickte nur nachdenklich, als sie erfuhr, der Arzt habe
keine Besorgnisse geuert, und es ginge besser mit der Kranken. Wohl
drngte es ihn, den Versuch zu machen, Afra auf seine Art ber die
Vorflle aufzuklren, die in dieser Nacht geschehen waren, aber er
frchtete sich vor Worten, die ihm um seiner eigenen Stellung willen
schwer wurden. Es kam hinzu, da er Afras Verstndnis ungewhnlich viel
zutraute, und vielleicht frchtete er sich davor, von ihr andere
Meinungen darber zu hren, als er sie bei ihr vermutete oder erhoffte.
Sie hatte ihm am Morgen erklrt, sie wrde fr einige Tage nach Wendalen
gehen, er war ihr dankbar und fand keine bessere Lsung.

In der Runde krhten die Hhne, es war ein warmer Morgen voll
Sonnenschein und tiefer, fruchtbarer Stille. Das Korn stand hoch. Aus
der goldenen Flle leuchteten Mohnblumen, und an lichteren Stellen
erkannte man den von der anhaltenden Hitze brchigen Erdboden.

Nun ritten sie miteinander auf die Moorgrnde zu, zwischen Weidengebsch
und Pappeln dahin, ein Bach rieselte am Wegrand ber dunklen Grund, und
im Gezweig der Bsche zirpten Goldammern. Afra, die an die kommende Jagd
dachte, sagte: Der Frster hat die ersten Feldhhner gebracht.

Ich kenne ihn noch gar nicht.

Schlimm genug, sagte das Mdchen lchelnd, fr ihn und fr Sie. Er
ist ein alter Fuchs, der nicht mehr aus seiner Hhle kriecht, man mu
ihn schon aufsuchen. Er will nichts von Ihnen wissen.

Dann sprachen sie von der Jagd, vom Fischen und vom nahenden Herbst.

Helmut hatte seit einiger Zeit unterlassen, ihr die Lobsprche ber ihr
Wesen zu sagen, zu denen sie sein empfngliches Herz Stunde fr Stunde
herausforderte. Er nahm die glckhafte Gelassenheit ihres schnen und
starken Wesens wie eine Wohltat hin; still geworden in der bitteren
Erkenntnis, wie teuer ihm dieser neue Reichtum seines Daseins geworden
war. Er verglich nicht mehr. Sein schmerzvolles Angesicht hatte einen
Zug jenes einsamen Gehorsams bekommen, der willenlose und ehrfrchtige
Naturen auszeichnet, die bestimmt scheinen, niemandes Schicksal zu
werden.

Wie ist es mit Melchior? fragte er.

Er wird bleiben, gab sie einfach zurck; diese Auskunft schien ihm zu
gengen.

War dies das Pferd meines Oheims? fragte er nach einer Weile und
klopfte den blanken Hals des Tiers, das er ritt.

Afra schttelte den Kopf.

Dies ist >Prinz<, teilte sie mit, es taugt nicht viel. Er nahm es in
seiner letzten Zeit zuweilen fr kurze Ritte, wenn er sich mehr mit
seinen Gedanken beschftigen wollte als eben mit dem Reiten. Nein, sein
eigenes Pferd war ein prachtvolles Tier von groem Wert, ich habe es
krzlich verkauft.

Warum das? fragte er ohne Unwillen.

In den letzten Monaten, erzhlte ihm Afra, lie er es sich Tag fr
Tag nur noch vorreiten. Fr gewhnlich mute Martin es tun, der etwas
von Pferden versteht, denn er selbst hatte nicht mehr die Kraft, das
unruhige Tier zu beherrschen. Aber selbst unter dieser Pflege lie es
nach, es schien beinahe, als wrde es traurig. -- Wer sollte es denn
jetzt reiten?

Sie sah mit einem raschen Blick ber ihn hin. Er raffte sich zusammen.

Ja, sagte er, ich selbst gewi nicht. Seit meiner Studentenzeit habe
ich auf keinem Pferd mehr gesessen. Fr eine wirklich edlere Rasse htte
ich wohl auch kaum den rechten praktischen Sinn.

Sie schien das zuzugeben.

Und Sie selbst, fuhr er fort, warum haben Sie es nicht genommen?

Ich? fragte sie nicht ohne Erstaunen. Dieser Gedanke schien ihr ganz
neu zu sein. Wie sollte ich ... auch habe ich >Joni< von ihm selbst
bekommen und will kein anderes Pferd als dies, das er fr mich bestimmt
hat. Er hat es mir zugeritten, die Narben dort in den Flanken stammen
von seinen Sporen.

Sie schaute hinab und suchte, halb von unten her, nach seinem Blick, ob
er ihren Augen folgte. Er sah ihr klares Profil im goldenen Schatten des
breitrandigen Strohhuts, die kindhafte Wichtigkeit in seinem Ausdruck
und das reine Licht auf ihren Augenlidern. Eine glhende Traurigkeit
berfiel ihn jhlings wie ein Sturm aus den einsamen Landschaften seiner
Trume. Mit schwermtigem Ausdruck hob er sein Angesicht empor, und mit
bitterem Lcheln, das Haupt ein wenig zurckgelegt, sagte er in der
planlosen Ergebenheit seiner Schwche:

Ich mchte keinen Tag mehr leben ohne dich, Afra.

Man hrte die Hufe der Pferde auf dem weichen Boden und die heimlichen
Laute des Lederzeugs der Sttel. Ein Hher flog mit grellen Warnrufen
dicht vor ihnen quer ber den Weg, und die Spitzen der Weiden
schaukelten im sanften Wind.

Nach einer kleinen Weile fuhr Afra zu sprechen fort, vorsichtig, beinahe
schchtern, als empfnde sie, wie hart es ihm sein mte, da sie nach
diesem Ruf seines verwundeten Herzens nun nichts anderes tun konnte als
das Gesprch von vorhin wieder aufnehmen:

Nathanael hat das Pferd gekauft. Er hat eine sehr groe Summe bezahlt,
ich glaube, er hat seit langem einen Kufer, denn er selbst versteht nur
etwas von Ackergulen und wie man ihre Fehler in Abrede stellen kann.

Sie hoffte, er wrde nach der Kaufsumme fragen, aber er tat es nicht.

Wie konnte er ahnen, da dies sie verstimmte? So suchte er den
heimlichen Verdru, der nun aus ihrer Stimme klang, durch eine Schuld
bei sich zu deuten, denn sie sagte unvermittelt und beinahe lieblos:

Sie qulen das Pferd. Sie mssen den Zgel locker fassen.

O ja ... gewi ... antwortete er eifrig und sprach schnell von etwas
anderem, wie in Sorge, es mchte ihr nachtrglich in den Sinn kommen,
da es sein eigenes Pferd war, das er ritt.

Irgendwie beruhigte es Afra, da er sich niemals um einen Gewinn
bekmmerte, der in Zahlen auszudrcken war, aber doch qulte es sie, und
sie dachte: Ihn beglckt kein uerer Besitz und kein uerer Reichtum,
und doch glaubt er innerlich arm zu sein, er hat es mir selbst gesagt.
Vielleicht ist er zu schwach, sann sie, vielleicht wrde es ihn
bedrcken. Es wre ihr lieb gewesen, wenn er mit ihr darber gesprochen
htte, aber er, der oft und leicht ber sich und seine Beziehungen zur
Umwelt sprach, schwieg stets, wenn es sich um solche Dinge handelte. Aus
seiner Verschlossenheit fhlte sie ein heimliches Mitrauen. Sie nahm
sich in einem qulenden Zorn vor, in dem kein Schatten von Habgier war,
seine Gleichgltigkeit auf eine harte Probe zu stellen. Wenn sie ihn nun
darum bte, ihr das Vorwerk Wendalen zu schenken ... Ich will es nicht
haben, dachte sie, aber sie wollte, da er es schmerzlich vermissen
sollte.

Aber als sie sprechen wollte, zgerte sie doch. Es ist noch zu frh,
dachte sie und ertappte sich darber bei der Befrchtung, er mchte ihr
ihre Bitte abschlagen. So war ihr Wunsch doch nicht einzig, ihn zu
demtigen? Mit einem Aufwallen bermtigen Trotzes gestand sie sich ein,
da nach ihrer Empfindung dies Gut durch eine unverstndliche Fgung des
Schicksals in falsche Hnde gegeben worden war.

Sie pfiff den Hunden, die sich im Moor umhertrieben, und schaute
pltzlich mit hellem Lachen in Helmuts Gesicht.

Gib mir Wendalen zum Eigentum, rief sie, wie einem scherzhaften
Einfall gehorchend, dann bleib' ich knftig fort von Wartalun.

Das wre ein Grund, dir Wendalen nie zu geben, sagte er lchelnd.
Aber alles, was mir gehrt, gehrt auch dir.

Sie fhlte sich beschmt und sagte rasch und ohne berlegung:

Das glaubt mir niemand.

Gepeinigt sah er auf.

O Afra, wie knnte etwas in dieser armen schnen Welt mir wertvoller
sein als deine Freude? Wie schlecht kennst du mich, wie wenig wirst du
jemals von mir wissen. O du, aller Liebe so nah, der Liebe so fern, wie
du bist. Was wollte Gott mit uns, als er dein armes, reiches Herz
erschuf. Oft erscheint es mir, als sei der alte Mann, der im Licht
deiner herrlichen Jugend seine Augen geschlossen hat, mir lieb geworden
wie ein vertrauter Freund. Entbietest du Liebe in unseren Herzen, um
sie durch deine Hrte um so inbrnstiger in uns zu gestalten? Ich wei
es nicht, aber ich werde gehorsam sein dem Besten in mir und ihm, dessen
Erbteil ich habe antreten mssen. Ich habe nicht gewut, was ich mit
seinen Gtern, zu denen auch du gehrst, auf meine Schultern geladen
habe. Schau mich nicht an, als ob ich klagte, Afra. Ich wei auch, da
mein Schicksal und das Schicksal der Frau, deren Leid du gesehen hast,
das Himmelreich deiner harten Unschuld nicht verfinstern darf. Ich
fordere nichts von dir, was du nicht geben kannst, aber meinen Wunsch,
du mchtest mich lieben, wirst du niemals aus meiner Seele lschen
knnen.

Ich habe dich nicht traurig machen wollen, sagte Afra.

Ihm war, als sagte sie zum ersten Male du zu ihm.

Traurig? rief er mit schmerzvollem Lcheln. Ach nein. Aber wie willst
du verstehen knnen, da uns die Liebe beseligt und bedrngt zugleich.

Oh, das verstehe ich wohl.

Auf deine Art, Afra. Es wird wohl ein jeder sagen, er verstnde es. Mit
verzehrendem Grauen warte ich auf die Stunde, in der du weit, was die
Hingabe an einen Menschen bedeutet. Diese Furcht ist ganz ohne Hoffnung,
Afra, denn diese Stunde wirst du ohne mich erleben, diese Stunde, die
dich grenzenlos reich machen wird. Sieh, so lieb habe ich dich gewonnen,
da ich niemals daran zweifeln werde, da sie fr dich kommt, da dein
Herz, das im Schlaf seiner kaum erwachten Hoffnungen schlgt, dieser
einzigen Gewalt und Kraft fhig ist, die uns reich macht.

Da stellte Afra die Frage:

Wie mu ich denn sein, damit mir das geschieht?

Da schossen ihm Trnen in die Augen, und er wandte sich ab in das
besonnte Land und sagte mit zitternder Stimme:

Wie du bist --

Sie trennten sich bei der nchsten Wegbiegung, ohne da noch ein Wort
gefallen war. Er gab ihr die Hand und sagte einfach:

Erinnere dich meiner zuweilen, ich begleite dich immer.

Sie nickte nur, warf dann den blonden Kopf zurck und nahm Joni kurz
herum, die auf den Heimweg gehofft hatte. Die Hunde zgerten, dann
schlossen sie sich Afra an. Er sah ihr nach. Sie ritt im Sonnenschein,
im Rahmen der grnen Wiesen unter dem blauen Himmel dahin, sa gerade im
Sattel, das Pferd ging im Schritt, und die Bnder ihres Hutes hoben sich
matt im lauen Wind. Er konnte den Blick nicht wenden und prgte das
helle Bild inbrnstig in sein Herz ein.




Achtes Kapitel


Es war in diesen Sommertagen, als in Wartalun ein Brief von Friedel
Gentler eintraf, einem Studienfreund und Reisegefhrten des jungen
Grafen. Er meldete sich ziemlich ohne Anfrage im Schlosse an und
begrndete seinen berfall in unumwundenem Freimut mit seiner bsen
Lebenslage. Es bestand seit Jahren eine Art Freundschaft zwischen den
beiden Mnnern, die vielleicht ihre tieferen Grnde weniger in einer
Verwandtschaft ihrer Eigenart oder ihrer Interessengebiete hatte als
vielmehr in einer starken Neigung, die der andere zu Helmut gefat
hatte. Der haltlose Charakter und die leichtfertige Lebensart des jungen
Architekten hatten in dem verschlossenen Wert Helmuts und im Ernst
seiner Lebensfhrung eine Art uneingestandener Sttze gefunden, und der
junge Gutsherr erwiderte diese Neigung, wenn auch nicht im gleichen
Mae, so doch mit jener Dankbarkeit, die innerlich viel beschftigte
Menschen zuweilen an Kameraden bindet, deren freimtiger Frohsinn ihnen
in tatenlosen Stunden Aufmunterung oder Erholung gewhrt.

Helmut war durch den Brief anfnglich eher berrascht als erfreut. Er
las die burschikosen Worte des Freundes wie Klnge aus einer versunkenen
Welt, die ihm lngst fremd geworden war, und empfand darber mit
heimlichem Schreck, wie sehr die letzte Zeit seines Lebens ihn auf
andere Werte und neue Hoffnungen gestellt hatte. Da ihm in den Sinn kam,
mit welch argloser Freude Elsbeth die Gegenwart des lustigen Freundes
frher stets empfunden hatte, und da er erwartete, ihr Ablenkungen zu
verschaffen, vielleicht auch in einer leisen Hoffnung, dem eigenen
Zustand ein wenig uerliche Besserung zu bringen, duldete er das
Herannahen dieses Besuchs ohne Einspruch. Gegen seine Gewohnheit teilte
er die Neuigkeit erst nach seiner Entschlieung seiner Frau mit.

Sie winkte ihm anfnglich nur mde, in jener etwas verstrten
Traurigkeit ab, die er ihr seit den letzten Geschehnissen anmerkte.

Jetzt? fragte sie zgernd und sah auf ihre Hnde nieder. Aber je mehr
die Person Gentlers ihr wieder gegenwrtig wurde, um so eifriger trat
sie pltzlich fr sein Kommen ein.

Doch, sagte sie, es ist eine Abwechslung, es wird auch dich
zerstreuen, und ich kann mich ja zurckziehen, soviel ich will; denn
Sorgen um das Gutswesen brauch' ich mir ja wahrhaftig nicht zu machen.

Pltzlich verstand er sie. Ihre ablehnende Stellung war gar zu rasch in
Bereitwilligkeit umgeschlagen, als da nicht eine Hoffnung hinzugekommen
sein mute. Er lchelte bitter. Wie sie Afra unterschtzt, dachte er.
Nein, Afra wird einzig ber ihn lachen.

So blieb es bei diesem Entschlu, und er lie im Hause Vorbereitungen
treffen, den Gast zu empfangen. Es gab Raum die Flle, und Helmut
ordnete an, da zwei groe Parterrezimmer, die zum Park hinausfhrten,
fr den Freund hergerichtet werden sollten. Es kam doch ein kleiner,
heimlicher Stolz in ihm auf und die aufrichtige Freude, freigebig
bewirten zu knnen.

Afra weilte immer noch in Wendalen. Wollte sie denn gar nicht
zurckkehren? Er hatte erst in diesen Tagen ganz empfinden gelernt, in
welche Gefangenschaft und Freiheit er alle tiefere Freude seines Daseins
gegeben hatte. Seit Afra fort war, war ihm im Blick auf alle
Herrlichkeit, die ihn hier verschwenderisch umgab, zumute, wie einem
sein mag, der eine Landschaft im Nebel wiedersieht, die er aus Tagen
voll Sonnenschein in seiner Erinnerung trgt. Seine geistige Arbeit
ruhte vllig, schon seit jenem ersten Tag, an dem er an Afras Seite die
Rume des Schlosses durchwandert hatte.

Der Nachmittag des Tages war ihm bei allerhand Erwgungen damit
herumgegangen, da er eine Urkunde verfat hatte, die Afra zur
Eigentmerin des Vorwerks Wendalen einsetzte. Darber hatte er zum
erstenmal in Erfahrung gebracht, wie gro Wendalen war, welch weite
Gebiete von Wald und Wiesen dazugehrten und da allein die Viehbestnde
ein kleines Vermgen darstellten. Die ausgedehnten Wiesen, die in linden
Abhngen zum Kornland hinauffhrten, boten seit Jahren ganzen
Generationen von Rinderherden ausgiebige und billige Ernhrung, so da
die Unkosten der Zucht in auerordentlich gnstigem Verhltnis zu ihren
hohen Einknften standen. Das Herrenhaus, die Beigebude fr das Gesinde
und die Tagelhner, die Stlle und Heuschuppen waren mit einer Summe
versichert, deren Hhe ihn einen Augenblick zgern lie. Nicht aus
Habgier oder aus Zweifel an seinem Entschlu, sondern einzig deshalb,
weil er sich fr kurz bemhte, sich diese Summe, die er in Zahlen las,
vorzustellen, gemessen an den Lebensverhltnissen, die er kannte.
Liebe kleine Herrin von Wendalen, sagte er vor sich hin, und sein Herz
zitterte vor Erhobenheit und Freude.

Stolz und traurig setzte er zuletzt seinen Namen unter das Schriftstck,
diesen Namen, der nun so viel Gewicht bekommen hatte, wo es galt, ber
irdisches Gut zu verfgen. Er hatte frher seinen hohen Titel eigentlich
so gut wie abgelegt, da er in der brgerlichen Gesellschaft, in der er
Verkehr gepflogen hatte, ohne groe Mittel nur geringes Ansehen gehabt
htte, eher beinahe einen kleinen Anflug von Lcherlichkeit. Es kam
hinzu, da seine Frau nicht aus seinem Stande war, sondern eine
Lehrerstochter aus der Provinz. Ihre geduldige Liebe hatte seine einsame
Jnglingszeit reich gemacht. Er mute lcheln, konnte aber nicht umhin,
sich zuzugestehen, da seine neue Lebenslage kaum merklich begann, seine
Anschauungen zu verndern. Gewi nur im Unwesentlichen, aber er lernte
doch vielerlei verstehen, was er frher bei seinen hochmtigen
Standesgenossen verachtet hatte. Aber die innere Unruhe, in die ihn
seine groen Besitztmer versetzten, war oft so stark, da er es neben
anderem beinahe wie eine Erleichterung empfand, da Wendalen nun
Eigentum Afras geworden war. Er beschlo, am nchsten Tage in aller
Frhe aufs Landratsamt von Cismaren zu fahren, um die Urkunde
beglaubigen zu lassen.

Am spten Nachmittag durchschritt er den Garten, er begegnete in den
dichtbewachsenen Niederungen seiner Frau, die er im Gesprch mit Afras
Vater fand. Helmut hatte diesem einfachen Mann gegenber stets gegen
eine groe Befangenheit zu kmpfen, aber heute gelang es ihm ber
Erwarten, eine Stellung zu dem Alten zu finden. Er sah heimlich zuweilen
in dies derbe, gutmtige Bauerngesicht, whrend gemchlich ber die
Obsternte, ber Weganlagen und Neuanpflanzungen verhandelt wurde. Kam
auf Afra die Rede, deren Anweisungen dem Manne einzig als gerechtfertigt
und klug galten, lchelte er einfltig und stolz, als ob er sagen
wollte: Nicht wahr, das ist einmal ein Prachtmdel. Ohne Afra, sagte
er einmal und stellte die Giekanne auf den Kiesweg, ginge es hier wohl
nicht mehr lange gut, Herr Graf. Der Tote hat gewut, was er an ihr
hatte.

Helmut nickte. Er empfand die Ungehrigkeit solcher Worte vor ihm und
mute an Afras Tadel denken, die ihm vorgeworfen hatte, seine
Freundlichkeit gegen die Leute verwischte den Abstand. Auch ihr Vater
gehrte zu den Leuten, wie unfabar ihm das erscheinen konnte. Aber
war sie selbst nicht oft von betrendem Liebreiz der Herablassung? Aber
dann dachte er an Melchior und jene bsen Augenblicke, in denen ihn der
Alte, wie um sein Leben, um Barmherzigkeit angefleht hatte. Den
Untergebenen liegt nicht an einer Freundlichkeit, die nicht einzig dazu
da zu sein scheint, ihnen Hrte verstndlich zu machen. Er fhlte, da
er allen gleichgltig war und da Afra von ihnen geliebt wurde.
Herrschen kann niemand lernen, Vertrauen niemand erzwingen, dachte er.
Irgend etwas stimmte ihn traurig, er entlie den Alten gleichgltig und
empfand, wie er ihn dadurch krnkte.

Vielleicht hatte ihn nur der Gedanke verstimmt, da jeder nchste
Augenblick ihn mit Elsbeth allein finden knnte. Seit jener
verhngnisvollen Nacht vermied er jede Zusammenkunft, die zu einer
Aussprache htte fhren knnen, und schlief allein. Er bemhte sich, in
ihrer voreiligen Handlung einen Vertrauensbruch zu sehen, und redete
sich gewaltsam in die Berechtigung seiner Hrte hinein. Die
Ungerechtigkeit dieser Stellung wurde ihm durch einen tiefen notwendigen
Zwang seines ganzen Wesens ertrglich. Eigentlich dachte er wenig
darber nach, er floh vor sich selbst, sobald das stille Leidensbild
seiner jungen Frau vor ihm auftauchte. Mochte sie fr sich einstehen;
litt denn er selbst weniger? Alles zurckliegende Glck fllte sein Herz
mit Wrme und Dankbarkeit einer schnen Erinnerung, nun aber mute es zu
Ende sein. Die grausame Unerbittlichkeit seiner neuen Liebe machte ihn
hart und blind; in seiner Hingabe an diese Liebe und in ihrer
ausschlieenden Macht fand er seinen Freispruch und seine Kraft zur
Hrte. Es kam ein unbestimmtes Empfinden hinzu, da diese Wochen einer
vorgerckten mtterlichen Erwartung nicht die Zeit seien, auf eine
Klrung der neuen Art der Beziehung zu dringen, er verschob alles auf
sptere Tage, ohne Hoffnung und ohne Glauben, aber doch in der vagen
Erkenntnis, da die Zeit die Entscheidung von selbst bringen mute.

Und doch war er sich dunkel eines tiefen Irrtums bewut, eines
heimlichen Frevels am gerechten Gang des Weltwesens, aber er trstete
sich mit jenem Glauben an die Unzulnglichkeit alles Irdischen, der
schwachen Naturen und denen, die nicht an das Recht ihrer Liebe zu
glauben vermgen, ihr armes Gleichgewicht verleihen kann.

                    *       *       *       *       *

Wie weit und einsam die Sonne an diesen Sommertagen ihren groen
Himmelsbogen zog. Langsam wechselte mit den ruhigen Stunden ihr Schein
in den hohen Rumen des Schlosses, nun leuchtete der Saal, und im Hof
lag noch die abwartende Khle, die der Garten hinbersandte, nun sanken
die hellgoldenen Flecke durch die Lindenzweige auf den Brunnenrand, die
Dcher des Flgels strahlten die Mittagshitze aus, und alles schien in
Schlaf zu versinken. Nur von den Scheunen herber, die auerhalb der
starken Ringmauer lagen, klangen zuweilen die Rufe von Mnnern oder
Frauen, das Knattern der Leiterwagen und die wohltuenden Stimmen der
Haustiere. Mit der herabsinkenden Dmmerung erwachten die
melancholischen Tne, die mit der kommenden Nacht der lndlichen
Einsamkeit zu entstehen scheinen: ein rasch unterbrochener trauriger
Gesang, der sich wie eine Klage erhob und am dunklen Herzen der Erde zur
Ruhe ging, von irgendwoher die sanftmtige Heiterkeit einer
Ziehharmonika, gedmpft von den Blttern der Linde und auch in ihrer
frhlichsten Weise noch von eigenartiger Traurigkeit, von einer
Traurigkeit, die dem Seufzen der ermdeten Kreaturen zu entstammen
schien und die sich in keine Gewiheit von Licht oder Freude zu erheben
vermochte. Fern aus dem Moor herber antworteten zuweilen fremdartige
Vogelrufe oder der Chor der Frsche, die ihre Gefhrten in den
Schlogrben riefen. Es gab auch viele Eulen in Wartalun, die zu
spterer Stunde der Dmmerung aufbrachen und oft in ihrem lautlosen Flug
aus den Obstgrten auftauchten, um im Mondschein auf den schwarzen
Zinnen der Ringmauer zu sitzen oder auf dem Giebel der Scheunen. Einen
herrlichen Anblick bot der Vollmond, wenn er rot und gro aus dem Dunst
des Moors emportauchte. Diese rtliche Stunde am Himmel, die den Wald
noch in blauen Schleiern fand, brachte das Wesen einer Herrschaft in die
Welt, der keine Gewalt zu vergleichen war, und die Erde gab eine
schwermtige Antwort voll tiefer Ergebenheit. Das waren die girrenden
und lockenden Wohlklnge, deren Wesen kein irdischer Name nennt, die aus
dem warmen Schatten emporstiegen, nicht Klage und nicht Jubel, nicht als
Bltterflstern erkennbar und nicht als Mdchenseufzen -- und doch htten
sie beides sein knnen.

Friedel Gentler war gekommen. Sein unbesorgtes Lachen fllte die
feierliche Stille der Schlorume und des Parks. Er wollte anfangs alles
auf einmal, reiten, fischen, jagen, und dabei das ganze Anwesen auf
einen besseren Stand der Verwaltung bringen. Du verstehst ja nichts,
sagte er zu Helmut, und darber vernachlssigst du noch deine Frau.
Helmut lie den Sturm von Plnen, Hoffnungen und Ermahnungen ziemlich
gelassen ber sich ergehen, weil er den Freund zu gut kannte, um nicht
zu wissen, da es dabei blieb. Weit besorgter machte ihn die innere und
uere Verfassung, in der der junge Mann sich befand und die er
vergeblich zu verbergen suchte. Es war bald zu einer Aussprache
gekommen, und Helmut hatte ausgeholfen, mit Geldmitteln, die qulende
Verpflichtungen aus der Welt brachten, mit Aufmunterung und Trost und
sogar mit Wsche. Nun war Friedel obenauf, glaubte einmal wieder das
bsartige Leben berwltigt zu haben und verspottete seinen Wohltter.
Er hatte eine liebenswrdige und harmlose Art, sein Selbstbewutsein zu
behaupten, und schon die uere Stellung, die er bei seinen Reden
einzunehmen pflegte, duldete keinen Widerspruch. Wenn er, die Hnde so
tief in den Taschen, da die Hose zwei hohe Gebirge bildete, die Brust
eingesunken und den Kopf vorgestreckt, von unten herauf und doch
gewissermaen von oben herunter, auf Helmut einredete, so schien sein
bergewicht auf allen Gebieten erwiesen. Es war auch gewi nicht zu
bestreiten, da er bei einer etwas saloppen Sprachgewandtheit manch
guten Einfall hatte, nur fehlte ihm jedwede Kraft, seine Einsichten
durch Handlungen ntzlich zu machen. Einmal war es, bei aller Langmut
des jungen Schloherrn, zu einer kleinen Differenz gekommen, die zwar
nicht von tieferer Nachwirkung gewesen war, wohl aber die Stellung des
voreiligen Beurteilers, Helmut gegenber, endgltig verschob. Es hatte
sich um Elsbeth gehandelt, deren Lage den gutmtigen Friedel emprte:

Du verstehst das Leben nicht, sagte er berlegen, sieh mich an, ich
nehme das Leben, wie es ist, ohne viel zu grbeln.

Helmut errtete tief, nach einer Weile sagte er ruhig:

Ob du das Leben nimmst, wie es ist, wei ich nicht. Jedenfalls nimmst
du an, was man dir zum Leben gibt.

Friedel sah ganz bestrzt auf:

Was willst du damit sagen?

Ich will damit sagen, da ich deine Achtung vor Angelegenheiten meines
Lebens fordere, wenn du es teilst. Die Dinge sind nicht dort zu Ende, wo
du aufhrst, sie zu erkennen. Blamiere dich, soviel du willst, versuche
aber nicht, mir klarzumachen, da deine Purzelbume im Land der
Erkenntnis Offenbarungen sind, die die Menschheit erretten.

Donnerwetter, sagte Friedel ganz verdutzt, du bist wahrhaftig noch
der alte. -- Du solltest aber nicht vergessen, da ich das im Grunde
wei. Ist es nicht richtig, da ich mit allem Innerlichen, sozusagen mit
meinen Herzensangelegenheiten, immer zu dir gekommen bin? Sag
selbst ...

Helmut mute wider Willen lcheln.

Ja, sagte er, es soll auch knftig kein Gebot ergehen, da die
Ablagerung von Schutt bei mir untersagt ist, aber tritt dabei nicht auf
die Beete.

Friedel lachte.

Weit du, wenn ich solche Scherze machen knnte wie du, tte ich es
hufiger. Aber dann wurde er pltzlich traurig und sein Gesicht, dies
unstreitig hbsche Gesicht eines gealterten Knaben, verzog sich voll
trotziger Bekmmernis.

Es ist wahr, meinte er, ich bin ein Lump, einfach ein Lump. Aus mir
wird nichts mehr. Die Zeit ist verpat. Ich bin jetzt dreiig Jahre alt
und habe es zu nichts gebracht, bei all meinen Anlagen. Ich habe keine
Hnde zum Zugreifen, bin gewissermaen ein Mensch ohne Schubladen,
nichts bleibt bei mir, ich kann nichts bewahren.

So bewahre dir dein gutes Herz, sagte Helmut, und es kam etwas von
jener tiefen, leidenden Gte in seine Augen, die den Freund berwunden
hatte, so oft sie ihm begegnet war und so lange er zurckdenken konnte. --

Als am anderen Tage Helmut, Elsbeth und ihr Gast auf der Terrasse, die
zum Garten hinunterfhrte, vereint beim Nachmittagskaffee saen, sagte
Friedel:

Ihr lebt hier in einem merkwrdigen Halbschlummer der Erwartung, man
hat stets das Gefhl, als kme noch irgend etwas.

Das Schweigen, das eintrat, bedrckte ihn weiter nicht, und er fuhr
fort, groe Plne zum Ausbau und zur Erweiterung der Vorteile zu
entwerfen, die man aus einem Landgut dieser Art ziehen knnte.
Eigentlich war Helmut seinen Fragen ber den Wert Wartaluns und ber die
Art seiner Bettigung ausgewichen. Wohl hatten sie weite Ritte
miteinander gemacht, und der junge Gutsherr hatte, keineswegs ohne ein
wenig Stolz und mit sichtlichem Wohlbehagen, ber dies und jenes
geplaudert, aber da Afras Name nur beilufig gefallen war, konnte sich
der Freund immer noch keine rechte Vorstellung von Helmuts Art der
Verwaltung seines Guts machen.

Man kann sich doch nicht so ohne weiteres auf die Leute verlassen,
hatte er einmal gesagt. Du tust dich nicht gengend um.

Heute war eine eigene Belebtheit im Schlosse ihm aufgefallen. Er wute
nicht recht, wie sie entstanden war und was sie bedeutete. Aus dem alten
Melchior, der sich durchaus nicht auf seine jovialen Spe verstand, war
nichts herauszubringen, und Elsbeths kleiner Iduna hatte er die
Harmlosigkeit gleich anfangs durch einen zu groen Ernst geraubt, mit
dem er seine Eroberungen einzuleiten pflegte. Nun sah sie in jeder
arglosen Frage einen erneuten Versuch heroischer Wrdigung ihrer
Vorzge, was ihr ungewohnt war, und so weit war Friedel noch nicht
vorgedrungen, da sich alles in der Vertrauensseligkeit der erhofften
Liebelei auflste.

Elsbeth flte ihm eine fremde Ehrfurcht ein, wie arglose Mnner des
geistigen Mittelstandes sie oft vor einem geheimen Schmerz fhlen,
dessen Art und Ursprung sie nicht kennen. Er fhrte es auf ihren Zustand
zurck und verletzte hufig durch sein bemerkbares Zartgefhl. Trotz
allem war er gerne gesehen, selbst Helmut suchte seine Gesellschaft,
freilich nicht einzig aus Grnden einer persnlichen Sympathie.

Ach, Grfin, seufzte Friedel, und schob den Strohhut gegen die
schrgen Sonnenstrahlen, jetzt hast du es gut, nur bleibe ich bei der
Behauptung, da du frhlicher sein knntest. Ich werde der Pate des
Thronfolgers, das mut du mir versprechen. Es sichert meine Existenz.

Melchior servierte mit weien Handschuhen und veralteten Gewohnheiten
den Kaffee. Auf dem Gelnder der Terrasse sa ein weier Kater in der
Sonne und suberte seine weiche Pfote in umstndlicher Anmut. Im Efeu
hrte man die Sperlinge, ein Duft von Heu und trockenen Sommerblumen kam
im lauen Windzug von den Wiesen herber. Da seufzte Friedel schwer auf,
und es brach ihm aus der entlegensten Tiefe seines Herzens das
Bekenntnis:

Es ist doch eigentlich was ganz Feines, so ein Schlo.

Helmuts Lachen verdutzte ihn.

Was denn ... meinte er, etwa nicht?

Da ri ein beherzter Hufschlag von der Landstrae her die Drei aus ihrem
gemchlichen Einerlei. Jetzt klang er auf den Steinen des Hofs, und mit
einem derben Niedersprung wurde ein so gewaltiger Fluch ausgestoen, als
glte es, Wartalun dem Erdboden gleichzumachen. Helmut, der erbleicht
war, lie sich mit einem Lcheln der Erleichterung in den Korbsessel
sinken, als er diese Stimme hrte, und gleich darauf tauchte Martins
strmischer Gassenbubenkopf am Gitterzaun auf. Er sah flott und krftig
aus, wie er ber den Gartenweg auf die Terrasse zuschritt, im
wohlgepflegten Reitanzug, mit helledernen Stiefeln und dunklem Hut.

Es war nur ihr Diener, ihr Bote, und doch schlug dem jungen Gutsherrn
das Herz zum Zerspringen, er rang mit ganzer Kraft um seine
Gelassenheit, es wurde ihm um so schwerer, als Elsbeth ihre Bestrzung
nicht verbarg.

Martin ri den Hut herunter, viel zu munter, als da es sonderlich
respektvoll erschien, und sagte froh:

Heute abend kommt Frulein Afra zurck. Ich soll bestens gren.

Dann sah er Friedel Gentler und verbeugte sich noch einmal, ohne sein
Erstaunen zu verbergen.

Der Graf entlie ihn so herzlich, wie Friedel ihn nie vor einem
Angestellten gesehen hatte. Erstaunt sah er umher. Der weie Kater hatte
sich mit Martins Ansturm eilig davongemacht, berhaupt schien alles
verndert.

Das ist deine Verwalterin, von der du mir erzhlt hast, nicht wahr?
fragte er Helmut. Ist denn das so ein Ereignis, wenn die kommt?

Ein Ereignis? -- Ich mu es wissen.

Na, dann weit du's ja jetzt, gab Friedel etwas unsicher zurck, denn
die Antwort hatte khl und abweisend geklungen.

Elsbeth schickte ohne ein Wort zur Sache Melchior nach Iduna, an deren
Arm sie nach einem leidenden Gru die Herren verlie. Helmut kmpfte
seinen Zorn nieder. Beinahe boshaft gesinnt, dachte er: Als htte ich
jahrelang nicht gesehen, wer du bist, wie erbrmlich, wie wrdelos macht
dich dein Schmerz.

Die mut du mir aber mal vorstellen, sagte Friedel, als sie allein
waren, durch Unbestimmtes angeregt, das in der Luft lag.

Das kommt ja von selbst, gab Helmut zurck, heute abend wird es sich
nicht mehr machen.

Er ging kurz darauf, examinierte Martin und befahl sein Pferd, um Afra
entgegenzureiten.




Neuntes Kapitel


Afra erwachte in der kommenden Nacht in ihrem Zimmer in Wartalun. In
unfabarem Entzcken einer ganz neuen Offenbarung richtete sie sich in
ihrem Bett empor und lauschte in die helle, singende Nacht hinaus. Ihre
Fenster waren weit geffnet, und drauen schien der Mond. Sie wute
nicht, wie ihr geschah, denn die ganze Welt drauen im Licht klang wie
ein einziger himmlischer Gesang vom Frieden. Es zog in einem
beglckenden Reigen durch das Licht zum Himmel und nahm ihre Seele mit
sich empor. Afra wagte nicht, sich zu rhren, sie glaubte, da ein
wunderreicher Traum sie gefangenhielte, und frchtete zu erwachen; ihr
war, als hrte ihr Herz zu schlagen auf, als stockte ihr Atem, als wrde
ihr ganzes Wesen zu einem hingebenden Lauschen an die singende Nacht.
Das Mondlicht ruhte und klang; in seligen Silberstrmen zog es
unsichtbar empor in den Himmel der Sterne Gottes, und es sank aus dem
khlen Blau mit betubend ser Wohltat in ihr ergebenes Herz zurck.
Nun verlor sich dieser Lobgesang der Erde in einem hochschwingenden
silberhellen Aufstieg von verzcktem Jubel, hoch ins Unfabare
emporwirbelnd, hell und so betrend lieblich, da Afra glaubte, die
dunkle Decke ihres Zimmers mte zerbersten und ihren Augen den Aufblick
in eine Heimat ewigen Lichts erffnen. Aber als nun der magische Gesang
fr eine kurze Weile schwieg und dann eine Reihe dunkler, langer und
schmerzbebender Tne folgte, wie im Rhythmus eines stolzen und wilden
Schluchzens, hob das Mdchen ihre Hnde empor, warf strmisch ihr
Angesicht hinein und weinte lautlos und am ganzen Krper bebend die
Trnen ihrer ersten Hingabe. --

Eine tiefere Wirkung hat der arme Friedel Gentler in seinem kurzen Leben
wohl niemals auf ein Menschenherz ausgebt als in dieser Nacht, in der
er an den offenen Fenstern seines Zimmers seine Geige spielte.

Afra hatte, als das Spiel verstummt war, nun wohl gewut, um was es sich
handeln mute, auch dachte sie sich, da es eine Geige war, der sie
gelauscht hatte, aber sie hatte auf diesem Instrument vorher noch
niemand spielen hren. Sie verga diese Eindrcke in ihrem Leben
niemals, und die beinahe scheue Achtung, die sie zu Anfang ihrer
Bekanntschaft Friedel Gentler entgegenbrachte und die ihm so
verhngnisvoll werden sollte, war nur auf das Erlebnis dieser Nacht
zurckzufhren. Denn die Persnlichkeit des jungen Mannes berhrte Afra
wenig, kaum da sie andere Lebensregungen bei ihm suchte als sein in der
Tat nicht unbedeutendes Talent fr die Geige. Sehr viel anders war
dagegen Afras Wirkung auf diesen gutherzigen und im Grunde haltlosen und
vernachlssigten Menschen. Am Abend des Tages, an dem er Afra zum
erstenmal gesehen und gesprochen hatte, nachdem er ihren betrenden
Liebreiz und den unwiderstehlichen Frohsinn ihrer Kraft empfunden hatte,
sagte er abends zu Helmut und sah ihn mit groen, starren Augen lange
an:

Jetzt wei ich erst, da ich verkommen bin.

Aber so gering die Einwirkungen Friedel Gentlers immer gewesen sein
mgen, er fhrte doch zwei mchtige Geister in die Mauern des alten
Schlosses ein, zwei Geister, deren Gewalt durch die Jahrtausende Qual
und Lust, Erniedrigung und Wrde, Auferstehung und Verfall der
Menschenkinder in ihr berauschendes Wesen verwoben haben: den Geist der
Musik und den Geist des Weins.

                    *       *       *       *       *

Friedel begann bald Einblick in die Verhltnisse zu gewinnen, er
erkannte, da die Frauen einander mieden, er empfand das tiefe
Zerwrfnis zwischen Helmut und Elsbeth. So nahm er sich in
uneingestandenem Mitgefhl Frau Elsbeths auf etwas derbe, aber
liebevolle Art an; ihre Beziehungen reichten weit zurck, und ber
arglose Neckereien hinweg hatte immer ein Verhltnis guter Kameradschaft
zwischen ihnen bestanden. Im Grunde floh Friedel vor Afra. Es war sonst
gewi nicht seine Art, ein Gefhl zu unterdrcken, zumal ihm zur
bestndigen Durchfhrung einer Absicht die Beherrschung fehlte, aber
hier war zu allem Schwanken seines Gefhls zum erstenmal etwas wie
Todesfurcht hinzugekommen. Menschen einseitig entwickelter Anlagen und
unkluger Intelligenzen haben oft einen an Feigheit grenzenden, sehr
sicheren Instinkt fr alle Mchte, die ihren Untergang beschleunigen,
und meiden sie gewhnlich dann mit Beharrlichkeit, wenn sich ihre
Hingabe anfnglich nicht mit Genssen, sondern mit Demtigungen oder
Opfern verbindet. Trotzdem war diese Entsagung rein uerlicher Art, im
Grunde hing Friedels ganzes Wesen schon nach wenigen Tagen mit
schrankenloser Hingebung an Afra. So mochte es vielleicht auch etwas wie
Trotz oder Herausforderung gegen sie sein, da er sich zu Elsbeth hielt,
die ihn in ihrer melancholischen Schwerflligkeit eigentlich langweilte.
So kam es denn von selbst, da aus dieser Selbsttuschung die grausame
Angewohnheit wurde, da er auf einsamen Spaziergngen zu Elsbeth ber
Afra sprach.

Sie hatten sich den Weg, der am Ende des Parks in den Wald berging und
der nach der Frsterei fhrte, als gemeinsamen Spaziergang erwhlt. Der
Frster sah ihre regelmigen Besuche gern, und seine alte Haushlterin
servierte ihnen den Nachmittagskaffee unter den Buchen der Kuckucksburg
auf dem moosbewachsenen Waldgrund. Die Jagdhunde kannten sie bald,
besonders ein betagter Teckel, den viele ehrenvolle Narben schmckten,
hatte sich an Friedels Kindergemt gewhnt und lie es sich gefallen,
da er in seinen spten Tagen noch einen Gefhrten seiner altmodischen
Interessen bekam.

Friedel lie es sich anfangs aufrichtig angelegen sein, Elsbeth zu
zerstreuen, aber nachdem er einmal gemerkt hatte, da sie im Grunde
nicht fhig war, auf ihn einzugehen, erlahmte seine gute Absicht und
wich mehr und mehr seinem Drang, bei ihr Trost und Verstndnis zu
finden. Er sprach oft und auf bislang nicht gekannte Art von seinem
eigenen Leben, er erzhlte ihr viel und malte seine Jugend
hoffnungsreich und glanzvoll aus, wie es junge Mnner oft tun, die ihre
besten Aussichten frh verscherzt haben. Zgernd begann auch die junge
Frau von sich zu sprechen, und je mehr sie glaubte Teilnahme zu finden,
um so mehr lie sie sich willenlos gehen, und so wurde Afra bald die
heimliche Begleiterin der beiden Betrbten. Einmal war es spt geworden,
da die junge Frau von Tag zu Tag mit grerer Mhe und immer
schwerflliger dahinschritt, als sie dicht am Park auf jener Bank
rasteten, die einst Helmut und Afra bei ihrer ersten Begegnung
beherbergt hatte.

Friedel, sagte sie da pltzlich mit vernderter Stimme, knntest du
eine Mglichkeit ersinnen, Afra von Wartalun zu entfernen?

Friedel erschrak. Seine Gedanken waren bei Afra gewesen, die ihm am
Morgen zu Pferd begegnet war. Er sagte:

Darber mte ich nachdenken.

Helmut ist so eigensinnig. Ich wei ja, Friedel, im Grunde liebt er sie
nicht. Wie ich es bei ihm kenne, da er sich voreilig in eine Idee
verrennt, aus deren Irrtum er stets zurckgekehrt ist.

Hat er denn sonst mit Frauen jemals etwas erlebt?

Mit Frauen eigentlich nicht, aber mit so mancherlei anderen Dingen ist
es ihm so ergangen.

Eine Frau ist kein Ding, meinte Friedel weise, da liegt es hier wohl
doch anders. Von Afra habe ich den Eindruck, da sie nicht ber sich
verfgen lt.

Welche Rechte hat sie denn?

Ja, das ist so eine Sache. Helmut sprach mit mir ber diese Frage des
Rechts. Er hat eine sehr verwickelte und eigentmlich unpraktische Idee
davon, aber wie es bei ihm oft ist, er hat im Grunde recht. Sieh mal,
Elsbeth, mir fllt ja eigentlich wenig Gescheites ein, und das ist mein
Verhngnis dabei, da ich trotzdem fr die Wahrheit einen verflucht
entwickelten Sinn habe. Wenn ich mich belgen knnte, wie ich andere
belge, wre ich voraussichtlich ein sehr glcklicher Mensch. Helmut ist
ein Mann von groer Gerechtigkeit.

Das ist nicht wahr ...

Doch. Hr mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gert mit den praktischen
Lebensnotwendigkeiten oft in Konflikt. Die hhere Gerechtigkeit ist
sozusagen mit ueren Daseinsinteressen kaum zu vereinen. Er meint, da
Natur und Anlage den Menschen ihre Rechte vorschreiben und nicht das
Gesetz. Er hlt es fr ungerecht, jemand durch eine zufllige
Verfgungsmglichkeit Befugnisse zu entziehen, die ihm von Natur
zustehen. Er meint, es mache sich ber kurz oder lang bestraft, und den
groen, notwendigen Gesetzen, nach denen alles Lebendige herrscht oder
unterliegt, entginge man doch nur vorbergehend und mit schlechtem
Gewissen. Er hat diese Weisheit aus Briefen oder Papieren des alten
Grafen, wenigstens scheint mir, als habe er sie sich nach dessen letzten
Verfgungen zur Pflicht gemacht.

Immer Graf Konstantin, sagte Elsbeth und wehrte mit der Hand etwas ab,
das auf sie einzudringen schien. Sein Vermchtnis ist verhngnisvoll.
Er zerstrt uns alle aus seinem Grab heraus.

Friedel sah ganz erschrocken auf:

Aber Elsbeth! Siehst du am hellen Tage Gespenster? Es hatte mehr im
Ton ihrer Stimme gelegen als in ihren Worten, was ihn so erschreckte.
Nun sah er in ihr bleiches Gesicht, aus dem die umschatteten Augen
leblos ins Weite starrten. Er nahm rasch das Gesprch wieder auf:

Das ist es jedenfalls bei Helmut: es geht ihm gegen das Gewissen, Afra
etwas vorzuenthalten, was er glaubt ihr zugestehen zu mssen.

Weil er in sie verliebt ist.

Mag sein. Aber dagegen lt sich einwenden, da vielleicht in der Welt
nur das wahrhaft gerecht ist, was im Geist der Liebe geschieht oder
unterbleibt.

Und mein Kind ... sein Sohn -- ach, Friedel, wie kannst du solcherlei
Irrtmer gutheien?

Er wrde dir jedenfalls antworten, da der Junge selbst fr sich zu
sorgen htte und einst sein eigenes Teil und Recht finden wrde.

Und das nennst du gerecht?

Ich wei nicht. Es kann ja niemand einem andern helfen ...

Das sah Frau Elsbeth wohl in diesem Augenblick auch schmerzvoll ein,
denn sie antwortete traurig:

Er versndigt sich an seinem Kind. Diese Gerechtigkeitsgefhle ins
Blaue hinein sind Entschuldigungen. Die Gerechtigkeit eines Menschen
bewhrt sich doch wohl in den Grenzen der Pflichten, die sein Leben ihm
auferlegt. Weist nicht die Natur ein Kind fr lange Jahre auf den Vater
an?

Das ging Friedel zu weit. Er schob sein Herz in den Vordergrund, da
seine Gedanken ihn im Stich lieen, und sagte etwas armselig, indem er
den Kopf sttzte:

Ich verstehe dich ja ...

Aber ihn versteh' ich auch, dachte er und empfand, da das Leben wohl
unzulnglich sein msse und da nichts vollkommen sein knnte, solange
der Kampf um Genu und Glck die Sinne betubte.

brigens, warf er ein und nahm einen Einwand der jungen Frau wieder
auf, von Ehebruch kann nicht die Rede sein.

Das hoffst du selbst, wurde ihm schroff zur Antwort.

Da schwieg er und empfand, da sie einander knftig nichts mehr zu sagen
hatten und da sie schuldig geworden waren an dem, was sie einander als
Vertrauen gezeigt hatten. Es mute ein hnliches Bewutsein die Frau an
seiner Seite bewegen, etwas wie eine Erkenntnis ihrer vlligen
Vereinsamung, denn Friedel sah nach einer kleinen Weile, da Trnen auf
ihre gefalteten Hnde fielen. Es wallte hei in ihm empor, ein
aufglhendes Bedrfnis nach einer groen, freien Tat der Liebe erhob
sein Herz, aber seltsam, aus diesen raschen Feuern tauchte Afras Bild
empor, er sah ihr unschuldiges Angesicht unter den blonden Haaren, in
denen der Glanz des Morgensonnenscheins leuchtete. Martin hielt ihr das
Pferd, Helmut stand neben ihr und lchelte sein trauriges Lcheln voll
Hingabe und vergrmten Stolzes; die grnen Bsche rhrten sich im
Wind ... Was hatte er denn tun wollen?

brigens, sagte er pltzlich rasch und wute nicht, weshalb er gegen
seinen Willen nun gerade dies sagen mute, du fragtest nach Afras
Rechten, sie ist doch Besitzerin von Wendalen; Wendalen gehrt doch
ihr ...

Da traf ihn ein Blick voller Schmach und Seelenqual, den er nie in
seinem Leben hat vergessen knnen. Er begriff auch spter nie, was ihn
veranlat hatte, gerade in diesem Augenblick ein Geheimnis preiszugeben,
das ihm anvertraut worden war. Immer, wenn er wieder daran denken mute,
war ihm zumute, als sei dies seine schlechteste Tat gewesen, und doch
wute er seit diesem Augenblick aus tiefster Seele, da er Afra liebte.

Er erhob sich und reichte der jungen Frau seinen Arm. Am Rande des Wegs
sa hinter einer schrg gestellten Strohwand ein alter Mann und klopfte
Steine. Er sang zum eintnigen Takt seines Hammers einen
melancholischen Singsang in den Sonnenschein der Welt hinein. Er zog
die Kappe, als die beiden vorberschritten, und sah ihnen nach.

                    *       *       *       *       *

Am spten Nachmittag suchte Graf Helmut in seinem Arbeitszimmer nach dem
Brief des Toten. Er warf Schubfcher auf und zu, durchwhlte verstaubte
Packen alter Schriftstcke und Dokumente, und in Gedanken verloren
suchte er endlich in seinen Rocktaschen, ganz mechanisch und mit
leblosen Blicken. Als er sich besann, empfand er zum ersten Male mit
leisem Schreck die Unordnung, die seit einiger Zeit berall in seinen
Sachen herrschte. Es handelte sich gewi nur um Kleinigkeiten, aber er
wute, da mancher Verfall mit geringfgigen Erscheinungen einsetzen
konnte. Ihn packte pltzlich eine sinnlose Angst, und er begann hastig
und beinahe verstrt Ordnung zu schaffen. Er war von frhester Kindheit
an gewohnt, im Haushalt seiner persnlichen Angelegenheiten eine an
Pedanterie streifende Ordnung zu wahren, es herrschte bei ihm eine
Geregeltheit, die sich bis auf den Inhalt seiner Taschen erstreckte.
Aber je mehr er nun begann, all den kleinen Gertschaften ihren Platz zu
geben, je mehr er sich bemhte, die Geschftspapiere, die Bankdokumente
und die Briefschaften, die er einzusehen hatte, zweckmig und praktisch
zu verteilen, um so mutloser wurde sein Herz, und er sah endlich ein,
da nur Verantwortlichkeit, eine aufrichtige Beteiligtheit und zwingende
Notwendigkeiten solche Arbeit ertrglich machen. Er kam sich in seiner
sinnlosen Mhe wie ein Kind vor, das einen ernstlich beschftigten Mann
zu spielen versucht.

Ich habe keine Freude daran, ich ntze niemand damit, sagte er tonlos
und lie die Hnde sinken. Seine Augen suchten drauen die Bume des
Parks, neben ihnen den Ausblick in das weite, geduldige Land, das in
diesen Wochen den Menschen seine Frchte berlie. Am Brunnen hrte er
die Mgde lachen und Melchiors vterliche Stimme mit ihrem ewigen dummen
Ernst.

Er sprang auf und klingelte. Unten wurde es still am Brunnen, als die
Glocke im hohen Flur schrillte, er hrte Melchiors geschftigen Schritt.
Gleich darauf stand der Alte neben ihm.

Afra sollte kommen. -- Melchior berichtete, sie sei in Annerwehr, am
Deich mte gebaut werden, aber sie wrde bereits seit einer Stunde
zurckerwartet.

Er befahl, sie hinaufzubitten, sobald sie gekommen sei. Die Tr schlo
sich aufrhrerisch vorsichtig, und er war wieder allein.

Irgendwie erinnerte ihn der Vorfall an den Brief, den er suchte, und er
begann von neuem die Papiere zu durchwhlen. berall begegnete ihm der
Tote. War nicht auch Melchiors Art, zu kommen und zu gehen, sich zu
verneigen und die Tr zu schlieen, noch von jenem Geist beseelt? Er
konnte diesen Schatten nicht anders bannen, als indem er den Geist
selbst heraufbeschwor. Die letzten Worte des Verstorbenen waren ihm ein
gefhrlicher Trost geworden, eine zerstrerische Besttigung seiner
tatlosen Ergebenheit.

Endlich fand er ihn. Er lag abseits von allem Durchsuchten unter dem
bronzenen Leuchter, der eine gewundene Schlange darstellte, die sich
zornig erhob und auf ihrem geneigten Hals eine zackige Krone trug, in
die die Kerze eingelassen wurde. Er besann sich nun, da er das
Schreiben in der letzten Nacht dort geborgen hatte.

Es hiee Snde tun, eure alten Rechte, die in dieser Zeit nicht mehr
gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure besten Gter wahren, denn die
zeitlichen knnt ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch
herabwrdigen, denn das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der Zeit
nichts gemein, und ihr knnt ihre Waffen nicht fhren.

Er lie den Brief sinken. Hatte er nicht bei seiner ersten Begegnung mit
Afra ihr diese Worte und alle anderen als die vergrbelte Weisheit eines
Sonderlings hingestellt? War es denn etwas anderes? Waren seine
Gefhlsgewiheiten damals noch frei gewesen, ohne diesen dsteren Bann,
in den Wartalun zu schlagen schien? Oder machte seine Liebe zu Afra ihn
zu einem Narren, der aus diesen greisenhaften Bekenntnissen
Entschuldigungen fr seine Frevel an seinem Weibe und an seinem Kinde
zog?

Er las aufs neue und kam an jene Stelle, die ihn Tag fr Tag
beschftigte:

So bleibt Wartalun in den Hnden meines Geschlechts, aber es sei denen
gesagt, die es zu eigen haben sollen, da es keinen ererbten Besitz in
der Welt gibt, der vor Gott Gltigkeit hat, und Gott erkenne ich in der
Kraft des Lebendigen.

Im Grunde war dieses Schreiben nichts anderes als ein geheimes
Vermchtnis des Schlosses an Afra. Die Liebe des Grafen Konstantin zu
Afra, die er auch in der Stunde seines letzten Abschieds noch verbarg,
durchglhte diese Worte mit einem bsen, heimlichen Willen. Beinahe
flammte ein zorniger Hohn hindurch und etwas wie ein Ha gegen die Linie
seines Hauses, der Wartalun zufallen sollte. berall zwischen den Zeilen
brannten Verheiungen und dunkle Prophezeiungen und Afras Name -- --

Er erschrak furchtbar, als pltzlich das junge Mdchen neben ihm stand.
Sie lachte ber seinen Schreck:

Aber das habe ich nicht gewollt, wirklich nicht! Wie dster ist es
hier. Erlaubst du, da ich die Vorhnge zurckziehe? Du hast Angst vor
dem Licht.

Sie trat ans Fenster, und er sah sie im Abendlicht in ihrer ganzen
blhenden Kraft vor sich stehen. Sie lehnte sich ans Fenstersims,
streichelte die bronzene Schlange erwartungsvoll mit der tanzenden
Spitze ihrer Reitpeitsche und schaute lchelnd auf ihn nieder. Ein
sinnlos betrender Duft kam von ihr zu ihm, etwas wie das Heimweh des
Sommers nach dem Frhling, die liebliche Flle ihrer warmen
Mdchenschaft atmete gebieterisch in einer unschuldigen Sorglosigkeit
den sen Hauch lebendigen Daseins, als sprche Gottes Freude am
Erschaffenen ihr unsterbliches Wort des Wohlgefallens an der erstandenen
Erde.

Haltlos tastete Helmut auf dem Schreibtisch umher, ergriff zitternd
einen beschriebenen Bogen, der die Siegel des Amts von Cismaren trug,
und in einer leidenschaftlichen Gebrde der Hingabe, die etwas von dem
Krampf eines berauschten Gehorsams gegen die heie Wirkung des Mdchens
hatte, schlug er ihr das Papier entgegen, da es hrbar in der Luft
flatterte.

Sie nahm es bestrzt mit groen, wachsamen Augen, die ihn beinahe
warnend musterten, und ohne zu sprechen.

Lies, rief er bebend.

Sie sah ihn immer noch an, nderte pltzlich ihre Haltung, so da sie
weniger leichtfertig war, zog ihren Fu zurck und glttete mit einer
unbewuten Bewegung der Hand ihr Kleid ber dem Knie. Dann lehnte sie
sich etwas ins Licht zurck und begann langsam zu lesen.

Helmuts Herz pochte schmerzhaft. Er empfand, da diese Art der
Darbietung wie ein Raubanfall an eine Gegenleistung scheinen mute. Er
schmte sich tief, aber irgendein leidender Zorn hinderte ihn an jeder
gtigen Gelassenheit. Man stirbt nicht liebenswrdig, dachte er. Glaubst
du, ich schenkte dir irdische Gter, meinst du, die cker bekmmern
mich, oder die Herden?! Was mich bekmmert, ist der Tod ...

Hallo! Afra war aufgesprungen und stand kerzengerade vor ihm. Ihre
Augen leuchteten wildherzig und froh:

Also Wendalen ist jetzt mein Eigentum?!

Ja, sagte er schwankend und ohne Fassung, es bedarf allerdings ...
noch einer Formalitt ... Du mut mit mir nach Cismaren ...

Das macht ja nichts. Also ... vielen Dank!

Bitte, sagte er.

Es ist wahr, dachte er und sah bleich vor sich nieder, das Sterben ist
keine Heldentat, niemand erkennt es an. Und dann wrgte ihn etwas an der
Kehle, die eiskalten Hnde eines widerwrtigen Gespenstes, das mit dem
Erdrosseln beharrlich eine herzlose Pflicht ausfhrte: Ich bin allein!
Oh, wenn er htte sprechen knnen, von sich, wie es um ihn stand, wie
sein Herz beschaffen war und wo sein tiefstes Leid brannte.

Wenn ich es nehme, so tue ich es, weil ich dich liebhabe und weil ich
nun frei vor dir dastehe und du nicht mehr darunter leidest, da ich
nicht auch uerlich deinesgleichen bin.

Nicht einen Augenblick hoffte er, sie mchte die Liebe meinen, die er
ersehnte, aber doch erlsten ihn ihre Worte, sie machten ihm das
Schwerste leichter, da sie ihm seine Bitterkeit nahmen. Er wollte etwas
sagen, aber er konnte nicht sprechen. Sie lie ihn ruhig gewhren, wie
man einem Kranken Zeit lt, bis er endlich sagen konnte:

Mein Leben ist in deine Hand gegeben, Afra.

Darauf antwortete Afra ihm nicht, so da es ihm klar wurde, da er in
seinem Wort wohl zu weit gegangen sein mute, denn er konnte sich nicht
denken, da eine Schuld bei Afra lag. Sie senkte den Blick nicht, es
schien ihr wohl Mhe zu kosten, aber sie gab nicht einen Schein von
Beschmung zu. Die unerbittliche Sicherheit, mit der sie den Platz
einnahm, den er ihr einrumen mute, trstete ihn und gab ihm Halt. Erst
viel spter wute er, da er zusammengebrochen wre, wenn Afra auch nur
im kleinsten eingestanden htte, da er mehr als seine Pflicht getan
hatte.

Aber er hatte sich niemals so allein gefhlt wie nun, da Afra die Tr
hinter sich schlo. Ein grenzenloses Heimweh berfiel ihn jhlings, als
mte er sich aufmachen und davoneilen, um die einfache und arme
Lebensweise aufs neue zu beginnen, die er verlassen hatte. Er dachte an
Elsbeth und an sein Kind, alles drngte ihn zu einer Rckkehr, ihm war,
als lge alle Heimat, die es fr ihn noch geben knnte, in einer Umkehr.

Da hrte er Afras Lachen im Hof, und sein Herz verwandelte sich. Er sah
sie unten mit Friedel stehen, der sich kokett beim Reden drehte; und
Afras Gesicht, voll komischer Weisheit und neckisch berlegen, spiegelte
seine Scherze wider.

Da warf er sich in den Sessel, atmete mhsam und sagte sich:

Schlielich ist es kaum der vierte Teil meines Vermgens, den ich
verschenkt habe.




Zehntes Kapitel


Es folgte eine Nacht, die neuartig fr Wartalun begann und die bse
endigte. Friedel hatte vorher mit Helmut im Schlosse umhergestbert, und
sie waren auf ihrer Irrfahrt auch in die Kellerrume gedrungen, die
Melchior mitrauisch bewachte und widerwillig erschlo. Durch die dicken
Mauern fielen sprliche Streifen von Licht aus niedrigen vergitterten
Fensterchen in die steinernen Tiefen. Hier entdeckte Friedel zu seinem
jubelnden Entzcken ganze Wnde voller Weinflaschen, die sorgfltig
gereiht, ganz eingehllt in Staub, nur hier und da im Licht der Laterne
aufblinkten. Melchior stand wie eine beleidigte Bildsule und leuchtete,
whrend Friedel sich wie unsinnig gebrdete, sich ausgelassen auf die
Schenkel schlug und eine dithyrambische Ansprache an die berflle
verkapselter Daseinsfreude hielt, die hier schlummerte.

Helmut zog gleichmtig eine Flasche hervor:

Das hab' ich ja gar nicht gewut.

Barbar! schrie Friedel. Was machst du denn mit der Flasche? Du bist
von Grund aus ohne Religiositt. Bildest du dir ein, so was liee sich
ungestraft auf den Kopf stellen?

Helmut gab die Flasche gutmtig an Friedel zurck, der sie behutsam in
ihre alte Lage bettete.

Gibt es nicht was zu feiern? fragte er.

Da sagte Helmut rasch, in leidendem Leichtsinn:

Heute ist die bergabe Wendalens an Afra erfolgt.

Da fiel die Laterne aus Melchiors Hand klirrend auf den Boden und
erlosch. Langsam schlich sich das Tageslicht sprlich durch den langen
Felsgang herab. Alle schwiegen. Der Alte suchte mit bebenden Hnden
unter den Scherben nach dem Kerzenstmpfchen.

Verbrenn dir die Finger nicht, sagte Helmut in einem Tonfall, der
seinen Worten eine Bedeutung, ber die Augenblickssorge hinaus, verlieh.

Er atmete auf, als sie nach einer kleinen Weile im Abendsonnenschein auf
der Terrasse standen. Friedel griff den Gedanken einer nchtlichen Feier
mit Begeisterung auf, und Helmut lie sich bereitwillig mitreien. Es
war ihm ein beglckender Gedanke, fr Stunden einmal wieder Vergessen zu
finden und den verschollenen Klang seiner ersten Jugend
heraufzubeschwren. Da er nicht eher darauf gekommen war!

Melchiors Verschwiegenheit ist schon beinahe Diebstahl, meinte er.

Friedel lachte.

Wenn man den Kerl sieht, hat man das Gefhl, als wandele das bse
Gewissen als Gespenst ber die Erdkruste. Halb Beichtvater, halb
Erbtante, schlumpt er umher und ist auf Moral aus. Dabei strmt er einen
Modergeruch aus, da alles verschimmelt, was er anglotzt. Lt sich
sowas nicht pensionieren? Friedel geriet in heiligen Eifer, gleich
darauf verlangte er von Melchior eine Weinkarte.

Der Alte wandte sich an Helmut:

Es ist ein Verzeichnis da, Herr Graf.

Diese Aufstellung entzckte Friedel bis zu Trnen.

Weit du, Helmut, dein Graf Konstantin, dein Onkel, oder war es nicht
dein Onkel, jedenfalls war er ein Heros auf dem Schlachtfeld edelster
Gensse.

Fngst du auch an ... sagte Helmut unbeherrscht.

Womit? Wieso?... Darf ich fr heute abend auswhlen?

Ja, whle. Wir trinken im groen Saal. Ich werde Afra unterrichten.

Er schlenderte fort ber den Hof auf die Wirtschaftsgebude zu, und
Friedel schlo Freundschaft mit Melchior, den er fr seine festlichen
Vorbereitungen brauchte.

                    *       *       *       *       *

Als das letzte Sonnengold auf den Turmspitzen des Schlosses erloschen
war, hoch, wo der goldene Hahn sich gegen den Wind wandte und das alte
Wappenkreuz funkelte, als der braune Mond schwermtig ber die schwarzen
Moorgrben sah, die unter Schleiern lagen, ertnte ein lang
verschollener Silberklang aus den hohen, weit geffneten Saalfenstern in
den stillen Hof nieder: das Klingen der alten Weinglser von Wartalun.
In ihren goldenen Kelchen blinkten die Wahrzeichen des Geschlechts in
funkelnden Farben und reinem Gold. -- O Afra, dein Mdchenlachen! Der
Wein, dessen Duft aus diesen Kelchen blht, berstrmte das alternde
Herz und die junge Seele deines ritterlichen Herrn, der begraben liegt.
Im Geist dieses Weins lohte der schwermtige Liebeszorn des
Beschlossenen ber das blhende Frhlingsland deines jungen Leibes, der
in der Kraft seines starken Geistes aufwuchs. Was sinnst du nieder in
das schaukelnde Gold deines Glases? -- Er gibt dich nicht frei.

Friedel, Lump! Auf! Hol deine Geige. Schaff den Geistern der
Versunkenen ein himmlisches Reich, in das sie fliehen knnen, und den
Geistern der Lebendigen eine Zuflucht fr ihre Trume und ihre Trauer.
Hinauf mit dir, Lump, auf den flchtigen Thron deiner einzigen
Herrschaft. Unser Begehr ist, die Menschenfinsternis unserer armen Tage
zu vergessen, dein Spiel nimmt unseren Herzen den Alltag hinweg, dein
Spiel macht die Welt zeitlos. Schau Afra an, wenn deine Hnde zittern.
Spiel, da die bronzene Krone ihres Haupthaars wie Abendschein ber ihre
Schultern rinnt und die Blumen von ihren Schlfen im Wein sterben, der
lngst vor ihnen geblht hat. Spiel weiter, der Wein wird dir Mut geben,
hochzeitlichen Mut der unsterblichen Sehnsucht deiner vergeudeten
Jugend, da Afra dein wird, solange die beseligte Himmelfahrt deiner
Tne dir ewige Reiche erffnet. Und dann stirb! Du mut dahin! Die
qualvolle Allgewalt der dunklen Lebensmchte, denen auch du gehorchen
wirst, zwingt dein Haupt in ihren umnachteten Scho. Es ist im ewigen
Buch verzeichnet: Dir wird auch das genommen, was du hast. --

Seht ihr nicht, wie die Angesichter der Verblichenen, die von den Wnden
niederschauen, ihr Leben zurckgewinnen, wenn die Wohltaten der Geige
erglhen? Lat euch von ihren Klngen in das Reich der Dahingeschiedenen
emportragen. Sie steigen zu einem seligen Reigen in eure
Erdengemeinschaft nieder und erleuchten mit ihrer im Tode erkauften
Unschuld den dmmerigen Saal. Der Falke hebt sich von der weien Hand
der lchelnden Reiterin im schimmernden Wandteppich, und mit hellem
singendem Schrei schwingt er sich in die dunkle Wlder zurck, die
drauen im Mond schlafen ...

Der arme Friedel lie bleich und zitternd seine Geige sinken. Er strzte
seinen Wein hinab, als suchte er nach einem neuen Weg, um seinem Herzen
die Feierstunde zu bewahren. Afra sah mit heien, leuchtenden Augen auf
ihn hin, und die Stirn des jungen Grafen Helmut ruhte auf der Kante des
schweren Eichtisches.

Da ri ein kurzes Aufschluchzen die Befangenen aus ihrem Bann, und ein
helles Lachen Friedels erlste sie. In der Saalecke rang Martin
fassungslos mit seinem Herzen, seinem Wein und seiner Mdigkeit. Afra
rief ihn herbei, sie verwies Friedel sein Lachen und reichte Martin die
volle Flasche. Melchior war zur Ruhe gegangen und trumte davon, die
Mauern des Schlosses strzten mit donnerndem Krachen nieder und begrben
die Frevler am Gut des Toten.

Ist noch Wein oben? fragte Afra.

Martin nickte schwermtig.

Geh zu Bett, Junge, geh ... Ich werde schon fr das brige sorgen.

Martin hat's gut bei Ihnen, sagte Friedel.

Sie knnen ja auch zu Bett gehen, wenn Sie wollen.

Nein, sagte Friedel, ich bleibe instndig lebendig, solange Sie
diesen Saal erhellen, Frulein Afra.

Hell war er nun freilich nicht, der groe, hohe Saal, denn die Kerzen,
die zwischen Rosen auf dem langen Tisch brannten, erhellten die fernen
Ecken nur ungewi, und der heraufsteigende Mond an den Fenstern gewann
langsam an Kraft und machte den Lichtern die Herrschaft streitig. In
diesem magischen Dmmerschein, unter der hohen, dunklen Decke, nahmen
sich die Gestalten der Menschen seltsam klein aus, wie Verirrte, die
sich um die Kerzen zusammengedrngt hatten. Aber niemand schien daran zu
denken, diese ungewohnte Nacht zu beenden. Die Allmacht des Weins fand
bei Helmut und Friedel haltlose Gemter, und Afras Sinne glhten
hochgemut und in freudigem Triumph ihrer neuen Wrde und ihrer jungen
Herrschaft. Sie sprach wenig, und die Wirkung des Weins war nicht bei
ihr zu spren, sie wahrte sich eine freie Gelassenheit, und die
wildherzigen Trume ihrer erhobenen Seele strmten weit ber die Wnsche
der beiden Friedlosen fort, die um ihretwillen versanken. Aber
allmhlich wurde der Geist des Weins in ihrem Blut mchtiger, aber mit
ihm auch ihr Verlangen nach fernen Zielen und groem Tun, denn das
Erreichbare erschien ihr gering. Wie sollten diese hier ihr Gewhr
leisten, da ihr Bestes gewrdigt wurde? Pltzlich stand sie auf,
schttelte langsam mit einer aufwiegelnden Beharrlichkeit tiefinnerster
Hingabe ihr kindliches Haupt, bis die goldenen Haare niederbrachen,
ergriff die Blumen, die den Tisch schmckten, mit einer trotzigen Hast
zu einem verwegenen Strau in ihrer Hand, hob mit der anderen ihr Glas
und rief:

Es lebe Graf Konstantin!

Er sei verflucht! heulte Helmut auf und zerwarf sein Glas, da es an
der Steinwand mit einem hellen Knall zerstubte und kaum ein Klirren am
Boden folgte.

Friedel sprang auf, da sein Sessel tanzte, und starrte die beiden an,
als she er Gespenster. In der Stille, die entstand, erhob sich von
auen her etwas Unfabares, etwas, das niemand verstand und das doch
alle nahen fhlten. Jetzt wuten sie es, es mute drauen eine letzte
Tr aufgestoen worden sein, es war ein helles, wildes Geschrei um
Hilfe. Nun war die Saaltr erreicht, nun knallte sie auf, und Iduna
strzte herein, die Hnde hoch erhoben, die Haare wild um den Kopf, im
flatternden Kleid:

Helft! Zu Hilfe! Die Gndige stirbt ... Das Kind ... sie dreht sich am
Boden!

Afra sprang auf. Mit einer einzigen Geste schien sie die Herrschaft ber
die Nacht an sich zu reien:

La dein Geschrei! Sie war mit wenigen Schritten bei dem Mdchen, und
obgleich sie es hart anfuhr, richtete sie die Zitternde freundlich auf,
die vor Erregung und Angst in die Knie gebrochen war. Dann ergriff sie
Helmuts Arm:

Wo willst du hin? Du kannst dort nicht helfen. Komm hinab, hilf mir!

Die Ernchterung aller war wie mit einem Schlag eingetreten. Iduna wurde
zurckgeschickt, und sie ging gehorsam, die entsetzten Blicke bis
zuletzt in Afras Gesicht, deren Wille sie gehorsamer machte als jemals
ein anderer. Unten im Hof war es in wenig Minuten lebendig. Afras
beherrschte, beinahe frohe Hast ergriff das erwachte Haus. Martin mag im
Leben kein Aufstehen schwerer geworden sein als dies, aber der Eifer
seiner Herrin belebte ihn, da er Wein und Mdigkeit verga.

Rasch! Du mut nach Wartaheim! In einer halben Stunde bist du da, hast
du verstanden! Nimm >Husar< und >Prinz< und schlag drauf, was dein Arm
aushlt. In einer halben Stunde, verstehst du?! Nicht eine Minute weniger
brauchst du!

Sie sattelte Joni selbst. Zwei Knechte halfen ihr. Das edle Tier wurde
von der Unruhe ergriffen und war schwer zu halten.

Martin zog den leichten gelben Landwagen aus der Remise. Dann berlie
er alles den anderen und half Afra. Der Mond leuchtete.

Willst du reiten? Wohin willst du reiten?

Zum Arzt, die Frau Grfin ... bekommt ihr Kind. Zieh an! Fester.

Nein, sagte Martin, so fest darfst du den Gurt nicht ziehen.

Afra trat zurck und lie den Burschen machen.

Wir warten auf dem Kirchplatz! sagte sie. Der Arzt und die Amme
mssen in unseren Wagen. Fahr wie der Teufel. Ich verla mich auf dich.
Marsch, sorg fr den Wagen! Ich sorge in Wartaheim dafr, da alles zur
Stelle ist.

Joni stieg emprt. Afra gewann den Sattel mit Mhe, und Martin mute ihr
noch einmal zu Hilfe eilen.

Ich danke dir, Afra ... Helmut versuchte ihre Hand zu ergreifen, es
gelang ihm nicht. Er sah nur Afra, er dachte nur an sie. Hte dich ...
reit nicht zu wild ...

Es antwortete ihm ein heller Ruf. War's ein Zuruf an das Pferd, ein
Abschiedswort ... er wute es nicht. Er sah nur Joni anspringen mit
einem langen Satz, so da die Reiterin weit nach hinten flog, aber sie
gewann wieder Sitz, und der hohe Rachen des Tors verschlang diesen
hellen Triumph von Hast und Willen.

Taumelnd strzte Helmut, von Friedel gefolgt, vor das Tor. Ein
klirrender Sturmwind ri drauen in einem schaukelnden Flug Pferd und
Reiterin auf dem hellen Band der Strae in die mondflimmernde Nacht
hinaus. Auch Martin verga in diesem Augenblick alles andere, er stand
im Tor und starrte Afra nach, vorgebeugt, beide Hnde an den Schlfen:

Jetzt, keuchte er, jetzt ... jetzt ...

Was denn? stie Helmut wie im Fieber hervor.

Aber da schien es geschehen: Martin strzte mit einem wtenden Aufschrei
vor, der zugleich etwas von einem todesbangenden Jauchzen der
Begeisterung hatte. Drauen klang die Nacht nicht mehr. Die Strae war
leer.

Teufel, o Teufel! schrie Martin und bearbeitete die Luft mit den
Fusten. Sie reitet durchs Moor!

                    *       *       *       *       *

Gleich darauf rollte der Landwagen mit Martin in schnellster Fahrt die
Landstrae dahin auf Wartaheim zu. Martin schonte die Pferde nicht, aber
obgleich ihn fieberte, bndigte er seinen Mutwillen. Afras Tollkhnheit
hatte ihn eigen ernchtert; wie schon stets als Kind er es gewesen war,
der ihr wildes Herz in seine bedchtige Bauernweisheit einfing. Hier war
ihm die Gespielin seiner Jugend wohl auf Leben und Tod entgangen, aber
es sollte nicht an ihm liegen, dies drohende Unheil nicht nach Krften
zu beschwichtigen. Vielleicht brauchte Afra Wagen und Pferde noch diese
Nacht fr sich selbst. --

Der Lump torkelte durch den Schlohof, der halb im Mondschein lag.

Das ist es, das ist es ... stotterte er, das Lebendige, das Leben!
Gleichgltig fr was. O Helmut, Bruder im Verfall, deine grfliche
Scheune beherbergt das wildeste Herz der Welt. Ich bin es, der dort
drauen reitet, verstehst du? In allem, was sie tut, bin ich! So wie
Gott mich vorhatte, wie meine Mutter mich erhoffte, solange sie noch
nicht der peinliche Vorfall einer nheren Bekanntschaft mit mir
berrumpelte ... Er besann sich: Helmut, armer Junge, ich wei ja: da
oben! Aber wenn ich in der Welt zu nichts mehr ntze bin, so la dir
doch mein Verstndnis ein Trost sein. Wer Afra nicht ... nun, du
weit ... es wre die Snde gegen den Heiligen Geist ... Ach, Bruder ...

Helmut raffte sich auf:

Du bist betrunken. Komm zu dir. Es wird das beste sein, du gehst zu
Bett.

Ja, sagte der Lump traurig, schlafen ... Aber hre, du mut mir eine
deiner blanken Jungfern mit unter die Laken geben, eine von denen, die
ihre Jugend unten in den Katakomben deiner Baracke vertrauern. Sonst
komme ich nicht ber diese Nacht.

Nimm, was du willst, sagte Helmut, im Saal findest du noch Flaschen
genug. --

Die letzten Rosen an dem hohen Staket des Eingangs glhten im spten
Mondlicht. Vom Garten her wehte es feucht, er lag dunkel im Schlaf in
seiner sommerlichen Schwermut. Aus der Gesindestube klang eifriges
Flstern, berall war Licht im Schlo, die Pferde stampften unruhig in
den Stllen, und zuweilen rasselte eine Kette. Friedel hatte sich auf
den Weg gemacht, und Helmut schritt langsam durch das Portal, den
matterhellten Flur hindurch und erstieg mde und frstelnd die Treppe.
Er sah durch das Fenster zum Flgel hinber ... Dort oben! Ihn
schauderte. Er hrte, gedmpft, wie aus der Erde herauf, lang hin
hallende Schreie. Eine Stiege hher sah er Melchior am Treppenfenster
stehen. Er schien ihn nicht zu hren. Als er nher kam, vernahm er die
gebrechliche Stimme des Alten, und nun erkannte er auch, da er mit
heigerungenen Hnden, die gefaltet waren und sich beschwrend hoben und
senkten, hinausstarrte in das nchtliche Land, nach Wartaheim hinber.
Und nun verstand er die dumpfen Worte:

Herr Christ, hilf Afra. Hilf ihr! Behte sie, behte sie! --

Du wirst es bis an deine letzte Stunde gut haben in meinem Hause,
flsterte Helmut, und sein Herz strmte ber. Er schlich leise vorber
und prete die Zhne auf die Lippe. --

Die Nacht und den langen kommenden Tag hindurch bis in den spten Abend
lag Wartalun mit seinen Menschen im dsteren Bann einer qualvollen
Erwartung. Schon am Nachmittag unterrichtete der Arzt den jungen Grafen,
da er sich auf das Leben seines Kindes keine Hoffnungen machen drfe,
es mte alles geschehen, was in Menschenkrften stnde, das Leben der
Mutter zu erhalten. Er mute noch einmal nach Wartaheim und befahl
Martin, der ihn fuhr, die Pferde zu mihandeln. Trotzdem kam er mit
seinen letzten Mitteln zu spt, und am Abend atmete das Schlo in tiefer
Trauer auf.

Helmut war durch Bangen, Hoffnung und Selbstmarter nicht mehr fhig, die
Kunde voll zu erfassen, die ihn betraf. Der Arzt fand ihn in seinem
Zimmer vor dem Schreibtisch, und auf die Nachricht hin sank das gequlte
Haupt des jungen Vaters auf die Arme nieder, die auf dem Tisch lagen.

Die Mutter lebt, Herr Graf.

Ein Kopfschtteln ...

Erst als der Arzt sich nach vielen Bemhungen zurckziehen wollte,
richtete sich Helmut auf und fragte:

War es ... Er stockte.

Der Arzt war wieder an seiner Seite.

Wonach fragten Sie?

Ein Sohn?

Der Arzt nickte und verlie stumm den Raum.

Der Abend bekrnzte das herrliche Schlo mit himmlischen Rosen. Unten im
Weinlaub des Gartenhauses spielte der Lump seine Geige in der khlen
Luft. Helmut schellte nach Afra. Sie trat kurz darauf mit ernstem
Gesicht vor ihn hin.

Er versuchte zu sprechen. Dann berwltigte ihn sein Schmerz zum
erstenmal, als er Afras Augen voll heien Mitleids auf sich ruhen
fhlte. Er umschlang sie hilflos wie ein Kind und lie sein Haupt an
ihre Brust sinken.

Afra, liebe Afra, sei barmherzig. Oh, bedenke, da ich nichts bin als
ein Mensch, nichts mehr habe als das was du mit deinen Armen sttzt.

Afra trat von ihm zurck. Da schrie er:

Erbarme dich meiner! Erbarme dich meiner!

Das Mdchen wurde bleich bis in die Lippen, und mit der Gebrde einer
sich neigenden Bildsule, steif und hart und hilflos, gab sie ihm ihren
Mund fr seine Ksse.

Bin ich durch meinen Schmerz meiner Heimat ein einziges Mal nahe?
Wieviel mu ich leiden, um erlst werden zu knnen? Afra, mein Kind ist
tot. Mein Sohn ist tot. Mein Weib wird nicht leben, bevor du ihr nicht
zurckgibst, was ich dir geben mu.

Was soll ich tun? fragte Afra.

Er flammte auf, als habe ihre Frage das bohrende Feuer seiner Hoffnung
zum Lodern entfacht, aber als er ihr Gesicht sah, sank er auf die Knie.

Geh! Du kannst nicht ... Du darfst nicht. Herrliche, wer bin ich, da
ich hoffe, du mchtest mich lieben. Gttlich-Lebendige du, du ewige
Jugend meines zertretenen Daseins, du Geliebte Gottes ...

Afra trat scheu und mit groen Augen von ihm zurck. Ging durch ihr Herz
der erste Glaube daran, da die Liebeskraft dieses Mannes vielleicht
doch hinberfhrte in das Heimatland ihrer traumdunklen
Weibessehnsucht, die noch unter den blhenden Hrten ihres Mdchentums
schlief? Ein verzehrend ses Gefhl von berstrmendem Mitleid brannte
in ihrem Blut empor, aus ihm mochte die holde Frage stammen, die sie
andchtig und wild hervorstie:

Was willst du? Ich wei es nicht. So tu, was du mut ... ich mchte gut
sein ...

Aber er schien pltzlich wie erloschen, mit einem Ausdruck von Schwche
und Verstrtheit stammelte er:

Du hast nicht gehrt, ob Elsbeth nach mir gefragt hat?

Mhsam raffte er sich auf und sttzte sich am Tisch. Und da geschah das
Unerhrte. Afra schnellte steil empor, ihre Augen flackerten pltzlich
wie verdunkelt und voll Ha, voll eines Hasses, der nicht ihn meinte,
sondern eine Gewalt, die sie in ihm zu erfhlen geglaubt hatte und von
der sie sich auf unverstndliche Art um ihren Glauben betrogen sah. Wie
htte sie sonst wohl jemals die Herzenshrte aufbringen knnen, einen
gebrochenen Menschen zu schlagen? Ihre Hand traf sein Gesicht, da er
taumelte, und sie sagte in einer beinahe dmonischen Sicherheit:

Du Erbrmlicher.

Unten im Weinlaub des Gartenhauses spielte der Lump immer noch die
Geige, sich zum Vergessen, anderen zum Trost. Als Afra die Treppe
niederschritt, rannen ihr ber die Wangen groe Trnen nieder, deren
Ursache sie nicht verstand. Sie dachte nicht an die junge Frau, die
oben im Schlo die letzte Hoffnung ihres Lebens im Grund ihres matt
pochenden Herzens begrub, und nicht an den Mann, der sie gedemtigt
hatte. Was ihr Sinn ahnte, lag fern von allem, was ihr geschehen war, im
hellblhenden Nebelland der Zukunft, dem sie entgegenschritt, im Groen,
im Vollkommenen, am Herzen Gottes.




Elftes Kapitel


Die wilde Sptsommersonne fand durch die halb geffneten Lden in das
Leidenszimmer der jungen Frau, die ihre schwersten Lebensstunden ohne
die Liebe eines Menschen durchlitten hatte. Als man den kleinen Leichnam
forttragen wollte, warf sich die Mutter, alles vergessend, ber das
Lager des Kindes, klammerte sich mit ihren blutleeren Hnden an der
Wiege fest und wollte ihr Kind nicht davontragen lassen. Ihre
niederbrechenden Haare bedeckten es, und sie prete ihre elende Wange
auf sein erloschenes Augenpaar. Niemand konnte sie mit dem Gedanken
vertraut machen, da der kleine Tote von dannen mute, um in der Erde zu
ruhen. Sie stie mit ihrer geschwchten Stimme ein Geschrei aus, dem
kein anderes Geschrei auf der Erde zu vergleichen ist, und ihre
klammernden Hnde konnten erst gelst werden, als ihre Sinne in eine
lindernde Ohnmacht versanken.

Sie erholte sich nur langsam, Woche um Woche, und gewann ihre Krfte
niemals wieder ganz zurck. Ihr Herz und ihre Augen wandten sich dem
irdischen Treiben nicht wieder zu.

Die Beisetzung des Kindes geschah in groer Stille im Schlopark in der
Begrbnissttte des Geschlechts, unter den braunschattigen Tannen, an
der Seite des Grafen Konstantin. Das Kindlein lag wei verhllt und
schlummerte in seiner dunklen, engen Wiege, die seine einzige irdische
Lagersttte bleiben und die es mit keinem anderen Lager vertauschen
sollte. Der Pfarrer von Wartaheim sprach ber dem kleinen Sarg, bevor er
in die Nacht der geffneten Erde versenkt wurde. Er breitete seine Hand
segnend ber das kleine Menschenwesen aus, das die Erdenfinsternis nur
fr ganz kurze Zeit berhrt hatte, um sie fr immer zu verlassen. Er
betete darum, da diese Reise ins Licht fhren mchte und da das Kind
den Vater im Himmel finden mge.

Als Afra Blumen auf die Grabtafel legte, brachen Helmut die ersten
Trnen um seinen Sohn aus den Augen. Afra sah es und reichte ihm ihre
Hand. Als sie nebeneinander den Tannenweg zurckschritten, sagte sie:

Ich mchte, du knntest die arge Stunde auf deinem Zimmer vergessen.
Ich bemhe mich darum. Ich habe nichts Bses tun wollen.

Ach, Afra, antwortete er, meinst du, dieser Schlag, der mein Gesicht
getroffen hat, wre den Schlgen zu vergleichen, die ich durch mein
Geschick erdulde? Ich wei besser als du, warum du so gehandelt hast.
Wie sollte mich das Leben in seiner herrlichsten Vollendung anders
treffen als in seinem tglichen Walten? Ihr, hoch oben, wit nichts von
uns, und ich glaube, ihr sollt es nicht wissen. Versuche mich zu
verstehen, wenn ich heute wei, da das Mitleid, das ich von dir
gefordert habe, eine Herabwrdigung deines Werts bedeutet htte. Ich
lerne langsam begreifen, da unser Trost nicht in einer Verschmelzung
der Schnheit und des Reichtums anderer mit unserer Drftigkeit liegen
kann, sondern nur darin, da wir unterscheiden lernen und im
Unerbittlichen Gottes Willen am deutlichsten fhlen. Aber wer kann es?
Wenn ich die Kraft finde, soll mein Lebensdank darin beschlossen sein,
dich so unvergleichlich herrlich und lieblich auf derselben Erde, in der
gleichen Natur zu wissen, die auch mich zu Vollkommenem im Sinne hat.

Afra sah bewegt vor sich hin. Sie antwortete ihm zgernd:

Ich verstehe dich nicht ganz, aber ich kann fhlen, da deine Worte von
Herzen gemeint sind.

Da verlie er sie und schritt rasch auf einem Seitenweg in den Wald
hinein. --

                    *       *       *       *       *

Die letzten Wochen hatten Afras Wesen verndert. Mit der Flle von
Lebenseindrcken und Geschehnissen, die ber sie hereingebrochen waren
und vor deren wechselndem bergewicht ihre starke Natur sie bewahrte,
war eine seltsam frhe Reife ihres Wesens berraschend schnell und
sicher herbeigefhrt worden. Eine bevorzugte Menschennatur unterscheidet
sich dadurch von einer benachteiligten, da sie in ihrer Jugend auch den
strksten Eindrcken nur vorbergehend erliegt und von allen Gaben der
Umwelt nur die bewahrt und nur soviel von ihnen, als ihr zu ihrer
gesunden Entwicklung notwendig ist. Ihre hufige Begleiterscheinung ist
in frher Jugend eine an Bewutlosigkeit grenzende Benommenheit der
Sinne, die etwas vom herben Schlaf der Wlder und Wiesen an sonnigen
Mrztagen hat. Denn die Natur htet ihre erwhlten Kinder, damit ihre
Krfte nicht unntz und voreilig verblhen, weil sie in ihnen um ihre
hchste Offenbarung und um ihren letzten Triumph ringt.

Das junge Mdchen fhrte keine wesentlichen Vernderungen in der
Verwaltung von Wartalun und Wendalen ein. In ihrem Tun und Verhalten
verriet nichts ihre neue Stellung, sie besprach die wichtigsten
Angelegenheiten nach wie vor mit Helmut, obgleich sie bald empfand, da
sein Interesse mehr und mehr erlosch. Einmal hatte er noch versucht,
sich aufzuraffen, er hatte sich bemht, seine Sinne fr die kstliche
Wahrheit zu schrfen, da das weite Land umher in seiner Schnheit und
Eintrglichkeit sein ihm anvertrautes Eigentum war, das Wild in den
Wldern, die Fische in den Bchen und das Korn der Felder. Er bettigte
sich hier und da wohl flchtig ein wenig, aber er gewann keine Beziehung
zu seinem neuen Besitz, die ihn beglckt htte. Auch seine geistige
Arbeit ruhte immer noch. In Afras belebtem Frohsinn und in ihrer
unermdlichen Schaffenskraft ruhte er beschauend und versinkend aus.

Am Tage der Grablegung seines Kindes war er am Abend gegen den eigenen
und gegen Elsbeths Wunsch in ihr Zimmer eingedrungen. Der schwle und
beengende Hauch von Medikamenten und matt pochendem Dasein schlug ihm
lau entgegen. Er erschrak furchtbar, als er sein Weib sah. Ihr Gesicht
ruhte spitz und eingefallen in den groen Kissen, deren blendendes Wei
es grau und wchsern erscheinen lie. Die beiden Arme lagen gerade an
den Krper gebettet und die Hnde schienen erstorben. Sie bewegte sich
nicht, als er an ihr Bett trat, sie sah ihn nur an und lchelte. Und
dieses Lcheln dankte ihm fr das verflossene Glck ihres Lebens, das
sie hatte geben und empfangen knnen, es erhob sich mit ihm ein
schwacher Widerschein ihrer Kindheitshoffnungen und ihrer ersten
frauenhaften Beglckungen, es lag ein kaum sprbares Bitten wie um
Vergebung darin, als schmte sie sich ihres armen Zustandes und als
wnschte sie ihre Schuld in seinen Augen ausgetilgt zu sehen. Aber von
aller Bedrngnis ihrer letzten Wochen, von Zorn oder Anklage war kein
Schatten mehr in ihren Augen. Der letzte, groe Schmerz hatte alles
hinweggeschwemmt wie ein glhender Lavastrom.

Helmut verwand dieses Lcheln nie. Ihm war, als habe er bisher von
Schmerzen nur Sagen und Mrchen vernommen. Es brachte ihm den ersten
Geschmack auch seines Todes auf die Lippen, und dieser Geschmack, der
bis tief in die Kammern seines Herzens drang und sein Blut bis in alle
Poren durchsetzte, erschien ihm kalt und von schneidender Sigkeit. Er
sah fr einen kurzen Augenblick hohe, beschneite Berggrade, ein
unabsehbares Gefilde, und darber hin sauste in unfabarer Freiheit ein
leerer, singender Wind.

Dieser Zustand dauerte nur kurze Zeit, aber er lie keinen Gedanken zu,
er erstickte jedes Aufwallen von Mitleid und von Erbarmen, alle Vorstze
und jeden inneren Kampf. Er sah seinem Weibe mit einem Blick in die
Augen, der eine grauenvolle Zuversicht enthielt, die beinahe wie ein
Triumph aussah und eine unaussprechliche Ruhe enthielt.

Ich komme auch ... sagte er nur, und so leise, da es wie ein Seufzer
klang.

Aber das Leben ging unerbittlich fort. Ein strahlender Herbst zog ber
Moor und Stoppelfelder durch die Wlder dahin und durch den bunten
Garten dem versunkenen Sommer nach. Das rote Meer der Heide glhte, die
Weiden frbten sich an ihren sandigen Ufern, und das Moor lag schon am
Nachmittag, wenn die Sonne noch schien, in grauen Schleiern. Die tiefe
Klarheit des berwundenen verschnte die sterbende Welt, alles schien in
beruhigtes Leuchten versunken, grougige Engel schritten unter den
unsagbar klaren Sternen ber die erfllten Fluren. Es war am Morgen ein
Duft in Hof und Garten, da die Brust der Menschen sich in tiefer
Beglckung weitete.

Das Korn war eingebracht, Afra hatte reich an Arbeit ausgefllte Tage
hinter sich, und Helmut sah sie oft nur fr kurze Minuten am Abend. Er
hatte anfangs versucht, sie zu begleiten, aber als er sah, da sie seine
Ermdungen merkte und sich zwischen Rcksicht und Pflichtbewutsein
bewegte, lie er sie allein.

Dafr nahm Afra sich Friedels zuweilen an und stellte ihn bei dieser
oder jener Arbeit, die seinem beschaulichen Temperament nicht Einbue
tat, ein wenig an. Er fhlte sich ungeheuer wichtig, und der allgemeine,
nicht zu dmpfende Frohsinn der Erntezeit, der berall die
Landbevlkerung ergreift, teilte sich damals auch seinem
Musikantenherzen mit. Soweit er sich nicht strikte an Afras Anordnungen
hielt, strte er berall, eine Tatsache, die ihn in weitgehende
Betrachtungen ber seine vielseitige Verwendbarkeit strzte und ihn mit
Ermahnungen zu Helmut trieb:

Ich habe es dir schon oft gesagt: du tust dich nicht gengend um. Ich
an deiner Stelle ... Nun, es geschieht ja, was geschehen mu. Wir haben
heute das ganze Heu der Annerwehrer Wiesen eingefahren. Kutschpferde,
Reitpferde, alles hat geholfen.

Helmut mute lcheln.

Du hast ja nichts getan, als dich zu guter Letzt auf dem hchsten Wagen
mit heimfahren lassen. Und dabei bist du noch der Betty zunahegetreten;
ich wei schon alles.

Betty hin, Betty her! brigens, der ganze Mdelbestand ist hier in
Martin vergafft. Die Hauptsache ist, da man anwesend ist. Die Leute
kommen ganz anders voran, wenn sie sich kontrolliert wissen.

In der Liebe?

Nein, in der Arbeit.

Das kommt vom guten Beispiel.

Spotte nur. Morgen geht es ber die pfel her. Von Wartaheim ist die
halbe Dorfschule zum Pflcken bestellt. Der Lehrer kommt auch, frit
aber nur. -- brigens, Helmut, das ist nun so eine Sache, Afra sprach
heute frh mit dem Verwalter Nissen, die Leute erwarten ihr jhrliches
Fest, das ihnen Graf Konstantin um diese Zeit stets gegeben hat, und sie
meinte, da der Todesfall -- -- du verstehst schon.

Helmut wandte sich geqult um.

Das darf den Leuten ihren Lohn an Freude nicht entziehen. Ich werde mit
Afra sprechen.

Er dankte Friedel heimlich fr diese Gelegenheit, die er ihm so
verschaffte, Afra einmal wieder anders als nur fr flchtige Augenblicke
bei sich zu sehen. Beglckt schritt er im Dmmerlicht seines Zimmers auf
und ab. Schien nicht drauen die Sonne? Es berkam ihn ein Gefhl von
Frohsinn, wie er es lange nicht mehr empfunden hatte, ihm war, als
erinnere er sich pltzlich seines Daseins und seiner Jugend. Aber damit
erwachte, wie unter einem Vergleich, auch wieder neu und qualvoll das
Bewutsein seiner Ausgeschlossenheit.

Und doch: Afra wrde kommen. Mit dem hereinbrechenden Abend wrde sie in
gewohnter Weise auf jenem Sessel dort sitzen. Die Hnde um die Knie
gefaltet und den Blick ein klein wenig von unten her in seinen Augen. Er
versuchte sich ihre Augen vorzustellen und sah zu dem Bild ber dem
Schreibtisch empor, das einmal ein flchtiger Besucher hier nach kurzem
Aufenthalt zurckgelassen hatte. Afra hatte ihm damals erzhlt, auch
jener habe sie geliebt. Ein junges, hochmtiges Frulein sah ihn an,
etwas starr und ohne wrmeres Lebenslicht, aber eigen eindringlich. Der
Mund war wohlgetroffen, es schien, als habe der Knstler versucht, von
diesem Mund aus das ganze Wesen des Angesichts zu verstehen. Es lag eine
leidende Wildheit im Zug der freien Lippen, die oft so breit und
sinnvoll ruhten, in ihrer kindlichen, wohlbestellten Daseinsfreude. Als
habe der junge Maler in diese Lippen sein eigenes Herz verwirkt, das
reicher und rmer wieder in die Fremde zog. Die Schatten um die
Schlfen, unter dem rotblonden Haar, waren von einer aufwiegelnden
Sigkeit leiblicher Wrme und atmenden Bluts, aber die letzte
Vollendung des Ganzen fehlte. Es schien, als htte pltzlich die Kraft
versagt, die so gut begonnen hatte, als wre mit der menschlichen
Hoffnung auch das knstlerische Vermgen dahingesunken.

Erst nach dem Nachtmahl, als schon die Dmmerung Haus und Garten
einhllte, hrte Helmut im Hof Afras Schritte. Das war ja auch Martins
Pfeifen, so mute sie gekommen sein. Er entzndete die Kerzen auf seinem
Tisch und sah, wie seine Hnde zitterten. Vom dunklen Tuch, aus dem
Durcheinander, das ringsumher herrschte, erhoben sich still und
feierlich die mattfunkelnden Schlangenleiber der bronzenen Leuchter im
rtlichen Licht.

Afra kam in ihrem hellen Sommerkleid, hren am Strohhut, und legte ihm
ein paar spte Kornblumen auf seinen Tisch. Sie lehnte sich im breiten
Sessel zurck, ganz wie er es im Geist gesehen, schlug ein Knie ber das
andere und nahm den Hut von den Haaren. Es fiel ihm auf, da ihr Gesicht
leicht gebrunt war, das lie ihr Haar heller erscheinen und gab ihren
Zgen einen Ausdruck von Kraft, der in einem betrenden Widerspruch zu
der kindhaften Lssigkeit ihrer Haltung stand.

Ach, ich bin mde, rief sie, und hob die Hnde hinter den Kopf. Ich
bin den ganzen Tag nicht zur Ruhe gekommen, auf dem Pferd hab' ich zu
Mittag gespeist, und ich war schon auf, als es hell wurde.

Ein heimlicher Hauch von der Mdigkeit des Tages, vom Korn der Felder
und von durchsonnter Luft kam von ihr zu ihm und schlug seine Sinne in
den Lebensbann eines friedlosen Heimwehs. Drauen wurde es Nacht. Afras
Stimme erschien ihm dunkel von holden Verheiungen, ihre Mdigkeit, die
einen herben Duft von Hingabe zu atmen schien, benahm ihm den Willen. Er
schlo die Augen im Ringen nach Kraft, die sein drngendes Herzblut
bewachen sollte.

Dabei sprachen sie miteinander ber die Manahmen, die zur Veranstaltung
des Festes getroffen werden sollten. Er hatte ihr lngst zugestanden,
da er ihr alles berlassen wrde und da es auf alte Art vor sich gehen
sollte, aber immer wieder griff er Einzelheiten heraus, machte
Vorschlge und fragte, nur um sie bei sich festzuhalten.

Dann war von der Entenjagd die Rede. Sie wollten am Sonntag in der Frhe
die Annergrben mit dem Kahn abfahren. Der Landrat htte fr gewhnlich
daran teilgenommen; ob es ihm recht sei, wenn er auch diesmal kme?

Helmut sagte eifrig zu. Whrend er sprach, schlo er die Augen. Er sah
die herbstliche Morgensonne im Schilf und die stillen Spiegel der
Moortmpel. Der Wald lag eingehllt im blauen Atem der versinkenden
Nacht. Er bedeckte sein Gesicht mit den Hnden:

Afra, sagte er leise, Geliebteste. Wie soll mein Herz schweigen? Ich
fhle keine Freude mehr ohne deine Nhe. Ich kann mein Dasein nicht mehr
ertragen. Warum lt Gott zu, da ich so restlos in dir aufgehe, da ich
keinen Atemzug mehr tun kann, der nicht seine Kraft aus meiner Hoffnung
schpft, deine Augen mchten lernen, auf mich zu sehen, und dein Herz
mchte mich hren. Ich tue den Willen Gottes in einem Gehorsam, der
keine andere Demut und keinen anderen Willen mehr kennt. Ich habe mein
Herz mit aller Gewalt schweigen geheien, ich wei deine Antwort, aber
begreife, da niemand sich ohne Seufzen in die Finsternis des Todes
abkehrt ...

Er wandte sich ihr zu und hob seine Hnde.

Ihr Haupt war auf die Lehne des Sessels gesunken, ein wenig zur Seite
geneigt, ruhte es schwer auf der dunklen Rundung.

Sie schlief.




Zwlftes Kapitel


Die Vorbereitungen zum Herbstfest hatte Afra nach mhsamen Anweisungen
teilweise in Friedels Hnde gelegt, und zum erstenmal bewhrte er sich
ber Erwarten. Er ging so weit, den Wartaheimer Dorfmusikanten in
umstndlichen Reden, von denen sie kein Wort verstanden, die
Grundgesetze einer hheren Musik klarzulegen, und blieb dies Opfer
seiner Geisteswelt auch unbedankt, so gelang es ihm doch, wenn seine
Geige ihre Tanzweisen anfhrte, ein ganz neues Leben und einen frohen
Schwung in ihre Spielart zu bringen. Helmut traf ihn, als er mit einer
verrosteten Kneifzange im unteren Saal Versuche machte, den alten Flgel
zu stimmen, der dort seinen betagten Charakter noch zuweilen bei
dererlei Festlichkeiten preisgeben mute.

Dieser Apparat ist eine Katastrophe, sagte Friedel. Er stammt aus
einem Zeitalter, in dem die Musik noch in den primitivsten Uranfngen
gewesen sein mu. Hr dies! Ist das ein Ton?

Helmut mute es verneinen.

Gib acht, was ich aus diesem Instrument machen werde. Afra bewundert
mich seit gestern mit Hingabe. Sie spielt bereits mit einem Finger, da
dir Trnen ber die Backen laufen, lauter alte, bewhrte Volksweisen.

Der Saal lag voller Girlanden, Papierlaternen und Fhnchen, in der einen
Ecke wurde eine Tribne errichtet, in der anderen ein Schanktisch. Von
der Linde zu den geffneten Fenstern waren Schnre gezogen, die die
bunten Ampeln tragen sollten.

Dieser Konstantin mu ein feiner Kerl gewesen sein, Helmut, da sind wir
matte Epigonen, wei Gott. Er hat den fremden und eigenen Arbeitern dies
Fest gegeben, damit ihr Lohn nicht gleich wieder in die Schenken
springt. Alles auf seine Kosten, und jedem so viel, als er wollte.
Dieses Gesindel wei nicht, was es bedeutet, einen Kater zu ersufen,
sie schleppen ihn mit heim und ihr Geld dazu, lassen ihn verdursten und
denken fr Wochen nur an Fortpflanzung. Aber diese Einrichtung ist das
wenigste, ich habe den Frster examiniert. Junge, ich sage dir, das ist
hier ein Leben gewesen, von dem wir uns in unseren khnsten Phantasien
nicht annhernd eine Vorstellung machen. Dieser schartige Buschklepper
da drunten sieht mit seinen zwei demolierten Teckeln auf Jahrzehnte
zurck, und der Graf hat fr sein Leben Verwendung gehabt, Himmel, das
glaub'! Jedes Jahr eine andere Frau! Den Winter ber war er in der
Hauptstadt, und wenn es Frhling wurde, schleppte er sich Jahr fr Jahr
eine andere unter die Syringen. Einmal -- ich sage dir, der Frster kann
erzhlen, da einem die Haut einreit -- bekam eine Wind von der Schar
ihrer Bettschwestern der Vergangenheit, sie legte sich aufs Ahnen, was
die Zukunft betraf, und tunkte sich eines Nachts in den Schlograben.
Morgens fanden sie sie. Sie schwamm im Hemd an der Oberflche zwischen
den Wasserrosen, und sie fischten sie mit Stangen heraus. Weit du, mit
Stangen ohne Haken, so da sie immer wieder untertauchte. Der Alte war
mit aktiv. Ihre Beine und Arme hingen ins Wasser hinab, und ihre
Kehrseite ragte nachdenklich in die Morgenluft ...

Schweig, rief Helmut, du bist frivol.

Ich berichte Tatsachen. Als dann Afra zehn Jahre alt war, soll er es
aufgegeben haben, vielleicht auch, weil er alt geworden war. Weit du,
da der Frster sagt, Afra sei die Tochter des Grafen Konstantin?

Helmut erbleichte.

Leutegeschwtz, stammelte er.

Friedel sah ihn gro und lange an.

Scheint mir nicht. -- Die Frau dieses Grtners, Garting oder wie er
heit, soll sehr schn gewesen sein. Nicht nur das. Eines Tages ging sie
mit irgendeinem Luftikus auf und davon und lie ihre alternden Verehrer
im Vorder- und Hinterhaus samt ihrem Wickelkind im Stich. Aus dem Bndel
entwickelte sich Afra. Stammt sowas aus der Hefe des Volks? Sag selbst.

Helmut fhlte sich durch irgend etwas schmerzlich berhrt, ihm war, als
zgen Friedels Worte alles in den Alltag, fr jenen gab es nur fabare
Tatsachen, mit ihrer Feststellung erledigte er die Dinge, ohne ihr Wesen
zu empfinden.

La mich in Ruh, sagte er gereizt, es ist mir gleichgltig, woher
Afra stammt.

Friedel, der gewohnt war, in Helmuts Verstimmungen Vorwrfe gegen sein
Verhalten zu suchen, lenkte ein:

Sieh mal, meinte er, du mut nicht denken, weil ich oft so
leichtfertig spreche, ich she deshalb den Dingen nicht auf den Grund.
Meinst du, ich erkennte immer nur die Auenseite? Kein Gedanke. Ich
fhle genau, was sich hier vollzieht. Es ist etwas wie eine groe,
heimliche Rache. Die Verhltnisse haben sich umgekehrt. Jetzt sind wir
daran, zu erliegen, vielleicht hnlich, wie es frher die Frauen waren,
die hier ihr Schicksal erlitten haben. Mich fr mein Teil hat's an der
Gurgel ...

Und indem er fortfuhr auf diese Art zu sprechen, machte er alles durch
sein Verstndnis um vieles schlimmer als zuvor durch seinen Unverstand.

Helmut verbrachte den Tag in Sorge und tiefer innerer Erregung, die er
hinter der Anteilnahme zu verbergen trachtete, die seine Umgebung von
ihm forderte. Friedel erschien ihm als ein glcklicher Mensch. Wohl sah
er oft mit heimlicher Rhrung in das Gesicht des Lumpen, das zuweilen in
eine traurige Versunkenheit fiel, wenn er sich unbeobachtet glaubte.
Friedel, der ber alles redete, was ihn bewegte, sprach nie ber seine
Liebe zu Afra. Oft war es Helmut, als sei die Neigung des anderen sein
erstes tiefes Lebensgefhl, seine erste Besinnung, die ihn unvorbereitet
antraf und in einer Zeit, in der seine Widerstandskraft bereits aus dem
Lichtbereich einer mutigen Jugend in die Nachdenklichkeit frhen Alterns
gerckt war. Nur abends zuweilen, wenn sie sich beim Wein
zusammenfanden, was jetzt hufig geschah, lsten die Geister der
schlummernden Sonne im Wein die wehmtigen Hoffnungen Friedels. Er lie
ihn dann sprechen, obgleich er bitter unter den Worten litt, die ihn
trafen, und er schmte sich eines Gefhls von Gemeinschaftlichkeit, das
er nicht ganz unterdrcken konnte.

Das Fest stand ihm um so mehr bevor, als nicht zu vermeiden war, da
Spiel und Jubel und Tanz bis hinter die halbgeschlossenen Lden des
Flgels klingen wrden, hinter denen Elsbeth ihre langsame Genesung
erlitt. Sie wollte niemand in ihrer Nhe dulden, auer der Pflegerin und
der kleinen Iduna, deren frische Wangen langsam im Dmmerlicht des
Krankenzimmers zu welken begannen. Helmut hatte ihre Ablehnung auch
seiner Gegenwart vielleicht ein wenig allzu rasch und bereitwillig als
uerung eines bewuten Willens genommen. Sein Schmerz und seine
Hoffnung warfen ihn hin und her, und seine Vorstellungen verirrten sich
mehr und mehr in grausame Erwartungen. --

Es war die Neige eines herrlichen Sptsommertags, als unter den Klngen
der Dorfmusikanten die geschmckten Wagen durch die Sonne in den
Schlohof rollten. Die unteren Rume des Hauses waren ganz verndert.
Als die Wagen durch den hohen Torbogen einfuhren, verstummten Gesang und
Lachen, und unter den Zweigen der Linde regte es sich farbig, befangen
und feierlich. Zu der gewohnten Erhobenheit der Feststimmung kam diesmal
die neugierige Scheu und die heimliche Spannung, wie alles sich unter
der neuen Herrschaft gestalten mchte. Helmut war erst beruhigt, als er
Afra bei sich sah. Sie trat in dem Augenblick in sein Zimmer, als seine
Hilflosigkeit ihren Hhepunkt erreicht hatte.

Gott sei Dank, sagte er, was soll denn dies alles nun werden? Was
erwartet man von mir?

Im Dmmerlicht des Zimmers sah er erst nun, wie das junge Mdchen vor
ihm stand. Sie trug ein Kleid aus schwarzem Samt, das die schlanke Flle
ihrer jungen Gestalt von oben bis unten beinahe ohne eine Falte
umschlo. Am Hals und an den Armen waren schmale Krausen aus weien
Spitzen angebracht, und eine schwere weichfaltige Schleppe zog sich lang
am Boden hin und legte sich nun, da sie sich ihm zuwandte, einschnrend
fest um die Knie und ruhte breit neben ihr. Auf dem blonden Haar, dessen
helles Kupfer funkelte, hob sich klein und rund ein barettartiger
Samthut, von dem eine einzige, ungeheure weie Strauenfeder tief in
ihren Nacken fiel, sie leuchtete ber dem goldenen Haar wie ein
hinsinkender Zweig von Blten und ruhte blendend hell mit ihrer breiten
Rundung auf dem Nachtgrund des Kleids.

Afra!

Das Kleid? Das hat mir Graf Konstantin geschenkt, als ich zum erstenmal
an seiner Stelle am heutigen Tag den Leuten ihre Festgeschenke gab.
Willst du diese Liste durchsehen, ob es dir so recht ist?

Ich danke dir fr alle Mhe. Natrlich, natrlich es ist so recht. Aber
du? Wie soll ich deinen Anblick ertragen, ohne dich besinnungslos
anzubeten? Afra!

Willst du dann, bitte, hier unterzeichnen? Danke. Deine Hand zittert
ja, Helmut. Sieh, ich mu nun an diese Dinge denken. -- Nein, dort
unterschreibe nicht, das geht Wendalen an ...

Er zog die Hand zurck.

Seine berraschungen dauerten an, als Martin kam und als er spter den
alten Melchior in seiner Staatstracht sah. Die roten Rcke leuchteten,
und die Livreeknpfe blinkten. Die Kniehosen aus schwarzer Seide, die
Schnallenschuhe und die weien Strmpfe gefielen ihm wohl, es fate ihn
fr einen Augenblick ein froher Taumel von Machtbewutsein und Wrde.
Auf ganz neue Art bewunderte er Afra, und ihm war, als wte er erst
nun, welch eine Ungeheuerlichkeit die Gelassenheit gewesen war, in der
sie Wendalen als ihr Eigentum anerkannt hatte. Martins Augen glnzten,
wenn er zu Afra aufsah. Es kam Helmut bei aller Befangenheit, in die
diese Begebnisse ihn brachten, im Augenblick in den Sinn, was er ber
den Burschen und die Mdchen des Guts gehrt hatte. Er verlachte die
Leichten alle ...

Nun brachte er die Nachricht, da die Leute warteten und ob sie mit dem
Stndchen zu Ehren des Herrn Grafen beginnen drften. Das war stets der
Anfang; Helmut ordnete nervs an seiner Krawatte. Er stand in seinem
einfachen schwarzen Rock so schlicht und abseitig neben Afra, ihm war,
als warteten alle nur auf sie.

Was erwartet man von mir? fragte er.

Das Mdchen winkte Martin hinaus, dann sagte sie:

Du mut ein paar Worte sprechen.

Das kann ich nicht, die Leute verstehen mich nicht. Ich mache sie nur
befangen und erfreue niemand.

Ja, sagte Afra. So werde ich es tun.

Er fhlte, da sie mit seiner Weigerung gerechnet hatte. Einen
Augenblick wallte es hei in ihm empor, aber als er Afras Hand sah, wie
sie leicht geballt, hellbraun und zart und aller Fassung gewi an ihrer
Hfte ruhte, ergab sich sein ehrfrchtiges Herz gehorsam dem
beschwingteren Willen und dem hheren Recht. Hier, wo nun alles um ihn
her im Geist des Toten auferstanden war, wagte er der heimlichen
Herrlichkeit dieses groen Lebendigen von Wartalun nicht zu trotzen.

Auf dem Vorplatz zur Terrasse waren die Leute, sommerlich geschmckt und
in festlichen Kleidern, versammelt. Die Kinder standen im Vordergrund,
ihre bunte Schar war durch die Wartaheimer Schuljugend zu einem Chor
ergnzt worden, und der Lehrer, der ihnen ihr einfaches Lied eingebt
hatte, stand steil und berragend in seinem Gehrock neben ihnen. Dann
kamen die Reihen der Mdchen und Frauen, die Burschen und Mnner
bildeten den Hintergrund. Zu diesem Feste versammelten sich auch noch
ein letztes Mal die fremden Arbeiter, die nur fr die Erntezeit
angeworben waren und die nun wieder in die Weite muten. Als Melchior
die hohen Glastren der Veranda ffnete, die zur Terrasse hinausfhrten,
und Helmut neben Afra das Plateau betrat, empfing sie, in verwirrender
Inbrunst, der blecherne Jubel der Dorfmusikanten, die Frauen und Mdchen
schwenkten ihre Tcher, und die Mnner zogen die Hte und reckten sie in
die Luft. Da wandte sich Afra mit einem bezaubernden Lcheln und in
vollkommener Anmut zu ihm herab und sagte leichthin und frhlich:

Dies alles ist ja im Grunde nur der Leute wegen, la dich durch so viel
Ehre nicht bedrcken, Lieber. Sie denken nur an ihren Wein und sind so
froh wie du, da dies bald ein Ende hat.

Und das erleichterte Lcheln einer flchtigen Geborgenheit an ihrer
Seite, das ihm auf die Lippen kam, fand unten bei allen, die ihn
betrachteten, einen unbewuten Widerhall, als glte seine Freude ihnen,
und etwas wie ein erstes Vertrauen antwortete ihm in den einfachen
Herzen. Und doch wute er, da Afra hierber anders dachte, als sie ihn
zu denken lehrte. Ihr war jeder der Vorgnge, die stattfanden, von
heiliger Wichtigkeit, sie traute ihm nur nicht zu, da er Anteil daran
nehmen konnte. Sie verachtete ihn im Grunde.

Da trat Afra einen kleinen Schritt vor. -- Die Musik brach ab, und die
Gesichter wurden bewegungslos ernst.

Und ohne ihre Stimme zu erheben, einfach und klar, als sprche sie zu
einem einzelnen, der ihr gehorsam lauschte, begann Afra ihre Worte. Sie
sprach von der Arbeit, die zurcklag, und da sie jedem Dank schuldig
sei fr seine Treue und seinen Eifer. Sie nannte den Namen des
Verwalters von Wartalun und Wendalen, den des Mllers von Annerwehr und
den des alten Frsters, der sich tief verbeugte, als der seine fiel.
Nichts in ihrem Wesen und ihrer Gebrde war herbeilassend oder erbtig,
mehr zuzugestehen als diesen khlen Dank. Helmut sah mit tiefer Bewegung
in ihr junges Gesicht, er wurde seiner Ergriffenheit nur mhsam Herr
und verstand sein Herz nicht, dem nach Trnen verlangte. Er sah in die
jungen und gereiften und in die tiefgefurchten Angesichter unter sich,
deren Wangen und Stirnen von der Sommersonne gebrunt waren, von hartem
Erwerb gezeichnet oder von der Mhsal des Daseins verzehrt. Alle Augen
ruhten ernst auf Afra, der alle vertrauten. Da hrte er:

Denen, die Wartalun und Wendalen zugehren, teile ich mit, da Wendalen
nach dem Willen des verstorbenen Grafen Konstantin mein Eigentum
geworden ist. Wer in meinem Dienst bleiben will, dem steht es frei, ohne
da nderungen in der Stellung oder im Verdienst von mir vorgesehen
sind.

Es ging eine Bewegung durch die Versammelten. Helmut hrte, wie jemand
hinter ihm flsterte. Er verstand nur Donnerwetter und erkannte
Friedel, der an der Glastr lehnte. Ihm selber war zu Sinn, als
schaukelte der Boden wild, und es fate sein Herz mit eigensinnigen,
kalten Fingern. Ihm war, als mte er vorstrmen, Afra seine Fuste in
den Rcken rennen und sie die Terrasse hinunterstrzen. Der Geist des
Toten, den sie heraufbeschworen hatte, hielt ihn im Bann. Und hatte sie
nicht recht? Unwillkrlich trat er einen Schritt zurck. Die dort unten
wurden fr die Erfllung ihrer Pflichten bedankt, ihm kam kein Dank zu.
Pltzlich zog ihn die Khle einer fernen Ruhe in ihr nahendes Reich
empor, machte sein Herz fest und still, und als Afra geendet hatte und
zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zog ihre Hand an seine Lippen und
sagte:

Vollkommene du, mein Schicksal du. Hab Dank.

Sie sah ihn an und sagte, als seien sie allein:

Ich habe es anders vorbringen wollen, aber ich habe es nur so gekonnt.

Die lteren Leute der Gutsverwaltung kamen herauf, um Helmut und Afra
die Hand zu drcken. Ein Kranz von Sommerblumen wurde von den Kindern
zur Grabsttte des Verstorbenen gebracht und an der eisernen Pforte
niedergelegt. Die Feldarbeiter brachten Helmut, nach alter Sitte, ein
schmales Garbenbndel aus Weizen- und Roggenhren, mit Mohn und
Kornblumen geschmckt, und sie tranken den ersten Becher Wein, von ihm
gereicht, auf der Terrasse. Der Verwalter verteilte die Geldgeschenke,
die fr rastlose Tage und durcharbeitete Nchte den Leuten zukamen. Dann
brach der Schwarm in froher Bewegung auf, um nach dem Festmahl den Tag
im Schlosse bei Wein und Tanz zu beschlieen. Es war manches von dem
unterblieben, was sonst die Feierlichkeiten ausgemacht hatte, so das
Vorberfhren der Zuchttiere, das berreichen von Fischen und Wild, und
die Darbietung des besten Geflgels durch die Frauen. Afra hatte es
untersagt. Ihr schien, als wrde dies weihevolle Tun durch kein
Interesse der Herrschaft bedankt, und aus einem sicheren Empfinden
dafr, da mancherlei Einzelheiten fr Helmut qualvoll sein muten,
hatte sie nur das Notwendigste zugelassen. Die Abendmahlzeit fr die
Herrschaften war im oberen Saale serviert. Afra schickte Martin zum Tanz
hinunter, aber er wich nicht von ihrer Seite.

Wir mssen nachher alle noch einmal hinuntergehen, sagte Afra, es ist
ein lustiger Anblick, und man sieht die Leute unbefangener als sonst.

Sie wandte sich an Friedel:

Aber deine Geige la bei uns hier oben.

Doch, gab er stolz und glcklich zur Antwort.

Friedel liebte in dieser Zeit und fr jede knftige seine Geige
zrtlicher als je. Er dankte ihr die kurzen Tage seines Daseins, in
denen Afra in ihm einen Menschen von besonderem Wert gesehen hatte, er
dankte es ihr, da Afra ihm lauschte, da sie ihn anhrte und ihn in
ihrer Nhe litt, indem sie sich fr kurze Augenblicke seinem Spiel
anvertraute. Sie hrte durch seine Geige seinen Kummer und das traurige
Bekenntnis seiner in den Staub sinkenden, tatenlosen Jugend.

                    *       *       *       *       *

Helmut schlief am kommenden Morgen nicht. Es war sehr spt geworden, ihm
war, als er an das geffnete Fenster seines Zimmers trat, als zeigte
sich schon ein matter blauer Schein des nahenden Tages am Himmel. Spiel,
Gesang und Tanz lagen ihm noch in den Ohren, eine schmerzhafte
Aufgewhltheit seiner Sinne lie ihn keine Ruhe finden, obgleich der
Wein ihn beherrschte. Wenn er die Augen schlo, wogten die hellen Bilder
der verflossenen Nacht an ihm vorber, die drehenden Paare, die goldenen
Trompeten, die alles in so aufdringlicher Herrschsucht berschmetterten,
und die hellen Stimmen der Geigen, die diese schwerflligen Laute
ablsten und emporzuziehen trachteten. Er hrte wieder Friedels helles
Lachen, der sich zuletzt unter die Tanzenden gemischt hatte und sich mit
Martin um die kleine Iduna stritt, die zu dieser Feier seit langem zum
erstenmal wieder Stunden der Freiheit durchkostete. So mute es Elsbeth
um vieles besser gehen. -- Er lehnte sich mde an das Fensterkreuz, wie
wollte dies alles enden?

Was tue ich mit meinem Leben? --

Bitte schn, bitte schn, sagte Martin wieder und verbeugte sich, ich
trete alles an Sie ab, was zu Ihnen will. Er sah sie wieder zu dreien
bei der Musiktribne stehen, Friedel die Hnde in den Taschen. --

Fern von den Feldern herber klang durch die davonziehende Nacht Gesang,
derbes Lachen und Grlen. Unten war alles still geworden, die
erloschenen Lampen bewegten sich mit leisem Rascheln im Windzug unter
der Linde. Die Saaltren standen auf, es war noch Licht unten.

Durch alle Bilder, die ihn bedrngten, schritt Afras Gestalt. Zuweilen
hatte er geglaubt, unter der Einwirkung des Weins in ihrem Gesicht einen
feinen Zug beseligter Hingabe an die Daseinsfreude dieser Stunden
gesprt zu haben. Er hate sie in ihrer Gelassenheit, so sehr er sie
darin bewunderte, und sein Verlangen ging darauf aus, sie ein einziges
Mal nur in leidender Preisgabe den Mchten unterworfen zu sehen, denen
er erlag. -- Wenn ich ihr gewaltsam einen schamlosen Streich spielte, so
schamlos und armselig, wie meine Not mich macht ...

Unten wurde die Verandatr aufgestoen.

Nein, nein, hrte er angstvoll rufen, la mich! Ich will selbst
sehen ...

Er erkannte die Stimme nicht.

Jetzt rief Melchior, etwas barsch, hinter der fliehenden Gestalt her,
die ber die Terrasse nieder in den Garten eilte.

Es war Iduna. Sie trug noch ihr weies Kleid vom Fest, im Lichtschein,
der mit ihr aus dem Saal brach, erkannte er deutlich, da sie den
Blumenkranz noch in den Haaren trug, mit dem sie getanzt hatte.

Dann hrte er ihre gengstigte Stimme im Hof, sie rief nach Martin.

Er lchelte, aber er fhlte, da er dies Lcheln herbeizwang. Es hatte
ihn eine dstere Unruhe gepackt, die ihn pltzlich so heftig schttelte,
da er Kraft brauchte, um nicht ins Ungewisse davonzueilen. Er
umklammerte das Fensterkreuz. Da ist es ja, was ich die ganze Nacht
erwartet habe ... tricht, tricht bin ich, sagte er.

Es wurde unten an ein Fenster geschlagen, so da schon beim zweitenmal
die Scheibe zerbrach. Dann hrte er Martin fluchen. Nein, so ging auch
im Rausch niemand vor, den sein Herz zu spten Lustbarkeiten trieb.
Martins Stimme verstummte sofort, als ihm ein heftiges Flstern die
Kunde brachte, um dererwillen er geweckt worden war.

Helmuts Herz schlug dumpf und langsam, er fhlte es an den Schlfen und
im Halse.

Da wurde nach Afra gerufen. Nun wute er, da ein Unglck geschehen sein
mute. Er nahm seinen Rock und suchte nach seinem Hut. Waren es nicht
doch der Wein und sein krankes Blut, die ihm eine Gefahr vortuschten?
Noch zgerte er, da sah er Martin, nur notdrftig bekleidet, einen
Stallknecht, Iduna und Melchior mit Laternen in den Park eilen.

Da wute er, wen sie suchten. Er wute es so deutlich, als sagte ihm
jemand klar und laut den Namen und das Ereignis: Elsbeth ist fort. Und
er antwortete dieser Stimme:

Sie ist tot.

Er entsann sich spter aller kommenden Ereignisse, bis zum
entscheidenden, nur noch undeutlich. Ihm war, als habe eine sinnlose
Gewalt ihn durch verworrene Trume gerissen, und doch blieben ihm
Einzelheiten so lebendig in der Seele, da er sie bis ins kleinste
nennen konnte, aber der Zusammenhang fehlte, es war, als sei in jener
Nacht das Licht bestndiger Vernunft in ihm erloschen.

Nun waren sie in Elsbeths Zimmer. Stand nicht dort schwankend Friedel an
der Tr und lachte in einer gedankenlosen Ergriffenheit, die er nicht
meistern konnte, weil der Wein ihn schaukelte? Aber Afra war ja neben
ihm. Nein, es fand sich im Zimmer keine Spur und kein Anzeichen, kein
Brief, kein Abschiedsgru, nichts ... von hier aus ging der Weg in die
Finsternis.

Wo sollen wir suchen?

Im Park ... im Wald ... Das war Martin, der erzhlte, es sei alles
vergeblich gewesen. Sein Haar hing in dunklen Bscheln um die nasse
Stirn. Iduna jammerte, sie kniete vor Elsbeths Bett.

Ach, wre ich bei ihr geblieben.

Afras Mund war herb und zornig geschlossen. Sie hatte ihr Kleid
gewechselt, bereit, zu handeln. Wach und gesund stand sie da und schien
sich auf ihre Aufgabe zu besinnen.

Da schrie Friedel pltzlich in einem Anfall von blindem Entsetzen:

Jetzt will ich fort! Zeigt mir den Weg! Sieht denn niemand die Vgel um
die Trme fliegen! Dort! Dort! Hier ist die Hlle losgelassen, Dmonen
hausen hier, heulen ihren Hohn ber uns und versperren die Wege ins
Leben ... nackte Teufel ...

Martin hielt ihn.

Aber schlielich, jammerte er fort, wenn diese Frau sich zu Grabe
gebracht hat, so tat sie's mit Musik ... la mich los, Flegel!

Hinaus mit ihm! brllte Helmut.

Friedel wandte sich ihm zu, bleich vom Wein und von pltzlich
aufsteigender Wut:

Du matter Hund! Du Jammerlappen, du stopfst der Hlle doch den Rachen
nicht mit deinem Reichtum und mit deinen Phrasen ... drehst dich mit ...
bis es zu Ende ist ... um Afras blassen Scho ... he? Immer herum, aber
der Scho, der wartet, ist aus Erde ... schwarz! Aber ich ... ich finde
hinaus ... an den Tag, in die Sonne! Verwest allein.

Die Tr schlug hinter ihm zu. Afra zitterte wie im Fieber.

Wir mssen Leute wecken, alle mssen suchen! Dieser Narr ... stammelte
Helmut.

Das junge Mdchen fate sich. Es schien, als gbe ihr pltzlich ein
Gedanke Zuversicht, aber es mute ein bser Gedanke sein, denn ihre
Augen waren gro vor Grauen.

Helmut, kannst du mich verstehen? Hrst du wohl, was ich sage? Nicht
wahr, wir mssen sie finden, vielleicht ist es noch mglich, sie von
einem schlimmen Vorhaben abzuhalten.

Sprich doch!

Ja, aber fa dich, Helmut, denn ich werde sie finden.

Sag wie, sag wie!

Aja und Fenn.

Die Hunde!? Helmut sthnte auf, so da Iduna mit wildem Weinen
emporfuhr. Nein, nein, nicht die Hunde, nicht die Wlfe ... sie werden
sie finden!

Es mu sein, sagte Afra fest. Wenn du willst, geh' ich allein. Wir
drfen keine Minute mehr verlieren.

Da sie Helmut zureden mute, konnte sie nicht sogleich selbst fort, so
trat sie ans Fenster und rief Martin. Da es still blieb, pfiff sie ihren
hellen, kurzen Pfiff, den er kannte, der schon in ihren frhsten
Kindertagen ihr Signal gewesen war und auf den es nach einer alten
Vereinbarung ihres Spiels fr keinen von ihnen ein Halten gab.

Martin strmte die Treppen empor.

Junge, hr, ich will >Aja<. Tu sie an die Leine und bring sie hier
herauf. Flieg!

Martin verstand sofort.

Um Helmut abzulenken und um die Minuten des Wartens zu verkrzen, sagte
sie zu ihm:

>Fenn< ist nicht zu brauchen, er ist ein rechter, lieber Dummkopf, wohl
wachsam, weit du, aber nicht fr wichtige Zwecke zu verwenden. --
Besinn dich, wir werden sie gesund finden.

Sie ist tot. Sie atmet nicht mehr. Ich wei, da sie nicht mehr atmet.

Helmut, sprich nicht so.

Sie ist tot.

Vom Treppenhaus herauf erscholl gleich darauf ein frohes, erregtes
Bellen. Afra nahm den Hund an sich und schickte die anderen hinaus. Das
Tier sah sie abwartend an mit seinen klugen Augen, deren warmes, braunes
Lebenslicht das Mdchen rhrte. Sie strich der Hndin ber den dunklen
Kopf.

Es ist eine schwere Aufgabe, >Aja<, mein Hund, dir wird sie leicht
werden. Sieh hier! Und sie lie das Tier an das Bett der verschwundenen
Frau, gab ihr ein Tuch und hielt ihr die roten Schuhe unter die
Schnauze, die sie am Lager fand. Dann lie sie das Tier eine Weile los,
und mit dem kurzen, traditionellen Such, Aja! ffnete sie die Tr, und
als das Tier den Ausgang nahm, mit Bewutsein, die schwarze Nase am
Boden, befestigte sie ihn wieder und lie ihn voran.

Ihre Hnde zitterten nicht mehr, sie war gefat, aber ihr ernstes
Gesicht sah tieftraurig aus.

Helmut, an ihrer Seite, sah die Dinge dieses heraufdmmernden Tags wie
nebelhafte Erscheinungen einer Welt, die keinen Widerhall in seiner
Seele fand, aus der er nicht stammte und mit der er keinen Zusammenhang
zu haben glaubte. Aus blauen Wolken, die den Erdboden belagerten, hob
sich bedrohlich und matt schimmernd Wartalun. Die Schatten in den
Mauerwinkeln waren ffnungen, die zu Abgrnden fhrten, das Tor ghnte
in ungewisses Grau hinein. Sie muten hindurch. Und in allen Regionen,
durch die er hindurchschritt, war Afra. Und der Hund, die Schnauze am
Boden, den am Halse durch die Leine eingeschnrten Kopf vorgereckt, so
da er den Arm des Mdchens mit sich zog und sie ein wenig gewaltsam und
immer in etwas schrger Haltung Schritt fr Schritt mitmute. Bald
zgernd und ungewi, dann in trippelnder Hast ber schmale Waldwege
dahin, bis pltzlich jemand sagte:

Kehr um, Helmut ... der Hund will ins Moor.

Ich bleibe bei dir, Afra, sagte er.

Die Luft war blau. Es wehte ein khler, vom Schlaf der Welt befangener
Wind ber die Ebene, in der Weiden und Heide wuchsen und niedriges
Schilf, das dnne, scharfe Halme hatte, die mit feinem Laut um die
Schuhe schlugen. Ein Kiebitz rief, der Weg verlor sich in flachen
Tmpeln und berwachsenen schmalen Grben, deren Wasser schwarz und
bewegungslos war, wie geschliffene Platten aus dunklem Metall.

Hatten sie nicht eben im Wald ein Liebespaar aufgestbert? O mein Gott,
vergib mir, da ich nicht wei, ob es Glck oder Enttuschung war, was
ich empfand, als ich in den Bschen lebendiges Menschenwesen wahrnahm.
Dann stand ein Bursche mit trotzigem, dummem Ausdruck im niedrigen
Gezweig und rckte an seinem farbigen Hemd, durch dessen Spalt die
braune, gesunde Brust sah, und im Waldlaub am Boden verbarg sich ein
Mdchen hinter ihrem Rock.

Schert euch heim, hatte Afra freundlich gesagt.

Er wute, da er darber nachgedacht hatte, ob sie verstand, was hier
vor sich gegangen war. >Aja< zog ungeduldig an ihrer Leine. Ja, das
Tier, dachte er, es geht seiner Pflicht nach und lt sich nicht
beirren, es ist bestndig darauf bedacht, das eine zu tun, was gefordert
wird, treu, verschlossen gegen alles andere. Das knnen die Menschen
nicht.

Aber nun waren sie drauen, im Morgenblau, in den dnnen Schleiern der
khlen Luft und in feuchter Stille. Ab und zu fhlte er Afras Hand unter
seinem Arm:

Nicht dort! Gib acht!

Da fuhr er zusammen, und sein Blut erstarrte. Es klang vom Boden herauf
ein dumpfes, beinahe leises Heulen, das etwas von der Stimme eines
Menschen hatte und die Morgenluft mit einer schaurigen Klage anfllte.
Es war der Hund. Den Kopf weit vorgestreckt und den Krper angstvoll
geduckt, stand er am Rand des Moors und stie ohne Aufhr diese
furchtbaren Laute aus.

Afra kannte aus ihren Kindertagen dieses verhngnisvolle Ansagen der
Tiere. Einmal hatten die Jagdhunde im Forst beim Fuchstreiben die Leiche
eines polnischen Arbeiters gefunden, der an einem Eichast hing. Er hatte
sich aus Liebesgram oder Daseinssorge entleibt, und Afra entsann sich
der Stimmen der Hunde, die sich nicht in die Nhe des Verschiedenen
wagten und deren Klang ihr ein unvergeliches Anzeichen der letzten,
groen Verkndung geworden war. Sie hatte nun hier schon seit einiger
Zeit Futapfen im weichen Moorboden gesehen, ohne es Helmut zu sagen,
und sie wute, da der Hund auf der Fhrte war, die sie suchten. Die
Schritte fhrten unter ihren Augen in die schwarze Stille. Hier war ein
tiefer Eindruck, dort, dicht davor, ein tieferer, und jener letzte am
Rand des Moorwassers war nicht mehr als Eindruck eines Menschenfues
kenntlich, sondern es war ein rundliches, mit Wasser angeflltes Loch.
Die Abstnde der Futapfen voneinander lieen auf einen Gang in
wankenden Sprngen schlieen, der in tiefer Finsternis ausgefhrt war
und ins Ziellose des Verderbens fhrte.

Die Klage des Hundes dauerte an. Aus der Ferne, jenseits des Moors, wo
niedrige Htten mit Strohdchern standen, antwortete ein aufgeschrecktes
Bellen und verstummte. Da sah Afra an einem verkmmerten Strauch, halb
hinuntergerissen in das unbewegte Wasser, ein dnnes Tuch, das wie ein
Schleier aussah. Sie nahm Helmuts Arm und wies auf dieses Tuch.

Er wandte sich mit einer so schmerzvollen Gebrde des Grauens ab, da
Afra um seine Sinne frchtete. Seine Lippen waren fahl, und die Art, in
der er seinen Mund halbgeffnet lie, war von einer Haltlosigkeit, die
keine Beschreibung zult und die wie ein Hohn auf die groen
Beschwichtigungen des Todes wirkte.

Da Afra fhlte, da ihre Fe einzusinken begannen, trat sie langsam
zurck ber den schwankenden Boden und zog Helmut mit, bis sie festeres
Land erreicht hatten.

Ich habe nasse Fe bekommen, sagte Helmut.

Afra sah rasch und mit gro geffneten Augen zu ihm auf.

Ja, sagte sie dann vorsichtig und leichthin, im Tonfall, in dem man
ein Kind beruhigt, es ist Zeit, da wir umkehren.




Dreizehntes Kapitel


Seit diesen Ereignissen waren viele Wochen vergangen, und der Herbst
wtete im Land. Das Laub der Waldbume war seinen Strmen zum Opfer
gefallen, ruhelose Wolken eilten ber die verdete Landschaft, Klte und
Nsse jagten die Menschen in ihre Wohnsttten, in denen sie sich gegen
den langen und rauhen Winter verschanzten.

Das Schlo schien gewachsen. Nackt und schwerflliger als im Sommer
stand es grau im schwarzen Netzwerk seiner kahlen Bume, nur der Efeu
im Hof blieb grn, in ihm berwinterten die Sperlinge. Die
Wirtschaftsgebude und Scheunen waren deutlicher aufgetaucht, sie
schienen sich an den majesttischen Steinkolo des Schlosses zu drngen,
und ihre Fenster sahen zu dem verarmten Garten und seinen Grabenteichen
hinber. Dort schwamm das gelbe Laub der Ahornbume auf den stillen
Wasserflchen, in denen sich die Mauern und der leere graue Himmel
spiegelten.

Die Leiche der jungen Frau war nicht gefunden worden. Helmut hatte
damals in Tagen eines furchtbaren Schwankens bald alle Krfte suchen
lassen, dann wieder in Augenblicken eines verfinsternden Grauens lie er
die Leute von ihrer traurigen Arbeit rufen und erteilte den Befehl, es
drfte nicht mehr geforscht werden. So verging eine Woche. Er lie den
Bezirk des Moors, in dem die Leiche vermutet wurde, absperren, aber ihn
selbst trieb es wieder und wieder hinaus. Oft erwachte er in der Nacht,
durchirrte das dunkle Schlo, bis er hinausgefunden hatte, und schlich
stundenlang, bedchtig auf den Fuspitzen auftretend, an den Moorgrben
dahin. Es kam vor, da er mit einem Stock vorsichtig den Schlammgrund
durchprfte und da er erstarrend und die Stirn voll kalten Schweies
zurckwankte, wenn er einen nachgiebigen Widerstand zu spren vermeinte.
Als drei Wochen vergangen waren, verlangte er eines Mittags pltzlich,
es sollte noch einmal nach der Toten gesucht werden. Afra erhob
Widerspruch, mute die Leute aber endlich gehen lassen, da der junge
Gutsherr in einen Zustand erregten Trbsinns verfiel, der durch nichts
zu beschwichtigen war. Sie sandte Arbeiter ins Moor, verbot ihnen aber,
nach der Leiche Ausschau zu halten.

Sie sollen nur mit den Augen suchen und vorsichtig auftreten, damit
keine Blasen aufsteigen, erklrte Helmut Afra. Wenn sie mit ihren
Stangen whlen, trben sie den Grund, und es ist nichts mehr
erkenntlich. Auch knnten sie mit ihrer groben Hantierung Elsbeths Hnde
oder ihr Gesicht verletzen.

Afra wandte ihr Gesicht, das schmaler und bla geworden war, von ihm ab.
Sie hatte alle Mittel, die ihrer jungen Erfahrung zu Gebote standen,
durchprft, um ihm zu helfen. Erst als sie sprte, da er ihren
Trostworten mit einer beinahe wollstigen Hingabe lauschte und da er
dabei lcheln und nur ihren Mund betrachten konnte, whrend sie sprach,
mied sie mit Furcht und Abscheu jedes Wort ber sein Migeschick.

Friedel war geblieben, obgleich sein schmachvolles Verhalten in jener
bsen Nacht ihm selbst und allen anderen unvergelich eingeprgt war.
Aber man fhlte, da er sich tief und ehrlich schmte, und sein Bemhen,
alles gutzumachen, hatte etwas Rhrendes und vershnte. Er nahm sich
Helmuts mit einer Geduld an, die ihm niemand zugetraut hatte, und wo die
Haltlosigkeit des anderen voll qualvoller Preisgabe war, setzte bei
Friedel ein Zartgefhl ein, das immer wieder an sein im Grunde gutes
Herz glauben lie. Es ist zweifellos seiner Frsorge und seinem
Verstndnis zu danken gewesen, da Helmut sich langsam aus der
Verfinsterung rettete, die ber seinen Geist hereinzubrechen drohte.
Afra beobachtete Friedel aus der Entfernung mit Aufmerksamkeit und
Bewunderung, und als sie einmal durch einen Zufall ungesehen die Zeugin
eines Vorgangs wurde, der sie bewegte, sagte sie abends zu Friedel:

Ohne Sie ginge es jetzt in Wartalun kaum noch gut, Friedel.

Das war gewi wenig, und der Tonfall dieser Worte deutete auf kaum mehr
als auf einen hflichen Scherz hin, aber Friedel beglckten sie bis in
den Grund seines Herzens hinein. Ihn htte nichts freudiger stimmen
knnen als die Zuversicht, von Afra nicht fr unntz gehalten zu werden.
Er nahm am Abend dieses Tages zum erstenmal wieder seine Geige hervor,
stimmte sie froh unter seinen nachdenklichen Augen und antwortete dem
Mdchen, als die herbstliche Nacht ber die einsame Heimsttte ihres
weltverlorenen Daseins niedersank.

Und Afra verstand ihn. Ihre Natur, die sich unter keinen Vorurteilen der
Weltbetrachtung und Beurteilung anderer entwickelte, lie in seltsam
sicherem Kraftbewutsein allem Umgebenden seine Art. Sie betrachtete die
Menschen, die ihr begegneten, ohne sie zu richten. Sie wute mit einer
Zuversicht die nicht zu berreden war, wessen sie selbst bedurfte, aber
sie wertete neben ihren Ansprchen das Zurckgewiesene deshalb nicht
geringer. Es mochte eine Folge der hochherzigen Geisteskraft des Grafen
Konstantin sein, in der ihr erstes Erkennen erwacht war, eine Folge
ihrer frhen Vereinsamung und zugleich der ungewhnlichen Forderungen,
die die Ereignisse des letzten Jahrs an ihre Natur gestellt hatten. Es
war, als erschlsse das Erleiden der Menschen, die in ihre Nhe gedrngt
worden waren, manche wohlverriegelte Pforte zu ihrem eigenen Herzen, das
oft in seinen Hoffnungen auf das eigene Geschick und in seiner Kraft,
sich darin zu bewhren, so hart erscheinen konnte.

Zu Anfang November ereigneten sich Tage von groer Klarheit und
Schnheit, die im Hauch ihrer noch einmal sprlich von der Sonne
durchwrmten Luft und in ihren Gerchen etwas vom Frhling mit sich
brachten. Die Strme ruhten nach ihrem Werk, und der Winter zgerte noch
mit seinem Einzug.

Afra ritt an einem dieser Tage durch den schweigsam gewordenen Forst,
ber die Kuckucksburg von Wendalen heim nach Wartalun. Nathanael war aus
Cismaren fr einige Stunden bei ihr gewesen, und die letzten greren
Abschlsse ber Jungvieh, ber Korn und Rben waren unterzeichnet und
verrechnet worden. Nicht ganz so froh wie sonst nach ihren
geschftlichen Erledigungen ritt sie dahin. Sie hatte sich deutlich
dabei beobachtet, da sie hier und da nachgiebiger gewesen war als sonst
und als es den Traditionen des Guts entsprach. Aber im ernchternden
Wechsel von Werten und Zahlen und Worten hatte sie diesmal eine
Mdigkeit berkommen und ein ihr ganz neues Gefhl von Gleichgltigkeit
gegen Erwerb oder Besitz. Sie dachte auf dem Heimweg darber nach,
worin diese Tatsache, die sie qulte, ihren Ursprung haben mochte. Lag
es vielleicht daran, da niemand Rechenschaft von ihr forderte? Sie
verwarf diese Erwgung, denn es handelte sich ja nun nicht mehr allein
um fremdes Eigentum. Vielleicht hatte sie ber Helmuts groer Gabe, die
sicherlich eher raschherzig als gromtig gewesen war, erfahren, wie
leicht es fr sie war, zu Besitz zu kommen, und diese Einsicht hatte ihr
ihr eifriges Feilschen mit dem jdischen Kaufmann als kleinlich
erscheinen lassen.

Dieser Gedanke befriedigte sie nicht, wo mochten die wahren Grnde
liegen? Sie sah zur Rechten durch die kahlen Birken ins Moor, dessen in
eigentmlichem Rotgelb leuchtende Herbstfarben zu erlschen begannen und
das weit und de dalag. Die Heidehgel darin sahen wie unruhige Wogen
eines erstarrten Meeres aus, und die armen Kiefern, die hier und da ihre
sprlichen ste reckten, schienen zu frieren. Wer unter dem erstorbenen
Leben dieser feuchten Flche seinen letzten Schlaf schlief, war allem
Mein und Dein, allem Reich und Arm in ein groes Einerlei der Ruhe
entrckt.

Ihre Gedanken verloren sich im rtlichen Sonnenlicht des raschen Abends,
durch den sie im Beginn ihres Menschenbewutseins dahinritt. Sie lie
sich von ihren Gedanken treiben, die sie in die Zeit zurckfhrten, in
der noch Graf Konstantin ber Wohl und Wehe von Wartalun gewacht hatte.
Beim Gedanken daran, wie er mit Nathanael umgesprungen war, kam ihr ein
Lcheln auf die Lippen, deren klare Frische einen kaum sprbaren Zug von
Erleiden bekommen hatte. Ihr war, als habe er stets die eine Hand fr
eine Liebkosung bereit gehabt und die andere fr die Peitsche. Nathanael
hatte oft dreimal das Schlo verlassen, ehe seinem hochgemuten Peiniger
das kleinste Zugestndnis zu entlocken war. Er kletterte zornig auf
seinen kleinen zweirdrigen Wagen, schrie seinen Groom an, der Fratzen
schnitt, und die Fahrt ging in entschlossener Eile von dannen. Dann
hatte ihr Graf Konstantin die Hand auf die Haare gelegt oder den Arm um
die Schultern und ihr lchelnd gezeigt:

Siehst du dort die Pappel bei der Ktnerhtte? Dort kehrt er um.

So war es in der Regel gekommen. Einmal nmlich hatte sich der Hndler
erst am anderen Tage wieder eingefunden, und das hatte ihn um den ganzen
Weizen gebracht, denn Graf Konstantin war nicht mehr fr ihn zu
sprechen. Der Verwalter hatte ihm achselzuckend erklren mssen, das
Korn verfaulte nicht in den Scheunen von Wartalun ... Seit jener Zeit
fuhr er bei Uneinigkeiten wegen der Kaufsumme nur bis an die hohe
Wegpappel mit ihrem Krhennest.

Eine heimliche Erregung machte das junge Mdchen ungeduldig. Sie sprang
vom Pferd. Der Wald lag hinter ihr, Wartalun stand rtlich von der
Abendsonne bemalt hinter den nassen Stoppelfeldern im lichtgrauen
Himmel. Wenn sie in das Reich ihrer Erinnerung hinein, in dem Graf
Konstantin herrschte, der Gedanke verfolgte, da Wendalen nun ihr
Eigentum war, so sann sie in heimlicher Qual darber nach, da es sein
Besitz gewesen war. Wie htte sie ihm fr ein einziges Lcheln der
Zustimmung gedankt, es htte sie befreit und froh gemacht. Der
triumphierende Leichtsinn ihrer Selbstsucht war oft fr lange erloschen.
Sie empfand fr Augenblicke das furchtbare Wunder des Todes als
deutliche Wahrheit. Hinter der harten glsernen Wand, durch die kein
Geschrei, kein Winken und kein Pochen drang, irrte ihr Heimweh nach dem
verblichenen Herrn. Erst seit ihre Liebe unter blutigen Opfern und
zerstrender Sehnsucht von ihr gefordert wurde, wute sie, wem sie
gehrte.

Da sie in den zurckliegenden Wochen oft an langen Abenden auf Friedels
romantisches Geschwtz gelauscht hatte, begann sie in einsamen Stunden
oft ber die Art nachzudenken, wie er die Ereignisse betrachtete. Denn
wenn Friedels trichtes Herz sich auch gedankenlos verirren konnte, so
hatten seine Aussprche doch oft etwas von jener melancholischen
Hellsichtigkeit, die schwache Naturen zuweilen auszeichnet, wenn sie in
groe Schicksale verwoben werden oder unversehens dem dahinschreitenden
Tod in die groen Augen schauen mssen.

Er lt niemand in deine Nhe, Afra, hatte er einmal gesagt, als vom
Grafen Konstantin die Rede war, verstehst du seine Warnungen? Ich fr
meinen Teil, als Lump und Handlanger, werde wohl noch verschont bleiben,
bis ich es eines Tages mir oder dir deutlich sagen werde.

Was? hatte sie gefragt.

Da ich dich fr alle Ewigkeit lieben mu.

Wie er dabei sein Gesicht niederneigte und wie er dann schwieg, das
hatte etwas so Trauriges und Wahrhaftiges gehabt, da es einen Schein
von Wahrheit auf seine Worte bertrug.

Wie htte sie lachen mgen, aber das Lachen war schwer geworden in
Wartalun. Trotzdem hatte sie es getan, aber Friedel war nicht aus seiner
nachdenklichen Versunkenheit zu reien.

Das Lachen trifft ja nicht mich, sagte er leise. Lachst du ber
Helmut oder ber ...

So hatte er durch eine phantastische Vermengung seiner Grbeleien mit
der Finsternis der zurckliegenden Geschehnisse oft eine eigenartige
Wirkung erreicht, die das Mdchen peinigte, weil sie ihm um Graf
Konstantins willen glauben wollte. Denn alle Liebe ist mit Magischem
verwoben, und sie neigt ihr Rosenhaupt oft ber die unbestndigen
Grenzen unseres Erkennens in die bevlkerten Abgrnde des Unerkennbaren.

Was denkst du beglcktes Alltagswesen aus Daseinskraft und
Frhlingswohlstand dir eigentlich? fuhr Friedel fort. Meinst du, es
sei nur so viel wahr, als sich erkennen lt? Wer dem Wesen der Dinge
nachforscht, wird um seiner Erkenntnis willen als Ketzer verbrannt.
Nicht wahr, was an Groem und Bedeutsamem geschieht, das denkt man sich
fr gewhnlich dort und dort, hinter Bergen, bei anderen, in der Ferne
oder in Bchern. Man mu den Menschen mit Fingern die Augen aufreien,
bevor sie glauben lernen, da sie selbst es sind, die zum Himmel fahren
oder die der Teufel holt. Nenn's, wie du willst, aber den meisten geht's
erst nachher auf, da sie selber Helden des Welttreibens begegnet sind.
Und es ist gut. Die grten Schicksale wten unter Blinden ...

Was hatte er nur mit alledem gemeint? Es war wohl richtig, da man
Lebendiges an seiner Wirkung erkannte und da die Liebe im Tod kein
Hindernis fr ihren Segen oder fr ihren Fluch findet. Das Mdchen blieb
stehen und streichelte Jonis warmen Hals, sah in die klugen Augen des
Tiers, das sie anschaute, und versuchte ihrer Traurigkeit Herr zu
werden.

Sie fhlte sich den neuen Menschen von Wartalun auf eine Art verbunden,
die nicht im natrlichen Verhltnis zu ihren Ansprchen und ihrer
Wesensart stand, aber das vereinsamte Schlo wies seine Bewohner
aufeinander an und verknpfte sie enger, als dies unter gewhnlichen
Umstnden der Fall gewesen wre. Die gemeinsamen schweren Erlebnisse
fhrten eine Art herber Vertraulichkeit mit sich, streiften den Zwang
der gesellschaftlichen Lebensgewohnheiten ab und schlossen zusammen. So
war auch zwischen Friedel und ihr eine Art Freundschaft entstanden, die
zuweilen beinahe in Gereiztheit ausartete. Afra kam in dieser Zeit
zuweilen der Gedanke, Wartalun einmal zu verlassen, um in einer ganz
neuen Welt von Menschen und Eindrcken leben zu lernen.

Als sie die Pforte zum Park erreicht hatte und unter den alten Buchen,
die zum Walde hinberfhrten, ihre Fe im drren Laub raschelten,
schlug sie Joni die Zgel um den Hals und lie das Pferd seines Weges
ziehen. Sie selbst schritt nachdenklich in den Park hinein, zwischen den
gelichteten Bschen hin ber die feuchten Wege auf die Tannen zu, unter
denen die Grabsttte des Grafen Konstantin zu finden war. Die feinen
Spitzen der Tannen umgaben die kleine dunkle Kuppel der Kapelle wie eine
grne, zackige Krone, sie erblickte tiefer, hinter den ruhigen
geschwungenen sten der letzten Bume schon das eiserne Gitterwerk des
Tors, als sie erschrocken innehielt und mit groen Augen durch das
gelichtete untere Gezweig starrte.

Sie sah gegen die schwarzen Stbe des Eingangs die Gestalt eines Mannes
lehnen. Er hielt seine eine Hand am schweren Schlo der geschmiedeten
Pforte, als habe er eben den finsteren Raum verlassen, und etwas scheu,
als besnne er sich, sah er in den Garten hinein. Es war, als zgerte
er, den Weg zu betreten, der von diesem Ort der Ruhe zurck unter die
Menschen fhrte. Im Verwirrenden ihres groen Erstaunens und in der
rtlichen Dmmerung, die im Tannenschatten herrschte, hatte Afra fr
einen Augenblick das beklemmende Empfinden, als schauten die Augen des
Verstorbenen unter dieser Stirn hervor, die nur schmal unter der
breiten, weichen Krempe eines schwarzen Huts kenntlich war. Es war dies
sicherlich die Folge ihrer phantastischen Gedanken, die an diesem
Nachmittag ungewhnlich lange bei dem Toten geweilt hatten; aber
trotzdem begann ihr Herz eine strmische Arbeit, die ihr fast den Atem
raubte, und sie hielt sich an einem Stmmchen fest, das neben ihr am
Rand des Rasens wuchs. Es war so still im Garten, da sie jenseits der
Hecke Jonis trgen Schritt im Laubwerk vernahm und das tickende
Niedersinken eines Ahornblatts im Gest. Es ergriff sie eine
unverstndliche Angst, der Fremde mchte ihr sein Gesicht voll zuwenden
und ihr so Gewiheit geben, da auch seine Zge, sein Mund und seine
Wangen dem Verstorbenen glichen. Es gelang ihr nicht, sich von diesem
Grauen zu befreien. Ihre Gedanken jagten bunt und sinnlos durcheinander,
sie kannte sich nicht wieder, ward pltzlich so zornig, da sie
zitterte, und wnschte im nchsten Augenblick, Aja und Fenn mchten zur
Stelle sein. Der Gedanke daran beruhigte sie pltzlich, als strkte sie
die Zuversicht, da die Treue und Kraft der Tiere durch keine Gedanken
oder bersinnliche Erscheinungen zu beeintrchtigen waren. Aber sie
blieb stehen und betrachtete den Eindringling.

Alles an ihm war seltsam unbestimmbar. Der formlose Hut, der zweifellos
nicht mehr sehr ansehnliche dunkle Mantel und die etwas plumpen Stiefel,
denen man lange, ermdende Mrsche bei schlechter Witterung anzumerken
glaubte. Es war nicht festzustellen, ob er einen schwachen Bart trug
oder ob die Schatten um seinen Mund und um sein Kinn natrliche Furchen
seines Gesichts waren, das deutlich einen Zug von Leid oder Entbehrung
aufwies, ja beinahe von Elend sprach. Aber diese Beobachtung beruhigte
sie nicht, dieser Zug seines Angesichts weckte kein Mitleid bei ihr, da
er nichts von Schwche oder Mdigkeit verriet, sondern vielmehr die
Anzeichen einer leidenschaftsvollen Kraft und einer Trauer, die nicht
von uerem Unheil oder Migeschick herzurhren schien.

Je lnger sie in einer ihr vllig fremden Anspannung zu diesem Manne
hinbersah, um so mehr verflog die anfngliche Furcht, die sie so
fremdartig berfallen hatte, und sie wurde sich deutlich eines
Vertrauens zur Erscheinung dieses Menschen bewut, der nicht schn und
nicht hlich war, nicht gefllig und nicht ungefllig, von dem aber wie
ein heimlicher Schein eine stete und ruhige Menschenwrde ausging.

Diese Eindrcke klrten sich im Sinn des jungen Mdchens nun keinesfalls
rasch, aber Empfindungen eines starken Gemts bedrfen der Klrung nicht
immer, um doch vollgltig vorhanden zu sein und um ihre Wirkung und ihre
Folgen zu zeitigen. Afra strich sich langsam ber die Stirn, pltzlich
war ihr, als sei sie tief ermdet, und sie flsterte die merkwrdigen
Worte:

Es ist ein Teil meines Leibes und meiner Seele, der dort steht.

Und in einem auffallend raschen Wechsel ihres Empfindens, wie ihn nur
reiche und im tiefsten Wesen bestndige Naturen erleben, berkam sie der
Sonnenschein eines so jubelnden Frohsinns, da sie das Ungebrdigste
htte vollbringen knnen, um diesen pltzlichen Sturm aus ihrem Herzen
zu lassen. Sie warf mit dem Arm die Zweige zurck, und indem ihr war,
als snge ihr Blut die hochgemuten Worte: Bin ich nicht Afra, Herrin
von Wendalen und Wartalun, im Vollbesitz meiner herrlichen Jugend und
aller Lebenskrfte der Welt..? ging sie mit mchtigen Schritten quer
durch die Tannen und betrat dicht vor dem Fremden den Weg.

Ohne allzu heftig zu erschrecken, sah er beinahe unfreundlich auf und in
ihr Gesicht. Seine Zge wiesen ihr Erscheinen etwa auf jene Art ab, wie
wohl ein Andchtiger den Blick vom Schemel einer Kirchenbank hebt, wenn
ihn ein gedankenloser Eindringling strt. Afra sah nun, da sein Gesicht
einen sprlichen Bart von einer Farbe trug, die vielleicht den Tnen zu
vergleichen war, in denen bestubter und ungeschliffener Bernstein
schimmern kann, es war ein ins Unbestimmte gehendes Gelbbraun. Seine
Wangen waren in der Tat eingefallen und verliehen seinem Gesicht den
Ausdruck von groem Elend. Aber seine tiefliegenden Augen waren von so
groer Ruhe und von solch beinahe beseligtem Abglanz einer klaren und
bestndigen Kraft der Seele, da Afra, als sie ihren Blick zum erstenmal
in seinen senkte, das Gefhl einer ihr ganz neuen und reinen Freude
hatte, die dem Bewutsein gleichkam, fr die Zukunft unter den Menschen
geborgen zu sein. Diese Augen schienen die heimliche Feindschaft
aufzuheben, in der die meisten Menschen einander anfnglich begegnen und
ber die keine Form der Hflichkeit oder keine noch so gute Absicht zum
Wohlwollen vllig hinwegzuhelfen vermgen.

Er erwiderte ihren, durch die erhobene Stimmung, die sie zu Anfang
trieb, etwas strmischen und burschikosen Gru, indem er seinen Hut zog
und etwas unwirsch nickte.

Guten Abend, guten Abend ..., antwortete er ihr. Dann hob er seine
Hand in die Luft wie ein Prediger und sagte:

Ich habe noch niemals ein so schnes Schlo gesehen.

Woher kommen Sie? fragte Afra ernchtert und ein klein wenig auf
Heiterkeit gestimmt.

Sein Gesicht verfinsterte sich.

Das wird doch gleichgltig sein, meinte er, ist es nicht erlaubt,
hier einzutreten?

Doch, selbstverstndlich, beeilte Afra sich, ihn zu vershnen. Nein,
war das ein mimutiger Geselle.

Er hob wieder die Hand.

Es sieht aus, als ob es nicht von Menschen errichtet worden ist. Es ist
ein Gebilde der Erde, emporgewachsen wie Felsen aus dem Meer. Aus Liebe
hat es diese Gestalt angenommen, damit Menschen darin hausen knnen.

So, gefllt Ihnen Wartalun?

Betrachten Sie den Turm, die Mauer und den Erker im Efeu. Knnen Sie
sehen, wie die Eichen so gewachsen sind, da sie mit dem Schlo
Gemeinschaft gewinnen, da beide einander schirmen und da nichts diese
starke Gemeinschaft strt? Sehen Sie dort -- eine Wolke -- sehen Sie
denn nicht? Sie mssen sich hierher stellen. Ach, das ist ein Schlo ...
Bume ...

Nun ja ..., sagte Afra, was ist denn an einer Wolke?

Dies hier ist eine Begrbnissttte unter Tannen ...

Afra fing an zu lachen. Er schaute sie tief betroffen an und trat zur
Seite, versuchte den Weg zu gewinnen und schien davongehen zu wollen.
Als er Afras vornehmes Gewand aus schwerem Tuch, ihre Lederhandschuhe
mit den altmodischen Armstulpen sah und den goldenen Knauf ihrer
Reitgerte, machte er einen Schritt auf sie zu:

Entschuldigen Sie, bitte, sagte er, ich bin hier vorbergekommen und
htte um Erlaubnis bitten mssen, bevor ich eintrat ... Welch ein
herrliches Gesicht haben Sie, Frulein!

Irgend etwas hinderte Afra, diesmal ber sein absonderliches Wesen zu
lcheln, sie fhlte einen Ernst auf sich einwirken, dessen Ursprung sie
nicht erriet, der sie jedoch gebieterisch zwang, die kleinen
Hilflosigkeiten dieses Menschen zu bersehen.

Bleiben Sie hier, sagte sie sicher und freundlich. Sie brauchen doch
nicht gleich fortzulaufen, wenn man eine Frage an Sie richtet.

Das ist wahr, sagte er berzeugt und sah sie fr einen Augenblick warm
an. Aber diese Dankbarkeit hatte nichts von Unterwrfigkeit, sondern sie
wirkte beinahe wie eine wohlwollende Anerkennung. Keines von ihnen
sprach. Der Fremde betrachtete Afras Gesicht und ihre junge Gestalt, und
in seine Augen kam ein beseligtes Leuchten.

Ich bin doch ein glcklicher, ein glcklicher Mensch! rief dieser arme
Landstreicher pltzlich, der nicht mehr zu besitzen schien als die
drftigen Kleider, die er trug.

Afra hatte sich am eisernen Gitter zu schaffen gemacht, da ihr nach
seiner letzten Antwort nichts Rechtes zu sagen in den Sinn kam und sie
sich scheute, etwas Gleichgltiges vorzubringen. Nun wandte sie sich
rasch nach ihm um und sah ihn an. Sie wollte eine Frage stellen, die
diesen unerwarteten und scheinbar schwer zu begrndenden Ausbruch seines
Empfindens ausglich, aber eine Rhrung, die sie andchtig stimmte,
hinderte sie daran. Er schien nichts derart zu erwarten. Mit einem
Lcheln, das sein Gesicht vllig vernderte, sah er sie an und sagte:

Ich mu ein paar Tage hier bleiben. Ich will es tun, wenn ich Sie auch
noch nicht kenne.

Nun mute Afra doch ihrer heiteren Bestrzung Luft machen, und sie rief
lachend:

Dies Vertrauen verpflichtet uns ja alle zu groem Dank.

Sein Gesicht verfinsterte sich. Mitrauisch prfte er ihre Zge.

Sie wollen nicht?

Doch, sagte Afra, ich nehme Ihr Angebot an, wenn Ihnen das Schlo
gengt, und danke Ihnen vielmals.

Warum das? fragte er. Ihnen kann ich nichts bedeuten.

Haben Sie schon zur Nacht gegessen? fragte Afra herzlich.

Nein. Das knnte ich hier tun.

So wollen wir gehen, denn es wird bald dunkel, sagte sie. Ich will
den Leuten Nachricht geben, da wir einen Gast bekommen haben.

Gehrt das Schlo Ihnen? fragte er einfach.

Nein, antwortete sie und versprte nicht den Wunsch, diesem Manne
etwas anderes antworten zu knnen. Der Fremde ging, ohne zu sprechen,
mit ruhigen und groen Schritten hinter ihr her. Im Hof blieb er stehen
und betrachtete das alte Tor mit seinen vergoldeten Speerspitzen, durch
die der Efeu seine blanken Bltter geflochten hatte. Er betrachtete die
grnen Wege, die er an der rauhen Mauer empor nahm, und die Zinnen des
Daches in ihren ehrwrdigen Farben, die aus Tag und Nacht, aus Sonne und
Wind und Regen und tausend Jahren entstanden waren.

Als Melchior sich im hohen Flur einfand und den fremden Mann in Afras
Begleitung sah, verbeugte er sich vor ihm und verfiel in seine gewohnte
stille Haltung steiler Unterwrfigkeit, die er von Jugend auf gewohnt
war einzunehmen, wenn er einen Befehl erwartete. Der Fremde schien ihn
nicht zu bemerken. Er war weder sicher noch befangen, mit dem Lcheln
einer heimlichen Freude schritt er dahin, bis in das helle Zimmer, das
Afra ihm ffnete.

Sie zog ohne ein Wort die Tr hinter sich zu und lie ihn allein. Auf
dem Weg in ihre eigenen Zimmer stie sie auf Martin, der sie erwartet zu
haben schien.

Afra, die Herren sind nach Cismaren geritten, sie lassen dich gren,
falls du zurckkmst. Sie haben dich nicht erwartet. Sie kommen nicht
zum Nachtmahl.

Das junge Mdchen schritt nachdenklich dahin. Es freute sie, zu sehen,
wie Helmut von Tag zu Tag mehr aufzuleben begann und wie die
Lebensinteressen ihn langsam wieder in ihren Bann zogen. Sie rief Martin
zurck.

Es ist ein fremder Herr gekommen, ich kenn' ihn nicht, er wird
vorlufig hierbleiben. Ich habe ihm das Zimmer neben der Jagdstube
angewiesen, sorg fr alles andere. Frag ihn, was er braucht, geh zu ihm.
Ich glaube, ihm fehlt allerhand. Du wirst schon sehen.

Das soll geschehen, sagte Martin und sah Afra zweifelnd an, denn er
entdeckte eine ihm neuartige Erregtheit in ihrer Stimme. Soll er was
essen?

Es wird im Saal fr ihn und mich serviert. Ich werde Iduna spter
Wsche fr sein Bett geben.

Im Saal soll serviert werden? Weshalb im Saal?

Afra ging. Sie wute, da Martin sich ihre Wnsche aufrichtig angelegen
sein lie, aber sie schmte sich, da sie nicht selbst nach dem Rechten
sah und da sie den Fremden in seiner Bedrftigkeit der Einschtzung
eines Bedienten berlieferte. In ihrem Schlafraum zog sie sich langsam
um, sie legte ihre Kleidungsstcke mit ungewohnter Sorgfalt ber ihr
Bett, lste ihr Haar bedchtig, indem sie sinnend Nadel fr Nadel aus
den lieblos geschnrten goldenen Flechten zog, bis sie ber ihre
Schultern fielen. Sie lauschte auf den erregten Sturz des Wassers, das
sie in ihre Schale go, als sei dieser Laut ihr neu, doch pltzlich lie
sie alles fahren, nahm den Spiegel von der Wand, wandte sich gegen das
Licht, das nur noch sprlich durch die Fenster brach, und betrachtete
ihr Gesicht, lange und andchtig. Ihre Augenbrauen, die breit waren und
dunkler als ihr Haupthaar, den Rcken der Nase und ihre Flgel und den
deutlich gezeichneten Mund. Die Backenknochen, die ein klein wenig
vorsprangen, mifielen ihr, aber die Rundung ihres Kinns hob sich
gleichmig vom helleren Hals ab. Sie warf ihre Zpfe nach vorn und
legte sie an den Schultern nieder, in diesem Licht erschien die Farbe
des Haares wie verwittertes Gold, wie die Metalltne in den vergrmten
Rahmen der Bilder im Saal. Da kam ein sonderbares, tiefes Atmen ber
sie, das ihre Lungen mit einer khlen Sigkeit fllte, es wurde
heftiger und senkte ihr den Kopf, und pltzlich lag er in ihren beiden
Hnden, und der Spiegel lag am Boden, und sie weinte wild und
ungebrdig, gleichsam mit ihrem ganzen Krper und als stieen von allen
Seiten unsichtbare Fuste sie in einen Schmerz hinein, den sie nicht
kannte.

Und an den Ufern des Stroms, der sie mit sich ri, ereigneten sich
seltsame Dinge, die ihr doch alle bekannt waren. Graf Konstantin, der
alte Mann, hing ber die Lehne seines groen Sessels, der weie Bart war
eingeknittert, und er atmete seine letzten rchelnden Atemzge unter
seinen Augen, die weit auf waren, aber nichts mehr erkannten.

Sie sah sich durch die Nacht reiten, ber die blinkenden Rinnsale des
schwarzen Moors, das Wasser spritzte um Jonis peitschende Beine, die den
Boden hieben, da es bald drhnte, bald klatschte, und sie selbst
schrie, den Arm hoch in die helle Nacht geworfen.

Nun tauchte das hohe getfelte Arbeitszimmer vor ihr auf, Helmut kniete
und schrie: Erbarme dich meiner, erbarme dich meiner! -- Jetzt taumelte
Friedel durch den Trrahmen, und sein tobendes Stammeln und Zischen
beschmutzte ihn und gab sie preis. Nun schmiegte sich leblos ein
Schleier gegen einen Heidebusch, die blaue nasse Luft der Dmmerung
umfing sie und das endlose Meer der Heideweite; der Hund heulte, da ihr
Herz blutete, und sie half Helmut aus dem Sumpf. Und nun umschlichen sie
Helmut und Friedel, Friedel und Helmut und graue Tage voll eintniger
Betrbnis. Hinter allem, was sie sah, lagen am weiten blauen Horizont
des Himmels, unangetastet und unberhrbar, helle Wiesen und ruhige
Waldungen in der Sonne.

Es fhrte kein Weg dorthin zurck.




Vierzehntes Kapitel


Von Woche zu Woche wurden die Nchte von Wartalun lnger. Drauen
peitschten die Strme, in denen der Winter nahte, das Gezweig der nassen
Bume, sie fegten mit Regenschauern ber das ebene Land und spielten
ihre Weisen einer hellen pfeifenden Melancholie in den Erkern und
Winkeln des Schlosses.

Melchior mute schon frh, sobald die Dmmerung hereinbrach, die
Kronleuchter des Saals im Schlo entznden. Die seufzende Erde mit ihren
grauen Schleiern, die durch die blaue Sterbestunde des Tags wehten,
wurde durch die Damastvorhnge der Fenster aus dem goldhellen Bereich
der Kerzen verbannt, und die klingende Herrschaft der Glser und Saiten
begann. Die flieenden und beschwingten Geister der Vergangenheit, deren
Mchte entfesselt wurden, walteten im schwermtigen Verein mit Engeln
und Dmonen in Wartalun. Die verengte Welt seiner Menschen erweiterte
sich in diesen beseligenden und gefahrvollen Gluten ins unbegrenzte
Reich der Trume empor, alle Beziehung zur Umwelt verwischte sich, die
Wirklichkeit wurde zur unwahrscheinlichen Bedrngnis, und Hexen, Kobolde
und unterirdische Gesellen der Nacht wurden die Gefhrten der
Vereinsamten. Engel stiegen hernieder, um dem ewigen Vater im Himmel das
Seine zu bewahren, und Tote erhoben sich aus ihren Grabsttten, um dem
Ha und der Liebe Gestalt zu schaffen, dem Grauen, der Reue und der
Verzweiflung. --

Melchior trug ein Bndel Kerzen und legte sie mit Gepolter auf eine
geschnitzte Truhe im Saalwinkel.

Martin! rief er.

Da es still blieb, redete er mit den Bildern an der Wand:

In der letzten Nacht sind achtzig Kerzen verbrannt. In den letzten vier
Wochen ist mehr Geld dahingegangen, als sonst in einem Jahr. Werdet ihr
mich hier noch in Ruhe sterben sehen?

Idunas Figrchen erschien wei und zierlich im Kerzenschimmer im hohen
dunklen Rahmen der Tr.

Der Prophet steigt auf dem Dachboden herum, um die olsharfe zu
beugen, schnatterte sie. Nein, hat der Kerl mich erschreckt; das
bissigste Gespenst ist mir lieber als dieser Heilige.

Gespenster beien nicht, belehrte sie Melchior apathisch und ohne
Teilnahme.

Wo Herr Friedel wre.

Melchior machte das Gerusch des Schnarchens nach und stellte einen
Stuhl auf den Tisch, um Kerzen in den Kronleuchter stecken zu knnen.

Ach, wenn es Afra nicht gbe, seufzte Iduna, ich wre lngst von
dannen. Wenn man sie reiten sieht, erholt sich das Blut. Aber ich kann
die Herrin nicht mehr verstehen. Heute in der Morgendmmerung sa sie
auf einem Schemel im Zimmer des Propheten und sah zu ihm auf, whrend er
zeichnete. Einen Ast! Was rechte Maler sind, die tun sich in Farben um
und suchen Bilder zustande zu bringen, solche, wie sie hier und dort
hngen, oder Landschaften, Wasserflle und Kapellen, die an Seeufern
unter Bumen liegen. Als ob man das nicht wte ... dieser Narr.

Er hat mit Kohle auf Papier das Gesicht eines Mannes gezeichnet, sagte
Melchior. Kein Gesicht sieht so aus, und es erscheint, als sei es nicht
fertig. Er hat es mit einer Nadel an die Tapete gesteckt. Dieses Gesicht
ist lebendig, ich mu daran denken, es geht mit mir umher, redet und
schaut.

Iduna kicherte. Sie dachte an etwas anderes:

Herr Friedel wei ber ihn Bescheid. Hr ihn reden.

Das hre ich den ganzen Tag und die halbe Nacht.

Auf der Treppe klang Afras Schritt, und Iduna verschwand. Melchior stieg
umstndlich vom Tisch.

Afra, sagte er, als das junge Mdchen eintrat, ich brauchte ein wenig
Geld.

Gut, der Verwalter wird dir geben.

Er sagt, er habe nichts mehr zu seiner Verfgung.

So warte bis morgen ... Nun?

Der Wein geht zu Ende.

Knnen vier Menschen in zwei Monaten einen Keller leeren?

Es wird schon seit vielen Monaten getrunken, Herr Friedel trinkt
allein ...

Schweig. Das war keine Frage.

Martin ist die Erlaubnis gegeben, so viel zu trinken, als er will.

Dir nicht auch, Melchior?

Ich trinke nicht, Afra ... Afra!

Was ist denn, Melchior? Sie trat auf ihn zu und beugte ihr blasses
Gesicht ber den Alten. Stimmt es einmal wieder nicht? Mssen wir den
Herrn fragen?

Er schlft in Gott, stammelte der Diener.

Das Mdchen sah ihn forschend an.

Du hast Schatten unter deinen Augen, Afra, du siehst krank und traurig
aus. Ich kann nichts tun?

Nein, la doch. Es mu gehen, wie es will ... ich ...

Sie sah sich um, als suchte sie jemand.

Es ist niemand da, sagte Melchior.

Afra lehnte sich an die Tr. Ich wei߫, sagte sie besonnen und mit
traurigem Nachdruck. Sie erschien schlank und gro, wie sie in
verlorener Befangenheit in dem hohen dmmerigen Saal stand, ratlos, wie
nach einem zgernden Schritt ins Ungewisse. Die Verblichenen der Bilder
sahen auf sie nieder.

Melchior, sagte sie pltzlich, weit du, was der Sessel dort
bedeutet?

Der alte Diener nickte.

So was darf man nicht tun, sagte er feierlich. Die Toten soll niemand
zum Gesptt machen, wer von uns knnte ertragen, zu denken, da
berlebende ihr Spiel mit unserem Andenken trieben? Sie haben den Sessel
an den Tisch gerckt, damit nachts der Geist des Toten mit ihnen zechen
soll, sie geben ihm Rotwein, hat mir Martin gesagt. -- Iduna geht
nachts zu Herrn Gentler ...

Schweig. Iduna kann tun, was sie will. Tue ich nicht genug, wenn ich
ihnen die Felder pflge?! Fr die Sauberkeit ihrer Stuben mgen sie
selbst sorgen.

Sie treffen sich im Zimmer der gndigen Frau, fuhr Melchior
eigensinnig fort, mit einem verborgenen Jammern in der gebrechlichen
Stimme, und dort ist es noch alles beim alten.

Morgen werden die Zimmer geleert und umgerumt.

Der Herr Graf will es nicht.

Ich will es, rief Afra.

So sprich, ich bitte dich, mit dem Herrn.

Afra fuhr steil empor.

Ich rhre diese Dinge mit meinen Worten nicht mehr an. Ich schicke
Martin mit Feldarbeitern, wenn morgen noch ein Stuhl dort auf seinem
Platz steht. Gesindel!

Melchior atmete auf.

O Afra, so hast du lange nicht mehr gesprochen. Warum lt du so viel
im Schlo geschehen?

Ich, Melchior -- ich?

Ja, du, Afra. Du bist die Herrin. Du hast deine Augen abgewandt und
machst doch gemeinsame Sache mit den anderen. Seit der Fremde im Hause
ist, lt du mit bsen Augen die anderen verderben. Ich bin ein alter
Mann, ich habe nichts mehr zu verlieren als die Zeit bis zu meinem Tode,
die man sicherlich in Monaten sagen kann, aber ich seh' die Ereignisse
ohne Migunst und ohne Habgier. Dann erscheinen sie oft in einfachen
Gestalten, die sich verstehen lassen. Du hast niemand, der Fremde ...

Steck deine Kerzen auf, sagte Afra und ging hinaus.

                    *       *       *       *       *

Friedels langgewordenes Haar fiel ihm tief in die Stirn, als er seine
braune Geige stimmte. Der Saal strahlte. Die alten Goldrahmen der Bilder
blinkten auf, und die Angesichter der dargestellten Herren und Frauen
sahen aufgerichtet, wie erneuert, mit belebten Zgen in den Glanz der
groen blhenden Kronen. In den Wandteppichen blitzte es hier und da von
einem auffunkelnden Goldfaden, und die dickfaltigen Damaste vor den
hohen Fenstern wirkten nicht als Verkleidungen der Wege in die freie
Nacht, sondern als schwerer Zierat an undurchbrochenen Wnden.

Friedel fiel es auf.

Liebe Kinder, sagte er und sah Afra an, bedenkt, wo wir uns hier
befinden. Wenn man sich vorstellen knnte, die Nacht drauen ber der
Welt sei Erde, so ist dieser Saal in ihr wie ein von innen erleuchteter
Sarg.

Der Prophet, der neben Afra ihm gegenbersa, sah Friedel mit
aufleuchtenden Augen an.

Das ist ein gewaltiges Bild, sagte er.

Wieso? meinte Friedel geschmeichelt, mir kam das nur so in den Sinn,
ganz zufllig.

Ja, sagte der Fremde, wenn Sie nachgedacht htten, wrde es Ihnen
wohl nicht eingefallen sein.

Friedel lachte, zugleich amsiert und beleidigt. Dann beugte er sich
wieder ber seine Geige.

Mein Liebchen, sagte er, meine einzige Freude.

Willst du sie nicht Iduna nennen? fragte Afra.

Friedel sah bitterbse auf. Ihre Augen verhinderten den Ausbruch seines
Zorns.

Hhne nicht, bat er heiser und ri den Bogen wild ber alle vier
Saiten zugleich, aber der Miklang ging erlst in ein fernes, helles
Klagen ber, und es wurde ein Lied daraus.

Helmut faltete die mageren Hnde, Afra sah in das finstere Angesicht des
Fremden, den sie im Schlo auf Friedels Beschlu hin den Propheten
nannten. Die Musik verdsterte sein groes, etwas ungefges und so gar
nicht schnes Menschenangesicht. Seine umschatteten Augen, von Schwermut
dunkel, lagen grblerisch versunken im Rausch der Tne. Afra konnte
keinen Blick von ihm wenden. Der rote Wein vor ihm im Glas funkelte wie
flieende Rubinen um das Wappenschild von Wartalun, das Doppelkreuz und
die gereizten Pfauen, die einen Ring zerrten. Das Mdchen wute, im
Wappen stand das groe Wort: Wer hat, dem wird gegeben. Es war in
feinen Goldlettern in die Glser graviert.

Mitternacht war lngst vorber. So gingen nun seit Wochen ihre Nchte
dahin. Afra gestand sich ein, da sie diese wsten Stunden nur um des
fremden Mannes willen erlitt, der sich auf seine ruhige Art zu diesen
Gelagen einfand, der am meisten trank, sich doch niemals zu beteiligen
schien und nur ganz selten sprach. Anfnglich hatte es sie tief
beunruhigt, da er so berzeugt und hingebend trinken konnte, weil sie
befrchtete, es mchte seinem Krper, der ihr schwach erschien, schaden,
aber da sie niemals eine Wirkung durch den Wein bei ihm beobachtet
hatte, die ihr auch nur leisen Unwillen erregte, lie sie geschehen, was
er wollte. Hatte nicht auch Graf Konstantin den Wein geliebt? Man
erzhlte unerhrte Wunder seiner feuchten Taten. Und sie hatte jeden
verstehen gelernt, der sein vom Tag zerspaltenes Herz in den goldenen
Mdigkeiten und mattugigen Ahnungen neu vereinte, in denen die Geister
des Weins es zur Ruhe betteten. War nicht der Winter traurig und lang?
Bis wieder Frhling geworden war, bis wieder die weien Wolken im Blau
ber die blhenden Bume zogen, die Buchfinken schmetterten und der Wald
vom Kuckuck klang bis spt in die duftende Dmmerung ...

Helmut fuhr empor und schttelte den zurckgeworfenen Kopf. Afra sah in
seinen Blicken das trbe Wanken des Weins, und sie kannte diese
schwchliche Schwerflligkeit seiner Lippen beim Sprechen aus mancher
Nacht. Wie hatte sie es nur ertragen gelernt? Sie nahm ihr Glas.

Wie lange, sagte er breit und roh, braucht eine Leiche, bis sie im
Moor verwest? Ich will es jetzt wissen.

Der Fremde, der Paule hie, Benvenuto Paule, hob seinen Kopf und sah
Helmut an, ohne zu sprechen. Afra fhlte sich tief verletzt.

Ich gehe!

Bleibe doch, sagte Friedel, bis die Kerzen niedergebrannt sind. Es
wird dunkel, wenn du gehst, es wird entsetzlich. Du weit nicht, welche
Geister dein Hiersein im Bann hlt.

So schweigt von solchen Dingen! Sie sah auf den Fremden. Es schien ihn
nicht berhrt zu haben, da sie fort wollte. Er trank sein Glas leer und
stellte es ruhig hin.

Martin, in seiner roten Livree, trat hinzu und fllte es neu. Es war
Helmuts Wunsch, da die Diener des Nachts in ihren Staatsrcken
einhergehen muten. Er hatte Afra vergebens gebeten, nie anders als in
ihrem schwarzen Kleid aus Samt zu kommen, mit ihrer schimmernden Feder
und der Goldkette, die er selbst ihr aus den Schmuckschtzen des Hauses
geschenkt hatte. Sie hatte es nie getan, aber heute versprte sie eine
heimliche Lust dazu, es trieb sie ein Verlangen nach Preisgabe und
Verschwendung. Ihre Hnde und ihr Herz waren vom Halten und Leiten
ermdet, alles umher glitt dahin und hinab. Waren dies nicht die
Menschen ihres Lebens? Es machte einsam, strker als sie zu sein. Und
fr wen blieb sie es?

In seiner merkwrdigen Gleichgltigkeit gegen Wert und Beschaffenheit
anderer Menschen, die in seiner Nhe weilten, erhob Paule seine Hand,
und mit einer versunkenen Hingabe der Begeisterung, die feierlich
wirkte, sagte er pltzlich laut die Verse:

    Da uns ein Gott verfhrte, in Liebe gemahnend,
    eng im Geringen das Abbild des Groen zu sehn;
    die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,
    immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.
    Ewige Seele du, zitterndes Wissen von Gott,
    einsamer Abglanz der makellos wirkenden Kraft;
    die dir kein Mhn das Glck der Gemeinschaft schafft,
    eh' nicht dein Glanz aus der sinkenden Schale bricht.

Nein, so ein Prophet, sagte Friedel verlegen. Soll ich spielen?

Der Fremde sah ihn an: Das wre schn, meinte er.

Afra war, als blutete ihr Herz in einem breiten Strom, der es entleerte
und schmerzhaft leicht und demtig werden lie. Niemals hatte sie aus
dem Mund eines Mannes Verse gehrt, die ins Herz sanken wie der Wein ins
Blut. Sie nahm mit zitternder Hand ihr Glas, und ihr schnes blasses
Gesicht bekam einen Ausdruck von unbndigem Stolz. Die wir nicht
wissen, woher wir kommen und gehen ...

Helmut, der wie jeden Abend viel und schnell getrunken hatte, erhob sich
pltzlich krampfhaft. Er mute sich am Tischrand sttzen, tat es mit der
einen Hand und schaukelte mit der anderen sein schnes goldenes Weinglas
von Wartalun:

Wir tappen in dem blassen Schimmer nackter Frauenleiber in unser
dunkles Heimatland ..., schrie er, wer will sagen, er habe ergriffen,
was er gesucht hat? Im Sturz des brennenden Bluts erblindet unsere
Sehnsucht fr kurze Zeit, dann schimmert es wieder bleich empor, nicht
sie, nicht Eine, nein, es ... es ... greift es doch! Wer hat es
gegriffen?!

Afra war aufgesprungen, aber sie vermochte nicht zu fliehen. Im Grauen
vor dem, was ihre Sinne erschauten, rief es sie wie bei ihrem Namen. Sie
starrte in Paules Zge voll zergrbelter Hingabe.

Gelobt sei deine Treue, seufzte Friedel mit tiefer Andacht seinem Wein
zu. Dann stand er auf und sttzte Helmut.

Denk nicht so vielerlei, Bruder auf der Fahrt zum Orkus, das Denken
macht aus dem besten Kopf ein Sieb. Er setzte ihn unsanft auf seinen
Stuhl nieder.

Frst von Wartalun, sagte er, denk an dein verschenktes Knigreich.

Paule wandte sich an Afra. Er nahm ihr Armgelenk mit einem sonderbaren
Lcheln:

Es sind immer die Hoffnung und der Tod, sagte er. Sie drfen nicht in
Trauer versinken, Afra. Alles wird einst gut sein.

Prophet, predige laut, rief der Lump. Steck dich nicht hinter die
Frauenzimmer und intrigiere nicht gegen mich. Du it unser Brot und
trinkst unseren Wein!

Paule sah Friedel an.

Dir habe ich nichts zu sagen, antwortete er ruhig.

Du bist ein Feigling, ein Schleicher, ein Lebensspion; innerlich lachst
du, whrend uns das Herz verdirbt und davonfliet. Du bist hinterlistig
und verrucht, du balsamierst dein behaartes Maul mit heiligem l und
beraubst uns mit deinen Eulenaugen!

Friedel hielt inne, als er Afras Gesicht sah; Paule schwieg. Friedel,
bald Helmut, bald Afra zugewandt, stammelte: Er verteidigt sich nicht,
ist das ein Ungeheuer, nein, so hrt doch.

Warum schweigen Sie? sagte Afra, zu Paule hingebeugt.

Trinken Sie nicht mehr, antwortete er ihr.

Martin, schenk mir ein! rief sie.

Martin kam, ein rotes, funkelndes Etwas, aus dem Hintergrund, sie fhlte
ihn in ihrer Nhe, er beugte sich nieder, und sie hrte den leisen,
glsernen Gesang des Weins in ihrem Kelch. Sie trank ihr Glas auf einen
Zug aus.

Ach Afra, klang es neben ihr. Fr einen raschen Augenblick sah sie
seinen strmischen Lockenkopf. Bruder meiner Kindertage, dachte sie
zrtlich. Sie ritt als Mdchen ber den stillen Moosgrund der Forsten
von Wartaheim, die Sonne schien durch die Zweige, Rotkehlchen sangen,
der grne Waldweg zog sich, ein lichter Laubengang, in geheimnisvolle
Waldestiefe hin ...

Das Bild versank.

Sie sprachen damals von ein paar Tagen ..., sagte Afra zu Paule mit
einer Stimme, von der Schmerz und Stolz ausgingen wie Klte, nun sind
Sie schon Wochen hier, ohne da jemand Sie gebeten hat.

Bravo! schrie Friedel. O verflucht, das war herrlich. Afra! Dein
Glas!

Von den Sternen der Kerzen, aus dem trben Lichthimmel herab sank eine
bse heie Stille. Der Fremde lie sich auf seinen Stuhl zurcksinken
und schwieg. Helmut starrte ber seine Fuste, die auf dem Tisch lagen,
in Afras Gesicht. Er hatte schon eine lange Weile so gesessen und sie
angesehen, bald sie und bald den Fremden, mit einem wehen Ausdruck
qualvoller Hellsichtigkeit. Nun sthnte er pltzlich in dieser Stille,
in der Friedel hochaufgerichtet dastand und Afra sein Glas hinreckte,
aus tiefstem Herzensgrund auf, mit einem tierischen Klagelaut in der
Kehle, und schrie das Mdchen heiser an:

Ist es wahr? Ist es wahr? Afra, erbarme dich meiner! Sag die Wahrheit.
Dann kommt ... die groe ... Ruhe ... endlich.

Ja, sagte Afra, es ist wahr. Sie ahnte nur dunkel, worauf sie
antwortete.

Verfluchte Nacht, verfluchte Nacht, rief Friedel. Wer versteht noch
die Fratzen Gottes und die Engelspfoten des Teufels. Ihr httet mich
fortlassen sollen ... gleich, eh' Elsbeth starb ...

Paule hatte sich aufgerichtet. Er warf einen Blick auf Helmut, dann
schob er Afra sein Weinglas hin, wies auf die goldene Inschrift und sah
sie an. Sie las wider Willen die Worte von Wartalun:

Wer hat, dem wird gegeben.

Er wartete mit geneigtem Haupt, indem er ihre Augen suchte, bis sie ihn
ansah; darauf stand er auf und verlie den Saal, der in halber Dmmerung
lag, weil ein Teil der Kerzen niedergebrannt und erloschen war.

Was wird dir gegeben, dachte Afra, und erglhte in einem Schauer. Ihr
war, als habe die Inschrift des Glases von Paule gesprochen und als
nhme er ihre Worte mit sich fort in seine geheimnisvolle Welt voll
unbestimmbaren Glaubens.




Fnfzehntes Kapitel


Afra hatte einen kurzen Schlaf der Betubung geschlafen und erwachte am
anderen Morgen, als es noch dunkel war. Sie sprang empor, als sie sich
in ihren Kleidern auf dem Bett liegen fhlte, machte Licht und kleidete
sich um, nachdem sie ihren Krper in kaltem Wasser gebadet hatte. Die
Kerze leuchtete ihr bang und liebevoll in ihrer groen, leeren Stube,
die von allen Gertschaften eines Schlafraums nur das Notwendigste
enthielt und nicht auf den Aufenthalt eines jungen Mdchens schlieen
lie.

Sie fhlte sich wohl und stark, die seltsame Nachtstunde, die den Morgen
empfangen sollte, gefiel ihr. Sie lauschte auf die ersten vertrauten
Klnge erwachenden Lebens, die aus den Stllen und vom Hofe her zu ihr
hereinklangen. Eine Pumpe sang, und sie hrte, da ein Wagen aus der
Remise geschafft wurde, das Pfeifen eines Knechts scholl drauen in der
frhen Dunkelheit und hin und wieder ein schwerer, langsamer Schritt
fr eine kurze Weile.

Sie stie ihr Fenster auf. Die Luft hoch am Himmel zwischen den kahlen
Zweigen der Linde war von seligem, fernem Blau, darin zogen seine
Wolkenschleier in freudiger Leichtigkeit, und ein Stern stand blank
darin, hell, wie aus geputztem Messing. Drben schaukelte in der Tr des
Pferdestalls eine Laterne.

Afra klatschte in die Hnde, bis eine Magd zgernd hervortrat und sich
umschaute. Sie verlangte Milch von ihr, die ihr gleich darauf mit einem
freundlichen Morgengru und mit glcklichem Lcheln zum Fenster
hineingereicht wurde; in einem blechernen Literma, berschumend und
warm. Sie trank hastig, und von Gesundheit bermtig und erhoben,
schritt sie bald darauf ber den Hof. Da sah sie, da es geschneit
hatte. Wie konnte nur diese feine weiche Decke von blauem Licht so
beseligen? Sie rief schon von auen her Joni bei Namen, und das Pferd
wandte sich nach ihr um, als sie den Stall betrat. Sie sattelte es
selbst, umstndlich und mit Gefallen an der Wohlbestelltheit des
wertvollen Geschirrs und des schnen hellen Lederzeugs, alles an diesen
klirrenden, starken Gerten war bedacht und zweckvoll. Die bekannten
Gerusche, der Duft des Stalls und Jonis blanke Haut, ihre zarten
Nstern und ihre kluge Anhnglichkeit taten ihr unendlich wohl.

Was kmmern mich Lumpen, Barone und Propheten, dachte sie lachend, als
sie durch das Tor in ihre herrliche Freiheit ritt.

Ihr Auge gewhnte sich an die Dmmerung, und es erschien ihr, als wrde
es rasch hell. Dazu trug das Schneelicht bei, das von der dnnen hellen
Decke emporglomm, die die Erde bedeckte. Jonis Hufe klangen gedmpfter
als sonst und lieen dunkle Tapfen auf dem Weg zurck. Sie ritt um den
Garten herum durch die kalte Morgenluft, um die Landstrae nach Wendalen
zu erreichen, ihren liebsten Weg, der sich bald in die Niederungen des
Moorgelndes senkte und zwischen Weiden und Pappeln in die Wiesen ihres
Guts fhrte. Hier hatte sie zu Beginn des Sommers Helmut zum ersten Male
gesehen:

Ich bin Afra ..., wiederholte sie mit einem Lcheln ihre Worte, die
ihn damals so bestrzt gemacht hatten.

Es war hell geworden. Der Himmel war verhangen, aus den Forsten zogen
Krhen lautlos mit schweren Flgeln ber Land. Afra sah mit heimlichem
Entzcken Wildspuren, die ber den Weg fhrten, die breiten Eindrcke
der Hinterlufe hpfender Hasen und den zierlichen Tritt des Rehs. --

Fort mit euch, ihr Gedanken voller Unfriede, ich will euch nicht in die
Natur hinaustragen, die mich erquickt. Es mu jeder seinen eigenen Weg
suchen, die Wege zur Natur stehen allen offen, in denen ihre Wohltaten
widerklingen. Pltzlich mute sie an den Marder denken, der an einem
Morgen dieses Sommers von ihrem Schrot im Gras verblutet war. -- Aja und
Fenn waren ja nicht bei ihr. -- Sie hielt Joni an. Die Nstern des
Tieres, das den schnen kleinen Kopf aufwarf und senkte, dampften in
der kalten Morgenluft ... die Gehnge der Zgel klirrten ... hatte sie
nicht gestern Paule fortgeschickt? War es nicht selbstverstndlich, da
er, nach solchen Worten aus ihrem Munde, gehen wrde, sobald der Tag
anbrach? Oder war er vielleicht schon in dieser Nacht davongeschritten,
ihm war alles zuzutrauen, er frchtete keine Unbilden der Witterung, und
fr ihn hatten die Tagesstunden keine Gesetze. Mochte er gehen, wohin er
wollte. Aber sie nahm Joni herum und ritt langsam zurck.

    Die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,
    immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.

Als sie Paule noch kaum ein paar Tage kannte, war er ihr eigentlich
schon lieb gewesen, das galt es sich einzugestehen. Er hatte ihre Fragen
eigentlich niemals klar beantwortet, aber er sprach zuweilen ber sich,
wenn sie nicht fragte, und dann war ihr gewesen, als habe er nicht
eigentlich sie gemeint. Sie sah ihn Tage tatenlos verbringen, dann
wieder stundenlang ohne Rast ber eine Arbeit geneigt, in unwirschem
Eifer, scheinbar ohne noch von der Welt zu wissen, die ihn umgab. Sie
hatte sich anfangs vergeblich bemht, die Resultate seiner einsamen Mhe
zu wrdigen, fr die er von niemand Beachtung forderte. Er zeichnete
zumeist mit seiner plumpen Kohle, die, obgleich seine Bilder alle dunkel
wirkten, zuweilen feine Schatten oder Linien hervorbringen konnte. Sie
fand die dargestellten Dinge von seinen Blttern aus mit Mhe in der
Natur wieder, wenn er sie ihr zeigte. Nur zuweilen kam es ihr aus seinen
scheinbar so schlichten Gebilden entgegen wie ein dunkler Traumruf ihrer
Erinnerung. Sie suchte betroffen in ihren Erfahrungen, fand nichts, das
dem Erfhlten zu vergleichen gewesen wre, und wute doch, da gleichsam
die Stellung berhrt und gebannt war, in der ihr Herz sich einmal
befunden haben mute, als gbe es eine tiefere Wirklichkeit als die mit
ihren vertrauten Sinnen erkennbare. Er zeichnete die Dinge nicht ab,
sondern er verwandelte sie, als gbe erst er ihnen ihre Beziehungen zum
Herzen. Und doch begegnete ihr auf seinen Blttern dasselbe, was sie
langsam, wie mit seinen Blicken, in ihrer Umwelt sehen lernte. Dann sah
sie erschrocken in seine Augen, die unaussprechlich schwermtig, aber in
strahlendem Blau, tief und gro in den Schatten unter der bleichen Stirn
ruhten und traurig und gtig dreinschauten, befangen und doch stark.

Er lie ihre Blicke nicht zu sich ein.

Wie kam es nur, da sie bei einer dunklen Zeichnung, in der nicht mehr
erkenntlich schien als eine dstere Steinmauer, die sich lang hinzog an
einem armen Weg und ber die unter einer kleinen hellen Wolke ein paar
wilde Weinbltter niederhingen, an ihre Kinderspiele mit Martin denken
mute, daran, da Graf Konstantin streng und mchtig war und da man
seine lieben Geheimnisse im Grnen bergen mute?

Selbst aus seinen kleinsten Blttern erschien ihr alles Geschaute in der
Erinnerung bermig gro. Das Bildnis eines jungen Mannes, ein zur
Seite geneigtes bartloses Angesicht, in dem unter halbgesenkten Lidern
groe und scheinbar ermdete Augen niederschauten, blieb ihr
unauslschlich im Gedchtnis. Sie verband diese Zge mit der
schwermtigen Melodie eines alten Volksliedes, und ihr war stets aufs
neue, wenn sie das Bild betrachtete, zumute, als sei sie dem
dargestellten Manne etwas schuldig, das einst von ihr gefordert werden
wrde. In der Neigung seines Hauptes lag eine Menschentraurigkeit, die
durch keine irdischen Wohltaten zu berreden war, und das verwindende
Heimweh nach dem Kinderland einer himmlischen Freude.

Als sie die Blicke nach langem Betrachten von diesem Bilde zu Paule
wandte und ihn ansah, sagte er:

Ich glaube nicht, da Schnheit den Umweg ber die Gedanken zu machen
braucht, um sich in dem hellen Brunnen des Herzens zu spiegeln.

Sie hatte ihm damals, ein wenig spter, sagen mssen:

Ich mchte, Sie htten ein Bildnis des Grafen Konstantin gemacht.

Weshalb? fragte er.

Sie besann sich. Dann meinte sie zgernd:

Damit auch fr die anderen etwas von ihm geblieben wre. --

Sie fuhr aus ihren Gedanken empor und warf zornig den Kopf zurck. Was
kmmerte das alles sie? Sie bedurfte seiner Welt nicht in der ihren.
Aber ihr Trotz stimmte sie traurig und mutlos. Ihr schien, als sei sie
nicht mehr die alte, als habe man heimlich ein bses Spiel mit ihr
getrieben und die giftige Bedrngnis des Mitrauens in ihr Herz gesenkt.
Vielleicht fehlten ihr nur die Sonne und ihre Arbeit. An Tagen wie
diesem hatte sie frher zu Fen des Grafen Konstantin gesessen und ihm
vorgelesen, seine vorsichtige Liebe hatte ihre kleinen Betrbnisse durch
die bunten Bilder seiner reichen Erinnerungen verbannt. Immer hatte er
die Stunde beherrscht, den Tag, die Jahreszeit, ihr erschien es, als sei
er ein Meister des Lebens gewesen, weil immer ein Vertrauen auslsender
Glanz von Harmonie und Kraft von ihm ausgegangen war. Auch sein Alter
lie ihn nicht rmer erscheinen, noch zurckgesetzter oder schwcher.
Wenn sie sein Dasein mit dem Leben verglich, das seine Erben fhrten,
wute sie nicht, wie sie ihrer Scham und ihrer Traurigkeit Herr werden
sollte. Ihre leidende Liebe sehnte die Gegenwart des Toten inbrnstiger
herbei als je. Es erfate sie mit wildherziger Inbrunst das Verlangen,
die Terrasse emporzustrmen und mit der Peitsche, die sie in ihrer Hand
prete, den Saal und die Stuben zu subern vom Unrat der
Schwchlichkeit, vom Moderduft des Verfalls und von der Niedrigkeit
dieser Lebensarmut.

Sie nahm das Pferd wieder herum.

Ihr bekommt mich nicht! rief sie pltzlich laut und ri den Zgel an
sich, so da Joni, die nicht an willkrliche Behandlung gewhnt war, in
ein bedrohliches Tnzeln verfiel. Afra nahm die Zgel knapp:

Gefallen dir meine Manieren nicht, Joni? Sehnst du dich nach der Gte
des Propheten oder nach Graf Helmuts gebrechlichen Knien? Oder soll dir
der Lump eine Rede ber das Galoppieren halten, um seinen Mut zu
beweisen?

Sie hieb pltzlich dem Pferd die Reitgerte von oben her ber Stirn und
Schnauze. Die Wirkung war furchtbar. Dieses edle Tier, das, wie alle
Tiere von Rasse, die sich den Gewohnheiten eines Menschen angepat
haben, mit erkennbarer Aufmerksamkeit auf die kleinsten Regungen seiner
Herrin achtete, sah sich durch diese sinnlose Willkr, in einer
Betubung von Schreck und Schmerz, einer tdlichen Gefahr ausgesetzt.

Afra war vorbereitet, und ihre angespannten Glieder fingen den ersten
Ruck mit zher Geschicklichkeit ab, aber als nun in einem rasenden
Sturmwind die Bume und Bsche der Strae zu fliegen begannen, als die
beschneite Bahn unter ihr wie ein sausendes Band erschien und das Tier
auf keine Einwirkung ihrer Kraft mehr zu achten vermochte, packte sie
der sliche, heie Schwindel einer hilflosen Preisgegebenheit. Ihr Hut
blieb zurck, ihr Haar lste sich, sie hatte kein Empfinden mehr fr den
Kraftaufwand ihrer Hnde, die in den Zgeln schmerzten, nur vom Sattel
kam ihr noch ein bedrohtes Gefhl von Zusammenhang und Sicherheit.

Aber dieser Zustand dauerte nur ganz kurze Zeit. Joni hielt die Strae,
und die Strae war lang. Das Mdchen ri ihr Knie empor und warf einen
Fu ber den Nacken des Pferdes, so da sie rittlings sa. Ein
aufgebrachter Lebenswille voll zorniger Bereitschaft zum Tode, wie nur
Jugend ihn in Augenblicken der Gefahr kennt, bemchtigte sich ihrer, und
sobald ihr beflgeltes Verlangen Joni voraneilte, gewann sie ihre
Sicherheit zurck. Sie hrte ihr Blut singen, wie den kalten Wind um
ihre Schlfen und in ihrem flatternden Haar. Ihr Kleid klatschte wie
eine Fahne im Sturm, und ihr Kinn war dicht ber Jonis Ohren. Sie sah
ihre Knie entblt in weier Umrahmung, und ein tolles Lachen, das wie
ein seliges Geschrei klang, brach ber ihre Lippen, die, zwei rote
straffe Grtel, an den Zhnen lagen und den wilden Atem ein und aus
lieen.

Ah, Joni, bist du mde? Wer ist Herr geblieben? Darf ich dich
ungestraft schlagen, wenn ich will, so viel als ich mag? Nun steh!

Sie sprang vom Sattel. Das schne Tier zitterte heftig, die Flanken
schlugen, und das glnzende Fell war ber und ber na. Aber die Nstern
waren ohne Schaum, und die Augen sahen blank und angstvoll auf die
Herrin. Afra befiel eine heie Rhrung, sie achtete nicht auf ihr
verwildertes Aussehen, sondern fhrte das Pferd rasch den Weg zurck,
obgleich ihre Knie vor Zittern fast den Dienst versagten und ihr Herz
strmte.

Wenn du jetzt kalt wirst, war es dein letzter Galopp. --

Na ja, meinte Martin, der sie am Tor empfing. Da sieht man es ...

Afra wute, da sie ihm keine Anweisungen zu geben brauchte, sie
berlie ihm das Pferd und eilte auf ihr Zimmer, besorgt, niemand zu
begegnen, kleidete sich um und ordnete ihr verworrenes Haar. Im Spiegel
sah sie ihr bses, kaltes Angesicht. Martin, der mit einer Nachricht zu
ihr wollte, wurde von der verschlossenen Tr verbannt.

Ich mu zu dir, Afra.

Jetzt nicht, geh!

Es ist wichtig.

Bleib drauen!

Den Ton kannte der Bursche. Er zog sich betrbt in sein vertrautes
Bereich zurck, das er liebte. Afra hatte ihm damals einen
Verwaltungsposten in Wendalen eingerumt, aber nach kurzer Zeit hatte
ihn Heimweh nach den Mauern von Wartalun gepackt, nach den Efeuwnden,
dem Pferdestall und der Hoflinde. Das Mdchen hatte ihm lchelnd den
Willen getan. Sie wute, da er nur in ihrer Nhe leben konnte, und
seine Anhnglichkeit beglckte sie als die einzige Menschenliebe, die
sie annahm. Aber seit Paule im Hause war, wurde Martin traurig, von
einer Verdrossenheit, die in Trotz ausarten konnte, und seine
Ziehharmonika verstummte. Dafr erlag er um so hingebender den
Verfhrungen des Weins. Nur in Stunden, in denen Afra zu Pferd mit den
Hunden ber Land ritt, wurde sein Herz glcklicher. Den Propheten hate
er grimmig, und obgleich man seine Gunst und Abneigung in Wartalun und
Wendalen sonst um seiner Fuste willen zu beachten pflegte, wurde in
diesem Fall zu seiner Demtigung nicht der geringste Vermerk davon
genommen.

Afra warf einen letzten, besinnenden Blick in den Garten, dann schritt
sie ohne Bedenken eilig ber den Flur. Die Fliesen der Halle klangen an
der Decke, an diesem grauen, leeren Morgen, es mochte gegen zehn Uhr
sein. Sonst pflegte sie bis ins kleinste ber den Gang der Zeit
unterrichtet zu sein. Der kalte Wind kam durch die weitgeffneten Tren
der hohen Treppenhalle, drauen sah sie im Schneelicht die Efeumauern im
Hof. Sie fuhr mit der Hand durch die khle, feuchte Luft, mit jener
Bewegung, die den Arm weit nach unten hin aufreckt und nach hinten
herumwirft, wie nur Leute sie kennen, die den halben Tag mit der
Reitgerte in der Hand verbringen. -- Oben stie sie, ohne anzuklopfen,
die Tr zu Helmuts Arbeitszimmer auf. Erschrocken fuhr er aus der Tiefe
seines Sessels empor und starrte sie an, sein Gesicht wurde, als er es
ihr entsetzt zuwandte, von hinten her durch das leblose Morgenlicht
beleuchtet, das matt durch die halbverhangenen Erkerfenster in den
groen Raum eindrang. Seine grauen Zge und das verlschende Glimmen in
seinen kranken Augen beschwichtigten den Sturm in der Seele des Mdchens
ein wenig. Sie atmete tief und lange und sagte dann rauh:

Ich mu mit dir sprechen.

Er erhob sich gebrechlich, stie die Haare aus der Stirn und kam seinem
Herzen mit der Hand zu Hilfe.

Du warst lange nicht mehr in diesem Zimmer, Afra.

Friedel verlt morgen das Schlo.

Wieso? Was soll das? Hat er es dir gesagt?

Ich will es.

Komm, tritt nher, Afra, sagte er und tastete unter den Verwstungen
auf seinem Schreibtisch nach seiner Brille. Es mu etwas geschehen
sein, sag es mir. Was ist geschehen?

Du verkommst! schrie sie ihn an. Ich ersticke in dem Dunst, der von
eurer Verlotterung ausgeht. Ihr beschimpft das Andenken des Grafen
Konstantin. Jeder Atemzug, jeder Blick, der von euch zu mir kommt,
erniedrigt mich!

Er hatte zu Beginn ihrer Worte, wie in einer pltzlichen Erstarrung,
sein Suchen aufgegeben, hatte sich ihr langsam zugewandt, und whrend er
die geballten Fuste gegen seine Brust prete und das bleiche Gesicht,
das von Ergriffenheit entstellt war, vorreckte, trat er langsam und
schwankend, Schritt fr Schritt, auf sie zu.

Schweig! Schweig! Da stehst du, du, und sagst das mir? Hast du das
ersonnen, entstammt das deinem Leibe, deinem Blut, deinen Gedanken,
Mrderin du?! Du hast mich zu Boden getreten, hast mir alles genommen,
was ich habe, und deinen frechen Fu auf den Quellen meines Lebens,
beschimpfst du mich, weil ich nichts mehr vermag als zu sterben ...?!
Er schien am berma seines Hasses zu ersticken.

Afra stie ihn mit ihren Hnden zurck. Seine Worte berhrten sie wie
stubender Schutt und heies Blut, aber sie machten sie nicht einen
Augenblick am Recht des Anspruchs irre, mit dem sie vor ihn hingetreten
war. Vielmehr steigerten sie sie hinauf in jenes Bereich der
herausgeforderten Seele, wo im Sturm der Not Bedrngnis zur Erkenntnis
und Zweifel zur Gewiheit werden.

Berhre mich nicht! Ich kenne die Hoffnungen deiner Hnde. Du bist mir
gleichgltig! Da du nicht stirbst, ist deine Schuld. Ich wei nur von
einer Schuld, das ist mein Mitleid gewesen. Als mich dein Jammer
berwltigte, hast du mich mit deinen Begierden besudelt.

Helmut rang mit sich um Kraft, reden zu knnen. Er beugte sich dabei
nieder und richtete sich auf, als kmpfte er unter einer schweren Last.
Dabei schluchzte er stoweise, und das Licht in seinen Augen, die Afra
nicht einen Augenblick loslieen, brannte in den Qualen eines
gemarterten Tiers, das zwischen Schmerz und Wut der Emprung erliegt.

Was ist dir geschehen? Welche Macht ist in dein Leben eingebrochen?
Herzlose! Herzlose! Oh, herzlos bist du!

Was du vermit, habt ihr mir geraubt! Ihr habt mich tglich geschndet.
Euer gieriges Elend hat meine Augen aufgezerrt. Ich Kind, ich Kind, das
ich war. Ihr habt meine Kraft gepriesen, und ich war krank vor
Bitterkeit, wenn euer Rhmen mich verhhnte. Mein Erbarmen mit dir hat
dein Blut mit schmutziger Sigkeit gefllt.

Afra, von dieser Snde macht die Liebe keines Gottes dich rein. Oh, wie
mibrauchst du die Liebe, die dir begegnet ist. Du weit nicht, was du
tust!

Ich wei es!

Du weit es nicht. Schweig! Gott im Himmel ber uns Verlorenen wendet
sein Angesicht vor Grauen von dem ab, was du tust und was du getan
hast.

Dann verachte ich euren Gott. Dann spotte ich seiner. Dann verlstere
ich seine Liebe und schnde mit meinen Hnden sein Heiligtum. Ich werde
bis an die Stunde, in der ich sterben mu, keine Gemeinschaft mit eurer
Liebe haben. Mit einer Liebe, die zur Gte zu klein und zum Sterben zu
schwchlich ist, die die Toten in ihren Grbern aufstrt und sich in den
klglichen irdischen Resten ihrer Hinterlassenschaft wlzt, die ihre
Altre in ungelfteten Zimmern errichtet und ihr krnkliches Feuer am
Unma des Weins entzndet. Ich fordere von dir, der du mich weder siehst
noch verstehst, da du dies Haus um meinetwillen suberst.

Helmut sttzte sich hinter seinem Rcken am Tisch und drohte umzusinken.
Sie hrte in der Stille, die entstand, seine klammernden, zuckenden
Finger am Holz. Sie hrte es, trotz der bersinnlichen Erhobenheit ihres
Bluts, so deutlich, als sei sie nur in diesem Zimmer, um darauf zu
lauschen. Dabei dachte sie: Fall nur! Ihr Krper war kalt bis in die
Augenlider, und ihre Atemzge kamen schwer und tief her und ganz
regelmig.

So spricht kein Mensch, keuchte er endlich; aber dann wand er sich
empor, und beide Hnde gegen sie ausgereckt, schrie er:

Geh! Hinaus mit dir, du Verderberin, du Hllische ... Du verlt mein
Schlo noch heute, hrst du, hrst du? Ich wei, was dich treibt!

Ich hre, aber ich bleibe. So erbrmlich mutest du noch werden, eine
Macht zu mibrauchen, die du nie hast brauchen knnen. Meinst du, ich
htte das nicht hundertmal eher gewollt als du? Aber ich kann nicht.
Wartalun gehrt mir, jeder Stein dieses Schlosses, jede Scholle auf den
ckern und jeder Baum, denn ich liebe Wartalun. Du kannst deine Liebe
verraten und verwandeln und schnden und schwankst zwischen
Totenlmpchen und dem Sonnenschein hin und her, aber ich kann es nicht.
Was ich liebe, lasse ich nicht. Eher wirst du die eiserne Pforte vom
Grabmal im Garten hinter mir verriegeln, ehe du mich um einen Schritt
aus der Heimat des Toten verbannst. So nimm mir doch Wartalun, wenn du
es wagst!

Sollte es ... oh, du wirst sehen. Sollte es keine Macht geben, dir zu
weisen, wie weit deine Rechte gehen?! Warte eine Stunde ...

Fr dich gibt es diese Macht nicht.

Du sollst sehen!

Weit du nicht, wer am Tor stnde, um mich zu halten, wenn ich ginge?

Oh, du weit meine Liebe zu dir als Waffe gegen mich zu brauchen!

Du lgst! Ich verteidige mich, du drngst mich in solche Not, in der
ich nach diesem Mittel greifen mu, um zu hten, was mein ist. Hasse
mich, das ist das Recht der Furchtsamen, ich brauche deine Achtung
nicht. Aber was mich von Gottes wegen an dies Schlo bindet, wirst du
achten mssen. -- Ja, so hre es heute: ich will es haben. Ich will
reich werden, weil ihr arm seid. Verstehe es, wer will, aber httet ihr
nur einen meiner Wnsche nach eurer Kraft und eurem Herzen erfllt, so
wrde ich euch eure Schollen und Scheunen gelassen haben, euer Schlo
und euer Gold. Aber so nicht. Ihr habt mich dorthin gezerrt, wo solche
Werte gelten, nun fhlt, da nicht einmal sie euch zukommen. Mich hat
nach keiner Frucht im Garten und nach keinem Halm auf den Wiesen
verlangt, solange dies Land seinen starken Besitzer hatte, dessen
Herrensinn mir mehr bedeutete als das Vergngliche, darin er sich
bewhrte. -- Aber du bist ein verlotterter Schwchling. Die Erde, die dir
gegeben ist und die ihre Rechte fordert, steht gegen dich auf, nicht
ich.

Helmut sah Afra mit groen, entgeisterten Augen an, alles Leben, jede
Kraft schien aus seinen Zgen gewichen, selbst sein dumpfes Bewutsein,
da ein richterliches Wort ihn traf, war nicht mehr stark genug, ihn
zwischen Ha, Demut und Begierde zu schtzen. Er keuchte:

Da ich nicht leben soll, um den Menschen sagen zu knnen, da es dich
gab, da du lebtest, ttetest ... weies Feuer du! Aus diesen nackten
Fackeln kam Gottes Gerechtigkeit zu mir ...

Pltzlich schrie er laut:

Menschen! Menschen herbei. Ich will zurck. Ich kann nicht sterben! Die
Finsternis steigt! Ich will, da man mir hilft ...

Afra stand starr wie eine Bildsule vor ihm, das Erbarmen, das in ihrer
Seele emporstieg, erstickte in ihrem Abscheu. Eine Macht ihres Blutes,
die sie nicht kannte, hinderte sie daran, hilfreich zu sein oder sich in
Mitleid herbeizulassen. Mag es zum Tode fhren, dachte sie, auch zu
meinem, er wird das Schlimmste sein, und ihn kann ich hinnehmen. Ihr
war, als wrde sie ihr ewiges Heimatsrecht an die Lichtwelten ihrer
Zukunft verwirken, wenn sie nur einen Schritt noch in das Bereich dieses
Versinkenden tat, dessen Gebaren ihr Grauen einflte, ja Todesangst.

Da tauchte, ihren geistigen Augen deutlich sichtbar, ein unerwartetes
Bild vor ihr auf und lie sie hei erschrecken. Sie sah pltzlich Paule
in einem Schmerz niedersinken, der der Qual Helmuts zu vergleichen war.
Sie erblickte sein leidendes Angesicht, verzerrt von irdischer
Menschenbedrngnis, von Leidenschaft zerrissen und ohne Halt, ohne
Hilfe. Nie, nie darf's so sein, rief es in ihr. Ich will mich vor
alles stellen, was dich qulen knnte, nichts soll dich erniedrigen,
solange ich atme und solange ich mich bewegen kann, nie darfst du
gedemtigt dastehen, ich wrde sterben.

Nun war ihr, als verstnde sie Helmut in einem besser, als alle anderen
ihn jemals wrden verstehen lernen; darin, da Menschen nicht sagen
knnen, was ihr Herz versehrt und zertrmmert, ja auch nur, was es in
seinen Tiefen bewegt. Niemals und niemandem. Da eine eherne Scheidewand
zwischen den Seelen der lebendigen Menschen aufgerichtet ist und da
jedes Leibesblut seinen eigenen Takt schlgt und da das Angesicht,
entstellt von Traurigkeit, nur sein schweres Lcheln zu den rankenden
Blten emporsenden kann, die sich ber die hohen Schranken fr kurze
Zeit in der irdischen Sonne niederneigen.

Da erwachten ihre Sinne zu einem Erbarmen, das Helmut nicht meinte, ja
das ihn kaum kannte, sondern das ihr erstes bitteres Gemeinschaftsgefhl
mit den Irdischen darstellte. Es wehte ein Geruch jener hellen Blten zu
ihr nieder, die die Menschenkinder die Finsternis ihres Alleinseins
vergessen lassen. Und whrend ihre Seele die erwachenden Augen ber das
Meer ihres eigenen Schicksals erhob, noch benommen von heimlicher Furcht
und heraufdmmernder Himmelshelligkeit, sagte sie rasch und hilflos die
Worte, die ihr selbst fremdartig und ungewollt erschienen:

Ich bin gut, hre mich an, gut bin ich! Leb wohl. Verklag mich nicht,
denn wer kann bestehen, ohne zu tun, was seine Pflicht ist?

Sie verstand seine Antwort nicht, denn sie verlie nach diesen Worten
das Zimmer. Auch sagte er nur:

Wer bestehen kann? -- Wenn du bestehst, soll alles gut sein, meine
Pflicht ist, davonzugehen.




Sechzehntes Kapitel


Benvenuto Paule hatte in der zurckliegenden Nacht einen kurzen Brief an
Afra geschrieben und sich nach zweistndigem Schlaf erhoben, um das
Schlo zu verlassen. Eine seiner Zeichnungen, jenes Bild eines jungen
Mannes, das Afra kannte, hatte er auf einem Tisch, mit dem Brief
zugleich, fr das Mdchen zurckgelassen. Seine geringen Habseligkeiten
trug er in einem Bndel ber die Schulter geworfen, und eine groe graue
Mappe mit seinen Zeichnungen und sein Stock waren alles, was er sonst
mit sich davontrug. Er ging, wie er gekommen war.

Im dsteren Zwiegesprch mit seiner Seele schritt er dahin durch das
Dmmerlicht der grauen Nacht, in der es schneite, die den Morgen nur
zgernd ber die Erde herablie. Das ebene Land, dessen Horizonte im
Nebel zerflossen, war von unaussprechlich trauriger Einfrmigkeit,
nichts erklang umher, alles schlief, nur seine Schritte auf der
Landstrae erschollen, gedmpft von der feinen blulichen Decke des
ersten Schnees.

Hinter ihm versank Wartalun in einem uferlosen Meer von Grau, das keine
Ksten und keine Horizonte hatte, keinen Grund und keinen Himmel. An
einem Herbsttag voll Klarheit und Abendsonnenschein war es ihm
auferstanden mit seinen festen Mauern und seinen gesicherten Trmen, im
Schutz der groen Eichen, im Spiegel der blanken Wassergrben, darin die
groen Bltter der Ahornbume schwammen. Es war ein weltabgeschlossenes
Reich gewesen, wie es von den Trumen der Menschen gesucht wird, die am
Unfrieden und an der Bosheit der Stdte und aller lauten
Menschengeselligkeit leiden. Fr ihn selbst war Wartalun der Begriff
seines Schicksals geworden, Wartalun hie sein irdisches Los.

Aber die Gedanken des einsamen Wanderers, mit denen er sich Kraft und
Halt zu geben hoffte, verirrten sich bald in einem warmen Sturm, der aus
den Landschaften seiner Seele daherwehte und ins Reich des Unbewuten
hinberfhrte. Unter seinen Verfhrungen erblindeten die wachsamen Augen
der Seele.

Er blieb auf dem Wegrand stehen, auf dem er in der trben
Morgendmmerung dahinschritt, schlang seinen Arm um den Stamm einer
nassen Esche, die dort am Graben der Strae wuchs, legte seine bleiche
Stirn auf den Rcken seiner Hand und weinte. Der kalte Morgenwind des
verlassenen Landes kam zu ihm, und sein Schluchzen vermischte sich mit
den Atemzgen des erwachenden kurzen Tags. Die winterlich entschlafene
Erde hrte ihn nicht, und die erstarrten Pflanzen harrten reglos ihrer
eigenen Erlsung. --

Der Brief, den er an Afra geschrieben hatte und den das Mdchen auf
ihrem Zimmer fand, als sie Helmut nach jener verhngnisvollen
Auseinandersetzung verlassen hatte, lautete:

    Leb wohl, Afra. Ich wnsche ber Dein Haupt und ber Dein Herz das
    Edelste, was der Himmel einem jungen Weib zu geben vermag. Es wird
    Dir zuteil werden, weil Du reich und stark bist. Nun, da ich mich
    fr immer von Dir getrennt habe, begehe ich keine Schuld mehr gegen
    meine Pflichten, wenn ich Dir sage, da ich Dich von ganzem Herzen
    liebhabe und da ich keine andere Frau lieben werde, nur Dich. Du
    begleitest mich als die Hterin meines Verlangens nach dem
    Vollkommenen.

    Es ist von Reichtum und Armut zwischen uns die Rede gewesen, und ich
    habe die Worte Deines vterlichen Freundes von Dir gehrt, der
    begraben liegt, ich habe Dein befangenes Suchen nach dem Sinn
    solcher Worte empfunden. So hre nun: Die reichsten Menschen
    erscheinen unbekannt und verlassen, sie haben nur geringe Rechte auf
    der Erde, aus deren klingendem und farbigem Jubelzug von Freude und
    Gelingen sie verstoen sind. Ihr Name ist Unfriede, Sehnsucht,
    Heimweh und Vollendung. Ich bin
                                                   Benvenuto Paule.

Als Afra die Worte des Mannes las, der sie verlassen hatte, war ihr, als
griffen zwei starke Hnde nach ihrem Herzen. Sie wute nicht, ob sie
Schmerzen durchlitt oder brennende Freude, nur die hellen Wirbel
strmten durch ihr singendes Blut, die einem Menschenkind das erste
Bewutsein eines groen Erlebnisses bringen. Als wendete das Leben, dies
unfabare Etwas, das Leben genannt wird, sich pltzlich nach ihr um,
begabt mit Sinnen, wie mit einem Angesicht und mit eindringlichen Augen,
wie Menschen sie haben, und riefe laut: Ich meine dich! Hast du nicht
auf mich gewartet? Hast du nicht nach meinem Sinn geforscht? Sieh, da
bin ich.

Es erschien Afra in diesem seltsamen Zustand glhender Beteiligtheit
pltzlich, als lge alles, was sich bisher ereignet hatte, weit hinter
ihr, tief unter ihr, in groen entstellenden Abstnden, die es
fremdartig, klein und grau werden lieen. War es nicht lange, lange
her, da sie mit Helmut harte Worte gewechselt hatte? Der kurze Weg
durch das Haus, von seinem Zimmer bis zu dem ihren, war eine lange
Strae, auf deren leerer Bahn sie vergessen hatte, was bisher wichtig
und bedeutungsvoll fr sie gewesen war. War denn sie es gewesen, die
sich so heftig ereifert und sich so ungebrdig gestellt hatte in
Befrchtungen, Absichten und Taten? Um was nur, um was?

Erst als sie den Brief ein zweites Mal las, kam von allem, was ihr
vergangenes Leben bewegt hatte, ein einziges zu ihr, es kam in Gestalt
eines Engels ber die verlassenen Gefilde ihrer Mdchentage, aus Tlern
und Tiefen, ber die hellen Hhen, ber Rosen und Schutt daher, fernher
aus den lieblichen Grten ihrer schnen Kindertage. Und dieser Engel
zeigte ihr in den rauhen, unbeholfenen Schriftzgen das groe Herz des
Mannes, der ihr schrieb. Mit einer leichten Berhrung seiner blassen
Hand lste er die Trnen ihrer Augen, richtete ihre Hoffnung zu
heldenhafter Siegesseligkeit auf und wies ber die winterlichen Felder
hinaus auf den Unfrieden, die Sehnsucht und die Vollendung auch ihres
Daseins.

Es hinderte sie kein Gedanke und keine kleine Furcht, es erschien ihr
das Eine, Groe, Notwendige ihres Wesens, da sie sich aufmachte, um den
Weg in dies Land zu finden. War diese Pflicht ihr nicht schon seit
langem eine dunkle Gewiheit des Bluts, der nur die befreiende Kraft
jenes Lichts gefehlt hatte, das aus den Worten brach, die von Paule
kamen und ihr galten: Ich liebe dich von ganzem Herzen --?

Martin war ehrlich emprt, als Afra nach kurzer Zeit wohlgerichtet und
mit Entschlossenheit aus ihrem Zimmer trat und Joni forderte. Bei ihrem
ersten befehlenden Wort verga er seine heiligen Vorstze, das Schlo
fr immer zu verlassen.

Afra, aber das geht nicht! Bedenke, Joni ist durch und durch aufgelst.
Sieh dir das Tier an, es zittert noch am ganzen Krper, drben wird es
bewegt, komm, sieh ...

Nein, sagte Afra, ich will es haben. Bewegt werden mu es doch. Wenn
es nicht so viel aushlt wie ich, will ich es nicht mehr reiten.

Martin mute Afra wieder und wieder anschauen. Was war nur in ihrem
Angesicht fr ein feierliches Leben? Es erschien ihm wie eine liebliche
Freude, und doch war es voll bedrohlicher Willenskraft. Nach ihren
letzten Worten galt es fr ihn, Joni zu verteidigen:

Glaubst du, sie hielte nicht aus? -- Ganz andere Sachen! Hast du eine
Ahnung, was so einem Tier zuzumuten ist. Aber wozu? Willst du denn
berhaupt schon wieder fort?

Also, nicht wahr, in fnf Minuten ist Joni bereit?

Eher, eher, du kannst tun, was du willst.

Er lief fort, aus Grnden frhlich, die er nicht verstand.

Afra stand gerade und still im Hof, ihr kurzes Tuchkleid lie die
schmalen Stiefel bis ber die feinen Gelenke empor sehen, sie hatte den
einen Fu vorgestellt, hielt mit dem Ellbogen die Gerte an die Hfte
gepret und knpfte ihre hohen Reithandschuhe. Es schien, als wollte die
Sonne durch die Wolkenschleier brechen, es war lichter umher in der
Welt, als der Morgen versprochen hatte, und die Schneedecke war
geschmolzen. Aber kalt war es immer noch, der nasse, leere Park lag
erstorben. Afra sah noch die Spitzen der Tannengruppe, unter der Graf
Konstantin ruhte. Es ergriff sie ein Taumel von Erhobenheit, Wehmut und
Kraftbewutsein. Sie starrte hinber, und pltzlich war ihr, als she
sie von verworrenen, bunten und heien Gebirgspfaden in ihr ruhiges Land
zurck. Was tat sie nur? Was wollte sie denn, welch ein Vorhaben
entflammte ihr Herz?

Leb wohl, Afra, sagte sie da leise zu jenem Mdchen hinber, das sie
einst gewesen war, bis heute.

Die Saaltr klirrte. Sie mute verschlossen sein, denn das Rtteln hrte
auf, und nun vernahm sie Melchiors Schritt im Gang zum Flgel des
Schlosses. Er schien zu eilen. Da die Fenster ihres Zimmers geffnet
waren, hrte sie, wie er an ihre Tr pochte. Erst leise, dann heftiger.
Endlich ffnete er vorsichtig, und sie sahen sich durchs Fenster.

Ach, da bist du ... drauen ... rief er. Warte noch, ich komme.

Sie blieb stehen und senkte die Augen. Nun schritt er rasch auf sie zu,
er kam aus der Kchentr.

Afra, der Herr bittet dich sehr, zu ihm zu kommen.

Das junge Mdchen dachte:

Und wenn ich nun Paule nicht finde?

Ja, ja, sagte sie.

Wann kommst du, kommst du gleich?

Wieso? Was denn? Wer will etwas von mir?

Der Herr. Er bittet dich, zu kommen. Melchior sah Afra angstvoll an.
Sie empfand nun, da er erregt und traurig war.

Ich komme nicht.

Du kommst nicht? Ich glaube, du mut es tun, denn es steht bse um ihn.
Ich bin voll Angst um sein Ergehen ... schon seit langem.

Es kann nur der Weg nach Wartaheim sein, dachte Afra und atmete auf. Da
kam Martin mit Joni. Das Pferd erschien ihr kleiner als sonst, es hielt
seinen Kopf tief gesenkt, hob aber doch witternd die dunkle Schnauze,
als Afra ihm entgegentrat. Melchior lief mit:

Wie denn ... stammelte er ratlos, du kommst nicht?

Nein, ich kann nicht. Sag dem Herrn Grafen, ich knnte nicht, meine
Pflicht riefe mich. Verstehst du, nur dies. Und gr ihn und wnsch ihm
Lebewohl. Ich kme nicht wieder.

Was bedeutet das?

Tu, was ich sage!

Afra, das ist bse von dir. Sei barmherzig ... Wie soll es denn
werden?

Afra winkte Martin. Er richtete ihr den Steigbgel fr den Fu und seine
Schulter fr ihre Hand. Eilfertig, wie er stets war, wenn es ihm galt,
Melchior zu zeigen, wie man Afra gehorchen mute und wer von ihnen ihr
unentbehrlicher war.

Aber der alte Melchior hatte in diesem Augenblick keinen Sinn fr
Wettbewerb und dachte nicht an sein Ansehen. Mit einem tiefen Seufzer
und nach einem trostlosen Blick in den grauen Tag hinein, schritt er
langsam ins Haus zurck. Er wute, da alles Bemhen, Afra umzustimmen,
nur ihren Eigensinn verdoppelte. Das groe Schlo war leer, und sein
mder Schritt hallte angstvoll wider ...

Afra wute, da eine Gewalt sie fhrte, die strker als sie war. Sie
fhlte den kalten Wind an ihren Schlfen und sah die Wolken dahinziehen.
Das Land, das sie durchritt, war ihr bekannt, aber alles, was ihr
geschah, war von sinnbetrender Eindringlichkeit, so da ihr Urteil
nicht mehr zwischen klein und gro, zwischen wichtig und unwichtig und
zwischen Wirklichkeit und Vorstellung zu unterscheiden vermochte. Und
dieser Zustand wechselte mit Augenblicken so nchterner Klarheit ihrer
Gedanken, da sie das Tun ihres Herzens bedacht und selbstschtig
schalt. Sie verachtete sich in ihrem Vorhaben und schrzte spttisch
ihre Lippen ber den falschen Aufwand von Hingabe, der sie begeisterte,
und ber ihr kindliches Gebaren, das sie einem gewagten Spiel verglich
und von dessen Ausgang sie sich einreden konnte, wie immer er sein
mchte, so wrde es ihr zum wenigsten doch einige Unterhaltung bringen.
Und im lauen und strmischen Wechsel der Beschaffenheit ihrer Seele
mute sie beharrlich an vielerlei Erlebnisse ihrer Vergangenheit
denken, und immer waren es solche, die sie tief bewegt hatten. Sie sah
Elsbeths unstete Hand, wie sie gengstigt den Rand des Tisches entlang
glitt, das mute gewesen sein, als sie in jener Nacht ihre dunklen
Anklagen hufte, mit jenem von Gram und Hilflosigkeit entstellten Mund,
den der Tod nun schon lange geschlossen hatte. Dann war es Friedels
Geige. Sie glnzte braun und spiegelte die Kerzen; unter den Saiten,
dort, wo sie der Bogen strich, lag eine feine, weie Staubschicht. Das
Kerzenlicht blinkte in den schlanken Weinkelchen mit ihren tiefen,
satten Farben und ihrem hellen Gold. Wie Edelsteine glnzten diese
Farben im Glas, sie leuchteten von innen her, als htten sie eigenes
Licht, und ihr Rot und Blau und Grn war keinen anderen Farben zu
vergleichen, vielleicht noch dem beseelten Feuer, das aus den Bildern
der Kirchenfenster drang. Dann sauste das Land, sie sa Joni wieder
rittlings im Nacken, ihr Kleid klatschte wie eine nasse Fahne im Wind,
sie wurde in ruckweisen, schaukelnden Sten dahingerissen, und ihr war
wieder, als sei sie auf einer Flucht um ihr Leben.

Dicht vor Wartaheim befiel sie eine brennende Unruhe. Sie setzte Joni in
Galopp, bis sie unter den Linden des alten Gasthauses war. Dort hielt
sie an, ohne abzusteigen. Man sah sie durch die niedrigen Fenster der
Wirtsstube, die von Efeu umrahmt waren und im Schatten des tiefen Dachs
lagen. Ungeduldig hieb sie die Reitgerte ber den Sattel, da es laut
schallte. Der Wirt trat selbst heraus, er trocknete seine Hnde in
einer blauen Schrze, die in der Mitte einen groen nassen Fleck hatte,
und verbeugte sich tief, ohne dabei den Blick zu senken. Anfangs
verstand er sie nicht, und da er annahm, es handelte sich wohl um die
gewohnten paar herablassenden Worte, stammelte er einige gleichgltige
Stze ber die Ehre, die ihm geschhe, und ber die kalte Witterung.

Er zuckte zusammen, als Afras Stimme wieder klang.

Wie? Wird etwas verlangt? Das gndige Frulein befiehlt etwas?

Hr zu, wenn ich spreche. Schwatze nicht, sagte Afra kalt, ich will
wissen, ob der Freund des Herrn Grafen bei dir gewesen ist?

Der Prophet ... entschuldigen Sie, Herrin -- ja, der Herr ist hier
gewesen ...

Afra sah pltzlich das Haus in tausend hellen Farben, die Sonne schien,
die ganze Welt war voll Frohsinn und Gte. Sie lachte beglckt auf:

Wo steckt er denn, der Prophet?

Der Wirt lachte mit, augenscheinlich recht befreit, und meinte, ohne
Bedrcktheit und um vieles freiheitlicher:

Er ist davon, nach Cismaren. Noch nicht zu lange ... Er hat sehr auf
Sie gewartet, Frulein Afra.

Hr, woher weit du das?

Der Alte bewegte die flache Hand ber der Stirn, wandte sich der
Landstrae zu und blickte wie suchend in die Richtung nach Wartalun:

Er hat nach Ihnen ausgeschaut.

Im Hausgang hatten sich Gesinde und ein paar Gste der Wirtsstube
angesammelt, auch an den Scheiben sah Afra brtige Gesichter. Auf der
verwitterten Futterkrippe am Schlagbaum saen Sperlinge, und neben dem
Eingang lagen leere Fsser.

Bring mir ein Glas Milch, willst du?

Ob ich will! -- Gleich ist es da.

Er eilte davon, so rasch es ihm seine beschaulichen Gewohnheiten
gestatteten, aber befangen blieb er doch. Afra empfand es deutlich, es
drang von den Ereignissen in Wartalun zu viel in entstellenden Gerchten
unter die Leute. Das Leben, das im Schlo gefhrt wurde, erschreckte die
Landbevlkerung; ihre aberglubische Besorgnis sah in den
unverstndlichen Schicksalen das Walten finsterer Mchte, und es war
lngst Gewiheit geworden, da Tote im Schlosse umgingen und bse
Geister ihr hllisches Spiel dort trieben. Und wie es oft im
Verwirrenden solcher Befangenheit geschieht, sah man im Unschuldigsten
den Urheber allen Unheils. Paules fremdartiges und verschlossenes Wesen
erschien den meisten der Ursprung des Verderbens. Man wich ihm um so
mehr aus, als bekannt wurde, da Afra in seinen Bann geraten sei. Das
Schlogesinde erzhlte unerhrte Tatsachen seiner geheimen Macht ber
das junge Mdchen, das niemand jemals gefgig gekannt hatte.

Davon war auch in der Wirtsstube die Rede, als Afra auf Cismaren zu
fortgeritten war. War nicht durch diesen Vorfall die schlimmste
Befrchtung erwiesen? Sie mute ihm folgen, wohin er wollte, sein
bsartiges Spiel mit ihrer Seele trieb sie rastlos hin und her, und
sicherlich war Iduna im Recht, die erzhlt hatte, er wrde noch das
ganze Schlo in seine Gewalt und in seinen Besitz bringen.

Woher mochte diese Macht kommen, die keinem erklrbar schien? -- Er
schritt mit seinen versonnenen Augen arglos dahin, bald hart und fest,
die Stirn im Licht, dann wohl auch gebeugt und fast armselig, wie einer,
den die Welt verstoen hat und der seine Wirkungen verachtet. Und doch
ging etwas von ihm aus, das seltsam einschchterte, das ein Besinnen
nach den eigenen Zielen und nach dem Wert des eigenen Besitzes wachrief.
Mit dem Aufschlag seiner Augen wurde umher ein Wille lebendig, der alle
kleine Kraft verchtlich machte, es fand mit ihm eine heimliche
Umwertung statt, und ein Verlangen wachte auf, das seinen Ursprung in
der Kindheit hatte und dessen Ziel mit aller Hoffnung der Zukunft
verwoben schien. Er hatte recht, wenn er sprach, und beinahe eher noch,
wenn er schwieg. Schn und hlich vernderten vor ihm ihr Angesicht und
arm und reich ihren Wert. Sein Urteil konnte das Herz in wilde Trauer
werfen und war so unvergelich wie das Wesen und die Gestalt seiner
Hnde.

Das mochte man wohl feststellen und bedenken, dieses und mancherlei
mehr, je nach dem Ma von Anspruch und Erkenntnis, aber die Lsung der
Rtsel seiner Wirkung war damit nicht gegeben, denn die Menschen wissen
nicht, da alle bedeutungsvolle Einwirkung allein aus dem
unverflschbaren Wert eines groen und guten Herzens stammt. So wurde
Zweifel zu Ha oder Liebe, aber bald gewahrte man, da im Grunde
diejenigen geachtet wurden, die ihn liebten.

                    *       *       *       *       *

Mit der Neige dieses Tages war Paule in einem Gasthaus eingekehrt, das
an einem Tannenwldchen, nahe der Landstrae, zwischen Wartaheim und
Cismaren lag. Die Herberge war wenig besucht und erfreute sich keines
besonderen Ansehens. Nur an schnen Sommertagen waren die Tische und
Bnke unter den tiefstigen Kastanien zuweilen von allerlei leichten
Gsten bevlkert, deren Ziel die Hoffnung auf bessere Zeiten und deren
Heim die Landstrae war. Auch kehrten Fuhrleute dort ein, wenn die Nacht
sie berraschte, denn bis Cismaren waren es noch zwei volle Stunden
Wegs. Der Ruf der Schenke und ihres Eigentmers war unter Menschen
wohlgeordneter Lebensfhrung der denkbar geringste, es ging das Gercht,
da dort vor Jahren ein reicher Viehhndler eingekehrt und seit jener
Nacht spurlos verschwunden war. Da die Anner dicht am Hofe vorberflo,
lag der Schlu nahe, da der Leichnam des Ermordeten sein Grab im trben
Frhlingswasser des Flusses gefunden hatte. Das Gasthaus fhrte den
seltsamen Namen Die Knickburg.

Dort war Benvenuto Paule eingekehrt. Ihm gefiel das vom Tannenwald halb
versteckte Haus, das flache Fluufer und das Silberband des Wassers
hinter den Weiden. Von dem kleinen Zimmer aus sah man ber das ebene
Land hin und hrte den Wind in den Tannen. Wartalun war im Grau der
Abendferne versunken. Er war noch nicht lange dort, als er den Hufschlag
eines Pferdes auf der Landstrae vernahm, und von einer heien
Befrchtung befallen, stand er mitten im Zimmer und lauschte. Er faltete
seine Hnde und horchte auf die dumpfen Ste seines Herzens und
lchelte geringschtzig ber sich und wollte nicht glauben, wieviel
Hoffnung sich hinter seiner Furcht und wieviel Schwche sich hinter
seinem starken Willen verbarg.

Und dann kamen Schritte nher. Das etwas krchzende Organ des Wirtes
erscholl auf der Holztreppe, eine helle, klare Stimme fiel ein. In
goldenen Strmen sank es vom Himmel auf Haupt und Herz des Mannes
nieder, der sie hrte. Nie, niemals in seinem Leben ist er so glcklich
gewesen.

Als sich nun die Tr ffnete, sich rasch wieder schlo und Afra vor ihm
stand und das Lebenslicht ihrer hellen Augen seine Seele rief, ihn
selbst, sein ganzes Wesen, restlos bis in die Verborgenheit seiner
einsamsten Erwartungen, wute er pltzlich in der Verzcktheit einer
grenzenlosen Traurigkeit, da der Weg durch das Tal der Welt durch ein
leuchtendes Tor von Rosen fhrt.

Er ri Afra an sich und prete sie an seine Brust mit der Kraft seiner
Arme und von einem Feuer entflammt, das ihn zu betuben drohte. Er kte
ihren Mund und ihr Angesicht, ihre Wangen und ihre Stirn, als wre die
Hingabe seines Wesens zugleich eine todeszrtliche Abwehr gegen ihre
groe liebliche Macht.

ber Afras harten Augen, die sonst wie heller Stahl glnzten, lag Marias
Schleier. Ein Triumph der Hingabe verklrte ihr weit zurckgeworfenes
totenbleiches Angesicht. Ihr Mund mit seinen halbgeffneten Lippen
schien einen Kelch von grauenhafter Sigkeit zu schlrfen, derweil ihre
Hand das Herz schtzte, aus dem ihr Blut in Strmen rann.

Drauen lag das Land in Dmmerung. Der gelbe Abendhimmel stand im Wasser
des Flusses und in den stillen Tmpeln der Wiesen. Die reglosen
Baumgruppen unter den Schleiern der feinen Nebel, fern in der weiten
Ebene, sahen wie graue Kuppeln verlassener Kapellen aus. Vereinsamt
wartete die Welt auf die khle Nacht. Am Horizont, im Abschiedsfrieden
des winterlichen Tags, von Licht gerndert, stand eine zerklftete
Wolke, die wie ein riesengroer Vogel aussah, der der dahingesunkenen
Sonne folgte.




Siebzehntes Kapitel


Noch bevor die Abenddmmerung ganz verglommen war, schritten Afra und
Paule die leere Landstrae auf Wartaheim zu. Joni blieb in der
Knickburg.

Afra machte sich pltzlich von seinem Arm frei:

Still! Horch. Hrst du die Pferde auf der Strae? Auch die Lichter
nahen.

Nein, das sind die Lichter von Wartaheim.

Aber hrst du denn nicht?

Geliebteste ... ach, wre die ganze Erde leer von Menschen.

Es ist sicher ein Wagen, Benvenuto. Afra nahm ihren Hut ab und
schttelte mit einem zitternden Lachen der Ergriffenheit ihren Kopf.

Ich werde mich besser nicht ins Licht stellen, sagte sie. Sie schaute
sich um. Zur Rechten lag eine schwere Mauer aus dunklen Tannen, und zur
Linken hoben sich unsicher und schleierhaft die Umrisse von Birken gegen
den helleren Himmel ab.

Es ist unser Wagen, sagte sie nach einer Weile schweigenden Lauschens
nachdenklich. Ob sie uns suchen?

Vielleicht dich, Afra.

Der Wagen kam nher. Afra zgerte, was zu tun sei, dann sagte sie
schnell:

Tritt du zur Seite. Ich schicke dir spter die Pferde nach Wartaheim.
Es ist besser, sie finden hier nur mich. Dann besann sie sich pltzlich
und nderte rasch ihren Entschlu:

Nein, du bleibst. La sie denken, was sie wollen. Ich werde tun, was
ich will. Wer knnte es auch sein. Nur Helmut darf nichts ahnen,
verstehst du mich, Benvenuto?

Ja, ich verstehe dich. Er wrde leiden.

Leiden? Ja, auch das. Ach, Geliebter, was ist mir geschehen?

Er antwortete nicht.

Der schnelle Trab der Pferde schlug nah und deutlich an ihr Ohr. Nach
einer Biegung der Landstrae kamen die beiden Lichter heran, sie
beleuchteten die Wegstrecke zwischen den Wartenden und dem Gefhrt, so
da man die nassen Bltter liegen sah und die Furchen und Wagenspuren
deutlich erkannte.

Afra trat in den heranflackernden Lichtschein. Klang nicht Gesang aus
dem Wagen, oder war es ein Wimmern?

Martin! rief sie laut. Und dann: Halt an! Warte!

Den Pferden wurden beim Klang dieser Stimme die Kpfe emporgerissen, man
sah deutlich, da der Kutscher heftig erschrak und die Zgel viel zu
hart anzog. Die Tiere stemmten die Fe unruhig ein, und die Deichsel
des nachdrngenden Wagens hob sich zwischen ihren Kpfen.

Ein Bursche sprang vom Bock. Afra erkannte einen der Stallknechte. Er
ri den Hut herunter, als er sie erblickte, und Afra bemerkte, ehe er
sprach, da sein Gesicht verstrt war, da sein Kopf ganz verwstet
aussah und da seine Augen in ruhloser Angst wie nach Hilfe ausschauten.
Da er dicht neben der Wagenlaterne stand, erkannte man seinen Ausdruck
deutlich, und so kam es, da Afras Frage hastig und bestrzt klang:

Wohin willst du? Wen fhrst du?

Herrin, da sind Sie! O Gott, endlich ... der Herr ... der Herr ...

Das Wagenfenster wurde niedergestoen: das war Friedels Stimme. Er
schien niemand zu erkennen:

Schert euch zum Teufel, Gesindel! Kennt ihr den Schlowagen nicht?
Haltet mich nicht auf. Marsch! Platz!

Warte noch, sagte Afra ruhig.

Ein Ausruf des hchsten Erstaunens klang wie ein Fluch, dann machte sich
von innen eine Hand in erregter berstrzung am Wagenschlag zu schaffen.

Was ist geschehen? fragte Afra den Knecht.

Er hatte sich abgewandt, die Hnde vor dem Gesicht.

Der Herr, der Herr ... hrte Afra.

Nun war Friedel drauen. Er schlo die Wagentr besorgt und hastig
wieder und stellte sich davor auf. In seinem Gesicht lagen hchste
Anspannung, eine wilde Schadenfreude und ein an Gestrtheit grenzender
Aufruhr.

Ah, Afra -- da bist du! So, hurra! Es lebe die Herrin von Wartalun!

Bist du toll geworden? Hast du getrunken? Soll ich die Peitsche
nehmen?

La sie stecken, du hast genug getan. Wundert dich, da ich vor Lachen
nicht sprechen kann?! Gott bewahre dich davor, da du dies Lachen
kennenlernst. -- Wie? Heda! Wer steht denn da im Dunkeln? Hast du den
Teufel in Person bei dir? Ah, der Prophet ...

Da stand Afra steil vor ihm.

Sprich! Gleich! Wohin willst du? Was ist in Wartalun geschehen? Wenn du
noch ein unntiges Wort sagst, la ich dich hier auf der Strae stehen
und kehre mit dem Wagen um.

Recht so! Du fehlst auch schon lange im Schlo. Man hat wohl zwei
Stunden lang nach dir geschrien, bis man an seinem Blut erstickte. Was
geschehen ist?

Friedel konnte nicht weiterreden, es schien in der Tat, als rnge er
innerlich gegen eine Finsternis, die ihm die Sinne auslschte. Er
bewegte nur die Fuste hin und her. Afra sah es im rtlichen Licht der
Laterne. Dann tippte er wie ein Besessener mit dem Zeigefinger auf seine
linke Brust und stammelte endlich mit einem hlichen Keuchen:

Da hindurch! Zweimal hintereinander und am Rcken glatt heraus! Durch
und durch geschossen! Alles rot umher, im Zimmer gleitet man aus. Du
siehst ihn nicht mehr und er dich nicht mehr. Melchior hat ihm schon
seine Augen zugedrckt.

Afra trat langsam zurck, einen Schritt, zwei Schritte. Sie stie auf
Paule.

Entschuldigen Sie ... sagte sie deutlich.

Ein Pferd hob den Kopf und schttelte ihn schnaubend.

Afra empfand zuerst nur eins mit tiefem Ekel, da Friedels Atem nach
Wein roch und da er betrunken war. Dann wurde es pltzlich in ihr wach,
wie unter einem jhen Lichtschlag, und mit dieser unnennbaren
Erkenntnis, die sie berfiel, war ihr, als zerrisse in ihrem Innern
etwas fr alle Zeit.

Friedel war wieder in ihrer Nhe:

Sieh dich um, du Meisterin der Lebenskunst, du Begnadete unter den
Reichen. Alles, was du umher siehst oder weit -- alles, bis an die
Wlder von Wendalen und die Annerwehr, alles ist dein. Er hat nicht
dahinknnen, bis es fr unseren rmlichen Zeitlauf klare Sicherheit war,
da alles dein sein sollte. Und dein Popanz, der Martin, hat zwei Pferde
zuschandengemacht, um dir dein Erbe zu sichern. Ihm hast du allerlei zu
danken ... Zeugen muten herbei ... Nun?

Afra stand ganz ruhig da und hrte Friedels Worte an, die ein wenig
gefater wurden, jetzt, da man ihn reden lie und da die schlimmste
Botschaft aus seinem Herzen gestoen war.

Ist Graf Helmut tot, sagte Paule. Es war keine Frage, er sagte es
ruhig aus.

Seine Stimme brachte Friedel auf:

Schweig! Willst du dich freuen, Landstreicher? Nicht zwei Hemden hast
du gehabt, als du dich bei uns einquartiertest. Und jetzt? Wirst wohl
nur zu nehmen brauchen, was dir behagt. Oh -- mir wird bel, wenn ich an
den Mutwillen Gottes und an die Willkr des Schicksals denke. Oh, ihr
ramponierten Gromuler im Geist des Herrn: Wer hat, dem wird gegeben,
nicht wahr? Lat mich durch! Ich mu fort. Ich fhle mich in euren
Mauern wie in einem dunklen Magen, der mich langsam zersetzt. Nur
heraus, es ist gleichgltig, ob oben oder unten.

Gib uns den Wagen, sagte Afra. Ich schick dir einen anderen, wenn du
willst. Es wird dir wohl auf zwei Stunden nicht ankommen. Sie sprach
hart und bestimmt.

Den Wagen, diesen? Nein! Friedel stellte sich vor den Schlag.

Afra sah hinein, ber seine Schulter fort.

Ach so, sagte sie kalt. Also fahrt! Und da beschimpfst du Martin, wo
du ihm soviel Glck verdankst?

Ja, wir fahren, und ich werde Iduna bei mir behalten. Deine Scherze la
-- mir verdirbt das Herz rasch genug.

Er geriet pltzlich in furchtbare Wut:

Du sollst deine Witze lassen, wenn ich das Blut nicht halten kann, das
mir aus dem Leben bricht. Ich wei nicht, ob es einen Gott gibt, aber
wenn, so mut auch du vor ihm bestehen knnen. Wo hast du ein Recht her,
uns alle niederzutreten, wer gibt dir die verruchte Wollust deiner
teuflischen Triumphe ber uns Menschen ...

Paule trat zwischen sie und ihn und nahm Friedels Arm:

Schweig, sagte er hei und mit bleicher Stirn, du lsterst Gott.

Und er fuhr fort zu sprechen.

Seine gedmpfte Stimme klang ganz eigentmlich eindringlich. Sie kam aus
dem Dunkel hervor und nahm die Wirkung des Nachtreichs mit in ihre
bannende Gewalt. Friedel hrte hin, wider seinen Willen, und je mehr er
verstand, um so tiefer sank er in die Betubung, die die Gewalt dieser
starken Worte mit sich brachte. Der Kutscher hielt die Pferde und sah
um ihre Kpfe herum ergriffen und gedankenlos auf die unbewegliche
Gestalt des Sprechenden.

Ich will nichts, schlo Paule mit traurigem Gleichmut, der seine
innere Wahrhaftigkeit deutlich machte. Aber was sprichst du von
Reichtum und Gerechtigkeit, von Zeit und Gott und Liebe? Glaubst du,
dein kleiner Gram, der von Migunst um seinen Ruhm und von Angst um sein
Licht gebracht ist, wre den Schmerzen zu vergleichen, die diejenigen
erleiden, die nicht die Hilfe deiner Erbrmlichkeit haben, du Narr? Du
wrest nicht gestorben, du Hund, wenn Satans Willkr triumphiert htte.

Es war ganz still, als er tief aufatmend eine Weile schwieg. Niemand
antwortete ihm. Aber er fand die Besinnung nicht, um die er zu ringen
schien.

Als Paule bis hierher gekommen war, geschah es, da Afra mit einem
raschen Schritt auf ihn zutrat und ihm ihre Hand auf die Lippen prete.

Du schweigst! Ich will, da du schweigst! Hrst du? Kein Wort darfst du
mehr von diesen Dingen sprechen.

Paule stand still da, mit niederhngenden Armen. Er atmete tief und
schwer, und seine groen Augen, dunkel in ihrem Schatten, schienen
nichts zu sehen von allem, was um ihn her vorging, noch wo er sich
befand.

Friedel hielt sich am Wagenrand. Er schaukelte hin und her und suchte
mit der Hand in der dunklen Luft.

Erdenleben ... stammelte er. Was ist das, was mit uns geschehen wird?
Dies alles ist unwahr. Wohin bin ich geraten? Oh, gebt mich doch frei!
Lat mir doch mein armes Glck, was kmmert mich euer feuriger Himmel?
Ich bin nicht stark genug ... lat mich, umher liegen Tote ...

Steig ein, sagte Afra mechanisch.

Er gehorchte wie in einem Taumel, und ebenso setzte sich der
Stallbursche wieder auf seinen Kutschbock, als Afra es ihm befahl, und
er nickte, als sie ihn anwies, den Weg zu fahren, der gewnscht worden
war. Die Pferde zogen trge an, die Lichter begannen ihr schaukelndes
Spiel mit den Schatten, den leeren Bumen und dem nassen Erdboden.

Leb wohl, Afra, scholl es aus dem Wagen und verklang in Finsternis.

                    *       *       *       *       *

Als Afra am Morgen in Wartalun erwachte, begann es zu dmmern. Es war
ein grauer Tag, der heraufzog. Helmut ruhte auf dem schweren Eichenbett,
das schon durch Jahrhunderte die Mnner und Frauen des Geschlechts in
Empfngnis und Verscheiden beherbergt hatte, und neben dem seinen stand
das Lager, in dem sein Weib in einer vergangenen Leidensnacht den
Untergang des Hauses in wahrsagerischen Schmerzen empfunden hatte.

Die Hnde des Verschiedenen waren hoch ber seiner durchschossenen Brust
gefaltet, blanke grne Efeubltter fgten sich darber zu einem schmalen
Kranz, auf dem sein Kinn ruhte. Um die verwundete Stirn war ein weies
Tuch gewunden, das dicht ber den versunkenen Augen die gequlte Stirn
glttete und die blauen Lider in sanfte Schatten bettete.

Die Kunde seines gewaltsamen Todes war schon in den Abendstunden des
vergangenen Tags nach Wartaheim und Cismaren und in die umliegenden
Ortschaften gedrungen. Sie hatte das aberglubische Grauen der
Bevlkerung, die sich seit langem mit den Ereignissen beschftigte, die
Wartalun heimsuchten, zu groem Entsetzen gesteigert. Aber es waren doch
manche unter den berraschten Beurteilern gewesen, deren Gemter von
Erbarmen und Trauer bewegt worden waren. So mochte sich der seltsame
Trupp zusammengefunden haben, der an diesem trben Morgen durch den
Nebel auf Wartalun zuzog. Es waren einfache Handwerker, ihrer fnf oder
sechs, von denen erst vor einigen Monaten einige zum Tanz im Schlosaal
aufgespielt hatten, die mit ihren Blasinstrumenten in den Hof kamen und
sich unter der kahlen Linde gruppierten.

Und dann klang es unerwartet und in hilfloser Trauer in den verhangenen
Morgenhimmel empor, zu den Fenstern des Schlosses hinauf, eine klglich
trauervolle und rhrsame Melodie, die sich leise und voll Jmmerlichkeit
langsam fortschleppte, in wehmtigen, sen Schleifen und weinerlicher
Armut, von einem robusten Horn begleitet, das immer in zwei harten,
knatternden Takten bald hher, bald tiefer begleitete und die Weise vor
sich her zu stoen schien. So standen sie unten in der nassen Luft, in
ihren schwarzen Rcken, in den Gesichtern jene angestrengte Trauer, die
einfachen Mnnern aus dem Volk jede ernste Beschftigung verleiht, und
ihre vom Nebel beschlagenen Hrner blinkten golden unter den ehrwrdigen
und altmodischen Hten.

Das Gesinde versammelte sich scheu in den Tren. Der lichtlose Morgen
machte alle Gesichter bla und krank, und niemand wehrte diesem
wohlgemeinten Abschiedslied, das dem jungen Herrn galt, dem letzten
Herrn des Schlosses Wartalun, dem schon die Vter des Landes gedient
hatten, solange man zurckdenken konnte.

Afra erwachte durch diese Musik in einer heien, beseligten Bestrzung,
die ihr wilde Schauer eines Lebensbewutseins durchs Blut jagte, da ihr
fr Augenblicke zumute war, als durchflge sie, von strmischen Winden
dahingerissen, diese aufgeschreckte Erdenluft, weithin, weit fort ber
verdete Steppen und braches Land, ungewissen Himmeln entgegen. Mit weit
geffneten Augen lauschte sie ihrem so hilflos beschwingten und kargen
Hochzeitslied, diesem Totengesang vernachlssigter Menschenseelen.

Benvenuto! rief sie leise, denn niemand im Hause sollte wissen, wo sie
war.

Er schlief tief und fest. Mit den Klngen der Trompeten kam ein
schwaches Lcheln auf seinen schlafenden Mund. Afra sah in tiefem
Erstaunen in sein Angesicht, in diese Zge, die sie zum erstenmal in
voller Ruhe erblickte. Zum erstenmal erkannte sie die Schnheit darin,
die vom Erdenelend gezeichnete, aber unzerstrbare Freude eines
Menschen, der zuversichtlich auf dem Heimweg war. Sie hatte nicht einen
Augenblick das Empfinden des Alleinseins, aber ihr war zu Sinn, als sei
er allein. Von Anfang seines Daseins an, und nun, und fr alle Zeit, um
dieses Lchelns willen, das ihr ber die armselige Torheit der
Gengstigten und ber die starrugige Allgewalt des Todes zu
triumphieren schien.

ber ihr und ber ihm, ber den Lebendigen der Liebe, schlief Helmuts
gescholtener Leib sein letztes Mal im Schein des tglichen Lichts ber
der Erde. Auch zu ihm drangen durch die Scheiben seines Totenzimmers die
Abschiedsgre der Dorfmusikanten und fllten die Luft, die kein Atemzug
mehr bewegte, ber der vollkommenen Stille, die von seinem wchsernen
Angesicht ausging.




                    *       *       *       *       *

  [  Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
     jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte
     Zeile steht.

  die ohne einen Schein von Frechheit, doch so herausfordernd
  die ohne einen Schein von Frechheit doch so herausfordernd

  O Unschuld, se, harte Unschuld du. Kind du! Ich
  Oh Unschuld, se, harte Unschuld du. Kind du! Ich

  woran sein Herz hing. Es waren vierlerlei Dinge in
  woran sein Herz hing. Es waren vielerlei Dinge in

  Fr wirklich edlere Rasse htte ich wohl auch kaum den
  Fr eine wirklich edlere Rasse htte ich wohl auch kaum den

  Doch. Hr mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gert
  Doch. Hr mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gert

  Spotte nur. Morgen geht es ber die her.
  Spotte nur. Morgen geht es ber die pfel her.

  und zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zog ihr Hand an
  und zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zog ihre Hand an

  Helmuts Herz schlug dumpf und langsam er fhlte
  Helmuts Herz schlug dumpf und langsam, er fhlte

  kein Anzeichen, kein Brief, kein Abschiedsgru, nichts..
  kein Anzeichen, kein Brief, kein Abschiedsgru, nichts ...

  sie verstand, was hier vor sich gegangen war. Aja
  sie verstand, was hier vor sich gegangen war. >Aja<

  wie ihn nur reiche und im tiesten Wesen bestndige
  wie ihn nur reiche und im tiefsten Wesen bestndige

  Dies hier ist eine Begrbnissttte unter Tannen..
  Dies hier ist eine Begrbnissttte unter Tannen ...

  Leuchten
  Leuchten.

  Herrin von Wartalun!
  Herrin von Wartalun!

  dem Wagen, oder war es ein Wimmern?
  dem Wagen, oder war es ein Wimmern?
  ]





End of the Project Gutenberg EBook of Wartalun, by Waldemar Bonsels

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electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

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written explanation to the person you received the work from.  If you
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your written explanation.  The person or entity that provided you with
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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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