Project Gutenberg's Der Deutsche Lausbub in Amerika, by Erwin Rosen

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Title: Der Deutsche Lausbub in Amerika
       Erinnerungen und Eindrcke

Author: Erwin Rosen

Release Date: May 26, 2012 [EBook #39809]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DEUTSCHE LAUSBUB IN AMERIKA ***




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                             Erster Band

                         Der Deutsche Lausbub
                              in Amerika

                              1-ter Teil
                                 von
                             Erwin Rosen




                                 Der
                           Deutsche Lausbub
                              in Amerika

                             Erinnerungen
                            und Eindrcke
                           von Erwin Rosen

                             Erster Teil

                      Achtundvierzigste Auflage

                   Verlag - Robert Lutz - Stuttgart




                       Alle Rechte vorbehalten.

                Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.

                            Copyright 1911
                      by Robert Lutz, Stuttgart.




                               Inhalt.
                                                                 Seite

=Vom Beginn des Beginnens.=

  Der Lausbub und die Kuchen. -- Beim Ochsenwirt in Freising.
  -- Gymnasialzeiten. -- Das erste Malheur. -- Die Attacke auf
  den  Glaspalast im Seminar. -- Bei Glockengieermeisters.
  -- Erste Liebe und zweites Malheur. -- Die Familiengeduld
  reit.                                                              5

=Im Zwischendeck der Lahn.=

  Im Bremer Ratskeller. -- So schmiede dir denn selbst dein
  Glck! -- An Bord. -- Der Steward, der Zahlmeister und das
  Nebengeschftchen. -- Vom Itzig Silberberg aus Wodcziliska.
  -- _Atra cura_ ... -- Das Mdel mit den hungrigen Augen. --
  Die beiden Dninnen. -- Im New Yorker Hafen.                       19

=Ein Tag in New York.=

  Wie ich mir einen Revolver kaufte. -- Der _policeman_ und der
  Stiefelputzer. -- Wie man eingeseift und barbiert wird. -- Im
  Geschwindigkeits-Restaurant. -- Die Bowery. --
  Hallelujamdchen. -- Im Park.                                      35

=Das Pokerschiff.=

  Zwischen New York und Texas. -- Vom amerikanischen
  Nationallaster. -- _Fine game_, dieses Poker! -- Die
  Weisheit des Bluffens. -- Key West und Johnny Young aus San
  Antonio. -- Eine bissige Bemerkung ber Millionre. -- Im
  Salon! -- _Good bye, Miss Daisy_ ... -- Dies ist Texas, mein
  Sohn!                                                              49

=Mein letzter Dollar.=

  Den Weg zur Arbeit finden -- den Wegweiser ... -- Wr' ich nur
  ein Schuster! -- Beim Herrn Kanzleichef im deutschen Konsulat.
  -- Auf dem Telegraphenamt. -- Das letzte Silberstck. -- Der
  gute Samariter. -- Nun fngt ein neues Leben an                    69

=Im Reich des Knigs Baumwolle.=

  Das Stdtchen aus Sand und Holz. -- Im Texasladen. -- Mr.
  Muchow Senior. -- Der Kampf mit dem Schimmel. -- Ein Sommer
  beim Knig Baumwolle. -- In Deutschland wr' die Farm ein
  Rittergut gewesen ... -- Baumwollpflcken und Baumwollmhle.
  -- Die Reklamereiter. -- Nigger Slim. -- Im deutschen Klub.
  -- Wie aus dem Wald das Feld wurde. -- Der Neger. -- Die
  amerikanische Krankheit des Wandertriebs.                          80

=Da hinten in Texas.=

  Der Lausbub wird Apothekerlehrling. -- Im Wunderland.
  -- Grasgrner Wissensdurst. -- Die Negerin und das
  Liebespulver. -- Ein Nachtklingel-Erlebnis. -- Der Lausbub
  langweilt sich. -- Das Gchen der winzigen Huschen.
  -- Klein-Daisy. -- Die Dame, das Parfm und die Folgen.
  -- Ex-Apotheker. -- Der frhere Leutnant aus dem heiligen
  Kln und sein Rat. -- Der Mann mit den leuchtenden Augen.
  -- Vorbereitungen zu einer geheimnisvollen Reise.                 118

=Wie die Wanderung begann.=

  An der Geleisebschung. -- Der erste Sprung auf einen
  fahrenden Zug. -- Die Fahrt. -- Im Mrchenland aufregendes
  Erlebens. -- Das Hotel zur Eisenbahn. -- Von der Knigin
  Nikotin und ihrem Gttergeschenk. -- Billy der Wanderer! --
  Das Abenteurerblut regt sich. -- Ein psychischer Impuls. --
  Wanderer Nr. 3.                                                   142

=Unter den Romantikern des Schienenstrangs.=

  Von Texas nordwrts. -- Ein wunderliches Leben. -- Der
  betrogene Betrger der guten Stadt Guthrie in Oklahoma.
  -- Jargon des Schienenstrangs. -- Ein abenteuerliches Jahr und
  seine Einflsse. -- Die Entwicklungsgeschichte seiner Majestt
  des Tramps. -- Die amerikanische Vagabundenarmee. -- Der
  Arbeitslose. -- Der Tramp. -- Die Romantiker. --
  Lebenssehnsucht und Wandertrieb. -- Prsident Roosevelts
  Vagabundenfahrt auf der Lokomotive. -- Geheimnisvolle
  Unterstrmungen modernen Abenteurertums. -- Amerikaner in
  exotischen Kriegen. -- In der Sommerfrische von Lucky Water,
  Arizona. -- Von flammenden Farben und meiner Frau im Mond.
  -- Arbeiten!                                                      158

=Wie das Wandern endete.=

  Die Eisenbahn hat uns! -- Sektion 423, Southern Pazific.
  -- Als Streckenarbeiter in Arizona. -- Der _boss_. -- Von
  Kindern Italiens. -- Wir haben wieder die Eisenbahn! -- Hnde
  in die Hhe! -- Seine Ehren, der Friedensrichter. -- Die
  braven Spitzbuben von El Dorado. -- Dahinjagen und Arbeit.
  -- Von den Schttelfrsten der Malaria. -- Krank und einsam.
  -- Nach St. Louis. -- Ein ganzer Mann.                            192

=Die Armen und Elenden von St. Louis.=

  Bei den guten Samaritern. -- Allein in der Riesenstadt. -- Am
  Ufer des Mississippi. -- Vom Grauen und von der Scham. -- Eine
  Orgie der Hlichkeit. -- Der Menschenpferch. -- Auf
  Arbeitssuche. -- Im Reich der kupfernen Tpfe. -- Die
  Miniaturhlle des Palasthotels. -- Das Glckchen der
  Neugierigen.                                                      209

=Im Zeichen der Zeitung.=

  Witwe Dougherty. -- Das Reich der Bcher. --
  Kipling-Begeisterung. -- Ein Wegweiser des Kismet. -- Mein
  erstes literarisches Verbrechen. -- Der Beinbruch als
  Glckszufall. -- Ich werde Depeschenbersetzer bei einer
  groen deutschen Zeitung. -- Enthusiasmus und Neugierde. --
  Aller Anfang ist leicht! -- Ein journalistisches Mdchen fr
  alles. -- Amerikanisches Deutschtum. -- Der Schwur gegen die
  Potentaten. -- Vom Sehen und vom Lernen. -- Wieder drauen
  in der kalten Welt. -- Reisefieber!                               231

=Das Inselchen der Fische in San Franzisko-Bai.=

  Wohin Zukunftssorgen gehren. -- Ein logisches Selbstgesprch.
  -- Das Land der Sonne. -- Blhende Obstwlder. -- Ankunft in
  San Franzisko. -- Mr. Frank Reddington, schwarzes Schaf und
  verlorener Sohn. -- Die Geschichte vom strengen Gouverneur.
  -- Der tragikomische Hundeschwanz. -- Wie der Millionrssohn
  energisch wurde. -- Der Gott der Arbeit pfeift. -- Bei den
  Kabeljaus. -- Eine Stockfischfabrik. -- Wer zuletzt lacht,
  lacht am besten!                                                  257

=Die Stadt des Goldenen Tors.=

  Das Erbe der Goldgrber. -- Die lustige Knigin des Westens.
  -- Von vernnftigen schwarzen Schafen. -- Die Stadt der Sieben
  Hgel bertrumpft! -- Kletternde Straenbahnen. -- Im Park des
  Goldenen Tors. -- Der dunkle Flecken der Sonnenstadt. -- Im
  Chinesenviertel. -- Die Strae der lebenden Schaufenster.
  -- Wie der Lausbub zum Professor wurde. -- Von Deutsch
  lernenden Lehrerinnen. -- Die amerikanische Frau. -- Kluge
  Mdchenerziehung und trichte Weiberherrschaft. -- Die
  Amerikanerin in Kunst und Leben. -- Die Sehnsucht nach der
  Zeitung.                                                          274

=Der Lausbub findet die Lebenslinie.=

  Von neuem Stolz. -- Der Lausbub will amerikanischer Journalist
  werden. -- Auf der Redaktion. -- Jngster Reporter.
  H--allelujah! -- Das erste Interview. -- Die Lebenslinie.         293




                         Der Deutsche Lausbub
                              in Amerika




Das Amerika der Leichtsinnigen.


Wenn Bruder Leichtfu gar zu arg gehaust hat, und geplagte
Familiengeduld reit, so verfllt man in deutschen Landen hufig auf den
bewunderungswrdig energischen und einfachen Ausweg: das schwarze Schaf
der Familie nach Amerika zu schicken; nach den Vereinigten Staaten, in
denen es so schne Gelegenheiten zu segensreicher Arbeit gibt, und die
so hbsch weit weg sind, da eine respektable Entfernung die arme
Familie schtzt. Jeder Hapagdampfer, jedes Lloydzwischendeck trgt
alljhrlich Hunderte dieser Art von Menschenkindern ber das groe
Wasser, deren Sndenregister von fast monotoner Gleichfrmigkeit ist:
Leichtsinnsstreiche und Schulden!

                  *       *       *       *       *

Das schwarze Schaf ist im Yankeeland. Und nun fngt der Humor an; ein
grimmiger Humor voll grotesken Lachens und bitteren Weinens; eine
moralische Komdie mit den schnsten tragischen Mglichkeiten. Das neue
Land nimmt Bruder Leichtfu -- den verdorbenen Gymnasiasten, den
leichtsinnigen Studenten, den verschuldeten jungen Leutnant oder was er
sonst gewesen sein mag -- liebevoll in seine Arme, verschluckt mit
unbeschreiblicher Schnelligkeit die goldenen Pfennige der Heimat und
spielt dann Fangball mit ihm. Hop -- auf und nieder. Hop -- arbeiten
oder hungern. Hop -- ihm die Nase auf den Boden gedrckt, wie man's mit
einem Ktzchen macht. Hop -- ihn zu Boden geworfen, da alle Knochen
krachen. Hop, hop, hop -- ihn geschttelt und zerzaust und geschunden!
Da schnappt Bruder Leichtfu nach Luft, ist furchtbar verwundert, fhlt
sich merkwrdig elend und erkennt langsam aber sicher die primitiven
Wahrheiten des Lebens von Geld und Hunger und Arbeit und Liebe, -- wenn
er nicht schon lngst vorher elend zugrunde ging.

Manchmal aber ist unter diesem Amerikaheer von deutschen Leichtsinnigen
der richtige leichtsinnige Strick mit einem Stckchen Poesie im Leib,
der nach dem ersten Luftschnappen sich jubelnd in den Lebensstrom da
drben strzt, glckselig, in seinem Element, sehnschtig nach
Abenteuern ber alle Maen. Wundervoll frei fhlt er sich; allen Zwangs
entledigt. Eine Welt des Sehens und Erlebens liegt vor ihm, und Hunger
und Not erscheinen nur winzige Dinge in der immer neuen Begeisterung,
die jeder neue Tag bringt. Frei wie ein Vogel in der Luft ist Bruder
Leichtfu und jedem Impuls darf er folgen in kstlicher Naivitt. Er
tastet -- er sucht -- er trinkt in vollen Zgen die groteske Romantik
des ungeheuren Landes ein, das mit aller drastischen Wirklichkeit so
starke Reize abenteuerlicher Poesie vereint ...

So ist es mir ergangen. Um des brausenden Lebens willen ist dieses Buch
meiner amerikanischen Wanderjahre geschrieben, in lchelndem Erinnern an
jagende Jugend. Ein Buch des Leichtsinns.

Aber wenn ich heute auf die drei Jahre von 1894-1897 zurckblicke, die
dieser erste Teil meiner Erinnerungen aus der Amerikazeit schildert, so
will es mir scheinen, als sei der Leichtsinn gar ehrlich erkauft
gewesen! In ehrlicher Mnze zahlte der Lausbub mit Hunger und Elend und
harter Arbeit fr seinen jungfrischen Optimismus, denn grimmiger
Lebenshumor will es, da sich mit zgellosem Leichtsinn starke Kraft
paaren mu, soll Freund Optimist im Leben bestehen. Und in dieser Kraft
stecken Mglichkeiten.

Den starken Leichtsinnigen sei dieses Buch des Leichtsinns gewidmet.

Bruder Leichtfu im Yankeeland, der du erst in Jahren verstehen wirst,
weshalb dich das ttige Leben so hin und her schttelt, sei gegrt!
Seist du im Osten oder im Westen, im Wolkenkratzer oder auf der Prrie,
sei gegrt von einem, der das erlebte, was du erlebst, und der mit dir
weinen und mit dir lachen kann. Fast mchte ich in lchelnder Wehmut
dich beneiden, Bruder Leichtfu, denn mein Mrchen der Jugend ist
ausgetrumt.

Hamburg, im Sommer 1911.

                                                       Erwin Rosen.
                                                      (Erwin Carl).




Vom Beginn des Beginnens.

     Der Lausbub und die Kuchen. -- Beim Ochsenwirt in Freising.
     -- Gymnasialzeiten. -- Das erste Malheur. -- Die Attacke auf den
     Glaspalast im Seminar. -- Bei Glockengieermeisters. -- Erste Liebe
     und zweites Malheur. -- Die Familiengeduld reit.


Das bereinstimmen der beteiligten Kreise war erstaunlich.

Oin Lausbube! sagten die Professoren in Mnchen.

A solchener Lausbub ... erklrte der Pedell.

Dieser lie--ii--derliche Bursche! sthnte der Ordinarius dreimal
tglich.

Ja -- der Lausbub! nickten die Tanten und die Verwandten.

Ein furchtbarer Strick bist du gewesen! pflegt meine Mutter zu
sagen. Grliche Geschichten hast du gemacht! Dann lacht sie und
fragt regelmig, ob ich mich denn auch an Frau Schrettle erinnere und
an die Kuchen ...

Ich war zwlf Jahre alt. Quartaner. Lateinschler der Klasse 3a des
Kniglich Bayrischen Maxgymnasiums in Mnchen. Meine Wrde als
Lateinschler schtzte mich aber keineswegs davor, gelegentlich zu der
Frau Kolonialwarenhndlerin Schrettle an der Ecke geschickt zu werden,
um irgend etwas fr den Haushalt zu holen.

An Empfehlung an d' Frau Mama! sagte jedesmal die dicke Frau
Schrettle, whrend ich ebenso regelmig vornehm nickte und dabei kein
Auge von den Kuchen auf dem Ladentisch verwandte. Von Frau Schrettles
berhmten Kuchen. Sie waren aus Bltterteig; sie waren mit Himbeeren
belegt; sie waren Wunderwerke -- und sie fhrten den Lateinschler so
lange in Versuchung, bis er eines Nachmittags vor Klassenanfang Hals
ber Kopf in den Laden strzte.

Einen Himbeerkuchen soll ich holen!

Bitt' sehr! A schne Empfehlung! dienerte Frau Schrettle und schrieb
der Mama einen Himbeerkuchen an.

Der Raub war gelungen, und der Lausbub wiederholte die Operation einen
ganzen Monat lang fast jeden Tag! Verzehrt wurden die Kuchen auf dem
Schulweg, in ehrlicher Teilung mit den Spezerln und Freunderln aus der
Quarta. Bis an einem Novembersonntag die Katastrophe kam -- Frau
Schrettle mit ihrer Rechnung. Mir fiel das Herz in die Hosen, als meine
Mutter fragend sagte:

Himbeerkuchen?

Guat sans, nt? meinte Frau Schrettle stolz.

Aber wir haben ja gar keine Himbeerkuchen gehabt! rief meine Mutter
entrstet.

Nun war die Reihe zum Erschrecken an Frau Schrettle.

Der Herr Sohn hat's g'holt! stotterte sie. Jeden Tag!

Kladderadatsch. Frau Schrettle erhielt ihr Geld und ich vorlufig eine
Ohrfeige mit der Aussicht auf mehr, wenn der Vater nach Hause kam. Meine
Mutter weinte und ich weinte und meine Mutter sagte, es sei ja
frchterlich, und ich fand, es sei noch viel frchterlicher! Zehn
Minuten spter schlich ich mich heulend aus dem Haus und rannte in
dichtem Schneegestber durch die Straen, durch den englischen Garten,
der Isar zu. Bei der Bogenhausener Brcke begann die einsame Landstrae.
Es war bitter kalt. Die Schneeflocken peitschten mir ins Gesicht, und
ich kleiner Kerl mute mich tchtig gegen den scharfen Wind anstemmen.
Ich geh' nicht nach Hause! murmelte ich immer wieder vor mich hin.
Nach Hause geh' ich ganz gewi nicht ...

Spt abends stolperte ein halb verhungerter und halb erfrorener
Lateinschler in die Gaststube des Roten Ochsen im Stdtchen Freising.

Da schaugt's her, rief der Ochsenwirt. Ja was wr' denn ds! Was
willst denn du nacha im Wirtshaus?

Was zum essen mcht' i'.

Wo kimmst denn her?

Von Mnchen. A--an Ausflug hab' ich g'macht, log ich, beinahe
weinend.

Woas? schrie der Wirt. Den Sauweg von Minken bist herg'loffen in
dem Sauwetter? Lag du und der Teifi. Ds wr' a sauberer Ausflug. Wia
heit' denn und wo wohnst'?

Wie ein Huflein Elend stand ich schlotternd da, gab dem Riesen vor mir
Auskunft und sah mit Zittern und Bangen, wie er zu dem groen Gasttisch
in der Ecke schritt, wie er mit den Gsten zischelte, wie er mit Frau
Wirtin tuschelte, wie der Hausknecht gerufen und mit einem Zettel
fortgeschickt wurde.

Hock di' hin an Tisch, brummte der Wirt. D' Frau bringt dir was
zum essen.

Ich entsinne mich noch dunkel, da ich gierig alles verschlang, was mir
vorgesetzt wurde, da Frau Wirtin mich in die Wohnstube fhrte und auf
ein Sofa bettete. Und da eben auf einmal mein Vater da war und ich mich
furchtbar vor ihm schmte und eine frchterliche Angst vor ihm hatte.
Aber was der Ochsenwirt von Freising zu meinem Vater beim Abschied
sagte, das wei ich noch ganz genau.

Is nix zu danken, Herr, sagte er. Den 12 Uhr Zug nach Minken
werd'n S' grad no' derwischen. Ja, d Buam! Frchteln san' halt
Frchteln. Is eh nix dabei. Aber an Hintern tt i' eahm halt do'
vollhau'n!

Was am nchsten Tag ausgiebigst geschah!

                  *       *       *       *       *

Der Lausbub wurde lter, stieg mit Ach und Krach von Klasse zu Klasse,
und blieb ein Lausbub ... Ein leichtsinniger Schler, hie es in den
Zeugnissen. Seine Leistungen stehen in bedauerlichem Miverhltnis zu
seinen Fhigkeiten; sein Betragen ist nichts weniger als
zufriedenstellend. Ich mu bei meinen Lehrern in einem erbrmlich
schlechten Ruf gestanden haben. Die Abneigung beruhte jedoch auf
Gegenseitigkeit. Heute noch ist mir das Gedenken an meine Gymnasialzeit
das Gedenken an eine harte Zuchtanstalt, an gedankenloses Eintrichtern
von Lehrbchern, an schablonenmiges Auswendiglernen, an mangelnde
Liebe und mangelndes Verstndnis, an bakelschwingende Schulmeisterei, an
groben Unteroffizierston, an fast komisches Nichtverstehen. Ich erinnere
mich an ein bestndig schnupfendes Ungeheuer von einem Professor mit
rotem Taschentuch und fettigem Rockkragen, der ber ein _ut_ mit dem
Indikativ in viertelstndige Raserei zu verfallen pflegte; ich erinnere
mich an donnernde Philippiken, wie unsittlich es sei, da ein so fauler
Bursche wie ich sich ohne Arbeit nur durch sein bichen Talent das
Aufsteigen in die nchsthhere Klasse erschwindele; ich erinnere mich an
einen Ordinarius der Untersekunda, der mich mit dem geschmackvollen und
gut deutschen Ausdruck "Frechj" belegte, weil ich, nachdem er mir die
Erlaubnis, das Schulzimmer zu verlassen, verweigert hatte, ihn aus einem
hchst natrlichen und dringenden Grund ein zweitesmal darum bat. Aber
ich kann mich nicht entsinnen, da jemals mich ein Lehrer beiseite nahm
und in Gte mit mir sprach, um herauszubekommen, was in meinem Hirn
vorging; weshalb der dumme Junge so dumme Streiche machte -- und ein
Lausbub war.

                  *       *       *       *       *

Dsser Bursche! sagte der Herr Rektor wutschnaubend, als ich ihm
vorgefhrt wurde. Dsser unver--bsserliche Lmmel! Das Ma st voll.
Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er brcht!

Der Schulgewaltige hatte recht. Ich war ein infamer Bengel. Von meiner
Unverbesserlichkeit zeugte eine lange Reihe von Karzerstrafen, wegen
Rauchens auf der Strae, wegen Nichtablieferung von Schularbeiten, wegen
Betroffenwerden in dem Hinterzimmer einer Gastwirtschaft. Auerdem hatte
mich das Lehrerkollegium schon lngst im Verdacht, der berchtigten
Schlerverbindung des Maxgymnasiums anzugehren, die in versteckten
Vorstadtkneipen studentische Gebruche nachffte. Trotz aller
Anstrengungen des Pedells gelang es nie, die Snder _in flagranti_ zu
erwischen. Stellten wir doch stets den jngsten "Fuchs" als Wache auf
die Strae, und wenn der Pedell oder ein Professor sich blicken lieen,
wurden wir prompt gewarnt, kletterten aus Hinterfenstern, flchteten
ber Hfe, stiegen ber Mauern. Aber man wute im Maxgymnasium doch so
von ungefhr, welche Schler die Schuldigen waren, und sah den
verdchtigen Subjekten scharf auf die Finger. Ich jedenfalls galt als
besonders verdchtig!

Nun war das Krglein meiner Snden bergelaufen:

Ich schwnzte drei Tage die Schule! Frst Bismarck war nach Mnchen
gekommen und in Lenbachs Villa abgestiegen. Dorthin lief ich
schleunigst nach dem Mittagessen, lie Nachmittagsunterricht eben
Nachmittagsunterricht sein und stand bis zum spten Abend auf der
Strae, aus Leibeskrften hurraschreiend. Weil die Freiheit gar so schn
war und der junge Sommer gar so sonnig, ging ich am nchsten Tag auch
nicht ins Gymnasium, und am dritten Tag erst recht nicht, sondern trieb
mich in den Isarauen herum und schwelgte in unzhligen Zigaretten und
machte erschrecklich schlechte Gedichte.

Ein Schler der 6. Klasse schwnzt! Das st noch ncht vorgekommen!
donnerte der Rektor. Was haben S zu sagen?

Stotternd versuchte ich zu erklren, da ich es gar nicht so bse
gemeint htte, da --

Oine gemeine Lge! Gekneipt haben S!

Das ist nicht wahr. Das verbitt' ich mir, brauste ich auf.

Halten S das lose Maul! S sind ein Verlorener. S sind eine Gefahr
fr die tugendhaften Schler. Der Lehrerrat wird das weitere ber S
beschlieen.

Binnen vierundzwanzig Stunden wurde ich aus dem Tempel des Humanismus
hinausgeworfen, dimittiert, und damit nicht nur vom Maxgymnasium,
sondern auch von jeder anderen hheren Lehranstalt in Mnchen
ausgeschlossen. Meine Reue war tief und ehrlich.

Das Knigliche Seminar in Burghausen, einem kleinen bayrischen
Gymnasialstdtchen an der sterreichischen Grenze, nahm den Entgleisten
auf. Das Seminar war ein Internat, eine Art Besserungsanstalt. Die
Zglinge wurden morgens ins Gymnasium gefhrt und mittags wieder
abgeholt; nachmittags wieder hingefhrt und abends wieder abgeholt. In
der Zwischenzeit a man an langen Tischen im Speisesaal, arbeitete in
den Studierslen, schlief des Nachts in gemeinsamen Schlafslen -- jede
Minute unter Aufsicht, unter strengster Zucht. Sechs Monate lang ging
alles gut, und meine Zeugnisse schnellten zu verblffender Gte empor.
Dann fing's wieder an.

Die Aufsicht in unserem Studiersaal fhrte ein Prfekt, den wir alle aus
tiefstem Herzensgrund haten. Das kleine Mnnchen im bis an den Hals
zugeknpften Priesterrock pflegte auf leisen Sohlen hinter unsere Bnke
zu schleichen und uns ber die Schultern zu gucken. Wir Obersekundaner
empfanden sein Spionieren, wie wir es nannten, als eine ungeheuerliche
Beleidigung. Er war ein gestrenger Herr, der ber nichts viele Worte
verlor, sondern bei Versten gegen das Hausregiment einfach in knappen,
kurz hervorgesprudelten Stzen Strafarbeiten auferlegte. Strafarbeiten
erster Gte. Mit dem Auswendiglernen von hundert Versen der Odyssee
begann erst sein Repertoire. Auf den Spaziergngen verbot er uns das
laute Sprechen; nachts wandelte er stundenlang im Schlafsaal auf und ab.
Wir hatten natrlich keine Ahnung, da diese nchtliche Vigil einen ganz
bestimmten Zweck hatte, und nicht das geringste Verstndnis dafr, da
er nur seine Pflicht tat! Wir sahen in ihm nur die Verkrperung einer
erbarmungslosen Autoritt, die uns stets auf dem Nacken sa. Und haten
ihn.

Nun war es Sitte im Seminar, da einmal im Monat die hheren Klassen
unter Fhrung ihrer Prfekten einen Ausflug machten, bei dem in irgend
einem Dorfwirtshaus Bier getrunken und geraucht werden durfte; eine
Vergnstigung, die als Sicherheitsventil wirken sollte. Diesmal teilte
uns der Leiter des Seminars mit, da auf Vorschlag unseres Prfekten der
Ausflug in diesem Monat unterbliebe. Wir seien einer solchen
Vergnstigung nicht wrdig. Wir sollten geflligst fleiiger sein und
uns nicht so viele Hausstrafen zuziehen!

Unsere Wut kannte keine Grenzen.

Der Schleicher!

Der Spion!

A solchene Gemeinheit!

Prompt wurde eine Verschwrung organisiert. Auf dem nachmittglichen
Spaziergang stopften wir unsere Taschen voll kleiner Steinchen. Und
abends, als alles ruhig geworden war im Schlafsaal und wir alle in den
Betten lagen, klirrte mit scharfem Klang ein Steinchen gegen das
Glashaus des Prfekten. Glashaus? Jawohl! Der Gegenstand unseres Hasses
schlief in einem winzigen deckenlosen Gemach, dessen Wnde aus
Rahmenwerk mit Glasfenstern bestanden; in einem richtigen Glashuschen.
Die Wnde verhllten Vorhnge, durch die er uns aber beobachten konnte.
Was ja auch der Zweck des Glasgemachs war. Wir Mnchener nannten es den
Glaspalast.

Ein zweites Steinchen prallte gegen den Glaspalast; ein drittes, ein
viertes. Der Prfekt, vllig angekleidet, kam hervorgeschossen.

Ruhe!

Dann verschwand er wieder. Und im nchsten Augenblick knatterte es wie
Gewehrfeuer gegen seine Wnde. Diesmal kam er sofort und rief mit vor
Entrstung bebender Stimme:

Lausbuben!

Unverschmt! schrie eine Stimme aus einem Winkel des Schlafsaals.
(Das war ich!)

Lassen Sie die Kinderei! befahl der Prfekt ruhiger werdend.
Bestrafen werde ich Sie morgen.

Aber wir waren viel zu aufgeregt, um Vernunft anzunehmen. Ohn' Unterla
klatschte der Hagelsturm von Kieselsteinen gegen die Glaswnde. Der
Prfekt rannte zwischen den Bettreihen auf und ab und strmte und
wtete. Unterdessen sorgten die Bettreihen, denen er jeweilig den Rcken
zukehrte, fr Aufrechthaltung des Bombardements. Es war eine Orgie.
Schlielich lief er davon und holte den Rektor. Denn der Leiter des
Seminars war gleichzeitig Rektor des Gymnasiums -- ein Grobian, den wir
liebten.

Wenn whrend des Restes der Nacht nicht vllige Ruhe in diesem
Schlafsaal herrscht, erklrte der Rektor trocken, so werde ich
hchstpersnlich erscheinen und Sie alle krperlich zchtigen. Ich werde
an dem einen Ende der Bettreihe anfangen. Und so weiter. _Ad infinitum._
Wenn Sekundaner sich wie Volksschler betragen, so mu man sie prgeln
wie Volksschler. Dies ist Logik. Guten Abend!

Ich unverbesserlicher Snder aber lachte die halbe Nacht hindurch, indem
ich mir vorstellte, wie grandios doch diese Prgelszene gewesen wre!

Am nchsten Morgen kam alles ans Licht der Sonnen ...

Haben Sie geworfen?

Jawohl, Herr Rektor.

So? Soo? Soo--o? Weshalb haben Sie das getan?

Wegen des Ausflugs.

So--oh! Ich stehe in _loco parentis_ und habe gute Lust, Sie zu
ohrfeigen.

Im nchsten Augenblick: Klatsch links, klatsch rechts.

Sie sind wirklich unverbesserlich. Im Seminar kann ich Sie nach dieser
Leistung nicht lnger belassen. Aus dem Gymnasium werde ich Sie nicht
entfernen, weil Sie wenigstens nicht gelogen haben. Aber ich warne Sie!
Nur die geringste Kleinigkeit -- und Sie fliegen!

Am gleichen Nachmittag noch wurden in feierlicher Zeremonie ich und ein
anderer Schler fr unwrdig des Seminars erklrt und vom Pedell ins
Stdtchen gefhrt. Mich brachte er zu einer Frau Glockengieermeister
die mich in Kost und Verpflegung nahm.

                  *       *       *       *       *

Ich aber segnete den Prfekten und den Glaspalast und die Steinchen,
denn nun war ich ein freier Bursch, ein Stadtschler! Auf dem Stbchen
bei Glockengieermeisters konnte man lange Pfeifen rauchen, soviel man
nur wollte, und am Abend holte Glockengieermeisters Tchterlein gern
eine Ma Bier. Das war wunderschn -- goldene Freiheit. Fast ein Jahr
lang ging alles gut, bis das Mrchen kam; ein richtiges Mrchen: Es war
einmal eine Knigin, die neigte sich zu einem Pagen, und ein gro'
Gerede entstand im Knigsschlo ...

In wundernder Rhrung gedenke ich jener Zeiten erster Liebe. Die Knigin
war eine junge Dame, vielumworben im Stdtchen, lter als der
Unterprimaner, der ein Mann zu sein glaubte, es aber durchaus nicht war.
Ich wei noch genau, wie ich mich gergert hatte, als ein Brief meines
Vaters mich zwang, zum Besuch in jener Familie "anzutreten"; mit welchem
Widerstreben ich dann bei einer zuflligen Begegnung auf dem Eisplatz
meine Schulverbeugung vor Mutter und Tochter machte und wohl oder bel
die junge Dame zum Schlittschuhlaufen einladen mute. Familiensimpelei
nannte ich dergleichen damals. Doch es dauerte nicht lange, und der
Unterprimaner wartete oft stundenlang in zitterndem Bangen auf dem
Eisplatz, ob ~sie~ kommen wrde -- -- und war glckselig, wenn sie kam.
In schweigendem Glck zuerst. Und dann brach es wie ein Sturm ber uns
Menschlein herein. Aus dem Alltagssprechen wurden gestammelte Worte von
tiefem Sinn, leises Geflster, zaghaftes Gestehen, ein:

_Je vous aime!_

_I love you so ..._

Die groen Worte, die ein so wunderbares Geheimnis zu bergen schienen
und doch fast krperlich schmerzten im Gesprochenwerden, wren in
deutscher Sprache nie ber unsere Lippen gekommen. Das war das Glck;
unvergeliche Zeiten der Begeisterung, des Gttertums zweier junger
Menschen, die ein jeder im andern die Vollkommenheit sahen, den heimlich
getrumten Jugendtraum. Wir schwelgten in Goethe und Scheffel und Heine
und schrieben einander lavendelfarbene Briefchen und jubelten laut in
den Gngen der alten Herzogsburg droben auf dem Schloberg. Wie
glckselige Kinder.

Da fing das Stdtchen zu reden an. Die Perckenzpfe braver Brger
wackelten erschrecklich vor lauter entsetztem Kopfschtteln. Was mgen
ehrsame Honoratioren und entrstete Gymnasiallehrer alles gesagt und
alles gedacht haben! Als ich zehn Jahre spter wieder in das Stdtchen
kam, schlug Frau Glockengieermeisterin die Hnde ber dem Kopf zusammen
und erzhlte drei Stunden lang von den merkwrdigen Dingen, die damals
das Stdtchen geredet hatte, nicht mit Engelszungen. Die Knigin aber
von damals wohne weit drben im Schwbischen am Bodensee und sei eine
stattliche junge Regimentskommandeuse geworden, die dem Herrn Oberst
schon eine Schar von Kindern beschert habe --

Der Unterprimaner wurde schleunigst aus dem Gymnasium fortgejagt, unter
dem ein wenig fadenscheinigen Vorwand, am offenen Fenster eine lange
Pfeife geraucht und einen vorbergehenden Professor nicht gegrt zu
haben. Ich hatte ihn nicht gesehen. Aber der Lehrerrat fate es als
Verhhnung auf.

Der Rest ist eine hliche Erinnerung. Durch die zweite Dimission war
dem Entgleisten jedes Gymnasium in Bayern verschlossen, und brig blieb
nur eine Mnchner Presse. Aber nun war Hopfen und Malz verloren; ich
hatte die Empfindung, man htte mir schweres Unrecht getan und wurde
gleichgltiger denn je. Ich kneipte. Machte Schulden. Groteske Schulden.

Bis eines Tages langgeprfte Familiengeduld ri und kurzerhand
beschlossen wurde, den Unverbesserlichen drben ber dem groen Wasser
fr sich selbst sorgen zu lassen; ein Beschlu, der allzu energisch
gewesen sein mag. Denn schlielich hatte der Lausbub weder gestohlen
noch geraubt. Wenn ich mir aber den Lmmel von damals vorstelle, wie er
alltglich die schnsten Ermahnungen mit gelangweiltem Gesicht anhrte,
um sich dann zu schtteln wie ein nagewordener Hund und schleunigst
eine neue Dummheit auszuhecken (die der Familie gewhnlich ein
Sndengeld kostete) -- so verstehe ich alles! Glaube mir, oh Leser: Der
Lausbub war ein infamer Lausbub!




Im Zwischendeck der Lahn.

     Im Bremer Ratskeller. -- So schmiede dir denn selbst dein
     Glck! -- An Bord. -- Der Steward, der Zahlmeister und das
     Nebengeschftchen. -- Vom Itzig Silberberg aus Wodcziliska.
     -- _Atra cura_ ... -- Das Mdel mit den hungrigen Augen.
     -- Die beiden Dninnen. -- Im New Yorker Hafen.


Den ganzen Tag waren wir in Bremen umhergerannt. Als wir bei der
rztlichen Untersuchung uns einer langen Reihe von Auswanderern
anschlieen und stundenlang warten muten, sagte mein Vater auf einmal:

Du solltest eigentlich doch die berfahrt in der Kajte machen und
nicht im Zwischendeck!

Aber sofort besann er sich. Nein! Es bleibt dabei. Es ist besser, wenn
du dich schon auf dem Schiff an neue Verhltnisse gewhnst.

Und dann kam der letzte Abend im deutschen Land.

Bis gegen Mitternacht saen mein Vater und ich im Bremer Ratskeller, in
einem stillen Winkel, verborgen zwischen bauchigen Apostelfssern. Edler
Wein funkelte in den Glsern. Von der groen Stube her klang
Stimmengewirr, lustiges Lachen frhlicher Menschen. Mir war erbrmlich
zumute; ich starrte in den goldgelben Wein und kmpfte immer wieder mit
Trnen und dachte an den Abschied von meiner Mutter und wagte es nicht,
meinem Vater in das vergrmte Gesicht zu sehen.

Erst Jahre spter habe ich das verstanden, was mir mein Vater an jenem
Abend sagte. Er sprach wie ein Mann zum andern, wie ein Freund zum
Freund; erklrte mir, da es ihm bitter schwer wrde, den einzigen Sohn
in die Welt hinauszuschicken. Er wisse aber keinen andern Rat. Das Leben
selbst mit all' seinen Hrten msse mich in die Kur nehmen ...

Geh' zugrunde, wenn du zu schwach frs Leben bist!

Und ich lchelte unter Trnen, denn meine Art von Stolz hatte ich trotz
allen Gedrcktseins und trotz aller Reue. Das gefiel ihm.

Du wirst nicht zugrunde gehen, glaube ich. So gefhrlich auch das
Experiment ist, fr so richtig halte ich es. Du mut auf deine eigenen
Fe gestellt werden. Du mut dich austoben! Auf der Universitt wrdest
du nichts als neue Streiche machen, dich vielleicht ins Unglck strzen;
Soldat, wie du es werden mchtest, kann ich dich nicht werden lassen,
denn zum armen Offizier eignet sich kein Mensch so schlecht wie du --
ins kaufmnnische Leben pat du erst recht nicht. So schmiede dir denn
selber dein Glck ...

Stundenlang sprach mein Vater mit mir. Meine Fahrkarte lautete nach
Galveston in Texas. Mein Aufenthalt in New York wrde nur wenige Stunden
dauern; am nchsten Tag nach Ankunft der Lahn in New York sollte ich mit
einem Dampfer der Mallorylinie nach Texas weiterfahren. Da drauen im
jungen Land wrde es mir weit leichter werden, mich durchzuschlagen, als
in einer Riesenstadt mit ihren Tausenden von Arbeitslosen.

Such' dir dein Brot! Halte den Kopf hoch, mein Junge; la dir nichts
schenken; gib Schlag um Schlag; hab' Respekt vor Frauen. Du wolltest ja
immer Soldat werden -- bist jetzt ein Glckssoldat.

Und die Glser klirrten zusammen.

Da bat ich schluchzend um Verzeihung -- -- -- Nie in meinem Leben werde
ich jenen Abend vergessen; denn als ich sieben Jahre spter wiederkam,
da hatten sie meinen Vater begraben.

Am nchsten Morgen fuhren wir nach Bremerhaven zum Lloyddock. Dort lag
wie ein riesiges schwarzes Ungetm der Schnelldampfer Lahn. Auf dem
kleinen Huschen am Dock, das irgend ein Bureau enthalten mochte,
flatterte die deutsche Flagge. Am Kai drngten sich die Menschen, und an
der Schiffsreeling standen in dichten Reihen Kajtenpassagiere, die
Abschiedsgre zu ihren Freunden hinunterriefen und Taschentcher
flattern lieen. Wir stiegen die Gangplanke hinan. Ein Zahlmeister des
Norddeutschen Lloyd verlangte meine Zwischendeckkarte, und ein Polizist
prfte meinen Pa. Auf dem Vorderschiff war ein unbeschreiblicher
Wirrwarr. Mnner und Frauen und Kinder standen und saen herum, zwischen
Kfferchen und Scken und Bndeln. Irgend jemand spielte auf einer
Ziehharmonika, und ein Mdel sang dazu: Et hat ja immer, immer jut
jejange' -- jut jejange' ... Die unbehilflichen Menschen, die sich
gegenseitig im Wege standen, schnatterten und schimpften; die
Ziehharmonika johlte einen Gassenhauer nach dem andern, bis die
Walzerklnge der Schiffskapelle auf dem Promenadedeck sie bertnten.
Mein Vater und ich standen an der Reeling zwischen einem russischen
Juden in fettglnzendem Kaftan und einer Bauernfrau mit buntem Kopftuch.
Ich schluchzte vor mich hin. Die Menschen und die Dinge schwammen mir
vor den Augen; mir war, als mte ich schreien in bitterer Reue. Mein
Vater sagte ein ber das andere Mal:

Mein lieber Junge -- mein lieber Junge!

Besucher von Bord! riefen die Stewards. Die Glocke begann zu luten.

Langsam setzte sich der Schiffskolo in Bewegung. Und ich stand und
starrte mit brennenden Augen nach dem Kai. Hochaufgerichtet stand mein
Vater am uersten Ende der Landungsbrcke, den Kopf in den Nacken
geworfen, wie das seine Art war, und winkte mir zu. Einmal. Zweimal.
Dann wandte er sich mit einem scharfen Ruck, und in wenigen Sekunden war
er im Menschengewhl verschwunden -- -- --

                  *       *       *       *       *

Ein Steward klopfte mir auf die Schulter. Haben Sie schon 'ne Koje?

Nein.

Na, hren Sie 'mal -- dann ist's aber hchste Zeit. Machen Sie, da
Sie 'runterkommen. Die Treppe dort.

Ich nahm meinen Handkoffer und stieg hinunter, in einen Riesenraum mit
langen Reihen von Holzgestellen: nebeneinander und bereinander
geschichteten Kojen. Viele Hunderte von Schlafpltzen waren es. Jedes
Bett enthielt eine Strohmatraze, zwei hellbraune Wolldecken und ein
Kopfkissen. Auf jedem Kopfkissen waren ein Blechbecher, ein zinnerner
Teller, Messer, Gabel und Lffel hingelegt. berall auf den
Holzgestellen kletterten Mnner herum, und da und dort stritt man sich
um die Pltze. Ich mu recht hilflos dagestanden haben. Ein Steward sah
mich prfend an, dann ging er auf mich zu:

Das wird Ihnen man nich' gefallen hier unten mit die Polacken un' die
Jden un' die ganze Gesellschaft -- das is nix nich' fr junge Herren,
sag' ich. Kommen Sie mit.

Natrlich ging ich mit. Mir war alles furchtbar gleichgltig. Durch
endlose Gnge und ber unzhlige Treppen fhrte er mich ins Bureau des
vierten Zahlmeisters.

Knnen wir nich' 'ne Koje fixen fr diesen jungen Herrn? fragte mein
Begleiter den Zahlmeister.

Jawohl, es ging. Gegen eine Entschdigung von zwanzig Reichsmark wollte
der Herr Zahlmeister eine Koje fr mich im Vorratsraum aufstellen
lassen. Ja, sie stand merkwrdigerweise schon fix und fertig da, in
einem Winkel, durch eine aufgespannte amerikanische Flagge schamhaft
verhllt.

Das is schandbar billig, flsterte mir der Steward zu. Da haben
Sie Glck gehabt. Nu wollen wir aber einen trinken. So 'ne kleine
Flasche Hamburger Kmmel kost' nur 'ne Mark fufzig. Haben Sie zufllig
eine da, Herr Zahlmeister?

Jawohl; es war eine da.

Prost! (Einundzwanzig Mark und fnfzig Pfennige wechselten ihre
Besitzer). Da starrte mich der Steward auf einmal entsetzt an. 'n
Strohhut? Nee, is' nich' mglich -- 'n Strohhut! Mensch, haben Sie keine
Mtze?

Nein, ich hatte keine Mtze.

Mensch! So 'n feiner Strohhut -- der geht ber Bord, sag' ich Ihnen.
Bei dem Wind! Ich hab' zufllig 'ne Mtze. Kost 'n Taler! 'ne feine
Mtze!

Natrlich kaufte ich die Mtze.

Dann komplimentierte mich der Zahlmeister hflich aber energisch hinaus.
Ich kennte ja jetzt meinen Schlafplatz. Von 7 Uhr morgens aber bis 9 Uhr
abends htte ich in seinem Bureau nichts zu suchen.

Auch das war mir sehr gleichgltig -- wie alles und jedes an Bord der
Lahn an jenem ersten Tag. Ich a fast nichts, interessierte mich fr
nichts, lief stumpfsinnig an Deck auf und ab, stand stundenlang in einem
einsamen Winkel an der Reeling, schlich mich frh am Abend in des
Zahlmeisters Bureau, ging ins Bett und weinte unter der Decke wie ein
kleiner Junge ...

Frhlicher Sonnenschein flutete durch die kleinen rundlichen
Kajtenfenster, als ich am nchsten Morgen erwachte und schlfrig um
mich blinzelte. Was war das fr ein Tnen und Surren? Im ganzen Krper
fhlte ich das Vibrieren des vorwrtspeitschenden Riesenschiffes -- mir
war, als lge ich in einer Schaukel, auf und ab schwingend; als wrde
ich der Decke zugeschleudert, bliebe dort einen Augenblick hngen und
versnke dann in unendliche Tiefen. Ein Stckchen von mir selbst schien
jedesmal zurckzubleiben; droben an der Decke und unten in der Tiefe.
Einmal hatte ich das entsetzliche Gefhl, als htte sich mein Magen von
mir getrennt und schwebe irgendwo in der Kajte. Ich sprang aus dem
Bett, und sofort hrte das Rumoren in meinem Innern auf. Im Handumdrehen
war ich angezogen, eilte an Deck und machte mich mit wahrem Heihunger
ber Kaffee und Brtchen her, die aus einem groen Kessel und einem
Ungetm von Korb durch zwei Stewards verteilt wurden. Wenig Menschen
waren an Deck. Ich trat an die Reeling. Da drauen war majesttische
Ruhe. Wie die Unendlichkeit selbst sahen sie aus, die immerzu
vorwrtsrollenden Wasserberge, in ihrer gewlbten Mitte tief schwarz und
doch glnzend wie ein Spiegel grnblau aufsteigend, schaumig wei an den
Rndern. Dann berholte der eine Wasserberg den andern,
zusammenstrzend, und eine neue Welle wurde aus ihnen geboren, zu kurzem
Spiel. Nimmer aufhrende Bewegung und doch verkrperte Ruhe. Ich trank
die salzige Luft ein, die einem die Augen aufleuchten lie und das Blut
schneller durch die Adern jagte. Und schaute in den Sonnenhimmel. Frisch
und froh und leicht fhlte ich mich. So schmiede dir denn selber dein
Glck -- Vergangen war vergangen und feige wre es, die Ohren hngen
zu lassen. Hast du Schneid genug zu dummem Leichtsinn gehabt, so mut du
auch Schneid genug haben, nicht in nutzloser Reue zu flennen.

Ich wurde unternehmungslustig und stieg ins Zwischendeck hinab. Es war
frchterlich da unten. Armselige Huflein menschlichen Elends lagen auf
den Kojen herum, mit grngelben Gesichtern, jammernd in den Qualen der
Seekrankheit, zu energielos, um in frische Luft an Deck zu gehen. Eine
Unterwelt des Sthnens und der Gerche. Und die Konsequenzen der
Seekrankheit machten sich sehr bemerkbar, so da ich allen Gttern fr
mein Schlafpltzchen im Vorratsraum dankte.

Se belieben nix ssu sein seekrank? fragte mich ein alter Jude, der
knoblauchduftend auf einem Bndel neben seiner Koje sa.

Nein.

Nu, das frait mich. Was ham Se genommen ein for de Magen?

Nichts. Ich blieb nur in der frischen Luft.

Ph, frische Luft. Wer' ich raufgehen ssu sitzen in der frischen Luft?
Wer' ich nich'! Bin ich gegangen rauf und hab mer gesetzt auf Stricke.
Is 'n Goj gekommen, wo hat ge--soogen an die Stricke un' bin ich
gefallen auf 'n Rcken.

's Tauwerk is nich' zum Sitzen da, sagt er.

Se ver--sseihen gtigst, sag ich. Nu bin ich gegangen ssu sitzen auf
'e Bank ganz vorne.

Pa man auf. Da is feucht! sagt der Goj.

Nu, ich bin geblieben sitzen. De Bank is for alle da und er hat mer nix
nich' ssu sagen, denk' ich. Nu, ich sitz -- un' wie ich so sitz, kommt e
Welle un' macht mer himmelschreiend na. Waih geschrien, sag ich, was is
das for e Gemeinheit?

Siehste, sagte der Goj.

Nu belieben Se gtigst ssu verstehen, da ich nix will wern na un'
nix will haben tun mit die Gojim vons Schiff. Ph! Was wern Se machen
drieben, wenn ich fragen derf?

Wei ich noch nicht.

Nu? wie hait? Sind Se e Millionr?

Nee! Leider nicht. Was wollen denn Sie in Amerika anfangen?

Nu, der Silberberg is gegangen nach e bse Pleite in Wodcziliska in
Galizien nach New York, un' is geworden e gemachter Mann. Bei de
Geschfte is' ssu machen e Rebbach, schreibt er an de Verwandtschaft. Nu
-- wer ich handeln -- wie der Itzig Silberberg aus Wodcziliska.

Als ich wieder oben war und dankbar die frische Luft einatmete, lachte
ich laut und lange ber den handelstchtigen Sohn Israels. Dann wurde
ich nachdenklich.

Was wern Se machen drieben?...

Zum Teufel auch, was wrde ich eigentlich anfangen? Was werden wir
essen? Was werden wir trinken? Ich glaube, ich habe dieser wichtigen
Lebensfrage etwa zehn Minuten gewidmet. Zukunftssorgen waren bis jetzt
nicht meine Spezialitt gewesen: In schleierhaften Erinnerungen an
allerlei Indianerbcher dachte ich an galoppierende Pferde und
schieende Cowboys, und ... damit war der Schatz meines Wissens
erschpft. Hm, abwarten. Es war mir ja auch so unendlich gleichgltig.
Da drben, irgendwo in der zusammenflieenden Masse von Himmel und
Wasser wrde in so und so viel Tagen neues Land auftauchen, neue
Menschen, neue Dinge. Das wrde zweifellos sehr interessant und sehr
lustig sein. Ich freute mich schon so auf dieses neue Land, als htte
ich wei Gott welche wichtigen Plne. Nebenbei mute man dann allerdings
Brot verdienen. Man mute arbeiten oder dergleichen. Irgend etwas. Nun,
das wrde sich schon finden.

     Hinter dem Reiter auf dem Pferde sitzt die schwarze Sorge ...

Das war mir schon in Tertia komisch vorgekommen. La sie doch sitzen!
Und ich pfiff mir eins und entschied, die Sache sei vorlufig erledigt.
Es klang famos, ein Glckssoldat zu sein. Das Wesen eines Glckssoldaten
war mir zwar sehr schleierhaft, aber ich vermutete, die Hauptsache sei,
sich um nichts zu kmmern, was ich wunderschn fand, und wozu ich
unbestritten groes Talent hatte.

Alles war berhaupt wunderschn. Prachtvolles Gefhl, so sein eigener
Herr zu sein. Freilich -- ein dutzendmal jeden Tag sah ich an mir
hinunter, konstatierte, da mein heller Sommeranzug ausgezeichnet sa
und wnschte mich sehnlichst zu den eleganten Herren und Damen auf das
Promenadedeck hinber. Da gehrte ich doch hin! Von Rechts wegen!

Nach und nach waren all die Jammergestalten nach berstandener
Seekrankheit an Deck gekommen und verzehrten mit groer Regelmigkeit
unglaubliche Mengen der derben Schiffskost, als wollten sie Versumtes
wieder einholen. Da waren oldenburgische Bauern, wortkarge Hnen, die
den ganzen Tag lang in besorgter Wacht auf ihren Habseligkeiten saen
und niemals mit irgend jemand sprachen. Da waren galizische Juden,
ungarische Arbeiter, deutsche Handwerker.

Sie hockten gewhnlich in Gruppen zusammen. Sie scherten sich den Teufel
um die Schnheiten des Meeres und die Fremdartigkeit des
Schiffskolosses, aen und tranken und rauchten und wuschen Wsche und
flickten Zeug und machten aus dem Zwischendeck ein Dorf mit alten
Gebruchen und alten Sitten. Die Weiber sugten ihre Kinder und holten
ihren Mnnern das Essen und tanzten kreuzfidel, wenn der lustige
bayrische Bierbrauer seine Ziehharmonika herbeiholte, und die Mnner
stritten sich und vertrugen sich wieder und erzhlten ein wenig und
logen ein bichen, und die Stewards spielten bald die Polizeigewaltigen,
weil sie Deutsche waren und ihnen das im Blut steckte; bald erinnerten
sie sich daran, da sie Kellner waren, und ergatterten Nickel.

Die oldenburgischen Bauern hatten Geld im Sack und gingen nach Kansas,
um sich in einer deutschen Ansiedlung Land zu kaufen. Die Handwerker
berichteten Wunderdinge von amerikanischen Wunderlhnen -- die
ungarischen Arbeiter schnatterten den ganzen Tag in ihrer aufgeregten
Art -- die Juden hockten auf Kisten und Koffern zusammen und
mauschelten.

Ich hatte wenig Verstndnis fr sie und ihre Art; das Zwischendeck der
Lahn ist mir eine verschwommene Erinnerung, aus der nur ein paar
Menschen auftauchen.

Da war ein schlankes Mdel mit hungrigen Augen. Sie reiste allein und
erzhlte jedem, der es hren wollte, da sie des Dienstmdchenspielens
und der gndigen Frauen berdrssig sei und -- ja, da drben gab's Geld,
viel Geld und schne Kleider, und sie sei ganz gewi nicht dumm. Die
Frauen im Zwischendeck betrachteten sie mit tiefster Abneigung, und die
Mnner verdrehten die Augen, wenn sie sich blicken lie. Sie sa
stundenlang ganz vorne an der Spitze des Schiffes und starrte aufs Meer
hinaus. Einmal setzte ich mich neben sie.

Einen Pfennig fr Ihre Gedanken!

Hoh! sagte das Mdel, und ihre Augen lachten, meine Gedanken sind
viel mehr wert.

Wieviel denn?

Nicht zum sagen. Ich hab' daran gedacht, da ich alles Schne haben
will, was es nur gibt -- alles, alles!

Sie drehte sich um und sah mich an. Ich war zu jung damals, um in den
hungrigen Augen zu lesen, und sie lachte und ging weg.

Und da waren meine beiden Dninnen. Schwestern, blutjunge Dinger in
blauen Matrosenanzgelchen und kleinen schwarzen Htchen. Sie saen
immer zusammen und kicherten, und wenn die Sonne schien, leuchteten die
goldblonden Haare. Ich sagte einmal irgend etwas zu ihnen, da
schttelten sie lachend die Kpfe, denn sie sprachen nur dnisch und
verstanden keine andere Sprache. Am letzten Abend der Reise aber war ich
mit ihnen zusammen. Spt war's schon, und ich sa allein auf dem dunklen
Verdeck und starrte in die Sternenwelt hinaus. Da kamen die Schwestern,
kichernd und lachend, und eine setzte sich rechts von mir und eine
links. So blieben wir die ganze Nacht im Dunkeln und schauten aufs Meer
hinaus und schauten einander an, und betrachteten das Sternengeglitzer
und freuten uns, wenn die Wellen silberschumend aufblitzten. Stunde auf
Stunde verrann, und wir rckten immer enger zusammen.

Ohne auch nur ein einziges Wort sprechen zu knnen.

Ich hab' die beiden armen Dinger nach Jahren wieder gesehen in
jmmerlichem Elend. Aber das ist eine andere Geschichte.

                  *       *       *       *       *

Wie ein feiner Dunstschleier lag's ber dem Meer. Graue Gebilde tauchten
auf am Horizont, kaum sichtbar in verschwommenen Umrissen, aber von
erdrckender Masse, schwer, ungeheuer. Sie wuchsen, stiegen empor,
nahmen Form und Gestalt an, zergliederten sich in schattenhafte
Husermassen, zerteilt, interpunktiert von himmelstrebenden,
riesengroen Schatten, die grob und eckig wie Wrfel aussahen und
gewaltig, als habe eine bermenschliche Hand sie hingestellt. Das Meer
wurde lebendig. Schiffe kamen in Sicht -- Dampfer, gro und klein,
Segler, Ozeanschlepper. Und langsam lsten sich aus den Schatten Farben
heraus, das Meer erdrckend, als wolle die Riesenstadt sagen: Hier
herrsche ich!

Getse berall. Aus dem Wasser taucht ein Weib auf, fackelschwingend,
eine Strahlenkrone um das Haupt, die Statue der Freiheit. Nun fahren wir
mitten im Husergewirr, das auf allen Seiten unabsehbare Linien von
Schiffen bunt umsumen, in allen Farben, in allen Gren.

Zwei zierliche Schleppdampfer drngen unseren Schiffskolo hbsch
langsam und vorsichtig an den Pier, von dem aus schwarzer Menschenmenge
weie Tcher grend flattern. Die Gangplanken werden gelegt, die
Kajtspassagiere gehen an Land, die Dampfwinden frdern eilend ihre
Kofferlasten aus dem Schiffsbauch. Wir Zwischendeckler mssen lange
warten, bis auch wir das Schiff verlassen drfen und uns in der
Landungshalle zur Zollrevision aufstellen knnen.

Die ging schnell genug vorber; bei den armen Leuten vom Zwischendeck
war nicht viel zu holen fr Onkel Sam. Dann marschierte man uns auf
einen kleinen Dampfer, der uns nach den Auswandererhallen hinbertrug.

Es war ein riesengroer Raum, durch Holzwerk in lange, schmale Gnge
eingeteilt, mit kleinen Holzhuschen fr die rzte und die
Auswanderer-Kommissare. An denen muten wir im Gnsemarsch
vorbeischreiten. Nach einer Stunde etwa kam auch ich an die Reihe. Der
Arzt sah mich flchtig an und winkte nur mit der Hand, ich drfe
weitergehen; der Kommissar fragte mich nach meinem Namen und sah auf
einer Liste nach, die er in der Hand hielt.

Sie sind Deutscher?

Ja.

Was haben Sie in Deutschland gearbeitet?

Nichts! platzte ich heraus, und der Beamte lachte.

Was wollen Sie hier in Amerika?

Ich mu wahrscheinlich auf diese Frage ein recht dummes Gesicht gemacht
haben, denn der Beamte wartete die Antwort gar nicht ab und fragte
lchelnd:

Zeigen Sie mir die erforderlichen dreiig Dollars.

Er warf einen flchtigen Blick auf die Goldstcke in meinem
Geldtschchen.

Schn. Sie knnen passieren. Und viel Glck!

Da stand ich nun in der kleineren Seitenhalle mit ihren Kofferbergen und
mir fiel ein, da auf dem Fahrschein der Dampferlinie, die mich nach
Texas bringen sollte, umstndlich auseinandergesetzt war, man msse bei
der Ankunft in New York die Fahrkarte auf den Hut stecken. Das tat ich.
Sofort scho ein bewegliches kleines Kerlchen auf mich zu:

Hello, _mister_. Sie fahren mit der Mallory-Linie. Ich bin der Agent.
Alles in Ordnung. Geben Sie mir Ihren Gepckschein her. So! Bleiben Sie
hier stehen. Rhren Sie sich ja nicht vom Platz. Sie haben gar nichts
zu tun. Wird alles besorgt. Ist alles bezahlt.

Und weg war er. Bald sah ich ihn hier, bald dort im Menschengedrnge
auftauchen, und immer hatte er neue Schutzbefohlene am Wickel, die er
schleunigst zu mir in die Ecke fhrte. Endlich waren wir vollzhlig.

Eins, zwei, drei -- sieben! zhlte er. _Allright._ Alles in
Ordnung. Gepck wird gebracht. Gehen wir. Immer hinter mir drein!

So betrat ich die Straen New Yorks.




Ein Tag in New York.

     Wie ich mir einen Revolver kaufte. -- Der _policeman_ und der
     Stiefelputzer. -- Wie man eingeseift und barbiert wird. -- Im
     Geschwindigkeits-Restaurant. -- Die Bowery. -- Hallelujamdchen.
     -- Im Park.


Bleiben Sie lieber im Heim, meinte das kleine Mnnchen. Es ist
gescheiter und billiger!

Fllt mir nicht im Traum ein, sagte ich.

_Well_, ich habe Sie gewarnt. Dies ist eine groe Stadt, eine feine
Stadt, aber eine merkwrdige Stadt. Wenn Sie morgen in Ihr leeres
Portemonnaie gucken und weinen, dann ist's Ihr eigenes Begrbnis! Also
der Dampfer geht morgen frh um acht Uhr ab!

Und er trippelte aus dem Bureau.

Ich sah ihm lachend nach. Hier im Auswandererheim in der _State Street_
wehte Zwischendeckluft, und Zwischendeckluft hatte ich grndlich satt.
Da waren groe Rume mit lauter Schlafpltzen dreifach bereinander;
Kojen, richtige Kojen -- da war ein Eraum mit riesig langen Tischen und
Bnken. An denen saen Auswanderergestalten, denn es war gerade
Essenszeit. Und Bndel lagen umher, und dumpfe Luft war in dem Raum, und
ich machte, da ich hinauskam.

Wohin? fragte der Mann mit der Mtze, der an der Tre stand.

'raus!

Lieber nicht. Viel zu hei zum Spazierengehen.

Mir egal. Ich will 'raus.

Hm. Fahren Sie weiter?

Ja. Mit dem Mallory-Dampfer morgen frh.

Texas? Was Sie nicht sagen! Haben Sie schon 'n Revolver?

Mann! sagte der mit der Mtze erstaunt und mitleidig, als ich den
Kopf verneinend schttelte. Da unten mu man unbedingt 'n Schieeisen
haben!

Da ich aber auch daran nicht gedacht hatte! Ich machte mir schwere
Vorwrfe ber meinen unverzeihlichen Leichtsinn und war von tiefer
Dankbarkeit erfllt, als der Mann mit der Mtze sich erbot, mir einen
Laden zu zeigen. Er fhrte mich in ein Geschft am Broadway, flsterte
mit dem Verkufer, bekam irgend etwas in die Hand gedrckt, und ging
wieder. Er drfe nicht lange fortbleiben -- der _gentleman_ dort wrde
mich schon _fixen_.

_I -- I desire to buy a revolver!_ stotterte ich.

_Certainly_, antwortete der Verkufer. _Talk German._ Bitte,
sprechen Sie nur deutsch. Sie wnschen einen Revolver?

Ich bejahte.

Sie mssen natrlich das beste haben, was es nur gibt, besonders da
Sie nach Texas reisen, wie mir der Mann vom Heim sagte. Dort kann das
Leben eines Mannes leicht genug von der Gte seiner Waffe abhngen!

(Texas mu ja fa--mos sein! Dachte ich mir, freudig berrascht).

Ich mchte Ihnen diesen Smith und Wesson Revolver bestens empfehlen.
Feinster Nickelstahl. Selbstttiger Patronenauswurf. Selbstwirkende
Sperrvorrichtung. Treffsicherheit auf dreihundert Meter garantiert.
Kolossal bequem in der Hftentasche zu tragen!

Ich wei doch nicht ... sagte ich, die kleine Maschine mglichst
sachverstndig betrachtend. Gerade mit diesem System bin ich nicht
vertraut. (Ich verstand berhaupt nichts von Revolversystemen.)

Ich erklre Ihnen den Mechanismus genau. Auerdem knnen Sie die Waffe
auf unserem Schiestand probieren. Diese Tr dort!

Ich zitterte vor Freude. Das war ja wunderbar. Kaum konnte ich meine
Ungeduld meistern, als wir in die Schiebahn kamen, und er mir zuerst
den Mechanismus, das Laden, das Patronenauswerfen zeigte. Endlich gab er
mir den Revolver in die Hand, und schleunigst knallte ich auf die von
Glhlampen hellbeleuchtete kleine Scheibe los.

Ausgezeichnet! rief der Waffenhndler.

Hab' ich getroffen? fragte ich erratend.

Ob Sie getroffen haben? meinte er. (Als ob das gar nicht anders
mglich sei.) Selbstverstndlich. Ins Zentrum haben Sie getroffen!

Beinahe htte ich Hurrah geschrien. Ich freute mich wie ein kleiner
Junge. Nach dem zwlften Schu ging der Waffenhndler zur Scheibe und
brachte mir das Stckchen Pappe. Smtliche Schsse saen in den beiden
inneren Kreisen. Wie stolz ich war! So stolz, da ich ohne weiteres den
sehr teuren Revolver kaufte. Htte ich damals schon gewut, da es ein
alter Trick amerikanischer Waffenhndler ist, auf den Schiestnden
sauber zurechtgeschossene Scheiben in Bereitschaft zu haben, die den
Kunden fr ihre eigenen unterschoben werden, so wrde ich wohl bedeutend
weniger eingebildet gewesen sein!

Die sollten mir nur kommen in Texas! Meine texanische Zukunft schien mir
gesichert! Ich besa einen Revolver!

                  *       *       *       *       *

... Ich mu versucht haben, den Fahrweg des Broadway zu berschreiten.
Eine elektrische Straenbahn wenigstens gab sich die erdenklichste Mhe,
mich zu rdern -- die Pferde eines Lastwagens versuchten mit zynischem
Gleichmut, mir die Fe wegzutreten -- ein Radfahrer kollidierte zuerst
mit meinen Rippen und hielt sich dann vertrauensvoll an meinem Halse
fest -- und siebenundzwanzig Kutscher brllten zu gleicher Zeit auf mich
ein.

Hilfe! schrie ich.

Da tauchte ein Hne von Polizist mit grauem Helm, blauem Rock und einem
niedlichen kleinen Knppel in der Hand neben mir auf, sah mich
mibilligend an und hob den kleinen Finger der rechten Hand ein bichen
in die Hhe. Wie durch Zauberschlag standen all' die Wagen still,
schwiegen all' die Kutscher, hrten all' die Elektrischen mit ihrer
drhnenden Klingelei auf. Und der Hne fate mich behutsam am Arm und
bugsierte mich auf die andere Seite der Strae.

Donnerwetter! rief ich.

Oh -- aha! sagte der _policeman_ in deutscher Sprache. Frisch von
drben? Lassen Sie sich in eine Unfallversicherung aufnehmen!

Sprach's und schritt majesttisch weiter. Ich aber guckte betrbt an mir
hinab und konstatierte, da mein Rock bestaubt, meine Stiefel mit
Schmutz bespritzt und meine Manschetten zerknllt waren.

Da sah ich an der Straenecke einen pompsen, mit Messingblech
verzierten Lehnstuhl stehen, vor dem ein Negerjunge hockte, und ich
begriff, da das ein Etablissement zum Stiefelputzen war.

Wie hieen doch Stiefel auf englisch? Richtig -- _boots_. Aber wie
drckte man sich auf englisch aus, wenn man etwas geputzt haben wollte?
Keine Ahnung! Damals begann ich zum erstenmal, speziell den Lehrern der
englischen Sprache zweier bayrischer Gymnasien allerlei bles an den
Hals zu wnschen. In Zukunft tat ich das noch hufig. Wie der schne und
wahre Satz: Die Tugend ist das hchste Gut auf englisch hie, das
hatte man uns gelehrt; die spartanischen Jnglinge und die verschiedenen
Enormitten ihrer Erziehung -- das war ein sehr beliebtes
bersetzungsthema gewesen. Aber wie man sich auf englisch die Stiefel
putzen lie -- das war den Herren Humanisten wahrscheinlich zu
gewhnlich gewesen. Und auf dem Broadway von New York dankte ich den
Gttern, da ich als Primaner in Burghausen so viele englische
Schundromane gelesen und so viele englische Liebesbriefe geschrieben
hatte. Sonst wr' ich dagesessen mit meinem humanistischen Englisch!

Nein, das Wort fr reinigen fiel mir nicht ein. Ich kletterte daher
wortlos auf den Lehnstuhl. Der Neger fiel auch sofort ber meine Stiefel
her, brstete, lte, frottierte mit sieben verschiedenen Tchern und
erzielte eine glnzende Herrlichkeit, die ich mit Staunen betrachtete,
whrend ich meinen Schdel damit qulte, wie ich elegant fragen knnte,
was die Geschichte kostete.

_What does that cost?_ meinte ich schlielich.

_A nickel_ -- fnf Cents, grinste der Neger. Deutsches, heh? Nix
englisch, heh?

Und tief beschmt gab ich ihm meinen Nickel.

Es war so hei, da man kaum atmen konnte; es war, als strmten Fluten
glhender Luft aus dem Asphalt der Strae. Ich beneidete die westenlosen
Herren mit ihren dnnen Jckchen und die Damen, die Fcher trugen und
sich unablssig Khlung zufchelten; ich wunderte mich, da trotz der
Hitze alle Leute so rannten; war erstaunt, als ich durch eine
Spiegelscheibe in ein Bankgeschft hineinguckte und lange Reihen von
Angestellten in Hemdrmeln sitzen sah; in eleganten Hemdrmeln, an den
Ellenbogen von breiten bunten Seidenbndern zusammengehalten. Aber
immerhin in Hemdrmeln. Ich guckte in alle Lden hinein, starrte
verblfft an himmelragenden Wolkenkratzern empor, lie mich vorwrts
schieben im Straengewhl. Ein Barbierladen brachte mich auf die Idee,
mich weiterhin verschnern zu lassen.

Eine Viertelstunde lang sa ich in der Reihe der Wartenden, bis eine der
emsig arbeitenden Gestalten in fleckenlosem weien Linnen mich ansah und
rief:

_Next!_

Der Nchste! Ich war an der Reihe.

Der Barbier war ein Knstler. Leise wie ein Hauch glitt er mir ber das
Gesicht. Auf einmal sprte ich etwas an meinen Fen, merkte, da ein
Neger sich heimtckischerweise herbeigeschlichen hatte und mir die
Stiefel putzte! Herrgott, sie waren doch schon geputzt worden! Ich
wollte protestieren. Es ging aber nicht, weil der Knstler gerade an
meinen Mundwinkeln operierte. Lieber die Stiefel zweimal geputzt als
einmal geschnitten, dachte ich mir.

Da! Jemand ergriff meine rechte Hand. Diesmal wre ich fast
zusammengezuckt. Mhsam aus den Augenwinkeln schielend, stellte ich
fest, da ein anderer Neger mit Scheerchen und Feilen und Brstchen
meine Ngel bearbeitete! Na, meinetwegen.

Dreimal wurde ich eingeseift, dreimal rasiert. Dann legte sich auf
einmal ein weies Tuch ber mein Gesicht --

Ich brllte! Das Tuch war kochend hei.

_Nice, aint it?_ fragte der Barbier.

_Nice_ -- das hie hbsch. Die New Yorker Barbiere schienen mir einen
grotesken Geschmack zu haben. Aber wirklich, nach dem ersten Schrecken
fhlte man sich erfrischt, wohlig. Von Zeit zu Zeit fragte mich der
Barbier irgend etwas, und ich nickte nur mit dem Kopf, weil ich seinen
Geschftsjargon nicht verstand.

So bergo er meine Wangen mit hllischem Feuer und salbte mich mit
khlenden Wohlgerchen -- zerschlug ein Ei auf meinem armen Schdel und
brhte mir die Haare, um gleich darauf durch einen eiskalten Gu einen
brillanten Kontrast zu erzielen -- schnitt mir die Haare -- rasierte mir
den Nacken -- frottierte, rieb, schund mich. Aber es war sehr schn!!

_Thank you!_ sagte der Knstler.

Und die junge Dame an der Kasse prsentierte mir mit bezauberndem
Lcheln eine Rechnung von fnf Dollars und packte mir eine Haarbrste,
eine Zahnbrste und eine Dose mit Pomade fein suberlich ein. Ich fiel
beinahe in Ohnmacht. All' das Zeug hatte ich nickenderweise in aller
Unschuld gekauft! Ich wollte protestieren, ich wollte -- -- da sah mich
die junge Dame mit einem sen Blick an, mit einem Blick, der
einen Eisblock htte schmelzen knnen. Da tat auf einmal die
Fnf-Dollarrechnung gar nicht mehr weh. Ich bezahlte nicht nur, sondern
ich bezahlte mit Vergngen.

Stundenlang wanderte ich ziellos umher, beschauend, staunend. Mir kam's
vor, als sehe eine Strae wie die andere aus, als herrsche berall das
gleiche verwirrende Getse, das gleiche Getmmel. Ein Eindruck
verwischte den andern. Ich fing an mde und vor allem hungrig zu werden.
Da sah ich ein Schild mit grellen roten Buchstaben: Restaurant.
Schleunigst trat ich ein.

An kleinen Tischen saen Mnner, in angestrengter Arbeit vornber
gebeugt. Sie aen krampfhaft darauf los, als sei dies ein Preisessen,
mit einem tchtigen Preis fr den, der zuerst fertig wrde. Speisekarten
gab's nicht. Dafr hingen berall an den Wnden Plakate mit Namen von
Gerichten, und riesengroe Schilder besagten, da hier ein Einheitspreis
herrsche. Was man auch a, alles kostete fnfundzwanzig Cents.

Was ist's Ihrige? brllte der Kellner im Vorbeijagen.

_Beefsteak!_ schrie ich ihm nach.

_Medium?_ brllte er zurck.

_Yes!_ schrie ich auf gut Glck, denn ich hatte keine Ahnung, was
"medium" bedeuten sollte. (Das Wort ist ein echt amerikanischer
Spezialausdruck, Restaurantjargon, und heit "mittel", halb
durchgebraten.)

Tee, Kaffee, Milch? erkundigte sich der Ganymed, vom anderen Ende
des Lokals herberschreiend.

Bier! rief ich entrstet.

Nix Bier! johlte er zurck. Tee, Kaffee, Milch ...

Milch! schrie ich. Ich war emprt. Nicht einmal ein Glas Bier konnte
man also bekommen! Wre ich meinem Englisch nicht so mitrauisch
gegenbergestanden, so htte ich dem Kellner grndlich meine Meinung
ber seine unkommentmigen Getrnke gesagt!

Nach wenigen Sekunden schon strzte er auf meinen Tisch los. Ich starrte
ihn in jhem Erstaunen an. Der Mensch mute im Nebenberuf Jongleur sein,
denn er balanzierte auf ausgestrecktem linkem Arm eine Pyramide von
hochaufgetrmten Schsseln und Schsselchen mit allerlei Gerichten, mit
einer Selbstverstndlichkeit, als sei fr ihn das Gesetz der Schwerkraft
aufgehoben. Von den dutzend Schsseln, die da auf seinem Arm schwebten,
nahm er die oberste und warf sie mir hin. Jawohl -- warf sie mir hin.
Die Platte glitt ber das Tischtuch und rutschte niedlich in Position
vor meinen Platz. Der reine Zaubertrick. In gleicher Art kam ein
Schsselchen mit gebratenen Kartoffeln gerutscht und ein Glas Milch.
Dann warf er mir ein rosa Pappstck hin mit dem gestempelten Aufdruck:
25 Cents. Das war die Rechnung. Man bezahlte an einer kleinen Kasse.

Ich glaube, ich habe sehr rasch gegessen. Erstens war ich hungrig und
das Beefsteak ausgezeichnet, und zweitens steckte die Schnellesserei an.
Man konnte in der nervsen Hast dieser Futterstelle mit Dampfbetrieb so
etwas wie beschauliche Gemtlichkeit nicht bewahren.

Wieder stand ich in dem Straenlrm. ber das hohe eiserne Gerst in
der Straenmitte donnerten alle Augenblicke Eisenbahnzge. Es fing an
dunkel zu werden. Lichter flammten auf, das Meer von Reklameschildern
und Plakaten hell beleuchtend. Denn ein Laden reihte sich hier an den
andern. Die Straenfront war eine ununterbrochene Folge von
Schaufenstern, von Trdellden, Kneipen, Kleidergeschften, Bazaren,
Theatern. Und ein jeder versuchte seinen Nachbarn durch grelle
Anpreisung zu bertrumpfen; hier glitzerten hunderte von Glhlmpchen in
einem Schaufenster, dort lenkte ein schwingendes Feuerrad die
Aufmerksamkeit auf billigen Schmuck, da sollte ein lichtumrahmter
Farbenklecks einer Tnzerin mit flatternden Jupons und rosabestrumpften
Beinen in ein Variet locken. _Cheap_, billig, war das Motto der
Strae. Billig, billig -- stand berall in Rot und Grn und Gelb
angeschrieben -- billig, schrien an jedem zweiten Fenster Buchstaben aus
Glhlampen geformt. Billig, billig ...

Die Strae war die Bowery, das Viertel der Armut, des Lasters, des
billigen Vergngens. Das wute ich freilich damals nicht. Ich sah nur,
wie erbrmlich der lichtumflutete Tand in den Fenstern war -- wie das
Geschft der Strae hinter dem Pfennig herhetzte -- wie die Menschen
sich drngten und starrten und gafften. Energische jdische Herren
versuchten, mich in ihre Kleidergeschfte hineinzuziehen, eine junge
Dame rempelte mich an, ein Mann, der aus einer Bar hinausgeworfen wurde,
sauste an mir vorbei und htte mich beinahe mitgerissen. Matrosen
johlten. Neben Herren, die trotz ihrer Seidenhte und trotz der
Brillantbusennadeln merkwrdig gewhnlich aussahen, drngten sich
Gestalten in halbzerrissenen Kleidern, Neger, Dirnen, barfige Kinder.
An den Ecken lungerten Mnner und Frauen, riesige Polizisten schritten
langsam auf und ab. Man war wie eingekeilt. Denn auch der Straenrand
bildete eine einzige Linie von Licht und Verkaufsbuden, von rollenden
Lden. An jedem der kleinen Wagen steckte eine Petroleumfackel, und der
rote Schein stach sonderbar von den weien Lichtfluten der Bogenlampen
ab. Da waren Obstverkufer und Blumenhndler und Limonadekarren. Ein
behbig aussehender Mann in weier Schrze hatte einen riesigen Kessel
um sein Buchlein geschnallt, einen tragbaren Ofen. Man sah die
glhenden Kohlen auf dem Rost. Er wanderte hin und her am Straenrand,
aus Leibeskrften schreiend: Wiener Wurst -- Wiener Wurst, _gentlemen_
-- _hot Wiener Wurst_. Da kam ein wanderndes Restaurant, ein kleines
Huschen auf Rdern von einem Esel gezogen, das _sandwiches_ und
_beefsteaks_ anpries. Daneben stand das Tischchen eines Hndlers, der
Spielkarten verkaufte. Die Strae war eine Hlle von Lrm und Getmmel
und Gerchen -- ich wurde gestoen und gedrngt, bis ich mir so hilflos
vorkam wie ein biederer Bauer aus Feldmoching auf dem Mnchener
Oktoberfest ...

Da ertnte ein Trompetensto und helle Frauenstimmen sangen, das
Gedrhne bertnend:

     _Hallelujah --
     Hallelujah, this is the day of the Lord.
     Hallelujah -- Hallelujah!_

Vier Mdchen in den hlichen Hten und den blauen Jacken der Heilsarmee
standen an der Straenecke, eine amerikanische Flagge ausgespannt in den
Hnden. Die Straenbummler scharten sich um sie, und dann und wann warf
jemand ein Geldstck in die Flagge. Da -- jetzt sangen die schnen
Mdchenstimmen in deutscher Sprache:

    Flieh' doch die Versuchung,
    Die Leidenschaft brich!
    Glaub' immer an Jesum,
    Er rettet auch dich.

Salbungsvoll, marktschreierisch, unangenehm. Und doch -- wie das klang
... In dieser Strae. Unter diesen Menschen!

                  *       *       *       *       *

Das Auswandererhaus lag grau und nchtern da. In der drckenden
Abendschwle hatte der Gedanke an die vielen Menschen in den kahlen
Rumen, an die Bettreihen der Brettergestelle, etwas Abstoendes. So
wanderte ich noch umher trotz aller Mdigkeit. Ganz in der Nhe fand ich
einen kleinen Park, Anlagen mit duftendem Jasmingebsch und breiten
Bnken, ein grnes Fleckchen, eingekapselt zwischen den Schiffsreihen
des Hafens und den Husermassen der Wolkenkratzer. In einem Winkel war
noch ein Pltzchen auf einer Bank, neben einem Liebesprchen, lachenden,
schwatzenden jungen Menschen.

Der Park lag in weichem Halbdunkel. Drauen auf allen Seiten flutete es
von Licht, von den Tausenden von Lichtpnktchen im Hafen bis zu dem
grellen Bogenlampenschein der Citystraen. Rot und gelb und wei blitzte
es auf -- Feuerrder, die irgend eine Reklame umrahmten hoch droben in
der Luft auf Wolkenkratzern; Dampfer im Hafen, die mit ihren vielen
Fenstern und Hunderten von Glhlampen aussahen wie schwimmende
Lichtmassen; ein Meer von Licht berall. Und, wie aus weiter Ferne
kommend, ein dumpfes Getse, der vibrierende Ton des nchtlichen New
York, die Nachtsprache der Riesenstadt, die sich aus Millionen, aus
Milliarden von Einzelgeruschen zusammensetzt, ein unbeschreiblicher
Ton, bald wie leises Flstern, bald anschwellend zu drhnendem
Tumult ...

Da kam aus Mdigkeit und Verlassensein das Heimweh ber mich. Auf der
Bank im Hafenpark unter einer Laterne schrieb ich den ersten Brief an
meine Mutter. Einen lustigen Brief. ber den Barbier und das Restaurant
und die Bowery.




Das Pokerschiff.

     Zwischen New York und Texas. -- Vom amerikanischen Nationallaster.
     -- _Fine game_, dieses Poker! -- Die Weisheit des Bluffens.
     -- Key West und Johnny Young aus San Antonio. -- Eine bissige
     Bemerkung ber Millionre. -- Im Salon! -- _Good bye, Miss
     Daisy ..._ -- Dies ist Texas, mein Sohn!


_There you are! Good bye!_ sagte der zappelige kleine Agent der
Mallorylinie, auf die Gangplanken des Texasdampfers deutend, nickte mir
zu und verschwand im Gewhl.

Ein Hllenlrm herrschte auf dem Pier trotz der frhen Morgenstunde.
Scharen von Arbeitern rannten vom Pier zum Dampfer und vom Dampfer zum
Pier. Scke, Kisten, Fsser schienen in der Luft umherzufliegen;
Dampfwinden kreischten. Eine drhnende Stimme von der Kommandobrcke
trieb fluchend zur Eile an. Ruig und ungewaschen sah der schwarze
Dampfer mit den grellroten Schornsteinbndern aus. Zwischen
dahinstrmenden Menschen und daherpolternden Kaufmannsgtern kletterte
ich an Deck, ohne da eine Menschenseele sich um mich kmmerte. Hier
gab's keine vterliche Frsorge wie beim Norddeutschen Lloyd -- keine
Polizisten, keine eleganten Schiffsoffiziere, keine uniformierten
Stewards, die einem Pltze anwiesen ... Ein Mann in Hemdrmeln (dafr
trug er aber elegante Beinkleider, Lackstiefel und eine goldbernderte
Offiziersmtze) sah mich verwundert an, als ich ihm meine
Zwischendeckskarte zeigte, und deutete einfach mit dem Daumen nach der
Vorderdeckstreppe. Ich stieg hinab. In einem mig groen
Zwischendecksraum standen eine Menge Kojen. Aber jede war mit irgend
einem Gepckstck belegt. Da kam ein Mann in weier Jacke die Treppe
herunter.

Wo ist mein Platz? fragte ich ihn.

Hier! sagte er und deutete auf die Kojen.

Aber da liegen doch berall Sachen!

Dann ist kein Platz mehr da! meinte der Steward seelenruhig.

Aber ich habe doch bezahlt!

_Well_, das macht nichts aus, erklrte der Steward. Fr Ihr Geld
kommen Sie nach Galveston. Schlafen knnen Sie, wo's Ihnen beliebt. In
den Kojen oder auf dem Boden oder auf dem Verdeck!

Und pfeifend stieg er die Treppe empor.

Ich sah um mich. Kein Mensch war im Zwischendeck, trotzdem berall
Koffer und Bndel lagen. Am andern Ende der Kojenreihen entdeckte ich
aber eine Tr und trat in einen groen, halbdunklen, durch einige
Glhbirnen schlecht erleuchteten Raum, in dem ein paar dutzend Leute vor
einem hohen Bartisch standen.

Da ist noch einer, sagte der Mann hinter der Bar. Was ist Ihre
Spezialitt, Herr?

Ich sah ihn fragend an.

Was wollen Sie trinken, mein' ich, erklrte der Mann. Sie sin'
wohl 'n Fremder?

Jawohl, sagte ich. Sehr.

_Well_, das macht nichts. Der Herr hier traktiert. Was ist das
Ihrige?

Ein Glas Bier.

Schluck's hinunter, _sonny_! sagte einer der Trinkenden. Jawohl --
ich traktiere. Und es wird nicht das letztemal sein, da dieser gute
alte Junge hier (er schlug sich auf die Brust) auf diesem gesegneten
Schiff eine Runde bezahlt. Soll sich der Mensch vielleicht nicht freuen,
wenn er aus New York herauskommt? Im Winter ist es so kalt, da man
Millionr sein mu, um die Kohlenrechnung zu bezahlen; im Sommer ist es
so hei, da man dreimal im Tag den Sonnenstich bekommt und nachts im
Eiskasten schlafen mu. Mit den Lhnen ist's Essig, weil das
italienische Pack von drben zu billig arbeitet, und ein solides kleines
Geschftchen kann man auch nicht machen, weil alles schon gemacht ist,
was es in der Geschftslinie nur gibt. New York ist ungemtlich.
Verdamm' New York, sag' ich. Hat einer von den Herren 'was dagegen?

Ich nicht, meinte der Mann hinter der Bar. New York kann fr sich
selber aufpassen. Gro genug ist es.

Das ist wahr. Ein groer, unappetitlicher, rauchiger Haufen von einer
Stadt ist es. Von Wolkenkratzern und elektrischem Licht kann ich nicht
leben, sag' ich. Texas fr mich, meine Herren, wo ich der Schlauere
bin, und nicht New York, wo die anderen alle die Schlaueren sind. Texas
fr mich, sag' ich.

Da freute ich mich diebisch, weil ich jedes Wort mhelos verstand, und
trank vergngt das winzig kleine Glas Bier aus.

New York hin, New York her, sagte ein Mann neben mir, ein
prachtvolles Menschenexemplar, riesengro, mit breiten Schultern und
einem merkwrdig weichen Gesichtsausdruck. Ich rutsche jetzt zum
drittenmal auf dieser verdrehten Mallorylinie nach Texas hinunter. Wenn
ich dort bin, kalkulier' ich mir zusammen, da ich wieder in New York
sein mchte, und wenn ich glcklich wieder in New York bin, lt es mir
keine Ruhe, bis ich mein Fahrgeld nach Galveston wieder bezahlt habe.
Wenn ich in Texas auf einem Gaul sitze, mcht' ich in einem New Yorker
Variet sein, und wenn ich in New York sechs Monate lang richtige
Mahlzeiten gegessen habe, werd' ich ganz verrckt nach Texasmaisbrot und
Texasspeck. Ich hab' noch nicht die richtige Ruhe, denk' ich mir.

Die Mnner lachten schallend auf.

So geht's uns allen, rief einer. Ich pfeif' auf die richtige Ruhe.
Um die zu haben, mte ich entweder Millionr sein oder tot und
begraben. Dies ist ein groes Land, und meiner Mutter Sohn will dort
sein, wo etwas los ist. Gefllt's mir nicht in der einen Stadt, geh' ich
in eine andere, und sind im Osten die Zeiten schlecht, so ist damit noch
lange nicht gesagt, da sie auch im Westen schlecht sein mssen. Das
Glck luft einem nicht nach. Immer hinter drein! Entfernung spielt bei
mir keine Rolle. Immer hinter drein, meine Herren, und der Teufel holt
den, der zuletzt kommt.

                  *       *       *       *       *

Deutscher sind Sie? Und erst vierundzwanzig Stunden im Land? Dann
lassen Sie die Finger davon! grinste der Riese.

Er war mit mir an Deck gegangen. Whrend der Sam Houston (so hie der
Texasdampfer) sich durch das Hafengewirr schlngelte, nannte er mir die
gewaltigen Wolkenkratzer bei Namen und pries in begeisterten Reden die
Vortrefflichkeit der New Yorker Variets und lobte die Appetitbrtchen
der New Yorker Bars. Als aber die Wolkenkratzer untertauchten in einer
einzigen gewaltigen Steinmasse, als die hin- und herhuschenden Dampfer
seltener wurden und die Millionenstadt langsam am Horizont verschwand,
wurde er ungeduldig.

Gehen wir 'runter! hatte er gesagt und mir erklrt, da sich auf dem
alten Kasten die Zeit natrlich nur durch Pokerspielen totschlagen
lasse.

Aber spielen Sie ja nicht mit!

Ich fhlte mich beleidigt. Wenn man die Bnke der Obersekunda neben dem
Sohn eines amerikanischen Konsuls gedrckt hat, so ist man in die
Anfangsgrnde des amerikanischen Nationallasters eingeweiht! Die
Geheimnisse der Paare und der vier Asse und des Flush und des Bluffens
waren mir lngst keine Geheimnisse mehr. Selbstverstndlich wrde ich
pokern!!

berall auf dem Boden des Barraumes waren wollene Decken ausgebreitet,
und auf den Decken saen und kauerten die Mnner von vorhin, in kleinen
Gruppen von vier und fnf, mit Karten in den Hnden, mit ernsten
Gesichtern. Vor jedem lagen kleine Huflein Silbergeld und zerknllte
Dollarscheine. Bierglser und Whiskyflaschen standen umher.

Na, nun will ich aber meinen Hut aufessen, wenn das nicht unanstndige
Eile ist! schmunzelte der Riese. Das gesegnete Schiff ist noch gar
nicht richtig unterwegs, und da fangen die schon mit dem Pokern an.
Sechs Partien! Hoh!! Und ich will meinen Hut noch einmal aufessen, wenn
das nicht eine sehr vergngte Reise wird! 's ist doch ein wahrer Segen,
da diesmal keine Frauen und Kinder im Zwischendeck sind.

Fnf Minuten spter war ich mit Jack (so hie der Riese), Tommy (so hie
der Barmann) und zwei anderen schon mitten im eifrigsten Pokerspielen,
und in weiteren zehn Minuten hatte ich unter dem schallenden Gelchter
der Runde meinen ersten Bluff verloren ... Jack hatte nmlich vier Asse!

Gegen vier Asse anzubluffen ist Pech! sagte Jack trocken. Tun
Sie's nicht wieder.

Es war ganz still im Barraum; kein lautes Wort wurde gesprochen. Nur die
Silberstcke klirrten. Die Mnner hockten regungslos da, mit halb
verschleierten Augen. Kalt wie Eis. Die Karten glitten ber die weiche
Decke, die Dollars sammelten sich zu einem Huflein an, Banknoten wurden
in den _pot_ geworfen -- bis die Hand des Gewinners das Geldhuflein an
sich raffte; hin und her wanderten das Silber und die grnen Noten.

Fnf Dollars mehr ...

Das -- und noch fnf!

Halte ich -- und fnf mehr!

So wurde geflstert; in gleichgltigem Ton, gelassen, ruhig. Und doch
wute sogar meine unerfahrene Jugend, da unter der Maske uerlicher
Ruhe die Spielleidenschaft zittern mute -- aber wie diese Mnner sich
beherrschten! Wie sie mir imponierten! Wie ich sie beneidete um ihre
khle Ruhe und ihren eisernen Willen!

Nichts war natrlicher, als zu versuchen, es ihnen gleichzutun. Und ich
gab mir groe Mhe, recht unbefangen auszusehen. Meine Karten
betrachtete ich nur so nebenbei, als interessierten mich ihre Werte
eigentlich gar nicht, und mein Geld rollte so leichthin auf die Decke,
als knne ich es nicht rasch genug loswerden. Es verflchtigte sich auch
wirklich mit erstaunlicher Schnelligkeit. Aber das war mir nicht etwa
eine Mahnung, vernnftig zu sein und aufzuhren, sondern ich spielte nur
um so toller darauf los.

Um ein Uhr nachmittags kam der Steward und brachte das Essen. Kein
Mensch lie sich dadurch stren. Die Blechteller mit den Beefsteaks und
den gebratenen Kartoffeln, die Blechtpfe mit starkem schwarzem Kaffee
wurden auf die Decken gestellt, als sei das selbstverstndlich, und mit
gleicher Selbstverstndlichkeit holte sich der Steward von jeder Decke
einen Vierteldollar aus dem Topf fr seine Mhe, ohne ein Wort zu
sagen. Man a so nebenbei und spielte, spielte, spielte. Rcke wurden
ausgezogen, Westen geffnet, Kragen abgebunden. Berute Heizer kamen aus
dem Maschinenraum gestiegen und pokerten mit, Matrosen mischten sich
unter die Spielergruppen. Der Barraum war eine Spielhlle. Ich verlor
und gewann, gewann und verlor, rauchte unzhlige Zigaretten, dachte an
nichts als Karten und Geld. Um keinen Preis htte ich meinen Platz auf
der Wolldecke aufgegeben --

Drei Dollars mehr ...

Wer gibt?

_Full house, my money --_

Als die schmutzige Heizerhand den Geldhaufen einstrich, in dem
mein letztes Silberstck lag, kam der Schiffsingenieur die
Zwischendeckstreppe herunter.

_Gentlemen!_ rief er. Dieses gesegnete Pokerschiff verschluckt
nebenbei auch Kohlen und braucht Leute, die es mit Kohlen fttern. Ich
mchte also die Herren Heizer der dritten Wache ersuchen, sich
geflligst dahin bemhen zu wollen, wohin sie gehren und zwar verdammt
schnell. Runter mit euch, ihr Shne von Spielkarten!

Pokerschiff ist gut, sagte Jack. Drolliger Junge, dieser
Ingenieur. Wer gibt?

Ich war am Geben. Und ich wechselte meinen letzten Zehndollarschein. La
dich nicht verblffen, sagte ich mir, nur ja nichts anmerken lassen! Was
die anderen knnen, kannst du auch!

                  *       *       *       *       *

Spt nachts kletterten Jack und ich an Deck, denn im Kojenraum war es
viel zu hei zum Schlafen. Zwischen Fssern und Tauwerk vorne am Bug
machten wir uns aus den Pokerdecken ein Lager zurecht.

_Good night!_ sagte Jack.

Ich lag da und starrte in den Mond, und unklar stieg in mir die Ahnung
auf, da ich ein furchtbarer Esel gewesen sei. Reingefallen, mein Junge
... Die Silberstcke und die Dollarnoten, mit denen am Morgen noch mein
Geldtschchen vollgepfropft gewesen war, trieben sich jetzt in den
Taschen anderer Leute herum -- mir waren nur ein paar Dollars
briggeblieben. Zu dumm -- --

_Fine game_, dieses Poker, meinte der Riese neben mir, famoses
Spiel!

Da lachte ich hell auf.

Haben Sie gewonnen?

_No._

_Well_, morgen ist auch noch ein Tag und bermorgen desgleichen usw.
Holen Sie sich's wieder. Bluffen Sie!

Und im flimmernden Mondenschein, unter Wellengemurmel und
Maschinengetse, wurde mir zum ersten Male amerikanische Weisheit
gepredigt, von einem einfachen Arbeiter. Poker war weiter nichts als ein
Abklatsch des Lebens. Bluffen mute man im Leben wie beim Pokern, nicht
verblffen lassen durfte man sich. Wenn man fnfzehn Cents in der Tasche
hatte und nicht wute, wo man seine nchste Mahlzeit herkriegen sollte,
-- mute man aussehen und auftreten, als htte man ungezhlte
Dollarnoten in der Tasche und einen offenen Kredit bei der nchsten
Nationalbank. Dabei stellte man sich besser, als wenn man jedem
Menschenkind entgegenschrie: Bemitleide mich, ich rmster habe nur noch
fnfzehn Cents! Schneid mute man haben. Beim Pokern mute man durch
eiserne Ruhe den Anschein erwecken, als htte man ausgezeichnete Karten
-- im Leben mute man sich arbeitskrftiger und klger und besser
stellen als man war. Nur nicht unterkriegen lassen! Glaub' an dich
selbst, und die anderen werden an dich glauben. Sag' den Leuten, du
seist stark, und man wird nicht gerne mit dir anbinden. Hilf dir selber,
und alle Welt wird dir helfen. Bete nicht: Lieber Gott, hilf mir, ich
bin ja so schwach -- sondern bete: Lieber Gott, ich bin ja so stark, la
mich so bleiben! Und man mute stets daran denken, da das nchste Spiel
das Glck bringen konnte, beim Pokern wie im Leben ... Da schlief ich
seelenvergngt ein.

Wieder wurden die Decken ausgebreitet, und wieder rollten die Dollars,
und wieder kamen die Heizer und die Matrosen in jeder dienstfreien
Minute. Ich stand im Banne des Pokerschiffs wie jeder andere. Aus meinen
wenigen Dollars wurde ein Silberhuflein -- dann schmolz es zusammen --
dann wuchs es im ewigen Hin und Her. Der Tag verging mir wie im Flug.
Drei Tage. Am dritten Tage kamen wir in Key West an. Als ein
Schiffsoffizier in den Barraum hinunterrief, wer wolle, knne auf etwa
zwei Stunden an Land gehen, sprang ich auf und eilte die Treppe empor.

Die anderen aber blieben sitzen und pokerten weiter.

                  *       *       *       *       *

Der amerikanische Prediger Talmage nannte einst in einer jener
Sensationspredigten, die eine halbe Stunde nach Schlu des sonntglichen
Gottesdienstes in seiner berhmten Washingtoner Kirche an alle Zeitungen
Amerikas telegraphiert wurden (von ihm selbst -- gegen Honorar!), das
Pokern die Nationalsnde der Vereinigten Staaten. Unzweifelhaft spiegle
das Teufelsspiel um das goldene Kalb die besonderen Charaktersnden des
Amerikaners getreulich wieder! Alle Glcksspiele zwar seien frevelhaft,
doch dem Pokerspiel fehle sogar das vershnende Moment des Leichtsinns.
Das sei kein Glcksspiel mehr -- sondern raffiniertes wohlberechnetes
Sndigen! Mit bewuter Gier setze sich der Amerikaner an den Pokertisch
und locke mit ehrbarem kaltem Lcheln dem armen Nebenmenschen (den man
doch als Christ lieben msse!) einen Dollar nach dem andern ab. Die
Mnner, die vier Asse in der Hand hielten und dabei ein betrbtes
Gesicht machten, als htten sie nicht einmal zwei Knige, um den armen
Nchsten durch diese optische Vorspiegelung falscher Tatsachen saftig
hineinzulegen -- diese Mnner seien schlimmere Snder denn die Zllner
von dereinst! Ein moderner Tanz um das Goldene Kalb! Es illustriere im
Kleinen die groen amerikanischen Snden -- die Goldgier; die Anmaung,
sich klger zu dnken als der Nachbar; die Sucht, sich durch unehrliche
Mittel zu bereichern, und vor allem einen frevelhaften Mangel an
christlicher Nchstenliebe. Der Mann, der mit selbstzufriedenem Lcheln
die sndigen Resultate eines niedertrchtigen Bluffs einstreiche, sei
der alte Phariser in moderner amerikanischer Auflage. Nur noch viel
schlimmer! Pokert nicht mehr, oh Amerikaner, und ihr werdet bessere
Menschen werden! -- also predigte Ehrwrden Talmage -- und ein
vergngtes Schmunzeln ging ber das ganze Land. Denn jener Kampf im
Pokerspiel von Selbstbeherrschung gegen Selbstbeherrschung, von
Unverschmtheit gegen Unverschmtheit, von Geldwert gegen Geldwert und
von Bluff gegen Bluff ist wahrlich typisch fr die Art der Mnner des
Yankeelands, und Prediger Talmage htte wissen knnen, da seine
Mitbrger gerade auf das stolz sind, was er ihre Nationalsnden nannte!
Man lachte furchtbar ber die Predigt. Und sie lste in jedem braven
Amerikaner den frommen Wunsch aus, doch recht hufig als moderner
Phariser mit frommem Augenaufschlag saftige Bluffresultate einstreichen
zu knnen ... Das ist eben die Nationalsnde!

                  *       *       *       *       *

Auf der Gangplanke des Sam Houston stie ich mit einem Herrn in weien
Leinenkleidern und riesigem grauem Schlapphut zusammen.

_Pardon me_, sagte er.

_I beg your pardon_, antwortete ich.

_My fault!_

Aha -- Sie sind ein Deutscher! _Well_, ich bin Johnny Young aus San
Antonio und meine Freunde behaupten, ich sei unertrglich neugierig.
Also Sie sind Deutscher? Ferner glaube ich sagen zu knnen, da Sie noch
nicht lange im Lande sind?

N--nein!

Aha! Wute doch, da kein amerikanischer Schneider diesen Anzug
gemacht hat. Es ist so einfach, ein Prophet zu sein, wenn man die Augen
ein wenig offen hlt und nur ein bichen nachdenkt. _Well, well._ Sie
haben gepokert und verloren?

Ich sah ihn erstaunt an.

Ja? Stimmt's? Nein, ich bin kein Zauberer. Alles pokerte. Und
natrlich pokerten Sie mit. Und natrlich verloren Sie!

Wir schritten in weichem feinem Sand dahin, auf einem breiten Weg,
eingesumt von Palmen in endloser Reihe. Die dunkelgrnen Fcherwipfel
stachen scharf ab von dem gelben Sand und dem tiefblauen wolkenlosen
Himmel. Die Luft war feucht und schwl. Holzhtten tauchten auf. Im
Hintergrunde schimmerten weigetnchte Huser. Es war wie ein Mrchen
-- die Palmen ringsum, die schwere Luftschwle, das grelle Tropenlicht;
der merkwrdige Mann neben mir mit den weien Haaren und dem frischen
Gesicht, der vom ersten Augenblick an einen unbeschreiblichen Eindruck
auf mich machte. Ich glaube, ich wre ihm blindlings gefolgt,
irgendwohin. Er war als junger Mensch in Key West gewesen. Whrend wir
unter den Palmen dahinschritten erzhlte er von den Milliarden und
Abermilliarden Zigarren, die alljhrlich in dem Httengewirr des
Inselstdtchens von den geschickten Fingern kleiner Creolinnen
verfertigt werden; von den Schmugglern Key Wests, von den Wreckern, von
den Flibustiern, von Kmpfen mit Zollkuttern, vom Menschenriffraff der
Florida Keys -- von den Spielen Key Wests hinter verschlossenen Tren,
bei denen Berge von Gold sich auf den Tischen hufen und jeder Spieler
den Revolver schugerecht vor sich auf dem Tisch liegen habe. Die
Flibustier Floridas segeln Waffentransporte nach einsamen
Landungspltzen an der kubanischen Kste, wo Leute warten, die sehr arm
sind, aber trotzdem fr Waffen sndhaft viel Geld brig haben.
Revolutionre. Die gibt's immer da drben. Oft genug jagt ein
Kriegsschiff solch einem Segler ein halbes Dutzend Granaten in den Leib.
Aber die Waffen werden mit Gold aufgewogen -- und solange Key West
steht, wird es seine Flibustier haben, ebenso wie es stets das
Hauptquartier der Wrecker sein wird. Das sind desperate Schiffskapitne
mit kleinen Segelbooten und einer Mannschaft von Inselnegern, die mit
Taucheranzgen umgehen knnen. Sie kreuzen still und unauffllig an der
Kste. Wenn ein Schiff an den gefhrlichen Bnken strandet, so ist bald
ein Wrecker da und schickt seine Taucher hinab, die alles nach oben
befrdern, was des Nehmens wert ist, ohne sich lang darum zu scheren,
wem die Ladung gehrt. Der Wrecker betrachtet alles als gute Beute. Er
wird ein reicher Mann, wenn es ihm gelingt, Onkel Sam's Kanonenbooten zu
entwischen.

Ich hrte in atemloser Spannung zu. Johnny Young lachte, als er endete,
und sah mich vergngt an.

Ja, ja -- ich hab' was brig fr rapides Leben trotz meiner sechzig
Jahre. Herrgott, wr' ich noch jung! Knnt' ich noch einmal mittollen!
Sehen Sie, ein anderer wrde Ihnen sagen, Sie seien verflucht
leichtsinnig gewesen, Ihre junge Nase in Pokerkarten zu stecken und Ihr
bichen Geld zu verlieren, anstatt die Centstcke zusammenzuhalten fr
die Not der ersten Zeiten in einem neuen Land. Ich sage: Das Geld, das
ein junger Mensch wie Sie mitbringt, ist so wertlos fr ihn wie altes
Papier! Es hindert ihn nur im Lebenskampf. Denn je schneller er vor das
Problem gestellt wird, entweder zu hungern oder Geld zu verdienen, desto
rascher lernt er Land und Leute und Art kennen. Das mag bittere Medizin
sein, aber es ist gute Medizin. Ich kann unsere Millionre nicht leiden,
die einem in salbungsvollen Memoiren vorlgen, wie fleiig sie in die
Kirche zur Sonntagsschule gingen, wie sie Pfennig fr Pfennig sich
zusammensparten, wie sie mit ihrem so erworbenen Erstlingskapital von
hundert Dollars sich weitere hundert Dollars hinzuerarbeiteten, wie sie
in harter Plage und getreuer Pflichterfllung steinreiche Leute wurden.
Das ist verdammter Schwindel. Mit dem Bravsein und dem Pfennigfuchsen
hat noch kein groer Kaufmann Menschenkenntnis und Wagemut gelernt. Geh'
hinaus ins Land, wrde ich zu einem jungen Mann sagen. La dir das
Leben um die Ohren pfeifen und lerne das Menschenpack kennen, so wie es
ist und nicht wie's in frommen Bilderbchern steht. Ist einer stark,
dann kann er starke Medizin vertragen, und ist einer schwach, dann ist's
nicht schade um ihn.

Meine Augen mssen vor Begeisterung geleuchtet haben. Wie wunderbar
mute es sein, mitten im Leben zu stehen und zu sehen und zu lernen und
stark zu sein. Mir war's, als springe Kraft und Selbstvertrauen von dem
alten Mann auf mich ber. Da schrillten vom Deck die mahnenden
Pfeifensignale des Dampfers.

Ich wollte Ihnen ja noch einen Rat geben, sagte Herr Johnny Young
aus San Antonio. Beinahe htte ich's vergessen. Gehen Sie zum
Zahlmeister und lsen Sie sich eine Karte fr einen Kajtenplatz nach.
Der Unterschied fr die Strecke Key West -- Galveston wird nicht
besonders gro sein. Es ist gescheiter, bequem untergebracht zu sein,
statt auf hartem Boden zu schlafen und das Geld beim Pokern zu
verlieren. So. In einer halben Stunde geht der Dampfer. Ich habe noch
dringende Privatgeschfte.

Und mit einem verabschiedenden Kopfnicken tauchte er in das
Httengewirr.

Ich aber rannte glckselig zum Dampfer und sprang an Deck. Im Bureau
zeigte ich dem _Purser_ meine Anweisung auf die Schiffskasse. (Mein
Vater hatte, durch Vermittlung des Norddeutschen Lloyd, arrangiert, da
mir bei der Ankunft in Galveston fnfhundert Mark ausbezahlt werden
sollten.) Zuerst machte er Schwierigkeiten, weil das Geld erst in
Galveston fllig war, als ich ihm aber erklrte, da ich von Key West ab
im Salon zu fahren wnsche, wurde er sehr liebenswrdig. Verdiente doch
der Dampfer dabei Geld.

                  *       *       *       *       *

Meine Koffer lie ich aus dem Schiffsraum holen, zwei Anzge lie ich
mir aufbgeln von der Stewarde, ich fiel ber die Waschschssel in der
eleganten kleinen Kajte her, ich probierte ein halbes Dutzend
Kravatten, ich machte Toilette wie ein Backfisch vor seinem ersten Ball.
Whrend ich den kunstvollen Knoten der Halsbinde schlang, dachte ich an
den schmutzigen Barraum und die pokernden Menschen in Hemdrmeln. Wie
war's denn nur mglich gewesen! Die Stewarde bekam ein Trinkgeld, das
sie einen Knix machen lie. Im verlassenen Rauchsalon drehte und wand
ich mich in eitler Selbstgeflligkeit vor dem Spiegel -- bewunderte im
Ezimmer die berladene Einrichtung in Wei und Gold, das strotzende
Silber auf dem Bufett -- promenierte auf dem segeltuchberspannten
Kajtendeck unter eleganten Damen und Herren -- lie mir vom Steward
einen bequemen Deckstuhl bringen und schlrfte aus spitzem
Champagnerkelch Sherry mit Eis und Sodawasser. Da schritt schwerfllig
Jack der Riese unten bers Deck. Er sah mich sitzen, betrachtete mich,
betrachtete mich noch einmal, schttelte den Kopf und sagte laut und
vernehmlich:

Jetzt will ich aber verdammt sein!

Beim _supper_ stellte mich Mr. Johnny Young als seinen jungen Freund
vor, frisch vom Vaterland. Ich machte Verbeugungen nach rechts und nach
links und erzhlte von deutschen Gymnasien und deutschen Offizieren. Und
bediente ritterlich die Dame zu meiner Rechten, Mi Daisy Benett, aus
Dallas, Texas.

Wie tapfer von Ihnen, da Sie dieses grliche Zwischendeck
studierten! sagte Mi Daisy.

Es war sehr interessant, murmelte ich.

Wie der verlorene Sohn kam ich mir vor, der endlich von den Trbern
wieder zu menschenwrdigem Leben bergeht. Jedes _breakfast_, jedes
_dinner_, jedes _supper_ war mir ein Freudenfest, das ich mit tausend
Wonnen auskostete, nicht um der vielen Gnge und der mancherlei
Delikatessen willen, sondern weil ich mir so vornehm schien. So gut
angezogen. So tadelloses Benehmen. So ganz gute Kinderstube. Hans im
Glck war ich sieben Tage lang. Mi Daisy geruhte, mein Englisch drollig
zu finden und konstatierte, ich sei ein guter Junge. Aber artig sein!
Ich schleppte ihr Sthle und Decken und Bcher auf Deck und versorgte
sie fr ein halbes Jahr mit Schokolade und Bonbons. Droben auf dem
Promenadedeck verplauderten wir die sommerschwlen Nchte und starrten
zusammen ins Meer. Und in der allerletzten Nacht rauchten wir Zigaretten
und tranken eisgekhlte Erdbeerbowle und --

_It's good bye, my boy ..._

Und _good bye, Mi Daisy_ --

Wie jung Sie sind, _my boy_, und -- ja, wie neugierig ich doch bin!
Wie's Ihnen wohl ergehen wird?

Da lachte ich, lustig und leichtsinnig, als sei's ein Scherz, und
sprudelte hervor, wie wenig Geld ich htte, und wie ich so gar nicht
wte, was beginnen.

_Fight your way, my boy_, sagte Daisy. Schlag' dich durch!

Gelbe Sandbnke tauchten am Morgen auf, immer klarer hervortretend in
langgezogenen Streifen; das tiefe Blau des Golfmeeres wurde heller,
grnlicher. Gegen Mittag waren wir mitten im Hafenlrm. Scharf umrissen
lagen im grellen Sonnenlicht die Husermassen Galvestons da.

Dutzende von Negern sprangen an Deck, als der Sam Houston am Pier
anlegte, priesen Hotels an und bemchtigten sich der Gepckstcke der
Passagiere. Whrend der Menschenstrom die Gangplanken hinabflutete,
guckte ich noch einmal in den Zwischendecksraum. Da waren die Decken, da
rollte das Geld, da waren die Mnner und lachten einen Schiffsoffizier
aus, der, purpurrot im Gesicht, mit der Hafenpolizei drohte, wenn sie
nicht sofort mit dem verdammten Pokern aufhren und sich zum Kuckuck
scheren wrden.

Zehn Dollars mehr! hrte ich eine tiefe Bastimme sagen --

Dann ging ich von Bord. Unten am Pier ri mir ein baumlanger Neger den
Koffer aus der Hand.

City of Galveston, Herr? Feinstes Hotel!

Ich schlenderte hinter ihm drein, an Mr. Johnny Young aus San Antonio
vorbei, der eben in einen Wagen stieg. Abschiednehmend lftete ich den
Hut. Johnny Young nickte mir lchelnd zu und deutete mit weitausholender
Armbewegung auf das Getriebe.

Dies ist Texas, _my son_!




Mein letzter Dollar.

     Den Weg zur Arbeit finden -- den Wegweiser ... -- Wr' ich nur ein
     Schuster! -- Beim Herrn Kanzleichef im deutschen Konsulat. -- Auf
     dem Telegraphenamt. -- Das letzte Silberstck. -- Der gute
     Samariter. -- Nun fngt ein neues Leben an ...


In der Situation lag Humor:

~Wie~ machte man es eigentlich, sich das Leben um die Ohren pfeifen zu
lassen? ~Was~ taten Glckssoldaten denn, wenn ihnen das Geld ausging?
~Wo~ stand nun der Wegweiser, der zu Arbeit und ttigem Leben wies?

Bruder Leichtfu fand den Wegweiser nicht --

Tag fr Tag war ich in der backofenheien Inselstadt umhergewandert, im
Hafengetriebe, in menschenwimmelnden Hauptstraen, staunend, starrend,
und wurde mit jedem Tag verwirrter, hilfloser. Frau Logika dozierte mit
sonnenklarer Deutlichkeit, da etwas geschehen msse, irgend etwas, denn
selbst Bruder Leichtfu (der seelenruhig im besten und teuersten Hotel
Galvestons wohnen blieb) erkannte die groe Wahrheit, da das Leben Geld
kostet. Und das Geld schwand dahin und bald wrd' mir's ergehen wie dem
armen Mann im schwarzen Walfisch zu Askalon.

Den Wegweiser finden -- den Wegweiser ...

Stundenlang jeden Tag stberte ich im Hotelvestibl den Anzeigenteil der
Zeitungen durch. Da wurden Schneider verlangt, und nach Schustern war
rege Nachfrage, und um Bckergesellen schien man sich zu reien; aber
irgend eine Stellung, die ~ich~ htte ausfllen knnen, stand niemals in
der Zeitung. Mehr als einmal dachte ich: Wrst du nur ein Schuster oder
doch wenigstens ein Schneider! Keinen Pfennig schienen mein Latein und
mein Griechisch und die ganze humanistische Bildung in dieser Texasstadt
wert zu sein. Herrgott, man konnte doch nicht wildfremde Menschen
fragen, ob sie vielleicht etwas fr einen zu tun htten! Wie machte man
es? Stundenlang qulte ich mich mit der Abfassung eines Stellengesuches.
Gebildeter junger Deutscher sucht -- -- Ja, was denn eigentlich? Was
konnte ich denn leisten?

Da kam die groe Idee. Das deutsche Reich unterhielt in den groen
Stdten des Auslandes deutsche Konsuln, um deutschen Reichsangehrigen
mit Rat und Tat beizustehen. Natrlich! Dorthin mute ich gehen und dort
wrde mir geholfen werden! Ich lie mir im Hotel die Adresse geben und
rannte spornstreichs nach dem Konsulat, drckte ganz aufgeregt vor
Freude auf die Trklinke und --

Knnen Se nich' anklopfen? schrie mir eine Stimme entgegen.

In einem kahlen Raum mit zwei gelbangestrichenen Stehpulten, den Bildern
des Kaisers und der Kaiserin und einer riesigen Holzbarriere sa auf
hohem Drehstuhl ein Mann, der mich wutentbrannt ber seine Brille
hinweg anfunkelte. Hinter seinen beiden Ohren steckten Federhalter.

Was wollen Se?

Ich wnsche, den deutschen Konsul zu sprechen.

Is' nich' da. Un' berhaupt -- sagen Se nur, was Se wollen. Ich bin
der Kanzleichef.

Da genierte ich mich gewaltig und wute nicht recht, wie ich's anstellen
sollte.

Ich bin soeben erst aus Deutschland angekommen und --

Nu ja und was wollen Se hier?

Die Frage verblffte mich. Ich wei eben nicht ... ich mchte Rat
erbitten --

Der Kanzleichef kletterte von seinem hohen Sitz herab und stellte sich
vor mich hin.

So? So--oh? Haben Se Papiere?

Mein deutscher Reichspa machte den Gestrengen um eine Nuance
freundlicher.

Na, und?

In meiner Verlegenheit tappte ich sofort in _medias res_ hinein. Ja,
ich wre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir einen Rat geben knnten. Ich
habe nmlich nur noch sehr wenig Geld und --

Da gab sich der Kanzleichef einen frmlichen Ruck. In strenger
Mibilligung glotzten mich die brillenbewehrten uglein an, und
schnarrend, schnell, als ob er Auswendiggelerntes herunterleiere, sagte
er:

Der Deutsche, der nach Amerika kommt, htte erstens lieber in
Deutschland bleiben sollen. Zweitens kann das deutsche Konsulat ihm
keine Arbeit verschaffen, denn es hat keinen Einflu auf
den Arbeitsmarkt und mu als Behrde es ablehnen, sich mit
Arbeitsvermittlung zu beschftigen!

Aber --

Drittens verfgt das Konsulat ber keinerlei Mittel zu
Untersttzungszwecken. Tja -- wenn Sie kein Geld mehr haben, knnen Se
wiederkommen und 'ne Karte an den deutschen Verein haben. Dort kriegen
Se 'n Vierteldollar und 'n Mahlzeitticket.

Herr -- seh' ich so aus? sagte ich wtend. Mir war, als mte ich in
den Boden sinken. Dieser Mann war ein Barbar, ein Prolet, ein -- --

Tja -- das kann man nich' wissen!

Er grinste mich an und ich starrte ihn an.

Wollen Se sonst noch was wissen?

Herr, ich bin humanistisch gebildet! schrie ich, knallte die Tr zu
und stolperte die Treppenstufen hinunter. Ein Hohngelchter gellte mir
nach. Mit zornrotem Kopf lief ich die Strae entlang. Dem Konsul wrde
ich schreiben und ihm grndlich meine Meinung ber das Betragen seines
Kanzleichefs sagen! Meinem Vater wrde ich schreiben und ihn bitten,
sich beim bayerischen Ministerium zu beschweren und --

Herrgott, was anfangen!

Heute war Wochenende, und nach Bezahlung der Wochenrechnung im Hotel
wrde mir wahrscheinlich kein Geld mehr brig bleiben. Was tun -- was
tun? Ich nahm mir vor, aus dem Adrebuch deutschklingende Namen von
Kaufleuten herauszuschreiben und die um Rat zu bitten, so schwer's auch
sein wrde. Irgend etwas mute sich doch finden ... Wenn sich aber
nichts fand! Wenn ich da stand ohne Geld? Bittere Gedanken stiegen in
mir auf und formten sich zu bitteren Vorwrfen. Trotz allem und trotz
allem -- war es recht gewesen, da man mich aufs Geratewohl
hinausgeschickt hatte in die weite Welt? Und auf einmal kam mir in
meiner Verzweiflung der Gedanke, da das Geld in meiner Tasche das
einzige Bindeglied zwischen mir und der Hilfe in der Heimat war. Heute
konnte ich noch telegraphieren, morgen wrde ich das Geld fr das
Kabeltelegramm nicht mehr haben ...

Ich ging aufs Telegraphenamt. Auf einer Fensterbank in einem stillen
Winkel beschrieb ich ein Formular nach dem andern, nur um eines nach dem
anderen zu zerreien. Sofort Kabelgeld. Nein, so war's nicht
richtig; einen Grund wenigstens mute man angeben, kurz und klar, denn
natrlich kostete jedes Wort viel Geld. Hilflos, erbitte Kabelgeld.
Dieses Formular zerri ich schnell, kaum geschrieben, so schmte ich
mich vor mir selber. Hilflos. Wie das klang. Nein: Bitte hundert
Dollars Hotel City Galveston, da Arbeitssuche noch erfolglos. Wieder
zgerte ich. Ich stellte mir vor, wie das Dienstmdchen das Telegramm
ins Wohnzimmer bringen wrde -- Ich bildete mir ein, mein Vater wrde
die Achseln zucken und irgend etwas Scharfes, Hliches sagen, und meine
Mutter wrde bitten ... Wenn ich meiner Mutter kabelte? Noch erfolglos
schlimm daran schnell hundert Dollars Hotel City Galveston. Hundert
Dollars waren freilich sehr viel Geld und --

Nein! sagte ich auf einmal, so laut, da vorbeigehende Herren mich
neugierig anstarrten.

Nein!

Mochte es gehen wie es wollte. Ganz recht hatten sie da drben im
geliebten alten Mnchen -- hatten Kummer und Sorgen genug gehabt mit
mir. War weiter nichts als verdammte Anstandspflicht, sie mit meinen
Affren nicht mehr zu behelligen.

                  *       *       *       *       *

Die Wochenrechnung war fllig. Die Wochenrechnung, die mein letztes Geld
verschlang. Der Mann im Hotelbureau strich gleichgltig Banknoten und
Silber ein und fragte mich ebenso gleichgltig, ob ich irgend welche
besonderen Wnsche htte und ob ich noch lngere Zeit zu bleiben
gedchte.

Wei noch nicht, sagte ich.

Ich setzte mich auf einen der Rohrsthle im Rauchzimmer, paffte eine
Zigarette und befhlte verstohlen den harten Silberdollar in meiner
Westentasche. Das war mir brig geblieben -- ~ein~ Dollar. Ein einziges
Silberstck stand zwischen mir und dem Nichts. Ich bi die Zhne
zusammen und versuchte, nachzudenken. Es war etwa drei Uhr nachmittags.
Zuerst mut du deine Uhr und ein paar Anzge versetzen oder verkaufen,
sagte ich mir. In Amerika wird's wohl auch Leihhuser geben. Aus dem
Hotel mute ich noch heute fort, natrlich; irgendwo mute man doch
billiger wohnen knnen. Ich beschlo, einen Polizisten darber zu
befragen. Und dann mute ich Arbeit suchen, mute Arbeit finden, sonst
-- Daran zu denken, an das andere, an das, was geschah, wenn ich keine
Arbeit fand, wagte ich nicht. Ich kam mir so verlassen vor, so hilflos,
so -- --

Da sprach mich ein Herr an, der neben mir sa, weit zurckgelehnt im
Schaukelstuhl mit bergeschlagenen Beinen. Den schneeweien Filzhut mit
riesiger Krmpe hatte er weit in den Nacken geschoben, und die schlanke
Gestalt umschlotterte ein bequemer Anzug aus dnner Rohseide.
Scharfgeschnittenes Gesicht. Lustig blinzelnde Augen. Es sei furchtbar
hei heute. Ob ich die Hitze nicht vertragen knne? Ich she miserabel
aus. Ob ich mich nicht wohl fhlte?

Nein. Ja. Doch! stotterte ich verwirrt.

_Well_, sollten einen Whisky nehmen! Feine Sache, so 'n kleiner
Whisky, wenn man nicht ganz _allright_ ist. Kommen Sie mit mir zur Bar!
-- So! Mann, vorhin sahen Sie ja kreidewei aus. Besser jetzt?

Ja, danke, murmelte ich.

_And that's allright_, lchelte der Texaner, sich bequem gegen die
Bar lehnend. Sie sind frisch von drben? Ja? Kam mir nmlich so vor.
Mein Vater ist auch von Deutschland nach Texas gekommen. Hm ja, ich
spreche aber lieber englisch. Was wollen Sie hier beginnen?

Das wei ich eben nicht! platzte ich heraus.

Kann ich mir denken! meinte er. Er sah mich nachdenklich an und
kaute an seiner Zigarre. _Well_, lassen Sie uns wieder ins Rauchzimmer
gehen, wenn's Ihnen recht ist. Bichen plaudern. Ja?

Wir setzten uns in die weichen Rohrsthle, ich und der erste Mensch in
dieser Texasstadt, der sich um mich kmmerte.

_Well_ -- und wie gefllt's Ihnen im guten alten Texas?

Gar nicht! sthnte ich.

Da lachte er auf und schlug sich aufs Knie. Mann, erzhlen Sie 'mal,
wenn Sie wollen. Will mich ja nicht aufdrngen. Wrd' Ihnen aber gerne
einen Rat geben.

Bruder Leichtfu lie sich nicht lange ntigen in seinem Jammer und
sprudelte hervor, wie schlecht es ihm ginge und wie erbrmlich er daran
sei.

Ist nichts dabei. Gar nicht schlimm! sagte der Texaner gleichmtig,
als ich geendet hatte. Und dann brach er auf einmal in schallendes
Gelchter aus.

Hoh -- Sie haben also wirklich kein Geld mehr?

N--nein!

Und dann wohnen Sie im besten Hotel! Er lachte Trnen.

Ich will heute noch ausziehen.

Wohin denn? Ohne Geld?

Ich mu eben Sachen versetzen.

Ach so! Er lachte und lachte.

Was soll ich denn sonst anfangen?

Der Texaner zndete sich umstndlich eine neue Zigarre an. Unsinn!
sagte er. Bessere Mnner als Sie sind schon ohne Geld dagesessen. Is'
nix dabei. Mssen eben arbeiten. Das bichen Geld zum Leben verdienen
kann jedes Kind. Was knnen Sie denn eigentlich?

Da sprudelte ich mein ganzes bichen Lebenslauf hervor.

Schwierig! sagte er. Sehr schwierig. Aber auch fr den dicksten
Baum ist eine Axt gewachsen. Ich glaub' nicht, da Galveston etwas fr
Sie ist. Hier drngt sich alles zusammen. Hm ja, Sie sind also grasgrn
im Land, sind Ihr Leben lang auf Schulbnken gesessen, und haben noch
nie 'was gearbeitet. Wollen Sie denn arbeiten -- irgend etwas?

Natrlich!

Sicher? Irgendwelche Arbeit?

Alles!

Na, dann kommen Sie mit auf unsere Farm!

Ich lie mich in den Stuhl zurckfallen und schnappte frmlich nach
Luft. Siedendhei lief es mir ber den Krper. Ich konnte kaum sprechen.

Auf Ihre Farm? stotterte ich. Sprechen Sie -- sprechen Sie im
Ernst?

Selbstverstndlich.

Ich wei gar nicht, wie ich Ihnen danken -- --

Unsinn, Mann. Ist ein ganz einfaches Geschft. Sie sind jung und Sie
sind stark und Sie knnen ganz zweifellos arbeiten, wenn Sie wollen. Der
"alte Mann" und ich haben alle Hnde voll Arbeit auf der Farm. Weie
Mnner sind selten und teuer in der Erntezeit, und die Neger hier unten
sind die faulsten Stricke auf der ganzen Gotteswelt. Abgemacht? _And
that's allright!_ Und er streckte mir die Rechte zum Handschlag
hin.

Stundenlang konnte ich nicht einschlafen in dieser Nacht. Ich sah mich
auf galoppierendem Pferd dahinjagen -- sah mich arbeiten drauen in
frischer Luft -- sah mich als freien Mann, der durch seiner Hnde Arbeit
sein Brot verdiente ... Der Texaner hie Charles Muchow. Die Farm seines
Vaters lag hundert Meilen nrdlich von Galveston, bei dem Stdtchen
Brenham, und morgen schon wollte er die Rckreise antreten, ich mit ihm.
Er hatte einen neuen Farmwagen und einen Rotationspflug in Galveston
gekauft. Wie's mir wohl ergangen wre, wenn nicht der Zufall mich mit
ihm zusammengefhrt htte? Jetzt hatten die Sorgen ein Ende und das neue
Leben begann. Vom ersten Augenblick an hatte mir der junge Texaner mit
seinem merkwrdigen Selbstbewutsein und der unerschtterlichen Ruhe
gefallen, und whrend der langen Abendstunden im Rauchzimmer waren wir
beinahe Freunde geworden. Er nannte mich Ed, ich nannte ihn Charley.

Das Mistern ist nicht Mode in Texas, hatte er gesagt, und Ihr
gesegneter Name ist zu vertrackt. Sagen wir Ed. Kurz und klar -- einfach
Ed!

Frh am nchsten Morgen weckte er mich, und nach dem Frhstck ging's
zum Bahnhof der Santa F Eisenbahn. Die Wagen unseres Zuges
trugen in goldenen Lettern die Inschrift: _Lone Star Express_
-- Einsamer-Stern-Expre. Wir stiegen ein. Ein weicher Teppich bedeckte
den Boden, und statt Bnken oder Polstersitzen standen in langen
Reihen, je zwei und zwei nebeneinander, bequeme Lehnsthle mit weichen
Ledersitzen, die sich in alle mglichen Lagen zurechtschrauben lieen.
Auf den Rcken der Sthle vor uns waren kleine Flaggen mit einem Stern
in der Ecke eingepret, und darunter stand wieder in Goldbuchstaben
_Lone Star Express_; kleine blaue Sterne auf rotem Grund bildeten
den Deckenschmuck des Wagens; berall, an den Wnden, an den Tren
prangte die Flagge mit dem einsamen Stern -- das Wahrzeichen des Staates
Texas.

Der Expre jagte dahin. Zwischen weiten, weiglnzenden Flchen. Aus
tiefblauem Himmel brannte die Sonne, drckend hei schon, trotz des
frhen Morgens. Unbersehbar, bis an den Horizont reichend, dehnten sich
die ungeheuren Massen von tiefem Grn; Gebsch, Strucher, in
schnurgeraden endlosen Reihen, dazwischen in feinen Strichen die
schwarze Erde. ber dem massigen Grn lag es wie frisch gefallener
Schnee, hingestreut in riesigen Flocken, in silberleuchtenden
Schneebllen. Wie Silberfden und Spinngewebe breitete sich die weie
Schnheit ber das ganze Land.

Wir fuhren durch das Reich des Knigs Baumwolle.




Im Reich des Knigs Baumwolle.

     Das Stdtchen aus Sand und Holz. -- Im Texasladen. -- Mr. Muchow
     Senior. -- Der Kampf mit dem Schimmel. -- Ein Sommer beim Knig
     Baumwolle. -- In Deutschland wr' die Farm ein Rittergut gewesen
     ... -- Baumwollpflcken und Baumwollmhle. -- Die Reklamereiter.
     -- Nigger Slim. -- Im deutschen Klub. -- Wie aus dem Wald das Feld
     wurde. -- Der Neger. -- Die amerikanische Krankheit des
     Wandertriebs.


Brenham! riefen die Kondukteure.

Wir schritten durch tiefen weichen Sand. Da und dort standen Schuppen,
bald aus rohen Brettern, bald aus grauem Rollblech; dazwischen
Lagerpltze, angefllt mit Bretterhaufen und Kohlen und langen Reihen
von Fssern. Vor uns zeichnete ein rotes Gebude aus nackten
Ziegelsteinen sich scharf gegen den blauen Himmel ab, inmitten eines
weiten Straenvierecks von Husern aus Holz, die von Farben flammten. An
allen Wnden waren Inschriften in Rot und Gelb und Grn und Wei,
Reklame in Worten, in Bildern; von den Dchern flatterten Fahnen mit den
Namen von Firmen neben Sternenbannern. Bunt, schreiend, grell war das
Bild. Reiter auf galoppierenden Pferden jagten ber den Sandboden vor
den Husern, Mnner in farbigen Hemden, rote und blaue Tcher um den
Hals geschlungen, den Sombrero im Nacken. Zwischen ihnen fuhren in
scharfem Trab leichte zweirdrige Wgelchen. Pferde berall. ber dem
hlzernen Fuweg die Huserreihen entlang lief, Haus mit Haus
verbindend, eine auf Holzpfosten erbaute berdachung, eine Art Loggia,
ein Wandelgang. An den Pfosten waren Hunderte von Pferden angebunden,
fertig gesattelt. Aus Sand und Holz und Farben und Pferden bestand das
Stdtchen. Die sausenden Reiter, die Neger, die da herumstanden, die
grellen Farben, das Hasten und Jagen -- mir war, als stnde ich vor dem
Tor einer Wunderwelt.

Mssen zuerst nach Robert Brothers, sagte Charley. Dort wird der
alte Mann sein.

Die Herren Gebrder Robert hausten in einem Laden im Wandelgang. Auf
schmutzigem rohem Bretterboden und an verwahrlosten Wnden standen und
hingen Tausende der verschiedensten Dinge; Haufen von Pflgen, Stteln,
Wolldecken, Schaufeln, Kleidern, Pyramiden von Hten. Silberverziertes
Zaumzeug bedeckte den Boden. Fsser mit Mehl, Kisten mit Tabak, Scke
mit Zucker und Salz standen berall herum. Auf dem Handgriff eines
Pfluges balanzierte mit verlockender Grandezza ein Seidenhut, und
zwischen allerlei Lederzeug waren Revolver und Gewehre achtlos
hingeworfen; auf einem Whiskyfa prangte ein pomps befederter Damenhut,
und in einer Schachtel teilten sich Patronen den Raum mit friedlichen
Biskuits. Und berall, wo nur ein Pltzchen frei war, hockten auf
Fssern und Kisten Mnner mit Pfeifen zwischen den Zhnen und Glsern
mit Bier in den Fusten.

Hello! sagte Charley. Da ist er ja! Er schritt auf einen Winkel
zu.

Guten Tag, Vater!

Guten Tag, Charley, sagte eine Gestalt in derbem blauem Leinen.
Deinen alten Vater haben sie beim Wrfeln so hereingelegt, da er fr
die ganze Gesellschaft die _drinks_ bezahlen mute. Kein Narr ist so
schlimm wie ein alter Narr, mein Junge!

Wie du meinst, Vater. Dies ist ein junger Deutscher. Heit Ed. Freund
von mir.

Verdammt angenehm! sagte der Alte.

Er kommt mit uns auf die Farm.

Wie du meinst, Charley, antwortete der Alte. Frisch von drben,
nicht? _Well -- well ..._ Kauf' ihm, was er braucht, Charley. Was ich
noch sagen wollte, die Mexikaner mit den Ponys sind da, und ich hab' um
einen Schimmel gehandelt. Wollen nachher hinfahren.

Der alte Mann mit dem struppigen grauen Bart blinzelte mir vergngt zu.

Ich stand da, schchtern wie ein kleiner Junge, und sagte kein Wort. Und
lie mich von einem Warenhaufen zum andern zerren, lie mir einen
breitrandigen grauen Sombrero mit silberbeschlagenem ledernem Hutband
kaufen, blaue baumwollene Arbeitskleider, derbe Stiefel und lederne
Reitgamaschen, eine Pfeife und einige Pckchen Tabak.

Dann half ich, unsere Koffer auf den grnen Farmwagen packen und
kletterte ungeschickt auf den Wagensitz neben den alten Muchow. Die
beiden Maultiere spitzten die langen Ohren, streckten die
glattgeschorenen Schwnze mit den komischen Haarbscheln an den Enden
kerzengerade in die Hhe, und los ging es. Wir sausten die Huserreihen
entlang, bogen um eine Ecke und hielten mit einem Ruck vor einem
winzigen hlzernen Kirchlein. Hunderte von Pferden tummelten sich auf
dem groen freien Sandplatz neben der Kirche, in drngender Masse, in
buntfarbigem Knuel, fortwhrend umkreist von Reitern in gestrickten
Jacken und spitzigen zuckerhutfrmigen Hten, die mit gellenden Zurufen
und knallenden Peitschenhieben die Tiere zusammengedrngt hielten.
Keines der Pferde stand ruhig; sie galoppierten durcheinander, wieherten
und bissen sich.

Die weie Stute dort in der Ecke! sagte der alte Muchow. Dreiig
Dollars!

Ein Mexikaner, der zu uns herangeritten war, nickte, gab seinem Gaul die
Sporen und sauste in den Pferdeknuel hinein. Rechts und links stoben
die Tiere auseinander. Nun hatte er den Schimmel erreicht, der den Kopf
hochwarf, mit einem gewaltigen Satz durch die Reihen der Pferde brach
und in sausendem Galopp auf uns zujagte. Charley sa ruhig auf seinem
Fuchs und schwang in immer grer werdenden Kreisen den Lasso. Die
Schlinge zischte durch die Luft, fiel ber den Hals des Pferdes, spannte
sich. Ein scharfer Ruck, und wie vom Blitz getroffen, brach der Schimmel
zusammen. Im Nu waren Charley und der Mexikaner ber ihn her, legten ihm
einen dicken Strick in kunstvollen Schlingen ber Hals und Maul, banden
das andere Ende des Strickes an den Wagen und --

Fahr zu, Vater! schrie Charley. So schnell du kannst. Wir haben
ihn!

Die Peitsche klatschte auf die Maultiere, der Schimmel wurde
emporgerissen, und in tollem Jagen ging es vorwrts. Das verngstigte
Tier strmte gegen den Wagen an, aber da war Charley schon neben ihm,
und in schweren Schlgen sauste die Peitsche auf den Schimmel nieder. Er
schreckte zusammen, machte einen jhen Satz zur Seite, wurde wieder
fortgerissen durch den Strick, der ihm das Maul zusammenschnrte. Immer
wieder wehrte er sich und immer wieder siegte der winzige Knoten ber
die riesige Kraft des Tieres.

Brenham lag hinter uns. Da und dort tauchten noch vereinzelte Holzhtten
auf, auf einsamen sandigen Strecken. Dann kam Wald, dann kamen grne
Felderstrecken, dann wieder Sand, dann ging's durch einen Bach, da das
Wasser hoch aufspritzte. Der alte Mann stand hochaufgerichtet vorne im
Wagen, die Pfeife zwischen den Zhnen, und peitschte auf die Maultiere
ein; Charley galoppierte neben dem Schimmel her und drngte ihn
vorwrts, wenn er sich struben wollte; ich war nach hinten geklettert
und scheuchte mit fuchtelnden Armen und geschwungenem Hut das Pferd
zurck, wenn es in seiner Angst auf den Wagen einstrmte. Ich war toll
vor Aufregung, sah nichts, hrte nichts, hatte nur Augen fr den Kampf
mit der wilden Kreatur, die immer wieder zerrte und sich aufbumte und
fortgerissen wurde und mit weiem Schaum bedeckt war. Mir war, als
seien nur Minuten vergangen, als wir vor einem Drahtzaun so jh
anhielten, da ich gegen die Wand geschleudert wurde. Als ich
heruntersprang, hatte Charley schon den langen Strick vom Wagen gelst
und um einen Baum geschlungen. Das weie Pferd stand zitternd still und
starrte uns aus erschreckten Augen an.

Und das ist _allright_! sagte Charley. Ed, Sie haben geschrieen,
als ob Sie am Spiee stken!

Inmitten des Drahtzauns waren Gebude aus Holz; ein Wohnhaus mit einer
breiten Veranda, Stlle, an einer Seite offen, in denen Pferde und
Maultiere standen, ein paar Htten. Ein Neger eilte herbei, ffnete ein
Tor aus Rahmenwerk und Stacheldraht und fhrte den Wagen hinein. Eine
alte Frau und zwei Mdchen kamen. Wir gingen ins Haus, setzten uns an
einen Tisch in einem Zimmer, an dessen Wnden Gewehre und Lederzeug
hingen, und aen. Gekochten Speck gab es und Maisbrot und gebackene
Skartoffeln, deren gelbes Fleisch genau so schmeckte wie Kastanien.
Beim Essen wurde ausgemacht, da ich alles frei haben sollte und
fnfzehn Dollars im Monat.

Wir gingen in den Hof. Charley betrachtete nachdenklich den Schimmel,
der an seinem Strick zerrte.

Ich reit' ihn doch! brummte er. Eigentlich sollte er ber Nacht an
dem Baum angebunden bleiben und nichts zu fressen und nichts zu saufen
bekommen. Dann wr' er morgen mrbe. Aber das ist eine Schinderei. Ich
will ihn schon kriegen. Sie knnen mitreiten, wenn Sie wollen.

Ob ich wollte!

Jim der Neger sattelte mir ein Pferd. Whrend ich aufsa, warfen er und
der alte Muchow dem Schimmel Leinen um die Fe und hielten sie straff
gespannt. Das Tier konnte sich nicht rhren. Charley trat vorsichtig
heran, legte ihm Decke und Sattel auf und schnrte die Gurte mit aller
Kraft zusammen. Dann sprang er selbst auf. Die Leinen wurden losgelassen
und der Strick um den Hals des Pferdes durch einen raschen Schnitt
gelst. Zitternd stand es da. Mit einem Male machte es einen gewaltigen
Satz, drehte sich im Kreise, bockte, schttelte sich. Aber der Reiter
auf seinem Rcken sa fest. Ein schallender Peitschenhieb. Und das Tier
brllte auf und jagte davon -- mein Pferd im Galopp hinterdrein.

Beim ersten Sprung wre ich fast aus dem Sattel geschleudert worden, und
ich hatte instinktiv mit beiden Fusten in die Mhne gegriffen, ums
liebe Leben zupackend. Bald aber fhlte ich, da ich breit und sicher
sa, merkte, da das Pferd unter mir in ruhiger Stetigkeit galoppierte:
sprte in meinen Beinmuskeln, wie es sich dehnte und streckte. Langsam
beugte ich mich vor und drckte die Schenkel an. Da scho Molly
vorwrts, dem weien Flecken mit dem schwarzen Punkt da vorne nach.

Holtergepolter ging's ber den Sandboden, in Grasland hinein, ber grne
Stauden hinweg, hinter dem weien Flecken her, der grer und deutlicher
wurde und jetzt wieder erkennbar war als Mann und Pferd.

Das Grn der Felder flog vorbei, Grasboden kam wieder, dann Sand. Da sah
ich, da der Mann vor mir sich mit aller Kraft in die Zgel legte, bis
der Schimmel herumflog und verzweifelt aufbumte, sich im Kreis drehend.
Aber das harte Eisen in seinem Maul blieb erbarmungslos und -- neue
Schmach! -- Sporen wurden ihm in die Seiten gestoen, und Peitschenhiebe
hagelten auf ihn nieder, Schlag auf Schlag ...

Noch wehrte sich der Schimmel. Whrend ihn das Eisen im Maul und die
Peitsche in groen Kreisen ber den Sand trieb, duckte er mitten im
Jagen zur Seite, ballte sich zusammen wie eine Katze und sprang in die
Hhe. Der Sattelgurt hielt, der Mann blieb sitzen. Mehr Peitsche! Mehr
Sporen! Immer enger wurden die Kreise, die Schleifen. Dreimal, viermal
ging die tolle Jagd an mir vorbei. Mir schien es, als verlangsame sich
das sinnlose Dahinschieen, als gebe sich das Pferd geschlagen. Aber das
duldete der Mann auf seinem Rcken nicht. Unaufhrlich arbeitete seine
Peitsche.

Da brach mit einemmal das Pferd mitten im Lauf zusammen. Der Reiter
glitt leicht aus dem Sattel. Ich galoppierte hin. Da stand Charley zu
dem Schimmel hinabgebckt, und das Tier wieherte leise und rieb die
rosige Schnauze an seinem rmel und beschnupperte seine Hand. Mann und
Pferd waren schweibedeckt und schmutzberzogen; dem Pferd zitterten die
weien Schaumflocken auf dem Leib -- auf des Mannes Gesicht lag der
Staub in dicker Kruste.

Der Schimmel ist mein, sagte Charley. _Texas Girl_ soll die Stute
heien, Texasmdel. Du bist ein gutes Pferd, Texasmdel, und ich denke,
wir beide brauchen die Peitsche nicht mehr.

Er stand auf, und der Schimmel folgte ihm wie ein Hndchen.

Langsam gingen wir zurck. Es war Sptnachmittag, und die Sonne brannte
nicht mehr so hei wie mittags in Brenham. Aber noch lag es wie
zitterndes Geflimmer in der drckenden Luft. Wir schritten auf weiter
Grasflche. Vor uns streckten sich grne Massen von Laubgebsch mit
Millionen von weien Flecken, die Baumwollenfelder. Das Land gehrte zum
grten Teil den Muchows. Fnf Zehntel waren mit Baumwolle bepflanzt,
ein Zehntel mit Mais, ein Zehntel mit Zuckerrohr. Der Rest war Gras und
Wald.

In Deutschland wr' die Farm ein Rittergut gewesen, der alte Mann mit
den komisch schlotternden Hosen ein staatssttzender Agrarier, und
Charley ein Gardeleutnant!

Hier unten in Texas wohnte der Besitzer von fast zwei Quadratmeilen Land
in einem Holzhuschen, das so aussah, als sei es in einem Tag
zusammengenagelt worden, und a in Hemdrmeln Speck und Kartoffeln zum
Abendbrot.

In dem groen Zimmer, das als Wohnraum und Eraum diente, stand auf
rohem Bretterboden ein kostbares Piano, und ber dem Piano hingen
Tabakbltter zum Trocknen von der Decke herab -- vor einem
Schaukelstuhl aus Mahagoni lag ein Holzklotz als Fuschemel -- eine
zerbrochene Fensterscheibe war mit Papier zugeklebt; berall war die
gleiche merkwrdige Mischung von teuren Dingen und primitivstem
Behelfen. Das Haus hatte kein Fundament. Es war auf vier
Ziegelsteinpfeilern errichtet, einen Meter hoch vom Erdboden, und in der
Wohnstube konnte man hren, wie die Schweine unter dem Fuboden whlten.
Drauen auf dem Hof standen, achtlos in einer Ecke zusammengeschoben,
landwirtschaftliche Maschinen, die Tausende wert sein muten, ohne Dach
und Fach, ohne jeden Schutz vor der Witterung. Vierzehn Pferde hausten
in einem Schuppen, der an einer Seite offen war und vier Maultiere waren
einfach an einen Zaun angebunden. Und am gleichen Zaun hing Sattelzeug,
das von Silber strotzte ...

_Well_, Sie mssen sich verdammt komisch vorkommen! sagte der alte
Muchow, der Trnen gelacht hatte ber Charleys Bericht von unserem
Zusammentreffen in Galveston. Schadet aber nichts. Wird sich schon
machen. Arbeit schndet nicht, sag' ich. Wenn Sie erst 'mal ein bichen
Amerikaner geworden sind, knnen Sie vielleicht 'was Gescheiteres tun,
als auf einer Farm zu arbeiten. Aber bei uns sind Sie willkommen. Sie
arbeiten mit Charley das, was Charley arbeitet und -- _well_, werden
schon auskommen.

Ich schlief oben im Dachraum zusammen mit dem jungen Muchow, denn Raum
war knapp in dem Huschen. Was ich alles trumte! Von Baumwollknigen
und _Texas Girls_ und Struchern, auf denen weies Silber wuchs, und
genialen jungen Deutschen, die wunderbar schnell reich wurden. Da strte
mich eine polternde Stimme in meinem Reichwerden.

_Hello, boys!_

                  *       *       *       *       *

Wir gingen in die Morgendmmerung hinaus, Scke mit breiten Tragbndern
ber den Schultern, wassergefllte Tonkrge in den Hnden. Ein Stckchen
glhendroter Sonne war schon am Horizont zu sehen, und der feine weie
Nebel ber dem Meer von Grn zog sich langsam in die Hhe. In wenigen
Minuten hatten wir das Baumwollenfeld erreicht, das gepflckt werden
sollte. Der alte Farmer und die beiden Mdchen tauchten sofort in die
Buschreihen hinein.

Du hngst dir den Sack um, so, da du ihn neben dir herschleifst,
erklrte Charley, und dann pflckst du mit beiden Hnden die Frchte
aus den Kapseln und steckst sie in den Sack. Und in zwei Stunden wird
dir der Rcken so weh tun, da du meinst, mit deinem Rckgrat sei irgend
ein Malheur passiert. Aber das ist nur die Baumwollkrankheit und sie
hrt auf, wenn du dich erst einmal an das Bcken gewhnt hast.

Er fing an einer Strucherreihe zu pflcken an, ich an der nchsten.
Seine Arme arbeiteten wie Windmhlenflgel und seine Hnde whlten in
den Baumwollbschen, zupfend, greifend, pflckend ... Wie feines,
schneeweies Haar sahen die Silberknollen aus. Sie steckten in vier
zusammengewachsenen rundlichen Kapseln und lieen sich mit einem leisen
Griff herauszupfen, so, wie reife Eicheln leicht aus ihren Bechern
fallen. Dort, wo die Frchte aus den Kapseln herauswuchsen, waren sie
fest und hart; die von den Fden ganz umsponnenen Samenkgelchen konnte
man deutlich fhlen. Aus dem festen Kern heraus aber quoll es
seidenweich, faustgro, in runden Bllen, von denen zwischen breitem
Grn Dutzende und Aberdutzende an jedem der Strucher saen. Ich zupfte
und zupfte, doch Charley war schon weit voraus. Da kam der Eifer des
Wettbewerbs ber mich. Mit flinken Fingern ging's in die weie Pracht
hinein, die Blle einheimsend, so schnell es nur gehen wollte. Ich hatte
nur Augen fr meine Hnde, die hastend vom Busch zum Sack und vom Sack
zum Busch flogen. Bald fing mein Rcken zu schmerzen an, denn die
Strucher reichten einem nur bis zu den Schultern und man mute
fortwhrend in gebckter Stellung stehen.

Ausleeren! rief Charley.

Sein Vater und seine Schwestern waren herbeigekommen. Der Alte zog eine
primitive Federwage aus der Tasche und begann mit dem Wiegen.

Charley, 25 Pfund.

Ich armer alter Mann: 23 Pfund.

Mary, 24 Pfund.

Lizzie, 22 Pfund.

Ed, 18 Pfund. Verdammt gut fr einen Grnen.

Ein Schluck Wasser aus den Tonkrgen, und dann ging's wieder in die
Buschreihen hinein. Die Stunden flogen dahin; Reihe auf Reihe wurde
abgepflckt, Sack auf Sack gewogen und ausgeschttet, bis am Ende des
Feldes es sich auftrmte wie Hgel frischgefallenen Schnees. Immer
heier wurde es. Der schwere Hut drckte auf meinen Schdel, das
Tragband schnitt in die Schultern ein, die Kleider schienen mir am Leibe
zu kleben; aber ich war so vergngt wie schon lange nicht mehr, froh wie
ein Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hat. Beim Mittagessen a ich
mehr, als ich je in meinem Leben gegessen hatte und am Abend war ich so
mde, da mich die ganze Familie auslachte! Und am Abend des dritten
Tages schrieb ich einen begeisterten Brief an meine Eltern. Ich sei
Texasfarmer. Mir ginge es ausgezeichnet. Es sei wunderbar -- einfach
wunderbar ...

Die Neger kamen. Sie halfen pflcken und luden ihre Baumwolle auf dem
Farmhof ab. Denn ein groer Teil der Muchowschen Farm war an Neger
verpachtet, die Land und Werkzeug geliefert bekamen und dafr die Hlfte
der Ernte abliefern muten. Sechs Familien waren es, Mnner in
zerfetzten Hosen, Weiber in roten und blauen Rcken und grellkarierten
Kopftchern, splitternackte Kinder, die alle zusammen schwatzend und
schreiend in die Baumwollenfelder zogen und gefllte Scke
herbeischleppten, bis sich weie Berge auf dem Farmhof trmten.

                  *       *       *       *       *

Am Ende der Woche ging's mit vier hochbeladenen Wagen nach der
Baumwollenmhle. Einen Wagen fuhr ich und kam mir sehr wichtig vor auf
meinem hohen Sitz und hielt die Zgel krampfhaft in den Hnden, als ob
die alten Maultiere nicht auch ohne mich hinter den Wagen dreingelaufen
wren! Nach einer halben Stunde Fahrt hielten wir mitten im Wald vor
einem wackelig aussehenden hlzernen Gebude, aus dessen hohem eisernem
Schornstein schwarzer Rauch quoll.

Drinnen begannen Maschinen zu stampfen. Ein Wagen nach dem andern wurde
dicht an das Gebude herangefahren und sein weier Inhalt mit groen
Holzschaufeln in eine breite ffnung hineingeschaufelt. Von dort
brachte ein endloser Aufzug, ein breites Lederband mit Holzkstchen, die
Baumwolle nach oben. Wir gingen in die _Cottongin_, die Baumwollenmhle,
hinein, an einem Dampfkessel vorbei, den ein halbnackter Neger mit
Holzkltzen ftterte, und stiegen auf einer Leiter zu dem
Maschinenstockwerk empor. Aus dem Aufzug flutete ein weier Strom von
Baumwolle in ein Sgewerk, dessen mit ungeheurer Geschwindigkeit sich
hin und her bewegende kleine Sgen die Silberfrchte zerrissen und
zerfetzten. Die federleichten weien Fden wurden von der Maschine
weitergeschoben in einen breiten Holzkasten hinein, der senkrecht bis
hinab auf den Erdboden reichte, whrend die schweren Samenkrner durch
eine ffnung in den unteren Raum fielen. War der Holzkasten mit
Baumwollfasern angefllt, so senkte sich eine hydraulische Presse
herab, die genau in seine ffnung pate, und prete die leichte weie
Masse in einen schweren Ballen zusammen, den mechanische Vorrichtungen
mit Sackleinwand und Eisenbndern umspannten.

Der alte Muchow pinselte mit schwarzer Farbe auf jeden Ballen ein
gewaltiges M.

So, sagte er, nun wollen wir den Samen in einen Wagen schaufeln
und die acht Baumwollballen auf einen zweiten Wagen laden. Ihr beide
knnt dann nach Brenham hineinfahren. Euch Jungens macht es doch mehr
Spa, wenn ihr in die Stadt fahren knnt, als mir. Ich denke, wir
spannen die vier Gule vor deinen Wagen, Charley, und geben Ed die
Maultiere. Mit denen kann er zurecht kommen.

Selbstverstndlich! behauptete ich.

Wenn man mich damals gefragt htte, ob ich eine Dampfmaschine zu erbauen
verstnde, wrde ich wahrscheinlich auch ja gesagt haben! Das
Vierspnnigfahren ging gut, eine Tatsache, die fr den gesunden
Pferdeverstand der Muchowschen Maultiere zeugte. Die Strae war zwar
miserabel und hatte allerlei gefhrliche Lcher und Rinnen, aber die
Tiere wichen ganz von selber aus. Als wir uns Brenham nherten und der
Weg breit und eben wurde, rief mir Charley zu, ich solle neben ihm
fahren.

Die Reklamereiter werden gleich kommen! schrie er herber.

Die was?

Die Reklamereiter, mein Sohn. Jungens, die eine volle Whiskyflasche in
der Satteltasche stecken haben und sich ein besonderes Vergngen daraus
machen werden, einem gewissen Charley und einem gewissen Ed einen
ordentlichen Schluck von der richtigen Sorte anzubieten! Die Sache ist
nmlich so: fr Baumwollsamen bekommst du bei jedem Agenten genau das
gleiche Geld, die Tagesnotierung selbstverstndlich. Die Samenagenten
knnen also ihre Konkurrenten nicht durch hhere Preise berbieten,
sondern nur durch greren Umsatz. Deshalb schicken sie Reklamereiter
auf die Landstraen hinaus, gerissene Jungens, die jeden Farmer im
Umkreis von fnfzig Meilen kennen. Oft lauern auf einer einzigen
Zufuhrstrae ein halbes Dutzend solcher Reklamereiter. Sobald eine
Wagenladung in Sicht kommt, reiten sie auf den Farmer zu und sind so
liebenswrdig zu ihm, als ob er der Prsident der Vereinigten Staaten
wre; bieten ihm Whisky an, erzhlen ihm die neuesten Brenhamerwitze,
reiten neben seinem Wagen her, so lange, bis einer von ihnen die Ladung
gekriegt hat. Heidi, da sind sie schon!

Zwei Reiter kamen herangejagt, was die Pferde nur laufen wollten, hart
nebeneinander, weit vornbergebeugt auf ihre Gule, und parierten mit
scharfem Ruck vor unseren Wagen.

_Hello, Muchow, old boy!_

Guten Tag, Jungens! Warum habt ihr's denn so eilig? Ist der Sheriff
hinter euch drein?

Nee, Muchow. Der Sheriff sitzt zu Hause und rechnet sich aus, wer frs
Gehngtwerden reif ist. Er schwankt noch zwischen dir und einem
belberchtigten Neger aus Palavera County.

Donnerwetter, Kinder, da habt ihr aber Glck, sagte Charley
todernst. Der Sheriff von Brenham wird immer nachlssiger. Er wei
wohl gar nicht, da ihr beide wieder im Land seid?

Da hielten die beiden Reiter lachend die Hnde in die Hhe:

_Allright, Charley._ Wir geben's auf. Dagegen knnen wir nicht an. Wer
soll denn nun deinen Baumwollkram haben, Muchow? Ich reite fr Smith &
Donahan und John hier fr Faraday & Co. Wer soll's sein?

Kommt darauf an, lachte Charley. Trockene Gegend hier, nicht?

Eine Whiskyflasche kam prompt zum Vorschein, und Charley beguckte sich
lange und andchtig den Himmel durch den Flaschenhals.

Der andere Reiter reichte mir eine Flasche herber. Neu in der Gegend
hier?

Danke. Ja. Ich bin erst kurze Zeit im Land.

Aber Ed! Das mut du nicht jedem hergelaufenen Pferdedieb gleich auf
die Nase binden!

Doch, doch! meinte der Reklamereiter. Ihr noch unschuldiger Ruf
knnte sonst leiden. Denn nur einem ganz grasgrnen Grnhorn
(entschuldigen Sie den Ausdruck!) kann man es verzeihen, wenn er sich zu
einer halbtoten Mumie, wie diesem Muchow hier, auf 'ne gottverlassene
Farm hinhockt.

Jawohl! grinste Charley. Allerlei Leben wrd' er mit euch sehen --
die innere Ausstattung des Countygefngnisses aber auch! Dicky, du
kriegst die Ladung; dein Whisky ist so schlecht, da du unbedingt Geld
verdienen mut, um besseren kaufen zu knnen. Du kommst das nchstemal
dran, John. So! Reitet, Jungens! _Go to the devil!_

Sollen wir 'was ausrichten? schrien lachend die Reiter, schon im
Davonjagen ...

Siehst du, Ed, das sind nette, manierliche Jungens, mit denen man
wenigstens ein vernnftiges Wort sprechen kann, ohne da man einen
Seidenhut auf dem Schdel haben und bei jedem dritten Wort eine
Verbeugung machen mu. So la ich's mir gefallen. Gute alte Texasmode,
Sohn!

Grasgrnes Grnhorn hat er gesagt! meinte ich. Nette
Hflichkeit!

_Well_ -- wenn Euer Kaiser nach Texas kme, wre er auch ein Grnhorn.
Is nix dabei!

                  *       *       *       *       *

In Brenham waren wir unsere Ladung in einer halben Stunde los; den Samen
bei Smith & Donahan, die Ballen im Schuppen von Roberts Brothers. Die
Pferde und die Maultiere banden wir vor dem gleichen Laden wie neulich
an. Wir wollten gerade hineingehen, da kam einer der umherlungernden
Neger auf uns zu, ein schlanker schwarzer Bursche. Sein Hut strahlte in
sieben verschiedenen Farben und hatte mindestens doppelt so viele
Lcher; seine Hosen hielt er mit beiden Fusten krampfhaft fest, weil
sie viel zu weit waren und stetig herabzurutschen drohten; sein Hemd
mochte in unschuldiger Jugend einmal wei gewesen sein.

Mistah Muchow -- dies schwarze Kind hier is' sehr angenehm froh, da
Mistah Muchow in Stadt sin'!

So, du Sohn eines faulen Vaters? Und was machst du denn in Brenham?
Und wie steht's mit dem Pflcken? Heh, Slim?

Macht Melusina Maryanne, Mistah Muchow. Dieser Nigger hat kein'
Kaffee, kein' Zucker, kein' Tabak, kein' gar nix. Kleines Zettelchen fr
fnf Dollars, Mistah Muchow!

Der alte Mann hat dir erst vorige Woche einen Kreditschein gegeben!

Huh -- is' alles weg.

Ja, dann kriegst du aber schlielich nicht mehr viel Geld, wenn wir
deine Baumwolle verkaufen, Slim.

Is nix dabei. Un -- klein' bichen weies Geld mcht' Slim, Mistah
Muchow, ein Dollar oder zwei!

Wozu denn?

Diesem Nigger juckt die rechte Hand, Mistah Muchow, un' das ist ein
feines Zeichen, bringt jedesmal Glck. Slim will 'n bichen _crap_
schieen un' die schwarze Gesellschaft 's ganze Geld abnehmen!

Hier hast du 'n Dollar, Slim. Jetzt lauf weg, Slim. Wenn du morgen
nicht beim Baumwollpflcken bist, frit dich der alte Mann mit Haut und
Haaren auf, das kann ich dir sagen!

Grinsend trollte sich der Neger.

Das ist einer von unseren Pchtern, sagte Charley, und der
lustigste Nigger, den ich im Leben gesehen hab'. Nun wollen wir 'mal
zugucken, wie er seinen Dollar los wird.

Wir bogen um die Ecke, und richtig, da in dem Nebengchen, hockte Neger
Slim mit einem halben Dutzend schwarzer Spiegesellen im Sand, und auf
einer alten Jacke rollten Wrfel hin und her.

Komm, kleine Sieben! rief Neger Slim beschwrend. Willst du wohl
'rauskommen, du miserabel langweilige Sieben. Schnell -- und kauf'
Frauchen ein Paar Schuhe. Liebe se Sieben ...

Sieben! Slims schwarze Tatze scho hervor und strich die Silbermnzen
ein, die auf der Jacke lagen.

Ein neues Spiel begann.

Die anderen Neger rollten die Augen und rgerten sich.

Oha, dicke Elf! Komm liebe dicke Elf!

Wieder gewann Neger Slim. Achtmal hintereinander gewann er, und beim
neunten Spiel konnte er keinen Gegeneinsatz bekommen, denn er hatte
seine schwarzen Brder bis auf den letzten Cent ausgeplndert!

Nix wei' Geld mehr? sagte er enttuscht. Dann is' dies nette
kleine Spielchen alle, _gentlemen_. Wenn ihr Geld habt, knnt ihr
wiederkommen.

Und wrdevoll schlenderte er die Strae hinab, mit den Vierteldollars in
seiner Hosentasche klimpernd.

Charley und ich gingen in Gus Meyers Salon an der Ecke der Wandelhalle.
Der kleine Raum war peinlich sauber, der Boden mit weiem Sand bedeckt.
An der Decke schnurrten elektrische Fcher, deren scharfer Luftzug
Khlung brachte. Mnner, die an der Bar schnell ein Glas Bier
hinunterstrzten, gingen und kamen fortwhrend. An einem groen runden
Tisch sa um eine gewaltige Platte von Kaviarbrtchen eine lustige
Gesellschaft.

Der deutsche Klub, flsterte Charley mir zu. Guten Morgen,
_gentlemen_! Es wrde mich eine _pleasure_ sein, die nchsten Biers zu
trihten ...

Lieber Muchow, Ihr Deutsch ist 'was Grliches, schmunzelte ein
dicker Herr. Es wrde Ihnen also ein Vergngen sein, die nchste
Auflage Bier zu stiften? Bewilligt!

_Yes, that's it_, sagte Charley. Und dies hier ist ein junger
Deutscher, der -- -- 

Wissen wir, lchelte der dicke Herr mit vergngten uglein. Sie
unterschtzen das alte Brenham und seine Neugierde, lieber Muchow.
Meinen Sie wirklich, da jemand brhwarm aus Deutschland nach dieser
feinen Metropolis kommen kann, ohne da darber gesprochen wird?
Prosit! (Zu mir): Wie gefllt's Ihnen? Gut? Ja? Das ist merkwrdig,
denn zwischen Gymnasium und Farmarbeit ist doch ein wesentlicher
Unterschied. _Well_ -- manchmal wundere ich mich, was sich eigentlich
deutsche Eltern dabei denken, wenn sie -- -- na ja, dies ist 'ne
verrckte Welt. Sehr verrckt. Aber man darf nur keine Mdigkeit
vorschtzen. Es wird Ihnen noch gut gehen -- und es wird Ihnen noch
schlecht gehen -- aber schtzen Sie nur ja niemals Mdigkeit vor!

Er sah sicherlich nicht mde aus. Weder er noch die anderen. Sie
sprhten von Kraft und Selbstvertrauen. Der Herr mit den vergngten
uglein war der Eigentmer des Brenham Herald, der Zeitung der Stadt,
die in einer tglichen englischen und in einer wchentlichen deutschen
Ausgabe erschien. Da war der Agent einer Grobrauerei und ein
Sattlermeister, der Besitzer einer Sodawasserfabrik und der Vertreter
eines Nhmaschinengeschfts. Das Gesprch drehte sich nur um Arbeit und
Geld und neue Unternehmungen. In Brenham war Erntezeit in mehr als einem
Sinn. Knig Baumwolle herrschte, _King Cotton_, wie der amerikanische
Sden seine weie Silberfrucht nennt -- King Cotton ritt ber das Land
und verwandelte sein Reich von feinen weien Fden in schweres
gleiendes Gold. Das Geld rollte. Der allmchtige Dollar strmte aus
Dutzenden von Zufuhrstraen nach dem Texasstdtchen. Der Farmer bezahlte
den Kredit, den er das Jahr ber bei den Geschftsleuten der Stadt in
Anspruch genommen hatte, er kaufte Maschinen und gab Geld fr Vergngen
aus. Und mnniglich mhte sich offenbar aus Leibeskrften, mglichst
viel von dem Goldsegen zu erhaschen. Diese deutschen Mnner, die deutsch
und englisch wirr durcheinander sprachen, begngten sich nicht etwa mit
einem einzigen Beruf, mit einem einzigen Geschft, sondern dehnten ihre
Interessen nach allen mglichen Richtungen aus. Der Redakteur und
Verleger, so hrte ich mit Staunen, betrieb nicht nur nebenbei die
einzige Buchhandlung Brenhams, sondern er besa auch eine Farm und hatte
auerdem Geld in allen mglichen Unternehmungen stecken. Augenblicklich
war er eifrig damit beschftigt, bei Kaviarbrtchen und schumendem
Lagerbier eine Eisfabrik zu grnden. In zehn Minuten setzte er seinen
Freunden auseinander, da Eis als Stapelbedarf des Sdens ein
ausgezeichneter Fabrikationsartikel sei und da er gar nicht einsehe,
weshalb Brenham sein Eis von auswrts beziehen msse. Die anderen
nickten zustimmend -- der Sattlermeister, der nebenbei noch eine
Sgemhle besa; der Bieragent, der Direktor von zwei Brenhamer
Gesellschaften war; der Nhmaschinenmann, der aus Mexiko Mustangs
importierte ...

_How much?_ fragte der Sattlermeister.

Zehntausend, oder sagen wir fnfzehntausend, meinte der dicke Herr.

In weiteren zwanzig Minuten hatte sich die Gesellschaft einverstanden
erklrt. Die _Brenham Ice Company Limited_ war so gut wie gegrndet! Und
im nchsten Augenblick wurde fast gleichzeitig darber gesprochen, wer
als geschftsfhrender Direktor der neuen Eisfabrik bestellt werden
sollte, und wo man heute abend pokern wollte.

_Hustle!_ sagte der Eigentmer des Brenham Herald, mich ber die
Brille hinweg anblinzelnd. Kennen Sie das Wort? Drngen heit es, sich
rhren, sich mit beiden Ellbogen vorwrts schieben. _Hustle!_

                  *       *       *       *       *

Die Zeit schwand dahin. Lngst war die weie Pracht der Felder
hinausgewandert nach den Baumwollzentren der Welt; die weiten Strecken
lagen de, gedrrt vom Sonnenbrand da. Der Indianersommer kam, der
wundervolle Texasherbst mit seinen leuchtenden roten und braunen Farben,
mit seiner goldenen Sonne. In aller Herrgottsfrhe, in der
Morgendmmerung, begann immer die Arbeit der Farm. Zuerst war es
Baumwollpflcken gewesen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, dann kam
das Einernten der Maiskolben, dann das Schneiden des texanischen
Zuckerrohres, des Winterfutters fr Pferde und Vieh. Als die Ernte
eingeheimst war, ging es an Kleinarbeit. Die Stacheldrahtzune wurden
ausgebessert, wir legten Bewsserungsgrben fr die Felder an, wir
flickten unser Sattelzeug, wir bauten einen neuen Stall, wir besserten
die Farmwagen aus und strichen sie schn grn an, oder rumorten zwischen
den Pflgen und Farmgerten. Die Arbeit der Texasfarm schien mir keine
Brde.

Ich kann mir kein rechtes Bild von deinem Leben machen, schrieb mir
einmal mein Vater. Du berichtest ber Reiten und Schieen und Jagen,
du schreibst uns lustige Negergeschichten. Ist das Bauernarbeit in
Texas?

Doch die Arbeit war da und sie war schwer. Die ganze Art des Landes
jedoch gab ihr einen romantischen Zug, und dieser romantische Zug
vergrerte sich ins Ungeheure fr einen jungen Menschen wie mich. So
wie es in der Stadt keine kleinere Mnze als fnf Cents gab, weil kein
Mensch sich mit Kupfergeld abgeben wollte, so fehlte auch auf der
Texasfarm jede Kleinlichkeit. Wie sonniger Leichtsinn lag es ber dem
fast jungfrulichen Land, das ohne knstliche Hilfe reiche Ernte hergab.
Dumpf dahin zu arbeiten, fiel hier keinem Menschen ein. Wir lebten auf
der Farm in freier Natur ein freies Leben, das selbst schwerer Arbeit
einen merkwrdigen Reiz verlieh. Und manchmal war die Arbeit wie ein
Fest ...

_Well_, Jungens, sagte der alte Muchow eines Abends, ich denke,
wir machen uns jetzt an den Wald drben bei der Slimpachtung und hauen
uns ein neues Stck Feld heraus.

Am nchsten Morgen ritten Charley und ich zu den Negerpchtern der
Umgegend und trieben Arbeiter auf, und am nchsten Tag schon begann die
Arbeit. Im Morgengrauen zogen wir hinaus. Voraus ritten der alte Mann,
Charley und ich, hinter drein fuhr Jim der Neger mit vier Maultieren und
einem Farmwagen, bepackt mit zwei riesigen Kesseln und Scken mit
Proviant. ber Ackerfurchen und knisternde Maisstengel ging's hinweg.
Am Waldrande prasselte ein Feuer aus drrem Holz, an dem zwei schwarze
Gestalten kauerten und sich die Hnde an den Flammen wrmten. Es war
Neger Slim und seine Ehefrau Melusina Maryanne.

Schn' guten Morgen, Mistah Muchow, schn' guten Morgen, Mistah
Charley, Mistah Ed. Feine Sache, so 'n kleines Feuerchen. Nix niemand
noch nich' da von die faulen Niggers.

Wie viele kommen denn, Slim?

Sechzig Stck, Mistah Muchow -- jeder gesegnete Farmnigger in dieser
Gegend, so wahr dieses Kind einmal in' Himmel kommen will. Nur der
Washington Columbus von Mistah Davis sein' Farm nich' un' das ist
schade, weil das ein Nigger is', der mit die Axt fein Bescheid wei.

Warum kommt er denn nicht?

Kann nicht. Is krank. Kann nicht sitzen, nicht liegen, nicht stehen,
kann kein gar nix.

Wieso denn?

Oh -- das is' sehr einfach. Ein anderer farbiger Gentleman hat ihm
ein' ganze Ladung Schrot in die rckwrtige Gegend hineingeschossen!

Wir brachen in schallendes Gelchter aus.

Wegen ein' kleine Meinungsverschiedenheit beim Wrfeln, fiel
Melusina Maryanne, die junge Negerfrau, mit schriller Stimme ein.
_Lord_ -- was is' das Wrfelspielen fr ein' schlechte Gewohnheit! So
was tut mein Slim nicht! Ich wrd's ihm auch mit mein' Besen
austreiben!

Tut Slim niemals nich', log der Neger darauf los und schielte
vergngt zu Charley und mir herber.

Als das Rot des herbstlichen Sonnenaufgangs durch die Baumreihen zu
schimmern begann, kamen sie von allen Seiten herangeritten, schwarze
Gestalten mit xten ber den Schultern, auf struppigen Pferden, auf
altersschwachen Maultieren. Im Nu hufte sich ein Berg von alten Stteln
und Decken am Waldrand. Die Ponys und "_mules_" begannen drauen auf
dem Feld zu grasen. Die Reiter aber drngten sich um das Feuer und
lieen sich von Melusina Maryanne heien schwarzen Kaffee in ihre
blechernen Becher einschenken, fischten Speckstcke aus der brodelnden
Pfanne und frisches Maisbrot aus dem Kessel. Weie Zhne zermalmten und
dicke Lippen schmatzten.

So, Jungens! rief der Herr der Farm von seinem Gaul herab, nun
wollen wir dem alten Wald zu Leibe gehen. Charley, Ed, zhlt euch
dreiig Mann ab und fangt hier zu arbeiten an. Die anderen kommen mit
mir. Los, Kinder. Wollen 'mal sehen, auf welcher Seite mehr gearbeitet
wird!

Hemden wurden heruntergerissen, nackte schwarze Oberkrper glnzten im
Sonnenlicht, und donnernd erdrhnten die Axtschlge. In langer Linie
arbeiteten unsere dreiig Neger, Baum an Baum. Mit rhythmischer
Regelmigkeit fielen die hoch ber die Kpfe geschwungenen xte.
Zuerst ein Hieb von oben, der tief in den Stamm hineinbi, dann ein
ergnzender waagrechter Schlag, der das angehauene Holzstckchen
herausschleuderte. So entstand eine winzig kleine Kerbe in der Form
eines liegenden _V_, flach wie ein Teller unten, schrg in den Baumstamm
hineinfressend von oben. Mit jedem Hieb wurde die Kerbe grer, bis der
verwundete Stamm sein eigenes Gewicht nicht mehr tragen konnte, die
Holzfasern rissen und der Baum krachend zur Erde fiel. Dann sprangen
drei, vier Mann auf ihn und hieben ihm die ste ab, und der alte Jim
schlang eine Kette um den Stamm und schleppte ihn mit seinen Maultieren
an den Waldrand hinaus. Die ste blieben liegen. Da waren Fichten,
deren rotes Holz so weich und wsserig ist, da es nur zum Verbrennen
taugt; Buchen, Eichen und Hickorybume, deren Stmme auf einen
besonderen Haufen gelegt wurden, denn sie waren so wertvoll, da sie in
Brenham verkauft werden sollten. Ihr Holz ist hart wie Eisen. Die zhen
Ranken, die sich von Baum zu Baum schlangen, der Efeu der alten Eichen
und wucherndes Gestrpp mit scharfen Dornen fielen unter den Axthieben.
Schritt fr Schritt drangen die Neger in den Wald ein. Ich hielt es
nicht lange aus beim Zusehen, sondern sprang vom Pferd, holte mir eine
Axt und schlug darauf los, da die weien Holzsplitter flogen.

Da gerieten Slim und ein anderer Neger in Streit. Sie hatten ihre xte
verwechselt.

Is meine Axt!

Nein, meine!

Das is' ein' dicke Lge, du schwarzer Gauner!

Is' kein' Lge!

Is' es doch!

Is' es nich' --

Wtend funkelten sich die beiden Neger aus rollenden Augen an. Charley
aber zog gelassen den Revolver hervor und spannte den Hahn.

xte weg, Jungens! Wer von euch beiden eine Axt oder ein Messer
anrhrt, den schiee ich ber den Haufen. Gebraucht eure Fuste
meinetwegen, ihr Dickschdel!

Komm her, Affensohn! brllte der Neger.

Komm du her! schrie Slim.

Da auf einmal krmmten sich die beiden zusammen -- senkten die Kpfe --
rannten aufeinander los. Genau wie kmpfende Bcke. Die Schdel prallten
in dumpfem Krach zusammen. Wieder rannten sie, wieder stieen die
schwarzen Kpfe hart aufeinander; zwei-, drei-, fnfmal. Beim fnftenmal
kratzte Slim's Widersacher sich die krause Wolle auf seinem Schdel und
schlich davon.

Is' das nicht ein fein' kleines Kpfchen, das dies Kind hier auf die
Schultern sitzen hat! jubelte Neger Slim.

Wir aber lachten, da wir beinahe von den Pferden fielen.

Dafr soll dieser Sohn eines Ziegelsteins ein Pfund Tabak haben,
sagte Charley. Das ist das erstemal, da ich ein richtiges Niggerboxen
gesehen habe. Ein Neger ist doch ein merkwrdiges Individuum. Sein
Schdel ist so hart, da wahrhaftig etwas daran ist an dem alten Witz
von dem Schwarzen, der im siebzehnten Stockwerk eines Wolkenkratzers aus
dem Fenster fiel und in der Luft inbrnstig gebetet haben soll: _Dear
Lord_, la mich auf meinen Kopf fallen, _if you please_, und ich armer
Nigger bin gerettet! Eines Negers Schienbeine aber sind so weich und so
empfindlich, da ihn der leiseste Sto schmerzt. Wenn du einmal mit
einem Neger Unannehmlichkeiten hast, Ed, so gib ihm einen krftigen
Futritt gegen das Schienbein, und er wird heulend davonlaufen! _Well_
-- nun hr' mal! Vorhin wollte ich es dir nicht sagen, aber du mut
nicht mitarbeiten beim Baumfllen! Mit Negern arbeitet man nicht
zusammen!

Ich schmte mich fast, da ich das nicht selbst empfunden hatte. Denn so
naiv ich den Neger betrachtete, so fhlte ich mich doch in natrlichem
Instinkt dem Mann der schwarzen Rasse gegenber genau so als Herr und
Hherstehender, wie der alte Muchow oder sein Sohn; empfand eine
Abneigung, deren erster Grund der penetrante Geruch der Ausdnstung des
Negers sein mochte. Fr den Neger soll der Weie brigens genau den
gleichen unangenehmen Geruch haben. Man plauderte mit dem Neger. Man
amsierte sich ber seinen grotesken Humor, ber sein komisches
Englisch. Man brauchte ihn notwendig. Wie alle anderen Riesenfarmen in
dem sprlich besiedelten Land basierte der Muchowsche Besitz auf
Negerarbeit im Pachtsystem. Die Negerfamilien bekamen Land und Werkzeuge
und muten dafr das Land bestellen und die Hlfte des Ertrags
abliefern. Sie waren vollkommen abhngig von dem Herrn der Farm, weil
sie fast niemals bares Geld in die Hnde bekamen und immer in der Schuld
des Farmers standen, denn sie waren faul und verschwenderisch. Bekamen
sie nach der Ernte wirklich Geld, so verpufften sie es in wenigen
Wochen; die Mnner in Trinkgelagen, die Weiber in komischem Putz, und
waren dann wieder auf den Farmer angewiesen, der ihnen fr die
einfachsten Lebensmittel ungeheure Preise anrechnete. Eine
Wirtschaftsteilung, bei der der Neger als der wirtschaftlich Schwchere
und Untchtigere unbedingt den Krzeren ziehen mute. So wurde das Land
nach uralten primitiven Methoden bestellt, und was der Farmer durch
nachlssige Bewirtschaftung verlor, glaubte er durch den Umfang seines
Besitzes und den billigen Grundwert wieder hereinzubringen. Um straffe
moderne Organisation, um wissenschaftliche Bodenausnutzung mhte sich
niemand, weil der Neger nur in dem althergebrachten System zum Arbeiten
zu bringen war, weil er als Tagelhner zum Beispiel unter stndiger
Aufsicht htte sein mssen. Mir erschienen die Neger von einer fast
kindlichen Harmlosigkeit. Als Kinder wurden sie auch behandelt, und als
Kinder fhlten sie sich. Sie kamen mit den kleinsten Anliegen zu uns,
sie konnten nicht einmal die einfache Baumwollarbeit, in der sie doch
aufgewachsen waren, selbstndig verrichten. Man behandelte sie
freundlich, aber man hielt sie sich energisch vom Leibe. Kein Neger
durfte den Farmhof betreten, ohne vorher angerufen und sich Erlaubnis
erbeten zu haben; jeder Schwarze mute ausweichen, wenn wir auf der
Strae ritten oder fuhren; er durfte in Brenham kein Restaurant betreten
oder sich in ffentlichen Rumen gleichzeitig mit Weien aufhalten. Er
war ein untergeordnetes Wesen und sollte es bleiben.

Stck fr Stck und Tag um Tag verschwand der Wald. Die Stmme trmten
sich drauen auf dem Feld auf. Nach drei Wochen stand kein Baum mehr,
und eine halbe englische Meile weit sah man nichts als Haufen von Gest
und nackte, weischimmernde Baumstmpfe. Nun begann die eigentliche
Rodearbeit; die Stmpfe wurden herausgesprengt. Den Negern machte das
ein Heidenvergngen, und uns drei Weie hielt es in stndiger Aufregung,
weil die Schwarzen kaum wegzutreiben waren bei den Sprengungen. Das
grobe Sprengpulver spaltete die Stmpfe nur und lockerte sie aus dem
Erdreich. Feuer mute die Arbeit vollenden. Der alte Mann selbst warf
den Brand in das Gestrpp, und langsam fraen die roten Flmmchen in das
Kleinholz, bis ein Windsto kam und die kleinen Feuerzngelchen zum
rasenden Feuermeer aufpeitschte, das eine glhendrote Rauchwolke weithin
ber das Land trieb. Den ganzen Tag und die ganze Nacht umritten wir den
Flammenherd und lschten Dutzende und Aberdutzende von Brnden, die
durch glhende Funken in den benachbarten Feldern im Baumwollengestruch
und unter den Maisstengeln entstanden waren. Unsere Lschmanier war
hchst einfach. Zwei Reiter hielten eine nasse Decke zwischen sich
gespannt und schleiften sie im Galopp ber den brennenden Boden. Mehrere
Tage lang brannte das neugewonnene Land. Dann aber htte man auf der
weiten Flche kein Stckchen Holz mehr finden knnen; die Stmpfe, die
herausgesprengten Wurzeln, die ste, das Gestrpp, das drre Laub von
vielen Jahren, der uralte Laubmoder -- das alles war eine
schwarzverkohlte Masse mit Tausenden von weien Aschenhufchen. So wurde
aus dem Wald das Feld ...

                  *       *       *       *       *

Charley und Ed, die beiden Spitzbuben, sagte der alte Muchow fter
als einmal, sind gar nicht mehr auseinanderzubringen. Immer stecken
sie beisammen. Die Pferde reiten sie mir zu schanden, ihre ewige
Schieerei hat mich schon halb verrckt gemacht, bei den Negern
strolchen sie herum, -- aber arbeiten tun sie, das mu man ihnen lassen.
In einer Manier freilich, als tten sie's nur, weil's ihnen Vergngen
macht!

Monate tollen Erlebens. Ich lernte Vertrauen in meine Fuste und in
meine Kraft; lernte auch den wildesten Gaul reiten; lernte das weiche
Englisch des amerikanischen Sdens; lernte den merkwrdigen
Texasmischmasch von Selbstvertrauen und Schlenderjahn. Die Muchows
fhlten sich unabhngig wie groe Herren auf ihrem riesigen Grundbesitz,
aber sie so wenig wie die Nachbarn hatten den Ehrgeiz, das alte
Schlendersystem der Farmer zu verbessern. Es war, als seien die weien
Mnner auf dem flachen Land angesteckt von der Sorglosigkeit und
Gleichgltigkeit des Negers. Sie lebten ein Herrenleben in ihrer Art,
aber sie aen Maisbrot und Speck das Jahr ber und wohnten in rohen
Holzhusern; sie trugen derbes Leinen und betrachteten eine Zigarre als
Sonntagsluxus. Dutzende von Pferden standen auf jeder Farm, und kein
Mensch wre hundert Meter zu Fu gegangen, aber die Tiere wurden niemals
beschuht und fast niemals geputzt. Die Farmen sahen schmutzig und
verkommen aus, die Straen nach der Stadt waren in einem so erbrmlichen
Zustand, da sie bei der Regenzeit unpassierbar wurden. In der
Erntezeit warfen die Farmer mit Goldstcken um sich, und die Hlfte des
Jahres muten sie bei den Geschftsleuten der Stadt Kredit in Anspruch
nehmen. Man arbeitete aus Leibeskrften -- lie aber auf einmal alles
liegen und stehen, wenn ein Neger mit der Nachricht gelaufen kam, Mister
So und So von der nchsten Farm wolle zum Fischen nach dem Brazos
reiten. Oder zum Kaninchenjagen. Oder auf die Waschbrenjagd. Dann
sattelte man schleunigst die Gule und ritt mit.

Es war ein merkwrdiges Leben auf der Texasfarm, das mir unbeschreiblich
verlockend schien. Texasfarmer wollte ich werden! Es war sehr leicht,
wenn man erst als halbwegs tchtig bekannt war, Kredit zu erhalten und
durch langsames Aufsteigen vom Pchter zum Farmer selbstndig zu werden.
Jeder Farmer verpachtete lieber an einen weien Mann als an einen Neger,
weil der Weie von selbst arbeitete und der Schwarze nur, wenn er dazu
getrieben wurde. Das Haus bauten einem die Nachbarn, die Gerte lieferte
der Farmer, das Geld, das man bis zur Ernte brauchte, streckte er einem
vor. Wenn die Baumwollenpreise nur einigermaen gut waren, konnte man
bald genug eigenes Land besitzen.

Wie oft hatte mir der alte Muchow das auseinandergesetzt! Aber fr den
Gang meines Lebens bestimmend war sein Sohn. Htte nicht die
amerikanische Krankheit unstillbaren Wandertriebes ihn erfat, so
pflanzte ich heute aller Wahrscheinlichkeit nach Baumwolle irgendwo in
der Nhe der Muchowschen Farm, ein Texasmdel wre meine Frau,
Texasgrund und Boden wre mein eigen ...

Denn im Sptherbst kam eine sonderbare Ruhelosigkeit ber den jungen
Muchow. Es gab fast nichts zu tun auf der Farm. Das Land sah de aus;
alles war verdorrt, der Boden, die Bsche und das Laub, das Gras. Man
sah nichts als einfrmiges Braun. Wir ritten tglich meilenweit bers
Land, und auf einem solchen Ritt hielt Charley auf einmal seinen Gaul an
und lie die Zgel fallen. Lange Zeit sah er sich im Kreise um. Dann
richtete er sich auf, wie jemand, der mit sich selber eins geworden ist.

Ich geh' fort, sagte er.

Was?

Fort geh' ich. Zu verdammt langweilig!

Wohin denn?

Wei noch nicht. Ich reit' jedes Jahr los. Neu-Mexiko war es letzten
Winter, Indian-Territory das Jahr vorher. Fr Cowboys gekocht, drben
bei San Antonio (und die Jungens haben oft genug geschimpft ber meine
Kocherei!) -- mitgeholfen beim Branden der Rinder -- dann nach
Nordwesten hinauf -- das verdiente Geld in einem Wagen und Provisionen
angelegt und nach Gold gesucht -- den Teufel 'was gefunden -- halb
verhungert in Albuquerque angekommen, Wagen und Gaul verkauft und nach
Hause gefahren. Das waren famose fnf Monate, _sonny_! Diesmal ist es El
Paso! Bei El Paso wird eine neue Eisenbahn gebaut. Gus sprach davon. Da
strmen die lustigsten Kerle aus dem ganzen Sden zusammen. Jawohl --
es ist 'ne feine Idee! Ich reite nach El Paso! Glory Hallelujah!

Wie eine ansteckende Krankheit sprang sein Wandertrieb auf mich ber.

Nimm mich mit! sagte ich.

_No, sir._

Warum denn nicht?

Geht nicht. Du kennst das Land noch nicht. Schlielich schlagen sie
dir den Schdel ein und ich bin daran schuld. Nein. Bleib' beim alten
Mann.

Als wir nach Hause kamen, platzte er mit seinem Projekt heraus:

Vater -- hm -- Mutter -- hm, ich denke, ich reite morgen ...

Ach du meine Gte! sagte Mutter Muchow leise.

Wie du meinst! brummte der Alte. Eine verfluchte Wirtschaft! Du
wirst schon noch in irgend 'n Malheur 'reintreten. _Well_ -- _well_
-- -- bin auch mal jung gewesen, aber die neue Generation knnte doch
'was zugelernt haben. Hab' mir's schon gedacht, da die Vagabundiererei
wieder anfngt. Dann reite in drei Kuckucksnamen! La dich nicht ber
die Ohren hauen! Wo willst du hin?

Nach El Paso, Vater. Zum Eisenbahnbau.

_Well_, wie du meinst.

Ich sa da und wre beinahe geplatzt vor Neid. Und auf einmal kam's ber
mich wie fiebernde Unruhe.

Wenn Charley fortgeht ... begann ich.

Hoh! sagte der alte Muchow. Da ist noch einer! Zu tun ist ja
freilich nichts auf der Farm, aber du httest doch wahrhaftig gerne
hierbleiben knnen!

Und ich beschlo, mein Glck im Texasstdtchen zu versuchen.

                  *       *       *       *       *

Kurz vor Brenham durchschnitt die Staatsstrae nach Osten, nach San
Antonio und El Paso, unseren Weg. Dort, an der Kreuzung, hielten wir.
Braun, drr, de, sandig lag die Gegend da. Auf dem untersten Ast eines
Baumes am Straenrande saen trge vier Aasgeier.

_Good bye_, Vater, sagte Charley.

Na, dann reite, mein Junge. Nimm dich in acht mit dem Mexikanerpack da
drben!

_Allright_, Vater. _Good bye_, Ed. Besser, du bleibst beim alten Mann.
berleg' dir's noch.

Und im vollen Galopp jagte Texasgirl auf der Strae nach Osten vorwrts,
mit einem Reiter, der lustig den Hut schwenkte und die sechs Schsse
seines Revolvers in die Luft knallte zum Abschiedsgru --

Eine verfluchte Wirtschaft! brummte der alte Mann. Wenn ich nicht
selber einer von der Sorte gewesen wre, knnt' ich dem Bengel
wahrhaftig bse sein. Na, er kann fr sich sorgen; wer mit dem anbindet,
hat alle Hnde voll. Was willst du denn in Brenham anfangen?

Keine Ahnung, _sir_.

Eine verfluchte Wirtschaft! Ehem! Ich lasse jeden das aufessen, was er
sich einbrocken will. Wenn einer Dummheiten machen will, dann soll er
sie eben machen. Man mu einen Mann mit seinem Mdel allein lassen und
einen Narren mit seiner Narrheit. _Good bye_, mein Junge!




Da hinten in Texas.

     Der Lausbub wird Apothekerlehrling. -- Im Wunderland. -- Grasgrner
     Wissensdurst. -- Die Negerin und das Liebespulver. -- Ein
     Nachtklingel-Erlebnis. -- Der Lausbub langweilt sich. -- Das
     Gchen der winzigen Huschen. -- Klein-Daisy. -- Die Dame, das
     Parfm und die Folgen. -- Ex-Apotheker. -- Der frhere Leutnant aus
     dem heiligen Kln und sein Rat. -- Der Mann mit den leuchtenden
     Augen. -- Vorbereitungen zu einer geheimnisvollen Reise.


An einem der runden Tischchen in Gus Meyers Salon sa, emsig schreibend,
der Redakteur und Verleger des Brenhamer Herald. Neben ihm stand ein
kleiner Junge in Arbeitskleidern, mit Druckerschwrze beschmiert.

Hello! rief mir der Redakteur entgegen. In dreieinhalb Sekunden
hab' ich den Gouverneur von Texas vollends abgemurkst. (Er schrieb
weiter.) So. Hier, mein Shnchen! Lauf! Korrektur und letzte Depeschen
bringst du mir hierher. Gus, noch 'n Bier! Und wie steht's mit Bruder
Leichtfu aus dem deutschen Vaterland?

Er schttelte sich vor Lachen, als ich ihm erzhlte, weshalb ich in
Brenham sei.

Und was wollen Sie anfangen?

Ich hab' keine Ahnung ...

Selbstverstndlich haben Sie keine Ahnung! schrie er lachend, als
ob das der beste Witz der Welt wre. Ich htte auch keine an Ihrer
Stelle. Es wre auch wirklich zuviel verlangt von Bruder Leichtfu, er
solle sich -- hokuspokus, hast du nicht gesehen? -- in einen
geldverdienenden Praktiker umzaubern, sobald er nur auf amerikanischen
Boden plumpst!

Knnten Sie mir nicht einen Rat geben, Herr Doktor?

Hoh! So ist's recht. Wenn man selbst nichts wei, so wei vielleicht
ein anderer etwas!

Er lachte, und unter Lachen und Biertrinken pumpte er mit unglaublicher
Schnelligkeit alles aus mir heraus, was er wissen wollte. Was mein Vater
sei? Weshalb ich eigentlich Deutschland verlassen htte? Meine Familie?
Meine Verwandten? Welche Schulen?

Stimmt alles! schmunzelte er endlich. Sie wren auch viel zu jung,
um konsequent und berzeugend zu lgen. Das ist nmlich eine groe
Kunst! Hm -- und nun wollen wir sehen, was sich in dieser feinen
aufblhenden Texasstadt alles mit Ihnen aufstellen lt. Aha -- oho ...
guten Morgen, Mr. Mindus!

Tag, Doktor! sagte ein Herr, der soeben eingetreten war, ein Riese
von respektabler Gre und noch weit respektablerer Breite, ein Riese in
Hemdsrmeln, doch in Hemdsrmeln aus schillernder Seide; in blitzenden
Lackstiefeln, auf dem Kopf einen Panama.

Interessanter Fall, Herr Mindus! sagte der Doktor. Wir haben hier
den jungen Deutschen, der bei den Muchows auf der Farm -- ich erzhlte
Ihnen doch davon?

Der Mann in den seidenen Hemdsrmeln nickte.

Nun, er hat gemerkt, da er in der stillen Farmzeit ziemlich
berflssig war und ist gegangen. Frage: Was fngt er an?

Geld? fragte Mr. Mindus lakonisch.

Ih wo!

_Well_ -- dann mu er arbeiten!

Aber, bester aller Apotheker, -- Herr Mindus ist Besitzer der groen
Apotheke da drben, mein Junge, -- das wissen wir auch! Aber wie und wo?
Ich denke mir, wenn ein verwhnter junger Mensch frisch von der
Schulbank fnf Monate Farmarbeit aushlt, dann mu er zu gebrauchen
sein.

Das werden wir ja sehen, sagte der Apotheker und wandte sich
mir zu. Wenn Sie wollen, so knnen Sie bei mir in der Apotheke
arbeiten -- --

Ich sa da, so erstaunt und so berrascht, da ich kaum ein Wort
hervorbringen konnte, und hrte, wie mir der Apotheker erklrte, er
"taxiere", ich sei vorlufig fnfzehn Dollars im Monat und Verpflegung
fr ihn wert, und in einer Viertelstunde solle ich nach der Apotheke
kommen. Dann schttelte Mr. Mindus dem Doktor die Hand, nickte mir zu
und ging fort. Der Verleger des Brenham Herald sah mich lachend an.

Eine verrckte Welt! Nun sind Sie Apothekerlehrling hier hinten in
Texas!

Eine halbe Stunde spter hielt ich einen Mrser zwischen den Knieen und
stampfte arbeitsam auf Kreidekgelchen los. Die zerstampfte Kreide
fllte ich in kleine Schachteln. In jede Schachtel kamen drei Tropfen
Veilchenextrakt. So fabrizierte man hier hinten in Texas Puder.

                  *       *       *       *       *

Gewaltige Glaskugeln mit giftig grn, zart rosa und schreiend gelb
anilingefrbtem Wasser gefllt, schillerten im Schaufenster als
Wahrzeichen der Apotheke. Auf riesigen Regalen standen die Flaschen und
die Flschchen mit den Rohstoffen der pharmazeutischen Kunst; endlose
Reihen von Patentmedizinen; von Pillen und Mixturen, Sarsaparillen und
Blutbelebern. In Schauksten waren alle mglichen Waren aufgestapelt;
Brsten, Kmme, Toilettenartikel, wunderttige Fleckseifen und
Pokerkarten, Proben von wunderbar wachsenden Smereien und
garantiert-echte Monte Carlo Rouletten; Vasen, Spielmarken, Puppen. Der
Herrenwelt brachte die Apotheke liebevolles Verstndnis durch ein halbes
Dutzend dickbauchiger Whiskyfsser entgegen, denn wer hier Wert auf
guten Whisky legte, kaufte seinen Bourbon oder seinen Rye in der
Apotheke. Fr die Damenwelt sorgte die Sodawasser-Fontne, die Jimmy
Hawkins bediente.

Sie war ein Wunderwerk. In einem pompsen Nickelgehuse, das den halben
Laden ausfllte, verbargen sich Eisbehlter, Kohlensureapparate und
Dutzende von kleinen Fchen mit allerlei Fruchtsften und
Ingredienzien. Auf dieser Maschine spielte Jimmy Hawkins wie auf einem
Klavier; er schlug die Tasten geheimnisvoller Hhne an und komponierte
merkwrdige Getrnke. Die Basis war immer ein Glas Sodawasser zu drei
Vierteln gefllt, dazu kamen Fruchtsfte oder flssige Schokolade, und
das ganze krnte jedesmal ein Lffel Icecream, Gefrorenes. Es war der
_punch romain_ europischer Cafs, verflssigt, ins Amerikanische
bersetzt und verbilligt, -- der _soda drink_ zu fnf Cents. Die hohen
Sthle vor der Soda Fountain wurden niemals leer. Hunderte von Damen
schlrften alltglich die eiskalten Herrlichkeiten. Dieser vordere Teil
des Ladens war das Sanktum der holden Weiblichkeit des Texasstdtchens.
Weiter hinten drngten sich die Mnner von den einsamen Farmen;
rauchend, schwatzend, plaudernd, denn sie wollten nicht nur kaufen,
sondern auch unterhalten sein, etwas hren vom Getriebe des Stdtchens
und den Dingen der groen Welt. Noch weiter hinten an den Ladentischen
-- die Apotheke war riesig gro -- versammelten sich die kaufenden
Negerherrschaften. Und das Ganze war ein unbeschreiblicher Wirrwarr!

Bruder Leichtfu schien es, als sei er im Wunderland.

Freilich mute man kehren und fegen und splen in diesem Wunderland, und
Kisten schleppen und langweilige Salben in langweiligen Mrsern ewig
lange zerreiben. Aber da waren Kasten und Schrnke und Flschchen und
Dosen, die man so wunderschn durchstbern konnte, und geheimnisvolle
Gifte und geheimnisvollere Apparate und das fortwhrende Kommen und
Gehen von vielen Menschen. Ich entwickelte einen gierigen Lerneifer,
gegen den kein Mensch etwas einzuwenden hatte; verbrannte mir die Finger
gehrig an Schwefelsure und kurierte mir Zahnschmerzen mit so viel
kristallisiertem Cocain, da ich beinahe sehr krank geworden wre. Mr.
Mindus und den Prokuristen und Jimmy Hawkins bombardierte ich
fortwhrend mit Fragen, die mit einem gemtlichen Grinsen ber meinen
grasgrnen Wissensdurst beantwortet wurden. So wurde aus dem
wunderlichen Wirrwarr nach und nach ein vertrautes Hantieren mit
vertrauten Dingen. Es dauerte gar nicht lange, so verkaufte der Lausbub
Chinin (das war ein Stapelartikel) und Patentmittelchen -- und nach
wenigen Wochen schon durfte er neben dem Prokuristen am Rezepttisch
stehen, wenn's viel zu tun gab, und beim Bereiten von Mixturen helfen!
Einem deutschen Apotheker wrden die Haare zu Berge gestanden sein ber
diesen Leichtsinn, aber man nahm es nicht so genau da hinten in Texas.
Es war auch gar nicht so schwer. Die drei rzte des Texasstdtchens
schrieben ihre Rezepte hbsch deutlich und leserlich, wie es Sitte ist
in Amerika, und mein Latein und mein ewiges Herumschnffeln und Fragen
kamen mir bald zu statten. Ich rezeptierte darauf los ...

Man stelle sich meinen Stolz vor!

Dummheiten machte ich natrlich auch, und ich vergesse nie, wie der
pompse Mr. Mindus aus dem Huschen geriet, als ich dem berchtigtsten
Gauner von Brenham in aller Harmlosigkeit fnf Flaschen Whisky auf
Kredit verkaufte! Und einmal kam eine junge Negerin und verlangte
verschmt:

_Love powder, please!_

Liebespulver? Was beim Kuckuck war Liebespulver?

Wie meinen Sie? fragte ich verlegen. (Ich hatte damals eine ewige
Angst, einen Kunden mizuverstehen und mich zu blamieren.)

'n Liebespulverchen -- ein ganz kleines Liebespulverchen, Herr, aber
nur allerbeste Qualitt. Sie lchelte genierlich. So 'n recht gutes
Liebespulver; ich brauch's fr eine Freundin.

Aber ...

Mr. Mindus trat hinzu.

Liebespulver? Jawohl! Ich lasse es sofort bereiten -- wir werden unser
Bestes fr Sie tun!

Und mir flsterte er zu: Stellen Sie sich doch nicht so ungeschickt an!
Geben Sie ihr eine ganz kleine Dosis Saccharin! Wickeln Sie's in ein
rosa Pulverpapier hbsch ein und berechnen Sie anderthalb Dollars --
nein, zwei Dollars!

Als die Negerin seelenvergngt gezahlt hatte und strahlend fortgegangen
war, sagte mir der Apotheker seine Meinung: Wir haben alles und fhren
alles. Das merken Sie sich geflligst! Fragen Sie mich, wenn Sie selbst
nicht Bescheid wissen. Die schwarze Gans ist natrlich in irgend einen
Nigger verliebt und will Gegenliebe dadurch fabrizieren, da sie ihm ein
Liebesplverchen beibringt. Die Bande ist nun einmal so aberglubisch.
Sage ich ihr, so etwas gebe es nicht, so erzhlt sie smtlichen
Niggerfrauenzimmerchen in Brenham, meine Apotheke sei nichts wert, und
mein Geschft leidet. Ergo bekommt der Nigger sein Saccharin und
wahrscheinlich wird's auch helfen. Liebe erzeugt Gegenliebe, mit oder
ohne Saccharin, aber das verstehen Sie noch nicht. Geschft ist
Geschft. Das merken Sie sich, bitte. Sie mssen noch viel
amerikanischer werden, mein Lieber!

Und wahrhaftig -- nach einigen Tagen kam eine junge Negerdame in die
Apotheke, die auch verschmt tat und auch verlegen lchelte.

-- kleines Liebesplverchen ... bat sie. So, wie mein' Freundin
Matilda gekauft hat!

Es mute also geholfen haben! Jedenfalls nahm man es entschieden gar
nicht genau hier hinten in Texas. Einmal in der ersten Zeit war ich in
heller Verzweiflung. Ich schlief in einem Kabinett hinten im Laden,
zusammen mit Jimmy Hawkins, dem Gehilfen, einem wortkargen Gesellen, der
mir von allem Anfang an kurz und bndig erklrt hatte:

Abends hab' ich gewhnlich dringende Geschfte in der Stadt, mein
lieber Junge. Unter uns gesagt. Offiziell bin ich hier. Sollte dieser
fette alte Mindus einmal kommen, so bin ich soeben ein bichen an die
frische Luft gegangen, weil ich Kopfschmerzen hatte. _Sab?_ Kommt
irgend ein Narr mit einem Rezept, so soll er warten, bis ich wieder da
bin. Seien Sie nett zu mir und ich bin nett zu Ihnen! _Sab._

Und prompt um acht Uhr verschwand Mr. Jimmy Hawkins regelmig, um
gegen Mitternacht zurckzukehren und wortlos ins Bett zu gehen.

Da machte einmal -- es war schon spt Nacht -- die Klingel einen
Heidenlrm. Als ich hinauseilte, stand ein Farmwagen vor der Tre. Ein
Mann, der an allen Gliedern zitterte und kaum sprechen konnte vor
Aufregung, hielt mir ein kleines Kind hin. Ich schlug die Tcher zurck,
in die das leise sthnende, fast bewutlose Kind gewickelt war, und sah
mit unbeschreiblichem Entsetzen, da von den kleinen Fchen Hautfetzen
herabhingen. Rohe Brandwunden! Ich htte am liebsten geheult vor
Ratlosigkeit, aber irgend etwas mute geschehen. So trnkte ich in
fliegender Eile Verbandwatte in l und wickelte die armen kleinen
Fchen darein, mehr um den Vater zu beruhigen als dem Kind zu helfen,
dem ich doch nicht helfen konnte. Rasch noch ein paar Tropfen
kalifornischen Tokaiers eingeflt -- dann sprang ich auf den Wagen und
fuhr in sausendem Galopp zum Arzt. Der schien ganz zufrieden mit dem
harmlosen Mittelchen, das mir eingefallen war ...

Jimmy Hawkins aber hatte die nchsten acht Tage lang keine dringenden
Geschfte mehr in Brenham zur Nachtzeit!

Wochen und Monate vergingen. Der Herr Apothekermeister Mindus hatte mir
mit salbungsvollen Ermahnungen ein pharmazeutisches Werk gegeben, in das
ich dreimal hineinguckte, um es dann vorsichtig mit den Fingerspitzen
anzufassen und im fernsten Winkelchen meines Zimmerleins zu verstecken.
Das Ding war noch viel langweiliger als die griechische Grammatik!
Dafr las ich Nchte lang in amerikanischen Zeitungen (ich glaube heute
noch, da das viel gescheiter war) und durchschmkerte bei
selbstgedrehten Bull-Durham-Zigaretten und raffiniert gebrauten
Limonaden Hunderte amerikanischer Romane, von den drei rzten des
Stdtchens zusammengeborgt. Dann wieder durchschnffelte ich Kasten und
Schubladen. Und war sehr zufrieden mit mir selbst und schrieb
begeisterte Briefe nach Hause. Aber gar bald wurden die Apotheke und
dann die Menschen und das Stdtchen zu tagesgewohnten Dingen, und Bruder
Leichtfu fing an, sich sehr zu langweilen.

Die Texasstadt war ja die Einfachheit selbst. Auf dem riesigen Platz vor
der Apotheke, in vier Straenreihen, spielte sich die Jagd nach dem
Dollar ab. Im tiefen Sand dieser Straen drngten sich die Menschen und
galoppierten die Pferde den ganzen Tag. An das Geschftsviertel schlo
sich eine hlzerne Stadt an, kleine Huschen mit breiten Veranden und
grnen Grtchen. Dort wohnten die kleinen Leute, die Angestellten und
die Handwerker. Ein freier Platz, der die Stadt aus Holz durchschnitt,
trennte das Viertel der Weien von der Budenstadt der Neger, die
unerbittliche Sitte zwang, im gleichen Stadtquartier zusammen zu hausen.
Auf der anderen Seite erstreckten sich Villenstraen weit hinein ins
flache Land; die Gartenstadt der erfolgreichen Brenhams. Unten beim
Bahnhof lagen die Warenschuppen und die wenigen Fabrikgebude. So sah
das Stdtchen aus, in das aus dem Farmhinterland der allmchtige Dollar
flo und gehrig beschnitten in Warenform zurckwanderte -- das
Stdtchen war das Hirn, das aus den Frchten eines gesegneten Bodens
eine gewaltige Warenzirkulation schuf und ber den ganzen Distrikt
souvern herrschte. Ein fortwhrendes Hasten und Jagen im Stdtchen, und
dennoch eigentlich primitivste Einfachheit des Lebens und der Menschen
und der Methoden -- wie es dem Lausbub schien, der fr feine
Unterschiede noch so gar kein Verstndnis hatte.

Er langweilte sich sehr und zwang Mr. Jimmy Hawkins energisch, sich in
die Abendstunden mit ihm zu teilen. Einen Tag du, einen Tag ich! Und
natrlich fand der Lausbub auf seinen Entdeckungsreisen gerade das, was
er nicht htte finden sollen.

Der Frhling war ins Land gekommen nach dem Texaswinter frchterlicher
Regengsse, frohen Sonnenscheins, eiskalter Nordstrme, und wie
jungfrischer Duft breitete es sich ber das Stdtchen. Die vier Straen
lagen einsam im Abenddunkel da. Ein Reiter galoppierte dicht an mir
vorbei -- ein alter Neger schlrfte mit schweren Schritten vor mir dahin
-- ein Buggy mit weigekleideten Damen knirschte im Sand ... Von droben
glitzerte aus tief dunklem Blau die Sternenpracht nieder. Trumend
schlenderte ich dahin durch die Stadt aus Holz, durch den matten
Lichtschein aus den Fenstern, den das Sternenmeer erdrckte, und malte
mir aus, wie's jetzt wohl aussehen wrde droben auf der alten
Herzogsburg oder in meinem braungetfelten Zimmerchen im guten alten
Mnchen. An Negerbuden kam ich vorbei. berall war es still. Dann
berschritt ich das Eisenbahngeleise und fand mich in einem Gchen der
winzigsten Huschen, die man sich nur denken kann, mitten hingestellt in
den Sand, in den man kncheltief einsank. Ein halbes Dutzend Huschen --
eng zusammengedrckt, fein und zierlich. Aus winzigen Fensterchen drang
durch festgeschlossene rote Vorhnge warmes rotes Licht. Von irgendwoher
klang ganz leise ein Liedchen --

    _Said the devil: I will be good, boys
    Most assuredly I'll be!
    But I'd rather not begin just yet, boys --
    Therefore, deary little darling, come to me!_

Ganz leise klang es, gesungen von irgendeinem Mdel, und ich lachte
schallend auf ber den lustigen Teufel. Ein leises Kichern antwortete.

_Boy -- boy o' mine!_ flsterte eine Stimme.

In der Tre eines der kleinen Huschen schimmerte etwas Weies, und aus
dem Weien tauchte ein schmales Gesichtchen mit lustigen Augen auf und
ein Hndchen zupfte mich am rmel.

Was willst denn du hier, _my boy_?

Ich? Gar nichts!

Das ist aber wenig! Oh -- ich kenn' dich aber doch? Freilich, du bist
ja der kleine _Dutchy_ von der Apotheke! Und ist es denn hbsch zwischen
deinen Salben und Flschchen? Ach, ich mchte einmal einen ganzen Tag
lang bei euch sein und nach Herzenslust von all den schnen, sen,
kalten Sachen trinken. Ich glaub', ich beneide dich ein bichen, mein
Junge!

Ich mag die Limonaden gar nicht mehr, antwortete ich sehr verlegen.
Was sind das nur fr komische kleine Huschen! Und was tust du denn
hier?

Ich? Ich hei' Daisy, mein Junge!

Da tauchte der Dampfer vor mir auf und Mi Daisy Benett und die
wundervollen durchplauderten Sommernchte im warmen Golf.

Ist es nicht ein hbscher Name?

Sehr hbsch -- Daisy!

Und das Hndchen packte den Lausbub am Ohr und ein kicherndes Geflster
sagte ihm, er drfe hineinkommen, wenn er recht artig sein wolle.

Im Ernst?

Freilich!

Eine schmale Treppe ging's hinauf, an einer Tre vorbei, aus der Lachen
und Stimmengewirr drang, und dann huschte sie, mich mit sich ziehend, in
ein winziges Stbchen. Da war es bltenwei und blitzsauber und alles so
sonderbar klein und zierlich. Daisy setzte sich hin und plauderte
unaufhrlich, ber alle und jeden im Stdtchen. Vor vielen Jahren sei
Mr. Mindus nach dem damals viel kleineren Brenham gekommen und in jener
Strae, in der jetzt die Apotheke liege, habe er mit Hustenmitteln und
Chinin hausiert; an der Ecke stehend, einen kleinen Kasten an Riemen
ber die Schultern geschlungen. Der reiche Mr. Mindus! Und wen ich denn
noch kenne? Den Doktor von der Zeitung? Ach, das sei ein guter Mensch,
aber ein furchtbar leichtsinniges Menschenkind, das nie auf einen
grnen Zweig kommen wrde.

Woher weit du denn das? fragte ich erstaunt.

Ja -- wir wissen alles!

Und die Mnner seien schlecht und fade und das Leben ein hlich Ding.
So schwatzte sie stundenlang und lachte lustig, wenn ich etwas so recht
Unbehilfliches sagte, um dann auf einmal fast traurig vor sich
hinzustarren. Und ich sei ein guter kleiner Junge, und es sei so nett,
wieder einmal zu plaudern. Mir aber schien es, als wohne in ihren Augen
der wrmste Sonnenschein, den man sich nur denken konnte, und es kam mir
vor, als sei das Leben auf einmal viel schner geworden. Wie hbsch es
doch ist, an trichte Jugend zurckzudenken, an eigene Jugend, da man
harte Dinge noch durch feinzart verbergende Rosenschleier sah. Arme
kleine Daisy ...

Ein schchterner Ku im Dunkeln bei der Tre zum Abschied. So lernte der
Lausbub das Mdel kennen und holte sich aus dem Sternengeflimmer beim
Heimweg jauchzende Trume vom Himmel herunter, einen schner als den
andern; Trume, in denen es durcheinander wirbelte von Sonnenscheinaugen
und leisem Gekicher, als ob das etwas ganz Groes und vllig Unfabares
wre. In den hellen Tag hinein spannen sich die Trume.

Dann und wann kam Daisy in die Apotheke, von den Herrlichkeiten der
Fontne zu naschen, vergngt zu mir herberblinzelnd; dann und wann
gab's Lachen und Plaudern im winzigen Huschen -- immer nach schweren
Kmpfen mit Mr. Jimmy Hawkins, dem es hchlichst mifiel, da auch er
die Schnheit stiller huslicher Abendstunden einmal auskosten sollte.

Und dann -- --

Spt abends war es, als leise, ganz leise die Nachtklingel anschlug. Mit
groem Gepolter fuhr ich erschrocken aus meinem Zimmerchen hervor und
rannte zur Tre. Da stand eine gewisse kleine Daisy!

Ach, Mr. Apotheker, sagte sie mit vor Lachen halb erstickter Stimme,
ich mcht' gerne ein Schlafpulver haben!

Du -- du!

Der Mond, der zwischen den grnen und roten Glaskugeln ein bichen
hineinblinzelte durchs Schaufenster, sah einem tollen Treiben zu in der
ehrsamen Apotheke. Zwei richtige Kindskpfe waren zusammen, zwei sehr
ungezogene Kinder, die zwischen den Ladentischen einhertanzten und
unbezahlte Limonaden tranken. Der eine Kindskopf war furchtbar
neugierig, und der andere eitel und aufgeblasen wie ein Pfau, denn mir
kam's vor, als zeigte ich dem Mdel meine eigenen Schtze und sei eine
Stunde lang wirklicher Alleinherrscher im Wunderland der Apotheke.
Klein-Daisy trank sechs Limonaden mit Gefrorenem, glaub' ich, beguckte
erschrocken die Glasdose mit klebrigzher brauner Opiummasse, von der
ich ihr erzhlte, da man mit ihr das halbe Texasstdtchen vergiften
knnte, und steckte ihr Nschen in alle Schubladen. Ein Gekicher und ein
Geflster! War's ein Zufall oder war es nun ein besonders boshaftes
kleines Teufelchen, das mir den Gedanken an Wohlgerche eingab -- ich
nahm eine Parfmflasche vom Gestell und bespritzte das lachende Mdel
mit einem Schauer Veilchendufts --

S -- einfach s, du guter Junge! jubelte Daisy. Gib' doch
her! Und im gleichen Augenblick hatte sie mir auch schon das golden
etikettierte Flakon entrissen, drehte es hin und her in den Hndchen,
probierte und probierte.

Da -- ein scharfes metallisches Knipsen -- ein jhes Aufflammen
elektrischen Lichts -- und rot und imponierend, elegant wie immer stand
der Herr Apotheker Mr. Mindus in der Tre. Er schttelte den gewaltigen
Kopf langsam von einer Seite zur andern und betrachtete sich mit
Kenneraugen die Bescherung.

Is' ja reizend! Guten Abend!! sprudelte er endlich hervor.

Guten Abend! sagte Daisy hflich. Ich aber stand da, erstarrt wie
weiland Frau Lot.

Wollten Sie sich so spt noch Parfm kaufen, mein Frulein? fragte
Mr. Mindus eisig.

Ach nein, ich hab' nur ein bichen gerochen, lchelte sie.

Und mein bestes franzsisches Violet auch noch! Es ist doch
unerhrt ...

Mich htte man totschlagen knnen, aber kein einziges Wrtchen htte ich
hervorgebracht. Mir grauste einfach. Auch in Daisy schien eine Ahnung
aufzudmmern, da die Situation aller Gemtlichkeit entbehre.

Ich glaub', ich knnte jetzt eigentlich gehen, sagte sie.

Meinen Sie wirklich, mein Frulein? brummte der Apotheker. Nun,
wie Sie meinen. Allerdings mchte ich mich gerne mit meinem Angestellten
privatim unterhalten!

Guten Abend! sagte Klein-Daisy, guckte mich bedauernd an und hpfte
hinaus. In der Tre drehte sie sich noch einmal um:

Es war ja alles nur Scherz!

Ganz richtig, mein Frulein, war Mr. Mindus' eisigkhle Antwort.
Und nun, zu mir gewandt, wollen wir uns ernsthaft unterhalten,
wenn es Ihnen gefllig ist. Dieser Laden ist eine Apotheke, wenn Sie es
noch nicht wissen sollten. Meine Geduld ist _finished_, -- aus, zu Ende:
Sie sind entlassen!

Ich sah ihn verstndnislos an.

Auf der Stelle entlassen! Sie sind ein Luftibus. Was wissen Sie von
dem Mdel, heh? Wenn sie nun irgend ein Gift gestohlen und das grte
Unglck damit angerichtet htte, heh? Von der moralischen Seite der
Sache will ich ganz absehen, obgleich -- Sie sind neunzehn Jahre alt,
nicht wahr? Es ist doch unglaublich!

Aber --

Sie sind ein Luftibus. Ich habe Sie schon lngst beobachtet. Well, Sie
waren fleiig und mehr als willig, aber Sie haben gar keinen Begriff,
was ein Angestellter eigentlich ist. Sie verkaufen drauf los, ohne zu
fragen -- und ich wette, hundertmal, nein, tausendmal haben Sie Sachen
zu billig verkauft, weil Sie nicht erst lange fragen wollten. Wenn Sie
sich jetzt auch noch Mdels in den Kopf setzen, hab' ich keinen ruhigen
Moment mehr. So, nun gehen Sie ins Bett. Morgen werden wir weiter sehen.
Es -- ist -- doch -- unglaublich!

                  *       *       *       *       *

Mr. Jimmy Hawkins kam nach Hause.

Hello! Mr. Mindus war soeben da.

Der Alte! schrie Mr. Jimmy entsetzt. Groer Csar -- haben Sie ihm
gesagt, da ich furchtbare Kopfschmerzen gehabt htte und nur ein
bichen -- --

Da erzhlte ich ihm die Tragdie, und der gefhllose Mensch lachte sich
beinahe tot. Mir war gar nicht lcherlich zumute.

Und nun hren Sie einmal! sagte ich. Mein Gehalt hab' ich erst
gestern bekommen und entlassen bin ich auch. Ich hab' nicht die
geringste Lust, morgen frh auszuwandern, wenn der Laden gesteckt voll
ist, und mich auslachen zu lassen. Wollen Sie mir helfen, meinen Koffer
zu Gus Meyer hinberzutragen? Mit dem Packen bin ich in einer halben
Stunde fertig.

Jawohl, das wollte er.

Bei Gus Meyer im Hinterstbchen regierte, halb Wirt, halb Kellner, mein
Freund Starkenbach, bei dem ich hie und da in den spten Abendstunden
ein Glas Bier getrunken und nebenbei sehr viel ber amerikanische Dinge
gelernt hatte. Im heiligen Kln war er Leutnant gewesen und hatte um
eines Mdels willen den bunten Rock ausgezogen. Die Frau
Schwiegermutter, eine verwitwete Hopfenfirma, machte ein scheel Gesicht
und dressierte den Exleutnant und Ehemann zum Hopfenreisenden; sie
schickte ihn nach Holland, da und dort hin, und jammerte ohn' Unterla
ber seine schauderhaften Spesenrechnungen. Ein gro Geznk herrschte,
bis eines schnen Tages das leichtsinnige junge Ehepaar nach Amerika
durchbrannte. Starkenbach kannte jeden Staat und jede grere Stadt der
Vereinigten Staaten. Es war ihm bitterhart gegangen, aber er war lustig
geblieben, er und sein Frauchen, die mich zu meinem Entsetzen immer Bubi
nannte. Im Texasstdtchen sparte er sich als rechte Hand Gus Meyers
langsam aber sicher ein Vermgen zusammen.

Er machte ein verdutztes Gesicht, als ich den Koffer hineinschleppte.
Und ich erzhlte vom Mdel und vom Apotheker, und er holte seine Frau
aus der Kche, und beide zusammen lachten wie nicht gescheit.

Dann wurde Starkenbach ernst:

Aber nun wollen wir doch einmal berlegen. Sehr viele Leute in Brenham
wrden Ihnen wahrscheinlich Arbeit geben, aber nur deshalb, weil Sie
eine spottbillige Arbeitskraft sind, und nur unter der Voraussetzung,
da Sie sich mit ein paar Dollars im Monat begngen. Das ist nichts fr
Sie. Sie knnten noch zwei Jahre hierbleiben und um keinen Schritt
weiterkommen. Nein, ich wrde Ihnen raten, in eine groe Stadt zu gehen
und einmal grndlich auf eigenen Beinen zu stehen. Sie sind fast neun
Monate hier, wissen etwas vom amerikanischen Leben -- ein wenig! -- und
sprechen gut Englisch. Sie haben arbeiten gelernt. Das wenigstens haben
Sie profitiert. Sie sind also nicht mehr so hilflos wie zuerst. Ich
wrde entschieden nicht in Brenham bleiben an Ihrer Stelle. Um
Gotteswillen nicht in einem kleinen Nest sitzen bleiben in diesem Land!
In groen Stdten pulsiert das Leben --

In groen Stdten wohnt der Hunger! lchelte seine Frau traurig.

Der Hunger wohnt berall. Hier mssen Sie mit den Hnden arbeiten;
dort -- in einer groen Stadt -- knnen Sie vielleicht mit dem Kopf
arbeiten. Sie sehen, Sie lernen, Sie haben Gelegenheiten. Jawohl, ich
rate Ihnen, sich schleunigst aus Brenham fortzumachen!

Und wohin? fragte ich, schon halb und halb berzeugt, nein, beinahe
schon begeistert.

Irgendwohin. Chicago, Kansas City, St. Louis -- sagen wir St. Louis.
Es ist am nchsten, keine tausend Meilen weit weg. Die rhrigste Stadt
des Mittelwestens, nach Chicago. Und wenn Sie dort sind, dann reden Sie
einfach! Rennen Sie einen Wolkenkratzer nach dem andern ab, verlangen
Sie in jedem Bureau den Geschftsinhaber selbst zu sprechen, erzhlen
Sie den Leuten, was Sie sind und was Sie knnen. Reden Sie! Sie knnen
die Menschen interessieren, wenn Sie nur wollen, denn Sie haben etwas
gelernt und gute Manieren. Reden Sie! Man wird Ihnen Ratschlge geben,
wenn auch nur, um Sie loszuwerden; man wird Sie hierhin und dorthin
schicken. Es wird sich etwas finden!

Ich tu's! rief ich. Eine Vision von einer ungeheuren Stadt stieg vor
mir empor -- eilende Menschen -- hastendes Leben -- Tausende von
Mglichkeiten ...

Sie haben recht! Was kostet die Fahrt?

Wieviel Geld haben Sie?

Zwanzig Dollars.

Viel zu wenig, murmelte Starkenbach. Hm, man kann das aber so
machen, und man kann es auch anders machen. Billy!

Der einsame Gast stand langsam auf und trat zu uns an die Bar. Aus
seinem scharfgeschnittenen Amerikanergesicht leuchteten durchdringende
graublaue Augen; so klar, so abgrundtief, da man unwillkrlich immer
wieder in diese Augen schauen mute. Er trug einen dunkelblauen Anzug,
weiches blaues Flanellhemd, weit in den Nacken zurckgeschobene Mtze.

Starkenbach sprach nun englisch. _Well_, Billy, wie kommt man am
billigsten nach St. Louis?

Die grauen Augen lchelten: Das wissen Sie so gut wie ich!

Ja, wenn ich es wre, der nach St. Louis wollte, wre es einfach
genug!

Oh, ich habe gehrt, um was es sich handelt; so viel Deutsch verstehe
ich. Die Fahrt ist ja ganz einfach fr Ihren deutschen Freund -- durch
Texas via Dallas, Oklahoma Territory, Arkansas, Missouri ber die
Frisco Linien. Santa F und Frisco Linien. Schnurgerade fast nach
Norden.

Und das nannte dieser Mann einfach!

Sie gehen nach Norden, Billy? fragte Starkenbach.

Bis Dallas. Mit dem 2 Uhr Nacht-Expre, also in zwei Stunden. Wie
langweilig Sie doch sind, Starkenbach, und wie Sie auf dem Busch
herumklopfen! Weshalb sagen Sie es nicht gleich, da ich Ihrem deutschen
Freund helfen soll? Er sieht aus, als ob er Schneid htte, und wenn Sie
es wnschen, will ich ihn gerne ein Stck mitnehmen. Natrlich hat er
hier keine Aussichten. Er wandte sich zu mir. Ich will Ihnen den Weg
nach St. Louis zeigen. Es ist eine Eigentmlichkeit von mir, viel zu
reisen und niemals mein Geld an Fahrkarten und dergleichen zu
verschwenden. Meine Art des Reisens ist sehr interessant, verstt aber
einigermaen gegen die allgemein blichen Anschauungen, vielleicht auch
gegen gewisse Gesetze.

Wie reisen Sie denn? fragte ich neugierig.

Das werden Sie schon sehen! brummte Starkenbach.

Schn, lchelten die grauen Augen. Wir haben noch anderthalb
Stunden Zeit. Ihr Gepck mssen Sie hier lassen; Starkenbach kann es
Ihnen ja nachschicken. Der dunkelgraue Anzug, den Sie anhaben, geht sehr
gut. Setzen Sie eine Mtze auf dazu. Die weie Wsche geht nicht. Ziehen
Sie ein Flanellhemd an. Nehmen Sie mehrere Taschentcher mit, ein paar
Strmpfe (die knnen Sie in der Rcktasche unterbringen), Taschenkamm,
Taschenbrste, Rasiermesser, Taschenmesser, Seife (Starkenbach wird
Ihnen ein Stckchen lpapier geben), starke Lederhandschuhe, wenn Sie
welche haben, Uhr, aber ohne Kette, Pfeife und Tabak natrlich,
Zndhlzer. Haben Sie ein warmes seidenes Halstuch? Nehmen Sie's mit.
Haben Sie einen Revolver? Ja? Den lassen Sie, bitte, hier. Ist nur
gefhrlich. Hm, und feste Stiefel. Das wre alles!

Dann fing er an mit der jungen Frau zu plaudern, als sei die
Angelegenheit erledigt. Starkenbach zog mich in ein Nebenzimmerchen, in
dem er allerlei Krimskrams aufbewahrte.

So, hier knnen Sie sich umziehen! sagte er.

Ich war wie vor den Kopf geschlagen ... Fast empfand ich so etwas wie
Angst, zum mindesten ein Unbehagen. Strker aber als alles in mir war
bodenlose Neugierde.

Mann -- wer ist dieser Billy? Wie reist er? Wie soll ich denn nach St.
Louis kommen? Und mein Koffer?

Bleibt hier, bis Sie mir schreiben. Billy ist ein Gentleman bis in die
Knochen. Anstndiger Mensch. Interessanter Mensch. Ich kenn' ihn seit
vielen Jahren und bin Tausende von Meilen mit ihm gefahren. Ho, Sie
werden sich wundern! Ich kann Ihnen in der Geschwindigkeit das alles
nicht so genau erklren, aber es gibt Mittel und Wege in diesem Land,
einen Eisenbahnzug zu bentzen, ohne dafr zu bezahlen. Billy fhrt
jahraus, jahrein von Staat zu Staat, von Stadt zu Stadt. Wie er heit,
wei ich selbst nicht -- er will nur Billy genannt werden. Spricht
glnzendes Englisch, wie man's hierzulande selten findet und ist
hochgebildet. Was sein eigentlicher Beruf ist, wei ich auch nicht. Als
wir kein Geld hatten, in Denver war es, schrieb er einige Artikel fr
eine dortige Zeitung und wurde glnzend bezahlt dafr. Ich hab' ihn als
Feinmechaniker arbeiten sehen und als Elektriker. Seine Krankheit ist
der Wandertrieb und manchmal wnsche ich -- -- na ja. Herrgott, was
waren das fr Zeiten damals! Vorhin erzhlte er mir, er wolle nur rasch
ein bichen nach Arizona -- einige Tausende von Meilen! -- weil dort im
Frhsommer der Kontrast zwischen kakteenbedecktem Sand und grauem
Felsenhintergrund so farbenreich und reizvoll sei. So ist Billy! Nun,
Sie werden sich wundern! Nach St. Louis kommen Sie aber bestimmt durch
ihn!

Wie im Traum packte ich ein und aus und zog mich um; wie im Traum lie
ich mir Butterbrot in die Taschen stecken ...

Es ist Zeit! sagte der Mann mit den leuchtenden Augen kurz. Mchte
den Zug nicht versumen. _Bye -- bye_, Starkenbach!

Ich wnsche -- ich mchte mir manchmal wnschen ... seufzte dieser.

Wnschen Sie sich keinen Unsinn! sagte Billy scharf. Danken Sie
den Sieben Himmeln fr Ihre Sehaftigkeit!

Und dann ging's hinaus in die Dunkelheit.




Wie die Wanderung begann.

     An der Geleisebschung. -- Der erste Sprung auf einen fahrenden
     Zug. -- Die Fahrt. -- Im Mrchenland aufregenden Erlebens. -- Das
     Hotel zur Eisenbahn. -- Von der Knigin Nikotin und ihrem
     Gttergeschenk. -- Billy der Wanderer! -- Das Abenteurerblut regt
     sich. -- Ein psychischer Impuls. -- Wanderer Nr. 3.


In der Apotheke funkelte noch ein Licht, und trbe schimmerte es rot und
grn von den farbigen Glaskugeln im Schaufenster. Bald waren wir am
Bahnhof. Das Bahnhofsgebude mit seinen Lichtern lie der schweigsame
Mann neben mir links liegen und betrat zwischen langen Reihen von
Frachtwagen die Geleise. Es war dunkel hier. Nur das Wei und Rot der
kleinen Signallmpchen an den Weichen blitzte da und dort auf und
erleuchtete den blanken Stahl des Hauptgeleises. Wie ein
grellschimmernder Fleck auf schwarzem Grund lag weit hinten der Bahnhof
da. Vorsichtig schritt Billy zwischen den Frachtwagen dahin, dem weien
Fleck wieder entgegen. Ich folgte ihm lautlos. Dann ging es die Bschung
hinab, an Haufen von aufgestapelten Schwellen entlang. Dreiig Meter vom
Bahnhof blieb Billy stehen, kauerte sich nieder und winkte mir, das
gleiche zu tun. Unsere Kpfe ragten nur ein wenig ber die Bschung
empor.

Noch zehn Minuten, sagte Billy, auf die Uhr sehend.

Und -- -- --?

Pst! Nicht sprechen!

Ein leises Zittern, ein kaum merkbares Sichregen in den Stahlschienen
vor unseren Kpfen. Es wurde strker, lauter. Ein feuriges Riesenauge
blitzte auf. Und nun ein Gerassel, ein schallendes Drhnen. Ein greller
Pfiff. Der Expre brauste heran, und mit einemmal war alles Leben und
Lrm. Kondukteure sprangen herab, Reisende stiegen aus und ein;
Schwatzen, Lachen, Rufe und Kommandos tnten herber.

Billy rhrte sich nicht. Das Riesenauge der Lokomotive warf weithin
blendenden Schein ber das Geleise. Wir, an der Bschungsseite, blieben
im Dunkel. Aus einer gewaltigen Rhre ergo sich Wasser in den Tank des
Tenders. Der Lokomotivfhrer, eine Petroleumfackel in der Linken, eine
langstielige Kanne in der Rechten, schritt von lkapsel zu lkapsel
seiner Maschine, lte und untersuchte.

Hren Sie! flsterte Billy. Wenn der Zug sich in Bewegung setzt,
springen Sie auf den ersten Wagen nach dem Tender. Direkt nach dem
Tender. Ja nicht vergessen! Das ist der Postwagen und die einzige
Mglichkeit. Links und rechts vom Trittbrett sind Messingstangen.
Klammern Sie sich an und schwingen Sie sich hinauf. Geht es nicht, so
lassen Sie sich nach rckwrts fallen. Kmmern Sie sich nicht um mich;
ich werde nach Ihnen springen. Warten Sie aber ja, bis die Lokomotive
ganz nahe hier ist, sonst werden wir vom Bahnhof aus gesehen. So
-- jetzt!

Der Expre hatte sich in Bewegung gesetzt. Mir schien es eine Ewigkeit
zu dauern, bis die Lokomotive herankam. Endlich. Mit einem Satz sprang
ich auf, geblendet einen Augenblick lang durch die Laterne, versprte
etwas wie Luftdruck, lie die schwarze Masse des Tenders vorbeidrhnen
und sah Stufen, einen Messinggriff. Blindlings griff ich zu. Und wurde
frmlich hinaufgerissen. Im gleichen Augenblick schob mich etwas
vorwrts und neben mir stand lachend Billy.

Ausgezeichnet fr's erste Mal, sagte er. Machen Sie sich's
bequem. Er hockte auf dem Boden der Plattform nieder, mit dem Rcken
gegen die Wagenwand gelehnt. Wie gefllt es Ihnen?

Ich schnappte nach Luft und nickte nur.

Dies ist ein blinder Postwagen, erklrte er. Blind, weil er vorne
und hinten keine Tren hat, sondern nur Seitentren; zum Schutz gegen
Eisenbahnruber. Sie verstehen -- damit nicht Verbrecher vorne
aufspringen (so wie wir's gemacht haben) und dann von der Plattform aus
die Tre erbrechen knnen. Mgen die Gtter den Mann segnen, der den
Einfall des blinden Postwagens hatte. Wenn es nicht etwa dem Heizer
beifllt, ber den Tender zu klettern, sind wir bis zur nchsten
Haltestelle sicher.

Der Zug jagte dahin mit ungeheurer Geschwindigkeit. Von beiden Seiten
und von vorwrts, ber den niedrigen Tender hinweg, fegte der gewaltige
Luftdruck auf uns ein wie Sturmwind. Feuchter Dampf und winzige, scharf
stechende Kohlenteilchen peitschten unsere Gesichter. Der Wagen, auf
dessen Plattform wir saen, rttelte so, da ich mich krampfhaft
anklammern mute. Sprechen war fast unmglich geworden in dem tosenden
Lrm des dahinjagenden Zuges; man htte schreien mssen, um sich zu
verstndigen. Ich starrte und starrte. Drauen huschte es vorbei wie
gigantische Schatten; schwarze Schatten der Nacht, bald tiefdunkel, bald
grau in grau -- Huser und Bume und Felder und Drfchen. Ein einsames
Licht dann und wann, glitzernd nun, dann verschwunden, wie hpfendes
Irrlicht im Sumpf. Ich zitterte vor Klte und duckte mich zusammen unter
dem einpeitschenden Luftstrom. In mir aber jubelte es. Mir war es, als
sei ich im Mrchenland aufregenden Erlebens, fern von den Dingen des
Alltags. Ich war wie trunken. Damals wute ich es nicht -- aber was ich
zum erstenmal erlebte in jener Texasnacht, war berauschendes
Zigeunertum, nackte Romantik, der alte Traum vom Dahinstrmen in die
Welt hinein, primitivstes Mannestum. Das lie einen zittern und jubeln
zugleich; das lie einem die Augen aufleuchten und das Herz rascher
schlagen. Weiter, immer weiter. Mehr Schatten. Mehr Lrm. Mehr Lichter
tauchten auf, erlschend, von neuem geboren. Immer mehr. Wie ein leiser
Ruck, wie ein sanftes Knirschen ging es durch den Zug, und das
Dahinjagen verlangsamte sich.

Herunter -- sobald wir durch den Bahnhof sind! rief der Mann neben
mir.

Ein Auftauchen von flutendem Licht -- ein Sprung -- und wieder lagen wir
auf feinem Kohlengerll an einer Bschung und warteten wieder endlose
Sekunden, bis das pfauchende Ungetm auf uns zustrmte, und wieder
sprangen wir.

Das wiederholte sich viermal, fnfmal, achtmal. Aus den tiefen
Nachtschatten wurden graue Nebel, in denen hier ein Haus, dort ein Stck
Wald in unbestimmten gespenstischen Umrissen erschien, vorbeisausend,
noch ehe das Auge bestimmte Formen unterscheiden konnte. Weiter, immer
weiter. In Dampf und Lrm und Sturmwind. So Schnes hatte ich noch nie
erlebt. Immer lichter wurden die Nebel und weit drauen im Osten sumte
es sich wie ein feiner heller Streifen am Horizont hin, wie ein dnnes
silbernes Band. Und mit einemmal kam ein zartrosa Schimmern in die weie
Linie, dann ein rotes Glhen, und ein leuchtendes Stckchen des
Sonnenballs zerri das Grau in Grau der Dmmerung, schuf Farben.
Gelbleuchtenden Sand, sattes Feldergrn.

Weiter, immer weiter. Eine Station -- der Sprung ...

Als wir so dalagen, schlenderte ein Kondukteur an der Lokomotive vorbei,
sah sich forschend um, guckte die Bschung entlang und kam auf uns zu.

Hello, Jungens, sagte er. Hab' euch abspringen sehen. Schlu! Ich
knnte in Unannehmlichkeiten kommen, wenn man euch she. Ich selbst
werde auf der blinden Plattform fahren bis zur nchsten Station. Gebt
euch also keine Mhe!

_Allright!_ rief mein Begleiter und stand lachend auf. Komm, mein
Junge. Dieser Zug hat seine Schuldigkeit getan.

Probiert es ja nicht! rief der Kondukteur noch einmal.

Billy schlenderte ganz langsam ber das Geleise und betrachtete
sehnschtig den Kuhfnger, den schaufelfrmigen Holzaufbau an der
Lokomotivenspitze, der dazu da ist, Hindernisse auf dem Geleise
wegzuschleudern. (Das erklrte er mir erst spter.)

Man knnte auf dem Kuhfnger -- -- murmelte er. Aber nein, hat
keinen Sinn. Ist ja gleich heller Tag.

Er zog mich mit sich, nachdem er einen raschen Blick auf den Namen am
Stationsgebude geworfen hatte. Clifton hie die Station. Wir
verschwanden auf Nebengeleisen, zwischen Reihen von Frachtzgen, und der
Expre toste vorbei. Billy sah sich die Frachtwaggons sehr sorgfltig an
und ffnete dann die Schiebetre eines leeren Wagens --

Hotel zur Eisenbahn! lchelte er. Klettern Sie nur hinein.

Und in diesem leeren Frachtwagen studierten wir Karten und Fahrplne.
Hundertundfnfzig Meilen weit waren wir gefahren in der Nacht. Dann
legten wir uns zum Schlafen hin, uns mit den Rcken zudeckend, denn so
war es wrmer ... Ein Geschttel und Gerttel weckte mich auf, und als
ich aufstehen wollte, wurde ich gegen die Wand geschleudert. Der Zug war
in Bewegung.

Alles in schnster Ordnung! rief Billy mir zu, ohne aufzustehen.
Der Zug geht in unserer Richtung; dessen habe ich mich versichert, ehe
wir hier hineinkletterten. Ein Segen, da die faulen Bremser nicht in
die leeren Wagen guckten vor der Abfahrt!

Ich zitterte am ganzen Leibe vor Klte, so heller Sonnenschein auch
durch die Trritzen drang; in jenem unbeschreiblichen Zittern, dem
Gefhl hilfloser Schwche, das zu einer im Freien und in den Kleidern
verbrachten Nacht gehrt wie Sonnenaufgang zum Tagesanbruch. Instinkt
zeigte mir das Heilmittel. Eine Zigarette. Ah -- du Wunderkraut, du
Ruhespender, du duftendes Gttergeschenk! Seist du nun in Reispapier
gehllt oder in deine eigenen Bltter eingewickelt, oder glimmst du in
der Schale einer Pfeife -- du bist Sorgenbrecher und Trster immerdar.
Zauberkraft wohnt in dir. Du vermagst es, hinwegzutuschen ber Hunger
und Klte; du vermagst es, die geheimnisvollen Zellen im Menschengehirn
anzuregen zu hohem Flug. Mrchen kannst du erzhlen. Trume gaukelst du
vor. In deinen blauen Wlkchen wiegen sich Feen. Vielleicht mu man arm
sein, um deine Wunder wirklich zu erkennen, arm und jung; den Armen aber
und den Jungen bist du frwahr ein gttlich Ding, du Wunderding voller
Widersprche und Zartheit. Du beruhigst den Ruhelosen -- du nimmst die
Trgheit von den Trgen. Du wrmst in Klte und du khlst in Sonnenglut,
du stillst nagenden Hunger. Den Jungen unter den Armen bist du Sektkelch
und Schnheit und Lebenstraum, du Wunderkraut!

Denke ich an harte Zeiten zurck, so darf nie die Dankbarkeit fehlen
gegen die duftenden tiefbraunen Bltter. Die einem oft mehr halfen als
Menschen es htten tun knnen! Wenn nicht die Worte den Armen fehlten,
wrden sie Gttin Nikotin preisen in tausend Zungen --

Billy blinzelte zu mir herber.

Es ist ein Nachteil dieses Landes, sagte er, da seine Zigaretten
so schlecht sind! Man sollte eigentlich nur trkische Importen rauchen!
Ihre Zigarette ist jener Mischmasch von Virginiatabak und Parfmierung
(wenn sie wenigstens Opium dazunhmen!), der den Lungen so unsagbar
schdlich ist -- haben Sie brigens noch eine?

Ich lachte laut auf und bot ihm mein Zigarettentschchen an.

Danke! Lachen Sie nicht! Eine schlechte Zigarette ist besser als gar
keine Zigarette. Mit den brigen Dingen des Lebens ist es ja genau
ebenso!

Rcken an Rcken saen wir da, gegen die rumpelnde, stoende Wagenwand
gelehnt. Billy paffte, streifte die Asche ab, paffte wieder.

Sie haben das unschtzbare Talent, den Mund halten zu knnen,
lchelte er. Sie plagen mich nicht mit Fragen. Und nun sind Sie wohl
neugierig?

Unbeschreiblich!

Hm, na ja. Ich hei' Billy, kurzweg Billy. Mein Familienname ist
gleichgltig. Manche Freunde nennen mich Billy den Wanderer. Das ist
geschmacklos, aber im allgemeinen zutreffend. Dann und wann erschafft
die Weltordnung, die unsere Frommen den Herrgott nennen (man mte sie
eigentlich um ihres Glaubens willen beneiden!), Mnner, die so gar nicht
hineinpassen in das Weltsystem von Dollars und Cents, und Essen und
Trinken, und Liebe und Ehe. Zigeuner. Ruhelose Geister. Arme Teufel mit
allzuheiem Blut. Einer von denen bin ich wohl. Ich habe sehr viel Geld
verdient in meinem Leben, wenn gewisse Notwendigkeiten an mich
herantraten oder wenn es mir der Mhe wert schien, aber glcklich bin
ich nur auf einem Eisenbahnzug. Und zwar als Kontrebande. Weil es
gefhrlich ist, vielleicht, oder aus Trotz, -- was wei ich. Im
Salonwagen fahren kann jeder Narr. Na ja. Staatauf, staatab, bald in
Kalifornien, bald in Missouri, oder in Nevada, oder in Texas;
interpunktiert leider durch Arbeitspausen, denn Geld gehrt zu jeder Art
von Leben. Wie's gemacht wird, haben Sie nun schon so ungefhr gesehen.
Ich warne Sie dringend, da die Geschichte gefhrlich ist und zweifellos
gegen gewisse Gesetze verstt, was mir gleichgltig ist, es Ihnen aber
nicht sein sollte. Dieser schauderhaft langweilige Frachtzug wird uns
nach Cleburne bringen, das hchstens vierzig Meilen von hier entfernt
ist. Dort verzweigt sich die Santa F nach Norden und nach Nordosten.
Sie fahren mit der Nordostlinie, die, tausend Meilen lang ungefhr, den
schnurgeraden Weg nach St. Louis bedeutet. In St. Louis angekommen,
reden Sie! Sehr guter Rat von Starkenbach! Hm ja, klettern Sie einfach
in einen leeren Frachtwagen, und wenn der Bremser kommt, geben Sie ihm
einen halben Dollar. Das ist das Sicherste -- fr Sie. Sie werden in
fnf bis acht Tagen dort sein.

Und Sie?

Ich? Ja, das wei ich eigentlich noch nicht. Das ist ja eben das
Schne. Ich nehme vorlufig die Nordlinie, ber Fort Worth nach Oklahoma
und nach Kansas, um dann, es gibt keine anderen Linien, wieder nach
Sdwesten abzubiegen, nach Neumexiko und Arizona. Mchte einmal wieder
Arizonasand sehen und blhenden Kaktus. Im brigen wartet in Fort Worth
ein Freund auf mich.

Nun erzhlte ich. Und als ich einmal im Eifer einen Homervers zitierte
-- falsch -- korrigierte mich der Mann mit den leuchtenden Augen ohne
eine Miene zu verziehen! Wir aen unsere Butterbrote und schliefen
wieder. Kurz vor Mittag rumpelte der Zug in die Station Cleburne und wir
kletterten hinaus. Eine einsame Pumpe des Frachtbahnhofs gab Wasser her
zur Toilette (auch eine kleine Kleiderbrste trug Billy bei sich!), und
dann gingen wir in das Stdtchen, um in Kaffee und gebratenem Speck und
Maisbrot zu schwelgen. Bei Zigaretten und Geplauder vergingen die
Nachmittagsstunden wie im Flug. Billy wollte mit dem Abendexpre nach
dem Norden fahren; ich sollte den spter abgehenden schnellen Frachtzug
nach dem Nordosten bentzen. Die Aufschriften der Waggons hatte er mir
genau auseinandergesetzt, damit ich mich nicht irren konnte, und mir
obendrein vom Bahnhof Karten und Fahrplne geholt, die es dort, wie
berall in den Vereinigten Staaten, gratis gab. Er erklrte und
erluterte und erklrte wieder. Gedankenlos hrte ich zu und hatte
sicherlich im nchsten Moment vergessen, was ich einen Augenblick vorher
gehrt.

Nach der groen Stadt am Mississippi, nach dem Hasten und Treiben der
Menschen, dem vielen Reden und dem Glcksjagen sehnte ich mich gar nicht
mehr! Nein, mich lockte die Gegenwart. Der rtselhafte Mann neben mir;
die Kraft, das Selbstbewutsein, das er ausstrmte. Das Geheimnisvolle
seines Lebens. Neugierde. Eigenes Abenteuerblut vielleicht. Die ganze
Umgebung.

Wir saen wieder in der Nhe des Bahnhofes, auf weicher Grasbschung,
mitten im Getriebe der Eisenbahn. Zge jagten vorbei. Eine komische
kleine Lokomotive rannte unter angstvollem Gesthn und frchterlichem
Geschimpfe (so klang es!) auf und ab und ab und auf, dort einen
Frachtwagen vor sich herpuffend, hier lange Wagenreihen schleppend.
Schimpfende und gestikulierende Mnner eilten hin und her mit der
schimpfenden Lokomotive, holten sich vereinzelt dastehende Frachtwagen
herbei und bumpsten andere auf Nebengeleise. Alles war Leben und
Bewegung; das Stdtchen ber dem Geleise drben sah wie tot aus im
Vergleich. In den Telegraphendrhten ber unseren Kpfen klang und
surrte es -- ja, das tote Holz der Telegraphenstange neben mir bebte und
zitterte, als trge es schwer unter der Wucht der Botschaften, die ber
die Drhte huschten. Nach und nach brach die Dunkelheit herein, und
unzhlige Lichtpnktchen flammten neben dem Geleise auf; die Wegweiser
der Eisenbahnstadt. Eine fremde Welt, die mir voller Bedeutung und
voller Geheimnisse schien; deshalb vielleicht, weil die Aufregung der
nchtlichen Fahrt noch in mir nachzitterte.

Mein Zug wird in wenigen Minuten da sein, sagte Billy, die Pfeife
zwischen den Zhnen, scharf nach der Stadt hinsehend. Ich rate Ihnen
noch einmal, sich an die Frachtzge zu halten und sich den guten Willen
der Bremser zu erkaufen, wenn Sie entdeckt werden. Der Eilfrachtzug nach
dem Nordosten wird ungefhr in zwei Stunden abgehen. Die Wagen mssen
entweder die Aufschriften "St. Louis" oder "via Springville" tragen.
Passen Sie darauf auf! Ich glaube nicht, da Sie besondere
Schwierigkeiten haben werden. Und nun _good bye_! Lassen Sie sich's gut
gehen im alten St. Louis! Viel, viel Glck!

Und vielen Dank ...

Du meine Gte, was ist da zu danken!

Der Expre brauste in die Station. Es dauerte lange Minuten, bis er sich
wieder in Bewegung setzte. Jetzt -- die Lokomotive kam langsam daher.
Der Mann mit den leuchtenden Augen stand auf, nickte mir lchelnd zu,
trat an die Schienen und sprang.

Und whrend seines Springens, in dem winzigen Bruchteil einer Sekunde,
fate ich einen pltzlichen Entschlu, an den ich vorher auch nicht
einen Augenblick lang gedacht hatte! Drei gewaltige Stze machte ich
neben dem schon ziemlich rasch fahrenden Zug her und bekam glcklich
die Messingstange des Postwagens zu fassen. Ein krampfhaftes
Emporziehen --

Ich stand neben Billy auf der Plattform.

Du Narr! sagte er. Du verdammter Narr!

Ich lachte laut auf.

Du querkpfiger Narr -- ich denke, du willst nach St. Louis?

Der Zug machte einen solchen Lrm, da ich schreien mute. Und ich
schrie:

Eisenbahnfahren will ich!

Dann dreimal Narr du!

In einer halben Stunde hielt der Expre an der nchsten Station, und
Billy ri mich fast mit Gewalt von der Plattform herunter, mich zur
Bschung hinzerrend. Auf alten Schwellen setzten wir uns nieder.

So, sagte er, der Expre kann zum Teufel gehen, wenn ich auch
eigentlich nicht einsehe, weshalb ich meine wertvolle Zeit vertrdeln
soll, nur, weil du ein groer Narr bist. Nun erzhlst du mir ganz genau,
was in deinem Kopf vorgegangen ist, als du mir nachsprangst. Hattest du
es dir vorher berlegt?

Nein.

Weshalb bist du mir dann nachgesprungen?

Weil ich wollte. Ich kann das nicht so genau erklren. Ich mute
einfach!

Hoh -- man nennt das psychische Impulse! Ich verstehe ja ganz gut, da
das Eisenbahnfieber einen packen kann; an der Krankheit laboriere ich
selbst. Ich wrde mir die Geschichte aber doch noch berlegen an deiner
Stelle. Es bedeutet Hunger und Durst, mein Sohn. Man kann kaputtgehen
dabei. Man ist, niemand wei das besser als ich, bei diesem Leben eine
_quantit ngligeable_ (oder hast du dein Franzsisch schon vergessen?),
sich selbst und andern verdammt wenig wert. Ich persnlich bin hart wie
Stahl und kenne das Leben, was du von dir wohl kaum sagen kannst. Ich
tue, was ich will. Es ist mein Wille, im Lande umherzuhetzen, weil es
nichts gibt, das mir mehr Freude macht, mehr Glck gibt. Gefllt es mir,
mein Leben zu ndern, so brauche ich nur dem Schienenweg adieu zu sagen
und kann mir da oder dort Erfolg holen. In anderen Worten, ich bin ein
fertiges Menschenkind und du bist weich und formfhig, wie -- na, wie
Butter. Geh' also nach St. Louis, mein Sohn!

Nein!

Huh -- so energisch?

Ich sprudelte hervor, da ich noch nie so Schnes erlebt htte und
da --

Ganz richtig. Und der Hunger?

Ist mir gleichgltig.

Und du wirst sehr schwer arbeiten mssen, denn auch zu solchem Leben
gehrt Arbeit!

Gern.

Hm -- als ich ein Bub war, erwischte mich mein Vater einmal beim
Zigarettenrauchen. Worauf er mich in sein Arbeitszimmer fhrte, mir
hflich Platz und eine schwere Zigarre anbot, die ich unter seinen Augen
zu Ende rauchen mute. Die Folgen dieser Zigarre waren bei weitem
unangenehmer als Prgel! So rauch' du denn die Zigarre des
Schienenlebens, mein Sohn. Dir wird sehr bel werden! Du wirst
anderseits aber auch viel lernen. Und dann werde ich dir nach St. Louis
helfen. Dann wirst du nicht mehr weich wie Butter sein! Komisch, da ich
unsteter Geselle nun auch noch Verantwortung auf meine Schultern nehmen
soll!

Ich bin fr mich selbst verantwortlich.

Ja freilich. Sehr!

Und wir lachten beide. In einer Stunde kam ein Frachtzug durch, mit dem
wir weiterfuhren. Diesmal kostete die Fahrt Geld, denn ein Bremser
ertappte uns beim Hineinklettern und erhob prompt einen Tribut von einem
halben Dollar dafr, nichts gesehen zu haben. In wenig mehr als dreiig
Minuten kamen wir in Fort Worth an, das nur vierzig Meilen entfernt war.
Billy ging sofort nach dem Aussteigen zu dem riesigen hlzernen
Wasserbehlter auf dem Frachtbahnhof, aus dem die Lokomotiven gespeist
wurden, und leuchtete mit Zndhlzern sorgfltig den unteren Rand ab.
Dann zeigte er mir mit einem Ausruf der Befriedigung ein frisch
geschnittenes, rohes "J".

Aha! sagte er. Joe ist schon da.

Wer ist Joe?

Ein Freund, ein lieber Kerl, den ich schon seit langen Jahren kenne.
Eisenbahnkrank, so wie ich. Er hat die Zeichen hier hineingeschnitten,
damit ich wei, da er da ist. Nun warten wir hier. Er wird bestimmt
fters nachsehen, ob ich schon gekommen bin.

Es dauerte auch gar nicht lange, so tauchte eine Gestalt hinter dem
Holzrahmenwerk des Behlters hervor und eine elektrische Taschenlampe
blitzte auf.

Oho! sagte Billy. Du bist aber vornehm geworden, Joe! Elektrische
Beleuchtung in der Tasche!

Fein! Nich' wahr, Billy?

Nun, und wie war's mit der Arbeit im Elektrizittswerk?

Schn. Fnfzig Dollars verdient in zehn Tagen. Aber --

Billy kicherte leise.

-- du httest mich nich' alleinlassen sollen, Billy. Die verdammten
Soldaten im Fort droben haben mir jeden Dollar beim Pokern wieder
abgeknpft. Die gesegnete Laterne hier -- das is' alles, was brig
blieb!

Billy lachte laut und lange.

So ist nun einmal das Leben, mein alter Joe, stie er hervor, noch
immer lachend. Ich hab' noch sechzig Dollars, und wenn die zu Ende
sind, mssen wir eben wieder arbeiten. Dies ist Ed. Deutscher. Fhrt mit
uns.

Joe, sauber und adrett in dunklem Anzug und Mtze, hatte ein rotes,
rundes, volles Gesicht. Listige uglein blinzelten aus diesem Gesicht
hervor -- -- --




Unter den Romantikern des Schienenstrangs.

     Von Texas nordwrts. -- Ein wunderliches Leben. -- Der betrogene
     Betrger der guten Stadt Guthrie in Oklahoma. -- Jargon des
     Schienenstrangs. -- Ein abenteuerliches Jahr und seine Einflsse.
     -- Die Entwicklungsgeschichte seiner Majestt des Tramps. -- Die
     amerikanische Vagabundenarmee. -- Der Arbeitslose. -- Der Tramp.
     -- Die Romantiker. -- Lebenssehnsucht und Wandertrieb. -- Prsident
     Roosevelts Vagabundenfahrt auf der Lokomotive. -- Geheimnisvolle
     Unterstrmungen modernen Abenteurertums. -- Amerikaner in
     exotischen Kriegen. -- In der Sommerfrische von Lucky Water,
     Arizona. -- Von flammenden Farben und meiner Frau im Mond.
     -- Arbeiten!


Hastend trieb Billy vorwrts. Schnurgerade nach Norden ging es zuerst,
durch das nrdliche Texas in Oklahoma hinein, durch ungeheure Flchen
von welligem Grasland und sprlichem Wald; immer mit Schnellzgen auf
der blinden Plattform der Postwagen.

Einmal verbrachten wir eine tolle Nacht auf dem Piloten einer
Exprelokomotive, zu dritt, eng zusammengedrckt, aneinander geklammert;
auf den hellen Fleck starrend, den die Laterne ber unseren Kpfen auf
die Schienen warf. Die Welt schien krperloses, schwarzes Dunkel. Nur
der gelbweie Schein da vorne auf dem Schienenstrang barg rasende
Bewegung in sich. Als ob sie auf uns zuspringen wollten, so strmten uns
die hlzernen Blcke entgegen, die den stahlglnzenden feinen Strich
auf beiden Seiten verbanden. Zuerst, am Rande des Lichtscheins, in der
Verjngung, sahen die Schwellen fein und zart aus wie Zndhlzer. Dann
wurden sie strker, massiver -- riesengro zu unseren Fen. Es war wie
ein wunderlicher Hexenwirbel. Wie ein sturmwindgepeitschter Zauberkreis
von funkelnden Schienen und dunkel glnzenden Schwellen, von Steinchen
und Erde und Grasbscheln; uns entgegenjagend, wirbelnd, sich drehend.
Man mute wie fasziniert auf den Blendkreis der Laterne starren, jedes
Steinchen, jeder Schwellenbuckel prgte sich einem ein. Dazu das Rtteln
und Stampfen der Stahlmasse, auf der wir hingekauert waren, und der
peitschende Luftdruck, der schmerzend wie feine Nadeln in die Haut
drang, jedes Stck Zeug am Leibe flattern lie und sich wie schwere Last
gegen den Krper anstemmte. Und Stille ringsum, als schweige alles vor
dem dahersausenden sthlernen Ungetm auf den sthlernen Schienen; als
regierten nur seine Gerusche -- -- -- Das dumpfe Poltern mit dem hellen
Metallklang dazwischen. Das Rauschen und Rasseln. Das Sthnen in den
glhenden, dampfschnaubenden Lungen.

Aus Dampf und Rauch und jagender Bewegung und vorbeihuschendem Land
schien die Welt zu bestehen. Jeder Funke Energie konzentrierte sich auf
Vorwrtskommen. Alles andere war gleichgltig. Man fuhr in Frachtzgen
untertags, weil man dann in leeren Frachtwagen schlafen und so den
Schlaf mit dem Vorwrtseilen verbinden konnte. Die unfreiwilligen Pausen
(wenn ein Kondukteur oder ein Bremser uns ertappte und grinsend
erklrte, wir mchten lieber dem nchsten Zug die Ehre schenken) wurden
zum Essen benutzt und zu sorgfltigem Erkundigen ber die nchsten Zge.
Es war ein wunderliches Leben. Und das wunderlichste daran war die
Geschftigkeit! Kein noch so energischer Kaufmann htte mehr Zeit und
Mhe aus seine wichtigsten Affren verwenden knnen als wir auf unser
zweckloses Vorwrtshasten. Dabei riskierten wir auch noch tglich die
Hlse!

Ich war wunschlos glcklich damals in dem fortwhrendem Fieber des
Neulings. Und es scheint mir heute, als sei die trotzige Energie, die
dieses sonderbare Leben einem einimpfte, ohne da man es merkte, die
Gleichgltigkeit gegen Gefahr und Beschwerden, das praktische Anpassen
an harte Lebensbedingungen, das man wie im Spiel lernte -- als sei dies
alles die verschwendete Zeit voll und ganz wert gewesen ...

Das Leben war wie ein Dahinhuschen durch eine mehr oder weniger
gleichgltige Welt voll der verschiedensten Menschen und der
verschiedensten Farben, in der das einzig Wichtige die Zge auf dem
Schienenstrang und wir drei Menschen schienen. Wir drei Menschen! Nie
wieder im Leben hab' ich so das Gefhl engstverbundener Freundschaft mit
Mnnern gehabt wie damals! Was dem einen gehrte, gehrte auch dem
andern, und der eine stand fr den andern ein mit allem, was er hatte
und konnte. Und doch blieb die dnne Scheidewand bestehen, die
Mnnerfreundschaft haben mu, wenn es nicht einfach _frre et cochon_
sein soll -- das Respektieren persnlicher Dinge, die Disziplin
gewisser Hflichkeiten, eine Art Respekt des einen vor dem andern.
Dieses eigenartige Zusammenhalten in einem Mischmasch von Herrentum und
Vagabundenleben ist mir etwas Unvergeliches wie Billy selbst.

Wir kamen nach Guthrie in Oklahoma, eine Stadt mit dem typischen
Gemengsel des Westens von vornehmen Villen und bescheidenen
Bretterbuden. Guthrie war damals, und ist wahrscheinlich heute noch, was
der Amerikaner eine _wide open town_ nennt, eine "weit offene Stadt",
wrtlich bersetzt. Der Begriff ist simpel. Weit offen. Alles darf
hinein. Spielhllen, geffnet die Nacht hindurch; Salons, in
ununterbrochenem Betrieb Tag und Nacht; profitables Dulden von elegant
gekleideten und energisch bemalten Damen. Skrupellose Dollarjagd
berall. Eine Bar neben der andern sumte die Hauptstraen. "Zum
sporenklingelnden Cowboy" hie da ein Salon, "Das Glck von Oklahoma"
ein anderer; "Zum toten Indianer" -- "Die sieben Whisky-Seeligkeiten" --
"Das Paradies der Getrnke" -- "Zum letzten Schu" -- -- so nannten sich
die Trinkhallen Guthrie's. Reiter galoppierten hin und her, deren Beine
in dem geteilten Hosenschurz aus Buffalofellen steckten, der das
Kennzeichen der Cowboys ist. Am Sattelknopf hing stets der Lasso; an
einem Riemen um die Hften baumelte der schwere Revolver. Zwischen den
Reitern drngten sich Fugnger; bald im einfachen Flanellhemd und den
riemengegrteten Hosen des Westens, bald in eleganten Anzgen und
tadelloser weier Wsche.

Lebendiges altes Stdtchen! brummte Billy.

Wir traten in eine Bar ("Zum grinsenden Prairiehund" hie sie), und ich
verga ganz meinen Whisky ber meinem Staunen. Da war ein Gefunkel von
Spiegelscheiben und geschliffenen Glsern und zwischen den
Spiegelscheiben leuchtete ein Kolossalgemlde, ein ppiges Weib auf
weichen Kissen hingestreckt. Ich zerbrach mir vergeblich den Kopf
darber, wo ich das Bild schon gesehen haben mochte --

Rubens-Kopie, lchelte Billy, mit einigen Zutaten freier Phantasie
wiedergegeben. Du wirst das Ding noch tausendmal sehen in ebensoviel
Salons. Es ist ein niedliches Beispiel, wie sehr wahre Kunst und
wirkliche Schnheit in diesem merkwrdigen Land manchmal auf den Hund
kommt.

Dann ging's in ein kleines Hotel, wie sich das Bretterhaus mit seinen
winzigen Zimmern fr einen halben Dollar im Tag stolz nannte; denn wir
verbanden einen ganz bestimmten Zweck mit dem kurzen Aufenthalt im
Oklahomastdtchen: Toilettesorgen! Billy hatte seine besondere Art, die
Toilettenfrage zu lsen. Frisch gekaufte Wsche gehrte dazu, ein
Badezimmer und ein in den Kchenregionen ausgeborgtes Bgeleisen, das
unseren Kleidern wieder Eleganz verlieh und vor allem durch die
Dampfentwicklung beim Bgeln grndliche Reinigung vom Kohlenstaub des
Schienenstrangs erzielte. Die getragene Wsche blieb natrlich zurck,
denn ein Sichabschleppen mit Gepck selbst in kompaktester Form war
unmglich bei unserem Leben. Das wiederholte sich immer wieder -- die
Bgelszene war eine Art wchentlicher Etappe im Wanderleben, die
ziemlich viel Geld kostete. Aber in den kleinen Stationen spter im
Sdwesten wusch und bgelte Madame vom Boardinghouse gerne unsere Wsche
fr wenige Cents, whrend wir wartend in den Betten lagen.

Den halben Nachmittag plagten wir uns mit der Bgelarbeit. Abends nach
dem Essen (es war sehr hbsch, wieder an einem weigedeckten Tisch zu
essen), schlug ich vor, durchs Stdtchen zu wandern.

_Not on your life_, grinste Joe gemtlich. Fllt diesem Kind hier
gar nicht ein. Meinetwegen kann der Teufel das Stdtchen holen! Der
Neffe meiner seligen Tante Jemima schlft viel zu selten in einem Bett,
um nich' grndlich zu schlafen, wenn er kann. Geh' spazieren, wenn du
willst -- ich schlafe!

Sehr vernnftig! lchelte Billy. Guthrie ist ein teures Pflaster,
mein Sohn, und ich persnlich mag nicht mit Leuten zusammen sein, die
mit Geld um sich werfen, wenn ich nicht mitmachen kann!

Ich will aber nur spazierengehen!

Dann nimm Geld mit!

Aber ich habe ja noch dreizehn Dollars ungefhr, und dann will ich ja
auch gar kein Geld ausgeben.

Dann geh' spazieren! Viel Vergngen, mein Junge!

So lie ich rgerlich die beiden sitzen und lief voller Neugierde die
lichterfunkelnde Hauptstrae entlang, in einem Gedrnge von Cowboys und
eleganten Herren und arg geschminkten Damen. Die Salons lockten mich
gar nicht. Aber ein Plakat -- eine Tnzerin darstellend, mit dem in
grellen Lettern daruntergedruckten Vermerk Eintritt frei in dieses
Variet! -- schien mir gerade das Richtige. Ich trat ein. An runden
Tischchen saen viele Menschen, darunter merkwrdig viele Damen in
phantastischen Kostmen. Das reine Maskenfest! Seide in grellen Farben
berall, funkelndes falsches Geschmeide, bemalte Gesichter.

Furchtbar interessant ... dachte ich mir.

Ein Kellner (in dunkelrotem Flanellhemd und Hosen aus Manchestersamt)
brachte mir eine Flasche Bier, fr die er einen halben Dollar
einkassierte, was ich teuer fand. Dann ffnete sich der Bhnenvorhang,
und eine dicke Blondine krhte einen Gassenhauer --

    _When the bells go tinge--linge--ling
    We'll join hands and sweetly we shall sing:
    There'll be a hot time
    In the old town --
    Tonight, my darling -- tralala ..._

Die Tingeling Glocken und das s gesungene Versprechen, da heute noch
der Teufel los sein wrde im alten Stdtchen, schienen tiefen Eindruck
auf die Zuhrer zu machen, denn sie brllten vor Vergngen und
trampelten in grlichem Gedrhn mit ihren schweren Stiefeln. Der Teufel
im Stdtchen mute auch in mystischem Zusammenhang mit den
Lackstiefelchen der Blondine stehen, denn auf diese deutete sie
fortwhrend. Dann tanzte sie ein bichen und machte furchtbar viele
Knixe, und dann lste eine andere junge Dame sie ab. Die hrte ich aber
gar nicht, denn -- die dicke Blondine kam hinter dem Vorhang hervor und
steuerte schnurgerade auf meinen Tisch zu. Neben mich setzte sie sich!

Am liebsten wre ich davongelaufen!!

Welch' ein trockenes Gefhl man doch im Hals hat nach dem Singen!
sagte sie mit einer Stimme, die geradezu rostig klang.

Flasche Bier? fragte der Kellner im roten Flanellhemd und stellte
zwei Flaschen hin, ohne eine Antwort abzuwarten. Die tinge-ling Dame
packte eine Flasche und ein Glas, dann die andere Flasche -- und im
Handumdrehen war das Bier den Weg seiner Bestimmung gegangen. Sie mute
wirklich sehr durstig sein!

Fremder? sagte sie. Ja? Werden finden, da hier 'was los ist! _You
bet!_

Und da brachte der Mann im roten Flanellhemd schon wieder zwei Flaschen,
und Frulein Nachbarin zu meiner Linken leerte prompt die eine ganz und
die andere zur Hlfte.

Jetzt mu ich wieder singen, sagte sie und stand auf. Komm' gleich
wieder.

In mir aber dmmerte eine Ahnung auf, da ich rmster es war, der fr
diese Bierflaschen bezahlen mute, und in einer wahren Heidenangst vor
dem Durst der Dame rief ich den Aufwrter herbei.

Vier Flaschen Bier?

Sechzehn Dollars! sagte der Mann im roten Hemd.

Heh?

Sechzehn Dollars -- Sie sin' wohl 'n Fremder? Kommen Sie mit, wir
werden 's Ihnen erklren!

Und wie ein Schaf zur Schlachtbank wurde ich auf den Vorplatz gefhrt,
wo ein anderer Mann (der trug ein blaues Flanellhemd!) zu uns trat. Ein
Flstern zwischen rotem und blauem Hemd. _Correct!_ sagte das blaue
Hemd. Sechzehn Dollars. Das wei jedermann. _Well_, sagen wir zehn
Dollars statt sechzehn -- ich bin nich' so!

So viel Geld hab' ich nicht bei mir! erklrte ich wtend -- und in
Heidenangst, denn der Mann im blauen Hemd trug einen riesigen Revolver
im Grtel.

Dann geht Tommy hier mit Ihnen, es zu holen, entschied das blaue
Hemd ...

Beinahe htte ich bezahlt, aber da waren wir schon auf der Strae, ich
und das rote Hemd.

Welches Hotel?

M--m--m ... murmelte ich und bog links ab. In mir kochte alles vor
Wut ber die Gaunerei. Und pltzlich wute ich es: Den Teufel wrde ich
bezahlen! An der dunklen Ecke der Nebenstrae blieb ich stehen:

Gehen Sie nur wieder zurck -- ich habe kein Geld. Ihr seid
Schwindler!

Und im gleichen Augenblick stie ich den Mann im roten Hemd mit beiden
Fusten vor die Brust, da er zu Boden kollerte, und rannte um die Ecke,
so schnell mich nur meine Fe tragen wollten. Hinter mir knallte es,
-- noch einmal -- dreimal ... Wieder bog ich um eine Ecke, rannte
geradeaus im Dunkeln, lief in die Kreuz und Quer. Erst nach einer halben
Stunde wagte ich mich wieder in die Hauptstrae und schlich vorsichtig
ins Hotel, zu Billy ins Zimmer. Zitternd vor Aufregung drehte ich das
elektrische Licht an und weckte ihn.

Was ist los? fragte er blinzelnd. Oh -- du! Ausgeplndert, heh?
Jeder Centavo fort, heh? Aber das ist doch nicht so wichtig, um mich zu
wecken!

In fliegender Eile erzhlte ich, und seine Augen wurden immer grer.

Mann! Den Jngling hingeschmissen -- ausgekniffen ... und er lachte
wie besessen, sich im Bett wlzend vor Vergngen. Er lachte wie ein
Verrckter!

Achgottachgott, sthnte er, gehen wir zu Joe hinber!

Du -- Joe!

Joe fuhr empor.

Du Joe -- Ed ist in 'n Variet gegangen, so eine freie
Eintrittsaffre, du weit schon -- vier Dollars die Flasche Bier --
zahlte nicht, konnte nicht, nee wollte nicht -- Kellner mitgegangen --
Kellner biff-biff gegeben -- davongerannnt -- oh Lord, ich lach' mich ja
noch tot! Das Bier -- die dicke Blondine -- der Kellner hat geschossen
... ich sterbe wirklich vor Lachen!!

Joe begriff zuerst nicht. Als er aber den Zusammenhang verstand,
wieherte er frmlich.

Ist dieser Ed grasgrn, stie er endlich hervor -- und bindet mit
den geriebensten Gaunern dieser feinen Stadt an! Ein Glck hat er!!
Geschossen hat der Kellner? Das beweist wieder einmal, da ein Revolver
lange nich' so gefhrlich is' wie er aussieht! Und nun empfehlen wir
uns, kalkulier' ich!

Billy nickte, noch immer lachend, und erklrte mir kurz, da nach diesem
Intermezzo Guthrie in Oklahoma ein entschieden ungesunder Aufenthaltsort
fr mich sei. Die beiden Herren in den roten und blauen Flanellhemden
wurden wahrscheinlich eine eifrige Suche nach mir veranstalten! Noch in
der Nacht verlieen wir (ich genierte mich furchtbar ber die
Geschichte) das Hotel, eilten, die blendend hellerleuchtete Hauptstrae
klglich vermeidend, auf weitem Umweg nach dem Bahnhof und fuhren mit
einem langweiligen Frachtzug nach Nordwesten. In Guthrie zweigte die
Santa F scharf ab, hinber zu ihrer riesigen Hauptlinie, die, Tausende
von Meilen lang, durch das nordstlichste Stck Texas, das sich in das
Territorium von Oklahoma hineinzwngt, durch Neumexiko, Arizona und
Kalifornien nach San Franzisko fhrt.

Vorwrts -- immer vorwrts ...

Von Kiowa (das war gerade ber der Kansaslinie, und so hatten wir drei
riesengroe amerikanische Staaten berhrt in zwei Wochen!) ging es
wieder nach Sden, in ein sonniges Land von Sand und Prairie und
fernschimmernden Bergen hinein! Wir reisten sehr schnell. Die Stationen
waren meistens klein, und einen einzigen Schnellzug konnten wir oft
zehn, ja zwlf Stunden lang bentzen. Fast auf jeder Station trafen wir
Wanderer, bald Arbeitslose, bald typische Tramps; bald nach Osten
ziehend, bald nach Westen wie wir. Selten wechselten wir mehr als wenige
kurze Worte mit ihnen, denn der Mann vom Schienenstrang ist wortkarg.
Sie erkundigten sich gewhnlich nach Entfernungen; noch fter nach den
genauen Fahrzeiten der Lokalfrachtzge und der schnellen, durchgehenden
Eilfrachtzge. Der Jargon der "_road_", des Schienenstrangs, war kurz
und knapp und voller Eigentmlichkeiten. Nie wurde man anders genannt
als "Jack" von diesen wandernden Menschen, die man an den Wasserfssern
der Stationen begegnete, als sei dies ein Sammelvorname fr alles, was
da auf der Eisenbahn kreuchte und fleuchte.

Hello, Jack!

Selber Hello!

'rauf oder runter? (Hinauf hie "nach Westen"; hinunter "nach
Osten"!)

Hinauf!

Hm, ihr nehmt die nchste "Schnelle", nich? (Das bedeutete den
flligen Eilfrachtzug.) Pat lieber auf -- hundert Meilen zurck haben
sie im Fahren abgestoppt und uns mitten auf der Strecke den Boden kssen
lassen! (Das hie, da die Tramps entdeckt und bei verlangsamter Fahrt
vom Zuge geworfen worden waren.) Habt ihr vielleicht gesehen, ob der
Lokale leere _boxcars_ hat? Ja? Das is' _allright_. _So long, Jack!_

Das waren so Fachausdrcke. Die Tramps sprachen niemals vom Ort ihrer
Bestimmung, sondern sie reisten einfach die Linie hinauf oder
hinunter. Die Riesen-Eisenbahnlinien des Landes bezeichneten sie als
etwas Altvertrautes nur mit den Anfangsbuchstaben: S. F. (Santa F) U.
P. (Union Pazific) S. P. (Southern Pazific) oder mit Spitznamen, wie die
berhmte Kte, wie die Kansas und Texas Eisenbahn genannt wurde. Ihr
Reisen hieen sie _jumping_, springen; Stationen bezeichneten sie nicht
mit Namen, sondern sagten: Nchster _stop_, zweiter, fnfter _stop_ die
Linie hinauf oder hinunter. In einem Frachtwagen zu fahren, hie -- eine
Leere springen; auf dem Postwagen: den Blinden springen ... Verballhornt
wie die Eisenbahnausdrcke war auch ihre ganze Sprache, ein
heruntergekommenes Englisch. Als mten sie ihr Sprechen ihren
Verhltnissen anpassen, denn abgerissen, zerlumpt, heruntergekommen
sahen fast alle aus. Arme Teufel, pflegte Billy zu sagen. Arme
Teufel sind's und dumme Teufel! Und geht es einem auch noch so schlecht
... das letzte Geld darf niemals in den Magen wandern, sondern mu auf
den ueren Menschen verwandt werden! Der saubere Rock ist stets die
Brcke zu den Dingen des Lebens. Er gibt uere Gleichberechtigung mit
jedem Menschen. Wer sich den sauberen Rock nicht bewahrt, ist ein
Narr!

Stdtchen auf Stdtchen huschte vorbei. Jeder Tag brachte neue
Aufregung, neues Vorwrtshasten. Und jeder Tag fhrte uns Hunderte von
Meilen weiter. Aus den flachen Wellentlern wurden gewaltige
Einschnitte, riesenbreit, in felsiges Bergland, das sich weithin am
Horizont auftrmte; ein Land des Sandes und der Steine, ein Land
glasklarer trockener Sonnenluft, die den Blick auf ungeheure
Entfernungen vorwrtsdringen lie -- Neumexiko. In wenigen Tagen
durchquerten wir den Staat. Dann kamen wir auf das Gebiet Arizonas.

                  *       *       *       *       *

Im Erinnern an die Zeiten meines Dahinjagens auf den Schienenstrngen
der Vereinigten Staaten ist es mir, als sei jede Einzelheit
unauslschlich in mein Hirn eingegraben wie buntes Mosaik, aus
farbensprhenden Steinchen geformt. Keines der Steinchen verlor in den
fnfzehn Jahren, die seitdem nun verflossen sind, seinen Glanz. Schrfer
treten die Dinge hervor in der Erinnerung, als sie es im leichtherzigen
Erleben gewesen sein mochten; klarer, deutlicher in ihrem starken
Einflu auf das Werden und Wachsen des Menschen. In Gut und Bse. Den
Trotz hab' ich im Wanderleben gelernt; das trotzige Wollen, ein gewisses
Ziel zu erreichen nur, weil ich es wollte, sei es klein oder gro.
Gleichgltigkeit gegen Geld, das ja dem Manne nur wenig bedeuten konnte,
der in hetzendem, gefahrvollem Vorwrtshasten etwas so unbeschreiblich
Schnes sah, da Hunger und Entbehrungen lachend in den Kauf genommen
wurden. Verderblichen Lebensleichtsinn, sonderbar gepaart mit Kraft.
Trumen hab' ich gelernt, wie mans nur lernen kann in Einsamkeit, wenn
dahinflieende Stunden ein gleichgltiges Nichts bedeuten. Sehen hab'
ich gelernt! So viele Menschen und so viele rasch wechselnde Bilder
zogen an dem Wanderer vorbei, da er Menschen und Dinge sehen lernte --
in mehr als bloem Verstehen von Land und Leuten. Und den Humor hab' ich
mir geholt in jenem Wanderjahr; das lustige Lachen ber eigene Torheit
und eigene Schwchen, weil es klger war, zu lcheln als zu weinen, wenn
die Dinge einem gar zu sehr weh taten. So ist mir das eine Jahr etwas
nie zu Vergessendes geworden.

Ein Wanderjahr unter den Romantikern des Schienenstrangs ...

                  *       *       *       *       *

So riesenschnell waren das Wachstum und die Entwicklung der ungeheuren
nordamerikanischen Union, da auf die Periode des pfadsuchenden Reiters
und des rohgezimmerten, von Pferden und Maultieren gezogenen
Wanderkarrens ohne bergang die Zeit der Eisenbahnen folgte.
Vorwrtspeitschende Notwendigkeit rascher Entwicklung schaltete das
Verkehrsstadium wohlgepflegter Landstraen einfach aus. So wurden die
Schwachen, die Faulen und die Arbeitslosen auf den Schienenstrang
gedrngt; denn Landstraen fr den landstreichenden Wanderer gab es nur
im Osten, whrend im Westen die wenigen Wege nicht nur schlecht, sondern
vllig planlos angelegt waren; von Farm zu Farm fhrend, nach einem
Stdtchen vielleicht, so, wie es das augenblickliche Bedrfnis der
nchsten Anwohner erforderte. Den schnurgeraden, den nchsten
Verbindungsweg von Ort zu Ort und den einzigen Weg, der sicher nach
greren Stdten fhrte, bedeutete damals und bedeutet noch heute die
Eisenbahn -- der Schienenweg. Von Schwelle zu Schwelle, also auf dem
Bahngeleise, schritt der Wanderer auf seinem Vagabundenweg und
marschierte so von Stdtchen zu Stdtchen, bis er Arbeit fand oder das
Versiegen milder Gaben ihn weitertrieb. Einer von diesen Vagabunden nun
kam einmal, als ein Frachtwagen an ihm vorbeirasselte, auf den
naheliegenden Gedanken, da es doch viel schner sein wrde, zu fahren
als zu laufen!

Er sah die Tre eines leeren Frachtwagens offenstehen, packte krampfhaft
zu, klammerte sich an, zog sich empor und sa gemtlich im Frachtwagen.
Er lief nicht mehr. Er fuhr!

Dieser kluge Mann war der Urvater eisenbahnfahrenden amerikanischen
Vagabundentums.

Er war der Ahne des amerikanischen Tramps, so, wie er seit fnf
Jahrzehnten ist und noch ein, hchstens zwei Jahrzehnte sein wird. Statt
langweilig und mhsam von Eisenbahnschwelle zu Eisenbahnschwelle
vorwrts zu "trampeln", bediente Mister Tramp sich nunmehr in
Wirklichkeit des Schienenstrangs. Bahnwrterhuschen und sorgfltige
Streckenberwachung gab es ja nicht und gibt es nicht auf den ungeheuren
amerikanischen Schienenwegen: erforderten sie doch ein Beamtenmaterial,
das jeden Betrieb unrentabel machen wrde. Auf den kleinen Bahnhfen gab
es nur ein oder zwei Stationsbeamte, die keine Zeit hatten, sich darum
zu kmmern, wer sich auf den Schienen herumtrieb, und selbst in den
groen Stdten war es leicht, sich in den Wagenwirrwarr eines
Frachtbahnhofs einzuschleichen. Mister Tramp hatte also gar keine so
schwere Aufgabe. Er trieb sich in aller Gemchlichkeit auf den Bahnhfen
herum, mit den Beamten Verstecken spielend, suchte sich einen leeren
Frachtwagen aus und kletterte hinein, wenn der Zug sich in Bewegung
setzte. Wurde er entdeckt und auf der nchsten Station vom Zuge gejagt,
so wartete er in philosophischem Gleichmut auf den nchsten Zug.

Nach und nach wurde er waghalsiger und bekam immer mehr Appetit auf
diese wunderschne billige Eisenbahn, die ihn mit solcher Schnelligkeit
von Staat zu Staat fhrte. Man sperrte die leeren Frachtwagen zu -- da
kletterte er aufs Dach der Wagen oder ritt auf den Puffern, sich an den
Stangen der Wagenwnde festhaltend. Bald warf er ein neidisches Auge auf
Schnellzge und entdeckte, da man ja auch mit Schnellzgen fahren
konnte! Man sprang auf den ersten Wagen und war sicher wenigstens bis
zur nchsten Station, eine respektable Strecke gewhnlich. Entdeckte ihn
wirklich ein Kondukteur und wollte ihn verhaften lassen, so sprang
Mister Tramp noch im Fahren ab und war lngst verschwunden, ehe der
einsame Bahnhofpolizist nur begriff, um was es sich handelte.

Die Eisenbahner wehrten sich natrlich. Als intelligente
dollarjagende Amerikaner erpreten die Bremser der Frachtzge kleine
Geldkontributionen von den Vagabunden, die sie in ihren Wagen
erwischten; prgelten sogar manchmal, nur, um hufig selbst geprgelt zu
werden. Wurde ein Verbrechen begangen auf einer Bahnstrecke, so folgten
Perioden rcksichtslosen Einschreitens gegen die Eisenbahnvagabunden. So
mancher arme Teufel von Tramp ist von brutalen Eisenbahnern mitten in
sausender Fahrt vom Zug geschleudert worden. Brach er sich den Hals, um
so schlimmer fr ihn. Jedenfalls krhte kein Hahn danach. Sehr bald aber
merkten die groen Eisenbahngesellschaften, da ein scharfes Vorgehen
gegen die Tramps sehr unangenehme Folgen fr sie habe -- allerlei
Bahneigentum wurde von den schlimmen Elementen unter den Wanderern,
rachschtigen Gesellen, zerstrt, ja, sogar Zge gefhrdet. Schlielich
sagten sich die Gesellschaften, da es besser sei, ein Auge zuzudrcken,
als sich einen Haufen wertvoller neuer Schwellen nach dem andern von
gereizten Wanderern anznden zu lassen. Ein System halber Duldung setzte
ein, das noch heute regiert. Eine Duldung, die manchmal gewisser Komik
nicht entbehrt. So ist es in vielen Stdten des Westens zur Gewohnheit
geworden, einen bettelnden Tramp, der die braven Brger belstigt, auf
keinen Fall einzusperren und mehr oder weniger lange Zeit auf
Gemeindekosten durchzufttern. Oh nein! Mister Sheriff nimmt Mister
Tramp beim Wickel, fhrt ihn auf Umwegen nach dem Frachtbahnhof und
zwingt ihn mit vorgehaltenem Revolver, sich mit dem nchsten Frachtzug
aus dem Staube zu machen. So ist das Stdtchen Mister Tramp los -- und
die anderen Stdtchen mgen auf sich selber aufpassen.

Das Wanderleben in den Vereinigten Staaten ist einzig in seiner Art.

Auf den Schienenstrngen des ungeheuren Landes jagt eine Armee von
Vagabunden dahin, Tausende von Mnnern, deren Zahl mit den
wirtschaftlichen Verhltnissen des Landes steigt und fllt, um ins
Ungeheure anzuschwellen in arbeitslosen Krisenzeiten. In ihrer
Zusammensetzung ist diese Armee unendlich verschieden, -- so
verschieden, da eine Welt von Denken und Art zwei Mnner trennen mag,
die im gleichen Frachtwagen hocken. In diesen Unterschieden steckt eine
Romantik, die selbst in den Vereinigten Staaten nur wenige Leute auch
nur ahnen. Der Volkswirtschaftler, der sich mit dem Trampunwesen befat,
mu ja notwendigerweise verallgemeinern und seine Beobachtung
ausschlielich der sozialen Seite zuwenden. Die Romantik wird ihm
entgehen.

Das harmloseste und in seinen Motiven am leichtesten zu durchschauende
Individuum in der amerikanischen Vagabundenarmee ist der Arbeitslose,
den harte Zeiten und Arbeitsmangel aus einer Stadt wegtreiben, um
anderwrts sein Glck zu versuchen. Mag er nun noch Sparpfennige in der
Tasche haben oder schon mittellos und abgerissen sein -- er ist niemals
ein Vagabund im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern bleibt stets der
Arbeiter, dem das Wandern, die Eisenbahn also, nur Mittel zu dem Zweck
ist, ihn rasch neuen Arbeitsgelegenheiten zuzufhren.

Mit dem Tramp, dem eigentlichen amerikanischen Vagabunden, hat er nichts
gemein. Denn der wirkliche Tramp ist ein arbeitsscheuer Geselle. Der
Amerikaner, der ein scharfes Auge besonders fr diejenigen menschlichen
Schwchen hat, die seiner unruhigen, rastlosen, arbeitsfreudigen Art
unsympatisch sind, hat das Wesen des Tramps richtig erkannt, wenn er ihn
spottend "_Weary Willy_" und "_Tired Jack_" nennt -- "den mden Willy"
-- "den todmden Jack"! Unter ihnen sind Menschen, denen die grausame
Hrte des Arbeitsmarkts so mitgespielt hat, da sie nicht mehr wollen,
vielleicht nicht mehr knnen; Kranke und krperlich Schwache, deren
Arbeitswert gering ist; Schwchlinge, die sich vor den Mhen des Lebens
und der Hrte krperlicher Arbeit so frchten, da sie lieber ein
erbrmliches, bettelndes Jammerleben fhren, als sich in die Arbeit des
Tages hineinzuwagen -- Schwache und Arme, Schwchlinge und Untchtige,
den Anforderungen der Zeiten nicht gewachsen. Ihr Los ist hart. Viel
hrter als hrteste Arbeit. So gutmtig der Durchschnittsamerikaner ist,
so wenig Verstndnis hat er in seinem praktischen Denken fr das
merkwrdige Verlangen eines Menschen, essen zu wollen, ohne zu arbeiten.
Eine brave Farmersfrau mag sich durch die wehleidige Geschichte eines
Tramps rhren lassen und ihm eine Mahlzeit geben; wenn aber ihr Mann
dazukommt, so wird er Mister Tramp zrtlich ein Beil in die Hand geben
und ihn liebevoll zu dem Holzhaufen im Hof fhren: So, mein Junge,
arbeite erst einmal ein bichen! Der europische Handwerksbursche, der
von Haus zu Haus Kupferstcke einheimst, wrde sich ba wundern im
Yankeeland, so artverwandt Mr. Tramp und er sich auch sein mgen. Nur
ist Mr. Tramp eine besonders groteske Figur. Sein eigenartiges
Eisenbahnleben ist hchst ruins fr Kleider. Neue Kleider kann er sich
nicht kaufen. So wird er uerlich zur grotesken Verzerrung eines
Menschen. Aus den Stiefeln gucken die Zehen hervor. Die zerfetzten Hosen
mit den vielen Flecken hlt ein Strick um den Leib. Der Rock, schwer
maltrtiert von Regen und Sonnenschein und Kohlenstaub, schimmert und
glnzt in allen nur mglichen dunklen Farbentnen; der zerknllte Hut
trgt unfreiwillige Komik in sich. Im Gesicht wochenalte Bartstoppeln.
Und um die Schultern geschlungen an dicker Schnur trgt Mister Tramp
sein eigentliches Wahrzeichen -- die alte Konservenbchse, die er
notwendig braucht, um seinen Kaffee zu kochen oder die Kartoffeln zu
sieden, die in hchster Not aus Farmerfeldern in seine Tasche
wandern ...

Doch auer den Arbeitsuchenden und bettelnden Tramps gibt es, zum
geringen Bruchteil freilich, noch ein anderes Element in der
amerikanischen Armee der Wanderer; Menschen, so grotesk, so grandios in
der Grozgigkeit ihres Zigeunertums, so eigenartig, da sie eine Art
Rtsel modernen amerikanischen Lebens darstellen. Romantiker des
Schienenstrangs mchte ich sie nennen, die Menschen unter denen und mit
denen ich ein Jahr gelebt. Ihr Leben ist nackte Romantik, eine Romantik,
die sich auf den Schienenstrngen abspielt.

Keine Schwche, kein Geschlagensein im Kampfe des Lebens treibt sie zum
Wandern, sondern nur ihr eigener abenteuerlicher Wille, eine dumpfe
Sehnsucht nach einem Leben, das auerhalb des Herkmmlichen, des
Durchschnittlichen liegt. Sie tragen anstndige Kleider und sie lassen
sich nichts schenken. Sie betteln nicht.

So gehen die Romantiker des Schienenstrangs dahin von Osten nach Westen,
von Sden nach Norden, ber ungeheure Flchen. Sie halten es nicht lange
aus an einem Ort. Sobald ihnen Geld in der Tasche klimpert, kommt eine
unbeschreibliche Unruhe ber sie, mag die Arbeit noch so lohnend, mgen
ihre Lebensbedingungen noch so angenehm sein. Ein Plakat, eine
Zeitungsnotiz gibt den ueren Ansto -- die Schnheiten Kaliforniens
werden beschrieben oder irgend etwas Interessantes ber Arizona
gemeldet. Da packt den modernen Zigeuner die tolle Laune. Er, der
vielleicht in Chicago oder in Denver ist, mu sofort, augenblicklich,
ohne Zeitverlust nach Kalifornien oder nach Arizona! Es peitscht ihn
vorwrts mit unwiderstehlicher Gewalt. Er hat nicht das geringste in
Kalifornien oder in Arizona zu suchen; in Wirklichkeit sind ihm auch
beide Staaten mehr als gleichgltig. Wahrscheinlich kehrt er sofort
wieder um. Dumpfe Sehnsucht ist es in Wahrheit, die ihn treibt, ein
bermchtiger Wandertrieb, der zwar ein Ziel haben mu, auf da die fixe
Idee vollstndig sei, dem das Ziel an und fr sich jedoch ein Nichts
bedeutet!

Ich will so schnell als mglich nach Kalifornien! Ich mu schleunigst
nach Arizona!!

Ein Mann mit einem Ziel, dem nichts etwas gilt als dieses Ziel! Er it
nur einmal im Tag, hungert oft, friert, schlft kaum -- vorwrts, nur
vorwrts. Er ertrgt unerhrte Beschwerden, riskiert hundertmal sein
Leben -- immer vorwrts. Auf den Plattformen der Postwagen eilt er
seinem Ziel zu, vorne auf dem Piloten der Lokomotive, er besteigt
gelegentlich, wenn es gar nicht anders geht, einen Frachtzug (den er
verachtet!), fhrt mit dem Expre, sich eng an das gewlbte Wagendach
eines Pullmannwaggons andrckend, in jeder Sekunde in schwerer Gefahr,
hinabgeschleudert zu werden. Nur vorwrts! Ich habe Mnner gekannt, die
sich, wenn jede andere Fahrtmglichkeit versagte, ein Brettchen ber die
beiden dnnen Eisenstangen legten, die zwischen den Axen eines
Pullmannwagens angebracht sind, sich auf dieses Brett hinkauerten und so
lange Strecken ~unter~ dem Waggon fuhren! Jedes Mittel ist ihm recht, aber
immer vorwrts. Entdeckt ihn ein Kondukteur vorne auf der Plattform, so
klettert er hinten auf ein Waggondach! Sein Hirn arbeitet fortwhrend an
dem Erfinden neuer Tricks zu raschem Fahren; jeder Muskel seines Krpers
ist wochenlang auf das Unerhrteste angestrengt. Etwas Poetisches liegt
in dieser merkwrdigen Sehnsucht, ber weite Rume zu ziehen, etwas
Urmenschliches, etwas unbeschreiblich Abenteuerliches. Eine Mischung von
Vagabundentum und Energie, von geheimnisvollen Sehnsuchtstrieben und
nchterner Kraft.

Er ist in Kalifornien, in Arizona. Dann wieder Arbeit. Dann wieder neue
Hetzjagd nach neuem Ziel!

Bodenloser Leichtsinn liegt ber solch unsteten Leben, und doch wieder
auch romantischer Zauber; lockend, verfhrend. Vor zwei Jahren ungefhr
las ich im Londoner "Daily Telegraph" eine aus amerikanischen Zeitungen
bernommene Meldung, Theodore Roosevelt -- damals war er Prsident und
auf einer Jagdfahrt im Westen -- habe von Denver aus nach Westen auf
einem Spezialzug eine Fahrt von ber hundert Meilen auf dem Kuhfnger,
dem Piloten der Lokomotive, gemacht. Er sei voller Begeisterung gewesen
ber die lustige Fahrt mit ihren Eindrcken freien Dahinschwebens in den
Raum hinein! Wie hab' ich mich damals amsiert (Teddy hatte doch immer
etwas brig fr brausendes Leben!); denn -- ber genau die gleiche
Strecke war auch ich gefahren. In genau der gleichen Weise, auf dem
Kuhfnger! Allerdings nicht auf einem Spezialzug, sondern in hchst
notwendiger Verborgenheit.

In das lustige Erinnern aber mischte sich rckhaltslose Bewunderung fr
den merkwrdigen Mann des ttigen Lebens, der unter den ungeheuren
Aufgaben seiner gewaltigen Stellung sich die Lebensneugierde und die
Spannkraft bewahrt hatte, ein tollkhnes Vagabundenstcklein zu wagen.
Tollkhn! Denn wer auf dem Piloten eines in voller Geschwindigkeit
dahinbrausenden Zuges fhrt, dicht ber den Schienen, setzt auf jedem
Meter Strecke sein Leben ein. Ein Hschen, ber die Schienen rennend,
erfat von dem weit hinabreichenden Rahmenwerk und mit ungeheurer Wucht
emporgeschleudert, wird den Leichtsinnigen betuben, ihn hinabwerfen;
ein vom Piloten gepacktes Steinchen kann ihm den Schdel zerschmettern.
Es steckt etwas vom Romantiker in Theodore Roosevelt, Soldat,
Exprsident, Jger, Schriftsteller, Philosoph, Politiker. Ein
D'Artagnan in der Hlle des Staatsmannes!

Wer sich phantastischer Wanderlust so hingibt, wer bloem
Sehnsuchtstrieb so viel Kraft und so viel Zhigkeit widmet -- in dem
Mann stecken Mglichkeiten, wenn er auch ehrbarer Brgerlichkeit als
Inbegriff leichtsinniger Tollheit erscheinen mag. Als Episode mu man
das Leben dieser Mnner auffassen! Ein kleiner uerlicher Ansto lenkt
oft ihre Kraft in geordnete Bahnen. Oder ein groes Erlebnis -- das
Weib, das in dem Mnnertum ihrer tollen Jugend so gar keine Rolle
spielte. So lange sie aber ihr Leben fhren, sind sie Abenteurer _de
pure sang_. Grundverschieden einer von dem andern. Neben dem
arbeitsfustigen Brausekopf wandert der Gebildete mit dem
disziplinierten Hirn, neben gedankenlosen Gesunden verbissene
Neurastheniker; Abenteurer aber sind sie alle. Sie lauschen auf alles,
was nach Abenteuermglichkeit aussieht. Sie kennen sich untereinander,
sie sehen, sie hren, sie erwerben sich Freunde hier und dort. Die
Amerikaner, die in den sdamerikanischen Revolutionen eine so groe
Rolle spielen, rekrutieren sich aus den Romantikern des Schienenstrangs.
Der groe Abenteurer, der Glckssoldat, der seinen Degen dem Dienst
sdamerikanischen Goldes verkauft, kennt seine Leute. Er darf nur in New
Orleans oder in Galveston einem alten Freund vom Schienenstrang ein
Wrtchen zuflstern, und in drei Wochen hat er seine Leute. Wie der
Blitz verbreitet sich die Neuigkeit, ohne da eine Silbe zu den Ohren
von Menschen dringt, die plaudern wrden.

Ich hab' oft in drei, vier Stzen -- denn diese Menschen sind schweigsam
-- von Dingen erzhlen hren, die mich unglubig aufhorchen lieen. Der
eine kannte Kuba wie seine Tasche und grinste ber das schlechte
Schieen der Insurgenten; der andere erwhnte so nebenbei, er mchte
wieder einmal nach Haiti; der dritte hatte groe Eile, nach San
Franzisko zu kommen, weil er dort einen Mann kenne, der vielleicht ein
bichen Geld in eine Goldsucherfahrt stecken wrde. Unrast haust in
jedem von ihnen. Aus dem einen wird ein Fhrer von Arbeitern am
Panamakanal, ein Amt, zu dem man harte Abenteurernaturen braucht; der
andere stirbt als Glckssoldat, irgendwo in Sdamerika erschossen;
wieder ein anderer tritt in den Dienst des Waffenschmuggels, der von
Amerika aus sich berallhin in die Welt erstreckt, wo rebellierende
Minoritten kmpfen. Ich deute hier nur an -- denn die geheimnisvollen
Unterstrmungen modernen Abenteurertums lassen sich nicht verfolgen. Ich
wei, da man mir den Vorwurf der bertreibung machen wird. Ich mchte
aber eine Tatsache erwhnen, die dem Zeitungsleser nicht fremd, dem Mann
mit internationalen Beziehungen wohlbekannt ist:

In jedem modernen Krieg spielen Abenteurer aus den Vereinigten Staaten
eine groe Rolle, zum mindesten in den "exotischen" Kriegen. Die
Munitionszufuhr der Buren wurde von amerikanischen Mnnern und von
amerikanischen Maultieren besorgt. In ihren Reihen kmpften als
Offiziere und Soldaten Abenteurer aus aller Herren Lndern, die -- aber
fast alle auch Englisch sprachen, und zwar amerikanisches Englisch. Im
russisch-japanischen Krieg lag der Betrieb der Blockadebrecher, die Port
Arthur mit Kriegsmaterial versorgten, zum groen Teil in amerikanischen
Hnden. Erst ganz krzlich las ich im "Berliner Tageblatt" die
lakonische Drahtmeldung: In Guatemala rcken die Revolutionre, von
Amerikanern gefhrt, gegen die Hauptstadt vor.

Die Untersttzung der mexikanischen Insurgenten durch amerikanische
Abenteurer ist ja wohlbekannt.

Das sind Mglichkeiten dieses modernen Romantikertums, die ich erwhnen
mu, weil sie eine Phase verborgenen Lebens unserer Zeit scharf
beleuchten -- aber sie drfen nicht verallgemeinert, sie mssen als
Andeutungen aufgefat werden, als Anregung vielleicht fr die wenigen
Wissenden, ihr Scherflein dazu beizutragen, dieses Leben zu schildern.

Und die Romantiker des Schienenstrangs mssen sterben. Zehn Jahre mag es
noch dauern, zwanzig vielleicht. Dann sind die Schienenstrnge des
Riesenlandes unter dem Sternenbanner bewacht und abgesperrt wie im alten
Europa, und der Wanderer aus Passion wird ein Ding der Vergangenheit
sein. brig bleiben wird nur der landstraenwandelnde, bettelnde Tramp
und das Heer der Arbeitslosen. Der Abenteurer mu sterben, wenn die
groen Massen vordringen, die mit sich Ordnung und System bringen. Das
ist gut so. Und doch -- man mchte trumend in die Zukunft schauen
knnen. Was wird aus dem Grand Seigneur glorreichen, freien
Vorwrtsstrmens? Sprt ihr kein Verwandtsein mit meinem trichten,
rastlos dahinjagenden Idealisten, ihr Menschen im Zeitalter des
Fliegens? Ihr, die ihr selbst hastend und hetzend lebt! Nur seid ihr,
nein, sind wir -- denn jene Zeiten gehren vergangener Jugend -- klug
und weise, denn wir schaffen Werte im Dahinjagen, und meine Freunde vom
Schienenstrang schufen sich nichts als Augenblicksrausch. Sie waren
Trumer, wenn sie es auch nicht wuten. Man mu sie lieb haben im
Erinnern; um der Sehnsucht willen, die in ihnen lebte ...

                  *       *       *       *       *

In Arizona war es.

Der Schnellzug hielt im Morgengrauen, wenige Sekunden lang, an einer
winzig kleinen Station. Billy sprang ab und rannte auf das Wasserfa zu.
Natrlich folgten wir ihm. Und da brauste der Zug auch schon weiter.

Was hast du denn? fragte Joe emprt. Jetzt ist der verdammte Zug
glcklich weg. Hat uns ja kein Mensch gesehen -- htten ruhig
weiterfahren knnen!

Sei still! lchelte Billy und kauerte sich am Wasserfa nieder.
Kinder, vor allem mssen wir feststellen, wieviel Geld wir noch haben.
Gebt einmal euer Geld her. Er zhlte. -- 42 Dollars. Nun hrt einmal
zu: dieser sonnige Arizonasand hat Schnheiten, von denen ihr nichts
ahnt; es ist ein stilles Fleckchen Welt, in dem man wieder einmal
spielen und lachen kann. Hier wollen wir ein wenig bleiben!

Grandioser alter Gedanke! murmelte Joe.

Ich aber wunderte mich nur. Die Hetzfahrt durch die vier Staaten hatte
mich schon gelehrt, zu staunen, ohne viel zu fragen. Bald nach
Sonnenaufgang gingen wir hinber zu dem winzig kleinen Stationshuschen,
traten in das Zimmer des Agenten, und Billy setzte mit einer absoluten
Wahrhaftigkeit, die unter den Umstnden fast komisch war, dem Mann
auseinander, was er wollte. Der war fast sprachlos vor Erstaunen.

Hier bleiben wollt ihr?... stotterte er endlich. In diesem
verdammten Sandloch?

Billy erklrte ihm noch einmal, da wir durchaus keine Tramps, sondern
nur unruhige Gesellen seien, die zwar kein Geld fr so trichte Dinge
wie Fahrkarten ausgben, aber sonst alles bar bezahlten -- Wei schon,
verstehe schon! brummte der Agent -- und da wir einige Wochen lang
ein billiges Leben fhren wollten.

Sommerfrische! Verstehen Sie denn nicht? lachte Billy.

Die verrckteste Idee, die mir in meinem Leben vorgekommen ist,
meinte der Agent grinsend. Aber es geht. Es geht wirklich!

Und es ging. Mrs. Jack Parker, eine rundliche Witwe, der das grte der
vierzehn hlzernen Huser der Station gehrte, bernahm gegen eine bare
Vorausbezahlung von fnfundzwanzig Dollars gerne die Verpflichtung, uns
drei Mnner zwanzig Tage lang zu behausen und zu bekstigen. Es war
spottbillig. Nun konnte ich mich aber nicht mehr halten:

Dies ist ein Mrchen! sagte ich zu Billy.

Ist es auch, jubelte er und seine Augen leuchteten. Sollen auch
zwanzig Mrchentage sein -- gerade so unwahrscheinlich und gerade so
schn wie ein wirkliches Mrchen. Hm -- Unsinn. Welch' ein Kind Sie doch
sind! Billige Tage billiger Beschaulichkeit sind es -- weiter nichts!
Und er lachte lustig ...

"Lucky Water" hie die Station -- Glckswasser. Sie und die vierzehn
Huschen hinter ihr verdankten ihr Dasein dem ungeheuer tiefen
artesischen Brunnen neben dem Stationshuschen, den einst die Santa F
hatte bohren lassen mssen, weil die Strecke zwischen den beiden
nchsten Stationen zu lang war, als da die Lokomotiven sie ohne Wasser
htten durchmessen knnen. So reichlich Wasser spendete der Brunnen, da
es mglich gewesen war, eine einfache Bewsserungsanlage herzustellen
und mitten im Sand Gemse zu bauen und Vieh zu zchten. So waren die
vierzehn Huschen entstanden. Und jeden Abend nahm der Eilfrachtzug die
Gemsekrbe und die Milchkannen mit nach der nchsten groen Stadt. Es
waren einfache Menschen, die Leute von Lucky Water, die uns
wahrscheinlich fr ein bichen verrckt, aber doch harmlos hielten.

In meinem Leben vergess' ich Lucky Water nicht!

Von den Rndern seines grnen Gartenflecks dehnte sich weit und breit
trostloser Sand, und gegen Norden schimmerten stahlblaue Felsenmassen.
Glhend brannte tagaus, tagein die Sonne nieder aus tiefblauem Himmel,
an dem nie ein Wlkchen zu sehen war. Die trocken heie Luft war von
unbeschreiblicher Klarheit und Durchsichtigkeit. Weit entfernte
Gegenstnde schienen zum Greifen nahe. Und Sand, berall Sand; bald
glnzend wei, bald tiefbraun. In einzelnen Fleckchen wuchs zhes
rostbraunes Gras, und berall wucherten, kaum aus dem Sand hervorlugend,
winzigkleine Kakteen mit eisenharten Dornen. Das war unser Spielplatz.
Wie Kinder gebrdeten wir drei Mnner uns. Viele Stunden lang lagen wir
oft im heien Sand und rauchten und schwatzten. Der sonst so schweigsame
Billy konnte ganze Nachmittage hindurch mit wahrer Wollust die
absurdesten Plne ersinnen und sie uns begeistert auseinandersetzen:

Hetzfahrt nach San Franzisko! Dann sollten wir drei ein billiges
Zimmerchen mieten und arbeiten wie besessen. Irgend etwas -- Und sparen
wie Russel Sage! (Das war ein berchtigt geiziger New Yorker Milliardr,
der einmal erklrte, es sei eine Snde, mehr als einen Dollar bares Geld
bei sich zu tragen. In der Bank verdiene das Geld doch Zinsen!) Jeder
Narr knne Geld sparen, wenn er das Sparenwollen zur fixen Idee mache,
behauptete Billy. Und wenn wir Geld htten, wrden wir uns als
Kohlenzieher nach Honolulu verdingen, dort arbeiten und die Sprache der
Sdsee lernen. Dann kaufen und verkaufen und im Kleinen importieren und
reich werden ... Oder: ber Galveston nach New Orleans, nach Mobile und
so weiter nach Florida. Von dort aus sich den kubanischen Insurgenten
angeschlossen. Denn ein amerikanischer Revolver mit einem Amerikaner
dahinter sei berall sein Gewicht in Diamanten wert -- --

Aber das ist ja blinkeblanker Unsinn!! so schlossen immer Billys
lange Reden. Augenblicklich ist die Welt wunderschn und das gengt.
Wenn wir einmal brige Zeit haben, knnen wir ja gelegentlich auch reich
werden --!

Wettrennen liefen wir ber den heien Sand hin. Kein Tag verging ohne
Boxen, in dem Billy ein Meister war. In der Wste von Lucky Water lernte
ich es, mich mit harten Fusten zu wehren, in Geschicklichkeit und Ruhe,
die allemal ber brutale Kraft triumphiert. Ich versprte den Hieb von
unten auf das Kinn, der auch den strksten Mann bewutlos hinschleudert;
den Schlag auf die Herzgrube, der den Getroffenen nach Luft schnappend
hinsinken lt. Wir zerhmmerten uns gegenseitig, bis jeder Fleck am
Oberkrper brannte wie Feuer -- und waren glckselig dabei.

Dann die Abende des Schweigens drauen im Sand! Wenn im Westen der
Feuerball in roter Glut in das Land eintauchte, blieb auf Sekunden der
Himmel tiefblau. Dann kam das Farbenmrchen. Ein greller Purpurstreifen
leuchtete tief unten am Horizont, funkelnd grn an den Rndern, mit
goldenen Strahlen an den Seiten, bis in unmerklichem Wechsel dunkles
Violett aus dem Purpur wurde und fahles Grn weithin ber den Himmel
kroch und mit den blauen Tnen verschwand und das Violett aufsaugte. Und
dann, schnell wie ein Blitzschlag, tiefstes Dunkel. Schwarzblaue
Schattenmassen, in denen es fein, ganz fein aufglitzerte. Immer
deutlicher wurden die Lichtpnktchen, und ehe man sich's versah, flammte
es da droben in der abgrndig blauen Unendlichkeit von Millionen
strahlend weier Schnheiten -- in einem Zittern, einem Tanzen, einem
Flimmern, als mte im nchsten Augenblick ein ungeheurer Sprhregen
weien Lichts herabsinken auf die Erde.

Und stundenlang hab' ich oft in den Mond gestarrt; zu meiner Frau im
Mond, von der ich um alles in der Welt den beiden andern nichts gesagt
htte. Meine Frau im Mond! Ganz unten am rechten Rand der Lichtscheibe
war in blendender Weie der Bstenansatz und der schlanke Hals, aus dem
in feinen Schatten das Kpfchen emporwuchs mit massigem, tiefdunklem
Haar. Weit lehnte sich das Weib zurck, als starre es in die
Sternenpracht hinein. ber den Lippen bildeten helle und dunkle
Mondflecken in undeutlichen Umrissen einen Mnnerkopf, zum Kssen sich
niederneigend.

Traum ber Traum kam, ein Luftschlo nach dem andern stieg empor und
zerflo in sehnschtigem Grbeln. Mein nur waren die Luftschlsser, wie
es sein mu in den Trumen der Jugend. Wie leicht war es doch, sich
Macht und Reichtum und Schnheit herunterzuholen aus den Sternen und in
die Heimat zurckzukehren: Da bin ich -- ich! Und Gold ausstreuen, und
den bunten Rock des Offiziers anziehen, der von frhester Kindheit an
mir den Lebenstraum bedeutet hatte. So lebten sie glcklich immerdar --
sie beide -- denn in die Trume gaukelte das Bild der alten Herzogsburg,
und der Glckspilz von Trumer wandelte Hand in Hand mit dem Mdel in
unbeschreibliche Seligkeiten hinein ...

Sie knnen uns gebrauchen! lchelte Billy so ganz nebenbei am Morgen
des letzten Tages. Mister Agent war so liebenswrdig, zu
telegraphieren!

Wer kann uns brauchen? sagte Joe erschrocken.

Die Reparatursektion der Santa F sechzig Meilen westlich. Hast du die
Frachtzge mit den neuen Eisenbahnschwellen nicht bemerkt, die in den
letzten Tagen hier durchkamen?

Eisenbahnarbeit? sthnte Joe. Ach du meine selige Tante Jemima!
Billy -- das is' -- -- nee, Billy das is' grlich.

Arbeiten mssen wir, mein Sohn, und wenn du im sdlichen Arizona
andere Arbeit findest, bist du klger als ich. Also weine nicht!

Pfui Deibel! sagte Joe aus gequltem Herzen. Pfui -- Deibel --!!

Billy lchelte.

_Well_, meinte er, vergngt blinzelnd, das ist so etwas wie
wunderschn poetische Gerechtigkeit, mein Sohn. Sonst haben wir die
Eisenbahn -- nun hat die Eisenbahn uns!




Wie das Wandern endete.

     Die Eisenbahn hat uns! -- Sektion 423, Southern Pazific. -- Als
     Streckenarbeiter in Arizona. -- Der _boss_. -- Von Kindern
     Italiens. -- Wir haben wieder die Eisenbahn! -- Hnde in die Hhe!
     -- Seine Ehren, der Friedensrichter. -- Die braven Spitzbuben von
     El Dorado. -- Dahinjagen und Arbeit. -- Von den Schttelfrsten der
     Malaria. -- Krank und einsam. -- Nach St. Louis. -- Ein ganzer
     Mann.


Dicht neben dem Schienenstrang, viele Meilen weit von den beiden
nchsten Stationen entfernt, stand ein schmuckloses hlzernes Haus mit
vielen kleinen Fensterchen, ber dessen Tre in schwarzen Buchstaben die
Inschrift stand: Sektion 423, Southern Pazific. Der Zug hielt einen
Augenblick lang, und wir sprangen ab. Ein vierschrtiger Mann in blauen
Arbeitskleidern, mit respektablem Buchlein und wirren feuerroten
Haaren, trat aus der Tre und sah uns prfend an.

Die drei von Lucky Water? fragte er. Versteht ihr 'was von der
Arbeit?

Halt' den Mund! raunte Billy mir zu. Dann gab er Antwort:

Oh ja!

Ist mir verflucht angenehm, brummte der Feuerrote. Wie heit
ihr?

Billy Smith, Joe Donovan, Ed Mller.

Amerikaner?

Wir beide, ja. Unser Freund hier ist Deutscher.

So? Das macht nichts aus. Nun kommt herein zum Essen. Die
Arbeitsbedingungen kennt ihr ja. Einen Dollar siebzig im Tag, glatt,
Essen und Wohnen schon abgezogen. Arbeitszeit mindestens 31 Tage. Wer
vorher geht, bekommt kein Geld. _Come in!_

Beim Hineingehen sagte er: Ein Segen, da man mit euch wenigstens
christliches Englisch reden kann, _begorra_! (Er war offenbar ein
Irlnder.) Die andern sin' Italiener, hol' sie der Kuckuck, und wenn
ich was sag', grinsen sie. Mit den Nasen mu ich sie auf die Arbeit
stoen, bis sie kapieren, was getan werden soll. Mit den Hnden mu ich
reden wie ein gesegneter Indianer -- hol's der Teufel! Wozu braucht
eigentlich dies Land schnatternde Shne von affenbesitzenden
Orgeldrehern? Das mcht' ich wissen! _Well_, kommt nur herein!

An dem langen, wachstuchbedeckten Tisch in der Stube saen, eifrig
kauend, sieben italienische Bahnarbeiter, die uns alle miteinander ihr
"_parla italiano_?" entgegenschrien und enttuscht aussahen, als wir die
Kpfe schttelten. Eine dicke Frau mit einem lustigen Gesicht trug das
Abendessen auf, und wir griffen zu. Ich wunderte mich ber die
Reichhaltigkeit der Speisen. Es gab gebratenes Fleisch und gebackene
Kartoffeln. Dazu Tomaten. Dann wurden ausgezeichnete kleine Pfannkuchen
gebracht, Platten mit wahren Bergen davon, und endlich Apfelkuchen.
Teller mit Speck, schneeweies Brot, Flaschen mit allerlei Saucen
standen auf dem Tisch.

Haben Sie "_overalls_"? fragte Billy den Feuerroten nach dem Essen.
Wir mchten unsere Kleider schonen.

Jawohl, meinte er. Das nenn' ich christlich. Die Italiener sin'
nich' so sauber. Knnt' ihr haben. Wsche auch.

Er fischte aus einer Truhe die blauen Arbeitshosen hervor, sackartige
Affren, in die man hineinkletterte und sie sich ber den Schultern
zuknpfte; Flanellhemden und derbe Wsche. Dann kauften wir uns noch
Tabak und bezahlten zu seinem groen Staunen bar, statt uns den Betrag
spter abziehen zu lassen. Dann ging's ins Bett. Einer der beiden
Schlafrume war von den Italienern voll besetzt, so da wir im Nebenraum
allein schliefen. Saubere eiserne Feldbetten standen da, frisch
berzogen, und in der Ecke war einfaches Waschgeschirr, aber ebenso
sauber.

Die Arbeit ist schwer, erklrte Billy, so schwer und
verhltnismig so schlecht bezahlt, da sich Amerikaner nur selten und
dann nur kurze Zeit dafr hergeben. In den _sections_ gibt's fast nur
Italiener. Aber die Lebensbedingungen sind gut.

Im Dmmergrauen am nchsten Morgen wurde gefrhstckt, eine sehr solide
Mahlzeit, und kurz nach Sonnenaufgang ging's hinaus auf den
Schienenstrang zur Arbeit. Auf _handcars_. Das sind Draisinen
einfachster Konstruktion, deren Rder genau auf die Geleise passen, mit
Pumpgriffen versehen wie eine Feuerwehrspritze. Durch das Auf- und
Niederdrcken der Handgriffe bertrgt sich die Kraft auf die Axen. Wir
"pumpten" uns mit Eilzugsgeschwindigkeit vorwrts bis zum Arbeitsplatz
des Tages. Dort lagen riesige Haufen von weiglnzenden neuen
Eichenschwellen, die gegen die alten ausgewechselt werden muten. Die
Arbeit war bitterhart, denn es mute im Eiltempo gearbeitet werden. Der
Amerikaner duldet kein Zeitvertrdeln. Mit Stahlhammer und Stemmeisen
wurden die schweren Klammern herausgeschlagen und dann die alten
verfaulten Schwellen unter den Schienen hervorgezerrt. Die neuen
Schwellen muten eingeschoben, niedergeklammert (ich lernte es schnell,
den riesigen Hammer zu fhren) und in den Kies des Schienenbetts
eingestampft werden. "Tamponieren" hie der Fachausdruck dafr. Mit
langen eisernen Stangen, deren Ende schrg abgestumpft war, wurde unter
die Schwellen hineingestoen, bis Schwellen und Untergrund eine feste
Masse waren. Auf dem "_boss_", dem Herrn, dem Vorarbeiter, ruhte
gewaltige Verantwortlichkeit, denn es mute nach der Wasserwage
gearbeitet werden, damit die Schienen vllig horizontal blieben, und an
Kurven mit der erhhten Auenschiene war sogar eine recht schwierige
Kalkulation erforderlich. In Deutschland htte ein Ingenieur solche
Arbeit geleistet. Hier tat's ein alter Irlnder, der kaum lesen und
schreiben konnte. Ein Praktiker, unter dessen Aufsicht vierzig Meilen
Schienenstrang standen, fr dessen Beschaffenheit er und nur er allein
verantwortlich war. Er mute dafr sorgen, da nicht verfaulte Schwellen
das Geleise unsicher machten, er wechselte Schienen aus, er grub
raffinierte Abzugskanle, wenn Grundwasser den Bahndamm bedrohte, er
patroullierte mit seiner Handvoll Leute tglich die Riesenstrecke, ber
die er herrschte. Die Eisenbahngesellschaft machte den simplen Praktikus
zum Selbstherrscher und holte so die denkbarste Hchstleistung aus ihm
heraus. Sie zwang ihn zu denken! Zu organisieren! Und so leistete er
weit mehr, als wenn er in bureaukratischem Befohlenwerden und Gehorchen
gleichgltig sein Tagewerk getan htte. Dafr bezahlte ihn die Bahn gut
und lie ihn an der Bekstigung seiner Arbeiter Geld verdienen.

Von Sonnenaufgang bis nach Sonnenuntergang wurde gearbeitet, mit einer
kurzen Pause dazwischen, in der das mitgebrachte Lunch verzehrt wurde.
Jeder Muskel am Krper schmerzte. Der Rcken wollte mir beinahe brechen
vor lauter Hmmern und Stoen und Schaufeln. Aber ich arbeitete darauf
los -- aus Leibeskrften. Denn ich wollte hinter keinem zurckstehen.
Und ich begriff bald den Zweck der Arbeit, ihre Feinheiten. Selbst
grbste Arbeit hat ja ihre Tricks.

Das is' christlich! sagte O'Flanagan, der _boss_, als wir abends
mde und zerschlagen auf die Draisinen stiegen. Billy ist extraprima,
Joe is gut un' der Deutsche wird noch gut. Das is mir verdammt angenehm.
Weg von den Handgriffen, ihr drei! Pumpen sollen nur die Italiener; bin
froh genug, da 'mal gesegnete Christen da sin', denen man eine
Wasserwage und einen Mastab in die Pfoten geben kann!

So wurde die abendliche Patrouille, die sich jedesmal ber mindestens
zwanzig Meilen erstreckte, fr uns zu einer Spazierfahrt. Unsere
Bevorzugung fhrte natrlich zu Hndeln, bei denen es im italienischen
Lager prachtvolle blaue Flecken um die Augengegend gab. Das mag sehr roh
gewesen sein -- aber es war sehr schn!

Man arbeitete, man a, man kroch frh am Abend todmde ins Bett. Ein Tag
war wie der andere. Nur an den Sonntagen schlief man bis in den hellen
Tag hinein und las am Nachmittag die Zeitungen der Woche. Es dauerte
nicht lange, so wurden meine Hnde schwielig und meine Muskeln
eisenhart. Aber ich versumte an keinem Abend die Handeinreibung mit
Glyzerin und die sorgfltige Nagelpflege, die Billy mir mit wahrem
Fanatismus vormachte. Man msse Hnde und Finger gut behandeln, wenn sie
nicht ewig die Schaufel fhren sollten, pflegte er zu sagen. Ein
diszipliniertes Hirn sorge unter allen Umstnden fr ein diszipliniertes
uere! Billy war weise.

Vierzig Tage waren vergangen, als der Extrazug mit dem Zahlmeister kam,
der die Sektionen des Bahnsystems ablohnte, und wir bekamen unser Geld.
O'Flanagan richtete es so ein, da die Patrouillenfahrt an jenem Abend
uns bis zur nchsten westlichen Station brachte.

Adieu, Jungens, sagte er, seid christlich gewesen! Wr' mir
lieber, ihr wrdet noch bleiben. Kann's euch aber nicht belnehmen, _be
jabers_. Knnt was Gescheiteres tun, als Eisenbahnarbeiten. _So long!_

Das merk' dir, Billy! grinste Joe.

Man mu die Arbeit nehmen, wie sie kommt, antwortete Billy
achselzuckend.

Jetzt aber wird der Spie umgedreht, _my dear Billy_! Hat die
Eisenbahn uns gehabt -- so haben wir jetzt, bei meiner seligen Tante
Jemima, wieder die Eisenbahn!!

Und der nchste Schnellzug fhrte drei nichtzahlende Passagiere nach
Westen.

Tag und Nacht ging es dahin, als msse versumte Zeit eingeholt werden.
In kaum zehn Tagen legten wir eine ungeheure Strecke zurck, zuerst auf
einer Nebenlinie nach Westen, dann zurck im Bogen nach Osten, die
Arizonalinie berschreitend, ber Albuquerque nach dem Norden, durch
Neumexiko nach Colorado hinein -- gepackt vom Fieber des
Vorwrtshastens. Auf dieser Fahrt kam ich zum ersten und einzigen Mal in
den Vereinigten Staaten mit der Macht des Gesetzes in Konflikt.

Es war in einem kleinen Stdtchen nicht weit von La Junta in Colorado.
Der Frachtzug rumpelte in dem prachtvollen Sommermorgen dahin, hielt,
rumpelte wieder hin und her. Und dann war Ruhe.

_Confound it_, sagte Billy nach einer Weile, ich glaub', wir sind
auf einem Nebengeleise. Er ffnete vorsichtig die Schiebetre einen
Spalt weit und guckte hinaus. Wahrhaftig! Infames Pech. Winzig kleine
Station auch noch!

Verrgert kletterten wir hinaus, um uns umzusehen und so schnell als
mglich mit einem anderen Zug weiterzufahren. Zuerst sprang Billy zu
Boden, dann Joe und endlich ich. Kein Mensch war zu sehen. Wir wollten
ber das Geleise hinweg zur Strae hinbergehen, als urpltzlich aus
der Bschung eine Gestalt auftauchte und eine drohende Stimme rief:

Hnde in die Hhe!

Billy und Joe hielten prompt die Arme empor, whrend ich fassungslos den
Mann im Schlapphut und die riesigen Revolver in seinen Fusten
anstarrte.

Hnde in die Hhe!! donnerte es wieder. _Hands up_ -- oder, bei
Gott, 's gibt ein Begrbnis!!

Da schossen auch meine Arme senkrecht empor, und eine unbeschreibliche
Angst kam ber mich. Billy aber lchelte.

Umdrehen! befahl der Mann im Schlapphut, und ich merkte, wie seine
tastende Hand meine Taschen befhlte.

So! Nun marschiert ihr vor mir her; links, wenn ich links sage,
rechts, wenn ich rechts sage, und wer einen Versuch macht, zu
entfliehen, bekommt eine Kugel. Vorwrts, im Namen des Gesetzes!

Was ist denn nur -- was kann es denn sein ... rief ich, erschrocken.
Billy aber fragte, ohne den Kopf zu wenden:

Lieber Herr, haben Sie vielleicht den Sonnenstich?

Keine Witze! befahl der Mann hinter uns. Aber ich hrte, wie er
leise lachte.

Ist man in dieser Gegend immer so unhflich? fuhr Billy fort. Und
ich mchte mich wirklich erkundigen, was im Namen aller Unvernunft Sie
eigentlich von uns wollen?

Das werdet Ihr beim Friedensrichter hren!

So? Nun, der Friedensrichter wird auch von mir Verschiedenes zu hren
bekommen.

Ach, das wird keinen Unterschied machen, lachte der Mann hinter uns.

Das Stdtchen bestand aus hchstens zwei Dutzend Husern. Wir wurden in
ein Haus hineinmarschiert, in dem eine Eisenhandlung war, und fanden uns
in einer Stube, die nichts enthielt als eine Bank, einen Tisch und einen
Stuhl. Wir muten uns auf die Bank setzen, und der Mann mit den
Revolvern pflanzte sich neben uns auf. Nach einer Weile trat ein
weibrtiger Herr in Hemdsrmeln ein, nahm einen Rock vom Nagel an der
Tre, zog ihn an und sagte:

Die Gerichtssitzung ist erffnet! Was haben Sie dem Gericht zu melden,
_Mr. Sheriff_?

Drei Tramps, Euer Ehren!

Schn. Heben Sie die rechte Hand empor und schwren Sie -- im Namen
m--m--m die Wahrheit um--m--um ... nichts als die Wahrheit ... m--m --

Der Sheriff murmelte auch etwas.

Tatbestand? fragte der Friedensrichter.

Illegales Fahren auf der Eisenbahn, Euer Ehren, und gemeingefhrliches
Herumtreiben ohne Subsistenzmittel. Ich persnlich habe die drei
Angeklagten beobachtet, wie sie aus einem Frachtwaggon kletterten.

Der wrdige Richter rieb sich die Hnde.

Vier Tage Zwangsarbeit im Straenbau! verkndete er. Das Gericht
ist geschlossen!

Ich fiel beinahe um.

Einen Moment, sagte Billy, darf ich in die Tasche greifen?

Jawohl.

Billy holte eine Handvoll Dollarnoten hervor, die der wrdige Richter
berrascht betrachtete und sich darauf schleunigst wieder hinsetzte.

Die Gerichtssitzung ist wieder erffnet! sagte er.

Wir mssen uns illegalen Fahrens schuldig bekennen, begann
Billy; ich bitte jedoch, in Erwgung dessen, da wir nicht ohne
Geldmittel und nicht gemeingefhrlich, sondern nur auf Arbeitssuche
sind, auf eine Geldstrafe zu erkennen.

Zugestanden! erklrte der Friedensrichter sofort. Sagen wir einmal
6 Dollars fr den Mann!

Ein bichen viel, Euer Ehren -- fr Arbeitslose.

Hm -- sagen wir 10 Dollars fr alle drei?

Der Sheriff trat zum Richtertisch und flsterte etwas. Ich hrte
deutlich die Worte: bar Geld -- Tramps gibt's genug ...

Fnf Dollars Gesamtgeldstrafe, in Anbetracht der Umstnde! entschied
der Richter, und Billy bezahlte.

So! sagte Seine Ehren, das Geld einstreichend: Die Gerichtssitzung
ist geschlossen!

Der Sheriff fhrte uns wieder auf die Strae und meinte, es sei Zeit zum
Mittagessen. In seinem Hause knnten wir fr einen halben Dollar alle
zusammen ausgezeichnet essen! Als wir am Tisch saen, meinte Billy:

Kluge, gerissene Gegend hier, nicht, Mr. Sheriff?

Sehr!

Macht Ihr es immer so?

Hm, sagte der Sheriff gemtlich, das ist doch furchtbar einfach.
Wir bauen hier eine neue Strae un' haben verflucht wenig Geld dazu.
_Well_, un' wenn wir Tramps erwischen, mssen sie gratis arbeiten. Feine
Idee! Wenn die Zeiten gut sind, haben wir schon dreiig Mann in der
Woche gekriegt. Aber ich will verdammt sein, wenn Ihr nicht die ersten
seid, aus denen wir bares Geld herausbekommen haben!

Groartig! sagte Billy. Der Scherz ist beinahe fnf Dollars wert.
brigens -- wie heit denn dieses hoffnungsvolle, aufblhende
Gemeinwesen?

El Dorado, sagte der Sheriff.

Da lachten wir alle drei schallend auf.

Wenn ich mich einmal zur Ruhe setze, prustete Billy, dann komm'
ich hierher. Eine Stadt, in der man andere die Arbeit tun lt, die man
selbst tun sollte, ist wirklich ein Dorado. Ihr knntet euch doch zum
Beispiel auch euer Holz von gelegentlichen Vagabunden spalten lassen?

Das ist keine schlechte Idee, sagte der Sheriff. Aber wenn's
einmal bekannt wird, kommen sie nicht mehr hierher! setzte er betrbt
hinzu.

                  *       *       *       *       *

Sommer und Herbst waren dahingeschwunden in einem rastlosen Wirrwarr von
hastendem Dahinjagen und Arbeit. Durch groe Strecken von Colorado,
durch das sdliche Kansas, wieder nach Texas und nach Arkansas hinber
und zurck nach Kansas, hatte unser planloser Weg uns gefhrt.

In einem Steinbruch arbeiteten wir einmal; wir halfen Farmern dann und
wann, wir plagten uns einen Monat lang auf einer Sektion der
Kansaseisenbahn, wir schleppten Kohlenscke, wir arbeiteten in einem
Elektrizittswerk. Ein unendlich armes Leben wre es gewesen, wenn nicht
die Eisenbahn eine so wunderbare, immer neue Anziehungskraft ausgebt
htte. Und wenn nicht Billy mit seinem Humor, seiner Klugheit, dem
unbeschreiblichen Einflu, der von ihm ausging, uns zusammengehalten
htte. Aber ber ihn wie ber mich kam es in all den Trumen und all dem
Hasten oft wie ein Sehnen nach anderem Leben, und wir sprachen so manche
Arbeitsplne durch.

Zuerst Geld in den Hnden haben und dann mit dem Kopf arbeiten!

Das war der Grundzug seiner Ideen. Schlielich beschlossen wir, nach San
Franzisko zu gehen, das Billy gut kannte, und dort uns das Glck zu
erjagen; die Mittel zu ganz groen Wanderzgen, zu Aufregung und Erleben
im groen Stil. In Kansas war es, auf einer winzig kleinen Station der
Union Pazific, wo wir diesen Entschlu faten. Wir wollten ihn sofort
zur Ausfhrung bringen. Joe, der simple, Billy getreu wie ein Diener dem
Herrn, ging berallhin mit, ohne zu fragen und ohne sich im geringsten
um Dinge der Zukunft zu kmmern. Nach Westen also ging unser Weg.

In zwlf Tagen sptestens sin' wir in Frisco, sagte Billy, und
dort arbeiten zuerst nur Joe und ich, bis du uns wieder gesund geworden
bist. Langweilige Geschichte, krank zu sein. Tu's nicht wieder!

Denn ich war krank.

In fortwhrendem Fieber. Mein Gesicht war zitronengelb fast geworden,
wie das eines Chinesen, und von Tag zu Tag wurde ich schwcher. Ich litt
an Malaria. Die Keime der Krankheit hatte ich mir wahrscheinlich schon
in Texas oder vielleicht auch in den Sumpfgegenden des Staates Arkansas
geholt. Billy erkannte sofort, was mir fehlte. Tglich schluckte ich so
und soviele Pillen des einzigen Gegenmittels, das es gab, Chinin. Der
Tag fing mit Chinin an und hrte mit Chinin auf. Zuerst machte sich die
Krankheit auch kaum anders bemerkbar, als in der sonderbaren
Gesichtsfarbe, in Fieber und in Mdigkeit. Aber ich war so abgehrtet,
da ich mir aus dem bichen Fieber wenig machte. Das dauerte wochenlang.
Dann kam es ber mich wie Schlafsucht, und oft mute ich mich auf
gefhrlicher Fahrt gewaltsam wachhalten. Und dann packte mich der
Schttelfrost der Malaria.

Ein unangenehmer Geselle. Ich sa zusammen mit Billy und Joe in einem
Frachtwagen, als es mich auf einmal glhend hei berlief. Kaum eine
Sekunde spter schauderte ich in eisiger Klte, und die Zhne fingen mir
an zu klappern. Und dann schttelte und rttelte es mich, als sei ich
eine Ratte in den Zhnen eines Foxterriers. Mein Krper flog hin und
her; der Mund klappte auf und zu, ohne da ich ein Wort sprechen
konnte; Arme und Beine zuckten wie in Krmpfen. Da half kein Wollen,
keine Selbstbeherrschung. Der Begriff Schttelfrost ist viel zu bla und
schwach, um die Urgewalt solch' eines Malariafrostes wiederzugeben.
Wehrlos war man wie ein Kind. Die Beine trommelten auf dem Boden des
Wagens, der Krper wurde umhergeworfen. Und merkwrdigerweise versprte
ich dabei weder Schmerz noch ein besonderes Kltegefhl -- nur ein
willenloses Nachgeben jedes Muskels unter geheimnisvoll rttelnder Macht
-- ein Wundern, was das sein mochte, wie lange es dauern mochte.

Zehn Minuten whrte der Anfall, auf den Erschpfung und Mdigkeit
folgte.

Nun begann das Elend. Pnktlich jeden zweiten Tag, um die gleiche
Stunde, zur selben Minute fast wiederholte sich regelmig der Anfall
von Schttelfrost. Und in immer zunehmender Strke. Wenn es halb zwei
Uhr wurde je am zweiten Tag, so wute ich genau: Jetzt kommt mein treuer
Feind, der Schttelfrost! Da half weder Chinin, selbst in den
ungeheuerlichsten Dosen, noch Whisky in groen Gaben. Geschttelt mute
werden. Geschttelt, da ich oft meinte, die Glieder mten mir aus den
Gelenken gerissen werden; gerttelt, da Hren und Sehen mir verging. So
waren Wochen vergangen, Wochen von Frost und Fieber. Und immer schwcher
und elender wurde ich. Immer magerer. Immer gelber im Gesicht.

Aber ich lie es mir nicht merken, wie erbrmlich mir zumute war, und
freute mich wie ein Kind auf das sonnige Kalifornien. Tglich
verschluckte ich mehr Chinin und tglich mute ich mehr und mehr alle
Krfte zusammennehmen.

Da kam ein Tag im Sptoktober, der dem Trumen und dem Wandern ein Ende
machte. In der Nhe von Roville war es, auf einer kleinen
Wasserstation. Ich war sehr krank.

Der Expre war herangebraust. Billy und Joe sprangen auf die blinde
Plattform. Ich sprang neben ihnen her. Und in dem Augenblick, als ich
mich hinaufschwingen wollte, tanzte es vor meinen Augen wie tausend
Sterne, und in meinem Kopf schienen die Dinge zu wirbeln. Trotzdem
packte ich blindlings zu. Dann versprte ich einen Sto, einen Ruck und
kollerte die Bschung hinab. Ich hatte den Messinggriff verfehlt und war
gegen die Wand des Postwagens angesprungen ...

Zitternd an allen Gliedern richtete ich mich auf.

Nachdenken! Billy und Joe hatten natrlich nicht mehr abspringen knnen
und fuhren ohne mich weiter. Ich sah im Fahrplan nach. Der Expre fuhr
69 Meilen weit ohne Aufenthalt. Selbstverstndlich wrden Billy und
Joe auf jener Station auf mich warten. Also weiter mit dem nchsten
Zug! Der kam, ein Eilfrachtzug, in einer Stunde. Ich trank Wasser,
rauchte eine Zigarette. Aber mit einemmal, durch den Shock des
Herabgeschleudertwerdens wahrscheinlich, kam all' die mhsam verhaltene
Krankheitsschwche zum Ausbruch. Die Dinge schwammen mir vor den Augen.
Ich konnte kaum stehen, nur mit groer Mhe gehen. Als der Eilzug kam,
wollte ich mitfahren, fiel aber beim zweiten Sprung vorwrts schon hin.
Da wute ich, da ich sehr krank war und in meinem Zustand niemals nach
Kalifornien kommen wrde, und setzte mich hin und heulte zum
Steinerbarmen um meinen Billy. War ich doch nur ein kaum zwanzigjhriger
Junge!

Und ich dachte nach und dachte nach. Wenn ich Billy auch mit einem
Personenzug nachfuhr, so war es doch nur neuer Jammer. Ich war krank und
wrde ihm nur eine Last sein. Denken -- denken ... Ich starrte auf die
Karte, und in mein fieberndes Hirn schlich sich ein Gedanke ein:

Nach St. Louis! In eine ganz groe Stadt; in die Stadt, die im
Vorfrhling mein Ziel gewesen war. Mit dem Wandern war es ja aus; denn
wer kaum stehen konnte, der mute weg vom Schienenstrang, der Kraft und
Mut erforderte.

Billy! Billy!!

Keinen einzigen Augenblick lang beschftigte mich der Gedanke, was ich
in St. Louis anfangen wrde. Solche Dinge waren dem Mann im Fieber
unendlich gleichgltig! Ich wute nur, da es aus war -- aus. Keine
Schnellzge mehr; kein Springen. Und da ich nach St. Louis wollte!

Mit vieler Mhe schlich ich nach der Station hinber und fragte, was
eine Fahrkarte nach St. Louis kosten wrde. Die Entfernung war
verhltnismig gering, kaum 400 Meilen.

Siebzehn Dollars, sagte der Agent.

Bitte! Wann geht der nchste Zug?

4 Uhr 32 Minuten.

Das war in kaum einer Stunde. Ich bezahlte, und wenige Dollars blieben
mir brig. Dann verschluckte ich eine Chininpille nach der andern und
versuchte zu rauchen. Und dann sa ich auf einmal auf weichem Polster
und trumte todmde im Halbschlaf in mich hinein, in einer einzigen
Vorstellung, in einem einzigen Gedanken.

Billy!

Immer wieder sah ich den Mann mit den leuchtenden Augen vor mir; ihn,
den ich vergtterte wie nur Jugend vergttern kann. Kein hliches Wort
-- keinen hlichen Gedanken hatte ich je von ihm gehrt. Denn dieser
Mann, hart an der Linie wandernd, die den ntzlichen Menschen und den
Vagabunden scheidet, war ein ganzer Mann[A]. Stolz und vornehm und frei.
Und der fiebernde junge Mensch da im Schnellzug schluchzte in sich
hinein --

Die Welt war rmer geworden fr ihn.


[Funote A: Nicht ganz zwei Jahre spter traf ich Billy wieder, auf
Kuba, im spanisch-amerikanischen Krieg -- Mr. Billy van Straaten,
Leutnant in einem Freiwilligen-Regiment. Die Episode wird in dem zweiten
Teil meiner amerikanischen Erinnerungen und Eindrcke geschildert
werden. E. R.]




Die Armen und Elenden von St. Louis.

     Bei den guten Samaritern. -- Allein in der Riesenstadt. -- Am Ufer
     des Mississippi. -- Vom Grauen und von der Scham. -- Eine Orgie in
     der Hlichkeit. -- Der Menschenpferch. -- Auf Arbeitssuche. -- Im
     Reich der kupfernen Tpfe. -- Die Miniaturhlle des Palasthotels.
     -- Das Glckchen der Neugierigen.


Der Schnellzug brauste in die weite Bahnhofshalle von St. Louis. Sehr
langsam, sehr vorsichtig, denn die Glieder waren mir schwer und trge
wie Blei, stieg ich aus und wurde von der nach den Ausgngen flutenden
Menschenmenge erfat und weitergeschoben; den Bahnhofssteig entlang,
durch eine Vorhalle in eine breite Strae. Menschen hasteten vorbei,
Wagenwirrwarr zog dahin. Mechanisch ging ich vorwrts, guckte in
Ladenfenster, betrachtete das Straenbild und bog in einen weiten,
ruhigen Platz ein. Mein Kopf fieberte. Das Gehen wurde mir schwer. Ich
versuchte, zu berlegen, was ich nun zunchst tun mte, war aber so
gleichgltig und mde, da der Gedankengang immer wieder in ein Nichts
zerflo. Langsam schlenderte ich dahin. Da berrieselte mich ein
Schauer, eiskalt, dann ein siedendheies Wallen, und nun packte mich der
Malariafrost, da mein Krper zuckte und hin und her geschleudert wurde,
whrend ich mich krampfhaft an einem Laternenpfahl festhielt --

Was ist denn los? fragte eine Stimme, die mir von weither zu kommen
schien, und ein riesengroes blaues Etwas tauchte neben mir auf.

Sind Sie krank?

Das blaue Etwas war ein Polizist, einen Kopf grer als ich, der
erstaunt auf mich niederguckte. Ich wollte antworten, konnte es aber
nicht vor Geschtteltwerden und Zhneklappern.

Krank is' er! sagte der Polizist. Werden wir gleich haben. Umarmen
Sie nur die alte Laterne, mein Junge -- halten Sie sich fest. In einer
Minute bin ich wieder da. Geh' nur zur Telephonbox.

Sie hat's ordentlich, meinte er, als er zurckkam.

Ich wollte lcheln, nicken, aber es ging nicht. Glockengerassel ertnte,
Hufschlge galoppierender Pferde donnerten, hilfreiche Hnde erfaten
mich und schoben mich zwischen weiche Kissen. Und dann fand ich mich auf
einmal in einem kleinen Zimmerchen, auf weichem Lehnstuhl. Eine Gestalt
im weien Linnenmantel des Arztes beugte sich ber mich, mir mit einem
Elfenbeinstbchen die Haut am Oberarm ritzend.

Da wren wir ja! sagte der junge Arzt. Sie stellen den schnsten
Fall von Schttelfrost dar, junger Mann, der mir seit einiger Zeit
vorgekommen ist. Aber wer wird denn gleich in Ohnmacht fallen! Schon
mehrere Male Schttelfrost gehabt?

Seit sechs Wochen -- jeden zweiten Tag. Wo bin ich eigentlich?

Oho! rief der Arzt und pfiff durch die Zhne. O -- ho!! Sie sind
im ffentlichen Hospital von St. Louis, junger Mann, und augenblicklich
werden Sie geimpft. Er strich die Lymphe ein. Wir werden Sie
grndlich ausleeren, mein Junge, und Ihnen diese Malariadummheiten schon
austreiben!

Die nchsten Tage waren ein einziges langes Schlafen, mit Bildern
dazwischen von Krankenschwestern, die mir Medikamente einflten und
Milch gaben. Nur schlafen, schlafen. Dann kamen die Tage der Genesung.

Sie sind nun kerngesund, lchelte der junge Arzt, als ich nach drei
Wochen zur Entlassung in das Bureau des Krankenhauses gefhrt wurde.
Stark und krftig! Viel Glck! Wenn Sie einmal reich geworden sind,
mein Junge, schicken Sie uns netten Leuten vom ffentlichen Hospital
einen fetten Scheck. So! Nun schlagen Sie sich mit der Welt da drauen
herum, Sie leichtsinniger Teutone, und lassen Sie es sich mglichst gut
gehen. _In rebus adversariis_ -- oder wie heit es? Halt -- als einem
Geistesbruder in Latein und Griechisch will ich Ihnen noch etwas
zeigen.

Er holte aus einem Schrank mit vielen Fchern eine nummerierte
Glasplatte hervor, schob sie unter das Mikroskop auf seinem Arbeitstisch
und lie mich durchgucken. Was sehen Sie? fragte er.

Einen runden Kreis, antwortete ich; wei, rosa an den Rndern, und
in der Mitte rostbraune kleine Pnktchen und Striche.

Ganz richtig. Was ist das wohl?

Ein mikroskopisches Prparat.

Natrlich. Der runde Kreis ist ein Blutstropfen, und zwar ein
Trpfchen Ihres Blutes, mein Junge, und die Punkte und Striche, die Sie
ganz richtig rostbraun nennen, sind die Malariaparasiten, die in Ihnen
rumorten! Denen haben wir den Garaus gemacht!

... Es war ein sonniger Nachmittag in den ersten Novembertagen, klar und
kalt, als ich aus der Pforte des Hospitals wieder in die Welt
hinaustrat. Trbselig schaute ich an mir hinunter. Die barmherzigen
Samariter in dem ziegelroten Gebude dort hatten in einem Punkt ein ganz
klein wenig gesndigt; in einer Kleinigkeit, aber in einer wichtigen
Kleinigkeit. Meine Kleider waren, wie es nach der Vorschrift geschehen
mute, in Dampf desinfiziert worden und sahen nun betrblich aus; so
zerknittert und ungebgelt, da ich mir zerzaust vorkam wie Freund
Struwwelpeter aus dem Bilderbuch. Dazu waren meine Taschen leer, bis auf
Kleingeld -- weniger als ein Dollar, und so hie es sofort Arbeit finden
in der groen Stadt.

Ein gesunder Mensch, der keine Arbeit findet, ist entweder bodenlos
dumm, oder auf eine bestimmte Art von Arbeit versessen, die es im
Augenblick eben nicht gibt! hatte Billy immer gesagt.

Gesund war ich wieder und fr bodenlos dumm hielt ich mich nicht. Es
mute gehen! Freilich, der junge Mensch, der viele Monate lang da
drauen im weiten offenen Land gelebt und nur fr simple Menschen
gearbeitet hatte, fhlte sich fremd zwischen den ungeheuren
Wolkenkratzern, den eleganten Lden, den hastenden Leuten. Es war nicht
gar so einfach, da den Hebel anzusetzen. Die Stunden zerrannen.

Ich war eine sich senkende abschssige Strae hinabgegangen, eine
menschenwimmelnde, schmutzige Strae, mit Hunderten von kleinen Lden,
und stand nun an ihrem Ende, vor einer Hlle von Lrm und Arbeit.
"Levee" hie es auf dem breiten Straenschild an der Ecke.

Ein schmutzig gelber Strom, riesenbreit, wlzte trge seine Wassermassen
dahin, in einem Getmmel von Dampfbooten mit vielen Stockwerken, die
eines hinter dem andern den Kai sumten. In der Ferne ragte das
Stahlwerk von Brcken empor. Tausende, Abertausende, Millionen von
Scken und Fssern und Kisten waren lngs der Dampfer aufgestapelt, und
dazwischen huschten mit polternden Karren Tausende von Menschen hin und
her. Ein lrmender Wagenverkehr erfllte die Levee, die sich
unbersehbar weit den Flu entlang hinzog mit ihrer Huserreihe und der
rauchqualmenden Linie von Dampfern den Husern gegenber. Ehrfurchtsvoll
fast starrte ich auf die Fluten dieses Stromes der Strme -- als Bub
schon war mir sein tnender Name etwas Geheimnisvolles gewesen:
Mississippi. Ich schaute und staunte und trieb mich in dem Lrm umher.
Meine Not verga ich ganz, bis Schneeflocken zu fallen anfingen und in
beginnender Dunkelheit die Huserreihe drben in grellem elektrischem
Licht aufflammte. Es wurde immer klter. In einem Restaurant, das mit
groen roten Buchstaben im Schaufenster versprach, fr 10 Cents eine
Mahlzeit zu liefern, a ich ein "Lammhach" und trank eine Tasse
Kaffee --

Du mut Geld haben! Du mut Arbeit finden! Was htte ich nicht darum
gegeben, wre nun Billy neben mir gesessen -- er, der Schwierigkeiten
weglchelte und immer genau wute, was zu tun war, und wie man die Dinge
anpacken mute. Verstohlen zhlte ich mein Geld. Es waren 70 Cents.
Einen Augenblick lang wollte es mich berkommen wie lhmender Schrecken,
dann gab ich mir einen Ruck: Der morgige Tag mute Arbeit bringen. Bei
Tagesanbruch mute ich auf den Beinen sein und so lange suchen und so
lange fragen, bis ich etwas fand.

Als ich aus dem warmen Raum wieder hinaustrat in den wirbelnden Schnee,
fror ich erbrmlich. Es war bitterkalt da drunten am Mississippiufer.
Schon wollte ich einen Polizisten aufsuchen, um mich nach billiger
Unterkunft zu erkundigen, als mir ein grelles Transparent auffiel, ber
einem Hauseingang angebracht, aus dem es hervorleuchtete: _Lodging! 10
cents, 15 cents, 25 cents!_ Einen Augenblick lang zgerte ich. Wute ich
doch von Billy, da in derartigen Logierhusern, in denen man fr wenige
Cents schlafen konnte, der Abschaum der Grostadtmenschheit sich
herumtrieb. Aber es war ja nur fr eine Nacht. Ich trat ein. Im Hausflur
hing ein zweites Transparent, eine Hand mit ausgestrecktem Finger, die
zu einer Tre an der Seite hinwies.

Rauchiger Qualm schlug mir entgegen, als ich die Tre ffnete, stickig,
atemraubend, verpestet; ein Hllenbrodem von Menschenausdnstung,
furchtbar berheizter Luft und schalem Tabaksrauch. Auf einem Stuhl
neben dem Eingang sa ein Mann in Hemdsrmeln, der krachend die Tre
hinter mir zuwarf, als ich eingetreten war; unter rgerlichem Gebrumm
ber die verdammte kalte Luft da drauen.

Zahlen! sagte er und streckte mir die Hand hin. Zehn Cents!

Fr meine beiden Nickel bekam ich ein schmutziges Pappstck, die
Quittung, die mich berechtigte, ber Nacht hier zu hausen.

Kannst hier sitzen oder gleich nach hinten gehen un' dich
hinschmeien, murmelte er. Wie dir's verdammt angenehm ist!

Eine Petroleumlampe mit rugeschwrztem Schutzglas hing an der Decke,
und ihr trbes Licht schimmerte in sonderbarem, bald gelblichem, bald
rtlichem Schein durch die grauen Massen von Rauch und Dunst hindurch.
Zwei lange Tische standen in dem mchtig groen Raum, und auf den Bnken
vor ihnen saen viele Menschen. An einer Bar im Hintergrund hantierte
ein altes Weib, emsig beschftigt, in riesengroe Glser Bier
einzuschenken. Alles schrie und lachte und fluchte durcheinander.
Erstaunt, entsetzt war ich am Eingang stehengeblieben und sah
gedankenlos einem schmierigen Menschen zu, der neben mir am Boden
hockte, sich den Rock ausgezogen hatte und fluchend die Riemen losband,
mit denen sein linker Arm fest an die Krperseite geschnallt war.

Was beim Teufel gibt's hier zu schauen? fuhr er mich endlich an.
Heh? Hast noch nie 'ne angebundene Pfote gesehen?

Da begriff ich. Der Mann war ein Scheinkrppel; ein Bettler, der ein
Gebrechen heuchelte.

Mein erster Impuls war, wieder umzukehren. In den Boden hinein htte ich
mich schmen mgen. Dann dachte ich an die Klte drauen und an die
wenigen Pfennige in meiner Tasche. Es mute ertragen werden -- doch eine
Nacht nur, das schwor ich mir. Um nicht allzusehr aufzufallen durch
Stehenbleiben, setzte ich mich auf die Ecke der nchsten Bank, wo noch
ein Pltzchen frei war, und zndete mir mechanisch eine meiner letzten
Zigaretten an. Wenn man nicht rauchte, war es nicht zum aushalten in
dieser Luft.

So war ich nun mitten unter den Armen und Elenden der Riesenstadt am
Mississippi, anstreifend an einen Menschen mit aufgedunsenem Gesicht,
dessen Rock in Fetzen an ihm herabhing und der sich die Hnde wohl lange
nicht mehr gewaschen hatte, so schmutzig waren sie. Ich wute wenig
damals von Armut und Elend, von ihren Ursachen und Wirkungen; ich mag
unduldsam gewesen sein, wie es die empfindliche Nase und die
empfindlichen Ohren reinlicher Jugend sind -- aber mir schien es, als
htte ich in meinem jungen Leben noch nie etwas so Furchtbares gesehen,
etwas so Erbrmliches wie diese Mnner in diesem Raum. Von Schmutz
starrten alle. Die zerschlissenen Kleider, die eingebeulten Hte kamen
mir grotesk vor, unnatrlich und hlich nicht zum sagen. Ein Grauen
packte mich -- man mu lter sein, als ich es damals war, um die
rmsten der Armen mit verstehenden Augen betrachten zu knnen. Die
Sprache, die ich hrte, war widerlich wie ein verfaulendes Ding.

Eh -- du! -- Sohn einer Hndin -- hast 'n verfluchtes Zndholz?
fragte da einer den andern.

Die Antwort ist nicht wiederzugeben. Das Wort vom Sohn einer Hndin
wurde von jedermann gebraucht; es ging von Mund zu Mund, als sei es ein
Kosename der Brderschaft der Elenden. Ich kannte den Ausdruck wohl; in
Texas und im Westen, wo Fluchen und Derbheit zu Hause sind und es keinem
Menschen einfllt, selbst den strksten Ausdruck belzunehmen, galt
dieses Wort als das Unsagbare, als ~die~ Beleidigung. Wer "_son of a
bitch_" sagte, wollte bis aufs Blut weh tun und -- griff gleichzeitig
nach dem Revolver. Das Wort hat schon manchen Todschlag verschuldet. Und
hier wurde es grinsend gesprochen und mit Lachen angehrt. Die Flche
jagten sich. Es war eine Orgie in Hlichkeit fr Auge und Ohr ...

Nix gemacht heute, heh? fragte mich der Zerlumpte neben mir. Soll
ich dir ein Glas Bier bezahlen? Ja -- 's ist hart genug im Winter in
dieser verdammten Stadt!

Ich murmelte irgend etwas ber einen kranken Magen, der kein Bier
vertragen knne, und gab ihm eine Zigarette, staunend ber seine
Gutmtigkeit. Scham gab es hier nicht. Da und dort sah ich ein bleiches
stilles Gesicht unter den lachenden und schreienden Menschen; die
meisten aber der Gste des Zehn-Cent-Hotels machten sich entschieden
keine Kopfschmerzen ber ihre jmmerliche Lage. Sie nahmen auch kein
Blatt vor den Mund. Der Mann mir gegenber erzhlte grinsend von
jdischen Bckern in einer Strae des Judenviertels; sei der Mann da, so
bekomme man frisches Brot, sei die Frau da, so gebe es ein Nickelstck
obendrein. Ein anderer meinte, man msse in die vornehmen Lden gehen;
da bekme man schon etwas, nur, damit sie einen los wrden. Da es ein
Kinderspiel sei, sich 's Futter zu besorgen, darin stimmten alle
berein, nur bares Geld fr Schlafen und einen Schluck sei rar.... Ihr
Elend und ihr Betteln waren diesen Armen selbstverstndliche und
notwendige Dinge. In mir stritten sich alle mglichen Empfindungen, und
mehr als einmal wollte ich hinauslaufen in die Klte und wieder allein
sein; doch der Trieb nach Wrme und Schlaf war strker als der
Widerwille.

Nach und nach wurden die Tische leer. Eine unbeschreibliche Mdigkeit
kam ber mich, und zgernd ging ich nach hinten, dorthin, wo alle
hingingen -- dorthin, wo der Schlafplatz sein mute.

Und blieb entsetzt stehen.

Mitten in einem groen Raum leuchtete der rotglhende Bauch eines
gewaltigen eisernen Ofens. In einer Ecke hing eine schmutzige Laterne.
Der Boden war wie berst mit Menschen, die da in langen Reihen lagen,
dort in dichten Klumpen zusammengepackt schienen; in der Mitte des
Zimmers, den Wnden entlang, berall. Nur um den glhenden Ofen war ein
schmaler Kreis freigeblieben, und die Mnner, die dichtgedrngt am
Rande dieses Kreises lagen, hatten sich halbnackt ausgezogen. Bndel von
Kleidern und Stiefeln dienten ihnen als Kopfkissen. Seite an Seite
schliefen sie, Kopf an Kopf und Kpfe gegen Fe; in einem Wirrwarr von
Leibern, der grauenhaft dicht war in der Nhe des heien Ofens und sich
ein wenig lichtete gegen die Wnde zu. Die Pltze nahe dem
glutstrahlenden Ungetm waren wohl am begehrtesten um ihrer Wrme
willen. berall auf dem Boden lagen Zeitungen herum, die Matrazen
dieses Schlafraumes, und Zeitungen waren es, mit denen die Schlafenden
sich zugedeckt hatten. Die Mnner sthnten im Schlaf; sie schnarchten,
sie wlzten sich hin und her. Da fluchte einer ber irgend etwas, hier
kroch ein neuer Ankmmling auf Hnden und Fen ber die Leiber hinweg,
sich ein Pltzchen in der Menschenreihe suchend. ber die Armen und
Elenden hin sandte der glhende Ofen heie Luftwellen, und in seine
unertrgliche Hitze mengten sich die Dnste von Menschen und Kleidern
und der Geruch von Bier und Rauch des ueren Raumes. Ein Stall war
dieses Zimmer; ein Menschenpferch, dessen Luft beizend in Augen und
Lungen drang.

Ich stand und starrte, und immer neue Menschen drngten sich an mir
vorbei und plumpsten wie Scke nieder, wo noch ein bichen Raum war
zwischen den Leibern. So mde war ich -- so mde. Und dann verga ich
Nacht und Mdigkeit ber dem entsetzlichen Raum und flchtete endlich
wie einer, der vor ansteckendem Pesthauch flieht.

_Hell!_ Wohin willst du? fragte der Mann an der Tre. Der Teufel
soll das 'rein und 'rauslaufen holen!

Hinaus!

Ist kein Platz mehr drinnen?

Doch! sagte ich, wider Willen lachend. Aber nicht fr mich. Ich
will lieber die ganze Nacht herumlaufen, als da drinnen schlafen. Und
jetzt geben Sie die Tre frei, sonst --

Langsam, immer langsam! grinste der Mann. Fr 25 Cents mehr
kriegst du 'n Bett, und fr 50 Cents will ich dir's frisch berziehen.

Zuerst mu ich es sehen.

Warum denn nicht; Geschft ist Geschft.

Er fhrte mich eine Treppe empor, in einen kleinen Verschlag mit
eisernem Feldbett, und brachte frische Leintcher und einen neuen
Kissenbezug. Ich zahlte das Geld; meine letzten Pfennige. Als er
gegangen war, zog ich die Oberkleider aus, wickelte mich in die
Leintcher und schlief auf dem Boden. Dem Bett traute ich nicht. Es war
eisig kalt, aber durch die zerbrochene Fensterscheibe drang doch frische
Luft. Und man war allein.

Nie wieder eine solche Nacht in einem solchen Haus! war mein letzter
Gedanke. Lieber in den Flu springen da drben!

Auf einmal fiel mir ein, da in meiner Tasche ja noch meine Uhr steckte.
Da kam ich mir frmlich reich vor -- --

Stockfinster war's noch, als ich frierend aufwachte am nchsten Morgen
und beim Schein eines Zndhlzchens auf die Uhr sah. Sechs Uhr. Auf der
wassergefllten Waschschssel in der Ecke hatte sich eine dicke
Eiskruste gebildet, und das Stckchen Seife in der Schale war so fest
angefroren, da ich es mit dem Messer loslsen mute, aber das eiskalte
Wasser erfrischte den Krper unbeschreiblich. Unten in dem Zimmer mit
den langen Tischen und den vielen Bnken waren die Fenster geffnet und
frische kalte Luft strmte herein. Hinter der Bar stand das alte Weib
von gestern abend.

Guten Morgen! sagte sie. Der Vogel, der frh aufsteht, erwischt
den Wurm, heh? Von denen da drinnen rhrt sich keiner vor acht Uhr; dann
mssen sie aber 'raus, weil Joe die Fenster aufmacht und mit der
Giekanne kommt, hih, hih!

Guten Morgen! antwortete ich und wollte gehen, aber sie stellt eine
groe Schale dampfend heien Kaffees vor mich hin und brummte:

Bettgste kriegen 'n Kaffee gratis -- besonders, wenn's solche Narren
sind, die Joe fnfzig Cents fr ein Bett zahlen, das blo fnfundzwanzig
kostet!

Und diese fnfzig Cents waren mein allerletztes Geld gewesen! Ich lachte
laut auf und dankte leise den guten Gttern fr die angenehme
berraschung des warmen Kaffeetranks.

Arbeit suchen!

Es war hell und klar und sonnig und bitterkalt drauen auf der Strae.
Eine breite Mauer von Schnee, fnf, sechs Fu hoch, trmte sich
weiglitzernd neben dem Fugngerweg auf, soweit man sehen konnte, und
Scharen von Mnnern mit Schneeschaufeln und Besen waren eifrig dabei,
diese winterliche Mauer immer hher zu bauen. Es bedurfte wahrlich
keiner besonderen Intelligenz, um hier die Arbeitsmglichkeit zu
erkennen.

Verzeihen Sie -- sagte ich zu dem baumlangen Aufseher, der, die
Pfeife zwischen den Zhnen und die Hnde in den Taschen, durch
Kopfnicken die Schar leitete, entschuldigen Sie -- aber kann man hier
noch ankommen? Ich suche Arbeit.

Dann suchen Sie am falschen Platz, antwortete er. Schneeschaufler
werden punkt sechs Uhr morgens im kleinen Hof des Rathauses
angenommen.

Ich brauche aber sofort Arbeit.

_Well_ -- das is' Ihre verdammte Affre. Wenn's heute weiterschneit,
kann ich Sie morgen frh anstellen. Jetzt nicht.

So begann die lange Arbeitssuche, das Laufen und Suchen den ganzen Tag
hindurch. Zweimal lief ich die ungeheure Mississippifront auf und
nieder, fragte gewissenhaft jeden Arbeitsplatz ab, sprach mit Hunderten
von Menschen und log erschrecklich ber meine Arbeitsfhigkeiten.
Zwanzig, dreiigmal wiederholte sich das gleiche Frage- und
Antwortspiel:

Knnen Sie mit schweren Kisten umgehen?

Jawohl -- ausgezeichnet!

Erfahrung gehabt darin?

Massenhaft! (Das war eine eklatante Unwahrheit ...)

Schn -- dann melden Sie sich am Montag frh um sieben Uhr!

Immer wieder erhielt ich diese Antwort. Arbeitsgelegenheit schien in
Mengen da zu sein; nur war diese boshafte Arbeitsgelegenheit stets so
eigentmlich, sich immer erst in einigen Tagen materialisieren zu
wollen. Zwar gab dies Trost und Hoffnung, war aber entschieden
unpraktisch fr ein Menschenkind, das seinen letzten Pfennig verschlafen
hatte. Ich fragte und fragte. An Vorarbeiter wandte ich mich bald nicht
mehr, denn die erkundigten sich sofort, ob ich dem "Verbande", der
Gewerkschaft, angehre und wurden grob, wenn ich verneinen mute. In den
Bureaus wurde ich entweder abgewiesen oder auf den Montag (den ich
nachgerade zu hassen anfing) bestellt. So gab ich, es war schon fast
Mittag, der Mississippilevee meinen Segen und schlich hungernd und
frierend hinauf nach dem Stadtzentrum. Im Vorbeigehen bat ich einen
dicken Polizisten, der sehr gutmtig aussah, um Rat.

Heiliger Sankt Patrik, sagte der, andere Leute haben auch kein
Geld und andere Leute mchten auch Arbeit haben. Da soll der Kuckuck
raten. Reden Sie und fragen Sie Gott und die Welt, und dann fangen Sie
wieder von vorne an!

Und ich redete!

In dem Stadtviertel, das die Levee mit dem Geschftszentrum verband, lag
Fabrik an Fabrik, und Fabrik auf Fabrik suchte ich ab mit dem
stereotypen: Ich suche Arbeit! Hier waren die Leute grob und
schttelten die Kpfe, ohne sich die Mhe eines gesprochenen Nein zu
geben; dort fragte man mich zehn Minuten lang neugierig aus, um dann
achselzuckend zu bedauern. Dort sollte man in einer Woche wiederkommen.
Es war ein Straenwandern und Fragen zum Herzzerbrechen. Die Mdigkeit
kam und der Hunger machte sich immer bemerkbarer. So hungrig wurde ich,
da ich geradezu Schmerz empfand, wenn ich im Vorbeigehen in die
Schaufenster von Bckereien und Delikatessengeschften guckte; so
hungrig, da ich immer wieder und wieder krampfhaft nach der Uhr in
meiner Tasche fhlte und mit dem Gedanken liebugelte, da das kleine
tickende Ding die schnsten Mahlzeiten in sich barg. Aber ich empfand,
da ihr Wert das letzte war, das vom Nichts trennte, und bi die Zhne
zusammen. Weiter suchen! Mir war, als sei ich mutterseelenallein
zwischen den ungeheuren Gebuden, den himmelragenden Wolkenkratzern, die
da die Lehre von der Kunst des Dollarjagens hinausschrien in die Welt;
allein in dem Gewhl von Menschen, die hastig vorwrtsstrebten, als
wisse jeder von ihnen ganz genau, was er tun msse. Nur ich, ich allein
unter den Tausenden, wute das nicht. Hart sahen die Mnner und die
Frauen aus, gleichgltig. Selbstbewut aber vor allem; so selbstbewut,
da mir jedes scharfgeschnittene Gesicht und jedes klare Auge ein
Vorwurf zu sein schien: Weshalb bist du denn so hilflos -- warum kannst
du nicht was wir knnen! Erbrmlich klein kam ich mir vor. Und
erbrmlich hungrig.

Ich wanderte wieder der Levee zu. In den Wolkenkratzern, in den
eleganten Lden, im Stadtviertel der Banken -- da hatte ich nichts zu
suchen, denn ich kannte den Wert von Geld und uerer Erscheinung; mein
zerknitterter Anzug, meine Geldlosigkeit bedingten, das wute ich recht
gut, primitive Arbeit mit den Fusten. Der Abend war hereingebrochen,
und fast instinktiv sphte ich in dem Lichtermeer der Straen nach den
drei vergoldeten Kugeln, die in Amerika ein Pfandgeschft bedeuten.
Essen -- schlafen -- und dann aufs Rathaus morgen in aller Frhe zum
Schneeschaufeln. Da trat dicht vor mir, aus einer Seitentre eines
riesengroen Gebudes aus mchtigen Sandsteinquadern ein Jngelchen in
dunkelgrnem Pagenanzug mit goldigen Borten und goldigen Knpfen, eine
Zigarette in seinem Kindermund, und nagelte mit groer Bedchtigkeit ein
Plakat an die Mauer: _Man wanted in kitchen._

Gesucht ein Mann fr die Kche ...

Was ist das? fragte ich das Kind.

Dies ist der Seiteneingang zum Palacehotel, antwortete der
Pagenjngling. In der Kche brauchen sie einen Mann zum
Geschirrwaschen. Knnen Sie nich' lesen?

Der Mann bin ich! sagte ich. Nimm das Ding nur wieder herunter von
der Wand! Und nun zeig' mir den Weg, mein Sohn! Die Ttigkeit des
Geschirrwaschens erschien mir zwar einigermaen komisch. Aber es war
Arbeit, und Arbeit brauchte ich.

Kommen Se mit, sagte das Kind mit einem herablassenden Kopfnicken,
denn in seiner Weltvorstellung stand ein Hotelpage natrlich turmhoch
ber einem angehenden Geschirrwscher.

Und in fnf Minuten war ich von einem pompsen Kchenchef, der englisch,
deutsch und franzsisch wirr durcheinander sprach und ein quecksilbernes
Bndel von empfindlichen Nerven schien, in aller Form als Tpfeputzer
Nummer 2 des Palasthotels angestellt. Arbeitszeit von 6 Uhr abends bis 6
Uhr morgens, Essen und Wohnen frei, dreiig Dollars im Monat, Abgang von
der Stelle nur am 17. eines jeden Monats ...

Die Kche der Riesenkarawanserei, die sich Palasthotel nannte, wre
jeder Durchschnittsfrau als der siebente Himmel von silberfunkelnder und
kupferglnzender Kchenschnheit erschienen; jede Frau htte den
ungeheuren Herd, die Kche in schneeweien Anzgen, die blitzende
Sauberkeit berall staunend bewundert. Jeder Durchschnittsmann aber wre
vor dem Getriebe nervser Hast in dieser Kche entsetzt geflchtet! Ich
wenigstens hab' mir aus dem Arbeitsmonat in jenem Kchenreich einen
unbezwinglichen Widerwillen gegen alles, was Koch heit, mit
hinbergenommen ins Leben. Diese Kche waren eitel wie die Pfauen,
nervs wie hysterische Weiber und unverschmt wie reiche Parvenus. Sie
zankten sich untereinander in einem endlosen Geschnatter von Franzsisch
und Englisch und Deutsch und Italienisch, und verfluchten sich
gegenseitig in alle Tiefen der Hlle, bis der gromchtige Kchenchef
aus seinem Privatbureau trat. Dann schwenzelten sie devot um die
Majestt der Kche herum.

Mir bedeutete das kleine Gemach an der Kchenseite, in dem ich arbeiten
mute, mit seinen ewig nassen Steinfliesen und seinen marmornen
Putzbecken von allem Anfang an eine Miniaturhlle, die in alle Ewigkeit
dazu verflucht war, in heien Dampf gehllt zu sein und ein immer sich
erneuerndes Chaos von ruigen Kupferkesseln und Kasserolen und Tpfen in
allen Gren und Formen zu beherbergen. Man kam sich vor wie Sisyphus --
gegen Unmglichkeiten anarbeitend. Ohn' Unterla rannten, wie aus
Kanonen geschossen, zappelige Kche in die Tre und warfen mit vielen
_Sapristis_ und _Nom de Dieus_ und _Hells_ mir ganze Kupferberge vor die
Fe, whrend ich im Schweie meines Angesichts mit harten Brsten und
scharfer Salz- und Essiglsung putzte und wusch. Es ist lustig, sich an
lcherliche Kleinigkeiten zu erinnern; ich verspre heute noch das
verzweifelte Entsetzen, das mich immer berschlich, wenn ich glcklich
den letzten von Hunderten von Tpfen blitzsauber hatte, und dann auf
einmal eine Hllenschar von Kchen Dutzende und Aberdutzende schmutziger
Kasserolen in meine Miniaturhlle feuerte!

So leicht die Arbeit an und fr sich sein mochte -- kein Faden blieb
einem trocken am Leib! Ich war Nummer zwei. Nummer eins, ein
Sdfranzose, arbeitete von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Um ein Uhr
nachts gingen die Kche nach Hause, und es wurde still in der
Riesenkche. Meine Arbeit aber begann eigentlich erst, denn von den
spten Theatersoupers war immer noch ein Regiment von Tpfen da. Dann
aber hie es, jedes Stckchen Metallglanz in der Kche putzen. Den Herd
entlang, der die ganze eine Lngswand einnahm, lief ein Anrichtetisch
aus solidem Kupfer, an die fnfzehn Meter lang. Der mute blitzblank
sein. Der Herd mute geschwrzt, seine Metallteile geputzt werden; die
Pfannen an dem Gerst ber dem Anrichtetisch sollten blinken und
leuchten und genau nach Gre geordnet sein. Da waren noch die
Messingbnder der Geschirrwaschmaschinen, ungeheurer Bottiche, in denen
Plattformen durch elektrische Kraft rotierten und die aufgestapelten
Teller und Platten mechanisch reinigten. Da waren die Kchenfliesen zu
waschen. Jede Minute der zwlf Arbeitsstunden mute ausgentzt werden,
wenn ich fertig werden wollte. Um 6 Uhr morgens dann schlich ich mich in
das winzige Zimmerchen im sechsten Stockwerk, in dem der Sdfranzose,
Nummer eins, und ich zusammen hausten, ohne uns jemals zu sehen als eine
Minute lang am Morgen und am Abend, wenn wir uns ablsten.

Heute noch kann ich kein Kupfergeschirr sehen, ohne mit Grauen an die
elegante Kche des Palasthotels und ihre Hllenarbeit zu denken! Diese
Kche war eine der Sehenswrdigkeiten des Hotellebens von St. Louis, mit
Stolz gezeigt -- aber unter Vorsichtsmaregeln. Wurden Besucher ins
Kchenreich gefhrt, so ertnte schrill eine elektrische Glocke. Das
Glckchen der neugierigen Affen wurde sie genannt. Ihr Schrillen war das
Signal zu vornehmem Dekorum. Die Kche lieen, wie durch Zauberspruch
gebannt, ab vom Schimpfen und Schnattern; die Mdels bei den
Geschirrmaschinen banden sich rasch frische Schrzen um und gaben sich
Mhe, recht niedlich auszusehen; ich mute die Tre zu meinem Putzreich
schleunigst zumachen. Und die neugierigen Affen sagten dem Chef
Schmeicheleien ber den lautlosen Betrieb ... Ich aber fluchte innerlich
und zhlte mir an den Fingern die Tage bis zum 17. Dezember ab und
wunderte mich, ob es denn Mnner geben knne auf dieser Welt, die
Tpfeputzen im Palasthotel lnger als einen Monat aushielten. Prompt um
9 Uhr morgens bat ich Seine Majestt den Kchenchef um eine Anweisung
auf die Hotelkasse.

Es ist merkwrdig, meinte der Chef, da wir mit dem Personal des
Putzraumes so hufig wechseln mssen. Die Arbeit ist doch leicht. Nun,
wenn Sie das Geld durchgebracht haben, knnen Sie wieder vorfragen.

_Thank you!_ sagte ich.

Als ich aber fr die Arbeit von fnf Wochen ein Bndel von
dreiundvierzig Dollarscheinen zrtlich in die Tasche steckte, mischte
sich in meine komische Wut auf jene Hlle kupferner Greuel leise
Dankbarkeit, und froh wie ein aus Qual Erlster zog ich meinen besten
Anzug an. Starkenbach hatte mir auf meine Bitte meinen Koffer ins Hotel
geschickt. Ein Zettel lag obenauf:

Viel Glck, lieber Freund! Wie gefllt Ihnen mein gutes altes St.
Louis? Lassen Sie es sich mglichst gut gehen und nehmen Sie dieses
putzige Leben nicht allzu ernst!

Da hatte ich laut aufgelacht. Wenn man Kupferkessel putzte, hatte das
Leben so gar nichts Putziges -- und was ich vom guten alten St. Louis
kannte, waren -- -- eine Miniaturhlle im krassesten Elendsviertel der
Stadt und eine andere Miniaturhlle in einer der vornehmsten
Karawansereien der hotelzivilisierten Welt.




Im Zeichen der Zeitung.

     Witwe Dougherty. -- Das Reich der Bcher. -- Kipling-Begeisterung.
     -- Ein Wegweiser des Kismet. -- Mein erstes literarisches
     Verbrechen. -- Der Beinbruch als Glckszufall. -- Ich werde
     Depeschenbersetzer bei einer groen deutschen Zeitung.
     -- Enthusiasmus und Neugierde. -- Aller Anfang ist leicht! -- Ein
     journalistisches Mdchen fr alles. -- Amerikanisches Deutschtum.
     -- Der Schwur gegen die Potentaten. -- Vom Sehen und vom Lernen.
     -- Wieder drauen in der kalten Welt. -- Reisefieber!


Die Frau mit den scharfen Linien im Gesicht und dem aus bser Erfahrung
geborenen Mitrauen der zimmervermietenden Sippe in ihrem Wesen sah mich
prfend von oben bis unten an und brummte:

Das Zimmer kostet zwei Dollars die Woche, junger Mann, und wer nicht
pnktlich vorausbezahlt, der fliegt!

Wie meinen Sie?

Fliegt, hopla, adieu -- die Witwe Dougherty vermietet ihre Zimmer
nicht zu ihrem Vergngen. Will aber nichts gesagt haben, Herr -- nur
mein Geld mu ich haben. Kohlen kosten zehn Cents der Eimer, und wenn
Sie kochen wollen, leih' ich Ihnen das Geschirr. Wer bar bezahlt, ist
der Gentleman! Nehmen Sie das Zimmer?

Bruder Leichtfu, sonnenfroh mit seinem Reichtum von dreiundvierzig
grnen Scheinen des Dollarlandes, bezahlte klglich gleich fr einen
ganzen Monat und richtete sich in einem von Witwe Doughertys winzigen
Zimmerchen huslich ein, den ersten Abend zwischen den eigenen vier
Wnden in unzhligen Zigaretten selig vertrumend. Elegant war er
wieder, der Lausbub, und Geld hatte er in der Tasche! Da war's kein
Wunder, wenn er sich blutwenig um Zukunftsplne und Zukunftsnte
scherte. Das Ringen um die Zukunft war im Grunde gigantisch einfach!
Furchtbar simpel!! Man -- jawohl, man -- nun, man ging eben nach dem
Rezept von Freund Starkenbach in einen Wolkenkratzer und lie sich in
den verschiedenen Kontors melden -- nun, und redete -- Das wrde sich
alles schon finden. Das hatte ja gar keine Eile! Die Welt war
wunderschn ...

Von einer Straenbahn in die andere kletterte ich am nchsten Morgen und
trank mit dem Selbstbewutsein, das in den guten Kleidern und in den
Dollarscheinen steckte, das Getriebe der Mississippistadt ein; das
hastende Straenbild, die himmelstrebenden Wolkenkratzer, den Wirrwarr
der Riesenstadt, bis der Zufall mich in das Gebude der ffentlichen
Bibliothek von St. Louis fhrte, in die Welt der Bcher.

Hunderttausende von Bchern fllten auf breiten Regalen die riesigen
Sle. Raffiniert eingerichtete Kartenkataloge im Vorzimmer gaben einen
ausgezeichneten berblick. Liebenswrdige junge Damen schafften in
wenigen Sekunden die Bcher herbei, deren Titel und Nummern man auf
einem Zettelchen aufgeschrieben hatte, und dann lockten die weichen
Lehnsthle in den eleganten Slen zum Lesen und zum Trumen.

Um 11 Uhr morgens war ich in die Bibliothek gekommen -- bis zum spten
Abend blieb ich, ohne an Essen und Trinken auch nur zu denken;
glckselig in der Bcherpracht. Und pnktlich in aller Frhe am nchsten
Tag war der Lausbub wieder da! Wie ein Hungriger verschlang ich Buch auf
Buch, als mte ich mich fr die langen Monate primitiven Lebens mit
einemmal entschdigen; wie Hans im Glck kam ich mir vor, wie ein
ausgetrumter bser Traum lag das Hantieren mit ruigen Kupferkesseln in
weiter Ferne. Es war so still und wohlig in den vornehmen Rumen! Und
die Bcher!! Wahllos las ich durcheinander, bald deutsch, bald englisch,
bald franzsisch; ja sogar die Schreckgespenster der Schulzeiten, die
Odyssee, der Cicero, waren Offenbarungen von Schnheit fr den
Exkesselputzer, dem das Rumoren in den klassischen Sprachen, das
Bewutsein der Bildung, wieder ein selbstbewutes Rckgrat gab.
Praktisch gedacht, war's bodenlose Zeitverschwendung -- auf die Straen
hinaus htte der leichtsinnige Strick gehrt, auf die Arbeitssuche htte
er gehen mssen! Statt dessen fra er ein Dutzend Romane im Tag, von der
Marlitt bis zum Sudermann, von den Indianern des guten Fennimore Cooper
bis zu den afrikanischen Geheimnissen Rider Haggards, mit einem Stck
Ilias und einem Kapitel Kant oder Schopenhauer dazwischen ... Eines der
Bcher, die am strksten auf mich wirkten, waren sonderbarerweise die
Erlebnisse eines Opiumessers von Thomas de Quincey; nicht um der
Opiumtrume willen, die mir manchmal sogar langweilig schienen, sondern
ob der unbeschreiblich schnen englischen Wortperlen. Ein gelehrter
sthet hatte da aus allen Sprachen der Welt Schnheiten geborgt und sie
kunstvoll hineingemengt in die Simplizitt der einfachen englischen
Sprache; ohne grndliche Kenntnisse des Lateinischen und Griechischen
wre es unmglich gewesen, das Buch zu verstehen. Und da war Kipling,
der Meister moderner englischer Schilderung, der in Worten malte und zum
Greifen deutlich darstellte; der Bilder von englischen Soldaten und
krasse Szenen indischen Lebens so in den Leser hineinzauberte, da man
sich im Mrchenland Indien heimisch fhlte, als htte man von
Kindesbeinen an dort gelebt. Der englische Zauberer, der bla und matt
wirkt, wenn man seine Wortkunst in andere Sprachen bertrgt, ist mir,
bald bewut, bald unbewut, auf Jahre hinaus das Vorbild geblieben;
seine farbensprhenden Soldaten waren es, die mir die Sehnsucht
einimpften, so wie er Menschen hinzustellen, die lebendig dastanden vor
dem Leser und eine ganze Klasse, eine Berufsart, einen Typ mit allen
Eigentmlichkeiten verkrperten; so wie er Gegenden zu schildern, da
man im lesen mit staunenden Augen Land und Leute vor sich sah, wie vor
einem Gemlde stehend.

Leichtsinn war's; unbeschreiblicher Leichtsinn, aber mir ist, als seien
die Tage in der Bibliothek von St. Louis Merksteine gewesen; Wegweiser
des Kismet, die Bruder Leichtfu auf neue Wege fhrten.

Wie ein pfennigfuchsender Geizhals sparte ich, um die Freuden der Bcher
ja recht lange ausdehnen zu knnen; kochte mir selbst Kaffee des
Morgens, trank mittags ein Glas Milch, a ein Brtchen irgendwo in der
Nhe der Bibliothek und kaufte abends ein wie ein guter Hausvater, um
dann auf dem winzigen eisernen Ofen zu kochen und zu braten. Gar oft
plagten mich freilich Gewissensbisse und ich nahm mir vor, am nchsten
Morgen aber ganz bestimmt die Wanderung in den Wolkenkratzern zu
beginnen. Kam jedoch dann der Morgen, so fand er mich sicher wieder vor
der Bibliothek, ums Portal schleichend wie die Katze um den heien Brei!
Nur noch einen einzigen Tag! Nur ein paar Bcher noch lesen! Nur ein
wenig noch!! Mochte der Kuckuck die Sorgen holen -- denn da oben war's
ja so schn, so schn ...

Aber wir schlieen um drei Uhr -- jetzt gleich, sagte lchelnd die
junge Dame am Bchertisch; wissen Sie denn nicht, da es heute
Weihnachtsabend ist, Sie unersttlicher Bcherwurm?

Da schlich ich mich betrbt nach Hause, und weil mir die Bcher gar so
fehlten, gab mir ein Teufelchen den Gedanken ein, selbst etwas zu
schreiben. Ein grliches Machwerk wurde es; eine weinerliche Geschichte
von einem deutschen Leutnant, der, in bitterer Armut zum Hotel der Armen
und Elenden am Mississippiufer gesunken, nach einem frchterlich langen
Monolog ber den Jammer der Welt und die Scheusligkeit der Dinge sich
im Schein des glhenden Ofens eine Kugel durch den gemarterten Kopf
scho ... Und da dieses Verbrechen einer Skizze mich natrlich in die
schnste Jammerstimmung hineinbrachte, so bedauerte ich mich aus
tiefster Seele ob dieses einsamen Weihnachtsabends und schrieb zum
erstenmal seit langer Zeit einen langen Brief an meine Mutter. Einen
weinerlichen Brief -- den ich am Christmorgen schamrot in hundert Fetzen
zerri mit dem Vorsatz, dann erst zu schreiben, wenn es mir gut gehen
wrde. Meinen deutschen Leutnant aber kopierte ich fein suberlich und
sandte ihn an die Redaktion der Westlichen Post, der groen deutschen
Tageszeitung von St. Louis.

                  *       *       *       *       *

Zitternd vor Aufregung sa ich auf dem wackeligen Stuhl neben dem
papierbersten Redaktionstisch und starrte dem Lokalredakteur in das
runde Gesicht mit den boshaft funkelnden uglein.

Ganz richtig! sagte der Lokalredakteur. Ich schrieb Ihnen, Sie
mchten vorsprechen. Also, (er kramte unter den Papieren auf dem Tisch
und zog mein Manuskript hervor) ich mu Sie vor allem darauf
aufmerksam machen, da nach den Regeln des praktischen Lebens ein armer
Teufel, dem die Zehen aus den Stiefeln gucken und dem der Hunger im
Magen beit, ein so wertvolles Besitztum wie einen Revolver nicht zum
Totschieen bentzt. Er verkauft ihn, Verehrtester! Lassen Sie also
Ihren deutschen Leutnant zum mindesten zuerst sein Schieeisen aufessen
und hngen Sie ihn dann an einem Strick auf. Oder werfen Sie ihn in den
Mississippi; das ist auch ein schner Tod! Waren Sie Offizier?

Nein.

Na, weshalb kaprizieren Sie sich dann auf Ihren Jammerlappen von
Leutnant? Weg mit ihm! Wissen Sie was -- wir wollen den selbstgemordeten
Unglcklichen noch einmal morden! (Ritsch, ging der Rotstift ber
meine schnen drei Seiten Einleitung.) Und was quatscht der Mensch
alles zusammen! (Ritsche, ratsche war mein langer Monolog beim
Kuckuck.) So! Nun haben wir den Stall gefegt, Verehrtester, und was
brig bleibt, ist die gute Schilderung eines Schlafhauses niederster
Klasse, die ich gerne bringen werde.

Beinahe wre ich umgefallen vor freudiger berraschung --

Nun wr' es mir aus besonderen Grnden lieb, fuhr er fort, wenn
Sie mir erzhlen wrden, was Sie in Malheurika eigentlich treiben!

... Hm, grinste er endlich, dieses Herumkugeln ist typisch. Es
geht den meisten so! Nun hren Sie: Unser zweiter Depeschenbersetzer
hat sich in der Sylvesternacht aus Glatteisgrnden, ja, und sonstigen
Grnden, ein Bein gebrochen und wir brauchen jemand zur Aushilfe, bis
der arme Doktor Morgenstern wieder gesund ist. Wollen Sie es versuchen?
Ja? Das Honorar -- Honorar heit Ehrensold -- betrgt zwlf Dollars
wchentlich. Dann gehen Sie also mit Gott zu meinem lieben Freund und
Widersacher, dem Depeschenredakteur, gren Sie ihn von mir, und sagen
Sie ihm Bescheid. Da drauen -- rechts -- auf dem Gang! Guten Morgen,
Herr Kollege!

Herr Kollege! He--err Ko--ll--ege! Fabelhaft! Zum Weinen schn!
berglcklich strmte der nagelneue Kollege hinaus auf den Gang und sah
in einer Art schmalen Verschlags von Glaswnden ein grauhaariges kleines
Mnnchen auf hohem Drehstuhl sitzen. Das Mnnchen putzte sich eben
umstndlich eine groe feuerrote Nase mit einem noch rteren Taschentuch
und stak im brigen bis an die Ohren in einem wahren Berg von
seidendnnen Papierblttchen.

Mein Name ist Carl -- ich bin zur Aushilfe angestellt und soll mich
bei Ihnen melden! sprudelte ich hervor.

Shr angenhm. Ich heee Schulze, Doktor Schulze, Hrr Kollege, und
bin  gemiedlicher Sachse. Sind Sie Fachmann, Hrr Kollege?

Nein, Herr Doktor!

Ach herrjemmerschnee, das is' aber ungemiedlich -- ich ersticke,
erstcke ja in dssem Berg von _Associated Press copy_. Fangen Sie nur
gleich an, Hrr Kollege, es wird schon schiefgehen!

Damit drckte er mir ein Bndel der seidendnnen Papierchen in die Hand
und fhrte mich ins Nebenzimmer an den verwaisten Tisch des Mannes mit
dem Beinbruch. Ein Herr, der an einem zweiten Tisch sa -- es war der
Polizeireporter -- stand auf, klappte die Hacken zusammen und stellte
sich vor: Pressenthin!

Ein Hrr Carl, lieber Hrr Referendar, erluterte das graue
Mnnchen, der mr helfen wrd, das vertrackte Zeug der Associated Pre
Luderchen in anstndiges Deutsch zu bringen. bersetzen S nach
Gutdnken, Hrr Kollege -- lassen S den Mist weg und spinnen S die
besseren Sachen ein wnig aus. Fabrizieren S gute berschriften und
heben S mir, bitte, die Originale auf. Nun, wr werden ja sehen!

Mit brennendem Eifer machte ich mich an die Arbeit und fand, da das
bersetzen der mit der Schreibmaschine auf dnnes Seidenpapier
vervielfltigten Zeitungstelegramme kindereinfach war. Das erste
Telegramm schon war niedlich. Ein pathologisch anormaler Arzt in Chicago
hatte sich das merkwrdige Vergngen geleistet, auf offener Madison
Street in Chicago am hellichten Tag alle Damen zu kssen, denen er
begegnete, und war natrlich eingesperrt worden. Whrend ich diese echt
amerikanische Sensationsnachricht bersetzte, fiel mir auch schon eine
berschrift ein -- ein Heinezitat, das famos pate: Herr Doktor, sind
Sie des Teufels? Ich fand die Spitzmarke so nett, da ich vergngt vor
mich hin kicherte. Nach einer halben Stunde kam der Depeschenredakteur
wieder:

Lassen S einmal sehen, Hrr Kollege. Ist das schon alles fertig?
Menschenskind, das gefllt mr. Hh! Hoh! Herr Doktor, sind Sie des
Teufels? Ausgezeichnet, _mi fili_; hh, gute Idee -- wir beide werden
schon miteinander auskommen!

So war ich nun ein Rdchen in der groen Maschine der Tagespresse; ein
winzig kleines Rdchen freilich, ein krasser Rekrut in der Armee der
Mnner von der Feder. Die Neuigkeitsdepeschen der Associated Pre, des
Wolff-Bureaus der Vereinigten Staaten, kamen natrlich in englischer
Sprache und muten nicht nur in Deutsch bersetzt, sondern auch
bearbeitet werden. Denn im Original waren sie trocken wie Stroh und
sachlich wie ein Gothaischer Hofkalender. Die Associated Pre versorgte
Ihre Majestt die Presse mit nackten Tatsachen und nichts als Tatsachen.
In den ersten Tagen bersetzte ich glatt. Aber das graue Mnnchen mit
der komischen Nase war ein journalistisches Genie, ein Enthusiast, der
es meisterhaft verstand, in wenigen gelispelten Worten unschtzbare
Winke zu geben.

Ds st ein knochiges Sklett, pflegte er zu lcheln. Zaubern wr
dem Sklett ein bichen Fleisch auf die Knochen! Presto! Eins, zwei,
drei -- die Geschchte ist furchtbar einfach ...

Und dann wattierte er eine magere Depesche mit einigen Stzen fein
stilisierter Einleitung; machte mit einem geschickten Wort hier, mit
einem Schlaglicht dort die trockene Meldung interessant, ohne sich
jemals an der Wirklichkeit der Tatsachen zu vergreifen. Denn ein
Schuster msse mit seiner Ahle umgehen knnen, und ein Journalist mit
den Raffiniertheiten der geschriebenen Sprache.

Das st grobes Handwerk, _mi fili_! D feinen Instromente des
Zeitungshandwerks aber stecken oben im Schdel, und um sie zu schleifen
mu man lesen -- zehntausendmal so vl lsen als man schreibt. Lesen
Sie, Mann, lesen S, wenn Sie nur knnen, und Sie werden dem alten
Depeschenmenschen noch einmal dankbar sein.

Begeistert war ich von der Arbeit der Zeitung. Das kleine Zimmerchen bei
der Witwe Dougherty sah mich nur zur Schlafenszeit, denn die engen,
ungemtlichen, lrmerfllten Redaktionsrume der Westlichen Post waren
mir ein Paradies, das unwiderstehlich lockte. Ich war der erste, der
morgens kam, und der letzte, der spt nachts ging. Wenn ich in der Frhe
das Redakteursexemplar durchstudierte und in richtiger Jungeneitelkeit
die Depeschen, die ich bearbeitet hatte, mit dem Rotstift anstrich, war
ich stolz wie ein Knig und fand bescheiden, da doch ein gewaltig
groer Teil der Zeitung aus meiner Feder hervorgegangen war ... Und wenn
der gute alte schsische Doktor brummte: S machen sich -- S machen
sich, _mi fili_! dann htt' ich mit keinem Dollarknig in keinem
Dollarwolkenkratzer getauscht. Ich glaube, ich war eitel wie ein Pfau,
wie es Bruder Leichtfu ja sein mute nach dem Riesensprung vom
Kesselputzer zum Redaktionstintenfa -- und oft dachte ich mit jenem
Respekt, mit dem man an eingetroffene Prophezeiungen denkt, an die
Worte, die mir der alte Rektor des Gymnasiums von Burghausen einst ins
Dimissionszeugnis geschrieben hatte: Die Leistungen dieses Schlers
htten weit bessere sein knnen; hervorzuheben wre nur eine gewisse
Gewandtheit im deutschen Aufsatz und sein Interesse fr die englische
Sprache. Hoh! Diese Gewandtheit und dieses Interesse brachte mir jetzt
zwlf Dollars in der Woche und Trume, die unter Brdern
Hunderttausende wert waren. Und glckselige Briefe schrieb ich nach
Hause, so stolz, als sei meine Ernennung zum Chefredakteur nur eine
Frage hchst kurzer Zeit -- --

War der Lausbub lcherlich eitel, so war er mindestens ebenso neugierig
und dreimal so enthusiastisch. In dem Enthusiasmus rosenroter Jugend,
der ber die schwierigsten Schwierigkeiten mit einem Hopla-hop
hinwegsetzt, weil er sie gar nicht erkennt! Jahre spter hrte ich
einmal bei einem Klubdiner von Zeitungsmenschen in New York einen Toast
von Jakob Pulitzer, dem groen Zeitungsmann, der die Zirkulation seiner
Zeitung "World" in kaum einem Jahr auf eine halbe Million
hinaufgetrieben hatte und sich vor einigen Jahren erscho, weil er unter
der Last seiner ungeheuren Plne zu einem armen Nervenbndel geworden
war.

Meine Herren -- es lebe die Jugend! toastete Jakob Pulitzer. Die
Jugend lebe; die tolle unverschmte Zeitungsjugend, meine Herren, die
voller Arbeitskraft ist und voller Begeisterung; die noch enthusiastisch
genug ist, um in einem Reporterstckchen ein welterschtterndes Ereignis
zu sehen! Geben Sie mir Jugend, meine Herren, die nichts Besseres
verlangt, als zwlf Stunden im Tag arbeiten zu drfen, die nichts wei
von Geld und Frauen und Lebenskunst, die darauf losstrmt und naiv
schildert, was sie sieht -- und ich zeige Ihnen den Weg zum groen
Zeitungserfolg. Mnner von weiser Erfahrung als kommandierende Generle
an der Spitze der Ressorts und tolle Jugend in Reih und Glied! Wir
lenken nur. Wir sichten. Die rohen Werte aber schafft die Jugend. Es
lebe die Zeitungsjugend, meine Herren!

Mein Enthusiasmus kannte keine Grenzen. Es schien mir, als sei das alte
Sprichwort herumgedreht -- als msse es heien: Aller Anfang ist leicht!
Dem Jungen, der keine Verantwortung kannte und auf sie gepfiffen haben
wrde, htte er sie gekannt, der kaum die Anfangsgrnde des Journalismus
kennen gelernt hatte, schien das Getriebe der Zeitung ein Spiel. Die
rasche Arbeit des Depeschenbersetzens lie viel freie Zeit brig, die
es mir erlaubte, dutzende und aberdutzende von englischen Zeitungen im
Tag zu lesen und nach Herzenslust umherzuschnffeln. berall pfuschte
ich hinein. Herr Pressenthin, mit dem Spitznamen Herr Referendar, den er
aus seiner deutschen Juristenzeit mit hinbergenommen hatte ins neue
Land, versah das wichtige Ressort der Polizeireportage und trieb sich
tagsber auf der Polizei und in den Gerichten herum. Wenn er dann abends
kam, war der Hne mit dem urgemtlichen sanftgerteten Gesicht und den
biervergngten uglein todunglcklich. Und wenn er endlich seine sieben
Bleistifte gespitzt und seine Notizen zurechtgelegt hatte, lie er sich
vorerst eine Flasche Bier holen. Dann fing er an zu jammern:

Ogottogottogottogott, das Leben ist schwer und zeitraubend --
ogottogott, was soll ich nun wieder schreiben ber den Mist!!

Fnf Minuten darauf hatte er sich sicher in irgend einer schauerlichen
Partizipialkonstruktion so festgerannt, da er beinahe weinte! Mir war's
ja eine persnliche Ehrung, wenn ich nur arbeiten durfte, und so manche
grliche Polizeigeschichte hab' ich zusammengedichtet, whrend der gute
Referendar mit seiner Bierflasche auf und abging und mir die Tatsachen
diktierte. Dafr hatte er dann immer das gleiche Lob: Menschenskind,
Sie sind gewandt wie ein Affe ...

Und da war im Nebenraum ein schwindschtiger armer Teufel, ein stiller
junger Mensch, stets tief ber den Zeichentisch gebeugt.

Darf ich zusehen? pflegte ich Herrn Westermann, den Zeichner, zu
fragen. Aber es ist mir ja eine Ehre, Herr Kollege!

Dann konnte ich stundenlang zusehen, wie die Stahlnadel Linien und
Schraffierungen in die Kreideflche grub. Es war ein eigentmliches
Illustrationssystem, jetzt schon lngst veraltet, glaube ich. Herr
Westermann zeichnete die Illustrationen der Tagesereignisse mit feinem
Stahlstift in mit harter Kreide dick ausgelegte Zinkplatten. Mit
fabelhafter Geschicklichkeit. Sobald der Stift die Zinkplatte erreichte,
(durch die Kreidelage durchkratzend) bedeutete das Auftauchen des grauen
Zinkuntergrundes den wirklichen Zeichenstrich, dick oder dnn, je
nachdem der Untergrund blogelegt wurde. Diese Kreideplatten, mit Blei
ausgegossen vom Stereotypeur, ergaben ein Negativ, das dann
stereotypiert und so im Druck zum Positiv ward.

Oder auf einmal schlug schrill der Feuertelegraph an, der die Redaktion
mit der Hauptfeuerwache verband -- eins, zwei, drei Schlge, Grofeuer
-- Pause, ein, zwei, sieben Schlge -- im 7. Distrikt. Ein Blick auf die
Feuerdistriktkarte, die an der Wand hing, und holtergepolter sauste ich
mit dem Feuerreporter und dem Zeichner die Treppe hinunter. Whrend der
Feuerreporter die wichtigen _facta_ zusammentrug, Brandursache,
Versicherungshhe und dergleichen, stand ich nur und schaute, und
schrieb dann in fliegender Eile ein Bild des Geschauten nieder, um in
Seligkeiten zu schwelgen, wenn der Lokalredakteur meine
Federphotographie in Borgis durchschossen zum Setzen gab.

Das Glck erreichte seinen Hhepunkt, als ich nach den ersten Wochen auf
einmal fnfzehn Dollars Wochengehalt bekam und zu allerlei selbstndigen
Reporteraufgaben in die groen deutschen Vereine und auf ihre Blle
geschickt wurde, denn es war ja Faschingszeit. Man wurde feierlich
empfangen auf solchen Bllen! Die Ehrenkarte der Westlichen Post war ein
Talisman, der ganz mechanisch die schnsten Verbeugungen der Herren
Vereinsvorstnde produzierte, Vorstellungen nach links und rechts,
Liebenswrdigkeiten von jungen Damen, und -- vor allem eine sauber
ausgeschriebene Liste der "prominenten" Teilnehmer, damit der Herr
Doktor (ich!) von der Westlichen Post auch ja niemand verga. Und der
Herr Doktor wurde stets zu Sekt eingeladen --

Klar und scharf traten auf den Bllen und Festlichkeiten von
Turnvereinen und Liedertafeln die Eigentmlichkeiten des
Deutschamerikanertums hervor. Der sonderbare Kampf zwischen alter
Anhnglichkeit an die Heimat und dem Anpassenmssen an das neue Land.
Zum allergrten Teil waren die St. Louis'er Deutschen der wohlhabenden
Kreise schon lngst amerikanische Brger geworden und behalfen sich, so
gut es eben ging, mit dem alten Deutschamerikanermotto:

Unser Deutschland ist uns die Mutter, zu lieben und zu ehren; das Land
des Sternenbanners ist uns die Frau, mit der man durch dick und dnn
geht ...

Sie pflegten deutschen Sang und deutsche Gemtlichkeit, tranken
deutsches Bier und importierten deutsche Kartoffeln aus den Vierlanden,
weil sie doch anders schmeckten als die wsserigen amerikanischen
Gewchse. Sie wetterten gegen das verdammte Muckertum und die
Weiberwirtschaft in der amerikanischen Gesellschaft, und arbeiteten mit
Geld und Einflu gegen die frmmelnde Sonntagsheiligung, die Theater und
Restaurants am Sonntag hermetisch verschlo. Aber sie zersplitterten
sich auch in Kleinigkeiten der Vereinsmeierei und persnlichen
Eiferschteleien; zersplitterten sich so, da die ungeheure politische
Macht, die das Deutschtum von St. Louis bedeutete, niemals geschlossen
in die Wagschale geworfen werden konnte. Deutsch fhlten sie sich auf
ihren Festen. Im Alltagsleben aber hatte das Mu der Dollarjagd, die
Formlosigkeit, die Hast, das Vorwrtspeitschen des "amerikanischen"
Geschftsmannes sie in den Krallen. So naiv ich war, so lachte ich doch,
als mir ein merkwrdiger deutscher Herr, der mir als sehr reich und
"prominent" geschildert worden war, auf solch einem Ball einmal sagte:

Es ist 'was Schnes um die deutsche Gemtlichkeit, aber beim Dollar
hrt die Gemtlichkeit auf. Mei' Sohn lacht, wenn ich will, da er
deutsch sprechen soll, und sagt er knn' kei' _money_ machen mit dem
Deutschreden!

Selbst auf den deutschen Bllen sprach ja das junge Volk nur Englisch
und redete hchstens mit den Eltern ein barbarisches Gemisch von Deutsch
und Englisch:

_Poppa_ (Papa) gib mir ein wenig _small change_ (Kleingeld); ich mecht
mir ein _ticket_ (Karte, in diesem Fall: Los) fr die _lottery_ kaufe!
Es gibt schene _prizes_ von _valuable_ (wertvolle) Gegenstnde --

Und ebenso barbarisch mahnte die brave Mama, whrend der Papa das
Kleingeld aus der Hosentasche zog: Geh nur, mein Kind; aber tanz' mer
net zu _much_ (viel), damit du mir keine Kohld ketsche tust! (_to
catch cold_ -- sich eine Erkltung zuziehen.) Und eine bildhbsche junge
Dame sagte mir einmal als hchstes Kompliment: Sie sehen wirklich gar
nimmer deutsch aus!

Ausnahmen waren da; starke, selbstbewute deutsche Mnner. Die Mehrzahl
aber lebten in einem sonderbaren Zwiespalt vlkischer Gefhle -- bald
deutsch empfindend, bald von der sonderbaren Angst gepackt, vom
Vollblutamerikanertum als nicht ganz gleichwertig angesehen zu werden.
Sie kreuzten die deutsche Flagge und das amerikanische Banner in ihren
Vereinsslen und wuten nicht, sollten sie nun links schielen oder
rechts, sollten sie nun Deutschland, Deutschland ber Alles singen oder
Heil dir, Amerika! Sie waren manchmal ein ganz klein wenig komisch und
wirkten sonderbar in ihrer Zwiespltigkeit in kleinen Dingen. Und
dennoch hatte dieses amerikanische Deutschtum einen gewaltig groen Zug,
der hoch ber allen Eigentmlichkeiten stand: Den ehrlichen Instinkt des
deutschen Mannes, der sich die Finger sauber hielt von den
Geldschwindeleien und der schmutzigen Whlarbeit der Stadtpolitik, der
seine Frau ehrte, ohne sie zum Luxusspielzeug zu machen wie sein
amerikanischer Nachbar -- der nur einen greulichen Fluch brig hatte fr
die Salbung und den Sonntagsschwindel amerikanischer Pfaffen. Und immer
strker wird das Rckgrat der deutschen Mnner in Amerika, je strker
das Reich wird; immer grer die Zahl der Deutschen, die in den
Vereinigten Staaten tchtige Arbeit leisten und doch stolz Deutsche
bleiben. Die es nicht so wie frher fr richtig halten, nach sechs
Monaten in Dollarika vors Gericht zu laufen und die berhmte Formel der
Brgererklrung zu schwren:

Ich erklre es unter Eid als meine Absicht, Brger der Vereinigten
Staaten von Nordamerika werden zu wollen, und sage allen europischen
Knigen und Prinzen und Potentaten die Treue ab, insonderheit dem
deutschen Kaiser ...

Bruder Leichtfu lernte sehr viel in jenen Tagen, ohne es auch nur im
geringsten zu wissen. Gedankenlos, so wie ein Kind an der Milchflasche
saugt, sog er allerlei wertvolles Wissen in sich ein. Er schnffelte bei
den Setzmaschinen herum und lernte es, das Negativ gesetzter Lettern zu
lesen; er gewhnte sich an die Schriftarten und ihre Namen; er trieb
sich in der Stereotypie umher. Der alte Chefredakteur Pretorius der
Westlichen Post, der einst Gouverneur von Missouri gewesen war, und auf
dessen Stimme heute noch das offizielle Amerika horchte, gab in seinen
kurzen Leitartikeln ein wunderbares Beispiel von Knappheit und Klarheit
-- der Depeschenredakteur lehrte mich flssigen Stil und brachte mich
dahin, zwischen Wesentlichem und Nebenschlichem unterscheiden zu knnen
-- der Lokalredakteur predigte immer wieder:

Lernen Sie sehen! Wo Sie auch noch hinkugeln mgen in Ihrem jungen
Leben und was Sie auch noch anfangen mgen mit sich, lernen Sie sehen!
Es wird Ihnen unbeschreiblich ntzen. Aus dem Sehen von Einzelheiten
erst erwirbt man sich den Blick fr den groen Zug des Ganzen. Aus der
Gabe, scharf zu sehen, erwchst das Knnen -- fr den Zeitungsmann und
berall im Leben. An diesem Schreibtisch hier sa einst ein Mann, der
einer der grten war in dieser Kunst: Karl Schurz. Jawohl, Karl Schurz
war einst Chefredakteur der Westlichen Post und ist heute noch Aktionr.
Er, der Deutsche, der es in Amerika zum Minister brachte, konnte sehen,
und deshalb konnte er mit unbeschreiblicher Schnheit schildern -- weil
er in Bildern schrieb und sprach, ri er die Masse mit sich und schritt
von Sieg zu Sieg in der Politik. Sehen lernen! Aus den feinen Strichen
vieler Einzelheiten entsteht das groe Federbild!

Vor allem aber kristallisierte sich mir aus dem tglichen Lesen
unzhliger amerikanischer Zeitungen und Zeitschriften in ganz
mechanischem und instinktivem Erfassen ein scharfes Bild amerikanischer
Dinge heraus. Die Kmpfe, die Ziele der beiden groen politischen
Parteien des Landes. Das Getriebe des Tages. Tausend beleuchtende
Einzelheiten ber Frauen, ber Gesellschaft, ber Sitten. Dann
technische Dinge: Die Raffiniertheit der berschriften, die
Federschilderungen in Sensationsprozessen, die ein prachtvolles Beispiel
dafr waren, wie aus einer Unzahl von kleinen Bilderchen der groe
Eindruck geschaffen werden konnte. Ein unbewutes Lernen war es. Ein
Gezwungenwerden zum Denken, zum Mitbeobachten des sausenden Rades der
Zeitereignisse. Und dann war da das naive Bewutsein des jungen
Menschen, da hinter ihm die Macht der groen Zeitung stand. Das gab
merkwrdiges Selbstvertrauen! Die Visitenkarte mit der Bemerkung links
unten in der Ecke _on the editorial staff of the Westliche Post_
ffnete alle offiziellen Tren, und bei Erkundigungen im Rathaus oder
bei der Polizei wurde man mit unbeschreiblicher Liebenswrdigkeit
behandelt. Der Amerikaner wei die Macht der Presse zu schtzen.

Mir ist die Geschicklichkeit unvergelich, mit der der Polizeichef
von St. Louis mich einmal in seinen Dienst einspannte. Vom
Polizeihauptquartier war telephoniert worden, man mchte einen Redakteur
senden, und da Pressenthin auf irgend einer Gerichtsverhandlung war,
mute ich hingehen.

Sie sprechen ja englisch, als seien Sie im Lande geboren, sagte der
Mann mit dem kurzgeschorenen Schnurrbart und den scharfen grauen Augen,
als ich mich mit einigen Worten vorgestellt hatte. Ich freue mich
stets, wenn ich immer wieder sehe, mit welchem Talent gebildete junge
Deutsche sich in unsere Sprache und unsere Art einarbeiten. Rauchen
Sie? (Der Polizeichef bot mir eine Zigarre an.) Es ist mein Prinzip,
den Herren von der Presse gegenber stets ohne Rckhalt zu sprechen,
damit der jeweilige Fall klar daliegt. Ich werde Ihnen also alles ber
den Fall mitteilen, was ich selbst wei, unter der Voraussetzung, da
Sie solche Einzelheiten unterdrcken, bei denen ich dies besonders
bemerke. Sind Sie damit einverstanden?

Ja, gerne.

Es handelt sich um einen Mord, und zwar um einen besonders fr Ihr
Blatt interessanten Fall. Heute frh um fnf Uhr wurde im Hause Nummer
763 der Sunbury Avenue (das ist eine unserer elegantesten Villenstraen,
wie Sie ja wissen werden) um Hilfe gerufen. Der Polizist auf Patrouille
eilte herbei und fand ein hnderingendes Dienstmdchen, die ihn in den
ersten Stock fhrte. Das Haus ist eine kleine Villa. Dort lag in einem
Schlafzimmer eine alte Dame erschossen auf blutberstrmtem Fuboden.
Ich wurde aus dem Bett geholt und war um 5 Uhr mit meinen Detektiven
an Ort und Stelle. Folgendes sind die ermittelten Tatsachen: Das Haus
gehrt einem Herrn Nolden, einem Deutschamerikaner, Kassier der
Schlitzschen Brauerei. Mister Nolden befindet sich augenblicklich auf
einer Geschftsreise im Sden. Die Erschossene war seine Frau. Eine
Waffe wurde nicht gefunden, und alle Anzeichen deuten auf Mord, dem ein
Kampf vorhergegangen sein mu, da die Mbel in Unordnung und die
Teppiche verschoben waren. Auf dem Fuboden fanden wir einen
ausgerissenen Knopf mit einem Stckchen Zeug noch daranhngend; einen
Knopf von einem hellbraunen Mantel. Fuabdrcke eines Mnnerfues wurden
ebenfalls gefunden, jedoch nur auf der Treppe und auf einer Stelle des
Vorplatzes. Die Schuwunde rhrt wahrscheinlich von einem 32kalibrigen
Revolver her. Nun liegt, da auer dem Dienstmdchen und Frau Nolden
niemand im Hause war und Spuren gewaltsamen Eindringens sich weder an
den Fenstern noch an den Tren finden lieen, die Annahme nahe, da das
Dienstmdchen einen Liebhaber ins Haus gelassen hat, und da dieser den
Mord mit oder ohne ihr Wissen verbte. Wir haben das Dienstmdchen nicht
verhaftet, sie wird jedoch bewacht, um den Mrder abzufassen, wenn er
sich ihr nhern sollte. Bitte bringen Sie ber das Dienstmdchen gar
nichts. Oder nein, deuten Sie so ein bichen geheimnisvoll an, da der
Chef der Polizei selbst sie zwei Stunden verhrte und da das Mdchen
nicht verhaftet worden sei. Sie ist Irlnderin, hbsch, sehr hbsch. So
aufgeregt ber das furchtbare Unglck, da sie kaum vernehmbar war.
Wahrscheinlich finden wir durch sie den Schlssel zum Verbrechen. -- Nun
danke ich Ihnen bestens. Ich habe bereits Detailangaben fr Sie
zusammenstellen lassen, -- hier bitte, (er reichte mir ein paar Bogen
mit Maschinenschrift bedeckt). Alles Wissenswerte. Genaue
rtlichkeitsbeschreibung und so weiter. Vielen Dank!

Ich eilte auf die Redaktion und schrieb und schrieb, whrend der
Lokalredakteur selbst in die Sunbury Avenue fuhr, ohne etwas Neues
herauszubekommen. Schon war alles gesetzt, als spt abends ein Polizist
eine eilige Mitteilung vom Hauptquartier brachte:

Der Mrder von Frau Nolden ist heute nachmittag vom Polizeichef und
dem Detektivsergeanten O'Hara verhaftet worden. Das Dienstmdchen Lizzie
Roberts, die Geliebte des Mrders, ist Mitschuldige. Der Mrder heit
Patrick Rafferty und ist Kellner. Die Verhaftung wurde in seiner Wohnung
Doverstreet 73 vorgenommen. Sie drfen verwenden, was ich heute frh
ber das Dienstmdchen sagte.

Telephonisch bekam ich noch nhere Einzelheiten ber die Verhaftung und
beutete dann das Interview mit dem Chef der Polizei weidlich aus ...

_By Jove_, sagte der Lokalredakteur, als ich begeistert die
Liebenswrdigkeit des Polizeimannes pries, Sie sind ein unschuldiges
Schaf!

Aber wieso denn --

Weil Sie nichts merken. Weil dieser geriebene Kapitn Green niemals
liebenswrdig ist, wenn er nicht die besten Grnde hat. Sehen Sie, in
vier Wochen sind die Wahlen. Er selbst steht und fllt mit seiner
Partei, der im Rathaus herrschenden Partei, die sich in den Wahlausrufen
besonders ihrer guten Polizeiorganisation rhmt. Der Polizeichef braucht
Reklame gerade jetzt!! Verstehen Sie? ~Er~ hat alles geleitet, alles
gemacht, alles verhaftet!!! Und ich wette meinen Kopf, Sie
Unschuldslamm, da er, als er mit Ihnen sprach, schon lngst von Patrick
Rafferty wute und nur die Spannung vergrern wollte. Kapieren Sie?
Aber die Geschichte macht sich gut -- und so mag es ihm hingehen.
Hierzulande wie anderwrts ist man der Presse gegenber nur dann
liebenswrdig, wenn man etwas von ihr haben will, mein junger Freund!

                  *       *       *       *       *

Ich war gerade in eifriger Arbeit an einer langen Depesche. Da trat der
Lokalredakteur ein -- und mit ihm ein dicker Herr, der ein wenig hinkte.
Eine frchterliche Ahnung stieg in mir auf ...

Guten Morgen, Doktor Morgenstern! rief Pressenthin. Gratuliere zur
Wiederherstellung! Nun erzhlen Sie uns einmal aufrichtig: War es der
Punsch oder war's wirklich das Glatteis?

Beides -- beides, Sie neugieriger Polizeimensch, lachte der dicke
Herr.

Whrend ich eine Verbeugung machte und vorgestellt wurde, wnschte ich
dem Dicken aus tiefster Seele Pest, Cholera und einen zweiten Beinbruch
an den Hals, diesem fetten Engel, der mich armen Teufel aus dem Paradies
vertrieb. Ein Gesicht mu ich gemacht haben wie der sprichwrtliche
Lohgerber, dem die Felle fortgeschwommen sind!

Das war das Ende; ein klgliches Ende, so schien es mir, der zwei Monate
des Glcks. Ein trockenes geschftliches Ende. Eine Gratifikation von
fnfundzwanzig Dollars bekam ich als besondere Anerkennung. Und bei der
nchsten Gelegenheit wrde ich im Redaktionsstab angestellt werden --
und ich solle mich recht oft sehen lassen ...

Als ich aus der Redaktion auf die Strae trat, kam ich mir vor wie ein
Ausgestoener. Wie einer, dem Sankt Petrus die Tr zum Himmelreich vor
der Nase zugeschlagen hat. Schleunigst lief ich in meine geliebte
Bibliothek. Aber die Bcher kamen mir schal vor und die Stille in den
Slen bedrckend, und ich glaube, am liebsten htte ich geheult damals.
Welch' ein Esel Bruder Leichtfu doch war -- welch' ein unbeschreiblich
trichter dickkpfiger Junge! Empfindlich wie ein Goldschlgerhutchen
und unpraktisch wie ein Pensionsbackfisch trotz aller Lebensschneid und
aller harten Erfahrungen.

So klar lag der Weg da. So einfach wre alles gewesen! Die guten
Menschen auf der Westlichen Post htten mich, war doch einer
liebenswrdiger als der andere, dahin und dorthin protegiert und mir
ohne Zweifel im St. Louis'er Deutschtum Stellung verschafft, und im
Laufe der Zeiten wre ich wohlbestallter Redakteur einer groen Zeitung
geworden. Ein sonnenklarer Weg!

Es mag Kismet gewesen sein, da ich mich furchtbar genierte bei den
wenigen Besuchen, die ich noch auf der Redaktion machte; da eine
merkwrdige Unruhe und Unzufriedenheit ber mich kam. Fr einen Narren
htte mich jeder vernnftige Mensch gehalten -- denn eines Abends stieg
ich im Bahnhof von St. Louis in den Durchgangsexpre nach San Franzisko,
ohne im geringsten zu wissen, was ich in San Franzisko eigentlich
wollte!

Reisefieber war es. Tolles Vorwrtsrollen. Unbewutes Denken an Billy
und an unsere Plne von damals. Der Entschlu zu der Reise von Tausenden
Kilometern war in fnf Minuten gefat worden; etwas mehr Zeit kostete
die Entscheidung: sollte ich heimlich auf Plattformen fahren oder brav
brgerlich bezahlen? Nein, bezahlen! Das Vagabundenreisen von damals
hatte seinen romantischen Reiz verloren, denn tausendmal reizvoller war
ja die Romantik der Arbeit.




Das Inselchen der Fische in San Franzisko-Bai.

     Wohin Zukunftssorgen gehren. -- Ein logisches Selbstgesprch.
     -- Das Land der Sonne. -- Blhende Obstwlder. -- Ankunft in San
     Franzisko. -- Mr. Frank Reddington, schwarzes Schaf und verlorener
     Sohn. -- Die Geschichte vom strengen Gouverneur. -- Der
     tragikomische Hundeschwanz. -- Wie der Millionrssohn energisch
     wurde. -- Der Gott der Arbeit pfeift. -- Bei den Kabeljaus. -- Eine
     Stockfischfabrik. -- Wer zuletzt lacht, lacht am besten!


Wieder bewhrte sich glnzend mein schnes Talent, die Sorgen der
Zukunft dorthin zu verweisen, wohin sie von Rechts wegen gehrten -- in
die Zukunft! Flchtig drngte sich mir zwar der Gedanke auf, da es weit
schner und angenehmer gewesen wre, htte ich mehr Geld gehabt.
Fnfzehn Dollars etwa besa ich noch, als ich den Fahrschein bezahlt
hatte.

Kannst du es ndern? fragte ich mich.

Nein!

Nach San Franzisko willst du aber?

Ja!

Na, also.

Und was willst du in San Franzisko anfangen? fragte ein inneres
Stimmchen.

Wie kann ich das jetzt schon wissen! gab ein anderes inneres
Stimmchen anscheinend logisch zur Antwort.

Somit war die Angelegenheit zur schnsten Selbstzufriedenheit erledigt.
Friedlich schlief ich in den weichen Polstern die ganze Nacht hindurch
und blinzelte am nchsten Morgen vergngt in die weiten Kansasebenen
hinaus. In Colorado nickte ich bekannten Stationen vergngt zu. Billy
und Joe und ich waren da auf der Fahrt nach Osten durchgesaust. Das
Felsengebirge fand ich prachtvoll (vom Speisewagen aus) -- ber die
Mormonen unterhielt ich mich whrend der Fahrt durch Utah ausgezeichnet
mit einer jungen Dame, die sich sehr entrstet ber die umfassende
Heiraterei des Mormonentums aussprach und dabei energisch flirtete --
Nevada verschlief ich zum grten Teil. Dann fuhren wir stundenlang in
Tunnels, den riesigen Schneehtten der Sierra Nevada, die viele Meilen
lang den Schienenstrang berdecken, um ihn vor Schneewehen und Lawinen
zu schtzen. Und dann tauchte wie durch Zauberschlag ein
sonnenglnzendes Frhlingsland aus dem Dunkel auf. Saftiges Grn
berall. Wlder von Obstbumen unter tiefblauem Himmel, berst in
unbeschreiblicher Pracht mit feinzarten Blten, schimmernd von
schneeigem Wei zu silberigen und hellrosa Tnen, strahlend in warmem
Sonnenschein. Kalifornien, das Mrchenland des Goldes. Das Land der
Sonne und der Schnheit.

Stunden von Mrchenfahrt im Sonnenland. Drfer, Stdte. Und endlich das
Brausen und der Lrm der Knigin des Westens, ein Auftauchen von
tiefblauen Meeresfluten, ein Dahinschwimmen auf riesigem Fhrboot, das
im Stdtchen Oakland, dem kleinen Bruder der glnzenden Schwesterstadt
drben ber der Bai, den ganzen Eisenbahnzug aufnimmt und ber die
Wasser hinbertrgt nach San Franzisko; eine gewaltige Bahnhofshalle --
ein Gewhl von Menschen ...

                  *       *       *       *       *

Da lachte ich vergngt vor mich hin, wie einer lacht, der seinen Willen
durchgesetzt hat, und schritt in den Wirrwarr hinein. Noch interessierte
mich das Leben und Treiben um mich her wenig. Denn Bruder Leichtfu war
praktisch geworden und gedachte sich, so wie er's in St. Louis getan
hatte, vor allem die vier eigenen Wnde zu sichern. Es fiel ihm gar
nicht ein, nach Weg und Richtung zu fragen. Da wo der Lrm am grten
war, wo die Geschfte sich huften, wo die Menschen sich am meisten
drngten, da durfte man nur rechts oder links abbiegen und fand
sicherlich in Nebengchen die Pappschilder mit der lakonischen Legende
vom zu vermietenden Zimmer. Im geschftigsten Teil der Stadt hausen ja
immer die Junggesellen. So war es in St. Louis, so ist es berall auf
der Welt, so war es auch hier. In einem Strchen, eingekeilt zwischen
der Hafengegend und der glanzvollen Hauptstrae, der Market Street, fand
ich bald ein Zimmer, klein, schbig, aber mit prachtvollem Blick auf die
Bai. Die sieben Dollars, die es im Monat kosten sollte, zahlte ich
sofort im voraus und hrte geduldig zu, wie Madame Legrange, die Dame
des Hauses, mir erzhlte, San Franzisko sei eine Perle (so schn
freilich nicht wie Paris), und sie sei eine Franzsin (_ah, la belle
France, monsieur!_) und Mieter, die monatlich im voraus bezahlten,
knnten auf ihre besonderen _gards_ zhlen, und sie sei auch einmal
jung und schn gewesen. Das mute aber schon lange her sein!

Und jetzt hinaus zur Knigin des Westens! Vier Stufen auf einmal nehmend
in Eile und Neugierde (es war Abend geworden ber dem Auspacken und dem
Baden) rannte ich die steile Treppe hinab und -- --

_Hopla -- confound it!_ sagte ich.

_Hopla -- oh, the devil!_ sagte er.

Gleichzeitig betrachteten wir verblfft eine Blechkanne, die polternd
die Treppe hinabrollte, in dem offenbaren Bestreben, auch die wenigen
Tropfen Bier, die noch in ihr waren, im Rollen loszuwerden. Er sa unten
auf einer Treppenstufe, ich oben. Zwischen uns breitete sich ein
Miniatursee von Bier und Schaum. "Er" war ein eleganter junger Mensch
mit einem prachtvoll energischen Gesicht.

_The devil!_ sagte ich.

_Confound it!_ sagte er.

Entschuldigen Sie meine Ungeschicklichkeit, bat ich.

Aber es ist ja nicht der Rede wert, versicherte er.

Endlich einigten wir uns dahin, zusammen frisches Bier zu holen an der
Ecke und es zusammen auszutrinken -- eine wahrhaft salomonische Lsung.
"Er" gefiel mir vom ersten Augenblick an mit seiner frischen flotten Art
und seinem kinderlustigen Lachen. Whrend wir oben auf seinem Zimmerchen
saen, ich auf dem einzigen wackeligen Stuhl, er auf einem wunderschnen
schweren Lederkoffer, wurden wir, im Handumdrehen fast, vergngt und
offenherzig wie alte Freunde.

Der Koffer ist famos, heh? lachte er, als er meine bewundernden
Blicke sah. Er tut mir leid!

Weshalb denn?

Weil ich ihn ber kurz oder lang einmal aufessen werde!

Da war unter schallendem Gelchter das Eis gebrochen. Mitten im Erzhlen
waren wir in einer Viertelstunde. Mein neuer Freund hie Frank
Reddington. Reddington Junior eigentlich ...

Wie er so dasa, schlank, sehnig, Rasse in jeder Linie, die Hnde um die
Knie verschrnkt, ein Lachen um die Mundwinkel, Lachen in den Augen,
htte sich jedes Mdel in ihn verliebt.

Zug um Zug! lchelte er. Zuerst ich. Also die Sache ist so: Zuerst
fing der Gouverneur (_governor_ oder auch _pater_ nannte er seinen
Vater) melodisch an zu brummen. Nach dem Empfang gewisser Rechnungen --
sie waren allerdings sndhaft, wie ich zu des Gouverneurs Entschuldigung
bemerken mu -- stimmte er einen gellenden indianischen Kriegsgesang an
und telegraphierte mir so unerhrt grobe Telegramme, da ich mich vor
den Telegraphenboten genierte. Sie rochen direkt nach Schwefel.
Endlich, als das Professorenkollegium der Universitt Harvard mich aus
dem Tempel hinausjagte (diese gelehrten Herren haben so wenig Humor),
wurde der Gouverneur tobschtig. _Well_, ich wurde also 'rausgeschmissen
und fuhr prompt ins liebe Vaterhaus nach New York. Die _mater_ war
todunglcklich --

Du sollst sofort nach der Bank kommen. Ach, _Franky dear_, was bist du
fr ein schlimmer Junge!

Das fing gut an. Mir war elend zumute, das kann ich Ihnen sagen. In der
Bank (der Gouverneur ist Prsident der _First National Bank_ von _New
York_) machte der Kassier ein Gesicht, als sei ich eine
verabscheuungswrdige Kreuzspinne, und fhrte mich ins Privatkontor.

Nimm Platz, sagte der Gouverneur. Nach meinen Informationen aus
Harvard hast du dich betragen wie ein Hanswurst! _Well, sir_, was hast
du zu deinen Gunsten anzufhren?

Ich hm--hmte. Was soll man auch in solchen Fllen sagen!

Nichts -- nichts -- gar nichts gearbeitet. Fuball gespielt. (Fr den
Betrag deiner Rechnungen der Sportfirma ernhrt ein Arbeiter seine
Familie!) Schulden gemacht links und rechts! Dumme Jungenstreiche! Was
war das eigentlich mit dieser letzten Geschichte?

Ja, diese letzte Geschichte!

Der Schlukladderadatsch basierte auf einem Hundeschwanz, an den ein
gewisser _Franky dear_ eine geschickte Auswahl von Feuerwerkskrpern
angebunden hatte. Nun frage ich Sie: Was konnte ich dafr, da der
dazugehrige Hund dem Professor der Physik gehrte und die wahnsinnige
Idee hatte, zu seinem Herrn in die Physikklasse zu rennen -- mitsamt
Schwanz, Knallfrschen und Donnerschlgen! Dabei war das Hndchen
nervs, begreiflicherweise, und rannte in dreieinhalb Sekunden fr
mehrere hundert Dollars physikalische Instrumente ber den Haufen. Lange
soll es nicht gedauert haben. Aber so lange es dauerte, war das Tempo
dieser Vorstellung ungewhnlich flott! Und dabei hatte ich doch rein
erzieherische Absichten verfolgt, denn wenn Moppelinus sich heimtckisch
in ein Studentenzimmer schleicht und einen nagelneuen Flanellanzug
schndet, so mu Moppelinus bestraft werden! _Well_, der Gouverneur
lachte nicht einmal. Ich sei der Schandfleck einer sonst ehrbaren
Familie. Aus den einzelnen Posten von Faulheit, Leichtsinn und Frechheit
ergebe sich als Gesamtbilanz ein hoffnungsloser Taugenichts. Ich solle
mich geflligst zum Teufel scheren, und zwar sofort, augenblicklich,
ohne Zeitverlust. (Wahrscheinlich war irgend eine Lieblingsaktie des
_pater_ auf der Brse bs gezwickt geworden, denn er schien in einer
Schandlaune.)

Ich finde es entschieden langweilig, Vater eines Sohnes zu sein!
sagte er dann ganz gemtlich. Dieses -- dieses Zeug, dabei deutete
er auf einen Stapel Rechnungen, werde ich regulieren. Im brigen
handelt es sich nicht um Geld, sondern um ein Prinzip. Du wirst
arbeiten, _sir_. Mein Privatsekretr wird dir deine Instruktionen
erteilen. Vorlufig wnsche ich dich nicht mehr zu sehen.

Der Privatsekretr im Vorzimmer grinste und berreichte mir
maschinengeschriebene Befehle. Sehr przise. Sofort nach Chicago fahren
und sich bei dem Prsidenten der Illinois Central Eisenbahn melden (in
deren Aufsichtsrat der _pater_ sa). Dort angestellt werden im
Hauptbureau -- mit acht Dollars Wochengehalt.

Da fuhr mir der rger in die Glieder: Wissen Sie, was? sagte ich.
Melden Sie dem Gouverneur, da ich seinen Standpunkt fr durchaus
richtig hielte und zu arbeiten gedchte. Aber ohne seine verdammte
Protektion! Mitteilungen ber meinen Aufenthaltsort werde ich Ihnen von
Zeit zu Zeit zugehen lassen, und Sie werden dem Gouverneur darber
berichten. _Good morning, sir!_

Der Privatsekretr fiel beinahe in Ohnmacht.

Du dreifacher Narr! sagte ich mir, als ich auf der Strae stand. Aber
nun hast du einmal A gesagt und mut auch B sagen. Um eine lange
Geschichte kurz zu machen -- in sechs Tagen war ich in Frisco (die
goldene Uhr und die Schmucksachen und die berflssige Garderobe hatten
ein nettes Smmchen gebracht) und bezog die Universitt von Kalifornien.
Um jeden Preis fertig studieren, gerade weil der Gouverneur es anders
wollte! Fr das laufende Semester reichte das Geld. _Well_, und in den
Ferien wurde ich Kellner -- ein scheuliches Geschft -- und dann wohnte
ich billig und schrieb Kolleghefte ab fr Shnchen, die berflssiges
Geld hatten, und gab Privatstunden im Boxen. Gearbeitet hab' ich wie ein
Pferd, und Spa hat es mir gemacht. Im nchsten Semester kommt das
Schluexamen, das ich zweifellos bestehen werde, und dann telegraphiere
ich dem Gouverneur, er knne jetzt das Kalb schlachten lassen fr den
verlorenen Sohn. Jawohl -- nach den ersten sechs Monaten hat mir
Higgins, das ist der Privatsekretr, gedrahtet, ich sei ein Narr, und
der Kassier sei angewiesen, meine Schecks zu honorieren. Ich hab' aber
gedankt. Zuerst mu der Gouverneur den ntigen Respekt vor mir bekommen,
damit wir eine gemtliche Verkehrsbasis haben!

Da kam mir mein eigenes Erleben bla und rmlich vor --

Aber auch ich fing an zu erzhlen, und Frank Reddington wollte sich
ausschtten vor nimmerendendem Gelchter ber die Familienhnlichkeit
zwischen den Professoren seiner Harvard Universitt und den
Schulmeistern meiner Gymnasien. Sie ermangelten ja so gnzlich des
Humors! Hben wie drben!! Als ich von Billy und den Tollheiten des
Schienenstrangs berichtete, murmelte er ein ber das andere Mal: _By
Jove_; das probier' ich auch noch! -- und ber die Westliche Post ri
er die Augen weit auf ...

_The devil!_ Das haben Sie aber dumm angestellt, _my dear boy_! Dort
bleiben htten Sie sollen! Hinhngen htten Sie sich mssen an die
gesegnete Zeitung wie ein hungriger Floh an ein fettes Hndlein!!

Bis spt in die Nacht hinein saen wir zusammen. Und als wir uns nach
einer letzten Zigarette trennten, sagte Frank:

Sie und ich -- ich und Sie ... wir passen zusammen wie Zwillinge. Was
fr ein nrrischer Geselle der Zufall doch ist! Schwarze Schafe und
verlorene Shne alle beide -- aber noch immer sehr lebendig. Hei -- oh!
Sie kein Geld und ich kein Geld! Und gestern haben die Ferien
angefangen! _That's a good thing!_ Wissen Sie was? -- Fahren wir Tandem!
Spannen wir uns zusammen ins Joch! Jagen wir gemeinschaftlich den
verrckten runden Dingerchen nach, die man in diesem gesegneten Land
Dollars nennt -- wollen Sie?

Ob ich wollte!!!

Frhmorgens ri jemand meine Zimmertr auf und eine Stimme schrie. Auf
in den Kampf, Torero! 'raus mit Ihnen, Bruder -- der Gott der Arbeit
pfeift den verlorenen Shnen!

Schlfrig rieb ich mir die Augen.

Man kleide sich prestissimo an! befahl Frank. Im Examiner von
heute morgen steht ein lakonisches Inserat: _Men wanted_ -- Mnner
werden gesucht. Broad Street 21. Mnner sind wir, nicht wahr? _Well_,
dann, _hurry up_ -- fix schnell ...

Broad Street 21. erwies sich als elegantes Kontor (Johnson & Komp.,
Konserven, stand auf dem Firmenschild), vor dessen Tre in langen Reihen
schbige Gestalten standen. Frank grinste. Gibt noch mehr Mnner in
San Franzisko, heh? Scheinen nicht die einzigen zu sein! Welch' ein
Segen, da wir elegant genug aussehen, um frech sein zu drfen! Wir
schoben uns an den Wartenden vorbei und lieen uns beim Geschftsfhrer
melden.

Und womit kann ich Ihnen dienen, _gentlemen_? fragte der Manager.

Was ist das fr ein Inserat? fragte Frank zurck.

Oh -- wir brauchen Leute fr unsere Fabrik von Fischkonserven in der
Bai.

Zu welchen Bedingungen?

Zwei Dollars im Tag und freie Verpflegung. Aber verzeihen Sie, ich
begreife nicht recht --

Bodenlos einfach! grinste Frank. Wir brauchen Geld -- Arbeit --
und -- wollen Sie uns nehmen?

Eh? sagte der Manager und machte ein verblfftes Gesicht.

Annehmen -- engagieren!

Die Arbeit ist aber schwer ...

_Well_, das macht nichts!

Und unter lustigem Lachen und zweifelhaften Witzen wurden wir prompt
angenommen.

Ich tu' Ihnen gelegentlich auch einmal einen Gefallen! _Thank you!_
bedankte sich Frank.

Der Geschftsfhrer lachte und lachte, und wir liefen schleunigst nach
Hause, um alles einzurichten. Aus dem Weg kauften wir uns billige
Arbeitskleider. In einer Stunde sollten wir uns wieder im Kontor
einfinden, um auf einem Kutter nach der Arbeitssttte zu fahren.

Eine wundervolle Fahrt war es ber die tiefblauen Wasser der Bai hin,
zwischen den blhenden Stdten, die wie ein Kranz von Blumen die Gestade
umsumten; an Kais mit gigantischen Ozeandampfern entlang zuerst, an
Inselchen vorbei, zwischen Fischerflottillen hindurch. Und als die
Knigin des Westens in spinngewebigen, feinen Umrissen weit zurck im
Westen lag, landeten wir mit den zwei Dutzend Menschen, die auer uns
der Kutter trug, an der Landungsbrcke einer winzigen Felseninsel mit
simplen Holzgebuden. Das war das Inselchen der Fische. Und in einer
halben Stunde standen Frank und ich nebeneinander hinter einem breiten
Holztisch, lange, scharfe Messer in den Hnden; zogen sonngedrrtem
Kabeljau die Haut ab und schnitten das kernige, gelbweie Fleisch in
lange Streifen ...

Auf der Insel regierte als Alleinherrscher Seine Majestt _Cod_, der
Kabeljau. In Dutzenden von ungeheuren Bottichen auf einer
Balkenplattform zwischen Fabrikgebude und Wohnhaus waren in grobem Salz
Millionen von Fischen eingespeichert, die allmorgendlich von uns Mnnern
in langschftigen Stiefeln aus der Tiefe der Bottiche herausbefrdert
und zum Drren in die Sonne gebreitet wurden. Reif, _sun-cured_,
sonnengetrocknet, waren sie in zwei, drei Tagen. Dann wanderten sie zu
uns in die Fabrik, wurden abgehutet, entgrtet, zerschnitten und in
hbsche kleine Holzschachteln gepackt; das Rckenfleisch als _extra
prime quality_, das Seitenfleisch als Ware zweiter Gte: Stockfisch! So
standen wir und zerlegten und schnitten von sechs Uhr morgens bis sechs
Uhr abends.

Hab' ich es mir doch gleich gedacht, da die Geschichte irgend einen
Haken haben mute, sagte Frank ironisch lchelnd schon am ersten Tag.
Zwei Dollars im Tag werden nicht umsonst gezahlt. Und nun haben wir
die Bescherung!

Der Haken war da -- die Bescherung ganz besonders unangenehm! Die Haut
der _cods_ und ihr Fleisch waren von scharfer Salzlauge so durchtrnkt,
da bei dem Huten und Zerlegen schon in den ersten Stunden uns
Arbeitern die Hnde wund wurden. Dann schnitt man sich natrlich in der
Hetzarbeit, und auch die scharfen Grten rissen Wunden. Selbst die
peinlichste Vorsicht konnte das nicht vermeiden. In diese wunden Stellen
drang tzend und beiend die Salzlauge! Es war eine Art Martyrium; eine
recht harmlose und ungefhrliche Mrtyrerschaft zwar, aber gerade
schmerzhaft genug fr meinen bescheidenen Geschmack.

_The dickens!_ sagte Frank erstaunt am ersten Abend und rieb sich
zrtlich die geschundenen Hnde.

Scheulich!! brummte ich und tat desgleichen.

Meine Hnde waren schn rot wie ein gesottener Krebs und bluteten an
zwanzig Stellen, besonders unter den Ngeln. Doch wir trsteten uns mit
Vaseline und Philosophie und schwatzten stundenlang mit dem chinesischen
Koch der Insel, der uns in seinem schauderhaften Pidgin-Englisch von der
Chinesenstadt Frisco's vorschwrmte. Von den Spielhllen, in denen die
Kinder des himmlischen Reichs Tag und Nacht Fan-Fan spielten und sich
gelegentlich dabei gegenseitig totstachen; von den "Sechs
Gesellschaften", den geheimen Vereinen, die unumschrnkt in der
Chinesenschaft herrschten und die Einfuhr und Rckbefrderung von
Chinesen als Monopol betrieben. So mchtig waren sie, da keine
Dampfergesellschaft einen Kuli als Zwischendeckspassagier zur Rckreise
annahm, wenn er nicht einen Erlaubnisschein der "Sechs Gesellschaften"
vorweisen konnte, als Zeichen, da er seinen Verpflichtungen dem
Geheimbund gegenber nachgekommen war. Wie Diktatoren herrschten die
sechs Gesellschaften; schossen Geld vor, belobten, bestraften,
errichteten Schulen fr die chinesische Jugend, Tempel fr die
Erwachsenen. Sam Ling machte immer ein ngstliches Gesicht, wenn er von
diesem Geheimbund sprach ...

Er war ein quecksilberiger kleiner Kerl, der famos kochte und die
unglaublichsten Leistungen in seiner Bretterbude von Kche an der
Felsenwand vollbrachte. Es ist mir heute noch ein Rtsel, wie er es
fertig brachte, um sechs Uhr morgens fr vierzig Mann (soviele waren
wir) Pfannkuchen zum Frhstck zu liefern. Delikate, winzig kleine
Pfannkuchen, kaum so gro wie eine Untertasse, die man bebutterte und
bezuckerte, immer einen auf den andern klappend. Ein Dutzend mindestens
a ein jeder. Ein Dutzend mal vierzig -- das waren fnfhundert
Pfannkuchen, die der arme Sam Ling herzauberte -- vor sechs Uhr morgens.
Wie er es auch machte -- sie waren da; frisch, hei, knusprig. Die
Verpflegung war vorzglich und die Schlafrume hell und sauber. Wenn
nur das Salz nicht gewesen wre -- das verdammte Salz!

Frank und ich waren fast immer zusammen und kmmerten uns wenig um die
anderen Mnner. Abends verbanden wir uns immer gegenseitig die wunden
Hnde. Dabei gewhnten wir uns das sonderbare Vergngen an, recht
krftig zuzupacken und einer dem andern ins Gesicht zu starren, ob sich
nicht vielleicht doch ein Schmerzenszug entdecken lie.

_Good God_, sagte Frank regelmig jeden Abend, wenn er seine Hnde
betrachtete. Stockfisch! _Cod!_ Unschuldiger Stockfisch! Man sollte es
doch nicht glauben, da solch' ein unschuldiger Stockfisch einen so
schinden kann! Wenn der Gouverneur mich jetzt sehen wrde, wre er
vielleicht zufrieden! Heh?

Dann gingen wir zur Felsenspitze und starrten wortlos ins Meer hinaus,
in das saphirblitzende Gewoge mit den braunen und braunroten
Fischersegeln und den unfrmigen Dampfern dazwischen. Wenn dann weit im
Westen der Sonnenball niederging und es sich wie Rubinengefunkel in das
Blau mischte, lachten wir uns nickend zu. Da drben lag San Franzisko.
Der schwache rote Schimmer am Horizont dort war ein Widerschein seiner
nchtlichen Lichterpracht. Wie wollten wir herumstbern in dem
Lichtschein dort, wenn einmal die Zeit erfllet war und -- wie wollten
wir unsere Hnde pflegen!

Tag um Tag verging, und endlich war ein Monat vorbei. Eines Morgens
fragte der Vorarbeiter im Arbeitssaal laut:

Wer will aufhren und nach San Franzisko zurck? Morgen kommt der
Kutter.

Merkwrdigerweise (mir wenigstens kam es merkwrdig vor) meldete sich
niemand. Frank und ich sahen uns an -- sahen uns wieder an -- genierten
uns gegenseitig, bis ich endlich den Anfang machte und rief:

Ich!

Ich auch! schrie Frank dazwischen und lchelte: Und warum denn
nicht! Wir sind ja hier (smtlichen Gttern Homers sei dafr gedankt!)
nicht angewachsen, noch mit den dreimal vermaledeiten _cods_
verheiratet. Mann, ich bin froh! Hnde -- freut euch!

Ein Sommermorgen war es, an dem wir das Felseninselchen zum letztenmal
sahen und einander feierlich versprachen, wir wrden, wie es auch kommen
und wie es uns noch ergehen mge in diesem lustigen Leben, eines
niemals, aber auch niemals tun: Stockfisch essen!

Whrend der Fahrt rechneten wir uns aus, da wir beide zusammen wohl
siebentausend Stockfische, zehn Pfund schwer das Stck ungefhr,
abgehutet, entgrtet und prpariert hatten. Mit unseren armen Hnden!
Zehn Stck in der Stunde etwa, und zehn Arbeitsstunden waren es im Tag,
und zweiunddreiig Tage lang hatten wir gearbeitet. Siebentausend Stck!

Weinen knnte man! sagte Frank Reddington. Weinen! Man kann ja nie
wieder einem Kabeljau ins Gesicht schauen! Wer je im Leben mir
gegenber das Wort "_cod_" erwhnt, den boxe ich ber den Haufen.
So!!

Und als wir uns umgekleidet und (vor allem) Handschuhe angezogen hatten,
prsentierten wir uns im Kontor mit unseren Zahlungsanweisungen.

Wie hat's Ihnen gefallen, fragte der Manager und grinste.

Famos, meinte Frank sauers.

Das freut mich sehr. Zeigen Sie mir doch einmal Ihre Hnde! Dabei
betrachtete der Geschftsfhrer augenzwinkernd unsere Handschuhe.

Mann, sagte Frank ernst, spotten Sie nicht meines ehrwrdigen
Alters. (Das ganze Kontor lachte.) Sonst gebe ich Ihnen meinen Fluch
und erscheine Ihnen nach meinem Tode dreimal jede Nacht als
Stockfisch!! (Das ganze Kontor brllte.)

Wir aber strichen ein jeder vierundsechzig Dollars ein und lachten
auch.




Die Stadt des Goldenen Tors.

     Das Erbe der Goldgrber. -- Die lustige Knigin des Westens. -- Von
     vernnftigen schwarzen Schafen. -- Die Stadt der Sieben Hgel
     bertrumpft! -- Kletternde Straenbahnen. -- Im Park des Goldenen
     Tors. -- Der dunkle Flecken der Sonnenstadt. -- Im Chinesenviertel.
     -- Die Strae der lebenden Schaufenster. -- Wie der Lausbub zum
     Professor wurde. -- Von Deutsch lernenden Lehrerinnen. -- Die
     amerikanische Frau. -- Kluge Mdchenerziehung und trichte
     Weiberherrschaft. -- Die Amerikanerin in Kunst und Leben. -- Die
     Sehnsucht nach der Zeitung.


Stolz nennen sich die Mnner Kaliforniens zum Unterschied von den im
Land der Sonne wohnenden, aber in anderen Staaten der Union geborenen
Amerikanern _the Native sons of California_, die eingeborenen Shne von
Kalifornien. Stolz sind sie auf ihre Ahnen, die Goldgrber. Diese zhen,
eisenharten Goldgrber von anno dazumal, die sich mit Mensch und Natur
herumschlugen, bis nur der Starke berlebte, haben die Kraft ihrer
Muskeln in Generationen hinein vererbt. Gro, schlank, sehnig sind die
Mnner des Kalifornien von heutzutage; stolz, ppig seine Frauen. Im
scharfen Gegensatz zu den berschlanken Amerikanerinnen der Oststaaten.
Noch etwas anderes aber vererbten die Goldgrberahnen: Lachender
bermut steckt diesen schnen Menschen im Blut; der gleiche
Lebensleichtsinn, dieselbe Genusucht, das gleiche Eintrinkenwollen der
Freude wie ihren Urgrovtern. Den Mnnern des Goldes, die heute arm
waren und morgen reich; heute sich ein Vermgen aus der Erde kratzten,
um es morgen zu verspielen.

Die Knigin des Westens war eine gar lebenslustige Dame. Reich wollten
die eingeborenen Shne von Kalifornien freilich auch werden, gerade so
wie die Dollarjger in Chicago oder St. Louis oder New York, aber keiner
verga ber der Hetzjagd des Dollars das Vergngen. Die Marketstrae
strahlte des Nachts in einem Flammenmeer von Licht. Rechts und links,
Seite an Seite fast, schrien Theater, Variets, franzsische
Restaurants, elegante Bars: Amsiert euch, Shne Kaliforniens!

Eine lustige Welt. Tag fr Tag und Abend fr Abend durchstreiften Frank
Reddington und ich die Stadt, eine Woche lang, denn wir waren es ja
unseren Hnden schuldig, wenigstens ein paar Tage hindurch die
Nichtstuer zu spielen. Fr was alles diese Hnde als Ausrede herhalten
muten! Wenn wir einmal in einem franzsischen Restaurant speisen
wollten, oder wenn eine Bar lockte oder ein Roulettetisch winkte, da
mahnte lachend einer den andern:

Es ist ja eigentlich schade um das sauer verdiente Geld -- aber denken
Sie nur an unsere Hnde!

Die Puritaner des Ostens htten sich hier auf den Kopf gestellt vor
Entsetzen! In den lustigen Variets, in die wir gingen, gewissenhaft
keines bersehend, setzten sich kichernde Soubretten zu den Gsten an
die Tische und zauberten ihnen Vierteldollars fr se _Manhattan
Cocktails_ und _Brandy Flips_ aus den Taschen; in den eleganten Bars war
stets eine Seitentre, ber der in goldenen Lettern stand: Nur fr
Klubmitglieder! Hinter dieser Tr wurde Poker gespielt, dort klappten
Farokstchen und sausten Rouletten. Klubmitglied jedoch war ein jeder,
der einen anstndigen Anzug trug und so aussah, als ob er die ntigen
Dollars zum Verspielen besitze! Die Aufschrift war eben weiter nichts
als eine verbindliche, nette, gemtliche Formsache der Polizei
gegenber. Wir versuchten einige Male unser Glck an der Roulette,
verloren eine Kleinigkeit und gewannen dann an einem Abend zusammen ber
siebzig Dollars! Merkwrdigerweise hrten wir auch zur richtigen Zeit
auf! In Franks Zimmer tanzten wir einen wahren Indianertanz der Freude
in jener Nacht und beschlossen feierlich, den grten Teil des Geldes in
neuen Anzgen anzulegen und niemals mehr als drei Dollars auf dem
Roulettetisch zu riskieren.

Sonst verlieren wir die Geschichte wieder, grinste Frank. Ich
finde brigens, mein lieber Junge, da wir fr schwarze Schafe und
verlorene Shne verdammt vernnftig sind! Heh?

Und des Tages streiften wir stundenlang in der Stadt umher. Rom hat den
klassischen Namen der Stadt der sieben Hgel. Nun, ein Rmer wrde sich,
wanderte er durch San Franzisko, nur in einem Gefhl der Beschmung und
des hoffnungslosen bertrumpftseins der sieben Hgel seiner Vaterstadt
erinnern! Lumpige sieben Hgel! In San Franzisko wimmelt es von Hgeln.
Acht, neun -- zwlf -- oder gar noch mehr. Flach ist die eine Seite der
ungeheuren Marketstrae, die die Stadt entzweischneidet, flach dem Hafen
zu. Auf der anderen Seite aber streben Hgel empor bis weit hinaus zum
Stillen Meer, zur _Golden Gate_; Hgel mit eleganten Wohnhusern an
holzgepflasterten Straen, die auf und nieder gehen in scharfen Winkeln,
bald steigend, bald fallend.

Und diese ewigen Hgel hinauf und hinab kletterte fortwhrend ein Gewirr
von Straenbahnen. Es war ein sonderbares Gefhl, unten zu stehen und
von hoch oben einen Straenbahnzug rasselnd auf sich zukommen zu sehen.
_Cable Cars_ wurden sie genannt, Kabelwagen. In der Mitte zwischen ihren
beiden Schienen lief eine dritte, gespaltene Schiene, unter der in einem
hohlen Raum unmittelbar unter dem Straenpflaster ein endloses Drahtseil
dahinsurrte. Eine Art Riesenzange packte auf einen Handgriff des Fhrers
hin durch den Spalt hindurch das Seil, das dann den Wagen mit sich
weiterri, whrend bei Haltestellen die Zange ausgelst und eine starke
Luftbremse in Ttigkeit gesetzt wurde. Wie in einer Wellenschaukel kam
man sich an besonders schlimmen Stellen vor -- vorwrtsgeworfen --
rckwrts gestoen -- geschttelt, gerttelt ...

Weit hinaus gegen das Meer zu streckten sich die stillen Straen des
elegantesten San Franzisko, und weit drauen standen die Palste der
Eisenbahnknige der Southern Pazific und Union Pazific Eisenbahnen, des
Zuckerknigs Spreckels, des deutschen Ingenieurs Sutro. Dann kam eine
wste einsame Sandstrecke, die nach Nordwesten zum Goldenen Tor, nach
Sdwesten zum Presidio fhrte. Eine komische kleine Eisenbahn rumpelte
ber den Sand dahin, zu einer der schnsten Parkschpfungen der Welt.
Ein Deutscher, der Ingenieur Sutro, hat das Wunderwerk geschaffen.
Mitten aus der eintnigen Sandflche heraus sprieen prachtvolle
Baumgruppen und grnende Grasflchen, Blumenbeete und Palmen. Dann
Felsengruppen, wieder Palmenhaine, und pltzlich, auftauchend wie eine
Zauberwelt, die gewaltige Schnheit des Ozeans. Da eingedrngt in ein
Felsentor schroffer Klippen, dort zwischen Himmel und Erde verflieend
in die Unendlichkeit. _Golden Gate._ Das goldene Tor, die Felsenpforte
von der Welt des Westens zur Welt des Ostens.

Doch auch der dunklen Flecken gab es in der lustigen Sonnenstadt.

Dster, winkelig, schmutzig stieg unten im Osten, dicht beim Hafen,
mitten aus der glnzenden Geschftsstrae Kearney Street ein bizarres
Husergewirr auf zwei Hgelchen empor. Mit wenigen Schritten trat man
aus dem Schein strahlender Bogenlampen und reicher Schaufenster in eine
Welt dunkler Schatten -- in die Chinesenstadt San Franziskos. Enge
Gchen. Winzige Huserchen. Geheimnisvolle dunkle Gnge. ber die
Gassen spannen sich leuchtendrote Plakate mit chinesischen Inschriften,
Laden lag an Laden, bezopfte kleine Mnner mit gelben Gesichtern
huschten hin und her. Mehr als das Auge jedoch staunte die Nase, denn
wie eine dichte Wolke lagerte ein unbeschreiblicher Geruch ber dem
Viertel der Chinesen; fremdartig ber alle Maen; jetzt lockend, nun
abstoend. Bald duftete es s und schwer wie von blhendem Jasmin, bald
bedrckend wie schwerer Nebel, bald wrzig wie Spezereien -- fremde
Menschen hatten die Gerche ihres Landes mit sich getragen ber den
Ozean. In jedem Gchen standen Polizisten (spter hat mich mein Freund
der Polizeileutnant gar oft durch die Chinesenstadt gefhrt); denn in
den kleinen Huserchen tief unten in den Gngen, die unterirdisch Haus
mit Haus verbanden, hausten Verbrecher und wohnte das Laster. Da waren
Opiumhhlen und chinesische Spielhllen und Diebskneipen.

Wr' ich einer der Fhrer der ffentlichen Meinung von San
Franzisko, sagte Frank, als wir eines Abends wieder die Chinesenstadt
durchstberten, so wrde ich so lange agitieren, bis das Rattennest
weggefegt wrde vom Erdboden!

Der Gedanke war nicht eben neu. Kaum ein Tag verging, ohne da in den
Friscoer Zeitungen die "Chinesenstadtfrage" ventiliert wurde. Doch die
Chinesen besaen Geld und wuten gewichtige Dollars da anzulegen, wo sie
in Form von einflureichem politischem Schutz gute Zinsen trugen. So
behauptete eben die Polizei, das Chinesenviertel sei ja die schnste
Musefalle, in der sie Tag fr Tag Verbrecher erwische, und die
Stadtbehrden erklrten, ein Zusammenleben der Chinesen erleichtere ihre
berwachung. Im brigen war die ffentliche Meinung von San Franzisko
gar nicht empfindlich gegen groteske Zustnde:

Sie duldete ja die Strae der lebenden Schaufenster!

Oben auf dem Hgel der Chinesenstadt lag, halb versteckt in winkeligen
Husermassen, ein Gchen, aus dem des Nachts heller Lichtschein
funkelte, und dem die Miggnger in Scharen zupilgerten. An seinem
Eingang, links und rechts, standen Nacht fr Nacht zwei Offiziere der
Heilsarmee. Mit ernsten Gesichtern grten sie die Vorbeigehenden und
deuteten schweigend auf ein Plakat, das sie zwischen sich ausgespannt
hielten und mit Blendlaternen scharf beleuchteten. Auf dem weien Fetzen
Leinwand stand in roter Schrift geschrieben:

Bruder, lieber Bruder! Sieh dir die Schande an! Hilf uns als Mann und
als Amerikaner, mit deiner Meinung und mit deiner Stimme bei den Wahlen,
die Schande zu besiegen! Hilf den rmsten der Frauen, lieber Bruder!

Innen im Gchen drngten sich die Menschen, in steter Vorwrtsbewegung
gehalten durch ein halbes Dutzend von Polizisten, deren halblauter Ruf
_move on_ -- _move on_ ... nicht stehen bleiben! -- die einzigen Laute
waren, die aus der sonderbaren Stille hervorklangen, denn alle Welt
starrte und starrte in die beleuchteten Fenster in den winzigen
Huserchen der beiden Seiten des Gchens. Was man da sah, schien bald
grausame Tragik, bald bergroteske Lcherlichkeit.

Die Fenster waren Schaufenster mit lebendigen Waren. Drei Fenster gab es
in jedem Huschen, bis auf den Boden gehend, und in einem jeden sa auf
erhhtem Podium, lichtbergossen vom Schein einer Glhbirne, ein Weib.
Gepudert, geschminkt, knstlich frisiert, angetan mit seidenem Kostm;
ein stereotypes, gemachtes Lcheln wie angefroren auf den Lippen ... Wie
eine Puppe. Wie eine Wachsfigur fast. So lag Schaufenster an
Schaufenster. Bald htte man am liebsten laut hinausgelacht, denn der
Gedanke dieser lebendigen Ware wirkte unsglich grotesk; bald htte man
sich schmen mssen. Frauen aller Lnder und aller Rassen hockten in der
langen Schaufensterlinie; Amerikanerinnen, Franzsinnen, Mulattinnen.
Eine winzige Chinesin dort -- ein Mdel im japanischen Kimono hier. Und
alle lchelten das gleiche gefrorene Lcheln und sahen starr vor sich
hin auf die Strae. Darin lag Methode. Dahinter steckte ein guter Grund.
Denn die guten Polizeirte der guten Stadt von San Franzisko duldeten
zwar diese Gasse der Groteske, erlieen aber frsorglich besondere
Vorschriften. Sie gaben sozusagen den lebendigen Schaufenstern das
Siegel behrdlicher Approbation. Aber die Glhlmpchen in den Fenstern
durften nur eine gewisse Kerzenstrke haben, auf da kein Fenster mehr
leuchte als das andere, und die Ware im Schaufenster durfte sich nicht
rhren, niemandem zulcheln, keinem Mann zunicken, auf da niemand
verfhrt wurde. So wahrte die Friscopolizei das Dekorum. Spielte
gravittisch eine steife Statistenrolle in der Tragikomdie.

Wir beide, Frank und ich, gaben im gleichen Impuls den sonderbaren
Wchtern der Heilsarmee am Gasseneingang ein Silberstck, als wir die
Gasse verlieen. Selbst lustiger junger Leichtsinn wurde nachdenklich
gestimmt in der Gasse der lebenden Schaufenster.

_Bad taste_, sagte Frank achselzuckend. Geschmacklos!

Und das war ein sehr vernnftiges Urteil.

                  *       *       *       *       *

Zusammen studierten wir den Anzeigenteil des Examiner, zwei Inserate im
besonderen. Freund Frank schttelte bedenklich sein weises Haupt.
Schlimmer als gesalzener _cod_ kann der Bengel ja auch nicht sein?
murmelte er. Ich probier' es. Schn ist es zwar nicht, aber der Sohn
meines Vaters braucht Geld. Jawohl -- ich probier' es!

Ich auch! sagte ich, obwohl mir die Sache sehr verrckt vorkam.

So machten wir uns selbander auf den Weg; er zu dem Vater, der
Privatstunden in Mathematik fr seinen Sohn suchte, ich zu der Familie,
die fr zwei Kinder im Alter von neun und elf Jahren gediegenen
deutschen Sprachunterricht ersehnte. Als wir uns eine Stunde spter
wieder trafen, konstatierten wir unter schallendem Gelchter, da wir
alle beide Respektspersonen geworden waren -- Lehrer der Jugend!

Die Mama meiner Zglinge -- ihr Gtter! -- war eine elegante schlanke
Amerikanerin, die das Engagieren eines deutschen Sprachlehrers als etwas
furchtbar Nebenschliches behandelt hatte.

Der Doktor wnscht es, ghnte sie, da meine Kinder deutsch
lernen. Er selbst hat keine Zeit, sie zu unterrichten. Ich finde nicht,
da deutscher Unterricht sehr wichtig ist, aber der Doktor --

Der Doktor, der dann in den Salon kam, war ihr Mann, ein Arzt, als Kind
deutscher Eltern in San Franzisko geboren. Er sprach mit mir in einem
durch englische Brocken entsetzlich verballhornten Deutsch und schien
sehr zufrieden mit meiner Gymnasialbildung. Das sei ja vortrefflich. Er
wnsche schon um seiner Eltern willen, da seine Kinder Deutsch lernten,
und dann gedenke er auch, spter seinen Sohn in Deutschland erziehen zu
lassen.

Sagen wir eine Stunde _daily_, in die Tag, so instruierte mich
Doktor Sanders, und sagen _uir_ eine Honorar von eine Dollar. Den Plan
vom Lernen _uollen_ Sie machen _as you think best_ -- _ui_ Sie halten es
fr die Beste -- nur praktisch, damit sie bald etwas _spreken_ knnen.

Die Kinder, das elfjhrige Mdel und der neunjhrige Bub, waren sehr
altklug und sehr ungeniert.

_We don't like German!_ erklrten sie mir sofort.

Deutsch gefllt uns gar nicht! Das wunderte mich nicht, denn ich
bekam bald heraus, da ihr deutscher Sprachunterricht bis jetzt darin
bestanden hatte, Worte nachzuschreiben, die der Papa ihnen vorschrieb.
Da kam mir ein glcklicher Gedanke, auf dem Umweg ber ein Glas Wasser,
das auf dem Tisch stand --

Kinder, wir wollen nur Deutsch sprechen! Also: Dies ist ein Glas
Wasser ...

Di is' ain Glas Wass'r, sprachen beide seelenvergngt nach.

Damit war der Weg zu dem Interesse der Kinder gefunden. Im Englischen
waren die Worte ja fast gleichlautend -- _this is a glass of water_ --,
so gleichlautend, da diesen amerikanischen Kindern auf einmal der
Appetit zum Deutschsprechen kam. Es war ja so leicht! So klebte ich denn
whrend der ganzen ersten Unterrichtsstunde verzweifelt an meinem Glas
Wasser und variierte darauf los -- in diesem Glas Wasser ist eine Rose
-- die Rose ist wei -- wir trinken Wasser -- bis zu den letzten
Mglichkeiten. Meine Kinder jubelten! Und da es wohl an die Tausend
Worte gibt, die im Deutschen und Englischen fast gleich ausgesprochen
werden, so war die "Methode" glcklich da. Eines Tages kam die Mama in
die Stunde und hrte erstaunt zu, um gleich in der nchsten
Unterrichtsstunde am andern Tag eine Freundin mitzubringen, die
Oberlehrerin einer Mdchenschule.

Ausgezeichnet, Professor! sagte sie.

Ich lachte laut auf. Aber ich bin doch kein Professor!

Das macht nichts, Professor. Wollen Sie uns Stunden geben?

Wem? Ihnen, Madame?

Hren Sie. Der groe kalifornische Lehrerinnenverein will im Herbst
eine Europareise machen und natrlich auch Deutschland besuchen. Mit
Ihrer praktischen Art knnen wir schnell noch ein wenig Deutsch lernen.
Ich arrangiere alles, Professor. Es darf aber nicht viel kosten!

Und sie arrangierte!

Ich glaube, die Professoren des Gymnasiums von Burghausen wren _in
corpore_ aus der Haut gefahren vor entsetzt unglubigem Staunen, htten
sie mich abends auf dem Katheder eines groen Schulzimmers der hheren
Mdchenschule von San Franzisko stehen sehen knnen! Vor einer
Hrerschar von ber fnfzig reizenden jungen Lehrerinnen! Frechheit,
steh' mir bei, dachte ich in verzweifeltem Galgenhumor und lie eine
pseudowissenschaftliche (ganz und gar aus den Fingern gesogene)
Erklrung vom Stapel, in der ich mein Betriebskapital von
gleichlautenden Worten den "gemeinsamen angloschsischen Sprachschatz"
nannte und sehr wichtig tat. Dann lste sich die Befangenheit. Aus der
Unterrichtsstunde wurde ein lustiges Frage- und Antwortspiel --

Uasser, Professor?

Nein, W--asser!

Bis der Professor zu den Bnken hinabstieg und die schweren deutschen
Worte seinen Schlerinnen vorsprach. Diese Schlerinnen waren ja
reizend! Eine hbscher als die andere -- eine lustiger als die andere.
Typisch in ihrer Art als Amerikanerinnen. Freilich -- der neugebackene
Herr Professor sah in ihnen gar nichts Typisches, sondern nur die
lustigen netten Frauen!

Aber schon in dieser Lustigkeit lag die ganze freie Art der
Amerikanerin, die von Kindesbeinen an daran gewhnt wird, mit dem andern
Geschlecht in formloser Kameradschaftlichkeit zu verkehren und das
Problem von den Wechselbeziehungen zwischen Mann und Frau nicht in jedes
harmlose Gesprch hineinzutragen. Nicht als ob sie nicht ganz Frauen
gewesen wren, diese jungen Amerikanerinnen, mit allen Gren und allen
Kleinlichkeiten, allen Tugenden und Untugenden des Frauentums! Sie
beherrschten das System der drahtlosen Telegraphie mit schnen Augen
meisterhaft und flirteten schndlich mit dem Lausbub von Professor! Doch
in dem Wesen dieser jungen Lehrerinnen, von denen die meisten keine
zwanzig Jahre zhlten, prgte sich etwas gewaltig Selbstbewutes aus.
Nicht das Selbstbewutsein der selbstndigen Frau, die ihr eigenes Geld
verdient. Darber lachten sie. Zuckten die Achseln und meinten, es sei
_grinding work_ -- aufreibende Arbeit und sie wren viel lieber
verheiratet. Nein, das Selbstbewutsein des Weibes steckte in ihnen, das
sich seiner Macht ber den Mann wohl bewut -- stolz darauf ist -- und
die Ritterlichkeit des Mannes als einen selbstverstndlichen Tribut
gndig in Empfang nimmt.

Die Frau Amerikas gibt, wenn es ihr gefllt, mit vergngt zwinkernden
uglein einen Zipfel von weiblicher Liebenswrdigkeit her. Sie tanzt
grazis auf dem Drahtseil der Liebelei, aber sie plumpst ganz gewi
nicht hinunter in ernsthafte Beschdigungen ihres Frauentums; denn sie,
die man niemals sorgfltig behtet und in ngstlichem Familienschutz
eingekapselt hat wie gebrechliche Ware, kennt die Welt und die Mnner
recht gut und wei Gefahren aus dem Weg zu gehen, weil sie die Gefahren
eben kennt. Ihre Weltkenntnis dient der Amerikanerin als Balanzierstange
auf dem gefhrlichen Drahtseil des Flirts, in dessen Beschreiten sie
Meisterin ist. Sie schtzt sich selbst. Welch' ein Unterschied zwischen
dem amerikanischen jungen Mdchen und dem der alten Welt, hinter dem
glucksend wie ngstliche Hennen frsorgliche Mamas und ngstliche Tanten
dreinrennen, damit das Schaf von Tochter oder Nichte dem reienden Wolf
von Mann nicht in die scharfen Zhne gerate -- whrend das behtete
Schflein immer neugieriger wird auf diesen sagenhaften bsen Wolf.

Das amerikanische Mdel aber guckt sich das Untier an, lacht und zhmt
es zu einem treugehorsamen Hndlein, das sich nicht mucksen darf und mit
der Peitsche scharfen Spotts gezchtigt wird, sollte es ungezogen
werden. Den Tragdien und Komdien der Liebe ist ja auch die
Amerikanerin untertan wie alle Menschenkinder. Dann aber erlebt sie mit
offenen Augen, wissend, einer starken Macht gehorchend ...

So hat sich der amerikanische Frauentyp herausgebildet, der sich in
starker Eigenart von den Frauen anderer Lnder, den Frauen Europas vor
allem, unterscheidet. Die freie Frau, die ber den Wall Jahrtausende
alter berlieferung hinbergeklettert ist und tut, was ihr gefllt. Sie
geniet die gleichen Rechte und die gleiche Erziehung wie der Bub. Sie
nimmt sich das Recht des Vergngens wie der junge Mann, mit dem sie
Seite an Seite studiert. Sie treibt Sport wie er. Sie nimmt sich das
Recht, im Vaterhaus zu kommen und zu gehen, wie es ihr beliebt, und es
fllt ihr nicht im Traum ein, die Mama um Erlaubnis zu bitten, ob sie
mit Herrn X oder mit Herrn Y ins Theater gehen darf. Sie geht einfach.
Sie ist emanzipiert im besten Sinn -- natrlich -- Mensch. Als junger
heranwachsender Mensch wenigstens. Das Schreckgespenst zu behtender
Geschlechtlichkeit ist ihren Eltern ein lcherlicher Unsinn.

Doch sonderbar. Die gleichen Menschen, die mit so gesundem praktischem
Sinn das Problem psychischer wie physischer Mdchenerziehung lsen und
als wundervolles Gut ihren Tchtern ein vernnftiges Menschentum und
eine prachtvolle Unbefangenheit mit ins Leben geben, sndigen wieder
gegen wahre Frauenwerte durch eine groteske Frauenberschtzung, die
tief in alle gesellschaftlichen, ja in die wirtschaftlichen Verhltnisse
des Landes hineinschneidet. Das gleiche Mdel, das so stolz auf ihr, man
mchte fast sagen: geschlechtsloses Menschentum ist und _en bon
camerade_ mit ihren mnnlichen Freunden tollt, wird in unmerklichem
bergang zur anspruchsvollen Knigin, zur herrschenden Macht, je mehr
das Weib in ihr sich regt. Das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern,
das Sitte und Erziehung herstellen wollen, verschiebt sich
unbeschreiblich weit zugunsten des Weibes. Sie heiratet. Ein guter
Kamerad ist die amerikanische Gattin, klug, erfahren, vorzglich dazu
geeignet, mit dem Mann seine Plne, seine Arbeit zu besprechen; ihn zu
beraten. Im scharfen Gegensatz zu dem Hausfrauentum, das die Frau in
Kche und Haus, den Mann ins Erwerbsleben verweist. Die Amerikanerin
wrde entsetzt sein, wollte man ihr von Hausfrauenpflichten reden. Sie
kocht miserabel und ist hilflos ohne Dienstboten. Sie treibt
beispiellose Verschwendung im Haushalt. Sie fordert, da der Mann ihr
die Mglichkeiten schaffe, alle ihre Wnsche zu befriedigen -- und
langsam entwickelt sich das typische Verhltnis zwischen amerikanischen
Ehegatten:

Der Mann arbeitet Tag und Nacht, um die Dollars herbeizuschaffen! Die
Frau amsiert sich in Luxus und Verschwendung!

Gebrt sie ihrem Mann Kinder, so erfllt sie damit nicht natrliche
Weibesbestimmung, sondern ist eine arme Mrtyrerin der Ehe und des
Mannes; sie gibt dem Mann mit den Kindern ein Gnadengeschenk, das ihm
die Pflicht auferlegt, sich Gensse zu versagen und rastlos Dollars zu
jagen, um sie der Mrtyrerin, der Knigin, zu Fen zu legen.

Weiberherrschaft. Weiberherrschaft, die einen eisernen Grtel um das
Land zieht und verantwortlich ist fr lcherliche bertreibungen im
Kampf gegen Alkohol und Tabak, fr die Schlieung aller
Vergngungssttten an den Sonntagen, fr ein sonderbares Muckertum, das
gar nicht hineinpat in den freien natrlichen Charakter der
amerikanischen Menschen. Weithin dehnt sich der Kreis der
Weiberherrschaft. Literatur und Kunst mu sich dem Weiberwillen beugen,
denn die Frau ist es ja, die allein fr Kunst und Schnheit Zeit brig
hat, whrend der Mann die Dollars jagt fr seine Knigin und zu nichts
sonst Zeit hat. Die Frauen sind es, unter deren Reich die New Yorker
Oper blht und Tenren Mrchenhonorare bezahlt wie keine andere Oper der
Welt. Die Frauen waren es aber auch, die entsetzt die Absetzung der
"unsittlichen" Salome vom Spielplan forderten und durchsetzten -- und
die Frauen sind es, die das amerikanische Schauspiel zu der jmmerlichen
Groteske von sentimentalem Melodrama machen, die es ist. Weil groe
Kunst, die das Leben wahr schildert, nicht hineinpat in das kleine
Sittlichkeitshirn der Durchschnittsamerikanerin. Durch die
Weiberherrschaft regiert der sentimentale Roman, in denen engelhafte
Frauen dulden und leiden und endlich die weigewaschene, frischgestrkte
Tugend _ la_ Amerika unwiderruflich siegen mu -- die Weiberherrschaft
hat den Knstler Gibson verhunzt, seine groe Kunst auf die Knie
gezwungen, ihn den weltbekannten amerikanischen Frauentyp schaffen
lassen: Gro, schlankgliedrig, weiche, fallende Schultern, majesttisch
nicht zum sagen, Gesichtszge wie regierende Frstinnen whrend ihrer
Krnung ...

In die Gesetze hinein ist sie gedrungen. Eine amerikanische Frau darf
einen Mann niederschieen: in neun Fllen aus zehn werden die
Geschworenen sie freisprechen. Sie darf stehlen: die Geschworenen werden
nur entsetzt sein, da in ihrem glorreichen Land es mglich ist, da
eine Frau, Ihre Majestt die Frau, zum Stehlen getrieben werden kann.
Sie darf Mnner betrgen um noch so hohe Summen: die Geschworenen geben
dem Mann die Schuld.

So ergibt sich eines der wunderlichsten Zerrbilder der modernen Welt --
ein kerngesundes Menschenkindlein von Mdchen, dessen Art und Erziehung
man geruhig den Lndern der alten Welt zum Vorbild hinstellen kann und
das als Weib in einer nationalen Epidemie von weiblichem Grenwahn
unfehlbar verdorben wird. Ein Zerrbild ...

                  *       *       *       *       *

Der Herr Professor verdiente viel Geld mit seinen lustigen Lehrerinnen
und fand das Leben wunderschn, wenn er mit jener Schlerin heute in den
_Golden Gate Park_ ging und mit dieser morgen unter gefhrlichem Flirten
in einem franzsischen Restaurant dinierte. Bis einmal Frank sagte:

Die Geschichte wird nicht lange dauern, _amice_!

Meinst du?

Aber das ist doch selbstverstndlich. Eines schnen Tages werden sie
des Spiels berdrssig werden (ich kenne meine Leute) und dann -- adieu,
Professor. Armer Professor!

Da wurde der Lausbub von Professor nachdenklich; hatte er ja selbst
schon mehr als einmal empfunden, da sein deutscher Unterricht
schlielich nur eine Art lustiger Charlatanerie war und der Teufel los
sein wrde, wenn einmal die Grenze erreicht war, wo die Geschichte ohne
grammatikalische Grndlichkeit versagen mute!

Und eines Abends trumte ich von der Zeitung in St. Louis, und wie
unbeschreibliche Sehnsucht kam es ber mich; jene Sehnsucht, die den
Menschen packt und schttelt und sich hineinfrit in sein innerstes
Denken wie eine fixe Idee. Ich trumte und trumte.

Endlich kam, in dem prachtvollen Optimismus der Jugend, dem kein Ding
unmglich scheint, ein vermessener Entschlu. Der Lausbub setzte sich
hin und schrieb tagelang, eilend, ndernd ...

Famos ist's, Professor. Du kannst mehr Englisch als ich! sagte
Frank.

So gingen die beiden Manuskripte, ber die Fischerinsel das eine, ein
Hafenbild das andere, an den _San Francisko Examiner_ ab. Gleichzeitig
ein langer Brief an den lieben alten schsischen Doktor mit der Bitte,
ob nicht er oder einer der Herren der Redaktion mich an den _San
Francisko Examiner_ empfehlen knne. Der Professor fing an, lebensklug
zu werden ...




Der Lausbub findet die Lebenslinie.

     Von neuem Stolz. -- Der Lausbub will amerikanischer Journalist
     werden. -- Auf der Redaktion. -- Jngster Reporter. -- Hallelujah!
     Das erste Interview. -- Die Lebenslinie.


ber Nacht fast wurde der trichte Junge zum Mann. Vor allem: Er
verdiente viel Geld! Zum erstenmal in diesen kindlich einfltigen
Wanderjahren verfgte er ber mehr Geld, als der Tag erforderte. Das gab
Rckgrat und Selbstbewutsein. Dann waren da die jungen Amerikanerinnen,
in deren Gesellschaft er sich frei bewegen lernte (das Linkischsein
Frauen gegenber verflog merkwrdig rasch!) -- da war Frank Reddington,
dessen frischer froher Lebensoptimismus der Art des deutschen Jungen so
verwandt war und doch wieder auf ganz neue Wege hinwies. Dieser
amerikanische Bruder Leichtfu lie sich nicht blind, gedankenlos,
ohnmchtig vorwrtstreiben, sondern dachte klar und scharf. Er hatte
nicht nur eine ausgezeichnete Meinung von sich selbst, sondern wute
auch in seiner flotten, knappen amerikanischen Manier so aufzutreten,
da sein Selbstrespekt sichtbar war und auf andere Menschen wirkte.
Rckgrat! Mnnerstolz!

So lernte der Lausbub. Zog mit den eleganten amerikanischen Anzgen, die
ihm ein guter Schneider nach Franks Garderobe kopierte, auch ein wenig
von Franks Wesen an. Machte nicht mehr die tiefen Verbeugungen vor allen
Menschen! Plapperte nicht mehr jungenhaft alles heraus, was ihm gerade
im Kopfe steckte ...

Als die Schlerinnen nach und nach wegblieben, weil der Reiz der Neuheit
verblat war, da setzte ich es mir in den Kopf, um jeden Preis
Journalist zu werden. Kurz entschlossen ging ich auf die Redaktion des
San Franzisko Examiners. Melden lie ich mich bei dem _managing editor_,
dem stellvertretenden Chefredakteur, der an amerikanischen Zeitungen der
eigentliche Chef des Redaktionsstabs ist. (Das wute ich von St. Louis
her.)

Und was kann ich fr Sie tun?

Ich will Journalist werden.

Halloh! Langsam -- immer langsam ...

Ich nehme Ihre Zeit nur drei Minuten in Anspruch --

_Go ahead!_

Ich will Journalist werden. Vor allem will ich wissen, ob meine
Kenntnisse fr die Arbeit einer amerikanischen Zeitung gengen. Ich bin
Deutscher. An der Westlichen Post war ich zwei Monate lang aushilfsweise
angestellt --

Aha! An der Westlichen Post -- wei schon. _Go ahead!_

Ich bitte Sie, einen Versuch mit mir zu machen und schlage vor, zwei
Monate lang umsonst fr die Zeitung zu arbeiten.

Halloh -- haben Sie denn Geld zum Leben?

Jawohl.

Woher?

Mit deutschem Sprachunterricht verdient.

So? Ich erinnere mich, einen Brief von der Redaktion der Westlichen
Post erhalten zu haben, in dem Sie empfohlen wurden. Sie knnten
arbeiten, sagt Doktor Pretorius. Knnen Sie mir etwas zeigen, das Sie
geschrieben haben? In Englisch natrlich.

Als ich von den eingesandten Manuskripten sprach, bat er telephonisch
den _city editor_, den Stadtredakteur, sich zu ihm zu bemhen und die
Manuskripte mitzubringen.

Mr. Mc.Grady -- Mr. Carl. Mc.Grady, haben Sie die Sachen gelesen?

Knnen wir nicht gebrauchen, brummte der Stadtredakteur.

Lassen Sie einmal sehen, bitte.

Der groe Mann las meine Arbeiten sorgfltig durch, und ich zitterte
innerlich -- trotz meines nagelneuen Selbstbewutseins.

Nun, sagte er endlich, fr uns ist das allerdings nichts. Zu sehr
skizzenhaft. Wir knpfen Beschreibungen nur an interessante Ereignisse
an. Aber der Stil ist nicht bel, und das bichen Fremdartige macht sich
sogar ganz gut. Hier ist brigens ein grober grammatikalischer Fehler.
Mc.Grady, dieser junge Mann ist Deutscher und will amerikanischer
Journalist werden. Er hat mir gesagt, er wolle wissen, ob er frs Metier
taugt und zwei Monate umsonst arbeiten. Was meinen Sie? Ist von der
Westlichen Post, deutsche Zeitung in St. Louis, empfohlen.

Kann ich schwer etwas sagen, meinte Mister Mc.Grady. Die
Fischerinselsache ist ganz nett. Zum Journalisten mu man geboren sein.
Knnen's ja mal probieren. Im brigen bin ich kurz an Reportern, seit
Jameson entlassen werden mute.

_Allright._ Mr. Carl, ich stelle Sie beim Examiner mit einem festen
Wochengehalt von fnf Dollars an. Fr Ihre Arbeiten erhalten Sie
Zeilengeld.

Gratuliere, sagte Mc.Grady und lachte. Ich werde Sie zwiebeln. Wir
haben hier keine Zeit zum reden. Ich will Ihnen also nur kurz sagen, da
bei mir die Arbeit alles und der Mann gar nichts gilt. Arbeiten Sie.

Der Chef des Redaktionsstabs nickte. Bei uns gilt nur die Arbeit. Sie
sind also jngster Reporter. Mr. Mc.Grady wird Ihnen Ihre Aufgaben
zuweisen. Noch einen Wink: Ich habe Sie deshalb engagiert, weil in Ihrem
Zeugs da die Kleinigkeiten gut beobachtet sind. Sie haben zu beobachten.
In Ausfhrung Ihrer jeweiligen Reporteraufgabe werden Sie alles tun, um
alle nur erdenklichen Tatsachen zu erforschen und alles, Groes und
Kleines, zu beobachten. Tatsachen brauche ich. Elegante Bemerkungen
knnen wir uns selbst aus den Fingern saugen. Tatsachen! Beten Sie um
Tatsachen! Wie Sie das machen, wird uns zeigen, ob es der Mhe wert ist,
sich mit Ihnen zu plagen. _Good morning!_

Prompt um 5 Uhr nachmittags im Reporterzimmer! befahl Mc.Grady.
Lassen Sie Ihren Frackanzug und Wsche herschicken, damit Sie sich im
Bedarfsfalle hier umkleiden knnen. _Good morning!_ Geben Sie mir gute
Arbeit, und ich bin Ihr guter Freund -- _good morning_!

So wurde ich jngster Reporter der San Franziskoer Zeitung des
Zeitungsknigs Hearst.

                  *       *       *       *       *

Wie besessen strmte ich nach Hause und rannte -- hopla, immer drei
Stufen auf einmal -- zu Franks Zimmer empor.

Frank -- Franky -- -- schrie ich, noch halb in der Tre, ich bin
als Reporter beim Examiner angestellt! _Glory hallelujah_ -- Frank --
wir mssen schnell ein Glas Bier trinken, sonst geh' ich aus dem Leim
vor Vergngen und --

Da sah ich erst, da auf dem einzigen wackeligen Stuhl des Zimmers ein
beleibter lterer Herr sa, der mich lchelnd musterte. Frank sa auf
dem Bett und grinste. Frank sah dem lteren Herrn sehr hnlich -- --

_Well_, ist das noch so einer, Frank? sagte der Herr.

_Exactly, sir._ Richtige Sorte. Alter Junge, ich gratulier' dir
hunderttausendmal zum Examiner. Hoh, hau' dich dran an die alte Zeitung!
Vater, darf ich dir Mr. Carl vorstellen -- vom Examiner. Exbearbeiter
von verdammt salzigen _cods_ und nebenbei Professor der deutschen
Sprache!

Mr. Reddington lachte schallend auf.

Ihr Jungens seid mir fast ein wenig zu fix. Eine unverschmte
Gesellschaft! Ist das bei Ihnen in Deutschland auch Sitte, da der Vater
zum Sohn kommt und nicht der Sohn zum Vater, heh? Na, ihr habt
wenigstens Schneid. Nun kommt mit ins Hotel, ihr Taugenichtse, und lat
euch abfttern!

In einer Viertelstunde saen wir drei im eleganten Lunchroom des Globe
Hotel. Mich packte es wie unertrgliches Heimweh, als ich sah, wie stolz
trotz aller oberflchlichen Krze und anscheinender Gleichgltigkeit der
alte Herr auf seinen Strick von Sohn war, und wie seine Augen blitzartig
aufleuchteten, als Frank erklrte, im Dezember werde er sich bei seinem
Vater in New York fr Ordres melden. Bis zur Schluprfung aber wolle er
selbst fr seine Existenz sorgen. Der alte Herr murmelte zwar, das sei
verdammter Bldsinn, aber man merkte ihm die Freude an, als Frank
trocken erklrte, die Arbeit an der Universitt von Kalifornien sei
seine Privataffre und er gedenke das durchzuhalten, was er begonnen.

Aber ein gutes Werk knntest du tun, Gouverneur!

Heh? Schulden bezahlen?

Ach wo. Hab' keine. Nein -- sieh' mal an, Carl hier ist _allright_
und heute nagelneuer Reporter geworden --

Ja! Wird solch' ein Junge, bumps, einfach Reporter! Welche Rtsel Ihr
einem alten Mann zum Lsen aufgebt!

-- und du knntest nett sein, _sir_, und ihm etwas erzhlen, das er
fr die Zeitung gebrauchen kann. Du weit ja immer etwas.

Na ...

Bitte, _pater_!

Und wieder lachte der alte Herr. Eigentlich sei es noch vierundzwanzig
Stunden zu frh, die Katze aus dem Sack zu lassen, aber ausnahmsweise
und weil es der Zufall so wolle -- --

Er diktierte. Knapp, scharf, wie ein General, der seine
Schlachtdispositionen diktiert. Selbst meine Unerfahrenheit begriff,
da es sich hier um ganz Groes handelte. Die Illinois Central
Eisenbahn (deren Aktien der Vater Franks kontrollierte) hatte eine
unrentable und zum Teil noch gar nicht vllig gebaute Eisenbahnlinie
in Missouri und Arkansas aufgekauft. Die Verbindungslinie zwischen
Chicago, dieser Bahn, und dem tiefen Sden sollte sofort in Bau
genommen werden. Dann kamen finanzielle Details. Und eine meisterhafte
Darstellung, kurz, aber von vollendeter Klarheit, der Stdte, die die
Bahn berhren sollte, der Wirtschaftsgebiete, durch die sie fhrte, der
Erschlieungsmglichkeiten, mit denen das Konsortium rechnete.

Als Personalnotiz knnen Sie bringen, Cyrus F. Reddington sei auf
einige Tage in San Franzisko, um seinen Sohn zu besuchen, der auf der
Universitt von Kalifornien studiert!

Und er lchelte Frank zu.

Ich aber rannte auf die Redaktion des Examiner.

Um fnf Uhr sagte ich doch! brummte Mc. Grady stirnrunzelnd.

Ich habe ein Interview mit Cyrus F. Reddington aus New York.

Heh? Was?

Reddington. Prsident der Nationalbank --

Jedes Kind kennt ihn. Wie kommen Sie zu ihm? Wo ist er abgestiegen?

Im Globe. Ich bin mit seinem Sohn befreundet.

Kommen Sie mit.

Er zerrte mich zum Chefredakteur, und eilte dann selbst nach dem Globe
Hotel (wahrscheinlich, um meine Angaben zu verifizieren).

Mr. Lascelles aber, der _Managing Editor_, fuhr mit dem Rot- und
Blaustift zwischen den Zeilen meines Manuskripts hin und her,
unterstreichend, hervorhebend.

Famos, sagte er. Ganz groe Sache. Halten Sie sich diese
Verbindung warm. Hat der alte Reddington die Nachricht auch anderen
gegeben? Anderen Zeitungen? Der Brse?

Nein, nur mir.

Was? schrie er. Das ist groartig!

Noch krassere berschriften setzte er darber und leitete die Sensation
mit den Worten ein: Spezialmeldung des Examiner. Und unter die zwei
Riesenspalten setzte er die Anfangsbuchstaben meines Namens: E. C.

Sie haben sich die Sporen verdient, lchelte er. Wenn's auch ein
Zufall war.

Dann wurde ich auf einen Grofeueralarm geschickt. Ein groes Gebude
im Geschftsviertel brannte nieder. Zufllig kam ich gerade dazu, als
der Leiter der Feuerwehr den Heizer der Kesselanlage des Gebudes
verhrte, der umstndlich schilderte, wie aus dem Keller mit einemmal
Flammen geschlagen seien, und da er schon vor einigen Tagen vor der
Selbstentzndungsgefahr der neugekauften bituminsen Kohlensorte gewarnt
habe. Das war wieder etwas sehr Hbsches, und wieder ein Glckszufall!

Mc.Grady aber nickte vergngt ...

Wir werden noch einen guten Examinermann aus Ihnen machen!

                  *       *       *       *       *

Das war eine schlaflose Nacht. Ich starrte aus dem Fenster meines
Zimmerchens hinaus auf die glitzernden Lichter in der Bai, und Traum
jagte sich auf Traum. So wie man selten trumt. Nur nach groem Erleben.
Wenn man dasteht und das hmmernde Blut in den Schlfen fhlt, und ein
ungeheures Glcksgefhl aufsteigt ber das erreichte Ziel; wenn man
seinen Jubel hinausschreien mchte in die Welt ... Herrgott, so war ich
nun Zeitungsmann! Schreien htte ich mgen, jubelnd schreien.
Zeitungsmann an einer der groen Zeitungen der Welt! Der Stolz regte
sich: allein hast du den Weg zur Zeitung gefunden! Wie lcherlich kleine
Dinge lagen die Erlebnisse dieser ersten drei Jahre in Amerika weit
hinter mir -- weit, unbeschreiblich weit. Und mit einemmal kam es ber
mich wie ruhige Klarheit, wie ein Gefhl felsenfester Sicherheit, durch
nichts zu erschttern:

Mein Leben -- das Leben, das ich leben wollte -- lag klar vor mir. Kein
Suchen mehr. Kein Tasten. Kein Umherirren von Beruf zu Beruf. Die
Zeitung und ich, ich und die Zeitung: das war die Lebenslinie. Wie es
auch kommen mochte, festhalten an dem Einen: Du gehrst zur Feder, weil
du zu ihr gehren willst, und mit der Arbeit, die jetzt beginnt, mut du
stehen oder fallen!

Der Lausbub hatte die Lebenslinie gefunden.

                        Ende des ersten Teils




[  Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
   jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte
   Zeile steht.

gute Samariter. Nun fngt ein neues Leben an
gute Samariter. -- Nun fngt ein neues Leben an

Wanderer Nr. 3
Wanderer Nr. 3.

-- Als Streckenarbeiter in Arizona. -- Der bo߫. -- Von
-- Als Streckenarbeiter in Arizona. -- Der boss. -- Von

Kindern Italiens. -- Wir haben wieder die Eisenbahn! Hnde
Kindern Italiens. -- Wir haben wieder die Eisenbahn! -- Hnde

Der deutsche Lausbub
Der Deutsche Lausbub

-- Die beiden Dninnen. Im New Yorker Hafen.
-- Die beiden Dninnen. -- Im New Yorker Hafen.

nich' ssu sagen, denk ich. Nu, ich sitz -- un' wie ich so sitz, kommt e
nich' ssu sagen, denk' ich. Nu, ich sitz -- un' wie ich so sitz, kommt e

Eile ist! schmunzelte der Riese. Das gesegnete Schiff ist noch gar
Eile ist! schmunzelte der Riese. Das gesegnete Schiff ist noch gar

den Revolver schugerecht vor sich auf dem Tisch liegen habe: Die
den Revolver schugerecht vor sich auf dem Tisch liegen habe. Die

trugen in goldenen Lettern die Inschrift: _Lone Star Expre_
trugen in goldenen Lettern die Inschrift: _Lone Star Express_

_Lone Star Expre_; kleine blaue Sterne auf rotem Grund bildeten
_Lone Star Express_; kleine blaue Sterne auf rotem Grund bildeten

sa, merkte, da das Pferd unter mir in ruhiger Stetigkeit galoppierte;
sa, merkte, da das Pferd unter mir in ruhiger Stetigkeit galoppierte:

Kaffee, kein' Zucker, kein Tabak, kein' gar nix. Kleines Zettelchen fr
Kaffee, kein' Zucker, kein' Tabak, kein' gar nix. Kleines Zettelchen fr

ergnzender wagrechter Schlag, der das angehauene Holzstckchen
ergnzender waagrechter Schlag, der das angehauene Holzstckchen

bera das Land trieb. Den ganzen Tag und die ganze Nacht umritten wir
ber das Land trieb. Den ganzen Tag und die ganze Nacht umritten wir

Kurz vor Bernham durchschnitt die Staatsstrae nach Osten, nach San
Kurz vor Brenham durchschnitt die Staatsstrae nach Osten, nach San

pompse Mr. Mindus aus dem Huschen geriet, als ich dem berchtigsten
pompse Mr. Mindus aus dem Huschen geriet, als ich dem berchtigtsten

Da tauchte der Dampfer vor mir auf und Mi Daisy Bennett und die
Da tauchte der Dampfer vor mir auf und Mi Daisy Benett und die

Stelle. Es bedeutet Hunger und Durst, mein Sohn. Man kann kaputgehen
Stelle. Es bedeutet Hunger und Durst, mein Sohn. Man kann kaputtgehen

-- Der Romantiker. -- Lebenssehnsucht und Wandertrieb. -- Prsident
-- Die Romantiker. -- Lebenssehnsucht und Wandertrieb. -- Prsident

Arbeiten!
-- Arbeiten!

weiterfahren knnen!
weiterfahren knnen!

Streckenarbeiter in Arizona. -- Der _bo_. -- Von Kindern
Streckenarbeiter in Arizona. -- Der _boss_. -- Von Kindern

"_parla italiano_"? entgegenschrien und enttuscht aussahen, als wir die
"_parla italiano_?" entgegenschrien und enttuscht aussahen, als wir die

Hlichkeit. -- Der Menschenpferch. -- Auf Arbeitssuche. -- Im
der Hlichkeit. -- Der Menschenpferch. -- Auf Arbeitssuche. -- Im

Einen runden Kreis, antwortete ich; wei, rosa an den Rndern, und
Einen runden Kreis, antwortete ich; wei, rosa an den Rndern, und

Struwelpeter aus dem Bilderbuch. Dazu waren meine Taschen leer, bis auf
Struwwelpeter aus dem Bilderbuch. Dazu waren meine Taschen leer, bis auf

ber einem angehenden Geschirrwascher.
ber einem angehenden Geschirrwscher.

erstcke ja in dssem Berg von _Associated Pre copy_. Fangen Sie nur
erstcke ja in dssem Berg von _Associated Press copy_. Fangen Sie nur

berschrift ein -- ein Heinezitat, das famos pate: Herr Doktor sind
berschrift ein -- ein Heinezitat, das famos pate: Herr Doktor, sind

Dimmissionszeugnis geschrieben hatte: Die Leistungen dieses Schlers
Dimissionszeugnis geschrieben hatte: Die Leistungen dieses Schlers

_We dont like German!_ erklrten sie mir sofort.
_We don't like German!_ erklrten sie mir sofort.
]





End of Project Gutenberg's Der Deutsche Lausbub in Amerika, by Erwin Rosen

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refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

