The Project Gutenberg EBook of Die Welt in hundert Jahren, by Various

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Title: Die Welt in hundert Jahren

Author: Various

Editor: Arthur Brehmer

Illustrator: Ernst Lbbert

Release Date: September 23, 2014 [EBook #46939]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WELT IN HUNDERT JAHREN ***




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                               Die Welt
                              in hundert
                                Jahren


                        Unter Mitwirkung von:
                   Hermann Bahr, Eduard Bernstein,
                  B. Bjrnson, Hofrat Max Burckhard,
              Dora Dyx, Alexander von Gleichen-Ruwurm,
                        Professor Dr. Everard
                  Hustler, Baronin von Hutten, Ellen
                   Key, Dr. Wilhelm Kienzl, Cesare
                  Lombroso, Reg.-Rat Martin, Hudson
                Maxim, Dr. Karl Peters, Prof. Garrett
                   P. Serviss, Robert Sloss, Jehan
                   van der Straaten, Bertha Baronin
                  von Suttner, Fred. Walworth Brown.

                  Herausgegeben von Arthur Brehmer.
                Mit Illustrationen von Ernst Lbbert.

                 Verlagsanstalt Buntdruck G. m. b. H.
                            Berlin SW. 68.




                               Vorwort.


Seit je war es das grosse Sehnen der Menschheit, von der Zukunft den
Schleier zu heben und einen Blick in die Zeiten zu tun, die kommen
werden, wenn wir nicht mehr sind. Propheten und Seher sind uns
erstanden, falsche und echte; Trumer und Wisser. Mnner, die selbst den
Keim mit gelegt haben zu dem, was werden wird, und die gesttzt auf das,
was jetzt schon erreicht ist, und was uns die Jahrhunderte brachten, in
klarer, logischer, wissenschaftlich unanfechtbarer Folgerung, das Bild
der Welt zu entwerfen vermgen, das die kommenden Zeiten uns zeichnet.
Und dieses Bild ist so grosser Verheissungen voll, da diese uns oft
anmuten gleich Mrchen, und doch ist in unserer alles berholenden Zeit
vieles von dem, was uns am mrchenhaftesten scheint, seit der kurzen
Spanne Zeit, die vergangen ist, seit es geschrieben, doch schon zur
Wahrheit geworden. Dadurch aber erhlt das, was uns als in der Zukunft
liegend noch weiter geschildert wird, doppelten Wert.

                                                           Der Verlag.




                            Hudson Maxim.
                Das 1000 jhrige Reich der Maschinen.


                Das 1000 jhrige Reich der Maschinen.
                          Von Hudson Maxim.

Knnten wir durch den weiten Weltenraum mit einer ausreichend groen
Geschwindigkeit fliegen, so wrden wir die Strahlen des von unserer Erde
vor tausend und abertausend Jahren ausgegangenen Lichtes berholen; und
htten wir unendlich weitblickende Augen, so knnten wir, whrend wir
dahinfliegen, zurckschauen und knnten die ganze Geschichte unserer
Erde sich wieder vor unseren Augen abwickeln sehen. Wir wrden den
Menschen wieder zu dem affenhnlichen Geschpfe werden sehen und wrden
schlielich sehen, wie er und alle andern lebenden Wesen wieder zu dem
Urtierchen wird, das in dem azoischen Meere mit aufging.

Was fr eine Wunderwelt aber wrde sich uns erst erschlieen, knnten
wir uns auf hnliche Weise Flgel nehmen und der Zukunft entgegeneilen,
um dem Menschen auf seiner aufstrebenden Bahn zu folgen, bis er den
Hhepunkt allen physischen, intellektuellen und ethischen Lebens
erreicht haben wird, von dem aus der dann auf uns, seine Vorfahren, mit
demselben staunenden Blick zurckschauen wird, der uns bewegt, wenn wir
die Spur unseres Aufstieges bis zu dem Ursprung des Menschen verfolgen.
Denn wenn wir der irdischen Entwicklung immer weiter und weiter
nachgehen wrden, dann wrden wir sehen, wie die Sonne sich nach und
nach abkhlt und wie sie ihr Licht verliert und es auch uns damit nimmt,
und wir wrden das seltsame Schauspiel vor uns sehen, da die
ausgetrocknete Erde gierig die Seen aufschluckt und aufsaugt, und da
der Mensch wieder gezwungen wird, ein Hhlenbewohner zu werden, der
ebenso nach Wasser grbt, wie wir jetzt nach Gold. Denn das Wasser wird
seltener und kostbarer sein als jetzt das Gold ist.


                      Ein Blick in die Zukunft.

Kein Mensch ist imstande, die Zukunft voraus zu verknden, es sei denn,
da er dies aus der Kenntnis der Gegenwart heraus tut -- dann aber mu
eben das, was er voraussagt, notgedrungen das ideelle Resultat sein, das
sich aus den gegenwrtigen Strmungen, Errungenschaften und
Entwicklungsphasen ergibt. Es kann naturgem keine Wirkung ohne Ursache
geben, und widerum keine Ursache, die nicht an sich wieder eine Wirkung
einer vorhergegangenen Ursache ist. Jede Wirkung ist im ewigen Kreislauf
Ursache zu anderen Wirkungen, die ihr wieder genau gleich sind. Es kann
deshalb in der Natur keine Wirkungen mehr geben, die nicht den
veranlassenden Ursachen gleichen.

Jedes vorhandene Atom folgt einer mathematisch genauen Bahn, die sicher
durch die von allen anderen bestehenden Atomen ausgebten Krfte genau
ebenso bestimmt ist, wie ein Stern nicht gehen kann, wohin er will,
sondern seiner vorgeschriebenen Himmelsbahn folgen mu. Wir wissen
daher, da die Summe aller Krfte der gesamten Natur bis zum
gegenwrtigen Augenblick genau der Summe der gesamten Krfte gleich ist,
die von den Atomen unter sich auf einander ausgebt werden. Und deshalb
wissen wir auch, da alle Ereignisse der Geschichte, alle
Himmelserscheinungen, alle Produkte der organischen und anorganischen,
der beseelten und unbeseelten Natur die ganze Zeit hindurch genau
diejenigen gewesen sind, die der Summe der vereinten Krfte aller
vorhandenen und auf einander wirkenden Atome entsprechen.

In der Natur gibt es keinen Zufall. Es gibt kein derartiges Ding, wie
Glck oder Gelegenheit. Unser Leben stellt nur ein ganz geringes
Teilchen der groen kosmischen Entwicklung dar, und sogar unser freier
Wille ist vorausbestimmt, gerade so zu wollen und nicht anders wie er
will; denn wir knnen, wenn keine Ursache zum Wollen da ist, ebenso
wenig wollen, wie eine Sonne von ihrer Bahn abgelenkt werden kann, wenn
keine Ablenkungsursache da ist.

Htten wir, die wir auf der Schwelle alles dessen, was kommen wird,
stehen, von allen jetzt wirkenden Ursachen genaue Kenntnis, und wrden
wir ihre Kraft und die Richtung kennen, in der sie sich uern, dann
wrden wir einen weitreichenden Ausblick in die Zukunft haben. Da aber
unser Wissen, so gro es auch ist, nur gering ist, und da unsere Krfte
beschrnkt sind, so knnen wir weiter nichts tun, als allgemeine
Betrachtungen anstellen, die auf dem, was wir wissen, aufgebaut sind.


                     Was Knnen wir prophezeien?

Es gibt mancherlei, was wir trotz unserer Unzulnglichkeit bis zu einem
gewissen Grade sicher voraussagen knnen. Man kann zum Beispiel sicher
vorhersagen, da das menschliche Vorwrtsstreben von jetzt ab weit
schneller von statten gehen wird, als es jemals bisher der Fall gewesen
ist, und da vermutlich das Jahrtausend der ideellen Vollendung nicht
mehr so fern sein kann, wie unsere Zeit dies anzunehmen gewohnt war.

Die Gegenwart ist ein Zeitalter mechanischer und chemischer Entdeckungen
und Erfindungen. Sie ist eine wissenschaftliche Epoche und eine Periode
materieller Vollendung; ihr aber wird eine soziologische Zeit folgen,
eine Aera der ethischen und philosophischen Vollendung und der
Entwicklung einer hheren psychischen Kultur -- kurz eine Reife der
geistigen und moralischen Eigenschaften, die zu hchster Blte gelangen
werden.

Schon in der gegenwrtigen Zeit stehen wir, vom menschlichen
Gesichtspunkte aus betrachtet, auf einer ganz betrchtlich hheren Stufe
als die Alten. In den alten Zeiten gab es keine Anerkennung von Dingen,
wie beispielsweise unsere unveruerlichen Menschenrechte es sind; und
ein Volk, in dessen Macht es stand, ein anderes mit Erfolg zu berauben
oder zu unterjochen, hielt es fr eine Dummheit, ja fr eine Schmach, es
nicht zu tun und es nicht zu berauben und nicht in die Sklaverei
schleppen.

Als Julius Csar ber das Lager der Germanen herfiel, whrend die
Friedensverhandlungen schwebten, und er sie berraschte und in ein paar
Stunden zweihundertundfnfzigtausend Mnner, Weiber und Kinder erschlug,
da hielt man das fr ein Meisterstck echt rmischer Politik; denn die
Rmer ersahen ja fr sich von seiten dieser Germanen gar keinen Nutzen.

Eine der grten Segnungen der modernen Zivilisation ist aber die
Erweiterung der menschlichen Nutzbarkeit. Und man wrde es heutzutage
nicht nur als eine Grausamkeit, sondern geradezu als eine
unverantwortliche Verschwendung an Menschenleben ansehen, wenn jemand
ber ein benachbartes Volk herfallen und es bis auf den letzten Mann
niedermetzeln wollte.

Es ist eben glcklicherweise ein wachsendes Verstndnis dafr da, da
die Welt, die wir bewohnen, nur ein einziges groes, einheitliches
Vaterland ist. Der Patriotismus wagt sich jetzt schon ber die
nationalen Grenzlinien hinaus. Ein zunehmender Geist internationaler
Verbrderung ist vorhanden, und eine immer allgemeiner werdende
Erkenntnis bricht sich Bahn, da ja doch im Grunde alle Menschen an
einer gemeinsamen Tafel essen und an einem gemeinschaftlichen Herdfeuer
sitzen. Und sagen wir's uns doch selbst, erfreut man sich der Wrme
eines Feuers nicht mehr, wenn man auch andere sich mit daran wrmen
lt, und wenn man sie nicht auf Kosten jener anderen, die in der Klte
stehen und frieren mssen, fr sich monopolisiert und mit Beschlag
belegt?

Die Hlfte eines Bissens, von dem man anderen abgibt, schmeckt
tausendmal besser als der ganze Bissen, den man ungeteilt selber
geniet. Nur die volle Gegenseitigkeit im Genu des Besitzes gibt diesem
seinen Wert.


                          Gtergemeinschaft.

Carnegie bringt Hunderte von Bibliotheken in dem groen Hause Welt
unter, das er mit der Menschheit bewohnt. J. P. Morgan hngt an die
Mauern dieses Hauses lauter Bilder, die er den Museen seines Landes
schenkt. Rockefeller gibt Millionen aus, um seinen Einflu zu vergrern
und sich in der Welt Anerkennung zu verschaffen, in der ja auch er und
seine Kinder leben mssen. Menschenfreunde aller Art spenden jhrlich
groe Summen fr die Ausgestaltung der Stdte und machen sie dadurch
nicht nur fr andere, sondern auch fr sich selbst reizvoller und
schner.

Ein groer franzsischer Philosoph sagte einst mit Recht: Alles Gesetz,
alle Philosophie und alle Weisheit hngen nur von der Anwendung
folgender Grundstze ab: Mige Dich. Erziehe Dich und lebe fr Deine
Mitmenschen, auf da auch sie fr Dich leben. Und der, der nach diesen
Gesichtspunkten lebt, ist sicherlich der tchtigste Geschftsmann.

Es gibt keinen allgemeiner verbreiteten Fehler, als den, zu glauben, da
Selbstlosigkeit und Nchstenliebe eine bloe Gefhlssache seien. Nein,
sie haben eine recht groe praktische, ich mchte sagen geschftliche
Seite, eine Seite, die ein klein wenig von khler, berechnender Politik
an sich hat. Gnzliche Selbstlosigkeit und vollkommene Nchstenliebe
fhren zu einem gemeinsamen Ziel, an welchem das Leben in der Formel
einer Gleichung steht: hier ich -- dort die anderen, und ich und die
anderen sind gleich.

Wenn es zwei Menschen gbe, die beide mit demselben Wissen, derselben
Klugheit und demselben Knnen ihren Weg gehen, von denen aber der eine
von ausschlielich selbstischen Motiven getrieben wird, whrend der
andere von rein menschenfreundlichen Beweggrnden ausgehen wrde, so
wrde der eine, Anderen durch seinen eigenen Selbstdienst, der andere
aber sich selber dadurch dienen, da er den Anderen einen Dienst
erwiesen hat. Der Altruist wrde es fr ntig halten, sich selber im
Interesse der anderen zu erhalten, der Egoist aber wrde finden, da er
die anderen in seinem Interesse erhalten msse.

Wenn wir -- um ein Beispiel anzufhren -- einen Zustand so groer
mechanischer und wissenschaftlicher Vollendung annehmen knnten, da
alles, was wir wollen und brauchen, durch den bloen Druck
auf einen Knopf herbeigeschafft werden knnte -- nur unser
Zusammengehrigkeitsgefhl, unsere Sympathie und unsere Liebe nicht,
dann wrde es keinen Platz auf der Welt geben, der nicht einem
Gefngnisse gliche, denn jedes Glcksempfinden wrde uns fehlen, und wir
wrden alle Qualen durchmachen, die der Strfling in der Einzelhaft
durchmacht. Ja, das wrden wir, denn so sehr sind wir auch in seelischer
Hinsicht aufeinander angewiesen.

Der erste Schritt, den man beim Herannahen des tausendjhrigen
Reiches[1] unternehmen mu, ist der, den groen menschlichen
Entwicklungsgang den tausendfltigen Mglichkeiten desselben anzupassen.
Es kann kein tausendjhriges Reich, d. h. keinen Weg, ein vollkommenes
Gemeinwesen zu schaffen, geben, ehe nicht das Unkraut aus dem groen
Garten der Menschheit ausgejtet ist, dieses Unkraut, das jetzt in dem
Gewchshaus unserer ungezhmten Leidenschaften wild emporwuchert, in dem
es mit Gift befruchtet und mit Alkohol getrnkt wird.


                     Der humanitre Fortschritt.

Gerade so, wie, sich Amerika das Recht vorbehalten hat, nur _die_
Einwanderer aufzunehmen, die ganz bestimmten Bedingungen entsprechen,
und die sie geeignet machen, in der neuen Heimat zu wohnen und ihr Blut
mit den bisherigen Brgern zu mischen, ebenso hat auch die Menschheit
das Recht, zu bestimmen, was fr ein Blut sie auch fernerhin in dem
groen Menschenstrom flieen lassen will, und wir werden zweifellos auch
bald dazu kommen, dieses unser Recht auszuben und den Menschen
aufzuzwingen. Damit, da wir einen Missetter bestrafen und ihn dann
wieder freilassen, ist fr die Menschheit gar nichts gewonnen. Wir
mssen ihn vor allem vollstndig isolieren. Der Verbrecher wird knftig
wie ein Ausstziger behandelt werden; kein Mensch wird aber fernerhin
daran denken, wegen Diebstahls oder Mordes Strafen zu verhngen, so wie
wir ja auch auf Wahnsinn und Pocken keine Strafen ausgesetzt haben. Und
gerade dadurch wird die Allgemeinheit viel wirksamer vor Verbrechen
geschtzt sein, als es jetzt der Fall ist. Die Unwissenheit des
Barbarentums verleitet uns noch immer dazu, Menschen wegen irdischer
Vergehen einzukerkern, die zu begehen sie direkt gezwungen waren, da der
ganze Impuls ihrer Seele sie zum Verbrechen trieb. Das zu tun, ist
ebenso unklug, wie wenn wir einen Ausstzigen absperren, sobald sich das
erste Anzeichen seiner Krankheit zeigt, um ihn dann aber wieder
freizulassen und ihm Gelegenheit zu geben, sich unter die Menge zu
mischen und andere anzustecken, worauf wir ihn abermals einsperren und
wieder in Freiheit setzen, und ihn dadurch immer wieder befhigen, die
Krankheit in immer weitere Kreise zu tragen.

[Funote 1: Der Ausdruck: das tausendjhrige Reich entstammt dem
Glauben der Chiliasten an ein 1000 jhriges Reich der Frommen nach der
sichtbaren Wiederkunft des Messias. Dieses Reich soll das bevorstehende
Zeitalter des Geistes werden. Hudson Maxim macht sich diese Idee
zunutze, um uns das 1000 jhrige Reich unserer fortgeschrittenen
Entwicklung zu zeigen.]

Das Allheilmittel gegen die Verbrecher wird knftig in der Schaffung
einer groen Reservation fr die Aufnahme und Absonderung des Abschaums
der menschlichen Gesellschaft bestehen. Diese Institution wird eine
nationale Einrichtung werden. Sie wird nicht irgend einem der uns jetzt
bekannten Gefngnisse gleichen, weil Gte und Mitleid ihre milden
Wrterinnen sein werden. Ein groes Stck fruchtbaren Landes wird
abgesteckt werden. Daraus wird ein ungeheurer Garten oder Park
geschaffen werden, in welchem Hunderte von kleinen Farmen und Huschen
verteilt sein werden. Auch Stdte mit schnen Wohnhusern, mit Schulen
und Bildungsanstalten, mit Klubs, Bchereien und Kunstgalerien wird es
hier geben -- kurz: jeder Fortschritt, der dem Kulturvolke jener
kommenden Zeit gegeben wird, wird auch den Einwohnern der groen Kolonie
psychischer Kranken zugute kommen. Nur eine einzige Einschrnkung aber
wird es geben, die nmlich, da das Leben all derer, die in diesen
groen Garten einziehen werden, keine Nachfolge finden wird. Keine
Tchter und keine Shne werden vorhanden sein, um das Eigentum des
dahingegangenen Fabrikanten, Haus- oder Grundbesitzers zu erben; denn
alles Eigentum wird dem Gemeinwesen gehren, und bei dem Tode eines
Insassen wird das Besitztum, welches er inne hatte, an das Gemeinwesen
zurckfallen, um anderen Sndern, die aus der Auenwelt angelangt sind,
zugewiesen zu werden. Sndern, denen auch nur erlaubt sein wird, ihr
Dasein in Ruhe zu vollenden, deren Geschlecht aber untergehen und nicht
wie bisher, das sich forterbende Stigma verbrecherischer Neigungen mit
sich einhertragen wird.

                   *       *       *       *       *

Der Mensch ist ein kriegerisches Geschpf. Das erste Dmmern der Sonne
unserer Kultur brach durch eine Kriegswolke hindurch, und alles Licht,
das sie bisher auf die Menschheit herniedergeschickt hat, gelangte nur
durch einige wenige Risse in diesen Kriegeswolken zu uns. Die Geschichte
aller Nationen ist die Geschichte von Kriegen; aber whrend sich Armeen
von Mnnern gegenseitig bekmpften und mit der Axt niederschlugen, gab
es in den Reihen der Kmpfenden selbst viel tdlichere Feinde, als ihre
Schwerter und Waffen es waren.


                     Der Kampf mit der Krankheit.

In jedem Kriege kommen auf jeden einzelnen in der Schlacht Gefallenen
Dutzende anderer, die Krankheit und Pestilenz dahingerafft haben. In den
Kriegeswolken, die den Kampf mit den Krankheitskeimen aufnehmen, gibt es
eben keine Risse. Da herrscht ein bestndiger blutiger, immer weiter um
sich greifender Krieg. Die schne, reizende Tochter, in deren Gesicht
Gesundheit und Glck lcheln, kt einen Spielgefhrten, an dessen
Lippen die Bazillen der Tuberkulose haften, und fllt der schrecklichen
Krankheit zum Opfer, und bei Diphtheritis, bei Scharlachfieber, Typhus
und jeder anderen unserer zahlreichen ansteckenden Krankheiten droht ihr
die Gefahr, selbst krank zu werden, ebenso oder noch mehr.

Wir haben noch keine Waffen, mit denen wir diesen Feind angreifen
knnten. Wir mssen noch immer als hilflose Zuschauer zusehen, wie
unsere Lieben von den mikroskopisch-kleinen Gegnern des Lebens
unerbittlich dem Sensenmann berantwortet werden. Allerdings haben wir
ein paar Gegenmittel gefunden; einige neue Behandlungsmethoden sind da
und das Messer des Chirurgen. Die helfen aber leider nur wenig. Aus
diesem Grunde haben wir eine immerwirkende Heilkraft auf das dringendste
ntig. Eine Heilkraft, die alles zerstrt, was unser Leben gefhrdet,
und alles erhlt, was unserem Leben notwendig ist.

Mit anderen Worten: wir bedrfen der Entdeckung eines elektrochemischen
Prozesses, durch welchen die Krankheitskeime im Gewebe, in der Lymphe
und im Blute gettet werden, ohne den Zellen des lebendigen Krpers
Schaden zu tun. Und da dieses Problem wirklich gelst werde, gehrt zu
den aussichtsreichsten Verheiungen der allernchsten Zukunft. Dann wird
jedes Opfer jeder wie immer gearteten Krankheit in einem einzigen Tage
wieder hergestellt werden knnen, und jede Krankheit wird mit einem
Schlage verschwinden. Der aber, der dieses Problem endgltig lsen wird,
wird der grte Wohltter des Menschengeschlechts werden, grer als die
Weltgeschichte jemals einen gehabt hat oder je wieder haben wird. Fr
einen anderen neben ihm ist kein zweiter Platz mehr vorhanden.

Chemiker, Elektriker und Physiker sollten dieser Aufgabe die ernsteste
Beachtung schenken und tun es wohl auch, und ich mchte ihnen da gleich
folgenden Wink geben, der ihnen mglicherweise von Nutzen sein knnte:

Seit geraumer Zeit ist es bekannt, da, wenn man ein Diaphragma in einen
Elektrolyten bringt und einen elektrischen Strom von ausreichenden Volts
hindurchschickt, der Inhalt der einen Elektrodenkammer solange durch das
Diaphragma hindurch in die andere eingepret wird, bis sich ein gewisser
Druckunterschied zwischen den Lsungen der beiden Kammern eingestellt
hat. Diesen Vorgang nennt man Elektro-Osmose oder Kataphorese. Gerber
verwenden Elektro-Osmose beim Gerben von Huten, indem sie eine
Gerblsung auf das Fell einwirken lassen; sie sparen auf diese Weise
viel Zeit und viel Geld.

Meine Anregung geht nun dahin, den ganzen menschlichen Krper als einen
Teil des Diaphragmas in der Elektro-Osmose oder Kataphorese zu verwenden
und so heilkrftige bezw. Krankheitskeime zerstrende Chemikalien in und
durch das Hautgewebe, die Lymphe und das Blut zu pressen. Knnte nicht
zum Beispiel, wenn der menschliche Krper einen Teil einer solchen
Scheidewand darstellen mte, eine Chlorlsung in die eine der Kammern
gegossen und ein derartig starker elektrischer Strom hindurch geschickt
werden, da das Chlor in und durch das menschliche Zellengewebe, die
Lymphe und das Blut gepret wrde, wodurch alle Krankheitskeime zerstrt
werden mten, ohne da dadurch die Gewebe und die flssigen Stoffe des
Krpers auch nur im geringsten in Mitleidenschaft gezogen wrden?

Chlor ist nmlich eines der strksten und wundervollsten
Desinfektionsmittel, das unsere Wissenschaft kennt; von ihm gengt eine
weit schwchere Lsung als von den meisten anderen, unsere
Krankheitskeime zerstrenden Chemikalien, wie zum Beispiel Karbolsure
(Phenol), Aetzsublimat und bermangansaures Kali. Wenn die Bandagen
einer frischen Wunde sofort mit einer schwachen Chlorlsung, die ein
wenig mit gewhnlichem Kochsalz gemengt ist, angefeuchtet und feucht
gehalten werden, so vernarbt die Wunde fast immer ohne jede Eiterung und
hinterlt keinerlei Schmerzhaftigkeit an der betreffenden Stelle. Das
ist doch ein augenscheinlicher Beweis dafr, da eine ausreichend starke
Chlorlsung angewendet werden darf, um infizierende Krankheitskeime zu
tten, ohne die Zellengewebe des menschlichen Krpers in Mitleidenschaft
zu ziehen.

Der menschliche Organismus ist gleichsam eine komplizierte Maschine. Er
ist eine Art elektrischer Generator. Sein Blut ist alkalisch, whrend
die Lymphe oder der Krpersaft seines Fleisches sauer ist; beide sind
durch eine undurchdringliche Membran von einander getrennt, so da ein
Mensch wohl an einer Erkrankung des Blutes leiden kann, ohne dabei
kranke Lymphgefe haben zu mssen. Umgekehrt knnen wieder seine
Lymphgefe erkrankt sein, wie dies beispielsweise bei der Tuberkulose
der Lymphgefe, die wir unter den Namen Skrofulose kennen, der Fall
ist, ohne da er an Tuberkulose des Blutes erkrankt zu sein braucht. Um
daher jeden Krankheitskeim in der Lymphe und im Blut, in den Knochen und
in den Muskeln sicher zu zerstren, wre es notwendig, den ganzen Krper
einheitlich mit einem Desinfektionsmittel zu durchdringen.

Und das zu erreichen, das mu das Ziel der desinfizierenden
Elektro-Osmose sein. Ein Ziel, dem wir -- ich wiederhole es -- heute
schon nahe sind.


                       Die Eroberung der Luft.

Die Eroberung der Luft, die zu verwirklichen wir jetzt schon beginnen,
ist eine der groen Errungenschaften, die dem tausendjhrigen Reich
ganz besonders zu statten kommen werden. Alles, was uns das Reisen, den
Verkehr und Transport zu erleichtern geschaffen ist, verringert fr uns
die Entfernungen, bringt uns das bisher Ferne nher und nher und macht
uns den Fremden und Auslndern frmlich zum Landsmann, zum Nachbar und
Freunde.

Der Mechaniker _Fulton_[2] lehrte uns, wie wir dem Orkan trotzen und den
Ozean zu unserem Fahrwasser machen knnen. _Morse_ machte die
Elektrizitt zu unserem Sendboten, bei dem Zeit und Raum bei der
Befrderung von Nachrichten keine Rolle mehr spielen, und _Alexander
Graham Bell_ stellt uns den Fernhrer auf unseren Schreibtisch, so da
wir damit der Kunde aus aller Welt lauschen knnen. Jetzt, durch das
Erscheinen der Flugmaschine, werden wir bald die irdische Landstrae
verlassen und uns auf der unbegrenzten Himmelsbahn ergehen knnen. Bald
werden wir unsere Luftautomobile haben und damit den sibirischen Himmel
und die arktische Wste durchkreuzen, und wir werden der ^Fata Morgana^
ber die drre Wste hin nachjagen, wie wenn wir jetzt eine alltgliche
Reise in ein benachbartes Land oder Stdtchen machen.


                          Neue Kraftquellen.

Es gibt ein Problem, welches der Mensch bald zu lsen gentigt sein
wird; denn von dessen Lsung hngt die Mglichkeit eines andauernden
menschlichen Fortschrittes und einer fortschreitenden Zivilisation
vollstndig ab. Wir mssen einen Vorrat von Wrme und Kraft haben, der
sowohl unerschpflich in der Quantitt, als auch billig in der Gewinnung
ist. Ist erst diese Aufgabe gelst, dann ist der menschliche Emporstieg
sehr leicht.

[Funote 2: Der Erfinder des Dampfschiffes.]

Htten wir eine Maschine, mittels welcher wir die in der Kohle
schlummernden Krfte ebenso vollstndig ausntzen knnten, wie die
Seemwe den Kohlenstoff ausnutzt, den sie aus ihren Nhrstoffen zieht,
so wrden wir aus unserem Feuerungsmaterial das Zehnfache der Kraft
herausholen knnen, die wir jetzt brauchen, um die Rder unserer
Maschinen zu drehen. Aber selbst wenn wir imstande wren, eine solche
Maschine zu erfinden, so wrde uns das doch noch lange nicht gengen, um
unseren Bedarf auch fr die Zukunft zu decken; denn die groen
Kohlenlager der Erde knnten ja doch nur noch ein paar Jahrhunderte
vorhalten. Bei dem jetzigen Stande des Kohlenverbrauchs werden alle jene
groen Kohlenlager, welche die Sonne in der Kohlenzeit fr uns angelegt
hat, binnen wenigen Generationen aufgebraucht sein.

Aber nicht die Gefahr des Kohlenmangels allein droht uns, wir werden
auch, wie es Lord Kelvin prophezeit hat, unsere Luft dabei vllig
verbrannt haben; denn jede Tonne Kohle, die von uns verbraucht wird,
macht 12 Tonnen Luft zum Atmen untauglich, so da, wenn wir selbst
hinreichend Kohle auf ganz unbegrenzte Zeit htten, wir doch nicht genug
Sauerstoff in der Luft vorrtig fnden, um sie zu verbrennen; denn die
Luft wrde schon bis zum Ersticken mit Kohlensure angefllt sein.

Mglicherweise erfinden wir eine Art Motor, der die Wrme nutzbar machen
kann, die von den Sonnenstrahlen ausgeht. Man schtzt den Totalwert der
Energie, welche die Erde von der Sonne empfngt, als gleichwertig mit
der, die von einem Wasserfalle entwickelt werden wrde, der, wenn er dem
Niagarafall an Mchtigkeit gliche, 75000 englische Meilen breit sein
mte, breit genug also, um die Erde dreimal damit zu umspannen. Die
ungeheuere Kraft verteilt sich aber auf eine riesige Ausdehnung, da die
Schwierigkeit nur darin liegt, sie zu konzentrieren. Freilich ist die
Wasserkraft selbst nichts anderes als eine indirekte Ausnutzung der
Sonnenwrme. Aber wrden wir auch wirklich jeden Strom, jeden Wasserfall
und jeden Wasserlauf bis zu seiner hchsten Mglichkeit ausnutzen, so
wrde die also gewonnene Kraft doch nicht mehr ausreichen, den
menschlichen Bedrfnissen zu gengen.

Die Entdeckung der strahlenden Materie hat uns eine ganz neue
Perspektive und so wunderbare Mglichkeiten erffnet, da wir mit
unserem gegenwrtigen Wissen kaum wagen knnen, an deren doch so
zweifellose Verwirklichung auch nur zu glauben. Wir haben gefunden, da
die der Materie innewohnenden Molekularkrfte so ber jeden irdischen
Begriff hinausgehen, da, wenn es uns jemals gelingen sollte, sie dem
menschlichen Gebrauch dienstbar zu machen, wir bis in alle Ewigkeit
hinein die Welt damit erleuchten, erwrmen und befahren knnten.

Jedes Molekl der Materie ist aus einer groen Anzahl kleiner
Partikelchen zusammengesetzt, die wir Atome nennen; diese Atome aber
bewegen sich mit einer Geschwindigkeit von 100000 englischen Meilen in
der Sekunde -- d. i. mit mehr als der Hlfte der Geschwindigkeit des
Lichts. Ins gewandte Technische bersetzt, heit das aber nichts
anderes, als da in jedem Pfund wgbarer Substanz eine Kraftmenge
vorhanden ist, die gengen wrde, ein einpfndiges Projektil mit einer
Geschwindigkeit von 100000 englischen Meilen in der Sekunde
hinausschleudern zu knnen!


                           Zukunftstrume.

Die Erfllung jedes menschlichen Erfordernisses hngt lediglich mit
Wrme und Kraft zusammen, und wenn Wrme und Kraft so billig zu haben
sein werden, dann wird die Erde nichts als ein Spielplatz sein und jedes
Land und jedes Meer wird unter der Hand des Menschen und der Fhrung des
menschlichen Hirns pulsieren und vibrieren. Wenn jener Tag einst kommen
wird, dann werden alle unsere Felder mit Hilfe der auf elektrischem Wege
direkt aus dem Stickstoff der Luft gewonnenen Stickstoffdngung
fruchtbar gemacht werden knnen, und die Landwirtschaft wird zu einem
bloen Zeitvertreib werden. Es wird elektrisch geheizte Treibhuser
geben, die Tausende von Aeckern bedecken, und selbst die Landgter unter
nrdlichem Klima werden ihre Sommer- und Winter ernten haben. Man wird
neue Methoden erfinden, das Wachstum der Pflanzen durch elektrische
Wrme und elektrisches Licht zu beschleunigen. In Grten, die in dieser
Weise eingerichtet sein werden, wird es Johannisbeeren geben, so gro
wie die Damascenerpflaumen, Damascenerpflaumen in der Gre von Aepfeln,
Aepfel, so gro wie Melonen, Erdbeeren, so gro wie Orangen und alle
werden in Form und Wohlgeschmack die besten von heut bertreffen, so da
sie selbst dem whlerischesten Geschmack eines Gourmets entsprechen
werden.

Das drahtlose Telephon wird zu jener Zeit die ganze Welt umfassen, und
es wird dann ebenso leicht sein, mit unseren Antipoden Zwiegesprche zu
halten, wie wir jetzt zwischen Newyork und Boston, London und Paris,
Berlin und Budapest sprechen.

Einsame Bauernhuser wird es keine mehr geben; das Volk wird sich
vielmehr zu kleinen Stdten mit hauptstdtischen Erholungs- und
Vergngungspltzen zusammenfinden. Obgleich auch die kleinste Ortschaft
ihr Theater haben wird, werden doch die Schauspieler nur in Newyork,
London, Paris oder Wien leben und auch nur dort spielen. Die Bhne solch
einer Kleinstadt wird ein einfacher Vorhang sein, und der Hamlet, der
in. London gespielt wird, wird mittelst Fernseher, Fernsprecher und
Fernharmonium auf dem Schirm, der die Bhne in Chautauqua ersetzt,
reproduziert werden. Die Patti jener Zeit wird nicht ntig haben, erst
weite Konzertreisen zu machen, denn jedes Theater der ganzen Welt wird
sich das Weltrepertoire gleichzeitig zu eigen machen: Gestern abend
Londoner Schauspiel, heute abend Pariser Premiere, morgen abend
Newyorker Posse, Petersburger Oper, Wiener Hofoper und Mailnder
Ballett, und selbst der Polarreisende wird sich dieses Repertoire auf
dem ewigen Eise der Arktis oder Antarktis zu leisten vermgen.

Neuerliche Versuche haben die Hoffnung der Alchimisten erneuert, da wir
denn doch noch dazu kommen werden, gemeine Metalle in Gold umzuwandeln,
und wenn wir damit wirklich Erfolg haben, dann wird das Gold eine neue
ausgedehnte Anwendung finden. In schwacher Legierung wrde Gold ganz
genielle Gewehrkugeln abgeben; denn es knnte so hergestellt werden, da
es die erforderliche Hrte besitzt, whrend seine Dichtigkeit den
Geschossen eine ungeheuere Tragweite und Durchschlagsfhigkeit geben
wrde. Eine solche Kugel mte selbst von jedem Friedensfreunde auf das
wrmste empfohlen werden, denn wer wrde nicht lieber eine goldene Kugel
in seinem Fleische verheilen lassen, als eine von gewhnlichem Blei!

Der Erfinder des ersten Maschinengewehres versah dieses mit _einem_ Lauf
fr runde und mit einem zweiten fr eckige Geschosse, und zwar waren
erstere fr Christen und letztere fr die Trken bestimmt. Nun ist es
keineswegs leicht, Kugeln von angenehmer Wirkung herzustellen, in jedem
Falle aber wrde die runde, _goldene_ Kugel doch die mildttigste und
menschlichste sein.

Die Kriegsfhrung der Zukunft wird einem Schachturnier gleichen. Jede
Bewegung wird dem Auge der ganzen Welt sichtbar sein, und Verstecke und
Scheinmanver werden unmglich sein. Die Zeitungen werden ihre
Luftkorrespondenten haben die ber allen Schlachtfeldern, ber allen
Lagerpltzen und allen Flotten schweben und jede Bewegung der Seeschiffe
und Landheere wird man in jedem Hause verfolgen und jeder seine Kritik
ben knnen.

Im Jahre 1896 leitete ich in Faradays Haus in London einige Experimente
mit elektrischer Heizung, und da gelang es mir bekanntlich zuerst, auf
galvanischem Wege mikroskopisch kleine Diamanten herzustellen. Damals
nahm ich mir vor, diese Arbeit spter wieder aufzunehmen. Ich bin fest
berzeugt und neuere Experimente geben mir Recht, da es sehr bald
gelingen wird, Diamanten jeder beliebigen Gre so billig und zahlreich
herzustellen wie man nur will.

In jedem Falle aber werden sie nicht kostspieliger sein, als alle
anderen elektro-chemischen Produkte. Diamanten in Erbsengre wird man
zweifellos bei einer Mark noch mit Gewinn verkaufen, und Diamanten, so
gro wie der Kohinoor, werden nicht mehr als einen Taler kosten.


                        Die Stadt der Zukunft.

Der Fremde, der Newyork besucht, wird bei dem Anblick der gen Himmel
strebenden Geschftsgebude von Staunen ergriffen; knnte er aber wie
Rip Van Winkle schlafen gehen und erst nach einem Jahrhundert wieder
erwachen, dann wrde er den grten Teil der jetzigen Stadt dem Boden
gleichgemacht und von neuem aufgebaut finden. An Stelle der alten Huser
wrden sich Monumentalbauwerke erheben, mit denen verglichen ihm die
mchtigsten Gebude der Jetztzeit wie kleine Htten vorkommen wrden.

Die Stadt der Zukunft wird nicht mehr aus einzelnen getrennten Gebuden
bestehen, die eine verschiedenartige Architektur haben, nein, sie wird
ein einziges weit ausgedehntes Gebude sein.

Die Straen von jetzt werden nur die Zugangsstraen zu dem untersten
Stockwerk bilden, sofern wir nicht gar, was sehr wahrscheinlich ist,
auch in die Tiefe der Erde unsere Huser hineinbauen werden, die
eigentlichen Geschftsstraen aber werden sich hoch oben in der Hhe der
verschiedenen Stockwerke ziehen. Riesige Brcken und Bogen, mchtige
Durchgnge, wundervolle Grten und Spielpltze werden sich immer einer
ber dem anderen hoch und hher erheben, so hoch, da das Auge kaum bis
hinauf wird reichen knnen, und der ganze luftig schne Huserkomplex
wird durch mchtige turmhnliche Bauten gesttzt und gehalten werden,
die zweitausend Fu hoch und noch hher emporragen werden, und deren
jeder eine Basis haben wird, die zehn, zwlf oder mehr Huservierteln
von jetzt entsprechen wird. Jedes Gebude wird natrlich so eingerichtet
sein, da es bequem mehrere hunderttausend. Leute beherbergen kann. Die
hchsten Wohnungen werden in Grten liegen, die gleichsam im Himmel
hngen, oder in groen Parkanlagen hoch oben in der klaren, khlen,
reinen Luft, und die Leute werden Expre-Elevatoren nehmen, um nach
mhevollem Tagewerk ihr Heim zu erreichen, das wirklich im luftigen,
schnen Traumland der Lerchen und Nachtigallen liegen wird, dort wo die
Wolken vorberziehen und noch lange im Abendsonnenschein glhen werden,
whrend das Dunkel der Nacht die niedrigen Stockwerke lngst wird
umfangen haben.

Wenn man solch eine Stadt aus der Ferne betrachten wird, dann wird sie
wie aus durchgebrochenem Netzwerk von Stahl und von Eisen erscheinen,
durch welches Licht und Luft einen weit freieren Zutritt zur Erde finden
werden, als dies jetzt, innerhalb der Mauern unserer jetzigen Stdte der
Fall ist.

Und nachts, wenn Millionen von Lichtern den Himmel erhellen, und durch
ihr vereintes Feuer weit in das Dunkel umher eindringen werden, dann
wird die Stadt einer ungeheueren Fackel gleichen, um die schnell
vorwrtsstrebende Flugmaschinen, riesigen Motten gleich, vorbeihuschen
und verschwinden werden.

Der Nachthimmel der Landbewohner aber wird in der kommenden
tausendjhrigen Zeit der Maschine durch hellstrahlende, hoch in der
Luft verankerte Fahrzeuge erleuchtet werden, deren Schein die Sterne
verdunkeln und den bleichen, neidischen Mond sicher beschmen wird.




                            Robert Sloss.
                      Das drahtlose Jahrhundert.


                      Das drahtlose Jahrhundert.
                          Von Robert Sloss.

Der Sturmvogel war seit lnger als achtundvierzig Stunden ruhig und
sicher ber die Eisfelder geflogen, als ein pltzliches Stillstehen des
Motors den Kapitn aus seinem tiefsten Schlummer weckte.

He, Kettner, was ist denn los? rief er, aus der Kajte auf Deck
tretend, dem Leutnant zu.

Die Kraft ist ausgeblieben, kam die Antwort. Ich habe aber die
Ersatzbatterien sofort angeschlossen und 's hat nichts weiter zu sagen.
Sie sehen ja selbst, es geht ganz gut auch so.

Und tatschlich flog der Sturmvogel ganz wundervoll seinen Kurs
weiter.

Keine Meldung vom Schiff? fragte der Kapitn, sich ans Steuer
begebend, und gerade, als er fragte, kam ein zuckendes, blitzartiges
Aufleuchten und ein metallisches Knistern von dem Telephonapparat zu
seinen Fen. Er nahm den kombinierten Reciver und Transmitter sofort
auf und befestigt ihn an seinem Kopfe.

Das Schiff spricht mit uns, sagte er. Der Dynamo ist nicht in
Ordnung.

Wie lange kann der Schaden denn dauern? fragte der Leutnant, dem man's
wohl ansah, wie schwer ihm das Migeschick des Flugschiffs zu Herzen
ging.

Sie knnen's nicht sagen, war die Antwort des Kapitns, der noch immer
am Telephon lauschte, in jedem Fall aber knnen sie uns in absehbarer
Zeit keine Kraft mehr abgeben.

Dann ist es wohl besser, wir landen, meinte der Leutnant, und sparen
uns unsere Batterien fr alle Flle auf.

Und da der Kapitn zustimmend nickte, so lenkte er sofort den Aeroplan
gegen eine etwa eine Meile weit ab sdlich liegende Eisflche zu. Hier
wurde die Maschine glatt zum Landen gebracht und von den beiden Mnnern
fest vertaut und verankert.

Ja, ja, sagte der Kapitn, durch den Zwischenfall sichtlich sehr
deprimiert. Das ist's, was ich gefrchtet habe. Steinmetz hat den von
Cook entdeckten Nordpol 1918 nur deshalb durchforscht, weil es ihm
mglich gewesen ist, in Spitzbergen seine Dynamos aufstellen zu knnen.
Wir aber mssen uns mit einem einzigen begngen und haben _den_ noch auf
einem Schiffe. Ich wei, ich wei, Kettner, was Sie sagen wollen. Ich
wei, da der Sdpol so unglcklich liegt, da ihm kein Festland nahe
genug liegt, um mit Sicherheit operieren zu knnen. Gerade darin aber
liegt unser Nachteil, denn Steinmetz konnte immer von einem oder dem
anderen seiner Dynamos Kraft genug von dem kolossalen Energiestrom
abbekommen, den die Kraftanlagen am Niagarafall durch den Aether
entsandten. Wir aber . . .

Wir werden uns durch diesen Zwischenfall auch nicht entmutigen lassen,
Kapitn, sagte der Leutnant. Denken Sie nur daran, wie sehr wir
heutzutage Richtung und Kraft des Stromes in unserer Gewalt haben, und
wie viel drahtlose Kraft zur Zeit Steinmetz verloren ging. Nein, nein,
ein Pech ist es freilich, da wir nur einen Dynamo haben, aber da wir
von unserem Schiff von Melbourne aus ebenso viel Kraft erhalten, wie er
damals vom Niagara, das ist gewi.

Sie knnen recht haben, sagte der Kapitn, aber eine verdammte
Geschichte bleibt es doch. Im brigen knnen wir wenigstens feststellen,
wo wir uns befinden, und Sie, Kettner, sehen Sie mal zu, da Sie ein
bichen Feuer hinter den Leuten machen, sie sollen sich mal sputen,
denn, hol' mich der Teufel, wenn ich diesmal die Fahrt unterbreche und
_nicht_ bis zum Pol komme.

Und whrend sich Leutnant Kettner den Hrer anschnallte, ging der
Kapitn in seine Kabine zurck. Noch aber hatte der Leutnant keine
Verbindung erhalten, als der Kapitn, den Sextanten in Hnden, atemlos
auf ihn zustrzte.

Kettner! Freund! Mensch! Wissen Sie, wo wir sind? Weit nher dem Pole,
als Steinmetz damals dem Nordpol war, als er sein letztes Lager bezog,
von dem aus er dann seinen glcklichen Flug unternahm. Und wissen Sie,
was das heit? . . . Da wir in drei Stunden unser Ziel erreichen
knnen. Da wir den Sdpol erreichen _werden_, selbst wenn uns das
Schiff im Stich lt, denn unsere Batterien mssen gengen.

Darf ich dem Schiff davon Nachricht geben? fragte der Leutnant, der
den Enthusiasmus seines Vorgesetzten selbstverstndlich teilte.

Ja, lieber Kettner, tun Sie das.

Auf dem Schiffe erregte die Nachricht natrlich lauten Jubel.

Sie sind auer Rand und Band, sagte der Leutnant. Sie lassen Ihnen
Glck wnschen zu dem grandiosen Erfolge. Sie fragen an, ob sie die
Nachricht weiter geben knnen. Sie versichern, da sie alles daran
setzen werden, um die Maschine wieder in Gang zu bringen. Und pltzlich
schmunzelte er, Conners vom Internationalen Nachrichten-Bureau will die
Nachricht noch rechtzeitig fr die Londoner Morgen- und die Newyorker
Abendbltter geben. Er mchte aber gern ein Interview mit Ihnen selbst
haben. Geht's?

Der Kapitn lachte. Das ist ein unternehmender Bursche, sagte er.
Sagen Sie, ich stehe ihm spter gern zur Verfgung. Gibt's sonst noch
was? Hat meine Frau nicht angefragt?

Kettner gab die Frage an das Schiff, das hart an den Eisbarrieren des
Mont Erebus lag, die Antwort weiter.

Nein. Sobald sie aber anrufen wird, wird man Sie davon verstndigen.

Gut. Dann wollen wir also vor allem etwas essen, und es uns dann bequem
machen und schlafen. Wir werden unsere Krfte noch brauchen.

Und mit diesen Worten begab sich der Kapitn auch schon in die
asbestausgelegte, feuersichere Kabine, und bald waren beide Forscher
emsig damit beschftigt, sich ber den elektrischen Kocher ihr Mahl zu
bereiten, und als der Kaffee dampfte und die Pfeifen gestopft und in
Brand gesteckt waren, da kam jene behagliche Stimmung ber die beiden,
in der man wenig spricht und sich im Schweigen doch so unendlich viel
sagt.

Pltzlich aber legte der Kapitn die Pfeife beiseite. Kettner, sagte
er, ich habe eine Idee. Wie wr's, wenn wir mal alle unsere Batterien
in Gang brchten und den Versuch machten, uns mit Umgehung der
drahtlosen Station mit der Welt telephonisch in Verbindung zu setzen.
Das wre mal wieder was, wovon die Welt sprechen knnte. Hier, nicht
hundert Meilen vom Sdpol und . . . ja, wir wollen versuchen. Wie spt
ist es jetzt?'

Zehn Uhr siebenundzwanzig Ortszeit.

Gut. Wir sind nahezu am 180. Meridian. Dann ist's in London ungefhr
halb elf Uhr abends und in Bermuda halb sieben. Da ist sie zu Haus.
Bitte, Kettner, verbinden Sie mich mit meiner Frau.


                        Groe Oper am Sdpol.

Kettner verband das Halbdutzend leichter, aber ungemein kraftvoller
Batteriezellen mit einander, machte die ntigen Handgriffe, drckte den
Knopf nieder und das allgemeine Anrufsignal ging hinaus in den Aether.
Der Leutnant lauschte und lauschte, aber keine Antwort kam; pltzlich
aber lchelte er: So, jetzt habe ich sie; die Bermuda-Station hat sich
gemeldet. Ja . . . mit Frau Kapitn Kingsley . . . jawohl.

Ein Blitz zuckte auf und ein eigentmliches Summen wurde gehrt.

Die Klte hat den Ton ein bichen beeinflut, sagte er, der Apparat
ist verschnupft. So . . . das werden wir gleich beheben . . . ja . . .
jawohl . . . bitte, Kapitn, Ihre Frau ist am Apparat.

Sofort legte sich der Kapitn den Hr- und Sprechapparat um und
schaltete den Fernseher mit ein, so da er mit seiner Frau nicht nur
sprechen konnte, sondern sie in dem an den Apparat aufgeschraubten,
feingeschliffenen Metallspiegel auch sah und jede ihrer Bewegungen und
den Ausdruck ihres Gesichtes beobachten konnte. Eine Viertelstunde lang
und noch lnger dauerte das Gesprch, denn was hatte man sich nicht
alles zu sagen. Er gab einen ganz genauen Bericht von seiner Fahrt ber
das ewige Eis und seinem Zwischenfall, der ihn verhinderte, jetzt schon
am Sdpol zu sein. Sie war natrlich stolz auf den unsterblichen Triumph
ihres Mannes, und ehe sie das Gesprch abbrach, lie sie noch des
Kapitns Tchterchen, seinen Liebling, an das Telephon kommen.

Groartig, Kettner, sagte der Kapitn. Wenn uns _das_ gelungen ist,
dann knnen wir auch versuchen, uns mit Newyork zu verbinden. Da ist's
gerade um die Theaterzeit. Wie wr's, wenn wir uns auch ein klein wenig
Musik gnnten und uns die Oper ein Stndchen anhrten? -- Wollen wir?

Statt jeder Antwort gab Kettner wieder das Anrufsignal. Wieder sprhten,
zuckten und flammten die knisternden Blitze. In fnf Minuten haben wir
die Musik. Soll ich den Megaphonreciver anschlieen?

Selbstverstndlich. Wissen Sie schon, was gegeben wird?

Jawohl. Der Held der Lfte.

O, rief der Kapitn. Von Redfers, dem Wagner unserer Zeit? Das trifft
sich famos. Und nun saen die beiden Mnner und lauschten -- hier im
ewigen Eise der Polarregion den Klngen und Stimmen der Newyorker Oper.

Mitten in der Aufregung aber kam ein anderer Ton. Ein Anruf. Ein wahrer
Sprhregen von Blitzen prasselte nieder.

Nanu, was ist denn los? Hurra! rief er aber pltzlich aus. Der Dynamo
auf dem Schiff ist wieder im Stand. Wir haben wieder die Kraft. Herr
Leutnant, der Platz am Steuer gebhrt jetzt mir.

Und fnf Minuten spter erhob sich das zierliche Luftschiff auf seinen
Schwingen hoch in die Luft und glitt ber die Eisfelder hin -- _dem Pole
entgegen_.


                   Wunder, denen wir entgegengehen.

Ich knnte in diesem Stile fortfahren, Gott wei wie lange, und Wunder
ber Wunder erzhlen, ohne meine Phantasie auch nur im geringsten
anzustrengen, denn alles, was in dem bisherigen Gang der Erzhlung so
wunderbar sich angehrt hat, sind Probleme, die heut schon gelst sind
und die keineswegs mehr in das Gebiet der frommen Wnsche oder der
berspannten Hoffnungen und Erwartungen gehren. Nein, es sind
Tatsachen, die nur darauf warten, in unser praktisches Leben eingefhrt
zu werden, gerade so, wie Telegraph und Telephon und Phonograph sich
darin eingefhrt haben.

Der Berliner _Graf Arco_ und der Amerikaner _De Forest_ und der Dne
_Paulsen_ haben den Nachweis geliefert, da eine Entfernung von 4 bis
500 englischen Meilen kein ernstes Hindernis fr ein drahtloses
Telephongesprch ist, und da man Musik und Gesang ebenso drahtlos
bertragen kann, wie jede andere menschliche oder andere Stimme. Und was
das Sehen der Person betrifft, mit der man spricht, so ist das Problem
auch schon gelst, wenn auch noch nicht jene Vollkommenheit erreicht
ist, auf die wir aber keineswegs mehr zehn, geschweige denn hundert
Jahre warten mssen. Und was das Treiben eines Aeromobils durch diese
erstaunliche Kraft, die wir die Drahtlose nennen, anbelangt, weshalb
nicht? Gerade im letzten Jahre haben wir das Problem auch dieser
Kraftanwendung gelst, und ein schwerer Treidelzug wurde auf
drahtlosem Wege in Bewegung gesetzt. Was aber die Geschwindigkeit der
Luftschiffe und Flugmaschinen anbelangt, so haben wir selbst gesehen,
da man jetzt schon Geschwindigkeiten von 90 Kilometern in der Stunde
erreicht, und auf dem letzten Fliegerkongre߫ wurde die gar nicht
sanguinische Ansicht vertreten, da wir jeden Tag diese
Geschwindigkeit auf 500 Kilometer werden erhhen knnen.

Alles was wir jetzt durch den Draht senden und erreichen knnen, knnen
wir auch auf drahtlosem Wege senden und erreichen. Das ist die Wahrheit,
die gegenwrtig alle Ansichten und Methoden unserer wissenschaftlichen
und maschinellen Welt revolutioniert, und wir knnen uns dieser Tatsache
freuen, wenn auch die Kupfermagnaten kein allzu freundliches Gesicht
dazu machen und das drahtlose Jahrhundert, das nicht nur kommen mu,
sondern schon im Kommen ist, zu allen Teufeln wnschen.

Das Prinzip, auf welchem die drahtlose Kraftbertragung aufgebaut ist,
ist eines der einfachsten, das die Wissenschaft kennt, und wird und kann
nie eine Aenderung erfahren, es sei denn, die Welt und der Weltenbau
selber ndern sich.

Wir wissen alle, da uns das Sehen nur dadurch mglich gemacht ist,
da das Licht in Wellen zu uns gelangt, die bis zu unseren
lichtempfindlichen Sehnerven dringen. Ebenso geht jeder Ton in Wellen
durch die Luftatmosphre und dringt an unser Trommelfell, das unter
ihrem Einflusse vibriert, und uns das Hren ermglicht. In ganz gleicher
Weise geht ein elektrischer Impuls, von wo er immer auch ausgeht, in
Wellen durch den Aether, der jedes Molekl jeder Materie umgibt und die
elektrischen Vibrationen durch die Luft, durch das Wasser, durch die
Erde und durch Wlle und Mauern fhrt. Und es ist mglich, diese
Vibrationen berall aufzufangen, vorausgesetzt, da man den richtigen,
auf die richtige Wellenlnge abgestimmten Reciver (oder Empfnger) zur
Verfgung hat.

Sobald die Erwartungen der Sachverstndigen auf drahtlosem Gebiet
erfllt sein werden, wird jedermann sein eigenes Taschentelephon haben,
durch welches er sich, mit wem er will, wird verbinden knnen, einerlei,
wo er auch ist, ob auf der See, ob in den Bergen, ob in seinem Zimmer,
oder auf dem dahinsausenden Eisenbahnzuge, dem dahinfahrenden Schiffe,
dem durch die Luft gleitenden Aeroplan, oder dem in der Tiefe der See
dahinfahrenden Unterseeboot. Ueberall wird er mit der brigen Welt
verbunden sein, mit ihr sprechen und sich mit ihr verstndigen knnen,
und er wird sie sehen, wenn er sie sehen will, und sei er auch tausend
Fu tief unter der Erde oder unter dem Spiegel des Ozeans, und wird
gesehen werden in jeder, auch in der kleinsten seiner Bewegungen.


                  Das Telephon in der Westentasche.

Die Brger der drahtlosen Zeit werden berall mit ihrem Empfnger
herumgehen, der irgendwo, im Hut oder anderswo angebracht und auf eine
der Myriaden von Vibriationen eingestellt sein wird, mit der er gerade
Verbindung sucht. Einerlei, wo er auch sein wird, er wird blo den
Stimm-Zeiger auf die betreffende Nummer einzustellen brauchen, die er
zu sprechen wnscht, und der Gerufene wird sofort seinen Hrer vibrieren
oder das Signal geben knnen, wobei es in seinem Belieben stehen wird,
ob er hren oder die Verbindung abbrechen will.

Solange er die bewohnten und zivilisierten Gegenden nicht verlassen
wird, wird er es nicht ntig haben, auch einen Sendapparat bei sich zu
fhren, denn solche Sendstationen wird es auf jeder Strae, in jedem
Omnibus, auf jedem Schiffe, jedem Luftschiffe und jedem Eisenbahnzug
geben, und natrlich wird der Apparat auch in keinem ffentlichen Lokale
und in keiner Wohnung fehlen. Man wird also da nie in Verlegenheit
kommen.

Und in dem Bestreben, alle Apparate auf mglichste Raumeinschrnkung hin
zu vervollkommnen, wird auch der Empfnger trotz seiner
Kompliziertheit ein Wunder der Kleinmechanik sein.

Dieses System des Abgestimmtseins fr ganz bestimmte Schwingungen kann
durch die jedem bekannte Tatsache verstndlich gemacht werden, da, wenn
man in der Nhe eines offenstehenden Klaviers, oder einer Violine einen
bestimmten Ton singt, die entsprechende Saite des Instrumentes sofort
mitzuvibrieren und mitzuklingen beginnt. Und gerade so wie ein tiefer
Ton in langen und ein hoher Ton in kurzen Wellen schwingt, so kann auch
in der drahtlosen Telegraphie und Telephonie durch einen eigenen Apparat
die Lnge der entsandten Vibrationen genau kontrolliert werden.

Der drahtlose Telephonapparat, der jetzt allerdings noch in seiner
Kindheit steckt, ist ziemlich schwerfllig und gro. Aber das Ballsche
Telephon erforderte Anfangs auch eine eigene und noch dazu ziemlich
gerumige Zelle, whrend man heute schon Taschentelephone hat, mit denen
man sich auf fnf, sechs Kilometer Entfernung ganz gut verstndigen
kann, und schon jetzt gibt es Forscher auf drahtlosem Gebiete, die,
mglichst in regnerischen Nchten, mit einem gewhnlichen Regenschirm,
der ihnen die ntigen Antennen liefert, Nachrichten aus dem Aether mit
einem Reciver auffangen, der nicht grer als eine Pillenschachtel ist.
Wenn aber dieser Apparat erst so vervollkommnet sein wird, da auch der
gewhnliche Sterbliche sich seiner wird bedienen knnen, dann werden
dessen Lebensgewohnheiten dadurch noch weit mehr beeinflut werden, als
sie dies schon jetzt durch die Einfhrung unseres gewhnlichen
Telephones geworden sind.

Auf seinem Wege von und ins Geschft wird er seine Augen nicht mehr
durch Zeitunglesen anzustrengen brauchen, denn er wird sich in der
Untergrundbahn, oder auf der Stadtbahn, oder im Omnibus oder wo er grad'
fhrt, und wenn er geht, auch auf der Strae, nur mit der gesprochenen
Zeitung in Verbindung zu setzen brauchen, und er wird alle
Tagesneuigkeiten, alle politischen Ereignisse und alle Kurse erfahren,
nach denen er verlangt.[3]

Und ist ihm damit nicht gedient, sondern steht sein Sinn nach Hherem,
so wird er sich mit jedem Theater, jeder Kirche, jedem Vortrags- und
jedem Konzertsaal verbinden und an der Vorstellung, an der Predigt oder
den Sinfonieauffhrungen teilnehmen knnen, ja, die Kunstgensse der
ganzen Welt werden ihm offen stehen, denn die Zentrale der Telharmonie
wird ihn mit Paris, Wien, London und Berlin ebenso verbinden knnen, wie
mit der eigenen Stadt. Diese Errungenschaft des drahtlosen Zeitalters
werden wir brigens auch ber kurz oder lang schon erreicht haben; denn
jetzt schon sind die Vorbereitungen im Gange, um Gro-Newyork mit einer
solchen drahtlosen Telephonverbindung zu versorgen, da gefunden wurde,
da dieses Telephon Ton und Klang weit klarer wiedergibt, als unser
bisher gebrauchtes Telephon mit Drahtleitung. Das einzige, noch in weite
Ferne gerckte Problem ist das, unsere Empfangsapparate so empfindlich
zu gestalten, da sie alle Vibrationen aufnehmen knnen, und da wir den
Sendungsimpuls so in unserer Gewalt haben, da er direkt zu dem ihm
entsprechenden Reciver geht, ohne sich in alle Richtungen hin
auszudehnen und zu zerstreuen, wie die Wellen, die nach allen Richtungen
hin sich verbreiten, wenn man einen Stein ins Wasser wirft.


                 Verbrecherjagd auf drahtlosem Wege.

In jngster Zeit wurde die fabelhafte Kunst der drahtlosen
Bildertransmission so auerordentlich vervollkommnet, da sie kein
Spielzeug mehr ist, sondern zweifellos berufen ist, in der Ausgestaltung
unserer zuknftigen Lebensverhltnisse eine sehr groe Rolle zu spielen.
Und wenn diese Erfindung auf die Hhe der Vollkommenheit gehoben sein
wird, dann werden wir eine neue Reihe von tglichen Wundern zu
verzeichnen haben. Hier ist beispielsweise eine Szene, die sich in
hundert oder weniger Jahren alltglich abspielen wird.

[Funote 3: Eine solche gesprochene Zeitung, allerdings noch nicht auf
drahtlosem Wege, gibt es jetzt schon u. a. auch in Budapest.]

Der erste Leutnant des Elektroturbinenschiffs Vorwrts strzt in die
Kajte seines Kapitns. Kapitn, sagt er, wir erhalten soeben die
drahtlose Nachricht von der Newyorker Polizeidirektion, da Prsident
Kramington von der Newyorker Stadtbank eine Million Dollars
unterschlagen und die Flucht ergriffen hat. Es wird vermutet, da er
sich auf dem Wege nach Europa befindet. Der Kapitn liest die im
Steckbrief enthaltene Beschreibung und lchelt sarkastisch.

Bis auf den weien Bart und das weie Haar ist nichts da, was den Dieb
von anderen Sterblichen unterscheiden wrde und da er wahrscheinlich
sein Haar gefrbt und seinen Bart abrasiert hat, so werden wir ihn wohl
kaum finden knnen, wenn die liebe Polizei sich nicht dazu bequemt, uns
wenigstens sein Bild zu schicken.

Im selben Augenblick kommt der zweite Leutnant und bergibt im Auftrage
des Telegraphenbeamten die auf drahtlosem Wege bersandte Photographie,
die die Newyorker Polizei sofort dem Steckbrief nachgesandt hat.

Donnerwetter, sagt der Kapitn, das ist ja der Mensch da in der
Luxuskabine. Der war mir lngst schon verdchtig. Er gibt sich fr einen
alten Missionar aus, der nach Afrika zurck will, und behauptet, da er
am Fieber erkrankt ist. Trotz der Vernderung, die der Kerl mit sich
vorgenommen hat, ist die Aehnlichkeit unverkennbar. Der Ausdruck in den
Augen und die Art seiner Kopfhaltung sind derart, da ich mich absolut
nicht tuschen kann. Teilen Sie nach Newyork mit, da wir den Burschen
haben.

Und um zu begreifen, da es knftighin nicht einem Verbrecher mehr
mglich sein wird, ber das Meer zu kommen, ohne der Gerechtigkeit in
die Hnde zu fallen, brauchen wir uns nur vorzustellen, da knftighin
smtliche Schiffe, und nicht nur die wenigen groen Ozeandampfer, von
jetzt an mit Apparaten drahtloser Telegraphie versehen sein werden. Da
diese Zeit nicht nur kommen wird, sondern sogar in nicht allzu weiter
Ferne steht, ist sicher. Auf diese Art wrde dann auch sehr hufig die
lstige Auslieferungsformalitt vermieden werden. Der deutsche
Verbrecher, der Amerika auf einem deutschen Dampfer wird erreichen
wollen, wird auf die eben geschilderte Art, auf hoher See erkannt und
gleichzeitig mit der Meldung an die Berliner Zentralbehrde wird eine
andere Meldung an irgend ein in der Nhe befindliches deutsches
Kriegsschiff gehen, den Verbrecher einfach auf hoher See in Empfang zu
nehmen. Oft wird auch durch den schnellen Vorgang eine Panik an der
Brse oder eine Verstimmung derselben umgangen werden; denn hufig wird
der Dieb noch eher in den Hnden der Gerechtigkeit sein, als sein
Diebstahl den Blttern, und durch die Bltter dem groen Publikum
bekannt geworden sein wird.

Das Senden von Bildern und Photographien an in Bewegung befindliche
Schiffe, Zge, Autos und Luftschiffe wird einfach durch die Anwendung
der beiden, jetzt drahtlich in Gebrauch befindlichen Methoden nunmehr
drahtlos vonstatten gehen.

Die Methode des Herrn Professors Korn, der bisher in Mnchen gewesen ist
und nun in Berlin weilt, basiert auf der Eigenschaft des Selens, eine
grere oder geringere Menge von Elektrizitt mit sich zu fhren, die in
einem ganz bestimmten Verhltnis zu dem Lichte steht, das auf dieses
Metall fllt. So werden die verschiedenen Intensitten von Licht und
Schatten, die sich auf einem Negativbild zeigen, auf dem elektrischen
Drahte in die Ferne versandt, und dort bertragen sie sich auf einen
gewhnlichen photographischen Film, der in der blichen Art dann
entwickelt wird. Die etwas zerrissene Art der dadurch erhaltenen Bilder,
die namentlich bei Landschaften und Bildern mit feineren Details
unangenehm auffllt und sehr strend wirkt, wird durch die Methode
Edouard _Belins_ in Paris vermieden. Da wird erst eine dicke
Kohlenzeichnung von der zu sendenden Photographie gemacht, und ber
diese Kohlenzeichnung fhrt, vermittels eines rotierenden Zylinders, die
feine Saphirspitze eines Stiftes, der ber die ganze Flche des Bildes
in Spirallinien zieht, die nur ein Zwanzigstel eines Millimeters von
einander abstehen. Der Hhenunterschied an der Oberflche der Zeichnung,
der fr das Auge ebensowenig wie fr das Gefhl bemerkbar ist, gengt,
um auf den Hebel bertragen zu werden, der den Stift hlt, und diese
Bewegung bertrgt sich wieder auf den Reciver der Empfangsstation, wo
man sie auf eine Lichtspitze wirken lt, die durch ihre grere oder
geringere Intensitt, ebenso wie bei dem Kornschen System, auf einen
Film einwirkt, der dann einfach entwickelt wird. Ein anderes Wunder
unserer Zeit ist der Graysche Telautograph, der ein geschriebenes
Manuskript durch den drahtlosen Aether zu senden vermag. Man male sich
nur aus, welche groe Rolle diese Mglichkeit knftighin in den Stcken
unserer Sensations-Komdienschreiber spielen wird.

Szene: Ein Zuchthaus, wei der Himmel wo. Zeit: Eine Stunde vor der
Hinrichtung eines unschuldig Verurteilten. Die Mutter und die Braut des
Verurteilten bitten um Gotteswillen die Hinrichtung zu verschieben, weil
ein neues Gnadengesuch an den Kaiser abgegangen ist. Aber kein Aufschub
ist mglich. Die Hinrichtung mu pnktlich zur festgesetzten Zeit
stattfinden, und der Kaiser ist weit, weit auf einer seiner Nordlands-
oder Mittelmeerreisen. Ohne des Kaisers Unterschrift, lautet die
Antwort, ist kein Aufschub mglich. Der Henker ist bereit, der Henker
wird seines Amtes walten. Alle Hoffnung ist somit verloren. Aber nein.
Die Heldin des Stckes eilt zu einer drahtlosen Station. Sie kennt die
Nummer des Kaisers, die sonst nur seine Vertrautesten kennen. Sie ruft
ihn an und spricht mit ihm, der Gott wei wo auf der Jagd oder mit
Staatsgeschften beschftigt ist. Und pltzlich ein Leuchten, ein
Knistern und auf dem sich langsam abrollenden Papier erscheinen die
Schriftzge des Kaisers. Die Begnadigung ist von ihm unterschrieben. Sie
eilt zurck und kommt gerade zur rechten Minute, um die Hinrichtung noch
zu verhindern.

Wenn wir so einem Stck auf der Bhne begegnen werden, so werden wir uns
bald ber diese Unwahrscheinlichkeit nicht mehr wundern, denn schon
jetzt ist das Problem der Uebertragung der Handschrift vollstndig
gelst, wenn es auch der Allgemeinheit noch nicht zugnglich gemacht
worden ist. Der Graysche Telautograph bertrgt mit Hilfe zweier
Seidenfden die zitternde Bewegung, die ein Stift verursacht, mit dem
man auf einer sich schnell abhaspelnden Rolle Papier schreibt, die ber
diese zwei Seidenfden luft. Diese Bewegung bernimmt der Reciver an
der Empfangsstation und sie verursacht die entsprechende Bewegung einer
ganz dnnen, offenen Tintentube, die infolgedessen auf dem sich ebenso
gleichmig abrollenden Papier dieselben Schriftzeichen wiedergibt, die
auf der Empfangsstation verursacht wurden. Man kann auf diese Art
selbstverstndlich nicht nur Handschriften, sondern auch jede andere
Zeichnung und alle Zeichen bertragen. Was der Telautograph in
Verbindung mit der drahtlosen Bilderbertragung auf dem Gebiete der
Identifizierung bei weiten Distanzen alles wird leisten knnen, das
entzieht sich gerade unserer Beurteilung, denn dies wrde uns auf
Gebiete fhren, die uns heute noch ganz phantastisch erscheinen mssen,
obwohl sie zweifellos nichts als die Wahrheit sind. Allerdings die
Wahrheit der Zukunft. Kein Bankbetrug wird mehr mglich sein, es wird
keine falschen Anweisungen und keine geflschten Schecks mehr geben.
Jeder Mensch wird jeder Bank sozusagen persnlich bekannt sein; denn
wenn sie mit ihm in Verbindung steht, wird sie ihn sehen, wird seine
Schrift kennen, wird ihn selbst seine Unterschrift leisten sehen, und
das auch dann, wenn die Bank in Berlin ist und der Auftraggeber in
Mexiko. Das drahtlose Jahrhundert wird also sehr vielen, wenn auch nicht
allen Verbrechen ein Ende machen. Es wird ein Jahrhundert der Moralitt
sein, denn bekanntlich sind Moralitt und Furcht ein und dasselbe.


                     Das Ende von Raum und Zeit.

Monarchen, Kanzler, Diplomaten, Bankiers, Beamte und Direktoren werden
ihre Geschfte erledigen und ihre Unterschriften geben knnen, wo immer
sie sind. Direktoren einer und derselben Gesellschaft werden ganz ruhig
eine legale Versammlung abhalten knnen, wenn der Eine auf der Spitze
des Himalaya ist, und der Andere in einer Oase der afrikanischen Wste,
der Dritte in irgend einem Badeort und der Vierte sich gerade auf einer
Luftreise befindet. Sie werden sich sehen, miteinander sprechen, werden
ihre Akten austauschen und werden sie unterschreiben, gleichsam, als
wren sie zusammen an einem Orte. Nirgends, wo man auch ist, ist man
allein. Ueberall ist man in Verbindung mit allem und jedem. Jeder kann
jeden sehen, den er will, sich mit jedem unterhalten, mit jedem Whist,
Skat und Poker, mit jedem Schach und Dame spielen und wre der
Betreffende auch tausend Meilen von ihm entfernt. Er kann jedes
Vergngen und jede Zerstreuung, wie sie sich jeder andere Mensch gnnen
kann, auch mitmachen. Er kann die Tnzerinnen des Knigs von Siam
ebensogut in Paris in seinem Studierzimmer sehen, wie er whrend der
Fahrt im Bahncoup einer Vorstellung der groen Oper von Monte Carlo
beiwohnen kann. Es gibt nichts, was er sich nicht zu leisten vermag. Er
kann die Berhmtheiten seiner Zeit alle mit Augen sehen, er kann, wenn
sie sich darauf einlassen, mit ihnen sprechen. Ja, vielleicht wird auch
noch der Apparat erfunden, durch den man ihnen die Hand drcken und
ihren Hndedruck empfinden kann.

Auch das Reisen wird im drahtlosen Jahrhundert eine fabelhafte
Umgestaltung erfahren. Es wird mit einer riesigen Schnelligkeit auch
eine groartige Sicherheit verbinden. Schon jetzt haben die drahtlosen
Techniker den Aerophor nicht nur erfunden, sondern auch derart
vervollkommnet, da ein automatischer Signalapparat dem Lokomotivfhrer
selbstttig anzeigt, wenn ein anderer Zug auf demselben Schienenstrang
luft und sich in einer Entfernung von nur zwei englischen Meilen
befindet. Natrlich gibt der Apparat auch die Richtung an, in der dieser
Zug sich bewegt. Dadurch sind die Lokomotivfhrer der beiderseitigen
Zge imstande, die Fahrt zu verlangsamen oder zu halten oder eventuell
auf ein anderes Gleise zu fhren. In jedem Falle aber ist ein
Zusammensto ganz unmglich. Derselbe Apparat warnt den Seemann bei
schwerem Nebel und kndigt ihm die Nhe eines andern, seinen Kurs
kreuzenden, oder in seinem Kurs auf ihn zufahrenden Schiffes an.
Und jedes andere, in einer gewissen Entfernung befindliche
Schiffahrtshindernis, wird ihm ebenso sicher durch den Apparat
signalisiert, und er wird ihm auch die genaue Entfernung angeben knnen,
in der es sich befindet. Ja, man hat den Apparat sogar derart
konstruiert, da er beim Signalisieren der Gefahr sofort im
Maschinenraum nicht nur das Haltesignal gibt, sondern auch die Maschinen
selber automatisch zum Stillstand bringt.

Man wird knftig ganz wundervoll reisen, sei es _auf_ dem Meer, oder
_unter_ dem Meer, sei es _auf_ der Erde oder _unter_ der Erde oder ber
der Erde in unserem neuen eroberten Reiche der Luft. Wer aber trotz
alledem nicht wird reisen wollen, der wird, wie gesagt, ganz bequem in
seinem eigenen Zimmer die ganze Welt bereisen knnen. Es wird keine Zeit
und keine Entfernung mehr geben, und einer Katastrophe, wie der jngsten
von Messina und Kalabrien werden wir alle beiwohnen knnen, sicher in
unserem Hause sitzend, wo immer dieses auch steht. Wir werden einfach
auf drahtlosem Wege uns mit der Unglckssttte verbinden lassen, und wer
an dem Anblick allein nicht genug hat, sondern die Sensation
furchtbarster Art ganz wird auskosten wollen, der wird, wenn er will,
auch das Angstgewimmer der Leute, das Verrcheln der Sterbenden und die
Schreie der Hungrigen und die Flche der Irrsinnigen hren. Jedes
Ereignis werden wir so mitmachen knnen. Die ganze Erde wird nur ein
einziger Ort sein, in dem wir wohnen. Kein Raum wird uns mehr trennen,
wir werden berall sein, nur dadurch schon, da wir berhaupt da sind.
-- Auch dieses Bild, das ich eben ausgemalt habe, ist keineswegs eines,
das wir erst in hundert Jahren erreichen werden. Nein. Der Apparat, der
das vermag, ist auch schon erfunden und wurde erst im vergangenen
Dezember einem jungen New Yorker Erfinder, Rothschild, patentiert. Und
im Grunde ist es eigentlich nichts weiter, als die geniale Kombination
von Kinematograph, Telautograph, Telephon und wie die groartigen
Vorlufer-Erfindungen desselben alle heien.

Auch im politischen Leben wird die drahtlose Telegraphie eine
auerordentliche Rolle spielen. Der Wahlvorgang zum Beispiel wird
vollstndig zentralisiert werden knnen, und Wahlen werden einfach blo
noch in den Reichshauptstdten vorgenommen werden. Jeder wird imstande
sein, seine Stimme von dort abzugeben, wo er sich grade befindet und
jeder Whler wird einfach durch Vergleichen mit den Wahllisten
identifiziert werden, die nicht nur den Namen und Stand des Whlers
enthalten werden, sondern auch dessen Photographie. Von den hchsten
Gletschern, von den Feldern und Smpfen der Marschen aus wird man seine
Stimme abgeben knnen, und das Staatsoberhaupt wird Gelegenheit haben,
sich, wenn er will und auf welche Weise immer er dies zu tun
beabsichtigt, von der Stimmung im Volke ein wahrheitsgetreues Bild zu
schaffen, denn kein Kaiser und kein Prsident wird mehr auf den Bericht
irgend eines Schranzen angewiesen sein, sondern wird selbst, in seinem
Schlosse sitzend, jeder Volksversammlung, jeder Volksdemonstration
beiwohnen knnen und wird sich mit jedem in Verbindung zu setzen
vermgen, von dem er wahrheitsgetreuen Aufschlu zu erhalten glaubt. Die
Stimme der Wahrheit wird bis in die abgeschlossensten Palste
hineindringen und dort nicht mehr ungehrt verhallen knnen.

Auch im Gerichtssaale wird die drahtlose Telegraphie eine gewaltige
Rolle spielen. Zeugen werden nicht mehr von weit her herbeigeschafft
werden mssen, sondern sie werden einfach vor Gericht erscheinen,
whrend sie ruhig zu Hause bleiben oder ihren Geschften nachgehen. Die
Kosten des Gerichtsverfahrens werden dadurch wesentlich billiger werden;
die Zeitverschwendung wird nicht mehr ins Gewicht fallen wie jetzt, und
niemand wird im Gerichtsgebude stundenlang warten mssen. Ein Anruf
wird gengen, und jeder Zeuge, und sei er selbst am Nordpol, wird im
Augenblick zur Stelle sein. Konfrontationen werden auf dieselbe Weise
zustande kommen. Der Mrder in Chikago wird auf drahtlosem Wege dem
Kronzeugen, der sich vielleicht in Sibirien befindet, gegenber gestellt
werden. Beide Zeugen werden einander Aug in Auge gegenber stehen, und
hier wie dort wird man der ganzen Gerichtsverhandlung folgen und an ihr
teilnehmen knnen. Das einzig strende wird eben der Zeitunterschied
sein, so da einige Zeugen mitten in der Nacht werden aussagen mssen,
wenn sie an einer Verhandlung teilnehmen, in der der lokale
Zeitunterschied ein so bedeutender ist.


                Das drahtlose Zeitalter und die Mode.

Szene: Ein elegantes Boudoir in der 5. Avenue in New York. Eine Braut,
die Tochter eines Multimilliardrs, ist ganz auer sich und schwimmt in
Trnen. Ein furchtbares Unglck ist geschehen. Ihre Brauttoilette ist
ruiniert worden; ein Loch wurde durch eine Zigarette eingebrannt. So
kann sie unmglich am nchsten Sonnabend zur Hochzeit gehen, lieber gar
nicht heiraten. Und den Schaden durch eine Spitze etwa zu verdecken,
nicht um die Welt. Entweder ist das Kleid tadellos oder sie zieht es
nicht an. Ein heimischer Schneider? Fllt ihr gar nicht ein. Das Kleid
mu von Paquin sein. Von jener weltberhmten, ber hundertjhrigen
Firma, die schon 1908 tonangebend in ihrem Geschmack war. Aber Kind,
ruft der Brutigam, das ist doch ganz einfach. Wir lassen uns
telautophonisch mit Paquin verbinden, suchen uns eine Brauttoilette aus,
geben Dein Ma an und lassen uns das Kleid durch drahtlosen Luftmotor
hierherkommen. Wie weggeflogen ist in diesem Augenblick der Schmerz der
jungen Braut. Sie jubelt laut auf, klatscht in die Hnde und gibt sofort
Befehl, ihren Apparat hereinzubringen. Fnf Minuten spter wandeln schon
die Pariser Modelle mit den ausgesuchtesten Brauttoiletten an ihr
vorber. Die Mae werden genau genommen und angegeben, und sechs Stunden
spter hat die jetzt wieder glckliche Braut ihr Kleid, das zehnmal so
schn ist, wie das, was ihr Brutigam verdorben hat. Ueberhaupt wird das
Einkaufen zu jener Zeit ein noch greres Vergngen sein, als jetzt. Man
wird einfach von seinem Zimmer aus alle Warenhuser durchwandern knnen
und in jeder Abteilung Halt machen, die man eingehender zu besichtigen
oder wo man etwas auszuwhlen wnscht. Die Kommis werden die Waren in
den Warenhusern ausbreiten, so wie jetzt; die Kundinnen werden nicht in
den Warenhusern selbst sein, sondern da, wo sie grad' weilen. Bei sich
zu Haus, oder in einer Gesellschaft oder irgendwo anders. Und sie werden
whlen und an ihrer Wahl alle ihre Freundinnen teilnehmen lassen knnen,
und alles wird leibhaftig vor ihren Augen erscheinen; denn natrlich
werden alle die Bilder in ihren natrlichen Farben zu sehen sein.

Auch auf Ehe und Liebe wird der Einflu der drahtlosen Telegraphie ein
auerordentlicher sein. Liebespaare und Ehepaare werden nie von einander
getrennt sein, selbst wenn sie Hunderte und Tausende Meilen von einander
entfernt sind. Sie werden sich immer sehen, immer sprechen, kurzum, es
wird die Glckszeit der Liebe angebrochen sein und die des
Strohwitwertums vernichtet; denn knftighin wird sich die leibliche
Gattin stets davon berzeugen knnen, was ihr Herr Gemahl treibt; aber
auch der Herr Gemahl wird ganz genau wissen, wie und ob seine Gattin nur
an ihn denkt.

Auch der Krieg wird wesentlich durch das drahtlose Zeitalter
modifiziert. Das Durchschneiden der Kabel und das Zerstren der
telegraphischen Leitungen wird in den Bewegungen der Heere keine
Verzgerungen herbeifhren. Es wird keine falsch verstandenen Befehle
mehr geben, und der Oberbefehlshaber wird nicht erst darauf warten
mssen, da man ihm berichtet, wo der Gang der Schlacht ist, sondern er
wird das ganze Schlachtfeld selber bersehen, und nicht das eine
Schlachtfeld allein, sondern das ganze Land, in welchem die
kriegerischen Operationen vor sich gehen. Er wird sogar imstande sein,
nach seinem Willen nicht nur die groe Armeekolonne in Bewegung zu
setzen, sondern auch die kleinen Abteilungen. Sein Feldherrnblick allein
wird entscheiden; denn er in seinem Zimmer oder in seiner Baracke wird
alles sehen, die Bewegungen seiner Armeen, sowie die der feindlichen
Heereshaufen. Die Berichterstattung wird natrlich auf auerordentlicher
Hhe stehen; denn jedes, selbst das allerkleinste Blttchen, ja jeder
Abonnent desselben wird sich den Luxus erlauben knnen, von seinem
Zimmer aus den Kriegsereignissen beizuwohnen und alle Details derselben
zu sehen. Kurz, alle diese Wunder der drahtlosen Telegraphie werden das
kommende Zeitalter zu einem groartigen, unglaublichen machen.

Unglaublich? Nicht doch. Wir haben ja ebenso groe Wunder auch schon
erlebt. Noch vor dreiig Jahren gab es kein elektrisches Licht, kein
Telephon, kein Grammophon und keinen Phonographen. Die groen Wunder
haben wir jetzt geschaffen, und was ich geschildert habe, ist nichts als
die allgemeine Nutzanwendung derselben; das ist nur das, was ganz
bestimmt kommen wird und zum Teil schon da ist. Doch es liegen noch ganz
andere Mglichkeiten vor. Es ist mglich, da der Landmann sechs- bis
zehnfach so groe Frchte zchten wird, als jetzt. Es ist
wahrscheinlich, da er statt einer und zweier Ernten sechs- bis zehnmal
im Jahre die Frchte nach Hause bringen wird. Es ist mglich, da ein
Arzt eine ganze, von einer Seuche heimgesuchte Stadt auf einmal dadurch
heilen wird, da er eine elektrische Zyklonwelle drahtloser Energie ber
sie wird fluten lassen. Der Wetterprophet wird nicht mehr das Wetter
ansagen, sondern das Wetter machen. Sonnenschein und Regen wird nur von
dem Willen der Menschen abhngen. Ueberall auf Erden wird man den Winter
und jeden Sturm durch elektrische Wrmewellen vertreiben, die den ewigen
Frhling ber das Land breiten werden. Und ein neuer Marconi wird
vielleicht mit den Bewohnern des Mars sich verbinden und wird die
Geheimnisse der fremden Welten dadurch offenbaren.




                      Professor Cesare Lombroso.
             Verbrechen und Wahnsinn im XXI. Jahrhundert.


             Verbrechen und Wahnsinn im XXI. Jahrhundert.
                    Von Professor Cesare Lombroso.

Es ist heutzutage nicht so leicht wie frher, als Prophet aufzutreten,
noch schwerer aber ist es, wenn man prophezeiht, die Leser oder Zuhrer
zum Glauben zu zwingen. Trotz alledem gibt es Voraussagungen, die nicht
auf die mehr oder weniger glaubwrdigen und unglaubwrdigen Eingebungen
gesttzt sind oder gar aus Geistermunde verkndet werden, sondern die
nichts weiter sind, als die logischen Folgerungen, die man aus den
bestehenden Prmissen zieht und die daher zweifellos Anspruch auf
Beachtung und Glaubwrdigkeit haben.

Wenn wir zum Beispiel die Behauptung aufstellen wollten, da es im
nchsten Jahrhundert im Verhltnis zur Bevlkerungsziffer fnfmal mehr
Wahnsinnige geben wird, als jetzt, so ist das nichts als eine
statistische Deduktion aus den Zahlen, die uns die zivilisierten Vlker
aller Lnder heutzutage bieten.

Jacobi weist nach, da die Zahl der Irrsinnigen in Frankreich in 33
Jahren um 53 Proz. stieg, whrend im gleichen Zeitraum die
Bevlkerungsziffer nur um 11 Proz. gestiegen ist.

In Italien gab es im Jahre 1880 17471 Irrsinnige und 27 Jahre spter
zhlte man in dem italienischen Knigreiche nicht weniger als 45000.

In England kamen im Jahre 1889 auf je 10000 Einwohner 18 Irre. Im Jahre
1893 war diese Zahl schon auf 29 gestiegen, und bis zum heutigen Tage
hat diese Steigerung noch immer bedeutend zugenommen.

In den Vereinigten Staaten wuchs die Bevlkerungsziffer in 30 Jahren um
das Doppelte an, die Zahl der Irrsinnigen aber um mehr als das
sechsfache; denn sie stieg von 15610 auf 95998.

Diese erschreckenden Zahlen sind leider nur allzu verstndlich; denn die
Grnde, die den Irrsinn zur Folge haben, werden immer strker und
hufiger und mannigfacher.

Der Orient berschwemmt uns mit seinem Opium und seinem Haschisch; der
Norden Europas gibt dem Sden ungeheure Mengen seines Mutterkornes ab,
und der Sden schickt als Revanche dem Norden seinen verdorbenen Mais,
die alle in sich das tdliche Gift fr unsern Geist und unser Hirn
tragen.

So wie seit Jahrhunderten der Wein unsere Psyche vergiftet hat und wie
es in noch rgerem Mae das Bier, der Schnaps, der Absinth und der
Wermut tun und getan haben, so wirkt jetzt auch noch zum Ueberflu der
Aether, das Morphium und Codein tdlich auf unsern Geist ein, und man
hat gut gegen diese Gifte, insbesondere aber gegen den Alkoholgenu zu
predigen und zu reden, es wird doch immer weiter getrunken werden, teils
um sich zu betuben, teils um dem immer trber dahinflieenden Strome
des Lebens doch wenigstens eine Stunde des Glcks und des Vergessens zu
entreien. Und man wird weiter trinken, um lustig zu sein und immer
lustiger, bis eine weisere, aufgeklrtere, gescheiter gewordene
Menschheit dem immer genudurstigen, menschlichen Hirn andere harmlose,
aber ebenso mchtige, ebenso energische Gensse verschafft haben wird,
wie sie ihm heute das Trinken tatschlich schafft.

Vom Tee und Kaffee spreche ich hier gar nicht, die zwar auch
Erregungsmittel des Geistes sind, aber doch nicht krftig genug, um auf
die Phantasie und die Sinne derart zu wirken, da sie als Ersatzmittel
derselben gelten knnten. So lange die Welt so bleibt, wie sie ist, wird
man mit den Verheerungen rechnen mssen, die der Alkohol anrichtet. Nun
fge man noch den hllischen Wirbel hinzu, in den der Mensch jetzt durch
das Hasten des Lebens gerissen wird, und der ihn arbeiten und arbeiten
und immer arbeiten lt, bis auch die strkste Energie aufgebraucht und
die widerstandsfhigsten Krfte gebrochen werden; und man nehme das
Ruhelose dieses Lebens hinzu, das die Ruhe nur findet, wenn sie lngst
schon zu spt kommt, und denke an all' die horrenden Arbeitsmengen, die
jeder schaffen mu und die, wie Beard sagt, jeden Amerikaner schon in
einen Neurastheniker verwandelt haben und auch jeden gebildeten Europer
dazu machen, von welch letzterem schon Krpelin sagt, da er viel zu
viel Nerven und viel zu wenig Nerv hat! Vielleicht ist auf diese
Erschpfung, die sich in der Degenerationsvererbung zeigt,
zurckzufhren, da wir in den letzten Jahren das Kolorit des Wahnsinns
sich merkwrdig verndern sehen, und da wir diese Vernderung im
nchsten Jahrhundert zweifellos noch prononzierter sehen werden. Es
verschwinden nmlich allmhlich jene eigentmlichen Flle von Paranoia,
Melancholie und Halluzinationen, die frher so hufig waren und unsere
Irrenanstalten mit so viel Frsten, so viel Genies, so viel
Erfindern und so viel eingebildeten Opfern von Jesuiten- und
Freimaurer-Verfolgungen bervlkern. Jetzt treten dafr immer mehr jene
verschwommenen Formen auf, die wir geistige Zerstreutheiten und
Strungen nennen, oder jene frhen Wahnsinnsformen, die im Jugendalter
auftreten und eine Mischform der eben genannten Zerstreutheitsstrungen
mit den alten Formen der Monomanie und Melancholie bilden, durch welche
die Grenzlinien dieser vollstndig verwischt werden. Die Entdeckung
_dieser_ Form verdanken wir dem groen Deutschen _Krpelin_, obwohl sie
schon _vor_ ihrer Entdeckung, d. h. vor ihrer Erkennung Opfer ber Opfer
gefordert hat.

Dieser frhzeitige Irrsinn, die alkoholischen Wahnsinnsformen und die
allgemeinen progressiven Paralysen, sowie die anormalen Formen der
Epilepsie werden dann die Insassen fr unsere Irrenanstalten abgeben,
dagegen wird die Zahl der Idioten, vor allem aber die der Kretins ganz
auerordentlich abnehmen. Ebenso wird die vornehmlich bei uns in Italien
herrschende, durch den Maisgenu hervorgerufene Pellagra kein Opfer mehr
fordern. Das Verschwinden dieser Formen wird nur eine Folge unserer
zunehmenden Kultur und unseres nicht zu leugnenden, zunehmenden
Wohlstandes sein.


                           Das Verbrechen.

Im Gegensatz zum Wahnsinn wird das Verbrechen sowohl an Zahl wie an
Gre und Intensitt immer mehr abnehmen. Wer die Verbrecherstatistik
von Mitteleuropa studiert, wrde auf den ersten Blick allerdings diese
rosige Voraussetzung nicht verstehen; denn die ganz schweren Verbrechen,
d. h. Mord und Totschlag, haben zwar ein klein wenig abgenommen, aber
Diebstahl, Betrug und Flschungen haben im ganzen so auerordentlich
zugenommen, da sie in den letzten 25 Jahren auf beinahe das Doppelte
stiegen. Der Zahl nach sind also die Verbrechen jetzt noch immer in der
Zunahme begriffen. Wer aber genauer hinsieht, wird trotzdem zu dem von
mir angegebenen gnstigen Resultate der Zukunft gelangen, weil er die
Verminderung der kapitalen Verbrechen in Australien mit in Rechnung
ziehen wird und nicht nur der Kapitalverbrechen, sondern der Verbrechen
berhaupt. Auch wird er nicht bersehen knnen, da in Nordamerika der
Verbrechenszuwachs eigentlich nur zu Lasten der nach Amerika
eingewanderten, sowie der farbigen Bevlkerung fllt. Und ebensowenig
wird er es unterlassen, seine gnstigen Schlsse aus der Abnahme des
Verbrechens sowohl in London als in Genf zu ziehen, wo man mit allen
Mitteln versucht hat, dem Verbrechen energisch zu Leibe zu gehen und ihm
mglichst den Garaus zu machen, ein Versuch, der, trotzdem es sich um
groe Zentren des Verbrechens handelt, dennoch einen gnstigen Erfolg zu
haben scheint. Und wer nun das alles in Rechnung zieht, der wird ohne
viel Mhe prophezeien knnen, da im nchsten Jahrhundert die Zahl der
Verbrechen ganz auerordentlich abgenommen haben mu, wobei allerdings
nicht zu bersehen ist, da sehr viele Verbrecher infolge unserer weit
ausgedehnteren Kenntnisse des Wahnsinns und der psychischen Erkrankungen
ihr ganzes Leben lang in Irrenhusern oder in Irrenreservationen
eingeschlossen sein werden. Diese Art, die Verbrecher unschdlich zu
machen, wird der Menschheit aber zum grten Nutzen gereichen, da eine
weitere Vererbung des Uebels dadurch unmglich gemacht werden wird.

Die momentane Verschlechterung in bezug auf die Zahl der Verbrecher, die
namentlich auffallend in der groen Zahl Rckflliger[4] und
Minderjhriger, namentlich in Europa, zum Ausdruck kommt, findet ihre
Erklrung in dem doppeltabnormen Zustande unserer Gesetzgebung und
unseres Gefngniswesens, die sich beide, wenn auch erst ganz schchtern
und zaghaft, einerseits den Theorien jener so sehr angefeindeten Schule
nicht mehr verschlieen knnen, die das Verbrechen als ein
Krankheitssymptom auffat, die aber andererseits noch in den alten,
alteingewurzelten Ideen fuen, die auf der freien Willensuerung
basieren. So vereint unsere Zeit in blindem Unverstande alle Schden der
beiden Anschauungen, ohne da die Allgemeinheit irgendwelche Vorteile
aus deren Vorzgen zieht. Es ist dies ein Zustand, der etwa dem zu
vergleichen wre, wenn ein Irrenarzt, der mit den alten Ideen so sehr
verwachsen ist, da er die Wahnsinnigen gleich Verbrechern behandelt und
sie in Ketten legt, schlgt und mihandelt, nun pltzlich von den Ideen
der modernen Erkenntnis angehaucht wrde und pltzlich anfinge, seine
Pfleglinge gleichzeitig sowohl als Verbrecher wie als Kranke zu
behandeln.

[Funote 4: Rckfllige waren im Jahre 1880 20 Prozent aller Verbrecher
und im Jahre 1900 40 Prozent. Ganz genau dasselbe Verhltnis zeigte sich
auch in Belgien. In Italien wuchs die Zahl der minderjhrigen
Verbrecher, die zu lngeren oder krzeren Strafen verurteilt wurden, von
30118 im Jahre 1890 67944 im Jahre 1905.]

Tatschlich bricht sich, was das Verbrechen anbelangt, immer mehr
_unsere_ Anschauung Bahn, da auch dieses als eine organische
Erscheinung, nicht aber als eine menschliche Willensuerung aufzufassen
ist. Da wir uns daher wohl vor ihm schtzen mssen, nicht aber in
Unmenschlichkeiten gegen den Verbrecher ausarten drfen. Mit dieser
Erkenntnis nun stehen unsere starren, eisernen Gesetze noch vllig im
Widerspruche, und die mildere Auffassung derselben schadet weit mehr
als sie ntzt, denn sie geben der Menschheit den Verbrecher immer
wieder, und geben ihm so die Gelegenheit, den Keim des Verbrechertums
immer weiter und weiter zu verbreiten.

Im kommenden Jahrhundert aber werden alle Hindernisse, die sich heute
noch einer vernunftgemen Behandlung von Verbrechen und Verbrechern
entgegenstellen, lngst beseitigt sein. Die Anfnge dazu sind ja schon
da, und die Erfolge zeigen sich berall, wo man den Mut hatte, die
Neuerungen einzufhren. In London sowohl wie in Nordamerika, wo man
jetzt mit aller Energie daran geht, die Verbrecher im Sinne der modernen
Wissenschaft fr die Menschheit ungefhrlicher zu machen. An die Stelle
unserer Zuchthuser werden groe Verbrecherkrankenhuser treten, in
denen der rckfllige Verbrecher auf Lebenszeit interniert werden wird,
ohne an der Behandlung krperlich, geistig oder seelisch zu leiden.
Groe humane Arbeitsanstalten werden errichtet werden; riesige Farmen
werden dem Verbrechernachwuchs zum Aufenthalt dienen, aber auch denen,
die Neigung zum Alkoholismus verraten, und sich darin als
unverbesserlich erweisen; und an die Stelle unserer furchtbaren
Zuchthaus- und Gefngnisstrafen werden Geldstrafen, Arbeitsstrafen,
Duschen, Feldarbeiten und Hausarrest treten. Natrlich werden _diese_
Strafen nur die Gelegenheitsverbrecher treffen und die jugendlichen
Verbrecher, die ja die Mehrheit unserer Verbrecherwelt bilden und die
erst _durch_ unsere Gefngnisse in ihren Verbrecherinstinkten bestrkt
werden. Keiner wird dann mehr die Strafe als solche empfinden, sondern
nur einen Versuch darin sehen, den psychischen Krankheitskeim in ihm zu
stren, ihn wieder gesund zu machen, und ihn als gesundes Mitglied der
Menschheit wiederzugeben. Schulen, Bibliotheken, Vortrge und der
Verkehr mit geistig hervorragenden und charakterfesten Menschen, die
wahre Aerzte der Seele sein werden, werden das ihrige dazu beitragen,
diesen Heilungsproze zu ermglichen und zu beschleunigen.

Damit ist noch immer nicht gesagt, da im kommenden Jahrhundert das
Verbrechen vollstndig verschwinden wird. Gerade weil das Verbrechen
teils von unserem Organismus, teils von unserem sozialen Verhltnis
abhngt, wird das Verbrechen zwar abnehmen und andere Formen annehmen,
aber niemals vollstndig verschwinden. In jedem Falle werden, wie man
jetzt schon statistisch nachweisen kann, in den nchsten Jahrzehnten in
den zivilisierten Lndern die durch Frauen begangenen Verbrechen aller
Voraussicht nach ganz auerordentlich an Zahl zunehmen. Gegenwrtig ist
das Verhltnis der Verbrecherin zum Verbrecher ein geradezu minimales;
aber der groe Zahlenunterschied verwischt sich immer mehr, und auch in
bezug auf die Schwere der Verbrechen werden die Frauen ihren mnnlichen
Kollegen bald ebenbrtig werden, wenn sie sie nicht berflgeln werden.
Haben wir nicht jngst erst eine _Madame Humbert_ gesehen, die sich
jahrelang die finanziellen Kombinationen und Geldoperationen in so
auerordentlich raffinierter und schlauer Weise zunutze machte, wie es
kein Mann imstande gewesen wre. Wir haben die _Gouransee_ gesehen, die
sich den Annoncenteil der Bltter und die unglaublichsten Kenntnisse auf
dem Gebiete der Toxikologie zunutze machte, um unter dem Vorwande einer
reichen Heirat Personen anzulocken und sie zu vergiften und im eigenen
Garten zu begraben. Und eine _Grete Beier_, die in Deutschland die
juridischen Kenntnisse, die sie sich im Laufe der Zeit angeeignet hatte,
dazu benutzte, um ein falsches Testament aufzusetzen, die Handschriften
flscht, die Gift braucht und berdies zur Feuerwaffe greift, um einen
Verliebten zu tten und seine Erbin zu werden. Diese Kompliziertheit der
Verbrechen wird man auch bei den Missetaten der Mnner bald in
verhltnismig zunehmender Zahl finden, wenn auch die Gesamtsumme der
Verbrechen selber abnehmen wird. Denn keiner macht sich die technischen,
konomischen und sozialen Errungenschaften so schnell und so sicher
zunutze wie der Verbrecher. Wir haben schon in diesem Jahrhundert ganz
neue Arten von Verbrechen auftauchen sehen, bei denen das Zweirad, das
Motorrad und das Automobil eine groe Rolle gespielt haben. Und in
Amerika, wo alles, selbst das Verbrechen einen groartigen Zug hat,
werden auch Eisenbahnzge und Dampfmaschinen dazu benutzt. So brach der
berchtigte _Trassy_ aus dem Zuchthaus von Oregon, sprang auf eine
Schnellzugs-Lokomotive und raste mit ihr davon, so da er nur dadurch
festgenommen werden konnte, da eine noch schnellere Maschine ihm
nachraste und ganze Zge von Polizeisoldaten ihm entgegen fuhren. In
unserer Zeit der Genossenschaften und Vereinigungen ist
es selbstverstndlich kein Wunder, da wir auch auf groe
Verbrechergenossenschaften stoen. In Nord-Amerika, in Ruland, in
Deutschland und in England hat man geradezu Aktiengesellschaften von
Dieben, Einbrechern und Falschspielern entdeckt. Aktiengesellschaften,
die eigene luxuris eingerichtete Bureaus hielten, ber jedes Verbrechen
Buch fhrten und es im Einnahmen- und Ausgabenkonto verzeichneten. In
Moskau hob man eine, aus dreiig Aristokraten bestehende Verbrecherbande
auf, die mit enormem Kapital arbeitete, das in die Millionen ging.
Dieser Bande standen in den verschiedensten Stdten prachtvolle
Wohnungen, Palste und glnzend ausgestattete Villen, sowie ein Heer von
Dienern, Automobilen und Equipagen zur Verfgung, und sie hatten berall
ihre Komplizen. In New York gibt es Hunderte von Assekuranzschwindlern,
die sich zu einer Spezialitt ausgebildet haben. Vor zwei Jahren wurden
acht Versicherungsgesellschaften von einer Verbrecherbande von Flschern
um fnf Millionen Dollars, das ist ber zwanzig Millionen Mark,
beschwindelt; sie versicherten alte, sterbenskranke Menschen auf hohe
Summen, statt der Kranken aber wurden bei der Untersuchung vollstndig
gesunde Personen fr die zu versichernden ausgegeben; berdies wurden
von ihnen Hunderte von Ausweispapieren und Totenscheinen geflscht, und
sie gingen in ihrer Frechheit so weit, selbst ein Begrbnis zu
inszenieren und eine Wachspuppe in pomphaftem Leichenzuge zur letzten
Ruhesttte geleiten zu lassen, whrend derjenige, den die Wachspuppe
vorstellte, sich den Spa machte, mit unter den Leidtragenden mitzugehen
und seinem eigenen Begrbnisse zuzusehen!

Der berhmte Giftmischer _Holmes_ knnte als der vollendetste Typus des
Verbrechers der Zukunft gelten. Er versicherte das Leben seiner Opfer
auf hohe Summen, brachte ihnen dann Gift bei und strich zuletzt das Geld
ein. Als hypermoderner Mensch, der er war, spielte bei allen seinen
Verbrechen der Anzeigenteil der Journale, der Telegraph, das Telephon
und sogar die drahtlose Telegraphie eine ganz bedeutende Rolle. Er war
der Virtuose des modernen Verbrechertums und fhrte jedes Verbrechen so
knstlerisch, d. h. so kompliziert wie nur mglich aus, um nicht nur den
Nutzen, sondern auch seine Freude daran zu haben.

Aber wenn sich die Verbrecher von einst auch all der Erfindungen ihrer
Zeit noch ausgiebiger werden bedienen knnen, wie es die Gauner unserer
Zeit jetzt schon in oft ganz verblffender Weise tun, so werden doch
damit auch gleichzeitig die groen Erfindungen Hand in Hand gehen, die
den Verbrechern das Handwerk legen werden. Es wird immer schwerer und
schwerer werden, ein Verbrechen auszufhren, ohne geradezu im selben
Momente auch schon entdeckt zu werden. Und auch darin wird ein guter
Teil des Grundes liegen, warum die Verbrechen werden abnehmen mssen.
Allerdings werden gerade die Gefahren manchen verlocken, die
Ueberlegenheit seines Geistes zu zeigen, die ihn befhigt, _dennoch_ ein
Verbrecher zu sein, aber das werden nur wenige Enthusiasten sein, die
man immer noch findet und die es auch heute schon gibt.




                     Regierungsrat Rudolf Martin.
                       Der Krieg in 100 Jahren.


                       Der Krieg in 100 Jahren.
                   Von Regierungsrat Rudolf Martin.

Die Kriegfhrung in hundert Jahren wird sich von der Kriegfhrung der
Gegenwart weit mehr unterscheiden, als diese von der Kriegfhrung vor
der Erfindung des Schiepulvers. Und doch hat die Erfindung des
Schiepulvers die gewaltigsten Vernderungen zustande gebracht. Das
gesamte Kriegswesen wurde durch das Aufkommen des Schiepulvers um die
Mitte des 14. Jahrhunderts in Europa umgestaltet. Das Rittertum
verschwand. An die Stelle des Lehnsaufgebots trat das stehende Heer. Der
Lehnsstaat hrte auf. Die Macht des unbeschrnkten Knigtums kam in den
meisten Lndern zur Geltung.

Daneben zeigten sich Wirkungen des europischen Schiepulvers, durch das
mit dem Jahre 1492 einsetzende Zeitalter der Entdeckungen. In Amerika
und in Ostindien unterlag die Kultur der Eingeborenen den Schiewaffen
der europischen Entdecker. Aber das Schiepulver war nur ein Teil der
Ueberlegenheit der Europer. Im brigen verdankten sie ihre Erfolge
ihrer Seetchtigkeit. Das Aufkommen des Kompasses seit ungefhr dem
Jahre 1310 hatte die Sicherheit der Schiffahrt vermehrt und die
Entdeckungsfahrten ermglicht. Die Fortschritte der Astronomie, der
Geographie und die Zunahme der Bildung im Zeitalter der Reformation
ermglichten die Herstellung brauchbarer Seekarten. Selbst die Erfindung
der Buchdruckerkunst um das Jahr 1462 hat an den Erfolgen und Siegen der
Seefahrer und Entdecker einen groen Anteil.

Von grter Bedeutung aber war das Aufkommen reiner Segelschiffe, die
nicht mehr auf Ruder eingerichtet waren. Der Transport des Proviants und
des Trinkwassers fr die vielen Ruderknechte hatte bis zum Jahre 1300
jede grere Entdeckungsfahrt unmglich gemacht. Indem im Laufe der
Jahrhunderte die Segelschiffe immer grer wurden, konnten weitere
Reisen unternommen und eine grere Zahl von Soldaten transportiert
werden. Wre aber in der Zeit von 1300 bis 1500 die Kunst des Lavierens
nicht aufgekommen, so wrden die europischen Seeschiffe an greren
Unternehmungen verhindert worden sein.

Diese umgestaltende Wirkung der Technik auf die Kriegsfhrung wird sich
in verstrktem Mae in den kommenden hundert Jahren vollziehen. Die
Technik der Motorluftschiffahrt, der Unterseeboote, der drahtlosen
Telephonie und Telegraphie und wahrscheinlich auch der drahtlosen
Uebertragung von Starkstrom wird neben der Fortbildung der Sprengmittel,
der Artillerie und der Schutzvorkehrungen den Krieg vollkommen
umgestalten und eine weitgehende Einwirkung auf die Politik ausben.

Besonders aber wird die Motorluftschiffahrt die gesamte Kriegfhrung
umgestalten. Die Motorluftschiffahrt verstrkt die Macht der
industriellen, kapitalreichen Gromchte mit dichter, geistig hoch
entwickelter Bevlkerung und mit groen Landheeren gegenber den
agrarischen, armen Gromchten mit dnner, geistig rckstndiger
Bevlkerung oder mit kleinen Landheeren.

Begnstigt kann die militrische Strke einer Gromacht im Zeitalter der
Motorluftschiffahrt auch durch die geographischen Verhltnisse werden.
Deutschland, welches im Zentrum des Kontinents von Europa gelegen ist,
kann vermittels seiner Motorluftschiffahrt Einflu nach allen Seiten und
auf alle anderen europischen Gromchte ausben.

Auch in hundert Jahren drfte die Lage Deutschlands sich besser fr die
Motorluftschiffahrt eignen als die Lage Englands. Der Verkehr ber den
Atlantischen Ozean wird wesentlich schwcher sein, als der Verkehr auf
dem Kontinent von Europa. Von jedem Punkt Europas oder Asiens oder
Afrikas kann man aufsteigen, um irgend einen Punkt in Deutschland auf
dem Motorluftfahrzeug zu erreichen. Man kann aber nicht von einem
einzigen Punkte in dem Atlantischen Ozean aufsteigen, um auf dem
Motorluftfahrzeuge England zu erreichen. Dabei soll nicht in Abrede
gestellt werden, da auch die Dampfer auf dem Meere in hundert Jahren
einen Verkehr durch Drachenflieger mit dem Festlande unterhalten.

Fr die Seeschiffahrt war England als Insel besonders gnstig veranlagt.
Fr die Motorluftschiffahrt ist England als Insel besonders ungnstig
veranlagt. Denn auf dieser Insel herrschen heftige Strme, und lagert
hufig ein dichter, gefhrlicher Nebel. Ueberdies aber ist der Verkehr
ber den Ozean weit seltener als der Verkehr ber Land. Deutschland aber
erfreut sich nicht nur des grten Landverkehrs durch die Luft, sondern
auch wahrscheinlich des grten Seeverkehrs durch die Luft. In jedem
Falle ist Deutschland fr den transatlantischen Verkehr durch die Luft
ebenso geeignet wie Grobritannien. Da aber auf den britischen Inseln
heute nur 42 Millionen Einwohner wohnen, gegenber 62 Millionen
Kpfen in Deutschland, so ist anzunehmen, da die strkere
Bevlkerungsvermehrung, durch welche sich Deutschland schon heute
auszeichnet, in hundert Jahren eine gewaltige Ueberlegenheit an Zahl der
Bevlkerung geschaffen hat. Auf Grund einer weit strkeren Bevlkerung,
welche die englische um etwa 50 Millionen berragen drfte, wird
Deutschland auch einen viel greren Verkehr an Personen und leichten
Gtern durch die Luft mit Amerika unterhalten.

Da die Bevlkerung Frankreichs schon seit Jahrzehnten stagniert, whrend
die Bevlkerung Deutschlands jhrlich um 860000 Kpfe zunimmt, so wird
Deutschland in hundert Jahren mehr als die doppelte Einwohnerschaft von
Frankreich haben. Schon aus diesem Grunde ist die aeronautische
Ueberlegenheit Deutschlands ber Frankreich eine gewaltige. Verstrkt
wird diese Ueberlegenheit durch die zentrale Lage Deutschlands im Herzen
von Europa. Da Ruland an Industrie, Kapital und geistiger Bildung
Deutschland in hundert Jahren noch lngst nicht erreicht haben wird, so
wird auch Ruland auf dem Gebiete der Motorluftschiffahrt weit hinter
Deutschland zurckstehen. Die groen internationalen Luftlinien von
Berlin bis Peking oder von Berlin ber Sdruland nach Teheran und
Indien werden nicht im Eigentume russischer sondern deutscher Firmen
stehen.

Je mehr Motorluftfahrzeuge eine Gromacht im Kriege besitzt, um so
strker ist sie. Die Masse der Motorluftfahrzeuge kann eine Gromacht in
hundert Jahren whrend des Krieges aber nur aus dem Verkehr entnehmen.
Die Gromchte knnen nicht fr die Heeresverwaltung und die
Marineverwaltung fr 10 oder gar 20 Milliarden Mark Motorluftfahrzeuge
im Frieden fr den Kriegsfall beschaffen. Dasselbe gilt von den
Luftschiffhfen. Wie das Deutsche Reich sich heute im Kriegsfalle der
bestehenden und dem Verkehre dienenden Eisenbahnen bemchtigt, so wird
es in hundert Jahren bei Ausbruch eines Krieges seine Hand nicht nur auf
die Verkehrsluftlinien und Luftschiffhfen, sondern auch auf die im
Besitze der Sportsleute befindlichen Drachenflieger und Motorballons
legen. Nur wenn man diese Vernderungen des Verkehrs und des
Strkeverhltnisses der Mchte im Auge behlt, kann man sich ein Bild
von der Art der Kriegfhrung in hundert Jahren machen. Der Charakter des
knftigen Krieges wird schon durch die Tatsache ein verndertes Aussehen
haben, da die sich feindlich gegenberstehenden Kriegsmchte andere
geworden sind, als wir es aus der Geschichte der letzten tausend Jahre
gewohnt sind. Zwischen Deutschland und Frankreich oder Deutschland und
England oder Deutschland und Oesterreich-Ungarn ist ein Krieg in hundert
Jahren vollkommen ausgeschlossen. Smtliche europischen Staaten, keinen
ausgenommen, bilden in hundert Jahren eine Staatengemeinschaft, welche
den gegenseitigen Krieg ebenso ausschliet, wie heute etwa ein Krieg
zwischen dem Knigreich Bayern und dem Knigreich Preuen oder dem
Deutschen Reiche unmglich ist. Der zunehmende Luftverkehr hat eine
solche Menge gemeinsamer Bedrfnisse und Interessen geschaffen, da in
hundert Jahren smtliche europischen Staaten als Staatengemeinschaft
ein gemeinsames europisches Parlament und eine gemeinsame europische
Gesetzgebung haben. Durch die gemeinsame Gesetzgebung und durch die
Verfassung der europischen Staatengemeinschaft ist aber ein Krieg
zwischen europischen Staaten nicht nur ausdrcklich untersagt, sondern
auch tatschlich zur Unmglichkeit geworden.

Solange ein mrkischer Raubritter einen benachbarten Raubritter
bekriegen konnte, bewegte sich die Kriegfhrung in den entsprechenden
primitiven Formen. Sie wurde groartiger in dem Zeitalter der
Entdeckungen und des Schiepulvers. In hundert Jahren knnen die
vereinigten Staaten Europas Kriege nur fhren mit der gelben Rasse, also
mit China, Japan und Siam oder mit den Vereinigten Staaten Amerikas. Im
brigen hat das europische Militr nur die Aufgabe der Niederwerfung
von Aufstnden. Volkserhebungen in Europa sind undenkbar, da die
europische Gesamtverfassung und die Regierung aller Einzelstaaten eine
sehr freiheitliche und dem Volkswillen entsprechende ist. Nicht selten
aber finden sich gewaltige Erhebungen der Neger und anderer Stmme in
Afrika, der Indier und der Bewohner Vorderasiens.

Nur durch die massenhafte Anwendung der Motorluftfahrzeuge kann Afrika,
welches unter die verschiedenen europischen Gromchte aufgeteilt ist,
niedergehalten werden. Auch die Herrschaft ber die 400 Millionen
Einwohner Indiens wrde den Englndern lngst dauernd entwichen sein,
wenn nicht die gesamten europischen Staaten die riesenhafte Menge ihrer
Motorluftfahrzeuge und Luftschiffertruppen gem den Verpflichtungen der
Gesamtverfassung bei jeder indischen Revolution den Englndern sofort
zur Verfgung gestellt htten.

Zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika, welche den gesamten
Kontinent von Nordamerika und Sdamerika umfassen, und den Vereinigten
Staaten von Europa bestehen die denkbar besten politischen Beziehungen.
Allerdings sind die europischen Generalstbe ebenso wie die
amerikanischen Generalstbe auf die Mglichkeit eines Krieges
vorbereitet. Aber es ist auerordentlich unwahrscheinlich, da ein
solcher Krieg jemals ausbrechen wird.

Der einzige wirklich bedeutende Weltkrieg, der in hundert Jahren
stattfindet, ist ein Krieg der Vereinigten Staaten Europas gegen das
verbndete China und Japan. Whrend dieses viermonatlichen ungewhnlich
blutigen Krieges haben sich die Vereinigten Staaten von Amerika
vollkommen neutral gehalten. Tatschlich haben sie aber zur schnellen
Niederwerfung der gelben Rasse einen bedeutsamen Beitrag geliefert,
indem sie die Ausfuhr von allem Kriegsmaterial nach Ostasien
verhinderten.

In diesem Weltkriege ist aber die fortgeschrittene Kriegstechnik, wie
sie in dem ersten Jahrhundert der Motorluftschiffahrt sich ausgebildet
hat, voll und ganz zur Geltung gekommen. Der Hauptangriff Europas gegen
China wie gegen Japan erfolgte von der Landseite, also vom Westen aus.
Untersttzt wurde diese Aktion durch einen Angriff der vereinigten
europischen Flotten in dem Stillen Ozean.

Die Ursache des Krieges ist nicht ohne Zusammenhang mit der Strategie
und Taktik des Feldzuges. China und Japan hatten beide beschlossen, die
Motorluftschiffahrt zu verstaatlichen und den europischen
Verkehrsluftlinien die Erlaubnis zu entziehen, eigene Luftschiffhfen in
China und Japan zu besitzen und den Transport von Personen und Waren
durch die Luft zu betreiben. Die europische Staatengemeinschaft hatte
einstimmig von vornherein diese Verletzung der althergebrachten Rechte
der europischen Verkehrsluftlinien abgelehnt. Am 1. Juni des Jahres
2008 setzten China wie Japan das wenige Tage zuvor von ihnen erlassene
Gesetz in die Wirklichkeit um, indem die staatlichen Behrden smtliche
Luftschiffhfen Chinas und Japans mit Beschlag belegten und die
europischen Motorluftfahrzeuge auswiesen. Da sich die deutschen,
russischen, englischen und franzsischen Beamten der Luftschiffhfen und
der Motorluftfahrzeuge diesen Anordnungen der chinesischen Behrden
vielfach widersetzten, und in einer Reihe chinesischer Stdte schwere
Ausschreitungen des Pbels gegen die Europer vorkamen, an denen auch
nachweisbar chinesische Beamte und Soldaten nicht unbeteiligt waren,
beschlo die Gesamtvertretung der europischen Regierungen die sofortige
Kriegserklrung.

Durch drahtlose Telegraphie wurden alle Motorluftfahrzeuge europischer
Gesellschaften aus China und Japan zurckberufen und ihnen der Auftrag
gegeben, nach Mglichkeit die europische Bevlkerung nach Europa oder
Indien oder Sibirien zurckzufhren.

Sofort begann die Mobilisierung der europischen Luftflotte. Siam bat
die europischen Regierungen neutral bleiben zu drfen, versprach aber
der Rstung europischer Motorluftflotten in Siam nicht entgegentreten
zu wollen.

Innerhalb von wenig Stunden wurden alle Luftschiffhfen rings um das
chinesische Reich von Wladiwostock bis Samarkand in Zentralasien und
weiter bis nach Lee 3434 Meter hoch in den Bergen des Himalaya-Gebirges,
in Kalkutta, Siam und Tonking in Kriegszustand gesetzt. Mehr als tausend
Motorballons waren von Sibirien, Indien und Tonking schon in den ersten
drei Stunden nach der Kriegserklrung in das Innere von China unterwegs,
um den Europern behilflich zu sein, auf den Motorluftfahrzeugen zu
entkommen und um an Benzin oder Gas notleidende europische
Motorluftfahrzeuge auf ihrer Heimreise zu untersttzen. Von zahlreichen
Luftschiffhfen und in der Luft fahrenden Motorluftfahrzeugen treffen in
Sibirien, in Anam, Indien und russisch Turkestan drahtlose Depeschen mit
Nachrichten ber den Stand der Dinge ein. Da eine Reihe von
Luftschiffhfen in China sich gegen die chinesischen Behrden und den
Pbel verteidigen, so mu ihnen von den ersten verfgbaren Streitkrften
der Luftflotten zunchst Hilfe gebracht werden. Die ersten groen
Luftgeschwader, welche Wladiwostok, Hanoi in Anam, Kalkutta verlassen,
dringen gleich tief in das Innere von China ein. In Erwartung der
kommenden Ereignisse hatte die englische Regierung ebenso wie die
internationalen Luftlinien Vorsorge getroffen, da eine ungewhnlich
starke Luftmacht in Lasar, der Hauptstadt Tibets, konzentriert war.
Insonderheit waren auch die Luftschiffhfen an der Nordgrenze Tibets mit
gut ausgersteten Riesenluftschiffen versehen.

Die Entscheidung in einem solchen Kriege liegt nicht bei den
Aluminiumluftschiffen oder Ballonetluftschiffen. Sie liegt auch nicht
bei den Drachenfliegern. Die Schlachtluftflotte der Zukunft besteht aus
den riesenhaften Vakuumluftschiffen, die nicht von Gas getragen werden,
sondern auf Grund der Leere des Raumes aufsteigen. Die alte Idee des
Jesuitenpaters Franzesko Lana aus dem Jahre 1670 war bereits am 9.
September 1908 in einem Leitartikel des hervorragenden deutschen
Gelehrten G. J. Derb in den Illustrierten aeronautischen Mitteilungen
wieder aufgenommen worden. Seitdem ist sie nicht mehr zur Ruhe gekommen.
Im Jahre 2008 verfgen die europaischen Luftlinien zusammen ber mehr
als 10000 Vakuumluftschiffe, whrend die Heeresverwaltungen und
Marineverwaltungen der europischen Staaten etwa 5000 Vakuumluftschiffe
besitzen. Keines dieser Vakuumluftschiffe hat einen geringeren Umfang
als 300000 Kubikmeter. Die Wnde sind aus feinem Nickelstahl
hergestellt, welcher fester ist als im Jahre 1908 die Panzerplatten.
Eine genaue Beschreibung dieses wichtigsten Motorluftfahrzeuges der
Zukunft habe ich in meinem soeben erschienenen Buch Von Ikarus bis
Zeppelin (Brandussche Verlagsbuchhandlung, Berlin) Seite 144 gegeben.
Ein solches Luftschiff wird vor der Fahrt durch groe Luftpumpen
vollkommen von Luft entleert. Solche Pumpen sind in allen
Luftschiffhfen vorrtig. Auch fhrt das Luftschiff selbst eine durch
einen Motor in Gang gehaltene Luftpumpe mit sich. Das Vakuumluftschiff
hat den groen Vorzug, da es allen Gefahren des Wasserstoffgases
berhoben ist.

Das Vakuumluftschiff kann nicht explodieren oder verbrennen.
Ueberdies kostet das Wasserstoffgas der Aluminiumluftschiffe und
Ballonetluftschiffe viel Geld und mu immer wieder ergnzt werden. Das
Vakuumluftschiff kann sich solange in der Hhe halten, wie die
Luftpumpen ordnungsgem arbeiten, also Monate lang und unter Umstnden
Jahre lang.

Auf Grund ihres riesenhaften Umfanges haben die Vakuumluftschiffe eine
ungeheure Tragfhigkeit. Allerdings wiegt die schwere Stahlumhllung
eines Vakuumluftschiffes von 300000 cbm bereits 200000 kg. Aber der noch
verfgbare freie Auftrieb von 100000 kg oder 100 Tonnen gestattet den
Transport von 1000 Personen auf eine krzere und 600 Personen auf eine
weitere Entfernung.

Ein Teil der Vakuumluftschiffe in Sibirien, Zentralasien und Indien
wurde mit Militr beladen, ein anderer Teil mit Dynamittorpedos.
Insgesamt gingen gleichzeitig 200 Vakuumluftschiffe von allen Seiten in
das Innere von China vor. Dies alles geschah in den ersten drei Stunden
nach der Kriegserklrung. Gleichzeitig wurden zunchst alle
Vakuumluftschiffe in Deutschland, Frankreich, England aus dem Verkehr
genommen und auf dem krzesten Wege zu den Luftschiffhfen an den
Grenzen des Reiches der Mitte gesandt. Auch allen Vakuumluftschiffen,
die zwischen Berlin und Ostasien oder zwischen Berlin und Kalkutta
verkehrten, wurde durch drahtlose Telegraphie die Anweisung gegeben,
sofort in dem nchsten Luftschiffhafen die Passagiere wie die Waren auf
Aluminiumluftschiffe oder Drachenflieger zu verladen und selbst
unverzglich nach bestimmt angegebenen Luftschiffhfen an der
chinesischen Grenze zu fahren. Innerhalb 24 Stunden waren nicht weniger
als 1000 Vakuumluftschiffe lngs der chinesischen Grenze zum Ersatz und
zur Verstrkung der schon vorhandenen Vakuumluftflotte zusammengezogen.
Innerhalb drei Tagen waren insgesamt 12000 Vakuumluftschiffe auf dem
Kriegsschauplatz.

Der grte Unterschied, abgesehen von der Motorluftschiffahrt selbst,
zwischen der heutigen Kriegfhrung und der Kriegfhrung im Jahre 2009
ist vielleicht darin zu finden, da der Krieg nicht an den Grenzen des
feindlichen Landes beginnt, sondern sofort tief in das Innere
hineingetragen wird.

Sobald die Gesandtschaften Peking verlassen haben wrden, sollte das
Bombardement Pekings und insbesondere der militrischen Gebude sowie
des Kaiserpalastes beginnen. Von Hongkong, Anam und Wladiwostok waren
sofort nach der Kriegserklrung insgesamt 20 Aluminiumluftschiffe nach
dem Gesandtschaftsviertel in Peking beordert, um das ordnungsmige
Aufsteigen der Gesandtschaften in ihren Aluminiumluftschiffen sicher zu
stellen und diese Luftfahrzeuge gegen die Angriffe der chinesischen
Luftflotte zu beschtzen.

Die Luftmacht des chinesischen Reiches bestand aus etwa 300
Aluminiumluftschiffen und 600 Ballonetluftschiffen. Die chinesische
Regierung besa im Jahre 2009 noch nicht ein einziges Vakuumluftschiff.
Der geringe Umfang der chinesischen Luftflotte hatte seinen Grund in der
Ausdehnung der europischen Verkehrsluftlinien ber das ganze
chinesische Reich. Gerade um zu einer groen, selbstndigen Luftmacht
fr den Kriegsfall zu gelangen, wollten China und Japan das unbequeme
Joch der europischen Verkehrsluftlinien von sich abschtteln.

Ganz ausgezeichnet war aber die japanische Luftflotte. Sie hatte einen
groen Rckhalt an den japanischen Luftlinien, die von Tokio bis
Wladiwostok, Peking und selbst bis Schanghai reichten. Japaner pflegten
nach Ruland wie China aus Patriotismus regelmig nur auf japanischen
Luftschiffen zu fahren. Den inneren Verkehr Japans haben von Anfang an
nur japanische Luftlinien versorgt. Natrlich war die japanische
Luftmacht noch nicht ein Viertel so gro wie die englische und noch
nicht einmal ein Zehntel so gro wie die deutsche. Auch qualitativ stand
sie nicht unerheblich hinter der deutschen zurck. Ein welterfahrenes,
mit den Eigentmlichkeiten aller Lnder vertrautes Luftschifferkorps
kann eine Kriegsmacht nur auf Grund internationaler Verkehrsluftlinien
heranbilden.

Die japanische Luftmacht war wenig grer als die chinesische, aber
qualitativ besser. Zusammen bildeten die Luftflotten Chinas und Japans
eine recht ansehnliche Macht, die einer einzelnen weit vorgeschobenen
Luftflotte der vereinigten europischen Kriegsmchte leicht gefhrlich
werden konnte.

Es ist fr unsere Zeitgenossen wirklich nicht leicht, sich eine Schlacht
im Jahre 2009 auszumalen. Das Wesen einer jeden Schlacht zu Lande wie zu
Wasser besteht in dem Luftangriff. Nur wer das Zeppelinsche
Aluminiumluftschiff in der Nacht vom 4. auf den 5. August 1908 oder den
Parsevalschen Motorballon am 23. Oktober 1908 in einer Hhe von 1500
Metern jenseits der Wolken hervorschieen und sich hinter den Wolken
wieder verbergen sah, wird einen Begriff von dem Wesen des knftigen
Schlachtgetmmels haben.

Ein Sieg rein auf dem Lande oder rein auf dem Wasser in Abwesenheit der
Luftflotten ist ohne jeden strategischen Wert. Nur durch eine seltene
Verkettung von Zufllen knnte sich ein reiner Landsieg ohne Luftsieg
denken lassen. Was wrde es einer Armee von sechs Armeekorps ntzen,
wenn sie in einer gewaltigen Feldschlacht eine andere vielleicht gleich
starke Armee zurckgeschlagen htte und nun pltzlich in das Feuer einer
Luftmacht von 3000 Motorluftfahrzeugen kme? Es ist nichts leichter, als
mit Truppen gefllte Ortschaften oder Biwaks aus der Luft vollstndig zu
zerstren oder marschierende Kolonnen auf der Landstrae zu beschieen.
Wenn eine Luftflotte auf der Landstrae marschierende Truppen
berraschen will, so fahren die Luftschiffe zu Vieren nebeneinander und
vielleicht in hundert Reihen oder Gliedern hintereinander. Wenn ein auf
der Landstrae marschierendes Infanterieregiment pltzlich bei bewlktem
Himmel von einer Luftflotte von 400 Luftschiffen, die sich
hintereinander ber das marschierende Regiment begeben, beschossen wird,
so ist das Regiment vernichtet. Innerhalb einer Stunde kann aber
dieselbe Luftflotte eine Reihe von Regimentern vernichten, solange eben
der Vorrat an Dynamittorpedos reicht.

Ein einziges Vakuumluftschiff normaler Gre trgt neben der Besatzung
von etwa 500 Mann auf krzere Entfernungen 950 schwere Dynamittorpedos 
75 kg oder 4750 leichte Dynamittorpedos  15 kg. Welches Bataillon
knnte wohl einen Hagel von 4750 Dynamittorpedos aushalten? Wenn nun
aber 20 solcher Vakuumluftschiffe hintereinander fahren, so knnen sie
aus der sicheren Hhe von 1500 Metern die marschierende Infanterie
einfach wegrasieren. Breite Streuapparate, die sechsmal so breit sind
als eine Landstrae, lassen gleichzeitig die Dynamittorpedos fallen, so
da ein Zielen nicht ntig und ein Nichttreffen ausgeschlossen ist. Der
Transport ganzer Armeekorps und Armeen auf den Hauptstraen eines Landes
ist in der Nhe feindlicher Luftschiffe berhaupt nicht mehr mglich.

Wenn die Fachleute der Aeronautik und die Generalstbe im Jahre 1908
noch nicht zu dieser Erkenntnis gekommen waren, so liegt dies lediglich,
daran, da sie immer nur an ein Exemplar oder hchstens drei Exemplare
des Zeppelinschen Aluminiumluftschiffes denken. Mit der Mglichkeit, da
man 1000 oder gar 10000 Motorluftschiffe verschiedener Art herstellen
knne, haben sie berhaupt nicht gerechnet. Die deutsche Nation allein
hatte im Jahre 1909 ein Nationalvermgen von etwa 225 Milliarden Mark
und im Jahre 2009 ein Nationalvermgen von 450 Milliarden Mark, welches
zum groen Teil in Afrika und Vorderasien angelegt wird. Nach einer
genauen Aufstellung aus dem Jahre 2009 sind etwa 10 Milliarden Mark des
deutschen Nationalvermgens in Motorluftfahrzeugen und Luftschiffhfen
angelegt. Unter diesen Umstnden ist die ausschlaggebende Rolle der
Luftflotten im Kriege nicht zu verwundern.

In dem Weltkriege des Jahres 2009 haben die Kriegsflotten der
europischen Mchte nur insoweit eine Rolle gespielt, als sie bereits im
Beginn des Krieges in den ostasiatischen Gewssern zusammengezogen
waren. Ihre Hauptrolle haben sie aber nicht als Seeschiffe gespielt,
sondern gewissermaen als Flsse oder Stationen zum Absenden von
Motorluftfahrzeugen gegen das feindliche Land.

Gleich bei Beginn des Krieges in den ersten 24 Stunden lieen die
Spezialschiffe fr Motorballons und Drachenflieger der vereinigten
europischen Luftflotten 100 Drachenflieger und 50 Motorballons in der
Nhe von Tonking aufsteigen. Diese vom Meere kommende Luftflotte
vereinigte sich ber Peking mit den ersten von der Landseite
eingetroffenen Luftflotten und griff die chinesische Luftflotte direkt
ber der Hauptstadt an. Wenn die europischen Luftschiffe nicht
wiederholt whrend des ersten Tages nach der Kriegserklrung zur neuen
Aufnahme von Munition nach den vor Taku liegenden Spezialschiffen
zurckkehren konnten, so wrden sie sich total verausgabt haben. Der
stete Ersatz der Munition an Dynamittorpedos, sowie des Benzins
ermglichte aber die Niederkmpfung des bei Peking zusammengezogenen
Hauptteils der chinesischen Luftmacht an einem Tage.

Die lange Dauer des Krieges von vier vollen Monaten beruht nur in dem
Widerstande der japanischen Luftmacht und in der Gre des chinesischen
Reiches, wo fast jede einzelne Stadt bis zur Zahlung von staatlichen
Kontributionen und Bestrafung der schuldigen Beamten bombardiert wurde.

Erst im Jahre 2009 ist die gelbe Rasse zu der Erkenntnis gekommen, da
infolge der aeronautischen Ueberlegenheit der weien Rasse jeder
Widerstand knftig vergeblich sei. Die Marine, die Infanterie und
Artillerie verloren seitdem mehr und mehr ihre Bedeutung fr den Krieg,
nachdem die Kavallerie schon um das Jahr 1950 fast ganz verschwunden
war. Im Jahre 2009 gengte es, ein guter Aeronaut zu sein, um als ein
tchtiger Soldat mit Erfolg kmpfen zu knnen. Die Kinder in Deutschland
wie in China verwechselten bereits vollstndig den Begriff des Soldaten
mit dem des Luftschiffers. Meist begriffen sie nicht, da nicht jeder
Soldat ein Luftschiffer sei. Und in der Tat, die Zahl der reinen
Infanteristen und Artilleristen war schon enorm zusammengeschrumpft. Die
Menge der Infanteristen und Artilleristen ging auf Drachenfliegern in
das Gefecht. Das Rckgrat der ganzen Kriegsmacht Deutschlands aber
bildete die Mannschaft der Vakuumluftschiffe.




                         Bertha von Suttner.
                      Der Frieden in 100 Jahren.


                      Der Frieden in 100 Jahren.
                       Von Bertha von Suttner.

In der Sorbonne von Europa war fr den 1. Mrz 2009 ein Vortrag des
berhmten brasilianischen Geschichtsprofessors, Dr. Pedro Diaz,
angesagt. Allwchentlich las an dieser Universitt ein Gelehrter aus
einer anderen Metropole des Globus. Nicht nur die Vortragenden, auch die
Zuhrer rekrutierten sich aus allen Weltgegenden. Wie man hundert Jahre
frher von allen Lndern zu den Bayreuther Festspielen pilgerte, so kam
man jetzt aus den brigen Kontinenten nach der auf einem Schweizer
Hochplateau als Prachtbau errichteten Sorbonnen geflogen, um den
Zelebritten zu lauschen, die dort dozierten.

Das fr jenen 1. Mrz angesetzte Thema hie:

_Die moderne Friedensherrschaft und ihre historische Entwicklung_.

Wie das die Geschichtsprofessoren stets zu tun pflegen, so holte auch
Pedro Diaz bei der entrcktesten Vorzeit aus und es dauerte etwa
anderthalb Stunden, ehe er von den Pfahlbauern bis zum zwanzigsten
Jahrhundert vorgedrungen war. Beim Jahre 1908 angelangt, sagte er:

Dies ist das denkwrdige Jahr, in welchem die Menschheit den Luftozean
erobert hat; damit hebt eine neue Epoche -- unsere Epoche -- an, und da
wollen wir in unserem Rckblick ein paar Minuten aussetzen.

Nach kurzer Erholungspause fuhr der Professor also fort: Der
Rstungswahnsinn war um diese Zeit schon zum Paroxismus gestiegen. Jedes
Land war ein bewaffnetes Lager; was immer der menschliche Genius auf
technischem Gebiete erfand, wurde in den Dienst der Massenttung
gestellt; die Lasten der Heeres- und Flottenbudgets und der daraus
entspringenden Steuern- und Schuldenerhhungen waren so drckend
geworden, da man schon an der Grenze des Unertrglichen stand, und doch
war die Losung immer nur: Weiterrsten. Die Erde war mit Festungen
gespickt, mit Minen untergraben, die Meere auf und unter den Wogen mit
Todesfahrzeugen gefllt, und kaum waren die ersten Versuche, sich der
Luft zu bemchtigen, gelungen, als sich schon die Heeresleitungen
anschickten, auch dieses Element mit Sprengstoff-Schleuderern zu
bevlkern. Wirklich ein hoffnungsreicher Zustand unserer lieben
Gotteserde! Diese ist zwar auch nicht immer menschenfreundlich; das
bewies sie wieder in jenem Jahre 1908, wo sie mit einem ungeduldigen
Ruck einen ganzen Landstrich und dessen 200000 Einwohner vernichtete;
aber diese Katastrophe war doch nur ein Spiel gegen jene, welche die
zivilisierte Menschheit sich selber vorzubereiten eifrig bestrebt war.

Wenn man, von unserer Zeitdistanz aus, das bis an die Zhne bewaffnete
und nach immer mehr, immer mehr Waffen rufende Europa ins Auge fat,
so mu dem Unwissenden scheinen, als wre damals von der
Friedensherrschaft, deren wir uns heute erfreuen, noch kein Schimmer am
Horizont aufgegangen, und als ob eine gewaltige und pltzliche
Revolution -- etwa die der Lufteroberung -- ntig gewesen sei, um so
gnzlich vernderte Zustnde herbeizufhren. Das ist aber nicht der
Fall. Dem gewissenhaften Historiker offenbart sich die Erkenntnis, da
damals unsere heutige kriegslose Weltordnung schon in Bildung begriffen
war, da alle ihre moralischen und materiellen Voraussetzungen bereits
gegeben waren, von vielen erkannt, von der Masse unbemerkt; und da
tausend Krfte -- selbst die scheinbar in der entgegengesetzten Richtung
ttigen -- sich in der Entwicklungslinie bewegten, die zur modernen
Friedensherrschaft gefhrt hat.

Es gab ja damals auch schon, wie ich in meinen frheren Ausfhrungen
erwhnte, eine direkte Friedensbewegung, die sichtbare und wirksame
Ergebnisse gezeitigt hatte: das Zarenreskript, die Union, die
zahlreichen Schiedsgerichtsvertrge, die Friedensvereine und -Kongresse,
eine ganze pazifistische Literatur, eine pan-amerikanische Konvention,
ein von Andrew Carnegie gestiftetes Friedens-Palais im Haag usw.; aber
diese Erscheinungen wurden vielfach ignoriert und gering geschtzt. Sie
hatten ihr Endziel nicht erreicht, neben ihnen wuchsen und gediehen die
militrischen Einrichtungen, stiegen Kriegsgefahren auf, kamen auch
Kriege zum Ausbruch -- also hatte man leichtes Spiel, sie als leere
Trume zu behandeln. Aber die Krfte, die ich meine, die unsichtbaren,
die indirekten, die arbeiteten unablssig an der Organisierung der Welt,
d. h. an ihrem Zusammenschlu und an Ihrem Aufstieg zu einer hheren
Kulturstufe. Immer enger knpfte sich das Netz der Internationalen
Interessen. Die Mchte schlossen Ententen, um die zwischen Ihnen
schwebenden Streitfragen aus der Welt zu schaffen; solche
Freundschaftsbndnisse, mit der Spitze gegen niemand -- dehnten sich von
einem Land zum anderen und von einem Kontinent zum anderen:
Frankreich--England; Deutschland--Amerika; Amerika--Japan; und besonders
was Europa betrifft, so wuchs aus all den verschiedenen
Freundschaftsbndnissen langsam ein verbndetes Europa heraus. Noch hie
es nicht so, aber gebrdete sich schon als solches. In moralischer
Hinsicht: bei dem Unglck in Sizilien schlug _ein_ europisches Herz in
Mitgefhl und diktierte vereinte Hilfsaktion; in politischer Hinsicht:
bei all den Balkan-Kriegsgefahren arbeiteten die Mchte mit Eifer daran,
den Krieg abzuwehren; der Fall von Casablanca wurde dem Haager
Schiedsgericht zugewiesen; ber die Marokko-Frage schlossen die
langjhrigen Gegner, Frankreich und Deutschland, ein Abkommen. Der
Widerwille vor den Massenschlchtereien, der Respekt vor dem
Friedensideal nahmen zu. Die mchtigsten Kriegsherren rechneten es sich
zur Ehre, als Friedensfrst gepriesen zu werden, -- kurz, der Uebergang
von der Gewaltepoche zur Rechtsepoche hat sich schon vor hundert Jahren
deutlich vollzogen und htte -- auch ohne Eroberung der Luft -- zu
unserem heutigen Zustande gefhrt.

Der Professor blickte auf seine Uhr. Wir haben nicht mehr Zeit, die
Ereignisse des letzten Jahrhunderts, sofern sie sich auf unser Thema
beziehen, Revue passieren zu lassen; ich will nur die Grundlagen und
Prinzipien errtern, auf welchen die gegenwrtige Friedensherrschaft
ruht.

Leider kann ich nicht, indem ich von unserem Zeitalter spreche, es als
ein goldenes schildern. Wir schreiben 2009 -- sind also noch dem
mittelalterlichen Barbarentum bedenklich nahe. Die Menschheit ist --
wenn man bedenkt, da noch hunderttausend, vielleicht millionen Jahre
vor ihr liegen -- noch immer in ihrer Kindheit; jedenfalls hat sie noch
mehr von der Tierhnlichkeit, die ihrem Ursprung entspricht, als von der
Gotthnlichkeit an sich, die ihr Ziel ist. Erwgt man, da vor hundert
Jahren der Mensch noch des Menschen Wolf war, da ihm von nirgend her
mehr Gefahren des Zerrissen- und Zerfleischtwerdens drohten als von
seinem eigenen Geschlecht, dazu das tiefe Elend und die krasse
Unwissenheit von neun Zehnteln ihrer Masse, so kann man nicht verlangen,
da sie nach so kurzer Frist auf dem Gipfel der Zivilisation angelangt
sei, und da jenes Ma von Kultur, das sie besitzt, schon in alle Winkel
und alle Niederungen htte dringen knnen. Nein, wir haben noch gegen
vieles Leid und viele Gefahren zu kmpfen, und hinterlassen auch noch
unseren Kindern ein groes Kampfeserbe.

Immerhin, gegen unsere Vorfahren, die vor hundert Jahren lebten, sind
wir glcklich zu preisen. Vor allem haben wir, was sie gar nicht
kannten, wofr sie nur einen Namen, aber niemals das Wesen hatten -- wir
haben den Frieden. Was bei ihnen so hie, waren die Pausen zwischen den
Kriegen; zu seiner Sicherheit hatte man nichts Besseres erfunden als die
durch Drohung eingeflte Furcht; der Krieg war -- akut oder latent --
der herrschende Zustand; von dem Kriege der Zukunft wurde tglich als
von etwas Selbstverstndlichem gesprochen und gedruckt. Den ewigen
Frieden haben wir ja heute auch noch nicht, denn immer noch knnen
Ueberflle minder vorgeschrittener Vlkerschaften gewrtigt werden, aber
dann erscheint dies als etwas Auerlegales, als ein von seiten des
Angreifers verbtes Verbrechen. Wir besitzen immer noch zu Lande, zur
See und zur Luft disziplinierte bewaffnete Heere, Schutztruppen im
hchsten Sinne des Wortes, weil sie -- wie die Gendarmerie und Polizei
unserer Vorfahren, niemals zu Offensiv- und Eroberungs-, Ha- und
Rachezwecken dienen, sondern zur Aufrechterhaltung der Ruhe und der
Gesetze im Innern, zur Hilfeleistung und Rettung berall dort, wo ein
Volk in Not ist. Durch diese hehre Sendung wird unserem Militrstande
noch immer, wie einst, der Rang des ersten Standes zuerkannt.

Auf welchen Grundlagen ruht unser Friedensregime?

Einmal auf der einfachen Unmglichkeit, Kriege zu fhren. Wir sind im
Besitze von so gewaltigen Vernichtungskrften, da jeder von zwei
Gegnern gefhrte Kampf nur Doppelselbstmord wre. Wenn man mit einem
Druck auf einen Knopf, auf jede beliebige Distanz hin, jede beliebige
Menschen- oder Husermasse pulverisieren kann, so wei ich nicht, nach
welchen taktischen und strategischen Regeln man mit solchen Mitteln noch
ein Vlkerduell austragen knnte.

Einmal entschuldigte sich ein Brgermeister beim Empfang seines
Landesherrn, da er keine Kanonenschsse abfeuern lie. Ich htte
siebzehn Grnde, sagte er, erstens besitzen wir keine Kanonen -- --
Dann erlasse ich Ihnen die sechzehn brigen Grnde, unterbrach der
Landesherr.

Ebenso knnten Sie mir sagen, es sei berflssig, noch andere Grundlagen
fr den Bestand des Friedens anzugeben, wenn schon die Unmglichkeit des
Krieges erwiesen ist. Aber ich will den Schein nicht aufkommen lassen,
als ob wir blo darum nicht mehr Krieg fhrten, weil wir nicht mehr
knnen. Unser Verzicht auf das Recht gegenseitigen Todschlags hat hhere
Motive und sicherere Garantien:

Alle Interessen der kultivierten Menschheit sind als solidarisch erkannt
worden. Jahrtausende lang hat man seine Ansichten und seine Taten auf
das Recht des Strkeren gegrndet und sich dabei -- als man
Naturwissenschaft studiert hatte -- auf den Kampf ums Dasein berufen,
und alle Entwicklung durch das Auffressen der Kleinen durch die Groen
erklrt. Erst spter ist man zu der Erkenntnis gekommen -- und unter
diesem Einflu leben wir heute -- da der eigentliche Faktor in Natur
und Gesellschaft, der zu hheren Formen fhrt, _die gegenseitige Hilfe
ist_.

Zu den Grundlagen unseres Friedens gehren auch die Religionen. Das
Christentum hat sich auf seinen tiefsten Sinn besonnen; das Judentum
erinnert sich des mosaischen Gebotes Du sollst nicht tten; der
Buddhismus folgt seinem, die ganze Schpfung umfassenden, liebevollen
^tat wam asi^; die Anhnger des Confuzius haben seither den Krieg
verachtet, und die Bekenner der kosmischen Religion, d. i. jener
Religion, die aus allen brigen Glaubenslehren nur die Ahnung des
Gttlichen in die Offenbarungen der Wissenschaft hinbergerettet hat,
die verabscheuen den Krieg als die Negation des Gottes in ihrer Brust.

Vor hundert Jahren haben die an Wunder grenzenden Errungenschaften der
Technik, des Verkehrs, der gemeisterten Naturkrfte ganz neue
Lebensbedingungen geschaffen, aber die moralische Wandlung hielt mit der
physischen nicht gleichen Schritt. Man hielt trotz der verwandelten
Umstnde die alten Zustnde, die alten Denkweisen eine Zeitlang fest.
Man war mit einem Worte dem Milieu nicht angepat. Aber was nicht
sterben will, mu sich anpassen, und da kam nun fr die Menschheit eine
Epoche, wo sie auf dem Gebiete der geistigen und moralischen Krfte
ebensoviel Neues und Umwlzendes schuf, wie ihr dies auf dem physischen
Gebiete gelungen war. Seelenkrfte, die frher zwar auch schon vorhanden
waren, wie die Naturkrfte auch, wurden sozusagen erst entdeckt, oder
vielmehr -- sie wurden nutzbar gemacht, in den Dienst der Lebensfhrung
gestellt, in die Regeln des politischen Verkehrs eingefgt, aus dem sie
bisher verbannt waren, z. B. _die Gte, die Ehrlichkeit, das Vertrauen_.
Damit ward eine andere Atmosphre geschaffen, in der wir heute atmen und
in der der Krieg -- dessen Luft aus Ha- und Verdachtsstoff besteht --
einfach ersticken mute.

Was aber unserem Friedensregime die sicherste, gegen Rckflle und
Zuflle gefeite Basis verleiht, ist dies: Wir wissen, da es nichts
Starres, nichts Ewiggleichbleibendes gibt. Unsere Vorfahren wuten das
zwar auch, aber sie bauten darum nicht minder ihre Staaten und ihre
staatlichen Einrichtungen auf der Voraussetzung auf, da an ihren
Grenzen nicht gerckt, an ihren Institutionen nicht einmal gemkelt
werden drfe. Hier fhrten sie unbeugsame Starrheit ein. Da aber Grenzen
sich auch verschieben, Regierungsformen sich auch verndern mssen, so
blieb dieser, Notwendigkeit keine andere Mglichkeit sich durchzusetzen,
als die Anwendung der Gewalt. Und so stellten sich immer zur rechten
Zeit Kriege und Revolutionen ein. Wir hingegen lassen das _Prinzip der
Elastizitt_ walten. Wir wissen, Bevlkerungen nehmen ab oder nehmen zu
und mssen sich im letzteren Fall ber die Grenzen ergieen; wir wissen,
Nationen und Rassen entstehen und vergehen; wir wissen, es finden neue
Zusammenschlsse und neue Trennungen statt; wir wissen, die Bedrfnisse
nach Verwaltungsformen wechseln und streben berhaupt immer grerer
Freiheit zu, und unser Leben hat sich dieser Naturnotwendigkeit
angepat; wir widersetzen uns ihr nicht -- und auch damit ist die
hufige Ursache fr Krieg und Brgerkrieg behoben. Die durch den
Luftverkehr aufgezwungene Handelsfreiheit -- denn wo wollte man da oben
Zollschranken anbringen -- hat die Zollkriege aus der Welt geschafft --
berall findet jede Handelsmacht die offene Tr -- kurz, fr
Wettkmpfe auf industriellem und geistigem Gebiet liegt vor uns die Welt
noch offen -- fr Waffenkmpfe ist sie verschlossen.

Von den beim Anbruch der krieglosen Zeit freigewordenen, materiellen
Reichtmern und geistigen Krften, welche jetzt, statt fr
Vernichtungszwecke, im Sinne der gegenseitigen Hilfe verwendet werden
und ungeahnten Wohlstand und Hochstand verbreitet haben, will ich nicht
reden, sondern als unsern herrlichsten Gewinn hervorheben, da wir, ber
alle Lngen- und Breitengrade hinaus, unsere Mitmenschen lieben und
achten drfen, da nicht mehr den Grenznachbarn gegenber Mitrauen und
Migunst, Bosheit und Gehssigkeit unsere Seelen trben. Da wir nicht
mehr, wie einst die Verteidiger der Kriegsinstitution es taten, deren
Ewigkeit durch die Ewigkeit unserer bsen Instinkte beweisen mssen,
sondern da wir mit dem Philosophen, von dem ich Ihnen als einem der
Vorkmpfer und Vordenker des Friedens erzhlen konnte -- mit Immanuel
Kant sagen drfen: Der Mensch kann nie zu hoch vom Menschen denken.




                      Frederick Walworth Brown.
                     Die Schlacht von Lowestoft.


                     Die Schlacht von Lowestoft.
                    Von Frederick Walworth Brown.

Schlacht? Nein, es ist keine Schlacht, die ich schildern will. Es ist
etwas anderes. Es ist die Vernichtung einer Flotte und deren
Konsequenzen. Es ist . . . doch _was_ es ist, werden die Leser ja sehen,
und sie werden Schlufolgerungen selber zu ziehen vermgen. Die
Schlufolgerungen, die sich ganz von selber ergeben und die darin
gipfeln, da ein Krieg der Zukunft schon deshalb unmglich sein wird,
weil er entschieden sein drfte, noch ehe er beginnt. Ob allerdings
meine Schilderungen erst _in hundert Jahren_ zutreffen wird oder nicht
schon viel, viel frher, das will ich nicht direkt entscheiden. Mir
kommt es vor, als wre es eine Sache von Morgen, dem unser Heute mit
Riesenschritten entgegengeht.

                   *       *       *       *       *

Als die Tr aufging, sah der Admiral der Luftflotte auf. Ah, Sie sinds,
Hellborn! fragte er den vor seinem obersten Vorgesetzten
strammstehenden jungen Offizier. Bitte, setzen Sie sich.

Einen Augenblick lang suchte der Admiral in einigen Akten herum, dann
sah er pltzlich wieder auf den jungen Offizier hin, und es war, als
wolle er mit seinem Blicke frmlich das Innerste dieses Mannes
durchdringen. _Der_ aber hielt den Blick mit der unbefangensten Miene
von der Welt aus. Hellborn, sagte der Admiral, ich habe Sie fr eine
Aufgabe ausersehen, die Sie mit Stolz erfllen drfte; Sie wissen wohl,
da uns der Krieg droht und zwar ein Krieg, der dem Lande ganz ungeheure
Opfer auferlegen wrde, und dessen Ausgang zum mindesten sehr
zweifelhaft ist. Es gilt nun, und ich verlasse mich auf Sie, da Sie mit
niemandem davon sprechen, diesen Krieg unmglich zu machen. Wie? rief
der junge Offizier, als htte er nicht recht gehrt. Das kann doch Ihr
Ernst nicht sein, Exzellenz? Wir brennen doch gerade darauf, endlich zu
zeigen, was wir vermgen; welch eine mchtige, allen berlegene Waffe
wir sind, und wollen doch endlich der Seeflotte den Beweis auch
erbringen, da _sie_ das Spielzeug ist, nicht aber _wir_, die wir noch
immer dafr gehalten werden. Das sollen Sie ja auch, lieber Hellborn,
sagte der Admiral, und darum rief ich Sie her. Der Albatros ist ja
flugfertig, machen Sie sich bereit, heute mit Anbruch der Nacht, sagen
wir um 1/2 9, loszufahren, und richten Sie sich auf eine Fahrt von 6 bis
8 Tagen ein. Und wohin soll es gehen? Das kann und darf ich Ihnen
nicht sagen. Sie erhalten an Bord des Albatros Ihre versiegelten
Ordres. So, und jetzt gehen Sie, und Glck auf die Fahrt. _Viel_ Glck,
denn vergessen Sie nicht, da in Ihre Hand Krieg und Frieden, in Ihre
Hand die ganze Zukunft des Landes gegeben ist.

                   *       *       *       *       *

Leutnant Hellborn war mit der Aufgabe, die seiner harrte, nicht sehr
zufrieden. Es wollte ihm nicht recht in den Sinn, da er, der sich auf
den Krieg gefreut hatte, wie sich nur ein Mensch zu freuen vermag, der
Soldat in jedem seiner Muskeln, jedem seiner Nerven ist, da er nun --
den Friedensvermittler spielen sollte. Wie, das wute er ja selbst
nicht, aber die Aufgabe pate ihm nicht. Absolut nicht. Und nun kam ihm
noch Leutnant Ester von der Seeflotte in den Weg. Na, schon gehrt?
endlich scheint's loszugehen. Freu' mich schon riesig. 's ist wieder mal
Zeit, da wir die Glieder recken. Na, sollst einmal sehen, wie wir die
Kerls zusammenschieen. Ihr fliegt wohl auch aus. Ja, ich hrte sogar,
wie Admiral Willems von Euch sprach. Ihr sollt ihm den Aufklrungsdienst
leisten. So? weiter nichts? sagte Hellborn, der ber die
nebenschliche Rolle, die man der Luftschiff-Flotte wieder zuweisen
wollte, emprt war. Na, wenn Ihr Euch nur nicht irrt.

Wieso irrt? Was anderes knnt Ihr ja doch nicht machen, und nehmt Euch
mal vor den Zenithkanonen in acht. _Eine_ Kugel daraus und Ihr habt
genug . . . Nur keine Angst um uns. Sieh' Du Dich lieber vor den
Lenktorpedos und den Unterseebooten vor. Adieu.

Und in keineswegs gehobener Stimmung setzte er seinen Weg zur
Luftschiffstation fort. Es war sieben Uhr, als er beim Albatros
anlangte. Der kommandierende Offizier war von der Mission Hellborns
schon verstndigt. Was ist denn los? fragte er diesen.

Wei nicht. Hab' keine Ahnung. Ich erwarte meine Orders erst hier.

Ist der Krieg schon erklrt? Ich glaube nein. Und wann macht Ihr
klar? In anderthalb Stunden.

Hellborn machte sich sofort daran, sein Schiff zu inspizieren. Es war
das erste Mal, da er ein selbstndiges Kommando fhrte, und er fhlte
einen berechtigten Stolz darber, da der Admiral gerade _ihn_ dazu
ausersehen hatte, das Schiff zu fhren. Uebrigens wuchs seine
Bewunderung fr seinen Chef mit jedem Schritte, den er auf dem
Luftkreuzer machte, denn das sah er sofort, da die Expedition, die er
heute so pltzlich unternehmen mute, von langer Hand vorbereitet war,
und da sie einen sehr, aber sehr ernsten Zweck hatte. -- In weniger als
einer Stunde war die Inspektion beendet und Hellborn hatte sich
berzeugt, da nichts fehlte, und alles, jedes kleinste
Maschinenteilchen, tadellos funktionierte. Fnf Minuten vor halb neun
kndigte er dem Admiral auf drahtlosem Wege seine Abfahrt an, dann
befahl er seinem Operator, den Apparat auszuschalten, denn ich will
keine Befehle und keine Contreorders erhalten. Fnfzehn Minuten spter
begannen die Motore die Arbeit, durch den Schiffsleib ging erst ein
leises, bebendes Zittern, dann scho der Albatros, gleich als suche er
seinen Namen Ehre zu machen, empor in die Luft, in das Reich, in welchem
er herrschte. An Bord befanden sich auer Hellborn noch zwei andere
Offiziere, Leutnant Schmidt, Leutnant Ester und zehn Mann. Geschtzt war
der Kreuzer durch doppelte Stahl- und Kautschuckpanzerplatten, whrend
seine fnfzig Falltorpedos eine furchtbare Angriffswaffe waren, deren
Explosion wohl zweifellos nichts stand zu halten vermochte. Das
Luftschiff, auf dessen Leibe alle Lichter gelscht waren, durchschnitt
die Luft mit einer Geschwindigkeit von 92 Kilometern und hatte Kurs NNO.
genommen. Leutnant Hellborn aber zog sich in seine Kabine zurck und
ffnete -- -- seine versiegelten Orders. Was er las, war folgendes: Der
Krieg ist heute abend 9 Uhr erklrt worden. Es gilt, die feindliche
Flotte, die sich in Lowestoft konzentriert hat, noch in der Nacht zu
erreichen, sie zu berrumpeln und kampfunfhig zu machen. In Lowestoft
liegen feindliche Schlachtschiffe vor Anker. Sie mssen zerstrt sein,
ehe sie morgen bei Tagesanbruch klar zur Fahrt machen knnen. Bei
gehriger Ausntzung der Munition kann das unschwer erreicht werden. --
Ein kleiner Aerostat zeigt siebzehn Schlachtschiffe! Wahrhaftig, das war
ein Befehl, der seines Gleichen nicht kannte. Whrend aber Hellborn ihn
wieder und wieder las, erhellte sich sein Gesicht immer mehr in
strahlender Freude. Herrlich! herrlich! O, wenn ihm das gelang! Nie,
nie, wrde er's dem Admiral vergessen, da er ihn, gerade ihn zu diesem
Heldenstck ausersehen. Denn ein Heldenstck war es, selbst wenn es ihm
gelang, ungesehen an die nichtsahnende feindliche Flotte heranzukommen.
Eine Stunde lang sa er ber seinen Karten, dann suchte er den
Maschinenraum auf. Nun, wieviel machen wir? fragte er.
Zweiundneunzig, aber wir knnten gern unsere dreiig mehr machen.
Dann vorwrts mit ganzer Kraft. Der Kurz bleibt NNO. Bis dahin hatte
Hellborn in der ruhigen, gemessenen Sprache des Kommandanten gesprochen.
Jetzt aber packte er Schmidt pltzlich an beiden Schultern und weit
Du, Junge, wo's hingeht? Weit Du, Fritz, was der alte Herr uns fr eine
Aufgabe gegeben? Pa einmal auf. In Lowestoft die Flotte in Grund
bohren, weiter nichts. Donnerwetter, ist das wahr? und wie viele
sinds? Siebzehn. Und wir ganz allein, wir sollen . . .? Jawohl,
mein Junge, wir ganz allein. Hurra, hurra! rief der Leutnant. Das
ist mal was! Da werden die Seehasen Augen machen. Ich allein nehm die
siebzehn auf mich. Wie viel Treffer hatten wir immer beim Schulschieen?
Sieben von zehn, was? Da bohren wir mit unseren Torpedos nicht siebzehn,
sondern zwei mal siebzehn in Grund. Ganz recht. Und nun wollen wir's
ihnen mal zeigen, wer mehr wert ist, _ein_ Luftschiff oder 'ne ganze
Flotte ihrer modernen Schlachtschiffe, die man so bequem treffen kann.
Natrlich wurde auch Leutnant Ester und die Mannschaft ber Zweck und
Ziel der Fahrt aufgeklrt und die Nachricht erregte allgemeinen Jubel.
Wir schaffens! Wir schaffens! Darber waren sich alle klar. Und
Hellborn stand und rechnete. Wenn's in _dieser_ Geschwindigkeit weiter
ging, dann konnte Lowestoft zwischen der zweiten und dritten
Morgenstunde erreicht werden, zu einer Zeit also, wo noch die absolute
Dunkelheit herrschte, da der Admiral wohlweislich eine Neumondnacht zu
der Ausfhrung seines genialen Planes gewhlt hatte.

Der Albatros machte jetzt nmlich, auf die hchste Geschwindigkeit
gebracht, 118 Knoten in der Stunde, und mit jeder Minute wuchs die
Erregung der kleinen Bemannung, denn jede brachte sie ja dem Ziel, der
Entscheidung entgegen. Und nun . . . nun schimmerten unten, tief, tief
unter ihnen, Lichter. Das war Lowestoft. Dort blitzte ein besonders
helles Licht auf, das in regelmigen Zwischenrumen kam und verschwand.
Das war das gelbe Licht des Leuchtturms von Lowestoft, und vor diesem
lagen kleine Lichtpnktchen, die Signallichter der vor Anker liegenden
Flotte. Hellborn legte einen Augenblick lang die Hand aufs Herz, als
wolle er dessen Pochen eindmmen; dann atmete er hoch auf und stellte
den Indikator auf 1000 Fu. Sofort senkte das Luftschiff sich auf diese
Hhe. Die Motore waren abgestellt, damit ihr surrendes Gerusch unten um
Gotteswillen nicht gehrt werde, und der Albatros glitt nun lautlos
durch die Luft und hing ber den unten verankerten Schiffen. Diese lagen
in weitem Halbkreise regungslos da, und es war leicht, sie alle siebzehn
zu zhlen und zu bersehen. Die einzige Frage war die, wo sollte der
Angriff beginnen? Die beiden Leutnants waren zur Torpedokammer
kommandiert, ein Glockenton schrillte durch den Raum, sie gaben das
Signal zurck fertig. Der Plan war der, lautlos ber das der
Zerstrung geweihte Schiff zu fliegen, sich bis zu einer Hhe von 300
Fu ber dieses herabzulassen und ein Falltorpedo auf das Schiff
herabsausen zu lassen. Ging der Schu fehl, dann sollte Ester seinen
Torpedo lancieren, sonst aber auf ein zweites Angriffsobjekt, an dem es
ihm nicht fehlen sollte, warten.

In demselben Moment stellte Hellborn den Indikator auf 300. Wieder
senkte das Luftschiff seinen Bug und glitt auf die angegebene Tiefe
hinab. Ganz, ganz leise arbeiteten jetzt die Motore. Im Maschinenraum
wie in der Torpedokammer sah man wie in einer ^Camera obscura^ ganz
deutlich in ganz, ganz kleinem Mastabe die Schiffe, ber die man
langsam hinwegglitt. Jetzt war man genau ber der Brcke des einen,
jetzt war es Zeit, jetzt konnte das Ziel nicht verfehlt werden, ein
Druck auf den Knopf, und der Tod und Vernichtung bringende Torpedo fiel
durch die Luke hinab. Gerade zwischen den zwei mchtigen Schloten des
Schlachtschiffes fiel er auf, und in demselben Augenblicke zuckte ein
grnlicher Lichtschein auf und erhellte den Hafen, dann warfen die Hgel
den dumpfen Schall der Explosion donnernd und rollend zurck, und das
getroffene Schiff sank, mittschiffs auseinandergerissen, und wurde von
dem Wirbel des Meeres verschlungen. Hoch oben in den Lften aber fuhr
der Albatros nach dem linken Flgel der Schlachtlinie und bereitete
sich vor, sein so glnzend geglcktes Manver von vorhin zu wiederholen.
Unten war alles in maloser Verwirrung. Die Scheinwerfer flammten auf
und fuhren grell leuchtend ber die Schiffsleiber hin, als suchten sie
sie alle gegenseitig ab. Wie leuchtende Schwerter durchschnitten die
grellen, weithintragenden Strahlen das Dunkel, empor in die Lfte aber
fuhr keiner, denn an die von dorther drohende Gefahr wurde nicht
gedacht. Alles, was man unten wute, war nur, da eine furchtbare
Explosion eines der stolzen, herrlichen Schiffe zerstrt hatte. Niemand
aber schrieb diese einem feindlichen Angriff zu. Es war aber ein
unerklrliches Unglck und alles eilte den in den Wellen mit dem Tode
Ringenden zu Hilfe. Oben im Albatros -- der im Momente der Explosion
wieder in grere Hhen emporgeschnellt war -- schrillte wieder das
Zeichen. Wieder senkte sich das Luftschiff auf 300 Fu Hhe herab und
schwebte jetzt dicht ber dem die Spitze des linken Flgels haltenden
Schiffe. An Bord war alles in wilder Bewegung. Das Deck wimmelte von
Menschen. Die Boote wurden klar gemacht, oben auf der Kommandobrcke
aber brllte ein Mann seine Befehle durch das Megaphon. Und der
Albatros flog, einem Nachtvogel gleich, ber das Schiff hin. Wieder
war es bei dieser Distanz ganz unmglich, da der Schu fehlging. Wieder
zuckte der furchtbare grne Schein auf, wieder rollte der Schall der
Explosion als Donner ber das Meer hin, und wieder sank eines der
stolzen Schiffe hinab zum Grunde des Meeres. Im selben Augenblicke aber
hatte der Albatros die kurze Distanz vom linken Flgel zur Spitze des
rechten berflogen und nun fiel das Falltorpedo, das Leutnant Ester
abscho, auf das dort verankerte Schiff. Das furchtbare Gescho fiel
gerade hinter dem Achterturm des mchtigen Panzerschiffes nieder, das
sich aufbumte gleich einem wild gewordenen Pferde und dann bugaufwrts
mit dem Hintersteven zu sinken begann. Die Panik auf all den anderen
Schiffen war ganz entsetzlich, das Schauspiel der schwimmenden Trmmer
und Menschen und Toten ganz furchtbar, aber das Grauen des Geheimnisses
war mit einem Male gewichen, ein Strahl eines Scheinwerfers hatte gerade
vom sinkenden Schiffe aus durch Zufall das Luftschiff getroffen, und
dieses ward so entdeckt. _Ein_ Schrei der Wut erhob sich von den noch
unversehrt gebliebenen Schiffen, aber auch _ein_ Schrei des Schreckens.
Alle Scheinwerfer spielten jetzt mit ihren Strahlen nach oben und
suchten den Himmel ab, whrend von zwei Schiffen aus der Albatros hell
beleuchtet wird, auf seiner Fahrt von dem grellen Lichte verfolgt.
Hellborn war mit seinem Witz nicht zu Ende, er scho mit seinem
Luftschiff in eine Hhe von 5000 Fu, bis wohin ihm das Licht nicht zu
folgen vermochte, dann beschrieb er hoch oben einen groen Kreis und
strzte in eine Tiefe von nur 40 Fu ab, so da die den Himmel
absuchenden Strahlen ber den Albatros weg glitten, diesen vllig im
Dunkeln lassend, ihm aber frmlich selber den Weg weisend. Und nun hob
sich der Albatros pltzlich und erschien so unerwartet ber dem einen
Schiffe, da keine Zeit mehr war, die Kanonen zu richten, denn in
demselben Augenblick war auch schon das Torpedo gefallen und das
Schicksal auch dieses Schiffes besiegelt. Hoch schnellte der Albatros
wieder empor; aber nun half ihm sein Trick nicht mehr, alle Scheinwerfer
warfen Hunderte von Strahlenbndeln nach allen Richtungen hin, sich
frmlich zu einem Strahlenmeer vereinend, das kein Fleckchen rundum,
nicht in der Luft und nicht auf dem Meere, unbeleuchtet lie. Diese
Flle von Licht hatte das Unangenehme, ein Ueberrumpeln der noch brigen
Schiffe unmglich zu machen. Trotzdem mute Hellborn es darauf ankommen
lassen, und so senkte er denn sein Schiff wieder tiefer hinab; in dem
Augenblick aber, wo er auf 500 Fu niedergesunken war, wurde sein Leib
von einer Kugel aus einem der groen Zenith-Geschtze getroffen, whrend
ein Hagel von Geschossen aus der Zenith-Schnellfeuerkanone folgte.
Glcklicherweise war der Schaden, dank der Panzerbekleidung des
Luftschiffes, nicht gro, trotzdem wurde ein Mann der Besatzung
verwundet, und Hellborn dachte an die furchtbare Gefahr, wenn ein
Gescho den Stapelraum der Torpedos traf. Dann war alles zu Ende, und er
hatte die Hoffnungen getuscht, die sein Admiral in ihn gesetzt hatte.
Er mute sich also in einer Hhe halten, in der ihm die Geschosse nicht
mehr viel anhaben konnten und wo die Zielsicherheit gewissermaen
aufhrte. Er erhob sich also auf 1200 Fu und lavierte hier in dem
Luftmeer. Von dieser Hhe aus sah es natrlich auch fr ihn mit der
Zielsicherheit bse aus, aber immerhin hatte man bei den Schieversuchen
auch aus solchen Hhen noch unter zehn Schssen zwei Treffer erzielt,
warum sollte man im Ernstfalle weniger glcklich sein! So -- jetzt war
der Moment -- Leutnant Schmidt drckte auf den Knopf, der Torpedo
durchschnitt sausend die Luft und -- fiel ins Wasser, wo er ohne Schaden
zu tun dennoch durch die Wucht des Falles explodierte und nur eine hohe
Wassersule emporwarf, im selben Augenblick aber hatte Leutnant Ester
seinen Vorteil ersehen. Auch er scho sein Torpedo ab, der das
Vorderdeck des Admiralschiffes traf und seinen Vordersteven bis zur
Kommandobrcke fortri. Einen Augenblick spter sausten zwei weitere
Torpedos hinab auf das Feld der Verwstung und Verwirrung, aber ohne
weiteren Schaden zu tun, als nur die Panik zu erhhen. Vergebens
spielten alle Kanonen, man konnte dem Feinde, dem man machtlos
preisgegeben war, nicht bei. Noch ein Schiff sank und noch eins, und da
-- da hiten die brigen Schiffe eins nach dem anderen die weie Flagge.
Sie gaben den ungleichen Kampf, der kein Kampf, sondern ein
Vernichtetwerden war, auf und ergaben sich. Nichts aber htte Hellborn
in grere Verlegenheit setzen knnen, als gerade dieses vllig
unerwartete Ereignis. Teufel, sagte er zu den beiden Leutnants, die er
sofort zum Beratschlagen rufen lie, was knnen wir tun? Wir knnen
doch nicht elf Schlachtschiffe mit unseren zehn Mann wegnehmen? Das geht
doch nicht an. Hm, sagte Schmidt, wir knnten unseren Drahtlosen
wieder in Stand setzen und unserer Flotte drahten, sie soll die Schiffe
in Empfang nehmen. Knnen wir nicht, sagte Hellborn, ist ganz
unmglich, die braucht acht Tage, ehe sie hier ist, und solange knnen
wir uns nicht halten. Wir _mssen_ sie in den Grund bohren, ob wir
wollen oder nicht. Und -- so sehr es ihr Soldatenherz auch bedrckte,
die schnen Schiffe, die sich ihnen ergaben, zu zerstren, so mute es
doch sein. Langsam senkte sich das Luftschiff, stets einer Verrterei
gewrtig, bis auf 200 Fu Hhe hinab, beide Offiziere mit dem Finger auf
dem Drcker, um die todbringenden. Torpedos im Bedarfsfalle zu
schleudern. Dicht ber dem einen der Schiffe hielt sich das Luftschiff,
und nun griff Hellborn nach seinem Megaphon. Ich gebe Ihren Schiffen
bis 2 Uhr nachmittag Zeit, die Bemannung zu landen, dann werden die
Schiffe unerbittlich mit allem, was drauf ist, zerstrt . . . Und
wieder erhob sich der Aerostat in die Luft, und die Sonne ging auf und
beschien ihn und die Flotte, um die es von Booten wimmelte, in denen die
Besatzung die Schiffe verlie. Um zehn Uhr war kein Mann mehr an Bord,
nur der Kapitn _eines_ Schiffes hatte sich geweigert, das Schiff zu
verlassen, er, der darauf gelebt, wollte auch mit ihm gleichzeitig
sterben. Um 2 Uhr senkte sich der Albatros langsam ber die Schiffe
hinab. Drben am Hafendamm stand in atemloser Spannung die angstvolle
Menge und nun, nun sauste _ein_ Torpedo hinab, und wo frher ein Schiff
stand, trieben jetzt nur die Trmmer. Neun mal noch wiederholte sich
dieses Schauspiel, und in dumpfem Schmerz sah ein Volk seinen Stolz und
seine Hoffnung zertrmmert. In stiller, grausamer, erbarmungsloser Weise
verrichtete das furchtbare Luftschiff sein Werk. Ein einziges Schiff
noch war da, Inflexible, der Unbeugsame, stand auf seinem Steven zu
lesen, und auf seiner Kommandobrcke stand _ein_ Mann, stumm, mit
gekreuzten Armen und sah seinem Schicksal entgegen. Wie ein Vogel aber
senkte sich das Luftschiff ganz nahe auf Deck. Lassen Sie uns einen
Helden retten, sagte Hellborn durch sein Sprachrohr, kommen Sie zu uns
an Bord. Der Kapitn aber lachte laut auf. Zur Hlle ich und Ihr,
rief er und drckte auf einen Knopf. Im selben Augenblicke bumte der
Schiffsleib sich auf, das Schiff barst auseinander und hoch empor wurden
die Schiffsteile geschleudert. Der Albatros aber schwebte, da Hellborn
die Bedeutung der Worte des alten Kapitns sofort erkannt, und sein
Schiff in unendliche Hhen gerissen hatte, lautlos ber den Wolken und
flog der Heimat zu, die glaubte, vor einem Kriege zu stehen, der lange
schon beendet war. Beendet durch die neue Waffe -- die Waffe der Luft.

Das oder so ungefhr denke ich mir die Zukunft der Kriege. Mit Land- und
Seemacht ist nichts mehr zu wollen. Die Zukunft liegt in der Luft.
Hoffentlich aber eine Zukunft des Friedens, denn dem Himmel noch nher
soll man die Kriege nicht bringen.




                             Karl Peters.
                     Die Kolonien in 100 Jahren.


                     Die Kolonien in 100 Jahren.
                           Von Karl Peters.

Gustav Havermann stand in Morgenkleidung auf der Veranda seines netten
Hauses und machte seinen Tee. Die Sonne war gerade im Aufgehen, und im
Norden zeigten sich die Umrisse der Gebude von Windhoek. Seine Frau war
noch nicht erschienen. Sie liebte es, bis in den vollen Tag hinein in
ihrem Schlafballon, 500 Meter ber der Farm, zu ruhen. Havermanns hatten
nur ihre Schlafeinrichtungen in hheren Luftrumen; die reicheren
Familien, ber ganz Afrika hin, wohnten Tag und Nacht 1000 bis 2000
Meter hoch in verankerten Lufthusern, wo sie frei waren von den
Unbequemlichkeiten der tropischen und subtropischen Sonne. Ueber dem
Kongo und in den Tropengebieten von Amerika stieg man mit seinen
Wohnungseinrichtungen bis zu 3000 Meter und darber empor.

Dieser sdafrikanische Tee, sagte Havermann, wird immer noch nichts
Rechtes. Wir wollen doch wieder zum Ceylon-Tee zurckgehen, der
Geschmack und Aroma hat. Hallo! fuhr er fort, als er seinen Freund
Agatz schnell auf sein Wohnhaus zuschreiten sah, was bringt Dich so
frh her?

Hast Du Deinen telegraphischen Empfangsapparat denn noch nicht
eingesehen? antwortete Agatz.

Zeitungen, mu bemerkt werden, gab es 2009 nicht mehr. Der gesamte
Nachrichtendienst auf der Erde, und auch vom Mars herber wurde durch
ein weitangelegtes System drahtloser Telegraphie vermittelt, an welches
jedes private Haus von irgendwie bemittelten Besitzern angeschlossen
war.

Was ist denn los? fragte Havermann.

Die Bundesversammlung in Durban hat vorige Nacht beschlossen, da das
Dreisprachensystem, welches bislang noch in unserem Parlament zu Recht
besteht, aufgegeben werden solle; Englisch und Hollndisch seien
gengend fr die sdafrikanischen Staaten.

Nun, das braucht uns kaum aufzuregen; seit einem Menschenalter wird
deutsch kaum noch im Parlament von Windhoek gesprochen, und im Kongre
zu Prtoria ist englisch schon seit einem halben Jahrhundert
obligatorisch. Sind wir doch alle nur Glieder der groen
angelschsischen Konfderation.

Viel wesentlicher fr unser Wohl und Wehe, fuhr er fort, scheint mir
die Entdeckung des Professors Buterreck in Berlin, der es endlich fertig
gebracht hat, stickstoffhaltige Nahrung aus der Atmosphre herzustellen,
um dadurch die Produktion von Fleisch, Eiern, Milch usw. berflssig zu
machen. Wir Sdwestafrikaner sind so wohlhabend geworden durch unsere
Rindvieh- und Schafzucht, seit es gelungen war, alle die bsen
Viehkrankheiten durch Impfungsverfahren aus der Welt zu schaffen.

Was ntzt uns unsere Mhe nun, wenn Fleisch und Milch nichts mehr
gelten werden am Markt?

Uns bleiben Hute und Wolle.

Und Obst und Gemse; das ist wahr, und unser herrliches Klima. Ich war
vorgestern mit dem Schnell-Luftschiff Mwe in London; aber ich kann
Dir sagen, ich freute mich, heute morgen in Sdwestafrika zurck zu
sein.

In diesem Augenblick nherte sich eine groe, stattliche Erscheinung dem
Hause.

Was will denn Eggers so frh hier? sagte Havermann.

Ich komme, sagte Eggers, nachdem er die beiden Mnner begrt hatte,
um Ihnen, Herr Havermann, mitzuteilen, da wir Ihre Felder heute erst
gegen 10 Uhr berieseln knnen. Etwas an dem Pumpwerk in Swakopmund ist
nicht in Ordnung. Es tut mir sehr leid; aber ich erhalte soeben die
Funkennachricht. Eggers war der Direktor der sdwestafrikanischen
Elektro-Berieselungs-Werke. Schon seit mehr als einem Menschenalter war
das Problem gelst, die Kraft der Meeresfluten in elektrische Kraft
umzusetzen, und seit einem halben Jahrhundert verstanden es die
Menschen, das Seewasser durch einen sehr einfachen chemischen Proze in
Swasser umzuwandeln. Das hatte einen enormen Fortschritt, besonders
auch in der wirtschaftlichen Entwicklung des trockenen Sdwestafrika
bedeutet. Trinkwasser freilich hatte man lngst aus der Atmosphre
abzuschlagen verstanden. Aber fr die Ausbeutung der weiten Gelnde von
Damaraland war die von der Natur versagte Bewsserung aus dem
Atlantischen Ozean ntig gewesen. Die enorme elektrische Kraft, welche
die See selbst lieferte, hatte es mglich gemacht, das befruchtende
Element, welches die Wolken versagten, ber die Felder zu ergieen; und
dies hatte zu einer neuen Epoche in der Geschichte des Landes gefhrt,
hnlich wie in Kapland und Rhodesia. Eine Konkurrenz zu der
Oceano-Elektrischen Gesellschaft mit beschrnkter Haftung war brigens
die ^Kalahari-Sunlight and Electrical Co. Ltd.^, welche durch
gewaltiges Konzentrationsverfahren, das auf die Kalahari-Wste
herabstrmende Sonnenlicht in Motorkraft und Erleuchtung umwandelte.
Indes versorgte diese mehr den Osten und Sden des Erdteiles. Sie
arbeitete nach dem Vorbild der groen Sahara-Gesellschaften, welche
schon seit einem Vierteljahrhundert Heizung und Fortbewegungskraft,
sowie Erleuchtung fr Europa lieferten. Seit dem Niedergang der
Kohlenproduktion hatte die Menschheit sich mehr und mehr diesem Ersatz
zugewendet.

Haben Sie brigens bereits die letzten Nachrichten aus Ostafrika
vernommen, welche mein Apparat gerade eben mitteilte? fragte Eggers die
beiden Herren.

Was ist es?

Die >Republik der steigenden Sonne< hat gestern beschlossen, die
Deutschen wieder in ihrem Lande zuzulassen; und fr den Kilimandjaro
haben sich sofort drei Familien von Uganda angemeldet.

Wie geht es eigentlich zu, da Deutsche dort berhaupt ausgeschlossen
waren? fragte Havermann.

Wissen Sie das nicht? sagte Agatz. Das ist doch die Folge der groen
Negerrevolution von 1953, als sich dieses >Haiti< des Indischen Ozeans
konstituierte. Ostafrika, gegenber Zanzibar, ist frher einmal unter
deutscher Flagge gewesen. Aber bereits vor einem Jahrhundert setzte in
Berlin eine sentimentale Verbrderungspolitik an, welche sehr schnell zu
Emanzipationsgelsten der schwarzen Bevlkerung fhrte. Das war ein Teil
der sogenannten thiopischen Bewegung. Die Reise eines Berliner
Kolonialministers, dessen Name nicht weiter berliefert ist, in die
sogenannte Deutsch-Ostafrikanische Kolonie, fhrte zunchst zur
Aufsssigkeit der schwarzen Arbeiter gegen ihre weien Herren!

Wie war denn das mglich?

Es wurde den Negern von Regierungs wegen allerhand von Rechten gegen
die Arbeitsgeber erzhlt, wovon sie bis dahin keine Ahnung hatten, und
natrlich wirkte das wie ein Funken im Pulverfa.

Natrlich, der Schwarze mute das als direkte Aufforderung zum Aufstand
auffassen.

Anstatt die Entwicklung ihren natrlichen Gesetzen zu berlassen und
wesentlich die Vorschlge der deutschen Kolonisten selbst abzuwarten,
operierte man vom grnen Tisch in Berlin. Man taperte hinein. Die
Folge waren Unlust unter den Weien und Rebellionsgelste unter den
Schwarzen. Das fhrte zu wiederholten Aufstandsversuchen, und
schlielich, 1953, zur allgemeinen Erhebung der Eingeborenen, welcher
fast alle Deutschen, Mnner, Frauen und Kinder, zum Opfer fielen.
Darauf, unter Garantie der Vereinigten Staaten und Grobritanniens,
schritten die Rebellen zur Begrndung ihrer eigenen glorreichen
Republik, und begannen damit, zunchst einmal allen deutschen
Reichsbrgern Asyl- und Freizgigkeitsrecht zu nehmen. Schlielich
erkannten es auch die alten Weiber in Berlin, die am meisten mit
geschrien hatten, wie so gar herrlich weit wir es gebracht hatten. Die
Kolonie war weg, und dafr bestand eine uns Deutschen direkt feindliche
Republik.

Aber wie ist es zugegangen, da das benachbarte Britisch-Ostafrika
nicht in diesen Mahlstrom hineingezogen wurde?

Die Briten hatten ihre ostafrikanischen Besitzungen, denen sie noch die
italienischen anschlossen, bereits seit 1910 zu Dependanzen des
Ostindischen Reiches gemacht. Die Hochplateaus von Naicobi und Naiwasha,
das Tanatal und das Hinterland von Guardafui und Berbera wurden
systematisch mit auswandernden Hindus besiedelt, denen die britische
Regierung in Sdostafrika, Australien und Tasmanien, sowie in Neuseeland
keinen Ellenbogenraum mehr bieten konnte. Dies hielt die schwarze
Gesellschaft in Schach, und erlaubte daher der London Stock Exchange die
ungestrte kapitalistische Ausbeutung, worauf es doch im Grunde ankam.
Genau, wie in den voreinst deutschen Besitzungen in Neu-Guinea, den
Karolinen usw., welche heute friedlich und gengsam zum
austral-asiatischen Common wealth gehren, wie Kiautschou seit 90 Jahren
unter die Flagge des gelben Drachen zurckgekehrt ist. Ja, die
Deutschen haben Staat gemacht mit ihrer Kolonialpolitik am Ausgang des
19. Jahrhunderts. Ich las vor kurzem ein Buch aus dieser Zeit. Es konnte
gar nicht anders kommen, wenn man den Neid, Ha, die Verleumdung und das
Geschimpf betrachtet, mit denen sie ins Feld zogen. Einer gegen den
andern, und Gnade Gott dem, welcher gegen den Fremden wirklich etwas
leistete!

Nun, in Europa ist es ihnen kaum besser gegangen, als ber See; die
Welt ist wesentlich englisch geworden.

Allemal, damit gehrt sie immerhin einer vornehmen Rasse an.

In diesem Augenblick sah Heinrich Agatz nach seiner Uhr. Die Uhren
wurden durchweg durch drahtlose Telegraphie von der nchsten Sternwarte
aus getrieben und zeigten demnach absolute Universalzeit. Ich erwarte
meinen Bruder Ernst heute morgen mit dem Falken von Kapstadt; wir wollen
nach Nyangwe am Ober-Kongo, wo wir um 11 Uhr Termin in einem Minenproze
haben. Wir bearbeiten dort Kupferminen mit Ozeankraft-Tiefdruck, und
finden in den letzten Wochen, da die Pression ber 50000 Meter Tiefe
sehr unregelmig ist. Unser Rechtsanwalt, der die Sache hat sorgfltig
untersuchen lassen, meint, da die Ozean-Elektrische Gesellschaft m. b.
H. schuld an dem schlappen Betrieb ist.

Ich will heute mittag nach Kairo, sagte Havermann, und morgen mit
meiner Frau nach Wien, wo unser Neffe getauft werden soll.

Da kommt endlich meine Frau von oben.

Frau Havermann kam aus ihrem Schlafballon mit Hilfe eines Lifts, der an
dem mittleren Ankertau des Luftfahrzeuges angebracht war. Diese
Fahrzeuge waren lange Zeit durch die bei Nacht entstehenden
unregelmigen Windstrmungen in ihrer Lage bedroht gewesen. Seit die
Menschheit es jedoch fertig gebracht hatte, die Luftzonen bis in Hhen
von 10000 Metern mit meteorologischen Stationen zu berziehen, seit
insbesondere auch die Polargegenden vllig der Beobachtung geffnet
waren, hatte man eine solche Kontrolle ber die verschiedenen
Witterungs-Faktoren erzielt, da man die Wetter-Prognosen bis auf halbe
Monate voraus mit voller Genauigkeit stellen und demgem jede
erforderlichen Manahmen zur rechten Zeit treffen konnte. Automatische
Wind- und Temperaturnachrichten von allen Teilen unseres Planeten liefen
auf allen Stationen ein, und es hatte keinerlei Schwierigkeiten, zu
bestimmen, welche Hhe die Wohneinrichtungen einzunehmen hatten, und
nach welcher Seite sie besonders stark zu verankern waren. Der Verkehr
von oben nach unten war frher durch kleine Luftboote vermittelt; aber
bereits seit einem halben Jahrhundert hatte man elektrisch betriebene
Fahrsthle, als billiger und bequemer, vorgezogen. Die Erde war jetzt in
allen Zonen bewohnt; auch an den Polen, wo man in die Tiefen stieg. Die
unbegrenzte Masse elektrischer Kraft, ber welche man verfgte, berwand
jedes Beleuchtungs- und Erwrmungs-Problem. Natrlich hielt sich um den
Nord- und Sdpol fr gewhnlich nur auf, wer da zu tun hatte.
Insbesondere fand um den Nordpol ein auerordentlich starker Betrieb von
Gold- und Platina-Produktion statt.

Eine berplanetarische Verbindung war bislang nur mit dem Mars erzielt
worden; und gerade von den drahtlosen Stationen der Pole aus. Jedoch
hatte man von dort wirkliche Kunde immer noch nicht erzielt. Elektrische
Ste, welche von der Erde hinbergetrieben wurden, waren beantwortet.
Man hatte eine Art von Codebuch, die Sonnenvorgnge und andere
astronomische Vorgnge betreffend, zusammengestellt, und war
augenscheinlich von der anderen Seite verstanden. Astronomische
Beobachtungen konnte man sich jetzt ganz gut mitteilen. Aber sobald es
sich um Kunde von Geschichte, Sitte und Vlkerleben handelte, versagte
der Vermittlungsapparat durchaus. Augenscheinlich lebte und dachte und
plante auf dem Mars ein ganz anderes Lebewesen als hier. Selbst die
einfachsten irdischen Begriffe versagten dort. Dazu kam, da die beiden
Planeten dauernd sich so fern blieben; 5 Millionen englische Meilen,
selbst bei ihrer grten Annherung. Praktische Vorteile aus den
Mars-Mitteilungen -- so enorme Kraftleistungen sie erfordert hatten --
hatten sich nicht ergeben; und jeder Versuch, mit dem Mond in
Beziehungen zu treten, war gescheitert. Augenscheinlich gibt es drben
keine intellektuelle Resonanz mehr.

Nun, Anna, sagte Havermann, als seine sehr niedliche Frau aus ihrem
Fahrstuhl heraustrat, welche Plne hast Du denn fr heute?

Ach, ich mchte in Kamerun, in Bua frhstcken; meine Schwester
erwartet mich, und dann mit ihr den Tee in Togo einnehmen; das sind
unsere einzigen beiden deutschen Kolonien, wo Deutsche noch Geld machen.
Mein Vater in Stettin hat stets gewnscht, da ich dort einmal mich
niederlassen sollte. Aber Du, Bser, schleppst mich hierher in Euer
Britisch-Sdafrika.

Nun, gefllt es Dir denn bei uns nicht?

Well, das Klima ist hier gut genug; aber, wer kmmert sich heute noch
um das Klima, wo Malaria, Dysenterie, Moskitos und Fliegen von der Erde
vertrieben sind und wir in den hheren Regionen wohnen. Wo bleiben
denn aber unsere Schnellboote?

In diesem Augenblick nherte sich mit der Geschwindigkeit von 1000
Kilometern per Stunde der Falke, welcher Agatz nach Nyangwe bringen
sollte. Er hielt 3000 Meter ber Havermanns Farm, und dieser lieh ihm
seinen Steigballon, um hinein zu klettern. Auf Wiedersehen, morgen!
hie es. Bald darauf erschien das groe Expreluftschiff fr den Westen
Afrikas, das Frau Havermann gewhlt hatte, der Habicht. Sie trank
schnell ihre Tasse Tee und ging hinauf. Man beklagte sich in diesen
afrikanischen Kolonien ber die Langsamkeit des Luftbetriebes; von
Sdwestafrika nach Kairo dauerte es an 18 Stunden, whrend Bahnen und
Dampfschiffe nur noch den Frachtverkehr vermittelten. -- Sagen Sie
einmal, Eggers, fragte Havermann, weshalb haben wir Deutschen hier in
Afrika, und berhaupt in der Welt, eigentlich so gar nichts fertig
gebracht?

Das will ich Ihnen sagen, antwortete Eggers, unsere Landsleute haben
den Witz der Sache eigentlich berhaupt nicht kapiert. In den achtziger
und neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts ulkten sie ber
Kamerun und Zanzibar. Dann erfand man die Kolonialskandale! Eine Flle
schmutziger Verleumdungen und gemeiner Denunziationen gegen einzelne
Pioniere zierten den nationalen Rekord! Das war erst recht etwas fr den
Berliner. Das war etwas fr das Metropol-Theater! Dazu der Neid und die
Gemeinheit der Konkurrenten von Leuten, welche wirklich etwas geschaffen
hatten, die Streberei und Speichelleckerei der Lumpen, welche sich an
die Kolonialpolitik drngten, die Ordenskriecherei, die am Anfang des
20. Jahrhunderts deren eigentliches Charakteristikum auszumachen schien!
Was Wunder, wenn der Kram in Deutschland verchtlich ward und die
Englnder anfingen, mit Hohn auf diesen Mitbewerb herabzublicken!
Diese erhielten schlielich die eigentlichen Assets, und das ist fr die
Entwicklung der Menschheit sicherlich auch gut gewesen. Die Leute in
Deutschland, wie z. B. Carl Peters, welche unser Volk zu einer Weltmacht
umzuschmelzen gedachten, blieben im Grunde stets Trumer. Wenn Du ein
Herrenvolk finden willst, kannst Du eher zu Mashonas und Buschmnnern
gehen, als zu den Leuten in Zentral-Europa.




                              Ellen Key.
                     Die Frau in hundert Jahren.


                     Die Frau in hundert Jahren.
                            Von Ellen Key.

In hundert Jahren sind alle groen Erfindungen der Neuzeit
vervollkommnet, und ihre beiden groen Bewegungen -- die Frauen- und die
Arbeiterbewegung -- haben ihre Ziele erreicht. Luftschiffe, mit grerem
Komfort als dem der Gegenwart ausgestattet, Luftjachten,
fhren die Alpinisten zu Bergbesteigungen auf den Mond. Alle
modernen Sommerfrischen sind submarine Villenstdte, denn die
Landschaftsschnheiten der Erde sind alle zerstrt, teils durch ihre
Verwertung fr die Industrie, durch Gebude, Kabel und dergleichen mehr,
teils durch die noch bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in
Luftballons gefhrten Kriege. Die Landwirtschaft wird jetzt in
chemischen Fabriken betrieben, und in diesen vollzieht sich die Arbeit,
wie berall, durch Drcken auf Serien elektrischer Knpfe. In gleicher
Weise werden die Suglinge in den kommenden Kinderheimen, an die sie --
eine Stunde nach der Geburt -- abgegeben werden, ernhrt und gekleidet.
Die Kinder werden in der Weise produziert, da sich Freiwillige -- aus
sozialem Eifer -- fr diese Arbeit melden. Unter ihnen wird durch ein
rztliches Komitee die ntige Anzahl ausgewhlt. Und von dieser Anzahl
werden wieder die fr einander Geeignetsten zusammengefhrt. Das groe
Problem der Naturwissenschaft ist die Entdeckung des Mittels, die
Menschheit ohne Elternschaft fortzupflanzen, dieses der Menschen
unwrdigen Mittels, das die Natur in der Eile zusammengepfuscht hat,
aber das die fortschreitende Kultur entbehrlich machen mu. In den
ersten Jahren des einundzwanzigsten Jahrhunderts wurde die Welt durch
die -- leider verfrhte -- Botschaft erfreut, da ein Laboratorium
wirklich die Methode gefunden habe, und da so die einzige noch brige
Frauenbefreiungsfrage aus der Welt verschwunden sei. Aber obgleich immer
wieder enttuscht, lebte die Hoffnung auf den endlichen Sieg doch
weiter, und dies um so mehr, als man im Jahre 2006 endlich ein beinahe
ebenso kompliziertes Problem lste: man fand das Serum, durch welches
die entsetzliche Krankheit, gegen die die Gesellschaft trotz zahlloser
hygienischer Verhaltungsmaregeln vergebens angekmpft hat -- -- die
Individualitts- und Originalittssucht --, ganz erlschen wird. Die
Paragraphen 123, 456, 789 des hygienischen Gesetzes, das 2008 erlassen
wurde, verfgten eine allgemeine Zwangsimpfung mit diesem Serum, so da
die Gesellschaft fr alle Zeiten gegen die Verheerungen der Krankheit
geschtzt sein wird.

Alle Mnner und Frauen haben den Tag in vier gleiche Arbeitspensa
eingeteilt: sechs Stunden Schlaf, sechs Stunden Arbeit bei den
elektrischen Drckern, sechs Stunden im Parlament und sechs Stunden
Gesellschaftsleben. Die Parlamente tagen stndig. Soziale Vortrge
ersetzen bei den Sonntagssitzungen die ehemaligen Gottesdienste. Und bei
den Alltagssessionen wird alles bestimmt: von der Gre der
Stecknadelkpfe und der Zusammensetzung der Epillen bis zu der
Kinderquantitt, die die Bedrfnisse der Gesellschaft im folgenden Jahre
erfordern, und der Ideenqualitt, die im Interesse des Gemeinwohls fr
den genannten Zeitraum zulssig erscheint. Nach beendetem
schulpflichtigen Alter treten alle ins Parlament ein, auch die Idioten,
als eine unbestreitbare Folge der Humanitt und der Menschenrechte. Nur
verurteilte Verbrecher haben nicht Sitz im Parlament, aber diese
irdische Begrenzung beraubt sie keineswegs ihrer Menschenrechte. Sie
werden nmlich auf den Planeten Mars deportiert, die neueroberte Kolonie
der Erde. Und dort knnen sie frei die ihnen aus vergangenen
Jahrhunderten wohlbekannte Kolonialpolitik treiben.

In der ersten Klasse der Schule lernen die Kinder -- nach neuen
Methoden -- Zhne zu bekommen, zu gehen und zu sprechen. Die
Unterrichtsanstalten, die alle nach demselben Lehrplan arbeiten,
behalten die Schler zwlf Stunden im Tag bis zum Alter von dreiig
Jahren.

Die Universittsstudien mit ihren gefhrlichen Freiheitsbestrebungen
sind hingegen abgeschafft. Nach Schlu der Schule rhrt keiner mehr ein
Buch an, falls er (oder sie) nicht Spezialist in irgend einem Zweige der
Wissenschaft sein sollte. Darum findet man ffentliche Lesesle ohne
Bcher. Hingegen laden die Elevatoren dreimal im Tage die jetzt im
Taschenbibelformat gedruckten Zeitungen ab, mit ihren illustrierten
Annoncenbeilagen, wo den Knstlern, allerdings innerhalb strenger
Grenzen, noch eine gewisse Freiheit der Phantasie gestattet ist. Alle
ffentlichen Gebude -- mit anderen Worten alle Gebude -- sind hingegen
mit Kunstwerken geschmckt, welche von einem zwlfgliedrigen Komitee
ausgefhrt werden.

Das Wort Heim hat eine bedeutungsvolle Umwandlung durchgemacht und ist
jetzt ein Synonym des Wortes Schlafstelle.

Das Gesellschaftsleben ist eine Gesellschaftspflicht, und der Einsame
wird als anarchistischer Attentter betrachtet. Man trifft sich in
Sport- und Diskussionsklubs zu einem Verkehr, welcher keine materiellen
Gensse verlangt. Seine Epillen nimmt jeder aus seiner Schachtel ein.
Nur sehr alte Leute, die sich aus dem zwanzigsten Jahrhundert noch die
Lust an den alkoholfreien Weinen, an den nikotinfreien Zigarren und dem
coffeinfreien Kaffee bewahrt haben -- die einzige Form, in der
Genumittel noch zu finden sind -- schleichen zu dem einen oder andern
geheimen Automaten, um dort die niedrigen Bedrfnisse zu befriedigen,
die die jngere Generation verachtet. Wenn diese masculinfreien Mnner
und femininfreien Frauen zusammentreffen, dann ist der einzige Stimulus
der Austausch sozial-allgemeinmenschlicher Gedanken. Der mnnliche und
der weibliche Typus sind in so hohem Grade verschmolzen, da der Blick
nur durch gewisse, aus Zweckmigkeitsgrnden noch beibehaltene
Verschiedenheiten in der Kleidung die Geschlechter unterscheiden kann.

Was die ffentlichen Vergngungen betrifft, so hat das soziale
Verantwortlichkeitsgefhl Konzerte ohne Musiker und Theater ohne
Schauspieler geschaffen. Denn seit die Pianolas, die Phonographen und
die Marionetten so phnomenal vervollkommnet worden sind, braucht man
nur elektrische Knpfe, damit der Kunstgenu in Gang gesetzt wird. Aber
man hat eine sehr notwendige Vermehrung der Lehrjahre beantragt. Denn
die Schulen kommen kaum dazu, ihren Zglingen die fnfundfnfzig
Uebungsgegenstnde und die einhundertelf intellektuellen Gegenstnde
beizubringen, die jetzt von einem gebildeten Menschen verlangt werden,
und in denen alle drei Monate ein Examen abzulegen ist.

Mitten in dieser allgemeinen Glckseligkeit trifft jedoch die
unerhrteste Katastrophe der Weltgeschichte ein. Am Neujahrstage 2009,
-- gerade in dem Jahre, wo die obenerwhnte Zwangsimpfung die Erde von
allen weiteren Heimsuchungen ihrer letzten und gefhrlichsten Pest
definitiv befreien sollte, bricht eine ber den ganzen Planeten
verzweigte Verschwrung der Schuljugend zwischen zwanzig und dreiig
Jahren aus. Die erste Gewalttat der Revolution ist, in gewaltigen
Emigranten-Zeppelins alle Journalisten auf den Mars zu verschicken; die
zweite, alle Parlamente zu verbieten; die dritte, alle Schulen zu
sperren; die vierte, alle Mtter zusammen mit ihren Kindern
einzuschlieen; die fnfte . . . aber warum alle diese Greuel aufzhlen?
Genug, diese gewaltigste aller Umsturzbewegungen stellt schlielich auf
Erden jenen barbarischen Zustand wieder her, wo das Leben noch
gewaltsam, mhevoll, tragisch, reich, berauschend war. Was dann
geschieht, ist leicht vorauszusehen. Eine ebenso heftige Reaktion tritt
ein. Erst gegen das Jahr 2100 befindet sich endlich die Menschheit
wieder im Gleichgewicht. Sie hat dann vermutlich einen groen Teil
dessen wieder erlangt, was fr vergangene Geschlechter das Leben
_lebenswert_ gemacht. Aber sie hat zugleich viele von diesen
Geschlechtern ungeahnte Dinge errungen, die das Leben in hherem Grade
denn je _liebenswert_ machen.




                              Dora Dyx.
                       Die Frau und die Liebe.


                       Die Frau und die Liebe.
                            Von Dora Dyx.

In den wenigsten Fllen, in denen wir heutzutage von Liebe sprechen, ist
Liebe, Liebe. Wir haben, so paradox dies auch klingen mag, und so
lebhaften Protest ich mit meiner Behauptung bei all denen, die zu lieben
whnen, auch wecken mag, den Begriff der Liebe verloren. Sie hat sich
unter unseren Hnden so verwandelt, da sie, von einzelnen Fllen
abgesehen, keine Liebe mehr ist. Nicht nur die materielle Basis, auf
welche unser Jahrhundert gestellt ist, ist zum Grabe jener feinen und
feinsten Regungen geworden, aus denen die Liebe besteht, sondern noch
mehr haben unsere Moralbegriffe dazu beigetragen, sie so zur
Unkenntlichkeit zu verwandeln, da man gerade von dem als Liebe spricht,
was absolut mit ihr nichts zu tun hat, und von dem was Liebe ist,
entweder gar nicht, oder nur mit Entsetzen gesprochen werden kann. Es
mu zugegeben werden, da der aktive Eintritt der Frau in den Kampf ums
Dasein viel dazu beigetragen hat, das Liebesbedrfnis der Frau
herabzumindern. Die krperliche Ermdung und Uebermdung ist ebenso
wenig wie die geistige Erschlaffung ein Erregungsmittel der Liebe, und
wir sehen, da unter dem als leichtfertig verschrienen Volk der Artisten
die Turnerinnen und Akrobatinnen geradezu als unnahbar gelten knnen,
insofern bei ihnen nicht auch die Liebe Mittel zum Zweck, d. h.
Berechnung ist. Andererseits hat die durch die Berufsttigkeit der Frau
nahezu aufgehobene Trennung der Geschlechter viel dazu beigetragen,
jenen Nimbus des Geheimnisvollen zu zerstren, der bisher die jungen
Mnner und die Mdchen wechselseitig umgab. Und damit ist _ein_
Hauptreiz zum Fortfall gekommen, denn gerade das Geheimnisvolle, das
sozusagen Verbotene wirkte auf die Phantasie der Sinne. Die Liebe ist
aber, wie wir jetzt wissen, nichts weiter als Seelenphantasie, und da
diese von der Sinnesphantasie ganz gewaltig beeinflut wird, ist
selbstverstndlich. Bei uns gibt es drei Hauptformen von dem, was wir
Liebe nennen. Die Ehe, die Prostitution und die freie Liebe, zu
welcher auch die zwischen Ehe und Prostitution liegenden vorbergehenden
Verhltnisse gerechnet werden knnen. Da die Ehe nur in den seltensten
Fllen ein wirkliches Liebesband schlingt, wissen wir alle. Die Ehe ist
vor allem zur Versorgung geworden und alle Bedenken ich liebe ihn
nicht werden durch den selbstlgnerischen Trost niedergeschlagen: Die
Liebe kommt schon in der Ehe. In den meisten Fllen aber kommt sie
nicht, und im Punkte der Liebe herrschen darum nur noch Entsagung oder
Betrug, die zu den bekannten Erschtterungen fhren, welche bei uns den
dramatischen Stoff -- und nicht frs Theater nur -- liefern. Hie und da
allerdings werden solche Vernunftehen, wie man sie nennt, auch ganz
glcklich. Man lebt sich ineinander ein, keiner verlangt etwas oder
viel von dem andern und ist berrascht, wenn er mehr findet, als er
erwartet. Meist sind es auch resignierte Naturen, deren Seele keine
Ansprche stellt, so malos oft auch die anderen, ans Leben gestellten
Ansprche sein mgen. Die meisten Ehen aber -- wenn schon nicht alle --
sind unglcklich, und in jedes, auch des glcklichsten Menschen Leben,
werden Augenblicke vorkommen, in denen er sich dies eingesteht. Dabei
darf nicht verschwiegen werden, da auch die Liebesehen unglcklich
werden und gerade deshalb noch viel unglcklicher, weil die Ehe mit
Illusionen begonnen wurde, auf welche die drre Ernchterung folgen mu;
Und so wandelt sich auch in _diesen_ Ehen die Liebe in Gleichgltigkeit
und diese in Ha. Der groe Philosoph hat recht, der zuerst das Wort
sprach: Die Ehe ist das Grab der Liebe. Die Liebe ist ja das freieste
Gefhl, das unserer Seele gegeben, und jeder Zwang -- und als solcher
ist die Ehe vom Standpunkt der Liebe nur aufzufassen -- mu diese
Freiheit lhmen, einengen und bedrcken. Von der Prostitution rede ich
nicht. Sie ist das schmachvolle Kainszeichen, das unsere Zeit sich
selber aufgedrckt hat. Bleibt -- die freie Liebe. Aber auch hier, wo
wir eigentlich den Inbegriff der heien, schrankenlosen Liebesglut
finden mten, ist davon wenig zu merken. Selten ist es wirklich die
Liebe, die _zwei Menschen die mssen_ zueinander treibt. Meist sind es
der Leichtsinn, die Laune, die Eitelkeit und die Vergngungssucht, die
ihr gewichtiges Wort mitsprechen.

In jedem Falle ist die Liebe heutzutage ein Opfer, das die Frauen
bringen. Unsere ganzen verkehrten Anschauungen haben die Liebe dazu
gemacht und wenn es in diesem Schritt weiterginge, so wrde man bald
berhaupt nicht mehr wissen, was Liebe ist. Unsere Seelen scheinen fr
die Schwingungen der Liebe eben nicht mehr empfnglich zu sein; die
Seele hat die Sensibilitt dafr verloren, und unser Seelenapparat mu
erst wieder darauf gestimmt werden. Und auch _diese_ Zeit wird kommen.
Mit eilendem Schritte gehen wir der Zeit entgegen, wo fr den Menschen
die Arbeit nicht Arbeit, sondern nur Lust, Zerstreuung und Erholung sein
wird. Die Lebensbedingungen werden sich so gewaltig verndern, da uns
um unsere Versorgung nicht mehr bange sein wird; die Herzensfragen
werden daher keine Magenfragen mehr sein, und die Schwingungen der Liebe
werden wieder gefhlt, gesehen und verstanden werden. Die Liebe ist ja
weiter nichts als das Resultat einer Anziehungskraft und infolgedessen
auch denselben Gesetzen unterworfen wie diese. So wie der Mond durch die
nhere Erde mehr angezogen wird, als durch die entferntere mchtige
Sonne, so wird ein Mann durch ein in seiner Nhe weilendes liebliches
Geschpf natrlich mehr angezogen, als durch ein anderes Wesen, dem er
und das ihm ferner bleibt, von dem er sich aber unter anderen
Verhltnissen weit strmischer angezogen fhlen wrde, als durch das
erste. Den Gesetzen der Anziehungskraft zufolge kann nun das Herz
gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen angezogen werden. Es gibt
keinen Himmelskrper, der nicht zu kleinen Abweichungen von der ihm
zugewiesenen Bahn gezwungen wrde, die man Strungen nennt. Bei uns im
menschlichen Leben werden diese Strungen Snde genannt, Verrat und
Betrug. Die Flammen der Liebe gehen dann in die Flammen der Eifersucht
und des Hasses ber, und bald suchen die einen, den geliebten Gegenstand
wieder zu umfassen und zu umhllen, bald lodern sie zuckend zurck, weg
von dem Gegenstand des Hasses und Abscheus! In jener kommenden Zeit aber
-- wird es keine Eifersucht mehr geben und daher auch keine
Liebestragdien.

Man wird die Radioaktivitt der Seele und ihre Wechselwirkung
aufeinander sehen und messen knnen. Man wird die Flammen der Liebe,
von denen unsere Dichter so lange schon getrumt und gesungen haben,
einander in heier Sympathie entgegenschlagen sehen und wird genau _den_
Grad der Sympathie und der Liebe aus dem strmischen einander
Entgegenlodern der Flammen oder dem ruhigen in einander Uebergehen
derselben erkennen knnen, und niemand wird _mehr_ Liebe verlangen, als
des anderen Herz fr ihn zu empfinden und als des anderen Herz ihm
selber zu geben vermag. Der Fall ist ja nun allerdings denkbar, da die
Flammen des Herzens einem und demselben Gegenstande von zwei Seiten
zulodern, da sie selber aber nur nach einer Seite hin sich gezogen
fhlen. Dann wird sich der, dessen Flammen unerwidert nach des andern
Gluten reichen, ruhig bescheiden, denn allmhlich legen sich ja auch die
heiesten Flammen, und des Dichters Wort bleibt auch fr die Zukunft
bestehen: es ist die Zeit das Oel, das all die wilden Wogen unseres
Herzens glttet. Natrlich werden und mssen sich bei dieser
Erkennbarkeit oder Sichtbarkeit der Liebe auch alle unsere Anschauungen
ber diese ndern. Ein Vortuschen und Vorspiegeln von Liebe wird es
nicht mehr geben knnen. Treue in unserem Sinne des Wortes wird man
weder mehr verlangen noch wollen, aber ebensowenig wird der Betrug
mglich sein. Man wird einander gehren, solange die Sympathie da ist,
und wird sich trennen, sobald sie im Erlschen ist; trennen in guter
Freundschaft, in freudigem Erinnern an das, was man sich gewesen ist. An
die Stelle der Ehe wird die Gemeinschaft getreten sein, die so lange
dauern wird wie die Seelengemeinschaft besteht. Denn ein einander
Angehren _ohne_ das Fortbestehen dieser Gemeinschaft der Seele ist
Prostitution, und Prostitution wird es _dann_ nicht mehr geben. In gar
keiner Hinsicht. Man wird aber andererseits auch seine Liebe nicht
verbergen. Vor niemandem schon aus _dem_ Grunde nicht, weil man sie
nicht wird verbergen knnen. Man wird aber nicht wie jetzt laut
ankndigen: ich will mich in nchster Zeit oder in einem oder in zwei
Jahren mit dem oder jenem vereinen, und wird noch weniger allen guten
Freunden und Bekannten und Verwandten feierlichst Nachricht geben, ich
werde heute oder an dem und dem festgesetzten Tage mich dem von mir
Auserwhlten hingeben, sondern man wird es nicht fr mglich halten, da
in einem Zeitalter, das sich fr gesittet hielt, so etwas Brauch sein
konnte; ebenso wie wir den Kopf darber schtteln, da im Mittelalter
sogar das Beilager als Krnung der Hochzeitsfestlichkeiten ffentlich
stattfinden durfte. In solch einer Sittenroheit, die die feinsten,
heiesten Seelenregungen ffentlich preisgibt, wird das Jahrhundert der
Zukunft nicht mehr befangen sein. Niemand wird wissen, wann und wo sich
ein Paar angehrt hat, das zu einander gehrt, und er wird einfach die
Tatsache vermerken, da zwei eine Gemeinschaft geschlossen haben, die
auf der Harmonie der Seelenschwingungen beruht. Denn, wie gesagt, einen
anderen Grund wird es nicht mehr geben und nicht geben knnen, und die
niedrigen, materiellen Grnde von heute werden nicht bestimmend sein
knnen, weil ihnen der Boden der Notwendigkeit fehlen wird.

Ein anderes wichtiges Moment aber wird schwer in die Wagschale fallen:
Die _Kinder_. Heutzutage gilt es hufig noch als anstig, Mdchen
wissen zu lassen, da der Zweck der Ehe die Kinder sind, obwohl Gott sei
Dank die sexuelle Aufklrung sich in unserer Erziehung immer mehr Bahn
bricht; die ganz aufgeklrten, hypermodernen Braut- und Eheleute
schwren dagegen auf Kinderlosigkeit und suchen spterhin den
Kindersegen auch wirklich tunlichst einzuschrnken. Auch das hat seine
Begrndung in unseren heillosen konomischen Verhltnissen, in denen die
Existenz nur weniger so gesichert ist, da sie den Kindersegen nicht als
direkte Schdigung ihrer Vermgenslage auffassen mssen. Andererseits
aber hat sich auch in jenen Kreisen, denen es nicht gerade darauf
ankommt, die Ansicht befestigt, da es nicht zum guten Ton gehrt, mehr
als zwei Kinder zu haben. In Newyork wird aus den Kreisen der oberen
Zehntausend die geradezu kstliche Geschichte kolportiert, da Mrs.
Astor sich ber Mrs. Gould (beide bekannte Milliardrinnen) mibilligend
geuert habe: Etwas direkt Bses kann man ihr ja nicht nachsagen, aber
unanstndig ist es doch, da sie so viel -- Kinder hat. -- In den
kommenden Zeiten, den Zeiten, da die Liebe sich auf sich selbst und
somit auch auf ihren Zweck besinnen wird, wird eine solche, sei es
selbst erfundene, Anekdote nicht gut mglich sein. Denn da werden nicht
nur die Mdchen, nicht nur die Frauen, sondern vor allem die _Mtter_ in
hohem Ansehen stehen. Die Mtter werden eine besondere Ehrenstellung in
der Gemeinschaft der Menschen einnehmen. Natrlich wird es dann die
groe Ambition der Mdchen sein, Mtter zu werden, und die der Frauen,
gesunde, schne und begabte Kinder zu gebren. Und es wird auch ein
Nachwuchs erstehen, der an Kraft, Schnheit und Geist weitaus alles
bertreffen wird, was wir heute als solche bewundern. Denn unser
Geschlecht ist, namentlich nach der Seite der Seele und des Geistes hin,
ganz gewaltig im Erstarken begriffen. Ein gesundes Geschlecht bereitet
sich vor, und da dieses Geschlecht nur Kinder der Liebe erzeugen wird,
nicht auch wie wir Kinder der Pflicht, so werden in erhhtem,
verfeinertem, vergeistigtem Mae alle die Eigenschaften des Vaters und
der Mutter auch auf sie bergehen und in potenzierter Kraft in ihnen zum
Ausdruck gelangen. Das aber kann, wie gesagt, mit Sicherheit nur
geschehen, wo die Liebe den Bund geflochten hat. Die Natur selbst
verlangt, da die Rechnung stimme und die Anziehung eine gegenseitige
sei, weil nur so der Zweck erreicht werden kann, den sie sich mit der
Liebe gesteckt hat. Der Geschlechtstrieb hat allerdings die Aufgabe, das
menschliche Geschlecht zu erhalten, die Liebe aber hat die Aufgabe, es
zu veredeln. Die Liebe ist die Zuchtwahl in edlerem Sinne und nur in
diesem veredelndem Sinne wird die Liebe knftig gebt werden. Wir in
unseren, von Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit regierten Verhltnissen
sind davon weit entfernt und sind im Gegenteil in dem Begriffe der Liebe
derart verroht, da uns sogar das Urteil ber das Vernnftige im
Haushalte der Natur abgegangen ist, und da -- was viel, viel schlimmer
ist -- unsere Zeit Lstlinge und Wstlinge herangebildet hat, deren
Opfer zu Tausenden und Abertausenden ihrem Dasein fluchen.

Auch mit unseren Begriffen von Schande und Ehre stehen wir derart im
Banne starrer, lngst als falsch und verchtlich erkannter, trotzdem
aber noch immer zu Recht bestehender gesellschaftlicher Dogmen, da wir
ein Mdchen fallen lassen, weil es Mutter geworden ist, und das Kind
zugrunde gehen lassen, weil es die unglaubliche Frechheit hatte, sich
erzeugen zu lassen!! Und keiner denkt daran, welche Menschenwerte in
diesen Kindern verloren gehen. Denn -- ich erwhnte es frher schon
flchtig -- gerade die sogenannten Kinder der Liebe, bei deren Entstehen
vielleicht wirklich die Liebe, in den meisten Fllen aber zumindest das
Liebesbedrfnis und das Temperament mitgewirkt haben, die geistig
veranlagtesten sind, gerade so wie bei unseren Ehen das erstgeborene
Kind meistens das gewecktere ist. Und das erinnert mich an ein
chinesisches Sprichwort. Dieses Sprichwort lautet: Das erste der
Arbeit, das zweite der Schnheit, das dritte dem Geist. Das erste,
zweite und dritte Kind nmlich. Das wrde nun allerdings dem, was ich
frher gesagt habe, widersprechen, aber -- in China und berhaupt im
Osten ist das mit der Ehe und Liebe ganz anders als bei uns. Ein Chinese
selber setzte mir in Frisko den Unterschied einer europischen und
asiatischen Ehe in folgender drastischen Weise auseinander. _Ihr_ fllt
den Teekessel, zu dem ihr euch hinsetzt, gleich mit heiem, glhendem
Wasser, und immer mehr und mehr khlt der Tee sich darin ab, bis er ganz
kalt wird und ihr keine Freude daran haben knnt, wir aber setzen das
Wasser kalt auf und znden dann erst das Flmmchen an, das das Teewasser
allmhlich durchwrmt, bis er schlielich den Grad von Wrme erreicht,
der es zu einem uns angenehmen, anregenden und durchwrmenden Getrnk
macht. Und der Mann hat mit seinem Vergleiche, so wie die Dinge heute
stehen, leider, von seinem Standpunkt aus, recht, aber -- sie werden
anders werden, ganz anders. Bei uns ebenso wie dort. Bei uns natrlich
zuerst. Die Kinder, die die Liebe gezeugt hat, werden nicht mehr die
Parias der Welt sein, denn es wird keine anderen mehr geben, und eine
einzige groe Liebe wird alle diese Kinder umfassen, die Liebe der
Menschheit. Keines der Kinder aber wird um dessentwillen, weil es auf
die Welt kam, seelisch, moralisch und physisch verkommen mssen, sie
alle werden sich sonnen in dem Glck ihrer Kindheit, und es wird keinen
Vorzug der Geburt mehr geben, weil es keinen Makel einer solchen mehr
geben wird. Es wird das Reich der Liebe sein, der groen, unendlichen,
allumfassenden Liebe, und man wird ber unser Jahrhundert als das
Jahrhundert der Lieblosigkeit, Grausamkeit und Hrte stillschweigend
hinweggehen.




                         Baronin von Hutten.
                        Die Mutter von einst.


                        Die Mutter von einst.
                       Von Baronin von Hutten.

Es gab eine Zeit, in der man Mtter nur aus dem einzigen Grunde
verachtete, weil sie Mtter geworden waren. Doch man verachtete nicht
alle. Aber einige davon und gerade die, die der Stimme der Natur allein
gehorchend und sich nicht um die banalen Gesetze der Gesellschaft
kmmernd, die den hchsten Beruf erreicht hatten, den ein Weib berhaupt
zu erreichen vermag. Diese wurden verurteilt, verfemt und gechtet;
diese wurden aus der Gesellschaft als unwrdig ausgeschlossen, diese
wurden womglich hinausgestoen in Verzweiflung, in Elend und Schande,
denn sie hatten _einen_ Makel an sich:

                    _Den Makel der Mutterschaft_,

und schleppten ihn das ganze Leben lang mit sich fort. Es gab solch eine
Zeit, und es war eine sittlich erbrmliche, verkommene Zeit, die der
Heuchelei voll war. Denn in dieser Zeit galt die Liebe nichts, galten
die Impulse der Natur nichts, die alle eingezwngt waren in den
schnrenden Panzer wahnwitziger gesellschaftlicher Lgen und Vorurteile,
die man zum Gesetz erhoben hatte. Und nicht nur die Mutter wurden
verfemt, auch auf den Kindern -- merkt wohl auf -- lastete zeitlebens
der _Makel ihrer Geburt_, und sie hatten unter ihm zu leiden schwer,
schwerer noch als der Galeerensklave unter der Kettenkugel des Bagno.
Ja, es gab diese Zeit, und das war eine bse, grausame Zeit, die der
Ungerechtigkeit und Unvernunft voll war. Aber diese so hliche Zeit
kannte doch _auch_ die Achtung vor Mttern. Sie neigte sich tief vor
_den_ Mttern, die mit _dem_ Manne, mit dem sie nicht im Herzen eins,
wohl aber im Range und der Geburt eins waren, und dem sie sich nicht
aus Liebe, sondern nur aus khlster Berechnung, vielleicht sogar mit dem
Ekel des Herzens hingegeben hatten, um Mtter zu werden, vor _diesen_
Mttern neigte sie sich und pries sie und lobte sie, vorausgesetzt, da
sie -- nicht zu oft Mutter wurden. Ja, es gab solch eine Zeit, und es
war eine verwerfliche Zeit, eine Zeit, auf die wir zurckblicken als auf
eine Zeit, die uns unbegreiflich, unfabar ist, und vor der uns graut
und ekelt. Denn wir schreiben ja jetzt das Jahr 2010, und diese Zeit, in
der das Hchste im Weibe so erniedrigt und so in den Staub gezerrt
wurde, liegt hundert Jahre zurck. _Nur_ hundert Jahre, ja, nicht einmal
so viele. Viel, viel weniger noch. Und in diesem kurzen Zeitraum, welch
ein wundervoller Wandel, der _unsere_ Zeit frmlich

                      _zum Zeitalter der Mutter_

gemacht hat.

Mutter! Kein herrlicheres Wort hat bisher noch die Sprache geschaffen.
Keinen herrlicheren Begriff hat ein Wort jemals gedeckt. Kein greres
Mysterium hat die Natur jemals hervorgebracht. Neigt Euch, Ihr Frauen
und Mnner, neigt Euch, ihr Jungfrauen, die Ihr Euch nach der
Mutterschaft sehnt, vor dem Weibe, das schon Mutter geworden. Drngt
Euch, Ihr Kinder, um sie, denn nur sie kann Euch verstehen, nur sie, die
in dem Stolze einhergeht, ein Wesen wie Euch geschaffen zu haben, ein
Wesen, bestimmt, die Menschheit emporzufhren bis zu dem weit, weitab
liegenden Ziele der Vollkommenheit.

Auch damals schon, in jener hlichen Zeit, von der ich frher
gesprochen,[5] nhrte man den Keim, die Ahnung der Mutterschaft in dem
Kinde. Man gab ihm in richtiger Erkenntnis seines knftigen groen
Berufes Puppen in die Hand und lie es Kind und Mutter damit spielen,
ja, man ging sogar schon so weit, eigene Schulen zu errichten, in denen
man das Kind, in dem man die knftige Mutter schon sah, ahnte oder sehen
wollte, in denen man dieses Kind unterwies, seine Puppen als wirkliche
Kinder zu behandeln, zu behten und zu betreuen, und in denen man
knstlich fr die Puppen alle jene Lebenslagen schuf, in die ein Kind
spter vielleicht kommen konnte, so z. B. Krankheiten, Unflle und
allerlei Ereignisse, die eben das Leben ausmachen, und in die sich das
Kind so hineinzufinden und hineinzuleben erlernte.[6] Dann aber -- wenn
die Ahnungen wirklicher Mutterschaft in dem zur Jungfrau heranblhenden
Kinde erwachten, zerstrte man wieder die Saat, die man vorher gestreut,
zerstrte den Keim, der sich aus dieser entwickelte und zerstrte damit
alles, was man geschaffen, eine Verwirrung in dem Gefhlsleben des
Kindes hervorrufend, die die grten Sinnes- und Gewissenskmpfe zur
Folge hatten. Die Natur wurde unterdrckt, ihr Geschrei durfte kein Echo
in dem Herzen der heranwachsenden und herangewachsenen Mdchen mehr
finden, die ehernen Gesetze der Konvention, die Gesetze der
Gesellschaft hatten die Forderungen und Gesetze der Natur zu
Verbrechen und Vergehen gestempelt. _Das_ war die Kultur jener Zeit, die
Kultur, die wir heute nicht mehr begreifen.

[Funote 5: Gemeint ist das Jahr 1909, das soll nochmals ausdrcklich
betont werden.]

[Funote 6: Solche Puppenspielschulen wurden in London errichtet und in
vielen englischen Stdten jetzt nachgeahmt.]

Mutet es uns nicht unfabar an, da in jener Zeit die zartesten Regungen
des Herzens und des Temperaments geradezu mit Stolz an die
Oeffentlichkeit gezerrt wurden? Da es Verlobungen gab, durch welche
aller Welt mitgeteilt wurde, ich, das bisher keusche Mdchen, habe
beschlossen, mich diesem und diesem Manne hinzugeben? Aber nicht heute,
nicht wenn die Natur, wenn die heie Liebe mich dazu drngt, mich dem
Geliebten selig und beseligend in die Arme zu werfen, sondern in einigen
Monaten, in _einem_ Jahre, an dem und dem Tage und zu der und der
Stunde? Erinnert das nicht an jene barbarischen, schamlosen Zeitalter,
in denen das erste Beilager sogar ffentlich und mit gewissem Prunke
gefeiert wurde? Und weitab war man in jenen seltsamen Zeiten, die nur
hundert Jahre fernab von uns liegen, auch tatschlich nicht, denn auch
_der_ Tag, der festgesetzt war fr das Opfer, das die keusche Scham der
Liebe bringt, wurde prunkvoll begangen, und der heilige Bund wurde in
heimlicher Stille, unbemerkt und unbelauscht von jedermann, geschlossen,
nein, man wies selbst durch allerlei prunkvolle Zeremonien darauf hin,
und forderte niedrige Menschen dadurch heraus, schamlosen, unreinen
Gedanken hmischen Ausdruck zu geben. Wie ganz anders heut! Sich selber
unbewut, sinken die Liebenden, von heier Sehnsucht bermannt, sich in
die Arme, und im Kusse der Liebe wird der heilige Bund wortlos und
zeugenlos geschlossen. Im brigen wurde auch damals mehr als _ein_ Bund
auf diese Art geschlossen. Wer's aber tat, der war fr immer gerichtet,
der hatte sein Recht auf die Gesellschaft fr immer verloren! Auerdem
war der Bund, der nach den Gesetzen, also unfrei, geschlossen wurde,
sehr schwer nur lsbar. Die Liebe wurde also frmlich fr's ganze Leben
durch Unfreiheit bezahlt. Das freieste aller Gefhle wurde in Fesseln
geschlagen und zu einem Zwang umgewertet. Was Wunder, da man an andere
Mnze dachte, die Liebe, die man brauchte, zu bezahlen, und da die
grte Schmach, die je die Welt gekannt hat, da die Prostitution
geschaffen, gestrkt und grogezogen wurde. Was Wunder, da der Zwang
die Liebe gar oft in ihr Gegenteil verkehrte, und die liebeleer
gewordenen Herzen, die sich nach einer Liebe sehnten, diese suchten und
sich ihr ergaben. Damit aber . . . damit hatten sie sich abermals gegen
die Gesetze der Gesellschaft vergangen und verfielen wieder dem Spott
und der Miachtung. Freilich nicht immer. Denn da die Menschen damals
nicht gleich in allen ihren Rechten waren, half der Rang auch ber
diese Miachtung hinweg.

Was Wunder, da in einer solchen Zeit die Mtter nicht jene Achtung,
nicht jene groe, berechtigte Vorzugsstellung genossen, wie heute, wo
wir glcklicherweise dem Jahre 1909 um hundert Jahre voraus sind. Damals
gab es mehr Kinder, heutzutage gibt es mehr Mtter. Dieser scheinbare
Widerspruch findet in den vernderten Verhltnissen seine Erklrung.
Damals war seltsamerweise nicht fr jeden Menschen gesorgt. Damals hatte
wohl jeder die _Pflicht zu leben_, nicht aber das Recht. Damals mute,
um sich lieben zu drfen, ein eigener Hausstand gegrndet werden, was
von Jahr zu Jahr _teurer_ wurde, so unerschwinglich teuer, da die
Frauen und Mdchen, die sich keinen Mann _kaufen_ konnten (durch ihre
Mitgift, ihren Erwerb, ihre Stellung), auch keinen oder nur sehr schwer
einen fanden. Viele von diesen hielt die Scham zurck, sich einem Manne
hinzugeben, selbst wenn man ihn liebte. Dadurch entstand ein seiner ihm
von der Natur gegebenen Bestimmung entzogenes Wesen, das man die alte
Jungfer nannte, und das merkwrdigerweise deshalb, weil es sich den
Gesetzen der Gesellschaft fgte, den leisen oder lauten Spott dieser
selben Gesellschaft erfuhr!! Hunderttausenden von Frauen[7] wurde es so
unmglich gemacht, zu Mttern zu werden. Dafr trugen die staatlich und
gesellschaftlich anerkannten Ehen viel dazu bei, den Kinderreichtum zu
vermehren, denn durch das gezwungene Zusammenbleiben wurde die Liebe
eine Sache der Gewohnheit, und die Gemeinschaft bestand ruhig auch
zwischen _nicht_ harmonierenden, einander gleichgiltigen, ja sich
hassenden und verachtenden Eheleuten aufrecht. Heutzutage haben unsere
Frauen den richtigen Instinkt. Sie frchten den Umgang mit Mnnern,
denen sie schon ein Kind geschenkt haben, whrend die Mdchen gerade den
bewhrten, reiferen Mnnern den Vorzug geben, ein Prinzip, das damals
schon fr richtig anerkannt wurde, aber nur -- in der Aufzucht der
Tiere. Die Aufzucht der Menschen aber, das hat _unser_ Jahrhundert, das
einundzwanzigste, glcklich erkannt, die Aufzucht der Menschen ist doch
ein gut Teil wichtiger noch. Und da es heutzutage _nicht_ als eine
Schmach gilt, Mutter zu werden, sondern als der grte Stolz, es zu
sein, besteht selbstverstndlich die grte Ambition unserer Frauen
darin, ein gesundes, schnes und begabtes Kind zu gebren. Daher
schwrmen unsere Mdchen weit hufiger fr Mnner, welche das dreiigste
Jahr berschritten haben, als fr jngere Elemente. Es war nun damals
schon erwiesen, da Kinder der Liebe im allgemeinen weit geweckter,
strker, krftiger und gesunder waren, als jene Kinder der Pflicht, die
eine Folge jener seltsamen Eheverhltnisse waren. Bei uns nun sind alle
Kinder Kinder der Liebe, selbst wenn -- was nur vereinzelt vorkommt --
_einem_ Paare mehr als _ein_ Kind entstammt. Denn welche Frau wrde ihr
Leben (und das tut sie bei jeder Geburt) fr einen Mann aufs Spiel
setzen, den sie nicht liebt? Keine. Aber nicht eine. Und darum sind
unsere Kinder so geweckt, so krftig, so durch und durch nur gesund, und
darum vervollkommnet sich unser Geschlecht von Tag zu Tag, ich mchte
sagen von Stunde zu Stunde. Freilich nicht darum allein. Auch die
Wissenschaft hat uns neue, wunderbare Krfte erschlossen, die auch
beigetragen haben, das Menschengeschlecht zu veredeln. Die Hauptsache
aber sind doch immer die Eltern. Vor allem die Mutter. Von _dem_
Augenblick an nun, da sie Mutter geworden, hrt sie auf, als solche
Pflichten zu haben und geniet nur deren Rechte. Da nmlich jedes Kind
das gleiche Anrecht hat, nach allen Errungenschaften der Wissenschaft
aufgezogen zu werden, es aber unmglich ist, diese Errungenschaften
jedem individuell zukommen zu lassen, so werden die Kinder der Mutter
abgenommen und mit Kinderwartung und Kinderpflege vertrauten Mttern
bergeben, die den entsprechenden, wundervoll eingerichteten
Kinderanstalten vorstehen, in denen die Entwicklung eines
Krankheitskeimes geradezu ausgeschlossen ist. Kinderkrankheiten,
Epidemien also, die in frheren Jahrhunderten und Jahrzehnten die Kinder
zu Millionen dahingerafft haben, sind ausgeschlossen, ebenso wie es
ausgeschlossen ist, da Kinder darben und an Nahrungslosigkeit oder
schlechter Nahrung zugrunde gehen. Es ist aber fr jedes Kind
gleicherweise gesorgt. Wohl aber ist es den Mttern erlaubt, ihre Kinder
zu bestimmten Stunden des Tages und zwar viermal tglich selber zu
nhren. Dadurch wird den Kinder die ihnen von der Natur zugedachte
Nahrung zugefhrt, gleichzeitig aber verhindert, da die Kinder schlecht
gewhnt oder berernhrt werden, was in frheren Zeiten sehr hufig der
Fall war, da auch jedes Schreien der Kinder durch die Muttermilch
gestillt wurde. Solch eine verstndnislose Ernhrung hat aber nicht
wenig dazu beigetragen, die Krankheits- und Sterblichkeitsziffer der
Kinder zu erhhen, oder aber die Erziehungsfhigkeit der Kinder zu
vermindern. Denn bei uns beginnt die Erziehung mit dem ersten Tag.
Dadurch nun, da die Erziehung nicht den Mttern berlassen bleibt, sind
auch die Gefahren vermieden, die in der mtterlichen Erziehung frher
oft lagen. Und diese Gefahren waren keine geringen, denn wenn _eine_
Liebe blind ist, so war es und ist es zum Teil noch heute die
mtterliche gewi. Wie jeder Mensch, jeder Knstler _das_ Werk, das er
selber geschaffen, fr das beste hlt, so hlt zweifellos jede Mutter
ihr Kind fr das beste und liebste und schnste, und die Schwachheit der
Mutter gegen dieses ihr Werk hat mehr Schaden geschaffen als Nutzen.
Sehr viele Knaben sowohl wie Mdchen haben sich jenem Kampf ums
Dasein, von dem wir heute glcklicherweise nur vom Hrensagen noch
wissen, der aber in den frheren Zeiten die Individuen frmlich
zerrieben hat, nicht gewachsen gezeigt, weil sie von ihren Mttern zu
Muttershnchen erzogen, in ihrem Charakter nicht gefestigt und in
ihrer Widerstandsfhigkeit lahmgelegt waren. Das ist ja nun anders. Der
Kampf ums Dasein hat dank der sozialen Einrichtungen, die unser
herrliches neues Jahrhundert eingefhrt und getroffen hat, aufgehrt zu
bestehen. Jeder, der lebt, hat als Teil der Gesamtheit auch Teil an der
Gesamtheit. Die Arbeit ist nicht zur bitteren Lebensnotwendigkeit,
sondern zur Lust und zur Freude geworden, und die Mtter nehmen an
dieser Freude teil, wie sie frher am Spiel ihrer Kinder teilgenommen
haben. Denn die Arbeit ist Spiel. Sie wird von Anfang an als Spiel nur
gelehrt, als Spiel nur gebt, und es gibt daher keine Unlust zur Arbeit,
zumal jedes Kind nur das arbeitet oder spielt, was es arbeiten will. Die
Haupterziehung richtet sich nun danach, des Kindes Wollen auf das nur zu
richten, was es auch erreichen kann, und was ihm durchzufhren mglich
ist. Dem Geiste des Kindes diese Richtung zu geben, ist nun vornehmlich
die Sache der Mtter, da sie ja durch die angeborene Intuition der
Mutter am ehesten imstande sind, die geheimsten Seelenregungen des
Kindes zu erkennen und seine Neigungen und Wnsche kennen zu lernen. Der
Hauptstolz der Mutter wird es nun sein, um _ihrem_ Kinde im Wettstreit
des Arbeitsspiels die Palme zuerkannt zu sehen, die Geistesrichtung
ihres Kindes zu erforschen und es auf dem eingeschlagenen Wege zu leiten
und zu bestrken. Die Mutter wird die vornehmste Beraterin, der Vater
der beste Freund seiner Kinder werden. Nicht nur seiner freilich,
sondern aller, hauptschlich aber doch der eigenen. Und die Liebe der
Kinder wird sich allen Mttern, allen Vtern, vor allem aber natrlich
den eigenen zuwenden. Diese Liebe wird aufgebaut sein auf dem groen
Gefhle der groen, echten, grenzenlosen Dankbarkeit. Der Dankbarkeit
fr das grte Geschenk, das einem zuteil werden kann, der Dankbarkeit
fr _das Leben_. Denn das Leben ist, was es heute ist, nichts als eine
Kette edelster Freuden, und es ist uns unfabar, da es in frheren
Zeiten fr die Menschen ein Kampf, fr alle ein Fluch war. Die
Geschichte von jenem groen, unglcklichen Mann, der nach schwerer,
grausamer Jugend, in einem Augenblick unerwarteten Glcks, von dem
ungeahnten Wonnegefhl bermannt, seiner Mutter um den Hals fiel und ihr
schluchzend und jubelnd zurief: Mutter, Mutter! ich verzeihe Dir, da
Du mir dieses Leben gabst, erschttert uns wie alles fr uns
unbegreifliche uns erschttert. Heutzutage aber ist das eine
Unmglichkeit. Heute ist es das berstrmende Dankgefhl, das uns
unseren Mttern gegenber niemals verlt. Und aus diesem Dankgefhl
wchst die groe Verehrung hervor, die sich fast zu einer Religion
verklrt hat, zur _Religion der Mutter_. In der Mutter hat die Natur ihr
hchstes Wunder vollbracht, und das Gef dieses Wunders ist fr uns
geheiligt. Natrlich fllt ein Abglanz von diesem Strahle auch auf die
Liebe, die nicht mehr in den Staub und Kot getreten wird, wie dies noch
im vergangenen Jahrhundert der Fall war, sondern die als die einzige von
der Natur gewollte, von der Natur geheiligte Wandlung zum hehren Berufe
der Frau, zum Berufe der Mutter aufgefat wird. Nie wagt sich daher
mehr, so wie einst, schmhliche Nachrede an ein Paar, das sich liebt,
nie heftet sich an dessen Sohlen Spott, Niedertracht und Verachtung,
denn jeder wei, da echte Liebe jederzeit rein ist, und da die Natur
sie will und verlangt. In unserem Jahrhundert gilt nur das, was die
Natur von uns fordert. Nur ihren Satzungen folgt man, denn die Natur ist
zum Gesetze der Menschheit geworden. Eine Zeit des Lichts ist
angebrochen in allem und jedem, eine Zeit glnzenden alles berflutenden
Lichts, in welchem am hellsten _eines_ erstrahlt, das Licht der
Mutterschaft und der Liebe.

[Funote 7: Das Mdchen gibt es zurzeit nach einem bestimmten Alter
nicht mehr.]




                   Alexander von Gleichen-Ruwurm.
                   Gedanken ber die Geselligkeit.


                   Gedanken ber die Geselligkeit.
                 Von Alexander von Gleichen-Ruwurm.

Die meisten Trumer und Verfasser utopischer Weltbilder verirrten sich
in einem Wald politischer Ideale und vertraten den Standpunkt, da
Staatsverfassungen, Gesetze, ffentliche Einrichtungen, den Kern des
Lebens ausmachten. Alle diese Dinge umgeben uns wie die Landschaft,
wirken wohl ab und zu auf die Stimmung, bilden einen Gesprchsstoff,
greifen aber in das eigentliche intime Dasein nur in auergewhnlichen
Fllen ein und dann meist auf unangenehme, strende Weise. Vielleicht
trgt gerade das strende Element dieser Eingriffe die Schuld, da bei
allen Zukunftstrumereien eine durchdringende Vernderung der
ffentlichen Verhltnisse hauptschlich ins Auge gefat war. Von Plato
bis Bellamy und Lawitz, der die Erdbewohner mit den Marsleuten in
Verbindung brachte, haben die Autoren soziale Mrchen erzhlt und die
Frage ausgeschaltet oder hchstens gestreift, ob sich seine anmutige
Geselligkeit in den neuen Zustand der Dinge einfgen knne.

Die groe und die schne Welt, wie nach franzsischem Beispiel die
Kreise genannt werden, in denen man sich unterhlt oder wenigstens
unterhalten soll, haben noch jeden Umsturz berdauert und tauchten immer
aus der Unordnung gewaltsamer Katastrophen empor, sobald nur ein wenig
Ruhe eintrat und ein bichen Ordnung Platz schaffte. Es ist merkwrdig,
wie gering die Einwirkung groer, historischer Ereignisse auf das
tgliche Leben und seine Sitten ist. Nur langsam ndern sie sich infolge
bahnbrechender Erfindungen, indem sich die Gesellschaft die Arbeit der
Gelehrten zunutze macht, sobald sich die Industrie ihrer bemchtigen
konnte. Die Leichtigkeit, mit der wir uns fortbewegen, die
Schnelligkeit, mit der fremde Gensse eingefhrt werden, die Billigkeit
angenehmer Dinge tragen viel bei zum Wechsel der moralischen
Anschauungen, unter denen die Geselligkeit seit alters steht.

Der harmlose Verkehr zwischen den beiden Geschlechtern ist der
Angelpunkt jeglicher Geselligkeit. Ob anmutiges Gesprch und sinnig
heiteres Spiel, ob der Tanz oder die Karten, ob schlielich ein Sport
diesen Verkehr beherrscht, entscheidet vorbergehende Mode. Der
Charakter unserer Entwicklung, der auf starker Individualisierung
beruht, lt dahin schlieen, da in einem Jahrhundert -- je nach
Geschmack der einzelnen Kreise -- die verschiedensten Unterhaltungen
nebeneinander ihr Recht behaupten und da die strengen Gesetze, die
heute eine sogenannte herrschende Koterie vorschreibt, bei steigender
Kultur an Bedeutung verlieren. Anmutig feine Geselligkeit, die aus
Memoiren und Briefen noch einen Abglanz auf sptere Zeiten wirft, war
immer selten und auf wenig Auserlesene beschrnkt. Da die Zahl dieser
Auserlesenen sich vermehrt, ist wnschenswert und wahrscheinlich, denn
ein Rundblick ber Literatur, Kunst und Kunstgewerbe zeigt eine
Sehnsucht nach heiter ausgefllter Mue, wie sie nur vornehm froher
Verkehr im Salon gewhren kann.

Aber unser allgemein anerkanntes Ntzlichkeitsprinzip -- hre ich sagen
-- widerspricht solch rosafarbenem Optimismus, der im Jahrhundert der
Arbeit einen Triumph der groen und der schnen Welt prophezeit. Und ein
gelehrter Freund erzhlt mir von Madachs berhmter Tragdie des
Menschen, deren Zukunftsbilder zu meiner leichten Plauderei in
schrfstem Widerspruch stehen. In dieser tiefen Dichtung ist ein Staat
entworfen, der das Prinzip absoluter, nchterner Ntzlichkeit endgltig
zum Sieg brachte. Alles ist durchaus sachlich und praktisch geordnet,
Phantasie, die gute Fee, die einst zu Spiel und Vergngen geleitete, hat
den Menschen verlassen und alles, was einst den Schnheitsdurst stillte,
gehrt zum vergessenen Plunder. Es ist mit Etiketten versehen, in einem
Museum gesammelt und wird den Kindern gezeigt. Alle Ueberflssigkeiten
des Lebens sind darin, die Erinnerungen an harmlosen Verkehr, auch die
letzte Rose, denn die ausgenutzte Erde hat keinen Platz mehr fr solches
Zeug. Diesem dstern Bild halte ich aber die schne Wirklichkeit
entgegen, in der die Blumen mehr Platz einnehmen denn je, und in der
vornehmer, geselliger Verkehr endlich bewut von den Gebildeten als
Kulturtrger anerkannt wird. Diese Anerkennung verbindet den modernen
Wunsch, die Gegenwart schn und die Zukunft noch schner zu gestalten
mit dem praktischen Gesichtspunkt, die Dinge in ihrem Gebrauchswert
entsprechend zu behandeln. Die Wichtigkeit des geselligen Lebens als
Bildungsmittel fr Geist und Gemt, als anregende Ruhezeit nach den
Stunden des Erwerbs steht allgemein fest. Aber seine Bedeutung in einer
Zeit, in der alle Anschauungen naturgem freier werden, wird meiner
Ansicht nach in einem Jahrhundert noch besser geschtzt sein als heute.
Denn nur der freiwillige Zwang, den edler Verkehr den Gebildeten
auferlegt, mildert die Sitten und schafft ein hohes Kulturbild, wie es
als Ideal den heutigen Aestheten vor Augen schwebt. Ideale werden aber
-- wenigstens zum Teil -- Selbstverstndlichkeiten der Zukunft. So ist
es mit der Gedankenfreiheit, mit der politischen Selbstbestimmung, mit
dem gleichen Recht fr alle gegangen. So wird es auch sein mit den
Trumereien von einem schnen Leben, zu denen vor allem anmutige
Geselligkeit zur Feierstunde gehrt.

Der kultursuchenden Gegenwart schweben die ^mondainen^ Verhltnisse
Englands als Beispiel vor Augen. Wir verehren darin die absolute
Sicherheit, mit der die klassische Mahlzeit, der richtige Anzug, die
bestimmte Art des Vergngens, Ort und Zeit entsprechend gewhlt werden.
In hundert Jahren hat wohl die ganze gebildete Welt jene Fehlgriffe
berwunden, die heute den eingefleischten Provinzler, den Parven, den
Snob bei grostdtischen Gelegenheiten so possierlich erscheinen lassen.
Man wird in den Regeln des Anstands und der feinen Sitte auch in Kreisen
Bescheid wissen, denen heute die geistige Bildung nicht mangelt, sondern
nur die gute Kinderstube. Also Uniformierung, keine Originalitt mehr,
stilgerecht durchgefhrte Langeweile! wirft mir eine lebhafte Gegnerin
ein. -- Wenn langweilige Menschen im Salon sind, gewi, aber ich glaube,
da es weniger langweilige Menschen geben wird, denn sie werden weniger
abgespannt, weniger mde, weniger nervs zusammenkommen und die
ausreichende Freiheit, die beiden Geschlechtern eine neue Weltanschauung
gewhrt in bezug auf Moral, Berufswahl und vielleicht Familienleben,
lt sie den ueren Zwang eines wohlgeregelten Salons um so angenehmer
empfinden. Die Geselligkeit wird blhen, weil dann gute Manieren so
selbstverstndlich sind wie frische Wsche und alle, die unter Menschen
gehen, sich geistig wie krperlich ein Festgewand anlegen.

Ob dieses Festgewand dem unseren gleicht? -- Wer zurckblttert in den
dicken Bnden der Kulturgeschichte wird eine verneinende Antwort
herauslesen. Mit den ueren Lebensbedingungen ndert sich der Witz und
das Gebiet, das den Unterhaltungsstoff liefert. Wer nicht durch
historische Studien belastet ist, lacht kaum ber die Witze unserer
Vorfahren und wrde schwerlich mit Vergngen an ihren Gesprchen
teilnehmen. Wir knnen es ebensowenig von den Nachkommen fr unsere
Bonmots und Interessen verlangen. Mit der geistigen Toilette ndert sich
aber auch die Tracht. Nach den Bestrebungen der Gegenwart zu schlieen,
wird sie immer bunter und prchtiger fr die Frau und drfte auch fr
den Mann geschmeidiger und farbiger werden. Da sich unter vernderten
Verhltnissen die Geselligkeit nicht mehr auf die Welt der Miggnger
vorzugsweise beschrnkt und deshalb auf die Abendstunden fallen wird,
kann sich der knftige Gesellschaftsanzug Farben und Stoffe erlauben,
wie sie ganz moderne Menschen heute vielleicht in khnen Augenblicken
trumen.

In einer Zeit, in der sich die Verkehrsbedingungen von Jahr zu Jahr
bedeutend verbessern, in der sich aber die Grundlagen eines eigenen
eleganten Haushalts jhrlich verschlechtern, tauchen neue Fragen auf fr
die Zukunft der Geselligkeit. Der Kommunismus, dessen rohe,
kulturzerstrende Elemente ngstlichen Gemtern meist allein bewut
sind, hat auch seine reiche, elegante Seite. Leute, die sich zu
unterhalten wissen, lieben es nicht, sich auerhalb ihres Berufs oder
sonstigen Interessenkreises zu plagen. Da nun allem Anschein nach nicht
nur der Mann sondern auch die Frau auerhalb des Haushalts in steigendem
Mae beschftigt sind, und da fremde Leute, das heit hauptschlich
Dienstboten, sich immer weniger zuverlssig erweisen, wchst das
Bestreben, die Brde der eigenen Wirtschaft abzuwerfen und im frohen,
komfortablen Kommunismus des vornehmen Hotels aufzugehen.

Die offiziellen Feste der groen Welt werden ihren Charakter auch in
hundert Jahren wenig gendert haben. Vertreter der unteren
Volksschichten erscheinen vielleicht zahlreicher als heute, aber ihre
Gegenwart wird noch weniger auffallen, da sie durch die steigende,
verallgemeinerte Kultur gelernt haben werden, sich den feinen Sitten
geselligen Verkehrs einzufgen, aber die kleinen, gemtlichen
Veranstaltungen der schnen Welt, in denen sich immer der lieblichste
Zauber menschlicher Zusammengehrigkeit zeigte, sind in hundert Jahren
wohl hauptschlich in jenen lichtdurchfluteten, geschmackvoll
eingerichteten Hotelrumen zu finden, in denen der neueste Komfort, die
eleganteste Mode, der Schein des grten Reichtums zu den
Selbstverstndlichkeiten gehren. Da knarrt kein Rdchen einer schlecht
gelten Haushaltungsmaschine und strt das Gesprch mit seinem Gerusch,
da schaut die Dame des Hauses nicht mehr ngstlich auf die Diener, ob
sie nichts vergessen und nichts zerbrechen. Die ganze Mhe ist auf
Bestellen und auf Zahlen beschrnkt. Ein Privathaus -- es sei denn, da
ihm vielfache Millionen den Glanz eines Frstenhofs verleihen -- wird
kaum in der Lage sein, den Anforderungen knftiger verwhnter
Generationen zu gengen. Wenn ein Teil der Gste im Luftschiff
heransaust und am Dachstuhl landet, ein anderer durch unterirdische
Bahnen herangefhrt aus dem Keller emporsteigt und einige altmodische
Leute vielleicht noch im Auto am Straentor anfahren, mu berall fr
Empfang gesorgt sein. Mit den Erfindungen, die man gebrauchen und
genieen mchte, aber beschrnkter Mittel wegen sich nicht dienstbar
machen kann, wchst auch fr den geselligen Kulturmenschen der Wunsch
nach Zusammenschlu. So wird der groe soziale Gedanke, der im
neunzehnten Jahrhundert gefahrdrohend auftauchte, auch der feinen Kultur
unterworfen, im geselligen Leben unserer Enkel und Urenkel gute Frchte
tragen.

Prophezeien ist zwar eine miliche Sache, weil man die Grundbedingungen
des gegenwrtigen Zustands nicht verlassen kann und ber die Grenzen des
menschlichen Geistes gar nicht Bescheid wei, aber ein gesunder
Rckblick auf die Vergangenheit ermglicht, die allgemeine Richtung
festzustellen. Ein kleines Buch ^l'an deux mille^, das anonym im
achtzehnten Jahrhundert erschien, enthlt manche ganz richtige Meinung,
indem es die groartige Entwicklung voraussah, die entdeckte und
bezhmte Naturkrfte spter hervorriefen. Damals herrschte das Vertrauen
auf eine allein seligmachende Wissenschaft. Heute hat der Wunsch nach
hchster Kultur sich mit der Sehnsucht vermhlt, durch Abwerfen falscher
Zivilisation mit der Natur wieder in innigere Verbindung zu kommen.
Diese erstrebte Harmonie ffnet gnstigen Ausblick auf das knftige
Weltbild.

So knnen wir hoffen, da schnere und gesndere Menschen im Salon der
Zukunft heiterer Mue pflegen. Doch sptere Zeiten gleichen fr uns
einem Spiegel, in dem nichts anderes erscheint, als die Erfllung der
eigenen Wnsche.




                       Jehan van der Straaten.
               Unterricht und Erziehung in 100 Jahren.


               Unterricht und Erziehung in 100 Jahren.
                     Von Jehan van der Straaten.

Es war einmal ein alter, weiser Mann, der war fast so alt wie die
Spitzen der Berge und noch lter. Und er war so weise und hatte eine
solche Macht, da ihm alle Feen, Gnomen, Elfen auf einen Wink
gehorchten, so verschieden sie auch in ihrer Art voneinander waren.

Aber mein Gott! Er war schon zu alt, da er keines jener Wesen mehr
verstand; kein Faun und kein Gnom konnte ihm mehr ein Lcheln abzwingen,
kein Kobold konnte ihn durch seine Streiche ergtzen, keine Fee, so
herrlich und schn sie auch war, konnte ihm noch gefallen, er war schon
zu alt, und das war sehr schlimm, um so schlimmer, als er sich manchmal
doch wnschte, er knne diese Wesen wieder verstehen. Und so dachte er
sich, er wrde das Verstndnis fr sie wieder finden, wenn er sie durch
die Augen des Kindes betrachten wrde, und er sagte zu einem der Kinder:
O, Du liebes, junges Kind, la mich doch durch Deine Augen sehen. Und
das liebe, junge Kind sagte: Warum nicht? Und da versuchte der alte
weise Mann durch die Augen des lieben, jungen Kindes zu sehen, aber er
vermochte es nicht, denn ihm fehlte das Verstndnis fr die Seele des
Kindes, durch das dieses mehr sieht als durch sein leibliches Auge. Und
er verstand die Spe der Kobolde und Gnomen und die Schnheit der Fee
und all der phantastischen Gestalten weniger als je, und da wurde er
totbleich und seine Lippen zitterten und seine Hnde auch und er sagte:
Meine Zeit ist um, jetzt bist Du an der Reihe! Und das liebe, junge
Kind war glcklich und selig, als wre ihm ein Stein vom Herzen
gefallen.

                   *       *       *       *       *

Es war nicht leicht mglich, besser und eindringlicher als dies _James
Arthur Colton_ in den wenigen Zeilen tat, die ich meinen Ausfhrungen
voranschickte, die unglaubliche Verstndnislosigkeit zu schildern, mit
der unsere Lehrer -- nein, unsere Unterrichts- und Erziehungsmethoden,
den Kindern gegenberstehen, die sie zu Mnnern zu machen berufen sind.
In der Zwangsjacke der sogenannten Erziehung verkmmert heutzutage jede
Bewegungsfreudigkeit des kindlichen Geistes, die Phantasie, die das
herrliche Prrogativ der Jugend ist, wird unterbunden, und sie darf um
Gotteswillen ihre Flgel nicht regen, der Gedanke, der hinausschweifen
mchte, Gott wei in die Ferne und alles erfassen, was ihn wie ein
Mysterium umgibt, wird an die kalten, starren Buchstaben gefesselt, in
dessen Geiste die ganze Erziehung vor sich geht. Statt da der Lehrer
die Kinder versteht, verlangt man, die Kinder sollen den Lehrer
verstehen, und das allein charakterisiert das ganze Absurde unserer
Unterrichtsmethoden und unseres Erziehungssystems. Es ist kein Zufall,
da gerade die grten Mnner meistens die schlechtesten Schler waren,
d. h. _die_ Schler, die sich durch ihren geringeren Flei, ihre grere
Unruhe und Lebhaftigkeit, also durch ihr schlechtes Betragen und ihre
Unaufmerksamkeit ausgezeichnet haben, wobei allerdings die Lehrer stets
die gleichzeitig sich zeigende schnelle Denkfhigkeit und das rasche
Erfassen bersehen haben. Gerade alle die gergten Mngel aber sind oft
-- natrlich nicht immer -- aus dieser groen geistigen Regsamkeit der
Kinder zu erklren. Es ist nicht Sache des lebendigen Geistes, ber
einem Buche zu hocken; nicht Sache des Temperaments (und Temperament und
Geist sind im Kinde fast ein und dasselbe) stundenlang auf einem Flecke
zu hocken; es ist nicht seine Sache, immer nur auf die eine Seite des
einen Buches die Blicke zu heften, wo sie hinaus schweifen knnen,
hinaus, wo es des Schnen und Rtselhaften und Wissenswerten so viel
gibt, nein, nein, das Kind will und mu aus sich selbst heraus, es mu
aufatmen knnen nach Herzenslust und will mit der eigenen Lunge atmen,
und sich nicht die Luft einblasen lassen, die es einatmen will und
einatmen darf, damit es nur ja nicht Schaden nehme an Leib und an Seele.
Glcklicherweise bricht sich die Erkenntnis von der Verkehrtheit unserer
Erziehungsmaximen immer mehr Bahn, und die Zeit ist wohl nicht mehr
fern, in der das ganze Jammergebude, das wir _Schule_ nennen, in sich
zusammenstrzt und auf dessen Trmmern der Tempel der Vernunft glorreich
ersteht. Es wird dazu keiner Revolution bedrfen, sondern die Sache wird
sich ganz von selber ergeben.

Wir Menschen werden nmlich allmhlich beginnen, uns daran zu erinnern,
da uns selber Krfte innewohnen, die in den meisten von uns vllig
latent liegen blieben, und von deren Vorhandensein wir gar keine Ahnung
haben, ja, deren Bestehen wir bei anderen heut noch als etwas nahezu
Uebernatrliches empfinden. Auerdem werden sich in uns selber jene
Wunder vollziehen, die wir tagtglich in der Wissenschaft vor sich gehen
sehen. So wie es ganz zweifellos ist, da wir die Welt und deren Farben
heutzutage ganz anders sehen als die Menschen vor tausenden,
zehntausenden und hunderttausend Jahren sie gesehen haben, so wie unser
Auge erst vor Jahrzehnten vorerst in der Kunst und darauf in der Natur
die violetten Strahlen fr sich entdeckt hat, so ist es gar kein
Zweifel, da ber kurz oder lang auch die X- und anderen Strahlen fr
uns sichtbar sein werden, und es uns gegeben sein wird, mit unseren
Blicken auch die Materie zu durchdringen. Mglich, da wir uns dazu noch
besonderer optischer Vorrichtungen werden bedienen mssen, wie wir ja
auch jetzt unser schlechtes oder falsches Sehen mit Brillen korrigieren;
mglich, oder vielmehr sehr wahrscheinlich, da unser Auge allein die
neuen Fhigkeiten sich aneignen wird. Aber nicht nur unser physisches
Auge wird sich in der angedeuteten Richtung wesentlich schrfen und
vervollkommnen, sondern unser geistiges auch. Es ist ein alter tiefer
Bauernglaube, da bei der Geburt die Kinder alles Wissen dieser Welt
besitzen. Bevor sie aber so gut sprechen gelernt haben, da sie's uns
mitteilen knnten, haben sie's auch wieder vergessen. So naiv diese
Ansicht ist, so ist doch eine tiefe Wahrheit darin verborgen. Wir lernen
das verhltnismig Geringe, um das Groe, Gewaltige, uns Innewohnende
zu -- vergessen. Wir lernen und werden erzogen, um eingeschrnkt zu
werden in unseren Krften. Unsere Sinne verlieren ihre Schrfe, ja
selbst unsere Gliedmaen lernen wir nur einseitig gebrauchen. Der
hervorragende Sprsinn, mit dem der Mensch begabt ist, geht in der
Kultur vollstndig unter, die Witterung geht uns verloren, der gesunde
Blick schwindet, Kurzsichtigkeit nimmt berhand, der Tastsinn, dessen
Feinfhligkeit die Blinden wiedergewinnen, ist abgestumpft, das Gehr
ist durch das Eindringen von tausenderlei von Geruschen, fr die feinen
Schwingungen nicht mehr empfnglich. Und ist dies alles mit unseren
groben Sinnen der Fall, die frmlich gewaltsam zum Verkmmern gebracht
werden, so tritt das bei unseren feinen und feinsten Sinnen erst recht
in die Erscheinung, so zwar, -- da ihr Bestehen geradezu geleugnet
wird. Gerade im Kinde sind aber die Schwingungen der Seele ganz
auerordentliche, und wehe dem Kinde, dessen Schwingungen keine Resonanz
finden. Nun ist aber das Trostlose an der Sache, da diese Resonanz sehr
schwer zu finden ist. So schwer, da man dreist behaupten kann, da
unter den Millionen von Kindern nicht eines das richtige Verstndnis
findet, nicht eines _den_ Anschlu an das Leben, den es in seiner
Seele sucht. Das Kind fhlt sich infolgedessen jenes trostlosen Gefhles
voll, das im Unverstandenwerden liegt und rckt -- wenn es es selbst
bleibt --, auch immer mehr vom Verstehen der anderen ab. Andere wieder,
und es ist dies die gewaltige Masse der Kinder, tauchen in der
verdammten Alltglichkeit unter, in der auch die meisten von uns leben
und ber die sie sich nicht mehr erheben knnen. Diese Alltglichkeit
wurde dadurch zur Norm. Unter der Norm sind alle die Wesen, die -- durch
Vererbung, Krankheit, Entbehrung, Mihandlung idiotisch sind oder
werden. Ueber der Norm, d. h. also ganz ebenso anormal sind die Genies
oder -- die Narren. Und kein Mensch wei oder ahnt es, da gerade der
allumfassende, schaffende und schpfende Geist, da gerade das Genie das
Normale ist. _Jedes Kind kommt_ (von krankhafter Degeneration abgesehen)
_als Genie auf die Welt_. Es gilt nicht einmal, den Genius zu erwecken;
er ist wach; er strebt mit allen Krften danach, sich zu offenbaren und
wird -- gettet. Das Kind wird zum Menschen (!) erzogen. Zum
Alltagsmenschen ohne Schwung, ohne Energie, ohne eigene Initiative.
Schon unsere Erziehung im Hause legt das Fundament dazu, und die Schule
gibt dem Genie dann den Gnadensto. . . . Nehmen wir, um den Vorgang zu
illustrieren, Zuflucht zu einem Bilde aus unserer genialsten, modernsten
Wissenschaft. Drahtlose Telegraphie. Vom Transmitter geht, von den
Herzschen Wellen getragen, eine Botschaft aus und sucht den auf ihn, auf
seine Schwingungen gestimmten Reciver. Findet sie ihn, so wird die
Botschaft gehrt, sie hat ihren Zweck erfllt, und neue Botschaft geht
herber und hinber.

Der Verkehr ist angebahnt, das Verstndnis ist geschaffen. Nehmen wir
aber an, der Reciver arbeitet nicht; die Botschaft umkreist, umflutet,
umzittert und umschwingt die ganze Welt; nirgends aber wird sie gehrt,
nirgends erfat, und immer neue und neue Kunde entzittert dem gebenden
Apparat, der nach dem Widerhall sucht. Vergebens. Endlich erlahmt die
Lust, die Kraft, das Mhen und Suchen. Resigniert wird der Apparat
abgebrochen, oder er verrostet und versagt, es sei denn, man habe ihn
auf ein anderes Schwingungsniveau gestellt und habe, den eigenen
Schwingungen entsagend, ihn auf _die_ Schwingungen eingestellt, fr die
die Reciver massenhaft da sind. Das Bild ist klar. Und es ist gut. Denn
unsere Seele ist im Grunde nichts als der feinste, auf die feinsten
Schwingungen eingestellte Apparat. Und es kommt die Zeit, das ist ganz
unzweifelhaft, in der wir fr die Feinfhligkeit dieses Apparates wieder
das Verstndnis erhalten. Wo uns die Feinmechanik der Seele kein
verschlossenes Rtsel mehr sein wird, sondern auf die volle Entfaltung
der Seele und somit des Geistes das Hauptgewicht gelegt werden wird. Wir
stehen heute noch vor dem Gedankenlesen als vor etwas Fremdem. Und doch
waren wir in unserer Kindheit alle Gedankenleser. Wer hat jemals ein
Kind oder besser noch eine Reihe von Kindern beim Mrchenerzhlen
betrachtet! Wie hngen sie an den Lippen des Erzhlers, wie lesen sie
frmlich von seinen Lippen die Worte ab. Wie leben sie auf in der
Gedankenwelt, die sich ihnen da erffnet und die sie als die ihre
erkennen. Denn -- das Reich der Phantasie ist die Domne, in der das
Kind unumschrnkt herrscht. Die Grenzen dieser Phantasie kennen zu
lernen, wird das erste Ziel der zuknftigen Erziehung sein, nicht aber
ihr Grenzen zu stecken. Denn je grer die Phantasie, desto grer die
damit Hand in Hand gehende Aufnahmefhigkeit des Geistes. Die Phantasie
allein vermag die Eindrcke, die der Geist aufnimmt, selbstndig zu
verarbeiten und sie zu neuen Formen umzugestalten. Der Lehrer wird also
in den Geist der Kinder eindringen mssen, er wird ihre Seelenregungen
und Seelenschwingungen alle erfassen mssen und wird erkennen mssen,
wieviel Eindrcke, d. h. wieviel Wissen, Kenntnisse und Erkenntnisse
er _dieser_ Seele zur Nahrung geben darf. Wie viele und welche. Denn wie
nicht jedem Magen dieselbe Nahrung zutrglich ist, so um so weniger
jedem Geiste. Die Erziehung wird also weit frher beginnen mssen als
jetzt. Sozusagen vom ersten Lebenstage an, und der Lehrer wird kein
solcher, sondern ein Lernender sein. Er wird _das_ ihm anvertraute Kind
und wird _von_ diesem lernen mssen. Er wird jede seiner
Seelenvibrationen erfahren mssen und wird erkennen mssen, welchem
anderen Lehrer die einzelnen Kinder zur geistigen Weiterentwicklung am
passendsten berantwortet werden mssen, um den Schatz von
Geistesenergie, der in dem Kinde liegt, nutzbar zu verwerten. Denn nicht
jeder Lehrer wird fr alle Schwingungen gleich empfnglich sein, und es
wird Abstufungen geben, die den Seelenabstufungen der zu Entwickelnden
entsprechen werden. Auf diesem Seelenverstndnis allein wird das ganze
Wesen des Unterrichts und der Erziehung beruhen. Das Wissen des Lehrers
wird einfach auf das Kind bergehen und diesem nie _mehr_ zugemutet
werden knnen, als es zu erfassen, zu verarbeiten und sich als dauernden
geistigen Besitz zu erwerben vermag. Er werden Gesprche sein, ein
Gedankenaustausch, weiter nichts, und es wird sehr oft die Frage sein,
wer der Lernende sein wird, ob der Lehrer oder -- das Kind. In
weitestgehender Weise wird den verschiedenen Geistes- und
Seelenrichtungen Folge gegeben werden. Jede Veranlagung wird als solche
erkannt, keiner Gewalt angetan werden; der Unterricht wird _ein Werk der
Befreiung_ sein, der Befreiung von allen Fesseln des Geistes, in die er
jetzt gleich einem Fronsklaven geschlagen wird. Dadurch aber wird die
_eine_ groe Energie zur ungeahnten Erstarkung gelangen: der _Wille_ und
dieser Wille wird Wunder vollbringen. Wunder, die aufhren werden,
Wunder zu sein, denn sie werden zu Selbstverstndlichkeiten geworden
sein. Keinem, der _so_ erzogen, so unterrichtet worden ist, wird auch
nur _ein_ Gedanke, der in seinem Fhigkeitsradius liegt, fremd sein. Und
jeder andere Gedanke wird -- in diesem von seiner eigenen Psyche
abgegrenzten Kreise -- klar und offen wie ein Buch vor ihm liegen. Es
wird kein Miverstehen mehr geben und darum keine Zweifel und Kmpfe der
Seele. Das bedrckende Gefhl der eigenen Unzulnglichkeit wird
aufgehrt haben und alle die Genies, die heute zugrunde gehen oder auf
ihrer Seele fremden Gebieten Mittelmigkeiten werden und geworden sind,
werden das Groe, das Aufbauende leisten knnen, das zu schaffen sie von
ihrer Neigung und von ihren Fhigkeiten gedrngt werden. Von berall her
wird der Geist neue Nahrung aufsaugen; kein Eindruck wird verloren
gehen, denn er wird sich einprgen mit der suggestiven Gewalt des
freiwillig Gewollten. Und wir wissen es alle: nur was man gern lernt,
ist wirklich gelernt. Nur das trgt dauernde Frucht und prgt sich uns
ein. Das eiserne Mu, das in unsern Schulen herrscht, hat aber zur
traurigen Folge, da wir das, was wir in der Schule lernen, im groen
und ganzen nur lernen, um es zu vergessen, nicht um es zu wissen.
Angeblich -- und ein deutscher Gelehrter hat es besttigt -- wird ein
Dutzend Kinder jetzt schon -- und seit Jahrhunderten schon so erzogen,
wie ich es oben in kurzen Zgen angedeutet habe: die Kinder, aus denen
der Dalai-Lama hervorgeht und die hohen Priester des Badhisatra und in
denen sich die Seele dieser immer wieder regeneriert. Und tatschlich
ist es ja die eigene Seele der Lehrer, die mit auf die unberhrte der
Kinder berstrmt mit all ihrem Wissen, all ihrem Empfinden, all ihrem
Vermgen und die die Schtze der eigenen Erfahrung auf sie ebenso mit
bertrgt, wie das auf sie selbst bergegangene ihrer eigenen Vorgnger.
Und so ist es denn gar nicht unglaubhaft, wenn der oben erwhnte
Gelehrte -- Prof. Dr. Rosenfeld -- erklrt: im Angesichte des Dalai
Lama (der damals, als er ihn sah, ein krnklich aussehender Knabe von
dreizehn Jahren war) falle jede Verkleidung der Seele, jede Verhllung
der Gedanken von selber und diesem Kind gegenber seien alle Worte
vergebens, denn ehe sie sich noch geformt, gebe _er_ schon Antwort auf
jenen Gedanken, dem sie bestimmt waren, Ausdruck zu geben. Es ist eben
die hchste Konzentration der Seele und des Geistes vorhanden und beide
sind fr alle Schwingungen empfnglich, die auf sie zustrmen. Da wir
ein hnliches Resultat durch all die in uns verborgen liegenden aber zum
Durchbruch drngenden, jahrtausendelang gewaltsam in uns
zurckgedrngten Krfte erreichen mssen, ist klar, und da die
Schulmauern fallen werden und statt der Zwingburgen des Geistes freie
blumige Auen erstehen werden, auf der sich an der Hand und der Seite des
Lehrers die Seele des Kindes ergehen und den Kraft- und Schnheitstrank
der Natur in sich einziehen wird, das ist gewi. Und sehr, sehr fraglich
ist es, ob es noch hundert Jahre dauern wird, ehe wir es erreichen, denn
auf den Aetherwellen, die uns umstrmen, zieht es einher, das neue
tausendjhrige Reich, das Reich des Kindes, der Menschheit.




                           Bjrn Bjrnson.
                     Die Religion in 100 Jahren.


                     Die Religion in 100 Jahren.
                         Von Bjrn Bjrnson.

Seine Religion hat jeder, auch der, der sie leugnet. Denn die Religion
ist das Ideal und jedes Ideal kann zur Religion werden. Also auch ihr
Leugnen. Und wir sehen tatschlich, da dem Atheismus Propheten
entstehen, und da Jnger sich um sie scharen, die nachbeten, was diese
verknden, und da diese verknden, was sie wissen und auch das, was sie
nicht wissen so, als wten sie es. Denn im Grunde ist der Quell aller
Religion nur unser Nicht-Wissen. Denn wten wir, brauchten wir nicht zu
glauben. Wer aber grbelt ber das, was er nicht begreift, nur um nicht
glauben zu mssen, sondern um endlich zu _wissen_, der schafft sich
selbst eine Religion, selbst wenn er nur darum grbelt, um sie zu
zerstren. Er denkt eben dem Weltwunder nach und kommt zu dem Punkt, wo
er nicht mehr wei. Nicht wissen kann.

Und an diesem Punkte beginnt -- die Religion.

Fr ihn.

Und er baut sich um diesen Punkt eine Welt auf und zieht andere mit in
diese hinein, und ist diese Welt, die er sich erbaut hat, nicht auf
totem Wissensvorrat allein aufgebaut, und hat nicht blo der Verstand
sondern auch der Geist, das Herz, das Verstndnis mitgebaut an diesem
Baue, so da auch andere, da Viele, da eine Menge sich daran erfreuen
und sich darin wohl fhlen knnen, dann wird er der Schpfer einer
Religion, die um so mehr Jnger zhlen wird, je mehr sie auf _den_ Ton
gestimmt ist, der den Hoffnungen, der Sehnsucht ihrer Seele entspricht.
Denn das groe Sehnen liegt ja in jedem. Das Sehnen nach dem, was einem
hier nicht geboten.

Nicht hier?

Also wo?

Und diese Frage, auf die man sich Antwort gibt oder geben lt, ist der
Kern aller Religionen.

Wie einem Kinde, das die Mhsal der Arbeit ertrgt und spielend
bewltigt, weil ihm nach ihr eine Freude versprochen ist, so mu dem
Menschen ein Lohn, eine Freude versprochen werden, soll er das Leben
ertragen. Denn jedes Leben mu einen Zweck haben. Es hat ihn, aber man
mu ihn auch erkennen. Und da man ihn hufig beim besten Willen nicht zu
erkennen vermag, so mu man sich selber einen schaffen.

Einen Zweck fr sich.

Den Zweck, der erklrt: warum arbeite ich, warum schufte ich, warum
leide ich? Und der die Erklrung gibt, da ein _groer_ Preis winkt, der
_dieses_ Lebens und noch grerer Drangsale und Qualen wert ist.

Ein Preis, der uns fr alles belohnt.

Wann?

Und in diesem Wann liegt der Wesenszweck aller Religionen. Durch die
Antwort darauf werden sie -- einerlei wie sie auch heien -- zum groen
Troste der Menschheit. Und zum vollen Menschentume gehrt solch ein
Trost, der nicht alle Hoffnung, nicht alle Poesie, nicht alle Initiative
vernichtet.

Die Poesie! Die ist es. _Die_ braucht man.

Man braucht nicht die nackten Wnde des Lebens. Sie mssen auch ein
klein wenig geschmckt sein. Und _die_ Religion, die durch solchen
Schmuck, durch solches Beiwerk am meisten erfreut, zu der werden auch
die meisten sich drngen. Die Phantasie, auf der ja alle Religionen mit
aufgebaut sind, will auch ihr Recht haben. Sie will angeregt sein,
belebt, befruchtet.

Mrchen?! mag sein.

Aber nehmt einmal einem Kind seine Mrchen und ihr zerstrt eine ganze
Welt in ihm. Und erzhlt _ihr_ ihm keine, dann schafft es sie sich ja
selber.

Dem Soldaten aus totem Blei haucht es mit dem Hauche seiner Phantasie
das Leben ein.

Der Schu, der aus dem kleinen Kannchen abgefeuert wird, knallt,
blitzt, donnert und streckt ganze Kolonnen von Soldaten nieder, die oft
nur aus _einem_ Bleisoldaten bestehen.

_Sagt_ das dem Kinde, und ihr nehmt sein alles. Sagt es der Menschheit,
da es keinen _Gott_, keine Religion, keinen Lohn nach dem Tode mehr
gibt, und ihr nehmt ihr ihr alles.

Ihr glaubt nicht daran? Ihr wollt den wunderbaren, den Wunderglauben
zerstren? Warum? Weil es doch keine Wunder gibt?

Wirklich?

Ein Samenkorn, das zu einem riesigen, mchtigen Baume wird, ist das kein
Wunder? Ein Ei, das zu einem laufenden, krhenden Hahne wird, ist das
kein greres Wunder als in dem Mrchen des Kindes der Br, der zu einem
Prinzen, und die Gans, die zu einer Prinzessin geworden?

Gebt dem Kind _dieses Mrchen_ oder seine, das ist einerlei, aber gebt
es ihm so, wie ihm das Mrchen gegeben wird, so, da es in dem toten Ei
schon den lebendigen Hahn zu sehen vermag.

Das Wunder -- das ist das Leben.

Das Wunder -- das ist die Religion.

Nehmt dem Menschen das Wunder, und ihr treibt ihn dem Tod, der
Verzweiflung, dem Wahnsinn entgegen.

Nun sind gar viele Religionen geschaffen und auf das Wunder aufgebaut.
Luftig, hell, voll Sonne und Licht. Dann aber kamen die, die dieses
Gebude verschlieen wollten. Abschlieen vor allen denen, die in einem
anderen Hause wohnten, einem Hause, das anders geartet war als das ihre,
obwohl es auf denselben Wundern aufgebaut war und demselben Zwecke
diente: _denen_ Zuflucht zu gewhren, die Zuflucht brauchten. Und sie
bauten Mauern um das luftige Gebude gttlicher Phantasie; starre,
einengende, zwingende Mauern, und nahmen also dem Glauben die Freiheit.
Aber -- sie schmckten wenigstens die Mauern mit Flittern und Bildern
und bauten Nieschen hinein, in denen sich jeder noch _das_ Bild
hineinstellen konnte, das seinem Herzen am nchsten war und zndeten
Kerzen und brennende Lampen an, die ein mystisches Dunkel ganz schwach
nur erhellten, und fllten den Raum mit Myrrhendften und Weihrauch, mit
heiligem Singen und heiligem Klingen, und suchten so auf die Seelen und
die Gemter zu wirken und ihnen die Empfindung zu nehmen, als seien sie
in diesem herrlich erhebenden Raume nicht frei.

Doch da waren andere, die fhlten die Mauern trotz alledem und fhlten
den Zwang und wollten die Mauern durchbrechen. Und andere, denen die
Mauern die Hauptsache waren, und die den Schmuck von den Wnden rissen,
den Schmuck und die Bilder, und die dann hingingen, sich selber ein Haus
zu bauen, das nach ihrem Sinn war, ganz ohne Schmuck und ganz ohne
Nieschen, nur aus kahlen Wnden bestehend. Und andere, die sich sagten:
was brauche ich ein Haus? Ich trage mein Elend auch ohne.

Keiner aber wollte des andern Haus gelten lassen, und hielt es fr ein
Pechhaus. _Und war doch auf demselben Boden des Wunders aufgebaut wie
das seine_ . . . .

Wird es so bleiben?

Nein.

Stein auf Stein werden die starren, die Freiheit des Glaubens beengenden
Mauern auch wieder fallen. Sie verwittern und zerbrckeln fr den, der
zu sehen wei, ja schon jetzt, und in luftiger Schne wird jedes
Wundergebein wieder erstehen. Vom selben Himmel umwlkt, von derselben
Sonne erhellt, vom selben Lichte erfllt, von derselben Luft in all
ihrer Reinheit durchhaucht. Und die Linien der Huser werden ineinander
verschwimmen, so wie bei der ^fata morgana^ _ein_ Haus in das andere
verschwimmt, so da man nicht wei, wo das eine aufhrt und das andere
beginnt, und man wird auch hier nicht mehr wissen, welches ist _dieses_
und welches ist jenes. _Ein_ Haus wird es sein, das alle umfat, und in
ihm wird jeder sein Winkelchen finden, wie es seiner Seele behagt,
seinen Winkel oder seinen groen unendlichen Raum, ganz wie er's
braucht. _Er_, und jene, die so fhlen wie er. Und nicht einer wird
verlangen: fhle, denke, glaube so wie ich, denn eines wird ihren
Glauben ja dennoch vereinen, wird diesen Glauben zu einem einzigen
machen: Das Wunder! und in Jedes Glauben wird man dieses Wunder erkennen
und es wird das groe, mchtige, unzerreibare Band sein, das alle
umschlingt. Das wird die Religion sein; die Religion der Zukunft.




                            Ed. Bernstein.
                   Das soziale Leben in 100 Jahren.
      Was knnen wir von der Zukunft des sozialen Lebens wissen?


                   Das soziale Leben in 100 Jahren.
      Was knnen wir von der Zukunft des sozialen Lebens wissen?
                            Ed. Bernstein.


              1. Wovon die soziale Entwicklung abhngt.

Was wir soziales Leben nennen, ist eine Summe gegenseitiger Beziehungen
und Verhaltungsarten der Menschen eines bestimmten Kulturkreises. Diese
Beziehungen selbst sind das Resultat einer Summe verschiedenartiger
Krfte materieller und geistiger Natur, die teils frdernd und teils
hemmend auf einander einwirken und sich so strker oder schwcher
gegenseitig beeinflussen. Die Entwicklung der wenigsten dieser Krfte
lt sich mit annhernder Sicherheit vorausbestimmen. Bei jeder, ob es
die Technik, diese Grundlage aller hervorbringenden und formgebenden
Arbeit, oder auch nur ein einzelner Zweig der menschlichen Arbeit, ob es
die wirtschaftliche Gliederung oder die politische Verfassung, ob es das
geschriebene Recht oder die ungeschriebene Sitte, ob es das sthetische
Empfinden oder was immer sonst sei, stets wird die Linie, die wir
spekulativ vorausschauend in die Zukunft hinaus zu ziehen versuchen,
selbst fr den sachkundigsten Fachmann mit der zunehmenden Entfernung
immer unsicherer. Wo zuerst _Wahrscheinlichkeiten_ formuliert werden
konnten, reicht das wissenschaftliche Voraussehen spter nur noch fr
die _Mglichkeiten_ aus, um noch spter sich mit bloen
_Denkbarkeiten_ begngen zu mssen, und schlielich kommt stets ein
Punkt, wo es, mit unseres groen Dichters Wort ber die Gre der Welt,
selbst fr die menschlichen Dinge auf dieser kleinen Erde heit:

   Khne Seglerin, Phantasie,
   Wirf ein mutloses Anker hie.

Immerhin ist der Fachmann eines Spezialgebiets in dieser Hinsicht besser
daran, als der Vertreter des zusammenfassenden Wissensgebiets, das wir
_Gesellschaftslehre_ -- fremdsprachlich Soziologie -- nennen. Weil auf
das gesellschaftliche Leben _alle_ Krfte der Umwelt und Innenwelt des
Menschen einwirken, wird das Resultat, sobald die einzelnen Faktoren
unsicherer werden, in bedeutend hherem Grade unsicher. Wenn von zwei
Krften jede auch nur _einer_ Abweichung fhig ist, sind schon vier
verschiedene Kombinationen aus ihnen mglich, tritt eine dritte Kraft
gleicher Art, d. h. ebenfalls mit einer Abweichungsmglichkeit begabt,
hinzu, so werden es acht verschiedene Kombinationen, und wenn jede der
drei Krfte zwei Abweichungsmglichkeiten hat, werden es 27,
und so wchst mit jeder weiteren Kraft und den weiteren
Abweichungsmglichkeiten, die in Betracht kommen, die Zahl der denkbaren
Verbindungen in immer schnellerer Steigerung zu schwindelerregender Hhe
empor. Wie soll da die Schilderung der sozialen Welt in hundert Jahren
mehr sein, als ein von der Geistesrichtung des Schriftstellers
bestimmtes, also mehr oder weniger _willkrliches_ Raten?

In der Tat wird denn auch die Sozialwissenschaft immer vorsichtiger in
ihren Zukunftsbetrachtungen. Solange die Technik nur langsam
Fortschritte machte, waren die Menschen viel mehr geneigt, soziale
Zukunftsbilder zu verfassen, als heute. Als dann zu Beginn des
Zeitalters der groen Erfindungen die Menschheit sich vor unabsehbaren
Vernderungen ihrer Lebensbedingungen erblickte, stieg zunchst die Lust
an Spekulationen ber die kommenden Gesellschaftsformen, und es entstand
die khnste aller Zukunftstheorien, des genialen Franzosen Charles
_Fourier_ Werk von den vier Bewegungen. Aber von da ab weicht die
soziale Spekulation schrittweise zurck, das gesellschaftliche
Zukunftsbild gert als Utopie in Mikredit, an ihre Stelle tritt die
nach Entwicklungs_gesetzen_ forschende Sozialwissenschaft und die
Auffassung von der Gesellschaft als eines in seiner Entwicklung aller
Willkr spottenden _organischen_ Wesens. Zwar ist unter anderen das von
Karl _Marx_ aufgestellte Lehrgebude ein Beispiel dafr, da die
organische Gesellschaftslehre auch revolutionr aufgefat werden kann.
Aber den Zukunftsprojektionen gegenber, welche die spekulative
Phantasie zu entwerfen imstande ist, erscheint sie doch selbst in dieser
Form noch als konservativ.

Und ebenso der technologischen Spekulation gegenber, wie sie uns heute
in allerhand Zukunftsgemlden phantasiebegabter Schriftsteller
entgegentritt, die sich mehr oder weniger mit den technischen
Wissenschaften beschftigt haben. Diese Wissenschaften, deren Grundlage
rein _physikalische_ Beziehungen sind, bieten der Phantasie auch ein
dankbares Feld, denn fr sie kommen nur die Gesetze der _Mechanik_ in
Betracht, die uns verhltnismig einfache Aufgaben stellen, fr sie
handelt es sich um die Hantierung mit _toter Materie_. Die _soziale_
Betrachtung aber hat neben den Gesetzen der Mechanik die Gesetze der
_Lebensbedingungen_ und _Lebensformen_ zu beachten, von den einfachsten
Bedingungen und Wirkungen _pflanzlichen_ und tierischen Lebens bis zu
den materiellen und geistigen Bedrfnissen des hchstentwickelten
Lebewesens unseres Planeten, als das wir den _Menschen_ erkannt haben.
Der Mensch ist allen Lebewesen berlegen, weil die hheren Organe bei
ihm zum vielseitigsten Gebrauch entwickelt sind. Diese Vielseitigkeit
macht ihn zum freiesten Wesen in der Natur, aber sie befreit ihn nicht
von der Natur, weder von der Gebundenheit an die ihn umgebende Welt,
noch von den Gesetzen seiner eigenen Natur, wie sie in einer nach
Hunderttausenden von Jahren rechnenden Entwicklung sich herausgebildet
hat. Seine Intelligenz, seine Fhigkeit, sich Obdach, Bedeckung und
Nahrung in der ihm passendsten Form zuzubereiten und die dazu ntigen
Pflanzen und Tiere selbst zu zchten, machen ihn anpassungsfhiger, als
es selbst die anpassungsfhigsten Tiere sind, aber sie knnen seinen
Organismus nicht grundstzlich verndern.

Dies pflegen aber unsere von der Technologie ausgehenden
Zukunftsschilderer bei ihren Spekulationen leicht zu bersehen. Es
klingt z. B. wunderschn, was sie uns von dem Reichtum an
Nahrungsmitteln erzhlen, mit denen die Chemie uns einst beschenken
werde. Aber der menschliche Krper ist keine Retorte, bei der es nur
darauf ankommt, da man ihr eine Anzahl chemischer Grundstoffe in einem
gewissen Mengenverhltnis zufhrt, um ein bestimmtes Resultat zu
erzielen. Fr seine Ernhrung spielen noch andere Eigenschaften der
Nahrungsmittel eine entscheidende Rolle, als ihr Gehalt an Stickstoff,
Kohlenstoff und so weiter; seine Verdauungsorgane sind fr die
Verarbeitung _pflanzlicher_ und _tierischer_ Stoffe geschaffen. Sie
wrden ohne solche verkmmern und mit ihnen der Mensch selbst. Nun ist
es vorlufig noch recht zweifelhaft, ob jemals die Chemie es dahin
bringen wird, aus Holz oder gar Stein direkt Nahrungsmittel
herzustellen. Sie ist bis jetzt nicht weiter gekommen, als ziemlich
untergeordnete organische Verbindungen knstlich herzustellen. Die
Herstellung von pflanzlichem oder tierischem Eiwei auf chemischem Wege
liegt dagegen in noch sehr weitem Felde. Und nicht viel anders steht es
mit den Wunderdingen, die uns auf Grund von Experimenten auf kleinem
Raum hinsichtlich der Verwendung der Elektrizitt in der Landwirtschaft
versprochen werden. Diese Experimente beweisen zwar, da die
Elektrizitt als Erreger von Atombewegungen imstande ist, gewisse
organische Prozesse zu beschleunigen, es wird sich aber auch hier
fragen, wie weit sie das kann, ohne da die pflanzliche Natur des zu
erzielenden Produkts Schaden leidet. Man wei, wie sehr Ueberma im
Dngen Gemse und Frchte ungeniebar zu machen vermag. Das ist auch
hier mglich, und ferner erhebt sich die Frage, ob die _Kosten_ der
Beschaffung der erforderten Elektrizitt, da es sich bei Pflanzen doch
immer nur um Beschleunigung eines _organischen_ Prozesses handeln kann,
der auf jeden Fall Zeit braucht, und nicht um seine Verwandlung in einen
rein mechanischen Proze, im _Verhltnis_ stehen zu dem _Nutzen_, den
sie zu erwirken vermag. Unsere technologischen Zukunftsverknder
verstehen sich vortrefflich auf die Mathematik, mit der _Oekonomie_
dagegen pflegen sie sich nicht gern abzugeben. Sie interessieren sich
fr alle mglichen Punkte, nur den _Kostenpunkt_ behandeln sie gern ^en
bagatelle^. Er ist aber leider fr das _soziale Leben_ keine Bagatelle.


             2. Nimmt die menschliche Arbeit ab oder zu?

Und damit sind wir beim dritten Fundament alles sozialen Lebens
angelangt: zu den _Naturbedingungen_ und der _Technik_ tritt die
_menschliche Arbeit_ als bestimmende Kraft. Die Technik mit all ihren
groartigen Leistungen hat die menschliche Arbeit nicht nur _nicht
berflssig_ gemacht, sie hat sie nicht einmal in merklichem Grade
_verringert_. Gewi braucht fr eine bestimmt abgegrenzte Leistung in
Produktion und Verkehr heute ein geringeres Quantum menschlicher Arbeit
aufgewendet zu werden, als ehedem, aber es wird auch dafr heute
unendlich mehr an Leistungen gebraucht. Man kann sich dies an der
_Zunahme der Arbeiter_ der sogenannten _extraktiven Industrien_
veranschaulichen, die das heute fr die Industrie erfoderte
_Rohmaterial_ aus der Erde herausholen. Im jetzigen Gebiet des Deutschen
Reiches wurden im Jahre 1852 kaum 6 Millionen Tonnen Steinkohlen
produziert, 1882 waren es schon 52 Millionen, 1906 gar 137 Millionen
Tonnen, d. h. _einundzwanzig Mal_ mehr, als in der Mitte des 19.
Jahrhunderts. Nun ist zwar auch seitdem die Frderung pro Kopf des
beschftigten Arbeiters infolge der groen Verbesserungen in den
Gewinnungsmethoden gestiegen, indes ist diese Zunahme doch nur eine
langsame, da immer tiefere Lger in Angriff genommen werden mssen. Und
so ist denn die Arbeiterschaft des deutschen Bergbaus zu einem
gewaltigen vielhunderttausendkpfigen Heer angewachsen. In Preuen
allein vermehrten sich in den zwlf Jahren von 1895 auf 1907 die
Erwerbsttigen im Kohlenbergbau von 286000 auf 547000, und im ganzen
Berg- und Httenwesen des Deutschen Reiches stieg die Zahl der
Beschftigten in dieser Zeit von 568000 auf 963000, wenig unter einer
Million. Nahezu _eine Million Menschen_ im deutschen Berg- und
Httenbetrieb, und davon (Preuen mit Sachsen und Bayern) gut
sechsmalhunderttausend Menschen im Kohlenbergbau -- daran denken nur
wenige, wenn sie von dem Wunderknopf der Techniker hren, der das
Tischlein deck' Dich aus dem Mrchen zur Wahrheit mache. Er macht es
heute nur fr eine bevorzugte Minderheit dazu, und wird es aller
Voraussicht nach nie fr alle verwirklichen. Je tiefere Gruben in
Angriff genommen werden, um so aufreibender wird auch die Arbeit in
ihnen, und um so hher die Gestehungskosten des Produkts, der Kohle. Wir
stehen schon jetzt steigenden Preisen gegenber. So sehr die Preise mit
der Marktlage wechseln, ist die Grundtendenz doch eine Bewegung nach
oben. Im Jahre 1892 kostete die Tonne fetter westflischer Frderkohle
ab Werk 7,3 Mk., sieben Jahre spter -- 1899 -- 9 Mk., und weitere
sieben Jahre darauf -- 1906 -- 10 Mk. Im entsprechenden Grade sind die
anderen Kohlensorten und die meisten anderen Produkte der
Montanindustrie im Preis gestiegen. Dabei ist an Ersatz der Kohle als
_Quelle von Wrme_ und -- durch diese -- von _bewegender Kraft_
vorlufig nicht zu denken.

Alle Versuche, die Sonnenwrme mittels entsprechender Apparate zu
technischer Verwertung bezw. Aufspeicherung aufzufangen, sind bisher
fehlgeschlagen, und dasselbe gilt von den vielen Versuchen, die
ungeheuere Kraftleistung von Ebbe und Flut fr technische Zwecke nutzbar
zu machen. Jene Versuche hatten zwar insofern Erfolg, als es gelang,
hier Sonnenwrme und dort Meereskraft so einzufangen, da eine
Uebertragung mglich war -- rein technisch war die Lsbarkeit der
Aufgabe dargetan. Aber zugleich zeigte sich jedesmal, da die _Kosten_
der Anlagen, des Betriebs und der Apparate den mglichen Nutzeffekt ganz
bedeutend berstiegen. Von einer _wirtschaftlichen Lsung_ des Problems,
die auf das soziale Leben zurckwirken knnte, scheinen wir noch ebenso
weit entfernt, wie vor fnfzig und hundert Jahren.

Inzwischen aber verbraucht die Menschheit von Jahr zu Jahr mehr
Steinkohle. Im Jahrfnft 1876/1880 wurden in Deutschland jhrlich 850
Kilogramm Kohle pro Kopf der Bevlkerung verbraucht, 25 Jahre spter, im
Jahrfnft 1901/05 waren es 1787 Kilogramm. Bei gleicher Steigerung
mten es zu Anfang des 21. Jahrhunderts ber 7000 Kilogramm pro Kopf
sein, und da man alsdann noch viel, viel tiefer wrde graben mssen, als
heute, wrden inzwischen die Kosten der Kohlen vielleicht auf eine Hhe
gestiegen sein, da dann die Einfangung der Sonnenwrme und Meereskraft,
um es, in heutiger Sprache auszudrcken, doch rentabel erschiene. Aber
das Leben wre dann eben _entsprechend teurer geworden_.

Wir treiben heute Raubbau mit den Schtzen der Erde. Wenn sich der
Verbrauch von _Kohle_ in einem Vierteljahrhundert in Deutschland
_verdoppelt_ hat, so hat sich in der gleichen Zeit der von _Eisen
verdreifacht_, der von _Kupfer versiebenfacht_. Es ist undenkbar, da
nicht eines Tages darin wiederum eine _Verlangsamung_ oder sonst ein
_Stillstand_ einsetzen wird. Denn whrend gegenber frheren Zeitaltern
die Produktivitt der Arbeit in der Gewinnung und Ausnutzung der Erze
ungemein gestiegen ist, hat sie nunmehr einen Grad erreicht, der von der
Zukunft gleich groe Fortschritte nicht erhoffen lt. Wir mssen
vielmehr auch mit einer Verteuerung der Metalle rechnen. Ungeachtet der
groen technischen Umwlzungen der zweiten Hlfte des 19. Jahrhunderts
war in Deutschland im Jahrzehnt 1898/1907 der Preis des Doppelzentners
Roheisen, der 1851 5,58, 1861 6,18 war, 6,82 Mk. Und hnlich -- meist
sogar noch schlimmer -- steht es mit den anderen Rohmaterialien, und
voraussichtlich auch mit einem Teil der Lebensmittel.

Alles das zeigt an, da wir keinem Schlaraffenland entgegengehen. Die
Technik wird auch weiterhin dazu beitragen, das Leben reichhaltiger,
wechselvoller zu gestalten, das, was man den Stil des Lebens nennt, zu
erhhen, aber gerade, _weil_ sie dies tut, ist es ziemlich zweifelhaft,
ob sie das Leben wesentlich _billiger_ machen, d. h. die Summe der zu
verrichtenden _Arbeit sehr verringern wird_.

Jedenfalls hat sie es bisher _nicht_ getan. Noch hat das melancholische
Wort John Stuart Mills in der Formulierung, die Karl Marx ihm gegeben
hat, wenig an Wahrheit verloren, da es zweifelhaft ist, ob die
Maschine die Arbeitskraft irgend eines jener Menschen verringert hat,
die nicht von der Arbeit anderer leben. Die Maschine als Inbegriff der
Technik hat im Gegenteil die Klasse derer, die um Lohn arbeiten, sehr
_vermehrt_. Diese Klasse nimmt der Zahl nach strker zu, als irgend eine
andere Klasse der Gesellschaft. Von 1895 auf 1907 vermehrte sich im
Deutschen Reich in _Industrie, Gewerbe und Bergbau_ die Zahl der
_Lohnarbeiter_ von rund 6 Millionen auf rund 8600000 oder _um ber_ 44
_Prozent_, whrend die Bevlkerung sich nur um 19 Prozent vermehrte.
Noch strker wuchs in der Abteilung _Handel und Verkehr_ die Klasse
derjenigen Angestellten, welche die offizielle Reichsstatistik als
_Arbeiter_ bezeichnet, weil ihre Bezahlung und soziale Stellung sich
nicht wesentlich von der der gewerblichen Arbeiter unterscheidet. Sie
vermehrte sich von 1233000 auf 1960000 oder um 58,9 Prozent. Insgesamt
bildeten diese beiden Schichten nahezu drei Viertel aller Erwerbsttigen
in Industrie, Bergbau, Handel und Verkehr zusammengenommen. Das sind
aber gerade diejenigen Erwerbszweige, denen sich in der Gegenwart die
bergroe Mehrheit der Erwerbsuchenden zuwenden. Zwischen 1895 und 1907
vermehrte sich das Deutsche Reich um gegen 10 Millionen Menschen, und
von diesem Zuwachs entfielen auf die vier bezeichneten Erwerbsgruppen
nahezu 3 1/2 Millionen, nmlich etwas ber 4 Millionen Erwerbsttige mit
ihren Angehrigen.

Und das ist keine Ausnahme. Von Zhlungsjahr zu Zhlungsjahr zeigt sich
uns dasselbe Bild. Seit 1882 geht in Deutschland die landwirtschaftliche
Bevlkerung schrittweise zurck. Sie umfate in jenem Jahr etwa 19 1/4
Millionen Seelen, 1895 18 1/4 Millionen Seelen und 1907 nur noch 17 2/3
Millionen Seelen. Der groe Bevlkerungszuwachs vom ersteren bis zum
letzteren Jahre, der zusammen ber 16 1/2 Millionen Seelen betrug, ist,
bildlich gesprochen, ber die Landwirtschaft hinweggerauscht, ohne ihr
auch nur eine Seele abzugeben, sondern hat vielmehr noch ber anderthalb
Millionen von ihr mit sich hinweggenommen. Wo ist der ganze Zuwachs mit
den Ueberlaufern aus der Landwirtschaft geblieben? Eine kleine
Untersuchung dieser Frage wird uns einen Fingerzeig geben, in welcher
Richtungslinie sich das _soziale Leben_ bewegt, und wie wir uns daher
seine Zukunft vorzustellen haben.


                 3. Das Wachstum der Arbeiterklasse.

Fnf groe Berufsabteilungen unterscheidet die deutsche Reichsstatistik:
1. die _Landwirtschaft_ mit Grtnerei, Forstwirtschaft, Fischerei; 2.
die _Industrie_ mit Bergbau und Baugewerbe; 3. den _Handel_
mit den Verkehrsgewerben; 4. die _huslichen Dienste_ und
Gelegenheitslohnarbeit; 5. den _ffentlichen Dienst_ mit den freien
Berufsarten. Als Gruppe Nr. 6 kommt dann noch die der sogenannten
_Berufslosen_ (Rentner, Pensions- und Almosenempfnger, Schler usw.)
hinzu. Von diesen sechs Abteilungen hat die fnfte -- ffentlicher
Dienst usw. -- fast im gleichen Verhltnis wie die Gesamtbevlkerung an
Kpfen zugenommen, die vierte -- huslicher Dienst usw. -- ist im
Prozentsatz der Kpfe zurckgegangen, das Gleiche ist, wie wir gesehen
haben, bei Nr. 1, der _Landwirtschaft_, der Fall. Dagegen haben die
Abteilungen 2, 3 und 6 -- _Industrie_, _Handel_ und _Berufslose_ -- im
Verhltnis strker zugenommen als die Bevlkerung. Nehmen wir das
gleiche Vierteljahrhundert von 1882 auf 1907, so vermehrten sich in
dieser Zeit in der Abteilung Industrie usw. die Erwerbsttigen von 6 2/5
auf 11 1/3 Millionen und die Berufsangehrigen (die Erwerbsttigen mit
ihren Angehrigen) von 16 auf 26 2/5 Millionen. In der Abteilung
_Handel_ und _Verkehr_ war der Zuwachs: Erwerbsttige von 1,6 auf 3,5
Millionen, Berufszugehrige von 4 1/2 auf 8 3/10 Millionen, und in der
Abteilung der _Berufslosen_: Erwerbsttige, d. h. Zins-, Renten- usw.
Empfnger, von 1,3 auf 3,4 Millionen und Berufszugehrige von 2,2 auf
5,2 Millionen.

Was geht aus diesen Zahlen hervor? Da von den 16 1/2 Millionen
Menschen, um die sich das Deutsche Reich von 1882 bis auf 1907
vermehrte, _mehr als zwei Drittel_ der Industrie zugefallen sind. Ja, da
unter den Berufslosen ein groer Teil Rentiers sind, deren Vermgen
hauptschlich in Aktien und Obligationen von Industrieunternehmen
besteht, sowie eine noch grere Zahl von Invaliden- und Altersrentnern
der Industrie, ist tatschlich der Prozentsatz unseres Volkes, der aus
der Industrie sein Einkommen zieht, noch wesentlich grer. Und in der
Industrie wchst, wie wir gesehen haben, die Abteilung der Angestellten
und Lohnarbeiter unverhltnismig schneller als die Gesamtbevlkerung,
whrend die Zahl der selbstndigen Unternehmer und Hausgewerbetreibenden
zurckgeht. 1882 kamen auf je 100 Lohnarbeiter noch gegen 45
Selbstndige verschiedener Art, d. h. groe, mittlere, kleine und
Zwerg-Unternehmer, 1895 waren es nur noch etwa 30, 1907 aber nur noch
20.

So nimmt mit dem Wachstum der Industrie die industrielle
Lohnarbeiterschaft einen immer greren Raum in der Bevlkerung ein. Mit
ihren Angehrigen, sowie der ihr gleichgestellten und gleichartig
fhlenden Lohnarbeiterschaft in Handel und Verkehr samt Angehrigen
umfate sie 1907 gegen 23 Millionen Seelen. Diese Volksschichten machen
die groe Mehrheit der stdtischen Bevlkerung des Reiches aus, die sich
1905 auf gegen 35 Millionen Seelen belief. In den Stdten, wo das
ffentliche Leben des Landes am lebhaftesten pulsiert, wo die groen
Fragen der Zeit am schrfsten erfat und errtert werden, die Geister am
lebhaftesten auf einander platzen, hier tritt die Klasse der um Lohn
Arbeitenden immer strker in den Vordergrund. Sie entfaltet sich in
wirtschaftlichen Kmpfen, die an Ausdehnung zunehmen, sie macht sich
durch die Wucht der Zahl im politischen Leben geltend, sie fllt auch
als Konsumentin immer strker ins Gewicht. So schafft sie allmhlich
eine _ganz neue ffentliche Meinung_. Je geschlossener sie auftritt, je
eindrucksvoller sie ihr Klassenempfinden offenbart, um so mehr spielt
das Gravitationsprinzip des sozialen Lebens zu ihren Gunsten, und von
den sozialen Schichten, die keine feste Klasse der Gesellschaft mit
bestimmten gesellschaftlichen Ideen und Interessen bilden, fhlen sich
immer mehr Elemente zu ihr hingezogen, stimmen sie bei Wahlen mit ihr
und sprechen sie ihre Sprache.

Alles das kann man heute fast mit Hnden greifen. Eine ganze Flle von
Erscheinungen im politischen und geschftlichen Leben und Treiben, in
Literatur und Kunst legen Zeugnis davon ab. Und wenn die wirtschaftliche
Entwicklung weiterhin die geschilderte Bahn innehlt, so kann es keinem
Zweifel unterliegen, da die politischen, wirtschaftlichen und
rechtlichen Ideen der Arbeiterklasse, die sich aus ihrer Klassenlage
ergeben, die volle Herrschaft in der Gesellschaft erlangen. Schon heute
kann die Durchdringung des Gesellschaftskrpers durch diese Ideen nur
durch Festhalten von Ungleichheiten in den Wahlsystemen und hnliche
politische Mittel zurckgedmmt oder verlangsamt werden. Aber die
Gesetze der sozialen Entwicklung haben sich noch immer auf die Dauer als
strker erwiesen als die politischen Gesetze. Die Wirtschaftspolitik des
Deutschen Reiches ist mit Ausnahme der wenigen Jahre der Kanzlerschaft
des Grafen Caprivi seit Anfang der achtziger Jahre berwiegend agrarisch
gewesen, sie hat es aber mit allen Liebesgaben an die Landwirte nicht
einmal durchzusetzen vermocht, da die Landbevlkerung auf ihrem alten
Kopfbestand erhalten blieb. Das durch die Ungleichheit der Wahlkreise
bewirkte politische Vorrecht des platten Landes hat dessen
Ueberflgelung durch Industrie und Handel nicht verhindern knnen. Es
wird, wenn die Bedingungen des sozialen Lebens, welche diese Entwicklung
bewirkt haben, andauern, auch seine Beseitigung durch jene nicht
verhindern knnen.

Heute steht die Industrie und Handel verkrpernde Bevlkerung zur
landwirtschaftlichen Bevlkerung im Verhltnis von 2:1. Bei gleicher
Entwicklung wrde in weiteren 25 Jahren das Verhltnis sich auf 4 1/2:1
stellen. Man braucht diese Zahl nur niederzuschreiben, um sich auch klar
zu werden, da bei solcher Proportion das Privilegium der Landwirtschaft
eine Unmglichkeit sein wrde. Wenn auch nur durch das bloe Gewicht
ihrer Zahl wrden Industrie und Handel sich ihr Recht erzwungen haben.
Der Sieg von Industrie und Handel aber wrde, da alsdann das Verhltnis
der Klasse der Lohnarbeiter zur Klasse der Unternehmer sich auf ber
10:1 stellen wrde, gar nichts anderes heien knnen, als der _Sieg der
sozialen Ideen der Arbeiterklasse_.


            4. Gegenkrfte der Verstadtlichungstendenzen.

Soweit kann die Soziologie mit einiger Sicherheit sprechen. Aber es ist
zunchst nur eine soziale Wahrscheinlichkeitsrechnung. Denn ob es nun
genau dahin kommen wird, hngt von vielen mitwirkenden Faktoren ab, die
sich nicht mit mathematischer Sicherheit vorausbestimmen lassen. Greifen
wir einen davon heraus: die Gestaltung der Dinge in der
_Landwirtschaft_. Heute deckt die Landwirtschaft nur einen Teil des
Nahrungsbedarfs des deutschen Volkes. Der Mehrwert der Einfuhr solcher
landwirtschaftlichen Produkte, fr welche die heimische Landwirtschaft
in Betracht kommt, ber den Wert ihrer Ausfuhr belief sich im Jahrfnft
1903/1907 im Deutschen Reich auf weit ber eine Milliarde Mark. Bei der
Bevlkerungszunahme, wie sie hier vorausgesetzt ist, mte er in den
nchsten fnfundzwanzig Jahren eine solche Steigerung erfahren, da es
als zweifelhaft betrachtet werden mu, ob das Ausland die Lieferung all
der in Frage kommenden Produkte ohne sehr erhebliche Preissteigerungen
wird fortsetzen wollen oder auch nur knnen. Denn andere Lnder machen
eine hnliche Entwicklung durch. In den Vereinigten Staaten von Amerika,
bis jetzt noch das Hauptgetreideland der Welt, nimmt die industrielle
Bevlkerung erheblich rascher zu, als die landwirtschaftliche
Bevlkerung, so da die Getreideausfuhr schon jetzt im Abnehmen
begriffen ist und die Oekonomen die Zeit schon voraussehen, wo dieses
gewaltige Staatswesen Getreide, statt auszufhren, selbst einfhren
wird. Die Ersatzgebiete der Getreideproduktion aber -- Kanada,
Argentinien usw. -- entwickeln sich nicht so schnell, wie man einst
annahm, und fr alle diese Lnder kommt die Zeit, wo der Boden nicht
mehr so willig Ernten hergibt, wie in den ersten Epochen der
Urbarmachung. Kurz, es ist ziemlich wahrscheinlich geworden, da wir
einer Zeit hherer Weltmarktpreise fr Getreide und ebenso fr Vieh und
Viehprodukte entgegengehen. Je nachdem dies nun frher oder spter
eintritt, ist eine starke Rckwirkung auf die deutsche Landwirtschaft zu
gewrtigen. Sie wird noch intensiver als bisher betrieben werden und
mehr Arbeitskrfte in Anspruch nehmen, teils als Landarbeiter, teils
aber auch als selbstndig wirtschaftende Bauern. Eine Rckwanderung aufs
Land wre damit nicht aus dem Bereich der Mglichkeit gerckt, und
jedenfalls wrde die Abwanderung vom Land einen Stillstand erleiden.

Eine zweite Mglichkeit, die wir in Betracht zu ziehen haben, ist die
Verlangsamung des Bevlkerungszuwachses.

Zurzeit kann in Deutschland zwar von einer solchen noch nicht gesprochen
werden, die Bevlkerung des Deutschen Reiches nimmt nicht in allen
Jahren gleichmig zu, aber auf Jahre, die ein Nachlassen des Zuwachses
zeigen, sind andere mit einer erheblichen Steigerung der Zunahme
gefolgt. Unzweifelhaft ist jedoch die Abnahme der Geburtenziffer. Sie
ist von 4 Lebendgeborenen auf jedes 100 der Bevlkerung im Durchschnitt
der Jahre 1872/74 in fast ununterbrochenem Abstieg auf 3,31 vom Hundert
im Jahre 1906 zurckgegangen. Einstweilen wird dieser Rckgang durch die
_Abnahme der Sterblichkeitsziffer_ und die Zunahme der Einwanderung
ausgeglichen. Aber die Einwanderung steigt und fllt mit der
Beschftigungsmglichkeit, und die Abnahme der Sterblichkeitsziffer
allein kann, wie Frankreich und jetzt auch England zeigen, von einem
gewissen Punkt ab fr die Abnahme der Geburten keinen Ersatz mehr
bieten. Nun ist es eine berall beobachtete Tatsache, da die moderne
Grostadt auf diesen Punkt hintreibt. Fr Berlin hat A. _Bckh_, der
verstorbene Direktor des stdtischen statistischen Amts, wiederholt
nachgewiesen, da seine Geburtenzahl _nicht einmal ausreicht, die
Bevlkerung auf ihrem Hhestand zu erhalten_, so da, wenn kein Zuzug
von auerhalb stattfnde, die Bevlkerung Berlins tatschlich
zurckgehen wrde. Die ganzen Lebensbedingungen der heutigen Grostdte,
vor allem die Wohnungsweise in den groen Etagenhusern, wirken
der natrlichen, d. h. eben der durch Geburten bewirkten
Bevlkerungszunahme, im hchsten Grade entgegen. Je mehr also die
Verstadtlichung zunimmt, je dichter sich die Bevlkerung in groen
Stdten zusammendrngt, um so mehr wird sich der Bevlkerungszuwachs
verlangsamen. Vom technischen Standpunkt aus mag die Zukunftsstadt aus
Stein und Eisen mit turmhohen Husern und brckenartigen Galerien statt
der Straen etwas Groartiges sein, fr die Bevlkerungsentwicklung
bedeutete sie ein _Grab_: in die Wolkenkratzer gehren keine Kinder.
Man brauchte das Einfhren von Kindern nicht erst zu verbieten, die
Bewohner wrden ohnehin darauf verzichten.

Einstweilen aber haben wir die Tatsache der Abnahme der Geburten, und
auch sie wird, wenn sie andauert, die Wirkung haben, da es zu dem rein
rechnerisch gefundenen fnffachen Ueberwiegen der Stadt ber das Land
sobald nicht kommt. Dann wirken aber noch andere Krfte gegen diese
Zuspitzung: Dezentralisations-Bewegungen aus hygienischen und
sthetischen Rcksichten, bodenreformerische Maregeln und dergleichen.
Sie sind heute erst in Anstzen vorhanden, knnen aber bei Fortgang der
jetzigen Entwicklung grere Wirkungskraft erlangen.

Wenn indes die Zuspitzung in der extremen Form vermieden werden kann, so
ist sie doch insoweit als grte Wahrscheinlichkeit zu betrachten, als
sie erforderlich ist, um den Ideen der Arbeiterklasse steigenden Einflu
zu verbrgen. Ein zunehmendes Ueberwiegen der Industrie und des groen
Betriebes in Industrie, Handel und Verkehr ist in unseren alten
Kulturlndern unvermeidlich, sollen sie nicht vor den aufkommenden
Lndern die Segel streichen. Und damit ist auch das Ueberwiegen der
Arbeiterklasse verbunden, das zu einem strkeren Durchdringen ihrer
Ideen im sozialen Leben fhren mu.

Damit ist aber noch nicht gesagt, da nun alles genau so kommen oder
genau die Form annehmen mu, die sich der eine oder andere heute als die
Verwirklichung der Ideen der Arbeiterklasse vorstellt. In der Anwendung
mag sich da vieles anders gestalten, als im Begriff, weil das Leben noch
andere Krfte erzeugt, die Bercksichtigung verlangen und im Notfall
sich erzwingen.


                 5. Das wahrscheinliche Zukunftsbild.

Die Idee der Arbeiterklasse ist die _Demokratie_, die Demokratie in
Staat, Gemeinde und Wirtschaft. Je nach den Umstnden, unter denen sie
zum Durchbruch kommt, werden sich ihre ersten Wirkungen gestalten:
unorganisch oder organisch, das heit mehr zerstrerisch oder mehr
aufbauend. Ob aber das eine oder das andere stattfindet, das Ende wird
immer sein, da das Bedrfnis der Wirtschaft und die Anforderungen der
zweckmigsten Art, zu wirtschaften, ber alle doktrinren Ideen den
Sieg davontragen werden. Es wird daher voraussichtlich im Verstaatlichen
und Kommunalisieren Ma gehalten, der privaten wirtschaftlichen
Bettigung, sei es von Genossenschaften, sei es sogar von Einzelnen,
erheblicher Spielraum gelassen werden. Daher wird es zum Beispiel auch
innerhalb bestimmter Grenzen wahrscheinlich noch Profit, d. h.
Ungleichheit der Einkommen, bezw. Mglichkeiten der Vermgensbildung
geben. Aber die _groen heutigen Vermgensunterschiede werden unbedingt
verschwinden_, weil die vielen Quellen arbeitslosen Erwerbs, die heute
die Bildung der Riesenvermgen ermglichen, aufhren werden, in die
Reservoirs von Privaten zu flieen. Das _Bodeneigentum_ und die
_Bodenschtze_ werden dem Privateigentum teils ganz entzogen, teils nur
unter solchen Bedingungen fr Wirtschaftszwecke berlassen werden, die
die Bodenrente in allen ihren Formen _der Gemeinschaft sichern_. Neun
Zehntel der Riesenvermgen, die wir heute in den Hnden der Millionre
und Multimillionre sehen, stammen aber aus offenen oder versteckten
Bodenmonopolen.

Zugleich werden von anderer Seite her die _unentgeltlichen Leistungen_
von Staat und Gemeinden wachsen und dazu beitragen, das zu schaffen, was
man in England das _soziale Minimum_ getauft hat: ein Mindesteinkommen
aller, das den Verkauf der Arbeit zu Hungerlhnen unmglich macht. Denn
Arbeit gegen Lohn wird es voraussichtlich auch dann noch geben. Das
groe Verkehrsleben der Neuzeit, auf das die Menschen schwerlich
verzichten werden, macht das _Geld_ und damit auch den _Geldlohn_
unentbehrlich, gleichviel ob in ffentlichen oder in Privatbetrieben
gearbeitet wird. Was dagegen anders sein wird, ist das System der
_Lohnbestimmung_. Die Bestimmung der Lhne wird in hohem Grade
_ffentlichen Charakter_ tragen. Oeffentliche Lohnmter, zusammengesetzt
aus Vertretern der Allgemeinheit und der Berufsgruppen, werden
Mindestlhne festsetzen, und Lohntarifen, die ebenfalls als Mindeststze
zu gelten haben, gesetzliche Kraft geben. In gleicher Weise werden
Bestimmungen ber die _Lnge des Arbeitstages_ in ffentlichen und
Privatunternehmungen getroffen werden.

Alles das kann man mit groer Sicherheit als Folge des Sieges der
Arbeiterdemokratie voraussagen, weil es in Anstzen schon heute
vorhanden ist und Schritt fr Schritt weiter entwickelt wird. Das
Angefangene wird nur allgemeiner und mit _grerer Entschiedenheit und
Konsequenz_ durchgefhrt werden. Wie aber wird es wirken? Wird nicht
zugleich eine Abnahme und Verteuerung der Produktion die Folge sein? Und
wird nicht die politische Herrschaft der Arbeiterklasse alle Disziplin
in den Betrieben aufheben?

Auf diese Fragen kann man nur antworten, da die Arbeiter in ihrer
Allgemeinheit genau dasselbe Interesse daran haben, da viel und billig
produziert wird, wie irgend eine andere Klasse der Gesellschaft. Es
werden daher frher oder spter Einrichtungen geschaffen werden, um das,
was heute der Hunger als Einpeitscher und der Geldbeutel als Treiber im
Wirtschaftsleben verrichten, soweit auf demokratischem Wege zu sichern,
als das Bedrfnis der Produktion es erheischt. Die ffentlichen
Arbeitsmter knnen ganz gut dazu ausgebaut werden, als Instanzen fr
Uebergriffe von hben oder drben sich zu bettigen. Auch dafr liegen
schon Anstze vor. Je mehr Macht die Arbeiterorganisationen erringen, um
so mehr entwickelt sich auch bei ihnen das Gefhl der _Verantwortung_
fr den Fortgang der Produktion und desto mehr _Erfahrung_ sammeln sie
fr die Sicherstellung der Bedrfnisse der Produktion. Im brigen wird
schon der _Fortfall des Herrenbewutseins_ die Wirkung haben, da die
Privatunternehmung selbst dort, wo sie nicht schon der Form nach
Genossenschaft ist, genossenschaftliche Charakterzge erhalten wird.

Eine Verringerung der _Arbeit_ fr den einzelnen wird aber schon dadurch
mglich, da sehr viel _Arbeitsvergeudung_, die heute getrieben wird,
gegenstandslos werden oder als fr schdlich erkannt, in Wegfall kommen
wird. Dahin gehren auf der einen Seite viele der heutigen falschen
Kosten der Volkswirtschaft und auf der anderen der allmhlich bis zum
Wahnsinn getriebene Aufwand des wachsenden Heeres der Millionre und
Milliardre. Es werden gengend Arbeitskrfte frei werden, um die
Arbeitszeit fr alle ermigen zu knnen, ohne da darum die Produktion
auf das blo Notwendige beschrnkt zu werden braucht.

Auf der Stufe der Durchfhrung einer solchen Demokratie knnen
Deutschland und andere Lnder der vorgeschrittenen Kulturwelt in einem
Vierteljahrhundert angelangt sein. Unzweifelhaft werden sich die Dinge
aber nicht sofort vllig glatt machen. Es sind Migriffe mglich und
sogar zeitweilige Rckflle nicht ausgeschlossen. Aber eine Wiederholung
der Zerrttungen, an denen die alte Kulturwelt zugrunde ging, ist heute
mehr als unwahrscheinlich. Es fehlen die Barbaren, die unserer Kultur
ein hnliches Schicksal bereiten knnten, wie einst die nordischen
Barbaren dem rmischen Weltreich. Wenn manche Erscheinungen unserer
heutigen Epoche zu Vergleichen mit den Zustnden in Rom unter den
Kaisern herausfordern, so fehlte jenem Rom doch die groe, an Zahl,
Intelligenz, Organisation und Tatkraft bestndig zunehmende
Arbeiterklasse, ber welche die moderne Kultur verfgt. Sie, die das
Erzeugnis dieser Kultur ist, verspricht auch, ihr Schtzer und
Fortsetzer in den kommenden Kmpfen der Menschheit zu sein. Die
Barbaren, die in Roms Heeren gedient hatten, eroberten Rom, schrieb
Rodbertus einst im Hinblick auf die Arbeiterbewegung der Gegenwart. Aber
jene Rom erobernden und zugleich zerstrenden Barbaren waren Nomaden,
denen der Krieg das Hchste war. Den Arbeitern der Gegenwart dagegen ist
der Krieg verhat, whrend die _schaffenden Werke des Friedens_ ihnen
_Lebensgewohnheit_ und _Lebensbedingung_ sind. Sie werden daher stets
selbst wieder herstellen, was vom Erhaltenswerten unserer Kultur in den
Kmpfen zeitweise geschdigt werden sollte.

So gehen wir einem Zeitalter entgegen, in dem eine weit durchgefhrte
Demokratie dem sozialen Leben einen starken _genossenschaftlichen
Charakter_ verleihen wird. Fourier, hierin ein wirklicher Seher, nannte
es in seiner Weltentwicklungstafel _Garantismus_, was man mit dem
schwerflligen Wort Gewhrschaftssystem bersetzt hat. Neuere haben
dafr den Ausdruck Solidarismus geprgt. Wir knnen aber ruhig
Sozialismus sagen. Sozialismus jedoch nicht als Uniformierung des ganzen
Lebens. Da es zu dieser kommt, schliet das hochentwickelte
Verkehrsleben der Neuzeit aus, auf das die Menschen nicht werden
verzichten wollen. Sozialismus vielmehr als magebende _Rechtsgrundlage_
des ganzen sozialen Lebens, der Bestimmung der Rechte und Pflichten der
Gesellschaft gegen ihre Glieder und dieser gegen die Gesellschaft und
untereinander.

Wieviel Zeit es erfordern wird, bis das Prinzip allseitig durchgefhrt
sein und ohne Strungen funktionieren wird, ob es fnfzig oder hundert
Jahre kosten wird, wer kann es voraussagen? Und wer es unternehmen,
Einzelheiten zu beschreiben? Gerade, weil sich mit Sicherheit
voraussehen lt, da die Menschen sich keine Uniform anziehen, sondern
der freien Initiative Spielraum lassen werden, ist alle
Einzelschilderung verfehlt. Da die Menschen in ihrem Bau und ihren
natrlichen Trieben und Anlagen keine anderen Wesen sein werden als
heute, wird auch vieles in ihren Einrichtungen sich nicht so diametral
von denen der Gegenwart unterscheiden, als manche anzunehmen geneigt
sind. Die Menschen werden auch in Zukunft keine reinen Rechenexempel
sein, auch in Zukunft neben der Oekonomie den seelischen Bedrfnissen
ihr Recht sichern. Und so knnen wir auch einer kraftvollen
Gegenstrmung gegen Tendenzen bertriebener Kasernierung des Lebens
sicher sein.

Noch einmal, die Menschheit geht keinem Schlaraffenleben entgegen, und
es wre ihr nicht einmal zu wnschen. Dagegen wird die Armut als soziale
Erscheinung verschwinden, wie die heutige Art der Reichtumsansammlung
und die ihr entsprechenden sozialen Auffassungen und Luxustendenzen
verschwinden werden, ohne da die _Pflege des Schnen_ darunter leiden
wird. Sie wird einen _ffentlichen Charakter_ erhalten, mehr als je auf
die Veredelung und Vervollkommnung dessen gerichtet sein, was allen
gehrt, allen zugute kommt. Die Verallgemeinerung der Arbeit wird die
pflichtigen Arbeitsleistungen so zu verdrngen erlauben, da jedem neben
ihnen noch gengende Zeit und Frische zur Bettigung individueller
Anlagen und Neigungen verbleibt. Die Technik, die heute einseitig darauf
gerichtet ist, _Arbeitskosten_ zu ersparen, wird, ohne dies zu
vernachlssigen, doch immer strker das Ziel im Auge haben,
_Menschenkosten_ zu ersparen, die Arbeit ertrglicher und zutrglicher
zu machen. Und immer mehr wird das hchste Kulturgut zur Allgemeinen
Errungenschaft werden und alle Beziehungen des ffentlichen Lebens
durchdringen und veredeln: die Schtzung des Menschen als _freie, keinem
Nebenmenschen unterworfene Persnlichkeit_.

Das liegt im Wesen der demokratischen Gleichheit begrndet, wie sie der
heutigen Arbeiterbewegung zugrunde liegt. Und weil diese die grte
soziale Triebkraft der Neuzeit ist, ist es auch nicht undenkbar, da es
_in sptestens hundert Jahren der Kompa des ganzen sozialen Lebens_
sein wird. Nicht undenkbar, nicht unmglich, sondern vielmehr _in hohem
Grade wahrscheinlich_.




                            Hermann Bahr.
                     Die Literatur in 100 Jahren.


                     Die Literatur in 100 Jahren.
                          Von Hermann Bahr.

Man mu kein Prophet sein, um sagen zu knnen, da das, was heute
Literatur genannt wird, ja, vielleicht alles, was heute Kunst heit,
wofern die Menschheit in ihrer wirtschaftlichen und geistigen
Entwicklung das Tempo beibehlt, das sie seit der groen Revolution hat,
in hundert Jahren unntig geworden und nur noch als Erinnerung, mit
dankbarem Erstaunen gehegt, vorhanden sein wird.

Das Kennzeichen der Literatur in hundert Jahren wird es sein, da es
keine Literaten mehr geben wird, nmlich keinen besonderen Stand, der
das Privileg hat, fr die anderen das Wort zu besorgen, wie der Bcker
das Brot und der Metzger das Fleisch.

Wie Wagner an eine Zeit geglaubt hat, in der jeder sein eigener Knstler
sein wird, so wird jeder dann sein eigener Dichter sein und keinen
Dolmetsch seines Herzens mehr brauchen.

Alle Kunst ist ursprnglich zunchst immer nur ein Versuch des Menschen,
seine groen inneren Momente bei sich aufzubewahren und irgendwie den
schnen Augenblick so zu verewigen, da er ihn, so oft er will, wieder
herbeirufen kann. Kunst ist zunchst nichts als ein Mittel zur eigenen
Erinnerung. Lust von ungemeiner Art oder auch ein besonderes Leid, das
ja dem Menschen ebenso, wenn es ber das gewhnliche Ma geht, zur
unentbehrlichen Erregung werden kann, soll, um ihm immer bei der Hand zu
sein, in ein Zeichen eingefangen, in ein Gef verschlossen werden. Lust
oder Leid, jedes Gefhl berhaupt, setzt sich in einen krperlichen
Rhythmus um, der dann in Tnen, Gebrden oder Worten verlautet und
erscheint. Dieser krperliche Rhythmus kann nicht festgehalten, nicht
der Erinnerung anvertraut und also nicht willkrlich reproduziert
werden, aber seine Erscheinungen, seine Laute knnen erhalten werden und
rufen dann, reproduziert, denselben krperlichen Rhythmus wieder hervor.
Die Kunst dient zunchst dem einzelnen Menschen wie seinem ganzen Volke
dazu, sein ganzes Leben, soweit es bisher abgelaufen ist, jederzeit
wieder um sich versammeln und sich so jederzeit mit seinen smtlichen
Zustnden umgeben zu knnen. Und so dient sie dann dem Menschen auch
dazu, den anderen von seiner Eigenheit ein Zeichen zu geben, um sich mit
ihnen ber sein Wesen zu verstndigen.

Als nun aber spter alle zur Erhaltung des menschlichen Lebens
notwendigen Verrichtungen, die bisher jeder selbst fr sich besorgt
hatte, den einzelnen abgenommen und der Reihe nach an besondere Gewerbe
verteilt wurden, als, bei der Auflsung der primitiven Wirtschaft, die
alles im eigenen Hause bestellt hatte, einer fr alle das Backen, ein
anderer das Schneidern, der dritte das Schlachten bernahm, geschah es,
da auch eine so hchst persnliche Verrichtung, wie die Kunst als die
Aufbewahrung des eigenen Lebens in Zeichen, aus denen es jederzeit
wieder herbeigeholt werden kann, nun einer besonderen Innung zugewiesen
wurde. Ein eigenes Geschft entstand, das es bernahm, gegen Bezahlung
jedem einzelnen nach Wunsch den Ausdruck seines Lebens oder doch der ihm
wichtigsten Empfindungen anzufertigen. Die Literatur entstand.
Eigentlich ist sie kein geringeres Wunder, als wenn damals, bei der
Teilung der Arbeit, etwa auch die Fortpflanzung der Menschheit einer
besonderen Zunft zugesprochen worden wre. Es ist ein Wunder, das der
natrliche Menschenverstand, wenn er sich's recht berlegt, eigentlich
gar niemals begreifen kann. Man versuche nur, sich einmal klar zu
machen, worauf die jetzige Literatur beruht. Eine Reihe von Menschen
lebt davon, da ihre Gedichte gekauft werden. Ein Gedicht ist der
Zustand irgend eines Menschen, in Worte verschlossen.

Es ist nun durchaus nicht einzusehen, warum ein anderer Mensch es sich
etwas kosten lassen soll, diesen ihm fremden und gleichgltigen Zustand
kennen zu lernen. Der Zauber eines Gedichts besteht eigentlich nur in
seiner Macht, ein entschwundenes Stck Leben dem, der es erlebt hat,
jederzeit in Erinnerung zu bringen, Entschwundenes zurckzuholen.
Welches Interesse es aber fr irgend einen Menschen haben knnte, an
etwas erinnert zu werden, woran er gar nicht erinnert werden kann, weil
ihm doch jede Vorbedingung des Erinnerns fehlt, denn der Inhalt des
Gedichts ist ja nur von seinem Dichter, keineswegs aber vom Kufer des
Gedichts erlebt worden, dies lt sich durchaus nicht ersinnen. Und es
ist auch nur durch eine gelinde Tuschung irgendwelcher Art mglich; der
Kufer kann auf seine Kosten nur kommen, wenn das Gefhl, das der
Dichter ins Gedicht gefat hat, seinem eigenen zum Verwechseln hnlich
sieht. Die Tuschung, diese Verwechslung, auf der der heutige
literarische Betrieb durch Innungen beruht, kann also nur geschehen,
wenn entweder der Inhalt des Gedichts, das Erlebnis des Dichters ganz
persnlich ist oder das Persnliche, das es etwa hat, durch die Form
abgeschwcht und aufgelst wird, oder aber hinwieder das Erlebnis des
Kufers, an das ihn das Gedicht erinnern soll, sei es von Anfang an ganz
undeutlich gewesen, sei es schon so verblat, ist so, da er sich jedes
andere dafr einreden lt. Je strker ein Dichter erlebt, je reiner er
sein Erlebnis ausdrckt, desto weniger wird dieser Ausdruck fhig sein,
mit dem Ausdruck anderer Erlebnisse verwechselt zu werden und den Zweck
des literarischen Handels zu erfllen, da er nmlich im Kufer ein
Erlebnis des Kufers zurckrufen soll. Und je strker der Kufer erlebt,
desto geringer wird seine Neigung sein, sich an einem Ausdruck, der ihn
nur ungefhr von weitem daran erinnert, gengen zu lassen. Alle
Persnlichkeit des Erlebens, beim Dichter wie beim Kufer, mglichst
auszuruchern, bis am Ende nur ein allgemeiner Dunst davon brig bleibt,
worin jede Farbe verschwimmt, mu also die grte Sorge des
literarischen Betriebs sein, und es lt sich nicht leugnen, da dies
heute mit einer ganz wunderbaren Hingebung geschieht. Wie sich die
Dichter schon im Aeueren immer mehr dem Vulgren assimilieren und mit
Erfolg beflissen sind, das Aussehen und Auftreten von Bankiers
anzunehmen, so gelingt es ihnen auch im Geistigen immer besser, ihr
Gesicht zu verwischen. Und ebenso sind auf ihrer Seite die Kufer
bemht, sich in ganz unpersnlichen Erlebnissen aufzuhalten, die dann
freilich an jeden vorbergleitenden Schatten angehngt werden knnen.

Das wird nun so bleiben mssen, solange die Welt ein Warenhaus und der
Mensch ein Hndler bleibt. Es sind Anzeichen da, die jedoch vermuten
lassen, da in hundert Jahren die menschliche Wirtschaft anders geworden
sein werde. So htte auch dieser literarische Betrieb keinen Sinn mehr;
und es knnte dann keine Literaten mehr geben, keine Menschen mehr, die
davon leben, da sie ihr eigenes Leben verunstalten, um seinen Ausdruck
fr den Ausdruck fremden Erlebens ausgeben und dafr Geld einnehmen zu
knnen.

Die Literatur in hundert Jahren wird sich dann von der heutigen vor
allem durch das Motiv unterscheiden. Das Motiv des heutigen Literaten,
eingestanden oder nicht, ist der Lohn. Er dichtet, um die Miete, den
Haushalt und das Zubehr bezahlen zu knnen. Er ist darum verhalten,
kaufkrftig zu dichten. Er mu das dichten, was verlangt wird; und
verlangt wird, was sich jedem anpat, was von jedem getragen werden
kann, was sich nach jedem Geschmack dehnen lt; und allenfalls auch,
schlgt die Mode um, leicht wieder umfalten und auffrben.

Dieses Motiv fllt dann weg. Es mu dann niemand mehr dichten, blo um
nicht zu verhungern, weil jedem ein anstndiger Erwerb zugesichert sein
wird, und das Dichten trgt dann nicht mehr dazu bei, das Einkommen zu
vermehren. Ist dann also das bewegende Grundmotiv der heutigen Literatur
ausgeschaltet, so wird es zunchst fraglich, ob nicht alle Literatur
berhaupt stillstehen und vielleicht fr einige hundert Jahre sistiert
sein wird, solange nmlich, bis es etwa geschehen mag, da einer einmal
aus einem ganz anderen, heute durchaus unbekannten Motiv das Wort nimmt,
also z. B. vielleicht, weil er etwas zu sagen hat, oder auch einfach
deshalb, weil er, geheimnisvoll getrieben, eben mu. Dies alles kommt
uns heute freilich hchst phantastisch vor, aber seit wir es erlebt
haben, da der Mensch das Fliegen erlernt hat, sind wir geneigt, allen
Ausschweifungen der Phantasie zu trauen.

Allerdings wrde das Dichten dann aus seiner ffentlichen Bedeutung
verdrngt. Es wrde nicht mehr genossenschaftlich betrieben und jene
Organisationen, durch die heute den Dichtern die Verbindung mit dem
Markt hergestellt und der Absatz gesichert wird, also die verschiedenen
Schulen und Richtungen, wie wir sagen, htten aufgehrt. Das Dichten
htte keinen Zweck mehr, sondern nur noch einen Grund, nmlich im
eigenen Trieb; es wre nur noch ein Dichten vor sich hin und fr sich
hin, nicht mehr auf die anderen los. Seinen heutigen Sinn htte es
allerdings damit ganz verloren, aber es lieen sich immerhin Menschen
denken, denen auch ein solches sinnloses und zweckloses Dichten, ein
Dichten an und fr sich, Freude machen knnte, so wenig wir jetzt
eigentlich in der Lage sind, uns einen solchen Menschenschlag recht
vorzustellen. Jedenfalls wrde das dann auch nur ganz im Geheimen
geschehen, als eine vollkommen intime Verrichtung, als ein geistiges
Mllern sozusagen, wodurch es denn, ohne sich freilich mit der groen
ffentlichen Bedeutung unserer heutigen Literatur, die ja ihren Platz
unter den wichtigsten Industrien hat, irgendwie messen zu drfen,
immerhin noch einen gewissen hygienischen Wert ansprechen knnte.

Zu bemerken ist noch, da jedenfalls der Uebergang zu dieser neuen Zeit,
in der jeder sein eigener Dichter sein wird, sehr groe Schwierigkeiten
haben mu. Denn es wird vor allem dann die Frage zu lsen sein, was mit
den auer Betrieb gesetzten Dichtern geschehen soll, und es ist zu
befrchten, da fr sie durchaus nicht so leicht eine auch nur halbwegs
passende Verwendung zu finden sein wird. Seien wir froh, da uns diese
Sorgen unserer Enkel erspart bleiben!




                          Dr. Max Burckhard.
                      Das Theater in 100 Jahren.


                      Das Theater in 100 Jahren.
                        Von Dr. Max Burckhard.

Also, sagte ich, indem ich noch einmal den lnglichen Metallkasten
aufmerksam betrachtete, der auf vier niederen Rdern vor mir stand,
also, es ist alles in Ordnung.

Alles, erwiderte mein Neffe, der mit ernster Miene neben mir stand.

Und wir haben hoffentlich nichts vergessen . . .

Nichts.

Den Stiftbrief habe ich heute morgen selbst noch einmal genau
durchstudiert; ich glaube wirklich, es ist keine Mglichkeit bersehen,
mit der man berhaupt rechnen kann.

Teufel, Teufel! Mein Neffe kratzte sich nachdenklich am Kopf. In dem
Stiftbrief steckt meine einzige Sorge. Wenn am Ende doch der ganze
Staat, whrend des Urlaubs, den Du Dir da nimmst, zusammenkracht . . .

Na, dann kommt eben ein anderer Staat nach ihm!

Ist das so ausgemacht? Und wer wei, ob der sich um Stiftungen und
derlei Dinge kmmert!

Das wird schlielich jeder Staat.

Und das hltst Du wirklich fr ganz ausgeschlossen, es knnte auf
einmal das ganze Stiftungsvermgen flten gehen? Und ist kein Geld mehr
da, so kmmert sich natrlich kein Mensch mehr um Deine irdischen
Reste.

Na, die Jahre, die Du selber lebst, doch natrlich Du . . .

Ich natrlich -- aber die paar Jahre!

Dann ist das Interesse der Wissenschaft da an meinem Experiment.

Weit Du, das Interesse fr das Geld ist doch viel sicherer.

Nun und auch daran kann es nie fehlen. Darum habe ich auer allen
mglichen Wertpapieren und hypothtekarischen Sicherstellungen in den
drei grten Banken Gold erlegt.

Gerade das Gold ist aber vllig wertlos, sobald der nchste
hergelaufene Kerl unter besonderen Druck- und Temperatur-Verhltnissen,
eventuell mit Zuhilfenahme irgend einer Emanation das Gold aus ein Paar
billigen Elementen zusammensetzt.

Mit solchen auerordentlichen Denkbarkeiten mu man sich schlielich
bei allem im vorhinein abfinden. Es knnte ja auch der Mond oder irgend
ein anderes kosmisches Gebilde auf einmal in die Erde hineinfallen.

Dann ist eben alles aus.

Gewi, aber in Deinem Falle ist es bei mir noch lange nicht aus.

Ich meine doch. Denn wenn Deine Stiftung erlischt oder sonstwie die
Summen entfallen, aus denen diese Anlagen erhalten und betreut, Kurator
und Personale bezahlt werden . . . .

Dann wird eben keine Kohlensure mehr nachgefllt, in meiner Khlkammer
wird es immer wrmer und wrmer und die knstliche Erstarrung, die wir
durch die Klte hervorrufen werden, hrt dann ebenso langsam auf, wie
sie heute eintreten wird. Die Blutzirkulation beginnt von neuem, ich
schlage die Augen auf, und der Unterschied ist nur . . . .

Da Du allein in dem unheimlichen Raum wach wirst, in dem Dich, wenn Du
Deine hundert Jahre Erstarrung glcklich durchgemacht httest, das ganze
Stiftungspersonal und vielleicht Kaiser und Papst oder doch Vertreter
aller Hochschulen freundlich lchend begren wrden . . .

Lauter Kerle, die ich nicht kenne.

. . . und da Du, fuhr unbeirrt mein Neffe fort, wenn Dein Geld beim
Teufel ist, eben ohne einen Knopf Geld dasitzest oder zunchst
daliegst.

Die Hauptsache ist, da ich einen zweiten Schlssel im Sack habe und
hinauskann. Ich werde halt dann arbeiten und mir mein Geld verdienen.

Das wird dann wohl nicht so leicht sein. Denn zunchst wirst Du all die
neuen Dinge zu lernen haben, die man wird wissen und knnen mssen, um
berhaupt ein ntzliches, ja ein mgliches Glied der Gesellschaft zu
sein.

Ich lasse mich, wenn alle Stricke reien, einfach ums Geld anschauen.
Einen Impresario wird es doch geben, der mich per Luftballon, oder wenn
dieses Verkehrsmittel schon wieder veraltet ist, sonstwie in den X
Weltteilen und den umliegenden Ortschaften herumfhrt. Das mu ja allein
ein Heidengeld tragen, einen Menschen herzuzeigen, der sich vor hundert
Jahren hat einschlfern lassen, um den Rest seines Lebens in Raten
abzudienen, und der nun als lebendiger Berichterstatter einer
entschwundenen Zeit herumgeht.

Bist Du sicher, da Dir das nicht andere schon werden nachgemacht
haben?

Wenn sie nicht die von mir ersonnenen Maregeln getroffen haben,
platzen ihnen schon beim Erstarren ein Paar Gefe und sie werden dann
hchstens wach, damit sie sofort der Schlag trifft, der sie eigentlich
schon damals vor hundert Jahren htte treffen sollen.

Auf alle diese Dinge, die Du ja gewi sehr sinnreich ausgedacht hast,
kann im Laufe der Zeit auch ein anderer kommen.

Soll er. Aber ich habe noch als Student Richard Wagner einmal am
Bahnhofe empfangen, kann von meinen Begegnungen mit Ibsen erzhlen, habe
mit Arthur Schnitzler eine Zeitlang in einem Hause gewohnt und . . .

Nun, mir kann es ja recht sein. Mich geht ja das eigentlich alles gar
nichts an, und wir haben es auch zum Ueberflu schon oft genug
durchgesprochen. Fr mich als Arzt ist die Hauptsache, da die
Khlkammer in Ordnung ist und das Medizinische der Sache tadellos
funktionieren wird -- soweit es eben eine menschliche Berechnung gibt.
Hoffen wir, da es in Deinem Gebiet, mit dem Juristischen, ebenso gut
bestellt ist. Nur darauf habe ich noch einmal hinweisen wollen. Aber da
Du meinst, es stimme auch da alles . . .

Gewi, natrlich auch hier, soweit es eben eine menschliche Berechnung
gibt.

. . . und allem Anscheine nach fest entschlossen bist . . .

Steif und fest.

Offen gesagt, ich habe eigentlich doch immer geglaubt und, ich darf
wohl hinzufgen, gehofft, Du wirst es Dir im letzten Augenblick, wenn es
nmlich drum und daran ist, noch anderes berlegen. Ich mag mir zehnmal
sagen, da Du mich ja fast um ein Jahrhundert berleben wirst --
eigentlich stirbst Du in dem Augenblick doch fr mich, wo Du Dich in den
Kasten hineinlegst und ein Hebeldruck von mir Dich zugleich narkotisiert
und in die Khlkammer hineinrollen lt. Und zum Ueberflu mte ich
daher eigentlich hinterher auch noch die Empfindung haben, da ich Dich
umgebracht habe.

Da Du doch praktischer Arzt bist, wird Dir ja diese Art Empfindung
nicht so neuartig sein.

Verzeihe, ich be die Chirurgie aus, und nicht die interne Medizin
. . .

Deine Empfindung brigens ist mir ganz interessant. Mir geht es
nmlich, offen gestanden, momentan ganz hnlich. Auch mir ist es in dem
Augenblicke, seit ich den Gedanken gefat habe, mir den Rest meines
Lebens fr spter aufzuhalten, nun zum ersten Male vllig klar, da ich
eigentlich doch jetzt sterbe, indem ich von allen Menschen, die ich
kenne, aus dieser ganzen Welt, mit der ich vertraut bin, scheide, um
dereinst unter unbekannten Umstnden und vllig fremden Leuten wieder zu
erwachen.

Weit Du was? Gib wenigstens noch einige Tage zu.

Nein, nein. Ich mu mit meinem knftigen Leben sparsam sein. Jeder von
den Tagen, die meine Lebenskraft bei vernnftiger Lebensfhrung noch
whrt, fehlt mir, falls ich die Maschine jetzt weiterlaufen lasse, dann
dereinst, wenn ich wieder zu leben beginne. Und diese pltzliche
Stimmung beruht ja doch nur auf einer falschen Sentimentalitt. Ich bin
eben ein Auswanderer, der fr immer seiner Heimat und allen Freunden
Lebewohl sagt, indem er das Schiff besteigt, das ihn nach fernem Eiland
bringen soll.

Rein gedankenmig stimmt es ja. Und doch . . .

Und was gewinne ich nicht dafr! Ich werde wieder leben, werde leben
und ferne Zukunften miterschauen als Zeuge der menschlichen Entwicklung,
whrend Ihr alle lngst werdet aufgehrt haben zu sein.

Und woher weit Du, da wir aufhren werden zu sein? Da nicht jedes
Leben nur die Fortsetzung frherer Leben ist? Da nicht ich und einer,
der vor mir war, und einer, der nach mir sein wird, nur verschiedene
Formen, nur Fortsetzungen ein und desselben Wesens sind?

Und Du und ich auch dasselbe Wesen! Nein, nein, lieber Freund, in
transzendentale Errterungen lasse ich mich so kurz vor dem Einschlafen
nicht mehr ein, ich, der ich erst in einer Zeit wieder erwache, wo man
Bcher ber Philosophie mit genau derselben Schtzung betrachten wird,
wie wir etwa heute Werke ber Astrologie ansehen. Rasch, rasch! Mich
erfat jetzt eine pltzliche Ungeduld -- eine strmische Sehnsucht --
Was soll ich noch hier! Jeder Augenblick, den ich noch lebe, ist
verloren. Fort, fort! Lebe wohl. Gre mir noch alle. Und tausend Dank
fr all Deine Freundschaft, Hilfe, Mhe, Teilnahme . . . -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

                   *       *       *       *       *

Es war ein ganz eigentmliches Gefhl, das mich allmhlich zu erfassen
begann. Mich? Nein, irgend einen Menschen, der dalag. Es ging etwas vor.
Aber ich wute nicht nur nicht, was vorging, auch nicht, mit wem es
vorging, vor allem nicht, da es mit mir vorging. So mag wohl einem
trockenen Fels zu Mute sein, wenn in seinen Spalten auf einmal Wasser zu
sickern, zu rieseln, zu flieen beginnt. Oder einer Buche, wenn im
Frhjahr die Sfte wieder emporsteigen, sich, dem Auge noch unsichtbar,
zartes Grn unter der harten Auenrinde bildet, und es an den Spitzen
und in den Winkeln und allenthalben lngs der Achsen zu schwellen
beginnt. Und dann war ein Gerusch. Irgendwo. Oder eigentlich nirgends.
Es war nur. Aber ohne Vorstellung von Nhe oder Ferne. Und dann war auf
einmal etwas anderes. Zuerst wie ein kaltes, stechendes Gefhl, und dann
wie etwas Weiches, Warmes, Wonniges. Und jetzt wute ich es, das war ja
Licht. Und ich sah. Sah die Wnde eines kleinen Raumes, sah mich, sah
mir zur Seite, leicht ber mich gebeugt, eine Gestalt stehen, die zu mir
sprach. Aber die Gestalt konnte ich noch nicht erfassen, ihre Worte, die
ich wohl zuerst als das ferne Gerusch vernommen, nicht verstehen.

Und nun mit einem Schlage wute ich alles. Das war die Kammer, die ich
mir als Ruhesttte fr ein Jahrhundert erwhlt, und das Jahrhundert war
nun um, und ich erwachte zu neuem Leben. Wer wohl da vor mir jener erste
Mann war, der mich von den Sptgeborenen begrte? -- -- -- Aber nein!
Das war ja nicht mglich! Da mute etwas geschehen sein. Ich konnte wohl
nur viel krzere Zeit hier gelegen haben. Der Mann, der da vor mir stand
und so gespannt auf mich blickte, war ja -- mein Neffe!

Was ist's? fuhr ich auf -- warum weckst Du mich schon?

Schon? Das gibst Du gut, sagte er mit herzlichem Lachen. Aber nur
ruhig -- keine zu heftigen Bewegungen im Anfang -- Deine Muskeln und
Gefe mssen doch erst ein klein bichen Zeit haben, sich an die neue
Ttigkeit zu gewhnen.

Ja, wie lange schlafe ich denn dann?

Nun, genau hundert Jahre. Wie Du angeordnet hast.

Mach' keine dummen Witze. Wie kmest Du dann her?

Das werde ich Dir gleich erklren, schauen wir nur, da wir aus dieser
Gruft hier herauskommen, die Luft ist trotz aller Vorkehrungen doch
nicht die allerbeste hier herinnen, und drauen findest Du herrlichen
Frhling.

Ich mache keinen Schritt heraus, bevor Du mir nicht aufklrst, was da
vorgeht und warum ich erweckt worden bin. Ich will wissen, wie viel Uhr,
das heit, welches Jahr es ist.

Nun 2009 ist es, das ist doch sehr einfach. -- Komme nur. Deine Kleider
riechen wirklich etwas muffig. Ich habe Dir oben einen Anzug nach der
neuesten Mode hergerichtet. Du wirst staunen . . .

Nun, wenn er so verrckt aussieht wie Deiner . . .

Aber hygienisch, Freund -- hygienisch! -- Doch komm' nur. Siehst Du,
jetzt sind wir schon in Deinem Schlafzimmer. Etwas wurmstichig halt das
Ganze! Und die Stoffe arg verschossen. Ich habe hier absichtlich nichts
richten lassen.

Jetzt wirst Du mir aber gleich erklren . . .

Nein, da Du noch nicht selbst darauf gekommen bist! Es ist doch
eigentlich so einfach und naheliegend. Ich habe Deine Idee, je lnger
ich darber nachdachte, um so herrlicher gefunden, meine Zeitgenossen
sind mir immer ekelhafter geworden, vorbereitet war alles auf das
genaueste, Platz war auch fr zwei dort unten, ein zweiter Kasten war
bald gemacht, und so brauchte ich nur statt meiner einen anderen Kurator
zu bestellen und mich unter seiner Assistenz in die Khlkammer schieben
zu lassen.

Ja, wer hat Dich denn dann aufgeweckt?

Nun der Kurator, der im Jahre 2008 diese Wrde bekleidete und die mit
ihr verbundenen Bezge geno.

2008?

Natrlich. Ich lie mir es nmlich mit achtundneunzig Jahren genug
sein, und da ich genau ein Jahr nach Dir zu Kasten ging, lie ich mich
auch ein Jahr vor Dir wieder zum Aufstehen veranlassen, damit Dich
wenigstens ein bekanntes Gesicht begrt.

Das ist aber wirklich sehr lieb von Dir gewesen . . .

Weit Du, das war wirklich ekelhaft, dieses Erwachen. Diese Schar von
Gaffern -- und dieser blde Kerl, den sie da zum Kurator bestellt
hatten! Den dmmsten vom ganzen Kuratelsgericht. Weil er der Schwager
eines Ministers ist!

Mir scheint, es hat sich nicht viel gendert auf der Erde.

O doch, doch! Du wirst schon sehen. In gewissen Dingen freilich . . .
Aber ich will den Geschichtsstudien, die Du neu anzustellen haben wirst,
nicht vorgreifen. Fr heute nur, da es auf der ganzen Welt nur mehr
einen einzigen Staat gibt. Einer hat alle aufgefressen.

Deutschland? Oder England?

Nein. Monaco. Weil er das meiste Geld hatte. Aber das ist ja doch
schlielich ganz gleichgltig. Schau lieber zum Fenster hinaus. Ist er
nicht herrlich der See?

Ja, natrlich ist es schn. Aber das war er doch immer. Doch etwas
kleiner kommt er mir vor.

Und da ist jetzt der Wasserstand noch besonders hoch. Ja, die Seen sind
halt alle in den achtundneunzig Jahren ziemlich zurckgegangen.

Hundert bitte!

Bei mir achtundneunzig! Du entschuldigst schon, da ich nach meiner
Zeitrechnung gerechnet habe.

Bitte, bitte. -- Jetzt mu es Nachmittag sein. Denn an einem Nachmittag
habe ich mich ja niedergelegt.

Ganz richtig.

Also wie beginne ich das neue Leben? Denn heute nacht werden wir wohl
noch hier bleiben mssen!

Was wrdest Du zu einer Theatervorstellung sagen?

Aber, lieber Freund, dafr habe ich mir mein Leben nicht aufgespart, um
mir dann in St. Gilgen eine Theatervorstellung anzusehen.

Wer spricht denn von St. Gilgen!

Wir sind ja doch in St. Gilgen! Oder gibt es etwa einen Luftexpre, der
uns bis zu Beginn der Vorstellung noch nach Wien oder Mnchen bringt?

Du bist eben noch sehr weit zurck in Deiner Bildung. Ins Theater gehen
wir jetzt nur mehr zu Premieren.

Eine Premiere habe ich noch weniger Lust mir anzusehen. Das knnte ein
feiner Dichter sein, der hier die berhaupt ersten Auffhrungen seiner
Stcke veranstalten lt.

Lieber Onkel, habe keine Sorgen. Du wirst ein gutes lteres Stck hren
und sehen in ausgezeichneter Besetzung und Darstellung. Eine
Mustervorstellung, gespielt von den allerbesten Schauspielern.

Also wo wirst Du mich hinfhren?

In Dein Studierzimmer. Dort habe ich alles mit modernstem Komfort
fr Dich einrichten lassen. Du brauchst Dich nur in Deinem
Schreibtischfauteuil zu setzen -- es ist noch der alte nach Kolo Mosers
Zeichnung, den Dir der Bahr geschenkt hat, -- und kannst dort ruhig
warten, bis die Vorstellung beginnt.

Also wohl eine telephonische Verbindung mit dem Burgtheater? Oder gar
mit Berlin?

Wo Du willst. Aber so einfach, wie Du Dir das vorstellst, ist die Sache
nicht. Auch handelt es sich nicht nur um das Hren. Du wirst auch alles
sehen, genau, als sest Du in einem wirklichen Theater.

Hat man es richtig so weit gebracht, da man auch die Lichtbilder mit
Hilfe des elektrischen Drahtes in jeder Entfernung sehen kann?

Das ist heute ganz einfach.

Und da sieht man auch das ganze Theater?

Das ganze Haus.

Wenn aber alle es so machen wie ich, ist ja kein Mensch darinnen. Das
ist dann eigentlich doch ziemlich de.

Freilich ist kein Mensch darinnen. Aber Du siehst doch das volle Haus.
Das Bild von jedem, der sich die Vorstellung anschaut, wird nmlich von
demselben Draht, der ihm zum Sehen hilft, auf den Sitz projiziert, den
er bestellt (und natrlich bezahlt), und so siehst Du nicht nur die
Schauspieler, sondern auch alle Zuhrer und Zuseher per Distance so, als
sen sie im Kreise um Dich. Und dasselbe sieht jeder andere auch, so
da ich Dir empfehle, Dich noch umzukleiden, wenn Du mit Deinem
altmodischen Rckchen nicht ringsum unliebsames Aufsehen erwecken
willst. Dafr wirst Du Deine Nachbarin, wenn Du eine bekommst, gewi
auch in eleganter Toilette erblicken.

Was ntzt mir die schnste Nachbarin, wenn sie nicht wirklich neben mir
sitzt!

Ja, soweit haben wir es freilich noch nicht gebracht. Aber schlielich,
die Schauspieler stehen ja auch nicht in Wirklichkeit auf der Bhne.

Was? Keine Schauspieler? Am Ende Puppen?

Gott bewahre. Stimmplatten und wunderbar gemachte kinematographische
Aufnahmen. Also genaueste Reproduktion des gesprochenen Wortes und des
sich gleichsam abrollenden Bhnenbildes.

Da gibt es somit von jedem Stck eigentlich nur eine einzige
Auffhrung, und die wird mit Apparaten aufgenommen und schnurrt dann
optisch und akustisch alles herunter.

So hnlich ungefhr.

Da kann ja einer noch weiterspielen, wenn er schon lngst tot ist?

Natrlich. Eine Menge Rollen in alten Stcken spielt heute im
Burgtheater noch der Kainz. Ein Schauspieler wird erst abgesetzt, wenn
man einen hat, der besser ist als er.

Wie wei man denn das?

Da wird eben immer probiert.

Und wer entscheidet?

Das Publikum natrlich.

Wenn keines da ist!

Man sieht Dich doch applaudieren und hrt Dich applaudieren und
zischen, genau so, als wrest Du da.

Aber zum Teufel, ich werde mich doch nicht hinsetzten, um ber einen
Schauspieler, der vielleicht elend ist, zu urteilen, wenn ich einen
hren kann, von dem ich wei, da er glnzend ist.

Und wie oft hat das nicht auch das Publikum im alten Theater tun
mssen? Erinnere Dich nur aus Deinen eigenen Zeiten, was fr Gste Du
oft dem Publikum vorgefhrt hast.

Das habe ich doch tun mssen, weil ja viele meiner Mitglieder alt und
alle von ihnen sterblich waren. Aber heute, wo die Sache so liegt
. . .

Eine Abwechselung mu es immer geben, und darum gibt es auch Films mit
Doppelbesetzungen und sogar mit Teilen, die man auswechseln kann. Und
die Mglichkeit einer fortschreitenden Entwicklung mu auch vorhanden
sein. Diesem Zwecke dient eben die Institution der Probeaufnahmen, die
zunchst bei jedem Versuche gemacht werden und auf Grund deren dann erst
die Hauptfilms revidiert und eventuell neu zusammengestellt oder neu
angefertigt werden.

Da geht man also gar nicht mehr ins Theater, sondern macht alles bei
Telephon und Teloskop oder wie Ihr das Ding nennt, zu Hause ab.

In das Theater gehen wir schon auch noch. Aber nur mehr zu den
Premieren.

Mich wundert nur, da Ihr nicht die auch noch zu Hause absolviert.

Ja, lieber Onkel, das geht freilich nicht. Da kmen wir ja um das
Hauptvergngen, das eine Premiere gewhrt.

Ihr geniet doch das Stck des Dichters und die Darstellung des
Knstlers in Eurem eigenen Fauteuil auch sonst genau so wie auf dem
Theatersitz. Und Zischen und Applaudieren knnt Ihr ja zu Hause auch
ganz vernehmlich.

Ja, aber nach den Premieren wird sehr oft gerauft, und so weit sind wir
doch noch nicht, da man auch die Prgeleien in absentia auf
elektrischem Wege vornehmen kann.

Also, da mu ich Dir gleich sagen, um das Raufen ist es mir nicht, aber
ich will zu einer Premiere gehen. Ich will wirkliche Menschen im Theater
haben. Auf der Bhne und im Zuschauerraum auch. Wie lange braucht man
nach Wien? Fr heute ist es natrlich schon zu spt.

Zu spt vielleicht noch nicht, denn man reist jetzt wirklich
auerordentlich schnell in den pneumatischen Caissons -- aber, obwohl
heute Premierentag wre, ist doch heute keine Premiere. In Wien nicht,
in Berlin nicht, in Mnchen nicht.

Warum denn nicht? Ist etwas geschehen?

Ein groer Fackelzug aller Schauspieler ist heute, weil die
Volksvertretung in die erste Lesung des Theatergesetzentwurfes ber die
Rechte der Schauspieler eingetreten ist, den Ihr seinerzeit
ausgearbeitet habt . . .

                   *       *       *       *       *

Nun, wie steht es? fragte drauen teilnahmsvoll die Typewriterin den
Arzt, der eben aus dem Zimmer heraustrat.

Aussichtslos, sagte dieser. Er bildet sich ein, er habe hundert Jahre
in einer Khlkammer in knstlicher Erstarrung gelegen, wir schrieben
jetzt 2009 und er sei eben erwacht. Mich hlt er fr seinen Neffen, und
jetzt will er sich von seinem Schreibzimmer aus eine Theatervorstellung
ansehen. Verrckt. Total verrckt.

Er hat seit Wochen nichts getan als gelesen. Alle Stcke, die im Laufe
des letzten Jahres erschienen sind . . .

Ja, das hlt freilich kein Mensch aus. Da mu einer wahnsinnig werden.
Mich wundert da nur, da er nicht geradezu tobschtig geworden ist.




                         Dr. Wilhelm Kienzl.
                       Die Musik in 100 Jahren.
                    Eine berflssige Betrachtung.


                     Die Musik in hundert Jahren.
        Eine berflssige Betrachtung von Dr. Wilhelm Kienzl.

Mein Lebtag war ich ein sehr miger Trinker: tglich abends ein halbes
Liter Bier, ab und zu beim Mittagessen ein bescheidenes Glschen Wein
und bei seltenen feierlichen Anlssen ein paar Glas Sekt, das ist alles,
was ich trinke. Niemand darf mich daher als einen Alkoholiker
bezeichnen. Beleidigt aber wrde ich mich fhlen, wenn man mich einen
Antialkoholiker nennen wrde; denn ich halte es mit meiner Menschenwrde
fr unvereinbar, einer Sekte anzugehren, in der mein freier Wille
geknebelt und mir die Mglichkeit genommen wird, heute oder morgen, wenn
ich mich dazu gerade in Stimmung fhle, ein Glschen mehr zu trinken als
gewhnlich; wei ich doch selbst am besten, wann ich genug habe und was
mir bekommt oder schadet. Allen Gottesgaben soll man zugnglich sein,
sich jedoch auch durch Migkeit als ihres Genusses wrdig erweisen. Mit
dieser schnen Einleitung will ich nur andeuten, da ich auch hier und
da in eine Kneipe gehe, und zwar am liebsten mit Knstlern, weil es da
anregende Kontroversen, kleine geistige Schlachten gibt, die an
Temperament gewinnen, wenn sie mit einem guten Tropfen begossen werden.
Am wohlsten fhle ich mich in Gesellschaft von Vertretern anderer
Knste, also mit Dichtern, Malern, Bildhauern. Der Bogen des Gesprches
ist da naturgem ein weiter gespannter, der Unterhaltungsstoff ein
allgemeinerer. Es gibt Anla zu Vergleichen, und man kann auch was
lernen. Vor allem ist jede Fachsimpelei ausgeschlossen. Immer einmal
kommt es aber doch vor, da ich mit Musikern beisammensitze. Und ein bei
solcher Gelegenheit gefhrtes Gesprch mchte ich hier gern dem Leser
aus der Erinnerung wiedergeben.

Ein khnes Sensationswerk neuesten Datums war natrlich der
Ausgangspunkt der Unterhaltung. Die Meinungen krachten aneinander: ^tot
capita, tot sensus^. Wenn das so weiter geht, wohin kommen wir da?
Diese triviale, heute von jedem fortschrittsfeindlichen Banausen
gebrauchte rethorische Frage entschlpfte dem Organisten Zunftmaier, und
der Komponist Schusterfleck, ein groer Anhnger des eben Genannten,
fiel nach der ersten Silbe des vierten Wortes wie bei einem Kanon im
Einklang mit derselben Frage ein; nur vernderte er, um einigermaen
selbstndig zu erscheinen, die letzten Worte in Wohin soll das fhren?
--

Wohin das fhren soll? schrie Musikdirektor Futurius den Organisten
an; dabei frbte sich das Gesicht des zu Kongestionen geneigten,
ungemein lebhaften Mannes blutrot bis ber die Stirne, und sein beraus
reiches, aber dnnes Haar strubte sich Ibsen-artig in die Hhe. Wohin
das fhren soll? -- Dorthin, wo eigentlich erst die Musik anfngt!
Beethoven, Wagner sind ja nur Vorbereiter fr den Messias, der uns noch
kommen wird, und der Erste, der es unternimmt, die Musik aus den
unwrdigen Fesseln des durchgefhrten Rhythmus und der Melodie zu
befreien, ist der Schpfer der Salome und Elektra. Aber auch in
diesen Werken erblicke ich nur die ersten schchternen Versuche, die bis
nun in spanische Stiefel eingeschnrte Tonkunst in das uferlose
Fahrwasser zu lotsen, in dem der Phantasie eines groen Tonsetzers
keinerlei Hemmung mehr bereitet wird.

Hackt davon erst die Regeln auf! warf mit taschenspielerartiger
Behendigkeit der sich auf seine fortschrittliche musikalische Gesinnung
viel zu gute tuende, als Komponist instruktiver Sonatinen beliebte
Musiklehrer, Professor Quintus Octavius ein. Futurius, der ihm erst
wegen der kecken Unterbrechung seines Redestromes einen wtenden Blick
zugeworfen hatte, lchelte ihm nun verstndnisvoll beistimmend zu, um
sich sogleich wieder zu neuen Gedankenblitzen zu sammeln, die er mit
prophetischer Miene in die kleine Musikantengesellschaft schleuderte:
Wit Ihr, wie es mit unserer Kunst in hundert Jahren aussehen wird?
Nun, wenn nicht, so will ich Euch eine kurze Skizze davon entwerfen;
denn ich schmeichle mir, Weitblick zu haben und aus dem heutigen
Entwicklungsstadium und seinen Triebkrften sichere Syllogismen bilden
zu knnen, die den Zustand unserer Kunst zu Beginn des einundzwanzigsten
Jahrhunderts mit photographischer Treue darstellen. Also merkt auf!

Alle rusperten sich. Der Gesanglehrer Brllhofer, der sich bis dahin
ganz passiv verhalten hatte, lie sich, um die Ausfhrungen des
Musikdirektors nicht zu unterbrechen, rasch eine Flasche Traminer geben,
welchem Beispiele Zunftmaier und aus treuer Anhnglichkeit gegen diesen
auch Schusterfleck sogleich folgten, whrend die brigen mit Stoff
noch reichlich versorgt waren.

In hundert Jahren -- setzte Futurius mit feierlicher Miene ein --
wird man von unseren groen Klassikern und Romantikern der Musik kaum
mehr etwas kennen. Nur in der Musikgeschichte werden die Schler der
Mittelschulen -- denn in ihnen wird dieses Fach lngst als obligat
eingefhrt sein -- ber das Leben und Schaffen eines Bach, Hndel,
Gluck, Haydn, Mozart, Beethoven, Weber, Schubert und Schumann
unterrichtet werden, ohne da sie eine lebendige Vorstellung von deren
Werken empfangen, da bis dahin _unser Tonsystem auf eine vllig
vernderte Grundlage gestellt sein wird_, so da man eine Musik, die
sich im Gebiete des temperierten Tonsystems bewegt, ganz und gar fremd
und unverstndlich finden wird. Die gesamte musikalische Literatur
unserer Tage wird, weil hierdurch wertlos geworden, vernichtet, die
groartigen Gesamtausgaben des Breitkopf & Hrtelschen Weltverlags,
diese bewundernswerten Zeugnisse deutschen Fleies und Idealismus werden
aus dem Handel gezogen sein, da natrlich niemand eine unverstndlich
gewordene Musik mehr kaufen wrde. Nur in den wissenschaftlichen
Bibliotheken wird man einzelne Exemplare der vormals vielbewunderten
Meisterwerke aufbewahren, und Privatgelehrte werden von anderen um den
Besitz solcher wertvoller, weil selten gewordener Drucke beneidet
werden. Die Musikforscher des einundzwanzigsten Jahrhunderts werden die
Tonwerke der genannten Gromeister mit vielem Fleie zu entziffern
versuchen, etwa wie heute jene Gelehrten, die sich mit der Entzifferung
gyptischer Hieroglyphen, Runen und griechischer Tonzeichen plagen, und
werden die berhmtesten unter ihnen vergeblich in die Tonsprache und
Klangwelt ihrer Gegenwart zu bertragen sich bemhen, wie dies in
unserer Zeit mit Pindars Apollo-Hymne, der Melodie zu Homers
Demeter-Hymne und den Hymnen des Dionysios und Mesomedes mit hchst
zweifelhaftem Erfolge geschehen ist. In den Schulen wird man daher auch
im Fache der Musikgeschichte den Studierenden nichts anderes als eine
Anhufung und stete nutzlose Vermehrung trockenen Wissensstoffes von
Namen und Zahlen (hnlich wie heute in der Weltgeschichte und
Geographie) zumuten, die lediglich den Zweck haben wird, das Gehirn zu
qulen, in dem die Herrlichkeiten unserer heutigen Musik keine anderen
Spuren hinterlassen werden, als die Namen, Geburts- und Sterbedaten der
groen Tonmeister vergangener Jahrhunderte und die Titel, Opuszahlen und
unverstndlich gewordenen Benennungen der alten Tonarten ihrer Werke,
deren schn gestochene Exemplare in Ksehandlungen ein unwrdiges Dasein
fristen werden. An den Denkmlern der Meister aber werden mit stumpfen,
gleichgltigen Blicken die gebildeten Menschen vorbergehen, die einst
gezwungen waren, die Namen der in ihnen dargestellten Originale
auswendig zu lernen.

Soweit wird es nie kommen. Das ist unmglich! warf Zunftmaier mit
Entrstung ein, und aus Schusterflecks Munde hallte es sekundierend wie
ein dumpfes Echo: Unmglich!

Brllhofer aber, der immer sehr leise spricht (daher sein Name) wendete
mit unverstndlicher Bescheidenheit, wie sie sonst nur subalternen
Individuen eigen ist, ein: Wieso, Herr Musikdirektor? Wie wollen Sie
die Vorhersage einer so unendlich traurigen Umwlzung motivieren?

Ganz einfach! fuhr Futurius in der ihm eigenen Ekstase fort, Richard
Laufvogel hat in einer seiner Opern wiederholt zwei nicht verwandte
Tonarten gleichzeitig erklingen lassen, in einer anderen Oper sogar
drei. Ein jngerer hochangesehener lebender Meister mit dem
kabbalistischen Namen, der von vorn ausgesprochen ebenso klingt wie von
rckwrts, welches Phnomen bornierte Menschen auch als auf seine Musik
anwendbar erklren (^nomen est omen^) verachtet in einigen seiner
Werke, beispielsweise in einer Violinsonate, die auf dem Titelblatt ohne
jede uere Veranlassung die Bezeichnung in C-Dur mit sich fhrt, die
Tonalitt in so aufflliger Weise, da er ohne Unterla moduliert, was
die Themen schon bei ihrem ersten Auftreten mitmachen, so da es
Reaktionre als durchaus nicht verwunderlich bezeichnen, wenn Spieler
und Zuhrer whrend des Vortrages von dem ruhelosen Geschaukel seekrank
wrden. Derselbe Meister hat einstimmige Gesnge geschrieben (die sich
nur deshalb so nennen, weil sie heute niemand singen kann), in denen
jeder Ton der Singstimme von einer nur ihm allein zugehrigen Harmonie
begleitet wird, so da es einem vor den Augen flimmert, wenn man in die
Noten zu gucken so unvorsichtig ist, weil vor jeder Note ein
Versetzungszeichen steht. In einem Stdtchen Deutschlands lebt verkannt
der Schpfer der Myriomorphoskopfuge und in Wien erfreut sich der
Komponist Schiechthaler einer groen Anhngerschaft, weil er es
versteht, vier Stimmen eines Quartettes von einander derart zu
emanzipieren, da sich jngst ein Mcen veranlat sah, einen hohen Preis
fr denjenigen auszusetzen, dem es gelnge, auch nur eine einzige
Konsonanz in einem seiner Werke nachzuweisen.[8] Bei einem der letzten
Tonknstlerfeste wurde ein umfangreiches Werk von dem Komponisten
Delirius aufgefhrt, in dem nicht nur der Melodie und dem
architektonischen Rhythmus offenkundig der Krieg erklrt, sondern auch
die Zerstrung aller Vorurteile der bisherigen Tonsetzkunst besorgt
wird, um alles dem fessellosen Fluge der Phantasie zu opfern, die hier
lediglich dem Koloristischen zustrebt. Und in Frankreich unternimmt es
ein gewisser Rebusy mit viel Erfolg, die natrlichen Urgesetze der
Musik, die bisher allem aus der Natur Entsprossenen, also auch der
Kunst, zur unentbehrlichen Grundlage gedient haben, aufzuheben, indem er
die Gegenbewegung perhorresziert und die gerade Bewegung der Stimme zum
Prinzip seiner Musik macht, offenbar dazu ermutigt von dem italienischen
Komponisten Butzemann (didum, didum, bidi, bidi, bum, der Kaiser
schlgt die Trumm), dessen Lieblingsausdrucksmittel nackte
Quinten-Parallelen sind, die er in seinen Opern vor, bei und nach
Hinrichtungen, zu denen er jetzt einzig noch Musik macht, anwendet (was
ihn jedoch nicht hindert, sie auch bei heiteren Boulevardszenen zu
verwenden), welches Mittel man brigens als recht bescheiden bezeichnen
darf, wenn es auch nicht nach jedermanns Geschmack ist. Octavius
Quintus macht hier eine zustimmende Kopfbewegung. Ihr seht also, da
wir, nach den Proben, die ich hier gegeben habe, innerhalb der Grenzen
des temperierten Tonsystems kaum mehr auf noch nicht ausgentzte
Ausdrucksmglichkeiten rechnen knnen. Ihr seht, da unsere Weisheit zu
Ende ist, da wir also auf eine vllige Umgestaltung des Bestehenden
bedacht sein mssen, wenn wir das Schaffen nicht fr immerwhrende
Zeiten unterbinden wollen. So wie einst die Diatonik nicht mehr
ausreichte, und man sich endlich der Chromatik bedingungslos ergeben
hat, so erkennen wir heute, da auch diese lngst fr unsere unendlich
verfeinerten Nerven zu roh geworden ist, so da uns selbst alle
Trugknste der Enharmonik nichts mehr frommen knnen. Da wir aber in
unserem temperierten Halb- und Ganztonsystem keine Zwischentne haben,
so mssen wir Vierteltne einfgen, das heit aber so viel, wie mit dem
Bestehenden brechen.

[Funote 8: Der Verleger des jngsten Quartetts Schiechthalers
annonciert, da die Stimmen auch einzeln abgegeben werden.]

Der Wein tat in den Kpfen der nervsen Musikmenschen bereits seine
Schuldigkeit, und das Feuer, mit dem Futurius seiner Ueberzeugung
Ausdruck gab, entzndete den Weingeist in diesen Gehirnen, so da es wie
ein Schu klang, als alle, auer mir, einstimmig das letzte Wort des
Musikdirektors nachbrllten, obwohl sie durchaus nicht alle seiner
Meinung waren. Brechen! schallte es wie der przise Fortissimo-Einsatz
eines mchtigen Mnnerchors, und selbst der kanonische Schusterfleck
fiel diesmal gleichzeitig mit den anderen ein.

Siegfrieds Schwert mu erst ganz in Spne zerfeilt werden, bevor es in
neue Form gegossen wird, fuhr Futurius mit Begeisterung fort. Damit
uns der Ruhm der Reform unserer Kunst zuteil wird, mache ich Euch den
Vorschlag, gleich heute darber _abzustimmen_, ob das _griechische
Tonsystem_ -- denn nur dieses hat die Eignung, unseren Komponisten die
erforderliche Anzahl von Tnen in der Oktave zu bieten -- schon von
heute ab wieder eingefhrt werden solle oder nicht.

Bei diesen Worten entfuhr dem lobesamen Zunftmaier, der von der
griechischen Musik so wenig wute, wie ein Eichktzchen von Logarithmen,
und der schon lange auf den Moment gewartet hatte, in dem er, der brave
Hter uralter Tradition auf der Orgel, seinen Groll gegen den ebenso
hochgebildeten als ungestmen Modernisten Futurius loslassen konnte, das
Wort Reaktionr. -- Doch dem war kaum das Wort entfahren, mcht' er's
im Busen gern bewahren. Zu spt: Futurius ma ihn so lange mit einem
durchbohrenden Blicke, als es sein unruhiges Temperament aushielt.
Zunftmaier blickte verlegen in sein Glas, doch Futurius wrdigte ihn
keines Wortes, zuckte nur verchtlich mit den Achseln und, sprach
unbeirrt weiter: Die Griechen hatten bekanntlich keine Harmonie. Da
Pythagoras und Aristoxenus die Terz und Sext, unsere wohlklingendsten
Intervalle, nach ihren physikalischen Berechnungen fr Dissonanzen
erklrt hatten, konnte bei den Griechen keine Harmonie in unserem Sinne
entstehen. Diese war erst dem temperierten System vorbehalten. Heute
aber, wo man der ewigen Konsonanz mde geworden, so da man es sogar
mglichst vermeidet, Dissonanzen aufzulsen, steht es anders. Wir knnen
nun unbedenklich das reichere und feinere Tonsystem der Griechen uns
aneignen und es mit unserer vielgestaltigen modernen Harmonik
_vereinigen_, so da endlich die Dissonanz und die einen erschpfenden
Ausdruck unseres Innenlebens erst ermglichende Kakophonie zu ihrem
vollen Rechte kommen kann. Durch diese radikale Umwlzung erreichen wir
erst das ideale Ziel, _da schlielich eine Auflsung der Dissonanz
berhaupt unmglich gemacht wird_. Indem ich mir vorbehalte, Euch ein
andermal die aus dieser Neuerung noch weiter sich ergebenden
grenzenlosen Mglichkeiten, wie es beispielsweise die riesenhafte
Vermehrung harmonischer Kombinationen, die ins Unendliche gesteigerte
Emanzipation kontrapunktierender Stimmen von einander und die
Abschaffung des heute schon veralteten Melodiebegriffes sind, zu
demonstrieren, erhebe ich mein Glas auf den Triumph der in Zukunft
_allein gltigen Dissonanz_. Sie lebe hoch!

Keiner wagte es, sich dieser unverkennbaren Aufforderung, in das Lob der
alleinseligmachenden Dissonanz einzustimmen, direkt zu widersetzen, und
so erhob denn jeder mehr oder minder hoch sein Glas, um sich fr den
Fall, da Futurius mit seiner khnen Vorhersage etwa doch Recht behalten
sollte, nicht das Stigma einer unsterblichen Blamage aufzudrcken. Nur
ich entzog mich der peinlichen Situation, indem ich mich im
entscheidenden Augenblick unter den Tisch verkroch, als wenn ich meinen
mir entfallenen Klemmer rasch aufheben wollte, damit nicht etwa seine
Glser zertreten wrden. Als es aber wirklich zu der von Futurius in
Vorschlag gebrachten Abstimmung kam, die Zunftmaier wohlweislich
geheim verlangte, blieb der Antragsteller in der Minoritt. Direktor
Futurius setzte sich jedoch mit einer nicht mizuverstehenden
selbstbewuten Miene ber das klgliche Abstimmungsergebnis hinweg und
brummte unwillig in seinen Bart hinein: Und sie bewegt sich doch!

Octavius Quintus, der Fortschrittler, war nun begierig zu erfahren, was
fr sonstige Umwlzungen und Entwicklungen die Musik nach hundert Jahren
erfahren haben werde und drang in Futurius, doch auch noch diese bisher
unterdrckten Weissagungen zum besten zu geben. Dieser, geschmeichelt
durch das ihm entgegengebrachte Interesse, schickte sich sogleich an,
seine Darlegungen zu ergnzen. Er sprach:

Hand in Hand mit der Vermehrung der Tne wird natrlich auch eine
solche der Orchestermittel gehen. Man wird einst auf unsere heutigen
Partituren, z. B. auf die von Richard Laufvogel, mit Lcheln blicken,
weil sie so wenig Stimmen enthalten, aber auch mit Verwunderung, da der
genannte Tonsetzer mit verhltnismig bescheidenen Mitteln -- wie man
liest -- so gewaltige uere Wirkungen zu erzielen verstanden hat. Mit
noch grerem Staunen aber wird der Musikhistoriker in unseren heutigen
Zeitschriften lesen, da man diesen Komponisten eine nur geringe
Vermehrung der Instrumente und die Forderung von lumpigen 117
Orchestermusikern als Unmigkeit, Uebermut und Anmaung ausgelegt hat;
denn im Jahre 2009 wird das Orchester nicht aus 100, sondern aus
300--500 Musikern bestehen, und eine Partitur wird statt 40--50 etwa
80--100 obligate Stimmen enthalten, so da die Hhe einer Partiturseite
nicht mehr, wie heute, 35--40, sondern 70--80 Zentimeter messen wird.

Octavius Quintus wendete ein: Wie soll denn ein Dirigent so viel
berblicken knnen? Eine solche Vermehrung der Musiker wrde ja auch die
Erfindung vieler neuer Instrumente, die Vergrerung der Orchesterrume
und -Podien und damit auch der Theater- und Konzertsle ins Monstrse,
aber auch das entsprechende Anwachsen der Veranstaltungskosten und somit
auch der Eintrittspreise hervorrufen. Das alles kann ich mir gar nicht
vorstellen. Aehnliches wendete auch Brllhofer ein, aber so leise, da
es Futurius kaum hren konnte. Dieser aber entgegnete dem Einwurfe des
Professors Quintus wie folgt: Wissen Sie denn nicht, da man schon im
grauesten Altertum Orchester von ganz anderer Gre hatte? Bei der
Einweihung des Salomonischen Tempels spielten nach der Bibel (2.
Chronica 5, 12--13) smtliche levitische Musiker, Assaph, Heman und
Jedithum, mit ihren Shnen und Brdern auf Kastagnetten, Harfen und
Zithern, und 120 Priester bliesen gleichzeitig auf Trompeten, Meziloth
und Sangwerkzeuge Dank und Lob dem Ewigen. Und in Josephus'
Jdischer Historie (2. Kap., 8. Buch) heit es: Der Trompeten und
Posaunen, wie sie Moses zu machen befohlen hatte, waren 200000. Fr die
Leviten, die geistliche Lieder singen sollten, lie er 20000 Rcke von
der kostbarsten Seide fertigen. Er lie auch 40000 Saiteninstrumente,
wie Harfen und Psalter, aus kstlichem Kupfer machen. Wie armselig
nehmen sich dagegen doch die 8 Hrner, 5 Trompeten, 3 Posaunen und 2
Tuben im Heldenleben aus! Warum sollte eine solche Zeit nicht
wiederkommen? Sind wir doch auf dem besten Wege dazu. Auch neue
Instrumente wird man erfinden, von denen jedes einzelne den Tonumfang
der ganzen Gattung aufweist, so da kein Zweifel in der Tonfarbe, wie er
beispielsweise zwischen Fagott und Obo besteht, mehr mglich ist. Man
wird Baflten und Diskantfagotte, 12saitige Universal-Geigen und
Sopran-Pauken konstruieren und verwenden, von den ins Ungeheuerliche
gesteigerten Detonationen und hypercharakteristischen Geruschen der
Schlag- und Lrminstrumente gar nicht zu reden, deren heute schon
hochentwickelte Vielfltigkeit u. a. noch durch Kanonen,
Dynamit-Explosions- und Erdbeben-Einsturz-Maschinen erhht werden wird.

Halten Sie ein, Herr Direktor, mir schwindelt, schrie Zunftmaier
pltzlich laut auf. Mir wird bel! fgte Schusterfleck sogleich bei.
Und Brllhofer richtete im zartesten Pianissimo die schchterne Frage,
die fr seine singenden Nachfolger nichts weniger als eine Existenzfrage
bedeutet: Und wie werden sich denn mit Verlaub die Snger hrbar
machen, die zu solch einem Monsterorchester zu singen verurteilt sind?

Sehr einfach, erwiderte Futurius; es wird kein Solo mehr von einem
einzigen Snger gesungen werden wie heute, sondern im Unisono von
12--20, ntigenfalls auch von 50--100 Sngern der gleichen
Stimmgattung.

Brllhofer atmete beruhigt auf, tat einen langen Zug aus seinem
Glase, dachte aber bei sich im Stillen: Damit wre ja jede
Snger-Individualitt vernichtet. Es auszusprechen, hatte er angesichts
der auerordentlichen Erregung, die sich des prophetischen
Musikdirektors bemchtigt hatte, durchaus nicht gewagt.

Begreift Ihr nun, sagte Futurius, da angesichts so ungemeiner
Umwlzungen unsere gesamte musikalische Literatur von heute eingestampft
werden mu?

Selbst Zunftmaier und Schusterfleck, die sich am skeptischsten verhalten
hatten, waren von den mit hinreiender Beredtsamkeit vorgebrachten
Darlegungen des Direktors berzeugt worden, und das um so inniger, je
stattlicher sich die Batterie der geleerten Flaschen auf dem
Eichentische, um den herum wir saen, ausnahm.

Nur ich unterlag seiner Suada nicht; ich war nicht ganz wohl gewesen und
hatte daher fast nichts getrunken. So war ich nchtern geblieben. Ganz
gegen meine Gewohnheit lie ich an diesem Abend alle Reden an meinem Ohr
vorbergleiten, ohne auch nur ein Sterbenswrtlein zu reden. Um so
williger gnnte man mir das Wort, als ich um 2 Uhr nachts mich endlich
dazu meldete. Hatten sich die Fnf vorher ber mein ungewhnliches
Stillschweigen ba gewundert, so waren sie jetzt um so gespannter auf
das, was ich vorbringen wrde.

Darf ich nun auch _meine_ bescheidene Meinung darber sagen, was fr
ein Gesicht unsere geliebte Tonkunst in hundert Jahren haben wird?

Gewi, gewi! klang es von den Lippen meiner Kollegen.

Nun denn -- hub ich an -- ich glaube, da wir derzeit bereits auf
jenem Punkte angelangt, ber den hinaus man nicht mehr gehen kann.
Unsere Ausdrucksmittel sind schon aufs uerste gesteigert, so da das,
was unsere Tonsetzer zu sagen haben, in einem starken Miverhltnisse zu
dem grosprecherischen Tone steht, den anzuschlagen sie durch die
Anwendung dieser Mittel unwillkrlich gezwungen sind. Unendlich viele
Ausdrucksmglichkeiten, wenig ernstliches Ausdrucksbedrfnis, viel
Technik und Witz, wenig Naivitt und Herz offenbart sich heute in
unserer Kunst. Glnzende Aeuerlichkeiten haben die Aufgabe, ber den
Mangel an Innerlichkeit hinwegzutuschen. Und das Publikum lt sich
dadurch tuschen (^mundus vult decipi^). In unserem temperierten
Tonsystem wre sicherlich noch so viel zu sagen, da wir je weder ein
ganz altes noch ein ganz neues brauchen werden. Mit Anstrengung all
meiner Phantasie htte ich vor hundert Jahren keinen extravaganteren
Zustand der Musik vorauszusagen vermocht, als er heute besteht. Da ich
aber als Idealist an dem guten Genius der Menschheit nicht verzweifeln
kann, so glaube ich fest an die Wiederkehr eines goldenen Zeitalters der
Musik. Je tiefer wir heute sinken, desto hher werden wir uns dann
erheben. Mit gesteigerter Sittlichkeit wird auch unser Bedrfnis nach
echter Kunst Schritt halten: Der Menschheit Wrde ist in eure Hand
gegeben, bewahret sie! Sie sinkt mit euch, mit euch wird sie sich
heben! Mchten doch alle Knstler dieses an sie gerichtete Wort
Schillers innig beherzigen! Nicht mit dem Kopfe werden sie dann
schaffen, nicht mit und aus Spekulation, sondern mit der Seele wie
ehedem. Dann wird die Musik wieder einfach werden wie die aller unserer
Groen von Palestrina bis Wagner. Und so ersehe ich denn die Musik am
Beginne des 21. Jahrhunderts also: Unser Tonsystem bleibt erhalten; denn
wahre _Individualitten_ werden in seinem Bezirke immer Neues und
Eigenes zu sagen wissen, und _Berufene_ haben es nicht ntig, neue
Systeme knstlich zu konstruieren. Die Tonsetzer werden wieder
_Erfinder_ sein. Sie werden nicht mit ihren Knsten den Verstand
fesseln, sondern mit ihrer Kunst das Herz ergreifen. Mit der
wiederkehrenden Einfachheit wird das Volkslied eine neue reiche Blte
erleben. Auf die Unsterblichkeit unserer Kunst erhebe ich mein Glas!

Ich wollte anstoen mit Zunftmaier, Quintus, Schusterfleck, Brllhofer,
doch siehe: alle waren sie whrend meiner kurzen Rede -- eingeschlafen.
Futurius aber hatte bei meinen ersten Worten den Hut genommen und war
entrstet davongeeilt. Den Mantel hatte er im Eifer zurckgelassen, und
drauen war es kalter Winter! -- -- -- -- -- --

Seit jenem Abende war ich nicht mehr in der Kneipe gewesen. Es sind fnf
Jahre seither verstrichen. Herr Direktor Futurius aber, der mir
wiederholt begegnet, grt mich nicht mehr. Ich trste mich darber;
denn vorlufig sind noch keine Anzeichen dafr vorhanden, da seine
Prognose sich je besttigen werde.




                         Dr. Everard Hustler.
                     Das Jahrhundert des Radiums.


                     Das Jahrhundert des Radiums.
                  Von Professor Dr. Everard Hustler.

Als die Entdecker des Radiums, Herr und Madame Curie in Paris, zum
ersten Male das nach seinem Strahlenvermgen _Radium_ genannte Element
aus Pechblende gewannen, da dachten sie wohl nicht daran, da in dem
kleinen Glasrhrchen vor ihnen die zerstrendste Kraft lag, die jemals
in eines Menschen Hnde gelegt worden war. Die verschiedensten
Experimente, die zurzeit natrlich noch lange nicht abgeschlossen sind,
zeigen aber jetzt schon, welch auerordentliche Bedeutung dieses eine
neue Wunderkraft darstellende Element fr die zuknftige Ausgestaltung
des Menschenlebens und des Menschengeschlechts haben wird. Ein Krieg zum
Beispiel wird nicht mehr in den Bereich der Mglichkeiten gehren. Wenn
auch die Menschheit an sich nicht so weit sein wird, alle Kriege und
jedwedes Blutvergieen fr ihrer unwrdig zu halten und sie als den
Rckstand einer unfabaren Barbarei zu betrachten, so wird doch die
Wissenschaft soweit sein, sie zu dieser Weltanschauung zu zwingen und zu
bekehren. Der Krieg ist nmlich nur so lange mglich, bis unsere Mittel
dazu nicht ausreichende sind. Das heit, so lange uns keine Waffe zu
Gebote steht, gegen die es keine Gegenwehr gibt und deren alles
zerstrender Wirkung wir verteidigungslos ausgesetzt sind. Alle unsere
technisch noch so vollendeten Kriegsschiffe geben nun noch immer eine
Angriffsmglichkeit, und diese allein verschuldet jetzt noch die
Mglichkeit der Kriege. Im Radium nun hat man endlich die Waffe
gefunden, die mit all diesen Mglichkeiten aufrumt und dafr die
Unmglichkeit der Verteidigung setzt. Es wurde gefunden, da die Kraft
jedes Partikelchens dieses Wunderelements so konzentriert werden kann,
da alles, was in ihren Bereich kommt, unrettbar zerstrt ist. Nun lt
sich diese Kraft, wie ebenfalls experimentell nachgewiesen ist, nach
jeder beliebigen Richtung, wie auch auf jeden beliebigen Gegenstand
hinlenken, der damit natrlich der unentrinnbaren Vernichtung
anheimgegeben ist. Professor Thomson der Cambridge-Universitt hat
ausgerechnet, da das Radium eine um das Millionenfache grere Energie
entwickelt, als die gleichen Gewichtsteile von Sauerstoff und Stickstoff
das tun, und da es mit dieser Kraft Heliumatome von sich schleudert,
die sich mit einem Zehntel der Geschwindigkeit des Lichts, d. h. mit
ungefhr 18000 englischen Meilen in der Sekunde, bewegen.

Die Lage eines gewhnlichen Schiffes, das von einem Dutzend der grten
und modernsten Schlachtschiffe umzingelt und beschossen wird, wrde
weniger verzweifelt sein, als die eines Atoms ist, das dieser Batterie
der Radiumstrahlenpartikelchen ausgesetzt ist. Das seltsamste dabei ist,
da diese Aktivitt des Radiums eine unaufhrliche ist, dabei aber die
Radiummasse nur um einen absolut kaum mebaren Teil verringert wird, der
aber allein schon gengt, eine so furchtbare zerstrende Kraft zu
entwickeln. Als man diese Eigenschaften der Radiumstrahlen entdeckt
hatte, galt es, die Mglichkeit zu erforschen, sie auf irgend einen
bestimmten Gegenstand nach irgend einer bestimmten Richtung hin zu
lenken und zu leiten. Die Experimente des Professors Leo Bon in Paris
haben nun auch diese Mglichkeit ergeben, und der einzige
Hinderungsgrund, vorlufig schon weltzerstrende Maschinen zu bauen,
liegt einzig und allein in den Herstellungsschwierigkeiten des Radiums
und den unglaublichen Kosten, die diese erfordern. Sobald aber neue
Radiumquellen entdeckt und neue billige Gewinnungsmethoden erfunden sein
werden, wird dieses Hindernis nicht mehr bestehen, und die Versuche, die
bisher nur im kleinen vorgenommen wurden, knnen dann im groen
durchgefhrt werden und die Menschheit damit die mchtigste Waffe
erhalten, die jemals bestanden hat.

In fnfzig Jahren, sagte Leo Bon, wird der Krieg zu den
Unmglichkeiten gehren. Ich habe mit Dr. Branly eine ganze Reihe von
Experimenten gemacht, bei denen ich die Herzschen Wellen (die
bekanntlich die Trger der drahtlosen Telegraphie sind) sowohl wie die
Radiumemanationen verwandte, und diese Experimente haben uns darber
volle Gewiheit gebracht. Wir stellten diese Versuche an, um die
Durchdringbarkeit verschiedener Krper zu prfen und fanden, da die
Wellen beispielsweise fhig waren, durch mehr als drei Fu dicke Mauern
zu dringen, die Radiumstrahlen sie aber nicht nur durchdrangen, sondern
vllig zerstrten. Ein Blttchen Staniol, nicht dicker als ein dnnes
Zigarettenpapier, gengte allerdings, die Wellen aufzuhalten und die
Emanationen unschdlich zu machen, dafr aber reichte wieder ein Krehl
oder Ritz im Zinnpapier, der nicht grer war als 1/100 Millimeter, hin,
um die Strahlen sofort wieder durch- und ihre unglaublich zerstrende
Wirkung ausben zu lassen. So gut es nun gelungen ist, die Herzschen
Wellen, die das Bestreben haben, sich kreisfrmig nach allen Richtungen
hin auszubreiten, in _eine_ bestimmte Richtung zu zwingen, ist diese
Mglichkeit auch bei den Radiumstrahlen erreicht worden. Dadurch nun,
da wir auch polarisierte Wellen in die von uns gewnschte Richtung zu
leiten vermgen, ist es uns auch ermglicht, eine ganze Reihe paralleler
Strahlen nach dem gewnschten Punkt zu entsenden, und treffen diese
Strahlen nun auf irgend einen Gegenstand, z. B. ein Kriegsschiff, ein
Pulvermagazin usw., so wrde sofort alles, was daran von Metall ist,
sich elektrisch laden, furchtbare Entladungen wrden dann stattfinden,
und das ganze Netzwerk von Drhten, an welchen unsere Schiffe so reich
sind, wrde nur so sprhen von elektrischen Funken, die Geschosse aber
wrden explodieren und die Munitionskammern in die Luft fliegen. Die in
parallelen Wellen entsendeten Radiationen wrden die Mauern unserer
Arsenale durchdringen, die Wlle und Kasematten unserer Festungen, die
Mauern unserer Pulvermagazine. Alles wrde auffliegen oder in sich
zusammenstrzen, nichts wrde gegen den direkten Ansturm all der
Millionen von Partikelchen standhalten, die gegen jedes einzelne Atom
der Gesamtmaterie jenes Gegenstandes gerichtet wren, gegen den die
Strahlen gelenkt sind. Alle diese Versuche wurden im kleinen angestellt,
und es ist, wie gesagt, nur eine Frage der Zeit, sie auch ins groe zu
bertragen. Vorlufig fehlen uns nur die ntigen Radiummengen und die
notwendigen Apparate. Denn um diese Radiationen zu reflektieren oder in
eine bestimmte Richtung zu zwingen (Radiationen, deren Lnge zwischen
300 Metern und 1500 schwankt), mten wir parabolische Spiegel von etwa
8000 Meter Hhe haben oder es mten uns Kondensatoren von einer
Kraftentwicklung zur Verfgung stehen, die wir bisher noch nicht
herzustellen vermgen. Doch knnten wir uns auch mit Radiationen von
geringerer Lnge begngen, dann wre aber die Entfernung, auf die wir
sie mit Sicherheit werfen knnten, eine ganz wesentlich beschrnktere.
In jedem Falle aber _wird_ es gelingen, die ntigen Apparate
herzustellen. Der Physiker oder Mechaniker aber, dem dies gelingen wird,
dem wird es eine Kleinigkeit sein, seine Energie methodisch auf die
einzelnen Kriegshfen zu richten, in denen stets die Mehrzahl der zu
einer Flotte gehrenden Schiffe beisammen ist, z. B. erst auf den Hafen
von San Francisco, in welchem der grte Teil der amerikanischen, dann
auf den Hafen von Spithead, wo der grte Teil der englischen, und
hierauf auf den Hafen von Kiel, wo der grte Teil der deutschen Flotte
beisammen ist. Jede dieser Flotten wre in demselben Augenblicke
vernichtet. Millionen wren zerstrt, Tausende von Menschenleben wren
geopfert, aber der groen Sache des Friedens wre ein ungeheurer Dienst
mit _einem_ Schlage geleistet. Denn, was mit den Schiffen geschehen
kann, kann mit den Festungen, kann mit ganzen Stdten und Landstrichen
geschehen, und von einem einzigen Aeroplan aus wre ein einziger Mensch
imstande, das zu vollbringen. _Und das ist keine Utopie mehr, sondern
eine verbrgte wissenschaftliche Tatsache_, deren Nutzanwendung den
kommenden Geschlechtern gewi, vielleicht auch dem unseren schon,
vorbehalten ist.

So weit Le Bon, der, ich wiederhole es, alles eher als ein Phantast,
sondern vielmehr eine ganz anerkannte wissenschaftliche Autoritt ist.

Aber -- wie ich schon sagte -- die Kraft der Radiumemanationen, dieses
ewig whrende Bombardement kleinster Partikelchen, kann nicht nur zu
Werken der Zerstrung verwendet werden, sondern sie kann auch sonst noch
in den Dienst der Menschheit gezwngt werden. Beispielsweise wird es in
hundert Jahren gewi in keiner Stadt mehr elektrische, geschweige denn
eine Gasbeleuchtung mehr geben. Es wird

                    das Radium das Licht der Welt

geworden sein. Die von dem Radium abgestoenen Partikelchen sind an sich
allerdings keineswegs leuchtend. Sie werden es erst nach dem
Zusammentreffen mit einer anderen Substanz. Zum Beispiel ist es nicht
das Licht des Radiums selber, das es uns ermglicht, durch Holz und
Stein und andere Substanzen hindurch photographische Aufnahmen zu
machen, sondern die Menge aller der mikroskopisch kleinen Electrons,
die hindurchfliegen, aufleuchten und das Bild erzeugen. Sie sind wie
kleine Lmpchen, die sich pltzlich an dem Radiumstrom entznden. Nun
denn, sagt die Wissenschaft, wenn dem so ist, so kann man sich das ja
zunutze machen. Wir werden allen unseren Bauten einen Ueberzug, oder
sagen wir einen Anstrich von Pechblende geben. Diesen Anstrich werden
wir mit einer Substanz bertnchen, die die elektrische Wirkung
untersttzt, durch welche die zwischenliegenden Partikelchen zum
Leuchten gebracht werden, und die diesen gleichzeitig ein Schutz ist.
Dadurch wird ein konstantes, mildes, weies Licht erzeugt werden, das
niemals einer Erneuerung bedrfen wird; Jede weitere Straenbeleuchtung
wird dadurch unntig werden, denn das Bombardement der Atome ist ein
unaufhrliches und der Energieverlust ein so geringer, da man ihn erst
nach Jahrhunderten gewahr werden wrde. Radium ist nmlich die einzige
bisher bekannte Substanz, deren Energie eine immerwhrende, ewige ist,
und die trotz einer Aktivitt, die auf der Welt ihresgleichen nicht hat,
nie oder, wie gesagt, fr uns ganz unmebar abzunehmen scheint. Die
Singer-Building in Newyork, der Stefansturm in Wien, der Rathausturm in
Berlin wrden mit diesem Anstrich, sobald das Dmmerlicht eintritt, ganz
leicht zu leuchten beginnen, und mit zunehmender Dunkelheit wrden sie
in immer hellerem Lichte erstrahlen, das endlich so intensiv werden
wrde, da es weithin alles mit seinem milden Glanz bergieen mte.
Die geringe Qantitt Radium, die dazu ntig wre, wrde jede Gefahr fr
das Leben und die Gesundheit der in diesem Licht lebenden Menschen
ausschlieen. Ja, im Gegenteil, die Emanationen dieses Lichtes wrden
genau jene wohlttige Heilwirkung ausben, die man in Deutschland und
England lngst den radioaktiven Bdern zuschreibt, und die auch die
berhmtesten Heilquellen nur der Radioaktivitt ihrer Wsser verdanken.
Doch nicht davon will ich jetzt reden, sondern vorher noch auf mein
altes Thema zurckkehrend, mitteilen, was Professor Dr. _Wilson
Hartwell_, der berhmte Lehrer an der Oxford-Universitt, gesttzt auf
die neuen Ergebnisse der Wissenschaft von der zerstrenden Wirkung des
Radiums sagt und welches Bild er davon entwirft.

Man stelle sich die amerikanische Riesenstadt vor, ahnungslos und in
stolzer Sicherheit auf ihrer Insel hingebettet. Es ist Nacht und ein
milder Schimmer von Licht hllt die Stadt vollstndig ein. Ein Licht,
das von dem selbstttigen Leuchten ihrer zahllosen Trme und
Wolkenkratzer herrhrt, und in welchem die viel tausendkpfige Menge
sich im mchtigen Strome pulsierenden Lebens ergeht. Da erscheint hoch
ber der Stadt ein lenkbares Luftschiff oder ein groer Aeroplan. Er
schwebt ber der Stadt, beschreibt seine Kreise, und pltzlich schiet
ein dicker blendender Strahl weien Lichtes frmlich aus ihm hervor.
Dieser Strahl, der einem schneidenden Schwerte gleich das Dunkel des
Himmels durchschneidet, kommt aus seinem Radiumkondensor und ist gegen
den Metropolitainturm gerichtet. Das ganze Rahmenwerk und die Gondel des
Luftschiffes scheinen in einem elektrischen Feuerwerk wirr
dahinschieender glitzernder Strahlen zu leuchten und bieten einen ganz
wundervollen Anblick, der das Staunen und die Aufmerksamkeit der Leute
in allen Straen und auf allen Pltzen erregt und lebhafte Bewunderung
findet. Das Schwert des mchtigen Strahles aber senkt sich immer mehr
gegen den Turm herab und trifft ihn, und in demselben Augenblick
schieen aus ihm berall dort flammende, blendende Blitze hervor, wo der
Strahl den Turm berhrt hat, und gleichzeitig kracht der mchtige Bau in
allen seinen Fugen, wankt, zittert, bebt und strzt, alles unter seinen
Steinmassen begrabend und in dem vernichtenden Sturze mit sich reiend,
nieder. Das verderbenbringende Luftschiff da oben aber gleitet ruhig
durch die Luft weiter und berall, wohin der Strahl fllt, fhrt er sein
zerstrendes Werk der Vernichtung zu Ende. In wenigen Stunden ist
Newyork nichts als ein Haufen Millionen von Toten begrabender Trmmer,
und es ist sehr die Frage, ob die radiumaktive Substanz, die seine
Huser bedeckt hat, nicht mit dazu beigetragen hat, das Zerstrungswerk
zu erleichtern. Was nun in Newyork geschieht, das kann jeder anderen
Stadt auch so geschehen, und nichts kann, wenn eine wahnsinnige Hand
solch ein Unheilschiff lenkt, die Metropolen der Welt, Berlin, Paris und
den Riesenleib Londons vor gleicher Vernichtung beschtzen.

Diese Schilderung entwirft der englische Gelehrte als ein Bild der
nahesten Mglichkeit, und Professor Le Bon erklrt, da es nicht etwa
nur die Mglichkeit fr sich hat, sondern sogar die Wahrscheinlichkeit.
--

Wenn die Entdeckung der zerstrenden Eigenschaften des Radiums also so
seltsame sind, so sind die neuesten Erfolge der wissenschaftlichen Welt
auf dem Gebiete der Radiumforschung noch viel verblffendere.

Der Einflu des Radiums auf die gesamte Lebensttigkeit ist danach ein
ganz auerordentlicher, und die Anwendung der bisher gemachten
Entdeckungen drfte vieles von dem, was bisher als Evangelium der
Wissenschaft galt, ebenso ber den Haufen werfen, wie die Radiumstrahlen
die stolzesten Bauten unserer Stdte ber den Haufen zu werfen vermgen.
Hier mge nur eine ganz kleine Auslese der neuesten und unglaublichsten
Radiumentdeckungen stehen:

Es wurde herausgefunden, da das Radium in _einem_ Falle das Wachstum
der seinen Strahlen ausgesetzten Pflanzen um das dreifache beschleunigen
kann und auch um das dreifache erhhen. In anderen Fllen aber wird es
ebenso die Entwicklung entweder vollstndig hemmen oder teilweise, je
nach dem Wunsch und dem Willen des Experimentators, zurckhalten.

Die Wurzeln der Pflanzen drehen sich dem in ihrer Nhe vergrabenen
Radium eben so zu, wie die Bltter und Blten der Sonne. Das Radium wird
Bakterien tten oder aber, je nachdem, wie man will, auch deren Menge in
unheimlichster Weise erhhen. Schmetterlingspuppen konnten in ihrer
Entwicklung monatelang unter dem Einflusse der Radiumstrahlen
zurckgehalten werden, entwickelten sich dann aber, wenn sie dem Einflu
des Radiums entzogen wurden, wieder vllig normal.

Durch den Kontakt von Radiumsalzen mit sterilisierter Bouillon schuf Dr.
Burke, ein englischer Bakteriologe, eine Unzahl neuer lebender
Organismen. Andererseits wieder, so barock es auch klingt, wurde Milch,
die den Emanationen des Radiums ausgesetzt wurde, durch diese
vollstndig sterilisiert!

Hochinteressante Experimente, die der deutsche Gelehrte _Krnicke_ und
die Franzosen _Guilleminot_ und _Abb_ an Pflanzen und Pflanzensamen
machten, die den Ausstrahlungen von Radium ausgesetzt waren, ergaben
bereinstimmend die Tatsache, da auch hier die Strahlen eine
entwicklungshemmende Wirkung ausbten. Beispielsweise blieben
Haferkrner, die man unter dem Einflusse von Radiumemanationen zum
Keimen brachte, in ihrer Keimentwicklung um das Dreifache gegen nicht
mit Radium behandelte Krner derselben Qualitt zurck, und bei der
heranwachsenden Pflanze zeigte sich sowohl die Wurzel- als die
Halmentwicklung gleicherweise zurckgehalten. Andere Versuche mit
anderen Samenarten ergaben dasselbe Resultat, so da man schon zu dem
abschlieenden Urteil kommen wollte: _Radiumstrahlen ben auf das
Pflanzenwachstum eine hemmende Wirkung aus_, als pltzlich diese eben
erst entdeckte, wissenschaftliche Wahrheit durch das ganz
entgegengesetzte Verhalten von Lupinensamen mit einem Male umgestoen
wurde. Die Samen weier Lupinen, die nmlich auch einmal zufllig zu
Radiumversuchen verwendet wurden, zeigten nach ihrer Behandlung eine
um das Doppelte beschleunigte Keimttigkeit, eine um ebensoviel
gesteigerte Entwicklungsfhigkeit; das heit also die unter dem
Einflusse von Radiumstrahlen stehenden Pflanzen wuchsen doppelt so
schnell, und wurden doppelt so stark wie die auf normalem Wege zum
Wachstum gebrachten. Aus diesem, so ganz entgegengesetzten Verhalten kam
man dann zu den richtigen Erkenntnis, da jede Pflanze nur ein gewisses
Ma von Radiumstrahlen fr ihre Entwicklung bentige oder vertrage; da
die Radiumemanationen, in richtigem Mae angewendet, _Wecker und
Frderer der Lebensenergie sind_, im Uebermae aber diese Energie lahm
legen. Auf dieser doppelten _Leben schaffenden und Leben ttenden
Wirkung des Radiums_ beruhten auch die ganz fabelhaften Erfolge, die man
bei Anwendung des Radiums in der Therapie mit diesem erzielte.

In Paris machte vor nicht langer Zeit Professor Dr. Roux den Versuch,
eine schwer an Magenkrebs erkrankte Frau durch Radium zu heilen, und
dieser Versuch, der allerdings bisher noch viel zu teuer ist, um
verallgemeinert zu werden, gelang vollstndig.

Ich nahm ein ganz kleines Glasrhrchen, schreibt der berhmte Gelehrte
darber, tat in dieses ein ganz winziges Partikelchen Radium, ffnete
den Magen und nhte nun das Rhrchen, ganz nahe dem bsartigen
Neugebilde, an die Magenwand an. Die Wirkung war eine beinahe
augenblickliche. Keine Entzndung und keine neuen Strungen traten ein.
Innerhalb dreier Monate war der Krebs beinahe vollstndig verschwunden,
und die vollkommene Heilung war nur eine Frage ganz kurzer Zeit. Die
Radiumstrahlen haben auf das bsartige Gewchs denselben Einflu, den
sie auf gewisse Bazillenkolonien ausben, indem sie sie entweder tten
oder vollstndig lhmen. Mit einem Wort: die Wirkung auf das
Krebsgebilde ist folgende:

Einige Teile werden einfach zerstrt und abgestoen, und an ihre Stelle
tritt gesundes Gewebe. Andere Teile werden zwar nicht zerstrt, aber
dafr vollstndig unschdlich gemacht. Ihre ganze bsartige
Wirkungsfhigkeit wird paralisiert und mit der Zeit gnzlich aufgehoben.
Es ist ein ganz einfacher Proze, der sich da abspielt, die Krankheit
kann sich nicht weiter ausdehnen, und die Keime werden fortwhrend durch
die Radiumemanationen vernichtet und abgestoen. Wir knnen daher mit
aller Sicherheit sagen, da wir im _Radium ein unfehlbares Mittel gegen
Krebs haben_ knnten, wenn es leichter zu beschaffen wre.

Sir Frederick Treves, der berhmte englische Arzt, sagt: Radium sendet
dreierlei Strahlen aus, die in der Wissenschaft die Namen Alpha, Betha
und Gamma erhalten haben. Die Alphastrahlen bestehen aus kleinen
Krperpartikelchen, die von der Grundmasse des Radiums mit einer
Geschwindigkeit von etwa 20000 Meilen[9] in der Sekunde abgestoen
werden. Um sich von dieser Geschwindigkeit und der damit verbundenen
Kraft einen Begriff zu machen, gengt es, wenn man sich vor Augen hlt,
da eine Gewehrkugel, die eine Geschwindigkeit von nur einer halben
Meile in der Sekunde aufweist, schon ganz Tchtiges geleistet hat. Diese
Alphastrahlen des Radiums sind mit positiver Elektrizitt geladen. Die
Betastrahlen dagegen sind negativ elektrisch und bilden eine
Sonderklasse fr sich. Jedes der Betapartikelchen, die alle kleiner als
die Alphaatome sind, bewegt sich mit einer fnffach so groen
Geschwindigkeit wie ihre Alphakollegen und halten zweifellos den
Geschwindigkeitsrekord in der Welt, denn selbst die am schnellsten sich
im Weltenraum bewegenden Sterne bewegen sich mit hchstens 1/300 der an
den Betastrahlen festgestellten Geschwindigkeit. Die Gammastrahlen
unterscheiden sich von den beiden erstgenannten Strahlenarten
vornehmlich dadurch, da sie keinerlei Elektrizittladung haben. Sie
scheinen mit den Rntgenschen X-Strahlen identisch zu sein. Ihre Natur
ist aber mit Sicherheit noch nicht erkannt. Einige dieser Strahlen sind
schdlich, andere ben eine wohlttige Wirkung aus und ihre
Anwendbarkeit hngt ganz davon ab, wie sie gemischt sind. In jedem Falle
ist die Kraft und die Wirkung der Radiumstrahlen eine grenzenlose nach
jeder Richtung hin, und es kann nahezu mit Sicherheit behauptet werden,
da man im Radium den Wunderstein gefunden hat, durch welchen selbst die
Unmglichkeiten mglich gemacht werden. Die Wirkung des Radiums auf
chronische Ausschlge ist zum Beispiel eine geradezu auerordentliche.
Oft sind die Ausschlge wie weggeblasen. Fressende Geschwre und
fressende Flechten knnen durch Radium mit Sicherheit geheilt werden.
Ein Fall liegt vor, bei welchem die Krankheitsdauer schon jahrelang
gewhrt, und bei welcher die Zerstrung bereits solche Fortschritte
gemacht hatte, da der Zerstrungsproze schon bis auf die Knochen
gegangen war. Dieser Fall wurde vorher sowohl mit X-Strahlen als mit den
ultravioletten Strahlen des Finsenlichtes vergeblich behandelt. Eine
zweistndige, auf zwei Tage verteilte Behandlung mit Radiumstrahlen
gengte, um eine vollstndige Heilung hervorzubringen. Damit ist aber
der Beweis erbracht, da die Heilwirkung der Radiumstrahlen keineswegs
in ihren Gammastrahlen allein zu suchen ist, sondern da eine
kombinierte Wirkung smtlicher Strahlen vorliegt. Wenn wir uns nun
fragen, ob diese Heilresultate dauernde sind, so kann die Antwort schon
deshalb nicht gegeben werden, weil wir das Radium viel zu kurze Zeit
kennen. Es besteht aber gar kein Zweifel darber, da wir zu der Annahme
berechtigt sind, die Zukunft werde dem Radium

              ein Zeitalter vlliger Krankheitslosigkeit

danken. Noch seltsamer als alle diese Wunderkuren mu uns die sichere
Aussicht erscheinen, da auch das Alter knftighin seinen Einflu auf
unseren Organismus verlieren, und da es kein Altern mehr geben wird.
Die kommenden Geschlechter werden ewig junge Menschen hervorbringen,
Menschen voll physischer Kraft und voll Schnheit, Menschen, die vom
Kranksein nichts wissen und alle Berichte ber Krankheiten und Seuchen
als seltsame Mrchen aus einer fernen, fernen, vergessenen Welt
betrachten werden.

[Funote 9: Gemeint sind natrlich englische Meilen.]

In Molokai, der traurigen Insel Ozeaniens, nach welcher alle
Ausstzigen des Sandwicharchipels verschickt werden, wurde auch die
Einwirkung der Radiumstrahlen auf die Lepra studiert, und aller
Wahrscheinlichkeit nach wird man im Radium bald auch das Heilmittel fr
diese entsetzlichste aller Krankheiten gefunden haben. Ja, wenn man
nicht fehlgeht, drften die Radium_emanationen_ oder das Radium _selber_
bald zum Heilmittel gegen den Millionenwrger werden, den wir unter dem
Namen Tuberkulose kennen. Professor _Lieber_ hat nmlich als erster
entdeckt, da der Atem von Kaninchen, die Radiumstrahlen ausgesetzt und
einer Radiumbehandlung unterzogen worden, selbst radioaktiv wurde und
eine lebhafte Wirkung auf das Elektroskop ausbte. Damit aber war der
Beweis erbracht, da das Radium eine direkte Wirkung auf die Lungen
ausbt. Nimmt man die nachgewiesene bazillenttende Wirkung dazu, so ist
kein Grund vorhanden, nicht an die Heilwirkung dieses Wundermittels zu
glauben, und die Prophezeihung, da es

                in der Zukunft keine Tuberkulose mehr

geben wird, ist eine leichte, umsomehr, als auch die an Menschen
gemachten Versuche, die anfangs keineswegs sehr ermutigende Resultate
gaben, jetzt mehr als zufriedenstellend verlaufen. Es wird nmlich nicht
nur zur Injektionsmethode gegriffen, sondern auch radioaktive Luft
inhaliert, so wie wir bisher gewissen Kranken Sauerstoff zum Einatmen
gegeben haben. Diese Behandlung hat schon positive, gnstige Resultate
ergeben, ist aber, wie gesagt, noch sehr entwicklungsbedrftig.

Da man durch Radium auch Blinde sehend machen kann, das entdeckt zu
haben, ist das Verdienst des Professors _London_ in Petersburg. Er hat
es tatschlich dazu gebracht, einen Knaben, der blind von Geburt war,
fhig zu machen, Buchstaben zu lesen und Zeichen zu sehen. D. h. von
einem wirklichen Sehen ist natrlich nicht die Rede, wohl aber gelingt
es, Lichtempfindungen bei den Blinden hervorzurufen und sie Licht und
Schatten erkennen zu lassen. Das ist aber ein geradezu fabelhafter
Fortschritt und hebt die Blindheit tatschlich auf!

Der Knabe, an dem Prof. London seine Versuche angestellt hat, und der,
wie gesagt, _von Geburt blind_ war, wurde in den Operationsraum gefhrt.
Mit Radium, das in einem Rhrchen enthalten war, beschrieb Dr. London
einige Linien hinter einem hlzernen Wandschirm. Was ist das? fragte
der Professor. Und mit zitternder Hand malte _der Blinde das Gesehene_
(!) nach, ein groes A. Das war genau der Buchstabe, den der Professor
hingemalt hatte. Und so bertrug der geniale Forscher in das blinde
Auge, nein, direkt in die empfnglichen Hirnzellen Lichteindrcke, die
sich in den seltsamsten Kurven und Linien bewegten, und die der Knabe
mit wachsender Sicherheit wiedergab.

                        Das ist das Wunder!

sagte Professor London. Und er hatte recht. Aber es ist nicht das
einzige Wunder, das das Radium vollbringt.

Ich habe frher schon darauf hingewiesen, da es Professor Burke in
einwandfreier Weise gelungen ist, aus keimfreier Bouillon neue kleinste
Lebewesen zu schaffen. Der Vorgang war folgender: Vllig sterilisierte
Bouillon, die nicht die geringsten Spuren irgend welcher auch nur
allerkleinster Lebewesen entdecken lie, und die auf solche geprft und
berprft und wieder geprft wurde, tat der Experimentator in ein an
seinen beiden Enden fest geschlossenes Glasrhrchen. In dessen Mitte
befand sich oben eine Oeffnung, in welche ein anderes kleines Rhrchen
eingepat werden konnte, welches das Radium enthielt. Auch hier waren
alle Vorsichtsmaregeln ergriffen, um das Eindringen von Bakterien
vllig auszuschlieen. Durch eine sinnreiche Konstruktion war es nun
mglich, die sterilisierte Bouillon mit dem Radium in _direkte
Verbindung_ zu bringen. Einige Tage lang wurde die sterilisierte Masse
den Einwirkungen des Radiums ausgesetzt, und bei der darauffolgenden
mikroskopischen Untersuchung war die so behandelte Bouillon von neuen
kleinsten Lebewesen durchsetzt. Es erwies sich somit

                     das Radium als Lebenswecker.

Selbstverstndlich zeigte alle Bouillon, die man gleichzeitig derselben
Prozedur unterworfen hatte, ohne jedoch das Radium in direkten Kontakt
mit ihr zu bringen, keinerlei Vernderung und keine Spur von Lebewesen.
_Der Einflu des Radiums war also der Schpfer des Lebens._

In berraschender Weise wurde diese Erkenntnis durch Versuche besttigt,
die Professor Holstermann an der Genfer Universitt mit unbefruchteten
Eiern des Seeigels machte. Durch den bloen Einflu des Radiums konnte
das Leben in diesen Eiern entwickelt werden. Sie wurden durch das Radium
befruchtet, und zwar gelang dieses Experiment durchschnittlich viermal
unter zehn.

Aus all diesen und den frher geschilderten Versuchen, die einander zum
Teil ergnzen, zum Teil einander widerstreiten, erhellt eines mit
apodyktischer Klarheit: d. i. da _Radium auf das engste mit den
Grundphnomenen des Lebens verknpft ist_. Hierauf basierte man, baute
man eine Theorie auf, die im ersten Momente unglaublich erscheint, die
aber selbst vor der skeptischsten Auffassung standhlt und heute so gut
wie erwiesen ist.

Einer der hervorragendsten deutschen Radiumforscher sagt diesbezglich:

Es ist auerordentlich wahrscheinlich, da wir im Radium endlich das
langgesuchte Mittel gefunden haben, durch welches es uns gelingen wird,
_das menschliche Leben um das dreifache, vielleicht auch das zehnfache
verlngern_ und wieder

                        _das biblische Alter_

zu erreichen. Es ist uns jetzt schon gelungen, dem Krfteverfall in so
berraschender Weise durch direkte Radiumeinwirkung entgegenzutreten,
da alles darauf hinweist, da wir in dem neuen Elemente eine Kraft
gewonnen haben, die alle Garantien fr eine knftige, ganz
auerordentliche Verlngerung unseres Lebens bietet.

Solange das Gleichgewicht der Lebenskraft in uns erhalten bleibt, sind
alle Alterserscheinungen, denen die Menschheit jetzt so frhzeitig
ausgesetzt ist, vollkommen ausgeschlossen. Nur wenn unsere Lebenskrfte
sich allmhlich oder auch pltzlich erschpfen, wird sich die
Altersschwche bei uns einfinden, oder werden die ntigen, mit, dem
Alter verbundenen Erscheinungen sich zeigen, die unser Leben bedrohen
und unsere Lebensdauer verkrzen. Durch eine vielleicht dauernde, zur
rechten Zeit einsetzende Radiumbehandlung wird man es nun ganz
entschieden dahin bringen, alle Alterssymptome durch die
Wiederherstellung des durch diese gestrten Gleichgewichts zu
beseitigen, die Mikroben des Alters zu zerstren und den ganzen Krper
einen Verjngungsproze durchmachen zu lassen, der ein Altern
unmglich macht.

In hnlich zuversichtlicher Weise uert sich Professor Metschnikoff in
Paris, der von jeher das groe Problem von der Lebensverlngerung und
Lebenskrftigung des Menschen zum Gebiete seiner Studien gemacht hat,
und der den Versuchen seines Kollegen Roux vom Pasteurinstitute das
grte Interesse entgegenbringt. Auch er spricht vom _Zeitalter ewiger
Jugend_, das fr uns hereinbrechen wird und schon an unsere Tr klopft.

Ja aber -- woher das viele Radium nehmen, das zur Verallgemeinerung all
der Kuren und Wunder ntig ist, und wie die Herstellungskosten
verringern, die ja ein unberbrckbares Hindernis fr diese
Verallgemeinerung sind, wenn dieses Wundermittel nicht wieder nur ein
Lebenselixier fr jene Kreise allein werden soll, die in Reichtmern
schwelgen?

Diese beiden Fragen drngen sich einem natrlich vor allem auf, und
glcklicherweise kann man in erfreulichstem Sinne darauf Antwort geben.

Das Vorkommen des Radiums ist wahrlich nicht so selten, wie man glaubt.
Im Gegenteil. Jngst erst hat Professor Lodge diese Frage in folgendem
Satze, der, wie alles, was Radium angeht, etwas Ueberraschendes hat,
erledigt.

Er hat nmlich buchstblich gesagt, die Schwierigkeit sei nicht _die_,
radioaktive Krper zu finden, sondern Krper, _die nicht radioaktiv_
sind. Alles nmlich, was lebt und scheinbar unbelebt ist -- denn auch
am Steine wurde ja jetzt das Leben schon nachgewiesen -- ist
radioaktiv. Es mu es sein, denn das Radium ist ja die Lebenskraft
selber. Es ist die Quintessenz aller Kraft, die alles, was ist, aufbaut
und alles zerstrt, um in der Vernichtung neues zu schaffen. Sie ist die
Schpferkraft, die wir nun endlich in Hnden halten, und mit der der
Prometheustraum der Menschheit erfllt ist.

Tatschlich ist nicht nur die ganze Erde von Radium und seinen
Emanationen erfllt, sondern wahrscheinlich auch das ganze All. Die Erde
aber gewi, und zwar drfte der Kern der Erde aus reinem Radium
bestehen, wenn wir von der merkbar zunehmenden Radiummenge in greren
Tiefen des Erdinnern progressiv schlieen drfen. Beim Durchstich des
Simplontunnels sowohl wie bei dem des Gotthardtunnels wurden die
entsprechenden Messungen vorgenommen und gefunden, da in letzterem bei
einer Tiefe von 2500 Fu die Radioaktivitt der gefrderten Felsmassen 3
3/10 Billionstel Gramm auf ein Gramm Gestein betrug, whrend beim
Simplontunnel, der 17 Kilometer lang ist und 5600 Fu unter der
Erdoberflche liegt, der Radiumgehalt auf 1 1/10 Billionstel Teil stieg.
Ein hnliches Verhltnis fand man auch bei den artesischen Brunnen, die
man 1000 bis 1500 Fu tief gegraben hat. Je tiefer man nun in die Erde
eindringt, desto hher steigt bekanntlich die Temperatur, und zwar nimmt
sie ungefhr bei je 100 Fu um 1 Grad Celsius zu. Bei einer Tiefe von 40
Kilometern wrde man also schon das Quecksilber im Thermometer zum
Sieden bringen und Eisen wrde in einen flssigen Glutstrom geschmolzen
sein. Diese Wrme nun ist auch weiter nichts als eine Folge der
Ausstrahlungen des Radiums im innersten Innern der Erde. Die
unglaubliche Schnelligkeit, mit welcher die Radiumteilchen von diesem
fortgeschleudert werden, und die furchtbare Reibung, die dadurch
entsteht, entwickelt die Wrme, die in ihrer Intensitt alles
bertrifft, was wir uns an Glut und Hitze vorzustellen vermgen. Und
wenn das Radium diese Feuerglut zu schaffen vermag, dann mu es aber
auch in Quantitten da sein, die wir, weil wir auf der Oberflche der
Erde nur leben, uns nicht einmal trumen lassen. Es braucht uns also,
die wir dieses grte aller Lebenselemente erst seit kurzer Zeit kennen,
um die Quantitten desselben nicht bange zu sein.

Bleibt die Frage der Herstellung, die begreiflicherweise die Frage des
Kostenpunkts ist.

Nun denn, auch diese kann in befriedigendster Weise beantwortet werden.
Man kann nmlich aus der Pechblende -- aus der wir vorlufig beinahe
ausschlielich das Radium uns herstellen -- verschiedene Formen der
Radiumsubstanz gewinnen. Und whrend nun das Radium, das Professor
_Curie_ und seine Frau als erste gewannen, etwa 400000 Mark pro Gramm
kostet, kostet das Tho-rad-x, mit welchem Dr. Bailey, Dr. Roux und
Koernicke vorzugsweise experimentieren, in derselben Quantitt nur 6000
Mark. Aber auch das ist noch teuer, so wesentlich die Verbilligung auch
schon ist. Aber wir werden bei ihr auch nicht stehen bleiben, und die
Zeit wird kommen, und sie ist gar nicht so fern, wo die Radiumgewinnung
im Groen wird betrieben werden knnen. Der menschliche Geist wei ja
alle Hindernisse zu berbrcken, und es wird ihm zweifellos auch
gelingen, bis zu den groen Radiumlagern der Erde zu gelangen, so
unmglich das auf den ersten Blick auch noch scheint. In jedem Falle
sind auch jetzt schon Radiumformen entdeckt, die selbst den Preis der
Tho-rad-x weit hinter sich lassen und dieselbe auerordentliche Wirkung
auf den menschlichen Organismus haben, die ich eben besprochen habe. Die
Versuche sind natrlich zu jung, um als abgeschlossen zu gelten,
trotzdem aber kann man sagen, da _auch jetzt schon_ durch ein
Radiummittel, das allen zugnglich ist, das Alter verjngt und alle
Alterserscheinungen erfolgreich bekmpft werden knnen. Gicht und
Zipperlein werden nicht nur in der Zukunft, sondern auch jetzt schon
unbekannt sein; die Arteriosklerose wird verhindert werden, sich an den
Wandungen unserer Blutgefe festzusetzen und ihre Knochenherde zu
bilden; die Mglichkeit der Schlaganflle wird wesentlich verringert,
wenn nicht ganz aufgehoben sein, und der Mensch wird sich, so alt und so
hinfllig er auch sein mag, wieder gekrftigt fhlen, und seine
Lebenskrfte werden aufs neue geweckt werden. Bei der heranwachsenden
Generation aber wird die Radiumkombination schon anfangen,
ihre altervertreibende Wirkung zu beginnen, ehe die ersten
Alterserscheinungen sich zeigen, und ein ewig junges, ewig kraftvolles
Geschlecht, dessen Lebensdauer sich ins Fabelhafte wird gesteigert
haben, wird _das Geschlecht der Zukunft_ sein.

Ich wies schon darauf hin, da unsere Heilquellen ihre Heilwirkung zum
allergrten Teile den Radiumemanationen verdanken, nicht dem wirklichen
Radiumgehalte, der bei fast keiner vorhanden ist. Darin aber liegt der
Umstand, da all diese Quellen beim Versand leiden und ihre Wirkung
verlieren. Whrend Radium geradezu ewig ist, schwindet der Einflu der
Emanationen sofort, da ja die Atome in fortwhrender ungeheurer Bewegung
fortgeschleudert werden. Jeder wei, wie wundervoll die Sprudel wirken,
und wie gering die Wirkung der gewonnenen Sprudelsalze ist. Man wird
also und hat zu Mitteln gegriffen, in denen Radium selber enthalten ist.
Das Radium, das im Krper selber seine an das Fabelhafte grenzende
Emanationskraft entwickelt. Das Bombardement der Atome, von dem ich
eingangs gesprochen, geht dann im menschlichen Leibe vor sich und bt
seine zerstrende Wirkung auf alle krank gewordenen Krperatome, whrend
es auf die gesunden Gewebe seine entgegengesetzte, frdernde,
waschstumuntersttzende Wirkung bt. Darauf basiert der groe Erfolg.
Ein sich Ablagern und Festsetzen krankhafter Ausscheidung ist dadurch
unmglich und jeder Krankheitsproze wird schon im Keime erstickt. Das
Jahrhundert der Gesundheit bricht an, das Jahrhundert der groen
geistigen, krperlichen und seelischen Gesundung der Menschheit, und wir
fhlen schon den Flgelschlag dieser groen, wunderbaren Zeit, einer
Zeit, in welcher die Menschheit emporgehoben wird zu den Hhen der
Vollendung, und die letzte Brcke abgebrochen wird, die uns jetzt noch
mit den niederen Geschpfen der Welt, der Erde verbindet.




                         Professor C. Lustig.
                      Die Medizin in 100 Jahren.


                      Die Medizin in 100 Jahren.
                       Von Professor C. Lustig.

Die Hauptaufgaben der Medizin sollten nicht im Heilen der Krankheiten
bestehen, sondern im Verhten. Dieser Aufgabe kann die Medizin heute nur
in sehr geringem Grade gerecht werden. Denn so stolz wir auch auf neuere
Erfolge auf hygienischem Gebiete sein mgen, so ist das bisher Erreichte
doch nur der Anfang vom Anfang. Die Medizin ist eben ohnmchtig, solange
nicht auch andere Faktoren mitwirken, die auf sozialem und
gesetzgeberischem Gebiete liegen. Bei einem Kranken kann von einem
Verhten der Krankheit keine Rede mehr sein, sondern nur von einem
Bekmpfen. Wir _sind_ aber mehr oder minder alle krank, und von einem
gesunden Geschlecht kann selbst beim besten Willen wohl von niemandem
gesprochen werden.

Solange die Natur nun von ihrem grausamen Gesetze nicht ablt, wonach
sie die Snden der Vter heimsucht bis in das vierte und fnfte Glied,
so ist ein gesundes Geschlecht ganz undenkbar. Solange es Not und Elend
und Entbehrung gibt, auch. Solange Arbeit und Erholung sich nicht die
Wage halten, ebenfalls.

Hierdurch allein ist schon die Richtschnur fr die Zukunft gegeben.

Da wir die Gesetze der Natur nicht ndern knnen, ist klar. Wir mssen
daher dort, wo diese Gesetze schdigend wirken, die Natur hindern, sie
uns gegenber in Anwendung zu bringen.

Gift bleibt, solange es Gift ist, immer giftig. Wer es in den
entsprechenden Dosen nimmt, vergiftet sich. Daran lt sich nichts
ndern, aber -- man braucht das Gift nicht zu nehmen, und vergiftet sich
dann eben nicht.

Das ist doch klar.

Das ist eine Weisheit, die jeder kennt. Aber wir wenden sie nicht an.
Wir kennen das Gift ganz genau; wir kennen seine schdigende Wirkung auf
uns und unser Geschlecht, aber wir denken nicht daran, uns darum zu
kmmern. Wir vermischen damit doch unser Blut, wir impfen es unseren
Kindern und Kindeskindern nach wie vor ein, und die, denen -- wenn _uns_
die Vernunft dazu fehlt -- nicht nur das Recht zustehen wrde, uns daran
zu verhindern, sondern geradezu die Pflicht erwchst, es zu tun, kmmern
sich auch nicht darum und verbieten das Weitervergiften der Menschheit
nicht nur _nicht_, sondern untersttzen es noch.

Gesunde Kinder knnen bekanntlich nur von gesunden Eltern kommen. Der
Staat _will_ gesunde Kinder. Er braucht sie. Aber er sorgt nicht dafr,
da die Eltern gesund sind und gesund sein knnen.

Bei den Eheschlieungen werden Braut und Brutigam nach allem Mglichen
gefragt, nur nach dem Ntigsten nicht: _ob sie gesund sind_. Ob nicht
der Keim einer sich vererbenden Krankheit in ihnen steckt. Sie werden
daraufhin nicht untersucht. Ja, sie drfen heiraten, selbst wenn der
eine oder beide schon an vorgeschrittener Schwindsucht leiden; sie
drfen heiraten, wenn dem einen auch das Stigma der Lues auf der Stirne
eingebrannt steht. Sie drfen heiraten, wenn der eine auch in
epileptischen Krmpfen zusammenstrzt und sich unter ihnen windet und
krmmt. Sie drfen alle heiraten und Kinder in die Welt setzen und
drfen ihnen ihre Krankheiten mit auf den Lebensweg geben.

Fr die Aerzte ist das ganz gut. Fr die Menschheit nicht. Aber
schlielich ist doch die Menschheit nicht fr die Aerzte da, sondern
umgekehrt. Und allmhlich wird es ja doch dazu kommen, da -- wie in
einigen Staaten der amerikanischen Union -- schon jetzt berall von all
denen, die einen Ehebund eingehen wollen, diese Hauptbedingung, die
Gesundheit, gefordert wird.

Natrlich wird auch dafr gesorgt werden mssen, da, wenn ein neues
gesundes Geschlecht auf die Welt kommt, dieses auch die Mglichkeit hat,
gesund zu bleiben. Vor allem wird die Mutter in die Lage versetzt werden
mssen, ihr Kind zu nhren. In die materielle Lage. Ist das der Fall,
dann wird der Tod nicht mehr drohend an jeder Wiege stehen, so wie
jetzt, wo die Kindersterblichkeit Ziffern aufweist, die ein flammendes
Dokument fr den Tiefstand unserer Menschlichkeit sind.

Wird dann noch dafr gesorgt sein -- und es _wird_ zweifellos -- da
jeder, der lebt, auch sein Recht auf das Leben wird geltend machen
knnen, dann werden die Vorbedingungen erfllt sein, auf denen die
Medizin der Zukunft wird fuen knnen. Dann wird durch sie die
Gesundheit in Permanenz erklrt werden, und keine Krankheit wird mehr
den Nhrboden finden knnen, auf dem sie gedeiht.

Die Mittel dazu wren jetzt schon vorhanden, nur die Prmissen fehlen.
Die Prmisse eines gesunden Geschlechts.

Die Mglichkeit aber, den Krper in seinen feinsten Gewebeteilen --
nicht etwa durch Impfung, die selbstverstndlich in der Zukunft
verworfen wird -- gegen alle mglichen Krankheitskeime immun zu machen,
besteht schon jetzt.

Die Mglichkeit, dem Krper die Lebensenergie zuzufhren, die jeden
Altersproze hemmt, haben wir durch die Radium enthaltenden Mittel jetzt
auch.

Damit aber sind Perspektiven fr die Zukunft geschaffen, die an das
Wunderbare grenzen und den Traum von dem Hinausschieben der Lebensgrenze
bis weit ber das biblische Alter in Erfllung bringen werden.

Die genderten Lebensverhltnisse werden natrlich wesentlich dazu
beitragen, das zu untersttzen. Das fliegende Geschlecht wird sich die
Luft auch in hygienischer Hinsicht zunutze machen. Es wird tagtglich
die Hhen aufsuchen, die wir heute nur in unseren Hhenkurorten oder auf
sportlichen Touren aufzusuchen gewohnt sind. Es wird seine Lungen weiten
und die kstliche Luft einatmen, die nebstbei von keinem Millionen von
Schloten entqualmenden Rauch mehr verpestet sein wird, so da auch in
den Stdten die Luft schon eine andere sein wird, als heute. Statt des
Rauches aber wird ihr zweifellos auf knstlichem Wege noch Ozon
zugefhrt werden, und die Radiumbeleuchtung, die die ganze Erde mit
einem Dunstkreis matten, wohltuenden Lichts umhllen wird, wird durch
die konstant ausstrahlenden Emanationen auch belebend, krftigend,
verjngend wirken. Die Medizin in unserem Sinne wird also als solche
aufhren mssen zu sein; man wird sie nicht mehr brauchen.

Anders stellt es sich, wenn wir, wie dies noch vielfach geschieht, die
vllig selbstndige Disziplin der Chirurgie mit dazu rechnen. Diese wird
bleiben mssen. Unflle wird es immer noch geben. Armbrche, Beinbrche,
Schdelbrche, Genickbrche, Verstauchungen, Verwundungen,
Darmverschlingungen, Schwergeburten und wie die Flle alle heien, die
einen chirurgischen Eingriff erfordern, und die Chirurgie, die in
unserer Zeit auch an Wunder grenzende Fortschritte gemacht hat, wird vor
keiner Unglaublichkeit mehr zurckschrecken. Sowie wir heute schon
Herzwunden vernhen knnen, sowie wir aus unseren Schlagadern Stcke
ausschneiden und neue einsetzen knnen, sowie wir gewisse Organe heute
schon aus unserem Krper entfernen und durch fremde ersetzen knnen,
sowie wir sogar gewisse Hirnteile entfernen knnen, ohne Schaden zu
verursachen oder gar den Tod herbeizufhren, sowie wir heute schon
fremde Knochenstcke mit neuen vernieten und sie zu unseren machen
knnen, sowie wir unserem Magen eine neue Magenhaut einnhen knnen, so
wird man spter nahezu alle Organe und alle Gliedmaen umtauschen und
durch andere zu ersetzen vermgen. Und dabei wird die kraftvolle Natur
des neuen gesunden Geschlechts dazu beitragen, alle Operationen in
verblffend kurzer Zeit zur Heilung zu bringen, so da die kstliche
Figur des Bluntschen Kapitn Duddle, der kein greres Vergngen kennt,
als sich ein Bein abnehmen zu lassen, beinahe aufhren knnte, bloe
Fiktion zu sein, und ein _Doyen_ und ein _Bailey_ recht bekommen
drften, die erklrten, die Chirurgie wird knftighin nicht nur eine
grandiose Wissenschaft sein, sondern auch _ein Sport_.




                          Cesare del Lotto.
                       Die Kunst in 100 Jahren.


                       Die Kunst in 100 Jahren.
                        Von Cesare del Lotto.

Prophezeiungen haben nur dann Sinn und Zweck, wenn sie Schlufolgerungen
aus schon Vorhandenem und dessen bisherigem Entwicklungsgange sind. Nun
ist aber nichts schwerer, als aus dem Entwicklungsgange unserer
bildenden Knste irgend welche Schlsse ziehen zu wollen, von denen man
annehmen knnte, da sie dem tatschlich zu Erwartenden in Wirklichkeit
auch nur annhernd entsprchen, denn nichts ist unberechenbarer als
gerade die Kunst. Sie hat ihre Launen, und ihre ganze Wirkung beruht nur
auf diesen. Bernhard Shaw, der groe Sptter mit dem tiefen Wissen hat
darum nicht Unrecht, wenn er die Kunst mit einem Weibe vergleicht, das
stets neue Toiletten macht, in deren jeder sie anders aussieht, whrend
sie selbst doch stets ein und dieselbe bleibt. Diese Toiletten sind oft
schlicht und einfach, oft schreiend und bizarr, oft vornehm, oft wieder
gemein, oft nonnenhaft puritanisch, oft dirnenhaft frech, und die
Uebergnge von einer zur andern sind hufig ganz unmittelbar von einem
Extrem ins andere gehend, whrend sie andererseits ineinanderflieen, um
unvermerkt eine Kunstrichtung und Kunstoffenbarung zu schaffen. Es ist
wie das Meer. Jeder Hauch setzt es in Bewegung und schafft neue,
wechselnde Bilder. Bald liegt es glatt da wie ein Spiegel, bald ist es
leicht nur gekruselt, bald tief aufgewhlt, und die Wellen trmen sich
hoch empor zu gigantischer Hhe, um sich dann wieder zu gltten und
jeder Spur gewaltiger Gre zu entraten. In der Kunst nennen wir das
Epochen, und wir suchen sie -- freilich vergebens -- mit den Zeitepochen
in Einklang zu bringen, und zwar deshalb vergebens, weil die Kunst als
solche mit ihrer Zeit nichts zu tun hat, ganz ebenso wie der Traum
nichts mit der Wirklichkeit, wenn auch diese ihre Fden mit in jenen
hineinverwebt. Wir knnen also einen Zusammenhang zwischen Zeit und
Kunst nur konstruieren, wenn wir den Einflu betrachten, den die Kunst
auf die Zeit, auf die Menschen und das Leben gebt hat. Auch da knnen
wir Strmungen, Rckstrmungen und sogar ein Stagnieren der Kunst
beobachten, Wechselstrmungen, die in einem greren oder geringeren
Kunstbedrfnisse der Menschheit zum Ausdrucke kommen. Gerade jetzt
wieder hat eine Art Kunstdurst die Menschheit erfat, und ein gewisser
Schnheitsdrang ist uns bewut oder unbewut berkommen, was wir aber
vorlufig haben, ist nur das unsichere Tasten nach einem neuen
Schnheits-, einem neuen Kunstideal, auf dessen Offenbarung wir mit
Macht hindrngen, und zu welchem wir auf verschiedenen Wegen zu gelangen
trachten, ohne da wir eigentlich wissen, welches das Ziel ist, das wir
zu erreichen streben. Es ist ja sehr leicht mglich, da die kommende
Kunst etwas ganz anderes, ganz neues sein wird, als was sie jetzt ist.
Die Kunst ist nie das, was sie ist, sondern das, als was sie gesehen
wird, sagt schon Ruskin. Die Art zu sehen ist aber nicht nur eine
individuelle, sondern sie ndert sich von Tag zu Tag auch physiologisch.
Unser Auge hat die Fhigkeit gewonnen, die Lichtstrahlen in weit mehr
Farben und Farbennuancen zu zerlegen als frher. Dadurch sehen wir die
Welt anders; die Natur ist fr uns eine andere geworden, also auch die
Kunst, denn die Kunst ist das Vorahnen der Natur, und wir, die wir
vorlufig nur mit den Strahlen des Lichtes sehen, und die nur Augen
haben, die scheinbar nur fr diese empfnglich sind, werden vielleicht
spter einmal auch mit jenen Strahlen direkt zu sehen lernen, mit denen
wir jetzt schon hren, sprechen und mit Zuhilfenahme von Apparaten auch
wirklich schon sehen knnen. Die Wahrscheinlichkeit spricht in jedem
Falle dafr, und namentlich eines nimmt merkwrdig berhand, das Sehen
jener magnetischen Strahlen, die dem menschlichen und tierischen Krper
entstrmen. Diese Strahlen wird auch die Kunst sehen mssen, die sie
heute noch verleugnet, um nicht noch mehr Mitrauen zu begegnen, als sie
heute schon in ihren verschiedenen Richtungen zu berwinden hat. Und
wenn Mosso behauptet, unser Auge wrde sich allmhlich auch zum
Rntgenapparate entwickeln, so wird die Kunst auch auf dieses alles
durchdringende Sehen Rcksicht nehmen und ihre Kunstwerke demgem
ausgestalten oder diese Art zu sehen geflissentlich ausschalten mssen.
Der mystische Zug, der aber jetzt schon durch einen Teil unserer Kunst
geht, deutet darauf hin, da das heute noch Mystische, das in der
Zukunft mglicherweise zum Alltglichen geworden sein wird, der nchsten
Zukunftskunst seine Signatur aufdrcken wird. Sobald wir alles Irdische
kennen werden, wird uns das Streben nach dem Ueberirdischen erfassen.
Dieser Zeit, die der Dichter da vorausahnt, sind wir nher, als wir
glauben. Der Erde entrckt werden wir ja in gewissem Sinne schon jetzt
durch das Fliegen. Und whrend wir den Einflu der Postkutsche, des
Zweirads, der Eisenbahn und des Automobils auf die Kunst gewi niemals
bemerkten -- von einigen Bildern, die keine Kunst machen, natrlich
abgesehen -- wird das Fliegen zweifellos eine Umwlzung hervorbringen.
Wir werden die Dinge von einer anderen Perspektive aus sehen, als wir
sie jetzt sehen, und das wird in den Werken der Kunst auch zum Ausdruck
kommen. Wir werden in den Hhen, in denen unser Flug sich bewegen wird,
unsere Eindrcke in ganz anderen Luftschichten, unter ganz anderen
Brechungsverhltnissen des Lichtes empfangen, und werden diese Eindrcke
auf unseren Bildern festhalten mssen, und es werden sich ebenso groe
Unterschiede daraus ergeben, wie sie Atelierbild und Freilichtbild heute
schon aufweisen, und die so gro sind, da sie als ganz besondere
Richtungen aufgefat werden. Wir werden aber infolge der vernderten
Lichtbrechungseffekte auch andere Farbentne entdecken, und diese werden
eine besondere Wesenheit der knftigen Werke unserer Malerei sein. Noch
bedeutender aber drfte die Umwlzung auf dem Gebiete der Plastik
werden, und namentlich die Reliefkunst drfte zu ungeahnter Bedeutung
gelangen. Heutzutage wird ein Kunststck so geschaffen und so
aufgestellt, da es fr den Beschauer auf die bequemste Weise zur besten
Geltung kommt und dadurch auf ihn die vom Knstler beabsichtigte Wirkung
ausbt. Alle Grenverhltnisse, jede Proportion, jede Gestalt, jede
Verkrzung sind aus dieser Absicht hervorgegangen. Eine Figur, die ich
auf einen hohen Sockel stelle, mu anders gedacht, anders empfunden und
anders ausgefhrt sein als eine, die ich aus demselben Niveau mit mir
betrachte. Unsere Monumente nun sind alle derart berechnet, da sie auf
den Fugnger ihre Wirkung ben. Die Wucht unserer Denkmler wirkt also
nach unten, und wie sehr das der Fall ist, sehen wir am besten daran,
wenn wir an solch einem Denkmal auf dem Verdecke eines Omnibusses
vorberfahren, oder wenn wir es ganz von oben betrachten. Es verliert
dann vollstndig seine Wirkung. Es hrt auf, Kunstwerk zu sein. Wird der
Verkehr nun -- und er wird es -- knftighin weniger durch die Straen
als durch die Lfte gehen, wird sich also ein oberirdischer Verkehr
entwickeln, um nicht ein berirdischer zu sagen, dann werden die
Monumente der Zukunft, wenn sie ihren Zweck erfllen sollen, darauf
bedacht nehmen mssen. Sie werden also derartig geschaffen sein, da sie
ihre volle knstlerische Wirkung sowohl von unten aus -- denn gehen wird
man ja trotzdem noch immer -- als auch von oben aus ben. Es werden also
Momente sein, die nicht mehr eine Figur auf den Sockel stellen, sondern
groe architektonische Aufbaue mit Reliefgestalten, deren vortretende
Linien von oben herab die Harmonie des Kunstwerkes nicht stren, welches
auch _oben_ nur aus einem groen machtvollen Relief wird bestehen
knnen. Und da die Entfernungen, von denen aus die Ueberfliegenden das
Monument sehen werden, weit grere sein werden als die sind, die
gegenwrtig den Abstand zwischen Kunstwerk und Beschauer bilden, so
werden auch die Monumente dementsprechende gewaltige Dimensionen
annehmen mssen; Dimensionen, die zum mindesten der Basis der
gyptischen Pyramiden entsprechen mten, wenn sich die Werke der
monumentalen Plastik knftig noch Geltung verschaffen wollen. In bezug
auf _diese_ Kunst ist also das Vorhersagen leicht, weil _mit_ dieser
Kunst ein ganz bestimmter Zweck verbunden ist; ein Zweck, den die
Malerei nicht hat und nicht haben kann, denn Museen mit horizontal
gelegten, von oben herab zu betrachtenden Bildern wird es niemals geben,
es sei denn, tolle bersprudelnde Knstlerlaune schaffe sie als
Karikatur einer anderen, kommenden Zeit. Wohl aber wird die Malerei in
einer ihrer jetzt noch dem Handwerk nahenden Zweige auf diese Art des
Malens ernsthafter bedacht sein mssen. Ich meine die Plakatmalerei.
Hier wrden dem schaffenden Geist der Knstler nach oben gehende
Wirkungen erstehen mssen, und so erffnet sich ihnen dann fr die
Zukunft ein neues groes Feld, und im Geiste sehe ich schon die Dnen
der hollndischen Kste, die Gletscherfirne der Alpen, die endlosen
Sandstrecken der afrikanischen und asiatischen Wsten, die riesigen
Steppen Amerikas, die Dschungelfelder von Indien und die Eisfelder der
Polargegenden mit bunten, gen Himmel schreienden Plakaten bedeckt, und
ich freue mich, da ich jene Zeit nicht mehr erlebe.




                         Charles Dona Edward.
                       Der Sport in 100 Jahren.


                       Der Sport in 100 Jahren.
                       Von Charles Dona Edward.

Dem Sport erwachsen schon jetzt fr seine Zukunft ungeahnte
Mglichkeiten. Es gehrt daher wenig Phantasie dazu, ein Zukunftsbild zu
entwerfen, so lange man sich auf dem Gebiete der Sachlichkeit bewegen
und sich nicht in haltlosen Utopien ergehen will, die allerdings auch zu
den Mglichkeiten, vorlufig aber noch nicht zu den Wahrscheinlichkeiten
gehren. So drfte es sich erbrigen, von dem Maulwurfssport und dem
Salamandersport zu sprechen, von welchem einige unserer Romanciers
vorahnend zu schwrmen wissen. Beide dieser Sportarten sind schon
hinreichend durch die ihnen beigelegten Namen charakterisiert. Der eine
ist der Feuersport, der andere der unterirdische Sport, der sich durch
die Erde grbt, hnlich wie man sich etwa, um ins Schlaraffenland zu
gelangen, durch den Hirsebreiberg hindurchgraben mu, whrend der andere
der Feuersport ist, der ja allerdings in unseren Feueressern und in der
Feuerschaukel der indischen Fakire seine Vorlufer hat. Solchen Sport
aber zum Sport zu rechnen, hiee das Wesen des Sports vollkommen
verkennen. Wasser, Luft und Erde mssen uns als Felder der
Sportbettigung gengen. Der Sport der Zukunft wird der Sport der
rasenden, sich berbietenden Geschwindigkeiten sein; er wird der Sport
mehr des Intellekts, als der physischen Kraft sein, denn trotz aller
Krperkultur wird das menschliche Geschlecht allmhlich schwcher
werden, um stark zu sein. Es wird eine Ausbildung der Sinne ntig
werden, die zweifellos auf Kosten des Krpers gehen wird. Fordert schon
der jetzige Sport Blitzesschnelle der Gedanken, grte Geistesgegenwart,
Anschauung, Kaltbltigkeit, Selbstbeherrschung und Selbstzucht in hohem
Mae, hervorragende Charaktereigenschaften also, und ebensolche des
Geistes, so wird das in Zukunft noch weit mehr der Fall sein. Mit der
Erhhung der Geschwindigkeit wachsen die Gefahren des Sports, und auch
solche gibt es in arithmetischer Progression. Schon jetzt haben wir
Geschwindigkeiten erreicht, die an das Fabelhafte grenzen, und die doch
ein Nichts gegen die sind, die wir noch erreichen knnen, denn die
Geschwindigkeit kennt keine Grenzen. Wenn heutzutage schon Motore gebaut
werden, mit denen wir -- falls wir uns eine asphaltierte Strae rund um
die Erde gelegt denken -- bequem in vierundzwanzig Stunden und noch
weniger die ganze Welt umrunden knnten, so haben wir damit noch immer
nicht das denkbar Mgliche geleistet, sondern stehen nach wie vor an den
Anfngen einer Industrie, die noch so gut wie in den Kinderschuhen
steckt. Ganz andere Krfte, die wir jetzt erst zu kennen beginnen,
werden uns dann zur Verfgung stehen und die Menschen werden stets
kleiner und leichter werden, so da Lewell wohl recht haben mag, wenn er
sagt, wir werden knftig im Gehuse einer Uhr mehr Kraft mit herumtragen
knnen, als jetzt unsere Riesenschnellzugsmaschinen entwickeln. Damit
ist aber die Richtschnur fr unseren kommenden Sport auch gegeben, der
sich aller Wahrscheinlichkeit nach hauptschlich im Wasser, unter Wasser
und in der Luft abspielen wird, whrend neuere gegenwrtige Sportarten,
die auf der Erdoberflche getrieben werden, ganz zweifellos als solche
verschwinden werden. Mit den Geschwindigkeiten werden nmlich die fr
neueren Sport notwendigen Distanzen sich zu ungeheuren erweitern. Der
Modesport wird uns nicht mehr befriedigen knnen, und so wie man
heutzutage schon Schach zwischen zwei Lndern und ber den Ozean weg
spielen kann, ohne da die Partie lnger dauert als eine in ein und
demselben Klubzimmer gespielte, so wird man auch unsere edleren
Ballspiele per Distanz spielen knnen. Heute schon tauchen, allerdings
als Spielzeug, kleine Motorblle auf, die man sich gegenseitig auf
sechs- bis siebenhundert Meter zuwerfen kann; heute schon lt man
Aeroplanspielzeuge ber die Teiche fliegen, an deren jenseitigem Ufer
sie aufgefangen und zurckgesandt werden, und bald wird es einerlei
sein, ob dieser Teich klein oder gro ist, ob er ein See oder ein Meer
ist. Die Hilfsmittel der Wissenschaft sind heute soweit gediehen, da
man nicht nur annehmen, sondern schon bestimmt voraussagen kann, da man
jeden Mitspieler, sei er noch so weit, beim Spiele wird sehen, hren und
sprechen knnen. -- Luftballonwettfahrten und Flugwettfahrten haben wir
schon jetzt, wir selbst aber werden noch Hhen- und Distanzflge
erleben, die den Flug des Adlers und der Schwalbe berbieten werden, ja,
die Kraft unserer Motore wird hinreichen, um uns ohne weitere
kostspielige und schwerfllige Apparate in die Luft zu erheben, so da
Flammarion recht behalten drfte, der fr die Zukunft nicht nur
Luftflieger, sondern Luftschwimmer prophezeit. So wie die Erde durch
Millionen von Jahren das Element der Menschen gewesen, so wird es jetzt
eben die Luft werden, und auch unser Krper wird sich den neuen
Lebensverhltnissen anpassen. Das Wasser dagegen wird niemals zum
Element der Menschheit werden. Nur der Reiz, auch dieses zu meistern und
die Widerstnde zu berwinden, macht es zum Sportfeld, das es auch
bleiben wird. Der mit einem kleinen Handmotor bewaffnete Schwimmer wird
aber nicht mehr im Schwimmtempo die Wellen durchschneiden, sondern mit
der Geschwindigkeit eines Torpedobootes, und das Ueberschwimmen des
Aermelkanals, das heute noch der unbefriedigte Ehrgeiz der grten
Heroen der Schwimmkunst ist, wird eine Leistung sein, die jedes Kind
wird vollbringen knnen. Wenn Wells meint, wir wrden dann den Fisch im
Meer jagen, so wie man heute das Wild jagt, so kann er recht haben, denn
wie heute der Skilufer mit dem schnellsten Renntier Schritt zu halten
vermag, so werden wir in Zukunft den schnellsten Fisch in seinem Element
berholen knnen. Selbst oder in unseren Tauchbooten, die wahre Wunder
an Schnelligkeit, Tauch- und Lenkbarkeit sein werden. Auch die
Mglichkeit von Tauch- und Flugkombinationen ist nicht ausgeschlossen.
Bekanntlich hat die Natur schon alles geschaffen, was der Mensch spter
erfindet. Es ist fast, als wolle die schpferische Kraft der Natur
spottend die Winzigkeit unseres Knnens demonstrieren. Und sie schuf
neben den Wesen, die gehen und fliegen knnen, auch solche, die fliegen
und tauchen knnen. Wenn diese Kombination aber in der Natur schon
gegeben ist, dann wird sie die Kunst der Menschen auch noch vollbringen,
und der Sport wird sich -- ich wei natrlich nicht, ob in hundert,
fnfhundert oder tausend Jahren -- auch diese Mglichkeit nutzbar machen
und Konkurrenzen veranstalten, die nicht nur rund um die Erde, nicht nur
in die Hhen des Chimborasso und des Mount Everest gehen, sondern aus
diesen Hhen auch in die Tiefen des Meeres, und wieder in die
Aetherhhen empor fhren werden. Der Sport wird also unbeschrnkt in den
Geschwindigkeiten, unbeschrnkt in den Entfernungen und unbeschrnkt in
den Richtungen werden. So unbeschrnkt, da viele ja sogar davon
trumen, weit ber die Grenzen der Atmosphre hinaus dringen und von
Welt zu Welten wandern zu knnen. Da das aber ein Traum der Zukunft
ist, den die nahe und nchste Zukunft _nicht_ erfllen wird, das ist
gewi, und auf Jahrtausende hin soll _Ich_ ja nicht prophezeien.




                  Frl. Professor E. Renaudot, Paris.
                       Die Welt und der Komet.


                       Die Welt und der Komet.
                Von Frl. Professor E. Renaudot, Paris.

Im tiefen Schweigen des Alls bewegt sich lautlos, in schnellem,
rasenden, den Weltraum durchziehenden Laufe, aus der Leere heraus, ein
zwanzig und mehr Millionen Meilen langer, kalter, giftiger Dunst der
Sonne und ihren Planeten entgegen.

Diesem dahinrasenden Strom von Gasen folgt, von ihm mitgerissen, ein
Haufe von losem Gestein, das teils nicht grer ist als irgend ein
Feldstein, teils aber grer als der grte unserer Berge; und all diese
Steine und Felsen und Massen folgen nicht nur der seltsamen, alles mit
sich reienden Dunstform, sondern sie drehen sich auch in tollem, ewigem
Lauf um sich selber. Trmmer von Welten sind es, die andere Welten mit
ihrer Zerstrung bedrohen.

Kein Mensch wei, seit wieviel Aeonen der tdliche Weltenraumwanderer
die Erdbahn schon kreuzt; kein Mensch wei, wieviel andere
seinesgleichen noch da sind, die in unsere Bahn, uns bedrohend, geraten.
Zweifellos aber steht es fest, da wir schon zahllose Male mit den
seltsamen Himmelsgebilden, die wir Kometen nennen, zusammengestoen
sind, und da wir noch unzhlige Male mit ihnen zusammenstoen werden.
Und nicht nur wir, sondern alle andern Planeten genau so. Und man kann
die Spuren dieser Katastrophen immer noch sehen.

Wenn nun die Erde mit einem Kometen zusammenstiee, was wrde dann wohl
geschehen?

Unser Trabant, der Mond, gibt uns die, wenn auch stumme, so doch
beredteste Antwort auf diese Frage. Die Astronomen unserer Zeit kommen
nmlich immer mehr dazu, die meisten, wenn nicht alle, sogenannten
Krater der Mondgebirge nicht mehr als solche, sondern als Eindrcke
von, mit groer Gewalt auf die Oberflche des Mondes aus dem Weltenraume
gestrzten Krpermassen zu betrachten. Die Krater wren also nichts
als die Narben eines zu einer Zeit mit dem Monde erfolgten
Zusammenstoes, als die Mondkruste gerade zu erkalten begann. Wir knnen
diese Kraterformationen ganz genau nachbilden und uns eine frmliche
Reliefkarte einer Mondlandschaft anfertigen, wenn wir Steine
verschiedener Gre mit groer Kraft auf eine noch nicht ganz erstarrte
Lehmmasse werfen.

Selbstverstndlich wurde durch jenen, fr den Mond so unheilvollen
Zusammensto auch die Erde getroffen, und sie mute ganz dasselbe
Bombardement aushalten, da eben die Erde grer und ihre Oberflche zu
jener Zeit noch viel heier war, so verschwanden die Spuren der
Eindrcke, und die glhenden Massen der Erde schlossen sich ber den
fremden Eindringlingen aus dem Himmelsraum.

Aber auch spterhin, als die Erde schon abgekhlter war, mu sie
zweifellos mehr als einmal schon mit einem oder dem andern Kometen
zusammengestoen sein. Da aber war der Schild von Wasser, der sie zum
grten Teile auch jetzt noch umgibt, ihr groer, sie vielfach vor der
Zerstrung, gewi aber vor tiefen Wunden behtender Schutz.

Sollte es nun noch einmal geschehen, da wieder ein Komet mit unserem
Planeten zusammenstt, dann wird eine Lawine von Sternen und Meteoren
ber den unglcklichen Teil der Erde niedergehen, der gerade dem Kometen
zugewandt ist.

Vielleicht trifft der Kern des Kometen gerade auf einen der Pole. Dann
wrde der aus dem Himmel strzende Felshagel niemanden direkt verletzen,
aber das durch die furchtbare Hitze schmelzende Eis wrde eine
Sturzwelle bilden, die, einer neuen Sintflut gleich, unsere Kontinente
berfluten wrde, und unsere Atmosphre wre mit Dnsten und Gasen und
Nebeln erfllt, so da das Klima aller unserer Lnder auf Jahrzehnte und
Jahrhunderte hinaus vollstndig verndert wrde.

Der Komet von 1907, der eine so groe Weltuntergangsangst hervorgerufen
hatte, bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von 107500 Meilen in der
Stunde auf unser Sonnensystem zu, und der eben jetzt am Himmel stehende
zeigt keine gerade wesentlich kleinere Bewegungsschnelligkeit. Wrde nun
die Erde mit dem Kern solch eines Kometen zusammenstoen, so wrde keine
Stadt der Welt ihm Widerstand zu leisten vermgen, und ein Paris,
London, Newyork oder Berlin wre nicht nur in wenigen Sekunden ein
glhender, rauchender, brennender Trmmerhaufen, sondern die Hitze wrde
auch hunderte von Meilen weit in der Runde alles Leben zerstren.

Die Menschheit aber wrde deshalb doch nicht zugrunde gehen, und die
Erde wrde sich auch von diesem Schlage erholen.

Es ist auch nicht der Kern, den wir bei den Kometen am meisten zu
frchten haben.

Der Kern ist ein so verschwindend kleiner Teil eines Kometen, da unsere
Erde durch hunderte von Kometen hindurchziehen knnte, ohne bei einem
einzigen mit diesem festeren Kern zusammenzustoen. Dieser Kern wrde,
wie gesagt, den Teil der Erde, mit dem er zusammentrifft, zermalmen und
verbrennen, der brige Teil der Erde wrde aber nicht sonderlich durch
ihn getroffen werden. Aber der groe Schweif des Kometen der aus
Millionen und Abermillionen von Kubikmeilen giftiger Gase besteht, wrde
unsere Atmosphre umhllen, die Gase wrden sich mit ihr vermengen und
sie von _einem_ Pol bis zum andern vergiften.

Sollte der Kern eines Kometen irgend eine Stadt treffen, so wrden die
Astronomen in der Lage sein, sie vielleicht noch rechtzeitig zu warnen
und mehrere Stunden vor dem wirklichen Zusammensto wrden die
entsetzten, schreckgelhmten Bewohner die Geschosse ihres Feindes am
Horizont emporsteigen und grer und grer werden sehen. Bei Tage
wrden sie schwarz aussehen wie Kohle, und sie wrden von einer
Dunsthlle umgeben sein, die in demselben Augenblicke, wo sie mit
unserer Atmosphre zusammentrifft, in Flammen aufgehen wrde.

Bei Nacht wrden die _groen_, den Kometen begleitenden Massen auf der
der Sonne zugekehrten Seite gleich poliertem Silber erglnzen, whrend
man den unbeleuchteten Teil nur eben so schwach sehen wrde, wie man
beim zu- und abnehmenden Mond den unbeleuchteten Teil dieses unseres
Trabanten zu sehen vermag. Ein geisterhaft phosphoreszierendes Licht
wrde alle diese Krper umhllen und sie zu einem schauerlich schnen,
unheimlich hypnotisierenden Anblick machen.

Sollten wir bei solch einem Zusammenstoe dem Kerne entgehen und dann
nur mit der Dunstmasse des Schweifes zusammentreffen, so wre der Effekt
_fr das Auge_ kein so auerordentlich groer, sonst aber wrde er sich
weit fhlbarer machen.

Ohne jede vorherige Warnung wrden wir pltzlich in die Dunstmasse des
Kometen hineingeraten. Vielleicht wrde ein mchtiger Sternschnuppenfall
eintreten, vielleicht wrden Meteore niederfallen und unsere Erde
erreichen, vielleicht aber auch nicht. Wahrscheinlich wrden wir nichts
besonderes sehen und nichts besonderes merken, bis wir pltzlich mitten
drin wren in der Katastrophe. An jenem Tage wrden die Vgel leblos aus
der Luft strzen; ein Regen aller, ihrer Lebenskraft beraubten
fliegenden Insekten wrde auf die Erde niedergehen; der Eisbr wrde
taumelnd neben seiner Beute niedersinken, der Eskimo wrde von
pltzlicher Angst und Beklemmung getrieben aus seiner Htte strzen und
bewutlos vor deren Eingang zusammenfallen. Jedes Wesen, das atmet,
wrde nach Atem ringen und, sein Bewutsein verlierend, zusammensinken.
Mit Ausnahme der Fische im Wasser und der Wrmer unter der Erde wrde
nichts sich auf Erden bewegen, als die vorher schon von Menschenhand in
Bewegung gesetzten Maschinen.

Kmen die Gase nachts, wenn die Menschheit noch schlft, dann wrde der
Schlaf wie ein Alb auf ihr lasten. Auftaumelnd wrden die Schlfer zu
den Fenstern hinstrzen, um sie aufzureien und Luft! Luft! in die Rume
zu lassen, aber die Luft wre das Gift, und unter seiner Wirkung wrde
alles dem Tode verfallen. Dem Tode oder dem todeshnlichen Betubtsein.

Wre es Tag oder wrde die Katastrophe sich abends zur Zeit der
gesteigerten Lebensfreude ereignen, dann wre das Ereignis noch krasser.
Frauen und Mnner, Pferde, Hunde und Vgel wrden auf den Straen wirr
durcheinanderfallen. Die Wagenfhrer wrden von ihren Wagen, die
Lokomotivfhrer von ihren Lokomotiven fallen, und die Wagen und Zge
wrden ber die Leichen von Menschen und Tieren dahingehen und durch
diese aus den Geleisen geraten. Die Elevatoren wrden in ausgestorbenen
Husern auf- und niedergehen. Die Maschinen wrden arbeiten, solange die
Kraft da ist, aber niemand wre da, sie auszunutzen oder zu bedienen.
Die Feuer wrden erlschen oder wie rasend um sich greifen. Somit wrde
die Stille des Todes auf der ganzen Welt herrschen. Einige Stunden lang
wrde die atmosphrische Hlle unserer Erde so mit Kometengasen
durchsetzt werden, die aus Kohlen- und Wasserstoff bestehen. Wren diese
Gase sehr dicht, so wrde es ein Erwachen berhaupt nicht mehr geben,
und dann wrden selbst die Fische im Wasser und selbst die Wrmer den
Gifttod erleiden. Wre aber die Mischung nicht allzu stark, dann wrde
die Menschheit krank, matt und abgeschlagen, mit benommenem Kopfe und
mit schmerzenden Gliedern erwachen und nach Atem ringen, aber nur eine
sauerstoffarme Atmosphre finden, die so schwer auf ihr lasten wrde,
da sie so recht zur Besinnung nicht kommen wrde. Diese wache
Betubung wrde in ihrem furchtbaren Eindruck durch den Anblick der
Katastrophe nur noch erhht werden; eine dumpfe, starre Verzweiflung
wrde die Menschheit packen; hier und da wrde diese Verzweiflung
vielleicht bei Menschen gewaltiger Energie zu einem wilden Ausbruche
fhren, den meisten aber wrde die Kraft dazu fehlen; sie wrden wie in
dumpfer, fassungsloser Verbldung auf das Unbegreifliche, Entsetzliche
hinsehen. Dann aber wrde die Reaktion eintreten. Ein Teil des
Stickstoffs und Kohlenstoffs wrde allmhlich absorbiert werden und der
Sauerstoff sich wieder erneuern. Der Alb wrde weichen, die Erkenntnis
des Geschehenen wrde allmhlich sich Bahn brechen, in wilder
Verzweiflung wrde jeder nach den Seinigen suchen. Der Mann nach der
Frau, die Mutter nach den Kindern! Erschtternde Szenen wrden sich
abspielen, Szenen des Wahnsinns und Szenen der Liebe, aber immer mehr
und mehr wrde das Bild sich ndern. Eine immer wachsende Heiterkeit
wrde mit einem Male alles erfassen. Eine tolle, ausgelassene Freude,
Leben! Vergessen wre alles, mit einem einzigen Schlage, man wrde
lachen, lachen und springen und einander umfassen und tanzen, und eine
wilde Orgie wrde sich entwickeln, wie sie die Welt noch nicht gesehen.
Die Orgie der Menschheit. Das Blut in meinen Adern wrde unter dem
Einflu des berhandnehmenden Sauerstoffgehaltes der Luft brennen wie
Feuer, meine Lungen wrden sich in wahren Gluten verzehren, ein Taumel
wilden, jauchzenden Wahnsinns wrde die Menschheit, erfassen und in
diesem Taumel wrde man zusammenstrzen und enden.

Der flammende Mantel des Kometen wre zum Sterbekleide der Menschheit
geworden.

So -- knnte es werden. In zehn, in hundert, in tausend oder
hunderttausend Jahren.

Die Prophezeiung ist keine schne, und ich gebe zu, da sie in ihren
Schilderungen extrem ist. Ich stehe aber keineswegs an, zu betonen, da
nicht jeder Zusammensto mit einem Kometen diese katastrophalen Folgen
unbedingt haben mu; aber, er _kann_ sie haben. Das ist wissenschaftlich
erhrtet. Und nur das habe ich zu schildern; sonst nichts. Immer wieder
und wieder kehren alte Kometen zurck, immer wieder und wieder werden
neue entdeckt, und es mag hunderte und tausende geben, die wir noch
nicht kennen, die wir nicht sehen und die _doch_ da sind und unsere Erde
mit unbekannten Gefahren bedrohen? Wer schickt sie?

Sie sind mit den Spionen einer Armee vergleichbar, die sich ungesehen in
das feindliche Lager schleichen. Sie stehen mit dem Hauptquartier wohl
in engstem Zusammenhang, aber sie gehren zu keinem Truppenteil. Sie
nehmen keinen Rang ein. Sie kommen und gehen, wie es ihnen gutdnkt und
umgeben sich mit einer geheimnisvollen Atmosphre, die oft wie eitel
Demut aussieht. Und doch kann die ganze Basis der Operationen und deren
Erfolg und Mierfolg von der Ttigkeit dieser Spione abhngen.

Es ist keineswegs ein besonders hinkender Vergleich, den wir da
anstellen. Die Kometen gleichen solchen Spionen wahrhaftig. Sie umgeben
sich nicht nur mit Geheimnis, sie sind selbst noch Geheimnis. Das
Geheimnisvolle liegt in ihrem ureigensten Wesen. Sie bilden eine eigene
Klasse. Woher kommen sie? Selbst die Astronomen, die sich mit ihnen
beschftigen und sie zu ihrem Spezialstudium machen, haben noch keine
Antwort darauf. Sie treten pltzlich in den Kreis ein, kommen wie sie
wollen, vom Osten, Westen, Norden, Sden, gehorchen keinem der Gesetze,
dem andere Weltkrper sich unterordnen muten, sondern scheinen einem
besonderen Zentralgesetze zu folgen. Sie entziehen sich fast jeder
Berechnung, denn sie trennen sich, spalten sich, verschwinden. Oft
kommen sie zur berechneten Zeit wieder, oft verzgern sie ihr Erscheinen
um Jahre.

Die Zukunft der Kometen ist somit noch ein groes, unerklrtes Rtsel.

Gehren sie mit zu unserem oder einem anderen Sonnensystem? Waren sie
und sind sie zum Teil vom Sonnensystem unabhngig geblieben? Das sind
Fragen, die eine endgltige Antwort noch nicht gefunden haben, obwohl
man der Lsung des Problems immer nher rckt. Gegenwrtig besteht die
Tendenz, sie als den Gesetzen unserer Sonne untertnig zu betrachten.
Die alte Idee, als htten wir es mit Weltenbummlern zu tun, die von
Stern zu Stern und von einem Planetensystem zum anderen wandern, ist so
gut wie aufgegeben. Wohl ist die Bahn vieler so gestaltet, da man an
eine Wiederkehr der betreffenden Kometen kaum glauben kann, man nimmt
aber trotzdem an, da sie sich der Kontrolle unserer Sonne nie ganz
entziehen. Freilich biegen sie oft auch von ihrem Wege ab und machen
einen Abstecher in die verbotenen Gebiete nrdlich und sdlich der Ebene
unserer Sonnenumgebung, eine Extravaganz, die sich andere Sterne nicht
leisten. Oft bleiben sie weit hinter uns zurck, oft berholen sie uns
in unserer unaufhaltsamen Bewegung, dem Herkules, dem Drachen und der
Leier zu. Es ist, als wollten sie sehen, ob der Weg frei ist, und sich
dann berzeugen, ob auch noch alle Planeten hbsch beisammen sind und in
der alten Ordnung marschieren, und als ob einer oder der andere dann
davonschiet, um irgend einer unbekannten Kraft Bericht zu erstatten.

Welcher Kraft? Welchem Wesen?

Das wissen wir nicht, und es ist auch keine Wahrscheinlichkeit da, da
unsere Kinder und Kindeskinder es in hundert Jahren wissen werden.




                    Professor Garrett P. Serviss.
                          Der Weltuntergang.


                          Der Weltuntergang.
                   Von Professor Garrett P. Serviss


                   1. Eine verblffende Situation.

Mit der tausendfachen Geschwindigkeit eines Schnellzuges eilt die Erde
durch das All den Sternenbildern des Herkules und der Leier zu. Die
Sonne und die andern Planeten sind in diesen tollen Lauf alle mit
hineingezogen. Den Astronomen ist diese Bewegung unserer Welt lngst
bekannt; erst in der letzten Zeit aber haben sie vermocht, genauen
Aufschlu ber die Geschwindigkeit und die Richtung derselben zu geben.
Ihre Ursache aber ist bis auf den heutigen Tag noch ein ungelstes
Geheimnis geblieben. Alles, was wir mit Sicherheit darber wissen, ist,
da die Geschwindigkeit, mit der wir durch das Weltall ziehen oder
gezogen werden, zwlf englische Meilen, das sind 18,3 km in der Sekunde
betrgt, und da die Bahn unseres Weges nahezu eine gerade Linie zu sein
scheint.

Diese Bewegung scheint absolut nichts mit der jedermann bekannten
Bewegung der Erde um die Sonne zu tun zu haben. Im Gegenteil, sie findet
in einer grade entgegengesetzten Richtung statt, und sie umfat, wie
gesagt, das ganze Sonnensystem, und die Sonne, die alle andern
Bewegungen ihrer Planeten so sorgsam reguliert, ist dieser Flucht durch
das All gegenber vollstndig machtlos und wird mitgerissen, ob sie will
oder nicht.

Es ist, als ob irgend eine unsichtbare, gigantische Kraft unser
Sonnensystem erfat htte und es im rasenden Laufe hinber zge, von
einer Seite der Milchstrae zur andern.

Nichts kann diesem rasenden Laufe Einhalt tun, sagen die Astronomen, und
die Kraft, die da wirkt, ist unsichtbar, unfabar und unerklrlich. Es
scheint, als handle es sich um einen groen Mahlstrom im Weltenther.
Merkwrdigerweise aber zeigen alle Berechnungen, da die gesamte
Entziehungskraft des ganzen uns bisher bekannt gewordenen Weltalls
zusammen genommen unfhig war, sowohl eine solche Bewegung hervorzurufen
und zu begrnden, als ihr auf irgend eine Weise auch nur im geringsten
Einhalt zu tun.

Es ist eine bermchtige Aetherstrmung, in welcher Sonnen und Planeten
ebenso machtlos sind, wie es eine Nuschale wre, die man in den Strudel
der Niagarraflle werfen wrde. Und nicht nur unsere eigene Sonne und
unser eigenes Sonnensystem wird von dem tollen Strome erfat, sondern
auch viele andere groe Sterne und Sternensysteme, die mit den unsern
demselben, geheimnisvollen Schicksal entgegengehen.

Die Kraft nmlich, die diese Bewegung hervorruft, erstreckt sich ber
Millionen von Meilen nach beiden Seiten von uns. Tatschlich scheint ja
das ganze Weltall in Bewegung zu sein. Die groe Mehrheit der entfernten
Sterne aber scheint sich langsamer zu bewegen, gleichsam als wren sie
an den Auslufern, oder wenn wir so sagen wollen, an den Ufergrenzen der
Strmung gelegen. Ja, man hat sogar geglaubt, da es eine Art Ur- oder
Unterstrmung gebe, die bewirkt, da einige von den Sternen in der einen
Richtung, die andern in der entgegengesetzten dahineilen. In jedem Falle
handelt es sich um die ungeheuerlichste Kraftuerung, die sich kein
menschlicher Geist in ihrer Gre auszumalen vermag; denn sie umfat
alles, was wir in dem Begriff der Mglichkeit zu glauben bewut sind.

Vor der Entdeckung dieser Sonnen- und Planetenflucht durch den
Weltenraum hielt man das Sonnensystem fr so auerordentlich reguliert,
wie das Uhrwerk eines fehlerlosen Chronometers. Sogar Astronomen
sprachen von der Unzerstrbarkeit des Systems und bewunderten all das
Ineinandergreifen des gttlichen Rderwerkes der Natur. Das alles aber
hat sich mit einem Schlag gendert. Es kann ja sein, da auch dieses
wilde Rennen durch das Weltall ein Teil eines Systems ist, das nicht zum
Untergang fhren mag; aber es sieht denn doch nicht ganz danach aus.
Stellen wir uns einmal, um ein Bild im Kleinen zu geben, eine Flotte
vor, die mitten auf dem Ozean schwimmt, und die pltzlich von einer
gewaltigen Strmung, trotz aller Arbeit der Maschinen, trotz aller Kraft
des Steuers und trotz aller Energie der Mannschaft, dem Pole entgegen
getrieben wird. Wird sich dann nicht all derer, die auf den Schiffen
sind, ein furchtbarer Schrecken bemchtigen? Ganz zweifellos. Wir, hier
auf der Erde, befinden uns in einer hnlichen Lage; aber dieser Lage
sind sich nur die Astronomen bewut, und die brige Menschheit kennt,
merkt und glaubt dies nicht. Und einigen gibt es den Trost, da weder
wir, noch unsere Kinder und Kindeskinder den Schluakt dieser Komdie,
der wir entgegen gehen, mit erleben werden, sondern da der Vorhang
fallen wird, wenn wir alle lngst nicht mehr sind.

Wir befinden uns gegenwrtig ungefhr in der Mitte jenes gewaltigen
Raumes, den der als Milchstrae bekannte Sternen- und Weltengrtel
umfat. Billionen von Meilen sdlich von unserer gegenwrtigen Stellung
liegt eine reiche Sternenregion der Milchstrae, aus der wir gekommen zu
sein scheinen, und jenseits davon liegt in ungefhr gleicher Entfernung
ein wundervolles Sternenmeer, welchem wir uns unaufhaltsam mit der
Geschwindigkeit von 365000000 Meilen im Jahr nhern. In dieser Richtung
aber liegt ein groer Riesenstern, die Vena oder Alphalyra, der
tausendmal grer ist als unsere eigene Sonne. Und dieser ungeheure
Weltenkrper scheint sich uns mit einer noch greren Geschwindigkeit zu
nhern, als wir uns ihm. In unserer allernchsten Umgebung scheint der
Weltenraum verhltnismig leer zu sein; es gibt keine anderen Sterne in
unserer Nhe, wenigstens keine sichtbaren.

Die moderne Astronomie hat aber die beunruhigende Entdeckung gemacht,
da keineswegs alle Sterne am Himmel sichtbar sind, und wir kennen
viele, die wir niemals gesehen haben, und die wir nur berechnen knnen,
weil sie groe Weltkrper sind und als solche auf die brigen wirken;
und es ist sehr mglich, da solcher dunklen Sterne viele auf dem
unbekannten Wege liegen, den wir jetzt durch das groe unendliche All in
schwindelndem Laufe zurcklegen.


                 2. Der Zusammensto mit einem Stern.

Das, was wir oben von unsichtbaren Sternen gesagt haben, lenkt unsere
Aufmerksamkeit sofort auf die Mglichkeit irgend einer uns drohenden
Gefahr, die durch unseren rasenden Lauf durch das Weltall fr uns
heraufbeschworen werden kann.

Es ist, was diese Krper anbelangt, ein wirklich blindes Hineinrennen in
das undurchdringliche Dunkel; denn wir knnten ihre Nhe nur aus der auf
uns gebten Anziehungskraft erkennen, und das wre viel zu spt, um
einem Zusammensto auszuweichen; falls dies berhaupt im Bereiche des
Mglichkeit stnde. Ebenso sprechen wir von diesen dunklen Weltkrpern
als von toten Sternen; denn es wird angenommen, da es frher
leuchtende Sonnen waren, die ihr Leben ausgelebt haben und vllig
erkaltet sind. Ein einziger dieser drohenden Krper wrde, wenn er
unsere Bahn kreuzte, gengen, unser ganzes Sonnensystem zu
zerschmettern. Und die Mglichkeit einer solchen Katastrophe besteht
zweifellos, wenn sie auch in weiter, weiter, unbersehbarer Ferne liegen
mag.

Knnte nun eine solche weltzerstrende Katastrophe vorhergesehen werden?
Gewi. Die Wirkungen der Anziehungskraft wrden den Schlssel dazu
bieten auf das Vorhandensein eines unsere Bahnen strenden Krpers; und
wir knnten aus ihnen auch die Geschwindigkeit berechnen, mit der wir
uns dem Tod, Zerstrung und Verderben bringenden fremden Weltkrper
nhern. Wrde es sich um einen massiven Krper handeln, wie
beispielsweise die Sonne, so wrden wir mit unseren modernen
Hilfsmitteln schon Jahre vorher herausfinden, wann uns der Zusammensto
im Weltenraume bevorsteht. Und man kann sich auch denken -- obwohl der
gegenwrtige Stand der Wissenschaft noch nicht so weit ist --, da wir
von der Gegenwart des unsichtbaren Krpers auch durch das Spektrum der
unsichtbaren Strahlen, die von jedem Krper auszugehen scheinen,
Kenntnis bekommen knnten. Das wrde in gewisser Hinsicht eine Anwendung
der X-Strahlen, zur Entdeckung von auerhalb unseres Raumes, fr uns
sonst verborgenen Krpern sein. Und so wrde nicht Licht, sondern
sichtbare Finsternis in den Dienst der Wissenschaft gestellt werden,
und dadurch wrden Dinge entdeckt werden, an die jetzt zu denken fr uns
unmglich ist. All die auf eine oder die andere Weise erhaltenen
Berechnungen und die sichtbarste Gewiheit eines bevorstehenden
Zusammenstoes knnten die Katastrophe nicht verhindern. Es sei denn,
da die Wissenschaft soweit fortschreitet, da sie den Menschen fhig
macht, die Erde in ihrem Lauf zu lenken. Das ist aber nicht nur an sich
und fr sich ganz undenkbar, sondern wrde auch durch die schon erwhnte
Tatsache geradezu hoffnungslos unmglich gemacht werden, da an dieser
Bewegung der Erde das ganze Sonnensystem teilnimmt, und es mte dann
nicht die Erde allein aus ihrem Lauf gelenkt werden, sondern es wre vor
allem ntig, die Sonne selbst auf andere Bahnen zu lenken.

Es ist also der ganzen Sachlage nach zweifellos unmglich, einem
Zusammensto zu entgehen, wenn irgend einer jener groen, toten
Weltkrper in unserer Bahn oder in der Bahn unserer Sonne liegt, und wir
werden den Folgen eines solchen Zusammenstoes hilflos berantwortet.

Kann nun die Wissenschaft uns sagen, worin die Folgen bestehen wrden?
Ganz gewi kann sie das, und nichts ist leichter, als dies in
allgemeinen Zgen vorauszusagen. Wenn wir an irgend einem Tage unsere
Zeitung nehmen und darin ein Telegramm irgend eines groen
Observatoriums lesen wrden, in welchem stnde, da in der
vorangegangenen Nacht sich eine unverkennbare Beschleunigung in der
Bewegung der Erde gegen den Herkules zu gezeigt habe, so wrde kein
Astronom der Welt sich ber die Ursache dieser beschleunigten Bewegung
im Unklaren sein, und er wrde sich entsetzt sagen, da irgend ein
bisher unbekannter Krper von unglaublicher Kraft mit im Spiele sei und
seine Anziehungskraft auf die Erde ausbe.

Wie gesagt, wrde sich das schon Jahre vorher erkennen lassen; aber man
wrde nicht gleich mit Sicherheit auf die Art des Zusammenstoes
schlieen knnen. Das zu knnen, wre erst den letzten Monaten vor der
Katastrophe vorbehalten. Dann aber knnte man jedes Stadium der
furchtbaren Welttragdie vorhersagen. Die Observatorien wrden pltzlich
der Mittelpunkt alles Nachrichtenwesens der Erde werden; denn keine
andere Frage, als nur die eine wrde die Welt noch interessieren. Der
Wahnsinn der Furcht wrde die ganze Menschheit erfassen, und es ist
fraglich, ob viele Menschen den Mut fnden, der Katastrophe ins Auge zu
sehen, und sich nicht schon vorher vernichten wrden.

Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, da die Sonne von unserem
Sonnensystem die erste wre, die den Zusammensto mit dem fremden
Weltkrper erhalten mte. Das kommt daher, da das ganze System nicht
staffelweise, sondern flach durch den Raum eilt; und infolgedessen wrde
sein Zentrum als der frmliche Brennpunkt der gesamten Anziehungskraft
zuerst dem selbst mitangezogenen fremden Krper entgegengeschleudert
werden. Dieser Krper wrde, soweit wir die toten Sterne bisher
berechnen knnen, die Sonne an Massigkeit weit berragen oder ihr zum
mindesten gleich sein. Wenn sie nun mit einer Geschwindigkeit von vielen
hundert Meilen in der Sekunde aufeinander zustrzen wrden, dann wrde
er in der furchtbaren Hitze, die sich dadurch allein schon entwickeln
wrde, schmelzen wie Wachs. Wir selbst und all die anderen Planeten
wrden in ein Feuerbad gestrzt werden, das eine Temperatur von einer
Million Grade haben wrde. Einen Augenblick, bevor diese Hitzewelle uns
treffen wrde, wrden unsere Stdte, unsere Hgel und Berge gegen den
Himmel emporragen, und einen Augenblick spter werden sie nichts anderes
als ein Meer von Dunst und Dampf sein.

Jenem furchtbaren Hitzbad aber wrde _die Sonne selbst_ auf dem Fue
folgen und die Vernichtung vollenden; denn der Sonnenball wrde sich mit
der Geschwindigkeit des Lichtes nach allen Seiten hin ausdehnen und
seine feurigen Massen wrden nach allen Seiten hin berfluten und wrden
alles vernichten und verzehren, gleichsam als wolle er die riesige
Ausdehnung wiedergewinnen, die er zum Anfang der Zeiten hatte, als er
noch eine blo nach Verdichtung strebende Nebelmasse war, und die
Planeten noch nicht aus ihm heraus geboren waren. Lange aber, ehe dieser
Zustand wirklich erreicht werden wrde, mte unser ganzes Sonnensystem
in wilde Unordnung durch die groe Anziehungskraft seitens der strend
in seine Bahnen tretenden Weltkrper geraten. Die Planeten htten lngst
ihre Bahnen verlassen und wrden im Weltraum hin- und herrennen, gleich
einer Herde von Schafen, in deren Mitte ein Wolf gerade eingebrochen
wre. Die Herrschaft der Sonne, der wir die groe Weltordnung verdanken,
wre gebrochen, und die verlassenen Planeten wrden sich gegenseitig in
das Verderben rennen, und diejenigen, die in verhltnismig
unmittelbarer Nhe zueinander stehen, wrden zweifellos mit
weltzerstrender Kraft aneinander prallen. Wahrscheinlich wrde der Mars
es sein, der mit der Erde zusammenstt, oder aber die Venus. In jedem
Falle wre der Zusammensto die vllige Vernichtung der kollidierenden
Welten, und der alte Prophet mit seiner Vision von den sich ffnenden
Himmeln und der in glhenden Flammen schmelzenden Erde gbe ein
wundervolles Zukunftsbild von dem, was die moderne Wissenschaft als das
Schicksal der Erde erklrt hat, und das durch die groe Flucht des
Sonnensystems durch den Weltraum der Erde bevorsteht. Der alte Glaube,
da der Allmchtige, wenn die Zeit vollendet sein wird, in seinem Zorn
Feuer auf die Erde wird regnen lassen, kann aber vor der Wissenschaft
nicht bestehen; denn wenn ein solches Ende der Erde wirklich beschieden
sein sollte, so wird das Schauspiel ein anderes sein.

Die Zerstrung der Erde mu an sich selbst schon auch die vieler anderer
Weltkrper nach sich ziehen, die ebenso gro, oder noch grer sind als
die Erde. Selbst der Mond wrde gengen, uns, wenn die Weltordnung ihr
Ende findet, vollstndig zu zerschmettern. Der Mond wiegt nmlich
75000000000000000000 Tonnen. Wrde diese Masse auf die Erde strzen, so
wrde das mit einer Geschwindigkeit von sechs Meilen in der Sekunde
geschehen. Welche unglaubliche Hitze allein durch diesen Zusammensto
schon entstehen wrde, das entzieht sich geradezu jeder menschlichen
Berechnung. In jedem Falle aber wrde der Zusammensto allein sowohl
unseren Erdball als auch den Mond zersplittern und zerschellen, als
wren beide nur Glaskgelchen, die durch einen Schrotschu zertrmmert
werden. Die bloe Annherung an einen toten Stern wrde gengen, den
Mond aus seiner Bahn herauszureien, und wenn die Richtung dieser
Bewegung der Erde zuginge, dann wren die Folgen die, die ich eben
beschrieben habe. Wenn nun die Erde wirklich bestimmt ist, ein so
gewaltiges, tragisches Ende zu nehmen, dann sind die Vorbedingungen zu
solcher Katastrophe ganz zweifellos durch die seltsame und unerklrliche
Flucht unserer Sonnensysteme durch das Weltall gegeben.

Wenn die mit uns zusammenstoende Masse im Vergleich zur Erde ungemein
dicht wre, wie beispielsweise der Planet Merkur, so wrde kurz vor dem
wirklichen Zusammensto ein ganz merkwrdiges Ereignis sich zeigen. Die
Anziehungskraft des sich uns nhernden Planeten wrde auf die Luft, das
Wasser und alle frei beweglichen Gegenstnde weitaus grer sein, als
die Kraft der Erde, diese festzuhalten, und sie wrden sofort von der
Erde fortfliegen, gleich als wollten sie ihrem Schicksal vorgreifen und
dem Tode noch eher entgegen gehen. Furchtbare, nach oben gehende
Wirbelwinde wrden alles mit sich fortreien und der Vernichtung
entgegenziehen. Die Erde wrde klaffen und riesige Wassersulen wrden
gen Himmel steigen und in das Weltall verschwinden; und ebenso wrden
mchtige Flammen und glhende Strme aus dem Erdinnern hervorbrechen,
und der Flammenregen wrde nicht auf die Erde hinab, sondern von dieser
gen Himmel gehen. Und Menschen und Tiere wrden selbstverstndlich
diesem riesigen Aufsaugeproze folgen und von den Wirbeln und Wassern
und Flammensulen mitgerissen werden in das All, in das Nichts.

Und das Heulen der Winde, das Krachen der sich losreienden und im Fluge
zusammenstrzenden Dinge und das Brllen der Wasser und das Bersten der
Erde wrden sich zu einer grandiosen Sinfonie der Vernichtung vereinen,
wie sie die Welt bisher noch nicht gehrt. Alles Bewutsein wre
geschwunden, alles Fhlen und Denken htte lngst aufgehrt, und man
wrde von der Katastrophe wie von einem Dilirium erfat werden, das den
Tod seiner Schrecken berauben wrde. Und auf alle denkenden und
fhlenden Wesen sowohl wie auf alle leblosen Materien wrde die alles in
Dunst und Nebel auflsende Hitze fallen, ohne da ein einziger Schrei
dadurch den Opfern entrissen wrde. Nun wird ganz natrlich gefragt
werden knnen, ob es denn im Weltall schon jemals ein Beispiel solcher
Weltenzerstrung gegeben habe? Diese Frage kann durch neuere
Beobachtungen nur in bejahendem Sinne beantwortet werden. Der
rtselhafte neue Stern, der im Jahre 1900 im Sternbild des Perseus
erschien, war ein Beispiel dafr. Die natrliche und allgemein
angenommene Erklrung fr das pltzliche Erscheinen dieses Sternes war
einzig und allein die, da er das Resultat eines Zusammenstoes war, wie
der eben geschilderte, und die Wahrscheinlichkeit, da diese Ansicht der
Astronomen eine richtige ist, wurde dadurch erst recht bekrftigt, da
dieser Stern sich in einen Nebel auflste. Dieses eine Beispiel ist aber
keineswegs das einzige, das die Astronomie ins Treffen fhren kann.

Im brigen ist noch eine andere Mglichkeit da, die sich bei einem
Zusammensto unseres Sonnensystems mit einem toten Stern ereignen
knnte. Diese ist keineswegs so furchtbar, wie die frher geschilderte.
Eine der neuesten Entdeckungen der Astronomie war die der Existenz einer
groen Anzahl von Sternen, die unsichtbare Begleiter haben, welche in
einzelnen Fllen ebenso massiv sind wie die Sterne, die sie begleiten.
Es kann nun keineswegs angenommen werden, da diese toten Sterne, die
sich einem lebendigen so eng angeschlossen haben, aus derselben
Originalmasse entstanden sein sollten wie dieser; denn in diesem Falle
htten sie unmglich so lange vorher verlschen knnen. Es ist vielmehr
anzunehmen, da die beiden Weltenkrper infolge ihrer Bewegung durch den
Weltenraum zusammengekommen sind. Kein Zusammensto fand dabei statt;
aber die gegenseitige Anziehungskraft hat sie seitdem zu nahen und
untrennbaren Begleitern gemacht. Dasselbe knnte auch unserer Sonne
geschehen, wenn sie in ihrem Lauf nahe genug an einen solchen toten
Stern gelangen wrde. Dann knnte sie ihn sehr leicht als Begleiter mit
sich ziehen oder von ihm mitgezogen werden, und dann htte unser
Sonnensystem zwei Sonnen, eine lebendige, strahlende, und eine
lichtlose, tote. Aber auch dieser gnstige Fall wre keineswegs ein sehr
angenehmer; denn die Planeten wrden trotzdem aus ihrer gegenwrtigen
Bahn gerissen und viele von ihnen wrden dabei zugrunde gehen. Da einige
aber dennoch der Zerstrung entgehen knnten, so wre dieser Fall immer
noch weit gnstiger.


             3. Werden wir einen Sternennebel erreichen?

Ich habe schon gesagt, da nahezu in gerader Linie mit der Richtung, in
der unser Sonnensystem durch den Weltenraum fliegt, ein Nebel von groen
Sternen liegt. Dadurch wird eine andere Frage in uns angeregt. Sind wir
am Ende gar vom Schicksal bestimmt, diese wundervolle Massenansammlung
von Sternen zu erreichen? Eine solche Mglichkeit liegt vllig in der
Art unseres groen Fluges und hat weit mehr Wahrscheinlichkeit, als die
weit tragischere, die ich frher beschrieben habe. Dieser Sternennebel,
gegen den wir unaufhaltsam fliegen, ist eines der grten Wunder des
gesamten Alls. Den Astronomen ist er unter der Bezeichnung der Nebel
des Herkules bekannt. Man hat ausgerechnet, da er aus ungefhr zwlf
bis vierzehn Tausend Sternen besteht, die so dicht aneinander stehen,
da ihr Licht im Fernrohr frmlich als ein einziger Lichtnebel
erscheint. Namentlich in dem Zentrum dieses Lichtscheines ist es ganz
unmglich, die einzelnen Sterne voneinander zu trennen. An der
Peripherie des Nebels jedoch ist es uns durch unsere groartigen
Instrumente gelungen, die hier offenbar auch weiter auseinander
stehenden Sterne als getrennte Krper zu erkennen. Und der Anblick
dieser unendlichen Sternenmenge ist ungefhr dem gleich, den wir etwa
von einem Ballon aus auf eine von elektrischen Lichtern hell erleuchtete
Stadt haben. Gegen diese wundervolle Licht- und Sternenmetropole fliegen
wir, wie gesagt, mit der Geschwindigkeit von zwlf Meilen in der
Sekunde. Im Verlaufe eines Menschenalters kommen wir daher diesen
Sternenmengen um mehr als 200000000000 Meilen nher. Die Entfernung ist
eine so unglaublich groe, da unsere Annherung trotzdem eine kaum
merkbare ist. Eine ganz geringe Ablenkung von unserer Bahn wrde uns
mitten in das Herz dieses Sternennebels bringen. Und wenn wir allen
Gefahren, die uns auf diesem unendlichen Wege bedrohen, entgehen, und
wir wirklich unser Ziel im Herkulesbilde ereichen wrden, was wrde dann
wohl geschehen?

Entweder wrde ein Zusammensto erfolgen oder nicht. Das wrde ganz
davon abhngen, welche Richtung unsere Bewegung in dem Augenblicke hat,
in dem wir in die groe Gesellschaft von Sternen eintreten. Angesichts
der groen Menge gleichzeitig von so vielen Sternen wirkender
Anziehungskrfte wrde die Mglichkeit da sein, da kein Zusammensto
stattfindet, sondern da unsere Sonne sich mit allen ihren Planeten
einfach dem Sternennebel anschliet und ein gleichberechtigtes Glied
dieser Sternengesellschaft wird. Die Entfernung, die uns von dem
Herkulesnebel trennt, ist aller Berechnung nach nicht geringer als
Tausend und Abertausende von Millionen Meilen, und es wrde, was fr uns
Lebende ganz zweifellos ein Trost ist, falls wir immer in derselben
Geschwindigkeit unserem Ziele zueilen, mindestens noch drei Millionen
Jahre dauern, ehe es zu dem geschilderten Ereignisse kommt.

Unsere Erde war weit ber drei Millionen Jahre lang unbewohnt, und erst
spter sind die Lebewesen entstanden und haben sich bis zur Hhe des
Menschen entwickelt. Es ist daher sehr wahrscheinlich, da in drei
Millionen Jahren diese Erde ebenfalls noch bevlkert sein wird, und zwar
von geistig zu einer kolossalen Hhe angewachsenen Wesen oder Menschen.
Diese werden, wenn jenes groe Ereignis geschieht, eines der
herrlichsten Schauspiele haben, das man sich denken kann. Wir sehen
gegenwrtig mit dem nackten Auge in einer sternenhellen Nacht ungefhr
dreitausend Sterne verschiedener Gre. Sobald aber die Erde dem Nebel
des Herkules nahe und nher gekommen sein wird, dann wird das halbe
Firmament in hellem, wunderbarem Lichte erstrahlen. Und man wird zwlf-
bis vierzehntausend Sterne sehen, von denen jeder einzelne weit grer
erscheinen und weit heller erstrahlen wird, als zehn oder zwlf Sterne
erster Gre, die wir jetzt am Himmel sehen, und ihr vereinigtes Licht
wrde auf die Erde einen silbernen Schein werfen, der allein schon
heller wre, als jetzt das hellste Vollmondslicht ist. Das wre der
Anfang des Schauspieles, die Ouverture. Und je mehr wir uns dem Nebel,
der nun kein Nebel mehr wre, sondern sich, wie gesagt, in ein Meer von
Sternen aufgelst htte, nhern wrden, um so herrlicher wre das
Schauspiel. Bald wren die Sterne keine Sterne mehr, sondern Sonnen. Ihr
Licht wrde uns blenden, und unsere Sonne wrde bald zu dem einen, bald
zu dem andern wanken, gleich als wrde sie von jedem zu sich hingezogen,
und wrde frmlich wie ein Spielball herumgewirbelt werden von einem zum
andern; dieser wrde sie suchen und jener sie wieder von sich stoen,
und die Erde wrde der Sonne auf diesem Wankelweg fortwhrend folgen, in
jedes ihrer Abenteuer unaufhaltsam mit hineingerissen.

Es kann mathematisch nachgewiesen werden, da in der Mitte dieses Nebels
ewiges Tageslicht herrscht, und es wre ganz gleichgltig, ob die Erde
auch weiterhin noch so wie jetzt sich um ihre Achse drehen wrde, so da
die Sonne fr sie scheinbar aufgeht und sinkt; denn es wrde doch auf
allen Seiten der Erde das Licht der andern Tausende von Sternen
erstrahlen, so da wir das Sonnenlicht nicht brauchen. Natrlich wrden
unter diesem Einflusse von Licht und Wrme alle Lebensbedingungen andere
werden. Alles wre in Bewegung. Immerfort wrde sich der Wechsel in der
Lage der vielen Sonnen uns gegenber bemerkbar machen. Unsere eigene
Sonne wrde in eine Bahn von unglaublicher Kompliziertheit gedrngt
werden, und die Erde wrde immer hinter ihr her oder vielmehr um sie
herum jagen. Bald wrde sie sich dem Mittelpunkt des Nebels nhern, bald
wieder an der Peripherie desselben hinausgehen, und immerwhrend wrde
sich der Anblick des Himmels, der Intensitt des Lichtes und die
Intensitt der Wrme ndern. Der Himmel wre wie ein Kaleidoskop, das in
immerwhrender Drehung befindlich ist, und immer neue und wunderbare
Kombinationen strahlender Lichteffekte bieten wrde. Es ist aber auch
mglich, da unter dem Widerstreit so vieler verschiedener
Anziehungskrfte unsere Erde der Kontrolle ihrer Sonne einfach entzogen
und unter die Herrschaft einer anderen kommen wrde. Und das kann immer
und immer wieder geschehen, so da im Laufe der Zeit unser Planet der
Gravitationssklave der verschiedenen Sonnen werden knnte, und mit jedem
Wechsel der Herrschaft wrde auch ein Wechsel der auf unsere Erde
wirkenden Sonneneinflsse stattfinden, und damit wrden sich immer aufs
neue wieder alle Lebensbedingungen und Lebensverhltnisse ndern. Jede
andere Sonne in dem Sternenbild des Herkules mag ihre besonderen
Strahlungseigentmlichkeiten haben, und die lebenden Wesen auf unserer
Erde wrden ihnen immerfort ausgesetzt sein. Der Magnetismus der einen
Sonne drfte ein anderer sein, als der der zweiten und dritten, die
Lichtart und Wrme stets eine andere, und die Erde mte sich, wenn sie
von einer Sonne zur andern geht, in immer neue Verhltnisse finden;
ungefhr so, wie wenn eine Frau der Reihe nach Mnner von anderem
Charakter und anderem Temperament nhme; der eine hei, glhend und
leidenschaftlich, der andere kalt, ernst und gleichgltig, ein anderer
reizbar und nervs, ein vierter launenhaft und abstoend. Und die Erde
wrde all das auch in ihrem Wesen und ihrer Erscheinung wiederspiegeln;
denn so wie das Weib das ist, wozu der Mann es erst gemacht, so ist auch
ein Planet nur das, wozu die Sonne ihn macht.

Wenn ich jemals mir einen Gott schaffen wrde, sagte Napoleon, so
wrde ich mir die Sonne dazu machen, die der Quell alles Lebens ist und
aller Kraft.

In der Mitte des Herkulesnebels wrde Napoleon nicht einen einzigen
Gott, sondern viele Gtter gehabt haben.


                  4. Der Weg durch die Milchstrae.

Es ist schon erwhnt worden, da der Weg der Erde und der Sonne von
einer Seite der Milchstrae zur andern geht. Gegenwrtig geht die
Richtung nicht ganz gerade jenem Teil der Milchstrae entgegen, der ber
uns liegt. Aber auch diese Richtung kann sich noch hinreichend ndern,
um uns statt in den Nebel des Herkules, direkt in die Milchstrae
hineinzufhren. Ja, wir knnten mglicherweise mitten durch sie hindurch
gehen. In diesem scheinbaren Sternenwall gibt es nmlich breite
Oeffnungen, durch die wir in die Unendlichkeit des Weltenraumes
scheinbar hineinsehen knnen, in diese dunkle Nacht, die die sichtbaren
Sternensysteme umgibt, und in diese dunkle Nacht hinein knnten wir in
unserem Fluge entfhrt werden, wenn unser Sonnensystem durch eine dieser
Oeffnungen hindurch kann. An einigen Stellen ist die Milchstrae
frmlich mit solchen Oeffnungen durchsetzt, wie ein mit Sternen bester
Vorhang, durch den man mit einem Maschinengewehr geschossen hat.
Photographien dieser Oeffnungen zeigen uns die Sterne in funkelnder
Menge, rund um sie her glimmernd und glitzernd, whrend durch die
Oeffnung hindurch nicht ein einziger Stern zu sehen ist. Und der Blick
geht durch sie hindurch, wie durch ein Fenster, durch welches nicht der
geringste Lichtfleck hineinfllt. Es ist, als blicke man aus einem
hellen Raum durch eine offene Tr in die vollkommen schwarze, dunkle,
sternen- und mondlose Nacht. Es ist der furchtbare, bodenlose Abgrund
des Nichts, der unser Sternensystem umgibt, und in diesen Abgrund
hinein, wrden wir strzen. Gesetzt den Fall, da unser Sonnensystem
wirklich durch einen dieser mchtigen Zwischenrume zwischen den Sternen
der Milchstrae hindurchgeht, so knnten die Folgen dieses Ereignisses
zweierlei sein. Wenn wirklich dieser kosmische Abgrund endlos und
bodenlos ist, und wirklich jenseits nichts anderes liegt, als das Nichts
selber, dann knnte mglicherweise die vereinte Anziehungskraft der
ganzen Gesamtheit der Sterne gengen, um uns zurckzuhalten und
zurckzubringen, so da wir wieder mit unserer Sonne ein Teil jenes
Systems wrden, das wir zu verlassen versucht hatten. Wenn aber, wie von
den meisten wohl angenommen wird, jenseits der groen Leere und des
groen Nichts andere, fr uns der groen Entfernung wegen unsichtbare
Weltenalls liegen, dann wrden wir zweifellos die Anziehungskraft jener
Welten fhlen und ihnen Folge leisten mssen, und dann wrde jene Welt
die unsere werden.

Wenn die Materie unzerstrbar und unvergnglich ist, und wenn die Zeit
ohne Grenzen ist, dann kann dies alles geschehen. Die neuesten
Forschungen ber die Struktur der Atome hat die Erwgung wachgerufen, ob
nicht auch das gesamte All nichts anderes ist, als ein Riesenatom, von
welchem die Sonne und alle Planeten nichts anderes, als ganz kleine
Teilchen sind und gerade so, wie die Atome des Radiums ihre Teilchen
abstoen, so mssen auch die Sterne, die das Weltall bilden, diesem
entfliehen, wenn ihre Bewegung schnell genug dazu geworden ist, um
andere Weltenalls aufzusuchen und sich mit ihnen zu anderen Weltkrpern
zu verbinden. In all dem ist nichts Merkwrdiges, nichts, was wir nicht
in unserem Mikrokosmos des Lebens analog finden knnten. Die Atome, die
unseren Krper bilden, gehen ja auch Millionen von Vernderungen ein.
Jetzt sind sie ein Teil unseres Ichs, dann ein Teil eines Pflnzchens
oder eines Baumes; dann vielleicht Atome irgend eines Felsengesteines.
Wind und Wasser anvertraut, knnen sie von Hemisphre zu Hemisphre
vertragen werden und knnen rund um die Erde ziehen und in tausend
Urformen und anderen Formen erscheinen; denn die Materie ist in ihrer
Wesenheit ewig und unzerstrbar, wenn auch ihre Gestalt eine viel
tausendfach vernderliche ist. Ganz auf dieselbe Weise knnen die das
Weltall bildenden Sterne nicht nur ihren Platz, sondern auch ihre Form,
ihre Gestalt und ihre Wesenheit ndern und aus den Splittern und
Trmmern einer Welt kann eine oder knnen mehrere andere entstehen. Und
das knnte auch eine Erklrung fr die Bedeutung jenes mysterisen
Fluges sein, auf dem sich unser System gegenwrtig befindet. Die
Entdeckung dieser Bewegung wre dann nur der Anfang ihrer Erkenntnis.


                   5. Wenn die Erde stehen bleibt.

Im Alten Testament finden wir die Ueberlieferung des Josua, der der
Sonne befahl, stehen zu bleiben, und sie stand still.

Die moderne Wissenschaft sagt natrlich, da das nur figrlich gemeint
sein kann, denn die Sonne knnte nicht stehen bleiben, ohne durch diesen
Stillstand im Augenblicke zerstrt zu werden und aufzuhren zu
existieren. Dasselbe gilt auch von der Erde, wenn die Erde pltzlich in
irgend einer ihrer Bewegungen gehemmt wird. Wenn sie in der Drehung um
ihre eigene Achse oder in der Bewegung rund um die Sonne oder in ihrem
Fluge durch den Weltenraum mit dem Sonnensystem zusammen gehemmt wird,
wrden die Folgen gleich katastrophaler Natur sein. Wrde sie in ihrer
Achse zum Stillstand gebracht werden, dann wrde die Erde entweder in
Stcke fliegen oder schmelzen wie ein Gescho, das pltzlich durch eine
Panzerplatte in seinem Fluge aufgehalten wird.

In ihrer Bewegung rund um die Sonne aufgehalten, wrden die Folgen
dieselben sein, nur noch gewaltiger, krasser, weil ja die Bewegung eine
schnellere ist. In ihrer Achsenbewegung bewegt sich die Oberflche der
Erde am Aequator 17 Meilen in der Sekunde; in ihrer Bewegung rund um die
Sonne ist die Geschwindigkeit der ganzen Erde mehr als 17 Meilen in der
Sekunde. Der Flug durch den Raum geht nicht ganz so schnell vor sich, da
die Geschwindigkeit, wie schon wiederholt gesagt, zwlf oder hchstens
fnfzehn Meilen in der Sekunde betrgt.

Nehmen wir an, da die Erde pltzlich um ihre Achse still stehen wrde,
dann wrde ein so furchtbarer Wind sich erheben, wie er bisher auf Erden
noch nie gewesen war. Ganze Wlder wrden entwurzelt werden und ber die
Berge hin fliegen, selbst das Gras auf den Wiesen und die Halme auf den
Feldern wrden ausgerissen und in die Luft entfhrt werden. Jede Stadt
wrde in sich zusammenstrzen, als wren es Kartenhuser, und ein Schlag
wrde die ganze Erde durchzittern, so gewaltig, wie Millionen von
Erdbeben zu einem einzigen vereint. Die Hitze aber, die sich durch den
pltzlichen Stillstand entwickeln wrde, mte hinreichen, um den Ozean
zum Sieden zu bringen und alles Leben auf dieser Erde zu vernichten.

Nimmt man aber andererseits an, da die Bewegungen durch den Raum
pltzlich aufhren wrden, dann wrden die Folgen noch einschneidender
sein. In diesem Falle wrde die durch den Stillstand entwickelte Hitze
so kolossal sein, da die Erde nicht nur im Augenblick schmelzen,
sondern direkt in einen gasfrmigen Nebel verwandelt wrde, in runden
Ziffern ausgedrckt 300000000000000000000 Kalorien betragen. Eine
Kalorie ist aber, wie man wei, die Hitzemenge, die ntig ist, um die
Temperatur von einem Kilogramm Wasser um ein Grad Celsius zu erhhen.
Die eben erwhnte Hitzemenge, auf die ganze Erde verteilt, wrde also in
jedem Teil der Erde eine Temperatur von hundert Millionen Grad Celsius
entwickeln; aber noch ehe die Hitze diesen Grad erreicht haben wrde,
wre alles, was wir heute Erde nennen, in Dunst, Nebel und Dampf
aufgegangen. Das sind einige der Folgen und Mglichkeiten, die in der
Bewegung der Erde und der anderen Weltkrper liegen, von denen sie
umgeben ist. Die zuletzt entdeckte Bewegung durch den Weltenraum ist nur
deshalb so wunderbar, weil sie so gro angelegt ist, da unser Denken
ihr kaum zu folgen vermag. Auf ihr aber beruht, wie gesagt, die Existenz
unserer Erde und die unserer Sonne und der anderen Planeten; denn so wie
bei uns auf Erden, so ist auch im Weltenraum die Bewegung alles. In dem
Atom, das wir die Welt nennen, sowohl, wie in dem millionenfach
kleineren Atmchen, das wir Mensch nennen, ist die Bewegung allein die
Grundbedingung des Lebens, jenes Lebens, das unendlich ist, weil es
fortwhrend von einer Form in die andere bergeht.




                         Inhalts-Verzeichnis.


                                                                 Seite
   Vorwort                                                           3
   Hudson Maxim, Das 1000 jhrige Reich der Maschinen                5
   Robert Sloss, Das drahtlose Jahrhundert                          27
   Professor Cesare Lombroso, Verbrechen und Wahnsinn im XXI.       51
      Jahrhundert
   Rudolf Martin, Der Krieg in 100 Jahren                           63
   Bertha von Suttner, Der Frieden in 100 Jahren                    79
   Frederick Walworth Brown, Die Schlacht von Lowestoft             91
   Karl Peters, Die Kolonien in 100 Jahren                         105
   Ellen Key, Die Frau in 100 Jahren                               117
   Dora Dyx, Die Frau und die Liebe                                125
   Baronin von Hutten, Die Mutter von Einst                        137
   Alexander von Gleichen-Ruwurm, Gedanken ber die               151
      Geselligkeit
   Jehan van der Straaten, Unterricht und Erziehung in 100         161
      Jahren
   Bjrn Bjrnson, Die Religion in 100 Jahren                      173
   Ed. Bernstein, Das soziale Leben in 100 Jahren. Was knnen      179
      wir von der Zukunft des sozialen Lebens wissen?
   Hermann Bahr, Die Literatur in 100 Jahren                       203
   Dr. Max Burckhard. Das Theater in 100 Jahren.                   211
   Dr. Wilhelm Kienzl, Die Musik in 100 Jahren. Eine               227
      berflssige Betrachtung
   Dr. Everard Hustler, Das Jahrhundert des Radiums                245
   Professor C. Lustig, Die Medizin in 100 Jahren                  269
   Cesare del Lotto, Die Kunst in 100 Jahren                       275
   Charles Dona Edward, Der Sport in 100 Jahren                    283
   Frl. Professor E. Renaudot, Die Welt und der Komet              289
   Professor Garrett P. Serviss, Der Weltuntergang                 299




Anmerkungen zur Transkription


Die Schreibung der Autorennamen wurde vereinheitlicht und mit externen
Quellen abgeglichen.

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Fremdsprachige Textstellen, die im Original in Antiqua
gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.

Einfache Anfhrungszeichen wurden durch ">" und "<" ersetzt.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 15]:
   ... menschlichen Fortschrittes und einer fortschreitenden
       Zivilsation vollstndig ...
   ... menschlichen Fortschrittes und einer fortschreitenden
       Zivilisation vollstndig ...

   [S. 37]:
   ... ihnen die ntigen Antennen liefert, Nachriten aus dem Aether
       mit ...
   ... ihnen die ntigen Antennen liefert, Nachrichten aus dem
       Aether mit ...

   [S. 40]:
   ... man sie auf eine Lichtspitze wirken lt, die durch ihre
       grere oder geringerer ...
   ... man sie auf eine Lichtspitze wirken lt, die durch ihre
       grere oder geringere ...

   [S. 79]:
   ... Bayreuther Festspielen pilgerte, so kann man jetzt aus den
       brigen Kontinenten ...
   ... Bayreuther Festspielen pilgerte, so kam man jetzt aus den
       brigen Kontinenten ...

   [S. 87]:
   ... Ihnen als einen der Vorkmpfer und Vordenker des Friedens
       erzhlen ...
   ... Ihnen als einem der Vorkmpfer und Vordenker des Friedens
       erzhlen ...

   [S. 96]:
   ... ganz deutlch in ganz, ganz kleinem Mastabe die Schiffe, ber
       die man ...
   ... ganz deutlich in ganz, ganz kleinem Mastabe die Schiffe,
       ber die man ...

   [S. 180]:
   ... Faktoren unsicherer werden, in bedeutend heherem Grade
       unsicher. Wenn ...
   ... Faktoren unsicherer werden, in bedeutend hherem Grade
       unsicher. Wenn ...

   [S. 198]:
   ... Die Menschen werden auch in Zunkunft keine reinen
       Rechenexempel sein, ...
   ... Die Menschen werden auch in Zukunft keine reinen
       Rechenexempel sein, ...

   [S. 214]:
   ... in den Kasten hineinlegst und ein Hebeldruck von mir Dich
       zugleich narkositiert ...
   ... in den Kasten hineinlegst und ein Hebeldruck von mir Dich
       zugleich narkotisiert ...

   [S. 251]:
   ... unauhfrliches und der Energieverlust ein so geringer, da
       man ihn erst ...
   ... unaufhrliches und der Energieverlust ein so geringer, da
       man ihn erst ...

   [S. 252]:
   ... des Luftschiffes scheinen in einem elektrischten Feuerwerk
       wirr dahinschieender ...
   ... des Luftschiffes scheinen in einem elektrischen Feuerwerk
       wirr dahinschieender ...

   [S. 255]:
   ... so schnell, und wurden dopelt so stark wie die auf normalem
       Wege zum ...
   ... so schnell, und wurden doppelt so stark wie die auf normalem
       Wege zum ...






End of the Project Gutenberg EBook of Die Welt in hundert Jahren, by Various

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possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
1.E.8.

1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
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things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement. See
paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
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electronic works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
works in the collection are in the public domain in the United
States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
you share it without charge with others.

1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
in a constant state of change. If you are outside the United States,
check the laws of your country in addition to the terms of this
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distributing or creating derivative works based on this work or any
other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
representations concerning the copyright status of any work in any
country outside the United States.

1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
performed, viewed, copied or distributed:

  This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
  most other parts of the world at no cost and with almost no
  restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
  under the terms of the Project Gutenberg License included with this
  eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
  United States, you'll have to check the laws of the country where you
  are located before using this ebook.

1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
contain a notice indicating that it is posted with permission of the
copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
the United States without paying any fees or charges. If you are
redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
posted with the permission of the copyright holder found at the
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License terms from this work, or any files containing a part of this
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electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
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to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
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version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
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to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
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access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
provided that

* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
  the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
  you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
  to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
  agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
  within 60 days following each date on which you prepare (or are
  legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
  payments should be clearly marked as such and sent to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
  Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
  Literary Archive Foundation."

* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
  you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
  does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
  License. You must require such a user to return or destroy all
  copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
  all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
  works.

* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
  any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
  electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
  receipt of the work.

* You comply with all other terms of this agreement for free
  distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

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written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
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LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

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damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
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1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

