The Project Gutenberg EBook of Transatlantische Reiseskizzen und
Christophorus Brenhuter. Erstes Bndchen., by Charles Sealsfield

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Title: Transatlantische Reiseskizzen und Christophorus Brenhuter. Erstes Bndchen.

Author: Charles Sealsfield

Release Date: December 18, 2014 [EBook #47698]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Transatlantische Reiseskizzen

  und

  Christophorus Brenhuter.


  Vom Verfasser des Legitimen und der Republikaner.


  Erstes Bndchen.

  Zrich,
  bei Orell, Fli und Compagnie.

  1834.




Statt der Vorrede

Auszug eines Schreibens

(unseres Correspondenten).


  =Baltimore=, den 4. November 1833.

Sie erhalten hiermit, Ihrem Wunsche gem, ein zweites Geistesprodukt, aus
derselben Feder geflossen, die einige Ihrer literarischen Freunde bereits
im Manuscripte in so hohem Grade angesprochen hat. Es sind Skizzen, die
zum Theile schon vor mehreren Jahren geschrieben, und von denen einzelne
gelegenheitlich ihren Weg in einige der achtungswerthern belletristischen
Bltter dieses Landes gefunden haben, die Mehrzahl jedoch noch nicht im
Drucke erschienen ist. Wie Sie ersehen werden, so sind diese Reise- oder
vielmehr Stationen-Skizzen zugleich Roman. Ein junger Hagestolz, der
bereits seinen sechsten Ausflug aus dem tiefsten Sdwesten der Vereinten
Staaten nach dem Norden, und zwar in Heirathsspekulationen unternommen,
erhlt whrend dieses letzten Ausfluges einen neuen Korb, und kehrt in
seine Heimath ber Tennessee in Begleitung eines Freundes zurck.

Es war bekanntlich die Gewohnheit Franklins, jedesmal, so oft er in einem
von einem Neu-Englnder (Yankee) gehaltenen Gasthofe einkehrte, folgende
Erklrung gleich bei seinem ersten Eintritte von sich zu geben: Ich heie
Benjamin Franklin, bin von Boston gebrtig, in Philadelphia angesessen,
meiner Profession ein Buchdrucker, gegenwrtig ein Mitglied der Assembly,
Gouverneur, oder was er gerade war, komme von X, hatte daselbst dieses oder
jenes zu thun, gehe nach Y in diesem oder jenem Geschfte, wnsche sehnlich
recht bald ein Frhstck, Mittag- oder Abendessen, und noch sehnlicher, mit
allen fernern Fragen verschont zu werden.

Von dieser weltbekannten und unter keinerlei Umstnden zu
beschwichtigenden Yankee-Neugierde kmmt auch in der Nacht an den Ufern des
Tennessee ein Beleg vor. Die weitere Reise unseres jungen Hagestolzen geht
den Missisippi, auf eine der Pflanzungen unter Natchez, hinab, und von da
westlich den Red-River hinauf.

Die ergreifende Wahrheit, mit der die Objekte von dem Autor aufgefat, die
auerordentliche Lebendigkeit, mit der sie reflectirt werden, vorzglich
aber die unbertrefflich gentlemannische Laune, die durch das Ganze, und
besonders den guten Christophorus Brenhuter hindurchweht, lassen
auch beinahe mit Gewiheit voraussetzen, da Ihnen dieses Probestck
transatlantischen Humors eben so wohl behagen werde, als die frhere
ernstere Arbeit dieses Autors.




Siebzehn, achtundzwanzig und fnfzig

oder

Scenen in Newyork.


Sissi! Sissi![1] rief ihre Nachtigallkehle, und ihr Engelskpfchen guckte
zur Thre, und sie selbst tanzte herein, schnitt einen komischen Kniks,
lachte eine gehorsamste Dienerin, und begann: Nein, es ist nicht mehr zum
Aushalten! Pa tobt, rennt an mir vorber in die Strae hinaus, als ob es
auf der Change[2] brennte; Ma ghnt, und will von unserm Shopping[3] nichts
wissen, und brummt, immer Geld, nur immer Geld. Ach! liebe Sissi, aus der
Laden-Exkursion wird nun fr heute einmal nichts.

Sissi, an welche die Jeremiade gerichtet war, lag mit ihrer Linken auf die
Sophalehne gesttzt, mit der Rechten Paul Clifford haltend. Sie warf einen
schmachtend-wehmthigen Blick auf die liebliche Schwester.

Ach, der arme Staunton wird Trbsal blasen, fuhr diese fort. Sieh, so
eben macht er die zehnte Tour gegen die Batterie[4] zu. Gestern war er eine
wirkliche Jammergestalt. Ich htte es nicht ber's Herz bringen knnen, ihm
zu versagen. Wie konntest Du nur so grausam sein, Margareth?

    [1]: =Sissi=, =Pa=, =Ma=, Abkrzungen von Sister (Schwester), Papa,
    Mama; im Familienleben sehr beliebt.

    [2]: =Change=, Abkrzung von _Exchange_, die Brse.

    [3]: =Shopping=, Ladenbesuchen, eine Lieblingsunterhaltung
    der jungen Damen von Newyork, besondere nach der Ankunft von
    Packetschiffen aus Europa.

    [4]: =Batterie=, ein prachtvoller Spaziergang, beinahe an der
    Mndung des Hudsons in die See, von dem man eine entzckende
    Fernsicht in die Raritanbay, die gegenberliegenden Inseln und
    New-Jersey geniet.

Ach! lispelte diese mit einem schmelzenden Blicke, wie konnte ich
anders? war nicht Ma hinter mir, und stie mich so unsanft mit ihrem
Elbogen in den Rcken? Ma ist zuweilen recht gemein. Ein tiefer Seufzer
entquoll ihrer Brust.

Ja, bekrftigte die Schwester, ich wei gar nicht, was sie gegen den
armen Staunton hat; aber aufrichtig gesagt, Margareth, die Gallopade, hat
gar nicht durch sein Wegbleiben verloren. Die erste, die er getanzt; war
er doch so steif, wie ein Strohmann. Unser Louisiana-Hinterwldler da nahm
sich viel mehr zu seinem Vortheile aus. Dabei blickte das schelmische
Wesen mich mit einem so schalkhaften Lcheln an, da ich, trotz des
zweideutigen Compliments, ihr nicht bse seyn konnte. Das ist unedel,
Arthurine, versetzte die bitterbse Margareth.

Sissi, Sissi, bat das Schwesterchen, und sie flog an Margareth heran, und
schlang ihre Alabasterhnde um ihren Nacken, und herzte und schmeichelte
so lieblich, da Margareth mit Thrnen im Auge sie umschlang. Wer so das
Mdchen sah, wie sie therisch hinflog, mit ihren Fchen den glnzenden
Teppich kaum berhrend, der htte schwren sollen, sie sei ein Luftgebilde.
Sie war zum Malen schn. Schlank wie ein Rohr und nicht viel dicker. Man
konnte sie mit seinen zehn Fingern umspannen. Jedes Gliedchen zuckte wie
Quecksilber. Hndchen und Fchen im niedlichsten Ebenmae und ein Gesicht
so zart, von Lilien und Rosen angehaucht, und das lichtblonde Kpfchen,
und die hellblauen, runden, klaren Schelmenaugen voll reiner Klarheit. Man
htte sie fressen mgen.

Ach des Jammers, seufzte die um zwei Jahre gereiftere Margareth. Nein,
dieser gemeine Mensch, so roh und selbstschtig sich zwischen mich und den
edeln Staunton einzudrngen! Er wird mir das Herz abdrcken.

Nun Sissi, das wei ich eben nicht, versetzte Arthurine. Moreland, du
weit, ist volle fnf Mal hunderttausend Dollars schwer, und Staunton ist
federleicht, mit ihm verglichen; kaum zweitausend _per annum_.

Liebe verschmht das schnde Gold, lispelte Margareth.

Ah bah, meinte Arthurine, ich nehme Silber, wenn es in hinlnglicher
Quantitt vorhanden ist. Denke nur der Partien, der Blle. Jeden Sommer
nach Saratoga[5], vielleicht nach London, Paris. Viktorine hat mir den Mund
ganz wsserig mit der kniglichen Adelaide gemacht.

    [5]: =Saratoga=, die bekannten Mineralquellen des Staates Newyork.

Hinweg, hinweg mit seinem Bilde, rief Margareth.

Er ist ja noch nicht da, er kmmt erst zum Thee, und bis dahin haben
wir noch sechs lange Stunden, meinte Arthurine mit wahrer christlicher
Ergebung.

Ach, du Grausame! lispelte Margareth, uns dieses kleine Vergngen zu
versagen des elenden Geldes wegen!

Ja, wenn wir noch ein Paar Dutzend tchtige, nagelneue Romane htten,
meinte Arthurine. Ich kann nur nicht begreifen, warum Cooper so faul ist.
Das Jahr hindurch nicht mehr als einen Roman! Ich knnte, mein' ich, alle
Tage einen spielen. Wie wr's Sissi, wenn du zu schreiben anfingest? Ich
glaube, so gut wie Mistre Mitchell triffst du es auch. Bulwer ist ein
unausstehlicher Fantast, und Walter Scott wird so alt, und abgedroschen,
als wenn er fr Tagelohn schriebe.

Ach Howard! seufzte Margareth.

Geduld, liebe Margareth! erwiederte ich. Wenn es mglich ist, so helfe
ich Ihnen den Alten ausputzen. Wollen es wenigstens versuchen.

Klapp, klapp, klapp erschallte es an der Hausthre. Arthurine horchte.
Noch zwei Schlge. Ihre Augen leuchteten vor Freude. Ein Besuch, rief
sie triumphirend, und tanzte zur Thre und horchte. Ach, das sind
Damenfutritte! Die Thre ffnete sich, und herein schwebten in's
glnzende Drawing-room[6] die Misses[7] Pearce, so rauschend, so duftend
in den violettfarbigen, offenen Ueberrcken und gestickten Roben und in
Prunellschuhen! Sie sahen aus, als ob sie auf den Ball gingen.

    [6]: =Drawing-room=, Besuchzimmer.

    [7]: =Misses=, _Plural_ von Mi, Frulein.

Wer unsre Mdchen vom sogenannten _haut-ton_ im Morgenkleide zu sehen
das Glck hat, ich sage, zu sehen, das Glck hat -- denn wir sind bereits
ziemlich exclusiv geworden, -- dessen Herz mu von Granit oder Quarz
geformt sein, wenn es so vielem Zauber widerstehen kann. Diese zarten,
leichten Wesen mit ihren intellectuellen und doch so schmachtenden
Gesichterchen, ihren schwimmend-feurigen Augen, ihren zarten Krperchen,
die man gerne festhalten mchte, damit der Wind sie nicht wegblase; diese
zarten Hnde und Fchen, sie sind unwiderstehlich. Die Bostonerinen sind
verstandreicher, ihre Gesichtszge regelmiger, aber sie haben etwas
Yankeeartiges, das mir nicht zusagt; zu dem ist ihre Taille ein Artikel,
an dem ich immer das Wichtigste vermisse, nmlich den Busen. Es ist
bekanntlich in der Yankee-Metropolis Mode, keinen zu haben. Dabei sind
sie so verwnschte Bluestockings[8]. Die Philadelphierinnen sind runder,
elastischer. Man trifft unter ihnen herrliche Gestalten, die so
angenehm plappern; im Small talk[9] sind sie unbertrefflich; aber die
Newyorkerinnen, besonders wenn so ein letzter Mohikan oder Redrover
erschienen, sind ganz unvergleichliche Coras und Alices, zum Malen
natrlich. Cooper, ich wette darauf, wrde er sie nur sehen, zerrisse
seine Manuscripte, und bildete seine Damen weniger hlzern. Er mu ihre
Bekanntschaft blo auf der Batterie oder im Broad-way gemacht haben, wo
sie so entsetzlich im Putze vergraben sind, da der eigentliche Mensch
gar nicht herauszufinden ist. Die zwei eintretenden Misses sind sprechende
Beweise. Die vier tglichen Metamorphosen einer fashionablen Englnderin
oder Franzsin haben sie mit Einem Male auf sich geladen. Doch mit meinem
_tte--tte_ ist es fr heute vorbei. Ich bin nun berflssig, und fr die
Langeweile der zwei holden Geschpfe ist gesorgt. Ich empfehle mich daher.

Als ich vor dem Parlour[10] vorbeikam, ffnete sich die Thre, und Mama
Bowsends winkte mir hinein. Auch der Papa war zugegen.

    [8]: =Bluestockings=, buchstblich Blaustrmpflerinnen, so viel als
    wirkliche Schngeister, Literatoren.

    [9]: =Small talk=, plaudern, gewhnlicher Conversationston.

    [10]: =Parlour=, Sprachzimmer, Besuchzimmer, das von Drawing-room
    dadurch unterschieden ist, da es zugleich Speisesaal ist, wogegen
    das Drawing-room Thee- und Damensaal genannt werden knnte.

So zeitlich verlassen Sie uns heute, lieber Howard? begann die Erstere.

Die Misses haben Besuch bekommen.

Ach, lieber Howard! seufzte die Ma.

Die Workies[11] haben ihren Canva durchgesetzt, brummte der Pa.

Der fatale Staunton, unterbrach ihn seine Ehehlfte. Stellen Sie sich
nur vor...

Dem pfiffigen Israeliten[12], fuhr Mister Bowsends fort, dem hat sein
Busenfreund einen herrlichen Streich gespielt. Ha, ha! Alle Tage war er
vor der Kirche. Ha, ha! War, zum Todtlachen. Nichts davon gehrt, Mister
Howard?

    [11]: =Workies=, Handwerksgesellen, Handwerker, die bekanntlich in
    Newyork und Philadelphia eine sehr bedeutende Klasse bilden, ihre
    eigenen, wohl redigirten Journale besitzen, ihre Versammlungen mit
    Prsidenten, Sekretairen haben, und bei den ffentlichen Wahlen
    eine sehr einflureiche Stimme fhren.

    [12]: =Pfiffige Israelite=, eine Anspielung auf einen sehr
    bedeutenden Politiker der Stadt Newyork, der dieses Glaubens ist.

Ich wute nicht, wo ich die Ohren zuerst hinhalten sollte. Die beiden
Eheleute gnnten einander das Wort nicht.

Ich wei nicht, jammerte die Dame, aber dieser Mister Staunton wird mir
jeden Tag mehr zuwider. Denken Sie nur, er hat wirklich die Effronterie,
von Margareth nicht lassen zu wollen. Kaum zweitausend _per annum_.

Er soll Anstalt machen, von der Hermitage[13] aufzubrechen; die Bankaktien
sind ein halbes Prozent gefallen, schnarrte der Herr Gemahl darein.

    [13]: =Hermitage=, Einsiedelei, der Landsitz und Pflanzung des
    gegenwrtigen Prsidenten der vereinigten Staaten, Andrew Jackson.

Erstaunlich! rief ich. -- Das pate auf den armen Staunton und den neuen
Prsidenten.

Er sollte doch denken, wer er ist, und wer wir sind, rief sie, sich
dehnend.

Freilich, freilich! bekrftigte ich.

Und die Gouverneurs-Wahl geht auch so verzweifelt schlecht, meinte
hinwieder Mister Bowsends.

Und dann Margareth, -- denken Sie sich nur die Blindheit! -- freilich ist
sie ein sanftes, gutes Wesen -- aber fnf Mal hunderttausend Dollars, fuhr
die Dame fort.

Sind gar nicht zu verwerfen, war meine Meinung.

Die fnf Mal hunderttausend Dollars hatten endlich die Saite berhrt,
die im Innern des lieben Mannes einen Ton von sich gab. Fnf Mal
hunderttausend Dollars! ja freilich, bekrftigte er. -- Werden da lange
fragen. Alles Narrheit; die Mdchen knnten einen Krsus ruiniren.

Ja, deine Wahlen und die Workies! schmollte die Mistre Bowsends.

Das verstehst du wieder nicht, versetzte er hitzig. Interessen im
Congresse -- im Lande -- mssen aufrecht erhalten werden. Wer wrde das
thun, wenn wir...

Nicht wetteten, dachte ich.

Bald werden wir keinen Fensterrahmen mehr einsetzen lassen knnen, so
wachsen sie uns bereits ber die Kpfe. Und diese Mi Fanny Wright[14]...

    [14]: =Mi Fanny Wright=, eine Schottlndische Dame seit vielen
    Jahren in den vereinigten Staaten angesiedelt, etwas abenteuerlich
    in ihrem Lebenslaufe, sonst aber achtbar, in ihren Grundstzen
    Owenitin und Encyklopdistin; hlt Vorlesungen, in denen die
    Aristokratie, Geistlichkeit etc. scharf hergenommen, und das
    agrarische System gepredigt wird; hat bedeutenden Anhang in
    Newyork, aber keinen im Lande, aus dem Grunde, der jede gewaltsame
    Revolution in den vereinigten Staaten unmglich macht, nmlich,
    weil neun Zehntheile der amerikanischen Brger wirkliche Land-
    und Grundeigenthum-Besitzer sind. -- Uebrigens geniet sie das
    Privilegium der Freiheit, d.h. sie kann reden und drucken lassen,
    was sie will. Man hrt sie gerne, ohne da sie brigens mehr
    Wirkung hervorbrchte, als jeder andere Prediger.

Die Dame stie einen Ausdruck des Entsetzens aus; sie fate sich jedoch
wieder, und sprach:

Nein, Sie sind doch unser alter Hausfreund, und ich hoffe, Sie werden...

Apropos, unterbrach sie ihr liebender Gatte. Wie ist Ihre Baumwollernte
ausgefallen? Sie knnten sie an mich spediren. Wie viele Ballen?

Hundert und einige Dutzend Fsser Tabak.

Beilufig sechstausend _per annum_, brummte der Papa. -- Hm, hm.

Was das betrifft, so habe ich das Capital in Hnden, fuhr ich nachlssig
fort, die hundert Ballen um noch hundert zu vermehren.

Zweihundert! zweihundert! des Mannes Augen funkelten beifllig. Das
ginge, das wre nicht bel. Ja, Arthurine ist ein liebes Mdchen! Nun,
theurer Mister Howard! wollen sehen. Ja, ja! Sie kommen doch jeden Abend --
ganz ungenirt -- Arthurine, wissen Sie, sieht es gerne.

Und Mistre Bowsends und Mister Bowsends? fragte ich.

Sind es ganz zufrieden, lchelten die Beiden, machen Sie nur bald.

Ich verbeugte mich angenehm berrascht, und ging. Zwar waren mir die
vorletzten Phrasen des Trilogs nicht ganz angenehm in den Ohren verklungen.
Der lieb sein sollende oder wollende Schwiegerpapa, scheint es, will seine
Wettenverluste mit meiner Baumwolle wieder ausgleichen. -- Es mu ein
Bischen hapern. -- Ekelhafte Menschen! konnte ich mich nicht enthalten
auszurufen, -- so ekelhaft-selbstschtig, da sie sich selbst nicht
zu Worte kommen lassen. Die stupideste Unverschmtheit, die je in
Schneiderseelen gewohnt, die fr nichts Sinn haben, als fr ihr eigenes
saft- und markloses, schwammiges, verdorbenes Ich! Selbst ihre Kinder sind
ihnen blo -- Sachen! -- Und diese Menschen gehren nun zum _haut-ton_. Vor
fnf und zwanzig Jahren nahm er noch das Ma. Nun ist er Wortfhrer auf der
Brse und Mitglied von zwanzig Comits. Und Arthurine! Sie, siebzehn Jahre
alt, und du acht und zwanzig; -- das kostspieligste Zierpppchen der Stadt,
und das will wahrhaftig nicht wenig sagen; aber auch das eleganteste,
reizendste, eine wirkliche Sylphide. Gesicht und Hnde knnen nicht zarter
sein. Ihr ganzes Wesen so bezaubernd. Es war vor eilf Monaten, da ich
sie kennen gelernt, und angezogen und festgehalten wurde, als wre ich
mit Armida's Banden gefesselt. Sie war just aus der franzsischen
Pensions-Anstalt von St.Johns in's vterliche Haus zurckgekehrt.
Die ist, im Vorbeigehen gesagt, die Art und Weise, wie sich unsre
Mushroom-Aristokratie gestaltet[15]. Ein Paar Tchter, in fashionable
Pensionen gesandt, ziehen bei ihrem Rcktritt in's vterliche Haus mit
ihren Gespielinnen ein Paar Dutzend junge Laffen nach, und die Glorie der
Tchter strahlt natrlich auf den lieben Papa und die theure Mama zurck.
Und die kleine Hexe wei anzuziehen. Aller Herzen flogen ihr entgegen; doch
keiner konnte sich rhmen, auch nur um einen Blick reicher zu sein denn
seine zwanzig Mitwerber. Ich war noch der Einzige, der sich einigermaen
gewisser passiven Gunstbezeugungen rhmen durfte, als da sind: sie zu
begleiten, zu Fu und zu Pferd und im Wagen, ihr den Shawl nachzutragen und
umzuhngen, ihr bestimmter Tnzer zu sein, wenn kein besserer da war,
und derlei beneidenswerthe Dinge mehr. Sie scherzte, sie tndelte, sie
flatterte um mich herum, hing sich an meinen Arm, und trippelte mit mir
die Broadway hinauf, oder die Batterie hinab. Auch hatte ich das Geschfte
bernommen, sie mit den neuesten Produkten Walter Scott's, Cooper's,
Bulwer's etc. zu versorgen, und sie mit unsern Atlantic-Souvenirs und
Tokens, so wie den englischen Keepsakes und Amulets zu berraschen, nicht
minder die fashionablen Bravour-Arien der hoch geliebten Madame Vestris
herbeizuschaffen. Alles das hatte mich schweres Geld gekostet. Der Gedanke
jedoch, es gehe zu Handen des schnsten Mdchens von Newyork, hatte mich
noch immer getrstet; einmal mute sie sich doch ergeben! Wirklich hatte
mir auch das Glck schon zwei Mal gelchelt; ein Mal nmlich, als wir auf
der Niagara-Brcke[16] standen, und in die tobenden Gewsser hinabstarrten,
da durfte ich meinen Arm um ihren Leib schlingen, um sie vor dem Schwindeln
zu bewahren, und wre darber beinahe selbst in den Strom hinabgestrzt.
Ferner gelang mir dasselbe Wagestck bei den Trentonfllen.[17] Das war
aber auch Alles seit den eilf Monaten, die ich in Newyork vergeudet, und
die wahrlich meinen Beutel nicht schwerer machten. Sdlnder sind nun schon
gewissermaen hier wie die Gimpel oder Robbins[18] betrachtet, die so eben
fett gemstet ankommen, zum Frommen heirathslustiger Nordlnderinnen, von
denen wir ohne viele Mhe umgarnt und eingefangen werden, versteht sich,
wenn wir Dollars haben. Es ist Mode, von einer nordlndischen Schnheit an
unsern Theetischen bedient zu werden, der einzige Dienst, zu dem sie sich
in der Regel im lieben Ehejoche verstehen. Und ich war nun zum sechsten
Male bereits in diesem wichtigen Geschfte heraufgekommen. Es war hohe Zeit
abzuschlieen; wenn ich nicht als verlegene Waare bald auer Concurrenz
gesetzt werden sollte. Als ich so sinnend um die Trinity-Kirche in die
Wallstrae hinein bog, da kam mir mein Leidensgefhrte Staunton entgegen.
Das betrbte Gesicht des Yankee htte mich beinahe zum Lachen gebracht.
Auch so eine Art Augur, dachte ich, als er herankam, um mir zu verknden,
da das Wetter schn sei, und mir zugleich einen Imbi von seinem Kautabake
anzubieten. Ich konnte nicht umhin, ihm meine Verwunderung zu erkennen
zu geben, wie die sthetische, zartfhlende Margareth so etwas vertragen
knne.

    [15]: =Mushroom-Aristokratie=, Pilz-Aristokratie, ein Spottname der
    pilzartig aufgeschossenen Aristokratie der Seestdte gegeben.

    [16]: =Niagara-Brcke=, eine Brcke, die von der amerikanischen
    Seite des Flusses zur Insel fhrt, welche den Fall in zwei
    ungleiche Hlften theilt.

    [17]: =Trentonflle=, Romantische Wasserflle, unweit Balston,
    einer mineralischen Quelle.

    [18]: =Robbins=, Rothkehlchen.

Ja, versetzte der Gute mit einem seltsamen Gedankensprunge, Moreland kaut
ja auch.

Ja, aber der hat fnf Mal hunderttausend Dollars, und die versen das
Gift.

Ach! seufzte er.

Den Muth nicht verloren! rief ich ihm zu, Bowsends ist reich.

Der Mann schttelte den Kopf. Zwei Mal hunderttausend sagt die Welt; aber
morgen sind es nicht mehr zwanzig. Du kennst unsere Newyorker. Der Aufwand
ist gro, und hat er die Tchter los, so fallirt er vielleicht in acht
Tagen.

Ersteht aber wieder um desto glorreicher im nchsten Jahre, trstete ich
ihn.

Ja, wenn das noch wre, meinte der Yankee.

Je nun, mit Hlfe eines so zarten Gewissens, wie das deinige, wird es ihm
nicht fehlen, versetzte ich lachend. Unterdessen nimmst du die schmachtende
Margareth, und theilst mit deinen Mitbrgern das beneidenswerthe Loos, mit
der blechernen Bchse oder dem wei geflochtenen Korbe dich morgens auf
dem Greenwich-Markte zu ergehen, und deiner unterdessen sanft schlummernden
Gattin die Kartoffeln und gesalzenen Mackarels vor den Theetisch zu legen,
wofr dir dann ihre schne Hand eine Schale Bohea einzuschenken sich
herablassen wird; das ist ein Antidote gegen die Dispepsia.

Du bist boshaft, sprach der arme Staunton.

Und du nicht klug. Einem jungen Advokaten, wie du, stehen hundert Huser
offen.

Und so dir.

Ja, da hast du Recht.

Und dann habe ich den Vortheil, da mich das Mdchen liebt.

Mich lieben der Pa und die Ma und das Mdchen.

Hast du fnf Mal hunderttausend Dollars?

Nein.

Armer Howard! lachte er.

Hol dich der Teufel! lachte ich dazu.

Wir hatten so ein recht angenehmes Viertelstndchen verplaudert, als von
der Greenwichstrae eine Kutsche herauffuhr, in der ein Personnage sa,
die ich zu kennen glaubte. So eben war eines der Philadelphia-Dampfboote
angekommen. Ich trat vor. Halt! rief es -- Halt! rief ich, und strzte
auf den Wagenschlag zu. Es war Richard, mein Jugend-, Schul- und
Collegien-Freund und Nachbar obendrein, zwanzig Meilen von mir geboren,
hundert und siebenzig von mir wohnend. Ich nahm vom guten Staunton
Abschied, setzte mich in den Wagen, und wir rollten durch Broadway hinauf
dem American Hotel zu.

Aber um's Himmels willen, George! rief mein Freund, als wir uns in dem ihm
so eben angewiesenen Zimmer befanden, was machst du hier? Hast du deine
Freunde, dein Haus, deinen Hof so ganz vergessen? Eilf Monate sitzt er da.

Und macht die Cour, und ist keinen Schritt weiter, als am ersten Tage, fiel
ich ein.

Also ist es wahr, was das Gercht sagt, da du bei Bowsends geangelt bist?
Armer Junge! sage mir um aller T....l willen, was du wohl mit dem Pppchen
machen willst, die nicht einmal Geduld hat, einen Roman von Cooper
durchzulesen, die schon in ihrem zwlften Jahre Tom Moore und Byron, Don
Juan, vielleicht ausgenommen, auswendig wute? Die Geographie und die
Globen, Astronomie und Cuvier und die Cartons von Raphael bis ber den Hals
studirt, und, so wahr ich lebe, nicht wei, ob ein Hammels-Cotelette vom
Rinde oder Schweine herrhrt; die den Thee wie Blumenkohl absieden, und die
Eier im deutschen Sauerkraut einmachen wird.

Und vor jeder Nadel Zuckungen bekmmt; -- das rhrt aber vom Geblte her,
setzte ich hinzu. Aber das Kochen und Absieden wird sie bleiben lassen.

Die nicht wei, fuhr er fort, ob die Wsche gekocht oder gebraten werden
mu.

Und singt, wie ein Engel, wenn sie nmlich nicht den Schnupfen hat, und
spielt wie der Teufel, und tanzt wie besessen.

Ja das wird dich fett machen, meinte er. Ich kenne die Familie; Vater und
Mutter sind die Erbrmlichsten.

Halt ein! rief ich, sie sind um kein Haar besser, noch schlechter, als der
Rest.

Ja, da hast du Recht.

Wohl denn! Um sechs Uhr habe ich versprochen, zum Thee zu kommen. Willst du
mit? Ich fhre dich auf.

Kenne sie -- kenne sie. Ich gehe unter der Bedingung, da du nach drei
Tagen mit mir Newyork verlt.

Wenn ich nicht heirathe, bemerkte ich.

Verdammter Narr! rief er.

Ich mu gestehen, der Spott meines Freundes, selbst mein eigener, hatte
mich ein wenig stutzig gemacht, aber nur ein wenig. Wer knnte auch in
dem tollen Newyork, dem lebensfrohen, amerikanischen Paris zum Nachdenken
kommen, wo es fr das liebe Volk, zwar nicht wie in dem Transatlantischen,
heute Wein aus Springbrnnen und Wrste von den Bumen, und den nchsten
Tag Karttschen aus Feuerschlnden regnet; wo es sich aber eben so heiter
und froh lebt, nur mit dem Unterschiede, da man hier ein bischen mehr auf
seinen Beutel hlt? Das ist eigentlich unser groes, politisches Arcanum,
das zuverlssigste gegen alle Wein- und Karttschenregen, die es gibt.
_Probatum est._ Ja, es ist ein sanguinisch-durchgreifendes Vlkchen das
Newyorker, das lebt und leben lt, Geld in Scheffeln gewinnt, und in
Bscheln wieder verthut. Zur Besinnung lt sich's hier nicht kommen.
Selbst der kalkulirende Yankeeism von Boston und der Philadelphi-Quakerism
arten hier aus, und zwischen der flachen, platten, schweigsamen
Bruderstadt, wo die Nachtwchter Schaffellsohlen auf ihren Schuhen tragen
mssen, um die Nachtruhe der lieben Brger und noch liebern Brgerinnen
nicht zu stren, und dem lustigen Newyork, sollte man denken, mssen ganze
Welttheile liegen. Die letzten acht Tage war es nun ber die Maen bunt
hergegangen. Bachelors-Ball[19] und Prsidentenwahl und Gouverneurswahl und
Sheriffswahl hatten die zwei Mal hunderttausend Seelen, aus denen die liebe
hohe und niedrige Welt zusammengesetzt ist, in solche Bewegung versetzt,
da es unmglich war, einen neuen Rock oder Inexpressibles[20] auf seinen
Leib zu bekommen, so waren die ehrsamen Znfte vom Gemeinbesten in Anspruch
genommen. Mein Schuhmacher sah mich so wichtig an; ich dachte nicht anders,
als er habe auch die fnf und zwanzig tausend Dollars[21] im Kopfe, und
wirklich etwas hatte der Gute erjagt; er war zum Mitlenker des Staatsruders
in Albany erkohren. Selbst die so schmhlich hintangesetzte Kunst hatte
zur Verherrlichung des politischen Drama beitragen mssen, und alle
Hauptquartiere der siegenden und besiegten Parteien waren mit klafterlangen
Transparenten behangen, in denen der Sieger von Neworleans mit seinen
Streithengsten goliathmig, und hinwieder bescheiden als schlichter
Cincinnatus, hinter dem Pfluge einherwandelnd, dargestellt ist, allen
Adamsmnnern zum Trotz, die ihrer Seits zu seinem Ruhme nicht versumt
hatten, ein Gegenstck in chter Nrnberger Manier zu liefern, den alten
Hickory mit Dolch und Pistole reprsentirend, wie er so eben ein Paar
Dutzend freie Brger in die andere Welt expedirt.

    [19]: =Bachelors Ball=, Junggesellenball. Einer der glnzendsten
    Blle, die in Newyork alljhrlich von den Junggesellen gegeben
    werden.

    [20]: =Inexpressibles=, der amerikanische Ausdruck fr Beinkleider.

    [21]: =Fnf und zwanzigtausend Dollars=, der Gehalt des Prsidenten
    der vereinigten Staaten.

Ein krftiges Hurrah fr Jackson, das so eben von der Murraystrae
heraufschallt, verkndet etwas Neues. Die Scene ist wahrlich neu und
ganz in ihrer Art. An die vierzig Lohnkutschen kamen gegen den Park
heraufgezogen, zu beiden Seiten mit der wunderlichsten Cavalcade flankirt,
die je ein menschliches Auge gesehen. Wettergebrunte, rhrige Mnner
baumeln zu zwei und drei auf einem Pferde herum und herunter. Jeder Fall
der unbeholfenen Cavallerie wird mit einem Hurrah begrt, das die Fenster
zittern macht. Alle mglichen Trachten sind an den fahr- und reitlustigen
Theers zu sehen; mit Pech geschwngerte Hte und Htchen und Jacken und
Inexpressibles. Der Eine ist mit einem neumodischen Fracke angethan, der
Andere prangt in einer Redingotte, die so eben von Chatham-Place ihren Weg
auf seinen Leib gefunden; ein Dritter erglnzt in seiner rothflammenden
Jacke, der tollste, buntscheckigste Haufe, der je gesehen wurde. Es sind
die Matrosen, die Bemannung der Fregatte Constitution, die einberufen und
diesen Morgen ausbezahlt worden war, und die nun aus Leibeskrften bemht
ist, die fnf oder sechshundert Dollars so geschwind wie mglich wieder los
zu werden, die jedem von ihnen whrend des dreijhrigen Kreuzzuges auf
den Hals gewachsen waren. Wer so das lustige Vlkchen hinziehen sieht, im
Jubel, Saus und Braus, mit vollen Flaschen, jeder eine Schne neben
sich, und brllend, da einem die Ohren gellen, der mu sich von unserer
polizeilichen Ordnung einen saubern Begriff machen. Thut jedoch nichts. Das
sind Mnner, die zwar nicht den Julius Csar und Cornelius Nepos gelesen;
die aber fr ihr Vaterland so hei glhen, als die Helden Plutarchs. Zeigt
ihnen eine Fregatte Brittaniens, und sie werden darauf losstrzen und sie
brechen, wie der feste, freie Mann den Uebermuth des stumpfen Herrendieners
bricht. Und lat den Sturm ber sie hereintoben, und sie werden wie
Felsen dastehen, im Gebrlle des Orkans, und hngen drauen am gefrornen
Segeltuche, ihre Hnde und Fe erstarrend am Taue; oder sie werden sinken
unter den krachenden Balken und hereinstrmenden Wogen in den bodenlosen
Abgrund, und ihr letzter Gedanke wird auf das Vaterland gerichtet sein.
Solche Mnner verdienen, da man ihnen ihre Lust nach ihrer eigenen Weise
gnne. Sie werden schon wieder nchtern werden ohne Polizei, Gendarmes und
Wachhaus. Ihr rohes Treiben ist nicht den zehnten Theil so verderblich fr
des Volkes Sitten, als euer raffinirte _bon ton_. In drei Tagen hat das
Drittel dieser Vierhundert und Fnfzig keinen Cent mehr in der Tasche,
in sechs das zweite Drittel, und in zehn Tagen sind sie so ziemlich
alle wieder flott, und in der rothen Jacke und auf der Reise nach allen
Weltgegenden; die wenigen ausgenommen, die sich einen eigenen Herd suchen,
oder sich in gewissen Affairen versptet haben. Ein Paar Mal treiben sie
das Wesen mit, und dann werden sie klger, nehmen sich Weiber und setzen
sich hin, um tchtige Hauswirthe zu werden; anfangs ein wenig quer und
verschroben, wie es Seemnnern zu gehen pflegt; aber allmlig lehrt sie
gesunder Menschenverstand, sich in die neue Lage fgen. Es ist in diesen
Mnnern ein frhlich-freier, selbststndiger Sinn, ein tchtiger und
trotziger Muth, der, ber die Nation zerstreut, herrlichen Samen getragen,
der im letzten Kriege unser Vertrauen in uns selbst erkrftigt, und
so unsern Feind bezwungen hat. Diese Mnner haben den Neuseelnder und
Chinesen, den Trken und Brasilianer und Franzosen kennen, und auf ihn
stolz herabblicken gelernt; den See-Bezwinger Aller -- den Britten --
haben sie bezwungen. Der brittische Matrose kehrt immer dmmer unter seine
Zuchtruthe zurck, als er ausgezogen; der amerikanische immer aufgeklrter,
weil Knechtschaft immer zurck, Freiheit immer vorwrts schreitet. Der
Eine wei, da Lebensweisheit fr das Ziel seiner Laufbahn -- das
Greenwich-Hospital -- berflssig oder gefhrlich ist; der Andere mu sie
sammeln fr's thtige Brgerleben, in das er ehrenvoll eintritt. Und John
Bull wundert sich in seiner Dummheit, da wir ihm mit unsern fnf Fregatten
zehn genommen, und ihn in zwei Haupttreffen von unsern Seen verjagten; er,
der seine armen Wichte von Matrosen mit fnfzehn Schillingen abfertigt, und
wenn sie ein bischen ber die Schnur hauen, auf ein Paar Monate in's Loch
steckt. -- Wir haben so manche Fehler, und Engel sind wir wahrhaftig
nicht -- aber eine Tugend haben wir, die der Snden viele bedeckt: sie ist
Achtung fr Menschenwrde und Brgerrecht, und diese hat uns vom grten
Tyrannen das Grte errungen, wornach der Mensch je gestrebt hat: Freiheit
in unserm Lande und auf unsern Meeren.

Es war sechs Uhr, als ich mit Richard in das Drawingroom meiner knftigen
Schwiegermama eintrat. Die gute Dame hatte mich beinahe erschreckt in ihrem
nagelneuen, so eben mit dem Henri_IV._ angekommenen grauen, Gaze-Turban,
der ihr das Ansehen einer unserer Missisippi-Nachteulen gab. Auch Richard
schrak sichtlich zurck, und der gute Moreland schaute so starr nach dem
hehren Kopfputze hin, als wre er ein Zifferblatt gewesen. Mi Margareth
im grn seidenen Kleide, die Haare glatt zu beiden Seiten der Stirne
hinabgekmmt _ la Margarethe_, -- wir haben eine eigene Modenphraseologie
-- war, wie die Tochter Jephtas, bla und resignirt; ein leichtes Zittern
bebte durch die anziehende Gestalt, und in ihrer Begrung war ser
Schmerz und schmachtende Sehnsucht nach dem fernen Geliebten unverkennbar.
Der Abstand war allerdings grell zwischen dem fnfzigjhrigen Moreland, der
kalt und zh und breit und roth da sa, und dem windigen Staunton, der
von Austern und Rosinen lebte, und sich hchstens in Bullwer's Novellen
betrank. Ich hatte dem zarten, so eben beschriebenen Gebilde die Tales of
my Grandfather[22] mitgebracht.

Walter Scott! rief sie mit lieblich verschmelzender Stimme. Ach! der
gemeine Mensch wei auch nicht ein Wort zu sagen, flsterte sie mir nach
einer Weile zu.

Warten Sie nur, trstete ich sie; Sie wissen ja, da derlei Affairen zuerst
immer Jampartien[23] sind. -- Furcht, Bescheidenheit versperren ihm den
Mund.

    [22]: =Tales of my Grandfather=, Erzhlungen eines Grovaters, von
    Sir Walter Scott.

    [23]: =Jampartie=, buchstblich eine Balkenpartie. -- Bekanntlich
    sitzen Gesellschaften im Winter in einem Halbzirkel um den
    Feuerplatz, dessen oberer Marmorbalken Jam genannt wird. Eine
    langweilige Gesellschaft, die daher den Balken ansieht, wird _Jam
    party_ genannt.

Das Mdchen sah mich an. Sie war bitterbse. Kalter, herzloser Sptter,
sagte sie.

Wie konnte ich anders? sie war so empfindsam-albern.

Richard hatte unterdessen mit Bowsends die Conversation begonnen. Der arme
Junge, der nicht wute, da der Theegeber Adamsmann war, und fnftausend
Dollars in Wetten und Beitrgen zur Umstimmung des souvernen Volkswillens
verloren, hatte sich beeilt, ihn wissen zu lassen, da der alte Hickory[24]
nchstens die Hermitage verlassen werde.

Der blutdurstige Backwoodsman[25], halb Pferd, halb Alligator[26],
unterbrach ihn Mister Bowsends.

    [24]: =Hickory=, ein zher Nubaum. -- General Jackson hat den
    Spitznamen Hickory erhalten.

    [25]: =Backwoodsman=, Hinterwldler, ein etwas derber Mann. Sonst
    wurden alle jenseits der Alleghany-Gebirge Wohnenden so genannt;
    gegenwrtig spottweise die Kentuckier, Alabamaer, berhaupt
    diejenigen, die in groer Entfernung von den Hauptstdten oder in
    den neuen Territorien angesiedelt sind.

    [26]: =Halb Pferd, halb Alligator=, Spottname den Kentukiern
    gegeben.

Kostet Sie schwer Geld, versetzte Moreland lachend.

Und raucht aus einer Tabakspfeife, wie die vulgren Deutschen, fgte
Mistre Bowsends hinzu.

Nun das knnte ich eben nicht so vulgr nennen; der Tabak hat wirklich
einen ganz andern Geschmack, sprach der unglckselige Moreland.

Ich stie ihn mit dem Elbogen in den Rcken.

Sie rauchen aus einer Tabakspfeife, Mister Moreland? fltete Margareth.

Der Mann stutzte; die unerwartete Frage hatte ihn aus dem Concepte
gebracht; sein gutes Gewissen lie jedoch keine Prevarication zu, und er
antwortete mit einem:

Es schmeckt so gut!

Ich hatte die Erschtterung der empfindsamen Seele vorhergesehen, und legte
meinen Arm ber die Sessellehne, eben als Arthurine eintrat. Sie blickte
einen Augenblick umher; es war jedoch zu spt, sich zurckzuziehen. Sie
schien es nicht zu bemerken, grte leicht und frhlich die Gesellschaft,
tanzte dann auf Moreland zu, bot ihm einen guten Abend, fragte ihn nach
seinen Wetten, seinen Schiffen, seinem alten Tom, plauderte an die zehn
Minuten in Einem Athem. Ehe sich's Moreland versah, war seine Hand in den
beiden ihrigen. Freilich waren sie alte Bekannte, und er konnte fglich ihr
Grovater sein.

Margareth hatte sich inmittelst von ihrem Schrecken erholt. Er raucht aus
einer Pfeife, lispelte sie im dumpfen Schmerze Arthurinen zu.

Der alte Hickory ist sehr populr in Pensylvanien, fing Richard wieder an,
ohne von dem Unheil, das er angerichtet, auch nur eine Ahnung zu haben. So
eben hat ihm ein Farmer[27] von Bedford-County[28] ein Fa Monongehala[29]
zum Geschenke gemacht.

Um das beneide ich ihn, platzte Moreland heraus. Ein Glas alter Monongehala
ist nicht mit Geld zu bezahlen.

    [27]: =Farmer=, ursprnglich Pchter; in den vereinigten Staaten
    heit jeder Landwirth und Gutsbesitzer Farmer.

    [28]: =Bedford-County=, Bedfordgrafschaft in Pensylvanien.

    [29]: =Monongehala=, ein bedeutender Flu, der in Virginien
    entspringt, und bei Pittsburg sich mit dem Alleghany vereinigt, und
    so den Ohio bildet. Er hat bei seiner Vereinigung beilufig
    1400 Fu Breite, der Alleghany 1200 Fu. An seinen Ufern wchst
    vorzglicher Roggen und Weizen, aus welchem erstern der beste
    Kornbranntwein in den vereinigten Staaten gebrannt wird, den man
    daher schlechtweg Monongehala nennt.

Der Sto war zu heftig; der zarte Nervenbau Margareths konnte ihn nicht
aushalten; sie sank. Glcklicher Weise hatte ich sie erfat. So eben war
der Thee angekommen. Mit Hlfe der Dienstmdchen und Bedienten wankte sie
aus dem Zimmer.

Haben Sie ihr ein Buch gebracht? fragte Arthurine.

Ja, einen neuen Roman Walter Scott's.

Ach dann erholt sie sich schon, meinte das liebe Schwesterchen
gleichmthig.

Mit der nervenschwachen Schnheit war auch unsre Schweigsamkeit gewichen.
Capitain Moreland war ein frhlicher Theer, der zehn Reisen nach China,
fnfzehn nach Constantinopel, zwanzig nach St.Petersburg und unzhlige
nach Liverpool gemacht, und sich ein artiges Vermgen erworben hatte, das
er nach Krften zusammenhielt, und vermehrte. Ein jovialer Lebemann mit
gesundem Menschenverstande, einen Punkt ausgenommen, die Weiber
nmlich, die er gerade so gut kannte, wie die Bewohner des Mondes.
Die Aufmerksamkeit, mit der ihn Arthurine behandelte, die mdchenhafte
Verschmtheit, der liebliche Reiz, mit dem sie sich an ihn anschmiegte,
schien dem Gaumen des alten Junggesellen recht wohl zu behagen. Es lag
etwas leicht Frhliches, Spottendes und zugleich unendlich Anziehendes im
Wesen des sen, liebreizenden Mdchens; selbst der kalte Richards hing mit
unverholener Bewunderung an ihr. Das ist wirklich ein bezauberndes Mdchen,
wisperte er mir zu.

Habe ich dir es nicht gesagt? erwiederte ich. Sieh nur, mit welcher
Zartheit sie in die Launen des Alten einzugehen wei.

Die Stunden waren wie Minuten verflogen. Das Souper war lange abgedeckt,
und wir machten Miene zum Aufbruche. Arthurine drckte mir bedeutsam die
Hand, und ich war in neun und neunzig Himmeln.

Nun Freunde, sprach der ehrliche Moreland, als wir aus der Thre waren, es
wre wirklich schade, an diesem herrlichen Abend uns so bald zu trennen.
Was meint ihr, wie wre es? ihr geht mit mir, und wir brechen noch einem
halben Dutzend die Hlse.

Wohlan! Es ist ohnedem grimmig kalt, und der Sherry und Port[30] des alten
Bowsends sind nicht halb so geistig...

Wie seine Mdchen, versetzte der schmunzelnde Moreland, der denn doch ein
wenig zu tief in's Glas geguckt zu haben schien.

    [30]: =Sherry=, =Port=, Xeres und Oporto-Weine, die nebst Madeira,
    Teneriffe und Lisbon beinahe ausschlielich getrunken werden.

Wir nahmen den alten Kumpan in die Mitte, und steuerten seiner Kajte zu,
wie er sein wirklich prachtvolles Haus nannte.

Nun ist das nicht eine herrliche liebe Familie, die Bowsends, erffnete
Moreland die Sitzung an der mit Lafitte und East-India Madeira besetzten
Tafel. Und die Mdchen sind prachtvoll. -- Ja, ja ich habe auch gedacht, --
du kmmst allmlig in die Jahre; -- bist aber doch noch frisch, rhrig
und munter, gesund wie ein Delphin -- Damn! -- Ich knnte noch ein halbes
Dutzend Mdchen...

Begraben; setzte ich hinzu.

Ja, das knnte ich bei Jingo; hoffe aber Margareth wird Stich halten. Sie
gefllt mir, und so habe ich denn...

Ja, aber lieber Moreland, ob Sie auch ihr gefallen?

Pah! fnf Mal hunderttausend Dollars. Hr' einmal, Junge, das findet sich
nicht alle Tage.

Fnfzig Jahre -- setzte ich hinzu.

Ja freilich, aber gesund und rstig, keiner euerer Spindeljungen, kein
Staunton...

Ja, der raucht aber Cigarren, und nicht aus deutschen Pfeifen.

Das lasse ich wohl bleiben; werde mir da wegen der Mi das Maul und die
Nase mit den verdammten Stmpchen verbrennen!

Auch trinkt er nicht Whisky. Er ist Prsident einer Temperanz-Gesellschaft!

Hol' ihn der Henker! brummte Moreland. Den Whisky wollte ich um aller
Mdchen willen nicht lassen.

Dann werden sie in Ohnmacht fallen, lachte ich.

Und Margareth! fuhr er heraus. Ah! dem Monongehala galten also die Achs
und Ohs, und das Sinken und Verschwinden? Ist es um diese Zeit! Nein, meine
Mi, da wird nichts daraus. Darauf knnen Sie sich gefat machen; und zur
Bekrftigung leerte er sein Glas, und wir die unsrigen. Wir lachten
und jubelten bis nach Mitternacht, und ich hatte mir viel auf meine
diplomatische Geschicklichkeit eingebildet. Als wir nach Hause gingen,
meinte Richard, da ich dem alten Junggesellen etwas hart zugesetzt htte.
Habe ich doch die arme Margareth von dem lstigen Menschen befreit, war
meine Antwort. Der kalte Richard jedoch schttelte den Kopf. Was daraus
werden wird, wei ich nicht, versetzte er; doch darfst du fr deine
unberufene Mediation eben keine sehr glnzende Erkenntlichkeit erwarten.

Der nchste Morgen verging in Geschften, deren Besorgung Richards Ankunft
nthig gemacht hatte. Zehn Mal wollte ich Arthurine sehen; aber immer war
ich durch etwas, das dazwischen kam, abgehalten worden. Es war nach der
Theezeit, als ich in's Haus trat. Im Drawing-room sa Margareth, eine
frische Novelle verdauend. Wo ist Arthurine? fragte ich.

Im Theater mit Mama und Mister Moreland, war die Antwort.

Im Theater mit Mama und Mister Moreland! Man gab Tom und Jerry[31], ein
horribles Lieblingsstck der aufgeklrten Kentukier. Ich hatte die erste
Scene in Caldwells Theater zu New-Orleans gesehen, und daran genug gehabt.

    [31]: =Tom und Jerry=, Burlesque oder Posse.

Frwahr! das heit sich aufopfern, sprach ich rgerlich.

Die Edle! versetzte Margareth. Mister Moreland kam zum Thee, und drckte
ein so lebhaftes Verlangen aus...

Da sie nicht umhin konnte, mit ihm zu gehen, und ein Paar Stunden sich zu
rgern und zu ghnen.

Ihrem sen Zauberreize wird es vielleicht gelingen, Mister Moreland
beizubringen -- lispelte sie.

Ja, das ist's, dachte ich. Eine Anwandelung von Eifersucht wre lcherlich
gewesen. Er fnfzig Jahre, sie siebzehn. Ich empfahl mich, und eilte zu
Richard.

So zeitlich? frug er lachend.

Sie ist mit Moreland und Mama im Theater.

Richard schttelte den Kopf. -- Du hast dem Alten gestern ein Wespennest in
den Kopf gesetzt. -- Sieh' zu!

Ich mchte gerne sehen, wie sie sich an seiner Seite ausnimmt, sprach ich.

Wohl! ich begleite dich. Je eher du geheilt bist, desto besser. Aber nicht
lnger als zehn Minuten.

Wer htte es auch lnger aushalten knnen in diesen Whiskydnsten und
Tabaksqualm! Es war im Bowery-Theater. Die Lichter schwammen, als ob sie im
Nebel hingen, und von der Gallerie regnete es Orange- und Aepfelschalen
auf uns herab, andere Dinge zu verschweigen. Der liebe Tom war so eben
in seiner Forcepartie begriffen. Ich blickte auf, da sa die liebreizende
Arthurine, so gemthlich mit dem alten Moreland plappernd, da mir Hren
und Sehen verging. Eine dreiigjhrige Ehefrau htte nicht anstndiger
ihren Platz einnehmen knnen.

Das ist ein gescheidtes Mdchen, versicherte Richard, die sieht auf die
Dollars, und wrde den alten Hickory nehmen, wenn er Lust und mehr Geld
htte, trotz Tabakspfeife und Whisky.

Ich erwiederte kein Wort.

Wenn du kein solcher Hasenfu wrest, meinte Richard, so wrde ich sagen:
Lasse sie fahren, und bermorgen gehen wir ab.

Noch acht Tage, versetzte ich mit schwerem Herzen.

Wieder betrat ich am folgenden Abend, Schlag sieben Uhr, mein Elysium, das
mir allmlig zum Tartarus wurde. Wieder sa Margareth einsam ber einem
Roman.

Und Arthurine? fragte ich mit zitternder Stimme.

Ist mit Mama und Mister Moreland gegangen, Mi Fanny Wright zu hren.

Mi Fanny Wright zu hren, die Atheistin, die Revolutionistin? Das war doch
wirklich toll. Wer htte so etwas auch nur trumen sollen? Diese Mi Fanny
Wright war gescheut von unsrer fashionablen Welt, wie eine Pestkranke.

Mister Moreland, lispelte Margareth, sprach mit so vielem Lobe von ihrem
entzckenden Vortrage, da Arthurines Neugierde geweckt wurde.

Ja, ja; versetzte ich.

O, Sie kennen nicht das edle Mdchen. Fr ihre Schwester wrde sie das
Leben aufopfern. Sie ist meine einzige Hoffnung.

Schn, schn! sprach ich, indem ich meinen Hut zerkneipte, und mich nach
der Thre umsah.

Endlich am folgenden Morgen lie es mich nicht mehr ruhen, und kaum hatte
die Glocke eilf geschlagen, so stand ich vor der Thre. Beide waren denn
doch ein Mal zu Hause. Arthurine schwebte mir mit holdem Lcheln entgegen.
Auf ihrem Antlitz sa ein gewisses Etwas, das mich stutzen machte. Ich
drckte ihr die Hand; sie sah mich zrtlich an.

Es scheint, Sie haben sich gut unterhalten, begann ich nach einer Pause.

Das Neue hat Reiz fr mich. Ich htte wahrhaftig nicht geglaubt, da ich
noch eine Schlerinn der Mi Fanny Wright werden wrde, sprach sie lachend.

Wenigstens kein groer Sprung von Tom und Jerry, sprach ich.

Respect vor Tom und Jerry, die wir patronisiren, Mister Moreland nmlich
und meine Wenigkeit, lachte sie.

Wahrlich diese Verschwrung gegen guten Geschmack htte ich meiner
Arthurine nicht zugetraut, erwiederte ich ziemlich ernst.

Meiner Arthurine! meiner Arthurine! schmollte sie. Sieh da, welche Rechte
sich der Herr anmat. -- Wir leben in einem freien Lande.

Es war Scherz und Ernst in dem lieblichen Gesichte. Ich sah sie forschend
an.

Wissen Sie, schckerte sie, da ich Moreland ganz lieb gewonnen habe. --
Er ist ein so gemthlicher, reeller Charakter, und hat gar nichts von dem
Ungestmen.

Und fnf Mal hunderttausend Dollars, fgte ich hinzu.

Eben das ist seine schnste Seite. -- Denken Sie nur an die Blle, lieber
Howard. Sie werden doch hoffentlich auch kommen. -- Und dann Saratoga;
nchstes Jahr vielleicht London oder Paris. -- O, es wird prchtig sein!

Schon so weit gediehen? fragte ich mit bitterm Spotte.

Und Sissi ist erlset. Nicht wahr Margareth? Und sie flog an den Hals der
Schwester, und die beiden Mdchen herzten und kten sich. Ich wute nicht,
sollte ich lachen, oder weinen.

Dann mu ich gratuliren, sprach ich mit einem Lachen, das mich ziemlich
albern kleiden mute.

Gratuliren Sie! sprach Arthurine, gegen mich zutanzend. -- Heute um zehn
Uhr hat Mister Moreland seine Bewerbung von Margareth auf mich feierlichst
bergetragen.

Und Sie?

Wir haben natrlich, in Anbetracht seiner vielen Liebenswrdigkeiten,
beschlossen, den Antrag fr einstweilen _ad protocollum_ zu nehmen. Sie
wissen, _decorum_ gebietet, da man sich wenigstens ein Paar Tage ziere.

Sind Sie in Scherz oder Ernst, liebe Arthurine?

Ganz im Ernste, lieber Howard!

So leben Sie wohl.

_Farewell for ever if for ever fare thee well!_ lachte und seufzte sie. Auf
der Stiege begegnete mir die geturbante Ma. Sie zog mich geheimnivoll in's
Parlour.

Sie haben Arthurine gesehen? Nicht wahr ein liebes, treffliches Kind? O,
das Mdchen ist unsre Freude, unser Trost. Mister Moreland! der scharmante
Mister Moreland! -- Nun da es sich so gut gefgt hat, wollen wir auch mit
Margareth ein Auge zudrcken.

Es ist also wahr!

Nun, als Hausfreund kann ich's Ihnen schon zuflstern; aber die Welt,
natrlich, vor der mu es noch ein Geheimni bleiben. Mister Moreland hat
um sie frmlich angehalten.

Um wen?

Je nun, um Arthurine.

Schn! Schn! erwiederte ich, mich zur Thre hinausdrngend, und die Gasse
hinaufrennend, als wre ich dem Tollhause entsprungen.

Richard, rief ich meinem Freunde zu, wollen wir abreisen?

Gott sei Dank! so ist's denn vorber das Newyorker Fieber. Nun gehst du auf
ein Paar Monate mit mir nach Virginien.

Ja, versetzte ich.

Als wir am folgenden Morgen dem Dampfschiffe zufuhren, kam Staunton
hervorgerannt. Wnsche mir Glck, ich habe nun das Jawort!

Und ich den Korb! versetzte ich lachend. -- Werde kein Narr sein, und
mir den Hals eines Mdchens wegen abreien. Aber, trotz meiner spahaften
Worte, htte mir das Herz im Leibe zerspringen mgen. Ich hatte sie so
lieb, die kleine Hexe.




Eine Nacht

an den

Ufern des Tennessee.


Knnt Ihr uns wohl sagen, ob wir noch weit von Browns-Fhre sind? fragte
ich einen Mann zu Pferde, der gemchlich in einem engen Karrenpfade auf uns
zugetrabt kam.

Es war an den Ufern des Tennessee[32]; die Nacht rckte bereits heran; die
Nebel hingen ber Wald und Flu, und verdichteten sich zusehends. Die ganze
Landschaft hatte ein verwildertes, chaotisches Aussehen. Es war unmglich,
fnf Schritte weit zu sehen.

    [32]: =Tennessee=, der Hauptflu des Staates Tennessee, ergiet
    sich beilufig dreiig Meilen oberhalb des Ohio in den Missisippi.

Beinahe so lange, wie diese Digression, war die Pause des Reiters. Endlich
erwiederte er in einem Tone, der, seiner sonderbaren Modulation nach zu
schlieen, von einem Kopfschtteln begleitet sein mute:

Der Weg nach Browns-Fhre? -- Vielleicht meint ihr Coxesfhre?

Nun denn, Coxes-Fhre! erwiederte ich ein wenig ungeduldig.

Ja, der alte Brown ist todt, sprach der Mann, und Betsi hat den jungen Coxe
geheirathet, einen verdammt wackern Jungen. Nun, ist er's nicht?

Das wissen wir nicht, erwiederte ich; aber was wir gerne wissen mchten,
ist, ob wir noch weit von seiner Fhre, und auf dem rechten Wege sind.

Ah! der Weg zu seiner Fhre -- da liegt eben der Haken, Mann; ihr seid gute
fnf Meilen davon entfernt, und mgt eben sowohl den Ohren euers Gaules
eine andere Richtung geben. Ich vermuthe, ihr seid fremd in dieser Gegend?

Alle Teufel, wisperte mein Freund Richard. Gott gnade uns! wir sind in den
Hnden eines Yankee. -- Er vermuthet bereits.[33]

    [33]: =Vermuthet bereits=, _guesses already_. -- Die schnellste
    Weise, auf welche sich der amerikanische Brger der verschiedenen
    Staaten zu erkennen gibt, ist durch den Begriff, ich denke, ich
    vermuthe. Der Neuenglnder vermuthet, _guesses_; der Virginier
    und Pensylvanier _thinks_, denkt; der Kentukier kalkulirt,
    _calculates_; der Alabamer rechnet, berechnet, _reckons_.

Der Reiter hatte sich mittlerweile nher an uns herangemacht, trotz Dornen
und nassen Zweigen, die ihm von allen Seiten in's Gesicht schlugen. Er
stand nun neben unserm Pferde. Er war, so weit wir ihn in der Dunkelheit
beurtheilen konnten, noch ziemlich jung, hager, lang und dnnbeinig, mit
einem wahren Leichnamsgesichte auf seinem langen Rumpfe und metallenen
Knpfen auf seinem Rocke.

Und so habt ihr euch denn auf eurem Wege verirrt? sprach der Mann nach
einer langen Pause, whrend welcher der dichte Nebel sich ganz gemchlich
in einen eben so dichten Regen verwandelt hatte. Eine sonderbare Verirrung,
wo die Fhre nicht fnfzehn Schritte vom Wege abliegt, der breit und ebenen
Pfades hinab zum Flusse fhrt. Ein sonderbarer Irrthum wahrhaftig, aufwrts
den Flu, statt der Nase und dem Wasserlaufe nach zu gehen!

Was meint ihr damit? fragten wir beide zugleich.

Da ihr den Tennessee auf- statt abwrts, und auf dem Wege nach
Bainbridge[34] seid, erwiederte der presumptive Yankee.

    [34]: =Bainbridge=, ein Stdtchen unfern des Tennesseeflusses.

Auf dem Wege nach Bainbridge! riefen wir beide mit einer Stimme, in welcher
Staunen und Verblfftheit sich so deutlich aussprachen, da unser Yankee
fragte:

Und ihr hattet nicht im Sinne, nach Bainbridge zu gehen?

Wie weit ist das verfluchte Nest von hier? fragte ich.

Je, wie weit, wie weit? erwiederte der metallbeknpfte Mann. Es ist
nicht sehr weit, doch auch nicht so ganz nahe, als ihr vermuthen mchtet.
Vielleicht kennt ihr den Squire Dimple?

Ich wollte, euer Squire Dimple wre beim --, brummte ich, whrend mein
gelassener Reisegefhrte mit einem: Nein, wir kennen ihn nicht, antwortete.

Und wohin mag wohl eure Reise gehen? fing nun unser Peiniger an, der
wasserdicht zu sein schien.

Nach Florence[35], war die Antwort, und von da den Missisippi hinab.

Ja, eine hbsche Stadt, wie man sie nur im Lande finden kann. Nun, ist
sie's nicht? fragte der Yankee ganz naiv. Und ein guter Markt. Was ist der
Mehlpreis im Norden? Ihr kommt doch daher? man sagt, er sei sechs und vier
Levies[36], und Wlschkorn fnf und einen Fip[37], Butter drei Fips.

    [35]: =Florence=, die Hauptstadt von Alabama.

    [36]: =Levies=, [37]: =Fips=, so werden abgekrzt in den westlichen
    Staaten die 12 und 6 Centstcke genannt. Ein Cent ist der
    hundertste Theil von einem Dollar.

Seid ihr toll? platzte ich halb wthend vor Aerger heraus, indem ich
unwillkrlich die Peitsche hob, uns da mit eurem Mehl und Butter und Fips
und Levies zu unterhalten, whrend der Regen in Strmen fllt!

Ei, war die Antwort des Mannes, der sich nun erst recht bequem in seinem
Sattel postirte: Wenn ihr Lust habt, Fuste oder die Stiele unserer
Peitschen zu messen, so kommt! Wollte den Mann sehen, der Isaak Shifty
ledern knnte.

Den Weg, den Weg, Mister Isaak Shifty! unterbrach ihn Freund Richards
besnftigend.

Wieder eine lange Pause, -- endlich fragte er: Ich vermuthe, ihr seid
Krmer?

Nein, Mann.

Und was drftet ihr wohl sein?

Die Antwort hatte eine neue Examination zur Folge. Seine Augen hingen ein
paar Minuten musternd auf uns; endlich fragte er: Und so habt ihr denn im
Sinne, den Missisippi hinabzugehen?

Ja, im Jackson, der, wie wir so eben gehrt, morgen abgeht.

Ein tchtiges Dampfboot, das mu wahr sein. Nun, ist es nicht? Aber ihr
werdet doch die Ding da mit eurem Gaul nicht mit hinab nehmen? fuhr unser
Yankee bedchtig fort, unsere Gig und Bespannung musternd.

Ja, das haben wir im Sinne.

Apropos, habt ihr nicht zwei Frauen in einem Dearborn gesehen?

Nein, das haben wir nicht.

Wohl denn, fuhr er in demselben gleichmthigen Tone fort, es ist nun zu
spt, nach Bainbridge umzukehren, und vielleicht drfte es auch gewagt
sein. So wendet denn euern Gaul, und folgt dem Wege, bis ihr zu einem
dicken Wallnubaum kommt; da theilt er sich. Nehmet den rechter Hand fr
eine halbe Meile, bis ihr zu Dims Zaun kommt, da mt ihr durch die Gasse,
dann rechts durch das Zuckerfeld ein vierzig Ruthen; schlagt dann in den
Weg linker Hand ein, bis ihr zum Genickbruchfelsen kommt; dort wendet euch
ja wieder rechts, wenn ihr nicht den Hals brechen wollt, wenn ihr berm
Bache seid, links, und das wird euch geraden Weges nach Coxes-Fhre
bringen. Ihr knnt nicht fehlen, schlo er im zuversichtlichen Tone, seinem
Gaule einen Hieb versetzend, der ihn in Trab und uns aus den Augen brachte,
so schnell es Koth und Gestrippe zulieen.

Wahrlich, ich mute whrend dieser nimmer endenden Directionen dem
franzsischen Rekruten hnlich gesehen haben, der zum ersten Male in seinem
Leben von seinem Exerciermeister der Ehre gewrdigt wird, die Relation von
den meilenlangen Schlangen und Crocodillen zu hren, die der graubrtige
Kaisergardist in Egypten gesehen, wie sie den Regimentstambour mit
Brenmtze, Backenbart und Commandostab sammt und sonders verschlungen. Ich
war so verblfft ber die Rechts und Links, da ich ganz vergessen hatte,
dem metallknpfernen Manne zu bedeuten, da es uns schlechtweg unmglich
sei, selbst den groen Wallnubaum in der Finsterni auszunehmen,
geschweige denn die Karrengeleise oder den Genickbruchfelsen.

Mein Blut ist eben nicht das khlste, und Geduld ist gerade meine
hervorragendste Tugend nicht; aber des Mannes unerschtterliches
Phlegma inmitten der Strme, die es go, wirkte so erschtternd auf mein
Zwerchfell, da ich in ein lautes Gelchter ausbrach. Kehret euch rechts,
dann links! Habt Acht auf den groen Wallnubaum, doch bewahrt euch vor dem
groen Genickbruchfelsen! rief ich in lustiger Verzweiflung.

Ich wollte, der Yankee wre beim T--l! sprach Richards. Doch ich sehe
wirklich nicht ein, was da zu lachen ist.

Und ich nicht, wie du so ernsthaft sein kannst.

Aber wie bei allen T--ln, wie konnten wir nur die Fhre verfehlen, und, was
das Schlimmste ist, denselben Weg zurckgehen, den wir kamen?

Je nun, erwiederte ich, diese hllischen Nebenwege und Viehpfade und
Karrenpfade und Scheidewege und der Sumpf: es ist ja schlechterdings
unmglich zu sehen, in welcher Richtung der Flu luft, und dann schliefst
du, wie du weit, und ich hatte auf Csar zu sehen.

Und ganz einzig hast du auf ihn gesehen, versetzte Richards rgerlich.
Denselben Weg zurckzugehen, den wir gekommen sind; nein, es ist zu toll--

Zu schlafen -- brummte ich.

Beinahe htte es verdrieliche Gesichter gegeben; doch da wir uns kannten
und herzlich liebten, hatten alle weitern Discussionen und Allusionen ein
Ende. Die Wahrheit zu gestehen, war unsere Verirrung eben kein so groes
Wunder. Es war in den letzten Tagen Mai's, als wir an den Ufern des
Tennessee anlangten. Die Gegend rings umher ist zum Verirren wie
eingerichtet. Der Weg schlngelt sich am hgeligen Felsenufer fort; jedoch
kein Berg ist zu sehen, auer einem leichten Umri der Appalachen[38], die
aus der blauen Ferne herberwinken, und des Grange, der riesenartig
recht als Wchter hinpostirt erscheint. Der dichte Nebel hatte uns diese
Leitsterne entzogen, gerade als wir ihrer am meisten bedurften. Wir
befanden uns in einer langen Fluniederung, einem ungeheuren Bottom[39], um
in der Landessprache zu reden, das als Zuckerfeld benutzt wurde, und gerade
so viele Karrenpfade zhlte, als es Eigenthmer hatte. Der Morgen war
ungemein heiter gewesen, doch Nachmittags hatten sich die sdlichen und
sdwestlichen Rnder des Horizonts mit grauen Dunstwolken berzogen,
die sich allmlig verdichteten und ber das Flubette des Tennessee
hinlagerten. Den grauen meilenbreiten Streifen ber dem Tennessee auf der
einen Seite, einen mit hundert Seitenwegen durchschnittenen Sumpf auf der
andern, konnten wir noch eine Meile vorwrts gehen, bis der Nebel, der
sich vom Flusse allmlig ber die Niederung hinzog, statt uns ber die
Muscleshoals[40] hinabzubringen, in den Sumpf brachte. So sicher war ich,
da wir uns in ihrer Nhe befanden, da ich jeden Augenblick auf die Fhre
zu stoen vermeinte, bis der unglckselige Yankee meinen Hoffnungen ein
Ende machte.

    [38]: =Appalachen=, die Alleghanygebirge werden im Sden so
    genannt.

    [39]: =Bottom=, Fluanschwemmung, jede fette Niederung oder
    Thalweite.

    [40]: =_Muscle shoals_=, Muschelbnke. Breiter Felsenriff oberhalb
    Florence, der sich in meilenweiter Breite und Lnge ber den ganzen
    Flu hinzieht.

Die Nacht war mittlerweile hereingebrochen; eine Nacht, so stockfinster,
so heillos, wie sie in dieser Jahreszeit hufig ber diese sdwestlichen
Hinterwaldssnder zur verdienten Strafe ihrer Missethaten kmmt. Ich wollte
eben so gern auf den Newfoundlandsbnken als in diesem Sumpfe gewesen
sein, der recht dazu gemacht war, uns mit dem Fieber zu beschenken. Die
breitschweifigen Direktionen des Yankee waren, wie es sich von selbst
versteht, lange vergessen. Es wrde Eulenaugen erfordert haben, auch nur
einen Baum zu unterscheiden; ja das Gelchter dieser lieblichen Thiere, der
Nachtigallen dieser Gegend, und der Umstand, da ein paar wthend auf uns
angeflogen kamen, berzeugte uns, da sie ihren Weg eben so verfehlt hatten
wie wir. Wir waren jedoch auf alle Flle bler daran, und zwar in vieler
Hinsicht. Der Karrenpfad schlngelte sich lngs dem Wasser, und hufig
so nahe an diesem hin, da ein Fehltritt uns ganz gemchlich in die Tiefe
hinabstrzen konnte, was bei dem augenscheinlichen Steigen der Gewsser
uns eine gerade nicht sehr angenehme Aussicht auf ein ziemlich wriges
Nachtlager vor Augen hielt.

Ich glaube es ist am besten, wir steigen aus, hob ich an, oder wir mgen
unser Nacht- und vielleicht Sterbelager im Tennessee finden.

Keine Gefahr! erwiederte Richards; er ist ein alter Virginier (hiermit war
unser Gaul gemeint). Ein Sto jedoch, der unsere Rippen und Beine krachen
machte, und uns bei einem Haare rcklings aus der Gig geworfen htte,
machte dem lakonischen Lobe Csars, der sich auf die Hinterfe geworfen
hatte, ein Ende.

Etwas mu im Wege sein! rief hier Richards; nun ist es Zeit uns umzusehen.

Wir thaten so, stiegen aus der Gig, und fanden einen gewaltigen Wallnubaum
ber unserm Wege liegend. Unsere Reise hatte ihr Ende erreicht. Den
ungeheuern Stamm zu passiren, oder die Gig darber zu bringen, war eine
absolute Unmglichkeit; die Aeste, die zwanzig Schritte in jeder Richtung
vorragten, hatten unserm Csar eine ziemlich ernstliche Warnung ertheilt.
Das Wagengeleise war zudem so enge, da an ein Umwenden der Gig gar nicht
zu denken war. Wir muten wie die Krebse zurck. Richards versuchte es, den
Scheideweg zu finden, und ich, die Gig zurckzuschieben.

Wir hatten uns jedoch mehr vorgenommen, als wir leisten konnten. Kaum war
ich mit dem rechten Fue aus dem Geleise, als mein Mantel bereits an einem
ellenlangen Dorne hing. Mit heiler Haut durch diese undurchdringliche
Wildni zu kommen, war blo fr einen Geharnischten mglich. Ich entledigte
meinen Mantel seiner Haft, und tappte mich schleunig wieder zum Wagentritt.
Freund Richards kam nach einer Weile mit den Worten:

Das ist die schndlichste Wildni im ganzen Westen; kein Weg, kein Steg,
Sumpf ber die Ohren, und um mein Migeschick voll zu machen, so habe ich
meinen Monroestiefel[41] im Schlamm verloren.

    [41]: =Monroestiefel=, Halbstiefel; vom Prsidenten Monroe so
    genannt.

Und ich denke, in meinem Mantel giebt es so viele Lcher, als Dornen an
diesem verwnschten Akazienbaume, erwiederte ich trostweise. Dies waren die
letzten Worte, die noch halb und halb gute Laune athmeten; denn nun waren
wir bis zur Haut durchnt, und ich glaube wirklich, da unter allen
mglichen Situationen eine nasse die zum Scherzen am wenigsten geeignete
ist. Den Beweis liefern beide, die Franzosen und ihre Antipoden, die
Hollnder. Die erstern nmlich werden nur immer in heien Juni- oder
Julitagen rappelkpfisch, und die letztern sind bekanntermaen nichts
weniger als scherzhafte oder gutgelaunte Leute, ein Mangel oder, wie man es
nehmen will, eine Tugend, die ohne Zweifel ihrem Vegetiren zwischen Dmmen
und Morsten und Kanlen zuzuschreiben ist. Was nun mich betrifft, so liebe
ich ein miges Abenteuer, vorausgesetzt es komme nicht gar zu hoch, und
verabscheue eine monotone langweilige Qukerreise, wo Alles zahm und kalt
und scheu und verschlagen sich hinzieht, wie diese guten Leute selbst; aber
in einem Ahornsumpfe von Nacht und Fluthen berfallen zu werden, und
auf der einen Seite nicht drei Schritte den bis zum Rande angeschwellten
Tennessee, auf der andern undurchdringliche Wildni, vorne einen Colo von
Wallnubaum zu haben und nicht rckwrts zu knnen -- wahrlich! mit all
meiner Achtung vor Abenteuern, es war kein Scherz.

Wohl, was ist nun zu thun? fragte Richards, der sich in eine echt
theatralische Stellung versetzt hatte, den stiefellosen Fu auf den
Wagentritt stmmend, whrend der andere im Kothe stak.

Wir spannen Csar aus und ziehen die Gig zurck, versetzte ich mit meiner
gewhnlichen Krze.

Wollte der Himmel, unsere Aufgabe wre eben so kurz gewesen; aber Wnsche
gehen selten oder nie in Erfllung. Wir machten uns jedoch daran, und
schoben und hoben und trugen mit unsglicher Mhe unsern Wagen beilufig
zwanzig Schritte zurck, wo sich ein offenes Pltzchen zeigte. Freund
Richards erfreut sich sehr gesunder Lungenflgel, und auch die meinigen
sind nicht die schwchsten. Hatten wir es nun diesen zuzuschreiben oder
unserm gnstigen Gestirne, kurz, unsere Conversation mit Csar wurde
pltzlich durch ein lautes Hallo unterbrochen, das dicht vor uns
erschallte.

Leser! hast du je einer hitzig bestrittenen Wahl beigewohnt, und deine zehn
oder hundert Dollars patriotisch auf deinen Schtzling gesetzt, und hast du
nun pltzlich und auf einmal im Schweie deines Angesichtes, wo dir bereits
alle fnf Sinne im Branntwein und Tabaksdampfe vergingen, den Ausspruch
gehrt, der dir zu deinen hundert Dollars mit hundert Prozent verhilft;
hast du dieses je erfahren, dann, und nur dann, kannst du dir eine Idee von
der freudigen Rhrung machen, die unsre kalten Busen pltzlich erwrmte.
Das Hallo war so echt yankeeisch wiedergegeben, da die Nebel brachen,
und die ganze rothe Generation, die in diesem Sumpfe schlummerte, erwachen
konnte.

Und nun, Geduld um's Himmelswillen! sprach Richards, und halte wenigstens
eine Viertelstunde das Maul, sonst verdirbst du alles wieder mit diesem
heillosen Yankee.

Besorge nichts, erwiederte ich, dessen heies Blut bereits ziemlich durch
das Schauerbad abgekhlt war, nicht zu gedenken der Aussicht, die ganze
Nacht in diesem jammervollen Loche zuzubringen. Gerne wrde ich dem zhen
Tagdiebe Auskunft ber alle Butter- und Kartoffeln- und Mehlpreise in
diesen unsern Staaten gegeben haben, mit der einzigen Bedingung, da er uns
so bald als gefllig aus diesem Fieberpfuhle erlse.

Er war es wie er leibt' und lebte. Er hatte in wahrer Conecticutmanier
bereits ein paar Minuten vor uns angehalten, ohne eine Sylbe von sich zu
geben. Beinahe schien es, als ob er sich an unserer Verlegenheit weide, und
gerade nicht in grerer Eile sei, uns aus unserem Drangsale zu erlsen.
Was uns betrifft, so hatten wir alle Ursache auf unserer Hut zu sein. Die
sauertpfische Vogelscheuche schien eben nicht Spa zu verstehen. Freund
Richards brach endlich das Stillschweigen mit den Worten: Schlimmes Wetter!

Das knnte ich eben nicht sagen, erwiederte der Yankee.

Ihr habt nicht den zwei Frauen begegnet, denen ihr entgegen geritten?

Nein, ich vermuthe, sie werden in Florenz bei Cousine Kate bleiben.

Ihr habt nicht im Sinne, dahin zu gehen? fragte wieder Richards.

Nein, ich will heim. Doch, ich dachte, ihr wret bei dieser Zeit an der
Fhre.

Das wren wir vielleicht auch, wenn eure Wege besser, und statt
Wallnubumen Steine in den Lchern wren, versetzte Richards lachend.

So habt ihr also heute nicht Lust zur Fhre?

Wir haben wohl das Wollen, aber das Vollbringen, Freund, ihr wit, das ist
die Hauptsache.

Ja, so ist es, sprach der Mann mit einer wahren Schulmeistermiene. Nun,
wenn ihr zurck nach Bainbridge wollt, so knnt ihr mit mir; am besten wre
es, ihr berlieet mir die Zgel, und meine Mhre mag hinten nachlaufen.

Es dauerte wohl noch gute fnf Minuten, ehe der unausstehlich langsam
pedantische Geselle mit seinen Vorbereitungen zu Ende war. Endlich zu
unserer groen Freude saen wir zu Dreien in der Gig.

So waren wir denn nach fnfzig Hin- und Herfragen, die einem Londoner
Protokollisten Ehre gemacht haben wrden, in eine Art von Allianz mit
Mister Isaak Shifty getreten, und waren glcklich auf dem Wege nach einer
der hundert famsen Stdte Alabamas, die sammt und sonders nicht ihres
Gleichen in den Vereinten Staaten hatten.

Ich wei nicht wie es kommt, da ich mich stets in meinen Erwartungen
getuscht finde. Ich hatte gehofft, die Entfernung zwischen dem
verwnschten Ahornsumpfe und unserm zu erreichenden Zufluchtsorte wrde
in einem billigen Verhltnisse zur Annehmlichkeit unsers Lotsen, das heit
nicht sehr gro sein. Sie schien mir jedoch ungeheuer, und Horaz's Ungeduld
whrend seines famsen Spazierganges war ein Kinderspiel gegen die meinige.
Unser Yankee hatte berflssige Mue, gleich dem rmischen Schwtzer,
wenigstens ein Dutzend verschiedene Subjekte und Objekte zu berhren. Das
erste, an dem er sich versuchte, war natrlicher Weise seine eigene werthe
Person. Aus der hingeworfenen biographischen Notiz war zu ersehen, da er
von Conecticut, und zwar von einem gar nicht unebenen Stamme, entsprossen,
da seine ursprngliche Laufbahn die eines Schullehrers gewesen, da er
jedoch diese Carriere mit einer weniger ehrenvollen, nmlich der eines
Hausirers, vertauscht, von diesem zum Krmer und Ladenbesitzer avancirt,
und nun ein gemachter, ja ganz respectabler Mann geworden, wie er modest
uns beizubringen nicht unterlie. Zunchst kamen die Kaufmannsgter, die
er bereits in seinem Laden gehabt und noch hatte, mit mehreren Seitenhieben
auf einen Mister Bursecut, der sich zu seinem Rival aufzuwerfen nicht
entbldet, und den der Himmel selbst fr seine Vermessenheit durch
den Untergang von einem Dutzend Messern und Gabeln und Schuhen auf
den Muscleshoals zu bestrafen nicht versumt. Dies gab sofort wieder
Veranlassung von den tausend und einem Migeschicken zu reden, die sich
auf diesen weit und breit berhmten Muschelbnken ereignen, und von diesen
mute er natrlich auf die verschiedenen Transportgelegenheiten kommen,
deren sich Alabamas erleuchtete Bewohner zu bedienen fr gut erachten, als
da sind: Dampfschiffe und Kielbte und Barken und Flatboats oder Flachbte,
oder Breithrner, oder Archen, wie sie auch genannt werden; diesen rckten
die bedeckten Schlitten, die Fhren, die gewhnlichen Bte, die Dugouts,
und schlielich die Canoes nach. Unser Yankee berging nun in den
Canalisationsplan, mittelst welchem die Gewsser des Tennessee mit, der
Himmel wei welchem Meere verbunden werden sollten. Es war ein monstrser
Plan; so viel erinnere ich mich noch; ob aber die Vereinigung blo mit
Raritan-Bay[42] oder weiter herum mit dem Connecticutflusse[43] statt
haben sollte, ist mir rein entfallen. Endlich kamen wir, zu unserer
unaussprechlichen Freude, auf die Historie von Bainbridge; ein sicheres
Zeichen, bildete ich mir ein, da wir uns dem Ziele unserer Reise nherten;
doch selbst dieser Freudenstrahl, so gemigt er war, sollte, gleich dem
langersehnten Leuchtthurme, noch eine gute Weile unsere Geduld in Anspruch
nehmen, bevor wir in den erwnschten Hafen einlaufen konnten. Wir hatten
zuvor noch die ganze Topographie dieses berhmten Platzes zu hren, wie er
in rechten Winkeln ausgelegt, und wie blhend und gewerbsam er sei, und ob
wir nicht Lust htten uns niederzulassen; er, nmlich Mister Shifty, habe
ein Dutzend ganz herrliche Baustellen, und wie die Stadt bereits drei
Wirthshuser enthalte, just die gehrige Proportion zu den zehn Husern
oder Nestern, die Bainbridge bildeten; zwei dieser Wirthshuser oder
Schenken wren jedoch vollgepfropft mit Mnnern; es sei ein Canva[44]
zur Wahl von Florenz, und die dritte sei nicht viel von einer Schenke und
gerade nicht die wohnlichste.

So lautete der Bericht des Mister Isaak Shifty, als das Wort Canva,
_electioneering_[44], demselben pltzlich ein Ende machte.

    [42]: =Raritan-Bay=, die Meeresbucht, die sich gegenber Newyork
    gegen Newjersey hin zieht, und beide Staaten von einander trennt.

    [43]: =Connecticut=, der Hauptflu des Staates Connecticut, der
    an Newyork grnzt. Die Entfernung vom Staate Tennessee betrgt
    wenigstens sechshundert Meilen in gerader Linie.

    [44]: =Canva=, _electioneering_. Jeder Wahl geht bekanntlich eine
    Bewerbung, Candidatur, Canva, _electioneering_ voraus. Zuweilen
    ist diese Candidatur ein wenig strmisch.

Eine Wahlvorbereitung! stammelte Richards.

Eine Wahl -- stotterte ich. Wahrlich, das Wort erstarb mir auf der Zunge
bei dieser furchtbaren Nachricht. Eine Wahl in Alabama, das selbst im
alten Kentuck mit dem Ehrennamen Hinterwlder bezeichnet ist. -- Lebt wohl,
Abendessen und Schlaf, und Bette und Stube und frische Wsche, nach einer
so horriblen Tour.

Wir hatten nicht Zeit eine Sylbe mehr zu sagen, denn unser Csar, der
sich seit geraumer Zeit durch ein Schlamm-Meer hindurchgearbeitet, stand
pltzlich still. Ein matt erzitterndes, in einer Atmosphre von Tabaksrauch
schmachtendes Talglicht, und das Gebrlle von zwanzig Kehlen bezeichnete
uns den Hafen. Ein Sprung brachte uns auf etwas festern Grund. Whrend
Richards Csar an den Pfosten band, schritt ich der Thre zu, als ich beim
Zipfel meines Mantels gefat wurde.

Hier nicht, hier nicht! die ist das Haus, wo ihr einkehren mt! rief
Mister Isaak Shifty, beinahe ngstlich auf ein nahestehendes Mittelding
zwischen Haus und Htte deutend.

Kehre dich nicht nach ihm, wisperte ich Richards zu, froh, des
unertrglichen Wichtes doch einmal ledig zu sein. Bereits war meine Hand an
der Klinke, und wir traten ein.

Da saen sie, ihre Fersen auf dem Tische, und standen, die nmlich, die
noch stehen konnten, und taumelten und brllten. Bei meiner armen Seele!
ich wollte, ich wre irgend anderswo gewesen, statt in dieser werthen
Nachbarschaft. Richards trat zuerst in den Haufen. Ich staunte ber seine
Khnheit, des stiefellosen Fues gedenkend; die launigen Zecher schienen
Lust zu haben, uns ihre geschliffenen Manieren zu beweisen. Sie machten
Platz links und rechts, und lieen uns so eine fubreite Allee von sechs
Fu und eben so vielen Zollen hohe Palisaden passiren, whrend sie uns
vom Kopfe zu den Fen musterten. Das Migeschick meines Freundes entging
jedoch ihren Luchsaugen, als dieser recht feierlich an den Schenktisch
herantrat und, sich dem Knuel von halb Ro- halb Alligatorgesichtern
zuwendend, ausrief: Ein Hurrah fr Alt-Alabama[45] und der Henker soll den
Wegmeister von Bainbridge County holen.

    [45]: =Alt-Alabama=, der Staat Alabama.

Bist du toll? flsterte ich ihm zu.

So will ich doch erschossen sein, wenn er nicht das Mal diese fnf Knchel
auf seinen Leichnam eingedrckt fhlen soll, brllte eine Stimme, die aus
einem Mammuthsrachen ertnte, der sich so eben anschickte, ein halbes Pint
Monongehala zu verschlingen.

Ehe jedoch der vierschrtige Goliath seine Drohung in Ausfhrung brachte,
leerte er noch ganz gemchlich seine halbe Pint Whisky, und schritt hierauf
vorwrts, seine flache Hand auf die Schulter Richards mit einem Gewichte
legend, der dem Armen das Aussehen eines Gehenkten oder Verrenkten gab.
Zugleich starrte ihm der Gewaltige mit einem Ausdrucke ins Gesicht, in
dem sich die natrliche Hrte seiner scharfen Zge und Eulenaugen nichts
weniger als lieblich malte.

Und der Henker hole den Wegmeister von Bainbridge, wiederhole ich! rief
Richards halb ernst und halb lachend, indem er zugleich den berkothigen
stiefellosen Fu auf den Stuhl hob. Da seht einmal, Jungens! er ist beim
--, mein Stiefel nmlich; der verwnschte Sumpf zwischen hier und der Fhre
war so hflich, mir ihn abzuziehen.

Ein Gelchter erschallte, das unfehlbar die Fenster eingedrckt haben
wrde, wren Glasscheiben darinnen gewesen. Glcklicher Weise waren sie
mit Fragmenten, alten Inexpressibles und einstmaligen Rcken und Rckchen
ausgestopft.

Kommt Jungens! rief Richards; es ist nicht schlimm gemeint; aber
sicherlich, ich verlor meinen Stiefel in diesem hllischen Sumpfe.

Es war das glcklichste Impromptu, das je mde Wanderer in eine hnliche
Gesellschaft eingefhrt; Friede, Harmonie und Freundschaft waren mit einem
Male hergestellt.

So mag ich wie eine Rothhaut erschossen werden, wenn das nicht Mister
Richards von Alt-Virginien und nun vom Missisippi ist, rief unvermuthet
derselbe frchterliche Goliath, der so eben seine flache Hand auf die
Schulter Richards gelegt hatte, whrend sein halb wilder Blick sich in ein
launiges Grinsen umwandelte. Mge ich nie eine Flasche echten Monongehalas
ber meine Lippen bringen, wenn ihr nicht eine Pint mit Bob Shags dem
Wegmeister leeren mt.

So war es denn der selbsteigene Dignitair, den Freund Richards so auf das
Haar getroffen, obgleich mit Gefahr seines Schulterblattes.

Ein Hurrah fr Alt-Virginien! brllte der Meister der Wege, indem er zu
gleicher Zeit in ein Stck Kautabak von diesem unserm famsen Staate bi.
Kommt Mister, kommt Doktor! sprach der Mann, whrend er ihm mit der einen
Hand eine Rolle Tabak, mit der andern das Pintglas hinhielt.

Doktor! wiederholte der vereinte Chorus der Assemblee.

Ein Doktor! riefen sie nochmals.

Ein Mann, der Gewalt ber Gin und Whisky[46] hat, dessen Ausspruch als ein
unantastbares Veto selbst gegen einen Smaller[47] erachtet wird, ist keine
geringe Person in diesen fieberischen Gegenden. In diesem Falle hatte die
Doktorschaft den doppelten Nutzen, uns von den gewaltigen Pintglsern
zu befreien, und uns zugleich zu privilegirten Besuchern zu machen;
ein Umstand, der von Bedeutung in einer Wirthsstube ist, die sich der
ausgezeichneten Ehre erfreut, das Hauptquartier einer Wahlpartie zu sein.

    [46]: =Gin, Whisky.= In den V.St. wird jeder Kornbranntwein
    Whisky genannt; Gin ist der aus Holland importirte sogenannte
    Wachholder-Branntwein.

    [47]: =_Smaller_=, =_a small one_=, ein kleineres, ein kleines --
    nmlich Glas -- mit gebranntem Wasser.

Csar war es zuerst, der positive Vortheile von dieser Entdeckung erntete.
Bob hatte sich einen Augenblick aus der Stube verloren; er kehrte nun mit
einer wahren Protektorsmiene zurck.

Mister Richards! rief er zutraulich, Mister Richards! Mg ich erschossen
werden, wenn ihr nicht stets ein sensibler Mann waret, der mehr reelles
Blut im kleinen Finger hat, als ein Pferd zu schwemmen hinreichen wrde.
Ei, und ich will euch beweisen, da Bob Shags der Mann ist. Holla Doktor!
was ist euer Gaul fr ein Landsmann?

Ein echter Virginier, erwiederte Richards.

Den Teufel auch ist er's, schrie Bob; aber um euch meine Freundschaft
zu beweisen, so will ich ungesehen mit euch tauschen. Mg ich erschossen
werden, wenn ich nicht dabei geprellt bin. Na, ich bin herzlich froh,
euch wieder zu sehen. Bob Shags darf sich nicht scheuen, einem reellen
Gemman[48] ins Auge zu sehen. Kommt Jungens! Keinen Jimmaky[49]
und Slings[50] und Poorgun[51] und solch hndisches Gesufe; echten
Monongehala-Whisky! Hurrah fr Alt-Virginien! Apropos, wollen wir den alten
Virginier nicht besehen?

    [48]: =Gemman=, verdorben, Gentleman.

    [49]: =Jimmaky=, Jamaika-Rum.

    [50]: =Slings=, ein Gemisch von gebrannten Wassern, Zucker und
    Zitronen.

    [51]: =Poorgun=, Burgunderwein.

Nein, Bob, rief Richards lachend, eure Gromuth ist so echt alabamisch, da
ich unmglich mich dazu verstehen kann. Fr diesmal jedoch mu ich schon
meinen Alt-Virginier behalten. Er ist das Leibpferd meiner Frau.

Aber Swiftfoot, erwiederte Bob treuherzig und traulich, ist ein trefflicher
Trotter.

Geht nicht, war die Antwort, geht nicht; ich drfte mich nicht zu Hause
blicken lassen!

Bob bi sich in die Lippen; der fehlgeschlagene Pferdehandel hatte
mittlerweile das Gute, da er uns von den Whiskyglsern befreite. Bob
schien ganz seine Offerte mit dem Pintglase vergessen zu haben. Er hob es
zum Munde und leerte, so wahr ich lebe, den Inhalt mit einem Zuge.

Meine nassen Kleider fingen an schwer auf mir zu liegen; die Atmosphre war
stark geschwngert. Bob hatte mich einigemale schon angeblickt; nun fragte
er: Und wer mag der Mister sein?

Mein Name und Stand brachte mir eine Bewillkommung zu Wege, die
buchstblich Thrnen in meine Augen prete. Nach jedem Drucke sah ich, ob
nicht das Blut aus den Ngeln spritze. Wahre Brentatzen, rauh wie eine
franzsische Heerstrae.

Recht froh, Jungens, fuhr Bob im confidentiellen leisern Tone fort, da
ihr gekommen seid. Ich bin just daran, einen Versuch fr die nchste
Assembly[52]-Wahl zu machen, und ihr wit, es ist allzeit gut, einen
respectablen Ruf zu haben. Wie lange ist es, Mister Richards, da ich von
Blairsville weg bin?

    [52]: =Assembly=, das gesetzgebende Corps eines Staates.

Acht Jahre, war die Antwort.

Nein, Harry, wisperte der Wegmeister zutraulich, nein, mg ich erschossen
werden, wenn es mehr als fnf sind.

Aber, versetzte Richards, ich bin seit fnf Jahren unten am Missisippi, und
ihr wit--

Ah bah! meinte der Mann, fnf Jahre bei meiner Seele sind's, keine Stunde
mehr; versteht ihr? setzte er behutsam hinzu, wenn ihr gefragt werdet.

Der Candidat fr ffentliche Aemter hatte nmlich von seinem frheren
Aufenthaltsorte, dem Geburtsorte Richards, Reiaus genommen, von wegen
gewisser Miverhltnisse, in die er mit dem Sherif und Constable[53]
gerathen, und nachdem er einige Jahre herum vagirt, hatte er sich endlich
in Bainbridge County niedergelassen, wo er zu gedeihen schien, so viel
es nmlich Whisky und menschliche Schwachheit zulieen. Wir konnten nicht
umhin, beinahe laut ber die Wichtigkeit zu lachen, die uns Bob vor den
Seinigen zu geben fr rthlich fand. Theophrastus Paracelsus war ein
bloer Kesselflicker in Vergleich mit dem weit und breit berhmten Doctor
Richards; seine fnf und zwanzig Neger wuchsen zu hundert in dieser
hyperboreischen Lunge, und meine Wildni war unter Brdern fnfmal
hunderttausend Dollars werth. Es wre gefhrlich gewesen, dem gewaltigen
und verschmitzten Windbeutel zu widersprechen, da er stets bereit war,
seine Aussage mit seinen Brentatzen zu untersttzen.

    [53]: =Sherif=, =Constable=, der Ober- und Unter-Gerichtsdiener.

Endlich konnte Richards die Frage in dieses Gebrlle einschalten:

Ihr seid doch nicht willens, nun zu peroriren?

Mag ich erschossen werden, wenn ich's nicht thue. So wahr ich lebe, ich
will darauf und daran.

Wohl denn, da knnten wir vielleicht noch Kleider wechseln und unser
Abendmahl abfertigen? fragte Richards leiser.

Kleider wechseln? erwiederte Bob verchtlich, und warum dies, Junge? Nicht
wegen uns; seid sauber genug, gut genug fr uns, braucht euch nicht zu
geniren. Wenn ihr aber meint, so mgt ihr's thun. Holla Johnny! Und sofort
begann er seine Negoziationen mit Johnny dem Wirthe, der zu unserer groen
Freude einen Leuchter ergriff, und uns in eine Art Hinter-Parlour fhrte,
mit der Versicherung, da wir auf unser Nachtessen nicht sehr lange zu
warten haben wrden.

Kein anderes Zimmer, wo wir uns umkleiden knnten? fragte ich.

Ja gewi, versetzte der Publicaner; da ist die Dachstube; nur schlafen
meine Tchter mit einem Dutzend Mdchen darin; dann ist noch die Kche.

Ich sah betrbt darein; denn das Mdchen schickte sich so eben an, den
Tisch zu decken, und unglcklicher Weise war das Stbchen durch eine
offene Thr mit der Kche in Verbindung, aus welcher ein heilloser Lrm
erschallte. Ich htte Vieles fr einen viertelstndigen Besitz des Zimmers
gegeben. Mittlerweile sah ich mich nach unsern Porte-manteaux um.

Sechs kleine; es ist nicht Bffelleder, rief ein junger Stentor aus der
Kche herber.

Sechs kleine; es ist Rindsleder! schrie ein zweiter.

Ich mte mich sehr irren, wenn diese Bengel nicht unsere Porte-manteaux
so eben mit ihrer Untersuchung beehren, bemerkte Richards, indem er auf
die Kche hinwies.

Das wre doch zu toll, versetzte ich. Aber es war wirklich so. Nicht,
da wir in Besorgni gewesen wren, die Porte-manteaux zu verlieren oder
beschdigt zu sehen; aber sie aus ihren Klauen mit guter Art zu winden,
konnte nicht anders als durch einen gut angebrachten Spa geschehen.
Und ich frchte diese Spe. Man hat immer einen Arm- oder Beinbruch zu
riskiren. Die Kche war gesteckt voll; in der Mitte stand ein Haufe von
Jungen ber sechs Fu hoch, von denen einer ein brennendes Licht hielt.

Eine der sonoren Stimmen rief: Nein, ich zahle sicherlich nicht, wenn ich
nicht das Innere sehe.

Die jungen Gesellen debattirten so eben, ob der Ueberzug von den wilden
Bffel- oder den Ochsen-Species herrhre. Sie hatten sie bemerkt, als sie
in das Hinterparlour getragen wurden, und ohne weitere Umstnde sie zu
Objekten ihrer Wetten gemacht.

Es gilt sechszehn kleine! rief mein Freund, sie sind von Hirschhaut.

Sechszehn, sie sind es nicht! donnerten zehn Stimmen mit lautem Gelchter
zurck.

Wohl denn, es ist eine Wette, sprach mein Freund; doch lat uns zuerst
sehen, worauf wir gewettet haben.

Platz da fr den Gemman! brllte die Wettegesellschaft.

Es sind unsere Porte-manteaux, versicherte Richards lachend; nun freilich,
die sind nicht von Hirschhaut. Hier ist meine Wette.

Der Dollar hatte ein Hurrah zu Folge, das noch in meinen Ohren klingt;
aber er hatte auch zugleich den Vortheil, uns in den Besitz unserer
Porte-manteaux zu versetzen.

Eines war nur noch vonnthen, nmlich der ausschlieliche Besitz unserer
Stube fr eine Viertelstunde wenigstens.

Wir wnschen einen Augenblick allein gelassen zu werden, sprach ich zur
Dirne, die rasch und pausbckig aus- und eintrabte, zwanzig Tellerchen und
Teller mit Confituren, Gurken, rothen Rben, eingemachten Frchten auf den
Tisch stellend. Ich schlo die Thre, whrend Richards lchelnd bemerkte:
das ist gerade das sicherste Mittel, sie wieder offen zu haben.

Kaum waren die Worte heraus, als auch die Thre mit lautem Gelchter
aufflog.

Tail![54] schrie nun einer der lustigen Brder.

Head![54] entgegnete ein zweiter.

    [54]: =Tail= und =Head=, Kopf und Schweif; ein beliebtes
    Volksspiel. Eine Mnze wird in die Hhe geworfen, und je nachdem
    sie auf den Kopf oder den Adler fllt, gewinnt die eine oder die
    andere Partei.

Sie haben Lust zu einem zweiten Dollar, bemerkte Richards; wohl, wir mssen
ihnen schon ihren Willen thun.

Head! rief er.

Verloren! fiel der Chorus ein.

Da ist etwas zu vertrinken fr euch, sprach mein Freund, dessen
bewundernswerther Gleichmuth und gute Laune uns so glcklich durch alle
Irrwege des rohen Hinterwldlerlebens mit einer Leichtigkeit zu bringen
wute, die wirklich einen eigenen Reiz hatte. Wir schlossen nun die Thre,
und hatten hinlngliche Zeit, unsere nassen Kleidungsstcke mit trockenen
zu vertauschen. Wir waren noch nicht ganz mit unserm Ueberzuge fertig,
als ein leises Tappen an der einzigen Scheibe, mit der das Fenster des
Stbchens verziert war, unsere Aufmerksamkeit auf diesen Punkt hinlenkte.
Und wen sahen unsere Augen? Es war Mister Isaak Shifty, der bei unserm
Eintritte in die Wirthsstube uns den Rcken zu kehren fr gut befunden
hatte.

Gentlemen! flsterte der Mann, indem er eine zweite Scheibe ihres Inhaltes,
nmlich des Fragmentes einer alten Weste, entledigte, und dann bequem
seinen Mund hindurchsteckte, Gentlemen! ich war im Irrthume. Ihr seid nicht
zur Wahl gekommen, sagen unsere Spher, sondern vom untern Missisippi.

Und wenn wir es sind, was denn? erwiederte ich trocken. Sagten wir euch
nicht so?

Und so thatet ihr; aber ihr konntet mir auch einen Bren auf die Nase
gebunden haben. Und wie ihr seht, so werben sie hier zur nchsten Wahl, und
wir haben einen Widerpart in dem andern Wirthshause, und da wir wuten, da
sie zwei Mnner von unten herauf erwarteten, so dachten wir, ihr wret es
gewesen.

Und weil ihr uns so auf der unrechten Seite eures Weges glaubtet, lieet
ihr uns im Kothe stecken, mit der frhlichen Aussicht, das Genick zu
brechen, oder im Tennessee zu ersufen? bemerkte Richard laut lachend.

Das gerade nicht, versetzte der Yankee; wir wrden es freilich lieber
gesehen haben, wenn ihr im breiten Moraste bernachtet httet, im Falle ihr
die besagten zwei Mnner gewesen wret; aber jetzt wissen wir, woran wir
sind, und ich bin gekommen, euch mein Haus anzubieten. Hier wird's eine
gewaltige Frolic[55] geben, und vielleicht auch mehr. In meinem Hause mgt
ihr so ruhig schlafen, wie sonst in einem.

    [55]: =Frolic=, Lustbarkeit.

Das geht unmglich an, Mister Shifty, sprach Richards mit einem Blicke,
der, wenn des Yankees Augen ihre Schuldigkeit thaten, ihm gesagt haben mu,
da wir ihn durchblicken.

Die Klinke der Thre, die in die Kche fhrte, bewegte sich, und schlo
pltzlich unsere Unterhaltung. Die scharfen grauen Augen unsers Yankee
hatten abwechselnd uns und die Stubenthre bewacht, und kaum war die Klinke
hrbar gehoben, so fllte sich die Oeffnung am Fenster und der Kopf unsers
hospitablen Yankee verschwand wieder.

Er braucht uns, sprach Richards, weil er frchtet, unsre protegirende
Anwesenheit mchte Bob zu viel Gewicht geben. Du siehst, sie haben ihre
Spher; sollten Bob und die Seinigen es ausfindig machen, dann giebt es
ein reelles Balgen. Allerdings sind wir in einer wahren Squatter[56]-Hhle,
sehr unreputirlich, aber wir mssen aushalten.

    [56]: =Squatter=, buchstblich Einer, der sich breit auf seinen
    Hften niederlt; figrlich Ansiedler, die sich rechtswidrig auf
    Lndereien niederlassen.

Die Tafel war nun gedeckt und die Thee- und Kaffeekannen dampften. Es war
ein excellentes Souper, echte Alabama-Delikatessen. Fasanen mit Schnepfen,
oder, wie sie genannt werden, Woodcocks, ein herrlicher Hirschziemer, der,
ungeachtet des Jagdgesetzes, seinen Weg in Johnny's Behausung gefunden
hatte, und Waizen-, Buchwaizen- und Wlschkorn-Pfannkuchen. Wir hatten
bereits den ersteren Gerechtigkeit widerfahren lassen, und waren so eben
in Prfung der letzteren begriffen, die, zur Ehre von Bainbridge sei es
gesagt, kein Pariser Restaurateur htte trefflicher auftischen knnen, als
die Stimme Bobs in langem Gebrlle ertnte. Bob hatte seine Canva- oder
Candidaturrede begonnen. Es war hohe Zeit, unserm Souper ein Ende
zu machen, und in die Reihe der Zuhrer des gewaltigen Wegmeisters
einzutreten, unter dessen beschtzenden Fittichen wir bisher so ziemlich
wohl gefahren waren, das heit, ohne unsere Arme oder Beine gebrochen
zu haben. Die Hinterwldler-Etiquette forderte unsere Anwesenheit
diktatorisch, und wir, ihrem Ausspruche Genge zu leisten, erhoben uns
sofort von unserm Mahle und traten in die Versammlung.

Am Oberende der Tafel, und zunchst dem Schenktische, stand Bob Shags als
Prsident, Sprecher, Kandidat -- Alles in Allem. Ein Dintenfa, das vor
einer vierschrtigen Personnage aufgestellt war, bezeichnete den Sekretair.
Bobs Gesichtszge verfinsterten sich, als wir eintraten, zweifelsohne wegen
unserm spten Erscheinen; doch Cicero selbst htte kaum eine geschicktere
Wendung gegen den Erz-Conspirator Catilina nehmen knnen, als Bob bei
unserm Eintritte zu eigenen Gunsten einschlug.

Und diese Gemmen, fuhr er fort, knnten euch sagen, ja, und schwarz auf
wei beweisen, und Beweise geben von meiner Respectibilitt. Mag ich
erschossen sein, wenn sie nicht die beste ist, just so gut, wie die des
besten Mannes in den Staaten.

Nicht besser, als sie sein sollte! fiel eine Stimme ein.

Bob warf einen finstern Blick auf den Sprecher; doch das Lcheln desselben
schien gut gemeint, und alle brigen einverstanden. Bob rusperte sich und
fuhr fort:

Ei, wir brauchen Mnner, die nicht auf die Kpfe gefallen sind und
die schwarz von wei zu unterscheiden wissen, und sich nicht von der
Ministration[57] einen blauen Dunst vor Augen machen lassen, sondern unsere
angebornen Souverainettsrechte zu vertheidigen wissen. Mag ich
erschossen sein, wenn ich einen Zoll breit weiche, ei, nicht dem Besten;
vorausgesetzt, Jungens, ihr beehrt mich mit eurem Vertrauen und -- ja eben
das mt ihr, sonst--

Hier unterbrach den Redner ein donnernder Ausbruch der ganzen
Wahlversammlung: _Let's go the whole hog!_[58]

_The whole hog!_ bekrftigte Bob, seine beiden Fuste auf den Tisch
auflegend; das ist's Wahre! _The whole hog!_ -- das Volk -- ei so habe ich
nimmer gedacht! -- Nun, Jungens, glaubt ihr nicht, da unsere groen Herren
zu viel Geld kosten? Mag mich -- verdammen, Jungens, wenn ich's nicht um's
Drittel des Geldes eben so gut thue. Hrt nur! sechs Gespnne, jedes von
vier Gulen, htten vollauf zu ziehen, um nur das Silber wegzuschleppen,
das uns Johnny[59] und seine Ministration gekostet haben. Hier, Jungens,
ist es schwarz auf wei.

    [57]: =Ministration=, Administration, die executive Gewalt, der
    Prsident mit seinem Cabinette.

    [58]: =_Let's go the whole hog!_= eine etwas vulgaire
    Hinterwldler-Phrase; will so viel sagen, als: zur Hauptsache!

    [59]: =Johnny=, John Quincy Adams, dam. Prsid. d. V.St.

Bob hatte einen Bndel Papiere vor sich, die wir zuerst fr ein schmutziges
Sacktuch gehalten, die aber die County-Zeitungen waren, von denen eine ganz
sinnreich den Gehalt, welchen die eben abgehende erste Magistratsperson der
Union fr ihre Dienstjahre bezogen, auf Wagenladungen reducirt hatte,
-- das herrlichste Mittel, die Verschwendung ffentlicher Gelder recht
augenscheinlich darzustellen. Bob hielt inne, whrend sein Nachbar sich
die Brille aufsetzte und zu lesen anfing. Doch Alle fielen ein: Wissen es
schon, haben es schon gelesen! Zur Sache!

Nein, rief Bob, schaut nur einmal! Diplomatische Sendungen. Was soll
das bedeuten? Wen brauchen sie da zu senden? Da haben sie einen Ginral
Tariff[60] angestellt, der einer der tollsten Aristokraten ist, der je
lebte. Und der hat ein Gesetz passirt, in Folge dessen wir nicht mehr mit
den Britten Handel treiben sollen. Jeden Strumpf, jeden Messerstiel hat
der verhenkerte Aristokrat mit einem Einfuhrszoll belegt. Wo sollen wir nun
Flanelle hernehmen?

    [60]: =Ginral Tariff=, der allgemeine Tariff; hier von den
    Hinterwldlern fr einen General, mit Namen Tariff, genommen.

Hrt! Hrt! rief hier einer der Zuhrer, dessen rothes Flanellhemd wirklich
einer zeitigen Frsorge zu bedrfen schien.

Ferner, fuhr Bob fort, haben sie unserer Schifffahrt einen Schlepper
zum Vortheil ihrer Manufakturen angehngt. Ihren Manufakturen -- Mnner!
Souveraine, freie Brger! in den Manufakturen zu arbeiten!

Hrt! Hrt! ertnte von mehreren Seiten drohender.

Aber das, fuhr Bob geheimnivoll fort, ist noch nicht Alles. Nein, Jungens,
hrt und urtheilt! Ihr, die erleuchteten freien Mnner Alabamas, urtheilt
und seht zu! Ja, die Ministration und die Yankees! Wit ihr, was sie
thaten?

Hrt! Hrt! riefen neuerdings zwanzig Stimmen.

Nichts weniger haben sie gethan, fuhr Bob fort, als Kleidung, Munition,
Gewehre und Mehl und Whisky haben sie den Creeks[61] geschickt. Zwei volle
Schiffsladungen haben sie geschickt. Hier ist's! schrie Bob, eine andere
Zeitung auf den Tisch werfend.

    [61]: =Creeks=, =Greeks=. Die ersteren sind die bekannten Indianer
    im Staate Georgien; die letzteren die Griechen, denen bekanntlich
    in ihrem so sonderbar beendigten Freiheitskampfe bedeutende
    Untersttzungen von den Brgern der V.St. gesandt wurden.

Eine athemlose Stille herrschte whrend der furchtbaren Beschuldigung, die
nun Wort fr Wort verlesen wurde. Wir konnten beinahe das Lachen nicht
mehr verhalten; doch Noth gebot. Bob fuhr so eben fort: Und sie wollen sie
zurck ber den Missisippi, und wieder in Georgien, ja -- und in Alabama
gleichfalls haben. Und sie halten Reden und Versammlungen zu ihren Gunsten,
und sagen, da wir ihnen, diesen Creeks, unsere Aufklrung verdanken, und
sie haben bereits Huptlinge, als da sind Alexander, den sie den Groen
nennen, und Perikles und Plato, und derlei Namen, wie wir sie unsern Negern
geben. Ja, und diese verwnschten Rothhute fechten gegen einen andern
Huptling, den sie Sultan heien, und der auf der Trksinsel[62] irgendwo
gegen Osten hauset. Wo sollen wir unser Salz hernehmen?

    [62]: =Turksislands=, Trkeninsel; eine kleine Insel, von welcher
    die stlichen Staaten, Nord- und Sd-Carolina, Georgien etc. ihr
    Salz beziehen.

Der Sturm, der seit geraumer Zeit gebrauset, brach nun in ein Gebrlle aus,
das die Balken des Stammhauses in seinen Grundvesten erschtterte. Trotz
des beinahe unwiderstehlichen Kitzels hatten wir wacker an uns gehalten,
inmitten des tobenden Sturmes jedoch erscholl auf einmal ein lautes Lachen,
das von Bob und seinen Getreuen gehrt wurde. Der donnernde Ausruf: ein
Spher, ein Spion! war kaum von den Lippen des Gewaltigen ertnt, als der
ganze Knuel gegen die Thre strmte, durch welche sich ein Personnage
gestohlen hatte, die allerdings zu einem solchen Ehrendienste qualificirt
schien. Der unglckselige Wicht wurde gerade noch zu rechter Zeit
erschnappt und vor das hohe Tribunal gezogen. Sein Geheul brachte jedoch
bald das ganze Corps seiner Freunde, die in der nchsten Taverne in einem
hnlichen Geschft begriffen waren, zu seinem Beistande. Ein Kampf war nun
unvermeidlich, und diesem zu entwischen unsere Hauptsorge. Wir drckten uns
so schnell als mglich durch die Kche und von da in den Hof.

Halt! zischte eine leise Stimme, ihr seid am Rande einer Pftze, in der
ein Ochs ersufen knnte. Aha, nun werdet ihr doch meine Einladung nicht
verschmhen?

Es war Mister Isaak Shifty, bei alle dem ein getreuerer Pilote, als wir
dachten. Im Wirthshause war die Schlacht so eben im besten Zuge. Wir
berlegten, was wohl zu thun sei, als der Sturm sich pltzlich zu legen
begann.

Was ist das? riefen wir alle drei verwundert, durch die Kche auf den
Schlachtplatz eilend.

Es war niemand anders als der Constable mit seinem Amtsstabe, der in
der Hitze der Schlacht eingetreten. Sein Erscheinen allein bewirkte, was
hundert Leibgardisten eines Despoten nicht htten zu Wege bringen knnen,
augenblicklichen Waffenstillstand. Der Aufruf zur Ruhe im Namen des
Gesetzes hatte Bob und Compagnie wie mit einem Zauberschlage berhrt, und
Friede und Eintracht waren wieder auf einmal hergestellt.

Wir hatten eine ruhige Nacht, mit der einzigen Unbequemlichkeit, da Bob
sich uns als Beilage anschlo, und wir somit drei in eine Bettsttte
zu liegen kamen. Ehe jedoch der Morgen graute, war er von unserer Seite
gewichen. Spt betraten wir die Wirthsstube; sie stand noch immer am alten
Flecke; trug aber furchtbare Male eines verzweifelten Kampfes. Bnke,
Sthle und Tische lagen in Trmmern umher, der Fuboden war mit
zerbrochenen Krgen und Glsern berset, und selbst das Heiligthum,
der Schenktisch, war von einer theilweisen Zerstrung nicht verschont
geblieben, und als wir dem Stalle uns nherten, um Csar unsern Besuch
abzustatten, fand ich zu meinem nicht geringen Verdrusse, meine Gig ber
und ber mit Wahlzetteln und Hurrah's fr Bob Shags beklebt, und Richards
den Schweif seines Csar so glatt und rein abgeschoren, als ob die Schelme
ihn barbirt htten. Unser Frhstck war jedoch vortrefflich, und wir
betraten unsere Reise nach Florenz unter gnstigeren Auspizien, als es
Tages vorher der Fall gewesen.




Der Kindesruber.


  =Auf der Hhe von Hopefield.=

Ja, es ist ein erhabener, beinahe ein furchtbarer Anblick, diese endlosen
Urwlder, Tausende und abermals Tausende von Meilen in ihr nchtliches
Dunkel hllend. Wie mancher Klagelaut mag in ihnen ungehrt verschollen,
wie manche Gruelthat von den hehren Wipfeln und ihrem dstern Schatten
bedeckt sein, vor deren bloen Namen das strkste Mnnerherz erzittern
wrde. Scheint es doch, als ob hier die ungeheure Natur auch ungeheure
Verbrechen erzeugen mte. Noch heute pret es mir das Herz wie mit Zangen
zusammen, wenn ich an jene Scene denke. Ja, die Wirklichkeit ist
oft grausamer, als die glhendste Dichtung, schauderhafter, als die
schreckenvollste Phantasie sie malen kann. Wie kommt es doch, da der
gttliche Funke, der im Menschen wohnt -- sein Verstand -- so selten zum
Herzen zu dringen vermag, whrend der teuflische, mchte ich sagen, --
seine Bosheit -- bis zur innersten Faser hineinwhlt? Ich habe oft ber
den seltsamen Charakter nachgedacht, der mir damals aufgestoen, aber mein
Verstand wurde verwirrter, je lnger ich nachdachte.

       *       *       *       *       *

Es war im Anfange Decembers im Jahre 1825, als ich gleichfalls den
Missisippi in der Feliciana hinabging. Auf der Hhe von Hopefield,
Hampstead County[63], angekommen, streifte eines unserer Rder an einem
Sawyer[64] und ging in Stcke, ein Umstand, der uns zwang, vor dem
Stdtchen anzuhalten.

    [63]: =Hopefield=, die Countystadt der Grafschaft Hampstead.

    [64]: =Sawyers=, Sger, groe, lange, in den Schlamm eingestauchte
    Baumstmme, die unter der Oberflche des Wasserspiegels hin- und
    herschwanken und den Dampfschiffen sehr gefhrlich sind.

Hopefield ist ein kleiner Ort, an dem westlichen Ufer des Stromes,
beilufig sechshundert Meilen oberhalb Neworleans, und fnfhundert
unterhalb der Mndung des Ohio in den Missisippi gelegen, mit fnfzehn
Husern, von denen zwei zugleich Schenken und Krmerlden sind, die ein
paar Dutzend Messer und Gabeln, einige bunte Halstcher, Tpfe, Pulver und
Blei, und derlei Artikel zum Verkaufe darboten. Unsere Reisegesellschaft
bestand aus zehn Damen, eben so vielen jungen Mnnern und mehreren
alten Herren. Nichts ist whrend einer Flureise erwnschter, als eine
Landpartie, und da wir in dem Oertchen gerade nichts weiter zu suchen
hatten, so fand der Vorschlag einiger unserer Reisegefhrten, eine
Excursion in das Innere des Waldes zu unternehmen, allgemeinen Beifall.

Der Sohn eines der Schenkwirthe hatte sich zu unserm Fhrer angeboten.
Wir nahmen jeder eine Jagdflinte, eine Bouteille Wein oder Cognac, um die
Ausdnstungen abzuhalten, und unser Pilot[65] wurde mit einem gewaltigen
Schinken und einem Vorrathe Crakers[66] beladen, die uns der Capitain
als gemeinschaftliches Eigenthum aus dem Schiffsvorrathe mitgegeben. So
ausgerstet, traten wir unsern Ausflug an, begleitet von den guten Wnschen
der Damen, die einige hundert Schritte mit uns in den Wald hinein gingen.

    [65]: =Pilot=, Lotse.

    [66]: =Crakers=, kleiner runder Zwieback, der von Boston ist
    vorzglich gut.

Ich habe oft die Bemerkung gemacht, da ein tieferes Eindringen in unsere
gewaltigen Urwlder auch den muntersten Schwtzer zum Schweigen bringt. Bei
dieser Gelegenheit fand ich meine Bemerkung wieder besttigt. War es der
tiefe, ergreifende Ernst, der sich ber das Halbdunkel dieser ppigen
Wildni hingelagert hatte, die feierliche Ruhe, die blo durch unsere
Futritte oder durch fallende Bltter unterbrochen wurde, oder hatte
die ungeheure Wucht der Bume, die mit ihren colossalen Riesenstmmen
himmelwrts anstrebten, auf die Phantasie meiner Gesellschafter gewirkt,
die meisten derselben -- Nordlnder, die nie ber Albany oder die
Saratoga-Quellen hinausgekommen -- waren auf einmal ernst und beinahe
dster geworden. Das Laub der Cottonbume, dieses Riesen der sdwestlichen
Waldungen, hatte bereits die fahle Sptherbstteinte angenommen; nur
einzelne Sonnenstrahlen hellten den gelblich grnen Farbenschmelz zuweilen
auf, und wo die der Fall war, gab die Lichtung und der Farben Strahlen dem
Dunkel eine sonderbar magische Helle, die unsere Gefhrten in schweigendes
Dahinstarren versetzte. Die Wurzeln und Gestruche, die von den Bumen
zwanzig Fu lang herabhingen, zeugten zugleich von der Macht des Stromes,
der hufig seine Fluthen zwanzig bis dreiig Meilen ber die Ufer schttet,
einem endlosen See dann gleichend. Hie und da funkelte noch eine Magnolia
mit ihren schneeweien Blthen, oder eine Catalpa mit dem _ficus indicus_
und seinen langen Blttern und Gurkenfrchten, an denen glnzende Redbirds
oder Peroquets hingen. Whrend ein paar Commis von Boston in jedem Strauche
ein wildes Thier sahen, und zehnmal schon ihre Flinten auf einen gewaltigen
Bren oder Panther angelegt halten, zum nicht geringen Spae unseres
Fhrers, der ihre ziemlich albernen Fragen mit einer wahrhaft vornehmen
Hinterwldlermiene unbeantwortet lie, waren wir nach einem stndigen
Marsche an einem langen und ziemlich breiten Sumpfe angelangt, der, durch
die Ueberschwemmungen des Stromes gebildet, sich von Norden nach Sden
beilufig fnf Meilen erstreckte, und einen hellgrnen, breiten Streifen
klaren Wassers in seiner Mitte erblicken lie. Das westliche Ufer war mit
einem Anfluge von Palmetto berwachsen, dem gewhnlichen Verstecke von
Hirschen, Bren und selbst Panthern. Dieses nun durchzustbern, war unsere
Hauptaufgabe. Wir theilten uns sofort in zwei Partien; die erste mit dem
Fhrer, dem wir die Neu-Englnder berlieen, sollte den nrdlichen Bogen
des Sumpfes umgehen, whrend wir den entgegengesetzten Weg in sdlicher
Richtung zu verfolgen gedachten. Beide sollten in der Mitte hinter dem
Sumpfe auf einem Pfade zusammentreffen, der durch ein dichtes Gehege von
wilden Pflaumen und Honigakazien fhrte. Die Weisungen waren ziemlich
unbestimmt und in Hinterwldlers-Manier; vieles Fragen jedoch wrde unsern
Fhrer wahrscheinlich nur noch mehr verwirrt haben, und so trennten wir
uns, unsern gesunden Sinnen und Taschen-Compassen vertrauend, die mehrere
von uns bei sich hatten. Wie gesagt, die sdliche Richtung war uns anheim
gefallen. Am uersten Ende des Sumpfes sollten wir uns gegen Westen
wenden, und dann die nrdliche Richtung lngs dem Palmetto verfolgen.

Bisher hatten wir, einige Zge wilder Tauben oder Eichhrnchen ausgenommen,
nichts zu Gesichte bekommen, als Schlangen, die wir noch an den letzten
Strahlen der Sonne sich wrmend fanden; Knigsschlangen, mit ihren
Regenbogenringen glnzend; Mocassinschlangen, die bei unserer Annherung
sich trge in einen Haufen Laubes einwhlten, oder eine Stierschlange, die
sich langsam mit gebrllhnlichem Zischen aufrichtete, waren hie und da
noch zu sehen; -- ein sicheres Anzeichen, da der Winter noch ziemlich
ferne war.

Nach einer zweiten Stunde waren wir am sdlichen Ende des Sees angelangt;
wir wendeten uns nrdlich, den See zu unserer Rechten, das Palmettofeld
zu unserer Linken. Der Grund, den wir betraten, war, wie es bei
Canebrakeboden[67] der Fall ist, fester Wiesengrund; das Gras reichte bis
zum Grtel, aber unmittelbar daran grnzte der tiefere Sumpfboden, so da
uns keine Wahl brig blieb, als durch das Rohrfeld zu brechen, oder im
sumpfigen Boden fortzuwaten. Die Ufer des Sees waren mit hohen Cedern
bewachsen, die vier bis fnf Fu tief im Wasser standen, und ihre
gewaltigen Kronen im stillen Spiegel blicken lieen. Eine Weile standen
wir, die malerische Scene betrachtend. Der breite Streifen Wassers dehnte
sich gleich einem ungeheuern Atlabande hin; die leiseste Bewegung der
Bltter erglnzte im Spiegel. Zuweilen erhob sich ein unmerkbares Lftchen,
das suselnd durch die Bume und das Palmettofeld hinfuhr und sich in
kaum merklichen Wellenschlgen des Sees verlor. Das Wasser selbst war vom
frischesten Grn wie angehaucht, und die Millionen Stmmchen des Palmetto
spiegelten sich prachtvoll, gleich Myriaden von Schwertern und Lanzen, in
den klaren Fluthen. In den kleinen Buchten sonnten sich Schwne, Pelikane
und wilde Gnse, ihr Gefieder zum Winterfluge putzend, die uns bis auf
zwanzig Schritte herankommen lieen und dann mit rauschendem Getse ihr
Heil in der Flucht suchten.

    [67]: =Canebrakeboden=, Rohrfeldboden.

Wir hatten unsere Richtung unverdrossen eine lange Weile gegen Norden zu
verfolgt, als pltzlich ein langsam, aber regelmig auf einander folgendes
Gekrache in dem Palmetto unsere Aufmerksamkeit rege machte. Es nherte
sich etwas bedchtlichen Schrittes, und wir wandten uns mit Vorsicht
und horchten. Es mochte ein Hirsch, ein Panther, oder ein Br sein --
wahrscheinlich das Letztere. Wir besahen unsere Gewehre, zogen die Hhne,
und drangen einige Schritte tiefer ein, hrten ein hohles Brummen, und
unmittelbar darauf einen Sprung und ein Krachen und ein Getse, das
sich schnell in der uns entgegengesetzten Richtung verlor. Einer unserer
Gefhrten, der noch nie auf einer Brenjagd gewesen, drang so schnell,
als er vermochte, durch das Palmettofeld, und war bald unsern Augen
entschwunden. Leider hatten wir keine Hunde, und nach einer halben Stunde
fruchtlosen Stberns, whrend dem wir noch ein zweites Mal etwas aufgejagt
hatten, berzeugten sich meine Reisegefhrten, da sie wohl mit leeren
Hnden wrden zurckkehren mssen. Nach unsern Uhren zu schlieen, war
es Zeit, uns dem Vereinigungspunkte zuzuwenden, der jenseits des
Palmettofeldes lag, das beilufig eine halbe Meile breit sein mochte, und,
wie uns der zurckgekehrte Brenverfolger versicherte, am westlichen
Rande mit einem heillosen Dickichte von wilden Pflaumen-, Apfel- und
Akazienbumen begrnzt war, das weder Weg noch Steg hatte. Bald berzeugten
wir uns von der Richtigkeit seiner Angabe. Der etwas hhere Canebrakeboden
senkte sich nmlich in eine sumpfige Niederung, die lngs der ganzen
Ausdehnung des Sees von Norden nach Sden hinlief. Wer je in einer solchen
Wildni gewesen ist, wird leicht unsere Verlegenheit bei dem Umstande
begreifen, da bereits vier Stunden von den uns gegebenen acht verflossen
waren. Es schien nichts brig, als denselben Weg zurckzugehen. Ehe wir uns
jedoch hiezu verstanden, versuchten wir den Pfad aufzufinden. Wir trennten
uns demnach in verschiedenen Richtungen; beilufig eine halbe Stunde
mochten wir uns durch Dornen und Gezweige hindurchgewunden haben, als ein
lautes Hurrah uns ankndigte, da der Pfad gefunden sei. In kurzer
Zeit waren wir alle um unsern Gefhrten, der die Entdeckung gemacht,
herumversammelt; statt des Pfades jedoch fand es sich, da es eine -- Kuh
war. Wir nahmen auch diesen Fund mit gehrigem Danke, nur war zuerst die
Frage zu entscheiden, ob es eine Streifkuh, oder eine regelmig jeden
Abend zu Hause sich einstellende, ordnungsliebende Kuh sei. Ein tchtiger
Ohioer lste die Frage und brachte uns die Gewiheit, da sie noch diesen
Morgen gemolken worden war. Auch die wichtigere Frage, sie zum Heimgehen zu
bewegen, lste er zu unserer Zufriedenheit, indem er sich mit seinem Gewehr
nahe an das Thier hinstellte und die Ladung dicht an oder in den Schweif
abscho. Das Thier machte einen gewaltigen Satz, und sprang dann durch das
Dickicht, als ob es von einer Meute toller Hunde verfolgt wre; wir nach.
Des Thieres Bekanntschaft mit der undurchdringlichen Wildni hatte uns bald
auf einen Weg geleitet, auf dem wir ziemlich schnell folgen konnten. So
gelangten wir endlich an den Pfad zu dem angedeuteten _Rendez-vous_. Unsere
Schritte wurden nun langsamer, und wir folgten gemchlich der Spur des
Thieres. Wir hatten beilufig eine Meile zurckgelegt, als wir eine starke
Helle in der Ferne bemerkten, die eine ziemlich groe Lichtung vermuthen
lie. Bald darauf sahen wir Zune und Wlschkornfelder, und endlich im
Hintergrunde ein Wohnhaus, aus Stmmen aufgefhrt, dessen rauchende
Kamine uns der Anwesenheit eines Hinterwldlers versicherten. Das Haus
lag friedlich auf einer sanften Anhhe. Es war mit Clapboards
(Dachdauben) gedeckt, und hatte im Rcken eine Scheuer mit den nthigen
Wirthschaftsgebuden, wie man bei Hinterwldler-Ansiedelungen von einigem
Wohlstande gewhnlich trifft. Am Hause rankten Pfirsichbume hinan,
vor demselben standen Gruppen von Papaws, und das Ganze gewhrte einen
ausgesucht lndlichen Anblick. Als wir die Umzunung berstiegen, kamen
ein paar Bullenbeier mit aufgesperrtem Rachen auf uns herangestrzt. Wir
wehrten die immer wthender werdenden Thiere noch immer von uns ab, als
ein Mann aus der Scheune trat und wieder dahin zurckkehrte. Nach wenigen
Sekunden kam er ein zweites Mal in Begleitung zweier Neger, die dieselbe
Kuh bei den Hrnern nach sich zogen, die wir so schleunig zum Rckzuge
genthigt hatten. Wir grten den Mann mit einem: Guten Morgen! Er gab
keine Antwort, und ma uns mit einem kalten, finstern Blicke. Er war gro,
nervig und breitschulterig; sein Gesicht ausdrucksvoll, aber ungemein
dster, beinahe zurckstoend. Es war etwas Unruhiges, Rastloses in dem
Wesen des Mannes; man gewahrte es beim ersten Anblicke.

Ein schner Morgen, sprach ich, nher an den Mann zutretend.

Keine Antwort. Der Mann hielt die Kuh bei beiden Hrnern und sein Auge
stierte auf den Schweif des Thieres, von dem einzelne Blutstropfen
herabfielen.

Wie weit ist es von hier nach Hopefield? fragte ich nun.

Weit genug, um es nie zu erreichen, wenn ihr auf meine Kuh Jagd gemacht
habt, erwiederte er drohend.

Und wenn wir es gethan haben, so werdet ihr hoffentlich nichts Arges dabei
denken. Es war bloer Zufall.

Solche Zuflle ereignen sich nicht oft. Leute schieen nicht auf Khe, wenn
sie nicht im Sinne haben, anderer Leute Fleisch zu essen.

Ihr whnt doch nicht, fiel der schuldige Ohiomann ein, da wir eure Kuh zu
unsrer Zielscheibe gemacht, wir, die nicht mehr im Sinne hatten, als einige
Truthhner auf unser Dampfschiff zu bringen. Wir sind Passagiere von der
Feliciana; eines unserer Rder ist an einen Sawyer gelaufen, und das ist
die Ursache, warum unser Schiff bei Hopefield vor Anker liegt, und wir hier
sind.

Der Mann hatte mit echter Ohio-Umstndlichkeit das Argument
auseinandergesetzt; der Hinterwldler gab jedoch keine Antwort, und wir
gingen dem Hause zu.

In der Stube fanden wir sein Weib. Auch in ihren Zgen hing etwas Dstres,
doch nicht in dem Grade abschreckend, wie es bei ihrem Manne der Fall war.
Bei ihr schien Gram mehr vorherrschend.

Knnen wir etwas zu essen haben? fragte ich das Weib.

Wir sind keine Wirthsleute, war die Antwort.

Unsre Partie kann nicht mehr fern sein, sprach einer unsrer Gefhrten. Wir
wollen ihnen das Vereinigungszeichen geben. Und mit diesen Worten entfernte
er sich einige Schritte in der Richtung eines Cottonfeldes.

Halt! sprach der Hinterwldler, vor ihn hintretend; ihr geht keinen Schritt
weiter, bevor ihr Auskunft gegeben, woher ihr kommt.

Woher ich komme? sprach unser Gefhrte, ein junger Doctor der Medicin
aus Tennessee; das braucht weder ihr, noch irgend ein Mann in der Welt zu
wissen, der auf eine solche Weise fragt. Wenn ich mich nicht irre, so sind
wir in einem freien Lande. Und mit diesen Worten scho er sein Gewehr ab.
Das Echo schlug so gewaltig und majesttisch von dem hehren Waldkranze
herber, mit dem die Pflanzung eingefat war, da die zwei andern ebenfalls
ihre Gewehre abzuschieen Miene machten. Ich winkte ihnen jedoch, und sie
hielten inne. Es schien mir nicht berflssig, auf alle Flle vorbereitet
zu sein, obwohl wir nicht im mindesten ernsten Besorgnissen Raum gaben. In
wenigen Minuten wurde ein Schu gehrt -- die Antwort auf unser Signal.

Macht euch keine unnthige Unruhe, sprach ich; unsre Compagnons haben unser
Signal gehrt, und sie werden sogleich hier sein. Was eure Kuh betrifft, so
knnet ihr wohl so vielen gesunden Menschenverstand haben, um einzusehen,
da fnf Reisende nicht nach etwas jagen werden, das weniger denn werthlos
fr sie ist.

Whrend ich noch sprach, kam unsere zweite Partie mit dem Fhrer aus dem
Walde hervor, der Letztere mit zwei fetten wilden Truthhnen beladen. Er
grte den Hinterwldler als einen alten Bekannten, zugleich hatte aber
dieser Gru etwas so Theilnehmendes und zugleich Zurckhaltendes, als mit
seinem sonstigen derben und ziemlich rauhen Wesen seltsam Contrastirte.

Wohl, Mister Clarke? sprach er. Noch nichts gehrt? Thut mir sehr leid.

Der Hinterwldler gab keine Antwort; aber seine trotzige Miene berging
pltzlich in ein finsteres Dahinstarren; eine Thrne, schien es mir, drang
sich in seine Augen.

Mistre Clarke! sprach der Fhrer zum Weibe, die von der Vorhalle herabkam;
diese Gentlemen hier wnschen einen Bissen zum Mittagsessen. Sie haben
genug gejagt, ducht es mich; wir haben Ueberflu an Allem. Wollt ihr wohl
so gefllig sein, uns etwas zu bereiten?

Das Weib stand ohne ein Wort zu sprechen; der Mann ebenfalls. Beide hatten
etwas so abschreckend Strrisches, so etwas ungewhnlich Verstocktes, als
mir noch nie bei den Hinterwldlern vorgekommen.

Wollt ihr so gut sein, wiederholte der Fhrer, uns einen Truthahn zu
braten, mit etwas Schinken und Eiern?

Keine Antwort. Der Mann hielt die Hrner der Kuh, starr und finster auf die
Erde blickend, und das Weib sah ihren Mann an.

Wohl denn! sprach der Doctor, hier lt sich nichts erwarten; wir verlieren
nur unsre Zeit. Lat uns auf einen Baumstamm niedersitzen und unsere
Schinken und Crackers kosten.

Der Fhrer winkte uns bedeutsam und nherte sich dem Weibe, mit dem er
angelegentlich sprach. Doch sie gab keinen Laut von sich.

Frau! sprach der Doctor, Etwas mu mit euch oder in eurer Familie
vorgegangen sein, das euch so verstimmt hat. Wir sind fremd, aber nicht
gefhllos. Sagt an, was fehlt euch? Vielleicht lt sich ein Mittel finden.

Der Mann blickte auf, das Weib schttelte das Haupt.

Was ist es? fragte ich sie, mich ihr nhernd, das euch bekmmert? Hlfe
kommt oft, wenn es am wenigsten erwartet wird.

Etwas, das sahen wir nun wohl ein, war hier vorgefallen, das erschtternd,
schmerzlich sein mute. Kleinigkeiten sind nicht leicht im Stande, die
Nerven dieser gewaltigen Menschen so frchterlich zu spannen.

Das Weib trat, ohne ein Wort zu sprechen, zum Fhrer, nahm ihm einen
Truthahn und die Schinken ab, und ging dann in das Haus.

Wir folgten und traten in die Stube. Nachdem wir uns um die Tafel gesetzt,
langten wir nach unsern Bouteillen. Der Mann brachte Glser und setzte
sie vor uns hin. Wir schenkten ein und drangen in ihn, sich an uns
anzuschlieen; hartnckig jedoch wies er unsre wiederholten Einladungen
zurck. Wir wurden es endlich mde, gute Worte an ihn zu verschwenden.
Unsre Gesellschaft bestand, wie gesagt, aus zehn jungen Mnnern. Zwei
Bouteillen waren bereits geleert, und wir fingen an etwas munter zu werden,
als unser Wirth pltzlich von seinem Sessel vor dem Kaminfeuer aufstand,
und, vor den Tisch hertretend, sprach:

Gemmen! Ihr mt nicht denken, da ich ein grober Mann bin, aber ich mu
euch gerade heraus sagen, da ich in meinem Hause keinen Lrm leide. Es ist
kein Haus zum Lachen; ich versichere euch bei--

Und nachdem er so gesagt, setzte er sich wieder hin, sttzte seinen Kopf in
beide Hnde, und versank in sein voriges Hinstarren.

Vergebung! sprachen wir, aber wirklich, wir haben nicht vermuthet, da
unsre Frhlichkeit euch beleidigen knnte.

Der Mann gab keine Antwort, und so verging eine halbe Stunde in Flstern
und Vermuthungen.

Endlich deckte ein Negermdchen die Tafel. Nach vielen und eindringlichen
Bitten, Theil an unserm Mahle zu nehmen, setzten sich Wirth und Wirthin
zu uns. Er kostete nun ein Glas Cognac, und leerte es auf einen Zug. Wir
fllten es; wieder trank er es aus und wieder wurde es gefllt. Als er
das dritte Glas geleert hatte, entstieg ihm ein schwerer Seufzer; dem Mann
wurde augenscheinlich leichter.

Gemmen! sprach er, ihr werdet mich fr stckisch und rauh gehalten haben,
als ich euch traf, wie ihr meine Kuh gejagt; aber ich sehe nun, wen ich vor
mir habe. Aber mge ich erschossen werden, wenn ich ihn je finde, so will
ich ihm auch eine Kugel durch den Leib jagen, und ich verbrge mich, er
wird kein zweites Mal Buben stehlen.

Buben stehlen? sprach ich. Ist einer eurer Neger gestohlen worden?

Einer meiner Neger, Mann? Mein Sohn, mein einziger Sohn! Mein ehelich
gezeugter Sohn! Ihr Kind! auf sein Weib deutend, unser Bube ist gestohlen!
Unser Bube, der uns allein von fnf Kindern brig geblieben, die das Fieber
uns genommen, die wir begraben haben. Ein Bube, so rstig, so gescheid, so
lieblich, so flink, als je einer in diesen Hinterwldern geboren ward.
Da haben wir uns nun hieher gesetzt, in die Wildni, haben Tag und Nacht
gearbeitet, haben Mhe und Gefahren ausgestanden, Hunger und Durst, Hitze
und Klte. Und fr wen? Hier sitzen wir allein, verlassen, kinderlos,
trostlos, betend, und weinend, fluchend und chzend. Nichts hilft, Alles
umsonst. Nein, ich werde noch wahnsinnig! Wenn er todt wre! Wenn er hinten
unterm Hgel an der Seite seiner Brder und Schwestern lge, ich wollte
nichts sagen. Gott hat ihn gegeben, er hat ihn genommen! Aber Allmchtiger!

Der Mann stie einen Schrei aus, so frchterlich, so grauenerregend, da
Weiber und Kinder der Neger zur Thre hereinstrzten, und Gabel und Messer
unsern Hnden entfielen. Wir sahen ihn sprachlos an.

Gott allein wei -- fuhr er fort, und sein Haupt sank auf seine Brust;
pltzlich richtete er sich jedoch auf und schttete ein Glas nach dem
andern hinab.

Und wie trug sich dieser schreckliche Diebstahl zu? fragten wir.

Das Weib, sprach er, kann's euch sagen.

Sie war von der Tafel aufgestanden und dem Bette zugeschwankt, auf welches
sie sich schluchzend und heulend setzte. Es war wirklich eine erschtternde
Scene. Der Doktor sprang auf und fhrte sie wieder zur Tafel; wir blickten
auf sie, ngstlich Aufschlu ber das ungeheure Verbrechen erwartend.

Gestern waren es vier Wochen, begann sie; Mister Clarke war in dem Busche,
ich war im Wlschkornfelde den Leuten nachzusehen, die Kolben einsammelten.
Ich blieb ziemlich lange bei den Leuten; die Sonne wies bereits auf eilf;
der Morgen war aber so schn, wie er je auf das Missisippithal geschienen,
und ihr wit, die Leute arbeiten nicht gern, wenn sie es anders knnen,
und so blieb ich denn. Dachte dann, mut wohl nach Hause gehen und das
Mittagsmahl fr die Leute kochen, und so ging ich denn. Ich wei nicht;
aber als ich so durchs Feld dem Hause zuging, war es mir, als ob mir's
pltzlich zuriefe: Laufe was du kannst! und ich lief was ich konnte. Etwas
kam ber mich, etwas, gleich einer Angst, einer Furcht. Ich rannte so
schnell ich konnte. Als ich zum Hause kam, sah ich Cesi[68], unsern
schwarzen Buben, auf der Haussteige sitzen und allein spielen. Ich hatte
aber noch immer keinen Gedanken an das, was kommen sollte. Ich ging ins
Haus und in die Kche, ohne etwas Arges zu gedenken. Als ich mich so umsah
um Kessel und Pfannen, fiel mir mein Dougl[69] ein. Ich lie die Pfanne
stehen und lief zur Thre; da kam mir Cesi entgegen. Missi! sagte er,
Dougl ist weg. Dougl ist weg? sagte ich, wohin ist er denn, Cesi?
Wei nicht, sagte Cesi; er ist mit einem Manne weg, der auf einem Pferde
gekommen. Mit einem Manne, der auf einem Pferde gekommen? sagte ich. Um
Gotteswillen, wohin kann er denn gegangen sein? Was ist denn das? Wei
nicht, sagte Cesi. Und mit wem ist er denn gegangen, Cesi? sagte ich.
Ging er freiwillig? Nein, er ging nicht freiwillig, sagte Cesi; aber
der Mann sprang von seinem Pferde, hob Dougl zuerst darauf, setzte sich
dann hinter ihn und ritt weg. Ritt weg? sagte ich, und du kennst den
Mann nicht? Nein, Missi! sagte Cesi. Erinnere dich, Cesi! schrie ich,
um Gotteswillen, erinnere dich, kennst du den Mann nicht? Nein, sagte
Cesi, ich kenne ihn nicht. Hast du nicht aufgemerkt, wie er aussah,
Cesi? sagte ich; war er schwarz oder wei? Ich wei nicht, sagte Cesi.
Hast du ihm nicht ins Gesicht gesehen, Cesi? fragte ich. Er hatte ein
rothes Flanellhemd vor'm Gesicht, weinte Cesi. Weit du denn nicht, wie
der Mann aussah, lieber Cesi? Er hatte einen Rock und ein Pferd, sagte
Cesi. Weit du nicht den Namen des Mannes, Cesi? -- war es Nachbar Symmes,
oder Banks, oder Medling, oder Barns? -- Nein, weinte Cesi.

    [68]: =Cesi=, Diminutiv von Csar, ein gewhnlicher Name von
    Sklaven und Pferden.

    [69]: =Dougl=, Diminutiv von Douglas.

Gerechter Gott! schrie ich, was ist das? Was ist aus meinem armen Kinde
geworden! Ich lief vorwrts, ich lief zurck; ich lief in den Busch, ich
lief auf die Felder; ich schaute, ich rief. Je lnger ich rief, desto
grer wurde meine Angst. Zuletzt rannte ich zu den Leuten und holte die
Mutter des Cesi. Ihr, dachte ich, wird er es vielleicht sagen, was aus
meinem Kinde geworden. Sie lief herein mit mir; sie fragte den Buben, wie
der Mann aussah. Sie versprach ihm Pfefferkuchen, neue Hosen, eine neue
Jacke, Alles in der Welt -- der Bube weinte, konnte aber nichts mehr sagen.
Dann kam Mister Clarke. So weit das Weib.

Als ich hereinkam, fuhr der Mann fort, war der Schrecken des Weibes so
gro, da mir auf der Stelle einleuchtete, da es ein Unglck gegeben. Aber
an so etwas htte ich in meinem Leben nicht gedacht. Als sie mir das Ganze
erzhlt, sagte ich ihr, um sie zu trsten, da irgend einer unserer Freunde
oder Nachbarn den Buben mit sich genommen; aber ich selbst glaubte es
nicht; denn welcher meiner Nachbarn wrde sich eine so dumme Freiheit mit
meinem einzigen Kinde wohl erlaubt haben? Ich wrde ihm wahrlich nicht
gedankt haben fr ein solch einfltiges Wesen. Ich nahm Cesi noch einmal
vor, und fragte ihn, wie der Mann aussah; ob er einen blauen oder schwarzen
Rock angehabt? er sagte einen blauen; wie sein Pferd ausgesehen? braun,
sagte der Bube; welchen Weg er genommen? diesen Weg, sagte der Bube, und
deutete auf den groen Sumpf. -- Ich sandte sogleich alle meine Neger,
Mnner, Weiber und Mdchen, rings herum zu meinen Nachbarn, um meinen Buben
aufzusuchen, und ihnen zu sagen, was vorgefallen. Ich selbst nahm den Weg
lngs dem Pfade, auf welchem ich wirklich Pferdehufspuren fand. Ich folgte
der Spur bis zur Bayou; dort verlor ich sie. Der Mann war mit seinem Gaule
und meinem Kinde in ein Boot gegangen, hat vielleicht ber den Missisippi
gesetzt, ist vielleicht lngs dem jenseitigen Ufer hinabgegangen -- wo er
gelandet, wei Gott. Er mag vielleicht zehn, zwanzig, vielleicht funfzig,
hundert Meilen unterhalb ans Land gegangen sein. Meine Angst wurde
schrecklich; ich ritt auf Hopefield zu. Nichts war da von meinem Kinde
gesehen oder gehrt worden; alle Mnner aber setzten sich auf ihre Gule,
um mir mein Shnchen suchen zu helfen. Alle meine Nachbarn kamen, und wir
suchten einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Nichts, nichts hatten wir
gefunden. Niemand hatte meinen Buben gesehen, Niemand den Mann, der ihn
weggefhrt. Wir stberten den Wald dreiig Meilen im Umkreise meines Hauses
durch, setzten ber den Missisippi, gingen hinauf bis nach Memphis und
hinab bis nach Helena und dem Yazooflu -- nichts war zu sehen oder
zu hren. Wir kamen zurck, wie wir ausgezogen waren: keine Spur, kein
Zeichen. Als ich nach Hause kam, fand ich die Leute aus dem ganzen County
vor meinem Hause. Neuerdings zogen wir aus, neuerdings durchsuchten wir den
Wald. Ich hatte nicht Rast, noch Ruhe. Jeden hohlen Baum untersuchten wir,
jedes Gebsch; -- Hirsche, Bren und Panther fanden wir in Menge, doch
nicht meinen Buben. Am sechsten Tage meines verzweifelnden Lebens kehrte
ich zurck. Mein Haus war mir zum Schrecken geworden; Alles verdro mich,
Alles ekelte mich an. Ich war zerfleischt, meine Knochen geschunden, aber
mein Inneres litt tausendmal mehr als mein Leib. Ich war krank an Leib
und Seele und lag im Bette, als am zweiten Tage nach meiner Heimkehr einer
meiner Nachbarn zu mir kam, und mir meldete, da er so eben in Hopefield
von einem Manne von Muller County gehrt, da ein Fremder auf der Strae
von New-Madrid gesehen worden, der der Beschreibung entspreche, die wir
von dem Ruber meines Sohnes hatten. Der Mann sollte einen blauen Rock und
einen braunen Gaul haben, und auf dem Sattelknopfe einen Knaben. Ich verga
meine Krankheit, meine wunden Glieder; ich erhandelte mir sogleich einen
frischen Gaul, ich hatte die meinigen zu Schanden geritten. Ich setzte dem
Manne an demselben Tage nach, ritt Tag und Nacht, ritt dreihundert Meilen
bis New-Madrid, und als ich in New-Madrid ankam, so sah ich mit Schmerzen
den Mann und Gaul und das Kind. Es war nicht mein Bube. Es war ein Mann
von New-Madrid, der von einem Besuche in Muller County mit seinem Sohne
zurckgekehrt war. Wie ich heim kam, wei ich nicht. Nicht weit von
Hopefield fanden mich die Leute und brachten mich nach Hause. Ich war
vierzehn Tage krank, und wute nicht, was um mich her vorging. Meine
Nachbarn hatten unterdessen die Anzeige von der gruelvollen That in
die Zeitungen setzen lassen, in alle Zeitungen von Arkansas, Tennessee,
Missisippi, Missouri und Louisiana; ich war mit meinen Freunden Tausende
von Meilen geritten -- Alles vergebens! ---- Nein! schrie er mit einem
herzzerreienden Sthnen, wre mein Kind mir vom Fieber entrissen, htte
ihn ein Br oder Panther zerrissen: es wrde mich schmerzen, bitter
schmerzen; es war mein letztes Kind. Aber, barmherziger Gott, gestohlen!
Mein Sohn, mein armes Kind gestohlen! -- Der Mann schrie laut, sprang auf,
rannte in der Stube herum mit gerungenen Hnden und wie ein Kind weinend.
Selbst das Weib war nicht so schrecklich vom Schmerze ergriffen.

Wenn ich an die Arbeit gehe, fuhr er schluchzend fort, so steht mein Dougl
vor mir, und meine Hnde hngen herab, so steif, so schwer, als wren sie
von Blei. Ich schaue mich um und schaue mich um, aber kein Dougl ist zu
sehen. Wenn ich zu Bette gehe, so stelle ich sein Bett vor's unsrige hin
und rufe ihn -- kein Dougl ist zu sehen. Dougl steht vor mir, ich mag
schlafen oder wachen. Wollte Gott, ich wre schon todt! Ich habe geflucht
und gelstert, geschworen und gebetet, ich habe geweint und geheult, -- es
ist aber Alles vergebens.--

Ich habe manchen Leidenden gesehen, aber nie sah ich einen, dem
das schmerzlichste Weh sich so tief ins Herz gegraben, wie diesem
Hinterwldler. Sein Leiden war wirklich grnzenlos. Wir bemhten uns, ihn
zu trsten, ihm Hoffnungen einzuflen; des Mannes Blick war starr; ich
zweifle, da er ein einziges unserer Worte vernommen. Uns selbst hatte
Mitleiden mit seinem Zustande mit einer Gewalt ergriffen, die die Worte auf
der Zunge erstickte. Wir brachen bald hernach auf, schttelten die Hnde
des unglcklichen Ehepaares, und versprachen, alles Mgliche beizutragen,
um dieser rthselhaften gruelvollen That auf die Spur zu kommen, und ihnen
wieder zu ihrem Kinde zu verhelfen.

       *       *       *       *       *

Ich hatte oft des armen Vaters gedacht, und in Verbindung mit meinen
Freunden mir alle erdenkliche Mhe gegeben, dieser Abscheulichkeit auf
die Spur zu kommen; alle unsere Bemhungen jedoch waren vergebens. Dieser
Kindesraub zirkulirte in den Zeitungen, wurde das Theegesprch jeder
Familie; Belohnungen waren angeboten, Untersuchungen gemacht, aber auch
nicht die mindeste Spur war entdeckt worden.

Sechs Wochen waren verflossen, als Geschfte mich nach Natchez riefen,
wo ich an einem heitern Januar-Nachmittage ankam. Ich hatte so eben das
Dampfschiff verlassen, und ging in Begleitung einiger Bekannten von der
untern Stadt den Lehmhgel hinan, der zur obern fhrt, als ein verworrenes
Getmmel an unsre Ohren schlug. Auf der Hhe angekommen, sahen wir einen
sich immer vermehrenden Volkshaufen vor dem Hause des Friedensrichters
B--r. Wir eilten, zu sehen, was es gebe. Die Menge bestand aus den bessern
Klassen von Natchez, Weibern, Mnnern, Kindern, aber vorzglich den
ersteren. Zugleich war in den Gesichtszgen eine Aengstlichkeit zu lesen,
eine Theilnahme, die auffallend mit dem Tumult contrastirte, der sonst bei
solchen Versammlungen zu hren ist. Ich bemerkte Mtter, die ihre Kinder
mit einer instinktartigen Heftigkeit in die Arme preten, und convulsivisch
ihre Hlse umfingen, gleichsam als befrchteten sie, sie wrden ihnen
entrissen. Auf meine Fragen erfuhr ich, da der Kindesruber endlich
entdeckt, oder vielmehr, da ein Mann verhaftet worden, der des an Mister
Clarke von Hopefield County begangenen Kindesraubes sich stark verdchtig
gemacht. Ich war von Herzen ber eine Nachricht erfreut, welche endlich
Aufschlu ber die so frchterliche Verletzung der heiligsten Naturrechte
zu geben versprach. Ich drckte mich vorwrts, aber die Frauen hatten eine
so starke Stellung genommen, da alle meine Bemhungen fruchtlos blieben.
Es war ein allerdings fr Frauen wichtiger Criminalfall; aber jedem von uns
mute die grliche Sicherheits- und Eigenthumsverletzung von unendlicher
Wichtigkeit sein. Wir standen so nahe an zwei Stunden; die Menge mehrte
sich, Niemand wich. Alle Fenster waren mit Kpfen vollgepfropft.
Endlich ffnete sich die Thre, und der Gefangene, in der Mitte von zwei
Constables, hinter ihnen der Sherif, kam aus dem Hause, um in das Gefngni
abgefhrt zu werden.

Das ist er, murmelten die Frauen mit hohler, heiserer Stimme und
bleichen Gesichtern, auf den Mann deutend, als er durch die lebende Gasse
hindurchgefhrt wurde, und zugleich hielten sie ihre Kinder fester mit
fieberhaftem Krampfe. Und wahrlich, wenn das uere Geprge den innern
Menschen verrth, so mute dieses der Kindesruber sein. Es war das
abstoendste Gesicht, das mir je vorgekommen; eine hndisch verstockte,
stumpfsinnige, heimtckische Physiognomie, mit einem teuflisch-finstern
hohnlachenden Ausdrucke. Man hielt unwillkrlich den Athem an, indem man in
dieses Gesicht blickte. Seine grauen Augen waren auf die Erde geheftet;
nur zuweilen scho er einen Blick, in dem die Hlle sich spiegelte, auf
die Anwesenden, wie sie ihre Kinder fest in den Armen hielten. Beim ersten
Anblicke sah man, da er ein Irlnder war. Er war etwas ber Mittelgre,
seine Gesichtsfarbe schmutzig grau, seine Wangen hohl, seine Lippen
ungewhnlich gro; der ganze Mensch ekelhaft, wild aussehend. Seine
Kleidung bestand aus einem abgetragenen blauen Fracke, eben solchen
Beinkleidern, einem hohen runden schbichten Hute und sehr zerrissenen
Schuhen. Der Eindruck, den sein Erscheinen hervorbrachte, schien sich in
den erblassenden Gesichtern der Menge zu malen. Alle sahen ihm mit einem
langen, verzweifelnd hoffnungslosen Blicke nach, als er dem Gefngnisse
zuging. Wenn dieser Mann das Kind gestohlen hat, murmelten mehrere, dann
ist es verloren. Ich eilte nun, den Friedensrichter zu sehen, der mir
folgende Aufschlsse gab.

Beilufig vier Wochen nach unserer Excursion in der Grafschaft Hampstead
hatte Mister Clarke ein Schreiben erhalten, das mit dem Namen Thomas Tutti
unterfertigt, und das Postzeichen von Natchez am Couverte hatte. Der Vater
wurde darin benachrichtigt, da sein Kind am Leben sei, da Schreiber des
Briefes von seinem Aufenthalte wisse, und da, wenn er, Mister Clarke,
eine Fnfzig-Dollars-Banknote in seiner Antwort einschlieen wolle,
der Verwahrungsort des Kindes ihm angezeigt werden solle. Der Schreiber
verlangte ferner, da Mistre Clarke allein, ohne Begleitung, an dem zu
bezeichnenden Orte erscheine, da sie zweihundert Dollars mehr mit sich
bringe, und da nach Bezahlung dieser Summe ihr Shnchen ihr ausgeliefert
werden solle.

Der bejammernswerthe Vater hatte kaum diesen Hoffnungsstrahl erhalten, als
er auf den Rath seiner Freunde und Nachbarn ein Schreiben an den Posthalter
zu Natchez absandte, in welchem dieser von dem Vorgange unterrichtet und
zugleich aufgefordert wurde, die Person anhalten zu lassen, die um die
Antwort anfragen wrde. Vier Tage nach Erhalt dieser Aufforderung kam auch
wirklich der oben beschriebene Irlnder an das Postbreau-Fenster, und
erkundigte sich, ob kein Brief unter der Adresse Thomas Tutti angekommen
wre. Whrend der Posthalter den Mann unter dem Vorwande aufhielt, da er
unter den Briefen nachsehen wolle, sandte er um den Constable, der, bereits
von dem Falle unterrichtet, sogleich herbeieilte und den Anfrager in
Verwahrung nahm. Es ergab sich bei der Examination, da er sich einige Zeit
in und um Natchez aufgehalten und bemht hatte, eine Schule zu errichten.
Da er jedoch keine Auskunft von seinem frhern Thun und Treiben geben
konnte, sein Betragen auch sonst hchst auffallend und verdchtig
erschienen, so war ihm sein Vorhaben nicht gelungen, und die Wenigen, die
ihm ihre Kinder anvertraut, hatten sie bald wieder zurckgenommen. Damals
nannte er sich Thomas Tutti. Nichts desto weniger lugnete er, da dieses
sein eigentlicher Name sei, oder da er den Brief abgesandt, der allerdings
von einer gebten, wenn auch nicht schulmeisterlichen Hand geschrieben zu
sein schien. Aus dem Verhre erhellte es ferner, da er vollkommen mit den
Pfaden und Wegen zwischen Natchez und Hopefield, und der von letzterem Orte
zu der Wohnung des Vaters fhrenden Strae, so wie den Bayous, Smpfen und
Flssen und ihrer Tiefe und Schiffbarkeit bekannt sei. Es war hinlngliche
Evidenz vorhanden, und er wurde auf das Factum, da er um die Antwort auf
das Geld erpressende Schreiben angefragt, den Gerichten berantwortet, was
zu gleicher Zeit dem Vater des geraubten Kindes kund gethan wurde.

Nach fnf Tagen kam der unglckliche Vater mit dem Negerknaben. Die ganze
Stadt bezeugte dem tiefgebeugten Vater die innigste Theilnahme. Man schritt
zu einem zweiten Verhr; alle Anwlde waren zugegen und hatten ihre Dienste
unentgeldlich angeboten. Man nahm die frheren Aussagen des Irlnders
zur Grundlage der gegen ihn sprechenden Evidenz, und bemhte sich, etwas
Nheres ber den Aufenthalt des Knaben aus ihm herauszubringen; aber allen
Fragen setzte er ein hartnckiges Stillschweigen entgegen. Der Negerknabe
erkannte ihn nicht. Zuletzt gab er zu verstehen, da blo die Hoffnung,
Geld vom Vater herauszulocken, ihn zum Schreiben des Briefes vermocht habe.
Kaum war jedoch diese Aussage zu Protokoll genommen, als er sich mit einem
teuflischen Hohnlachen zum Vater wandte und ihm zuflsterte: Ich will euch
doch noch elender machen, als ihr mich zu machen im Stande seid. Zugleich
bedeutete er ihm, da er an einem gewissen Orte die Kleider seines Sohnes
finden wrde.

Der Vater reiste mit einem der Constables an den bezeichneten Ort, fand
richtig die Kleider, und kehrte nach Natchez zurck. Der Beschuldigte
wurde neuerdings vor die Schranken gefhrt, und versicherte nach vielen
Widersprchen, da das Kind noch am Leben, wenn man ihn aber lnger im
Gefngnisse behalten wrde, dem Hungertode ausgesetzt sei. -- Nichts in der
Welt konnte ihn bewegen, auch nur eine Sylbe fr weitere Aufklrungen von
sich zu geben.

Die Quarter-Sessions waren mittlerweile herangekommen. Eine ungeheure
Menschenmenge hatte sich versammelt. Man hatte Alles aufgeboten;
Verheiungen, Versprechungen von Freiheit, und selbst die ausgesetzte
Belohnung wurde ihm zugesichert -- der Mann schwieg. Es waren
starksprechende Vermuthungen, aber immer noch kein Beweis fr seine
Theilnahme am Raube vorhanden. Die aufgeklrtesten Anwlde waren der
Meinung, da der verzweifelte Mensch, von Noth getrieben, Gelderpressung
durch sein Schreiben beabsichtigte. Fr dieses Verbrechen und als Vagant
wurde ihm eine mehrmonatliche Gefngnistrafe zuerkannt.

Dieser Ausspruch war weit entfernt, den Richtern selbst oder den Anwlden
zu gengen. So milde sind jedoch die Gesetze, die die freien Brger dieses
Landes sich selbst gegeben, so human der Geist der Auslegung, da man
auch dem verzweifelten auslndischen Bsewichte nicht ihrer Begnstigung
berauben konnte oder wollte, so sehr sich das Innerste eines Jeden gegen
eine solche Begnstigung emprte. Es war wirklich etwas so Hllisches in
dem finstern Hohnlachen dieses Mannes, die Lust, die er an den Qualen des
Vaters und der Menge zu empfinden schien, so wahrhaft teuflisch, da man
sich eines kalten Schauders bei seinem Anblicke nicht erwehren konnte. Die
kaltesten Anwlde versicherten, ihre Brust sei beengt, und sie fnden weder
Worte noch Gedanken. Es war mit einem Worte ein allgemeines Gefhl des
Schrecks und Schauders. Die Bewohner von Natchez, besonders der Oberstadt,
sind eine sehr achtbare Klasse von Menschen, mit einem hohen Grade von
politischer und intellectueller Bildung, allein bei dieser Gelegenheit ri
ihre Geduld, und ihr warmes Gefhl verleitete sie zu einer Handlung,
die nur das Scheuliche dieses Verbrechens entschuldigen konnte. Ohne
vorlufige Uebereinkunft versammelten sie sich in der Nacht vom 31.Jnner,
mit dem festen Vorsatze, fr dieses Mal die Milde der Gesetze hintan zu
setzen und einen wirksamern Versuch mit dem Gefangenen zu machen. Einige
der angesehensten Einwohner nahmen ihn aus seiner Zelle, whrend mehrere
starke Neger mit Rindssehnen versehen wurden. Diese nun wurden auf ihn
in Anwendung gebracht. Mit jedem Hiebe schien die Kraft des Schlagenden
zuzunehmen. Eine lange Zeit beobachtete der Gefangene ein hartnckiges
Stillschweigen; der Schmerz jedoch wurde zu gro, und er versprach ein
volles Bekenntni.

In einem Hause beilufig fnfzig Meilen oberhalb Natchez am Missisippi, so
lauteten seine Worte, lebt eine Familie, deren Oberhaupt im Stande ist, den
Verwahrungsort des Knaben anzugeben. -- Der Sherif war natrlicher Weise
whrend dieser Execution abwesend gewesen und hatte sie ignorirt, ohne
sie zu mibilligen. Kaum hatte er jedoch die Wirkung dieses illegalen
Einschreitens erfahren, als er noch in der Nacht mit dem Vater nach dem
bezeichneten Orte aufbrach. Er kam daselbst am folgenden Mittage an, fand
eine sehr achtungswerthe Familie von Hinterwldlern, die wohl von dem
begangenen Raube, aber weiter auch nichts wuten. Die bloe Zumuthung
der Theilnahme an der Gruelthat schien die ehrlichen Hinterwldler aufs
tiefste zu verletzen. Der Gefangene hatte, wie es schon so oft geschehen,
wieder sein Spiel mit ihnen getrieben.

Die gespannte, so oft getuschte Hoffnung hatte den armen Vater aufs
Krankenlager geworfen. Er lag mehrere Tage im Kampfe zwischen Leben
und Tod. Das Publikum war mde, erschpft; der Schmerz erschlafft. Die
Strafzeit des Gefangenen war mittlerweile verlaufen. Es war whrend
dieser Zeit Alles aufgeboten worden, den Bsewicht zu einer Mittheilung zu
bewegen; nichts als stumpfsinniges Hohnlachen war die Antwort gewesen. Man
konnte ihn nicht lnger festhalten, und in Bezug auf den Kindesraub wurde
er auf das _Noli prosequi_ freigelassen. Dem Vater war gerathen worden,
sich, wo mglich, noch einmal mit ihm ins Vernehmen zu setzen. -- Beide
Eltern warfen sich dem Ungeheuer zu Fen, der verstockt sein Auge
wegwandte, und hhnisch dem Vater zuflsterte: Du hast =mich= elend machen
wollen, sei =du= es nun. Der unglckliche Mann sprang auf und bedeutete
dem Entlassenen, da er ihm folgen msse. Sie setzten ber den Missisippi.
Hinter Concordia angekommen, beschwor der Vater nochmals den Irlnder, ihm
um Gotteswillen den Verwahrungsort seines Sohnes zu sagen, ihm drohend,
wenn er es nicht thun wrde, sollte er nicht lebend aus seinen Hnden
kommen. Der Irlnder fragte, wie lange er ihm Zeit geben wolle. Sechs
und dreiig Stunden war die Antwort. Eine Weile ging der Elende neben
den Eltern in tiefen Gedanken versunken, dann, pltzlich auf den Vater
zustrzend, ri er diesem eine Pistole aus dem Grtel und drckte sie ihm
auf die Stirne ab. Die Waffe versagte; da sprang er auf ein Bayou zu, dem
sie sich genhert hatten, und kaum war er im Wasser, als dieses ber
ihn zusammenschlug und er versank. Nach einer Stunde wurde seine Leiche
gefunden. Von dem Shnchen des unglcklichen Vaters wurde nie wieder etwas
gehrt.[70]

    [70]: Ueber die so eben angefhrte Thatsache, die sich zu Ende
    des Jahres 1825 zugetragen, findet man in allen Zeitungen
    des Missisippi-Staates ausfhrliche Berichte. Der Name des
    unglcklichen Vaters ist beibehalten.




Zu spt gekommen

oder

Scenen am Missisippi.


Endlich einmal tauchen sie auf, die heimathlichen Ufer, mit ihren
gewaltigen Krnzen von Liveoaks[71], so herrlich umschlungen von beinahe
mannsdicken Reben, in deren Schatten wir uns so oft ergingen. Csar wurde
immer unruhiger, und berlie sich Freudenausbrchen, welche die Hlfte
unserer Schiffsgesellschaft vom Verdecke wegscheuchten. Das edle Thier
hatte sich ungemein gut whrend der ersten acht Tage unserer Fahrt
betragen; es war so mde; kaum konnte es ein Glied bewegen, als wir Florenz
verlieen. Nun hatte es sich wieder erholt, und seine Munterkeit fing an
uns lstig zu werden. Bereits seit einer Stunde hatte ich ihn in seinem
Verliee zu bewachen und ihm zu schmeicheln, sonst wrde der Tollkopf
sicher durchgebrochen sein, zum nicht geringen Schrecken zweier Damen,
die, bis zum Kinn in ihren Shawls steckend, gewaltiges Aergerni zu nehmen
schienen. Mit Richards war nun nichts anzufangen, das sah ich deutlich.
Seit dem frhesten Morgen war kein Wort aus ihm herauszubringen gewesen;
auf das linke Ufer hinstarrend, schwelgte er bereits im Vorgefhle der
Wonne, die seine Ankunft verursachen werde. Ein Besuch bei seinen Eltern
hatte ihn nun ber vier Monate von Hause und seinem reizenden Weibe
entfernt gehalten. Er war noch nicht volle sechs Monate vermhlt, als er
abreiste. -- Glcklicher Mensch! Welch ein ses Gefhl ist die Heimath,
dieser Ruheort fr den Mden, dies Paradies seiner irdischen Freuden,
wenn ein gleichgesinntes Wesen unserer Ankunft entgegenharrt, wenn
ein zartfhlender Busen hher schlgt und lauter klopft, so wie unsere
Futritte nahen! -- Leider habe ich diese Freuden nie gefhlt. Meine
Heimath haben Fremdlinge inne; blo die kalten Herzen von Miethlingen und
Sklaven warten meiner. Das Gefhl meiner Verlassenheit ergriff mich nie
so bitter, so wehmuthsvoll, als in diesem Augenblicke; es war, als ob
schneidende Schwerter durch mein Inneres zuckten. Csar brach neuerdings in
ein wildes Toben und Stampfen aus. Selbst der hat eine Heimath; er hat sie
nicht vergessen, die Eingangslaube von Chinabumen, mit ihren leichten und
glnzenden Blttern und den Tausenden ihrer Blthen und Beeren, wie sie
in der Morgensonne erglnzen, als ob sie von dem Athem eines Zauberers
angehaucht wren. Und seine Gre, sie werden von einer ganzen Koppel Hunde
beantwortet. Es ist Aufruhr in der ganzen Pflanzung. Zuerst gucken ein paar
rabenschwarze Wollkpfe hinter der Orangenlaube hervor und verschwinden
eben so schnell; dann kmmt eine Heerde klaffender Hunde, die etwas zu
wittern scheinen. Sie locken eine Truppe von Knaben und Mdchen herbei,
die sich ohne weitere Umstnde auf ihre Rcken pflanzen, und dafr
tchtig heruntergeworfen werden. Diesen folgen ihre erwachsenen Brder und
Schwestern, und endlich die ganze Sippschaft Japhets. Doch nun fliegt
eines der lieblichsten Wesen durch die Thr und die Terrasse herab, dem
Laubengange zu, augenscheinlich vom Dampfschiffe etwas erwartend. Sie
scheint noch immer in Zweifel; man sieht es, mit welch reizender Ungeduld
sie dem Boote entgegensieht, das zu langsam fr das se Weib sich nun dem
Ufer zuwendet. Wie sie eilig hin und wieder trippelt, als wollte sie die
Eile des Schiffes durch ihre Bewegung beschleunigen, und ihm Schnellkraft
geben. -- Es ist Clara, das reizende Weib meines Freundes. Beneidenswerther
Junge! Eine Thrne zittert in seinem Auge, als er diese reizende Hlfte
seines Ichs und ihre reizendere Ungeduld ersieht. Dreimal war sie aus der
Laube hervorgekommen; nun erscheint sie ein viertes Mal, dem Ufer zu-
und wieder zurckeilend, und gleichsam schmollend ber die unausstehliche
Langsamkeit des Schiffes. Endlich hat es angelegt, die Brcke ist geworfen,
und Richards rennt -- fliegt auf's Ufer. Sie kann nicht widerstehen; sie
eilt aus der Laube; ein Augenblick lnger -- und sie liegt in seinen Armen;
zieht ihn jedoch -- des Weibes Zartgefhl ist stets rege -- verschmt ins
Innere der duftenden Verborgenheit. Mein Auge folgte den Glcklichen, und
flog dann ber meine Reisegefhrten, die still und beinahe ehrfurchtsvoll
dem holden Bilde der Vereinigung zugesehen hatten. Selbst die rohen
Schiffsleute schienen gerhrt; kein grober Scherz, kein hmisches Lcheln
entfuhr ihnen. Die reine eheliche Liebe zweier Neuvermhlten hat etwas so
rhrend Zartes in sich, da selbst grbere Seelen sich ergriffen fhlen.
Ich Verlassener stand wie ein armer Snder da, schttelte dann dem Capitain
und meinen Reisegefhrten die Hnde, ordnete Csar und die Gig ans Ufer
und folgte. Die treuen Hunde sprangen bellend und tobend um mich herum,
gleichsam als erwarteten sie von mir, was ihnen ihr Herr im Drange
seiner Liebe versagte, einen freundlichen Gru. Und mit ihnen ein Dutzend
Wollkpfe jeden Alters, vom zweijhrigen Wechselbalge bis zum erwachsenen
Mdchen; wie sie sich herandrngen, die kleinen Schelme, umherpurzeln
vor Freude, und jauchzend aufspringen, um dann bittend ihre Hnde
emporzuhalten. Ich wei, was sie wollen: ein Escalin[72] ist das ersehnte
Ziel ihrer Wnsche. Sie soll ihnen nicht fehlen, die kleine Gabe, die sie
einige Tage glcklich machen wird.

    [71]: =Liveoaks=, Immergrn, Eichen; das beste, dauerhafteste und
    zheste Schiffsbauholz, von der Marine der V.St. ausschlieend
    benutzt.

    [72]: =Escalin=, Schilling, 12 Cents, so in Louisiana genannt.

Ja, glcklich ihr, die ihr das Herbe eurer Lage noch nicht fhlt, die ihr
das Schreckliche des Fluches ewiger Sklaverei noch nicht empfunden habt!
Und zweimal glcklich, wenn das Schicksal euch erlaubt, in harmloser
Unwissenheit dem Tage entgegen zu harren, der auch euch in die Zahl freier
Wesen versetzen wird. Ja, er wird kommen, dieser Tag, der uns gestatten
wird, das zu vershnen, was unserer Vter Machthaber an euch verbrochen
haben.

Sonderbar, der Anblick der frhlichen Wesen, die um mich herumgaukeln, hat
mich ernst gestimmt. Es ist Zeit, meine Freunde zu sehen; doch die ersten
Augenblicke des Wiedersehens sind so kostbar, so s; ich mu noch warten.
Wie Vieles mgen sie sich zu sagen haben, das dem Ohre des Freundes selbst
verborgen bleiben mu! Ich steige die Treppe hinan, und verweile auf der
Terrasse. Noch eine Weile. Ich nhere mich der Thre. Beinahe scheint es
mir, als ob ich berflssig sei. Wieder halte ich. Endlich fllt meine
Hand auf den Drcker, die Thre geht auf. Ich sehe sie beide Arm in
Arm verschlungen, ohne gesehen oder bemerkt zu werden. Ich will mich
zurckziehen. Doch nein -- solch ein Anblick ist nicht oft wieder zu sehen.
Wie sie sich umschlungen halten! Es ist ein herrliches Paar. Er eine wahre
Apollogestalt, mit einer Adlernase, feurig schwarzen Augen, in denen man
sich nicht satt sehen kann, denn mit jedem Blicke sieht man tiefer in eine
freie Seele, die ein wenig stolz und selbstbewut, aber mnnlich und fest
ist. Als er so da stand, sein Weib in seine Arme geschlossen, seine Lippen
an die ihrigen gepret. -- Sie das Modell einer Hebe, mit den sanften,
weichen und doch so begehrenden, mdchenhaften Zgen, wie sie so stand,
oder vielmehr hing in seinen Armen, zu ihm aufblickend mit dem reizend
vertrauenden Gesichte, ihr ganzes Wesen zitternd vor Freude und sem
Verlangen. Ich wollte, ich htte sie nicht unterbrochen. Sie sahen mich
jedoch nicht; sie hatten zuviel an sich zu sehen. Sein Auge schien nun
etwas zu suchen; er blickte im Zimmer umher, und sie, mit Errthen seine
Hand fassend, fhrte ihn durch die Flgelthren, durch die Polly so eben
tanzte, einen kleinen Engel im Arme.

Der dreimal Glckliche! Er fiel ber das arme Mdchen gleich einem Rasenden
her, und bei einem Haare wre ihr die se Brde entwischt. Er fing sie
jedoch auf, hob sie in seine Arme, und nun begann ein Tanz im Zimmer,
ein Tanz, den der trockenste Quker lieblich gefunden haben mte,
vorausgesetzt, es schlage ein Herz an der linken Seite und kein
Dollarbeutel. Wieder umschlo er sein Weib, und sofort berhufte das
liebliche Paar den jungen Brger mit so ungestmen und zahlreichen
Beweisen ihrer lterlichen Zrtlichkeit, da er zuletzt in die lautesten
Protestationen mittelst Zappelns und Weinens ausbrach.

Wenn je eine Scene mich mein Hagestolzthun bedauern lie, und die Grundlage
zu vernderten Gesinnungen wurde, so waren es diese funfzehn Minuten; denn
volle funfzehn Minuten dauerte es, ehe mein werthes Selbst in Betrachtung
gezogen wurde. Ich schttelte noch die Hand Claras, als Mappa, der
Leibkutscher beider Herrschaften, in die Stube trat. Die Pferde sind
angespannt, meldete der schwarze Squire.

Du weit noch nicht, lispelte sie, da sie heute in der _Helen McGregor_
(Name eines Dampfschiffes) nach dem Norden aufbricht. Ich war so eben im
Begriffe, ihr Lebewohl zu sagen; doch deine Ankunft nderte dies, und sie
wird entschuldigen, wenn sie hrt--

Sie wird nicht, versetzte Richards; nein, wir mssen sie sehen. Sie wrde
es uns nie verzeihen.

Aber du bist so mde.

Wie sollte ich auch. Ich komme so eben vom Dampfschiffe, und wenn ich's
wre, so wrde dies mich keineswegs abhalten, die Busenfreundin meiner
Clara zu sehen, der ich so vieles verdanke.

Ja, und einen besorgten Anwald hattest du, drohte sie mit ihrem Finger,
und htte sie nicht ewig von dir geschwatzt, der Himmel wei, was geschehen
wre. Doch, fgte sie im leisern Tone hinzu, ich habe Gleiches mit Gleichem
vergolten: sie ist versprochen.

Du schriebst mir von dem Plane der Tante, entgegnete Richards eben so
leise. Ich hoffe jedoch, die Sache sei noch nicht so weit gediehen.

Sie ist es; -- doch, du wirst hren. Ihr habt eine halbe Stunde zum
Umkleiden, und eine andere zum Luncheon[73]; das Dampfschiff wird um vier
Uhr erwartet.

    [73]: =Luncheon=, ein Imbi, vor dem Mittagsessen genommen, besteht
    gewhnlich aus kalten Speisen.

Und was mit Howard thun? wisperte er ihr zu; du kennst seine Abneigung
gegen die Tante. Ich zweifle, da du etwas in diesem Punkte ausrichtest.

Gegen die Tante aufgebracht? wisperte sie. Du machst mich staunen; das ist
etwas ganz Neues. Und sie ist doch so ganz sein Bewunderer, beinahe sollte
ich glauben, sie habe--

Da steckt der Haken.

Sie sann eine Weile nach, nickte zuversichtlich, und lispelte dann: Er mu
mit. Und mit diesen Worten kam sie auf mich zugetrippelt. Ich hatte kein
Wort von der Unterredung verloren, und dachte: komme nur, du sollst mich so
ledern finden, als wir Mister Shifty nassen Andenkens.

Sie sind doch von der Partie zur Tante? fragte sie mit dem
einschmeichelndsten Lcheln, whrend sie meine Hand ergriff.

Nicht fr diesmal, war meine Antwort; ich bin froh, da wir im Hafen
eingelaufen sind.

Selbst dann nicht, wenn ich Sie einer Schnheit zufhre, einer Schnheit,
die Verstand hat, Verstand wie ein gewisser Mister Howard?

Danke fr das Compliment; es ist ein armseliges.

Es sind ja blo vier Meilen.

Zuviel, wenn es nur so viele Ruthen wren.

Wie Sie doch so nchtern und amphibis sein knnen. Ein wahrer Hagestolz.
Wollen Sie selbst dann nicht gehen, wenn ich Ihnen sage, wem ich Sie
zufhre?

Nein, meine schne Dame.

Ihre Hartnckigkeit ist wirklich impertinent. Wollen Sie selbst nicht
gehen, um Emilie Warrens zu sehen?

Sie gehen, Emilie Warrens zu sehen? fiel ich ziemlich rasch ein. Wie? ich
dachte, sie wre in New-Orleans?

Der Wind ndert sich erstaunlich, bemerkte Clara trocken, ihrem Manne sich
zuwendend.

Ich sah darein, als hrte ich sie nicht; aber die Lockspeise hatte
gefangen. Und war es ein Wunder nach den Scenen, die ich so eben gesehen?
Richards hatte von eben dieser Emilie stets in so hoher Begeisterung
gesprochen; er, der so khl, so gemigt, so geizig in seinem Lobe war,
wenn es dem zweiten Geschlechte galt. War es ein Wunder, wenn meine
Neugierde, mein Interesse aufgeregt waren? Aber dann die unglckselige
Mistre Houston mit ihrer verfolgenden -- Liebe kann ich's nicht nennen.
Dieses langbeinige Ding, hager, mager, mit Armen und Beinen wie ein
Hochlnder, und hervorragenden Backenknochen; eine leibhafte Clansgenossin;
dabei flach wie unsere Breithrner oder Flachbte. Sie ist das
unausstehlichste Wesen, das je in Petticoats[74] gesteckt; das Beste an ihr
sind noch ihre fnf und vierzig Jahre. Freilich hat sie einige gute Seiten:
sie ist sehr reich, sehr respectabel, wie es sich von selbst versteht,
und sehr rationell, einen einzigen Punkt ausgenommen: ihre Baumwolle ist
beinahe _sea islands_[75]. Aber ihre armen Neger! Potemkin bte nicht
grere Zwingherrschaft ber die brtigen Subjekte Ihrer Moskowitischen
Majestt aus, als der gallschtige Mister Twang ber die Krper dieser
armen Teufel. Und dann ihre Zge, besonders wenn sie sich in Ha oder Hohn
falten, wenn ihr ein armer Wicht zur unrechten Zeit unter die Augen tritt.
Ihr ganzes Wesen verrth dann Abscheu; es ist hlich, beinahe grausig.
-- Und in diesen Hnden ist Emilie? fragte ich mich zehnmal. Ich war
vorzglich ihr zu Liebe nach Hause zurckgekehrt; sie hatte meine Neugierde
zu kitzeln angefangen, und nun ich sie kennen lernen sollte, ist sie wieder
auf dem Sprunge, in die weite Welt zu segeln. Mir war nicht wohl zu Muthe.
Mdchennarr, wie ich war, es ahnte mir, ich sollte zuletzt leer ausgehen.
Ich sann und sann, ganz vergessend, da Richards und seine Frau schon fnf
Minuten vor mir standen, sich bedeutsame Blicke zuwerfend. Ich sehe wohl,
sprach sie mit einem sonderbar spitzen Lcheln, da Sie nicht zu bewegen
sind.

    [74]: =Petticoats=, Unterrckchen; weibliche Kleidung berhaupt,
    scherzweise genannt.

    [75]: =_Sea islands_=, die berhmte Baumwolle der Inseln Georgiens.

Je nun, um Sie zu verbinden, will ich mit; doch, aufrichtig gesagt, blo um
Sie zu verbinden.

Es wre wirklich unzart, ein so groes Opfer von Ihnen zu verlangen,
erwiederten die ehelichen Verbndeten mit einem Gelchter, das mich so
ziemlich als einen Hasenfu bezeichnete.

In einer halben Stunde waren wir mit unserer Toilette fertig, in einer
zweiten war das Luncheon genommen; und dann setzten wir uns, besiegt von
der weiblichen Diplomatie, in den Wagen.

In einem Wagen mit einem kaum zwlf Monate verbundenen und sich herzlich
liebenden Paare zu sitzen, das sich die letzten vier Monate nicht gesehen
hat, ist eben nicht sehr zeitvertreibend. Die jungen Leute haben sich
so viel zu sagen, so viele Geheimnisse zuzuflstern, kurz, selbst
die philanthropischsten sind so haushlterisch mit jeder Sekunde, so
selbstschtig, da einem Dritten kaum etwas anderes zu thun brig bleibt,
als -- nichts zu thun, und eine stumme Rolle zu spielen. Ich konnte mich
selbst nicht an meinen jungen Mitbrger halten, der in Polly's Armen lag,
da er so oft hin und wieder passirte, da es vergeblich gewesen wre, mich
mit ihm befassen zu wollen; so war ich denn gezwungen, meine Aufmerksamkeit
in's Weite, nmlich auf den Missisippi, zu richten.

Ja, es ist ein groartiger Anblick dieser Missisippi zu allen Zeiten, aber
besonders, wenn er, wie jetzt, bis an den Rand gefllt ist. Man behauptet,
er sei hier am tiefsten, und ich bin selbst der Meinung; denn weiter unten
sind die Bayous, die einen bedeutenden Theil seiner Gewsser abfhren. Der
Strom ist beilufig zehn Fu gestiegen, und die Strmung uerst schnell.
Ich sehe ihn gerne voll, den majesttischen Vater der Flsse, oder, wie
ihn die Indianer nennen, den endlosen Strom[76], und empfinde stets ein
gewisses Mibehagen, wenn ich ihn im niedern Wasserstande mit seinen
fnfzig bis sechzig Fu hohen hohlen Schlammufern erblicke. Die Hitze
wird jedoch drckend, und die Moschettos scheinen unser verdicktes Blut
zu wittern; bereits die dritte hat mich gestochen. Wir haben eine dritte
Pflanzung passirt. Ein herrlicher Anblick, dieses Haus mit seinen
zwanzig Htten, in einem Walde von China-, Tulpen-, Orangen-, Feigen- und
Citronenbumen begraben; besonders die ersten sind so lieblich anzuschauen
mit ihren weien Blthen und gelblichen Beeren, die die ganze Baumkrone
bedecken, und sich im Verlaufe weniger Wochen rthen, wo sie dann Millionen
glnzender Rubinen gleichen, den Robbins zum Labsal, zum Verderben.
Tausende dieser treuherzigen Thiere schwrmen dann und nisten an neblichten
Herbstmorgen in dem Gezweige, und ertrnken im Safte der Beeren ihre
winzigen Sinne, und purzeln umher, und treiben nrrisches Wesen, die
lieblichsten Trunkenbolde, die man nur sehen kann. Als wir so am breiten
Uferrande hinrollten, den Missisippi zur Linken, die weien Zune mit
den unabsehbaren Cottonpflanzungen zur Rechten, im Rcken die colossalen
Cypressen- und Cedernwlder, wurde mir beinahe schwindlich vom langen
Dahinstarren, und Landhuser, Felder und Wlder schienen dem mexikanischen
Busen zuzufliehen. Die Stimme Richards weckte mich aus meinen Trumen; wir
waren vor der Pflanzung der Mistre Houston.

    [76]: Diesen Namen verdient er gewissermaen, da er, den Missouri
    mit eingeschlossen, ber 4000 Meilen lang ist.

So werden wir denn dieses Wunder weiblicher Vollkommenheit sehen, der so
viele Huldigungen dargebracht werden. Eine Reihe von wenigstens zwanzig
glnzender London-Gigs, mit einer gleichen Anzahl von Reitpferden, halten
im Hofe unter den Bumen. Wir stiegen sofort ab, bersahen unsere Anzge,
setzten zurecht, was die kurze Fahrt unrecht gesetzt, und stiegen die
Stufen hinan. Die Halle war voll von Bedienten, der Saal voller Gste, die
natrlich gekommen waren, der nordischen Schnheit Lebewohl zu sagen. Doch
weder sie noch Mistre Houston ist zugegen. Ich kann mich eines Lchelns
nicht erwehren ber die drollige Wichtigkeit, mit der die Frau meines
Freundes nach der Thre deutet, und dann mit einem herablassenden,
beiflligen Lcheln hindurchschlpft. Zugleich beginnt eine unendliche
Ungeduld sich in mir zu regen. Nichts ist unausstehlicher, als auf den
Fittichen der Sehnsucht herbeizueilen, jeden Augenblick verlangend zu
zhlen, und dann auf Geduld verwiesen zu werden, oder, was noch rger ist,
auf ein Dutzend alte Gesichter, die wir ohne Herzeleid achtzehn Monate
entbehrt haben, und denen wir nun recht freudestrahlend in die Augen sehen
und ihnen eine halbe Stunde hindurch wiederholen mssen, wie sehr es uns
freue, sie zu sehen, und wie das Wetter so schn sei. Doch es lt sich
nicht vermeiden, und so beginnen wir denn ganz gemchlich unsere Tour in
der Runde, zuerst bei den Damen, wie es sich von selbst versteht, und dann
bei den Herren, in echter Yankeemanier. Ich hatte so das zehnte Individuum
abgefertigt, als Richards auf einmal meine Hand erfate und mich einem
ltlichen Gentleman zuzog, der am obern Ende des _drawing room_ stand.
Unglcklicher Weise war die Ceremonie des Auffhrens so schnell vor sich
gegangen, da ich den Namen der werthen Personnage ganz berhrt hatte. Er
war sehr erfreut, lautete seine Formula, die Bekanntschaft eines Mannes zu
machen, von dem seine Freunde so viel Rhmliches erwhnt.

Ich verbeugte mich pflichtschuldigst; meine Verbeugung mute aber sehr
steif ausgefallen sein. Ich sah mich nach Richards um; er war verschwunden.
Ich blickte den Gentleman an, er mich, und so verwirrt war ich, da ich
kein Wort finden konnte. Ich wei nicht, was es war, das mir jedes Wort an
die Zunge kleben machte; so verwnscht steif und starr und stattlich und
abgemessen stand er vor mir; ein spanischer Grande war ein franzsischer
Tanzmeister im Vergleiche. Und diese ernsten, trockenen, scharfen
Gesichtszge, diese spitze Nase, mit den blauen, tiefliegenden, starr
fixirenden Augen, -- sie scheinen ins Innerste zu bohren. Es lag etwas
Gutmthiges, aber zugleich etwas unbezwingbar Starres darin. Ein Yankee der
alten Schule, ganz wie er leibt und lebt. -- Ich mu recht erbrmlich vor
ihm gestanden sein, da ich, statt Antwort zu geben, sein ganzes Gestelle
abma, als wollte ich ihn aufnehmen, -- auf seine gepuderten Haare, den
Haarzopf, die seidenen kurzen Unterbeinkleider herabsah, die Schuhe mit den
goldenen Schnallen musterte, und mir doch kein Sterbenswrtchen einfiel.
Ich wollte bereits um Vergebung bitten, seinen Namen berhrt zu haben, als
Ralph Doughby seine Hand auf meine Schulter legte. Beinahe htte ich es ihm
Dank gewut, so wenig ich brigens den gar zu derben Schwenkflgel leiden
mochte. Ehe ich mich umsah, hatte der Mann seine Verbeugung gemacht, und
mich, den Tropf, so mute er nothwendig denken, stehen gelassen. So geht
es acht und zwanzigjhrigen Hagestolzen, die auf die Mdchenschau ausgehen.
Ich hatte ein wenig Mhe, den Hasenfu, ich meine Doughby, aus seinem
zwlf Zoll hohen Halskragen und dem Carterschen Fracke und Pantalons
herauszufinden, mit denen er sich whrend seiner Newyork-Tour ausgerstet.
Bei dem kommen die Flegeljahre ganz verkehrt; gewhnlich fangen sie mit
achtzehn bei uns an, und enden mit vier und zwanzig. Wer htte aber das
an unserm Doughby vermuthen sollen, als er noch vor zwei Jahren steif
und bedchtlich mit der Peitsche hinter seinen armen Negern einhertrabte?
selbst einen Aufseher zu halten, war er zu knauserig. Und nun ist er einer
unserer Fashionables in echter Ober-Missisippi-Manier, der seine zehn
Glser Sling oder halb so viele Bouteillen Chambertin aussticht, sein
Ecart mit Grazie bis Mitternacht spielt, und mit derselben Grazie einen
Wollkopf zu Boden schlgt. Es scheint, er hat sich recht methodisch zum
Lebemann vorbereitet, und physische und moralische Krfte gesammelt,
und nun gilt er fr einen unsers Gleichen; denn er hatte die Klugheit,
zusammenzuhalten, bis seine Batzen vollzhlig waren. Ich mchte nur wissen,
ob er auch gekommen ist, Emilie Lebewohl zu sagen. Sollte sie an seiner
Bekanntschaft whrend ihres Hierseins Geschmack gefunden haben? Das wre
gerade keine besondere Empfehlung fr ihren Sagacittssinn. Es mu etwas
dergleichen sein; der gute Ralph ist wie zu Hause.

Der Gedanke fing an mich allmlig zu drcken, whrend ich meinem Nachbar,
der jedoch glcklicher Weise hundertfnfzig Meilen von mir wohnt, ber
seine vortheilhafte Metamorphose mein Kompliment machte. Und der
Ignoramus nimmt es fr baare Mnze, und wirft sich auf, und geruht beinahe
protegirend zu werden. Gott sei Dank, er geht; doch was nachkmmt, ist
nicht besser. Ein ganzer Schwarm Politiker, denen die letzte Gouverneurs-
und Prsidentenwahl die Rechnung verdorben hat. Die guten Leute sind steif
der Meinung, da unsers Louisianas Ehre dahin ist, wenn nicht einer aus
ihnen das Ruder fhrt. Auf die armen Creolen sind sie schlimm zu sprechen.
Ich war eben daran, meine nagelneuen politischen Entdeckungen den Herren
zum Besten zu geben, als pltzlich die Flgelthren sich ffneten, und
ein Zug von Damen hereinschwirrte. Zuerst eine unbekannte Gestalt am Arme
Claras, dann Mistre Houston und Compagnie. Doch diese Unbekannte, sie ist
zweifelsohne Emilie; was will aber dieser Doughby bei ihr? Er poltert auf
sie zu, als ob sie bereits die Seinige wre. Und sie? Wahrlich, ich wei
nicht, wie mir wird. Ist es Ueberraschung, oder Eifersucht auf Doughby;
aber es wird mir grn und gelb vor den Augen. Sie verbeugt sich zur
Gesellschaft und spricht mit dem steifen Gentleman; jetzt wendet sie sich
zu mir. Mein Gott! Mistre Houston steht diese halbe Minute vor mir und
erkundigt sich nach meinem Befinden; ich starre auf Emilien, und, was
schlimmer ist, brumme der Dame in ihrem eigenen Hause zu: Ich bin sehr
erfreut, Sie zu sehen. Wohl, wenn die nicht den Staar hat, dann wird es
saubere Geschichten geben; denn auf die Zungenspitze dieser personificirten
_chronique scandaleuse_ zu gerathen, und die Tour unserer zwlfhundert
Zeitungen zu machen, ist eins und dasselbe. Und noch dazu schiebe ich
sie hflichst auf die Seite, um mir nicht die Aussicht auf Emilien zu
verderben, die, wie ich bemerke, auf mich zuschwebt. Ja wohl schwebt sie;
ihr Schritt ist so leicht, beinahe tanzend, und doch so fest und bestimmt.
Keine Ziererei, nicht der mindeste Zwang in ihren Bewegungen, die zarteste
Lebendigkeit und doch die bescheidenste Grazie. Ihr Wuchs ist etwas ber
die Mittelgre, die Gestalt ein Modell der Symmetrie, so schlank und
doch so abgerundet, so elastisch und so therisch. Und diese prachtvollen,
tiefblauen Augen, die einen mit solch wunderbarlichem Vertrauen anblicken,
gleichsam als wollten sie sagen: ich wei, du bist mir gut. Diese Augen,
die so zuversichtlich und doch wieder so prfend auf Einem ruhen, gerade
lang genug, um ihn zu berzeugen, da er eines lngern Blickes wrdig
erachtet, und doch wieder nicht lange genug, um Hoffnung einzuflen;
der wahrhaft mdchenhafte, reine Ausdruck dieser Augen, der von dem
bezauberndsten Glanz so unmerklich in sinnenden Ernst verschmilzt --
ich werde sie nie vergessen. Und dieser Teint so rein, die Rosen auf
Liliengrunde. Es ist das frischeste, lieblichste, verstndigste Gesicht,
das mir je vorgekommen ist. Ja, sie ist wirklich ein reizendes Mdchen; nie
sah ich ein so offenes und wieder so intellektuelles Wesen. Das Gesicht ist
eines Lebensstudiums werth. -- Sie spricht mit Richards und seiner Frau,
ihre Hnde in die ihrigen verschlungen. Wir haben lange und verlangend auf
Sie, Harry, gewartet, lispelte sie, whrend ihre Augen in sinnendem Ernste
auf ihn gerichtet waren.

Ich hoffe, ich bin nicht zu spt gekommen, erwiederte Richards.

Sie gab keine Antwort; aber diese funkelnden Augen schienen feucht zu
werden, sie schienen zu sagen: ja wohl zu spt.

Wenn ich zu spt gekommen, dann bist du Schuld daran, sprach Richards, sich
zu mir wendend.

Ich war einem Trumenden gleich da gestanden. Ich hrte nicht, ich sah
nicht, nur abgebrochene Schalle drangen in mein Pericranium.

George ist wieder einmal in seinen Trumen, sprach Richards, meine Hand mit
seiner Linken ergreifend und mich nher zu dem Kreise ziehend. Ich blickte
auf; sie stand vor mir im unaussprechlichen Reize.

Hast du die schweren Klagen wohl gehrt, die so eben gegen dich erhoben
wurden? fragte er. Die zweihundert Meilen, die ich zweimal zu fahren hatte,
dich von deinen Wanderungen aufzulesen und wieder heimzufhren, drften
leicht Herzenswehen verursachen.

Herzenswehen? fragte ich, und wer fhlt diese?

Das Auge Emiliens ruhte auf mir. Herr Howard, sprach sie, hat wirklich
Ursache, stolz auf die Liebe und Achtung seiner Freunde zu sein.

Die ersten Worte, die sie an mich gerichtet. Aber welche Stimme, welche
Tne! Was sind Garcias Tne gegen diese? Und dieser Mund, wie himmlisch er
sich ffnet! Und diese Reihen von Perlenzhnen! Ich konnte mich nicht satt
genug an ihr sehen. Ich htte Vieles gegeben -- und ich gebe nicht gern --
diese Zhne noch einmal zu sehen; doch der Knall zweier Gewehre lie sich
nun hren und das Geheul der Neger. Das Dampfschiff! rief Mistre
Houston mit ihrer klaffenden Stimme. Das Dampfschiff! wiederholte ich in
Verzweiflung. Die alte Dame warf einen hhnisch triumphirenden Blick auf
mich. -- Emilie! sprach ich, und die Worte erstarben mir auf der Zunge,
Emilie! und zu gleicher Zeit prete ich wthend ihre Hand. Sie blickte mich
gleichsam verwundert an; sie mute in meinem Gesichte gelesen haben, was in
meinem Innern vorging. Und nun die verwnschte _Helen McGregor_, wie eine
Anaconda zischend; sie ist bereits zu hren wie das Brllen der Neger.
Und die gellende Mistre Houston -- wahrscheinlich, um mir die Qualen des
Abschiednehmens so viel wie mglich zu verkrzen! -- Doch, was hat dieses
zu bedeuten? Ralph Doughby rollt mit ihr einen Shawl auf, schiebt den alten
gepuderten Gentleman auf die Seite, wie er es mit einem Cottonballen thun
wrde, und wirft das Seidentuch Emilien ber die Schulter; er reit beinahe
die Spitzen von ihrem Halse. Das ist's also! da geht es hinaus! Wohl, ich
wei nun, woran ich bin, und ich bin herzlich froh. Was ist mir Emilie
Warren? Ein schner Traum und nichts mehr. Ich bin erwacht, und hoffe auch
dieses zu berstehen; es ist nicht meine erste und, ich hoffe, auch nicht
meine letzte Liebe. Ein alter Praktikus von acht und zwanzig Jahren wird
sich um solche Kleinigkeiten nicht den Hals abreien. Elende Trstungen!
Whrend mir diese Maximen grober Liebesphilosophie durch den Sinn
schwirrten, htte ich Ralph Doughby, der ihr nun seinen Arm anbot, ganz
gemthlich erwrgen knnen. Ja, er fhrt sie wirklich auf das Dampfboot,
und mir fllt Mistre Houston zu. Anstatt ihr den Arm anzubieten, fate sie
den meinigen, und so ziehen wir denn fort. Was ich sagte, wei ich bis
auf diesen Tag noch nicht; es mu jedoch etwas Heilloses gewesen sein;
sie schrie beinahe laut auf. Ihre gellende Stimme brachte mich endlich zum
Bewutsein zurck, und ihr slich giftiger Blick khlte allmlig meine
Leidenschaft. Wenig Schritte mehr und wir waren am Landungsplatze. Kisten,
Koffer und ein Heer von Schachteln waren bereits deponirt; es blieb nichts
brig, als die Eigenthmer gleichfalls zu spediren. Zuvor mu jedoch noch
Lebewohl gesagt werden. Mein Auge hing noch immer an Emilien, und sie in
den Armen der Frau meines Freundes. Es schien, als trenne sie sich ungern
von der Jugendfreundin; der lange, lange Ku, die thrnenvollen Augen
zeugten deutlich davon. Doch nun kmmt Mistre Houston, stattlich, steif
und frostig; das leibhafte Bild des Winters, wie er den Frhling umarmt.
Und dann die brigen Damen und Herren, alle nach der Reihe; zuletzt
Richards und ich. Sie nhert sich uns einen Schritt; ihr Auge sucht
mich, unsre Hnde begegnen sich; ich presse die ihrige -- vielleicht das
letztemal. Jedoch nicht das leiseste Zeichen der Erwiederung, und doch
ruht dieses prachtvolle Auge auf mir; eine Thrne spiegelt sich darin, eine
zweite -- sie wendet sich, und nun ein zitternder, beinahe unmerklicher
Druck dieser lieblichsten aller Hnde. Ich murmelte, meiner selbst
unbewut: Himmel, so mu ich Sie denn verlieren, kaum zehn Minuten nachdem
ich Sie gesehen! Sie blickt mich an, und wendet sich dann mit einem Blicke,
der milde und schwermthig zu sagen scheint: ja, wir mssen scheiden. --
Doch wer kommt hier. Ein ganzer Tro von Wollkpfen, jung und alt, Kinder,
Jungen, Mdchen, Greise und alte Mtterchen, alle ihr Lebewohl heulend
und grinsend, alle nach einem letzten Blicke von diesem lieblichen Wesen
haschend. Sie mu diesen Armen herzlich gut gewesen sein; niemand fhlt
tiefer als sie. Selbst ihre Leiden, ihr hartes Loos, macht sie um so
empfnglicher, die milde Hand zu kssen, die sich ihnen wohlthtig aufthut,
die es der Mhe werth hlt, einen Tropfen Balsam in ihre stets offenen
Wunden zu gieen. Es ist wirklich ein schner Anblick die, das herrliche
Geschpf umringt von den schwarzen Gestalten; die unerwartete Huldigung
scheint in ihr eine wehmthig-freudige Empfindung zu erregen. Doch Mistre
Houston winkt ihrem Grandvezier, und die armen Dinge scheuchen zurck.
Ihr Blick fllt furchtsam auf ihre Herrin, und dieser Blick scheint alle
erstarren zu machen, gleich Banquo's Geiste. Noch ein Lebewohl und sie
scheiden, und betreten die Breter, die sie fr immer mir entziehen soll.
Ich starre ihr wie verloren nach, bersehe ganz, da sie an Doughby's
Arme ber die Brcke auf das Verdeck schritt und mit ihm in der Salonthre
verschwand, -- und nun schwingt sich das Boot herum, der Dampf brauset,
zischt strker und strker, endlich der letzte Sto und die gewaltige
Maschine bewegt sich; langsam zuerst, und dann schneller und schneller
schwirren die Rder. Wird sie nicht aus dem verwnschten Salon
herauskommen? uns keinen letzten Blick gnnen? Immer weiter entfernt sich
das abscheulich schnelle Boot; nie schien mir eines so eilig. Ah, nun
ffnet sich die Thre; es ist eine weibliche Gestalt; sie nhert sich dem
Gelnder; ihr Sacktuch in der Hand; sie schwingt es. Der alte Gentleman
zunchst ihr lftet seinen Hut und macht eine abgemessene Bewegung, und nun
fllt mir der bocksteife Gentleman wieder ein. Ich erinnere mich, da er
noch an der Brcke sich zu mir gewendet, mir freundlich die Hand gedrckt,
und mich dringend gebeten, wenn ich je nach Boston kme, sein Haus als das
meinige zu betrachten. Wer ist doch, fragte ich Richards, der Mann, der
neben Mi Emilien steht, und uns so steif sein Adieu zunickt? Frwahr,
erwiederte mein Freund, du bist einer der sonderbarsten Menschen; da steht
er, gafft, vergit Alles neben und um sich, und bemerkt selbst nicht, wenn
man von ihm Abschied nimmt. Mister Warrens mu sonderbare Dinge von dir
denken.

Die Mister Warrens? fragte ich, mich auf die Stirne schlagend.

Wer sonst als er? Ich bitte dich, vermeide alles Auffallende; unsre Tante
hat dich im Auge.

Das Wort rief mich wieder zurck. Sie stand mir gegenber, ein boshafter,
schadenfroher Zug spielte um ihre Lippen. Kaum hatte Richards Zeit, mir die
Worte zuzuflstern: Sei ein Mann! so stand sie auch schon vor mir, um mich
mit aller mglichen Zutraulichkeit zum Mittagsessen einzuladen. Ich wollte
ein bestimmtes Nein aussprechen; allein Richards und seine Frau traten
wieder dazwischen, und sagten zu. Die alte Dame fixirte mich einen
Augenblick, und wandte sich dann zu der brigen Gesellschaft.

Sei nur diesmal ein Mann, und gieb dich dem Spotte der Tante und ihrer
tausend Nebenzungen nicht blo, bat Richards. -- Was kmmert mich die Tante
und ihre tausend Nebenzungen, wollte ich erwiedern; aber Richards mute
in meiner Seele gelesen haben, und sprach ernst und trocken: Das schroffe,
leidenschaftliche, trumerische Wesen taugt frwahr nur, dich zum
ungeniebaren Sonderling zu stempeln. Bedenke, da du unter deinen Nachbarn
bist, denen du nie eine Ble geben darfst.

Du hast wahrlich recht, erwiederte ich. -- Es war wirklich hohe Zeit,
zurckzukommen. Bereits flsterten meine Nachbarn und schne Nachbarinnen,
bereits spitzten sich ihre Nschen und krmmten sich ihre schnen Lippen;
eine Stunde lnger so fortgefahren, und am ganzen Missisippi wre der zu
spt gekommene Liebhaber ein Theegesprch geworden. Nein, das mu nicht
sein; erwache zum Gefhle deiner ganzen Kraft, sprach ich, und vergesse
diese Lappalien. Vielleicht wre mir dieses doch nicht so leicht geworden;
doch als ich so selbst mit mir kmpfte, warf mir Mistre Houston einen
ihrer gewhnlichen _coup-d'oeils_ zu, und der entschied. Mich vor dieser
Frau blo zu geben, wre Tollheit, Stumpfsinn gewesen; nein, diese Zunge
soll ihre anatomisirende Gewandtheit nicht an mir ben; es ginge
mir wahrlich nicht besser, als dem armen Eichhrnchen, das von der
Mocassinschlange verschlungen wird, zuerst der Kopf und dann der Leib,
den sie mit ekeligem Schleime berzieht, um ihre Beute desto leichter
hinabzuwrgen. Sicherlich wrde ich in einem halben Dutzend Landzeitungen
oder einem Wochenblatte figurirt haben, herausgeputzt in einen Wehe- und
Entsagungshelden, zahlbar mit fnf Dollars baaren Geldes oder vier Bnden
derlei Potpourri's von Unsinn, Kalbleder und Vergoldung mit einbegriffen.

Es kam nun darauf an, ein paar Stunden gehrig zu benutzen, und die blen
Eindrcke wieder zu verwischen. Schon der feste Entschlu, die Lsung
dieses Problems aufzustellen, gab mir eine Schwungkraft, die mir trefflich
zu statten kam. Allmlig kam die gute Laune gleichfalls angezogen, und
zuletzt in einem Mae, wie ich sie selten hatte. Wie das herging, wei ich
noch heutigen Tages nicht; war der hhnende Blick von Mistre Houston daran
Ursache, oder war es Ueberma der Verzweiflung, ein Geschpf fr immer
verloren zu haben, das, mein Herz sagte es mir beim ersten Anblicke, mich
namenlos glcklich gemacht haben wrde, -- genug, ich war pltzlich
in einer Laune, die brillant genannt zu werden verdiente. Witzes- und
Geistesfunken fingen mit einem Male aus meinem Munde zu sprhen an; jedes
Wort athmete den frhlichen, heitern Lebensmann. Mistre Houston sah mich
anfangs zweifelnd, dann verwundernd an; zuletzt schien sie ihren Ohren und
Augen kaum mehr trauen zu wollen, und Clara kicherte und lachte, bis sie es
nicht mehr auszuhalten vermochte. Alle die Abenteuer und Vorflle unserer
Tour, vom ledernen Mister Shifty zum mit Haut und Haaren zur Feier des
achten Jnner gebratenen Barbecu-Ochsen, von dem auch uns eine Rippe
zu Theil wurde, und dem pfiffigen Yankee, der seine selig verschiedene
Ehehlfte einsalzte und in den Kamin zum Ruchern aufhing, willens, sie
so, wohl geruchert und gedrrt, als eine egyptische Mumie, an die Londner
egyptische Halle in Piccadilly zu veruern, indem er aus seiner Zeitung
vernommen, da Mumien ein gangbarer Artikel wren, und mit schwerem
Gelde aufgewogen wrden. All der Unsinn, den wir gehrt, alle die
tausend Albernheiten, die wir gesehen, wurden nun preisgegeben, mit einer
Gelufigkeit preisgegeben, die die Gesellschaft in vollem Lachen
erhielt. Natrlich trug der Umstand, da der Erzhler kein gewhnlicher
Lustigmacher, sondern ein Mann war, der mehr zu seinem eigenen und seiner
nchsten Freunde Vergngen, als den Beifall der Uebrigen zu erringen,
erzhlte, das Seinige zum Genusse bei. Ich fhlte mich ganz froh und
heiter, es schien mich zu drngen, von dem Ueberflusse meines Frohsinnes
auch meinen Freunden etwas zukommen zu lassen. Selbst der Takt, mit dem
ich abbrach, sollte meine Gabe in ihren Augen noch erhhen. Mistre Houston
hatte fr ein frisches Dutzend Champagner gesorgt; wir hatten ihn trefflich
gefunden, und ich liebe diesen Wein, das wahre Bild der Nation, die ihn
fr uns erzeugt; allein ich hasse gemeines Zechen, und zu meiner groen
Ergtzlichkeit haten nun alle meine vierzig Nachbarn eben so das sonst
so liebe Zechen, und wir brachen auf, nachdem wir feierlichst versprochen
hatten, so bald als mglich wieder zu kommen. Und wirklich, so froh
und heiter schieden wir, da ich beinahe glaube, Mistre Houston habe
lieblicher denn je ausgesehen.

Du hast Wunder gethan, sprach Richards, als wir wieder in dem Wagen
zusammengeschichtet seiner Pflanzung zurollten.

Die Tante lachte, fiel seine Frau ein, da ihr die Thrnen ber die Backen
herabliefen. Ich glaube, Sie knnten mit ihr thun, was Ihnen beliebt.
Wahrlich, Sie waren bezaubernd; nie htte ich das erwartet.

Dann kennst du ihn nur wenig, diesen launenhaften, wunderlichen Menschen,
und diesen Geist des Widerspruchs, der in ihm hauset. Danken wir es der
sauren Miene unserer Tante; wir hatten eine der vergngtesten Stunden.

Da sprichst du wieder wie ein behaglicher englischer Epikurer von vierzig,
der sein gutes Diner liebt und einen Spa dazu, vorausgesetzt, er kostet
nichts und befrdert die Verdauung. Du weit, ich hasse Egoismus. Doch
sage mir nur, was ist denn eigentlich gegenwrtig Herr Warren, was seine
Umstnde?

Ich hasse Egoismus, spottete Richards nach, mit einer Lache, so laut, da
sie von zwei Bootsmnnern, die auf dem Verdecke eines Breithornes sich
hingestreckt hatten, wiedergegeben wurde. Ich hasse Egoismus, und die
nchste Frage, die dieser Erklrung folgt, beweist die Wahrheit seines
Ausspruchs. Oder was ist es anders, als eine Abart von Egoismus, eine
verfeinerte Selbstsucht, die unter dieser Frage lauert? Gestehe es nur,
armer George, Emilie ist dir nicht gleichgltig.

Hol' euch der Henker! Da lauern und lauern, und wispern und wispern sie,
ich wute nicht weshalb, bis nun das groe Geheimni heraus ist.

_Hony soit qui mal y pense._ Wollte der Himmel, ich htte es ahnen knnen,
erwiederte mein Freund, und sein Auge ruhte voll und ehrlich auf mir. Ja,
sie wre ein Weib fr dich gewesen; ich sagte dir's immer; reiste hunderte
von Meilen, um noch zurecht zu kommen; es sollte aber nicht sein, es ist
nun zu spt.

Zu spt? wiederholte ich mechanisch.

Ja wohl! Sie besucht Saratoga mit ihrem Vater und Mister Doughby, verweilt
einige Wochen zu Hause, und kehrt dann als Frau Doughby zurck.

Ich wute es; es war mir klar wie die aufgehende Sonne, sobald ich Ralph
gesehen hatte, wie er ihr das Halstuch umwarf, so wie er seinem Schecken
die Schabracke berwirft. Kein Zweifel konnte vernnftiger Weise mehr
obwalten; aber ich war nun wieder in meine schlimme, beinahe giftige Laune
versetzt. Wer wrde es auch nicht sein?

Dann httest du dir aber auch deine freundschaftliche Mhe, mir den Pfeil
ins Herz zu drcken und mich mit ihr bekannt zu machen, ersparen knnen,
fuhr ich bitter heraus.

Das htte ich gewi unterlassen, wenn ich dich erstens fr so kindisch und
romanhaft empfnglich gehalten, und dann die wahre Lage der Dinge gewut
htte.

Du hast sie nicht gewut? und doch bin ich beinahe mit Haaren herbeigezogen
worden.

Ich bedaure dies noch immer nicht, fiel Richards ein; haben wir doch nun
Hoffnung, dich sttig zu sehen. Frwahr, dies Umherziehen dauert zu lange.

Ich blickte ihn an; er war meiner Frage ausgewichen. Seine Frau jedoch hob
den ihm hingeworfenen Handschuh auf.

Frwahr, htten wir nur ahnen knnen, da Sie, der ewige Jude, Lust zum
Heirathen bekmen! aber wer kann sich auf Sie verlassen, und Sie wissen,
die Tante ist nun einmal zum Heirathmachen geboren. Wir haben Emilie von
Neworleans abgeholt, und das Uebrige wissen oder errathen Sie.

Und seit wann hat sich dieses Geschft abgethan?

Seit zwei Wochen.

Seit zwei Wochen! wiederholte ich ein-, zwei-, dreimal. Es waren volle vier
Wochen seit meinem zweiten Zusammentreffen mit Richards, und wenigstens
achtzehn Tage, da unsre Ankunft seiner Frau bekannt sein mute. Ich
glaubte mir schmeicheln zu knnen, da der Einflu Clara's auf ihre
Freundin diese von einer so schnellen Wahl wenigstens bis zu meiner Ankunft
htte zurckhalten sollen. Alles das schwindelte mir durchs Gehirn und
trbte nur noch mehr meine Laune. Ich sah nur zu deutlich, da die Tante
mir einen Streich gespielt. -- Ja, diese glorreiche Tante! platzte ich
wieder heraus.

Ist eine sehr respectable Dame, Mister Howard, versetzte Mistre Richards,
und sie glaubte fr ihre Nichte sehr wohl zu whlen; ich kann ihr gar
keinen Vorwurf machen.

Freilich nicht, entgegnete ich; schade nur, da sie sich nicht zur allein
seligmachenden Kirche bekennt. Sie htte dann Aussicht, einst, in Glas und
Rahmen gefat, in der Kathedrale von Neworleans zu prangen, allen ihren
Negern zum Trost und Labsal.

Das war nun beiig boshaft; aber wer kann seine Geduld immer behalten.
Mir war es unmglich; ich mute meinem Herzen Luft machen. Der Stich hatte
keine Erwiederung zur Folge. Richards sah mich ernst an, seine Frau beinahe
wthend. Eine lange Pause erfolgte.

Ich sah wieder auf den Missisippi hinaus, den Schiffen und Kielbten zu,
von denen der _Yankee doodle_ in nicht unangenehmem Chore herbertnte.

Und Emilie, hat sie sich geduldig in die Wahl ihrer Tante gefgt? fragte
Richards.

Seine Frau hielt mit der Antwort inne; wahrscheinlich antwortete sie durch
ihr Geberdenspiel.

Es nimmt mich auch nicht Wunder, wisperte sie nach einer Weile; das feine
Wesen fehlt ihm gnzlich. Selbst die Art, wie er ihr sein erstes Geschenk
darbot, war ziemlich derbe.

Sage vielmehr roh, versetzte eben so leise ihr Gatte. Ich wollte ihm gern
den Mangel an Abgeschliffenheit verzeihen; aber des Mannes Seele ist roh,
gewaltthtig, fr alle sanfteren Empfindungen verloren. Sie kann nicht mit
ihm glcklich sein. Und sie hat also sein Geschenk zurckgewiesen? fragte
er.

Entschlossen und fest zurckgewiesen, erwiederte sie. Selbst meine Bitten
vermochten nichts ber sie; sie kenne ihn nicht hinlnglich; sie wolle sich
nicht binden, ehe sie den Rath ihrer Mutter eingeholt.

Sie hat ganz recht, und ich begreife nur nicht, wie die Tante es so weit
treiben konnte.

Du weit, ihr Vermgen, ihr Ansehen macht jeden Wink zum Gebote.

Und doch hat sie dem armen Warren Hlfe versagt?

Sie zuckte die Achseln.

Ich blickte auf; fiel jedoch wieder in mein Nachsinnen zurck. Also halb
gezwungen mute die arme Emilie werden. Wahrlich, sie verdient es, aus den
Hnden dieses Bren gerettet zu sein.

Ich kann es mir nicht mglich denken, da sie ihn nimmt, bemerkte ich, zu
Richards gewandt.

Ich bitte dich, gieb nicht Hoffnungen Raum, versetzte er, die vergeblich
sind. Und hier zu hoffen, ist mehr als vergeblich.

Und wrden Sie Emilie geheirathet haben? fragte Clara.

Geheirathet? erwiederte ich, geheirathet? Das Wort machte mich stutzen. Ein
alter Junggeselle von acht und zwanzig Jahren ist nicht sehr vorschnell,
wenn es an's Heirathen geht; aber hier war nichts zu bedenken. --
Heirathen? wiederholte ich; ja, das wrde ich gethan haben. Von dem ersten
Augenblicke, da ich sie sah, war ich dazu entschlossen; sie oder keine
sollte meine Lebensgefhrtin werden. Ich getraue mir zu behaupten, da
ich diese vortreffliche Seele durchblickte. Ich war unempfindlich gegen
ausgezeichnetere Schnheiten, unzugnglich nach lngerer Bekanntschaft;
sie aber wrde mir nach Jahren eben so erscheinen, denn es ist ein offenes
Gemth, das ihrige. Unsre Augen und Herzen begegneten sich; ihre Seele lag
aufgeschlagen vor mir, diese edle, feste, reine und selbststndige Seele.
Vor ihr ein Geheimni zu haben, wrde mir unmglich sein; jeden ihrer
Gedanken, ihrer Wnsche wrde ich errathen haben; offen wrde ich mich
hingeben. Sieh! wrde ich sagen, so bin ich; dies sind meine Gebrechen,
dies meine Tugenden, -- willst du mich? Wohl! beide sollen mir helfen,
dich glcklich zu machen. Achtung vor ihrem Seelenadel, vor ihrem Verstande
wrde mich diese Sprache fhren machen, und sollte mich durch mein ganzes
Leben begleiten. Und auf diese Grundlage wollte ich mein und ihr Glck
bauen. Sie ist das erste Wesen, das mir begegnete, vor dem ich mich ganz,
wie ich bin, zeigen knnte.

Beide hatten mir in sichtlicher Spannung zugehrt.

Und was sagte Herr Warren? fragte endlich Richards.

Oh, du kennst ihn doch, erwiederte sie. Vorausgesetzt, er kann sein
Geschfte fortfhren, und ein respectables Haus halten, so lt er das
Uebrige seinen Gang gehen. Er wnscht nur einen achtbaren Mann fr Emilien,
der im Stande wre, sie unabhngig zu erhalten, ohne da er ihn nthigte,
einen Theil seines noch brigen Vermgens zu ihrer Ausstattung aufzuwenden.
Auf keine Weise wre er zu vermgen, mehr zu geben, als einen Theil seiner
Lndereien am Missisippi oder dem Miami bei Dayton, die er eben Willens ist
zu besuchen.

Ja, so sind sie alle, diese Yankees, brummte ich darein, wahre doppelt
destillirte Juden, die ihre Tchter eben so, wie ihre Zwiebel-, Mehl- und
Whiskyfsser, den Meistbietenden berlassen.

Ich hatte ganz vergessen, da meines Freundes liebevolle Hlfte gleichfalls
diesem berhmten Yankeestamme entsprossen, und verbi meine Zunge. Zu
Richards, einem echten Virginier, lie sich so etwas schon sagen.

Er ist der consequenteste Feind alles Auslndischen, fuhr dieser fort, den
es nur geben kann; doch vorzglich was aus England herrhrt; ein Tarifmann
durch und durch. Er hat Pamphlete geschrieben, Reden gehalten, alles nur
Mgliche zu Gunsten dieses seines Steckenpferdes gethan, wurde ausgelacht
und ausgepfiffen, mit Koth beworfen, -- nichts konnte ihn ndern. Er
ist nun diese fnfzehn Jahre, seit ich ihn kenne, immer dieselbe steife,
starre, stattliche Personnage, die kerzengerade, wie ein Indianer,
einherwandelt, einen Schritt gleich dem andern, einen Tag wie den andern.
Seinem Haare und Haarzopf widmet er eine systematische Sorgfalt, und er
hat fters lieber sein Mittagsessen versumt, ehe er ohne diese Zierde bei
Tafel erschienen wre. Ein groer Theil seines Migeschickes springt von
derselben Antipathie fr alles Auslndische. Seit der Revolution rhmt er
sich, nie auch nur das Mindeste vom Auslande auf seinem Leibe getragen zu
haben. Vom Kopf zum Fue in amerikanische Fabrikate gekleidet, bezahlte
er lieber den fnffachen Preis, so lange unsere Manufakturen noch in ihrer
Kindheit waren, als da er englische Stoffe whlte; ja, einstens verbrannte
er wirklich, ein zweiter Napoleon, einen vollstndigen englischen Anzug,
den man ihm als amerikanisch untergeschoben hatte.

Der Mann ist wirklich interessant, erwiederte ich. Ich wrde diese
patriotische Aufopferung nicht in seinen grauen Spekulationsaugen gesucht
haben. Und doch konnte er der Freiheit seiner Tochter so nahe treten?

Wir waren nun vor Richards Hause angelangt. Ich zog mich bald auf mein
Zimmer zurck. Mehrere Briefe von meinem Aufseher lagen vor mir; wahrlich,
es ist hohe Zeit, dieses Wanderleben aufzugeben.

Das Abendessen war trefflich, die Weine ausgesucht; es wollte jedoch nicht
munden. Meine Freunde waren in der besten, herrlichsten Stimmung, besonders
Clara; aber ich wollte nun diesen Abend elend sein, und zog mich frhe mit
einem Packet Zeitungen zurck.

Ja, der Red-River kommt morgen zwlf Uhr hier vorbei, auf seinem Wege
nach Alexandria; ich will mit, und einmal wieder sehen, was die Meinigen
treiben.

Es war Morgens neun Uhr, als ich, mit diesem lblichen Vorsatze
ausgerstet, in meinem Morgenanzuge und Pantoffeln die Stiegen herabkam.
Ich wei nicht, wie es geschah, da ich, ganz gegen meine sonstige
Gewohnheit, mein Frhstck nicht aufs Zimmer beordert hatte. Als ich
den Corridor zum Speisesaal hinantrat, hrte ich meinen Namen. Ich stand
stille. Der Horcher an der Wand, fiel mir ein, hrt seine eigne Schand';
doch ich wollte einmal meine Schande hren. Es war Claras Stimme.

Aber mit Emilien geht es nun und nimmermehr, sprach sie sehr leise; du
weit, sie hat keine Aussteuer, und die achttausend Dollars--

Ja, die mte er uns aufkndigen, versetzte ihr Mann; denn er brauchte sie
zur ersten Einrichtung und Vermehrung seines Sklavenstandes. Mir kme dies
sehr ungelegen; wir haben gute zwanzigtausend damit gewonnen.

Eben deswegen dachte ich, deinen Winken nicht Folge leisten zu mssen,
lispelte sie.

Aber mit der Tante wird gewi nichts daraus, versetzte er.

Wohl denn, la ihn als Hagestolz vegetiren; ohnedem ist er ein wunderlicher
Kauz. Kaum glaube ich, da Emilie seine Rhapsodien besonders liebgewinnen
drfte.

Ja, das bin ich! murmelte ich, mich leise auf die Stiege zurckziehend. --
Wahrlich, ich glaube, in meinem Leben war ich nicht schneller mit meiner
Toilette fertig. Die Zeitung in der Hand, trat ich vor meine Freunde.

Nein, George, bat Richards und Clara, du darfst nicht, Sie drfen nicht
gehen, nicht in diesem Zustande gehen; Sie mssen bei Ihren Freunden
bleiben.

Ich sah der Yankeein lchelnd ins Gesicht, nahm lchelnd meinen Thee, und
entfernte mich mit einer artigen Verbeugung. Schlag zwlf Uhr war ich
auf dem Wege zum Red-River, der eine halbe Meile weiter unten vor L--s
Pflanzung hielt.




Meine erste Tour an den Red-River und Sein und Wirken an diesem.

(Recollectionen.)


Auf dem Wege zum Dampfschiffe fiel mir meine erste Tour an diesen berhmten
Flu ein, und dabei wurde mir zu Muthe, wie dem armen Snder, der seinen
letzten Gang in Begleitung des Sherifs[77] geht, ein wirklich unbehagliches
Widerstreben aller Sehnen und Knochen, ein Kampf im Innern und Aeuern.
Es war, als ob mich etwas zurckzge, und ein leichter Schauder vor der
Zukunft begann mich zu beschleichen. Und es ist doch meine Heimath, mein
Haus und Hof, wohin ich gehe; aber was fr ein Haus und Hof! Es sind just
neun Jahre, da ich dieses Tusculum mein nenne, und neun Jahre zwei Monate,
da ich im Besitze dieses _freehold of these united states_[78], wie wir es
nennen, bin. Fnftausend Dollars hatten mir die Ehre verschafft, Pflanzer
Louisiana's zu werden; ein Pappenstiel gratulirten mir ein Dutzend meiner
Freunde Landhndler: das Holz war zehnmal zehntausend werth; es sollten
zweitausend Acker sein, _with due allowance for fences et roads_[79].
Ein halbes Jahr zuvor hatten die Zeitungen des ganzen Westens diese
Red-River-Lndereien herausgestrichen: es war ein so kstliches Zucker- und
Cottonland, sechzehn Fu tiefer Fluschlamm -- Egypten war eine Sand- und
Steinwste dagegen --; das Clima: es waren nichts als Zephyrlftchen
zu spren, wie sie in Eldorado und Arkadien nur immer wehen knnen. Ich
Hasenfu, der ich doch die vollen Backen kenne, mit denen meine
lieben Mitbrger vom Prebengel zu posaunen pflegen, wenn ein Dutzend
Landspekulanten ihnen vorlufig die Zunge mit ein paar Schock Dollars gelt
haben, ging in die Falle, und kaufte mich an in diesem Fieberpfuhle, wo
ein wohnliches Haus mich erwartete, mit zwei Negerhtten; die
_improvements_[80], versicherte mir der Landspekulant, waren unter Brdern
zweitausend Dollars werth. Es war im Juni, als ich besagtermaen ging, und,
wie ich mich deutlich erinnere, mit derselben Antipathie, und getrieben
durch die Macht des Schicksals, wie Narren es nennen, und gescheide
Leute: durch die Macht unserer eigenen, thrichter Weise eingegangener
Verhltnisse. Ich war dazumal in New-Orleans, das letzte Segel war hinter
dem Great Bend[81] verschwunden; meine Freunde waren den Flu hinunter oder
hinauf, oder ber den See[82]. Es war in ganz New-Orleans nichts mehr zu
sehen, als hohlugige Negerinnen, hemde- und herrenlos, die wie Shakals
heulend durch die Straen liefen, und um die verschlossenen oder
zerbrochenen Thren und Fensterladen umherschlichen; besonders in der obern
Vorstadt, wo bereits ganze Gassen leer und verdet standen, die Huser
offen, die Thren und Fenster zerschlagen, der Samum herberwehend von
Veracruz, durch die ganze Stadt nichts zu hren, als das solenne Rasseln
der Leichenwagen, auf denen zwei, drei Srge auf einmal ber einander
lagen. Es war hohe Zeit zu gehen; denn das gelbe Fieber hatte seinen
Triumpheinzug gefeiert und herrschte, ein Sieger, wie ein groer Kriegsheld
in einer erstrmten Stadt.

    [77]: Bekanntlich geschehen die Hinrichtungen durch den =Sherif=.

    [78]: =_Freehold of these united states_=, ein Freigut.

    [79]: =_Due allowance for fences et roads._= Jeder Landkauf hat im
    Contracte oder der Urkunde diese Formel, die so viel bedeutet, als
    da z.B. nebst den 2000 hier erwhnten Ackern noch die Befugni
    ertheilt ist, ein gewisses Landma behufs der Einzunungen und Wege
    anzusprechen.

    [80]: =_Improvement_=, buchstblich Verbesserung. In den V.St.
    werden _Improvements_ vorzglich die Erbauung von Wohnhusern und
    Scheuern, und die Ausrottungen der Wlder genannt. Ein Stck Waldes
    ohne beurbarten Boden oder ohne Haus heit _Lands_, mit Haus und
    Acker heit es _Improved Lands_.

    [81]: =Great Bend=, der groe Busen, den der Missisippi unter der
    Hauptstadt von Louisiana bildet.

    [82]: Pontchartrain.

Ich hatte als Bedeckung vier Neger, die alte fnf und sechzigjhrige
Sibylle mit eingeschlossen, ein Kleinod, wie es selten zu finden ist; denn
=die= frchtet das gelbe Fieber; Csar und Tiber waren die zwei andern,
und Vitell der dritte. Wir geben gern unsern Pferden und Negern derlei
hochtnende Namen, zum abschreckenden Beispiele, glaube ich, fr unsere
eigenen Herrscherlinge; denn seid versichert, auch bei uns fehlt es nicht
an _would be Caesars_[83].

    [83]: =_Would be Caesars_=, ein hufig gebrauchtes, unbersetzbares
    Doppelwort; so viel als: wollte Csar sein oder werden.

Meine Gig hatte ich weislich zurckgelassen, dafr aber einen ungeheuern
Leiterwagen meinem Freunde Bankes aus der Remise gezogen, auf dem ich mein
ganzes Mobiliarvermgen zusammengepackt, Wolldecken und Aexte, Harken und
Pflugscharen, Cottonhemden und Tpfe. Ich, der Fashionable, sa oben an,
die Mappe meines neuen souverainen Besitzthums in der Tasche, und nicht
viel weniger stolz als ein derlei Souverain, von denen es einige in der
Welt geben soll, die nicht einmal so viel Landes besitzen. Wer so den
Mister Howard, der noch vier Monate zuvor den Reigen bei H-- und P--
anfhrte, inmitten dieser Welt von Tpfen, Flaschen, Bndeln, Stricken,
Pfannen, sah, der mute lachen. Es lachte aber niemand, so gern ich es
gesehen htte; weder weinte eine Seele, denn Thrnen waren damals in
New-Orleans selten. Man war so an den Tod gewhnt, und dieser hatte alle
Gefhle so abgestumpft, da sie ein ganz kostbarer Artikel wurden. Aber
selbst wre das gelbe Fieber nicht gewesen, so herrscht bei uns wieder
so viel gesunder Sinn, da derlei Aufzge nichts weniger als lcherlich
erscheinen, und die brillanteste Schne wird eben so willig mit ihrem
neuen Brutigam einen derlei Dearborn besteigen, als die Landnymphe es
in Begleitung ihres geliebten Tom thut, und wer in unsern Hinterwldern
reiset, wird oft Ueberraschungen finden, von denen kaum einem
Romanschreiber trumen drfte. Ein liebliches Ehepaar, inmitten des
luxurisesten Ueberflusses auferzogen, das sich in die Einsamkeit der
Wlder zurckgezogen, ein schnes Stck Urwaldes erkauft, und da fr sich
und ihre Kinder eine neue Existenz begrndet. Man findet sie hufig, diese
Htten, die blo aus einer Stube und einer kleinen Kche bestehen; in der
Stube an den Wnden die Alltagskleider, gewhnlich von den zarten Hnden
der Dame gefertigt, neben Sattel und Pferdegeschirr; zuweilen eine Harfe
oder ein Pianoforte im Winkel, aber auf diesem die neuesten Nummern vom
_American-_, _North-_ und _Southern-Rewiews_[84], mit den Zeitungen
der Congrestadt. So haben unsere Johnsons, unsere Livingstons, unsere
Ranselars, und Hunderte, ja Tausende von Familien, unsere Jeffersons
und Washingtons angefangen, und wohl, wenn die knftige Generation dieses
Verjngungsmittel der brgerlichen Gesellschaft nicht anekelt. Ich bestieg,
wie gesagt, meinen Dearborn, um gleiches zu thun, um so geschwind wie
mglich das verpestete New-Orleans zu verlassen, da kein Dampfschiff mehr
zu sehen und zu hren war. Just als ich mich inmitten meines Mobiliares
niederlie, kam Csar mit einem so gut als neuen Mantel, wie er meinte,
den er vor einem den, verlassenen Hause in der Vorstadt so glcklich
zu entdecken gewesen. Ich packte den Mantel mit einer Feuerzange, und
schleuderte ihn so weit vom Wagen, als ich konnte, zum groen Leidwesen
Csars, der nicht begreifen konnte, wie man ein zwanzig Dollars werthes
Ding so unzeremonis behandeln konnte.

    [84]: =_American-Rewiew_=, =_North-American-Rewiew_=,
    =_Southern-Rewiew_=, die drei groen Zeitschriften der V.St.;
    die eine bekanntlich in Philadelphia, die andere in Boston und
    New-York, die dritte in Charleston herausgegeben.

Kein lebendiges Wesen war zu sehen gewesen, so weit das Auge durch die
schnurgerade Strae reichte; auf der rechten Seite gegen die
Vorstadt Annunciation zu war Alles mit Bretern verpalissadirt, darauf
Anschlagzettel, gleich Segeln, mit ellenlangen Buchstaben, die
das _infected_ (angesteckt) einem eine halbe Meile schauen lieen,
Proklamationen des Maire. Die Proklamationen waren berflssig; New-Orleans
sah einem Kirchhofe hnlicher, als einer Stadt; wir trafen nicht fnf
Menschen, als wir die neu ausgelegte Canalstrae vorbeifuhren und die Levee
hinauftrieben. Vor der ersten Pflanzung, wo wir hielten, um unsern Thieren
Futter zu geben, waren uns Thren und Thore vor der Nase zugeschlagen
worden, und die menschenfreundlichen Besitzer, den lieben Besuch geschwinde
los zu werden, lieen aus den Jalousien des Hauses ein paar Lufe
herausblinken, die uns alle Lust benahmen, die Gastfreundschaft M--s ferner
in Anspruch zu nehmen. Wir kamen jedoch von New-Orleans und durften nichts
Besseres erwarten. -- Csar, gleich seinem berhmten Namensahn, hatte sich
nicht abschrecken lassen, war ber das Gelnder gesprungen, hatte einigen
Dutzend Wlschkornstngeln die Kpfe abgerissen, und sie unsern Pferden
vorgeworfen; ein zerbrochener Krug diente, Wasser aus dem Missisippi zu
holen, und nach einer halben Stunde fuhren wir weiter. Fnfmal, erinnere
ich mich, hatten wir auf dieselbe Weise zugesprochen, und waren auf
dieselbe menschenfreundliche Weise abgewiesen worden, bis wir endlich vor
B--s Pflanzung kamen, eines Freundes von mir. Wir waren fnfzig Meilen in
einer glhenden Atmosphre an mehr denn fnfzig Pflanzungen vorbeigefahren,
deren jede wie frstliche Villa's aussahen; aber niemanden hatten wir
noch gesehen. Da hoffte ich endlich Unterkunft zu finden, fand mich jedoch
betrogen.

_From New-Orleans?_[85] fragte die Stimme meines Freundes durch die
Jalousien seiner Veranda.

_To be sure_[86], war die Antwort.

    [85]: =_From New-Orleans?_= Von New-Orleans?

    [86]: =_To be sure_=, versteht sich von selbst.

_Then be gone friend and damned to you!_[87] war die freundliche Antwort
des lieben Mister B--s, der jedoch wieder die Artigkeit hatte, einen
ungeheuern Schinken mit Zubehr, sammt einem halben Dutzend Bouteillen,
vor die Thre stellen zu lassen, uns so, ohne ein Wort weiter zu verlieren,
andeutend, da wir gerne gesehen wren, wenn wir mit einer Campagne unter
freiem Himmel frlieb nhmen. Ich lachte herzlich, a und trank, hllte
mich in meine Wolldecken, und schlief, wie es der Prsident im weien Hause
sicherlich nicht kann. Als wir am Morgen aufbrachen, rief ich ein _Thank
ye!_ und _be damned to you!_[88] zur Danksagung, und so trabten wir weiter.
In Baton-Rouge endlich bei einem ausgepichten Franzosenmagen, dem weder
die Moskowiter noch die Mamelucken etwas anhaben konnten, und der ber das
gelbe Fieber nur lachte, fanden wir am dritten Abende Nachtquartier, und
fuhren am folgenden Morgen im Dampfschiff Clayborne in den Red-River ein.
Am Abende waren wir in meine Domaine eingezogen.

    [87]: =_Then be gone friend and damned to you!_= So packen Sie
    sich, lieber Freund, in die Hlle!

    [88]: =_Thank ye and be damned to you!_= Danke Ihnen und verdamme
    Sie -- versteht sich, Gott!

_Santa Vierge!_ ruft der Spanier in seiner Bedrngni; was ich rief, wei
ich nicht mehr; nur so viel wei ich, da mir die Haare zu Berge standen,
als ich diese sogenannten _Improvements_ beaugenscheinigte. Das wohnliche
Haus war eine Art Schweinestall, nicht einmal aus Balken, sondern aus
Baumsten zusammengeflickt, ohne Thren, Fenster und Dach, und da sollte
der Fashionable Howard hausen? und zwar zu einer Zeit, wo der Thermometer
zwischen 95 und 100 varirte; doch Noth kennt kein Gebot. Wir machten uns an
die Arbeit, und in zwei Tagen standen zwei so leidliche Htten da, als je
einen Backwoodsman aufnahmen, mit der einzigen Unbequemlichkeit, da, wenn
es stark regnete, wir unter dem Cottonbaum, der in der Nhe stand, Zuflucht
suchen muten. Glcklicherweise waren jedoch fnfzig Acker beurbart, und
die half. Wir pflanzten und hausten so gut es sich thun lie; bei Tage
sete und pflgte ich, bei Nacht besserte ich Riemenzeug, auch Lcher in
den Inexpressibles aus. Von Gesellschaften waren wir wenig geplagt, denn
mein nchster Nachbar wohnte fnf und zwanzig Meilen von mir, und so
verging der erste Sommer. Im zweiten ging es besser, im dritten noch
besser, und so fort, bis es endlich leidlich wurde. Es lt sich Alles
thun, und wenn der arge Napoleon ein wahres Wort gesprochen, so war es, als
er sagte: _Impossible -- c'est le mot d'un fou._

Und dann eine Jagd-Excursion in die Savannen Louisiana's oder Arkansas!

Es ist etwas Eigenes in diesen endlosen Wiesenwsten, das den Geist erhebt,
und ihn, wir mchten sagen, nervig und stark macht, so wie den Krper.
Da herrschet das wilde Ro und der Bison und der Wolf und der Br und
Schlangen zahllos, und der Trapper[89], alle an Wildheit bertreffend, --
nicht der alte Trapper Coopers, der in seinem Leben keinen Trapper gesehen
hat, aber der wirkliche Trapper, der Stoff zu Romanen geben knnte, die den
pinselhaftesten Pinsel begeistern mten.

    [89]: =_Trapper_=, buchstblich Fallen-, Schlingensteller, von
    _trap_, Falle. Das Wesen dieser Art Menschen wird weiter unten
    erklrt; es mag jedoch nicht berflssig sein, beizufgen, da
    durch eine neuerliche Congreakte blo geborene Amerikaner zum
    sogenannten _Trapping_ und _Hunting_ zwischen dem Missisippi und
    dem stillen Ocean ermchtigt sind, vorzglich, um den Britten jede
    Gelegenheit zum Verkehr mit den auf dem Grund und Boden der
    V.St. herumschwrmenden Indianern und zur Aufwieglung derselben
    abzuschneiden.

Unsere Civilisation, die edelste, die sich je gebildet und selbstthmlich
entwickelt, hat wieder eigene Migeburten erzeugt, von denen die
Civilisation anderer Lnder nichts wei, und die nur in einem Lande
entsprieen knnen, wo die Freiheit unbeschrnkt ist. Es sind Auswrflinge,
diese Trappers, groentheils, oder Gechtete, die dem strafenden Arm des
Gesetzes entflohen sind, oder auch unbndige Naturen, denen selbst die
rationelle Freiheit der Staaten noch Zwang ducht. Vielleicht ist es ein
Glck fr eben diese Staaten, da sie gewissermaen dieses _fagend_[90] an
ihrem Lande besitzen, wo diese wilden Leidenschaften austoben knnen; denn
im Busen der brgerlichen Gesellschaft drften sie viel Unheil anrichten.
Htte zum Beispiel _la belle France_ dieses _fagend_ whrend seiner groen
Crisen gehabt, wie viele seiner groen Krieger wrden nicht als _Trappers_
verstoben sein, und wahrlich! weder Europa, noch die Menschheit wre
rmer, wenn sie von den groen Werkzeugen des absolutesten Despotismus, den
Massenas und Vandammes und Sebastianis und Davousts und diesen bordirten
Leuten sammt und sonders wenig oder gar nichts wten! -- Man findet diese
Trappers oder Hunters[91] von den Quellen des Columbia- und Missouristromes
herab bis zu denen des Arkansas und Red-River, an all den tributaren
Flssen des Missisippi, die bekanntlich auf dieser Seite durchgngig in
den _Rocky mountains_ entspringen. Ihre ganze Existenz dreht sich um die
Vertilgung der Thiere, die sich seit Jahrhunderten und Jahrtausenden in
diesen Steppen und Fluren zusammengehuft haben. Sie morden den wilden
Bffel, um Felle fr ihre Kleidung und Haunches[92] fr ihr Mahl zu
haben, den Bren, um auf seiner Haut zu schlafen, den Wolf, weil es ihnen
Vergngen macht, und sie fangen und morden den Biber seines Felles und
gelegentlich auch des Schwanzes wegen. Dafr erhalten sie Pulver, Blei,
Flanelljacken und Hemden, Garne zu ihren Netzen und Whisky, um die Klte
in den Wintertagen abzuhalten. Sie ziehen hufig in Haufen von Hunderten
hinber in diese Wsten, wo sie fters mit den Indianern blutige Fehden
anfangen; gewhnlich jedoch thun sie sich in Gesellschaften von acht bis
zehn zusammen zu gemeinsamem Schutz und Trutz vereinigt, eine Art wilder
Guerilla's. Immerhin sind jedoch diese mehr Hunters als Trappers; der wahre
Trapper zieht nur in Gesellschaft eines geschworenen Freundes, mit dem er
Jahr und Tag, fters Jahre, aushlt; denn es erfordert hufig Jahre, ehe
sie mit den Verstecken der Biber bekannt werden. Stirbt der Gefhrte,
so bleibt der Uebriggebliebene im Besitze der erworbenen Felle und des
Geheimnisses des Aufenthaltes der Thiere. Was Anfangs Furcht vor dem
Gesetze bei Vielen bewirkte, wird bald zum absolutesten Bedrfni, und die
ungeregelte, zur wilden Lust gewordene, unbegrnzte Freiheit wrden nur
wenige fr die glnzendste Stellung in der brgerlichen Gesellschaft
vertauschen. Es leben diese Menschen das ganze Jahr hindurch in den
Steppen, Savannen, Wiesen und Wldern der Arkansas-, Missouri- und
Oregon-Gebiete[93], die in ihrem Busen ungeheure Sand- und Steinsteppen und
wieder die herrlichsten Gefilde bergen. Schnee und Frost, Hitze und
Klte, Regen und Sturm, und Entbehrungen aller Art haben ihre Glieder so
abgehrtet, ihre Haut so verdichtet, wie die des Bffels, den sie
jagen; die stete Nothwendigkeit, in der sie sich befinden, sich auf ihre
Krperkraft zu verlassen, erzeugen in ihnen ein Selbstvertrauen, das vor
keiner Gefahr zurckscheucht; eine Schrfe des Blickes, eine Richtigkeit
des Urtheils, von der der Mensch in civilisirter Gesellschaft sich kaum
einen Begriff machen kann. Ihre Leiden und Entbehrungen sind oft grlich,
und wir haben Trappers gesehen, die Leiden ausgestanden hatten, in
Vergleich mit welchen die erdichteten Abenteuer Robinson Crusos blo
Kinderspiele sind, und deren Haut sich in eine Art Leder verdichtet, das
mit der gegerbten Bffelshaut mehr Aehnlichkeit, als mit der menschlichen
hatte; nur Stahl und Bley vermochten durchzudringen. Es sind diese Trappers
eine psychologisch merkwrdige Erscheinung: in die wilde unbegrnzte Natur
hinausgeworfen, entwickelt sich ihr Verstand hufig auf eine Weise,
so eigenthmlich scharfsinnig und selbst groartig, da wir an Einigen
Lichtfunken wahrgenommen haben, deren sich die grten Philosophen alter
oder neuerer Zeiten nicht geschmt haben drften.

    [90]: =_Fagend._= Dieses unbersetzbare Wort drfte einer nhern
    Bezeichnung um so mehr werth sein, als es hufig gebraucht wird;
    _fagend_ nennt man das ausgezupfte Ende eines Strickes, das
    Werthlose an irgend einer Sache; die Canadas z.B. werden ganz
    richtig das _fagend_ von Amerika genannt. Hier heien die Steppen
    zwischen dem Felsengebirge und Missisippi _fagend_.

    [91]: =Hunters=, Jger.

    [92]: =Haunch=, der Buckel auf dem Rcken des Bison, der bei weitem
    beste, schmackhafteste und nahrhafteste Theil am ganzen Thiere.

    [93]: =Arkansas-=, =Missouri-= und =Oregon-Gebiete=, die mit den
    zwei Staaten Louisiana und Missouri beinahe das ganze westliche
    Gebiet der V.St. jenseits des Missisippi einnehmen.

Die tglichen, ja stndlichen Gefahren, sollte man glauben, mten die
Blicke dieser verwilderten Menschen zum hchsten Wesen erheben; aber
dem ist nicht so. Ihr Gott ist das Waidmesser, ihr Schutzpatron die
_Rifle_[94], ihre feste Hand ihr Hort. Den Menschen scheut der Trapper, und
der Blick, mit dem er den ihm in der Wste Begegnenden mit, ist seltener
der des freundlichen weien Bruders, als des Mordgierigen; denn Gewinnsucht
wirkt hier, eine eben so mchtig scheuliche Triebfeder, wie in der
civilisirten Gesellschaft, und gewhnlich bezahlt von zwei sich begegnenden
Trappers einer mit dem Leben. Er hat seinen weien Nebenbuhler um die
geschtzten Biberfelle noch weit mehr, als den Indianer; letztern schiet
er eben so ruhig nieder, wie einen Wolf, Bffel oder Bren; ersterem stt
er jedoch sein Messer mit einer so wahrhaft teuflischen Freude in
den Busen, als ob er fhlte, da er die Menschheit von einem groen
Mitverbrecher befreie. Viel trgt auch zu dieser entmenschten Wildheit bei,
da er die strkste Nahrung, die es wohl geben kann, das Fleisch des Bison,
ohne Brod oder sonstiges Zubehr, Jahre lang geniet, und so gewissermaen
zum Raubthiere wird.

    [94]: =_Rifle_=, Stutzer.

Wir haben auf einem solchen Ausfluge, den wir in Gesellschaft Mehrerer an
den obern Red-River machten, mehrere dieser Trappers angetroffen, unter
andern einen wetterverbrannten, von Sturm und Ungewitter und Entbehrungen
aller Art so durch und durch gegerbten Alten, da seine Haut mehr der
Bedeckung einer Schildkrte, als der eines Menschenkindes glich. Wir hatten
zwei Tage in seiner Gesellschaft gejagt, ohne da uns etwas Besonderes an
dem Manne aufgefallen wre; er bereitete unser Mahl, das einmal aus einem
Hirschziemer, das anderemal aus einem Bffelhaunche bestand, wute den
Aufenthalt und Zug des Wildes, und witterte beide genauer, als sein
ungeheurer Wolfshund, der ihm nie von der Seite kam. Erst am Morgen des
dritten Tages entdeckten wir Einiges, das uns weniger zutraulich gegen
unsern neuen Jagdgefhrten machte. Es waren eine Menge Striche und Kreuze
an dem Schafte seines Stutzers, die die Veranlassung zur Wahrnehmung des
eigentlichen Charakters dieses Mannes wurden. Diese Striche und Kreuze
waren in Rubriken beilufig auf folgende Weise geordnet:

    _Buffaloes_ (Bffel) -- keine Zahl angegeben, da sie wahrscheinlich
          zu gro war.

    _Bears_ (Bren) 19; diese waren mit einfachen Strichen bezeichnet.

    _Wolves_ (Wlfe) 13; mit Doppelstrichen marquirt.

    _Red Underloppers_ (rothe Zwischenlufer) 4; mit vier Querstrichen
          angedeutet.

    _White Underloppers_ (weie Zwischenlufer) 2; mit Kreuzchen
          notirt.

Als unser Gefhrte den Schaft so aufmerksam betrachtete, und sich Mhe gab,
den Sinn der Worte _Underloppers_ zu erforschen, fuhr ein grinsenhaftes
Lcheln ber die Zge des Alten hin, das uns aufmerksam machte. Ohne jedoch
ein Wort zu verlieren, machte er sich an den Bffelhaunch, den er unter
dem Rasen hervorzog, aus der Haut, in die er gewickelt war, nahm, und uns
auftischte. Es war ein Mahl, wie es kein Knig besser haben kann, und das
uns ganz den Stutzerschaft vergessen machte. Auf einmal sprach er mit
einem tckischen Lcheln, seine _Rifle_ an sich ziehend: _Look ye, it's
my pocketbook. D'ye think it a sin to kill one of them two legged red, or
white underloppers?_[95]

_Whom do you mean?_[96] fragten wir.

    [95]: =_Look ye, it's my pocketbook. D'ye think it a sin to kill
    one of them two legged red or white underloppers?_= Sehen Sie, es
    ist mein Taschenbuch. Denken Sie, es ist eine Snde, einen dieser
    zweifigen rothen oder weien Zwischenlufer zu tdten?

    [96]: =_Whom do you mean?_= Wen meint ihr?

Der Mann lchelte wieder und erhob sich; wir wuten nun, wer die
zweibeinigen Zwischenlufer waren, die der Alte eben so ruhig auf seinem
Schafte notirt hatte, als wren es statt Menschenkindern wilde Truthhner
gewesen, die er erschossen.

Wir fhlten uns weder berufen, noch ermchtigt, an einem Orte, wo die
brgerliche Gesellschaft und ihr rchender Arm aufgehrt, uns zu Richtern
aufzuwerfen, und lieen den Mann gehen.

Diese Trappers kehren jedoch immer nach einem oder mehreren Jahren
wenigstens auf einige Wochen in den Schoo der Gesittung zurck, und
zwar wenn sie eine hinreichende Anzahl von Biberfellen gesammelt haben.
Gewhnlich fllen sie dann einen hohlen Baum in der Nhe oder am Ufer
eines schiffbaren Flusses, machen ihn wasserdicht, ziehen ihn in den Strom,
packen ihre Felle und wenige Habseligkeiten darein, und rudern Tausende
von Meilen den Missouri, Arkansas oder Red-River hinab nach Saint-Louis,
Natchitoches oder Alexandria, wo sie in Thierhuten auf den Straen
umherstarren, Erscheinungen, die den Fremden nicht selten in die Urwelt
zurckversetzen.

Doch wir sind nun vor dem Dampfschiffe, und es ist Zeit, da wir diesen
amsanten und unamsanten Betrachtungen ein Ende machen.




Druckfehler.

Band I.


  Seite. Zeile.

    11     11   statt: wie er ist und wie wir sind,
                lies: =wer er ist und wer wir sind=.

    16      6   st. Keepsakis, l. =Keepsakes=.

    16      8   st. Madame Keepsakes, l. =Madame Vestris=.

    18      9 von unten, st. Es steht, l. =Ersteht=.

    20      9 v. u., st. um allen, l. =um aller=.

    30      5 v. u., st. Kentukier-Alabamer, l. =Kentuckier, Alabamaer=.

    33     12   st. lispelte, l. =wisperte=.

    35      1   st. Fingo, l. =Jingo=.

    47      4 v. u., st. sprach der alte Mann, l. =sprach der Mann=.

    50      2 v. u., st. die sogenannten 12 und 6 Centstcke,
                     l. =die 12 und 6 Centstcke genannt=.

    65     12   st. ausgeteicht, l. =ausgelegt=.

    74     12   st. von den Seinigen, l. =vor den Seinigen=.

    87      2   st. die westlichen Staaten, l. =die stlichen Staaten=.

    98      2 [v. u.,] st. bis zu unsern Kncheln, l. =bis zum Grtel=.

   139     13   st. als wie, l. =als wir=.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
wird gesperrt gesetzte Schrift "=gesperrt=" wiedergegeben, und Textanteile
in Antiqua-Schrift sind "_hervorgehoben_".

Im Rahmen der Transkription

- wurde der Halbtitel entfernt;

- wurde das Druckfehlerverzeichnis, das im Original am Ende von BandI
eingelegt ist, auf die Bnde I und II aufgeteilt, und alle Berichtigungen
entsprechend eingearbeitet (Seiten- und Spaltenangaben beziehen sich auf
den Originaltext einschlielich der Funoten);

- wurde die Zeichensetzung "," einheitlich in "," umgewandelt;

- wurden unleserliche Stellen auf den Seiten 22 und 23 ergnzt entsprechend
der Ausgabe "Gesammelte Werke von Charles Sealsfield, Neunter Theil, 1846".

Hinweis: "Red-River" (auch: "Redriver") bezeichnet sowohl den Flu als auch
das gleichnamige Dampfschiff.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich
uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Blei"/"Bley",
"Conecticut"/"Connecticut", "Candidat"/"Kandidat", "Doctor"/"Doktor",
"funfzig"/"fnfzig",

mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 5/6:
  "" und "" eingefgt
  (Moreland, du weit, ist [...] kaum zweitausend _per annum_.)

  Seite 6:
  "," eingefgt
  (Liebe verschmht das schnde Gold, lispelte Margareth.)

  Seite 6:
  "," eingefgt
  (=Saratoga=, die bekannten Mineralquellen des Staates Newyork)

  Seite 15:
  "." eingefgt
  (und derlei beneidenswerthe Dinge mehr. Sie scherzte, sie tndelte)

  Seite 19:
  "Dampfbote" gendert in "Dampfboote"
  (So eben war eines der Philadelphia-Dampfboote angekommen)

  Seite 34:
  "Shery" gendert in "Sherry"
  (=Sherry=, =Port=, Xeres und Oporto-Weine)

  Seite 34:
  "East-Iudia" gendert in "East-India"
  (an der mit Lafitte und East-India Madeira besetzten Tafel)

  Seite 37/38:
  "die in-sen" gendert in "in diesen"
  (lnger aushalten knnen in diesen Whiskydnsten und Tabaksqualm)

  Seite 39:
  "Morland" gendert in "Moreland"
  (Ist mit Mama und Mister Moreland gegangen)

  Seite 41:
  "?" gendert in "!"
  (Ganz im Ernste, lieber Howard!)

  Seite 61:
  zweimal "-" eingefgt
  (Auskunft ber alle Butter- und Kartoffeln- und Mehlpreise)

  Seite 63:
  "Duzend" gendert in "Dutzend"
  (ein Dutzend verschiedene Subjekte und Objekte zu berhren)

  Seite 64:
  "Himme" gendert in "Himmel"
  (den der Himmel selbst fr seine Vermessenheit)

  Seite 76:
  "" eingefgt
  (mit ihrer Untersuchung beehren, bemerkte Richards)

  Seite 82:
  "-" eingefgt
  (Die Hinterwldler-Etiquette forderte unsere Anwesenheit diktatorisch)

  Seite 99:
  "sumfigen" gendert in "sumpfigen"
  (oder im sumpfigen Boden fortzuwaten)

  Seite 104:
  "Anrwort" gendert in "Antwort"
  (der Hinterwldler gab jedoch keine Antwort)

  Seite 108:
  "nnd" gendert in "und"
  (und versank in sein voriges Hinstarren)

  Seite 112:
  "" und "" eingefgt
  (mit wem ist er denn gegangen, Cesi? sagte ich. Ging er)

  Seite 113:
  "" entfernt
  (Weit du nicht den Namen des Mannes, Cesi?)

  Seite 116:
  "setnem" gendert in "seinem"
  (von einem Besuche in Muller County mit seinem Sohne zurckgekehrt)

  Seite 136:
  "Terasse" gendert in "Terrasse"
  (Ich steige die Treppe hinan, und verweile auf der Terrasse)

  Seite 137:
  "Mi Gregor" gendert in "McGregor"
  (_Helen Mc Gregor_)

  Seite 141:
  "Fachbte" gendert in "Flachbte"
  (dabei flach wie unsere Breithrner oder Flachbte)

  Seite 152:
  "Me Gregor" gendert in "McGregor"
  (_Helen McGregor_)

  Seite 153:
  "Huston" gendert in "Houston"
  (Und die gellende Mistre Houston)

  Seite 153:
  "Huston" gendert in "Houston"
  (und mir fllt Mistre Houston zu)

  Seite 162:
  "Botsmnnern" gendert in "Bootsmnnern"
  (von zwei Bootsmnnern, die auf dem Verdecke eines Breithornes)

  Seite 165:
  "doddle" gendert in "doodle"
  (_Yankee doodle_)

  Seite 176:
  "die" hervorgehoben [das gelbe Fieber frchtet sich vor Sibylle]
  (denn =die= frchtet das gelbe Fieber)

  Seite 177:
  "rumen" gendert in "trumen"
  (von denen kaum einem Romanschreiber trumen drfte)

  Seite 186:
  "das-ganze" gendert in "das ganze"
  (Es leben diese Menschen das ganze Jahr hindurch in den Steppen)

  Seite 188:
  "," eingefgt
  (denn Gewinnsucht wirkt hier, eine eben so mchtig scheuliche)

  Seite 190:
  "Look ye It's my pocketbook." gendert in "Look ye, it's my pocketbook."]

       *       *       *       *       *






End of the Project Gutenberg EBook of Transatlantische Reiseskizzen und
Christophorus Brenhuter. Erstes Bndchen., by Charles Sealsfield

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TRANSATLANTISCHE ***

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     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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