The Project Gutenberg EBook of Der Doppelgnger, by Fyodor Dostoyewsky

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Title: Der Doppelgnger

Author: Fyodor Dostoyewsky

Translator: Hermann Rhl

Release Date: March 19, 2015 [EBook #48527]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DOPPELGNGER ***




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                           Der Doppelgnger


                                 Von
                          F. M. Dostojewski

                                  *

                        bertragen von H. Rhl

                  Im Insel-Verlag zu Leipzig  1921




                              1. Kapitel


Es war beinahe acht Uhr morgens, als der Titularrat Jakow Petrowitsch
Goljadkin nach einem langen Schlafe erwachte, ghnte, sich reckte und
schlielich vllig die Augen ffnete. Etwa zwei Minuten lang blieb er
noch, ohne sich zu regen, auf dem Bette liegen, wie ein Mensch, der noch
nicht ganz ins klare darber gekommen ist, ob er aufgewacht ist oder
noch schlft, ob alles, was jetzt um ihn herum vorgeht, Wahrheit und
Wirklichkeit ist oder eine Fortsetzung seiner wirren Trume. Bald wurde
jedoch Herrn Goljadkins Denken klarer und deutlicher, und seine Gefhle
nahmen ihre gewhnliche, alltgliche Stimmung an. Alles blickte ihn
bekannt an: die schmutziggrnen, verrucherten, staubigen Wnde seines
kleinen Zimmerchens, seine Mahagonikommode, die Sthle von imitiertem
Mahagoni, der rot angestrichene Tisch, das trkische Wachstuchsofa von
rtlicher Farbe mit grnlichen Blmchen und endlich die gestern hastig
ausgezogenen und unordentlich auf das Sofa geworfenen Kleider. Und dann
schaute auch der graue, trbe, schmutzige Herbsttag so verdrielich und
mit so saurer Miene durch die ungeputzten Fenster zu ihm ins Zimmer, da
Herr Goljadkin in keiner Weise mehr daran zweifeln konnte, da er sich
nicht in einem schnen Mrchenlande, sondern in der Residenzstadt
Petersburg, in der Schestilawotschnaja-Strae, in der vierten Etage
einer sehr groen Mietskaserne, in seiner eigenen Wohnung befand.
Nachdem er diese wichtige Entdeckung gemacht hatte, schlo Herr
Goljadkin wieder krampfhaft die Augen, als bedauere er, da der Traum,
den er soeben gehabt hatte, entschwunden sei, und als wnsche er, ihn
sich wenigstens fr einen Augenblick zurckzurufen. Aber einen
Augenblick darauf sprang er mit einem Satze aus dem Bette,
wahrscheinlich, weil er endlich auf denjenigen Gegenstand gekommen war,
um den seine zerstreuten, noch nicht in die gehrige Ordnung gebrachten
Gedanken bisher herumgewirbelt waren. Nachdem er aus dem Bette
gesprungen war, lief er sogleich zu dem kleinen, runden Spiegel, der auf
der Kommode stand. Obgleich die verschlafene, kurzsichtige, ziemlich
kahlkpfige Gestalt, die ihm der Spiegel zurckwarf, einen so
unbedeutenden Eindruck machte, da sie auf den ersten Blick entschieden
niemandes ausschlieliche Aufmerksamkeit fesseln konnte, so war doch ihr
Besitzer mit alledem, was er im Spiegel erblickte, anscheinend vllig
zufrieden. Na, das wre eine bse Geschichte, sagte Herr Goljadkin
halblaut, das wre eine bse Geschichte, wenn heute an mir etwas nicht
in Ordnung wre, wenn z. B. irgendetwas schlecht ausshe, ich einen
strenden Pickel bekme oder sonst eine Unannehmlichkeit passierte;
vorlufig indes ist es nicht bel; vorlufig geht alles gut. Sehr
erfreut darber, da alles gut ging, stellte Herr Goljadkin den Spiegel
auf seinen frheren Platz; er selbst aber lief, trotzdem er barfu war
und noch das Kostm trug, in dem er sich schlafen zu legen pflegte, zum
Fenster hin und begann hchlichst interessiert mit den Augen etwas auf
dem Hofe zu suchen, auf den die Fenster seiner Wohnung hinausgingen.
Anscheinend befriedigte auch das, was er auf dem Hofe erblickte, ihn
vollkommen; denn sein Gesicht erglnzte von einem selbstzufriedenen
Lcheln. Nachdem er dann einen Blick hinter die Scheidewand in das
Kmmerchen seines Dieners Petruschka geworfen und sich berzeugt hatte,
da Petruschka nicht darin war, ging er auf den Fuspitzen an den Tisch,
schlo an demselben eine Schublade auf, whlte in dem hintersten Winkel
dieser Schublade umher, zog endlich aus alten, vergilbten Papieren und
allerlei Kram eine grne, abgegriffene Brieftasche heraus, ffnete sie
behutsam und blickte vorsichtig und mit Genu in die abgelegenste,
verborgenste Tasche derselben hinein. Wahrscheinlich schaute das
Pckchen grnlicher, grauer, blulicher, rtlicher und sonstiger bunter
Banknoten Herrn Goljadkin ebenfalls sehr freundlich und ermutigend an:
mit strahlendem Gesichte legte er die geffnete Brieftasche vor sich auf
den Tisch und rieb sich zum Zeichen des grten Vergngens krftig die
Hnde. Endlich nahm er es heraus, sein entzckendes Pckchen Banknoten,
und begann, zum hundertsten Male seit dem vorigen Tage, die Scheine
durchzuzhlen, wobei er einen jeden sorgsam zwischen dem Daumen und dem
Zeigefinger rieb. Siebenhundertfnfzig Rubel! flsterte er zuletzt.
Siebenhundertfnfzig Rubel ... eine tchtige Summe! Das ist ein
hbsches Smmchen, fuhr er mit zitternder, durch das Gefhl der Freude
ein wenig gedmpfter Stimme fort, indem er das Pckchen in den Hnden
zusammendrckte und bedeutsam lchelte. Das ist ein hbsches Smmchen!
Das mu jeder fr ein hbsches Smmchen halten! Jetzt mchte ich den
Menschen sehen, fr den das eine unbedeutende Summe wre! Mit einer
solchen Summe kann ein Mensch es weit bringen ...

Aber, was hat denn das zu bedeuten? dachte Herr Goljadkin. Wo ist
denn Petruschka? Noch immer dasselbe Kostm beibehaltend, blickte er
zum zweiten Male hinter die Scheidewand. Petruschka war dort wieder
nicht vorhanden; nur ein Samowar, der da auf dem Fuboden stand, rgerte
sich, erboste sich und kam auer sich, indem er jeden Augenblick
berzukochen drohte und hitzig und schnell in seiner sonderbaren Sprache
schnarrend und lispelnd etwas zu Herrn Goljadkin sagte, wahrscheinlich
etwa dies: Nehmt mich doch hin, liebe Leute; ich bin ja vollstndig
fertig und bereit.

Hol ihn der Teufel! dachte Herr Goljadkin. Dieser faule Patron kann
einen schlielich wtend machen; wo mag er sich wieder herumtreiben? In
gerechter Entrstung begab er sich in das Vorzimmer, das aus einem
kleinen Korridor bestand, an dessen Ende eine Tr nach dem Flur fhrte,
und erblickte seinen Diener, umgeben von einem groen Haufen anderer
Diener, Hausgenossen und sonstigen Volkes, das sich hinzugefunden hatte.
Petruschka erzhlte etwas, die andern hrten zu. Weder der Gegenstand
der Erzhlung noch die Erzhlung selbst schienen Herrn Goljadkin zu
gefallen. Er rief sofort Petruschka zu sich und kehrte sehr mivergngt,
ja emprt in sein Zimmer zurck. Dieser Racker ist imstande, fr einen
Groschen einen Menschen zu verraten, und am ehesten seinen Herrn,
dachte er im stillen; und er hat mich auch verraten, jedenfalls hat er
mich verraten; darauf mchte ich wetten, da er mich fr eine Kopeke
verraten hat. Nun, wie ist es?

Die Livree ist gekommen, Herr!

Zieh sie an und komm her!

Nachdem Petruschka die Livree angezogen hatte, trat er, dumm lchelnd,
in das Zimmer seines Herrn. Er trug nun eine grne, stark abgenutzte
Bedientenlivree mit ausgefaserten goldenen Tressen, die anscheinend fr
jemand angefertigt war, der eine ganze Elle grer war als Petruschka.
In der Hand hielt er einen gleichfalls mit Tressen besetzten und mit
grnen Federn geschmckten Hut, und an der Hfte hing ihm ein
Hirschfnger in lederner Scheide.

Zur Vervollstndigung des Bildes war Petruschka zufolge seiner
Lieblingsgewohnheit, zu Hause immer im Neglig herumzulaufen, auch jetzt
barfu. Herr Goljadkin musterte Petruschka von allen Seiten und schien
zufrieden zu sein. Die Livree war augenscheinlich aus irgendwelchem
feierlichen Anla geliehen. Bemerkenswert war noch, da whrend der
Musterung Petruschka seinen Herrn mit seltsamer Spannung anblickte und
mit besonderer Neugier alle Bewegungen desselben verfolgte, was Herrn
Goljadkin uerst verlegen machte.

Nun, und der Wagen?

Der Wagen ist auch gekommen.

Auf den ganzen Tag?

Ja, auf den ganzen Tag. Fnfundzwanzig Rubel.

Sind auch die Stiefel gekommen?

Jawohl.

Tlpel! Kannst du nicht sagen: >Jawohl, Herr!<? Gib sie her! Nachdem
Herr Goljadkin seiner Freude darber Ausdruck gegeben hatte, da die
Stiefel gut paten, befahl er, ihm Tee, Waschwasser und das Rasierzeug
zu bringen. Er rasierte und wusch sich sehr sorgfltig, schlrfte hastig
seinen Tee und schickte sich dann an, groe Toilette zu machen: er zog
fast ganz neue Beinkleider an, dann ein Chemisett mit Messingknpfchen
und eine Weste mit sehr hellen, hbschen Blmchen; um den Hals band er
sich ein buntseidenes Halstuch, und zuletzt legte er einen ebenfalls
fast neuen, sorgsam abgebrsteten Uniformrock an. Nachdem er sich so
angekleidet hatte, betrachtete er mehrmals liebevoll seine Stiefel, hob
alle Augenblicke bald den einen, bald den andern Fu in die Hhe,
bewunderte die Fasson und flsterte immer etwas vor sich hin, indem er
ab und zu seinem eigenen Ich mit einer ausdrucksvollen Grimasse
zublinkte. brigens mute Herr Goljadkin wohl an diesem Morgen uerst
zerstreut sein, da er fast gar nicht bemerkte, wie Petruschka, der ihm
beim Ankleiden behilflich war, ber ihn lchelte und grinste. Als Herr
Goljadkin endlich alles Erforderliche in Ordnung gebracht hatte und
vollstndig angekleidet war, steckte er seine Brieftasche ein, warf noch
einen bewundernden Blick auf Petruschka, der sich die Stiefel angezogen
hatte und somit ebenfalls vllig bereit war, und lief, nachdem er sich
berzeugt hatte, da alles ausgefhrt und zu weiterem Warten kein Grund
sei, eilig und geschftig mit etwas Herzklopfen seine Treppe hinunter.
Eine himmelblaue Mietskutsche mit einer Art von Wappen fuhr mit starkem
Gepolter an der Haustr vor. Petruschka wechselte mit dem Kutscher und
einigen Gaffern verstndnisvolle Blicke, half seinem Herrn beim
Einsteigen in den Wagen, rief mit geknstelter Stimme, nur mit Mhe ein
albernes Lachen unterdrckend, dem Kutscher Vorwrts! zu, sprang auf
das hinten befindliche Wagenbrett, und lrmend und polternd, klirrend
und rasselnd rollte die blaue Kutsche in der Richtung nach dem
Newski-Prospekte davon. Kaum hatte sie den Torweg passiert, als Herr
Goljadkin sich krftig die Hnde rieb und in ein leises, unhrbares
Gelchter ausbrach, wie ein zur Heiterkeit veranlagter Mensch, dem es
gelungen ist, einen prchtigen Streich auszufhren, ber den er nun das
allergrte Vergngen empfindet. brigens machte sogleich nach dem
Heiterkeitsausbruche das Gelchter einem eigentmlich sorgenvollen
Ausdruck auf Herrn Goljadkins Gesichte Platz. Obwohl das Wetter feucht
und unfreundlich war, hatte er doch beide Wagenfenster herabgelassen,
blickte eifrig rechts und links nach den Passanten und nahm sofort eine
vornehme, wrdevolle Miene an, sowie er bemerkte, da ihn jemand ansah.
An der Einmndung der Liteinaja-Strae in den Newski-Prospekt fuhr er
infolge einer sehr unangenehmen Empfindung zusammen, runzelte die Stirn
wie ein armer Teufel, dem jemand zufllig auf die Hhneraugen getreten
hat, und drckte sich eilig, ja sogar ngstlich in die dunkelste Ecke
seiner Kutsche. Der Grund war, da er zweien seiner Kollegen begegnete,
zwei jungen Beamten derselben Behrde, bei der er selbst angestellt war.
Die Beamten waren, wie es Herrn Goljadkin schien, ihrerseits ebenfalls
uerst erstaunt, ihrem Kollegen in dieser Weise zu begegnen; einer von
ihnen zeigte sogar mit dem Finger nach Herrn Goljadkin. Diesem schien es
sogar, da der andere ihn laut bei seinem Namen rief, was
selbstverstndlich auf der Strae sehr unpassend war. Unser Held
versteckte sich und gab keine Antwort. Was sind das fr dumme Jungen!
rsonierte er fr sich. Na, was ist denn dabei Sonderbares? Es fhrt
jemand in einer Kutsche; es wird wohl eine Ntigung dazu vorliegen, nun,
da hat er sich eben eine Kutsche genommen. Sie sind einfach Plebs! Ich
kenne sie hinlnglich; dumme Jungen sind es, die noch ihre Prgel
bekommen mten! Sie knnen weiter nichts als mit ihrem Gehalte Adler
oder Schrift spielen und sich Gott wei wo herumtreiben; das ist ihr
Element. Ich mte mal ein ernstes Wort mit ihnen allen reden; nur ...
Herr Goljadkin beendete den angefangenen Satz nicht und wurde starr. Ein
Paar mutiger Kasanscher Pferde, die an eine elegante Equipage gespannt
und Herrn Goljadkin sehr wohlbekannt waren, berholte schnell auf der
rechten Seite seine Mietskutsche. Der Herr, der in der Equipage sa,
erblickte zufllig Herrn Goljadkins Gesicht, welcher ziemlich
unvorsichtig seinen Kopf aus dem Wagenfenster heraussteckte; auch er war
anscheinend ber eine so unerwartete Begegnung uerst erstaunt, bog
sich heraus, soweit er nur konnte, und blickte hchst neugierig und
interessiert in die Wagenecke, in der unser Held sich schleunigst
versteckt hatte. Der Herr in der Equipage war Andrei Filippowitsch,
Abteilungschef bei derselben Behrde, zu welcher auch Herr Goljadkin in
der Stellung eines Gehilfen seines Tischvorstehers gehrte. Als Herr
Goljadkin sah, da Andrei Filippowitsch ihn genau erkannt hatte, ihn mit
groen Augen ansah und es unmglich war, sich zu verstecken, wurde er
rot bis ber die Ohren. Soll ich mich verbeugen oder nicht? Etwas sagen
oder nicht? Gestehen oder nicht? dachte unser Held in unbeschreiblicher
Verlegenheit; oder soll ich tun, als ob ich es nicht wre, sondern
irgendein anderer, der mir auerordentlich hnlich sieht, und ein
Gesicht machen, als ob es mich nichts anginge? Ich bin es wirklich
nicht, ich bin es nicht; damit Punktum! sagte Herr Goljadkin, whrend
er seinen Hut vor Andrei Filippowitsch abnahm und die Augen nicht von
ihm verwandte. Ich, ich wei von nichts, flsterte er mit Anstrengung,
ich wei schlechterdings von nichts; ich bin es gar nicht, ich bin es
nicht; damit Punktum! Bald aber hatte die Equipage seine Mietskutsche
berholt, und die magnetische Wirkung der Blicke seines Vorgesetzten
hrte auf. Jedoch war er immer noch rot, lchelte und murmelte etwas vor
sich hin ... Es war eine Dummheit von mir, da ich nichts gesagt habe,
dachte er zuletzt; ich htte einfach dreist und mit anstndiger
Offenherzigkeit sagen sollen: >So und so, Andrei Filippowitsch; ich bin
ebenfalls zum Diner eingeladen; das ist die ganze Sache!< Dann fiel ihm
pltzlich ein, da er sich blamiert habe, und unser Held wurde feuerrot,
zog finster die Brauen zusammen und richtete einen schrecklichen,
herausfordernden Blick nach der einen Vorderecke des Wagens, einen
Blick, als wollte er alle seine Feinde auf einmal in Asche verwandeln.
Endlich zog er, einer pltzlichen Eingebung folgend, an der Schnur, die
an den Ellbogen des Kutschers festgebunden war, lie den Wagen halten
und befahl dem Kutscher, nach der Liteinaja-Strae zurckzufahren. Die
Sache war die, da Herr Goljadkin die dringende Ntigung versprte,
wahrscheinlich zu seiner eigenen Beruhigung seinem Arzte Krestjan
Iwanowitsch eine sehr interessante Mitteilung zu machen. Und obgleich er
mit Krestjan Iwanowitsch erst seit kurzer Zeit bekannt war, indem er ihn
nmlich erst einmal in der vorigen Woche wegen gewisser Beschwerden
besucht hatte, so steht doch ein Arzt, wie man zu sagen pflegt, auf
gleicher Stufe mit einem Beichtvater: es wre dumm, ihm etwas zu
verheimlichen, und er seinerseits hat die Pflicht, seinen Patienten
ordentlich kennen zu lernen. Wird mein Besuch brigens auch passend
sein? fuhr unser Held fort, whrend er bei der Auffahrt eines
fnfstckigen Hauses in der Liteinaja-Strae, wo er seinen Wagen hatte
halten lassen, ausstieg; wird mein Besuch auch passend sein? Wird er
auch anstndig sein? Werde ich ihm auch nicht ungelegen kommen? Aber,
was ist dabei? fuhr er fort, whrend er die Treppe hinaufstieg, Atem
schpfte und das Herzklopfen zu hemmen suchte, das sich bei ihm immer
auf fremden Treppen einzustellen pflegte; was ist dabei? Ich komme ja
wegen meines Leidens; daran ist nichts Tadelnswertes zu finden ... Es
wre eine Dummheit, etwas verbergen zu wollen. Und ich werde so tun, als
ob ich keinen besonderen Grund htte, sondern nur so gelegentlich
herankme, weil ich gerade vorbeigekommen wre ... Er wird schon
einsehen, da das alles so in der Ordnung ist.

Unter solchen berlegungen war Herr Goljadkin zur zweiten Etage
hinaufgestiegen und blieb vor der mit Nummer Fnf bezeichneten Wohnung
stehen, an deren Tr ein hbsches Messingschild angebracht war mit der
Aufschrift:

                   Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz,
                  Doktor der Medizin und Chirurgie.

Whrend er dort stand, beeilte sich unser Held, seinem Gesichte einen
vornehmen, ungenierten, dabei aber doch liebenswrdigen Ausdruck zu
geben, und schickte sich an, die Klingel zu ziehen. Eben in dem
Augenblicke, als er sich dazu anschickte, berlegte er noch schnell und
rechtzeitig, da es doch wohl besser wre, den Besuch bis morgen zu
verschieben, da vorlufig noch keine eigentliche Ntigung dazu vorliege.
Aber da Herr Goljadkin auf einmal Schritte auf der Treppe hrte, so
nderte er seinen neuen Entschlu unverzglich wieder und klingelte,
brigens mit sehr entschlossener Miene, vor Krestjan Iwanowitschs Tr.




                              2. Kapitel


Der Doktor der Medizin und Chirurgie Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz,
ein sehr gesunder, wiewohl schon bejahrter Mann, mit dichten, bereits
ergrauenden Augenbrauen und starkem, schwarzem Backenbarte, mit
ausdrucksvollem, funkelndem Blick, durch den allein schon er alle
Krankheiten vertreiben zu knnen schien, und endlich auch mit einem
hohen Orden, sa an diesem Morgen in seinem Arbeitszimmer auf seinem
behaglichen Lehnstuhl, trank den Kaffee, den ihm seine Frau eigenhndig
gebracht hatte, rauchte eine Zigarre und schrieb von Zeit zu Zeit
Rezepte fr seine Patienten. Nachdem er zuletzt einem alten Herrn, der
an Hmorrhoiden litt, ein Trnkchen verschrieben und den Leidenden zu
einer Seitentr begleitet hatte, setzte sich Krestjan Iwanowitsch in
Erwartung des nchstfolgenden Besuches wieder hin. Da trat Herr
Goljadkin ein.

Krestjan Iwanowitsch hatte, wie es schien, weder erwartet noch
gewnscht, Herrn Goljadkin bei sich zu sehen; denn sein Gesicht
verfinsterte sich auf einmal fr einen Augenblick und nahm unwillkrlich
einen sonderbaren, ja, man kann sagen, unzufriedenen Ausdruck an. Herr
Goljadkin seinerseits pflegte, wenn er sich in seinen eigenen
Angelegenheiten an jemand wandte, fast immer zur unrechten Zeit zu
kommen und dann in Verwirrung zu geraten, und so ging es ihm auch jetzt.
Da er sich auf den ersten Satz, der fr ihn in solchen Fllen stets
einen Stein des Anstoes bildete, nicht vorbereitet hatte, so wurde er
gewaltig verlegen, murmelte etwas, was wie eine Entschuldigung klang,
und da er nicht wute, was er weiter tun sollte, nahm er einen Stuhl und
setzte sich. Aber nun fiel ihm ein, da er sich hingesetzt habe, ohne
dazu aufgefordert zu sein; er wurde sich sofort der Unanstndigkeit
seines Benehmens bewut und beeilte sich, seinen Versto gegen die
gesellschaftliche Form und den guten Ton dadurch wieder gutzumachen, da
er sich von dem ohne Aufforderung eingenommenen Platze eiligst wieder
erhob. Dann kam er unklar zu dem Bewutsein und zu der Erkenntnis, da
er zwei Dummheiten mit einem Mal gemacht habe, und so entschlo er sich
denn ohne zu zaudern zu einer dritten; d. h. er versuchte eine
Entschuldigung vorzubringen, murmelte lchelnd etwas, errtete, wurde
verlegen, machte eine ausdrucksvolle Pause und setzte sich schlielich
endgltig hin, ohne wieder aufzustehen, sicherte sich aber fr jeden
Fall durch eben jenen herausfordernden Blick, der die auerordentliche
Kraft besa, in Gedanken alle Feinde Herrn Goljadkins in Asche zu
verwandeln und zu vernichten. Auerdem brachte dieser Blick Herrn
Goljadkins Unabhngigkeit vollkommen zum Ausdruck, d. h. er sagte klar
und deutlich, da Herr Goljadkin sich um nichts kmmere, da er so
selbstndig sei wie alle andern Leute und sich in gesicherter Stellung
befinde. Krestjan Iwanowitsch hustete, rusperte sich, anscheinend zum
Zeichen seiner Billigung und Zustimmung zu alledem, und richtete einen
prfenden, fragenden Blick auf Herrn Goljadkin.

Krestjan Iwanowitsch, begann Herr Goljadkin lchelnd, ich bin
gekommen, um Sie zum zweiten Male zu belstigen, und erlaube mir jetzt,
Sie zum zweiten Male um Nachsicht zu bitten ... Es machte Herrn
Goljadkin offenbar Schwierigkeit, die richtigen Worte zu finden.

Hm ... ja! erwiderte Krestjan Iwanowitsch, indem er einen Rauchstrom
aus dem Munde gehen lie und die Zigarre auf den Tisch legte. Aber Sie
mssen sich an meine Vorschrift halten; ich habe Ihnen gesagt, da Ihre
Kur in einer nderung Ihrer Lebensgewohnheiten bestehen mu ... Also Sie
mssen sich Zerstreuung machen, Freunde und Bekannte besuchen; auch ein
Flschchen Wein sollten Sie sich manchmal gnnen; Sie mssen sich zu
heiterer Gesellschaft halten.

Herr Goljadkin beeilte sich, immer noch lchelnd, zu bemerken, es
scheine ihm, da er ein Mensch sei wie alle Menschen; er lebe in seiner
Huslichkeit und habe seine Zerstreuungen wie alle Leute ... natrlich
knne er ins Theater gehen, da er, wie andere Menschen, die
erforderlichen Mittel besitze; den Tag ber sei er im Dienst, abends
aber bei sich zu Hause; es fehle ihm eigentlich gar nichts; er bemerkte
sogar beilufig, er lebe seines Erachtens nicht schlechter als andere;
er habe eine eigene Wohnung und habe schlielich seinen Petruschka. Hier
stockte Herr Goljadkin.

Hm! Nein, eine solche Lebensweise ist nicht das Richtige, und ich
wollte Sie nach etwas ganz anderem fragen. Es wre mir interessant zu
hren, ob Sie ein groer Freund heiterer Gesellschaft sind und Ihr Leben
heiter genieen ... Also fhren Sie jetzt ein melancholisches oder ein
heiteres Leben?

Krestjan Iwanowitsch, ich ...

Hm! ... Ich meine, unterbrach ihn der Arzt, Sie mssen Ihr ganzes
Leben von Grund aus umndern und in gewissem Sinne Ihren Charakter
umgestalten. (Krestjan Iwanowitsch legte einen starken Ton auf das Wort
umgestalten und hielt mit sehr bedeutsamer Miene einen Augenblick
inne.) Sie drfen einem heiteren Leben nicht abgeneigt sein, mssen
Theater und Klubs besuchen und sich ab und zu eine Flasche Wein
zuwenden. Zu Hause zu sitzen, das taugt nichts, und fr Sie ist das
hchst verderblich.

Krestjan Iwanowitsch, ich liebe die Stille, erwiderte Herr Goljadkin,
indem er dem Arzte einen bedeutsamen Blick zuwarf und offenbar nach
Worten zum passendsten Ausdruck seiner Gedanken suchte. In meiner
Wohnung befindet sich niemand als ich und Petruschka ... ich will sagen:
mein Diener, Krestjan Iwanowitsch. Ich will sagen, Krestjan Iwanowitsch,
da ich meinen eigenen Weg gehe, meinen besonderen Weg, Krestjan
Iwanowitsch. Ich lebe so fr mich und bin, wie ich meinen mchte, von
niemandem abhngig. Ich gehe auch spazieren, Krestjan Iwanowitsch.

Wie? ... Ja! Nun, jetzt spazieren zu gehen ist gerade kein Vergngen;
es ist sehr unfreundliches Wetter.

Jawohl, Krestjan Iwanowitsch. Obwohl ich ein friedlicher Mensch bin,
Krestjan Iwanowitsch, wie ich wohl schon die Ehre hatte Ihnen zu
bemerken, so hat mein Lebensweg doch seine besondere Richtung, Krestjan
Iwanowitsch. Es gibt mancherlei Lebenswege ... Ich will ... ich will
damit sagen, Krestjan Iwanowitsch ... Entschuldigen Sie, Krestjan
Iwanowitsch, ich verstehe es nicht, mich gewandt auszudrcken ...

Hm! ... Sie wollen sagen ...

Ich will sagen, Sie mchten es entschuldigen, Krestjan Iwanowitsch, da
ich meines Erachtens es nicht verstehe, mich gewandt auszudrcken,
sagte Herr Goljadkin in etwas gekrnktem Tone und ein wenig verwirrt und
verlegen. In dieser Hinsicht, Krestjan Iwanowitsch, bin ich nicht so
wie andere Leute, fgte er mit einem eigenartigen Lcheln hinzu; ich
verstehe es nicht, viel zu reden, und habe es nicht gelernt, meiner
Ausdrucksweise Anmut und Schnheit zu verleihen. Dafr wirke ich,
Krestjan Iwanowitsch; dafr, Krestjan Iwanowitsch, wirke ich.

Hm! ... Wie meinen Sie das ... da Sie wirken? fragte Krestjan
Iwanowitsch. Darauf trat fr eine Weile Stillschweigen ein. Der Arzt
blickte Herrn Goljadkin in einer seltsamen mitrauischen Art an. Herr
Goljadkin schielte seinerseits ebenfalls recht mitrauisch nach dem
Arzte hin.

Was mich betrifft, Krestjan Iwanowitsch, fuhr Herr Goljadkin, etwas
gereizt und befremdet durch Krestjan Iwanowitschs hartnckige
Schweigsamkeit, in dem frheren Tone fort, was mich betrifft, Krestjan
Iwanowitsch, so liebe ich die Ruhe und nicht das Gerusch der Welt. Dort
bei jenen Menschen, ich meine in der groen Welt, Krestjan Iwanowitsch,
da mu man es verstehen, mit seinen Stiefeln das Parkett zu polieren
... (hier scharrte Herr Goljadkin ein wenig mit dem Fue auf dem
Fuboden); dort wird das verlangt, und Wortspiele werden auch verlangt
... und man mu es verstehen, parfmierte Komplimente zu drechseln ...
solche Dinge werden da verlangt. Aber ich habe so etwas nicht gelernt,
Krestjan Iwanowitsch; all diese Finessen habe ich nicht gelernt; dazu
habe ich keine Zeit gehabt. Ich bin ein schlichter, einfacher Mensch und
habe von uerem Glanze nichts an mir. Auf diesem Gebiete, Krestjan
Iwanowitsch, lege ich die Waffen nieder; ich strecke die Waffen, in
diesem Sinne gesagt. All dies sagte Herr Goljadkin selbstverstndlich
mit einer Miene, die deutlich zu verstehen gab, da unser Held es ganz
und gar nicht bedauerte, auf diesem Gebiete die Waffen strecken zu
mssen und diese Finessen nicht gelernt zu haben, sondern ganz im
Gegenteil darauf stolz war. Krestjan Iwanowitsch blickte, whrend er ihm
zuhrte, mit einer sehr unangenehmen Grimasse zu Boden und schien irgend
etwas in der Zukunft vorauszusehen. Auf Herrn Goljadkins Tirade folgte
ein ziemlich langes, bedeutsames Stillschweigen.

Sie sind, wie es scheint, von Ihrem Gegenstande ein wenig abgekommen,
sagte Krestjan Iwanowitsch endlich halblaut. Ich mu Ihnen gestehen,
ich habe Sie nicht ganz verstehen knnen.

Ich verstehe es nicht, mich gewandt auszudrcken, Krestjan Iwanowitsch;
ich hatte schon die Ehre, Ihnen mitzuteilen, Krestjan Iwanowitsch, da
ich es nicht verstehe, mich gewandt auszudrcken, sagte Herr Goljadkin,
diesmal in scharfem, entschiedenem Tone.

Hm! ...

Krestjan Iwanowitsch! begann Herr Goljadkin wieder leise, aber
nachdrcklich; seine Stimme hatte zum Teil etwas Triumphierendes; nach
jedem Satze hielt er inne. Krestjan Iwanowitsch! Als ich hier eintrat,
begann ich mit Entschuldigungen. Jetzt wiederhole ich das frher Gesagte
und erbitte mir wieder fr eine kleine Weile Ihre freundliche Nachsicht.
Ich habe keinen Anla, Ihnen etwas zu verbergen, Krestjan Iwanowitsch.
Ich bin ein unbedeutender Mensch, das wissen Sie selbst; aber zu meinem
Glcke bedaure ich es nicht, da ich ein unbedeutender Mensch bin. Im
Gegenteil, Krestjan Iwanowitsch; um alles zu sagen, ich bin sogar stolz
darauf, da ich kein groer Mann, sondern nur ein unbedeutender Mensch
bin. Ich bin kein Intrigant; auch darauf bin ich stolz. Ich wirke nicht
im geheimen, sondern ffentlich, ohne Hinterlist, und obgleich ich
meinerseits schaden knnte und es sehr wohl knnte und sogar wei, wem
ich etwas antun knnte und wie, so mag ich mich doch mit dergleichen
nicht beschmutzen, Krestjan Iwanowitsch, und wasche in dieser Hinsicht
meine Hnde in Unschuld. In dieser Hinsicht, sage ich, wasche ich sie in
Unschuld, Krestjan Iwanowitsch! Herr Goljadkin machte fr einen
Augenblick eine ausdrucksvolle Pause; er hatte mit einer milden
Begeisterung gesprochen.

Ich gehe geradeaus, offen und ohne Schleichwege, Krestjan Iwanowitsch,
fuhr unser Held fort; denn ich verachte alles hinterhltige Wesen und
berlasse es anderen. Ich suche nicht diejenigen herabzusetzen, die
vielleicht edler sind als ich und Sie ... d. h. ich will sagen >als
ich<, Krestjan Iwanowitsch; ich wollte nicht sagen >als ich und Sie<.
Versteckte Andeutungen liebe ich nicht; elende Heuchelei kann ich nicht
leiden; Verleumdung und Klatsch verabscheue ich. Eine Maske trage ich
nur auf dem Maskenball und laufe nicht mit ihr alle Tage vor den Leuten
umher. Ich frage Sie nur, Krestjan Iwanowitsch, wie wrden Sie sich an
Ihrem Feinde rchen, an Ihrem schlimmsten Feinde, an dem, den Sie dafr
anshen? schlo Herr Goljadkin und richtete einen herausfordernden
Blick auf Krestjan Iwanowitsch.

Obgleich Herr Goljadkin dies alles mit groer Bestimmtheit, Deutlichkeit
und Zuversichtlichkeit sprach, seine Worte abwog und auf ihre sichere
Wirkung rechnete, so sah er Krestjan Iwanowitsch jetzt doch mit Unruhe,
mit groer Unruhe, mit uerster Unruhe an. Jetzt war er ganz Auge und
wartete schchtern und mit rgerlicher, beklommener Ungeduld auf
Krestjan Iwanowitschs Antwort. Aber zu Herrn Goljadkins Erstaunen und
vlliger berraschung murmelte Krestjan Iwanowitsch nur etwas vor sich
hin, rckte dann seinen Stuhl an den Tisch heran und bemerkte ihm
ziemlich trocken, wiewohl hflich, ungefhr folgendes: seine Zeit sei
kostbar; er habe ihn nicht ganz verstanden; brigens sei er bereit, ihm
nach Krften, so gut er knne, zu dienen; aber auf alles Weitere, was
nicht in sein Fach schlage, knne er nicht eingehen. Dann nahm er eine
Feder, zog sich einen Bogen Papier heran, schnitt von ihm ein Stck in
dem Format ab, wie es die rzte gebrauchen, und erklrte, er wolle ihm
sofort eine angemessene Arznei verschreiben.

Nein, das ist nicht erforderlich, Krestjan Iwanowitsch! Nein, das ist
durchaus nicht erforderlich! sagte Herr Goljadkin, indem er sich von
seinem Platze erhob und Krestjan Iwanowitsch an den rechten Arm fate.
Das ist absolut nicht ntig, Krestjan Iwanowitsch!

Aber whrend Herr Goljadkin dies alles sagte, ging mit ihm eine seltsame
Vernderung vor. Seine grauen Augen bekamen einen sonderbaren Glanz;
seine Lippen fingen an zu zittern; alle Muskeln und Zge seines Gesichts
bewegten und verschoben sich. Er selbst zitterte am ganzen Leibe.
Nachdem er seinem ersten Impulse gefolgt war und dem Arzte den Arm
festgehalten hatte, stand Herr Goljadkin jetzt unbeweglich da, wie wenn
er kein Selbstvertrauen bese und fr seine weiteren Handlungen auf
eine Eingebung wartete.

Nun spielte sich ein recht seltsamer Auftritt ab.

Etwas betroffen, schien Krestjan Iwanowitsch einen Augenblick an seinem
Lehnstuhl angewachsen zu sein und blickte starr mit weit geffneten
Augen Herrn Goljadkin an, der ihn in gleicher Weise anschaute. Endlich
stand Krestjan Iwanowitsch auf, wobei er sich ein wenig an dem
Aufschlage von Herrn Goljadkins Uniform festhielt. Einige Sekunden lang
standen sie so einander unbeweglich gegenber, ohne die Augen
voneinander abzuwenden. Dann aber erfolgte in hchst seltsamer Weise
eine zweite Bewegung Herrn Goljadkins. Seine Lippen fingen an zu zucken,
das Kinn begann zu hpfen, und unser Held brach ganz unerwartet in
Trnen aus. Schluchzend, mit dem Kopfe nickend, mit der rechten Hand
sich gegen die Brust schlagend und mit der linken ebenfalls den
Aufschlag von Krestjan Iwanowitschs Hausrock anfassend, wollte er etwas
sagen, unverzglich eine Erklrung geben, vermochte aber kein Wort
herauszubringen. Endlich kam Krestjan Iwanowitsch von seinem Erstaunen
wieder zu sich.

Hren Sie auf, beruhigen Sie sich, setzen Sie sich! sagte er, indem er
sich bemhte, Herrn Goljadkin dahin zu bringen, da er auf einem
Lehnstuhl Platz nahm.

Ich habe Feinde, Krestjan Iwanowitsch, ich habe Feinde, ich habe
boshafte Feinde, die geschworen haben, mich zugrunde zu richten ...
antwortete Herr Goljadkin ngstlich flsternd.

Lassen Sie es gut sein, lassen Sie es gut sein! Ach was, Feinde! An
Feinde darf man nicht denken! Das darf man durchaus nicht! Setzen Sie
sich, setzen Sie sich! fuhr Krestjan Iwanowitsch fort und erreichte es
schlielich, da Herr Goljadkin sich auf den Lehnstuhl setzte.

Als Herr Goljadkin endlich zum Sitzen gekommen war, verwandte er kein
Auge von Krestjan Iwanowitsch. Dieser begann mit hchst unzufriedener
Miene von einer Ecke seines Arbeitszimmers nach der andern zu gehen. Es
folgte ein langes Stillschweigen.

Ich bin Ihnen dankbar, Krestjan Iwanowitsch, sehr dankbar und empfinde
tief alles, was Sie jetzt fr mich getan haben. Bis zum Grabe werde ich
Ihre Freundlichkeit nicht vergessen, Krestjan Iwanowitsch, sagte Herr
Goljadkin endlich und stand mit gramvoller Miene vom Stuhle auf.

Lassen Sie es gut sein, lassen Sie es gut sein! Ich sage Ihnen: lassen
Sie es gut sein! erwiderte Krestjan Iwanowitsch ziemlich streng auf
Herrn Goljadkins exaltierte Worte und brachte ihn noch einmal dazu, sich
hinzusetzen.

Also, was haben Sie eigentlich? Erzhlen Sie mir, was Sie jetzt fr
eine Unannehmlichkeit haben, und von was fr Feinden Sie sprechen, fuhr
Krestjan Iwanowitsch fort. Was ist Ihnen denn begegnet?

Nein, Krestjan Iwanowitsch, wir wollen das jetzt lieber lassen,
versetzte Herr Goljadkin und schlug die Augen nieder. Wir wollen das
alles lieber auf eine andere Zeit verschieben, Krestjan Iwanowitsch, auf
eine gnstigere Zeit, wenn alles an den Tag kommen und die Maske manchen
Leuten vom Gesichte fallen und dies und das an den Tag kommen wird.
Jetzt aber, vorlufig selbstverstndlich, nach allem, was zwischen uns
geschehen ist ... Da werden Sie selbst sagen mssen, Krestjan
Iwanowitsch ... Erlauben Sie mir, Ihnen einen guten Morgen zu wnschen,
Krestjan Iwanowitsch, sagte Herr Goljadkin, erhob sich diesmal mit
ernster Entschlossenheit von seinem Platze und griff nach seinem Hute.

Nun ... wie Sie wollen ... hm ... (Es folgte ein Stillschweigen, das
wohl eine Minute dauerte.) Ich meinerseits bin, wie Sie wissen, bereit,
alles zu tun, was in meiner Macht steht ... und wnsche Ihnen aufrichtig
alles Gute.

Ich verstehe Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie; ich verstehe
Sie jetzt vollkommen ... In jedem Falle bitte ich Sie zu entschuldigen,
da ich Sie gestrt habe, Krestjan Iwanowitsch.

Hm ... nein, ich hatte es anders gemeint. Aber wie es Ihnen beliebt.
Mit der Medizin fahren Sie fort, wie bisher ...

Mit der Medizin werde ich nach Ihrer Weisung fortfahren, Krestjan
Iwanowitsch; ich werde damit fortfahren und sie aus derselben Apotheke
entnehmen ... Heutzutage ist auch der Apothekerberuf etwas sehr Hohes
und Groes, Krestjan Iwanowitsch ...

Wieso? In welchem Sinne meinen Sie das?

Im ganz gewhnlichen Sinne, Krestjan Iwanowitsch. Ich will sagen, da
sich heutzutage die Verhltnisse so gestaltet haben ...

Hm ...

Und da jeder dumme Junge, auch ohne Apotheker zu sein, jetzt vor
ordentlichen Leuten die Nase hoch trgt.

Hm! Wie ist denn das zu verstehen?

Ich rede von einem gewissen Menschen, Krestjan Iwanowitsch ... von
einem gemeinsamen Bekannten von uns, sagen wir mal z. B. von Wladimir
Semjonowitsch ...

Ach so! ...

Ja, Krestjan Iwanowitsch; und ich kenne gewisse Leute, Krestjan
Iwanowitsch, die auf die ffentliche Meinung nicht so viel Wert legen,
da sie auch manchmal die Wahrheit sagen sollten.

Ach so ... Wie denn das?

Nun, ganz einfach so (brigens gehrt das nicht zur Sache): sie
verstehen es, manchmal ein Ei mit Sauce zu servieren.

Was? Was zu servieren?

Ein Ei mit Sauce, Krestjan Iwanowitsch; das ist eine russische
Redensart. Sie verstehen es z. B. manchmal, jemandem zur rechten Zeit zu
gratulieren. Solche Leute gibt es, Krestjan Iwanowitsch.

Zu gratulieren?

Jawohl, zu gratulieren, Krestjan Iwanowitsch; wie es neulich einer
meiner nchsten Bekannten gemacht hat! ...

Einer Ihrer nchsten Bekannten ... ach so! Wie ist denn das
zugegangen? fragte Krestjan Iwanowitsch, der Herrn Goljadkin aufmerksam
anblickte.

Ja, einer meiner nchsten Bekannten gratulierte einem andern sehr nahen
Bekannten von mir, der sogar mein Freund, ja, wie man sich ausdrckt,
mein Busenfreund ist, zum Avancement, zur Erlangung des Assessorgrades.
Das kam ihm gerade sehr gelegen. >Ich freue mich von ganzem Herzen ber
die Gelegenheit,< sagte er, >Ihnen meinen Glckwunsch darbringen zu
knnen, Wladimir Semjonowitsch, meinen aufrichtigen Glckwunsch zu Ihrem
Avancement. Und ich freue mich um so mehr, da heutzutage, wie jedermann
wei, die alten Hexen, die einem bles anwnschen konnten, ausgerottet
sind.< Hier nickte Herr Goljadkin schlau mit dem Kopfe und blickte, die
Augen zusammenkneifend, Krestjan Iwanowitsch an ...

Hm! Also das hat er gesagt ...

Das hat er gesagt, Krestjan Iwanowitsch, das hat er gesagt, und dabei
blickte er Andrei Filippowitsch, den Onkel unseres teuren Wladimir
Semjonowitsch, an. Aber was kmmert mich das, da er Assessor geworden
ist, Krestjan Iwanowitsch? Was kmmert das mich? Er will heiraten,
obwohl ihm, mit Erlaubnis zu sagen, die Milch noch nicht auf den Lippen
getrocknet ist. Das habe ich denn auch gesagt. >So ist das,< habe ich
gesagt, >Wladimir Semjonowitsch!< Nun habe ich aber alles gesagt;
gestatten Sie mir, mich zu entfernen.

Hm ...

Ja, Krestjan Iwanowitsch, ich sage, gestatten Sie mir jetzt, mich zu
entfernen. Aber um zwei Sperlinge mit einem Stein tot zu werfen, wandte
ich mich, nachdem ich den jungen Mann mit seinen alten Hexen abgefhrt
hatte, an Klara Olsufjewna (die Geschichte spielte vorgestern bei Olsufi
Iwanowitsch, und sie hatte soeben ein gefhlvolles Lied gesungen) und
sagte: >Sie haben ein gefhlvolles Lied gesungen; aber Ihre Zuhrer
haben kein reines Herz.< Das war eine deutliche Anspielung, verstehen
Sie wohl, Krestjan Iwanowitsch; damit spielte ich deutlich darauf an,
da man es jetzt nicht auf sie absieht, sondern weiterliegende Ziele
verfolgt ...

Aha! Nun, und was tat er darauf? Er machte ein Gesicht, als htte er
in eine Zitrone gebissen, Krestjan Iwanowitsch, wie man zu sagen
pflegt.

Hm ...

Jawohl, Krestjan Iwanowitsch. Ich sprach auch mit dem Alten selbst.
>Olsufi Iwanowitsch,< sagte ich, >ich wei, wie sehr ich Ihnen
verpflichtet bin; ich verstehe vollkommen die Wohltaten zu schtzen, mit
denen Sie mich fast seit meiner Kindheit berhuft haben. Aber machen
Sie die Augen auf,< sagte ich, >Olsufi Iwanowitsch! Passen Sie auf! Ich
selbst handle ehrenhaft und offen, Olsufi Iwanowitsch.<

Sehen Sie mal an!

Jawohl, Krestjan Iwanowitsch. So ist das!

Und was sagte er darauf?

Ja, was sagte er, Krestjan Iwanowitsch! Er kaute so etwas zurecht; dies
und das, und >ich kenne dich,< und da Seine Exzellenz seine Freude
daran habe, jemandem Gutes zu erweisen, -- und nun kam er ins Salbaldern
hinein ... Was ist da auch zu erwarten? Er ist vor Alter ja schon ganz
wacklig geworden, wie man zu sagen pflegt.

Aha! Also so steht das jetzt!

Ja, Krestjan Iwanowitsch; so steht es mit uns allen! Er ist ein
schnurriger alter Mann: er sieht schon in seinen Sarg hinein und riecht
nach Weihrauch, wie man zu sagen pflegt; aber wenn irgendein
Weibergewsch aufkommt, dann hrt er darauf hin; da ist er mit
Notwendigkeit dabei ...

Weibergewsch sagten Sie?

Ja, Krestjan Iwanowitsch, sie haben ein Weibergewsch aufgebracht. Auch
unser Br und sein Neffe, unser teurer Freund, haben ihre Hnde dabei im
Spiele gehabt; sie haben mit den Weibern unter einer Decke gesteckt und
die Sache zusammengebraut. Was glauben Sie: sie haben geplant, einen
Menschen zu ermorden! ...

Einen Menschen zu ermorden?

Jawohl, Krestjan Iwanowitsch, einen Menschen zu ermorden, im geistigen
Sinne einen Menschen zu ermorden. Sie sprengten aus ... ich rede immer
von einem nahen Bekannten von mir ...

Krestjan Iwanowitsch nickte mit dem Kopfe.

Sie sprengten ber ihn ein Gercht aus ... Ich gestehe Ihnen, Krestjan
Iwanowitsch, ich schme mich ordentlich, davon zu reden.

Hm! ...

Sie sprengten ein Gercht aus, er habe bereits ein schriftliches
Heiratsversprechen gegeben und sei bereits der Brutigam einer anderen
... Und was meinen Sie, Krestjan Iwanowitsch, wessen Brutigam?

Ich bin gespannt.

Der Brutigam einer Speisewirtin, einer unwrdigen Deutschen, bei der
er zu Mittag a; statt der Bezahlung seiner Schulden habe er ihr seine
Hand angeboten.

Das sagen sie?

Sollten Sie es glauben, Krestjan Iwanowitsch? Eine Deutsche, eine
gemeine, widerwrtige, schamlose Deutsche, Karolina Iwanowna, wenn Sie
sie kennen ...

Ich mu gestehen, ich fr meine Person ...

Ich verstehe Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie und habe
meinerseits die gleiche Empfindung ...

Sagen Sie mir, bitte, wo wohnen Sie jetzt?

Wo ich jetzt wohne, Krestjan Iwanowitsch?

Ja ... ich mchte ... Sie wohnten ja wohl frher ...

Ja freilich, ich wohnte, Krestjan Iwanowitsch, ich wohnte, ich wohnte
auch frher! Wie soll ich denn nicht gewohnt haben! antwortete Herr
Goljadkin und begleitete seine Worte mit einem kurzen Lachen; er
verblffte Krestjan Iwanowitsch ein wenig durch seine Antwort.

Nein, das haben Sie falsch aufgefat; ich wollte meinerseits ...

Ich wollte ebenfalls meinerseits, Krestjan Iwanowitsch, ich wollte
ebenfalls, fuhr Herr Goljadkin lachend fort. Aber ich habe bei Ihnen
schon viel zu lange gesessen, Krestjan Iwanowitsch. Ich hoffe, Sie
erlauben mir jetzt, Ihnen einen guten Morgen zu wnschen ...

Hm! ...

Ja, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie, ich verstehe Sie jetzt
vllig, sagte unser Held und nahm vor Krestjan Iwanowitsch eine etwas
theatralische Stellung an. Also erlauben Sie, da ich Ihnen einen guten
Morgen wnsche ...

Hier machte unser Held einen Scharrfu und verlie das Zimmer, in
welchem Krestjan Iwanowitsch hchlichst erstaunt zurckblieb. Whrend
Herr Goljadkin die Treppe des Arztes hinabstieg, lchelte er und rieb
sich vergngt die Hnde. Als er vor der Haustr die frische Luft
einatmete und sich in Freiheit fhlte, war er wirklich nahe daran, sich
fr den glcklichsten aller Sterblichen zu halten und sich nun
geradeswegs nach seinem Bureau zu begeben -- da fuhr auf einmal rasselnd
eine Kutsche vor: er sah sie an, und alles fiel ihm wieder ein.
Petruschka ffnete schon den Schlag. Ein sonderbares und auerordentlich
unangenehmes Gefhl bemchtigte sich Herrn Goljadkins vllig. Er
errtete sogar fr einen Augenblick. Es war ihm, als ob er einen Stich
bekme. Er wollte schon seinen Fu auf den Wagentritt setzen, als er
sich auf einmal umdrehte und nach Krestjan Iwanowitschs Fenstern
blickte. Richtig! Krestjan Iwanowitsch stand am Fenster, strich sich mit
der rechten Hand den Backenbart glatt und schaute sehr neugierig auf
unsern Helden herab.

Dieser Doktor ist dumm, dachte Herr Goljadkin, sich in seinem Wagen
verbergend, schrecklich dumm. Er mag vielleicht seine Kranken gut
kurieren knnen; aber trotzdem ist er dumm wie ein Stck Holz. Herr
Goljadkin setzte sich hin, Petruschka rief: Vorwrts! und der Wagen
rollte wieder nach dem Newski-Prospekt hin.




                              3. Kapitel


Dieser ganze Vormittag verging fr Herrn Goljadkin in mhevoller
Ttigkeit. Als er auf den Newski-Prospekt gekommen war, lie unser Held
beim Kaufhofe halten. Er sprang aus dem Wagen, lief, von Petruschka
begleitet, unter die Bogengnge und ging geradeswegs in einen Laden mit
Gold- und Silberwaren hinein. Schon an Herrn Goljadkins Miene war zu
ersehen, da er alle Hnde voll zu tun hatte und sich vor seinen vielen
Geschften nicht zu retten und zu helfen wute. Nachdem er sich mit dem
Kaufmann ber den mehr als fnfzehnhundert Rubel betragenden Preis eines
vollstndigen Diner- und Teeservices geeinigt, ein phantastisch
geformtes Zigarrenetui und ein vollstndiges silbernes Rasiernecessaire
auf dieselbe Summe heruntergehandelt und sich endlich die Preise fr
noch einige in ihrer Art ntzliche und hbsche Gegenstnde hatte angeben
lassen, schlo Herr Goljadkin damit, da er versprach, morgen bestimmt
wieder mit heranzukommen oder vielleicht sogar heute noch die
erstandenen Sachen abholen zu lassen, sich die Nummer des Ladens
notierte, die eifrige Bitte des Kaufmanns um eine Anzahlung aufmerksam
anhrte und das Versprechen gab, rechtzeitig auch eine Anzahlung zu
leisten. Hierauf verabschiedete er sich eilig von dem verwunderten
Kaufmann und ging, von einem ganzen Schwarm von Kommis begleitet, die
Reihe der Lden entlang, wobei er sich alle Augenblicke nach Petruschka
umsah und eifrig nach einem neuen Laden Ausschau hielt. Im Vorbeigehen
trat er in ein Wechselgeschft ein und wechselte alle seine groen
Scheine in kleine um, und obwohl er bei dem Umwechseln verlor, so hatte
er dafr doch eine Menge kleiner Scheine bekommen, und seine Brieftasche
war erheblich dicker geworden, was ihm anscheinend groes Vergngen
machte. Endlich machte er in einem Geschfte mit allerlei Damenartikeln
halt. Nachdem er wieder fr eine betrchtliche Summe Waren erstanden
hatte, versprach Herr Goljadkin auch hier dem Kaufmann, unfehlbar wieder
heranzukommen, lie sich die Nummer des Ladens angeben und erklrte auf
die Frage nach einer Anzahlung wieder, er werde zur rechten Zeit auch
eine Anzahlung machen. Darauf besuchte er noch einige Lden, handelte in
allen, lie sich von allerlei Gegenstnden die Preise sagen, stritt sich
manchmal lange mit den Kaufleuten herum, ging aus einem Laden hinaus, um
dann dreimal wieder zurckzukehren, -- mit einem Worte: er entwickelte
eine auerordentliche Ttigkeit. Aus dem Kaufhofe begab sich unser Held
in ein bekanntes Mbelmagazin, wo er Mbel fr sechs Zimmer erhandelte,
einen modernen, hchst eigenartigen Damentoilettentisch im allerneuesten
Geschmack bewunderte und dem Kaufmann versicherte, er werde bestimmt
alles abholen lassen, worauf er das Magazin verlie, nach seiner
Gewohnheit mit dem Versprechen einer Anzahlung; dann fuhr er noch
hierhin und dahin und feilschte um dieses und jenes. Mit einem Worte:
seine mhsamen Geschfte schienen gar kein Ende zu nehmen. Schlielich
schien Herr Goljadkin selbst dieser ganzen Ttigkeit recht berdrssig
zu werden. Es begannen ihn sogar Gott wei bei welcher Gelegenheit ohne
rechten Anla Gewissensbisse zu qulen. Um keinen Preis htte er jetzt
z. B. mit Andrei Filippowitsch oder auch nur mit Krestjan Iwanowitsch
zusammentreffen mgen. Endlich schlug die Stadtuhr drei Uhr nachmittags.
Als Herr Goljadkin sich nach Beendigung seiner Einkufe in den Wagen
setzte, hatte er von allen Erwerbungen dieses Tages in Wirklichkeit nur
ein Paar Handschuhe und ein Flschchen Parfm fr anderthalb Rubel bei
sich. Da es fr Herrn Goljadkin noch sehr frh war, so befahl er seinem
Kutscher bei einem bekannten Restaurant auf dem Newski-Prospekt zu
halten, das er bisher nur vom Hrensagen kannte, und stieg aus, um einen
Bissen zu essen, sich zu erholen und die richtige Zeit abzuwarten.

Er a nur so viel, wie eben jemand it, der ein ppiges Diner in
Aussicht hat, zu dem er eingeladen ist, das heit, er geno eine
Kleinigkeit, um, wie man sich ausdrckt, das Wrmchen zu tten, und
trank ein Glas Schnaps dazu; dann setzte sich Herr Goljadkin in einen
Lehnstuhl und griff, bescheiden um sich blickend, nach einer mageren
russischen Zeitung. Nachdem er ein paar Zeilen gelesen hatte, stand er
auf, sah in den Spiegel, brachte seinen Anzug in Ordnung und strich sich
das Haar glatt; hierauf ging er zum Fenster und sah zu, ob auch sein
Wagen da sei ... dann setzte er sich wieder auf seinen Platz und nahm
von neuem die Zeitung zur Hand. Man konnte bemerken, da sich unser Held
in groer Aufregung befand. Er blickte nach der Uhr, sah, da es erst
ein Viertel auf vier war und er folglich noch geraume Zeit zu warten
hatte, berlegte dabei, da es unpassend sei, so dazusitzen, und lie
sich daher Schokolade geben, obgleich er im Augenblick keinen groen
Appetit darauf hatte. Nachdem er die Schokolade ausgetrunken und bemerkt
hatte, da die Zeit ein wenig vorgerckt war, ging er zum Bfett, um zu
bezahlen. Auf einmal schlug ihn jemand auf die Schulter.

Er drehte sich um und sah zwei seiner Kollegen vor sich, dieselben
beiden, denen er vorher in der Liteinaja-Strae begegnet war, ein paar
im Lebensalter noch sehr junge und im Dienstrange noch sehr niedrig
stehende Leutchen. Unser Held stand mit ihnen weder auf gutem noch auf
schlechtem Fue: sie waren weder seine Freunde, noch auch lebte er mit
ihnen in offener Feindschaft. Selbstverstndlich wurde von beiden Seiten
der Anstand beobachtet; aber eine weitere Annherung fand nicht statt
und konnte auch nicht stattfinden. Das jetzige Zusammentreffen war Herrn
Goljadkin uerst unangenehm. Er runzelte ein wenig die Stirn und geriet
fr einen Augenblick in Verwirrung.

Jakow Petrowitsch, Jakow Petrowitsch! plapperten die beiden
Registratoren. Sie hier? durch welchen Zufall ...

Ah, Sie sind es, meine Herren! unterbrach Herr Goljadkin sie eilig; er
war ein bichen verlegen und rgerte sich ber das Erstaunen der beiden
Beamten und zugleich ber die Familiaritt ihres Benehmens, kehrte aber
unwillkrlich ein ungeniertes, forsches Wesen heraus. Sie sind vom
Dienst desertiert, meine Herren, he-he-he! ... Hier versuchte er sogar,
um sich von seiner Wrde nichts zu vergeben und sich mit den jungen
Kanzleibeamten nicht zu gemein zu machen, von denen er sich immer in
gebhrendem Abstande gehalten hatte, einem derselben auf die Schulter zu
klopfen; aber diese populre Handlung gelang Herrn Goljadkin in diesem
Falle nicht, und statt einer Gebrde anstndiger Familiaritt kam etwas
ganz anderes heraus.

Nun, wie ist's? Sitzt unser Br noch da?

Wer soll das sein, Jakow Petrowitsch?

Nun, der Br! Als ob Sie nicht wten, wer >der Br< genannt wird!
Herr Goljadkin lachte auf und drehte sich zu dem Bfett hin, um das Geld
in Empfang zu nehmen, das er herausbekam. Ich rede von Andrei
Filippowitsch, meine Herren, fuhr er fort, als er mit dem Kassierer
fertig war, und wandte sich, diesmal mit sehr ernster Miene, wieder zu
den Beamten. Die beiden Registratoren wechselten bedeutsame Blicke
miteinander.

Der sitzt noch da und hat nach Ihnen gefragt, Jakow Petrowitsch, sagte
der eine von ihnen.

Also er sitzt noch da! Nun, dann wollen wir ihn dasitzen lassen, meine
Herren. Und er hat nach mir gefragt, wie?

Ja, das hat er getan, Jakow Petrowitsch. Aber was ist denn mit Ihnen
los? Sie sind ja parfmiert und pomadisiert, der reine Elegant?

Ja, meine Herren, das ist nun einmal so! Hren Sie auf davon ...
erwiderte Herr Goljadkin, indem er zur Seite blickte und gezwungen
lchelte. Als sie Herrn Goljadkin lcheln sahen, brachen die Beamten in
ein lautes Gelchter aus. Herr Goljadkin machte ein etwas beleidigtes
Gesicht.

Ich will Ihnen als Freund etwas mitteilen, meine Herren, sagte unser
Held nach kurzem Stillschweigen, wie wenn er sich in Gottes Namen
entschlossen htte, den Beamten ein Geheimnis zu enthllen. Sie kennen
mich alle, meine Herren; aber bisher haben Sie mich nur von einer Seite
gekannt. Ein Vorwurf trifft dafr niemanden, und ich bekenne, da ich
zum Teil selbst schuld daran bin.

Herr Goljadkin prete die Lippen zusammen und blickte die Beamten
bedeutsam an. Diese blinkten einander wieder zu.

Bisher haben Sie mich nicht gekannt, meine Herren. Ihnen ausfhrliche
Aufklrungen darber zu geben, ist jetzt und hier nicht passend. Ich
werde Ihnen nur etwas weniges sagen, nur so nebenbei und
andeutungsweise. Es gibt Leute, meine Herren, die keine Schleichwege
lieben und eine Maske nur auf dem Maskenballe tragen. Es gibt Leute, die
die wahre Bestimmung des Menschen nicht in der Geschicklichkeit sehen,
das Parkett mit den Stiefeln zu polieren. Es gibt auch Leute, meine
Herren, die nicht sagen, da sie glcklich sind und das Leben wahrhaft
genieen, wenn ihnen z. B. die Beinkleider gut sitzen. Es gibt endlich
Leute, die es nicht lieben, unntzerweise herumzuspringen und sich
herumzudrehen, zu witzeln und zu schmeicheln, und besonders, meine
Herren, ihre Nase dahinein zu stecken, wo es gar nicht verlangt wird ...
Nun habe ich Ihnen so ziemlich alles gesagt, meine Herren; gestatten Sie
jetzt, da ich mich entferne ...

Herr Goljadkin hielt inne. Da die Herren Registratoren sich jetzt
vollstndig befriedigt fhlten, schlugen sie auf einmal beide in uerst
unhflicher Manier ein lautes Gelchter auf. Herr Goljadkin wurde rot
vor rger.

Lachen Sie nur, meine Herren; lachen Sie nur einstweilen! Wenn Sie
lnger leben, werden Sie schon sehen, sagte er im Gefhl beleidigter
Wrde, nahm seinen Hut und zog sich zur Tr zurck.

Aber ich mchte Ihnen noch eines sagen, meine Herren, fgte er, sich
zum letzten Male zu den Herren Registratoren umwendend, hinzu, ich
mchte Ihnen noch eines sagen; Sie stehen mir hier beide Auge in Auge
gegenber. Mein Grundsatz, meine Herren, ist der: >Milingt's, dann
nicht verzagen; gelingt's, dann weiter wagen,< und jedenfalls suche ich
niemandes Stellung zu unterminieren. Ich bin kein Intrigant, und darauf
bin ich stolz. Zum Diplomaten tauge ich nicht. Man sagt auch, meine
Herren, der Vogel komme selbst auf den Jger zugeflogen. Das ist
richtig, und ich gebe es zu; aber wer ist hier der Jger und wer der
Vogel? Das ist noch die Frage, meine Herren!

Hier schwieg Herr Goljadkin in rednerisch effektvoller Weise, machte mit
sehr bedeutsamer Miene, d. h. indem er die Augenbrauen in die Hhe zog
und die Lippen ganz fest zusammenprete, den Herren Beamten eine
Abschiedsverbeugung und ging dann hinaus, indem er die beiden im
uersten Erstaunen zurcklie.

Wohin befehlen Sie? fragte Petruschka ziemlich mrrisch, da er des
Umherfahrens in der Klte wahrscheinlich bereits berdrssig geworden
war. Wohin befehlen Sie? fragte er Herrn Goljadkin noch einmal, als er
dessen furchtbarem, alles vernichtendem Blicke begegnete, mit dem unser
Held sich schon zweimal an diesem Morgen gesichert hatte, und zu dem er
jetzt zum dritten Male seine Zuflucht nahm, whrend er die Treppe
hinunterstieg.

Nach der Ismailowski-Brcke.

Nach der Ismailowski-Brcke! Vorwrts!

Das Diner wird bei ihnen erst zwischen vier und fnf beginnen oder
sogar erst um fnf, dachte Herr Goljadkin; ist es jetzt nicht noch zu
frh? brigens kann ich ja auch etwas frher kommen; es ist ja noch dazu
ein Familiendiner. Ich kann ja so ganz ^sans faon^ hingehen, wie die
feinen Leute sich ausdrcken. Warum sollte ich nicht ^sans faon^
hingehen knnen? Unser Br hat auch gesagt, es werde da alles ^sans
faon^ sein; und daher kann ich ebenfalls ... Solche berlegungen
stellte Herr Goljadkin an; unterdessen aber wuchs seine Aufregung immer
mehr und mehr. Es war zu merken, da er sich auf etwas sehr Mhsames, um
keinen strkeren Ausdruck zu gebrauchen, vorbereitete; er flsterte
etwas vor sich hin, gestikulierte mit der rechten Hand, blickte
unaufhrlich durch die Wagenfenster, so da niemand, der ihn jetzt sah,
geglaubt htte, er schicke sich an, ein gutes Diner einzunehmen, so ganz
ohne alle Umstnde und im Kreise einer bekannten Familie, ^sans faon^,
wie die feinen Leute sich ausdrcken. Als sie endlich ganz nahe bei der
Ismailowski-Brcke waren, bezeichnete Herr Goljadkin ein Haus; die
Kutsche fuhr polternd durch den Torweg und hielt auf der rechten Seite
vor einem Portal. Als Herr Goljadkin an einem Fenster des zweiten
Stockwerks eine weibliche Gestalt bemerkte, warf er ihr eine Kuhand zu.
brigens wute er selbst nicht, was er tat; denn er befand sich in
diesem Augenblicke entschieden in einem Mittelzustande zwischen Leben
und Tod. Bla und verstrt stieg er aus dem Wagen, ging die Stufen vor
dem Portal hinan, trat ins Haus, nahm den Hut ab, ordnete mechanisch
seinen Anzug und stieg die Treppe hinauf, wobei er ein leises Zittern in
den Knien fhlte.

Ist Olsufi Iwanowitsch zu Hause? fragte er den Diener, der ihm
ffnete.

Jawohl, das heit nein, er ist nicht zu Hause.

Wie? Was redest du, mein Lieber? Ich ... ich komme zum Diner, mein
Freund. Du kennst mich ja doch wohl?

Wie sollte ich Sie nicht kennen? Aber es ist Befehl gegeben, Sie nicht
anzunehmen.

Du ... du ... irrst dich gewi, mein Freund. Ich bin es. Ich bin
eingeladen, mein Freund; ich komme zum Diner, sagte Herr Goljadkin,
warf seinen Mantel ab und bekundete die augenscheinliche Absicht, in die
Wohnung hineinzugehen.

Entschuldigen Sie, es geht nicht. Es ist Befehl gegeben, Sie nicht
anzunehmen, sondern abzuweisen. Das ist die Sache!

Herr Goljadkin wurde bla. Gerade in diesem Augenblicke ffnete sich die
nach den inneren Zimmern fhrende Tr, und Olsufi Iwanowitschs alter
Kammerdiener Gerasimowitsch kam heraus.

Hren Sie nur, Emeljan Gerasimowitsch, der Herr hier will eintreten,
und ich ...

Ach, Sie sind ein Dummkopf, Alexejewitsch. Gehen Sie mal hinein, und
schicken Sie den Schlingel, den Semjonowitsch, her. Es geht nicht,
sagte er, zu Herrn Goljadkin gewendet, in hflichem, aber entschiedenem
Tone. Es ist ganz unmglich. Der Herr lt um Entschuldigung bitten; er
kann Sie nicht empfangen.

Hat er denn das gesagt, da er mich nicht empfangen kann? fragte Herr
Goljadkin unsicher. Entschuldigen Sie, Gerasimowitsch, warum ist es
denn ganz unmglich?

Es ist ganz unmglich. Ich habe Sie gemeldet; der Herr sagte: >Bitte
den Herrn, zu entschuldigen!< Er sagte, er knne Sie nicht empfangen.

Warum denn nicht? Wie geht denn das zu? Wie ...

Erlauben Sie, erlauben Sie! ...

Aber wie geht denn das zu? Das ist ja unmglich! Melden Sie mich ...
Wie geht denn das zu? Ich bin zum Diner ...

Erlauben Sie, erlauben Sie! ...

Ah, nun, brigens ist das etwas anderes: er lt um Entschuldigung
bitten. Aber erlauben Sie, Gerasimowitsch, wie geht denn das zu,
Gerasimowitsch?

Erlauben Sie, erlauben Sie! versetzte Gerasimowitsch und hielt Herrn
Goljadkin sehr entschieden mit der Hand zurck, whrend er gleichzeitig
zwei Herren, die in demselben Augenblicke in das Vorzimmer traten, den
Weg weit freigab. Die eintretenden Herren waren Andrei Filippowitsch und
sein Neffe Wladimir Semjonowitsch. Beide blickten Herrn Goljadkin
erstaunt an. Andrei Filippowitsch wollte etwas sagen; aber Herr
Goljadkin hatte bereits seinen Entschlu gefat: mit niedergeschlagenen
Augen, errtend, lchelnd, mit ganz verstrtem Gesichte verlie er schon
Olsufi Iwanowitschs Vorzimmer. Ich werde nachher noch einmal
herankommen, Gerasimowitsch; ich werde die Sache aufklren; ich hoffe,
da sich alles unverzglich und rechtzeitig aufklren wird, sagte er
auf der Schwelle und zum Teil schon auf der Treppe.

Jakow Petrowitsch, Jakow Petrowitsch! ... erscholl Andrei
Filippowitschs Stimme, der Herrn Goljadkin nacheilte.

Herr Goljadkin befand sich in diesem Augenblicke schon auf dem unteren
Treppenflur. Er wandte sich schnell zu Andrei Filippowitsch um.

Was steht zu Ihren Diensten, Andrei Filippowitsch? fragte er in
ziemlich entschiedenem Tone.

Was ist Ihnen denn, Jakow Petrowitsch? Wie hngt denn das zusammen?

Es ist nichts Besonderes, Andrei Filippowitsch. Ich bin hier als
Privatmann. Es ist meine persnliche Angelegenheit, Andrei
Filippowitsch.

Was gibt es denn?

Ich sage ja, Andrei Filippowitsch, da es meine persnliche
Angelegenheit ist, und da sich meines Erachtens hier nichts
Tadelnswertes in bezug auf meine amtliche Stellung finden lt.

Wie? In bezug auf Ihre amtliche ... Was haben Sie denn nur, mein Herr?

Nichts, Andrei Filippowitsch, gar nichts; ein dreistes junges Mdchen,
weiter nichts ...

Was? ... Was? fragte Andrei Filippowitsch in verstndnislosem Staunen.
Herr Goljadkin hatte bis dahin vom Fue der Treppe hinauf mit Andrei
Filippowitsch gesprochen und dabei eine Miene gemacht, als ob er Lust
htte, ihm gerade ins Gesicht zu springen; als er nun sah, da sein
Abteilungschef einigermaen in Verwirrung geraten war, tat er fast
unbewut einen Schritt nach vorwrts. Andrei Filippowitsch wich zurck.
Herr Goljadkin kam eine Stufe und noch eine Stufe wieder herauf. Andrei
Filippowitsch blickte unruhig um sich. Herr Goljadkin kam auf einmal
schnell die Treppe heraufgelaufen. Noch schneller sprang Andrei
Filippowitsch ins Zimmer hinein und schlug die Tr hinter sich zu. Herr
Goljadkin blieb allein stehen. Es wurde ihm dunkel vor den Augen. Er
hatte alle Fassung verloren und stand nun in einer Art von sinn- und
verstandloser Unentschlossenheit da und dachte an das ebenfalls sinn-
und verstandlose Ereignis, das sich soeben zugetragen hatte. Ach, ach!
flsterte er mit einem gezwungenen Lcheln. Unterdessen wurden auf der
Treppe unten Stimmen und Schritte vernehmbar, wahrscheinlich von neuen
Gsten, die von Olsufi Iwanowitsch eingeladen waren. Herr Goljadkin kam
wieder ein wenig zur Besinnung, schlug schnell den Kragen seines
Schuppenpelzes in die Hhe, verbarg sich darin nach Mglichkeit und
begann mit schlappenden, trippelnden Schritten eilig und strauchelnd die
Treppe wieder hinabzusteigen. Er hatte ein Gefhl der Schwche und
Stumpfheit. Seine Verwirrung war so hochgradig, da, als er vor die Tr
kam, er nicht auf das Vorfahren seines Wagens wartete, sondern selbst
quer ber den schmutzigen Hof zu ihm hinging. Als er hingelangt war und
sich anschickte einzusteigen, wnschte Herr Goljadkin innerlich, mitsamt
seiner Kutsche in die Erde zu versinken oder sich wenigstens in einem
Mauseloche verstecken zu knnen. Er glaubte, da alle Menschen in Olsufi
Iwanowitschs Hause jetzt aus allen Fenstern nach ihm hinshen. Er wute,
da er unfehlbar auf dem Flecke sterben wrde, wenn er sich umschaute.

Was lachst du denn, Tlpel? sagte er hastig zu Petruschka, der ihm
beim Einsteigen in die Kutsche behilflich sein wollte.

Worber sollte ich denn lachen? Ich lache nicht. Wohin fahren wir
jetzt?

Nach Hause! Vorwrts!

Vorwrts, nach Hause! schrie Petruschka und kletterte hinten auf das
Wagenbrett.

Eine Stimme hat dieser Mensch -- wie eine Krhe! dachte Herr
Goljadkin. Unterdessen hatte sich der Wagen bereits ziemlich weit von
der Ismailowski-Brcke entfernt. Auf einmal zog unser Held aus aller
Kraft an der Schnur und rief seinem Kutscher zu, er solle sofort
zurckfahren. Der Kutscher wendete um und fuhr zwei Minuten darauf
wieder bei Olsufi Iwanowitsch auf den Hof. Es ist nicht ntig, du
Dummkopf, es ist nicht ntig! Zurck! rief Herr Goljadkin, -- und der
Kutscher schien einen solchen Befehl erwartet zu haben: ohne ein Wort zu
erwidern und ohne am Portal anzuhalten, fuhr er rings um den Hof herum
und wieder auf die Strae hinaus.

Indes fuhr Herr Goljadkin nicht nach Hause; sondern nachdem er die
Semjonowski-Brcke passiert hatte, befahl er in eine Seitenstrae
einzubiegen, und lie vor einem Restaurant von ziemlich bescheidenem
uern halten. Unser Held stieg aus dem Wagen, lohnte den Kutscher ab
und wurde so endlich seines Wagens ledig. Seinem Diener Petruschka
befahl er, nach Hause zu gehen und auf seine Rckkehr zu warten; er
selbst trat in das Restaurant, nahm sich ein separates Zimmer und
bestellte sich ein Mittagessen. Er fhlte sich sehr unwohl und hatte die
Empfindung, da in seinem Kopfe eine chaotische Verwirrung herrsche.
Lange ging er aufgeregt im Zimmer auf und ab; endlich setzte er sich auf
einen Stuhl, sttzte die Stirn in die Hnde und bemhte sich aus aller
Kraft nachzudenken und zur Klarheit ber seine jetzige Lage zu gelangen.




                              4. Kapitel


Dieser Tag, der festliche Geburtstag Klara Olsufjewnas, der einzigen
Tochter des Staatsrates Berendejew, des ehemaligen Wohltters des Herrn
Goljadkin, dieser Tag, der durch ein glnzendes, prchtiges Diner
verherrlicht wurde, ein Diner, wie man es in den Beamtenwohnungen an der
Ismailowski-Brcke und in weitem Umkreise seit langer Zeit nicht erlebt
hatte, ein Diner, das mehr einem sardanapalischen Schmause als einem
Diner glich und, was Glanz, Luxus und Anstand anlangte, so etwas
Babylonisches an sich hatte, ein Diner mit Champagner Cliquot, mit
Austern und mit Frchten aus den Geschften von Jelisejew und den
Gebrdern Miljutin und mit allerlei Mastklbern und mit Gsten von allen
Stufen der Rangliste, -- dieser festliche Tag, der durch ein so
festliches Diner verherrlicht wurde, schlo mit einem glnzenden Balle,
glnzend in bezug auf guten Geschmack, feine Sitte und Anstand, obwohl
es nur ein kleiner Familien- und Verwandtenball war. Gewi, ich gebe zu,
da es solche Blle auch sonst gibt, aber doch nur selten. Solche Blle,
die mehr mit Familienvergngungen als mit Bllen hnlichkeit haben,
knnen nur in solchen Husern gegeben werden, wie es z. B. das Haus des
Staatsrates Berendejew war. Ich will noch mehr sagen: ich bezweifle
sogar, da bei allen Staatsrten solche Blle gegeben werden konnten. O
wenn ich ein Dichter wre! selbstverstndlich mindestens ein solcher wie
Homer oder Puschkin (mit minderem Talente wrde ich es mir nicht
getrauen): dann wrde ich unfehlbar mit leuchtenden Farben und breitem
Pinsel Ihnen, verehrte Leser, diesen ganzen hochfestlichen Tag
schildern! Ich wrde mein Gedicht mit dem Diner beginnen und besonderen
Nachdruck auf den ergreifenden, feierlichen Augenblick legen, wo der
erste Toast zu Ehren der Knigin des Festes ausgebracht wurde. Ich wrde
Ihnen zuerst diese Gste schildern, wie sie in ein andchtiges,
erwartungsvolles Stillschweigen versunken dasaen, das mehr hnlichkeit
mit demosthenischer Beredsamkeit hatte als mit Stillschweigen. Ich wrde
Ihnen dann Andrei Filippowitsch schildern als den vornehmsten Gast, der
sogar ein gewisses Anrecht auf den ersten Platz besa, wie er im
Schmucke seiner grauen Haare und der zu diesen grauen Haaren passenden
Orden von seinem Platze aufstand und das Glas mit funkelndem Weine
glckwnschend ber den Kopf hob, mit einem Weine, der extra aus einem
fernen Knigreiche eingefhrt war, um bei hnlichen Gelegenheiten
getrunken zu werden, mit einem Weine, der gttlichem Nektar hnlicher
war als irdischem Weine. Ich wrde Ihnen die Gste und die glcklichen
Eltern der Knigin des Festes schildern, wie sie, dem Beispiele Andrei
Filippowitschs folgend, ebenfalls ihre Glser erhoben und erwartungsvoll
die Augen auf ihn gerichtet hielten. Ich wrde Ihnen schildern, wie
dieser mehrfach erwhnte Andrei Filippowitsch zuerst eine Trne in sein
Glas fallen lie, seinen Glckwunsch aussprach, einen Toast ausbrachte
und auf die Gesundheit des Geburtstagskindes trank ... Aber ich bekenne,
bekenne rckhaltlos, da ich nicht imstande wre, die ganze
Feierlichkeit jenes Augenblickes zu schildern, als die Knigin des
Festes selbst, Klara Olsufjewna, glckselig und schamhaft errtend wie
eine Frhlingsrose, in berstrmendem Gefhle in die Arme ihrer
zrtlichen Mutter sank, wie die zrtliche Mutter Trnen vergo, und wie
bei diesem Anla der Vater selbst schluchzte, der ehrwrdige alte
Staatsrat Olsufi Iwanowitsch, der in seiner langjhrigen Dienstzeit des
Gebrauches der Beine verlustig gegangen war und vom Schicksal als
Belohnung fr so viel Eifer ein hbsches Kapital, ein Haus, ein paar
Drfer und eine auerordentlich schne Tochter erhalten hatte; auch er
schluchzte wie ein Kind und tat zwischen den Trnen den Ausspruch, da
Seine Exzellenz seine Freude daran habe, anderen Gutes zu tun. Ich wre
auerstande, ja, ich wre entschieden auerstande, Ihnen die unmittelbar
auf diesen Augenblick folgende allgemeine herzliche Begeisterung zu
schildern, eine Begeisterung, die sogar in dem Verhalten eines jungen
Registrators deutlich zum Ausdruck kam, der in diesem Augenblicke mehr
einem Staatsrate als einem Registrator glich und, als er Andrei
Filippowitschs Rede anhrte, ebenfalls in Trnen ausbrach. Seinerseits
glich Andrei Filippowitsch in diesem feierlichen Augenblicke gar nicht
einem Kollegienrate und Abteilungschef in einem Departement, nein, er
hatte hnlichkeit mit etwas anderem, ich wei nur nicht, womit
eigentlich, aber nicht mit einem Kollegienrate. Er glich etwas Hherem!
Endlich ... o warum verstehe ich mich nicht auf die geheime Kunst des
hohen, krftigen Stiles, des feierlichen Stiles, damit ich all diese
schnen, erbaulichen Momente des menschlichen Lebens darstellen knnte,
die absichtlich dazu geschaffen zu sein scheinen, um zu beweisen, wie
manchmal die Tugend ber die Bswilligkeit, die Freigeisterei, das
Laster und den Neid triumphiert! Ich werde nichts sagen, sondern
schweigend (und das wird besser sein als alle Redekunst) Ihnen auf
diesen glcklichen Jngling hindeuten, der in seinen sechsundzwanzigsten
Frhling eintritt, auf Wladimir Semjonowitsch, Andrei Filippowitschs
Neffen, der, als er an der Reihe war, sich von seinem Platze erhob und
einen Toast ausbrachte, und auf den die weinenden Augen der Eltern der
Knigin des Festes, die stolzen Augen Andrei Filippowitschs, die
verschmten Augen der Knigin des Festes selbst, die entzckten Augen
der Gste und sogar die einen wohlanstndigen Neid bekundenden Augen
mehrerer junger Kollegen dieses vortrefflichen Jnglings gerichtet
waren. Ich werde nichts sagen, obwohl ich nicht umhin kann zu bemerken,
da alles an diesem Jngling (der mehr einem Greise als einem Jngling
glich, was in einem fr ihn vorteilhaften Sinne gesagt sein soll),
alles, von den blhenden Wangen bis zu dem Assessorrange, den er
bekleidete, da dies alles in diesem feierlichen Augenblicke davon
Zeugnis ablegte, zu einer wie hohen Stufe gute Gesittung einen Menschen
emporheben kann! Ich werde nicht beschreiben, wie endlich Anton
Antonowitsch Sjetotschkin, der Tischvorsteher eines Departements, ein
Kollege Andrei Filippowitschs und ehemals auch Olsufi Iwanowitschs und
gleichzeitig ein alter Freund des Hauses und Klara Olsufjewnas Pate, ein
ganz graukpfiger alter Herr, im rechten Augenblicke einen Toast
ausbrachte, dabei wie ein Hahn krhte und lustige Knttelverse sprach,
wie er durch eine so wohlanstndige Vernachlssigung des Anstandes (wenn
man sich so ausdrcken kann) die ganze Gesellschaft dahin brachte, bis
zu Trnen zu lachen, und wie Klara Olsufjewna selbst zur Belohnung fr
diesen lustigen, liebenswrdigen Toast ihm auf Befehl ihrer Eltern einen
Ku gab. Ich werde nur sagen, da endlich die Gste, die nach einem
solchen Diner natrlich gegeneinander wie Verwandte und Brder gesinnt
sein muten, vom Tische aufstanden; wie dann die lteren, gesetzten
Leute zunchst eine kurze Zeit zu freundschaftlichem Gesprche
benutzten und dabei sogar recht offenherzig miteinander redeten,
selbstverstndlich in durchaus anstndiger, liebenswrdiger Weise, dann
aber sich ehrbar in ein anderes Zimmer begaben, sich, ohne die kostbare
Zeit zu verlieren, in Partien verteilten und sich im Gefhl ihrer
eigenen Wrde an die mit grnem Tuche bezogenen Tische setzten; wie die
Damen im Salon Platz nahmen, auf einmal alle auerordentlich
liebenswrdig wurden und sich miteinander ber verschiedene Gegenstnde
zu unterhalten begannen; wie schlielich der hochverehrte Hausherr
selbst, welcher, whrend er im Dienste die Sache der Wahrheit und des
Rechtes vertrat, des Gebrauches der Beine verlustig gegangen und dafr
mit all den oben erwhnten Dingen belohnt worden war, auf Krcken unter
seinen Gsten umherging, gesttzt von Wladimir Semjonowitsch und Klara
Olsufjewna, und wie er, auf einmal ebenfalls auerordentlich
liebenswrdig werdend, sich trotz der Kosten entschlo, einen kleinen,
bescheidenen Ball zu improvisieren; wie zu diesem Zwecke ein gewandter
junger Mann (eben der, welcher bei dem Diner mehr einem Staatsrate als
einem jungen Manne hnlich gewesen war) abgeschickt wurde, um Musikanten
herbeizuschaffen; wie dann die Musikanten in einer Anzahl von ganzen elf
Mann ankamen, und wie endlich Punkt halb neun Uhr die lockenden Tne
einer franzsischen Quadrille erklangen, welcher verschiedene andere
Tnze folgten ... Ich brauche nicht erst zu sagen, da meine Feder zu
schwach, zu matt und zu stumpf ist fr eine anstndige Schilderung des
durch die auerordentliche Liebenswrdigkeit des grauhaarigen Hausherrn
improvisierten Balles. Und wie, frage ich, wie kann ich, der bescheidene
Erzhler der in ihrer Art allerdings sehr interessanten Abenteuer des
Herrn Goljadkin, wie kann ich diese auerordentliche, wohlanstndige
Mischung von Schnheit, Eleganz, Anstand, Heiterkeit, liebenswrdiger
Gesetztheit und gesetzter Liebenswrdigkeit, Mutwillen und Frohsinn
schildern, all dies Scherzen und Lachen all dieser Beamtendamen, die
mehr mit Feen als mit Damen hnlichkeit hatten (was in einem fr sie
vorteilhaften Sinne gesagt sein soll), mit ihren lilien- und
rosenfarbenen Schultern und Gesichtchen, mit ihren therischen
Gestalten, mit ihren mutwillig spielenden und (um im hheren Stil zu
reden) homopathischen Fchen? Wie soll ich Ihnen endlich diese
eleganten Kavaliere aus dem Beamtenstande schildern, sowohl die
heiteren, soliden Jnglinge, als auch die gesetzten, frohsinnigen und in
wohlanstndiger Art finsteren Mnner, diese Kavaliere, die in den Pausen
zwischen den Tnzen teils in einem kleinen, abgelegenen, grnen Zimmer
eine Pfeife rauchten, teils keine Pfeife rauchten, diese Kavaliere, die
vom ersten bis zum letzten einen anstndigen Rang besaen und
anstndigen Familien angehrten, diese Kavaliere, die von dem Gefhl der
Eleganz und von dem Gefhle ihrer eigenen Wrde tief durchdrungen waren,
diese Kavaliere, die mit den Damen meist franzsisch sprachen und, wenn
sie von der russischen Sprache Gebrauch machten, sich nur gewhlter
Ausdrcke des hchsten Stiles, feiner Komplimente und geistreicher
Redewendungen bedienten, diese Kavaliere, die hchstens im Rauchzimmer
sich ein paar liebenswrdige Abweichungen von der Sprache des feinsten
Tones, ein paar Redewendungen voll freundschaftlicher, liebenswrdiger
Intimitt gestatteten, etwa von folgender Art: Na, Petja, du
Schwerenter, du hast ja die Polka famos heruntergehopst! oder: Wasja,
du Schlingel, du hast ja deine Dame gehrig vorgenommen! Zu alledem
ist, wie ich Ihnen, meine verehrten Leser, schon oben die Ehre hatte
mitzuteilen, meine Feder unfhig, und darum schweige ich. Wenden wir uns
lieber zu Herrn Goljadkin, dem einzigen, wirklichen Helden unserer
durchaus wahrhaften Erzhlung!

Die Sache war die, da er sich augenblicklich in einer sehr sonderbaren
(um keinen strkeren Ausdruck zu gebrauchen) Lage befand. Er war
ebenfalls dort, meine Herrschaften, d. h. nicht auf dem Balle, aber
beinah auf dem Balle; seine Situation, meine Herren, war keine
glnzende; er war zwar fr sich allein, stand aber in diesem Augenblicke
an einem nicht ganz ordnungsmigen Platze; er stand nmlich (es kommt
einem sonderbar vor, es auch nur zu sagen), er stand auf dem Flur, auf
der Hintertreppe der Wohnung Olsufi Iwanowitschs. Aber das machte ihm
nichts aus, da er da stand; er fhlte sich da ganz wohl. Er stand in
einem Winkel, meine Herrschaften, versteckt an einem Pltzchen, wo es
zwar nicht besonders warm, aber dafr ziemlich dunkel war, teilweise
verborgen durch einen gewaltigen Schrank und einen alten Wandschirm,
zwischen allerlei Trdelkram, Germpel und altem Hausrat; vorlufig
hielt er sich noch versteckt und beobachtete den Verlauf des allgemeinen
Vergngens nur in der Eigenschaft eines unbeteiligten Zuschauers. Er
beobachtete jetzt nur, meine Herrschaften; er htte ja ebenfalls
hineingehen knnen, meine Herrschaften ... warum htte er denn nicht
hineingehen sollen? Er brauchte nur ein paar Schritte zu tun, dann ging
er hinein und ging mit groer Gewandtheit hinein. Eben erst (nachdem er
brigens schon ber zwei Stunden in der Klte zwischen dem Schranke und
dem Wandschirm, zwischen allerlei Germpel, Trdelkram und altem Hausrat
gestanden hatte) hatte er im stillen zu seiner eigenen Rechtfertigung
einen Ausspruch des franzsischen Ministers Villle seligen Angedenkens
zitiert: Alles kommt zu seiner Zeit, wenn man nur zu warten versteht.
Diesen Ausspruch hatte Herr Goljadkin einmal in einem brigens ganz
gleichgltigen Buche gelesen; aber jetzt rief er ihn sich zu sehr
passender Zeit ins Gedchtnis zurck. Dieser Ausspruch pate erstens
sehr gut zu seiner augenblicklichen Lage, und zweitens, was kommt nicht
alles einem Menschen in den Kopf, der auf eine glckliche Lsung der ihn
beschftigenden Schwierigkeiten fast schon drei geschlagene Stunden auf
dem Flur in der Dunkelheit und Klte wartet? Nachdem Herr Goljadkin den
Ausspruch des frheren franzsischen Ministers Villle, wie schon oben
gesagt, zu sehr passender Zeit im stillen zitiert hatte, erinnerte er
sich ebendaselbst aus unbekanntem Grunde auch an den ehemaligen
trkischen Vezier Marzimiris, sowie auch an die schne Markgrfin Luise,
deren Geschichte er gleichfalls einmal in einem Buche gelesen hatte.
Dann kam ihm ins Gedchtnis, da die Jesuiten sogar den Grundsatz
aufgestellt htten, man msse alle Mittel fr zulssig erachten, wenn
nur der Zweck dadurch erreicht werde. Nachdem Herr Goljadkin aus dieser
historischen Erinnerung etwas Mut geschpft hatte, sagte er zu sich
selbst, was seien denn die Jesuiten fr Leute? Die Jesuiten seien alle
ohne Ausnahme die grten Dummkpfe; er selbst stecke sie allesamt in
den Sack; wenn das Bfettzimmer auch nur fr einen Augenblick leer werde
(dasjenige Zimmer, dessen Tr direkt auf den Flur, nach der Hintertreppe
hinausfhrte, wo Herr Goljadkin sich jetzt befand), dann werde er,
unbekmmert um alle Jesuiten, ohne weiteres geradezu hindurchgehen,
zuerst aus dem Bfettzimmer in das Teezimmer, dann in dasjenige Zimmer,
wo jetzt Karte gespielt werde, und dann geradezu in den Saal,
wo jetzt Polka getanzt werde. Und er werde hindurchgehen,
unbedingt hindurchgehen; allem zum Trotz werde er hindurchgehen,
hindurchschlpfen, und damit basta, und niemand werde es bemerken, und
dann werde er schon selbst wissen, was er weiter zu tun habe. In dieser
Lage, meine Herrschaften, finden wir also jetzt den Helden unserer
durchaus wahrhaften Geschichte, wiewohl es schwer ist zu erklren, was
mit ihm eigentlich im gegenwrtigen Augenblicke vorging. Die Sache war
die, da er verstanden hatte bis zur Treppe und bis zum Flur zu
gelangen; denn er hatte sich gesagt, warum sollte er nicht dahin
gelangen, wohin alle gelangen knnten; aber weiter vorzudringen wagte er
nicht; das zu tun wagte er offenbar nicht ... nicht weil er irgend etwas
nicht gewagt htte, sondern einfach, weil er es selbst nicht wollte,
weil er mehr Lust hatte im verborgenen zu bleiben. So, meine
Herrschaften, wartete er also jetzt im verborgenen und wartete schon
genau zwei und eine halbe Stunde. Warum sollte er auch nicht warten?
Hatte doch auch Villle selbst gewartet. Aber was soll hier Villle?
dachte Herr Goljadkin; was kmmert mich hier Villle? Wie wr's, wenn
ich jetzt ... hm ... so ohne weiteres eindrnge? ... Ach, was bist du
fr ein elender Statist! sagte Herr Goljadkin zu sich selbst und kniff
sich mit der erstarrten Hand in die erstarrte Backe; was bist du fr
ein Dummkopf, was bist du fr ein armer Schlucker; das besagt ja schon
dein Name! ...[1] brigens belegte er seine eigene Person mit diesen
Kosenamen im gegenwrtigen Augenblicke nur so beilufig, ohne jeden
besonderen Zweck. Aber jetzt, jetzt schickte er sich an, es zu
unternehmen und vorzudringen; der gnstige Augenblick war gekommen; das
Bfettzimmer war leer geworden und niemand darin; Herr Goljadkin sah
dies alles durch ein Fensterchen; mit zwei Schritten befand er sich an
der Tr und war bereits im Begriffe, sie zu ffnen. Soll ich hingehen
oder nicht? Na, soll ich hingehen oder nicht? Ich will hingehen ...
warum sollte ich nicht hingehen? Dem Mutigen gehrt die Welt! Nachdem
unser Held sich in dieser Weise Mut gemacht hatte, retirierte er auf
einmal ganz unerwartet wieder hinter den Wandschirm. Nein, dachte er,
wenn nun aber jemand hereinkommt? Da haben wir's; da ist schon jemand
hereingekommen! Warum habe ich auch gezaudert, als niemand darin war?
Ich htte ohne Umstnde eindringen sollen! ... Nein, wie ist es mglich
einzudringen, wenn ein Mensch so einen Charakter hat! Das ist eine ganz
schlechte Veranlagung! Ich habe es mit der Angst bekommen wie ein Hase!
Die ngstlichkeit liegt in meiner Natur; das ist es! Ich verderbe immer
alles; das ist keine Frage. Da stehe ich nun hier ganz zwecklos wie ein
Tlpel! Zu Hause knnte ich jetzt ein Tchen Tee trinken ... Das wre
ganz angenehm, so ein Tchen zu trinken. Wenn ich spt nach Hause
komme, wird Petruschka am Ende wieder brummen. Soll ich nicht lieber
nach Hause gehen? Hole hier alles der Teufel! Ich gehe nach Hause,
abgemacht! Aber nachdem Herr Goljadkin diesen Entschlu gefat hatte,
ging er, wie wenn jemand in seinem Innern eine Feder berhrt htte,
schnell vorwrts; mit zwei Schritten befand er sich im Bfettzimmer, zog
den Mantel aus, nahm den Hut ab, schob dies alles in eine Ecke, machte
seinen Anzug zurecht und strich sich das Haar glatt; dann ... dann ging
er ins Teezimmer, aus dem Teezimmer glitt er noch in ein anderes Zimmer
und schlpfte fast unbemerkt zwischen den in Eifer geratenen
Kartenspielern hindurch; dann ... dann ... hier verga Herr Goljadkin
alles, was um ihn herum geschah, und erschien pltzlich ganz unerwartet
im Tanzsaale.

[Funote 1: Im Russischen heit ^goljadka^ der arme Schlucker.]

Es traf sich, da gerade in diesem Augenblicke nicht getanzt wurde. Die
Damen promenierten in malerischen Gruppen im Saale. Die Herren drngten
sich zu einzelnen Kreisen zusammen oder schwrmten durch den Saal, um
Damen zu engagieren. Herr Goljadkin bemerkte nichts davon. Er sah nur
Klara Olsufjewna, neben ihr Andrei Filippowitsch, ferner Wladimir
Semjonowitsch und noch zwei oder drei Offiziere sowie noch zwei oder
drei gleichfalls sehr interessante junge Leute, die, wie man auf den
ersten Blick sehen konnte, zu schnen Hoffnungen berechtigten oder
solche bereits erfllten ... Er sah auch sonst noch diesen oder jenen.
Oder nein; er sah niemand mehr und blickte nach niemand hin ... Durch
jene selbe Feder getrieben, mittels deren er uneingeladen sich in einen
fremden Ball eingedrngt hatte, schritt er vorwrts, dann noch weiter
vorwrts und noch weiter vorwrts, stie im Vorbeigehen an irgendeinen
Rat und trat ihm auf den Fu, benutzte die Gelegenheit, einer
hochachtbaren alten Dame auf das Kleid zu treten und etwas daran zu
zerreien, stie einen Diener, der ein Prsentierbrett trug, an, stie
noch jemand an, schritt, dies alles nicht bemerkend oder, richtiger
gesagt, es nur so obenhin bemerkend, ohne jemand anzusehen, immer weiter
und weiter vorwrts und stand pltzlich vor Klara Olsufjewna selbst.
Ohne allen Zweifel wre er, ohne mit den Wimpern zu zucken, in diesem
Augenblicke mit dem grten Vergngen in die Erde versunken; aber was
geschehen ist, kann man nicht rckgngig machen; das ist schlechterdings
unmglich. Was war zu tun? Milingt's, dann nicht verzagen; gelingt's,
dann weiter wagen, dachte er bei sich. Herr Goljadkin war eben kein
Intrigant und verstand sich nicht darauf, das Parkett mit den Stiefeln
zu polieren. Es war nun einmal geschehen. Zudem hatten sich auch die
Jesuiten da irgendwie hineingemischt ... Aber was gingen Herrn Goljadkin
die Jesuiten an! Alles, was da umherging und lrmte und redete und
lachte, das verstummte pltzlich wie auf ein gegebenes Zeichen und
drngte sich allmhlich um Herrn Goljadkin zusammen. Aber Herr Goljadkin
schien nichts zu hren und zu sehen; er vermochte nicht um sich zu
schauen, nichts anzublicken; er schlug die Augen zu Boden und stand so
da; nebenbei gab er sich brigens das Ehrenwort darauf, sich noch in
dieser Nacht zu erschieen. Nachdem er sich darauf das Ehrenwort gegeben
hatte, sagte Herr Goljadkin in Gedanken zu sich selbst: Nun komme, was
kommen will! und fing zu seinem eigenen grten Erstaunen auf einmal
ganz unerwartet zu reden an.

Herr Goljadkin begann mit einer Gratulation und mit dem Ausdruck seiner
guten Wnsche. Die Gratulation ging gut vonstatten; aber bei dem
Ausdruck seiner guten Wnsche stie unser Held an. Er hatte schon vorher
gefhlt, da, wenn er anstiee, alles mit einem Mal zum Teufel gehen
werde. Und so kam es auch: er stie an und blieb stecken; er blieb
stecken und errtete; er errtete und geriet aus der Fassung; er geriet
aus der Fassung und blickte auf; er blickte auf und schaute rings um
sich; er schaute rings um sich und wurde starr ... Alle standen da, alle
schwiegen, alle warteten; etwas weiter weg wurde geflstert, in etwas
grerer Nhe gelacht. Herr Goljadkin warf einen demtigen, verlegenen
Blick nach Andrei Filippowitsch hin. Andrei Filippowitsch antwortete
Herrn Goljadkin mit einem solchen Blicke, da, wre unser Held nicht
schon gnzlich und vollstndig niedergeschmettert gewesen, dieser Blick
ihn unfehlbar niedergeschmettert htte. Das Schweigen dauerte an.

Das gehrt mehr zu meinen persnlichen Verhltnissen und zu meinem
Privatleben, Andrei Filippowitsch, sagte Herr Goljadkin, der mehr tot
wie lebendig war, mit kaum vernehmbarer Stimme; das ist keine amtliche
Handlung, Andrei Filippowitsch ...

Schmen Sie sich, mein Herr, schmen Sie sich! sagte Andrei
Filippowitsch fast flsternd mit einer Miene unbeschreiblicher
Entrstung, bot Klara Olsufjewna seinen Arm und wandte sich von Herrn
Goljadkin ab.

Ich habe keinen Anla mich zu schmen, Andrei Filippowitsch,
antwortete Herr Goljadkin ebenfalls fast flsternd, lie seine
klglichen Blicke verlegen umherschweifen und versuchte dabei, sich in
der erstaunten Menge zu orientieren und sich ber seine eigene
gesellschaftliche Stellung in ihr klar zu werden.

Nun, das tut nichts, das tut nichts, meine Herren! Was ist denn dabei?
Das kann ja jedem passieren, flsterte Herr Goljadkin, indem er sich
ein wenig von seinem Flecke fortbewegte und aus der ihn umgebenden Menge
herauszukommen suchte. Man machte ihm Platz. Unser Held schritt, so gut
es ging, zwischen zwei Reihen von neugierigen, verwunderten Zuschauern
hindurch. Sein Verhngnis ri ihn fort. Herr Goljadkin fhlte das
selbst, da ihn sein Verhngnis fortri. Er htte natrlich viel fr die
Mglichkeit gegeben, sich jetzt ohne Verletzung des Anstandes auf seinem
frheren Standplatze auf dem Flur bei der Hintertreppe zu befinden; aber
da dies entschieden unmglich war, so versuchte er, sich in irgendein
Winkelchen zu verkriechen, wo er fr sich, bescheiden, anstndig,
abgesondert, ohne mit jemand in Berhrung zu kommen und ohne die
allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, stehen knnte; so hoffte
er, sich zugleich das Wohlwollen der Gste und des Hausherrn zu
erwerben. brigens hatte Herr Goljadkin die Empfindung, als ob ihm der
Boden unter den Fen weggesplt werde und er schwanke und falle.
Endlich erreichte er mit Mhe ein Winkelchen und stellte sich dort wie
ein unbeteiligter, ziemlich gleichmtiger Zuschauer hin; die Arme
sttzte er auf die Lehnen zweier Sthle, die er auf diese Art vllig in
seinen Besitz nahm, und versuchte, mit mglichst mutigem Blicke die sich
in seiner Nhe gruppierenden Gste Olsufi Iwanowitschs anzusehen. Am
nchsten von allen stand ihm ein Offizier, ein hochgewachsener, schner
junger Mann, dem gegenber sich Herr Goljadkin wie ein richtiges kleines
Kferchen vorkam.

Diese beiden Sthle sind reserviert, Leutnant, der eine fr Klara
Olsufjewna und der andere fr die hier ebenfalls tanzende junge Frstin
Tschewtschechanowa; ich behte sie jetzt fr die beiden Damen,
Leutnant, sagte Herr Goljadkin mhsam atmend, indem er einen flehenden
Blick auf den Herrn Leutnant richtete. Der Leutnant wandte sich
schweigend mit einem vernichtenden Lcheln von ihm ab. Nach diesem
Mierfolge an der einen Stelle versuchte unser Held sein Glck auf einer
anderen Seite und wandte sich geradezu an einen wrdevoll aussehenden
Rat mit einem hohen Orden am Halse. Aber der Rat ma ihn mit einem so
kalten Blicke, da Herr Goljadkin die deutliche Empfindung hatte, als ob
man ihm auf einmal einen ganzen Zuber kaltes Wasser ber den Kopf
gegossen habe. Herr Goljadkin verstummte. Er entschied sich dafr,
lieber zu schweigen und keine Gesprche mehr anzuknpfen, sondern zu
zeigen, da er sich ganz wohl fhle, da er ebensogut sei wie alle
andern, und da seine Lage wenigstens nach seinem Urteile eine ebenso
anstndige sei. Mit dieser Absicht heftete er seine Augen auf die
rmelaufschlge seiner Uniform, schaute dann wieder auf und lie seine
Blicke auf einem Herrn von sehr achtbarem uern ruhen. Dieser Herr
trgt eine Percke, dachte Herr Goljadkin; wenn er diese Percke
abnimmt, wird ein Kopf so kahl wie meine Handflche sichtbar werden.
Nachdem er diese wichtige Entdeckung gemacht hatte, erinnerte sich Herr
Goljadkin auch an die arabischen Emire, bei denen, wenn sie den grnen
Turban abnehmen, den sie zum Zeichen ihrer Abstammung von dem Propheten
Mohammed tragen, ebenfalls der kahle, haarlose Kopf herauskommt. Dann
kam Herr Goljadkin, wahrscheinlich infolge einer eigentmlichen
Ideenverknpfung, die in seinem Kopfe hinsichtlich der Trken vorging,
in Gedanken auch auf die trkischen Pantoffeln und erinnerte sich bei
dieser Gelegenheit daran, da Andrei Filippowitsch Stiefel zu tragen
pflegte, die mehr wie Pantoffeln als wie Stiefel aussahen. Man konnte
bemerken, da Herr Goljadkin sich zum Teil in seine Lage hineinfand. Nun
ging ihm der Gedanke durch den Kopf: Wenn dieser Kronleuchter da jetzt
abrisse und auf die Gesellschaft herunterfiele, dann wrde ich sofort
hineilen und Klara Olsufjewna retten. Und wenn ich sie gerettet htte,
wrde ich zu ihr sagen: >Beunruhigen Sie sich nicht, mein Frulein; es
hat nichts auf sich; ich aber bin Ihr Retter.< Dann ... Hier wandte
Herr Goljadkin die Augen zur Seite, um nach Klara Olsufjewna zu suchen,
und erblickte Gerasimowitsch, Olsufi Iwanowitschs alten Kammerdiener.
Gerasimowitsch steuerte mit sehr ernster, feierlicher Amtsmiene gerade
auf ihn los. Herr Goljadkin fuhr zusammen und runzelte infolge einer
unklaren und zugleich sehr unangenehmen Empfindung die Stirn. Mechanisch
blickte er um sich: er dachte schon daran, sich so ganz sachte seitwrts
unvermerkt aus dem Staube zu machen und zu verschwinden, d. h. so zu
tun, als ob es sich um ihn ganz und gar nicht handle. Ehe jedoch unser
Held irgendwelchen Entschlu fassen konnte, stand Gerasimowitsch schon
vor ihm.

Sehen Sie mal, Gerasimowitsch, sagte unser Held, indem er sich
lchelnd an den Kammerdiener wandte, veranlassen Sie doch ... sehen Sie
doch die Kerze da auf dem Kronleuchter, Gerasimowitsch ... die wird
gleich herunterfallen ... veranlassen Sie also doch, da sie in Ordnung
gebracht wird; sie wird wahrhaftig gleich herunterfallen, Gerasimowitsch
...

Die Kerze da? Nicht doch, die Kerze steht gerade; aber es fragt da
jemand nach Ihnen.

Wer fragt denn da nach mir, Gerasimowitsch?

Wer es eigentlich ist, wei ich wirklich nicht. Es ist ein Bote von
jemandem. Er sagt: >Befindet sich Jakow Petrowitsch Goljadkin hier? Dann
rufen Sie ihn doch einmal heraus; es handelt sich um eine sehr
notwendige, eilige Angelegenheit ...< So verhlt sich das.

Nein, Gerasimowitsch, Sie irren sich; darin irren Sie sich,
Gerasimowitsch.

Wohl kaum ...

Nein, Gerasimowitsch, nicht >wohl kaum<; hier gibt es kein >wohl kaum<,
Gerasimowitsch. Niemand fragt nach mir, Gerasimowitsch; niemand hat
Anla nach mir zu fragen; ich bin hier zu Hause, ich will sagen: an
meinem richtigen Platze, Gerasimowitsch.

Herr Goljadkin holte tief Atem und blickte um sich. Wahrhaftig! Alle im
Saale Anwesenden schauten und horchten in einer Art von feierlicher
Erwartung nach ihm hin. Die Mnner drngten sich nher heran, um das
Gesprch mit anzuhren; weiter davon flsterten die Damen unruhig
miteinander. Der Hausherr selbst erschien in sehr geringer Entfernung
von Herrn Goljadkin, und obgleich an seiner Miene nicht zu erkennen war,
da auch er an Herrn Goljadkins Affre direkt und unmittelbar Anteil
nahm (denn alles vollzog sich mit grter Diskretion), so konnte der
Held unserer Erzhlung doch aus alledem mit Sicherheit entnehmen, da
fr ihn der entscheidende Augenblick nahe herbeigekommen war. Herr
Goljadkin erkannte klar, da der rechte Zeitpunkt da sei, um einen
khnen Schlag auszufhren und seine Feinde zu beschmen. Er war in
groer Aufregung. Er fhlte eine Art von Begeisterung und begann von
neuem mit zitternder, feierlicher Stimme, indem er sich an den wartenden
Gerasimowitsch wandte:

Nein, mein Freund, niemand lt mich rufen. Du irrst dich. Ich will
noch mehr sagen: du hast dich auch heute nachmittag geirrt, als du mir
gegenber behauptetest ... ich sage, als du mir gegenber zu behaupten
wagtest (Herr Goljadkin erhob die Stimme), da Olsufi Iwanowitsch, der
seit undenklichen Jahren mein Wohltter gewesen ist und in gewissem
Sinne an mir Vaterstelle vertreten hat, mir am Tage eines fr sein
Vaterherz so hocherfreulichen Familienfestes den Eintritt in sein Haus
verboten habe. (Herr Goljadkin blickte selbstzufrieden, aber mit tiefer
Empfindung um sich; an seinen Wimpern zeigten sich Trnen.) Ich
wiederhole, mein Freund, schlo unser Held, du hast dich geirrt, hast
dich arg und unverzeihlich geirrt ...

Es war ein feierlicher Augenblick. Herr Goljadkin hatte das Gefhl, da
er einen tiefen Eindruck gemacht habe. Er stand, die Augen bescheiden
niederschlagend, da und wartete darauf, da Olsufi Iwanowitsch ihn
umarme. Unter den Gsten war eine starke Erregung und Verwunderung
wahrnehmbar; selbst der unerschtterliche, schreckliche Gerasimowitsch
stotterte bei den Worten Wohl kaum ... als pltzlich das
erbarmungslose Orchester, wie wenn nichts vorgefallen wre, eine Polka
intonierte. Alles war in den Wind gesprochen, alles vergeblich geredet.
Herr Goljadkin fuhr zusammen; Gerasimowitsch trat zurck; alles, was im
Saale war, wogte wie ein Meer durcheinander, und Wladimir Semjonowitsch
trat schon als erstes Paar mit Klara Olsufjewna an und der schne
Leutnant mit der jungen Frstin Tschewtschechanowa als zweites.
Neugierig und entzckt drngten sich die Zuschauer herum, um bei der
Polka zuzusehen, diesem interessanten, neuen, modernen Tanze, der allen
die Kpfe verdrehte. Herr Goljadkin war vorlufig vergessen. Aber auf
einmal geriet alles in Aufregung, Verwirrung und Unruhe; die Musik brach
ab ... es hatte sich etwas Sonderbares begeben. Von dem Tanze erschpft
war Klara Olsufjewna, vor Ermdung nur mhsam atmend, mit glhenden
Wangen und hochwogender Brust, endlich ganz kraftlos auf einen Stuhl
gesunken. Alle blickten mit herzlicher Freude auf das reizende,
bezaubernde Mdchen; alle beeilten sich wetteifernd, ihr
Liebenswrdigkeiten zu sagen und ihr fr das Vergngen, das sie ihnen
bereitet habe, zu danken, -- da stand auf einmal Herr Goljadkin vor ihr.
Er war bla und ganz verstrt; er schien sich ebenfalls in einem
Schwchezustande zu befinden; er konnte sich kaum bewegen. Er lchelte
verlegen und streckte bittend die Hand aus. In ihrem Erstaunen hatte
Klara Olsufjewna nicht Zeit, ihre Hand fortzuziehen, und erhob sich
mechanisch auf Herrn Goljadkins Aufforderung hin. Herr Goljadkin neigte
sich wankend nach vorn, zuerst einmal, dann ein zweites Mal; dann hob er
das Bein und machte eine Art Scharrfu; dann stampfte er polkamig auf;
dann stolperte er ... er hatte ebenfalls mit Klara Olsufjewna tanzen
wollen. Klara Olsufjewna schrie auf; alle strzten zu ihr hin, um ihre
Hand aus Herrn Goljadkins Hand zu befreien, und auf einmal sah sich
unser Held durch die Menge etwa zehn Schritte weit weggedrngt. Um ihn
herum bildete sich ebenfalls ein Kreis. Man hrte das Kreischen und
Schreien zweier alter Damen, die Herr Goljadkin bei seinem Rckzuge
beinah umgestoen hatte. Die Verwirrung war entsetzlich; alle fragten,
alle schrien, alle schalten. Das Orchester verstummte. Unser Held drehte
sich in seinem Kreise hin und her und murmelte mechanisch, ab und zu
lchelnd, etwas vor sich hin, worin folgende Bruchstcke vorkamen: warum
er denn nicht ... und die Polka sei, wenigstens nach seinem Urteil, ein
neuer, sehr interessanter Tanz, der zum Vergngen der Damen erfunden sei
... aber unter diesen Umstnden sei er gern bereit zu erklren, da er
verzichte. Aber eine solche Erklrung schien niemand von Herrn Goljadkin
zu verlangen. Unser Held fhlte, da sich pltzlich eine Hand auf seinen
Arm legte, da eine andere Hand sich ein wenig gegen seinen Rcken
stemmte, und da er mit besonderer Sorgfalt nach einer bestimmten Seite
dirigiert wurde. Endlich bemerkte er, da es geradeswegs auf die Tr zu
ging. Herr Goljadkin wollte schon etwas sagen, etwas tun ... Aber nein,
er wollte nichts mehr. Er lchelte nur mechanisch. Dann merkte er, da
man ihm seinen Mantel anzog und ihm seinen Hut auf die Augen drckte.
Dann fhlte er sich auf dem Flur, in der Dunkelheit und Klte, und dann
auf der Treppe. Zuletzt stolperte er, und es kam ihm vor, als fiele er
in einen Abgrund; er wollte aufschreien ... pltzlich befand er sich auf
dem Hofe. Die frische Luft schlug ihm entgegen, und er blieb einen
Augenblick stehen; gerade in diesem Augenblick schlugen die Klnge des
von neuem einsetzenden Orchesters an sein Ohr. Auf einmal erinnerte Herr
Goljadkin sich an alles; es schien, als ob alle seine gesunkenen Krfte
ihm wieder zurckkehrten. Er ri sich von der Stelle los, an der er bis
dahin wie angenagelt gestanden hatte, und strzte Hals ber Kopf hinaus,
irgendwohin, in die Luft, ins Freie, wohin ihn die Beine trugen.




                              5. Kapitel


Auf allen Petersburger Trmen, auf denen Uhren die Stunden zeigten und
schlugen, schlug es gerade Mitternacht, als Herr Goljadkin ganz auer
sich dicht bei der Ismailowski-Brcke auf die Uferstrae an der Fontanka
hinausgelaufen kam, nachdem er sich vor seinen Feinden gerettet hatte,
und vor den Verfolgungen, und vor dem Hagel von Pffen, der auf ihn
niedergeprasselt war, und vor dem Geschrei der aufgeregten alten Damen,
und vor den Ach's und Oh's der brigen Weiblichkeit, und vor Andrei
Filippowitschs vernichtenden Blicken. In Herrn Goljadkin war gar kein
Leben mehr, im vollen Sinne des Wortes kein Leben mehr, und wenn ihm in
diesem Augenblicke noch die Fhigkeit zu laufen verblieben war, so war
das nur durch ein Wunder geschehen, durch ein Wunder, an das er selbst
nicht glauben wollte. Es war eine schreckliche Nacht, eine richtige
Novembernacht, feucht, neblig, mit Regen und Schnee, eine Nacht, in der
man auf das leichteste zu Rheumatismus, Schnupfen, Brune und allen
mglichen Arten und Gattungen von Fiebern gelangen konnte, kurz eine
Nacht, die alle Annehmlichkeiten des Petersburger Novembers in sich
vereinigte. Der Wind heulte in den den Straen, staute das schwarze
Wasser der Fontanka auf und rttelte ingrimmig an den schlanken Laternen
der Uferstrae, die ihrerseits sein Geheul mit einem hellen,
durchdringenden Getn beantworteten, was ein jedem Einwohner von
Petersburg wohlbekanntes schrilles, klirrendes Konzert ergab. Es regnete
und schneite gleichzeitig. Vom Winde getrieben fuhren die Regenstrahlen
beinah in horizontaler Richtung einher wie aus einer Feuerspritze und
stachen dem unglcklichen Herrn Goljadkin ins Gesicht wie tausend
Nadeln. Inmitten der nchtlichen Stille, die nur durch das ferne
Wagenrollen, das Geheul des Windes und das Klirren der Laternen
unterbrochen wurde, lie sich trbselig das Pltschern und Rauschen des
Wassers vernehmen, das von allen Dchern und Gesimsen und aus allen
Dachrinnen auf das granitne Trottoir strmte. Weit und breit war keine
Menschenseele zu erblicken; ja, dies schien zu solcher Zeit und bei
solchem Wetter von vornherein unmglich zu sein. So trabte denn Herr
Goljadkin jetzt allein mit seiner Verzweiflung auf dem Trottoir an der
Fontanka in seiner gewhnlichen trippelnden, eiligen Gangart dahin, mit
dem Wunsche, mglichst schnell nach seiner Schestilawotschnaja-Strae,
nach seiner vierten Etage und nach seiner Wohnung zu gelangen.

Obwohl der Schnee, der Regen und alle sonstigen unnennbaren
Unannehmlichkeiten einer feuchten, strmischen Petersburger
Novembernacht zugleich auf den ohnehin schon durch das Unglck tief
gebeugten Herrn Goljadkin eindrangen und ihm nicht die geringste
Erholungspause vergnnten, ihn bis auf die Knochen durchpusteten, ihm
die Augen verklebten, ihn von allen Seiten umwehten, ihn beinah umwarfen
und ihm die letzte Besinnung raubten, obwohl all dies zusammen auf Herrn
Goljadkin einstrmte, als ob es sich mit all seinen Feinden verschworen
htte, ihm den Garaus zu machen: so blieb trotz alledem Herr Goljadkin
doch gegen diesen letzten Feindschaftsbeweis des Schicksals fast
unempfindlich; so stark hatte alles, was ihm einige Minuten vorher bei
dem Herrn Staatsrat Berendejew begegnet war, ihn ergriffen und
erschttert! Wenn jetzt ein fremder, unbeteiligter Zuschauer im stillen
von der Seite her Herrn Goljadkins gramvolle Flucht beobachtet htte, so
htte auch der einen furchtbaren Schreck ber die Nte des Armen
bekommen und sicherlich gesagt, Herr Goljadkin sehe jetzt so aus, als
wolle er sich vor sich selbst irgendwohin verstecken, als wolle er vor
sich selbst irgendwohin fliehen! Ja, es war wirklich so. Wir knnen noch
mehr sagen: Herr Goljadkin wnschte nicht nur vor sich selbst zu
fliehen, sondern sogar gnzlich vernichtet zu werden, nicht zu
existieren, in Staub und Asche verwandelt zu werden. Im gegenwrtigen
Augenblicke nahm er nichts von dem, was ihn umgab, wahr; er verstand
nichts, was um ihn herum geschah, und sah so aus, als ob tatschlich fr
ihn weder die Unannehmlichkeiten der greulichen Nacht, noch der weite
Weg, noch der Regen, noch der Schnee, noch der Wind, noch das ganze
grliche Wetter existierten. An Herrn Goljadkins rechtem Bein war der
Gummischuh vom Stiefel abgegangen und auf dem Trottoir an der Fontanka
im Schmutze und im Schnee stecken geblieben; aber es kam Herrn Goljadkin
gar nicht in den Sinn, seinetwegen umzukehren; er hatte den Verlust
berhaupt nicht bemerkt. Er war so verstrt, da er trotz allem, was ihn
umgab, ganz erfllt von dem Gedanken an die schreckliche Katastrophe,
von der er soeben betroffen war, mehrere Male pltzlich regungslos wie
ein Pfahl mitten auf dem Trottoir stehen blieb; in solchen Augenblicken
war er dem Tode, dem Verscheiden nahe; dann ri er sich auf einmal wie
ein Wahnsinniger von dem Platze los und lief ohne sich umzusehen davon,
wie wenn er sich vor irgendwelchen Verfolgern, vor irgendwelchem noch
furchtbareren Unglck retten wollte ... Wirklich, seine Lage war
schrecklich! ... Endlich, als seine Krfte vllig erschpft waren, blieb
Herr Goljadkin stehen, sttzte sich auf das Gelnder am Ufer in der
Haltung jemandes, der pltzlich ganz unerwartet von Nasenbluten befallen
ist, und begann starr in das trbe, schwarze Wasser der Fontanka
hinabzublicken. Es ist unbekannt, wieviel Zeit er mit dieser
Beschftigung verbrachte. Bekannt ist nur, da Herr Goljadkin in diesem
Augenblicke so verzweifelt, so abgeqult, abgemartert und abgemattet war
und dermaen die an sich schon schwachen berreste von Lebensmut
verloren hatte, da er alles verga: die Ismailowski-Brcke und die
Schestilawotschnaja-Strae und seine jetzige Lage ... In der Tat, was
konnte ihm noch weiter begegnen? Es war ihm ja jetzt alles gleich: die
Sache war geschehen, sein Entschlu unerschtterlich gefat; was konnte
ihm noch widerfahren? ... Pltzlich ... pltzlich zuckte er mit dem
ganzen Krper zusammen und sprang unwillkrlich ein paar Schritte zur
Seite. Mit einer unerklrlichen Unruhe begann er um sich zu blicken;
aber es war niemand da, es hatte sich nichts Besonderes ereignet, und
doch ... und doch war es ihm so gewesen, als htte jemand soeben, in
diesem Augenblicke bei ihm gestanden, dicht neben ihm, ebenfalls auf das
Ufergelnder gelehnt, und htte (wunderbar!) sogar etwas zu ihm gesagt,
schnell, abgebrochen und nicht ganz verstndlich, aber ber einen ihn
angehenden, ihn sehr nahe angehenden Gegenstand. Ach was, es wird mir
nur so vorgekommen sein, nicht wahr? sagte Herr Goljadkin, indem er
sich noch einmal rings umschaute. Aber wo stehe ich denn hier? ... Ach
ja, ach ja! schlo er, den Kopf hin und her wiegend, begann aber mit
einem unruhigen, traurigen Gefhle, ja mit Angst in die trbe, feuchte
Ferne zu blicken, wobei er seine Augen aufs uerste anstrengte und sich
unter Aufbietung aller Kraft bemhte, mit seinem kurzsichtigen Blicke
den nassen Dunst, der sich vor ihm ausbreitete, zu durchdringen.
Indessen fiel Herrn Goljadkin nichts Neues und nichts Besonderes in die
Augen. Alles schien in gehriger Ordnung zu sein, d. h. der Schnee fiel
noch strker, noch dichter und in noch greren Flocken; in einer
Entfernung von zwanzig Schritten war nicht das geringste zu sehen; die
Laternen klirrten noch schrfer als vorher, und der Wind schien sein
trauriges Lied in noch weinerlicherem, klglicherem Tone zu singen, wie
ein zudringlicher Bettler, der um ein Kupferstckchen bittet, um sich zu
ernhren. Ach ja, ach ja! Aber was ist denn mit mir? wiederholte Herr
Goljadkin noch einmal, machte sich von neuem auf den Weg und warf
fortwhrend flchtige Blicke rings um sich. Aber unterdessen machte sich
in Herrn Goljadkins ganzem Wesen eine neue Empfindung geltend, ein
Mittelding zwischen Kummer und Angst ... Ein fieberhaftes Zittern lief
durch seine Glieder. Es war ein unertrglich peinvoller Augenblick!
Nun, es ist ja nichts Schlimmes, sagte er, um sich Mut zu machen;
nun, es ist ja nichts Schlimmes; vielleicht ist die Sache berhaupt
nicht schlimm, und niemandes Ehre ist befleckt. Vielleicht mute es so
kommen, fuhr er fort, ohne selbst zu verstehen, was er sagte;
vielleicht wird das alles sich seinerzeit gut gestalten, und es werden
gegen niemand Vorwrfe erhoben werden, und alle werden gerechtfertigt
dastehen. Whrend er so sprach und sich mit Worten das Herz leichter
machte, rttelte Herr Goljadkin sich ein wenig und schttelte sich die
Schneeflocken ab, die ihm in dichter Schicht den Hut, den Kragen, den
Mantel, das Halstuch, die Stiefel und alles bedeckten; aber das
sonderbare Gefhl, seine seltsame, unklare Schwermut konnte er immer
noch nicht loswerden, nicht von sich abschtteln. Irgendwo in der Ferne
ertnte ein Kanonenschu. Das ist mal ein Wetter! dachte unser Held.
Horch! Es wird doch keine berschwemmung geben? Offenbar ist das Wasser
sehr stark gestiegen. Kaum hatte Herr Goljadkin dies gesagt oder
gedacht, als er vor sich einen Passanten ihm entgegenkommen sah, der
sich wahrscheinlich, ebenso wie er selbst, aus irgendwelchem Anla
versptet hatte. Die Sache htte als etwas ganz Unbedeutendes,
Zuflliges erscheinen knnen; aber aus einem nicht verstndlichen Grunde
regte sich Herr Goljadkin darber auf und wurde sogar etwas ngstlich
und verwirrt. Nicht eigentlich, da er sich vor einem schlechten
Menschen gefrchtet htte, sondern vielleicht nur so, ohne rechten Grund
... Aber wer kennt ihn schlielich, diesen verspteten Wanderer,
dachte Herr Goljadkin flchtig; vielleicht hat er es auch gerade auf
mich abgesehen, und ich bin hier die Hauptsache, und er geht nicht
zwecklos, sondern hat seine bestimmte Absicht und kreuzt geflissentlich
meinen Weg und wird mit mir anbinden. Vielleicht dachte brigens Herr
Goljadkin das eigentlich nicht, sondern hatte nur fr einen Augenblick
eine hnliche, sehr unangenehme Empfindung. brigens hatte er zu
Gedanken und Empfindungen keine Zeit mehr; der Fugnger war schon nur
noch zwei Schritte von ihm entfernt. Herr Goljadkin beeilte sich sofort
nach seiner steten Gewohnheit eine ganz besondere Miene anzunehmen, eine
Miene, die deutlich zum Ausdruck brachte, da er, Goljadkin, still fr
sich dahingehe und sich um nichts kmmere, und da der Weg fr alle
breit genug sei, und da er selbst, Goljadkin, niemandem etwas zuleide
tue. Pltzlich blieb er wie angenagelt, wie vom Blitz gerhrt stehen,
drehte sich dann schnell um und blickte dem Passanten nach, der soeben
an ihm vorbeigegangen war, und zwar drehte er sich mit einer solchen
Miene um, als wenn ihn eine fremde Kraft rckwrts zge, als wenn ihn
der Wind wie eine Wetterfahne umdrehte. Der Fugnger war schnell in dem
Schneegestber verschwunden. Auch er ging eilig, auch er war wie Herr
Goljadkin gekleidet und vom Kopf bis zu den Fen eingehllt und
trippelte ebenso wie dieser mit schnellen, kleinen Schritten in einer
Art von Trab auf dem Trottoir an der Fontanka dahin. Was ist das?
flsterte Herr Goljadkin, mitrauisch lchelnd, aber am ganzen Leibe
zitternd. Ein kalter Schauder lief ihm den Rcken entlang. Unterdessen
war der Passant gnzlich verschwunden, auch seine Schritte waren nicht
mehr zu hren; aber Herr Goljadkin stand immer noch da und sah ihm nach.
Endlich indes kam er allmhlich wieder zur Besinnung. Aber was soll
denn das heien? dachte er rgerlich; bin ich denn wirklich verrckt
geworden? Er wandte sich um und setzte seinen Weg fort, wobei er seine
Schritte mehr und mehr beschleunigte und sich bemhte, berhaupt an
nichts mehr zu denken. Zuletzt schlo er sogar in dieser Absicht die
Augen. Auf einmal schlug mitten in dem Geheul des Windes und dem
Gerusch des Unwetters wieder der Schall sehr naher Schritte an sein
Ohr. Er fuhr zusammen und machte die Augen auf. Vor ihm war in einer
Entfernung von ungefhr zwanzig Schritten wieder die dunkle Gestalt
eines Menschen sichtbar, der sich ihm schnell nherte. Dieser Mensch
eilte und hastete; die Entfernung verminderte sich rasch. Herr Goljadkin
konnte seinen neuen verspteten Gefhrten sogar schon ganz deutlich
sehen; er blickte hin und schrie vor Erstaunen und Schreck auf; die
Beine brachen unter ihm zusammen. Es war jener selbe ihm bekannte
Fugnger, den er etwa zehn Minuten vorher an sich hatte vorbeigehen
sehen, und der pltzlich ganz unerwartet jetzt wieder vor ihm erschien.
Indes war dieses Wunder nicht der einzige Grund, weswegen Herr Goljadkin
erstaunt war; erstaunt aber war Herr Goljadkin in so hohem Grade, da er
stehen blieb, aufschrie und etwas sagten wollte. Er machte sich daran,
dem Unbekannten nachzulaufen; er rief ihm sogar etwas zu, wahrscheinlich
in dem Wunsche, ihn schneller zum Stehenbleiben zu veranlassen. Der
Unbekannte blieb wirklich ungefhr zehn Schritte von Herrn Goljadkin
entfernt stehen, und zwar so, da das Licht einer nahestehenden Laterne
vollstndig auf seine ganze Gestalt fiel; er blieb stehen, wandte sich
zu Herrn Goljadkin um und wartete mit ungeduldiger, ernster Miene
darauf, was dieser ihm sagen werde. Entschuldigen Sie; ich habe mich
wohl geirrt, sagte unser Held mit zitternder Stimme. Der Unbekannte
drehte sich schweigend und rgerlich wieder um und setzte schnell seinen
Weg fort, wie wenn er sich beeilen wollte, die mit Herrn Goljadkin
verlorenen zwei Sekunden wieder einzubringen. Was Herrn Goljadkin
betrifft, so zitterten ihm alle Glieder, die Knie wurden ihm schwach und
knickten ein, und er setzte sich sthnend auf einen neben dem Trottoir
stehenden Prellstein. brigens hatte er wirklich allen Grund, in solche
Bestrzung zu geraten. Die Sache war die, da dieser Unbekannte ihm
jetzt gewissermaen bekannt vorkam. Und das wre alles noch nichts
gewesen. Aber er erkannte diesen Menschen, erkannte ihn jetzt fast mit
Sicherheit. Er hatte ihn hufig gesehen, diesen Menschen, hatte ihn
irgendwann gesehen, sogar erst ganz vor kurzem; wo war das doch gewesen?
Etwa gestern? brigens war auch das wieder nicht die Hauptsache, da
Herr Goljadkin ihn hufig gesehen hatte: es war auch an diesem Menschen
fast nichts Besonderes; er konnte entschieden beim ersten Blicke
niemandes besondere Aufmerksamkeit erregen. Er war eben ein Mensch wie
alle andern, selbstverstndlich ein ordentlicher Mensch wie alle
ordentlichen Menschen und besa vielleicht irgendwelche, sogar recht
erheblichen guten Eigenschaften; kurz, er war ein gewhnlicher Mensch.
Herr Goljadkin hegte sogar keinen Ha, keine Feindschaft, ja nicht
einmal den leisesten Widerwillen gegen diesen Menschen, es htte sogar
scheinen knnen, da das Gegenteil der Fall sei; und doch (und in diesem
Umstande lag das Hauptgewicht), und doch htte er fr keine Schtze der
Welt gewnscht, ihm zu begegnen und besonders ihm so zu begegnen wie z.
B. jetzt. Wir knnen noch mehr sagen: Herr Goljadkin kannte diesen
Menschen genau: er wute sogar, wie er mit dem Vatersnamen und dem
Familiennamen hie: aber doch htte er um keinen Preis und, um den
Ausdruck zu wiederholen, fr keine Schtze der Welt ihn nennen oder
zugeben mgen, da der Mensch da so heie, diesen Vatersnamen und diesen
Familiennamen fhre. Wie lange Herrn Goljadkins verstndnisloses Brten
dauerte, ob er lange auf dem Prellstein sa, das kann ich nicht sagen;
aber als er endlich ein wenig zur Besinnung gekommen war, begann er auf
einmal aus Leibeskrften zu laufen, ohne sich umzublicken; der Atem ging
ihm aus; er stolperte zweimal und wre beinah hingefallen, und bei
dieser Gelegenheit verwaiste auch Herrn Goljadkins zweiter Stiefel,
indem er ebenfalls seinen Gummischuh verlor. Endlich migte Herr
Goljadkin seinen Schritt ein wenig, um wieder zu Atem zu kommen, blickte
eilig um sich und sah, da er bereits, ohne es zu merken, seinen ganzen
Weg an der Fontanka entlang zurckgelegt, die Anitschkow-Brcke
berschritten, einen Teil des Newski-Prospektes entlang gegangen war und
jetzt an der Kreuzung mit der Liteinaja-Strae stand. Herr Goljadkin bog
in die Liteinaja-Strae ein. Seine Lage glich in diesem Augenblicke der
Lage eines Menschen, der am Rande eines furchtbaren Abgrundes steht,
wenn die Erde unter seinen Fen sich loslst, sich schon geneigt, sich
schon in Bewegung gesetzt hat, zum letzten Male schwankt, fllt und ihn
in den Abgrund hinabreit, whrend der Unglckliche nicht genug geistige
Kraft und Energie besitzt, um zurckzuspringen und seine Augen von dem
ghnenden Schlunde abzuwenden; der Abgrund zieht ihn an, und er springt
schlielich selbst in ihn hinein und beschleunigt selbst den Augenblick
seines eigenen Unterganges. Herr Goljadkin wute, fhlte und war vllig
berzeugt, da ihm unbedingt unterwegs noch etwas bles zustoen, da
ihm noch irgendwelche Unannehmlichkeit widerfahren, da er z. B. seinem
Unbekannten wieder begegnen werde; aber seltsam: er wnschte diese
Begegnung sogar, hielt sie fr unvermeidlich und wnschte nur, da alles
mglichst schnell zu Ende gehen, seine Lage sich irgendwie entscheiden
mchte, aber nur recht bald. Dabei aber lief und lief er immer, und zwar
wie von einer fremden Kraft getrieben; denn in seinem ganzen Wesen
fhlte er eine Art von Taubheit und Schwche; er konnte nichts
berlegen, obgleich seine Gedanken sich wie ein Dorngestruch an alles
anhakten. Ein verlaufenes Hndchen, ganz na und zitternd, schlo sich
an Herrn Goljadkin an und lief eilig neben ihm her; es hatte den Schwanz
und die Ohren angedrckt und blickte von Zeit zu Zeit schchtern und mit
leicht verstndlichem Ausdruck zu ihm hin. Ein ferner, lngst schon
vergessener Gedanke, die Erinnerung an ein weit zurckliegendes
Ereignis, kam ihm jetzt in den Kopf, klopfte wie ein Hammer darin umher,
rgerte ihn und wollte nicht wieder weichen. Ach, der widerwrtige
kleine Hund! flsterte Herr Goljadkin vor sich hin, ohne sich selbst zu
begreifen. Endlich erblickte er seinen Unbekannten an der Ecke der
Italjanskaja-Strae. Aber jetzt kam der Unbekannte ihm nicht mehr
entgegen, sondern er bewegte sich in derselben Richtung wie er und lief
ebenfalls, einige Schritte vor ihm. Endlich kamen sie in die
Schestilawotschnaja-Strae. Herr Goljadkin war ganz auer Atem. Der
Unbekannte blieb gerade vor dem Hause stehen, in welchem Herr Goljadkin
wohnte. Die Klingel ertnte und fast gleichzeitig das Kreischen des
eisernen Riegels. Das Pfrtchen ffnete sich; der Unbekannte bckte
sich, schlpfte hinein und war verschwunden. Fast in demselben
Augenblicke kam auch Herr Goljadkin eilig herbei und flog wie ein Pfeil
durch das Tor. Ohne auf den brummenden Hausknecht zu hren, lief er
atemlos auf den Hof und erblickte sogleich seinen interessanten
Gefhrten wieder, den er einen Augenblick aus den Augen verloren gehabt
hatte. Der Unbekannte wurde ihm an dem Eingange zu derjenigen Treppe
flchtig sichtbar, die zu Herrn Goljadkins Wohnung fhrte. Herr
Goljadkin strzte ihm nach. Die Treppe war dunkel, feucht und schmutzig.
Auf allen Abstzen war eine Menge verschiedenartigen Germpels
aufgehuft, das den Mietern gehrte, so da ein ortsunkundiger Fremder,
der im Dunkeln auf diese Treppe geriet, wohl eine halbe Stunde
gebrauchte, um sich hinaufzuarbeiten, Gefahr lief, sich die Beine zu
brechen, und zugleich mit der Treppe auch seine Bekannten verwnschte,
die in einem so grlichen Hause Wohnung genommen hatten. Aber Herrn
Goljadkins Gefhrte schien gut bekannt und ein Hausangehriger zu sein;
er lief, ohne Schwierigkeiten zu finden, behende und mit vlliger
Ortskenntnis hinauf. Herr Goljadkin hatte ihn beinah ganz eingeholt;
zwei- oder dreimal schlug ihm sogar der Saum des Mantels des Unbekannten
an die Nase. Sein Herzschlag drohte auszusetzen. Der geheimnisvolle
Mensch blieb gerade vor der Tr zu Herrn Goljadkins Wohnung stehen,
klopfte, und (was brigens zu anderer Zeit Herrn Goljadkin in Erstaunen
versetzt htte) Petruschka ffnete, wie wenn er gewartet und sich nicht
schlafen gelegt htte, sogleich die Tr und empfing den Eintretenden mit
einer Kerze in der Hand. Ganz auer sich lief der Held unserer Erzhlung
in seine Wohnung hinein; ohne Mantel und Hut abzulegen, durchschritt er
den Flur und blieb wie vom Donner gerhrt auf der Schwelle seines
Zimmers stehen. Herrn Goljadkins Ahnungen waren smtlich in Erfllung
gegangen. Alles, was er befrchtet und vorher vermutet hatte, war jetzt
zur vollen Wirklichkeit geworden. Der Atem stockte ihm, der Kopf
schwindelte ihm. Der Unbekannte sa vor ihm, ebenfalls in Mantel und
Hut, auf seinem eigenen Bette, lchelte leise, kniff die Augen ein wenig
zusammen und nickte ihm freundschaftlich zu. Herr Goljadkin wollte
aufschreien, aber er konnte es nicht; er wollte irgendwie Einspruch
erheben, aber seine Kraft reichte dazu nicht aus. Die Haare auf seinem
Kopfe strubten sich, und er knickte, vor Schreck besinnungslos, da wo
er stand, zusammen. Und er hatte auch allen Grund entsetzt zu sein. Herr
Goljadkin hatte seinen nchtlichen Freund vollstndig erkannt. Sein
nchtlicher Freund war kein anderer als er selbst, Herr Goljadkin
selbst, ein anderer Herr Goljadkin, aber vollstndig derselbe wie er
selbst, mit einem Worte, was man nennt, sein Doppelgnger in jeder
Beziehung -- --




                              6. Kapitel


Am andern Tage, genau um acht Uhr, erwachte Herr Goljadkin auf seinem
Bette. All die auerordentlichen Erlebnisse des gestrigen Tages und die
ganze unglaubliche, seltsame Nacht mit ihren fast unmglichen Abenteuern
stellten sich sofort mit einem Male seiner Denkkraft und seinem
Gedchtnisse dar. Eine derartige grimmige, hllische Bosheit seiner
Feinde und namentlich der letzte Beweis dieser Bosheit lieen Herrn
Goljadkins Herz zu Eis erstarren. Aber zugleich war dies alles so
seltsam, unbegreiflich, absonderlich, es erschien so unmglich, da es
tatschlich schwer war, an diese ganze Sache zu glauben; Herr Goljadkin
neigte sogar selbst dazu, dies alles fr einen wesenlosen Fiebertraum,
fr eine augenblickliche Verwirrung der Einbildungskraft, fr eine
Verdunkelung des Verstandes zu halten; aber glcklicherweise wute er
aus eigener bitterer Erfahrung, wieweit manchmal die Bosheit einen
Menschen zu bringen vermag, und wieweit manchmal die Grausamkeit eines
Feindes gehen kann, der sich fr eine Krnkung seiner Ehre oder seines
Ehrgeizes rchen mchte. Dazu kam, da Herrn Goljadkins wie zerschlagene
Glieder, sein benommener Kopf, sein steifes Kreuz und sein bsartiger
Schnupfen besttigendes Zeugnis dafr ablegten, da es mit der gestrigen
nchtlichen Wanderung und dem, was sich bei dieser Wanderung zugetragen
hatte, seine Richtigkeit habe. Und schlielich hatte Herr Goljadkin auch
schon lngst gewut, da seine Feinde etwas gegen ihn planten, und da
da noch ein anderer mit ihnen unter einer Decke steckte. Aber was, was
hatten sie vor? Nach grndlicher berlegung entschied sich Herr
Goljadkin dafr, zu schweigen, sich zu fgen und vorlufig nicht dagegen
zu protestieren. Vielleicht beabsichtigen sie nur, mich zu erschrecken,
und wenn sie sehen, da ich nicht darauf reagiere, nicht protestiere,
sondern mich ganz ruhig verhalte und alles ruhig ertrage, so werden sie
auch aufhren, von selbst aufhren und sogar die ersten sein, die
aufhren.

Solche Gedanken gingen Herrn Goljadkin durch den Kopf, als er, sich in
seinem Bette ausstreckend und die gelhmten Glieder wieder
zurechtbringend, darauf wartete, da Petruschka wie gewhnlich ins
Zimmer kme. Er wartete schon eine Viertelstunde lang; er hrte, wie der
faule Petruschka hinter der Scheidewand mit dem Samowar herumhantierte,
konnte sich aber nicht dazu entschlieen, ihn zu rufen. Wir knnen noch
mehr sagen: Herr Goljadkin frchtete sich jetzt sogar ein wenig davor,
seinem Petruschka Auge in Auge gegenberzutreten. Gott wei, dachte
er, Gott wei, wie dieser Schlingel jetzt die ganze Sache ansieht. Er
schweigt und schweigt, macht sich aber gewi seine eigenen Gedanken
darber. Endlich knarrte die Tr, und Petruschka erschien mit einem
Prsentierbrett in den Hnden. Herr Goljadkin schielte schchtern nach
ihm hin und wartete ungeduldig darauf, was nun kommen werde, und ob er
endlich etwas ber den bewuten Vorgang sagen werde. Aber Petruschka
sagte nichts, sondern war im Gegenteil noch schweigsamer, mrrischer und
rgerlicher als gewhnlich und schielte finster um sich her; berhaupt
war zu merken, da er mit irgend etwas uerst unzufrieden war; er
blickte seinen Herrn sogar nicht ein einziges Mal an (was, beilufig
gesagt, bei Herrn Goljadkin eine peinliche Empfindung hervorrief),
setzte alles, was er trug, auf den Tisch, drehte sich um und ging
schweigend wieder zurck hinter seine Scheidewand. Er wei es, er wei
es, er wei alles, der Taugenichts! murmelte Herr Goljadkin, whrend er
sich anschickte, seinen Tee zu trinken. Aber unser Held richtete an
seinen Diener keinerlei Fragen, obgleich Petruschka nachher noch mehrere
Male zur Erledigung von allerlei Obliegenheiten ins Zimmer kam. Herr
Goljadkin befand sich in sehr aufgeregter Gemtsverfassung. Er ngstigte
sich auch davor, in die Kanzlei zu gehen. Er hatte ein starkes
Vorgefhl, als werde ihm dort etwas Unangenehmes begegnen. Wenn man da
hinkommt, dachte er, kann einem leicht etwas passieren! Ist es nicht
besser, noch ein Weilchen hierzubleiben und zu warten? Mgen sie sich
dort ohne mich behelfen; ich will heute hierbleiben, neue Kraft sammeln,
mich erholen, ber diese ganze Geschichte ordentlich nachdenken und dann
den richtigen Augenblick abpassen und sie alle durch mein Erscheinen
berraschen. Whrend Herr Goljadkin diese berlegungen anstellte,
rauchte er eine Pfeife nach der andern; die Zeit verging; es war beinah
halb zehn. Sieh mal an, es ist ja schon halb zehn, dachte Herr
Goljadkin; nun ist es sowieso zu spt zum Hingehen. Und berdies bin
ich krank; selbstverstndlich bin ich krank, unbedingt krank; wer will
sagen, da ich nicht krank wre? Was kann mir passieren? Und wenn sie
auch herschicken, um es feststellen zu lassen, und wenn auch der
Inspektor kommt: was kann mir denn in der Tat passieren? Ich habe ja
Rckenschmerzen und Husten und Schnupfen; und schlielich darf ich bei
diesem Wetter schlechterdings nicht ausgehen, unter keinen Umstnden;
ich knnte ernstlich krank werden und am Ende gar sterben; die
Sterblichkeit ist zurzeit berhaupt eine besonders groe ... Durch
solche Erwgungen beruhigte Herr Goljadkin endlich sein Gewissen
vollkommen und rechtfertigte sich im voraus vor sich selbst gegen den
Verweis, den er von Andrei Filippowitsch wegen Nachlssigkeit im Dienste
zu erwarten hatte. berhaupt liebte in allen hnlichen Lagen unser Held
es sehr, sich durch allerlei unwiderlegliche Argumente in seinen eigenen
Augen zu rechtfertigen und auf diese Art sein Gewissen zu beruhigen.
Nachdem er dies also auch jetzt getan hatte, griff er von neuem nach der
Pfeife, stopfte sie und fing gerade an ordentlich zu rauchen -- da
sprang er schnell vom Sofa auf, warf die Pfeife hin, wusch, rasierte und
kmmte sich schnell, zog die Uniform und alles brige an, ergriff einige
Akten und eilte nach der Kanzlei.

Herr Goljadkin betrat sein Dienstlokal in der unruhigen Erwartung von
irgend etwas sehr blem, in einer Erwartung, die zwar unbewut und
unklar, dabei aber doch recht unangenehm war; bescheiden setzte er sich
auf seinen festen Platz neben dem Tischvorsteher Anton Antonowitsch
Sjetotschkin. Ohne jemand anzusehen oder mit jemand ein paar freundliche
Worte zu wechseln, vertiefte er sich in den Inhalt der vor ihm liegenden
Papiere. Er hatte sich entschlossen und fest vorgenommen, allem aus dem
Wege zu gehen, was ihn zu kompromittierenden uerungen herausfordern
konnte, also unbescheidenen Fragen, Spen und unpassenden Anspielungen
auf die Ereignisse des gestrigen Abends; er hatte sich sogar
vorgenommen, den Austausch der gewhnlichen Hflichkeiten mit den
Kollegen, d. h. Fragen nach dem Befinden und dergleichen, zu
unterlassen. Aber es war auch klar, da er das auf die Dauer unmglich
aushalten konnte. Die Unruhe und die Ungewiheit ber ein ihm nahe
bevorstehendes Ungemach qulten ihn stets mehr als das Ungemach selbst.
Dies war der Grund, weswegen er trotz seines festen Vorsatzes, sich auf
nichts einzulassen und allem aus dem Wege zu gehen, doch manchmal
verstohlen und sachte den Kopf in die Hhe hob, heimlich zur Seite nach
rechts und links blickte, die Gesichter seiner Kollegen musterte und aus
ihnen zu entnehmen suchte, ob etwas Neues, Besonderes vorliege, das ihn
betrfe und ihm in irgendwelcher bsen Absicht verheimlicht wrde. Er
nahm mit Sicherheit an, da alles, was er gestern erlebt hatte, mit
allem, was ihn jetzt umgab, in Verbindung stehe. Er begann endlich in
seiner Aufregung zu wnschen, es mchte sich doch alles irgendwie
entscheiden, nur recht bald; wenn es auch auf ein Unglck hinausliefe,
immerhin! Wie gut verstand das Schicksal Herrn Goljadkins Wunsch: kaum
war dieser in ihm rege geworden, als seine Zweifel auf einmal gelst
wurden, aber freilich auf eine sehr seltsame und unerwartete Weise.

Die Tr nach dem Nachbarzimmer knarrte auf einmal leise und bescheiden,
wie wenn sie dadurch zum Ausdruck bringen wollte, da die eintretende
Person von sehr geringer Bedeutung sei, und eine Gestalt, die Herrn
Goljadkin sehr bekannt vorkam, erschien schchtern gerade vor dem
Tische, an welchem unser Held Platz genommen hatte. Unser Held hob den
Kopf nicht in die Hhe; nein, er sah diese Gestalt nur ganz flchtig von
unten her an; aber schon hatte er alles bis auf die kleinsten
Einzelheiten erkannt und begriffen. Er erglhte vor Scham und beugte
ganz in derselben Absicht seinen armen Kopf in das Aktenstck, mit
welcher der von dem Jger verfolgte Strau seinen Kopf in den heien
Sand steckt. Der Neuangekommene verbeugte sich vor Andrei Filippowitsch,
und darauf lie sich dessen Stimme in frmlich-freundlichem Tone
vernehmen, in demjenigen Tone, in dem an allen Dienststellen die
Vorgesetzten zu neu eingetretenen Untergebenen reden. Setzen Sie sich
hierher, sagte Andrei Filippowitsch und wies den Neuling nach Anton
Antonowitschs Tisch hin; hierher, Herrn Goljadkin gegenber; mit Arbeit
werden wir Sie sofort versehen. Zum Schlu machte Andrei Filippowitsch
dem Neuangekommenen eine hflich ermahnende Handbewegung und vertiefte
sich dann schleunigst in den Inhalt einiger Aktenstcke, deren ein
ganzer Haufe vor ihm lag.

Herr Goljadkin hob endlich doch die Augen auf, und wenn er nicht in
Ohnmacht fiel, so geschah dies nur deshalb nicht, weil er alles schon
vorher geahnt, alles schon von vornherein gewut und in seinem Herzen
schon erraten hatte, wer der Ankmmling war. Herrn Goljadkins erste
Bewegung war, schnell um sich zu blicken, ob nicht ein Geflster
entstanden sei, ob nicht Witzeleien von der in Bureaus blichen Art
gemacht wrden, ob nicht jemand vor Erstaunen das Gesicht verziehe oder
gar vor Schreck unter den Tisch gefallen sei. Aber zu seiner grten
Verwunderung war an niemandem etwas Derartiges zu bemerken. Das
Verhalten seiner Herren Kollegen berraschte ihn. Es schien ihm ganz
ohne Sinn und Verstand zu sein. Herr Goljadkin erschrak sogar ber
dieses auffllige Stillschweigen. Die Wirklichkeit sprach fr sich
selbst; die Sache war seltsam, absonderlich, ungeheuerlich. Es war aller
Grund zur Aufregung vorhanden. All diese Gedanken gingen Herrn Goljadkin
selbstverstndlich nur ganz flchtig durch den Kopf. Er selbst hatte die
Empfindung, als ob er auf gelindem Feuer gerstet wrde. Und das war
sehr erklrlich. Derjenige, der Herrn Goljadkin jetzt gegenbersa, war
der, welcher Herrn Goljadkin gestern so erschreckt, gengstigt,
gepeinigt hatte, mit einem Worte, es war Herr Goljadkin selbst, nicht
jener Herr Goljadkin, der jetzt mit offenem Munde, die trocken gewordene
Feder in der Hand, auf dem Stuhle sa, nicht jener, der als Gehilfe
seines Tischvorstehers fungierte, nicht jener, der gern in der Menge
untertauchte und verschwand, nicht jener endlich, dessen Gang deutlich
sagte: Tut mir nichts zuleide, dann werde ich euch auch nichts zuleide
tun, oder: Tut mir nichts zuleide; ich tue euch ja auch nichts
zuleide, nein, dies war ein anderer Herr Goljadkin, ein ganz anderer,
der aber gleichzeitig dem ersten vllig hnlich war, von derselben
Gre, von demselben Wuchse, ebenso gekleidet, mit einer ebensolchen
Glatze; kurz, nichts, geradezu nichts war zur vollstndigen hnlichkeit
vergessen, so da, wenn man sie nebeneinander gestellt htte, niemand,
entschieden niemand gewagt haben wrde zu entscheiden, wer eigentlich
der wirkliche Goljadkin und wer der falsche sei, wer der alte und wer
der neue, wer das Original und wer die Kopie.

Unser Held befand sich, wenn dieser Vergleich mglich ist, jetzt in der
Lage eines Menschen, ber den sich ein Schalk lustig macht, indem er zum
Spa heimlich ein Brennglas auf ihn richtet. Was ist das nun? Ist es
ein Traum oder nicht? dachte er; ist es Wirklichkeit oder eine
Fortsetzung des gestrigen Erlebnisses? Aber mit welchem Rechte geschieht
eigentlich dies alles? Wer hat die Anstellung eines solchen Beamten
gestattet? Wer hat dazu eine Berechtigung erteilt? Schlafe ich? Trume
ich? Herr Goljadkin versuchte ins klare zu kommen, indem er sich selbst
kniff; er dachte sogar daran, dies mit irgendeinem andern vorzunehmen
... Nein, es war kein Traum; das stand fest. Herr Goljadkin fhlte, da
der Schwei stromweis an ihm herunterflo, da mit ihm etwas noch nie
Dagewesenes, bisher Unerhrtes vorging, und da dieser Vorgang, um das
Unglck voll zu machen, eben wegen dieser Neuheit unschicklich war; denn
Herr Goljadkin begriff und fhlte, wie nachteilig es war, bei einem
Vorgange, der in dieser Weise den Spott herausforderte, das erste
Beispiel zu sein. Er begann endlich sogar an seiner eigenen Existenz zu
zweifeln, und obgleich er vorher auf alles vorbereitet gewesen war und
selbst gewnscht hatte, da seine Zweifel auf irgendeine Weise gelst
werden mchten, so war ihm das Eintreten dieses Ereignisses selbst
schlielich doch unerwartet gekommen. Der Kummer drckte ihn nieder und
qulte ihn. Zeitweilig war er der Denkkraft und des Gedchtnisses vllig
beraubt. Wenn er nach einem solchen Augenblicke wieder zur Besinnung
kam, so merkte er, da er mit der Feder mechanisch und bewutlos ber
das Papier fuhr. Da er sich selbst nicht traute, so begann er alles
Geschriebene nachzuprfen; aber er verstand nichts davon. Endlich stand
der andere Herr Goljadkin, der bisher still und friedlich dagesessen
hatte, auf und verschwand zum Zwecke irgendwelcher Besorgung hinter der
Tr, die in eine andere Abteilung fhrte. Herr Goljadkin blickte um
sich; aber es war nichts zu bemerken; alles war still; man hrte nur das
Kratzen der Federn, das Gerusch der umgeschlagenen Bltter und in den
von Andrei Filippowitschs Sitze weiter entfernten Winkeln leises
Gesprch. Herr Goljadkin blickte Anton Antonowitsch an, und da aller
Wahrscheinlichkeit nach das Gesicht unseres Helden seine jetzige
Stimmung widerspiegelte und mit dem ganzen Charakter des Vorgangs
harmonierte, folglich in gewisser Beziehung sehr merkwrdig war, so
legte der gutmtige Anton Antonowitsch die Feder hin und erkundigte sich
in besonders teilnahmsvoller Art nach Herrn Goljadkins Gesundheit.

Gott sei Dank, Anton Antonowitsch, ich ... erwiderte Herr Goljadkin
stotternd, ich bin ganz gesund, Anton Antonowitsch; ich kann
augenblicklich nicht klagen, Anton Antonowitsch, fgte er in unsicherem
Tone hinzu, da er diesem Anton Antonowitsch, dessen Namen er so hufig
angebracht hatte, noch immer nicht ganz traute.

So so! Und ich hatte schon geglaubt, Sie wren nicht wohl. brigens
wre das ja auch kein Wunder, im Gegenteil! Es herrschen jetzt allerlei
ansteckende Krankheiten, wissen Sie ...!

Ja, ich wei, Anton Antonowitsch, da solche Krankheiten herrschen ...
Aber, Anton Antonowitsch, das ist nicht der Grund, weswegen ich ...
fuhr Herr Goljadkin, seinen Tischvorsteher unverwandt anblickend, fort.
Sehen Sie, Anton Antonowitsch, ich wei nicht einmal, wie ich Ihnen ...
d. h. ich will sagen, von welcher Seite ich diese Sache anfassen soll,
Anton Antonowitsch ...

Was meinen Sie? Ich habe Sie ... wissen Sie ... ich mu bekennen, ich
verstehe Sie noch nicht recht; bitte, erklren Sie deutlicher, was Sie
so in Verlegenheit setzt, sagte Anton Antonowitsch, der selbst ein
wenig verlegen wurde, da er sah, da Herrn Goljadkin sogar Trnen in die
Augen getreten waren.

Ich wei wirklich nicht, Anton Antonowitsch ... hier ... da ist ein
Beamter, Anton Antonowitsch ...

Na! Ich verstehe immer noch nicht.

Ich will sagen, Anton Antonowitsch, es ist hier ein neu eingetretener
Beamter.

Ja freilich; ein Namensvetter von Ihnen.

Wie? rief Herr Goljadkin.

Ich sage: ein Namensvetter von Ihnen; er heit ebenfalls Goljadkin. Ist
er kein Verwandter von Ihnen?

Nein, Anton Antonowitsch, ich ...

Hm! Nun sagen Sie mal! Und ich hatte geglaubt, er wre gewi ein naher
Verwandter von Ihnen. Wissen Sie, es ist da so eine gewisse
Familienhnlichkeit.

Herr Goljadkin war starr vor Erstaunen, und eine Weile versagte ihm die
Zunge den Dienst. Wie konnte der andre eine in ihrer Art so seltene,
eine so ungeheuerliche, unerhrte Sache so leichthin behandeln, eine
Sache, die sogar einen ganz unbeteiligten Zuschauer befremden mute! Wie
konnte er von Familienhnlichkeit sprechen, wo ein reines Spiegelbild
vorlag!

Wissen Sie, was ich Ihnen raten mchte, Jakow Petrowitsch? fuhr Anton
Antonowitsch fort. Sie sollten zu einem Arzte gehen und den befragen.
Wissen Sie, Sie sehen ganz krank aus. Besonders Ihre Augen ... wissen
Sie, Ihre Augen haben so einen besonderen Ausdruck.

Nicht doch, Anton Antonowitsch; ich fhle allerdings ... d. h. ich
wollte noch fragen, wie es mit diesem Beamten steht.

Wieso?

Das heit, haben Sie an ihm nicht etwas Besonderes bemerkt, Anton
Antonowitsch ... etwas sehr Aufflliges?

Inwiefern?

Ich meine zum Beispiel eine berraschende hnlichkeit mit jemand, Anton
Antonowitsch, d. h. zum Beispiel mit mir. Sie sprachen soeben von einer
Familienhnlichkeit, Anton Antonowitsch, und machten darber so eine
beilufige Bemerkung ... Wissen Sie, es kommen manchmal Zwillinge vor,
die sich hnlich sehen wie ein Ei dem andern, so da man sie gar nicht
unterscheiden kann. Nun also, von solcher hnlichkeit rede ich.

Ja, versetzte Anton Antonowitsch nach kurzem Nachdenken, und wie wenn
ihm dieser Umstand jetzt zum ersten Male auffiele, ja, allerdings! Sie
haben recht, die hnlichkeit ist wirklich erstaunlich; und Sie urteilen
ganz richtig: sie ist so gro, da man wirklich den einen fr den andern
nehmen kann, fuhr er fort, indem er die Augen immer weiter ffnete.
Und wissen Sie, Jakow Petrowitsch, es ist sogar eine wunderbare
hnlichkeit, eine mrchenhafte hnlichkeit, wie man zu sagen pflegt, d.
h. er sieht vollstndig so aus wie Sie ... Haben Sie das bemerkt, Jakow
Petrowitsch? Ich wollte Sie schon selbst bitten, es mir zu erklren;
aber ich mu bekennen, ich habe es anfnglich nicht gebhrend beachtet.
Es ist ein Wunder, in der Tat ein Wunder! Sagen Sie mal, Jakow
Petrowitsch, Sie sind ja wohl nicht hier geboren, wie?

Nein.

Er ist auch kein Hiesiger. Vielleicht stammt er aus demselben Orte wie
Sie. Gestatten Sie die Frage: wo hat Ihre Mutter meistens gelebt?

Sie sagten ... Sie sagten, Anton Antonowitsch, er sei kein Hiesiger?

Allerdings, er ist nicht von hier. Aber wirklich, es ist ein reines
Wunder, fuhr der redselige Anton Antonowitsch fort, fr den es das
grte Vergngen war, wenn er ber irgendetwas plaudern konnte. In der
Tat, die Sache kann einen neugierig machen; wie oft geht man an
dergleichen vorber, streift daran an, stt daran an und bemerkt es
nicht! Beunruhigen Sie sich brigens nicht! So etwas kommt vor! Wissen
Sie, da mchte ich Ihnen erzhlen: ganz dasselbe begegnete meiner Tante
von mtterlicher Seite; die sah sich auch vor ihrem Tode doppelt ...

Nein, ich ... entschuldigen Sie, da ich Sie unterbreche, Anton
Antonowitsch ... ich wollte mich erkundigen, was es mit diesem Beamten
fr eine Bewandtnis hat, d. h. aus welchen Grnden er hier ist.

Er ist an Stelle des verstorbenen Semjon Iwanowitsch hier; in dessen
vakanten Platz ist er eingerckt; es war eine Vakanz entstanden, und da
hat man ihn eingestellt. War doch ein prchtiger Mensch, dieser Semjon
Iwanowitsch; drei Kinder hat er hinterlassen, wie man sagt, eines immer
kleiner als das andere. Die Witwe hat sich Seiner Exzellenz zu Fen
geworfen. Man sagt brigens, sie verberge Geld; sie habe welches,
verberge es aber ...

Nein, Anton Antonowitsch, ich wollte gern noch mehr ber jenen
eigentmlichen Fall hren.

Was meinen Sie? Ach ja! Aber warum interessieren Sie sich so dafr? Ich
sage Ihnen: beunruhigen Sie sich nicht darber! Das geht alles vorber.
Was ist denn dabei? Sie knnen ja nichts dafr; das hat nun einmal unser
Herrgott selbst so eingerichtet; das ist sein Wille gewesen, und darber
zu murren ist Snde. Darin erkennt man seine Weisheit. Sie aber, Jakow
Petrowitsch, sind, soviel ich davon verstehe, in keiner Weise schuld
daran. Was gibt es nicht alles fr Wunderdinge auf der Welt! Mutter
Natur ist freigebig, und Sie werden dafr nicht zur Rechenschaft gezogen
werden; Sie werden das nicht zu verantworten brauchen. Da fllt mir zum
Beispiel ein, Sie haben ja wohl gehrt, wie die ... wie nennt man sie
doch? ... ja, die siamesischen Zwillinge, wie die mit dem Rcken
zusammengewachsen sind und so zusammen leben und essen und schlafen; es
heit, sie nehmen eine Menge Geld ein.

Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ...

Ich verstehe Sie, ich verstehe Sie! Ja! Nun ja, was ist dabei? Gar
nichts! Ich sage: nach meiner vollen berzeugung haben Sie keinen Anla,
sich zu beunruhigen. Was liegt denn vor? Er ist ein Beamter wie andere,
und es scheint ja, da er ein tchtiger Arbeiter ist. Er sagt, er heie
Goljadkin und sei nicht von hier und sei Titularrat. Er hat persnlich
mit Seiner Exzellenz gesprochen.

Und wie hat sich Seine Exzellenz dazu gestellt?

Es ist nichts Besonderes darber zu sagen. Der Mensch hat sich, wie man
sagt, hinreichend ausgewiesen und seine Grnde dargelegt. Er hat gesagt:
>So und so, Exzellenz; ich besitze kein Vermgen und mchte gern amtlich
ttig sein, und es wre mir eine besondere Ehre, wenn mir das unter
Ihrer Leitung vergnnt wre,< ... na, und alles, wie es sich gehrt;
wissen Sie, er hat sich ganz geschickt ausgedrckt. Es mu ein kluger
Mensch sein. Na, selbstverstndlich hat er auch eine Empfehlung
mitgebracht; ohne eine solche wre es ja nicht gegangen ...

Von wem war die denn? ... Das heit, ich meine, wer hat denn eigentlich
bei dieser schndlichen Sache seine Hand im Spiele gehabt?

Ja, man sagt, es sei eine gute Empfehlung gewesen; man sagt, Seine
Exzellenz habe mit Andrei Filippowitsch zusammen gelacht.

Mit Andrei Filippowitsch gelacht?

Jawohl; er habe gelchelt und gesagt, es sei gut, und er seinerseits
sei nicht abgeneigt, wenn er nur seine dienstlichen Obliegenheiten treu
erfllen wolle ...

Bitte, weiter! Sie beruhigen mich einigermaen, Anton Antonowitsch; ich
bitte Sie instndig: weiter!

Gestatten Sie, ich wundere mich wieder ber Sie ... Na ja, na, die
Sache ist ja ganz unwichtig; das Ereignis ist weiter nicht wunderbar;
ich sage: beunruhigen Sie sich nicht; man braucht daran nichts
bedenklich zu finden ...

Nein. Ich mchte Sie noch fragen, Anton Antonowitsch, ob Seine
Exzellenz weiter nichts hinzugefgt hat ... zum Beispiel etwas, was mich
betrifft.

Das heit, gewi! Ja freilich! Oder vielmehr nein, nichts, Sie knnen
ganz beruhigt sein. Wissen Sie, das ist ja selbstverstndlich, da die
Sache sehr auffallend ist, und zuerst ... ja, sehen Sie, ich zum
Beispiel habe sie zuerst fast gar nicht beachtet. Ich wei wirklich
nicht, warum ich sie nicht eher beachtet hatte, als bis Sie mich darauf
aufmerksam machten. Aber brigens, Sie knnen ganz beruhigt sein. Seine
Exzellenz hat nichts Besonderes gesagt, gar nichts gesagt, fgte der
gutmtige Anton Antonowitsch hinzu, indem er sich von seinem Stuhle
erhob.

Also, Anton Antonowitsch, ich mchte ...

Bitte, entschuldigen Sie mich! Ich habe schon zu viel Zeit mit diesen
Kleinigkeiten verplaudert, und da ist eine wichtige, eilige Sache. Die
mu ich notwendig fertigmachen.

Anton Antonowitsch! rief Andrei Filippowitschs Stimme in hflichem
Tone. Seine Exzellenz wnscht Sie zu sprechen.

Sofort, sofort, Andrei Filippowitsch; ich komme sofort. Anton
Antonowitsch ergriff einen Pack Akten und lief zuerst zu Andrei
Filippowitsch und dann in das Arbeitszimmer Seiner Exzellenz.

Also wie liegt denn die Sache? dachte Herr Goljadkin bei sich. Also
wie steht mein Spiel? Was macht der Himmel jetzt fr ein Gesicht? ... Es
steht nicht bel; die Sache hat eine sehr angenehme Wendung genommen,
sagte unser Held im stillen, indem er sich die Hnde rieb und vor
Freuden den Stuhl unter seinem Leibe nicht sprte. Also ist meine Sache
eine ganz gewhnliche Sache. Also wird alles ein harmloses Ende nehmen
und keine schlimmen Folgen haben. Es hat tatschlich niemand etwas
gemerkt, und meine Kollegen, diese Banditen, haben sich keine
Dreistigkeiten herausgenommen; sie sitzen still da und beschftigen sich
mit ihren Akten; prchtig, prchtig! Ich habe diesen guten Menschen,
unsern Anton Antonowitsch, sehr gern; ich habe ihn immer sehr gern
gehabt und hochgeschtzt ... brigens, ja ... wenn man bedenkt ...
dieser Anton Antonowitsch ... verlassen kann man sich doch nicht auf
ihn: er ist doch schon ganz grau und vor Alter recht wackelig geworden.
Das beste und wichtigste ist brigens, da Seine Exzellenz nichts gesagt
hat und die Sache so hat vorbergehen lassen. Das ist gut; das freut
mich! Nur, warum mischt sich Andrei Filippowitsch da mit seinem
Gelchter hinein? Was kmmert ihn die Sache? Dieser alte Fuchs! Immer
ist er mir im Wege; immer sucht er einem einen Strich durch die Rechnung
zu machen; immer kommt er einem in die Quere und ist einem hinderlich;
immer ist er einem hinderlich und kommt einem in die Quere ...

Herr Goljadkin blickte wieder rings um sich und wurde wieder von neuer
Hoffnung belebt. Er fhlte aber doch, da ihn trotzdem eine ferne Ahnung
von Unheil beunruhigte. Es kam ihm sogar der Einfall, sich selbst
irgendwie an die Beamten heranzumachen, das Prvenire zu spielen, also
etwa beim Herausgehen nach Schlu der Bureaustunden, oder indem er unter
dem Vorwande einer geschftlichen Anfrage an sie herantrte,
gesprchsweise Andeutungen in folgender Art zu machen: So und so, meine
Herren, da ist so eine auffllige hnlichkeit, ein seltsamer Fall, die
reine Komdie, also sich selbst ber die ganze Sache lustig zu machen
und auf diese Weise die Tiefe der Gefahr zu sondieren. Aber unser Held
sagte sich zum Schlu in Gedanken, in einem stillen, tiefen Pfuhl htten
die Teufel ihr Wesen. brigens war das bei Herrn Goljadkin nur ein
vorbergehender Gedanke; er wurde noch rechtzeitig anderen Sinnes. Er
sah ein, da das so viel hiee, als die Gefahr herausfordern. Das liegt
nun einmal in deinem Charakter, sagte er zu sich selbst und klopfte
sich leicht mit der Hand gegen die Stirn; gleich bist du wieder
frhlich und treibst Mutwillen! Du bist eine biedere Seele! Nein, jetzt
ist es schon das beste zu warten, Jakow Petrowitsch; jetzt wollen wir
uns gedulden und warten! Nichtsdestoweniger war Herr Goljadkin, wie wir
bereits erwhnt haben, wieder hoffnungsvoll und hatte ein Gefhl, als ob
er von den Toten auferstanden wre. Es macht sich, dachte er; es ist
mir, wie wenn mir eine Zentnerlast von der Brust gefallen wre! Nein, so
ein Erlebnis! >Das Kstchen war nur einfach aufzuklappen<.[2] Krylow hat
recht ... Krylow hat recht; dieser Krylow ist ein Fuchs, ein Schlaukopf
und ein groer Fabeldichter! Aber was diesen Menschen anlangt, so mag er
meinetwegen hier amtieren, und mge es ihm wohl bekommen, wenn er nur
niemandem in die Quere kommt und mit niemandem Streit anfngt; mag er
hier amtieren, ich habe nichts dagegen, ich bin einverstanden!

[Funote 2: Der Schluvers einer Krylowschen Fabel. Jemand sucht
vergebens nach dem Mechanismus zum ffnen eines Kstchens, das einen
solchen gar nicht besitzt, sondern sich einfach aufklappen lt.
Anmerkung des bersetzers.]

Unterdessen verging die Zeit wie im Fluge, und ehe Herr Goljadkin sich
dessen versah, schlug es vier. Die Amtsstunden waren zu Ende; Andrei
Filippowitsch griff nach seinem Hute, und alle folgten wie blich seinem
Beispiele. Herr Goljadkin blieb unter dem Vorwande eines notwendigen
Bedrfnisses noch eine kleine Weile zurck und ging absichtlich erst
nach allen andern, als letzter, weg, als sich bereits alle nach
verschiedenen Richtungen verteilt hatten. Als er auf die Strae
hinaustrat, fhlte er sich wie im Paradiese, so da bei ihm sogar der
Wunsch rege wurde, einen Umweg zu machen und eine Strecke auf dem
Newski-Prospekte zu gehen. So geht es in der Welt! sagte unser Held.
Ein unerwarteter Umschwung der ganzen Sache! Auch das Wetter hat sich
aufgeklrt; Klte und Schlittenfahrt. Und die Klte taugt fr den
Russen; der Russe vertrgt sich mit der Klte prchtig. Ich liebe den
Russen. Auch ein bichen Schnee ist da, der erste Spurschnee, wie ein
Jger sagen wrde; da mte man im ersten Spurschnee auf die Hasenjagd
gehen! Ei weih! Na, wenn's nicht ist, so schadet's auch nichts!

So gab Herr Goljadkin seinem Entzcken Ausdruck; aber dabei hatte er
doch immer noch ein kitzelndes Gefhl im Kopfe, das mit Kummer
hnlichkeit hatte, und manchmal versprte er am Herzen ein Saugen, gegen
das er kein Linderungsmittel wute. brigens, wir wollen noch einen Tag
warten und uns dann erst freuen. Was ist denn eigentlich los? Na, wir
wollen die Sache berlegen, die Sache ansehen. Na, also la uns einmal
berlegen, mein junger Freund, la uns einmal berlegen! Also da ist ein
ebensolcher Mensch wie du, ein ganz ebensolcher. Na, was hat es damit
auf sich? Wenn ein solcher Mensch da ist, brauche ich darber zu weinen?
Was geht es mich an? Ich habe damit nichts zu schaffen; ich pfeife
darauf, Punktum! Er ist nun einmal da, Punktum! Mag er amtieren! Na, da
wird nun gesagt, das sei ein Wunder und eine Seltsamkeit wie die
siamesischen Zwillinge ... Na, was sollen dabei die Siamesen?
Allerdings, die sind Zwillinge; aber auch groe Mnner haben manchmal
ihre Wunderlichkeiten gehabt. Es ist sogar aus der Geschichte bekannt,
da der berhmte Suworow wie ein Hahn krhte ... Na, das tat er alles
aus Politik; auch groe Feldherrn ... aber was sollen hier die
Feldherrn? Ich bin ein gewhnlicher Mensch und weiter nichts und will
niemanden kennen und verachte im Gefhle meiner Unschuld den Feind. Ich
bin kein Intrigant und bin stolz darauf. Mein Charakter ist rein,
aufrichtig, anstndig, freundlich, sanft ...

Pltzlich verstummte Herr Goljadkin, brach ab und zitterte wie ein
Blatt; ja, er schlo sogar fr einen Augenblick die Augen. Da er jedoch
hoffte, da der Gegenstand seiner Furcht einfach eine Augentuschung
sei, so ffnete er schlielich die Augen wieder und schielte schchtern
nach rechts. Nein, es war keine Augentuschung! ... Neben ihm trippelte
sein Bekannter vom Vormittag, lchelte, schaute ihm ins Gesicht und
wartete, wie es schien, auf eine Gelegenheit, um ein Gesprch
anzufangen. Es kam jedoch nicht dazu. Auf diese Art gingen sie beide
etwa fnfzig Schritte. Herrn Goljadkins ganzes Bemhen ging dahin, sich
mglichst fest in seinen Mantel einzuhllen, sich mglichst tief in ihn
zu vergraben und den Hut so weit als nur irgend mglich auf die Augen
herabzuziehen. Um die Beleidigung vollstndig zu machen, waren auch der
Mantel und der Hut seines Freundes genau von derselben Art wie
diejenigen, die Herr Goljadkin auf den Schultern und auf dem Kopfe trug.

Mein Herr, sagte unser Held endlich, indem er sich bemhte, fast im
Flstertone zu sprechen, und seinen Freund nicht ansah, es scheint, da
wir verschiedene Wege haben ... Ich bin sogar berzeugt davon, sagte
er, nachdem er einen Augenblick geschwiegen hatte. Ich bin auch
berzeugt, da Sie mich vollstndig verstanden haben, fgte er zum
Schlu in ziemlich strengem Tone hinzu.

Ich mchte gern ... erwiderte endlich Herrn Goljadkins Freund, ich
mchte gern ... ich hoffe, Sie werden mich gromtig entschuldigen ...
ich wei nicht, an wen ich mich hier wenden soll ... meine Umstnde ...
ich hoffe, Sie werden meine Dreistigkeit verzeihen ... es schien mir
sogar, als ob Sie heute morgen, von Mitleid bewegt, an mir Anteil
nhmen. Ich meinerseits habe mich gleich beim ersten Blick zu Ihnen
hingezogen gefhlt; ich ... Hier wnschte Herr Goljadkin in Gedanken,
sein neuer Kollege mchte in die Erde versinken.

Wenn ich wagen knnte zu hoffen, da Sie, Jakow Petrowitsch, mir
gtiges Gehr schenken wrden ...

Wir ... wir sind hier nicht ungestrt. Wir ... wollen lieber in meine
Wohnung gehen, versetzte Herr Goljadkin. Wir wollen jetzt auf die
andre Seite des Newski hinbergehen; dort werden wir beide bequemer
gehen knnen. Und dann wollen wir eine Seitengasse einschlagen ... das
wird das beste sein.

Schn. Schlagen wir die Seitengasse ein, wenn es Ihnen so gefllig
ist! erwiderte Herrn Goljadkins demtiger Gefhrte schchtern, wie wenn
er durch den Ton seiner Antwort zum Ausdruck bringen wollte, da er
nicht whlerisch sein drfe und in seiner Lage bereit sei, sich auch mit
einer Seitengasse zu begngen. Was Herrn Goljadkin anlangt, so begriff
er gar nicht, was mit ihm vorging. Er traute seinen eigenen Sinnen
nicht. Er war von seinem Erstaunen noch nicht wieder zu sich gekommen.




                              7. Kapitel


Erst auf der Treppe und vor der Eingangstr zu seiner Wohnung gewann er
einigermaen seine Fassung wieder. Ach, ich Schafskopf! schimpfte er
sich selbst in Gedanken; wohin fhre ich ihn nun? Ich stecke selbst den
Kopf in die Schlinge. Was wird Petruschka denken, wenn er uns zusammen
sieht? Was wird dieser Halunke sich jetzt zu denken erdreisten? Und er
ist so argwhnisch ... Aber zur Reue war es bereits zu spt; Herr
Goljadkin klopfte, die Tr ffnete sich, und Petruschka nahm dem Gaste
und dem Hausherrn die Mntel ab. Herr Goljadkin warf aus dem Augenwinkel
flchtige Blicke nach Petruschka und bemhte sich, seine Miene zu
ergrnden und seine Gedanken daraus zu erraten. Aber zu seinem grten
Erstaunen sah er, da sein Diener gar nicht daran dachte, sich zu
wundern, sondern im Gegenteil so etwas erwartet zu haben schien.
Allerdings machte er auch jetzt ein Gesicht wie ein Wolf, schielte zur
Seite hin und tat, als ob er jemand fressen wollte. Hat sie denn heute
alle jemand behext? dachte unser Held. Es ist, als ob ein Dmon
herumgegangen wre! Es mu unbedingt mit dem ganzen Volke heute etwas
Besonderes los sein. Hol's der Teufel, was ist das fr ein qualvoller
Zustand! Whrend Herr Goljadkin dergleichen dachte und berlegte,
fhrte er den Gast zu sich ins Zimmer und forderte ihn hflich auf,
Platz zu nehmen. Der Gast befand sich anscheinend in uerster
Verlegenheit; er war sehr schchtern, verfolgte unterwrfig alle
Bewegungen seines Wirtes, haschte nach seinen Blicken und bemhte sich,
wie es schien, aus diesen zu entnehmen, was derselbe denke. Eine gewisse
Gedrcktheit, Niedergeschlagenheit und ngstlichkeit kam in allen seinen
Gebrden zum Ausdruck, so da er, wenn der Vergleich gestattet ist, in
diesem Augenblicke groe hnlichkeit mit einem Menschen hatte, der aus
Mangel an eigenen Kleidern fremde angezogen hat: die rmel rutschen
hinauf; die Taille sitzt beinah im Genick, und er schiebt alle
Augenblicke die kurze Weste auf seinem Leibe zurecht; bald windet und
dreht er sich rechts und links, bald sucht er sich irgendwo zu
verstecken, bald sieht er allen in die Augen und horcht, ob die Leute
nicht von seiner Situation sprechen, sich ber ihn lustig machen, sich
seiner schmen, -- er errtet und wird fassungslos, und sein Ehrgefhl
leidet schwer ... Herr Goljadkin hatte seinen Hut auf das Fensterbrett
gestellt; durch eine unvorsichtige Bewegung fiel der Hut auf den Boden.
Der Gast strzte sofort hin, um ihn aufzuheben, reinigte ihn sorgsam vom
Staube und stellte ihn vorsichtig auf den frheren Platz; seinen eigenen
aber stellte er auf den Fuboden, neben den Stuhl, auf dessen uerstem
Rande er demtig Platz genommen hatte. Dieser geringfgige Vorgang
ffnete Herrn Goljadkin einigermaen die Augen; er sah nun ein, da der
andere ihn sehr ntig hatte, und zerbrach sich daher nicht mehr den Kopf
darber, wie er mit seinem Gaste ein Gesprch anfangen solle, sondern
berlie, wie es sich gebhrte, alles diesem selbst. Aber der Gast
seinerseits fing nicht an zu reden; ob er zu schchtern war oder sich
ein wenig schmte oder aus Hflichkeit darauf wartete, da der Wirt den
Anfang mache, blieb dahingestellt und war schwer zu entscheiden. In
diesem Augenblicke kam Petruschka herein, blieb in der Tr stehen und
blickte nach derjenigen Seite hin, die der, wo sich sein Herr und der
Gast befanden, ganz entgegengesetzt war.

Befehlen Sie, da ich zwei Portionen Mittagessen hole? fragte er mit
seiner heiseren Stimme in nachlssigem Tone.

Ich ... ich wei nicht ... Sie ... ja, hole zwei Portionen, mein
Lieber!

Petruschka ging weg. Herr Goljadkin sah seinen Gast an. Der Gast
errtete bis ber die Ohren. Herr Goljadkin war ein gutmtiger Mensch
und legte sich daher in der Gte seines Herzens sogleich eine Anschauung
zurecht:

Er ist ein armer Mensch, dachte er, und erst einen Tag in seiner
Stelle; wahrscheinlich hat er vorher viel leiden mssen; nur gut, da er
einen anstndigen Anzug besitzt; aber Geld zum Mittagessen wird er nicht
haben. Ach mein Gott, wie niedergeschlagen er aussieht! Na, das schadet
nichts: das hat sogar sein Gutes ... -- Verzeihen Sie, da ich ...
begann Herr Goljadkin, gestatten Sie brigens die Frage, wie ich Sie
nennen darf!

Ich ... ich ... heie Jakow Petrowitsch, erwiderte der Gast fast
flsternd, als wenn er sich schmte und um Verzeihung dafr bte, da er
ebenfalls Jakow Petrowitsch heie.

Jakow Petrowitsch, wiederholte unser Held, der nicht imstande war,
seine Aufregung zu verbergen.

Ja, ganz richtig ... Ich bin Ihr Namensvetter, antwortete Herrn
Goljadkins demtiger Gast, indem er sich dazu aufraffte, zu lcheln und
in scherzendem Tone zu reden. Aber er fiel sogleich in seine
unterwrfige Haltung wieder zurck, als er die sehr ernste und etwas
bestrzte Miene seines Wirtes wahrnahm und merkte, da dieser jetzt zu
Scherzen nicht aufgelegt sei.

Gestatten ... gestatten Sie mir die Frage, welchem Umstande ich die
Ehre zu verdanken habe ...

Da ich Ihre Gromut und Wohlttigkeit kenne, unterbrach ihn der Gast
schnell, aber in schchternem Tone, indem er sich ein wenig von seinem
Stuhle erhob, so habe ich es gewagt, mich an Sie zu wenden und Sie um
Ihre ... um Ihre Bekanntschaft und Gnnerschaft zu bitten ... schlo
der Gast, der es schwierig fand sich auszudrcken und nach Worten
suchte, die einerseits nicht zu schmeichlerisch und unterwrfig klngen,
um nicht sein eigenes Ehrgefhl zu verletzen, andrerseits aber auch
nicht zu khn wren und ungehrigerweise den Anspruch auf Gleichstellung
erhben. Im allgemeinen konnte man sagen, da Herrn Goljadkins Gast sich
wie ein Bettler aus gutem Stande in einem geflickten Frack und mit einem
ordnungsmigen Pa in der Tasche benahm, der noch keine bung darin
gewonnen hat, wie es sich gehrt, die Hand auszustrecken.

Sie setzen mich in Verlegenheit, erwiderte Herr Goljadkin, indem er
sich selbst, seine Wnde und den Gast betrachtete; womit knnte ich
denn ... das heit, ich will sagen, in welcher Beziehung kann ich Ihnen
eigentlich mit irgend etwas dienen?

Ich habe mich gleich beim ersten Blick zu Ihnen hingezogen gefhlt,
Jakow Petrowitsch, und habe (verzeihen Sie mir gromtig!) meine
Hoffnung auf Sie gesetzt ... habe gewagt, meine Hoffnung auf Sie zu
setzen, Jakow Petrowitsch. Ich ... ich fhle mich hier ganz wie
verloren, Jakow Petrowitsch; ich bin arm, habe sehr viel gelitten, Jakow
Petrowitsch, und bin hier noch neu. Da ich erfahren hatte, da Sie zu
den Ihnen angeborenen vortrefflichen Eigenschaften Ihrer schnen Seele
auch noch mit mir denselben Namen fhren ...

Herr Goljadkin runzelte die Stirn.

... auch noch mit mir denselben Namen fhren und mit mir aus demselben
Orte stammen, so entschlo ich mich, mich an Sie zu wenden und Ihnen
meine schwierige Lage vorzutragen.

Gut, gut, ich wei wirklich nicht, was ich Ihnen darauf erwidern soll,
antwortete Herr Goljadkin verlegen. Wissen Sie, wir wollen nach Tische
darber reden ...

Der Gast verbeugte sich; das Mittagessen wurde gebracht. Petruschka
stellte alles in Ordnung auf den Tisch, und Gast und Wirt schickten sich
an, sich zu sttigen. Das Essen dauerte nicht lange, denn sie beeilten
sich: der Wirt, weil er sich unbehaglich fhlte und sich auerdem ber
das schlechte Mittagessen schmte (er schmte sich zum Teil deswegen,
weil er den Gast gern gut bewirtet htte, teils deswegen, weil er zu
zeigen wnschte, da er nicht wie ein Bettler lebe), und der Gast
seinerseits, weil er sich in schrecklicher Verwirrung und uerster
Verlegenheit befand. Nachdem er einmal Brot genommen und seine Schnitte
aufgegessen hatte, scheute er sich, die Hand nach einer zweiten Schnitte
auszustrecken; er genierte sich, von den Speisen ein besseres Stckchen
zu nehmen, und versicherte alle Augenblicke, er sei gar nicht hungrig,
das Mittagessen sei vorzglich, er fr seine Person sei vllig zufrieden
und werde bis zum Grabe daran denken. Als das Essen zu Ende war, zndete
Herr Goljadkin sich seine Pfeife an und offerierte die andere, die er
sich fr Freundesbesuch hielt, dem Gaste; beide setzten sich einander
gegenber, und der Gast begann seine Erlebnisse zu erzhlen.

Die Erzhlung des jngeren Herrn Goljadkin dauerte drei oder vier
Stunden. Die Geschichte seiner Erlebnisse setzte sich brigens aus den
unbedeutendsten und, wenn man sich so ausdrcken kann, miserabelsten
Einzelheiten zusammen. Es handelte sich dabei um amtliche Ttigkeit
irgendwo bei einem Gerichte, bei einer Gouvernementsregierung; um
Staatsanwlte und Prsidenten; um irgendwelche Bureau-Intrigen; um die
Schndlichkeit eines Tischvorstehers; um einen Revisor; um einen
pltzlichen Wechsel der Person des Chefs; darum, da Herr Goljadkin der
zweite ganz unschuldig hatte leiden mssen; um seine alte Tante Pelageja
Semjonowna; darum, da er infolge verschiedener Intrigen seiner Feinde
seine Stelle verloren hatte und zu Fu nach Petersburg gewandert war;
darum, da er hier in Petersburg viel Not und Elend durchgemacht, lange
erfolglos eine Stelle gesucht, sich auf das kmmerlichste beholfen,
beinah auf der Strae gewohnt, altes, vertrocknetes Brot gegessen und
dazu seine Trnen geschluckt, auf dem nackten Fuboden geschlafen hatte,
und da endlich irgendein guter Mensch es bernommen hatte, fr ihn zu
sorgen, ihn empfohlen und ihm gromtig seine jetzige Stellung
verschafft hatte. Herrn Goljadkins Gast weinte bei dieser Erzhlung und
trocknete sich die Trnen mit einem blaukarierten Taschentuche ab, das
groe hnlichkeit mit Wachstuch hatte. Er schlo damit, da er Herrn
Goljadkin seine derzeitige Lage mit vlliger Offenheit darlegte und ihm
gestand, da er kein Geld habe, um davon in nchster Zeit zu leben und
sich anstndig einzurichten, ja nicht einmal um sich ordentlich zu
equipieren. Er fgte noch hinzu, er knne nicht einmal das Geld fr
Stiefel auftreiben und die Uniform habe er sich von jemand auf kurze
Zeit geliehen.

Herr Goljadkin war gerhrt und fhlte aufrichtiges Mitleid. Obgleich die
Geschichte seines Gastes eine so de Geschichte war, fielen alle Worte
derselben auf sein Herz wie himmlisches Manna. Die Sache war die, da
Herr Goljadkin nun seine letzten Zweifel verga, sein Herz wieder dem
Gefhl der Freiheit und der Freude berlie und sich schlielich im
stillen selbst einen Dummkopf schalt. Alles war so natrlich! Was hatte
er da fr Anla sich zu grmen und zu beunruhigen? Nun ja, es war da
tatschlich ein kitzlicher Punkt vorhanden, gewi; aber das war ja kein
Unglck: das konnte einen Menschen nicht in Unehre bringen, seinen Ruf
nicht beflecken, ihm seine Karriere nicht verderben, wenn doch der
betreffende Mensch keine Schuld trug, sondern die Natur selbst die Hand
im Spiele hatte. Auerdem bat der Gast um seine Protektion; der Gast
weinte; der Gast klagte das Schicksal an; er schien so harmlos zu sein,
so ohne Bosheit und Falsch, ein klglicher, unbedeutender Mensch, und
wie es schien, schmte er sich jetzt selbst, obgleich vielleicht in
anderer Hinsicht, ber die seltsame hnlichkeit seines Gesichtes mit dem
seines Wirtes. Er benahm sich auf die denkbar beste Weise, bemhte sich
eifrig, seinem Wirte alles zu dank zu machen, und zwar wie jemand, der
von Gewissensbissen geqult wird und fhlt, da er sich dem andern
gegenber schuldig gemacht hat. Wenn z. B. die Rede auf irgendeinen
zweifelhaften Punkt kam, so stimmte der Gast sogleich Herrn Goljadkins
Meinung zu. Wenn er durch ein Versehen mit seiner Meinung irgendwie in
Gegensatz zu Herrn Goljadkin geriet und dann bemerkte, da er vom
richtigen Wege abgekommen war, so korrigierte er das, was er gesagt
hatte, sofort, interpretierte es und gab unverzglich zu verstehen, da
er alles genau in derselben Weise beurteile wie sein Wirt, ebenso denke
wie dieser und alles mit ganz denselben Augen ansehe wie dieser. Kurz,
der Gast machte alle mglichen Anstrengungen, um sich Herrn Goljadkins
Wohlwollen zu erwerben, so da dieser schlielich zu der Ansicht
gelangte, sein Gast sei in jeder Hinsicht ein sehr liebenswrdiger
Mensch. Inzwischen wurde Tee gebracht; es war zwischen acht und neun
Uhr. Herr Goljadkin fhlte sich in vortrefflicher Stimmung; er war
heiter geworden, machte Scherze, ging ein wenig aus sich heraus und lie
sich endlich in ein sehr lebhaftes, angeregtes Gesprch mit seinem Gaste
ein. Herr Goljadkin liebte es, wenn er guter Laune war, manchmal etwas
Unterhaltendes zu erzhlen. Das tat er auch jetzt: er erzhlte seinem
Gaste viel von der Residenz, von ihren Vergngungen und Schnheiten, vom
Theater, von den Klubs, von dem Brlowschen Gemlde[3], da zwei
Englnder expre aus England nach Petersburg gekommen seien, um das
Gitter des Sommergartens zu besehen, und sogleich wieder zurckgefahren
seien, vom Dienste, von Olsufi Iwanowitsch und von Andrei Filippowitsch,
da sich Ruland von Stunde zu Stunde mehr der Vollkommenheit nhere,
und da jetzt hier die schnen Wissenschaften in Blte stnden, von
einer Anekdote, die er krzlich in der Nordischen Biene gelesen hatte,
und da es in Indien eine ganz auerordentlich starke Riesenschlange
gebe, zuletzt von dem Baron Brambus[4]) usw. usw. Kurz, Herr Goljadkin
war vllig zufrieden, erstens weil er ganz beruhigt war, zweitens weil
er seine Feinde nicht nur nicht mehr frchtete, sondern sogar bereit
war, sie jetzt alle zum Entscheidungskampfe herauszufordern, drittens
weil er jetzt selbst in eigener Person jemandes Protektor geworden war,
und schlielich weil er ein gutes Werk tat. Er war sich brigens
innerlich bewut, da er in diesem Augenblicke noch nicht ganz glcklich
war, da in ihm noch ein Wurm sa, wenn auch nur ein ganz kleiner, der
auch jetzt noch sein Herz qulte. Die Erinnerung an den gestrigen Abend
bei Olsufi Iwanowitsch war ihm uerst peinlich. Er htte jetzt viel
darum gegeben, wenn manches von dem, was gestern geschehen war, nicht
geschehen wre. Indessen es hat ja nicht viel zu bedeuten! sagte unser
Held sich schlielich und nahm sich im stillen fest vor, sich knftig
gut zu fhren und hnliche Fehler nicht wieder zu begehen. Da Herr
Goljadkin jetzt sehr gut gelaunt war und sich auf einmal fast vllig
glcklich fhlte, so kam er sogar auf den Einfall, das Leben zu
genieen. Petruschka mute Rum bringen, und es wurde ein Punsch gebraut.
Gast und Wirt leerten jeder ein Glas und ein zweites. Der Gast benahm
sich noch liebenswrdiger als vorher und gab viele Beweise seiner
Aufrichtigkeit und seines trefflichen Charakters; er ging krftig auf
Herrn Goljadkins vergngte Stimmung ein, schien sich nur ber dessen
Freude zu freuen und blickte ihn wie seinen wahren und einzigen
Wohltter an. Eine Feder und ein Blttchen Papier ergreifend, bat er
Herrn Goljadkin nicht zuzusehen, was er schreiben werde, und zeigte
dann, als er fertig war, selbst seinem Wirte alles, was er geschrieben
hatte. Es ergab sich, da es eine vierzeilige Strophe war, von sehr
gefhlvollem Inhalt, in schnem Stil und mit guter Handschrift
geschrieben und augenscheinlich von dem liebenswrdigen Gaste selbst
verfat. Die Verse lauteten:

   Solltest je du mein vergessen,
   Niemals doch verge ich dein;
   Viel begibt sich wohl im Leben,
   Doch vergi auch du nicht mein!

Mit Trnen in den Augen umarmte Herr Goljadkin seinen Gast, und nachdem
er seinen Gefhlen vllig freien Lauf gelassen hatte, weihte er selbst
seinen Gast in mehrere seiner Geheimnisse ein, wobei Andrei
Filippowitsch und Klara Olsufjewna die Hauptthemata waren. Na, du und
ich, wir passen zusammen, Jakow Petrowitsch, sagte unser Held zu seinem
Gaste; wir beide, Jakow Petrowitsch, wollen leben wie die Fische im
Wasser, wie zwei leibliche Brder; wir wollen List anwenden, Freundchen,
wollen zusammen List anwenden; wir wollen unsererseits eine Intrige
gegen sie einfdeln ... gegen sie eine Intrige einfdeln. Aber von denen
vertraue du dich niemandem an! Ich kenne dich ja, Jakow Petrowitsch, und
verstehe deinen Charakter; du erzhlst einem gleich alles; du bist eine
redliche Seele! Halte dich von denen allen fern, Bruder! Der Gast war
damit vllig einverstanden, dankte Herrn Goljadkin und vergo zuletzt
ebenfalls Trnen. Weit du was, lieber Jakow, sagte Herr Goljadkin mit
leiser, zitternder Stimme, zieh fr einige Zeit zu mir, oder auch fr
immer! Wir passen zusammen. Wie denkst du darber, Bruder? Rege dich
nicht darber auf und murre nicht darber, da zwischen uns jetzt ein so
sonderbares Verhltnis besteht; zu murren ist Snde, Bruder; die Natur
hat es so gewollt. Und Mutter Natur ist freigebig; ja, so ist es, Bruder
Jakow! Ich sage das, weil ich dich liebe, dich brderlich liebe. Aber
wir beide, lieber Jakow, wollen mit List verfahren und unsererseits
Minen anlegen und es ihnen gehrig besorgen. Von dem Punsche waren
schlielich drei, ja vier Glser auf jeden der beiden gekommen, und nun
wurde sich Herr Goljadkin zweier Empfindungen bewut: der einen, da er
auerordentlich glcklich sei, und der andern, da er nicht mehr auf den
Beinen stehen knne. Der Gast wurde selbstverstndlich eingeladen, dort
zu bernachten. Ein Bett wurde, so gut es ging, aus zwei Reihen von
Sthlen zusammengestellt. Herr Goljadkin der jngere sprach den Gedanken
aus, da man unter einem befreundeten Dache selbst auf dem nackten
Fuboden sanft schlafe; er jedenfalls werde, wo es sich auch trfe, mit
Ergebenheit und Dankbarkeit schlafen; jetzt fhle er sich wie im
Paradiese; er schlo mit der Bemerkung, er habe in seinem Leben viel
Unglck und Leid zu ertragen gehabt; alles habe er ruhig hingenommen und
geduldig ausgehalten, und wer kenne die Zukunft? Vielleicht werde er
noch mehr zu leiden haben. Herr Goljadkin der ltere machte dagegen
Einwendungen und wies darauf hin, da man all seine Hoffnung auf Gott
setzen msse. Der Gast stimmte ihm vllig bei und sagte, da natrlich
niemand so gut und mchtig sei wie Gott. Hier bemerkte Herr Goljadkin
der ltere, da die Trken in gewisser Hinsicht recht daran tten, den
Namen Gottes sogar im Schlafe anzurufen. Darauf uerte er, er sei mit
manchen Gelehrten nicht einverstanden, die gegen den trkischen
Propheten Mohammed allerlei Verleumdungen vorbrchten, erkannte ihn als
einen groen Politiker in seiner Art an und ging dann zu einer sehr
interessanten Beschreibung einer Barbierstube in Algier ber, von der er
in einem Bchelchen unter Allerlei gelesen hatte. Der Gast und der
Wirt lachten herzlich ber die Einfalt der Trken, konnten aber nicht
umhin, ihren durch das Opium hervorgerufenen Fanatismus zu bewundern ...
Der Gast begann endlich sich zu entkleiden, und Herr Goljadkin ging
hinaus hinter die Scheidewand, zum Teil aus Gutherzigkeit, um den Gast,
der vielleicht kein anstndiges Hemd anhabe, nicht in Verlegenheit zu
setzen, da er ohnehin schon genug gelitten habe, und zum andern Teil um
sich nach Mglichkeit Petruschkas zu vergewissern, ihn zu sondieren und
ihn wenn mglich durch freundliche Worte aufzuheitern, damit alle
glcklich wren und keine Spur von Verstimmung zurckbliebe. Es mu
bemerkt werden, da Herr Goljadkin sich immer noch ein wenig ber
Petruschka beunruhigte.

[Funote 3: Gemeint ist das berhmte Bild Der letzte Tag Pompejis,
jetzt im Russischen Museum Alexanders III. Anmerkung des bersetzers.]

[Funote 4: Das Pseudonym, unter dem der Schriftsteller Senkowski
mehrere Romane verffentlichte. Anmerkung des bersetzers.]

Lege dich jetzt schlafen, Petruschka! sagte Herr Goljadkin sanft,
indem er in die Abteilung seines Dieners hereintrat. Lege dich jetzt
schlafen, und morgen um acht Uhr wecke mich! Hrst du, Petruschka?

Herr Goljadkin sprach in auerordentlich mildem, freundlichem Tone. Aber
Petruschka schwieg. Er war in diesem Augenblick damit beschftigt, sein
Bett zu machen, und wendete sich nicht einmal zu seinem Herrn um, was er
doch schon aus Respekt gegen ihn htte tun mssen.

Hast du gehrt, was ich sage, Petruschka? fuhr Herr Goljadkin fort.
Lege dich jetzt schlafen, und morgen, Petruschka, wecke mich um acht
Uhr; verstehst du?

Ich werde schon daran denken; groe Sache! brummte Petruschka vor sich
hin.

Nun, nun, Petruschka; ich sage das ja nur so, damit auch du ruhig und
glcklich sein kannst. Siehst du, wir sind jetzt alle glcklich; da
mchte ich, da auch du ruhig und glcklich wrest. Jetzt aber wnsche
ich dir Gute Nacht. Schlaf dich aus, Petruschka, schlaf dich aus: es hat
ein jeder von uns seine Mhe und Arbeit ... Und weit du, lieber Freund,
mach dir keine Gedanken darber, da ...

Herr Goljadkin hatte den Satz angefangen, hielt dann aber inne. Sage
ich auch nicht zu viel? dachte er. Fordere ich auch nicht die Gefahr
heraus? So mache ich das immer; ich gehe immer zu weit. Unser Held
ging, sehr unzufrieden mit sich selbst, aus Petruschkas Raume hinaus.
Auerdem fhlte er sich durch Petruschkas Respektlosigkeit und Grobheit
etwas beleidigt. Man redet freundlich mit einem solchen Halunken, der
Herr erweist ihm eine Ehre, und er hat kein Gefhl dafr, dachte Herr
Goljadkin. brigens findet man diese gemeine Gesinnung bei dieser
ganzen Menschenklasse! Etwas schwankend kehrte er in das Zimmer zurck,
und da er sah, da sein Gast sich schon vollstndig hingelegt hatte,
setzte er sich fr einen Augenblick zu ihm auf das Bett. Aber das mut
du doch bekennen, lieber Jakow, begann er flsternd und mit dem Kopfe
wackelnd, du hast dich doch mir gegenber vergangen, du schndlicher
Mensch! Weit du, Namensvetter, du hast doch ... hm ... fuhr er in
familirem, scherzendem Tone fort. Nachdem er endlich freundschaftlich
seinem Gaste Gute Nacht gesagt hatte, schickte sich Herr Goljadkin an,
schlafen zu gehen. Der Gast schnarchte unterdessen schon. Herr Goljadkin
seinerseits begann sich ins Bett zu legen und flsterte dabei lchelnd
vor sich hin: Du bist heute betrunken, mein Tubchen, Jakow
Petrowitsch, du Lump, du armer Schlucker; da du ein armer Schlucker
bist, besagt ja schon dein Familienname!! Na, worber freust du dich
denn? Morgen wirst du ja weinen, du Plrrliese! Was soll ich mit dir
anfangen? Nun aber machte sich eine recht sonderbare Empfindung in
Herrn Goljadkins ganzem Wesen geltend, etwas, was mit Zweifel oder Reue
hnlichkeit hatte. Ich habe des Guten zuviel getan, dachte er; nun
brummt mir der Kopf, und ich bin betrunken; und du hast dich nicht
beherrschen knnen, du Dummkopf! Was hast du fr einen Haufen dummes
Zeug zusammengeschwatzt, und dabei mchtest du noch intrigieren, du
Halunke! Allerdings ist Beleidigungen zu verzeihen und zu vergessen die
erste Tugend; aber die Sache steht doch schlecht! Ja, so ist das! Hier
stand Herr Goljadkin auf, nahm das Licht und ging auf den Zehen noch
einmal hin, um seinen schlafenden Gast zu betrachten. Lange stand er in
tiefem Nachdenken ber ihn gebeugt da. Ein unangenehmes Bild! Der reine
Spott, der reine Spott; das steht fest!

Endlich legte sich Herr Goljadkin definitiv schlafen. In seinem Kopfe
brummte, sauste und summte es. Das Bewutsein schwand ihm ... Er machte
Anstrengungen, an etwas zu denken, sich an etwas sehr Interessantes zu
erinnern, eine sehr wichtige, heikle Frage zu lsen; aber er konnte es
nicht. Der Schlummer senkte sich auf sein armes Haupt herab, und er
schlief ein, wie gewhnlich Leute einschlafen, die nicht gewohnt sind,
bei einem freundschaftlichen abendlichen Zusammensein fnf Glser Punsch
zu trinken.




                              8. Kapitel


Wie gewhnlich erwachte Herr Goljadkin am andern Tage um acht Uhr;
nachdem er erwacht war, erinnerte er sich sogleich an alle Ereignisse
des gestrigen Abends; bei dieser Erinnerung runzelte er die Stirn. Wie
ein rechter Dummkopf habe ich mich gestern benommen! dachte er, whrend
er sich vom Bett erhob, und blickte nach dem Bette seines Gastes hin.
Aber wie gro war sein Erstaunen, als nicht nur der Gast, sondern sogar
auch das Bett, auf dem der Gast geschlafen hatte, aus dem Zimmer
verschwunden war! Was stellt das vor? schrie Herr Goljadkin beinah
laut auf. Wie geht das zu? Was hat jetzt dieses neue Ereignis zu
bedeuten? Whrend Herr Goljadkin noch verstndnislos mit offenem Munde
nach dem leeren Fleck hinsah, knarrte die Tr, und Petruschka kam mit
dem Teebrett herein. Wo ist er, wo ist er? fragte unser Held kaum
hrbar und zeigte mit dem Finger nach der Stelle hin, die gestern dem
Gaste angewiesen worden war. Petruschka gab zuerst keine Antwort und sah
seinen Herrn sogar nicht einmal an, sondern wandte seine Augen nach der
Ecke rechts, so da Herr Goljadkin selbst gentigt war, nach der Ecke
rechts hinzublicken. Nach einigem Stillschweigen indes antwortete
Petruschka grob mit heiserer Stimme: Der Herr ist nicht zu Hause.

Du Dummkopf! Ich bin ja doch dein Herr, Petruschka! stotterte Herr
Goljadkin und sah seinen Diener mit weit geffneten Augen an.

Petruschka antwortete nichts, blickte aber Herrn Goljadkin so an, da
dieser bis ber die Ohren errtete; denn dieser beleidigende,
vorwurfsvolle Blick konnte die Stelle eines wirklichen Schimpfwortes
vertreten. Herr Goljadkin streckte die Waffen. Endlich erklrte
Petruschka, der andere sei schon vor anderthalb Stunden weggegangen
und habe nicht warten wollen. Diese Antwort klang allerdings
wahrscheinlich und glaubwrdig; es war klar, da Petruschka nicht log,
und da sein beleidigender Blick und der von ihm gebrauchte Ausdruck
der andere nur eine Folge des ganzen bekannten widerwrtigen Umstandes
waren; aber dennoch verstand Herr Goljadkin, wenn auch nur undeutlich,
da da etwas nicht geheuer war, und da das Schicksal fr ihn noch
irgendeine nicht ganz angenehme Gabe bereit hielt. Nun gut, wir werden
sehen, dachte er bei sich; wir werden seinerzeit das alles
durchschauen ... Ach, Herr du mein Gott, sthnte er zum Schlusse in
ganz anderem Tone, warum habe ich ihn eingeladen? Wozu habe ich das
getan? Ich stecke ihnen ja selbst meinen Kopf in die Schlinge und ziehe
die Schlinge selbst zu! Ach, du Dummkopf, du Dummkopf! Da du doch auch
gar nicht das Maul halten kannst; nein, du mut dich verplappern wie so
ein dummer Junge, wie ein Kanzlist, wie ein Plebejer ohne Rang und
Wrden, wie ein jmmerlicher Waschlappen, du Schwtzer, du altes Weib!
... All ihr Heiligen! Und sogar Verse hat er geschrieben, der Gauner,
und mir seine Liebe erklrt! Wie knnte ich nun, hm ... Wie knnte ich
nun dem Gauner in anstndiger Manier die Tr weisen, wenn er
wiederkommt? Es gibt ja da natrlich viele verschiedene Redewendungen
und Hilfsmittel. Ich knnte sagen: >So und so, bei meinem geringen
Gehalte ...< Oder ich knnte ihm Bange machen und sagen: >In Erwgung
dieses und dieses Umstandes sehe ich mich gentigt, Ihnen mitzuteilen,
da Sie die Kosten der Wohnung und der Bekstigung zur Hlfte tragen und
das Geld im voraus zahlen mssen.< Hm! nein, hol's der Teufel, nein! Das
wrde meine Ehre beflecken. Das ist nicht recht zartfhlend! Vielleicht
knnte ich es so machen: ich knnte Petruschka instruieren, da er ihn
irgendwie rgern, ihn nachlssig und grob behandeln solle, und ihn mir
auf diese Art vom Halse schaffen? Ich mte sie so zusammenhetzen ...
Nein, hol's der Teufel, nein! Das ist gefhrlich, und ferner, wenn man
es aus einem andern Gesichtspunkte betrachtet ... es ist ganz und gar
nicht schn! Ganz und gar nicht schn! Aber wenn er nun nicht wieder
herkommt? Auch das wre bel! Ich habe ihm gestern abend gar zu viel
ausgeschwatzt! ... Ach, schlimm, schlimm! Ach, wie schlimm steht meine
Sache! Ach, ich Dummkopf, ich verdammter Dummkopf! Kannst du nicht
lernen, wie du dich benehmen mut? Kannst du nicht endlich zur Vernunft
kommen? Na, wenn er nun aber herkommt und absagt? Ach, gebe Gott, da er
kme! Ich wrde sehr froh sein, wenn er kme ... So berlegte Herr
Goljadkin, whrend er seinen Tee trank und fortwhrend nach der Wanduhr
blickte. Jetzt ist es drei Viertel auf neun; nun ist es Zeit zu gehen.
Aber was wird nun geschehen? Was wird mir passieren? Ich mchte gern
wissen, was sich da eigentlich Besonderes hinter dem Vorhang verbirgt,
was fr Absichten und Plne sie haben, und was fr Steine sie mir in den
Weg werfen wollen. Es wre gut, wenn ich erfahren knnte, was fr ein
Ziel eigentlich diese ganze Bande im Auge hat, und welches der erste
Schritt ist, den sie unternehmen wollen ... Herr Goljadkin konnte es
nicht lnger aushalten; er warf die noch nicht ausgerauchte Pfeife hin,
zog sich an und ging in den Dienst, um womglich die Gefahr aufzudecken
und sich ber alles durch seine persnliche Anwesenheit Gewiheit zu
verschaffen. Aber Gefahr war vorhanden: das wute er selbst, da Gefahr
vorhanden war. Aber auch diese Nu werden wir schon knacken! sagte
Herr Goljadkin, indem er den Mantel und die berschuhe im Vorzimmer
ablegte; nun werden wir all diese Dinge sofort durchschauen. Nachdem
er in dieser Weise zu handeln beschlossen hatte, machte unser Held
seinen Anzug zurecht, nahm eine wohlanstndige Dienstmiene an und wollte
eben in das anstoende Zimmer treten, als pltzlich gerade in der Tr
sein Bekannter und Freund von gestern mit ihm zusammenstie. Herr
Goljadkin der jngere schien Herrn Goljadkin den lteren nicht zu
bemerken, obwohl sich beinahe ihre Nasen berhrten. Herr Goljadkin der
jngere war, wie es schien, sehr beschftigt, hatte es eilig,
irgendwohin zu kommen, und war auer Atem; er hatte eine solche Amts-
und Geschftsmiene, da, wie es schien, jeder auf seinem Gesichte lesen
konnte: Mit einem besonderen Auftrage betraut ...

Ach, Sie sind es, Jakow Petrowitsch! sagte unser Held und ergriff
seinen gestrigen Gast am Arme.

Spter, spter! Entschuldigen Sie mich; sagen Sie mir spter, was Sie
wnschen! rief Herr Goljadkin der jngere, indem er vorwrts strebte.

Aber erlauben Sie, Jakow Petrowitsch; ich meine, Sie wollten ... hm
...

Was gibt's denn? Sagen Sie schneller, was Sie wnschen!

Hier blieb Herrn Goljadkins gestriger Gast, anscheinend nur ungern und
mit groem Widerstreben, stehen und hielt sein Ohr Herrn Goljadkin
gerade an die Nase.

Ich mu Ihnen sagen, Jakow Petrowitsch, da ich ber Ihr Benehmen
erstaunt bin ... ein Benehmen, wie ich es ja wohl nicht erwarten
konnte.

Alles hat seine gewiesene Form. Melden Sie sich bei dem Sekretr Seiner
Exzellenz, und wenden Sie sich dann, wie es in der Ordnung ist, an den
Herrn Kanzleivorsteher. Haben Sie eine Bittschrift? ...

Sie ... ich wei gar nicht, Jakow Petrowitsch ... Sie setzen mich
einfach in Verwunderung, Jakow Petrowitsch! Sie erkennen mich gewi
nicht, oder Sie machen infolge Ihres angeborenen heiteren Temperamentes
einen Scherz.

Ah, Sie sind es! erwiderte Herr Goljadkin der jngere, als wenn er
Herrn Goljadkin den lteren eben erst erkannt htte. Also Sie sind es?
Na also, haben Sie gut geschlafen?

Hier lchelte Herr Goljadkin der jngere ein wenig; aber er lchelte in
einer amtlichen, frmlichen Manier und durchaus nicht so, wie es sich
gehrt htte, da er doch jedenfalls Herrn Goljadkin dem lteren zu Dank
verpflichtet war; und nachdem er so in amtlicher, frmlicher Manier
gelchelt hatte, fgte er hinzu, er seinerseits freue sich sehr, da
Herr Goljadkin gut geschlafen habe. Dann verbeugte er sich ein wenig,
trippelte ein wenig an ein und derselben Stelle umher, blickte nach
rechts und nach links, schlug darauf die Augen zu Boden, richtete sie
nach der Seitentr, und nachdem er hastig flsternd bemerkt hatte, er
habe einen besonderen Auftrag, schlpfte er in das Nachbarzimmer und war
verschwunden.

Ist das eine tolle Geschichte! ... flsterte unser Held, der einen
Augenblick ganz starr war; ist das eine tolle Geschichte! Was soll das
nur vorstellen? ... Herr Goljadkin hatte ein Gefhl, als ob ihm Ameisen
ber den ganzen Leib liefen. brigens, fuhr er im stillen fort,
whrend er in sein Dienstlokal ging, brigens habe ich so etwas ja
schon lange gesagt; ich habe schon lange geahnt, da er mit besonderen
Auftrgen werde betraut werden ... gerade gestern habe ich gesagt, da
er unzweifelhaft ein Mensch sei, den man zu besonderen Auftrgen
gebrauchen werde.

Haben Sie Ihr gestriges Aktenstck fertiggestellt, Jakow Petrowitsch?
fragte Anton Antonowitsch Sjetotschkin Herrn Goljadkin, als dieser sich
neben ihn setzte. Haben Sie es hier?

Jawohl, erwiderte Herr Goljadkin flsternd und sah seinen
Tischvorsteher mit etwas verwirrter Miene an.

Nun gut! Ich erkundige mich deswegen danach, weil Andrei Filippowitsch
schon zweimal danach gefragt hat. Seine Exzellenz kann das Aktenstck
jeden Augenblick verlangen ...

Es ist fertig.

Na, das ist schn!

Anton Antonowitsch, ich meine, ich habe meine Pflicht immer
ordnungsmig erfllt, und ich freue mich ber die Auftrge, die mir von
meinen Vorgesetzten erteilt werden und erledige sie mit aller Sorgfalt.

Jawohl. Nun, was wollen Sie denn damit sagen?

Nichts Besonderes, Anton Antonowitsch. Ich mchte nur bemerken, Anton
Antonowitsch, da ich ... d. h. ich wollte sagen, da belwollen und
Neid tglich ihre widerwrtige Nahrung suchen und niemanden verschonen
...

Entschuldigen Sie, ich verstehe Sie nicht ganz. Das heit, wen meinen
Sie denn mit Ihren Andeutungen?

Das heit, ich wollte nur sagen, Anton Antonowitsch, da ich meinen
geraden Weg gehe und es verachte, Schleichwege zu benutzen, da ich kein
Intrigant bin, und da ich, wenn anders es mir erlaubt ist, dies
auszusprechen, mit gutem Grunde darauf stolz sein darf ...

Jawohl. Alles ganz richtig, und ich stimme Ihrer Meinung aus voller
berzeugung bei; aber gestatten Sie auch mir, Ihnen zu bemerken, Jakow
Petrowitsch, da persnliche Anzglichkeiten in guter Gesellschaft nicht
erlaubt sind. Was man hinter meinem Rcken von mir sagt, das will ich
gern ertragen; denn auf wen wird nicht hinter seinem Rcken geschimpft?
Aber ins Gesicht (nehmen Sie es mir nicht bel!) lasse ich mir keine
Grobheiten sagen, mein Herr. Ich bin im Staatsdienst grau geworden, mein
Herr, und lasse mir auf meine alten Tage keine Grobheiten sagen ...

Nein, Anton Antonowitsch, ich ... Sehen Sie doch, Anton Antonowitsch,
Sie haben mich, wie es scheint, nicht ganz verstanden, Anton
Antonowitsch. Aber ich bitte Sie, Anton Antonowitsch, ich kann es mir
meinerseits nur zur Ehre anrechnen ...

Nun bitte ich aber, auch mich zu entschuldigen. Ich habe meine
Lebensart noch nach der alten Mode gelernt. Nach Ihrer neuen Mode
umzulernen, damit ist es fr mich zu spt. Fr den Dienst des
Vaterlandes hat mein Verstand bisher, wie es scheint, ausgereicht. Ich
besitze, wie Sie selbst wissen, mein Herr, das Ehrenzeichen fr
fnfundzwanzigjhrige vorwurfsfreie dienstliche Ttigkeit ...

Ich empfinde das alles ... ich empfinde das alles meinerseits
vollkommen, Anton Antonowitsch. Aber davon redete ich nicht; ich sprach
von der Maske, Anton Antonowitsch ...

Von der Maske?

Das heit, Sie scheinen wieder ... ich frchte, da Sie auch hier
wieder den Sinn unrichtig auffassen, das heit den Sinn meiner Worte,
wie Sie selbst sagen, Anton Antonowitsch. Ich behandle nur das Thema,
das heit, ich stelle den Gedanken hin, Anton Antonowitsch, da die
Menschen, die eine Maske tragen, heutzutage recht hufig geworden sind,
und da es jetzt schwer ist, unter der Maske einen Menschen zu erkennen
...

Na, wissen Sie, so schwer ist das nun gerade nicht. Manchmal ist es
sogar ganz leicht, und manchmal braucht man gar nicht weit zu suchen.

Nein, wissen Sie, Anton Antonowitsch, ich sage ... ich sage von mir
selbst, da ich z. B. eine Maske nur anlege, wenn es ntig ist, d. h.
einzig und allein beim Karneval und in frhlicher Gesellschaft, im
eigentlichen Sinne gesprochen, da ich aber nicht vor den Leuten alle
Tage mit einer Maske umherlaufe, in einem andern, bertragenen Sinne
gesagt. Das war's, was ich sagen wollte, Anton Antonowitsch.

Na, wir wollen von dieser ganzen Sache vorlufig abbrechen, und ich fr
meine Person habe auch keine Zeit mehr, erwiderte Anton Antonowitsch,
erhob sich von seinem Platze und suchte einige Aktenstcke zum Vortrage
bei Seiner Exzellenz zusammen. Ihre Angelegenheit wird, wie ich
annehme, bald und rechtzeitig zur Klarheit gelangen. Dann werden Sie
selbst sehen, gegen wen Sie Ihre Vorwrfe zu richten und wen Sie
anzuklagen haben, und deshalb bitte ich Sie ganz ergebenst, mich mit
weiteren privaten Errterungen und Gesprchen, die der dienstlichen
Ttigkeit Eintrag tun, zu verschonen ...

Nein, Anton Antonowitsch, rief Herr Goljadkin, der ein wenig bla
geworden war, dem sich Entfernenden nach, nein, Anton Antonowitsch, so
etwas ist mir nicht in den Sinn gekommen! -- Was stellt das vor? fuhr
unser Held, nachdem er allein geblieben war, im Selbstgesprche fort;
was weht hier auf einmal fr ein Wind, und was bedeutet dieser neue
Winkelzug? In demselben Augenblicke, als unser bestrzter,
fassungsloser Held sich anschickte, eine Antwort auf diese neue Frage zu
suchen, lie sich von dem Nachbarzimmer her Gerusch hren, eine Art von
geschftlicher Bewegung wurde wahrnehmbar, die Tr ffnete sich, und
Andrei Filippowitsch, der kurz vorher in dienstlicher Angelegenheit in
das Arbeitszimmer Seiner Exzellenz gegangen war, erschien atemlos in der
Tr und rief Herrn Goljadkin. Dieser, der wute, um was es sich
handelte, und Andrei Filippowitsch nicht warten lassen wollte, sprang
von seinem Platze auf, beeilte sich pflichtgem aufs uerste, das
verlangte Schriftstck endgltig zurechtzumachen und in Ordnung zu
bringen, sowie auch sich selbst instand zu setzen, um sich mit dem
Schriftstck und mit Andrei Filippowitsch in das Arbeitszimmer Seiner
Exzellenz zu begeben. Auf einmal schlpfte, beinahe unter Andrei
Filippowitschs Armen hindurch, der whrenddessen gerade in der Tr
stand, Herr Goljadkin der jngere ins Zimmer, geschftig, atemlos,
amtseifrig, mit wichtiger, streng dienstlicher Miene, und strzte
geradeswegs auf Herrn Goljadkin den lteren los, der auf nichts weniger
als auf einen solchen berfall gefat war ...

Die Papiere, Jakow Petrowitsch, die Papiere ... Seine Exzellenz hat
danach gefragt; haben Sie sie auch in Bereitschaft? schnatterte der
Freund Herrn Goljadkins des lteren halblaut und hastig. Andrei
Filippowitsch wartet auf Sie ...

Das wei ich auch ohne Sie, da er auf mich wartet, erwiderte Herr
Goljadkin der ltere ebenfalls eilig und flsternd.

Nein, Jakow Petrowitsch, ich bin nicht so; ich bin durchaus nicht so,
Jakow Petrowitsch; ich bin Ihnen zugetan, Jakow Petrowitsch, und von
herzlicher Teilnahme erfllt.

Mit dieser Teilnahme bitte ich Sie ergebenst mich zu verschonen.
Erlauben Sie, erlauben Sie ...

Sie mssen selbstverstndlich einen Umschlag herummachen, Jakow
Petrowitsch, und bei der dritten Seite ein Lesezeichen einlegen;
erlauben Sie, Jakow Petrowitsch ...

So erlauben Sie doch endlich ...

Aber da ist ja ein Tintenfleck, Jakow Petrowitsch; haben Sie nicht den
Tintenfleck bemerkt?

Hier rief Andrei Filippowitsch Herrn Goljadkin zum zweiten Male.

Sofort, Andrei Filippowitsch; ich mchte nur noch einen Augenblick ...
es ist hier ... Mein Herr, verstehen Sie nicht Russisch?

Das beste wird sein, ihn mit dem Federmesser zu beseitigen, Jakow
Petrowitsch; berlassen Sie es lieber mir; rhren Sie ihn lieber nicht
selbst an, Jakow Petrowitsch, sondern berlassen Sie es mir! Ich will
selbst mit dem Federmesser ...

Andrei Filippowitsch rief Herrn Goljadkin zum dritten Male.

Aber ich bitte Sie, wo ist denn da ein Tintenfleck? Soweit ich sehe,
ist ja berhaupt keiner da!

Und sogar ein gewaltiger Tintenfleck! Da ist er! Da, erlauben Sie, hier
habe ich ihn gesehen, da, erlauben Sie mir, Jakow Petrowitsch; ich will
ihn hier mit dem Federmesser ... ich tue es aus Teilnahme, Jakow
Petrowitsch ... ich will mit dem Federmesser in bester Absicht ... sehen
Sie so; es wird sofort erledigt sein ...

In einem ganz kurzen Kampfe, der zwischen ihnen entstand, berwltigte
Herr Goljadkin der jngere Herrn Goljadkin den lteren und bemchtigte
sich dann pltzlich ganz unerwartet ohne weiteres und jedenfalls ganz
gegen den Willen seines Gegners des von dem Vorgesetzten verlangten
Schriftstckes; statt aber mit dem Federmesser in bester Absicht daran
zu radieren, wie er Herrn Goljadkin dem lteren lgnerischerweise
versichert hatte, rollte er es schnell zusammen, schob es unter den Arm,
befand sich in zwei Sprngen neben Andrei Filippowitsch, der von seinen
Kniffen nichts bemerkt hatte, und eilte mit diesem in das Arbeitszimmer
des Direktors hinein. Herr Goljadkin der ltere blieb wie angenagelt an
seinem Fleck stehen, in der Hand das Federmesser, wie wenn er sich
anschickte, etwas damit zu radieren ...

Unser Held verstand sein neues Erlebnis noch nicht ganz. Er war noch
nicht zur Besinnung gekommen. Er fhlte den Schlag, berlegte aber noch,
was dieser zu bedeuten habe. In furchtbarer, unbeschreiblicher Erregung
ri er sich endlich von seinem Platze los und strmte davon, geradeswegs
in der Richtung nach dem Arbeitszimmer des Direktors, wobei er unterwegs
den Himmel anflehte, da alles dies sich doch noch gut gestalten und
weiter nichts zu bedeuten haben mge ... In dem letzten Zimmer vor dem
Arbeitszimmer des Direktors rannte er Nase gegen Nase mit Andrei
Filippowitsch und seinem Namensvetter zusammen. Diese kamen beide
bereits zurck; Herr Goljadkin trat zur Seite. Andrei Filippowitsch
redete lchelnd und heiter. Herrn Goljadkins des lteren Namensvetter
lchelte ebenfalls, fuchsschwnzelte, trippelte in respektvoller
Entfernung von Andrei Filippowitsch einher und flsterte ihm mit
entzckter Miene etwas ins Ohr, worauf Andrei Filippowitsch sehr
wohlwollend mit dem Kopfe nickte. Nun verstand unser Held auf einmal die
Lage der Dinge. Die Sache war die, da seine Arbeit (wie er spter
erfuhr) die Erwartungen Seiner Exzellenz beinah bertroffen hatte und
wirklich zum festgesetzten Termine rechtzeitig fertig geworden war.
Seine Exzellenz war auerordentlich zufrieden gewesen. Es verlautete
sogar, Seine Exzellenz habe Herrn Goljadkin dem jngeren seinen Dank,
seinen warmen Dank ausgesprochen und gesagt, er werde sich bei
vorkommender Gelegenheit dessen erinnern und es nicht vergessen ...
Natrlich war Herrn Goljadkins erste Regung, Protest einzulegen, mit
aller Macht Protest einzulegen, bis an die uersten Grenzen der
Mglichkeit. Fast ohne von sich selbst zu wissen und bla wie der Tod
strzte er zu Andrei Filippowitsch hin. Aber als dieser hrte, da es
sich um eine Privatsache Herrn Goljadkins handle, weigerte er sich, sie
anzuhren, indem er in entschiedenem Tone bemerkte, er habe sogar fr
seine eigenen notwendigen Angelegenheiten keine freie Minute.

Die Trockenheit des Tones und die Schrfe der Zurckweisung befremdeten
Herrn Goljadkin. Es wird das beste sein, wenn ich die Sache von einer
anderen Seite versuche ... ich will lieber zu Anton Antonowitsch gehen.

Zu Herrn Goljadkins Unglck war auch Anton Antonowitsch nicht anwesend;
auch er war irgendwo anders irgendwie beschftigt! Also hat er mich
nicht ohne Absicht ersucht, ihn mit Errterungen und Gesprchen zu
verschonen! dachte unser Held. Darauf hat er abgezielt, der alte
Fuchs! Wenn's so ist, dann mu ich einfach wagen, mich mit meiner Bitte
an Seine Exzellenz zu wenden.

Immer noch bla und mit dem Gefhl, da sein Kopf sich in arger
Verwirrung befinde, und sehr unsicher, wozu er sich eigentlich
entschlieen solle, setzte sich Herr Goljadkin auf seinen Stuhl. Es
wre weit besser, wenn die ganze Sache eine harmlose Aufklrung fnde,
dachte er unaufhrlich fr sich. In der Tat, eine derartige dunkle
Geschichte ist ganz unglaublich. Erstens ist es dummes Zeug, und
zweitens kann es sich gar nicht begeben. Es ist wahrscheinlich nur so
eine Einbildung von mir gewesen; oder die Sache hat ganz anders
ausgesehen, als sie sich tatschlich verhielt; oder ich bin gewi selbst
hingegangen ... und habe mich da irgendwie fr einen ganz anderen
gehalten ... Kurz, es ist eine ganz wunderliche Geschichte.

Gerade in dem Augenblicke, als Herr Goljadkin zu dem Schlusse gelangt
war, da dies eine ganz wunderliche Geschichte sei, kam pltzlich Herr
Goljadkin der jngere ins Zimmer geflogen, mit Akten in beiden Hnden
und unter dem Arme. Nachdem er im Vorbeigehen ein paar notwendige Worte
zu Andrei Filippowitsch gesprochen, mit noch jemandem ein bichen
geredet, einem andern ein paar Liebenswrdigkeiten gesagt und zu noch
einem andern einige familire Bemerkungen gemacht hatte, schickte Herr
Goljadkin der jngere, der vermutlich keine berflssige Zeit zu
verschwenden hatte, sich anscheinend schon an, das Zimmer zu verlassen;
aber zum Glcke fr Herrn Goljadkin den lteren blieb er gerade in der
Tr stehen und redete im Vorbeigehen mit zwei oder drei zufllig dort
stehenden jungen Beamten. Herr Goljadkin der ltere strzte geradeswegs
auf ihn los. Kaum hatte Herr Goljadkin der jngere dieses Manver des
lteren Herrn Goljadkin bemerkt, als er sofort in grter Unruhe um sich
zu schauen begann, wohin er wohl mglichst schnell verschwinden knne.
Aber unser Held hatte seinen Gast vom vorhergehenden Tage schon beim
rmel gefat. Die Beamten, die um die beiden Titularrte herumstanden,
traten auseinander und warteten neugierig, was nun kommen werde. Der
alte Titularrat wute sehr genau, da die allgemeine Meinung nicht auf
seiner Seite war; er wute sehr genau, da gegen ihn intrigiert wurde;
um so mehr mute er jetzt seinen Platz behaupten. Der entscheidende
Augenblick war da.

Nun? sagte Herr Goljadkin der jngere, indem er Herrn Goljadkin den
lteren ziemlich dreist ansah.

Herr Goljadkin der ltere konnte kaum atmen.

Ich wei nicht, mein Herr, begann er, wie ich mir jetzt Ihr
sonderbares Benehmen gegen mich erklren soll.

Schn! Fahren Sie fort! Dabei blickte Herr Goljadkin der jngere rings
um sich und blinzelte den Beamten, die um sie herumstanden, zu, wie wenn
er ihnen zu verstehen geben wollte, da jetzt gleich eine Komdie
beginnen werde.

Die Dreistigkeit und Unverschmtheit Ihres Benehmens gegen mich im
jetzigen Augenblick dienen noch mehr zu Ihrer berfhrung, mein Herr,
als alle meine Worte. Hoffen Sie nicht, Ihr Spiel zu gewinnen; Ihr Spiel
steht schlecht ...

Nun, Jakow Petrowitsch, dann sagen Sie mir doch einmal: wie haben Sie
geschlafen? antwortete Herr Goljadkin der jngere und blickte Herrn
Goljadkin dem lteren dabei gerade in die Augen.

Sie vergessen sich, mein Herr, sagte der Titularrat ganz verwirrt; er
fhlte kaum noch den Boden unter seinen Fen. Ich hoffe, da Sie Ihren
Ton ndern werden ...

Mein liebes Seelchen! versetzte Herr Goljadkin der jngere, indem er
Herrn Goljadkin dem lteren eine ungezogene Grimasse schnitt und ihm auf
einmal ganz unerwartet in Form einer Liebkosung mit zwei Fingern an die
ziemlich fleischige rechte Backe griff. Unser Held fuhr auf wie eine
Feuerflamme ... Kaum bemerkte der Freund des lteren Herrn Goljadkin,
da sein Gegner, an allen Gliedern zitternd, sprachlos vor Entrstung,
rot wie ein Krebs und bis zum uersten gebracht, nahe daran war, sich
zu einem physischen Angriff zu entschlieen, als er ihm unverzglich in
der unverschmtesten Weise seinerseits zuvorkam. Nachdem er ihm noch ein
paarmal auf die Backe geklopft, ihn noch ein paarmal gekitzelt und so
den vor Wut Tollen und Regungslosen noch einige Sekunden lang zu nicht
geringer Belustigung der umherstehenden jungen Leute geneckt hatte,
versetzte Herr Goljadkin der jngere mit emprender Unverschmtheit zu
guter Letzt Herrn Goljadkin dem lteren einige Stber auf das dralle
Buchlein und sagte boshaft lchelnd und mit einer versteckten
Anspielung zu ihm: Was machst du fr Streiche, Brderchen Jakow
Petrowitsch, was machst du fr Streiche! Du hast mir ja vorgeschlagen,
wir beide wollten zusammen intrigieren, Jakow Petrowitsch! Dann, ehe
unser Held noch von dem letzten Angriffe ein wenig hatte zu sich kommen
knnen, nahm Herr Goljadkin der jngere auf einmal, nachdem er die
umherstehenden Zuschauer durch ein leises Lcheln darauf vorbereitet
hatte, eine sehr geschftige, eifrige Dienstmiene an, schlug die Augen
zur Erde nieder, krmmte sich zusammen, sagte eilig: In besonderem
Auftrage!, schlug mit seinem kurzen Beinchen aus und huschte in das
anstoende Zimmer. Unser Held traute seinen Augen nicht und konnte immer
noch nicht recht zur Besinnung kommen.

Endlich gelang es ihm, seine Gedanken wieder zu sammeln. Nachdem es ihm
in einem Augenblicke zum Bewutsein gekommen war, da er zugrunde
gerichtet und in gewissem Sinne vernichtet sei, da er seine Ehre
befleckt und seinen Ruf besudelt habe, da er in Gegenwart fremder
Personen verhhnt und verspottet sei, da ihn verrterischerweise
derjenige beschimpft habe, den er noch gestern fr seinen besten,
zuverlssigsten Freund gehalten hatte, und da er sich schlielich
bodenlos blamiert habe: da strzte Herr Goljadkin davon, um seinen Feind
zu verfolgen. An die Zeugen seiner Beschimpfung mochte er im
gegenwrtigen Augenblicke gar nicht denken. Die stecken alle unter
einer Decke, sagte er bei sich; einer hilft dem andern, und einer
hetzt den andern gegen mich auf. Als er indessen zehn Schritte gemacht
hatte, sah unser Held ein, da die ganze Verfolgung unntz und
vergeblich sein werde, und kehrte daher wieder um. Du wirst mir nicht
entgehen! dachte er; du wirst seinerzeit schon deine Strafe erhalten;
die Trnen der Schafe werden dem Wolfe teuer zu stehen kommen. Mit
grimmiger Kaltbltigkeit und der energischsten Entschlossenheit ging
Herr Goljadkin zu seinem Stuhle und setzte sich hin. Du wirst mir nicht
entgehen! sagte er noch einmal. Jetzt handelte es sich fr ihn nicht
mehr um passive Verteidigung; nein, er war zu krftiger Offensive
entschlossen, und wer Herrn Goljadkin in diesem Augenblicke sah, wie er,
mit rotem Kopfe und kaum seine Aufregung bemeisternd, mit der Feder in
das Tintenfa fuhr, und mit welcher Wut er sich daran machte, die Worte
auf das Papier zu werfen, der konnte schon im voraus erkennen, da die
Sache keinen harmlosen Ausgang nehmen werde und nicht wie ein einfaches
Weibergeznk enden knne. In der Tiefe seiner Seele fate er einen
Entschlu, und in der Tiefe seines Herzens schwur er sich, ihn
auszufhren. Allerdings wute er noch nicht ganz genau, wie er dabei
verfahren solle, d. h. richtiger gesagt, er wute es berhaupt nicht;
aber das war gleichgltig, das machte nichts aus! Annahme eines
falschen Namens und unverschmtes Benehmen, mein Herr, verhelfen in
unserem Zeitalter nicht zum Erfolge. Annahme eines falschen Namens und
unverschmtes Benehmen, mein Herr, fhren zu nichts Gutem, sondern
bringen zu Schaden. Grischka Otrepjew[5] war der einzige, der durch
Annahme eines falschen Namens etwas erreichte, indem er das blinde Volk
tuschte, mein Herr, und auch das dauerte nicht lange. Trotz dieses
letzteren Umstandes beschlo Herr Goljadkin noch so lange zu warten, bis
die Maske von einigen Gesichtern abfallen und dies und das zur Klarheit
gelangen werde. Dazu war zunchst ntig, da die Bureaustunden mglichst
bald zu Ende gingen, und bis dahin beschlo unser Held nichts zu
unternehmen. Dann aber, wenn die Bureaustunden zu Ende wren, dann,
sagte er sich, werde er seine Maregeln ergreifen. Dann werde er wissen,
wie er bei der Durchfhrung dieser Maregeln zu verfahren habe, wie er
seinen ganzen Operationsplan entwerfen msse, um das Horn des Stolzes zu
zerbrechen und die Schlange zu zertreten, die sich von Moder nhrt und
den Kraftlosen verachtet. Da man ihn beschmutzte wie einen Lappen, an
dem man sich die unsauberen Stiefel abwischt, das konnte Herr Goljadkin
nicht dulden. Dazu konnte er seine Einwilligung nicht geben, und
besonders nicht in dem jetzt vorliegenden Falle. Htte die letzte
Beschimpfung nicht stattgefunden, so htte unser Held sich vielleicht
dazu entschlossen, seinem Herzen Zwang anzutun, er htte sich vielleicht
dazu entschlossen, zu schweigen, sich zu fgen und nicht allzu
hartnckig zu protestieren; er htte dann wohl ein bichen gestritten,
sich ein bichen beklagt, htte bewiesen, da er im Rechte sei; dann
htte er ein bichen nachgegeben; dann htte er vielleicht noch ein
bichen nachgegeben; dann htte er ganz zugestimmt; dann, namentlich
wenn die Gegenpartei feierlich erklrt htte, da er im Rechte sei,
htte er sich vielleicht sogar vershnt, wre ein bichen gerhrt
geworden; es wre vielleicht sogar (wer htte es wissen knnen?) eine
neue Freundschaft erwachsen, eine feste, warme Freundschaft, noch
herzlicher als die gestrige Freundschaft, so da durch diese
Freundschaft schlielich die Unannehmlichkeit einer recht unziemlichen
hnlichkeit der beiden Personen ganz bertnt worden wre und die beiden
Titularrte hchst vergngt gewesen wren und bis zum Alter von hundert
Jahren zusammen htten leben knnen usw. Sprechen wir schlielich alles
aus: Herr Goljadkin begann sogar, es ein bichen zu bereuen, da er fr
sich und sein Recht eingetreten war und sich dadurch sofort eine
Unannehmlichkeit zugezogen hatte. Wenn er klein beigbe, dachte Herr
Goljadkin, wenn er sagte, da er nur gescherzt habe, dann wrde ich ihm
verzeihen und um so eher, wenn er das laut eingestnde. Aber ich lasse
mich nicht wie einen alten Lappen beschmutzen. Ganz anderen Leuten habe
ich nicht gestattet, mich zu beschmutzen; um so weniger werde ich
erlauben, da ein so heruntergekommener Mensch das versucht. Ich bin
kein alter Lappen, mein Herr! ich bin kein alter Lappen! Kurz, unser
Held hatte seinen Entschlu gefat. Sie selbst, mein Herr, tragen die
Schuld! Er hatte sich dazu entschlossen, Protest einzulegen, mit aller
Macht Protest einzulegen, bis an die uersten Grenzen der Mglichkeit.
Das lag nun einmal in seinem Charakter! Da man ihn beleidige, das
konnte er unter keinen Umstnden dulden, und noch weniger konnte er
erlauben, da man ihn wie einen alten Lappen beschmutze, und am
wenigsten konnte er das einem ganz heruntergekommenen Menschen erlauben.
Wir wollen brigens nicht streiten, wir wollen nicht streiten. Wenn z.
B. jemand Lust gehabt, ein starkes Verlangen versprt htte, Herrn
Goljadkin in einen alten Lappen zu verwandeln, so wre ihm das
vielleicht gelungen, und er htte ihn, ohne Widerstand zu finden,
ungestraft in einen solchen verwandelt (Herr Goljadkin fhlte das
manchmal selbst), und es wre ein alter Lappen als Herrn Goljadkins
Nachfolger herausgekommen, ein gemeiner, schmutziger, alter Lappen; aber
das wre kein gewhnlicher alter Lappen gewesen, sondern ein alter
Lappen mit Ehrgefhl, ein alter Lappen mit Begeisterung und
Empfindsamkeit, wenn auch mit stummem Ehrgefhl und mit stummer
Empfindsamkeit; und wenn auch diese Empfindsamkeit tief in den
schmutzigen Falten dieses alten Lappens verborgen gewesen wre,
vorhanden wre sie doch gewesen.

[Funote 5: Der falsche Demetrius. Anmerkung des bersetzers.]

Die Stunden dauerten unglaublich lange; endlich schlug es vier. Gleich
darauf standen alle auf und begaben sich, dem Vorgange ihres
Vorgesetzten folgend, zu sich nach Hause. Herr Goljadkin mischte sich
unter den Schwarm; seine Augen waren wachsam und lieen denjenigen, auf
den er es abgesehen hatte, nicht aus der Acht. Endlich sah unser Held,
da sein Freund zu den Kanzleidienern hinlief, die die Mntel
austeilten, und nach seiner hlichen Gewohnheit in Erwartung des
seinigen um sie herumschwnzelte. Dies war der entscheidende Augenblick.
Herr Goljadkin drngte sich, so gut es ging, durch den Schwarm hindurch
und bemhte sich, um nicht zurckzubleiben, ebenfalls um seinen Mantel.
Aber dem Freunde des Herrn Goljadkin wurde der seinige zuerst gereicht,
weil er es auch hier fertig brachte in seiner Weise sich
einzuschmeicheln, den Liebenswrdigen zu spielen, verbindlich zu
flstern und sich unwrdig zu benehmen.

Nachdem Herr Goljadkin der jngere seinen Mantel umgeworfen hatte, sah
er Herrn Goljadkin den lteren ironisch an, mit der unverhohlenen,
dreisten Absicht, ihn zu rgern; dann blickte er mit der ihm eigenen
Frechheit rings um sich, trippelte zu guter Letzt noch einmal bei den
andern Beamten umher, wahrscheinlich um einen vorteilhaften Eindruck zu
hinterlassen, sagte dem einen ein freundliches Wort, flsterte einem
andern etwas zu, widmete einem dritten eine Respektsbezeigung,
spendierte einem vierten ein Lcheln, gab einem fnften die Hand und
schlpfte vergngt die Treppe hinunter. Herr Goljadkin der ltere eilte
hinter ihm her, holte ihn zu seiner grten Freude noch auf der letzten
Stufe ein und fate ihn am Mantelkragen. Herr Goljadkin der jngere
schien ein wenig zu erschrecken und blickte betroffen rings um sich.

Wie soll ich das auffassen? flsterte er endlich Herrn Goljadkin mit
schwacher Stimme zu.

Mein Herr, wenn Sie berhaupt ein anstndiger Mensch sind, so hoffe
ich, Sie werden sich an unsere gestrigen freundschaftlichen Beziehungen
erinnern, sagte unser Held.

Ah, ja! Nun also: haben Sie gut geschlafen?

Die Wut benahm Herrn Goljadkin dem lteren fr einen Augenblick die
Sprache.

Ich habe allerdings gut geschlafen ... Aber erlauben Sie mir, Ihnen zu
sagen, mein Herr, da Ihr Spiel grndlich verdorben ist ...

Wer sagt das? Das sagen meine Feinde, antwortete kurz derjenige, der
sich Herr Goljadkin nannte, und befreite sich bei diesen Worten
unerwartet aus den schwachen Hnden des wirklichen Herrn Goljadkin.
Nachdem er sich befreit hatte, eilte er hinaus, blickte um sich, sah
eine Droschke, lief zu ihr hin, setzte sich hinein und war im nchsten
Augenblicke den Augen Herrn Goljadkins des lteren entschwunden.
Verzweifelt und von allen verlassen schaute der Titularrat sich nach
allen Seiten um; aber es war keine andere Droschke da. Er machte den
Versuch zu laufen; aber die Beine versagten ihm den Dienst. Mit
niedergeschlagener Miene und offenem Munde, sich kraftlos
zusammenkrmmend, lehnte er sich wie vernichtet an einen Laternenpfahl
und blieb so einige Minuten lang auf dem Trottoir stehen. Man konnte
glauben, da es mit Herrn Goljadkin vllig aus sei.




                              9. Kapitel


Alles, sogar die Natur selbst, schien sich gegen Herrn Goljadkin
verschworen zu haben; aber er stand noch auf seinen Fen und war noch
nicht besiegt; er fhlte, da er nicht besiegt war. Er war bereit,
weiter zu kmpfen. Als er nach der ersten Betubung wieder zur Besinnung
kam, rieb er sich mit einem solchen Gefhl der Energie die Hnde, da
man schon bei seinem bloen Anblick zu dem Schlusse kommen konnte, er
werde nicht nachgeben. brigens war die Gefahr ihm nahe auf den Leib
gerckt und offensichtlich geworden; auch dies fhlte Herr Goljadkin;
aber wie sollte er ihr begegnen, dieser Gefahr? Das war die Frage. Fr
einen Augenblick scho Herrn Goljadkin sogar folgender Gedanke durch den
Kopf: Wie wr's, wenn ich die ganze Sache laufen liee und einfach
verzichtete? Was wre dabei? Na, gar nichts. Ich werde still fr mich
leben, als ob ich es gar nicht wre, dachte Herr Goljadkin; ich werde
alles fahren lassen; ich bin es nicht, Punktum. Er wird ebenfalls still
fr sich leben und vielleicht auch verzichten; er wird scherwenzeln, der
Halunke, wird scherwenzeln und sich hin und her drehen; aber er wird
doch verzichten. So mu es gemacht werden! Ich werde durch Demut siegen.
Und wo ist denn eine Gefahr? Nun, was fr eine Gefahr besteht denn? Ich
mchte wohl, da mir jemand nachwiese, wo bei dieser Angelegenheit eine
Gefahr steckt. Das Ganze ist eine Lumperei, eine ganz gewhnliche
Geschichte! ... Hier stockte Herr Goljadkin in seinen berlegungen; die
Worte erstarben ihm auf der Zunge; er schalt sich sogar fr diesen
Gedanken aus und klagte sich niedriger Gesinnung und arger Feigheit
wegen dieses Gedankens an; aber seine Sache kam trotzdem nicht vom
Fleck. Er fhlte, da es im gegenwrtigen Augenblicke fr ihn dringend
notwendig war, sich zu irgend etwas zu entschlieen; er hatte sogar die
Empfindung, da er demjenigen viel geben wrde, der ihm sagte, wozu er
sich eigentlich entschlieen msse. Na, aber wie sollte er das erraten?
brigens hatte er auch keine Zeit, sich mit Raten abzugeben. Auf jeden
Fall nahm er, um keine Zeit zu verlieren, eine Droschke und fuhr schnell
nach Hause. Nun? Wie fhlst du dich jetzt? dachte er bei sich; wie
ist dir jetzt zumute, Jakow Petrowitsch? Was wirst du machen? Was wirst
du jetzt anfangen, du Schuft, du Halunke? Da hast du dich nun in die
rgste Lage gebracht, und jetzt weinst du, jetzt winselst du! So
verhhnte Herr Goljadkin sich selbst, whrend er auf dem Sitze der
rttelnden und stoenden Equipage seines Rosselenkers auf- und
niederhpfte. Sich zu verhhnen und in dieser Weise seine Wunden
aufzureien war in diesem Augenblicke fr Herrn Goljadkin eine Art von
hohem Genusse, ja beinah eine Wonne. Na, wenn jetzt, dachte er,
irgendein Zauberer kme oder es sich auf amtlichem Wege so gestaltete,
da man mir sagte: >Goljadkin, gib einen Finger von deiner rechten Hand
her, dann sollst du quitt sein; es soll dann keinen andern Goljadkin
geben, und du wirst glcklich sein; nur den Finger wirst du nicht mehr
haben,< -- dann wrdest du den Finger hingeben; du wrdest ihn unbedingt
hingeben, wrdest ihn hingeben, ohne die Stirn zu runzeln. Hol der
Teufel diese ganze Geschichte! rief der verzweifelte Titularrat
schlielich. Wozu ist denn das alles passiert? Da das alles auch
passieren mute, gerade das, ausgerechnet das, als ob nicht irgend etwas
anderes htte passieren knnen! Und alles war vorher gut; alle waren
zufrieden und glcklich; aber nein, es mute dies passieren! brigens
ist mit Worten dabei nicht zu helfen. Da mu gehandelt werden!

So hatte Herr Goljadkin, als er seine Wohnung betrat, sich schon beinah
zu irgend etwas entschlossen; ohne zu zaudern griff er nach seiner
Pfeife, und aus Leibeskrften daran saugend und Rauchwolken nach rechts
und links ausstoend, begann er in groer Aufregung in seinem Zimmer hin
und her zu laufen. Unterdessen fing Petruschka an, den Tisch zu decken.
Endlich war Herr Goljadkin mit seinem Entschlusse ins reine gekommen; er
warf pltzlich die Pfeife hin, zog sich den Mantel an, sagte, er werde
nicht zu Hause zu Mittag essen, und lief aus der Wohnung. Auf der Treppe
holte ihn Petruschka ganz atemlos ein, der den von ihm vergessenen Hut
in der Hand hielt. Herr Goljadkin nahm den Hut hin und wollte sich so
obenhin mit ein paar Worten vor Petruschka entschuldigen, damit dieser
nicht auf irgendwelche besonderen Gedanken kme (er wollte sagen, es sei
etwas Derartiges vorgefallen, da es einem leicht passieren knne, den
Hut zu vergessen usw.); aber da Petruschka ihn nicht einmal ansehen
mochte, sondern sogleich wieder wegging, so setzte auch Herr Goljadkin
ohne weitere Auseinandersetzungen seinen Hut auf und lief die Treppe
hinunter. Er sagte sich, vielleicht werde alles sich gut gestalten und
die Sache sich irgendwie zurechtschieben, und obwohl er die erfrorenen
Stellen an seinen Fersen unangenehm fhlte, trat er auf die Strae
hinaus, nahm sich eine Droschke und fuhr schnell zu Andrei
Filippowitsch. Wre es brigens nicht besser, es bis morgen zu lassen?
dachte Herr Goljadkin, whrend er nach dem Klingelzuge an Andrei
Filippowitschs Entreetr griff. Was habe ich ihm denn auch eigentlich
Besonderes zu sagen? Etwas Besonderes liegt hier berhaupt nicht vor.
Die Sache ist ja so jmmerlich, wirklich jmmerlich, ekelhaft, d. h.
beinah ekelhaft ... so wie dies alles, dieser ganze Vorfall ...
Pltzlich zog Herr Goljadkin an dem Klingelzuge; die Klingel ertnte;
von innen wurden Schritte vernehmbar ... Nun verwnschte Herr Goljadkin
sich geradezu wegen seiner bereilung und Dreistigkeit. Die
Unannehmlichkeiten, die er vor kurzem gehabt, aber ber den amtlichen
Dingen beinahe vergessen hatte, und sein Rencontre mit Andrei
Filippowitsch kamen ihm jetzt sofort wieder ins Gedchtnis. Aber zum
Davonlaufen war es bereits zu spt: die Tr wurde geffnet. Zu Herrn
Goljadkins Glcke wurde ihm geantwortet, da Andrei Filippowitsch nicht
vom Dienst nach Hause gekommen sei und nicht zu Hause zu Mittag gegessen
habe. Ich wei, wo er zu Mittag gegessen hat; er pflegt bei der
Ismailowski-Brcke zu Mittag zu essen, dachte unser Held und freute
sich gewaltig. Auf die Frage des Dieners, wen er seinem Herrn als
dagewesen melden solle, erwiderte er: Schon gut; ich werde spter noch
einmal wiederkommen, mein Freund! und lief sogar mit einer gewissen
Munterkeit die Treppe hinab. Als er auf die Strae hinaustrat, entschied
er sich dafr, den Wagen zu entlassen und den Kutscher abzulohnen. Als
der Kutscher um ein Trinkgeld bat, mit der Begrndung: Ich habe lange
warten mssen, mein Herr, und habe meinen Traber fr Euer Gnaden nicht
geschont, da gab er ihm auch fnf Kopeken Trinkgeld, und sogar recht
gern; er selbst ging zu Fu.

Die Sache ist allerdings von der Art, dachte Herr Goljadkin, da man
sie nicht so weitergehen lassen darf; indessen, wenn man es berlegt, so
recht berlegt, warum soll man sich denn eigentlich deswegen Mhe
machen? Na ja, ich will nur sagen, warum soll ich mir deswegen Mhe
machen? Warum soll ich mich plagen, mich qulen, mich peinigen, mir das
Leben verderben? Erstens ist die Sache einmal geschehen und lt sich
nicht ungeschehen machen ... nein, ungeschehen lt sie sich nicht
machen! Erwgen wir sie einmal so: da erscheint ein Mensch ... es
erscheint ein Mensch mit ausreichender Empfehlung; es heit darin, er
sei ein brauchbarer Beamter, habe sich gut gefhrt; er ist nur arm
und hat allerlei Unannehmlichkeiten auszustehen gehabt, so
Klatschgeschichten und Znkereien; na, Armut ist ja keine Schande. Also
was geht mich die Sache an? In der Tat, was ist das fr dummes Zeug? Na,
da trifft es sich nun, da dieser Mensch so gestaltet ist, von der Natur
selbst so gestaltet ist, da er einem andern Menschen so hnlich sieht
wie ein Ei dem andern, da er die vollkommene Kopie eines andern
Menschen ist; soll er nun deswegen bei der Behrde keine Aufnahme
finden? Wenn das Schicksal, wenn einzig und allein das Schicksal, wenn
einzig und allein der blinde Zufall daran schuld ist, soll man ihn dann
miachten wie einen alten Lappen und ihm nicht gestatten, ein Amt zu
verwalten ... wo bleibt da bei solchem Verfahren die Gerechtigkeit? Er
ist ein armer, verstrter, verngstigter Mensch; das Herz tut einem weh
bei seinem Anblick; das Mitleid gebietet, da man sich seiner annimmt!
Ja! Das mu man sagen, das wre eine nette Obrigkeit, wenn sie darber
so dchte wie ich herzloser Mensch! Nein, was habe ich fr einen Kopf!
Manchmal haben zehn Dummheiten zugleich darin Platz! Nein, nein! Sie
haben gut getan, und es gebhrt ihnen Dank dafr, da sie sich des armen
Teufels angenommen haben ... Na ja, allerdings, zum Beispiel, da wir so
hnlich sind, da wir eine solche zwillingshafte hnlichkeit haben, das
ist eine tolle Geschichte! Aber, was ist dabei? Einfach gar nichts! Die
Beamten knnen sich alle daran gewhnen; und ein Fremder, der in unser
Bureau kommt, wird gewi in einem solchen Umstande nichts Unziemliches
und Anstiges finden. Es ist sogar gewissermaen etwas Rhrendes dabei;
er wird sich sagen: >Was liegt da fr ein schner Gedanke zugrunde? Die
gttliche Vorsehung hat zwei ganz hnliche Menschen geschaffen, und die
edeldenkende Behrde hat sich, da sie sah, was die gttliche Vorsehung
getan hat, der beiden Zwillinge angenommen.< Das ist gewi, fuhr Herr
Goljadkin fort, indem er tief Atem holte und die Stimme ein wenig
senkte, das ist gewi, das beste wre es, wenn all das nicht
existierte, wenn nichts Rhrendes da wre und auch keine Zwillinge ...
Hole der Teufel diese ganze Geschichte! Und wozu war das denn ntig? Was
war denn fr eine besondere, keinen Aufschub vertragende Notwendigkeit
vorhanden? Herr du mein Gott! Was hat uns da der Teufel fr eine Grtze
gekocht! Und dabei hat dieser Mensch so einen Charakter, so ein
spahaftes, unangenehmes Wesen, ein solcher Schuft ist er, eine solche
Wetterfahne, ein Liebediener und Schmarotzer, so ein echter Goljadkin!
Am Ende wird er sich gar noch schlecht fhren und meinen Familiennamen
beflecken, der Schurke! Da heit es nun jetzt auf ihn aufpassen, ihn
beaufsichtigen! Ach, ist das eine Heimsuchung! brigens wieso denn? Es
ist ja doch gar nicht ntig! Na, wenn er ein Schuft ist, dann mag er in
Gottes Namen ein Schuft sein; aber dafr ist der andere ein ehrenwerter
Mensch. Na, wenn er nun ein Schuft sein wird, ich aber ehrenwert, dann
werden sie sagen: >Dieser Goljadkin hier ist ein Schuft; um den mu man
sich nicht kmmern und darf ihn nicht mit dem andern verwechseln; der
andere aber ist ehrenwert, tugendhaft, sanft, gutmtig, durchaus
zuverlssig im Dienst und eines Avancements wrdig. So ist das!< Na, gut
... aber wie, hm ... Aber wie werden sie, hm ... und sie werden uns doch
verwechseln! Es sieht ihm ganz hnlich, da er es darauf anlegt! Ach du
mein Herrgott! ... Und er gibt sich fr einen andern Menschen aus, gibt
sich fr einen andern Menschen aus, dieser Schuft; als ob der andere ein
alter Lappen wre, gibt er sich fr ihn aus und bedenkt nicht, da ein
Mensch kein alter Lappen ist. Ach du mein Herrgott! Ist das ein Unglck!
...

Unter solchen berlegungen und Wehklagen lief Herr Goljadkin dahin, ohne
auf den Weg zu achten, und beinah ohne selbst zu wissen, wohin. Erst auf
dem Newski-Prospekte kam er zu sich, und zwar nur infolge des zuflligen
Umstandes, da er mit einem Passanten so geschickt und krftig
zusammenstie, da beiden die Funken aus den Augen sprhten. Herr
Goljadkin murmelte, ohne den Kopf in die Hhe zu heben, eine
Entschuldigung, und erst als der andere, der etwas nicht sehr
Schmeichelhaftes zurckgemurmelt hatte, sich bereits in betrchtlicher
Entfernung befand, richtete er den Kopf auf und sah sich um, wo er denn
sei. Als er dabei bemerkte, da er sich gerade vor dem Restaurant
befand, in dem er sich zur Vorbereitung auf das Diner bei Olsufi
Iwanowitsch erholt hatte, fhlte unser Held auf einmal ein Kneifen und
Zwicken im Magen und erinnerte sich, da er noch nicht zu Mittag
gegessen hatte und nirgends zum Diner eingeladen war; ohne daher seine
kostbare Zeit zu verlieren, lief er die Treppe zum Restaurant hinauf, um
in aller Geschwindigkeit einen Bissen zu genieen und mglichst bald
wieder fortzugehen. Und obgleich in dem Restaurant alles ein bichen
teuer war, so lie sich Herr Goljadkin doch durch diesen unbedeutenden
Umstand diesmal nicht zurckschrecken; er hatte keine Zeit, sich mit so
unwichtigen Dingen aufzuhalten. In einem hellerleuchteten Zimmer stand
eine ziemlich dichte Schar von Gsten um das Bfett herum, auf welchem
eine Menge all solcher Speisen stand, wie sie von gutsituierten Leuten
als Vorgericht genossen werden. Der Bfettkellner hatte alle Hnde voll
zu tun mit Einschenken, Hinreichen, Geldnehmen und -herausgeben. Herr
Goljadkin wartete ein Weilchen, bis er herankonnte, und streckte dann
bescheiden seine Hand nach einer kleinen Fischpastete aus. Darauf ging
er in eine Ecke, wendete den Anwesenden den Rcken zu, a mit gutem
Appetite, kehrte dann wieder zu dem Bfettkellner zurck, stellte das
Tellerchen auf den Tisch, zog, da er den Preis kannte, ein
Zehnkopekenstck heraus und legte es auf den Schenktisch, wobei er den
Blick des Kellners auffing, um ihn zu bedeuten: Hier liegt das Geld;
eine Pastete.

Sie haben einen Rubel zehn Kopeken zu zahlen, sagte der Kellner
mrrisch.

Herr Goljadkin war hchst erstaunt.

Meinen Sie mich? ... Ich ... ich habe ja wohl nur eine Pastete
genommen.

Sie haben elf genommen, erwiderte der Kellner im Tone sicherer
berzeugung.

Sie irren sich wohl ... meines Erachtens irren Sie sich ... Ich habe ja
wohl wirklich nur eine Pastete genommen.

Ich habe gezhlt; Sie haben elf Stck genommen. Da Sie sie genommen
haben, mssen Sie sie auch bezahlen; umsonst wird bei uns nichts
verabfolgt.

Herr Goljadkin war wie betubt. Was widerfhrt mir da fr eine
Zauberei? dachte er. Unterdessen wartete der Kellner auf Herrn
Goljadkins Entschlu; man umdrngte neugierig Herrn Goljadkin; dieser
griff schon in die Tasche, um einen Rubel herauszuholen und unverzglich
zu bezahlen und nur ja keine Snde auf sein Gewissen zu laden. Na, wenn
es elf Stck gewesen sind, meinetwegen! dachte er und wurde rot wie ein
Krebs. Na, was ist denn dabei, da jemand elf Pasteten gegessen hat?
Der Mensch ist eben hungrig gewesen, und da hat er elf Pasteten
gegessen; mge es ihm wohl bekommen; zu wundern ist dabei nichts und
auch nichts zu lachen ... Auf einmal war es Herrn Goljadkin, als ob er
einen Stich bekme; er blickte auf und verstand mit einem Male das
Rtsel, begriff die ganze Zauberei; mit einem Male waren alle Zweifel
gelst ... In der nach dem anstoenden Zimmer fhrenden Tr, fast gerade
hinter dem Rcken des Bfettkellners und mit dem Gesichte nach Herrn
Goljadkin zu, in dieser Tr, die unser Held brigens bis dahin fr einen
Spiegel gehalten hatte, stand ein Mensch -- stand er, stand Herr
Goljadkin selbst -- nicht der alte Herr Goljadkin, nicht der Held
unserer Erzhlung, sondern der andere Herr Goljadkin, der neue Herr
Goljadkin. Dieser andere Herr Goljadkin befand sich anscheinend in ganz
vorzglicher Stimmung. Er lchelte Herrn Goljadkin den ersten an, nickte
ihm mit dem Kopfe zu, blinzelte mit den Augen, trippelte ein bichen mit
den Fen und nahm eine Haltung an, als ob er, sobald es ntig wre,
Reiaus nehmen wolle, in das anstoende Zimmer und dann vielleicht durch
den hinteren Ausgang und so weiter, wobei dann alle Verfolgung
vergeblich sein mute. In der Hand hatte er das letzte Stck der zehnten
Fischpastete, das er vor den Augen des Herrn Goljadkin, vor Vergngen
schmatzend, in seinen Mund schob. Er hat sich fr mich ausgegeben, der
Schurke, dachte Herr Goljadkin und fuhr vor Emprung auf wie eine
Feuerflamme. Er hat sich vor der ffentlichkeit nicht gescheut! Ob man
ihn wohl sieht? Wie es scheint, bemerkt ihn niemand ... Herr Goljadkin
warf einen Rubel hin, als htte er sich an ihm die Finger verbrannt, und
ohne des Bfettkellners vielsagendes, dreistes Lcheln, ein Lcheln des
Triumphes und ruhigen Machtbewutseins, zu beachten, arbeitete er sich
durch die Menge hindurch und strmte hinaus, ohne sich umzusehen. Gott
sei Dank, da er mich nicht noch viel rger kompromittiert hat! dachte
der ltere Herr Goljadkin. Dank dem Verfahren des Gauners und dank dem
Geschick ist alles noch gut abgelaufen. Nur der Kellner war ein bichen
grob. Aber das durfte er; er war ja in seinem Rechte! Er hatte einen
Rubel zehn zu bekommen; also war er in seinem Rechte. Er sagte: >Umsonst
wird bei uns nichts verabfolgt.< Er htte nur etwas hflicher sein
sollen, der Schlingel! ...

All dies sagte sich Herr Goljadkin, whrend er die Treppe hinunterstieg
und auf die Stufen vor der Haustre trat. Auf der letzten Stufe indes
blieb er wie angenagelt stehen und errtete auf einmal so stark, da ihm
in einem Anfalle von gekrnktem Ehrgefhl sogar die Trnen in die Augen
traten. Nachdem er etwa eine halbe Minute wie ein Pfahl dort gestanden
hatte, stampfte er auf einmal entschlossen mit dem Fue auf, sprang mit
einem Satze auf die Strae hinunter und rannte, ohne sich umzusehen,
atemlos, ohne Mdigkeit zu verspren, zu sich nach Hause nach der
Schestilawotschnaja-Strae. Zu Hause lie er sich nicht einmal Zeit,
seinen Uniformrock auszuziehen (ganz gegen seine Gewohnheit, es sich zu
Hause bequem zu machen), ja er nahm nicht einmal zur Vorbereitung die
Pfeife zur Hand, sondern setzte sich sofort aufs Sofa, zog sich das
Tintenfa heran, ergriff eine Feder, suchte sich einen Bogen Briefpapier
heraus und machte sich daran, mit einer Hand, die vor innerer Aufregung
zitterte, das nachstehende Schreiben aufs Papier zu werfen:

   Mein geehrter Herr,
   Jakow Petrowitsch!

Ich wrde nicht die Feder ergreifen, wenn mich nicht meine Lage und Sie
selbst, mein Herr, dazu zwngen. Glauben Sie mir, da nur die
Notwendigkeit mich dazu gebracht hat, mit Ihnen in derartige
Errterungen einzutreten, und daher bitte ich Sie vor allen Dingen,
dieses mein Verfahren nicht als wohlberlegte Absicht, Sie, mein Herr,
zu beleidigen, sondern vielmehr als die notwendige Folge der jetzt
zwischen uns bestehenden Beziehungen aufzufassen.

Es scheint, so ist es gut, anstndig und hflich, wiewohl nicht ohne
Kraft und Festigkeit? ... Ich mchte meinen, er hat keinen Anla, sich
dadurch beleidigt zu fhlen. Zudem bin ich in meinem Rechte, dachte
Herr Goljadkin, indem er das Geschriebene durchlas.

Ihr unerwartetes, seltsames Erscheinen, mein Herr, in jener strmischen
Nacht, nachdem meine Feinde, deren Namen ich aus Verachtung gegen sie
verschweige, sich so roh und unanstndig gegen mich benommen hatten, war
der Keim aller der Miverstndnisse, die gegenwrtig zwischen uns
bestehen. Ihr hartnckiges Verlangen, mein Herr, Ihren Willen
durchzusetzen und gewaltsam in den Kreis meines Daseins und aller meiner
Lebensverhltnisse einzudringen, berschreitet alle Grenzen, die schon
durch die Hflichkeit und die einfachste gesellschaftliche
Rcksichtnahme gezogen sind. Ich glaube, ich brauche hier nicht daran zu
erinnern, mein Herr, wie Sie mir mein Aktenstck und meinen eigenen
ehrlichen Namen entwendet haben, um von der vorgesetzten Behrde ein Lob
einzuernten, das Sie nicht verdienten. Ich brauche hier auch nicht daran
zu erinnern, da Sie absichtlich in beleidigender Form es ablehnten,
sich auf die bei diesem Falle ntig gewordenen Auseinandersetzungen
einzulassen. Um schlielich alles zu sagen, erwhne ich auch Ihr letztes
seltsames, ja, man kann sagen, unbegreifliches Verhalten mir gegenber
im Kaffeehause nicht. Weit entfernt, mich darber zu beklagen, da ich
einen Rubel unntz ausgegeben habe, kann ich doch nicht umhin, meine
ganze Entrstung zum Ausdruck zu bringen bei der Erinnerung an Ihr
offenkundiges Attentat auf meine Ehre, mein Herr, und noch dazu in
Gegenwart mehrerer Personen, die mir zwar unbekannt sind, aber viel gute
Lebensart besitzen ...

Gehe ich auch nicht zu weit? berlegte Herr Goljadkin. Wird das auch
nicht zu stark sein? Ist das auch nicht zu beleidigend, diese Hindeutung
auf die gute Lebensart zum Beispiel? ... Na, es schadet nichts! Man mu
ihm Charakterfestigkeit zeigen. brigens kann man ihm zur Besnftigung
ein bichen schmeicheln und ihm zum Schlu etwas Honig um den Mund
streichen. Nun, wir wollen sehen!

Aber ich wrde Sie, mein Herr, mit meinem Briefe nicht belstigen, wenn
ich nicht fest berzeugt wre, da der Edelmut Ihrer Herzensempfindungen
und Ihr offener, gerader Charakter Ihnen selbst die Mittel zeigen
werden, alle begangenen Versehen wieder gutzumachen und alles in den
frheren Stand zurckzuversetzen.

Ich bin der festen Hoffnung und berzeugung, da Sie meinem Briefe
nicht eine fr Sie beleidigende Deutung geben werden, und gleichzeitig,
da Sie sich nicht weigern werden, ber diesen Fall eine eingehende
briefliche Erklrung abzugeben. Mein Diener hat Auftrag, diese
zurckzubringen.

In dieser Erwartung, mein Herr, habe ich die Ehre, zu sein

                                                Ihr ergebenster Diener
                                                        J. Goljadkin.

Na, so ist alles schn! Die Sache ist besorgt; es ist also schon zu
brieflichen Auseinandersetzungen gekommen. Aber wer ist daran schuld? Er
ist selbst daran schuld; er selbst versetzt einen Mitmenschen in die
Notwendigkeit, briefliche Erklrungen zu verlangen. Und ich bin in
meinem Rechte ...

Nachdem Herr Goljadkin den Brief zum letzten Male durchgelesen hatte,
faltete er ihn zusammen, siegelte ihn zu und rief Petruschka. Petruschka
erschien, nach seiner Gewohnheit mit verschlafenen Augen und sehr
rgerlicher Miene.

Nimm diesen Brief hier, mein Lieber ... verstehst du? Petruschka
schwieg.

Nimm ihn und trage ihn nach der Kanzlei; da suche den dejourierenden
Beamten, den Gouvernementssekretr Wachramejew. Wachramejew hat heute
Dejour. Verstehst du auch?

Ja.

>Ja<! Kannst du nicht sagen: >Jawohl, Herr<? Frage nach dem Sekretr
Wachramejew und sage ihm: >So und so, mein Herr lt sich Ihnen
empfehlen und bittet Sie ganz ergebenst, in dem Adressenverzeichnis
unserer Behrde nachzusehen, wo der Titularrat Goljadkin wohnt.<

Petruschka schwieg, und es kam Herrn Goljadkin so vor, als ob er
lchelte.

Na, also erkundige dich bei ihm nach der Adresse und bringe in
Erfahrung, wo der neueingetretene Beamte Goljadkin wohnt!

Sehr wohl.

Frage nach der Adresse und bestelle dann diesen Brief an die Adresse;
verstehst du?

Ja.

Wenn du da bist ... nmlich da, wo du den Brief hintrgst, dann wird
der Herr, dem du diesen Brief abgibst, also Herr Goljadkin ... Was
lachst du denn, du Tlpel?

Worber sollte ich lachen? Was geht's mich an? Ich kmmere mich um
nichts. Unsereiner hat nichts zu lachen ...

Na also, wenn der Herr dich fragen sollte, wie es deinem Herrn geht,
wie er sich befindet, und so weiter ... na, irgend so etwas wird er dich
wohl fragen, -- dann schweige du und antworte: >Meinem Herrn geht es
ganz gut, und er lt Sie um eine eigenhndige Antwort bitten.<
Verstehst du?

Jawohl, Herr!

Na also, sage: >Meinem Herrn geht es ganz gut, und er ist gesund, und
er wird gleich einer Einladung Folge leisten; aber Sie lt er um eine
briefliche Antwort bitten.< Verstehst du?

Ja.

Na, dann geh!

Nein, was hat man mit diesem Dummkopf fr Mhe! Er lacht sich was;
weiter kann er nichts. Worber lacht er denn? Was habe ich mit ihm schon
fr rger erlebt! brigens wird es sich vielleicht noch gut gestalten
... Dieser Schurke wird sich jetzt gewi ein paar Stunden lang
herumtreiben und irgendwohin verschwinden ... Man kann ihn nirgends
hinschicken. Ist das ein Elend! ... Dieses Elend ist doch gar zu arg
geworden!

So von dem Gefhle seines Unglcks ganz erfllt, entschlo sich unser
Held, sich in Erwartung der Rckkehr Petruschkas zwei Stunden lang
passiv zu verhalten. Etwa eine Stunde lang ging er im Zimmer auf und ab
und rauchte; dann warf er die Pfeife beiseite und setzte sich mit einem
Buche hin; dann legte er sich auf das Sofa; dann griff er wieder zur
Pfeife; dann fing er wieder an im Zimmer hin und her zu laufen. Er
wollte nachdenken; aber ber irgend etwas nachzudenken war er
schlechterdings auerstande. Schlielich stieg die Pein dieses seines
passiven Zustandes bis zum uersten Grade, und Herr Goljadkin entschlo
sich, lieber etwas Bestimmtes zu tun. Petruschka wird erst nach einer
Stunde zurckkommen, dachte er; ich kann den Schlssel dem Hausknecht
geben und selbst unterdessen, hm, hm ... ich will die Sache untersuchen,
will meinerseits die Sache untersuchen. Ohne Zeit zu verlieren, ergriff
Herr Goljadkin, der es eilig hatte, die Sache zu untersuchen, seinen
Hut, verlie das Zimmer, schlo die Wohnung zu, ging zum Hausknecht
heran, hndigte ihm den Schlssel nebst einem Zehnkopekenstck ein (Herr
Goljadkin war auerordentlich freigebig geworden) und machte sich auf
den Weg dahin, wohin er sich zu begeben vorhatte. Herr Goljadkin ging zu
Fu, zuerst nach der Ismailowski-Brcke. Dieser Weg dauerte ungefhr
eine halbe Stunde. Als er zum Ziele seiner Wanderung gelangt war, ging
er geradezu auf den Hof des ihm wohlbekannten Hauses und sah zu den
Fenstern der Wohnung des Staatsrates Berendejew hinauf. Auer drei
Fenstern, die mit roten Vorhngen verhngt waren, waren alle brigen
dunkel. Olsufi Iwanowitsch hat heute gewi keine Gste, dachte Herr
Goljadkin; sie sitzen gewi jetzt alle allein zu Hause. Nachdem er
einige Zeit auf dem Hofe gestanden hatte, war unser Held schon im
Begriffe, sich zu etwas zu entschlieen. Aber es war seinem Entschlusse
anscheinend nicht beschieden, zustande zu kommen. Herr Goljadkin wurde
anderen Sinnes, machte eine resignierende Handbewegung und ging wieder
zurck auf die Strae. Nein, ich htte nicht hierher gehen sollen. Was
kann ich denn hier tun? ... Ich will jetzt lieber ... hm ... und die
Sache in eigener Person untersuchen. Nachdem Herr Goljadkin diesen
Entschlu gefat hatte, machte er sich auf den Weg nach seinem Bureau.
Der Weg war nicht nah, und berdies war ein furchtbarer Schmutz, und
feuchter Schnee fiel in ganz dicken Flocken. Aber fr unsern Helden
schien es jetzt keine Hindernisse zu geben. Er wurde allerdings ganz
durchnt und gehrig schmutzig; aber er sagte sich: Das geht nun alles
in einem hin; dafr werde ich meinen Zweck erreicht haben. Und wirklich
nherte sich Herr Goljadkin schon seinem Ziele. Die dunkle Masse des
riesigen staatlichen Gebudes hob sich schon in der Ferne vor ihm ab.
Halt! dachte er, wohin gehe ich denn, und was will ich hier tun?
Allerdings werde ich in Erfahrung bringen, wo er wohnt; aber unterdessen
ist Petruschka gewi schon zurckgekommen und hat mir eine Antwort
gebracht. Ich verliere nur unntz meine kostbare Zeit; ich habe so schon
viel Zeit verloren. Na, es tut nichts; das lt sich alles noch wieder
gutmachen. Aber soll ich wirklich nicht zu Wachramejew herangehen? Na,
ich will es nicht tun. Ich kann es ja auch spter noch tun ... Ach! Ich
htte berhaupt nicht auszugehen brauchen. Aber das liegt nun einmal in
meinem Charakter! Das ist so ein Drang bei mir: ob es nun ntig ist oder
nicht, immer strebe ich danach, schnell vorzugehen ... Hm! ... Was mag
die Uhr sein? Es ist gewi schon neun. Petruschka kommt vielleicht
zurck und findet mich dann nicht zu Hause. Ich habe eine arge Dummheit
damit begangen, da ich ausgegangen bin ... Ach wahrhaftig, das ist eine
schwere Aufgabe!

Nachdem er sich auf diese Art aufrichtig gestanden hatte, da er eine
arge Dummheit begangen habe, lief unser Held wieder zurck nach seiner
Wohnung in der Schestilawotschnaja-Strae. Er langte dort mde und matt
an. Schon von dem Hausknechte erfuhr er, da von Petruschka noch nichts
zu sehen gewesen sei. Na ja! Das habe ich mir doch gedacht! sagte sich
unser Held; und dabei ist es schon neun Uhr. Nein, was ist er fr ein
Taugenichts! Immer mu er sich irgendwo betrinken! Herr du mein Gott!
Ist das ein Unglckstag fr mich! Unter solchen Gedanken und Wehklagen
schlo Herr Goljadkin seine Wohnung auf, machte Licht, zog sich ganz
aus, zndete sich eine Pfeife an, legte sich erschpft, mde, wie
zerschlagen und hungrig auf das Sofa und wartete auf Petruschka. Die
Kerze brannte trbe; der Lichtschein zitterte an den Wnden ... Herr
Goljadkin schaute und schaute, dachte und dachte und versank endlich in
einen totenhnlichen Schlaf.

Als er erwachte, war es schon spt. Die Kerze war fast ganz
heruntergebrannt, qualmte und war nahe daran, zu erlschen. Herr
Goljadkin sprang auf, schttelte sich und erinnerte sich an alles, was
vorgegangen war, schlechthin an alles. Hinter der Scheidewand war
Petruschkas krftiges Schnarchen zu vernehmen. Herr Goljadkin strzte
zum Fenster: nirgend war Licht zu sehen. Er ffnete die Luftklappe: es
war still; die Stadt war wie ausgestorben; sie schlief. Also mute es
etwa zwei oder drei Uhr sein; und so war es auch: die Uhr hinter der
Scheidewand holte mit Anstrengung aus und schlug zwei. Herr Goljadkin
lief hinter die Scheidewand.

Nach langen Bemhungen gelang es ihm durch Pffe und Ste, Petruschka
einigermaen munter zu bekommen und ihn dahin zu bringen, da er sich im
Bette aufrichtete. In diesem Augenblicke erlosch die Kerze vollstndig.
Es dauerte etwa zehn Minuten, bis Herr Goljadkin eine andere Kerze
gefunden und angezndet hatte. Unterdessen hatte es Petruschka fertig
gebracht, von neuem einzuschlafen. So ein Schurke, so ein Taugenichts!
rief Herr Goljadkin, whrend er ihm von neuem Pffe versetzte. Wirst du
wohl aufstehen? Wirst du wohl aufwachen? Nach einer halbstndigen
Anstrengung glckte es Herrn Goljadkin aber doch, seinen Diener
vollstndig in Bewegung zu bringen und ihn hinter seiner Scheidewand
hervorzuziehen. Erst hier erkannte unser Held, da Petruschka, was man
nennt, sternhagelvoll war und sich kaum auf den Beinen hielt.

Du Faulpelz! schrie Herr Goljadkin; du Nichtswrdiger! Du hast mir ja
den schwersten Schaden zugefgt! Herr Gott, wo hast du nur den Brief
gelassen? Ach, du mein Schpfer, wie soll der Brief nun ... Und warum
habe ich ihn berhaupt geschrieben? Brauchte ich ihn denn zu schreiben?
Ich habe mich von meinem bermigen Ehrgefhl hinreien lassen, ich
Dummkopf! Dahin hat mich meine Empfindlichkeit gebracht! Das hast du nun
von deinem Ehrgefhl, du Schuft; das hast du von deinem Ehrgefhl! ...
Na, du da! Wo hast du den Brief gelassen, du Halunke? An wen hast du ihn
abgegeben? ...

An niemanden habe ich einen Brief abgegeben; ich habe berhaupt keinen
Brief gehabt ... so ist die Sache!

Herr Goljadkin rang vor Verzweiflung die Hnde.

Hr mal, Petruschka; hr mal zu; hr mal, was ich dir sagen will ...

Na ja, ich hre.

Wo bist du hingegangen? Antworte! ...

Wo ich hingegangen bin? Zu guten Leuten bin ich hingegangen! Weiter
geht mich nichts an!

Ach du mein Herrgott! Wo bist du zuerst hingegangen? Bist du in der
Kanzlei gewesen? ... Hr mal, Petruschka: du bist wohl betrunken?

Ich betrunken? Da will ich doch gleich auf dem Fleck krepieren, da will
ich ...

Nein, nein, das macht ja nichts, da du betrunken bist ... Ich habe nur
gefragt; es ist ganz gut, da du betrunken bist; ich schelte ja nicht,
Petruschka, ich schelte ja nicht ... Du hast es vielleicht fr einen
Augenblick vergessen und wirst dich an alles wieder erinnern. Nun also,
besinne dich mal: bist du bei dem Sekretr Wachramejew gewesen? Bist du
da gewesen oder nicht?

Ich bin nicht bei ihm gewesen; so einen Sekretr gab es gar nicht. Da
will ich gleich auf dem Fleck ...

Nein, nein, Petruschka! Nein, Petruschka, ich schelte ja nicht; du
siehst ja, da ich nicht schelte ... Na, was ist denn dabei? Drauen ist
es kalt und na; da trinkt der Mensch ein Schlckchen; das schadet ja
nichts. Ich bin darber nicht bse. Ich habe heute selbst ein bichen
getrunken, lieber Freund ... Nun sage mal, besinne dich mal, lieber
Freund: bist du bei dem Sekretr Wachramejew gewesen?

Na, wenn es so steht, dann will ich wahrheitsgem sagen: ich bin da
gewesen. Da will ich gleich auf dem Fleck ...

Na, das ist ja schn, Petruschka, das ist ja schn, da du da gewesen
bist. Du siehst, ich bin nicht rgerlich ... Nun, nun, fuhr unser Held
fort, der seinen Diener noch weiter zu begtigen suchte, ihm auf die
Schulter klopfte und ihm zulchelte, nun, also du hast ein bichen
getrunken, du Racker ... hast fr zehn Kopeken ein bichen getrunken?
Ja, ja, du Spitzbube! Na, das schadet nichts; na, du siehst, da ich
nicht bse darber bin ... ich bin nicht bse darber, lieber Freund,
ich bin nicht bse darber ...

Nein, ich bin kein Spitzbube, da knnen Sie sagen, was Sie wollen ...
Ich bin nur zu guten Leuten herangegangen; aber ich bin kein Spitzbube
und bin nie ein Spitzbube gewesen ...

Aber nein, nein, Petruschka! So hre doch, Petruschka! Ich schimpfe
dich ja nicht, wenn ich dich einen Spitzbuben nenne. Ich sage das ja, um
dir eine Freude zu machen; ich sage das in gutem Sinne. Damit
schmeichelt man ja manchem Menschen, Petruschka, wenn man zu ihm sagt,
er sei ein solcher Schlaukopf, ein so geriebener Bursche, da er sich
von niemandem betrgen und hinters Licht fhren lasse. So etwas hrt
mancher gern ... Nun, nun, es macht nichts! Nun, sage mir jetzt nur ohne
Umschweife, Petruschka, offenherzig, wie einem Freunde ... na, bist du
bei dem Sekretr Wachramejew gewesen, und hat er dir die Adresse
gegeben?

Ja, er hat mir auch die Adresse gegeben, auch die Adresse hat er mir
gegeben. Er ist ein netter, freundlicher Beamter! >Dein Herr<, sagte er,
>ist ein guter Mensch, ein sehr guter Mensch; bestelle deinem Herrn nur
eine Empfehlung von mir und meinen Dank und sage ihm, da ich ihn sehr
gern habe; ich schtze deinen Herrn sehr hoch! Weil dein Herr<, sagte
er, >ein guter Mensch ist, Petruschka; und du, Petruschka<, sagte er,
>bist auch ein guter Mensch.< Und da will ich gleich ...

Ach du mein Herrgott! Aber die Adresse, die Adresse! O du
unzuverlssiges Subjekt! Die letzten Worte sagte Herr Goljadkin fast
flsternd.

Die Adresse ... er hat mir auch die Adresse gegeben.

Er hat sie dir gegeben? Na, wo wohnt er denn, dieser Goljadkin, dieser
Titularrat Goljadkin?

Er sagte: >Goljadkin findest du in der Schestilawotschnaja-Strae. Wenn
du hinkommst<, sagte er, >in die Schestilawotschnaja-Strae, dann
rechts, die Treppe hinauf, im vierten Stock. Da wirst du Goljadkin
finden,< sagte er.

Du Schurke! schrie unser Held, der endlich die Geduld verlor. Du
Kanaille! Das bin ich ja! Da redest du ja von mir! Aber es gibt noch
einen andern Goljadkin; ich rede von dem andern, du Schurke!

Na, meinetwegen! Was kmmert es mich! Meinetwegen! ...

Aber der Brief, der Brief ...

Was fr ein Brief? Es ist gar kein Brief dagewesen; ich habe keinen
Brief gesehen.

Wo hast du ihn denn gelassen, du Schlingel?

Ich habe ihn abgegeben; ich habe den Brief abgegeben. >Bestelle eine
Empfehlung,< sagte er, >und ich liee danken; dein Herr ist ein guter
Mensch. Bestelle deinem Herrn eine Empfehlung!< sagte er.

Aber wer hat das denn gesagt? Hat das Goljadkin gesagt?

Petruschka schwieg ein Weilchen, sah seinem Herrn gerade in die Augen
und grinste ber das ganze Gesicht.

Hr mal, du Racker, begann Herr Goljadkin keuchend und vor Wut ganz
auer sich, was hast du mir da angetan! Nun sag mir nur, was du mir da
angetan hast! Du hast mich zugrunde gerichtet, du Bsewicht! Vllig
zugrunde gerichtet hast du mich, du unzuverlssiger Patron!

Na meinetwegen! Was kmmert es mich! sagte Petruschka in entschiedenem
Tone und zog sich hinter die Scheidewand zurck.

Komm her, komm her, du Nichtswrdiger!

Ich komme jetzt nicht zu Ihnen; fllt mir nicht ein. Was kmmert es
mich! Ich gehe zu guten Leuten ... Gute Leute leben ehrenhaft; gute
Leute leben ohne Falschheit und sind niemals doppelt ... Herrn
Goljadkin wurden Arme und Beine starr und kalt wie Eis, und der Atem
stockte ihm ...

Ja, fuhr Petruschka fort, die sind niemals doppelt; die versndigen
sich nicht gegen Gott und gegen ehrenhafte Leute ...

Du Taugenichts, du Trunkenbold! Schlaf dich jetzt aus, du Halunke! Aber
morgen werde ich dir deinen Standpunkt klarmachen! sagte Herr Goljadkin
mit kaum vernehmbarer Stimme. Was Petruschka anlangt, so murmelte er
noch etwas; darauf war zu hren, wie er sich auf sein Bett legte, so da
das Bett krachte, wie er langgezogen ghnte, sich ausstreckte und
endlich schnarchend in den sogenannten Schlaf der Unschuld versank. Herr
Goljadkin war nicht tot, nicht lebendig. Petruschkas Benehmen, seine
sehr sonderbaren, obwohl nur entfernten Anspielungen, ber die man sich
somit nicht zu rgern brauchte, um so weniger, da sie aus dem Munde
eines Betrunkenen kamen, und endlich die gesamte ble Wendung, die die
Sache genommen hatte: all dies hatte Herrn Goljadkin im tiefsten Grunde
erschttert. Und da mute ich auf den Einfall kommen, ihm mitten in der
Nacht Vorwrfe zu machen! sagte unser Held, der infolge einer
krankhaften Empfindung am ganzen Leibe zitterte. Und da plagte mich der
Teufel, mich mit einem Betrunkenen abzugeben! Was fr vernnftige
Antworten kann man wohl von einem Betrunkenen erwarten! Da ist doch
jedes Wort eine Lge. Worauf spielte er brigens an, der Halunke? Herr
du mein Gott! Und wozu habe ich alle diese Briefe geschrieben, ich
Mrder, ich Selbstmrder! Ich kann doch nie schweigen! Nein, ich mute
mich verplappern! Nun hast du's! Du gehst zugrunde; du bist wie ein
alter Lappen; aber dabei willst du noch von Ehrgefhl reden und sagst:
>Meine Ehre leidet; ich mu meine Ehre retten!< O ich Selbstmrder!

So sprach Herr Goljadkin, whrend er auf seinem Sofa sa und sich vor
Angst nicht zu rhren wagte. Auf einmal blieben seine Augen auf einem
Gegenstande haften, der im hchsten Grade seine Aufmerksamkeit erregte.
Frchtend, der Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit erregte, knne eine
Illusion, eine Tuschung seiner Einbildungskraft sein, streckte er die
Hand nach ihm aus, hoffnungsvoll, schchtern und in unbeschreiblicher
Neugier ... Nein, es war keine Tuschung! Es war keine Illusion! Ein
Brief war es, ein richtiger Brief, zweifellos ein Brief und an ihn
adressiert. Herr Goljadkin nahm den Brief vom Tische. Das Herz in der
Brust pochte ihm heftig. Gewi hat ihn dieser Schurke gebracht, da
hingelegt und dann vergessen; gewi ist es alles so zugegangen; gewi
wird es genau so zugegangen sein ... Der Brief war von dem Sekretr
Wachramejew, einem jngeren Kollegen und ehemaligen Freunde des Herrn
Goljadkin. brigens habe ich mir das alles vorhergedacht, sagte sich
unser Held, und alles, was jetzt in dem Briefe stehen wird, habe ich
mir ebenfalls vorhergedacht ... Der Brief lautete folgendermaen:

   Geehrter Herr,
   Jakow Petrowitsch!

Ihr Diener ist betrunken, und es ist nichts Gescheites von ihm zu
erwarten; aus diesem Grunde ziehe ich es vor, Ihnen brieflich zu
antworten. Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, da ich den mir von Ihnen
erteilten Auftrag, bestehend in der Weitergabe eines Briefes an eine
Ihnen bekannte Person, mit aller Zuverlssigkeit und Genauigkeit
ausfhren werde. Diese Ihnen sehr bekannte Person, die mir jetzt einen
frheren Freund ersetzt, und deren Namen ich hier verschweige (weil ich
den Ruf eines ganz unschuldigen Menschen nicht grundlos beflecken
mchte), wohnt mit mir zusammen in Karolina Iwanownas Wohnung, in
demselben Zimmer, in welchem frher, zu der Zeit als Sie noch bei uns
wohnten, ein aus Tambow zugereister Infanterieoffizier logierte.
brigens knnen Sie diese Person berall im Verkehr mit ehrenhaften,
offenherzigen Leuten finden, was man von manchen anderen nicht sagen
kann. Meine Beziehungen zu Ihnen beabsichtige ich mit dem heutigen Tage
abzubrechen; wir knnen unseren bisherigen freundschaftlichen Ton und
unser einmtiges kollegialisches Verhltnis nicht beibehalten, und daher
bitte ich Sie, geehrter Herr, unverzglich nach Empfang dieses meines
freimtigen Briefes mir die zwei Rubel zuzustellen, die Sie mir noch fr
ein Rasiermesser auslndischen Fabrikates schulden, das ich Ihnen, wenn
Sie sich erinnern, vor sieben Monaten verkaufte, noch zu der Zeit, als
Sie mit mir bei Karolina Iwanowna wohnten, die ich von ganzem Herzen
hochschtze. Ich verfahre so deshalb, weil Sie nach der Angabe
verstndiger Leute alles Ehrgefhl und allen guten Ruf verloren haben
und fr die Moralitt unschuldiger, noch nicht infizierter Leute
gefhrlich geworden sind; denn gewisse Personen leben nicht nach den
Geboten der Wahrhaftigkeit, und dazu sind ihre Reden trgerisch und ihre
wohlwollende Miene verdchtig. Leute, welche bereit sind, Karolina
Iwanownas Verteidigung zu bernehmen, eines Mdchens, das sich immer
wohlgesittet benommen hat und zweitens durchaus ehrenwert ist und
ferner, wenn sie auch die Jugend bereits hinter sich hat, doch dafr aus
einer guten auslndischen Familie stammt, solche Leute kann man immer
und berall finden, und mehrere Personen haben mich gebeten, dies in
diesem meinem Briefe beilufig in ihrem Namen zu erklren. In jedem
Falle werden Sie seinerzeit alles erfahren, wenn Sie es nicht jetzt
schon erfahren haben, trotzdem Sie sich nach der Angabe anstndiger
Leute an allen Enden der Residenz in schlechten Ruf gebracht haben,
geehrter Herr, und folglich schon an vielen Stellen Mitteilungen, Ihre
Person betreffend, htten erhalten knnen. Zum Schlusse meines Briefes
erklre ich Ihnen, geehrter Herr, da die Ihnen bekannte Person, deren
Namen ich hier aus gewissen wohlanstndigen Grnden nicht erwhne, die
volle Hochachtung wohlgesinnter Leute geniet, zudem ein heiteres,
angenehmes Wesen hat, wie im Dienste so auch im Verkehr mit allen
vernnftig denkenden Leuten reussiert, ihrem Worte und der Freundschaft
treu bleibt und nicht hinter dem Rcken diejenigen beleidigt, mit denen
sie ffentlich in freundschaftlichen Beziehungen steht.

                                         In jedem Falle verbleibe ich
                                                 Ihr gehorsamer Diener
                                                      N. Wachramejew.

^P. S.^ Jagen Sie Ihren Diener fort: er ist ein Trunkenbold und macht
Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach viel Mhe und Umstnde; nehmen Sie
doch an seiner Statt Jewstafi, der frher bei uns diente und
augenblicklich ohne Stelle ist. Ihr jetziger Diener ist nicht nur ein
Trunkenbold, sondern auerdem auch ein Dieb; denn er hat noch in der
vorigen Woche ein Pfund Stckenzucker an Karolina Iwanowna fr sehr
billigen Preis verkauft, was er meines Erachtens nur tun konnte, wenn er
Sie im kleinen und zu verschiedenen Zeitpunkten listig bestohlen hat.
Ich schreibe Ihnen dies, weil ich Ihnen Gutes wnsche, obgleich gewisse
Personen weiter nichts verstehen als alle Leute zu beleidigen und zu
betrgen, namentlich einen jeden, der ehrenhaft ist und einen guten
Charakter besitzt, und berdies ber andere Leute hinter deren Rcken
Verleumdungen verbreiten und die Handlungsweise derselben in ungnstigem
Lichte darstellen, einzig und allein aus Neid, und weil sie fr sich
selbst solche ehrenhaften Beziehungen nicht in Anspruch nehmen knnen.

                                                                   W.

Nachdem unser Held Wachramejews Brief durchgelesen hatte, verharrte er
noch lange in regungsloser Haltung auf seinem Sofa. Eine Art von neuem
Lichte drang durch den ganzen trben, rtselhaften Nebel, der ihn schon
seit zwei Tagen umgab. Unser Held begann zum Teil zu verstehen ... Er
wollte sich vom Sofa erheben und ein paarmal im Zimmer auf und ab gehen,
um sich zu erholen, seine in Verwirrung geratenen Gedanken einigermaen
zu sammeln, sie auf einen bestimmten Gegenstand zu richten und dann,
wenn er ein wenig in Ordnung gekommen wre, seine Lage reiflich zu
berlegen. Aber kaum machte er einen Versuch aufzustehen, als er sofort
matt und kraftlos auf seinen bisherigen Platz zurcksank. Ja gewi, ich
habe mir das alles vorhergedacht; aber in welcher Manier schreibt er
nur, und was ist der gerade Sinn dieser Worte? Den Sinn verstehe ich
allerdings; aber wohin wird dies alles fhren? Wenn er geradeheraus
sagte: >So und so; das und das verlange ich,< dann wrde ich seine
Forderung erfllen. Aber auf diese Art nimmt die Sache eine recht
unangenehme Wendung! Ach, wenn es nur recht bald Tag wrde und ich mich
recht bald ans Werk machen knnte! Jetzt wei ich, was ich zu tun habe.
Ich werde sagen: >So und so; auf Errterungen bin ich bereit einzugehen;
meine Ehre werde ich nicht verkaufen< usw. brigens wie hat er, diese
gewisse Person, dieser unangenehme Mensch, es angefangen, sich hier
einzumischen? Und wozu hat er sich eigentlich hier eingemischt? Ach,
wenn es doch recht schnell Tag wrde! Bis dahin bringen sie mich in
blen Ruf, intrigieren gegen mich und arbeiten auf meinen Schaden hin!
Die Hauptsache ist: ich darf keine Zeit verlieren, sondern mu z. B.
jetzt wenigstens einen Brief schreiben, in dem ich diese und jene Punkte
mit Stillschweigen bergehe und mich mit diesen und jenen einverstanden
erklre. Und morgen, sowie es hell wird, mu ich ihn absenden, und ich
selbst mu so frh wie mglich ... hm ... und ihnen von der andern Seite
entgegenarbeiten und diesen allerliebsten Leuten zuvorkommen ... Sie
bringen mich in schlechten Ruf; das steht fest!

Herr Goljadkin legte sich einen Bogen Papier zurecht, ergriff die Feder
und schrieb folgenden Brief als Antwort auf den Brief des
Gouvernementssekretrs Wachramejew:

   Geehrter Herr,
   Nestor Ignatjewitsch!

Mit Erstaunen und betrbtem Herzen habe ich Ihren fr mich so
beleidigenden Brief gelesen; denn ich erkenne deutlich, da Sie mich
meinen, wenn Sie von einigen unwrdigen Personen reden und von manchen,
die eine wohlwollende Gesinnung erheucheln. Mit aufrichtigem Schmerze
sehe ich, wie schnell, wie erfolgreich und wie tief die Verleumdung
Wurzel geschlagen hat, zum Schaden meiner Wohlfahrt, meiner Ehre und
meines guten Namens. Und besonders krnkend und verletzend ist es fr
mich, da sogar ehrenhafte Leute, Leute mit einer wahrhaft anstndigen
Denkweise und, was die Hauptsache ist, mit geradem, offenem Charakter,
sich von der Partei der wohlanstndigen Leute lossagen und mit den
besten Eigenschaften ihres Herzens sich jener verderblichen Fulnis
hingeben, die leider in unserer argen, sittenlosen Zeit so stark wuchert
und sich so heimtckisch ausbreitet. Zum Schlusse erklre ich, da ich
es fr meine heilige Pflicht erachte, meine von Ihnen bezeichnete
Schuld, nmlich zwei Rubel, Ihnen in ihrem vollen Betrage
zurckzuerstatten.

Was Ihre Andeutungen in betreff einer gewissen Person weiblichen
Geschlechtes und in betreff der Absichten, Spekulationen und
mannigfaltigen Plne dieser Person anbelangt, geehrter Herr, so sage ich
Ihnen, da ich all diese Andeutungen nur unvollkommen und mangelhaft
verstanden habe. Gestatten Sie mir, geehrter Herr, meine anstndige
Denkweise und meinen ehrlichen Namen unbefleckt zu erhalten. In jedem
Falle bin ich bereit, auf persnliche Errterungen einzugehen, da ich
das mndliche Verfahren dem brieflichen als zuverlssiger vorziehe, und
berdies bin ich zu einer friedlichen, selbstverstndlich gegenseitigen
Einigung bereit. Zu diesem Ende ersuche ich Sie, geehrter Herr, dieser
Person von meiner Bereitwilligkeit zu einer persnlichen Verstndigung
Mitteilung zu machen und sie auerdem um Bestimmung von Zeit und Ort fr
eine Zusammenkunft zu bitten. Es war mir schmerzlich, geehrter Herr,
Ihre Anspielungen darauf zu lesen, da ich Sie gekrnkt, unsere
ursprngliche Freundschaft verraten und mich in schlechtem Sinne ber
Sie ausgesprochen htte. Ich schreibe all dies einem Miverstndnisse
zu, abscheulicher Verleumdung, dem Neide und belwollen derjenigen, die
ich mit Recht meine erbittertsten Feinde nennen kann. Aber sie wissen
wahrscheinlich nicht, da die Unschuld schon durch ihre Unschuld stark
ist, da die Schamlosigkeit, die Frechheit und die emprende
Familiaritt mancher Personen frher oder spter sich das Brandmal
allgemeiner Verachtung zuziehen werden, und da diese Personen an der
Nichtswrdigkeit und Verderbtheit ihres eigenen Herzens zugrunde gehen
mssen. Zum Schlusse bitte ich Sie noch, geehrter Herr, diesen Personen
mitzuteilen, da ihre seltsame Anmaung und ihr unedles, phantastisches
Verlangen, andere aus den Stellungen zu verdrngen, die diese andern
durch ihr Dasein in dieser Welt einnehmen, und sich deren Platz
anzueignen, nur geeignet sind, Erstaunen, Verachtung und Bedauern zu
erwecken und sie selbst ins Irrenhaus zu bringen, und da berdies
solche Machenschaften durch die Gesetze streng verboten sind, was meiner
Meinung nach durchaus gerecht ist; denn ein jeder mu mit seinem eigenen
Platze zufrieden sein. Alles hat seine Grenzen, und wenn dies ein Scherz
ist, so ist es ein unziemlicher Scherz, ja ich will noch mehr sagen: ein
ganz unmoralischer Scherz; denn ich erlaube mir, Ihnen zu versichern,
geehrter Herr, da meine oben dargelegten Anschauungen ber den eigenen
Platz eines jeden rein moralisch sind.

                      In jedem Falle habe ich die Ehre, zu verbleiben
                                               Ihr gehorsamster Diener
                                                        J. Goljadkin.




                             10. Kapitel


berhaupt kann man sagen, da die Ereignisse des gestrigen Tages Herrn
Goljadkin bis auf den tiefsten Grund seiner Seele erschttert hatten.
Unser Held schlief sehr schlecht, d. h. er konnte nicht einmal auf fnf
Minuten richtig einschlafen, gerade wie wenn ein Spavogel ihm
kleingeschnittene Borsten ins Bett gestreut gehabt htte. Die ganze
Nacht verbrachte er in einem Zwischenzustande zwischen Schlafen und
Wachen, indem er sich von einer Seite auf die andere wlzte, sthnte,
sich rusperte, fr einen Augenblick einschlief und im nchsten
Augenblick wieder erwachte; und all das wurde von einem seltsamen Gefhl
des Kummers, von unklaren Erinnerungen und hlichen Trumen begleitet,
mit einem Worte von allem, was es nur Unangenehmes geben kann ... Bald
erschien vor ihm in einem sonderbaren, rtselhaften Dmmerlichte Andrei
Filippowitschs Gesicht, dieses harte, rgerliche Gesicht, mit dem
harten, strengen Blicke und dem trocken-hflichen Herumrsonieren ...
Und kaum fing Herr Goljadkin an, zu Andrei Filippowitsch heranzutreten,
um sich vor ihm irgendwie, auf die eine oder die andere Weise, zu
rechtfertigen und ihm zu beweisen, da er ganz und gar nicht ein solcher
Mensch sei, wie ihn seine Feinde darstellten, sondern vielmehr ein so
und so beschaffener, und da er sogar auer seinen gewhnlichen,
angeborenen guten Eigenschaften noch diese und jene besonderen besitze:
da erschien die durch ihre unlautere Denkweise bekannte Person und
zerstrte durch irgendein ganz emprendes Mittel mit einem Schlage Herrn
Goljadkins gesamte Bemhungen, verdarb beinahe vor dessen Augen seinen
guten Ruf grndlich, trat sein Ehrgefhl in den Schmutz und nahm dann
unverzglich den Platz desselben im Dienste und in der Gesellschaft ein.
Bald wieder juckte es Herrn Goljadkin im Gesichte von einem unlngst
wohlerworbenen und demtig hingenommenen Nasenstber, einem Nasenstber,
den er entweder im gewhnlichen Leben oder auch im Dienste erhalten
hatte, und gegen den er nicht leicht Protest einlegen konnte ... Und
whrend Herr Goljadkin anfing, sich den Kopf darber zu zerbrechen,
warum es eigentlich so schwer sei, gegen einen solchen Nasenstber zu
protestieren, ging dieser Gedanke an den Nasenstber unmerklich in eine
andere Form ber, in die Form einer gewissen kleinen oder auch recht
betrchtlichen Gemeinheit, die er gesehen, gehrt oder auch unlngst
selbst begangen hatte, wie er denn dergleichen hufig beging, nicht aus
gemeinem Charakter, auch nicht aus irgendwelcher gemeinen Absicht,
sondern nur so ohne besonderen Grund, manchmal z. B. rein zufllig, aus
Zartgefhl, ein andermal aus dem Gefhle seiner vlligen Hilflosigkeit,
na, schlielich auch weil ... weil, kurz gesagt, Herr Goljadkin wute
recht gut, weswegen! Hier errtete Herr Goljadkin im Traume, und indem
er sein Errten zu unterdrcken versuchte, murmelte er vor sich hin,
hier knne man z. B. Charakterstrke zeigen, man knne im vorliegenden
Falle bedeutende Charakterstrke zeigen ... und dann schlo er: Was ist
denn Charakterstrke? Was hat es fr Zweck, ihr Wesen jetzt zu
begreifen? ... Aber am meisten trug dazu, Herrn Goljadkin zu reizen und
in Wut zu versetzen, der Umstand bei, da unfehlbar in solchen
Augenblicken, gerufen oder ungerufen, die ihm durch ihre Schndlichkeit
und ihr spttisches Benehmen bekannte Person erschien und, obgleich die
Sache doch wohl schon hinreichend bekannt war, ebenfalls mit einem
unpassenden Lcheln murmelte: Was soll denn hier Charakterstrke? Und
was besitzen wir beide, ich und du, Jakow Petrowitsch, denn fr
Charakterstrke? ... Dann wieder hatte Herr Goljadkin einen andern
Traum: er befand sich in einer schnen, durch das geistreiche Wesen und
den vornehmen Ton aller anwesenden Personen ausgezeichneten Gesellschaft
und zeichnete sich seinerseits durch Geist und Liebenswrdigkeit aus;
alle gewannen ihn lieb, sogar, was ihm besonders angenehm war, einige
seiner Feinde, die ebenfalls anwesend waren, und alle rumten ihm den
Vorrang ein, und er hrte endlich selbst mit Vergngen, wie der Hausherr
dort einen der Gste beiseite fhrte und ihn, Herrn Goljadkin, lobte ...
und dann auf einmal erschien mir nichts dir nichts wieder die durch ihre
Bosheit und brutalen Instinkte bekannte Person in Gestalt Herrn
Goljadkins des jngeren und zerstrte mit einem Schlage, in einem
Augenblicke, durch ihr bloes Erscheinen den ganzen Ruhm und Triumph
Herrn Goljadkins des lteren, stellte Goljadkin den lteren vllig in
den Schatten, trat ihn in den Schmutz und bewies zuletzt klar, Goljadkin
der ltere, also der richtige, sei berhaupt nicht der richtige, sondern
eine Flschung, und sie sei vielmehr der richtige; Goljadkin der ltere
sei berhaupt nicht das, was er zu sein scheine, sondern ein so und so
beschaffener Mensch und mithin nicht befugt und berechtigt, sich in der
Gesellschaft von Leuten mit anstndiger Denkweise und feinen
Umgangsformen zu bewegen. Und all dies geschah so schnell, da Herr
Goljadkin noch nicht Zeit gehabt hatte, den Mund aufzutun, als sich
bereits alle mit Leib und Seele dem widerwrtigen, geflschten Herrn
Goljadkin hingegeben hatten und mit der tiefsten Verachtung ihn, den
echten, unschuldigen Herrn Goljadkin, von sich stieen. Es blieb keine
Person brig, deren Gesinnung der widerwrtige Herr Goljadkin nicht in
einem Augenblicke auf seine Weise umgestimmt htte. Es blieb keine
Person brig, auch nicht die unbedeutendste der ganzen Gesellschaft, an
die sich der nichtswrdige, unechte Herr Goljadkin nicht in seiner Weise
auf die seste Manier herangeschlngelt, der er sich nicht in seiner
Weise aufgedrngt, vor der er nicht nach seiner Gewohnheit mit etwas
sehr Angenehmem, Sem geruchert htte, was der Umrucherte nur zu
riechen brauchte, um zum Zeichen des hchsten Vergngens bis zu Trnen
zu niesen. Und was die Hauptsache war: das alles geschah in einem
Momente; die Schnelligkeit, mit der der verdchtige, nichtswrdige Herr
Goljadkin verfuhr, war erstaunlich! Kaum war er damit fertig geworden,
sich mit dem einen zu befreunden und sich dessen Wohlwollen zu erwerben,
als er auch schon, ehe man auch nur mit den Augen blinzeln konnte, einen
zweiten in Angriff nahm. Nun befreundete er sich still und sachte mit
dem zweiten und entlockte ihm ein Lcheln der Geneigtheit, machte mit
seinem kurzen, drallen, dabei aber recht stmmigen Beinchen einen
Kratzfu und war bereits beim dritten und machte auch dem dritten schon
den Hof und gewann ihn sich zum Freunde; und ehe man noch hatte den Mund
ffnen und in Erstaunen geraten knnen, war er schon beim vierten und
war mit dem vierten ebensoweit gelangt, -- es war ordentlich ngstlich,
geradezu Zauberei! Und alle freuten sich ber ihn, alle hatten ihn gern,
alle lobten ihn, und alle sprachen sich einstimmig dahin aus, da seine
Liebenswrdigkeit und seine satirische Veranlagung unvergleichlich viel
hher stnden als die Liebenswrdigkeit und satirische Veranlagung des
wirklichen Herrn Goljadkin, und demtigten damit den wirklichen,
unschuldigen Herrn Goljadkin und wandten sich von dem wahren Herrn
Goljadkin ab und verjagten sogar den wohlgesinnten Herrn Goljadkin mit
Pffen und Sten und berschtteten den durch seine Nchstenliebe
bekannten wirklichen Herrn Goljadkin mit Nasenstbern! ... Voll Kummer,
Angst und Wut rannte der vielgeprfte Herr Goljadkin auf die Strae und
wollte sich eine Droschke holen, um geradeswegs zu Seiner Exzellenz zu
fahren, und wenn das nicht, so doch wenigstens zu Andrei Filippowitsch;
aber welch ein Schrecken! die Droschkenkutscher weigerten sich, Herrn
Goljadkin zu fahren; nein, Herr, sagten sie, zwei ganz gleiche
Personen zu fahren, das ist nicht erlaubt, Euer Wohlgeboren; ein guter
Mensch ist darauf bedacht, ehrbar zu leben, und ist nie doppelt.
Fassungslos vor Scham blickte der durchaus ehrbare Herr Goljadkin um
sich und berzeugte sich tatschlich selbst mit seinen eigenen Augen,
da die Droschkenkutscher und der mit ihnen im Einverstndnis
befindliche Petruschka recht hatten; denn der verworfene Herr Goljadkin
war in der Tat auch dort, neben ihm, nicht weit von ihm entfernt, und
schickte sich seiner gemeinen Gewohnheit gem auch jetzt in diesem
Augenblicke zweifellos an, etwas sehr Unanstndiges zu tun, etwas, was
ganz und gar keine besondere Vornehmheit des Charakters bekundete, eine
Vornehmheit, die man gewhnlich durch die Erziehung erhlt, und deren
der widerwrtige Herr Goljadkin der zweite sich bei jeder geeigneten
Gelegenheit zu rhmen pflegte. Ganz vernichtet und vor Scham und
Verzweiflung von sich selbst nicht wissend, strzte der durchaus wahre
Herr Goljadkin blindlings davon, wohin der Wille des Schicksals ihn
fhrte; aber bei jedem Schritte, den er tat, bei jedem Aufschlagen
seines Fues auf den Granit des Trottoirs sprang aus der Erde ein Herr
Goljadkin heraus, der jenem verworfenen, widerwrtigen Menschen
vollkommen hnlich war. Und alle diese vollkommen hnlichen Gestalten
begannen sofort nach ihrem Erscheinen einer hinter dem andern her zu
laufen und wackelten in langer Kette wie eine Reihe von Gnsen hinter
Herrn Goljadkin dem lteren her, so da dieser ihnen nirgendhin
entfliehen konnte und dem in jeder Hinsicht bedauernswerten Herrn
Goljadkin vor Angst der Atem stockte und zuletzt eine furchtbare Menge
solcher vollkommenen Ebenbilder entstanden war und die ganze Residenz
zuletzt von ihnen wimmelte und ein Polizist angesichts einer solchen
Strung der Ordnung sich gentigt sah, sie alle beim Kragen zu nehmen
und in sein zufllig in der Nhe befindliches Schilderhaus zu sperren
... Starr und eiskalt vor Angst erwachte unser Held und hatte die
Empfindung, da er auch im Wachen die Zeit kaum heiterer verbringen
werde ... Er fhlte sich bedrckt und geqult ... Es befiel ihn eine
Traurigkeit, als ob ihm jemand das Herz in der Brust mit den Zhnen
zerfleischte ...

Schlielich konnte Herr Goljadkin es nicht lnger ertragen. Das darf
nicht sein! rief er aus, richtete sich entschlossen im Bette auf und
wurde nun nach diesem Ausrufe vllig wach.

Es war anscheinend schon lange Tag geworden. Im Zimmer war es auffllig
hell; die Sonnenstrahlen drangen krftig durch die vom Froste mit Reif
berzogenen Fensterscheiben und breiteten sich in Flle im Zimmer aus,
was Herrn Goljadkin in nicht geringe Verwunderung versetzte; denn die
Sonne pflegte nur um Mittag zu ihm hereinzublicken, und frher waren
solche Ausnahmen im Laufe des himmlischen Gestirnes, soviel sich
wenigstens Herr Goljadkin selbst erinnern konnte, niemals vorgekommen.
Kaum war unser Held sich dessen mit Verwunderung bewut geworden, als
hinter der Scheidewand die Wanduhr zu summen anfing und sich auf diese
Weise zum Schlagen fertig machte. Nun also! dachte Herr Goljadkin und
schickte sich in ngstlicher Erwartung an zu hren ... Aber zu seinem
grten Erstaunen tat die Uhr nach ihrer groen Anstrengung nur einen
einzigen Schlag. Was stellt das vor? rief unser Held und sprang vllig
aus dem Bette. Seinen Ohren nicht trauend, lief er so, wie er war,
hinter die Scheidewand. Die Uhr zeigte tatschlich eins. Herr Goljadkin
warf einen Blick nach Petruschkas Bett; aber im Zimmer war von
Petruschka nicht die Spur zu sehen: sein Bett war anscheinend schon
lngst verlassen und in Ordnung gebracht; auch seine Stiefel waren
nirgends vorhanden, ein unzweifelhaftes Anzeichen dafr, da Petruschka
wirklich nicht zu Hause war. Herr Goljadkin strzte zur Tr hin: die Tr
war verschlossen. Aber wo mag nur Petruschka sein? fuhr er flsternd
fort; er befand sich in furchtbarer Aufregung und fhlte ein starkes
Zittern in allen Gliedern ... Auf einmal fuhr ihm ein Gedanke durch den
Kopf ... Herr Goljadkin lief zu seinem Tische, berblickte ihn, suchte
rings umher -- richtig: sein gestriger Brief an Wachramejew war nicht da
... Petruschka war ebenfalls nicht hinter der Scheidewand; die Wanduhr
zeigte eins, und in Wachramejews gestrigem Briefe waren einige neue
Punkte angefhrt gewesen, die zwar auf den ersten Blick sehr unklar
erschienen waren, aber jetzt ihre vollstndige Aufklrung gefunden
hatten. Also auch Petruschka, auch Petruschka war augenscheinlich
erkauft! Ja, ja, so war es!

Also so haben sie den wichtigsten Knoten geschrzt! rief Herr
Goljadkin, indem er sich vor die Stirn schlug und die Augen immer weiter
ffnete; also im Hause dieses greulichen deutschen Frauenzimmers laufen
jetzt alle Fden dieses hllischen Komplotts zusammen! Also hat sie nur
eine strategische Diversion gemacht, indem sie mich nach der
Ismailowski-Brcke hinwies; sie hat mir Sand in die Augen gestreut, mich
wirr gemacht, die nichtswrdige Hexe, und auf diese Art ihre
unterirdischen Minen gelegt!!! Ja, so ist es! Wenn man die Sache von
dieser Seite betrachtet, dann sieht man, da sich alles genau so
verhlt! Auch das Erscheinen jenes Schurken erklrt sich jetzt
vollkommen: da hngt eins mit dem andern zusammen. Sie hatten ihn schon
lange beschafft, ihn zurechtgemacht und hielten ihn fr den Unglckstag
in Bereitschaft. So also hat sich jetzt alles herausgestellt! Wie hat
nur alles diese Wendung nehmen knnen? Nun, es macht nichts! Noch ist
das Spiel nicht verloren! ... Hier erinnerte sich Herr Goljadkin mit
Schrecken daran, da es bereits zwischen ein und zwei Uhr nachmittags
war. Aber wenn es ihnen nun inzwischen gelungen ist ... Ein Sthnen
entrang sich seiner Brust ... Aber nein, sie lgen, es ist ihnen noch
nicht gelungen, -- wir wollen sehen ... Er kleidete sich notdrftig an,
ergriff Papier und Feder und schrieb den folgenden Brief:

   Geehrter Herr,
   Jakow Petrowitsch!

Entweder Sie oder ich; aber nebeneinander haben wir nicht Platz! Und
darum erklre ich Ihnen, da Ihr sonderbares, lcherliches und zugleich
ganz unglaubliches Bemhen, als mein Zwillingsbruder zu erscheinen und
sich fr einen solchen auszugeben, zu nichts anderem fhren kann als zu
Ihrer vollstndigen Beschmung und Niederlage. Deshalb ersuche ich Sie
in Ihrem eigenen Interesse, den Weg freizugeben und wahrhaft anstndigen
Leuten, welche moralisch gute Ziele verfolgen, den Platz zu rumen.
Andernfalls bin ich entschlossen, auch vor den uersten Maregeln nicht
zurckzuschrecken. Ich lege die Feder hin und werde warten ... Im
brigen verbleibe ich zu Ihren Diensten ... auch mit der Pistole.

                                                        J. Goljadkin.

Als unser Held dieses Schreiben beendet hatte, rieb er sich energisch
die Hnde. Dann zog er sich den Mantel an, setzte sich den Hut auf,
schlo mit seinem Reserveschlssel die Entreetr auf und machte sich auf
den Weg nach der Kanzlei. Er gelangte auch bis zum Amtsgebude; aber
hineinzugehen konnte er sich nicht entschlieen; es war in der Tat schon
zu spt; Herrn Goljadkins Uhr zeigte halb drei. Pltzlich lste ein
anscheinend geringfgiger Umstand einige Zweifel des Herrn Goljadkin: um
eine Ecke des Amtsgebudes herum kam auf einmal schwer atmend und mit
gertetem Gesicht eine Gestalt, huschte heimlich wie eine Ratte die
Stufen vor der Haustr hinan und verschwand im Flur. Dies war der
Schreiber Ostafjew, ein Mensch, der Herrn Goljadkin sehr wohlbekannt
war, ein Mensch, den man mitunter brauchen konnte, und der sich fr ein
Zehnkopekenstck zu allem bereit finden lie. Da er Ostafjews schwache
Seite kannte und wute, da dieser nach einer kurzen Abwesenheit wegen
eines dringenden Bedrfnisses wahrscheinlich noch greres Verlangen
nach Zehnkopekenstcken tragen werde als sonst, so entschlo sich unser
Held, das Geld nicht zu sparen, und lief sofort hinter Ostafjew her die
Stufen hinan und dann auf den Flur, rief ihn an und forderte ihn mit
geheimnisvoller Miene auf, mit ihm zur Seite zu treten, in ein stilles
Winkelchen hinter einem gewaltigen eisernen Ofen. Nachdem er ihn dorthin
gefhrt hatte, begann unser Held ihn auszufragen:

Nun, mein Freund, wie steht es dort damit? ... Du verstehst mich doch?

Ich stehe zu Ihren Diensten, Euer Wohlgeboren, und wnsche Euer
Wohlgeboren eine gute Gesundheit.

Gut, mein Freund, gut; ich danke dir, lieber Freund. Nun also, siehst
du, wie steht es denn, mein Freund?

Was wnschen Sie zu wissen? Hier hielt sich Ostafjew ein wenig die
Hand vor den Mund, den er beim Reden ffnen mute.

Ich ... siehst du, mein Freund, ich wollte ... hm ... denke nur nichts
Schlimmes ... Also, ist Andrei Filippowitsch da?

Jawohl, er ist da.

Sind auch die Beamten da?

Ja, auch die Beamten sind da, wie es in der Ordnung ist.

Und Seine Exzellenz auch?

Ja, Seine Exzellenz auch. Hier verdeckte der Schreiber zum zweitenmal
den geffneten Mund mit der Hand und richtete einen eigentmlichen,
neugierigen Blick auf Herrn Goljadkin. Wenigstens kam es unserem Helden
so vor.

Und gibt es da nichts Besonderes, mein Freund?

Nein, gar nichts.

Ich meine, etwas, was mich betrifft, lieber Freund; wird da etwas
geredet? Ich meine nur so, lieber Freund; verstehst du?

Nein, bis jetzt ist nichts zu hren gewesen. Der Schreiber hielt
wieder die Hand vor den Mund und blickte Herrn Goljadkin wieder seltsam
an. Unser Held bemhte sich nmlich jetzt, Ostafjews Miene zu
durchschauen, auf seinem Gesichte zu lesen, ob sich da auch nicht etwas
verberge. Und es machte wirklich den Eindruck, als ob sich da etwas
verbarg: Ostafjew wurde nmlich immer weniger hflich, redete in immer
trockenerem Tone und ging nicht mehr mit solchem Interesse wie bei
Beginn des Gesprches auf Herrn Goljadkins Fragen ein. Er hat ja bis zu
einem gewissen Grade recht, dachte Herr Goljadkin; was gehe ich ihn
an? Vielleicht hat er auch schon von der Gegenseite etwas bekommen und
hat sich darum wegen eines dringenden Bedrfnisses entfernt. Aber ich
will ihm doch auch etwas ... Herr Goljadkin sagte sich, da der
richtige Zeitpunkt fr die Zehnkopekenstcke gekommen sei.

Hier ist etwas fr dich, lieber Freund ...

Ich danke Euer Wohlgeboren von ganzem Herzen.

Ich werde dir noch mehr geben.

Zu Diensten, Euer Wohlgeboren.

Jetzt gleich werde ich dir noch mehr geben, und wenn die Sache erledigt
ist, noch einmal die gleiche Summe. Verstehst du?

Der Schreiber schwieg, nahm eine militrisch stramme Haltung an und
hielt seinen Blick unbeweglich auf Herrn Goljadkin gerichtet.

Nun, dann rede jetzt: hat ber mich nichts verlautet?

Es scheint, da bis jetzt, vorlufig ... hm ... da vorlufig noch
nichts verlautet hat. Ostafjew antwortete in einzelnen Abstzen, machte
ebenso wie Herr Goljadkin eine etwas geheimnisvolle Miene, zuckte ein
wenig mit den Augenbrauen, blickte zu Boden, bemhte sich, den richtigen
Ton zu treffen, kurz, er war mit aller Kraft bestrebt, die versprochene
Belohnung zu verdienen; denn das, was ihm bereits gegeben war, hielt er
schon fr sein wohlerworbenes Eigentum.

Und es ist nichts bekannt?

Bis jetzt noch nicht.

Aber hre ... hm ... es wird vielleicht etwas bekannt werden?

Spter natrlich wird vielleicht etwas bekannt werden.

Schlimm! dachte unser Held. Hr mal: hier hast du noch etwas, mein
Lieber.

Ich danke Euer Wohlgeboren von ganzem Herzen.

War Wachramejew gestern hier?

Jawohl.

Sonst aber war niemand hier? Besinne dich einmal, Brderchen!

Der Schreiber whlte ein Weilchen in seinem Gedchtnisse herum, konnte
sich aber auf nichts hierher Gehriges besinnen.

Nein, sonst war niemand da.

Hm! Es trat Stillschweigen ein.

Hr mal, Brderchen, hier hast du noch etwas; sag mir alles, das ganze
Geheimnis!

Zu Diensten. Ostafjew war jetzt wie um den Finger zu wickeln; das
hatte Herr Goljadkin bezweckt.

Nun sage mir, Brderchen: wie steht er sich mit den andern?

Es geht, ganz gut, antwortete der Schreiber und blickte Herrn
Goljadkin mit groen Augen an.

Was meinst du mit >ganz gut<?

Ich meine nur so! Hier zuckte Ostafjew bedeutsam mit den Brauen.
brigens war er vollkommen verblfft und wute nicht, was er sagen
sollte. Schlimm! dachte Herr Goljadkin.

Hat sich mit Wachramejew noch etwas Weiteres begeben?

Es ist alles wie bisher.

Besinn dich mal!

Ja, man sagt so etwas.

Also was denn nun?

Ostafjew hielt die Hand vor den Mund.

Ist nicht ein Brief von ihm an mich da?

Heute ist der Kanzleidiener Michejew zu Wachramejew in dessen Wohnung
gegangen, zu der deutschen Dame; ich kann ja hingehen und mich
erkundigen, wenn Sie es wnschen.

Tu mir den Gefallen, Brderchen, um Gottes willen! ... Ich habe keine
besondere Absicht dabei ... Denke nichts bles, Bruder; ich habe dabei
keine besondere Absicht. Und erkundige dich doch, Brderchen, bring doch
in Erfahrung, ob da etwas gegen mich im Werke ist. Und er, was wird er
unternehmen? Das ist es, was ich gern wissen mchte; das bring in
Erfahrung, lieber Freund; ich werde es dir dann danken, lieber Freund
...

Zu Diensten, Euer Wohlgeboren. Und auf Ihren Platz hat sich heute Iwan
Semjonowitsch gesetzt.

Iwan Semjonowitsch? Ah! So! Wirk-lich?

Andrei Filippowitsch wies ihn an, sich dahin zu setzen.

Wirk-lich? Wie ist das zugegangen? Das bring heraus, Brderchen! um
Gottes willen bring das heraus, Brderchen; bring das alles heraus, --
ich werde mich dir dankbar zeigen, mein Lieber; das ist es, was ich
wissen mchte ... Denke aber nichts bles, Brderchen ...

Zu Diensten, zu Diensten, ich werde gleich hingehen. Aber Sie, Euer
Wohlgeboren, kommen heute nicht herein?

Nein, mein Freund, ich bin nur fr ein Augenblickchen gekommen, nur fr
ein Augenblickchen; ich wollte nur einmal sehen, wie es steht, lieber
Freund. Und nachher werde ich dir erkenntlich sein, mein Lieber.

Zu Diensten. Der Schreiber lief schnell und eifrig die Treppe hinauf,
und Herr Goljadkin blieb allein zurck.

Schlimm! dachte er. Ach, schlimm, schlimm! Ach, wie schlimm steht
jetzt meine Sache! Was hatte das alles nur zu bedeuten? Was bedeuteten
z. B. namentlich einige Andeutungen dieses Trunkenboldes, und von wem
rhrt dieser Streich her? Ah, ich wei jetzt, von wem dieser Streich
herrhrt! Ein netter Streich! Sie haben es gewi erfahren und ihn darum
hingesetzt ... brigens, was sage ich? Sie haben ihn da hingesetzt?
Andrei Filippowitsch ist es gewesen, der ihn da hingesetzt hat, diesen
Iwan Semjonowitsch. Ja, brigens, warum hat er ihn denn da hingesetzt,
und mit welcher Absicht hat er ihn eigentlich da hingesetzt?
Wahrscheinlich haben sie erfahren ... Da arbeitet Wachramejew gegen
mich, d. h. nicht Wachramejew; der ist dumm wie ein einfacher espener
Balken, dieser Wachramejew; sondern all diese Menschen stehen hinter ihm
und arbeiten gegen mich, und auch jenen Halunken haben sie zu diesem
selben Zwecke hierher geholt, und die einugige Deutsche hat sich ber
mich beschwert! Ich habe immer geargwhnt, da diese ganze Intrige nicht
von so einfacher Art ist, und da hinter diesem ganzen Weiberklatsch
unbedingt etwas stecken mu; eben dasselbe habe ich auch zu Krestjan
Iwanowitsch gesagt, da sie sich nmlich verschworen haben, einen
Menschen zu morden, im geistigen Sinne gesprochen, und sich zu diesem
Zwecke an Karolina Iwanowna gehngt haben. Ja, das ist klar, da hier
geschickte Meister gegen mich arbeiten! Hier, mein Herr, sind
Meisterhnde an der Arbeit, und nicht Wachramejew. Ich habe schon
gesagt, da Wachramejew dumm ist; aber dies ... Ich wei jetzt, wer hier
fr sie alle gegen mich arbeitet: das tut dieser Halunke, der sich
meinen Namen angeeignet hat! Dadurch allein behauptet er seine Stellung,
was auch seine Erfolge bei hochgestellten Personen beweisen. Aber es
wre wirklich wnschenswert, zu erfahren, wie er sich jetzt mit den
andern steht, was er dort bei ihnen zu bedeuten hat. Aber warum haben
sie eigentlich dort gerade diesen Iwan Semjonowitsch genommen? Wozu in
aller Welt hatten sie Iwan Semjonowitsch ntig? Als ob sie nicht htten
irgendeinen andern nehmen knnen! brigens, sie mochten da hinsetzen,
wen sie wollten, es kam doch immer auf dasselbe hinaus; ich wei nur,
da er, dieser Iwan Semjonowitsch, mir lngst verdchtig war; ich habe
es schon lange gemerkt: er ist ein widerwrtiger alter Kerl, ein
ekelhaftes Subjekt; man sagt, er leiht Geld aus und nimmt Prozente wie
ein Jude. Aber diese ganze Geschichte dirigiert der Br. Bei alledem hat
der Br seine Hand im Spiel. Angefangen hat die Sache jedenfalls in
dieser Weise. Bei der Ismailowski-Brcke hat sie angefangen; ja, so hat
sie angefangen! ... Hier verzog Herr Goljadkin das Gesicht, wie wenn er
in eine Zitrone gebissen htte, wahrscheinlich in Erinnerung an etwas
sehr Unangenehmes. Na, brigens macht es nichts! dachte er. Es ist
nur dies: ich mu alles allein schaffen. Warum kommt nur Ostafjew nicht
wieder? Wahrscheinlich ist er irgendwo hngen geblieben oder aufgehalten
worden. Das ist gut, da ich so intrigiere und auch meinerseits Minen
lege. Diesem Ostafjew brauche ich nur ein Zehnkopekenstck zu geben,
dann ... hm ... dann habe ich ihn auf meiner Seite. Die Frage ist nur:
ist er auch wirklich ganz auf meiner Seite? Vielleicht haben sie
ihrerseits ihm ebenfalls etwas gegeben und intrigieren nun ihrerseits
mit ihm unter einer Decke. Er sieht ja aus wie ein Gauner, der Halunke,
wie ein reiner Gauner! Er verstellt sich, der Racker! >Es ist nichts zu
hren,< sagt er und >Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, Euer
Wohlgeboren!< So ein Gauner!

Es wurde Gerusch hrbar ... Herr Goljadkin krmmte sich zusammen und
sprang hinter den Ofen. Jemand kam die Treppe herunter und ging auf die
Strae hinaus. Wer kann denn da jetzt weggehen? dachte unser Held im
stillen. Einen Augenblick darauf wurden wieder Schritte vernehmbar ...
Jetzt konnte Herr Goljadkin sich nicht beherrschen und steckte die
Nasenspitze ein ganz klein wenig aus seinem Versteck heraus, -- aber
sofort zuckte er auch wieder zurck, als ob ihn jemand mit einer Nadel
hineingestochen htte. Diesmal war es ein Bekannter, der vorbeiging,
nmlich der Halunke, der Intrigant, der verworfene Mensch; er ging wie
gewhnlich mit seinen nichtswrdigen, kleinen Schrittchen, trippelnd und
mit den Beinen ausschlagend, als ob er jemandem damit einen Schlag
versetzen wollte. Schurke! sagte unser Held vor sich hin. brigens
konnte Herr Goljadkin nicht umhin zu bemerken, da der Schurke unter dem
Arm ein groes grnes Portefeuille trug, das Seiner Exzellenz gehrte.
Er hat wieder einen besonderen Auftrag, dachte Herr Goljadkin; er
errtete und krmmte sich vor rger noch mehr zusammen als vorher. Kaum
war Herr Goljadkin der jngere an Herrn Goljadkin dem lteren, ohne
diesen berhaupt zu bemerken, vorbeigehuscht, als sich zum dritten Male
Schritte hren lieen, und diesmal erriet Herr Goljadkin, da es die
Schritte eines Schreibers waren. Wirklich blickte der pomadisierte Kopf
eines Schreibers zu ihm hinter den Ofen; es war indes nicht Ostafjew,
sondern ein anderer Schreiber, namens Pisarenko. Das setzte Herrn
Goljadkin in Erstaunen. Warum hat er denn andere in das Geheimnis
eingeweiht? dachte unser Held. Diese Heiden! Nichts ist ihnen heilig!
-- Nun, was gibt es, mein Freund, sagte er, sich zu Pisarenko wendend.
Von wem kommst du, mein Freund?

Ich komme in Ihrer Angelegenheit. Bis jetzt ist noch nichts zu erfahren
gewesen. Aber sobald wir etwas erfahren, werden wir es Ihnen mitteilen.

Und Ostafjew?

Der kann jetzt absolut nicht abkommen, Euer Wohlgeboren. Seine
Exzellenz ist schon zweimal durch unser Bureau hindurchgegangen, und
auch ich habe jetzt keine Zeit.

Ich danke dir, mein Lieber, ich danke dir ... Sage mir nur noch ...

Wahrhaftig, ich habe keine Zeit ... Alle Augenblicke werden wir gerufen
... Bitte, bleiben Sie hier noch ein Weilchen stehen; wenn sich dann in
betreff Ihrer Angelegenheit etwas begibt, wollen wir Sie benachrichtigen
...

Nein, mein Freund, sage mir ...

Verzeihen Sie, ich habe keine Zeit, sagte Pisarenko, indem er sich von
Herrn Goljadkin, der ihn am Rockscho gefat hatte, loszureien suchte;
ich habe wirklich keine Zeit. Bleiben Sie hier noch ein Weilchen
stehen; dann wollen wir Sie benachrichtigen.

Gleich, gleich lasse ich dich weg, mein Freund! Gleich, gleich, lieber
Freund! Aber jetzt ... Hier ist ein Brief, mein Freund; ich werde mich
dir dankbar zeigen, mein Lieber.

Zu Diensten.

Gib ihn an Herrn Goljadkin ab, mein Lieber; sei damit recht sorgsam!

An Herrn Goljadkin?

Ja, mein Freund, an Herrn Goljadkin.

Schn; sowie ich fertig bin, will ich ihn bestellen. Bleiben Sie hier
nur solange stehen! Hier sieht Sie niemand ...

Nein, ich ... denke nur nichts bles, mein Freund ... ich stehe hier
nicht, um von niemand gesehen zu werden. Aber ich werde jetzt nicht
lnger hierbleiben, mein Freund ... ich werde hier in die Seitengasse
gehen. Da ist ein Kaffeehaus; da werde ich warten; und wenn sich etwas
zutrgt, so benachrichtige mich von allem, verstehst du?

Schn, lassen Sie mich jetzt nur weg; ich verstehe ...

Ich werde dir dankbar sein, mein Lieber! rief Herr Goljadkin dem
Schreiber Pisarenko nach, dem es nun endlich gelungen war, sich frei zu
machen. Der Halunke wurde, wie es scheint, zuletzt grber, dachte
unser Held, whrend er verstohlen hinter dem Ofen hervorkam. Da hat die
Sache noch einen Haken. Das ist klar ... Zuerst war er anders ...
brigens mochte er es wirklich eilig haben; vielleicht ist bei ihnen
viel zu tun. Und Seine Exzellenz ist zweimal durch das Bureau gegangen
... Was mag dazu fr Anla gewesen sein? ... Ach was, das tut nichts!
Das hat vielleicht nichts zu bedeuten; nun, jetzt wollen wir sehen ...

Hier war Herr Goljadkin schon im Begriff, die Haustr zu ffnen und auf
die Strae hinauszugehen, als pltzlich gerade in diesem Augenblicke die
Equipage Seiner Exzellenz mit donnerhnlichem Lrm vorfuhr. Herr
Goljadkin war noch nicht zur Besinnung gekommen, als der Wagenschlag von
innen geffnet wurde und der darin sitzende Herr auf die Stufen vor der
Haustr hinaussprang. Der Ankmmling war kein anderer als eben jener
Herr Goljadkin der jngere, der zehn Minuten vorher weggegangen war.
Herr Goljadkin der ltere erinnerte sich, da die Wohnung des Direktors
nur einige Schritte entfernt lag. Er hat einen besonderen Auftrag,
dachte unser Held bei sich. Unterdessen hatte Herr Goljadkin der jngere
aus dem Wagen das dicke grne Portefeuille und noch einige andere
Papiere herausgenommen, dem Kutscher eine Weisung gegeben und ffnete
nun die Haustr; dabei versetzte er Herrn Goljadkin dem lteren mit ihr
beinah einen Sto, bemerkte ihn aber vorstzlich nicht, so da seine
Absicht, ihn zu rgern, deutlich war; dann lief er schnell die Treppe
zur Kanzlei hinauf. Schlimm! dachte Herr Goljadkin; meine Sache geht
jetzt schief! Nun sehe mal einer den an, Herr du mein Gott! Etwa eine
halbe Minute lang stand unser Held noch da, ohne sich zu rhren; endlich
hatte er seinen Entschlu gefat. Ohne sich lange zu bedenken, aber mit
starkem Herzklopfen und an allen Gliedern zitternd, lief er seinem
Freunde die Treppe hinauf nach. Ach was! In Gottes Namen! Was geht es
mich an? Ich kann nichts dafr, dachte er, whrend er den Hut, den
Mantel und die berschuhe im Vorzimmer ablegte.

Als Herr Goljadkin in sein Bureau trat, war schon vllige Dmmerung
eingetreten. Weder Andrei Filippowitsch noch Anton Antonowitsch waren im
Zimmer. Sie befanden sich beide zum Zwecke der Berichterstattung im
Arbeitszimmer des Direktors; der Direktor aber hatte sich, wie man
hrte, seinerseits eilig zu Seiner Hohen Exzellenz begeben. Infolge
dieser Umstnde und auch weil es bereits Dmmerung war und die
Bureauzeit zu Ende ging, trieben manche Beamten, namentlich die
jngeren, in dem Augenblicke, als unser Held eintrat, allerlei Allotria:
sie gingen umher, fhrten Gesprche, plauderten, lachten, und einige der
jngsten, d. h. der im Range am niedrigsten stehenden, spielten sogar in
einer Ecke am Fenster still und heimlich Schrift und Adler. Da Herr
Goljadkin die Gebote des Anstandes kannte und gerade jetzt besonders
wnschte, sie sich gegenber beobachtet zu sehen, so trat er schnell zu
einigen heran, mit denen er noch am ehesten harmonierte, um ihnen Guten
Tag zu sagen usw. Aber die Kollegen erwiderten Herrn Goljadkins Gru in
ganz seltsamer Weise. Er war unangenehm berrascht durch die kalte,
trockene, ja man kann sagen schroffe Art, in der sie ihn alle empfingen.
Keiner reichte ihm die Hand. Manche sagten einfach: Guten Tag und
gingen von ihm weg; andere nickten nur mit dem Kopfe; dieser und jener
wandte sich einfach ab und tat, als ob er nichts bemerkt htte; einige
endlich (und das war fr Herrn Goljadkin am allerverletzendsten), einige
junge Leute von der untersten Rangstufe, Burschen, die, wie Herr
Goljadkin sich ganz richtig im stillen ber sie ausdrckte, weiter
nichts verstanden als gelegentlich Schrift und Adler zu spielen und sich
irgendwo umherzutreiben, diese umringten Herrn Goljadkin allmhlich und
umdrngten ihn so, da sie ihm beinah den Ausweg versperrten. Alle
blickten sie ihn mit einer Art von beleidigender Neugier an.

Das war ein bles Zeichen. Herr Goljadkin fhlte das und entschied sich
seinerseits verstndigerweise dafr, nichts zu bemerken. Pltzlich trat
ein ganz unerwartetes Ereignis ein, das Herrn Goljadkin, wie man zu
sagen pflegt, den Rest gab und den Garaus machte.

In dem Haufen der jungen Kollegen, die ihn umgaben, erschien pltzlich,
und zwar gerade in dem fr Herrn Goljadkin peinlichsten Augenblicke,
Herr Goljadkin der jngere, heiter wie immer, mit einem Lcheln auf dem
Gesicht wie immer, beweglich, zungengewandt und leichtfig wie immer,
kurz, als derselbe Schalk, Springinsfeld, Schker und Spamacher wie
immer, wie frher, wie z. B. gestern, wo er in einem fr Herrn Goljadkin
den lteren so unangenehmen Augenblicke aufgetaucht war. Schmunzelnd,
sich hin und her drehend, trippelnd, mit einem Lcheln, das allen
Anwesenden Guten Abend zu sagen schien, drngte er sich in den Haufen
der Beamten hinein, drckte diesem die Hand, klopfte jenem auf die
Schulter, umarmte flchtig einen dritten, erklrte einem vierten, in
welcher Angelegenheit Seine Exzellenz seine Dienste in Anspruch genommen
habe, wohin er gefahren sei, was er getan und was er mitgebracht habe;
einen fnften, wahrscheinlich seinen besten Freund, kte er auf den
Mund, -- mit einem Worte: alles ging genau so vor sich wie in Herrn
Goljadkins des lteren Traume. Nachdem er genugsam herumgehpft, einen
jeden auf seine Weise begrt, um die Gunst aller mit oder ohne Anla
gebuhlt und sich bei allen gehrig lieb Kind gemacht hatte, streckte
Herr Goljadkin der jngere auch seinem lteren Freunde, Herrn Goljadkin
dem lteren, den er bis dahin noch nicht bemerkt hatte, pltzlich und
wahrscheinlich aus Versehen die Hand hin. Wahrscheinlich ebenfalls aus
Versehen, obwohl er den unedlen Herrn Goljadkin den jngeren schon
lngst sehr wohl bemerkt hatte, ergriff unser Held sofort eifrig die ihm
so unerwartet hingestreckte Hand und drckte sie krftig und in der
freundschaftlichsten Art, ja mit einer seltsamen, ganz unerwarteten,
innerlichen Bewegung, mit einer weinerlichen Empfindung. Ob unser Held
sich durch die von seinem unwrdigen Feinde ergriffene Initiative
tuschen lie oder einfach der Geistesgegenwart ermangelte, oder in
tiefster Seele seine Hilflosigkeit in ihrem ganzen Umfange erkannte und
empfand, das ist schwer zu sagen. Tatsache ist, da Herr Goljadkin der
ltere bei vollem Verstande, aus freiem Willen und vor Zeugen feierlich
die Hand desjenigen drckte, den er seinen Todfeind nannte. Aber wie
gro war die Verwunderung, das Erstaunen, die Wut, der Schrecken und die
Beschmung Herrn Goljadkins des lteren, als sein Todfeind, der unedle
Herr Goljadkin der jngere, sowie er das Versehen des unschuldigen, von
ihm verfolgten und treulos betrogenen Menschen bemerkte, schamlos und
gefhllos, erbarmungslos und gewissenlos auf einmal mit unerhrter
Frechheit und Roheit seine Hand aus der Hand Herrn Goljadkins des
lteren herausri, ja seine Hand schlenkerte, als ob er sie mit etwas
Unsauberem beschmutzt htte, ja seitwrts ausspie und dies alles mit
einer hchst beleidigenden Gebrde begleitete, ja sein Taschentuch
herauszog und sich damit auf der Stelle in der unanstndigsten Weise
alle Finger abrieb, die sich einen Augenblick in der Hand des lteren
Herrn Goljadkin befunden hatten. Whrend er dies tat, blickte Herr
Goljadkin der jngere nach seiner nichtswrdigen Gewohnheit absichtlich
rings um sich, damit alle auf sein Benehmen aufmerksam wrden, sah allen
in die Augen und bemhte sich offenbar, allen eine recht ble Meinung
von Herrn Goljadkin beizubringen. Es schien, da das Verhalten des
widerwrtigen Herrn Goljadkin des jngeren bei den herumstehenden
Beamten allgemeine Entrstung hervorrief; sogar die leichtfertigen
jungen Leute bekundeten ihr Mivergngen. Murren und tadelnde Worte
wurden ringsum laut. Diese allgemeine Bewegung konnte den Ohren des
lteren Herrn Goljadkin nicht entgehen; aber ein rechtzeitiges
Scherzwort, das von den Lippen des jngeren Herrn Goljadkin sprang,
zerstrte und vernichtete die letzten Hoffnungen unseres Helden und
bewirkte, da die Wage sich wieder zugunsten seines schndlichen
Todfeindes neigte.

Das ist unser russischer Faublas[6], meine Herren; gestatten Sie, da
ich Ihnen den jungen Faublas vorstelle, quiekte Herr Goljadkin der
jngere, whrend er mit der ihm eigenen Frechheit zwischen den Beamten
geschftig umhertrippelte und auf den ganz starr gewordenen echten Herrn
Goljadkin hinwies. Kssen wir uns, mein Herzchen, fuhr er mit
unertrglicher Familiaritt fort, indem er sich dem so verrterisch von
ihm Beleidigten nherte. Das Spchen des schndlichen Herrn Goljadkin
des jngeren schien da, wo es wirken sollte, Anklang zu finden, um so
mehr, da darin eine tckische Anspielung auf einen Umstand lag, der
anscheinend allen bereits bekannt war. Unser Held fhlte, da die Hand
seiner Feinde schwer auf seinen Schultern lastete. brigens hatte er
seinen Entschlu bereits gefat. Mit flammendem Blicke, mit bleichem
Gesichte und mit einem starren Lcheln arbeitete er sich mhsam aus dem
Haufen heraus und schlug mit schnellen, ungleichmigen Schritten
geradeswegs die Richtung nach dem Arbeitszimmer Seiner Exzellenz ein. In
dem vorletzten Zimmer traf er mit Andrei Filippowitsch zusammen, der
soeben von Seiner Exzellenz kam, und obgleich sich in diesem Zimmer eine
Menge verschiedenartiger Personen befanden, die zu Herrn Goljadkin im
gegenwrtigen Augenblicke gar keine Beziehungen hatten, so beachtete
unser Held doch diesen Umstand nicht im geringsten. Ohne Umschweife,
entschlossen und khn, beinahe ber sich selbst verwundert und sich
innerlich wegen seiner Khnheit lobend, fiel er ohne Zeitverlust ber
Andrei Filippowitsch her, der ber diesen pltzlichen Anfall nicht wenig
erstaunt war.

[Funote 6: Der Held von Louvet de Couvrays (1760-1797) schlpfrigem
Romane ^Les aventures du chevalier Faublas^. Anmerkung des bersetzers.]

Ah! ... Was wnschen Sie? ... Was ist Ihnen gefllig? fragte der
Abteilungschef, ohne auf Herrn Goljadkins stockend vorgebrachte Anrede
zu hren.

Andrei Filippowitsch, ich ... knnte ich wohl jetzt gleich mit Seiner
Exzellenz ein Gesprch unter vier Augen haben, Andrei Filippowitsch?
sagte unser Held nunmehr klar und deutlich und richtete einen sehr
entschlossenen Blick auf Andrei Filippowitsch.

Was? Das geht natrlich nicht. Andrei Filippowitsch ma mit seinem
Blicke Herrn Goljadkin vom Kopf bis zu den Fen.

Ich sage nmlich das alles deswegen, Andrei Filippowitsch, weil ich
mich darber wundere, da hier niemand diesen Usurpator eines fremden
Namens, diesen Schurken entlarvt.

Wa--a--as?

Diesen Schurken, Andrei Filippowitsch.

Wen belieben Sie denn mit diesem Titel zu bezeichnen?

Ich meine eine gewisse Person, Andrei Filippowitsch. Ich ziele damit
auf eine gewisse Person, Andrei Filippowitsch; ich bin im Rechte ... Ich
meine, Andrei Filippowitsch, die vorgesetzte Behrde sollte derartige
Bestrebungen ermuntern, fgte Herr Goljadkin, der offenbar von sich
selbst nichts mehr wute, hinzu. Andrei Filippowitsch ... aber Sie
sehen wahrscheinlich selbst, Andrei Filippowitsch, da dies eine
wohlanstndige Bestrebung ist, und da sich darin meine in verschiedener
Hinsicht lbliche Absicht bekundet, den Chef als meinen Vater zu
betrachten, Andrei Filippowitsch ... ich betrachte die edeldenkende
vorgesetzte Behrde als meinen Vater und vertraue ihr blind mein
Schicksal an. So und so ... Sie sehen, wie ... Hier begann Herrn
Goljadkins Stimme zu zittern, sein Gesicht rtete sich, und zwei Trnen
traten auf seine Wimpern.

Als Andrei Filippowitsch Herrn Goljadkin so reden hrte, erstaunte er
dermaen, da er unwillkrlich ein paar Schritte zurcktrat. Dann
blickte er unruhig um sich ... Es ist schwer zu sagen, wie die Sache
geendet htte ... Aber pltzlich ffnete sich die Tr, die zum
Arbeitszimmer des Chefs fhrte, und dieser selbst kam in Begleitung
mehrerer Beamten heraus. Alle, die im Zimmer waren, schlossen sich an
und gingen hinter ihm her. Seine Exzellenz rief Andrei Filippowitsch
heran, lie ihn neben sich gehen und unterredete sich mit ihm ber
irgendwelche Gegenstnde. Als sich alle in Bewegung gesetzt und das
Zimmer verlassen hatten, kam auch Herr Goljadkin wieder zur Besinnung.
Demtig suchte er Schutz unter den Fittichen seines Tischvorstehers
Anton Antonowitsch Sjetotschkin, der hinter allen herschlich und, wie es
Herrn Goljadkin schien, eine sehr ernste, sorgenvolle Miene machte.
Auch hier habe ich tricht geredet; auch hier habe ich meiner Sache
geschadet, dachte er bei sich; nun aber, es macht nichts. Dann sagte
er zu dem Tischvorsteher leise mit einer Stimme, die vor Aufregung noch
ein wenig zitterte: Ich hoffe, da wenigstens Sie, Anton Antonowitsch,
sich werden bereitfinden lassen, mir Gehr zu schenken und von meiner
Lage Kenntnis zu nehmen. Von allen zurckgewiesen, wende ich mich an
Sie. Ich bin bis jetzt noch im unklaren darber, was Andrei
Filippowitschs Worte bedeuteten, Anton Antonowitsch. Erklren Sie sie
mir, wenn es mglich ist ...

Es wird alles zur rechten Zeit klar werden, erwiderte Anton
Antonowitsch nach einer Pause in ernstem Tone und, wie es Herrn
Goljadkin schien, mit einer Miene, die deutlich zu verstehen gab, da
Anton Antonowitsch berhaupt nicht wnschte, das Gesprch fortzusetzen.
Sie werden in kurzer Zeit alles erfahren. Noch heute werden Sie formell
von allem unterrichtet werden.

Was meinen Sie denn mit >formell<, Anton Antonowitsch? Warum denn
gerade formell? fragte unser Held schchtern.

Es steht uns beiden nicht zu, ber das zu urteilen, Jakow Petrowitsch,
was die Behrde fr gut findet.

Warum denn die Behrde, Anton Antonowitsch? fragte Herr Goljadkin, der
noch zaghafter geworden war, warum denn die Behrde? Ich sehe keine
Ursache, weshalb die Behrde damit belstigt werden sollte, Anton
Antonowitsch ... Sie wollen mir vielleicht etwas ber das gestrige
Vorkommnis sagen, Anton Antonowitsch?

Nein, um das gestrige Vorkommnis handelt es sich nicht; aber es ist
sonst noch dies und das bei Ihnen nicht in Ordnung.

Was ist denn bei mir nicht in Ordnung, Anton Antonowitsch? Mir scheint,
Anton Antonowitsch, da bei mir alles in Ordnung ist.

Aber warum wollten Sie denn schlaue Pfiffe und Kniffe zur Anwendung
bringen? unterbrach Anton Antonowitsch scharf den ganz bestrzten Herrn
Goljadkin. Dieser fuhr zusammen und wurde bleich wie Leinewand.

Freilich, Anton Antonowitsch, sagte er mit kaum vernehmbarer Stimme,
wenn man die Stimme der Verleumdung beachtet und auf unsere Feinde
hrt, ohne eine Rechtfertigung von der anderen Seite anzunehmen, dann
mu unsereiner leiden, Anton Antonowitsch, schuldlos, und ohne etwas
begangen zu haben, leiden.

Hm, hm; und Ihr unwrdiges Benehmen, durch das Sie dem Rufe eines
anstndigen Mdchens, der Tochter jener wohlbekannten, humanen,
hochgeachteten Familie, geschadet haben, einer Familie, die Ihnen so
viel Gutes erwiesen hatte?

Was meinen Sie denn fr ein Benehmen, Anton Antonowitsch?

Hm, hm. Und da ist dann noch ein anderes Mdchen, das zwar arm, aber
von ehrenhafter, auslndischer Herkunft ist; an Ihr lbliches Verhalten
diesem Mdchen gegenber erinnern Sie sich wohl auch nicht?

Gestatten Sie, Anton Antonowitsch ... haben Sie die Gte, mich
anzuhren, Anton Antonowitsch ...

Und Ihr treuloses Benehmen einer andern Person gegenber, die Sie
verleumdet und eines Vergehens bezichtigt haben, das Sie sich selbst
haben zuschulden kommen lassen? Nun, wie nennt man das?

Anton Antonowitsch, ich habe ihn nicht aus dem Hause getrieben,
erwiderte unser Held zitternd, und habe auch Petruschka, meinem Diener,
keine derartige Instruktion gegeben ... Er hat von meinem Tische
gegessen, Anton Antonowitsch; er hat meine Gastfreundschaft genossen,
fgte unser Held ausdrucksvoll und mit tiefem Gefhl hinzu, so da sein
Kinn ein wenig zu hpfen begann und ihm die Trnen wieder in die Augen
kamen.

Das reden Sie nur so hin, Jakow Petrowitsch, da er von Ihrem Tische
gegessen habe, antwortete Anton Antonowitsch, den Mund zum Lcheln
verziehend, und seinem Tone war eine gewisse Verschmitztheit anzuhren,
so da es Herrn Goljadkin war, als wrde ihm ein Stich ins Herz
versetzt.

Gestatten Sie mir, Sie noch ganz bescheiden zu fragen, Anton
Antonowitsch: ist denn all dies Seiner Exzellenz bekannt?

Aber natrlich! Lassen Sie mich aber jetzt in Ruhe; ich habe jetzt fr
Sie keine Zeit mehr ... Noch heute werden Sie alles erfahren, was Sie zu
wissen brauchen.

Erlauben Sie noch einen Augenblick, um Gottes willen, Anton
Antonowitsch ...

Sie knnen es mir ein andermal erzhlen ...

Nein, Anton Antonowitsch: ich bin, sehen Sie, hren Sie nur, Anton
Antonowitsch ... Ich bin durchaus nicht fr die Freigeisterei, Anton
Antonowitsch; ich lehne die Freigeisterei ab; ich bin meinerseits vllig
bereit ... und es ist mir sogar der Gedanke gekommen ...

Schon gut, schon gut. Ich habe das schon einmal gehrt ...

Nein, das haben Sie noch nicht gehrt, Anton Antonowitsch. Das ist
etwas anderes, Anton Antonowitsch; das ist etwas Gutes, wirklich etwas
Gutes und angenehm zu hren ... Es ist mir, wie ich schon gesagt habe,
der Gedanke gekommen, Anton Antonowitsch, da da die gttliche Vorsehung
zwei ganz hnliche Menschen geschaffen und die edeldenkende Behrde im
Hinblick auf diese Tat der gttlichen Vorsehung den beiden Zwillingen
Obdach gewhrt hat. Das ist ein guter Gedanke, Anton Antonowitsch. Sie
sehen, da das ein sehr guter Gedanke ist, Anton Antonowitsch, und da
ich fern von aller Freigeisterei bin. Ich betrachte die edeldenkende
Behrde als meinen Vater. Jawohl, die edeldenkende Behrde und Sie, hm
... Ein junger Mensch mu ein Amt haben ... Untersttzen Sie mich, Anton
Antonowitsch ... treten Sie fr mich ein, Anton Antonowitsch ... Ich
will weiter nichts ... Anton Antonowitsch, um Gottes willen, nur noch
ein Wrtchen ... Anton Antonowitsch ...

Aber Anton Antonowitsch war schon weit von Herrn Goljadkin entfernt ...
Unser Held wute nicht, wo er stand, was er hrte, was er tat, was mit
ihm geschah, und was mit ihm noch geschehen werde, so hatte ihn alles,
was er gehrt und erlebt hatte, verwirrt und erschttert.

Mit flehenden Blicken suchte er unter der Schar der Beamten nach Anton
Antonowitsch, um sich noch weiter vor ihm zu rechtfertigen und ihm etwas
sehr Schnes von sich selbst zu sagen: was fr ein wohlgesinnter und
anstndiger Mensch er sei ... Indessen begann allmhlich ein neues Licht
durch Herrn Goljadkins Verwirrung hindurchzudringen, ein neues,
schreckliches Licht, das ihm pltzlich mit einem Schlage eine ganze
lange Reihe vllig unbekannter und sogar nicht einmal geahnter Umstnde
erhellte ... In diesem Augenblicke stie jemand unsern ganz
fassungslosen Helden in die Seite. Er blickte sich um. Vor ihm stand
Pisarenko.

Ein Brief, Euer Wohlgeboren!

Ah! ... Du bist schon dagewesen, mein Lieber?

Nein, dieser ist schon heute morgen um zehn hergebracht. Der
Kanzleidiener Sergei Michejew hat ihn von der Wohnung des
Gouvernementssekretrs Wachramejew hergebracht.

Schn, mein Freund, schn; ich danke dir, mein Lieber.

Nachdem Herr Goljadkin dies gesagt hatte, steckte er den Brief in die
Seitentasche seines Uniformrocks und knpfte diesen bis oben hinauf zu;
dann blickte er um sich und bemerkte zu seinem Erstaunen, da er sich
schon im Hausflur des Amtsgebudes befand, mitten in einem Schwarm von
Beamten, die sich zum Ausgang drngten, da die Bureaustunden zu Ende
waren. Herr Goljadkin hatte diesen letzteren Umstand bisher nicht
bemerkt, ja er hatte nicht einmal bemerkt und erinnerte sich nicht, auf
welche Weise er sich auf einmal in Mantel und berschuhen befand und
seinen Hut in der Hand hielt. Alle Beamten standen regungslos und in
respektvoller Erwartung. Die Sache war die, da Seine Exzellenz am Fue
der Treppe stehen geblieben war, auf seinen Wagen wartete, der sich aus
irgendwelcher Ursache versptete, und ein sehr interessantes Gesprch
mit zwei Rten und mit Andrei Filippowitsch fhrte. Ein wenig entfernt
von den beiden Rten und Andrei Filippowitsch stand Anton Antonowitsch
Sjetotschkin und einige andere Beamten, die sehr beflissen lchelten, da
sie sahen, da Seine Exzellenz zu scherzen und zu lachen beliebte.
Diejenigen Beamten, die sich am oberen Ende der Treppe zusammendrngten,
lchelten ebenfalls und warteten darauf, da Seine Exzellenz von neuem
lachen werde. Nur der dickbuchige Portier Fedosjeitsch lchelte nicht;
er hatte den Trgriff gefat, stand hochaufgerichtet da und wartete
ungeduldig auf seine tgliche Portion Vergngen, die darin bestand, da
er auf einmal, mit einem einzigen Schwunge des Arms, den einen Trflgel
weit zurckschlug und dann, zu einem Bogen zusammengekrmmt, respektvoll
Seine Exzellenz an sich vorbeipassieren lie. Aber die grte Freude und
das grte Vergngen von allen schien Herrn Goljadkins unwrdiger und
unedler Feind zu empfinden. Er verga in diesem Augenblicke sogar alle
Beamten und unterlie es, nach seiner nichtswrdigen Gewohnheit
geschftig unter ihnen umherzutrippeln und, die Gelegenheit benutzend,
sich bei diesem und jenem beliebt zu machen. Er war ganz Auge und Ohr,
krmmte sich in einer eigentmlichen Weise zusammen, wahrscheinlich um
besser zu hren, und verwandte kein Auge von Seiner Exzellenz; nur
bisweilen bewegten sich seine Hnde, seine Fe und sein Kopf in leisen,
kaum bemerkbaren Zuckungen, die die innerliche, verborgene Aufregung
seiner Seele verrieten.

Er ist ordentlich wie berauscht! dachte unser Held; er sieht aus wie
ein Gnstling, der Schurke! Ich mchte nur wissen, wodurch er eigentlich
so viele hochgestellte Personen fr sich einnimmt. Er besitzt weder
Verstand, noch Charakter, noch Bildung, noch Gefhl; er hat eben Glck,
der Racker! Herr du mein Gott! Wenn man das so bedenkt, wie schnell kann
ein Mensch vorwrts kommen und sich mit allen Leuten befreunden! Und er
wird vorwrts kommen, dieser Mensch; ich mchte darauf schwren, da er
es weit bringen wird, der Racker, da er viel erreichen wird; er hat
Glck, der Racker! Auch das mchte ich gern wissen, was er ihnen allen
eigentlich zuzuflstern pflegt. Was hat er nur mit all diesem Volke fr
Geheimnisse, und von was fr geheimen Dingen reden sie miteinander? Herr
du mein Gott! Ich sollte auch so, hm ... und mit ihnen auch ein bichen
... so und so ... ich sollte ihn vielleicht bitten ... >So und so, und
ich werde es nicht wieder tun. Ich trage die Schuld, und ein junger
Mensch mu in unserer Zeit ein Amt haben, Exzellenz; ber meine unklare
Lage rege ich mich durchaus nicht auf<, so mte ich reden! Irgendwie
dort Einspruch erheben, das werde ich auch nicht tun; alles werde ich
mit Geduld und Demut ertragen; so mte ich es machen! Soll ich so
vorgehen? Ja, brigens kommt man mit Worten dem Racker nicht bei und
kriegt ihn nicht unter; Vernunft kann man ihm in seinen leichtfertigen
Kopf nicht hineinhmmern ... Aber ich will es versuchen. Wenn ich eine
gnstige Stunde abpassen kann, will ich es versuchen ...

In seiner Unruhe, seiner Angst und Verwirrung fhlte unser Held, da es
so nicht bleiben knne, da der entscheidende Augenblick herannahe, da
er sich mit irgend jemand aussprechen msse, und so begann er denn sich
allmhlich nach der Stelle hin zu bewegen, wo sein unwrdiger,
rtselhafter Freund stand. Aber gerade in diesem Augenblicke fuhr die
langerwartete Equipage Seiner Exzellenz am Portal vor. Fedosjeitsch ri
die Tr auf und lie, sich bogenfrmig zusammenkrmmend, Seine Exzellenz
an sich vorbei. Alle Wartenden strmten mit einem Male zum Ausgang hin
und drngten fr einen Augenblick Herrn Goljadkin den lteren von Herrn
Goljadkin dem jngeren ab. Du entgehst mir nicht! sagte unser Held,
sich durch die Menge schiebend und den Betreffenden nicht aus den Augen
lassend. Endlich zerstreute sich die Menge. Unser Held fhlte sich
wieder im Freien und machte sich schleunigst an die Verfolgung seines
Feindes.




                             11. Kapitel


Keuchend flog Herr Goljadkin hinter seinem sich schnell entfernenden
Feinde her. Er fhlte in sich eine gewaltige Energie. brigens konnte
Herr Goljadkin trotz des Vorhandenseins dieser gewaltigen Energie ganz
sicher sein, da in diesem Augenblicke sogar eine gewhnliche Mcke,
wenn eine solche in dieser Jahreszeit in Petersburg htte leben knnen,
durchaus imstande sein wrde, ihn mit ihren Flgeln niederzuschlagen. Er
fhlte, da er ganz matt und kraftlos wurde, da die Beine unter ihm
einknickten und den Dienst versagten; es kam ihm vor, als ob er
berhaupt nicht selbst gehe, sondern von einer besonderen, fremden Kraft
vorwrtsgetragen werde. Indessen konnte sich das alles noch gut
gestalten. Ob es sich nun gut gestaltet oder nicht, dachte Herr
Goljadkin, atemlos von dem schnellen Laufen, daran, da die Sache
verloren ist, besteht jetzt auch nicht der leiseste Zweifel; da ich
vllig verloren bin, das ist sicher, bestimmt, unterschrieben und
besiegelt. Aber trotzdem war unserm Helden zumute, wie wenn er von den
Toten erstanden wre oder eine Schlacht durchgekmpft und den Sieg
errungen htte, als es ihm gelang, seinen Feind am Mantel festzuhalten
in dem Augenblicke, wo dieser schon den einen Fu auf eine Droschke
setzte, die er soeben genommen hatte. Mein Herr, mein Herr! rief er
dem endlich eingeholten unedlen Herrn Goljadkin dem jngeren zu. Mein
Herr, ich hoffe, da Sie ...

Nein, bitte, hoffen Sie nichts! antwortete Herrn Goljadkins
gefhlloser Feind ablehnend; er stand mit dem einen Beine auf einer
Trittstufe der Droschke und strebte aus Leibeskrften danach, mit dem
andern Beine auf die zweite Stufe zu gelangen, wobei er mit ihm
vergeblich in der Luft herumarbeitete und sich aus aller Kraft bemhte,
Herrn Goljadkin dem lteren seinen Mantel aus den Hnden zu reien, den
dieser seinerseits mit aller Kraft, die ihm die Natur verliehen hatte,
festhielt.

Jakow Petrowitsch! Nur zehn Minuten ...

Verzeihen Sie, ich habe keine Zeit.

Sie mssen selbst zugeben, Jakow Petrowitsch ... bitte, Jakow
Petrowitsch ... um Gottes willen, Jakow Petrowitsch ... ich mu mich
notwendigerweise mit Ihnen aussprechen ... offen und ehrlich ... Nur
eine Sekunde, Jakow Petrowitsch!

Mein Tubchen, ich habe keine Zeit, versetzte Herrn Goljadkins
heuchlerischer Feind mit unhflicher Vertraulichkeit, aber mit
scheinbarer Gutherzigkeit; ein andermal will ich mich gern mit Ihnen
aus tiefster Seele offen und ehrlich aussprechen, glauben Sie mir; aber
jetzt ist es mir wirklich unmglich.

Du Schurke! dachte unser Held. Jakow Petrowitsch! rief er voll
Kummer, ich bin nie Ihr Feind gewesen. Bse Menschen haben eine falsche
Schilderung von mir gemacht ... Meinerseits bin ich bereit ... Jakow
Petrowitsch, wenn es Ihnen gefllig ist, so knnten wir beide sogleich
hier hineingehen ... Und da knnten wir offen und ehrlich, wie Sie
soeben so schn sagten, und in einfacher, edler Sprache ... hier in
dieses Kaffeehaus; dann wird sich alles von selbst aufklren; sehen Sie
wohl, Jakow Petrowitsch! Dann wird sich unfehlbar alles von selbst
aufklren ...

In das Kaffeehaus? Nun schn! Ich habe nichts dagegen; gehen wir in das
Kaffeehaus; aber nur unter der Bedingung, mein Teuerster, unter der
einzigen Bedingung, da sich dort alles von selbst aufklrt. Na ja, mein
Herzchen, sagte Herr Goljadkin der jngere, whrend er von der Droschke
wieder herunterstieg und unserm Helden in unverschmter Manier auf die
Schulter klopfte, Sie sind mir ein so lieber Freund; fr Sie, Jakow
Petrowitsch, bin ich bereit, auch in eine Seitengasse zu gehen (wie Sie
einmal sehr richtig bemerkten, Jakow Petrowitsch). Sie sind doch
wirklich ein schlauer Mensch; was er will, dazu bringt er einen auch!
fuhr Herrn Goljadkins lgnerischer Freund fort, indem er, leise
lchelnd, sich um ihn herumdrehte und um ihn herumscherwenzelte. Das von
den groen Straen entfernt gelegene Kaffeehaus, in welches die beiden
Herren Goljadkin eintraten, war in diesem Augenblicke ganz leer. Eine
ziemlich dicke Deutsche erschien am Bfett, sobald der Ton der
Trklingel sich vernehmen lie. Herr Goljadkin und sein unwrdiger Feind
gingen hindurch in ein zweites Zimmer, wo ein aufgedunsener, ber den
Kamm geschorener Junge sich am Ofen mit einem Bndel Spne abmhte, das
ausgegangene Feuer wieder anzuznden. Auf Herrn Goljadkins des jngeren
Verlangen wurde Schokolade gebracht.

Ein schn fleischiges Frauchen! sagte Herr Goljadkin der jngere und
blinzelte Herrn Goljadkin dem lteren schlau zu.

Unser Held errtete und schwieg.

Ach ja, ich hatte vergessen; entschuldigen Sie! Ich kenne ja Ihren
Geschmack. Wir haben eine Vorliebe fr schlanke deutsche Damen, mein
Herr; ja, ja, Sie redliche Seele, Jakow Petrowitsch, wir haben eine
Vorliebe fr schlanke deutsche Damen, wenn sie nur sonst nicht der Reize
bar sind; wir mieten uns bei ihnen ein, verderben ihre Moralitt, weihen
ihnen zum Dank fr ihre Bier- und Milchsuppen unser Herz und geben ihnen
allerlei Unterschriften -- so machen wir's, Sie Faublas, Sie Verrter!
Mit diesen Reden machte Herr Goljadkin der jngere eine ganz unntige,
aber boshaft schlaue Anspielung auf eine gewisse Person weiblichen
Geschlechts; dabei benahm er sich sehr betulich gegen Herrn Goljadkin,
lchelte ihm mit anscheinender Liebenswrdigkeit zu und kehrte
heuchlerisch eine schne Treuherzigkeit und eine lebhafte Freude ber
das Zusammensein mit ihm heraus. Als er jedoch merkte, da Herr
Goljadkin der ltere durchaus nicht so dumm und ungebildet und guter
Manieren unkundig war, da er ihm ohne weiteres getraut htte, da
beschlo der unedle Mensch seine Taktik zu ndern und sich eines offenen
Verfahrens zu bedienen. Sogleich nachdem er jene abscheulichen Reden
gefhrt hatte, schlo der falsche Herr Goljadkin damit, da er mit
emprender Schamlosigkeit und Familiaritt dem gesetzten Herrn Goljadkin
auf die Schulter klopfte und, damit nicht zufrieden, in einer Weise, die
in guter Gesellschaft als ganz unanstndig gilt, mit ihm sein Spiel zu
treiben begann. Er beabsichtigte nmlich, seine frhere Ungezogenheit zu
wiederholen, d. h. er kniff trotz des Widerstandes und leichten
Aufschreiens des emprten lteren Herrn Goljadkin diesen in die Backe.
Bei diesem abscheulichen Benehmen kochte unser Held innerlich; aber er
schwieg ... wenigstens zunchst.

So reden meine Feinde, antwortete er endlich, sich verstndigerweise
beherrschend, mit zitternder Stimme. Gleichzeitig sah sich unser Held
unruhig nach der Tr um. Denn Herr Goljadkin der jngere war anscheinend
vorzglicher Laune und zu allerlei Spchen aufgelegt, die an einem
ffentlichen Orte unerlaubt und berhaupt nach den Gesetzen des Umgangs,
namentlich in den Kreisen der besseren Gesellschaft, nicht gestattet
sind.

Nun, dann also, wie Sie wollen, erwiderte Herr Goljadkin der jngere
ernsthaft auf die Bemerkung des lteren Herrn Goljadkin und stellte
seine geleerte Tasse, die er mit unanstndiger Gier ausgetrunken hatte,
auf den Tisch. Nun, wir beide sind schon lange nicht mehr zusammen
gewesen. Also wie geht es Ihnen denn jetzt, Jakow Petrowitsch?

Ich kann Ihnen nur eins sagen, Jakow Petrowitsch, erwiderte unser Held
kaltbltig und mit Wrde, ich bin niemals Ihr Feind gewesen.

Hm ... Nun, und Petruschka? Wie hie er doch? Doch wohl Petruschka? Ja,
ja! Also wie geht es ihm? Gut? Wie frher?

Auch dem geht es wie frher, Jakow Petrowitsch, antwortete Herr
Goljadkin der ltere etwas befremdet. Ich wei nicht, Jakow Petrowitsch
... von meiner Seite ... ich als anstndig denkender, aufrichtiger
Mensch, Jakow Petrowitsch ... Sie mssen selbst zugeben, Jakow
Petrowitsch ...

Ja. Aber Sie wissen selbst, Jakow Petrowitsch, versetzte Herr
Goljadkin der jngere leise und in wehmtigem Tone, indem er sich
dadurch lgnerischerweise als einen betrbten, von Reue und Bedauern
erfllten wrdigen Menschen darstellte, Sie wissen selbst, die Zeit, in
der wir leben, ist eine schwere Zeit ... Ich berufe mich auf Sie selbst,
Jakow Petrowitsch; Sie sind ein verstndiger Mensch und haben ein
gerechtes Urteil, schlo Herr Goljadkin der jngere mit einer gemeinen
Schmeichelei gegen Herrn Goljadkin den lteren. Das Leben ist kein
Spiel; das wissen Sie selbst, Jakow Petrowitsch, fgte Herr Goljadkin
der jngere noch vielsagend hinzu und stellte sich auf diese Weise als
einen klugen, gebildeten Menschen hin, der ber hohe Gegenstnde
philosophieren knne.

Ich meinerseits, Jakow Petrowitsch, antwortete unser Held begeistert,
ich meinerseits verachte Schleichwege und spreche khn und offen; ich
bediene mich einer ungeschminkten, wohlanstndigen Redeweise und nehme
in jeder Sache einen hohen Standpunkt ein; und ich sage Ihnen und kann
es Ihnen offen und ehrlich versichern, Jakow Petrowitsch, da mein
Gewissen vllig rein ist, und da, wie Sie selbst wissen, Jakow
Petrowitsch, nur eine beiderseitige Verirrung (es ist ja alles mglich),
das Urteil der Welt, die Meinung der sklavischen Menge ... Ich spreche
offen, Jakow Petrowitsch; es ist ja alles mglich. Und ich mchte auch
noch dies sagen, Jakow Petrowitsch: wenn man in dieser Weise urteilt,
wenn man die Sache von einem edlen, hohen Gesichtspunkte aus betrachtet,
dann sage ich khn, ohne falsche Scham sage ich es, Jakow Petrowitsch,
es wird mir sogar angenehm sein zu bekennen, da ich auf Irrwege geraten
bin; es wird mir sogar angenehm sein, dies einzugestehen. Sie werden das
selbst wissen; Sie sind ein kluger und berdies ein edeldenkender
Mensch. Ohne Scham, ohne falsche Scham bin ich bereit, dies
einzugestehen ... in wrdiger, edler Gesinnung, schlo unser Held.

Das ist nun einmal so Schicksal, Verhngnis, Jakow Petrowitsch ... aber
lassen wir das alles beiseite, versetzte Herr Goljadkin der jngere mit
einem Seufzer. Lassen Sie uns die wenigen Minuten unseres Zusammenseins
lieber zu einem ntzlicheren und angenehmeren Gesprche gebrauchen, wie
sich das unter zwei Kollegen schickt ... Es ist mir sonderbarerweise
diese ganze Zeit ber nicht gelungen, ein paar Worte mit Ihnen zu reden
... Ich bin daran nicht schuld, Jakow Petrowitsch ...

Ich auch nicht, unterbrach ihn unser Held mit Wrme, ich auch nicht!
Mein Herz sagt mir, Jakow Petrowitsch, da ich an alledem nicht schuld
bin. Lassen Sie uns die ganze Schuld daran dem Schicksal beimessen,
Jakow Petrowitsch! fgte Herr Goljadkin der ltere in ganz
vershnlichem Tone hinzu. Seine Stimme begann allmhlich matt zu werden
und zu zittern.

Nun also, wie steht es denn berhaupt mit Ihrer Gesundheit? fragte der
auf Irrwegen befindlich Gewesene in freundlichem Tone.

Ich huste ein wenig, antwortete unser Held noch freundlicher.

Nehmen Sie sich in acht! Es ist jetzt immer eine solche Witterung, da
man sich nicht wundern kann, wenn man sich eine Halsentzndung holt; ich
mu Ihnen bekennen, da auch ich schon angefangen habe, flanellne
Unterkleidung zu tragen.

In der Tat, Jakow Petrowitsch, man kann sich nicht wundern, wenn man
sich eine Halsentzndung holt ... Jakow Petrowitsch! sagte unser Held
nach einem kurzen Stillschweigen. Ich sehe, Jakow Petrowitsch, da ich
mich geirrt habe ... Ich gedenke mit Vergngen jener glcklichen
Stunden, die wir unter meinem armen, aber, wie ich zu sagen wage,
gastfreundlichen Dache zusammen verleben durften ...

In Ihrem Briefe haben Sie brigens etwas anderes geschrieben, bemerkte
einigermaen vorwurfsvoll der vllig wahrheitsliebende (allerdings nur
in diesem einen Punkte vllig wahrheitsliebende) Herr Goljadkin der
jngere.

Jakow Petrowitsch! Ich habe mich geirrt ... Ich erkenne jetzt klar, da
ich mich auch in diesem meinem unglcklichen Briefe geirrt habe. Jakow
Petrowitsch, ich schme mich, Sie anzusehen, Jakow Petrowitsch, Sie
glauben es gar nicht ... Geben Sie mir diesen Brief zurck, damit ich
ihn vor Ihren Augen zerreie, Jakow Petrowitsch; oder wenn das nicht
mehr mglich ist, bitte ich Sie instndigst, ihn umgekehrt aufzufassen,
ganz umgekehrt, d. h. absichtlich in freundschaftlicher Weise, indem Sie
allen Worten meines Briefes den entgegengesetzten Sinn beilegen. Ich
habe mich geirrt. Verzeihen Sie mir, Jakow Petrowitsch; ich habe mich
vllig ... ich habe mich traurig geirrt, Jakow Petrowitsch.

Was sagten Sie? fragte ziemlich zerstreut und gleichgltig Herrn
Goljadkins des lteren treuloser Freund.

Ich sagte, da ich mich vllig geirrt habe, Jakow Petrowitsch, und da
ich meinerseits ganz ohne falsche Scham ...

Ach, nun schn! Das ist ja sehr schn, da Sie sich geirrt haben,
antwortete Herr Goljadkin der jngere in grobem Tone.

Ich habe sogar schon gedacht, Jakow Petrowitsch, fgte edelmtig unser
offenherziger Held hinzu, der die schreckliche Treulosigkeit seines
falschen Freundes gar nicht bemerkte, ich habe schon gedacht, da zwei
ganz hnliche Wesen erschaffen worden sind ...

Ah, das haben Sie gedacht! ...

Hier stand der durch seine Nichtswrdigkeit bekannte Herr Goljadkin der
jngere auf und griff nach seinem Hute. Auch Herr Goljadkin der ltere,
der die Tcke immer noch nicht merkte, erhob sich, lchelte seinem
falschen Freunde gutherzig und edelmtig zu und bemhte sich in seiner
Unschuld, freundlich gegen ihn zu sein, ihn zu ermutigen und auf diese
Weise von neuem mit ihm Freundschaft zu schlieen ...

Leben Sie wohl, Exzellenz! rief auf einmal Herr Goljadkin der jngere.
Unser Held fuhr zusammen, bemerkte in dem Gesichte seines Feindes den
spttischen Zug und schob, lediglich um von ihm loszukommen, in die ihm
hingestreckte Hand des Verworfenen zwei Finger der seinigen hinein; aber
nun ... nun berstieg die Unverschmtheit Herrn Goljadkins des jngeren
alles Ma. Nachdem er die beiden Finger des lteren Herrn Goljadkin
ergriffen und zunchst gedrckt hatte, erlaubte sich der Unwrdige,
unmittelbar vor den Augen des lteren Herrn Goljadkin seinen schamlosen
Scherz vom Vormittag zu wiederholen. Das Ma der menschlichen Geduld war
erschpft ...

Er hatte das Taschentuch, mit dem er sich die Finger abgewischt hatte,
bereits wieder in die Tasche gesteckt, als Herr Goljadkin der ltere
endlich zur Besinnung kam und ihm in das anstoende Zimmer nachstrzte,
wohin sein unvershnlicher Feind nach seiner hlichen Gewohnheit
schleunigst geflchtet war. Als ob nicht das geringste geschehen wre,
stand er am Bfett, a Pastetchen und sagte wie der tugendhafteste
Mensch der deutschen Konditorfrau Liebenswrdigkeiten. In Gegenwart von
Damen geht es nicht, dachte unser Held und trat, auer sich vor
Erregung, ebenfalls an das Bfett heran.

Aber wirklich, das Frauchen ist nicht bel! Wie denken Sie darber?
begann Herr Goljadkin der jngere von neuem seine unpassenden Spe; er
rechnete wahrscheinlich auf Herrn Goljadkins unendliche Geduld. Die
dicke Deutsche ihrerseits blickte ihre beiden Kunden mit ihren
zinnernen, geistlosen Augen an; sie verstand offenbar kein Russisch und
lchelte hflich. Bei den Worten des schamlosen jngeren Herrn Goljadkin
flammte unser Held auf wie Feuer, und auerstande sich lnger zu
beherrschen, strzte er endlich auf ihn los in der offensichtlichen
Absicht, ihn zu zerreien und auf diese Art ein fr allemal mit ihm
fertig zu werden; aber Herr Goljadkin der jngere war nach seiner
unwrdigen Gewohnheit schon weit weg: er hatte Reiaus genommen und
befand sich schon vor der Haustr. Als Herr Goljadkin der ltere nach
der ersten momentanen Erstarrung, die ihn natrlicherweise berkommen
hatte, wieder zur Besinnung kam, lief er selbstverstndlich
spornstreichs hinter seinem Beleidiger her, der bereits in die Droschke
gestiegen war, die auf ihn gewartet hatte, und deren Kutscher
augenscheinlich mit ihm unter einer Decke steckte. Aber in diesem selben
Augenblicke kreischte die dicke Deutsche, die ihre beiden Kunden
davonrennen sah, laut auf und klingelte aus Leibeskrften mit ihrer
Glocke. Fast im schrfsten Laufe wandte sich unser Held um, warf ihr das
Geld fr sich und fr den schamlosen Menschen, der nicht bezahlt hatte,
hin, ohne etwas heraus zu verlangen, und ermglichte es trotz dieses
Aufenthaltes doch, obgleich wieder nur mit grter Eile, seinen Feind zu
erreichen. Indem er sich mit aller Kraft, die ihm die Natur gegeben
hatte, an den Schmutzflgel der Droschke anklammerte, lief unser Held
eine Weile auf der Strae mit und suchte dabei auf den Wagen
heraufzuklettern, den der jngere Herr Goljadkin aus aller Kraft wie
eine Festung verteidigte. Unterdes trieb der Kutscher mit der Peitsche,
den Zgeln, dem Fue und mit Zurufen seinen steifbeinigen Klepper an,
der ganz unerwartet in Galopp fiel, wobei er auf das Mundstck bi und
nach seiner schlechten Gewohnheit bei jedem dritten Schritte mit den
Hinterbeinen ausschlug. Endlich gelang es unserem Helden, sich auf die
Droschke hinaufzuschwingen, das Gesicht seinem Feinde zugewandt, mit dem
Rcken gegen den Kutscher gestemmt, Knie an Knie mit dem Schamlosen; mit
der rechten Hand hielt er den schbigen Pelzkragen an dem Mantel seines
verworfenen, erbitterten Feindes fest gepackt.

So fuhren die beiden Feinde eine Weile schweigend dahin. Unser Held
konnte kaum Luft bekommen; der Weg war sehr schlecht, und er hpfte bei
jedem Schritte in die Hhe, in Gefahr, den Hals zu brechen. berdies
wollte sein erbitterter Feind sich immer noch nicht berwunden geben,
sondern bemhte sich, seinen Gegner in den Schmutz hinunterzustoen. Um
das Ma der Unannehmlichkeiten voll zu machen, war ein greuliches
Wetter. Der Schnee fiel in dichten Flocken und versuchte auf jede Weise
unter den offenstehenden Mantel des wirklichen Herrn Goljadkin zu
dringen. Ringsherum war es so dunkel, da man nicht die Hand vor den
Augen sehen konnte. Es war schwer zu erkennen, wohin und durch welche
Straen sie fuhren. Herr Goljadkin hatte dabei die Empfindung, als
widerfahre ihm etwas, was ihm schon bekannt sei. Einen Augenblick lang
versuchte er sich zu erinnern, ob er nicht schon gestern so etwas geahnt
habe, z. B. im Traume ... Endlich war sein peinliches Gefhl bis auf den
hchsten Grad der Agonie gestiegen. Sich an seinen erbarmungslosen
Gegner drckend, wollte er aufschreien. Aber der Schrei erstarb ihm auf
den Lippen ... Es war ein Augenblick, in welchem Herr Goljadkin alles
verga und sich sagte, all dies mache gar nichts; es vollziehe sich auf
irgendwelche unerklrliche Weise, und sich dagegen zu struben, sei
unter solchen Umstnden unntz und ganz verlorene Mhe ... Aber
pltzlich und beinahe in demselben Augenblicke, als unser Held zu diesem
Resultate gelangt war, nderte ein unvorhergesehener Sto die ganze Lage
der Dinge. Herr Goljadkin fiel wie ein Mehlsack aus der Droschke und
rollte ein Stckchen davon, wobei er sich im Augenblick des Falles ganz
mit Recht bewut war, da er wirklich sehr zur Unzeit hitzig geworden
sei. Nachdem er endlich aufgesprungen war, sah er, da sie irgendwo
angelangt waren: die Droschke stand mitten auf einem Hofe, und unser
Held erkannte auf den ersten Blick, da sie sich bei der Tr eben des
Hauses befanden, in welchem Olsufi Iwanowitsch wohnte. Gleichzeitig
bemerkte er, da sein Feind schon die Stufen zur Haustr hinanstieg und
wahrscheinlich zu Olsufi Iwanowitsch wollte. In seinem unbeschreiblichen
Seelenschmerze wollte er schon hineilen, um seinen Feind einzuholen,
besann sich aber zu seinem Glcke verstndigerweise noch rechtzeitig
eines andern. Ohne da er vergessen htte, den Kutscher zu bezahlen,
rannte Herr Goljadkin auf die Strae und lief, so schnell er konnte,
blindlings davon. Der Schnee fiel wie vorher in dichten Flocken; wie
vorher war es feucht und dunkel. Unser Held ging nicht, sondern strmte
dahin, stie dabei alle Leute auf dem Wege um, Mnner, Frauen und
Kinder, und prallte seinerseits selbst von Frauen, Mnnern und Kindern
zurck. Um ihn herum und hinter ihm erschollen erschrockene Worte,
Kreischen und Schreien ... Aber Herr Goljadkin war, wie es schien, ohne
Besinnung und mochte auf nichts achten ... Er kam erst wieder zu sich,
als er sich schon bei der Semjonowski-Brcke befand, und zwar nur
deshalb, weil er ungeschickterweise zwei alte Hkerfrauen mit ihren
landlufigen Waren angestoen und umgeworfen hatte und mit ihnen
zusammen zu Fall gekommen war. Das hat nichts zu sagen, dachte Herr
Goljadkin; das kann sich alles noch ganz gut gestalten, und griff
sogleich in die Tasche, um sich wegen der umhergestreuten Pfefferkuchen,
pfel, Erbsen und mannigfachen anderen Dinge mit einem Rubel
loszukaufen. Pltzlich ging Herrn Goljadkin ein neues Licht auf; er
fhlte in der Tasche den Brief, den ihm am Vormittag der Schreiber
eingehndigt hatte. Da ihm unter anderm einfiel, da sich in der Nhe
ein ihm bekanntes Restaurant befinde, so lief er, ohne einen Augenblick
zu zaudern, dorthin und nahm an einem Tischchen Platz, auf dem zur
Beleuchtung ein Talglicht brannte; ohne sich dann um irgend etwas zu
kmmern und ohne auf den Kellner zu hren, der herantrat, um seine
Bestellung entgegenzunehmen, erbrach er das Siegel und begann den
untenstehenden Brief zu lesen, der ihn in das allerhchste Erstaunen
versetzte:

   Edler, fr mich leidender, meinem Herzen lebenslnglich
   teurer Mann!

Ich leide, ich gehe zugrunde, -- rette mich! Jener verleumderische,
intrigante und durch seine nichtswrdige Denkweise bekannte Mensch hat
mich mit seinen Netzen umstrickt und zugrunde gerichtet! Ich bin
gefallen! Aber er ist mir zuwider, whrend Du ... Man hat uns getrennt,
meine Briefe an Dich abgefangen, -- und all das hat der sittenlose
Mensch getan, indem er seine einzige gute Eigenschaft ausnutzte, die
hnlichkeit mit Dir. Jedenfalls kann man ein hliches ueres besitzen
und doch durch Geist, starke Empfindung und angenehme Manieren fesseln
... Ich gehe zugrunde! Man wird mich gewaltsam verheiraten, und am
allermeisten intrigiert hier mein Vater und Wohltter, der Staatsrat
Olsufi Iwanowitsch, wahrscheinlich in der Absicht, meinen Platz in der
vornehmen Gesellschaft einzunehmen und sich meiner Konnexionen zu
bedienen ... Aber ich habe meinen Entschlu gefat und strube mich mit
allen Mitteln, die mir die Natur verliehen hat. Erwarte mich mit Deinem
Wagen heute Punkt neun Uhr vor den Fenstern von Olsufi Iwanowitschs
Wohnung. Bei uns ist heute Ball, und der schne Leutnant wird da sein.
Ich werde herauskommen, und wir werden fliehen. Es gibt ja auch noch
andere Stellen im Staatsdienst, wo man dem Vaterlande Nutzen bringen
kann. In jedem Falle denke daran, mein Freund, da die Unschuld schon
durch ihre Unschuld stark ist. Lebewohl! Erwarte mich mit dem Wagen vor
der Haustr! Pnktlich um zwei Uhr nachts werde ich mich in den Schutz
Deiner Umarmung flchten.

                                                  Dein bis zum Grabe!
                                                    Klara Olsufjewna.

Nachdem unser Held den Brief gelesen hatte, war er einige Minuten lang
wie betubt. In furchtbarer Pein, in schrecklicher Aufregung, bleich wie
Leinewand, ging er mit dem Briefe in der Hand mehrmals im Zimmer auf und
ab; um die Milichkeit seiner Lage voll zu machen, bemerkte unser Held
nicht, da er in diesem Augenblicke der Gegenstand ausschlielicher
Aufmerksamkeit aller im Zimmer Anwesenden war. Seine unordentliche
Kleidung, die Aufregung, die er nicht zu unterdrcken vermochte, die
Art, wie er im Zimmer hin und her ging oder, richtiger gesagt, lief, die
Gestikulationen, die er mit beiden Hnden ausfhrte, vielleicht auch
einige rtselhafte Worte, die er selbstvergessen vor sich hin sprach,
alles diente wahrscheinlich sehr wenig zu Herrn Goljadkins Empfehlung
bei den Besuchern des Lokals, und sogar der Kellner begann ihn
mitrauisch zu betrachten. Als unser Held wieder zur Besinnung gekommen
war, bemerkte er, da er mitten im Zimmer stand und in beinah
unanstndiger, unhflicher Art einen ltlichen Herrn von sehr achtbarem
uern anstarrte, der sein Mittagessen verzehrt, sein Gebet vor dem
Heiligenbilde verrichtet, sich dann wieder hingesetzt hatte und
seinerseits ebenfalls seine Blicke nicht von Herrn Goljadkin abwandte.
Verwirrt sah unser Held um sich und bemerkte, da alle, geradezu alle,
ihn mit mitrauischer Miene, die nichts Gutes erwarten lie,
anblickten. Auf einmal verlangte ein pensionierter Militr die
Polizei-Nachrichten. Herr Goljadkin zuckte zusammen und errtete:
unwillkrlich schlug er dabei die Augen zu Boden und sah dabei, da sein
Kostm sich in einem unanstndigen Zustande befand, der nicht einmal
innerhalb seiner vier Wnde ertrglich gewesen wre, geschweige denn an
einem ffentlichen Orte. Seine Stiefel, seine Beinkleider und die ganze
linke Seite waren ber und ber voll Schmutz; der Steg am rechten Bein
war abgerissen, und der Frack wies sogar an vielen Stellen Lcher auf.
In tiefstem Seelenschmerze trat unser Held an den Tisch heran, an dem er
den Brief gelesen hatte, und sah, da der Kellner sich ihm nherte und
ihn mit einem sonderbaren, dreisten Gesichtsausdruck beharrlich
anblickte. Fassungslos und ganz niedergeschlagen begann unser Held den
Tisch zu mustern, neben dem er jetzt stand. Auf dem Tische standen die
noch nicht weggerumten Teller von dem Mittagessen, das jemand dort
eingenommen hatte; ebendort lag eine beschmutzte Serviette, sowie ein
Messer, eine Gabel und ein Lffel, die soeben benutzt worden waren. Wer
mag hier zu Mittag gegessen haben? dachte unser Held. Bin ich es
wirklich selbst gewesen? Sehr wohl mglich! Ich habe zu Mittag gegessen
und selbst nichts davon gemerkt; was soll ich nur anfangen? Aufblickend
gewahrte er neben sich den Kellner, der ihm etwas sagen wollte.

Wieviel bin ich schuldig, lieber Freund? fragte unser Held mit
zitternder Stimme.

Ein lautes Gelchter erscholl rings um Herrn Goljadkin; sogar der
Kellner lchelte. Herr Goljadkin merkte, da er sich auch hiermit
blamiert und eine furchtbare Dummheit gemacht hatte. Infolge dieser
Erkenntnis wurde er so verlegen, da er gentigt war, nach seinem
Taschentuche in die Tasche zu greifen, wahrscheinlich um nur irgend
etwas zu tun und nicht so zwecklos dazustehen; aber zu seinem und aller
Anwesenden Erstaunen zog er statt des Taschentuches ein Flschchen mit
der Arznei heraus, die ihm Krestjan Iwanowitsch vor vier Tagen
verschrieben hatte. Medizin aus derselben Apotheke, ging es Herrn
Goljadkin durch den Kopf ... Pltzlich fuhr er zusammen und schrie
beinah auf vor Schreck. Ein neues Licht ergo sich vor seinem geistigen
Blicke ... Die dunkelrote, widerliche Flssigkeit schimmerte in
unheilverkndendem Glanze vor Herrn Goljadkins Augen ... Das Flschchen
fiel ihm aus den Hnden und zerbrach. Unser Held schrie auf und sprang
vor der umherspritzenden Flssigkeit ein paar Schritte zurck ... er
zitterte an allen Gliedern, und der Schwei brach ihm an den Schlfen
und auf der Stirn aus. Also ist mein Leben in Gefahr! Unterdessen war
im Zimmer eine Bewegung und Verwirrung entstanden; alle umringten Herrn
Goljadkin, alle redeten zu ihm, einige faten ihn sogar an. Aber unser
Held stand stumm und regungslos; er sah nichts, hrte nichts, fhlte
nichts ... Endlich ri er sich von dem Flecke, wo er stand, los, strzte
aus dem Restaurant hinaus, stie alle, die sich bemhten, ihn
festzuhalten, zurck, warf sich beinah besinnungslos in die erste beste
Droschke und fuhr eilig nach Hause.

Im Flur seiner Wohnung traf er den Kanzleidiener Michejew mit einem
amtlichen Schreiben in der Hand. Ich wei, mein Freund, ich wei
alles, antwortete unser Held, der vllig erschpft war, mit matter,
trauriger Stimme; das ist etwas Amtliches ... Das Schreiben enthielt
in der Tat die von Andrei Filippowitsch unterzeichnete Anweisung fr
Herrn Goljadkin, die in seinen Hnden befindlichen Akten an Iwan
Semjonowitsch abzuliefern. Nachdem er den Brief in Empfang genommen und
dem Kanzleidiener ein Zehnkopekenstck gegeben hatte, ging Herr
Goljadkin in seine Wohnung hinein und sah, da Petruschka in seinem
Verschlage dabei war, all seine Sachen auf einen Haufen zusammenzulegen,
offenbar in der Absicht, Herrn Goljadkin zu verlassen und als Jewstafis
Nachfolger in Karolina Iwanownas Dienst zu treten, die ihn seinem Herrn
abwendig gemacht hatte.




                             12. Kapitel


Petruschka trat, sich hin und her wiegend, ins Zimmer; seine Haltung
hatte etwas sonderbar Nachlssiges, sein Gesicht zeigte die
triumphierende Miene eines Knechtes. Man konnte ihm ansehen, da er
etwas vorhatte und sich in seinem Rechte fhlte; er sah aus wie ein
Fremder, d. h. wie der Diener eines andern Herrn, nicht wie Herrn
Goljadkins bisheriger Diener.

Nun, siehst du, mein Lieber, begann unser Held, immer noch auer Atem,
was ist jetzt die Uhr, mein Lieber?

Petruschka ging schweigend hinter die Scheidewand, kam zurck und
meldete in einem wenig dienermig klingenden Tone, es sei bald halb
acht.

Nun schn, mein Lieber, schn! Nun, siehst du, mein Lieber ... Dann
mchte ich dir sagen, mein Lieber, da unser wechselseitiges Verhltnis
jetzt zu Ende ist.

Petruschka schwieg.

Also da nun jetzt unser wechselseitiges Verhltnis zu Ende ist, so sage
mir doch jetzt aufrichtig, sage mir wie ein Freund dem Freunde, wo du
gewesen bist, mein Lieber!

Wo ich gewesen bin? Bei guten Leuten bin ich gewesen.

Ich wei, mein Freund, ich wei. Ich bin mit dir stets zufrieden
gewesen, mein Lieber, und werde dir auch ein gutes Zeugnis ausstellen
... Nun, bist du denn jetzt bei denen im Dienst?

Nun ja, Herr! Sie wissen es ja selbst. Ein guter Mensch lehrt einen
nichts Schlechtes.

Ich wei, mein Lieber, ich wei. Heutzutage sind gute Leute selten,
mein Freund; die mut du zu schtzen wissen, mein Freund. Nun, wie sind
sie denn?

Das wissen Sie ja ... Aber bei Ihnen, Herr, kann ich jetzt nicht lnger
dienen; das werden Sie ja selbst wissen.

Ich wei, mein Lieber, ich wei; ich kenne deinen Eifer und deine
Dienstwilligkeit; ich habe das alles gesehen, mein Freund, habe das
alles bemerkt. Ich schtze dich hoch, mein Freund. Ich schtze einen
guten, ehrenhaften Menschen hoch, wenn er auch ein Diener ist.

Nun ja, das wei ich. Unsereiner mu natrlich dahin gehen, wo es
besser ist; das wissen Sie selbst. Das ist nun einmal nicht anders. Was
soll ich machen? Sie wissen, Herr, einen guten Menschen mu man haben.

Nun schn, mein Lieber, schn! Ich kann dir das nachfhlen ... Nun
also, da hast du dein Geld und dein Zeugnis. Jetzt wollen wir uns
kssen, lieber Freund, und voneinander Abschied nehmen ...

Jetzt, mein Lieber, bitte ich dich noch um einen einzigen Dienst, um
einen letzten Dienst, sagte Herr Goljadkin in feierlichem Tone. Siehst
du, mein Lieber, es kommt alles mgliche vor. Kummer verbirgt sich auch
in vergoldeten Palsten, mein Freund; dem kann man nirgendhin
entfliehen. Du weit, mein Freund, ich bin, wie ich meine, immer
freundlich gegen dich gewesen ...

Petruschka schwieg.

Ich bin, meine ich, immer freundlich gegen dich gewesen, mein Lieber
... Nun, wieviel Wsche haben wir denn jetzt, mein Lieber?

Es ist alles ordnungsmig vorhanden. Sechs Stck leinene Hemden; drei
Paar Socken; vier Vorhemdchen; eine flanellene Unterjacke; zwei
Unterhosen. Sie wissen ja selbst alles. Ich habe nichts von Ihren
Sachen, Herr ... Ich hte das Eigentum meines Herrn mit aller Sorgfalt.
Sie haben mich manchmal gescholten, Herr, wegen ... hm ... gewi ...
aber solche Snde habe ich niemals auf mein Gewissen geladen, Herr; das
wissen Sie selbst, Herr ...

Ich glaube dir, mein Freund, ich glaube dir. Aber ich meine das auch
gar nicht, mein Freund, ich meine das gar nicht, siehst du. Es handelt
sich um etwas anderes, mein Freund ...

Ja, Herr, das kennen wir schon. Als ich noch beim General Stolbnjakow
in Dienst stand und entlassen wurde, weil die Herrschaft nach Saratow
reiste ... sie hatten da ein Gut ...

Nein, mein Freund, ich meine das gar nicht; ich sage nichts Derartiges
... Glaube so etwas nicht, mein lieber Freund ...

Jawohl. Sie wissen ja selbst: unsereinen kann man auf das leichteste
flschlich beschuldigen. Aber mit mir ist man berall zufrieden gewesen.
Da waren Minister, Generale, Senatoren, Grafen. Ich bin bei allen
mglichen Herren gewesen, beim Frsten Swinjatschkin, beim Obersten
Pereborkin, beim General Njedobarow; der verreiste auch, auf sein
Stammgut reiste er, zu unsern Bauern. Jawohl ...

Ja, mein Freund, ja, schn, mein Freund, schn. Siehst du, ich verreise
jetzt auch, mein Freund ... Jeder hat seinen verschiedenen Lebensweg,
mein Lieber, und kein Mensch wei, auf was fr einen Weg er geraten
wird. Nun, mein Freund, sei mir jetzt beim Umkleiden behilflich; lege
mir meinen Uniformrock zurecht ... auch andere Beinkleider, Bettlaken,
Bettdecken, Kissen ...

Soll ich alles in ein Bndel zusammenbinden?

Ja, mein Freund, ja; meinetwegen binde es in ein Bndel zusammen ...
Wer wei, was uns noch begegnen kann. Und jetzt, mein Lieber, geh und
hole mir einen Wagen ...

Einen Wagen?

Ja, mein Freund, einen Wagen, einen recht gerumigen, und auf bestimmte
Zeit. Aber denke nur nichts Schlimmes, mein Freund ...

Wollen Sie weit wegfahren?

Ich wei es nicht, mein Freund; das wei ich selbst noch nicht. Ich
glaube, es wird auch ntig sein, ein Federbett mit dazu zu legen. Was
meinst du, mein Freund? Ich will deinem Rate folgen, mein Lieber ...

Wollen Sie denn gleich wegfahren?

Ja, mein Freund, ja. Es ist ein Umstand eingetreten, der es
erforderlich macht ... so ist das, mein Freund, so ist das ...

Ich wei Bescheid, Herr; da bei uns im Regimente kam mit einem Leutnant
dasselbe vor; er entfhrte eine Gutsbesitzertochter ...

Entfhrte? ... Wie! Mein Lieber, du ...

Ja, er entfhrte sie, und in einem andern Dorfe lieen sie sich trauen.
Alles war im voraus vorbereitet. Es fand eine Verfolgung statt; aber der
Frst nahm fr sie Partei, der selige Frst; na, und da wurde die Sache
gtlich beigelegt ...

Sie lieen sich trauen, ja ... wie kommst du denn darauf, mein Lieber?
Woher weit du denn das, mein Lieber?

Na, das kann man schon wissen! Die ganze Welt ist voll von Gerchten,
Herr. Wir wissen alles, Herr ... Natrlich, wer wre ohne Snde? Aber
ich mchte Ihnen jetzt sagen, Herr ... erlauben Sie, da ich Ihnen das
ganz einfach, so auf Dienerart sage: wenn die Sache nun einmal so weit
gekommen ist, dann mchte ich Ihnen sagen, Herr: Sie haben einen Feind,
einen Nebenbuhler, Herr; und es ist ein starker Nebenbuhler, das knnen
Sie glauben!

Ich wei, mein Freund, ich wei; du weit es selbst, mein Lieber ...
Nun also, ich verlasse mich auf dich. Was sollen wir nun tun, mein
Freund? Was rtst du mir?

Sehen Sie, Herr, wenn Sie also jetzt sozusagen auf diese Manier
vorgegangen sind, Herr, dann mssen Sie nun noch einiges kaufen, -- na,
also Bettlaken, Kissen, ein anderes, zweischlfriges Federbett, eine
gute Bettdecke, -- sehen Sie, gleich hier unten bei unserer Nachbarin;
sie ist eine Brgerfrau, Herr; die hat einen guten Damen-Fuchspelz zu
verkaufen; den knnte man sich ansehen und kaufen; man knnte gleich
hinuntergehen und ihn sich ansehen. Sie werden so etwas jetzt brauchen,
Herr; es ist ein guter Damenpelz, ein Fuchspelz mit Atlas berzogen ...

Nun schn, mein Freund, schn; ich bin einverstanden, mein Freund; ich
verlasse mich auf dich, verlasse mich vollstndig auf dich; meinetwegen
auch den Fuchspelz, mein Lieber ... Nur recht schnell, recht schnell! Um
Gottes willen recht schnell! Ich will auch den Fuchspelz kaufen; nur,
bitte, recht schnell! Es ist bald acht Uhr, schneller, um Gottes willen,
mein Freund! Beeile dich, schnell mein Freund! ...

Petruschka lie das noch nicht ganz fertiggestellte Bndel mit Wsche,
Kissen, einer Bettdecke, Laken und allerlei Kram, das er zusammensuchte
und zusammenband, im Stich und rannte Hals ber Kopf aus dem Zimmer.
Unterdessen griff Herr Goljadkin noch einmal nach dem Briefe; aber er
vermochte nicht, ihn zu lesen. Seinen armen Kopf in beiden Hnden
haltend, lehnte er sich gegen die Wand. Er war nicht imstande, an irgend
etwas zu denken oder irgend etwas zu tun; er wute selbst nicht, was mit
ihm vorging. Endlich, da er sah, da die Zeit verging und weder
Petruschka noch der Damenpelz erschien, entschlo sich Herr Goljadkin,
selbst hinzugehen. Als er die Flurtr ffnete, hrte er unten Lrm,
Reden, Streiten ... Einige Nachbarinnen schwatzten, schrien und
rsonierten ber etwas, -- und Herr Goljadkin wute schon worber. Dann
wurde Petruschkas Stimme vernehmbar, und darauf hrte man jemandes
Schritte. Mein Gott, sie rufen noch die ganze Welt her! sthnte Herr
Goljadkin, in Verzweiflung die Hnde ringend, und strzte in sein Zimmer
zurck. Dort sank er fast besinnungslos auf das Sofa nieder und drckte
das Gesicht in das Kissen. Ein Weilchen lag er so da; dann sprang er
auf, zog, ohne auf Petruschka zu warten, die berschuhe und den Mantel
an, setzte den Hut auf, ergriff seine Brieftasche und lief Hals ber
Kopf die Treppe hinunter. Du brauchst nichts zu tun, mein Lieber, gar
nichts! Ich werde es selbst besorgen, werde alles selbst besorgen.
Deiner bedarf ich vorlufig nicht, und inzwischen wird sich die Sache
vielleicht gut gestalten, sagte Herr Goljadkin murmelnd zu Petruschka,
dem er auf der Treppe begegnete; dann lief er auf den Hof und aus dem
Hause hinaus; der Herzschlag stockte ihm; er hatte noch keinen Entschlu
gefat ... Wie sollte er sich verhalten, was sollte er tun, wie sollte
er in der jetzigen kritischen Lage vorgehen? ...

Das ist die Frage: wie soll ich vorgehen, Herr du mein Gott? Mute auch
das alles noch passieren! rief er endlich verzweifelt, whrend er
ziellos aufs Geratewohl die Strae entlang schlich. Mute auch das
alles noch passieren! Wre das nicht passiert, wre gerade das nicht
passiert, dann htte sich noch alles in Ordnung bringen lassen; mit
einem Mal, mit einem Schlage, mit einem einzigen geschickten,
energischen, festen Schlage htte es sich in Ordnung bringen lassen. Ich
lasse mir einen Finger abschneiden, wenn es sich nicht htte in Ordnung
bringen lassen! Und ich wei sogar, auf welche Weise das gegangen wre.
Das htte ich so gemacht: ich htte ... hm ... ich htte gesagt: >So und
so, mein Herr; ich wei mir, mit Erlaubnis zu sagen, nicht anders zu
helfen; aber solche Sachen gehen hier nicht, mein Herr, mein geehrter
Herr; solche Sachen gehen hier nicht, und mit Aneignung eines fremden
Namens ist bei uns nichts zu erreichen; wer sich einen fremden Namen
aneignet, mein Herr, der ist ein ... hm ... ein Nichtswrdiger und
bringt dem Vaterlande keinen Nutzen. Verstehen Sie wohl? Verstehen Sie
wohl, mein geehrter Herr?< So mte das gemacht werden ... Aber nein,
was sage ich da? ... das ist ja gar nicht das Richtige, ganz und gar
nicht das Richtige ... Was schwatze ich denn da fr Unsinn, ich
Dummkopf! Ich bin ja geradezu ein Selbstmrder! Du bist ja geradezu ein
Selbstmrder; das ist ganz und gar nicht das Richtige ... Da siehst du
nun, du verworfener Mensch, da siehst du nun, wie die Sache jetzt luft!
... Wo soll ich nur jetzt bleiben? Was soll ich nur jetzt anfangen? Wozu
bin ich jetzt noch zu gebrauchen? Ja, wozu bist du jetzt noch zu
gebrauchen, du armer Teufel, du unwrdiges Subjekt? Nun, was soll jetzt
werden? Ich mu einen Wagen nehmen; also nimm einen Wagen und la ihn
bei ihr vorfahren; sonst macht sie sich die Fchen na, wenn kein Wagen
da ist ... Ja, wer htte das gedacht? O weh, mein Frulein, o weh, mein
gndiges Frulein! Das ist nun ein Mdchen von gesitteter Auffhrung!
Das ist nun unser vielgelobtes Dmchen! Sie haben sich ja vorzglich
aufgefhrt, gndiges Frulein, das mu man sagen, vorzglich! ... Das
kommt aber alles von der unmoralischen Erziehung her, und wenn ich das
jetzt alles berlege und erwge, so sehe ich, da es von nichts anderem
herkommt als von der Sittenlosigkeit. Man htte dieses Mdchen von klein
auf, hm ... und htte ihr auch manchmal die Rute zu kosten geben sollen;
aber statt dessen haben sie sie mit Konfekt und allerlei Sigkeiten
vollgestopft, und der Alte selbst hat ihr immer vorgesungen: >Du mein
Engelskind, einem Grafen werden wir dich zur Frau geben!< ... Aber nun
sieht man, zu was fr einem Pflnzchen sie sich bei dieser Erziehung
entwickelt hat; jetzt hat sie sich dekuvriert; nun wissen wir, wie es
steht! Statt sie von klein auf zu Hause zu behalten, haben sie sie in
ein Pensionat gegeben, zu einer franzsischen Emigrantin, einer Madame
Falbala, und da hat sie nichts Gutes gelernt, bei dieser Emigrantin
Falbala; nun sieht man, was dabei herausgekommen ist. Nun freut euch!
Jetzt heit es nun: >Sei mit einem Wagen um die und die Stunde vor den
Fenstern und singe ein gefhlvolles spanisches Liedchen; ich erwarte
dich und wei, da du mich liebst, und will mit dir fliehen, und wir
wollen zusammen in einer Htte leben.< Aber das geht schlielich doch
nicht; wenn die Sache so weit gediehen ist, mein gndiges Frulein, so
geht das denn doch nicht; es ist durch die Gesetze verboten, ein
ehrenhaftes, unschuldiges Mdchen aus dem Elternhause ohne Einwilligung
der Eltern wegzufhren! Und schlielich: warum auch? Wozu? Was liegt fr
eine Ntigung vor? Mag sie doch denjenigen heiraten, den zu heiraten ihr
gebhrt und ihr vom Schicksal bestimmt ist; dann ist die Sache erledigt.
Ich aber bin ein Mann in amtlicher Stellung und kann fr eine solche Tat
meine Stellung verlieren; vor Gericht kann ich deswegen kommen, mein
gndiges Frulein! So steht die Sache, wenn Sie es noch nicht gewut
haben! Aber das ist alles das Werk dieses deutschen Frauenzimmers. Alles
geht von dieser Hexe aus; sie hat diesen ganzen Wirrwarr angestiftet. Da
wurde ein unschuldiger Mensch verleumdet, und Weiberklatschereien und
erlogene Geschichten ber ihn in Umlauf gesetzt, und zwar auf Andrei
Filippowitschs Rat; daher ist alles gekommen. Warum htte sonst
Petruschka Anla, sich hineinzumischen? Was geht ihn die Sache an? Was
braucht der Halunke sich damit abzugeben? Nein, ich kann das nicht tun,
gndiges Frulein, schlechterdings nicht, um keinen Preis ... Sie mssen
mich diesmal schon entschuldigen, gndiges Frulein. Das kommt alles von
Ihnen her, gndiges Frulein; das kommt alles nicht von der Deutschen
her, ganz und gar nicht von der Hexe, sondern einfach von Ihnen; denn
die Hexe ist eine gute Person und ist an nichts schuld; aber Sie, mein
gndiges Frulein, sind daran schuld, -- so ist das! Sie, gndiges
Frulein, bringen mich flschlich in schlechten Ruf ... Da geht ein
Mensch zugrunde, da verschwindet ein Mensch vollstndig und vermag sich
nicht zu behaupten, -- wie kann da von Hochzeit die Rede sein! Und wie
wird das alles enden? Und wie soll ich das alles jetzt einrichten? Ich
wrde viel darum geben, wenn ich das wte!

So berlegte unser Held in seiner Verzweiflung. Als er auf einmal zur
Besinnung kam, bemerkte er, da er irgendwo in der Liteinaja-Strae
stand. Es war schauderhaftes Wetter, Tauwetter mit Schnee und Regen,
genau so wie in jenem unvergelichen Augenblicke, als in der furchtbaren
mitternchtlichen Stunde alle Leiden des Herrn Goljadkin begannen. Wie
kann man jetzt reisen? dachte Herr Goljadkin im Hinblick auf das
Wetter; da holt sich ja jeder Mensch den Tod ... Herr du mein Gott! Na,
und wo soll ich jetzt z. B. einen Wagen herbekommen? Da an der Ecke ist,
wie es scheint, etwas Schwrzliches zu sehen. Wir wollen mal zusehen und
es untersuchen ... Herr du mein Gott! fuhr unser Held fort, indem er
seine schwachen, wankenden Schritte nach der Seite hin lenkte, wo er
etwas Wagenhnliches sah. Nein, ich werde es so machen: ich werde
hingehen, ihm, wenn es mglich ist, zu Fen fallen und ihn untertnigst
bitten: >So und so<, werde ich sagen; >in Ihre Hnde lege ich mein
Schicksal, in die Hnde meiner vorgesetzten Behrde. Exzellenz,
beschtzen Sie einen Unglcklichen, und erweisen Sie ihm eine Wohltat!
So und so, und dies und das, es ist eine gesetzwidrige Handlung; richten
Sie mich nicht zugrunde; ich nehme Sie zu meinem Vater an; verlassen Sie
mich nicht ... retten Sie meine Ehre und meinen guten Namen ... retten
Sie mich vor diesem Bsewicht, diesem verworfenen Menschen ... Er ist
ein anderer Mensch, Exzellenz, und ich bin auch ein anderer Mensch; er
ist eine Person fr sich, und ich bin ebenfalls ein Mensch fr mich,
wahrhaftig, ich bin ein Mensch fr mich, Exzellenz, wahrhaftig, ein
Mensch fr mich; so ist das. Ihm gleichen kann ich nicht; haben Sie die
Gte, das zu ndern; befehlen Sie, da das gendert und diese gottlose,
eigenmchtige Namensaneignung aufgehoben werde ... Das ist kein gutes
Beispiel fr andere, Exzellenz. Ich nehme Sie zu meinem Vater an; gewi
mu eine Behrde, eine humane Behrde, die fr ihre Untergebenen sorgt,
solche Bestrebungen untersttzen ... Es liegt darin sogar etwas
Ritterliches. Ich nehme Sie, die humane Behrde, zu meinem Vater an,
lege mein Schicksal in Ihre Hnde und werde gegen Ihre Entscheidung
keinen Widerspruch erheben; ich vertraue mich Ihnen an und werde mich
selbst von dieser Angelegenheit ganz zurckziehen.< So will ich sagen.

Nun, mein Lieber, bist du Droschkenkutscher?

Jawohl.

Ich mchte einen Wagen fr den Abend haben, mein Freund.

Wollen Sie weit fahren?

Fr den Abend, fr den Abend. Wohin es ntig sein wird, mein Lieber,
wohin es ntig sein wird.

Wollen Sie vielleicht aus der Stadt fahren?

Ja, mein Freund, vielleicht auch aus der Stadt. Ich wei es selbst noch
nicht sicher, mein Freund; ich kann es dir nicht bestimmt sagen, mein
Lieber. Siehst du, mein Lieber, vielleicht gestaltet sich alles gut. Man
wei ja, wie das so geht, mein Freund ...

Jawohl, Herr, gewi. Gott gebe jedem Gutes!

Ja, mein Freund, ja; ich danke dir, mein Lieber. Nun, wieviel bekommst
du denn, mein Lieber?

Wollen Sie jetzt gleich fahren?

Ja, jetzt gleich, d. h. nein, an einer Stelle mut du ein Weilchen
warten ... nur ein kleines Weilchen mut du warten, nicht lange, mein
Lieber ...

Ja, wenn Sie mich fr die ganze Zeit nehmen, dann kann ich es bei dem
Wetter nicht unter sechs Rubeln machen ...

Nun gut, mein Freund, gut; ich werde dir dankbar sein, mein Lieber. Na
also, dann fahre mich jetzt, mein Lieber!

Steigen Sie ein; erlauben Sie, ich will den Sitz hier noch ein bichen
zurechtmachen; so, jetzt, bitte, steigen Sie ein! Wohin befehlen Sie,
da ich fahren soll?

Nach der Ismailowski-Brcke, mein Freund.

Der Kutscher kletterte auf den Bock und hatte bereits seine beiden
mageren Gule, die er mit Gewalt von dem Futterkasten mit Heu
weggerissen hatte, in der Richtung nach der Ismailowski-Brcke in
Bewegung gesetzt, als auf einmal Herr Goljadkin die Schnur zog, den
Wagen halten lie und den Kutscher flehentlich bat, umzuwenden und nicht
nach der Ismailowski-Brcke, sondern nach einer anderen Strae zu
fahren. Der Kutscher wendete nach der angegebenen Strae hin um, und
nach zehn Minuten hielt Herrn Goljadkins neu angenommener Wagen vor dem
Hause, in dem Seine Exzellenz wohnte. Herr Goljadkin stieg aus dem
Wagen, bat den Kutscher dringend, ein Weilchen zu warten, lief selbst
mit angstvollem Herzklopfen nach der zweiten Etage hinauf und zog die
Klingel; die Tr ffnete sich, und unser Held befand sich im Vorzimmer
Seiner Exzellenz.

Ist Seine Exzellenz zu Hause? fragte Herr Goljadkin den Diener, der
ihm geffnet hatte.

Was wnschen Sie? fragte der Diener, indem er Herrn Goljadkin vom Kopf
bis zu den Fen musterte.

Ich mchte, mein Freund, hm ... Mein Name ist Goljadkin, Titularrat
Goljadkin. Ich mchte mich aussprechen ...

Da mssen Sie warten; das geht jetzt nicht ...

Mein Freund, ich kann nicht warten; meine Angelegenheit ist wichtig und
duldet keinen Aufschub ...

Von wem kommen Sie denn? Haben Sie Akten?

Nein, mein Freund, ich komme in einer persnlichen Angelegenheit ...
Melde mich, mein Freund; sage nur, ich wollte mich aussprechen. Ich
werde dir dankbar sein, mein Lieber ...

Es geht nicht; ich darf niemand annehmen; es ist Besuch da. Bitte,
kommen Sie am Vormittag um zehn Uhr!

Melde mich doch, mein Lieber; ich kann nicht warten; es ist unmglich
... Du wirst es zu verantworten haben, mein Lieber ...

Na, geh doch und melde ihn! Du willst wohl die Stiefelsohlen schonen,
was? sagte ein anderer Diener, der sich auf einer Wandbank herumrekelte
und bis dahin noch kein Wort gesprochen hatte.

Die Stiefelsohlen werde ich mir dabei nicht ablaufen. Aber er hat
befohlen, niemand anzunehmen, weit du das? Fr den Herrn da ist der
Vormittag die richtige Zeit.

Melde ihn nur! Du denkst wohl, die Zunge wird dir davon abfallen?

Na, dann werde ich ihn melden; die Zunge wird mir davon nicht abfallen.
Aber er hat es verboten; wie gesagt, er hat es verboten. Kommen Sie in
das Zimmer dort!

Herr Goljadkin trat in das erste Zimmer; auf dem Tische stand eine Uhr.
Er blickte danach hin: es war halb neun. Das Herz in der Brust schmerzte
ihn. Er wollte schon umkehren; aber gerade in diesem Augenblicke rief
der langaufgeschossene Diener, auf der Schwelle des folgenden Zimmers
stehend, mit lauter Stimme Herrn Goljadkins Namen aus. Hat der eine
Kehle! dachte unser Held in unbeschreiblicher Beklemmung. Er htte
doch sagen sollen: >So und so, er ist gekommen, um sich untertnigst und
ganz ergebenst auszusprechen ... hm ... haben Sie die Gte ihn zu
empfangen!< Aber jetzt ist die Sache verdorben; meine ganze
Angelegenheit ist zunichte geworden. brigens ... ja ... nun, es macht
nichts ... Indes war zu berlegungen keine Zeit. Der Diener wandte sich
um, sagte: Bitte, treten Sie nher! und fhrte Herrn Goljadkin in das
Arbeitszimmer.

Als unser Held eintrat, hatte er eine Empfindung, als sei er blind
geworden; denn er sah absolut nichts ... Nur zwei oder drei Gestalten
flimmerten undeutlich vor seinen Augen. Na ja, das sind die Gste,
fuhr es ihm durch den Kopf. Endlich begann unser Held den Stern auf dem
schwarzen Fracke Seiner Exzellenz deutlich zu unterscheiden; dann
gelangte er stufenweise dazu, auch den schwarzen Frack zu erkennen;
schlielich gewann er die volle Sehkraft wieder ...

Was gibt es? sagte eine bekannte Stimme ber dem gebeugt dastehenden
Herrn Goljadkin.

Titularrat Goljadkin, Exzellenz.

Nun? ...

Ich bin gekommen, um mich auszusprechen ...

Wie? ... Was?

Ja, so ist es. Hm ... ich bin gekommen, um mich auszusprechen,
Exzellenz ...

Aber Sie ... wer sind Sie doch?

Herr Gol-gol-goljadkin, Exzellenz, Titularrat.

Nun, also was wnschen Sie?

Nmlich ... hm ... ich nehme die Behrde zu meinem Vater an; ich selbst
werde mich von dieser Angelegenheit ganz zurckziehen, und beschtzen
Sie mich vor meinem Feinde ... Das wollte ich sagen.

Was bedeutet das?

Es ist bekannt ...

Was ist bekannt?

Herr Goljadkin schwieg; sein Kinn begann ein wenig zu zucken.

Nun?

Ich hielt es fr ritterlich, Exzellenz ... Ich meinte, das sei hier
ritterlich, und nehme meinen hohen Vorgesetzten zu meinem Vater an ...
ja, hm ... beschtzen Sie mich, ich fl-flehe darum mit Tr-nen, und da
solche Be-bestrebungen unter-unter-untersttzt werden m-mten ...

Seine Exzellenz wandte sich ab. Unser Held konnte eine kurze Zeit mit
den Augen nichts unterscheiden. Die Brust war ihm wie zusammengepret.
Er konnte kaum atmen. Er wute nicht, wo er stand ... Scham und Trauer
erfllten sein Herz. Dann war er eine Weile ganz benommen ... Als unser
Held wieder zu sich kam, bemerkte er, da Seine Exzellenz mit seinen
Gsten sprach und mit ihnen anscheinend in entschiedenem, energischem
Tone etwas errterte. Einen von den Gsten erkannte Herr Goljadkin
sofort. Das war Andrei Filippowitsch; den andern erkannte er nicht,
indessen kam ihm das Gesicht ebenfalls bekannt vor; es war eine hohe,
krftige Gestalt, ziemlich bejahrt, mit sehr dichten Augenbrauen,
starkem Backenbart und scharfem, ausdrucksvollem Blicke. Am Halse trug
der Unbekannte einen Orden; im Munde hatte er eine Zigarre stecken. Der
Unbekannte rauchte und nickte, ab und zu nach Herrn Goljadkin
hinblickend, bedeutsam mit dem Kopfe, ohne die Zigarre aus dem Munde zu
nehmen. Herrn Goljadkin wurde das einigermaen unbehaglich; er wandte
seine Augen zur Seite und erblickte dort noch einen sehr sonderbaren
Gast. In einer Tr, die unser Held bis dahin fr einen Spiegel gehalten
hatte, wie ihm das manchmal begegnete, erschien er, -- der Leser wei
schon, wer: der sehr nahe Bekannte und Freund des Herrn Goljadkin. Herr
Goljadkin der jngere hatte sich wirklich bisher in einem anderen,
kleinen Zimmer befunden und war damit beschftigt gewesen, schnell etwas
zu schreiben; jetzt erschien er, weil dies offenbar ntig geworden war,
mit Papieren unter dem Arme, trat zu Seiner Exzellenz heran, und in der
Absicht, die Aufmerksamkeit ausschlielich auf seine Person zu lenken,
brachte er es fertig, sich in das Gesprch und die Beratung
einzudrngen. Seinen Platz hatte er nicht weit hinter Andrei
Filippowitschs Rcken genommen, zum Teil verdeckt durch den Unbekannten,
der eine Zigarre rauchte. Anscheinend interessierte sich Herr Goljadkin
der jngere auerordentlich lebhaft fr das Gesprch, bei dem er
zunchst den wohlgesitteten Zuhrer spielte, indem er mit dem Kopfe
nickte, mit den Fen trippelte, lchelte und alle Augenblicke Seine
Exzellenz ansah, wie wenn er mit seinem Blicke um die Erlaubnis bitten
wollte, ebenfalls ein Wrtchen dazugeben zu drfen. Du Schurke! dachte
Herr Goljadkin und trat unwillkrlich einen Schritt weiter vor. In
diesem Augenblicke wandte sich der Chef um und trat selbst in ziemlich
unentschlossener Haltung auf Herrn Goljadkin zu.

Nun gut, gut; gehen Sie in Gottes Namen! Ich werde Ihre Angelegenheit
untersuchen; ich werde Ihnen jetzt einen Begleiter mitgeben ... Hier
blickte der Chef den Unbekannten mit dem starken Backenbarte an. Dieser
nickte zum Zeichen der Beistimmung mit dem Kopfe.

Herr Goljadkin fhlte und verstand deutlich, da man von seiner Person
ganz und gar nicht die Meinung hatte, die man von ihr htte haben
sollen. Auf die eine oder die andere Weise mu ich mich jedenfalls
aussprechen, dachte er; >so und so,< werde ich sagen, >Exzellenz<.
Hier schlug er in seiner Ratlosigkeit die Augen zu Boden und sah zu
seinem uersten Erstaunen auf den Stiefeln Seiner Exzellenz einen
weien Fleck von betrchtlicher Gre. Sind sie wirklich geplatzt?
dachte Herr Goljadkin. Bald indes kam er zu der Erkenntnis, da die
Stiefel Seiner Exzellenz keineswegs geplatzt waren, sondern nur das
Licht stark zurckwarfen, ein Phnomen, das sich vollstndig daraus
erklrte, da es stark glnzende Lackstiefel waren. Das nennt man einen
>Blick<, dachte unser Held; besonders hat sich diese Bezeichnung in
den Ateliers der Knstler gehalten; an andern Stellen nennt man diesen
Widerschein Lichtreflex. Hier schlug Herr Goljadkin die Augen in die
Hhe und sah, da es Zeit war zu reden, weil die Sache sonst sehr leicht
einen schlimmen Ausgang nehmen konnte ... Unser Held trat einen Schritt
vor.

Also ... ja ... Exzellenz, sagte er, durch Annahme eines fremden
Namens kann man in unserm Zeitalter nicht mehr obenauf kommen.

Der Chef antwortete nichts, sondern zog stark an der Klingelschnur.
Unser Held trat noch einen Schritt vor.

Er ist ein gemeiner, verworfener Mensch, Exzellenz, sagte unser Held;
er wute nicht von sich selbst, war halbtot vor Angst, wies aber dabei
doch khn und entschlossen auf seinen unwrdigen Zwillingsbruder, der in
diesem Augenblicke neben Seiner Exzellenz herumtrippelte. Nmlich ...
ja ... ich deute auf eine bestimmte Person hin.

Herrn Goljadkins Worten folgte eine allgemeine Bewegung. Andrei
Filippowitsch und der Unbekannte nickten mit den Kpfen; Seine Exzellenz
ri ungeduldig aus Leibeskrften am Klingelzuge, um seine Leute
herbeizurufen. Jetzt trat Herr Goljadkin der jngere seinerseits vor.

Exzellenz, sagte er, ich bitte untertnigst um Ihre Erlaubnis, reden
zu drfen. In der Stimme des jngeren Herrn Goljadkin lag eine
auerordentliche Entschlossenheit; sein ganzes Benehmen zeigte, da er
sich vollstndig in seinem Rechte fhlte.

Gestatten Sie mir die Frage, begann er von neuem, indem er in seinem
Eifer der Antwort Seiner Exzellenz zuvorkam und sich diesmal an Herrn
Goljadkin wandte, gestatten Sie mir die Frage, ob Sie wohl auch wissen,
in wessen Gegenwart Sie solche Ausdrcke gebrauchen. Vor wem stehen Sie,
und in wessen Arbeitszimmer befinden Sie sich? ... Herr Goljadkin der
jngere war in hchster Erregung, ganz rot und hei vor Emprung und
Zorn; es wurden sogar Trnen in seinen Augen sichtbar.

Die Herren Bassawrjukow! schrie der Diener, der in der Tr des
Arbeitszimmers erschien, aus voller Kehle. Das ist eine gute
Adelsfamilie, die aus Kleinruland stammt, dachte Herr Goljadkin und
fhlte gleichzeitig, da ihm jemand in sehr freundschaftlicher Weise die
Hand auf den Rcken legte; dann legte sich ihm noch eine andere Hand auf
den Rcken; Herrn Goljadkins nichtswrdiger Zwillingsbruder lief
geschftig voran und zeigte den Weg, und unser Held sah klar, da man
ihn nach der groen Tr des Arbeitszimmers hinfhrte. Genau so wie bei
Olsufi Iwanowitsch, dachte er und fand sich schon im Vorzimmer. Um sich
blickend, sah er neben sich zwei Diener Seiner Exzellenz und seinen
Zwillingsbruder.

Den Mantel, den Mantel, den Mantel, den Mantel meines Freundes! Den
Mantel meines besten Freundes! schnatterte der verworfene Mensch, indem
er einem der Diener den Mantel aus den Hnden ri und ihn mit diesen
gemeinen, unanstndigen Spottworten Herrn Goljadkin geradezu auf den
Kopf warf. Whrend Herr Goljadkin der ltere sich aus seinem Mantel
herauswickelte, hrte er deutlich das Gelchter der beiden Diener. Aber
ohne auf etwas hinzuhren und Nebendinge zu beachten, verlie er das
Vorzimmer und befand sich nun auf der erleuchteten Treppe. Herr
Goljadkin der jngere war ihm nachgekommen.

Leben Sie wohl, Exzellenz! rief er Herrn Goljadkin dem lteren nach.

Schurke! antwortete unser Held ganz auer sich.

Na, ich lasse mir diese Bezeichnung gefallen ...

Verworfener Mensch! ...

Na, meinetwegen auch das ... erwiderte dem wrdigen Herrn Goljadkin
sein unwrdiger Feind spttisch und blickte mit der ihm eigenen
Niedertrchtigkeit von der Hhe der Treppe gerade und ohne mit den Augen
zu zwinkern Herrn Goljadkin in die Augen, wie wenn er ihn bte
fortzufahren. Unser Held spie vor Emprung aus und lief vor die Haustr;
er war so zerschmettert, da ihm gar nicht zum Bewutsein kam, wer ihm
beim Einsteigen in den Wagen half, und wie es dabei zuging. Als er seine
Gedanken wieder gesammelt hatte, sah er, da er an der Fontanka
entlangfuhr. Also wohl nach der Ismailowski-Brcke? dachte er. Er
htte jetzt gern ber noch etwas nachgedacht; aber das war ihm nicht
mglich; es war etwas so Schreckliches, da es sich gar nicht sagen lt
... Nun, es macht nichts! sagte sich unser Held schlielich und fuhr
nach der Ismailowski-Brcke.




                             13. Kapitel


... Das Wetter schien sich bessern zu wollen. In der Tat begann der
nasse Schnee, der bisher in dichten Massen gefallen war, allmhlich
sprlicher zu werden und hrte zuletzt fast ganz auf. Der Himmel wurde
sichtbar, und hier und da glnzten an ihm die Sterne auf. Aber es war
immer noch na, schmutzig, feucht und drckend, namentlich fr Herrn
Goljadkin, der ohnehin schon nur mit Mhe Atem holen konnte. Sein
durchnter, schwer gewordener Mantel teilte allen seinen Gliedern eine
unangenehm-warme Feuchtigkeit mit und lhmte durch sein Gewicht seine
sowieso schon recht schwach gewordenen Beine. Ein fieberhaftes Zittern
lief ihm wie ein Gekribbel bissiger Ameisen ber den ganzen Krper; die
Ermattung lie einen kalten, krankhaften Schwei aus allen Poren
heraustreten, so da Herr Goljadkin sogar verga, bei dieser passenden
Gelegenheit mit der ihm eigenen Festigkeit und Entschlossenheit seine
Lieblingsredensart zu wiederholen, da er dennoch vielleicht,
mglicherweise, irgendwie, wahrscheinlich, unbedingt obsiegen und alles
sich gut gestalten werde. brigens macht das alles vorlufig noch
nichts, fgte unser starker, noch ungebeugter Held hinzu und wischte
sich die kalten Wassertropfen vom Gesichte, die nach allen Seiten von
der Krmpe seines runden Hutes herabflossen, der dermaen durchnt war,
da er das Wasser nicht mehr festhalten konnte. Nachdem unser Held noch
hinzugefgt hatte, da das alles noch nichts zu bedeuten habe, versuchte
er, sich auf einen ziemlich dicken Holzklotz zu setzen, der auf Olsufi
Iwanowitschs Hofe neben einem Haufen Holz lag. Von spanischen Serenaden
und seidenen Strickleitern konnte jetzt allerdings nicht die Rede sein;
aber er konnte nicht umhin, an jenes bescheidene Winkelchen
zurckzudenken, das zwar nicht sehr warm, aber dafr bequem und
verborgen gewesen war. Denn jenes Winkelchen hatte, beilufig bemerkt,
jetzt viel Verlockendes fr ihn, jenes Winkelchen auf dem Flur von
Olsufi Iwanowitschs Wohnung, wo unser Held frher, beinah am Anfang
dieser wahrhaften Geschichte, volle zwei Stunden lang zwischen einem
Schranke und einem alten Wandschirm, zwischen allerlei unbrauchbarem
Hausrat, Trdelkram und Germpel gestanden hatte. Die Sache war die, da
auch jetzt Herr Goljadkin bereits ganze zwei Stunden auf Olsufi
Iwanowitschs Hofe stand und wartete. Aber was eine nochmalige Benutzung
jenes frheren bescheidenen, bequemen Winkelchens anlangte, so gab es da
jetzt mehrere Hindernisse, die es frher nicht gegeben hatte. Das erste
Hindernis bestand darin, da man dieses Pltzchen wahrscheinlich
seinerzeit bemerkt und seit der Affre auf dem letzten Balle bei Olsufi
Iwanowitsch einige vorbeugende Maregeln getroffen hatte; und zweitens
mute er doch auf das verabredete Zeichen von Klara Olsufjewna warten;
denn irgendein solches verabredetes Zeichen mute doch unbedingt dabei
vorkommen. So war es immer zugegangen, und er sagte sich: Wir sind
nicht die ersten, die es so machen, und werden nicht die letzten sein.
Herr Goljadkin erinnerte sich hierbei sehr apropos flchtig an einen
Roman, den er schon vor langer Zeit einmal gelesen hatte, wo die Heldin
ihrem Alfred in ganz hnlicher Lage das verabredete Zeichen dadurch gab,
da sie ein rosa Band ans Fenster knpfte. Aber ein rosa Band konnte
jetzt zur Nachtzeit und bei dem durch seine Feuchtigkeit und
Unzuverlssigkeit bekannten Petersburger Klima nicht zur Anwendung
kommen; das war, kurz gesagt, vllig unmglich. Nein, seidene
Strickleitern kommen hier nicht in Frage, hatte unser Held gedacht, als
er auf den Hof kam; ich werde mich lieber hierher stellen, ganz allein,
bescheiden und in der Stille ... z. B. hier an diesen Platz, und er
hatte sich ein Pltzchen auf dem Hofe ausgesucht, den Fenstern gerade
gegenber, bei einem aufgeschichteten Holzhaufen. Allerdings gingen auf
dem Hofe viele fremde Leute umher, Stallknechte, Kutscher; dazu
rasselten die Rder, schnaubten die Pferde usw.; aber trotzdem war der
Platz wohlgeeignet: ob man ihn nun bemerkte oder nicht, jetzt wenigstens
war der Vorteil der, da die Sache gewissermaen im Schatten vor sich
ging und niemand Herrn Goljadkin sah, whrend er selbst geradezu alles
sehen konnte. Die Fenster waren hell erleuchtet; es war eine vornehme
Gesellschaft bei Olsufi Iwanowitsch. Musik war brigens noch nicht zu
hren. Also findet kein Ball statt, sondern es sind aus irgendwelchem
andern Anla Gste geladen, dachte unser Held beklommenen Herzens.
Aber sollte es denn auch heute sein? ging es ihm durch den Kopf;
liegt auch kein Irrtum im Datum vor? Es knnte doch sein; mglich ist
alles ... Vielleicht war der Brief gestern geschrieben, gelangte aber
gestern nicht in meine Hnde, und zwar deswegen nicht, weil sich
Petruschka da hineingemischt hat, dieser Halunke! Oder er war morgen
geschrieben, d. h. es stand darin, da ich ... da ich erst morgen alles
tun sollte, d. h. mit dem Wagen warten sollte ... Hier berlief es
unsern Helden ganz kalt, und er griff in die Tasche, um den Brief
herauszuholen und die Sache festzustellen. Aber zu seiner Verwunderung
fand sich der Brief in der Tasche nicht vor. Wie geht das zu?
flsterte Herr Goljadkin mehr tot als lebendig. Wo habe ich ihn nur
gelassen? Also habe ich ihn verloren? Das hat noch gefehlt! sthnte er
schlielich. Wenn er nun aber jetzt in schlechte Hnde fllt? (Ja,
vielleicht ist er schon in schlechte Hnde gefallen!) Herr Gott! Was
kann das fr Folgen haben! Die Folge wird sein, da ... O ber mein
unglckseliges Schicksal! Hier begann Herr Goljadkin wie Espenlaub zu
zittern bei dem Gedanken, da vielleicht sein unehrenhafter
Zwillingsbruder, als er ihm den Mantel auf den Kopf warf, dabei gerade
die Absicht verfolgt habe, den Brief zu entwenden, von dessen Existenz
er irgendwie durch Herrn Goljadkins Feinde Wind bekommen habe. Er wird
ihn als Beweisstck weggenommen haben, dachte unser Held; und was fr
ein schwerwiegendes Beweisstck ist er! ... Nach dem ersten Anfall des
Schreckens und der Erstarrung stieg Herrn Goljadkin das Blut in den
Kopf. Sthnend und zhneknirschend griff er sich an seine glhende
Stirn, lie sich auf seinen Holzklotz niedersinken und begann ber etwas
nachzudenken. Aber die Gedanken in seinem Kopfe vermochten nicht an
einem Gegenstande haften zu bleiben. Irgendwelche Persnlichkeiten
huschten vor seinem geistigen Auge vorber; irgendwelche lngst
vergessenen Ereignisse kamen ihm bald undeutlich, bald klar ins
Gedchtnis; irgendwelche Melodien dummer Lieder gingen ihm durch den
Kopf ... Es war eine Pein, eine unnatrliche Pein! Mein Gott, mein
Gott! dachte unser Held, als er einigermaen zur Besinnung kam, und
suchte das dumpfe Schluchzen in seiner Brust zu ersticken, gib mir
festen Mut bei der unergrndlichen Tiefe meines Unglcks! Da ich
verloren bin, ganz vernichtet bin, daran kann kein Zweifel mehr
bestehen, und das liegt ganz im natrlichen Laufe der Dinge; es kann
eben nicht anders sein. Erstens habe ich meine Stelle verloren,
unbedingt verloren, ich mute sie mit Notwendigkeit verlieren ... Nun,
einigermaen werde ich allerdings auch dann zurechtkommen. Mein Geld
reicht frs erste aus: ich nehme mir eine andere, kleine Wohnung ...
Petruschka wird nicht mehr bei mir sein. Ich kann mich auch ohne diesen
Halunken behelfen ... ich lebe dann eben als Chambregarnist; nun gut!
Dann kann ich auch kommen und gehen, wann ich Lust habe, und kein
Petruschka wird darber brummen, da ich zu spt nach Hause komme. Ja,
so ist das; das ist ein Vorzug des Chambregarnistentums ... Nun, das ist
ja allerdings alles ganz gut; aber warum rede ich gar nicht ber das,
worauf es ankommt? Hier erhellte der Gedanke an die gegenwrtige Lage
wieder Herrn Goljadkins Gedchtnis. Er blickte um sich. Ach, Herr du
mein Gott! Herr du mein Gott! Wovon rede ich denn da jetzt? dachte er
ganz verstrt und griff sich an den glhenden Kopf ...

Wollen Sie nicht bald fahren, Herr? sagte eine Stimme ber dem Kopfe
des dasitzenden Herrn Goljadkin. Herr Goljadkin fuhr zusammen; vor ihm
stand sein Kutscher, ebenfalls vllig durchnt und durchfroren; vor
Ungeduld und Langerweile war er auf den Gedanken gekommen, sich einmal
nach Herrn Goljadkin hinter dem Holzhaufen umzusehen.

Ich wei nicht, mein Freund ... ich werde bald fahren, mein Freund,
sehr bald, sehr bald; warte noch ein bichen! ...

Der Kutscher ging, etwas vor sich hin brummend, wieder weg. Was mag er
da brummen? dachte Herr Goljadkin, und die Trnen kamen ihm in die
Augen. Ich habe ihn doch fr den ganzen Abend genommen; also kann ich
... hm ... ich bin jetzt in meinem Rechte ... so ist das! Ich habe ihn
fr den ganzen Abend genommen; also ist die Sache in Ordnung. Wenn er
auch so dasteht, das ist ganz gleich. Das hngt alles von meinem
Belieben ab. Wenn ich fahren will, kann ich fahren, und wenn ich nicht
fahren will, kann ich es unterlassen. Und wenn ich hier hinter dem Holze
stehe, so ist auch dagegen nichts einzuwenden ... und er darf sich nicht
erdreisten, etwas darber zu sagen; wenn der Herr Lust hat, hinter dem
Holze zu stehen, nun, dann steht er eben hinter dem Holze ... und damit
befleckt er niemandes Ehre; so ist das! Ja, so ist das, mein Frulein,
wenn Sie es wissen wollen. Und in einer Htte, mein Frulein, hm, in
einer Htte lebt in unserem Zeitalter niemand. So ist das! Und ohne
Moralitt kann man in unserem Zeitalter der Industrie nichts erreichen,
mein Frulein; dafr dienen Sie selbst jetzt als trauriges Beispiel ...
Also Ihrer Meinung nach soll ich das Amt eines Tischvorstehers bekleiden
und in einer Htte am Gestade des Meeres leben. Erstens, mein Frulein,
gibt es am Gestade des Meeres keine Tischvorsteher, und zweitens knnen
wir beide mir keine Stelle als Tischvorsteher verschaffen. Denn gesetzt
z. B. ich reiche eine Bittschrift ein und sage darin: >So und so, ich
bitte, mich zum Tischvorsteher zu machen und mich vor meinem Feinde zu
schtzen ...<, dann werden Sie merken, mein Frulein, da es viele
Tischvorsteher gibt, und da Sie hier nicht bei der Emigrantin Falbala
sind, wo Sie Moralitt gelernt haben, wofr Sie selbst als trauriges
Beispiel dienen. Moralitt, mein Frulein, das bedeutet: zu Hause
sitzen, seinen Vater ehren und nicht vorzeitig an Freier denken. Die
Freier, mein Frulein, werden sich zur rechten Zeit schon finden; so ist
das! Gewi, man mu unstreitig auch allerlei Fertigkeiten und Kenntnisse
besitzen, als da sind: ein bichen Klavierspielen, Franzsisch sprechen,
Geschichte, Geographie, Religion und Rechnen, -- so ist das! Aber mehr
ist nicht vonnten. Dazu kommt noch die Kche; zu dem Wissensgebiete
eines jeden wohlgesitteten Mdchens gehrt unbedingt auch die Kche!
Aber was wird mit Ihnen werden? Erstens, mein schnes gndiges Frulein,
wird man Sie nicht so einfach davonlassen, sondern eine Verfolgung
veranstalten und Sie, wenn man Sie attrapiert hat, in ein Kloster
stecken. Was dann, mein Frulein? Was befehlen Sie mir dann zu tun?
Befehlen Sie mir, mein Frulein, nach Anweisung einiger dummer Romane
auf einen nahegelegenen Hgel zu gehen und, nach den kalten Mauern Ihres
Gefngnisses hinblickend, in Trnen zu zerflieen und schlielich so zu
sterben, gem der Vorschrift einiger verdrehter deutscher Dichter und
Romanschriftsteller? Ja, mein Frulein? Aber gestatten Sie mir, Ihnen in
aller Freundschaft zu sagen, erstens, da die Dinge sich nicht in dieser
Weise vollziehen, und zweitens, da ich am liebsten Sie und Ihre Eltern
gehrig dafr durchhauen mchte, da sie Ihnen franzsische Bcher zu
lesen gegeben haben; denn aus franzsischen Bchern kann man nichts
Gutes lernen. In denen steckt Gift, verderbliches Gift, mein Frulein!
Oder denken Sie etwa (gestatten Sie die Frage!), oder denken Sie etwa,
wir werden ungestraft entfliehen knnen und dann zusammen in einer Htte
am Meeresstrande wohnen? Und dann fangen wir an zu girren und zu
schnbeln und von allerlei Gefhlen zu sprechen und verbringen so unser
ganzes Leben in Zufriedenheit und Glck? Und dann stellt sich ein
Kleines ein, und wir sagen: >So und so, Sie unser Vater Staatsrat Olsufi
Iwanowitsch, da hat sich ein Kleines eingestellt; nehmen Sie also bei
diesem passenden Anla Ihren Fluch zurck, und segnen Sie uns junges
Paar!<? Nein, mein Frulein, da vollziehen sich die Dinge wieder nicht
in dieser Weise, und der erste Punkt ist der, da es kein Girren und
Schnbeln mehr gibt; hoffen Sie darauf nicht! Heutzutage, mein Frulein,
ist der Mann der Herr, und eine gute, wohlgesittete Frau mu ihm in
allen Stcken zu Gefallen leben. Zrtlichkeiten aber, mein Frulein,
sind heutzutage in unserm Zeitalter der Industrie nicht mehr beliebt;
die Zeiten Jean Jacques Rousseaus sind vorber. Heutzutage kommt z. B.
der Mann hungrig vom Dienste nach Hause; da sagt er dann: >Mein
Herzchen, hast du nicht vor dem Mittagessen ein bichen was zu essen,
ein Schnpschen zu trinken, ein Stckchen Hering zu essen?< Da mssen
Sie dann ein Schnpschen und ein Stckchen Hering gleich in Bereitschaft
haben. Der Mann it das mit gutem Appetit; aber Sie sieht er gar nicht
an, sondern er sagt: >Geh in die Kche, mein Ktzchen, und sieh nach dem
Mittagessen!< und vielleicht gibt er Ihnen in der Woche nur ein einziges
Mal einen Ku, und auch das nur mit gleichgltigem Wesen ... So ist das
jetzt bei uns, mein Frulein! Und auch das nur mit gleichgltigem Wesen!
... So wird das sein, wenn man es recht berlegt, wenn es nun einmal
dahin gekommen ist, da man die Sache in dieser Weise zu betrachten
anfngt ... Und was habe denn ich, ich damit zu schaffen? Warum haben
Sie mich in Ihr launenhaftes Treiben hineingezogen, mein Frulein? Sie
schreiben: >Edler, fr mich leidender und meinem Herzen in jeder
Hinsicht teurer Mann< usw. Ja, erstens, mein Frulein, passe ich gar
nicht fr Sie; Sie wissen selbst, da ich mich auf Komplimente nicht
verstehe, es nicht liebe, den Damen allerlei parfmierten Unsinn
vorzuschwatzen, das seladonhafte Wesen nicht ausstehen kann und auch,
offen gestanden, kein schnes ueres besitze. Lgenhafte Prahlerei und
Ziererei werden Sie bei mir nicht finden; das gestehe ich Ihnen jetzt
mit aller Offenherzigkeit. So ist das; ich besitze nur einen geraden,
offenen Charakter und einen gesunden Verstand; mit Intrigen gebe ich
mich nicht ab. Ich bin kein Intrigant und bin stolz darauf; so ist das!
... Ich bewege mich unter guten Menschen ohne Maske, und um Ihnen alles
zu sagen ...

Auf einmal fuhr Herr Goljadkin zusammen. Der rtliche, vllig durchnte
Bart seines Kutschers blickte wieder zu ihm hinter das Holz.

Ich komme gleich, mein Freund; weit du, mein Freund, sogleich; sofort
komme ich, mein Freund! antwortete Herr Goljadkin mit zitternder,
gramvoller Stimme.

Der Kutscher kratzte sich im Nacken, strich sich dann den Bart glatt und
trat einen Schritt vor. Hierauf blieb er stehen und blickte Herrn
Goljadkin mitrauisch an.

Ich komme sofort, mein Freund; ich will nur ... siehst du, mein Freund
... ich will nur noch ein wenig ... siehst du, mein Freund, ich will nur
noch eine Sekunde hier ... siehst du, mein Freund ...

Wollen Sie vielleicht berhaupt nicht mehr fahren? sagte endlich der
Kutscher, indem er entschlossen an Herrn Goljadkin herantrat.

Doch, mein Freund; ich komme gleich. Siehst du, mein Freund, ich warte
nur noch ...

Na, gut ...

Siehst du, mein Freund, ich ... Aus welchem Dorfe bist du denn, mein
Lieber?

Wir sind Leibeigene ...

Hast du eine gute Herrschaft? ...

Es geht ...

Ja, mein Freund, bleib nur noch ein bichen bei mir, mein Freund!
Siehst du, mein Freund, bist du schon lange in Petersburg?

Ich fahre schon ein Jahr ...

Und geht es dir gut, mein Freund?

So ziemlich.

Ja, mein Freund, ja. Danke der Vorsehung, mein Freund! Einen guten
Menschen kannst du jetzt lange suchen, mein Freund. Heutzutage sind gute
Menschen selten geworden, mein Lieber; ein guter Mensch hlt dich
sauber, mein Lieber, und gibt dir zu essen und zu trinken. Aber siehst
du, manchmal flieen Trnen auch auf das Gold, mein Freund ... siehst
du, hier hast du ein bedauernswertes Beispiel vor dir; so ist das, mein
Lieber ...

Dem Kutscher schien Herr Goljadkin leid zu tun. Na, wenn Sie wollen,
werde ich noch warten. Wollen Sie denn noch lange hierbleiben?

Nein, mein Freund, nein; ich werde jetzt, weit du, hm ... ich werde
jetzt nicht mehr warten, mein Lieber ... Wie denkst du darber, mein
Freund? Ich schenke dir Vertrauen. Ich werde hier nicht mehr warten ...

Werden Sie vielleicht berhaupt nicht mehr fahren?

Nein, ich fahre nicht mehr, mein Freund, nein; aber ich danke dir, mein
Lieber ... so ist das. Wieviel bekommst du denn, mein Lieber?

Was wir abgemacht haben, Herr, das mssen Sie mir auch geben. Ich habe
lange gewartet, Herr; Sie werden ja einen armen Menschen nicht zu
Schaden bringen wollen, Herr.

Nun, da hast du dein Geld, mein Lieber, da hast du es! Damit gab Herr
Goljadkin dem Kutscher die ganzen sechs Rubel. Er entschlo sich nun im
Ernst, keine Zeit weiter zu verlieren, sondern sich davonzumachen, um so
mehr da die Sache bereits endgltig entschieden und der Kutscher
entlassen war und es folglich keinen Zweck mehr hatte, lnger zu warten;
so verlie er denn den Hof, ging durch den Torweg, wandte sich links und
begann, ohne sich umzusehen, keuchend und froh davonzulaufen.
Vielleicht gestaltet sich noch alles gut, dachte er, und ich bin auf
diese Art dem Unheil entronnen. Wirklich war es Herrn Goljadkin auf
einmal sehr leicht ums Herz geworden. Ach, wenn sich doch alles gut
gestalten wollte! dachte unser Held, obwohl er selbst wenig daran
glaubte. Nun will ich, hm ... dachte er. Nein, ich will es lieber so
machen; ich will die Sache von einer andern Seite angreifen ... Oder
soll ich lieber so verfahren? ... Whrend sich unser Held so mit seinen
Zweifeln abmhte und zur Klarheit zu gelangen suchte, war er bis zur
Semjonowski-Brcke gelaufen und fate nun den verstndigen, endgltigen
Beschlu, wieder umzukehren. Das wird das beste sein, sagte er sich.
Ich will die Sache lieber von einer anderen Seite angreifen, d. h.
folgendermaen: ich werde ganz einfach unbeteiligter Beobachter sein,
weiter nichts; ich bin nur ein Beobachter, eine unbeteiligte Person;
dann mag sich dort begeben, was da will, ich trage keine Schuld daran.
So ist das! So soll es jetzt sein!

Nachdem unser Held beschlossen hatte umzukehren, fhrte er diesen
Beschlu auch aus, um so mehr, da er seiner glcklichen Idee zufolge
jetzt die Rolle einer ganz unbeteiligten Person bernommen hatte. Das
ist besser; einerseits bin ich fr nichts verantwortlich, und
andrerseits sehe ich alles Ntige mit an ... so ist das! Also die
Rechnung war durchaus richtig und die Sache damit erledigt. Beruhigt
schlich er wieder in den friedlichen Schatten des ihn schtzenden
Holzstoes und begann, aufmerksam nach den Fenstern hinzuschauen.
Diesmal brauchte er nicht lange zu schauen und zu warten. Auf einmal
machte sich an allen Fenstern gleichzeitig eine sonderbare Bewegung
bemerklich, Gestalten wurden sichtbar, die Vorhnge zurckgeschlagen,
ganze Gruppen von Menschen drngten sich an Olsufi Iwanowitschs
Fenstern; alle blickten sie auf den Hof hinaus und suchten dort etwas.
Durch seinen Holzsto geschtzt, begann unser Held seinerseits ebenfalls
neugierig die allgemeine Bewegung zu verfolgen und streckte, lebhaft
interessiert, seinen Kopf nach rechts und links vor, wenigstens soweit
es ihm der kurze Schatten des ihn verbergenden Holzstoes erlaubte. Auf
einmal bekam er einen groen Schreck, fuhr zusammen und htte sich vor
Bestrzung beinahe auf dem Fleck, wo er stand, hingesetzt. Es schien ihm
oder richtiger er erriet auf das bestimmteste, da sie da nicht
irgendetwas und irgendwen suchten, sondern ganz einfach ihn, Herrn
Goljadkin. Alle blickten sie nach seiner Seite hin. Davonzulaufen war
unmglich; man htte ihn gesehen ... ngstlich drckte sich Herr
Goljadkin so dicht wie mglich an das Holz und bemerkte jetzt erst, da
der verrterische Schatten ihm treulos geworden war und ihn nicht mehr
ganz verbarg. Mit dem grten Vergngen wre unser Held jetzt in ein
Mauseloch zwischen dem Holze gekrochen und htte dort friedlich
gesessen, wenn es nur mglich gewesen wre. Aber es war entschieden
unmglich. In seiner Pein begann er schlielich, mit Entschlossenheit
geradezu nach allen Fenstern hinzusehen, weil ihm das noch als das beste
erschien. Und pltzlich wurde er glhend hei vor Scham. Man hatte ihn
deutlich bemerkt; alle zusammen hatten ihn bemerkt; alle winkten ihm mit
den Hnden; alle nickten ihm zu; alle riefen ihn; da klappten ein paar
Luftscheiben und wurden geffnet; einige Stimmen schrien ihm zugleich
etwas zu ... Ich wundere mich, warum man diesem dummen Mdchen nicht
von klein auf die Rute gegeben hat, murmelte unser Held ganz
fassungslos vor sich hin. Auf einmal kam er (man wei schon, wer) die
Stufen vor der Haustr herabgelaufen, im bloen Uniformrock, ohne Hut,
atemlos, hastig, trippelnd und hpfend, wahrscheinlich um seine
gewaltige Freude darber an den Tag zu legen, da er Herrn Goljadkin
endlich erblickt hatte.

Jakow Petrowitsch, schnatterte der durch seine Niedertrchtigkeit
bekannte Mensch. Jakow Petrowitsch, Sie hier? Sie werden sich erklten.
Es ist hier kalt, Jakow Petrowitsch. Bitte, kommen Sie doch in die
Wohnung!

Nein, Jakow Petrowitsch, nein, das tut mir nichts, Jakow Petrowitsch,
murmelte unser Held in demtigem Tone.

Nein, das geht nicht, Jakow Petrowitsch; alle lassen Sie bitten, lassen
Sie ganz ergebenst bitten; sie erwarten uns. >Machen Sie uns die
Freude,< haben sie zu mir gesagt, >und bringen Sie Jakow Petrowitsch
her!< So ist das!

Nein, Jakow Petrowitsch, sehen Sie, ich ... ich wrde am besten tun,
wenn ich ... Ich wrde am besten nach Hause gehen, Jakow Petrowitsch,
sagte unser Held, der ein Gefhl hatte, als ob er auf gelindem Feuer
gerstet wrde, und ganz starr war vor Scham und Angst.

Nein, nein, nein, nein! schnatterte der widerwrtige Mensch. Nein,
nein, nein, unter keinen Umstnden! Kommen Sie! sagte er energisch und
zog Herrn Goljadkin den lteren zur Haustr hin. Herr Goljadkin der
ltere wollte ganz und gar nicht mitgehen; aber da alle nach ihm
hinsahen und es dumm herausgekommen wre, wenn er sich widersetzt und
sich gestrubt htte, so ging unser Held doch mit; brigens kann man
eigentlich nicht sagen, da er ging, da er schlechterdings selbst nicht
wute, was mit ihm geschah. Aber es war ja nun doch schon alles egal!

Ehe unser Held noch einigermaen zur Besinnung kommen und sich
zurechtmachen konnte, befand er sich schon im Saale. Er war bla,
zerzaust, sein Anzug in Unordnung; seine trben Augen irrten ber die
ganze Menge hin, -- o weh: der Saal und alle Zimmer, alles, alles, war
dicht gedrngt voll! Es war eine Unmasse von Menschen da, ein ganzer
Flor von Damen. Alle Anwesenden strebten zu Herrn Goljadkin hin; alle
umdrngten ihn; alle schoben Herrn Goljadkin vorwrts, der sehr wohl
merkte, da sie ihn in einer bestimmten Richtung fortschoben. Doch
nicht zur Tr? ging es ihm durch den Kopf. In der Tat schoben sie ihn
nicht zur Tr hin, sondern geradeswegs zu Olsufi Iwanowitschs bequemem
Lehnstuhl. Neben dem Lehnstuhl stand auf der einen Seite Klara
Olsufjewna, bla, matt, traurig, aber in prachtvoller Toilette.
Besonders fielen Herrn Goljadkin die kleinen weien Blmchen in ihrem
schwarzen Haar in die Augen, was einen ganz auerordentlichen Effekt
machte. Auf der andern Seite des Lehnstuhles stand Wladimir
Semjonowitsch, im schwarzen Frack, mit seinem neuen Orden im Knopfloch.
Zwei von den Gsten hatten Herrn Goljadkin untergefat und fhrten ihn,
wie schon oben gesagt ist, geradeswegs zu Olsufi Iwanowitsch, und zwar
auf der einen Seite Herr Goljadkin der jngere, der eine hchst
wohlanstndige, wohlwollende Miene angenommen hatte, worber unser Held
sich unsagbar freute, auf der andern Seite Andrei Filippowitsch mit sehr
feierlichem Gesichtsausdruck. Was soll das? dachte Herr Goljadkin. Als
er sah, da man ihn zu Olsufi Iwanowitsch fhrte, da war es ihm, als ob
ihm ein Blitz pltzlich alles erleuchtete. Der Gedanke an den
entwendeten Brief fuhr ihm durch den Kopf. In namenloser Angst stand
unser Held vor Olsufi Iwanowitschs Lehnstuhl. Wie wird es mir jetzt
gehen? dachte er bei sich. Selbstverstndlich werde ich alles frei
heraus sagen, mit einer Aufrichtigkeit, die von vornehmer Gesinnung
zeugt; so und so, usw. Aber was unser Held anscheinend frchtete, trat
nicht ein. Olsufi Iwanowitsch empfing Herrn Goljadkin, wie es schien,
sehr gut; er streckte ihm zwar nicht die Hnde entgegen; aber er wiegte,
indem er ihn anblickte, sein graues, Ehrfurcht einflendes Haupt mit
ernst-trauriger und zugleich wohlwollender Miene hin und her. So schien
es wenigstens Herrn Goljadkin. Es schien diesem sogar, als ob in Olsufi
Iwanowitschs trben Blicken eine Trne glnzte; er hob die Augen in die
Hhe und sah, da auch an den Wimpern der dicht daneben stehenden Klara
Olsufjewna ein Trnchen glitzerte, da mit Wladimir Semjonowitschs Augen
etwas hnliches vorging, da sogar Andrei Filippowitschs
unerschtterliche, ruhige Wrde sich von der allgemeinen, trnenreichen
Anteilnahme nicht ausschlo, und da endlich jener Jngling, von dem wir
frher einmal gesagt haben, da er groe hnlichkeit mit einem wrdigen
Rate hatte, den gegenwrtigen Augenblick schon dazu benutzte, bitterlich
zu schluchzen ... Oder kam das vielleicht Herrn Goljadkin alles nur so
vor, weil er selbst ausgiebig weinte und deutlich fhlte, wie ihm die
heien Trnen ber die kalten Backen liefen? ... Schluchzend, mit den
Menschen und dem Schicksal ausgeshnt und im gegenwrtigen Augenblicke
von Liebe erfllt nicht nur zu Olsufi Iwanowitsch und allen Gsten
zusammen, sondern sogar zu seinem so unheilbringenden Zwillingsbruder,
der jetzt berhaupt nicht unheilbringend und nicht einmal wie Herrn
Goljadkins Zwillingsbruder aussah, sondern wie ein ganz unbeteiligter
und uerst liebenswrdiger Mensch, wollte sich unser Held zu Olsufi
Iwanowitsch wenden und ihm in rhrender Weise sein Herz ausschtten;
aber die Flle der Gefhle, die sich in seinem Herzen angesammelt
hatten, war zu gro: er konnte kein Wort herausbringen, sondern zeigte
nur mit einer sehr ausdrucksvollen Handbewegung schweigend auf sein Herz
... Endlich fhrte Andrei Filippowitsch, wahrscheinlich um dem
grauhaarigen alten Manne eine allzu groe Aufregung zu ersparen, Herrn
Goljadkin ein wenig beiseite und berlie ihn dort anscheinend vllig
sich selbst. Lchelnd und etwas vor sich hinmurmelnd, ein wenig
erstaunt, aber jedenfalls mit den Menschen und dem Schicksal fast ganz
ausgeshnt, begann unser Held in irgendwelcher Richtung sich durch die
dichte Masse der Gste fortzubewegen. Alle machten ihm Platz; alle sahen
ihn mit einer sonderbaren Neugier und einer unerklrlichen, rtselhaften
Teilnahme an. Unser Held ging in ein anderes Zimmer: berall wandte sich
ihm dieselbe Aufmerksamkeit zu; er nahm undeutlich wahr, wie ein ganzer
Schwarm sich hinter ihm her drngte, wie sie jeden seiner Schritte
beobachteten, wie sie alle leise untereinander ber irgendwelchen sehr
interessanten Gegenstand sprachen, die Kpfe schttelten und flsternd
disputierten. Herr Goljadkin htte gern gewut, worber sie da stritten
und flsterten. Sich umblickend, bemerkte unser Held neben sich Herrn
Goljadkin den jngeren. Er fhlte sich gedrungen, ihn an der Hand zu
fassen und beiseite zu fhren, und bat hier den andern Jakow Petrowitsch
instndig, ihm bei allen seinen knftigen Unternehmungen behilflich zu
sein und ihn in kritischen Lagen nicht im Stich zu lassen. Herr
Goljadkin der jngere nickte wrdevoll mit dem Kopfe und drckte Herrn
Goljadkin dem lteren warm die Hand. Unserem Helden zitterte das Herz in
der Brust von dem berschwang seiner Gefhle. Er konnte kaum Atem holen;
er hatte die Empfindung, da ihn etwas furchtbar beengte, da alle diese
auf ihn gerichteten Augen ihn gewissermaen niederdrckten und
erstickten ... Herr Goljadkin sah im Vorbeigehen jenen Rat, der eine
Percke auf dem Kopfe trug. Der Rat schaute ihn mit einem ernsten,
prfenden Blick an, der sich durch die allgemeine Teilnahme nicht hatte
milder stimmen lassen ... Unser Held fate schon den Entschlu, gerade
auf ihn zu zu gehen, um ihn anzulcheln und sich unverzglich mit ihm
auszusprechen; aber dieser Vorsatz kam nicht zur Ausfhrung. Fr einen
Augenblick verga Herr Goljadkin sich selbst und alles andere fast
vollstndig; er verlor sowohl das Gedchtnis als auch die Empfindung ...
Als er wieder zu sich kam, bemerkte er, da er sich in einem weiten
Kreise der ihn umgebenden Gste herumdrehte. Auf einmal wurde Herr
Goljadkin von dem andern Zimmer aus gerufen; dieser Ruf pflanzte sich
schnell durch die ganze Menge fort. Alle gerieten in Aufregung, alle
begannen geruschvoll zu reden, alle strzten zu der Tr hin, die in den
ersten Saal fhrte; unsern Helden trugen sie beinah auf den Hnden
ebendorthin, wobei der hartherzige Rat mit der Percke zufllig Seite an
Seite mit Herrn Goljadkin ging. Endlich ergriff er ihn bei der Hand und
veranlate ihn, sich neben ihn zu setzen, dem Sitze Olsufi Iwanowitschs
gegenber, jedoch in ziemlich betrchtlicher Entfernung von demselben.
Alle, die in den Zimmern anwesend waren, setzten sich in mehreren Reihen
um Herrn Goljadkin und Olsufi Iwanowitsch herum. Alles wurde still und
ruhig; alle beobachteten ein feierliches Schweigen; alle blickten Olsufi
Iwanowitsch an, offenbar in Erwartung von etwas sehr Ungewhnlichem.
Herr Goljadkin bemerkte, da neben Olsufi Iwanowitschs Lehnstuhl und
ebenfalls dem Rate gegenber der andere Herr Goljadkin und Andrei
Filippowitsch Platz genommen hatten. Das Schweigen dauerte ziemlich
lange; man wartete tatschlich auf etwas. Genau so wie in einer
Familie, bevor einer eine weite Reise antritt; man brauchte jetzt nur
aufzustehen und zu beten, dachte unser Held. Auf einmal entstand eine
ungewhnliche Bewegung und unterbrach alle seine berlegungen. Etwas
lngst Erwartetes war eingetreten. Er kommt, er kommt! wurde in der
Menge gerufen. Wer kommt denn? fuhr es Herrn Goljadkin durch den Kopf,
und ein sonderbares Gefhl lie ihn zusammenfahren. Es ist Zeit! sagte
der Rat, indem er Andrei Filippowitsch bedeutsam ansah. Andrei
Filippowitsch warf seinerseits dem alten Olsufi Iwanowitsch einen Blick
zu. Olsufi Iwanowitsch nickte wrdevoll und feierlich mit dem Kopfe.
Erheben wir uns! sagte der Rat und veranlate Herrn Goljadkin zum
Aufstehen. Alle erhoben sich. Darauf ergriff der Rat Herrn Goljadkin den
lteren bei der Hand und Andrei Filippowitsch Herrn Goljadkin den
jngeren, und so fhrten sie die beiden vollkommenen Ebenbilder durch
die Menge, die sie in gespannter Erwartung umgab, feierlich aufeinander
zu. Unser Held blickte erstaunt um sich; aber man hielt ihn sogleich
davon ab und wies ihn auf Herrn Goljadkin den jngeren hin, der ihm die
Hand entgegenstreckte. Man will uns miteinander vershnen, dachte
unser Held und hielt gerhrt seine Hand Herrn Goljadkin dem jngeren
hin; dann, dann streckte er auch den Kopf zum Kusse vor. Dasselbe tat
auch der andere Herr Goljadkin ... In diesem Momente schien es Herrn
Goljadkin dem lteren, da sein treuloser Freund lchelte und der ganzen
umstehenden Menge schnell und listig zublinkte, da ein boshafter Zug
auf dem Gesichte des unedlen Herrn Goljadkin des jngeren zum Ausdruck
kam, und da er sogar im Augenblicke seines Judaskusses eine Grimasse
schnitt ... In Herrn Goljadkins Kopfe drhnte es; vor den Augen wurde es
ihm dunkel; es kam ihm vor, als ob eine Unmenge, eine ganze Reihe ganz
hnlicher Goljadkins lrmend durch alle Tren des Saales hereindrnge;
aber es war zu spt ... Der Verrter hatte ihm schon einen schallenden
Ku gegeben, und ...

Da begab sich etwas ganz Unerwartetes ... Die Saaltr wurde geruschvoll
geffnet, und auf der Schwelle erschien ein Mensch, dessen bloer
Anblick Herrn Goljadkin zu Eis erstarren lie. Seine Fe wuchsen am
Boden fest. Ein Schrei erstarb in seiner beengten Brust. brigens hatte
Herr Goljadkin alles vorher gewut und schon lngst etwas hnliches
geahnt. Der Unbekannte nherte sich Herrn Goljadkin wrdevoll und
feierlich. Herr Goljadkin kannte diese Gestalt sehr gut. Er hatte sie
schon gesehen, sehr oft gesehen, noch an diesem selben Tage gesehen ...
Der Unbekannte war ein hochgewachsener, krftig gebauter Mann, in
schwarzem Frack, mit einem hohen Orden am Halse, mit dichtem, sehr
schwarzem Backenbart; es fehlte nur die Zigarre im Munde, um die
hnlichkeit vollstndig zu machen. Der Blick des Unbekannten bewirkte,
da, wie schon oben gesagt, Herr Goljadkin vor Angst zu Eis erstarrte.
Mit wrdevoller, feierlicher Miene trat der furchtbare Mensch auf den
bedauernswerten Helden unserer Erzhlung zu ... Unser Held streckte ihm
die Hand entgegen; der Unbekannte ergriff sie und zog ihn hinter sich
her ... Verstrt und niedergedrckt blickte unser Held rings um sich.

Das ist Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz, Doktor der Medizin und
Chirurgie, Ihr alter Bekannter, Jakow Petrowitsch! schnatterte eine
widerwrtige Stimme dicht an Herrn Goljadkins Ohr. Er sah sich um: es
war der wegen seiner Nichtswrdigkeit hassenswerte Zwillingsbruder des
Herrn Goljadkin. Eine unedle, boshafte Freude glnzte auf seinem
Gesichte: entzckt rieb er sich die Hnde; entzckt drehte er seinen
Kopf nach allen Seiten; entzckt trippelte er um all und jeden herum; er
schien Lust zu haben, gleich auf dem Flecke vor Entzcken loszutanzen;
zuletzt sprang er vor, nahm einem der Diener eine Kerze aus der Hand und
ging voran, um Herrn Goljadkin und Krestjan Iwanowitsch zu leuchten.
Herr Goljadkin hrte deutlich, wie alle, die im Saale waren, hinter ihm
herstrmten, wie alle sich stieen und drngten und ihm einhellig immer
dasselbe wiederholten: Das hat nichts zu bedeuten; frchten Sie sich
nicht, Jakow Petrowitsch! Das ist ja Ihr alter Freund und Bekannter
Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz ... Endlich traten sie auf die
hellerleuchtete Treppe hinaus; auch auf der Treppe standen eine Menge
Leute. Geruschvoll wurde die Haustr geffnet, und nun stand Herr
Goljadkin mit Krestjan Iwanowitsch auf den davor befindlichen Stufen.
Vor der Tr stand eine Kutsche, mit vier Pferden bespannt, die vor
Ungeduld schnaubten. Der schadenfrohe Herr Goljadkin der jngere kam in
groen Stzen die Treppe herabgesprungen und ffnete selbst die Kutsche.
Krestjan Iwanowitsch ersuchte durch eine einladende Handbewegung Herrn
Goljadkin, einzusteigen. brigens bedurfte es einer solchen einladenden
Handbewegung gar nicht; es waren genug Leute da, um ihm hineinzuhelfen
... Halbtot vor Angst blickte Herr Goljadkin zurck: die ganze
hellerleuchtete Treppe war mit Menschen besetzt; von allen Seiten
blickten neugierige Augen nach ihm hin; selbst Olsufi Iwanowitsch sa in
seinem bequemen Lehnstuhl auf dem oberen Treppenflur und verfolgte
aufmerksam mit lebhaftem Interesse den ganzen Vorgang. Alle warteten.
Ein Gemurmel der Ungeduld lief durch die Menge, als Herr Goljadkin sich
umwandte und zurckblickte.

Ich hoffe, da darin nichts ... nichts Anstiges liegt ... nichts, was
der Behrde zu strengem Verfahren gegen mich Anla geben ... oder die
allgemeine Aufmerksamkeit mit Bezug auf meine amtliche Stellung erregen
knnte? sagte unser Held ganz fassungslos. Ringsum wurde lrmend darauf
geantwortet; alle schttelten verneinend die Kpfe. Die Trnen strzten
Herrn Goljadkin aus den Augen.

In diesem Falle bin ich bereit ... ich vertraue mich ganz Krestjan
Iwanowitsch an ... ich lege mein Schicksal in seine Hnde ...

Kaum hatte Herr Goljadkin gesagt, da er sein Schicksal ganz in Krestjan
Iwanowitschs Hnde lege, als alle, die ihn umgaben, in ein furchtbares,
betubendes Freudengeschrei ausbrachen, das sich dann in
unheilverkndendem Widerhall durch die ganze wartende Menge hinwlzte.
Nun faten Krestjan Iwanowitsch von der einen Seite, Andrei
Filippowitsch von der andern Seite Herrn Goljadkin unter den Arm und
machten Anstalt, ihn in den Wagen zu setzen; der Doppelgnger half nach
seiner nichtswrdigen Gewohnheit von hinten nach. Der unglckliche Herr
Goljadkin der ltere warf auf alle und alles einen letzten Blick und
kroch zitternd wie ein Ktzchen, das man mit kaltem Wasser begossen hat,
wenn dieser Vergleich gestattet ist, in den Wagen hinein; nach ihm stieg
sogleich auch Krestjan Iwanowitsch ein. Die Wagentr wurde zugeschlagen;
die Peitsche fiel klatschend auf die Rcken der Pferde; die Pferde zogen
an ... alle strzten hinter Herrn Goljadkin her. Gellendes, wtendes
Geschrei aller seiner Feinde schallte ihm als Abschiedsgru nach. Eine
Zeitlang huschten noch einige Gestalten um den Wagen herum, der Herrn
Goljadkin entfhrte; aber allmhlich blieben sie zurck und verschwanden
schlielich ganz. Am lngsten von allen blieb Herrn Goljadkins unedler
Zwillingsbruder. Die Hnde in die Taschen seiner grnen Uniformhosen
gesteckt, lief er mit zufriedener Miene einher, indem er bald von der
einen, bald von der andern Seite an den Wagen heransprang; manchmal
griff er auch nach dem Fensterrahmen, hngte sich daran, steckte den
Kopf ins Fenster und warf Herrn Goljadkin zum Abschied Kuhndchen zu;
aber auch er begann mde zu werden, zeigte sich immer seltener und
seltener und verschwand schlielich vollstndig. Herr Goljadkin fhlte
einen dumpfen Schmerz im Herzen; das Blut pochte ihm wie eine heie
Quelle im Kopfe; es war ihm drckend hei; er wollte sich gern die
Kleider aufknpfen, seine Brust entblen, sie mit Schnee beschtten und
mit kaltem Wasser begieen. Endlich versank er in Bewutlosigkeit ...
Als er wieder zu sich kam, sah er, da der Wagen auf einem ihm
unbekannten Wege dahinfuhr. Rechts und links lag schwarzer Wald; alles
war de und menschenleer. Auf einmal wurde er starr vor Schreck: zwei
feurige Augen blickten ihn in der Dunkelheit an und funkelten in
boshafter, teuflischer Freude. Das ist nicht Krestjan Iwanowitsch!
dachte Herr Goljadkin. Wer ist das? Oder ist er es doch? Er ist es! Es
ist Krestjan Iwanowitsch; aber nicht der frhere, sondern ein anderer
Krestjan Iwanowitsch! Das ist ein entsetzlicher Krestjan Iwanowitsch!
...

Krestjan Iwanowitsch, ich ... ich ... ich glaube, es fehlt mir nichts,
Krestjan Iwanowitsch, begann unser Held zaghaft und zitternd, in dem
Wunsche, durch Unterwrfigkeit und Demut den furchtbaren Krestjan
Iwanowitsch ein wenig milder zu stimmen.

Sie bekommen vom Staate freie Wohnung, Heizung, Beleuchtung und
Bedienung; das ist mehr, als Sie verdienen, antwortete Krestjan
Iwanowitsch; die Antwort klang streng und furchtbar wie ein
Urteilsspruch.

Unser Held schrie auf und griff sich nach dem Kopfe. O weh! Das hatte er
schon lngst geahnt.

                               Gedruckt
                        bei Poeschel & Trepte
                              in Leipzig

                Im Insel-Verlag zu Leipzig erschienen:

                          F. M. DOSTOJEWSKI

                    (In bertragungen von H. Rhl)

Aufzeichnungen aus einem Totenhaus

Das Gut Stepantschikowo

Der Idiot. Drei Bnde

Der Spieler und andere Erzhlungen

Die Teufel. Drei Bnde

Erniedrigte und Beleidigte. Zwei Bnde

Netotschka Njeswanowa und andere Erzhlungen

Schuld und Shne (Raskolnikow). Roman in sechs Teilen mit einem
Nachwort. Zwei Bnde. 21.--30. Tausend

Werdejahre. Zwei Bnde

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Die Brder Karamasoff. bertragen und mit einem Nachwort versehen von
_Karl Ntzel_. Drei Bnde. 11.--20. Tausend

                   Jeder Band in Halbleinen 20 Mark

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                            LEO N. TOLSTOI

Anna Karenina. Roman. bertragen von H. Rhl. Zwei Bnde. 11.--20.
Tausend. In Halbleinen M 40.--

Auferstehung. Roman. bertragen von Adolf He. 11.--20. Tausend. In
Halbleinen M 20.--

                                  *

                             N. W. GOGOL

Tschitschikows Reiseerlebnisse oder die toten Seelen. Eine Erzhlung.
Aus dem Russischen bertragen von H. Rhl. In Pappband M 28.--, in
Halbpergament M 48.--

                                  *

                           IWAN TURGENJEFF

Vter und Shne. Roman. In der vom Dichter selbst revidierten
bertragung. 11.--15. Tausend. In Halbleinen M 20.--




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Die Schreibweise des Originals wurde weitgehend beibehalten. Lediglich
offensichtliche Druckfehler wurden, teilweise unter Verwendung weiterer
Ausgaben des Textes, wie hier aufgefhrt korrigiert (vorher/nachher):

   [S. 20]:
   ... verachte alles hinterhaltige Wesen und berlasse es anderen. ...
   ... verachte alles hinterhltige Wesen und berlasse es anderen. ...

   [S. 41]:
   ... Jakow Petrowitsch, Jakow Petrowitsch! ... erscholl ...
   ... Jakow Petrowitsch, Jakow Petrowitsch! ... erscholl ...

   [S. 43]:
   ... Worber sollte ich denn lachen? Ich lache nicht. ...
   ... Worber sollte ich denn lachen? Ich lache nicht. ...

   [S. 77]:
   ... dreimal schlug ihn sogar der Saum des Mantels des ...
   ... dreimal schlug ihm sogar der Saum des Mantels des ...

   [S. 98]:
   ... Petrowisch, mir gtiges Gehr schenken wrden ... ...
   ... Petrowitsch, mir gtiges Gehr schenken wrden ... ...

   [S. 102]:
   ... Jakow Petrowisch, wiederholte unser Held, der ...
   ... Jakow Petrowitsch, wiederholte unser Held, der ...

   [S. 103]:
   ... Wissen Sie, wir wollen nach Tische darber ...
   ... Wissen Sie, wir wollen nach Tische darber ...

   [S. 105]:
   ... Stiefel auftreibeu und die Uniform habe er sich von ...
   ... Stiefel auftreiben und die Uniform habe er sich von ...

   [S. 110]:
   ... in gewisser Hinsicht recht daran tten, den Names Gottes ...
   ... in gewisser Hinsicht recht daran tten, den Namen Gottes ...

   [S. 127]:
   ... er unaufhrlich fr sich. In der Tat, eine derartige ...
   ... er unaufhrlich fr sich. In der Tat, eine derartige ...






End of the Project Gutenberg EBook of Der Doppelgnger, by Fyodor Dostoyewsky

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or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
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Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
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facility: www.gutenberg.org

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