The Project Gutenberg EBook of Der Klosterjaeger, by Ludwig Ganghofer

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Title: Der Klosterjaeger
       Roman aus dem XIV. Jahrhundert

Author: Ludwig Ganghofer

Illustrator: Hugo Engl

Release Date: April 1, 2015 [EBook #48618]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KLOSTERJAEGER ***




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                      Buchschmuck von Hugo Engl

                          86.--108. Auflage.
                  Aller Ausgaben 184.--206. Tausend.

                   Stuttgart, A. Bonz & Comp. 1920




                                 Der
                             Klosterjger


                                Roman
                       aus dem XIV. Jahrhundert

                                 von
                           Ludwig Ganghofer

                Copyright 1917 by Adolf Bonz & Comp.,
                              Stuttgart.
              Alle Rechte vorbehalten; insbesondere das
              Recht der bersetzung in fremde Sprachen.

                Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.

                        Dem Angedenken meines
                        heimgegangenen Kindes

   Sie stieg hernieder auf die Erde,
   Wie von der Sonne fllt ein Strahl ...
   Und schwand hinweg von dieser Erde,
   Wie er verglht im dunklen Tal.

   Der Blume gleich im Frhlingshage,
   An Leib und Seele sonder Fehl,
   War sie die Freude meiner Tage,
   Mein Sorgentrost und mein Juwel.

   Kein Wlklein, das sich nicht zerteilte
   Vor ihrem sonnigen Gesicht,
   Und wo sie ging und wo sie weilte,
   Da war die Wrme, war das Licht.

   Sie lchelte: man mute lieben.
   Ein Blick: und sie gewann ein Herz ...
   Und ach, was ist von ihr geblieben?
   Ein kleines Grab, ein groer Schmerz.

                                L. G.




                                  1.


Frhling im Bergwald! Er kennt die Blumen nicht, die der Lenz ber die
Wiesen des Tales streut, kennt nicht die linden Lfte, die spielend
durch blhende Hecken streichen, und nicht das liebliche Gezwitscher der
heimgekehrten Schwalben, die unter gastlichem Dach ihre Nester bauen.
Frhling im Bergwald! Das ist Brausen und Sausen, Toben und Donnern,
Sturm und Tod. ber dem Bergwald liegt der Winter wie ein grauenhafter
Riese, und der Frhling, der ihn scheuchen will, mu kommen als ein
gewaltiger Held, mu tten und zerstren, bevor er bauen kann und neues
Leben wecken aus eisigem Schlaf.

Hoch in den steilen Felsen krachen ohne Unterla die strzenden Lawinen,
ber die Halden fhrt der strmende Fhn mit dumpfem Sausen, mit seinem
heien Atem schnaubt er ber den schwindenden Schnee, im Walde packt er
die alten mchtigen Fichten und rttelt sie, da sie erbeben in ihrem
Mark. Und was sie tragen an morschem Gezweig, das bricht er ab von ihnen
und fhrt es davon in jagendem Wirbel. Ein Rieseln und Gurgeln, immer
und berall, auf jedem Hange bildet sich ein springender Bach, ber alle
Felsen pltschern die Wasser, zu denen der Schnee zerschmolzen, alle
Wurzeln umsplen sie und sammeln sich zum tobenden Giebach, der den
Bergwald subert von allem Unrat, jeden kranken, schwachen Baum
zerschmettert und nur bestehen lt, was stark ist und gesund. Die
Felskltze, die der Winterfrost von der Steinwand sprengte, kommen ins
Wandern, wenn der Schnee zerrinnt; sie strzen und sausen nieder durch
den Bergwald in drhnenden Sprngen, mit Krachen und Schmettern, und wo
sie im Sturz die Erde treffen, da pflgen sie den Grund, damit der
berwinterte Same, den der Lenzwind ausweht, im Boden die frische Narbe
fnde.

In diesem Rauschen und Brausen, inmitten dieses Frhlingskampfes gegen
den Winter, wandert ein einsamer Mensch.

Rstigen Ganges, mit halblauter Stimme ein Lied singend, schreitet er
ber den vom Schnee schon halb entblten Almenhang: eine schlanke,
knochenfeste Gestalt; ein junges Antlitz mit blitzenden Augen und einem
lachenden Mund, den der Flaum des blonden Bartes umkruselt. In
eisenbeschlagenen Bundschuhen stecken die nackten Fe; Strmpfe aus
ungegerbtem Rehfell, die Haare nach innen gewendet, umschlieen die
Waden; aus der kurzen, verwitterten Lederhose ragen die nackten Knie
hervor, die aus braunem Erz gegossen scheinen. Ein grobes Hemd und ein
aus zottigem Loden geschnittenes Wams umhllen den straffen Krper. ber
dem krausen Blondhaar trgt er die pelzverbrmte Lederkappe mit der
Adlerfeder, am Grtel ein kurzes Weidmesser und den kleinen
Bolzenkcher, hinter dem Rcken die plumpe Armbrust mit fingerdicker
Sehne, und in den Hnden fhrt er das lange, >Griesbeil<: den mit
scharfem Stachel und eisernem Haken versehenen Bergstock. Es ist Haymo,
der Klosterjger, der dem Propste Heinrich von Berchtesgaden die
Hirsche, Gemsen und Steinbcke htet.

Vor Wochen schon, da der Schnee noch tief lag und im Marsche kaum zu
berwinden war, hatte Haymo die Jgerhtte bezogen, hoch ber dem grnen
Knigssee, in einem weiten Felstal, dem die roten Marmorwnde, die es
rings umschlieen, den Namen gaben: >In der Rt<.

Vom Morgen bis zum Abend, tglich, machte Haymo seinen Hegergang; das
war fr ihn eine harte Zeit; er durfte keine Stunde rasten, mute die
Augen offen halten den ganzen langen Tag. Der strenge Winter hat das
Wild vertraut und zahm gemacht, und die Raubschtzen haben leichte
Arbeit; in groen Rudeln ziehen die Hirsche schon frh am Abend auf die
offenen Almen und erst am spten Morgen wieder zu Holz; die Gemsen
stehen tief im Bergwald, und sogar die scheuen Steinbcke trieb der
Winter aus ihren unwegsamen Felsrevieren in die Nhe der verlassenen
Almhtten. Da galt es, unermdlich Wache zu halten, denn gerade dieses
seltene, edelste Wild war von den Raubschtzen am meisten bedroht.

Ein >Stainpokh< ist wie eine wandelnde Apotheke; die gerippten Hrner,
die Hornschalen der Lufe, das getrocknete Blut, das im Volksmund
>Schweibluh< genannt wurde, und besonders die >Herzkhreizl<, jene
kleinen knochenhnlichen Gebilde, die im Herzen des erlegten Tieres
gefunden werden, alles an ihm ist wunderbare, heilsam wirkende Arznei,
die von Herren und Bauern mit teurem Gelde bezahlt wird. Wohl standen
schwere Strafen auf der Erlegung solch eines Wildes: Kerker und
Peitsche, Verlust der rechten Hand, sogar der Tod -- doch der hohe
Gewinn verlockte zum Raub, und so kam es, da Haymo schon in der ersten
Woche seiner Hegezeit den Abgang zweier Steinbcke vermerken mute. Als
unwiderlegbare Zeugen des geschehenen Raubes hatte er im Schnee die
Schweifhrten der erlegten Tiere und die Fuspuren des Rubers
gefunden, die sich im tieferen, schneefreien Bergwald verloren. Als zu
Ende der Woche ein Laufbube des Klosters dem Jger frischen Mundvorrat
gebracht hatte, schickte Haymo mit dem Buben diese schlimme Nachricht
hinunter ins Tal, in banger Sorge, wie Propst Heinrich, der an seinem
Weidgehege und besonders an dem edlen Steinwild eine ritterliche Freude
hatte, diese Botschaft aufnehmen wrde.

Und die ganze folgende Woche gnnte Haymo sich keine Ruhe mehr, in der
Nacht kaum einen kurzen Schlaf, und es war ihm nicht zu verdenken, da
ein zornflammendes Wort von seinen Lippen fuhr, so oft er in seinem den
Bergrevier die Fhrte eines menschlichen Fues sprte. Nur eine
Gesundheit, so eisern wie die seine, konnte diese aufreibenden Strapazen
berdauern. Wenn er nach tagelangem Marsche heimkehrte in seine
Blockhtte, lag ihm die bleierne Mdigkeit in allen Gliedern; er
brauchte sich nur auf sein Lager zu werfen, und es fiel ber seine
jungen Augen ein traumloser, fester Schlaf, der ihn erquickte, obwohl er
nur wenige Stunden whrte.

Haymo hatte sich, um in diesem schweren Schlummer das erste Grau des
Morgens nicht zu verschlafen, einen Wecker erfunden. Er band sich mit
einer Lederschnur einen schweren Stein an den Arm und legte, wenn er
sich auf die Wolfsdecke streckte, dieses Steinstck so lose auf die
Holzkante seines Lagers, da es bei der leisesten Erschtterung zu Boden
fiel. So oft dann Haymo im Schlummer sich bewegte, weckte ihn der
fallende Stein. Lag in der Htte, wenn er erwachte, noch die finstere
Nacht, dann richtete Haymo den Wecker wieder und schlummerte weiter.
Doch wenn er sah, da drauen vor dem kleinen Fenster die Sterne zu
erblassen begannen, sprang er auf, wusch sich am rinnenden Quell, dessen
eiskaltes Wasser vor der Htte gurgelte, nahm sein karges Frhmahl ein
und wanderte hinaus in den vom Fhn durchschtterten Frhlingsmorgen.

Noch waren die Nchte kalt, und es whrte immer eine Weile, bis Haymo
das Frsteln aus seinen Gliedern brachte. Der rasche Gang auf
beschwerlichem Wege machte sein Blut lebendig, frische Rte frbte
wieder seine jungen Wangen, und seine Augen blitzten hell wie Wasser, in
das die Sonne scheint.

Je wilder ihn die Frhlingsstrme umrauschten, desto freier und wohler
wurde ihm zu Mut. Und wenn sich der Morgen, an dem er das zu Holze
ziehende Wild nicht stren und scheuchen durfte, zum vollen Tage
wandelte, sang der Jger, um der in seinem Innern treibenden Lebenskraft
einen Ausweg zu schaffen, mit hallender Stimme ein Lied in den
Frhlingsbraus und der steigenden Sonne entgegen, die mit ihrem
funkelnden Gold die schneebedeckten Kuppen der Berge berschmolz. Doch
wenn die Sorge, die ihn seit Tagen bedrckte, wieder sein Herz
beschlich, wurde er schweigsam, stieg lautlos empor von Hhe zu Hhe und
schickte die sphenden Augen in die Runde.

Da hatte er nun wieder einen schweren Tag hinter sich. Auf dem Heimweg
zur Htte begann er die Ermdung hart zu spren; in diesem tobenden
Sturm, in diesem Schnee und rinnenden Gewsser war es kein Marsch zu
nennen, den er gemacht, vielmehr ein Kampf um jeden Schritt. Wohl
dmmerte schon der Abend, aber solange noch ein Schimmer von Licht ber
den Halden schwebte, durfte er nicht an die Heimkehr in seine Htte
denken. Auf hoher Bergrippe wollte er den Anbruch der Nacht erwarten.

Als er die Hhe betrat, winkte ihm, scharf abgehoben vom rotglhenden
Abendhimmel, ein mchtiges Kreuz entgegen; ein Dchlein war darber
gespannt, in den Querhlzern staken die Ngel, aber das Bild des
gekreuzigten Erlsers fehlte; die frommen Almbauern hatten es im Herbste
vom Kreuz genommen, damit es nicht leiden mchte von der Unbill des
Winters, von Schneedruck und Lawinen.

Haymo zog die Kappe und sprach ein Gebet. Dann lie er sich zu Fen des
Kreuzes nieder, lehnte sich an den Stamm, verschlang die Hnde hinter
dem Nacken und blickte still umher mit mden Augen, die sich schon dem
Schlummer entgegensehnten. In kurzen Sten, bald sich dmpfend, bald
wieder aufbrausend mit verstrkter Macht, sauste der Fhn ber ihn weg.

Gegen die steilen Felswnde zog sich ein mehr als hundertjhriger, von
Strmen und Lawinen stark gelichteter Lrchenwald empor, dem die Nhe
des Kreuzes seinen Namen gegeben; er hie der >Kreuzwald<. An manchem
Morgen war Haymo schon zu diesem Wald hinaufgestiegen, um den ersten
Balzruf des Auerhahns zu erlauschen. Aber der stolze, einsiedlerische
Vogel, dieser gefiederte Liebessnger der Berge, mochte den
Frhlingsmorgen noch zu frostig finden, um den Sang seiner heien Liebe
zu beginnen. Zur Linken der Kreuzhhe breitete sich das weite Felstal,
an dessen jenseitiger Grenze, von einzeln stehenden Fichten
berschattet, die Blockhtte des Jgers stand und daneben das grere
Balkenhaus, in welchem Herr Heinrich und der Klostervogt zu nchtigen
pflegten, wenn sie pirschen kamen. Und diesem Tal zu Fen dehnte sich
der mchtige Bergwald, der das vom Schnee schon vllig entblte
Almenland umschlo und sich niedersenkte in die Tiefe, in welcher der
See gebettet lag.

Haymo konnte den See nicht gewahren, auch nicht das weite Klosterland im
Tal. Die tiefer liegenden Bergrcken wehrten seinem Auge den
Niederblick. Aber ringsumher in weiter Runde bot sich ihm ein Bild von
wundervoller Schnheit. bergossen von der roten Glut der sinkenden
Sonne, ragten die gewaltigen Schneeberge empor ber das dunkle Meer der
Wlder: dem Jger zur Linken die wilden Tauern, die beiden Riesenzacken
des Wazmann und die Schrofen der Wazmann-Kinder, zur Rechten der stolze,
unwegsame Ghl, und in der Ferne, von blulichem Schattenduft umwoben,
stiegen die scharfgezahnten Lattenwnde und die plumpen Massen des
Untersberges in den golddurchleuchteten Abendhimmel. Wenn auch der Fhn
mit Brausen alle Lfte fllte, so trbte doch kein Wlklein den
frhlingsklaren Himmel; um die Zinnen der Berge flatterte keine
Nebelflocke, und ohne Dunst und Schleier lag das tiefere Gelnd.

Unter langen Atemzgen hob sich Haymos Brust; bei dem stillen Schauen,
mitten in Sturm und Wehen, befiel es ihn wie trumender Halbschlummer.
Dann jh erwachte er und fuhr betroffen auf, beinahe berhrt von
aberglubischem Schreck.

Ein junges Mdchen stand vor ihm, mit groen, staunenden Augen.

Er hatte den Hall ihres Schrittes nicht vernommen, hatte sie nicht
emportauchen sehen ber den Rand der Hhe. Sie stand vor ihm wie aus den
Lften getreten. In ihrem zarten Wuchs, mit dem blassen, fein
geschnittenen Gesicht und mit den tiefen Rtselaugen, umflattert von den
schwarzen Strhnen des gelsten Haars, und in dem dnnen roten Rock, den
der Sturmwind peitschte, war sie einer jener Elfen zu vergleichen, die
in den Tiefen der Berge hausen und zuweilen an das Licht der Erde
steigen, um ein Menschenkind zu beglcken mit ihren Gaben.

Und sie trug auch ein Krbchen in der kleinen Hand. Was es wohl bergen
mochte? Funkelndes Geschmeide, Perlen, edle Steine?

Haymo fhlte, wie ein leiser Schauer ihn durchrann. Nun aber mute er
lcheln. Denn des Mdchens plumpe Schuhe und die rmlichen Lappen des
Gewandes hatten wenig Elfenhaftes. Haymo erhob sich. Dirn? Was willst
du hier?

Sie schwieg und betrachtete ihn noch immer mit einem halb scheuen, halb
traulichen Blick.

Dirn! Woher kommst du?

Von dort! sagte sie mit einer leisen, weichen Stimme und deutete nach
der steilen Schneehalde, die sich hoch ber dem Wald gegen die starre
Felswand emporzog.

Von dort? wiederholte Haymo und berflog mit unglubigem Blick die
zarte Gestalt des Mdchens. Dort oben war es ein mhsames und
gefhrliches Gehen. Ein falscher Tritt auf dem von Tauwasser und
Fhnwind glattgewaschenen Schnee, und es ging bergab in sausender Fahrt.
Wohin? Das blutige Bild, das Haymo auf diese stumme Frage vor seinen
Augen auftauchen sah, weckte ein bedrckendes Gefhl in seiner Brust,
und er sagte: Dirn! Das war ein bser Weg. Sei froh, da du heil zurck
bist.

Sie schttelte den Kopf und lachte -- ein hell klingendes Kinderlachen.

Aber was hast du nur da droben gesucht?

Schneerosen, sagte sie und lftete den Deckel an ihrem Krbchen, das
zur Hlfte angefllt war mit jenen zarten, weien Blten, die so schn
und auch so kalt sind wie ein Wintermorgen. Dann wieder blickte das
Mdchen lchelnd zu dem Jger auf. Es war eine rechte Plag! Seit dem
Morgen bin ich auf den Fen und hab doch kaum so viele Blumen gefunden,
da sie reichen fr ein kleines Krnzl. Wir sind schon spt im Jahr, die
meisten Stck haben schon verblht.

Fr wen gehren die Rosen?

Fr das Grab unseres lieben Herrn. bermorgen ist Charfreitag.

Eine Weile schwiegen die beiden. Haymo blickte zu dem leeren Kreuz
empor; dann wieder sah er in die Augen des Mdchens und fragte: Wer
bist du?

Ich bin die Gittli![1] Und du?

Der Klosterjger.

Der neue?

Ja! Und wo bist du zu Hause, Dirn?

Drunten im Klosterdorf.

Haymo erschrak. Aber Dirn! Wie willst du den Heimweg finden? Heut noch?
Das ist ein Weg, den du nit wanderst in fnf Stunden. Und es wird eine
finstere Nacht.

Ich wei eine Sennhtt, von hier eine halbe Stund, dort will ich
nchten.

Du wirst frieren. Die Nacht wird kalt.

Frieren? lachte sie. Das Heu macht warm! Und da sie sich schon zum
Gehen wenden wollte, nahm sie rasch ein paar Schneerosen aus dem
Krbchen und schob sie zwischen die beiden eisernen Ngel, die im
Fubalken des Kreuzes staken. Einen stummen Gru nickte sie dem Jger
noch zu, dann fing sie mit der Hand das flatternde Haar, wand es um den
Hals und huschte davon. Ein paar Schritte nur, und sie war in die
Senkung des Tales hinuntergetaucht.

[Funote 1: Brigitte.]

Haymo stand und wartete; es whrte lang; dann sah er sie weit drben im
Steintal zwischen den Bschen wieder zum Vorschein kommen; ihr Rotrock
schimmerte noch hell aus dem sinkenden Dunkel. Nun blieb sie stehen und
schaute zurck; so glaubte Haymo. Aber es dmmerte schon zu sehr, als
da er auf die weite Strecke ihr Tun noch htte genau unterscheiden
knnen. Jetzt war sie schon so klein wie ein roter Kfer in dunklem
Buschwerk, und nun verschwand sie.

Noch immer sphte Haymo den Weg entlang, den sie gegangen. Dann atmete
er tief, und sein Blick fiel auf die weischimmernden Blten am Kreuz.

Schneerose! Du echte Blume der Berge! Nicht minder schn und lieblich,
als die rotglhende Almenrose des Sommers, und noch geheimnisvoller als
der Sammetstern des Edelwei. Schneerose! Wenn der Winter seinen weien
Mantel ber alle Berge wirft, wenn alles Blhen erstirbt und alles
Wachstum entschlummert, dann regt sich die keimende Kraft in den tief
gesenkten Wurzeln dieser einzigen Pflanze, als wre sie bestellt zur
Hterin des Lebens, damit es nicht ganz erlsche in der toten Zeit
zwischen Herbst und Frhling. In frostiger de sprossen ihre Bltter,
und zwischen Schnee und Eis entfalten sich ihre weien Blten. Und
wandert zur Winterszeit der Tod durch die verschneiten Hochlandstler,
und berhrt er ein unschuldig Kind mit seiner kalten Hand, dann klimmt
die weinende Mutter empor zu den schimmernden Schneehalden und windet
ihrem entschlafenen Liebling die weien Rosen zum Kranz, als Sinnbild
des ewigen Lebens.

Schneerose! Das ist Leben und Tod zugleich! Denn die Wurzeln dieser
Pflanze bergen einen geheimnisvollen Saft, der kranke Herzen gesunden
lt und bleiche Wangen wieder frbt. Fr jenen aber, der diese Arznei
zu gierig geniet, wird sie zum tdlich wirkenden Gifte.

   Zwei Trpflen machen rot,
   Zehn Tropfen machen tot!

So sagt der Volksmund -- und whrend das sinkende Dunkel den weien
Rosenschimmer am Kreuze zu verschleiern begann, murmelte Haymo diesen
Spruch vor sich hin, als berkme ihn die Ahnung, da die Zeit nicht
fern wre, in der ihm >zwei Trpflen< ntig wrden.

ber allen Bergen war der rote Schein erloschen; ein grauvioletter Duft
lie Himmel und Erde ineinanderschwimmen. Zu Haymos Hupten dunkelte
schon die Nacht; nur fern im Westen zog sich ber den Horizont noch ein
grnlichgelber Lichtstreif, in den der gezackte Grat der Lattenwand sich
schwarz hineinzeichnete.

Der Bergwald und die Giebche rauschten, dumpf sauste der Fhn, und
unruhig fingen die erwachenden Sterne zu funkeln an.




                                  2.


Eine Stunde hatte Haymo in der Nacht zu wandern, um seine Htte zu
erreichen. Als er dem Blockhaus nher kam, gewahrte er staunend, da
durch die halboffene Tr der rtliche Schein eines Herdfeuers leuchtete.
Wer war zu Gast gekommen? Er beschleunigte den Schritt und trat in das
Blockhaus.

Ein kleiner Raum. Die Balkenmauern des Hauses waren auch die Wnde der
Stube; mit drrem Moos waren die Ritzen zwischen den Balken verstopft.
Neben der Tr durchbrach ein winziges Fenster die Blockwand. Der
niedere, aus Felsbrocken rohgemauerte Feuerherd nahm fast den vierten
Teil des Raumes ein; an der Wand neben dem Herde stand das plump
gezimmerte Bett, angefllt mit Heu, darber eine Wolfsdecke, ein Kissen
aus Rehfell und ein groes, rauhhaariges Stck Loden; rings um die
freien Wnde lief eine Balkenbank, und in der Ecke neben dem Fenster
stand der klotzige Tisch. An der Wand noch ein kleiner Schrein zur
Aufbewahrung des Mundvorrates, ber dem Herd zwei gekreuzte Stangen zum
Trocknen der durchnten Kleider, neben der Tr zwei Holzzapfen fr die
Armbrust und das Wehrgehng, ein Brett mit mancherlei Geschirr, und in
der Ecke ber dem Tisch ein Kreuz, dessen welker Blumenschmuck ebenso
gebrunt war wie alles Geblk; denn der Rauch des Herdfeuers hatte immer
ein langes Weilen in der Stube, bis er durch die Ritzen der Blockwand
und des Daches seinen Weg ins Freie fand.

Vor dem Herd, auf dem ein knisterndes Feuer flackerte, stand, mit der
dampfenden Pfanne beschftigt, der Laufbube des Klosters, ein etwa
fnfzehnjhriger Bursch, hager, mit einem verschmitzten stulpnasigen
Gesicht, die braunen Haare kurz geschoren; er war mit einem rauhhaarigen
Wams bekleidet, das in Schnitt und Lnge fast einer Kutte glich.

Als Haymo unter die Tr trat, grte ihn der Bub mit einem Kopfnicken
und einem blinzelnden Blick. Vom Heubett erhob sich eine rundliche
Gestalt, ein Mnch in der weien Brudertracht der Augustiner, das
wohlgenhrte Buchl umschlungen von breitem Ledergurt; die genagelten
Bundschuhe, die schon am Feuer zum Trocknen standen, hatte er durch
Strohpantoffeln ersetzt. Er trat auf Haymo zu, die Fuste in die Hften
gestemmt; seine kleinen Augen zwinkerten, der Mund bewegte sich kauend,
und ber der knopfigen Nase und den kugeligen Backen lag eine
Purpurglut, wie sie der Widerschein des Herdfeuers allein nicht erzeugen
konnte.

Willkommen, ehrwrdiger Pater! grte Haymo und zog die Kappe.

Walti, der Laufbub, kicherte zu diesem Gru; der Mnch aber lachte:
Also du bist der Haymo, unser neuer Jger?

Ja!

Glaub ich nit! Du? Was? Du willst ein Jger sein? Ui jei![2] Mit dir
hat Herr Heinrich was Schnes aufgegabelt. Ein Jger mu Augen haben!
Verstehst du? Aber du hast Augen wie eine Blindmaus. Sonst ttst du mich
nit fr einen Pater halten.

[Funote 2: Dialektische Verstmmelung des Ausrufes: O Jesus!]

Und Walti, den fettglnzenden Eisenlffel schwingend, schrie dem Jger
ins Ohr, als htte er einen Tauben vor sich: Das ist ja nur der Frater
Severin, unser Grtner!

O Spott des Namens! Severinus, das heit zu deutsch der >Strenge<, der
>Ernsthafte< -- und dieses Gesicht dazu und dieses Buchl, das vor
Lachen wackelte, da Frater Severin sich auf die Holzbank niederlassen
mute, um Atem zu finden!

So? So? Ihr seid ein Frater? sagte Haymo, sein Wehrgehng von den
Hften schnallend. Nun, dann seid mir doppelt willkommen! Lchelnd
streckte er seine Rechte hin.

Severin fate sie mit der einen Hand, whrend er die andere drohend
erhob: Du! Du! Wenn ich das dem Dekan verrate, da dir ein Pater die
halbe und ein Frater die doppelte Freud macht, dann setzt es was! Er
wollte weiter sprechen; doch aus der Pfanne, die ber dem Feuer hing,
stieg pltzlich ein zischender Dampf. Walti, du Rabenvieh! rief der
Bruder erschrocken und sprang zum Herd. Richtig! Lt der Kerl uns das
Futter anbrennen, als wr's eine Seel, die der Teufel schmort! Her mit
dem Lffel! Er ri dem Buben den eisernen Zinken aus der Hand und
begann die rauchende Speise mit einem Eifer durcheinander zu stoen, da
ihm die Schweitropfen ber die dicken Backen rannen.

Haymo sah ihm eine Weile zu, dann nahm er die Armbrust von der Schulter
und rieb mit einem Lederlappen die von der feuchten Luft erweichte Sehne
so lang, bis sie warm und trocken wurde. Als er die Waffe ber den
Holznagel hngte, trug Frater Severin die dampfende Pfanne zum Tisch.

So, ihr Knospen, her zum Futter!

Sie reihten sich um den Tisch, dem das Herdfeuer gengende Helle gab,
sprachen ein kurzes Gebet, und Frater Severins Schmunzelgesicht wurde
ernst fr eine Minute. Kaum aber hatte er das Amen von den Lippen, da
war sein Lffel der erste in der Schssel.

Einige Bissen hatten sie gegessen, da legte Severin den Lffel nieder
und hielt den beiden anderen die Hnde fest. Halt! Wir haben das Beste
vergessen. Walti! Her mit der Gte Gottes!

Der Bub sprang auf und holte flink aus dem Zwerchsack eine bauchige
Tonflasche. Bedchtig lste Frater Severin den Rindenpfropf und schob
dem Jger die Flasche hin. Sollst den ersten Schluck haben.
Klosterbier! Er schnalzte mit der Zunge.

Haymo tat einen langen Zug. Ja, Frater, da merkt man die Gte Gottes!

Walti kicherte. Und Frater Severin lachte. Hrst du, was er gesagt hat?
Gte Gottes! Er gab dem Buben einen Puff in die Seite und vertiefte
sich in die Flasche. Dann wieder zu Haymo gewendet, lachte er: Ich will
dir's verraten! Weit du, ich bin kein bser Mensch. Wenn ich in meinem
Chorstuhl knie, dann schlag ich an meine Brust und spre, da ich ein
armer Snder bin. Aber in Garten, Keller und Kche, da redet man auch
gern wieder von irdischen Dingen. Dem Pater Dekan gefllt das nit. Drum
haben wir uns eine Sprach erfunden, weit du: ein fester Brotlaib, der
heit bei uns >eine gute Seel<, solch ein Krug, das ist die >Gte
Gottes<, und eine alte Flasche, das ist >des Himmels hchste Gnad<. Und
weit du, was die >wahre Andacht< ist? Eine gebackene Forelle! Und das
>Labsal der Betrbten<? Ein gesulzter Hecht! Ui jei! Du solltest den
Pater Dekan sehen, wie zufrieden er lchelt, wenn er uns von so frommen
Dingen reden hrt. Wenn ich etwa sag: >Heut wurde mir des Himmels
hchste Gnade zuteil<! Oder: >Ach, wie bin ich erfllt von wahrer
Andacht<!

So plauderten sie weiter, lieen die Flasche kreisen und taten sich
gtlich an ihrem bescheidenen Mahl. Als Walti den Tisch rumte, sagte
Frater Severin zu Haymo: Neugierig bist du aber gar nit. Fragst nit
einmal, weshalb wir gekommen sind!

Ich freu mich, da ihr da seid!

Du sollst morgen hinunter ins Kloster und deiner Christenpflicht
gengen.

Das tt ich gern. Wer aber htet, bis ich wieder komm, meine Gemsen und
Steinbck?

Ich!

Ihr? lachte Haymo.

Ja, ich, was sagst du? jammerte Frater Severin. Herr Heinrich meint,
der faule Winter htt mir zu wohl angeschlagen. Nun soll ich mir ein
paar gute Pfndlen aus der Kutt laufen. Das wird eine bse Sache! In
banger Sorge befhlte er den Umfang seines Gurtes. Aber du, du kannst
dich auch freuen, wenn du morgen hinunter kommst. Neulich, als der Walti
mit deiner Botschaft kam, da gab es ein Donnerwetter, ui jei! Weit du,
Herr Heinrich ist ein frommer, guter Mann, aber wenn es sich um
verlorene Seelen und Steinbck handelt, kann er schelten wie ein Trk!
Weit du, was er sagte? Er sagte: >Zwei Bck in einer Woche? Wenn das so
fortgeht, steck ich den Burschen unter die Klosterknechte und schick
einen anderen, der wachsamere Augen hat und sich besser versteht auf die
Hut des Gewildes<. Ja, das sagte er.

Haymo erblate. Das hatte ihn ins Herz getroffen. Er hing am Weidwerk
und an den schnen, freien Bergen wie ein Blatt am Baum, das welken und
sterben mu, wenn es der Wind vom Aste reit. Er brachte kein Wort
hervor; nur die Fuste stie er auf den Tisch und bi die Lippen
bereinander.

Als Frater Severin gewahrte, was er angerichtet hatte, streichelte er
dem Jger die zitternde Faust und sagte begtigend: Nun, nun, so
schlimm wird's nit gleich werden. Herrn Heinrich brauchst du nit
frchten. Komm du morgen nur hinunter, schau ihm frei ins Aug, und alles
ist gut! Und wenn Herr Schluttemann, der Klostervogt, ein Hagelwetter
loslt, so nimm es nit ernst und schttel den Pelz! Weit du, der speit
halt Feuer, weil ihm Frau Ccilia gehrig einheizt. In seiner Vogtstub
hngt ein Bild. Hast du es gesehen? Der heilige Georg, der den Drachen
ersticht! Ich mein', da sollt eher ein Bildnis hngen: der Drache, der
den heiligen Georg ersticht, aber nit mit der Lanze, sondern mit einer
Blutwurst!

Er wollte weiter sprechen. Aber vom Herde klang die Stimme des Buben:
Frater Severin!

He?

Wit Ihr, wen ich heut gesehen hab in aller Gottesfrh?

Wen?

Den Schwarzen! Drunten am See, unter einer Feicht hat er gesessen und
hat an einem Netz geflickt[>>,::SILENT] als wr er nit der Pater
Fischmeister, sondern ein hriger Knecht. Und wie ich vorbergegangen,
hat er Augen auf mich gemacht wie Feuer, richtig zum Frchten! Das ist
einer!

Das ist freilich einer! wiederholte Frater Severin. Und um den Jger
von seinen trben Gedanken loszureien, fragte er: Hast du ihn nie
gesehen, drunten am See?

Haymo schttelte den Kopf.

Heuer um die Weihnachtszeit haben sie uns den hergeschickt aus Passau.
Warum? Ich wei es nit! So was erfhrt ja unsereiner nie. Er soll aus
frstlichem Geblt sein. Aber da drinnen -- er pochte auf seine Brust,
da mu es finster ausschauen bei dem! Ganze Tage lang ist er im
verschneiten Klostergarten auf und ab gewandert wie ein Gespenst. Und
jetzt im Frhjahr, da haben sie ihn zum Pater Fischmeister gemacht und
an den See geschickt. Drunten, weit du, wo es heraufgeht ber den
Wildbach, in dem den Winkel zwischen Felsen und See, da haust er in
seiner Klause. Knnt es so gut haben in seiner Chorherrenstub! Und hockt
da herauen in der Wstenei! Mutterseelenallein! Freilich, umsonst heit
er nit Pater Desertus, der >Einsam<! Meinst du, er duldet einen Knecht
in seiner Nh? Drauen im Seedorf mssen sie sitzen und drfen nur
kommen, wenn er sie ruft mit seiner Glocke.

Haymo hrte nur mit halbem Ohr. Als Frater Severin das merkte, rttelte
er den Jger am Arm. Aber so red doch ein Wort! Das ist langweilig, so
stumm zu hocken wie ein Rupl im Kohl. Komm! Trink einen Schluck! Und
dann erzhl! Wo bist du denn eigentlich her?

Aus Sankt Benedikt Buren.

Wo Herr Heinrich vor Wochen zu Gast war?

Ja. Er fand Gefallen an mir und nahm mich mit.

Da hat er recht gehabt. Ich htt es auch so gemacht. Sind deine Eltern
Klosterleut?

Haymo senkte den Kopf. Mein Vater war ein freier Mann, ein Falkner; bei
einem bsen Wetter hat ihn der Blitz erschlagen, und meine Mutter ist
darber gestorben aus Gram.

Armer Teufel! murmelte Frater Severin und wollte des Jgers Hand
fassen.

Haymo erhob sich und verlie die Stube. Drauen umfing ihn die Nacht.
Lange stand er an den Stamm einer Fichte gelehnt, die unter dem
stoenden Fhn erzitterte bis in die Wurzeln. Er blickte empor zu den
Sternen. Aber er sah ihr Funkeln und Leuchten nicht; die Bilder der
Vergangenheit, traurig und froh, zogen an seinen Augen vorber: die
strmische Nacht, da man den Vater brachte als einen stillen Mann; der
Morgen, an dem man die Mutter tot auf ihrem Lager fand; der schne
Abend, da ein Klosterknecht den zehnjhrigen Buben zum Pater Wildmeister
in das Jachental brachte; die erste Bergfahrt, der erste Schu auf die
Scheibe und der erste in das Herz eines jagdbaren Hirsches; und dann die
schnen Jahre hoch oben im freien Revier der Berge mit ihren Jgersorgen
und Jgerfreuden -- bis zu diesem letzten Abend, an dem das Mdchen mit
den Schneerosen so pltzlich vor seinen Augen stand, selbst einer
Schneerose vergleichbar, schlank wie eine Elfe.

Gittli?

Sein Blick bohrte sich in die Nacht. Aber dort unten, wo der rauschende
Bergwald den Almenhang und jene Htte umschlo, in der das Mdchen
Schutz fr die Nacht gesucht, dort unten war Finsternis.

Schlief sie schon? Und fror sie nicht im Schlummer? Sennhtten sind nur
gebaut fr den warmen Sommer: handbreite Lcken klaffen in den roh
gefgten Balkenwnden, und es fhrt der Sturm hindurch, zudringlich und
kalt. Da wre der Schlferin ein wrmendes Fell, eine schtzende Decke
willkommen.

Haymo sprang in die Htte. Das Feuer auf dem Herd war fast erloschen;
nur eine dnne Flamme schlug noch aus den zerfallenden Kohlen. Im
Herdwinkel hatte Walti sich auf die warmen Steine gestreckt, und im
Heubett schnarchte Frater Severin auf dem Wolfsfell und hielt die
Lodendecke bis bers Kinn gezogen. Was der gute Frater wohl sagen
mchte, wenn Haymo ihn weckte und zu ihm sprche: Gib das Fell her und
die Decke, die kleine Gittli friert!

Haymo, leis, um die beiden anderen nicht zu wecken, lie sich auf den
Herdrand nieder. Da sah er, da der Laufbub die Augen noch offen hatte.
Walti! sprach er ihn flsternd an. Gelt, du kennst alle Leut im
Klosterdorf?

Ja! ghnte der Bub.

Kennst du eine junge Dirn mit Namen Gittli?

Wohl. Das ist die Mllerstochter am Seebach drunt, ein festes Weibsbild
mit blonden Zpfen, dick wie mein Arm.

Die mein' ich nit. Eine andere.

Halt! Ja! Die Krmerdirn? Haymo, die hat Moos und kriegt ein Haus. Aber
schielen tut sie und einen Buckel hat sie auch. Pfui Teufel!

Die mein' ich auch nit. Eine andere.

Eine andere? Gittli? Ich wei keine mehr.

Besinn dich!

Wie soll sie denn ausschauen?

Haymo neigte sich ber den Herd; seine Augen leuchteten, und von seinen
Wangen widerstrahlte die Glut der Kohlen: Schlank und fein wie ein
junges Lrchenstmml, flink wie ein Reh, ein Gesicht, so wei wie die
Schneerosen, und Augen so schn und so tief wie der See.

Walti glotzte den Jger an und schttelte den Kopf. Nein, die kenn ich
nit. So eine gibt's gar nit bei uns im Dorf. Die mt man drauen in der
Salzburg suchen oder im reichen Hall, in den Herrenhusern. Er lie
sich ghnend zurcksinken in den Winkel, richtete sich aber gleich
wieder auf. Halt! Eine fllt mir noch ein. Ja, die heit auch Gittli.
Aber das ist noch gar keine Dirn. Die ist mit mir in die Klosterschul
gegangen. Ein kleberes[3] Ding. Hat Augen wie eine Wildkatz und Haar, so
schwarz wie des Teufels Gromutter. Die kannst du nit meinen.

Haymo lchelte. Nein, die mein' ich freilich nit! Wer ist denn ihr
Vater?

Sie hat keinen. Bei ihrem Bruder haust sie. Das ist einer! Dem geh ich
aus dem Weg. Neulich, wie die Glock zum Essen lutet, hab ich sein Kindl
umgerannt. Da hat er mir die Ohren schier aus dem Kopf gerissen. Der
Teufel, der ungute! Ist ein Auswrtiger. Vor zehn Jahren ist er zu uns
gekommen, wei nit, woher. Drunten im Salzhaus ist er Sudmann, und sein
Haus ist ein Klosterlehen. Jaaa! Laut ghnend drehte sich Walti auf die
Seite.

[Funote 3: Schwchlich, unscheinbar.]

Haymo sa gegen die Blockwand gelehnt, flocht die Hnde um das
aufgezogene Knie und trumte mit offenen Augen.

Auf dem Herd erlosch die Glut, Frater Severin schnarchte, und drauen
strmte der Fhn um das kleine Balkenhaus, da es zitterte in allen
Fugen.




                                  3.


Es war nach den schweren Mhen des Tages keine bequeme Rast, die Haymo
auf dem Herdrand hielt. Dennoch schlief er fest. Nach stillen Stunden
weckte ihn ein Windsto, der gegen die Htte fuhr, als wollte er sie
wegtragen in die Lfte. Auch Walti erwachte; sogar Frater Severin
stellte das Schnarchen ein und warf sich auf die Seite.

Haymo verlie die Htte, um sich an der Quelle zu waschen; der Stand der
Sterne zeigte die zweite Morgenstunde. Als er zurckkehrte, hatte Walti
ein Feuer entzndet. Frater Severin schnurrte schon wieder im Schlaf wie
die Sge in einer drren Zirbe.

Heute brauchte Haymo kein Frhmahl, denn er mute nchtern bleiben fr
den Tisch des Herrn. Er schnallte das Wehrgehng um die Hfte, warf die
Armbrust hinter den Rcken und drckte die Kappe ber das krause Gelock.
Aus dem Schreine nahm er eine ltere Armbrust hervor und einen
Bolzenkcher und reichte beides dem Buben, dessen Augen aufblitzten, als
er nach der Waffe griff.

Kannst du schieen?

Auf hundert Gng treff ich wohl einen Baum! sprudelte es ber Waltis
Lippen.

Gut! La den Frater schlafen! Du aber geh, wann der Morgen graut, und
bernimm die Hut!

Welchen Weg soll ich machen?

Hinber zur Kreuzhh, dann hinauf durch den Wald bis unter die Wnd und
immer an den Wnden fort. Aber nimm dich in acht vor den Lahnen[4] und
spring nit talwrts, wenn du sie rollen hrst ber dir, sondern drck
dich an die Wand! Und wenn du einen Steinbock siehst oder ein Rudel
Gemsen, dann scheuch mir das Wild nit! Hrst du? Und wenn dir einer
begegnet, der nichts hier oben zu schaffen hat, dann zeig, da du ein
richtiger Bub bist, und ruf ihn an! Es ist Klostergut, das du htest.

[Funote 4: Lawinen.]

Walti nickte nur; sein Gesicht brannte, und fester schlossen sich seine
Hnde um die Armbrust.

Und nun beht dich Gott! Und gr mir den Frater Severin!

Drauen lag noch die Nacht mit ihrem Sturm und ihren Sternen. Rstigen
Ganges folgte Haymo durch das rauhe Steinfeld dem talwrts fhrenden
Jgersteig. Nach einer Stunde erreichte er den rauschenden Almenwald.
Durch die Finsternis, die ihn zwischen den Bumen umgab, wanderte er so
sicher dahin, als wr' es heller Tag. Manchmal hrte er flchtendes
Hochwild brechen.

Nun teilte sich der Weg; der eine Pfad fhrte ber die bewaldeten Wnde
steil hinunter zum See, der andere quer durch den Wald, auf einem Umweg
bei den Sennhtten vorber und dann nach weiten Windungen beim Seedorf
in das Klostertal.

Bei den Sennhtten vorber? Haymo fhlte, wie es ihn zog und zog. Er
htte gerne gewut, ob Gittli die strmische Nacht auch fahrlos
berstanden. Um sich loszureien, mute er des Zweckes denken, der ihn
heute hinunter rief ins Kloster.

In doppelter Eile folgte er dem immer abschssiger werdenden Pfad. Die
Sterne erblaten, immer lichter wurde der Himmel, und ber den Spitzen
der Berge erwachte das Frhrot. Ein rosiger Schimmer erfllte den weiten
Felsenkessel, in dessen Tiefe der See mit weien Wellen schwankte. Als
Haymo das steile Ufer erreichte, wurde drben ber dem See, in der
Bartholomusklause, der Morgensegen gelutet. Er zog die Kappe und
sprach ein Gebet. Dann stie er den Einbaum, der zwischen wirrem
Gestrpp an das Ufer gezogen lag, in das Wasser, sprang mit raschem Satz
in das schwankende Fahrzeug und griff zum Ruder. Wohl hatte der wehende
Fhn zwischen den tief gesenkten Felswnden nur halbe Macht, Haymo mute
aber doch seine ganze Kraft zusammennehmen, um bei den hufigen
Wirbelwinden, die ihn berfielen, den plumpen Kahn in gerader Fahrt zu
halten.

Es war heller Tag geworden, als er nahe dem Seedorf in einer vor dem
Sturme geschtzten Bucht den Einbaum wieder ans Land zog. Zwischen den
rauschenden Fichten stieg er den sanft geneigten Waldweg empor. Nun
verhielt er betroffen den Schritt. Vor ihm auf einem moosigen Steine sa
ein Mnch. Netzwerk und Angelschnre lagen zu seinen Fen; er hielt die
Arme auf die Knie gesttzt und das Antlitz in den Hnden vergraben. Die
weie Kapuze war zurckgesunken und enthllte ein edel geformtes Haupt
mit kurzgeschorenem, tiefschwarzem Haar; dicht und lang quoll der
schwarze Bart unter den Hnden hervor bis auf die Brust.

In Haymo erwachte die Erinnerung. Dieser Mnch vor ihm, das war wohl der
>Schwarze<, von welchem Walti geplaudert hatte, der neue >Pater
Fischmeister<, den >sie von Passau hergeschickt<, und von welchem Frater
Severin erzhlt hatte, da er ganze Tage lang stumm und einsam im
beschneiten Klostergarten auf und nieder gewandert wre >wie ein
Gespenst<?

Einen Schritt trat Haymo nher, sein eisenbeschlagener Schuh streifte an
eine Felsplatte, und da richtete der Mnch sich auf. Diese stolze, edle
Gestalt htte eher in den Harnisch gepat als in die Kutte; das Gesicht
aber, das der schwarze Bart umrahmte, war bleich wie Schnee; Gram und
Seelenpein hatten die Zge verschrft und tiefe Furchen in die weie
Stirn gegraben; um die schmalen Lippen zuckte der Schmerz, und die
tiefliegenden Augen brannten wie Feuer -- das waren Augen, die lange die
Wohltat der Trnen nicht mehr kannten. Haymo fhlte sein Herz berhrt
vom Anblick dieses Priesters; er zog verwirrt die Kappe und stammelte:
Hochwrdiger Vater! Was fehlt Euch? Seid Ihr krank?

Der Mnch wandte sich wortlos ab, hob die Fischnetze und Angelschnre
auf seinen Arm und wollte gehen.

Haymo vertrat ihm den Weg. Ich bitt Euch, redet ein Wort zu mir!
Vielleicht kann ich Euch was zulieb tun? Sagt mir, was bedrckt Euch?

Das Leben! glitt es leise von den Lippen des Mnches, als htte er
dieses Wort fr sich allein gesprochen, nicht aber als Antwort auf die
herzliche Frage des Jgers. Dann neigte er das Haupt -- es war ein Gru
und eine Abweisung zugleich -- und ging zu dem Pfade hinber, der von
den Bergen herunterfhrte gegen das Seedorf.

Betroffen blickte Haymo ihm nach; nun hob er lauschend den Kopf; eine
klingende Stimme tnte von einer hheren Stelle des Pfades durch den
Wald. Haymo erkannte die Stimme, und hei scho ihm das Blut in die
Wangen. Jetzt sah er auch zwischen den Bumen schon das rote Rckl
schimmern. Gittli war es. Und sie sang:

   Auf steiler Hh,
   Tief unterm Schnee,
   Da blht ein Blml grn und wei.
   Es grbt in Stein
   Die Wurzen ein
   Und streckt sein Kpfl aus dem Eis,
   Schneewei!

   Die Winterszeit,
   Wenn's eist und schneit,
   Das ist sein Lenz auf weier Hald.
   Doch bringt der Fhn
   Den Frhling schn,
   Dann siecht es hin und welket bald,
   Schneekalt!

   Im Herzen tief
   Ein Blml schlief,
   Gar lieblich und an Schnheit reich;
   Es blhte rot,
   Da kam der Tod
   Und trug's hinunter in sein Reich,
   Schneebleich!

Wie Lerchengesang hob Gittlis Stimme sich ber den wehenden Sturm und
das dumpfe Rauschen des Waldes. Und als sie die letzte Strophe gesungen
hatte, sah Haymo, wie Gittli auf dem schmalen Pfad erschrocken stehen
blieb, den scheuen Blick auf den Pater Fischmeister gerichtet. Dieser
stand vor ihr, mit erstarrtem Gesicht und mit Augen so voll Entsetzen,
als wre das Mdchen vor ihm nicht das lieblichste Bild des Lebens,
sondern ein dem dunkelsten Scho der Erde entstiegenes Gespenst. Die
Knie drohten ihm zu brechen, Netze und Schnre fielen von seinem Arm,
taumelnd griff er nach einer Sttze, und von seinen zuckenden Lippen
klang es mit heiserem Laut: Wer bist du?

Ich bin die Gittli, stammelte das Mdchen mit versagender Stimme.

Wer ist dein Vater?

Mein Vater ist tot, und meine Mutter auch. Ich hause bei meinem Bruder,
der heit Wolfrat und ist Sudmann im Salzhaus des Klosters.

Das hatte Gittli scheu hervorgestottert, wie ein Kind die Litanei in der
Schule stammelt, wenn der Kaplan die Haselrute schwingt. Nun stand sie
schweigend, das Krbchen mit den Schneerosen an ihren jungen Busen
drckend, ein Bild, so hold, da Haymo von diesem Anblick sein Herz zum
Springen schwellen fhlte. Es zuckte in seinen Fusten, und es war ihm,
als mt' er auf den unheimlichen Wegelagerer losstrzen und ihm
zuschreien: Was willst du von dem Kind? La das Kind in Ruh! Oder du
hast es mit mir zu tun!

In wachsender Verstrtheit war der Blick des Mnches auf das Mdchen
gerichtet. Rte und Blsse wechselten auf seinen Zgen, seine Augen
waren wie zwei Flammen, hei und verzehrend. Wer gab dir dieses
Gesicht? so brach es fast wie ein Schrei von seinen Lippen; nun
streckte er die Arme, als wollte er das Mdchen umschlingen -- und da
wich Gittli erbleichend vor ihm zurck; einen Augenblick stand sie
ratlos, dann schwang sie sich mit einem herzhaften Sprung ber den
steilen Rand des Pfades auf den moosigen Waldboden und flog mit
flatterndem Rock an Haymo vorber, um zwischen den Bumen zu
verschwinden.

Wie man lange nach der dunklen Stelle des Himmels starrt, an der ein
fallender Stern erloschen ist, so starrte Haymo in den Waldschatten, in
dem die Gestalt des Mdchens sich verloren hatte. Langsam wandte er das
Gesicht und blickte wieder zum Pfad hinauf. Dort oben stand noch immer
der Mnch mit gestreckten Armen, als wollte er die Luft umschlingen, in
der das Mdchen geatmet. Jetzt kam ein Zittern ber ihn, seine Arme
fielen, sthnend sank er auf einen Stein und bedeckte das Gesicht mit
den Hnden.

Haymo wute nicht, wie ihm geschah. Er htte gern diesem Priester
gezrnt, und dennoch fhlte er, wie das Mitleid sein Herz gefangen nahm.
Eine Weile noch stand er wie gebannt; dann schlich er davon, und je
weiter er sich entfernte, desto rascher wurde sein Schritt.

Vielleicht gelang es ihm noch, das Mdchen einzuholen? In seinem Geleit
wre Gittli sicher und htte einen gefahrlosen Heimweg. Er begann zu
laufen. Was war das? Diese zornige Stimme, die von der offenen Seelnde
durch die Lichtung der Bume klang? War das nicht Gittlis Stimme? Ja!
Und nun verstand er auch ihre Worte: So lat mich doch! Was wollt ihr
von mir? Was hab ich euch denn getan? So lat mich doch in Ruh!

Haymo hatte den Waldsaum erreicht; drauen lag eine breite Wiese, halb
bersplt von dem weien Sand, den der schumende See ber das Ufer
warf; an Stangen hingen Fischnetze zum Trocknen aufgespannt; unter
weitstigen, im Fhnwind rauschenden Ulmen, zu Fen eines Hgels,
standen die beiden Htten der dem Kloster hrigen Fischerknechte. Zwei
der struppigen, an Gesicht und Kleidung derb verwitterten Gesellen
hatten inmitten der Wiese das Mdchen mit einem Stck Netz umfangen, und
der eine lachte: Hilft dir nichts! Wer so ein feines Fischl im Garn
hat, der hlt es fest.

Aber so lat mich doch, lat mich! flehte Gittli und suchte sich dem
Netz zu entwinden.

Zappel nur! lachte der andere. Weit du, was einem Ferch geschieht,
wenn er ins Netz gegangen ist? Wir geben ihm eins auf den Schnabel!

Gittli kreischte, und whrend sie mit dem einen Arm ihr Krbchen in die
Hhe hielt, schlug sie mit dem andern zornig um sich.

Geh, hab keine Sorg! trstete der jngere der beiden Knechte. Wir
machen's bei dir nit gar zu grob! Komm her, wirst sehen, es tut nit
weh! Er fate mit derber Hand ihr Kinn und wollte sie kssen. Da flog
er unsanft zur Seite. Haymo hatte ihn beim Kragen gepackt, und der Griff
hatte ausgegeben. Ein Dutzend Schritte von der Stelle sa der Bursch im
Gras und machte ein dummes Gesicht. Dem anderen versetzte Haymo mit dem
Bergstock eins ber die Hand, da er das Netz gutwillig fallen lie.
Gittli, die sich so pltzlich befreit sah, warf dem Jger einen
dankbaren Blick zu, streifte hurtig das Netz von den Fen und huschte
kichernd davon.

Der ins Gras Gesetzte hatte sich inzwischen erhoben. Mit kirschrotem
Gesicht kam er auf den Jger zugestrmt.

Haymo machte eine Faust und hob sie ein wenig. Komm nur! sagte er
lchelnd.

Da war der Zorn des Burschen verraucht. Und der andere, der noch immer
seine Hand rieb, brummte: So ein Wildling! Gleich zuhauen! Da schau,
ganz blau sind alle Finger! Und scheltend ging er dem Ufer zu und
steckte die Hand ins kalte Wasser.

Lachend schulterte Haymo den Bergstock und folgte der Strae. Er wre
gern rascher gegangen; aber das wollte er den beiden Gesellen nicht
zuliebe tun; die htten ihm sonst wohl nachgerufen: Schau, wie er sich
tummelt, da er davon kommt! Als er um die Ecke lenkte und den Blicken
der beiden entschwand, beschleunigte er seinen Gang; aber von Gittli war
nichts mehr zu sehen und zu hren.

Auf schmaler, von den Rdern der Bauernkarren bel zerrissener Strae
schritt Haymo durch das frhlingsblhende Tal. Wenn auch droben auf den
Bergen der Lenz noch eine harte, zhe Schlacht gegen den Winter schlug,
so hatte doch im Tal der Frhling sich schon huslich eingerichtet. Auf
den Wiesen lag es schon wie grner Sammet, in dem sich die zahllos
blhenden Primeln ausnahmen wie goldene Stickerei. Veilchenduft wehte
aus den Hecken, in denen die kleinen Meisen zwitscherten. Aus den
Zweigen der Fichten spitzten schon die jungen Triebe, und ber den
Buchen und Ahornbumen lag's von den sprossenden Blttchen wie
lichtgrner Schimmer. Die wilde Kraft des Fhns, der droben auf den
Bergen allen Grund der Felsen zittern machte und die donnernden Lawinen
lste, war hier im Tal verwandelt in ein frisches Wehen, das in alle
Bsche griff, in alle Wipfel der Bume, als wollt' es ihnen sagen: Nur
frisch, nur munter! Jetzt nach dem Winterschlaf kein Ghnen mehr! Jetzt
heit es wachsen, treiben, blhen, Frchte tragen und fr Samen sorgen!
Die schne Zeit ist kurz. Und eh ihr euch's verseht, ist wieder der
Winter da. Munter! Munter!

Jetzt stieg die Morgensonne hinter den Bergen empor, Wald und Feld
berspinnend mit ihrem Gold. Ein Funkeln und Leuchten berall. Sogar der
Schatten, den Haymo auf die Strae warf, war Schimmer und Farbe.

Blaue Rauchsulen stiegen aus den hlzernen Bauernhusern, die zerstreut
lagen zwischen kleinen Gehlzen, zwischen Wiesen und brachen Feldern; in
den umhegten Grten weidete das Vieh mit lutenden Glocken, und in
steinigem Bette rauschte die dem See entstrmende Ache ihr eintniges
Lied.

Die Strae begann zu steigen; nun trat sie unter den Bumen hervor, und
Haymo sah zu oberst auf der sonnigen Hhe des Weges das Mdchen
schreiten.

Gittli! Gittli! rief er mit hallender Stimme.

Sie hrte ihn, blieb stehen, wandte das Gesicht, schwang wie zum Gru
ihr Krbchen und lief davon, in der Senkung der Strae verschwindend.

Haymo seufzte zuerst, dann lachte er und wanderte weiter. Eine halbe
Stunde noch, und er hatte das Klosterdorf erreicht. An beiden Ufern der
Ache reihte sich Haus an Haus, und von der Hhe nieder winkte der
schlanke Mnsterturm und der mchtige, weit ausgedehnte Bau des Stiftes,
mit hundert funkelnden Fenstern. Haymo berschritt auf hlzerner Brcke
die Ache und gelangte zu einem riesigen Holzgebude. Es war das
Salzhaus, die Goldschmiede des Klosters, welche die Dukaten in so
schner Menge lieferte, da in kaum zweihundert Jahren die arme
Martinsklause zu Berchtesgaden das reichste Kloster weit und breit
geworden war. Alle Frsten zankten sich um die Hoheitsrechte ber die
reiche Propstei, und die Erzbischfe von Salzburg machten scheele Augen.

In langer Reihe standen die Frachtwagen und Saumpferde aus aller Herren
Lnder vor dem Salzhaus, und ein Frater in geschrzter Kutte
verzeichnete auf einem Tfelchen jeden Sack, der von den Knechten zum
Verladen herbeigetragen wurde. Auf einem Seilzug, der ber die Ache
gespannt war, kamen die in Rollen laufenden Kufen mit dem Rohsalz
knarrend einhergezogen. Dort drben lag der Salzberg Tuval, in dessen
Schachten das Steinsalz von den Klosterknappen gefrdert wurde. Dann kam
es in die Pochmhle, aus der Mhle in die Solwannen, und aus der
gesttigten Sole wurde das reine Salz in mchtigen Pfannen wieder
ausgekocht. Sogar in der Karwoche durften die Feuer nicht erlschen. Wie
fleiig der Sud betrieben wurde, das verriet der weie Dampf, der in
dichten Wolken aus allen Luken des Daches, aus jedem Tor und allen
Fenstern des Sudhauses qualmte.

Da drinnen in der brtenden Hitze mochte kein gutes Weilen sein; das
meinte Haymo dem Sudmann anzusehen, der triefend von Schwei aus einem
der Tore trat, um frische Luft zu schpfen; er war nur mit einer blauen
Leinenhose bekleidet, Oberkrper und Arme waren nackt und von der Hitze
gertet wie ein Krebs, der aus dem siedenden Wasser auf die Tafel kommt.
Eine schwere Gestalt, Muskeln und Arme wie aus Kupfer gegossen, ein
Stiernacken, ein klobiger Schdel mit kurzgeschnittenem, rtlichbraunem
Haar; der struppige Bart hatte die Wangen fast bis zu den Augen
berwachsen; dadurch bekam das Gesicht einen finsteren Ausdruck, der
durch den verdrossenen Blick der grauen Augen noch verschrft wurde.

Wolfrat! rief eine herrische Stimme im Innern des Salzhauses, und der
Sudmann verschwand im Tor.

Wolfrat? -- Dieser Mensch sollte Gittlis Bruder sein? Haymo schttelte
den Kopf; er stellte die beiden im Geiste nebeneinander. Das waren zwei
Geschwister, von denen eins zum andern pate, wie der Eichbaum zur
Heckenrose, wie der Br zum Reh, oder -- der Volksmund pflegt zu sagen:
wie die Faust aufs Auge!




                                  4.


Als Haymo durch die Pforte des Klostergartens trat, scholl vom
Kirchplatz herab ein lautes Knattern und Gepolter. Das waren die
hlzernen >Ratschen<, die zur Messe riefen; whrend der Passionstage
drfen die Glocken nicht gelutet werden; ihre klingenden Seelen, so
geht die Sage, ziehen nach Rom, um vom heiligen Vater gesegnet zu
werden, und erst in der Osternacht kehren sie zurck in ihre ehernen
Leiber, um schwebenden Schalles die Auferstehung des Erlsers zu
verknden.

ber Felsstufen und gewundene Wege stieg Haymo den Hang des Hgels
empor, auf dessen Kuppe das Kloster stand; das ganze Gehnge, einst mit
Felskltzen best und von wirrem Gestrpp berwuchert, war in einen
freundlichen Garten verwandelt, mit zahlreichen Blumenbeeten,
Baumgruppen und suberlich gehaltenen Pfaden. Wohl war der Garten um
diese frhe Jahreszeit noch arm an Grn und Blten. Aber was mute das
im Sommer fr eine Pracht und Freude sein! Frater Severin, der Grtner,
verstand seine Kunst; das mute auch der Neid bekennen.

Auf schwankendem Steg berschritt Haymo den tiefen Hirschgraben, in dem
ein Rudel Hochwild friedlich ste. Die Tiere sahen elend und verkmmert
aus; ein Hirsch, auf dessen Haupt schon das neue Geweih zu sprossen
begann, war bis zum Rande des Grabens emporgestiegen und drckte die
Stirn gegen das hlzerne Gitter; er sah durch die Lcken der Stbe in
der Ferne den freien Bergwald blauen; Haymo wandte sich ab, bewegt von
Erbarmen; es dnkte ihn ein hartes Unrecht, solch ein edles Tier
gefangen zu halten in traurigem Kerker, nur zu miger Augenweide.

Als der Jger an der Klosterpforte den Hammer rhrte, sagte ihm der
Pfrtner, da Haymo nach der Messe in der Amtsstube des Klostervogtes
sich einzufinden htte; doch sollte er neben Dienst und Pflicht auch
seines irdischen Leibes gedenken und den Umweg ber die Kche nicht
scheuen. Freu dich, Junge, heut ist groer Fasttag! flsterte der
Pfrtner und schmunzelte.

Haymo gab die Armbrust und den Bergstock in Verwahrung und schritt ber
den weiten Klosterhof dem Mnster zu, durch dessen offenes Tor der
Weihrauch duftete und die brennenden Kerzen flimmerten. Stehend, die
Kappe zwischen den verschlungenen Hnden, hrte er die Messe. Im
Beichtstuhl hatte er ein schweres Viertelstndchen; er besann und besann
sich, aber es fiel ihm keine Snde ein, die er begangen htte. Das ganze
Jahr hindurch mit sich allein auf den Bergen und im Wald, nichts anderes
im Herzen als die stille Freude an der schnen Gotteswelt, nichts
anderes im Sinn als die Jgersorgen, die der Morgen weckte und der
Schlaf vergessen machte, wie soll man da zu einer Snde kommen? Kein
Gebet, kein Glaube macht die Menschen frmmer als die Einsamkeit des
rauschenden Waldes, als die freie Himmelsnhe auf den Gipfeln der Berge.
Aber sndigen _mu_ doch der Mensch! Wozu wre sonst die Beichte da?
Haymo sann und sann. Der Pater im Beichtstuhl wurde ungeduldig. Und
Haymo, dem der Angstschwei auf die Stirne trat, stotterte:
Hochwrdiger Vater, ich bitt Euch, habt nur ein Weilchen Geduld, es
wird mir gewi noch eine Snd einfallen! Und richtig -- der heie Zorn,
der ihm ber die Lippen fuhr, so oft er droben in seinem Revier die
verdchtige Spur eines Menschen fand -- das war doch Snde! Und der
Wunsch, da er Flgel haben mchte, um die entflohenen Raubschtzen
verfolgen und fassen zu knnen? Wieder eine Snde! Denn dieser Wunsch
war so viel wie ein versteckter Zweifel an der Weisheit Gottes, der die
Menschen nun einmal _ohne_ Flgel erschaffen hatte. Haymo atmete
erleichtert auf; der Anfang war gemacht, und da ging es prchtig weiter,
so da er schlielich ein ganz gewichtiges Pckl Snden zusammenbrachte.
Der Pater lchelte, als er diesem schwer beladenen Beichtkind die
Absolution erteilte; Haymo aber war vllig zerknirscht und hielt die
kleine Bue, die er zu beten bekam, fr unverdiente Milde. In tiefer
Andacht geno er den Leib des Herrn und verlie die Kirche.

Der Pfrtner, der ihm das Tor des Stiftes ffnete, zwinkerte ihm
freundlich zu und sagte: Geh nur! In der Kch wissen sie schon, da du
kommst!

Haymos eisenbeschlagene Schuhe klapperten auf den Steinfliesen des
langen Korridors, den er zu durchschreiten hatte. Durch die hohen
Bogenfenster fiel das goldene Sonnenlicht und machte die Farben der
frommen Bildnisse leuchten, mit denen die weien Wnde geziert waren.
Aus einer Tre hrte er summende Stimmen, dazu ein lautes Klappern und
Klirren. Er ffnete und betrat die Klosterkche. Feuchte Hitze umfing
ihn, und angenehme Dfte quollen ihm entgegen. Ein gromchtiger Raum
mit sechs hohen und breiten Fenstern; die Wnde schneewei getncht, der
Boden mit roten, spiegelblanken Marmorplatten belegt. berall
weigescheuerte Tische, Kasten, Schreine und Truhen; alle Wnde
funkelten von kupfernen Pfannen und zinnernen Schsseln; an den
Fensterpfeilern hingen die aus Blech getriebenen Kuchenformen in Gestalt
von Sternen, Herzen, Blumen und allerlei Getier. In der Mitte des Raumes
stand der riesige Herd, dessen Inneres, nach den vielen Kupfertren zu
schlieen, ein wahres Labyrinth von Feuerhhlen und Bratrhren enthalten
mute; die Platte des Herdes war dicht bestellt mit dampfenden Pfannen
und Kesseln, und ber offenem Kohlenfeuer wurde an langem Spie ein
Seeferch gebraten, der wohl an die dreiig Pfund wiegen mochte.

Und welch ein emsiges Leben in diesem Dampf und Duft! Rings um den Herd
und um die Zurichttische standen und gingen die Kchenbrder, mit
nackten Armen, mit blauen Schrzen ber den Kutten, jeder betraut mit
einem hochwichtigen Amt. Hier wurden Hechte, Forellen und Saiblinge
gereinigt, dort walkte einer mit derben Fusten an einer ellenlangen
Teigstulle, hier wurden Zwiebeln geschnitten und Zitronenschalen
gewrfelt, hier schlug einer mit langer Birkenrute einen ganzen See von
Eiwei zu schneeigem Schaum, dort wurde Mehl abgewogen und Gewrz
sortiert, und zwischen den Brdern tummelten sich die Laufbuben, Holz
tragend, das Feuer schrend, die gebrauchten Kessel scheuernd und das
zinnerne Geschirr splend. Hohe Ste von Tellern wurden durch einen
Schalter hinausgeschoben, durch den man das weite Refektorium mit seinen
bltenwei gedeckten Tischen gewahrte. Und in diesem Klappern, Klirren,
Zischen und Brodeln ein ununterbrochenes Rufen, Plaudern und Lachen. Und
alle Gesichter rotbrennend vor Hitze.

Die Fuste in die Hften gestemmt, mit gebieterischer Ruhe, wie ein
Feldherr, schritt Frater Friedrich, der Kchenmeister, auf und nieder,
alles berblickend, alles berwachend. Breit lag ihm das Doppelkinn auf
der Brust, die kleinen Augen versanken fast in den Fettpolstern der
Backen, und bei seinem Umfang mochten fnfzehn Ellen Tuch nicht
ausreichen fr die Kutte. Ja, das Fasten! Das Fasten!

Als Haymo die Kche betrat, weckte sein Erscheinen einen lauten Aufruhr.
Der Jger! Der Jger! rief es auf allen Seiten, die Brder kamen auf
ihn zu, die Laufbuben lieen fallen, was sie in den Hnden hatten, und
rannten ihm entgegen. Mit glotzender Neugier umstanden sie ihn; der eine
griff nach Haymos Weidmesser, der andere streichelte die Armbrust, der
dritte griff in den Kcher und prfte die Schrfe einer Bolzenspitze am
Finger. Und so viele Fragen gab es auf einmal, da der Jger sie in
einer Stunde nicht htte beantworten knnen. Haymo wurde verlegen, ihm
war zumut wie der Wildtaube im Hhnersteig. Da kam der Frater
Kchenmeister -- herbeigegangen? -- nein, herbeigerollt wie eine Tonne.
So? Bist du da? Hast du deine Seel gestrkt? Brav, mein Sohn, brav! Das
ist Christenpflicht. Jetzt aber komm und strke deinen Leib!

Er nahm den Jger unter den Arm und fhrte ihn in eine kleine Stube, die
neben der Kche lag und halb einer Mnchszelle, halb einer Speisekammer
glich. Im Erker war suberlich ein kleiner Tisch gedeckt, und neben dem
Zinnteller stand eine Holzbitsche, bis zum Rande gefllt mit schumender
>Gte Gottes<.

Die beiden setzten sich, und ein Laufbube trug auf; Schssel um Schssel
kam, und Haymo machte immer grere Augen. Er hatte noch nie im Leben so
herrenmig -- nein, das will zu wenig sagen -- so klosterwrdig
getafelt! Der Frater Kchenmeister schien den schmucken Jger ins Herz
geschlossen zu haben; er hatte die Arme breit ber den Tisch gelegt und
schaute dem Schmausenden mit zufriedenem Lcheln zu.

Da gab es zuerst eine Erbsensuppe mit gersteten Schnitten, dann kamen
Pastetchen, mit Forellenbacken gefllt; es folgte ein gesottener Hecht,
der sich, wie der Frater scherzte, aus Freude darber, da er gar so
schn blau geraten, in den eigenen Schwanz bi; er trug zwei grne
Rosmarinzweiglein in den Nasenlchern und hatte absonderliche Augen: aus
gelber Zitronenschale geschnitten und in der Mitte ein Pfefferkorn; und
rings um den Rand des Tellers lag ein Kranz von Zwiebelscheiben, darin
der geputzte Fisch so prchtig anzusehen war, da Haymo erst nach langem
Zureden das Herz hatte, diese Pracht zu zerstren. Dann folgten
gednstete Froschschenkel in kstlicher Tunke mit gebackenen Krapfen.
Und nun kam ein richtiger Braten. Ein Braten am Fasttag? Haymo blickte
verlegen auf den Frater. Darf ich denn das essen?

Der Kchenmeister ttschelte die Hand des Jgers. I nur, Bub! Glaubst
du denn, ich mcht deine frischgescheuerte Seel mit einer Snd
beflecken? I nur! Das ist Fastenspeis, wie Fisch und Frosch!

Zgernd kostete Haymo; aber gleich wieder legte er die Gabel nieder und
schob den Teller kopfschttelnd von sich. Nein, Herr, das ist Fleisch!

Freilich Fleisch, lachte der Frater, aber Fleisch von einem Biber!

Biber? Das ist doch ein Tier mit Haar und Fen?

Frit aber Fische! Verstehst du? Das ist Philosophie der Klosterkche:
Biber, Otter und Wildente, ob Pelz oder Federn, was Fische frit, wird
wieder als Fisch gegessen. Und ganz mit Recht! Denn die Nahrung macht
das Wachstum und bildet aus ihrem Stoff den Krper. Somit verzehrst du
in diesem Braten kein richtig Fleisch, sondern ein Teilchen von jedem
Hecht und Karpfen, von jeder Grundel und Schleie, die der Biber
schmauste.

So? lchelte Haymo. Dann aber, Frater Kchenmeister, wundert mich
eines.

Was, mein Junge?

Da Ihr am Fasttag nit auch eine Hirschkeule auf die Tafel setzt.

In Entsetzen klatschte der Frater die Hnde zusammen. Haymo! Du
gottverlorener Mensch!

Warum? Die Hirsche sen Gras und Kruter. Also mu ihr Fleisch ein
Gemse sein, wie Kohl und Rben. Und das ist doch Fastenspeis.

Der Kchenmeister machte ein verdutztes Gesicht; dann schlug er lachend
die Hand auf den Tisch. Schade, schade, Haymo, da du kein Klerikus
geworden! In dir steckt ein Kirchenlicht. Und das soll nit umsonst
geleuchtet haben! Im nchsten Kapitel mache ich den Vorschlag, da man
alles Wildbret als Fastenspeis erklren soll. Nachdenklich schwieg er
und schttelte den Kopf. Nein! Ich tu's doch lieber nit. Am Ende drehen
sie den Spie um und sagen: wie der Hirschbraten kein Gemse ist, so ist
der Biberschwanz kein Fisch, obgleich er Schuppen hat. Und Biberschwanz
ess' ich fr mein Leben gern. Gib her ein Brckl! Und aus dem >Brckl<
wurde mit Kosten und Kosten der halbe Braten. Gelt, du? Das rutscht wie
Butter.

Ja, Frater, ein feiner Braten! Der kommt wohl von weither?

Von der Donau. Dort leben die Biber zu Hunderten in ihren
Wasserdrfern. Von Straubing bis weithinunter gegen Wels hat der
Passauer Bischof das Jagdrecht. Mit dem letzten Salzkarren hat er uns
ein Dutzend geschickt, wickelfette Kerle!

Von Passau? Ist das von dorther, von wo der neue Pater Fischmeister
gekommen ist?

Warum fragst du?

Haymo wurde rot. Ich mein' nur so. Ich hab ihn gesehen, heut frh am
See.

Des Fraters Augen leuchteten. Den soll der liebe Gott unserm Kloster
erhalten! So viel hat noch keiner von See und Fisch verstanden, wie der!
Hast du den Ferch drauen am Spie gesehen? Den hat er mit eigener Hand
gefangen. Ich la aber auch nichts auf ihn kommen. Ich halt es mit ihm.
Da mgen sie im Kloster reden, was sie wollen.

Was reden sie von ihm? fragte Haymo, wobei er sich alle Mhe gab,
seine Spannung zu verbergen.

Ach, dummes Zeug! Bevor er hinauszog in die Seeklause, haben sie ihn in
der Nacht oft schreien hren in seiner Zell, da es jedem, der es hrte,
durch Mark und Bein ging. Und wenn sie dann zu ihm hineinrannten, fanden
sie ihn am Boden, mit zerrauftem Haar und blutigen Fingerngeln. Nun
sagen sie, da der Teufel Macht htte ber ihn, weil furchtbare Snden
auf seinem Gewissen liegen. Und sie sagen, der Teufel kme in der Nacht
und raufe mit ihm um seine Seele.

Haymo sa mit erblatem Gesicht und stammelte: Soll das wahr sein
knnen?

Glaub mir, Haymo, dem Teufel laufen die Seelen so scharenweis zu, da
er gemtlich warten kann, bis sie kommen. Der braucht sich nit zu raufen
um das, was sein ist. Und bei einer Seel, die dem lieben Herrgott
gehrt, da hilft ihm auch das Raufen nichts.

So? Haymos Stimme klang seltsam gereizt; denn wieder sah er den Pater
Fischmeister vor Gittli stehen, mit verlangend gestreckten Armen, mit
brennenden Augen. Ihr meint wohl, der Pater htt so eine fromme Seel,
die nirgends hin will, als nur hinauf in den Himmel?

Was wei ich? Kein Mensch hat ein Guckloch vor dem Herzen, da man
hineinschauen knnt, wie's aussieht drinnen. Auf jeder Pfanne liegt ein
Deckel. Nun errat's, was drinnen kocht! Mit der Nase riecht man auch nit
alles. Und wer immer auf den Knien rutscht, ist noch lang kein Heiliger.
Es kann auch einer in den Himmel kommen, der steife Beine hat. Und dann,
was geht's mich an? Er ist der beste Fischer. Das ist mir genug.
Freilich, was Besonderes mu es schon gewesen sein, was den ins Kloster
verschlagen hat. Wenn ich zurckdenke die zwanzig Jahr --

Ihr habt ihn gekannt? fiel Haymo hastig ein.

Gekannt? Nein! Aber gesehen hab ich ihn einmal. Und hab ihn auch nimmer
vergessen. Es war zu Regensburg. Knig Ludwig -- jetzt ist er lange
schon Kaiser, und Gott mag ihn erhalten, denn er ist ein guter Herr --
der sollte damals zu Gast kommen bei Bischof Adalbert. Und da holten sie
mich aus dem Kloster, damit ich das Mahl rste. Ja, mein Junge, ich hab
allzeit was gegolten! Ein Koch wie ich! -- Lassen wir's, denn stolz sein
ist eine Snd. Ich kam also, und ich sag dir, Wunder hab ich gewirkt,
Wunder! Was ein Auerhahn fr ein Vieh ist, das weit du doch?

Keine schnere Jagd, Frater!

Jagen? Meintwegen! Aber essen? Ich dank! Was aber will ich machen?
>Bruder Kchenmeister<, sagte Herr Adalbert zu mir, >ich will dir kund
und zu wissen tun, da Herrn Ludwigs Lieblingsgericht der Auerhahn ist.<
Auch ein Geschmack, denk ich mir! Dazu gehrt ein gut bayrischer Magen.
Und Zhne! Die hat er freilich. Das haben seine Feinde gesprt, mit
denen er ins Beien kam. Also, ein Auerhahn! Ja, aber wie? Ich sag dir,
Haymo, die ganze Nacht hab ich kein Auge zugetan. Und der liebe Gott hat
mich erleuchtet. Ich habe damals eine Beize erfunden -- eine Beize! Und
der Auerhahn kam auf die Tafel. Und wie! Butter, Haymo, Butter!

Aber der Pater Fischmeister? drngte Haymo.

Ja, richtig! Es war ein wunderschner Maitag, als Herr Ludwig einzog im
Hof der Bischofsburg. Alles glitzerte von Sonne. Der Himmel gut
bayrisch: blau mit silbernen Schflen. Als sie kamen -- ich sag dir,
Haymo, das war ein Glanz und eine Pracht, von all dem funkelnden Gold
und Eisen! Vom Kchenfenster sah ich's mit an. Und ein Jubel und eine
Freud! Herr Ludwig ritt auf einem schneeweien Pferd.

Die Krone auf dem Haupt und das Zepter in der Hand?

Dummer Bub! lachte der Frater. Da kennst du unsern Kaiser schlecht.
Nein! Im schlichten Jgerkleid, nit rmer wohl, aber auch nit besser als
der Kittel, den du am Leib trgst. Sein Gefolg aber! Du, das schaute
sich an, als wren die Schatzkammern der Untersberger Zwerge lebendig
geworden. Und unter den Frsten und Rittern war einer --

Der Pater Fischmeister?

Erraten! Freilich, damals hie er noch nit Pater Desertus, sondern
Dietwald, Burggraf zu Falkenberg.[5]

Ein Graf! staunte der Jger.

Hast du schon den heiligen Georg auf seinem Ro gesehen?

Ja, auf dem Bild, das im Zimmer des Vogtes hngt.

So sah er aus. Stolz und schn! Unter dem blitzenden Helme ringelten
sich die schwarzen Locken hervor. Auf den Lippen spro ihm der erste
Flaum, ein lachendes Gesicht wie Milch und Blut, aber eine Gestalt und
Glieder, und eine Kraft! Sein Ro schnaufte nur so unter ihm! Und als
wr's ein Birkenblatt, so trug er den schweren Schild, einen weien Falk
auf blauem Grund. Andern Tages beim Turney, da brauchte er nur so zu
machen -- der Frater Kchenmeister tippte den Zeigefinger auf Haymos
Brust, und die Herren Ritter purzelten in den Sand und streckten alle
viere in die Luft. Und die Weibsleut! Wie verrckt waren sie. Die Augen
guckten sie sich aus nach ihm. Er aber -- -- Was gibt's?

[Funote 5: Falkenberg in Niederbayern an einem Nebenbach der Vils.]

Ein Laufbursch war in die Stube hereingestrmt; der Klostervogt htte
nach dem Jger fragen lassen.

Erschrocken sprang Haymo auf; aber so rasch kam er nicht zur Tr hinaus.
Der Frater Kchenmeister hatte noch allerlei Anliegen; er zhlte dem
Jger an den Fingern die wrzigen Wald- und Almenkruter her, welche
Haymo in die Kche liefern sollte, sobald der Frhling sie erweckt htte
zum Blhen. Auch die Brenschinken wren aufgeknappert bis auf den
letzten Knochen. Ob nicht Aussicht wre auf neuen Vorrat? Nicht nur
wegen der Schinken. Gesulzte Brentatzen! Der Frater verdrehte die
Augen und schlug mit der Zunge einen Triller.

Vergangene Woch hab ich einen Br gesprt, hoch oben im Schnee, sagte
Haymo, doch die Fhrt hat sich im aperen[6] Wald verloren.

Pack ihn, Haymo, pack ihn! Und noch eines! Hat die Schneerose schon
verblht?

Ein trumerisches Lcheln glitt ber die Zge des Jgers. Ich hoff,
noch lang nit!

Ich aber hoffe, bald! Auf das behbig freundliche Antlitz des Fraters
legte sich ein wehmtiger Schatten. Weit du, Haymo, das viele Kosten
von allen Schsseln, das tut nit gut auf die Dauer. Manchmal in der
Nacht, da spr ich's hier, am Herzen, da ich meine, ich mu ersticken.
Dafr hilft die Wurzel der Schneerose, die Nieswurz. Aber sie mu
gegraben werden, wenn das letzte Stckl verblht hat. Dann ist ihr Saft
am strksten. Er macht das dicke Blut wieder flssig und das schlfrige
Herz wieder lebendig.

Ja, Frater, Ihr sollt eine Wurz haben, an die noch kein Wurm gerhrt
hat. Aber seid vorsichtig! Ihr wit:

   Zwei Trpflen machen rot,
   Zehn Tropfen machen tot.

Sei ohne Sorg! lchelte der Frater und klopfte dem Jger herzlich auf
die Schulter. Bist ein guter Bursch! Schick mir die Wurzel durch den
Walti! Und komm nur wieder einmal! Fr dich hab ich immer ein gutes
Brckl im Kasten. Aber jetzt mach weiter, sonst brummt der Vogt. Gelobt
sei Jesus Christus!

[Funote 6: Schneefrei.]

Amen!




                                  5.


Durch lange Korridore, in denen die weien Chorherren an dem Jger
vorberwanderten, lautlos seinem Grue dankend, und ber eine steile
Wendeltreppe gelangte Haymo in die Wartestube des Vogtes. Die Stube
hatte noch ein zweites Treppenhaus und Tor gegen den Marktplatz, damit
die Bauern, die Weiber und Hrigen, die Kaufleute und Kriegsknechte, die
dem Vogt ein Anliegen vorzutragen hatten, die klsterliche Schwelle
nicht berschreiten muten.

Der einzige Schmuck des groen Raumes war ein mchtiges Kreuz aus
Untersberger Marmor und ein rohes, grellbemaltes Schnitzwerk, den
heiligen Augustinus darstellend. Auf den Steinbnken, die sich rings um
die Wnde zogen, sa ein halbes Dutzend Leute, zumeist Salzkufer aus
der Fremde. Durch die geschlossene Tr der Vogtstube klang eine zankende
Stimme. Herr Anselmus Schluttemann, der Klostervogt, war wieder in bler
Laune. Das heit, in solcher Laune war Herr Schluttemann jahraus,
jahrein. Das machten aber nicht die Geschfte des Klosters. Gott
bewahre! Herr Schluttemann brachte diese Laune von Hause mit herein in
die Amtsstube. Wer mit Frau Ccilia, die der Vogt seine >gestrenge
Hausehre< zu nennen pflegte, nur einmal in seinem Leben zu schaffen
hatte, der begriff, da Herr Schluttemann zum mindesten fnf geschlagene
Stunden im khlen Kellerstbl des Klosters sitzen mute, um sein
Hauskreuz zu vergessen. Das geschah nur, wenn er nach der zehnten
Bitsche in eine Stimmung geriet, die ihn alles vergessen lie, berhaupt
alles, und ganz besonders das Nachhausegehen. Pnktlich mit sinkender
Nacht schickte Frau Ccilia die Knechte. Mit dem Herrn Vogt war um diese
spte Stunde nicht mehr zu reden. Das heit, Frau Ccilia redete wohl.
Anselmus aber hrte nicht. Doch was der folgende Morgen brachte, das war
so Tag um Tag die Ursache zu Herrn Schluttemanns bler Laune. Zwischen
dem Erwachen und der Morgensuppe war Frau Ccilia unbesiegbar. Und so
muten es die Klosterbauern und Salzkufer in der Amtsstube ben, da
des Herrn Vogtes >gestrenge Hausehre< von Haaren einen ganzen Urwald,
nicht auf dem edlen Haupte, wohl aber auf den Zhnen trug.

Kaum eine Stunde war vergangen, seit Herr Schluttemann im Sturmschritt
-- er selbst nannte diese Eile >lobesamen Diensteifer< -- seinem
huslichen Herd entflohen war, um sich in die Amtsstube zu retten. Da
war in seiner Laune noch die erste Ofenwrme. Die Tr zitterte vom Hall
seiner Stimme wie der Resonanzboden einer Brummgeige.

Haymo lauschte diesem Stubengewitter, und ihm wurde unbehaglich zu Mut.
Er hatte wohl ein reines Gewissen. Aber zwei gestohlene Steinbcke, und
dazu die Laune des Herrn Vogts! Das konnte eine bse Viertelstunde
absetzen. Er legte die Kappe auf die Bank und lie sich nieder. Doch
gleich wieder sprang er auf, freudig betroffen. Ihm gegenber,
schchtern eingedrckt in einen Winkel, sa Gittli, das Krbchen mit den
Schneerosen auf ihrem Scho. Und wie schmuck sie sich aufgeputzt hatte!
Das war wohl ihr Feiertagsgewand? Ein blauer Rock mit grner Borte, ein
schwarzes Mieder, ohne Silberschmuck, aber knapp und kleidsam. Wie
frischgefallener Schnee war das Linnen, das die Arme und den Hals
umschlo. Das schwarze Haar war in zwei dicke Zpfe geflochten und
gleich einer Krone um die Stirn gelegt. Dazu noch der im Mieder
steckende Primelnstrau, der sie mit seinen goldgelben Blten lieblicher
schmckte, als es irgend ein blitzendes Geschmeide vermocht htte.

Haymo ging auf das Mdchen zu. Gr dich Gott, Gittli!

Sie nickte nur und sah lchelnd zu ihm auf.

So gib mir doch deine Hand! Wir haben uns ewig lang nit gesehen.

Ewig lang? Ich wei nimmer, war's heuer oder voriges Jahr, oder gar
erst heut in der Frh. Sie legte ihre schmale Hand in seine braune
Jgerfaust.

Wie hast du denn geschlafen heut nacht?

Wie ein Mankerl![7] Aber beim Aufwachen, du, da war's kalt! Ich hab
mich schier kaum zusammenklauben knnen aus dem Heu. Und dann bin ich
gelaufen wie ein Hrml,[8] nur da ich wieder warm geworden bin. Ja,
drunten erst, am See -- Sie stockte. Ein halb ngstlicher, halb
sinnender Ausdruck war in ihren Zgen. Gelt, du hast ihn auch gesehen?
Sie blickte scheu um sich, und ihre Stimme dmpfte sich zum Flstern.
Den mit den Feueraugen? Ich bin vllig erschrocken. Nein, ich frcht
mich nit so leicht. Aber der! Ich glaub, der kommt mir im Traum! Hast du
ihn angeschaut? Gelt, ein Gesicht wie ein Gestorbener! Ein Gruseln flog
ber Gittlis Schultern.

[Funote 7: Murmeltier.]

[Funote 8: Wiesel.]

Dirn, sagte Haymo ernst, wenn du von mir einen Rat hren willst, dann
geh ihm aus dem Weg! Aber sorgen brauchst du dich nit! Da sei du ganz
ruhig! Ich la dir nichts geschehen.

Sie sah zu ihm auf. Das wei ich. Doch als sie den raschen Druck
versprte, mit dem er ihre Finger umschlo, befreite sie fast
erschrocken ihre Hand.

Haymo wurde rot bis ber die Stirn. Nach einer Weile fragte er:
Weswegen bist du denn da hergekommen?

Sie sa verlegen, mit gesenkten Augen, und erwiderte leis: Die
Schneerosen will ich dem Kloster bringen. Und mit dem Vogt soll ich
reden von meines Bruders wegen. Aber ich werd wohl noch lang verweilen
mssen. Sie berflog mit einem Blick die Reihe der Wartenden. Und ich
sollt schon wieder daheim sein. Weit, ich hab ein krankes Bsl, und
meine Schwhrin ist siech und kann nit schaffen.

Nein, Gittli, du darfst nimmer warten! Komm nur! Er nahm sie bei der
Hand, und obwohl sie sich unter stammelnden Worten strubte, zog er sie
gegen die Tr der Vogtstube. Leut! rief er die Wartenden an. Die Dirn
da hat zwei Kranke daheim und kann nimmer warten. Gelt, ja? Sie darf
zuerst hinein?

Eine Antwort bekam er nicht. Aber nur deshalb, weil im gleichen
Augenblick die Tr von innen aufgerissen wurde. Drinnen sah man einen
Bauer stehen, der seinen Filzhut zwischen den Fingern drehte; und vor
ihm, mit weitgespreizten Beinen, stand Herr Schluttemann, der Vogt, eine
derb gedrungene Gestalt in einem Koller aus braunem Hirschleder,
eine steife Krause um den Hals. Wie zwei Dolche stachen die
Schnauzbartspitzen aus seinem dunkelroten Gesicht, und die borstigen
Haupthaare starrten wirr durcheinander wie die Stoppeln eines
hrenfeldes, auf dem eine Herde geweidet hat. War das die Frisur, mit
welcher Frau Ccilia Herrn Schluttemann aus ihren Hnden entlassen
hatte?

Wir sind fertig, Eggebauer, fertig miteinander! schrie der Vogt und
schttelte den Kopf wie ein Ro, das nimmer ziehen will. Du siehst, da
warten die Leut. Ich habe noch mehr zu tun, als mit dir zu hecheln.
Weiter! Weiter! Die Tr steht offen und ich kann den Zug nicht leiden.

Herr Vogt, stotterte der Bauer, wenn ich den Acker schon nimmer haben
soll, dann habt doch Erbarmen mit meinem armen Weib und --

Dein Weib hat die Krapfenkrankheit! donnerte Herr Schluttemann. Mit
drei Ellen um den Bauch herum hab ich kein Erbarmen. Dein Weib soll die
Schmalznudeln und den Met lassen, soll Schlappermilch essen und
Schwarzbrot, dann braucht sie kein Bibergeil und kein Herzkreuzl vom
Steinbock. Das sind ^medicamenta^ fr andere Leute. Punktum!

Der Eggebauer stand vor der Tr, er wute nicht wie; es war ihm nur
einen Augenblick so vorgekommen, als htte ihn Herr Schluttemann beim
Kragen gefat. Und whrend der Bauer wie ein begossener Pudel dem
Ausgang zutrollte, hatte der Vogt schon ein neues Opfer seiner Laune
gefunden: den Jger.

Soooo? grlte Herr Schluttemann und machte, denn er wollte hhnisch
sein, eine tiefe Reverenz. Belieben schon da zu sein?

Ja, Herr Vogt, sagte Haymo und schob das Mdchen, das an allen
Gliedern zitterte und mit jedem Atemzug die Farbe wechselte, vor sich
hin. Aber da ist eine Dirn --

Natrlich! Herr Schluttemann machte mit ausgebreiteten Armen eine noch
tiefere Reverenz. Seine frstlich Gnaden von der Wildschur belieben
sich in der Klosterkche festzupflanzen. Der Vogt kann warten.
Natrlich! Da mu man erst Pastetlen speisen, Saibling und Forellen!

Nein, Herr Vogt, sagte Haymo, es war Hecht und Biberschwanz. Aber da
ist eine Dirn --

Herr Schluttemann stutzte und richtete sich straff in die Hhe.
Biberschwanz? wiederholte er, und sein ganzes Wesen war auf einen
Streich verwandelt; im freundlichsten Ton der Neugier fragte er: Heute
gibt's Biberschwanz?

Ja, Herr Vogt! Aber da ist eine Dirn --

Dirn! Dirn! Herr Schluttemann hatte sich wiedergefunden. Er schnaubte
und zeigte das Weie im Aug. Gittlis lieblicher Anblick rhrte ihn
nicht; er hatte in ihr ein Teilchen von jener Hlfte des menschlichen
Geschlechtes vor sich, zu welcher Frau Ccilia gehrte. Und das war
Ursache genug fr den Ton, in dem er Gittli anschnauzte: Was will das
Weibsbild?

Gittli bewegte die Lippen, aber sie brachte keinen Laut aus der Kehle.

Also? Wird's bald? Was will man?

So rede doch, Gittli! mahnte Haymo. Mut dich nit frchten! Der Herr
Vogt ist ein lieber und guter Mann. Rede nur frisch weg!

Ich will -- was -- bringen -- stotterte das Mdchen.

Bringen? Dem Kloster? Herein damit! Ein Griff des Herrn Schluttemann,
und Gittli stand im Zimmer des Vogtes. Sie wollte noch einen
hilfesuchenden Blick zu Haymo zurckwerfen, aber hinter ihr war schon
die Tr geschlossen. Scheu blickte sie um sich her. Ein groer Raum mit
hohen Schrnken an den Wnden. Zwischen den beiden Fenstern ein Bild:
der heilige Georg, der den Drachen ersticht. In der Mitte ein Tisch mit
Lehnsthlen.

In solch einen Stuhl hatte Herr Schluttemann sich geworfen und hielt nun
die Hnde verschlungen und die Beine gestreckt.

Also! Was bringt man?

Gittli nherte sich zgernd, nahm den Deckel von ihrem Krbchen und
hielt es dem Klostervogte hin.

Herr Schluttemann guckte hinein und rollte die Augen, da man zweimal
das Weie sah. Er hatte in dem Korb zum mindesten ein Dutzend frischer
Eier vermutet oder einen Ballen Butter. Dummes Zeug! schnauzte er
Gittli an, da sie erschrocken zusammenfuhr und das Krbchen schier
fallen lie. Was soll denn das? Soll ich mir das Gras vielleicht auf
den Hut stecken?

Gittlis Augen wurden feucht, und mit leiser, kaum noch vernehmlicher
Stimme sagte sie: Morgen ist Karfreitag!

Das wei ich. Oder glaubt man, ich kenne den Kalender nicht?

Und das sind Schneerosen. Ich selber hab sie heruntergeholt von den
Schneehalden in der Rt. Und sie gehren fr das heilige Grab unseres
lieben Herrn.

Herr Schluttemann dmpfte seine Entrstung. So? So? Das ist
christlich! brummte er. Stell das Krbl nur auf den Tisch! Ich will es
dem Bruder Mesner schicken. So! Und jetzt Gottes Dank! Und Gott
befohlen!

Er machte einen bezeichnenden Wink nach der Tr; Gittli aber rhrte sich
nicht; ihr Gesicht war kreidewei vor Angst, und mit flehendem Blick
suchte sie Herrn Schluttemanns Augen.

Der Vogt wurde stutzig; er drehte den Kopf auf die Seite und kam auf das
Mdchen zugegangen, mit so drohenden Augen, da Gittli scheu ein paar
Schritte zurckwich. Man will vielleicht noch etwas? Hoho! Ich merke
schon! Das also ist die christliche Frmmigkeit? Heeh? Das Kraut da war
nur ein Vorwand, um hereinzukommen?

Nein, nein, Herr Vogt! stammelte Gittli mit versagender Stimme.

Keine Widerred! kam es wie ein Donnerkeil unter dem gestrubten
Schnauzbart herausgefahren. Was will man? Also? Wird's bald oder
nicht?

Gittli sah mit angstvollen Augen auf. Sie wollte sprechen, aber ehe sie
noch das erste Wort herausbrachte, kamen ihr die Trnen, und schluchzend
bedeckte sie mit den Hnden das Gesicht.

Natrlich! Natrlich! Jetzt wird geheult! Herr Schluttemann durchma
mit langen Schritten die Stube und hob die Arme gegen den Himmel. Herr
du mein Gott, du hast die Weibsleut auch in deinem Zorn erschaffen!
Heulen! Gleich heulen! So machen sie's alle. Alle! Alle! Ob er wohl im
stillen hinzufgte: nur Frau Ccilia nicht? Breitspurig blieb er vor
Gittli stehen und stemmte die Fuste in die Hften. Also? Hat man bald
ausgeheult? Soll ich bald hren, was man will?

Ach, Herr Vogt, kam es unter Trnen und Schluchzen heraus, mein
Bruder kann das Lehent[9] nit zahlen.

Da haben wir's! Schmetternd fiel die Faust des Herrn Schluttemann auf
die Tischplatte. Der saubere Bruder will nicht zahlen, und das feine
Schwesterlein stolziert herum, aufgeputzt wie ein Burgfrulein.

Gittli warf einen erschrockenen Blick ber ihre Gestalt, mit zitternden
Hnden zerdrckte sie den Primelnstrau vor dem Mieder und stammelte in
Trnen: Nein, nein, Herr Vogt! Ich bin doch ein blutarmes Ding. Seht
doch die Schuh an, die hab ich mir selber genht! Und das Rckl trag ich
vier Jahr schon, und die Borte da, die ist ja nur angestckelt, und das
Mieder hat mir die Eggebuerin geschenkt, weil ihre Zenza drausgewachsen
ist. Und das Leinen hab ich mir selber gewaschen.

[Funote 9: Pachtschilling fr das Hauslehen.]

Die Augen des Herrn Schluttemann begannen verdchtig zu zwinkern. Das
tat aber der Gewalt seiner Stimme keinen Eintrag: Natrlich! Und da hat
man wieder ein Pfund Seife verschmiert.

Nein, nein, Herr Vogt, ich hab's bleichen lassen in der Sonn.

Sooo? Natrlich! Die liebe, gute Sonne mu auch schon herhalten fr die
Eitelkeit der Weibsleut. Und ich, der Vogt, mu mich abgeben mit solchen
dummen Geschichten. Warum ist dein Bruder nicht selber gekommen? Warum
will er nicht zahlen?

Ach, Herr Vogt, mein Bruder mu ja von frh bis in die sinkende Nacht
im Sudhaus stehen. Und er mcht doch zahlen, wenn er nur knnt. Aber er
hat ein krankes Kind daheim, und sein Weib ist siech geworden, wie der
Winter kam. Dreimal in der Woch mu die Schwhrin Fleisch essen, und
neulich haben wir Wein kaufen mssen, weil sie gar so schwach und elend
ist.

So? So? knurrte Herr Schluttemann. Und warum kommt man nicht zu mir
und holt sich einen Armenzettel? Und warum geht man nicht zum Armenvater
und holt sich Fleisch und Wein und krftige Spplen? Das Kloster hat's
doch, und das Kloster gibt. Donnerwetter noch einmal! Warum nicht?

Ach, Herr Vogt! Trne um Trne kollerte ber Gittlis zuckende Wangen.
Ich htt es ja gern getan. Tt ich doch alles fr die Schwhrin und das
liebe Bslein. Aber der Bruder will's nit leiden. Er sagt immer, da er
ein Mensch ist, der schaffen und verdienen kann. Und ein Kriegsmann ist
er doch auch einmal gewesen. Und er will's nit leiden, da ich mich
unter die Bettelleut stell. Und er knnt's nit hren, wenn man uns
Hungerleider schimpft oder Schnappsck.

So? So? Natrlich! Not und Elend hint und vorn! Aber stolz! Nur stolz!
Und die Nase hinauf in den Wind! Das wr mir das Richtige! Warte nur,
warte, ich will deinem Bruder den Hochmut austreiben! Sag deinem Bruder:
wenn er nicht zahlt am Ostermontag, dann setzt es ein Donnerwetter. Das
Lehen la ich ihm wegnehmen und geb's einem andern. Ja, das tu ich! Gott
soll mich strafen!

Gittli erblate, und ihre Knie drohten zu brechen.

Herr Schluttemann wetterte weiter: Das wr mir das Wahre! Nicht zahlen
wollen! Natrlich! Da km dann einer um den andern, zuerst die
Lehensleut, und dann die Zinsbauern, und dann die Salzkufer. Und die
frommen Patres und Fratres, die auch leben mssen, knnten sich den Hals
an den Bindfaden hngen und Luft schnappen. Oho! Herr Schluttemann
wollte der Tischplatte eins versetzen mit der Faust, aber mitten im
Schwung hielt er inne; auch Gittli erschrak und fuhr mit der Hand an die
Kehle, als ginge ihr der Atem aus. Die beiden hatten zu gleicher Zeit
bemerkt, da sie nicht mehr zu zweien in der Stube waren.

Vor ihnen stand die hohe Gestalt eines Priesters; ber dem weien Talar,
dessen Skapulier mit violetter Stickerei umsumt war, hing an goldener
Kette ein funkelndes Kreuz, halb verschleiert durch die dnnen Strhnen
des grauen Bartes; ein violettes Kpplein deckte den Scheitel; unter der
knchernen, hart modellierten Stirne ragten die buschigen Brauen hervor
wie kleine Dcher ber den Augen; aber das Gesicht hatte keinen
finsteren Zug; es war mnnlich ernst und dennoch milde.

Herr Schluttemann verbeugte sich; denn dieser Priester vor ihm, das war
Herr Heinrich von Inzing, der Propst zu Berchtesgaden.

^Reverendissime!^ sagte Herr Schluttemann und verbeugte sich abermals.
Kein Ende, ^Reverendissime^, kein Ende mit Zorn und rger! Die Luft
knnte einem ausgehen vor Gift und Galle! Da ist wieder so eine Dirn --

Ich habe selbst gehrt! fiel Herr Heinrich ein, winkte den Vogt zu
sich in die Fensternische und sagte in flieendem Latein: Mich dnkt,
Ihr seid zu rauh mit den Leuten, Herr Vogt. Seht das arme Ding nur an,
es gibt keinen Tropfen Blut und zittert am ganzen Leibe.

Das rote Gesicht des Herrn Schluttemann schwoll wie der Kamm eines
gereizten Gockels. Bitte in aller Weisheit zu bedenken,
^Reverendissime^, sagte er in einem Latein, bei dessen bedenklichem
Klang Herr Heinrich nur mit Mhe ein Lcheln unterdrckte, bitte zu
bedenken, da man den Leuten die Fuchtel zeigen _mu_. Sonst ist man
verloren und betrogen alle Stund.

Auch ich liebe die falsche Milde nicht. Aber auch Strenge mu gebt
werden mit Ma und Ziel. Herr Heinrich musterte Gittli mit ruhigem
Blick. Sie erbebte vor dem Glanz dieser Augen wie Espenlaub, duckte sich
und zog den Kopf zwischen die Schultern, als mchte sie sich so klein
machen wie ein Muschen. Herr Schluttemann wollte sprechen, der Propst
aber winkte ihm zu schweigen und sagte, immer noch in lateinischer
Sprache: Der Bruder dieses Mdchens ist der Sudmann Wolfratus? Ich
kenne den Mann, er hat ein furchtloses, mutiges Herz. Als wir das letzte
Mal unter den Wnden des Wazmann jagten, holte er einen weidwunden
Steinbock aus der schwindelnden Wand herunter, die kein anderer zu
betreten wagte. Forschet nach, Herr Vogt, ob das Mdchen die Wahrheit
gesprochen hat! Trifft den Mann kein Verschulden, dann soll ihm das
Lehent erlassen sein fr dieses Jahr. Hret Ihr aber, da dieser
Wolfratus ein Sufer ist, oder ein Wrfelspieler, dann bet ihn mit
aller Strenge! Und jetzt schicket das Mdchen heim und lasset den Jger
kommen. Herr Heinrich wandte sich zum Fenster, von dem aus man einen
herrlichen Blick geno ber Tal und Berge.

Zitternd und bangend war Gittli die ganze Zeit gestanden; der Klang der
fremden Sprache hatte sie noch mehr verwirrt, noch ngstlicher gemacht;
ihr furchtsam lauschendes Ohr hatte unter den ihr unverstndlichen
Lauten zweimal den Namen ihres Bruders aufgefangen, und nach den
brbeiigen Drohungen, die Herr Schluttemann ausgestoen, glaubte nun
das arme Ding nicht anders, als da mit der lateinischen Zwiesprach
ihres Bruders Schicksal und Strafe beredet worden und beschlossen wre:
zahlen, oder das Lehen verlieren und verjagt werden von Haus und Hof.
Ihre Augen wurden hei, aber sie konnte nicht mehr weinen; an ihrer
Kehle wrgte die Angst, und ihr war, als stnde sie versteinert am
ganzen Leib und vermchte keinen Finger mehr zu rhren. Sie wich auch
keinen Schritt zurck, als Herr Schluttemann blasend, mit dunkelrotem
Gesicht und rollenden Augen auf sie zugeschossen kam; nur ihre
trnenfeuchten Lider ffneten sich noch weiter, und ihre Lippen zuckten.

Marsch jetzt, fort mit dir! knurrte der Vogt, der sich trotz der
Vermahnung, die ihm geworden, von seiner Wrde nichts vergeben wollte.
Und sage deinem Bruder, wenn er nicht kommt am Ostermontag, dann schick
ich die Knechte! Da sich Gittli noch immer nicht rhrte, versetzte ihr
Herr Schluttemann einen gelinden, durchaus nicht ernst gemeinten Puff;
sie zuckte aber doch zusammen, als wre das Richtschwert ber ihrem
Scheitel geschwungen worden. Wortlos wandte sie sich und schlich zur
Tre, Schritt um Schritt. Dieser Abschied whrte Herrn Schluttemann zu
lang, er fate Gittli am Arm, schob sie hurtig vor sich her, und da die
lateinische Lektion, die er empfangen, sein Wohlwollen fr den Sudmann
Wolfratus gerade nicht gemehrt hatte, so konnte er sich nicht enthalten,
dem Mdchen noch ins Ohr zu brummen: Und sag ihm nur, da ich
einstweilen meinen Stecken in Salzwasser legen will, damit er besser
pfeift. Huitt! Das war nun freilich wieder nicht gar so schreckhaft
gemeint; denn in Wahrheit hatte Herr Schluttemann bis zur Stunde noch
kein lebendiges Wesen geprgelt, nur Tote: nmlich die >Schwarzreiter<,
die gerucherten Saiblinge, die geklopft werden muten, bevor man ihnen
die rauchgeschwrzte Haut vom rosigen Fleische zog.

Aber Gittli sah und hrte mit den Augen und Ohren eines Kindes, und was
sie sah, war trostlose Finsternis. Noch ein Puff, und sie stand vor der
Tr.

Haymo, der drauen gelauert hatte, wie der Teckel vor dem Dachsbau, trat
ihr hastig entgegen. Bist du schon fertig, Gittli? Und hast du -- Da
sah er ihr verstrtes, trnennasses Gesicht und ihre kummervollen Augen.
Das ging ihm ins Herz wie ein Messerstich. Gittli? Was ist dir?

Sie schttelte traurig den Kopf und entwand sich seinen Hnden.

Gittli! stammelte er und wollte ihr nacheilen; aber da klang aus der
Amtsstube die Stimme des Vogtes: Haymo! Wo steckst du denn? Herr
Heinrich wartet.




                                  6.


Als Gittli ins Freie kam, tat ihr der helle Glanz der Sonne in den Augen
weh. Und so mde war sie, so zerschlagen an allen Gliedern, da sie sich
eine Weile an die Mauer lehnen mute. Dann raffte sie sich auf,
trocknete das nasse Gesicht mit den Armen und floh wie ein gescheuchtes
Reh ber den Marktplatz, den Klosterberg hinunter und dem Sudhaus
entgegen. Hier blieb sie stehen und besann sich. Nein! Weshalb es dem
Bruder jetzt schon sagen? Sie wollte ihm den Kummer ersparen bis zum
Abend; er erfuhr noch immer frh genug, was ihm drohte.

ber die Brcke eilte sie zu einem Karrenweg, der bachaufwrts am Ufer
der rauschenden Ache hinfhrte. Nach kurzer Weile gelangte sie zu einem
umhegten Garten, in dessen Mitte, von kmmerlichen Obstbumen umgeben,
ein kleines, armseliges Haus stand. Zwei enge Stuben, ein schmaler Raum,
welcher Flur und Kche zugleich war, und ein kleiner Schuppen -- mehr
hatte das bemooste Schindeldach vor Sturm und Regen nicht zu schtzen.
Das Haus mit dem Garten war Klostergut, das Wolfrat Polzer, der Sudmann,
seit zehn Jahren zu Lehen hatte. Seine Heimat war ein niederbayrisches
Dorf; als fnfzehnjhriger Bursche war er von Hause weggelaufen, der
eisernen Haube zuliebe. Das Kriegshandwerk hatte ihn tchtig
umhergeworfen, von Burg zu Burg, von Stadt zu Stadt. Zuletzt hatte er
bei der reisigen Schar des Erzbischofs von Salzburg gestanden und unter
dem Heerbann Friedrichs des Schnen die Schlacht bei Ampfing[10]
mitgeschlagen. Dann war er des Hauens und Stechens mde geworden und in
die Heimat zurckgekehrt. Einige Jahre spter hatte er in einer
verheerenden Seuche, die nach allem Brennen und Morden das Land
heimsuchte, den Vater und die Mutter an einem Tag verloren; da fhrte
ihm der Zufall einen Salzkrrner in den Weg, der im Auftrag des
entlegenen Klosters gesunde und krftige Leute fr das Salzwerk zu
werben hatte. Wolfrat lie sich bereden, und auf dem Salzkarren traf er
in Berchtesgaden ein; doch kam er nicht allein; er brachte die
fnfjhrige Schwester mit, und zumeist um dieses Kindes willen geschah
es, da Wolfrat das erste freie Lehen erhielt. Unter den Sacknherinnen
des Salzhauses fand er ein verwaistes Mdchen, das dem finsteren,
verschlossenen Manne gut wurde; er hatte sie einmal vor Mihandlung
geschtzt, als ihr ein fremder Fuhrmann das allzu schlagfertige Nein,
das sie auf eine zudringliche Frage zur Antwort gegeben, mit der
Peitsche vergelten wollte. Ein Jahr spter wurden sie Mann und Weib. Sie
fingen zu dreien an, Wolfrat, Sepha und Gittli, hielten fest zusammen
und waren mit ihrem kargen Los zufrieden; erst kam ein Knabe, darauf ein
Mdchen; und dann kamen Krankheit, Sorge und Not. In diesen schlimmen
Zeiten wurde Gittli der gute Geist des kleinen Hauses; ihr sanftes Wesen
milderte den verdrossenen Groll des Bruders, ihr herzlicher Frohsinn
erheiterte das kranke Weib, und bei ihren fnfzehn Jahren schaffte sie
wie eine Alte und betreute die beiden Kleinen mit sorgender Liebe, so
da die Kinder fast zrtlicher an ihr als an der Mutter hingen.

[Funote 10: 28. September 1322.]

Von dem Gang, den sie ins Kloster getan, brachte sie ein schweres Herz
mit heim. Doch als sie am geflochtenen Gartenhag das hlzerne Gatter
ffnete, wurde der groe Kummer, der sie bedrckte, gemildert und
verdrngt durch die Sorge im kleinen. Forschend schaute sie umher; hier
schien alles in Ordnung; die sieben Hennen stolzierten ber den Rasen,
scharrten glucksend in den Maulwurfshgeln und schttelten das Gefieder
in der Sonne; friedlich grasten die beiden Ziegen im Bogen um die Bume,
an die sie mit langen Stricken gebunden waren. Jetzt gewahrte Gittli im
Gras ein ploderndes Hemdlein, aus dem zwei schlenkernde Beinchen
hervorragten; ein fnfjhriger blonder Bub lag buchlings auf den Rasen
gestreckt und grub und whlte mit beiden Hnden in der schwarzen Erde,
als glt' es, einen Schatz ans Tageslicht zu frdern.

Aber Lippele, rief Gittli, was machst du denn da?

Mausi fangen! flsterte der kleine Maulwurfsjger geheimnisvoll und
wollte sein Graben und Whlen von neuem beginnen.

Gittli zankte: Bist du denn gescheit? Da herliegen auf den kalten
Boden! Gleich steh auf!

Lippele erhob sich schmollend, und da schlug das Mdchen entsetzt die
Hnde ineinander.

Lippele! Aber, aber! Wie schaust du denn aus! Da wird die Dittibas
gleich weinen. Dittibas -- diesen Namen hatte der lallende Kindermund
erfunden, der es nicht fertig brachte, >Base Gittli< zu sagen.

Die Dittibas wird weinen! Das war fr Lippele die wirksamste aller
Drohungen. Er verzog den Schnabel zu einem Pfnnlein, streckte die
rmchen mit gespreizten Fingern auseinander und schaute mit steifen
Augen an sich hinunter. Dem langen Hemdl, das sein ganzes Gewand war,
htte es der schrfste Blick nicht mehr angesehen, da es die Dittibas
am Morgen wei und frisch aus der Truhe genommen hatte. Und diese Hnde!
Und ein Gesicht dazu, als htte Lippele den Versuch gemacht, die Maus
mit den Zhnen aus der Erde herauszubeien.

O mein, o mein Gott! jammerte Gittli. Gelt? Jetzt schaust du! Jaaa!
Und die Dittibas kann morgen wieder am Wasser stehen und Pfaidi[11]
waschen! Gleich sagst du jetzt: was bist du fr ein Bubi?

Suggibubi! bekannte Lippele mit rhmenswerter Selbsterkenntnis,
whrend seine Augen sich mit Trnen fllten.

Gelt, ja! pflichtete Gittli bei, fate das Brschl am Ellbogen und
ging der offenen Haustr zu, so rasch, da Lippele mit Hopsen und
Stolpern kaum nachkommen konnte.

[Funote 11: Hemdchen.]

Es war eine rmliche Stube, die sie betrat, mit dem drftigsten,
buerlichen Hausrat bestellt, aber alles sauber in Stand gehalten, Tisch
und Bnke blank gescheuert. Hinter dem weigetnchten Lehmofen stand das
groe Doppelbett, und in dem Winkel zwischen Bett und Mauer ruhte Sepha,
das Weib des Sudmanns, in einem aus Weidenruten geflochtenen Lehnstuhl.
Sie schien zu frieren, ein dickes Tuch war um ihre Schultern geschlungen
und eine Lodendecke ber den Scho gebreitet. Das blonde Haar war gelst
und hing in dnnen, mattschimmernden Strhnen um das bleiche,
verkmmerte Gesicht mit den krankhaft glnzenden Augen. An ihrer Haltung
sah man die Schwche; ganz zerfallen lag sie zwischen den Lehnen des
Stuhles, den ihr Wolfrat an einem freien Tag geflochten hatte, weil ihr
das Liegen so schlecht bekam.

Eine Kranke als Krankenwrterin! In den mit grober Leinwand bezogenen
Kissen des Bettes lag ein dreijhriges Mdchen; mit ppigen Ringeln flo
das goldblonde Haar um das kleine Gesicht, dessen Wangen in fieberhafter
Rte brannten. Die dnnen, zitternden Finger spielten ber der Bettdecke
mit den schon halb verwelkten Primeln und Veilchen, welche Gittli dem
Kinde gebracht hatte, bevor sie das Haus verlassen.

Und als das Mdchen nun die Tr ffnete, leuchteten die Augen des Kindes
freudig auf. Dittibas! lispelte es und streckte die rmchen.

Ja, mein Mimmidatzi, ich komm schon! sagte Gittli mit zrtlichem
Lcheln und Nicken. Sie stellte den kleinen Verbrecher, den sie gefangen
herbeigefhrt, mitten in die Stube. Schau nur, Schwhrin, wie das
Brschl wieder ausschaut.

ber Sephas Zge flog ein mattes Lcheln. Und als der kleine Schlingel
gewahrte, da sein Aussehen die Mutter nicht schelten, sondern lachen
machte, schrie er jauchzend auf, als htte er eine stolze Heldentat zu
verknden: Lippele Suggibubi, Suggibubi! Und wie eine toll gewordene
Hummel surrte er tanzend durch die Stube.

Gittli hatte sich auf das Bett gesetzt; sie hielt das Kind umfangen, das
ihren Hals mit seinen dnnen rmchen umklammerte; so umschlungen, Wange
an Wange gelehnt, wiegten sie sich hin und her, und die Kleine sang dazu
in schmeichelnden Lauten.

Durch das niedere Fenster fiel ein leuchtender Sonnenstrahl, der in dem
trben Raume tausend fliegende Stubchen flimmern machte. Wollte nach
hartem Winter der Frhling nun auch Einkehr halten unter diesem Dach? An
der Zeit wr' es gewesen!

Gittli machte sich an die Arbeit. In ihrer kleinen Kammer vertauschte
sie das >gute< Gewand mit ihrem abgetragenen roten Rckl. Erst las sie
drauen im Garten die den Hhnern ausgefallenen Federn zusammen, damit
das kranke Kind neue Kurzweil htte. Dann kam Lippele in die Kur. Gittli
kniete auf den Dielen, neben sich eine kleine Holzwanne mit kaltem
Bachwasser; mit einem linnenen Lappen bearbeitete sie dem kleinen
Burschen Gesicht und Hnde, da ihm die Haut zu glhen begann. Lie er
nur einen Muckser hren, dann hie es gleich: Schn brav sein, Lippele,
oder die Dittibas tut weinen!

Sepha schaute ihr eine Weile schweigend zu; dann fragte sie: Hast du
den Vogt daheim gefunden?

Ja freilich.

Ist er gut mit dir gewesen? Und hat er eine Freud gehabt mit den
Rserln?

Das glaub ich! sagte Gittli, whrend sie sich tief ber die Wanne
beugte, um den Lappen auszuringen. Ah, ah, hat er gesagt, die sind aber
schn! Ja, du -- so schne hab ich schon bald nit gesehen, hat er
gesagt. Komm her, Lippele!

So? So? Und was hast du sonst noch mit ihm geredt?

So halt, wie man redet, von allerhand, ja! Aber weit du, gar lang hab
ich mich nit verhalten drfen. Du! Was da die Leut warten, eins am
andern!

Eine Weile war Stille. Dann sagte Sepha mit scheuem Klang in der Stimme:
Geh, sag mir's, Gittli!

Was denn?

Sepha atmete schwer. Sag mir's! Hat der Polzer das Lehent schon
beisammen?

Aber freilich! lachte Gittli, doch mit abgewandtem Gesicht, denn sie
fhlte, da sie rot wurde bis ber die Stirn.

Gott sei Dank! Ein befreiender Seufzer lste sich aus Sephas Brust.

Lippeles Kur war beendigt. Er wurde noch in sein starrendes Lederhsl
gesteckt, wie die Grille in ihr Huschen. Und dann hie es: So,
Lippele, brav, jetzt bist du wieder schn! Er bekam einen Ku, als
Draufgabe noch einen Klaps, und sprang zur Tr hinaus, um die
Verwandlung in den bei ihm natrlichen Suggizustand mit frischem Eifer
zu zu beginnen.

Gittli trug die Wanne aus der Stube. Drauen blieb sie schwer atmend
stehen und schttelte in ratloser Sorge den Kopf.

Nun mute sie die bescheidene Mahlzeit richten. Hinter dem Haus lag ein
mchtiger Sto drren Holzes; den hatte Gittli whrend des Winters
zusammengetragen; hier stand sie und zerbrach ber dem Knie die morschen
ste; immer wieder lie sie die Hnde sinken und starrte vor sich hin.
Wie sollte sie es dem Bruder sagen, wenn er heimkam nach Feierabend? Und
wenn er es wute -- wo sollte er Hilfe finden? Da scho ihr eine heie
Welle zum Herzen. Einen wute sie. Der wrde helfen, das htte sie
beschwren mgen. Haymo, der Klosterjger! Weshalb ihr gerade dieser
Eine in den Sinn kam? Sie wute keine Antwort auf diese Frage. Aber das
Herz war ihr leicht geworden. Und wie glatt und einfach dieser Weg war!
Ein einziges Wort zu Haymo, und Haymo sprach ein paar Worte mit Herrn
Heinrich. Und Herr Heinrich konnte doch dem Haymo nichts abschlagen. Ihr
war, als she sie den Jger schon daherkommen, lachend: Gittli! Ich hab
mit ihm geredet, und er hat gesagt, dein Bruder soll sich Zeit lassen
mit dem Lehent und soll zahlen, wann er kann. Sorg dich nimmer! Ich hab
alles gerichtet. Gelt, du weit schon, ich la dir nichts geschehen!

Sie fuhr sich mit der Hand ber die Augen. War sie denn wach oder
trumte sie? Nur gedacht hatte sie an ihn. Und dort kam er schon! Als
htten ihre Gedanken ihn gerufen! Raschen Ganges wanderte er den
Karrenweg einher, der am Hag vorberfhrte. Wohl verschwand er immer
wieder zwischen Bschen und hinter Bumen. Aber sie hatte ihn von weitem
schon erkannt. Jetzt trat er auf den freien Weg heraus, und nun mute
das Wort gesprochen werden. Sie prete die Hnde auf die beklommene
Brust, fate sich ein Herz und versteckte sich hinter dem Holzsto. Hier
stand sie, zitternd an allen Gliedern, lugte nur ein wenig zwischen den
sten hindurch und sah, wie Haymo langsam den Hag entlang ging; jetzt
blieb er stehen und sphte nach jedem Fenster, in alle Winkel des
Gartens. Und da kam es Gittli vor, als wre sein Gesicht bekmmert und
ernst. Sie sah noch, wie er verdrossen den Kopf schttelte; dann kehrte
er sich ab, schulterte den Bergstock und wanderte weiter. Hinter den
Stmmen der Linden und Ulmen, welche die Strae geleiteten, verschwand
er.

Zgernd trat Gittli hinter dem Holzsto hervor. Ihr war, sie wute nicht
wie -- hnlich vielleicht, wie dem Lippele zu Mut gewesen war, als
Gittli zu ihm gesagt hatte: >Lippele, wie schaust du aus!< Was hatte sie
nur getan! Den Bruder verkauft und verraten, wo es sie nur ein Wort
gekostet htte, ihn zu retten! Sie hatte die gute Stunde verpat.
Weshalb nur, weshalb? Der Atem versagte ihr, und sie meinte fast zu
ersticken. Wer sollte dem Bruder jetzt noch helfen? Haymo stieg zu
Berge. Wann wrde sie ihn wieder sehen? Lange, lange nicht! Es sei denn,
da sie selbst zu ihm hinaufstiege in die Rt. Am Ostersonntag! Weshalb
aber so lange warten? Jetzt gleich! Haymo war noch nicht gar so weit,
sie htte ihn bald mit ihren flinken Fen eingeholt! Ein paar Schritte
flog sie dahin, dann wieder blieb sie stehen, zitternd, schlug die Hnde
vor das Gesicht und warf sich schluchzend ber das drre Holz.

Gar weit konnte Haymo noch nicht sein; so hatte Gittli gedacht. Wie nah
er war, das ahnte sie doch nicht. Denn als er am Hag des benachbarten
Gartens vorberschritt, mit sinnenden Augen vor sich hinblickend, flog
ihm ein kleiner Strau von Primeln mitten auf die Brust. Betroffen blieb
er stehen, schaute verdutzt auf die zur Erde gefallenen Blumen nieder
und sandte einen sphenden Blick in die Hecke, aus der sie
hervorgeflogen waren. Hinter den mit zarten, blagrnen Blttern
bedeckten Zweigen schimmerte es rot und ein leises Kichern schlug an das
Ohr des Jgers.

Haymos Augen blitzten freudig auf, rasch hob er den Strau von der Erde,
steckte ihn neben der Adlerfeder auf die Kappe, sprang auf die Hecke zu
und teilte lachend mit beiden Armen das Gezweig.

Vor ihm auf der Erde kauerte ein junges, dralles Mdel, das hbsche,
aber lndlich derbe Gesicht umrahmt von dicken, blonden Flechten.
Kichernd und mit zutunlichen Augen blickte sie zu Haymo auf, streckte
aber abwehrend die Hnde gegen ihn, als wre sie eines lustigen
berfalles gewrtig.

Haymo schien fr die Gunst der Gelegenheit kein Auge zu haben. Die
Wahrnehmung, da der rote Schimmer von einem mit silbernem Kettchen
umschnrten Mieder herrhre und nicht von einem gewissen Rckl, mochte
ihm nicht sonderlich willkommen sein. Die ratlose Miene, die er zeigte,
schien das Mdel halb zu rgern, halb zu ergtzen. Sie richtete sich
auf, verschrnkte die Arme und lachte ihm ins Gesicht.

Hast _du_ den Buschen geworfen? fragte er.

Sie lachte nur und zeigte die weien Zhne; doch als er sich ohne Gru
von ihr wenden wollte, sagte sie hastig: So eine Frag! Wenn der Buschen
nit fliegen kann von selber, wird ihn wohl eine geworfen haben, die nit
weit ist.

So weit vielleicht, wie du von mir?

Sie zuckte die Schultern und trat dicht an die Hecke heran.

Haymo ma das Mdel mit verwunderten Augen. Du mut aber nit viel
Arbeit haben!

Warum?

Ich mein' halt, da du den ganzen Tag dazu brauchen mut, bis du so
viel Blmlen findest, da du jedem, der da vorbeigeht, einen Buschen an
den Kopf werfen kannst.

An den Kopf? lchelte sie. Ich mein', er wr ein bil tiefer
geflogen. Und es knnt auch sein, da ich nit fr jeden einen Buschen
hab.

So?

Ja! Sie streckte den Arm ber die Hecke und fate wie in Neugier den
Kolben der Armbrust. Ein schnes Schiezeug hast du! Bist wohl auch ein
guter Schtz?

Kann schon sein! meinte er und trat einen Schritt zurck.

Aber manchmal trifft auch eine Dirn mitten hin auf den richtigen Fleck
und braucht keinen Bolzen dazu.

So?

Sooo? Sooo? spottete sie, whrend unverhehlter rger um ihre Brauen
zuckte. Sind bei dir die Wrtlen allweil so kostspielig?

Jetzt mute Haymo lachen. Gott bewahr! Nur in der Karwoch, weit, in
der grten Fasten.

Sparst sie dir halt auf fr den Feiertag, gelt? Freilich, beim
Ostertanz kann sie einer brauchen, die vielen Wrtlen. Und die lang
aufgehobenen, das sind die besten. Sie blitzte ihn mit ihren kecken
Augen an. Kommst du auch gewi zum Tanz?

Wenn ich wissen tt, da die richtige Tnzerin kommt. Haymos Blicke
sphten seitwrts durch die Bume.

Sie kommt schon, brauchst dich nit sorgen drum!

Meinst? fragte Haymo rasch; dann schttelte er den Kopf. Wie kannst
du denn wissen --

Sie hat mir's selber gesagt, erwiderte das Mdel mit scherzender
Wichtigkeit, sie hat ja nit gar so weit zu mir!

Das stimmte; denn wenn ihn der Bub, den er auf der Achenbrcke mit der
Frage nach dem Haus des Sudmanns angehalten, nicht irrgewiesen hatte,
dann wohnte Gittli dort drben unter dem nachbarlichen Dach.

In freudiger Bewegung fate Haymo die Hand des Mdels. Sie hat es dir
selber gesagt? Dann sag ihr wieder, da ich komm! Ganz gewi! Und dank
schn fr die Botschaft!

Zenza! Zenza! rief von dem stattlichen Bauernhause her eine
ungeduldige Stimme.

Ich komm schon! Und flsternd wandte sich das Mdel wieder zu Haymo.
Mut ihr aber auch einen Buschen bringen zum Feiertag!

Den schnsten, den ich find. Schneerosen!

Sie schttelte lachend den Kopf. Die mag ich nit. Die sind mir alles zu
kalt. Mut schon wrmere suchen fr mich! Und steck mir den Buschen vor
Tag an das Kammerfenster! Dann trag ich ihn auf dem Kirchgang. Schau
hinber, das zweite Fenster neben der Tr!

Zenza! Zenza! rief's wieder vom Hause her.

Ich komm schon! Kichernd sprang sie davon, auf halbem Wege noch einmal
zurckwinkend mit der Hand.

Haymo machte ein paar Augen, als wre das Blaue vom Himmel gefallen und
ihm gerade auf den Kopf. So? So meinst du's? brummte er. Dann lachte
er auf und ging mit eiligen Schritten seines Weges weiter. Als die
Strae zwischen Bumen und Strauchwerk an das Ufer der Ache lenkte,
hrte Haymo hinter sich die singende Stimme des Mdels:

   Ich wei mir ein' hbschen grnen Wald,
   Dort laufen drei Hirschlen wohlgestalt,
   Dort laufen drei Hirschlen hbsch und fein,
   Die freuen dem Jger sein Herzelein.

Lauschend blieb Haymo stehen, und die Stimme sang weiter:

   Ich wei mir ein' hbschen grnen Wald,
   Dort laufen drei Rehlen wohlgestalt,
   Eins schwarz und eins braun, eins geel wie Gold,
   Mcht wissen, welches der Jger wollt!

Ich knnt's dir schon sagen. Wenn ich nur mcht! lachte Haymo vor sich
hin und wollte sich zum Gehen wenden. Jetzt htt ich aber bald
vergessen --

Er nahm die Kappe vom Kopf, ri den Primelnstrau herunter und warf ihn
flink in den Seebach, dessen tanzende Wellen ihn verschlangen, wie ein
springender Ferch die schillernde Mcke schnappt.




                                  7.


Der Nachmittag verging, und mit dem Feierabend kam Wolfrat nach Hause.
Es war der Sudmann, den Haymo unter dem Tor des Salzhauses gesehen; nun
trug er zu der Leinenhose noch ein grobes Hemd und einen mrben Janker.
Vor der Tr legte er die Holzschuhe ab und trat barfig in die Stube,
in der es schon dunkel war.

Bist du's, Polzer? klang die leise Stimme des Weibes.

Ja, Seph! erwiderte er, seine Stimme zum Flstern dmpfend; dann trat
er zu Sepha und strich ihr mit der schweren Hand ber den Scheitel. Wie
geht's denn, Hascherl?

Es mu halt gehen!

Bist in der Sonnzeit ein ltzel drauen gesessen?

Wohl.

Er beugte sich ber das Bett. Schlaft 's Kindl schon? Sie nickte nur.
Sachte lie er sich auf den Bettrand nieder und fhlte mit dem Rcken
der Hand an die Wange des schlummernden Kindes. Vllig brennen tut's!
Noch tiefer neigte er sich und trank den heien Atem, der ihm
entgegenstrmte. Dann richtete er sich auf und fragte: Wo schafft die
Dirn?

Sie feuert.

Er erhob sich und verlie die Stube. Drauen in der Kche fand er Gittli
beim flackernden Herdfeuer.

Warst du bei ihm? fragte er.

Gittli nickte, und die Trnen kamen ihr in die Augen.

So red doch! Will er mir Zeit lassen?

Sie schttelte den Kopf; sprechen konnte sie nicht. Und ihr Schweigen
sagte ihm mehr, als er aus hundert Worten htte hren knnen. Er wurde
bleich, griff nach einem drren Ast und stocherte im Feuer umher. Der
Fitzmeier, sagte er nach einer Weile mit schwankender Stimme, der hat
an Michaeli das Lehent auch nit zahlen knnen, und am andern Tag haben
sie ihn ausgekehrt aus der Stub.

Geh, wie magst du dich auf gleich stellen mit so einem! sagte Gittli
fast zornig. So ein schlechter Mensch!

Gut oder schlecht, nur scheppern mu es, scheppern! Er stie mit
heiserem Lachen die Fuste in die Hosenscke und beutelte die leeren
Taschen. Jetzt hat der Simmerauer dem Fitzmeier sein Lehen. Und der
Sutter-Franzl wartet auch schon, bis eins ledig wird. Er wandte sich ab
und verlie die Kche. Auf der Schwelle fragte er ber die Schulter
zurck: Wo ist der Bub?

Im gleichen Augenblick kam Lippele zur Haustr hereingestrmt. Mit
beiden Armen griff Wolfrat zu und ri das Brschl an seine Brust empor.
Lippele strubte sich greinend gegen diese rauhe Zrtlichkeit; er hatte
auch eine wichtige Botschaft zu bringen: der Eggebauer htt' nach dem
Vater gefragt, und der Vater soll heut noch hinberkommen.

Der auch? murmelte Wolfrat. Freilich, einschichtig ist noch nie eine
Sorg gekommen. Schockweis, schockweis! So wird's wohl sein mssen. Er
stellte den Knaben auf die Erde, schob ihn zur Stubentr hinein und
verlie das Haus.

Wolfrat brauchte sich nur ber den Gartenhag zu schwingen; denn der
Eggebauer war sein Nachbar, und ein schwerer dazu: er hatte volle Truhen
und Kasten, vier Rosse im Stall und ber die zwanzig Khe. Freilich, fr
den Klostervogt war das noch lang keine Ursach zum Respekt; das hatte
Herr Schluttemann heut bewiesen.

Der Bauer schien den Sudmann schon erwartet zu haben; er stand unter der
Haustr, die Daumen in den breiten Ledergurt eingehngt.

Gr Gott, Eggebauer!

Gr Gott auch, Polzer!

Mut nit harb sein, Bauer, sagte Wolfrat, jedes Wort hervorwrgend,
es ist unrecht von mir, da ich mich erst hab rufen lassen. Ich htt
von selber kommen sollen, denn ich wei, ich hab dir in die Hand
versprochen, das Geld in der Palmwoch heimzuzahlen.

Was willst? brummte der Bauer. Hab ich drum gefragt?

Wolfrat schaute freudig betroffen auf.

Behalt das Geld, solang du willst. Ich brauch's nit. Bist ein armer
Teufel, aber eine ehrliche Haut. Bei dir ist's gut aufgehoben. Und ich
bin eine mitleidige Seel und hab mich gefreut, da ich dir helfen hab
knnen.

Eine Hoffnung scho in Wolfrat hei empor. Bauer, wenn du so mit mir
redest, sagte er, nachher mcht ich gleich statt einem Vergeltsgott
ein >Bitt schn< sagen. Eggebauer! Ich kann das Lehent nit zahlen. Wenn
du mir helfen mchtest?

Der Eggebauer spitzte die Ohren; was er hrte, schien er nicht ungern zu
vernehmen. Ich knnt schon, wenn ich mcht, sagte er schmunzelnd, und
wer wei, vielleicht mag ich.

Bauer! Wolfrat hatte mit zitterndem Druck des Bauern Hnde gefat.

La aus! La aus! wehrte der Bauer lachend. Wir reden noch drber.
Damit du aber siehst, was ich fr einer bin und wie gut ich dir's mein':
ich wei ein paar schne Heller zu verdienen, und da bist gleich du mir
eingefallen.

Verdienen! Mein Gott, Bauer, ich mcht ja schaffen wie ein Narr. Aber
ich mu von frh bis auf den Abend im Sudhaus werken.

Was ich mein', das kannst du schaffen in der Nacht. Es ist
sternscheinige Zeit. Nach Feierabend packst du es an, zehn Stund
brauchst du dazu und kannst fertig sein, vor das Glckl im Sudhaus
lutet. Und wenn du's machst in der Samstagnacht, da kannst du auch
lnger brauchen. Am Ostersonntag brennt kein Feuer im Sudhaus.

Und was wr das, was ich schaffen soll?

Zenza! rief der Bauer in den Flur zurck. Bring die Latern!

Nach einer Weile erschien die Tochter des Bauern unter der Haustr, in
der Hand die Laterne mit brennendem Licht. Der Bauer nahm sie. Komm!
sagte er und ging dem Sudmann voran einer Scheune zu.

In dem groen, fensterlosen Raum herrschte schon tiefes Dunkel. Wolfrat
staunte: so spt im Frhjahr, und die Scheune strotzte noch von Heu und
Garben.

Da schau! sagte der Bauer und hob die Laterne.

Wolfrat stand betroffen; scheu griff er nach dem Hut und entblte den
Kopf. ber einem Haufen Heu lag ein lebensgroes Schnitzwerk: das Bild
des Erlsers mit ausgebreiteten Armen. Es fehlte nur das Kreuz. Das
Schnitzwerk war mit frischen Farben bemalt: die Locken braun, die Augen
blau, die Glieder bleich wie Schnee, und aus allen Wunden, unter jedem
Stachel der Dornenkrone, rannen die roten Tropfen. Der flackernde Schein
der Kerze warf ber das Bildnis ein Gezitter von Licht und Schatten, da
es zu leben und sich zu bewegen schien.

Den sollst du hinauftragen auf meine Alm in der Rt und sollst ihn ans
Kreuz schlagen! sagte der Bauer. Ich hab ihn bei mir berwintert,
damit er nit zugrund geht im Schnee. Aber jetzt fangt das Gras zu
wachsen an, jetzt mu er hinauf und auf mein Sach schauen. Schwer tragen
mut du freilich an ihm, aber schau, ich hab dir da eine Krax
hergestellt, die liegt dir gut auf dem Buckel. Da sprst du ihn nur
halber. Und jetzt red! -- Willst du?

Ja, Bauer, in der Samstagnacht, sagte Wolfrat, und aufpacken will ich
ihn gleich.

Brav, brav! nickte der Eggebauer.

Wolfrat hob zur Probe die Kraxe auf den Rcken, um abzumessen, wie hoch
er das Schnitzwerk hinaufschnren msse, damit es ihn mit den Fen
nicht im Gehen behindere. Dann legte er die Stricke zurecht und kleine
Heubschel, mit denen er das Schnitzwerk unterlegen mute, damit die
frische Farbe von den Kanten der Kraxe nicht abgeschrft wrde.

Gelt, sagte der Eggebauer, hast ein rechtes Kreuz bei dir daheim?

Wolfrat nickte nur.

Mein Gott, mein Gott, schaut bei mir auch nit besser aus!

Wie geht's der Buerin?

Der Bauer seufzte. Schlecht, schlecht! Wr mir schon lieb, wenn sie
bald wieder gesunden tt! Das Weib ist so viel ungut und zuwider. Und
jagt mir die Seel aus dem Leib.

Ist halt ein Krankes, Bauer, da mu man Geduld haben.

Ja, ja, metzenweis! Aber jeden Wehdam von ihr, den krieg ich zehnfach
zu spren. Und Salben! Und Trankln! Und Geschichten! Mein Gott, ja, mir
wr doch alles recht, wenn's nur was helfen tt. Und jetzt meint der
Bader, da gar nichts anders mehr die Buerin auf die F bringt als nur
ein Herzkreuzl von einem Steinbock. Aber wo soll ich's denn hernehmen?
Jetzt war ich heut beim Klostervogt, hab geglaubt, er verkauft mir eins.
Aber der hat mich schn gestampert. So was wr nur fr die Herrenleut,
sagt er. Als ob eine Buerin nit grad so gern leben tt wie eine
Ritterin! Und das Weib zieht mir schiergar die Haut vom Leib. Gleich
zehn Schilling tt ich zahlen fr ein Herzkreuzl! Aber wo soll ich denn
eins hernehmen?

Wolfrat schaute auf, und die Blicke der beiden trafen sich. Nun wute
der Sudmann, wie es der Bauer meinte. Schweigend machte er sich wieder
an seine Arbeit; die Hnde zitterten ihm. Zehn Schilling. Und mit acht
Schilling wre das Lehent bezahlt. Und dazu noch ein paar Flaschen roten
Tiroler fr die Seph und Fleisch zur Suppe, und vom feinsten Klbernen
einen tchtigen Schnitz, der ausgab auf fnf Mahlzeiten fr das Kind.
Und ein paar Heller blieben immer noch brig fr eine weitere Woche. Ach
du lieber Gott, was hatte der Teufel, der den Wolfrat zu versuchen kam,
ein gutes, gutes Herz!

Aus dem Hause klang die frhlich singende Stimme der Zenza. Hehehehe!
lachte der Eggebauer. Die kann's auch schier nimmer erwarten, bis
Sonntag ist. Die sprt den Feiertag heut schon in den Fen. Gehst du
auch zum Ostertanz, Polzer?

So eine Frag, Bauer! Wenn einmal getanzt wird an vierzehn Nothelfer,
dann geh ich vielleicht.

Hehehehe! Das Mdel ist vllig nrrisch vor Freud. Meintwegen! Soll
sich einen aussuchen unter den jungen Mannsleuten! Hehehehe! Vielleicht
taugt ihr der neue Klosterjger. Der kommt auch. Grad jetzt, wie er
drauen vorbeigegangen ist, hat er es ihr versprochen: da er ganz gewi
kommt am Sonntag, in aller Frh schon! Es schien dem Eggebauer viel
daran gelegen, da seiner Zenza zum mindesten dieser eine Tnzer sicher
war; jedem Wort, das er sprach, gab er einen Druck, als wr's ein
Schilling, den man auf den Tisch zhlt. Und genau so, wie man die
letzten Mnzen, um seiner Sache sicher zu sein, noch einmal nachzhlt,
so wiederholte er die letzten Worte: Ja! In aller Frh schon!

Wolfrat hatte sich aufgerichtet und sah den Bauer, der ihm lustig
zuzwinkerte, mit funkelnden Augen an; dann wischte er sich den kalten
Schwei von der Stirn und schaffte weiter. Mit beiden Armen hob er das
schwere Christusbild empor, um es auf die mit weichen Heubscheln
gepolsterte Kraxe zu legen. Aber wie unsicher seine Hnde waren! Fast
wre das schwere Schnitzwerk seinen Armen entglitten; dabei ri ihm ein
Stachel der Dornenkrone eine blutige Schrunde in die Wange. Er wischte
das Blut weg und besah seine Hand. Und da war ihm, als htte jemand zu
ihm gesprochen, ganz leise und dicht am Ohr -- nicht der Eggebauer,
sondern ein dritter. Aber sie waren doch nur zu zweien! Er schttelte
den Kopf und griff nach den Stricken, aber durch das Herz ging es ihm
wie ein kalter Schauer.

Sei so gut! Und la mir den Herrgott fallen! lachte der Eggebauer.
Der tt mir kein Halmerl Gras nimmer wachsen lassen auf meiner Alm!
Hehehehe!

Wolfrat gab keine Antwort. In fester Spannung schnrte er die Stricke
ber das hlzerne Bild, da es auf der Kraxe keinen Ruck mehr tat.

Der Eggebauer schaute nicht auf Wolfrats Hnde, nur immer in sein
Gesicht. Deinem Weib geht's besser, wie ich von der Zenza hr? sagte
er nach einer Weile. Ja, ja, gut Essen und Trinken mut du ihr geben,
nachher klaubt sie sich schon wieder zusammen, wenn das Frhjahr wrmer
wird. Aber was macht denn das kleine Katzerl, das liebe? Da schaut's
schlecht aus, hr ich!

Wolfrat nickte nur; seine Brust hob sich, als wollte sie springen.

So ein festes und gesundes Kind! Wie ber so ein Kind nur so was kommen
kann? sagte der Eggebauer und schttelte den Kopf. Wie hat's denn
angefangen?

Mit stockenden Worten schilderte Wolfrat den Beginn und die Zeichen der
Krankheit.

Du, Polzer, das ist heilig dieselbige Krankheit, an der im vorigen
Winter das Jngste vom Klostervogt schier draufgegangen wr. Der
Totengraber hat schon gewartet, ja!

Ich bin fertig, Bauer! unterbrach Wolfrat mit heiserer Stimme.

Brav, brav! Der Eggebauer ging auf die Kraxe zu, rttelte an dem
Schnitzwerk und fhlte berall hin, wo es auflag. Ich mein', es tut's.
Aber hohl liegen tut er, schau! Geh, nimm einen festen Buschen Heu und
stopf drunter hinein, was geht! Ja, Polzer, vllig im Verlschen war das
Kindl schon, und kein Mensch htt sich mehr gedacht, da der arme Wurm
noch einmal aufkommt! -- Was hast du denn?

Wolfrat war auf den Heuhaufen zugegangen, um aufzunehmen, was seine Arme
fassen konnten. Da hatte er etwas Hartes im Heu gegriffen und
hervorgezogen. Eine Armbrust! ber Wolfrats Zge flog ein irres Lcheln.

Bauer? Wie kommt das Schiezeug da her?

Wie wird's herkommen? lchelte der andere. F hat's keine. So wird's
wohl einer hergelegt haben. Ja, Polzer, da ich sag -- und wie die Leut
schon geglaubt haben, jetzt und jetzt hat das letzte Stndl geschlagen
fr das arme Kind, da haben sie ihm zur Letzt noch was eingegeben. Und
geholfen hat's! Wie ein Wunder! Ja! Und heut springt das Kindl wieder
umeinander, frisch und fest wie ein Huiserl![12] Wr schad drum gewesen,
wenn es htt verfaulen mssen!

Wolfrat stand mit aschfahlem Gesicht und hielt die Armbrust umklammert,
als wollte er ihren Schaft zerquetschen unter seinen eisernen Fingern.

Und was war's, Bauer, was dem Kind geholfen hat?

Schweibluh von einem Steinbock.

Wolfrat wandte sich ab. Mit ruhiger Hand prfte er die Sehne und das
Schlo der Armbrust, nickte befriedigt, umwickelte die Waffe dicht mit
Heu und schob sie auf der Kraxe in den hohlen Raum unter dem
Schnitzwerk. Nun erhob er sich, schttelte die Heufden von seinem
Gewand und sagte: In der Samstagnacht, Bauer! Um Feierabend komm ich
und hol den Herrgott.

[Funote 12: Fllen]

Brav, lieber Polzer, hilf mir, und du hilfst dir selber!

Und wenn ich komm -- und bring's?

Was ich gesagt hab! Ich bin der Eggebauer. Er streckte die Hand, und
Wolfrat schlug ein mit festem Druck.

Als der Sudmann sein Haus erreichte, stand Gittli wartend in der
finsteren Tr.

Aber geh, wie kannst du so lang ausbleiben? schmollte sie. Die Seph
hat sich schon gelegt. Komm! Ich hab dein Essen herauen auf dem Herd
stehen, weit, drin in der Stub knnt das Kindl wieder wach werden.

Er ging in die Kche und setzte sich an den Herd, auf dem die letzten
Kohlen schon zu erlschen begannen; nur noch ein roter Schimmer fllte
den Raum. Gittli wollte sich an seine Seite setzen; er schob sie von
sich und sagte: Geh schlafen.

Sie schttelte den Kopf, denn sie wollte mit ihm von der Hilfe sprechen,
die sie sich ausgesonnen. Aber kaum begann sie vom Lehent zu reden, da
sagte er: Sorg dich nimmer! Ich hab das Lehent. Der Eggebauer leiht mir
das Geld.

Gittli war sprachlos vor Freude; nur die Hnde schlug sie ineinander;
dann rannte sie davon, huschte in die Stube, tappte zum Bett und fiel
der Seph um den Hals. Er hat's! Er hat's!

Das Weib verstand sofort, was Gittli meinte. Gelt, da er's noch nit
gehabt hat?

Ich hab dir nur die Sorg ersparen wollen!

Woher hat er's denn?

Der Eggebauer hat's ihm geliehen.

Ist das ein guter Mensch! weinte Seph und faltete die Hnde. So
krftig ist fr den Eggebauer wohl noch nie gebetet worden, auer von
ihm selbst vielleicht.

Gittli hauchte einen Ku auf die heie Stirn des schlummernden Kindes
und schlpfte in ihre Kammer. Als sie in den Kissen lag, weinte und
kicherte sie, immer eins ums andere. Dazu sprach sie das Vaterunser, und
noch ein zweites als Dreingabe; das hatte der liebe Herrgott heut
verdient, der diese zwei guten, guten Menschen erschaffen hatte, den
Eggebauer und den Haymo. Und von den beiden war Haymo gewi noch der
bessere; da es bei ihm gar nicht zum Helfen kam, das war nicht seine
Schuld. Sie wollte dem Eggebauer gewi nichts abzwacken von seinen
Verdiensten. Aber der Haymo! Der htte dem Bruder das Geld nicht nur
geliehen, nein, geschenkt! Htt er's denn aber auch gehabt?

Gittli mute lachen, als sie in ihrer Gedankenreihe zu diesem Ende kam.
Sie streckte sich vergngt, verschrnkte die Hnde unter dem Nacken und
summte das Lied von der Schneerose vor sich hin:

   Auf steiler Hh,
   Tief unterm Schnee --

Als sie zu der Stelle kam, an der es heit:

   Im Herzen tief
   Ein Blml schlief,
   Gar lieblich und an Schnheit reich --

da verstummte sie. Was fr ein Blml war das? Sie hatte das nur immer so
hingesungen. Jetzt zum erstenmal kam diese Frage. Was fr ein Blml war
das?

So lag sie mit offenen Augen und trumte in die Nacht hinein.

Und drauen in der Kche sa Wolfrat beim neu entfachten Feuer und
schnitzte aus einem Birnbaumzweig den Bolzen fr die Armbrust.

Vergangene Zeiten erwachten bei dieser Arbeit: das war nicht der erste
Bolz, der aus seinen Hnden kam. Die Bilder und Abenteuer seiner Jugend
und seiner Kriegsjahre zogen an ihm vorber. Einmal hob er den Kopf und
blickte langsam gegen die Wand, hinter welcher Gittlis Kammer lag. Dabei
spielte ein seltsam verlorenes Lcheln um seinen brtigen Mund.

Neben dem Herde sah er Federn liegen; mit ihnen fiederte er den Pfeil.
Es waren die Federn, mit denen das >Mimmidatzi< gespielt hatte, bevor es
entschlummert war.




                                  8.


Seit zwei Tagen hauste Haymo wieder einsam in der Rt. Spt abends hatte
er am >grnen Donnerstag< die Jagdhtte erreicht. Walti, den er in der
Nhe der Kreuzhhe getroffen, hatte den Jger in der Dmmerung fr einen
Raubschtzen angesehen und nicht bel Lust gezeigt, die Armbrust auf ihn
abzuschieen. Dann gab es freilich ein lachendes Erkennen. Whrend des
ganzen Heimwegs hatte der Bub zu erzhlen; fr ihn war jeder Schritt ein
Abenteuer gewesen.

Als sie zur Htte kamen, fanden sie den Frater Severin schnarchend auf
dem Heubett. Sie weckten ihn, und da meinte der Frater, es ginge zur
Mette.

Ui jei! sagte er lachend, als er sich die Augen gerieben hatte. Aber
aus dem Lachen geriet er gleich wieder in flammende Entrstung. Haymo,
so meinte er, htte wohl auf den guten Einfall kommen knnen, einen Krug
voll >Gte Gottes< oder eine Flasche mit >des Himmels hchster Gnade<
aus dem Kloster heraufzubringen. Haymo sah ein, da seine Snde gro
war, zwar nicht vor Gott, aber wohl vor einem seiner >Knechte<. Nun
mute sich der arme Frater Severin nach dem fetten Sterz, den es zum
Nachtmahl gab, mit einem Trunk Wasser schlafen legen. Brrr! Er liebte
das Wasser nicht einmal in den Schuhen, viel weniger im Magen.

Das >himmelschreiende Unglck< schien ihm aber den Schlaf nicht zu
verkmmern. Er schnarchte gewaltiger als je.

Haymo und Walti hatten wieder auf dem Herd ihr Nachtquartier
aufgeschlagen, die glimmenden Kohlen zwischen ihnen. Drauen das dumpfe
Rauschen des Fhns.

Walti? fragte Haymo nach langem Schweigen mit leiser Stimme. Schlafst
du schon?

Der Bub richtete sich auf.

Walti, ich mchte dir was schenken, eh du fortgehst. Was willst du
haben?

Die Feder von deiner Kappe! platzte der Bub heraus.

Sollst sie haben, nimm sie dir nur morgen frh! Mut mir aber auch
einen Gefallen tun.

Was?

Weit du, wo die Gittli haust?

Die Mllerdirn?

Nein, die Schwester des Sudmanns.

Ach die! Ja. Warum?

Dann geh zu ihr, morgen, und frag sie, warum sie geweint hat in der
Vogtstub?

Was soll ich fragen? wiederholte Walti, dem die Sache etwas dunkel
vorkam.

Du sollst sie fragen, warum sie geweint hat, heut, wie sie bei Herrn
Schluttemann in der Stub war. Sag ihr, da ich es wissen will. Und wenn
ich zum Ostertanz hinunterkomm, dann sag es mir wieder! Verstehst du?

Wohl! nickte Walti. Aber ich kann mir schon denken, warum sie geweint
hat. Der Vogt wird halt giftig gewesen sein und hat sie bei den
Ohrwascheln genommen. Das tut er gern, das wei ich. Ghnend streckte
er das kluge Haupt auf die zum Kissen geballte Lodendecke. Nach kurzer
Weile richtete er sich wieder auf.

Haymo!

Ja?

Jetzt wei ich, was fr eine Gittli die richtige ist!

So? lchelte Haymo.

Wohl! Und kichernd streckte sich der Bub wieder aufs Ohr.

Bald darauf schliefen sie alle beide.

Am andern Morgen, eh' der Tag noch graute, verlie Haymo die Htte, um
seinen Hegergang anzutreten. Er htte seinen Gsten gern ein Wort zum
Abschied gesagt; aber die beiden schnarchten doppelstimmig so rhrend
zusammen, da ihr gesunder Schlaf einen Stein htte erbarmen mgen.
Haymo nahm die Adlerfeder von seiner Kappe und steckte sie auf Waltis
Filzhut. Dann ging er.

Als er mit dem Abend in die Htte zurckkehrte, waren die Klostervgel
lange schon ausgeflogen. Haymo schrte nicht einmal Feuer; so mde war
er. Er sprte die beiden auf den Herdsteinen verbrachten Nchte in allen
Knochen; und er hatte sich heute geplagt wie nie. Keinen der Hut
bedrftigen Platz in seinem weiten Revier hatte er unbesucht gelassen,
jeden Steig und jeden Schneefleck hatte er abgesprt. Er wollte nicht
ein zweites Mal so dastehen wie gestern in der Vogtstube. Herr
Schluttemann war so liebevoll mit ihm umgesprungen, wie die Katze mit
der Maus; nur das Verschlucken hatte noch gefehlt. Aber auch Herr
Heinrich hatte zu den beiden vermiten Steinbcken eine strenge Miene
gemacht; doch er war nicht ungerecht gewesen und hatte auf Haymos
Rechtfertigung gehrt, trotz Herrn Schluttemann, der die Tischplatte
gehrig donnern lie. Schlielich war Haymo vom Propst sogar mit
freundlicher Rede entlassen worden. Und wenn es dir Freude macht,
sagte Herr Heinrich, so magst du am Feiertag nach der Frhpirsche
herunterkommen zum Ostertanz!

Diese Gte wollte Haymo mit doppeltem Flei vergelten. Wenn es das Glck
nur wollte, da ihm einer der Raubschtzen bald in den Weg geriete. Er
ballte die Fuste bei diesem Gedanken. Aber mitten in seinen flammenden
Zorn hinein hrte er die Geigen und Pfeifen klingen.

Ob Gittli wohl zum Tanz kme? Nun, eine Dirn, die nicht kommt, die kann
man holen. An diesen Gedanken spann Haymo hundert andere, bis sein
Denken und Sinnen unmerklich hinberflo in Schlaf und Traum.

Nach dieser Nacht kam ein mhsamer Tag. Der Fhn tobte, als mchte er
das ganze Haus der Berge in Trmmer werfen. Er wehte schwl, wie der
Sturm vor einem Gewitter. Der Schnee auf den steilen Halden schwand vor
seinem Hauch, da man es mit den Augen sehen konnte, wie er weniger und
weniger wurde. ber allen Felswnden wurde die weie, starre Decke des
Winters lebendig, und whrend die Lawinen rollten, fhrte der Fhn den
fallenden Schnee in lichten Wolken durch die Lfte.

Haymo mute sich vorwrts kmpfen Schritt um Schritt. Gegen Abend, auf
dem Heimweg, kam er am Kreuz vorber. Leer starrten die Fungel aus dem
Holz. Wo waren Gittlis Schneerosen hingekommen? Der Fhn hatte sie wohl
entfhrt? Haymo sphte auf der Erde umher; in einer Steinschrunde sah er
eine der Blten liegen, zerzaust und welk. Er hob sie auf und wollte sie
auf seine Kappe stecken. Nein. Die Blume gehrte einem andern. Lchelnd
schob er sie am Kreuzbalken zwischen die beiden Ngel; kaum lie er die
Hand davon, da trug sie der Fhn schon hinweg.

Vor Einbruch der Nacht erreichte Haymo die Htte. Heute blieb ihm keine
Zeit zum Sinnen und Trumen. Die Augen drohten ihm schon zuzufallen,
whrend er am flackernden Feuer seinen Imbi bereitete.

Kaum lag er auf dem Heubett, da schlief er schon. Rings um die Htte
tobte der Frhlingssturm und sang dem mden Jger ein brausendes
Schlummerlied.

Als Haymo erwachte, war noch finstere Nacht. Er lauschte verwundert.
Tiefe Stille um die Htte. Kopfschttelnd trat er ins Freie; der
Fhnwind hatte sich vllig gelegt, und nur noch leise rauschte der
Bergwald. Blasse, dnne Nebelschleier flogen ber den Himmel, an dem in
zahlloser Schar die Sterne funkelten. Der frische, klare Morgen
versprach einen schnen Tag.

Es wird Osterwetter! sagte Haymo. Dann blickte er nach dem Stand der
Sterne und meinte, da die dritte Morgenstunde wohl schon vorber wre.
Da war er just zur richtigen Zeit erwacht, um den Auerhahn zu verlusen,
den Herr Heinrich nach den Ostertagen erlegen wollte.

Haymo sperrte die Htte und wanderte in die Nacht hinaus. Nun pltzlich
blieb er lauschend stehen. Tne waren an sein Ohr gedrungen, wie
Hammerschlge auf klingendes Eisen. Nun wieder die gleichen Tne. Und
noch ein drittes Mal. Kopfschttelnd lauschte er; er wute sich diese
Tne nicht zu deuten, aber sie machten ihm keine Sorge; denn wer im
Bergwald auf bsen Wegen schleicht, der tut es in aller Stille. Da war
wohl einer der Almbauern, den die Arbeit am Tage festhielt, whrend der
Nacht zu Berge gestiegen, um mit dem frhen Morgen nachzuschauen, wie
seine Sennhtte berwintert htte? Und an der Httentr hatte er wohl
mit seinem Hammer die eisernen Klammern losgeschlagen. Es war dem
Lauschenden freilich gewesen, als klngen diese Tne nicht von den Almen
her, sondern von einer hher gelegenen Stelle. Aber Haymo wute aus
Erfahrung, wie sehr ein Hall in der Nacht zu tuschen vermag.

Eine Weile noch lauschte er; alles blieb still. Nun schritt er weiter,
quer durch das Felstal; auf dem krzesten Wege stieg er zum Kreuzwald
empor. Es dmmerte, als er sein Ziel erreichte. Lautlos nach allen
Seiten horchend, schlich er von Baum zu Baum. ber den stlichen Bergen,
jenseits der Schneefelder des Steinernen Meeres, zeigte sich noch kaum
ein fahler Schimmer des nahenden Tages, da hrte Haymo schon das leise
Klippen des falzenden Hahnes. Achtsam sprang er ihn an, und endlich sah
er auf einem drren Aste den stolzen Vogel sitzen, der sich in tiefer
Schwrze scharf abhob vom erblassenden Himmel. Eine Weile schaute Haymo
dem verliebten Snger zu, der auf seinem Ast sich blhte und drehte, mit
gefchertem >Sto< und zitternden Schwingen gaukelte; dann, als es so
licht wurde, da Haymo ber den Augen des Vogels schon die glhende
>Rose< zu erkennen vermochte, schlich er leise zurck, um den Hahn nicht
zu vergrmen. Und je weiter es bergabwrts ging durch den schtteren
Wald, desto rascher wurde sein Schritt, desto frhlicher sein Blick. Nun
ging es hinunter ins Tal zum frhlichen Fest, zum Ostertanz: Arm in Arm
und Wange an Wange mit Gittli!

Ob er wohl mit jener andern auch einen Reigen tanzen wrde? Wie hie sie
nur? Richtig: Zenza! Nun, vielleicht -- wenn Gittli mde war und nichts
dawider hatte. Mde? Die Gittli?

Er mute lachen. Aber pltzlich lauschte er. Aus dem Felstal hatte er
einen Laut gehrt, wie das Kollern eines gelsten Steines. Ging jemand
dort unten? Aber nein. sendes Fahlwild oder eine ziehende Gemse hatte
wohl den Stein gelst. Fort mit der Sorge! Heute durfte er Wild und
Bergwald beruhigt verlassen, denn so gottverloren war kein Mensch in
allen Tlern rings umher, um Raub zu treiben am heiligsten Tage des
Jahres.

Der Morgen erwachte; ein roter Schimmer fiel ber den Wald, und die
Kuppen der Berge leuchteten in der steigenden Sonne wie glhendes Erz.
Als Haymo den Saum des Kreuzwaldes erreichte, lie er sich zu kurzer
Rast auf einen Felsblock nieder und staunte mit seinen lachenden Augen
in den schimmernden Glanz der schnen Frhe.

Von seinen Lippen wollte sich ein Jauchzer lsen, aber gewaltsam hielt
er den jubelnden Aufschrei zurck; denn im Steintal zu seinen Fen, auf
etwa dreihundert Gnge, sah er auf schneefreiem Hang einen Steinbock
weiden. Er wollte das Tier, dem die sung not tat, nicht verscheuchen.
Ohne Bewegung sa er und sah dem Wilde zu, wie es langsam ber die Halde
hinwegzog und seine krgliche Nahrung suchte. Nun pltzlich hob der
Steinbock das Haupt mit dem mchtigen Gehrn -- er schien Gefahr zu
wittern -- in scheuer Eile suchte er den Schutz der nahen Felswand, doch
ehe die Wand noch erreicht war, tat er mit schlagenden Lufen einen Satz
in die Luft, strzte nieder, raffte sich wieder auf und verschwand in
einer Mulde.

Haymo fuhr erblassend auf. Das ging nicht zu mit rechten Dingen! Ein
Ruck, und er hielt die Armbrust in Hnden -- ein lautloser Sprung, und
er stand geborgen in dem dichten Gestrpp der Zwergfhren, die den Grat
der Kreuzhhe bedeckten. Geschmeidig wie eine Schlange glitt er durch
das wirre Gezweig, und als er den Ausblick in die Mulde gewann, schlug
ihm das Herz und zitterten ihm die Hnde in Zorn und brennender
Erregung.

Er sah, wie ein Mensch in Bauerntracht, mit schwarz berutem Gesichte,
den verendeten Steinbock nach einem nahen Dickicht schleifte.

Hab ich dich endlich, du Dieb! zischte es durch die Zhne des Jgers.
Alles Zittern wich von ihm, und als er die Sehne der Armbrust spannte
und den Bolzen in die Schiene legte, waren seine Hnde wie Stahl und
Eisen. Er hob die Wehr an seine Wange, aber durch die dichten Zweige
hatte er keinen sicheren Schu. Lautlos erhob er sich, um
hinauszuschleichen an den Rand der Bsche; dort drauen stand das Kreuz;
hinter dem breiten Holze konnte er sich decken und hatte freien Schu.

Jetzt wand er sich hervor aus den letzten Zweigen, jetzt hob er die
Waffe -- und da rann es ihm durchs Herz wie kalter Schauer. Am
Kreuzbalken hing das lebensgroe Bild des Erlsers.

Gewaltsam wollte Haymo den Blick wenden, aber er brachte ihn nicht los
von dem heiligen Bilde. Mit ernsten, kummervollen Augen sah es auf ihn
nieder, es schien zu leben in seinen frischen Farben, das rote Blut
schien eben jetzt geflossen. Dem Jger war es, als begnnen die groen,
blauen Augen sonnengleich zu leuchten, als ffne sich der
schmerzenbittere Mund und sprche mit sanften Worten: Haymo! Willst du
morden an meinem Ostertag, der allen Menschen sein soll wie ein Tag des
Glcks und der Vershnung? Tu's nicht, Haymo, tu's nicht!

In Haymos Hnden neigte sich die Armbrust, und der Bolzen fiel aus der
Schiene. Der Jger hob ihn auf mit bebender Hand und kte die Fe des
Gekreuzigten.

Dann stieg er lautlos den Hang hinunter. Der Raubschtz, der im dichten
Gebsch an dem erlegten Wild hantierte, hrte ihn nicht kommen; auf der
Erde sah Haymo die Armbrust des Rubers liegen; er fate sie und
schleuderte die Waffe mit mchtigem Schwung hinaus in das Steingerll;
da fuhr der Raubschtz in die Hhe, und als er den Jger sah, befiel ihn
ein Wanken, und er griff mit beiden Hnden in die Luft.

Wer bist du? fragte Haymo mit harter Stimme.

Der andere stand wortlos und starrte vor sich nieder.

Haymo versuchte ihn zu erkennen, aber vergebens. Der Jger war fremd im
Tal und hatte hier nur wenige Menschen erst gesehen; auch trug der
Ruber den Bart und die Haare mit Asche bestubt, und das Gesicht war
mit Ru so dick bestrichen, da Haymos forschender Blick kaum einen Zug
erfassen konnte.

Komm! sagte er und deutete mit dem Arm die Richtung an.

Der Gefangene voran, und Haymo mit gespannter Armbrust hinter ihm, so
schritten sie ber den Hang empor; mit blitzenden Augen folgte Haymo
jeder Bewegung des Raubschtzen. Auf halber Hhe verhielt der Gefangene
den Schritt; in seinem finsteren Auge glhte die Verzweiflung.

Jger! Es war das erstemal. Und ich tat es aus Not.

Geh!

Jger! Ich hab Weib und Kind. Sie gehen zugrund.

Durch deine Schuld.

Ein dumpfer Seufzer erschtterte die Brust des Mannes; der Kopf sank
ihm, und mit schweren Schritten stieg er weiter. Nun erreichten sie die
Kreuzhhe. Wieder wandte sich der Gefangene, unheimliche Glut in den
Augen. Was geschieht mit mir?

Was jedem andern geschieht, wenn er tut, was du getan.

Jger! Erbarm dich meines Weibes und meiner Kinder! La mich laufen!

Und wenn ich auch wollt -- ich darf nit! sagte Haymo mit schwankender
Stimme. Ich steh in Pflicht und Eid. Ich hab geschworen.

So la mich ein Vaterunser beten! Fr Weib und Kind.

Bete! sagte Haymo.

Der Raubschtz kniete vor dem Kreuz auf die Erde nieder, faltete die
Hnde und begann zu murmeln. Haymo wollte den Kopf entblen, um dem
heiligen Bild zu danken, das ihn vor Blut bewahrt und alles nach Recht
gewendet hatte. Doch als er den Arm erhob, fuhr der andere blitzschnell
in die Hhe, ri das Weidmesser von Haymos Grtel, und ehe der Jger
sich zu decken vermochte, stie ihm der Wildschtz die blitzende Klinge
in die Schulter.

Aus Haymos Hnden fiel die Armbrust, seine Knie brachen, sthnend sank
er auf das moosige Gestein, das sich frbte von seinem Blut -- mit
letzter Kraft noch richtete er sich halb wieder auf, mit brennendem
Blick suchten seine Augen das starre Bild am Kreuze, dann fiel er
zurck, und seine Sinne erloschen.

ber allen Hhen leuchtete die Sonne, mit lindem Hauche strich, nach
allem Streit und Kampfe des wilden Fhns, der laue Frhlingswind
befruchtend um die Halden, und whrend auf dem steinernen Hang die
berstrzten Tritte des fliehenden Mrders verhallten, schwoll es sanft
und leise durch die Luft einher, weit her aus dem fernen, tiefen Tal --
der Klang der Osterglocken. Ihre Seelen waren heimgekehrt von Rom, und
durch das weite Land, von Turm zu Turm, erhoben sie ihre hallenden
Stimmen, die Macht und Glorie des Gottes preisend, der vom Grab
erstanden.




                                  9.


ber dem Haus des Sudmanns lag still und sternenhell die Osternacht. Nur
die Ache rauschte; sonst kein Laut in der ganzen Runde; denn der Eine,
der in dieser Nacht zu dem kleinen Hause gegangen kam, wandelte auf
unhrbaren Sohlen; er pochte an die verschlossene Tr -- sie ffnete
sich nicht vor ihm, und dennoch trat er ein.

In der Stube erwachte das Weib; ein leises Sthnen hatte sie geweckt.
Sie lauschte -- und da hrte sie es wieder. Es war das Kind.

Katzi, was hast du? fragte sie. Aber das Kind gab keine Antwort. Sepha
war am Abend so schwach gewesen, da sie sich nicht auf den Fen
erhalten konnte. Und jetzt mit einmal hatte sie Kraft. Mit stammelndem
Laut sprang sie aus dem Bett. Polzer! rief sie -- in ihrem Schreck
hatte sie ganz vergessen, da Wolfrat auer Hause war. Mit zitternden
Hnden tastete sie in der Finsternis nach dem Feuerzeug; nur matte
Funken brachte sie aus dem Stein, und der Zunder wollte nicht brennen.
Mein Gott, mein Gott, htt ich mich doch nit schlafen gelegt! jammerte
sie. Bis lange vor Mitternacht hatte sie wach gesessen, dann war die
Natur strker geworden als ihr Wille. Gittli wollte die ganze Nacht bei
dem Kinde bleiben, aber Sepha selbst hatte das Mdchen zur Ruhe
geschickt. Das >Katzi< schien gut und fest zu schlummern. Freilich, es
war ein bser Tag gewesen, der vorausgegangen, und bedrckten Herzens
hatte Seph ihren Mann das Haus fr die Nacht verlassen sehen; sie merkte
es ihm auch an, da er nicht gerne ging. Wr' es nur nicht um die paar
Heller gewesen, die es zu verdienen gab! Als er, schon den Hut auf dem
Kopf, noch einmal die Hand ber die Stirn des Kindes strich, da sagte
er: Gib dich, Seph, morgen soll's besser sein! Seine Stimme hatte wohl
gezittert, und dennoch hatte sein Wort zuversichtlich geklungen.
Vielleicht wute er ein strkendes Kraut oder eine heilsame Wurzel, die
er von der Bergfahrt mit heimbringen wollte -- vielleicht die Nieswurz,
die Wurzel der Schneerose. Von ihr hatte auch Gittli schon gesprochen.

Endlich war es der Seph gelungen, Licht zu machen. Mit der flackernden
Kerze leuchtete sie ber das Bett und erschrak bis ins innerste Herz.
Das Gesicht des Kindes kam ihr so verwandelt vor, als wre das nicht
mehr ihr eigen Kind, sondern ein fremdes. Sie taumelte zur Kammertr und
stie sie auf. Gittli! Gittli!

Das Mdchen antwortete schlaftrunken.

Ich tu dich bitten, steh auf, sagte Seph mit tonloser Stimme, das
Kindl ist so viel ungut!

Barfu, das rote Rckl berwerfend, erschien Gittli unter der Tr.

Da schau: mein Kindl, mein Kindl, mein Kindl! schluchzte Seph und
hielt die Leuchte ber das Bett.

Gittli beugte sich ber das Kind und fate sanft seine rmchen, die mit
geballten Fusten nach aufwrts lagen. Mimmidatzi, flsterte sie mit
ser Zrtlichkeit, Mimmidatzi, kennst du mich nimmer? Schau, die
Dittibas ist bei dir! Eine Weile wartete sie vergebens auf Antwort.
Dann rief sie noch einmal, alle Angst ihres Herzens in der Stimme:
Mimmidatzi!

Ein kaum merkliches Zucken ging ber das Gesicht des Kindes, ein leises
Sthnen, nicht wie in Schmerz, sondern wie in weher Sehnsucht quoll aus
dem regungslosen, leicht geffneten Mund; aber der kleine Krper rhrte
sich nicht, das Kpfchen, umringelt von goldblondem Gelock, lag starr
auf die Seite geneigt, und unter den zarten, halbgesunkenen Lidern
blickten die einst so schelmisch leuchtenden Augen unbeweglich hervor,
ohne Glanz und Leben.

Mein Schatzi, mein liebs, was hast du denn? stammelte Gittli und
schaute, die Wangen von Trnen berronnen, mit einem hilflosen,
angstvollen Blick in Sephas Gesicht.

Mein Gott, mein Gott, wr nur der Polzer daheim! jammerte das Weib und
sank neben dem Bett in die Knie. Wenn er nur daheim geblieben wr! Mein
Gott! Was tu ich denn? Mein Kindl, mein Kindl! Ich wei mir keinen Rat,
ich wei mir nimmer zu helfen! Was tu ich denn?

Schwhrin, bleib, bleib! Ich lauf und hol den Bader! schluchzte
Gittli. Und wie sie stand, barfu, im dnnen Rckl, rannte sie davon.

Sie achtete auf dem Wege nicht der spitzen Steine, die sich schmerzend
in ihre Sohlen drckten, nicht der Frische der Nacht, die sie schauern
machte; sie rannte nur und rannte, bis sie keuchend auf dem Marktplatz
das Haus erreichte, in dem der Bader wohnte. Wie von Sinnen schlug sie
an der Tr den Klppel, immerfort, so lange, bis im Obergescho ein
Fenster geffnet wurde.

Wollt Ihr aufhren oder nit! Was ist denn das fr ein Lrm in der
Nacht? rief eine Mnnerstimme herunter.

Ach, ich bitt Euch, wir haben ein krankes Kind daheim! schluchzte
Gittli mit aufgehobenen Hnden. Kommt doch, kommt, ich bitt Euch gar
schn, ich bitt, bitt, bitt!

Wer bist du denn?

Die Gittli bin ich, die Schwester vom Sudmann Polzer.

Sooo? Der Name, den Gittli genannt, gab dem Bader zu denken. Ja, htte
sie den guten Einfall gehabt, hinaufzurufen: ich bin Zenza, die Tochter
des reichen Eggebauern -- dann htte sie was erlebt, wie der Bader
gesprungen wre! Sooo? Also ja, geh nur heim, und sag, ich komm schon,
sobald es Tag wird.

Klirrend schlo sich das Fenster. Gittli stand wie betubt und griff mit
beiden Hnden an ihren Kopf. War es denn mglich? Ein Kind -- solch ein
ses, herziges Ding! Und es gab einen Menschen, der sich nicht die Seel
aus dem Leibe lief, um zu helfen!

Helfen? Helfen? Wer jetzt? Wer? Pater Eusebius? Der hatte das Bbl des
Klostervogtes wieder gesund gemacht. Gittli rannte, und atemlos
erreichte sie die Klosterpforte. Die Glocke lutete schrill, denn mit
dem ganzen Gewicht des Krpers hatte sich Gittli an den Strang gehngt.

Pater Eusebius? Wo ist der gute Pater Eusebius? schluchzte sie, als
sich das vergitterte Fenster ffnete.

Ein Dirnlein? In der Nacht? staunte der Pfrtner. Was willst du vom
Pater?

Wir haben ein krankes Kind daheim, der Pater Eusebius soll ihm helfen.
Ach, guter Frater Pfrtner, ich bitt Euch, bitt Euch --

O du mein Gott, Kind, den Pater, den holst du heut nimmer. Der ist seit
zwei Tagen in der Bartholomer Klause.

Gittli mute sich an die Mauer sttzen, um nicht umzusinken.

Aber sag, was fehlt dem Kind?

Es rhrt sich nimmer und sieht nimmer. Und kennt mich nimmer. Ach,
Frater Pfrtner, so ein liebes, gutes Kind!

Mut nit weinen, Mdel, der liebe Gott wird schon helfen! Und -- wart
ein Weil! Das Gesicht hinter dem Gitter verschwand, dann streckte sich
eine Hand heraus mit einer kleinen Flasche. Nimm, Dirnlein, nimm! Es
ist das Beste, was ich hab: ^Oleum Sancti Quirini^ vom Kloster
Tegernsee.

Gittli griff zu mit beiden Hnden.

Reibe dem Kind die Stirn damit ein, und die Schlfe, und die Pulsadern
an den Hnden, und die Stelle, wo das Herz schlgt, und bete dazu drei
Vaterunser! Das hilft. Das hat schon vielen Tausenden geholfen. Und
jetzt geh, Dirnlein! Gelobt sei Jesus Christus!

Amen! stammelte Gittli. Es war ein Laut voll heien Dankes. Und
schluchzend flog sie davon, aber sie weinte nicht mehr in Schmerz, sie
weinte vor Freude. Was sie in Hnden hielt und an ihr Herz drckte, war
die sichere Rettung: geweihtes, heiliges l! Immer und immer wiederholte
sie Wort um Wort: Die Stirn, die Schlfe, die Adern, und wo das Herz
schlgt! Und damit sie nur ja mit dem Beten nicht zu kurz kme, fing
sie jetzt schon an, whrend sie rannte und rannte: Vater unser, der du
bist im Himmel --

Erschpft, keines Wortes mchtig, erreichte sie das Haus.

Sepha kam ihr entgegen, das Gesicht verstrt, kalkwei und von Zhren
berronnen. Kommt er? Kommt er?

Gittli schttelte den Kopf; sprechen konnte sie noch nicht; doch whrend
sie die eine Hand auf die fliegende Brust drckte, drngte sie mit der
andern schon die Flasche in Sephas Hnde.

Mein Gott, Gittli, so red doch, jammerte das Weib, schau, die Angst
bringt mich um!

Nimm -- nimm -- das mu ihm helfen! Das hat schon tausend, tausend Mal
geholfen, hat er gesagt. Vater unser, der du bist im Himmel -- Und
betend sank sie neben dem Bette nieder, in dem das Kind noch lag, wie
sie es verlassen hatte.

Aber Gittli, so red doch, wie soll's denn helfen, was soll ich denn
machen damit?

Mehr mit Zeichen als mit Worten wiederholte Gittli den Rat, den ihr der
Frater Pfrtner gegeben. Neben dem Bette kniend, mit trnenerstickter
Stimme betend, hielt sie das flackernde Talglicht, whrend Sepha tat,
was der Mnch geraten. Mit zitternden Hnden, unter Weinen und
zrtlichem Stammeln entblte die Mutter das Kind, das vor ihr lag wie
eine vom Stengel gefallene Blte. Ein zartes, holdes Krperchen, rund
und wei, wie aus Wachs gebosselt, aber alle Glieder gefesselt von
starrem Krampf.

Endlich richtete Sepha sich tief atmend auf; alles war geschehen, was
geschehen mute. Sie legte die Kissen zurecht und breitete sorglich
wieder die warme Decke ber das Kind, das unempfindlich schien fr
alles, was mit ihm geschah.

Meinst du, Gittli, es hilft?

Ja, ja, es mu helfen!

Der liebe Herrgott soll's geben! Wr nur der Polzer daheim!

Nun saen sie, Sepha und Gittli, die eine zu Hupten, die andere zu
Fen des Kindes, Stunde um Stunde, leise betend und des Wunders
harrend, das sie mit Zuversicht erhofften.

Einmal streckte sich das Kind unter leisem Sthnen, und die verkrampften
Fustchen schlugen seitwrts.

Gittli! stammelte das Weib.

Tu dich nimmer sorgen! Es hilft, schau, es hilft schon. Weit, er wehrt
sich halt, der Krank, weil er sprt, da er fort mu.

Wieder saen sie, betend und wartend. Auf leisen Sohlen schlich die
Nacht davon, und durch die Fenster fiel der graue Dmmerschein des
erwachenden Ostermorgens.

Seph atmete auf. Jetzt wird der Polzer doch bald kommen?

Gittli nickte; die Hnde im Scho gefaltet, sa sie, keinen Blick vom
Gesicht des Kindes verwendend.

Wieder einmal befhlte Sepha die kleinen, starr geschlossenen Hnde. Sie
erschrak. Gittli! Ich wei nit -- das Kindl wird so kalt! Da, greif
her! Was meinst du denn? Ihre Augen waren starr geffnet, und ihre
Stimme zitterte vor Angst.

Gittli umschlo mit beiden Hnden die kalten, wachsbleichen Fustchen
des Kindes. Sie konnte nicht sprechen. Bang erschrocken schaute sie zu
Sepha auf.

Was meinst du, stammelte das Weib, wenn ich ihm Tcher warmen tt?

Ja, ja!

Sepha zerrte einen Arm voll Leinenzeug aus einer Truhe, strzte in die
Kche, machte Feuer und prete das Leinen in eine irdene Schssel, um es
an der Glut zu wrmen. Schluchzend ri sie die Haustr auf; der helle
Glanz des Ostermorgens leuchtete ihr entgegen. Sie taumelte auf der
Schwelle, raffte sich auf und rannte auf die Strae, um auszuschauen, ob
ihr Mann nicht kme. Nichts, nichts, so weit ihre brennenden Blicke
reichten.

Mein Gott, mein Gott, wr er nur daheim geblieben! stammelte sie und
wankte zurck.

In der Stube kniete Gittli vor dem Bett, des Kindes kalte Finger
behauchend, die zwischen ihren Hnden lagen. Sie wurden nicht wrmer.
Seph, Seph! rief sie in qulender Angst und wollte zur Tr. Doch
whrend sie sich erhob, schien es ihr, als htte das Kind sein Kpfchen
bewegt. Sie hatte recht gesehen. Ein leises Zucken ging ber die
Augenlider, und der kleine Mund bewegte sich, als wollt' er sprechen.

Mimmidatzi! schluchzte Gittli in neu erwachtem, freudigem Hoffen und
warf sich auf die Knie.

Da hob das Kind ein wenig die rmchen und tastete mit gespreizten
Fingern in die Luft. Gittli meinte, das Kind suche ihre Hnde. Ja, ja,
mein Schatzi, das Handerl geben, gelt? flsterte sie in heier
Zrtlichkeit, die beiden Hnde des Kindes fassend. Dittibas geht nit
fort, nein, schau, ich bin bei dir! Kennst du mich nimmer, Schatzi?

Es legte sich auf das bleiche Mndlein wie ein sanftes, mdes Lcheln;
ein seufzender Atemzug, dann streckte sich das Krperchen, und durch die
kalten Finger rann noch ein leises Zittern.

Jetzt kam die Mutter mit den warmen Tchern gerannt. Seph, Seph! rief
ihr Gittli mit stammelnder Freude entgegen. Besser geht's, besser! Es
kennt mich schon wieder, und wie ich mit ihm geredet hab, da hat es mich
angelacht. Schau nur, Seph, schau nur, es lachet noch allweil!

O du lieber, lieber Herrgott! lallte Sepha. Die Freude benahm ihr fast
die Stimme.

Nun griffen sie alle beide zu mit fliegenden Hnden und hllten das Kind
von den Fen bis an den Hals in die warmen Tcher; und wenn die Tcher
zu erkhlen begannen, wurden sie wieder ersetzt durch andere, warme.

Und immer lchelte das Kind; nur war das kleine Gesicht so wei wie
Schnee, und der geschlossene Mund war anzusehen, als htt' er sich
verwandelt in ein blasses Veilchen.

Stunde um Stunde verging. Und immer lchelte das Kind.

Ich mein', es schlaft! flsterte Gittli. Und dann pltzlich kam ihr
ein Gedanke: Seph, ich lauf ins Kloster hinauf. Meinst du nit, es wr
gut, wenn ein Pater beten tt? Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie
in ihre Kammer, schlpfte in die Schuhe, zog eine Jacke ber, streifte
mit flchtigem Ku die rote Wange des Buben, der in ihrem Bette schlief
wie ein Murmeltier, und rannte aus dem Hause.

Als sie die Strae erreichte, sah sie zwischen den Bumen einen
Chorherren des Weges kommen. Den hatte ihr der liebe Gott geschickt, so
meinte sie. Herr Pater, Herr Pater! rief sie und winkte ihm zu. Nun
stand er vor ihr -- Pater Desertus, der Fischmeister; er hatte im
Kloster die Frhmesse gelesen und wollte heimkehren in seine Klause.

Gittli erschrak, da sie ihn erkannte. Sie zgerte, nur einen Augenblick,
dann trat sie auf ihn zu, mit bittend erhobenen Hnden, die Augen na
von Trnen.

Dunkle Rte flog ber seine bleichen Zge, seine Augen flammten, und wie
in heier Sorge streckte er die Hnde nach ihr und fragte: Mdchen, was
ist dir? Weshalb weinst du?

Ach, Herr Pater, wir haben ein krankes Kind daheim, ich bitt Euch,
kommet mit mir und betet fr das arme Wrml!

Beten? ber die Lippen des Priesters irrte ein Lcheln, das Gittli
nicht zu deuten vermochte. Scheu wich sie vor ihm zurck. Er fate ihre
Hand und sagte: Komm! Wir wollen sehen, was zu helfen ist.

Sie wollte seine Rechte kssen, doch er wehrte es fast erschrocken.
Fhre mich! sagte er und folgte ihr mit raschen Schritten; dabei
verwandte er keinen Blick von ihrem Gesicht, immer wieder schttelte er
den Kopf, als knnte er irgend etwas, das ihn zu bewegen schien in
seinem tiefsten Innern, nicht fassen und begreifen.

Nun erreichten sie die Haustr, und da lie er die Hand des Mdchens und
fuhr sich ber die Stirn, wie um etwas von sich abzustreifen, was er
nicht ber die Schwelle tragen wollte.

Gittli bekreuzte sich, als der Chorherr ihr voran in die Stube schritt.
Sepha erhob sich vom Bett und zog sich scheu in einen Winkel zurck;
Gittli blieb mit gefalteten Hnden an der Tr stehen, und so folgten die
beiden Frauen mit brennenden Augen jeder Bewegung des Priesters, der
neben dem Bette stand, tief ber das regungslose, lchelnde Kind
gebeugt.

Nun richtete er sich auf, schwer atmend, und sein Antlitz schien noch
blsser geworden. Mit wehmutsvollem Blick suchten seine Augen die
Mutter. Komm her zu deinem Kinde! sagte er mit leiser, schwankender
Stimme.

Ein Zittern fiel ber Sephas Glieder, in ihrem Gesicht erstarrte die
Angst jeden Zug, nur die Arme konnte sie strecken, aber ihre Fe waren
auf der Diele wie festgewurzelt.

Hier ist keine Hilfe mehr. Es mte denn sein, da Herr Jesus in diese
Stube trte und zu deinem holden Kinde sprche wie zur Tochter des
Jairus: Steh auf und lebe!

Gittli erbleichte. Und Sepha rang nach Atem, aber noch immer wollte sie
nicht fassen, was geschehen.

Ach, guter Pater, stammelte das Mdchen, schauet nur hin, es lachet
ja, es lachet!

Das Lcheln der Erlsung! Und Sephas Hand erfassend, sagte er: Dein
Kind ist heimgegangen zu seinem Schpfer.

Ach du lieber Gott! schrie Gittli schluchzend auf. Wie von Sinnen
strzte sie zum Bett, doch ehe sie es erreichte, brachen ihr schon die
Knie, auf den Knien rutschte sie weiter, schluchzend und schreiend, und
mit Gesicht und Armen warf sie sich ber die Fe ihres entschlafenen
Lieblings: Schatzi, mein Schatzi! In heiem Weinen erstickten ihre
Worte.

Sepha stand noch immer wie ein steinernes Bild. Nun rang es sich mit
gellendem Schrei von ihren Lippen: Mein Kind! Mit beiden Fusten stie
sie den Priester von sich, fate mit zuckenden Hnden das Kind, ri es
halb aus den Kissen und rttelte das zarte, wachsbleiche Krperchen.
Ihre Glieder erlahmten, starr quollen die Augen aus dem von Schmerz
verzerrten Gesicht, und mit sthnendem Laut, wie das gehetzte Wild ihn
ausstt, wenn es niederbricht inmitten der Meute, sank sie ber das
Bett, das Kind umklammernd: Kann denn unser Herrgott so was zulassen!
Mein Kind! Mein Kind! So was -- so was mu ber mich kommen! Warum denn?
Warum denn? Warum denn?

Warum? Du armes Weib! Pater Desertus legte die Hand auf Sephas
zuckende Schulter. Tausende und Abertausende vor dir haben diese Frage
schon hinausgeschrien aus brennendem Herzen, und keinem noch ist Antwort
gekommen, nicht aus der Hhe, noch aus der Tiefe. Warum? Auf
frhlingsgrner Wiese steht eine Blume, hold und lieblich in ihren
reinen Farben, in ihrem sen Duft, wie ein gtiger Gedanke Gottes, der
zur Erde niederflog und Wurzel schlug, um zu weilen als eine Freude der
Menschen. Da kommt die Nacht mit ihrem ttenden Reif. Und ein Tier zieht
ber die Weide und tritt mit fhllosem Huf die erfrorene Blume in den
Kot. Warum? Auf sonniger Halde steht ein Baum, gesund und strotzend von
Kraft. Er hat geblht in zahllosen Kelchen, und nahe schon ist die Zeit,
da er fr treue Pflege danken will mit kstlichen Frchten. Doch vor der
Ernte kommt der Sturm, ein Sto nur, und der schne stolze Baum liegt
auf der Erde, verwstet und gebrochen! Warum? Warum? Im weiten Feld
steht die reifende Saat, getrnkt vom Schweie hoffender Menschen. Der
Hagel vernichtet sie. Warum? In freundlichem Tal steht Htte an Htte,
zufriedene, lachende Menschen unter jedem Dach. Da brechen am Bergsee
die steinernen Dmme, eine Stunde nur, und Trmmer und Leichen bedecken
das Tal. Warum? Redlichen Sinnes zieht ein guter Mensch seines Weges,
sein Blick ist Treue, und Liebe jeder Schlag seines Herzens. Da fallen
die Wlfe ber ihn her, oder ein Blitz erschlgt ihn, oder eine Brcke
weicht unter seinem Fu. Warum? Es steht eine herrliche Burg, fest und
stolz -- Die Stimme des Chorherren verwandelte sich, klang dumpf und
heiser. In ihren Mauern wohnt das Glck, rein und heilig, wie es noch
je hervorgegangen aus Gottes Hand. Aus ihren Toren zieht ein
glckseliger Mann. Und da er wiederkehrt, drstend nach dem Anblick
seines Weibes, nach den sen Augen seiner Kinder, findet er nur
rauchenden Schutt und verkohlte Gebeine. Warum? Warum? Warum?

Sepha richtete sich auf, verschlang die Hnde, und zu dem Priester
aufblickend, alle Verzweiflung ihres Herzens im Auge, schluchzte sie:
Ach Herr, redet doch nit so grausam und hart zu mir, sagt mir doch ein
Wort des Trostes, nur ein einziges Wort!

Ich wei dir keinen Trost, ich sehe dein Kind und finde keinen. Nur
eine Wahrheit kann ich dir sagen, die ich erkannte mit blutendem Herzen:
wer lebt, mu leiden, wer lacht, wird weinen mssen, und verlieren, wer
besitzt!

Sepha schlug die Hnde vor das Gesicht.

Da klang aus der offenen Kammer eine Kinderstimme: Muetter! Und
Lippele erschien auf der Schwelle im langen Hemd, die runden Wangen hoch
gertet vom gesunden Schlaf, in der Hand ein kleines hlzernes Pferd
ohne Kopf und mit halben Beinen.

Sepha sprang auf, strzte auf den Knaben zu mit schluchzendem Schrei und
ri ihn empor an ihre Brust.

Pater Desertus war zur Tr gegangen; es schien, als wollte er sich noch
einmal zurckwenden; aber schwer aufatmend deckte er die Hand ber seine
Augen und verlie das Haus.

Gittli lag noch immer auf den Knien, das Gesicht in die Arme gedrckt.
Erst als Sepha wieder zum Bette trat, hob das Mdchen die brennenden
Augen, sah zu der Schwherin auf und schlug in hilflosem Schmerz die
Hnde ineinander.

Sepha kniete zur Seite des Bettes nieder, stellte den Knaben auf die
Erde, und ihr Schluchzen mhsam bekmpfend, sagte sie: Schau, Lippele
-- dein Schwesterl, schau nur, schau -- geh, gib ihr noch ein Handl und
sag zu ihr: beht dich Gott, mein Schwesterl, du mein liebs!

Lippele schaute auf das stille, wie im Traume lchelnde Kind, dann
wieder auf die Mutter und fragte: Warum denn?

Mut nit fragen, Lippele, tu's nur, tu's!

Lippele streckte den Arm; als er die Klte des starren Hndchens fhlte,
erschrak er und brachte kein Wort hervor. ngstlich schaute er zu der
Mutter auf und hob die beiden Arme nach ihr. Sepha umschlang ihn, der
gewaltsam verhaltene Schmerz brach mit neuer Macht aus ihrem gepreten
Herzen, und so kauerte sie schluchzend auf der Erde, das Gesicht des
Knaben bergieend mit ihren Trnen.

Muetter, Muetter! stammelte das Kind und begann zu weinen, weil es die
Mutter weinen sah. Gittli erhob sich und wankte in die Kammer; drinnen,
am offenen Fenster, strzte sie schluchzend nieder. Mit breitem Strahl
fiel die Morgensonne auf den gebeugten Mdchenkopf.

Drauen webte der Glanz und Schimmer des Ostertages; die Ache rauschte
und in den Nachbarhfen krhten die Hhne. Auf den Obstbumen, deren
Knospen schon zur Blte drngten, zwitscherten die Meisen und flogen hin
und her, Halme tragend fr den Nestbau.




                                 10.


Trotz der hellen Sonne, die der Ostermorgen gebracht, brannte in der
Stube des Eggebauern ein Feuer im Lehmofen, der vor Wrme schwelte. Der
Bauer sa hemdrmelig hinter dem Tisch, vor sich einen groen Napf mit
Milchsuppe, die er gemchlich auslffelte. Er war soeben, gegen die
neunte Morgenstunde, mit Zenza aus der Messe zurckgekehrt. Das Mdel
stand, mit halblauter Stimme trllernd, vor dem in die Wand
eingemauerten Zinnspiegel und durchflocht die blonden Zpfe mit roten
Bndern.

Heut hat es aber der Pater Hadamar scharf gemacht in der Predigt,
sagte der Eggebauer nach einer stillen Weile.

Zenza lachte.

Hast du dir gemerkt, was er gescholten hat ber den Tanz?

Wieder lachte das Mdel und warf die Zpfe ber die Schulter zurck.
Jetzt tanz ich nur desto mehr. Und fest anhalten tu ich mich auch. Da
ich nit ausrutsch.

Sprechen konnte der Eggebauer nicht, denn er hatte gerade den Mund voll;
er drohte nur mit dem Lffel; dann schluckte er und lachte. Da klang aus
der Kammer eine weinerlich kreischende Weiberstimme: Zenzaaa!

Jjaa! rief das Mdel unwillig, trat nher an den Spiegel, nestelte an
dem Veilchenbuschen, der im Mieder steckte, und zupfte das Kraushaar in
die Stirn.

Hrst, die Mutter ruft! mahnte der Eggebauer.

Hab schon gehrt! sagte Zenza; aber sie rhrte sich nicht von der
Stelle.

Der Eggebauer seufzte und lffelte weiter.

Bauer! Aber Bauer! So komm halt du! klang es mit keifenden Lauten aus
der Kammer.

Ist _das_ ein Weib! brummte der Eggebauer. Nit einmal beim Essen hat
man seine Ruh! Er schttelte den Kopf, warf einen Erbarmen heischenden
Blick zur Stubendecke, legte den Lffel nieder und wollte sich erheben.

Da klapperten drauen auf den Steinen die Tritte genagelter Schuhe, und
ein Schatten fiel ber das Fenster.

Zenz! sagte der Bauer hastig. Ich tu dich bitten, geh hinein zu ihr
und bleib bei ihr drin eine Weil. Es kommt einer, mit dem ich zu raiten
hab.

Das Mdel ging, aber nicht gerne; kaum hatte Zenza hinter sich die
Kammertr geschlossen, da stand Wolfrat schon auf der Schwelle; er war
anzusehen, als km' er geraden Weges von der Sudpfanne; sein brennendes
Gesicht und seine Hnde glitzerten von Schwei; an Hals und Schlfen sah
man, wie es in den geschwollenen Adern hmmerte; sein Atem flog und
keuchte, da er nicht zu sprechen vermochte; er taumelte zur Bank, fiel
nieder und drckte die Fuste auf seine Brust.

Dem Eggebauer wurde ngstlich zu Mut; er schielte nach der Kammertr,
dann fragte er mit leiser Stimme: Polzer, was hast du denn? Ich will
nit hoffen, da --

Schau nach der Zeit, Bauer! keuchte Wolfrat.

Da brauch ich nit schauen. Die neunte Stund ist kaum vorbei.

Und wie lang braucht einer vom Kreuz ber die Almen herunter ins Ort?

Fnf Stund.

So mu ich droben am Kreuz schon wieder fort gewesen sein, bevor es Tag
worden ist! sagte Wolfrat mit heiserem Lachen. Darauf knnt einer
schwren. Du auch!

Der Eggebauer verfrbte sich. Meinst du, es wird sein mssen?

Wolfrat zuckte die Schultern, wischte mit dem rmel den Schwei von der
Stirn und erhob sich; sein Atem war ruhig geworden, sein Gesicht so wei
wie die Wand. Er trat zum Tisch, griff in die Tasche und reichte dem
Bauer eine hlzerne Bchse: sie war feucht, als htte man sie in Wasser
getaucht.

Da nimm! sagte er. Das Kreuzl mut du dir selber herausschneiden. Ich
hab mich tummeln mssen.

Der Bauer ffnete die Bchse, die ein blutiges Herz enthielt, und schlo
sie wieder. Hast du die Schweibluh auch?

Wolfrat nickte und griff an eine Tasche seines Jankers. Wenn ich die
nit htt? Fr was htt ich's denn getan? Der Kopf fiel ihm auf die
Brust und mit zitternder Hand strich er sich ber den Scheitel.

Der Bauer blickte scheu zu ihm auf und kniff die Lippen bereinander;
dann ging er zu einem Wandschrank, verwahrte die Bchse und brachte ein
Scklein herbei, welches klang und klirrte, als er es auf die
Tischplatte setzte.

Hast nichts gehrt, Bauer, wie es bei mir drben steht? fragte
Wolfrat.

Gehrt hab ich nichts. Aber sorg dich nimmer! Hast ja die sichere Hilf
im Sack.

Wolfrat atmete tief und stand schweigend, whrend der Eggebauer zehn
Salzburger Schillinge und ein Dutzend Heller auf den Tisch zhlte.

Streich ein! Hast es verdient.

Meinst? Wolfrat, als er die Mnzen in der Hand hielt, streckte sie dem
Eggebauer hin und sagte: Ich wei nit, mir kommt so fr, als htt das
Geld einen roten Schein?

Dummes Zeug! stotterte der Bauer. Das Geld hat Silberfarb.

So? Dann mu es wohl sein, da es mir nur im Aug so glitznet. Oder es
schaut sich nur die Hand so an. Er schob das Geld in die Tasche. Und
was ich sagen will, Bauer? Gelt, wenn vielleicht eine Frag umgehen sollt
-- du brauchst nit _mehr_ zu wissen, als da ich gestern nach Feierabend
um die achte Stund fort bin. Sieben Stund hab ich hinaufgebraucht in die
Rt. Lang genug. Aber so ein Herrgott hat sein Gewicht. Dann hab ich ihn
ans Kreuz geschlagen, vor Tag war ich fertig, hab mich wieder auf die
F gemacht, und war daheim um die neunte Stund. Da ich den Weg vom
Kreuz bergab bis zu deinem Haus in dritthalb Stunden gelaufen bin, das
brauchst du nit zu wissen.

Der Eggebauer ri die Augen auf und schttelte den Kopf.

Und schau mich an, wie ich ausschau! Da du's weit, wenn dich einer
fragen sollt. Gelt, nein? Ich hab kein Stubl Ru im Gesicht, kein
Fleckl Blut an meinem Janker.

Der Eggebauer, der eine Farbe bekam als htte man ihm das Gesicht mit
Kalk bestrichen, stotterte: Lieber Herrgott, Polzer, was hast du
getan?

Was ich dutzendmal im Krieg getan hab, wenn mich einer hat fassen
wollen. Er machte mit der Faust einen Hieb durch die Luft und seine
Augen funkelten in finsterer Glut. Es hat sein mssen.

Polzer, Polzer! sthnte der Bauer und schlug die Hnde zusammen.

Halt 's Maul! Wenn's einer hrt, der es weiterredet, kommt es zur
Halbscheid ber dich. Und wo der Freimann haust, das weit du! Seit
voriger Woch hat er ein neues Rad, das alte hat er am Mattauser
zuschanden gemacht, der in der letzten Gebnacht[13] den Klosterknecht
gestochen hat. Und somit beht dich! Ich hab dir und mir geholfen. Jetzt
mssen wir's auch tragen auf zwei Buckeln. Wolfrat wandte sich zur Tr.

Dem Eggebauer schlotterten die Knie; er wollte dem Sudmann nacheilen,
brachte aber keinen Schritt zuwege. Polzer! keuchte er. Und das
Schiezeug? Das hast du doch um Herrgotts willen nit verloren, wo's ein
Unrechter finden knnt?

Nein. Ich hab's wieder geholt, und jetzt liegt es im Kesselbach in der
tiefsten Klamm, mit einem Stein daran, den kein Wasser mehr in die Hhe
treibt. Ich wollt nur, es lg was anderes auch dabei! Aus mir
herausreien kann ich's nit. Er schlug mit der Faust auf seine Brust,
nickte noch einen stummen Gru und verlie die Stube.

Diesmal schwang er sich nicht ber den Gartenhag, sondern ging auf die
Strae zurck und betrat sein Lehen durch die Zauntr. In einem Winkel
des Gartens rannte Lippele hinter den gackernden Hennen her. Wolfrat
wollte ihn rufen; doch er schttelte den Kopf: Der Bub soll mir heut
nit an die Hand rhren. Zgernd trat er ins Haus; im offenen Flur lag
die Sonne; als aber Wolfrat ber die Schwelle ging, bedeckte sein
schwarzer Schatten den lichten Streif. Und wie still es war! Keines rief
seinen Namen, keines trat ihm grend entgegen. Das Kind wird schlafen,
dachte er sich, und sie wollen's nicht wecken. Er stie die Schuhe von
den Fen und betrat die Stube.

[Funote 13: Die Nchte vor dem Weihnachtsfest, vor dem Neujahrstag und
vor dem Dreiknigstag hieen Gebnchte.]

Neben dem Bett sa sein Weib im Weidenstuhl. Gr dich Gott, Seph!
sagte er beklommen. Sie gab ihm keine Antwort, hielt die Hnde im Scho
gefaltet, das zerraufte Haar hing ihr um die Schultern, und mit starren
Augen, deren Trnen erschpft waren, schaute sie ihm entgegen.

Aber so red doch ein Wort! Wie geht's ihm denn?

Sie wollte sprechen, aber nur stumm bewegten sich ihre Lippen; dann
pltzlich schrie sie laut auf.

Er warf einen Blick auf das Kind, und was er sah, machte ihn zittern an
allen Gliedern. Gib dich, Seph, gib dich! stammelte er und ri aus der
Tasche einen ledernen Beutel hervor, welcher braune Flecken hatte und
zwischen Wolfrats Hnden schlotterte. Gib dich, Seph! Schau, ich hab
was heimgebracht, das mu helfen. Dem Vogt seinem Kind hat es auch
geholfen. Gib einen Lffel her!

Polzer! schrie sie gellend auf und fuhr sich mit zuckenden Hnden in
die Haare. Unser Kind! Unser liebes Kind! O mein Gott, mein Gott!

Seph?

Er strzte auf das Bett zu und ri das Laken weg, mit dem das
regungslose Krperchen verhllt war. Aschfahl wurde sein Gesicht, die
eine Hand fuhr nach seinem Herzen, die andere lie den Beutel fallen,
aus dem das geronnene Blut, das er enthielt, in dicken Brocken auf die
Diele klatschte. Und lautlos, wie ein Stier, den das Beil auf die Stirn
getroffen, brach er zusammen.

Polzer! kreischte Sepha und suchte ihn aufzurichten.

War es ein Schluchzen oder ein heiseres Gelchter, das von seinen Lippen
schtterte und seine wirren Worte halb erstickte? Und alles umsonst,
alles, alles! Recht so! Ja, so hat's kommen mssen. Jetzt liegt mein
Kindl da. Und droben liegt der ander im Blut.

Heiliger Herr Jesus! stammelte Sepha. Polzer! Polzer!

Verstrt sah er auf, ein Schauer rttelte seinen Krper. Er hatte schon
zu viel gesagt. Nun mute er alles sagen. Mit beiden Armen umschlang er
sie, drckte sthnend sein Gesicht in ihren Scho, und in dumpfen,
hastigen Lauten bekannte er seine Tat. Alles sagte er: was ihn zum
Wildraub verfhrt hatte, wie droben alles gekommen war, und wie ihm nur
die Wahl geblieben zwischen Elend, Kerker, Peitsche -- und dem, was er
getan.

Sepha sa mit weiem Gesicht, wie eine Gestorbene, und ihre Hnde
zitterten, die auf seinem Kopfe lagen. Und als er verstummte, griff sie
hinber in die verwsteten Kissen und fate die starre kalte Hand ihres
Kindes. Dank's deinem Herrgott, mein liebes Kind, weil du das nimmer
hast erleben mssen!

Seph! sthnte er.

Sie neigte das Gesicht zu ihm hinunter und sagte ganz leise: Weit du
es auch, Polzer? Weit du denn, was du getan hast? Nit blo den andern
hast du erschlagen. Uns alle, dich und mich und deinen armen Buben und
--

Er prete die Hand auf ihren Mund.

Nein, Seph, nein! Keiner wei es. Nur ein einziger, der selber das
Reden frchten mu. Und wenn sie mich auf den Strecker spannen, ich
sag's nit. Und ich hab nichts anderes getan, als den Herrgott ans Kreuz
geschlagen. Und wenn er selber noch leben sollt und wieder aufkommen --

Er verstummte pltzlich und hob erschrocken den Kopf. Jh scho er in
die Hhe, stand mit geballten Fusten und starrte zur Kammertr.

Gittli stand auf der Schwelle; ihre zitternden Hnde suchten eine Sttze
am Pfosten, als wollten ihr die Knie brechen. Ihrem entsetzten Blick,
ihren verstrten Zgen sah man es an -- sie hatte alles gehrt.

Du! fuhr Wolfrat sie an. Was willst du?

Abwehrend streckte sie die Hand gegen ihn, das Grauen schttelte ihre
schmalen Schultern, und an der Wand sich entlang tastend, wollte sie zur
Tr.

Mit zornigem Fluch sprang er auf und verstellte ihr den Weg. Wohin?

Da hob sie flehend die Hnde. Zu ihm! Zu ihm! Ob er tot oder lebig ist.
La mich, la mich! Ich mu zu ihm.

Zu ihm? Und warum zu ihm?

Weil ich sterb, wenn ich bleiben mu! Wie von Sinnen fate sie ihn am
Arm und suchte ihn von der Tre wegzuzerren. Er schleuderte sie zurck,
da sie zu Boden sank; sie raffte sich auf und strzte wieder auf ihn
zu.

Dirn! knirschte er. Du tust mir keinen Schritt aus dem Haus, oder --
Er ri ein Beil von der Wand.

Jesus im Himmel! Polzer! kreischte Sepha, aber sie hatte nicht die
Kraft, sich aufzurichten.

Mit ausgebreiteten Armen stand Gittli vor dem Bruder. Schlag zu, schlag
zu! Hast ihn doch auch erschlagen. Tust mir nur eine Freud an, wenn du
zuschlagst, da ich dalieg und meinen letzten Schnaufer mach. Schlag zu!
Oder traust du dich nit? Meinst du, es wr an einem schon genug? Dann
geh von der Tr und gib meinen Weg frei!

Sie stand vor ihm mit blitzenden Augen, als wre sie gewachsen und um
Jahre gealtert in dieser Stunde.

Er lie das Beil sinken und ma sie mit funkelnden Augen. Du bleibst!

Es schien, als wollte sie ihn mit beiden Hnden an der Brust fassen;
aber sie besann sich und ging auf das Bett zu. Schau her, auf dein
armes Kind! Ich hab es lieber gehabt als mich selber, und heut in der
Nacht hab ich gemeint, ich mu mir die Seel herausbeten aus dem Leib.
Und schau, jetzt leg ich die Hand auf sein kaltes Herz: da ich zu
keinem Menschen ein Sterbenswort von dem sagen will, was ich wei! Bist
du zufrieden? So gib mir den Weg frei!

Du bleibst, sag ich! Und bevor ich nit in aller Ruh mit dir geredet hab
--

So halt mich, wenn du kannst!

Ehe sie noch ausgesprochen hatte, war sie in der Kammer verschwunden; er
merkte ihre Absicht und strzte ihr nach; bevor er die Schwelle
erreichte, hatte Gittli sich schon auf die Brstung des Fensters
geschwungen. Mit einem Faustschlag zerfetzte sie den dnnen Schliem, mit
dem der Rahmen verklebt war, sprang ins Freie und flog der Strae zu.

Gittli, Gittli! Dirn! Ich tu dich bitten um Gottes willen! Gittli!
Gittli! klang die Stimme des Bruders hinter ihr.

Sie schlug ihre Hnde vor die Ohren, um nimmer zu hren. So rannte sie
und rannte.

Es war nur eines in ihr, und dieses eine schrie: zu ihm, zu ihm! Sie
fragte sich nicht, was so pltzlich in ihr erwachte, allen Schmerz der
vergangenen Stunden in ihr erstickte, um ein noch tieferes Weh ber sie
zu bringen, und sie losri von ihrem Bruder, um sie unaufhaltsam zu
jenem andern zu treiben, der vor wenigen Tagen fr sie noch ein Fremder
war. Sie fragte sich nicht: ob er tot lge in seinem Blut? Ob er noch
lebe? Wie sie ihm helfen wollte? Ob sie auch helfen knnte, allein, mit
ihrer schwachen Kraft? Sie fragte und sagte sich nichts, als immer nur
das eine: zu ihm, zu ihm!

Was in ihr lebendig geworden, was sie trieb und jagte, ohne Denken und
Besinnen, war entfesselte Natur, die in diesem sechzehnjhrigen Kinde
nicht anders wirkte als in einem tausendjhrigen Stein, der auf steilem
Berghang liegt, ruhig, bedeckt von Moos; der Tritt eines Wildes, der Fu
eines Wanderers, das Wasser eines jhen Regens, ein Sto des Zufalls
setzt ihn in Bewegung, und unaufhaltsam geht seine Reise, nicht zur
Rechten, nicht zur Linken, nur fort und immer fort, dem unbekannten Ziel
entgegen, keine Schranke messend, keine Tiefe scheuend, keinem Halt
gehorchend; nur immer fort und fort, bis sein Weg vollendet ist, bis am
Fu des Berges ein sonniger Rasen ihn empfngt, oder bis ihn der dunkle
See verschlingt, auf dessen tiefem Grund er den Ort der Ruhe findet, den
die Natur ihm vorbestimmte.

Die Leute, denen Gittli auf der Strae begegnete, blieben stehen,
blickten ihr nach und schttelten die Kpfe. Ein Mdel, das mit wehenden
Bndern im Haar zum Tanze ging und von Gittli berholt wurde, rief ihren
Namen. Gittli sah und hrte nichts. Sie rannte und rannte. Als sie, nahe
den Bauernhfen am Unterstein, von der Strae zu einem Fupfad ablenkte,
vernahm sie pltzlich von der Taferne her das Klingen der Geigen und
Pfeifen. Dort wurde der Ostertanz gehalten. Da mute sie an die
Botschaft denken, die Walti der Klosterbub ihr gebracht hatte. Tags
zuvor, nach der Auferstehungsfeier, hatte der Bub sie vor dem Tor der
Kirche erwartet: Du, der Jger schickt mich. Ich soll dich fragen,
warum du geweint hast, droben beim Vogt. Und morgen, wenn er
herunterkommt zum Ostertanz, soll ich's ihm wieder sagen.

Er hatte an sie gedacht. Er hatte sich gesorgt um ihren Kummer. Und zum
Tanz hatte er kommen wollen, zum Tanz mit ihr! Und jetzt? Jetzt?

Haymo! Haymo! schrie sie und rannte weiter, whrend drben in der
Taferne die Stimmen der Geigen und Pfeifen bertnt wurden von einem
wirren Jauchzen und Gejohl.

Ein Tanz war eben zu Ende. Mit brennendem Gesicht, aber wenig frhlichen
Augen trat Zenza aus der Tr der Taferne. Suchend schaute sie umher,
ging bis in die Mitte der Strae und sphte mit verdrossenem Blick den
leeren Weg entlang.

Von der entgegengesetzten Seite kam ein junger, schmchtiger Bursch
gegangen, mit freundlichem Gesicht und gutmtigen Augen. Seine
leichtgebeugte Haltung und die weien, schwielenlosen Hnde verrieten
den Bildschnitzer. Als er das Mdel gewahrte, leuchtete sein Blick.
Lchelnd schlich er sich an Zenza heran und drckte ihr die Hnde ber
die Augen. Rat! sagte er mit verstellter Stimme. Wer bin ich?

Zenza kicherte und griff nach seinen Armen. Einer, auf den ich gewartet
hab!

Diese Antwort machte sein Gesicht vor Freude glhen; aber er hielt fest;
nun wollte er auch seinen Namen hren. Wer bin ich?

Einer, den mir der Herrgott in der Rt geschickt hat.

Er lachte. Den >Herrgott<, der in der Rt am Kreuze hing, den hatte er
geschnitzt. Eine Feine, die Zenza! Die Wrtlein stellen, das verstand
sie wie keine! Aber jetzt sollte sie erst recht den Namen nennen, jetzt
gerade!

Wer bin ich?

Einer, der sich heut nacht an meinem Fenster nit hat klopfen trauen,
wie er den Buschen gebracht hat, den ich am Mieder trag! Mit jhem Ruck
ri Zenza die Hnde des Burschen nieder, zog seine Arme fest um ihren
Hals und blickte ber die Schulter lachend zu ihm auf. Als sie sein
Gesicht erblickte, verstummte ihr Lachen. Ulei[14]? Du? Und weil er
sie festzuhalten versuchte, stie sie ihn zornig von sich.

Aber Zenza? Ich bin's ja doch -- Er deutete auf die Veilchen an ihrer
Brust.

Sie trat mit funkelnden Augen vor ihn hin. Du? Du hast mir den Buschen
gebracht? Mit hlichem Lachen ri sie den Strau von ihrem Mieder und
warf ihn dem Burschen an den Kopf. Da hast du mein Vergeltsgott!

[Funote 14: Ulrich.]

Ulei stand mit erblatem Gesicht, whrend Zenza in der Tr der Taferne
verschwand. Sie mute das Haus und einen Hof durchschreiten, um die
Scheune zu erreichen, in welcher der Ostertanz gehalten wurde. Da ging
es laut und lustig zu; auf dem Heuboden saen zwei Fiedler und ein
Sackpfeifer, die sich eben anschickten, einen neuen Tanz zu beginnen.
Einzelne Paare traten schon zum Reigen an, die Weibsleute lachend, die
Burschen jauchzend und mit den Fen stampfend.

Unter dem Tor der Scheune blieb Zenza stehen und rief mit lauter Stimme
in den wilden Lrm hinein. Buben! Wer ist unter euch der rmste und der
mindest?

Es wurde still, alle Gesichter wandten sich ihr entgegen; es wollte
keiner der rmste sein und keiner der schlechteste. Zenza trat in die
Mitte der Scheune.

Ist einer da, den gar keine andere mag?

Der Kropfenjrgi! Der Kropfenjrgi! schrien die Mdchen lachend
durcheinander.

Zenza blickte suchend umher und sah in einem Winkel der Scheune einen
Burschen hocken, mit blatternarbigem Gesicht und blden Augen; wer ihn
ansah, brauchte nicht mehr zu fragen, weshalb man ihn den Kropfenjrgi
nannte. Zenza trat auf ihn zu und fate seine Hand. Komm, Jrgi! Heut
tanz ich nur noch einen einzigen. Den tanz ich mit dir. He, Spielleut!
Macht einen auf!

Jrgi wurde rot und bla; als er sah, da Zenza es ernst meinte, stie
er einen gellenden Jauchzer aus, reckte sich stolz und fate das Mdel
um die Mitte.

Die Geigen klangen, die Sackpfeife dudelte, aber kein zweites Paar trat
zum Reigen an; die Burschen und Mdchen standen im Kreis umher und
begleiteten den Tanz der Zenza und des Kropfenjrgi mit johlendem
Gelchter.




                                 11.


Als um die Mittagsstunde vom Mnsterturm der Hall der Glocken ber Berg
und Tal schwebte, hatte Gittli schon die Almen erreicht. Ihre Krfte
waren fast erschpft, und doch lag vor ihr noch ein weiter, weiter Weg.
ber das offene Almfeld, von dem sie den Kreuzwald schon erblicken
konnte, eilte sie noch in vollem Lauf hinweg. Doch als sie einen
steilen, brchigen Hang erreichte, auf dem die Regenstrze des Frhjahrs
jede Spur eines Pfades vertilgt hatten, ging ihr der Atem aus, und die
Glieder versagten. Zu Tod erschpft sank sie auf einen Rasenfleck;
schluchzen konnte sie nicht, nur sthnen. Mit der Brust auf der Erde
liegend, drckte sie das glhende Gesicht in das khle Gras und krampfte
die Hnde in den Grund. Sie meinte zu sterben, zu ersticken. Und dennoch
fhlte sie nicht die eigenen Schmerzen, sie dachte nicht an sich selbst,
immer nur an ihn! Jetzt lag sie hier, ein Huflein Elend und Schwche --
und er lag hilflos dort oben, verblutend, sterbend. Sie richtete sich
halb empor und schrie mit gellender Stimme in die lautlose Stille der
Berge: Hoidoooh! Leut! Leut!

Niemand gab Antwort; nur das Echo ihrer Stimme klang hohl zurck von
Wald und Wnden.

Weshalb nur hatte sie zu seiner Hilfe die Leute nicht gerufen, wo Leute
waren? Drunten im Tal, im Dorf? Hatte sie an den Schwur gedacht, bei dem
sie die Hand auf das erkaltete Herz des Kindes gelegt? Ach Gott, das
Kindl, das Kindl! Nun konnte sie wieder schluchzen. Oder hatte sie
gemeint, da sie allein ihm helfen, allein ihn retten und heilen knnte,
wie durch ein Wunder? Nein, nein! An gar nichts hatte sie gedacht, weder
an das eine, noch an das andere -- sie war gerannt und gerannt, blind
und taub, ohne zu denken, ganz von Sinnen. Und jetzt lag sie hier, so
weit von ihm, noch weiter von den Menschen im Tal. Und wenn er verbluten
mute, verschmachten in Schmerzen und Not, dann war es ihre Schuld, nur
ihre Schuld allein!

Sie mute zu ihm, sie mute, mute, und wenn ihr die Fe brechen und
alle Glieder vom Leibe fallen sollten. Haymo! Haymoli! Schau, ich komm
schon! Mhsam raffte sie sich auf, keuchend berwand sie den steilen
Hang. Droben im dunklen Hochwald, der sie umfing, lehnte sie sich fr
kurze Weile an einen Baum, bis sie Atem fand, dann wankte sie weiter.
Die sachte Neigung des Waldes und ein ausgetretener Pfad erleichterten
ihr den Weg.

Pltzlich blieb sie lauschend stehen; hinter einer Biegung des Steiges
hrte sie Steine kollern, hrte tappende Schritte, als kme, schwer
auftretend, einer mit nackten Fen gegangen. Hei fuhr ihr die Freude
zum Herzen. Das war Hilfe, die ihr der liebe Herrgott sandte! Sie wollte
rufen, aber der Laut erstarb ihr in der Kehle.

Um die Biegung des Pfades kam ein Br getrottet, die Nase des dicken
Kopfes sprend zur Erde gesenkt. Ohne recht zu wissen, was sie tat,
raffte Gittli einen Stein auf und hob den Arm zum Wurfe; doch als der
Br verhoffend den Kopf aufrichtete, machte der Schreck sie erstarren.
Sie rhrte wohl die Lippen; aber nicht in Worten, nur in Gedanken sprach
sie den Brensegen:

   Grovater Zottefell,
   Sfu, Waldgesell,
   Rhr mich nit an,
   Birg deinen Zahn,
   Ht deine Tatz,
   Weiche vom Platz,
   Krumm, krumm,
   Um mich herum!

Regungslos standen der Br und das Mdchen sich gegenber; Gittli mit
erhobenem Arm, vom Entsetzen fast versteinert, der Br betroffen,
beinahe selbst erschrocken ber die unerwartete Erscheinung. Eine Weile
betrachtete er mit schiefgehaltenem Kopf das Mdchen, dann schttelte er
den Pelz, wandte sich seitwrts in den Wald und trollte zwischen den
Bumen davon. Der Stein fiel aus Gittlis Hand, der Bann ihrer Glieder
lste sich, und von peinigender Furcht getrieben, strzte sie davon.
Doch nicht fr ihr eigenes Leben frchtete sie. Das Abenteuer war
gefahrlos berstanden. Aber der Br war von dort gekommen, wohin ihr Weg
ging! Die Angst stellte ihr ein Bild vor die Seele, das sie schaudern
machte bis ins innerste Mark. Sie rannte und rannte; alle Erschpfung
war von ihr gewichen. Entsetzen, Jammer und Sorge hatten ihre
erlschenden Krfte neu belebt.

Jetzt erreichte sie das offene Steintal und sah auf der Hhe schon das
Kreuz in die Lfte ragen, umflimmert vom Schein der Sonne.

Nun stieg sie ber den letzten Hang empor. Immer wieder mute sie stehen
bleiben. Nicht die Ermdung, sondern die herzbrechende Angst vor dem
Anblick, der ihrer wartete, benahm ihr den Atem und fesselte ihre
Glieder. Alle Pein, die sie erfllte, sprach aus dem trostlosen Blick
ihrer Augen.

Wankend erreichte sie die Hhe. Haymo, Haymo! Der Platz vor dem Kreuze
war leer. Nur eine halb vertrocknete Blutlache bezeichnete die Stelle,
an der die Tat geschehen war. Und versprengtes Blut klebte auch an dem
Kreuz und seinem Bilde. Du! Du bist dabei gewesen und hast es geschehen
lassen. Dann wieder schrie sie: Haymo! Haymo! Keine Antwort kam. Da
gewahrte Gittli, da eine blutige Fhrte auf dem Pfad hinwegfhrte gegen
die Jagdhtte. Ein Schimmer freudiger Hoffnung erwachte in ihr: Haymo
mute leben, er hatte noch die Kraft besessen, sich aufzurichten, sich
heimzuschleppen. Immer wieder den Namen des Jgers rufend, folgte sie
der Spur, die er gezeichnet mit seinem Blut. Und jeder neue Tropfen, den
sie fand und der sie leitete, war ihr ein neuer brennender Schmerz.

Immer nher kam sie der Htte, und immer wollte ihr jammernder Ruf noch
keine Antwort finden. An der Htte, die sie mit einem Steinwurf schon
htte erreichen knnen, sah sie die Tr geschlossen. Diese Wahrnehmung
jagte ihr neue Angst in die Seele.

Jetzt lenkte der Pfad aus den dichten Bschen der Krppelfhren auf eine
Rodung -- und da lag er vor ihr, mitten auf dem Steige, leblos, mit Blut
besudelt, das Haupt versunken in welkem Krautwerk, mit seitwrts
geschlagenen Armen, deren Finger noch den Bergstock und die Armbrust
umklammert hielten.

Haymo! Haymoli! rang es sich in Schmerz und doch in Freude von ihren
Lippen, whrend sie niederstrzte an seiner Seite. Sie fate seine
Hnde, rttelte seine Arme, hob sein Haupt empor. Kein Zeichen des
Lebens rhrte sich in seinen Zgen, kein fhlbarer Hauch entstrmte
seinem halb geffneten Mund, fahle Blsse lag auf den eingefallenen
Wangen, und blulich schimmerten die Lippen und die geschlossenen Lider.
Dennoch erlosch die Hoffnung nicht in ihrem Herzen; sie konnte das
Schlimmste nicht frchten, an seinen Tod nicht glauben -- das Undenkbare
denkt man nicht -- und sie hielt ihn in ihren Armen, fhlte die Wrme
seines Krpers! Und zum Jammer blieb ihr keine Zeit, sie mute helfen,
helfen, helfen!

In einer tiefen Felsschrunde gewahrte sie einen Klumpen Schnee; sie
sprang hinber, warf sich auf die Erde, griff mit beiden Armen hinunter
und fate, was ihre Hnde fassen konnten. Mit dem Schnee begann sie
Haymos Gesicht zu reiben; wohl frbte eine matte Rte seine Wangen, aber
das schlummernde Leben wollte nicht erwachen. Was tun? Was tun? Da scho
ihr die Erinnerung an jenen Spruch durch die Sinne:

   Zwei Tropfen machen rot --

Eine Nieswurz! Mit brennenden Augen sphte sie umher. Auf hundert
Schritte fast, einem hohen Fels zu Fen, meinte sie eine Staude zu
erkennen; sie rannte hin und hatte sich nicht getuscht: rings um das
Stckl hingen noch die verblhten Schneerosen an den welken Stengeln.
Mit den Fingern grub sie die Wurzel aus der Erde, und whrend sie
zurcklief, suberte sie Wurzel und Hnde an ihrem Rock.

Nun lag sie wieder neben Haymo auf den Knien, brach die Wurzel in zwei
Stcke, hielt sie ber seine Lippen und drckte und prete, bis aus dem
Mark der Wurzelstcke zwei groe Tropfen auf Haymos Lippen fielen. Mit
heipochendem Herzen wartete sie, keinen Blick von seinem Munde
verwendend. Aber seine Lippen wollten sich nicht rhren, und nicht die
leiseste Bewegung zeigte sich an seiner Kehle.

Sie rttelte seine Schultern und schluchzte dicht an seinem Ohr: Haymo,
so tu doch schlucken, ich bitt dich um Tausendgottswillen, tu doch
schlucken! Dann wieder wartete sie -- vergebens. O Gottele, Gott, was
tu ich denn?

Sie fate einen Ballen Schnee, brachte ihn durch die Wrme ihrer Hnde
zum Schmelzen und lie das Wasser ber Haymos Lippen trufeln. Seine
Mundhhle fllte sich, ein Zucken lief ber seinen Krper, ein heftig
stoender Atemzug, ein Gurgeln und Rcheln, dann wieder lag er still;
seine Lippen bewegten sich; er hatte geschluckt, und gleichmig strmte
sein Atem.

Schluchzend und lachend in Freude, schlang Gittli die Hnde um sein
Gesicht und hob es an ihre Brust. Sie sprte an dem Hauch seiner Lippen,
wie sein Atem sich krftigte, sie sah, wie seinen Wangen, wenn auch nur
matt, die Farbe des Lebens wiederkehrte. Seine Arme bewegten sich, er
rhrte den Kopf, langsam ffneten sich seine Augen und lange, lange sah
er das Mdchen an mit verlorenem Blick. Kennst du mich, Haymo, kennst
du mich? stammelte sie und beugte den Kopf zurck, damit ihm nicht ihre
rinnenden Trnen in das Gesicht fielen. Kennst du mich? Schau, ich
bin's doch, die Gittli! Nun erkannte er sie. Ein tiefer Atemzug hob
seine Brust, seine Augen schimmerten, und ein Lcheln huschte um seinen
Mund. Er wollte sprechen, aber seine Zunge konnte nur lallen.

Tu dich nit plagen, mut nit reden! stammelte sie, whrend sie den Arm
unter seinen Nacken legte, um ihn aufzurichten. Komm, tu dich anhalten
an mir, so! Halt nur recht fest! Schau, es geht schon, es geht! Ihr
ganzer Krper schwankte unter dem Gewicht, mit dem der Entkrftete an
ihrem Halse hing. Dennoch brachte sie ihn auf die Fe. So, und jetzt
mach ein Schrittl! Und jetzt noch eines! So, so! Er wandte halb den
Kopf und tastete mit dem freien Arm gegen die Erde. Sie verstand ihn: er
wollte sich von seiner Waffe nicht trennen, sie war ein Stck seines
Lebens; als er vor dem Kreuz aus tiefer Ohnmacht erwachte, hatte sein
erster Blick der Armbrust gegolten, und bevor er sich von der Stelle
schleppte, hatte er das Weidmesser, noch rot und na von seinem eigenen
Blut, in der Scheide verwahrt.

Gittli lie ihn halb in die Knie sinken, und es gelang ihr, die Armbrust
zu erfassen. Schau, Haymo, schau, ich hab sie schon! Jetzt aber komm
nur, komm! Wir mssen schauen, da ich dich heimbring. Das Griesbeil hol
ich dir spter, jetzt mu ich's liegen lassen. Schau, ich brauch meine
Hnd fr dich! Sie hatte das Schiezeug hinter die Schulter gehngt und
umschlang den Wankenden wieder mit beiden Armen; und so schleppte sie
ihn vorwrts, Schritt um Schritt, jeden Fubreit Weges, den er mit
taumelnden Knien gewann, als ein hei erkmpftes Gut begrend, jeden
zitternden Ruck seiner Fe mit zrtlichen Worten preisend wie eine
Heldentat. Einmal zuckte er sthnend zusammen.

Haymo! flog es in Angst von ihren Lippen.

Der heie Klang seines Namens schien ihm neue Kraft zu geben; er ballte
die Fuste, wie um den Schmerz zu bezwingen, hob das Gesicht zu ihr und
schttelte den Kopf, als wollte er sagen: Es tut nit weh!

Wieder ging es weiter, Schritt um Schritt. Endlich erreichten sie die
Htte; nur mhsam gelang es dem Mdchen, Haymo zum Lager zu bringen; sie
lie ihn auf das Wolfsfell sinken und schob das Polster unter seinen
Kopf. Dann wankte sie selbst vor Erschpfung, ein Schwindel befiel sie,
und schwer atmend, zitternd an Hnden und Knien, sa sie eine Weile mit
taumelnden Sinnen auf der Bank. Als sie sich erholte, gewahrte sie, da
Haymo das Bewutsein wieder verloren hatte. Sie strzte zu ihm; als sie
den ruhigen Gang seines Atems sprte und den matten, aber gleichmigen
Schlag seines Herzens, da war sie wieder getrstet. Sie richtete sich
auf und nahm ihren Kopf zwischen die Hnde: was mute, was konnte sie
tun? Hier in dieser de, auf sich allein gestellt? Sie jammerte und
klagte nimmer. Erst dachte sie, und dann ging sie ans Werk, in
fliegender Hast und dennoch ruhig und besonnen. Wohl fate und erma sie
nicht ganz die Schwere des Ernstes, der auf ihre jungen Schultern gelegt
war. Doch aus dem Kinde war ein Weib geworden, das wohl die jh erwachte
Sprache seines Herzens noch nicht hrte und verstand, ihrem zwingenden
Gehei aber unbewut gehorchte, wie das in Lften treibende Blatt der
Gewalt des Sturmes. Tapfer und siegesfreudig kmpfte sie fr den
todwunden, hilflosen Mann, ohne zu wissen, da sie rang um das
kstlichste Gut ihres Daseins, um das Leben des Geliebten.

Was Gittli empfand, verhllte sich vor ihr in dem kindlichen Gedanken:
da sie mit Leib und Seele diesem Manne dienen und an ihm shnen msse,
was die mrderische Hand ihres Bruders verschuldet hatte.

Bei der Armut des Lebens, das sie unter dem Dach des Sudmanns gefhrt,
hatte Gittli von Kind auf gelernt, manchem bel mit eigener Hand zu
wehren, ohne fremde Hilfe. Das kam ihr nun zustatten. Bei einer
Musterung der Stube fand sie das Ntigste: Feuerstein und Zunder,
gesalzenes Fleisch, das eine krftige Suppe gab, Hirschtalg zur
Bereitung einer Wundsalbe und Leinen zum Verband; mit dem letzteren war
es wohl sprlich bestellt; aber da war gleich geholfen; sie ri sich die
weien, bauschigen rmel ihres Hemdes von den Schultern.

Rasch und sicher ging ihr alles, was sie tat, von den kleinen, flinken
Hnden. Und bei allem, was sie begann, flog immer wieder ein Blick
hinber zu dem stillen Mann. Durch Tr und Fenster leuchtete die Sonne,
und wrzig strmte die Frhlingsluft der Berge in den kleinen Raum, in
dem das Schicksal zweier Menschen auf der Wage schwebte.

Gittli hatte Feuer gemacht und das sorgsam ausgewaschene Fleisch zum
Sieden gesetzt. Nun eilte sie ins Freie, um eine frische Nieswurz
auszugraben und Harz von den Fichten zu sammeln, die um die Htte
standen. Am Feuer luterte sie einen Teil des Harzes, vermischte es mit
geronnenem Hirschtalg und stellte die fertige Salbe an einen schattigen
Ort, damit sie verkhle. Im Fleischtopf brodelte schon die werdende
Suppe. Ach, wenn es doch Sommer wre, dachte Gittli; sie kannte alle
heilsamen und krftigen Bergkruter; welch eine wrzige Suppe htte sie
bereiten knnen! Aber noch sprote auf den Berghalden kein Kraut und
blhte keine Blume. Ein Glck nur, meinte sie, da der liebe Herrgott
die Schneerosen erschaffen hatte!

Sie holte frisches Wasser und trug in einer Pfanne allen Schnee
zusammen, den sie in den Felsschrunden rings um die Htte fand. Und nun
mute geschehen, was ihr am schwersten wurde; mit zitternden Hnden,
scheu und beklommen, begann sie das Werk. In der Tischlade hatte sie ein
Messer gefunden. Mit ihm trennte sie auf der Seite, auf welcher Haymo
die Wunde trug, den rmel von seinem Wams und lste ber der Schulter
die Nhte bis zum Hals. Ein Zittern befiel sie, als sie die blogelegte
Wunde erblickte, die mit blutigen Rndern klaffte wie ein Mund mit roten
Lippen. Die Blutung schien gestillt, doch rings um die Wunde zog sich
eine breite, brennende Schwellung.

Gittli hatte die Hnde vor die Augen geschlagen; rasch fand sie wieder
den in Schmerz und Pein verlorenen Mut. Sie wusch die Wunde, khlte mit
Schnee die glhende Schwellung und erneuerte immer wieder den
schmelzenden Schnee, bis die Rte der Haut zu schwinden, die Schwellung
sich zu senken begann. Jetzt verteilte sie die Salbe auf einen
Leinwandlappen, legte ihn ber die Wunde und verklebte den Rand mit
Harz.

Nun war es getan! Aaaach Gottele! seufzte sie aus erleichtertem
Herzen, und beugte sich ber Haymo. Regungslos hatte er alles mit sich
geschehen lassen; seine Ohnmacht hatte sich, ohne da er aus ihr
erwachte, verwandelt in den tiefen Schlummer der Schwche.

Um die bsen Geister von ihm zu treiben, welche Gewalt ber Schlafende
haben, machte sie auf seine Stirn und Brust das Zeichen des Kreuzes,
flocht aus einem langen Heuhalm, den sie aus dem Lager zog, einen
Drudenfu und legte ihn zu Hupten des Bettes auf die Erde. Dann eilte
sie zum Herd zurck. Die Suppe war krftig und wohlschmeckend geraten;
das Fleisch schnitt Gittli in kleine Stcke und zerrieb sie auf einer
reinlichen Felsplatte mit einem Kieselstein zu Brei, den sie der Suppe
beimengte; dann setzte sie noch einen Tropfen vom Saft der Nieswurz zu
-- er machte das Herz frischer schlagen und das Blut lebendiger strmen
-- und die Suppe war fertig.

In der einen Hand den hlzernen Lffel, in der andern den Napf mit der
Suppe, setzte sie sich auf den Rand des Bettes.

Haymo?

Er rhrte sich nicht.

Sie neigte sich zu seinem Ohr. Haymoli!

Da streckte er sich mit langem Atemzug und schlug die Augen auf.

Sie nickte ihm lchelnd zu. Da schau, was ich dir gekocht hab! Oh, du,
das ist gut! Als htte sie ein Kind vor sich, fhrte sie den Lffel an
ihre Lippen und tat, als ob sie koste. Aaah! Das ist was Feines! Magst
du es essen, ja? Er versuchte sich aufzurichten, doch kraftlos fiel ihm
der Kopf zurck auf das Polster. Aber bleib doch, tu dich nur gar nit
plagen, schau, es geht schon! Sie rckte nher, hielt ihm den Lffel an
den Mund, und whrend er nahm und mhsam schluckte, an ihr hngend mit
feuchten Augen, redete sie mit ihm, wie sie zu hundertmalen mit ihrem
kleinen, sen Mimmidatzi geredet hatte.

Ein Kind der Sorge war ihr mit diesem Tage genommen worden, ein Kind der
Sorge wieder gegeben.

Whrend sie ihm Lffel um Lffel reichte, merkte sie, da auch in ihr
der Hunger brannte. Seit dem vergangenen Abend hatte sie keinen Bissen
genossen. Im Kasten lag ein Laib Schwarzbrot -- das war gut genug fr
sie. Alles andere mute sie fr Haymo bewahren. Verlassen durfte sie ihn
nicht, und es konnten Tage vergehen, bis ein Mensch zur Htte kam.
Drunten wute niemand um Haymos Schicksal, auer dem einen, der auch auf
der Folter nicht reden wrde. Ein Schauer rann ihr durchs Herz, als sie
an Wolfrat dachte und ihn wieder stehen sah mit erhobenem Beil -- der
Bruder wider die Schwester! Sie hatte ein Empfinden, als stnde sie vor
einem bodenlosen Abgrund, so breit, da keine Brcke hinberreichte --
und drben stnde dieser Mann. Und seltsam: es kam ihr vor, als wr' es
immer so gewesen. Als kleines Ding hatte sie ihn gefrchtet, dann war
sie der Sepha von Herzen gut geworden und hatte die Kinder geliebt, als
wre sie ihnen Schwester und Mutter zugleich.

Wie ein flchtiger Schatten zog dieser Gedanke durch ihr Herz; er wich
der hellen Freude darber, da Haymo die Suppe genossen hatte bis auf
den letzten Tropfen. Nun lag er wieder still, mit geschlossenen Augen.

Sie stellte den Napf auf den Herd zurck, schnitt sich ein Stck
Schwarzbrot, trug einen hlzernen Pflock vor Haymos Lager und lie sich
darauf nieder. Nun durfte sie ruhen. Was sie zu tun vermochte, hatte sie
getan. Alles brige mute der liebe Herrgott leisten und Haymos junge,
krftige Natur.

Whrend Gittli ihr Brot verzehrte, stiegen wieder die finsteren,
schmerzvollen und blutigen Bilder dieses Tages vor ihr auf, von der
nchtigen Stunde an, da Sephas angstvoller Ruf sie aus dem Schlummer
geweckt hatte. Ach, das Kind, das Kind! Solch ein liebes, ses,
unschuldiges Ding! Wie kann nur das geschehen? Gestern hielt man es noch
in seinen Armen, hat es geherzt und gekt, hat sich die Seele warm
gefreut an seinem holden Leben, hat mit dem Herzen sich hineingetrunken
in die blaue, lautere Tiefe seiner Augen. Und wo ist es heut? Weg, fort,
irgendwo -- wohin keine Arme greifen und keine Sehnsucht reicht!

Ach, und die Seph! Mein Gott, mein Gott, die arme Seph!

Es legte sich auf Gittlis Herz wie ein schwerer Stein; sie schlug die
Hnde vor das Gesicht.

Da klang die lallende Stimme Haymos an ihr Ohr: Gittli?

Hastig fuhr sie sich ber die Augen. Ja, Haymoli, schau, ich bin schon
bei dir! Willst du was?

Er tastete mit kraftlosen Armen nach ihr, und als sie seine Hand mit
beiden Hnden umschlo, lallte er:

Gittli -- vergelt's Gott!

Sie schttelte den Kopf und lachte ihn an. Sie hatte doch nur getan, was
sie mute.

Seine Hand lie sie nicht wieder los. Und whrend sie nun so sa, Stunde
um Stunde, bald in heier Sorge zu ihm aufblickend, bald wieder verloren
in finster und sonnig durcheinanderschwimmende Gedanken, kam auch in ihr
die Natur zu Recht und Geltung. Die Erschpfung lste ihre Glieder, ihr
Kopf sank auf den Rand des Lagers, und als sich drauen der Tag zum
Abend wandelte, schlief sie schon und atmete in langen Zgen.

Vor der Htte gurgelte der rinnende Quell, und leise rauschte der
Bergwald in der Ferne.




                                 12.


Am Morgen des Ostermontags trug Wolfrat Polzer sein entschlafenes Kind
zur ewigen Ruhe. Da gab es keine Klagleute -- Sepha lag fiebernd zu
Bett, Lippele zhlte nicht, Gittli fehlte, und von den Nachbarsleuten
kmmerte sich keine Seele um den Tod, der im Hause des Sudmanns Einkehr
gehalten. Wolfrat Polzer und auf seiner Schulter das stille Kind -- das
war der ganze Leichenzug; das starre Krperchen war in ein Leintuch
gewickelt und lag auf einem Brett, das Wolfrat in Gestalt einer
Wickelpuppe zugeschnitten hatte. Der Sudmann hatte schon oft in seinem
Leben schwerer getragen, aber noch keine Last hatte ihn so tief gebeugt.
Die Leute, denen er auf dem Weg zur Kirche begegnete, zogen die Kappen
und schlugen ein Kreuz. Im Friedhof erwartete ihn der Totengrber beim
ausgeworfenen Grab, in einem Winkel nahe der Mauer.

Ich will den Kaplan holen, sagte der Mann, kannst das Kind derweil
hinunterlegen.

Wolfrat blieb allein; er lste den Strick, mit dem der kleine Leichnam
auf das Brett gebunden war, nahm das Kind auf seine Arme und stieg in
die Grube; ein Stck Rasen gab er der kleinen Schlferin als Polster;
zwei Steinplatten, die der Totengrber aus dem Boden geworfen, stellte
er wie ein Dach ber den Kopf des Kindes, damit ihm die fallende Erde
nicht das Gesicht drcke. Nun sah er den Kaplan mit dem Bruder Mesner
kommen und stieg aus der Grube.

Ein lateinisches Gebet, zwei sich kreuzende Striche mit dem tropfenden
Weihwedel, und Kaplan und Mesner gingen wieder davon. Eine Armeleutleich
ist immer schnell abgetan. Der Totengrber stie die Schaufel in die
Erde. Kann ich anfangen?

Wolfrat nickte. Doch als der Mann die ersten Schollen schwer in die
Grube fallen lie, fate Wolfrat den Stiel der Schaufel. So tu doch nit
so grob!

Ich mu mich tummeln, in einer Stund kommt schon wieder ein anderer.
Jetzt sterben die Leut wie nrrisch.

So la mir die Schaufel!

Meintwegen! Hast du die drei Heller?

Wolfrat griff in die Tasche und zog eine Handvoll blinkender Mnzen
hervor. Da schau her! sagte er mit heiserem Lachen. Geld hab ich wie
Mist! Und statt der drei Heller, die der Mann nach dem klsterlichen
Weistum zu fordern hatte, bezahlte Wolfrat einen halben Schilling. Nimm
nur! Ein bil was mu das Kind doch auch davon haben. Wieder lachte
Wolfrat; aber sein Gesicht verzerrte sich, und seine Hnde zitterten.

Kopfschttelnd ging der Totengrber davon. Ist das aber einer! Der kann
lachen, wenn er sein Kindl eingrabt.

Wolfrat fate die Schaufel und legte Scholle um Scholle achtsam in das
kleine Grab. Bei der ersten Scholle sagte er: Von der Mutter! Bei der
zweiten: Vom Vater! Bei der dritten: Vom Lippele! Dann schaufelte er
schweigend weiter. Weshalb vermied er es, auch in Gittlis Namen dem Kind
eine Scholle als letzten Gru zu spenden? Es sollen nach altem Brauch in
ein sich schlieendes Grab doch alle eine Scholle legen, die eines
Stammes sind? War die Schwester fr ihn tot, seit er in finsterer Stunde
erfahren mute, da ihrem Herzen das Schicksal eines Fremden nher
stand, als Wohl und Wehe ihres leiblichen Bruders?

Der Hgel ber dem Grabe war vollendet. Wolfrat stie die Schaufel in
die Erde, und nun stand er lange, lange, den Kopf auf die Brust gesenkt,
zwischen den zuckenden Fingern die Kappe drehend. Beten konnte er nicht.
Er tat einen schweren Atemzug und bedeckte das Haupt.

Mut nit lang warten, Katzl! Pa nur auf, es kommt schon eins ums
ander! Die Mutter und ich, und -- Nein, den Namen seines Buben brachte
er nicht ber die Lippen.

Als er sich vom Hgel wandte und das leere Brett unter den Arm nahm,
kollerten ihm zwei schwere Trnen in den Bart.

Er wollte nicht ber den Marktplatz gehen; dort waren ihm zu viel Leute.
Auf einem Umweg suchte er das Haus eines Taferlmalers. Er fand den
Meister daheim. Schreib mir den Namen auf das Brett! sagte er zu ihm.

Ist bei dir eins gestorben?

Ein Kind. Mariele hat's geheien! Mach's nur recht schn! Rot und Blau.
Und mal auch ein Kreuz darunter! Ich zahl's. In einer Stund komm ich
wieder und hol das Brett.

Von hier begab sich Wolfrat in die Klostervogtei, um das Lehent zu
entrichten. Er fand Herrn Schluttemann in Montagslaune. Das war von
allen Launen des Vogtes die schlimmste. Denn am Sonntag, dazu noch an
einem hohen Feiertag, pflegte Herr Schluttemann lnger als gewhnlich im
Kellerstbl des Klosters zu verweilen; um so schrfer war dann aber auch
am folgenden Morgen Frau Ccilias Zunge geschliffen; und da das grere
Feuer die grere Hitze macht, so war es begreiflich, da Herr
Schluttemann an solch einem Montagmorgen in seiner Amtsstube umherfuhr
wie ein Wetterstrahl, der aus den Wolken keinen Ausweg findet, immer
blitzt und donnert, ohne sich ganz entladen zu knnen.

Als Wolfrat ber die Schwelle trat, fiel Herr Schluttemann mit einem
Schwall von scheltenden Worten ber ihn her, wie ein Wildbach mit seinen
Wassern ber einen geduldigen Felsblock; Wolfrat stand ruhig und stumm;
eine Weile lie er das Ungewitter ber sich ergehen; dann, als Herr
Schluttemann einmal Atem schpfte, sagte er: Was plagt Ihr Euch so mit
Schreien, Herr Vogt? Ich hr auch, wenn Ihr den Blasbalg minder
anzieht.

Die Verblffung ber diese kecke Rede schien Herrn Schluttemann beinah
in Stein zu verwandeln; sein rotes Gesicht wurde noch rter, er warf die
Fuste in die Hhe, durchma im Sturmschritt die Stube und donnerte:
Hat man so was schon erlebt in der ganzen Christenheit? Wie dieser
Mensch sich mit mir zu reden traut! Solch ein Schwertmaul! Oh! Ah! Hoho!
Ich, der Vogt, ich soll wohl hfische Reden fhren? Mit solch einem
Salzpantscher? Belieben, geruhen, befehlen Euer Gnaden? Soll wohl gar
noch katzebuckeln vor solch einem Kerl, der das Lehent nicht bezahlen
kann?

Aus Wolfrats Augen scho ein finsterer Blick. Wer sagt das, Herr Vogt?
Ich bring das Lehent.

Herr Schluttemann drohte die Fassung zu verlieren. Er bringt das
Lehent? Bringt es? Bringt es? Blasend stemmte er die Fuste in die
Hften und kam auf Wolfrat losgeschossen, als wollte er ihn ber den
Haufen rennen wie der Sturmbock die Mauer. Wer hat dich geheien, das
Lehent zu bringen? Wenn Seine hochwrdigste Gnaden, unser Propst, die
Gte und himmlische Milde haben, zu sagen: man sehe zu, ob dieser
Wolfratus ein Spieler und Sufer ist -- und das bist du nicht, und ein
tchtiger Schaffer bist du auch, da beit die Maus kein Faden ab! Gott
straf mich! Und weil es wahr ist, sagen Seine Gestreng, Herr Heinrich
von Inzing, mein allergndigster Herr Propst, soll diesem Wolfratus fr
heuer das Lehent erlassen sein! Herrn Schluttemann ging der Atem aus.

Das Lehent? Erlassen sein? stammelte Wolfrat. Er war kreidebleich
geworden und wankte, als htte ihn ein Schwindel befallen.

Und jetzt bringt er das Lehent! Bringt es! Bringt es! Herr
Schluttemann rang ber diese Tatsache die Hnde, als htte er den
Untergang von Jerusalem zu bejammern. Und wieder zu Wolfrat sich
wendend, schrie er ihn an: Woher hast du das Geld?

Ich hab's geschafft, weil es her hat mssen! erwiderte Wolfrat, starr
aufgerichtet, mit heiserer Stimme. Woher ich es hab, braucht Euch nit
zu kmmern. Ihr mt es nit heimzahlen. Aber wenn Euch schon die Neugier
plagt: der Eggebauer hat mir's geliehen.

Der Eggebauer? Geliehen?

Weil ich ihm in der Samstagnacht seinen hlzernen Herrgott
hinaufgetragen hab auf seine Alm in der Rt. Laut und langsam sprach
Wolfrat diese Worte.

Den schweren Herrgott? In der Nacht? Und deshalb hat er dir das Geld
geliehen?

Und weil er vielleicht gemeint hat, Ihr knntet ihm noch einen
schlechteren Nachbar auf das Genick setzen, wenn ich vom Lehen gejagt
werde.

Der Teufel jagt dich vom Lehen! Aber ich nicht! donnerte Herr
Schluttemann. Bin ich denn ein Wurm, der Feuer speit und Steine frit?
Auf der Stelle machst du jetzt, da du heimkommst zu Weib und Kind. Und
diesem Schmersack gibst du sein Geld zurck, bis auf den letzten Heller.
^Apage^!

Herr Schluttemann machte einen Versuch, Wolfrat am Kragen zu fassen, um
ihn zur Tr hinauszudrehen. Der Sudmann aber packte mit eisernem Griff
den Arm des Vogtes. Jetzt hab ich das Geld, jetzt will ich auch zahlen.
Ich will von keinem was geschenkt. Und vom Kloster am allerletzten. Er
ging auf den Tisch zu und zhlte die acht Schillinge der Reihe nach auf
die Platte; jedem gab er mit dem Daumen einen Druck, da es klang und
klirrte.

Himmelwetter, soll ich denn in meiner Stube nimmer Herr sein? schrie
Herr Schluttemann, dessen rote Nase vor Zorn blau anlief wie Stahl im
Feuer. Wirst du gleich tun, was ich sage! Wirst du gleich das Geld
wieder einpacken! Wirst du machen, da du weiterkommst? Bei jedem
>wirst du< schlug er die Faust auf die Tischplatte, da die Silberstcke
sprangen und hopsten wie die Dirnen beim Ostertanz. Und wenn der
Eggebauer schon sein Geld zum Fenster hinausschmeien will, so behalt es
selber und la es deinem kranken Kind zugutkommen. Das Kloster braucht
es nicht.

Mein Kind auch nimmer.

Dein Kind ist also wieder gesund?

Dem tut kein Faserl nimmer weh. Der schwarze Bader hat ihm geholfen,
der Armeleutbader. Und umsonst, Herr Vogt, ganz umsonst! Der hat allweil
Zeit, und hat keinen Schlaf in der Nacht, wenn eins um ihn schreit. Und
habt Ihr einmal Zeit, Herr Vogt, nachher nehmt das Leutbuch aus dem
Kasten und machet einen dicken Strich, wo meinem Kind sein Nam steht.
Polzer Mariele. Wolfrat wandte sich ohne Gru zur Tr.

Polzer! Um Herrgottswillen! stotterte Herr Schluttemann. Polzer! He!
Polzer!

Wolfrat hatte die Stube schon verlassen. Vor dem Klostertor stand er
still und drckte die Fuste vor die Stirn. Das auch umsonst, das auch!
Und niemand anders hat mir das eingebrockt als die Dirn! Er streckte
die rechte Hand vor sich hin und sprach sie an mit verbissenem Lachen:
Du hast es notwendig gehabt, da du dich so getummelt hast,
selbigsmal! Ein zorniger Blick seiner heien Augen suchte die fernen
Hhen der Berge. Aber wart nur, du Kramp, komm mir nur wieder unter die
Hand!

Langsam ging er, um das Totenbrett seines Kindes zu holen.

Als er sein Lehen erreichte und in den Hausflur treten wollte, hrte er
vom Hag her einen leisen Pfiff. Dort drben stand der Eggebauer. Wolfrat
sphte nach allen Seiten, lehnte das Totenbrett an die Wand und ging zum
Hag.

Warst du bei ihm? fragte der Eggebauer flsternd.

Wolfrat nickte.

So red doch! Dem Bauer sprach die heillose Angst, die ihn erfllte,
aus jedem Blick.

Reden? Was ist da viel zu reden? Heut hat er noch allweil nichts wissen
knnen. Ich selber hab geredet, wie's ausgemacht war. Halt nur fest bei
der Stang, wenn die Frag einmal an dich kommt!

Der Eggebauer machte zwei Fuste mit eingezogenen Daumen.

Wie steht's denn mit deinem Weib? fragte Wolfrat. Hast du es ihr
schon gegeben? Er meinte das Herzkreuzl des Steinbocks.

Der Eggebauer schttelte trbselig den Kopf. Das Weib treibt's rger
mit jeder Stund. Was F hat im Haus, Mensch und Hund und Katz, alles
wird von dem Weib umeinander getrieben, da einem der Schnaufer vergehen
mcht. Und wenn ihr der Wehdam ankommt, nachher halt's schon gar kein
Mensch nimmer aus mit ihr. Und doch, ich trau mich nit, da ich ihr's
geb! Wenn das Weib gesunden tt, sie knnt das Maulwerk nit halten. Und
alles mt aufkommen.

Es zuckte seltsam in Wolfrats Gesicht. Am End willst es ihr gar nimmer
geben? Aus lauter Angst, es knnt ihr helfen?

Der Bauer nickte. Da mich die Versuchung nit ankommt, wenn mich das
Weib wieder einmal plagt bis auf die Haut, drum hab ich das ganze
Teufelszeug mitsamt dem Bchsel hinterm Haus vergraben.

Jetzt lachte Wolfrat laut hinaus.

Geh, du Narrenteufel! brummte der Eggebauer, dem nicht lustig zu Mut
war bei diesem Gelchter. Mir scheint, du kommst aus der Wirtsstub,
aber nit vom Freithof.

Aber geh, Bauer, so lach doch mit! Denn jetzt pat alles zueinander.
Mein Kind hat nichts davon haben sollen, als nur den halben Schilling
fr die ewige Liegerstatt und um einen Heller Farb auf dem Brett, und
dein Weib soll nichts haben davon, und es htt auch nit sein mssen ums
Lehent! Nur grad, da ich die roten Hnd davon hab! Alles umsonst! Aber
gelt Bauer, es wird halt so sein mssen! Warum? Da kannst du lang drum
fragen!

So red doch nit daher wie ein Unsinniger! In meinem Kopf schaut es eh
schon aus wie in einem Grillenhaus.

Da klang vom Hause her Zenzas scharfe Stimme: Vater!

Ja, ja, ich komm schon! rief der Eggebauer und wandte sich wieder zu
Wolfrat. Mir graust, weil ich nur wieder hinein mu ins Haus! Ich sag
dir's, Polzer, mir graust vor einer jedweden Stund! Und wenn eins
anfangt, kommt gleich alles bereinander. Ich htt schon genug an dem
Weib, und jetzt fangt das Mdel auch noch an und dreht den Daum auf,
heult in einem fort, oder schreit und haut alles kurz und klein, was ihr
in die Hnd kommt, als wr seit gestern eine Hex in sie gefahren. Ich
sag dir's, Polzer, jedes Stck Vieh in meinem Stall hat's besser als
ich, der Bauer. Umeinander steh ich wie eine Sulz, an der alles zittert,
wenn einer mit dem Finger dran hinrhrt. Mir schmeckt kein Bissen mehr
und kein Trunk. Da schau her! Der Eggebauer stie die Faust hinter
seinen ledernen Gurt. Schau! Zwischen Gurt und Bauch fahrt mir schon
bald ein Wagen durch. Polzer, Polzer! Es mu doch wahr sein: man soll
die Hnd von allem lassen, was nit richtig ist. Was hast du davon?
Nichts, nichts, nichts -- als da dir's den guten Schlaf vertreibt und
den schlechten Magen blht!

Gelt? Kommst auch schon drauf?

Und whrend Wolfrat lachte mit bleichen Lippen, kugelten dem Eggebauer
dicke Zhren ber die schwammigen Backen. Der Bauer fuhr sich mit dem
rmel ber die Nase. Was ist denn, ist dein Mdel schon wieder
heimgekommen?

Ich wei nit.

Wenn du was hrst, wie's droben ausschaut, so komm und sag mir's!

Wolfrat nickte; dann gingen sie auseinander.

Als der Sudmann in seinem Haus die Stube betrat, sprang ihm Lippele
jubelnd entgegen; der Bub hatte dem Vater eine groe Neuigkeit zu
melden: in der Scheune begnnen zwei >wutzikleine, butziliebe Vogerln<
ihr Nest zu bauen.

So, so? sagte Wolfrat und strich die zitternde Hand ber den Kopf
seines Buben. Nachher geh nur, Lippele, und schau ihnen zu und pa
recht auf! Da kannst du dir auch einmal ein Nestl bauen! Er schob den
Knaben zur Tr hinaus.

Kaum war der Bub verschwunden, da richtete Sepha im Bett sich hastig
auf. Alle Angst ihres Herzens zitterte in ihrer Stimme: Polzer? Hat
dich schon einer drum angeredet?

Er schttelte den Kopf. Es kann noch keiner drum wissen. Als wren ihm
alle Glieder gebrochen, so lie er sich auf den Rand des Bettes nieder.
Sie faten sich bei den Hnden und sahen sich stumm in die Augen.
Wolfrat lie den Kopf auf die Brust sinken, und Sepha weinte leise vor
sich hin.

Nach einer Weile fragte sie: Wo liegt's denn?

Bei der Mauer im Eck.

Wieder nach einer Weile: Hast du das Brettl mit heimgebracht?

Er nickte.

Geh, la mich's anschauen!

Wozu denn? Schau, Seph, was hast du denn davon? Nur da du dich kmmern
mut!

Ich mcht's aber sehen! Mehr hab ich eh nimmer von ihm als das Brettl.

Er ging und holte das Totenbrett. Gelt, schn hat er's gemacht?

Sie wischte sich die Trnen aus den Augen, um besser sehen zu knnen.
Mit beiden Hnden hielt sie das kleine Brett vor sich hin; um seinen
Rand war ein Krnzl gemalt, welches blhende Schneerosen vorstellen
sollte; in der Mitte stand, blau und rot, der Name -- und darunter ein
schwarzes Kreuz. Mit brennenden Augen starrte Sepha die Zeichen an, die
sie nicht lesen konnte, von denen sie nur wute, was sie bedeuten
sollten. Mariele! Mariele! Aufschluchzend drckte sie das Brett an ihr
Herz und umschlang es mit den Armen.

Abermals verging eine lange, stumme Weile. Dann fragte Wolfrat: Wie
nimmt's denn der Bub auf? Hat er schon einmal gefragt nach ihr?

Sie schttelte den Kopf. Mein Gott, ein Kind! Ich glaub, er sprt's gar
nit, da eins fehlt im Haus.

Knnt eins doch allweil ein Kind bleiben! Da ist jeder Tag ein ganzes
Leben. Nachher schlafst du und fangst wieder ein neues an. Wolfrat
erhob sich und stie die Kammertr auf; als er den Raum leer fand, fuhr
ihm ein Fluch ber die Lippen.

Polzer, Polzer! stammelte Seph. So sei doch froh, da die Dirn noch
allweil nit daheim ist. Ich mein', das wr ein gutes Zeichen. Sie wird
ihn lebendig gefunden haben. Polzer, Polzer! Wenn das wahr sein knnt!
Wenn er davon km! Wr das ein Glck! Schluchzend hob sie die Hnde
gegen den Himmel. O du grundgtiger Herrgott, schau, nur grad das
Einzige tu fr uns!

Ja, ja, nur grad das Einzige! fiel Wolfrat mit heiserem Lachen ein.
Da er wieder aufkommt, da er herstehen kann vor mich und den Arm
strecken und sagen: >Der da war's!< Wr das ein Glck! Geh, Seph,
brauchst dich nimmer sorgen, es wird schon so kommen. Die Dirn wird
schon helfen dazu. Und wenn sie ihn lebig gefunden hat, wird sie ihn
hascheln und pppeln, und wird reden fr ihn und wird's halten mit ihm
gegen uns.

Polzer! Wie kannst du so von deiner Schwester reden?

Schwester! lachte Wolfrat zornig auf. Ich htt gemeint, sie wr
angewachsen an uns. Aber Blut ist Blut. Sie will hoch hinaus. Hat sich
aber doch vergriffen. Wenn er auch gleich eine Feder auf der Kappen
tragt und ein Schiezeug fhrt wie ein Herrischer, er ist halt doch nur
ein Knecht. Wieder lachte er. Sie soll ihn haben! Und wenn sie
drinsitzt in seiner Keuschen, nachher sag ich ihr's.

Sepha schaute ihn mit groen Augen an; sie verstand nicht, was er
redete. Was, Polzer, was willst du ihr sagen?

Er wandte sich ab und tat, als htte er ihre Frage nicht gehrt.

Polzer?

La mich in Fried mit der Dirn! Sie hat mein Brot gegessen und schickt
mir zum Vergeltsgott den Freimann ber den Hals.

Jesus! schrie Sepha auf, griff mit beiden Hnden zum Herzen und fiel
erblassend in die Kissen zurck.

Er strzte erschrocken zu ihr. Seph, um Gottes willen, was hast du?

Vllig ungut ist mir worden! sagte sie mit matter Stimme und
umklammerte seine Hand.

Schau, Seph! Tu mir's zulieb, nimm mir doch grad die Sorg um deintwegen
von der Seel! Der Krank in dir wird rger mit jeder Stund. Schau, wenn
du dich berwinden knntst und ttst die Schweibluh nehmen?

Und wenn's um mein ewiges Leben wr, Polzer, ich tu's nit! Lieber
soll's mit mir ein End haben beim nchsten Schnaufer!

Er atmete tief und erhob sich.

Schau nach der Zeit, Polzer, sagte sie, du mut ins Sudhaus. Und das
Brettl mut du auch noch aufstellen.

Er nahm das Totenbrett, suchte einen Hammer hervor und wollte die Stube
verlassen. Unter der Tr wandte er sich wieder, lste einen hlzernen
Pflock aus der Lehmwand und zog den Lederbeutel mit der Schweibluh aus
der Vertiefung hervor.

Was willst du damit? fragte Sepha ngstlich.

Wegschaffen mu ich's! Ich kann's doch nit in der Mauer drin verfaulen
lassen.

Nun ging er. Vor der Haustr blieb er stehen. Miez, Miez! rief er. Aus
der Scheune kam eine graue Katze herbeigesprungen. Ihr warf er den
Inhalt des Beutels vor. Fr die Katz! Alles fr die Katz!

Er stand und sah dem Tiere zu, wie es gierig ber die Brocken herfiel.
Je hastiger es fra, je besser ihm das Gericht zu munden schien, desto
finsterer wurde Wolfrats Blick, desto mehr machte ihm ein hei
aufsteigender Zorn die Adern an den Schlfen schwellen. Und als die
Katze das Letzte aus dem Sande leckte, schwang Wolfrat den Hammer:
Sollst du allein was haben davon? Er warf. Klagend machte das
getroffene Tier einen verzweifelten Sprung und lag verendet auf der
Erde.

Da kam Lippele um die Ecke gesprungen. Hastig griff Wolfrat zu und
verbarg die tote Katze unter seinem Janker; er htte sie gerne wieder
lebendig gemacht; das Tier war seines Buben Liebling und Spielkamerad
gewesen.

Mit raschen Schritten ging er dem Hag zu und trat auf die Strae. Scheu
blickte er sich um und warf die Katze in den vorbeirauschenden Seebach.

Dann schlug er neben der Zauntr das Totenbrett des Kindes, die bemalte
Seite gegen die Strae gewendet, mit dem Hammer aufrecht in die Erde. Es
sollte jedem vorberwandernden Menschen sagen: Bet ein Vaterunser, hier
ist der Tod gewesen und hat sich wieder auf den Weg gemacht nach einem
andern Haus. Bet, bet, vielleicht bist du der nchste!

Als Wolfrat den letzten Hammerschlag getan, ging Zenza auf der Strae
vorber. Sie sah weder den Sudmann noch das Brett; finster blickte sie
vor sich hin auf die Erde.

Bet, bet, sagte das Totenbrett, vielleicht bist du die nchste!

Wolfrat warf den Hammer ber den Hag und wollte sich auf den Weg nach
dem Sudhaus machen. Die Pfannen muten vorgeheizt werden, wenn der Sud
mit dem kommenden Werktag wieder in vollem Gang sein sollte.

Da gewahrte Wolfrat, da er auf der Seite, auf der er die erschlagene
Katze getragen hatte, von der Brust bis zum Knie mit Blut betropft war.
Mensch oder Katz, es bleibt halt allweil was hngen an einem! Er stieg
zum Ufer der Ache hinunter, um sich zu reinigen. Ein paar Hnde voll
Wasser, und die Flecken waren getilgt. Ob's wohl fr das ander auch ein
Wasser gibt?

Als er wieder hinaufstieg zur Strae, hrte er Hufschlag. Er wollte dem
Zug, der sich nherte, nicht begegnen und sprang hinter ein Gebsch.

Mit heiterem Geplauder zogen sie vorber: voran Herr Heinrich von
Inzing, der Propst des Klosters, und Herr Schluttemann, beide zu Pferde;
hinter ihnen Frater Severin mit geschrzter Kutte, den Bergstock
fhrend; an seiner Seite Walti mit vollgepfropftem Rucksack; dann noch
vier Klosterknechte mit schwer beladenen Kraxen.

Der Haymo wird Augen machen, wenn er uns kommen sieht! sagte Frater
Severin, als er an dem Gebsch vorberschritt, hinter welchem Wolfrat
stand. Ich freu mich schon auf ihn! Weit du, Bub, ein Grtner hat
allweil die Sonn gern, und sie scheint so warm in Haymos Augen!

Mcht wissen, warum er gestern gefehlt hat beim Ostertanz? sagte
Walti. Ich hab ihm eine Botschaft bringen wollen und hab gewartet --

Das Rauschen der Ache verschlang die Worte der Weiterschreitenden.

Wolfrat kam hinter dem Gebsch hervor und sah den Verschwindenden nach.

Jetzt hebt sich der Hammer ber der Katz! Er griff mit beiden Hnden
nach seinem Kopf.




                                 13.


Herr Heinrich von Inzing fuhr zu Berge, um den balzenden Auerhahn zu
jagen. Er hatte das Kleid des Priesters gegen ein ritterliches
Jagdgewand vertauscht, trug um die Hften das Weidgehenk und die
Armbrust hinter dem Rcken. In gleicher Weise war Herr Schluttemann
bewaffnet; aus seinen rollenden Augen aber blickte kein Schimmer froher
Jgerlaune; Frau Ccilia, die ihn notgezwungen fr eine Woche aus ihrem
Zaum entlassen mute, hatte ihm einen Abschied bereitet, der auf eine
fr acht Tage voll ausreichende Wirkung bemessen war.

Eine Probe dieser Wirkung bekamen an der Seelnde die beiden
Fischerknechte zu spren, die in einem weitbauchig gezimmerten Kahn auf
den Propst und sein Gefolge warteten. Sie hatten nach der Meinung des
Vogtes den Boden des Schiffes nicht gengend gesubert, und so fuhr
unter Herrn Schluttemanns Schnauzbart hervor ein Donnerwetter auf sie
nieder, da sie die Kpfe duckten wie Hirschklber, wenn ihnen der erste
Schnee auf die Luser fllt.

Walti und die vier Knechte wurden beordert, den Weg nach der Rt ber
die Almen zu nehmen. Frater Severin wollte sich ihnen anschlieen. Die
Leut tragen kostbare Sachen auf dem Buckel, meinte er, es mu einer
dabei sein, der ein Aug auf sie hat.

Nein, Bruder, komm nur mit uns! lchelte Herr Heinrich. Die Leute
gehen zu langsam fr dich. Du mut wacker ausschreiten, damit du Fett
verlierst, sonst fllt dir im Garten das Bcken schwer.

Frater Severin seufzte und ergab sich in sein schweitreibendes
Schicksal.

Das Boot stie in den See, dessen schimmernden Spiegel kein Lufthauch
trbte. Die Tropfen, die von den pltschernden Rudern fielen, glitzerten
in der Sonne wie Edelsteine; alle Berge waren von Duft umwoben; ber die
grauen, hochgetrmten Felswnde und durch den immergrnen Bergwald zogen
sich die schumenden Sturzbche hernieder gleich silbernen Adern.

Sagt, Herr Vogt, und mit genieenden Augen blickte Herr Heinrich
umher, wo in aller Welt noch steht ein Kloster, dessen Frst sich eines
Mnsters rhmen kann, wie ich es besitze: die Sulen der Wnde fr die
Ewigkeit gebaut, die Fliesen ein einziger Smaragd, und als Dach der
Himmel mit Gottes leuchtendem Auge.

Herr Schluttemann lie ein Gebrumm vernehmen, das seine Zustimmung
kundgeben sollte. Im Hinterteil des Schiffes seufzte Frater Severin:
Gottes Auge hat einen heien Blick, >Gottes Gte< wr khler. Er
tauchte die Hand in das kalte Wasser und benetzte seine Stirn.

Die Fischerknechte wollten die Richtung mitten durch den See nach der
Fischunkel halten, von der aus der krzeste Weg in die Rt emporfhrte.
Herr Heinrich aber befahl ihnen: Zur Seeklause, wir nehmen den Aufstieg
von dort!

^Reverendissime^, wandte Herr Schluttemann ein, das ist aber ein
teuflischer Umweg!

Den Umweg kenn ich, doch ist mir der Teufel noch nie auf ihm begegnet.
Lchelnd blickte Herr Heinrich zu Frater Severin zurck. Wir gehen den
minder steilen Weg, dir zuliebe. ^Festina lente^, sagte der Heide
Augustus -- du sollst snftiglich vom Fleische fallen.

Ach, Herr Heinrich, klagte Frater Severin, ich knnt Euch erwidern
mit einem Heidenwort: ^Naturam expellas furca, tamen usque recurret!^
Aber wie kann Heidenweisheit ein Trost sein fr einen guten Christen.
Und da mir geschah, wie Lukas, der Evangelist, Kapitel 6, Vers 38
prophezeite: Ein gutes, ein gedrckt volles Ma wird euch in den Scho
gegeben -- so wollet bedenken, Herr Heinrich, da der heilige Johannes
in seiner Offenbarung, Kapitel 2, Vers 25 befiehlt: Und was ihr habt,
das sollt ihr bewahren! Sorgend legte er die Hnde ber sein Buchl.

Herr Heinrich lachte; Vogt Schluttemann aber dachte an Frau Ccilia:
_auch_ ein gedrckt volles Ma, das er bewahren mute!

Knirschend fuhr das Boot in sandig verlaufendes Ufer, das durchbrochen
war vom Bett eines schumenden Baches. Herr Heinrich, der Vogt und
Frater Severin stiegen ans Land, und die Fischerknechte stieen den Kahn
in den See zurck, um die Heimfahrt anzutreten.

Steiget nur immer voran und wartet meiner auf der Hh! sagte Herr
Heinrich.

Der Vogt und Frater Severin berschritten auf schwankendem Stege den
Wildbach und verschwanden auf dem jenseitigen Ufer im sanft ansteigenden
Bergwald. Herr Heinrich ging den Wildbach entlang, bis er eine aus
Steinen erbaute, an eine hohe Felswand angelehnte Klause erreichte. Er
ffnete die Tr; die Klause war leer.

Dietwald! rief er mit lauter Stimme; niemand zeigte sich. Sollte er
hinausgefahren sein zum Fischfang? Nein, der Einbaum lag an das Ufer
gezogen. Herr Heinrich folgte einem schmalen Fupfad. Immer nher trat
die ragende Felswand an den Wildbach heran, von der andern Seite nherte
sich der Bergwald, so da eine enge Schlucht gebildet wurde, auf deren
Grund die schumenden Wasser in tief zerrissenem Bett mit ohrbetubendem
Lrm hinwegrauschten ber mchtige Steinkltze und zerschmetterte
Baumstmme. Wo die Schlucht ein Ende nahm, strzte der Bach aus
schwindelnder Hhe hernieder in ein von siedendem Schaum erflltes
Becken, das der fein zersprhende Wasserstaub, von einem Sonnenstrahl
durchleuchtet, mit buntfarbigem Schimmer berwob. Neben dem Wasserfall
zeigte sich an der Felswand der Eingang einer Hhle, vor der ein hohes
steinernes Kreuz errichtet war, schon grau verwittert und halb berzogen
von gelblichem Moos.

Dem Kreuz zu Fen, auf einem Holzblock, sa Pater Desertus, der
Fischmeister des Klosters. Er hielt den einen Arm auf das Knie gesttzt
und das Haupt auf die Hand geneigt; mit der andern Hand nahm er von dem
drren Astwerk, das der Wildbach an das Ufer geschwemmt hatte, einen
Zweig und warf ihn in das wirbelnde Wasser; verloren in Gedanken,
schaute er zu, wie der Strudel den Zweig verschlang, wie ihn die Wellen
mit sich fortrissen. Dann nickte er vor sich hin und warf einen anderen
Zweig.

Er hrte vor dem Rauschen des Wassers die nahenden Schritte nicht und
blickte betroffen auf, als er eine Hand auf seiner Schulter fhlte.
Herr Heinrich? Grend neigte er das Haupt und erhob sich.

Was treibst du hier? fragte lchelnd der Propst.

Das Spiel meiner Tage.

Herr Heinrich betrachtete den Chorherren ernst und schttelte den Kopf.
Dann sagte er: Komm, la uns zur Klause gehen, hier hrt man kaum den
Klang des eigenen Wortes.

Er wanderte den Pfad zurck, und Pater Desertus folgte. Vor der Klause
lieen sie sich auf die Steinbank nieder. Warm schien die Sonne ber
ihnen, das gemilderte Rauschen des Wildbachs tnte wie Musik, drauen
lag der glatte See, wie grne Seide schimmernd, und ber die steilen
Wnde, die ihn umzogen, hoben der Wazmann und die sieben Wazmann-Kinder
ihre weien Zinken in das reine Blau des Himmels.

Ein schnes Pltzchen! sagte Herr Heinrich. Hier bist du wohl gerne?

Ja, denn ich lebe und stre doch die Freude keines anderen Menschen.
Aber sagt, was fhrt Euch zu mir?

Mu ich nicht zu dir kommen, da du mich zu meiden scheinst?

Ich tu es um Euretwillen. Mein Blick verjagt das Lcheln, und Ihr
lchelt gerne.

Ja, Dietwald, seit ich erkennen lernte, da Weinen zwecklos ist. Doch
lassen wir das. Ich bringe dir einen Gru.

Langsam hob Pater Desertus das Gesicht. So lebt noch ein Mensch, der
Ursach htte, meiner zu denken?

Der Kaiser!

ber das bleiche Antlitz des Chorherren flog eine heie Rte, und es
zuckte durch seine Glieder, als stnde ein Ro vor ihm, das es zu
besteigen glte, als hinge ein Schwert in der Luft, das er fassen mte.
Doch rasch ging diese Regung vorber; er legte die Hand auf das Kreuz an
seiner Brust und sagte mit versinkender Stimme: Ich danke fr den Gru.
Gret Herrn Ludwig wieder!

Er hat mir einen Brief geschrieben, ach, von Sorgen schwer! Sie setzen
ihm bitter zu in Avignon und schren ihm Zwietracht an allen Ecken und
Enden. Htt er Kriegsmannen so viel, wie Sorgen, er htt ein Heer, wie
es noch kein Kaiser gesammelt. Und sieh, Dietwald, in allen Sorgen denkt
er dein und lt dich gren und fragt nach deinem Wohlergehen und
hofft, da dein Kummer sich gemildert htte. Er hat dir den Tag von
Ampfing nicht vergessen. Du hast ihm sein Reich erfechten helfen.

Und habe um jenes Tages willen mein eigen Reich verloren! Meiner Gter
bestes! Allen Wert und alle Sonne meines jungen Lebens, mein Glck,
meine Seligkeit!

Dietwald! mahnte Herr Heinrich. Darf so ein Priester sprechen?

Pater Desertus hrte nicht; es loderte aus ihm hervor wie entfesseltes
Feuer. Wie war ich stolz an jenem Tag, als ich vor Ludwig stand, ein
Sieger unter Siegern, mit stumpfgeschlagenem Schwert, der Glanz meiner
Rstung erloschen im Blut der Feinde! Wie ein Falk flog meine Seele, und
mein Herz wie eine sehnende Taube nach ihrem Nest -- heim zu, heim zu!
Neun Tage noch hlt mich die Pflicht. Dann geht es heimwrts, wie im
Sturm, Tag und Nacht durchreitend. Das Ro bricht unter mir. Schon im
Sturze greif ich nach einem andern. Heim, heim, zu Weib und Kind! So
hell und freudig hat mein Schlachtruf nie geklungen, wie dieser
Jubelschrei meines Herzens. Bei grauendem Morgen erreiche ich den
Bannwald meiner Burg. Jeder Baum, der an mir vorberfliegt, ist mir ein
Weiser zu meinem Glck. Nun ist Friede, nun darf ich ruhen. Ich sehe
schon die heimliche Stube mit dem sonnigen Erker, sehe mich sitzen, mir
zur Seite mein junges Weib, die von dunklem Gelock umflutete Wange an
meine Schulter lehnend, zu mir aufblickend mit leuchtenden Augen. Und
hier, auf meinem Knie, da schaukelt mein Knabe, macht groe Augen und
lauscht, denn ich erzhle vom Kaiser, von Fehde und Sieg. Und in der
Wiege schlummert mein ses Mdel und trumt in sein werdendes Leben
hinein wie eine Knospe in den sonnigen Tag. Heim, heim, heim! Dort ist
schon die Hhe im Wald, von der ich den Giebel meiner Burg erblicken
mu. Ich sphe, sphe und sphe. Und sehe nichts. Hat sich mein Haus
verrckt? Hat sich der Wald verwachsen? Ein zitterndes Ahnen befllt
mich, ich peitsche mein Ro, ich reite, reite. Dort ist der Saum des
Waldes, jetzt hab ich ihn! Ich hebe mich auf im Sattel, mein Blick
fliegt ber das Tal. Und ich sehe -- sehe --

Schaudernd schlug er die Hnde vor das Gesicht, und seine Stimme erlosch
in dumpfem Sthnen.

Dietwald! sagte Herr Heinrich tiefbewegt. Kannst du deinem Herzen
nicht gebieten, so gebiete deiner Zunge. Sie soll nicht nennen, was
hinter dir liegt, seit du den Scheitel beugtest, um Gottes Knecht zu
werden.

Desertus hrte nicht. Er lie die Arme sinken und starrte mit brennenden
Augen ins Leere. Und dann, als stnde geisterhaft ein Bild vor ihm,
deutete er vor sich hin: Das? Das ist mein Glck? Ein Haufen Trmmer,
glhende Steine und rauchendes Geblk? Das war mein Haus? Es steht das
Tor noch, mit dem Wappen darber: der weie Islandfalk im blauen Feld!
Und das? Sind das die Tauben, die im Turm genistet? Tauben, die wie
Raben krchzen, wie hungernde Geier schreien? Sie wittern das Futter.
Wie die pfel um den Baum, so liegen die Leichen. Der dort, mit dem
grauen Kopf und der gespaltenen Stirn, das ist Reinhold, mein Pfrtner.
Er hat immer gern geschlafen. So wach doch auf, Alter! Rede doch! Wo ist
mein Weib, wo sind meine Kinder? Soll ich dir eine Handvoll Asche
zeigen? Sieh doch her! Ist das mein ses Weib? Oder das? Und hier, der
verkohlte Knochen? Das ist wohl mein schner Knab? Oder gar dein Hund?
Und dort, sieh nur, im Schutt, dort glimmt es noch? Das ist die Wiege?
Ja?

Dietwald! Erwache! rief Herr Heinrich und rttelte ihn am Arm.

Er schaute auf mit verlorenem Blick. Erwache! Das war das erste Wort,
das ich hrte! Einen Tag, eine Nacht und noch einen Tag -- wie ein
Bergmann nach Gold, so whlte ich nach verkohlten Gebeinen -- und
schrie: Wer hat mir das getan? Ich hatte keinen Nachbar, der mir
grollte, hatte keinen Feind. In meinem Jammer wut ich keinen Weg. Die
Augen blind vom Weinen, bin ich gegangen und gegangen. An der Pforte des
Klosters fiel ich nieder. Sie trugen mich in eine Zelle und riefen:
Erwache! Erwache! Und ich blieb und lie geschehen, was geschah.

Mit Schmerzen, Dietwald, hab ich es lang erkennen mssen: es war fr
dich der rechte Weg nicht. Httest du doch Trost gesucht in Kampf und
Tat, auf dem Schlachtfeld, nicht in der Zelle!

Ich hoffte, ihn zu finden! Durch Tage und Nchte, Wochen und Jahre lag
ich in brnstigem Gebet und schrie zu Gott aus tiefster Seele: La mich
vergessen! Ich schlug mit der Geiel meinen Rcken blutig, um durch die
Schmerzen meines Leibes die Qual des Herzens zu betuben. Es half nicht,
half nicht. Ich konnte nicht vergessen, konnte nicht hoffen. Wenn ich
kmpfte um das Heil meiner Seele, so trumte ich den Ku meines Weibes.
Wenn ich den Himmel suchte, fand ich ihn in meiner Kinder Augen, die mir
entgegenblickten aus der Luft meiner Zelle, aus jedem Blatt des heiligen
Buches, aus jedem Bildwerk in der Kirche, aus jedem Abbild des
Erlsers.

Und fandest du nicht Trost bei deinen Brdern, von denen mancher eine
Welt von Schmerzen berwand, da er sich Gott ergab?

Meine Brder? Sagt Ihr das im Ernst, Herr Heinrich? Ich meine doch, Ihr
kennt Eure Chorherren?

Verdamme die Schwachen nicht. Kleine Seelen haben kleine Wnsche. Sieh
diesen Berg an: das edle Wild treibt es nach der Hhe, die zufriedenen
Hasen nisten hier unten im niederen Gebsch. Und sie beide sind doch
Geschpfe aus eines Schpfers Hand.

Meine Brder? Htt ich unter ihnen nur einen gefunden, der gewesen
wre, wie Ihr seid! Meine Brder? Sie freuten sich der Wlder und
Felder, die ich dem Kloster brachte, und hatten fr mich nur Worte: Gott
hat gegeben, Gott hat genommen. Gott! Gott! Gott!

Wie sprichst du dieses Wort! Dietwald! Herr Heinrich erhob sich. Du
glaubst nicht an Gott? Ein Priester!

Mit ernsten Augen sah Desertus zu ihm auf. Ich glaube an Gott. Wer
htte diesen Stein zu meinen Fen erschaffen, wenn Er nicht? Wer htte
diese ewigen Felsen gebaut und ber schwindelnd tiefe Grnde diesen
schnen See ergossen, wenn Er nicht? Wer die Luft bevlkert, das Wasser
und den Wald, wenn Er nicht? Wer htte diesem Baum die nhrende Wurzel
gegeben, die treibende Kraft des Markes und den Wohlverstand, mit dem er
seine Zweige nach der Sonne breitet. Wenn Er nicht? Aus wessen Hand wre
der Liebreiz geflossen, der mein Weib umschimmerte? Die se Unschuld in
den Augen meiner Kinder? Wenn nicht aus _seiner_ Hand? Wer htte mich
selbst erschaffen und mein Herz erfllt mit jauchzender Freude und
seligem Glck? Wenn Er es nicht getan? Doch wer vernichtete mein Glck?
Wer ri mir die Freude aus dem Herzen und fllte meine Brust mit Qual
und Pein? Wer lie mein Weib verbrennen und meiner Kinder holdes Leben
erlschen in Glut und Rauch? Wer schickt den Blitzstrahl ber diesen
Baum, wer in sein Mark die Fulnis? Wer schlgt mit Schmerzen und Tod,
was atmet in Wasser, Luft und Wald? Wer strzt die Felsen vernichtend
ber Tal und Htten, und wer emprt den See, da er die Ufer berschumt
und alles ringsumher verwstet, was doch ein Werk ist aus Gottes eigener
Hand? Wer? Wer? Wer? Und warum?

In Herrn Heinrichs Augen leuchtete ein herzlicher Blick. Wer tte das
alles? Wenn Er nicht? Aber warum? Ja, mein Sohn, da bin ich berfragt!
Lchelnd legte er die Hand auf die Schulter des Chorherren. Sieh,
Dietwald, ich knnte sagen: Was bles kommt, ist eine Strafe oder eine
Prfung. Aber das sag ich nicht, zu dir nicht! Gott prft nicht. Er wei
doch, wie schwach die Menschen sind. Und wer, wie Gott, so gro ist in
der Liebe, ist im Zorne nicht so klein. So kleinlich, wie du bist, mit
deinem trichten Warum! Ja, Dietwald! Er setzte sich an des Paters
Seite und fate seine Hand. Du Kind von zweiundvierzig Jahren! Im
Schmerze kannst du fragen: Warum?

Herr Heinrich! stammelte Desertus.

Hast du aber auch gefragt in der Freude, im Glck? Gelt, da hast du
genommen und genossen? Da war dir um den Grund nicht bange, warum dir
gegeben wurde. Das Gute leuchtet dir ein, da glaubst du an Gott. Nur im
Schmerze willst du ihn nicht fassen und begreifen und Gott nicht finden.
Das ist nun freilich schwer, und noch keiner, der lebte, hat es ganz
zuwege gebracht. Sogar Christus, der Herr, hat am Kreuze gefragt: Gott,
mein Gott, warum hast du mich verlassen? Da sprach der Mensch in ihm.
Sag mir, Dietwald: _wre_ Er denn Gott, wenn wir Menschen ihn so leicht
verstnden? Und wenn du fragst: warum? Weit du denn auch, ob Er nicht
Antwort gibt? Er spricht vielleicht zu dir im Wehen dieser
Frhlingsluft, im Rauschen dieser Wellen. Nur ist dein Ohr zu klein fr
alle Gre seiner Stimme.

Nein, nein, ich hr ihn! flsterte Desertus.

Du, nicht wahr, du hrst den Donner der Lawine, wenn du ber die Berge
steigst im Frhling, du weit, weshalb sie fallen mu. Und stumm
bewundernd stehst du vor dem herrlichen Schauspiel der Gottnatur,
erhoben in deinem Herzen. Hrt ihren Donner aber auch die Fliege, die in
einer Rinse der Felswand klebt? Nein. Ihre Sinne sind zu kurz. Sie
klebt. Und wird verschttet und erstickt. Soll sie auch fragen: warum?
Soll ewiger Schnee die Halden drcken und keine Blume keimen lassen, nur
damit die Fliege nicht gekrnkt wird? Nicht wahr, das geht nicht an. Du
liebst die Blumen, du sagst mit deinem Verstande: der Schnee mu fallen.
Die Fliege will es nicht begreifen. Von der Fliege zu dir ist ein
weiter, weiter Weg, doch nimm ihn millionenfach, und du fllst die
Strecke nicht aus von dir zu Ihm! In schwindelnder Hhe geht Er seinen
Weg, ein Schritt, und Er ist ber alle Berge, ein Schritt, und Meere
liegen hinter Ihm und jeder Schritt bringt Werden und Vergehen. Er kennt
den Urgrund aller Dinge, Er sieht das Ziel vor Augen, Er denkt der
Blumen seiner Ewigkeit. Doch wir, tief unter Ihm, wir, Dietwald, sind
die Fliegen unter der Lawine.

Desertus schlang die Arme um Herrn Heinrichs Hals und drckte das
Gesicht an seine Brust.

Ja, ruh dich aus! Du bist mde vom Leben. Und wenn dir die Krfte
wiederkommen, dann beginne neu den Weg und blicke auf zu Ihm! Du siehst
von seinem Antlitz einen Zug auf jeden Fels geschrieben, ein Abglanz
seiner Augen leuchtet dich an aus jeder schimmernden Welle im See, und
einen Hauch seines Atems hrst du im Rauschen des Waldes. Und da du, ein
Mensch, Ihn nun einmal nicht fassen kannst in seiner Gre, so halt Ihn
fest in seiner Liebe. Ich meine doch, du httest sie empfunden. Und was
du besessen? Hast du es denn wirklich verloren? Nur weil du es nimmer
halten kannst mit Hnden? Blicke doch in die Tiefe deines Herzens! Liegt
dort nicht alles, was an Glck dein eigen war, rein und heilig behtet,
ein kstlicher Reichtum an dauerndem Erinnern? Dietwald! Dietwald! Du
willst klagen? Weit du denn auch, um wie viel reicher du bist als ich?

Desertus hob mit fragendem Blick die Augen.

Alle holde Freude des Lebens hast du genossen, bis dein Glck sich
wandelte in einen Schmerz, wie ein schner Frhlingstag in eine Nacht
mit kaltem Reif. Mein Leben aber war ein Leidensgang, Schritt fr
Schritt. Eine reine Freude hat mir nie geblht, und jede Frucht, nach
der ich griff, trug den Wurm oder die Fulnis in ihrem Kerne. Ich habe
mehr gelitten, als du, da ich nur Schmerzen gewann, ohne Freude zu
verlieren. Ich hatte einen Bruder, der mich hate, weil ich der ltere
war; hatte eine Mutter, die nur ihren Tand und ihre Falken liebte; hatte
einen Vater, der mich verstie, weil ich nicht schmeicheln konnte; das
Weib, das mich ohne Liebe nahm, brach mir die Treue; mein Freund, der
einzige, an den ich glaubte, war ihr Verfhrer; ich diente redlich
meinem Frsten, wurde des Verrats beschuldigt und in Ketten geworfen.
Aus dem Kerker floh ich ins Kloster. Ich hate die Menschen und konnte
Gott nur frchten. Nicht mit Inbrunst, in Zittern hab ich gebetet und
suchte den Grimm meines Herzens zu ertten in schwerer Pnitenz. Doch
Ha und Furcht hingen fest an mir. Wenn ich aus dem Kloster niederstieg
ins Tal, sah ich die Not nur und der Menschen Pein. Wenn ich emporstieg
auf die Berge, sah ich nur die Schrecken der Natur, Verwstung und
Zerstrung, den Gott in seinem Grimme. Mit schaudernder Seele floh ich
wieder heim in meine Zelle, sang und betete und schwang die Geiel.

Und wie kam Euch die Erlsung?

Es war an einem Tage spt im Herbst. Ich lag auf meinem Bett,
entkrftet, blutend aus den Wunden, welche die Geiel gerissen hatte,
die brennenden Augen auf die kahle Wand geheftet. Die hlichen Bilder
meines kalten, nutzlosen Lebens zogen vor meinem taumelnden Geiste
vorber, und jeder Gedanke war ein Schrei zu Gott: Tte mich, tte mich,
weshalb noch soll ich leben! Da vernahm ich in meiner Zelle ein leises
Tippen, wie vom Fall eines Wassertropfens. Hinter dem Rahmen eines
Heiligenbildes war ein Schmetterling herausgefallen. Er hielt die Flgel
geschlossen und rhrte sich nicht. Ich griff nach ihm, und er lie sich
fassen. Seine Fe waren starr, die Schwingen gelhmt. Er war erfroren
in der herbstlichen Klte meiner Zelle. >Dein Schicksal ist das meine!<
sagte ich und lie ihn zu Boden fallen. Da stieg die Sonne ber die
Berge, und durch das offene Fenster meiner Zelle fiel ein warmer Strahl
gerade auf die Stelle hin, auf welcher der Falter lag. Es whrte nicht
lang, da begann er, auf der Seite liegend, die Fe zu rhren. So
zappelte er eine Weile, aber es gelang ihm nicht, sich aufzurichten. Ich
hielt ihm den Griff meiner Geiel hin, er klammerte sich an das Holz und
stellte die Schwingen auf. Lange sa er ruhig. Dann pltzlich legte er
die Flgel auseinander, schlo sie wieder, kroch vom Holz der Geiel auf
die Erde, und weiter und weiter, immer der Sonne nach, und an der Mauer
empor, auf das Gesims des Fensters. Hier sa er noch, als mte er
rasten. Immer spielte er mit den Schwingen. Und dann mit einmal begann
er zu flattern. Erst schwer und mhsam. Immer leichter wurde sein Flug,
und so schwebte er hinaus zum Fenster und gaukelte in den blauen
Himmel.

Herr Heinrich schwieg und blickte lchelnd empor in das endlose Blau.

Da kam es ber mich, ich wute nicht wie. Mir war, als htte Gottes
Stimme mir geboten: Steh auf und lebe! Ich erhob mich, wusch meine
Wunden und khlte sie mit Balsam. Wie ein Trumender trat ich aus dem
Kloster und wanderte hinaus in das herrliche Tal. Die Sonne spann in den
Lften, silberne Fden flogen, und in den bunten Farben des Herbstes
leuchtete der Laubwald. Die Kinder liefen auf mich zu und kten meine
Hnde. Traulich blickten ihre lieben Augen zu mir auf. Alle Felder waren
belebt, berall hrte ich Lachen und Gesang. Die Leute eggten und
streuten die Wintersaat, ohne doch zu wissen, ob sie essen wrden von
diesem Brot. Und als ich heimkehrte in das Kloster, trat ich vor Herrn
Konrad von Altentann, meinen Propst, und sagte: >Gebt mir Arbeit!< Ach,
die Tage, die nun kamen! Ich zog wie ein Ro, das des langen Stehens im
Stalle md geworden. berall griff ich zu. Ich ordnete und mehrte das
Gut meines Klosters, hob den Salzbau, war Fischmeister, Kellermeister,
Wildmeister. Wo immer nur ein anderer mde wurde, trat ich an seine
Stelle. Und alles wandelte sich mir zur Freude. Ich milderte die Strenge
meiner Oberen, vershnte die grollenden Landsassen, half, wo zu helfen
war. Und je mehr ich den Menschen helfen durfte, desto mehr begann ich
sie zu lieben. Ihr Dank, Dietwald, hat mich das Lcheln gelehrt. Und
keinen schlo ich aus. Meinen Bruder sttzte ich in schwerer Not, die
Kinder jenes Weibes hob ich aus Elend empor zu freundlichem Leben, und
meinem Frsten, welcher Kaiser geworden, diene ich mit der ganzen Treue
meines Herzens. Sage, Dietwald, war es nicht eine Gotteslehre, die mir
der Falter gab, da er emporflog in das Blau? >Willst du den Himmel
finden, dann geh in die Sonne!< Das tu ich, Dietwald. Ich _suche_ am
Leben die Sonne, und in den unvermeidlichen Schatten trag ich die Helle,
so gut ich es vermag. Da fliet mir jeder Tag wie ein schnes
Gottesgeschenk. Ich freue mich jeder Blume, die auf meinem endenden Wege
blht. Und schickt mir Gott mit aller Freude zuweilen auch einen
Schmerz, dann trag ich ihn und such ihn zu verwinden. Aber ich frage
nicht: _warum_ ich leide. Er legte die Hand auf des Paters Schulter und
fgte lchelnd bei: Da ich leide, gengt mir! ^Homo sum^, Dietwald,
^homo sum^!

Desertus hatte den Kopf an die Mauer seiner Klause gelehnt, hielt die
Hnde im Scho verschlungen, und whrend er durch die schwankenden
Zweige der Buchen, an denen die Bltter schchtern sproten,
emporblickte zum blauen Himmel, perlten langsame Tropfen ber seine
bleichen Wangen -- die ersten Trnen nach langen Jahren.

Herr Heinrich schwieg eine Weile. Dann sagte er: Verzage nicht,
Dietwald! Auch _dein_ Falter wird noch fliegen. Flog er in fnfzehn
Jahren nicht, gib acht, er fliegt im nchsten!

Fnfzehn Jahre! glitt es leise von des Paters Lippen. Und mir ist,
als wre es gestern gewesen, als lge dazwischen nur eine einzige Nacht,
eine lange, bange, grauenvolle Nacht, nach der kein Tag mehr kommen
will! Die Hnde des Propstes fassend, rief er in heiem Flehen: Herr
Heinrich, hebet mich empor zu Euch, dorthin, wo Sonne ist! Seht mich an!
Ich habe gekmpft und gerungen, bis alle Krfte mir versiegten. Und ich
fand auch Stunden ruhiger Ergebung. Als Ihr erkanntet, da die Enge der
Zelle mich erdrckte, und als Ihr mich hierher gesandt in diese
herrlichste Kirche Gottes, da ward es still in mir, whrend der Fhn
mich umrauschte und drauen im See mein Einbaum gegen die Wellen
kmpfte. Und nun alles, alles wieder verloren! Seine Augen glhten, und
seine Stimme verrann in dumpfem Murmeln. Verloren seit vier Tagen! Und
Pein ist, was ich fhle! Sehnsucht, was ich denke! Verlangen, was ich
sinne! Ein Gespenst ist mir erschienen --

Herr Heinrich erschrak. Dietwald!

Ein Gespenst, wie aus der Asche gestiegen, und dennoch Fleisch und
Blut, mit meines Weibes Haar, mit meines Weibes Augen, mit dem holden
Kindermund, der mir gelchelt in Liebe.

Dietwald! Herr Heinrich sprang auf und rttelte den Arm des
Chorherren. Deine Sinne taumeln und dein Geist ist krank. Was dir das
Herz erfllt, tritt in die Lfte. So fing es bei vielen an. Einer wurde
heilig und hundert wurden Snder, eidvergessene Schelme. Greife nach
einem Halt, oder du bist verloren! Ich mu dir Arbeit geben. Die Angel
zu kdern fr Hecht und Ferch, das taugt dir nicht.

Herr! stammelte Pater Desertus. Ich soll fort von hier?

Hre mich an! Kaiser Ludwig will mit dem Papst verhandeln. Es zwingt
ihn die Not. Und er will einen Priester senden, doch einen, der ein
deutsches, ritterliches Herz unter seiner Kutte trgt. Er fragte mich um
Rat. Ich hatte an dich gedacht. Nun will ich, da du gehst. Und ich
hoffe, da ich mich in dir nicht tusche. Herrn Heinrichs Worte
klangen, als schlge Stahl auf Stein.

ber das Gesicht des Chorherren glitt eine matte Rte; er richtete sich
auf. Wann soll ich reisen, Herr?

Du wirst es erfahren. Und in andere Luft sollst du mir noch heut! In
khlende Gletscherluft! Begleite mich! Was stehst du noch? Rasch,
Dietwald! Schrze deine Kutte, nimm das Griesbeil und den Basthut!

Pater Desertus trat in die Klause.

Herr Heinrich blickte ihm nach mit sorgenvollen Augen. Gespenster sieht
er? Warte nur, wir wollen sie jagen!

Zur Bergfahrt gerstet, kehrte Desertus zurck.

Als sie den Wildbach entlang gingen, kamen sie zu einer Stelle, an der
sich ber moosigem Grund eine Bucht mit spiegelndem Wasser gebildet
hatte.

Herr Heinrich! sagte Pater Desertus und deutete in das Wasser.

Was soll ich sehen?

Diese beiden: der eine trgt das Kleid der Kirche, der andere das
Lederwams, die Armbrust und das Weidgehenk. Welcher von den beiden ist
der Priester?

Herr Heinrich lchelte. Ich sehe nur zwei Menschenkpfe, der eine grau,
der andere noch schwarz.

Dem Pater voran berschritt er sicheren Ganges den schwankenden Steg.




                                 14.


Bei Einbruch der Dmmerung erreichten die Bergfahrer das Steintal in der
Rt. Sie hatten im Almenwald die Brenfhrte auf dem Steig gefunden und
die Spur, obwohl sie auf dem schneefreien Waldgrund nur mhsam zu
erkennen war, ber eine Stunde weit verfolgt -- Desertus allen anderen
voran. Ein bles Los hatte Frater Severin dabei gezogen; er fand den Mut
nicht, allein auf dem Steig zu warten, so trollte er seufzend und
keuchend hintennach, ber Felsblcke und Wurzelknorren, ber Steinlcher
und Windbrche.

Die Richtung der Fhrte versprach Herrn Heinrich keine Jagd; der Br
hatte sich talwrts gegen den See gewendet.

Als der Propst, Herr Schluttemann und Pater Desertus den Steig wieder
erreichten, muten sie geraume Weile auf Frater Severin warten. Endlich
kam er, und Herr Heinrich fand in des Fraters Aussehen alle Ursache, um
zu sagen: Bruder, ich schtze dich schon um fnf Pfund leichter. Gelt,
das ist gesnder, als im Kellerstbl hocken und die neuen Fsser
kosten?

Wenn Ihr es sagt, mu es wohl wahr sein! klagte Frater Severin und
suchte an dem Kuttenrmel einen noch trockenen Fleck fr seine Stirn. Im
Weiterschreiten sandte er einen jammervollen Blick zum Himmel und
seufzte: Das Kellerstbl! Wie war es dort so schn, so khl! Und durch
die offene Tr sah man den schier endlosen Keller mit den vom Zwielicht
umwobenen Fssern, die in Reih und Glied lagen, eine stattliche Armee
von Sorgenbrechern. Besa doch das Stift Berchtesgaden in der Umgebung
von Krems und Klosterneuburg zahlreiche Weingter: im Tailland, auf der
Frechau, zu Oberndorf, Eisentr, Armstorf, Wank, Sattelsteig, Mrtal,
Rechberg und Stein! Frater Severin war in keiner Litanei so sattelfest
wie in der Kunde dieser seinem Ohr so lieblich klingenden Namen.
Rechberg und Stein! Das Beste hob er sich immer fr zuletzt auf; und
der Klang dieser beiden Worte stimmte ihn so trumerisch, da er, des
Weges nimmer achtend, ber ein Felsloch stolperte und seine Nase nur mit
knapper Not vor einem unsanften Ku der Mutter Erde bewahrte.

Wie eine Erlsung aus dem Fegfeuer begrte er bei Einbruch der
Dmmerung den Anblick der beiden Jagdhuser; es war wohl immer noch eine
halbe Stunde zu steigen, aber er sah doch wenigstens die winkende Ruhe
vor Augen.

Herr Heinrich, der gleichmigen, berggewohnten Ganges den anderen
voranschritt, verhielt pltzlich den Fu. Mir ist, als htt ich einen
Ruf gehrt.

Sie blieben alle stehen und lauschten. Da klang es von der Hhe des
Steintales nieder, von dort her, wo die Htten standen, mit
langgezogenem angstvollem Ruf: Hoidoooh!

Eine Mdchenstimme! sagte Desertus. Und sie klingt wie der Schrei
eines verzweifelten Herzens.

Dort oben ist jemand in Not! Lasset uns rascher ausschreiten! Vorwrts!
Vorwrts! befahl Herr Heinrich.

Als sie eine gute Strecke Weges weiter emporgekommen waren, klang
abermals der Ruf: Hoidoooh! Hoidoooh! Trotz der Dmmerung nahm Herr
Heinrich mit seinem scharfen Auge auf einem vorspringenden Fels unfern
der Jagdhtte die Gestalt des rufenden Mdchens wahr. Er hhlte die
Hnde um den Mund und gab den Ruf zurck.

Das Mdchen mute den Ruf vernommen haben, denn man hrte einen Schrei,
wie in Freude und doch in Jammer, und dann, vom Winde herabgetragen, die
gellenden Rufe: Leut! Leut! Um Gottes willen, da her, da her!
Hoidoooh!

Diese Stimme! murmelte Desertus. Ich habe sie schon gehrt! Und den
anderen voran eilte er, so rasch es der steile Weg gestattete, durch die
Sunke des Tals empor. Herr Heinrich hielt sich nahe hinter ihm, Herr
Schluttemann blieb keuchend zurck, Frater Severin rang atemlos die
Hnde und fiel auf einen Steinblock nieder.

Als Desertus den Fu der letzten Hhe erreichte, kam Gittli mit
jammernden Worten ihm entgegengestrzt.

Sie ist es! stammelte er, und drckte, den Schritt verhaltend, die
zitternde Faust auf seine Brust.

Nun stand sie vor ihm; wirr hingen ihr die Haare um das bleiche, von
Angst verstrte Gesicht. Sie wollte sprechen, da erkannte sie ihn und
erschrak. Sie machte eine Bewegung, als htte sie fliehen mgen; aber
die Sorge um jenen anderen bannte in ihr die Furcht vor diesem einen.
Schluchzend fiel sie vor ihm nieder und schrie: Helfet ihm! Helfet
ihm!

Er hob sie auf. Wem soll ich helfen? Rede, Mdchen, rede doch!

Da klang die Stimme Herrn Heinrichs: Was ist geschehen?

Gittli ri sich aus den Hnden des Chorherren, eilte dem Propst
entgegen, umklammerte seine Hand, und whrend sie ihn mit sich fortzog,
zur Jagdhtte, klagte sie: Ach, guter, lieber Herr, schauet, ich bitt
Euch, helfet ihm, er mu versterben!

Wer, Mdchen, wer?

Der Haymo, der Haymo!

Mein Jger? Was ist mit ihm? Ist er gestrzt?

Nein, nein, viel rger noch! Es hat ihn -- Ihre Stimme erlosch; sie
durfte nicht reden, sie hatte geschworen! Ich wei nit, wei nit,
schrie sie auf, ich hab ihn gefunden und hab ihn heimgebracht, gestern,
und er hat so gut geschlafen die ganze Nacht. Und heut in der Frh, da
hat er noch gern genommen, was ich ihm gekocht hab. Zu Mittag aber, da
hat er angefangen, hat schiech geredet, hat um sich geschlagen, und
allweil hat er aufspringen und fort wollen. Ich hab ihn gebittet und
gebettelt, da er sich halten soll und den Arm nit rhren. Und schauet,
mit zwei Hnd hab ich ihn heben und zwingen mssen. Und auf einmal ist
er weggefallen, da ich schon gemeint hab, er verlischt wie ein Licht.
Und so liegt er noch allweil. Und einmal war ich bei ihm, und das
andermal wieder bin ich hinausgelaufen und hab geschrien und geschrien,
weil ich gemeint hab, es mt und mt wer kommen! Ach, was hab ich
ausgestanden!

Sie hatten die Htte erreicht; Gittli eilte voran, Herr Heinrich und
Desertus folgten. Auf dem Herde brannte ein flackerndes Feuer.

Schauet her, stammelte Gittli, da liegt er und tut keinen Rhrer
nimmer!

Herr Heinrich trat an das Lager. Licht, Dietwald, Licht! Desertus ri
ein zur Hlfte brennendes Scheit aus dem Feuer und hob es ber das Bett.
Whrend Herr Heinrich den Kranken zu untersuchen begann, zog Gittli sich
scheu in einen Winkel zurck; dort stand sie mit angstvollen Augen, die
zitternden Hnde am Mund.

Was ist das? Ein Wundverband? Herr Heinrich richtete sich auf. Hast
du ihn angelegt?

Ja, Herr! Weil er geblutet hat!

Jetzt stolperte Herr Schluttemann keuchend ber die Schwelle. Was
gibt's? Alle Wetter! Was gibt's? Was gibt's?

Seht nach, Herr Vogt, ob unsere Leute noch nicht kommen, sagte Herr
Heinrich, ich brauche das Kstlein mit Verband und Balsam.

Was fehlt dem Bursch?

Das werdet Ihr erfahren, wenn ich selbst es wei. Geht!

Herr Schluttemann war beleidigt und verschwand. Der Propst beugte sich
wieder ber Haymo. Er schlft, sagte er nach einer Weile zu Desertus,
sein Herzschlag ist matt, aber ruhig, sein Atem gleichmig. Er mag
einen schweren Anfall von Wundfieber berstanden haben und liegt nun in
der Betubung der Schwche. Ich sehe keine Gefahr.

Gittli faltete die Hnde und rhrte stumm die Lippen.

Du dort, komm her! rief Herr Heinrich ihr zu. Wie heit du?

Gittli!

Komm her, Gittli! Und sag mir, was du alles getan hast zu seiner
Hilfe.

Zgernd kam sie nher, und nun erkannte er sie. Warst du nicht vor
wenigen Tagen beim Vogt? Du bist die Schwester Wolfrats, des Sudmanns?

Gittli zuckte zusammen.

So komm doch nher und rede! Was hast du fr meinen Jger getan?

Die Hnde zitternd, die Augen zu Boden gesenkt, gab sie mit stockenden
Worten Bericht. Aufmerksam hrte Herr Heinrich zu, und Pater Desertus
hing wie gebannt an Gittlis Zgen.

Als sie geendet hatte, blickte sie mit scheuer, stummer Frage zu Herrn
Heinrich auf, als wollte sie sagen: Hab ich auch nichts schlecht
gemacht?

Da kam Herr Schluttemann zurck. Die Leut sind da, ^Reverendissime^,
hier ist das Kstl!

Herr Heinrich nahm es. Erwartet mich drauen und lat mir niemand in
die Stube! Frater Severin --

Er ist noch immer nicht da.

Wenn er kommt, soll er rasten und Atem schpfen, dann soll er die
Herrenhtte instand setzen. Der Walti mag hier bleiben, die vier Knechte
sollen in den Almhtten nchtigen und morgen beizeiten wieder hier
sein.

Herr Schluttemann ging, und man hrte, wie er drauen mit den Knechten
umschrie, als htten sie Wunder was verbrochen. Und morgen vor Tag seid
ihr wieder da! schlo er sein donnerndes Kapitel. Oder ich rei euch
die Ohren vom Kopf weg! Wurzweg!

Je lauter er geschrien hatte, desto kleiner war Gittli geworden, desto
tiefer hatte sie sich in ihren Winkel gedrckt.

Herr Heinrich entnahm dem Kstlein, was er brauchte, um einen neuen
Verband anzulegen. Als er die mit Harz verklebte Leinwand von der Wunde
lste, streckte sich Haymo sthnend, schlug die Augen auf und schlo sie
wieder.

Dietwald, sieh her, rief Herr Heinrich erregt, das ist keine Wunde,
wie ein fallender Stein sie schlgt, oder wie man sie bei einem Sturz
erhalten kann. Das ist ein Stich, ein Messerstich! Der Mann ist
berfallen worden. Das hat ein Raubschtz getan, den der Jger fassen
wollte. Mdchen! Komm her zu mir!

Gittli zitterte an allen Gliedern.

Aber so komm doch! Sag mir: wo hast du ihn gefunden?

Drauen, lispelte sie mit versagender Stimme, vor der Htte.

Weit von hier?

Sie schttelte den Kopf.

Und wie kam es, da du ihn fandest?

Ratlos, mit angstvollen Augen, schaute sie zu Herrn Heinrich auf.

Aber so rede doch! Ich will wissen, was dich zu der Stelle fhrte, an
der du ihn fandest. Was hattest du hier oben zu schaffen?

Sie schlug die Hnde vor das Gesicht.

Ich bitt Euch, Herr Heinrich, qulet das Kind nicht! sagte Desertus
mit schwankender Stimme. Ich glaube den Grund zu kennen, der sie
hierher gefhrt. Gestern in der Nacht starb im Haus ihres Bruders ein
Kind.

Ein Kind des Wolfrat? Herr Heinrich ging auf das Mdchen zu. Du
wolltest Schneerosen holen? Zum Engelkrnzlein? Und da hast du den
wunden Mann gefunden und bist bei ihm geblieben Tag und Nacht und hast
alles fr ihn getan, was nur zu tun war? Er strich die Hand ber
Gittlis Haar. Du bist ein braves, tapferes Mdchen. Ich will es dir und
deinem Bruder danken.

Gittli wandte sich ab und wankte zur Tr hinaus. Drauen fiel sie auf
die Bank und weinte in heiem Kummer vor sich hin.

Walti kam herbei, zog ihr die Hnde herab und schaute ihr ins Gesicht.
Jeh, du bist es? Warum heulst du denn?

Sie ri sich los und schluchzte noch lauter.

Flennst du wegen dem da drin? Geh, du bist dumm! Der hat einen Gesund
wie ein Trumm Eisen. Und wenn's auch ihm ein bil weh tut, du sprst es
ja nit! Er lehnte sich an die Httenwand und ghnte. Da sah er dicken
Rauch aus der Herrenhtte qualmen. Da schau! Der Frater feuert schon.
Du! Da werden gute Sachen gekocht. Weit, beim Heraufsteigen bin ich
allweil hinter den Kraxen hergegangen. Du! Das hat gerochen! Aaah!
Fein! Er schnalzte mit der Zunge. Meinst du, wir kriegen auch was?
Ohne eine Antwort abzuwarten, schlich er zur Herrenhtte und sphte
durch die offene Tr.

Der Eingang fhrte in eine gerumige Kche mit offenem Herd; daneben lag
eine kleine Herrenstube, deren einfaches Gert aus rtlichem Zirbenholz
gefertigt war, und die Schlafkammer mit zwei Heubetten. Von der Kche
stieg man ber eine Leiter zum Bodenraum, auf welchem Bergheu in
gengender Menge aufgeschttet war, um fr ein halbes Dutzend Schlfer
weiche Liegerstatt zu bieten.

Neben dem Herd, auf dem ein helles Feuer brannte, stand Frater Severin;
er hatte die rmel der weien Kutte aufgestlpt, eine blaue Schrze
vorgebunden und war damit beschftigt, ein >Spiechen Schwarzreiter< zu
putzen, die, mit Eiern bergossen und am Feuer rasch gebacken, fr den
Abendtisch einen kstlichen Imbi gaben.

Auf den Stufen vor der Tr der Herrenstube sa Herr Schluttemann,
nachdenklich, mit gestrubtem Schnauzbart, grimmig die Augen rollend.
Die Geschichte mit Haymo war eine Nu, die zu beien gab. Des zwecklosen
Grbelns mde, schttelte er schnaubend das Haupt, fuhr mit den Fusten
durch die Luft und platzte los: Teufel! Teufel! Wenn ich denke, da ich
jetzt drunten im Kellerstbl sitzen knnt!

Mit Pater Hadamar und dem Kchenmeister, schmunzelte Frater Severin,
bei Rechberg und Stein!

Hret auf, hret auf, sthnte Herr Schluttemann, ich kann's nicht
hren, es reit mir die Seel aus dem Leib. Dann wieder in grimmige
Melancholie versunken, fragte er: Es ist doch wohl gesorgt fr unseren
Durst?

Frater Severin zuckte die Achseln. Wie es Herr Heinrich anbefohlen.
Fnf Tage sollen wir bleiben. Zehn Flaschen sind befohlen. Rechnet aus,
wieviel auf einen trifft!

Verflucht wenig! meinte Herr Schluttemann mit langem Gesicht.
Verflucht wehenig! Frater! Frater! Mir wird die Leber brandig werden.
Ich kann das Wasser nicht vertragen. Aber schon gar nicht!

Frater Severin betrachtete den unglcklichen Vogt mit zwinkernden Augen,
dann leckte er die von den Schwarzreitern fett gewordenen Finger ab,
trat auf ihn zu und flsterte ihm ins Ohr: Habt Ihr den Binkel gesehen,
den der Walti getragen hat?

Ja, warum?

Frater Severins Miene wurde immer geheimnisvoller. Und habt Ihr's nit
scheppern hren in dem Binkel?

Herr Schluttemann legte den Kopf auf die Seite und zeigte das Weie in
den Augen. Ein schchternes Licht der Hoffnung schien in seiner trostlos
finsteren Seele aufzudmmern. Redet, Frater, was hat gescheppert?

Zehn heimliche Flaschen! Rechberg und Stein. Hinter der Htte liegen
sie in khler Erde vergraben, und wenn Herr Heinrich schlummert, holen
wir uns ein Prchen.

Frater Severin, Ihr seid ein Heiliger! rief Herr Schluttemann und
wollte dem Frater um den Hals fallen.

Der schob ihn von sich. Nit so laut, Herr Vogt! Er schielte nach der
Tre. Herr Heinrich knnt uns hren.

Des Fraters Sorge war unbegrndet. Herr Heinrich weilte noch immer in
der Jgerhtte. Er hatte einen neuen Verband um Haymos Wunde gelegt und
den Arm in einer Schlinge befestigt, damit nicht eine ungestme Bewegung
des Schlfers eine neue Blutung hervorriefe. Nun blickte er suchend
umher.

Wo ist das Mdchen?

Desertus ging rasch zur Tre. Vor der Htte sa Gittli auf der Bank;
ihre Trnen waren versiegt; verloren starrte sie hinaus in die sinkende
Nacht. Desertus berhrte ihre Schulter. Sie fuhr erschrocken zusammen
und erhob sich.

Komm, Gittli! Herr Heinrich fragt nach dir. Er nahm ihre Hand und
fhrte sie in die Stube.

Nun, willst du nicht sehen, wie es deinem Pflegling geht? sagte der
Propst. Komm her! Sieh nur, wie gut und ruhig er schlft!

In wortlosem Danke wollte sie Herrn Heinrichs Hand kssen.

La doch, du Kind! sagte er. Ich habe zu seiner Rettung nicht das
mindeste getan. Haymo wre ein verlorener Mann gewesen ohne dich. Er hat
dir allein zu danken, da er nun leben wird.

Ein Seufzer, hei und freudig, schwellte Gittlis Brust. Mit leuchtendem
Blick hing sie an Haymos blassen Zgen; dann fuhr sie mit der Hand ber
die feuchten Augen und wandte sich zur Tr.

Wohin willst du? fragte Herr Heinrich.

Jetzt braucht er mich nimmer! lispelte sie. Heim will ich gehen.

Mdchen! Es ist finstere Nacht! sagte Desertus erschrocken.

Ich frcht mich nit. Es ist sternscheinig, den Weg kenn ich auch, und
auf der Alm kann ich nchtigen.

Dort schlafen die Knechte! warf Herr Heinrich ein; dann lchelte er.
Und denke nur, wenn Haymo morgen erwacht und fragt nach dir? Was sollen
wir ihm sagen? Willst du nicht bleiben?

Wenn ich darf? stammelte sie. Schauet, Herr, ich nehm doch keinem
seine Liegerstatt weg. Ich setz mich dort auf den Herd.

Sie wollte in ihren Winkel schleichen, aber Herr Heinrich rief sie noch
einmal zurck. Gittli, sagte er freundlich, du bist doch kein Kind
mehr, du solltest nicht so herumlaufen. Er deutete auf ihre Arme, die
bis ber die Schultern nackt waren, und auf einen Ri, der in ihrem Hemd
fast bis zum Grtel ging.

Sie sah ihn mit groen Augen an. Ich hab mir die rmel weggerissen,
weil ich das Leinen gebraucht hab. Fr ihn.

Da ging er auf sie zu, legte ihr die Hand auf den Scheitel und sagte
leise: ^Deo placebis in nuditate tua!^ Und zu Desertus sich wendend,
fuhr er in lateinischer Sprache fort: Kann eines Frsten Tochter
reicher sein an edlen Steinen und Geschmeide, als dieses Bettelkind an
Schtzen des Gemts?

Der Chorherr schwieg; seine trumenden Augen hingen an Gittli, die zum
Herde ging, in ihre Jacke schlpfte und sich leis in den Winkel kauerte.

Herr Heinrich war an Haymos Lager getreten und hatte seine Hand auf die
Stirn des Schlummernden gelegt. Das Fieber ist gemildert, und der
Schlaf wird ihn erquicken. Er hat gesundes Blut und eine gute Natur. Ich
hoffe, wir haben den Mann in drei Tagen wieder leidlich auf den Beinen.
Ich will Wein herberschicken, davon soll er bekommen, wenn er munter
wird in der Nacht. Und Frater Severin soll bei ihm wachen.

berlasset mir dieses Amt! sagte Desertus rasch. Der Bruder ist
mde.

Gut, so bleibe! Herr Heinrich reichte dem Chorherren die Hand, nickte
Gittli mit freundlichem Lcheln zu und verlie die Stube.

Zu Hupten des Lagers setzte sich Desertus auf die Bank.

Es war still in der Stube. Gittli rhrte sich nicht in ihrem Winkel; man
hrte nur Haymos tiefe Atemzge, und auf dem Herde knisterte es zuweilen
noch leise in den glhenden Kohlen.

Drauen murmelte das Wasser, von der Herrenhtte herber klang in
Zwischenrumen die laute Stimme des Vogtes, und tief aus dem Steintal
herauf ertnte der Gesang der vier Knechte, die zu den Almen
niederstiegen:

      Das Herzelein
      Im Herzensschrein
   Tut gar so weh dem schwarzen Knaben:
   Das braune Mgdlein mcht er haben,
      Ja haben,
      Wenn man es ihm nur gb,
      Ja gb, ja gb!

Nach einer Weile kam Walti, um den Chorherren zum Imbi zu rufen; er
brachte auch einen Teller fr Gittli. Du, das ist gut! flsterte er
dem Mdchen zu. Ich hab's auch schon verkosten drfen, und was brig
bleibt, das krieg ich alles, hat der Frater gesagt. Gittli richtete
sich auf und begann zu essen, whrend Desertus die Stube verlie. Als er
die Herrenhtte betrat, sagte er zu Frater Severin: Schickt ein Kissen
und eine Lodendecke hinber fr das Mdchen; das Kind hat ein hartes
Lager auf den Herdsteinen.

Nun saen sie beim Schein einer Kienfackel in der Herrenstube beisammen,
der Propst, Herr Schluttemann und Desertus, der letztere schweigend in
sich versunken, whrend Herr Heinrich und der Vogt die an dem Jger
verbte Untat besprachen. Herr Schluttemann beschwor die ganze Rache
seines flammenden Zornes ber das Haupt des Untters, den er finden
wollte, und wenn er sich auch in den untersten Schlupf der Hlle
verkrochen htte; sobald es Tag wrde, gedachte er sich mit den Knechten
auf den Weg zu machen, um in weitem Kreise rings um die Htte jeden
Busch und jede Felsschrunde zu untersuchen; ein Haken wrde sich schon
finden, an den der Faden eines Verdachtes sich anknpfen liee.

Als Desertus in die Jgerhtte zurckkehrte, fand er Gittli schlafend im
Herdwinkel. Das Kissen, das ihr Walti gebracht, hatte sie unter Haymos
wunden Arm gelegt; nur die Lodendecke hatte sie fr sich behalten und
zum Polster geballt unter ihren Kopf geschoben. So lag sie, die beiden
Hnde unter der Wange, die mden Glieder vom Schlafe sanft gelst; sie
schien auf den harten Steinen so gut zu ruhen, als lge sie in weichen
Daunen. Die glimmenden Kohlen strahlten einen roten Schimmer ber ihr
Gesicht, so da es aus dem Dunkel hervorleuchtete wie ein liebliches
Rtsel.

Lange stand Desertus vor dem schlafenden Mdchen. Immer nher zog es
ihn, er beugte das Knie, er streckte die Arme, er neigte das Gesicht in
drstender Sehnsucht. Da bewegte sich Gittli und sthnte leis, wie unter
schweren Trumen: Haymo.

Desertus taumelte zurck; die Hnde vor das Gesicht schlagend, wankte er
zur Tr und sank auf die Schwelle nieder. Herr! Herr! Du versuchest
mich ber meine Krfte! rang es sich mit erstickter Stimme von seinen
Lippen, und die brennenden Augen starrten hinaus in die Nacht, empor zu
den ruhelos flimmernden Sternen.

In den Fenstern der Herrenhtte war das Licht schon erloschen; Herr
Heinrich schlief. Durch die Klumsen der geschlossenen Tre quoll aber
noch ein matter Schein; dort saen Frater Severin und Herr Schluttemann
beim erlschenden Feuer auf dem Herdrand, leise plaudernd, mit dem
>heimlichen Prchen< beschftigt, das sie aus dem Versteck hervorgeholt.
Walti hockte in einem Winkel und vertilgte die Reste des Mahles; dann
trank er noch einen Krug Wasser leer und kletterte ber die Leiter
hinauf ins Heu.

Als den beiden anderen >des Himmels hchste Gnade< zur Neige ging, bekam
Herr Schluttemann seine blichen >Zustnde<. Er schien vllig vergessen
zu haben, wo er sich befand, whnte im Kellerstbl zu weilen und
frchtete, da mit jedem Augenblick die handfesten Boten der Frau
Ccilia eintreten knnten, um ihn zu holen. Aber ich geh nicht, Bruder,
ich geh nicht! Jetzt sitz ich einmal, Donnerwetter, und jetzt bleib
ich! Frater Severin drckte ihm die Hand auf den Mund und zerrte ihn
zur Leiter; mit aller Mhe, stoend und schiebend, brachte er ihn
endlich ber die Leiter hinauf und warf ihn ins weiche Heu. Ccilia,
Ccilia, du treibst es heut wieder arg mit mir! brummte Herr
Schluttemann, halb erstickt von dem ber ihn herfallenden Heu. Eine
Weile lallte er noch fort, dann begann er zu schnarchen. Frater Severin
folgte diesem Beispiel, und da ging nun ein Sgen um die Wette los, da
Walti erwachte und kein Auge mehr schlieen konnte; dazu hatte er bald
eine Faust des Herrn Schluttemann im Gesicht, bald dessen Fe auf der
Brust oder zwischen den Beinen; er verkroch sich in den uersten
Winkel, aber Herrn Schluttemanns Fe fanden den Weg zu ihm. Schlielich
erhob er sich, glitt ber die Leiter hinunter und legte sich auf den
warmen Herd. Jetzt konnte er schlafen.




                                 15.


Nach Mitternacht bewlkte sich der Himmel, und ehe der Tag noch graute,
begann ein warmer Regen zu fallen. Bei Anbruch der Dmmerung kamen die
Knechte. Pater Desertus sa noch immer auf der Schwelle der Jgerhtte,
mit bleichen, mden Zgen, die Augen hei umrndert. Als er die Knechte
gewahrte, erhob er sich und atmete tief, als wre ihm die Nhe wachender
Menschen willkommen. Einer der Knechte fragte ihn, was sie zu tun
htten. Er meinte, sie sollten sich, da Herrn Heinrich der Pirschgang
auf den Auerhahn verregnet wre, ruhig verhalten, bis die Schlfer von
selbst erwachen wrden. Dann trat er in die Htte. Gittli war schon
wach, sie stand ber Haymo gebeugt, der noch immer ruhig schlief; als
sie den Chorherren kommen hrte, trat sie scheu zurck, lispelte den
Morgengru und verlie die Htte. Nach einer Weile kam sie wieder,
gewaschen, mit frisch gezopften Haaren; sie schrte auf dem Herd ein
Feuer an und ging geruschlos ab und zu, um saubere Ordnung in der Stube
zu machen. Als sie wieder einmal Wasser holte, wurde drben an der
Herrenhtte ein Fensterladen aufgestoen.

Guten Morgen, Gittli! rief Herr Heinrich.

Sie stellte die Wanne nieder und lief hinber.

Nun, wie geht es ihm?

Er schlft noch allweil, Herr, und ich mein', der Schlaf hat ihm gut
getan, denn er hat schon Farb im Gesicht.

Dann wird er wohl auch bald erwachen. Freust du dich schon?

Und wie!

Gelt, und du freust dich auch schon auf seinen Dank?

Den hab ich schon, Herr!

So?

Ja, gestern auf die Nacht, da hat er ein ltzel reden knnen, und da
hat er mir gleich ein Vergeltsgott gesagt.

Aber ich meine, du hoffst doch wohl noch auf besseren Dank? lchelte
Herr Heinrich, whrend er sich breit ins Fenster legte.

Sie sah mit groen Augen zu ihm auf. Was sollt ich noch wollen? Ich hab
mein Vergeltsgott.

Er betrachtete sie mit freundlichem Blick. So? So? Und leise zuckte es
um seinen Mund, als er sagte: Freilich, mehr kannst du nicht verlangen
von ihm. Aber jetzt geh nur, ich komme gleich hinber.

Hurtig lief Gittli davon, um aus dem Regen wieder unter Dach zu kommen.

ber diesem Zwiegesprch war Walti aus dem Schlaf erwacht. Er rieb sich
erschrocken die Augen, als er den hellen Morgen schimmern sah, kletterte
die Leiter empor und rief: Frater! Frater! Stehet auf, der Herr ist
wach!

Frater Severin fuhr aus dem Heu wie der Hase aus dem Krautacker, wenn
der Bauer kommt. Er packte seinen Schnarchgenossen an der Brust. Herr
Vogt! Auf! Auf! Auf!

Herr Schluttemann drehte sich auf die Seite. Aber Ccilia!

Auf! Auf! Auf!

Aber Ccilia! wimmerte Herr Schluttemann. Geht denn der Teufel schon
wieder los? Alle Tag und alle Tag! Nicht einmal ausschlafen soll der
Mensch knnen! Kreuz Teufel! La mich in Ruh! Oder ich fahr dir noch
einmal mit groben Pratzen in die Zpf!

Frater Severin schttelte seufzend den Kopf, berlie den Vogt seinem
grausamen Traum und stieg mit starren Beinen ber die Leiter hinunter.

Herr Schluttemann hatte sich tief eingewhlt in das Heu, als umschlnge
er mit seinen Armen das Kissen, das er an jedem Morgen fest ber die
Ohren zu drcken pflegte, wenn Frau Ccilia ihre Predigt begann. Die
lautlose Ruhe, die ihn pltzlich umgab, mochte ihm als etwas
Ungeheuerliches erscheinen. Er richtete sich erschrocken auf und starrte
mit groen, runden Augen im Dmmerlicht des Heubodens umher.

Ach sooo! fltete er, als er das stille Wunder langsam zu begreifen
begann. Dann lachte er vergngt vor sich hin. Jetzt kann geschehen, was
will, jetzt schlaf ich mich einmal aus! Sprach's, legte sich wieder auf
die Seite und streckte sich behaglich: Aaah! Eine kleine Weile, und er
schlief schon wieder.

Herr Vogt! rief Frater Severin in der Kche. Herr Schluttemann hrte
nicht.

Vogt! Vogt! Wo seid Ihr? rief Herr Heinrich selbst. Vogt Schluttemann
hrte nicht. So lat ihn schlafen! lchelte der Propst. Das irdische
Vergessen ist ber ihn gekommen. Er drohte mit dem Finger zum Heuboden
hinauf: Wartet nur, Vogt, der Morgen kommt schon wieder, da Euch die
Donner des Gerichtes wecken! ^Dies irae, dies illa^!

^Jactat scopas turturilla!^[15] kicherte Frater Severin, die zweite
Zeile der ernsten Hymne in seinem Kchenlatein lustig parodierend, und
lie sich vor dem Herde nieder, um mit vollen Backen in die Kohlen zu
blasen.

Als Herr Heinrich hinberging zur Jgerhtte, kam ihm Gittli
entgegengelaufen. Herr, Herr! Er wachet schon! stammelte sie. Mein
Gott, und so viel sorgen tut er sich, Ihr knntet ihm harb sein, weil
ihm so was hat geschehen knnen. Die Freude redete aus ihr, aber es war
eine zitternde Freude; nun konnte Haymo sprechen, nun mute er sagen,
was geschehen war.

Sie blieb, als Herr Heinrich die Htte betrat, an der Tre stehen,
Freude im Herzen, Angst in der Kehle.

Haymo sa aufgerichtet in seinem Heubett. Herr Heinrich!

Der Propst legte ihm die Hand auf den Mund. Du sollst nicht sprechen,
Haymo, ich will es so! Lege dich zurck und la mich nach deiner Wunde
schauen! Dann sollst du essen und trinken und wieder schlafen, und wenn
du dann gestrkt erwachst, dann setz ich mich zu dir, und du erzhlst
mir alles. Und mach dir keine dummen Sorgen! Du bist Haymo, mein treuer
Jger! Hast ja deine Treue mit deinem Blut besiegelt.

[Funote 15: Tag des Zornes, an dem das Turteltubchen mit Besen
schmeit.]

Herr Heinrich --

Wirst du schweigen! schalt der Propst und drckte den Jger mit
sanfter Gewalt auf das Kissen zurck.

Gittli atmete auf; und da sie in der Jgerhtte nun entbehrlich war,
lief sie hinber in das Herrenhaus.

Frater? Kann ich Euch nit helfen?

Ei freilich, mein Dirnlein, schrz dich, tummel dich! Und im Hui hatte
er ein Dutzend Auftrge fr Gittli bereit.

Sie griff mit flinken Hnden zu, trug alles herbei, was der Frater in
der Kche brauchte, brachte Ordnung in die Schlafkammer und machte die
Herrenstube spiegelblank.

Drauen >schnrelte< der Regen, und die Knechte, die unter dem
vorspringenden Dach der Herrenhtte an die Balkenwand gelehnt standen,
sangen mit leisen Stimmen, um sich die nasse Zeit zu vertreiben.

Als Herr Heinrich mit Desertus aus der Jgerhtte trat, sagte er: Dein
Aussehen ist schlimm, Dietwald. Die Nachtwache hat dich erschpft.

Ja, Herr!

Aber ich hoffe, es hat dich in dieser Nacht dein Gespenst in Ruhe
gelassen?

Meint Ihr?

Dietwald!

Es weilte mit mir unter einem Dach die ganze lange Nacht.

Herr Heinrich schwieg, den Pater mit forschendem Blick betrachtend. Dann
sagte er: Komm, lege dich schlafen, du bist ermdet.

Sie betraten die Herrenhtte; Desertus ging in die Schlafkammer und warf
sich auf das Lager, doch seinen Augen war es anzusehen, da sie den
Schlummer nicht finden wrden. Herr Heinrich fllte einen Becher mit
Wein und go dazu einige Tropfen aus einer Phiole, die er seinem
Arzneikstlein entnommen hatte. Trink, Dietwald, das wird dir Schlaf
bringen!

Desertus leerte den Becher. Und es whrte nicht lang, so lag er mit
geschlossenen Lidern, tief atmend, in schwerem Schlummer.

Herr Heinrich wollte ins Freie treten, da sah er Gittli in der Kche
schaffen. Ein Gedanke schien ihn zu befallen, er schttelte wie
abwehrend den Kopf, doch immer wieder kehrte sein Blick zu dem Mdchen
zurck.

Gittli!

Sie suberte die Hnde an der Schrze und kam auf ihn zugegangen. Ja,
Herr?

Erzhl mir doch, hast du dich mit dem Chorherren auch gut vertragen die
lange Zeit vom Abend bis zum Morgen?

Allweil gut! meinte Gittli mit scheuem Lcheln. Der Pater hat
gewachet, und ich hab geschlafen. Als mte sie sich entschuldigen,
fgte sie bei: Ich bin so viel md gewesen.

Immer geschlafen? Die ganze Nacht?

Gott beht, Herr! Diesmal bin ich schon aufgekommen.

Nun? Und dann habt ihr wohl miteinander Haimgart gehalten, gelt?

Aber Herr! sagte sie ganz erschrocken. Wie tt ich mir denn einfallen
lassen, da ich haimgarten wollt mit so einem Herrn. Ich bin allweil
gelegen und hab keinen Muckser getan.

Und er? Er wird doch mit dir geredet haben?

Kein Sterbenswrtl! Ich glaub, er hat mich gar nit gesehen. Allweil ist
er gesessen und hat blinde Augen gemacht, als tt er einwendig schauen.

Einwendig schauen? wiederholte Herr Heinrich und nickte vor sich hin.
Aber sag, hast du ihn schon fters gesehen?

Zweimal, Herr! Das erstemal drunten am Seesteig. Sie stockte; denn sie
durfte Herrn Heinrich doch nicht sagen, welchen Schreck sie damals
empfunden hatte -- Schreck und Furcht vor einem Gottesmann! Leise sprach
sie weiter: Und das andermal am Ostertag. Da kamen ihr die Trnen.

Was hast du, Gittli, warum weinst du?

O mein Gott, schauet, Herr, er ist dazugekommen, wie unser Kindl hat
verscheinen mssen, unser liebes, gutes Kind!

Komm, Gittli, komm, setz dich! Er fhrte sie zu einer Bank. So! Und
jetzt sage mir, wie war es mit dem Kind?

Unter Trnen erzhlte sie in ihrer schlichten Weise von Mimmidatzis
kurzem Leben. Schauet, Herr, wie ein Lichtkferl ist das Kind gewesen
in unserem Sorgenhaus, wie ein Blml im Winter, und in aller Herzensnot
wie ein Stckl ewiges Brot, von dem man allweil hat zehren knnen, und
es ist doch nit weniger worden. Und jetzt hat's verscheinen mssen!
Warum denn? Warum?

Frater Severin klapperte am Herd mit seinen Pfannen; ein Zittern war ihm
in die Hnde gekommen; auch mute ihm was ins Auge geflogen sein, denn
er wischte immer, aber es wollte nicht helfen.

Herr Heinrich hielt die Hnde des Mdchens gefat und blickte tiefbewegt
in Gittlis Gesicht, das von Trnen berronnen zu ihm emporgerichtet war,
wie einer trstenden Antwort harrend.

Htte nicht das Feuer geknistert, der Regen ber dem Schindeldach
gepltschert und Herr Schluttemann auf dem Heuboden ein klein wenig
geschnarcht, es wre ganz still gewesen in der Kche.

Warum? Ja, warum? Herr Heinrich setzte sich an Gittlis Seite. Das
fragst du? Das weit du nicht? So ein kluges Dirnlein wie du? Geh doch,
Gittli, wie kannst du nur so fragen?

Sie wurde verlegen und suchte nach Worten. Weil ich's halt doch nit
wei, Herr!

Aber freilich weit du es! Welch ein liebes, holdes Kind euer
Mimmiktzlein war, das weit du doch, gelt?

Ja, Herr, ach ja, ja, ja!

Und nun denke dir: wenn das Kind htte leben mssen und Schmerzen
leiden und siechen, und bse Menschen htten es gestoen, getreten und
geschlagen, und es htte Unglck ber Unglck erfahren, Kummer ber
Kummer, Not und Elend? Und du und des Kindes Mutter, ihr httet das
alles mit ansehen mssen? Htt euch das im Herzen nicht weher getan als
jetzt, weil es verschienen ist?

Ach Gott! klagte Gittli und wehrte mit beiden Hnden, als wollte sie
den Gedanken, da ihr Mimmidatzi htte leiden mssen, gar nicht
eindringen lassen in ihr Herz.

Gelt? Da ist halt wieder einmal der liebe Herrgott gescheiter gewesen,
als wir alle miteinander. Der hat sich gedacht: nein, so was la ich
nicht kommen ber das liebe gute Kind, da nehm ich es lieber zu mir
herauf in meinen Himmel und mach ein Englein aus ihm, damit es in Freude
und Glckseligkeit hinunterlachen kann auf sein Heimatl, und damit es
ein fester Schutzengel sein soll fr seine lieben Leut!

O mein, brauchen tten wir freilich einen! seufzte Gittli tief auf;
und zu Herrn Heinrich emporblickend sagte sie: Schauet, Herr, ich hab
mir allweil so was gedacht, aber ich hab mir's halt vllig nit sagen
knnen.

Gelt, siehst du, da du es weit!

Ja, und es mu auch wahr sein, denn htt ich den Schutzengel nit
gehabt, ich htt den Haymo nimmer finden knnen, und jede Stund derzeit,
Tag und Nacht, hab ich das Kind allweil bei mir sitzen sehen, und
allweil hat's mich angelacht. Gelt, Herr Heinrich, unser Herrgott ist
doch ein guter, guter Mann?

Das mein' ich! Und drum sei gescheit, Gittli, verla dich nur auf ihn
und wisch dir die Zhren ab! Und dann la dir vom Frater Severin eine
tchtige Schssel voll Suppe geben, trag sie hinber zum Haymo und sorge
dafr, da er tchtig it.

Jetzt lchelte Gittli. Da seid nur ganz ruhig, Herr Heinrich, ich will
schon hineinstopfen in ihn, was Zeug hat!

Frater Severin kam bereits mit der Schssel. Nimm, Dirnlein, nimm!
flsterte er und zwinkerte mit freundlichen Augen. Die besten Brcklen
hab ich fr ihn gefischt.

Vergeltsgott! sagte sie, nahm die Schssel und ging mit achtsamen
Schritten davon, die Augen starr auf die Suppe gerichtet, um nur ja
keinen Tropfen zu verschtten.

Herr Heinrich blickte ihr lchelnd nach. Warum? Warum? Du alte, ewig
menschliche Frage! Wrst du doch in jeder Brust so leicht zu
geschweigen, wie in dem Herzen dieses Kindes!

Als er die Herrenstube betreten wollte, fhlte er einen Ku auf seiner
Hand. Frater Severin stand vor ihm mit brennender Nase.

Wie, Bruder? Auch du gerhrt? ^Mens agitat molem^? lachte Herr
Heinrich. Aber es hilft dir nichts! Der Bauch mu weg.

Herr Heinrich! schmollte der Frater und zeigte eine gekrnkte Miene.
Wenn Ihr meinet, da ich es deshalb tat, dann -- Er streckte den Bauch
heraus und trommelte mit beiden Hnden drauf. Dann nehmet nur gleich
ein Messer und schneidet zu! Ich will stillhalten!

Bruder! Bruder! drohte Herr Heinrich. Wenn ich dich beim Wort nhme?
Doch sei beruhigt, ich tu's nicht. Es ginge dir ans Leben. Und wer
brchte mir dann die Suppe? Denn mich hungert, Bruder!

Frater Severin rannte, da die Kutte flog.

Inzwischen hatte Gittli die Jgerhtte erreicht, in welcher Walti
plaudernd bei Haymo sa. Da schau, sagte sie, was ich da jetzt
bring!

Haymo richtete sich auf. Gittli! Htte er tausend Worte gesprochen, er
htte mehr nicht sagen knnen, als was der Klang dieses Namens verriet
und was der leuchtende Blick seiner Augen sprach.

Du! Jetzt tu nit reden! drohte sie. Jetzt mut du essen! Und alles!
Bis auf das letzte Brserl! Sie setzte sich auf den Rand des Lagers und
zog das Knie herauf, um eine Sttze fr die Schssel zu haben. Er begann
zu essen, und bei jedem Lffel, den er nahm, sah er zu ihren Augen auf;
und immer wieder nickte sie ihm zu und lchelte: Gelt, das schmeckt?

Walti steckte die schnuppernde Nase in den Suppendampf. Kruzi, Kruzi,
wenn ich allweil solche Sachen kriegen tt, da lie ich mir auch eins
auf den Buckel stechen von so einem schlechten Kerl! Er griff mit
beiden Hnden zu, denn die Schssel wackelte bedenklich zwischen Gittlis
Hnden. Was machst du denn? So halt doch fest! Und zu Haymo sich
wendend, fragte er: Sag, Jger, du mut aber doch wissen, was es fr
einer war?

Haymo schttelte den Kopf. Sein Gesicht war angerut.

Tief atmete Gittli auf; dann sagte sie zu Walti: Geh, tu den Becher
splen! Jetzt mu er den Wein kriegen!

Der Bub nahm den Becher vom Tisch und rannte hinaus.

Haymo, stammelte Gittli mit raschen, leisen Worten, gelt, wenn sie
dich ausfragen, nachher sag's nit, da es beim Kreuz geschehen ist!

Warum nit?

Sie senkte den Kopf. Weil ich dich bitten tu!

Er nickte vor sich hin. Ich wei schon, wie du's meinst! Gelt, weil sie
Gottesleut sind? Und mten sich krnken, wenn sie hren tten, da ihr
Herrgott so was hat geschehen lassen. Ein bitteres Lcheln zuckte um
seinen Mund. Zu mir hat er reden mgen! Warum denn hat er nit auch zum
anderen sagen knnen: tu's nit, tu's nit?

Gittli hing an ihm mit angstvollen Augen; sie verstand den Sinn seiner
Worte nicht. Haymo --

Sie konnte nicht weitersprechen, denn Walti kam zurck. Mit zitternder
Hand reichte sie dem Jger den gefllten Becher, den er drstend leerte,
mit dem Becher zugleich ihre Hand gefangen haltend. Als er dann
aufblickte zu ihr mit glnzenden Augen, flsterte er: Nein, Gittli,
nein, ich darf nimmer fragen: warum? Ich wei schon, warum er's hat
geschehen lassen. Ich wei es! Er zog ihre Hand mit dem Becher an seine
Brust.

Sie lie ihn gewhren und stand, als wte sie nicht, wie ihr geschhe.
Und da er ihre Hand nun freigab, blickte sie auf, wie erwachend, nahm
wortlos die Schssel und ging zur Tre.

Gittli! rief er ihr leise nach. Kommst du bald wieder?

Wohl, Haymo! lispelte sie und verlie die Htte.

Hohohoho! lachte Walti auf, klemmte die Hnde zwischen die Knie und
schttelte vor Vergngen die Schultern.

Was hast du denn, dummer Bub?

Ich wei auch was! Hohohoho! Ich wei auch was! Kichernd steckte Walti
den Kopf in den Winkel zwischen Bett und Bank.

Drauen vor der Htte stand Gittli, fuhr mit dem Rcken der freien Hand
ber ihre heien Wangen und stammelte: Was wei er denn? Was kann er
denn wissen? Zgernd ging sie der Herrenhtte zu.

Einer der Knechte kam ihr entgegen; er htte ihr eine Botschaft
auszurichten. Ihr Bruder, der Sudmann, wre in der Nacht zu den Almen
gekommen und htte gejammert, da seine Schwester seit zwei Tagen
abginge, und da kein Mensch wte, wohin sie gekommen wre. Als ihm die
Knechte erzhlten, da seine Schwester den Jger todwund gefunden und in
der Htte gepflegt htte, bis die Herrenleute kamen, da htte er sich
vor Staunen kaum fassen knnen; jedes Wort, das er gesprochen, wre ein
Lob fr seine Schwester gewesen; und sie sollte nur ja in der Htte
bleiben, solang die Herrenleute sie ntig htten; er selbst wre gern
noch zu ihr hinaufgestiegen in die Rt; aber da er nun wte, da sie
wohlauf und sicher geborgen wre -- htte er gesagt -- so wollte er
lieber wieder heimlaufen, um die Schicht im Sudhaus nicht zu versumen.
Er tte die Schwester recht schn gren lassen.

Mit Bangen und Zittern hrte Gittli diese Botschaft an, die sie nicht zu
verstehen vermochte. Wie wre es ihrem kindlichen Sinn auch beigefallen,
da Wolfrat diesen Gang zur Alm, wo er die Knechte zu finden hoffte, nur
getan hatte, um einen drohenden Verdacht von sich abzuwenden. Wenn er
die Schwester hatte gehen lassen, ohne sich weiter um ihr Verbleiben zu
kmmern, dann mute er wissen, weshalb sie gegangen war, wissen, wo und
weshalb sie blieb.

Als Gittli die Herrenhtte betrat, kam sie gerade recht, um Herrn
Schluttemanns Auferstehung mitzufeiern. Sein Kopf erschien ber dem Rand
des Heubodens. Wo aber hatte er das Gesicht gelassen, das er sonst an
jedem Morgen zu zeigen pflegte? Jenes zornbrennende Gesicht mit den
finster gerunzelten Brauen, den rollenden Augen und dem gestrubten
Schnauzer? Er schien sich verwandelt zu haben in diesem langen Schlaf.
Sanft hing ihm der Schnauzbart ber den Mund, lustig blitzten seine
Augen, und mit einem Gesichte, lachend bis zu den Ohren, stieg er ber
die Sprossen nieder, Frater Severin meinte: wie der strahlende Erzengel
Gabriel herunterkommt ber die Himmelsleiter.

Auf der Erde angelangt, streckte und dehnte sich der Vogt, rieb vergngt
die Hnde, schttelte die Heufden von seinem Wams, schlug den Frater
mit der flachen Hand auf die breite Schattenseite, da die ganze Kutte
wackelte, kneipte Gittli in die Wange und trat mit frhlichem Gesicht in
die Herrenstube. Und whrend nun Stunde um Stunde verging, hrte man
seine lachende Stimme an allen Ecken und Enden, bald im Herrenhaus und
bald in der Jgerhtte. Hier wurde er freilich von Herrn Heinrich
ausgetrieben, um Haymo einen ruhigen, strkenden Schlaf zu sichern.

Einige Stunden nach Mittag versiegte der Regen, die Wolken klfteten
sich, und die Sonne warf, ehe sie hinter die Berge sank, noch einen
goldigen Schein ber die beiden Htten.

Herr Heinrich nahm die Armbrust hinter den Rcken und stieg zum
Kreuzwald empor; der Vogt machte sich mit den Knechten auf die Suche,
und Desertus wanderte einer nahen Felshhe zu; dort sah ihn Gittli auf
einem Steinblock sitzen, bis der Abend dmmerte. Haymo schlief, und
Gittli weilte mit Frater Severin und Walti auf der Bank vor der Htte,
mit halbem Ohr nur hrend, was die beiden plauderten; in Sorg und Unruh
glitten ihre Blicke immer wieder hinber nach dem Steintal; die
bitterste Angst war aber doch von ihr genommen. Sie hatte jetzt einen
Schutzengel, der droben im Himmel sorgte fr sie, fr den Wolfrat und
die Seph. Und was der Bruder auch gesndigt -- sie hatte es doch ein
ltzel wieder gut gemacht.

Der erste, der zurckkam, war Herr Schluttemann. Er hatte nichts
gefunden, rein gar nichts! Der Regen hatte Haymos blutige Fhrte und die
Schweispur des verschleppten Steinbocks ausgelscht. Ja, der
Schutzengel!

Bei Anbruch der Nacht kam der Propst mit Pater Desertus zurck. Herr
Heinrich hatte eine Fehlpirsch auf den Auerhahn getan. Beim Niederstieg
hatte er einen Luchs aufgegangen und dem fliehenden Raubtier einen
Bolzen nachgeschickt. Nun sollten zwei der Knechte whrend der Nacht
hinuntersteigen zum Kloster, um die beiden Schweihunde zu holen: die
Hel und den Weckauf. Einem der Knechte befahl Herr Heinrich, im Hause
des Sudmanns vorzusprechen, um fr Gittli mitzubringen, was sie ntig
htte an Gewand und Wsche. Bald nachdem der Abendimbi genommen war,
wurde es still in den beiden Htten; Gittli und Walti wachten bei Haymo;
Herr Heinrich, der vor Tag wieder auf den Beinen sein wollte, hatte sich
zur Ruhe begeben, und Desertus mute seinem Beispiel folgen. In der
Kche saen Herr Schluttemann und Frater Severin am Herd. Als der Vogt
meinte, da Herr Heinrich schon in Schlaf gesunken wre, verlie er die
Htte und holte das zweite >Prchen< aus dem Versteck. Schwer seufzend
wandte Frater Severin sich ab, als Herr Schluttemann die eine der beiden
Steinflaschen zwischen die Knie nahm, um mit hochwichtiger Sorgfalt den
mit Wachs verklebten Pfropf zu lsen. Einen langen, langen Zug tat der
Vogt, dann reichte er die Flasche dem Bruder. Tauchet an, Frater!

Ein stummes Kopfschtteln war die Antwort.

Herr Schluttemann erschrak. Bruder? Seid Ihr krank?

Nein. Aber ich will nit trinken. Heut treib ich keine Heimlichkeit.
Herr Heinrich war so gut zu mir.

Tatata! Das ist eine Ausred! Wer nicht trinken will, hat entweder ein
bses Stck getan oder will's begehen. Zeiget, da Ihr ein unschuldig
Herz habt! Schluck, schluck!

Ich hab keinen Durst! sagte Frater Severin und seufzte tief.

Tatata! Durst? Durst? In unserer unschuldigen Zeit trinken nur zu viel
ohne Durst. Und billig! Man trinkt fr den zuknftigen. Kauft in der
Not, so sagen die Quacksalber, dann habt ihr's im Tod!

Jetzt hab ich's einmal gesagt, seufzte Frater Severin, ich trink
nit!

Tatata! Herr Schluttemann fate des Fraters Kutte und zog ihn zu sich
nieder. Kommt her, Frater, setzet Euch zu mir, ich will Euch ein Liedl
singen, das soll Euch ins Gewissen reden! Er schlang seinen Arm um den
des Fraters, schwenkte die Flasche und sang mit leiser Stimme:

   Wohlauf, lieb Bruder und Gespiel,
   ^Quem sitis vexat plurima,^
   Ich wei ein Wirt im Tale khl,
   ^Qui vina habet aurea!^

   Er zapfet fleiig uns den Wein
   ^De dolio in cantharum!^
   Drum wollen wir auch frhlich sein
   ^Ad noctis usque terminum!^

   Wer greinen oder murren will,
   ^Ut canes decet rabidos,^
   Der mag wohl bleiben aus dem Spiel,
   ^Ad porcos eat sordidos!^

Schon die zweite Strophe hatte Frater Severin mit wiegendem Kopfe
mitgesummt; und jetzt ergriff er die Flasche und sog und schluckte, aber
schon gehrig! Dann freilich, als er absetzte, machte er ein
kummervolles Gesicht. Jetzt hab ich halt doch getrunken! O Mensch,
Mensch! Was bist du fr ein Hafen voll teuflischer Suppe! Pfui!
Mibilligend schttelte er den Kopf, setzte die Flasche an und trank.
Jetzt geht's schon in einem hin!

Ein paar feuchte Stunden verrannen den beiden, bis sie es zuwege
brachten, da die Flaschen einen trockenen Boden bekamen. Als Herr
Schluttemann sich erhob, merkte er, da er nicht mehr vllig Meister
seiner Beine war -- er merkte es, als er mit der Nase schon auf der Erde
lag.

^En jacet in trexis!^ jammerte Frater Severin. Sehet Ihr, Herr Vogt,
sehet Ihr! Das ist Gottes Strafe, weil Ihr meine Seel in des Teufels
Schlinge getrieben habt.

Herr Schluttemann krabbelte sich mhsam an des Fraters Kutte in die
Hhe. Glaubet mir, Frater, das ist seiner Lebtag kein guter Fuhrmann,
der nicht auch einmal umwerfen kann! Die Zunge wurde ihm schwer. Und
Ihr wisset doch, wie der gelehrte Philosoph sagt:

   Wirft uns der Wein schon nieder,
   Gehn wir morgen doch zu ihm wieder.

Frater Severin hielt die Leiter, und Herr Schluttemann tappte ber die
Sprossen hinauf ins Heu.




                                 16.


Dem trben Regentag folgte ein frischer, frhlingsduftiger Morgen. Jeder
Rasenfleck auf den steilen Gehngen und alle Almen hatten ber Nacht
einen lichtgrnen Schimmer bekommen. Es war Lenz geworden auf den
Bergen; er hauchte aus den lauen Lften, blickte nieder aus dem tiefen
Blau des Himmels, stieg aus der Erde mit wrzigem Odem und wehte in den
Dften, die der bergwrtsziehende Wind emportrug aus den Tlern, in
denen die ersten Blumen sich schon erschlossen hatten.

Als die warme Sonne auf allem Grunde rings um die Jgerhtte lag, durfte
Haymo das Lager verlassen. Frater Severin und Gittli fhrten ihn zur
Bank vor der Tr; doch htte der Jger kaum einer Sttze bedurft, so
krftig war sein Schritt; er wre am liebsten vor Tag schon
aufgestanden, um mit Herrn Heinrich auszuziehen zum Hahnfalz.

Da saen sie nun zu dreien. Frater Severin erzhlte Schnaken und
Schnurren, Haymo schaute mit nimmermden Augen ber Berg und Wlder aus,
Gittlis Hand in der seinen haltend. Schweigend sa sie an seiner Seite,
die Augen gesenkt, mit der freien Hand an einem Zipfel ihrer Jacke
nestelnd. Ihr war zu Mut, sie wute nicht wie. berall, meinte sie, wre
ihr wohler als hier auf dieser Bank. Nun tat sie einen stockenden
Atemzug, stand auf und lste ihre Hand.

Gittli? Was hast du? fragte Haymo.

Schaffen mu ich! sagte sie und schlich davon. Als sie die Kche der
Herrenhtte erreichte, drckte sie die beiden Hnde auf die Brust. Was
hab ich denn, was hab ich denn nur? Wie konnte sie so fragen? Was ihr
das Herz bedrckte und bengstigend umklammerte, da ihr fast der Atem
versagen wollte -- was sonst denn konnte es sein als die Sorge um den
Bruder und die Schwherin? War doch Herr Schluttemann im Morgengrau mit
Walti und zwei Knechten wieder auf die Suche gezogen. Auch Pater
Desertus hatte sich ihnen angeschlossen, als wre ihm das Bleiben bei
den Htten unertrglich. Und der mit seinen unheimlichen Messeraugen,
meinte Gittli, wrde gewi etwas finden.

O du gutes Engerl droben, jetzt halt aber fest!

Mit diesem Stoseufzer machte Gittli sich an die Arbeit. Immer wieder
mute sie Zhren aus den Augen wischen, und ein um das andere Mal
schlich sie zum Fenster, um verstohlen hinberzusphen, ob Haymo noch
auf der Bank se -- nein, um auszuschauen, ob nicht der Vogt mit seinen
Knechten schon zurckkme.

Da hallte aus dem Steintal herauf der langgezogene Jauchzer einer
Mdchenstimme. Gittli sprang zur Tr und legte die Hand ber die Augen,
um in der grellen Sonne besser sehen zu knnen. Von weitem erkannte sie
die Tochter des Eggebauern.

Was will denn die daheroben?

Gittli war der heiteren Nachbardirn immer gut gewesen. Jetzt mit einmal
empfand sie etwas gegen das Mdel wie grollenden Unmut. Freilich, Zenza
war die Tochter des Bauern, der das Kreuz auf den Wolfrat gelegt hatte.

Was die nur will? Und aufgeputzt hat sie sich, uuh! Unwillkrlich
guckte Gittli an sich hinunter. Ihrem abgeschabten Rock merkte man die
Nchte an, die sie auf dem Herd verbracht hatte. Zgernd trat sie in die
Kche zurck, aber nur so weit, da sie die Zenza nicht aus dem Blick
verlor.

Jetzt erschien das Mdel auf der Hhe. Da schau, schmunzelte Frater
Severin, ich glaub gar, wir kriegen Besuch! Und was fr einen! Ui jei!

Haymo machte groe Augen. Was will denn die daheroben? murmelte er,
als htte er Gittlis Worte gehrt und nachgesprochen.

Zenza kam nher; sie trug einen dicken Veilchenbusch im Mieder und hatte
sich aufgeputzt, als ging' es zum Hochamt in die Kirche. Ihr Gesicht
brannte, und mit heien Augen hing sie an Haymo.

Gr dich Gott, Mdel! rief Frater Severin. Was fr ein Heiliger hat
denn dich daherauf geschneit?

Der heilige Hubertus! lachte Zenza. Gr Gott auch, Herr Frater! Und
der heilige Leonhardus hat auch mitgeholfen. Ja! Nachschauen hab ich
wollen auf meiner Alm. Bis zur Sennzeit ist nimmer gar so lang. Und weil
ich schon auf meiner Alm war, hab ich mir gedacht, ich mach das
Katzensprngl noch herauf, da ich doch selber schauen kann, wie's eurem
Letzerl[16] geht! Ihre Augen blitzten Haymo an, der in Unmut ber den
kindischen Kosenamen, den das Mdel ihm gab, die Brauen furchte.

[Funote 16: Ein krankes Kind, Pflegling.]

Frater Severin hatte Zenzas Hand erfat und ttschelte ihre Finger.
Macht sich, ja, macht sich schon wieder. Schau ihn nur an: acht Tag
noch, und er springt wieder ber alle Berg aus. Aber sag, woher weit du
denn, da ihm was geschehen ist?

Hat es ja der Polzer, der gestern seine Schwester gesucht hat, berall
ausgeschrien!

Gittli, die am offenen Fenster lauschte, erschrak bis ins Herz. Hatte
Wolfrat den Verstand verloren, da er selbst erzhlte, was in der Rt
geschehen war?

Der bildet sich jetzt was ein auf seine Schwester! sprach Zenza
weiter. Aber das mu ich selber sagen, brav hat sie sich gehalten. Ein
halbes Kindl noch! Ich wei nit, aber ich glaub, ich htt den Kopf
verloren! Sie lchelte. Was meinst du, Jger? Wieder blitzten ihre
Augen.

Gittli griff sich in ihrem Versteck mit beiden Hnden an den Hals; alles
in ihr begann zu wirbeln.

Du? Und den Kopf verlieren? lachte Frater Severin. Ja! Andere Kpf
verdrehen! Das wird das richtige sein. Aber komm, setz dich, wirst md
sein von dem weiten Weg und hungrig auch. Wart ein Weil, ich hol dir
eine Zehrung. Dann halten wir einen lustigen Haimgart. Flink zappelte
er zur Herrenhtte hinber.

Gittli erblate. So, schn, jetzt lat er sie gar allein mit ihm!
stammelte sie. Aber weshalb nur sorgte sie sich, da ihr einwendig
vllig kalt wurde? Am End wei sie was? Und sagt es ihm! Das mute sie
verhindern.

Kaum war der Frater gegangen, da trat Zenza auf den Jger zu. Hast du
viel ausstehen mssen? fragte sie mit leiser, bebender Stimme.

Es hat grad ausgereicht! brummte er.

Den wenn ich wt, der dir das getan hat! Sie ballte die Fuste. Da
hast du freilich nit knnen zum Tanz kommen. Und ich wart allweil und
wart, eine Wut hab ich gehabt, da ich dich htt zerreien knnen.

So?

Und derweil liegt er daheroben, der arme Hascher, halb am Verscheinen!
Aber schau, seit ich es gestern gehrt hab, hat's mich nimmer gelitten,
ich hab herauf mssen!

Geh?

Ja! Und weil du mir keinen Buschen hast bringen knnen, schau, jetzt
hab halt ich dir einen gebracht! Sie lste den Veilchenstrau von ihrem
Mieder. Als sie ihn dem Jger reichen wollte, kam Gittli herbeigegangen,
zgernd, mit finsteren Augen. Hastig legte Zenza die Veilchen neben
Haymo auf die Bank, ging auf Gittli zu und streckte ihr beide Hnde hin.
Gr dich Gott, Kleine! Brav hast du dein Sacherl gemacht!

Gittli legte die Hnde auf den Rcken.

Zenza lachte. Geh, du Dummerl, was hast du denn? Ich mein' doch, du
httest dir ein Vergeltsgott verdient. Da schau! Sie lste das dnne
Silberkettl von ihrem Mieder, haschte Gittlis Arm und zwang es ihr in
die Hand. Nimm's nur, nimm's! Ich schenk dir's!

Haymo sprang auf. Zornig klang seine Stimme. Gittli! Gib ihr das Kettl
wieder! Du brauchst dir nichts schenken lassen.

Ich htt's auch so nit genommen! sagte Gittli ruhig und streckte die
Hand. Da hast du es wieder, ich brauch's nit, fr mich tut's auch ein
Bndl!

Bis in den Hals war Zenza erbleicht. Einen funkelnden Blick warf sie auf
Haymo, einen auf Gittli, dann lachte sie. Mit zornigem Griff packte sie
das Kettl, zerri es, warf Gittli die Stcke ins Gesicht und ging davon,
das Mdchen noch einmal streifend mit einem Blick des Hasses.

Zitternd stand Gittli, die Wangen von heier Rte bergossen, Trnen in
den Augen. Was hab ich ihr denn getan? Ich hab ihr doch nie kein
ungutes Wort gegeben. Und jetzt tut sie mich so verschimpfen. Sie brach
in Schluchzen aus.

Gittli! stammelte Haymo und wollte sie umschlingen. Da kam Frater
Severin aus der Herrenhtte, Teller und Becher in den Hnden. Er machte
groe Augen und wollte fragen, wohin die Zenza geraten und was denn
geschehen wre. Nach dem ersten Wort verstummte er wieder und verschwand
hurtig in der Tr. Er hatte Herrn Heinrich gewahrt, der von der Hhe
niedergestiegen kam, den erlegten Auerhahn am Bergstock ber der
Schulter tragend.

Haymo stand wortlos und nagte an der Lippe. Gittli, als sie Herrn
Heinrich erblickte, bckte sich und las die Stcke des zerrissenen
Kettleins von der Erde. Was sie gefunden, reichte sie dem Frater Severin
und sagte: Ich bitt Euch, Frater, wenn Ihr wieder hinunterkommt ins
Kloster, so legt das der Jesumutter in den Schrein. Es ist gefunden Gut
und will keinem gehren.

Herr Heinrich war nher gekommen. Er nahm den stattlichen Urhahn vom
Bergstock. Haymo, sieh her, ich habe Weidmannsheil gefunden!

In Haymo kochte alles, aber er verga nicht seiner Jgerpflicht. Von der
nchsten Fichte brach er das grne Ende eines Zweiges, trat vor Herrn
Heinrich hin, tauchte den Zweig in den roten Schwei des Vogels und
sagte:

   Vor meinen Herren hin ich tritt,
   Mit Weidmannsgru und mit der Bitt:
   Er hat ein' gerechten Schu getan,
   Drum soll er den Bruch auch nehmen an
   Und tragen wohl in Freude
   Dem edlen Vogel zu leide!
   Jo! Hoch, o ho!
   Brauchet Eure gute Wehr
   Allezeit zu Gottes Ehr!

Herr Heinrich nahm den Bruch, steckte ihn auf die Kappe und gab mit
Handschlag den Weidmannsspruch zurck:

   Habe Dank, mein lieber Jger frei!
   Trag alleweil der Dinge drei:
   Wehr ohne Schart und Fehl,
   Graden Sinn ohne Hehl,
   Treues Herz ohne Wank!
   Habe Dank berall, habe Dank!

Lchelnd legte Herr Heinrich die Hand auf seines Jgers Schulter und
sagte: Ich habe meinen Spruch geredet nach Herrenpflicht. Auf dich,
Haymo, pat er nicht, denn ich habe dir wnschen mssen, was du schon
hast. Zu dir htt ich sagen sollen:

   Bleib, wie du bist,
   Zu aller Frist!
   Und gesunde bald,
   Da der liebe Gott es walt!

Die Freude ber diese herzlichen Worte frbte Haymos Wangen. Nun gingen
sie zur Bank, und es begann das Erzhlen. Rechte Jagd mu immer zweimal
gehalten werden: erst mit der Waffe in der Hand, dann mit dem Herz auf
der Zunge. Frater Severin hatte sich lauschend herbeigeschlichen; Gittli
schaffte mit stiller Geduld in der Herrenhtte.

Als in Herrn Heinrichs Erzhlung die Sehne der Armbrust schwirrte und
der stolze Vogel niederrauschte durch das Gezweig, da kamen die Knechte
mit den Hunden ber das Steintal her. Hellen Lautes begrten die
schnen, geschmeidigen Tiere den Anblick der Htte; wie der Wind kamen
sie herbeigesaust und sprangen mit so ungestmer Freude an Haymo empor,
da Herr Heinrich ihm helfen mute, sie abzuwehren. Nun sollte in aller
Eile ein Imbi genommen werden, und dann sollte es mit den Hunden
hinausgehen auf die Luchsfhrte, auf welcher Herr Heinrich am Morgen
reichlichen Schwei gesprt. Haymo wurde in die Htte geschickt, um
wieder ein paar Stunden zu ruhen. Als er sich von der Bank erhob, sah er
die Veilchen liegen; er fate sie und hob die Hand zum Wurfe; lchelnd
schttelte er den Kopf, brach unter den Fichten einen Bschel der langen
Schmelen, die vom vergangenen Sommer noch standen, und nahm sie mit den
Veilchen in die Htte.

Einer der Knechte hatte Gittli in der Kche des Herrenhauses aufgesucht
und reichte ihr ein kleines Bndel. Das hat mir dein Bruder mitgegeben.
Und gren soll ich dich von ihm.

Gittli hielt die Augen gesenkt. Weit du nit, wie's meiner Schwhrin
geht?

Wie soll's ihr gehen? Gut halt! sagte der Knecht; er hatte Sepha gar
nicht gesehen.

Gott sei Dank! seufzte Gittli erleichtert auf; dann ffnete sie das
Bndel; Freudenrte schlug ihr ber die Wangen, als sie ein frisches
Hemd und ihr gutes Gewand in dem Bndel fand. Jetzt konnte sie sich doch
auch ein bichen sauber machen. Freilich, um so schmuck auszusehen wie
die Zenza, dazu htte sie die Tochter des Eggebauern sein mssen und
nicht die Schwester des armen Sudmanns. Hastig versteckte sie das Bndel
und ging wieder flink an die Arbeit.

Eine Weile spter machte sich Herr Heinrich auf den Weg. Einer der
Knechte mute ihn begleiten und die ungeduldig ziehenden Hunde an der
Leine fhren. ber eine Stunde galt es zu steigen, bis die Stelle
erreicht war, an welcher Herr Heinrich den Schu auf das Raubtier getan
hatte. Gib mir den Weckauf und halte dich mit der Hel auf hundert
Schritte hinter mir! sagte er zu dem Knecht, bernahm den Hund und
setzte ihn auf die Fhrte, die mit reichlichem Schwei gezeichnet war.
Der Hund legte sich in den Riemen, fiel die Fhrte gierig an und zog
Herrn Heinrich hinter sich her. Das war nun ein mhsamer Weg: durch Wald
und ber grobes Gerll, durch fast endlose Dickungen der Krummfhre,
ber Bergrippen auf und nieder, empor bis unter die kahlen Steinwnde,
wieder herab durch ein felsiges Tal, bis zu den Almen, und quer ber das
Almfeld in den dunklen Wald. Wohl eine halbe Stunde zog hier der Hund
noch auf der Fhrte, bis er in einem wirren Gestrpp den Luchs aus
seinem Lager stie. Als wr's eine groe langgestreckte Flamme, so fuhr
die rote Bergkatze aus ihrem Versteck hervor.

Los die Hel! schrie Herr Heinrich, whrend er den im Riemen wrgenden
Weckauf befreite. Die Hunde schossen wie Pfeile dahin und begannen mit
lutenden Stimmen die Hatz. Der Luchs suchte aufzubumen, aber die
Krallen der wundgeschossenen Tatze versagten den Dienst, er fiel zurck,
im gleichen Augenblick waren die Hunde ber ihm: alle drei Tiere zu
einem wirren Knuel geballt, die Hunde heulend, der Luchs fauchend und
mit den Waffen schlagend. Bevor es Herrn Heinrich gelang,
herbeizuspringen, wurde der Luchs wieder hoch, floh in weiten Stzen
davon, und hinter ihm her ging die klffende Jagd der Hunde.

Herr Heinrich lauschte den lutenden Stimmen. Eine Weile, dann
verwandelte sich der Laut der Hunde in zorniges Gebell, das immer aus
der gleichen Richtung kam. Sie haben ihn gestellt, sie geben
Standlaut! rief Herr Heinrich dem Knechte zu und eilte zwischen den
Bumen dahin, dem Ruf der Hunde nach.

Nun erreichte er sie; zu Fen einer aus dem Waldgrund aufragenden
Felswand standen sie und bellten zu einer vorspringenden Platte empor,
auf die sich der Luchs geflchtet hatte. Er war in eine Falle geraten;
rings um ihn her der kahle, glatte Fels, unter ihm die Hunde, vor ihm
der Jger.

Schieet, Herr, schieet doch! rief der Knecht.

Herr Heinrich aber warf die Armbrust hinter den Rcken, zog den
blitzenden Fnger aus der Scheide und ging auf das Raubtier zu, bis ihn
von der Felswand nur noch eine Strecke von zehn Schritten trennte. Sein
Kommen machte die Hunde noch ungestmer, sie heulten mit heiseren
Stimmen und versuchten an der Felswand emporzuspringen. Um sie kmmerte
sich der Luchs nicht mehr; er sa geduckt, die spitz behaarten Lauscher
vorgestellt, die groen, feurig funkelnden Augen auf den Jger
gerichtet, regungslos; nur die langen, weien Barthaare zitterten ber
dem gefletschten Rachen.

Nun? lchelte Herr Heinrich. So spring doch! Du siehst, ich warte.

Die rote Katze drehte den Kopf, als knnte sie den scharfen, ruhigen
Blick dieser klaren Menschenaugen nicht lnger ertragen. Sie glotzte auf
die klffenden Hunde nieder, dann rings umher, wie nach einem Ausweg,
und wieder richtete sich ihr funkelnder Blick nach dem Jger. Ein leises
Zittern rann ber ihr gestrubtes Fell, sie duckte sich noch tiefer, die
Tatzen streckten und spannten sich -- nun sprang sie -- blitzschnell
hatte Herr Heinrich den Fnger gehoben, mit der ganzen wilden Kraft des
Sprunges bohrte sich der Luchs in den vorgestreckten Stahl und plumpste
verendet zu Boden.

Gelt? Jetzt haben meine Gemskitzen und Hirschklber Ruh vor dir!
lachte Herr Heinrich, wischte am Moos den blutigen Fnger rein und
verwahrte ihn in der Scheide. Der Knecht kam herbeigerannt, um das
Raubtier zu betrachten. Aber die Hunde lieen ihn nicht zu; sie wrgten
und zerrten an dem erlegten Tier, bis Herr Heinrich sie abrief, um
nachzusehen, ob sie auch glimpflich aus der Balgerei mit dem Luchs
entkommen wren. Weckauf war unversehrt, die Hel hatte einen tiefen Ri
ber die Schulter.

Hast du Feuerstein und Schwefelfaden? fragte Herr Heinrich den Knecht.

Ja, Herr!

So mach Feuer an und brich den Stachel von deinem Griesbeil. Die Hel
ist gerissen, wir mssen die Wunde brennen.

Bald flammte ein kleines Feuer, an dem das Eisen zum Glhen gebracht
wurde. Herr Heinrich lie sich auf die Knie nieder, nahm die Hel in den
Scho und drckte ihren Kopf an seine Brust.

Gib her den Dorn!

Es zischte -- heulend vor Schmerz ri sich der Hund los, rannte mit
tollen Stzen umher und schttelte immer wieder das Fell.

Komm, Hel, komm, da komm her! lockte Herr Heinrich, mit den Fingern
schnalzend. Der Hund machte einen scheuen Kopf, zog den Schweif ein und
kroch, immer wieder zgernd, vor die Fe seines Herrn. Da er zu merken
schien, da ihm ein neuer Schmerz nicht drohe, sprang er mit freudigem
Winseln an seinem Herrn hinauf.

Hat's weh getan, Heleli? schmeichelte Herr Heinrich, den Kopf des
Hundes streichelnd. Weit du, es hat sein mssen. Und gelt? Du fragst
nicht: warum? Und bellst nicht gegen die Hand, die dich brennt. Ja! Du
bist halt kein Mensch, du bist ein kluges Tier! Ja, Heleli, ja! Nun
rief er den Knecht. Trag den Luchs hinunter ins Kloster! Ich la meine
Chorherren gren, sie sollen sich den Braten schmecken lassen. Den
Weckauf nimm mit dir! Die Hel darf bei mir bleiben. Komm, Hel, komm!

Gemchlichen Ganges stieg Herr Heinrich durch den Bergwald empor.




                                 17.


Zu spter Nachmittagsstunde erreichte Herr Heinrich die Htten. Unter
der Tr des Herrenhauses trat ihm der Vogt entgegen, brennend vor
Erregung.

^Reverendissime!^ Knnt Ihr Euch denken, was wir gefunden haben?

Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte Herr Schluttemann in die Htte und
kam zurck, in der Hand den schon bel duftenden Kopf eines Steinbocks
mit mchtigem Gehrn.

ber die Lippen des Propstes flog ein zorniges Wort. Sie traten in die
Stube, und Herr Schluttemann begann zu erzhlen.

Bis gegen Mittag hatten sie vergebens gesucht; alle Fhrten und
Schweispuren waren im Regen erloschen. Schon wollten sie sich auf den
Heimweg machen, als Walti in einer tiefen, dunklen Felsspalte etwas
Verdchtiges erblickte. Es war der erlegte Steinbock. Er wurde in die
Hhe gehoben und genau untersucht; da zeigte sich, da an dem Tier
nichts fehlte -- nur das Herz. Der Vogt lie dem Bock das Haupt
abnehmen, um Herrn Heinrich das Gehrn zu bringen. Als sie auf dem
Rckweg am Kreuz vorberkamen, machte Walti abermals eine Entdeckung.
Der Bub, meinte Herr Schluttemann, hat Luchsaugen und eine
Hundsnase. Walti bemerkte an dem Christusbild die Blutflecken. Schier
noch so rot, als wren sie auch gemalt wie die anderen! Das Dach ber
dem Kreuze hatte den Regen verhindert, die bsen Spuren auszulschen.

Da war es in Herrn Schluttemanns Gehirn wie eine Fackel aufgegangen, bis
sein Verdacht das eine zum andern fgte, wie Glied um Glied zu einer
Kette.

Und jetzt, ^Reverendissime, hoc igitur censeo^! Er legte die Arme ber
den Tisch und begann an den Fingern herzuzhlen: ^Primo:^ beim Kreuz
mu der Lump den Steinbock angeschweit haben, oder der angeschweite
Bock ist auf der Flucht am Kreuz vorbeigekommen und hat gespritzt. So
mu es einer getan haben, der am Ostermorgen vor Tag beim Kreuz war.
Einer, den ich kenneeeeh! Herr Schluttemann dehnte die letzte Silbe wie
einen Teigfaden. So ein Gauner! Hat es mir noch selber erzhlt! Warte
nur, dir znd ich auf mit deiner Schlauheit! ^Secundo:^ es fehlt nur der
Schweisack.[17] So hat es einer getan, oder vielmehr -- Herr
Schluttemann machte verschmitzte Augen, einer hat es angestiftet, dem
es um ein Herzkreuzl zu tun war. Einer, den ich kenneeeeh! Ist zu mir
gekommen und hat eins haben wollen, ich hab ihm aber einen Tritt
gegeben. ^Post autem:^ wenn es einer getan hat fr den anderen, so hat
er's getan um silbernen Dank. Weil er Geld gebraucht hat, wie der Bck
die Hefen. Sagen wir ^exempli causa:^ einer, der am Charsamstag das
Lehent nicht hat zahlen knnen, und am Ostermontag bringt er das Geld!
Bringt es! Bringt es! Und haut mir's auf den Tisch! Und sagt, der ander
htt's ihm geliehen! Haha! Geliehen! Warte nur, Bursch, dir will ich was
borgen, das hat der Freimann im Kasten!

Herr Heinrich war betroffen aufgesprungen. Vogt? Ihr meinet den
Sudmann, den Wolfrat?

[Funote 17: Alter Weidmannsausdruck fr das Herz des Wildes.]

Stimmt, ^Reverendissime!^ Und der andere, das ist dieser Schmerwanst,
der Eggebauer. Der bleibt uns schon, wenn wir nur erst den Sudmann
haben. Heut in der Nacht la ich ihn ausheben. Ich habe die Knechte
schon hinuntergeschickt. Sie bringen ihn morgen, damit der Haymo gegen
ihn zeugen kann.

Da habt Ihr bereilt gehandelt! zrnte Herr Heinrich. Ihr httet
zuvor meine Stimme hren sollen. Wollt Ihr den Mann gefangen hieher
bringen lassen vor die Augen seiner Schwester?

Herr Schluttemann machte ein verblfftes Gesicht; er hatte Lob erwartet
und wurde gescholten. Bei seiner fundfrohen Weisheit hatte er mit keinem
Gedanken an Gittli gedacht. Aber holla, das war ja ein neuer Beweis!

Herr Heinrich! stotterte er. Scheint es Euch nicht seltsam, da
gerade _diese_ Dirn den Jger gefunden hat? Gleich hngen la ich mich,
wenn sie nicht um die Tat gewut hat.

Gewut? Nein! Aber sie mag davon erfahren haben, da es geschehen war.
Und da wollte sie helfen, wenn noch zu helfen wre. Sprechen durfte sie
nicht, wenn sie nicht den Bruder verderben wollte. In Gottvertrauen hat
sie es gewagt mit eigener Kraft, und Gott ist ihr beigestanden. Ihr
aber, Vogt, Ihr meint, alle Schuldigen gefunden zu haben? Denket nach,
denn es fehlt noch einer!

Einer? Noch einer? stotterte Herr Schluttemann.

Ja, und Ihr selbst seid dieser eine!

Das Gesicht des Vogtes frbte sich dunkelrot, und seine Nase wurde zur
Fackel.

Ja, Ihr! wiederholte Herr Heinrich. Mit Eurem rauhen Wesen, mit Eurem
Schreien und Schelten. Besinnt Euch nur, wie das arme Kind vor Euch
stand, bleich und zitternd. Die Leute muten ja glauben, sie wrden ber
Nacht schon von Haus und Hof gejagt. Wenn der Mann die Tat wirklich
begangen hat, dann habt _Ihr_ ihn dazu getrieben, nicht der Eggebauer!

Herr Schluttemann war wie ein hilfloses Kind. Er wagte kaum
aufzublicken. Ach, Herr Heinrich, sthnte er, wenn Ihr mir doch ins
Herz schauen knntet! Meiner Treu, ich bin ein seelensguter Kerl! Aber
in der Frh halt, in der Frh! Da steckt mir das Weib in allen Knochen
und hebt mir die Fust und blast mir die Backen auf.

Wenn Frau Ccilia das Zanken nicht einstellen will, so lat ihr doch
einmal den Pagstein[18] um den Hals hngen und lat sie vom Fronknecht
durch die Gassen fhren. Ihr seid ja der Vogt!

[Funote 18: Das Mhldorfer Stadtrecht im 14. Jahrhundert bestimmte:
Welleich leicht Weib pagent (zanken) mit den Worten die sie vermeiden
sollen, der soll man den pagstein an irn Hals hengen und soll si von
gazzen ze gazzen traiben.]

Herr Schluttemann kraute sich hinter den Ohren. Freilich, er war der
Vogt. Aber Frau Ccilia war der Obervogt!

Herr Heinrich verwand das Lcheln. Sagt mir, wei das Mdchen schon von
Eurem Fund?

Nein, ^Reverendissime^! gab Herr Schluttemann eilfertig zur Antwort.
Die Dirn war weggegangen, als wir kamen.

Weggegangen? Wohin?

Ich wei es nicht.

Sie soll kein Wort von allem erfahren. Und Haymo?

Er ruhet wieder.

Schweigt auch gegen ihn. Mit Eurem Gewissen aber, Vogt, mit dem drft
Ihr reden, so laut Ihr knnt.

Mit zerknirschter Miene machte der Vogt einen tiefen Bckling, als Herr
Heinrich die Stube verlie. Drauen rief der Propst den Knecht herbei,
der am Morgen mit den Hunden gekommen war; er sollte die beiden
einzuholen suchen, die der Vogt hinuntergeschickt; sie mchten den
Sudmann in Ruhe lassen und von der Sache schweigen, bis Herr Heinrich
selbst hinunterkme; knnte der Knecht die beiden nicht mehr einholen
und htten sie den Mann schon gefat, dann sollte er sie tun lassen, wie
es ihr Auftrag heische. Und im Salzhaus la dir ein Saumpferd geben!
Ich will morgen zu Tal und kann den Haymo nicht in der Eind lassen.

Der Knecht machte sich auf den Weg. Herr Heinrich ging in die
Jgerhtte, setzte sich zu Haymo an das Lager und lie sich noch einmal
erzhlen, wie alles geschehen wre. Mit stockenden Worten berichtete
Haymo.

So hat er den Sto an der Stelle gefhrt, an der das Mdchen dich
gefunden hat?

Ja, Herr! sagte Haymo leis.

Es ist also nicht beim Kreuz geschehen?

Haymo sah den forschenden Blick des Propstes auf sich gerichtet.
Zugleich aber war es ihm auch, als stnde Gittli neben ihm, mit
angstvollen Augen und bittend erhobenen Hnden. Er senkte den Blick.
Nein, Herr! Kaum war das Wort gesprochen, da htte er's gerne wieder
zurckgenommen. Nur wenige Stunden waren vergangen, seit er von seines
Herren Lippen den Spruch vernommen:

   Wehr ohne Schart und Fehl,
   Graden Sinn ohne Hehl --

Und jetzt hatte er schon dawider gesndigt. Aber er fhlte, wenn er ein
zweites Mal gefragt wrde, so knnte er wieder nur sagen: Nein, Herr!

Man hrte drauen den Frater mit Walti reden; er suchte Herrn Heinrich,
auf den die Mahlzeit wartete. Der Propst erhob sich und ging in die
Herrenhtte. Verwundert fragte er: Wo ist Pater Desertus?

Ich wei nit, Herr! sagte der Frater. Er ist fortgegangen.

Auch fortgegangen? Und weit du nicht, wohin das Mdchen gegangen ist?

Nein Herr! Ich wei nit, was ber die Dirn gekommen ist. Der Haymo hat
sie doch nit vertrieben. Frater Severin lachte. Ich bin mit ihr
hinbergegangen, um dem Jger das Essen zu bringen, und da war zuvor
eine Dirn da, die hat dem Haymo einen Veiglbuschen gebracht, und aus den
Blumen hat er ein feines Krnzl gewunden. Wie wir nun zu ihm
hineinkommen, und die Gittli geht vor sein Lager hin, da drckt er ihr
lachend das Krnzl auf den Scheitel. Rot ist sie geworden wie ein Krebs
und ist davongeschossen, ohne ein Wrtl zu reden. Und seit der Zeit hab
ich sie mit keinem Aug mehr gesehen.

Freilich! Denn ehe der Frater in die Herrenhtte zurckkam, hatte Gittli
ihr Bndel aus dem Winkel gezogen und war davongesprungen, um irgendwo
im Gebsch ein Versteck zu suchen, in dem sie die ruigen Kleider gegen
ihr gutes Gewand vertauschen knnte. Mit Suchen und Suchen -- auf jedes
Flecklein blickten die Htten her -- war sie tief hinunter in das
Steintal geraten. Endlich fand sie eine sonnige Mulde mit dichtem
Fhrengestrpp, versteckt zwischen Felsgewirr. Gittli schlpfte durch
das Gezweig und fand inmitten des Gebsches einen kleinen Teich, zu dem
sich das Regenwasser ber dunklem Moos und weiem Sande gesammelt hatte;
wie ein Spiegel blickte ihr das klare Wasser entgegen, von keinem
Lftchen gewellt, von keinem Staub getrbt, farbig schimmernd in der
sinkenden Sonne. Gittli klatschte vor Freude die Hnde ineinander. Keine
Frstentochter hatte in ihrer stolzen Burg ein Stbl, wie sie es hier
gefunden: mit weichem Teppich, mit immergrnen Wnden, umgeben von
himmelhohen Mauern, darber die blaue Decke, an der die Sonne als Lampe
hing -- und mitten drin in der grnen Stube ein lockendes Bad, das der
Wettermacher des Himmels, der heilige Petrus, als Marschalk ihr bereitet
hatte. Hastig tauchte sie die Hand in das Wasser; es war nicht allzu
khl, denn der Regen war lau gefallen, und die Sonne hatte gut geheizt.
Im Gebsch legte Gittli das Gewand zurecht, das sie mitgebracht, dann
schlpfte sie aus den Kleidern und huschte ins Wasser, flink und
schlank, zart und geschmeidig wie ein Elf, bis zu den Knien umhllt vom
schwarzen Mantel der gelsten Haare. Da pltscherte sie nun in der Sonne
und schauerte und kicherte und wusch und rieb sich das Gesicht, da ihr
die Wangen zu brennen begannen. Dann pltzlich erschrak sie und lauschte
-- es raschelte im Gebsch -- mit leisem Aufschrei tauchte sie in das
Wasser, da nur die Augen noch hervorlugten, vom schwimmenden Haar
umgeben wie von einem dunklen Schattenkreis. Es war still in den
Bschen. Doch nein, jetzt wieder begann das Rascheln, ganz leise, und
immer nher kam es. Gittli zitterte vor Angst und Klte und wagte sich
nicht zu regen; sie sah im Dickicht die Spitzen der ste sich bewegen,
etwas Graues schlich da drinnen hin und her, nun teilten sich die
Zweige, und zgernd trat aus den Bschen ein Hirschkalb hervor, das der
nahende Abend aus dem Lager getrieben hatte.

Beim Anblick des Wassers verhoffte das Tier, denn vor zwei Nchten war
an der Stelle, wo der Teich sich gebildet hatte, noch Weide gewesen.
Scheu, mit vorgestrecktem Halse, kam es nher, stieg mit tastenden
Schritten in das Wasser und schaute verwundert auf sein Spiegelbild.

Das war so drollig anzusehen, da Gittli, die sich muschenstill
gehalten, kichern mute. Das Wild hob mit jhem Ruck den Hals und
gewahrte nun das weie Gesicht mit den groen, leuchtenden Augen;
ungeduldig stampfte das Kalb mit den Lufen, denn die seltsame
Wasserblume mit den tausend schwarzen, schwimmenden Bltenfden und dem
silberwei aus dem Teich hervorschimmernden Stengel mochte ihm nicht
ganz geheuer erscheinen. Da tauchte Gittli hurtig in die Hhe. Brrrr!
machte sie, mit beiden Hnden Wasser spritzend. Und mit einer hohen
Flucht stob das erschrockene Wild in das Dickicht zurck, da die ste
rauschten und die Zweige knackten.

Hast du mich erschreckt, hab ich dich erschreckt! lachte Gittli; aber
sie brachte die Worte kaum heraus; so frstelte sie. Eilig schttelte
sie das Haar, rang das Wasser aus den Strhnen und huschte ins Gebsch
zurck.

Eine Weile, und sie erschien im blauen Rock und schwarzen Mieder, in
jenem schmucken Staat, in dem sie am grnen Donnerstag das nrgelnde
Staunen des Herrn Schluttemann geweckt hatte; die Haare lie sie offen
hngen, damit sie auf dem Heimweg trocknen mchten; und ber ihrem
Scheitel sa, als lieblicher Schmuck, der duftende Veilchenkranz. Sie
trat an das Ufer, zog den Rock an die Knie und neigte sich vor; mit
ernsten Augen betrachtete sie ihr Spiegelbild, dann lchelte sie ein
wenig. Sie schien sich zu gefallen. Aber gleich wieder schttelte sie
den Kopf und seufzte: So schn wie die Zenza bin ich allweil nit!

Langsam stieg sie durch das Steintal empor und suchte den Pfad zu
gewinnen. In der scheidenden Sonne trocknete ihr Haar und begann sich zu
locken. Als sie den Steig erreichte und ber das Tal hinwegblickte,
blieb sie zgernd stehen. Sa dort drben, einem Fels zu Fen, nicht
Pater Desertus? Doch es gab keinen anderen Weg zu den Htten; sie mute
an ihm vorber. Aber weshalb nur war ihr bange vor diesem Mnch? Sie
hatte ihm nichts zuleide getan und hatte keine Ursach, ihn zu frchten.
Wohl hatte Haymo ihr geraten: geh dem Chorherren aus dem Weg -- aber sie
hatte keinen anderen Pfad.

Ruhig schritt sie weiter. Als sie in eine tiefe Senkung des Tales kam,
entschwand der Pater ihrem Blick.

Desertus hatte das Mdchen noch nicht gewahrt. Seine Augen blickten --
wie Gittli zu Herrn Heinrich gesagt -- wieder einwendig. Er sa auf
einem niederen Stein und hielt den das Haupt sttzenden Arm ber einen
hheren Felsblock gelehnt. Warm lag die sinkende Sonne auf seinem
bleichen Gesicht; und um die schmalen Lippen spielte ein trumendes
Lcheln. Die holden Bilder der Vergangenheit webten vor seinem Geist.
Frhling war's, und schchtern begannen im Laubwald die Bltter zu
sprossen. Zwischen den Bumen luteten die Stimmen der Bollbeier, die
Hrner klangen, und jagender Hufschlag tnte. Nun geben die Hunde
Standlaut. Sie haben ihn! Allen anderen fliegt Dietwald auf
schumendem Pferde voran und lst schon den Riemen, mit dem der kurze
Speer, die >Feder<, lose an seinen Arm gekoppelt ist. Auf einer kleinen
Ble haben die Beier den Bren gefat, wie die Kletten hngen sie an
seinem Gehr. Dietwald schwingt sich vom Pferde, sicher fhrt er den
Sto. Der Br hat seinen >Fang< erhalten und liegt verendet unter den
Hunden. Nun geht es heimwrts durch den Wald mit Lachen und Plaudern.
Von den Zinnen seiner Burg weht eine weie Fahne, frohe Botschaft
kndend. Er spornt das Ro, jetzt hat er den Hof erreicht, mit langen
Sprngen nimmt er die Stufen. Unter der Tr der Frauenstube treten ihm
die Mgde entgegen und bringen ihm sein Dirnlein, das ihm Gott
geschenkt, derweil er den Bren jagte. Ach, Herr, solch ein Wrmchen!
Kein Gesicht, nur Augen! Mit denen schaut es umher in der Welt, in die
es geraten, so neugierig, so erstaunt! Er wagt das winzige Ding kaum
anzurhren, frchtet, es mchte ihm zerbrechen unter den Hnden. Da war
sein Junge schon aus festerem Holz; der schrie wie ein kleiner Geier,
zappelte mit den Fen, schlug mit den kleinen Fusten um sich, lie
sich drcken und kssen.

Dietwald! Ach, wie matt diese Stimme klang! Er reicht das Dirnlein den
Mgden und tritt auf den Zehen in die dunkle Stube, aus deren Ecke die
weien Linnlaken des Bettes schimmern. Er tritt hinzu, noch finden sich
seine Augen nicht zurecht, doch eine kleine, weiche Hand erfat die
seine. Judita! stammelt er in seliger Freude und berstrmt die
zitternde Hand mit seinen heien Kssen. Da er aufblickt, lchelt ihm
die junge Frau entgegen; sie kann in ihrer Schwche das Haupt nicht
erheben, es ruht auf schwarzen Kissen -- nein doch, das sind die
gelsten Haare, die um ihre Wangen gebreitet liegen wie schwarze Seide.

Sie soll nicht reden, und er darf nicht sprechen zu ihr; aber an ihrem
Lager darf er sitzen und ihre Hand in der seinen halten und trumend
alle Freude nachgenieen, die er mit diesem holden Weibe gewann. Er
hatte sie zum erstenmal gesehen, da er mit Knig Ludwig einritt in die
Passauer Bischofsburg; als das Turnier gehalten wurde, warf er seine
Gegner spielend in den Sand; die schnen Augen, die aus allen Fenstern
auf ihn gerichtet waren, strten ihn nicht; in seinem Herzen glhte nur
die Freude am Kampfspiel; doch als ihm Frau Irmgard, des Bischofs
Schwester, den Turnierdank reichte, sah er neben der stolzen Frau ein
Mgdlein sitzen, fast noch ein Kind, mit feingeschnittenem Gesicht, mit
tiefen Rtselaugen, Stirn und Wangen dicht umringelt von schwarzem
Gelock. Die Blicke der beiden trafen sich, und leis errtend senkte das
Mdchen die Lider. Nun, Herr Graf, was zgert Ihr? lchelte Frau
Irmgard. Ihr habt den Dank verdient! Dietwald beugte das Knie und lie
sich den Kranz um die Stirne legen. Als er zurcktrat, winkte er dem
Seneschall des Bischofs. Wer ist das holde Kind? Frau Irmgards
Tochter Judita, ihr Vater hauset auf der Ortenburg.[19] Bei der Tafel
fand sich Dietwald an Juditas Seite. Drei Maitage schwanden mit allem
Sonnenglanz und Bltenduft der ersten jungen Liebe, mit ihrem sehnenden
Sichsuchen, ihrem zagenden Sichfinden, ihrem seligen Stammeln und
Verstummen und mit der sen, alles Verschwiegene bekennenden Zwiesprach
der khneren Augen. Und als Frau Irmgard Abschied nahm, und Dietwald und
Judita schweigend standen, sagte die lchelnde Mutter: Nach der
Ortenburg habt Ihr ein kurzes Reiten, Graf, lasset Euch einmal blicken
bei uns, ehe Herr Ludwig wieder heimzieht nach seiner Pfalz!

[Funote 19: Zwei Stunden sdwestlich von Passau.]

Einen Tag lang wehrte Dietwald seiner Sehnsucht, am zweiten Morgen sa
er zu Pferd. ber blumige Wiesen ging der Weg, durch jung ergrnenden
Wald. Auf einem Hgel erhob sich die stattliche Burg, und ihr zu Fen
lag das kleine Dorf. Dort tnten die Pfeifen, und jauchzende Stimmen
klangen. Sie halten den Maitanz, sagte ein Bauer, und die Burgleute
sind auch dabei, und das liebe Frulein tanzet mit jedem braven Buben
und ist gewandet wie ein Bauernkind!

So will ich mir auch einen Reigen holen! lachte Dietwald, sprang vom
Pferde, warf die Zgel dem Knechte zu und eilte dem Dorf entgegen.

Nun pltzlich rann es ihm hei und kalt durch das Herz -- dort, zwischen
den grnen Bschen, kam sie gegangen, zgernden Schrittes, leise
lchelnd, gekleidet wie ein Kind des Dorfes, in blauem Rock mit
schwarzem Mieder, die Schultern umringelt von dunklem Gelock, um die
Stirn den Veilchenkranz, sie selbst eine liebliche Blume, die ein Wunder
verwandelte in Fleisch und Blut.

Judita! schrie er, strzte ihr entgegen und umschlang sie mit
zitternden Armen.

Das Mdchen erblate, ri sich mit angstvollem Aufschrei von seiner
Brust -- und hinter ihm rief eine zornige Stimme: Desertus!

Taumelnd griff er mit beiden Hnden nach seiner Stirn, erwachend starrte
er um sich her, und da sah er in weitem Kreis die kahlen Felsen ragen,
Herr Heinrich stand vor ihm, und auf dem Pfade floh Gittli, von Schreck
gejagt, den Htten zu.

Welch ein Erwachen! sthnte er, schlug die Hnde vor das Gesicht und
sank vor Herrn Heinrichs Fe.

Zwischen den Brauen des Propstes glttete sich die zornige Furche. Er
legte die Hand auf den Scheitel des Chorherren.

Dietwald! Erhebe dich!

Desertus drckte das Antlitz in Herrn Heinrichs Gewand und umklammerte
ihn wie der Sinkende den rettenden Baum.

Komm, Dietwald, steh auf! Herr Heinrich nahm ihn bei den Armen, hob
ihn empor und fhrte den Wankenden zu einem Stein. Rede! Wie kam es,
da du dich so vergessen konntest?

Desertus schaute zu ihm auf mit dem Blick der Verzweiflung; er drckte
die eine Hand auf seine strmisch bewegte Brust und fhrte die andere an
den Lippen vorber, wie um zu sagen: ich kann nicht sprechen! Herr
Heinrich lie sich auf einen Felsblock nieder und wartete. Es whrte
lange, bis Desertus zu sprechen begann, heiser, mit abgerissenen Worten:
Ich sa und schlief mit wachenden Augen und trumte, und da stand es
wieder vor mir, wie herausgetreten aus meinem Traum.

Dein Gespenst? sagte Herr Heinrich betroffen. So htt ich dich falsch
verstanden bei der Klause? Nicht eine Ausgeburt deiner irrenden Sinne?
Ein Gespenst aus Fleisch und Blut? Dieses Kind hat die Versuchung ber
dich gebracht?

Desertus starrte Herrn Heinrich an, als verstnde er ihn nicht.
Versuchung? Nein, Herr! Es war noch kein Lebender seinem atmenden Glck
so treu, wie ich an meinen Toten hnge. Eh' ich Judita fand, hab ich
kein Weib mit Mannesaugen angesehen, und seit ich sie verlor, ist mir,
was Weib heit, aus der Welt gestorben. Ich wre Mnch gewesen, es htte
der Gelbde nicht bedurft. Versuchung? Nein! Ihr mt es Wahnsinn
nennen, den ein grausam spielender Zufall der Natur in mir entzndet!
Wie im Fieber flogen seine Worte. Ich hab es mit eigenen Ohren doch
gehrt von den bleichen Lippen meiner Sassen, die den mrderischen
Rubern noch entkamen und es ansahen mit entsetzten Augen wie mein Weib
auf den Altan des brennenden Turmes flchtete, meinen Knaben an sich
gedrckt, mein Tchterlein auf den Armen, und wie die Mauern barsten und
die Balken strzten, mein Glck begrabend unter Flammen, Rauch und
Trmmern. Ich habe doch meines armen, sen Weibes verkohlte Beine
gefunden, noch umwunden von dem goldenen Kettenschmuck, den Judita als
mein Angebinde getragen. Ich wei doch, da aus dem Reich des Todes
keine Strae zurckfhrt in das Leben. Und doch! So oft mir dieses Kind
vor Augen tritt, mein' ich, ein Wunder htte sich vollzogen, der Lauf
der Zeiten wre still gestanden, und alles Geschehene wre ein bser
Traum gewesen, der sich nun lst von mir, da ich erwache. Denn dieses
Kind, Herr Heinrich -- wo find ich Worte fr das Wunder? Ich suche auf
der Erde: so gleichet keine Blume ihrer Schwesterblume. Ich suche am
Himmel: so gleichet kein Stern dem Stern, wie dieses Kind an Haar und
Augen, an Antlitz und Gestalt, an Reiz und Wesen meinem Weibe! Und so,
wie dieses Mdchen jetzt, im Kleid des Dorfes, mit gelstem Haar, den
Kranz von Veilchen ber der Stirn, so trat mir Judita entgegen, als ich
in seliger Freude den ersten Ku auf ihre Lippen drckte. In sich
versinkend schlug er die Hnde vor das Gesicht.

Dietwald! rief Herr Heinrich in tiefer Erregung. Sage mir -- Er
verstummte wieder. Es war ein Unmgliches, was er dachte! Und durfte er
aus der schmerzvollen Seele dieses schwer Gebeugten einen Wahnsinn
reien, indem er einen andern Wahn in ihr erweckte? Er strich ihm
langsam die Hand ber den Scheitel. Vergib mir, Dietwald, da ich dich
falsch verstand und dich aus der Pein in die Marter stie, als ich dich
hieherfhrte, statt weite Meilen zwischen dich und diese Htten zu
legen. Du darfst nicht bleiben. Nicht um deinetwillen, nicht um des
unschuldigen Kindes willen, das du erschreckt hast bis ins innerste
Herz.

Desertus nickte vor sich hin.

Weit du den Weg nach deiner Klause zu finden?

Nein, Herr! Aber fort, fort, nur fort!

So warte hier. Ich will dir den Walti senden. Er soll dir den Basthut
und das Griesbeil bringen und soll dich fhren. Auch eine Fackel soll er
mitnehmen, denn ihr kommet in die Nacht hinein. Und wenn du in der
Klause bist, dann halte den Buben bei dir, er plaudert gern, und la die
Fackel brennen die ganze Nacht. Beten kannst du nicht mit diesem Irrsinn
im Herzen. Und schlafen noch minder. Nimm die Schnre und beginne ein
Netz zu flechten mit engen Maschen! Ich komme morgen abend zu Tal. Eine
Klafter hoch und drei Klafter lang soll das Netz geraten sein, bis ich
komme. Und weniger will ich nur finden, wenn dich der Schlaf befiel.
Bessere Hilfe wei ich dir nicht, als schaffen, schaffen und schaffen,
bis dir die Augen sinken und die Arme erlahmen. Und bermorgen sollst du
reisen!

Sie reichten sich die Hnde.

Ich gehorche! flsterte Pater Desertus.

Und Herr Heinrich ging, an der Wende des Pfades noch einmal
zurckschauend mit bewegtem Blick. Als er das Herrenhaus erreichte, kam
Frater Severin aus der Jgerhtte.

Wo ist Walti?

Ich habe den Buben um Holz geschickt.

Und das Mdchen?

Ich glaub, sie hockt in der Kche. Was die nur hat! Als wr die Drud
hinter ihr, so ist sie gerannt gekommen, und vor Haymos Lager ist sie
hingefallen und hat kein Wort geredet, was wir sie auch gefragt haben.
Ich hab schon gemeint, der Haymo fahrt aus der Haut, so hat er's
getrieben mit der Dirn. Aber sie hat ihm nit Red gestanden, und weil er
gar nit hat aufhren wollen mit Fragen, ist sie zur Tr
hinausgeschossen. Der Haymo hat gleich aufspringen und ihr nachlaufen
wollen. Ich hab ihn gehalten, und weil ich gesehen hab, da die Dirn
ohne die Veiglen gekommen ist, hab ich ihm eingeredet, da sie so
verdreht wr, weil sie die Blumen verloren hat. Da drber hat er sich
gefreut.

Herr Heinrich trat in die Kche und sah das Mdchen verschchtert in
einem Winkel sitzen.

Gittli!

Sie folgte ihm zgernd in die Herrenstube.

Wo hast du deine schnen Blumen?

Verloren! lispelte das Mdchen. Die mssen mir heruntergefallen sein,
wie er mich -- Sie verstummte.

Du bist wohl arg erschrocken?

Schweigend stand sie, mit gesenkten Lidern.

Vergi es, Gittli! Weit du, der Pater ist ein armer, kranker Mann,
krank im Herzen.

Sie sah zu Herrn Heinrich auf.

Freundlich strich er mit der Hand ber Gittlis Haar. Denk nur, ehe der
Pater in das Gotteshaus getreten ist, war er ein Rittersmann, hatte eine
junge, schne Frau und holde Kinder und hat alle seine lieben Leut
verlieren mssen in einer einzigen Nacht.

Gittlis Augen wurden feucht.

Weit du, und seit der Zeit ist er manchmal so trumig wie ein Kranker.
Und wie du jetzt gekommen bist, hat er vllig gemeint, seine liebe Frau
tt ihm erscheinen.

Wohl, fiel Gittli hastig ein, er hat auch einen Namen gerufen, wie
ich gar nit hei.

Siehst du!

Mein, jetzt tut er mich dauern! Sie streckte Herrn Heinrich die Hand
hin. Saget ihm doch, da ich ihm nimmer harb sein will, gar nimmer!

Ja, Kind, das sag ich ihm, und das wird ihn freuen. Mut auch mit
keinem davon reden, weit, die Leut tten ihn drum anschauen.

Sie schttelte den Kopf.

Aber komm, setz dich ein Weil! Ich bin ganz allein, wir wollen ein
wenig haimgarten!

Schchtern setzte sie sich auf die Bank und strich an ihrem Rock die
Falten glatt.

Wie alt bist du, Gittli?

Im letzten Anderherbst[20] bin ich fnfzehn Jahr geworden.

Fnfzehn Jahr? wiederholte Herr Heinrich. Und nach kurzem Besinnen
sagte er: Weit du nicht auch den Tag, an dem du geboren bist?

Wohl, Herr, am heiligen Pelagitag.[21]

Betroffen blickte der Propst das Mdchen an.

Am heiligen Pelagitag? Das war zehn Tage nach der Ampfinger Schlacht und
_einen_ Tag nach dem Brande der Burg Falkenberg! Hier hatte die Natur
ein seltsames Spiel getrieben, oder -- -- Tief atmend schttelte Herr
Heinrich den Kopf und fragte: Wo seid ihr daheim gewesen?

[Funote 20: Oktober.]

[Funote 21: Den 9. Oktober.]

In Dorfen,[22] Herr, wir haben aber nit im Ort gehauset. Unser Haus ist
eindig im Wald gestanden, denn der Vater hat gekohlet.

Kannst du dich noch besinnen auf Vater und Mutter?

Sie sah ihn mit feuchten Augen an. Kann denn eins Vater und Mutter
vergessen? Ich bet doch alle Tag dafr, und da seh ich sie allweil
wieder dastehen vor mir, der Vater, der wie ein Baum gewesen ist, wenn
das Mies dran hngt, ja, so einen langen Bart hat er gehabt, und wisset,
Herr, er hat schon ein ltzel gegrauelet. Aber die Mutter hat noch
allweil Zpf gehabt wie ein Junges. Und so gut schauen hat sie knnen,
und eine Hand hat sie gehabt, wenn sie einen damit angerhrt hat, das
ist einem vllig gewesen, wie an einem Abend, wenn's recht warmelet und
es streicht ein Lftl an einen hin. Und so viel lieb hat sie mich mgen!
Ich glaub, es hat noch keins auf der Welt eine so gute Mutter gehabt,
wie ich! Sie fuhr sich mit dem Arm ber die Augen.

Herr Heinrich erhob sich, trat auf Gittli zu und nahm ihre Wangen in
seine Hnde. Diese Mutter nimmt dir keiner mehr, und wenn er dir auch
eine andere geben knnte!

[Funote 22: Fnf Wegstunden sdlich von Landshut.]

Sie sah ihn fragend an.

Frater Severin erschien. Der Bub ist daheim.

Er soll kommen.

Walti trat in die Stube, und whrend Herr Heinrich leise mit ihm redete,
erhob sich Gittli und schlich zur Tre. Drauen fuhr sie sich noch
einmal ber die Augen, dann ging sie der Jgerhtte zu. Ehe sie das
kleine Haus erreichte, blieb sie stehen, als besnne sie sich. Und nun
eilte sie dem Pfad entgegen, der in das Steintal fhrte. Sie wollte die
verlorenen Veilchen suchen.

Als sie die Wende des Steiges erreichte, fuhr sie erschrocken zurck.
Dort auf dem Stein sa immer noch der Chorherr; und in seinen Hnden
hielt er ihren Kranz und blickte darauf nieder mit regungslosen Augen.
Jetzt hrte sie auch Tritte hinter sich; dort kam der Bub mit zwei
Bergstcken und einer Kienfackel. Lautlos schlpfte sie in eine Staude
und wartete. Sie hrte, wie die beiden einige Worte wechselten und sich
entfernten.

Nun kam sie wieder hervor und begann zu suchen. Das Krnzl wollte sich
nicht finden lassen.

Jetzt hat er's mitgenommen! stammelte sie; aber sie zrnte nicht.
Vielleicht hat er eine Freud dran? Und einem, der so viel Schmerzen
getragen, war eine Freude zu gnnen. Weib und Kind verlieren mssen, in
_einer_ Nacht! Wer htte mit ihm Erbarmen fhlen sollen, wenn nicht
_sie_? Hatte sie doch Vater und Mutter auch an _einem_ Tag verloren --
damals, als im Land das groe Sterben umging.

Lange, lange stand sie und blickte dem Chorherren nach, wie er bald im
Gewirr der Felsblcke verschwand, wieder auftauchte, zwischen dunklen
Gebschen sich verlor und wieder erschien.

Der frischer ziehende Abendwind spielte mit ihrem lockigen Haar. Unter
ihr im Bergwald rief ein Kuckuck, der erste, der mit dem Frhling
gekommen war. Und ber den Halden begannen die steilen Wnde, zwischen
denen der Schnee nur noch in einzelnen Schluchten hing, mit warmer Rte
zu glhen.




                                 18.


Die Dmmerung, die ber den Bergen die ersten Fden spann, webte im Tal
schon die grauen Schleier.

Wolfrat war aus dem Sudhaus heimgekehrt und sa mit Sepha am Tisch. Sie
hatte die Kraft gefunden, das Bett zu verlassen -- es war die Kraft, die
der Kummer und die Sorge gibt.

Ihr karges Nachtmahl hatten sie schon verzehrt, aber sie saen noch,
schweigend; jedes hielt die Arme ber den Tisch gelehnt und grbelte vor
sich hin.

Lippele kniete auf der Bank und guckte zum Fenster hinaus. Schau,
Mutter, schau, der Berg tut brennen! Es strte ihn nicht, da er keine
Antwort erhielt. So, so, schmollte er mit nickendem Kpfl, wenn die
Dittibas verbrennen tut, da droben!

Wolfrat erhob sich ungestm, schritt ein paarmal in der Stube auf und
nieder und warf sich im Ofenwinkel auf die Bank. Sepha schlug die Hnde
vor das Gesicht.

Eine stille Weile verging, dann streckte Lippele neugierig den Kopf.
Vater! Mannerleut kommen.

Seph erblate und Wolfrat sprang auf das Fenster zu.

Sie kommen, Seph! sagte er und griff nach dem Tisch, als befiele ihn
ein Schwindel.

Jesus Maria! sthnte das Weib, flog auf ihn zu und umschlang ihn mit
zitternden Armen.

Er richtete sich auf. Nimm dich zusammen, Seph! sagte er ruhig. Sie
drfen kein unrechtes Wort hren. Komm, setz dich her da! Er drckte
sie auf die Bank. Und red keinen Laut! Vom Gesicht schaut dir im
Zwielicht keiner was ab. Und wenn es schief ausgehen sollt -- ich
glaub's nit, Seph, sei ruhig -- ich mein' halt fr alle Fll, seine
Stimme dmpfte sich zu hastigem Geflster, so la ich dir eine Hilf
zurck in der Not, einen Schatz, der zu heben ist. Mir ist er
verschlossen, solang ich leb. Aber wenn's einmal aus ist mit mir, dann
sollst du was haben davon, und mein Bub. Ein goldener Schatz, Seph! Und
der Schlssel dazu: das ist die Dirn.

Sie starrte ihn an; von allem, was er sagte, verstand sie nur das eine:
da er an das Schlimmste dachte.

Das Fenster wurde dunkel, als die Mnner drauen vorbergingen.

Wolfrat nahm hastig seinen Platz hinter dem Tisch wieder ein.

Die beiden Knechte, die Herr Schluttemann ausgeschickt, traten in die
Stube; der Fronbot, den sie mitgenommen, blieb drauen vor der Haustr
stehen.

Lippele rutschte hurtig von der Bank herunter, lief auf die Mutter zu
und schmiegte sich hinter ihren Arm.

Ist der Polzer daheim? fragte einer der Knechte.

Wohl! sagte Wolfrat. Was gibt's?

Der Knecht zgerte mit der Antwort; sein Blick streifte das Weib. Geh,
komm ein Weil mit uns vors Haus!

Ich hab den ganzen Tag geschafft und bin md.

Wirst aber heut noch einen weiten Weg machen mssen.

Warum? Und wohin?

Warum, das wirst du erfahren, und wohin, das wirst du sehen.

Wolfrat lachte. Da bin ich aber neugierig. Wer will denn was von mir?

Der Vogt.

Der Vogt? wiederholte Wolfrat berrascht. So? So? Er strich mit der
Hand bers Haar und erhob sich. Ja, freilich, da mu ich schon gehen.
Aber wenn ich recht gehrt hab, ist ja der Vogt seit Freitag im Gejaid
-- freilich, hab's ja von euch selber gehrt, wie ich auf der Alm meine
Schwester gesucht hab. Was will er von mir? Da droben?

Die Knechte wollten ihn fassen; er trat zurck und machte zwei Fuste.
Oho! So ist's gemeint? Ich geh von selber mit, weil der Vogt mich haben
will. Aber anrhren soll mich keiner, sonst schlag ich zu.

So komm!

Wolfrat nahm den Hut von der Ofenstange und ging auf sein Weib zu.
Beht dich Gott, Seph! Bis morgen abend bin ich wieder daheim. Er
reichte ihr die Hand und hob den Buben in die Hhe.

Vater, klagte Lippele, du tust mich drucken! Als der kleine Bursch
auf der Erde stand, rollte er die Schultern, dehnte die rmchen, als
wren ihm alle Knchlein aus den Fugen geraten, und als mte er sie
wieder einrenken.

Also weiter! sagte Wolfrat und ging den beiden Knechten voran zur
Stube hinaus.

Mutter? fragte Lippele. Wohin mu der Vater?

Dumpf schluchzend warf Sepha sich ber den Tisch; sie hatte ein Gefhl,
als wre ihr jhlings etwas eisig Kaltes in das Herz gefallen.

Als Wolfrat aus der Haustr trat, packten ihn die Knechte unversehens,
der Fronbot warf den Strick, und ehe Wolfrat ans Wehren denken konnte,
waren ihm schon die Hnde hinter dem Rcken gebunden. Er sprach kein
Wort mehr. Als sie ihn durch den Hag auf die Strae fhrten, warf er
einen langen Blick auf das Totenbrett seines Kindes.

Bet, bet, sagte das Brett, vielleicht bist du der nchst!

Da kam der Knecht, den Herr Heinrich geschickt hatte, die Strae
einhergerannt. Keuchend blieb er vor den anderen stehen.

Willst du was? fragten sie.

Er schttelte den Kopf und lie sie ihres Weges ziehen. Whrend er ihnen
nachblickte, hrte er aus dem Haus des Eggebauern lautes Geschrei und
wirren Lrm, dann eine heulende Weiberstimme. Gleich darauf kam eine
Magd durch den Garten auf die Strae gerannt.

Was ist denn los bei euch? fragte der Knecht.

Der Buerin ist was geschehen, ich mu zum Bader laufen.

Er rannte neben ihr her. So red doch, was ist denn der Buerin?

Der Krank ist schon ber ein Jahr lang in ihr und hat ihr ungut
zugesetzt. Und da hat ihr der Bader gesagt, sie knnt nur gesunden, wenn
man ihr ein Herzkreuzl eingeben tt. Der Bauer hat ihr keins verschaffen
knnen, und deswegen ist die Buerin allweil so schiech mit ihm gewesen
und hat gezannt und gepaget in einem fort. Heut auf den Abend sind sie
wieder aneinander geraten, und die Buerin im Zorn ist aus dem Bett
gesprungen und hat ihm die Kunkel an den Kopf gehaut. Dabei ist sie
ausgerutscht und der Lng nach hingeschlagen auf den Boden. So ein
schweres Leut! Und da mu ihr einwendig was gebrochen sein, und drum mu
ich zum Bader laufen.

Die Dirn wurde dem Knecht zu flink; er blieb hinter ihr zurck und
wartete auf den Fronboten, der die beiden Knechte und ihren Gefangenen
nur eine kurze Wegstrecke begleitet hatte.

Die Dmmerung wandelte sich zur Nacht. Als die Knechte mit Wolfrat das
Seedorf hinter sich hatten und den Wald erreichten, steckten sie die
Fackel in Brand; der sie trug, stieg voran; dann kam Wolfrat, und hinter
ihm ging der andere Knecht; er hatte den Strick, der von Wolfrats
gebundenen Hnden ausging, an seinen ledernen Gurt befestigt. Nur
zuweilen sprachen die Knechte ein paar Worte, die den Weg betrafen.
Wolfrat redete keinen Laut. Er starrte vor sich hin auf den Pfad oder in
den Wald hinein, in dem der rtliche Schein der qualmenden Fackel einen
gespensterhaften Kampf zwischen der fahlen, unruhig zuckenden Helle und
den schwarzen Schatten erregte; alles erhielt Leben; die moosigen
Felsblcke waren anzusehen wie die Kpfe von Ungeheuern, die aus der
Erde zu steigen schienen; Baumstrnke mit drrem Astwerk tauchten aus
der Finsternis hervor gleich abenteuerlichen Gestalten, mit borstigem
Haar und zum Fang gestreckten Armen.

Als Wolfrat vor fnf Tagen diesen gleichen Weg in der Nacht
emporgestiegen, war es still und finster gewesen im Wald. Und langsamer
war's gegangen. Das Kreuzbild, das er auf dem Rcken getragen, hatte
sich mit den ausgestreckten Armen bald an Bumen, bald an Zweigen
verfangen. Grad, als htt's mich halten wollen! dachte er.

Auf den Almen rasteten sie; dann ging's wieder weiter.

Der Morgen dmmerte, als sie sich der Kreuzhhe nherten. Mit scharfen
dunklen Linien hob sich das heilige Bild vom bleichen Himmel ab. Seit
Wolfrat das Kreuz gewahrt hatte, konnte er den Blick nimmer von der Erde
erheben. Als er am Kreuz vorberschritt, geneigten Hauptes, mit scheuen
Augen, rann ihm ein kalter Schauer durch das Herz. Er lebt doch, ich
hab ihn doch nit erschlagen! schrie es in seiner Seele. Aber die Furcht
wollte nicht von ihm weichen. Und eines wute er: beten konnte er
niemals wieder in seinem Leben, seit er an dieser Stelle, den Namen
Gottes heuchlerisch auf den Lippen tragend, den Mordgedanken unter
seiner Stirn geboren hatte. Er hatte nicht einmal beten knnen am Grab
seines Kindes; so oft er auch begonnen: Vater unser -- immer wieder
stand das blutbefleckte Kreuz vor ihm und schlo ihm die Lippen.

Er atmete auf, als sie an der bsen Stelle vorber waren.

ber das Steintal blickten im Morgengrau schon die Htten her. In den
Felswnden hrte man die Steine gehen, die von den ziehenden Gemsen
gelst wurden. Einzelne Wlklein, tief violett, schwammen langsam am
blassen Himmel.

Es begann schon voller Tag zu werden, als sie die Htten erreichten. Auf
der Bank vor dem Herrenhause lieen sie sich nieder; die Tren waren
noch geschlossen, alles war still; sogar die Quelle murmelte schlfrig,
als wre sie versiegt in der Nacht und begnne erst jetzt wieder zu
flieen, da es tagen wollte.

In der Jgerhtte schlummerte Haymo auf seinem Lager, und Frater
Severin, der bei ihm htte wachen sollen, schnarchte auf der Holzbank;
er hatte am vergangenen Abend ein schweres Werk geleistet: er ganz
allein hatte das dritte >Prchen< Rechberg und Stein bezwingen mssen,
da Herr Heinrich den Vogt zu sich in die Schlafstube genommen, um den
Heuboden fr Gittli zu rumen.

Herr Schluttemann, dem die gewohnte >Bettschwere< fehlte, erwachte
zuerst. Lautlos ffnete er den Fensterladen, und da gewahrte er die
Knechte und den Sudmann; eine Weile stand er unschlssig und kraute sich
den Kopf; dann ging er hinaus; darber erwachte Herr Heinrich.

Wolfrat und die Knechte erhoben sich, als der Vogt aus der Tr trat;
kopfschttelnd ging er auf den Gefangenen zu; er donnerte und blitzte
nicht wie sonst; nur ernster Vorwurf klang aus seiner Stimme, als er zu
Wolfrat sagte: Polzer, Polzer! Was hast du da jetzt angestellt? Das
wird dir einen bsen Tag bringen.

Es wre Wolfrat wohler zu Mut gewesen, wenn der Vogt geschrien und mit
den Fusten gefuchtelt htte. Ich wei nit, was Ihr meinet, Herr! Aber
wissen mcht ich wohl, warum mich Eure Leut berfallen und am Strick
dahergefhrt haben wie einen Ochs, den man metzgen will.

Polzer! Polzer! Tu nicht leugnen! sagte Herr Schluttemann mit den
sanftesten Lauten, deren er fhig war. Sonst wird dich einer fragen
mssen, der eine glhende Zung hat und eiserne Zhn.

Wolfrats bleiches Gesicht wurde aschfarben. Ich brauch nichts leugnen
und nichts eingestehen. Ich wei nit, was Ihr wollt von mir.

Polzer, Polzer! Ich will dir in aller Gt nur sagen -- Der Vogt
verstummte, denn Herr Heinrich war aus der Tr getreten. Nur einen
Bckling machte Herr Schluttemann und deutete auf den Gefangenen.

Lange lie Herr Heinrich schweigend seinen Blick auf Wolfrat ruhen, und
dieser ertrug den Blick und zuckte mit keiner Wimper.

Bindet ihm die Hnde los!

Herr Schluttemann machte groe Augen. ^Reverendissime^, ich bitte zu
bedenken --

Ich habe bedacht! sagte Herr Heinrich kurz. Lset ihn, dann soll er
mir folgen. Er trat in die Herrenstube.

Wolfrat atmete auf, reckte die befreiten Arme und folgte dem Propst.

Weck einer den Frater! sagte Herr Schluttemann zu den Knechten und
ging hinter Wolfrat her. Kaum hatte er die Herrenstube betreten, als
Gittli vom Heuboden ber die Leiter niederglitt, verstrt und totenbla.
Die Stimmen hatten sie geweckt. Sie wankte zur Tr hinaus, hrte die
Worte nicht, die Frater Severin ihr zurief, sah die Knechte nicht stehen
und glotzen -- mit gestreckten Hnden und fliegenden Haaren strzte sie
der Jgerhtte zu und brach vor Haymos Lager in die Knie.

Jesu mein! Gittli! Was hast du? stammelte Haymo, dem der Schreck fast
die Sprache nahm.

Sie haben ihn, o Mutter Maria, sie haben ihn!

Wen, Gittli?

Der's getan hat! Mein Bruder, Haymo! Es ist mein Bruder! Sthnend warf
sie die Arme ber das Bett und drckte das Gesicht in die Decke.

Haymo war erblat. Ihr Bruder! Das Wort hatte ihn fast gelhmt, er
konnte keinen Finger rhren.

Jetzt hob sie langsam das Gesicht, rutschte auf den Knien nher,
umklammerte seine Hnde und sah zu ihm auf, verzweiflungsvolle Angst in
den bettelnden Augen.

Sie brauchte nicht zu sprechen, er verstand. Brennende Rte flog ber
seine Stirn. Ich darf's nit hehlen, Gittli! Ich darf nit.

Haymo! Schau doch, wie ich dich bitten tu! Glitzernde Zhren rannen
ihr ber die Lippen. Er ist mein Bruder, und sie hauen ihm die Hand ab
und schlagen ihn zu Tod wie den Grnwieser-Konrad in Salzburg, der einen
Hirsch gefangen hat. Und die Schwhrin, die arme Schwhrin, die mu
versterben, wenn sie's hrt, und schau, am Ostertag ist ihr doch erst
ein Kind verschienen, so ein liebes, gutes Kindl! Haymo?

Ich darf nit, darf nit! stammelte er mit versinkender Stimme.

Sie schlug die Hnde vor das Gesicht und wankte zur Tr hinaus. Er
streckte die Arme nach ihr, aber seine Lippen wollten ihren Namen nicht
finden.

Hinter der Htte, zwischen dem tief niederhngenden Gezweig der Fichten
sank sie auf die Erde. Htte sie lauschen knnen, sie htte von der
Herrenstube her durch das offene Fenster die redenden Stimmen hren
mssen.

Wolfrat stand vor Herrn Heinrich, als wren seine Glieder von Stein.
Und wenn Ihr mich hundertmal fragt, Herr, sagte er mit kalter Ruhe,
ich wei keine andere Widerred. Ich hab den Weg gemacht, weil mir der
Eggebauer das Lehent geliehen hat. Ich hab den Herrgott hinaufgetragen,
hab ihn ans Kreuz genagelt, vor Tag bin ich fertig gewesen, hab nichts
gesehen und gehrt, hab mich wieder aufgemacht und bin daheim gewesen
vor der neunten Stund. Wie die Dirn ber Nacht nit heimgekommen ist, hab
ich mich freilich sorgen mssen. Aber bis Mittag, da hab ich, hab ich
-- Er stockte. Ich hab zu schaffen gehabt.

Du hast dein Kind begraben?

Er nickte. Und auf den Abend hab ich im Sudhaus sein mssen. Erst in
der Nacht hab ich fort knnen und schauen nach der Dirn. Wie ich auf der
Alm gehrt hab, was geschehen ist, hab ich mir gedacht: sie soll nur
bleiben, bei so was ist ein Weiberleut allweil gut. Und bin
heimgegangen. Und htt ich's denn ausgeredet berall, wenn ich es selber
getan htt?

Sag, weshalb ist deine Schwester zu Berg gegangen?

Ich wei es nit.

Wollte sie Schneerosen pflcken fr das Kind? Zum Engelkrnzlein?

Er zgerte mit der Antwort. Das wre ein Ausweg gewesen! Aber nein,
lgen auf sein totes Kind, das brachte er nicht zuwege.

Nun?

Ich wei es nit.

Herr Schluttemann machte einen Bckling. ^Reverendissime^? Sollte man
nicht die Dirn holen?

Herr Heinrich wehrte mit der Hand. Lasset das Mdchen aus dem Spiel!

Wolfrats Augen blitzten, und seine Brust hob sich. Da winkte von
irgendwo eine Hilfe! Das wute er nun: Gittli hatte ihren Schwur
gehalten. Jetzt hatte er nur eines noch zu frchten, und das lie nicht
lange auf sich warten. Herr Schluttemann machte abermals einen Bckling
und sagte:

^Reverendissime!^ So wr es wohl an der Zeit, den Haymo wider ihn
zeugen zu lassen?

Und Ihr meinet, dadurch wrden wir der Wahrheit auf die Spur kommen?

Ei freilich!

So? sagte Herr Heinrich in einem Ton, der vermuten lie, als wre er
anderer Meinung. Gut, gehen wir! Er erhob sich. Komm! sagte er zu
Wolfrat. Wenn du die Wahrheit sprachst, so hast du nichts zu frchten.

Wolfrat brachte keinen Laut ber die Lippen. Einen Augenblick schien die
Ruhe ihn verlassen zu wollen. Schwren kann er nit, da ich es war,
sagte er sich in seiner zhen Hoffnung, mein Gesicht war angerut, nit
einmal mein Weib htt mich erkannt. Er hob den Kopf und folgte Herrn
Heinrich mit schweren Schritten. Sie gingen hinber zur Jgerhtte,
wobei der Vogt keinen Blick von Wolfrat wandte; auch gab er den Knechten
heimlich einen Wink, da sie sich in der Nhe halten sollten.

Unter der Tr der Jgerhtte trat ihnen Haymo entgegen; er trug den Arm
in einer Schlinge; sein Gesicht war wei wie Kalk. Wolfrat senkte den
Blick.

Sieh dir diesen Mann an, Haymo! sagte Herr Heinrich. Der soll es
getan haben. Erkennst du ihn?

Wolfrat hob die Augen und erzitterte vor dem Blick, den Haymo auf ihn
richtete; denn er las aus diesem Blick, da der Jger ihn erkannte. Doch
Haymos Lippen blieben geschlossen.

Sprich, mahnte Herr Heinrich, erkennst du ihn als jenen, der es getan
hat?

Nein, Herr!

ber Wolfrats Gesicht flog heie Rte. Herr Heinrich blickte sich um,
als suchte er jemand; er sah nur, wie die niederhngenden Zweige der
Fichten sich bewegten. Der Vogt aber griff sich mit beiden Hnden an den
Kopf, rannte auf Haymo zu, fuchtelte ihm mit den Fusten vor der Nase
umher und stotterte: Mensch, wo hast du deine Augen? So schau ihn doch
an! Ich sage dir, er mu es gewesen sein! Schau ihn doch an! Gelt, du
erkennst ihn?

Nein, Herr Vogt! sagte Haymo mit bebender Stimme. Der's getan hat,
war geringer am Leib und hat aschfarbenes Haar gehabt. Der da war's
nit.

Herr Schluttemann hob die Arme und lie sie auf seine Hften fallen, als
wollte er sagen: Jetzt steht mir der Verstand still!

Ihr sehet, Vogt, man kann sich irren! sagte Herr Heinrich. Wir mssen
den Mann freigeben. Er nickte, als wre die Sache fr ihn erledigt, und
ging der Herrenhtte zu. Unter der Tr rief er den Frater. Die Knechte
sollen packen, wir steigen vor Mittag noch zu Tal. Du, der Vogt und das
Mdchen, ihr gehet mit den Knechten ber die Almen. Ich warte hier mit
dem Haymo, bis das Maultier kommt. Dann nehmen wir den Abstieg nach dem
See, er ist krzer und fr Haymo minder beschwerlich.

Vor der Jgerhtte stand Haymo noch immer auf der gleichen Stelle. Als
er den Propst in der Tr verschwinden sah, atmete er tief auf, wandte
sich wortlos ab und trat in die Htte.

Wolfrat und Herr Schluttemann waren allein.

Schau, schau, sagte der Vogt und kraute sich das Genick, jetzt hab
ich dir unrecht getan!

Wolfrat schwieg und blickte langsam nach beiden Tren.

So sei halt jetzt zufrieden, Polzer, und tu dich nicht krnken!
stotterte Herr Schluttemann. Da dir die Schicht ausbezahlt wird, die
du heut im Sudhaus drunten versumt hast, dafr sorg ich schon, ja, ja!

Kann ich jetzt gehen, Herr? fragte Wolfrat ruhig.

Freilich, Polzer, freilich! Geh nur heim zu deinem Weib! Freundlich
klopfte der Vogt dem Sudmann auf die Schulter. Wenn's im nchsten Jahr
wieder hapert mit dem Lehent, dann komm nur, ich la schon reden mit
mir.

Es wird's nit brauchen, Herr! Beht Euch Gott! Wolfrat zog den Hut in
die Stirn und ging dem Steig zu, whrend Herr Schluttemann
kopfschttelnd das Herrenhaus betrat.

Da rief Herr Heinrich aus dem Fenster: Wolfrat? Wohin?

Heim will ich, Herr! Ich kann doch gehen?

Wenn du willst. Doch wr's mir lieb, wenn du eine Weile noch bleiben
mchtest. Ich htt eine Arbeit fr dich.

Wohl, Herr! sagte Wolfrat zgernd.

Setz dich nur da her auf die Bank und warte, bis ich komme!

Mit finsteren Augen ging der Sudmann zur Bank; man sah es ihm an, er
tat's nicht gerne; unter dem Kittel rhrte er die Schultern, als wre
ihm nicht wohl zu Mut in seiner Haut.

Zwischen den Zweigen der Fichten schlpfte Gittli hervor und huschte in
die Jgerhtte. Haymo sa auf dem Bett. Sie flog auf ihn zu und
umschlang seine Hand. Vergeltsgott, Haymo, Vergeltsgott tausendmal,
weil du Erbarmen gehabt hast mit ihm!

Hab ich nit _mssen_? sagte er. Und wenn's mich gleich meine Seel
gekostet htt! Seine Augen hingen an ihr mit sehnschtiger Schwermut.

Schau, Haymo, zitterte es von ihren Lippen, er hat freilich was Arges
getan! Aber gelt? Ich hab's doch ein ltzel wieder gutgemacht? Wie er
gekommen ist und hat's der Schwhrin gestanden, und ich bin drin in der
Kammer gewesen und hab's gehrt, schau, da hat mich doch keins nimmer
halten knnen. Gelaufen bin ich und gelaufen, bis ich dich gefunden hab.
Und gelt, ich hab's doch wieder ein ltzel gutgemacht?

Er lie ihre Hnde und berflog sie mit bangem Blick. Nur weil du's
wieder gut hast machen wollen? fragte er mit versagender Stimme. Sonst
wegen gar nichts bist du gekommen?

Sie blickte erschrocken zu ihm auf. Weswegen sonst denn htt ich kommen
sollen? Was hast du? Was schaust du mich denn so an?

Er schwieg und fuhr sich mit der zitternden Hand ber die Stirn.

Aber so red doch! bat sie in herzbeklemmender Angst.

Er schttelte den Kopf und wandte sich ab.

Gott, was hast du denn, ich hab dir doch nichts getan?

Sie wollte seine Hand fassen. Da klang von drauen die Stimme des
Fraters: Gittli? Gittli? Er trat in die Stube. Da bist du ja! So komm
doch, Dirnlein, komm doch, du sollst mir packen helfen. Bei der Hand
zog er sie mit sich fort.

Haymo? stammelte sie noch, aber da stolperte sie schon ber die
Schwelle hinaus.

Als sie an Wolfrat vorberkam, senkte er den Kopf. Sie wollte zu ihm
sprechen; der Frater hielt fest und zog, da gab es kein Bleiben. In der
Kche tat sie wortlos, was man ihr sagte.

Bruder, flsterte Herr Schluttemann dem Frater zu, packet das
>Prchen<, das noch brig ist, oben auf! Dann haben wir noch eine
Kurzweil, wenn wir rasten.

Frater Severin nickte verstndnisvoll.

Eine Viertelstunde spter waren sie alle zur Heimfahrt gerstet. Als
Wolfrat die beiden Knechte mit hochbeladenen Kraxen davonschreiten sah,
erhob er sich von der Bank. Die Ungeduld der Furcht zitterte ihm in
allen Fibern. Er trat an das Fenster und rief hinein: Soll ich noch
allweil warten, Herr?

Ja, Wolfrat! klang Herrn Heinrichs Stimme, als eben Gittli zu ihm in
die Stube kam, um Abschied zu nehmen. Er sah sie freundlich an. Geh mit
Gott, mein Kind! sagte er und bot ihr die Hand. Als sie diese Hand
kte, fiel eine Zhre aus ihren Augen. Gittli? Bekmmert dich etwas?

Sie schttelte den Kopf und schlich davon. Vor ihrem Bruder blieb sie
stehen. Gelt, ich kann der Seph schon sagen, da du bald heimkommen
wirst?

Sagen kannst ihr's allweil!

Sie wollte gehen. Unruhig blickte Wolfrat ihr nach. Jetzt sprang er auf.

Dirn!

Sie wandte sich, und da streckte er wortlos die Hand. In Kummer, die
Lippen stumm bewegend, blickte sie zu ihm auf, als sie ihre Hand in die
seine legte.

Tummel dich, Dirnlein, da wir weiterkommen! mahnte Frater Severin.

Ich geh schon! Sie eilte zur Jgerhtte und fand die Stube leer.
Erschrocken kam sie herausgelaufen. Wo ist der Haymo?

Vor einer Weil hat er dem Hund gepfiffen, rief ihr Wolfrat zu, und
ist da hinaufgestiegen nach den Halden.

Zitternd blickte sie in die leere Stube.

Ist das ein Narr, ein unguter! brummte Frater Severin. Nit einmal
warten kann er, bis man ihm Beht Gott sagt! Komm, Dirnlein, komm!

Zgernd, mit gesenktem Kopf, schritt Gittli hinter Herrn Schluttemann
und dem Frater einher. Immer wieder blieb sie stehen und blickte nach
der Jgerhtte zurck, so da die beiden immer weiter vorauskamen. Nun
fhrte der Weg in eine Mulde, und die Htten verschwanden. Da sank sie
auf einen Stein und schluchzte in die Hnde.

Jetzt ist er harb auf mich. Und ich hab ihm doch nichts getan.

Aus dem Tal herauf hrte sie den Frater ihren Namen rufen. Sie trocknete
mit dem rmel die Augen und fing zu laufen an.




                                 19.


So, Wolfrat! sagte Herr Heinrich, als er, die Armbrust fhrend, aus
der Tr trat. Wir werden bald fertig sein. Ich hab mich schon zur
Heimfahrt gerstet.

Wolfrat erhob sich. Was soll ich schaffen, Herr?

Geh in die Kche und hol einen Zuber!

Der Sudmann eilte sich; das sah wirklich aus nach Arbeit; mit einer
hlzernen Wasserkanne kam er zurck.

Komm! sagte Herr Heinrich und ging dem Pfade zu, der in das Steintal
fhrte.

Wolfrat folgte. Was er nur wollen mag? Eine Ahnung drohender Gefahr
beschlich ihn. Narretei! Der Jger hatte fr ihn gezeugt, und Herr
Heinrich selbst hatte ihn freigegeben. Vielleicht soll ich ihm Wurzen
graben? Oder vielleicht hat er ein Erz gefunden, das er proben will, und
ich soll ihm einen Zuber voll heimbringen. Beruhigt schritt er weiter.
Aber immer lnger erschien ihm der Weg, den sie gingen. Und von der Hhe
winkte das Kreuz. Wolfrat blieb stehen.

Herr! Wohin gehen wir?

Komm nur! sagte Herr Heinrich und schritt weiter. Als er merkte, da
ihm Wolfrat nicht folgte, hielt er inne, wandte das Gesicht und fragte
lchelnd: Oder _willst_ du nicht kommen?

Wohl, Herr!

Langsam wanderten sie auf dem ansteigenden Pfad empor. Jetzt kamen sie
zu einem rinnenden Wasser. Flle den Zuber! befahl der Propst.

Wolfrat tat es. Was weiter, Herr?

Komm nur!

Immer nher kamen sie dem Kreuz. Aus dem Gesicht des Sudmanns war jeder
Tropfen Blut gewichen, seine Augen glhten, und die Kanne, die er auf
der Schulter trug, zitterte, da das Wasser ber den Rand schwankte. Als
sie die Hhe erreichten, sagte Herr Heinrich: Komm her, Wolfrat! Er
deutete auf die Blutspuren an dem Schnitzwerk. Sieh nur diese hlichen
Flecken! Komm, nimm das Wasser und wasche sie weg! Dem Kreuz gegenber,
das vom Glanz der Sonne umschimmert war, setzte er sich auf einen Stein
und entblte das Haupt. Nun, warum zgerst du?

Wolfrat stellte die Kanne nieder, schpfte Wasser mit der hohlen Hand
und wusch und wusch.

Sie wollen nit weichen, Herr! sagte er nach einer Weile mit dumpfer
Stimme. Sie haben sich eingefressen in das Holz.

Ja, Snde frit sich ein! Wie hier in das Holz, so in die Herzen. Das
ist wie Rost auf Stahl. La du nur erst den bsen Flecken und tilg ihn
nicht zur rechten Zeit, so frit er weiter, und die gute Waffe ist
zerstrt, unbrauchbar fr alle Zeit, und du kannst sie ins alte Eisen
werfen -- Herr Heinrich blickte auf, oder ins Feuer! Wasche, Wolfrat,
wasche! Tu es dem Unglcklichen zulieb, der das heilige Bild so schwer
entweihte. Denk nur, da luft er umher unter den Menschen, und keinem
wagt er mehr ins Auge zu schauen. Jeder Schritt, den er hrt, macht ihn
zittern. Jedes Wort, das sein Ohr vernimmt, weckt seine Furcht. Das
raschelnde Laub, der flsternde Wind, das murmelnde Wasser, die stille
Nacht, wie der lrmende Tag, alles ist sein Feind geworden. Was er hrt,
alles klingt wie der Seufzer, mit dem sein Opfer zusammenbrach. Was er
sieht, alles hat einen blutigen Schein. Und in seiner einsamen Not nicht
Trost noch Hoffnung! Sein Herz mchte aufschreien zum Himmel, doch er
sieht nur immer Gottes Bild vor sich, das er befleckt hat und entweiht,
und seine Lippen haben kein Gebet mehr! -- Nun? Wollen die Flecken
weichen?

Nein, Herr! Die Worte klangen, als lge eine wrgende Hand an Wolfrats
Kehle, und die Arme sanken ihm wie gelhmt.

Mut nur nicht ablassen! Plag dich nur noch ein ltzel! So! So! Du tust
es fr einen, der sich selber doppelt straft, weil er meint, er knnte
der Strafe entlaufen, die nun einmal gesetzt sein mu auf alles, was bs
und unrecht ist. La ihn nur! Gottes zrnende Gerechtigkeit hat noch
flinkeren Gang. Da luft er, und die Strafe ist ihm schon an die Fe
gehngt wie eine lange Kette, und er luft und luft und schlgt dabei
mit der Kette nach allen Seiten und reit noch andere mit sich in seinen
Fall! Warum hrst du zu waschen auf? So! La nur nicht nach! Und sag
mir, hast du ein Kleefeld?

Ein halbes Gras,[23] stammelte der Sudmann, fr meine Geien.

Hast du schon einmal den Kleefra[24] im Feld gehabt?

Wolfrat nickte.

Gelt, da hast du's halt bersehen, wie der Krank das erste Studl
angepackt hat? Httest du es nur gleich ausgerissen! So aber hast du es
stehen lassen, und wie du nach einer Woche wieder hingekommen bist, da
war das halbe schne Feld schon aufgefressen! Gelt, ja? Und schau! Der
_das_ getan hat -- Herr Heinrich deutete nach den Flecken, an denen
Wolfrat mit zitternden Hnden rieb, der trgt jetzt auch einen Schaden
in sich herum. Zuerst frit es in _ihm_ alles auf, was noch gut und
gesund ist, und dann kriecht es aus ihm heraus, und hat er Vater und
Mutter, so frit es an denen, und hat er Weib und Kind -- -- Wolfrat?
Ist dir nicht wohl?

Der Sudmann schpfte Wasser mit den Hnden.

Herr Heinrich schwieg eine Weile, dann fragte er: Wollen die Flecken
noch immer nicht weichen?

Zur Hlft sind sie weg, murmelte Wolfrat mit versunkener Stimme, aber
die andern --

[Funote 23: Ein Flchenma, nach dem in frheren Zeiten in den Alpen
gerechnet wurde; ein Gras, d. i. so viel Feld oder Weide, als ein
Stck Hornvieh das Jahr ber zur Nahrung braucht.]

[Funote 24: Eine Krankheit des Klees, hervorgerufen durch einen rasch
um sich greifenden Schmarotzerpilz.]

Wasch nur! La dich die Zeit nicht verdrieen. Ich warte schon, jawohl.
Und jenen andern kann ich auch noch erwarten, bis er kommt und die roten
Hnd herzeigt. Wenn's nur dann nicht zu spt ist zum Waschen. Und wenn
er gar nicht reden wollt, einer ist doch immer da, der in einer bsen
Stund gegen ihn reden wird!

Zgernd, mit scheuen Augen, blickte Wolfrat auf den Mund des Propstes.

Einer, der es gesehen hat! sagte Herr Heinrich und deutete zum Kreuz
empor. Der da, Wolfrat!

Der? Ein irres Lcheln zuckte um Wolfrats Lippen, whrend er langsam
die Augen hob. Dann schttelte er den Kopf. Es hat noch nie kein Holz
geredt!

Ein Wolkenschatten flog ber den Grund.

Meinst du? lchelte Herr Heinrich.

Schwer atmend beugte Wolfrat sich ber die Kanne, um mit den hohlen
Hnden Wasser zu schpfen. Da klang aus den Lften ein dumpfes Murren,
das zum rollenden Donner wuchs, um mit einem krachenden Schlag zu enden.
Eine Lawine hatte den letzten Schnee von den Wnden gestrzt.

Der Sudmann stand mit fahlem Gesicht, ein Schauer hatte ihn gerttelt,
und von seinen zitternden Hnden tropfte das Wasser.

Hast du gehrt, Wolfrat? sagte Herr Heinrich, whrend zwischen den
Felsen der Widerhall verzitterte.

Eine Lahn war's. Nur eine Lahn ist gegangen.

Und wer hat sie reden lassen und hat ihr F gemacht?

Die Sonn!

Weil sie scheint, gelt? Und wer lt die Sonne scheinen?

Wolfrat schlug die Hnde vor das Gesicht, sein ganzer Krper erbebte wie
ein Baum vor dem Sturz. Dann warf er die Arme auseinander. Ich kann's
nimmer heben, es mu heraus! Sthnend brach er in die Knie und schlug
mit den Fusten seine Brust. Ich -- ich -- ich hab's getan. Ich bin's
gewesen, der ihn gestochen hat. Mit irrenden Augen blickte er auf; als
htte er gefrchtet, da der Propst nun aufspringen wrde in Zorn.

Herr Heinrich blieb ruhig sitzen. Weshalb hast du es getan?

Weil er mich hat fassen wollen.

Es war seine Pflicht. Du hast Raub getrieben. Weshalb?

Fr mein Kind! Weil mir einer gesagt hat, da die Schweibluh noch
helfen tt.

Herr Heinrich blickte betroffen auf. Nach einer Weile fragte er: Wer
hat dir das gesagt?

Wolfrat schttelte den Kopf und wehrte mit der Hand. Er konnte sich
selbst verraten, doch keinen anderen.

Herr Heinrich fragte nicht weiter. Sag mir nur, hat's auch geholfen?

Das Kind war schon verschienen, wie ich heimgekommen bin.

Ja, Wolfrat, alle Snd ist umsonst! Hat dir das, wie du mit der
blutigen Hand vor das Bett getreten bist, der stumme Mund deines Kindes
nicht gesagt?

Wolfrat stand unbeweglich. Mit einem Blick des tiefsten Erbarmens ruhten
die Augen des Propstes auf dem Sudmann. Als er sich erhob, sah Wolfrat
bang zu ihm auf.

Herr? Was geschieht mit mir? Weil er keine Antwort erhielt, sagte er
leis: Er ist doch lebig, Herr!

Ist es _dein_ Verdienst? Du httest ihn liegen und verbluten lassen,
nur da er nimmer reden mchte.

Dem Sudmann sank der Kopf auf die Brust. Was geschieht mit mir?

Das wei ich nicht. Das mut du selber wissen. Es war nicht dein Frst
und Lehensherr, zu dem du gesprochen hast, es war dein Beichtiger. Was
du auch sagtest, ich gehe von hier und hab's vergessen. Er bedeckte das
Haupt und ging davon.

Wolfrat sprang auf, drckte die Faust auf die Stirn und starrte dem
Propste nach.

Als Herr Heinrich die Tiefe des Steintals erreicht hatte, blickte er
nach dem Kreuz zurck. Er sah den Sudmann zur Quelle gehen, um frisches
Wasser zu holen.

Bei der Jgerhtte angelangt, rief der Propst nach Haymo. Die Antwort
kam nicht aus der Htte, sondern vom Berghang her, ber den der Jger,
von der flinken Hel begleitet, langsam herabstieg, in der Hand ein
Bndel ausgegrabener Wurzeln tragend.

Wo warst du, Haymo?

Nieswurz hab ich gegraben, sagte der Jger mit mder Stimme, fr den
Frater Kchenmeister.

Hat er wieder Atemnot und Herzkrmpfe? Ein Wunder wr es nicht. Aber du
httest diese Arbeit einem andern berlassen sollen.

Haymo hielt die Augen gesenkt. Ich hab's ihm versprochen.

Und hast dich bermdet dabei, jetzt vor dem Abstieg! Wie bleich du
bist! Gib deine Hand her! Sie zittert. Und deine Augen brennen. Haymo,
ich mu dich in der Htte lassen.

Der Jger erschrak. Ich bitt, Herr Heinrich, nur das nit! Ich tt's
nimmer aushalten in der Htt -- bevor ich nit wieder gesund bin, _ganz_
gesund! Er betonte die beiden letzten Worte so seltsam.

Der Propst betrachtete ihn forschend. So richte dich zur Heimfahrt!

Haymo trat in die Stube. Herr Heinrich blickte ihm nach. Seine Wunde
heilt. Sein Herz ist siech geworden. Armer Bursch! Ich frchte, diese
Blume ist nicht fr dich gewachsen.

Er hrte Hufschlag: der Knecht mit dem Saumpferd kam. Ist das Tier
mde? fragte der Propst.

Nein, Herr, ich hab's allweil rasten und grasen lassen.

So knnen wir gleich aufbrechen. Sperr die Tr der Herrenhtte und
bring mir mein Griesbeil!

Haymo kam, wie zum Hegergang gerstet, das Weidgehenk um die Hfte, die
Armbrust auf dem Rcken.

Nein, du! lchelte Herr Heinrich. So wirst du nicht reiten: gewaffnet
und den Arm in der Schlinge! Die Waffen hindern dich. Gib her, der
Knecht soll sie tragen. Er nahm dem Jger die Armbrust und den Fnger
ab. Das Griesbeil la heroben in der Htte, das Pferd hat viere fr
eins. So, und nun steig auf!

Herr Heinrich? stammelte Haymo. Ich soll reiten, derweil Ihr zu Fu
gehet?

Steig auf, sag ich!

Haymo fgte sich schweigend und hob sich in den Sattel. Der Knecht nahm
die Armbrust und schnallte sich das Gehenk um. So, jetzt bin ich auch
ein Jger! lachte er, stie das Griesbeil in den Grund und fate den
Zgel des Pferdes. Bellend sprang die flinke Hel voraus. Haymo warf noch
einen heien Blick auf die geschlossene Tr seiner Htte, dann lie er
den Kopf sinken. Die Heimfahrt begann.

Herr Heinrich schritt hinter dem Pferde her; immer blieb er stehen und
blickte ber das Steintal aus. Wenn er wieder ging, schttelte er den
Kopf. Es schien, als htte er etwas erwartet, und das wre nicht
eingetroffen.

Ruhig und sicher ging das berggewohnte Pferd den rauhen Pfad; kamen
schiefe Platten, dann legte es den Leib zurck und rutschte auf den
vorgeschobenen Hufen. Vorerst hatte der Knecht, der es fhrte, leichte
Arbeit. Unermdlich plauderte er drauf los, und es strte ihn nicht, da
Haymo keine Antwort gab. Mit besonderer Wichtigkeit erzhlte er die
wunderliche Nachricht von der Eggebuerin; zuerst schickte er voraus,
was er am verwichenen Abend von der Magd gehrt hatte. Und heut in der
Frh, erzhlte er weiter, hab ich den Bader getroffen. Der hat kaum
reden knnen vor Lachen. Und da ist's aufgekommen, was der Buerin
allweil gefehlt hat. Sie hat einen gromchtigen Schwollen[25] in ihr
drin gehabt, schier so gro wie ein Fal, und wie sie mit dem Bauer ins
Raufen gekommen und auf den Boden hingeschlagen ist der ganzen Lng
nach, hat's einen Knall getan, und der Schwollen ist aufgesprungen. Ja!
Was sagst! Und jetzt wird das Weib gesund, grad weil sie _kein_
Herzkreuzl gekriegt hat! Und der Bauer! O du mein Herrgott! Der soll
herumgehen mit einem Kopf wie ein Metzen. Derweil das Weib krank war,
hat er das Fegfeuer gehabt, und jetzt, wo sie wieder gesunden tut, wird
er die Hll kriegen. Die kann aufhauen! Vergeltsgott, da bleib ich schon
lieber ledig, eh ich mir so eine nimm.

[Funote 25: Eine Geschwulst.]

Sie hatten den Wald erreicht. Die niederstehenden ste, denen Haymo mit
dem Kopf ausweichen mute, rissen ihn aus seiner Versunkenheit. Und als
seine Augen erst einmal lebendig wurden, gingen sie auch fleiig in die
Runde.

Der Pfad wurde steiler und der Knecht mute das Saumpferd fest in die
Hand nehmen. Nur langsam ging der Abstieg vonstatten. Einmal blieb Herr
Heinrich lauschend stehen. Er schttelte den Kopf und ging wieder
weiter. Doch nein, er hatte sich nicht getuscht. Nun klang es wie
eilende Schritte weit hinter ihm. Ein zufriedenes Lcheln umspielte die
Lippen des Propstes. Er setzte sich auf einen gestrzten Baum und
wartete.

In langen Sprngen kam Wolfrat ber den Pfad heruntergestrmt. Der
Schwei troff ihm von der heien Stirn, und keuchend blieb er vor dem
Propste stehen. Eh' er noch Atem fand, begann er schon zu reden. Herr!
Jetzt sind sie alle weg. Auch der letzte, der schier gar nit weichen hat
wollen.

Wirklich?

Ich hab nit ausgelassen. Und jetzt htt ich eine Bitt, Herr!

Sprich, Wolfrat!

Lasset mich mit Euch gehen, Herr! Schauet, auf mir liegt die Not wie
ein Trumm Stein, aber ich mein', es wr mir nirgends so wohl als wie bei
Euch.

So komm! Herr Heinrich erhob sich.

Und wenn ich heimkomm, so red ich mit meiner armen, guten Seph, und
wenn sie meint, da sie's tragen kann, in Gottesnam, so geh ich hin zum
Vogt und tu mich angeben.

Herr Heinrich sprach kein Wort; er legte nur die Hand auf Wolfrats
Schulter. Dann gingen sie. Als sie zu den anderen kamen, eilte Wolfrat
auf das Saumpferd zu. Gib her, ich mach das besser! sagte er und nahm
den Zaum aus der Hand des Knechtes.

Haymos Augen funkelten; doch schweigend lie er alles geschehen. Mit
scheuem Blick sah Wolfrat zu ihm auf. Jger! Jetzt kannst du schlafen!

Das Pferd merkte die sichere Hand, an der es ging, und kam in
verllichen Schritt.




                                 20.


Es war spter Nachmittag geworden, als Herr Heinrich mit seinem Geleit
den See erreichte. In den weiten Felsenkessel fiel keine Sonne mehr,
aber die hohen Almen und Kuppen funkelten noch in goldenem Glanz. Hier
unten im Schatten waren alle Farben tief und satt. An den bleigrauen
Felswnden hingen die steilen Nadelwlder wie dunkler Sammet, in den das
frische, krftig sprossende Grn der Buchen und Ahornbume mit leichter
Zeichnung sich einstickte. Glanzlos und durchsichtig dehnte sich der
See. Weit drauen schwammen einzelne Wildenten langsam umher. Drben auf
der flachen Landzunge, auf der die Bartholomer Klause stand, dampfte
ein feiner Nebel aus den feuchten Wiesen. berall schnes Schweigen; die
an Wasser schon verarmenden Giebche rauschten so eintnig zusammen,
da ihre gleichmige Stimme das Ohr wie Stille berhrte.

Haymo stieg vom Saumpferd. Der lange Ritt hatte ihn schwer ermdet.
Whrend er das Gebsch suchte, in dem der Einbaum verborgen lag, gab
Herr Heinrich dem Knechte den Auftrag, das Saumpferd um das Ende des
Sees herum ber die Salletalpe nach der Bartholomer Klause zu fhren,
von wo die Fischerknechte das Pferd in einem greren Kahn nach dem
Seedorf schaffen knnten.

Wolfrat schob den Einbaum ins Wasser, und unruhig winselnd sprang die
Hel in den Nachen; sie war keine Freundin von solchen Fahrten; da sie
aber merkte, da es sein mute, war sie auch die erste im Kahn.

Wo ist der Knecht hin? fragte Haymo. Er hat mein Schiezeug.

La es ihm nur, es geht dir nicht verloren, lchelte Herr Heinrich,
heut brauchst du deine Waffen nimmer.

Mir fehlt was, ich hab keine Ruh!

Geh nur, steig ein!

Die Hel hatte sich auf dem Schnabel des Einbaums ein mglichst
unbequemes Pltzchen ausgesucht. Auf dem Brett in der Mitte sa Haymo
neben Herrn Heinrich, der das Wehrgehenk abnahm und mit dem Griesbeil
auf den Boden legte. Wolfrat fhrte, im Spiegel des Schiffes stehend,
das Ruder. Er trieb den Nachen mit so krftigen Sten, da die Hel mit
jedem Ruck ins Wasser zu plumpsen drohte; Herr Heinrich rief sie vor
seine Fe; sie kam auch, aber gleich wieder schlich sie zum Schnabel
des Fahrzeuges zurck, winselnd nach dem Lande sphend. Leise
pltschernd glitt der Einbaum durch das Wasser. Niemand sprach. Immer
nher rckte das flache Ufer des Felsentals, in dem die Seeklause stand.
Pltzlich richtete die Hel sich auf, zitternd, die Nase windend
vorgestreckt.

Was mag der Hund nur haben? fragte Herr Heinrich. Er hatte kaum
ausgesprochen, als die Hel aufheulend mit weitem Satz in das Wasser
klatschte und gierig nach dem Ufer ruderte. In Erregung sprang Haymo auf
und deutete mit dem Arm. Herr, sehet, dort! Der Br! Der Br! Er will
ber den See schwimmen.

Auf einen Bolzenschu vom Ufer entfernt, sahen sie den Kopf des
Raubtiers gleich einem braunen Holzklotz ber das Wasser gleiten. Der
Br hatte den nherkommenden Hund schon gewahrt; zgernd schwamm er
weiter, dann machte er pltzlich kehrt und suchte das Ufer zu gewinnen.
Heulend, schnappend und Wasser blasend, scho der Hund hinter ihm her.

Herr! Herr! Wir mssen nach, schrie Haymo, oder der gute Hund ist
hin!

Tauch an, Wolfrat, tauch an! rief Herr Heinrich mit klingender Stimme,
whrend er nach einem Bolz griff und die Armbrust von der Schulter ri.

Wolfrat legte sich auf das Ruder, da die Stange knirschte, und whrend
Herr Heinrich sich zum Schu bereit machte, ri Haymo, seiner Wunde und
Schwche nicht achtend, den Fnger aus dem Wehrgehenk des Propstes. Die
rufenden Stimmen waren zur Seeklause gedrungen. Pater Desertus erschien
am Ufer, und als er gewahrte, was vorging, schrie er gegen die Klause:
Walti! Mein Griesbeil!

Der Br hatte seichten Grund gefunden und begann zu waten. Jetzt
erreichte ihn die Hel und fiel ihn klffend an. Der Br hob die Tatze
und schlug; winselnd berstrzte sich der Hund und verschwand im Wasser.

Tauch an, Wolfrat, oder die Hel ist hin, die arme Hel! schrie Haymo.

Der Hund hatte sich schon wieder erhoben und fuhr im aufspritzenden
Wasser auf den Bren los.

Schieet, Herr, schieet!

Die Sehne der Armbrust schwirrte, doch das Schwanken des Einbaums hatte
den Schu gestrt; der Bolz streifte nur den Schdel des Bren und
surrte ber das glatte Wasser hin.

Heulend machte die Hel einen Sprung, dann hing sie verbissen am Gehr
des Bren, der auf den Hinterpranken aufgerichtet im schumenden Wasser
sich schttelte, da der Hund wie eine lebende, zappelnde Quaste um ihn
herbaumelte.

Der Hund ist hin, ist hin! jammerte Haymo. Da wankten sie alle im
Kahn. Der Einbaum war auf einen im Wasser liegenden Wurzelstock geraten.
Noch im Wanken schwang sich der Jger aus dem Nachen.

Haymo! Bist du von Sinnen? schrie Herr Heinrich; seine Arme erreichten
den Jger nicht mehr. Zurck, Haymo! Mag der Hund hin sein! Zurck!

Haymo hrte nicht; die Erregung, die Sorge um den Hund machte ihn taub.
Den blitzenden Fnger in der erhobenen Faust, warf er sich durch das
aufklatschende Wasser gegen den Bren. Bevor Haymo ihn erreichte, hatte
das Raubtier den Hund schon abgeschttelt, und als die Hel wieder
aufsprang, schlug der Br mit der Tatze. Lautlos, ein blutiger Klumpen,
fiel der Hund ins Wasser.

Meine Hel! schrie Haymo und sprang auf den ans Ufer kletternden Bren
zu. Er hrte nicht den zornigen Ruf seines Herrn, hrte nicht das
warnende Wort, das Pater Desertus, der zwischen den Bumen waffenlos
herbeisprang, ihm zuschrie mit gellender Stimme; er strzte dem
fliehenden Bren nach, verklammerte sich mit der Hand in das zottige
Fell und fhrte im Lauf mit dem Fnger einen Sto gegen die Flanke des
Raubtiers. Das Eingeweide quoll hervor, dumpf brummend machte der Br
einen flchtenden Satz. Felskltze versperrten ihm den Weg. Blitzschnell
wandte er sich; in die nachschleifenden Gedrme tretend, richtete er
sich empor und ging auf den Jger los.

Ein Schrei vom Schiffe, ein Klatschen im Wasser, ein Schrei von den
Lippen des Paters. Unerschrocken stand Haymo, und als das Raubtier die
Tatzen zur Umarmung breitete, fiel der Jger vor mit sicher gezieltem
Sto. Der durch die Wunde und die kranken Tage entkrftete Arm versagte,
der Stahl glitt zwischen den Rippen des Bren ab. Haymo wollte zur Seite
springen, ein Griff des Raubtiers machte ihn straucheln und strzen --
er war verloren. Doch ehe der Br noch ber ihn herfallen konnte, war
Wolfrat durch das Wasser herbeigesprungen, und mit eisernem Griff schlug
er dem Raubtier von rckwrts beide Arme wrgend um den Hals. Aber was
waren die Hnenkrfte dieses Menschen gegen die wilde Kraft des
gewaltigen, um sein Leben ringenden Tieres. Der Br schttelte sich, er
war befreit; gegen den neuen Feind sich wendend, fhrte er einen Hieb
nach Wolfrats Schulter, und ihn mit den Zhnen an der Brust fassend,
klammerte er die blutigen Tatzen um ihn her, da Wolfrat erbleichend
sthnte, whrend ihm der Kopf in den Nacken fiel. Ehe Haymo sich
aufraffen konnte, war Pater Desertus herbeigestrmt, hatte den Fnger
von der Erde gerissen und stie ihn bis ans Heft in das Herz des
Raubtiers; ein dicker Blutstrahl scho hervor; und die Tatzen des Bren
lsten sich von seinem Opfer.

Als Herr Heinrich das Ufer gewann, und Walti mit dem Griesbeil kam, war
alles vorber. Schwer atmend und bleich stand Haymo, verendet lag der
Br, und Wolfrat taumelte ins Moos, mit den Hnden ins Leere greifend,
mit lallender Zunge nach Worten ringend.

Unter lautem Schreckensruf eilte Herr Heinrich auf ihn zu. Das Grauen,
das den Propst erfate -- wie sah diese Brust und diese Schulter aus! --
machte ihn einen Augenblick zgern. Dann warf er sich auf die Knie, und
whrend er Wolfrats Haupt auf seinen Scho hob, rief er: Walti! Hinauf
zur Klause und zieh die Glocke, da die Knechte vom Seedorf kommen. Und
du, Haymo? Kannst du noch das Ruder fhren?

Es _mu_ sein, Herr! Was soll ich?

Fahr hinber nach Bartholom! Pater Eusebius soll kommen, er soll
Verbandzeug bringen, die Stimme des Propstes dmpfte sich zum Flstern,
und das heilige Sakrament.

Walti war schon davongestrzt, Haymo sprang in den See und watete zum
Einbaum.

Wolfrat, wie ist dir? fragte Herr Heinrich.

Der Sudmann wollte sprechen; Blut trat ber seine Lippen, er streckte
sich sthnend, und die Sinne schwanden ihm.

Gott sei dir gndig! flsterte der Propst. Und zu Desertus
aufblickend: Ich frchte, der Mann ist verloren. Doch wir mssen tun,
was in unseren Krften steht. Dietwald! Nimm meine Kappe, hole Wasser!

Desertus eilte zum See und kam mit der gefllten Kappe zurck. Herr
Heinrich wusch dem Sudmann das Gesicht und flte ihm Wasser ber die
Lippen. Lange Zeit verging, ehe Wolfrat wieder zu atmen begann und die
Augen ffnete.

Da hrte man von der Klause her die Glocke luten.

Der Blick des Sudmanns wurde starr, und seine Zunge lallte: Gilt -- das
-- mir?

Nein, nein, Wolfrat, die Glocke ruft nur die Knechte zu deiner Hilfe.

Hilf? Wolfrat schttelte den Kopf. Mit mir hat's ein End, Herr! Alles
-- ist eingedrckt da drin. Er prete die zitternde Faust auf seine
blutende Brust und sthnte: Meine Seph -- Jesus Maria -- und mein Bub,
mein Bub!

Sei ohne Sorge! Was auch geschieht, ich gebe dir mein frstlich Wort
zum Pfande, dein Weib und Kind soll nimmer Not leiden!

Wolfrat tastete nach der Hand des Propstes. Vergeltsgott, Herr! Seine
Stimme begann zu erlschen, er kmpfte um jedes Wort: Und -- saget
meiner Seph -- sie soll -- die Gittli -- die Dirn -- ist meine Schwester
nit.

Desertus erbleichte.

Rede, Wolfrat, rede, rede! stammelte Herr Heinrich.

Lautlos bewegten sich noch einmal die Lippen des Sudmanns, dann verlor
er wieder das Bewutsein.

Wolfrat! Wolfrat!

In dem Antlitz des todwunden Mannes zuckte keine Miene mehr.

Dietwald! Er _darf_ nicht sterben! rief Herr Heinrich in ratlosem
Kummer. Oder er nimmt auch _dein_ Leben mit hinber!

Herr? Ich verstehe nicht!

Du hrtest doch! Das holde Kind ist nicht die Schwester dieses Mannes.
Hast du sichere Zeugschaft, da deine Tochter das Los der Mutter
teilte?

Nein, Herr! Das war nicht Sprache, es war ein Schrei.

Und als jenes Mdchen dich um alle Ruhe brachte, kam es dir da nie in
den Sinn, da kein Weib noch jemals so einem Weibe glich, wie ein Kind
seiner Mutter gleichen kann?

Wortlos und zitternd stand Desertus. Mit beiden Hnden fate er seine
Stirn, dann strzte er auf die Knie, und Wolfrats Hand umklammernd,
schrie er: Gib mir mein Kind! Mein Kind!

Dietwald! rief Herr Heinrich erschrocken, als er die Wirkung seiner
Worte sah. Was hab ich getan! Die Erregung hat mir entrissen, was meine
Lippen htten verschlieen sollen als eine scheue, schwankende Ahnung.

Desertus schien nicht zu hren; sein Blick hing festgebannt am Gesicht
des Sudmanns. Herr, er schlgt die Augen auf!

Sie labten den Erwachenden mit Wasser. Wolfrat blickte suchend umher und
lallte: Wo ist -- der Jger? -- Ist ihm was geschehen?

Nein, Wolfrat! Er hat sein Leben _dir_ zu danken!

Ein tiefer Seufzer quoll ber Wolfrats Lippen. Und -- wird es der
Herrgott -- annehmen -- als Bu?

Ja, ja, Wolfrat! Doppelt gewogen in der Schale des Guten!

Herr! stammelte Desertus. Sehet doch, wie ich zittere und bange!

Der Himmel hat das Vorrecht vor der Erde. Herr Heinrich beugte sich
wieder ber Wolfrat, dessen Blick mit scheuer Sehnsucht emporgerichtet
war in das dmmerige Blau des Himmels.

Wolfrat?

Und wenn ich -- jetzt hinaufkomm -- darf ich hinein, Herr?

Ja, mein guter Wolfrat.

Ich hab doch blutige Hnd.

Gott sieht auf die Hnde nicht, er sieht in das Herz. Die Reue hat dein
Herz gereinigt, du hast Leben mit Leben bezahlt, mein Priesterwort darf
dich lsen von aller Snde, und ruhig knnte deine Seele vor Gott
erscheinen. Doch sieh, du lebst ja noch!

Schwer schttelte Wolfrat den Kopf. Ich spr's -- da ich -- hin bin.

Herr! mahnte Desertus und verschlang mit flehender Gebrde die Hnde.

Sprich, Wolfrat, was war es, was ich deinem Weibe sagen sollte?

Meine Seph -- mein Bub -- rang es sich in Schmerz ber Wolfrats
blutige Lippen.

Und das Mdchen? fiel Desertus mit bebender Stimme ein. Sie ist deine
Schwester nicht?

Sie ist ein Herrenkind.

Wessen Kind?

Das wei ich nit.

Um Gottes Barmherzigkeit willen, wer ist ihr Vater, wer ist ihre
Mutter?

Ich -- wei -- nit.

In Verzweiflung fate Desertus den Kopf des Sudmanns. Mensch! Ich
beschwre dich! Wie heit die Burg, in der das Kind geboren wurde?

Kaum merklich schttelte Wolfrat den Kopf, er wute keine Antwort.

Wo stand die Burg?

Ich -- wei -- nit.

Wie kamst du zu dem Kinde?

Aus dem -- Feuer -- hab ich's -- Er wollte weiter sprechen. Quellendes
Blut erstickte seine Stimme.

Wolfrat! schrie Desertus aus gemartertem Herzen.

Herr Heinrich legte die Hand auf seinen Arm.

Dietwald, sieh, Pater Eusebius bringt das Sakrament!

Desertus bedeckte das Gesicht mit beiden Hnden und trat zurck.

Ein groer, von drei Knechten gefhrter Kahn hatte am Ufer angelegt.
Haymo stieg ans Land; er trug das ewige Licht. Pater Eusebius, eine
kleine gebeugte Greisengestalt, brachte das Ziborium, das von
goldgesticktem Mntelchen umhllt war. Er lie sich neben Wolfrat
nieder, dessen Kopf auf dem Arm des Propstes ruhte.

Niemand sprach. Die Knechte knieten mit gefalteten Hnden im Schiff. Auf
den Zinnen der Berge erlosch der letzte Schein der sinkenden Sonne.
Tiefe Stille lag ber Wald und Wasser.

Als Pater Eusebius mit murmelnder Stimme das Gebet zu sprechen begann,
fing drben ber dem See in der Bartholomer Klause die Glocke zu luten
an, und von allen Felswnden klang ein leises Echo der schwebenden Tne.

Mit erlschenden Sinnen empfing Wolfrat das Sakrament und lag schon
bewutlos, als Pater Eusebius sich erhob.

Dietwald! sagte Herr Heinrich. Wahre das Allerheiligste!

Mit zitternden Hnden fate Pater Desertus den Kelch, drckte die Lippen
auf seinen Rand und deckte das Mntelchen darber.

Eusebius, der Priester, verwandelte sich in den Arzt; er tat, was seine
Kunst an solchem Orte zu tun vermochte.

Ist noch Hilfe? fragte Herr Heinrich, schon mit Zweifel in der Stimme.

Nicht mehr bei Menschen! lautete die ruhige Antwort des Greises.

Mit matter Stimme rief Haymo einen der Knechte. Nimm das ewige Licht!

Was ist dir, Haymo? fragte der Propst erschrocken.

Mir ist schwindlig, Herr!

Er hatte kaum ausgesprochen, als er ohnmchtig zu Boden sank.

Man hob ihn auf und labte ihn; er kam zu sich, aber die Fe wollten ihn
nicht mehr tragen. Vom Seedorf waren zwei Knechte mit einem Kahn
gekommen; es waren die beiden, aus deren Hnden Gittli von Haymo erlst
worden war. Sie trugen den Jger in den Nachen. Schaffet ihn auf einer
Bahre ins Kloster, befahl der Propst, und schweiget von allem, damit
nicht ein Unberufener dem armen Weib des Sudmanns die schlimme Botschaft
zutrage. Und auf Wolfrat deutend, sagte er zu Pater Eusebius: Diesen
da vertrau ich _deiner_ Pflege; bessere wei ich nicht. Nimm ihn mit in
die Klause, tue, was du vermagst, opfere deine Tage und Nchte,
vielleicht lt sein Leben sich noch erhalten.

Eusebius zuckte die Schultern, whrend die Knechte den Bewutlosen
achtsam in das Schiff hoben. Er mu eine Natur haben wie ein Baum. Doch
die Sge ist zu tief gegangen. Er kann noch Stunden, noch Tage ringen,
aber -- Eusebius schwieg.

Sollte er noch einmal sprechen knnen, so frag ihn um alles, was er
wei von seiner Schwester.

Er wird nicht sprechen. Bevor ich ihn noch in die Klause bringe, wird
das Wundfieber kommen. Oder das Ende.

Herr! stammelte Desertus. Darf ich nicht mit ihm ziehen? Ich will
wachen bei ihm, und wr es durch tausend Nchte. Und will harren auf ein
Wort --

Nein, Desertus, du bleibst! sagte Herr Heinrich, den Namen betonend,
den er sonst nicht zu gebrauchen pflegte.

Der Kahn mit Haymo schwamm bereits der Seeklause zu, um Walti abzuholen.
Nun stie auch der andere Nachen in den dunkelnden See, dessen Spiegel
sich im sanft anhauchenden Abendwind zu kruseln begann.

Pater Desertus war auf einen Stein gesunken, erfllt von wirbelnden
Gedanken und strmischen Empfinden. Herr Heinrich trat an das Ufer und
blickte den ziehenden Schiffen nach. Da sah er auf dem Wasser einen
dunklen Krper treiben. Es war die Leiche der Hel.

Jetzt hab ich sie umsonst gebrannt! murmelte Herr Heinrich -- und sein
Blick suchte den Nachen, der den todwunden Sudmann nach der Klause trug.




                                 21.


Desertus und Herr Heinrich waren allein. Sie muten warten, bis das
Schiff von Bartholom zurckkam, um sie abzuholen.

Komm, Dietwald, mir graut vor diesem Fleck Erde! sagte Herr Heinrich
und schritt dem Chorherren voran der Klause zu. Schweigend folgte
Desertus; immer wieder blieb er stehen und prete die Fuste auf seine
Brust.

Nun saen sie auf der Bank. Herr Heinrich seufzte: Ein bser Tag! Ich
glaubte ein Menschenleben gerettet zu haben, und nun ist es verloren.

Und ein Mund geschlossen, der nur halb geredet! sagte der Chorherr mit
fiebernden Worten. Doch nein, nein, nein! Mu ich noch warten auf
dieses Mannes Rede? Es redet doch mein Herz! Wie blind waren meine
Augen, wie taub und irrend meine Sinne, da ich die Wahrheit nicht
ahnte, nicht gleich erkannte. Es ist mein Kind! Und doch -- was htt ich
nicht gegeben fr ein klares, unumstliches Wort. Ach, Herr! Weshalb
habt Ihr mich nicht gehen lassen mit diesem Manne?

Weil du noch reisen wirst in dieser Nacht.

Desertus sprang auf. Das knnt Ihr begehren von mir? Jetzt? In dieser
Stunde? Da die Brust mir springen will vor Bangen und Hoffen? Da ich in
Sehnsucht die Arme strecke nach meinem Kind?

Pater Desertus? Ein Mnch? fiel Herr Heinrich mit ernsten Worten ein.
Ich verstehe deine Rede nicht. Ein Irrwahn ist aus deinem Herzen
gerissen, und schon droht dich ein neuer zu verschlingen und dich
vergessen zu machen, da mit der Stunde, da du in Gottes Haus getreten,
ein eisern Tor sich geschlossen hat zwischen dir und allem, was in der
Welt liegt. Ich trage selbst die Schuld daran, denn ich htte schweigen
sollen von dieser Ahnung, die auch jetzt noch keine Gewiheit ist.
Unterbrich mich nicht! -- Und so fhle ich doppelt die Pflicht, dich
einem neuen Kampf und Zwiespalt zu entreien. Du wirst reisen noch in
dieser Nacht. Dein Propst befiehlt es.

Desertus schlug die Hnde vor das Gesicht.

Herr Heinrich zog sie ihm nieder. Nun komm und setze dich zu mir! Jetzt
will Heinrich von Inzing reden mit seinem Freunde Dietwald.

Desertus fiel auf die Bank und drckte die Stirne an Herrn Heinrichs
Schulter.

Eine Weile schwieg der Propst; dann sagte er: Hre mich ruhig an! Und
wenn dein Herz nicht verstummen will, so halte die Lippen fest! Ich gebe
zu: diese seltsame hnlichkeit und auch schon das halbe Gestndnis, das
der nahende Tod diesem armen Menschen entprete, das sind verfhrerische
Zeugen. Aber wie zweifelhaft sie auch wieder sind, das magst du daraus
entnehmen, da du selbst ohne mein unvorsichtiges Wort mit keinem
Gedanken auf solchen Zusammenhang geraten httest. Siehst du? Nun lt
du den Kopf wieder hngen! Noch darfst du keine Gewiheit hegen. Kaum
eine zitternde Hoffnung! Die la ich dir. Denn ich kann sie dir nicht
mehr nehmen. Aber sie zittert, Dietwald! Wenn dieses Mdchen schon nicht
die Schwester des Sudmanns ist, mu es deshalb die Tochter jenes Grafen
Dietwald von Falkenberg sein, der, wenn ich mich recht entsinne,
gestorben ist fr die Welt? Kann das Mdchen nicht auch eines andern
Vaters -- Sprich nicht, Dietwald, denn ich mu dir weh tun, wenn die
mgliche Enttuschung dich nicht mit doppeltem Schmerz beladen soll.
_Mu_ deine Burg die Heimat dieses Kindes gewesen sein? In dieser
mrderischen Zeit, in der man Burgen wirft wie Maulwurfshgel und
Schlsser niederbrennt wie Flachs in den Kunkelstuben? Ist es in solcher
Zeit ein so seltener Fall, da sich ein Herrenkind in die Bauernhtte
verirrt? Doch wer auch der Vater dieses Kindes sein mag -- eines wissen
wir gewi: es ist ein Herrenkind, und ich will es seinem Stande
zurckgeben, will ihm zu seinem Recht verhelfen. Auch hier, Dietwald,
kann ich nicht wissen, nur hoffen, da dieses Kindes Recht auch sein
Glck sein wird. Schon morgen send ich das Mdchen in das Heim der
Domfrauen nach Salzburg.

Fort von hier? stammelte Desertus.

Ja, Dietwald! Fort vor allem! Aus einem zwingenden Grunde.

Herr?

Das Mdchen liebt den Jger.

Desertus erschrak. Ein Kind?

Ein Kind, das ein Augenblick herzbrechender Angst zum Weibe machte.
Noch wei sie selbst nicht, da sie aus Liebe tat, was sie getan. Ich
hoffe von ihrer Jugend, da dieses Gefhl noch nicht so fest verwurzelt
ist, um sich nicht wieder zu lsen in langer Entfernung, unter neuen,
berraschenden Eindrcken. Um meinen guten, treuen Haymo ist mir leid.
Er wird das Mdchen nie vergessen. Er hat um ihretwillen getan, was er
nicht getan htte um sein Leben; er hat seiner Pflicht zuwider den
Raubschtzen verleugnet. Er wird schwer gestraft, der arme Bursch.

Da doch keine Freude blhen kann, ohne Schmerzen zu reifen!

Wir wollen sehen. Ich tue, was ich mu. Alles andere liegt nicht in
meiner Hand.

Was meint Ihr, Herr?

Nichts! sagte Herr Heinrich, wie aus Gedanken erwachend. Morgen
schicke ich das Mdchen fort. Niemand darf erfahren, weshalb. Alles soll
erscheinen wie eine Laune von mir, die das Glck dieses Kindes will. Wir
drfen sie in das neue Leben nur langsam einfhren, nur vorsichtig. Oder
aus diesem scheuen Hslein wird eine junge Lwin, die sich wehrt. Es
steckt Blut in diesem Kind. Weit du, was sie gesagt hat, als sie dem
Haymo von ihrer Begegnung mit einem Bren erzhlte, und der Jger
erschrocken fragte, was sie getan haben wrde, wenn der Br sie
angenommen htte? Sie sagte: >Ich wei es selber nit, aber wenn er
gekommen wr, ich glaub wohl, da ich zugeschlagen htt!<

Desertus drckte die Fuste auf seine Brust, und es blitzte in seinen
feuchten Augen. _Das_ sollte sein Kind nicht sein?

Und ich glaube, Dietwald, wenn du jetzt vor sie hintreten und ihr sagen
wolltest, ein Knig wre ihr Vater, eine Knigin ihre Mutter -- sie
wrde den Kopf schtteln, minder in Unglauben als in Unwillen. Selten
noch hing ein Kind an seinen leiblichen Eltern mit solcher Liebe und
Verehrung, wie dieses Mdchen an den Bettelleuten, die seine Pfleger
wurden.

Und seine Liebe genossen!

Nein, Dietwald, sage: seine Liebe verdienten, so sehr, da die Stimme
der Natur zum Schweigen kam und sich verwandelte. Es wird lange whren,
bis mit diesem Kind von einem neuen Vater zu reden ist. Sie darf, da
sie ein Herrenkind ist, nicht erfahren, bevor sie sich nicht ans
Herrenleben gewhnt hat. Inzwischen, und whrend du fort bist, will ich
forschen. Und wenn auch der Mund, den dieser Tag geffnet und
geschlossen, nicht wieder reden sollte -- _eine_ Fhrte wird sich wohl
finden lassen, der ich folgen kann. Und gebe Gott, da ich dir gute
Botschaft senden darf.

Und dann, dann, stammelte Desertus, wenn ich sie auch nicht halten
darf in meinen Armen, wie ein Vater sein Kind, so darf ich mich ihrer
doch freuen in verschlossenem Herzen, mich erquicken an ihrem sonnigen
Dasein, darf bauen helfen an ihrem Glck!

Es war Nacht geworden; hoch vom Himmel funkelte in die enge Schlucht
hernieder ein heller Stern; der Wildbach rauschte, und pltschernd
gingen die Wellen im See.

Dietwald? Wie lang ist es her, da wir so wie jetzt an dieser Stelle
saen? Damals schien die Sonne.

Und es war Nacht in mir. Jetzt liegt die Finsternis um mich gebreitet,
und eine Freude geht auf in meinem Herzen, hell wie ein Frhlingstag.
Desertus strzte auf das Knie. Herr Heinrich! Mein Falter fliegt.

So? lchelte der Propst. Mir scheint, er liegt erst recht zu Boden. O
du Mensch! Zrtlich strich er die Hand ber den Scheitel des
Chorherren.

Als ich den Bren jagte in meinem Forst, ward mir mein Dirnlein
geboren. Als ich den Bren schlug in diesem Wald, ward mein Kind mir neu
gegeben. O Wege Gottes!

Natrlich! Der liebe Gott mu eigens die Bren erschaffen und von ihnen
die Menschen zerreien lassen, nur damit du seine Wege erkennst! Du
Fliege du! Gib acht, da du dir die Flgel nicht versengst! Nun aber
steh auf! Ich hre die Ruder klatschen. Es ist Zeit, da du reitest und
Arbeit findest. Und _wiege_ dich nicht in der Hoffnung! Sie soll dich
_beleben_! Du nimmst ein schweres Werk auf dich. Sie haben harte Kpfe,
der Papst und seine Kardinle. Aber schlage dich fr deinen Kaiser, als
trgest du noch die Rstung und das Schwert. Und wenn du vor dem Papste
stehst, so sei vorerst ein Mann! Vergi aber auch nicht, da du ein
Priester bist. Und sollte der Papst dich fragen, weshalb sein >getreuer
Kaplan< Heinrich von Berchtesgaden der Satzung zuwider die Kirchen offen
hlt und die Sakramente spendet, derweil der Kaiser im Bann ist, so sag
ihm mit meinen ehrfurchtvollsten Gren: erstens, weil meine Bauern und
Lehensleute die Kirche und die Sakramente _brauchen_ -- zweitens, weil
Heinrich von Inzing ein _deutscher_ Kirchenfrst ist, und in ^hoc
titulo^ steht das Deutsch _vor_ der Kirche -- und drittens -- da kannst
du wieder von vorne anfangen. Jetzt aber komm! Dort warten sie mit dem
Schiff.

Herr Heinrich schritt dem Ufer zu. Desertus eilte in die Klause; als er
wieder ins Freie trat, hielt er Gittlis Veilchenkrnzlein in den Hnden;
er drckte einen heien Ku auf die welkenden Blten und barg sie an
seiner Brust.

Wie steht es mit dem Wolfrat? fragte Herr Heinrich.

Er liegt in bsem Fieber, sagte der Knecht, und Pater Eusebius nhet
an ihm, wie der Schneider an einer ledernen Hos. Der arme Teufel hat
Lcher, da man sieben knnt durch seine Haut.

Sie bestiegen das Schiff. Schnell ging die Fahrt vonstatten. Als sie das
Seedorf erreichten, sagte Herr Heinrich: Fahret morgen zeitig hinber
zu der bsen Stelle und suchet meine Waffen zusammen! Ich wei nicht, wo
sie liegen.

Und was soll mit dem Br geschehen?

Streifet ihm die Haut ab. Den Leib soll man mit Steinen in den See
versenken. Niemand soll davon essen!

Einer der Knechte ging mit brennender Fackel voran, als Herr Heinrich
und Desertus an der rauschenden Ache entlang die Wanderung durch das
nchtige Tal begannen. In allen Htten waren schon die Fenster dunkel,
auch am Haus des Sudmanns, das sie nach einer Stunde erreichten. Pater
Desertus blieb in tiefer Bewegung stehen.

In dieser elenden Htte lebte mein Kind!

Dein Kind? lchelte Herr Heinrich. Ach so! Du meinst das Herrenkind,
dessen Vater wir finden mssen? Nein, Dietwald, da darfst du die Htte
nicht schelten. In keiner Burg htte das Mdchen holder an Gemt und
Herz geraten knnen, als es in dieser Htte geschah. Zum Dank dafr mu
ich morgen Kummer und Schmerz unter dieses Dach tragen. Komm, Dietwald!
Er zog den Widerstrebenden mit sich fort.

Als sie vorbergingen, warf der Fackelschein eine falbe Helle durch das
Fenster in die Stube.

Sepha richtete sich auf und lauschte.

Noch allweil kommt er nit! seufzte sie und lie sich wieder
zurcksinken.

Neben ihr schlief der Bub; er hatte Mimmidatzis Pltzchen geerbt; immer
wieder tastete Sepha zu ihm hinber, ob er auch zugedeckt wre. Dann lag
sie wieder ruhig und starrte in die Nacht hinein. Drauen rauschte die
Ache, und in dem Pfosten der Tr, die zu Gittlis Kammer fhrte, tickte
ein Holzwurm.

Mit jeder verrinnenden Stunde der Nacht wuchs Sephas Angst. Freilich,
sie hatte sich so recht von Herzen auch nicht freuen knnen, als Gittli
in die Stube hereingestrmt war mit den Worten: Seph, Seph, sie haben
ihn freilassen mssen, der Haymo hat fr ihn gezeugt. Der schwerste
Stein war ihr wohl von der Brust gefallen: ihr Mann war frei. Aber getan
hatte er's doch!

Nun lag sie und wachte, warf sich hin und her, wartete und lauschte,
setzte sich auf und fiel zurck, weinte in die Hnde und drckte die
nassen Augen wieder in die Polster. Und die Sorge um ihren Mann
wechselte mit dem Kummer um ihr verlorenes Kind.

Ach, solch eine Sorgennacht! Jede Minute wird zur qualvollen Ewigkeit.
Jeder Kummer wchst dir ins Riesenhafte, ins Ungemessene. Wohin du in
der Finsternis auch blickst, berall siehst du ihn -- das Dunkel hat
keine Grenzen, und so weit es reicht, so weit hin stehen die Gespenster
deiner Sorgen, eins am andern; sie drngen nher, sie ziehen an dir
vorber, und jedes hlt eine Weile still, sieht dich an mit drohenden
Glotzaugen und drckt dir die kncherne Faust auf die Brust, da dein
Atem fast ersticken will. Ach, solch eine Sorgennacht!

Sepha hielt es nimmer aus. Sie sprang auf, kleidete sich an und machte
Licht. Mit erhobener Kerze leuchtete sie in Gittlis Kammer. Das Mdchen
lag mit offenen Augen -- ein Bild, wie aus Dietwalds Trumen
herausgelst: das weie Gesicht auf schwarzem Kissen, nein, das sind die
gelsten Haare, die um ihre Wangen gebreitet liegen wie schwarze Seide.

Gelt? nickte das Weib. Kannst auch nit schlafen?

Gittli seufzte: Wie ein Spinnrdl geht's mir herum im Kopf und lat mir
keine Ruh nimmer.

Machst du dir Sorgen um den Polzer?

Verwundert blickte Gittli zu der Schwherin auf. Um ihn? Warum denn?
Sie haben ihn doch freigelassen. Ich hab's doch selber gehrt und
gesehen.

Aber er mt doch lang schon daheim sein.

Geh, du! Ich hab dir's doch erzhlt, da er noch was schaffen hat
mssen fr den Herrn. Er wird halt lang gebraucht haben dazu und hat
nimmer heim knnen vor der Nacht. Wirst sehen, er hat in der Almhtt
geschlafen, und in der Frh ist er daheim, noch vor das Glckl im
Sudhaus lutet.

Weswegen mut du dich sorgen, wenn um den Bruder nit?

Gittli schob die Hnde unter den Nacken.

Aber so red doch!

Geh! Tu mich du auch noch plagen! Sie drehte das Gesicht gegen die
Wand.

Sepha stellte das Licht in die Fensternische und lie sich seufzend auf
den Rand des Bettes nieder. Lange schwiegen sie.

Da begann an der Tr der Holzwurm wieder zu pochen.

Hrst du ihn klopfen? flsterte Sepha, whrend ein Frsteln ber ihre
Schultern lief. Das erstemal hab ich ihn gehrt in der Nacht, in der
ber mein Kind der Krank gekommen ist. Jetzt wei ich, was der
Wrbel[26] selbigsmal hat sagen wollen! Sie schlug die Hnde vor das
Gesicht.

Gittli richtete sich auf, legte den Arm um Sephas Schultern und trstete
sie mit herzlicher Rede. Sie hatte sich Wort um Wort alles gemerkt, was
Herr Heinrich mit ihr von dem Kinde gesprochen. Als Sepha endlich
ruhiger wurde, begannen sie von Mimmidatzi zu plaudern. Sie erinnerten
sich an jeden heiteren Zug des Kindes, an jedes verstmmelte Wort, das
der kleine Mund geplappert, an jede drollige Gebrde. Und Gittli
verstand es so gut, die Weise des Kindes nachzuahmen, da zuweilen sogar
ein schchternes Lcheln ber Sephas Lippen huschte. Darber verging
ihnen Stunde um Stunde, so da sie kaum merkten, wie drauen der Tag zu
grauen begann. Sie wurden es erst gewahr, als das niedergebrannte
Talglicht mit hoher Flamme zu lodern begann.

Schau, Seph, es taget schon! sagte Gittli. Geh, tu dich noch fr ein
Stndl hinstrecken. Ich mein' doch, du ttst die Ruh brauchen.

[Funote 26: Der Totenwurm.]

Sepha lschte das qualmende Licht. Jetzt mu er bald kommen! seufzte
sie und wollte die Kammer verlassen. Noch einmal kam sie zurck. Du,
Gittli, sag, was ist das eigentlich mit dem Schatz?

Mit was fr einem Schatz?

Der Polzer hat mir gesagt, du ttst einen Schatz wissen, der zu heben
wr, und du httest den Schlssel dazu?

Gittli schttelte den Kopf zu dieser unverstndlichen Sache.

Durch das Fenster klang von der Strae her der ferne Hufschlag mehrerer
Pferde. An der Achenbrcke zogen sie vorber und lenkten auf den Weg
ein, der zur Grenzwarte des Klosterlandes, zum festen Hallturm fhrte,
und von dort hinunter in das Reichenhaller Tal, hinaus in das ebene
Land. Zwei gewaffnete Knechte zu Pferd, jeder ein beladenes Saumpferd
fhrend. Ihnen voran ritt Desertus auf einem Eisenschimmel, dessen
violette Schabracke, fast auf der Erde schleifend, in jedem Zipfel das
Wappen des Klosters zeigte. Desertus trug nicht mehr die weie Kutte,
sondern das festliche Kleid des Chorherren: das Pelzbarett, den mit
Otterfell verbrmten Mantel, und darunter den seidenen Talar, der, fr
den Ritt berechnet, bis zum Grtel geschlitzt war. Es klirrte bei jedem
Tritt des Rosses. ber dem Talar trug Pater Desertus den Harnisch und
das Schwert.

Ein Lcheln spielte um seinen Mund, und trumend blickten seine Augen in
den erwachenden Tag.




                                 22.


Herr Heinrich kehrte von einem schweren Gang in das Kloster zurck.
Welch eine Stunde des Jammers hatte er im Hause des Sudmanns erlebt! Mit
zgernder Vorsicht hatte er dem armen Weibe den bitteren Trank gereicht
-- und doch, als Sepha das volle Unglck erkannte, strzte sie bewutlos
nieder, wie von einem fallenden Balken auf die Stirn getroffen. Dazu das
Mdchen in seinem ratlosen Kummer und das kleine Brschl, das sich
schreiend an die Mutter klammerte!

Was sollte nun weiter werden? Sepha war krank, ernstlich krank. Das
hatte Herr Heinrich von ihren Wangen und Augen abgelesen. Hier war Hilfe
ntig wie Feuer im Winter.

Als der Propst das Stift erreichte, lie er die Oberin der frommen
Schwestern rufen, die in einem freundlichen Kloster auf dem Nonnberg
hausten. Er hatte mit ihr eine lange Unterredung, die, wie Herr
Schluttemann mit Kopfschtteln bemerkte, hinter verschlossener Tr
gefhrt wurde. Der Vogt war an diesem Morgen merkwrdig still; Frau
Ccilia hatte ihn zwar nicht sanfter behandelt als sonst; im Gegenteil,
sie hatte in einer einzigen Stunde ausgegeben, was sie als gute Hausfrau
whrend dieser Tage der Trennung zusammengespart hatte an spitzigen
Dolchblicken und bitterscharfen Worten. In Herrn Schluttemann aber hatte
die Predigt des Propstes nachgewirkt. Dazu reifte unter seiner
gefurchten Stirne ein verwogner Plan. Mit rollenden Augen und
gestrubtem Schnauzbart, die Arme verschrnkt, wanderte er in seiner
Amtsstube rings um den Tisch. Die Sache mute wohl berlegt werden, denn
sie konnte auch ein schiefes Ende nehmen.

Endlich war er mit sich im reinen. Er lie einen Schreiber kommen und
befahl ihm, den Gnsekiel fein suberlich zu spitzen und aus dem
Pergamentkasten das schnste Blatt hervorzusuchen. Als nun der Schreiber
zum Werk bereit war, stellte sich Herr Schluttemann in khner Haltung
vor den Tisch und begann zu diktieren: Urteil -- in Sachen der
znkischen Hausfrau -- Er unterbrach den hohen Ton und sagte: Den
Platz fr den Namen la nur einstweilen frei, den Namen wird Herr
Heinrich einzeichnen, wenn er das Urteil unterschreibt. Wieder
diktierte er: ^In nomine Reverendissimi et Celsissimi Principis
Praepositi Henrici^ von Berchtesgaden wird anmit zu Rechtes Kraft
gesprochen: weil genannte Hausfrau das Pagen und Keifen gegen den ihr
von Gott zum Herrn gesetzten Ehegatten gar nicht lassen will, so soll
ihr der Fronbot den Pagstein um den Hals hngen und soll sie an hohem
Feiertag nach der Messe eine ganze Stund durch die Gassen fhren, im
Wiederholungsfall aber zwei Stund, und so immer de mehr um eine ganze
Stund.

Herr Schluttemann schnaufte. Er diktierte noch die bliche Schluformel
des Urteils, dann fiel er erschpft in den Lehnstuhl.

Als nun Herr Heinrich die Oberin durch die Vogtstube zur Treppe geleitet
hatte und zurckkam, wurde ihm das Urteil zur Unterschrift vorgelegt. Er
zeichnete den Namen der Frau ^Caeciliae Schluttemanae^ in die Lcke ein
und unterschrieb. Herr Schluttemann warf sich stolz in die Brust; der
Propst aber lchelte, als er sagte: Das wird Eurer Hausfrau einen
gehrigen Schreck einjagen! Ich hoffe, Ihr werdet Ruhe haben fr lange
Zeit!

Eine Stunde spter traf die Oberin mit zwei dienenden Schwestern im Haus
des Sudmanns ein. Sepha sollte, um gute Pflege zu genieen, in das
Kloster auf dem Nonnberg verbracht werden. Stumpf und willenlos lie das
kranke, von Kummer gebrochene Weib alles mit sich geschehen, ohne Frage,
ohne ein Wort. Gittli war ein Bild der Verzweiflung und Sorge. Was
sollte mit Lippele geschehen? Der drfe bei der Mutter bleiben. Und mit
den beiden Ziegen, mit den Hennen? Und wer wrde die Bienenstcke und
das Haus bewachen, den Garten mhen und den Klee schneiden? Sie selbst
msse doch ihre Zeit jetzt teilen: einen Tag bei der Schwherin, den
andern beim Bruder! Es hie, sie mge sich beruhigen, Herr Heinrich
htte fr alles gesorgt.

Auf einer Bahre wurde Sepha zum Nonnenkloster getragen und in einer
kleinen freundlichen Stube untergebracht. Lippele vershnte sich rasch
mit seinem neuen Aufenthalt, da er den groen, sorgsam gepflegten Garten
gewahrte, den eine hohe Mauer umzog. Als Sepha versorgt war und nach dem
Buben fragte, war er schon verschwunden. Nach langem Suchen wurde er im
Garten gefunden; er hockte am Ufer eines kleinen Teiches und warf
Steinchen nach den erschrocken hin und her schieenden Forellen.

Auf Gittli wartete im Zimmer der Oberin eine seltsame berraschung. Sie
solle gleich zu Herrn Heinrich kommen, hie es; aber bevor sie ginge,
solle sie die neuen Kleider anziehen, die der Herr Propst ihr geschenkt
htte.

Aber schauet doch her, Frau Mutter, lispelte das Mdchen, ich hab
doch eh schon mein gutes Hs an. Ich brauch kein neues.

Weder durch freundliches Zureden, noch durch ernste Worte war sie zu
bewegen, die schnen Kleider anzulegen. Sie schttelte immer den Kopf,
wehrte mit den Hnden, und Zhre um Zhre perlte aus ihren angstvollen
Augen.

Auch zu Herrn Heinrich, zu dem die Oberin sie begleitete, ging sie nicht
gern; sie wre lieber bei der Schwherin geblieben.

Als sie dann im Zimmer des Propstes stand, hob sie keinen Blick vom
Boden und zitterte, als stnde sie frstelnd im Schnee. Herr Heinrich
fate sie bei der Hand, zog sie an seine Seite und redete zu ihr mit
herzlich trstenden Worten. Es wre freilich ein schweres Unglck, das
ber den Wolfrat und die Seph gekommen. Aber man drfe die Hoffnung
nicht verlieren; die Seph wrde ganz gewi in guter Pflege wieder
genesen. Aber was sollte inzwischen mit ihr selbst geschehen? Sie knnte
doch nicht allein im Lehen bleiben. Im Kloster auf dem Nonnberg wre
kein Platz mehr, und in der Bartholomer Klause wre ihr nach
kirchlicher Satzung der Eintritt verboten.

Und sieh, mein Kind, da hab ich nun dem Wolfrat in seiner Not gelobt,
da ich sorgen will fr seine Leute. Fr die Seph hab ich's ja schon
getan.

Ein dankbarer Blick traf ihn aus Gittlis Augen.

Jetzt mu ich aber auch an dich denken. Und schau, da wt ich einen
guten Platz fr dich in Salzburg bei den Domfrauen.

Gittli erbleichte vor Schreck.

Nun, was meinst du?

Ich bitt schn, Herr, stammelte sie mit versagender Stimme, lasset
mich hier bleiben! Ich mt sterben vor Angst, wenn ich nit alle Tag
hren tt, wie's der Schwhrin und dem Bruder geht.

Das wirst du hren, jawohl. Es gehen viele Salzkarren vom Sudhaus weg
nach Salzburg. Da schick ich dir tglich eine Botschaft, ich versprech
es dir.

Ich bitt, Herr, bitt, lasset mich bleiben! Und wenn ich schon kein
Heimatl mehr haben soll, schauet, ich tt mich gern eindingen bei einem
Bauern. Meine Hnd und Arm sind freilich ein ltzel mager, aber ich kann
deswegen doch schaffen wie eine richtige Dirn.

So? Und was mchte dein Bruder dazu sagen? Er ist kein Hriger, sondern
ein freier Mann. Soll er sich jetzt in seiner Not noch kmmern, wenn
seine Schwester dienen mu?

Schaffen ist keine Schand, Herr! Er hat doch auch geschafft seiner
Lebtag. Und da kam ihr pltzlich ein Gedanke, den sie in sprudelnden
Worten hervorstrzte: Herr! Aufs Almen tt ich mich auch verstehen,
vielleicht nimmt mich der Eggebauer auf seine Alm in die Rt hinauf.

In die Rt hinauf? wiederholte Herr Heinrich mit wehmtigem Lcheln.
Nein, mein Kind, das ist zu harte Arbeit fr dich. Und sieh, ich hab
nun einmal deinem Bruder versprochen, da ich fr dich sorgen will. Oder
willst du mich zum Lgner machen? Hab ich dir so viel Bses getan, da
du mir nicht vertrauen kannst?

Gittli verstummte in ratloser Qual.

Gelt nein? Und sieh, wenn ich sorge fr dich, will ich es so tun, da
es dir zum guten ausfllt, zu deinem Glck! Ich bin dir zu Dank
verpflichtet. Du hast fr meinen Jger so viel getan --

Da schlug sie die Hnde vors Gesicht und brach in Schluchzen aus.

Die Oberin wollte das Mdchen beruhigen. Herr Heinrich aber sagte:
Lasset das Kind nur, es soll sich ausweinen!

Die Stille bengstigte Gittli; sie hrte zu schluchzen auf und lie die
Hnde in den Scho sinken.

Schau, Gittli, wer Gutes getan hat, mu sich auch den Dank gefallen
lassen. Wenn du dich wehrst dagegen, mte der Haymo glauben, da dich
wieder reut, was du fr ihn getan hast.

Mit zuckenden Lippen und nassen Augen blickte sie zu Herrn Heinrich auf.

Gelt ja? Und nun wirst du mir auch folgen in allem?

Wenn es sein mu, lispelte sie, in Gottesnam!

So ist's recht, mein Dirnlein! Und jetzt sei tapfer, du gehst einer
freundlichen Zeit entgegen. Wenn ich dich einmal besuche, wirst du
lachend auf mich zukommen. Und jetzt strube dich nimmer und la dir
auch die Kleider anlegen, die ich dir geschenkt habe!

Verloren vor sich hinstarrend, nickte sie zu allem, was Herr Heinrich
sagte. Sie fand auch kein Wort, als er ihr glckliche Reise wnschte,
und lie sich zur Tr hinausziehen, ohne recht zu wissen, da es
geschah.

Auf der Strae sagte die Oberin: Warte hier ein Weilchen, ich habe
Herrn Heinrich noch was zu fragen.

Gittli stand allein; die Knie zitterten ihr, da sie sich kaum aufrecht
zu halten vermochte; sie mute sich auf den Eckstein neben der Tr
niederlassen. Da sprte sie einen Puff an der Schulter. Erschrocken
blickte sie auf. Walti stand vor ihr.

Mit beiden Hnden fate sie ihn an der Brust. Walti! Sag mir! Wo ist
der Haymo?

Drin liegt er im Kloster. Es geht ihm wieder schlechter seit gestern.
Was sagst du, was das fr eine Sach mit dem Br gewesen ist! Ganz
schtteln tut's mich vor Grausen, wenn ich dran denk.

Walti! Schau, ich tu dich bitten, fhr mich nur grad zu ihm!

Zum Haymo? Bist du denn nrrisch? Ins Kloster darf doch keine Dirn
hinein.

Ich mu, ich mu zu ihm!

Walti zog die Brauen in die Hhe und schob das Kppl in die Stirn. Das
tat er immer, wenn er schwer zu denken hatte. Dann guckte er sich
forschend um und flsterte: Seine Stub geht in den Garten hinaus, und
das Fenster ist gar nit hoch. Aber -- kannst du denn ber die Mauer
kraxeln?

Wenn sie so hoch wr wie der Wazmann und seine Kinder, stammelte sie,
ich mt hinber!

So komm!

Sie huschten um die Ecke und schlpften durch das Gebsch zur
Klostermauer. Zwischen wirrem Gezweig kletterte Walti in die Hhe,
setzte sich rittlings auf die Zinne der Mauer und half dem Mdchen mit
beiden Hnden empor. Von oben sprangen sie in den Garten hinunter. Walti
sphte durch das offene Fenster. Er ist allein! tuschelte er, schwang
sich auf die Fensterbrstung und zog das Mdchen nach.

Es war eine kleine weie Zelle, in welcher Haymo auf einem mit
Wildschuren berdeckten Lager ruhte.

Als der Jger das Mdchen erblickte, hob er sich erschrocken auf und
starrte Gittli an, als knnte er seinen Augen nicht trauen.

Ich geh an die Tr und pa auf, ob keiner kommt. Walti huschte zur
Zelle hinaus.

Als Gittlis Augen dem Blick des Jgers begegneten, war es wieder zu Ende
mit ihrem Mut. Zitternd strich sie mit der Hand ber ihre Stirn. Weshalb
war sie nur eigentlich hieher gekommen?

Gittli? Bist du's wirklich? stotterte Haymo. Sag mir doch um
Herrgotts willen, was ist dir denn eingefallen? Hast ja den Klosterbann
gebrochen! Schau, in mir drin ist alles vllig kalt vor lauter Angst.
Wenn einer km und tt dich finden, sie tten dich ausweisen aus dem
Klosterland.

Ich mu eh fort! lispelte sie mit gesenkten Augen.

Haymo schwieg und seufzte.

Weit du's vielleicht schon? fragte sie und blickte zgernd auf.

Er nickte. Vor einer Weil ist Herr Heinrich dagewesen und hat mir's
gesagt.

Rasch trat sie auf Haymos Lager zu. Ihre Hnde ballten sich, ihre Lippen
wurden schmal, und ein funkelnder Blick erwachte in ihren Augen. Ich
will aber nit fort. Weil -- weil ich bleiben mcht, Haymo! Bleiben!

Seine Hnde zitterten; er wagte nicht aufzuschauen.

Sie beugte sich flsternd zu seinem Ohr. Was meinst du? Wenn ich
davonlaufen tt, jetzt gleich, und tt mich verstecken, da mich keiner
mehr findet? Und dir allein tt ich sagen, wo ich bin!

Da griff er nach ihren Hnden und stammelte ihren Namen. Dann wieder
schttelte er den Kopf und atmete schwer. Sie tten dich allweil
finden. Und -- Herr Heinrich hat gesagt, da es dein Glck sein wird.
Dein Glck! Da tt ich mir lieber die Zung abbeien, als da ich eine
Widerred dagegen htt. Gar jetzt, wo ich durch meine Unsinnigkeit das
Unglck ber deinen Bruder gebracht hab!

Du? ber ihn? flog es bebend aus ihr heraus. Es ist halt gekommen,
wie es kommen hat mssen. Wenn ich du gewesen wr, ich htt das arme
Hundl auch nit im Stich gelassen. Und wenn ich der Wolfrat gewesen wr,
ich htt auch zugegriffen und den Br an der Drossel gepackt, wenn er
mich gleich zerrissen htt.

Haymos Augen blitzten, als das Mdchen so vor ihm stand: mit funkelndem
Blick, die Fuste vorgestreckt, die Lippen halb offen, da man die
bereinandergepreten Zhne sah. Gittli! stammelte er, und ein Wort,
das hei empordrngte aus seinem Herzen, kmpfte gegen den erlschenden
Willen, der es unterdrcken wollte. Da strzte Walti in die Stube.
Dirn! Mach, da du weiterkommst! Der Frater Kchenmeister hatschet den
Gang herauf, gleich wird er da sein!

Haymo erblate. Gittli! Fort! Fort! Fort! Mit beiden Hnden drngte er
sie vom Lager weg.

Bleich und zitternd stand das Mdchen, nach Atem und Worten ringend.
Ja. Ich geh schon. Aber sag mir, Haymo -- oder ich kann nit gehen --
bist du mir noch allweil harb?

Ich? Harb sein? Dir? stammelte er. Wie kannst du denn so was denken?

Da lachte sie in Trnen, und von dem Buben fortgerissen, schwang sie
sich auf die Fensterbrstung. Beht dich Gott, Haymo! Er streckte die
Arme nach ihr, sie zgerte. Aber Walti versetzte ihr einen Puff, da sie
springen mute. Drauen klang noch die zischelnde Stimme des Buben, ein
Rascheln im Gebsch. Und alles war still.

Haymos Augen hingen am leeren Fenster. Jetzt seh ich sie nimmer.
Nimmer! Er fiel zurck und schlug die Arme ber das Gesicht.

Die Tr begann zu zittern unter den schweren Tritten, die sich nherten.
Haymo bi die Zhne bereinander. Der Frater Kchenmeister kam, um
seinem jungen Freunde den ersten Krankenbesuch abzustatten. Als er sich
auf den Rand des Bettes niederlie, krachten die Bretter in allen Fugen.

Schau nur, was man dir fr eine Ehr antut im Kloster! lachte der
Frater. Das kracht ja wie ein Herrenbett! Dann plauderte er weiter,
rhmte die gttliche Vorsehung, die alles Bse fr Haymo zum guten
gewendet, und jammerte ber das schlimme Aussehen des Jgers, ber den
matten Blick seiner Augen. Aber warte nur, sagte er, ich will dich
schon wieder herausfttern wie ein Hhnl, das den Zipf gehabt hat. Ja,
und da ich nit vergesse -- Vergeltsgott will ich dir auch sagen. Der
Knecht, der heut mit dem Saumpferd gekommen ist, hat mir die Nieswurzen
gebracht. Die sollen mir ein hilfreicher Beistand werden in meiner
unseligen Atemnot. Mit dem Schnaufen geht's allweil hrter bei mir, von
Tag zu Tag. Oft ist mir, als htt ich im Hals einen Igel, der sich
einspreizt und nimmer in die Hh will. Aber hast du die Wurzen auch zur
rechten Zeit gegraben? Hat die Schneeros vllig verblht gehabt?

Ein Erblassen ging ber Haymos Wangen. Ja, Frater, die Schneeros hat
ausgeblht. Fr mich! Da war seine Kraft zu Ende. Mit den Zhnen
knirschend, warf er sich gegen die Wand, so da der Frater erschrocken
die Hnde ineinanderschlug. --

Gittli hatte den Platz vor dem Tor der Klostervogtei gerade erreicht,
als die Oberin zurckkam, von Herrn Heinrich begleitet. Der machte
verwunderte Augen, als er das Mdchen gewahrte. Ich hab's doch gewut!
flsterte die Oberin. Er nickte dem Mdchen einen freundlichen Gru zu
und trat in das Tor zurck.

Denke nur, Dirnlein, lchelte die Oberin, Herr Heinrich hat mich
gescholten, weil ich dich allein lie. Er glaubte wahrhaftig, du wrdest
davonlaufen.

Ein mdes Lcheln huschte um Gittlis Mund, und von der Mauerecke lie
sich ein leises Kichern hren. Die Oberin guckte, aber Waltis Nase war
schon hinter der Mauer verschwunden.

Als Gittli das Nonnenkloster erreicht hatte, lie sie alles mit sich
geschehen, stumm und geduldig wie ein Lamm, das geschoren wird. Die
neuen Kleider, die man ihr anlegte, weckten keinen Laut auf ihren
Lippen. Sie schmte sich wohl, als sie das lange, blaue Gewand nach der
Sitte der Zeit bis ber die Schultern ausgeschnitten sah; aber sie sagte
nichts, denn sie bekam auch gleich ein weies, bis zu den Ellbogen
reichendes Mntelchen um den Hals. Ein Grtel aus weiem Leder umspannte
die schlanke Hfte. Um die Stirn und das offene Haar wurde ein blaues
Band geknpft. Als sie die gelben Schuhe mit den scharfgespitzten,
spannenlangen Schnbeln an den Fen hatte, staunte sie scheu an sich
hinunter.

Die Oberin und die beiden dienenden Schwestern lachten, als Gittli so
hilflos dastand, mit seitwrts gestreckten Armen, als wage sie das Kleid
nicht zu berhren; sie zitterte und getraute sich keinen Schritt mehr zu
tun, denn wenn sie auftrat, knickten die unheimlichen Schuhschnbel
gleich spitzigen Dolchen in die Hhe. Und je lauter die anderen lachten,
desto nher kam ihr das Weinen. Pltzlich strzte sie auf die Tre zu,
und als sie die Tr verschlossen fand, sank sie schluchzend zu Boden.

Man hob sie auf, man schalt und trstete, man suberte das verstaubte
Kleid, und dann wurde sie zu Sepha hinbergefhrt, damit sie von der
Schwherin und dem kleinen Buben Abschied nehmen und noch mit ihnen
schwatzen knnte.

Vor der Mauer des Nonnenklosters wartete eine Snfte, die zwischen
gegabelten Stangen von zwei Maultieren getragen wurde. Man mute Gittli
hineinheben; aus freien Stcken wre sie nimmer eingestiegen. Die Oberin
setzte sich zu ihr. Zwei Knechte fhrten die Maultiere, und ein dritter,
der gewaffnet war, ritt nebenher.

Die Leute auf der Strae blieben stehen, als sie die Snfte kommen
sahen, und sphten neugierig hinein; niemand erkannte die Schwester des
Sudmanns; ihr schmales, blasses Gesicht verschwand fast in der weien,
ber dem Scheitel steif geschnbelten Haube, die man ihr fr die Reise
aufgesetzt hatte.

Da gingen zwei Mdchen vorber; brennende Rte flog ber Gittlis Wangen:
die beiden, das waren die Zenza und eine Magd des Eggebauern.

Du, da schau, flsterte die Magd, was ist denn das fr ein Frulen?

Ich kenn's nit, sagte die Zenza, es mu ein Fremdes sein.

Die Snfte war vorber; wie ein Schwindel fiel es ber Gittli, alles
wirbelte. Die Huschen an der Strae, das Salzhaus, dem sie sich
nherten, die rauschende Ache mit Ufer und Bumen, der Berg mit dem
Kloster, alles, alles versank vor ihrem Blick, und es war ihr, als she
sie eine weite, sonnige Alm; grasend, mit lutenden Glocken ziehen die
Khe, und in der Sennhtte singt eine Mdchenstimme; da kommt vom
Bergwald ein Jger ber das Almfeld hergegangen, vor der Htte steht er
still, lehnt das Griesbeil an die Blockwand und stt die genagelten
Schuhe gegen die Schwelle; die singende Stimme verstummt, und der Jger
fragt: Darf man einkehren, Sennerin? Aus der Htte klingt die lachende
Stimme der Zenza: Freilich, Haymo, komm nur herein! --

Die Frau Oberin in der Snfte war erschrocken aus ihren Gedanken
erwacht; denn das Mdchen an ihrer Seite hatte sich mit gellendem Schrei
die weie Haube vom Kopf gerissen, war aufgesprungen und wollte sich aus
der Snfte strzen.

Aber Kind! Kind! stammelte die Oberin, Gittli mit beiden Armen
umschlingend. Der gewaffnete Knecht kam herbeigeritten -- verstrt sah
Gittli zu ihm auf, dann fiel sie in die Polster zurck und drckte die
Fuste auf die Brust, als wre ihr das Herz zersprungen.

Ein paar Leute waren zusammengelaufen. Die Knechte trieben die Maultiere
an, und immer rascher, immer weiter schwankte die Snfte.




                                 23.


Am andern Morgen wandelte Herr Heinrich zu frher Stunde im Garten auf
und nieder. Was war in diesen wenigen sonnigen Tagen alles gewachsen und
erblht! Bume und Strucher standen in vollem Grn, und jeder Windhauch
war gewrzt mit dem Duft der jungen Blumen.

Frater Severin arbeitete an einem kahlen Beet. Um sich das Bcken zu
erleichtern, stand er mit weitgespreizten Fen und schnaufte wie ein
Ro, wenn es schwer zu ziehen hat. Dicke Schweitropfen perlten ihm von
der Stirn.

Guten Morgen, Bruder! grte Herr Heinrich.

Guten Morgen, ^Reverendissime^! Frater Severin richtete sich auf und
drckte, eine schmerzliche Miene ziehend, die Faust in den Rcken.

Heute hlt's wieder schwer mit dem Bcken, gelt? Hab schon gehrt:
gestern hat es wieder unchristlich lange gedauert im Kellerstbl.

Nit durch meine Schuld! stotterte Severin. Aber der Vogt hat gestern
gar nit weichen wollen.

Haben ihn denn die Knechte der Frau Ccilia nicht geholt?

Wohl, Herr, aber er ist nit gegangen, er hat ihnen ein Pergament mit
heimgegeben und ist hocken geblieben.

Und da habt ihr ihm Gesellschaft leisten mssen?

Frater Severin machte ein ehrerbietiges Gesicht. Er ist der Vogt, Herr!
Wer seiner Wrde nit achtet, beleidigt das Kloster.

Natrlich! Nur immer eine gute Ausrede! Ich werde dieser Hflichkeit
einen Riegel vorschieben mssen. Aber sag, was machst du da?

Der Frater atmete auf, als er das heikle Thema beendet sah. Eilfertig
gab er zur Antwort: Die Nieswurz rei ich wieder aus.

Die Nieswurz? Wie kam sie in den Garten?

Ich hab gemeint, ich knnt ein Beet mit Schneerosen anlegen, und da hab
ich vergangen Jahr im Frhling ein paar Dutzend Wurzen heruntergenommen
von der Rt, hab sie hier eingelegt und hab getan, was ich nur allweil
gemeint hab, da es gut wr. Aber nit eine einzige hat getrieben im
Winter, und wie ich jetzt nachschau, find ich, da alle Wurzen
vertrocknet sind. Schauet nur! Er nahm eine der ausgerissenen Wurzeln,
brach sie entzwei und zeigte dem Propst das drre Gewebe. Kein Trpfl
Saft mehr! Eine Schneeros lat sich halt nit verpflanzen. Die will
Felsen, Bergstrm und Lahnen. Die Luft im Tal und der feine Boden tun
ihr nit gut. Da kann einer machen, was er will. Eine Schneeros lat sich
halt nit verpflanzen. Er warf die drren Strnke von sich. Schad um
die Wurzen! Droben htten sie geblht.

Herr Heinrich blickte sinnend vor sich hin; sein Blick folgte der Strae
im Tal, die ber Schellenberg hinausfhrte gegen Salzburg. Er nickte.
Und wortlos ging er davon.

Als er eine Weile spter sein Gemach betrat, hrte er von der Vogtstube
her das alte, polternde Gewitter. Er ging den grollenden Lauten nach,
und als er die Tr ffnete, befrderte Herr Schluttemann soeben unter
einem Hagelwetter von drhnenden Scheltworten einen Zinsbauern zur Stube
hinaus. Da der Vogt den Propst gewahrte, wurde er verlegen.

Ist das die Wirkung des Urteils? fragte Herr Heinrich.

Vogt Schluttemann kraute sich hinter den Ohren.

Man sagte mir doch, da Ihr gestern Eurer Hausfrau das Urteil gesendet
habt?

Das hab ich freilich getan, ^Reverendissime^! gab der Vogt kleinlaut
zur Antwort.

Nun? Und was sagte sie, als Ihr nach Hause kamt?

Nichts.

Und heute frh?

Auch nichts! Aber -- Herrn Schluttemanns Nase begann zu brennen, aber
das Urteil hat sie mir um den Kopf gehauen. Was sagt Ihr,
^Reverendissime^? Eine solche Miachtung -- des Gesetzes!

Herr Heinrich verwand das Lcheln. Das mu streng geahndet werden.
Bringet mir das Urteil, ich will ihm Wirkung verschaffen.

In heimlicher Schadenfreude rieb sich Herr Schluttemann die Hnde, als
der Propst die Stube verlie.

Eine Stunde spter stieg Herr Heinrich zu Pferd, um nach dem See zu
reiten. Als er den Hag des Eggehofes erreichte, sah er Zenza beim
Immenhuschen stehen. Er rief das Mdchen zu sich heran.

Bist du die Tochter des Bauern?

Wohl, Herr! sagte sie, trotzig zu ihm aufblickend.

Ist dein Vater daheim?

Wohl Herr!

So ruf mir deinen Vater, ich habe mit ihm zu reden.

Zenza ging davon. Der Eggebauer erschrak nicht wenig, als das Mdel mit
dieser Botschaft kam; er sa gerade in Hemdrmeln am Tisch und lffelte
die Morgensuppe. In der schreckhaften Eile warf er den Napf um, fuhr in
den verkehrten Rockrmel und rannte mit dem Ellbogen an den Trpfosten.
Keuchend lief er um das Haus herum; je nher er dem Propste kam, desto
langsamer wurde sein Gang, desto scheuer sein Blick.

Gr Gott, Eggebauer!

Der Bauer zog die Kappe.

Ich hre, dein Weib war krank. Wie geht es jetzt?

Es macht sich, Herr, jawohl! Der Bauer seufzte und strich mit der Hand
bers Haar. Der Bader meint, sie knnt in acht Tagen schon wieder
aufstehen.

So? Das hr ich gern. Herr Heinrich ttschelte beruhigend den Hals des
Pferdes, das ungeduldig mit den Hufen scharrte. Ja, ja, Eggebauer, du
mut gut angeschrieben stehen beim lieben Herrgott. Schau nur, dir
schickt er Freude und Genesung ins Haus, und deinem Nachbar, dem armen
Sudmann, hat er Not und Tod geschickt.

Der Eggebauer schlotterte an Hnden und Fen.

Nun? Du fragst gar nicht, wie es dem Wolfrat geht? Ich hre doch, du
wrst allweil sein bester Freund gewesen? Hast ihm doch an Ostern das
Lehent geliehen?

Wohl, Herr, ja, das Lehent, ja, das hab ich ihm geliehen, weil -- weil
er so ein armer Hascher ist! lallte der Bauer. Wohl! -- Und --
freilich, Herr, freilich -- da mcht ich schon fragen, wie's ihm geht,
dem Wolfrat?

Schlecht, Eggebauer! Der arme Teufel geht seinem letzten Stndl
entgegen.

Der Bauer atmete auf; einer, der vor dem letzten Schnaufer steht, so
dachte er, kann nimmer reden!

Herr Heinrich blickte auf den Sattelknauf und schttelte nachdenklich
den Kopf. Was mag der Wolfrat nur getan haben, da Gott eine so schwere
Straf ber ihn schickt? Er war doch allweil ein braver, redlicher
Mensch. Wenn er was bles getan hat, Herr Heinrich blickte auf, da mu
ihn ein anderer dazu verhetzt haben. Meinst du nicht auch, Bauer?

Wohl, Herr -- allweil ist er ein braver Mensch gewesen -- der Wolfrat
-- allweil! Dem Eggebauer trat der kalte Schwei auf die Stirn.

Gelt, ja! Wenn ich nur den herausfinden knnt, der den Wolfrat auf dem
Gewissen hat! Dem wollt ich warm machen. Das Pferd bumte sich, denn
Herr Heinrich hatte die Zgel unsanft angezogen.

Erschrocken trat der Bauer zurck und fuhr sich mit dem Arm ber die
Stirn.

Was hast du, Eggebauer? fragte der Propst.

Schwl, Herr -- schwl ist mir. Ich mein', die Sonn wird heut noch
richtig brennen.

So? Meinst du? Herrn Heinrichs Augen blickten hinber nach dem
benachbarten Gehft. Das ist doch das Haus des Sudmanns, gelt?

Wohl, Herr!

Jetzt liegt der arme Mensch verblutend in der Klause, und sein krankes
Weib liegt droben bei den frommen Schwestern. Wer behtet jetzt das
Lehen? Wer schaut auf Gras und Klee? Wer sorgt fr die Hennen, fr die
Immen und fr die Geien?

Das knnt ich besorgen! fiel der Bauer hastig ein. Ich hab Leut genug
im Haus.

Brav, Eggebauer! Das will ich dem Wolfrat gleich erzhlen, wenn ich in
die Klause komm.

Ja, Herr! Saget ihm nur, was ich ihm fr ein guter Freund bin!
sprudelte es ber die bleichen Lippen des Bauern. Und -- schauet, Herr
-- weil sich die armen Leut so fretten mssen -- da hab ich schon oft so
gemeint, man knnt an das Haus einen Stall anbauen? Und -- ich knnt ihm
eine Kuh hinberstellen. Und ich tu's auch, meiner Seel! Ja, Herr! Und
saget es ihm nur gleich, was ich alles fr ihn tu.

Der Wolfrat wird nimmer viel davon haben. Aber doch sein armes Weib.
Und das wird dem Mann ein Trost sein in der letzten Stund. Ja, Bauer,
tu's nur! Und damit deine Kuh nicht einschichtig steht, stell ich eine
andere dazu. Und weil es doch Klostergut ist, das du verbesserst, will
ich auch mein Teil dazu geben. Das Holz, das du ntig hast zum Bau,
kannst du in meinen Wldern schlagen, und das Eisenwerk, das du
brauchst, magst du in der Klosterschmiede holen. So bleibt dir nur die
Arbeit zu leisten. Und wenn du schon grade dran bist, magst du auch
gleich das ganze Haus ein wenig nachbessern, neue Dielen legen, im Dach
die Lcken schindeln -- was halt ntig ist. Gelt?

Wohl, Herr! nickte der Eggebauer mit versagender Stimme, whrend ihm
der Schwei in dicken Tropfen herunterkollerte ber die fahlen Backen.
Und saget es ihm nur gleich, was ich alles fr ihn tu!

Das will ich ihm sagen. Fang nur gleich an zu schaffen! Und alles fest
und gut, Eggebauer! Gelt? Ich werde nachschauen jede Woch.

Lchelnd, doch ohne Gru, ritt Herr Heinrich davon.

Es schien, als wre dem Eggebauer schwindlig geworden. Er griff in die
Hecke. Mit starren Augen blickte er dem Propste nach, und als er ihn
zwischen den Bumen verschwinden sah, wischte er sich den Schwei vom
Gesicht, trocknete die nassen Hnde an der Hfte und murmelte: Da hab
ich mir eine schne Supp eingebrockt! Jetzt fri, Bauer, fri!

In frischem Trab ritt Herr Heinrich durch das frhlingsblhende Tal. Als
er den See erreichte, sah er neben einer Fischerhtte die mit Stangen
ausgespreizte Brenhaut zum Trocknen in der Zugluft eines schattigen
Platzes stehen.

Das Pferd wurde versorgt, und ein Knecht ruderte den Propst im Einbaum
nach der Bartholomer Klause.

Stiller Friede atmete um die kleine steinerne Kirche, die den
hochgetrmten Wnden des Wazmann zu Fen lag: ein Brselein
Menschenwerk neben dem ewigen Riesenbau des Schpfers. Das Sonnenlicht
glitzerte ber dem weien Kiesgrund, aber vom nahen Gletscher der
>Eiskapelle< wehte eine khle Luft. Weit drauen in der Wiese sang ein
Knecht, der am hohen Hag das von den Lawinen zerdrckte Flechtwerk
besserte.

Nah bei der Kirche stand die aus Blcken erbaute Klause, in welcher
Pater Eusebius mit einem Laienbruder und zwei Knechten hauste.

Eusebius, der das Boot schon hatte kommen sehen, erwartete den Propst am
Ufer.

Nun, wie geht es ihm? fragte Herr Heinrich, whrend sie zur Klause
gingen.

Der Pater zuckte die Schultern. Er kann noch Tage, noch Wochen kmpfen.
Seine Riesennatur wehrt sich gegen den anstrmenden Tod, wie im Bett des
Wildbaches ein Felsblock gegen das anstrzende Wasser; aber das Wasser
lt nimmer nach, der Block mu weichen. Bis vor einer Stunde lag der
Mann in wildem Fieber. Eusebius blieb stehen. Wisset Ihr, Herr, da
der Mann eine schwere Schuld auf dem Gewissen hat?

Was meinst du?

Im Fieber hat er's ausgeredet: er war es, der den Haymo gestochen hat.

Ich wei es. Und du, Eusebius, bewahre, was der Mann dir im Fieber
gebeichtet hat! Ist er jetzt bei Sinnen?

Ein Weilchen immer, bis die Schwche wieder kommt.

Und da er das Fieber berstand, das gibt keine Hoffnung?

Eusebius schttelte den weien Kopf. Die grte Gefahr liegt dort, wo
ich nicht hin kann mit meinen Hnden, in der Brust. Drei Rippen sind
gebrochen und in die Lunge gedrckt. Die uerlichen Wunden htte seine
Natur vielleicht noch berstehen knnen. Freilich, die Schulter sieht
bs aus! Alle Nervenstrnge sind zerrissen, der Arm ist tot und die
Schulter lahm.

Die Schulter? -- In die Schulter hat er dem Haymo das Messer gestoen.

Ja, ja, sagte Eusebius, whrend ein feines Lcheln seinen welken Mund
umspielte, der liebe Gott schickt mitunter merkwrdige Zuflle.

Herr Heinrich tat, als htte er das Wort berhrt.

Sie traten in die Stube, in welcher Wolfrat gebettet lag; er ruhte auf
blutigen Kissen, die Brust mit wulstigen Verbnden umschnrt, die Arme
geschindelt und gebunden, damit er sie nicht rhren knnte; das Gesicht
war mit Leinwand berklebt, so da man kaum die Augen und den Mund
erkannte.

Er war bei Bewutsein. Herr! Guter Herr! klang es mit leisem Sthnen.

Geh, Eusebius, la mich allein mit ihm! sagte Herr Heinrich.

Eusebius verlie die Stube und setzte sich vor der Klause auf die
sonnige Bank. Drinnen klang in Zwischenrumen die Stimme des Propstes;
er schien Frage um Frage zu stellen, auf welche Wolfrat mit matten
Lauten Antwort gab. Eusebius lauschte nicht. Mit verschrnkten Armen sa
er an die Wand gelehnt, und seine klugen, forschenden Augen schauten
langsam umher, als lge die Natur vor ihm wie ein aufgerolltes
Pergament: jeder Baum ein Buchstabe, jeder Fels ein Wort.

Da fhlte er ein leises Kribbeln auf der Hand; eine Ameise lief ber
seine Finger; er bckte sich und lie das verirrte Tierchen von seiner
Hand auf die Erde kriechen; hier fand es Gesellschaft, eine zweite
Ameise kam eilig ber den Kies gehuscht; auf einem flachen Steinchen
trafen sich die beiden; sie stutzten voreinander, hielten erregte
Zwiesprache mit den Fhlern, liefen ein wenig zurck, dann wieder vor,
und pltzlich fielen sie sich kmpfend an.

Es ist doch allweil das gleiche! lchelte Pater Eusebius und
tippte die Streitenden mit dem Finger an, da sie erschrocken
auseinanderfuhren. So gro ist die Welt! Es knnt doch eines am andern
vorbeigehen in Ruh und Fried. Aber nein, just nicht! Raufen mssen sie,
beien, schlagen und stechen.

Herr Heinrich trat aus der Klause. Eine tiefe Erregung sprach aus seinen
Zgen und Augen. Mit eindringlichen Worten empfahl er den Sudmann der
Pflege des Paters. Und was ich dir sagen will: du brauchst den Mann
nicht mehr zu fragen wegen seiner Schwester.

Mit raschen Schritten ging der Propst dem Ufer zu, um die Heimfahrt
anzutreten.

Als er eine Stunde spter am Haus des Sudmanns vorbeiritt, sah er den
Eggebauer schon im verlassenen Gehft umherspazieren, die Hnde hinter
dem Rcken, mit verdrossenen Augen das Dach und die Mauern musternd.

Der Bauer schien mit seiner Freundschaft fr Wolfrat groe Eile zu
haben; schon am folgenden Morgen begann er die Arbeit, zum keifenden
Verdru seines Weibes, auf dessen scheltende Fragen der Bauer nur immer
die kleinlaute Antwort wute: Es mu sein. Der Herr will's haben. Frag
ihn, warum!

Tag um Tag verging.

Bei Sepha war eine schwere Krankheit zum Ausbruch gekommen. Und die
Nachrichten aus der Bartholomer Klause lauteten immer gleich: ein
zhes, doch nutzloses Ringen wider den Tod. Mit den Salzfuhren aber ging
tglich die freundliche Botschaft nach Salzburg: Gittli mge sich
trsten, es stnde besser. -- --

Nach der zweiten Woche war Haymo so weit genesen, da er seinen
Hegedienst in der Rt wieder antreten konnte. Aber seine Wangen wollten
sich nicht wieder frben, seine Augen blieben trb und mde. Dieser
heitere, lebensfrohe Bursch war ein stiller, in sich versunkener Mann
geworden. Mit eisernem Flei versah er seinen Dienst. Das Bleiben in der
Htte war ihm eine Qual; und als die Nchte wrmer wurden, legte er
sich, wo der Abend ihn berraschte, unter freiem Himmel schlafen. Lange
Stunden sa er oft dem Kreuz in der Rt zu Fen und starrte die Ngel
an, von denen der Fhnsturm Gittlis Schneerosen hinausgeweht hatte in
die brausenden Lfte. Wohin? Wohin?

Zwei weitere Wochen, und es war Almenzeit geworden. Die Niederalmen
waren schon mit Jungvieh befahren; nun ging es mit den Milchkhen auf
die Hochalmen.

An einem sonnigen Morgen war im Gehft des Eggebauern Bewegung und
Leben. Die freigelassenen Khe rannten mit gestreckten Schweifen umher
und brllten, aber nicht laut genug, um die kreischende Stimme der
Eggebuerin zu bertnen, die seit Tagen schon das Krankenbett verlassen
hatte und wieder in Haus und Hof umherfuhr -- der Bauer pflegte zu
sagen: wie der ledige Teufel.

Zwei Knechte standen vor einem Ziehkarren bereit, auf den das Almgert
geladen war. Auch Zenza hatte sich schon zur Bergfahrt gerstet, Hut und
Griesbeil mit Blumen geschmckt.

Der Eggebauer sah brummend umher, bis ihm Zenza zurief: Was ist denn,
Vater, wo bleibt der Hter? Du wirst doch einen gedingt haben?

Wohl! Vor vier Wochen hat sich schon einer angetragen. Nur die Zehrung
hat er verlangt, keinen Heller Lohn. Da hab ich ihn freilich genommen.
Schau, da kommt er.

Zenza blickte auf und sah den Kropfenjrgi das Gehft betreten. Sie
lachte zornig hinaus; aber sie sagte kein Wort.

Die Bergfahrer sammelten sich um die Buerin, die den Almsegen sprach
und Menschen und Vieh mit geweihtem Wasser besprengte.

Dann begann die Almfahrt, mit Lrm und Geschrei, mit Brllen und Luten.

Spt am Abend wurde die Sennhtte in der Rt erreicht; am Morgen zogen
die Knechte wieder ab, und am folgenden Tag war alles auf der Alm im
Geleise.

Mit fahriger Verdrossenheit tat Zenza ihre Arbeit; ber ihrem Wesen lag
eine fiebernde Unruh, die sich steigerte von Tag zu Tag.

Eines Abends ging Haymo nah bei der Htte vorber. Zenza sprang mit
brennendem Gesicht zur Tr. Haymo! Willst du nit ein ltzel einkehren?

Vergeltsgott, Sennerin! Ich hab keine Zeit. Er rckte die Kappe und
stieg seines Weges weiter.

Erblassend trat sie in die Htte zurck. Ihre Fuste ballten sich. Das
war das letzte Wrtl, das ich ihm gegeben hab.

Der Kropfenjrgi kam; er erschrak, als er Zenzas Gesicht erblickte. Was
hast du, Sennerin? fragte er. Bist du letz?

La mich in Ruh, du Tpp!

Er setzte sich in den Herdwinkel und starrte sie mit seinen glotzenden
Augen an, bis sie ihn aus der Htte jagte.

Tag um Tag verging, und Zenza wurde immer stiller und verdrossener. Der
Kropfenjrgi hatte viel mit der Herde zu schaffen, aber in jeder freien
Minute lief er hinter dem Mdel her wie ein Hund hinter seinem Herrn.
Mit dem Sprsinn der Eifersucht fand er bald heraus, wo die Ursach ihrer
schlimmen Laune zu suchen wre. Zenzas Augen blickten nie so finster,
als wenn Haymo auf seinem Hegergang in die Nhe des Almfeldes kam.

Sennerin? Hat dir der Jger was getan? fragte der Kropfenjrgi zu
dutzendmalen.

Zenza hatte immer die gleiche Antwort: La mich in Ruh!

Eines Abends trat ihr der verschlossene Zorn doch auf die Lippen. Da
saen sie am Herdfeuer. Drauen ging ein Schritt vorber. Zenzas Augen
flammten, und ihre Hnde zitterten.

Jrgi schlich aus dem Winkel hervor. Sennerin? fragte er mit heiserer
Stimme. Sag mir's! Hat dir der Jger was getan?

Ja. Einen Schimpf hat er mir angetan, an dem ich erstick! Und jetzt la
mich in Ruh und frag nimmer!

Jrgi trat vor die Htte. Ringsumher, mit leise klingenden Glocken,
lagen die wiederkuenden Rinder im Gras. Sie hatten alle den Kopf nach
dem Jger gewendet, der in der sinkenden Dmmerung ber den Almhang
emporstieg. Jrgi ballte die Fuste.

Wart du! Wir zwei, wir wachsen zusammen! Sein funkelnder Blick folgte
der Gestalt des Jgers, bis sie im schwarzen Schatten des Waldes
verschwand.




                                 24.


Zwei Monate waren seit dem Ostertag vergangen, und es kam der Abend vor
dem Sonnwendfest.

Walti hatte am Morgen dem Jger frische Zehrung gebracht. Auf die
Botschaft, da Herr Heinrich dem Jger gestatte, am Tag nach Sonnwend,
am Fronleichnamsfeste, in das Kloster zu kommen, um dem feierlichen
Umzug beizuwohnen, hatte Haymo kopfschttelnd erwidert: Ich kann nit
fort, das Hochwild ist in der Setzzeit, ich mu auf die jungen Klber
acht haben, da mir keiner drberkommt, der vier F hat oder weniger.
Dann hatte er die Armbrust hinter den Rcken genommen und war
hinausgewandert in die vom Sonnenduft des Morgens umflimmerten Berge.

Mde, aber mit Augen, die sich nach keinem Schlummer sehnten, kehrte er
abends in die Htte zurck. Er bereitete sich den Imbi, lschte das
Feuer und zog gewaffnet, wie er gekommen, wieder hinaus in die sinkende
Nacht.

Nicht allzufern von der Htte, auf einer Felskuppe, die das weite
Steintal beherrschte, lie er sich nieder. Das war ein Lieblingsplatz
seiner schlummerlosen Nchte.

Tausend Sterne funkelten ber ihm, aber ihr Glanz erblate schon vor dem
Schimmer des steigenden Mondes, dessen Scheibe voll und gro
emporschwamm ber die wie mattes Silber glnzenden Firnen des Steinernen
Meeres. In zartem Grau, als wren sie nicht krperlich, sondern gebildet
aus erstarrtem Nebel, hoben sich alle Grate, Zinnen und Kuppen der Berge
mit duftverschwommenen Linien in den mondbleichen Himmel, und ber sie
alle hinaus ragte der Wazmann mit seinem schneebedeckten Haupt, wie ein
greiser Ahn inmitten seiner Kinder.

Haymo sa, die Arme um die aufgezogenen Knie geschlungen, das Haupt an
den khlen Fels gelehnt. Mit heien Augen blickte er ber die Berge,
weit, weit in die verschleierte Ferne, wo zwischen Ghl und Untersberg
das finstere Tal gegen das ebene Land hinauskroch wie eine schwarze,
riesige Schlange. Dort drauen konnte Haymo, wenn es Tag und reiner
Himmel war, die Trme von Salzburg blinken sehen. Jetzt aber zeigte ihm
die Ferne nichts als ein unentwirrbares, eintniges Grau, in das der
steigende Mond weder Helle noch Schatten brachte. Doch nein -- je lnger
Haymo in die Ferne starrte, desto deutlicher sah er ein sanftes
Leuchten, wie von zwei Sternen, die ein dnner Nebel umflossen hlt; und
immer nher schienen sie zu kommen, immer heller wurde ihr Glanz, und
nun schimmerten sie vor ihm: zwei groe, schne, rtselhafte Augen in
einem schmalen, blassen Gesicht, das ihn anlchelte, selig und traurig
zugleich.

Gittli!

Er schrie den Namen in die Nacht hinaus und vergrub das Gesicht in die
zitternden Hnde.

Stunde um Stunde verging. Es mochte Mitternacht vorber sein, als ein
Gerusch den Jger lauschen machte. Aus dem Steintal klangen Schritte,
die immer aussetzten und nach einer Weile, gedmpft und nher, sich
wieder hren lieen. Da kam einer emporgestiegen, der fr seinen Schritt
die grasigen Stellen des Pfades zu suchen schien; er mute Grnde haben,
nicht gehrt zu werden.

Lautlos glitt Haymo ber den Hang und barg sich im schwarzen Schatten
eines Gebsches. Da sah er einen dunklen, unfrmigen Klumpen langsam
durch das Tal emporschwanken. Haymo vermochte lange nicht zu erkennen,
was es wre; endlich sah er: es war ein Mensch, der einen gewaltigen
Pack von drrem Reisig auf dem Kopfe trug; nun erreichte er den freien
Platz, auf dem die Htten standen, und legte vorsichtig den Pack zu
Boden. Da erkannte ihn Haymo im Mondlicht. Es war Zenzas Hter, der
Kropfenjrgi.

Was will der Unverstand? murmelte Haymo und sah kopfschttelnd zu, wie
Jrgi die Schuhe von den Fen streifte und auf die Jgerhtte zuglitt.
Der Bursche lauschte an Tr und Fenster, dann schleppte er einen
Felsbrocken herbei, holte einen zweiten, einen dritten, und so trmte er
lautlos einen dicken Steinwall vor der Tr empor. Das Reisig verteilte
er um die Blockwand und kauerte sich mit leisem Kichern auf die Erde
nieder. Ein Schwefelfaden leuchtete blulich auf, und aus dem Reisig
zngelte eine helle Flamme. Jrgi schlich davon und rief mit hlichem
Gelchter gegen die Htte zurck: Du wirst der Zenza keinen Schimpf
mehr antun!

Da traf ihn ein Faustschlag, da er bewutlos zu Boden strzte.

Haymo eilte auf die Htte zu, ri das brennende Reisig auseinander und
zertrat die Flammen.

Jrgi kam zur Besinnung; er wollte sich erheben, aber der Jger warf
sich ber ihn, und da half es dem Burschen nichts, ob er auch um sich
schlug, ob er bi und kratzte wie ein Tier; ein kurzer Kampf, und Jrgi
lag mit geknebelten Hnden.

Steh auf! sagte Haymo.

Jrgi erhob sich.

Geh voran!

Der Bursch trottete gesenkten Kopfes auf dem Steig dahin. Mit
geschultertem Griesbeil ging Haymo hinter ihm her.

Es war Morgen geworden, als sie die Alm erreichten. Die Khe zogen schon
lutend ber das Feld; aber an Zenzas Htte war die Tr noch
geschlossen. Haymo stie das Griesbeil gegen die Bohlen. Sennerin! Mach
auf!

Man hrte in der Htte eine stammelnde Stimme, ein Gerusch, dann wurde
die Tr aufgerissen, und Zenza erschien, mit ungeordnetem Haar und
nackten Schultern, den Jger anstarrend mit erschrockenem Blick.

Da bring ich dir deinen Hter! sagte Haymo. Er hat mich in meiner
Htt verbrennen wollen. Damit ich dir keinen Schimpf mehr antu!

Zenza wurde kreidebleich, dann wieder scho ihr brennende Zornrte in
die Wangen. Mit heiserem Schrei strzte sie auf Jrgi zu und schlug ihm,
ehe Haymo es hindern konnte, die Faust ins Gesicht. Jrgi wankte, sein
Gesicht verzerrte sich, aber kein Laut kam ber seine Lippen, und mit
glsernem Blick hingen seine Augen an dem Mdel.

Haymo war davongegangen. Da kam ihm Zenza nachgerannt und umklammerte
seinen Arm.

Haymo! Haymo! Ich tu dir schwren bei allem, was heilig ist im Himmel
und auf der Welt: ich hab's ihm nit geschafft. Ich hab nichts gewut
davon.

Das wei ich, Zenza.

Schau, Haymo, wenn's geschehen wr, ich selber htt sterben mssen.

Er sah sie mit traurigen Augen an, lste ihre Hnde von seinem Arm,
nickte einen Gru und ging seiner Wege.

Wie zu Stein verwandelt stand das Mdel und starrte ihm nach. Sie strich
den Arm ber die Stirn und kehrte md zur Htte zurck. Mit einem Messer
zerschnitt sie den Strick an Jrgis Hnden. Geh, sag ich, und komm mir
nimmer unter die Augen!

Der Bursch glotzte sie an und rhrte sich nicht.

Mach fort, sag ich! Und wenn du hinunterkommst, dann richt meinem Vater
aus, er soll mir einen anderen Hter schicken.

Jrgi stand unbeweglich; nur ein Zittern lief ber seinen Krper, als
Zenza in die Htte trat; dann atmete er schwer, rieb die Knchel seiner
Hnde, fate die Geiel, die an der Httenwand lehnte, und begann seinen
Hterdienst.

Als es Mittag wurde, sah ihn Zenza die Khe zum Stall treiben. Du bist
noch allweil da? rief sie mit zornbebender Stimme.

Ein funkelnder Blick traf sie aus seinen Augen. Ich geh nit, Sennerin!
Und wenn einer mit zehn Rossen km und tt mich fortziehen wollen, ich
bleib.

Sie trat auf ihn zu, ri ihm die Geiel weg und hob sie zum Schlag.

Willst du gehen?

Hau zu! Ich wehr mich nit. Aber bleiben tu ich.

Klatschend fuhr ihm die Schnur der Geiel ins Gesicht und zeichnete
einen blauroten Striemen ber Stirn und Wange. Jrgi rhrte sich nicht;
das Wasser lief ihm aus den starren Augen.

Wieder fragte sie: Willst du gehen oder nit?

Er bi die Lippen bereinander und schttelte den Kopf.

Sie wollte schlagen. Ein Gefhl des Ekels berkam sie -- und sie wute
nicht, war es Ekel vor sich selbst, oder Ekel vor diesem
menschenhnlichen Tier. Sie warf ihm die Geiel vor die Fe und ging
der Htte zu.

Zitternd hob Jrgi die Geiel auf, lie die Schnur durch die Finger
gleiten und machte sich wieder an seine Arbeit.

Gegen Abend wurde es lebendig auf der Alm. Eine Schar junger Burschen
kam; mit ihnen ein Sackpfeifer und ein Zitherschlger. Die Spielleute
begannen eine lustige Weise, whrend die Burschen singend und jauchzend
den Holzsto zum Sonnwendfeuer rsteten. Dann wurde die Bahn fr das
Scheibenspiel geebnet. Auf dem untersten Hang des Almfeldes baute sich
eine grasige Kuppe ber den steil zum See abfallenden Bergwald hinaus;
man mute schwindelfreie Augen haben, um von dieser Stelle furchtlos
hinunterzublicken in die ghnende Tiefe, in welcher der See gebettet
lag. Ein geflochtener Zaun umschlo den Platz, um das grasende Vieh vor
der gefhrlichen Stelle zurckzuhalten. Diesen Zaun entfernten jetzt die
Burschen, und mit Holzpflcken stampften und schlugen sie den sacht
ansteigenden Grasboden der Kuppe glatt, um eine ebene Bahn fr die
rollenden Scheiben zu gewinnen; das machte ihnen nur wenig Mhe, denn
der Boden war noch glatt vom vergangenen Sommer her. Es wurde auf dieser
Kuppe, die der >Feuerpalfen<[27] hie, seit grauen Zeiten, Jahr um Jahr,
das Sonnwendspiel gehalten.

Lange, biegsame Stangen wurden zugerichtet, eine mchtige Fichte wurde
gefllt, der Stamm mit der Sge in Scheiben zerschnitten, und aus jeder
dieser Scheiben wurde das Mark herausgebohrt.

Der Abend dmmerte schon, als alle Vorbereitungen getroffen waren. Der
Gste wurden immer mehr; ein Bursch um den anderen kam aus dem Tal
emporgestiegen, mit hellem Jauchzer sich ankndend; von allen Almen her,
oft viele Stunden weit, kamen die Sennerinnen, und jede brachte ein mit
geweihtem Wasser besprengtes Scheit zum Sonnwendfeuer und eine lange
Kienfackel, um die heilige Flamme heimzutragen durch die finstere Nacht.

Als am dunklen Himmel die Sterne blinkten, wurde Feuer an den Sto
gelegt. Alle standen schweigend im Kreis umher, um achtzuhaben, wie hoch
die erste Flamme emporzngle: denn so hoch wrde der Flachs geraten in
diesem Jahr.

Mit Knistern und Prasseln wuchs das Feuer, und es whrte nicht lang, da
loderte es baumhoch empor mit rauschenden Flammen, die sich
durcheinander ringelten wie hundert glhende Schlangen. Und da begannen
auch in der finsteren Ferne, auf allen sichtbaren Gebirgsstcken, auf
den Lattenbergen und dem Wazmann, auf dem Ghl und Untersberg die
Sonnwendfeuer aufzuleuchten, da es anzusehen war, als htte der Himmel
seine Sterne als feurige Flocken heruntergeschttet auf die Berge.

[Funote 27: Palfen = Felsen.]

Die Pfeife klang, die Zither fiel ein, jeder Bursch fate sein Mdel um
die Mitte, und in geschlossenem Reigen wirbelten die jauchzenden Paare
rings um das Feuer, bis der Holzsto zerfiel und die Flammen zu
schrumpfen begannen. Da stellten sich die Paare in langer Reihe auf.

Springet, Dirnen und Buben, rief der Zitherschlger, da euch beim
Traidschneiden das Kreuz nit weh tut!

Und der Bursch, der zuvorderst in der Reihe stand, warf seinen Hut in
die Luft und sang dazu:

   Unterm Kopf, berm Kopf
   Tu ich mein Htl schwingen!
   Dirndl, wie lieber mich hast,
   So hher mut springen.

Lachend reichte ihm sein Mdel die Hand, in gleichem Schritt begann das
Paar den immer flinker werdenden Anlauf. Hupp auf! schrien alle
anderen. Und in hohem Schwung flog das Paar ber die breite Glut hinweg
und durch die zngelnden Flammen. Jauchzender Zuruf folgte dem
glcklichen Sprung, und der Bursch halste das Mdel: Schatz! Wir haben
uns ein glckselig Jahr erschwungen!

Paar um Paar sprang ber das Feuer; miglckte der Sprung, dann regnete
es spottende Scherze ber die Ungeschickten, die mit verdrossenen
Gesichtern hinter die Reihe zurcktraten, um den Sprung ein zweites Mal
zu versuchen.

Zenza stand mit verschrnkten Armen unter der Httentr und schaute
finster dem frhlichen Treiben zu.

Da trat ein Bursch zu ihr. Zenza, willst du dich nit schwingen mit
mir?

Sie blickte auf; es war Ulei der Bildschnitzer. Sie gab ihm keine
Antwort; nicht einmal den Kopf schttelte sie; schweigend trat sie aus
der Tr, wandte dem Burschen den Rcken und wanderte langsam in die
Nacht hinaus.

Das letzte Paar war glcklich ber das Feuer gesprungen, und nun begann
das Scheibenspiel. Ein Bursch um den anderen fate mit langer Stange
eine der durchlcherten Scheiben und hielt sie ins Feuer, bis sie zu
glhen begann; dann sagte er den altherkmmlichen Scheibenspruch, setzte
das glhende Rad auf die ebene Bahn und begann gegen den Feuerpalfen zu
laufen; nahe vor dem Abgrund lie er die rollende Scheibe mit krftigem
Schwung von der Stange gleiten, da sie funkensprhend hinausflog in die
Luft und verglimmend in die Tiefe sank. Auch hier gab es Lob und Spott,
je nachdem der Wurf gelang. Unter den Scheiben war eine, mit welcher
keinem Burschen der Schwung gelingen wollte; die Scheibe war zu plump
und schwer geraten; bald wollte sie nicht richtig glhen, bald brach
unter ihrem Gewicht die Stange, bald wieder rollte sie seitwrts davon,
noch ehe der Feuerpalfen erreicht war. Am Ende lie man sie liegen und
hielt sich an die leichteren Scheiben, die sich flink und lustig treiben
lieen. Wohl eine Stunde whrte das frhliche Spiel, das sich wundersam
ausnahm in der finsteren Nacht.

Da kam noch ein spter Gast zum Sonnwendfeuer: Haymo, der Klosterjger.
Schenket mir auch eine Scheib! sagte er zu den Burschen, die ihn mit
herzlichem Willkomm empfingen.

Schad, Jger, du bist zu spt gekommen. Die Scheiben sind all schon
vertrieben.

Dort liegt noch eine.

Die will sich nit treiben lassen.

Sie mu! Der Jger packte den ruigen Klotz und warf ihn ins Feuer.
Als die Scheibe um und um glhte, hob er sie mit der Stange aus den
Flammen und sagte mit bebender Stimme den Spruch:

   Eine Scheiben
   Will ich treiben
   Meiner Herzallerliebsten zu Ehren!
   Will's einer wehren?

Mit jhem Ruck setzte er den brennenden Klotz auf die verkohlte
Grasbahn, fing zu laufen an und wirbelte die Scheibe, da die Funken
emporstoben wie aus einer Esse. Dicht vor dem Absturz hielt er inne.
Gittli, ich tu dich gren! Das schrie er mit zitterndem Ruf in die
Nacht hinaus. Und von mchtigem Schwung getrieben, surrte das feurige
Rad in weitem Bogen ber den Abgrund.

Alle rannten zum Feuerpalfen. Schauet nur, schauet, riefen die
Mdchen, so hat noch keiner eine Scheib getrieben!

Inmitten der Lrmenden stand Haymo und blickte stumm seiner Scheibe
nach, die einer fallenden Sonne gleich in die Tiefe sank und immer noch
keinen Grund erreichte.

Schauet, schauet, rief es rings um ihn her, sie fallt hinunter bis in
den See!

Tiefer und tiefer sank das kreisende Feuerrad, es wurde kleiner und
kleiner, nun glich es schon einem winzigen Stern, und jetzt -- die
Scheibe mute auf einen Fels gefallen und zersplittert sein -- jetzt
sprhte der Stern in hundert Funken auseinander, die sacht erloschen.

Schwer atmend schlo Haymo die Augen. So war sein leuchtendes Glck
zerbrochen, versunken und erloschen.

Er wand sich aus dem jubelnden Kreis und trat in die Finsternis des
Waldes. Dort stand er im schwarzen Schatten der Bume und starrte nach
dem erlschenden Sonnwendfeuer, dessen zuckende Flammen vor dem Licht
des steigenden Mondes erblaten. Er sah, wie eine Sennerin nach der
andern zum Feuer trat, um die Kienfackel zu entznden. Paarweis zogen
sie davon, bergab oder seitwrts ber die Halden, jede Dirn mit ihrem
Buben. Gre, Jauchzer und Jodler hallten von allen Pfaden durch die
mondhelle Nacht. Und vom Steig herauf, der hinunterfhrte ins
Klosterdorf, klangen noch die gurgelnden Tne der Sackpfeife. Bald waren
die letzten Gestalten der Heimwrtsziehenden im Dmmerschein der
Mondnacht entschwunden, und man sah auf allen Wegen nur noch die Fackeln
ziehen, gleich gaukelnden Sternen, und jeder von diesen Sternen
leuchtete einem heimlichen Glck, zrtlichem Geplauder und endlosen
Kssen.

Haymo wollte aus dem Wald hervortreten. Da sah er noch einen letzten zu
dem erlschenden Feuer treten. Jrgi war es; er steckte ein Bndel Spne
in die Glut, und als sie Feuer fingen, trug er die heilige
Sonnwendflamme in Zenzas Htte.

Haymo wollte ihm nicht begegnen; im Schatten des Waldes schritt er
langsam dahin. Als er dann quer ber das Almfeld wanderte, hrte er
pltzlich in seiner Nhe ein bitterliches Weinen. Unter einer einsam
stehenden Fichte sah er Zenza auf der Erde sitzen; sie hielt das Gesicht
mit den Hnden bedeckt, ihr ganzer Krper schauerte von Schluchzen. Sie
hrte seinen Schritt nicht; erst als er, leis ihren Namen nennend, die
Hand auf ihre Schulter legte, blickte sie erschrocken auf. Was willst
du von mir?

Ich hab dich weinen hren. Das hat mir weh getan. Und ich mcht dir's
abbitten, wenn ich dir etwas Ungutes angetan hab. Schau, Zenz, ich kann
nichts dafr.

Sie lachte zornig.

So mut du nit sein, Zenza! Es kann doch keines was dafr. Es hat halt
nit sein mgen, da wir zwei uns zusammenfinden in Freud und Fried.
Schau, Zenz, so la uns zusammenstehen und gute Kameradschaft halten im
Herzleid! Knntest du nur hineinschauen in mich, wie's ausschaut da
drin. Ich wei, du ttst mir nimmer zrnen, sondern ttst ein Erbarmen
mit mir haben.

Haymo! stammelte sie und zog ihn an ihre Seite. Komm, schau, tu dich
vor mir nit scheuen! Vor mir kannst du alles reden. Was hast du fr ein
Herzleid? Sag's, Haymo!

In hei quellendem Schmerze rang es sich aus seiner Brust: Ich kann das
Mdel nit vergessen. Ich wrg mich und plag mich und zwing mich, und ich
kann sie halt nit vergessen. Wo ich hinschau bei Tag und Nacht, berall
steht ihr Gesicht und schaut mich an. Jedes Lftl im Wald, jedes Wasser,
das ich rinnen hr, alles hat dem Mdel seine Stimm. Jedes
schlachtige[28] Buml, jedes Blmel tut mich mahnen dran. Und den See,
den darf ich schon gar nimmer anschauen. Und nienderst hab ich kein
Bleiben nimmer. Bin ich drauen, so treibt's mich heim, und bin ich
daheim, so treibt's mich wieder fort. Das ganze Herz brennt's mir
zusammen wie ein drres Scheitl Holz. Ich spr's, Zenza, ich mu
versterben dran!

Haymo! Jesus, Maria! Du mein lieber Bub! Sie verstummte. Dann sprach
sie weiter, mit ruhiger, fester Stimme: Weswegen sollst du das Mdel
vergessen mssen? Tut dich vielleicht die Gittli nit mgen? Aber geh, so
eine dumme Frag! Wie soll dich eins nit lieb haben? Ich wei schon --
ich hab's gehrt, man hat sie fortgeschafft, gelt?

Ja, Zenza!

[Funote 28: Fein, schlank.]

Warum denn?

Ich wei nit. Es hat geheien, man tt ihr Glck machen.

Glck? murrte das Mdel. Das Glck, das die Herrenleut fr unsereins
brig haben, das geb ich keiner Kuh zu fressen. Aber sag, wo ist sie
denn hingekommen?

Nach Salzburg zu den Domfrauen.

Was tut sie denn da? Schafft sie im Stall oder in der Kch?

Ich wei es nit.

Zenza blickte sinnend vor sich hin. Dann sprang sie auf. Schau, es mu
schon mitternchtige Zeit sein, das Mondmanndl steigt schon hinunter
ber die Berg. Geh, Bub, steh auf und mach, da du heimkommst. Schau, du
bist so md und bernchtig, da du dich schier nimmer auf den Fen
halten kannst. Da hast du dein Kppel und dein Griesbeil! So! Und jetzt
schau, da du heimkommst, und leg dich schlafen! Gut Nacht, Bub!

Gut Nacht, Zenza! sagte Haymo mit versunkener Stimme. Und
Vergeltsgott fr den Haimgart!

Wohl! Kehr nur wieder einmal zu auf meiner Alm! Morgen bin ich nit
daheim. Aber bermorgen, da findst du mich wieder. Ein schmerzliches
Lcheln zuckte um ihren Mund. Und jetzt schau, da du heimkommst! Und
schlaf auch! Gelt?

Wenn ich's fertig bring. Gut Nacht, Zenza!

Gut Nacht, Haymo!

Vergeltsgott!

Und Glck auf Sonnwend!

Glck? Mcht wissen, wo's herkommen soll?

Mden Ganges stieg Haymo ber den Almhang empor.

Zenza blickte ihm nach, bis seine Gestalt im Zwielicht der Mondnacht
zerflo. Nein, Bub, stammelte sie, versterben sollst du mir nit,
solang ich noch eine Zung hab und F am Leib!

Sie eilte der Htte zu. Als sie zur Tre kam, sah sie Feuer auf dem
Herd; Jrgi kauerte im Winkel und glotzte in die zngelnden Flammen. Mit
leisem Schritt entfernte sich Zenza wieder. Als sie den Steig erreichte,
der in das Klosterdorf hinunterfhrte, begann sie zu laufen.

Der helle Mondschein leuchtete auf ihrem stillen Weg.




                                 25.


Bei grauendem Morgen erreichte Zenza das Dorf. Sie rastete nicht.
Eilenden Ganges wanderte sie auf der Strae weiter; sie hatte den Rock
geschrzt und fhrte in der Hand einen Stecken, den sie im Bergwald
gebrochen. Noch stieg keine Rauchsule aus den Dchern, und Stille
herrschte ber allen Feldern und Wiesen. Es war Fronleichnamstag![29]
Das hchste Fest des Jahres! Viele Huser waren schon mit Birkenbumchen
und Laubkrnzen geziert, und vor anderen Gebuden, die noch ungeschmckt
waren, lagen die Birken haufenweise bereit. Niemand begegnete ihr; die
Leute schliefen noch; nur manchmal fuhr klffend aus einem Gehft ein
Hund hervor, der ein schweres Scheit Holz an den Hals geknebelt trug,
das ihn hindern sollte, in den Klosterwldern ein kleines Jagdvergngen
aufzusuchen.

[Funote 29: Zweiundzwanzig Jahre vor Beginn unserer Geschichte war die
Fronleichnamsfeier vom Papst Johannes XXII. als allgemeines Fest der
Christenheit eingefhrt worden.]

Zwei Stunden tchtigen Marsches, und Zenza erreichte den Markt
Schellenberg. Hier waren die Leute schon munter; Erwachsene zierten die
Huser, Kinder bestreuten die Strae mit Blumen, die Salzknappen
schmckten das Sudhaus und bauten einen Altar.

Zenza hungerte. Sie trat in die Taferne. Gr dich Gott, Leutgeb!
sagte sie zum Wirt. Kennst du mich?

Wenn ich recht mein', bist du dem Eggebauer seine Tochter?

Wohl!

Wo gehst du hin in aller Frh?

Auf Salzburg hinein.

Willst du dir den Umgang anschauen?

Wohl! Und ich bin berhops von meiner Alm davon und hab vergessen, da
ich einen Zehrpfennig mitgenommen htt. Willst du mir Essen und Trinken
geben? Mein Vater zahlt schon, wenn er vorbeikommt. Und wenn du noch ein
briges tun magst, gib mir zwanzig Heller auf den Weg!

Die Tochter des reichen Eggebauern hatte ein leichtes Fordern; htte sie
nicht zwanzig Heller, sondern zwanzig Schillinge begehrt, der Leutgeb
htte einen Katzenbuckel gemacht und wr' gesprungen, um den Kasten
aufzutun.

Zenza schob die Mnzen in die Tasche, den Stutzen Rotwein leerte sie auf
einen Zug, Brot und Selchfleisch nahm sie in die Hand und begann zu
essen, whrend sie weiterwanderte.

Abermals zwei Stunden, und der Untersberg lag hinter ihr. Weit und eben,
noch von den zarten Nebeln des Morgens berflossen, dehnte sich das
Grdiger Moos. Bald verwehte ein frischer Wind den grauen Duft, der ber
die Landschaft gebreitet lag, und im Glanz der Morgensonne, stolz und
schn, winkte ihr die leuchtende Stadt entgegen. Auf den ragenden Zinnen
der Hohensalzburg, auf dem steilen Dach des Domes zu St. Peter, auf dem
schlanken, zierlichen Turm der Franziskanerkirche, auf jedem Herrenhaus,
berall wehten die weien und roten Fahnen des Festes.

Als Zenza das Nonntaler Tor erreichte, begannen schon alle Glocken zu
luten. Der junge Torwrtel hielt ihr die Hellebarde vor und wollte die
Maut von ihren Lippen erheben; statt eines Kusses zahlte sie mit einem
Nasenstber, schlug den Spie beiseite und rannte durch die enge Gasse,
im Strom der Leute verschwindend, die zum Domplatz eilten. Zenza
berlie sich dem schiebenden Gedrnge, ratlos, was sie beginnen sollte.
Das Heim der Domfrauen wrde sie wohl bald erfragen knnen. Aber wie
sollte sie ins Kloster gelangen? Wie sollte sie Gelegenheit finden,
Gittli ohne Zeugen zu sprechen? Whrend sie grbelte, wurde sie gedrckt
und geschoben; vom Hall der vielen Glocken begannen ihr die Ohren zu
singen; und in dem hundertstimmigen Lrm, bei dem klappernden Getrappel
der Pferde, bei dem Geschrei der vor den Hufen Flchtenden wurde ihr
vllig wirr und taub zu Sinne.

Schlielich stand sie mitten in dichtem Menschengewhl auf einem groen
Platz; ringsum Kirchen und ragende Gebude, alle reich geziert mit
Fahnen, Bildern, kostbaren Teppichen und Stickereien, mit
Birkenbumchen, Laubgewinden und leuchtenden Blumen.

Das Gelut der Glocken hatte ausgesetzt; nun begann es wieder, mit ihm
vermischten sich, aus einer nahen Gasse schallend, die schmetternden
Klnge der Posaunen, die hellen Tne der Zinken, die dumpfen Wirbel der
Pauken, dazu ein mchtig anwachsender Gesang von Kinder-, Frauen- und
Mnnerstimmen, die durcheinanderflossen wie brausende Wellen. Vor Zenzas
Augen, deren Herz erzitterte in frommem Schauer, entwickelte sich mit
funkelnder Pracht die heilige Prozession. Voran auf weien Rossen die
Herolde in goldgestickten Wappenrcken, dann die bunt gewandete Truppe
der Posaunenblser, Zinkenisten und Pauker, eine Schar Kriegsknechte,
ein rasselnder Reitertrupp, die Fronboten und alles Gesinde des
erzbischflichen Hofes, die Ritter im Scharlachkleid, die Rte in
schwarzen Talaren und mit schweren Goldketten; auf tnzelnden Pferden
die Lehensritter in funkelndem Harnisch und mit blanken Schwertern,
welche blitzten in der hellen Sonne; eine schier endlose Reihe von
Mnchen und Laienpriestern, flackernde Lichter tragend; zwischen allen
Gruppen wehende Kirchenfahnen und gaukelnde Laternen, heilige Statuen
und Reliquienschreine; und jetzt der Baldachin, strotzend von Gold, mit
nickenden Federbschen auf jeder Stange, behangen mit Bndern und
Goldschnren, deren Quasten in den Hnden schmucker Edelknaben ruhten,
umgeben von gepanzerten Wchtern, umwallt von duftenden Weihrauchwolken;
und unter dem schwankenden >Himmel< die Domherren im goldschweren
Levitenkleid, in ihrer Mitte Herr Heinrich von Pirnbrunn, der
neuerwhlte Erzbischof von Salzburg, die weie, goldgebnderte Inful auf
dem Haupt, um die Schultern den von edlen Steinen blitzenden
Rauchmantel, in den Hnden die strahlende Monstranz.

Es stockte der Zug, der Erzbischof bestieg die Stufen des unter freiem
Himmel erbauten Altars, der Gesang verstummte, die Posaunen und Zinken
schwiegen, das Gelut der Glocken setzte jhlings aus, ber dem von
Farben, Silber, Gold und Sonne leuchtenden Platz lag atemlose Stille. Da
schrillten die Klingeln, die Weihrauchwolken wallten, es hob sich die
Monstranz, alles Volk sank auf die Knie, und an jede von Ehrfurcht und
heiligem Schauer erfllte Brust schlug dreimal die zitternde Faust:
^Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!^

Einen Augenblick -- und alles war wieder Bewegung und Gewoge, Gesang und
Tnen, Klang und Gelut, Funkeln und Geflimmer.

Du stiller, trumerischer Zauber der heidnischen Sonnwendnacht, wie
httest du nicht erblassen sollen vor dem Glanz und der Glorie dieses
Tages, welchen Papst Johannes zum hchsten Fest der Christenheit erhoben
hatte, um die Herrlichkeit der Kirche auch vor den Augen ihrer Gegner
zu offenbaren und deren Seelen zu erschttern und zu gewinnen! --

Der Baldachin war an Zenza schon vorbergezogen, aber sie hatte immer
noch zu schauen und zu staunen in Hlle und Flle. Da kamen in
prchtigen Gewndern die Edelherren und Edelfrauen, eine lange, lange
Reihe. Dann wieder Mnche und Priester, singende Knaben und Mdchen. Und
jetzt --

Durch Zenzas Herz zuckte ein heier Schreck, und mit brennenden Augen
starrte sie in den Zug.

Das sind die Domfrauen, sagte ein Weib an ihrer Seite, und die
adeligen Frulen.

Voran ging die Oberin mit sechs Schwestern, in schlichten blauen
Gewndern, die blassen Zge berschattet von weien Hauben, am Grtel
den Rosenkranz aus roten Korallen. Ihnen folgte, einem wandelnden
Blumengarten vergleichbar, eine blhende Mdchenschar, alle gleich
gewandet, in weien, schleppenden Kleidern, die entblten Schultern und
Arme von zarten Schleiern berfallen, weie Rosenkrnzlein im gelsten
Haar. Und von den Schnen die schnsten, sechs an der Zahl, trugen auf
duftender Blumenbahre ein liebliches Marienbild.

An einer dieser Trgerinnen hing Zenza mit erschrockenen Augen. Als die
Bahre vorber war, fuhr sie auf, wie aus einer Betubung erwachend. Mit
stoenden Ellbogen drngte sie sich aus dem Knuel der Menschen hinaus
in die freie Gasse.

Der Zug hatte gewendet und zog nun an sich selbst vorber. Es gab ein
wirres Gedrng, bei welchem es niemand auffiel, da eine neugierige
Bauerndirn fast mitten in die Schar der adeligen Frulein hineingestoen
wurde. Aus nchster Nhe sphte Zenza in das Gesicht der Marientrgerin,
ber deren schmchtige Wangen eine brennende Rte flog.

Kennst du mich? flsterte Zenza, whrend in der vorberziehenden
Spitze des Zuges die Posaunen schmetterten und die Zinken klangen.

Kennst du mich, Gittli? wiederholte sie und flsterte weiter:
Deinetwegen bin ich gekommen. Du mut davonlaufen aus dem Kloster! Noch
heut! Ich wart vor dem Klostertor. Den ganzen Tag! Und wenn's sein mu,
die ganze Nacht! Aber kommen mut du. Du mut! Der Haymo stirbt.

Zenza hatte kaum ausgesprochen, als ein Stadtknecht sie mit unsanftem
Arm zurckstie in das Gedrng.

Der Zug geriet in Stockung. Eine der Marientrgerinnen war ohnmchtig
geworden, und als sie niedersank, konnten die hinzuspringenden Mdchen
nur mit Mhe noch das heilige Bild vor dem Sturz bewahren.

Jetzt hat sie's gar umgeworfen! murmelte Zenza, whrend sie neugierig
den Kopf ber die Schultern der vor ihr stehenden Leute reckte. So eine
klebere Zetzen![30] Und an so eine hngt sich ein solcher Bub! Fast war
es Schadenfreude, was aus ihren Augen blitzte, als sie sah, wie Gittli
von zwei Domfrauen an den Armen gesttzt und fortgezogen wurde.

Es whrte noch eine volle Stunde, bis die Feier vorber war und das
Gedrng der Menschen sich lste. Von Gasse zu Gasse fragte sich Zenza
bis zum Heim der Domfrauen. Auf einem Eckstein kauerte sie sich nieder
und wartete, bis die Domfrauen mit ihren Pfleglingen in das Kloster
zurckkamen. Gittli war nicht dabei. Zwei Schwestern hatten sie schon
nach Hause gefhrt und zu Bett gebracht; die Ohnmacht wurde dem Staub
und der Hitze zugeschrieben, und man legte es als Schwche aus, da
Gittli auf keine Frage Antwort gab. Geduldig lie sie alles mit sich
machen, nahm die strkenden Tropfen, die man ihr reichte -- und nun lag
sie in ihrem Nest, von einer Schwester behtet, und starrte mit
angstvollen Augen ins Leere. Wohl war es ihre erste Regung gewesen, auf
den Knien und mit aufgehobenen Hnden zu betteln: Lasset mich heim!
Aber das hatte sie seit jenem Tag, der sie ins Kloster brachte, schon zu
hundertmalen nutzlos getan. Sie mute schweigen und den gnstigen
Augenblick zur Flucht erwarten. Den Weg fr eine solche Flucht hatte sie
sich lngst schon ausgesonnen, doch immer hatte ihr der Mut gefehlt, ihn
zu betreten. Jetzt aber mute sie fort, sie mute. Der Haymo stirbt.
Dieses Wort htte ihr den Mut gegeben, sich durch Feuer und Wasser
hindurchzuschlagen.

[Funote 30: Ein unscheinbares, kraftloses Ding.]

Der Haymo stirbt. Immer, immer hrte sie nur dieses eine Wort. Das
Herz schlug ihr wie ein Hammer, und dennoch rann das Blut so kalt wie
Eis durch ihre Glieder. Der Haymo stirbt. War er denn nicht genesen?
Hatte Herr Heinrich gelogen, als er diese Botschaft sandte, diese erste
und einzige Freude, die sie hier zwischen den dumpfen, ihre ganze
Lebensfreude erdrckenden Mauern erfahren durfte? Oder war Haymos Wunde
wieder aufgebrochen? Hatte ihn ein neues Unheil getroffen? War er auf
seinen gefhrlichen Wegen gestrzt? Hatte ein Raubschtz, ein wildes
Tier ihn angefallen? Qulende Bilder stiegen vor ihren Augen auf, und
aus jedem dieser Bilder schrie ihr eine jammernde Stimme zu: Der Haymo
stirbt! Der Haymo stirbt!

Frhlicher Lrm unterbrach sie in ihren martervollen Gedanken. Etwa
zwanzig Mdchen strmten in den groen Schlafsaal, um die Kleider zu
wechseln und sich vom Straenstaub zu reinigen. Rings um die Wnde
standen die weien Betten, jedes neben einem schmalen Schrein; die freie
Mitte des Saales nahm der riesige Waschtisch ein, dessen Innenraum,
einem gewaltigen flachen Trichter gleichend, mit blankem Kupfer
ausgeschlagen war; rings auf dem breiten Rand war fr jedes Mdchen ein
Krug mit Wasser in Bereitschaft gestellt. Das gab ein lieblich heiteres
Bild, wie sich die Mdchen um den Waschtisch drngten, mit gelsten
Haaren, im kurzen Unterkleid, mit nackten Armen und Schultern, plaudernd
und kreischend, lachend und kichernd, mit Wasser spritzend und
pltschernd, die Augen leuchtend, die Wangen brennend. Und daneben
Gittli in den Kissen, stumm und bleich, verzehrende Angst in jedem
Blick, in jedem Herzschlag zitternde Furcht und heie Sehnsucht.

Den ganzen Tag ber blieb Gittli kaum ein Viertelstndchen allein; sie
hatte so viele Freundinnen, als das Heim der Domfrauen an jungen Mdchen
barg. Zu Anfang hatten diese anderen das scheue, unbeholfene Ding
miachtet, verspottet und gehnselt wegen seiner buerischen Sprache und
seines furchtsamen Wesens. Aber das Geheimnis, das um die kleine
>Brigitte von Dorfen< gebreitet schien, reizte die Neugier; ihre stille,
trumerische Schwermut weckte das Mitleid; und schlielich bezwang
Gittlis natrlicher Liebreiz auch das widerspenstigste dieser jungen
Mdchenherzen. Sie nahm die zrtlichen Freundschaften hin wie etwas
Aufgezwungenes; sie lebte nur in sich selbst, und so war ihr alles, was
sie hier umgab, an diesem letzten Tage noch so fremd und bedrckend, wie
es ihr am ersten Tag gewesen. Sie kam sich vor wie in einem
Fastnachtsspiel, darin man ihr die Rolle der verwunschenen Prinzessin
wider Willen aufgezwungen hatte. Und wenn sie jetzt um Haymos willen in
Angst und Bangen der Stunde entgegenzitterte, die ihre Flucht
ermglichen wrde, mischte sich in ihre beklemmende Marter auch ein
Aufatmen, ein trstendes Vorgefhl ihrer Erlsung aus diesen
schrecklichen Mauern.

Als es zu dmmern begann, blieb Gittli, whrend im Refektorium die
Abendmahlzeit gehalten wurde, eine halbe Stunde allein. Zitternd erhob
sie sich und zog das Gewand an, das neben dem Bett noch auf dem Sessel
lag: das weie, ausgeschnittene Schleppkleid und die gelben
Schnabelschuhe. Ein Mntelchen, das sie aus dem Schrein hervorholte,
versteckte sie unter dem Kissen. So angekleidet legte sie sich nieder.

Jetzt kamen Stunden qulender Angst; kaum hatte sie die Decke bis an das
Kinn gezogen, da brachte ihr eine dienende Schwester das Abendessen.
Zuerst stellte sie sich schlafend; als sie geweckt wurde, beteuerte sie
unter Stammeln und Trnen, da sie nicht ein >ltzel< Hunger htte. Um
zu essen, htte sie sich aufrichten und dabei verraten mssen, da sie
angekleidet im Bette lag. Die Schwester ging, aber gleich wieder kam
eine neue Gefahr: die Frau Oberin erschien, um sich nach Gittlis
Befinden zu erkundigen.

Dank der Nachfrag, ehrwrdige Mutter, stammelte das Mdchen, mir ist
schon vllig wieder gut. Aber schlfrig bin ich. So viel gern schlafen
mcht ich.

So schlaf, mein Kind! Aber mummel dich nicht so in die Decke! Da mu
dir hei werden, und dann wirst du dich in der Nacht erklten.

Wenn mich aber so viel frieren tut! wehrte Gittli mit versagender
Stimme und hielt die Decke krampfhaft fest.

Frieren, Kind? Du wirst doch kein Fieber haben? sagte die Oberin
erschrocken. Komm, gib deine Hand her, ich will den Puls fhlen.

Ein ganz klein wenig schob Gittli die zitternde Hand unter der Decke
hervor.

Ach, du armes Kind! Deine Hand glht wie Feuer, und dein Puls hmmert.
Die Oberin eilte zur Tr und zog an der Schellenschnur. Die dienende
Schwester, die erschien, wurde um eine fieberstillende Arznei geschickt.
Und wie Gittli sich auch strubte -- sie mute schlucken. Ein nakaltes
Tuch wurde um ihre Stirn gebunden; aber das >Fieber< wollte nicht
weichen, die Glut ihrer zitternden Hnde nicht erkhlen.

Die Oberin schickte die dienende Schwester um Essig fort und richtete an
Gittli eine besorgte Frage um die andere. In der qulenden Angst vor der
drohenden Entdeckung verwirrten sich die Antworten des Mdchens immer
mehr, so da es wahrhaftig den Anschein gewann, als sprche aus ihr das
sinnverwirrende Fieber.

Kind, Kind! Du wirst mir doch nicht ernstlich erkranken! jammerte die
Oberin. Gib die Decke weg, ich hre die Schwester schon kommen, wir
mssen dich mit Essig waschen.

Gittli schluchzte und bettelte; aber es half ihr nichts; die Oberin
lste ihr die Hnde und nahm die Decke fort. Trotz der tiefen Dmmerung,
die schon im Raume herrschte, erkannte die Oberin sofort, da das
Mdchen vllig gewandet und mit den Schuhen im Bette lag.

Brigitte? Was soll das heien?

Gittli hatte sich aufgerichtet, die Fe unter das Kleid gezogen und
hielt die zitternden Arme ber der Brust verschlungen, mit verstrten
Augen zur Oberin aufblickend.

Da half keine Ausrede mehr; nun mute man ihre Absicht durchschauen, man
wrde ihre Flucht verhindern -- und der Haymo stirbt, der Haymo
stirbt!

Sie mute fort, jetzt, gleich auf der Stelle, und wenn es ihr Leben
glte! Sie sprang aus dem Bett, ri mit jhem Ruck das Mntelchen unter
dem Kissen hervor, warf es um die Schultern und strzte der Tre zu, als
eben die Schwester mit der Essigschssel eintreten wollte. Ein Schrei,
ein Klatsch auf den Dielen, und vorber an der taumelnden Nonne, welche
die Schssel hatte fallen lassen, rannte Gittli in den dunklen
Sulengang hinaus. Hinter ihr her die beiden Frauen mit lautem Geschrei.
Im Spielsaal verstummte der frhliche Lrm, die Tr wurde aufgerissen,
und mit erschreckten Gesichtern kamen die Mdchen herbeigelaufen.

Was gibt es? Was ist geschehen? So rief es mit zwanzig Stimmen
durcheinander.

Die beiden Nonnen konnten sich dem Ring, der sich um sie gebildet hatte,
kaum entwinden; Gittli gewann einen weiten Vorsprung, verschwand um die
Ecke des Ganges, und whrend hinter ihr der Lrm der Stimmen verhallte,
rannte sie Trepp auf und ab, durch dunkle Korridore, bis sie die
Klosterkirche erreichte. Laut kreischte die eiserne Tr in den Angeln.
Ein Schauer fate Gittlis Herz, als sie zwischen den Sulen der Krypta
den Schein des ewigen Lichtes schimmern sah; ein stammelndes Gebet auf
den Lippen, eilte sie der finsteren Turmhhle zu und hastete ber die
steile Treppe hinauf, bis sie das erste unvergitterte Fenster erreichte.
Es lag ber der Erde fast so hoch wie der Giebel an ihres Bruders Haus.
Sie zgerte -- Der Haymo stirbt! schrie es in ihr -- und da sprang
sie. Der harte Sturz betubte sie fast, aber nur einen Augenblick whrte
ihr Taumeln, dann rannte sie an der den Mauer entlang und schrie mit
gellender Stimme: Zenza! Zenza!

Wie ein Wiesel kam das Mdel herbeigeschossen. Bist du endlich da? Ich
hab mir die Seel schier herausgewartet.

Fort, fort, Zenza, stie Gittli aus keuchender Brust hervor, oder sie
kommen und holen mich wieder.

Zenza fate die Wankende am Arm und ri sie mit sich fort. Sie
erreichten das Nonntaler Tor und huschten hinaus, gerade bevor es
geschlossen werden sollte.

Als sie aus dem dunklen Schatten der die Strae geleitenden Bume
hinausgelangten auf das offene Grdiger Moos, blieb Gittli stehen. Ich
kann nimmer laufen, das dumme Hs kommt mir allweil unter die F.

Ja, spottete Zenza, fein hat man dich aufgeputzt, das mu ich sagen!
Wie die Gredl[31] in der Kirch!

Gelt? jammerte Gittli, fate das Kleid, ri um den ganzen Saum herum
eine handbreite Borte mitsamt der Schleppe weg und warf sie in den
Straengraben.

Dann fing sie wieder zu laufen an. Und im Laufen fragte Gittli mit
zagender Stimme: Zenza, mein Gott, sag mir doch, was fehlt ihm denn?

Was soll ihm denn fehlen? lautete die murrende Antwort. Du fehlst
ihm.

Zenza! stammelte Gittli, und weiter brachte sie kein Wort mehr ber
die Lippen; nur ein erstickter Laut quoll aus ihrer Kehle, als wolle ihr
das schwellende Herz die Brust zersprengen; und sie fing zu laufen an,
da Zenza ihr kaum zu folgen vermochte.

Noch ehe sie Schellenberg erreichten, waren die feinen Schnabelschuhe
zertreten und die dnnen Sohlen durchgelaufen. Gittli lie sich auf
einen Straenstein nieder und zerrte die zerfetzten Schuhe von ihren
Fen.

So ein Gelumpert! brummte Zenza. Aber was machst du jetzt?

[Funote 31: Hlzerne Puppe.]

Barfu lauf ich. Komm nur, komm!

Und weiter ging es, immer weiter auf der mondhell gewordenen Strae.




                                 26.


Bald nach dem Ostertag war im Berchtesgadener Klosterland ein neues
Sprichwort aufgetaucht. Wenn Sturm und Regen sich ber Nacht in einen
sonnigen Tag verwandelten, dann hie es: Das Wetter hat sich gewendet
wie der Klostervogt. Und in der Tat, Herr Schluttemann war kaum mehr zu
erkennen; die Leute wuten es nicht genug zu rhmen, wie gut und
freundlich der Vogt sie jetzt behandle. Mit rechten Dingen knne das
nicht zugegangen sein; darber waren sie alle einig. Und es verbreitete
sich die Mre: Herr Schluttemann htte an der Wand seiner Amtsstube
einen >Zauber wider die Galle< hngen; wenn immer nur ein Fnklein Zorn
in ihm aufstiege, dann tte er schnell einen Blick nach dem unheimlichen
Ding an der Wand und wre pltzlich verwandelt in die leibhaftige
Sanftmut.

Der >Zauber< hing unter dem Bilde, das den heiligen Georg im Kampf mit
dem Drachen darstellte, und sah einem zierlich beschriebenen, unter
geschnitztem Rahmen verwahrten Pergamentblatt zum Verwechseln hnlich.

Als Herr Schluttemann in der Woche nach Ostern eines Morgens seine
Amtsstube betrat, gewahrte er den >Zauber< an der Wand. Er trat mit
verblfften Augen nher, fuhr mit glhender Nase zurck und rannte
wutschnaubend in das Gemach des Propstes.

^Reverendissime!^ Alles kocht in mir.

Weshalb? fragte Herr Heinrich lchelnd.

Man hat mich beschimpft. Man hat mir einen schmhlichen Possen angetan.
Das Urteil, ^Reverendissime^, das Urteil wider meine Hausfrau --

Das sie Euch an den Kopf gehauen?

Ja! Das hat man in meiner Amtsstub aufgehangen. Aber ich will nimmer
schlafen, bis ich den gefunden, der mir das angetan hat.

Da braucht Ihr nicht lang zu suchen. Das hab ich selbst getan.

^Re... Re...^ Herr Schluttemann wollte sagen: ^Reverendissime^! Der
Schreck lhmte seine Zunge.

Eurer Klugheit mag es berlassen bleiben, herauszufinden, weshalb es
geschah. Wenn Euch das aber nicht gelingen sollte -- Herr Heinrich
machte eine bedenkliche Pause. Ihr wit, mein Vogt im Pongau ist
gestorben. Ich mu einen anderen an seine Stelle setzen. Es ist ein
bser, mhsamer Posten. Aber -- wenn Ihr drben im Pongau mit den Leuten
umschreiet, dann hr ich es nicht. Herr Heinrich trat zu seinem Pult
und begann in einem aufgeschlagenen Buch zu lesen.

Wie ein begossener Pudel ging Herr Schluttemann davon. Drauen in der
Amtsstube stand er lange mit gespreizten Beinen und verschrnkten Armen
vor dem >Zauber<. Dann pltzlich stlpte er den Hut ber das borstige
Haar und rannte nach Hause, wie ein angeschossener Dachs in seinen Bau.
Da ging nun ein Spektakel los, da die Leute auf der Strae
zusammenliefen und lauschend stehen blieben. Eine geraume Weile hrte
man _zwei_ Stimmen; dann nur noch _eine_: die donnernde Stimme des
Vogtes. Frau Ccilia hatte zum erstenmal in ihrem Leben den krzeren
gezogen.

Herr Schluttemann lie sich den Vorteil dieses ermutigenden Sieges nicht
wieder entschlpfen. Das merkte man ihm deutlich an, wenn er am Morgen
behbigen Ganges zur Amtsstube wanderte, grndlich ausgeschlafen, mit
lachendem Gesicht. Frau Ccilia versenkte sich in stummen Groll; da sie
aber schlielich merkte, wie wenig ihr das Grollen eintrug, spielte sie
die Klgere und gab nach. Am Morgen des Fronleichnamstages wurde die
Vershnung geschlossen, und bei der feierlichen Prozession schritt Herr
Schluttemann Hand in Hand mit seiner >_getreuen_ Hausehre< -- wie er
_jetzt_ zu sagen pflegte -- hinter dem Baldachin einher.

Als er anderen Tages seine Amtsstube betrat, war der >Zauber<
verschwunden. Er strzte in das Gemach des Propstes.

^Reverendissime^! Das Ding ist weg von der Wand.

So? lchelte Herr Heinrich. Da mag es wohl einer weggenommen haben,
der gefunden hat, da es nimmer ntig wre.

Herr Schluttemann wollte zu einer langen Rede ausholen; aber da kam
Frater Severin atemlos ber die Schwelle gestolpert. Herr! Herr! Pater
Desertus ist heimgekehrt!

Wo ist er? rief der Propst in Freude.

Da kommt er schon!

Von Staub bedeckt, wie er vom Pferd gesprungen, erschien Desertus unter
der Tre. Sein Haupthaar, auch der lange, schwarze Bart, war leicht
ergraut, aber seine Augen blickten hell und frei, und frische
Lebensfarbe lag auf seinem sonnverbrannten Antlitz.

Dietwald! Herr Heinrich umschlo mit beiden Armen den Heimgekehrten.

Frater Severin und der Vogt verlieen das Gemach.

Rede, Dietwald! Wie ist es dir ergangen? Aber ich frage noch! Und die
Antwort steht in deinen Augen, auf jedem Zug deines Gesichtes.

Wie htt es mir bel ergehen knnen? Trost und Freude zogen mit mir.
Sagt, Herr, wie geht es dem holden Kind?

Ich meine, gut. Die Kleine ist wohl aufgehoben bei den Domfrauen. Aber
mir scheint, das neue Kleid will ihr noch immer nicht sitzen. Herr
Heinrich lchelte. Die Berichte der Oberin laufen von Jammer ber wie
heie Milch. Bis heute hat das Mdchen im Kloster nicht _mehr_ gewonnen,
als alle Herzen.

Die Augen des Chorherren leuchteten. Dann fate er die Hnde des
Propstes. Ihr habt mich knapp gehalten mit Botschaft.

Ich schrieb dir, was ich schreiben konnte. Der Sudmann wei weder Ort
noch Namen. Aber du selbst magst alles von ihm hren.

Er lebt? fragte Desertus mit unglubigem Staunen.

Zwei Monate lag er in schwerem Siechtum. Als ich ihn das letztemal
besuchte, schien es mir, als begnne Eusebius zu hoffen. Wir wollen
morgen zu ihm.

Nein, Herr, heute noch, ich bitte!

Kann ich dir die erste Bitte versagen? Aber nun rede, erzhle! Wie hat
dich der Kaiser aufgenommen?

Wie einen Sohn!

Und konntest du ihm diese Liebe vergelten? Wie ist deine Sendung
ausgefallen?

Das Gesicht des Chorherren verdsterte sich. Wir wurden abgewiesen.

Herr Heinrich nickte vor sich hin, als htte er diese Antwort erwartet.
Wer zog mit dir?

Heinrich von Virneburg, der Mainzer. Einundzwanzig Tage whrte unser
Ritt. Wie staunte ich, als wir Avignon erreichten!

Du fandest einen weltlichen Hof, schwelgend in allen Freuden des
Lebens?

Und inmitten dieses Taumels sitzt der Papst, ein williger Hfling
Frankreichs, das den Streit zwischen Ludwig und der Kirche schrt und
sich dabei durch Lnderraub auf Kosten Deutschlands zu bereichern sucht.
Wenn der Papst auch den Frieden mit Deutschland wollte, er _darf_ ihn
nicht wollen. Frankreich erlaubt es nicht. Mit zornigem Lachen hatte
Desertus die letzten Worte begleitet.

La nur gut sein, Dietwald! Fr alles kommt eine zahlende Zeit. Herr
Heinrich erhob sich. Du wirst mde sein. Erhole dich einige Stunden!
Dann magst du mir alles erzhlen, whrend wir dem See entgegenreiten.

Desertus wollte nichts wissen von Ruhe. Er ging nur, um das Kleid zu
wechseln. Dann ritten sie zum Klosterhof hinaus. Vor Mittag erreichten
sie Bartholom.

Nun? Wie geht es deinem Kranken? fragte Herr Heinrich.

Eusebius lchelte. Sagt, Herr, habt Ihr schon einmal einen Stein in die
Hhe fallen sehen und ein Wasser bergauf laufen? Nein? Dann passet nur
auf, Ihr seht es gewi noch! Denn der Mann wird gesund. Freilich, den
lahmen Arm mu er sich gefallen lassen.

Herr Heinrich und Desertus traten in die Klause. Auf reinlichem Lager
ruhte Wolfrat, abgemagert bis auf Haut und Knochen. Brust und Arme lagen
noch im Verband; die Riwunden im Gesicht waren geheilt und hatten kaum
merkliche Narben zurckgelassen.

Wolfrats Augen leuchteten auf, als er den Propst in der Tr erscheinen
sah. Gr Gott, Herr! Gelt, ich darf schon gleich fragen: wie geht's
meiner Seph?

Ein paar Wochen noch, Wolfrat, und dein Weib ist wieder kerngesund.

Vergeltsgott, lieber Herr! Und mein Bub?

Der ist kugelrund geworden. Freilich, Herr Heinrich lachte, er war in
Klosterkost.

Desertus trat in mhsam verhehlter Erregung an das Lager des Sudmanns.

Jetzt kenn ich Euch erst, Herr Pater! sagte Wolfrat mit schwankender
Stimme. Euch mu ich ein festes Vergeltsgott sagen. Httet Ihr
selbigsmal nur ein kleines Weil spter zugestoen, dann wr's aus
gewesen mit mir.

Sieh, Wolfrat, fiel Herr Heinrich ein, da kannst du deinem Retter
gleich ein Liebes erweisen! Pater Desertus mchte hren, wie es kam, da
Gittli deine Schwester wurde. Erzhl es ihm!

Wohl! Setzet Euch nur her!

Desertus lie sich neben dem Lager auf einen Sessel nieder, und Wolfrat
begann: Wisset, Herr, ich bin im zweiundzwanziger Jahr bei dem
Salzburger Erzbischof als Reisiger gestanden und hab den Ampfinger Tag
mitgemacht. Auf der feindlichen Seit. Gewurmt hat es mich freilich, da
ich hauen und stechen soll gegen meine eigenen Landsleut. Aber was hab
ich machen knnen? Ein Eid ist allweil ein Eid. Ich hab meine Pflicht
getan als richtiger Soldat. Aber ungern hab ich's nit gesehen, wie der
Kaiser obenauf gekommen ist, und wie die Unsrigen auf den Abend das
Laufen angefangen haben. Da hat keiner mehr stehen knnen, einen jeden
hat's mitgerissen. Wer nit laufen hat wollen, hat laufen mssen. Vier,
fnf Tag ist es allweil hergegangen um unser Leben, keiner hat die
Gegend gekannt, und die bayrischen Reiter sind hinter uns her gewesen
wie die ledigen Teufel. Ich hab mich mit ein Stcker vierzig von den
Unsrigen zusammengehalten. Und da war's in einer strmischen Nacht. Da
sind wir in einen Markt gekommen.

Wie hie der Markt?

Ich wei es nit. Aber ich besinn mich noch, da gleich bei der Tafern
eine Kirch gestanden ist. Die hat hint und vorn einen Turm gehabt und
ein ebenes Dach.

Pfarrkirchen war es! sagte Desertus in lateinischer Sprache zu Herrn
Heinrich. Zwei Wegstunden von meiner Burg.

Die Tafern war gesteckt voll mit flchtigem Volk. An die dreihundert
sind da beisamm gewesen. Es war ein frchtiges Gejammer, was man jetzt
anfangen soll, und wo man Zehrung hernimmt? Und da war einer unter uns,
ein Salzburger Rottfhrer, Klees hat er geheien --

Klees? stammelte Desertus; und lateinisch sagte er zu Herrn Heinrich:
Der Mann hat einen Monat in meiner Schar gedient. Ich hab ihn fortjagen
mssen, weil er mich bestahl.

Der Klees ist auf den Tisch gesprungen und hat geschrien: er wt ein
Mittel, da man die Sck vollstopfen knnt. Nit weit vom Markt wr ein
reicher Herrensitz. Der tt einem Ritter gehren, der in der Ampfinger
Schlacht mit dem Flamberg unter uns herumgehauen htt wie der Mhder mit
der Seges[32] im Traidfeld. Die Handvoll Leut auf der Burg knnt man
leicht berrumpeln. Wie er das gesagt hat, da hat's einen Hllenlrm
gegeben, und die meisten sind gleich dabei gewesen, da man den
Handstreich wagen sollt. Ein paar haben freilich dawider geredt. Ich
selber auch. Aber da hat's geheien: man wr in Feindsland, und Krieg
wr Krieg. Wer sich noch lang gewehrt htt, ich glaub, den htten die
anderen niedergeschlagen. Der Klees hat Wein anfahren lassen, und wie
wir heie Kpf gehabt haben, da ist der Klees zum Hauptmann ausgeschrien
worden. Und da hat er auch gleich die richtige Stund ausgenutzt. Noch in
der Nacht sind wir fort aus der Tafern, und allweil durch Wald ist der
Weg gegangen, den der Klees uns gefhrt hat. Ich mu schon sagen, die
Sach hat mir nit gepat. Aber wie der Mensch ist! Wo hundert laufen, da
lauft man mit. Und der Wein hat uns allen die Kpf dumper gemacht. Ich
glaub, der Klees ist der einzig gewesen, der gewut hat, was es gilt. So
um die zweite Morgenstund mu es gewesen sein, da sind wir aus dem Holz
ins Feld gekommen, und ganz schwarz sind die Burgmauern vor uns
aufgestiegen in der Nacht.

[Funote 32: Sense.]

Desertus drckte die Fuste auf seine Brust.

Beherrsche dich, Dietwald! mahnte Herr Heinrich in lateinischer
Sprache. Der Mann soll nicht wissen, wie nahe dich berhrt, was er
erzhlt. Und zu Wolfrat sich wendend, sagte er: Sprich nur weiter!

Der Klees hat uns halten lassen. Keinen Laut und keinen Tritt hat man
gehrt. Dann ist der Klees bis an den Burgwall hingegangen und hat den
Torwart angeschrien. Ich hab's nit recht hren knnen, ich bin einer von
den letzten gewesen. Aber ich mein', er hat dem Torwart zugeschrien, da
er eine Botschaft brcht vom Burgherrn, und die Sach htt Eil. Hat der
Klees die Losung gewut, oder war der Torwart so ein guter Hascher, der
gleich das erste Wrtl geglaubt hat? Ich hab noch kaum gemerkt, was los
ist, da war die Zugbrck schon herunt, eine Hauerei und ein frchtiges
Geschrei ist losgegangen, und bis ich nach einer Weil mit den letzten
hineingekommen bin in den Burghof, sind die paar Herrenknecht schon im
Blut herumgelegen, die unsrigen haben schon alle Tren eingedrckt, und
die brennenden Pechkrnz sind in alle Fenster geflogen. Da bin ich
nchtern geworden. Wie ein steiniges Manndl bin ich gestanden und hab
mir an den Kopf gegriffen. Und gegraust hat mir in der tiefsten Seel.
Htt mich einer am Ampfinger Tag niedergeschlagen, mir wr wohler
gewesen. Ich hab freilich keinen Finger gerhrt und keine Hand
gestreckt. Aber dabei gewesen bin ich halt doch! Und die ganzen Jahr
her, so oft was Unguts ber mich und meine Heimleut gekommen ist,
allweil hab ich an dieselbige Nacht denken und mir sagen mssen: Jetzt
mut du zahlen dafr!

Wolfrat schwieg, und Stille herrschte in der Klause. Das Gesicht des
Chorherren war bleich, seine Augen irrten ins Leere.

Wie die Flammen herausgeschlagen sind aus jedem Dach, da haben sie's
drunten im Dorf gemerkt, was vorgeht, und haben die Sturmglock gelutet.
Haufenweis sind die hrigen Leut aus dem ganzen Burgbann herbeigelaufen,
die einen mit Schwert und Spie, die andern mit Dreschflegeln und
Segesen. Da ist die Hauerei aufs neu wieder angegangen. Ich hab mir
gedacht, ich will mit einer so schiechen Sach nichts mehr zu schaffen
haben. Aber wie ich beim Tor hinausschleichen und abschieben will, hr
ich ein Gejammer von einer Weiberstimm. Und wie ich aufschau, steht auf
dem Turmaltan, mitten im Feuer, eine junge, schne Frau. Ein kleines
Bbl ist bei ihr gestanden, und auf dem Arm hat sie ein Kind im Wickel
gehalten. >Jesus Maria!< hab ich geschrien und bin zugesprungen und hab
gemeint, ich knnt noch hinauf in den Turm und helfen. Derweil tut's
schon einen frchtigen Krach. Das ganze Sparrenwerk ist eingefallen, und
als wr die Hll zersprungen, so fliegt der Turm auseinander in lauter
Feuer.

Am ganzen Krper erzitternd, schlug Desertus die Fuste vor die Augen.

Gelt, Herr? Das greift einem ans Herz! murmelte Wolfrat. Ich bin
gestanden, als wr in mir drin alles ein Eisbrocken worden. Und wie mich
das Grausen wieder aufschauen lat -- von dem armen Weiberleut und dem
Bbl hat kein Aug mehr was zu sehen gekriegt -- aber auf einem spitzigen
Balken, der aus dem Gluthaufen herausgestanden ist, hab ich das Kindl
hngen sehen, das sich am Wickel verfangen hat. Da hab ich keine Glut
und kein Feuer gescheut und bin hineingesprungen und hab das schreiende
Wrml gepackt. Und das Glck hat's wollen: ich bin herausgekommen. Da
springt der Klees auf mich zu. >Gib her,< schreit er, >hrst ja, das
Kindl weinet nach seiner Mutter.< Er will mir's wegreien, aber ich hab
ihm mit der Faust eins bers Gesicht gewischt, da er hingeschlagen ist
wie ein Ochs. Derweil hat's schon geschienen, als tten die hrigen Leut
Herr werden ber die unsrigen. Der Klees ist wieder aufgesprungen und
auf mich zu mit der blanken Wehr. Und wie's der Zufall will, springt ein
scheues Ro gegen mich her. Ich erwisch es bei der Mhn, komm in einem
Schwung hinauf, und zum Tor hinaus geht's in einem Sauser, gleich ber
zwanzig Kpf weg!

Kein Zweifel mehr! rief Desertus mit bebender Stimme. Mhsam seine
Erregung beherrschend, stammelte er in lateinischer Sprache: Das war
mein Weib! Das ist mein Kind! Mein Kind!

Erschrocken sah der Sudmann zu ihm auf und warf einen fragenden Blick
auf den Propst.

Sprich weiter, Wolfrat! sagte Herr Heinrich.

Ich bin auf dem scheuen Ro gehangen wie der Frosch auf dem Mhlrad und
hab nur allweil das Kind an mich hingedruckt. Und das Ro ist
fortgesaust, fort und fort, bis weit hinter mir das brennende Schlo
untergesunken ist in der finsteren Nacht. Wie der Tag gegrauet hat, sind
dem Ro die Krft ausgegangen. Eine Weil ist es stehen geblieben und hat
den Grind hngen lassen. Dann ist es wieder fortgetrabt. Das Kind hat
geschlafen, und ich hab's auf dem Arm gehalten und hab nit gewut, was
ich anfangen soll. Ich hab die Gegend nit gekannt, und in ein Dorf hab
ich mich nit hineingetraut. Ich hab gemeint, es mt alle Welt schon
wissen, was in der Nacht geschehen ist. So bin ich allweil zu und zu
geritten, weil ich nichts anderes gedacht hab, als grad das einzig:
schau nur, da du weit, weit fort kommst von dem Fleck! Auf Mittag hab
ich einen Eindhof gefunden mitten drin im Holz. Einer Dirn hab ich ein
Reindl Milch abgebettelt fr das Kind. Und so bin ich weiter geritten,
allweil zu, bis ich auf die Nacht an ein Wasser gekommen bin und bald
darauf in einen Markt. Da hab ich mich ausgekannt: das Wasser ist die
Vils gewesen, und der Markt hat Velden geheien. Und von da sind's keine
drei ganzen Stund mehr in mein Heimatl gewesen. Wie htt mir ein anderer
Weg einfallen sollen! Ich bin geritten und geritten, bis ich daheim war.
Meiner Mutter hab ich das Kind auf den Arm gelegt. Aber wie ich dazu
gekommen bin, das hab ich verhehlt. Ich hab mich gescheut vor Mutter und
Vaters Aug. Dabei gewesen bin ich halt doch!

Wolfrat vermochte kaum mehr zu sprechen, seine Stimme zitterte vor
Schwche.

Die Nacht drauf bin ich wieder fort. Aber das Kriegshandwerk hab ich
satt gehabt bis an den Hals. In Landshut hab ich mich eingedingt als
Fler. Es hat lang gedauert, bis ich die schieche Sach in mir hab
geschweigen knnen. Ich hab mir freilich allweil frgesagt, da ich ein
Unrecht tu, wenn ich das Kindl um Recht und Namen bring. Aber ich hab
mir nit getraut, da ich umfrag und red. Da htt's mir leicht an den
Kragen gehen knnen, wenn ich mich verschnappt htt. Sein Brckl Leben
hat jeder gern. Und wie ich wieder heimgekommen bin nach Dorfen und
gesehen hab, da meine Mutter mit ganzer Seel an dem lieben Kindl hngt,
da hab ich erst recht nimmer reden knnen und hab mir gedacht: la halt
alles gehn, wie's geht, in Gottesnam!

Und niemals, fragte Desertus, niemals wieder hast du von jener
furchtbaren Nacht gehrt? Nie den Namen jener Burg erfahren?

Wolfrat schttelte den Kopf.

Aber es mu doch ein Bild jener Burg in deiner Erinnerung haften?

Wolfrat schien sich zu besinnen. Mein, es hat halt ausgeschaut, wie es
ausschaut in einer Burg. Trm und Mauern, ein weiter Hof und ein
gromchtiges Haus! sagte er mit matter, kaum noch verstndlicher
Stimme. Aber -- wohl, Herr, auf eins besinn ich mich noch. ber dem Tor
und ber der Turmtr hab ich im Feuerschein ein gemaltes Wappen
gesehen.

Sprich, Wolfrat, sprich! klang es mit erstickten Lauten.

Wolfrat bewegte lallend die Zunge; man verstand nicht mehr, was er
sprach: die Erregung hatte seine schwachen Krfte vllig erschpft, er
schien einer Ohnmacht nahe.

Sprich, Wolfrat, sprich!

Mit erlschenden Sinnen rang Wolfrat nach Sprache: Das Wappen -- war --
ein weier Falk -- im blauen Feld.

Das Wappen meines Hauses! schrie Desertus. Sich erhebend schlug er die
Hnde vor das Gesicht, wankte hinaus, als erdrcke ihn der enge Raum,
und lie sich niedersinken auf die Hausbank.

Herr Heinrich eilte ihm nach. Im gleichen Augenblick legte ein Boot mit
zwei Schiffern und einem Reisigen am Ufer an.

Dietwald, ermanne dich! flsterte der Propst. Es kommen Leute! Er
ging dem fremden Kriegsknecht entgegen. Wen suchst du?

Herrn Heinrich von Inzing, den Propst.

Wer bist du?

Ein Salzburger Fronbot. Die Oberin der Domfrauen schickt Euch diese
Botschaft. Er reichte dem Propst ein versiegeltes Pergament.

Herr Heinrich las; er erschrak nicht; nur ein Lcheln glitt um seinen
Mund. Du kannst heimkehren! sagte er zu dem Boten. Man soll dir im
Kloster den Botenlohn reichen und dich kstigen. Der Knecht ging zum
Ufer zurck. Herr Heinrich wartete, bis das Boot abgestoen war, dann
wandte er sich zu Desertus. Willst du lesen, Dietwald? Eine Botschaft
von deinem Kind!

Mit hastigen Hnden griff der Chorherr zu und entfaltete das Pergament.
Er erblate. Mein Kind? Aus dem Kloster entflohen?

Entflohen? Weshalb das hohe Wort? meinte Herr Heinrich lchelnd. Sag
lieber: davongelaufen!

Desertus fate die Hand des Propstes. Herr! Ich bitt Euch! Lasset uns
gleich zurckkehren! Im Seedorf stehen unsere Pferde. Wir wollen nach
Salzburg reiten.

Nach Salzburg? Nein, Dietwald, ich wei einen nheren Weg, um dein Kind
zu finden. Wir wollen hinaufsteigen in die Rt.

Desertus erschrak. So meint Ihr -- nein, nein! Es ist unmglich! In
dieser einen Nacht sollte das zarte Kind einen Weg bezwungen haben, der
die Krfte eines rstigen Mannes erschpfen wrde?

^Omnia vincit amor!^ lchelte Herr Heinrich. Komm, Dietwald!

Schweigend folgte Desertus dem Propst an das Ufer. Ein Knecht holte zwei
Bergstcke, der Einbaum wurde ins Wasser geschoben, rasch war die
schmale Wasserzunge bersetzt, und die beiden stiegen empor durch den
sonnigen Bergwald.

Ungeduldig eilte Pater Desertus voran.

Herr Heinrich rief ihm lachend zu: Dietwald, willst du nicht hinter mir
gehen? Weit du, ich mchte mit ganzer Lunge droben ankommen.




                                 27.


Am Morgen, noch vor Tag, hatte Haymo die Jagdhtte verlassen, um die
Grenzen seines Bergreviers zu umwandern. Nahe den Funtensee-Tauern traf
er mit dem Jger Renot zusammen, der am Grnsee hauste. Unter den
steilen Wnden saen sie eine Stunde lang beisammen: das jubelnde Glck
neben der Schwermut.

Hast du meine Gundi nie gesehen? fragte Renot.

Haymo schttelte den Kopf.

Zwei Jahr lang bin ich ihr schon um den Weg gegangen. Und da war's in
der letzten Mondzeit, da komm ich einmal hinauf zum Funtensee und hr
auf den Halden das Almvieh luten. Denk ich mir: jetzt mu ich doch
schauen, was fr eine Sennerin der Bauer geschickt hat. Ich geh auf das
Httl zu, und wie ich hineinschau, steht die Gundi vor mir. Vor lauter
Seligkeit hab ich einen Luftsprung getan, da ich mir an der Tr das
Hirnkastl angeschlagen hab. Und, du -- ein Sommer ist das jetzt! Jeder
Tag eine Freud, die vom Himmel fallt. Gelt, das hast du doch auch schon
gesprt: es gibt nichts Lieberes auf der Welt, als wenn zwei junge Leut
zusammenhalten mit Herz und Hand. Und auslassen tu ich nimmer. Bis der
Frhling kommt, wird Hochzeit gehalten. Und Kindstauf gleich dazu!
Juhuuu!

Von allen Wnden klang das Echo des hallenden Jauchzers.

Lachend schaute Renot in Haymos Gesicht. Da verstummte sein Lachen, und
erschrocken fragte er: Bub, was ist dir denn?

Haymo sprang auf und schttelte den Kopf; er konnte nicht sprechen.

So red doch, Bub, was hast du?

Wortlos nickte Haymo einen Gru und ging seiner Wege.

Renot sah ihm betroffen nach. Mir scheint, dem ist die Lieb berzwerch
gelaufen.

Als Haymo zum Saum des Lrchenwaldes kam, hrte er den am Fu der
Felswand hinsteigenden Jger singen:

   Der Winter ist zergangen,
   In Bluh steht alle Heid,
   Da kam zu mir gegangen
   Gar se Augenweid,
   Mir war das Herzl froh,
   Zum Schtzl sprach ich so:
   Gelt, du bist mein? Nein, ich bin dein:
   Der Streit, der mu wohl allweil sein!
      Jo ho!
      Jo ho!
   So blank allsam ein Hrmelein[33]
   Sind ihre nackten rmelein.
   Mein Schtzl, das ist fein und schmal,
   Gar wohl geschaffen berall.
      Jo ho!
      Jo ho!
   Mein Herzl, das ist froh!

Lang war die jubelnde Stimme schon verhallt, und immer noch klang es wie
qulender Spott an Haymos Ohr: Jo ho, jo ho! Mein Herzl, das ist froh!

[Funote 33: Wie ein Wiesel.]

Er hatte die Landtaler Wand erreicht, ber deren schroff bis zum See
abfallende Felsen ein schmaler Wildsteig hinwegfhrte. Einzelne Steine
lsten sich unter den Schuhen des Jgers und strzten prasselnd in die
Tiefe; mit heien Augen sah Haymo ihnen nach; er konnte ihre sausenden
Sprnge mit dem Blick verfolgen, bis sie nahe dem See auf dem schrg
verlaufenden Griesbett liegen blieben.

Da drunten findet jeder seine Ruh! Ein jeder!

Nun lste er absichtlich Stein um Stein und lauschte, wie ihr Fall, der
mit lautem Lrm begann, immer leiser und leiser wurde. Und jeder
fallende Stein redete zu ihm: So knntest du dein schreiendes Herzleid
auch geschweigen. Wirf's hinunter! Es tut keinen Laut nimmer, wenn es
drunten liegt.

Mit der Hand an einem Felszacken sich anhaltend, beugte er sich vor, da
sein ganzer Krper ber dem Abhang schwebte. Die verwitterten Schrofen,
die aus dem steilen Gewnde ragten, waren anzusehen wie tausend
steinerne Arme, die sich streckten nach ihm. Und in der ghnenden Tiefe
lag der Obersee wie ein groes, rundes Auge; es blickte herauf zu ihm,
und dieser Blick hatte Sprache: Ich seh dich. Komm nur! Schau, ich
warte.

Immer weiter beugte Haymo sich vor, ein Frsteln berlief seine Glieder,
seine Knie begannen zu zittern, an der Hand, die den Felszacken
umklammert hielt, zuckten schon die Finger, als wollten sie sich ffnen.

Da tnten linde, schwebende Klnge durch die Luft empor. In der
Bartholomer Klause lutete die Glocke zur Frhmesse.

Haymo richtete sich erblassend auf und fuhr sich mit der Hand ber die
Stirn, wie um einen bsen Traum zu verscheuchen. Aufatmend bekreuzte er
sich und stieg mit ungestmer Eile ber die Wand hinweg. Es schien ihm
erst wieder wohl zu sein, als er den Bergwald erreichte, um dessen
Wipfel der erste Glanz der steigenden Sonne schimmerte.

Schon aus weiter Ferne hrte er das Gebrll des Almviehs.

Was die Rinder nur haben mgen? fragte er sich. Vielleicht missen sie
die Sennerin, meinte er. Sie wird wohl tags zuvor hinuntergegangen sein
in das Klosterdorf, um dem heiligen Umgang beizuwohnen. Aber das htte
sie doch dem Hter sagen mssen. Wohl an die hundert mal hatte Haymo am
vergangenen Tag, bald im Gewnd, bald auf den Almen, bald im Bergwald
den Hter schreien hren: Zenzaaah! Hoidoooh!

Als Haymo die Alm erreichte, sah er die Khe unruhig um die stille Htte
traben, brllend und mit den Schweifen schlagend. Ihre Euter strotzten.
Und die Tiere litten Schmerzen; sie hatten das Milchbrennen. Langsam
kamen dem Jger, da er sich der Htte nherte, die Khe entgegen,
streckten keuchend die Kpfe, und eine Blessin fuhr ihm mit der rauhen
Zunge ber die Hand. Er kraute ihr die Stirn, und mit lutender Glocke
lief sie ihm nach bis zur Htte. Er trat in die Tr. Die Htte war leer.
Zenza! rief er. Keine Antwort kam. Er lehnte das Griesbeil an die
Wand, legte die Armbrust ab und setzte sich auf den Herdrand. In der
Asche lagen noch glimmende Kohlen; er stberte sie zu einem Huflein
zusammen, legte Spne darber und blies in die Glut. Eine Flamme
zngelte ber das Holz, die Spne knisterten und krachten, und als das
Feuer wuchs, legte Haymo, in trumende Gedanken versunken, Scheit um
Scheit in die Flammen.

Er hrte nicht mehr das Brllen und Luten der Khe -- Immer summte es
in seinen Ohren: Jo ho, jo ho! Mein Herzl, das ist froh!

Weit drben, in der Sennhtte am Funtensee, flammte jetzt wohl auch ein
Feuer auf dem Herd, und Renot sa bei seiner Gundi und hielt sie
umschlungen und zog sie an seine Brust und lachte: So blank allsam ein
Hrmelein, sind deine weien rmelein --

Haymo schlug die Hnde vor die Augen, als mchte er das Bild
verscheuchen, das mit seinem jauchzenden Glck ihn qulte und verhhnte,
ihn und sein brennendes Leid, seine drstende Sehnsucht.

Ganz in sich verloren sa er und hrte nicht, wie drauen die Khe
lutend zusammendrngten nach einer Stelle; er merkte nicht, da ihr
lautes Brllen jh verstummte; er hrte die raschen Schritte nicht, die
sich der Htte nherten; es war ihm nur, als htte sich pltzlich die
Tr verfinstert. Mit mden Augen blickte er auf. Und da traf es ihn wie
ein Blitz. Er schnellte in die Hhe, streckte mit ersticktem Laut die
Arme und stand wieder wie versteinert. War es Wirklichkeit oder nur ein
Traum? War sie es wahrhaftig, die vor ihm unter der Tre stand, ber und
ber mit Staub bedeckt, im weien Rock, dessen zerfetzter Saum ber die
Knchel der nackten, vom Gestrpp zerkratzten Fe hing, ein weies
Mntelchen um die schmalen Schultern, die gelsten Haare um den Hals
geknotet, mit erschpften Zgen, aber mit lachendem Mund und leuchtenden
Augen?

Jetzt rhrte sie die Lippen. Haymo! stammelte sie.

Gittli! schrie er. Und sie flogen einander entgegen, hingen Mund an
Mund und hielten sich mit zitternden Armen umschlungen, fest, als
wollten sie sich nimmer lassen.

Haymo!

Gittli!

Das war alles, was sie sprachen zwischen Kssen und Kssen.

Und als wre das Glck ber sie hergefallen, so gro und so erdrckend,
da sie es nicht mehr zu tragen vermochten auf ihren schwachen
Schultern, so sanken sie auf den Herdrand nieder. Und da streichelte
Gittli Haymos Gesicht mit beiden Hnden und lispelte: Gelt? Jetzt tust
du mir nimmer sterben?

Sterben? Vor Freud! Was er weiter noch stammeln wollte, erstickte
wieder in einem heien drstenden Ku.

Zenza stand in der Tr, mit geballten Fusten und kalkweiem Gesicht.
Sie konnte den Anblick dieses taumelnden Glckes nicht ertragen. Heiser
auflachend wandte sie sich ab, rannte wie eine Wahnsinnige hinaus ber
das Almfeld, schlug die Fuste an ihre Stirn und schrie: Gibt's auf der
Welt noch einen Narren, wie ich einer bin! Erschlagen htt ich sie
sollen heut in der Nacht! Ins Wasser werfen! Und ich selber hab sie
hergeholt. So ein Narr! So ein Narr, wie ich einer bin!

Unter einer einsam stehenden Fichte warf sie sich auf die Erde nieder,
grub die Ngel in den Rasen und schluchzte.

Dann sprang sie wieder auf. Da heroben bleib ich keine Stund nimmer!
Ihr heier Blick sphte ber das Almfeld, whrend sie mit gellender
Stimme schrie: Jrgi! Jrgi! Der Ruf verhallte, keine Antwort lie
sich hren. Eine Weile wartete sie. Und wiederholte den Ruf. Alles blieb
still. Nur die Khe trabten ihr brllend entgegen. Meinthalben! Mag
alles hin sein, das Vieh und alles! Ich bleib und ich bleib nimmer.

Sie ging dem Steige zu. Die Khe zogen ihr nach. Mit Steinwrfen trieb
sie das Vieh zurck. An der Stelle, wo der Pfad sich in den Wald verlor,
blieb sie stehen und blickte, zornig auflachend, noch einmal zurck nach
der Htte. So ein Narr, wie ich einer bin! Immer wieder lachte sie,
whrend sie dem talwrts ziehenden Pfade folgte.

ber eine Stunde war sie schon gewandert, als sie, schwer ermdet, auf
einen Steinblock sank. Die zwei durchwachten und durchwanderten Nchte
hatten ihre Kraft erschpft. Sie schluchzte und lachte, immer eins ums
andere. Lang ertrug sie das ruhige Sitzen nicht. Whrend sie weiterlief,
raffte sie einen drren Stecken auf und zerschlug mit zornigem Hieb
jeden grnen Zweig, der ber den Pfad hereinhing.

Schon hatte sie den tieferen Bergwald erreicht. Da hrte sie eine
rufende Stimme, halb erstickt vom dumpfen Rauschen des nahen Wildbachs.

Zenza! Zenza! Hoidoooh!

Es war ein wild kreischender, angstvoller Ruf.

Lauschend blieb sie stehen. Da klang es wieder, ein wenig nher schon:

Zenza! Zenza! Hoidoooh!

Mir scheint, er sucht mich? Der Tpp! knirschte sie zwischen den
Zhnen. Und weil der Ruf nun abermals erklang, flammte eine dunkle Rte
ber Zenzas Gesicht, und ihre Fuste ballten sich. Der! Der ist schuld
an allem! Htt er den Jger in Fried gelassen, so wr der Haymo nit zu
mir gekommen, ich htt mich nit scheuen und schmen mssen vor ihm, er
htt nit geredet mit mir, sein Herzleid htt mir nit die Seel umgedreht
im Leib, ich wr nit hinein auf Salzburg und mt jetzt nit einen Zorn
in mir haben, da ich mich selber zerreien knnt. Der! Der ist schuld
an allem! So schrie es in ihr; alles, was Jrgi verbrochen hatte, stand
ihr vor Augen, wie mit Geielschlgen ihren Zorn schrend; nur an eines
dachte sie nicht: an jene Stunde, in der sie beim Ostertanz den von
allen Verachteten, ihn und sich selbst verhhnend, hervorgezerrt hatte
aus seinem dunklen Winkel.

Nun sah sie ihn um die Wendung des Pfades biegen, in keuchendem Lauf,
mit brennendem Gesicht, mit verstrt umhersphenden Augen. Und zwischen
ihr und ihm lag das breite Bett des mit reienden Wassern steil
abstrzenden Wildbaches.

Zenzaaah -- Der Laut erstickte. Jrgi hatte die Sennerin erblickt. Mit
jauchzendem Geschrei, mit Stammeln und Schluchzen kam er gerannt, stie
das lange Griesbeil in das Wasserbett, warf sich hinber mit hohem
Schwung, brach in die Knie, raffte sich auf, und den Stock beiseite
schleudernd, umschlang er Zenza mit beiden Armen.

Zornig aufkreischend, schlug sie ihm die Fuste in das von Schwei
berronnene Gesicht. Und als er die Hnde sinken lie, gab sie ihm einen
Sto vor die Brust, da er rckwrts taumelte und niedersank, mit dem
halben Krper in das Wasser klatschend. Er wollte sich aufraffen. Eine
Sturzwelle packte ihn, er drehte und berschlug sich, verschwand im
Wasser und tauchte halb wieder auf.

Jesus, Maria! Jrgi! schrie Zenza. Sie strzte dem steilen Ufer zu; es
gelang ihr, die eine Hand des Versinkenden zu erfassen, mit der anderen
haschte er nach ihrem Rock und klammerte sich an. Brausend schlugen die
Wellen ber ihn her und drckten ihn nieder. In schreiender Todesangst
wollte Zenza von seinen Hnden sich losreien. Whrend sie kmpfte mit
dem ganzen Aufgebot ihrer mden Kraft, wich der brchige Grund unter
ihren Fen, und sie strzte vornber mit dem Gesicht in den Wildbach.

Welle rauschte ber Welle, eine warf sich auf die andere, mit drngender
Eile und zorniger Wucht. Aus allem Rauschen hrte man das Rollen der
Steine, die der Wildbach auf seinem Grunde trieb. ber steile Gehnge
warf er sich hinunter, tobte zwischen verwaschenem Gestein hindurch,
hinweg ber gebrochene Bume, und verschwand in einer Schlucht, so eng
und tief, da der Himmel in der Hhe nur noch schimmerte als ein dnner,
blauer Streif, whrend auf dem Grunde der Schlucht alles grau war, ohne
Farbe, einzig wei nur das schumende Wasser. Dnne Quellen rieselten in
die Schlucht hinunter, und die frei fallenden Tropfen leuchteten ein
wenig, als mchte jeder von ihnen ein Stubchen Sonne aus dem hellen Tag
mit hinunterstehlen in die Finsternis.

Brausend scho der Wildbach aus der dunklen Schlucht wieder hervor in
ein breites Bett, umschleiert von Wasserstaub, jede Welle bedeckt mit
flockigem Schaum. Die Uferwnde senkten und erweiterten sich. Blhende
Bsche neigten sich ber den Rand der Felsen und griffen wie mit hundert
kleinen Fingern in den blauen Himmel. Buntfarbiges Moos und ppiges
Flechtwerk spann sich um alles Gestein, an dem der Wildbach
vorberrauschte, und die tanzenden Wellen spielten mit dem
niederhngenden Gezweig, bis sie breit und ruhig hinausflossen in den
stillen, sonnigen See.

Von Bartholom einher kam langsam ein plumper Nachen geschwommen,
beladen mit kleinen Blcken von Ahorn- und Zirbenholz. Ein alter Mann
fhrte das Ruder. Im Bug des Schiffes sa Ulei, der Bildschnitzer. Er
hatte sich neuen Vorrat fr seine Werksttte geholt. In der Hand hielt
er ein Kltzchen Holz und bosselte daran mit einem kurzen Messer.
Gewandt und sicher fhrte er jeden Schnitt, und immer deutlicher trat
aus dem Holz ein weiblicher Kopf hervor.

Da sagte der Alte: Ulei? Was liegt denn da drben im Wasser?

Wo, Vater?

Wo der Wildbach auslauft.

Ulei deckte die Hand ber die Augen.

Wohl, jetzt seh ich es auch.

Es schaut sich an, als tt ein Gewand im Wasser liegen.

Vielleicht hat einer was verloren. Geh, Vater, fahr hinber! Ulei
steckte das halb vollendete Schnitzwerk mit dem Messer in die Tasche und
erhob sich.

Der Alte drehte den Kahn und steuerte dem Ufer zu.

Mein Gott, Vater, stammelte Ulei, da hat's ein Unglck gegeben! Das
ist ein Weiberleut. Du lieber Herrgott! Was mu da geschehen sein?

Sie kamen nher. Von den Wellen des Wildbaches seitwrts getrieben, lag
die Leiche auf seichtem Grund, berdeckt von durchsichtigem Wasser, auf
dem das Kleid und die bleichen Hnde schwammen.

Uleis Augen wurden starr und sein Gesicht erblate; er sprang aus dem
Nachen und ri den leblosen Krper empor. Vater, schau nur, schau! Die
Zenza! Die Worte erstarben ihm. Wie versteinert blickte er auf die
Entseelte nieder, deren Haupt mit triefendem Haar, mit geschlossenen
Augen und blutlosen Lippen in den Nacken hing. Aus dem Mieder und unter
den zerrissenen Zpfen sickerte Blut in dnnen Tropfen hervor. Das
Gesicht war unentstellt; jeden Zug von Trotz und Wildheit hatte der Tod
verwandelt in stillen Frieden.

Taumelnd watete Ulei an das Ufer, bei jedem Schritte keuchend unter
seiner Last.

So ein Unglck! jammerte der Alte. Das arme Ding! So ein junges,
lebfreudiges Mdel! Ulei, bleib bei ihr! Ich fahr davon und lauf ins Ort
hinein. Er hatte schon den Kahn gewendet und trieb ihn mit hastigen
Ruderschlgen ber den See.

Ulei war auf einen Steinblock niedergesunken. Mit beiden Armen prete er
den entseelten Krper an seine Brust, als knnte er die Klte des Todes
noch verscheuchen durch die Wrme seines eigenen Lebens.

Von Kind auf war sie ihm lieb gewesen. Immer gingen ihre Wege an ihm
vorber. Sein Herz geduldete sich und hoffte. Wenn er in seiner
Werkstatt bei der Arbeit sa, stand es immer vor ihm wie ein Traum, der
sich einst noch erfllen mte: da er sie umschlungen hielte und drfte
sie herzen und kssen.

Jetzt hatte sein Traum sich erfllt. Nun lag sie in seinen Armen. Scheu
neigte er das Gesicht und drckte seine Lippen auf ihren kalten Mund.
Sie duldete seinen Ku und wehrte sich nicht.

Du mein Schatzl! Seine Hand zitterte, als er das blutige Haar von
dieser blassen Stirne strich. Und wenn ich hundert Jahr alt werd, ich
bleib dein treuer Bub! Gelt ja!

Auf blumigem Rasen legte er sie nieder, ordnete ihr Haar und schob ihr
seine Joppe als Kissen unter den Kopf. Einen Zweig mit blhenden
Alpenrosen, den er von der nahen Felswand holte, legte er in ihre Hnde.

Auf den Knien sprach er ein Gebet. Dann setzte er sich neben der Toten
auf die Erde und zog aus seiner Tasche das hlzerne Kpfchen und das
Messer hervor. Vor jedem Schnitt, den er fhrte, hing er mit langem
Blick an dem stillen, weien Gesicht.

Zwei Stunden vergingen. Dann kam ein Schiff mit Leuten; unter ihnen der
Eggebauer. Als er mit schlotternden Knien an das Ufer stieg, muten ihn
zwei Mnner sttzen.




                                 28.


Wo nur die Zenza bleibt?

So fragten sie immer wieder, wenn sie fr kurze Weile aus ihrem wortlos
trumenden Glck erwachten.

Wo nur die Zenza bleibt?

Sie traten vor die Htte und riefen Zenzas Namen ber das Almfeld und
gegen den Bergwald. Alles blieb still.

Wirst sehen, sie kommt nit. Und ich mein', ich wei warum! flsterte
Haymo.

Gittli sah ihn fragend an; dann schttelte sie den Kopf. Sie wird halt
md gewesen sein und hat sich an einem stillen Platzl schlafen gelegt.

Meinst du? sagte er. Aber gelt, du wirst auch selber md sein?

Nit ein ltzel! Ich mein' vllig, ich htt tausend Jahr lang geschlafen
und wr mit einmal aufgewacht, und derweil ist alles anders geworden,
und ich selber bin eine andere!

Was? Eine andere bist du? So, schn, jetzt hab ich gar zwei Schtzlen.
Ich wei nur nit, welches ich lieber hab: dasselbig, das du gewesen,
oder dasselbig, das du geworden bist. So scherzte Haymo und wollte sie
umfangen. Sie schlpfte in die Htte und wehrte ihn ab, als er folgen
wollte. Er mute sich auf die Bank setzen und warten. Und bevor sie ihn
nicht riefe, drfe er beileib nicht kommen.

Er sa kein Vaterunser lang, da fragte er schon: Darf ich noch allweil
nit hinein?

Jesus! Untersteh dich! hrte er sie erschrocken stammeln.

Nun wartete er geduldig, sah mit leuchtenden Augen hinauf ins Blau und
lauschte jedem leisen Gerusch, das sich in der Htte vernehmen lie.

Jetzt trat sie kichernd aus der Tr. Er machte zuerst groe Augen, dann
schlug er mit glckseligem Lachen die Hnde ineinander. Gittli stimmte
in sein Lachen ein. Ich hab ein ltzel in der Zenza ihrer Truh gekramt.
Meinst, sie wird harb sein? Gelt nein? Sie hat ja selber allweil ber
das dumme Hs gescholten. Was sagst du, wie ich ausschau! Sie hob die
Arme und drehte sich. Er wollte kaum aus dem Lachen kommen. Gittli sah
aber auch gar zu drollig aus. Das weie, bis an den Hals geschlossene
Hemd und der kurze Rock htten ihr leidlich gepat. In dem schwarzen
Mieder aber htte ihr schlankes Persnchen noch ein zweites mal Platz
gefunden, und jeder Fu stak in dem plumpen Schuh wie ein Spatz im
Hhnerkorb. Was sagst du, wie ich ausschau?

Aber lieb! So lieb! Er haschte sie mit beiden Armen und zog sie auf
die Bank. Da hast du einen gescheiten Einfall gehabt. Ich hab mich
ehnder schier nit getraut, da ich dich anrhr.

Wie sehr ihm jetzt der Mut gewachsen war, das fhlte sie aus dem
ungestmen Ku, mit dem er ihre stammelnden Lippen schlo.

So saen sie in der Sonne, bald still versunken in ihr zrtliches Glck,
bald wieder in heiterem Geplauder. Kein Wort, das sie sprachen, kein
Gedanke, den sie dachten, ging ber den Augenblick hinaus. Sie fragten
nicht, was _vor_ diesem Tag gewesen, fragten nicht, was _nach_ diesem
Tage kommen sollte. Eine selige Stunde war ihnen vom Himmel gefallen,
wie Sonnenschein nach Ungewitter, und sie freuten sich ihrer als zwei
Glckliche, die zusammengehren, weil der liebe Herrgott sie freinander
geschaffen hat. Ihr Glck war so still zufrieden wie eine Blume, die in
dem Augenblick, da ihr Kelch sich dem warmen Licht erschliet, doch auch
nicht fragt, wer ihren Samen in die Erde legte, oder wer sie brechen
wird in der nchsten Stunde. Sie blht und freut sich.

Endlich lste Gittli sich aus den Armen des Jgers. Ihre Wangen glhten
wie zwei Rosen. Mit zitternden Hnden strich sie das Haar von den
Schlfen zurck.

Schau, Haymo, die Sonn steht ber Mittag. Hast du denn keinen Hunger?

Er schttelte lachend den Kopf.

Aber ich! sagte sie kleinlaut.

Erschrocken sprang er auf. So komm doch, Schatzl, komm! Es wird in der
Htt wohl ein ltzel was zu finden sein. Und die Zenza wird's schon
verlauben.

Was die aber lang ausbleibt! Vllig bangen tut's mich, da ich ihr ein
Vergeltsgott sagen mcht. Aber gelt, wenn sie kommt, da mssen wir gut
sein mit ihr. Sie hat's verdient um uns.

Haymo nickte. Dann traten sie in die Htte. Mehl, Salz und Butter fand
sich im berflu. Als aber Gittli auf dem Herd das Feuer schren wollte,
fate Haymo ihre Hnde. Nein, Schatzl, heut darfst du nit schaffen,
heut mut du schon mir die Sorg lassen. Da wirst du schauen, was ich dir
aufkoch! Und du, er hob sie mit beiden Armen empor und legte sie sanft
auf das Heubett nieder, du tust derweil ein ltzel rasten! So, Schatzl!
Gelt, da liegst du gut?

Erst war sie ein wenig erschrocken, dann aber lie sie ihn lchelnd
gewhren, und als sie in das weiche, duftende Heu versank, schlang sie
die Arme um seinen Hals und zog sein Gesicht an ihre heie Wange. Gelt,
Haymo, wir zwei tun nimmer voneinander lassen?

Nimmer, Gittli, nimmer, nimmer!

Eine Weile sa er auf dem Rand des Bettes. Schweigend hielten sie sich
bei den Hnden. Pltzlich sprang er auf. Jetzt mu ich aber schaffen,
sonst tust du mir am End noch verhungern, du Hascherl, du arms!

Sie schob die gefalteten Hnde unter die Wange, schmiegte sich tief in
das duftende Heu, und whrend Haymo auf dem Herd das Feuer schrte,
blickte sie unter halb gesunkenen Lidern hervor, mit dankbar zrtlichen
Augen jede seiner Bewegungen verfolgend. Flsternd strmten ihre tiefen
Atemzge ber die leicht geffneten Lippen. Ihr war so wohl! Sie htte
sich fr das ganze Leben nichts anderes mehr gewnscht, als nur immer so
liegen zu drfen, so weich zu ruhen, mit dieser sanften Wrme im Herzen,
mit diesem sen Gefhl: da treue Liebe ihre Ruh behte, treue Liebe
fr sie sorge und schaffe.

Immer wieder nickte Haymo ihr lchelnd zu. Er ging auf den Zehen und
suchte jedes Gerusch zu vermeiden, whrend er alles herbeitrug, was er
zur Bereitung der Mahlzeit ntig hatte. Auf dem Herde knisterten die
brennenden Spne, leis rauschten die zngelnden Flammen, durch die
Lcken des Schindeldaches fielen einzelne Sonnenstrahlen gleich goldig
schimmernden Fden, und der dnne Rauch, der sich langsam zwischen dem
beruten Sparrenwerk verzog, umspann alle Balken mit blulichem Duft.

Immer tiefer sanken ber Gittlis Augen die schwarzen Wimpern, und sacht,
unmerklich flossen ihre Trume aus dem Wachen hinber in einen tiefen
Schlaf.

Haymo lie die Arbeit ruhen; er wre mit seinem Werk in einer
Viertelstunde zu Ende gewesen, und dann htte er Gittli wecken mssen.
Doch er sah, wie wohl ihr der Schlummer tat. Leise trug er einen
Holzpflock neben das Heubett, lie sich nieder, schlang die Hnde um die
Knie, lehnte den Kopf an die Kante des Lagers und betrachtete das
Gesicht der Schlummernden.

Sie lag und regte sich nicht; nur manchmal bewegte sie ein wenig die
Lippen, als sprche sie im Traum; dann zuckten auch die Wimpern, die
gleich dunklen Sicheln auf den sanft gerteten Wangen lagen; und bei
jedem tieferen Atemzuge hob sich die junge Brust unter dem weien
Leinen. Haymo streckte die Arme -- es war, als mchte er aufspringen,
als mchte er sie aus dem Schlaf empor reien an sein Herz. Doch scheu
und leise duckte er sich wieder auf den Holzpflock nieder, um die
Schlummernde nicht zu wecken.

Stille Stunden verrannen.

Als Haymo meinte, da Gittli nun doch bald erwachen wrde, ging er zum
Herd. Sie sollte nicht warten mssen auf die Mahlzeit. Als die heie
Butter in der Pfanne zu zischen begann, bewegte sich Gittli, schlug die
Augen auf, lchelte -- und schlief wieder ein.

Haymo bte sein Kchenamt mit peinlichster Sorgfalt. Vor Aufregung, ob
die Speise auch wohl geraten wrde, zitterten ihm die Hnde. Doch als er
einmal kostete, schien er nicht unzufrieden mit seinem Werk. Und whrend
er die Pfanne wieder ber das Feuer setzte, begann er mit halblauter
Stimme zu singen:

   Der Winter ist zergangen,
   In Bluh steht alle Heid,
   Da kam zu mir gegangen
   Gar se Augenweid.

Immer lauter wurde sein Lied, bis es endete mit klingendem Jauchzen:

   Jo ho, jo ho,
   Mein Herzl, das ist froh!

Da brauchte er Gittli nicht mehr zu wecken; sie sa im Heu, lachte ihn
an mit hellen Augen und streckte die Arme.

Als wr' sie eine Feder, so schwang er sie in die Hhe und drehte sie im
Kreis. Kichernd zappelte sie mit den Fen. Aber auf die Erde kam sie
nicht wieder; sie sa auf Haymos Scho und wute nicht, wie das gekommen
war. Mit dem einen Arm hielt er sie an sich gedrckt, mit dem anderen
zog er die Pfanne herbei. Und weil sich in der Htte nur ein einziger
Holzlffel vorgefunden hatte, mute Gittli dulden, da Haymo ihr jeden
Bissen zwischen die lachenden Lippen schob. Sie wehrte sich wohl, aber
nur, weil ihr Struben das zrtliche Mahl verlngerte. Und wie sie jeden
Bissen lobte! Haymo wurde stolz auf seine Kochkunst. Ja, du, sagte
sie, das schmeckt einem! Weit du, da drin, sie machte einen Deuter
mit dem Kopf und meinte das Heim der Domfrauen in Salzburg, da drin hab
ich Sachen essen mssen, da einem vllig htt grausen mgen. Was die
Herrenleut manchmal fr einen Geschmack haben! Ich begreif das nit.

Er lachte und hielt ihr den vollen Lffel hin.

Halt! Der gehrt wieder _dir_! schalt sie, denn sie wachte sorgsam
darber, da die Teilung redlich vollzogen wrde: erst sie einen Lffel,
dann er einen Lffel -- und dazu einen Ku als Merkzeichen.

Als die Pfanne leer war, sagte sie erschrocken: So, schn! Jetzt haben
wir der Zenza gar nichts brig lassen. Aber was sagst du! Jetzt ist die
noch allweil nit da! Komm, wir mssen uns ein ltzel umschauen nach
ihr. Sie lief zur Tr hinaus und rief mit heller Stimme: Zenza,
Zenza! Ringsumher hrte sie nur das dumpfe Brllen der Khe und das
ruhelose Gebimmel der Almglocken. Als Haymo zu ihr trat, sagte sie:
Wirst sehen, die hat sich im Wald verschlafen. Aber wart nur, ich find
sie schon! Mit klappernden Schuhen lief sie gegen den Bergwald. Haymo
haschte sie, und nun wanderten sie langsam, eins ans andere geschmiegt,
dem Schatten der Bume entgegen, den die sinkende Sonne schon dunkel und
lang ber das Almfeld warf. Als sie den Waldsaum erreichten, hatten sie
schon wieder vergessen, was sie hierher gefhrt. Wo sie gingen, blhten
mit dunklem Rot die Almrosen. Sie pflckten die schnsten der blhenden
Zweige, und nach einer Weile prangte ein Strau an Gittlis Mieder, ein
anderer auf Haymos Kappe. Er legte den Arm um ihre Schulter, sie lehnte
die Wange an seine Brust, und so wanderten sie dem Feuerpalfen zu, aus
dessen verbranntem Rasen schon wieder die grnen Grasspitzen
hervorlugten.

Hast du nit daherdenken mssen in der Sonnwendnacht? fragte er leis.

Sie nickte errtend. Und wie ich eingeschlafen bin, da hab ich
getrumt.

Was denn?

Da du mir eine Scheib getrieben httst!

Aber, Narrerl, du liebs! Das hab ich ja doch getan! lachte er. Die
allergrte hab ich getrieben fr mein kleines Schatzl. Und geflogen ist
sie, als wr die Sonn heruntergefallen.

Sie umschlangen und kten sich, als fnden sich ihre Lippen zum
erstenmal. Kein Wunder, da sie dabei die nherkommenden Schritte zweier
Mnner und einen stammelnden Ruf berhrten, der vom Saum des Waldes
herklang.

Nun standen sie aneinandergeschmiegt und blickten still hinunter in die
ghnende Tiefe. Glatt und schwarzgrn lag der See zwischen seinen
felsigen, schon von dunklen Schatten umwobenen Ufern.

Schau, Haymo, lispelte Gittli, siehst du das Schiffl im See?

Wo, Schatz?

Dort, wo der Wildbach auslauft wie ein weies Band.

Wohl, jetzt seh ich es auch.

Das mu ein groes Schiff sein, es schaut sich schier an wie ein
Scheit.

Wohl, ich mein' auch, es mten viel Leut drin sein. Schau nur, und
hinter ihm kommt ein anderes!

Ein kleins, wie ein winziges Hlzl!

Sie schauten den beiden kaum merklich gleitenden Schiffen nach, die
hinter einem steil in den See abfallenden Waldrcken verschwanden.

Geh, Haymo, komm, sagte Gittli tief aufatmend, jetzt mssen wir die
Zenza suchen. Mir tut schon vllig bangen.

Sie wollten den Feuerpalfen verlassen. Als sie sich vom Absturz wandten,
fuhr ihnen der jhe Schreck in alle Glieder; sie erblaten und waren wie
versteinert; nur ihre Hnde suchten sich noch und schlossen sich fest
ineinander.

Herr Heinrich und Desertus standen vor ihnen.

Eine Weile wurde kein Wort gesprochen. Ernst betrachtete Herr Heinrich
das Paar, whrend Desertus, mit heiem Glanz in den Augen, nur Gittli zu
sehen schien.

Es schattet, Haymo, und ich finde dich hier? sagte Herr Heinrich
ruhig. Hast du meines Gewildes ganz vergessen? Und deiner Pflicht?

Herr! stammelte Haymo, whrend brennende Rte ber seine Stirne flog.
Kein zornig scheltendes Wort htte ihn eingeschchtert; aber diese
freundliche Mahnung brachte ihn um den letzten Rest seiner Fassung. Mit
ratlosem Blick suchte er Gittlis Augen. Ich mu gehen. Ich mu.

Da erwachte sie aus ihrer Erstarrung. Sie umschlang ihn mit beiden
Armen, schmiegte den schlanken Leib an ihn, als mchte sie mit ihm in
eins verwachsen, und drckte das bleiche Gesicht an seinen Hals: Ich
la dich nimmer und ich la dich nimmer!

Verstrt sah Haymo zu Herrn Heinrich auf. Schauet, Herr! Wir haben uns
lieb.

Und ich la mich nimmer wegschaffen, fiel Gittli mit bebender Stimme
ein, die fester klang von Wort zu Wort, und ich la mich nimmer
wegreien von ihm. Da darf kommen, wer mag. Ich la mich nimmer
wegreien. Ich wei nit, was man allweil von mir will? Ich hab doch
keinem was getan, ich bin doch ein braves Leut, und keiner hat ein Recht
an mich, als der einzig, den ich lieb hab. Sie hatte sich aufgerichtet,
ihre Augen blitzten, eine wilde Entschlossenheit verschrfte ihre Zge.
Und eh ich mich wieder wegreien la, eh spring ich lieber da hinunter,
wo's am tiefsten ist. Komm, Haymo! Sie klammerte die zitternden Hnde
um seinen Arm und zerrte ihn gegen den Abgrund. Komm! Da haben wir Ruh
und bleiben beieinander!

Kind! schrie Desertus erblassend. Auf Gittli zustrzend, umfing er sie
mit beiden Armen und ri sie vom Rand der Felsen zurck. Gittli wehrte
sich gegen ihn mit zorniger Kraft, er aber lie sie nicht mehr. Kind!
Du Kind! Und die Lippen zu ihrem Ohr neigend, flsterte er, nur ihr
allein verstndlich: Es will dich niemand wegreien von ihm! Da
erlahmte ihr Widerstand. Scheu erschrocken blickte sie zu ihm auf, und
als sie seine Augen sah, diese zrtlich leuchtenden Augen, fiel es in
ihr gemartertes Herz wie eine Offenbarung: hier ist Hilfe, hier ist
einer, der es freundlich meint. Herr, guter Herr! stammelte sie.
Stehet mir bei in meinem Leid! Ihr habt doch auch eine liebe Frau
gehabt und liebe Kinder. Schauet, ich hab ihn halt so lieb, so lieb!

Haymo stand mit blassem Gesicht. Sein Atem ging keuchend, und unstet
blickten seine Augen. Er sah, wie Desertus die Arme um Gittli
geschlossen hielt und ihren schlanken Krper an sich drckte. Haymos
Fuste ballten sich. Um gewaltsam zu bezwingen, was sinnverwirrend in
ihm aufstieg, packte er mit den Fusten die eigene Brust.

Herr Heinrich ging auf ihn zu. Haymo! Was hast du aus diesem Kind
gemacht?

Ich, Herr?

Hast du nicht gehrt, was sie gesprochen hat?

Es hat halt in ihr das Herz geredet, wie in mir das meinige. Wenn Euch
das nit gefallt, Herr, dann msset Ihr rechten mit Eurem Herrgott!

Mit _meinem_ Herrgott? Hast du einen anderen? Oder gar keinen?

Wohl, Herr, ich hab schon einen. Das ist ein guter. Es ist derselbig,
der das in uns zwei hineingelegt hat, da es keiner nimmer herausreit.
Und wenn Ihr meinet, da es doch geschehen knnt, so habt Ihr einen
andern.

So? lchelte Herr Heinrich.

Ja, und dann vertragt sich auch der meinig mit dem Eurigen nimmer.
Haymos Stimme verlor sich in dumpfes Murmeln. Und wir zwei taugen auch
nimmer zueinander!

Du sagst mir den Dienst auf?

Haymo senkte den Kopf, ein Schauer rttelte seinen Krper, er blickte
wieder auf und suchte mit irrenden Augen das Gesicht des Propstes; aus
seiner Kehle wollte kein Laut.

Gut! Ich kann dich nicht zwingen! sagte Herr Heinrich. Du bist kein
Hriger, du bist ein freier Mann. Aber ich lasse dich ungern ziehen. Ich
war dir gut, denn du hast mir treu gedient. Und so gerne wie dir hab ich
noch keinem den Spruch gesagt: >Wehr ohne Schart und Fehl, graden Sinn
ohne Hehl, treues Herz ohne Wank<. Was hast du? Wolltest du etwas
sagen?

Haymo wrgte nach Worten und schttelte den Kopf.

Gut also! Wenn du es nicht anders willst. Am Michelstag bist du deines
Dienstes enthoben. Als Klosterjger! Ein Lcheln spielte um Herrn
Heinrichs Mund.

Am Michelstag also! Am Michelstag! raunte Haymo vor sich hin, whrend
er sich mit der Hand ber das Haar strich. Wohl, am Michelstag, da geh
ich. Wenn ich gleich mein halbes Leben dahint la. Und da ich bis
selbhin meine Pflicht tu, ich mein', Herr, dafr kennet Ihr mich. Er
wandte sich zu Gittli, die bla und zitternd stand. Beht dich Gott! Es
schattet, und ich mu nach dem Gewild schauen. Das ist Jgerpflicht, die
ich beschworen hab. Beht dich Gott derweil!

Haymo! stammelte sie; aber nur eine ihrer Hnde lie Pater Desertus
frei, und diese Hand streckte sie dem Jger hin, der sie mit festem
Druck umfate.

Ich mu gehen, sagte er mit schwankender Stimme, aber am Michelstag,
da bin ich mein eigener Herr, da komm ich und such dich wieder. Was die
Herrenleut von dir wollen mgen, ich wei es nit. Aber ich komm und such
dich, da kannst du dich verlassen drauf. Und wenn ich dich nimmer find,
so mein' ich wohl, da man auch mich wird suchen mssen. Unter der
Landtaler Wand ist ein Fleckl. Da geht einer nit irr, der mich suchen
mag.

Haymo, Haymo! schluchzte Gittli und klammerte die Finger um seine
Hand. Er ri sich los und strzte der Htte zu.

Herr Heinrich blickte ihm nach und schttelte den Kopf. ^Amantes
amentes!^

Desertus schlang die Arme um Gittli, zog sie an seine Brust und
flsterte: La ihn doch, du Nrrlein, er kommt schon wieder!

Als Haymo die Htte erreichte, ri er die Armbrust von der Wand und
fate das Griesbeil. Auf einer Holzbank sah er das bel zugerichtete
weie Kleid und das Mntelchen liegen, packte beides mit zornigem Griff
und warf es in die glhenden Kohlen. Eine Flamme loderte auf, und im Hui
war das dnne Gewebe in Asche zerfallen.

Er trat ins Freie. Drben ber dem Almfeld wanderte Gittli langsam, mit
gesenkter Stirne, den Waldsaum entlang, zwischen Herrn Heinrich und
Pater Desertus, der sie an der Hand fhrte.

_Der_! Und allweil _der_! stammelte Haymo. In wirren Gedanken blickte
er den dreien nach, bis sie im Wald verschwunden waren. Dann stieg er
den hheren Bergen zu, mit so ungestmer Eile, da er bald den Atem
verlor und rasten mute.

Fnf lange, bange Stunden whrte der Weg, auf dem er kreuz und quer sein
ganzes Revier durchwanderte. Er suchte die steilsten Gehnge und die
gefhrlichsten Pfade, um durch die Erschpfung des Krpers seine
Gedanken und sein Herz zu betuben.

Als er zu den Htten kam, lag ber den Bergen schon die tiefe sternhelle
Nacht. Aus der halboffenen Tr des Herrenhauses leuchtete ein matter
Feuerschein. Haymo wollte zur Jgerhtte gehen. Da rief ihn Herr
Heinrich an. Der Propst und Desertus saen vor dem Herrenhaus auf der
Bank. Haymo sphte und lauschte, aber von Gittli war nichts zu sehen,
nichts zu hren.

Nun? Wie ist der Pirschgang ausgefallen? fragte Herr Heinrich. Hast
du Wild getroffen?

Wohl, Herr, erwiderte Haymo, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, unter
den Wnden ist eine Fahlgei mit ihrem Kitz gestanden, Gemsen hab ich
zweiunddreiig gezhlt, und auf dem Kreuzwaldlahner ist ein guter Hirsch
ausgezogen, dem das Geweih bald reifen wird. Die Kolben zeigen schon die
vierte Kron.

Brav, Haymo, den wollen wir uns holen in der Brunft. Herr Heinrich
stockte. In der Brunft? Ach so, ich vergesse! Die gute Brunft beginnt
um den Sankt Pelagitag. Und eine Woche frher fllt schon der
Michelstag. Schade! Schade!

Haymo erzitterte, als htte er einen Sto vor die Brust erhalten.

Aber jetzt geh, Haymo, koch dir ein Nachtmahl und dann leg dich
schlafen! Du mut morgen wieder zeitig auf den Beinen sein.

Ein paar heisere Laute wrgte Haymo zum Gru heraus und wollte zur
Jgerhtte gehen.

Nicht dort! rief ihm Herr Heinrich nach. In deiner Htte schlft das
Mdchen. Du mut dich fr heute mit dem Heuboden begngen. Drinnen auf
dem Herde findest du, was fr deine Mahlzeit ntig ist.

Haymo trat in die Herrenhtte, schrte das erlschende Feuer und begann
seinen Imbi zu bereiten. Er tat es nur, weil Herr Heinrich gesagt
hatte: Koch dir dein Nachtmahl! Noch eh er damit zu Ende war, kamen die
Herren in die Htte. Der Propst ging in die Stube, Desertus blieb unter
der Tr mit verschrnkten Armen stehen und wandte keinen Blick seiner
stillen, warm leuchtenden Augen von Haymo. Dem Jger wurde unter diesem
forschenden Blick unheimlich schwl zu Mut. Der Schwei trat ihm auf die
Stirn. Aber er tat, als she er den Chorherren nicht, hockte sich mit
der Pfanne in einen Winkel und wrgte Bissen um Bissen hinunter. Das
Mittagsmahl hatte ihm besser geschmeckt! Mit einem tiefen Atemzug sprang
er auf. Als er ber die Leiter emporsteigen wollte, trat Desertus auf
ihn zu, streckte ihm die Hand hin und sagte lchelnd:

Gute Nacht, Haymo!

Gute Nacht, Herr! murmelte der Jger. Die gebotene Hand bersah er.
Droben warf er sich ber das Heu und grub das Gesicht in die Arme.

Als er nach einer Weile wieder ruhig wurde, hrte er die Herren in der
Kche noch miteinander reden. Dann wurde alles still.

Leise strich der Nachtwind ber das Schindeldach. Haymo wachte mit
klopfendem Herzen. Als er meinte, da Mitternacht schon vorber wre,
streifte er die Schuhe von den Fen, stieg lautlos ber die Leiter
hinunter und tappte durch die Finsternis zur Httentr.

Sie war versperrt. Der Schlssel war abgezogen.

Fast eine Stunde stand Haymo zitternd auf einem Fleck. Als er sich
endlich wieder zu rhren wagte und zum Heuboden hinaufstieg, knarrte
auch noch die Leiter.

Drauen war der Mond aufgegangen; sein bleicher Schimmer quoll durch die
Lcken im Dach. Haymo lag schlaflos; er hielt die Hnde unter dem Nacken
verschrnkt und starrte mit brennenden Augen auf eine der hellen Lcken.

Als er meinte, da der Morgen zu grauen begnne, erhob er sich und stieg
in die Kche hinunter. Dabei machte er Lrm und hustete. An der Tre
rttelte er, als wte er noch nicht, da sie versperrt wre.

Er trat in die Stube.

Haymo? fragte Herr Heinrich in der Schlafkammer.

Wohl, Herr! Ich kann nit hinaus. Es mu einer die Tr versperrt haben.

Komm her zu mir! Herr Heinrich griff unter das Lederpolster und zog
den Schlssel hervor. Da nimm! Und kannst auch gleich am Fenster den
Laden aufstoen. Ich mein', der Morgen wird schn.

Haymo tat, wie ihm geheien war. Nun trat er ins Freie. Das graue Licht
des Morgens kmpfte mit dem Mondschein. Still und dunkel lag die
Jgerhtte. Als Haymo ihr entgegenschritt, schlug ihm das Herz bis an
den Hals herauf. Trotz der Dmmerung sah er mit seinem Falkenaug, da am
Fenster der Laden offen stand. Aber ein offenes Fenster war auch
_hinter_ ihm.

Wart nur, murmelte er und raffte ein Steinchen von der Erde, so
gescheit wie die Herrenleut bin ich auch noch!

Als er die Htte erreichte, warf er, fast ohne die Arme zu rhren, das
Steinchen ins Fenster. Ein leiser Schrei klang aus der Stube. Haymo
lehnte das Griesbeil an die Blockwand und bckte sich, als mte er die
Schuhriemen fester knpfen.

Gittli! flsterte er.

Haymo! klang es in der Stube mit zitterndem Laut, und gleich darauf
erschien ein weies Gesicht am Fenstergitter.

So, jetzt kann er meintwegen zuschauen, wie er mag! Mit flinkem Satz
sprang Haymo auf das Fenster zu. Das war nun freilich ein beschwerlicher
Ku, denn die Lcken des Fensters waren eng, die eisernen Stbe dick --
aber ein Ku war es doch.

La dich nur nichts verdrieen, Gittli! Tu nur festhalten, gelt?

Wie ein Astl am Baum!

Wieder fanden sich ihre Lippen.

Beht dich Gott, Schatzl!

Beht dich Gott tausendmal, mein lieber, lieber Bub!

Haymo fate das Griesbeil und taumelte davon, das Herz zum Springen voll
von Leid und Freude.

Hinter dem offenen Fenster des Herrenhauses standen der Propst und
Desertus.

Es eilt, Dietwald, es eilt! sagte Herr Heinrich lchelnd.

Das merk ich, Herr! Wenn ich nicht das Elend meines Kindes will, mu
ich flink die Hnde rhren zu seinem Glck.

Haymo war schon hinausgewandert in die Dmmerung. Er kam an diesem
Morgen mit seinem Hegergang so rasch zu Ende wie noch nie. Als die Sonne
ber die Berge emportauchte, war er schon wieder auf dem Heimweg. Von
der Kreuzhhe sah er die Htten; sie waren geschlossen. Sphend blickte
er ber die Tler, die der Pfad durchschnitt. Nahe dem Bergwald sah er
die Herren mit Gittli gegen die Almen wandern; sie verschwanden unter
den Bumen und kamen auf dem Almfeld wieder zum Vorschein. Aus der
Sennhtte lief ihnen ein Mdel entgegen. Das mute wohl die Zenza sein?
Eine Weile standen die viere beisammen. Dann gingen sie der Htte zu,
und trotz der weiten Ferne meinte Haymo zu erkennen, da Gittli von den
Herren gesttzt und gefhrt wurde.

Lieber Herrgott, stammelte er, sie wird doch nit letz geworden sein!
ber Felsen und Buschwerk strmte er hinunter ins Tal.

Als er nach einer halben Stunde atemlos die Alm erreichte, trat ihm
unter der Httentr eine fremde Person mit verweinten Augen entgegen.

Er starrte sie an. Sind die Herrenleut schon wieder fort?

Schon lang wieder.

Wo ist die Sennerin?

Die bin ich selber. Oder weit du noch nit, was geschehen ist? Weinend
erzhlte sie.

Haymo sank erblassend auf die Bank.

Gestern um Mittag hat man das arme Leut gefunden. Und der Jrgi geht
ab. Seit der Frh schon sucht man nach ihm.

Suchen? stammelte Haymo. Wo?

Beim Wildbach drunten.

Sich bekreuzend und ein Vaterunser betend, strzte Haymo davon, um sich
den Suchenden anzuschlieen.




                                 29.


Es war Herbst geworden. Von den Buchen fiel das welke Laub, und in den
khlen Nchten begannen schon die Hirsche zu rhren.

Wieder erwachte ein Morgen ber dem See. Ein grauer, schwerer Nebel
lagerte ber dem Wasser und flutete um die Bartholomer Klause. Man
konnte kaum auf zwanzig Schritte sehen. Die Tr der kleinen Kirche war
offen, und im Dmmerlicht der schmalen Halle stand Pater Eusebius neben
dem Altar. Auf den Stufen kniete Wolfrat. Als er sich erhob, schlug er
das Kreuz mit der linken Hand; der rechte Arm, den der rmel umhllte
wie einen drren Stecken, hing in einer ledernen Schlinge.

Schweigend traten sie ins Freie und gingen zum Ufer.

Schau, Wlfi, da wartet schon das Schiffl! sagte Pater Eusebius und
legte seine Hand auf die Schulter des Sudmanns. Jetzt schau halt, da
du gut heimkommst. Und sei gescheit und mach keinen Streich mehr!

Wolfrat schttelte den Kopf und tappte nach der Hand des Paters. Die
Augen gingen ihm ber. Vergeltsgott fr alles, Vergeltsgott
tausendmal! So stammelte er und quetschte dabei die Hand des Paters,
als wre sie eine Nu, die er knacken mte.

So hr doch auf! sthnte Eusebius und befreite seine rotberlaufenen
Finger. Der Kerl druckt noch mit _einer_ Hand wie ein anderer mit zwei
Fusten. Jetzt aber mach, da du weiterkommst! Oder hast du an den fnf
Monaten daherin nicht genug gehabt? Geh, Wolfrat! Wenn der Schnee fallt,
komm ich auch hinaus, und dann schau ich schon einmal, wie's geht bei
dir daheim. Er schob den Sudmann in das Schiff, in dem ein Knecht schon
das Ruder bereit hielt.

Wolfrat konnte nicht sprechen, er nickte nur und winkte mit der Hand.
Ein Ruck des Schiffes warf ihn auf den Sitz nieder. Schon nach wenigen
Ruderschlgen war das Ufer im Nebel verschwunden. Wolfrat starrte in die
grauen Schleier, die ihn umhllten, ihn und das dunkle Los, dem er
entgegenfuhr. Sein Herz drstete nach Weib und Kind. Aber wie durfte er
sich freuen, da ihm das Schwerste noch bevorstand. Mit dem lieben
Herrgott war er vielleicht auf gleich gekommen; aber der Vogt hatte auch
noch ein Wort zu reden. Und wenn die Strafe berstanden war, wie sollte
er dann schaffen fr Weib und Kind, mit seinem lahmen Arm? Im Sudhaus
war es vorbei mit der Arbeit; da brauchte man Leute, die ihre ganzen,
gesunden Glieder hatten. Mit der Bauernarbeit war es auch nichts; noch
weniger mit Holzen und Flen. Vielleicht aber fand sich etwas fr ihn
im Bergwerk? Auf einen Huerdienst durfte er freilich nicht rechnen;
aber einen guten Schlepper[34] gbe er wohl noch ab; so schwer mchte
niemand den >Hund< laden, da er ihn nicht vom Fleck brchte. Ein
Schlepper also!

Er seufzte tief und strich mit der linken Hand ber den drren Arm.

[Funote 34: Ein Bergknappe, der die gefrderten Erze auf einem kleinen
Wagen (Hund) hinwegschafft.]

Da blies ihm ein frischer Wind in den Nacken; der See begann sich zu
kruseln, und der Nebel kam in Bewegung. Wie in Streit und Kampf wallten
die grauen Massen durcheinander, wirbelten in drngender Eile ber das
Wasser, rissen entzwei, zeigten fr einen Augenblick einen blauen Fleck
des Himmels und eine sonnig schimmernde Bergzinne, schlossen sich wieder
und flossen wogend durcheinander. Immer dnner wurden die grauen
Schleier. Bald waren sie nur noch anzusehen wie blulicher Duft, durch
den der Glanz der Sonne schon herunterquoll auf das Wasser; jetzt
teilten sie sich mit einem klaffenden Ri ber den ganzen See hin,
legten sich an beiden Ufern mit flieenden Falten ber den steilen
Bergwald und schwammen langsam in die Hhe, spurlos zerrinnend in der
leuchtenden Luft.

Welch ein schner Morgen! Mit trinkenden Augen blickte Wolfrat umher in
dieser farbigen Pracht des Herbstes: tiefblau der Himmel, weiglnzend
alle Kalksteinfelsen der hohen Wnde, die Nadelwlder saftig grn, alles
Laub so feurig gelb und rot, als stnde jede Buche und jeder Ahorn in
Flammen. Und ber dem ganzen See, auf all den kleinen laufenden Wellen
blitzte der Widerschein der Sonne mit tausend gaukelnden Lichtern.

Der Nachen fuhr ans Land. Wolfrat stieg aus, reichte dem Knechte wortlos
die Hand und ging mit raschen Schritten davon. Er atmete freier; es war
etwas in seine bedrckte Seele gefallen wie ein Trost. Wo er auch ging,
berall Glanz und Licht. Die braunen Wiesen im Tau, die von
Spinnwebnetzen berzogenen Stoppelfelder, die welken Hecken und Bume,
die weie Strae, die fliegenden Fden in der Luft -- alles schimmerte.
Aus Hfen und Htten, das weite Tal entlang, stieg in geraden Sulen der
blaue Rauch. In der Ferne, zwischen schlanken Fichtenwipfeln, funkelten
die vergoldeten Kreuze auf Turm und Dach des Stiftes, und dahinter,
gleich einem riesenhaften Grenzstein des Klosterlandes, erhob sich der
Untersberg, ber dessen hchste Felsen schon ein dnner Schnee gefallen
war, so zart und duftig, als htten die roten Marmorstcke wei geblht.

Nicht weit von der Seelnde blieb Wolfrat verwundert stehen. Da war ein
neues stattliches Haus aus der Erde gewachsen; es stand zwischen Bumen
auf einer Wiese, die von einem frischgeflochtenen Hag umschlossen war.
Der Unterstock gemauert, der Oberstock aus gefchertem Sparrenwerk
gebildet. Auf dem Giebel des weien Schindeldaches war, die Vollendung
des Hauses kndend, ein mit bunten Bndern geschmcktes Tannenbumchen
errichtet. Dem Haus zur Seite stand ein zweiter Bau: Stall und Scheune.
Eine Schar von Arbeitern tummelte sich, um den Bauplatz zu rumen; aus
allem Lrm klang immer wieder eine befehlende Stimme, die der Sudmann zu
kennen meinte.

Wohl, das ist er schon! murmelte er und folgte mit sinnendem Blick dem
Chorherrn, dessen weier Talar bald hier, bald dort, an allen Ecken und
Enden auftauchte und wieder verschwand in treibender Geschftigkeit.

Auf der Strae stand ein Wagen, der mit dem Abrat des Baues beladen
wurde. Einen der Knechte, die Geblk und Bretter zum Wagen trugen,
fragte Wolfrat: Wem gehrt das Haus?

Dem Kloster. Um Sonnwend ist kein Stein noch gestanden, und jetzt schau
das Haus an! Der Knecht ma ihn mit zwinkernden Augen: Wer bist denn
du?

Wolfrat ging ohne Antwort davon; hinter seinem Rcken hrte er den
Knecht noch sagen: Meiner Seel, das ist heilig der Sudmann, den der Br
in der Arbeit gehabt hat!

Je nher Wolfrat dem Klosterdorf kam, desto heier wurde ihm ums Herz.
Von weitem schon suchte er den Giebel seines Lehens; er fand ihn nicht.
Ein qulendes Bangen beschlich ihn, als er neben dem Dach des Eggehofes,
dort, wo sonst der moosbehangene Giebel seines Hauses hervorgelugt
hatte, einen First von frischen Brettern leuchten sah. Immer grer
wurden seine Augen, je nher er kam. War denn das noch sein Lehen? Die
Lehmwnde wei getncht, das Dach geschindelt, kein schiefer Laden mehr,
berall neue Bohlen und Bretter, das ganze Haus um ein Doppeltes
gewachsen: denn aus dem niederen Schuppen war ein Stall und eine Scheune
geworden. Und das Rote im Garten? Was war denn das? Herr Gott, das waren
zwei grasende Khe!

Wolfrat wurde bleich und zitterte. Jetzt wute er, wie es stand. Sein
Lehen war an einen anderen gefallen, der sich das Nest schn warm und
sauber gerichtet hatte.

Taumelnden Ganges folgte er der Strae. Da sah er das Totenbrett seines
Kindes.

Schau, das hat er doch stehen lassen?

Aber schief stand es, als wr es von einem Wagenrad gestreift worden.
Wolfrat richtete es gerade und stampfte den Rasen fest, in dem es stak.

Mariele!

Er starrte die Zeichen des Namens an, von denen der Regen fast die ganze
Farbe gewaschen hatte.

Dann ging er mit hngendem Kopfe weiter. Er machte einen Umweg, um nicht
am Sudhaus vorber zu mssen.

Nun stand er am Fu des Nonnberges, vor der Gartenmauer des kleinen
Klosters, und zog den Glockenstrang. Eine dienende Schwester ffnete.

Was willst du?

Ist die Seph noch da? Die Polzer-Seph? Ich mcht reden mit ihr.

Die Schwester nickte und schlo die Tr. Er hrte die Nonne auf dem
knirschenden Kies davongehen. Nach einer Weile nherten sich langsame
Schritte, und Seph erschien auf der Schwelle. Sie erblate vor Schreck
und Freude. Wortlos reichten sie sich die zitternden Hnde und sahen
sich an.

Endlich atmete Sepha tief auf. Gr dich Gott, Polzer!

Gr dich Gott auch, Seph!

Weil du nur wieder da bist! Mein Gott, ist das eine schieche Zeit
gewesen!

Gelt ja?

Er zog sie sanft von der Tre weg. Der Mauer zu Fen setzten sie sich
auf den welken Rasen und lieen die Fe in den Straengraben hngen.

Sie sah ihn kummervoll an. Hast du auch vllig den Gesund wieder?

Wohl! Bis auf den da halt! Er streifte mit einem Blick seinen lahmen
Arm. Der wird nimmer anders. Den mu ich haben.

Ein Schauer rttelte ihre Schultern, als sie mit den Fingern ber den
schlotternden rmel streifte und den leeren Knochen fhlte. Eine stille
Weile verrann.

Aber du? sagte er. Wie geht's denn dir? Ich mein', du tust noch ein
ltzel blasselen?

Da mut du keine Sorg haben. Ich bin lang wieder richtig beinander und
kann wieder schaffen wie eh. Aber jetzt halt, weit, ich schau nur so
aus, weil -- weil halt -- Sie wurde rot. Merkst du es nit?

Er warf einen Blick ber ihre Gestalt. Seph! Seph! O du lieber
Herrgott! stammelte er und drckte sie an seine Brust. So saen sie
schweigend und blickten ziellos in den schimmernden Morgen.

Jetzt kommt's mir erst doppelt schwer an! murmelte er.

Das wird wohl ein Schmerzenkindl werden, das arme Wrml!

Und der Bub? Was macht der Bub?

Da huschte ein Lcheln ber ihre Zge. Den wirst du schier nimmer
kennen! Wie der ausschaut! Wie's helle Leben! Und gut hat er's. Die
besten Brcklen schieben ihm die Schwestern zu. berhaupt, Polzer, wie
man da gut ist mit uns, das kann ich dir gar nit sagen. Die Trnen
strzten ihr aus den Augen. Sie fuhr sich mit dem rmel ber das
Gesicht. Wart, ich hol dir den Buben, da du doch auch eine Freud
hast! Sie erhob sich und wollte zur Tr.

Er schttelte den Kopf und hielt sie zurck. La ihn, Seph, bis ich
wiederkomm!

Wo gehst du hin? Da sah sie den verstrten Ausdruck seiner Zge und
stotterte: Was hast du denn?

Zum Vogt mu ich. Und mu mich angeben.

Polzer! schrie sie und sah sich erschrocken nach allen Seiten um. Die
Sprache versagte ihr; nur mhsam brachte sie noch die Frage heraus: Es
_mu_ wohl sein?

Wolfrat nickte. Komm, Seph, machen wir's kurz! Beht dich Gott
derweil!

Sie umklammerte seine Hand; es kam kein Laut mehr ber ihre Lippen.

Er machte sich los und ging davon. Als er nach einer Weile
zurckschaute, stand Sepha noch unter der Tr. Langsam schritt er
weiter. Bei der Wendung der Strae blieb er wieder stehen. Sepha stand
noch immer auf dem gleichen Fleck.

Geh, Sepha, rief er, geh doch hinein!

Da wandte sie sich und verschwand in der Tr.

Aufatmend schritt er dem Markt entgegen. Einige Leute sprachen ihn an;
er nickte nur einen Gru und ging vorber. Bald erreichte er das Stift.
Die Wartestube des Vogtes war berfllt. Eben schob Herr Schluttemann
zur Tr ein altes Buerlein hinaus, das unter stotterndem Dank einen
Bckling um den andern machte.

Ja, Mannderl, ja, ist schon gut! sagte der Vogt. Und wenn du wieder
was brauchst, nachher komm nur gleich, gelt? Da gewahrte er den
Sudmann: Grundgtiger Herrgott! Seh ich denn recht? Wolfrat! Du? So
komm doch! Er packte ihn bei der Hand und zog ihn hinter sich her in
die Stube.

Wolfrat ri Mund und Augen auf und starrte Herrn Schluttemann an wie ein
heiliges Wunder. Eh er noch wute, wie ihm geschah, sa er schon in
einem Lehnstuhl, und vor ihm hockte Herr Schluttemann mit schlenkernden
Beinen auf dem Tisch. Lachend und immer die Hnde reibend haspelte der
Vogt ein Dutzend Fragen herunter, ohne die Antwort auf eine einzige
abzuwarten. Erschrocken hielt er inne, als Wolfrat sich pltzlich
aufrichtete mit aschfahlem Gesicht.

Was hast du, Wolfrat, was hast du denn?

Reden mu ich was! Frs erste aber will ich noch ein Vergeltsgott sagen
fr alles, was man an meinem Weib und Kind getan hat. Und nachher will
ich sagen --

Was denn? Was denn? Was denn?

Von wegen dem Jger. Derselbig, der ihn gestochen hat -- ich bin's
gewesen!

Herr Schluttemann verlor die Fassung. Du Mensch du, stammelte er,
aber das ist ja doch gar nicht mglich!

Wohl, ich bin's gewesen.

Der Vogt starrte den Sudmann an, griff sich an den Kopf und rannte
davon, hinein in die Stube des Propstes.

Herr Heinrich erhob sich von seinem Schreibpult; die Tr blieb offen
stehen, und Wolfrat konnte jedes Wort vernehmen.

^Reverendissime!^ Denket! Jetzt kommt dieser Wolfrat und gibt sich an
und sagt, da er es doch gewesen ist, der den Haymo gestochen hat.

Der Wolfrat? Herr Heinrich schttelte den Kopf.

Ja, der Wolfrat! Ich hab auch den Kopf geschttelt. Aber der Mann ist
da und sagt, er hat's getan.

Der Haymo hat aber fr ihn gezeugt. Und ein Jger hat gute Augen.

Vielleicht hat er Erbarmen gehabt?

Der Haymo lgt nicht. Ja, Vogt, Ihr habt dem Wolfrat damals unrecht
getan.

Aber meiner Seel, stotterte Herr Schluttemann, er steht doch drauen
und sagt, er hat's getan!

Das ist mir unbegreiflich. Aber wit Ihr, was ich meine? Der Mann trgt
es Euch nach, da Ihr ihm unrecht getan habt. Jetzt will er Euch den
Streich heimzahlen und kommt und spielt Euch einen Possen und bindet
Euch einen Bren auf, zur Heimzahlung fr den, der ber ihn gekommen
ist.

Da soll ihn doch gleich -- Herr Schluttemann zog mit der Faust aus, um
der Tischplatte eins zu versetzen; aber er besann sich noch rechtzeitig.

Ich mu gestehen, das ist ein keckes Stck! lchelte Herr Heinrich.
Der Mann geht zu weit. Das greift hart an Eure Wrde, Vogt! Das drft
Ihr Euch nicht gefallen lassen.

Und ich la es mir auch nicht gefallen! Da soll ja doch -- Herr
Schluttemann strmte mit purpurrotem Gesicht hinaus in die Amtsstube. Er
war seit Monden zum erstenmal wieder in hellem Zorn.

Wolfrat stand mit weit aufgerissenen Augen, zitternd am ganzen Leib, bei
jedem Atemzug die Farbe wechselnd.

Herr Schluttemann hielt ihm die Fuste unter die Nase und schrie: Gelt?
Jetzt steigt dir das Grausen auf! Wart, du Gauner, du schwollkopfiger,
dir will ich die Splen noch austreiben! Du sag mir noch einmal, da
du's gewesen bist! Gelt? Jetzt verschlagt's dir die Red! Wart nur! Wart!
Den Vogt uzen! Wart nur! Herr Schluttemann strzte auf die Wand zu und
ri am Glockenstrang; ein Fronbot trat in die Stube. Pack den Kerl!
Marsch in den Block mit ihm! Und nur fest hinein!

Der Fronbot fate den Sudmann, der wie ein Trunkener zur Tre schwankte.

Herr Schluttemann tat einen Pfiff, und als der Fronbot zurckkam,
tuschelte er ihm zu: Aber gib ein ltzel Obacht auf seinen lahmen Arm!

Der Fronbot nickte und packte den Sudmann wieder beim Kragen. Eine Weile
spter sa Wolfrat im Hof des Klosters auf der Erde, mit Arm und Fen
an den Block gefesselt. Warm schien die Sonne auf ihn nieder. Ein
Finkenweibchen kam herbeigeflattert, guckte ihn neugierig an und flog
wieder auf das Dach. Aus dem offenen Fenster einer hochliegenden Zelle
klang das sanfte Spiel einer kleinen Orgel.

Stunde um Stunde verging. Wolfrat rhrte sich nicht; wohl brannten die
Knchel, und sein Rcken schmerzte; aber er sa wie ein Trumender, und
seine Augen glnzten.

Als die Glocke zu Mittag lutete, kam Frater Severin mit einer
Holzbitsche und hielt sie an Wolfrats Lippen. Da trink!

In langen Zgen schlrfte der Sudmann den Wein, bis ihm der Frater die
Bitsche wegnahm mit den Worten: Halt aus ein ltzel, mut nit alles auf
einmal schlucken! Sonst kriegst du am End noch einen Rausch! Er stellte
die Bitsche auf die Erde, stemmte die Fuste in die Hften und
schnaufte. Wahrlich, Frater Severin hatte in diesen Monaten sein
mglichstes getan, um das >vollgedrckte Ma<, das ihm Gott der Herr
gegeben, in unversehrter Flle zu erhalten. Die paar Pfunde, die er auf
den Bergfahrten verloren, hatte er reichlich wieder zugesetzt.

Viel Schwei hat's freilich gekostet, ui jei! sagte er. Aber schn
ist's da droben doch allweil gewesen! Jetzt hat's ein End mit dem
Bergsteigen. Weit du, jetzt mu ich Tag um Tag in der Kch stehen. Von
der Hitz geht der Mensch auseinander wie der Teig in der Pfann. Er
verschrnkte die Hnde ber seinem wlbigen Buchl. Ein Kreuz! Ein
rechtes Kreuz! Lieber wr ich in meinem Garten geblieben. Aber weit du,
ich hab die Herdregentschaft erben mssen, seit Frater Friedrich, der
Kchenmeister, am Lachen gestorben ist.

Wolfrat hob verwundert die Augen. An was?

Am Lachen! sagte Frater Severin ernst.

Sonst macht das Lachen die mden Leut lebendig. Kann eins denn sterben
am Lachen?

Leichter als an der Sorg. Mit dem Bruder Friedrich ist's gegangen, so
schnell, ich wei nit wie. Eine wehmtige Trauer war noch in Frater
Severins Augen, als er das Gesicht hinberdrehte zu den offenen
Kchenfenstern, aus denen zarte, wohlduftende Dmpfe sich
herauskruselten. Je lnger Severin diese grauen Flatterfhnchen seines
ererbten Reiches betrachtete, um so frhlicher wurden seine Augen; nun
fing er leise zu lachen an, und auf dem strebsamen Hgel seiner
Nabelsttte machten die verschlungenen Hnde hurtighpfende Bewegungen.
Dabei sagte er: Eigentlich ist's ein schandbar Ding, da man beim
Gedenken an eines guten Menschen gottseliges Sterbstndl so lustig wird.
Aber das ist gewesen wie ein Fastnachtsspiel, so bermtig, da es der
Keckste von allen Klosterpoeten nit spassiger htt ersinnen knnen.

Er wischte die Lachtrnen aus den kleinen Augen. Und whrend der Sudmann
aller drckenden Pein des Blockes zu vergessen schien, fing Frater
Severin zu erzhlen an.

Da der tonnenrunde Kchenmeister Friedrich vor Lachen sterben mute,
das geschah in der Woche nach Sankt Jakobi. Schon seit Beginn des heien
Sommers hatte es den schwerbefrachteten, an Luftnot und Aderverhrtung
leidenden Bruder -- wie Frater Severin sich ausdrckte -- >arg beim
Zwickel<. Jeder Schnaufer wurde ihm zu einer so harten Mhsal, wie wenn
man ein gewichtiges Essigfa heraufziehen mu ber die steile
Kellertreppe und es quieksen beim Rutschen die Dauben und Reifen. Seit
einigen Tagen wollte ihm auch der Marksaft der Schneerosenwurzel nimmer
richtig helfen, den gedrosselten Atem nicht mehr erleichtern. Dennoch
harrte er, wie eine arme Seele auf den Himmel wartet, an jedem Morgen
auf die Mittagsstunde, in der ihm nach sparsamer Krankenkost die >zwei
Tropfen< gereicht wurden. Wollte die Erleichterung dann nicht kommen, so
bettelte er hundertmal wie ein krankes Bbl: Noch! Noch! Htte man es
ihm nicht gewehrt, er htte den Niewurzgeist geschluckt wie Rechberger
Auslese -- Frater Severin sagte: >wie des liebreichen Himmels
allerhchste Gnad<. Immer mute jemand bei dem Kranken sitzen und ihm
den Weg zum Fenster versperren, wo die kleine Phiole mit dem
wasserklaren Schneerosenblut in der Sonne stand, um die belebende Kraft
des Heilsaftes in der firmamentischen Wrme zu steigern.

Und da bin ich am Freitag nach Sankt Jakobi neben seinem Lehnstuhl in
der Kchenzell gesessen. In seiner schmerzhaften Sehnsucht hat er mit
den eingesunkenen Durstaugen allweil hinbergeschaut zum Fenster, hat
allweil die Hand gestreckt, die so rund gewesen ist wie ein
Butterkrapfen. Und endlich hat das Stndl geschlagen, wo ich das Flschl
hab holen drfen. Sein Gesicht, ui jei, das ist gewesen wie eine
mondgewordene Menschenfreud. Und derweil ich frsichtig die zwei
Trpflen hineinfallen la in seinen gewsserten Metbecher, geht drauen
in der Kch ein Bubengelchter los, da man meinen htt knnen, der
Teufel htt seinen Schwanz verloren. Ich stell das Flschl auf den Tisch
und spring zur Tr hinber, will gucken, was da drauen geschehen ist --
und da seh ich die Kchenbrder und Laufbuben herumstehen um die
Anrichttafel. Und jeder von ihnen mu sich vor Lachen zusammenbiegen,
mu die gespreizten Hnd heben oder ein Hockerl machen. Und der Walti
schreit wie ein lustiger Narr: >Mirakel, Mirakel, der Frater
Kchenmeister hat --< Er kann vor Lachen nit weiterreden. >Was hat er?<
frag ich. Und der Walti kudert: >Ein Kindl hat er gekriegt! Das schaut
ihm gleich wie ein grnes Johannisbeerl dem Krbis!< Ich will dem Buben
wegen seiner ehrfurchtswidrigen Red eine Gesunde hinter die Ohren hauen.
Aber kaum ich hinguck auf die Anrichttafel, da mu ich selber lachen --
ui jei, schau her, ich kann schier nimmer reden, so tut mir das Lachen
weh!

Frater Severins runde Mitte wackelte so hurtig, als wre die Erinnerung
fr ihn zu einer Wirklichkeit geworden, die er abermals erlebte. Auch
Wolfrat in seinen Schmerzen mute schmunzeln und sagte: Ich htt mir im
Leben nit denken mgen, was fr ein kurzweilig Ding das sein kann, im
Block sitzen. Und weil der Frater in seinem frhlichen Erinnern noch
immer schweigsam blieb, fragte der Sudmann: Sag? Warum ist's in der
Klosterkch am selbigen Freitag nach Jakobi so lustig zugegangen?

Einer von den Kchenjungen hatte einen Bubenscherz getrieben, um den
sich so viel Heiterkeit entspann, da die Lachenden nicht merkten, wie
grausam er war.

Halb aufrecht, mit den unbehilflichen Zappelhndchen in der Luft, sa
inmitten der groen Anrichttafel ein winziges, drollig entstelltes,
weigrnes Geschpf, wie ein kugelfrmiger Mrchenzwerg -- ein
Laubfrosch, den der Kchenjunge mit einem Strohhalm aufgeblasen hatte.
Weil das Tier bei der prallen Rundung seines silberweien Rnzleins
nimmer auf alle Viere kam, mute es aufgerichtet sitzen gleich einem
glsernen Mnnlein Steh-auf. Bei der geringsten Bewegung geriet es ins
Kollern und berrollte sich ein paarmal, bis es sich mit den
Hinterpfoten wieder an der Tischplatte festsaugen und zu dieser
Predigerstellung aufrichten konnte, die von unwiderstehlicher Komik war.

Ist kein neuer Spa gewesen, Gott bewahr, sagte Frater Severin, die
Unsinnigkeit der jungen Menschenleut ist ein ewiges Ding, und jeder
Lausbub lernt es vom andern. Man htt sich rgern sollen in
Barmherzigkeit. Aber das krbisfeiste Frschl hat ausgeschaut -- meiner
Seel, es hat grad so ausgeschaut als wie -- Er mute wieder verstummen,
weil ihn die lustige Erinnerung aufs neue berwltigte.

Wie der kleine, um das Vielfache seines Umfanges ausgedehnte Frosch so
inmitten der groen Tafel sa, glich er in seiner vorderen, milchweien
Hlfte einem drastisch geformten Augustinerpppchen. Und mit der
straffgedunsenen Trommel, mit den hilflos tappenden Hndchen, die immer
zu verlangen schienen: Noch!, und mit den weien Schlotterbacken unter
dem klagend verzogenen Mundschnitt hatte das Frschl mit dem leidenden
Frater Kchenmeister in seiner weien rundgepolsterten Kutte eine so
flink erkennbare hnlichkeit, da jeder vom Gesind der Klosterkche bei
diesem Anblick brllen mute, ob er wollte oder nicht.

Und derweil wir alle so kudern, hren wir ghlings hinter uns ein
Lachen, als tt einer mchtig herumklopfen auf einem hohlen Fa. Wir
gucken wie die Narren. Und was sagst du -- der Frater Kchenmeister, der
seit Wochen schier nimmer aus seinem Lehnstuhl gekommen ist, steht fest
und munter vor uns da! Kann schnaufen wie ein Gesunder! Und lacht und
lacht, ui jei, ich sag dir, in seinen ugerln ist's gewesen wie
neuvergoldeter Lebensglanz. Und er mu auch gleich gemerkt haben, was
uns alle so lustig macht. >Hoi,< sagt er, streicht wie ein Schwimmer die
runden Hnd auseinander, schupft zur Linken und Rechten einen Laufbuben
davon -- >hoi,< sagt er, >so lasset mich doch ein ltzel hingucken zu
meinem Ebenbild!< Und da mu er lachen, da er nimmer hat reden knnen!
Und buckelt sich mit Brust und Armen ber die Tafel hin. Und lacht und
lacht, als htt er so was Viehnrrisches im Leben noch nie gesehen. Und
wie wir alle vom Brllen schon md geworden sind, und es ist ein ltzel
stiller um die Tafel gewesen, da hren wir ein feines, langgezogenes
Tnlein -- piiiiiiiii -- als tt ein Spielmann lindhndig ber die
Fiedel streichen. Erst haben wir gemeint, der Frater Kchenmeister htt
so geschnauft. Aber Gott bewahr! Das ist die Luft gewesen, die dem
Frschl wieder entronnen ist. Und wie ihm so langsam das Buchl
schwindet, und wie wir das Frschl so als Singvogel ^in contrario^ haben
schrumpfen sehen zu der neidhaften Magerkeit, die der liebe Gott bei
Erschaffung der Welt den Laubfrschen gegeben hat -- ui jei, das kannst
du mir glauben, Sudmann, das ist von allem das Allerlustigste gewesen.

Frater Severin mute Atem holen.

Wir brllen noch alle, derweil das Frschl munter und vergngt schon
auf der Anrichttafel herumhupft und einen Ausweg sucht. Da merk ich
ghlings, da der Frater Kchenmeister nimmer lacht. >Bruder, was ist
dir?< frag ich. Und wie ich ihn anrhr beim Ellbogen, rutscht er langsam
von der Tafel auf den Boden hin. Und ist ein maustoter Mann gewesen! --
Freilich, der Tod schaut allweil aus wie ein trauriges Ding. Aber am
Lachen sterben? Ist das nit besser, als sterben an der Pest?

Wolfrat nickte. Ich wollt, ich tt das Lachen schon wieder knnen!

Eine Weile schwieg der Frater. Dann sagte er ein bichen verdrielich:
Mir hat man selbigsmal den Frwurf gemacht, ich htt nit obacht gegeben
auf das Flschl mit dem Niewurzgeist. Zehn Tropfen, heit es, machen
tot. Aber ich la mir ein Ding, das mich reuen mt, nit einreden. Das
Flschl wird umgefallen sein, und das Schneerosenblut ist ausgeronnen
und verdunstet. Er lchelte schon wieder. Und denk, das Frschl hat
keiner mehr gesehen. Mcht wissen, was geschehen ist mit ihm. Und ob's
noch lebt?

Der Sudmann murrte: Mcht lieber wissen, wer den Kuchlbuben bei den
Ohren genommen hat?

Freilich, ja! Frater Severin nickte nachdenklich vor sich hin. Aber
-- Sein fettes Rundgesicht bekam den Ausdruck tiefster Philosophie:
Wer blast denn _uns_ so auf? Langsam strich er mit den Hnden ber
sein >vollgedrcktes Ma<. Und weil ihm Wolfrat keine Antwort gab, hob
er die Bitsche von der Erde und hielt sie dem Sudmann an den Mund:
Komm! Schluck wieder ein ltzel!

Wolfrat trank.

Der liebe Herrgott soll's gedeihen lassen! seufzte Frater Severin, sog
den Rest aus der Kanne und ging davon. Auf den Abend komm ich wieder.

Er hatte da ein Versprechen gegeben, das er nicht halten konnte. Denn
als die Sonne von den Dchern geschwunden war, als es zwischen den hohen
Mauern schon zu dmmern begann und Wolfrat einmal aufblickte, stand Herr
Heinrich vor ihm.

Nun? Wird's dir schon bald zu lang?

Wolfrat schttelte den Kopf. Ach, lieber, guter Herr! Ich sitz mit
Freuden, bis ich umfall. Das ist doch keine Straf.

So? Meinst du? Herr Heinrich setzte sich auf den Block. Dann mu ich
raiten mit dir. Hast du nicht Snde mit Reue, Blut mit Blut bezahlt?
Hast du fr das Leben, das du dem Jger nehmen wolltest, nicht dein
eigenes Leben schier hingeben mssen? Hat dich nicht einer, der klger
ist als alle Richter der Welt, ein halb Jahr lang in den Block gelegt?
Trgst du nicht ein Merkzeichen davon fr deine Lebzeit? Und den
Steinbock hast du teuer genug erkauft: mit dem letzten Blick deines
Kindes. Htt ich dich hrter strafen knnen?

Wolfrat lie den Kopf sinken.

Schau, noch keiner hat, wo er Bses gest, eine volle hre geschnitten.
Einen wachsenden Kern hat nur das Gute. Man mu nur nicht allweil gleich
die eigene Scheuer damit fllen wollen, mu auch sen knnen, wo andere
ernten.

Wohl, Herr, das mu heilig wahr sein. Was wr denn jetzt mit mir,
wenn's nit gute Leut auf der Welt gb!

Ja, Wolfrat, das sag dir nur allweil, dann wirst du auch nimmer
vergessen, da man zusammenhalten mu und gut sein mit den anderen, hart
nur gegen sich selber. Ich mein', du hast es doch gesprt, wie schwer
und finster das Leben ist, und wie es ber einem oft liegen kann, als
wr es ein ganzer Berg. Wenn du so einem begegnest, dann mut du halt
auch flink zuspringen. Wirf nicht einen Stein noch drauf, sondern hilf
ihm tragen! Wirst sehen, dann kommt ihr beide zu einem sonnigen Fleck,
wo man rasten und ausschnaufen kann fr den weiteren Weg!

Wohl, Herr! Wolfrat blickte mit feuchten Augen zu Herrn Heinrich auf.
Aber wie soll ich noch etwas helfen knnen in der Welt? Ungrade Finger
greifen schlecht.

Ntzen und zum Guten helfen kann einer auch mit halben Armen. Wenn nur
ein ganzes Herz dabei ist! Und schaffen wirst du wohl auch noch knnen
fr Weib und Kind. Man mu halt ein richtiges Geschftl suchen fr
dich.

Vergeltsgott, Herr, Vergeltsgott! stammelte Wolfrat. Schauet, da hab
ich halt so fr mich gemeint: einen Schlepper im Salzberg tt ich
allweil noch abgeben.

So? Hast du denn schon einmal im Berg gefrdert?

Der Sudmann schttelte den Kopf.

Da wird's schwer halten! Alles will gelernt sein. Ich mein', du wirst
im Sudhaus bleiben mssen. Mit dem Feuern und Sieden hat's wohl ein End.
Aber Ausschau halten und in die Pfannen lugen und Kerbschneiden[35]
wirst du allweil noch knnen. Da verdienst du auch ein ltzel mehr
dabei. Der alte Rottmann[36] will sich zur Ruh setzen. Was der gehabt
hat, wirst du ja wissen. Und jetzt komm, steh auf!

[Funote 35: Jede Schicht eines Arbeiters wurde in zwei aneinander
gelegten Stben durch eine Kerbe verzeichnet; den einen Stab behielt der
Aufseher, den anderen der Arbeiter.]

Herr Heinrich erhob sich und ffnete den Block. Wolfrat aber blieb
sitzen und rhrte sich nicht; er starrte immer den Propst an und wrgte
nach Worten. Herr Heinrich mute ihn am Arm fassen und aufrichten.

Geh, Wolfrat! Deine Seph wartet daheim, sie wird sich ngstigen, wenn
du so lange bleibst. Streck dich! Und geh heim!

Wolfrat stand mit gebeugtem Rcken; das Sitzen im Block hatte ihn ganz
steif gemacht; aber das schien er nicht zu fhlen.

Heim? Heim? stotterte er mit halb erstickten Lauten. Wo bin ich denn
daheim? Jetzt saget nur gleich: im Himmel -- und ich glaub's!

Spter einmal! lchelte Herr Heinrich. Fr jetzt noch in deinem
Lehen. Wo denn sonst? Nun aber geh und beht dich Gott! Er fhrte den
Wankenden zum Tor und schob ihn auf die Strae.

Ein paar Schritte taumelte Wolfrat vorwrts. Als er hinter sich das Tor
ins Schlo fallen hrte, stammelte er erschrocken: Jesus Maria! Ich hab
vergessen -- Er sprang zurck und schlug mit der Faust an die Bohlen.
Herr, Herr! Lasset mich doch hinein! Lasset mich doch ein Vergeltsgott
sagen.

[Funote 36: Aufseher.]

Dank einem anderen! klang die Stimme des Propstes, whrend seine
Schritte sich entfernten.

Wie ein Berauschter schwankte Wolfrat auf die Strae und starrte in der
Dmmerung umher, als wr' es eine neue Welt, die ihn umgab. Da sah er
die Mauer des Friedhofs und hinter ihr die steinernen Kreuze. Er trat
hinzu und fand auch hier ein geschlossenes Tor. Am eisernen Gitter
streckte er den Arm durch die Stbe, als knnte er hineingreifen bis zum
Grab seines Kindes.

Auf dem Turm begann die Glocke zu luten. Sanft hallend schwebten ihre
Klnge ber das weite Tal, zu Ruh und Frieden mahnend. Wolfrat bekreuzte
sich und murmelte den Mariengru. Dann rannte er davon.

Keuchend erreichte er sein Lehen. In der Stube brannte schon das Licht.
Unter der Tre trat ihm sein Weib entgegen.

Seph! Seph!

Mehr brachte er nicht heraus. Er wankte, und sie mute ihn sttzen. Als
er in die Stube trat, streckte er die Hand, wie um mit einem einzigen
Griff alles zu fassen, was ihn umgab. Sepha lie ihn auf die Bank
sinken, und da saen sie nun und hielten sich wortlos umschlungen, bis
von drauen ein aufgeregtes Stimmchen tnte:

Mutter! Mutter! Alle zwei sind hinein in den Stall, ganz alleinig!

Wie eine Hummel kam Lippele in die Stube gesurrt und stand erschrocken
still.

Brscherl? fragte Wolfrat mit schwankender Stimme. Kennst du mich
nimmer?

Ji, der Vater, der Vater! schrie der Bub in Freude, kletterte auf
Wolfrats Knie und drckte und kte, da ihnen beiden fast der Atem
verging.

Aber Seph! Wo ist denn die Dirn?

Ich wei nit, was da sein mu! Jetzt hat man sie wieder im Klsterl
gehalten. Und die ganze Zeit her --

Sepha konnte nicht weiter sprechen. Denn Lippele drckte ihr die Hand
auf den Mund und gebot: Sei still, Mutter, ich mu dem Vater was
zeigen! Und von Wolfrats Knien auf die Erde niederrutschend, schrie das
Bbl mit brennendem Gesicht: Schau, Vater, schau, was ich schon kann!

Im Hui hatte der kleine Kerl das Jppl heruntergerissen; er warf es auf
den Boden, duckte sich, und schwupp, stand er kerzengerade auf dem Kopf.
Freilich plumpste er gleich wieder auf die Seite; aber das tat dem Stolz
keinen Eintrag, mit dem er sich erhob.

Und das hast du im Klsterl gelernt? staunte Wolfrat.

Wohl! Aber nit von den Klosterfrauen.

Seph und Wolfrat sahen sich an und muten lachen.

Wie lange war es her, seit diese Stube das letzte Lachen vernommen
hatte!

Und dieses neugefundene Lachen war gesnder als jenes, an dem der Frater
Kchenmeister hatte sterben mssen.




                                 30.


Am andern Morgen, zu frher Stunde schon, verlie Desertus das Stift und
ging dem Klsterlein der frommen Schwestern zu.

Einige Stunden spter wanderte Herr Heinrich nach dem See. Als er am
Eggehof vorberkam, sah er beim Hag, der das Gehft vom Polzerlehen
trennte, den Eggebauer mit Wolfrat beisammenstehen. Der Bauer lie den
Kopf hngen. Wolfrat hatte ihm den Einarm um die Schultern gelegt und
schien dem Bekmmerten herzlich zuzusprechen.

Mit sinnendem Lcheln schritt Herr Heinrich dahin unter dem welkenden
Laubdach der die Strae geleitenden Bume. Wieder einer, der im
Schatten die Sonne fand! Freilich, nur einer! Aber la einen einzigen
Tropfen in den See fallen, er zieht doch immer seine Wellen und rhret
hundert andere!

Nach einer Stunde erreichte Herr Heinrich die Seelnde. Die beiden
Fischerknechte, die mit dem Spannen der feuchten Netze beschftigt
waren, zogen die Kappen und traten ihm entgegen.

Habt ihr den Jger nicht herkommen sehen ber den Steig?

Den Haymo? Nein, Herr!

Dann habet acht eine Weil! Er wird wohl kommen. Doch braucht ihr ihm
nicht zu sagen, da ich nach ihm fragte. Saget ihm nur: wenn er mich
etwa sprechen wollte, dann fnd er mich beim neuen Haus.

Herr Heinrich ging, und die Knechte glotzten ihm nach.

Es whrte nicht lang, so hrte man auf dem Steig ein Griesbeil klirren
und klappernde Schritte nher kommen.

Haymo tauchte unter den Bumen auf. Sein Gang war langsam und mde; das
Gesicht sah verhrmt aus, obwohl es gertet war, denn er hatte schwer
getragen; die Armbrust war um seinen Hals gehngt, und der Rcken mit
einem vollgestopften Bergsack beladen.

Was tragst du da? fragte einer der Knechte.

Mein Sach! erwiderte Haymo mit zuckenden Lippen.

Was ist denn? Es liegt doch allweil noch kein Schnee droben? Ziehst du
schon ab von der Rt?

Der Jger nickte.

Mut du in ein anderes Revier? Auf den Roint oder auf den Griesberg
hinauf?

Haymo schttelte den Kopf.

Wo willst du denn hin jetzt?

Ins Kloster hinein zum Herrn.

Den kannst du nher haben. Grad ist er zum neuen Haus hinaufgegangen.

Zum neuen Haus? Haymo sah verloren auf und tat einen schweren Atemzug.
Kann ich bei euch derweil meinen Sack einstellen? Ohne eine Antwort
abzuwarten, ging er in die Fischerhtte, legte den Bergsack in die
Stube, nickte den Knechten einen Gru zu und folgte der Strae.

Das >neue Haus< war leicht zu finden. ber die goldig schimmernden
Baumwipfel leuchtete das weie Schindeldach herber mit dem
bndergeschmckten Tannenbumchen. Als sich Haymo zgernd dem Tor
nherte, das den frisch geflochtenen Hag durchbrach, blieb er stehen,
wie von freudigem Schreck betroffen. Es war ihm, als htte er aus einem
der offenen Fenster ein klingendes Lachen gehrt. Er lauschte. Alles
blieb still. Ein bitteres Lcheln zitterte um seinen Mund. War ihm das
in diesen langen, bangen Wochen nicht zu hundertmalen geschehen? Wenn er
durch den stillen Bergwald gestiegen, oder gipfelwrts ber des
Gestein, versunken in seine trumende Sehnsucht, dann hatte er pltzlich
diese liebe, klingende Stimme gehrt, bald wie aus weiter Ferne, bald
wieder, als wre sie dicht an seinem Ohr. Und hatte er sich mit
stockendem Herzschlag umgewandt, so waren rings um ihn her nur die
leeren Lfte gewesen, der stille Wald und die schweigenden Felsen. Und
wenn er in dunkler Nacht auf der Wolfshaut lag, vor Ermdung fiebernd an
allen Gliedern, wenn nach martervollem Sinnen und Grbeln der Schlaf ihm
die Lider schwer machte, da sie sanken, dann klang es pltzlich hell
und weckend in seinen Schlummer: Haymo! Und er fuhr in die Hhe,
strich die zitternde Hand ber die Stirn und lauschte, und fand sich
allein, umgeben von tiefer Finsternis, und nur seine Seufzer klangen in
der stummen Htte.

Es geht mir berall nach! murmelte er, whrend er mit irrem Blick das
stattliche Haus berflog.

Zgernd betrat er den Hofraum und erbleichte, als er einer alten Ulme zu
Fen, auf einem moosigen Steinblock, Herrn Heinrich sitzen sah.

Haymo? Du?

Der Jger zog die Kappe, und whrend er sie zwischen den Hnden
zerknllte, trat er nher mit gesenktem Kopf.

Gr Gott, Herr!

Wie kommst du da her? Was hat dich ins Tal gefhrt?

Herr! Die Stimme des Jgers schwankte. Heut ist der Michelstag.

Der Michelstag? sagte Herr Heinrich erstaunt. Richtig, der
Michelstag! So, so! Der Michelstag? Und deshalb kommst du herunter?

Wohl! Ich htt nimmer bleiben drfen, auch wenn ich mgen htt. Immer
leiser wurde Haymos Stimme. Heut geht mein Dienst aus.

Richtig, richtig! Von heut an hab ich um einen Klosterjger weniger.
Und weniger um den besten. Und nun bist du gekommen und willst mir Beht
Euch Gott sagen, gelt? Und dann willst du dir einen neuen Herrn suchen?

Haymo knllte an der Kappe, verdrehte den Kopf, als qule ihn ein Krampf
im Nacken, und zog die Brauen zusammen wie einer, der auf der Folter
liegt und doch keinen Schmerzenslaut will hren lassen.

So rede doch, Haymo, schau mich an!

Nur noch tiefer senkte Haymo den Kopf, whrend er mit heiserer Stimme
Wort um Wort vor sich hinstie: Ich bitt, Herr, da Ihr es kurz machet!
Wenn's mich auch gleich nimmer fortlassen will -- von Euch -- fort mu
ich doch.

Mut du? So? Und was willst du jetzt?

Was ich wollen mu! Ein einziges halt! Grad noch ein einzigs im Leben!
Allweil das einzig! Und ich wei kein Stral nimmer, wo ich's find. Ich
hab mich verschuldigt, jetzt mu ich's ben. Und wenn ich gleich einmal
noch hinlauf an mein Glck -- es bleibt nur ein halbes. Er wandte sich
ab.

Haymo!

Der Jger erzitterte bei dem warmen, herzlichen Klang seines Namens.

Hab ich recht gehrt? Du mchtest gern bleiben bei mir?

Haymo sagte nicht Ja und nickte nicht mit dem Kopf; er wandte sich nur
noch mehr von Herrn Heinrich ab und drckte das Kinn an die Brust.

Der Propst betrachtete ihn eine Weile mit leisem Lcheln. Also bleiben
mchtest du? Schau, Haymo, das merk ich gern, da ich dir lieb geworden
bin als Herr. Schade! Warum hast du nicht frher gesprochen? Denn jetzt
-- jetzt wird es zu spt sein. Heut ist der Michelstag. Du bist nicht
mehr mein Klosterjger.

Ein schwerer Atemzug erschtterte die Brust des Jgers.

Immer frhlicher lchelte Herr Heinrich. Wer wei, _wir_ zwei htten
vielleicht noch knnen auf gleich kommen miteinander.

Haymos Augen streiften den Propst mit einem scheuen Blick.

Aber Pater Desertus hat im letzten Kapitel einen Antrag gestellt, und
der ist durchgegangen. Das Stift hat einen Wildmeister ernannt, von heut
an. Der soll ber die ganze Jgerei des Klosters gesetzt sein. Er ist
ein weidgerechter und strenger Jger. Wie ich ihn kenne, wird er seine
Leute fest an der Schnur halten. Und mit einem, der aus Mutwill oder
Narretei seinen Dienst aufsagt, mit solch einem wird er sich schwer
befreunden. Meinst du nicht auch? -- Was hast du denn? Schaust du dir
das Haus dort an? Ein schmuckes Haus, gelt? Da soll der neue Wildmeister
wohnen. ber vier Wochen hlt er Hochzeit. Schau, Haymo, dort unter der
Tr, das ist sein Brutl.

Haymo, dem die Kappe entfallen war, stand mit zitternden Hnden und
wankenden Knien. Jetzt erblassend, dann wieder die Wangen berflogen von
brennendem Rot, ri er Mund und Augen auf und starrte nach der Tr, aus
welcher Pater Desertus trat, Gittli an seiner Hand. Wie hold und schmuck
war das Mdchen anzusehen! Ein roter Rock umflo in weichen Falten ihre
schlanke Gestalt, aber er war nicht kurz geschnitten nach Bauernart,
sondern reichte, wie bei einem Frulein, bis auf die Fuspitzen;
schneeweies Linnen umbauschte die Schultern und Arme, und knapp spannte
sich ein dunkelgrnes, mit Silber verschnrtes Mieder um die junge
Brust. Gittlis Augen leuchteten, wie glhende Rosen lag es auf ihren
Wangen, und gleich einer schwarzen Krone schmckten die straff
geflochtenen Zpfe ihre Stirn.

Haymo lallte mit schwerer Zunge. Aber da hatte ihn Gittli schon erblickt
und kam auf ihn zugeflogen mit freudigem Schrei. Stammelnd und
schluchzend hing sie an seinem Hals, whrend Haymo, durch das ber ihn
herstrzende Glck um alle Besinnung gebracht, noch immer mit den Hnden
ins Leere tappte. Gittli nahm sich nicht einmal die Zeit zu einem Ku.
Hastig lste sie sich wieder von Haymos Brust, und mit der einen Hand
seinen Arm umfassend, griff sie mit der anderen nach der Hand des
Paters.

Gelt, Herr Pater, gelt, ja? Ich darf ihm gleich alles zeigen?

Desertus nickte mit frohen Augen. Und da zog sie den Stammelnden mit
sich fort, unter sprudelnden Worten: So schau doch, Haymo, schau! Was
sagst du? Schau dir das schne Haus an! Da sollen wir wohnen
miteinander, hat der gute Pater gesagt! Und schau nur, das steinerne
Bankl vor der Tr! Da knnen wir sitzen und Haimgart halten auf den
Abend, hat der gute Pater gesagt. Und er selber wird manchmal kommen,
hat er gesagt. Wie der uns mgen tut, ich sag dir's, ein Vater kann
seine Kinder nit lieber haben. Und schau, Haymo, schau, in das leere
Nischerl ber der Tr, hat er gesagt, da kommt ein Muttergottesbild
hinein. Das tut unser Haus hten und unser Glck! Aber schau nur, das
Anwesen da drben, das hast du noch gar nit gesehen! Da kommen zwei
Pferd hinein, hat er gesagt, und vier Kh, da wir Milch haben, grad was
wir brauchen. Und, du -- Sie schlug die Hnde ineinander, und ihre
Augen gingen ber vor Entzcken. Du! Das Kucherl mu ich dir zeigen!
Ich sag dir, da glnzet alles vor lauter Kupferzeug! So komm doch, komm
--

Mit beiden Hnden fate sie seinen Arm und zog ihn zur Tr hinein.

Im dmmerigen Hausflur stand er still und prete die Fuste auf die
Brust.

Noch immer begriff er nicht. Aber eines schien er doch endlich zu
glauben: da wirklich und leibhaftig sein Mdchen vor ihm stand. Und
pltzlich, unter stammelndem Laut, umschlang er Gittli mit heiem Ku.

Drauen stand der Propst neben dem schweigsamen Chorherren.

Komm, Dietwald! sagte Herr Heinrich lachend. _Den_ Ku warten wir
nicht ab, bis er ein Ende nimmt. Komm, la uns gehen! Sie sollen diese
Stunde fr sich allein haben. Wenn sie so weit aus ihrem seligen Rausch
erwachen, um nach einem Dritten fragen zu knnen, dann suchen sie dich
schon.

Noch lange hing Desertus mit den Augen an der Tr, bis er sich
loszureien vermochte, um dem Propst zu folgen. Zwischen goldig
leuchtenden Hecken schritten sie der Strae zu. Wei glnzte ihnen im
Sonnenschein der See entgegen.

Desertus legte die Hand auf Herrn Heinrichs Arm.

Ich will Euch ein Rtsel zu lsen geben! Was ist wrmer als diese
Sonne, lichter als dieser Tag, reiner als dieser klare See?

Deines Kindes Glck. Und deines Herzens Freude. Ja, Dietwald, du hast
recht getan! Ich habe dir meinen Rat nicht aufgedrngt. Hier mute dein
eigenes Herz die richtige Sprache finden, ganz allein. Und du hast sie
gefunden.

Htt ich mich besinnen sollen? Nur einen Augenblick? Was wollte ich
mehr als meiner Tochter Glck? Jeder andere Weg htte Weh und Elend ber
sie gebracht, htte ihr Leben zerstrt und alle Blten abgestreift von
ihrem holden Dasein. Und kein Rang und Name, nicht Glanz und Reichtum
htte sie dafr entschdigt. Ist das Leben noch Leben, wenn ihm die
Sonne fehlt, das Glck? Htte mich in jener finsteren Nacht, die mir
alles nahm, das Schicksal vor die Wahl gestellt: willst du bleiben, was
du bist, oder willst du ein Bettler werden und nur das Glck deines
Herzens mit hinbertragen in die arme Htte? -- glaubt Ihr, ich htte
mich besonnen? Und htt ich nun anders whlen sollen fr mein Kind? Was
sie um ihres Glckes willen verliert? Entbehrt sie es denn? Wrde sie
den Geliebten ihrer Liebe werter halten, wenn er den Schild am Arm und
die Helmzier ber den Locken trge? Und ich? Desertus lchelte. Haymo
ist ein freier Mann. Und verwahrt er auch keinen Adelsbrief in seinem
Schrank, er trgt auf seiner Stirn den Adel tchtiger Mannheit und eines
treuen, redlichen Gemts. Ich lieb ihn. Er ist mein Sohn.

Und vterlich hast du fr ihn gesorgt! lachte Herr Heinrich. Wre der
Propst von Berchtesgaden nicht dein treuer Freund, und htte er nicht
selber seine Freude an diesem jungen Glck, er htte bse Augen gemacht
zu dem tiefen Griff, den du in den Klostersckel getan. Ich vermute, es
war noch lange nicht der letzte. Aber sag -- Die Stimme des Propstes
wurde ernst. Du hast auch heute nicht mit ihr gesprochen?

Nein, Herr! Ich konnte nicht.

Und das Mdel hat genommen und genommen? Und mit keinem Gedanken ist es
ihr aufgefallen: woher kommt das alles?

Wre ihr Glck denn voll und ganz, wenn sie fragen knnte: warum?

Herr Heinrich nickte, und schweigend schritten sie weiter.

Immer wieder blickte Desertus zurck nach dem hellen, zwischen
schimmerndem Laub verschwindenden Dache. Oft lag mir das klrende Wort
auf der Zunge, sagte er nach einer Weile, aber wenn ich sah, wie
dieses groe kleine Herz so bervoll war von Liebe, dann schwieg ich
wieder. Htt ich sie schrecken und betuben sollen mit Neuem,
Unerwartetem? Jetzt? Kommt sie in ihrem Glck erst wieder zu Atem, dann
wird sich von selbst die Stunde finden, in der sie mich als Vater
erkennen und Vater nennen wird. Es drstet wohl mein Herz nach dem sen
Laut von meines Kindes Lippen. Aber ich will mich gern gedulden.
Vaterliebe, das heit nicht: nehmen, sondern: geben! Und bin ich nicht
schon reich geworden nach aller Armut meines Herzens? Tag und Nacht darf
ich sinnen und schaffen fr meines Kindes Glck, an seiner Freude darf
ich mitgenieen, darf mich erquickt und getrstet fhlen durch seine
Nhe. Desertus blieb stehen und fate den Arm des Propstes. Seht,
Herr, wie freundlich das Heim meines Kindes herschimmert durch die
Bume!

Ein schnes Bild! Komm, wir wollen rasten!

Aus dem Fu eines Hgels, der dicht an die Strae reichte, schob sich
eine Felsplatte gleich einer Bank hervor. Hier lieen sie sich nieder.
Kleine Schatten und groe Lichter zitterten auf der Erde, denn durch die
halbentlaubten Bume fand die Sonne fast freien Weg. Ein leichter
Windhauch raschelte durch alles Gezweig, und langsam, wie in gaukelndem
Spiel, fielen die welken Bltter. Mit stillen Augen betrachtete Desertus
ihren lautlosen Fall.

Herr Heinrich fragte: Stimmt es dich trbe, da die Bltter fallen?

Nein, Herr, der Winter kommt nur, um den Frhling zu bringen!

So? Es gab eine Zeit, da du sagtest: der Sommer blht nur, damit seine
Blust vom Winter verschttet werde unter Schnee und Eis!

Desertus prete die Hnde auf seine tiefatmende Brust. Mein Auge ist
sehend worden. Ich fhle die Sonne wieder, und Schatten um Schatten
weicht von mir. Vor dem holden Antlitz meines Kindes lst sich aller
Jammer meines Lebens in sen Trost, und in Verklrung schweben die
Gestalten der Verlorenen um mich her.

Herr Heinrich lchelte. Ist alles Geschehene denn anders geworden?

Nein, Herr, aber ich seh es mit anderen Augen. Glaubet mir, so tief,
wie ich, hat noch kein Mensch erfahren, da wir nicht leben knnen, wenn
wir die Sonne nicht suchen, und da uns zum Leben so ntig, wie Luft und
Brot, noch ein drittes ist: _Das helle Sehen_!

Eine schne Wahrheit, Dietwald! Aber sie ist nicht neu. Das hat vor mir
und dir schon ein anderer gesagt, der allen Schmerz des Lebens fhlte
und dennoch die Liebe nicht verlor. Besinne dich: Matthus, 6. Kapitel,
22. Vers!

Mit leiser Stimme sprach Pater Desertus die Worte der Bergpredigt vor
sich hin: Dein Auge sei deines Lebens Leuchte. Ist nur dein Auge
lauter, so wird auch dein Leben in der Helle wandeln. Ist aber die
Finsternis in dir, und dein Auge sieht finster, so wird auch die
Finsternis dich umgeben auf allen Seiten. Er fate die Hnde des
Propstes und stammelte: Herr! Nehmet meinen Namen von mir! Ich will
nicht lnger Desertus heien.

So heie Pater Theophilus![37]

Sie saen schweigend. ber Tal und Hhen leuchtete die warme Sonne des
Herbstes, und die sinkenden Bltter in ihrem schimmernden Gelb waren
anzusehen wie fallende Feuerzungen.

Pltzlich streckte der Chorherr in Erregung den Arm. Sehet, Herr!

Ein weier Falter gaukelte vorber.

Das ist wohl der letzte! sagte Herr Heinrich. Auch er wird sterben.
Aber er war mit der Sonne gut Freund und darf nun einen Tag genieen,
den Tausende seinesgleichen nicht erlebten.

Sie sahen dem Falter nach. Er folgte mit seinem Flug dem Lauf der
Strae, flatterte um die weien Steine, hob sich empor zu den Wipfeln
der Bume, gaukelte zurck auf die niedere Hecke, aus deren Gezweig der
Wind die silberig blitzenden Spinnfden wehte, und bald sich verhaltend,
bald wieder eilig weiterfliegend, erreichte er die groe Wiese vor dem
neuen Haus. Hier suchte er jede versptete Blume auf und sog aus dem
welkenden Kelch noch einen Tropfen Seim.

[Funote 37: Theophilus = der Gottliebende.]

Dann flatterte er an der weien Mauer empor, und lange, lange gaukelte
er um das mit Bndern geschmckte Tannenbumchen auf dem First.

Hand in Hand, mit brennenden Gesichtern, traten Haymo und Gittli aus der
Tr.

Wo sind sie denn? stammelte Gittli. Schau nur, Haymo, sie sind nimmer
da!

Suchend blickten die beiden umher. Da nherten sich langsame Schritte
dem Tor. Ulei, der Bildschnitzer, betrat das Gehft. Er trug auf den
Armen eine hohe Figur, die von grner Leinwand umhllt war.

Das soll ich abgeben, hat's geheien. Es gehrt ber die Tr hinauf!
sagte er.

Ulei stellte die Figur auf die Steinbank und lste mit zitternden Hnden
das Tuch.

Haymo, schau nur! So was Liebes und Schnes! Wie wenn's lebig wr und
tt uns anschauen!

Leichte Rte huschte ber Uleis bleiche Zge. Das Lob hatte ihm Freude
gemacht. Wortlos wandte er sich ab und verlie das Gehft. Haymo und
Gittli merkten nicht, da er ging. Sie standen schweigend
aneinandergelehnt und betrachteten das mit Farben bemalte Schnitzwerk.

Der Sockel stellte eine graue Wolke dar, umringelt von einer Schlange,
auf deren Kopf das Bildnis mit beiden Fen stand. Ein blaues Kleid
verhllte mit eng gereihten, strengen Falten den ganzen Krper; die
schlanken Finger hielten einen Lilienstengel; das weie Gesicht mit den
blauen Augen war leicht geneigt, und gleich einem Mantel fiel das
gelste Blondhaar um die Schultern. Die Stirne schmckte ein Kranz aus
blhenden Schneerosen.

Haymo! Schau doch ihr Gesicht an! flsterte Gittli. Merkst du nit,
wem es gleich schaut?

Er nickte und stand in den Anblick des Bildes versunken.

Gittli faltete die Hnde, und whrend glitzernde Tropfen ber ihre
Wangen rollten, sprach sie leise ein Gebet.

Was meinst du? sagte Haymo. Wenn ich's gleich hinaufstellen tt? Die
htet unser Haus. Die schon!

Er wlzte einen hohen Pflock herbei, und whrend er das Bildwerk achtsam
emporhob in die Mauernische, eilte Gittli davon; sie suchte und suchte,
aber sie fand nur welkende Blumen. Da sah sie das rankende Immergrn,
das sich neben dem Hoftor um den Stamm der alten Ulme spann. Sie brach
alle Ranken, und Haymo flocht sie um den Sockel des Bildes.

Nun standen sie wieder Seite an Seite, eines den Arm um den Hals des
andern gelegt, und blickten zu dem Bild empor.

Gelt? flsterte Haymo. Die soll die ersten Blumen haben all Jahr!

Allweil die schnsten. Und wenn es lenzen tut, steigen wir miteinander
hinauf in die Rt. Und da kann der Schnee haustief liegen. Wir holen
einen Rosenstrau herunter, gelt?

Sie reichten sich die Hnde.

Nach einer Weile sagte Haymo, tief atmend: Komm, Schatz, wir mssen die
Herren suchen! Mein Gott, sag nur, wie sollen wir so viel Guttat
heimzahlen knnen?

Gelt, ja? lispelte Gittli. Eine bessere Antwort wute sie nicht.

Haymo sperrte die Tr und zog den Schlssel ab. Als sie das Hoftor schon
erreicht hatten, fragte Gittli: Hast du auch richtig zugesperrt? Und
zweimal umgedreht?

Wohl!

Schauen wir lieber nochmal hin!

Sie gingen zur Tr zurck, und eins nach dem anderen rttelte an der
Klinke.

Nun machten sie sich auf den Weg. Beim Hoftor blieben sie noch lange
stehen, betrachteten das Haus, und immer wieder kehrten ihre Blicke zu
dem Bild ber der Tr zurck.

Haymo schttelte immer wieder den Kopf. Pltzlich zog er das Weidmesser
aus der Scheide und drckte die scharfe Spitze in den Rcken seiner
Hand.

Jesus, was treibst du denn! stammelte Gittli erschrocken.

Spren mcht ich, ob ich wach! Allweil mein' ich, da ich trumen tu
und mt aufwachen mit jedem Augenblick!

Geh! Wie du einen ngstigen kannst! Gittli klammerte die Arme um
seinen Hals.

Er kte sie -- wieder und wieder -- und schien dabei doch endlich die
berzeugung zu gewinnen, da er vllig wach wre.

Langsam gingen sie zwischen den Hecken dahin. Sie muten sich dicht
aneinanderschmiegen, denn der Pfad war schmal.

                   *       *       *       *       *

Herr Heinrich hatte wahr prophezeit. ber vier Wochen hielt der neue
Wildmeister Hochzeit. Pater Theophilus legte die Hnde des jungen Paares
ineinander; als er den Segen sprach, schwankte vor freudiger Bewegung
seine Stimme, da sie bei jedem Wort zu erlschen drohte. Gittlis Augen
waren leuchtend zu ihm emporgerichtet. Seit dem vergangenen Abend wute
sie, da es ihr Vater war, dem sie alles Glck verdankte.

Bis auf den letzten Platz war die Kirche gefllt. Zuvrderst im
Herrenstuhl, neben Herrn Heinrich, kniete der Vogt, in dessen nicht gar
feierlichem Antlitz eine merkwrdige Erregung zuckte. Er zwirbelte den
dicken Schnauzbart und schielte immer wieder zu Herrn Heinrich auf. Die
Hochzeit des Haymo mit der Schwester des Wolfrat hatte ihm ein Licht
aufgezndet.

Als die Trauung vorber war, wurde das junge Paar von Glckwnschenden
umdrngt. Nur Seph und Wolfrat fehlten. Weshalb nur waren sie nicht
gekommen?

Als einer der letzten trat Herr Schluttemann zu dem Paar. Er machte
einen Bckling vor der errtenden Braut und fate Haymos Hand. Also
Herr Wildmeister, viel Glck frs Leben! Und einen guten Rat will ich
Euch geben dazu: lgen, Herr Wildmeister, lgen mt Ihr nimmer!

Herr Vogt? fragte Haymo lachend. Wie meint Ihr das?

Schon gut, schon gut! Ich wei, was ich wei!

Stolz erhobenen Hauptes stapfte Herr Schluttemann davon. Er war wohl
auch zum Brautmahl geladen; aber er wollte zuvor noch in der Vogtstube
Nachschau halten. Als er das Kloster betrat, klangen von der Kirche
herber die Hrner der Jger, die das junge Brautpaar mit schmetterndem
Weidmannsgru empfingen.

Herr Schluttemann fand in der Wartestube nur wenige Leute vor, die er
eilig abfertigte. Schon wollte er die Vogtei verlassen, da kam noch
einer mit polterndem Eilschritt herbeigerannt.

Herr Vogt! Herr Vogt!

Beim Klang dieser Stimme spitzte Herr Schluttemann die Ohren.

Was? Der traut sich noch herein zu mir?

Er runzelte die Brauen und stemmte die Fuste in die Hften, als er
seine Vermutung besttigt sah und den Rottmann Polzer erkannte.

Wolfrat blieb an der Tr stehen und sttzte sich mit dem Einarm an den
Pfosten, keuchend vom raschen Lauf, das lachende Gesicht von glitzerndem
Schwei berronnen.

Was ist denn das schon wieder fr eine Narretei? donnerte Herr
Schluttemann. Will man vielleicht den Vogt wieder uzen? Wart nur, jetzt
will ich dir aber zeigen --

Weiter kam Herr Schluttemann nicht, denn Wolfrat, der die Worte des
Vogtes gar nicht zu hren schien, sagte mit Lachen: Herr Vogt! Nehmet
nur gleich das Leutbuch her! Und schreibet hinein: wir haben ein Kindl
gekriegt -- ein Dirnl, Herr Vogt, ein liebes Dirnl! Blaue ugerln hat's
und bluhweie Lcklen! Und Mariele soll's heien -- Polzer Mariele!
Schreibet, Herr Vogt, schreibet! Ich mu zum Pfarrer laufen --

Da rannte er schon davon, lachend und keuchend.

Herr Schluttemann stand noch immer mit gespreizten Beinen, die Fuste in
die Hften gestemmt. Natrlich! knurrte er. Nur allweil Kinder,
allweil Kinder, da nur die Lugenschppel nicht minder werden auf der
Welt! Aber wart nur! Du kommst mir schon wieder! Dann sollst du merken,
da ich mich nur _ein_ Mal hab anschmieren lassen! Er hob die Fuste
gegen die Stubendecke. Ooooh! Die Menschen sind doch schlechte Leut!
Zornig ri er an der Glocke. Der Fronbot trat ein. Geh hinber in die
Kch und nachher zum Kellermeister, la dir einen richtigen Korb voll
Frezeug geben und einen Krug Wein -- trag alles hinunter zum Rottmann
Polzer und sag: Das schick ich ihm zur Kindstauf! Dem Gauner!

Mit vollen Backen blasend, ging Herr Schluttemann auf den Schrank zu,
nahm das in Schweinsleder gebundene Leutbuch heraus, schlug es bedchtig
auf, tauchte brummend die Gnsefeder ein und schrieb:

Den 26. des Anderherbst, ^a. d.^ 1338, dem Rottmann Wolfrat Polzer ein
Dirnlein geboren, heit Mariele.

Punktum! sagte Herr Schluttemann und spritzte die Feder aus.

Durch das offene Fenster klangen jauchzende Stimmen und die
schmetternden Klnge der Jagdhrner.




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Die Schreibweise des Originals wurde weitgehend beibehalten. Lediglich
offensichtliche Druckfehler wurden, teilweise unter Verwendung weiterer
Ausgaben des Textes, wie hier aufgefhrt korrigiert (vorher/nachher):

   [S. 36]:
   ... dem Herd war fast erloschen; nur ein dnne Flamme ...
   ... dem Herd war fast erloschen; nur eine dnne Flamme ...

   [S. 264]:
   ... Gott beht, Herr! Diemal bin ich schon aufgekommen. ...
   ... Gott beht, Herr! Diesmal bin ich schon aufgekommen. ...

   [S. 363]:
   ... Der Sudman wollte sprechen; Blut trat ber ...
   ... Der Sudmann wollte sprechen; Blut trat ber ...

   [S. 434]:
   ... Tiefer und tiefer sank das kreisende Feuerrrad, ...
   ... Tiefer und tiefer sank das kreisende Feuerrad, ...






End of the Project Gutenberg EBook of Der Klosterjaeger, by Ludwig Ganghofer

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1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or
destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
1.E.8.

1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement. See
paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
electronic works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
works in the collection are in the public domain in the United
States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
you share it without charge with others.

1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
in a constant state of change. If you are outside the United States,
check the laws of your country in addition to the terms of this
agreement before downloading, copying, displaying, performing,
distributing or creating derivative works based on this work or any
other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
representations concerning the copyright status of any work in any
country outside the United States.

1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
performed, viewed, copied or distributed:

  This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
  most other parts of the world at no cost and with almost no
  restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
  under the terms of the Project Gutenberg License included with this
  eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
  United States, you'll have to check the laws of the country where you
  are located before using this ebook.

1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
contain a notice indicating that it is posted with permission of the
copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
the United States without paying any fees or charges. If you are
redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
posted with the permission of the copyright holder found at the
beginning of this work.

1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
any word processing or hypertext form. However, if you provide access
to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
provided that

* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
  the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
  you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
  to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
  agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
  within 60 days following each date on which you prepare (or are
  legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
  payments should be clearly marked as such and sent to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
  Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
  Literary Archive Foundation."

* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
  you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
  does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
  License. You must require such a user to return or destroy all
  copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
  all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
  works.

* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
  any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
  electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
  receipt of the work.

* You comply with all other terms of this agreement for free
  distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

