The Project Gutenberg eBook, Ameisenbchlein, by Christian Gotthilf
Salzmann


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Title: Ameisenbchlein
       Anweisung zu einer vernnftigen Erziehung der Erzieher


Author: Christian Gotthilf Salzmann



Release Date: December 14, 2015  [eBook #50691]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AMEISENBCHLEIN***


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AMEISENBCHLEIN

oder

Anweisung zu einer vernnftigen Erziehung der Erzieher

von

CHRISTIAN GOTTHILF SALZMANN

Mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ernst Schreck







[Illustration: Dekoration]

Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.




Einleitung.


Die zweite Hlfte des vorigen Jahrhunderts war eine Zeit der Umwlzung
auf dem Gebiete der Kunst, Wissenschaft und Poesie. Der Kunst wurden
von ~Winkelmann~ (1716-1768) und ~Lessing~ (1729-1781) neue Richtlinien
gegeben, und in der deutschen Litteratur begann, vorbereitet durch die
kritischen Kmpfe, mit dem Erscheinen von ~Klopstocks~ ~Messiade~,
von ~Wielands~ und ~Lessings~ ersten Schriften die Morgenrte der
zweiten klassischen Periode, der zuvor aber noch die ~Sturm- und
Drangperiode~, die Periode der Original- und Kraftgenies voranging,
der selbst unsere grten Dichter ~Schiller~ und ~Goethe~ mit ihren
Erstlingswerken angehren. Auf religisem Gebiete suchte der in England
durch ~Shaftesbury~ und seine Anhnger ins Leben tretende ~Deismus~ an
Stelle der positiven Religion die Vernunft- und Naturreligion zu setzen.
~Voltaire~ und ~Rousseau~ verbreiteten die deistischen Ideen durch ihre
Schriften weiter, und durch die franzsischen Enzyklopdisten ~Diderot~
( 1784), ~Helvetius~ ( 1771), ~Holbach~ und ~d'Alembert~ ( 1783) ward
der Deismus, dem immer noch ein gewisser Ernst eigen war, zum flachen,
alles Glaubens baren ~Materialismus~. Die Naturreligion fand auch in
Deutschland ihre Anhnger, wo sie in gemildeter Form als ~Rationalismus~
auftrat, als dessen Vertreter ~Ernesti~ (1707-1781), ~Semler~ (1725-1791)
und ~Reimarus~ (1694-1768) zu nennen sind.

Da diese Reformbestrebungen auch auf die ~Pdagogik~ ihren Einflu
ausben muten, ist selbstverstndlich, wenn man bedenkt, wie innig diese
Wissenschaft mit Religion, Naturanschauung und anderen Wissensgebieten
zusammenhngt. Und diese Reform auf dem Gebiete der Erziehung und
des Unterrichts blieb dann auch nicht aus. Die Hauptanregung zu
derselben ging von Frankreich aus, namentlich als ~Rousseau~ in seinen
socialpdagogischen Schriften, besonders aber in seinem ~Emil~ 1762),
dem Naturevangelium, wie Goethe es nennt, das Ideal einer naturgemen
Erziehung aufgestellt hatte. Zwar waren schon im 17. Jahrhundert Mnner
aufgetreten, die ihre Lebensaufgabe darin suchten, das Erziehungswesen aus
den alten, ausgetretenen Geleisen, aus dem Mechanismus, herauszureien.
Es sei nur erinnert an die Bestrebungen eines ~Ratich~, ~Comenius~,
Herzog ~Ernst des Frommen~, August Hermann ~Francke~ u.a. Aber ihre
Bestrebungen hatten es nicht vermocht, den alten Schlendrian im Schulwesen
zu beseitigen. So sagt Raumer in seiner Geschichte der Pdagogik (_II_.
S. 297): Die Jugend war damals fr die meisten eine sehr geplagte Zeit,
der Unterricht hart und herzlos streng. Die Grammatik wurde dem Gedchtnis
eingeblut, ebenso die Sprche der Schrift und die Liederverse. Eine
gewhnliche Schulstrafe war das Auswendiglernen des 119. Psalmes. Die
Schulstuben waren melancholisch-dunkel. Da die Jugend auch mit Liebe
etwas arbeiten knne, das fiel niemandem ein, so wenig, als da sie die
Augen zu irgend etwas anderem als zum Lesen und Schreiben haben knne.
Da traten ~John Locke~ und namentlich ~Jean-Jacques Rousseau~ mit ihren
pdagogischen Reformbestrebungen auf den Schauplatz. Whrend letzterer in
Frankreich verfolgt ward, und seine Schriften verbrannt wurden, begrte
man in Deutschland seine pdagogischen Ideen mit Freuden. Hier waren
es die ~Philanthropen~, die die durch sie geluterten Ideen Rousseaus
zur praktischen Ausfhrung brachten. Philanthropen wurden diese Mnner
genannt, weil sie als ~das Ziel der Erziehung~ berhaupt und ihrer Arbeit
insbesondere ~die menschliche Glckseligkeit~ betrachteten (Dittes).
Sie suchten beim Unterrichte dem ~Ntzlichkeitsprinzipe~ Geltung zu
verschaffen und an Stelle eines traditionellen Mechanismus eine bessere,
~der Natur des Kindes entsprechende Methode~ einzufhren. Die bislang
trotz Comenius und Francke fast vllig unbeachtet gelassenen ~Realien~
wurden von ihnen mehr bercksichtigt, und die ~leibliche Erziehung~
des Kindes gem dem Worte Lockes: _Mens sana in corpore sano!_ mehr
in den Vordergrund gestellt. _Dr._ Karl Schmidt stellt als Vorzge der
philanthropischen Erziehung hin: Der ~Philanthropinismus~ hat: _a_) die
Erziehung dem verderblichen Zwange des ~ueren Lebens~ enthoben und sie
mit ~freierem~ Geiste belebt; _b_) der ~krperlichen~ Ausbildung Geltung
verschafft; _c_) den ~toten~ Gedchtniskram aus der Schule verbannt; _d_)
der ~Offenbarung~ Gottes in der ~Natur~ und dem Kirchentum gegenber das
~Christentum~ betont; _e_) die Schulstuben zu Sitzen der ~Gesundheit~, des
Frohsinns und der ~Liebe~ gemacht; _f_) vor allem aber eine ~neue Periode~
fr ~Unterrichtsbcher~ und ~Unterhaltungsschriften~ geschaffen.

Zwar gerieten die Philanthropen in ihren Bestrebungen auf falsche Bahnen,
da sie entgegen der christlichen Lehre statt der Erlangung der ewigen
Seligkeit die ~menschliche Glckseligkeit~, den ~Eudmonismus~ als das
~Ziel der Erziehung~ hinstellten; doch haben sie auf die Entwickelung
der deutschen Pdagogik einen nicht zu unterschtzenden segensreichen
Einflu ausgebt. Mag ihren Ideen und Bestrebungen auch manches Irrige
und Unpraktische anhaften, so mu man doch mit Dankbarkeit das durch
sie bewirkte Gute und Ntzliche anerkennen. Viele ihrer pdagogischen
Grundstze und Ideen haben auch jetzt noch ihre volle Berechtigung; ja
manche von ihnen harren trotz des Fortschrittes, den die Pdagogik seitdem
gemacht, noch der Erfllung.

Als Vertreter des Philanthropinismus sind zu nennen: ~Wolke~, der durch
seine litterarischen Arbeiten eine grndliche Reform der deutschen
Sprache anstrebte, ~Trapp~, der eine wissenschaftliche Begrndung und
systematische Ordnung der Erziehungslehre herbeizufhren sich bemhte,
~Olivier~, der durch seine Lesemethode, die zwar sinnreich und bildend,
aber unpraktisch war, den ersten Leseunterricht zu bessern versuchte. Die
Hauptvertreter des Philanthropinismus waren aber ~Basedow~, der Grnder
des Dessauer Philanthropin, der durch seine Schriften und Reklamemacherei
viel zur Verbreitung der neuen pdagogischen Ideen beitrug, ~Campe~, der
Verfasser des Robinsons und vieler anderer Jugendschriften, der sich um
die Reinigung der deutschen Sprache verdient machte, und ~Salzmann~.
Letzterer ist aber die verehrungswrdigste Gestalt von den Philanthropen
und hat von diesen auch am nachhaltigsten gewirkt.

~Christian Gotthilf Salzmann~ ward am 1. Juni 1744 als der Sohn eines
Predigers zu ~Smmerda~, im Kreise Weiensee, Regierungsbezirk Erfurt
geboren. Smmerda ist in unserer kriegerischen Zeit durch Nikolaus von
Dreyses Zndnadelgewehr bekannt. Bis zu seinem fnften Jahre erhielt
Salzmann Unterricht von seinen Eltern, von der Mutter im Lesen, vom
Vater im Lateinischen. Die Erziehung des Elternhauses war wie das Leben
desselben einfach und fromm. Spter besuchte der Knabe die Schule,
die aber keinen gnstigen Eindruck auf ihn machte. In seinen spteren
Jahren sagte er darber: In der Schule wurde der Religionsunterricht
eigentlich gar nicht erteilt; denn das Auswendiglernen des Katechismus
und des Spruchbuches kann doch wohl nicht Religionsunterricht heien.
Das Einkommen des Vaters war nur gering, so da er, um seine Familie in
Ehren durchzubringen, neben seinem Amte in Feld und Garten tchtig Hand
anlegen, ja seiner thtigen Hausfrau oft das Gespinst haspeln mute. So
lernte auch der junge Salzmann im elterlichen Hause die Arbeit frh lieb
gewinnen. Wenn an langen Winterabenden der Vater am Haspel und die Mutter
am Spinnrocken sa, so mute der Sohn in der Bibel vorlesen. So gewann er
frh trotz des mangelhaften Religionsunterrichtes in der Schule das Wort
Gottes lieb, und noch in seinem letzten Lebensjahre bekannte er: Wenn ich
oft, von Unmut niedergedrckt, am Rande der Verzweiflung wandelte, gab mir
ein Spruch aus den Psalmen neues Leben, neuen Mut. Noch jetzt dienen mir
diese Sprche zur Erquickung.

Von 1756 an besuchte Salzmann das Gymnasium zu ~Langensalza~, und als
sein Vater 1758 nach ~Erfurt~ versetzt ward, empfing er von diesem
Privatunterricht. Er besuchte kein Gymnasium mehr, sondern besuchte spter
noch einige Kollegia an der damals noch bestehenden Erfurter Universitt.
Seiner Eltern Wunsch war, da der Sohn, wie es der Vater war, Prediger
werden solle. Diesem Wunsche kam Salzmann auch nach, als er mit seinem 17.
Jahre (1761) die Universitt ~Jena~ behufs Studium der Theologie bezog.

An dem wsten Studentenleben, das dort herrschte, nahm er keinen Anteil.
Viel lieber erging er sich in dem romantischen ~Rauhthale~ bei Jena in der
Betrachtung des Stilllebens in der Natur. Er schrieb spter darber:Die
innige Freude, welche ich bei meinen einsamen Spaziergngen durch das
Rauhthal an dem Aufmerken auf die mich umgebenden Naturgegenstnde, an der
genaueren Betrachtung und Beobachtung derselben finden lernte, war mir bis
dahin noch unbekannt gewesen. Ich sah die Schpfung und ihren Urheber in
einem neuen Lichte. Hier ruht der Keim zu der spteren Schnepfenthaler
Lebensregel, da die sittliche und auch geistige Entwickelung zu fhren
sei: ~Vom Sichtbaren zum Unsichtbaren~.

Ende 1764 kehrte Salzmann ins Elternhaus zurck, wo er bis 1768 blieb
und den Unterricht seiner jngeren Geschwister bernahm. Im Jahre
1768 ward er Pfarrer in dem Dorfe ~Rohrborn~ bei Erfurt, wo er sich
der vierzehnjhrigen Tochter des Pfarrers ~Schnell~ zu Schlo-Vippach
vermhlte. Von seinem Gehalte, 80 Thaler, konnte er nicht mit Familie
leben, umsomehr nicht, als er nach dem Tode seiner Schwiegereltern seine
beiden Schwgerinnen zu sich ins Haus nahm. Er war deshalb gezwungen,
nebenbei Ackerbau zu treiben, und er that dieses mit solcher Umsicht und
solchem Erfolge, da er den Dorfbewohnern auch in dieser Hinsicht ein
Vorbild war.

1772 ward Salzmann Prediger in ~Erfurt~. Wegen seiner freieren religisen
Ansichten ward er von seinen Amtsgenossen vielfach angefeindet, so da
er 1781 in das von ~Basedow~ 1774 gegrndete Philanthropin zu ~Dessau~
als Religionslehrer und Liturg eintrat. Mit Eifer und Liebe widmete
er sich dem Erziehungswesen, in dem er sich bald eingearbeitet hatte.
Von Dessau aus machte er auch die Bekanntschaft des Volksmannes und
Pdagogen ~Eberhard von Rochow~, dessen Schule zu ~Rekahn~ ihn sehr
befriedigte. Obgleich er in Dessau Mitleiter des Philanthropins war
und mit gleichgesinnten Pdagogen nach philanthropischen Grundstzen
arbeitete, so fand er sich doch nicht ganz befriedigt. Er beschlo, selbst
eine Erziehungsanstalt zu grnden, an die er folgende Anforderungen
stellte: Dieselbe solle 1) auf dem Lande liegen, 2) von ~einem~ Oberhaupte
einheitlich geleitet, und 3) die Zglinge soviel als mglich als
Familienglieder behandelt werden.

Salzmann kaufte deshalb in der Nhe von ~Waltershausen~ im Gothaischen ein
Landgut, wozu ihm der Herzog ~Ernst~ _II._ von Gotha, ein Urenkel Ernst
des Frommen, des Pdagogen unter den Frsten, 4000 Thaler schenkte. Hier
grndete er im Mrz 1784 seine Erziehungsanstalt ~Schnepfenthal~.

Schwere Sorgen suchten ihn oft, namentlich anfangs, heim; doch im
Vertrauen auf Gottes Beistand begann er sein Werk. Die Anstalt war zwar
da, aber keine Zglinge. Salzmann entschlo sich nun, einen begabten
Knaben unentgeltlich aufzunehmen. Die Wahl fiel auf ~Karl Ritter~, den
Sohn eines verstorbenen Arztes in Quedlinburg, der 1788 mit seinem
ltesten Bruder und seinem bisherigen Erzieher ~Guts-Muths~ in die
Anstalt eintrat. Karl Ritter war also der erste Schler Schnepfenthals
und ist auch ihr berhmtester geworden. Seine geographischen Werke sind
weltbekannt; er ist der Vater der vergleichenden Erdbeschreibung. Spter
fanden sich noch mehrere Schler ein, ja die Schnepfenthaler Anstalt ward
bald eine der gesuchtesten Deutschlands. Zehn Jahre nach der Grndung,
im Jahre 1794, zhlte sie auer des Grnders zahlreicher Familie und
einer ganzen Anzahl Lehrer gegen 60 Schler, die smtlich mit der grten
Liebe zu ihrem Vater Salzmann aufblickten. Im Jahre 1803 zhlte Salzmanns
Anstalt 61 Zglinge, welche Anzahl erst seit den napoleonischen Kriegen
(1809) sank, weil von jetzt an der Geist Pestalozzis die allgemeine
Aufmerksamkeit an sich fesselte, und die durch den Krieg bedingte
Verarmung vieler Eltern das hohe Kostgeld nicht erschwingen konnte; in
diesem Jahre hatte die Anstalt blo 36 Zglinge. Sie ist das einzige
philanthropische Institut, das noch blht, und das im Jahre 1884 die
hundertjhrige Jubelfeier seines Bestehens begehen konnte.

Tchtige Lehrkrfte wirkten an der Salzmannschen Anstalt. Es seien genannt
~Guts-Muths~, der Erzvater der Turnerei und Verfasser nachstehender
Schriften: Gymnastik fr die Jugend, Spiele zur bung und Erholung
des Krpers, Turnbuch, Handbuch der Geographie, Methodik der
Geographie; ~Blasche~, Verfasser der Anleitung zu Papparbeiten und
anderer Schriften fr den Handfertigkeitsunterricht; ~Glaz~, spter
Konsistorialrat in Wien; ~Lenz~, der spter Vater des durch seine
naturhistorischen Schriften bekannten Harald Otmar Lenz und Rektor des
Weimarer Gymnasiums ward; ~Andr~, ~Bechstein~, die drei Brder ~Ausfeld~,
~Mrker~, ~Weienborn~. Mrker, Lenz und Weienborn wurden sogar Salzmanns
Schwiegershne, was viel dazu beitrug, da die Anstalt zu Schnepfenthal
trotz ihrer Vergrerung den Familiencharakter behielt.

Im Unterrichte wurden in Schnepfenthal im allgemeinen die bekannten
philanthropischen Grundstze durchfhrt. Die geistige Entwickelung
des Kindes galt als oberster Grundsatz; in zweite Linie trat erst die
materielle Aneignung gewisser Stoffgebiete. Das Ziel, das sich Salzmann
bei der Erziehung der Jugend setzte, war nach seinen eigenen Worten:
~Gesunde, verstndige, gute und frohe Menschen zu bilden~, sie dadurch in
sich selbst glcklich zu machen und zu befhigen, zur Frderung des Wohles
ihrer Mitmenschen krftig mitzuwirken. Deshalb ward vor allen Dingen auf
Weckung und Schrfung der eigenen Beobachtung in der umgebenden Natur, auf
Bildung und bung des Verstandes und somit auf die Selbstndigkeit des
Urteils abgesehen.

Fast dreiig Jahre wirkte Salzmann selbst an seiner Anstalt, die er
als ein Vater leitete. Im Jahre 1809 nach langem Genusse ungestrter
Gesundheit ward er von der Gicht befallen, welche die Kraft seines Lebens
allmhlich erschpfte. Er starb am 31. Oktober 1811, nachdem ihm seine
Gattin, mit der er vierzig Jahre in glcklicher und kinderreicher Ehe
gelebt hatte, und die ihm eine treue Gehilfin seines Lebenswerkes gewesen,
bereits 1810 vorangegangen war. Einer seiner Zeitgenossen widmete ihm bei
seinem Hinscheiden folgende Worte: Die Anstalt zu Schnepfenthal hat einen
groen Verlust zu beklagen. Den sie verloren, halten wir fr der Besten
Einen, denn gleich sehr war er ausgezeichnet durch Eigenschaften des
Geistes und des Herzens. Eindringend und scharf war sein Blick, ruhig und
besonnen sein unermdliches Wirken, schnell sein Entschlu und gro seine
Selbstbeherrschung. Wohlthtigkeit und Milde hat er stets gebt, dabei
aber nie der Eitelkeit und der Ruhmsucht Raum gegeben. Sein Auftreten
war einfach, aber wrdig; es kennzeichnete den Vater und Regierer eines
groen Hauswesens. Die ihm Untergebenen leitete er durch Blicke und Worte;
Strafen, um seine Autoritt zu sttzen, bedurfte er nie. Nach dem Willen
des bescheidenen Mannes schmckt nur ein Fliederbusch sein Grab. Der
Dichter ~Welker~ rief ihm nach:

  Nicht eingeengt in dumpfumschlossnen Rumen,
  Nein frei, wie einst dich die Natur erzog,
  Schlfst du hier, Deutschlands edler Pdagog,
  Im grnen Hain bei deinen Lieblingsbumen.

  Und was du frh gesehn in holden Trumen,
  Es war kein Wahn der schmeichelnd dich betrog;
  Denn als dein Geist dem Irdischen entflog,
  Stand's herrlich da mit Frucht und Bltenkeimen.

  Hier liegt dein Staub.--Doch lebt unsterblich fort,
  Was deine Kraft erschuf durch That und Wort.
  Wenn Marmormonumente lngst zerfallen,

  Dein Denkmal blht auf jenem Hgel dort,
  Wo Kinder wie zum Vaterhause wallen,
  Und segnend ruht dein Geist auf jenen Hallen!

       *       *       *       *       *

Neben seiner praktischen Thtigkeit als Erzieher war Salzmann auch als
~Schriftsteller~ fr die Hebung der Volks- und Jugendbildung thtig.
Seine schriftstellerische Thtigkeit war eine sehr umfassende. Er begann
dieselbe schon kurz nach seiner Versetzung nach Erfurt. Hier lernte
er als Seelsorger manches Elend in den Familien kennen, das er durch
zwei Mittel zu steuern glaubte. Er sagt darber: 1) mssen die Eltern
ber die Quelle ihres Elends belehrt werden; 2) mssen die Kinder eine
bessere Erziehung erhalten. Er suchte dieses nun durch seine Schriften
zu erreichen. Seine erste pdagogische Schrift war: ~Unterhaltungen
fr Kinder und Kinderfreunde~, in der er das wiedergab, was er in den
Abendstunden mit seinen Kindern getrieben hatte. Ihr folgte 1780 das
~Krebsbchlein oder Anweisung zu unvernnftiger Erziehung der Kinder~,
eine ironische Anweisung, die Kinder schlecht zu erziehen, in der die
vorhandenen belstnde der Erziehung lcherlich gemacht werden. Grund zu
den Anfeindungen von orthodoxer Seite gab das Buch: ~ber die wirksamsten
Mittel, den Kindern Religion beizubringen~.

Whrend Salzmanns Aufenthalt am Dessauer Philanthropin entstanden:
~Vortrge bei den Gottesverehrungen~ 4 Bnde, ~Moralisches
Elementarbuch~ _I._ Teil, der pdagogische Roman: ~Karl von Karlsberg
oder ber das menschliche Elend~. Der sechste und letzte Band erschien
erst 1788. Ferner: das erste Bndchen der ~Reisen der Salzmannschen
Zglinge~.

In Schnepfenthal schrieb Salzmann: ~Konrad Kiefer oder Anweisung zu
einer vernnftigen Erziehung der Kinder~, in der uns die Erziehung eines
Bauernsohnes durch seinen Vater unter Mitwirkung des Pfarrers geschildert
wird. Die Schrift bildet ein Gegenstck zu Rousseaus Emil, deshalb auch
wohl der deutsche Emil genannt. Das bedeutendste pdagogische Werk
Salzmanns ist aber unstreitig sein ~Ameisenbchlein~, das zugleich die
schnste Darstellung seiner Pdagogik enthlt und die rechte Frucht seiner
pdagogischen Arbeit und Erfahrung ist. Da dasselbe im Nachfolgenden
selbst gebracht wird, so wird noch ausfhrlicher davon demnchst zu
reden sein. Ferner schrieb Salzmann: ~Noch etwas ber Erziehung~. In
dieser Schrift fhrt er fnf Hauptmngel an, an welchen die Erziehung
noch leide, und welche einer raschen Abstellung bedrften. Diese fnf
Hauptmngel sind: _a_) Vernachlssigung der ~krperlichen~ Erziehung,
_b_) da man die Jugend zu wenig mit der Natur bekannt mache, _c_) da
der ganze Unterricht dahin abziele, die Aufmerksamkeit der Kinder von dem
Gegenwrtigen abzuziehen und auf das Abwesende zu lenken, _d_) da die
Kinder beim Lernen mehr fremde als eigene Krfte gebrauchen, _e_) da
die jugendliche Arbeit nicht unmittelbar belohnt werde. In Schnepfenthal
entstanden ferner: ~ber die heimlichen Snden der Jugend~, ~Der
Himmel auf Erden~, ~Reisen der Salzmannschen Zglinge~, neue Folge,
~Die Familie Ehrenfried oder erster Unterricht in der Sittenlehre fr
Kinder von 8 bis 10 Jahren~. Als Fortsetzung dazu erschien: ~Heinrich
Gottschalk in seiner Familie oder erster Religionsunterricht fr
Kinder von 10-12 Jahren~, als weitere Fortsetzung: ~Unterricht in
der christlichen Religion~. Weiter seien noch genannt: ~Nachrichten
fr Kinder aus Schnepfenthal~, ~ber die Erlsung des Menschen vom
Elend durch Jesum~ und ~Christliche Hauspostille~ (67 Predigten).
Als Volksschrift erschien 1791: ~Auserlesene Gesprche des Boten aus
Thringen~ (1886 neu herausgegeben vom stdtischen Schulinspektor _Dr._
Fritz Jonas in Berlin, Verlag von L. Oehmigke ebenda). Von Salzmanns
Volks- und Jugendschriften seien genannt: ~Sebastian Kluge~, ~Konstants
kuriose Lebensgeschichte~, ~Ernst Haberfeld~, ~Josef Schwarzmantel~,
~Heinrich Glaskopf~. Von Salzmanns ~Jugendschriften~ heit es in Schmids
Encyklopdie der Pdagogik: Im Triumvirate der ersten Kinderbuchperiode
(Weie, Campe, Salzmann) ist ~Salzmann~ vielleicht der Schwchste,
aber gewi nicht der Schlechteste. Neben dem realistischen Campe, dem
civilisierenden Weie steht er am bescheidensten, aber am reinsten da.

       *       *       *       *       *

~Basedow~, der Herold unter den Philanthropen, erkannte wohl die
Schden des Erziehungswesens, war auch durch Wort und That bemht, sie
zu bessern. Da aber seine Grundstze viel Irriges und Unpraktisches
enthielten, so vermochten sie einen ~dauernden~ Erfolg nicht auszuben;
dazu kam noch sein prahlerisches, aller Gewissenhaftigkeit, Umsicht
und Besonnenheit bares Wesen, soda ~Herder~ ber ihn uerte: Ihm
mchte ich keine Klber zu erziehen geben, geschweige Menschen. ~Campe~
dagegen wirkte hauptschlich nur durch seine litterarische Thtigkeit
auf die Erziehung ein. Fassen wir nun kurz ~Salzmanns Stellung unter den
Philanthropen~ zusammen, so ist er der ~Praktiker~ unter ihnen, der die
lebensfhigen Grundgedanken des Philanthropinismus festhielt, der die
neuen Ideen am sichersten und am besonnensten durchfhrte in ruhiger und
unverdrossener Arbeit. Dittes sagt von ihm: Salzmann ist ohne Zweifel
der bedeutendste Praktiker unter den Philanthropen, ausgezeichnet durch
Besonnenheit, Migung, Ausdauer, stille Heiterkeit und hausvterlichen
Sinn. Von all den vielen Philanthropinen, die entstanden, ist die
Anstalt zu Schnepfenthal das einzigste, das noch besteht. Schuldirektor
~Moritz Kleinert~ in Dresden widmete der Anstalt zu ihrer Jubelfeier 1884
folgendes Sonett:

  Viel Ritter edlen Geistes seh' ich schreiten
  Durch ein Idyll, mit Namen ~Schnepfenthal~,
  Den Geist voll Feuer, Krper wie von Stahl,
  Zu bessern die beschrnkten, zopf'gen Zeiten,

  Die Unnatur hin zur Natur zu leiten
  In Freud' und Arbeit, Kleidung und im Mahl;
  Zu heben trocknen Lernens bittre Qual,
  Den >~Himmel hier auf Erden~< zu bereiten.

  So seh' ich ~Salzmann~ in dem Kreis der Seinen
  Ein Patriarch, geliebt und hochbewundert;
  Ich sehe ~Guts-Muths~ sich mit ihm vereinen;

  Es steht vor mir ein herrliches Jahrhundert,
  Das gro im Schaffen, nicht blo im Verneinen,
  Und das auch uns zu gleichem Thun ermuntert.

       *       *       *       *       *

Wie schon gesagt, ist das bedeutendste pdagogische Werk Salzmanns sein
~Ameisenbchlein~, das deshalb auch in einer Sammlung von Schriften
aus allen Zweigen der Litteratur und Wissenschaften, wie es Reclams
Universal-Bibliothek ist, nicht gut fehlen konnte, weshalb sich der
Verleger, dieses erkennend, auch entschlo, dasselbe in seine Sammlung
aufzunehmen und den Unterzeichneten mit der Herausgabe betraute.

Ihren ~Titel~ hat die Schrift von dem Titelblatte der Originalausgabe,
auf dem sich nmlich das ~Bild eines Ameisenhaufens~ befand. Eine Anzahl
Ameisen bemht sich um Ameisenlarven, whrend eine andere Anzahl unbesorgt
in der Luft umherfliegt. Die Ersteren sollen die Lehrer vorstellen, die
sich der Erziehung und des Unterrichts der Kinder angenommen haben,
die letzteren dagegen die Eltern, die, nachdem sie ihr Geschlecht
fortgepflanzt, sich in die Luft schwingen und nach menschlicher Art und
Weise sich nicht um ihre Brut bekmmern. Unter dem Bilde befindet sich das
Wort: Spr. Sal. 6, 6: Gehe hin zur Ameise, du Fauler, siehe ihre Weise an
und lerne.

Mge jetzt eine ~kurze, bersichtliche Darstellung des Inhalts~ folgen.

  _A._ ~Anrede an Hermann.~ Aufforderung an denselben, sich der
       Erziehung zu widmen und zwar aus folgenden Grnden:

            _a_) Die Erziehung schafft die Gelegenheit, ~fr Menschenwohl
                 recht thtig sein~ zu knnen;

            _b_) die gewissenhafte Ausbung der Erziehungskunst verschafft
                 dir die Seligkeit, einst Mnner, ~durch dich gebildete
                 Mnner~, zu sehen, die mit Kraft und Nachdruck fr alles
                 Gute thtig sind;

            _c_) das Erziehungsgeschft ist ~nicht so mhsam~, als es
                 von denen, die es nicht verstanden haben, geschildert
                 worden ist;

            _d_) die Frhlichkeit, welche ein wahrer Erzieher unter den
                 Kleinen hervorzubringen vermag, hat einen wohlthtigen
                 Einflu auf denselben;

            _e_) kein Geschft ist ~belohnender~ als das
                 Erziehungsgeschft. Als Lohn wird dem Erzieher:

                 1) Frohsinn, Gesundheit und ein heiteres Alter,

                 2) eigene Veredelung,

                 3) materieller Gewinn.

  _B._ ~Vorbericht~ ber den Titel. In ihm setzt Salzmann auseinander,
       warum er:

            _a_) diesen Titel gewhlt und

            _b_) dem Bchlein diesen Inhalt gegeben habe;

            _c_) Entschuldigung ber die etwas starke und schneidige Art
                 des Vortrags.

  _C._ ~Die Schrift selbst~: 5 Teile:

       _I._ ~Symbolum~: ~Von allen Fehlern und Untugenden seiner Zglinge
            mu der Erzieher den Grund in sich selber suchen~; denn

            _a_) vielen Lehrern fehlt das Lehrgeschick;

            _b_) viele Erzieher und Lehrer lehren die Kinder die Fehler

                 1) durch schlechtes Beispiel,

                 2) durch falsche Behandlungsart,

                 3) durch den Mibrauch des Zutrauens, das ihnen vom
                    Kinde entgegengebracht wird,

                 4) durch Nichtbefriedigung des Thtigkeitstriebes;

            _c_) viele Erzieher dichten ihren Zglingen Fehler und
                 Untugenden an, da sie nicht die kindliche Natur
                 bercksichtigen.

            _d_) oft nehmen die Erzieher eine willkrliche Regel an, nach
                 der sie die Zglinge richten wollen, und rechnen diesen
                 jede Abweichung von derselben als Untugend an.

            _e_) indem die Erzieher Eigenheiten ihrer Zglinge zu den
                 Fehlern und Untugenden rechnen, vergrern sie dieselben.

       _II._ ~Was ist Erziehung? Sie ist Entwickelung und bung der
            jugendlichen Krfte.~ In diesem Kapitel giebt Salzmann einen
            kurzen Abri der Erziehung und der allmhlichen Entwickelung
            der jugendlichen Krfte.

       _III._ ~Was mu ein Erzieher lernen?~

            _a_) Er mu sich und seine Zglinge ~gesund~ zu erhalten
                 suchen und zwar:

                 1) durch einfache Kost,

                 2) durch Abhrtung,

                 3) durch Bewegung.

            _b_) Er mu die kindlichen Krfte an ~sinnlichen~ Gegenstnden
                 ben und durch ntzliche und unterhaltende Beschftigungen
                 fr die ~Befriedigung des Thtigkeitstriebes~
                (durch Handarbeiten) sorgen.

            _c_) Er mu sich bemhen, ~mit Kindern umzugehen~.

            _d_) Er mu die Kinder zur ~Sittlichkeit~ gewhnen, und zwar:

                 1) durch Wahrhaftigkeit,

                 2) durch Vorhalten von Vorbildern,

                 3) durch Ermahnung unter vier Augen,

                 4) dadurch, da das Kind selbst das Gute einsieht
                    und will.

       _IV._ ~Plan zur Erziehung der Erzieher.~ Hier giebt Salzmann
            denjenigen, die sich dem Erziehungsgeschfte widmen, eine
            Anweisung zur ~Selbsterziehung~; seine Hauptregel ist:
            Erziehe dich selbst! 11 Regeln:

                 1) sei gesund;

                 2) sei immer heiter;

                 3) lerne mit Kindern sprechen und umgehen;

                 4) lerne mit Kindern dich beschftigen;

                 5) bemhe dich, dir deutliche Kenntnisse der Erzeugnisse
                    der Natur zu erwerben;

                 6) lerne die Erzeugnisse des menschlichen Fleies kennen;

                 7) lerne deine Hnde brauchen;

                 8) gewhne dich mit deiner Zeit sparsam umzugehen;

                 9) suche mit einer Familie oder Erziehungsgesellschaft
                    in Verbindung zu kommen, deren Kinder oder Pflegeshne
                    sich durch einen hohen Grad von Gesundheit auszeichnen;

                 10) suche dir eine Fertigkeit zu erwerben, die Kinder zur
                    innigen berzeugung von ihren Pflichten zu bringen;

                 11) handle immer so, wie du wnschest, da deine Zglinge
                    handeln sollen!

       _V._ ~Schluermahnung~: _Non ex quovis lignofit Mercurius_. ~Prfe
            dich~, ob du die Gabe hast, auf Kinder zu wirken und sie
            zu lenken.

Salzmanns ~Ameisenbchlein~ verdient auch noch jetzt trotz der vielen
pdagogischen Schriften, die alljhrlich auf den Bchermarkt gelangen,
gelesen und studiert zu werden. Ist heutzutage auch das meiste von dem,
was es giebt, wenigstens theoretisch allgemein anerkannt, so ist der
Inhalt des Buches noch nicht als veraltet zu betrachten. ~Moller~ sagt in
Schmids Encyklopdie des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens: Es
giebt in der neueren pdagogischen Litteratur vielleicht kein Werk, das
die Pflicht des Erziehers, sich selbst zu vervollkommnen und den Grund
jedes Mierfolgs vor allem in sich selbst zu suchen, so eindringlich mit
mildem Ernst und erfahrungsreicher Weisheit ans Herz gelegt htte, wie
das ~Ameisenbchlein~. Ist nun auch diese Salzmannsche Schrift besonders
fr Erzieher von Fach und fr diejenigen geschrieben, die es werden
wollen, so finden doch auch die Eltern manchen beherzigenswerten Wink in
demselben. Klarheit und Wahrheit, Frische und Natrlichkeit spricht sich
auf jeder Seite dieser Schrift aus, so da ihre Lektre auch jetzt noch
reichen Genu bietet. Mge deshalb auch die von mir veranstaltete Ausgabe
freundliche Aufnahme bei Deutschlands Lehrern und in deutschen Familien
finden.

       *       *       *       *       *

Das ~Ameisenbchlein~ erschien im Jahre 1806 in Schnepfenthal in
der Buchhandlung der Erziehungsanstalt. Veranlat dazu ward Salzmann
durch den Mangel an Anweisungen zur Erziehung der Erzieher, whrend an
Bchern, die Anweisungen zur Erziehung der Kinder enthalten, berflu
war. Salzmann schreibt: Was helfen aber diese, wenn jene nicht da sind?
Wozu ntzen alle Theorien, wenn die Leute fehlen, die sie ausfhren
knnen? Statt darauf zu denken, das Wahre und Gute, was wir von der
Erziehung bereits wissen, in Ausbung zu bringen, fhrt man fort, neue
Theorien aufzustellen, denen, so gut wie jenen, die Ausfhrung fehlen
wird. Wir gleichen theoretischen Baumeistern, die die Ideale zu den
vollkommensten Gebuden mit der Reifeder entwerfen knnen, die aber immer
nur Risse bleiben, mit denen man etwa die Wnde bekleiden kann, da ihren
Verfertigern die Geschicklichkeit fehlt, das Entworfene zur Wirklichkeit
zu bringen.

Dem nachfolgenden Abdrucke ward die Originalausgabe von 1806 zu
Grunde gelegt. Diese erschien doppelt, nmlich in einer auf besserem
Papier, in grerem Drucke und mit dem oben erwhnten Bilde auf dem
Titelblatte hergestellten Ausgabe und in einer wohlfeilen Ausgabe ohne
Titelbild. Hinderlich waren der Verbreitung der Schrift die bald nach
ihrem Erscheinen in Deutschland auftretenden Kriegsunruhen, die auch
auf die Schnepfenthaler Anstalt nachteilig wirkten. Ein Nachdruck des
Ameisenbchleins erschien 1807 in der J.J. Mckenschen Buchhandlung in
Reutlingen. Wieder abgedruckt ward es in der 1845 von der Hoffmannschen
Verlagsbuchhandlung in Stuttgart verlegten und zum hundertjhrigen
Geburtstage Salzmanns von dessen Familie veranstalteten Ausgabe seiner
Volks- und Jugendschriften. Benutzt sind von mir auch, soweit es meinen
Zwecken entsprach, die Ausgabe der Salzmannschen Schriften von Karl
Richter, sowie diejenige von Richard Bosse und Johs. Meyer.

  ~Hannover~, am Todestage Salzmanns, den 31. Oktober 1887.

                                                   #Ernst Schreck.#




Ameisenbchlein.




An Hermann!


So nenne ich dich, lieber junger Mann, der du in deiner Brust ein Streben
fhlst, durch Thtigkeit fr Menschenwohl dich in der Welt auszuzeichnen.

Gieb mir die Hand! Wenn du nicht vorzgliche Talente und entschiedene
Neigung zu einem andern Geschfte in dir fhlst--so widme dich der
Erziehung!

Diese schafft dir Gelegenheit, fr Menschenwohl recht thtig zu sein. Wer
Morste austrocknet, Heerstraen anlegt, Tausenden Gelegenheit verschafft,
sich ihre Bedrfnisse zu verschaffen, Grten pflanzt, Krankenhuser
stiftet, wirkt auch fr Menschenwohl, aber nicht so unmittelbar und
durchgreifend als der Erzieher. Jener verbessert den Zustand der Menschen,
dieser veredelt den Menschen selbst. Und ist der Mensch erst veredelt, so
geht aus ihm die Verbesserung von selbst hervor, und der Zgling, dessen
Veredelung dir gelungen ist, hat Anlage, auf dem Platze, wohin ihn die
Vorsehung stellt, den Zustand von tausenden seiner Brder angenehmer und
behaglicher zu machen.

In keiner Klasse von Menschen findest du so viel Empfnglichkeit fr alles
Gute, als bei Kindern. Ihr Herz ist die wahre Jungfernerde, in welcher
jedes Samenkorn schnell Wurzel schlgt und emporwchst; es ist ein Wachs,
das sich willig in jede Form schmiegt, in die du es drckst. Das Herz der
Erwachsenen gleicht einem Lande, das schon mit Gewchsen besetzt ist, die
darin tiefe Wurzeln schlugen, und die erst mit vieler, oft vergeblicher
Mhe ausgerottet werden mssen, wenn der Same, den du in dasselbe werfen
willst, gedeihen soll; einem Marmor, der mit groer Behutsamkeit
bearbeitet sein will, und in dem man, nach langer mhseliger Arbeit, oft
auf eine Ader stt, die alle fernere Arbeit zwecklos macht. Wenn du die
Erziehungskunst wirklich grndlich erlernst und mit Gewissenhaftigkeit
ausbest, so verschaffst du dir gewi die Seligkeit, einst Mnner, durch
dich gebildete Mnner, zu sehen, die mit Kraft und Nachdruck fr alles
Gute thtig sind.

Wende mir nicht ein, das Erziehungsgeschft wre so mhsam. Wo ist denn
ein gemeinntziges Geschft, das nicht mhsam wre? Und wenn es ein
solches, wie z.B. das Zerlegen einer Pastete, gbe, wolltest du dich
wohl demselben widmen? Aber glaube mir, das Erziehungsgeschft ist nicht
so mhsam, als du denkst. Erzieher, die die Erziehung nicht verstanden,
haben es in einen beln Ruf gebracht. Merke nur auf die Winke, die dir
in diesem Buche gegeben werden, ~und befolge sie~, so wirst du bei der
Erziehung zwar Mhe, aber fast immer solche finden, die durch einen
baldigen glcklichen Erfolg belohnt wird, und deswegen kaum den Namen der
Mhe verdient. Und diese kleine Mhe--durch wie mannigfaltige Freude
wird sie verst werden! Sieh', was fr ein harmloses, frhliches Vlklein
die Leutchen sind, in deren Kreise der Erzieher wirkt! Wird, wenn du ein
wirklicher Erzieher wirst und dich zu ihnen herabstimmen lernst, ihre
bestndige Frhlichkeit nicht einen wohlthtigen Einflu auf dich haben?

Die Erfahrung lehrt, da Mnner, die in der jugendlichen Atmosphre leben
und weben, gemeiniglich alt werden, unterdessen da von denjenigen ihrer
Jugendfreunde, die in dem Dunstkreise der Erwachsenen arbeiteten, einer
nach dem andern dahin welkt.

Man hat diese unleugbare Erscheinung oft den jugendlichen Ausdnstungen
zugeschrieben, die solche Mnner einatmen, und damit ihre zhwerdende
Blutmasse verdnnen. Ob es wahr sei, kann ich nicht entscheiden, da mir
hierzu die ntigen rztlichen Kenntnisse fehlen.[1] Sicher trgt aber die
bestndige Munterkeit und Frhlichkeit der Jugend das ihrige dazu bei,
wenn man ihr nur nicht durch Eigensinn und ble Laune entgegenarbeitet.
Will man sich in den Lehnstuhl setzen, um des Marasmus Ankunft ruhig
abzuwarten, so kommt ein munterer Knabe gehpft, bittet, einen seiner
jugendlichen Wnsche zu befriedigen, und reizt uns, den Lehnstuhl zu
verlassen. Dort beginnen einige frohe Knaben ein munteres Spiel, das auch
uns zum Frohsinn stimmt. Nun ruft uns die Glocke in das Lehrzimmer, wo
man, soll anders der Unterricht einen guten Erfolg haben, der blen Laune
entsagen und zum Frohsinn sich stimmen mu. So verjngt der Erzieher, der
seiner Bestimmung gem lebt, sich tglich, und hlt das Alter mit seinen
mannigfaltigen Beschwerden von sich entfernt.

Die Erziehung, denkst du vielleicht, wird aber so schlecht belohnt.

Das glaubst du wirklich? Mir deucht, kein Geschft ist belohnender als
dieses. Sind denn Frohsinn, Gesundheit und ein heiteres Alter, die
gewhnlich dem ~wahren~ Erzieher zu teil werden, eine Kleinigkeit?

Nchstdem kann er noch auf eine andere Belohnung rechnen, dies ist -- die
eigene Veredelung. Der Erzieher, der sein Geschft nicht als Broterwerb
treibt, den die Veredelung seiner Pflegebefohlenen Hauptzweck ist, mu
schlechterdings ein guter, edler Mensch werden. Wie? er sollte stets
die Pflicht mit Wrme empfehlen knnen, ohne ber dieselbe tglich
nachzudenken und ihren Wert zu fhlen? ohne sich selbst als Muster der
Pflichterfllung darzustellen? Er sollte unter jungen Leuten leben knnen,
deren scharfes Auge jeden Fehler bemerkt, deren Freimtigkeit jeden Fehler
bemerkbar macht, ohne dieselben abzulegen? Das so wahre Sprichwort:
_docendo discimus_ ist auch in moralischer Hinsicht wahr. Wenn wir uns
ernstlich bestreben, unsere Pflegebefohlenen zu veredeln, werden wir
selbst veredelt.

Und nun, mein guter Hermann! wenn du bei dem Erziehungsgeschfte gesund
und froh wirst, wenn dabei dein innerer Mensch gedeihet und immer mehr
edlen Sinn bekommt, bist du nicht belohnt genug? Gesetzt, du mtest deine
Tage in niedriger Drftigkeit verleben, bist du nicht belohnt genug?
Oder, wolltest du wohl dies alles dahin geben, um eine glnzende Rolle zu
spielen? wolltest lieber an einer reichlich besetzten Tafel krank, als
bei einer einfachen Mahlzeit mit gutem Appetite sitzen? wolltest lieber
Jubel um dich und in dir Gram, als in dir Frohsinn und um dich Stille
haben? wolltest lieber einen Schwarm feiler Seelen befehlen, als dich
selbst beherrschen? Nun, so triff den Tausch, aber--mein Hermann bist du
nicht--dir ist dies Buch nicht geweihet.

An dich wende ich mich, der du den Wert dieser groen Belohnung fhlen
kannst. Erlangtest du auch keine als diese, so wirst du jede andere
entbehren knnen.

Aber gewi, wenn du dich bestrebst, kein mittelmiger, sondern ein
ausgezeichneter Erzieher zu werden, wird dir auch andere Belohnung nicht
fehlen. Die Zeiten sind vorbei, da das Erziehungsgeschft verchtlich war.
Die Familien werden immer zahlreicher, denen ein ~guter~ Erzieher das
hchste Bedrfnis ist, die sich denselben um jeden Preis zu verschaffen
suchen; die ihn nicht als ersten Bedienten, sondern als ersten Freund des
Hauses betrachten. Frstenfamilien sehen sich nach dem Manne um, dessen
Leitung sie ihre Kinder mit vollem Zutrauen bergeben knnen.--Und du
wolltest nicht Erzieher werden?




Vorbericht.


Als ich mich bei Ausfertigung des ~Krebsbchleins~[2] in das Kerbtierfach
warf, war meine Meinung, eine Reihe von Schriften auszuarbeiten, die
ihren Namen von Kerbtieren haben sollten. Allein die Geschfte, in die
ich von diesem Zeitpunkte an verwickelt wurde, hielten mich immer davon
ab, und nun lt mir das herannahende Alter wenig Hoffnung brig, meinen
Vorsatz ausfhren zu knnen. Das Skorpionbchlein, oder Anweisung zu
einer unvernnftigen Regierung der Vlker, sowie das Spinnenbchlein,
oder Anweisung zu unvernnftiger Fhrung der Ehe, wird also nicht zur
Wirklichkeit kommen. ~Das Ameisenbchlein oder die Anweisung zu einer
vernnftigen Erziehung der Erzieher~ erscheint aber hier.

Wozu der sonderbare Titel? wird man fragen. Erstlich dazu, da dadurch
Leser herbeigelockt werden. Der Inhalt dieses Buches scheint mir so
wichtig, da ich wnsche, es mchte von allen, die erziehen oder erziehen
lassen, gelesen und beherzigt werden. Gleichwohl ist zu besorgen, da
es unter der Flut von Schriften, mit welchen Deutschland in jeder Messe
berschwemmt wird, nicht mchte bemerkt werden, wenn es nicht eine
Auszeichnung bekommt, die in die Augen fllt, und es unter den tausenden,
von welchen es umgeben ist, bemerkbar macht. Was ist hierzu aber wohl
schicklicher als der Titel? Ein anderer wrde dazu vielleicht einen
griechischen oder franzsischen Namen, oder den Namen einer Gottheit oder
eines Weisen des Altertums gewhlt haben; mir aber gefiel der Titel:
~Ameisenbchlein~.

Zweitens whlte ich gerade diesen Titel, weil das Krebsbchlein so gut
ist aufgenommen worden, da es noch nach 24 Jahren gelesen und hier und
da empfohlen wird, und ich daher hoffen durfte, da die hnlichkeit des
Namens diesem Buche einen hnlichen Beifall im Publikum verschaffen wrde.

Endlich liegt auch wirklich ein Grund zu der Wahl dieses Titels im
Ameisenhaufen selbst. Die Eltern der Ameisen, nachdem sie ihr Geschlecht
fortgepflanzt haben, schwingen sich in die Luft, und sind, nach
menschlicher Art und Weise, um ihre Brut unbekmmert, deren Pflege und
Erziehung sie jenen Ameisen berlassen, die durch die Natur zu einem
niederen Wirkungskreise bestimmt sind. Diese nun besorgen ihr Geschft
auch recht gut; sie bringen die junge Brut tglich an die Sonne, laufen
herbei und suchen sie zu retten bei jeder Gefahr, von welcher sie bedroht
wird[3]--und der Erfolg brgt fr die Gte der Erziehung, da jeder
Ameisenhaufen der Wohnsitz der Gesundheit, Reinlichkeit, Thtigkeit
und Folgsamkeit ist, die in vielen menschlichen Gesellschaften vermit
werden, zu welchen man aber die jungen Ameisen gleich nach ihrem Entstehen
gewhnt. So wie also Salomo den Faulen zum Ameisenhaufen verweist, knnte
man auch in anderer Rcksicht den Erzieher auf denselben aufmerksam machen.

So viel vom Titel! Was den Inhalt betrifft, so scheint er mir von groer
Wichtigkeit zu sein. Wir haben einen berflu von Bchern, die Anweisung
zur Erziehung der Kinder enthalten, aber an Anweisungen zur Erziehung
der Erzieher scheint mir noch Mangel zu sein. Was helfen aber jene, wenn
diese nicht da sind? Wozu ntzen alle Theorien, wenn die Leute fehlen, die
sie ausfhren knnen? ~Die Revision des Schul- und Erziehungswesens~[4]
stellt gute Theorien auf, wo sind sie aber ausgefhrt worden? Statt darauf
zu denken, das Wahre und Gute, was wir von der Erziehung bereits wissen,
in Ausfhrung zu bringen, fhrt man fort, neue Theorien aufzustellen,
denen, so gut wie jenen, die Ausfhrung fehlen wird. Wir gleichen
theoretischen Baumeistern, die die Ideale zu den vollkommensten Gebuden
mit der Reifeder entwerfen knnen, die aber immer nur Risse bleiben,
mit denen man etwa die Wnde bekleiden kann, da ihren Verfertigern die
Geschicklichkeit fehlt, das Entworfene zur Wirklichkeit zu bringen.

Ach, gebt uns gute Erzieher! gebt uns Leute, die die Neigung,
Geschicklichkeit und Fertigkeit haben, Kinder vernnftig zu behandeln,
sich die Liebe und das Zutrauen derselben zu erwerben, die Krfte zu
wecken, ihre Neigungen zu lenken, und durch ihre Lehre und ihr ~Beispiel~
die jungen Menschen zu dem zu machen, was sie, ihren Anlagen und ihrer
Bestimmung nach, sein knnen und sein sollen, und die Erziehung wird
gelingen, ohne da wir neue Theorien ntig haben. So geht aus der
Dorfschule manches verstndigen, rechtschaffenen und treuen Schulmeisters,
der nie etwas von reiner Pflicht hrte[5], noch neue Theorien ber den
Unterricht im Lesen studierte, nach und nach eine Gemeinde hervor, die
durch ihre Rechtschaffenheit, helle Einsichten, Ordnung, Thtigkeit und
Lesefertigkeit sich im ganzen Umkreise zu ihrem Vorteile auszeichnet, und
alle hinter sich zurcklt, die nach den neuesten Theorien von Mnnern
erzogen wurden, die nicht zu erziehen verstanden.

Was ist z.E. vernnftiger, als die Forderungen der Erzieher, die Kinder
mehr durch Vorstellungen, als durch Belohnungen und Strafen zu lenken?
Allein zu dem Lenken der Kinder durch Vorstellungen gehrt eine ganz
eigene Geschicklichkeit. Derjenige, dem sie fehlt, kann den Kindern sehr
viel Vernnftiges und Gutes sagen, das sich recht gut lesen lt, und
wird damit doch nichts ausrichten, unterdessen da ein anderer, der die
Erziehung versteht, mit weit weniger Worten zu seinem Zwecke kommt.

Es ist unter den Erziehern allgemein angenommen worden, da zur Erziehung
auch eine gewisse Abhrtung des Krpers gehre; wenn der Erzieher aber
selbst weichlich ist, wie will er andere abhrten? u.s.w.

Was die Art meines Vortrags betrifft, so wird man manches daran
auszusetzen finden, das aber doch wegen meiner Eigenheit verdient
entschuldigt zu werden. Bisweilen werde ich etwas stark und entscheidend
sprechen, und fordern, da dies und jenes so und nicht anders sein msse.
Dies ist eine Folge von der Lebhaftigkeit meiner berzeugung. Ich bin
kein Jngling mehr, der sich mit Idealen beschftigt, von denen er noch
zweifelhaft ist, ob sie auer seinem Gehirne gedeihen werden; ich habe
einige und zwanzig Jahre selbst erzogen, die Eigenheiten der Kinder
in mancherlei Verhltnissen kennen gelernt, manchen Versuch mit ihnen
gemacht, der mir milang, und andere, von denen ich die gesegnetsten
Wirkungen versprte. Was ich also wei, das wei ich aus vieljhriger
Erfahrung; ist es mir daher zu verdenken, wenn ich davon mit eben der
Zuversicht spreche, mit welcher ein alter Arzt die Heilart einer gewissen
Krankheit, deren Gte ihm eine vieljhrige Erfahrung besttigte, zu
empfehlen pflegt?

Auch werde ich wenig oder gar nicht dessen Erwhnung thun, was andere
Erzieher geleistet haben. Dies rhrt keineswegs von der Geringschtzung
anderer her, sondern ist blo eine Folge meiner Eigenheit. Ich habe wenig
gelesen, desto mehr gedacht, beobachtet und gehandelt. Will man dies als
Unvollkommenheit ansehen, so mag man es; so viel ist aber doch gewi, da
es einem Manne, der die Arbeiten anderer nicht hinlnglich kennt, nicht
geziemt, darber zu urteilen.

Besonders auffallend wird man es finden, da ich der Pestalozzischen
Lehrart, die die Augen von Europa auf sich gezogen hat, nicht oft
Erwhnung thue.

Es geschieht dies aus eben diesem Grunde. So viel ich in einem flchtigen
Blicke von der Lehrart dieses verdienten Mannes gefat habe, scheint es
mir, als wenn wir in der Hauptsache mit einander bereinstimmten, und nur
im Ausdrucke voneinander verschieden wren. Manches aber, das mir bei ihm
neu war, habe ich angenommen und benutze es mit Dank.

Dahin gehren seine Linearzeichnungen, die bungen des Gedchtnisses, die
Rechnungsmethode und das laute Aussprechen von mehreren Schlern zugleich.

Mge dies kleine Buch den Zweck, zu welchem es aufgesetzt wurde, ~ganz~
erreichen! Mgen viele deutsche Jnglinge dadurch fr das wichtige,
wohlthtige Geschft der Erziehung gewonnen, mgen sie dadurch auf den
einzig wahren Weg, den die Natur uns vorzeichnet, geleitet, mge dadurch
das Vorurteil zerstrt werden, als wenn die Erziehung eine lstige Arbeit
und das Gelingen derselben uerst zweifelhaft sei, damit unsere Nation
den Ruhm, den sie sich durch ihre Erziehungskunst im Auslande erwarb, noch
ferner behaupte und begrnde.

    ~Schnepfenthal~, im Oktober 1805.

                                                     #C.G. Salzmann.#




Symbolum.


Denen, die sich entschlieen, das Christentum anzunehmen, wird gewhnlich
bei Einweihung zu demselben eine Formel vorgelegt, zu deren Annahme sie
sich bekennen mssen, die man Symbolum nennt. Damit ist nun freilich
groer Mibrauch getrieben worden, und manches Symbolum scheint mehr
in der Absicht gegeben zu sein, um Ha gegen Andersdenkende, als
Anhnglichkeit an die Partei, mit welcher man sich vereinigen will,
einzuflen. An sich ist diese Gewohnheit aber doch gut und ntig.
Jede Gesellschaft mu doch einen gewissen Zweck haben, zu welchem sie
sich vereinigt, und gewisse Grundstze, durch deren Befolgung sie den
vorgesetzten Zweck erreichen will; diese knnen in eine kurze Formel
verfat, und die Annahme derselben von denen verlangt werden, die mit der
Gesellschaft sich verbinden wollen.

Ich lade jetzt deutsche Jnglinge ein, sich dem wichtigen Geschft der
Erziehung zu weihen. Man wird es also nicht sonderbar finden, wenn ich
ihnen auch eine Formel zur Annehmung als Symbolum vorlege. Ein jeder, der
Neigung hat, in die Gesellschaft der Erzieher zu treten, beherzige sie und
prfe sich selbst, ob er wohl von ganzem Herzen sie glauben und annehmen
knne. Wer dies nicht kann, wer darin Widerspruch findet, der lasse mein
Buch lieber ungelesen, weil er unfhig ist, das Erziehungsgeschft mit
Vergngen, mit Eifer und Wirksamkeit zu betreiben.

Mein Symbolum ist kurz und lautet folgendermaen: ~Von allen Fehlern und
Untugenden seiner Zglinge mu der Erzieher den Grund in sich selbst
suchen.~[6]

Dies ist eine harte Rede, werden viele denken; sie ist aber wirklich nicht
so hart, als sie es bei dem ersten Anblicke scheint. Man verstehe sie nur
recht, so wird die scheinbare Hrte sich bald verlieren.

Meine Meinung ist gar nicht, als wenn der Grund von allen Fehlern und
Untugenden seiner Zglinge in dem Erzieher wirklich lge; sondern ich will
nur, da er ihn in sich suchen soll.

Sobald er Kraft und Unparteilichkeit genug fhlt, dieses zu thun, ist er
auf dem Wege, ein guter Erzieher zu werden.

Es liegt freilich in der Natur des Menschen, den Grund von allen
Unannehmlichkeiten, ja von seinen eigenen Fehltritten auer sich zu
suchen; man findet Spuren davon schon in der Geschichte des ersten
Sndenfalls; es ist also kein Wunder, wenn auch der Erzieher geneigt ist,
die Schuld von der Unfolgsamkeit, Ungeschicklichkeit und dem Mangel an
Fortschritten seiner Zglinge lieber diesen, als sich selbst beizumessen;
allein diese Neigung gehrt zu denen, die durch die Vernunft nicht nur
geleitet, sondern, wie Neid und Schadenfreude unterdrckt werden mssen.

Ich setze es als bekannt voraus, da der Grund von den Fehlern der
Zglinge wirklich ~oft~ in den Erziehern liege. Wre dies nicht, mte man
die Ursache derselben schlechterdings allemal den Kindern oder der Lage
zuschreiben, in welcher sich die Erzieher befinden, so wre es freilich
eine ungerechte und thrichte Forderung, dem Erzieher zuzumuten, sie in
sich selbst zu suchen. Welcher vernnftige Erzieher wird dies aber wohl
glauben?

Bist du nun berzeugt, da der Grund von den Fehlern der Zglinge wirklich
~oft~ in den Erziehern liege, so wnsche ich, dir es glaublich zu machen,
da dies auch bei dir oft der Fall sei, der du es liesest.

Hast du nicht vielleicht bemerkt, da die Zglinge, die gegen dich
unfolgsam sind, anderen willig gehorchen? oder da die nmlichen Zglinge,
die bei deinem Vortrage flatterhaft sind und nichts lernen, wenn sie
in die Lehrstunden anderer kommen, Aufmerksamkeit zeigen und gute
Fortschritte machen?

Solltest du diese Bemerkung wirklich gemacht haben, so tusche dich nicht,
sei aufrichtig gegen dich selbst, und gestehe dir ein, da du selbst an
dem schuld sein kannst, was du an deinen Zglingen tadelst. Sage nicht,
ich bin mir doch bewut, da ich meine Pflichten redlich erflle. Dies
kann wohl sein, aber vielleicht verstehst du noch nicht recht, die Kinder
zu behandeln.

Vielleicht hast du in deinem Betragen etwas Zurckstoendes, das die
Kinder mitrauisch und abgeneigt macht. Vielleicht fehlt dir die Lehrgabe.
Du bist zu schlfrig, oder dein Vortrag ist zu trocken und zu abstrakt.
Hast du ferner nicht wahrgenommen, da die nmlichen Zglinge, die zu
gewissen Zeiten auf deinen Vortrag merken und deine Winke befolgen, zu
anderen Zeiten flatterhaft und unfolgsam sind? Kann dich dies nicht auch
belehren, da der Grund von ihren Fehlern in dir zu suchen sei?

Ich begreife nicht, antwortest du, wie dies daraus folge. Bin ich nicht
der nmliche, der ich gestern war? Wenn meine Zglinge nun nicht die
nmlichen mehr sind, mu der Grund von diesen Vernderungen nicht in ihnen
liegen?

Es kann sein. Ehe du dies aber annimmst, so untersuche nur erst, ob du
wirklich noch der nmliche seiest, der du gestern warest. Gar oft wirst
du finden, da du ein ganz anderer Mann geworden bist. Vielleicht leidest
du an Unverdaulichkeit, oder hast dir durch Erkltung den Schnupfen
zugezogen, oder ein unangenehmer Vorfall hat deine Seele verstimmt, oder
du hast etwas gelesen, was dich noch beschftigt und hindert, deine
ganze Aufmerksamkeit auf dein Geschft zu wenden u.s.w. Ein einziger
von diesen Zufllen kann dich zu einem ganz andern Manne gemacht haben.
Gestern tratest du mit heiterer Seele und feurigem Blicke unter deine
Kleinen; dein Vortrag war lebhaft, mit Scherz gewrzt, deine Erinnerungen
waren sanft und liebevoll, die Lebhaftigkeit deiner Zglinge machte
dir Freude. Und heute? Ach, du bist der Mann nicht mehr, der du gestern
warst. Deine Seele ist trbe, dein Blick finster und zurckstoend, deine
Erinnerungen sind herbe, jeder jugendliche Mutwille reizt dich zum Zorne.
Hast du dies nicht zuweilen an dir wahrgenommen? Nun so sei aufrichtig und
gestehe dir, da der Grund, warum deine Zglinge heute nicht so gut sind,
als sie gestern waren, in dir liege.

Ich erwarte noch vielerlei Einwendungen gegen mein Symbolum, davon ich
einige anfhren und beantworten will. Derjenige, dem diese Beantwortungen
gengen, wird sich leicht die brigen Einwendungen selbst widerlegen
knnen; wer sich aber dabei nicht beruhigen kann, bei dem werde ich auch
nichts ausrichten, wenn ich alle mglichen Einwendungen anfhren und
widerlegen wollte. Er ist ein durch die Eigenliebe geblendeter Mensch, der
schlechterdings nicht Unrecht haben will, der eher alle seine Zglinge fr
Dummkpfe und Bsewichte erklrt, als da er an seine Brust schlge und
sich eingestnde, da er gefehlt habe; er ist -- zur Erziehung unfhig.

Lasset uns also die Einwendungen hren!

Mein Zgling hat alle die Fehler, ber die ich Klage fhre, gehabt, ehe
ich ihn bekam, wie kann ich denn die Schuld davon mir beimessen?

Zugestanden, da dein Zgling diese Fehler hatte, ehe du ihn bekamest.
Warum hat er sie noch? Ist nicht die Abgewhnung von Fehlern ein
Hauptstck der Erziehung? Wenn diese nun nicht erfolgt, ist es denn nicht
wenigstens mglich, da der Grund davon in dir liege?

Du bekamst z.E. deinen Zgling als ein schwchliches Kind, mit dem
wenig anzufangen war, warum ist er denn noch nicht strker? Hast du
nicht von schwchlichen Kindern gehrt, die durch eine vernnftige
Behandlung gestrkt wurden? Kennst du die Mittel, schwchliche Kinder zu
strken? Hast du davon Gebrauch gemacht? Dein Zgling ist zuvor verzogen
worden--er ist eigensinnig, widerspenstig, lgenhaft; warum ist er
dies aber noch, nachdem er so lange unter deiner Leitung war? Hast du
ihn auch die Folgen seines Eigensinns fhlen lassen, um ihn dadurch zum
Nachdenken zu bringen? Hast du es ihm gehrig fhlbar gemacht, da du ein
Mann, er ein Kind ist, da du ihm an Kraft, Erfahrungen und Einsichten
berlegen bist, und ihn so zur berzeugung zu bringen gesucht, da er von
dir abhnge und deine Vorschriften befolgen msse? Hast du dir auch immer
die gehrige Mhe gegeben, zu untersuchen, ob das, was er dir sagte, wahr
sei, und ihn durch Aufdeckung seiner Lgen zu beschmen? Du erzhlst, wie
du deine Zglinge behandelst, welche Ermahnungen du ihnen giebst, durch
welche Vorstellungen du sie zu leiten suchst, und klagst, da du mit alle
dem doch nichts ausrichtetest.

Dies kann wohl sein; es kann auch sein, da ich an der Vorstellung deiner
Behandlungsart gar nichts auszusetzen finde; sollte ich dich aber handeln
sehen, so wrde ich vielleicht doch bemerken, da die Ursache von dem
schlechten Erfolge deiner Bemhungen in dir liege.

Es ist nicht genug, da man etwas Gutes sagt und vernnftig handelt,
sondern es kommt auch noch darauf an, ~wie~ man spricht, und ~wie~ man
handelt. ~Wer Ohren hat zu hren, der hre!~

Der Ton, in dem man mit jungen Leuten spricht, ist von groer Wichtigkeit.
Sie sind geneigt, mehr durch das Gefhl, als durch die Vernunft sich
leiten zu lassen. Wer also den rechten Ton treffen kann, der der
jugendlichen Natur am angemessensten ist, und auf sie den meisten Eindruck
macht, der richtet bei ihr mit wenigen Worten weit mehr aus, als ein
anderer, der sich nicht in den rechten Ton stimmen kann, mit einer langen
Rede.

So ist der Ton, in welchem manche Erzieher mit ihren Zglingen, zumal wenn
diese von vornehmer Herkunft sind, sprechen, zu schchtern, zu blde,
es fehlt ihnen das Durchgreifende. So wie nun das Ro an dem Beben der
Schenkel seines Reiters bald die Furchtsamkeit desselben merkt und ihm
den Gehorsam versagt, so fhlen junge Leute an dem schchternen Tone, in
welchem der Erzieher mit ihnen spricht, bald, da er ihnen nicht gewachsen
sei, und achten nicht viel auf ihn.

Bei anderen Erziehern ist der Ton, in welchem sie reden, zu trocken, zu
einfrmig. Wenn man sie hret, so sollte man glauben, sie lsen ihre
Ermahnungen aus einem Buche ab.

Solche Ermahnungen fruchten auch nichts. Man kann von Kindern nicht
erwarten, da sie auf einen zusammenhngenden Vortrag viel merken, den
Sinn desselben fassen und darber nachdenken sollen. Der Ton, die Mienen,
der ganze Anstand des Redners mu ihnen den Inhalt der Rede begreiflich
machen, sonst wirkt sie wenig.

Ich gehe hin und weine--sagt ein gewisser Prediger ~lchelnd~ am
Schlusse der Trauerrede, die er am Grabe seines Amtsbruders hielt.
Und--niemand lie eine Thrne fallen. Lag die Schuld davon vielleicht an
der Hartherzigkeit der Zuhrer? Nicht doch--sie lag an der lchelnden
Miene, mit welcher der Redner sagte: ~Ich gehe hin und weine~. Htte er
mit einer weinerlichen Miene geschlossen und dazu das Schnupftuch vor die
Augen gehalten, so wrde er mehr ausgerichtet haben, wenn er auch gar
nichts dazu gesagt htte.

Endlich ist der Ton mancher Erzieher zu gebieterisch. Mit stolzen Blicken
sehen sie auf ihre Pflegeshne herab, wie ein adelstolzer Offizier auf
seine Compagnie, und jede Ermahnung, jede Erinnerung hat die Form eines
despotischen Befehls. Was wird die Wirkung davon sein? Abneigung und
Widerspenstigkeit. Der zur Freiheit bestimmte Mensch fhlt eine natrliche
Abneigung gegen jede harte, willkrliche Behandlung, und man kann es ihm
nicht zur Last legen, wenn er sie gegen seinen despotischen Erzieher
uert.

Nun sollte ich noch von dem Korporalstone sprechen, den manche Erzieher
sich angewhnt haben, die ihren Ermahnungen und Vorschriften durch
Rippenste und Stockschlge Nachdruck zu geben suchen. Da aber dagegen
schon so viel gesagt worden, und die Unschicklichkeit desselben allgemein
anerkannt ist, so halte ich es fr berflssig, davon weiter Erwhnung zu
thun. Unterdessen rate ich jedem jungen Manne, der die Jugend nicht anders
als mit Rippensten und Schlgen zu lenken wei, da er der Erziehung
gnzlich entsage, weil er dabei doch nicht froh werden und nichts Gutes
wirken wird. Er bemhe sich, eine Korporalstelle oder die Stelle eines
Zuchtmeisters zu erhalten, da wird er auf seinem Platze sein.

Das bisher Gesagte wird hinreichend beweisen, da viele Erzieher sich
deswegen die Ursache von den Fehlern ihrer Zglinge beizumessen haben,
weil ihnen die Geschicklichkeit fehlt, ihnen dieselben abzugewhnen.

Oft lehren sie aber auch wirklich dieselben.

Nun werden die meisten Leser denken, dies ist bei mir der Fall nicht,
ich lehre meinen Zglingen ihre Pflichten und suche sie durch meine
Ermahnungen zu guten und thtigen Menschen zu bilden. Ich glaube es gern.
Ich nehme es als bekannt an, da unter meinen Lesern keiner sei, der seine
Zglinge zur Trgheit, Lgenhaftigkeit, Unvertrglichkeit und anderen
Untugenden ermahne. Daraus folgt aber noch nicht, da sie diese Untugenden
nicht lehrten. Kann man die Untugend nicht durch sein Exempel lehren?
Wirkt dies nicht strker auf die Jugend als Ermahnung? Du empfiehlst
z.E. den Flei, und bist doch selbst trge, gehst mit Verdrossenheit
an deine Geschfte, klagst ber deine vielen Arbeiten, uerst oft den
Wunsch, von deinen Geschften befreit zu werden; du ermahnst sie zur
Wahrheitsliebe und lgst doch selbst; sagst, da du einen Freund besuchen
wollest, und schleichst dich in das Wirtshaus zum Spieltische, setzest
deine Lehrstunden unter dem Vorgeben aus, da du krank wrest und bist
doch nicht krank; forderst von deinen Zglingen Vertrglichkeit, und
zankst doch immer mit den Personen, die mit dir in Verbindung stehen. Du
kommst mir vor wie ein Sprachlehrer, der die Theorie der Sprache recht gut
vorzutragen wei, aber sie selbst fehlerhaft spricht und schreibt. Wenn
seine Schler ein Gleiches thun, kann man denn nicht von ihm sagen, da
er sie die Fehler gegen die Sprachregeln gelehrt habe?

Kann man ferner nicht auch Fehler und Untugenden durch die Behandlungsart
lehren?

Ich glaube es allerdings. Wenn du z.E. jeden Mutwillen, jede
Unbesonnenheit, jedes Versehen deines Zglings strenge ahndest, was hast
du ihn gelehrt? Die Lgenhaftigkeit. Seiner jugendlichen Natur ist es nun
einmal notwendig, bisweilen mutwillig zu sein, unbesonnen zu handeln, dies
und jenes zu versehen; wei er nun, da du dies alles strenge ahndest,
was wird er thun? Er wird seine Fehltritte vor dir zu verbergen suchen,
ableugnen, ein Lgner werden. Mibrauchst du das Zutrauen, das dir dein
Zgling beweist, plauderst du die Gestndnisse aus, die er dir als seinem
Freunde thut, hltst sie ihm wohl gar ffentlich vor und beschmst ihn
deswegen--was lehrst du ihn? Verschlossenheit. Kannst du im Ernste
verlangen, da dieser junge Mensch dir seine Geheimnisse anvertrauen soll,
da du sie nicht zu bewahren weit? da er Offenherzigkeit gegen dich
zeigen soll, wenn du sie ihm zum Verbrechen machst? Nur der Einfltige,
der Schwachkopf wird dies thun; der Knabe, der sich fhlt und die
Unregelmigkeit deines Benehmens beurteilen kann, wird dir sein Zutrauen
entziehen und es Personen schenken, bei denen seine Geheimnisse besser
aufgehoben sind.

Wenn du den Thtigkeitsbetrieb deiner Zglinge nicht zu befriedigen
suchst; wenn du, um sie zu beschftigen, ihnen nichts in die Hnde
giebst als Bcher und Federn, was lehrst du sie? Eine ganze Reihe von
Untugenden, deren ausfhrliches Verzeichnis ich hier niederzuschreiben
nicht geneigt bin. Der Thtigkeitsbetrieb ist nun einmal da und ist ein
wohlthtiges Geschenk des Schpfers, ist die Stahlfeder, die er in die
junge Maschine gesetzt hat. Bcher und Federn vermgen ihn nicht zu
befriedigen; denn zum Gebrauche derselben gehrt Nachdenken, welches ein
Geschft der Vernunft ist, die bei den Knaben noch in der Entwickelung
steht; und wenn auch gleich Bcher und Federn in vielen Fllen ohne
Nachdenken knnen gebraucht werden, so ist doch der bestndige Gebrauch
derselben zu einfrmig, als da er Knaben[A], die Abwechselung lieben,
angemessen sein sollte. Folglich haben Knaben, die man an die Bcher und
den Schreibtisch fesselt, Langeweile. Gelingt es nun bei einigen, da sie
sich daran gewhnen, so ist der Thtigkeitstrieb erstickt, sie werden
faul und trge; gelingt dies, welches bei den meisten der Fall zu sein
pflegt, nicht, so bricht der gehemmte Thtigkeitstrieb durch und verfllt
auf Ausschweifungen, wovon die heimlichen Snden gemeiniglich die ersten
zu sein pflegen.[7] Wer hat sie diese gelehrt? ~Der Erzieher.~ Wer von
den mannigfaltigen Methoden, die Kinderuntugenden zu lehren, ein Mehreres
wissen will, dem empfehle ich das ~Krebsbchlein, oder die Anweisung zu
einer unvernnftigen Erziehung der Kinder~.

Der Erzieher macht sich drittens auch der Fehler und Untugenden seiner
Zglinge dadurch schuldig, da er ihnen dieselben andichtet.

Wenn man die Schilderung hrt, die manche Erzieher von ihren Zglingen
machen, so mchte man sich entsetzen und alle Lust verlieren, sich dem so
wohlthtigen Geschfte der Erziehung zu widmen. Da ist nicht der geringste
Trieb, etwas Ntzliches zu thun, unausstehliche Trgheit, Unbesonnenheit,
Unvertrglichkeit, Tcke, Bosheit, es ist eine Schar roher, ungeschlachter
Buben, bei denen nichts ausgerichtet werden kann.

Der gebildete Erzieher lchelt dabei, weil er wahrnimmt, da diese
Untugenden grtenteils in dem Gehirne des Erziehers sitzen, der das fr
Untugenden erklrt, was doch notwendige Eigenschaften der Kindheit sind.

Was wrde man von einem Vater halten, der sein dreiwchiges Kind
unreinlich schelten wollte, weil es die Windeln verunreinigt; oder von
einem Grtner, der darber im Frhlinge Klage fhrte, da er auf allen
seinen Kirschbumen nicht eine einzige Frucht, lauter Blten fnde? Wrden
wir sie nicht mitleidig belcheln?

Viele Erzieher handeln aber nicht vernnftiger. Sie machen es ihren
Zglingen zum Verbrechen, wenn sie so handeln, wie die kindische[8] Natur
zu handeln pflegt und handeln mu, und fordern von ihnen ein Betragen, das
nur die Wirkung der gebildeten Vernunft, die bei ihnen noch klein ist,
sein kann; sie suchen Frchte zur Zeit der Baumblte.

Wir wollen darber ein Gesprch zwischen Herrn Corydon und seinem Freunde
Mentor hren. Nichts Gesetztes, sagt er, ist bei meinen Zglingen. Kann
ich sie dahin bringen, da sie bedchtig gingen? Da ist nichts als hpfen,
springen und laufen.

M. So? Das ist ja recht schn. Ich wrde sehr unmutig werden, wenn meine
Zglinge wie die Drahtpuppen gingen. Der Knabe ~mu~ hpfen, springen und
laufen, wenn er seine Krfte fhlt.

C. Keine Spur von Nachdenken.

M. Und darber wundern Sie sich? Was denkt denn im Menschen nach? Ist's
nicht wahr, die Vernunft? Wo soll denn also bei den Knaben, deren Vernunft
sich noch nicht entwickelt hat, das Nachdenken herkommen?

C. Nichts als Kindereien treiben sie.

M. Das kommt daher, weil sie Kinder sind.

C. Wenn das Zeichen zur Lehrstunde gegeben wird, da geht es so langsam,
so verdrossen, da man die Geduld verlieren mchte; geht es aber zum
Spielplatze, da sollte man die Freudigkeit sehen, mit welcher sie dahin
eilen, gleichsam, als wenn der Mensch zum Spielen bestimmt wre.

M. Der Mensch ist freilich zum Spielen nicht bestimmt, wohl aber der
werdende Mensch, der Knabe. Nach und nach mu man ihm Geschmack an der
Arbeit beibringen, darf es ihm aber nicht zur Last legen, wenn er daran
nicht sogleich Geschmack finden kann.

C. Und in den Lehrstunden sind sie nicht einen Augenblick ruhig.

M. Das kommt daher, weil sie sich in einer Lage befinden, die ihnen nicht
natrlich ist. Das gesunde Kind ist nur so lange ruhig, als es schlft,
auerdem ist es in bestndiger Bewegung. Sie haben dabei weiter nichts zu
thun, als darber nachzudenken, wie Sie ihr unruhiges Wesen zur Erreichung
guter Zwecke benutzen wollen. Geben Sie den kleinen Hnden etwas zu thun,
und den plauderhaften Mulern recht viel Gelegenheit zu sprechen, so
werden Sie die unruhigen Geister nicht mehr lstig finden.

C. Wie viele Krnkungen verursachen sie mir durch ihre Tcke und Bosheit!

M. Tcke und Bosheit? Diese habe ich noch nicht oft an Knaben bemerkt.
Geben Sie mir doch davon ein Beispiel.

C. Ein Beispiel? Ich knnte davon ein Buch schreiben. Stellen Sie sich um
des Himmels willen vor--gestern fhrte ich meine Knaben aus, die Glieder
zittern mir noch, wenn ich daran denke.

M. Nun? Was gab es denn?

C. Da warfen sie sich mit Schneeballen.

M. Und das nennen Sie Tcke und Bosheit?

C. Nicht doch! Aber ehe ich mich versah, warf mir einer einen Schneeballen
auf den Rcken; mir, seinem Aufseher!

M. Um Sie zu krnken?

C. Warum denn sonst?

M. Ja! Das ist eben der Punkt, worin ihr Herren so oft fehlt. Bei jeder
uerung des Mutwillens und der Unbesonnenheit wittert ihr Tcke und
Bosheit und versndigt euch dadurch an der Jugend. Tcke und Bosheit sind
der Jugend nicht natrlich. Wenn sie sich zeigen, so sind sie ihr gewi
durch die verkehrte Art, mit welcher sie von den Erwachsenen behandelt
wurde, eingeimpft.

C. Was sollte aber der Bube, der mich warf, fr eine andere Absicht gehabt
haben, als mich zu krnken?

M. Sie zu reizen, an der Schneeballerei teilzunehmen. Was thaten Sie denn,
da Sie den Schneeball bekommen hatten?

C. Ich drehte mich um und fragte: Wer ist der Bube, der mich geworfen hat?

M. Nu? Was bekamen Sie denn fr eine Antwort?

C. Keine. Ich drohte, sie alle von der Mittagsmahlzeit auszuschlieen,
wenn sie mir den Buben nicht nennen wrden, der die Achtung gegen mich
verletzt htte. Keiner antwortete. Sie aen zu Mittag lieber alle trocken
Brot, als da einer so aufrichtig gewesen wre, mir den Buben, der mich
beleidigt hatte, zu entdecken.

M. Ich sehe darin das Abscheuliche nicht, das Sie darin wahrnehmen.

C. Wie? Ein Komplott knnen Sie billigen, das diese Bsewichter gegen
ihren Lehrer und Aufseher machten?

M. Ich sehe weder Komplott noch Bsewichter. Einer von der Gesellschaft
hat in einer Anwandlung von Mutwillen Sie geworfen--das wissen alle.
Sie aber erklren diesen Knaben deswegen fr einen Buben, der die Achtung
gegen Sie aus den Augen gesetzt htte. Sie drohen ihm durch ihren Blick
und den rauhen Ton, mit welchem Sie sprechen, jene harte Strafe. Die
Knaben fhlen alle, da Sie hierin unrecht thun, und verraten deswegen
ihren Kameraden nicht. Sie versagen sich lieber eine Mittagsmahlzeit, als
da sie einen guten, aber mutwilligen Knaben einer zu harten Behandlung
preisgeben. Gesetzt auch, da diese Knaben darin unrecht thaten, da sie
den Mutwilligen nicht entdeckten, haben Sie durch Ihre Hrte ihnen nicht
selbst dazu Veranlassung gegeben? Wissen Sie, was ich gethan htte, wenn
ich an Ihrer Stelle gewesen wre? Ich htte mich umgedreht und ~lchelnd~
gefragt: Ich glaube, ihr wollt es gar mit mir aufnehmen? Wer ist der
kleine Held, der es wagt, sich mit mir zu messen? Da wrde denn der Knabe
von selbst herausgetreten sein und gesagt haben: Ich! Ich htte darauf den
Kampf mit ihm begonnen, und, wenn ein paar Schneeblle wren gewechselt
worden, htte ich etwas ernsthaft gesagt: nun, Freund! ist es gut, nun
haben wir uns miteinander gemessen. So wrde er den Schneeball, den er
schon gegen Sie aufgehoben hatte, haben fallen lassen, und das ganze
Schauspiel wrde sich zur allgemeinen Zufriedenheit geendigt haben.

Hier mag Herr Corydon abbrechen. Wollte ich ihn ausreden lassen, so wrden
seine Klagen den ganzen Raum ausfllen, den ich dem Ameisenbchlein
bestimmt habe. Denn wer die Eigenheiten der kindlichen Natur in die Klasse
der Untugenden setzt, wie viel wird dieser nicht zu klagen haben!

Oft werden die Erzieher auch dadurch die Schpfer der Untugenden ihrer
Zglinge, da sie eine willkrliche Regel annehmen, nach welcher sich die
jungen Leute richten sollen, und jede Abweichung von derselben ihnen als
Untugend anrechnen. Wenn die Regel nun albern und widernatrlich ist, und
die jungen Leute dies fhlen, so werden sie auch keine Neigung haben, sie
zu befolgen, jeden Augenblick davon abweichen, und so als bertreter in
des Erziehers Augen erscheinen.

Dies begegnet besonders den stolzen Erziehern, die sich fr unfehlbar
halten, ihre Zglinge als Sklaven betrachten, die ihnen blinden Gehorsam
schuldig wren, bei allen ihren Handlungen auf sie Rcksicht nehmen und
bei jeder Gelegenheit die strengste Unterwrfigkeit gegen sie beweisen
mten. Ein solcher Erzieher duldet keine Einwendung, keinen Widerspruch,
dies wre Beleidigung, Mangel an Hochachtung. Wenn er sich zeigt, soll
alles Spiel ruhen, tiefes Stillschweigen erfolgen, alles in einer
ehrfurchtsvollen Stellung vor ihm stehen.

Der freimtige, unbefangene Knabe, der keine Verstellung gelernt hat
und geneigt ist, sich an jeden, den er fr gut hlt, anzuschmiegen,
wird diese Forderung unertrglich finden. Furcht vor Mihandlungen wird
ihn vielleicht bewegen, sich einige Augenblicke nach den unbilligen
Forderungen seines Zuchtmeisters zu richten; bald wird er sich aber
vergessen, sich in seiner natrlichen Gestalt zeigen, und deswegen als ein
nichtswrdiger Bube behandelt werden.

Jetzt kommt Herr Crispin mit steifem Nacken und abgemessenen Schritten
einhergegangen, um seine Lehrstunde zu geben. Seine Schler sind vor
dem Hause eben mit Ballspiel beschftigt. Einige erschrecken bei seinem
Anblicke und verbeugen sich vor ihm mit heuchlerischer Miene, andere
setzen ihr Spiel fort. Was fr eine schndliche Auffhrung, schreit er
ihnen zu, ist dies! Habe ich Gassenbuben zu Schlern? Unwillig folgen sie
ihm in das Lehrzimmer.

Setzet euch, gebietet er, und da keiner sich unterstehe, das geringste
Gerusch zu machen. Schreibt, was ich euch diktiere: _Il vit la carosse_
(= Er sah den Wagen).

Herr Crispin! sagte der kleine muntere Klaus, ich dchte, es msse heien
_le carosse_.

Schweig! antwortete er, und wenn es gleich heien sollte _le carosse_,
so mut du doch schreiben _la carosse_, weil ich, dein Lehrer, es gesagt
habe. Einem unbrtigen Knaben kommt es nicht zu, seinem Lehrer zu
widersprechen.

Nun fngt er an, das Diktierte zu erklren, und bemerkt, da ein paar
Knaben sich ein Stckchen Papier zeigen, die Kpfe zusammenstecken und
lachen. Er fhrt zu, nimmt das Papier weg, und erblickt darauf eine
kleine Handzeichnung, die der junge Klaus soeben verfertigt und darunter
geschrieben hat: ~Das ist Herr Crispin~.

Nun ist die Lehrstunde beendigt, weil Herr Crispin in so heftigen Zorn
geraten ist, da er sie nicht fortsetzen kann. Er wirft den schndlichen,
verworfenen Buben zur Thr hinaus und befiehlt, da er ihm nicht wieder
vor die Augen kommen soll.

Der brige Teil der zum Unterricht bestimmten Stunde wird mit Schimpfreden
und Drohungen zugebracht, die ich niederzuschreiben mich schme. Nach
Crispins Schilderung ist seine Klasse ein Haufen schndlicher, verworfener
Gassenbuben.

Und was ist es, wogegen er sich so sehr ereifert? Eine Geburt seines
eigenen Gehirns--schndliche Beleidigung des Lehrers--wovon ein
anderer gebildeter Mann gar nichts wrde geahnt haben. Wenn die Knaben
durch seine Gegenwart sich im Spielen nicht stren lieen, so kam es von
dem Bewutsein her, da sie nichts Unrechtes thten; wenn Klaus Herrn
Crispin auf einen Sprachfehler aufmerksam machte, so war dies eine Wirkung
seiner liebenswrdigen Freimtigkeit, wofr ihm ein anderer die Hand wrde
gedrckt haben. Da bei der Verfertigung seiner Handzeichnung nicht etwas
Tcke im Hintergrunde gelegen habe, getraue ich mir nicht zu behaupten.
Gesetzt aber, dies wre der Fall; wer hat sie rege gemacht? Kein anderer
Mensch, als Herr Crispin, durch das offenbare Unrecht, das er dem kleinen
Zeichner that.

Endlich vergrern Erzieher bei ihren Zglingen oft die Zahl der
Untugenden, indem sie die Eigenheiten derselben dazu rechnen. Wenn man
in einer Erziehungsanstalt die Stiefeln smtlicher Zglinge nach einem
Leisten wollte machen lassen, so wrde es sich finden, da sie nur fr die
wenigsten paten und den brigen entweder zu gro oder zu klein wren.
Und was wre nun in diesem Falle wohl zu thun? Die Fe, fr welche die
Stiefeln nicht passen, fr fehlerhaft erklren? an den Fen einiger
Zglinge etwas abschneiden, an anderen etwas hinzusetzen?

Ihr lacht? Ihr wollt wissen, was ich mit dieser sonderbaren Frage wolle?
Ich will es gleich sagen. Sowie jeder Knabe seine eigene Form des Fues
hat, so hat auch jeder seinen eigenen Charakter[9] und seine eigenen
Talente. Wollt ihr nun die Knaben mit ihren verschiedenen Charaktern und
Talenten auf einen Fu, oder, wie man auch zu sagen pflegt, ber einen
Leisten behandeln, so wird diese Behandlungsart immer den wenigsten
angemessen sein; wollt ihr nun dieses den Knaben als Untugend anrechnen
und sie eurer Behandlungsart anzupassen suchen, so handelt ihr mit ebenso
weniger berlegung, als derjenige, der die Fe nach den ihnen bestimmten
Stiefeln formen wollte. Ihr gebt euren Zglingen wegen begangener
Fehltritte ~ffentliche~ Verweise. Dies mag fr gewisse Fhllose, bei
welchen vorhergegangene Ermahnungen fruchtlos waren, von guter Wirkung
sein; wenn ihr dies aber bei allen thun wollt, so wird der ehrgeizige
Ferdinand sich fr beleidigt halten und geneigt sein, die grten
Unbesonnenheiten zu begehen; der weichmtige Wilhelm hingegen wird bittere
Thrnen weinen und mutlos werden. Ihr lehrt den Fritz und Karl. Jener
fat sogleich alles, was ihr ihm sagt, und die Arbeit, die ihr ihm gebt,
ist in einer Viertelstunde vollendet. So ist es nicht mit Karl. Dieser
gute, ehrliche Knabe hat einen sehr langsamen Kopf, fat sehr schwer den
Vortrag, bringt an der ihm aufgegebenen Arbeit eine Stunde zu, und am Ende
ist sie doch nicht so gut, wie die, die Fritz lieferte. Darber gebt ihr
ihm Verweise, die er nicht verdient hat.

Ihr unterrichtet den Heinrich und Ludwig im Lateinischen und in der
Mathematik. Heinrich kann schlechterdings die lateinischen Sprachregeln
nicht fassen, in der mathematischen Lehrstunde hingegen ist er der beste
Schler; und Ludwig bringt euch lateinische Aufstze, an denen ihr nur
wenig zu verbessern findet; aber die Mathematik--fr diese hat er keinen
Sinn. Gleichwohl verlangt ihr von beiden, da sie im Lateinischen und in
der Mathematik gleiche Fortschritte machen sollen; verweist dem Heinrich
seine Faulheit in der lateinischen und dem Ludwig seine Verdrossenheit in
der mathematischen Lehrstunde und--thut beiden unrecht. Ihre Faulheit
und Trgheit sitzt in euerm Gehirne.[B]

Dies wre also mein Symbolum, das jeder verstehen, annehmen und befolgen
mu, wenn mein Ameisenbuch ihm ntzen soll.

Sowie aber alle Symbole sind gemibraucht worden, so wird es
wahrscheinlich auch mit diesem gehen. Wenn nun mancher Erzieher mit seinen
Bemhungen bei seinen Zglingen wenig oder nichts ausrichtet, wenn sie
wenig lernen, ihre Untugenden beibehalten und unter seiner Leitung mehrere
annehmen, so werden die Eltern ihm die Schuld davon geradezu beimessen und
sich auf mein Ameisenbchlein berufen. Hierin thun sie unrecht.

Habe ich denn gesagt, da ~man~ den Grund von allen Untugenden und Fehlern
der Zglinge dem Erzieher ~beimessen~ msse? Nichts weniger als dieses.
Nur von dem ~Erzieher~ fordere ich, da ~er selber~ den Grund davon in
~sich suchen solle~, damit, wenn er wirklich in ihm lge, er ihn wegrumen
knne. Daraus folgt aber noch nicht, da andere ihm die Schuld davon
beilegen sollen.

Ihr, liebe Eltern, seid auch die Erzieher eurer Kinder. Habt ihr gleich
die Erziehung derselben zum Teil einem andern bertragen, so nehmet ihr
doch noch immer auf eine nhere oder entferntere Art daran Anteil. Fr
euch ist also mein Symbolum auch niedergeschrieben. Ueberdenkt, beherzigt
es und macht die Anwendung davon auf euch selbst. Statt die Untugenden
eurer Kinder dem Erzieher zur Last zu legen, suchet den Grund davon in
~euch~. Der Erzieher sucht ihn in sich, ihr sucht ihn in euch, und jeder
Teil bessert da, wo er findet, da er gefehlet habe. So wird alles recht
gut gehen.

          ~Ein jeder lern' seine Lektion!~
          ~So wird es wohl im Hause stohn.~

Wer mein Symbolum nicht annimmt, sich fr unfehlbar hlt, und die ganze
Schuld von den Untugenden seiner Zglinge und dem Milingen ihrer
Bearbeitung in ihnen oder in der uerlichen Lage sucht--wie will der
erziehen knnen! Mit Unwillen wird er seine Zglinge ansehen, ihr Anblick
wird ihm unangenehme Empfindungen verursachen, jede ihrer Unbesonnenheiten
ihn beleidigen, oft wird er in ihren unschuldigsten Aeuerungen Tcke und
Bosheit wittern, von lauter verworfenen Menschen, bei denen man nichts
wirken kann, sich umgeben glauben. Wie lstig wird ihm die Erziehung
werden, wie herbe sein Ton, wie verkehrt sein Benehmen gegen seine jungen
Freunde sein und wie fruchtlos alle seine Bemhungen! Sehnlich wird er dem
Zeitpunkte entgegensehen, da ihm das Erziehungsgeschft abgenommen wird,
und er seine bisherige Lage mit einer andern vertauschen kann.

Er wird kommen, der sehnlich herbeigewnschte Zeitpunkt; du wirst dich
dann leichter fhlen, und dir wird es scheinen, als wenn du neugeboren
wrest. Bald aber wirst du in deiner neuen Lage neue Unannehmlichkeiten
finden; deine Umgebungen werden deinen Erwartungen nicht entsprechen,
und weil du nun einmal dich gewhnt hast, die Ursachen des Mivergngens
immer auer dir zu suchen, so wirst du die Schuld davon deinen Umgebungen
beimessen, und die alten Klagen werden von neuem beginnen. ~Der Anfang der
Weisheit ist die Selbsterkenntnis~;[10] wo diese fehlt, wird man die
Weisheit in keiner Lage finden, und den Gleichmut und die Zufriedenheit,
die aus derselben entspringen, allenthalben vermissen.

Freund! der du dich der Erziehung widmest, sei also stark und entschliee
dich, wenn du an deinen Pflegeshnen Fehler und Untugenden bemerkst, wenn
die Bearbeitung derselben dir nicht gelingen will, den Grund davon immer
in dir zu suchen. Du wirst gewi ~vieles~ finden, das du nicht geahnt
hast, und wenn du es findest, freue dich und la es dir ein Ernst sein,
es wegzuschaffen. Es wird dir gewi gelingen, und dann-- dann--welche
angenehme Vernderung wirst du in und auer dir verspren! Die dir
anvertraute Jugend wird dir in einem andern Lichte erscheinen, ihre
Munterkeit wird dich aufheitern, ihre Thorheiten und Unbesonnenheiten
werden dich nicht mehr beleidigen, du wirst sie mit mehr Nachsicht und
Schonung behandeln; das Herbe und Bittere in deinem Tone, das Finstere in
deinem Gesichte wird sich verlieren, die Aufwallungen des Zorns, zu denen
du geneigt bist, werden sich nach und nach mindern, der Bequemlichkeit,
die du dir angewhnt hattest, wirst du entsagen, so manchen andern Felder,
der auf deine jungen Freunde ble Eindrcke machte, wirst du ablegen,
du wirst deinem Vortrage immer mehr Lebhaftigkeit und Annehmlichkeit
verschaffen. Hast du einige Zeit so an dir gebessert--was wird der
Erfolg sein? Du wirst dich zu einem guten Erzieher gebildet haben.

Deine Pflegeshne werden dich mit ihrer Liebe und ihrem Zutrauen belohnen;
deine Winke werden sie befolgen, deine Bemhungen werden gelingen, ihre
Fehler und Untugenden werden nach und nach weichen.

Will es dir in manchen Fllen doch nicht gelingen, kannst du gewisse
Fehler und Untugenden doch nicht wegschaffen-- gut! so hast du doch die
Beruhigung, mit Ueberzeugung zu dir sagen zu knnen: ~ich habe das Meinige
redlich gethan, die Schuld von dem Milingen meiner Bemhungen kann ich
mir nicht beimessen~.




Was ist Erziehung?


Seitdem es Menschen giebt, sind dieselben auch erzogen worden. Gleichwohl
hat man noch keinen bestimmten, allgemein angenommenen Begriff von der
Erziehung. Fast jeder, der ber dieses Geschft schreibt, giebt davon
seine eigene Vorstellung.

Da knnte ich nun alle die Begriffe, die seit Aristoteles[11] bis auf
Pestalozzi von der Erziehung sind gegeben worden, anfhren, erklren,
mit einander vergleichen und den richtigen heraussuchen. Ich habe aber
meine Ursachen, warum ich es nicht thue. Erstlich, weil mir viele davon
unbekannt sind, zweitens, weil ich es fr zweckwidrig halte. Wozu wrde
es ntzen, wenn ich die Leser mit den verschiedenen Vorstellungen, die
man sich in verschiedenen Zeitaltern von der Erziehung machte, aufhielte?
Am Ende komme ich doch mit meinem eigenen Begriffe hervorgetreten und
suche ihnen denselben zu empfehlen. Da ist es ja krzer, wenn ich sie
sogleich, ohne alle Umschweife, damit bekannt mache. Nach meiner Meinung
ist Erziehung: ~Entwickelung und bung der jugendlichen Krfte~.[12]

Erzieht man das Kind zum Menschen, so werden alle seine Krfte entwickelt
und gebt; erzieht man es aber fr ein gewisses Geschft, so hlt man
es fr ntig, da man nur diejenigen, die zur Verrichtung desselben
erforderlich sind, in Thtigkeit setze, und andere, die der Wirksamkeit
derselben nachteilig sein knnen, schlummern lasse oder gar lhme, so wie
man den Stier entmannt, der zum Zuge bestimmt ist. Hier rede ich nur von
der ersten Art der Erziehung.

Um die Gehkraft der Kinder zu entwickeln und zu ben, steckte man sie
ehedem in Laufbnke, oder legte ihnen Laufzume[13] an, und sie wurden
oft krummschenklig und hochschultrig, und wenn man ihnen den freien
Gebrauch ihrer Glieder zulie, hatten sie dieselben nicht in ihrer
Gewalt, strauchelten oft, zerschlugen sich die Kpfe, oder bekamen andere
Beschdigungen. Jetzt sind Laufbnke und Laufzume aus allen Kinderstuben
verbannt, wohin das Licht der bessern Erziehung gedrungen ist. Man sieht
da die Kinder, wie junge Tiere, herumkriechen; fhlen sie mehr Kraft in
ihren Schenkeln, so richten sie sich empor und treten an Sthle. Man setzt
nun mehrere Sthle in kleiner Entfernung von einander hin, legt Bilder und
Spielwerk drauf, um sie zu reizen, von einem Stuhle zum andern zu wandeln.
Nach einigen Tagen lassen sie die Sthle stehen, und wandeln, ohne sich
an etwas zu halten, durch das Zimmer. Verlieren sie das Gleichgewicht,
so setzen sie sich gewhnlich auf den Hintern. Bei dieser bung bleiben
die Glieder gesund und unverletzt. Wie lange whrt es, so sieht man die
nmlichen Kinder, die erst krochen, laufen und springen.

Diese Behandlungsart enthllt uns das ganze Geheimnis einer vernnftigen,
der menschlichen Natur angemessenen Erziehung.

So wie man bei dieser Anleitung zum Gehen die Gehkraft nicht eher zu ben
sucht, bis die Kriechkraft hinlnglich gebt ist, und jene hinlnglich
sich uert, so darf man auch nicht andere Krfte zu entwickeln suchen,
bis sie wirklich da sind, und diejenigen, aus welchen sie hervorgehen
pflegen, hinlngliche bung bekommen haben. Ferner, so wie die Laufbnke
und Laufzume entfernt sind, und die Kinder gereizt werden, aus eigenem
Entschlusse fortschreiten, und so ihre Gehkraft zu ben, so mu auch der
Erzieher bei bung der brigen Krfte alles Laufzaumhnliche zu entfernen
suchen; er darf nicht sowohl die jugendlichen Krfte ben, als vielmehr
den Kindern Gelegenheit und Reiz verschaffen, diese bungen selbst
vorzunehmen.

Das Kind empfngt ohne Zweifel alle seine Krfte durch die Erzeugung und
bringt sie mit, wenn es sich seinem pflanzenhnlichen Zustande entwindet
und in das Tierreich bergeht. Die meisten aber schlummern noch, wie der
Keim im Weizenkorne, wenn es in die Erde geworfen wird; sie sind nur noch
Vermgen und entwickeln sich, mit dem Fortgange der Zeit, in folgender
Ordnung.

Zuerst die meisten Krfte des Leibes. Das neugeborene Kind atmet,
schreit, schluckt, verdauet u.s.w. Die uerlichen Dinge machen auf
dasselbe Eindrcke, aber das Vermgen, sie zu empfinden oder sich davon
Vorstellungen zu machen, uert sich in seinen ersten Lebenstagen noch
nicht. Nach und nach fngt es an, die uerlichen Dinge sich vorzustellen,
diese Vorstellungen aufzubewahren, sie von Zeit zu Zeit wieder
hervorzubringen: die Krfte der Sinnlichkeit,[14] des Gedchtnisses, der
Einbildungskraft entwickeln sich.

In der Folge uert sich der Verstand durch Urteile, die er ber
Gegenstnde fllet, die in die Sinne fallen. Zugleich fangen die in den
Hnden befindlichen Krfte an, ein Streben nach Thtigkeit zu uern.
Das Kind greift nach allem, betastet alles, wirft es von einem Orte zum
andern. Giebt man ihm in der Folge ein hlzernes Pferd, so bauet es von
Bchern oder Sthlen einen Stall, legt ihm Futter vor, zieht es heraus,
bindet es an einen Stuhl oder sonst etwas, das des Pferdes Wagen sein
und von ihm fortgezogen werden soll u.dgl. Erst bei dem Austritte aus
dem Stande der Kindheit fngt die Vernunft an durch Vorstellung von
bersinnlichen Gegenstnden sich thtig zu beweisen.

Hierdurch hat uns die Natur die Ordnung vorgezeichnet, in welcher wir ihr
bei Entwickelung der jugendlichen Krfte behilflich sein mssen.




Was mu ein Erzieher lernen?


Es ist ein Lieblingssatz der neueren Erzieher, da die Erziehung des
Kindes mit seiner Geburt anfangen msse, und ich stimme demselben von
ganzem Herzen bei.

Schriebe ich nun jetzt ber die Erziehung der Kinder, so mte ich zeigen,
wie Eltern, Kinderwrterinnen und alle Personen, in deren Hnden sich
das Kind in seinen ersten Lebensjahren befindet, sich gegen dasselbe in
diesem Zeitraume verhalten mten. Da ich aber bei Ausfertigung dieser
Schrift die Erziehung der Erzieher zum Gegenstande habe, wodurch man nach
dem Sprachgebrauche Personen versteht, die von den Eltern verschieden
sind, und die gewhnlich das Kind dann erst unter ihre Aufsicht bekommen,
wenn es schon gehen, sprechen, sich Vorstellungen von Gegenstnden der
Sinnenwelt machen und darber urteilen kann, so wrde es mich zu weit von
meinem Zwecke abfhren, wenn ich mich auf die Behandlungsart der Kinder in
ihren ersten Lebenstagen einlassen wollte.

Wer hierber belehrt sein will, dem empfehle ich das Buch, welches ich
unter dem Titel: ~Konrad Kiefer, oder ber eine vernnftige Erziehung der
Kinder~, herausgegeben habe, wo er verschiedene gute Winke und Belehrungen
erhalten wird.

Jetzt untersuche ich also nur, was die Person fr die Erziehung des Kindes
zu thun habe, welche es aus dem Schoe der Familie zur ferneren Ausbildung
erhlt.

Das Lebensjahr, in welchem dieses geschieht, ist bekanntlich nicht
allgemein bestimmt. Mancher Erzieher erhlt seine Zglinge im fnften oder
sechsten Jahre, die meisten erhalten sie spter.

Hier nehme ich an, der Erzieher trete sein Amt bei fnfjhrigen Zglingen
an. Da fragt es sich nun, was hat er von diesem Zeitpunkte an bei ihnen zu
thun? und was mu er in dieser Rcksicht lernen?

Die Krfte des Leibes, und unter diesen vorzglich diejenigen, deren
Thtigkeit zur Erhaltung und Nahrung desselben am ntigsten sind,
entwickeln sich bei den Kindern zuerst. Folglich mu der Erzieher auch
verstehen, wie er die Wirksamkeit derselben oder die Gesundheit des Leibes
erhalten soll.

Bei ungesunden Knaben milingt alle Erziehung.[15] Ihr bestndiges
belbefinden macht sie eigensinnig, verdrossen, schwcht den
Thtigkeitstrieb und macht sie abgeneigt, durch Aufmerksamkeit auf die
sie umgebenden Dinge sich Vorstellungen zu verschaffen. Jeder rauhe Wind,
jeder Regenschauer schreckt sie aus der Natur zurck und verhindert sie,
in ihrem Schoe Kenntnisse einzusammeln.

Die Erziehung ungesunder Kinder ist also ein hchst mhsames und fast
undankbares Geschft, und wer erziehen will, mu wissen, wie man seine
Zglinge gesund erhalte.

Dazu, wird man einwenden, sind ja die rzte da.

Freilich sind sie da. Sind sie aber auch immer da, wo der Erzieher mit
seinen Zglingen sich befindet? Sind sie auf dem Landgute des Edelmannes?
sind sie auf den Landhusern, wo die begterten Stadtbewohner oft ihre
Kinder erziehen lassen? sind sie auf Reisen zugegen? Und wenn sie zugegen
sind, kann man denn ihnen seine Zglinge immer ohne Bedenken anvertrauen?
Ach, es ist ein hchst schdliches Vorurteil, da das Doktordiplom eine
vorzgliche Geschicklichkeit zur Erhaltung der menschlichen Gesundheit
erteile. Ein Arzt, der zu einem kranken Knaben gerufen wird, dessen Natur
er nicht kennt, dessen Lebensart er nicht beobachtet hat, der vielleicht
den Kopf voll von einer gewissen Krankheit hat, die er allenthalben sucht
und allenthalben zu finden glaubt, kann leichter in der Beurteilung seines
belbefindens, des Ursprungs desselben und in der Wahl der Heilmittel
irren, als ein aufmerksamer Erzieher, der seinen Zgling immer um sich hat
und seine Natur und Lebensart kennt.

Und sind denn alle rzte redlich? Sind nicht manche unter ihnen, die
ihre Patienten so behandeln, wie ein gewinnschtiger Uhrmacher die
Taschenuhren, die ihm zur Ausbesserung bergeben werden, der sie nie
vollkommen herstellt, damit immer daran etwas zu bessern bleibe, immer
etwas fr ihn zu gewinnen ist?[16]

Der ~Erzieher~ mu also verstehen, wie er seine Zglinge gesund erhalte,
wie er es verhte, da sie krank werden, und wie ihnen zu helfen sei,
wenn da und dort in der Maschine eine Stockung entsteht; und nur bei
auerordentlichen Fllen wo seine Einsichten ihn verlassen, mu er zum
Arzte seine Zuflucht nehmen.[C]

Alles auseinanderzusetzen, was man thun mu, um seine Pflegeshne gesund
zu erhalten, ist hier der Ort nicht. Nur dies bemerke ich, da man sie zur
Abhrtung gewhnen, tglich, ohne sich an die Witterung zu kehren, sie
im Freien bewegen, einfache Kost ihnen zu genieen geben, und des kalten
Bades nebst den damit verknpften Schwimmbungen sich bedienen mu.[D]

Dies sei ein Wink fr euch jungen Mnner, die ihr euch der Erziehung
widmen wollt. Wenn eure Zglinge durch Abhrtung ihre Gesundheit erhalten
sollen, so mt ihr euch selbst abhrten. Denn glaubt ihr wohl, da sie im
Schneegestber sich wohl befinden werden, wenn ihr ber die unangenehmen
Empfindungen klagt, die es euch verursacht? da sie gern mit leichter
Kleidung und unbedeckten Kpfen ausgehen werden, wenn ihr euch in Pelzwerk
hllt? Oder glaubt ihr wohl, da verzrtelte Jnglinge sich gern der
rauhen Luft aussetzen werden? Ach, ich besorge, sie werden, so oft die
Luft rauh ist, allerlei Entschuldigungen hervorsuchen, um das Ausgehen
abzulehnen und in der warmen Stube bleiben zu knnen, und so, statt ihre
Zglinge abzuhrten, dieselben verzrteln.

Also, liebe Freunde! Wenn ihr nicht nur Erzieher heien, sondern es
wirklich sein wollt, so hrtet euren Leib ab! Werft die Federbetten weg
und gewhnet euch, auf Stroh unter einer leichten Bedeckung zu schlafen;
bedeckt den Kopf leicht oder gar nicht. Da der Kopf immer bedeckt sein
msse, ist Vorurteil. Eure Kleidung sei leicht, Pelzwerk darf nie an euren
Leib kommen. So lange man durch Gehen und Laufen sich in Bewegung hlt,
kann man viel aushalten; nur dann wird eine Ausnahme stattfinden mssen,
wenn man in ruhiger Lage, im Wagen oder auf dem Schlitten sich befindet.
Gehet tglich in die freie Luft, ohne erst durch die Fensterscheiben
nachzusehen, was es fr Wetter sei. Macht bisweilen starke Reisen zu
Fue, damit euer Leib sich gewhne, das damit verknpfte Ungemach
auszuhalten. Da die Bewegungen auf dem Schnee und Eise ein vorzgliches
Strkungsmittel sind, so lernt auf kleinen Schlitten fahren und mit
Schlittschuhen auf der Eisflche laufen. Dann habt ihr nicht ntig,
durch weitlufige Vorstellungen euren Zglingen die Nutzbarkeit dieser
Bewegungen begreiflich zu machen. Ihr setzt euch auf euern Schlitten und
gleitet den Berg herab, ihr schnallet eure Schlittschuhe an und fahret
ber die Eisflche hin, und eure Zglinge bitten euch von selbst, da ihr
ihnen Schlitten und Schlittschuhe sollt machen lassen.

Wenn der Genu einfacher Kost ein Erhaltungsmittel der jugendlichen
Gesundheit ist, so begreift ihr von selbst, da ihr euch auch dazu
gewhnen mt. Die warmen auslndischen Getrnke, die bei der gewhnlichen
Erziehung uns zu einem notwendigen Bedrfnisse gemacht werden, die
Leckereien, die auf den Tafeln der Begterten einen Teil der Mahlzeit
ausmachen, mt ihr entbehren lernen. Dann habt ihr nicht ntig, euern
Zglingen die Vortrefflichkeit einer einfachen Kost vorzupredigen. Wenn
ihr selbst euern Genu auf Milch und Obst, Butter, Gemse, Fleisch
und andere Nahrungsmittel, welche die naheliegende Natur darbietet,
einschrnkt, so werden sie sich von selbst daran gewhnen, und die
Lsternheit nach geknstelten Nahrungsmitteln wird bei ihnen schwach, und
leicht zu besiegen sein.

Wird dies wohl ebenso leicht sein, wenn ihr euch Gensse erlaubt, vor
denen ihr sie warnet?

Wollet ihr die Zglinge zum kalten Bade fhren, ohne selbst daran
teilzunehmen, so knnt ihr leicht voraussehen, was fr Unannehmlichkeiten
daraus entspringen werden. Mehrere von ihnen werden mit Unwillen ins
Wasser gehen, unter allerlei Entschuldigungen sich dieser bung zu
entziehen suchen, und, was tausend jungen Leuten Wollust ist, das wird
ihnen Frondienst sein. Ihr selbst werdet ngstlich am Ufer umherlaufen,
wie eine Truthenne, wenn ihre Entenbrut auf dem Teiche schwimmt, und ihnen
bei den Gefahren, in die sie kommen, nicht raten und nicht helfen knnen.

Das krzeste Mittel, diesen Unannehmlichkeiten vorzubeugen, ist--lernt
selbst Schwimmen. Dann wird das Tauchen, Platschern und Schwimmen im
kalten Wasser euch Freude machen, ihr werdet euch mit Vergngen in
dasselbe strzen, eure Kleinen werden euch nachfolgen, ihr werdet imstande
sein, ihnen alle die Vorteile bekannt zu machen, durch welche man sich
ber dem Wasser erhalten und auf seiner Flche sich frei bewegen kann, und
sie retten knnen, wenn sie in Gefahr kommen sollten.[E]

Bei einer solchen Behandlungsart werden die Krfte, die der Schpfer euern
Kleinen zur Erhaltung des Leibes einpflanzte, ihre Verrichtungen selbst
thun und nicht oft und nicht lange in denselben gestrt werden.

Bisweilen wird dies aber doch geschehen. Dann bedarf es oft nur eines
kleinen Reizes, um die abgespannten Krfte wieder in Thtigkeit zu setzen.
Diesen Reiz ihnen zu geben, mt ihr verstehen.

Auer diesen nhrenden und erhaltenden Krften mu nun auch der
Sinnlichkeit, dem Gedchtnisse, der Einbildungskraft und dem Verstande
bung verschafft werden.

Woran sollen diese bungen geschehen? An Gegenstnden, die in die Sinne
fallen. Diese mssen ~in groer Mannigfaltigkeit~ herbeigeschafft und
den Kindern zur Betrachtung vorgestellt werden. Wo diese bei sechs- bis
achtjhrigen Kindern fehlen, da ist keine Erziehung, weil nichts da ist,
woran sie ihre regenden Krfte ben knnen.

Und welches sollen diese sinnlichen Gegenstnde sein? Dies mssen uns
die Kinder selbst lehren. Wir mssen ihnen ablernen, welche Gegenstnde
am meisten geeignet sind, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wenn
man ihnen dann dieselben vorzeigt, so hat man nicht ntig, sie immer zu
ermahnen: gebt Achtung, liebe Kinder! Sie fhlen in sich selbst Drang
zum Beobachten. Sie thun das, worauf ihr Erzieher hinarbeiten muߠ--sie
erziehen sich selbst.

Da hat mich nun eine lange Erfahrung gelehrt, da nichts die
Aufmerksamkeit der Kinder so frh auf sich ziehe, als-- Tiere. Wer daran
zweifelt, der beobachte die Kinder selbst, und er wird das Nmliche
wahrnehmen. Ihre Augen sind selten auf ihren Leib,[17] gewhnlich auf die
Gegenstnde gerichtet, mit welchen sie umgeben sind. Bringt man nun einen
Sperling, eine Maus, einen Fisch oder ein anderes Tier in das Zimmer, so
sehen sie von allen andern Dingen weg und--blicken auf die Tiere. Selbst
wenn man ihnen ein Bilderbuch vorlegt, so verweilen sie am lngsten bei
den Bildern, auf welchen Tiere vorgestellt sind. Dadurch fordern sie laut:
wollt ihr die Krfte, die sich jetzt bei uns uern, ben, so zeigt uns
~Tiere~!

Man fngt auch wirklich hier und da an, auf diese Forderung Rcksicht zu
nehmen, und die Naturgeschichte, die ehedem der Jugend ganz fremd blieb,
in Schulen und Erziehungshusern zu lehren, aber--meistenteils ganz
zwecklos.

Man hlt Vorlesungen ber ein System der Naturgeschichte, ohne von den
Erzeugnissen der Natur etwas vorzuzeigen, glaubt dadurch die Forderungen
der jugendlichen Natur zu erfllen und irrt sich.[18]

Das Kind will seine Krfte ben an sinnlichen Gegenstnden; wie kann es
dies, wenn ihm keine vorgezeigt werden? Naturgeschichte soll gelehrt
werden, nicht um ihrer selbst willen, sondern um der Jugend auch
Gelegenheit zu schaffen, an der Natur verschiedene Krfte zu ben. Dies
fllt ja alles bei den naturhistorischen Vorlesungen weg. Da verhlt ja
das Kind sich blo leidend und lt den Lehrer fr sich beobachten und
urteilen.

Sollen die jugendlichen Krfte an der Natur gebt werden, so mssen die
Erzeugnisse derselben ihnen nach und nach zur Betrachtung vorgestellt
werden, und zwar eins auf einmal, damit die Aufmerksamkeit sich besser
auf dasselbe heften knne, und zwar anfnglich--ein Tier. Dies Tier
mu nun genau betrachtet werden nach seinen verschiedenen Teilen, ihrer
Form, ihrer Farbe, ihrer Absicht; es mu nun mit einem andern verglichen
und bemerkt werden, was es mit ihm gemein habe, und wodurch es von ihm
unterschieden sei, es mu den Augen bisweilen entzogen und von dem Kinde
beschrieben werden. Was durch die eigene Beobachtung nicht kann gefunden
werden, z.B. die Nahrung, die Lebensart, der Nutzen, den es dem Ganzen
schaffe, das setzt der Lehrer durch seine Erzhlung hinzu.

Ich stelle z.E. zur Betrachtung einen Kanarienvogel auf. Wie viel giebt
es da zu betrachten!

Ich kann die Betrachtung nun auf zweierlei Art anstellen: erstlich indem
ich meinen Kleinen vorerzhle, was ich an dem Vogel bemerke; zweitens,
indem ich sie reize, denselben zu betrachten. Im ersten Falle be ich
meine, im zweiten der Kinder Krfte. Da nun nicht jenes, sondern dieses
bei der Erziehung der Kinder Zweck sein soll, so mu ich sie zur eigenen
Betrachtung zu reizen suchen, wenn ich nicht zweckwidrig handeln will.
Dies wrde ungefhr auf folgende Art geschehen:

Wie heit dies Tierchen?

Warum ein Vogel?

Warum Kanarienvogel?

Welches sind seine Gliedmaen?

Was hat er vorne am Kopfe?

Aus wie vielen Teilen besteht der Schnabel?

Was hat der Oberkiefer fr eine Form?

Was steht an beiden Seiten des Oberkiefers?

Was haben die Nasenlcher fr eine Form?

Was hat der Unterkiefer fr eine Form?

Welcher Kiefer ist beweglich?

Welcher unbeweglich?

Wozu braucht der Kanarienvogel seinen Schnabel?

Haben alle Kanarienvgel Schnbel?

Ist also der Schnabel ein wesentlicher oder ein zuflliger Teil?

Was steht an beiden Seiten des Kopfes?

Wozu ntzen die Augen?

Was steht ber den Augen?

Wozu ntzen die Augenlider?

Warum schliet dieser Vogel bisweilen die Augenlider?

Womit ist der Kopf bedeckt?

Warum?

Was haben die Federn fr eine Farbe?

Haben sie diese Farbe bei allen Kanarienvgeln?

Ist diese Farbe also wesentlich oder zufllig?

Worauf steht der Kopf?

Was kann der Vogel mit dem Halse thun?

Wie heit der obere Teil des Halses?

Und der untere?

Wie heien die beiden Gliedmaen an den zwei Seiten des Krpers?

Aus wie viel Teilen besteht der Flgel?

Wie heien die Federn, mit denen die Flgel bedeckt sind?

Wie heien die Federn an der Seite?

Welche Federn sind lnger?

Aus wie viel Teilen besteht eine Schwungfeder?

Wozu braucht der Vogel die Flgel?

Wie heien die Gliedmaen unten am Krper?

Aus wie viel Teilen bestehen sie?

Warum bestehen sie denn aus mehreren Teilen?

Wie heit der obere Teil, der unmittelbar am Krper sitzt?

Wie der mittlere?

Wie der untere?

Was steht an dem untern?

Womit sind die Lenden und Schenkel bedeckt?

Womit die Beine und Zehen?

Wie viele Zehen stehen an jedem Beine?

Wie viele an beiden?

Wie viel Zehen haben zehn Kanarienvgel?

Wie viele hundert?

Sind alle Zehen gleich lang?

Welches ist der lngste?

Welches der krzeste?

Wie viele Gelenke hat jeder Zehe?

Warum haben die Zehen Gelenke?

Was steht vorne an den Zehen?

Wie heit der Teil des Vogels, an welchem alle Gliedmaen stehen?

Wie heit der obere Teil?

Wie der untere?

Wie heit der Vorderteil des untern Teils?

Was fr eine Farbe hat der Rcken?

Und die Brust?

Und der Bauch?

Wie heien die Federn hinten am Rumpfe?

Wie viel sind es Schwanzfedern?

Wie heien hier diese Federn ber den Schwanzfedern?

Und diejenigen, die unter den Schwanzfedern sind?

Was ist das fr eine fleischichte Erhhung ber den Schwanzfedern?

Wozu ntzt die Fettdrse?

Jetzt drehe dich um, Adolf, und beschreibe mir den Kanarienvogel!

Was fr ein Tier betrachteten wir gestern?

Nenne mir jeder etwas, was der Kanarienvogel mit dem Frosche gemein hat!

Nenne mir jeder etwas, wodurch der Kanarienvogel von dem Frosche
unterschieden ist!

Dies ist nur ein Wink, wie der Unterricht ber Gegenstnde aus dem
Tierreiche kann angestellt und zur bung jugendlicher Krfte angewendet
werden. Wer ihn versteht, wird die Fragen leicht noch mehr vervielfltigen
knnen.

Es kann z.E. den Kindern noch vieles abgefragt werden, was sie von dem
Vaterlande, der Nahrung, der Pflege, dem Nutzen und dem Handel wissen, der
mit Kanarienvgeln getrieben wird; was die Kinder nicht wissen, wird von
dem Lehrer hinzugesetzt.

Kann es nun wohl eine bessere bung der jugendlichen Krfte geben, als
Betrachtung der Gegenstnde aus dem Tierreiche? Sie hat fr die Kleinen
so vielen Reiz und gewhnt sie daher leicht, ihre Aufmerksamkeit auf eine
Sache eine Zeit lang zu heften; sie gewhnt das Auge, die Dinge nicht
obenhin, sondern genau anzusehen, und ein so gebtes Auge bemerkt tausend
kleine Merkmale, die dem ungebten Auge verborgen sind; die Sinnlichkeit
bt sich, von den empfundenen Sachen sich richtige Vorstellungen
zu machen; das Gedchtnis wird durch Auffassung der mannigfaltigen
Benennungen der verschiedenen Teile des Tieres, und die Einbildungskraft
durch Entwerfung eines richtigen Bildes von dem betrachteten Tiere, und
der Verstand durch Beurteilung der Absichten eines Tieres und durch
Aufsuchung der hnlichkeit und Unhnlichkeit, die zwischen verschiedenen
Tieren stattfindet, in Thtigkeit gesetzt.

Dies ist wohl ganz gut, wird man einwenden; aber woher sollen wir Tiere
genug nehmen, um tglich eins zum Aufstellen zu haben?

Daran wird es, wenn nur der gute Wille da ist, gewi nicht fehlen.
Zwar kann ich nicht voraussetzen, da jeder Erzieher mit einem
Naturalienkabinette versehen sei; aber das groe Naturalienkabinett,
die Natur, steht ihm doch offen! Wenn er mit seinen Zglingen in dieser
fleiig sucht, so wird er gewi vieles finden; und wenn er mit einigen
Jgern, Hirten, Bauern u.dergl. in Verbindung tritt und sie zu bewegen
sucht, die Tiere, die sie in ihre Gewalt bekommen, ihm zur Ausstellung
in der Lehrstunde zu leihen, so wird er ber den Stoff zu seiner
naturhistorischen Lehrstunde nicht drfen verlegen sein. Es ist diese
Lehrstunde in hiesiger Anstalt gleich in den ersten Jahren ihres Daseins,
da wir noch kein Naturalienkabinett hatten, ~tglich~ gegeben und tglich
ein neues Tier aufgestellt worden.

Also, fragt jemand hhnisch, sollen wir den Ochsen, das Pferd, den Esel in
das Lehrzimmer fhren und den Kindern zur Betrachtung aufstellen?

Diese Frage verdient keine Antwort, da jeder Vernnftige gleich darauf
verfallen wird, da man die Kinder auch zu den Tieren fhren kann,
welche ihnen zuzufhren unschicklich sein wrde. Man kann sie nach allen
ihren Teilen und unterscheidenden Merkmalen betrachten, und dann in
das Lehrzimmer zurckkehren, um ber den betrachteten Gegenstand eine
Unterredung anzustellen.

Woher sollen wir aber, fragt man weiter, die auslndischen Tiere bekommen?

Von Zeit zu Zeit werden auslndische Tiere zur Schau herumgefhrt, die man
dann mit seinen Zglingen betrachten kann. Dies sind freilich nur wenige;
es wird aber nichts schaden, wenn sie auch einen groen Teil derselben nie
zu sehen bekommen. Der Zweck des Unterrichts in der Naturgeschichte soll
ja bei Kindern nicht sein die Erlernung derselben, sondern--bung ihrer
Krfte, wozu die naheliegende Natur hinlnglichen Stoff darbietet.

Um sich gegen Mangel desselben ganz zu sichern, mu man mit dem
Unterrichte in der Tierkunde den Unterricht in der Pflanzenkunde
verbinden, und diesen vorzglich im Sommer, jenen im Winter treiben.

Diese Unterweisung kommt im wesentlichen mit dem Unterrichte in der
Tierkunde berein. Der Hauptzweck ist--Kraftbung der Kinder. Das Mittel
dazu ist Aufstellung einer Pflanze zum ~eignen~ Betrachten derselben.

Wrde dieser Unterricht nun in Landschulen gegeben, deren Schler sich
wahrscheinlich in ihrer Gegend ansiedeln werden, so knnte man ja
wohl mit den deutschen Benennungen der Pflanzen, die in dieser Gegend
gewhnlich sind, auskommen; erteilt man denselben aber Kindern, welche
wahrscheinlich reisen und sich in verschiedenen Lndern niederlassen
werden, so ist es besser, sie sogleich zu gewhnen, die Pflanzen mit dem
Linnischen lateinischen Namen zu benennen.

Dies ist fr Kinder zu schwer, sagt ihr. Ich sage aber, es ist nicht zu
schwer. Sechs- bis achtjhrige Kinder, Mdchen sowohl als Knaben, die ein
halbes Jahr in meiner Anstalt in der Pflanzenkunde Unterricht erhalten
haben, kennen beinahe alle Pflanzen, die in hiesiger Gegend wachsen,
wissen sie Linnisch zu benennen und freuen sich nicht wenig darber, da
sie es knnen.

Freilich ist das Behalten der lateinischen und griechischen Benennungen
anfnglich etwas schwer, aber eben deswegen ist es eine herrliche
Gedchtnisbung.[19] Ein Kind, das ein paar tausend solche Namen gemerkt
hat, wird leicht Wrter der Wissenschaften und fremden Sprachen auffassen,
zu deren Erlernung es bestimmt ist.

Da die Linnischen Benennungen von allen europischen gebildeten Vlkern
angenommen sind, so ist es denen, die sie gefat haben, hernach auch
mglich, sich in allen Weltgegenden ber die Pflanzenkunde verstndlich
auszudrcken und, wenn sie in der Folge dieselbe weiter fortsetzen
wollten, die Kunstsprache zu verstehen.

Da die Zahl der Pflanzen sehr gro und ftere Wiederholung ntig ist, wenn
die Namen derselben sollen behalten werden, so ist es ntig, da auer der
Pflanze, die man in der Lehrstunde zur Betrachtung aufstellt, noch mehrere
hingelegt und ihre Namen hergesagt werden.

Man thut wohl, wenn man diesen Unterricht in zwei Kursus einteilt. Im
ersten wird der Bau der Pflanze, der sogleich in die Augen fllt, die
Wurzel und ihre Form, der Stengel, die Bltter nach ihrer Form, Farbe
und ihrem Stande, die Blattanstze, die Gabeln, die Blten, ihre Form,
ihr Stand, Kelch, Blumenkrone, Same, Frucht betrachtet; im zweiten aber
wird dies alles wiederholt, und nun werden auch die Befruchtungswerkzeuge
untersucht und der Pflanze die Klasse und Ordnung angewiesen, in die sie
gehrt.

Man wird leicht begreifen, wie unsglich mannigfaltig die bungen sind,
die den Augen, dem Gefhle, dem Gedchtnisse, der Einbildungskraft und dem
Verstande der Kinder bei dieser Gelegenheit verschafft werden knnen.

Um dies begreiflich zu machen, denke ich mir jetzt eine Klasse von Knaben,
welcher im ersten Kursus Unterricht erteilt, und welcher _Galeopsis
ladanum_ zur Betrachtung vorgestellt wird.

Wie heit diese Pflanze?

_Galeopsis ladanum._

Was bemerkst du am Stengel?

Er ist holzig.

Ferner?

Gestreift.

Ferner?

stig.

Wie stehen die ste?

Einander gegenber.

Was steht an den sten?

Bltter.

Was fr eine Farbe haben sie?

Grn.

Was fr eine Form?

Lanzettfrmig.

Was bemerkst du noch mehr an den Blttern?

Sie sind gezhnt.

Sonst nichts?

Gestielt.

Wie stehen sie?

Einander gegenber.

Wie steht's mit den Blten?

Sie sind rachenfrmig.

Wie stehen sie?

Wirtelfrmig.

Was bemerkst du an dem Kelche?

Er ist fnfmal gezhnt.

Bemerkst du nichts an den Zhnen?

Sie haben Grannen.

Jetzt drehe dich um und beschreibe mir _Galeopsis ladanum_.

_Galeopsis ladanum_ hat einen holzigen, gesteiften, stigen Stengel. Die
ste stehen einander gegenber. Die Bltter sind grn, lanzettfrmig,
gezhnt, gestielt, stehen einander gegenber, die Blten sind rachenfrmig
und stehen wirtelfrmig; der Kelch ist fnfzhnig und die Zhne haben
Grannen.

Gestern betrachteten wir _Atropa Belladonna_; worin sind beide Pflanzen
einander hnlich? worin unhnlich? u.s.w.

Nun werden die Namen aller Pflanzen, die auf dem Tische liegen, von
demjenigen Schler, der von der Pflanzenkunde die meisten Kenntnisse
hat, laut und deutlich ausgesprochen und von der ganzen Versammlung
laut nachgesprochen. Ferner wird von dem Lehrer eine Pflanze nach der
andern genannt, und die Kinder mssen die genannten heraussuchen. Zur
Abwechselung kann man auch ~einem~ Kinde leise den Namen einer Pflanze
ins Ohr sagen, und die brigen mssen erraten, welche es gewesen sei.
Dadurch werden sie gereizt, die Namen immer zu wiederholen, ohne da diese
einfrmige Beschftigung sie ermde.[20]

Diese bungen knnen noch sehr vervielfltigt werden. Z.E. man kann
bisweilen die Kinder auffordern, da sie die vorgelegte Pflanzenreihe
genau ansehen, sich umkehren und dann eine Anzahl in der Ordnung hersagen,
wie sie daliegen. Eine herrliche bung der Einbildungskraft und des
Gedchtnisses! Ich habe bisweilen achtjhrige Kinder in meiner Anstalt
40 Pflanzen in der Ordnung, in welcher sie auf dem Tische lagen, mit
weggewandtem Gesichte hersagen hren. Oder man kann die ganze Klasse
die Hnde auf den Rcken legen lassen, jedem Kinde ein Blatt von einer
Pflanze darein legen und sie durch das Gefhl erraten lassen, von welcher
Pflanze es sei u.s.w.

Im zweiten Kursus knnen alle diese bungen wiederholt und nun auch die
Befruchtungswerkzeuge, die Merkmale der Klasse und Ordnung, zu welcher die
Pflanze gehrt, aufgesucht werden. Um die Kinder in der Klassifizierung zu
ben, kann man bisweilen den Namen einer Pflanze auf ein Papier schreiben,
das Papier umwenden und die Kinder reizen, die Pflanze, deren Namen man
aufgeschrieben hat, durch die Klassifizierung zu erraten.

Diese Methode ist hchst einfach, hat fr die jungen Leute vielen Reiz und
ist eine vortreffliche Verstandesbung.

Z.E. Ich schreibe auf das Papier _Galeopsis ladanum_ und fordere Fritzen
auf, zu erraten, was fr eine Pflanze ich aufgeschrieben habe. Er wird,
wenn er einigermaen gebt ist, folgende Fragen thun:

Gehrt die Pflanze in eine von den ersten zwlf Klassen?

Nein.

In eine von den ersten sechs der zweiten zwlf Klassen?

Ja.

In die dreizehnte?

Nein.

In die vierzehnte?

Ja.

In die erste Ordnung?

Ja.

_Mentha?_

Nein.

_Prunella?_

Nein.

_Ajuga?_

Nein.

_Thymus?_

Nein.

_Galeopsis?_

Ja.

_Tetrahit?_

Nein.

_Ladanum?_

Getroffen.

Welche Freude fr Fritzen, da er durch so wenige Fragen aus den vielen
hundert Pflanzen, die ihm bekannt sind, diese einzige, deren Namen ich mir
niedergeschrieben hatte, sogleich herausfinden konnte.

Hierbei mu ich aber vor einer Verirrung warnen, deren mancher Erzieher
sich wahrscheinlich schuldig machen wird,-- man hte sich, den
Kindern Vergrerungsglser in die Hnde zu geben, um die Klassen- und
Ordnungsmerkmale der Pflanzen zu untersuchen. Die _Cryptogamia_ stelle
man also gar nicht zur Betrachtung auf und lasse auch diejenigen Pflanzen
nicht besonders untersuchen, deren Merkmale mit unbewaffneten Augen nicht
entdeckt werden knnen, sondern ~sage~ ihnen nur, in welche Klasse und
Ordnung sie gehren. Diese alle liegen im eigentlichen Verstande auerhalb
des Gesichtskreises der Kinder. Sie sollen die Pflanzen kennen lernen, um
daran ihre Krfte, besonders aber ihr Empfindungsvermgen[21] zu ben;
durch den Gebrauch der Vergrerungsglser wird aber ein Teil derselben,
das Gesicht, abgestumpft. Sollte einer oder der andere in der Folge sich
der Pflanzenkunde ausschlieend widmen, so ist es noch immer Zeit genug,
mit Vergrerungsglsern seine Untersuchungen fortzusetzen und so dem
allgemeinen Besten die Schrfe seines Gesichtes aufzuopfern.

Mehrere Vter, wenn sie dies lesen, werden sagen: wozu dies alles? Mein
Sohn soll kein Naturforscher, kein Botaniker, er soll Soldat oder Kaufmann
oder Gelehrter werden.--

Wir sind vollkommen einerlei Meinung, liebe Freunde. Eure Kinder sollen
gar nicht in der Absicht zur Betrachtung der Natur angeleitet werden,
damit sie sich der Naturforschung berhaupt und der Pflanzenkunde
besonders widmen, sondern da sie bei der Betrachtung der Natur ihre
Krfte, ihr Empfindungsvermgen, Gedchtnis, Einbildungskraft und Verstand
ben sollen, die sie in jeder Lage, in die sie kommen werden, so ntig
haben. Ein junger Mensch, der seine Krfte auf diese Art ausgebildet hat,
fat mit denselben in der Folge leicht alles auf, was ihm gelehrt wird, er
geht mit offenen Augen durch die Natur, sieht alles, was darin merkwrdig
ist, wei die feinsten Merkmale aufzufinden, wodurch sich die Sachen
voneinander unterscheiden, und sieht tausend Dinge, die den Augen anderer
verborgen bleiben. Ich fhre jetzt Fritz und Kilian, davon der erste auf
vorbeschriebene Art gebt, der andere aber von der bung zurckgehalten
und an Bcher gefesselt wurde, in die Natur.

Was siehst du hier, Kilian? frage ich. ~Gras~, erhalte ich zur Antwort.

Was siehst du, Fritz? frage ich weiter.

_Dactylis glomerata, Cynosurus cristatus, Bromus mollis, Aira flexuosa,
Rhinantus crista galli etc._

Ich mchte, da diese bung so lange als mglich fortgesetzt wrde, und
da dieselbe durch die Mannigfaltigkeit der aufgestellten Gegenstnde
sehr befrdert wird, so schlage ich vor, da man, nachdem man mit der
Betrachtung der Erzeugnisse der Natur sich eine Zeitlang beschftigt hat,
nun auch die Betrachtung der Erzeugnisse des menschlichen Verstandes, der
Werkzeuge, Gefe, Kleidungsstcke und Hausgerte damit verbinde, eins
derselben nach dem andern aufstelle und die Kinder gewhne, an demselben
alle Teile, Formen und Absichten zu bemerken.

Wenn man die Sache ernstlich angreift, so wird man sich wundern, wie viel
an den gewhnlichsten Dingen zu bemerken und zu unterscheiden ist.

Zum Beispiele fge ich den Entwurf zu einer Unterredung ber die Handsge
bei, so wie ihn mein Gehilfe ~Mrker~ niedergeschrieben hat.

Die Handsge ist neu, gro, schwer, brauchbar (ntzlich).

Das Sgeblatt ist sthlern, lang, breit, neu, glatt, dnn.

Die Zhne des Sgeblattes sind scharf, geschrnkt, dicht, kurz.

Die Angeln des Sgeblattes sind lang, schmal, dnn.

Das Gestell der Sge ist hlzern, neu, gro, zusammengesetzt.

Die Arme des Gestells sind hlzern, gebogen, dick, lang, breit.

Die Zapfenlcher der Arme sind rund, gro.

Die Handgriffe der Sge sind hlzern, kurz, rund, dick.

Die Zapfen der Handgriffe sind kurz, walzenfrmig, dick, eingeschnitten.

Der Steg der Sge ist hlzern, lang, dick, gerade.

Die Schnur der Sge ist hanfen, lang, stark, gespannt, zusammengedreht,
neu.

Der Spanner der Sge ist hlzern, lang, keilfrmig, schmal, dnn.[F]

So wie nun die Betrachtung der Natur und Kunst als Erziehungsmittel
gebraucht werden soll, so mu man sich bemhen, allem brigen Unterrichte
eine solche Form zu geben, da dadurch dieser Zweck befrdert, die Krfte
gebt, die Kinder erzogen werden.

Auf hnliche Art, wie bei Betrachtung der Natur und Kunst, mu
auch bei dem brigen ersten Unterrichte alles zur Anschauung, wo
nicht zur uerlichen, doch zur innerlichen gebracht werden. Bei
dem Sprachunterrichte z.E. mu man anfnglich lauter solche Bcher
gebrauchen, bei deren Lesung nur Vorstellungen in der jungen Seele erregt
werden, die sie entweder selbst durch die Anschauung bekommen hat und
sie also leicht wieder hervorbringen kann, oder die doch mit denselben
in Verwandtschaft stehen. Benennungen von bersinnlichen Gegenstnden
drfen darin gar nicht vorkommen. Tne, mit denen das Kind nicht sogleich
eine Vorstellung verbinden kann, haben fr dasselbe keinen Reiz, es hat
keine Neigung sie aufzufassen, und--wenn es sie auffat, so ntzen sie
ihm nichts, weil es dabei gar nichts oder etwas ganz Falsches denkt.[22]
Ebendeswegen darf mit Kindern anfnglich noch keine Grammatik getrieben
werden.

Dies wird jetzt ziemlich allgemein angenommen, indem in mehreren, in
lebenden Sprachen aufgesetzten Lesebchern fr Kinder ein Bestreben
sichtbar ist, die Kinder ber Dinge zu unterhalten, die innerhalb ihres
Gesichtskreises liegen. In der lateinischen Sprache sind solche Bcher
schon seltener, und von den wenigen, welche vorhanden sind, wird nicht
immer Gebrauch gemacht. Man schreitet bei dem Unterrichte in dieser
Sprache zu schnell zu dem Lesen rmischer Schriftsteller, wo eine Menge
Wrter vorkommen, zu denen den Kindern die Vorstellung fehlt, und dies
ist gewi eine Hauptursache, warum man bei vielen so wenig Lust zur
Erlernung dieser Sprache bemerkt. Ebendeswegen wird es immer gewhnlicher,
diejenigen Knaben, die nicht zum Studieren bestimmt sind, von Erlernung
dieser Sprache loszuzhlen. Ich kann dies nicht billigen. Mehrere
europische Sprachen sind doch aus dieser entstanden, und werden leichter
gelernt, wenn man in jener einen guten Grund gelegt hat; berdies ist sie
nun einmal so allgemein, da man nicht leicht ein Buch in neueren Sprachen
lesen kann, in welchem sich nicht hier und da Brocken davon befnden,
welche Lesern, die damit ganz unbekannt sind, immer Steine des Anstoes
sein mssen. Dadurch wird es notwendig, da den gebildeten Stnden diese
Sprache nicht ganz fremd sein darf. Htte der Erzieher so viel Kenntnis
der lateinischen Sprache, da er ber die aufgestellten Gegenstnde der
Natur und Kunst, ber merkwrdige Vorflle in der Familie, kurz ber
Dinge, die den Kindern anschaulich wurden, im leichten, aber echten Latein
Aufstze niederschreiben knnte, sie den Kindern vorlese, von ihnen laut
nachsprechen und in das Deutsche bersetzen liee, so wrde er davon
groen Nutzen verspren. Es wrde den Kindern Vergngen machen, sie
wrden eine Menge lateinische Wrter behalten, mit einigen Eigenheiten
der Sprache bekannt werden und bei dem knftigen Lesen der lateinischen
Schriftsteller weniger Schwierigkeiten finden.[23]

Schriebe ich ein Buch ber die Erziehung der Kinder, so mte ich mich
noch ber den ganzen Unterricht ausbreiten, den Kinder erhalten sollen: da
ich aber von der Erziehung der Erzieher handle, so ist dies Wenige genug,
ihnen einen sehr bedeutenden Wink zu geben, was junge Mnner, die sich der
Erziehung widmen, eigentlich zu erlernen haben.

Wenn ich, liebe Freunde, sehe, wie bei weitem die meisten von euch sich zu
ihrer Bestimmung vorbereiten, so kann ich nicht anders, als euch und die
armen Kleinen, die eurer Aufsicht werden anvertraut werden, bemitleiden.
Ihr lernt die alten Sprachen, etwas Geographie, Geschichte und Mathematik,
hchstens etwas Franzsisch und Musik, hrt einen philosophischen und
theologischen Kursus und glaubt nun, euch zu Erziehern gebildet zu haben.

Wenn man euch nun den Franz, Robert, Stephan, fnfjhrige Knaben, zur
Erziehung bergiebt, was wollt ihr denn mit ihnen anfangen? Was von
aller eurer Gelehrsamkeit knnt ihr denn in diesem euern Wirkungskreise
benutzen? Fast gar nichts. Diese Kleinen hngen noch ganz an der
sichtbaren Welt, durch deren Betrachtung sich ihr edlerer Teil entwickeln
und fr bersinnliche Vorstellungen Empfnglichkeit erwerben soll, und
ihr--seid in der sichtbaren Welt Fremdlinge. Die Dinge, die euch tglich
umgeben, sind euch unbekannt, und ihr wit von vielen nicht einmal den
Namen anzugeben. Da geht ihr dann mit euren Kleinen durch die Natur, wie
ein Landmann durch die Dresdner Bildergalerie. Ei sehen Sie, sagt Robert,
den Vogel, der hier auf dem Aste sitzt! Wie heit er?--Ich kenne ihn
nicht, ist die Antwort. Freudig kommt Franz gehpft mit einer Blume in der
Hand und fragt: Kennen Sie diese Blume? Es erfolgt die nmliche Antwort.

Nun geht es in die Lehrstunde. Blumen und alles, was die Kinder aus der
sichtbaren Welt aufgerafft haben, wird ihnen weggenommen, der Trieb
nach Anschauung, der bei ihnen so stark ist, wird erstickt; ihr gebt
ihnen statt Blumen Bcher in die Hnde, und stellt ihnen statt Sachen
Zeichen der Sachen auf, zu deren Erlernung sie keine Lust besitzen.[24]
Da verbreitet sich denn ber die Verbindung, in welcher ihr so glcklich
leben knntet, Mivergngen; die Kinder knnen einen Mann nicht lieb
gewinnen, der sie nicht auf eine ihnen angenehme Art zu unterhalten wei,
und ihr betrachtet eure Kinder mit Mifallen, bei denen ihr mit eurem
Unterrichte wenig oder gar nichts bewirket.

Folgt also, Freunde, dem Rate eines alten Erziehers, und macht euch mehr
mit der sichtbaren Welt bekannt, nach der Anweisung, die ihr im folgenden
Abschnitte finden werdet.

Jetzt denke ich mir nun einen Erzieher, der sich nach meinem Wunsche
bildet, in dem Kreise seiner Zglinge, Einen Gegenstand nach dem andern,
aus dem Tier- und Pflanzenreiche und den Werksttten der menschlichen
Kunst, stellt er ihnen vor, fesselt ihre Aufmerksamkeit daran, unterhlt
sich mit ihnen darber auf eine fr beide Teile sehr angenehme Art, bt
das Empfindungsvermgen und mehrere Seelenkrfte der Kleinen und sprt
davon schon in den ersten Tagen die wohlthtigsten Wirkungen. Mit dieser
Beschftigung fllt er tglich ein paar Stunden aus.

Da aber jeder Tag mehr als zwei Stunden hat, so fragt es sich, was soll
in den brigen Stunden mit den Kindern vorgenommen werden? Das ist die
schwere Frage, die sich nur wenige Erzieher lsen knnen. Unterhalten
Sie mich doch, lieber Herr Richard! sagte einmal ein kleiner Junker, der
von Langeweile geplagt wurde, zu seinem Hofmeister. War dieser Wunsch
unbillig? Mu man den kleinen Mann nicht lieb gewinnen, der einen Ekel
gegen die Langeweile bezeigt?

Aber in welche Verlegenheit mu der Erzieher bei diesem so billigen und
gerechten Wunsche der Kinder geraten? Kinder fnf bis sechs Stunden des
Tages zu unterhalten, ist frwahr kein leichtes und angenehmes Geschft.
Denn womit soll man die Kinder unterhalten? Mit Erzhlen? Dies ist eine
so angenehme als ntzliche Unterhaltung, wenn man etwa eine Viertelstunde
tglich darauf verwendet. Aber immer erzhlen, ermdet die Kinder, sowie
den Erzieher. Bilder erklren? Hiermit hat es die nmliche Bewandtnis.
Bcher zu lesen geben? Kinder von so zartem Alter knnen noch nicht
lesen. Es gehrt dazu nicht nur das deutliche Aussprechen der Zeichen,
sondern auch das richtige Vorstellen der dadurch bezeichneten Sachen. Sie
spielen lassen? Auch dies bekommen sie bald berdrssig. Ja, wenn man
sie mit Nssen und Mandeln versieht und ihnen Karten und Wrfel in die
Hnde giebt, so werden sie sich damit mehrere Stunden auf eine ihnen sehr
angenehme Art zu unterhalten wissen; wer sieht aber nicht, da ihnen dies
eben so nachteilig sei als Mohnsaft, dessen die Kinderwrterinnen sich oft
bedienen, um die Kinder zur Ruhe zu bringen.

Merket auf! Auer dem Vermgen zu empfinden, sich vorzustellen und zu
urteilen, regen sich in den Kindern noch verschiedene Krfte, die nach
bung streben. Daher die bestndige Unruhe der Kinder, die den Erziehern
so lstig ist; daher die bestndigen Ermahnungen: stille, Kinder! seid
ruhig! die die Kinder verstimmen und die Gegenwart der Erzieher ihnen
hchst lstig machen.

Schafft doch den nach bung strebenden Krften der Kinder hinlngliche
bung, und ihr werdet gewi finden, da sie sich auf eine angenehme und
ntzliche Art zu unterhalten wissen, euch nicht mehr lstig sein, sondern
vielmehr die angenehmste Aufheiterung verschaffen werden.

Wie sollen wir, fragt ihr, dies anfangen? Dies ist nun eure eigene Sache.
Wenn ihr auf die Wnsche eurer Zglinge, auf ihre tgliche Lage merkt, so
werdet ihr Gelegenheit genug finden, sie zu beschftigen.

Hier sind indes ~einige~ Winke.

In den Lehrstunden verlangt ihr, da sie stets ruhig sein und stille
sitzen sollen. Gegen diese Forderung strebt ihre ganze Natur, die durchaus
regsam, zur Thtigkeit geneigt und abgeneigt ist, sich blo leidend zu
verhalten. Ihr werdet die Kinder verdrossen machen und Widerwillen gegen
euch erregen, wenn ihr auf eurer Forderung zu streng besteht. Sucht sie
in bestndiger Thtigkeit zu erhalten, so werdet ihr beide miteinander
zufrieden sein.

Haltet ihnen also keine Vorlesungen, verlangt nicht von ihnen, da sie
euch blo zuhren sollen, sondern lat euern Vortrag eine bestndige
Unterredung sein, an welcher bald dieser, bald jener teilnehmen mu,
lat nach Pestalozzischer Lehrart die ganze Versammlung von Zeit zu Zeit
nachsagen, was ihr vorgesagt worden.[G]

Wird ein Unterricht erteilt, an welchem die Kinder nicht mit den Augen,
sondern nur mit den Ohren und Sprachwerkzeugen teilnehmen, so wird das
Zeichnen der Linien, Winkel und Quadrate nach Pestalozzischer Art, whrend
des Unterrichts, ihre Hnde von allen Spielereien abziehen, und ihnen eine
unterhaltende und ntzliche Beschftigung gewhren.

Aber auer den Lehrstunden, was sollen wir, fragt ihr, dann mit unsern
Zglingen anfangen?

Hret nur auf ihre Wnsche, so werden sie euch schon selbst dazu Anleitung
geben. Einmal wollen sie ein Schiffchen haben, das auf dem Bache
schwimmen soll, ein andermal Knallbchsen, Handspritzen, Bogen und Pfeile,
Drachen u.dgl. Von solchen Kindereien suchen nun berweise Erzieher sie
abzubringen und verleiden so ihnen und sich selbst das Leben; der wahre
Erzieher freuet sich aber allemal, so oft er solch einen Wunsch bei seinen
Kindern bemerkt, und ist bereit, ihnen Rat und Anweisung zu geben, wie
sie sich die gewnschten Sachen ~selbst verfertigen~ knnen. ~Selbst
verfertigen~, sage ich.

Das ~Selbstverfertigen~, anfnglich von allerlei Spielwerk und in
der Folge von wirklich ntzlichen Werkzeugen und Gerten, ist ein so
ntzliches und angenehmes Geschft, da ich es zu einer ~unerllichen~
Forderung an alle Anstalten, wo die Kinder zweckmig erzogen werden
sollen, mache, da ihnen Anleitung und Gelegenheit zum Selbstverfertigen
gegeben werde.

Dazu gehrt denn freilich eine Werkstatt, mancherlei Werkzeuge und
Materialien und Anweisung, davon Gebrauch zu machen. Hat es der Erzieher
dahin gebracht, da seine Zglinge nach geendigten Lehrstunden mit ihren
Hnden sich beschftigen und ihre kleinen Wnsche ausfhren knnen, so
hat er gewonnen Spiel. Das schwere Geschft, sie zu unterhalten, ist
ihm abgenommen, sie unterhalten sich selbst--er ist blo Zuschauer
und Ratgeber. Der Gewinn, der fr die Kinder daraus entspringt, ist
unbeschreiblich gro.

Erstlich wird ihr Thtigkeitstrieb befriedigt und allen den
Ausschweifungen, die aus dem gehemmten Thtigkeitstriebe zu entspringen
pflegen, ist vorgebeugt. Zehn Kinder an der Werkstatt sind leichter zu
lenken, als drei, die nicht wissen, was sie thun sollen. Zweitens befinden
sich die Kinder dabei so wohl; denn ist denn das nicht das reinste
innigste Vergngen, wenn man gewissen vorgesetzten Zwecken sich immer mehr
nhern kann und sie endlich ganz erreicht? Jetzt ist das Schiff fertig, an
dem die Kleinen seit einiger Zeit arbeiteten--jetzt wird es vom Stapel
gelassen--wird auf den Bach gebracht, auf dem es nun segeln soll. Mit
welchem Frohlocken geschieht es! So etwas mt ihr selbst gesehen haben,
liebe Freunde, um euch zu berzeugen, wie ungemein wichtig es sei, Kindern
Gelegenheit zu geben, selbst etwas zu verfertigen.

Drittens werden dabei so viele Krfte gebt. Der Geist, der bei der
sonst blichen Lehrart immer dressiert wird, nach fremden Vorschriften
zu handeln, lebt dabei auf, fat eigene Ideen und erfindet Mittel, sie
auszufhren. Das Auge bt sich, die Gren zu messen, um jedem Teile des
auszufhrenden Werkes das ntige Verhltnis zum Ganzen zu geben; und
die Muskeln der Hnde werden auf so mannigfaltige Art gebt, da sie
hernach bei den mannigfaltigen Vorfllen des menschlichen Lebens, in den
Verlegenheiten, in die man oft gert, sich selbst zu helfen imstande
sind, ohne da sie immer ntig haben, zu fremder Hilfe ihre Zuflucht zu
nehmen. Ein Mann, der seinen Hnden nicht mancherlei Geschicklichkeiten in
der Jugend erworben hat, ist nur ein halber Mann, weil er bestndig von
anderen Leuten abhngig ist.

Wahrscheinlich befinden sich neun Zehnteile der Leser ~mit mir~ in diesem
Falle. Diese frage ich auf ihr Gewissen, ob sie nicht viel drum gben,
wenn sie in ihrer Jugend Anweisung bekommen htten, mit ihren Hnden etwas
zu verfertigen?

Die Einwendungen, die dagegen werden gemacht werden, sind mannigfaltig,
und ich habe nicht Lust, mich mit Aufzhlung und Widerlegung derselben
aufzuhalten. Die meisten derselben werden doch daher rhren, weil die
wenigsten Herren Erzieher Handarbeit gelernt haben und deswegen diese
Erziehungsart verschreien und lcherlich zu machen suchen. Was wrde ich
denn bei ihnen ausrichten, wenn ich mit ihnen darber streiten wollte?

Mit vieler Beredsamkeit suchte einst ein Prediger einige seiner Zuhrer
von einer gewissen beln Gewohnheit abzubringen. Herr Pfarrer! sagten sie,
als er ausgesprochen hatte, recht mag er wohl haben, aber wir thun es
doch nicht. So mchte es mir auch wohl gehen.

Ein paar Einwendungen kann ich aber doch nicht mit Stillschweigen
bergehen, da sie vielen Schein haben. Sie sind diese: Wenn man die Kinder
mit Handarbeiten beschftigt, so geht zu viele Zeit verloren, und sie
verlieren die Lust zum Erlernen der Sprachen und Wissenschaften.

Dies mchte freilich wohl vielmal der Fall sein, wenn man den Kindern
die freie Wahl liee, ob sie einen schriftlichen Aufsatz verfertigen
oder mit Handarbeit sich beschftigen wollten. So meine ich es aber
nicht. Nur die Freistunden sollen dazu angewendet werden. Je jnger der
Zgling ist, desto mehr bedarf er Freistunden oder Stunden, in denen er
von Geistesarbeiten frei ist; je mehr sich hingegen des Geistes Krfte
entwickeln, desto mannigfaltigere und anhaltendere Beschftigungen kann
man ihm geben, desto mehr mindert sich auch die Zahl der Freistunden.

Die zweite Einwendung, die man machen knnte, ist diese: Zu Handarbeiten
ist doch der Gebrauch von allerlei scharfen und spitzigen Instrumenten
ntig--wie leicht kann sich ein Kind damit gefhrlich verwunden!

Mglich ist dies freilich. Allein der ftere Gebrauch der scharfen
Werkzeuge lehrt auch zugleich die dabei ntige Vorsicht. Und die
Erfahrung--diese ist doch sicher auf meiner Seite. Hrt man nicht immer
von Kindern, die sich gefhrlich verwundeten, und die nie zur Handarbeit
Anleitung bekamen? Und bei meinen Zglingen, die so mancherlei spitzige
und scharfe Werkzeuge in Hnden haben, ist noch ~nie~ eine ~gefhrliche~
Verwundung vorgefallen.

Wenn es also schlechterdings ntig ist, den Kindern Anleitung zu geben,
selbst mit ihren Hnden etwas zu verfertigen, so begreift ihr von selbst,
die ihr euch der Erziehung widmet, da ihr verbunden seid, ~Handarbeit zu
erlernen~. Es giebt da keinen Ausweg. Entweder ihr mt euch entschlieen,
eure Zglinge den ganzen Tag zu unterhalten und den Thtigkeitstrieb, der
sich in ihren Hnden regt, zu lhmen, oder--ihr mt euch in allerlei
Handarbeiten selbst suchen Geschicklichkeit zu erwerben.[27]

Knnen wir, sagt ihr vielleicht, nicht Handwerksleute annehmen, die in
unserer Gegenwart den Zglingen die ntige Anweisung geben? Versucht es,
und ihr werdet dann alle die Unannehmlichkeiten selbst finden, die aus
solchen Verbindungen zu entspringen pflegen.[H]

Ich komme auf den wichtigsten Teil der Erziehung, auf die Gewhnung zur
Sittlichkeit, oder nach gewissen richtigen Regeln zu handeln. Wo diese
fehlt, hat die brige Erziehung wenigen oder gar keinen Wert. Ich denke
mir jetzt einen Jngling, der unter den Hnden seines Erziehers gesund
und stark wurde, sich mancherlei Geschicklichkeiten erwarb, alle seine
Geisteskrfte durch bung entwickelte, der nun aber alle diese Vorzge
anwendet, seinen Lsten Befriedigung zu verschaffen--was ist denn
durch die Erziehung gewonnen worden? Fr ihn nichts, ihm fehlt ja die
eigentliche Menschenwrde, die in der Freiheit oder in der Kraft besteht,
seine Lste zu beherrschen und nach richtigen Grundstzen zu handeln; und
glckselig wird er nie, da es fr den Menschen keine andere Glckseligkeit
giebt, als die aus dem Bewutsein entspringt, seine Pflicht erfllt oder
nach richtigen Grundstzen gehandelt zu haben. Und fr die menschliche
Gesellschaft thut er auch wenig. Er wird fr sie nichts thun, wenn dadurch
seinen Lsten nicht Befriedigung verschafft wird, und wird dadurch Unheil
stiften, wenn er damit zu seinem Zwecke kommen kann. Je mehr seine Krfte
ausgebildet sind, desto berlegener ist er andern, desto weniger knnen
sie ihm widerstehen, desto gefhrlicher ist er fr die Gesellschaft.

Was soll ich dies weitlufiger ausfhren? Diese Wahrheit ist bereits fast
allgemein anerkannt, und man findet sie fast in allen Bchern, die ber
die Erziehung geschrieben sind. Wie steht es aber mit der Befolgung?
Zeigen sich nicht allenthalben moralische Ungeheuer, auf deren Unterricht
und Kraftentwickelung doch viel Flei gewendet wurde? Man sucht die
Ursache davon teils in dem Verderben der menschlichen Natur, teils in der
Mangelhaftigkeit der sittlichen Grundstze, die ihnen mitgeteilt wurden;
ich hingegen glaube ihn mehr in einer fehlerhaften Behandlung des jungen
Menschen gefunden zu haben.

Ich will darber mit niemandem rechten; man erlaube mir aber meine eigene,
auf Erfahrung gegrndete Meinung vorzutragen.

Der neugeborne Mensch kann noch nicht gehen, und das Prinzip seiner
Handlungen sind seine Empfindungen. Was ihm angenehme Empfindungen
verursacht, begehrt, was unangenehme Empfindungen bewirkt, das flieht er.
Da ist keine Rcksicht auf Religion oder Moral sichtbar. Will man dies
moralisches Verderben nennen, nun so thue man es; man erlaube mir aber
dann auch, da ich das Unvermgen zu gehen, das man an dem jungen Menschen
bemerkt, das physische Verderben der menschlichen Natur nenne.

Seitdem man die Laufzume und Gngelwagen abgeschafft hat, verliert sich
das physische Verderben der Natur nach und nach, und die Kinder lernen
erst gehen, dann sogar laufen und springen. Schafft die moralischen
Gngelwagen und Laufzume ab, und der moralische Mensch wird sich ebenso
gut von selbst entwickeln und erst gut, dann edel zu handeln anfangen.

Und was sind denn die moralischen Gngelbnder? Die Gebote und Verbote und
die knstlichen Mittel, wodurch man die Kinder an Befolgung derselben zu
gewhnen sucht.[28]

Der Mensch hat gegen alle Gebote und Verbote, insofern sie es sind, eine
natrliche Abneigung. Er will immer gern seinen eigenen Willen thun;
zweifelst du daran, mein Leser, so bemerke nur selbst, was in dir vorgeht,
wenn deine Freiheit durch Gebote und Verbote eingeschrnkt wird. So wie
bei den Kindern die Menschwerdung eintritt, wie die Geisteskrfte sich
entwickeln, zeigt sich auch die Abneigung gegen Gebote und Verbote. Wenn
man nun durch Gebote und Verbote und durch die damit verknpften Strafen
und Belohnungen sie zu gngeln sucht, so entsteht Unwille und Abneigung
gegen den Befehlshaber, es regt sich ein Bestreben, seinen Gesetzen
auszuweichen, und wenn die Verbindung mit dem Gesetzgeber aufhrt, dann
zeigt sich Zgellosigkeit, weil nichts mehr da ist, das verhinderte, die
Wnsche, die sie seither bei sich hegten und unterdrcken muten, zu
befriedigen.

~Man lasse daher das Kind immer seinen eigenen Willen thun, so wird es gut
werden.~

Ihr entsetzt euch ber diese Behauptung? Ihr fragt, wozu es der Erzieher
bedrfe, wenn das Kind immer seinen eigenen Willen thun sollte?

Liebe Freunde! Leset das, was nun folgt, mit einiger Aufmerksamkeit, und
ich will mich bemhen, so deutlich zu sprechen, als es mir mglich ist, so
werden wir hoffentlich am Ende einander die Hnde geben und miteinander
eins sein.

Meine Meinung ist diese: Der Erzieher soll den Zgling dahin zu bringen
suchen, da er selbst das Gute wolle und es thue, nicht deswegen, weil es
ihm von anderen geboten und das Gegenteil verboten wird, weil er von der
Befolgung des Gebots Belohnung, von der bertretung Strafe zu erwarten
hat, sondern weil er es selbst will.

Sind wir nun miteinander eins? Ich hoffe es.

Die Frage ist nur, wie man das Kind dahin bringe, da es das Gute wolle;
dies ist schwer und nicht schwer, je nachdem man es angreift.

Nach meinen Erfahrungen gehrt dazu zweierlei:

1. Da man dem Kinde stets die Wahrheit sage oder ihm von seinen Pflichten
die richtige Ansicht gehe.

2. Da man es dahin bringe, da es die Wahrheit einsehe.

Hat man es ~dahin~ gebracht, so will es das Gute und bedarf nur einer
kleinen Erinnerung von Zeit zu Zeit, um es von seinen Verirrungen, die
freilich nicht fehlen werden, zurckzubringen.

Man sei also stets wahr in seinen Ermahnungen! Die Kinder haben fr die
Wahrheit einen ungemein feinen Sinn, der ihnen aber auch jede Unwahrheit
bemerkbar macht. Wer also durch Unwahrheit seine Zglinge zum Guten zu
lenken sucht, wird sein Ziel gewi verfehlen.

Schreie nicht, mein Kind! sagte einst eine Mutter, als sie ihr weinendes
Kind durch das Feld fhrte, es sind Muse hier im Acker, die kommen
hervor, wenn sie dich schreien hren, und beien dich.

Wer sieht nicht das Unvernnftige und Unwahre dieser Vorstellung? Das Kind
schwieg ein paar Augenblicke. Da ihm aber dann wieder ein paar Schreie
entfuhren, und keine Maus sich zeigte, so schrie es weit strker als zuvor.

Handeln denn die Erzieher aber vernnftiger, die ihren Zglingen von der
Erfllung der Pflichten Folgen versprechen, die hchst zufllig sind,
und wegen Verletzung derselben ihnen Strafen drohen, die so selten sich
einfinden, als ein weinendes Kind von einer Maus gebissen wird?

Fallen nicht ferner diejenigen Erzieher in eben diesen Fehler, die ihren
Zglingen manches zur Pflicht machen, wozu sie doch nicht verbunden sind?
Mssen sie denn nicht lauter falsche Grnde anfhren, um ihre Forderungen
zu beschnigen?

Willst du z.E. deinen lgenhaften Zgling dahin bringen, da er die
Wahrheit rede, so kannst du sagen, auf eine Lge gehrt eine Maulschelle,
und es ihm auch sogleich fhlbar machen. Was wirst du damit ausrichten?
Er wird gegen dich erbittert werden, aber die Neigung zur Unwahrheit wird
bleiben.

Oder du kannst sagen, wer lgt, der stiehlt, und wenn du so zu lgen
fortfhrst, so wirst du ein Dieb und kommst an den Galgen. Ist denn dies
wahr?

Oder du kannst etwas nachdrcklich sagen: Kind! Wenn du lgst, so glaubt
man dir nicht mehr. Dies wre fr dich ein groes Unglck.

Dies ist wahr, und da es wahr sei, begreift das Kind leicht.[29]

Aber wenn man ihm die Verbindlichkeit, sich aller Bewegungen im Freien zu
enthalten und acht Stunden tglich stille zu sitzen, begreiflich machen
will, wie soll man dies anfangen, ohne die Unwahrheit zu reden? Und wie
kann man einem Kinde zumuten, zu glauben, was nicht wahr ist, und danach
zu handeln?

Wenn man Kindern die Wahrheit begreiflich machen will, nach welcher sie
handeln sollen, so vergesse man ja nicht, wen man vor sich habe--nicht
Menschen, sondern Geschpfe, die imstande der Menschwerdung sich befinden,
bei denen die Vernunft noch klein ist. Alle langen zusammenhngenden
Ermahnungen, alle abstrakten Grundstze, die nur mit der Vernunft knnen
gefat werden, sind unwirksam. Die Kinder verstehen nichts davon.

Sie haben aber eine Nachahmungsbegierde, die sie geneigt macht, alles,
was ihnen an andern gefllt, nachzuthun. Diese mu in Anspruch genommen
werden. Man mu ihnen in wahren oder erdichteten Erzhlungen von der
Handlungsart, zu welcher man sie bringen will, Muster vorstellen und sie
so lebhaft schildern, da sie glauben dieselben vor sich stehen zu sehen,
und so gefllig, da in ihnen der Entschlu entsteht, ebenso zu handeln.
Dabei mu man sich hten, die Anwendung geradezu auf sie zu machen und
sie zu ermahnen, ebenso zu handeln. Denn die Kinder sollen ihren ~eignen~
Willen ~thun~. Wenn man sie nun die Anwendung auf sich selbst machen lt,
und sie fassen dann selbst den Entschlu, so zu handeln, so thun sie ihren
eignen Willen.

Ich habe von der Wirksamkeit dieser Art des Unterrichts sehr viele
Erfahrungen gemacht. Oft, nicht immer, aber oft, wenn ich eben recht
aufgelegt war, in meiner ~Erklrung meines ersten Unterrichts in der
Sittenlehre~[30] meinen Zglingen ein gewisses Muster recht darzustellen,
umschlossen sie mich am Ende der Lehrstunde und baten: O Vater! La uns
doch auch so handeln!

Die Kinder haben ferner Verstand, der auffat, was ihm anschaulich
dargestellt wird. Dieser mu ebenfalls in Anspruch genommen werden.
Man mu ihnen die Verbindlichkeit, so und nicht anders zu handeln, so
anschaulich als mglich zu machen suchen. Sobald sie dieselbe gefat
haben, ist auch gewi der Entschlu da, darnach zu handeln.

Dazu gehrt eine eigene Gewandtheit, die nur durch bung erlangt werden
kann. Zu allen Zeiten ist man nicht aufgelegt dazu, und da thut man
besser, wenn man seinen Vortrag so lange verschiebt, bis man sich dazu
aufgelegt fhlt. Dann kann man aber auch Wunder thun.

Von den vielen Erfahrungen, die ich in dieser Rcksicht gemacht habe, will
ich nur eine anfhren, die ich neuerlich zu machen Gelegenheit hatte. Vor
einiger Zeit ri bei meinen Pflegeshnen die ble Gewohnheit ein, da sie
immer die Schlssel zu ihren Schrnken und Kisten verloren. Da sie einen
geflligen Schlosser zur Seite hatten, der ihnen sogleich drei Schlssel
auf einmal verfertigte, so legten sie auf dieselben gar keinen Wert
mehr. Ich konnte ihnen deswegen scharfe Verweise geben, konnte auf das
Schlsselverlieren eine groe Strafe setzen und noch mancherlei thun, das
nichts wrde gewirkt haben. Aber eben deswegen, weil ich vorhersah, da
dies alles nichts helfen wrde, that ich lieber gar nichts und lie sie
eine Zeitlang Schlssel verlieren, so viel sie wollten. Endlich fiel mir
ein, wie ich ihnen die Verbindlichkeit, ihre Schlssel in acht zu nehmen,
anschaulich machen knnte.

Als sie daher einmal in Reihe und Glied vor mir standen, hielt ich einen
Schlssel in die Hhe und sagte: Jetzt gebt Achtung! Jetzt, liebe Freunde,
will ich eine Vorlesung halten ber--den Schlssel. Die Materie, aus
welcher der Schlssel besteht, ist gewhnlich Eisen. In Ansehung seiner
Form bemerken wir diesen Teil, der heit Kamm, und diesen, der ist das
Rohr, und diesen, das ist der Griff.

Dies habt ihr freilich alles lange schon gewut, jetzt will ich euch aber
noch etwas sagen, was wenigstens zwei Dritteilen von euch unbekannt war,
nmlich ~was eigentlich ein Schlssel~ ist. Httet ihr dies gewut, so
wrdet ihr gewi auf eure Schlssel einen grern Wert gelegt haben.

Achtung! (die folgenden Worte wurden langsam und mit groem Nachdrucke
ausgesprochen). ~Ein Schlssel ist das Mittel, das Behltnis, zu dem
er gehrt, zu ffnen.~ Wenn ich also den Schlssel zu meinem Schranke
verliere, so bekommt der Finder das Mittel in die Hnde, meinen Schrank
zu ffnen. Verliere ich viele Schlssel, so erhalten die Domestiken, die
Handwerksleute, die Tagelhner, die Bettler, die in unsere Huser kommen,
nach und nach Mittel, den Schrank zu ffnen. In diesem Falle thte ich
besser, wenn ich ihn gar nicht mehr verschlsse, da ersparte ich mir
doch die Mhe des Auf- und Zuschlieens. Das Zuschlieen wre ja doch
vergeblich. Da es mglich sei, seinen Schlssel nicht zu verlieren, dies
beweist der Schlssel, den ich hier in der Hand habe, den ich im Jahre
1766 verfertigen lie, der also nun beinahe 40 Jahre alt ist.

Mit diesen Worten trat ich ab und berlie die Versammlung ihrem eigenen
Nachdenken.

Der Erfolg davon war, da das Schlsselverlieren ~sogleich~ aufhrte, und
da nunmehr seit zwei Monaten von meinen Pflegeshnen kein einziger ntig
gehabt hat, sich einen neuen Schlssel verfertigen zu lassen.

Und worin liegt denn die Zauberkraft, die dies bewirkte?

1. Darin, da ich durch den sonderbaren Eingang zu meiner Rede aller
Erwartung spannte und sie zur Aufmerksamkeit brachte. Was htten die
triftigsten Vorstellungen vermocht, wenn man nicht darauf aufmerksam
gewesen wre?

2. Da ich den Wert der Schlssel und die Verbindlichkeit, sie zu
bewahren, recht anschaulich machte.

3. Da ich sie dadurch dahin brachte, da sie die Verbindlichkeit, ihre
Schlssel zu bewahren, begriffen und ~sich selbst~ entschlossen, dies zu
thun.

Ich hielt diesen Vortrag ffentlich, weil er einen Fehler betraf, der fast
allgemein war.

Man hte sich ein Gleiches zu thun, wenn man ein einzelnes Kind zur
Erfllung einer Pflicht oder Ablegung eines Fehlers bringen will. Man
wird dabei seinen Zweck gewi verfehlen, denn die Wirkung ffentlicher
Ermahnungen, die eine gewisse Person betreffen, ist allemal Beschmung,
wodurch eine Art von Betubung hervorgebracht wird, die den Ermahnten
unfhig macht, aufzumerken; sehr oft wird dadurch auch Erbitterung gegen
den Ermahner bewirkt, die den Vorsatz erzeugt, die Ermahnung nicht zu
befolgen.

Die Kinder haben ferner Sinnlichkeit, die man auch benutzen mu. Dies
geschieht, wenn man durch Ton und Mienen das ausdrckt, was man sagen
will. Da ich hiervon schon oben gesprochen habe, so ist es berflssig,
darber weitlufiger zu reden. Ich bemerke nur dies noch, da es ungemein
wichtig sei, durch Ton und Miene auf Kinder zu wirken, die Vernunftgrnde
noch nicht fassen knnen. Wer dies versteht, der richtet durch einen
Blick, ein Wort, die Beifall oder Mifallen ausdrcken, mehr aus, als ein
anderer durch eine lange Gottesverehrung.

Die Einwendungen, die gegen diese Erziehungsart werden gemacht werden,
sehe ich voraus und bergehe sie mit Stillschweigen, weil sie jeder
Denkende leicht selbst widerlegen kann.

Nur eine kann ich nicht unerrtert lassen.

Der Mensch, wird man sagen, mu gehorchen lernen, wenn er in die
menschliche Gesellschaft passen soll. Was soll aus der Gesellschaft
werden, wenn man ihr Glieder zuzieht, die gewhnt sind, keinen andern als
ihren eigenen Willen zu thun? Die Revolutionen, die Staatsumwlzungen, die
Knigsmorde, die in unsern Tagen vorgefallen sind, die sind die Frchte
der liberalen Erziehung, die man jetzt den jungen Leuten giebt.

Liebe Freunde! Ereifert euch nicht zu sehr! Denkt nur an die Frauenzimmer
in N., von denen ich oben gesprochen habe, die an Nervenkrankheiten
sterben, seitdem die Schnepfenthler Zglinge sich im kalten Wasser
baden![31] Die Staatsumwlzungen und Knigsmorde hngen mit der liberalen
Erziehung ebenso zusammen, wie die Nervenkrankheiten der Frauenzimmer
in N. mit dem kalten Baden der Schnepfenthler Zglinge. Wie? Sind denn
etwa die berchtigten Staatsumwlzer nach der hier empfohlenen Methode
erzogen worden? Oder haben sich diejenigen, die so erzogen wurden, durch
Insubordination ausgezeichnet? Und wenn es von Hunderten einer that, was
beweist dieses? Man suche doch junge Leute zu berzeugen (und wie leicht
ist dies), da es Pflicht sei, die Vorschriften derer zu befolgen, die
ihnen vorgesetzt sind, und sie dahin zu bringen, da sie es sich selbst
zum Gesetz machen, dies zu thun, so ist es ja gut. Sie werden dann immer
geneigt sein, die Vorschriften ihrer Vorgesetzten zu befolgen, ohne da es
ntig ist, ihnen in jedem einzelnen Falle die Grnde davon anzugeben.

Freilich setze ich voraus, da ein ~vernnftiger~ Erzieher seinen Zgling
nicht willkrlich behandle, da er ihm keine Vorschriften gebe, die nicht
auf wahren Grnden beruhen; freilich mu ich zugeben, da der Zgling
knftig wahrscheinlich in Lagen kommen werde, wo er willkrlich und
unvernnftig behandelt wird. Was ist denn aber dabei zu thun? Sollen wir
das Kind vielleicht unvernnftig behandeln, damit es an die unvernnftige
Behandlung, die seiner in der Zukunft wartet, gewhnet werde? Dies wre
doch wirklich eine sonderbare Forderung.

Man bereite es darauf vor, man zeige ihm in Beispielen, welch'
willkrliche Behandlung sich oft der Mensch gefallen lassen msse, und
mache ihm die Verbindlichkeit begreiflich, sich derselben zu unterwerfen,
so lange man von dem willkrlichen Behandler abhngig ist, und er nicht
eine Handlungsart von uns verlangt, die wir fr unrecht halten.

Wollt ihr, meine jungen Freunde, euch also der Erziehung widmen, so
mt ihr notwendig lernen, den Kindern die praktischen Wahrheiten so
anschaulich zu machen, da sie dieselben auffassen, annehmen, sich die
Befolgung derselben zum Gesetz machen und so ihren eignen Willen thun.
Gewhnt ihr sie blo, durch allerlei Knsteleien, euern Willen zu thun,
so ist ihre ganze Moralitt eine Windmhle, die stille steht, sobald
sie von einer Anhhe ins Thal gesetzt wird, auf welches der Wind nicht
wirken kann. Wollt ihr ihnen die Wahrheit vorpredigen, ohne euch darum zu
bekmmern, ob sie dieselbe fassen, so erzieht ihr Kinder, an denen, wie
ihr zu sagen pflegt, Hopfen und Malz verloren ist, bei denen kein Zureden,
kein Ermahnen etwas hilft, von denen ihr klagt, da ihr immer tauben Ohren
predigt. Die Ursache davon liegt nicht in ihren Ohren, sondern in eurer
leisen Sprache, weil ihr nicht so sprechen gelernt habt, da es durch die
Ohren in die Seele dringt.

Statt also euch die Kpfe ber das oberste Moralprinzip zu zerbrechen,
lernt nur die allgemein zuerkannten praktischen Wahrheiten den Kindern
recht falich und annehmlich zu machen.

Der Gewinn, der daraus entspringt, ist groߠ--sehr gro. Sobald das Kind
das Gute selbst will, so erzieht es sich selbst, und fnfzig Kinder, die
das Gute wollen, sind leichter zu lenken, als ein einziges, dem es noch
nicht eingefallen ist, gut zu werden. Sobald ein Kind eine Sprache lernen
will, so lernt es sie, und in einer einzigen Lehrstunde, die ihm darin
gegeben wird, kommt es weiter, als ein anderes, das diese Sprache nicht
erlernen will, und vom Morgen bis zum Abend darin Unterricht bekommt.

Ist der Zeitpunkt da, wo sich bei den jungen Leuten Empfnglichkeit fr
das bersinnliche zeigt, so mu man nun den praktischen Wahrheiten,
die man sie lehrte, eine hhere Sanktion dadurch geben, da man sie zu
berzeugen sucht, da dieselben Gottes Wille sind. Wie dies anzufangen
sei, glaube ich in meinem ~Heinrich Gottschalk~ gezeigt zu haben und
werde es ausfhrlicher zeigen in dem ~christlichen Religionsunterrichte~,
den ich nchstens hoffe liefern zu knnen.[32]

Dabei kommt denn aber freilich wieder viel auf den Vortrag des Lehrers
an. Er mu so zuversichtlich und eindringlich zu sprechen wissen, da die
Zuhrer berzeugt werden, da er selbst alles, was er sagt, von ganzem
Herzen glaube, er mu die Wahrheit mit solchen Grnden zu untersttzen
wissen, da ihnen kein Zweifel dagegen brig bleibt.




Plan zur Erziehung der Erzieher.


Man errichte vor allen Dingen eine Pflanzschule fr Erzieher. Man berufe
die berhmtesten Erzieher aus allen Weltgegenden zusammen, stelle sie als
Lehrer der Erziehungskunst an und gebe jedem tausend bis fnfzehnhundert
Thaler Gehalt, damit er gegen Sorgen gedeckt sei; man stelle einen Lehrer
der Zergliederungskunst an und sorge dafr, da es nicht an Leichnamen
fehle, an denen er den jungen Erziehern den Bau des menschlichen Leibes
zeigen kann; man berufe ferner einen Lehrer der Heilkunde, welcher
Vorlesungen ber die Kinderkrankheiten hlt und die zweckmigsten
Heilmittel kennen lehrt; man errichte eine Bchersammlung, in welche
alle Schriften aufgenommen werden, die von Griechen, Rmern, Franzosen,
Englndern, Italienern, Deutschen, Dnen, Schweden ber die Erziehung sind
geschrieben worden, damit der knftige Erzieher eine recht vielseitige
Ansicht von seinem Geschfte bekomme. Man errichte ferner einen Lesesaal,
in welchem alle Zeitschriften, die in Deutschland, wo mglich auch in
anderen gebildeten Lndern Europas, herauskommen, zu finden sind, damit es
die Pflanzschule sogleich erfahre, wenn irgend jemand etwas Neues in der
Erziehungskunst erfunden hat. Knnte damit ein Schauspielhaus verbunden
werden, in welchem die Erzieher monatlich ein paar Schauspiele auffhrten,
so wre es desto besser, so lernten sie Ton, Miene und Anstand des Krpers
bilden. Unumgnglich ntig wre aber die Anlegung eines Gartens, in
welchen, so viel als mglich, ~alle~ Pflanzen gesetzt wrden, die unser
Erdball hervorbringt.

Die Ausfhrung dieses Plans wrde freilich groe Summen kosten; ist die
Erziehung aber nicht das Wichtigste fr den Staat? Werden die Unterthanen
nicht gern die schwersten Auflagen sich gefallen lassen, wenn sie von dem
wohlthtigen Zwecke derselben belehrt werden? wenn Schriftsteller und
Prediger sich vereinigen, ihnen die Wichtigkeit der Sache begreiflich zu
machen? Wird der Frst nicht gern seine Schtze ffnen, um solch eine
Anstalt zu untersttzen, die fr den Staat von so unabsehlich wichtigen
Folgen sein kann und mu?

Solch einen Plan zu entwerfen, wre ich vielleicht vor vierzig Jahren
fhig gewesen, da das Blut noch flchtig durch meine Adern strmte, in
meinem Gehirne Entwrfe auf Entwrfe sich erzeugten, ohne da mich die
Bedenklichkeit beunruhigte, ob sie auch in der wirklichen Welt ausfhrbar
wren. Jetzt aber, da das Blut etwas langsamer fliet, fallen nur doch
gegen diesen Plan allerlei Bedenklichkeiten ein.

Erstlich glaube ich doch, da es etwas schwer sein werde, die Summen, die
zur Ausfhrung desselben ntig sind, aufzubringen; zweitens, wenn dies
auch wre, so wrde darber so viel Zeit verflieen, da unsere jetzt
lebende Jugend aufwchse, ohne sich der wohlthtigen Wirkung desselben
zu erfreuen. Dies wre doch wirklich schade! Drittens gebe ich zwar zu,
da, wenn alles gelnge, der Staat eine Menge vielseitig gebildeter
Erzieher erhalten wrde, die von der Erziehungskunst recht viel sprechen
und schreiben knnten; ob aber ein einziger imstande sein wrde, ein Kind
wirklich zweckmig zu erziehen, daran zweifle ich sehr.[33]

Ich will also diesen Plan, der sich gut lesen, aber schwer ausfhren lt,
lieber ganz aufgeben und jedem, der sich der Erziehung widmet, einen etwas
einfachern vorlegen, der in den drei Worten begriffen ist: ~Erziehe dich
selbst~!

Dieser hat den Vorzug, da er einfach ist, wenig Geld kostet, gleich nach
Lesung dieses Buches von allen, die dafr Sinn haben, ausgefhrt werden
kann und Erzieher bilden wird, die nicht blo von der Erziehung sprechen
und schreiben, sondern wirklich erziehen knnen.

Wer nun glaubt, von mir noch etwas lernen zu knnen, der merke auf die
Winke, die ich ihm jetzt zur Selbsterziehung geben werde.


1. Sei gesund!

Ein kranker Mann ist ein armer Mann, alle Geschfte werden ihm schwer,
aber keins schwerer, als die Erziehung. Im krankhaften Zustande ist man
sehr reizbar, jeder Mutwille, jede Unbesonnenheit der Jugend erregt
Unwillen. Man mu sich also in einer Gesellschaft, welcher Mutwillen
und Unbesonnenheit eigen sind, sehr bel befinden, weil man sich alle
Augenblicke von derselben fr beleidigt hlt. Und wie will man sie in
einem steten Zustande unangenehmer Empfindungen erziehen knnen? Alle
Ermahnungen werden von Galle triefen oder mit einem zitternden Tone
vorgebracht werden. Dieser wird nichts wirken, und jene wird schaden. Die
vielen Klagen, die man ber die Unfolgsamkeit der Jugend hren mu, rhren
gewi meistens von der Krnklichkeit der Erzieher her, und wie kann man
sich zutrauen, gesunde Kinder erziehen zu knnen, wenn man selbst ungesund
ist?

Dies ist ja aber, wird man sagen, eine sonderbare Forderung: ~Sei gesund~!
Gesund will freilich ein jeder sein; hngt denn die Gesundheit aber von
seinem Willen ab?

Allerdings. Vorausgesetzt, da keins der Eingeweide verletzt ist und du
deinen Krper nicht durch Ausschweifungen sehr geschwcht hast, so kannst
du gesund sein, wenn du nur ernstlich willst. Der ernstliche Wille hat auf
den Krper einen mchtigen Einflu. Hrte ihn nur nach und nach ab, sei
mig und enthaltsam, widme den Tag der Arbeit und die Nacht der Ruhe,
und wenn du demungeachtet zu krnkeln anfngst, anstatt zur Apotheke
deine Zuflucht zu nehmen, suche lieber den Grund deines belbefindens
zu erfahren. Dies kannst du, wenn du ber deine bisherige Lebensweise
nachdenkst. Hast du den Grund deines belbefindens erst entdeckt, so wird
es dir leicht sein, dir durch einfache Mittel zu helfen. Unplichkeiten
z.E., die von berladung des Magens herrhren, werden oft durch Versagung
einer Mahlzeit gehoben. Etwas Mehreres hierber zu sagen, trage ich
deswegen Bedenken, weil es das Ansehen gewinnen wrde, als wenn ich den
Arzt machen wollte, was mir aber noch nie in den Sinn gekommen ist. Es
mache sich ein jeder mit seiner Natur bekannt, erforsche, woher seine
Krankheit komme und lerne die einfachen Mittel kennen, dieselbe zu heben,
so wird er sich eine dauerhafte Gesundheit erwerben knnen.

Das geht bei mir nicht! hre ich viele sagen. Lieber Freund, versuche es,
ich hoffe, es wird gehen. Ich kenne mehrere Personen, die sonst viel mit
krperlichen Leiden kmpfen muten, aber durch Befolgung dieser einfachen
Vorschriften zu einer festen Gesundheit gelangt sind. Geht es bei dir aber
wirklich nicht, entweder weil dir der Sinn fr echte Gesundheitspflege
fehlt, oder weil dein Krper fehlerhaft gebaut ist, oder weil durch irgend
eine Ursache etwas darin zerstrt worden, so befolge meinen Rat, entsage
der Erziehung und widme dich einem andern Geschfte. Sie wrde dir uerst
lstig werden, und du wrdest, auch bei dem besten Willen, mehr Schaden
als Nutzen stiften.


2. Sei immer heiter!

In einer heitern Stunde ist man unter seinen Zglingen allmchtig. Sie
hngen an uns mit ganzer Seele, sie fassen alle unsere Worte auf, sie
befolgen alle unsere Winke. Knntest du immer heiter sein, so wre
kein leichter Geschft als die Erziehung. Es giebt Personen, denen die
Heiterkeit angeboren ist, denen alles von der lachenden Seite erscheint;
diese bedrfen dieser Ermunterung nicht, vielmehr mu ich sie erinnern,
da zur Erziehung auch Ernst ntig sei, wenn man sein Ansehen behaupten
und seinen Erinnerungen die ntige Wirksamkeit verschaffen will.

Allein die Zahl derer, die von der Natur mit Heiterkeit beschenkt wurden,
ist sehr klein, die meisten sind mehr fr Mimut empfnglich und befinden
sich daher gewhnlich in einer unzufriedenen Stimmung des Gemts. Da
bei dieser unangenehmen Stimmung die Erziehung sehr schwer wird und
wenig nutzt, wei jeder und fhlt daher die Verbindlichkeit, nach steter
Heiterkeit zu streben. Sich dieselbe zu verschaffen, ist so schwer nicht,
als manche vielleicht glauben werden.

Man suche nur erst den Ursprung des Mimuts auf, so wird es etwas Leichtes
sein, ihn wegzuschaffen. Warum, frage ich dich also, lieber Leser, bist du
denn immer so mimutig?

Meine Lage--antwortest du.

Du irrst dich, mein Freund! es ist wahr, da immer eine Lage geeigneter
ist, den Mimut zu reizen, als die andere; allein der eigentliche Grund
des Mimuts liegt doch immer in dir selbst. Ein Mann voll Kraft und hellen
Einsichten mu imstande sein, sich von seinen Umgebungen unabhngig zu
machen und seiner Heiterkeit aus sich selbst Nahrung zu geben. Er ist
ruhig, wenn es auch um ihn her strmt und wetterleuchtet, und zufrieden,
wenn um ihn herum Unzufriedenheit herrscht. Ein anderer, dem diese Kraft
und Einsichten fehlen, ist finster und mimutig, auch wenn ihn alles
anlacht.

Der Grund des Mimuts liegt oft in einem fehlerhaften Zustande des
Krpers. Wer nun gelernt hat, sich gesund zu erhalten, wird auch gegen
diese Art des Mimuts sich schtzen knnen.

Oft, und vielleicht meistenteils, entspringt er aber aus einem
fehlerhaften Zustande der Seele, und zwar vorzglich aus der blen
Gewohnheit, sich von seinen Umgebungen unangenehme Vorstellungen zu
machen. Sehet, liebe Freunde! es giebt eine doppelte Welt. Die eine ist
auer uns, die andere in uns. Jene Welt ist von unseren Vorstellungen
unabhngig, diese besteht in den Vorstellungen, die wir uns von derselben
machen. Auf erstere knnen wir nur wenig wirken, diese aber ist unser
Werk, wir sind Schpfer derselben. Ist also die Welt auer dir nicht so,
wie sie deiner Meinung nach sein sollte, so schaffe dir selbst eine Welt,
die dich anlacht, die dich zur Heiterkeit stimmt, lerne allen Dingen eine
angenehme Ansicht abzugewinnen, dir von ihnen beruhigende, aufheiternde
Vorstellungen zu machen, und--deine Heiterkeit ist fest, wenigstens
so fest gegrndet, als es in dem Larvenstande, in dem wir uns befinden,
mglich ist.

La uns einmal mit dieser Schpfung einen Versuch machen und sehen, ob von
dem Kreise, in dem du wirkst, nicht eine angenehme, reizende Vorstellung
mglich sei.

Du wandelst und wirkst in einem Kreise von Kindern. Wer sind sie?

Werdende Menschen.

Wer gab sie dir?

Gott, der alles giebt.

In welcher Absicht?

Um sie zu leiten, da sie sich zu vernnftigen, freien, thtigen,
glckseligen Wesen bilden, und dir dadurch Gelegenheit zu schaffen, dich
selbst zu veredeln.

Aber ihre Untugenden?

Sind Reizungen zum Nachdenken ber den Ursprung derselben und die besten
Mittel, sie wegzuschaffen.

Und die Schwierigkeiten, die man dir in den Weg legt?

Sollen dich reizen, deine Krfte anzustrengen, um sie zu berwinden.

Der Undank, mit dem du belohnt wirst?

Schafft dir Gelegenheit, dich zu ben, rein sittlich zu handeln.

Sind solche Ansichten nicht ungemein aufheiternd? Begreifst du nicht die
Mglichkeit, wie ein Mann, der sich eine Fertigkeit erworben hat, seinen
Umgebungen solche Ansichten abzugewinnen, sich die Heiterkeit eigen machen
kann?

Aber solche Ansichten bekommen zu knnen, mu man freilich einen hhern
Standpunkt zu erreichen suchen, auf dem man, ber das Sichtbare wegsehend,
seinen Blick auf das Unsichtbare richten kann. Hier verschwindet alle
Unordnung, Verwirrung und alles bel, und ffnet sich ein Feld, wo lauter
Harmonie und erhabne Zwecke sichtbar sind.

Denen, die Neigung haben, diesen hhern Standpunkt zu erklimmen, habe ich
dazu die Hand geboten in dem bekannten Buche--~Der Himmel auf Erden~.[34]

Ich zweifle nicht, da junge Erzieher, welche die in diesem Buche
gegebenen Vorstellungen sich eigen machen, sich bei ihrem Geschfte zur
Heiterkeit zu stimmen, erlernen werden.


3. Lerne mit Kindern sprechen und umgehen.

Jede Klasse von Menschen hat ihre eigene Sprache und Gewohnheiten,
mit welchen man viele Bekanntschaft haben mu, wenn man sich bei ihr
wohlbefinden und gefallen will. Daher ist der Stubengelehrte ngstlich und
macht sich lcherlich, wenn er in den Kreis der hhern Stnde eintritt,
und wei nicht, wie er sich benehmen soll, wenn er in eine Gesellschaft
von Ackerleuten kommt.

Ein hnliches Schicksal haben junge Mnner, die nur mit Bchern und
erwachsenen Personen umgingen, wenn Kinder ihnen anvertraut werden. Sie
wissen nicht, wie sie sich benehmen sollen, sie sind immer in Verlegenheit
und--gefallen den Kindern nicht, denen ihre Gesellschaft lstig ist.
Woher kommt dies? Die Sprache und die Gewohnheiten der Kinder sind ihnen
fremd.

Macht euch also mit denselben bekannt! Statt viel ber die Erziehung zu
lesen und pdagogische Vorlesungen zu hren, sucht lieber Kinder auf, in
deren Gesellschaft ihr tglich ein paar Stunden verlebt. Kinder giebt es
ja allenthalben, wo Menschen wohnen, ihr werdet sie gewi auch antreffen
auf dem Platze, wo ihr euch befindet. Vielleicht habt ihr einen Hauswirt,
einen Nachbar, einen Freund oder Verwandten, der mit Kindern gesegnet ist,
und dem es lieb sein wird, wenn ihr sie bisweilen unterhalten wollt.

Zum Stoffe der Unterhaltung schlage ich zuerst vor ~die Erzhlung~.

Die Erzhlung hat fr alle Kinder Reiz, und sobald eine Person, die gut
erzhlen kann, ihren Mund ffnet, so sammeln sich die Kinder um sie,
wie die Kchlein, wenn die Mutter lockt. Und dieses Herzudrngen, diese
sichtbare Begierde nach Erzhlung macht denn auch dem Erzhler sein
Geschft leicht und angenehm.

In unseren Tagen, wo so viele Bcher fr Kinder geschrieben sind, kann es
an Stoff zur Erzhlung nicht fehlen. Das beste, das ich kenne, ist der
~Campesche Robinson~.[35]

Wenn du nun zu erzhlen anfngst, so bemerke wohl, wie sich deine kleinen
Zuhrer dabei benehmen. Sind ihre Augen und Ohren auf dich gerichtet,
bitten sie dich, wenn du schlieen willst, da du weiter erzhlen sollst,
so ist es ein Zeichen, da sie in deiner Erzhlung Unterhaltung finden;
werden sie aber schlfrig oder fangen an zu spielen und sich untereinander
zu necken, so mu es irgendwo fehlen. Du wirst vielleicht meinen, es fehle
am guten Willen der Kinder. Ich glaube aber, da du dich irrst, da die
Kinder, so weit ich sie kenne, alle an Erzhlungen Vergngen finden. Der
Fehler liegt vielmehr sicherlich entweder an dem Inhalte der Geschichte,
die du vortrgst--oder an dir selbst.

Vielleicht enthlt deine Geschichte nichts fr Kinder Anziehendes.
Versuche es daher mit einer andern; fesselt diese ihre Aufmerksamkeit
mehr, so httest du vorher in der Auswahl der Erzhlung gefehlt. Nur hte
dich, deine Kleinen mit Feen- und Zaubergeschichten zu unterhalten. Diese
hren sie freilich so gern, als sie Pfefferkuchen essen, sie sind aber
ihrem Geiste so nachteilig, als der Pfefferkuchen ihrem Magen.

Solltest du aber finden, da die Kinder bei allen deinen Erzhlungen
zerstreut und teilnahmslos bleiben, so liegt der Fehler sicher in dem Tone
deines Vortrags, und du hast dann umsomehr Ursache, daran zu bessern, da
die Absicht deiner Erzhlung doch vorzglich ist, mit Kindern sprechen zu
lernen.

Hier sind einige Winke, wie du deinen Erzhlungston verbessern kannst.

Der Mann spricht wie ein Buch, pflegt man zu sagen, wenn man jemandem
wegen seiner Unterhaltungsgabe einen Lobspruch beilegen will. Wenn du aber
dich mit deinen Kindern unterhltst, so rate ich dir, sprich nicht wie ein
Buch, sondern wie ein Mensch im Umgange mit Menschen zu sprechen pflegt,
sprich die Sprache des gemeinen Lebens. Wenn man ein Buch schreibt, so
whlt man jedes Wort und jede Redensart und vermeidet viele Ausdrcke des
gemeinen Lebens als unedel. Vermeide du bei deinen Erzhlungen keinen
Ausdruck als unedel, dessen du dich im tglichen Umgange nicht zu schmen
pflegst; dadurch bekommt deine Erzhlung Leben und wird fr Kinder
anziehend.

Vermeide ferner, so viel du kannst, allgemeine Ausdrcke, weil diese
Kindern weniger falich sind und nenne lieber die Sachen einzeln, die
dadurch bezeichnet werden. Du kannst z.E. sagen: Die Mutter, als sie von
ihrer Reise zurckkam, brachte ihren Kindern Frchte und Spielwerk mit;
du kannst diesen Satz aber auch so ausdrcken: Da die Mutter von ihrer
Reise zurckkam, brachte sie Frnzchen und Wilhelminchen allerlei artige
Sachen mit, pfel, Birnen, Haselnsse, eine Schachtel voll kleiner Teller,
Leuchter, Schsseln, Lffel, Bilder u.dgl.; die letzte Darstellung hat
fr die Kinder sicher mehr Reiz als die erste.

Sei ferner in deiner Erzhlung etwas umstndlich und vergi nicht, in
dieselbe allerlei Nebenumstnde einzuweben, die die Handlung begleiteten.
So kannst du der obigen Erzhlung durch Einflechtung folgender
Nebenumstnde mehr Leben geben.

Ach, wenn doch die Mutter nur einmal wiederkme! sagte Frnzchen zu
Wilhelminchen. Kaum hatte sie es gesagt, so rasselte etwas unter dem
Fenster. Frnzchen sah hinaus, erblickte die Mutter in einem Reisewagen,
sprang mit Wilhelminchen hinaus--da stieg die Mutter heraus, umarmte
ihre Kinder, lie den Koffer vom Wagen nehmen und in die Stube tragen.
Die Kinder folgten ihr und waren begierig zu sehen, was in dem Koffer
wre. Jetzt wurde er geffnet und ausgepackt. Auch eine Schachtel wurde
ausgepackt und den Kindern hingesetzt. Neugierig ffneten sie dieselbe
und fanden darin allerlei artige Sachen, die ihnen Freude machten: pfel,
Birnen u.s.w.

Fhre ferner die Personen immer redend ein und la sie in dem Tone
sprechen, wie sie wirklich wrden gesprochen haben.

Z.E. Frnzchen erblickte ihre Mutter.--Wilhelmine! rief sie, die Mutter
ist da.--

Die Mutter? sagte Wilhelmine--und beide sprangen die Treppe
hinab--Mutter! gute liebe Mutter! sagten sie und fielen ihr um den Hals.

Gute Kinder! sprach diese, indem sie dieselben an ihre Brust drckte, wie
sehr habe ich mich nach euch gesehnt. Ihr seid doch noch gesund?

W. Recht gesund! Hast du uns etwas mitgebracht?

M. Wollen sehen! Hans, trage diesen Koffer in meine Stube.

W. Was wird in dem Koffer sein? u.s.w.

Es versteht sich von selbst, da du immer in dem Tone sprechen mut, in
welchem die Person, die du redend einfhrst, wrde gesprochen haben,
und dir daher Mhe geben, deine Stimme in deine Gewalt zu bekommen.
~Wilhelmine, die Mutter ist da!~ mu ganz anders ausgesprochen werden, als
das: ~Gute Kinder! Wie sehr habe ich mich nach euch gesehnt!~

Durch diese bestndige Abwechselung des Tons bekommt nicht nur deine
Erzhlung Leben, sondern deine Stimme bekommt auch die gehrige
Geschmeidigkeit, die dir unentbehrlich ist, wenn du mit Nachdruck und
Herzlichkeit zu deinen Pflegebefohlenen sprechen willst.

Endlich suche auch in deine Erzhlung Handlung zu bringen. Dies geschieht
alsdann, wenn du durch deine Mienen und die Bewegung deiner Glieder die
Handlungen, welche du erzhlst, auszudrcken suchst.

Z.E. das: ~Wilhelmine, die Mutter ist da!~ mu mit einer Miene
ausgesprochen werden, die den hchsten Grad der Freude ausdrckt. Dabei
darfst du nicht in ruhiger Stellung bleiben, sondern mut eine solche
annehmen, in welche ein Kind durch die Freude ber die unvermutete
Zurckkunft der geliebten Mutter versetzt zu werden pflegt.

Zum Stoffe der Unterhaltung mit Kindern schlage ich ferner vor: ~Erklrung
solcher Bilder, die fr Kinder etwas Anziehendes haben~.

Freilich haben alle Bilder fr Kinder etwas Anziehendes, aber doch immer
eins mehr als das andere. Abbildung der lebendigen mehr als Vorstellung
der leblosen Natur, Tiere mehr als Menschen, handelnde Wesen mehr als
solche, die sich in einer ruhigen Stellung befinden. Die Abbildung eines
Hahnenkampfes hat fr Kinder sicher mehr Anziehendes, als die Vorstellung
aller hhnerartigen Vgel. Diese werden Kinder zwar auch einige Zeit mit
Vergngen betrachten, aber sich daran bald satt sehen. Bei Betrachtung
des Hahnenkampfes werden sie hingegen lnger verweilen und sie fters mit
Vergngen wiederholen.

Bei Verfertigung der Kupfer zu Konrad Kiefers ABC- und Lesebchlein, wie
auch zum ersten Unterrichte in der Sittenlehre, ist auf diese Bemerkungen
Rcksicht genommen worden.

Alles, was von der Erzhlung ist gesagt worden, gilt auch von der
Erklrung der Bilder; du mut, wenn sie Kinder an dich ziehen sollen, bei
derselben die nmlichen Winke befolgen, die ich dir in Ansehung jener
gegeben habe.

ber beides knnte ich dir noch vieles sagen; wenn du aber Drang fhlst,
durch Erzhlung und Bildererklrung deine Kleinen an dich zu ziehen, so
wirst du von selbst alles besser lernen, als ich es dir sagen kann.


4. Lerne mit Kindern dich beschftigen.

Bei den jetzt beschriebenen Unterhaltungen bist du die handelnde Person,
und die Kinder sind blo Zuhrer und Zuschauer. Dieses Verhltnis, so
angenehm es ihnen anfnglich ist, wrde sie doch ermden, wenn es zu lange
dauern sollte, da ihr Trieb zur Selbstthtigkeit dabei keine Befriedigung
findet. Du mut daher auch Unterhaltungen suchen, an denen sie thtigen
Anteil nehmen knnen. Zu diesen rechne ich zuerst das Spiel, nmlich ein
solches, das einen ntzlichen Zweck hat, entweder dem Leibe eine freie
Bewegung und Behendigkeit zu verschaffen, oder die geistigen Krfte zu
ben.

Diese Spiele kannst du zum Teil von den Kindern selbst lernen, wenn du sie
von deinen Pflegebefohlenen angeben lt und bisweilen die Spielpltze
anderer Kinder besuchst, teils kannst du Anleitung zu denselben finden in
~Guts-Muths Spielen fr Kinder~.[36]

Bei der Wahl derselben hast du auf zweierlei Rcksicht zu nehmen: da
sie einen wirklich ntzlichen Zweck haben, und da sie deinen Kleinen
Vergngen machen.

O ihr alle, die ihr euch der Erziehung weihet, lernet, ich bitte euch,
lernet mit Kindern spielen! Ihr werdet durch diese bung drei wichtige
Zwecke erreichen: die Kinder an euch ziehen und ihre Liebe und ihr
Zutrauen erwerben, die Gabe, mit ihnen zu sprechen und sie zu behandeln,
euch mehr eigen machen--und Gelegenheit finden, in das Innerste eurer
Kleinen zu sehen, da sie bei dem Spiele weit offner und freier handeln,
als in andern Lagen, und sich mit allen ihren Fehlern, Schwachheiten,
Einfllen, Anlagen, Neigungen zeigen, wie sie wirklich sind.

Wer mit Kindern nicht spielen kann, wer in dem Wahne steht, da diese Art
der Unterhaltung mit Kindern unter seiner Wrde sei, sollte eigentlich
nicht Erzieher werden.

Da wir doch aber nicht blo zum Spielen bestimmt sind, und die Kinder
desselben bald berdrssig wrden, wenn sie sonst gar keine Beschftigung
htten, so wirst du bald das Bedrfnis anderer, etwas ernstlicherer
Beschftigungen fhlen. Worin diese bestehen sollen, ist vorhin gezeigt
worden.

Jetzt fragt es sich nur, wie du dir die Geschicklichkeit dazu erwerben
kannst. Daher rate ich dir:


5. Bemhe dich, dir deutliche Kenntnisse der Erzeugnisse der Natur zu
erwerben.

Unter deutliche Kenntnis verstehe ich Kenntnis der Merkmale, wodurch man
die verschiedenen Klassen und Gattungen der Naturerzeugnisse voneinander
unterscheiden kann.

Dazu fehlt es mir, antwortest du vielleicht, an Gelegenheit. Wirklich? Du
lebst ja in der Natur und bist mit Erzeugnissen derselben umgeben, die um
dich her wachsen und leben.

Gewhne dich nur, eines derselben nach dem andern genau zu betrachten und
die Merkmale aufzusuchen, wodurch sie sich von andern, ihnen hnlichen,
unterscheiden. Dadurch wirst du deinem Unterscheidungsvermgen schon
einige Fertigkeit erwerben. Aber die Worte werden dir fehlen, womit du
jedes Naturerzeugnis und seine Merkmale benennen sollst.

Daher mut du nun einen Freund aufsuchen, der mit der Natur sich bekannt
gemacht hat, und der dir einige Anleitung giebt, die Merkmale der
Naturerzeugnisse, z.E. in der Pflanzenkunde die verschiedenen Teile der
Blumen, aufzusuchen, und dir die Kunstausdrcke, mit welchen sie pflegen
benannt zu werden, bekannt macht. In unsern Tagen, wo die Naturkenntnis
immer weiter sich verbreitet, sind solche Freunde so selten nicht, als
vor zwanzig Jahren. Solltest du auch einige Stunden weit gehen mssen, um
diesen Freund zu finden, so ist es doch der Mhe wert, bisweilen einen Weg
zu ihm zu machen.

Ferner mut du dir einige Bcher zu verschaffen suchen, die dir Anleitung
geben, die Natur kennen zu lernen.

Auch hieran ist jetzt ein berflu. Unter der Menge derselben nenne ich
nur in der Pflanzenkunde: ~Dietrichs Anleitung zur Kenntnis der Pflanzen~;
~Deutschlands Flora von Hofmann und Rhling~; in der Tierkunde: ~Leskens
Naturgeschichte~, und in beiden: ~Bechsteins gemeinntzige Naturgeschichte
des In- und Auslandes~.[37]

Findest du nun ein Naturerzeugnis, von dessen Natur und Namen du dir
Kenntnis zu erwerben wnschest, z.B. eine Pflanze, so siehe zuerst auf
die Merkmale der Klasse, dann der Gattung, ferner der Ordnung, wobei du
dich vorzglich an die Merkmale halten mut, die am meisten in die Augen
springen, dann schlage dein Buch nach und suche die Klasse und Gattung
auf, zu welcher deine Pflanze gehrt, so wird es dir nicht schwer sein,
auch die Ordnung zu finden, zu welcher sie gerechnet, und den Namen, mit
welchem sie benannt wird. Frage dann bisweilen deinen Freund, ob du dich
nicht geirrt habest, du wirst dich dann freuen, wenn du wirklich gefunden
hast, was du suchtest, und selbst dein erkannter Irrtum wird dir lehrreich
sein und dich vor hnlichen Verirrungen bewahren.

Ich gebe dir diesen Rat um desto zuversichtlicher, da ich aus Erfahrung
wei, da verschiedene junge Mnner whrend eines kurzen Aufenthalts in
meiner Anstalt sich auf diesem Wege nicht gemeine Kenntnisse der Natur,
vorzglich der Pflanzen, erworben haben.

Da ich vorhin hinlnglich glaube bewiesen zu haben, da die Betrachtung
der Natur zur Unterhaltung der Kinder, zur Weckung und bung ihrer
Geisteskrfte hchst ntig sei, so ergiebt sich hieraus von selbst, da
du mit der Natur dich bekannt machen mut, wenn du mit Vergngen und mit
Nutzen erziehen willst.

Diese Bekanntschaft wird dir groe und mannigfaltige Vorteile gewhren.
Fr dich wird sie eine ergiebige Quelle des Vergngens sein, weil du nun
nicht mehr durch die Welt als ein Fremdling wandelst, dem alle seine
Umgebungen unbekannt sind, sondern als ein Einheimischer, der auf den
Bergen und in Thlern, im Wasser und in dem Innern der Erde, Bekannte
antrifft, mit denen er sich unterhalten kann. Noch wichtiger wird sie
dir im Umgange mit deinen Kleinen sein, da sie dir den mannigfaltigsten
Stoff zur Unterhaltung und zum Unterrichte darbietet, dich deinen Kleinen
wichtig und unentbehrlich macht und dir Gelegenheit giebt, besonders im
Sommer, manche Stunde bei deinen Kleinen auf eine hchst ntzliche und
angenehme Art mit dem Sammeln und Trocknen der Pflanzen auszufllen.


6. Lerne die Erzeugnisse des menschlichen Fleies kennen.

Da diese einen sehr mannigfaltigen Stoff zur lehrreichen Unterhaltung
mit Kindern geben, wie ich vorhin zeigte, so ist die Kenntnis derselben
unentbehrlich. Bei der sonst gewhnlichen Erziehung blieb uns dieselbe
fast ganz fremd; von den meisten Dingen, die uns umgeben, hatten wir keine
deutlichen Vorstellungen, und die Namen der verschiedenen Teile derselben
waren uns unbekannt. Suchen wir uns diese Kenntnis nicht zu verschaffen,
so knnen wir sie auch unsern Pflegeshnen nicht mitteilen; sie werden
sich daher gewhnen, ihre Umgebungen nur oberflchlich ansehen, und sich
mit einer dunkeln Erkenntnis derselben begngen.

Also, Freund! der du dich der Erziehung widmest, bemhe dich, mit den
mancherlei Erzeugnissen des menschlichen Fleies bekannt zu werden, und
lerne vorzglich ihre Materie, ihre Teile, ihre Form, ihren Zweck kennen
und richtig benennen. Die Gelegenheit dazu wirst du finden, wenn du sie
suchest. Die Person, die die Sache verfertigt hat und die sie gebraucht,
wird dir ber alles, was du zu wissen verlangst, Aufschlu geben knnen.

Triffst du z.E. einen Ackersmann an, der deinen Gru freundlich
erwiedert, so la dich mit ihm in ein Gesprch ein ber sein Geschft und
ber das Werkzeug, dessen er sich bedient, um Furchen zu ziehen und den
Acker zur Hervorbringung des Getreides, das dich nhrt, zuzubereiten.
La dir von ihm die verschiedenen Teile des Pflugs benennen und die
Absicht anzeigen, in welcher sie an demselben angebracht sind. Er wird
mit Vergngen deine Fragen beantworten, und du wirst da mancherlei kennen
lernen, das dir zuvor unbekannt war, und dich freuen, es gelernt zu haben.

So besuche die Werkstatt des Schreiners, des Drechslers, des Schmieds
u.s.w., unterhalte dich mit ihnen ber die Materien, die sie bearbeiten,
ber die Form, die sie ihnen geben, die Werkzeuge, deren sie sich
bedienen, um zu ihren Zwecken zu kommen; besuche ferner die Pltze, wo
Maschinen aufgestellt sind, die durch den Druck einer migen Kraft groe
Wirkungen hervorbringen, z.E. ein Mhlwerk, und la dir die verschiedenen
Teile, ihre Benennungen und Absichten, bekannt machen u.s.w.

Du wirst bei solchen Unterredungen mit der produzierenden Menschenklasse
oft mehr an ntzlichen Kenntnissen und Fertigkeiten erwerben, als in
dem Hrsaale manches Philosophen. Du wirst mit dieser zahlreichen, so
wichtigen, der menschlichen Gesellschaft unentbehrlichen Menschenklasse
umgehen und sprechen lernen, eine Gabe, die nicht immer dem
Stubengelehrten eigen ist; du wirst einen Schatz von Kenntnissen dir
erwerben, die du in der Folge im Kreise deiner Pflegeshne benutzen
kannst; die gewhnlichsten Dinge werden dir Stoff zur Unterhaltung
mit ihnen darbieten; du wirst dich endlich gewhnen, die Dinge nicht
oberflchlich, sondern genau anzusehen, und diese Gewohnheit deinen
Zglingen mitteilen.


7. Lerne deine Hnde brauchen.

Wer den Zucker in der Kaffeeschale mit dem Lffelchen herumrhrt,
gebraucht seine Hnde zwar auch; aber da man einen solchen Gebrauch nicht
verstehe, wenn man den andern ermuntert, seine Hnde brauchen zu lernen,
ergiebt sich von selbst.

Seine Hnde brauchen lernen heit vielmehr, durch mancherlei bungen alle
Muskeln derselben in seine Gewalt zu bekommen suchen, um damit mancherlei
verrichten und verfertigen zu knnen.

Und da hier von der Bildung zum Erzieher die Rede ist, so mut du
vorzglich solche Geschfte verrichten und solche Sachen verfertigen
lernen, die dir bei der Erziehung ntzlich sein knnen.

Personen, von denen du in dieser Hinsicht etwas lernen kannst, findest
du allenthalben, und sie werden meistenteils geneigt sein, dir die
Handgriffe, die sie bei ihren Arbeiten anwenden, bekannt zu machen.

Triffst du z.E. eine Person an, die die Geschicklichkeit besitzt, durch
Biegung des Papiers mancherlei Figuren zu verfertigen, so halte dies
nicht fr zu gering, suche es zu erlernen. Es wird dir in der Folge
bei den Kindern, die dir anvertraut werden, vorzglich bei solchen,
deren Hnde noch zu schwach sind, um Werkzeuge gebrauchen zu knnen,
mannigfaltige Vorteile gewhren.

So nimm auch Unterricht im Netzstricken, wenn du hierzu Gelegenheit
findest, weil du auch hiermit deine Kleinen auf eine angenehme und
ntzliche Art wirst beschftigen knnen.

Suche auch einen Grtner auf, bei dem du bisweilen in die Lehre gehen
kannst. Lerne den Spaten und Rechen gebrauchen, ein Gartenbeet anlegen und
mache dir die Vorteile bekannt, die bei Aussung, Pflanzung und Abwartung
der gewhnlichen Gartengewchse zu beobachten sind. Wenn dann bei deinen
Pflegebefohlenen die Neigung zum Gartenbau erwacht, so wirst du derselben
nicht entgegenarbeiten, du wirst sie zu nhren und zu befriedigen suchen,
der Gehilfe und Ratgeber der kleinen Grtner und so fr sie eine sehr
wichtige Person sein.

Vorzglich suche Gelegenheit, wo du lernen kannst, Holz und Pappe zu
bearbeiten. Diese Arbeiten empfehle ich dir vorzglich, weil sie so
reinlich sind und nicht so, wie viele andere, Veranlassung geben, die
Hnde, Kleidung und das Zimmer zu beschmutzen, und--weil du dabei
mancherlei Werkzeuge, das Schnitzmesser, den Hobel, den Meiel, den
Bohrer, den Hammer, den Schraubstock u.s.w. brauchen lernst.

Weit du mit solchen Werkzeugen umzugehen, dann ist deine Kraft und
Wirksamkeit um ein merkliches vergrert, und du bist in den Stand
gesetzt, sie auf deine Kleinen berzutragen, und sie zu der so wichtigen,
ntzlichen und angenehmen ~Selbstverfertigung~ anzufhren.

Woher will ich, fragst du, die Zeit hernehmen, um dies alles erlernen zu
knnen?

Dadurch veranlassest du mich, dir den achten Wink zu gehen.


8. Gewhne dich mit deiner Zeit sparsam umzugehen.

~Zeit ist Geld~, sagte, wenn ich nicht irre, Franklin, vermutlich um
Leuten, in deren Augen nichts so groen Wert hat, als Geld, den gewissen
Wert der Zeit begreiflich zu machen. Ich sage aber, Zeit ist mehr als
Geld, da man durch gute Verwendung der Zeit viel Geld erwerben, aber
durch keine Geldsummen sich Zeit erkaufen kann. Die Zahl der Familien ist
nicht klein, welche ber Geldmangel klagen. Sie besuchen die Schauspiele
und Konzerte, bewirten oft ihre Bekannten an Tafeln, die mit den
mannigfaltigsten und teuersten Speisen beseht sind, ahmen in Verzierung
ihrer Zimmer den Personen vom ersten Range nach, richten sich in ihrer
Bekleidung nach den Gesetzen der Mode und klagen dann, da ihre Einnahme
nicht zureichen wolle.

Wie diesen Familien knne geholfen, wie sie in eine Lage knnten versetzt
werden, wodurch der Geldmangel mit einem Male aufgehoben wrde, sieht ein
jeder, nur sie selbst nicht.

Freund! der du fragst, wo soll ich Zeit hernehmen, dies alles zu erlernen?
In dem Bilde solcher Familien bist du selbst gezeichnet. Die schnsten
Stunden des Tages, die Morgenstunden, bringst du vielleicht im Bette zu.
Dann setzest du dich an den Tisch und liesest die Zeitungen, Zeitschriften
und andere Schriften, die dir von der Lesegesellschaft, deren Mitglied du
bist, sind zugeschickt worden; nachmittags besuchst du Gesellschaften,
abends sitzest du bei dem Spieltische. Wenn ich dir nun rate, die Natur
kennen und die Hnde brauchen zu lernen, so fragst du mich, woher soll ich
die Zeit nehmen, dies alles zu erlernen?

Denke doch nur darber nach, wie du deine Zeit am zweckmigsten anwenden
willst, und thue das, was dir deine Vernunft dann raten wird, so wirst du
Zeit genug haben, nicht nur dieses, wozu ich dir rate, sondern noch weit
mehr zu erlernen.

Stehe frh auf, so hast du gleich ein paar Stunden gewonnen, in welchen du
viel lernen kannst.

Da bei der Annherung des Morgens die ganze Natur, die Nachtvgel
ausgenommen, erwacht, so ist es unschicklich, da der Mensch, der in
gewissen Rcksichten Herr der Natur ist, dann im Schlafe liege. Die
Abweichung von dieser Ordnung der Natur hat gewi sehr mannigfaltige
traurige Folgen, vorzglich fr den Erzieher. Deine Zglinge mssen doch,
wenn sie anders gesund bleiben und vor Entkrftung bewahrt werden sollen,
frh aufstehen. Wirst du sie dazu gewhnen knnen, wenn du dich selbst von
der Sonne in deinem nchtlichen Lager bescheinen lt?

Denken und beobachten mu immer dein Hauptgeschft sein; dadurch wird
deine Geisteskraft gebt, und du sammelst einen Schatz selbsterworbener
Kenntnisse, von deren Wahrheit du berzeugt bist und die du bei deinen
Arbeiten anwenden kannst. Lesen mut du auch, um dir mehr Stoff zum Denken
zu verschaffen. Geschieht dies mit Migung, mit Auswahl vorzglich in
Hinsicht auf das Fach, dem du dich gewidmet hast, so verschaffst du deinem
Geiste eine gesunde, strkende Nahrung.

Liesest du aber, so wie es jetzt gewhnlich ist, unmig, so kommst du mir
vor wie ein Mensch, der den ganzen Tag it. Sein stets beladener Magen
macht ihn zum Denken unfhig, und seine Sfte werden durch die heterogenen
Nahrungsmittel, die in dieselben bergehen, verderbt. Das bestndige Lesen
fllt den grten Teil des Tages aus und raubt dir die Zeit, die du zum
Denken und Handeln anwenden solltest. Du fassest eine Menge Begriffe,
wahre, halbwahre und falsche durcheinander, auf, die dich verwirren und zu
keiner Selbstndigkeit kommen lassen. Heute urteilst du so, die nchste
Woche behauptest du das Gegenteil, je nachdem das Buch urteilt, das du
zuletzt durchgelesen hast.

So nachteilig wrde dir das unmige Lesen sein, wenn du auch keine
bestimmten Geschfte httest. Weit grerer Nachteil entspringt aber
hieraus, wenn du gewisse bestimmte Geschfte, wie z.E. die Erziehung,
bernimmst.

Jetzt trittst du unter deine Kleinen, aber nur mit dem Krper, dein Geist
ist abwesend und wandelt noch in dem Ideenkreise, in welchen ihn die
Zeitschrift versetzte, die du eben jetzt aus der Hand gelegt hast. Daher
hrst du nicht recht und siehst verkehrt, und deinen Reden fehlt der
ntige Nachdruck. Du bernimmst die Aufsicht ber sie mit der Zeitschrift
in der Hand, verlangst nun von ihnen eine ihnen unnatrliche Stille,
damit du im Lesen nicht gestrt werdest; bei jedem Gerusche, bei jeder
Frage, die an dich geschieht, wirst du unwillig und lt dich wohl zu
einem auffahrenden Tone verleiten. Ihre Handlungen zu beobachten, bist du
unfhig, und deine Gegenwart wirkt nicht viel mehr als eine Vogelscheuche,
die in den Weizen gestellt ist, um die Sperlinge abzuhalten. Eine Zeitlang
frchten sie dieselbe, nach und nach gewhnen sie sich daran und setzen
sich am Ende gar darauf.

Willst du also, Freund! ein wirklich guter Erzieher werden, so befolge
meinen Rat und mige dich im Lesen. Bedenke, da das Lesen immer nur
Mittel zur Erreichung hherer Zwecke sein mu, und da du eine Thorheit
begehst, wenn du das Mittel zum Zwecke machst. Du wirst dann viel Zeit
ersparen, die du nun zur Erwerbung solcher Kenntnisse und Fertigkeiten
anwenden kannst, die dir bei dem Erziehungsgeschfte unumgnglich ntig
sind. Denke an Pestalozzi! Wrde er wohl der mchtigwirkende Mann geworden
sein, der er ist, wenn er die Zeit, die er auf das Denken und Beobachten
verwendete, mit Lesen zugebracht htte?[38]

Du wirst ferner eine groe Zeitersparnis machen, wenn du dich nicht zu
sehr an die Gesellschaftlichkeit gewhnst.

Da die Gesellschaftlichkeit ihre groen Vorteile habe, und der mige
Genu derselben Bedrfnis sei, wer wird dies leugnen?

Aber mehrere halbe Tage die Woche hindurch in Gesellschaften zu verleben,
ist Zeitverschwendung, ist wahrer Miggang, der, so wie jeder Miggang,
viel Bses lehrt, und dem Erzieher die Zeit raubt, die er auf Vorbereitung
und Abwartung seines Geschfts verwenden sollte. Wirst du nur die Hlfte
der Zeit, die du bisher verplaudertest, in der Natur oder in der Werkstatt
zubringen, so wirst du bald ein anderer Mann werden.

Noch eins! Du bist doch wohl kein Spieler? Du hast doch wohl nicht die
Gewohnheit angenommen, halbe Tage oder Abende hinter der Spielkarte
zuzubringen? Wre dieses, so mut du von neuem geboren werden, es
mu eine gnzliche nderung mit dir vorgehen, wenn du zum Erzieher
tchtig sein willst. Hast du denn noch gar nicht ber den Wert der
Zeit nachgedacht; noch gar nicht berlegt, wie viel ein vernnftiger
Mensch in einer Stunde denken, lernen und wirken kann? Wie kannst du
denn mit deinen Lebensstunden so verschwenderisch umgehen? Wie willst
du denn erziehen knnen, wenn die Spielsucht dich beherrscht? Wirst du,
wenn die Spielstunde schlgt und dich zum Spieltische ruft, dich nicht
von deinen Pflichten losmachen? Wirst du deinen Pflegebefohlenen wohl
Selbstbeherrschung predigen knnen, wenn du selbst Sklave der Spielsucht
bist? Wird dein Exempel nicht auf deine Kleinen Einflu haben und ihnen
Neigung zum Kartenspiele beibringen?

Also, Freund! der du mit dieser Sucht behaftet bist, whle! Entsage dem
Kartenspiele oder der Erziehung, weil beide sich so wenig miteinander
vertragen, wie die Arbeiten in einem Hammerwerke mit dem Spielen auf der
Harmonika.

So glaube ich dir denn die Frage: ~Wo soll ich denn die Zeit hernehmen,
dies alles zu erlernen?~ hinlnglich beantwortet zu haben. Entsage nur
allen den Gewohnheiten, die Zeit zu verschwenden, die du bisher angenommen
hattest, so wirst du berflssige Zeit haben, das alles zu erlernen, was
das Erziehungsgeschft erleichtern und begnstigen kann.


9. Suche mit einer Familie oder einer Erziehungsgesellschaft in
Verbindung zu kommen, deren Kinder oder Pflegeshne sich durch einen hohen
Grad von Gesundheit auszeichnen.

Warum? Das wirst du leicht erraten. Wenn du Erzieher werden willst, so
mut du auch lernen, deine Pflegebefohlenen gesund zu erhalten. Dazu
knntest du dir zwar auch die ntigen Kenntnisse in den Schulen der rzte
und aus den Bchern, die sie schreiben, erwerben; ich glaube aber, du
erwirbst sie dir leichter und sicherer im Umgange mit Personen, die
es bewiesen haben, da sie zur Erhaltung der Gesundheit der Kinder die
ntige Einsicht und Geschicklichkeit besitzen. Siehe! der Baumgrtner hat
mehrere tausend junge Bume unter seiner Aufsicht, die bei seiner Pflege
wachsen und gedeihen, ohne da er eine genaue Kenntnis ihrer innern Teile
besitzt, ohne Physiologie der Pflanzen studiert zu haben. Er lernte die
Behandlungsart derselben von dem Exempel seines Vaters oder Lehrmeisters.

Auf hnliche Art wirst du auch lernen knnen, die Gesundheit der Kinder
zu erhalten. In dem Umgange mit den Personen, mit denen ich dir rate, in
Verbindung zu kommen, wirst du sehen, wie sie die Kinder behandeln, um
ihrem Krper Kraft und Festigkeit zu verschaffen, und was sie mit ihnen
thun, wenn sie sich bel befinden.

Im letztern Falle mut du dreierlei verstehen: zu erfahren, wo es den
Kindern fehle, was ihr belbefinden veranlat habe, und das einfache
Mittel, wodurch die Unordnung im Krper gehoben werden knne.

Alles dies wird weit sicherer durch den Umgang mit solchen Personen, unter
deren Aufsicht die Kinder gedeihen, als durch rztliche Vorlesungen und
Bcher erlernt, weil man bei dem erstern die Sachen durch die Anschauung
und bei diesen durch die Beschreibung wahrnimmt, bei deren Anwendung man
sich so leicht irren kann.


10. Suche dir eine Fertigkeit zu erwerben, die Kinder zur innigen
berzeugung von ihren Pflichten zu bringen.

Wie ntig dies sei, habe ich vorhin gezeigt. Sobald die berzeugung da
ist, entsteht auch der Entschlu zur Pflichterfllung. Das Kind thut
nun seine Pflichten, nicht weil sie von anderen geboten, nicht wegen
der Belohnungen und Strafen, die mit der Erfllung und Vernachlssigung
derselben verknpft sind, sondern weil es berzeugt ist, da es notwendig
so sein mu.

Deswegen denke selbst oft ber deine Pflichten nach und suche dich
von der Verbindlichkeit, sie zu erfllen, zu berzeugen. So lange dir
diese berzeugung fehlt, so lange du nur durch die Umstnde dich zur
Pflichterfllung bestimmen lt, so lange wird es dir auch schwer sein,
sie mitzuteilen, und deine Ermahnungen werden so kalt und Unwirksam sein,
als die Predigten eines Jakobiners von den Pflichten der Unterthanen
gegen die Obrigkeit. Bist du aber dazu gelangt, so wirst du auch Drang
empfinden, sie auf deine Kleinen zu bertragen, der dich beredt machen und
deinem Vortrage die ntige Wrme und Wirksamkeit verschaffen wird. Was von
Herzen kommt, geht wieder zu Herzen.

Ist z.E. die berzeugung von der Pflicht der Selbstbeherrschung bei dir
lebendig geworden, so wird sie dir auch stets gegenwrtig sein, und du
wirst sie deinen Kleinen leicht anschaulich machen knnen.

be dich nun darin, durch anschauliche Darstellung der Pflichten die
Kinder zur berzeugung davon zu bringen. Jede bung verschafft Fertigkeit,
und je fter sie wiederholt wird, desto mehr Vorteile, leicht zum Zweck zu
kommen, zeigt sie uns.

Dieser Zweck ist bei der Erziehung in moralischer Hinsicht doppelt:
erstlich den von ihren Pflichten berzeugten Kindern zur Erfllung Neigung
einzuflen; zweitens sie zu bestimmen, gewisse Pflichten sogleich
auszuben. Beide Zwecke wirst du erreichen, wenn du eine Fertigkeit dir
erwirbst, alles recht anschaulich darzustellen und die Pflicht gleichsam
zu versinnlichen.

Da der Mangel an Geisteskraft die erste und vorzglichste Ursache ist,
warum die Kinder gegen die Pflicht Abneigung haben und auch dann, wenn
die Neigung wirklich da ist, sie doch sehr oft vernachlssigen, so mut
du dich mit einem Vorrate von Bildern versehen, unter denen du die
Notwendigkeit, nach seinen Einsichten zu handeln und die Sinnlichkeit zu
beherrschen, damit unsere geistige Kraft immer die regierende, der Leib
mit seinen Begierden die gehorchende sein msse, vorstellest. Dieses
kannst du versinnlichen durch das Bild eines Reiters, eines Hausvaters,
eines Frsten, kannst zeigen, da nicht das Ro, nicht das Gesinde, nicht
die Unterthanen, sondern der Reiter, der Hausvater und der Frst regieren,
und das Ro, das Gesinde, die Unterthanen gehorchen mssen, wenn alles
gut gehen soll; da das Schicksal eines Reiters sehr traurig sei, der
sein Pferd nicht bndigen und regieren kann; da der Hausvater und Frst,
die von ihren Untergebenen sich mssen vorschreiben lassen, sich eben so
bel befinden, und dies der nmliche Fall mit einem Menschen sei, dessen
Geisteskraft so schwach ist, da er die Begierden nicht bndigen kann, und
ihren Forderungen nachgeben mu.

Du mut dir ferner eine Fertigkeit zu erwerben suchen, die Pflichten zu
personifizieren oder Personen zum Muster aufzustellen, die sich durch
Erfllung gewisser Pflichten auszeichneten. Dazu findest du reichlichen
Stoff in den Schriften fr Kinder, welche erdichtete Erzhlungen
enthalten, deren Zweck Veredelung der Gesinnung ist. Noch weit mehr wirst
du aber wirken, wenn du die Beispiele von wirklichen Personen aus der
alten und neuen Geschichte sammelst, die du deinen Kleinen als Muster
in Erfllung gewisser Pflichten vorstellen kannst. Erzhle ihnen z.E.
die edle Handlung des Herrn von Montesquieu, der in der Stille einen in
barbarischer Sklaverei seufzenden Hausvater loskaufte, ihn kleiden lie
und seiner trauernden Familie wieder schenkte, ohne es merken zu lassen,
wem sie diese Freude zu verdanken habe; oder die Gewissenhaftigkeit jenes
Mennoniten, der, als er von einem feindlichen Offizier gentigt wurde,
ihm ein Gerstenstck zum Abmhen fr die Pferde zu zeigen, denselben vor
den ckern seiner Nachbarn vorbeifhrte und ihm sein eignes Gerstenstck
zeigte-- und du wirst gewi wahrnehmen, da deine kleinen Zuhrer das
Edle dieser Handlungen innig fhlen und von dem Entschlusse werden belebt
werden, ebenso zu handeln.

Willst du aber deine Kleinen dahin bringen, da sie gewisse Pflichten
sogleich erfllen, so mut du dir eine Fertigkeit erwerben, ihnen die
Notwendigkeit derselben recht anschaulich zu machen. Dies kann geschehen,
wenn du sie das Unschickliche der Vernachlssigung recht innig fhlen
lt. Gesetzt, der kleine Hieronymus sollte dahin gebracht werden, zu
gewissen Stunden bestimmte Arbeiten zu machen, und weigere sich dessen,
so knntest du sagen: Wenn du glaubst recht zu haben, so wollen wir es
zum Gesetz machen, da jedes Glied unserer kleinen Gesellschaft in der
Arbeitsstunde vornehmen kann, was es will, spielen, singen, umherlaufen,
wie es will. Er wird das Ungereimte einer solchen Verordnung sogleich
fhlen und sich zur Arbeit bequemen; oder du kannst auch nur kurzweg
fragen: Willst du, da alle Kinder so handeln sollen? und wenn er sich
merken lt, da er das Unschickliche davon fhle, kannst du weiter
fragen: Aus welchem Grunde willst du denn eine Ausnahme von der Regel
machen?

Ein andermal, wenn er eine gewisse Pflicht vernachlssigt, kannst du
auch fragen: Hltst du mich fr einen rechtschaffnen Mann? wirklich? wie
kannst du mir denn zumuten, da ich der Vernachlssigung deiner Pflichten
nachsehen soll? Thut das ein rechtschaffner Mann? Wrdest du mich nicht
selbst verachten mssen, wenn ich mein Aufseheramt gewissenlos verwaltete
und zur Vernachlssigung deiner Pflichten schwiege?

Durch solche und hnliche Behandlungen wirst du viel bewirken, deine
Pflegebefohlenen zur Kenntnis und berzeugung von ihren Pflichten
bringen, in ihnen der Entschlu, sie zu erfllen, erzeugen, sie gewhnen,
pflichtmig zu handeln, und nur selten in die Notwendigkeit versetzt
werden, ihnen ihre Verirrungen durch Strafen fhlbar zu machen.


11. Handle immer so, wie du wnschest, da deine Zglinge handeln sollen!

Jedes Kind hat, wie ich schon bemerkt habe, einen Hang so zu handeln, wie
es andere handeln sieht, und es ist geneigter, Handlungen nachzuahmen, als
Ermahnungen und Vorschriften zu befolgen.

Dein stetes Bestreben mu also dahin gehen, deinen Zglingen in jeder
Hinsicht Muster zu sein, und die Belehrungen, die du ihnen giebst, durch
dein Beispiel zu besttigen. Kinder haben ein ungemein feines Gefhl und
bemerken jeden Fehler ihres Erziehers. Sie vor ihnen zu verbergen, ist
eine vergebliche Bemhung; sie zu verteidigen, heit sie ihnen empfehlen.
Das einzige Mittel, zu verhten, da deine Fehler keinen nachteiligen
Einflu auf sie haben, ist--da du sie ablegst.

Ehe du dich also entschlieest, Erzieher zu werden, prfe dich wohl, ob
dir deine moralische Besserung ein Ernst sei, und du dir hinlngliche
Kraft zutrauest, deinen Kleinen in jeder Hinsicht Muster zu sein. Ist dies
bei dir der Fall nicht, so entsage lieber diesem Geschfte, bei welchem du
doch nicht viel Gutes stiften wirst, und whle ein anderes, bei welchem
dein Beispiel fr deine Mitmenschen weniger ansteckend ist.

Fhlst du aber bei dir Entschlossenheit und Kraft, deinen Kleinen in jeder
Rcksicht Muster zu werden, so widme dich diesem wichtigen Geschfte mit
Freudigkeit und rechne auf einen gesegneten Erfolg desselben. Je eifriger
du es treibst, desto vollkommner wirst du selbst werden.

Deine Pflegebefohlnen werden deine Erzieher sein, manchen deiner Fehler,
der deiner Aufmerksamkeit entging, dir bemerklich machen und dich reizen,
ihn abzulegen. Dein Beispiel wird auf sie wirken, jeder deiner Ermahnungen
den ntigen Nachdruck geben, und so wie sie durch den steten Umgang mit
dir deine Mundart, so werden sie auch deine Tugenden annehmen.[I]




Schluermahnung.


Das bekannte Sprichwort: _Non ex quovis ligno fit Mercurius_[40] kann auch
auf den Erzieher angewendet werden. So wie es nicht jedem Menschen gegeben
ist, ein Maler oder Dichter, auch bei dem besten Willen und der besten
Anweisung, zu werden, so ist es auch nicht jedes Menschen Sache, das
Geschft der Erziehung mit gutem Erfolg zu treiben. Es gehrt dazu eine
eigene natrliche Anlage. Man kann in hohem Grade rechtschaffen und weise
sein, viele Wissenschaft und mannigfaltige Geschicklichkeit besitzen und
doch, wenn jene Gabe fehlt, unvermgend sein, auf Kinder zu wirken und sie
zu lenken.

Prfe dich also wohl! Hast du die Winke, die dir in dieser Schrift gegeben
wurden, befolgt, so beobachte, was dies fr Wirkung auf deine Kleinen
thue, ob sie gern in deiner Gesellschaft sind, ob deine Vorstellungen
auf sie Eindruck machten und deine Erinnerungen von ihnen befolgt werden.
Sollte dies der Fall nicht sein, so entrste dich nicht gegen sie, sondern
untersuche, wo du gefehlt habest. Knntest du bei einer fortgesetzten
Untersuchung nichts an dir bemerken, was abzundern wre, und da du,
auch bei dem redlichsten Bestreben, wenig bei ihnen ausrichten, ihre
Liebe und ihr Zutrauen nicht erwerben knntest, so wre dies wohl ein
bedeutender Wink der Vorsehung, da sie dich nicht zur Erziehung, sondern
zu irgend einem andern Geschfte bestimmt habe, und du thust wohl, wenn
du diesen Wink befolgest. Du wirst bei fortgesetzter Selbstprfung gewi
eine vorzgliche Neigung und Anlage zu irgend einem andern Geschfte
finden. Der Vater der Menschen hat jedes seiner Kinder gut ausgestattet,
jedem sein Pfund gegeben, mit dem es wuchern, das es durch gute Anwendung
vergrern und zur Befrderung seines und des Wohls seiner Brder benutzen
kann. Folge also dem Winke der Vorsehung und widme dich dem Geschfte,
zu dem du dich berufen fhlst. Du wirst es mit Vergngen treiben, es gut
ausrichten und damit viel Gutes wirken.

Wolltest du hingegen ferner der Erziehung, bei aller Unfhigkeit zu
derselben, dich weihen, so wrdest du dir und deinen Pflegeshnen das
Leben verleiden und bei dem besten Willen ihrem Charakter eine schiefe
Richtung geben.

Findest du aber, da der Umgang mit Kindern dir Freude macht, da sie an
dir mit ganzem Herzen hngen, da du sie mit Leichtigkeit lenken kannst,
dann glaube, da der Weltregierer dich zur Erziehung derselben berufen
habe. Folge seinem Rufe mit Freudigkeit und sei versichert, da der
Lohn deiner Berufstreue sehr gro sein werde, da du im Kreise deiner
Pflegebefohlenen immer Aufheiterung finden, von deinen Arbeiten reiche
Frchte sehen und durch dieselben einen sehr betrchtlichen Beitrag zur
Befrderung des Wohls der Menschenfamilie geben wirst!




Anmerkungen.


[1] Die ~Gereokomie~, d.i. die Methode, durch ~Einatmung der jugendlichen
Ausdnstungen~ den alternden Krper zu verjngern, beruht auf einem aus
dem Altertume stammenden Irrtume. Siehe 1. ~Kn.~ 1. Auch ~Hufeland~
erzhlt in seiner ~Makrobiotik~ (Univ.-Bibl. Nr. 481-484) von der
Anwendung derselben. Die Ausdnstungen der Kinder in den Schulrumen
sind wegen der Kohlensure u.dergl., die sie enthalten, der Gesundheit
nur schdlich, whrend der Sauerstoff, der so notwendig fr die Atmung
ist, bald verzehrt wird. Es ist deshalb in gesundheitlicher Hinsicht
dringend notwendig, nach jeder Unterrichtsstunde in geschlossenen Rumen,
frische Luft in diese einzufhren. Wohl hat dagegen Salzmann Recht,
wenn er sagt, da die bestndige Munterkeit und Frhlichkeit der Jugend
erfrischend auf das Gemt des Lehrers einwirken. Der herzliche Verkehr,
der tgliche Umgang mit der frohen Jugend bewahrt das Herz des Erziehers
vor dsterer Melancholie und finsterer Misanthropie. Dagegen ist die
krperlich und geistig anstrengende Thtigkeit des Lehrers gewi der
Grund, da nach statistischen Nachweisen der Lehrerstand in Bezug auf sein
Durchschnittslebensalter nicht hoch steht.

[2] ber das ~Krebsbchlein~ siehe Einleitung. Das Titelbild dieser
Schrift zeigte einen alten und drei junge Krebse in einem Teiche mit der
Unterschrift: _Faciam, mi papule, si te idem facientem prius videro_
(Ich werde's thun, mein Vterchen, wenn ich zuvor sehen werde, da du's
thust).

[3] Nach unserer heutigen Kenntnis stimmt der von Salzmann geschilderte
~Vorgang bei den Ameisen~ nicht mit der Wirklichkeit. Man unterscheidet
bei den Ameisen: _a_) geflgelte Mnnchen, _b_) geflgelte Weibchen, _c_)
verkmmerte, ungeflgelte Weibchen oder geschlechtslose Arbeiter. An
schnen Augustabenden erheben sich die geflgelten Mnnchen und Weibchen
in die Luft, wobei die Begattung im Fluge vor sich geht. Das Aufschwingen
in die Luft geschieht also nicht ~nach~ geschehener Begattung, wie
Salzmann irrtmlich meint, sondern ~vor~ derselben. Nach der Begattung
kommen die mnnlichen Ameisen um, wogegen die Weibchen sich selbst die
Flgel abstreifen und neue Kolonien grnden. Die Erziehung wird durch die
dritte Art besorgt.

[4] In den Jahren 1785-91 gab ~Joh. Heinr. Campe~ unter Mitwirkung
von Gedike, Resewitz, Trapp, Salzmann, Lieberkhn, Funk u.a. in 16
Bnden ~Allgemeine Revision des gesamten Schul- und Erziehungswesen
von einer Gesellschaft praktischer Erzieher~ heraus. In diesem Werke
werden die wichtigsten Fragen der Erziehung im Sinne der von Rousseau
und den Philanthropen angebahnten Reform behandelt. Die Arbeiten dieses
Sammelwerkes enthalten namentlich in Bezug auf leibliche Erziehung
und Elementarunterricht manches Brauchbare; teilweise waren sie aber
auch nur bersetzungen von ~Lockes Gedanken ber Erziehung~ und von
~Rousseaus Emil~ (Univ.-Bibl. Nr. 901-908), mit zahlreichen Glossen der
Herausgeber versehen. Getadelt wird an diesem bedeutendstem Denkmal
des philanthropischen Zeitalters die bisweilen zu sehr hervortretende
einseitige Richtung auf das materiell Ntzliche, insonderheit in den
Originalarbeiten, die von Campe selbst herrhren, von dem es heit, da er
das Verdienst dessen, der bei uns den Kartoffelbau einheimisch gemacht,
oder das Spinnrad erfunden hatte, hher anschlug als das Verdienst des
Dichters einer Ilias und Odyssee.

[5] Der groe Philosoph ~Immanuel Kant~ (1724-1804) hielt in Knigsberg
auch Vorlesungen ber Pdagogik, hat aber kein eigentliches System der
Pdagogik hinterlassen (s. Kant: ber Pdagogik, herausgegeben von Th.
Vogt, Verlag von Beyer & Shne, Langensalza). Salzmann denkt an das von
Kant aufgestellte Prinzip der Moralitt: ~Thue die Pflicht um der Pflicht
willen!~ Dieses ist Kant das hchste sittliche Ziel, und zu dieser
sittlichen Freiheit soll der Mensch erzogen werden.

[6] Dieser Satz klingt etwas paradox, ist aber, wie Salzmann nachweist,
fr den Erzieher ernst und wichtig. Da Salzmann in Bezug auf sein
~anthropologisches Prinzip~ auf dem Boden des ~Naturalismus~ stand,
so suchte er auch nie den Urgrund aller Fehler und Untugenden in der
angeborenen Verderbtheit der menschlichen Natur, im Menschen selbst,
sondern stets auerhalb desselben. Auch in Salzmanns anderen Schriften
kehrt dieser Gedanke wieder. In der Vorrede zum Krebsbchlein heit
es: Der Grund von allen Fehlern, Untugenden und Lastern der Kinder ist
mehrenteils bei dem Vater oder der Mutter, oder bei beiden zugleich zu
suchen. Es klingt dies hart, und ist doch wahr. Und am Schlusse der
Vorrede: Eltern und Erzieher! Wenn eure Kinder Untugenden und Fehler an
sich haben: so sucht den Grund davon nicht in ihnen, sondern--in euch.
Im 19. Kapitel von Konrad Kiefer sagt Salzmann: So lernen diejenigen
Eltern auch immer besser ihre Kinder erziehen, die fein bescheiden gute
Lehren annehmen und den Grund von den Fehlern, die die Kinder angenommen
haben, erst in sich suchen. Schon ~Rousseau~ stellte in seinem Emil den
hnlich klingenden Satz auf: An allen Lgen der Kinder ist der Erzieher
schuld. So versucht man auch jetzt vielfach die Schule fr die angebliche
Zunahme der Verrohung und Verwilderung der Bevlkerung, fr die Zunahme
der Verbrechen, verantwortlich zu machen. Trifft der Schule hierin ein
Vorwurf, so kann das Ma desselben nur gering sein. Auer ihr kommen noch
viele andere Erziehungsfaktoren in Betracht, auf die die Schule wenig oder
gar keinen Einflu hat.

[7] Da die Pflege des frh im Kinde wach werdenden ~Thtigkeitstriebes~
nicht erst der Schule anheimfallen mu, sondern da sie schon im
Elternhause bezw. durch den Kindergarten stattzufinden hat, habe ich
in meiner Schrift: ~Einflu des Frbelschen Kindergartens auf den
nachfolgenden Schulunterricht~ nher dargelegt. Da die Schule die
~Selbstthtigkeit~ der Kinder ebenfalls frdern soll, ist selbstredend.
Niemals soll der Lehrer dem Schler jene Arbeit abnehmen, die dieser
selbst zu leisten vermag. Was dessen Geisteskrften nur erreichbar ist,
das gebe man ihm nicht fertig, nein, darnach gestatte man ihm nur seinen
Geist auszurecken. ~Kehr~ sagt: Selbstsuchen, selbstsehen, selbstfinden,
selbstthtig sein, hlt den Schler geistig wach. Auch ~Salzmann~ legt
groen Wert auf mglichst selbstndiges Arbeiten der Kinder. In seiner
Schrift: Noch etwas ber die Erziehung heit es: Es ist noch sehr wenig
Anleitung zum eigenen Beobachten, eigener Erforschung, eigener Erwerbung
der Kenntnisse, sondern der Lehrer arbeitet den Kindern vor, unterrichtet
sie von dem, was er durch seine mhsamen Arbeiten herausgebracht hat, und
das Kind verhlt sich mehrenteils leidend.

[8] kindische = kindliche. Im vorigen Jahrhundert hatte die Endung isch
noch nicht den Begriff des Lcherlichen; diesen hat sie erst in diesem
Jahrhundert erhalten.

[9] ~Charakter~ ist--wie ~Lindner~ sagt--die bleibende Art und Weise,
zu handeln und zu wollen; sein Kennzeichen ist innere bereinstimmung
und Konsequenz. Fassen wir den Begriff Charakter noch schrfer, so ist
er die vollstndige Konsequenz des smtlichen Wollens und Handelns
durch Unterordnung desselben unter praktische Grundstze und dieser
wieder unter einen obersten praktischen Grundsatz. Das letzte Ziel
aller Erziehung ist nach ~Herbart~ die ~Heranbildung des sittlichen
Charakters~ oder, wie er es nennt, ~Charakterstrke der Sittlichkeit~.
Sittlichkeit und Charakter stehen im engen Verhltnis zum ~Wollen~. Ohne
Wollen keine Sittlichkeit, kein Charakter, da wir mit Charakter die
Konsequenz des Denkens und Handelns, angeregt von bewuten Beweggrnden
und geleitet von bewuten festen Grundstzen, bezeichnen. Von einem
Charakter ist deshalb beim Kinde nicht gut zu sprechen; es lt sich
vielmehr durch die Eingebung des Augenblicks und der Umgebung, durch
Beispiel und berredung bestimmen. Es soll erst zum Charakter erzogen
werden. Zur Entwickelung eines guten und groen Charakters ist _a_) eine
~gnstige Naturanlage~, _b_) die ~Vielseitigkeit~ und ~Einheitlichkeit
des Unterrichts~, welcher kenntnisreich macht und gleiche Gedanken mit
mglichst vielen verschiedenen Vorstellungen verknpft, sie aber alle
einer Einheit, der ~Sittlichkeit~, unterordnet, ntig; ferner ist _c_)
namentlich die richtige ~Gewhnung~ notwendig. Die letztere ist fr
die Entwickelung des sittlichen Charakters sehr wichtig, da sie die
Individualitt veredelt, die Geisteskrfte, besonders das verstndige und
vernnftige Denken sthlt, das Gedchtnis des Willens bildet und so die
Schnelligkeit und Konsequenz des Entschlusses und Handelns frdert, und
viele Tugenden zur Gewohnheit macht. Was Salzmann hier unter Charakter
meint, nennen wir jetzt nach heutigem psychologischen Sprachgebrauch
~Individualitt~, d.i. die Summe der allgemeinen und besonderen Merkmale
oder die Eigentmlichkeiten eines Menschen. Die Individualitt wird
bestimmt: _a_) durch die ~krperliche Beschaffenheit~ nach Alter und
Geschlecht, Gesundheit oder Krnklichkeit, Naturell u.s.w., _b_) durch
das ~Temperament~, _c_) durch die besondere Richtung der ~natrlichen
Anlagen~, _d_) durch die ~Erziehung~. ~Comenius~ unterscheidet in
seiner _Didactica magna_ sechs Haupttypen von Schlerindividualitten:
_a_) die Scharfsinnigen, Lernbegierigen, Bildsamen, _b_) diejenigen,
die zwar scharfsinnig sind, aber langsam und hierbei gefgig, _c_) die
Scharfsinnigen und Lernbegierigen, aber dabei Trotzigen und Verstockten,
_d_) die Willfhrigen und zugleich Lernbegierigen, aber Langsamen und
Schwerflligen, _e_) jene, die schwachsinnig und berdies nachlssig und
trge sind, _f_) die Schwachkpfe, die berdies noch von verkehrter und
bsartiger Beschaffenheit sind.--Es ist eine Hauptaufgabe der Erziehung,
die Individualitt des Zglings soviel als mglich unversehrt zu erhalten.
Es ist deshalb Pflicht des Erziehers, die Individualitten seiner Schler
zu erkennen und diese bei seiner Erziehung und seinem Unterrichte zu
bercksichtigen. Doch darf er der Individualitt nicht einen allzu
freien Spielraum einrumen, da sonst leicht Sonderlinge, Hartkpfe und
Egoisten erzogen werden. Deshalb ist in Hinsicht auf die Beachtung der
Individualitt der richtige allgemeine Grundsatz der: ~Der Erzieher
erforsche die Individualitt seiner Zglinge und bilde sie so, da sie
sich stets in bereinstimmung mit der Mehrheit des gebildeten und edleren
Teiles der menschlichen Gesellschaft befindet.~ (Petzold.)

[10] ~Erkenne dich selbst!~ war der Wahlspruch des Lakedmoniers
~Chilon~, eines der sieben griechischen Weisen. Es war ferner die
Inschrift des delphischen Apollotempels. ~Sokrates~ stellte dieses Wort
jedem Einzelnen seiner Schler als Lebensaufgabe, damit er gut handeln
lerne.

[11] ~Aristoteles~ ward 385 v.Chr. zu Stagira in Thrazien geboren; in
seinem 17. Jahre ward er Schler ~Platos~ zu Athen, bei dem er 20 Jahre
blieb. 343 ward er vom makedonischen Knige ~Philipp~ zur Erziehung seines
dreizehnjhrigen Sohnes ~Alexander~ berufen. Als Alexander spter seinen
Feldzug gegen Persien unternahm, grndete Aristoteles in Athen eine
Philosophenschule. Er starb 323 v.Chr. zu Chalcis auf Euba. Aristoteles
ist nicht nur praktisch als Erzieher thtig gewesen, sondern er hat
sich auch in seinen Schriften theoretisch vielfach mit der Erziehung
beschftigt, so in seiner ~Nikomachischen Ethik~ und in der ~Politik~.
Eine besondere von ihm verfate Schrift ber die Erziehung ist verloren
gegangen. Aristoteles betrachtet die Erziehung als die schwierigste
Aufgabe, die gestellt werden, und auch als die hchste, deren Lsung
versucht werden kann. Das Ziel der gesamten menschlichen Thtigkeit
ist nach ihm die ~Glckseligkeit~ (Eudmonie), die sich auf die Tugend
grndet. Im Unterrichte betont er vor allem das Notwendige und zum Leben
~Ntzliche~ (Utilittsprinzip), wie spter auch die Philanthropen.

[12] Die ~Aufgabe der Erziehung~ ist die ~Entwickelung und bung aller
Krfte des Kindes~, der ~leiblichen~ sowohl als auch der ~seelischen~.
Damit ist aber noch nicht das ~Ziel der Erziehung~, wie auch das ~Wesen~
derselben festgesetzt. Dieses liegt vielmehr darin, da das Ebenbild des
Schpfers in dem Zglinge wieder hergestellt werde, oder in der Erreichung
nicht nur der ~irdischen~, sondern auch der ~himmlischen Glckseligkeit~.

[13] Die ~Laufbnke~ und ~Laufzume~ (Laufbnder) wurden frher und
werden auch noch jetzt angewandt, um die Kleinen eher zum Laufen zu
bringen. Durch die gutartig vor die Brust gelegten Bnder bei den
Laufzumen und durch die Leisten bei den Laufbnken wird die Brust
zum Schaden der Gesundheit eingeengt bezw. gedrckt. Mit Recht eifert
deshalb Salzmann in seinem Ameisenbchlein, wie auch im Konrad Kiefer
und in Noch etwas ber Erziehung gegen solche unnatrliche Mittel.
Schon ~Rousseau~ sagt im zweiten Buche seines Emils: Man lehre den
Kindern nichts, was sie von selbst lernen; ~so~ z.B. nicht das Gehen.
Gngelbnder als Laufkorb, Fallhut und andere Hilfen taugen nichts. Auch
~Kant~ zieht gegen die Leitbnder und dergl. zu Felde.

[14] Sinnlichkeit = ~Sinne~. ber die bung der Sinne s. Anm. 21.

[15] Fr die Erreichung des Unterrichts- und Erziehungszieles ist zwar
die ~Gesundheit~ des Kindes ein wesentlicher Faktor; doch ist es von
Salzmann zuviel behauptet, wenn er sagt, da bei ungesunden Kindern
~alle~ Erziehung milinge. Wohl erschwert die Krnklichkeit oder die
Schwche eines Kindes die Arbeit des Erziehers, da er ja bei derselben
die physische Natur des Zglings bercksichtigen mu, und von einem
schwchlichen Kinde nicht das fordern darf, was er von einem gesunden
verlangt. Die physische Schwche wirkt auch oft nachteilig auf Geist
und Gemt ein, aber von einem gnzlichen Milingen der Erziehung bei
ungesunden Kindern darf doch nicht die Rede sein. Es erfordert aber
die schwchliche Beschaffenheit der physischen Natur des Schlers eine
besondere Bercksichtigung seitens des Lehrers und eine gediegene
pdagogische Durchbildung desselben.

[16] Wenn Salzmann hier gegen die ~rzte~ eifert, so hat dieses
seinen Grund in dem niederen Standpunkte, den die Arzneikunde im
vorigen Jahrhundert einnahm. Seitdem sich aber die Medizin und ihre
Hilfswissenschaften zu wirklichen Wissenschaften erhoben, und berhmte
Gelehrte der Neuzeit als Virchow, Stromeyer, Koch, Schrtter, Bock,
Klencke, Esmarch, Frst, Freerichs u. a. zu ihren Vertretern zhlt, ist
es damit anders geworden. Dies schliet aber nicht aus, da der Lehrer
selbst verstehe, die Gesundheit seiner Zglinge zu frdern, und sie auch
in der ~Gesundheitspflege~ zu unterweisen. Als einschlgliche Schriften
seien genannt: ~Kirchhoff~: Gesundheitspflege; ~Bock~: Bau, Leben
und Pflege des menschlichen Krpers; ~Correus~:Der Mensch; ~Katz~:
Frs Auge; ~Reclam~: Gesundheitsschlssel, Gesundheitslehre fr
Schulen; ~Zwick~: Krperpflege und Jugenderziehung; ~Reimann~: Die
krperliche Erziehung und die Gesundheitspflege in der Schule; ~Kohler~:
Die Gesundheitslehre in der Volks- und Fortbildungsschule; ~Gauster~:
Die Gesundheitspflege im allgemeinen und hinsichtlich der Schule im
besonderen; ~Scholz~: Leitfaden der Gesundheitslehre; ~Siegert~:
Die Schulkrankheiten.--Schon ~Comenius~, ~Montaigne~ und ~Rousseau~
forderten die Schulhygieine; diesen tritt auch ~Salzmann~ bei. Jetzt wird
sogar von mehreren Seiten gefordert, da in jeder Schulkommission ein Arzt
Sitz und Stimme haben solle. Wohl ist die Mitarbeit des Arztes in der
Schule wnschenswert, da die Schule weder die krperliche Gesundheit noch
die geistige Frische des Schlers schdigen darf. Den rzten aber jeder
Zeit freien Zutritt in die Schule zu gestatten, wrde viele Strungen des
Unterrichts herbeifhren. Dagegen ist zu fordern, da der Gesundheitslehre
der ihr gebhrende Platz im Unterrichte eingerumt werde, und da die
Seminare die angehenden Lehrer in der Schulhygieine unterweisen, diese
auch bei den Prfungen der Lehrer Prfungsgegenstand sei, damit die
Lehrer zur Erhaltung der Gesundheit der Kinder in der Schule beitragen
knnen. Denn gerade whrend der Schulzeit ist die ~krperliche Kultur~
sehr wichtig: erstens, weil der jugendliche Krper des Schlers allen
Schdlichkeiten der Umgebung mehr offen steht und unter den Folgen bler
Angewhnungen mehr leidet, als der abgehrtete Krper des Erwachsenen, und
zweitens, weil der Unterricht durch den Zwang des Stillsitzens in dicht
besetzten Schulstuben, sowie durch die andauernde geistige Anstrengung auf
die Gesundheit des Kindes leicht ungnstig einwirken kann. (Lindner.) Da
die Forderung Salzmanns und der anderen Philanthropen: die Schule habe das
leibliche Wohl der Schler zu bercksichtigen und zu frdern, so wichtig
ist, geht daraus hervor, da der Krper die ~Wohnung~ und das ~Werkzeug
der Seele~ ist. Deshalb spricht auch ~Rckert~:

      Ein gutes Werkzeug braucht zur Arbeit der Arbeiter,
      Und gute Waffen auch zum Waffenstreit ein Streiter.
      Du Streiter Gottes und Arbeiter, merk's, o Geist,
      Da deines eignen Leibs du nicht unachtsam seist
      Das ist dein Arbeitszeug, das ist dein Streitgewaffen,
      Das halte wohl im Stand, zu streiten und zu schaffen!
      O, wie du dich bethrst, wenn du den Leib zerstrst,
      Der dir so angehrt, wie du Gott angehrst.
      Wie du Gott angehrst, so hrt dein Leib dir an,
      Und ohne deinen Leib bist du kein Gottesmann.

[17] Hier tritt Salzmann in Gegensatz zu ~Pestalozzi~, der in seiner
Schrift: Wie Gertrud ihre Kinder lehrt (Univ.-Bibl. Nr. 991. 992)
die Behauptung aufstellt: Der Mensch ist selbst der erste Vorwurf der
Anschauung und diesem Satze gem den ~Krper des Kindes und seine
Glieder~ zuerst als Betrachtungsobjekt behandelt wissen will, wozu er im
Buch der Mtter Anleitung gab. Die neuere Pdagogik stellt sich dagegen
auf den Standpunkt Salzmanns und stimmt den Worten ~von Trks~, der 1808
in Ifferten bei Pestalozzi weilte, bei. Trk sagt: Ich hatte schon
frher die Idee des Buches der Mtter als gut anerkannt, aber die Wahl
des Gegenstandes der dort aufgestellten bungen: des menschlichen Krpers
gemibilligt; ich erachte die Umgebungen des Kindes im Hause und in der
Natur fr weit mehr dazu geeignet.

[18] Mit Recht tadelt Salzmann das Verfahren, ~Naturgeschichte~
zu lehren, ohne die Kinder selbst in die Natur einzufhren. Schon
~Rousseau~ sagte: Eure Philosophen lernen die Naturgeschichte in den
Naturalienkabinetten, sie besitzen Flitterkram, wissen Namen und haben
durchaus keine Idee von der Natur. Auch in seiner Schrift: Noch etwas
ber die Erziehung zieht Salzmann gegen den naturgeschichtlichen
Unterricht, der sich nicht auf ~Anschauung der Natur selbst~ sttzt,
zu Felde. Gewi ist es jetzt bedeutend besser damit geworden;
doch wird der naturgeschichtliche Unterricht noch vielfach in zu
wissenschaftlicher Weise erteilt, indem man sich zu sehr an das System
hlt, whrend doch die ~Einfhrung der Kinder in die Natur~ selbst
die Hauptsache sein sollte. Verbesserungsbestrebungen machen sich
in neuester Zeit geltend. Es sei in dieser Hinsicht hingewiesen auf
die Schriften von ~Junge~: Der Dorfteich; ~Baade~: Zur Reform des
naturgeschichtlichen Unterrichts; ~Twiehausen~: Der naturgeschichtliche
Unterricht in ausgefhrten Lektionen; ~Vgler~: Prparationen fr
den Naturgeschichtsunterricht; ~Kieling~ und ~Pfalz~: Methodisches
Handbuch fr den Unterricht in der Naturgeschichte. Was Salzmann weiter
vom naturgeschichtlichen Unterricht sagt, gilt auch namentlich vom
~ersten Schulunterricht~. Seine Lehrbeispiele, die er im Nachfolgenden
giebt, beziehen sich besonders auf diesen Unterricht. Hier ist gerade
die ~Anschauung~ an ihrem Platze. Namentlich findet die Anschauung ihre
Pflege in dem sog. ~Anschauungsunterrichte~, dessen Ziel sein soll, das
Kind mit der heimatlichen Umgebung, ihrer Natur und Lebewesen bekannt
zu machen, weshalb er vielfach auch als ~Heimatskunde~ bezeichnet
wird. Der angehende Lehrer, dem bekanntlich gerade dieser so wichtige
Unterricht obliegt, sei auf folgende Schriften hingewiesen: ~Wernecke~:
Praxis der Elementarklasse; ~Strbing~: Sprachstoffe; ~Harder~:
Anschauungsunterricht; ~Jtting-Weber~: Anschauungsunterricht
und Heimatskunde; ~Wiedemann~: Prparationen; ~Wagner~:
Entdeckungsreisen in Haus und Hof, in Wald und Feld &c.; ~Breiden~: Der
Anschauungsunterricht; ~Fuhr~ und ~Ortmann~: Anschauungsunterricht;
~Niederges~: Anschauungsunterricht; ~Stieber~: Anschauungsunterricht
im Anschlusse an die Pfeifferschen und Winkelmannschen Bilder;
~Heinemann~: Handbuch fr den Anschauungsunterricht und die
Heimatskunde; ~Seidel~: Materialien fr den Anschauungs- und
Sprachunterricht im ersten Schuljahre; ~Fischer~: Sprachstoffe zu
Leutemanns fnfzehn Tierbildern; ~Richter~: Der Anschauungsunterricht.

[19] Die ~lateinischen Namen der Pflanzen~ sind fr die Kinder der
Volksschule nur toter Ballast. Auch hier gilt das Wort: _Res, non
verba_. Was ntzen den Kindern die ~Namen~ der Naturdinge, zumal
die lateinischen, wenn ihnen die ~Kenntnis der Naturkrper~ selbst
abgeht? ~Hauptsache ist die Betrachtung der Natur~ selbst; dann mag
der Name hinzutreten, aber nur der deutsche. Man hte sich, den
Naturgeschichtsunterricht in bloe Nomenklatur aufgehen zu lassen; die
Gefahr liegt aber bei dem bloen Angeben der Namen sehr nahe. Viel ist
in dieser Hinsicht auf dem Gebiete des naturgeschichtlichen Unterrichts
gesndigt worden, weshalb die Reformbestrebungen, von denen die Arbeiten
von Junge, Kieling und Pfalz, Twiehausen, Baade und Vgler zeugen,
freudig zu begren sind.

[20] In Bezug auf dieses ~Erraten der Pflanzen~, wie Salzmann es will, sei
erinnert an das ~Versteckspiel~, das ~Wolke~ mit den Zglingen beim groen
Examen am Dessauer Philanthropin auffhrte, von wo es Salzmann entlehnt
hat (s. Schummel: Fritzens Reise nach Dessau).

[21] Unter ~Empfindungsvermgen~ versteht Salzmann, was wir nach dem
heutigen psychologischen Sprachgebrauche ~Sinnesvermgen~ nennen. Salzmann
nennt dieses Empfindungsvermgen, weil die ersten einfachen Eindrcke,
die uns durch die Sinne zugehen, ~Empfindungen~ genannt werden, aus denen
dann die ~Wahrnehmungen~, ~Anschauungen~ und ~Vorstellungen~ hervorgehen.
Die ~bung der Sinne~ des Kindes ist sehr wichtig. Deshalb fordert
auch ~Rousseau~: Erst bung der Sinne, dann bung der Geisteskrfte!
Sinnenvernunft vor intellektueller Vernunft! Denn die ersten Vermgen,
die sich in uns bilden und entwickeln, sind die Sinne. bt nicht blo die
Krfte der Kinder, bt alle Sinne, welche die Krfte regieren, benutzt
mglichst jeden Sinn, prft die Eindrcke des einen Sinnes durch die
anderen. Met, zhlt, wgt, vergleicht! Und ~Comenius~ sagt: Anfangs
be man die Sinne, dann das Gedchtnis, hierauf den Verstand, zuletzt das
Urteil. Denn die Wissenschaft beginnt mit der sinnlichen Wahrnehmung.
Und ~Salzmann~ schreibt in seiner Schrift: ber die Erziehungsanstalt zu
Schnepfenthal: Da wir alle unsere Kenntnisse durch die Sinne bekommen,
die den Stoff liefern, aus dem die Vernunft ihre Begriffe abzieht, so
ist es wohl sehr ntig, da zuerst die Sinne gebt werden, und in
seinem Himmel auf Erden: Das richtige Empfinden wird am besten in der
ersten Jugend gelernt, wenn die mit der Welt noch unbekannte Seele auf
die Dinge, die um sie sind, aufmerksam gemacht und angeleitet wird, sie
selbst zu beobachten und darber selbst zu urteilen. Wie vorteilhaft
es fr den Schulunterricht ist, wenn die Sinne der Kinder bereits im
vorschulpflichtigen Alter durch den ~Kindergarten~ gebt und geschrft
worden sind, habe ich in meiner Schrift: Der Einflu des Frbelschen
Kindergartens auf den nachfolgenden Schulunterricht nachgewiesen. (Verlag
von Siegismund & Volkening, Leipzig.) Da die bung der Sinne auch auf den
oberen Schulstufen zu pflegen ist, ist selbstredend.

[22] Mit Eifer tritt Salzmann gegen das bloe ~Wortlernen~ auf und betont,
wie es nachher auch von ~Pestalozzi~ geschah, die ~Anschauung~, besonders
auf den unteren Stufen. Auch ~Basedow~ verlangt in seinem Methodenbuche:
keine Worte und Stze zu lehren, mit denen die Kinder noch falsche
Begriffe verbinden. ~Locke~ sagt: Nicht durch Worte, sondern durch Dinge
und Abbildungen der Dinge erhalten die Kinder die ersten Vorstellungen.
Bei ~Comenius~ heit es: Alles mu der sinnlichen Anschauung unterstellt
werden. Gegen Salzmanns Forderung, da man bei dem Sprachunterrichte
z.B. anfnglich lauter solche Bcher gebrauchen msse, bei deren Lesung
nur Vorstellungen in den jungen Seelen erzeugt werden, die sie entweder
selbst durch die Anschauung bekommen haben, oder die doch mit denselben
in Verwandtschaft stehen, verstoen z.B. die meisten unserer ~Fibeln~.
So bringt z.B. eine viel gebrauchte Fibel in ihren bungsgruppen Wrter,
deren Inhalt den Kindern ganz fern liegt. Ich nenne nur: Domino, Delta,
Indien, Tiber, Xerxes, Xantippe, None u.a.

[23] Auch der ~fremdsprachliche Unterricht~ mu, wie Salzmann mit Recht
bemerkt, die ~Anschauung~ zur Grundlage haben. Wie viele Vokabeln, Stze
u.s.w. mssen die Kinder aber lernen, deren Inhalt ihnen ganz fremd
ist. Auch die heterogensten bungsstze werden ihnen vorgefhrt. In
der franzsischen Sprache hat man nun schon angefangen, dieselbe auf
~Grundlage der Anschauung~ zu lehren. So ~Lehmann~ in seinem Lehr-
und Lesebuche der franzsischen Sprache nach der Anschauungsmethode,
~Ducotterd~ und ~Mardner~: Lehrgang der franzsischen Sprache auf Grund
der Anschauung. In seiner Schrift: Noch etwas ber die Erziehung giebt
Salzmann seine Lehrweise der fremden Sprachen an: Erst wird ber die
verschiedenen Produkte der Natur, die zusammengebracht werden, lateinisch
(franzsisch) gesprochen, das Gesprch diktiert und niedergeschrieben,
dann werden zweckmig gewhlte Schriftsteller gelesen und dabei die
grammatikalischen Regeln gegeben, endlich lateinische (franzsische)
Aufstze gemacht. Salzmann will also die sog. ~direkte Methode~ angewandt
wissen.

[24] Schon ~Rousseau~ tritt in seinem Emil gegen das ~zu frhe
Bcherlesen~ der Kinder ein. Emil soll vor seinem 12. Jahre kein Buch
in die Hand bekommen. Wenn Salzmann auch mit Recht nicht so weit geht,
so sind seine Worte, mit denen er im Ameisenbchlein und im Konrad
Kiefer gegen den zu frhzeitigen Beginn des Lesenlernens eifert,
wohl beherzenswert. Er sagt mehrmals: Kinder mssen erst gewhnt
werden, aus der ~Natur~ sich zu unterrichten, bevor man ihnen ~Bcher~
in die Hnde giebt. Das Kind mu erst den bergang finden aus dem
lustigen Spielleben der Kinderstube zu der ernsten Arbeit der Schule.
Mit Recht fordern deshalb namhafte Pdagogen, als ~Trk~, ~Denzel~,
~Gramann~, ~Graser~, ~Lben~, _Dr._ ~K. Schmidt~, ~Kehr~ u.a., da
dem Lesenlernen ein ~Vorkursus~ vorangehen msse; ja einige von ihnen
wollen erst das Lesenlernen ins ~zweite~ Schuljahr verlegt wissen. Auch
die acht Schuljahre von ~Rein~, ~Pickel~ und ~Scheller~ wissen von
einem Leseunterrichte im ~ersten~ Schuljahre nichts. Was soll man aber
sagen, wenn Kleinkinderschulen und Kindergrten den Kindern die Fibel
in die Hand geben, und wenn ~Therese Focking~ die Lehrerwelt sogar mit
einer ~Frbelfibel~ beehrt hat?! Vgl. meine Schrift: Der Einflu des
Frbelschen Kindergartens auf den nachfolgenden Schulunterricht.

[25] ~Pestalozzi~ widmete dem ~Vorsagen~ und ~Nachsprechenlassen~ langer
und verwinkelter Stze, deren Inhalt den Kindern oft ganz unverstndlich
war, viel Zeit und Kraft (vgl. Wie Gertrud ihre Kinder lehrt,
Univ.-Bibl. Nr. 991. 992). Er wollte die Kinder dadurch im Sprechen
ben und ihre Sprachkraft strken. ~Salzmann~ anerkennt auch den Wert
des ~Nach-~ und des ~Chorsprechens~, will aber nur einen beschrnkteren
Gebrauch davon zu machen wissen. Die heutige Pdagogik steht auf Salzmanns
Seite. Auch sie betreibt das Chorsprechen, aber nur von dem, was den
Kindern verstndlich ist. ~Wiedemann~ fhrt in seinem Lehrer der Kleinen
als Grnde fr das Chorsprechen an: 1) das Chorsprechen lst vor allen
Dingen die Zunge; 2) es kultiviert die Aussprache; 3) es giebt auch den
Schchternen Mut; 4) es hlt bei der Stange; 5) es schtzt die Kinder
vor langer Weile, belebt den Unterricht. Siehe auch: ~Haushalter~: Das
Sprechen im Chor.

[26] Zur Verbesserung des ersten Leseunterrichts schrieb Salzmann ~Konrad
Kiefers ABC- und Lesebchlein~. Es erschien 1806.

[27] In seiner Schrift: ber die Erziehungsanstalt in Schnepfenthal
lt sich Salzmann eingehend ber die Ausbildung der ~Handfertigkeit~
aus. So sagt er: Zur Erziehung des Menschen ist unumgnglich ntig:
bung seiner Hnde und Gewhnung, von den Werkzeugen, die der
menschliche Verstand erfand, Gebrauch zu machen. In Schnepfenthal fand
der Handfertigkeitsunterricht eingehende Pflege. Die Zglinge wurden
unterwiesen in Papparbeiten, Schreinerarbeit, Drechseln, Korbflechten.
Besonders widmete sich der Lehrer ~Blasche~ diesem Unterrichte. Die
Handfertigkeitsunterrichtsfrage ist zur Zeit eine brennende, noch
unentschiedene. In zahlreichen Schriften wird fr und gegen den
Handfertigkeitsunterricht gestritten. Nach unserer Ansicht ist Salzmann
in vollem Rechte, wenn er die Betreibung von Handarbeiten zur Krftigung
des Krpers fordert. Fr eine Eingliederung derselben, zumal wenn der
Handfertigkeitsunterricht nur praktisch-formalen Nutzen gewhrt und
mit der Schularbeit in gar keiner Verbindung steht, knnen wir uns
nicht begeistern. Stellt er sich aber in den Dienst des theoretischen
Unterrichts, wie es z. B. die Schrift vom Seminarlehrer ~Magnus~: ~Der
praktische Lehrer~ fr die Seminare thut, so ist die Sache eine andere.
Wenn der Handfertigkeitsunterricht dagegen in selbstndigen Kursen, wie
in den ~Knabenhorten~, erteilt wird, so haben wir nichts dagegen zu
erinnern. Wer sich eingehender ber diese heutige Tagesfrage unterrichten
will, der sei verwiesen auf die Schriften: ~von Schenckendorff~: Der
praktische Unterricht, eine Forderung der Zeit an die Schule, sein
erziehlicher, volkswirtschaftlicher und sozialer Wert; ~Eckardt~: Die
Arbeit als Erziehungsmittel; ~Hanschmann~: Die Handarbeit in der
Knabenschule; ~Salomon~: Arbeitsschule und Volksschule; ~Gelbe~: Der
Handfertigkeitsunterricht; ~Rauscher~: Der Handfertigkeitsunterricht,
seine Theorie und Praxis; ~Barth~ und ~Niederley~: Des deutschen
Knaben Handwerksbuch; ~Elm~: Der Handfertigkeitsunterricht in Theorie
und Praxis; ~Michelsen~: Die Lehr- und Arbeitsschule zu Alfeld;
~Karl Friedrich~ (Professor Biedermann): Die Erziehung zur Arbeit,
eine Forderung des Lebens an die Schule; ~Rimann~: Geschichte des
Arbeitsunterrichtes in Deutschland; ~Johs Meyer~: Die geschichtliche
Entwickelung des Handfertigkeitsunterrichts; ~von Schenckendorff~:
ber Bedeutung und Ziel des Handfertigkeitsunterrichts; ~Johs
Meyer~: Der Handfertigkeitsunterricht und die Schule; ~Seidel~: Der
Arbeitsunterricht, eine pdagogische und soziale Notwendigkeit; ~Btow~:
Die Volksschule und der Handfertigkeitsunterricht; ~Kreyenberg~:
Handfertigkeit und Schule.

[28] In Bezug auf sein ~anthropologisches Prinzip~ stand Salzmann wie die
anderen Philanthropen auf dem Boden des ~Rationalismus~. Sie huldigten
dem Grundsatze der ~Naturalisten~: ~Der Mensch ist von Natur durchaus
gut~. (_Pelagianismus._) So sagt ~Rousseau~ am Anfange des Emil: Alles
ist gut, wie es aus den Hnden des Urhebers aller Dinge hervorgeht;
alles entartet unter den Hnden des Menschen. An einer anderen Stelle
heit in derselben Schrift: Stellen wir als unantastbaren Grundsatz
fest, da die ersten Regungen der Natur immer gut sind; ~es giebt keine
ursprngliche Verderbtheit in dem menschlichen Herzen~. Auch ~Salzmann~
lt in seinem Konrad Kiefer den Pfarrer sprechen: Lieber Herr Kiefer,
es giebt eine Erbsnde, eine Regung zum Bsen und eine Abneigung vom
Guten, die die Kinder von ihren Eltern bekommen; sie wird ihnen aber
nicht sowohl angeboren, als ~anerzogen~. Dagegen behaupten die strengen
Supranaturalisten, da die menschliche Natur zum Guten aus eigener Kraft
absolut unfhig ist. Die Wahrheit liegt wohl, wie so oft, so auch hier, in
der Mitte. In der Natur des Menschen kann kein Absolut-Bses, wohl aber
die Anlage zum Relativ-Bsen sein. Die gemigteren Supranaturalisten
beschrnken ihre Ansicht auch dahin, da dem Menschen eine Neigung zum
Bsen angeboren sei, die sich in der frhesten Jugend mit bergewicht
uere.

[29] Wohl enthalten die nachfolgende Worte Salzmanns ber die ~sittliche
Erziehung~ manches Beherzigenswerte, wollen aber mit Vorsicht aufgenommen
sein. Wenn Salzmann Verbote und Gebote als moralische Gngelbnder
verwirft, so folgt dieses aus seinem anthropologischem Prinzipe, das
auf den Naturalismus beruht. Das Kind mu den Anordnungen des Erziehers
nicht folgen, weil es von deren Vernnftigkeit berzeugt ist, sondern aus
~Gehorsam~, der in der Autoritt und in der Liebe zum Lehrer beruht. Das
erste Haupterfordernis der Zucht ist der Gehorsam. So fordert auch ~Jean
Paul~, da alle Erziehung beim Gehorsam anfangen msse. Erst auf die Stufe
der Zucht folgt die Stufe der Freiheit des Willens. Doch ist die keimende
Selbstndigkeit des Kindes zu beachten.

[30] Die Schrift: ~Erster Unterricht in der Sittenlehre fr Kinder von
8-10 Jahren~ erschien 1803.

[31] Siehe Salzmanns Anmerkung S. 52. ~Locke~ und ~Rousseau~ hatten das
~Baden~ im Freien zur Abhrtung des Krpers sehr empfohlen. Ihnen folgten
die Philanthropen, indem sie dasselbe praktisch ausfhrten. So hatte
auch Salzmann das Baden in den zu seinem Besitztume gehrigen Teichen
eingefhrt. Man hielt diese Neuerung vielfach als fr die Gesundheit
nachteilig, namentlich gab man an, da das Baden im kalten Wasser die
Nerven aufrege. Hierauf beziehen sich Salzmanns Worte. In neuester Zeit
beginnt man ~Schulbder~ in den Schulanstalten einzurichten wie z.B. in
Gttingen, Hannover, Frankfurt am Main.

[32] Die Schrift: ~Heinrich Gottschalk oder erster Religionsunterricht
fr Kinder von 10-12 Jahren~ erschien 1804; ihr folgte 1808 der
~Unterricht in der christlichen Religion~.

[33] Nach diesen Worten scheint Salzmann wenig von einer ~Vorbildung
zum Lehrerberufe~ auf einer Pflanzschule zu halten, nachdem er doch
selbst kurz vorher den Umri zu derselben entworfen hat. Als einfacheren
Weg stellt er die Regel: ~Erziehe dich selbst!~ auf. Der Grund liegt,
wie ~Karl Richter~ bemerkt, wohl darin, da er bei seinem Plane nicht
sowohl Dorfschulen und ihre Lehrer, sondern junge Theologen als Lehrer
in Familien und an Privatinstituten im Auge hatte. Schon zu Salzmanns
Zeit bestanden an vielen Orten Seminare, wie das Berliner Seminar, von
Hecker gegrndet, und die von Friedrich d.G. in Schlesien eingerichteten
Seminare. Die von Salzmann gegebenen Regeln sind von den Erziehern wohl
zu beherzigen; sie gengen aber durchaus nicht zur Bildung derselben.
Wer selbst den Lehrerberuf nicht theoretisch und praktisch erlernt hat,
wozu sich am besten unsere heutigen Lehrerbildungsanstalten mit ihren
bungsschulen eignen, kann kein tchtiger Erzieher sein. Deshalb wird
auch bei den Prfungen der Lehrer auf die pdagogische Ausbildung und
auf die Lehrprobe das Hauptgewicht gelegt. Zu fordern ist auch, da die
Schulaufseher und Schulleiter sowohl theoretisch als praktisch pdagogisch
geschult sind, was leider bis jetzt noch nicht stets der Fall ist.

[34] ~Der Himmel auf Erden~ erschien 1797. Salzmann zeigt in dieser
Schrift, da der Mensch die Glckseligkeit nicht erst im Jenseits
erwarten solle, sondern da er sich schon hier auf Erden das Leben zu
einem Himmel gestalten knne und zwar durch sittliches Handeln und treue
Pflichterfllung, durch lebendige Erkenntnis Gottes und im Umgange mit
ihm, durch fromme Betrachtung seiner Werke. Eine neue Ausgabe dieser
Schrift ist 1885 von ~August Roth~ besorgt worden (Minden, J.C.C. Bruns'
Verlag).

[35] Das Original des ~Robinson~ (Univ.-Bibl. Nr. 2194. 2195) hatte
der Englnder ~Daniel Defoe~ (1661-1731) 1719 nach den Erlebnissen
eines Matrosen, namens ~Alex. Selkirks~ frei bearbeitet. ~Campe~ gab
dieses Buch mit vielfach eingestreuten Betrachtungen und langweiligen
Belehrungen 1779 unter dem Titel: Robinson der Jngere heraus. Mit
dieser Zeit hat dasselbe viele Auflagen erlebt und gehrt noch jetzt zu
den beliebtesten und vielgelesensten Jugendschriften. Neue treffliche
Bearbeitungen lieferten ~G.A. Grbner~, ~Ferd. Schmidt~, ~Mensch~,
~Hcker~. Schon ~Rousseau~ wies in seinem ~Emil~ auf den Robinson hin.
Er sagt: Ein gutes Buch ist es, das mein Emil zuerst lesen soll; es wird
lange Zeit ganz allein seinen Bcherschatz bilden und wird jederzeit den
vornehmsten Rang in diesem einnehmen. Es soll der Text sein, von dem
unsere Unterhaltung ber die menschlichen Erfindungen und Wissenschaften
ausgeht; es soll der Prfstein sein, an dem ich die Fortschritte in der
Urteilskraft meines Zglings erproben will; und so lange sein Geschmack
einfach und natrlich bleibt, wei ich, wird die Lesung desselben ihm ein
immer neues Vergngen bereiten. Und was ist dies fr ein wunderbares Buch?
Ist es Aristoteles? Ist es Plinius? Ist es Buffon? Nein! Es ist ~Robinson
Crusoe~. ~Hettner~ sagt von dem Buch: Es entrollt sich darin ein Bild
vor uns, so gro und gewaltig, da wir hier noch einmal die allmhliche
Entwickelung des Menschengeschlechts berschauen. Und in der Vorrede der
Ausgabe von ~Grbner~ heit es: Der Held hat Fleisch und Blut, er tritt
in voller Wahrheit vor uns hin; er zeigt sich in den Stunden der Schwche
wie in denen der Gre, wie er vom leichtsinnigen Knaben zum gottlosen
Jnglinge wird, wie er zur Erkenntnis gelangt und wie oft er abermals
strauchelt, ehe er das wird, was ihm die sittlich-religise Bedeutung fr
die Zwecke der Charakterbildung giebt. Die ~Herbart-Zillersche Schule~
legt den Robinson dem Gesinnungsunterrichte des zweiten Schuljahres
(zweite kulturhistorische Stufe) unter. Siehe ~Rein~: Zweites Schuljahr.

[36] Das ~Guts-Muthssche Spielbuch~ ist mehrfach, neu bearbeitet,
herausgegeben worden. Zuletzt ist es 1884 in sechster Auflage vom
Seminar-Oberlehrer ~O. Schettler~ unter dem Titel: Guts-Muths'
Spiele zur bung und Erholung des Krpers und Geistes, gesammelt und
bearbeitet fr die Jugend, ihre Erzieher und die Freunde unschuldiger
Jugendfreuden(Hof, Grau & Co.) erschienen. Ihm sind seit dem Erlasse
des preu. Kultusministers 1882 ber die Jugendspiele eine Menge
neuer Sammlungen von Turnspielen gefolgt. Es seien genannt: ~Ambros~:
Spielbuch 400 Spiele und Belustigungen fr Schule und Haus; ~Khler~:
Bewegungsspiele des Kindergartens; ~Wagner~: Illustriertes Spielbuch
fr Knaben; ~Stangenberger~: Spiele fr die Volksschule; ~Schettler~:
Turnspiele fr Knaben und Mdchen; ~Jacobs~: Deutschlands spielende
Jugend; ~Brunlich~: Kinderspiele und Liederreigen fr Mdchen;
~Leske~: Illustriertes Spielbuch fr Mdchen; ~Lier~: Turnspiele
fr Deutschlands Jugend; ~Kohlrausch~ und ~Marten~: Turnspiele;
~Bruns~: Illustriertes Kinderspielbuch; ~Wiener~: Fest- und
Freizeit-Spielbchlein; ~Kmpel~: Das Spiel der Jugend und seine
Bedeutung fr die Volksschule; ~Lausch~: 134 Spiele im Freien fr die
Jugend; ~Matz~: ber die Spiele der Kinder; ~Wolter~: Das Spiel im
Freien; ~Zander~: ber die Bedeutung der Jugendspiele fr die Erziehung.

[37] Die hier genannten Schriften sind jetzt veraltet, doch an ihre Stelle
neue getreten. Es seien genannt: ~Leunis~: Synopsis der 3 Naturreiche;
~Brehm~: Illustriertes Tierleben, Leben der Vgel; ~Lenz~:
Gemeinntzliche Naturgeschichte des Tierreichs; ~Lben~: Anweisung
zu einem methodischen Unterrichte in der Pflanzenkunde; ~Auerswald~:
Botanische Unterhaltungen; ~Teller~: Wegweiser durch die 3 Reiche
der Natur; ~Crie~: Anweisung zur Bestimmung der Pflanzen; ~Garcke~:
Flora von Deutschland; ~Thom~: Lehrbuch der Botanik, der Zoologie;
~Romler~: Die 4 Jahreszeiten, Flora im Winterkleide, der Wald;
~Postel~: Fhrer durch die Pflanzenwelt; ~Polack~: Illustrierte
Naturgeschichte; ~Dietlein~: Tierkunde; ~Scholz~: Tierkunde;
~Eiben~: Schulnaturgeschichte des Tierreichs, des Pflanzenreichs;
~Vogel~: Erster Unterricht in der Naturgeschichte; ~Twiehausen~: Der
naturgeschichtliche Unterricht in ausgefhrten Lektionen; ~Schleiden~:
Die Pflanze und ihr Leben; ~Grube~: Biographien aus der Naturkunde,
Naturbilder; ~Wagner~: Pflanzenkunde, In die Natur; ~Lben~:
Anweisung zu einem methodischen Unterrichte in der Tierkunde; ~Masius~:
Naturstudien, Die gesamten Naturwissenschaften; ~Taschenberg~: Was da
kriecht und fliegt; ~Schubert~: Naturgeschichte.

[38] Gewi ist das ~unmige Lesen~, namentlich, wenn es nur geschieht,
um zu lesen, von groem Schaden. Der Lehrer lese alles nur in Beziehung
auf seinen Beruf und seine Lehrfcher. Namentlich gewhne er sich daran,
mit der Feder in der Hand zu lesen. Er merkt sich dadurch nicht allein das
Gelesene besser, sondern er verbessert auch seinen Stil. Er achte aber
auch auf das Lesen seiner Zglinge. Er bewahre sie vor dem verderblichen
Viellesen; deshalb ist die Benutzung der Schlerbibliothek wohl zu
kontrollieren, und man halte darauf, da der Schler ber den Inhalt des
aus derselben entnommenen Buches Bericht erstatte.

[39] Schon im Dessauer Philanthropin gab es ~Meritentafeln~. Von hier
aus fhrte Salzmann sie auch in seiner Anstalt ein. Die Meritentafeln
bestanden bei Salzmann aus einer schwarzen, im Betsaal aufgehngten und
mit den Namen smtlicher Schler versehenen Tafel. Fr jede Leistung und
Arbeit erhielten die Zglinge je nach dem Werte derselben ~Billette des
Fleies~. Hatte einer 50 von diesen, so ward hinter seinem Namen auf der
Tafel ein gelber Nagel eingeschlagen = er hatte einen ~goldenen Punkt~
erworben. Wer deren 50 hatte, erhielt den ~Orden des Fleies~, der bei
feierlichen Gelegenheiten auf der Brust getragen ward. Er bestand aus
einem goldenen Kreuze, das in der Mitte ein rundes Schildchen hatte, auf
dem sich ein erhaben gearbeitetes Grabscheit mit den Buchstaben _D. D. u.
H._ (= Denken, Dulden und Handeln) befand. Durch diese Auszeichnungen ward
der Flei des Schlers wohl angespornt, aber auch ein falscher Ehrgeiz und
die Selbstberschtzung grogezogen. Das Lernen ward dadurch zum Mittel
zum Zwecke herabgewrdigt, anstatt selbst Zweck zu sein. Nicht uerliche
Auszeichnung, sondern der Unterricht des Lehrers soll das ~unmittelbare
Interesse~ des Lernenden, mit dem dieser sich ganz dem Wissensstoffe
hingiebt, erwecken. Wenn Salzmann gegen die ~krperliche Zchtigung~
redet, so hat er diese Ansicht nicht immer gehabt. In Noch etwas ber die
Erziehung und im Konrad Kiefer empfiehlt er sie noch. Unserer Ansicht
und Erfahrung nach mu der Lehrer die krperliche Zchtigung nur als
letztes Strafmittel ansehen, zu dem er erst dann greifen darf, wenn alle
anderen nichts gefruchtet haben. Auch ~Luther~ empfiehlt einen eichenen
Butterwecken als geistige Salbe. Der Pdagoge ~Ludw. Dderlein~ sagt:
Es kann eine Schule bestehen ohne krperliche Zchtigung, aber nicht ohne
die Mglichkeit derselben, nicht ohne die Berechtigung zu derselben.Gegen
die krperliche Zchtigung schrieb Schuldirektor _Dr._ ~Th. Mertens~ in
Hannover ( 1887) in seiner Schrift: Schlge in der Schule?

[40] ~_Non est quovis ligno fit Mercurius_~ = Nicht aus jedem Holze
lt sich ein Merkur schnitzeln. Dieses Wort soll von ~Pythagoras~
herrhren. Dem ~Comenius~ ward auf seine Forderung: ~jeder~ Mensch msse
unterrichtet werden, dies Wort entgegengehalten. Seine Antwort war: Aber
aus jedem Menschen ein Mensch.

                             Ende.




Funoten:


[A] Ich gebrauche hier und in der Folge das Wort Knaben, weil ich bei
Ausarbeitung dieses Buches freilich immer die Behandlungsart der Knaben
vor Augen hatte. Das meiste wird aber auch auf die Mdchenerziehung, mit
einigen Abnderungen, knnen angewendet werden.

[B] Seit zwanzig Jahren bin ich Vorsteher einer Erziehungsanstalt, in
welcher Kinder von allerlei Familien und Nationen zusammen leben; ihre
Zahl beluft sich seit einiger Zeit beinahe auf 70. Unter diesen lebe
und webe ich vom Morgen, bis ich ins Schlafzimmer gehe. Wren nun die
Kinder so schlimm, wie sie von manchen Erziehern geschildert werden,
wie knnte ich das aushalten? Mte ich nicht schon einigemal ein
Gallenfieber bekommen haben? Das geschieht aber nicht; vielmehr befinde
ich mich in ihrer Gesellschaft sehr wohl. Dies kommt nicht daher, weil
sie so vollkommen, so musterhaft wren; sie geben mir vielmehr bestndig
Beispiele von Leichtsinn, Unbesonnenheit u.dergl. Nach geendigter
Lehrstunde spielen, laufen, springen, jauchzen sie; ich trete unter die
jubelnde Gesellschaft, und meine Gegenwart macht weiter keine Vernderung.
In diesem allen finde ich nun nichts Beleidigendes, weil ich glaube,
Kinder sind Kinder, denken und handeln wie Kinder. Daher gehen Wochen
hin, ehe ich durch sie einmal gergert werde. Geschieht dies, und ich
prfe mich genau, so finde ich gemeiniglich, da der Grund davon doch
in mir selbst liege, weil entweder in meinem Krper Unordnung ist, oder
weil ein anderer unangenehmer Vorfall mich verstimmt hat, oder weil
ich mit Geschften zu sehr berladen bin. Je aufmerksamer ich auf mich
selbst werde, desto seltener werden auch die Beleidigungen. Ja ich kann
versichern, da in den 20 Erziehungsjahren, die ich hier verlebt habe,
ich mich nicht erinnern kann, da einer meiner Zglinge mit berlegung
etwas in der Absicht gethan habe, um mich zu krnken. Man verzeihe mir
dieses offenherzige Gestndnis. Es kann mir dasselbe ebensowenig als
Ruhmredigkeit angerechnet werden, als dem Baumgrtner, wenn er in seinem
Buche ber die Baumzucht bisweilen etwas von seiner eigenen Baumpflanzung
sagt. brigens gestehe ich gern ein, da von meinen Pflegeshnen der
Schlu nicht sogleich auf alle Kinder gemacht werden kann. Denn ob sie
gleich aus verschiedenen Husern und Lndern zusammengefhrt sind, so
leben sie doch in einer gewissen Absonderung von der brigen Welt, und
das Beispiel der Erwachsenen, das Entgegenwirken der Eltern, Tanten, des
Gesindes u.dergl., die Verfhrung der Knaben, die ohne Aufsicht und
Erziehung aufwachsen, hat auf sie keinen Einflu.

Ein anderer Erzieher, dem von allen Seiten entgegen gearbeitet wird, hat
freilich mit greren Schwierigkeiten zu kmpfen.

[C] Da mehrere Leser diese Behauptung fr zu khn erklren werden, so
erlaube man mir, da ich wieder eine Thatsache aus meinem Wirkungskreise
aufstelle. Ich bin jetzt der Pflegevater von beinahe 70 jungen Leuten,
die in ganz verschiedenen Himmelsstrichen, von Lissabon bis Moskau,
geboren wurden, in deren erster Erziehung also notwendig eine groe
Verschiedenheit war. Diese jungen Leute sind ~alle~ gesund, auf ihren
Kpfen ist nicht der geringste Ausschlag sichtbar, es gehen bisweilen
drei Jahre hin, ohne da einer bettlgerig wird, und in den 21 Jahren, in
denen ich meiner Anstalt vorstehe, ist kein einziger gestorben. Gleichwohl
bin ich kein Arzt. In den ersten zehn Jahren, die ich hier lebte, betrat
nie ein Arzt mein Haus. Erst dann, da sich die Zahl meiner Zglinge sehr
vergrerte und zu besorgen war, da ich etwas bei ihnen bersehen mchte,
fing ich an, mich rztlicher Hilfe zu bedienen.

Von der Gesundheit deiner Zglinge, wird man sagen, sind deine gesunde
Luft und dein gesundes Wasser die Ursachen.

Diese sind freilich viel wert, allein wenn wir das gesunde Wasser
nicht trnken, uns darin nicht badeten, uns in der gesunden Luft nicht
herumtummelten, so wrden beide uns wohl wenig helfen.

Die Art, wie wir hier junge Leute behandeln, ist die wahre Ursache, warum
sie sich so sehr durch Gesundheit auszeichnen und der Tod bisher noch
nicht zu ihnen kam.

Sollte einmal von den Grundstzen, nach welchen bisher hier erzogen wurde,
abgewichen werden, sollte man sich mehr an die in vornehmen Husern
gewhnliche Lebensart anschmiegen, so wrde man in Schnepfenthal, ebenso
wie in anderen Anstalten, Krankenstuben errichten mssen; statt des
blhenden Rots, das die Wangen der jungen Schnepfenthler auszeichnet,
wrde Blsse sich einfinden, und unser Gottesacker wrde Grabmler von
jungen hoffnungsvollen Knaben bekommen, die in der Blte ihrer Jahre ein
Raub des Todes wurden.

Dies alles schreibe ich ~blo~ in der Absicht nieder, um die Leser zu
berzeugen, da es allerdings mglich sei, seine Zglinge gesund zu
erhalten, ohne sich der Heilkunde beflissen zu haben.

[D] Einige behaupten, die Nervenkrankheiten, die in unseren Tagen so
gewhnlich sind, wren eine Folge der kalten Bder. Deshalb will ich nun
mit niemandem streiten. Das sage ich aber ganz freimtig und laut, da von
den jungen Leuten, die ich erzogen habe und noch erziehe, deren mehrere
Hundert sind, kein einziger eine Nervenkrankheit bekommen hat (wenn auch
einmal ein hier erzogener nervenkrank wrde, so folgte doch daraus noch
nicht, da dies vom kalten Bade komme), da von alle den nervenkranken
Personen, die ich kannte, nicht eine einzige sich kalt badete, und da
es mir nicht recht glaublich ist, da die Nervenkrankheiten, an welchen
die Frauenzimmer in N. leiden, von den kalten Bdern der Zglinge zu
Schnepfenthal herrhren sollten.

[E] Ich bemerke ein fr allemal, da ich in diesem Buche mich vorzglich
mit Jnglingen unterhalte, die sich zur Erziehung bilden wollen. Sollte
also dieser und jener bereits gebildete Erzieher manches Bedrfnis
haben, gegen welches ich hier spreche, manche Fertigkeit nicht besitzen,
welche ich dem sich bildenden Erzieher empfehle, so soll ihm durch meine
freimtigen uerungen kein Vorwurf gemacht werden. Dies wird mir aber
jeder zugestehen, da der Erzieher mit mehr Nachdruck wirken kann, wenn er
von den Bedrfnissen frei ist, an welche er seine Zglinge nicht gewhnen,
und die Fertigkeit selbst besitzt, die er ihnen beibringen will. Was soll
nun aber der Erzieher thun, bei dem dies der Fall nicht ist? Freimtig
heraussagen: diese Angewhnung, dieser Mangel ist eine Unvollkommenheit,
die von meiner ersten Erziehung herrhrt, gegen welche ich euch auf das
beste zu verwahren suchen will.

[F] Der aufgesetzte Entwurf ist einen Bogen lang. Um den Raum zu schonen,
fge ich davon nur dieses Bruchstck bei, das aber hinlnglich sein wird,
den denkenden Erzieher zu belehren, wie viel an den gewhnlichsten Dingen
des gemeinen Lebens bemerkt und unterschieden werden kann.

[G] Dieses laute Nachsprechen der ganzen Versammlung hat gewi seinen
sehr groen Nutzen. Es erhlt die Kinder in Thtigkeit, reizt sie zum
Lautsprechen und prgt den Vortrag ihrem Gedchtnisse ein. Man mu aber
von dieser bung mit Vorsicht Gebrauch machen. Will man gewisse Wrter
und Stze dem Gedchtnisse seiner Kleinen einprgen, so ist das ftere
laute Aussprechen derselben von der ganzen Versammlung hierzu gewi ein
wirksames Mittel. Will man aber durch ~eigenes~ Urteil den Verstand ben,
so halte ich das chormige Aussprechen fr zweckwidrig, weil die Kinder
dadurch vom Selbsturteilen abgezogen und zum Nachbeten gewhnt werden.[25]

Wie man bei den sonst so verdrielichen ABC-, Sillabier- und Lesebungen
die Kinder in einer angenehmen Selbstthtigkeit erhalten kann, glaube ich
in Konrad Kiefers ABC- und Lesebchlein hinlnglich gezeigt zu haben.[26]

[H] Da die Erzieher so selten sind, die in ihren Hnden Geschicklichkeit
besitzen, etwas zu arbeiten, so hat es mir Mhe gekostet, den Unterricht
in einigen Handarbeiten in meiner Anstalt einzufhren. Jetzt lernen meine
Zglinge folgendes: anfnglich Verfertigung von allerlei Spielereien aus
Papier und Netzstricken, ferner allerlei Dinge aus Holz zu schnitzen,
Korbflechten, Papparbeiten, Lackierern, Schreinern und Drechseln.

[I] Wer mit der Einrichtung meiner Erziehungsanstalt bekannt ist und
wei, da in derselben sich Meritentafeln befinden, an welchen die
Namen meiner Zglinge geschrieben, und denselben gelbe Ngel beigefgt
sind, durch welche der Grad ihres Fleies bemerkbar gemacht wird, der
wird sich wundern, da ich dieses Erziehungsmittels hier gar nicht
Erwhnung thue. Es ist also wohl ntig, mich hierber zu erklren, zumal
da es seit einiger Zeit anfngt gewhnlich zu werden, da man, um eine
Erziehungsanstalt zu empfehlen, mit einem hmischen Seitenblicke auf die
meinige, von ihr rhmt, sie habe keine Meritentafeln.

Die moralische Erziehung kann nur auf die Art, wie ich sie vorhin
beschrieben habe, durch lebhafte berzeugung von den Pflichten bewirkt
werden und wird auf diese Art in meiner Anstalt betrieben.

Neben der moralischen Bildung ist aber in jeder kleinen und groen
Gesellschaft eine gewisse Polizei ntig, wodurch die uerlichen
Handlungen der Glieder der Gesellschaft geleitet werden. Daher findet man
in jeder guten Erziehungsanstalt eine Einrichtung, wodurch die fleiigen
Zglinge vorgezogen, die unfleiigen zurckgesetzt werden. Fr meine Lage
habe ich die Meritentafel zweckmig gefunden, nie aber sie andern zur
Nachahmung empfohlen, vielmehr mein Mifallen bezeigt, wenn ich bisweilen
in ~Familien~ Meritentafeln vorgefunden habe.

Ich erreiche in ~meiner Anstalt~ damit zwei sehr wichtige Zwecke:
erstlich, da Kinder, bei denen die Vernunft noch in der Entwickelung
steht, das Verhltnis, in welchem sie gegeneinander in Ansehung ihres
Fleies stehen, immer sinnlich dargestellt erblicken. Zweitens, da die
Lehrer ein Mittel in den Hnden haben, ihren Zglingen, ohne krperliche
Zchtigungen, die ich in dem Kreise meiner Pflegeshne nicht dulde, ihre
Pflichtvergessenheit durch den Abzug von Billets, deren fnfzig mssen
erworben sein, wenn man neben seinem Namen einen gelben Nagel haben
will, fhlbar zu machen. Wirklich fhlen sie diesen Abzug oft inniger,
als manches an Schlge gewhntes Kind eine krperliche Zchtigung. In
der Zeit, da ein Zgling sich seine fnfzig Ngel erwirbt, entwickelt
sich gewhnlich seine Vernunft so weit, da er eines solchen sinnlichen
Leitungsmittels nicht mehr bedarf. Er wird nun eine Zeitlang auf die
Probe gestellt, ob er auch ohne dieses Leitungsmittel seine Geschfte
ordentlich verrichte und die gesellschaftlichen Pflichten erflle. Hlt er
die Probe aus, so wird er zum Offizier erklrt, als Jngling behandelt,
in die Gesellschaft der Erwachsenen gezogen, bekommt Aufsicht ber die
Kleinern u.s.w. Den Orden des Fleies habe ich schon seit geraumer Zeit
abgeschafft. Er war eben das, was eine Offiziersstelle ist. Die Sache ist
geblieben, der Name aufgegeben, und da die gewhnlichen Menschen mehr an
dem Namen der Dinge, als an den Dingen selbst hngen, so hoffe ich, da
diejenigen beruhigt sein werden, denen der Name ~Orden~ anstig war.[39]




      *      *      *      *      *      *




Anmerkungen zur Transkription:

Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen;
lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.

Beibehalten wurde:

  Einige Ausdrcke wurden in beiden Schreibweisen bernommen:

  soziale und sozialer (beide Seite 123) und socialpdagogischen (Seite 4)
  Encyklopdie (Seiten 12 und 17) und Enzyklopdisten (Seite 3)
  Schneeballen (Seite 38) und Schneeblle (Seite 39)
  euerm (Seite 43) und eurem (Seite 71)
  euern (Seiten 54, 55, 70, 73 und 86) und euren (Seiten 42, 53, 54 und 70)
  uerungen (Funote E) und Aeuerungen (Seite 45)
  Ueberzeugung (Seite 46) und berzeugung (Seite 17, 26, 32, 108, 109
  und 111, Funote I)
  neugeborne (Seite 78) und neugeborene (Seite 49)
  danach (Seite 81) und darnach (Seiten 82 und 116)
  grern (Seite 83) und greren (Seite 43)
  einfachern (Seite 88) und einfacheren (Funote 33)
  letzteren (Seite 108) und letzteren (Seite 14)
  erstern (Seite 108) und ersteren (Seite 14)
  eignes (Seite 110) und eigenes (Seite 73)
  rechtschaffnen (Seite 111) und rechtschaffenen (Seite 25)
  Pflegebefohlnen (Seite 112) und Pflegebefohlenen (Seiten 21, 96, 103,
  107, 111 und 114)
  z. E. und z. B. (verschiedene Seiten)
  u. dgl. und u. dergl. (verschiedene Seiten)

Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:

  gendert wurde
        "und namentlich ~Jean Jacque Rousseau~ mit ihren"
     in "und namentlich ~Jean-Jacques Rousseau~ mit ihren"
    (Seite 4)

  gendert wurde
        "Es seien genannt ~Guths-Muths~, der Erzvater der Turnerei"
     in "Es seien genannt ~Guts-Muths~, der Erzvater der Turnerei"
    (Seite 9)

  gendert wurde
        "als das Erziehungsgegeschft. Als Lohn"
     in "als das Erziehungsgeschft. Als Lohn"
    (Seite 15)

  gendert wurde
        "der Kinder enthalten, aber Anweisungen zur Erziehung"
     in "der Kinder enthalten, aber an Anweisungen zur Erziehung"
    (Seite 24)

  gendert wurde
       "nach und nach eine Gemeine hervor, die"
    in "nach und nach eine Gemeinde hervor, die"
   (Seite 25)

  gendert wurde
       "sich eingestnde da er gefehlt"
    in "sich eingestnde, da er gefehlt"
   (Seite 31)

  gendert wurde
       "ist seine Klasse ein Haufe schndlicher, verworfener Gassenbuben."
    in "ist seine Klasse ein Haufen schndlicher, verworfener Gassenbuben."
   (Seite 41)

  gendert wurde
       "So ist es nicht mit Karln."
    in "So ist es nicht mit Karl."
   (Seite 43)

  gendert wurde
       "davon geradezu beimessen uud sich auf mein"
    in "davon geradezu beimessen und sich auf mein"
   (Seite 44)

  gendert wurde
       "die Laufbnke und Laufzune entfernt sind, und"
    in "die Laufbnke und Laufzume entfernt sind, und"
   (Seite 48)

  gendert wurde
       "Zglinge durch Abhrtuug ihre Gesundheit erhalten"
    in "Zglinge durch Abhrtung ihre Gesundheit erhalten"
   (Seite 53)

  gendert wurde
       "nicht ntig, durch weitluftige Vorstellungen euren Zglingen"
    in "nicht ntig, durch weitlufige Vorstellungen euren Zglingen"
   (Seite 54)

  gendert wurde
       "Mssen Sie denn nicht lauter"
    in "Mssen sie denn nicht lauter"
   (Seite 80)

  gendert wurde
       "eine Gesellschaft von Ackerleuten kmmt."
    in "eine Gesellschaft von Ackerleuten kommt."
   (Seite 93)

  gendert wurde
       "zerstreut und teilnamlos bleiben, so"
    in "zerstreut und teilnahmslos bleiben, so"
   (Seite 97)

  gendert wurde
       "Feld &c.; ~Breiden~, Der Anschauungsunterricht;"
    in "Feld &c.; ~Breiden~: Der Anschauungsunterricht;"
   (Funote 18)

  gendert wurde
       "am Anfange des Emil: Alles ist"
    in "am Anfange des Emil: Alles ist"
   (Funote 21)

  gendert wurde
       "~Kohlrausch und Marten~: Turnspiele;"
    in "~Kohlrausch~ und ~Marten~: Turnspiele;"
   (Funote 36)



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from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
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trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
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the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
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LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

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damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
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limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
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trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org 

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary 
Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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