Project Gutenberg's Kreuz und Quer, Zweiter Band, by Friedrich Gerstcker

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Title: Kreuz und Quer, Zweiter Band
       Neue gesammelte Erzhlungen

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: June 9, 2017 [EBook #54875]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Kreuz und Quer.

  Neue gesammelte Erzhlungen
  von
  Friedrich Gerstcker.

  Zweiter Band.

  Leipzig,
  Arnoldische Buchhandlung.
  1869.




Inhaltsverzeichni.


                               Seite

  1. Das Wallfischboot             1

  2. Das Luftbad                 174

  3. Der Dampfboot-Capitain      224

  4. Bilder aus Quito            304




Das Wallfischboot.




Erstes Kapitel.

Der Wallfischfnger.


In der Nhe der Westkste Amerikas, aber noch weit aus Sicht von Land,
kreuzte ein Wallfischfnger, um dort nach Fischen auszusehen.

Es war ein Nordamerikaner, die Martha's-vine-yard -- ein Schiff, das nach
der Insel gleiches Namens getauft worden, und von dort aus auch seine
Bemannung hatte. So seetchtig und gut gebaut die amerikanischen Schiffe
aber auch sonst gewhnlich sind, die Martha's-vine-yard machte davon eine
Ausnahme, und der Rheder, der sie in New-York von einem Hollnder alt
gekauft und wohl frisch angemalt, aber sonst in einem desolaten Zustand
gelassen hatte, hoffte das wenige dafr ausgelegte Geld gleich mit der
ersten Wallfischfahrt herauszuschlagen, wenn es dann auch keine zweite
machte. Die Hauptsache blieb nur, tchtige Leute dafr zu gewinnen, und
dehalb taufte er auch das alte Gretje van Rotterdam, welchen Namen
die Bark vielleicht schon dreiig Jahre gefhrt, nach der Insel
Martha's-vine-yard, die ihrer Seeleute wegen berhmt ist, und erreichte
dadurch seinen Zweck vollkommen.

Die Zeiten waren in Amerika nicht besonders. Der Krieg hatte gerade
begonnen, und er fand Leute genug fr die Bemannung, die denn auch mit dem
alten Kasten getrost in See gingen und erst drauen, als es zu spt war,
merkten, welchem Fahrzeug sie sich eigentlich anvertraut, um darauf eine
mehrjhrige Reise zu machen. Wallfischfnger mssen sich nmlich stets
darauf gefat machen, drei Jahre auszubleiben, ehe sie ihr Schiff fllen
knnen, und das ist eigentlich eine lange Zeit, wenn man noch dazu bedenkt,
da derartige Schiffe nur sehr selten einen Hafen anlaufen und meist immer
drauen auf offener See herumkreuzen, um nach Fischen auszuschauen.

Anfangs wurde die Mannschaft auch noch eigentlich nicht so recht inne,
wie es mit ihrem Fahrzeug stand, denn mit gnstigem Wind liefen sie an der
Ostkste Amerika's immer nach Sden hinab, und so vor dem Wind segelte
es leidlich. Schwer enttuscht sahen sie sich aber, als nach einer kurzen
Windstille eine kontrre Brise eintrat. Der Kapitn wollte allerdings
laviren, aber du lieber Gott, das alte Schiff brauchte sieben Strich,
um gegen den Wind aufzukreuzen, und machte dabei noch anderthalb Strich
Abdrift, so da sie nicht allein nicht von der Stelle kamen, sondern sogar
noch zurckgetrieben wurden. Den Harpunieren war das auch gar nicht recht,
sie wren am liebsten wieder umgekehrt, um ihren Kontrakt aufzukndigen,
der Kapitn wollte jedoch Nichts davon wissen, und redete ihnen so lange
zu, bis sie sich endlich zufrieden gaben.

Was lag auch daran, ob ein Wallfischfnger schnell segelt oder nicht --
die Reise an Ort und Stelle dauerte etwas lnger, ja; aber erst einmal auf
ihrem Fischgrund angelangt, und sie durften mit demselben Recht erwarten,
da Fische an sie anlaufen wrden, als da sie dieselben durch rasches
Fahren erreicht htten -- ja manchmal machte so ein Schiff an guten Stellen
viel bessere Geschfte, wenn es ruhig beilag, als ziellos auf dem Meer
umherkreuzte.

Nur die Reise um Kap Horn war eine entsetzlich lange, jedoch konnten sie
auch schon bei den Falklandsinseln auf Wallfische rechnen, und kurz
und gut, sie behielten ihren Kurs bei, der sie auch mit jetzt wieder
gnstigerem Wind rascher gen Sden brachte, als sie selber anfangs
geglaubt.

Bei den Falklandsinseln war aber Nichts zu machen. Sie trieben sich wohl
vier Wochen in der Nhe herum, ohne einen einzigen Wal anzutreffen, und da
gerade ein scharfer Ostwind einsetzte, hielt der Kapitn die Gelegenheit
fr gnstig, das Kap zu doubliren und nach der Westkste Amerikas hinber
zu steuern. Dort lagen auch die besten Jagdgrnde fr Wallfische: in der
heien Zone fr Cajelots und weiter nach Norden hinauf fr den richtigen
Wal, und da sie der Wind nicht im Stich lie -- denn mit Kreuzen wren sie
nie um das Kap gekommen -- erreichten sie nach ziemlich kurzer Fahrt das
stille Meer.

Aber auch hier zeigte sich der Fang nicht so ergiebig. Sie bekamen
allerdings in der Hhe der Maghellansstrae einen tchtigen Fisch,
muten ihn aber, wie sie nur eben begonnen hatten einzuschneiden, wieder
loswerfen, denn ein heftiger Wind setzte ein, dem sie kaum frei und allein
die Stirn bieten konnten.

Es war das ein schwerer Schlag fr die Mannschaft, die -- wie Kapitn und
Harpuniere -- nur auf einen Antheil am Fange geworben werden, lie sich
aber nicht ndern, und der Kapitn vertrstete die Leute auf die nchste
Zeit. Sie hatten ja nun einmal einen Beginn gemacht und die Boote erprobt,
die sich als ganz vortrefflich bewhrten. Die blieben ja doch immer die
Hauptsache, und wenn sie nur Fische fanden, konnten sie auch reiche Beute
machen.

Sie fanden aber keine. Langsam, entsetzlich langsam rckten sie weiter und
weiter nach Norden hinauf, an Chile vorber und an der chilenischen Kste
hin, bis ziemlich zu vier Grad Sderbreite hin, wo sie die erste =shoal=
oder den ersten Trupp Spermacetifische antrafen und augenblicklich Jagd
darauf machten. Der erste Harpunier kam auch an einen tchtigen Fisch fest,
der alte Bursche verstand aber die Sache unrecht, drehte sich um, wandte
sich gegen das Boot selber und gab ihm mit seinem breiten Kopfe einen
solchen Sto, da es in Stcken auseinander ging und die Mannschaft
desselben nur mit Mhe von den andern herbeieilenden Booten gerettet werden
konnten.

Die brigen Fische gingen gegen den Wind auf, und die Martha's-vine-yard,
die zu erbrmlich am Wind lag, um ihnen dahin folgen zu knnen, mute sie
eben laufen lassen. Uebrigens hielt der Kapitn diesen Platz fr gut und
beschlo dehalb, eine Weile dort beizulegen. Es war einestheils mglich,
da die Fische dorthin zurckkehrten, wo sie Nahrung gefunden hatten,
und dann konnten sie hier auch eben so gut, als irgendwo anders, weiteren
begegnen.

Drei Wochen kreuzten sie dehalb auf der nmlichen Stelle, das heit die
Strmung setzte dabei allmlig immer weiter nach Norden hinauf, bis sie
unmittelbar unter der Linie von Windstille befallen wurden.

Das Meer lag jetzt spiegelblank, wenn auch leise wogend da, und der Ausguck
oben im Top konnte selbst den geringsten Gegenstand, der sich auf der
blitzenden Flche zeigte, mit leichter Mhe erkennen. Aber Nichts lie sich
sehen, als dann und wann einmal die spitze Flosse eines Hai, der faul und
trge durch die Fluth schnitt, und wenn er zum Schiff kam, von einem der
Bootssteuerer mit ausgeworfenem Speck an einem starken Haken gefangen
wurde -- es war doch wenigstens eine Unterhaltung, welche die entsetzliche
Monotonie ihrer Tage unterbrach.

Endlich, am vierten Tage der Windstille, gerade wie sich im Sden die
ersten Wolken wieder zeigten und das sich in jener Richtung dunkel frbende
Meer die von dort heraufkommende Brise ankndigte, ertnte der so lang
ersehnte Ruf des Mannes im Top oben:

=There she blows!= (Dort blt Einer) und selbst von Deck aus konnten
sie bald darauf den ausgeworfenen einzelnen Wasserstrahl eines Spermfisches
oder Cajelot, dem bald ein zweiter folgte, erkennen.

Jetzt kam Leben an Bord, und so faul und schlfrig die Offiziere den ganzen
Tag herumgelegen, im Nu sprangen sie nun auf ihre Fe, um Jeder nach
seinem Boot zu sehen und so rasch als mglich damit ab und hinaus zu
kommen.

Jedes Boot hat seine bestimmte Mannschaft, seinen Harpunier, seinen
Bootssteuerer und vier Mann zum Rudern, und hngt, zum augenblicklichen
Gebrauch stets bereit, unter seinen Krahnen. Dicht daneben ist der schwere
Bottich mit dem aufgekoilten Harpunentau befestigt, um rasch hineingehoben
zu werden.

Die verschiedenen Leute haben dabei ihre verschiedenen Pflichten bei der
Ausrstung, damit im Moment des Einschiffens keine Verwirrung oder Zgerung
entsteht. Der Bootssteuerer mu die Waffen: Lanzen, Harpunen, Beile und
Messer, stets blank und haarscharf halten. Einer der Leute hat fr Wasser
zu sorgen, da augenblicklich ein Fchen gefllt und in's Boot geschafft
wird -- ein Anderer sorgt fr Lebensmittel, da man nie wissen kann,
wie lange die Boote gezwungen sind, auszubleiben. In einem kleinen
verschlossenen Verschlag im Boot selber befinden sich dabei ein Kompa,
wo mglich eine Karte, und ist das Fahrzeug gut ausgestattet, auch einige
konservirte Lebensmittel mit einer Flasche Rum, und von dem Moment an, wo
der Befehl zum Niederlassen des Bootes gegeben wird, dauert es gewhnlich
nur wenige Minuten, bis es von Bord abschiet und nun, mit Rudern
oder Segeln, je nachdem sich die Letzteren fhren lassen, seinem Ziel
entgegenstrebt.

Dabei wird fast kein Wort gesprochen, denn jede Bootsmannschaft hat
natrlich ihren Ehrgeiz darin, die erste zu sein, die zur Verfolgung der
auftauchenden Wallfische fertig ist, und vom Mast aus giebt dann der Mann
im Top mit einem an der Stange befestigten und schwarzbemalten groen
Leinwandball -- der weithin leicht erkenntlich ist -- die Richtung an,
welche die Fische nehmen, damit ihnen die Boote folgen oder den Weg
abschneiden knnen.

Die Martha's-vine-yard fhrte vier Boote, denn das zerstrte des ersten
Harpuniers war schon wieder durch ein Reserveboot ersetzt worden, und
noch hatte die aufkommende Brise das Schiff nicht erreicht, als sie schon
hinausruderten in das Weite und der Richtung zu, in welcher sich die
Spermfische kurz vorher gezeigt.

Es war das genau gen Osten, und die Leute legten sich wahrlich mit gutem
Willen in die Ruder, da sich die elastischen Eschenhlzer oder Riemen, wie
man sie nennt, vor der Kraft der Arme bogen. Aber das dauerte nicht lange,
denn jetzt kruselte sich das Meer, ein frischer Sdwind setzte ein, und im
Nu wurde die kurze Segelstange aufgerichtet, und die Leinwand blhte aus,
um den ersten Windzug zu fangen. Der brachte sie nicht allein leichter,
nein auch rascher vorwrts, und die Hauptsache, sie konnten sich den
Fischen viel geruschloser nhern, als das mit Rudern mglich ist. Der
Wind zeigte sich ihnen auch vollkommen gnstig, denn er kam gerade von der
Steuerbordseite, und schnell und lautlos schossen sie dahin.

Die Fische waren, wie sie das oft thun, eine ganze Weile nicht nach oben
gekommen, und der Mann im Mast konnte den Leuten dehalb auch kein Zeichen
geben, welcher besondern Richtung sie zusteuern sollten; sie behielten
dehalb die bei, die sie bis dahin eingehalten, in der Voraussetzung, da
sich die Cajelots unter Wasser nicht so weit entfernen und vielleicht an
der nmlichen Stelle noch einmal nach oben kommen wrden -- und das geschah
denn auch wirklich. Kaum eine Viertelstunde mochten sie gesegelt sein, als
der Matrose, der damit beauftragt war, den Mann im Top der Barke im Auge zu
behalten, pltzlich des Harpuniers Auge durch seinen Ausruf dorthin lenkte.
Jener Ausguck hob seinen schwarzen Ballon, der selbst von hier aus noch
deutlich erkennbar war, hoch in die Hhe und lie ihn dann wieder gerade
nach vorn herunterfallen -- ein sicheres Zeichen, da ihr Kurs der richtige
sei, und es dauerte denn auch nur wenige Sekunden, bis sie selber die schon
lang ersehnten Strahlen gerade voraus erkannten und sich jetzt zum Gefecht
fertig machten.

Nun ist die Eintheilung an Bord eines Wallfischbootes auf der Verfolgung
die nachstehende: Der Bootssteuerer wird, sobald ein Wal in Sicht kommt,
vorn in den Bug des Bootes mit der Harpune postirt, denn sein Amt ist
es, an den Fisch fest zu kommen, whrend nachher der Harpunier oder erste
Offizier mit der Lanze, an der sich keine Widerhaken befinden, dem Thier
den Todessto gibt. Der Harpunier hat indessen hinten im Stern des Bootes
den langen Steuerriemen (das Ruder, das zum Steuern benutzt wird und in
einem eisernen Ring liegt) in der Hand und fhrt dasselbe so an den Fisch
heran, da der Bootssteuerer zum Wurf kommen kann. Wo dieser den Fisch
dabei trifft, ist ziemlich gleichgltig, irgendwo auf dem Rcken, in der
Seite, im Schwanz, es bleibt sich gleich, so da die Harpune nur tief genug
eindringt, um ordentlich festzukommen. Sobald er dies erreicht hat und das
im Bottich aufgekoilte Tau abluft -- wobei er jedoch aufpassen mu, nicht
in dieses verwickelt zu werden -- springt er zurck, um jetzt das Steuer
des Bootes zu bernehmen, whrend der Harpurnier nach vorn steigt und
seine lange scharfe Lanze aufgreift, mit der er nun, des tdtlichen Wurfs
gewrtig, aufgerichtet vorn im Boot stehen bleibt und nur darauf achtet,
da die rasend schnell ablaufende Leine, an welcher der Fisch hngt, nicht
unklar wird.

Der geworfene Fisch schiet indessen mit ungeheurer Schnelle vorwrts,
taucht auch wohl einmal unter und kommt wieder nach oben, und hat dabei das
Boot fortwhrend im Schlepptau. Sobald nmlich die Leine abgelaufen ist,
hlt sie, mit ihrem unteren Ende um einen festen Krahn befestigt, straff
an, und der vorgespannte Fisch macht das Boot nur so durch das Wasser
fliegen. Ginge er aber zu tief nach unten, so wrde er es auch
rettungslos in die Tiefe reien, und fr einen solchen Fall steckt ein
scharfgeschliffenes Beil dicht daneben, mit dem die Leine im Nu gekappt
oder abgehauen werden kann. Es versteht sich aber von selbst, da man nur
im uersten Nothfall zu diesem verzweifelten Mittel greift, denn damit
ist wohl das Boot befreit, aber zu derselben Zeit Fisch, Harpune und Leine
ebenfalls verloren.

Jetzt noch stand der Bootssteuerer vorn im Bug, die Harpune, in welche nur
leicht ein kurzer fester Eichenspaken gesteckt ist, in beiden Hnden, und
in der linken noch ein langes Ende leicht aufgekoilter Leine haltend, um
mit dem Wurf gleich nachgeben zu knnen, damit die Harpune keine falsche
Richtung bekommt. -- Die Fische sind in Sicht -- da und dort steigt
der schrge nicht eben hohe Strahl ber die Oberflche der nur leicht
gekruselten See -- es mssen zehn oder zwlf verschiedene Cajelots sein,
die sich hier spielend in der warmen Fluth herumtreiben -- vielleicht sogar
noch mehr, und dann und wann kam wohl auch einmal der halbe Kopf einer
der mchtigen Burschen zum Vorschein, wie er sich ein Stck aus der Fluth
heraushob, das Wasser schnaubend ausblies und dann langsam wieder zurck in
sein Element tauchte.

Der erste Harpunier, ein alter Wallfischfnger, der sich seit seiner
frhesten Jugend in diesen Meeren herumgetrieben, hatte sein Boot mit dem
grten Segel versehen und war den anderen auch wohl um mehrere hundert
Schritte voraus. Jetzt flog die Harpune von dessen Bootssteuerer aus, und
mit der gespanntesten Aufmerksamkeit beobachteten die anderen Boote den
Erfolg. Zog er die Leine wieder ein? -- war der Wurf milungen? -- nein, er
sprang in den hinteren Theil des Bootes zurck, er mute festgekommen sein,
und vor Erwartung zitternd standen die brigen, ob ihnen nicht auch das
Glck einen Fang bescheere.

Die Leute im ersten Boot hatten mit Rudern aufgehrt und rasch das Segel
niedergeworfen, damit es sie nicht, wenn der Fisch in den Wind hineinlief,
gefhrde -- die brigen Boote nherten sich rasch, denn noch lief die Leine
ab, und das kleine Fahrzeug lag verhltnimig still -- da kam links
ein neuer Fisch auf, dem der zweite und dritte Harpunier folgte, und der
vierte, ein noch junger Bursch, wollte sich eben mit zu diesen halten, als
pltzlich, unmittelbar vor seinem Boot, ein Wal mit solcher Gewalt an die
Oberflche scho, da er mit fast der Hlfte des riesigen Krpers aus dem
Wasser herausschnellte, und wieder zurckschlagend die See wogengleich bei
Seite drngte.

Aber ein tchtiger Bootssteuerer stand vorn, mit der Harpune bereit, der
sich durch die pltzliche Erscheinung des Ungethms nicht einschchtern
lie und auch mit keiner Faser seines Herzens der Gefahr dachte, der sie
eben entgangen; denn htte der Fisch mit dieser Gewalt das kaum verfehlte
Boot getroffen, so wre es in Splittern auseinander gebrochen.

Whrend die Matrosen erschreckt nach ihren Rudern griffen, um das Boot
zurck und aus dem Bereich der Gefahr zu werfen, hob sich seine Harpune,
und noch war der Leviathan der Tiefe nicht wieder verschwunden, als auch
schon das Eisen ausflog und sich tief in dessen Weichen bohrte.

Ruder ein! Segel nieder! -- wie eine Schlange glitt er zurck, whrend
der junge Harpunier, der seine erste Reise in dieser Eigenschaft machte,
vor Eifer zitternd nach vorn sprang und die schon bereit liegende Lanze
aufgriff.

Vor ihnen her flog jetzt der erste Harpunier mit seinem Boot, denn der
Fisch hatte die Leine und zog an, und ihr Gefangener schien die nmliche
Richtung nehmen zu wollen -- die Leine glitt mit Blitzesschnelle aus. Die
Leute muten die Ruder wieder aufnehmen, um ihm ein wenig zu folgen und das
Boot in der Richtung zu halten -- jetzt pltzlich that es einen Ruck -- die
Harpune hielt, und fort ging es, da der Gischt hoch am Bug emporschumte,
hinter dem gefangenen Ungeheuer her -- gerade dem andern Boot nach. --
Liefen sie aber schneller als dieses? -- rasch nherten sie sich ihm, und
als sie vorberflogen, wie von einer Dampfmaschine getrieben, hrten sie
nur noch, da der alte Harpunier darin fluchte und wetterte und seinen
Leuten befahl, die Leine einzuholen -- die Harpune mute aus dem Speck
gerissen sein, und der Fisch war jedenfalls freigekommen.

Sie aber hatten natrlich keine Zeit, sich damit aufzuhalten. Im Schlepptau
des Wals flogen sie nur so ber die wenig bewegte See, immer genau ein und
dieselbe Richtung einhaltend, gen Osten zu. Uebrigens sahen sie, da eines
der Boote -- es war das des zweiten Harpuniers -- sich gewendet hatte und
mit vollem Segel hinter ihnen drein kam, um ihnen vielleicht den Fisch
sichern zu helfen, denn der erste Harpunier hatte noch eine ganze Weile
damit zu thun, um seine Harpune wieder an Bord zu holen.

Und wie der Fisch lief! Ein sogenannter Finnbackwallfisch hat es allerdings
in der Gewohnheit, mit der Harpune in solcher Art fortzulaufen, und dehalb
ist sein Fang so schwer und undankbar, und die Wallfischfnger wollen auch
Nichts von ihm wissen; giebt er doch auch viel zu wenig Thran fr die Mhe,
die er kostet, so da der Gewinn in keinem Verhltni zu der Gefahr steht.
Der Spermwal dagegen luft gewhnlich erst eine Strecke gerade aus, und
hlt dann ein und taucht in nicht zu groe Tiefe unter, weil er bald zum
Athemholen wieder an die Oberflche zurckkehrt. Dadurch nun giebt er dem
an ihm festgekommenen Boot Gelegenheit, ihm den Todeswurf mit der Lanze
hinter eine der beiden Seitenflossen zu versetzen -- der einzige Platz, und
der nicht einmal sehr groe, wo er tdtlich getroffen werden kann.

Die Matrosen des vierten Bootes kmmerten sich aber wenig um das Laufen,
denn sie wuten, da ihr Vorspann damit bald aufhren wrde. Sie lachten
und jubelten, und besonders war der junge Harpunier ganz auer sich vor
Vergngen, da er einen Fisch bekommen hatte, whrend der erste Harpunier,
der ihn bis jetzt immer ber die Achsel angesehen, mit leerem Boot zum
Schiff zurckkehren mute. Er konnte auch die Zeit nicht erwarten, bis
ihnen der Wal in Wurfnhe kommen wrde. -- Da er ihn sicher und gut traf,
sollte seine Sorge sein.

Es ist brigens Zeit, sagte der eine der Matrosen, da wir einmal
richtig an einen Fisch festkommen, denn zehn Monate sind wir jetzt aus, mit
noch nicht einer einzigen Tonne Thran an Bord -- die Butter ausgenommen,
die der Holzkopf von Koch fr uns eingelegt hat. Das Schiff war bis jetzt
wie verbrannt, ordentlich als ob wir verhext gewesen wren. Wenn wir den
nur erst wenigstens sicher langseit und eingeschnitten htten.

Keine Noth, mein Bursche, lachte der Harpunier -- der lockert die Leine
schon; er wird mde -- holt ein -- je eher wir heimkommen, desto besser.

Zwei der Matrosen sprangen nach vorn und nahmen Hand ber Hand die Leine
ein; der Fisch schien in der That mde geworden zu sein, denn er lag
entweder ganz still, oder schwamm auch vielleicht, wie sie das manchmal
thun, in anderer Richtung langsam weiter.

=There she blows=, rief der eine Matrose pltzlich, mit unterdrckter
Stimme, als er dicht voraus den Strahl erkannte. Der Fisch war an die
Oberflche gekommen, um Athem zu holen, und sie konnten jetzt deutlich
erkennen, da er noch von ihnen abgewendet lag, also nur einfach im Laufen
inne gehalten hatte. Jedenfalls muten sie so viel wie mglich von der
Leine bergen, um ihm das nchste Mal, wenn er wieder einhalten sollte,
nher zu sein. Beide Matrosen zogen so rasch ein, als sie konnten,
vermochten aber dadurch nicht, das eingenommene Tau auch eben so schnell
und ordentlich wieder aufzukoilen.

Habt Acht da vorn, sagte der Bootssteuerer, der das bemerkte, und
verwickelt die Leine nicht -- wenn er pltzlich wieder anreit--

Da kommt er wieder nach oben! rief der Harpunier und sprang vorn auf
die kleine Bank des Bugs, um besser von da ab ausschauen zu knnen, aber
unvorsichtig genug trat er dabei in ein paar Schlingen des eingeholten
Taues, und in dem Moment fast scho der Fisch nach vorn und in die Tiefe,
wobei er die Leine hinter sich herri.

Habt Acht da vorn! rief noch einmal der Bootssteuerer, aber seine Warnung
kam fr den Harpunier zu spt. Whrend er mit dem rechten Fu hinaustreten
wollte, schlang sich die auslaufende Leine um diesen, und wie ein Blitz
warf es ihn hinaus ber Bord. Zu gleicher Zeit hatte sich eine Schlinge um
den in der Mitte befestigten Krahn oder Nagelbalken geschlagen, an dem die
Leine berhaupt befestigt wird, wenn sie halten soll, und pfeilschnell ri
der Wal das Boot hinter sich her.

Kappt das Tau! war der erste, unwillkrliche Ruf des Bootssteuerers, der
in diesem Augenblick seinen Platz nicht verlassen konnte, wenn er nicht das
Boot gefhrden wollte, das natrlich umgeschlagen wre oder sich gefllt
htte, sobald es die furchtbare Kraft des Wals auf die Seite ri. Ehe aber
nur Einer der Leute dem Befehl Folge leisten konnte, schrie er auch schon
wieder Halt! lat sein! -- denn wie er den Blick zurckwarf, sah er, da
das Boot des zweiten Harpuniers, von der frischen Brise begnstigt, kaum
fnfhundert Schritte entfernt hinter ihm drein kam. Auerdem wute er,
da der Harpunier ein ausgezeichneter Schwimmer war. Jenes Boot mochte ihn
dehalb aufnehmen, und wenn der Wal wieder hielt, konnte es herankommen und
den verlorenen Offizier seinem eigenen Boot zurckbringen. Sie durften den
gefangenen Fisch nicht so leichtsinnig aufgeben -- weshalb hatte auch der
Harpunier nicht besser aufgepat?

Jetzt ging die Reise wieder fort, rascher als vorher und immer nach Osten
zu, und die Matrosen waren dabei eifrig beschftigt, die fast in Verwirrung
gerathene Leine wieder zu ordnen, da sie das Boot nicht in Gefahr bringe.
Das gelang ihnen endlich, und sie sahen zu ihrer Beruhigung, da das zweite
Boot ihren Harpunier gefunden hatte und an Bord nahm. Dadurch wurde jenes
freilich in seinem Fortgang sehr aufgehalten, und sie lieen es jetzt weit
zurck.

Die holen uns im Leben nicht wieder ein, Sir, sagte der eine Matrose,
indem er den Kopf zurckwandte.

Wr' auch kein Unglck, Bob, lachte dieser trotzig -- wehalb hlt der
junge Herr seine Finnen nicht aus der Leine -- aber im schlimmsten Fall
kannst Du das Boot doch eben so gut an einen Wal hinansteuern als ich, Bob;
wie?

Sollte denken, Sir, schmunzelte dieser, bin wenigstens lange genug dabei
und einmal selber eine Jahreszeit Bootssteuerer gewesen, als wir eines
unserer Boote mit der Mannschaft verloren.

Nun gut, nickte der Offizier, sobald der Fisch wieder aufkommt, Bob,
nimmst Du das Steuer, und ich denke, ich kann ihm die Lanze eben so gut an
der richtigen Stelle beibringen, wie Mister Broom -- und vielleicht noch
ein verdammt Theil besser, brummte er leise vor sich hin in den Bart.

Es wurde jetzt kein Wort weiter gesprochen, und die Bootsmannschaft war
dabei so mit ihrem Wal beschftigt, da sie gar nicht auf die Tageszeit
achtete, und da die Brise anfing einzuschlafen. Weiter und weiter flogen
sie, von dem verwundeten Thier in wilder Hast vorwrts geschleppt, und
doch jeden Augenblick erwartend, da es wieder halten und sie hinanlassen
sollte.

Hol' mich Dieser und Jener, brummte da einer der Matrosen pltzlich
-- da hinten geht die Sonne unter, und wo ist denn eigentlich unsere
Martha's-vine-yard?

Der Bootssteuerer warf den Blick zurck, aber er konnte ebenfalls Nichts
mehr von dem Schiff erkennen, da sich noch dazu ein leichter Duft auf den
westlichen Horizont gelegt hatte.

Alle Wetter! rief er aus -- Kapitn Burker wird doch wahrlich nicht
verlangen, da wir den ganzen Weg mit dem Fisch zurckrudern sollen? Der
kann uns gar nicht gefolgt sein.

Vielleicht ist noch eins der andern Boote festgekommen, Sir, sagte Bob,
und er hat sich mit dem aufgehalten.

Und was machen wir jetzt? rief der Bootssteuerer -- wir knnen doch
wahrhaftig jetzt, im letzten entscheidenden Augenblick, den Fisch nicht
aufgeben?

Die Leute schwiegen. Sie wollten den Fisch natrlich auch nicht gern
einben, denn es war das Erste, was sie auf ihrer langen Fahrt verdient
hatten; dann aber auch kannten sie recht gut selber das Gefhrliche ihrer
Lage, wenn sie auf offener See ihr Schiff verloren.

Es ist eine ganz verfluchte Geschichte, brummte Bob -- und wo steckt
denn nur das zweite Boot? vorhin war es doch noch hinter uns!

Eben hab' ich es da drben noch gesehen, sagte Dick, ein Anderer der
Leute -- jetzt mssen sie aber ihr Segel eingenommen haben, ich kann
Nichts mehr erkennen.

Die Brise ist ganz eingeschlafen, sagte der Bootssteuerer, indem er sein
Gesicht nach Sden wandte -- die See fngt an wieder glatt zu werden.

Wenn der verdammte alte Thrankasten nur von der Stelle kme! knurrte da
Bob, so htten sie uns gar nicht im Stich lassen knnen, und jetzt
drfen wir nur ruhig die Leine kappen und uns selbst das Brod vom Munde
wegschneiden.

Hol's der Teufel, Leute! rief der Bootssteuerer, wenn ihr denkt wie
ich, so lassen wir unsern Vorspann noch eine Weile ziehen. Lange kann er
es nicht mehr aushalten -- er hat schon eine etwas andere Richtung genommen
und sich ein wenig mehr nach Sden gewandt. Das ist immer ein sicheres
Zeichen, da sie mde werden. Kommen wir dann, bis vllig Nacht, nicht fest
-- nun denn in Gottes Namen, dann haben wir wenigstens unsere Schuldigkeit
gethan, und sind dann auch nicht viel weiter vom Schiff als jetzt.

Die Leute erwiederten Nichts, und in unverminderter Schnelle flog indessen
der Wal mit ihnen durch die Fluth -- aber er hielt nicht an. Die Sonne war
im Meer verschwunden, und bleiern lagerte sich die Nacht auf den Ozean.

Der Bootssteuerer hatte Bob das Ruder gegeben und stand vorn an der Leine
-- pltzlich fhlte er, da diese schlaffte.

Beim Himmel, er hlt! rief er vergngt aus -- so ist's vielleicht doch
noch nicht zu spt.

=There she blows!= rief der eine Matrose.

Der Wal war nach oben gekommen, verschwand aber im nchsten Augenblick
wieder, und schon hatten die Leute ein tchtiges Stck von der Leine
eingeholt, als sie ihnen der Wal wieder aus der Hand ri, ohne da sich ihr
Boot aber von der Stelle bewegt htte.

Los mit Eurer Leine! rief Bob, der Erfahrung genug mit diesen Burschen
hatte -- nehmen Sie das Beil zur Hand, Mr. Sikes!

Der Bootssteuerer folgte fast unwillkrlich der Warnung, und der alte Bob
hatte nicht unrecht gehabt -- der Wal tauchte mit rasender Schnelle. Die
letzten Theile des losgeworfenen Taues flogen zischend ber Bord, gerade
nach unten zu, und mit der letzten Elle hatte der Bootssteuerer kaum noch
Zeit, das haarscharfe Beil auf den Bootsrand niederzuhauen. Das Tau schlug
ihm ordentlich das Beil fort, als auch im nchsten Moment der Bug ihres
Bootes bis auf den Wasserrand niedergestaucht wurde und die salzige Fluth
ihre Woge hineinwarf. Glcklicher Weise aber war das Tau schon so weit
durchgehauen, um sie nicht ganz hinabzerren zu knnen -- die letzten Fasern
rissen, und whrend das von seiner ungeheuren Last befreite kleine Fahrzeug
auf- und niedertanzte, war allerdings die unmittelbare Gefahr beseitigt,
aber der Wal auch mit ihrer ganzen Leine verloren.




Zweites Kapitel.

Im Nebel.


=Hell!= sagte Bob lakonisch, indem er sich auf die Bank niedersetzte und
einen noch viel wilderen Fluch in seinen Tabak hineinkaute -- ob der alte
verbrannte Kasten denn nicht Unglck mit Allem hat, was er anfngt. Da
sitzen wir jetzt, den Harpunier nach der einen und den Wal nach der andern
Seite, und auerdem noch das ganze Schiff und Leine und Harpune
verloren, und keine Tonne Thran fr irgend Etwas bekommen. Es ist zum
Halsabschneiden.

Das nchste Mal mehr Glck, Bob, sagte der Bootssteuerer, indem er aber
selber in nicht viel besserer Laune der Richtung nachsah, in welcher der
Spermfisch verschwunden war. Es ist eine verfluchte Geschichte, ja, lt
sich aber nun doch einmal nicht mehr ndern, und wir haben wenigstens
unsere Schuldigkeit gethan. Und nun an eure Ruder, meine Burschen, da wir
wenigstens das Schiff wiederfinden, denn in der Windstille wird es uns wohl
nicht weggelaufen sein.

Weggelaufen, nein, brummte Bob, der alte Kasten luft schon nicht fort,
aber weggetrieben. Und wenn wir's nun nicht finden?

Ach was, sagte der Bootssteuerer, nicht finden -- der Kapitn hat
jedenfalls seine bunten Signallaternen aushngen, die man meilenweit
leuchten sieht. Vorwrts, ihr Leute, lat uns keine Zeit mehr versumen.

Und sollten wir nicht erst ein wenig essen, Sir? frug der alte Matrose --
wir haben eine lange Arbeit vor uns.

Ich traue dem Wetter gar nicht, meinte der Offizier. Da drben im Osten
lag es schon vor Sonnenuntergang wie eine feste Wolke auf dem Wasser.

Das war das Land, Sir, sagte Bob, -- ich kenne die Kste, da drben
regnet's immer.

Na meinetwegen, dann knnen wir auch eben so gut erst unsere Mahlzeit
halten -- nachher aber scharf wieder an die Arbeit. Was kann's helfen, es
ist ja doch einmal unser Geschft.

Die Leute erwiederten nichts. Sie waren ordentlich hungrig geworden, und
der Schiffszwieback mit dem Salzfleisch mundete ihnen vortrefflich. Sehr
mig tranken sie aber dazu von dem mitgenommenen Wasser, denn in einem
Boot auf offener See kann man nie wissen, wie lange man gezwungen ist,
auszuliegen, und je vorsichtiger man dabei mit dem Wasser umgeht, desto
besser.

Der Bootssteuerer versuchte indessen das kleine Spintje zu ffnen, das sich
im Boot befand, aber der Schlssel stak nicht -- den hatte der Harpunier
in der Tasche. Eine Weile berlegte er es sich -- den darin befindlichen
Kompa gebrauchten sie eigentlich noch nicht -- aber die Flasche Rum -- ein
Schluck davon wrde ihnen Allen wohlgethan haben. -- Es war auch auerdem
besser, wenn sie den Kompa heraus hatten, -- und zu der Ueberzeugung
gekommen, nahm er ohne Weiteres das kleine Handbeil, schlug mit dem dicken
Ende desselben auf das Schlo und sprengte es.

Dadurch brachte er auch die Leute in etwas bessere Laune; denn man glaubt
nicht, welche wohlthtige Wirkung, mig genossen natrlich, ein Schluck
Grog oder auch reiner Rum auf See und in der feuchten Luft ausbt. Wie aber
Jeder sein Glas ausgetrunken hatte, mahnte der Bootssteuerer wieder zur
Heimkehr an Bord, und die Leute griffen jetzt ihre Ruder auf.

Merkwrdig, Mr. Sikes, sagte da Bob, indem er seinen Riemen in die
Dolle warf, was fr ein sonderbarer Schein auf dem Wasser liegt. Es sieht
ordentlich aus, als ob es rauchte -- wenn wir nur keinen Nebel bekommen --
das wre ein schner Spa.

Hm, sagte der Angeredete, indem er den Blick nach rechts und links
hinberwarf, 'sist mir auch schon so vorgekommen -- wr' bs, Bob, aber
wollen's nicht hoffen. Vorwrts, ihr Leute, wir drfen keinesfalls mehr
Zeit versumen.

Die Leute hatten die Ruder eingelegt und fingen an zu arbeiten -- aber
nicht willig. Die Vordersten flsterten leise mit einander und ruderten
dann wieder schweigend weiter. Was der alte Matrose gefrchtet, sollte sich
aber nur zu rasch bewahrheiten, denn trotz der Dunkelheit wurde der ber
dem Meer lagernde Duft immer bemerkbarer und hob sich dabei hher und
hher, so da sie jetzt schon gar nicht mehr voraus, sondern nur noch
einzelne Sterne sehen konnten.

Mr. Sikes, sagte Bob, die Geschichte wird faul. Die Lichter an Bord sind
wir nicht mehr im Stande zu erkennen, und wenn wir vorbeifahren, haben wir
das blaue Weltmeer vor uns.

Aber Bob, wir sind noch lange nicht weit genug gefahren, um das zu
ermglichen, sagte der Bootssteuerer. Ein paar Stunden drfen wir noch
immer so fortrudern.

Bob warf -- whrend die Leute smmtlich mit Rudern aufgehrt hatten -- den
Blick nach oben. Der Nebel war indessen so hoch gestiegen, da er schon
wie ein Schleier ber ihnen lag und nicht einmal die Sterne mehr deutlich
erkennen lie.

Das thut's nicht, Sir, sagte er -- wenn wir jetzt irre fahren, reiben
wir unsere Krfte auf und wissen nachher nicht einmal, nach welcher
Richtung wir das Schiff suchen sollen.

Wenn man nur den Kompa erkennen knnte, sagte der Bootssteuerer, selber
jetzt unsicher gemacht -- aber es ist ja stockdunkel und nicht einmal eine
Laterne in der Spintje -- die gehrte eigentlich hinein.

Die Leute hatten, ohne einen weiteren Befehl abzuwarten, ihre Ruder
aufgenommen und in das Boot gelegt. Der Bootssteuerer schaute eine Weile
schweigend und unschlssig vor sich nieder, aber er sah in der That selber
keine Mglichkeit, mitten in Nacht und Nebel einen bestimmten Kurs zu
halten. Ja wenn sie noch Wind gehabt htten, so konnten sie eher auf- und
absegeln, ohne die Leute zu erschpfen, und wer wute denn, ob sie nicht am
nchsten Morgen ihre Krfte nothwendig brauchen wrden.

Es wird nicht anders, seufzte er endlich leise -- wir mssen jedenfalls
den Nebel abwarten. So legt Euch denn schlafen, Leute, und ruht Euch aus --
aber eine Wacht mssen wir halten -- wir knnen ja einander ablsen, denn
es wre doch mglich, da das Schiff in unsere Nhe kme oder einen Schu
feuerte, nach dem wir im Stande sind, die Richtung zu bestimmen.

Gut, Sir, dann will ich die erste Wacht nehmen, sagte Bob, ich bin doch
noch nicht mde, und wenn wir alle zwei Stunden abwechseln, wird ja der
Morgen auch da sein.

Aber sowie der Nebel sinkt und die Sterne wieder sichtbar werden, sagte
Mr. Sikes, weckt Ihr augenblicklich.

Gewi, Sir, nickte der Alte, und zog die neben ihm liegende dicke Jacke
an, die er sich in Vorsorge mitgenommen hatte, und um die ihn die Uebrigen
jetzt nicht wenig beneideten. Der Nebel fiel recht kalt und na, und es war
eben kein angenehmer Aufenthalt in dem offenen Boot.

Mr. Sikes suchte sich jetzt ebenfalls so gut als mglich wegzustauen, um
der Nacht ein paar Stunden Schlaf abzuringen; es war das aber nicht so
leicht, und bequem konnte er es sich auch nicht machen. Von der Anstrengung
und Aufregung der letzten Stunden erschpft, schlief er aber doch endlich
wirklich ein, und Grabesstille herrschte in dem kleinen Fahrzeug.

Und weshalb schliefen die Leute nicht? -- mde htten sie wohl auch sein
knnen, aber andere Dinge gingen ihnen im Kopf herum, und als sie erst
sicher wuten, da der Bootssteuerer sie nicht mehr hrte, saen sie vorn
im Bug des Bootes gedrngt zusammen und flsterten leise miteinander.

Bob schien anfangs nicht ganz ihrer Meinung zu sein, denn er schttelte ein
paarmal entschieden mit dem Kopf; endlich hrte er still und schweigend
zu, und als sich die Anderen zuletzt zum Schlafen niederlegten, sa er
noch lange regungslos auf seinem Bret und starrte in tiefen Gedanken in den
Nebel hinaus.

Wie er zwei Stunden gesessen hatte -- er konnte auf seiner alten silbernen
Uhr den Zeiger fhlen -- weckte er die nchste Wacht. Im Wetter hatte sich
indessen noch nichts gendert, als da der Nebel dichter zu werden
schien. -- Nicht der Schimmer eines Sternes lie sich mehr erkennen, und
ebensowenig regte sich ein Luftzug--

Phh! -- Phh! hrte die Wacht da dicht neben dem Boot das Schnaufen von
zwei Wallfischen, die langsam und behaglich ihre Bahn verfolgten, und so
willkommen ihnen Allen gewi der Ton an Bord ihres Schiffes oder mit ihren
Waffen in Ordnung gewesen wre, so ngstlich horchte der Mann jetzt dem
zischenden Laut. Sie hatten nicht einmal mehr eine Leine an Bord, wenn sie
wirklich daran denken konnten, einen der Fische zu harpuniren, und rannten
die riesigen Thiere jetzt zufllig gegen ihr Boot an, so war es verloren.

Hallo! hallo! rief auch der Matrose, als das Schnaufen sich wiederholte,
und jetzt zwar in kaum zwanzig Schritten vom Boot selber -- Wallfische!
habt Acht! Bootssteuerer, Bob, Bill -- auf mit Euch!

Die Leute sprangen erschreckt empor, und in demselben Moment fast gingen
die beiden schwerflligen Geschpfe, ohne das Boot zu sehen oder zu
beachten, unmittelbar daran vorber, und zwar das eine rechts, das andere
links, da man sie htte mit einem Bootshaken erreichen knnen. Die
Mannschaft griff auch in der That erschreckt nach ihren Rudern, obgleich
ihnen die Nichts mehr htten ntzen knnen -- aber die Gefahr war schon
vorber und das Boot schaukelte nur etwas strker in dem aufgeregten
Element.

Das htte noch gefehlt, brummte der Bootssteuerer, als er bestrzt und
noch halb im Schlaf hinter ihnen drein sah -- und den Nebel dazu -- Wie
viel Uhr ist's, Bob?

Geht auf Elf, Sir, erwiederte dieser, nachdem er seine Uhr wieder
befhlt.

Elf erst -- das wird eine lange Nacht, seufzte der Seemann und rckte
sich wieder auf seiner Bank zurecht.

Die Wachen wechselten, aber in der Witterung nderte sich Nichts. Der Nebel
lag zh und milchwei auf dem spiegelglatten Meer, und als der Tag anbrach,
war die Sonne nicht einmal im Stande durchzudringen. Der Bootssteuerer
aber, mit der Verantwortlichkeit, die er fr das Boot trug, schien auch
nicht gesonnen, lngere Zeit zu versumen, und kaum war es hell genug genug
geworden, um den Kompa zu erkennen, als er sich in der See Gesicht und
Hnde badete, und dann von den Lebensmitteln unter die Leute vertheilte.

So, meine Burschen, sagte er dabei, jetzt et, und dann an die Arbeit.
Ihr habt nun ordentlich ausgeschlafen und wir mssen sehen, da wir die
Martha's-vine-yard wiederfinden, Nebel oder keiner. Jedenfalls luten sie
doch die Glocke an Bord und blasen oder schieen wohl auch ein paarmal, und
wenn wir nur halbwegs in die Nhe kommen, mssen wir es ja hren.

Die Leute verzehrten schweigend ihr frugales Frhstck, ohne ein Wort auf
die Anrede zu erwiedern. Sie beeilten sich aber auch nicht damit und nahmen
dann, als sie fertig waren und keine Entschuldigung mehr hatten, ihre Ruder
langsam auf und legten sie in die Dollen. Der Bootssteuerer hatte indessen
mit dem Steuerriemen, den kleinen Kompa neben sich stehend, den Bug nach
Westen herumgeworfen.

Ein mit Euren Riemen, Ihr Leute, rief er dabei. Zgern hilft uns Nichts.
Je lnger wir hier warten, desto spter kommen wir an Bord.

Keiner der Matrosen rhrte sich, um dem Befehl zu gehorchen; sie starrten
schweigend und finster vor sich nieder, und augenscheinlich mochte Keiner
von ihnen zuerst das Wort ergreifen.

Nun? wird's bald? sagte der Bootssteuerer, die Stirn runzelnd.

Ich will Ihnen etwas sagen, Mr. Sikes, bernahm der alte Bob die erste
Erffnung -- die Leute denken, da wir in dem Nebel das Schiff verfehlen
werden und nachher ohne Wasser und Lebensmittel da drauen verschmachten
mssen!

Und wollt Ihr hier liegen bleiben?

Nein -- aber das feste Land ist nicht so schrecklich weit. Wir haben
gestern Abend schon die Wolken gesehen, die darber liegen, wenn man auch
die Berge noch nicht erkennen konnte, und je weiter wir wieder nach Westen
fahren, desto weiter kommen wir vom Lande ab, und sind vielleicht nie mehr
im Stande es zu erreichen.

Das feste Land? rief der Bootssteuerer erstaunt aus, und wit Ihr nicht,
da Ihr zur Martha's-vine-yard gehrt?

Das Schlimmste, was uns passiren konnte, brummte der Eine der anderen
Leute, Bill, der Segelmacher; verdamm' den alten blutigen Kasten; ich
wollte, ich htte ihn mein Lebtag nicht gesehen, denn Alles, was er
ergreift, hat Unglck.

Auf dem Schiff liegt ein Fluch, sagte jetzt auch Tom. An vier, fnf
Fischen sind wir schon fest gewesen, aber den ersten Tropfen Thran sollen
wir noch zu sehen kriegen. Zehn Monate sind wir jetzt aus und haben nicht
einmal genug eingebracht, um uns die Stiefel damit zu schmieren.

Ja, und sitzen dabei in Schulden bis ber die Ohren, fiel Dick, der
Vierte, ein. Keinen Cent verdient und dann auch noch vierzig oder fnfzig
Dollars der Mann fr warme Kleider zu bezahlen, da uns am Kap die Seele
nicht aus dem Leib fror. Ich will von Heuschrecken zu Tode getreten werden,
wenn ich wieder einen Fu auf den verdammten Blubberkasten setze.

Also Meuterei? rief der Bootssteuerer, sich emporrichtend und die vier
mrrischen Burschen mit seinem Blick berfliegend -- und wit Ihr, welche
Strafe darauf steht?

Ach was, Sir, sagte aber auch Bob jetzt, das ist keine Meuterei, wo
wir mit dem Boot, im Nebel verloren und Gott nur wei wie weit vom Schiff
entfernt, auf offener See sind. Nur unser Leben wollen wir retten, da es
uns nicht am Ende geht wie den Booten vom Essex, auf denen die Mannschaft
zuletzt darum loosen mute, welchen von ihnen sie fressen wollten, um nur
nicht zu verhungern. Jetzt knnen wir noch an Land kommen, die See ist
ruhig und die Kste nicht so weit -- morgen vielleicht schon nicht mehr.

Aber heute auch nicht, meine Burschen, schrie da der Bootssteuerer,
den der Zorn bermannte, indem er das neben ihm liegende Beil aufgriff;
verdamm' meine Seele, wenn ich nicht dem Ersten, der jetzt noch zu murren
wagt, den Schdel einschlage wie einer faulen Robbe! Ein mit Euren Rudern,
sag' ich -- Ihr wit--

=Damn your eyes=, fuhr der Bill empor, werft oder schlagt und seid
verdammt, aber Einen knnt Ihr nur treffen, und da die Anderen dann die
Haifische mit Euch fttern, darauf drft Ihr Euch verlassen.

Wenn's darauf ausgeht, rief da Tom, der Dritte, indem er sein Ruder
einzog und eine der vornliegenden Lanzen aufgriff und wandte, so spielen
wir auch noch mit. Legen Sie Ihr Beil hin, Mr. Sikes, Sie sehen, da Sie
gegen vier Mann Nichts machen knnen. Wir wollen Ihnen auch kein Leides
thun und haben nie daran gedacht, aber verdammt will ich werden, wenn ich
Ihnen nicht das alte Eisen mitten in den Leib hineinwerfe, sowie Sie nur
den Arm heben.

Der Bootssteuerer hatte das scharfe Beil krampfhaft festgepackt, und
es zuckte ihm im Arm, seine Drohung wahr zu machen -- aber er sah die
Unmglichkeit ein, die vier krftigen Seeleute zu ihrer Pflicht zu zwingen,
wenn er sich nicht selber sicherem Verderben aussetzen wollte.

Meuterei! bei Gott! helle, blanke Meuterei, knirschte er zwischen den
zusammengebissenen Zhnen hindurch; und wit Ihr denn, was Ihr an
der fremden Kste findet, und ob Ihr da nicht erst recht von wilden
Menschenfressern angefallen und todtgeschlagen werdet?

Hat keine Noth, Sir, lachte aber der alte Bob; an der Kste fressen sie
Keinen, und verwnscht wenig Indianer, die wir da antreffen werden. Bill
hat aber recht. Ich bin selber schon auf manchem Whaler mein Lebstag
gewesen, so erbrmlich ist's mir aber noch auf keinem gegangen, und wenn
wir Nichts fangen, wird uns nicht einmal fr unsere ganze Arbeit etwas zu
Gute gethan, und wir mssen die paar Lumpen etwa zu dem vierfachen Preis
von dem, was sie in Edgarton gekostet htten, aus unserer eigenen Tasche
bezahlen.

Und habt Ihr das nicht etwa vorher gewut, Sirrah?

Allerdings, Mr. Sikes, erwiederte Bob ruhig, aber was wir vorher nicht
wuten, war, da wir in einem solchen alten nichtsnutzigen Wrack auf eine
solche Reise geschickt werden sollten. Angemalt hatten sie das alte Ding
wieder hbsch genug, aber die Farbe hielt das Seewasser nur nicht heraus,
und jeden Tag, ein paar Jahre lang zwei oder drei Stunden an den verdammten
Pumpen hngen, ist auch eben kein Vergngen.

Und trgt Euer Kapitn daran die Schuld?

Das wei ich nicht, sagte Bob vorsichtig; wir haben es hier aber gar
nicht mit dem Kapitn zu thun, wir wissen nicht einmal, wo er mit
dem Schiffe steckt, und knnen ihn nicht suchen, ohne uns der grten
Lebensgefahr auszusetzen. Den Nebel hat der liebe Gott geschickt -- es ist
ein Naturereigni, gegen das wir nicht im Stande sind anzukmpfen, und
wenn wir uns jetzt weigern, auf's Gerathewohl mitten in den Ozean
hinauszufahren, um dort vielleicht elend zu Grunde zu gehen, so ist das
keine Meuterei, sondern nur einfache Selbsterhaltung. Wten wir gewi,
nach welcher Richtung wir die Martha's-vine-yard suchen sollten, und lge
der Nebel nicht so dick, es wrde Keinem von uns einfallen, seiner Pflicht
zuwider zu handeln.

Dann macht, was Ihr wollt, rief der Bootssteuerer, das Beil, das er noch
immer in den Hnden hielt, ingrimmig auf den Boden des Bootes schleudernd;
ich habe dann aber mit der Fhrung des Fahrzeugs Nichts mehr zu thun, und
betrachte mich als Gefangenen.

Das knnen Sie nun machen, wie Sie wollen, lachte Bill. Bob aber
schttelte den Kopf und rief: Nein, Mr. Sikes, Sie sind so wenig ein
Gefangener als ich oder Einer der Anderen, aber da Sie nicht mehr steuern
wollen, kann ich Ihnen nicht verdenken. Als Offizier des Boots ist es
vielleicht Ihre Pflicht, bis zum letzten Moment auszuhalten, und wenn es
spter einmal nthig werden sollte, wollen wir Ihnen gern bezeugen, da Sie
Ihre Schuldigkeit gethan und sich nur gezwungen der Mehrzahl fgten. Wollen
Sie mir das Steuer erlauben -- wir wechseln nachher ab, Jungens, damit sich
Jeder ein wenig ausruhen kann -- und drei Riemen bringen uns ziemlich eben
so rasch von der Stelle als vier -- also vorwrts, meine Burschen. Bis
nicht die Sonne so hoch kommt, da wir sie sehen knnen, mssen wir uns
nach dem Kompa richten, und wo wir jetzt die Kste zuerst treffen, bleibt
sich gleich. Wir rudern nachher so lange daran hinauf, bis wir am Ufer
irgendwo eine Landung, oder einen bewohnten Platz finden knnen.

Das Boot hatte sich indessen, und whrend der Verhandlung, langsam wieder
gedreht und lag jetzt mit seinem Bug Sdosten an. Bob brachte es mit
einer einzigen Bewegung seines langen Ruders in den richtigen Kurs und
die Matrosen legten sich jetzt aus Leibeskrften in die Riemen, um
die Entfernung zwischen sich und dem Schiff nur so viel als mglich zu
vergrern, ehe der Nebel wich, und jeder Gefahr enthoben zu sein, wieder
an Bord zurckkehren zu mssen. -- An Land! es liegt fr den Matrosen, wenn
er sich lange Monate auf See herumgetrieben hat, ein eigener Zauber in dem
Wort, und da Keiner von ihnen auch nur einen Cent Geld bei sich trug,
was kmmerte es sie, leichtsinniges Volk, das ja doch nur immer in den Tag
hinein lebt, und jeden Einzelnen fr sich selber sorgen lt.

Jeder Seemann -- berhaupt jeder Mensch, der viel in der freien Natur
lebt, wie am Lande der Jger, der Schfer, der Hirt, ist aberglubisch. Er
verkehrt zu unmittelbar mit den Elementen und ihren gewaltigen Wirkungen
und Erscheinungen, und whrend er die Gre Gottes anstaunt, schleicht sich
auch noch ein anderes Gefhl in sein Herz, -- das Gefhl seiner eigenen
Machtlosigkeit und Kleinheit, die ihn verhindert, gegen die ihn bervoll
umgebenden geheimen Krfte anzukmpfen. Er glaubt dabei an Vorbedeutungen
und alle nur erdenkbaren Einflsse feindlicher Mchte, und das ist schon
so weit gegangen, da in frheren Zeiten Matrosen ein unglckliches und
vollkommen unschuldiges Menschenkind von ihrem Schiffe ausgestoen und
einem offenen Boot bergeben haben, weil sie den wahnsinnigen Gedanken
gefat, da dessen Anwesenheit an Bord allein verschiedene Unglcksflle
ber sie heraufbeschworen habe und dem Schiff zuletzt verderblich werden
mte.

So hatte sich auch, schon vor Wochen, auf der Martha's-vine-yard der Glaube
unter den Matrosen festgesetzt, da ihr Schiff dem Unglck verfallen wre,
und keinen einzigen Fisch langseit bekommen wrde -- geschhe das aber
wirklich, dann kme auch -- wie schon damals -- augenblicklich ein
Sturm und zwnge sie, die schwer erkmpfte Beute wieder loszuwerfen und
preiszugeben. Der gestrige Tag mit seinen Widerwrtigkeiten mute sie denn
noch mehr und fester in diesem Aberglauben bestrken, und tausendmal
lieber wollten sie sich allen Gefahren aussetzen, die ihnen ein vollstndig
unbekanntes Land oder eine fremde Kste boten, als da sie versucht htten,
ihr eigenes Schiff wieder zu finden.

Uebrigens rechtfertigte der nicht weichende Nebel wenigstens zum Theil ihre
Flucht, denn so lange dieser anhielt, hatte sie in der That nur ein Zufall
ihr Schiff treffen lassen, whrend sie, in der Irre umherfahrend, ohne
Provisionen und Wasser, einer weit greren Gefahr ausgesetzt waren, als
ihnen das fremde Ufer bieten konnte.

Jetzt ruderten sie dem entgegen, und mrrisch, im Bug des Bootes, die
Arme ineinander geschlagen und finster in den Nebel hinausstarrend sa der
Bootssteuerer, rgerlich mit sich und der ganzen Welt, und doch auch
wieder vielleicht halb und halb zufrieden, da er eben gezwungen wurde
wegzulaufen, da er selber gut genug wute, was sie erwartete, wenn sie ihr
Fahrzeug wirklich in dem Nebel verfehlt htten. Er konnte aber auch Nichts
an der Sache ndern, denn gegen die vier krftigen Seeleute vermochte er,
als Einzelner, nichts auszurichten. Er mute sie eben gewhren lassen, und
Alles kam jetzt darauf an, welchen Punkt der Kste sie gerade erreichten.

Da sie sich jetzt unter der Linie, oder wohl auch ein paar Grad nrdlich
davon befanden, wute Mr. Sikes, weiter aber hatte er sich auch um die
Beobachtung, die ihn an Bord des Wallfischfngers gar Nichts anging,
nicht bekmmert, das war Sache des Kapitains und des fr diesen
Zweck angestellten Steuermanns gewesen, und wre die Sonne wirklich
herausgekommen, so fhrten sie nicht einmal einen Sextanten bei sich, um
ihre Berechnung danach zu machen. Was kam auch darauf an! Die Kste lag
jedenfalls im Osten, weit gestreckt von Sd nach Norden, und irgendwo
muten sie dieselbe treffen, wenn sie die eingeschlagene Richtung
beibehielten. Uebrigens war auch noch eine Mglichkeit, da sie unterwegs
irgend ein anderes Schiff trafen, denn sie kreuzten ja hier eine der
belebtesten Fahrstraen des Ozeans, und das nahm sie entweder auf, oder
sie erfuhren doch genau, wo sie sich befanden, und konnten wieder frisches
Wasser und Provisionen von ihm bekommen -- der Nebel blieb dann auch nicht
ewig liegen.

Die Matrosen ruderten indessen ruhig und unverdrossen fort und wechselten
nur dann und wann mit Steuern ab. Keiner von ihnen aber sprach ein Wort mit
ihrem bisherigen Offizier, und nur, als sie die letzten Provisionen und
die letzten Becher Wasser mit ihm theilten, thaten sie, als ob er noch bei
ihnen an Bord wre.

Aber der Nebel wich und wankte nicht, und whrend sie unausgesetzt fort an
den Riemen lagen, hatten sie nicht einmal das Gefhl des Fortbewegens, denn
es sah genau so aus, als ob sie in einem engbegrenzten Raum ruhig auf ein
und derselben Stelle liegen blieben und keinen Fu breit weiter rckten.
Die Sonne stand, Bob's Uhr nach, im Mittag und ber Kopf, aber selbst dann
konnten sie keinen Schimmer derselben erkennen, und eben so wenig erhob
sich ein Luftzug von irgend einer Seite. Die See sah aus wie geschmolzenes
Blei, und schwl und drckend lag die Luft auf ihnen.

Und wie trocken ihnen die Zungen wurden!

Ist kein Tropfen Wasser mehr im Fa, Bill? frug Tom den Segelmacher, der
gerade am Steuer sa. Bill schttelte mit dem Kopf.

Kein Tropfen mehr, Mate, -- aber das Land kann ja auch nicht mehr so weit
sein und dort giebt's Wasser genug.

Ich glaube wahrhaftig, wir sitzen irgendwo fest, brummte Tom leise vor
sich hin; unser Boot mu rein verhext sein, denn es regt sich nicht vom
Platz.

Der Bootssteuerer, der sich fest vorgenommen hatte, mit der Fhrung des
Bootes selber Nichts mehr zu thun zu haben, stand von seinem Sitz am Bug
auf, stieg ber die erste Ruderbank hin und ergriff den vierten Riemen, den
er in die Dolle brachte und im Takt mit den brigen einfiel.

Die Seeleute hatten es Alle bemerkt, aber Keiner von ihnen sprach ein Wort,
nur schrfer legten sie sich in die Ruder, denn jede Bootslnge, die sie
hinter sich lieen, mute doch auch die Strecke vermindern, die sie noch
vom Ufer trennte.

Und die Sonne sank -- zu sehen war sie nicht, aber der Nebel nahm eine
immer grauere und dunklere Frbung an, bis der am Steuer sitzende Bob nicht
einmal mehr den Kompa erkennen konnte. Was nun? -- es blieb ihnen Nichts
weiter brig, als ihr Boot ruhig treiben zu lassen. Die Strmung setzte sie
hier, wie sie recht gut wuten, keinenfalls vom Lande ab, sondern viel
eher nach Norden zu, und das war weiter kein Schade oder Verlust. Und dabei
befand sich kein Tropfen Wasser mehr im Boot -- keine Krume Schiffszwieback
-- aber die prservirten Tpfe -- von den Matrosen hatte noch Keiner
daran gedacht, ja vielleicht gewut, da sie sich dort befanden. Der
Bootssteuerer legte sein Ruder ein, ging zurck zum Spintje, holte die zwei
ziemlich groen Blechbchsen heraus, stellte sie neben das Steuerruder und
nahm dann, ohne ein Wort zu sprechen, seinen Sitz wieder ein.

=God bless you Mate=, sagte der alte Bob, als er die neue unerwartete
Hlfe sah, das kam zur rechten Zeit, um unser Volk bei Krften zu
erhalten. So ein Spintje ist Geld werth -- wenn wir nur auch eine Flasche
Wasser darin gefunden htten.

Es steht noch eine halbe Flasche Rum drinnen, sagte der Bootssteuerer.

Beim Himmel, an den Rum hatte ich gar nicht mehr gedacht, rief Bob,
und nun kommt, Jungens -- morgen frh speisen wir vielleicht Bananen und
Kokosnsse. -- Wetter noch einmal, das Wasser luft mir im Mund zusammen,
wenn ich an so eine frischgepflckte Kokosnu denke.

Die eine Blechbchse war bald geffnet; sie enthielt eingekochten, frischen
Hammelsbraten, der sich noch ausgezeichnet gehalten hatte, und wenn er auch
fr die fnf Mnner keine volle Mahlzeit gab, so gengte der Inhalt doch
wenigstens, ihren Hunger zu stillen. Ein Schluck Rum, dessen sparsame
Vertheilung der alte Bob bernehmen mute, half den Durst etwas lschen,
und die vom langen Rudern ermatteten Seeleute streckten sich dann wieder,
so gut es gehen wollte, im Boot aus, um ihre mden Glieder auszuruhen.
Wache wurde indessen nicht gehalten, denn bei todter Windstille konnte
auch kein greres Schiff segeln, und es war deshalb unmglich, da sie mit
einem solchen zusammentrafen. Sie brauchten keine Strung zu frchten.

Es mochte etwas nach Mitternacht sein, als der Bootssteuerer erwachte. Der
Durst peinigte ihn, und er bog sich ber den Rand des Bootes und go
sich Wasser mit der Hand ber den Kopf, um sich dadurch zu erfrischen und
abzukhlen. Wie er noch so da lag und es wieder abtropfen lie, kam es ihm
vor, als ob er in der Ferne ein dumpfes Brausen hre. Was konnte das sein?
Er hob den Kopf und horchte -- ein Dampfboot vielleicht, das seine Fahrt
die Kste entlang hatte? -- Doch blieb das Gerusch an der nmlichen
Stelle. -- Aber er fhlte jetzt auch, da sich der Wind erhoben hatte
-- leise zwar noch und kaum bemerkbar, aber es wehte doch ein schwacher
Luftzug, dem jetzt auch sicher der Nebel weichen mute.

Bob! rief er leise und schttelte den neben ihm liegenden alten Mann.

Ja wohl, Sir, sagte dieser, noch voll im Schlaf; halben Strich an
Leebug.

Bob, flsterte der Bootssteuerer aber wieder, denn er wollte nicht
gleich die ganze Mannschaft stren. Der Wind erhebt sich -- wir kriegen
Brise...

Das wr' recht! rief der Seemann jetzt vllig munter und vergngt aus.
Bei George, da ist schon eine Mtze voll, aber die Luft kann noch nicht
durch den Nebel durch; sie streift nur darber hin und drckt ihn immer
fester auf die See nieder. Sehen Sie da oben, Mr. Sikes? -- Da zuckt
richtig schon ein Stern heraus.

Hrt Ihr das Brausen, Bob?

Wo, Sir?

Gleich dort drben hinter unserem Boot, aber ich wei nicht in welcher
Richtung, denn wir haben uns wer kann sagen wie oft herumgedreht.

Bob horchte eine Weile, ohne ein Wort zu erwiedern, dann griff er in die
Tasche und nahm eine alte Blechbchse heraus, in der er sein Feuerzeug
verwahrte. Den Kompa trug er ebenfalls bei sich, und nachdem er diesen auf
die Bank gestellt, schlug er mit Stahl und Schwamm Feuer und brannte dann
eines der mitgenommenen Schwefelhlzer an. Im nchsten Moment aber auch,
wie nur die Flamme so weit aufflackerte, da er die Stellung der Nadel
erkennen konnte, rief er jubelnd aus: Die Brandung! Hurrah, Jungens! Auf
mit euch, das Wetter klrt auf und Brandung voraus! Hurrah!

Die Leute taumelten in die Hh' und hrten auch wohl, wie sie nur erst
munter geworden, das dumpfe rollende Gerusch, aber es war doch noch zu
unbestimmt, um es deutlich unterscheiden zu knnen; es klang wie aus weiter
Ferne und doch wuten sie auch recht gut, wie leicht gerade dieser Laut,
besonders bei schwerer, nebliger Luft tuschen kann und wie manches Schiff
schon dadurch verloren gegangen ist, da es die Warnung nicht frh genug
beobachtete. Mit einem leichten Wallfischboot aber, das ja danach gebaut
ist, um eben so rasch zurck wie vorwrts getrieben zu werden, hatten sie
Nichts zu befrchten, und es wurde jetzt beschlossen, ohne Weiteres jener
Richtung zuzufahren, damit man sich, wenn der Nebel endlich wich, doch
auch sicher in unmittelbarer Nhe des Landes wute. Im Nebel durften sie
natrlich nicht anlaufen.

Die Leute griffen nach den Rudern, und Bob bat den Bootssteuerer, seinen
alten Platz wieder einzunehmen -- aber er weigerte sich. Er wollte nicht
selber die Richtung von ihrem Schiff ab angeben, wenn es die Matrosen
thaten, konnte er es nicht ndern -- aber er half rudern.

Und die Brise wuchs -- je weiter es gegen Morgen vorrckte, desto
lebendiger wurde es auf dem Wasser. Deutlich schon kam ein groes Stck
blauen Himmels zum Vorschein, und sie konnten sehen, wie die Nebelmassen
anfingen nach links hinauf zu rcken. Jetzt endlich tauchte die Sonne aus
dem Meer empor -- die leichten Wolken, die sich hoch ber ihnen erkennen
lieen, waren von dem rosigen Licht bergossen, und nun pltzlich fingen
die Wellen an sich zu kruseln, und im Nu warfen die Matrosen mit einem
Jubelruf ihre Ruder in's Boot und setzten die Segelstange ein. -- Wer htte
noch einen Arm rhren mgen, wo ihnen der Wind jetzt selber vorwrts half!

Aber die Brandung? -- Deutlicher und deutlicher unterschieden sie den
dumpfen Laut -- und wie das um sie her wogte und drngte. Manchmal war
es, als ob die Bahn vor ihnen frei wrde, und offene Gnge und Wlbungen
bildeten sich in den dichten weien Schwaden -- dann pltzlich hllte es
sie wieder in dunkle Nacht, da der am Steuer Sitzende nicht einmal den
vorderen Theil des Bootes erkennen konnte. Die erwachende Brise hatte den
Nebel zerrissen und schob ihn in aufgerollten Massen vor sich her, und
jetzt pltzlich brach die Sonne hindurch -- wie ein Schleier ri es von
einander -- und vor ihnen, dicht und unmittelbar vor ihnen, da es aussah,
als ob man mit einer Bchsenkugel hinber schieen knnte, lag das grne,
bewaldete Land, whrend darunter die Brandung aber nur ber niedere
Sandbnke schumte und zischte.

Unwillkrlich lenkte der am Steuer sitzende Bob den Bug des Bootes etwas
vom Lande ab, wobei der Wind das Segel besser fassen konnte, und
aller Blicke hafteten in gespannter Erwartung an dem Ufer -- aber ein
Landungsplatz lie sich dort nicht erkennen, denn so weit das Auge reichte,
schumten die Brandungswellen ber den Sand.

Ja, Boys, sagte da Bob, in Amerika wren wir -- oder wenigstens dicht
bei, aber hier lt sich auch nichts machen, so viel ist sicher, und da
bleibt uns denn keine andere Wahl, als nach Norden aufzulaufen, bis wir
die Mglichkeit sehen, irgendwo einzufahren. Nach Sden mten wir dem Wind
gerade in die Zhne laufen.

Wenn wir nur Wasser htten, sthnte Bill.

Da drben ist genug, brummte der alte Matrose, wir knnen nur noch nicht
dazu -- aber da -- theilt Euch unter den letzten Schluck Rum, ich brauche
Nichts -- ich halt's schon noch aus, und weit werden wir auch nicht mehr zu
fahren haben.

Die Leute fielen gierig ber den Rum her, und das Boot verfolgte indessen,
whrend auch die letzte Blechbchse zum Frhstck geffnet wurde, seine
Bahn an der Kste hinauf. -- Aber das Ufer blieb sich gleich -- Wald,
undurchdringlicher, unnahbarer Wald, so weit sie voraus schauen konnten;
doch sie brauchten wenigstens nicht mehr zu rudern. Der Wind wehte scharf
und frisch vom Sden herber, und mit geblhtem Segel konnten sie rasch und
ohne Arbeit ihre Bahn an der Kste hinauf verfolgen.

Ein paar von den Matrosen machten allerdings den Vorschlag, an einer
Stelle, wo sich wenigstens keine Brandungswellen erkennen lieen, zu landen
und in dem Wald nach Wasser zu suchen -- nachher hielten sie es schon
wieder eine Weile aus; Bob aber, der das Ufer besser kannte, schttelte
dazu den Kopf, denn er wute, da es aus Nichts als Manglaren- oder
Mangrovesmpfen bestand, in deren Schlammboden sie nie einen Tropfen
trinkbaren Wassers gefunden htten. Es half Nichts; sie muten eben
aushalten, aber irgendwo im Lauf des Tages muten sie ja doch eine Stelle
hher gelegenen Landes, oder wenigstens eine kleine Flumndung entdecken,
in die sie dann einlaufen konnten. So lange das nicht geschah, waren sie
genthigt, die offene See zu halten.

Und in der Zeit litten sie Tantalusqualen, denn zu verlockend lag das
grne, schattige Ufer an ihrer Seite und es schien ihnen kaum denkbar,
da dort, wo Bume wuchsen, nicht auch Quellen sprudeln mten und der Fu
einen festen, trockenen Boden fnde. Die Meisten von ihnen kannten freilich
noch nicht die trgerischen Ufer tropischer Ksten, und erst als ihnen der
Bootssteuerer Bob's Versicherung besttigte, fgten sie sich seufzend in
das Unvermeidliche.

Immer mehr senkte sich die Sonne dabei dem Horizont wieder zu, und noch
nicht einmal ein Flubett hatten sie in der weiten Baumde entdeckt,
das ihnen doch wenigstens verstattet htte, die offene See zu verlassen,
whrend es stromauf die Gewiheit menschlicher Wohnungen oder doch
wenigstens hohen Landes bot. Da fuhr Bob pltzlich von seinem Sitz empor:
Was ist das da vorn? rief er aus, mit dem Arm der Richtung zudeutend;
dort ist hherer Boden und dort luft auch eine Bucht in das Land hinein.

Die Blicke Aller hafteten an der bezeichneten Stelle, aber es lie sich
noch Nichts darber entscheiden, bis sie nher kamen, und das dauerte
noch eine gute Weile. Jetzt endlich ffneten sich die dicht mit Waldung
bedeckten Arme der Bucht, und lieen eine Einfahrt wie eine Flumndung
erkennen, und lauter Jubel brach von den Lippen der Leute, als sie
pltzlich in gelblich gefrbtes Wasser kamen.

Jetzt durften sie nicht mehr daran zweifeln da sie sich nahe der Mndung
eines Flusses befanden und mit der gnstigen Brise hielten sie rasch rechts
hinein.

Ueber eine Stunde fuhren sie aber noch, und wurden schon wieder zweifelhaft
ob es nicht doch nur blos ein Seearm sei, der dort hinein fhrte.

Was ist das da? jener helle Punkt? rief pltzlich der Bootssteuerer aus,
von seinem Sitz emporspringend und mit dem Arm nach vorn deutend.

Ein Haus -- ein Haus! jubelten da die Leute, die jetzt ihre Leiden
geendet sahen und sich wenig darum kmmerten, wer jenen Platz bewohnte,
Wasser mute er ihnen geben. Fast unwillkrlich griffen sie auch nach ihren
Rudern, als ob sie mit diesen rascher ihr Ziel erreichen knnten, aber der
Wind trieb sie schon schnell genug vorwrts, das Wasser kruselte unter
ihrem Bug und: da ist noch ein Haus, da noch eines -- das ist eine Stadt!
tnte es von Aller Lippen, als sie weiter nach Norden glitten und dadurch
den Platz, den die am Ufer sdwrts daran stehenden Manglaren bis jetzt
verdeckt hatten, mehr in Sicht bekamen.

Jetzt war ihre Noth allerdings mit ihrer Seefahrt beendet, und als
schiffbrchige Matrosen, als welche sie sich betrachteten, da sie
doch ihr Schiff im Nebel verloren, durften sie auch auf eine freundliche
Aufnahme bei der Bevlkerung rechnen.

Indessen hatten sie den Hafen, oder vielmehr die offene Rhede des kleinen
Ortes erreicht, und sahen, da die Huser, welche sie zuerst bemerkt,
auf einer Art Landzunge standen, die sich weiter gegen die See hinaus
erstreckte, whrend die Stadt selber mehr zurck lag und dicht gedrngt
eine lange Reihe dunkelgrauer Schilfdcher zeigte. Aber nicht eine der
stillen Tropenstdte schien es zu sein, in denen die Bewohner der heien
Zone den Tag vertrumen und nur mit untergehender Sonne einen Spaziergang
in der khlen Abendluft suchen. Das wimmelte am Ufer ordentlich von
geschftigen Menschen, die herber und hinber liefen, und sonderbarer
Weise bemerkten sie auch eine Menge Bewaffneter, deren Musketen in der
Sonne blitzten, ja, als sie sich dem ersten Landungsplatz nherten, sahen
sie, da dieselbe fast ausschlielich von Soldaten besetzt sei, als ob
ihnen diese die Landung streitig machen wollten.

Was zum Teufel mag da los sein? brummte Bob in den Bart, whrend er aber
nichtsdestoweniger den Bug ihres Bootes in der nmlichen Richtung hielt;
ist die Brgerwehr ausgerckt, oder sind die Indianer losgebrochen? Seh'
ein Mensch die Soldaten an.

O, hol' sie der Henker, brummte Bill, zu trinken wollen wir haben, und
wenn wir das Nest mit Sturm nehmen mten -- steht einmal ein Bischen bei
den Lanzen vorn, Mates, da sie uns auf die nicht springen, wenn sie entern
wollten -- Mitten hinein zwischen die Lumpe, Bob!

'S kann nichts helfen, nickte Bob, da sind wir einmal! Wenn nur Einer
der blutigen Halunken Englisch spricht, da man ihnen erklren kann, was
man will. Hol' mich Dieser und Jener, da hinten kommt noch ein ganzes
Bataillon angesetzt. Steht bei den Halyards, Mates, ich glaube wahrhaftig,
die Kerls wollen uns zu Leibe, und von seinem Sitz aufspringend ergriff er
selber eine der Lanzen und stellte sich damit keck und unerschrocken vorn
in's Boot neben Bill.




Drittes Capitel.

Die Landung.


Bill hatte nicht ganz Unrecht gehabt. Das Boot war so nahe gekommen, da
man schon das Weie im Auge der am Ufer Stehenden erkennen konnte, die
smmtlich in einer nichts weniger als friedlichen Bewegung schienen.
Soldaten -- ruppiges Volk, es ist wahr, mit bloen Fen und zerlumpten,
schmutzigen Uniformen, aber doch mit Seitengewehren und Musketen, oder
Lanzen und Messern bewaffnet, sprangen am Ufer hin und wieder, und an der
Stelle, auf welche das fremde Boot zuhielt, sammelte sich ein Theil von
ihnen und schien in der That, ihre Gewehre im Anschlag, eine Landung der
Fremden auf das Entschiedenste verhindern zu wollen. Dazu schrie Alles
durcheinander, Keiner hatte da, wie es den Matrosen vorkam, zu gehorchen,
Alle nur irgend etwas zu befehlen, und dabei hielten sie die Mndungen der
jedenfalls geladenen Gewehre den Seeleuten so drohend entgegen, da diese,
unter anderen Umstnden, wahrscheinlich von einer Landung abgesehen und
sich irgend einen anderen, friedlicheren Platz dazu ausgesucht htten.
Aber der Durst peinigte sie so furchtbar, da sie sich eben durch nichts
zurckschrecken lieen, und wie nur Bob mit dem Steuerruder Grund fhlte,
rief er den Kameraden zu, das Segel niederzuwerfen, und lie dann,
unbekmmert um alle weiteren Folgen, den scharfen Bug ihres Wallfischbootes
gerade auf den Sand hinauflaufen. Da waren sie, und eine ganze
sdamerikanische Armee htte sie nicht wieder weggebracht, wenn man ihnen
nicht vorher zu trinken gab.

Ein rasendes Geschrei entstand jetzt am Ufer, und einen Augenblick war es
wirklich, als ob sich die dunkelhutigen Bursche -- von denen die Meisten
aber viel mehr vom Neger als vom Indianer hatten -- ber sie herstrzen
wollten, so wie toll geberdeten sie sich, und dabei schwenkten sie ihre
Lanzen und Sbel und schossen sogar einige Gewehre in die Luft ab. Niemand
wute freilich, ob das nur geschah, um sich selber Muth zu machen, oder
um die kecken Fremden einzuschchtern. An das Boot wagte sich aber Keiner,
denn die beiden Matrosen, die scharfgeschliffenen Wallfischlanzen in der
Hand, standen noch immer regungslos, aber drohend genug im Bug desselben,
whrend ihr finster dreinblickendes Gesicht der Waffe berdie noch
Nachdruck gab.

Endlich schttelte Bill den Kopf und sich halb zur Seite wendend sagte er:
Hat nun schon Jemand im Leben einen solchen Haufen verrckter Kerle auf
einem Platz beisammen gesehen? Verdammt will ich sein, wenn sie selber
wissen, was sie wollen, und ich glaube, sie sind nur hier herunter
gekommen, um sich einmal ordentlich schreien zu hren.

Der Bootssteuerer hatte sich indessen aufgerichtet, um irgendwo zwischen
den Versammelten einen Menschen zu entdecken, der so aussehe, als ob er
ihre Sprache reden knnte, denn eine Verstndigung mute erst erfolgen, ehe
sie das Land betreten durften. Da war aber auch nicht Einer von Allen,
der eine anstndig weie Hautfarbe gehabt htte, und Alle trugen krauses,
rabenschwarzes Haar und entweder Panamahte oder Soldatenmtzen.

Das Hin- und Herlaufen der Leute am Ufer schien aber doch einen bestimmten
Zweck gehabt zu haben, denn aus der inneren Stadt heraus -- oder wenigstens
die Strae herab, in die sie hinein sehen konnten, kamen ein paar Officiere
in Begleitung eines kleinen, sehr geschftigen Mannes, der wenigstens volle
Mhe hatte, mit seinen kurzen Beinen ebenso rasch ber den weichen Boden
fortzukommen, als seine weit lngeren und dazu besser eingerichteten
Begleiter.

Jetzt endlich legte sich der Lrm etwas, und Bill, der wohl merkte, da
die Neuankommenden eine Entscheidung herbeifhren wrden, hob seine Lanze,
stellte sie neben sich in's Boot und sttzte sich mit dem rechten Arm
daran, whrend er die Nahenden erwartete.

Wie sich auch bald herausstellte, war jener kleine Mann gerade der
Dolmetsch -- ein geborner Neugranadienser zwar, aber auch der Einzige in
der ganzen Stadt, der etwas Englisch sprach -- sich wenigstens mit den
Fremden verstndigen konnte.

Bob wurde indessen von den Matrosen, da er schon einmal an dieser Kste
gewesen und dehalb auch vielleicht in etwas deren Sitten kannte, zum
Sprecher gewhlt, und nach einigem Hin- und Herschreien am Ufer, aus dem
sie natrlich nicht klug wurden, schien man doch endlich wenigstens zu
einem Resultat zu kommen.

Der Dolmetsch war eine kleine dicke, kugelrunde Gestalt, der schon seines
Fettes wegen entsetzlich schwitzte, und auch wohl in der Aufregung ein
wenig gelaufen war; er kam wenigstens wie gebadet am Ufer an und frug
hier, whrend er sich fortwhrend die Stirn, den Nacken und die Handknchel
abwischte, in etwas mrrischem Ton und einem schauderhaften Englisch die
Matrosen, wo sie herkmen und was sie hier wollten.

Wasser! sagte da Bill lakonisch, =bless your old soul, mate=, wir sind
so verdurstet, da uns die Zunge am Gaumen klebt.

Aber wo Sie her kmen?

Bob nahm hier das Wort und erzhlte dem kleinen Mann, whrend die Soldaten
neugierig herbeidrngten, mit kurzen Worten ihre Leidensgeschichte -- da
sie nmlich ihr Schiff im Nebel an der Kste verloren htten und dann an
das Ufer angelaufen wren, um nicht in See drauen zu verschmachten. Wo sie
sich hier befnden, wten sie nicht einmal, eben so wenig wie der Platz
hiee. Sie wren friedliche Seeleute und bten nur um einen Trunk Wasser.

Der Kleine wandte sich jetzt gegen die Uebrigen und theilte ihnen
das Gehrte mit, wobei eine lebhafte Unterhaltung entstand, denn
augenscheinlich hatte man sie Anfangs fr etwas ganz anderes gehalten als
verschlagene Matrosen -- ja man schien ihnen selbst jetzt noch nicht einmal
recht zu glauben, und wieder frug sie der Dolmetscher, wie ihr Schiff hie
und wo es wre. Jetzt aber ri Bill die Geduld und mit trotziger Stimme
rief er aus: Ei zum Wetter auch, Mate, wenn wir wten, wo es wre, sen
wir nicht hier, und glaubt Ihr, da Leute, die am Verschmachten sind,
sich hier herstellen und eine Stunde lang Eure albernen Fragen beantworten
sollen? Hat Keiner von Euch einen Schluck zu trinken bei der Hand?

=Si, Si, Seor, Si!= sagte der kleine Dolmetscher jetzt geschftig,
=Caramba=, daran habe ich gar nicht gedacht -- arme Teufel haben Durst,
und er rief dabei etwas auf Spanisch den Umstehenden zu, von denen Einige
geschftig fortgingen, um Wasser und Frchte herbeizuholen. Bob brigens,
der wohl sah, da sie jetzt nichts mehr fr ihre Sicherheit zu frchten
hatten, da die Soldaten sich gar nicht weiter um sie bekmmerten, und nur
die Frauen und Kinder herbeidrngten, um sie neugierig zu betrachten, rief
Bill zu, seine Lanze in's Boot zu legen. Ein Paar sollten dann als Wache
darin zurckbleiben und er selber wollte hinauf in die Stadt gehen, um zu
sehen, was sich thun liee und ob nicht doch irgend ein Landsmann, oder
wenigstens ein Englnder aufzutreiben wre, mit dem sie sich besser
verstndigen knnten.

O, Seor, redete da der Bootssteuerer den kleinen Dolmetscher an; wie
heit denn der Ort hier eigentlich?

Die Stadt! rief dieser erstaunt; =Caramba, Seor=, wissen Sie nicht, da
Sie hier in Buenaventura sind?

Buenaventura, hm? brummte Bill, jetzt sind wir so gescheidt wie vorher,
und wo liegt das?

Wo das liegt? -- Hier, sagte der Dicke.

Holzkopf, brummte Bill vor sich hin; der Bootssteuerer, der aber etwas
mehr geographische Kenntnisse hatte und doch wenigstens die ungefhre Hhe
wute, in welcher sie sich auf der Knote befanden, frug noch einmal: Und
sind wir da auf Ecuadorischem oder Neugranadiensischem Gebiet?

Ecuador? rief aber der Kleine mehr entrstet als erstaunt. =Caracho,
amigo=, Ecuador wird bald in Neugranada liegen, aber nicht Neugranada in
Ecuador. Sobald wir hier im Lande fertig sind, gehen wir hinber und nehmen
uns so viel von Ecuador, wie wir brauchen -- aber da kommt Wasser. Nun
trinkt, Ihr Leute, wenn Ihr so durstig seid.

In der That kamen in dem Augenblick eine Anzahl von Frauen, Negerinnen und
Indianerinnen, oder wenigstens Mischlingsrace -- braune, nicht unschne
Frauen in sehr leichter Kleidung zum Ufer herunter, und whrend Einige
Calebassen mit Trinkwasser trugen, brachten Andere kleine Krbe mit
Frchten, Orangen, besonders Bananen, Papayas und sonstige Erzeugnisse
des reichen Landes. Die Seeleute sprangen auch mit Jubelruf aus ihrem
Boot hinaus und Bill, der eine der Calebassen erfat hatte, hob sie an die
Lippen und leerte sie fast auf einen einzigen, mchtigen Zug.

Das schmeckte -- wenn auch das Wasser eben nicht besonders war -- aber nur
der, der sich einmal tagelang auf offener See in einem Boot herumgetrieben,
oder in drrer Sandwste fast verschmachtet ist, wei, was so ein Trunk
Wasser zu bedeuten hat, und wie das durch alle Adern rieselt und zuckt und
ordentlich neues Leben in den Krper giet. Bill hatte auch -- whrend
die Uebrigen just gierig ber das gebotene Labsal herfielen -- eben nur
abgesetzt und sich den Mund mit dem Aermel gewischt, als pltzlich eine der
Frauen, ein bildhbsches, junges Weib, lichtbraun von Farbe zwar, aber mit
vollen und ppigen Gliederformen und doch dabei so zart gebaut, auf ihn
zusprang, seine Schulter mit ihrer Hand erfate, ihn etwas zurckschob,
und als er sie erstaunt ansah, mit zitternder aber lauter Stimme rief:
=Guillelmo! o querido!= war es recht, da Du mich so lange verlassen
hast? -- und ehe sich Bill von seinem Erstaunen erholen oder nur ein Wort
sagen konnte, um das Miverstndni aufzuklren, warf sie sich an seinen
Hals, umschlang ihn strmisch und kte ihn wieder und wieder.

=I'll be damned=, sagte Bill ganz verdutzt, whrend Tom und die brigen
Matrosen laut herausplatzten vor Lachen. Eine Weile mute er sich auch die
Liebkosungen der noch jungen und ganz hbschen Frau gefallen lassen, weil
er sie doch nicht mit Gewalt von sich stoen wollte; endlich aber, wie
er nur einigermaen Luft bekam und fhlte, da sie etwas in ihrer fast
krampfhaften Umarmung nachlie, nahm er ihren einen Arm herunter und sagte,
sich in aller Verzweiflung an den noch neben ihnen stehenden Dolmetsch
wendend: =Now you Sir=, kommen Sie einmal her und sagen Sie der Frau, da
sie unter einem ganz verkehrten Baume bellt.

Da sie was? sagte der kleine Neugranadienser erstaunt, da er die
Redensart weder begriff noch verstand.

Ich bin gar nicht ihr Mann, schrie jetzt Bill, der vielleicht glaubte, er
hre nur schwer; ich kenne sie gar nicht, heie auch nicht Jelmo oder wie
sie sagt, und bin berhaupt in meinem Leben noch nicht in der Nachbarschaft
hier gewesen. Nun komm', Schatz, und nimm sie mir einmal vom Halse.

Die Frau hatte ihn noch immer nicht losgelassen, wie aber der Dolmetsch ihr
den Sinn der Worte erklrte, die der Weie gesprochen, fuhr sie erschreckt
zurck, sah ihn mit wild verstrten Blicken an und rief: Was sagt er? --
er will mich nicht mehr kennen -- dann verlugnet er wohl auch sein Kind?
-- O, Guillelmo, habe ich das um Dich verdient?

Bill verstand die Worte nicht, aber die Bewegung der Frau verrieth nur
zu deutlich den Sinn derselben -- kaum aber hatte der Dolmetsch das
Kind erwhnt, whrend in diesem Augenblick auch eine Negerfrau mit einem
prchtigen, couleurten Jungen von vielleicht acht Monaten auf dem Arm
herbeisprang, als die brigen Matrosen in ein wahrhaft diabolisches
Gelchter ausbrachen, und Tom, der gerade eine Apfelsine geschlt hatte und
in die saftige Frucht hineinbi, da ihm der Saft an beiden Seiten in
den Bart lief, rief lachend aus: =Avast Bill, old fellow=, glcklicher
Familienvater, und was fr eine hbsche gelbe Puppe. -- Wer htte das in
ihm gesucht?

=Ah picaro!= sagte da der kleine Dolmetsch, indem er Bill mit dem
ausgestreckten Zeigefinger an die Schulter stie, thut so, als ob er kein
Spanisch verstnde und will seine eigene Frau nicht einmal kennen. Schelm
-- aber ist nicht hbsch, setzte er kopfschttelnd hinzu, gar nicht
hbsch.

Aber ich bin ja in meinem ganzen Leben noch nicht an dieser Kste
gewesen, rief Bill in Verzweiflung, whrend die junge Frau das Kind seiner
Wrterin abnahm und ihm mit einem bittenden Blick entgegen hielt; verdammt
noch einmal, wenn man doch nun gar nicht verheirathet ist und soll dann auf
einen Zug eine braune Frau und ein gelbes Kind kriegen.

=Picaro, Picaro!= schttelte aber der kleine Neugranadienser noch einmal,
nachdem er ein paar Worte mit der Frau gesprochen: Wie heit Ihr?

Bill, sagte der Matrose trocken, oder William, wenn das deutlicher ist.

Gut -- gut! nickte der Kleine, stimmt! -- William ist Guillelmo. -- Wo
kommt Ihr her?

Von einem Wallfischfnger, der noch irgendwo in See herumschwimmt -- der
Teufel wei, oder kmmert sich darum, wo.

Stimmt auffallend, wiederholte aber der Neugranadienser, und
ist vollkommen richtig -- auch dieser Seora Mann stammt aus einem
Wallfischfnger, und wir knnen natrlich nicht wissen, Seor, was Euch
frher bewogen hat, auszukneifen, so viel aber ist sicher: das Meer hat
Euch wieder zurck in die Arme Eurer Frau geworfen, und unsere Gesetze sind
darin viel zu streng und gewissenhaft, um einen Mann nicht zu verpflichten,
auch fr Weib und Kind zu sorgen. Nehmt also Euer Weib an den Arm, Freund,
und geht ruhig mit ihr nach Hause; es ist das Beste, was ich Euch rathen
kann.

Verdammt will ich sein, wenn ich's thue, rief aber auch Bill jetzt, der
ebenfalls rgerlich wurde; was zum Henker schiert mich denn die Person?
Ich habe mit dem braunen Frauenzimmer nichts zu thun und kann berhaupt
gelbe Kinder nicht leiden.

Aber Bill, sagte da Bob, dem die Sache ungeheuren Spa zu machen schien,
das ist nicht hbsch von Dir, da Du Deine Frau verlugnest -- pfui,
schme Dich.

O, geh' zu Gras, brummte Bill, der Neugranadienser aber rief: Seht Ihr
wohl? Eure eigenen Kameraden finden das schlecht, Seor. Wenn Ihr aber auch
ein Fremder seid, sobald Ihr Euch in Neugranada verheirathet, steht Ihr
unter unseren Gesetzen, und da diese mit leichtfertigem Volk nicht spaen,
davon, dchte ich, htten wir gestern ein Beispiel gehabt, wo hier
in Buenaventura drei Mosqueraner erschossen wurden. Die Stadt ist in
Belagerungszustand erklrt, und viel Umstnde werden eben nicht gemacht.

Noch whrend er sprach, hatte sich eine Menge Frauen jeder Farbe um das
junge Weib gesammelt und mit Theilnahme ihren Bericht angehrt, da sie
hier unter den Fremden ihren verloren gegangenen Mann wiedergefunden habe,
der sie aber jetzt verleugne und nichts von ihr wissen wolle. Frauen nehmen
unter solchen Umstnden natrlich augenblicklich Partei, und es gibt Dinge,
in welchen das schwache Geschlecht besonders stark ist.

Was? schrieen ein paar Negerfrauen, so ein schlechter Kerl will nichts
von seiner Frau wissen -- und mit solch' einer Puppe von einem Kind, und
thut auch noch, als ob er sie nicht einmal kennte? Ah, so ein Rabenvater!
so ein Scheusal!

Die Aufregung wuchs unter den Bewohnern; auerdem strmten immer
mehr Soldaten hinzu, und das Ganze fing schon an den Charakter eines
Volksaufstandes zu tragen, der fr die Fremden die schlimmsten Folgen nach
sich ziehen konnte. Der Bootssteuerer, der einmal in Panama ein paar Monate
=becalmed=[1] gelegen und den hitzigen, jhzornigen Charakter des Volkes
kannte, hatte bis jetzt kein Wort darein gesprochen. Nun aber schien es ihm
doch Zeit, sich in's Mittel zu legen, und Bill's Arm ergreifend sagte er
rasch und leise: Kennt Ihr die Frau wirklich nicht, Mate?

  [1]: =Becalmed=, wenn ein Schiff wegen Windstille nicht segeln kann.

Verdammt will ich sein, wenn ich sie je mit Augen gesehen habe! rief der
Matrose -- ich war ja in meinem ganzen Leben nicht in Sdamerika, auer
einmal acht Tage in Rio de Janeiro.

Dann ist es ein Miverstndni, das sich lsen wird, fuhr der Seemann
fort, jetzt aber macht keine Umstnde -- nehmt die Frau am Arm und geht
mit ihr nach Hause; es wird sich Alles finden.

Na, das nehme mir aber Keiner bel, rief Bill erstaunt aus. Ich soll
hier Familienvater spielen -- und das mit dem gelben Balg--

Es hilft Euch nichts, Kamerad, lachte aber der Bootssteuerer. Wret Ihr
an Bord der Martha's-vine-yard geblieben, so httet Ihr jetzt keine Frau.

Die Bewegungen der Umstehenden wurden inde immer drohender. Bill warf
einen trotzigen Blick nach seinem Boot hinunter und schien nicht bel Lust
zu haben, dort hinein zu springen und eine der Lanzen aufzugreifen; aber
von denen waren sie schon abgeschnitten, denn eine Masse Volkes hatte
sich zwischen sie und das Boot gedrngt, und wohin er auch den Blick warf,
starrten ihm wilde, drohende Blicke entgegen. Den brigen Matrosen wurde
selber nicht wohl bei der Sache; was htten sie auch, unbewaffnet wie sie
waren, und auerdem erschpft und abgemattet, gegen den Menschenschwarm
ausrichten wollen! Selbst Bob redete jetzt dem Kameraden zu, sich in das
Unvermeidliche zu fgen, und als sich die Frau, in der Angst, da sie dem
Mann etwas zu Leid thun knnten, jetzt noch einmal an seine Brust warf und
ihn dringend bat, mit ihr zu kommen, rief er in komischer Verzweiflung aus:

=Well=, ob das nicht zu toll ist -- aber meinetwegen denn, Jungens, wenn's
nicht anders sein kann. So komm', Alte, und vergi auch den saffranfarbenen
Jungen nicht -- es ist nur wegen der Couleur, und eigentlich gefiele er mir
noch besser, wenn er grn wre--. Damit nahm er den Arm der Frau in
den seinen, und whrend ein Theil der Weiber noch ber ihn schimpfte, ein
anderer aber ihn lobte, da er seinen Fehler eingesehen, zog Bill, von
einer Schaar halb und ganz nackter Jungen gefolgt, seine neue Frau am Arm
in die Stadt hinein.

=Hell!= sagte Tom, als er mit ihr wegging, und sein Gesicht verzog sich
zu einem breiten Grinsen. Das ist doch rein zum Todtschieen -- und er
kennt sie gar nicht?

I Gott bewahre! lachte Bob -- das Kind ist hchstens acht oder neun
Monat alt, und seit drei Jahren fahre ich jetzt mit Bill zusammen. Ehe
wir auf die Martha's-vine-yard gingen, waren wir Beide auf einem Newyorker
Packetschiff, das zwischen dort und Southampton fuhr, und ich wei genau,
da dies seine erste Fahrt in die Sdsee ist.

Wunderbar! sagte Tom noch einmal, voller Erstaunen, wie geschwind ein
Mensch zu einer Frau kommen kann, und noch dazu gleich zu einer braunen.

Es blieb ihnen aber nicht mehr viel Zeit zu weiteren Betrachtungen, denn
sobald sich die Menschenmenge berzeugt hatte, da der Frau ihr Recht
geschehen war, bekmmerte man sich auch um die brige Mannschaft, die
hungrig und durstig an ihre Kste gekommen war. Das gutmthige Volk wollte
sie jetzt erquicken, und man forderte sie nun von allen Seiten auf, mit
in die Stadt zu kommen und zu essen und zu trinken. Bob aber wie der
Bootssteuerer wollten das nicht eher thun, als bis sie auch ihr Boot, oder
wenigstens was darin lag, gesichert hatten, denn Ruder wie Segel sind immer
verfhrerische Dinge zum Stehlen, die man nicht ber Nacht frei durfte
drauen liegen lassen. Oben an der Landspitze sahen sie aber ein Wachtlokal
der Soldaten, und ohne weiter Jemanden um Erlaubni zu fragen, stiegen sie
in ihr Boot, nahmen Ruder, Dollen und Segel heraus, zogen das Boot dann
hoch auf den Strand hinauf und trugen das Gerth nun mit dem Uebrigen die
Uferbank hinauf und in die Wacht hinein. Dort stellten sie es ein und waren
nun bereit, ihren gastlichen Wirthen zu folgen, wohin man sie eben fhren
wrde.




Viertes Kapitel.

Bill zu Hause.


Indessen hatte sich aber auch der Himmel dicht umwlkt und der tgliche
Regen fing an einzusetzen, der in einem soliden Schauer -- da man gar
keine Tropfen sah und nur feste Wasserschnre zur Erde hingen -- von oben
niederschttete. Die Strae selber bestand auch eigentlich nur aus
weichem Schlamm, in dem sich die Eingebornen -- wie die Krabben in ihren
Manglarensmpfen -- mit ihren bloen Beinen ganz behaglich herumbewegten
und darin zu Hause zu sein schienen; aber die Fremden bemerkten auch, da
selbst die Gebude einem solchen Klima entsprechend aufgerichtet waren.
Es sah aus, als ob die ganze Stadt in dem furchtbaren Morast auf Stelzen
herumging, denn alle Huser standen auf langen dnnen Pfhlen und besaen
natrlich nur eine Etage, zu welcher dann eine schmale Leiter oder auch
wohl nur ein rechts und links eingekerbter und angelehnter Baumstamm
hinauffhrte. Uebrigens wimmelte es in dem ganzen kleinen Ort von Soldaten
oder wenigstens Bewaffneten, und da ihr Dolmetsch sie jetzt in seine
eigene Wohnung fhrte, um sie dort, wenigstens fr die erste Nacht,
unterzubringen, erkundigte sich der Bootssteuerer nach der Ursache solch'
kriegerischer Bewegung, die ihm auch mit wenigen Worten gegeben wurde.

Das Land war in Aufruhr -- wie sich das eigentlich von selbst verstand,
denn Neugranada, vor allen sdamerikanischen Republiken, scheint die
Revolution in Permanenz erklrt zu haben. Der Staat ist auerordentlich
ausgedehnt, mit fast keinen Verbindungswegen im Innern, da die ewigen Regen
den Boden stets aufgeweicht halten; dadurch scheiden sich die Interessen
der Kstenstdte und des innern Landes auf das Schrfste ab, so da der
eine Theil stets Ursache zur Unzufriedenheit behlt, sobald man sie unter
_ein_ Gesetz bringen will. Hat aber wirklich ein General oder Prsident
einmal ber die feindliche Partei gesiegt und das Land, wie er glaubt,
erobert, und sich eben in einer groen Stadt festgesetzt, so bricht an
einem andern Punkt sicher wieder eine neue Revolution los, und der Tanz
beginnt von Frischem.

Diemal hatte Mosquera, whrend er im Innern die Hauptstadt Bogota
eroberte, durch ein paar kleine, zu Kriegsschiffen umgewandelte
Kstenschooner die am Meeresstrand gelegenen Hauptpltze Neugranadas,
Buenaventura und Tumaco besetzen lassen, und die Fahrzeuge waren dann
wieder in See gegangen -- angeblich um Panama zu nehmen; in Buenaventura
wute man wenigstens nichts Weiteres darber. Sobald sich aber die
Schiffe entfernt hatten, brachen die Godos oder Adlingen, die Gegenpartei
Mosquera's, in einer starken Guerillabande aus dem Innern vor, besetzten
Buenaventura, fsilirten eine Anzahl der obersten Beamten Mosquera's und
brachten zugleich wieder einen Schwarm von Jesuiten in die Stadt, denen
Mosquera das Land verboten hatte.

So standen die Sachen jetzt; die Godos waren Herren in Buenaventura, und
als man heute das Boot anrudern sah, hatte sich das Gercht verbreitet,
Mosquera's Schiffe kehrten zurck. Man hielt es ja nur fr einen Vorlufer
der Flotte und frchtete natrlich, in einen neuen Kampf verwickelt oder
vielmehr zu einer neuen Uebergabe gezwungen zu werden, denn Kmpfe hatten
eigentlich noch gar nicht stattgefunden, da die Bewohner von Buenaventura
mit ihren schilfgedeckten Husern weder eine Beschieung noch einen Sturm
gegen solch' gefhrliches Material abwarten durften.

Ueberhaupt herrschte eine groe Unruhe in der Stadt, denn in diesen Zeiten,
wo die Sieger oft in einem Monat zwei- oder dreimal wechselten, war Niemand
seines Eigenthums, ja seines Lebens sicher, und gern htten die friedlichen
Bewohner der kleinen Stadt Mosquera oder Herran oder irgendwen -- es blieb
sich ja vollkommen gleich -- zum Prsidenten angenommen, wenn damit nur
Frieden und Ruhe gewesen wre. Aber Gott bewahre -- was half es ihnen, da
sie dem einrckenden Sieger freundlich entgegenkamen, und weiter nichts von
ihm verlangten als Schonung der Stadt? Von der Gegenpartei wurde ihnen das
als Verrath und Treubruch ausgelegt, und wenn sie sich wieder oben wute,
hielt sie sich auch in ihrem vollen Recht, Vergeltung zu ben, das heit zu
brandschatzen und zu plndern, ja sogar Einzelne erschieen zu lassen oder
in's Gefngni zu werfen.

Die Sdamerikaner sind nun, was Revolutionen anbetrifft, ein
auerordentlich langmthiges Volk und eigentlich auch an Revolutionen so
gewhnt, da sie dieselben als vollkommen natrliche Ereignisse betrachten.
Diesmal aber wurde den Neu-Granadiensern die Sache doch zu arg, denn das
Kriegsglck zwischen den beiden Parteien hatte zu oft herber und hinber
geschwankt, und da Mosquera sich besonders ihre Sympathie gewonnen,
so neigten sie schon im Innern weit mehr zu der sonst nicht eben sehr
beliebten Militairherrschaft des alten tapfern Generals hinber. Trotzdem
muten sie sich aber, wenigstens fr die nchste Zeit, den Umstnden beugen
und gegen die gerade siegreichen Godos freundlich sein, wenn sie sich nicht
deren Rache und Uebermuth aussetzen wollten.

Die Ankunft der fremden Matrosen war brigens dem gerade bestehenden
Regiment nicht unangenehm, denn fnf krftige Fremde, die besonders gut mit
Schiewaffen umzugehen wuten -- wie man das von Europern oder Amerikanern
immer voraussetzt -- konnten ihnen in einem vielleicht bald wieder
bevorstehenden Kampf von grtem Nutzen sein, besonders wenn je wieder
einer der kleinen Schooner ansegeln und die Stadt bedrohen sollte. Deshalb
zeigten sich die Behrden auch freundlich gegen sie, und Don Manuel, wie
ihr kleiner Dolmetsch genannt wurde, war angewiesen worden, ihnen reichlich
Speise und Trank zu geben und ein Haus zum Schlafen anzuweisen. Da sie bei
den Godos Dienste nehmen wrden, verstand sich von selbst. Was wollten auch
verschlagene Matrosen, mit keinem Real Geld in der Tasche, ohne Kleidung
und sonstigen Unterhalt anders machen? Sie muten froh sein, wenn sie
gleich einen Platz fanden, auf dem sie sich ihr Brod verdienen konnten.

In einer hchst wunderlichen Position fand sich indessen Bill, der Matrose,
der, wie er glaubte, hier gewissermaen als Opfer fiel, um die Uebrigen
zu retten, und dehalb seine Gatten- und Vaterschaft ruhig mute ber sich
ergehen lassen.

Bill, ein baumstarker Bursche mit ein paar Fusten, mit denen er einen
Ochsen htte knnen zu Boden schlagen, besa brigens bei einer groen
Quantitt Gutmthigkeit, die allen starken Leuten eigen ist, auch eben
genug Humor, um das Komische seiner Lage einzusehen, und schien selber
neugierig zu sein, wie sich das Ganze entwickeln wrde. Wie er vermuthete,
so mute er eine fabelhafte Aehnlichkeit mit jenem Andern haben, der
hier seiner Frau davongelaufen war; das schien ihm wenigstens das einzig
Wahrscheinliche, wenn es auch ein unendlich wunderlicher Zufall blieb,
da er dann gerade an diesen Punkt der Kste geworfen werden mute, um
der verlassenen Frau in den Weg zu rennen -- und nicht einmal verstndigen
konnte er sich mit ihr.

Indessen sah er sich in einem Geleit von einigen zwanzig Frauen, die ihn
alle zu seiner neuen Wohnung begleiten wollten; auch eine Menge Soldaten
und andere Neugierige hatten sich dem Zug angeschlossen, und er fhlte
dabei recht wohl, da er gute Miene zum bsen Spiel machen mute, wenn er
sich nicht lcherlich machen wollte. Lange konnte das Miverstndni ja
doch berdies nicht dauern -- aber seine neue Frau berraschte ihn noch mit
einer frischen Zumuthung. Kaum waren sie nmlich die entsetzlich schlammige
Strae etwa zweihundert Schritt hinabgegangen und zu einer Stelle gekommen,
wo dieselbe um eine Art Hgel bog, als sie ihren Begleiterinnen einige
Worte zurief und ihm dann ohne Weiteres das Kind in den Arm legte.

Dagegen wollte Bill nun allerdings auf das Entschiedenste protestiren, da
war es ihm pltzlich, als ob ihm die Frau leise auf Englisch zuflsterte:
=be silent= (sei ruhig), und ehe er sich von seinem Erstaunen erholen
konnte, hatte er richtig den kleinen gelben Jungen auf dem Arm, whrend die
Eingeborne, ohne sich weiter um ihn zu bekmmern, seitab und in eines der
Huser hineinglitt.

=I'll be damned=, murmelte der Matrose wieder in den Bart und blieb
verdutzt mitten im Schlamm mit seiner kleinen Last stehen. Er sah sich
auch im Kreise um, weil er nicht anders glaubte, er wrde jetzt von den
Umstehenden auf das Schmhlichste ausgelacht werden. Seine Kameraden aber,
bei denen ihm das sicherlich geschehen wre, befanden sich nicht in der
Nhe, und die gegenwrtigen Damen schienen das Alles so in der Ordnung zu
finden, da keine von ihnen auch nur eine Miene verzog. Sie bedeuteten ihn,
nur ruhig fortzugehen, und gaben ihm durch Zeichen zu verstehen, da seine
Frau augenblicklich wiederkommen und ihnen folgen wrde.

=Be silent?= hatte denn die Frau wirklich die Worte gesagt, oder er nur
einen hnlichen Klang der fremden Sprache damit verwechselt? =Be silent?=
die Warnung wollte ihm nicht aus dem Sinn, whrend er, fast ohne zu wissen,
was er hielt, das fremde, ihn erstaunt ansehende Kind im Arm die Strae
entlang ging. Jetzt stockte der Zug. Vier Geistliche in langen schwarzen
Rcken, die sie aber in dem Schlamm hochaufgeschrzt trugen, waren ihnen
begegnet und hatten sich jedenfalls erkundigt, was diese wunderliche
Prozession bedeute. Die Frauen erzhlten denn auch bereitwilligst das
Geschehene, und die frommen Herren nickten dazu hchst bedeutungsvoll mit
den Kpfen. Einer von ihnen richtete auch ein paar Worte an den Matrosen,
fand aber hier wenig Aufmerksamkeit.

=Go to grass!= brummte Bill in den Bart, und ohne Notiz von dem schwarzen
Trupp zu nehmen, verfolgte er seinen Weg, dessen Ziel er gar nicht kannte;
die Frauen holten ihn aber bald wieder ein, und auch das junge Weib,
seine Frau, kam ihnen nachgesprungen und hielt in dem einen Arme ein
paar Flaschen, whrend sie in der andern Hand einen Korb mit allerlei
Gegenstnden trug, die Bill's Herz viel milder gegen sie stimmten. Er
bemerkte da mit einem flchtigen Blick eine Bchse Sardinen, Frchte,
Chokolade mit einem groen Stck Kse, auch feinen Schiffszwieback und
noch mehr andere, in Papier gewickelte Dinge, und da er gerade genug Hunger
hatte, um einem jungen Wolf keine Schande zu machen, lief ihm schon das
Wasser bei der voraussichtlichen guten Mahlzeit im Mund zusammen.

Jetzt schienen sie aber auch das eigentliche Ziel ihrer Wanderung erreicht
zu haben, ein kleines ganz neues Haus am uersten Ende der Stadt, das
ebenso wie die brigen auf neun Pfhlen stand, mit eingekerbtem Baumstamm
als Leiter, und oben so dnn und luftig gebaut wie nur irgend mglich.

Dort hinauf kletterte auch die junge Eingeborne gewandt hinan, whrend Bill
bedenklich unten am Baumstamm stehen blieb, denn mit seiner kleinen Last
und den vom Schlamm schlpfrigen Schuhen getraute er sich, da der Baumstamm
nicht einmal befestigt war, sondern nur locker an dem unteren Balken
lehnte, nicht einmal hinauf. Eine der Frauen nahm ihm aber das Kind ab und
trug es, und etwas langsamer als sie, folgte er ihr jetzt -- immer noch
kopfschttelnd, denn er wute nicht, wie dies Abenteuer enden wrde, und
kam sich auch hchst unbehaglich in dem Geleite all' der Weiber vor.

Uebrigens schien die ganze Gesellschaft, die sie hierher begleitet hatte,
eingeladen zu sein, denn Eine nach der Andern -- wenigstens alle weiblichen
Individuen, folgten auf dem schwanken Steg, ja selbst ein paar von den
Soldaten, neugierige Bursche, die sich da oben doch auch einmal umschauen
wollten, stiegen mit hinan, bis der Raum endlich gedrngt voll Menschen
stand, und Bill in der That schon befrchtete, der leichte Boden von
gespaltenen jungen Palmen wrde die bergroe Last kaum tragen knnen. Das
elastische, wenn auch dnne Holz hielt aber vortrefflich, ob es sich auch
unter dem Gewicht bog, und einige der Frauen beschftigten sich jetzt
damit, ein Feuer auf dem kleinen Herd anzumachen, whrend Andere das Kind
in einer von den Dachbalken niederhngenden Hngematte unterbrachten.

Auch der mnnliche Besuch schien sich ntzlich machen zu wollen, denn
Einige von ihnen kletterten wieder nach unten und kamen bald darauf mit
kleingespaltenem Holz zurck, das sie aber jedenfalls muten irgendwo
gestohlen haben, denn in der unmittelbaren Nhe der Stadt war alles
derartige Brennmaterial schon lange verbraucht. Das Feuer loderte auch bald
lustig empor und ein Topf, um Chokolade darin zu kochen, war angesetzt.

Und wie das schwatzte und schnatterte um ihn her, und Alles in der
unglckseligen Sprache, von der Bill kein Wort verstand. Niemand bekmmerte
sich dabei um ihn, und einmal kam ihm wohl der Gedanke, leise und
vorsichtig die Leiter wieder hinabzusteigen und den ganzen Schwarm sich
selber zu berlassen -- aber was htte es ihm geholfen, sie wrden ihn bald
wieder berholt und zurckgebracht haben, und Gewalt -- wenn er auch
die Kraft in sich fhlte, es mit einem oder ein paar Dutzend dieser
ausgemergelten braunen Bursche aufzunehmen, gegen die ganze Stadt konnte
er ja doch allein nicht ankmpfen, und ein solcher Versuch htte seine Lage
jedenfalls verschlimmert. -- Abwarten -- es blieb ihm nichts Anderes
brig, und mit Aussicht auf eine gute Mahlzeit beschlo er denn auch, dem
Verhngni ruhig die Stirn zu bieten.

Unbehaglich war es ihm freilich mit den vielen Menschen hier oben, von
denen sich nicht einmal einer um ihn bekmmerte. Ja er schien sogar berall
im Wege zu sein und wurde bald da- bald dorthin geschoben, ohne da selbst
seine Frau auf ihn geachtet oder ein weiteres Wort an ihn gerichtet
htte. Was wrde ihm das auch freilich geholfen haben, er verstand sie ja
doch nicht -- und nicht einmal einen Platz zum Sitzen konnte er finden,
denn in der Hngematte lag das kleine gelbe Ding, das sich brigens in all'
dem Lrm und Wirrwarr merkwrdig ruhig verhielt und mit den groen dunklen
Augen nur erstaunt umherblickte. Manchmal wurde es auch gestoen und
schaukelte dann eine Weile hin und her, aber es schrie nicht und schien das
Ende dieses Lrmens ebenso geduldig und resignirt abzuwarten wie der ihm
krzlich zugetheilte Vater Bill.

Endlich -- endlich machte wenigstens ein Theil der zudringlichen Gste
Anstalt zum Gehen. Drauen ertnte ein Trompetensignal, und die Soldaten
sprangen die Leiter hinab um zu sehen, was es da gebe. Auch die Mahlzeit
war so weit vorgerckt, da ein kleiner Tisch gedeckt werden konnte. Jetzt
nahmen auch die Frauen Abschied, erst einzelne, dann mehrere zusammen --
nur eine Negerin, ein groes stmmiges Frauenzimmer von Rabenschwrze,
kauerte noch am Herd und machte keine Miene den Platz zu rumen.

Bill's Frau schien sich aber noch immer nicht um ihn zu kmmern und stand,
whrend die Negerin auf den Herd Achtung gab, oben an ihrer Treppe, um
sich noch mit den unten einen Augenblick verweilenden Damen zu unterhalten,
bis ein pltzlich einsetzender Regenschauer jede solche Unterhaltung
abbrach. Der Besuch mute selber eilen, um unter Dach und Fach zu kommen.

Bill hatte indessen Zeit und Gelegenheit gehabt, die junge Frau nher zu
betrachten, und mute sich gestehen, da es wirklich ein reizendes Wesen
sei. Sie war allerdings braun und mglicher Weise eine reine Indianerin,
obgleich auch Viele der Mischlingsrasse die nmliche Frbung tragen, aber
von zartem und doch vollem Gliederbau, mit langem, weichem, gelocktem,
vollkommen schwarzem Haar und groen dunklen Augen, gerade wie sie das Kind
auch hatte, die von mchtig langen Wimpern berschattet wurden. Sie ging
dabei sehr einfach, ja fast rmlich in ein dunkles, an vielen Stellen
schon zerrissenes Kattunrckchen gekleidet, und doch bewegte sie sich
in demselben mit Anstand, und Bill selber war erstaunt ber das fast
wrdevolle Benehmen, mit dem sie ihre zudringlichen Besuche verabschiedete.

Jetzt wandte sie sich zu ihm, und der sonst so kecke und zuversichtliche
Matrose gerieth wirklich in Verlegenheit, wie er sich gegen die junge Frau
benehmen solle, die er da drunten am Strand nichts weniger als freundlich
angelassen hatte -- und dann die zwei englischen Worte, die sie ihm
zugeflstert. Sie selber schien aber nicht zuversichtlicher als er, denn
noch an der Schwelle blieb sie stehen und warf wie scheu den Blick zurck
und umher in dem jetzt leeren Raum, als ob sie sich erst noch einmal
berzeugen wolle, da sie wirklich allein seien. Erst jetzt ging sie
auf den Matrosen zu und ihm die Hand entgegenstreckend sagte sie mit
vor innerer Bewegung gepreter Stimme, aber in vollkommen gutem, reinem
Englisch: Was mt Ihr von mir denken, Fremder, da ich Euch auf solche
Weise in mein Haus gefhrt?

=I'll be= -- Bill verschluckte das rauhe Wort, das ihm, alter Gewohnheit
nach, unwillkrlich herausschlpfte, denn er war wirklich berrascht.
Erstlich erstaunte er ber das fertige Englisch, das die braune Frau
sprach, und dann wre es ihm vielleicht nicht einmal so unangenehm gewesen,
wenn sie ihn jetzt noch etwas lnger als ihren Mann behandelt htte.
Fast ohne da er es selber wute, flog auch sein Blick nach der am Herd
kauernden Negerin hinber; die junge Frau aber, der das nicht entging,
sagte rasch:

Wir haben nichts zu frchten -- Sarah ist eine treue Freundin und
versteht, was wir sprechen. Aber vor Allem bin ich Euch eine Erklrung ber
mein wunderliches Verhalten schuldig, und die will ich so kurz fassen,
wie nur irgend mglich -- Setzt Euch -- Ihr werdet von Eurer langen Fahrt
hungrig und ermattet sein, und darin wenigstens kann ich Euch helfen --
Sarah, la uns das Essen haben, wenn es fertig ist -- Setzt Euch, Freund!

Bill sah sich etwas verlegen in dem Haus um -- es war keine Spur von irgend
einem Stuhl zu entdecken, und der gedeckte Tisch, der mitten im Haus stand,
hchstens einen Fu hoch vom Boden. Die junge Frau aber lie sich ohne
Weiteres daneben auf einer kleinen Matte nieder, und der Seemann, mehr um
nicht unhflich zu sein, als weil es ihm etwa bequem gewesen wre, folgte
ihrem Beispiel.

Aber, Madame, sagte er dabei, indem er sie selber verlegen halb
lchelnd von der Seite ansah, haben Sie mich denn wirklich fr Ihren Mann
gehalten?

Ueber die lieben Zge der jungen Frau flog ein leises, wehmthiges Lcheln,
als sie erwiederte: Wenn Sie meinen Gatten kennten, wrden Sie das nicht
fr mglich halten, denn er ist viel kleiner wie Sie und hat rabenschwarze
Haare und dunkle Augen.

Ja, aber da -- nehmen Sie es mir doch nicht bel--

Ah bitte, hren Sie mich erst an, bat die Frau, Sie sollen ja Alles
wissen, Alles erfahren und werden mir dann gewi nicht bse sein.

O, sagte Bill gutmthig schmunzelnd, ich -- ich bin gar nicht bse und
-- wenn es nicht anders sein knnte--

Ich wei nicht, unterbrach ihn aber die Frau, ob Sie die traurigen
Verhltnisse unseres Landes kennen. Der Brgerkrieg wthet auf das
Furchtbarste darin, Revolution folgt auf Revolution, und whrend ehrgeizige
Menschen unaufhrlich die Leidenschaft des Volkes aufstacheln, fliet
unschuldiges Blut in Strmen, und brave, ruhige Menschen werden unglcklich
und elend gemacht.

Eine schne Wirthschaft scheint hier zu sein, nickte Bill, die Erzhlung
interessirte ihn aber doch nicht so sehr, als da er nicht auch zugleich
einen verlangenden Blick nach dem Herd hinber geworfen htte, und die
junge Frau, die es bemerkte, sagte rasch: Wie ist es mit dem Essen, Sarah,
unser Gast ist hungrig.

Es ist fertig, erwiederte die Negerin, wir knnen anfangen.

Wenn Sie denn nichts dagegen haben, meinte Bill, indem er aufstand, so
darf ich mir wohl den Tisch ein Bischen an die Wand rcken, ich breche mir
sonst hier das Kreuz mit Krummsitzen ab -- so, fuhr er fort, indem ihm die
Frau rasch willfahrte und er den kleinen Tisch hinberhob und sich wieder
daneben niederlie, jetzt geht es schon ein ganz Theil besser, wenn man
sich anlehnen kann -- die Wand wird sich doch nicht hinausdrcken? -- Die
elastische Wand hielt aber, und da die Negerin jetzt auch das Essen: Reis
mit darin gekochtem Wildpret, Sardinen, Brod, Frchte und Kse auf den
Tisch setzte, und die Flasche Wein mit einem Glas dazu stellte, lie sich
Bill nicht lange nthigen und griff wacker zu.

Die Frau indessen, die, wie es schien, nur aus Artigkeit ein paar Bissen
verzehrte, was aber an dem Matrosen spurlos vorberging, fuhr leise fort:
Wir sind in der That hier recht unglcklich in Neu-Granada, und nur die
Hoffnung, da Mosquera, der schon fast an allen Punkten siegreich gewesen
ist, endlich diesem Treiben ein Ende machen wrde, hatte uns bis jetzt noch
aufrecht erhalten. Wir lebten auch in einem kleinen Stdtchen, Karthago
genannt, und oben in den Kordilleren so zurckgezogen und entfernt von dem
eigentlichen Kriegsschauplatz, da wir wenig von den steten Unruhen hrten.
Mein Mann, ein geborner Venezuele, war Alkalde im Ort und mit der Mehrzahl
der Bevlkerung Mosquera ergeben, der nur ein einziges Mal mit seinen
Truppen durchzog und von uns auf das Freundlichste empfangen wurde. Da
pltzlich, als er sich eben nach Bogota gewandt, um dort den Herd der
Rebellion zu ersticken, brach eine starke Guerillabande der Godos aus den
Bergen nieder, berfiel Karthago, plnderte und brandschatzte die Stadt,
beging auerdem eine Menge Grausamkeiten und schleppte einen Theil der
unglcklichen Beamten, unter ihnen meinen Gatten, mit sich fort und hier
an der Kste hinunter, wo sie Buenaventura in gleicher Weise berfielen und
besetzten.

Zufllig war ich selber gerade an dem Tag, an welchem Karthago genommen
wurde, bei Freunden auf dem Lande. Denken Sie sich mein Entsetzen, als ich
zurckkehre und unsere Heimath verwstet und Leichen berall umher gestreut
finde. Es war ein schwacher Trost zu hren, da mein Gatte nur gefangen
sei, denn mit unmenschlicher Grausamkeit hatten sie die Gefangenen
behandelt. In rohe Hute genht -- um den Zurckbleibenden Entsetzen
einzuflen -- waren sie aus der Stadt hinausgeschleift worden. Ob sie noch
lebten, wer konnte es sagen, und in Todesangst um den Geliebten folgte ich
den Spuren der Mrder. Welche furchtbare Zeit ich damals durchlebt, ich
knnte es nicht schildern, und will auch Ihre Geduld nicht ermden, aber
von Niemanden gekannt, erreichte ich Buenaventura und fand hier nur eine
Freundin -- meine alte Sarah dort, die frher in dem Haus meiner Eltern
gewesen. Mit ihrer Hlfe erfuhr ich auch -- whrend mein Name streng
geheim gehalten wurde -- da mein Gatte noch lebe, aber fest im Kerker und
geschlossen liege, und die Ruber unter sich nur noch nicht einig seien,
ob sie ihn wie Andere, die man mit den Waffen in der Hand ergriffen,
erschieen wollten, oder ob er langsam in seinem Kerker verderben solle.

Hm, brummte Bill, dem die Erzhlung hchst wunderbar vorkam, whrend er
aber noch immer nicht begriff, was fr eine Ursache die junge Frau gehabt
haben konnte, ihn vor allen Andern als ihren Mann herauszugreifen und
mitzuschleppen. Das scheint ja recht hbsch hier zuzugehen. Und giebt es
denn da gar keine Obrigkeit?

Du lieber Gott, sagte die junge Frau, die Behrden haben keinen eigenen
Willen, und wo die Godos herrschen, setzen sie auch ihre eigenen Beamten
ein. Es sind lauter Verrther an ihrem Vaterland, und welche Rcksicht
wrden sie auf ein armes, schwaches Weib nehmen!

Ja aber-- sagte Bill, der jetzt fertig gegessen und getrunken hatte
und sich in einer viel wohlwollenderen Stimmung fhlte. Er empfand mit dem
Unglck der bildhbschen jungen Frau ihm gegenber wirkliches Mitleid, wenn
er auch nicht recht begriff, wie und auf welche Art er ihr helfen knne
-- das ist soweit recht gut -- oder eigentlich wollte ich sagen recht
niedertrchtig, denn das mu ein schnes Gesindel sein, das mit Morden und
Rauben im Lande herumzieht; aber was um Gotteswillen kann ich dabei thun?
Ja, wenn wir ein amerikanisches Kriegsschiff hier htten, so liee sich
noch eher ein Wort darber reden, aber wir paar Matrosen, was wollen
wir gegen die ganze, mit Musketen und Lanzen bewaffnete Bande anfangen?
Hinausjagen knnen wir sie doch nicht, und sie schssen uns einfach vor den
Kopf.

Und doch stehen den Fremden so viel Mittel zu Gebot, die uns vielleicht
helfen knnen, sagte die junge Frau mit angstbewegter Stimme. -- Ach,
als ich Euch an unserer Kste landen sah und dabei wute, wie ich hier, in
meinem eigenen Vaterlande, keinen einzigen Freund, keinen Beschtzer hatte,
der es wagen wrde, sich der Armen, Verlassenen anzunehmen, da war es mir,
als ob Gott selber Euch zu meiner Hlfe gesandt, und nicht im Stande, den
Fremden zu nahen, ohne Verdacht zu erregen, griff ich zu dem vielleicht
unweiblich scheinenden, aber auch verzweifelten Mittel, Eure Hlfe zu
erbitten. Darin wute ich, da mir die Neu-Granadienser beistehen wrden,
denn es ist schon oft vorgekommen, da Fremde an dieser Kste ein
Weib genommen und sie dann verlassen haben, um in ihre eigene Heimath
zurckzukehren, und nur so konnte ich unverdchtigt mit Euch Verkehr
unterhalten und die Mittel bereden, meinen Gatten und Alle, die noch
halbverschmachtet in dem hiesigen Kerker ein elendes Dasein fristen, ja in
steter Todesgefahr schweben, vielleicht zu befreien.

Aber, beste Frau, sagte Bill jetzt wirklich verlegen, denn sein gutes
Herz htte ihr gern geholfen, wenn er auch nicht die Mglichkeit eines
Gelingens sah -- wie in aller Welt sollen wir paar Menschen das erreichen,
wenn wir die ganze Stadt dabei gegen uns haben?

Aber die ganze Stadt ist nicht gegen uns! rief die junge Frau rasch
-- hier meine treue Sarah hat mich wieder und wieder versichert, da
Buenaventura im Herzen Mosquera anhngt und mit Freuden das Joch der Godos
abschtteln wrde, sobald sie nur die geringste Aussicht auf Erfolg shen.
Wir sind auch nicht ohne Nachricht von drauen. Sarah's Neffe, ein braver
tchtiger Bursche und ein treuer Anhnger Mosquera's, war nach der
Einnahme Buenaventuras zu den Freunden geflohen und hat Mosquera selber
die Nachricht von dem feigen Ueberfall der Godos gebracht, wie auch von dem
General die Versicherung erhalten, da er ihm auf dem Fue folgen wrde, um
die Stadt zu entsetzen und die Verrther zu zchtigen. Er ist gestern erst
zurckgekehrt, um uns die frohe und hoffnungsreiche Kunde zu bringen.

Na, sagte Bill vergngt, dann ist ja Alles in Ordnung und die Sache
macht sich von selber.

Aber die Godos, fuhr die Frau fort, mssen durch ihre Spione wohl auch
Verdacht geschpft haben, da sie in ihrer jetzigen Stellung bedroht werden
knnten, denn sie arbeiten seit heute Morgen an festen Verschanzungen,
um die Stadt von der Landseite her uneinnehmbar zu machen, und die ersten
Opfer, die bei einer Belagerung fallen, sind jedenfalls die unglcklichen
Gefangenen, damit diese nicht spter als Anklger gegen sie auftreten
knnen.

Dann sind wir wieder so weit wie vorher, seufzte Bill, denn wenn uns die
Mosquera-Bursche nicht helfen, knnen wir die verfluchten Kerle doch hier
drinnen nicht allein beim Kopf nehmen.

So bin ich verloren, sthnte die arme junge Frau, und whrend ihr die
groen hellen Thrnen an den Wangen niederliefen, senkte sie das Haupt und
faltete verzweifelnd die Hnde im Schoo.

Bill hatte, wie schon bemerkt, ein gutes, weiches Herz, und er konnte
besonders keinen Menschen weinen sehen -- die Schiffsjungen vielleicht
ausgenommen, die nur auf der Welt zu sein schienen, um schlecht behandelt
zu werden -- und selbst derer hatte er sich manchmal angenommen. Aber da
das arme junge Wesen da vor ihm Thrnen vergieen sollte -- Thrnen, weil
er ihr in ihrer Noth nicht beistehen wollte, schnrte ihm ordentlich die
Brust zusammen. Er konnte es auch nicht lange mit ansehen, sondern seine
breite, wetterharte Hand ihr ber den Tisch hinberreichend, sagte er
gutmthig: Weinen Sie nicht, Madame -- thun Sie's mir zu Liebe und weinen
Sie nicht. Noch ist nicht Alles verdorben und ich wei jetzt, wo's fehlt.
Den Teufel auch -- entschuldigen Sie, wenn mir manchmal so ein hliches
Wort herausfhrt, an Bord lernt man nicht viel weiter -- meine =shipmates=
sind auch noch vier krftige Bursche, und wer wei, was sich noch Alles
thun lt. Auerdem haben wir das Boot und -- fr jetzt freilich kann man
nichts versprechen, man mu eben sehen, was kommt. Aber wissen mcht' ich
nur, wo das Gefngni ist, damit man sich im rechten Augenblick nicht erst
danach erkundigen mu.

Sarah soll Sie nachher, wenn Sie zu Ihren Kameraden zurckgehen,
begleiten, sagte die junge Frau, und an dem Platz vorberfhren -- aber
Sie trinken ja gar nicht. Schmeckt Ihnen der Wein nicht?

Aufrichtig gesagt bin ich das saure Zeug nicht recht gewhnt, sagte Bill
etwas verlegen. Fr den Durst ist es wohl gut, es schnrt Einem den Magen
zusammen -- ein Glas Grog wre mir lieber.

Die Frau rief der Negerin Etwas auf Spanisch zu, diese hatte aber schon die
andere Flasche ergriffen und geffnet, und reichte sie jetzt dem Matrosen.
Bill roch auch nur daran, als er schon vergngt ausrief: Famoser Brandy,
=by Jingo=! Das lass' ich mir gefallen! und sich ein Glas mischend trank
er es auf das Wohl der jungen Frau.

Indessen fing das Kind an zu schreien, mit dem sie sich beschftigen mute,
und Bill war aufgestanden. Auch die Negerin warf sich ein Tuch um den Kopf,
um ihn zu begleiten. Bill hatte aber noch etwas auf dem Herzen -- er wollte
irgend eine Frage stellen, die er sich jedenfalls scheute auszusprechen --
ja er wurde ordentlich verlegen und rusperte sich ein paar Mal, sah auch
nach der Frau hinber und dann wieder nach der Treppe. Die junge Eingeborne
merkte es endlich und sagte freundlich: Sie wollen noch etwas von mir!
o bitte, sprechen Sie es aus. Was ich fr Sie thun kann, soll ja so gern
geschehen.

Ja, Madame, sagte Bill, dadurch nicht gebessert -- zuerst -- mchte ich
Sie um Ihren Namen bitten. Ich mu doch eigentlich wissen, wie -- wie meine
Frau heit.

Candelaria, lautete die Antwort, mein Vorname, -- der Name meines Mannes
darf hier nicht genannt werden.

Hm, ja -- und dann -- merkwrdig, wo Sie das gute Englisch gelernt haben
-- es klingt ordentlich natrlich.

Mein Gatte hatte lange mit einer englischen Familie in Venezuela
zusammengelebt, und als er spter nach Neu-Granada kam und mich kennen
lernte, lehrte er mich das Englische. Ja es wurde selbst in Karthago, wo
wir einen Franzosen fanden, der ebenfalls desselben mchtig war, fast nur
Englisch in unserem Hause gesprochen. Armer Robert -- wer wei, was aus ihm
geworden ist, denn er hatte sich, wie ich hrte, den Godos mit den Waffen
in der Hand widersetzt und war entweder getdtet oder gefangen genommen.

Ja, Madame, sagte Bill, mit seinen Gedanken aber jedenfalls weit
abschweifend, ja wohl -- aber -- aber -- wenn es nun Abend wird, so -- so
mu ich doch wieder hierher zurckkommen, denn -- denn sonst--

Gewi -- gewi, sagte die junge Frau unter ihren Thrnen lchelnd,
whrend sich aber doch hohe Rthe ber ihr liebes Antlitz ergo -- Sie
mssen nun schon mein Gast bleiben. Sarah wird Ihnen Ihr Lager dort in der
Hngematte zurecht machen. Die Leute in Buenaventura drfen keinen Verdacht
schpfen.

Gut, nickte Bill vergngt vor sich hin, denn es war ihm mit der
Erledigung dieser Frage jedenfalls ein Stein vom Herzen genommen --
merkwrdig nur, woher Sie wuten, da ich Bill hieߠ--

Ich hrte Sie von Ihren Kameraden bei Namen nennen, lchelte die Frau,
und Ihr Gesicht hatte etwas so Offenes und Ehrliches--

Dank Ihnen, Madame, sollen sich auch nicht in mir geirrt haben, nickte
der Matrose, und jetzt, mein schwarzer Schatz, wollen wir unsern Weg
antreten, damit ich den Kameraden sagen kann, woher der Wind weht. Der
alte Bob ist ein tchtiger Kerl und kennt auch das Land hier -- vielleicht
bring' ich ihn mit, da wir das Weitere noch mit dem besprechen knnen
-- und ohne sich lnger aufzuhalten, stieg er wieder auf die Strae hinab,
wohin ihm die Negerin folgte, und schritt mit dieser dann gleich darauf
durch die Stadt, um jetzt vor allen Dingen seine Bootsmannschaft wieder
aufzusuchen.




Fnftes Kapitel.

Eine Entdeckung.


Unterwegs sprach die Negerin kein Wort mit ihrem Begleiter, schien aber
vollkommen gut zu wissen, was sie zu thun hatte, denn sie fhrte ihn auen
an der Stadt herum, wo eine Menge von Negern und Eingebornen beschftigt
waren, theils Bume zu fllen und damit Verschanzungen oder Verhaue
zu bilden, theils Grben aufzuwerfen, hinter deren Erdwllen sich die
Vertheidiger der Stadt decken konnten. Sie frug auch dort, um keinen
Verdacht zu erregen, mehrere Leute nach den Fremden -- wohin man sie
gefhrt, und schritt dann wieder durch eine enge Strae quer in die Stadt
hinein. Erst als sie dort ein breites und dsteres, mit starken Balken
aufgefhrtes Gebude passirten, das unhnlich den brigen nicht auf Pfhlen
stand, und dessen Fensterffnungen mit starken eisernen Gittern verwahrt
waren, bog sie sich scheu und flchtig zu ihm ber und flsterte: das
Gefngni. Dann schritt sie weiter, ohne auch nur einen Blick darauf zu
werfen.

Desto aufmerksamer betrachtete sich aber Bill dafr den unheimlichen,
dumpfen Bau, vor welchem vier Soldaten, mit ihren Gewehren im Arm, auf und
ab schritten, und es war ihm gerade kein angenehmes Gefhl, wenn er sich
dachte, da er selber durch irgend ein unbedachtes Vorgehen gegen die nun
einmal am Ruder befindliche Macht in diese Hhle hineingeworfen werden
knnte. Aber was that's: der leichte Sinn des Matrosen half ihm rasch
darber hinweg, und wenn er sich die Soldaten betrachtete, denen er
begegnete, mageres, ausgemergeltes, saftloses Volk, mit Knochen, die man
zwischen zwei Fingern zerbrechen konnte, so zuckte ihm ein verchtliches
Lcheln um die Lippen und er verfolgte um so viel trotziger seinen Weg.

Angenehm ging es freilich nicht, denn ein nichtswrdiger Schlamm lag in den
Straen, den Eingebornen jedoch nicht hinderlich, da sie mit ihren bloen
Fen bequem hindurchlaufen konnten, whrend Bill unwillkrlich daran
dachte, da er sein einziges Paar Schuhe hier in sehr kurzer Zeit wohl
auftragen wrde. Das lie sich aber nicht ndern; durch mute er und
begriff nur nicht, wo seine Kameraden hingekommen sein konnten, da die
Negerin schon an drei, vier Pltzen vergebens nach ihnen gefragt. Da
pltzlich, als er eben wieder vor einem groen Gebude vorber ging, an
dessen Thre ebenfalls Wachtposten standen, rief eine lachende Stimme von
oben herunter: O, Bill! Du triffst gerade zur rechten Zeit ein, komm'
herauf, mein Junge, und lass' Dich mit anwerben; Handgeld haben wir schon
gekriegt, und das wird ein fideles Leben.

Den Teufel auch, brummte Bill zwischen den Zhnen durch, als er nach oben
sah und auf einer Art von Holzgallerie Tom entdeckte, der ihm uerst fidel
mit der einen Hand zuwinkte und ihm eine Flasche zeigte, die er in der
andern trug.

=La casa del gobierno=, sagte die Negerin in spanischer Sprache, indem
sie auf das Haus deutete, und als ob sie ihr Amt jetzt erfllt habe, wandte
sie sich ab und schritt die Strae zurck, durch welche sie eben gekommen.

Bill wute nicht gleich, was er thun sollte, aber allein konnte er doch
nicht unten auf der Strae bleiben, und da jetzt auch noch Bob auf die
Veranda kam und ihn anrief, und die Schildwachen ihn ebenfalls bedeuteten
hinaufzugehen, zog er sich seinen Hosenbund etwas in die Hhe und brummte
entschlossen vor sich hin: =Here goes then= -- fressen knnen sie Dich
auch nicht-- und betrat das Haus, wo er bald eine schmale hlzerne Treppe
fand, die in den oberen Stock hinauffhrte.

Dort traf er allerdings die Kameraden, aber in einem etwas sehr munteren
und aufgeregten Zustand, was vielleicht ein paar auf dem Tisch stehende
geleerte Flaschen entschuldigten. Er wurde auch mit Jubel von ihnen
empfangen und augenblicklich nach seiner Frau und dem niedlichen
Gelbling, dem Kleinen, gefragt, zeigte indessen keine besondere Lust, auf
den rohen Scherz einzugehen und empfand auch jenes unbehagliche Gefhl,
was uns stets ergreift, wenn wir, vollkommen nchtern, in eine etwas
angetrunkene, oder wenigstens von Wein sehr erregte und bunte Gesellschaft
kommen. Wir werden dann selber stumm oder mssen uns gewaltsam in die
nmliche Aufregung mit hineintrinken.

Unter anderen Umstnden wrde Bill auch jedenfalls ohne weiteres Zgern das
Letztere gethan haben, denn er verschmhte wahrlich kein Glas Grog, wo
ihm das auch geboten wurde; aber eine merkwrdige Vernderung war mit ihm
vorgegangen; er mute immer und immer wieder an die junge unglckliche Frau
denken, die all' ihre Hoffnung auf ihn gesetzt, und das schien ihm die Lust
am Trinken vollstndig verleitet zu haben.

Aber so leicht lieen ihn die Kameraden nicht frei, denn selbst der
Bootssteuerer, sonst ein ruhiger, gesetzter Mann, der sich bisher noch
immer zu den Leuten in einer reservirten Stellung gehalten, schien die
Schranken niedergebrochen und sich mit ihrer Flucht vom eigenen Schiff
ausgeshnt zu haben. Ganz ohne zu trinken kam er auch nicht frei; Bob
kredenzte ihm die Flasche, und er mute wenigstens zum Schein einen langen
Zug daraus thun, dann aber rckte ihm auch ihr kleiner Dolmetsch zu Leib
und erzhlte ihm jetzt -- ohne die gefundene Frau weiter zu erwhnen, da
seine Kameraden in das tapfere Heer der Godos eingetreten wren, ihrem
Prsidenten gehuldigt htten und jetzt bereit seien, den schurkischen
Mosquera mit aus dem Land hinaus zu jagen.

Bill wollte sich nun freilich mit seinen neuen Pflichten als Familienvater
-- mit der braunen Frau und dem gelben Kind entschuldigen, aber das half
ihm nichts. Sie waren Alle Familienvter, wie der Kleine meinte -- Manche
mit sechs bis acht gelben Kindern, und gerade um ihr Vaterland und ihre
Familien zu vertheidigen, zgen sie in den Krieg. Und was fr Aussichten
hatten die Fremden dabei! Major und General konnten sie werden, oder wenn
sie sich zur See auszeichneten, Kapitn und Admiral -- und auerdem, wie
er hinzusetzte, befanden sie sich hier in einer vom Feind bedrohten, und in
Belagerungszustand erklrten Stadt, wo ihnen schon gar nichts Anderes brig
blieb, als mit der Bevlkerung die Waffen zu ergreifen, um ihr eigenes
Leben sicher zu stellen.

Bill wollte ihm schon erwiedern, da ihn die neugranadiensischen
Verhltnisse eigentlich gar nichts angingen, und sie mit ihrem Boot eben
so gut wieder abfahren knnten, wie sie angekommen wren, als ihm noch
zum Glck die gerade erst vorgeschobene Familie einfiel. Jetzt war auch
nichts zu machen; die eigenen Kameraden mit dem Grog im Kopf redeten ihm
zu, und der kleine dicke Werbeoffizier hatte einige Minuten spter die
Genugthuung, ihm zehn Neu-Granadische Dollars als Handgeld in die breite
Faust drcken zu knnen.

Damit war er zum neugranadiensischen Soldaten geworben, und die nchste
Zeit mute nun entscheiden, ob er zu den Insurgenten oder Regierungstruppen
gehrte, denn das hing allein von dem Erfolg der Waffen ab.

An dem heutigen Tag war brigens mit den frischen Soldaten nichts mehr
anzufangen, denn Bob hatte sich auf eine Bank gesetzt und sang eine der
endlosen amerikanischen Balladen, die eine Waffenthat aus ihren Seekriegen
feierte, whrend Tom, dessen musikalisches Talent ebenfalls dadurch
angeregt sein mochte, neben ihm Platz genommen hatte und ihn durch den
Yankee Doodle in anderer Tonart und anderem Takt begleitete. Keiner strte
aber dadurch den Anderen, denn sie hrten sich nur selber, und eine
Anzahl sdamerikanischer Soldaten sammelten sich um sie und horchte dem
wunderlichen Duett mit der gespanntesten Aufmerksamkeit.

Bill versuchte jetzt mit dem Bootsteuerer ein Gesprch anzuknpfen, aber
auch das milang. Mr. Sikes war in jenes Stadium gelangt, wo die Menschen
gerhrt werden; er fiel Bill um den Hals, sagte ihm, da er ihm keinen
Groll nachtrage, weil er im Boot Streit mit ihm gehabt, versicherte ihn,
da er ein seelenguter Kerl wre, und fing dann bitterlich an zu weinen.

Bill setzte ihn auf die Bank neben die beiden Snger und stieg dann langsam
die Treppe wieder hinunter auf die Strae, ohne da er von irgend Jemanden
daran verhindert oder nur gefragt worden wre, wohin er wolle. Er war jetzt
Einer der Ihrigen, und da man die Fremden heute noch nicht brauchte und
in ihrem Zustand auch nicht gut brauchen konnte, mochte er eben hingehen,
wohin er wollte; fort lief er ihnen doch nicht mehr, so viel war sicher.

Bill dachte jetzt auch in der That an nichts weniger als an Fortlaufen,
aber die Trunkenheit der Kameraden widerte ihn an, und auerdem war es
auch Zeit geworden, seine jetzige Wohnung wieder aufzusuchen, die er nie im
Leben im Dunkeln gefunden htte -- es machte ihm Mhe genug am hellen Tag.
Dabei benutzte er aber gleich die Gelegenheit, sich die Auenwerke ein
wenig nher zu betrachten und berhaupt das Terrain kennen zu lernen; man
wute nie, wie man das einmal gebrauchen konnte.

Merkwrdig, wie das auf den Straen aussah -- der Regen hatte nachgelassen,
und der Platz schien ziemlich bewegt, aber von Zehn, die ihm unterwegs
begegneten, waren doch Acht sicherlich entweder Soldaten oder katholische
Geistliche, und von den Letzteren traf er oft Gruppen von zehn und zwlf
zusammen an, die sich auf das Lebendigste in ihrer Sprache unterhielten
und nur, wenn er an ihnen vorber ging, stehen blieben und hinter ihm
drein schauten. Er bemerkte auch, da alle Uebrigen diese frommen Herren
ehrfurchtsvoll grten, ja selbst die Soldaten zogen, gerade nicht recht
militrisch, die Mtzen vor ihnen ab, whrend ihnen sogar die etwa auf der
Strae befindlichen Frauen die Hand oder den schwarzen Rock kten, was
sich die Herren auch, als etwas Selbstverstndliches, ruhig gefallen
lieen. Sonderbar nur, da sich so viele blutjunge Herren darunter
befanden, die gleichwohl alle diese Huldigungen mit dem grten Bewutsein
ihrer Wrde hinnahmen. Bill kmmerte sich aber wenig um sie -- es fiel ihm
nicht einmal ein sie zu gren, denn was gingen ihn, als Protestant, die
katholischen Geistlichen an; er verfolgte nur ruhig seinen Weg, bis er
endlich glaubte, er msse in der Nhe von Candelaria's Hause sein. Aber
die Gegend kam ihm so fremd vor; hatte er sich vielleicht verirrt? Das wre
eine verwnschte Geschichte gewesen, denn er konnte nicht einmal irgend
Jemanden nach dem Weg fragen.

Wie er aber noch so dastand und unschlssig umherblickte, sah er an der
anderen Seite der Strae seine Negerin wieder, die ihm zunickte, ihm winkte
und dann ohne Weiteres in die nchste enge Gasse einbog. Sie mute ihn
jedenfalls erwartet haben oder ihm vielleicht die ganze Zeit gefolgt sein,
wenn er sie auch nicht bemerkt oder auf sie geachtet hatte.

Bill war bisher ein ziemlich derber und eigentlich auch etwas roher Gesell
gewesen, wie man denn berhaupt nicht erwarten darf, auf Wallfischfahrern
irgendwie feine oder sehr rcksichtsvolle Gesellschaft anzutreffen, und
doch berkam ihn ein ganz eigenes, merkwrdiges Gefhl, als er zum zweiten
Mal die Leiter an dem kleinen neuen Haus hinanstieg und sich wieder
der jungen bildhbschen und doch so unglcklichen Frau gegenber fand.
Schnheit und Unschuld ben aber oft im Leben einen ganz hnlichen und
mchtigen Einflu aus, und gerade solche derbkrftige Naturen fhlen sich
am Leichtesten davon befangen und eingeschchtert.

Der kleine Bursche war wach, und die Mutter hatte ihn auf dem Schoo und
herzte und kte das Kind, als Bill zum zweiten Mal bei ihr erschien -- er
war eigentlich gar nicht gelb, wie sich der Matrose jetzt gestehen mute,
sondern hatte nur jenen lichtbronzefarbigen Teint, der den Eingebornen
dieser Kstenstriche eigen ist und sie auch in ihrer etwas dunkleren
Schattirung vortrefflich kleidet. Und was fr ein lieber, herziger Bursche
der kleine Kerl war, und wie lieb und madonnenartig die junge Frau aussah,
als sie sich ber ihn beugte und mit ihm lchelte.

Einem angeschossenen Wallfisch, und wenn er die See im Todeskampf zu Schaum
peitschte, wre Bill mit der grten Ruhe und Entschlossenheit zu Leib
gerckt, ja wenn es sein mute, htte er den Hai selber mit einem Messer in
der Faust in seinem eigenen Element bekmpft. Hier fhlte er sich wie ein
Kind, scheu und furchtsam, und als er den oberen Theil des Hauses erreichte
und die junge Frau ihm freundlich und unbefangen die Hand entgegenstreckte,
wagte er es kaum sie zu fassen, und setzte sich dann in die entfernteste
Ecke nieder, um ihr nur ja nicht lstig zu fallen. Und nun erzhlte er, was
er drauen gesehen, und wie er seine Kameraden getroffen habe, und das arme
junge Weib zuckte ngstlich zusammen als sie hrte, da ihn die Godos in
ihre Dienste angeworben htten.

Hol' sie der -- und jener, flsterte aber Bill vor sich hin, als er
sah, welchen Eindruck das Geschehene auf die junge Frau machte; solche
Kontrakte gelten nicht, wo die eine Partei die andere erst betrunken machen
mu, um sie dahin zu bringen, wohin sie sie haben will. Wenn man gezwungen
wird, dient man auch einmal dem Bsen selber -- aber nur so lange, als man
nothgedrungen mu, und nachher -- dreht man den Spie um.

O Du gtiger Gott, wie soll das enden? seufzte die junge Frau, wann
wirst Du meinem armen Vaterlande den Frieden wieder geben?

Machen Sie sich deshalb keine Sorgen, Madame, sagte aber der Matrose
treuherzig, wenn wir nur Ihren Mann erst wieder aus dem dumpfen Loch
heraus htten, an dem ich heute vorbergegangen bin. Vor der Hand ist
aber gar nichts dabei zu thun, denn erst mu ich mit meinen Kameraden
Rcksprache nehmen, was keinesfalls vor morgen geschehen kann. Heute sind
sie unzurechnungsfhig und wissen nicht einmal etwas von sich selber, viel
weniger von der Welt da drauen. -- Und jetzt -- es fngt an dunkel zu
werden.

Dort ist Ihre Hngematte, sagte die Frau schchtern, eine Matte und
Decke liegt darin -- Sie werden gewi gut schlafen, denn Mosquitos haben
wir hier wenig oder gar keine.

Und Sie wollen dann mit dem Kind auf dem harten Boden liegen, nicht wahr?
sagte Bill leise und fast wie vorwurfsvoll; nein, Madame, daraus kann
nichts werden. Bis morgen werde ich schon meine eigene Schlafstelle bequem
einrichten, dafr lassen Sie mich sorgen, heute aber leg' ich mich dort
in die Ecke -- bitte, bekmmern Sie sich gar nicht um mich, und seien Sie
versichert, da ich nicht zu Schaden komme. In die Hngematte legen,
ja wohl, und Sie drauen auf den Rindendielen lassen? Weiter fehlte gar
nichts. So -- nun sorgen Sie nur nicht mehr um mich, fuhr er fort, indem
er sich ohne Weiteres in die Ecke warf, dann seine Jacke auszog, ein Stck
Holz herbeischob, auf das er den Kopf legen konnte, und die Jacke dann ber
sich deckte; jetzt liege ich vollkommen bequem, und wenn Sie mich nicht
wieder wecken, schlaf ich in fnf Minuten wie eine Ratze, denn mde bin ich
eigentlich geworden.

Aber wie kann ich das zugeben?

Zugeben? -- Sie knnen's eben nicht verhindern, lachte Bill, und wenn's
angegangen wre, htte ich Sie nicht einmal heut Abend mehr gestrt, aber
wie die Sache nun einmal steht, mu ich noch eine Weile unter falscher
Flagge segeln -- thut mir eben leid, da es eine falsche ist, brummte er
vor sich in den Bart, legte sich dann auf die Seite, zog sich die Jacke
ber die Augen und war in wenigen Minuten sanft und fest eingeschlafen.

Wie lange er so gelegen, wute er nicht, aber mitten in der Nacht
-- wenigstens noch bei vollkommener Dunkelheit, wachte er durch ein
ungewohntes, fremdartiges Gerusch auf, und hrte gleich darauf, als er
vllig munter wurde -- im Hause etwas flstern und zischeln.

Hm, dachte Bill, ich will gehangen werden, wenn nicht eben Jemand die
Leiter heraufgekrochen ist, und jetzt haben wir Besuch im Haus -- so viel
ist sicher.

Er horchte wieder -- es war kein Zweifel, da gerade in der Gegend der
Hngematte eine sehr belebte, wenn auch fast lautlose Unterhaltung gefhrt
wurde -- nur dann und wann konnte er ein leises Zischeln unterscheiden,
und zu gleicher Zeit schlich die Negerin Sarah -- er kannte sie an dem
vorsichtigen Husten, an den Treppenaufgang, und blieb dort stehen, als ob
sie sich gegen irgend eine Ueberraschung verwahren wolle.

O Weiber! Weiber, brummte der Matrose vor sich hin und zog sich die Jacke
fester ber den Kopf -- aber es lie ihn nicht. Wieder mute er horchen und
ein recht hliches, qulendes Gefhl zuckte ihm dabei durch's Herz. War
das Eifersucht? -- Aber welches Recht hatte er an die Frau? -- Und wenn
kein Recht, welche Pflicht dann, sich fr sie zu sorgen und zu ngstigen?
Ei zum Teufel, dachte er weiter, wenn sie dich so an der Nase
herumfhrt, dann kannst Du die Sache auch nur eben gehen lassen, wie
sie geht, und brauchst Deinen Finger wahrlich in keinen heien Brei
hineinzustecken. Hol' sie der Henker. Und damit legte er sich auf die
Seite und wollte wieder einschlafen, aber es ging nicht. War der rauhe
Boden zu hart? Du lieber Gott, er hatte schon manchmal viel hrter und
schlechter gelegen -- oder strte ihn das Flstern? Es war so leise, da er
es kaum unterscheiden konnte und dazu aufhorchen mute. Am Liebsten wre er
ohne Weiteres aufgestanden und fortgegangen, aber es go drauen wieder in
Strmen, und wohin sollte er in dem fremden Ort, in stockdunkler Nacht und
in dem Regen und Schlamm? Unwillkrlich seufzte er tief auf -- und dann war
pltzlich Alles still und ruhig, und wenn er auch eine Weile lang horchte,
konnte er keinen Laut mehr vernehmen.

Darber mute er zuletzt wieder eingeschlafen sein, denn tolle, wunderliche
Traumbilder kreuzten sein Hirn, und als er die Augen endlich ffnete,
schien die Sonne hell und warm durch die halb offenen Seitenwnde des
kleinen luftigen Hauses.




Sechstes Kapitel.

Plne und Gegenplne.


Bill fuhr wirklich etwas berrascht in die Hh', denn seine Trume hatten
ihn wieder weit hinaus in See, an Bord der alten Martha's-vine-yard
gefhrt, und im ersten Moment wute er nicht gleich, wo er sich befand, wie
uns ja das hufig nach festem Schlaf so geht. Uebrigens sah er auch in der
That eine Menge Menschen um sich her, die hier gar nicht hergehrten, und
war noch viel zu wenig mit den sdamerikanischen Sitten bekannt, um das
trotzdem natrlich zu finden.

Es war allerdings lichter Tag, aber doch noch sehr frh am Morgen, das
schien jedoch verschiedene Herren und Damen aus der Nachbarschaft
nicht verhindert zu haben, ihren Besuch zu machen, nur um zu hren --
natrlich--, wie es dem neuvereinigten Paar ginge, und dann auch wo
mglich etwas ber die nheren Verhltnisse zu erfahren, denn mit der
Negerin Sarah, der das kleine Haus gehrte, war nichts anzufangen, die
erzhlte fast nie, und nur das hatte sie ihnen bis jetzt gesagt, da die
junge Frau bis dahin in Tumaco gewohnt habe und von dort, nach der Flucht
ihres Mannes, hierher gekommen sei.

Candelaria war schon auf und angezogen und wirthschaftete mit Sarah an
dem kleinen Herd, um das Frhstck zu bereiten, whrend zwei von den
Nachbarinnen mitten in dem Zimmer kauerten und eigentlich die Unterhaltung
allein fhrten. Auerdem waren aber auch noch -- ebenfalls aus Neugierde,
ein paar junge Bursche mit heraufgestiegen, die an den Wnden herumlehnten.
Der Eine von diesen rauchte auch seine Papier-Cigarre, whrend sich der
Andere angelegentlich mit einem groen Stck Zuckerrohr beschftigte, von
dem er Streifen mit seinem Messer abhackte, dann in den Mund steckte und
aussog und das ausgekaute Rohr ziemlich ungenirt mitten in die Stube warf.

Als sich Bill aufrichtete und erstaunt den Blick in dem belebten Raum
umherwarf, nickten sie ihm auch freundlich zu, ohne aber ein Gesprch mit
ihm anzuknpfen, denn sie wuten ja doch, da er sie nicht verstand -- oder
hatte er sich gestern nur verstellt? Die Damen nahmen brigens nicht die
geringste Notiz von ihm und schienen ihn eher mit Verachtung zu strafen.
Pfui ber einen Mann, der seiner Frau davon lief und erst mit Gewalt wieder
eingefangen werden mute; er sollte wenigstens fhlen, wie verchtlich er
sich gemacht hatte.

Leider ging das Alles total an Bill verloren, denn im Anfang beschftigte
ihn die Tageszeit -- er konnte doch nicht so lang geschlafen haben -- aber
nein, die Sonne war kaum aufgegangen und schien noch ganz schrg durch die
Spalten der Htte -- es war jedenfalls nicht weit ber sechs Uhr -- und
schon Besuch? -- Sein Blick flog nach der jungen Frau hinber und die
Erinnerung an die letzte Nacht stieg in ihm auf und zuckte ihm wieder mit
einem recht fatalen, unangenehmen Gefhl durch's Herz. Es war ihm -- so
fremd ihm die Frau auch immer sein und bleiben mochte -- als ob er etwas
Liebes auf der Welt verloren habe -- und das hatte er auch -- er hatte ein
Stck Vertrauen eingebt und er nahm sich in Gedanken fest vor, sobald
als nur irgend mglich das Haus zu verlassen, und dann nicht wieder hierher
zurckzukehren -- zwingen konnte sie ihn ja nicht, da er ihr Geheimni
wute.

Und wie unruhig sie heut Morgen war -- wie ngstlich sie umher sah und sich
doch auch wieder jede nur erdenkliche Mhe gab, gleichgltig zu erscheinen.
Oft sogar horchte sie scheu und erschreckt, als ob sie irgend Etwas zu
hren glaubte, und sank dann wieder in sich zusammen.

Bill war aufgestanden und hatte seine Jacke angezogen, und die alte
Negerin brachte ihm, mit einer ungewhnlichen Aufmerksamkeit, ein aus einer
Kalebasse geschnittenes Waschbecken und ein kleines, aber schneeweies
Handtuch, mit dem er die etwas schwanke Leiter hinabstieg und unter das
Haus ging. Er konnte doch nicht dort oben vor den Damen Toilette machen;
wre auch jetzt gleich am Liebsten fortgegangen, aber das Handtuch mute
er jedenfalls erst wieder oben abliefern, da es da unten nicht gestohlen
wrde. Weiter hatte er nichts mehr in dem Haus zu thun.

Als er hinauf kam, deckte eben Candelaria wieder den kleinen Tisch und
setzte den eisernen Kocher darauf, in welchem sie die Chokolade bereitet
hatte -- und der Besuch schien nicht zu wanken und zu weichen. Jetzt aber
mochte es Sarah auch satt bekommen, von neugierigem Volk belstigt zu
werden, dessen Absicht sie noch dazu durchschaute. Da es weie Damen
waren, machte dabei keinen Unterschied; seit Aufhebung der Sklaverei hatten
die Neger dasselbe Recht -- und nahmen sich manchmal noch ein wenig mehr
heraus -- und hier in ihrem eigenen Hause brauchte sie sich nicht rgern zu
lassen.

Seoras, sagte sie deshalb ohne weitere Umstnde, bitte, wenn Sie jetzt
hinunter gehen, so machen Sie die kleine Thr an der Umzunung unten zu,
die Khe laufen uns sonst immer unter das Haus und reiben sich an den
Pfhlen. -- Seor, da liegt noch ein Stck von Ihrem Zuckerrohr --
vergessen Sie es nicht.

Das war deutlich genug, und die Angeredeten verstanden auch den Wink und
verlieen, wenn auch nicht in guter Laune ber die Abfertigung, das Haus;
und der junge Bursche mit seiner Papier-Cigarre blieb, da er nicht erwhnt
worden, ruhig sitzen und begann sogar sich eine neue Cigarre zu drehen. Mit
dem machte die alte Frau aber kurzen Proze.

Hre, mein Bursche, sagte sie, indem sie ihm auf die Schulter klopfte,
hast Du schon heut Morgen Deine Chokolade getrunken?

No, Seora, schmunzelte der Halbindianer, indem er einen vergngten Blick
auf den Tisch warf, denn er folgerte aus der Frage eine Einladung fr sich
selber -- hatte sich aber getuscht.

So? sagte die Alte mit der grten Gemthsruhe, na, dann geh' hin und
trinke sie, denn in der Stadt unten geht es heut Morgen bunt zu, und Du
weit nicht, ob Du nachher Zeit zum Frhstcken bekommst. Sei so gut und
schieb mir einmal den Pfahl ein wenig von unten herauf -- willst Du?

Gewi, nickte der Bursche ganz verdutzt, gewi, Seora -- mit dem
grten Vergngen, und die halbfertige Cigarre noch in der Hand, kletterte
er an dem Baum hinunter und hob ihn dann auf, da ihn Sarah bequem nach
oben ziehen konnte, wodurch jede weitere Verbindung mit unten abgeschnitten
wurde.

Madame, sagte da Bill, der diese Vorbereitung mit ansah, wenn's Ihnen
recht wre, mchte ich Sie bitten, mich auch vorher hinunter zu lassen. Ich
mchte gern...

Nun? sagte die Negerin erstaunt, wollen Sie denn nicht frhstcken.

Lieber nicht, meinte Bill, ich habe -- keinen rechten Appetit...

O bleiben Sie, bat da die junge Frau, die in ordentlich fieberhafter
Ungeduld die Entfernung der lstigen Fremden erwartet hatte, ich habe
Ihnen so Wichtiges mitzutheilen.

Mir, Madame? sagte Bill verwundert, das ist wohl ein Irrthum.

Bitte, setzen Sie sich, drngte aber die Frau, dorthin, wo wir von
den Seitenwnden verdeckt sind, da die Nachbarn nicht sehen, wie wir uns
unterhalten. Diese Huser sind alle so offen.

Ja, brummte Bill, das strt manchmal, ist aber doch oft auch wieder
bequem. Dabei leistete er brigens der Einladung Folge -- er mute doch
hren, was ihm die Frau zu sagen hatte, und war auerdem auch wirklich
hungrig geworden. Auf dem kleinen Tisch dampfte aber die Chokolade, und
lockten so verfhrerisch frisches Brod und goldgelbe Bananen, da er dem
nicht widerstehen konnte.

Kaum aber hatte er sich neben den Tisch niedergelassen, als sich die junge
Frau auf der andern Seite zur Erde kauerte und mit leiser, zitternder
Stimme sagte: O, Seor, der Augenblick, wo ich auf Ihre Hlfe zhle, naht
rascher heran als ich geglaubt, und Gott selber hat Sie mir zur rechten
Zeit hiehergefhrt. Sie werden mich doch nicht verlassen...

Madame, sagte Bill, mit einer Banane und seiner Chokolade beschftigt,
so viel ich wei, war doch gestern Abend noch nichts Besonderes
vorgefallen; da mssen Sie denn wohl ber Nacht etwas Neues erfahren
haben?

Allerdings -- allerdings, flsterte ihm die Frau ngstlich zu, jener
Freund meines Mannes, von denen ich Ihnen gestern sagte -- jener Franzose,
Robert Beaugead aus Karthago, den ich todt oder gefangen glaubte -- er war
in dieser Nacht hier -- in unserem Haus...

Hier? sagte Bill und verga in dem Augenblick Essen und Trinken.

Hier, besttigte aber die junge Frau. Sie schliefen und haben ihn nicht
gehrt, aber mit Lebensgefahr schlich er sich durch die Posten der Feinde,
um hier Sarah aufzusuchen, von der er wute, da sie allein ihm Auskunft
ber uns und unser Schicksal geben knne.

Bill erwiderte nichts, aber die Tasse stellte er hin und ber den Tisch
hinber reichte er seine breite, harte Hand der Frau, die nicht wute, wie
sie sich die Bewegung deuten sollte. Aber vorsichtig drckte er nur ihre
zarten Finger, und fiel dann mit einem wahren Feuereifer wieder ber die
Bananen und Chokolade her.

Candelaria sah ihn erstaunt an, da er aber in seiner Beschftigung fortfuhr
und nur aufmerksam zu ihr hinber sah, erzhlte sie weiter: Er brachte
uns gute und schlimme Nachricht: gute, da Mosquera mit einer ziemlich
bedeutenden Macht schon in unmittelbarer Nhe von Buenaventura steht --
schlimme, als dadurch das Schicksal der Gefangenen auf das Furchtbarste
gefhrdet wird, denn bis jetzt haben es sich die Godos fast zur Regel
gemacht, sobald ihre Lage verzweifelt erschien, die Gefangenen entweder in
die Wildni mit hineinzuschleppen oder, wenn das nicht anging, zu tdten.

Bestien, brummte Bill zwischen den Zhnen durch.

Das wird die Zeit sein, bat Candelaria mit angstbewegter Stimme, in der
Sie und Ihre Freunde uns beistehen mssen, wenn wir nicht Alle verloren
sein sollen.

Das ist eine verfluchte Geschichte, sagte Bill, sich hinter dem Ohre
kratzend; Da wir uns gestern Alle bei den Godos angeworben haben, wre
das Wenigste, und ich wrde mir auch nicht das geringste Gewissen daraus
machen, der blutigen Gesellschaft ein Schnippchen zu schlagen; aber wie
soll ich es nur den Kameraden beibringen, da sie eigentlich gar nicht
auf diese, sondern auf die andere Seite gehren? Ja, wenn ich sie einmal
hierher bringen knnte, da sie mit Ihnen sprechen und sich Alles erzhlen
lassen knnten: aber das geht nicht, da merkten die barfigen Lumpen am
Ende Lunte und die Sache wre noch schlimmer als vorher.

Aber sie haben auch einen Amerikaner gefangen genommen, sagte Candelaria
rasch.

Einen Amerikaner? rief Bill verwundert, wo denn?

Jener Franzose Beaugead brachte die Nachricht mit. Gar nicht weit von der
Stadt entfernt, auf dem Wege in's Innere, hatte Jener eine Kakaopflanzung
angelegt und baute dabei Zuckerrohr und brannte Agua ardiente, das er zum
Verkauf nach Buenaventura sandte. Dort scheinen die Godos unterwegs, kurz
vorher, ehe sie diese Stadt nahmen, bs gewirthschaftet zu haben, denn
einige der Gebude fand ich, als ich den Platz passirte, niedergebrannt,
und die Zuckerrohrfelder, in die sie wahrscheinlich ihre Pferde getrieben
hatten, arg verwstet. Der Amerikaner, wie Beaugead berichtet, mu sich
aber widersetzt haben, ja die Neger auf der Estancia erzhlten sogar,
er htte einen der Offiziere niedergeschossen und einen Anderen schwer
verwundet, dann wurde er bermannt, ebenso, wie sie es in Karthago gethan,
in eine frische Kuhhaut gebunden und von den bermthigen Godos hierherzu
nach Buenaventura geschleift. Mglich ist, da sie ihn sogar getdtet
haben, aber nicht leicht thun sie das mit Fremden; lebt er brigens noch,
so schmachtet er auch jedenfalls in dem nmlichen Gefngni mit meinem
Gatten.

Ein Amerikaner? sagte Bill erstaunt, ein richtiger Yankee hier in dem
Loch von einer Calebouse?[2] Na, wenn wir dahinter kommen knnten, ich
glaube, dann hielt es eben nicht schwer, die Anderen auf unsere Seite zu
bringen. Sie strmten das Nest am hellen lichten Tag.

  [2]: =Calabozo=, spanisches Wort fr Kerker, aber auch in Nordamerika,
  besonders unter den Seeleuten, sehr gebruchlich, wo die trunkenen und
  streitschtigen Matrosen, besonders in New-Orleans, sehr hufig die
  Bekanntschaft dieses dort sogenannten Ortes machen.

Und gewi ist er dort gefangen, wenn er noch lebt, sagte Candelaria.

Wenn wir nur wten, wie wir's herausbekommen knnten, nickte Bill vor
sich hin, aber lassen Sie mich nur machen, fuhr er pltzlich empor,
ich wei ein Mittel, ihn dazu zu bringen, da er Antwort giebt, wenn
er wirklich drinnen steckt, und davon mssen wir uns so bald als mglich
berzeugen.

Sie wollen fort?

Ja, sagte Bill entschlossen, indem er sich mit einiger Mhe von seinem
niederen Sitz emporhob, gewi will ich fort, denn hier kann ich weiter
nichts mehr ntzen, und auch keinen Schaden mehr thun,[3] setzte er
mit einem Blick auf das Frhstck hinzu, aber drauen mu ich jetzt
die Kameraden sprechen und wenn, -- er horchte hoch auf, denn schrille
Trompetensignale schallten in dem Augenblick von der Strae herauf und
kndeten jedenfalls irgend etwas Auergewhnliches.

  [3]: =I've done all the dammage I could= (ich habe allen Schaden
  gethan, den ich thun konnte) sagen die Amerikaner im Westen sehr
  hufig, wenn sie noch zum Essen genthigt werden und satt sind.

Sie haben von der Annherung des Feindes Kunde bekommen, rief Candelaria,
rasch emporfahrend.

Aller Wahrscheinlichkeit nach, nickte Bill, und jetzt knnen wir bei den
Fallen stehen, wie es an Bord heit. Also =good bye, Madame= -- leben Sie
wohl, setzte er, ihr die Hand hinber reichend, hinzu, machen Sie sich
keine Sorge, so lange es nicht nthig ist, und -- wenn's nthig werden
sollte, na dann -- dann thun Sie's noch immer nicht. Bring' ich die Anderen
dazu, da sie uns helfen, so haben Sie fnf tchtige Kerle auf Ihrer Seite,
und die knnen schon was zu Wege schaffen, wenn sie zusammenhalten, und
geht's wirklich am Ende schief -- hol's der Henker, wir knnen nur einmal
sterben, und drauen, hinter den schmierigen Wallfischen her, riskiren wir
unser Leben doch alle Tage. -- Leben Sie wohl, Madame. -- Er hatte mit der
Rechten ihre zarten Finger ergriffen und strich ihr mit der breiten linken
Hand leise und weich, wie einem Kind, ber die dunklen Locken -- dann
wandte er sich ab, zog sich, nach Matrosenart, den Hosenbund in die
Hhe und kletterte, ohne sich noch einmal umzusehen, an dem eingekerbten
Baumstamm auf die Strae hinunter.

Und dort schien allerdings etwas Auerordentliches vorzugehen, denn von
allen Seiten sprangen Soldaten vorber, ihrem Sammelplatz zu, whrend
die Frauen auf der Strae standen und auf's Lebhafteste mit einander
gestikulirten.

Die Amerikaner sagen freilich: Bindet einem Franzosen die Hnde auf den
Rcken, und er kann kein Wort mehr reden. Ebenso ist es aber mit den
Sdamerikanern, die ihre Hnde auf das Nothwendigste zur Unterhaltung
brauchen, whrend sie der Englnder gewhnlich dazu in die Taschen steckt.
Es ist ein lebendiges Volk, sobald nur einmal seine Leidenschaften erregt
sind, und hier standen in der That smmtliche Interessen der ganzen Stadt
auf dem Spiel, da sie mit ihren leichten, luftigen und blttergedeckten
Husern bei einer wirklichen Beschieung der Stadt auch der fast sicheren
Gefahr ausgesetzt waren, den ganzen Ort durch Feuer zu verlieren. Entstand
nur irgendwo ein Brand, so war auch an Rettung kaum mehr zu denken, und
ganz Buenaventura wre vielleicht in einer halben Stunde von der Erde
verschwunden.

Und fr was? -- Blo damit ihr in Panama oder Bogota residirender Prsident
einen andern Namen trug, denn einen weiteren Nutzen hatten sie doch nicht
dabei. Ihre Steuern muten sie der oder jener Regierung zahlen, wie sie
auch hie, und welche Versprechungen sie ihnen jetzt machte, das Resultat
blieb immer und ewig dasselbe. Da aber die Geistlichen jetzt den
gegenwrtigen Besitzhaltern das Wort redeten und des Himmels Strafen auf
sie herab prophezeiten, wenn sie die Godos im Stich lieen? Lieber Gott,
die predigten auch nur fr ihr eigenes Interesse, denn sie wuten, da sie
Mosquera des Landes verwiesen hatte, gerade ihrer ewigen, revolutionren
Predigten wegen. Und welches Gute war ihnen je durch die Pfaffen geworden?
Die eigentlichen Bewohner von Buenaventura neigten auch in der That viel
mehr der Partei Mosquera's als seines Gegenkandidaten zu, aber was konnten
sie machen, wo der Feind ihre Stadt besetzt und sie so gewissermaen
in Hnden hielt? Sie muten ruhig abwarten, wie sich des Krieges Glck
gestalten wrde, und nur der wirkliche Sieger durfte auf ihre Hlfe
rechnen.

General Oran, der jetzige Befehlshaber der Stadt, kannte auch seine Leute
recht gut und zeigte ihnen nicht mehr Vertrauen, als er nothgedrungen
mute. Waffen gab er ihnen dehalb gar nicht, und nur drauen an den
Schanzen muten sie -- sehr gegen ihre Neigung -- unter der Aufsicht seiner
Offiziere arbeiten und die Befestigungswerke verstrken helfen, die sie
am Liebsten ganz wieder niedergerissen htten, um es zu gar keinem Kampfe
kommen zu lassen. Aber es half ihnen eben nichts, und wenn sie sonst fast
zu lssig waren, ihre eigenen Papier-Cigarren selber zu drehen, so muten
sie jetzt mit Hacke und Schaufel im Schweie ihres Angesichts den Grund
durchwhlen, wenn sie nicht als Vaterlandsverrther angeklagt und in's
Gefngni geworfen werden wollten.

Bill kmmerte sich indessen wenig um die verschiedenen kleinen Trupps, die
mit ihrem Werkzeug auf den Schultern hinaus zu den frisch aufgeworfenen
Schanzen zogen. Er suchte das Gouvernementsgebude, wo er seine Kameraden
wute, und brauchte sich nicht einmal lange danach umzusehen, denn schon
unterwegs traf er Soldaten, die ausgeschickt waren ihn zu holen, und ihm
mit Zeichen bedeuteten, da er ihnen folgen solle.

Vor dem Gouvernementsgebude wimmelte es auch wirklich von bewaffneten
Menschen, die man aber eigentlich kaum Soldaten nennen konnte, da sie aus
allen Stnden des Lebens zusammengewrfelt schienen und nur in ihrer groen
Minderzahl Uniformen trugen -- und was fr Uniformen! -- alte blaue Jacken,
hier eine mit einem rothen Aufschlag, dort mit einem blauen, da mit gar
keinem. Gewehre hatten allerdings die Meisten und auch Patrontaschen, oder
wenigstens Beutel zu ihren Patronen anhngen. Viele trugen aber auch
nur Lanzen von der verschiedensten Lnge, oft bloe Bajonnete auf eine
Gartenstange oder ein Bambusrohr gesteckt. Manche waren auch nur
mit Kavalleriesbeln und Pistolen bewehrt -- aber zu Fu; doch ein
vollstndiges Musikkorps mit groer Trommel, Cymbeln und Pauken spielte
dazu einen lustigen Marsch und hatte besonders eine Menge von Frauen
und Mdchen um sich her versammelt, die den schmetternden Tnen mit
Wohlgefallen lauschten. Was kmmerte sie der Brgerkrieg, waren sie doch
von Jugend auf daran gewhnt und fast nur auf solche Scenen zu ihrer
Unterhaltung angewiesen.

Bill hielt sich nicht lange unten auf, sondern sprang die Treppe hinan,
wo er denn auch richtig die Kameraden fand, an welche man ebenfalls Waffen
austheilte. Bob besonders hatte schon einen groen Sbel umhngen und bekam
jetzt noch eine Patrontasche nebst einer entsetzlich schweren Muskete,
schien aber -- wie auch die Uebrigen -- nichts weniger als erbaut von der
neuen sdamerikanischen Beschftigung.

Gestern, ja, von dem reichlich -- und vielleicht zu reichlich genossenen
Grog angeregt, hatte ihnen die Abwechslung im Leben und vielleicht auch der
Gedanke, in Sdamerika einmal Soldat zu spielen, Spa gemacht; heute
aber, wo sie nchtern geworden waren und auch die Kehrseite des Bildes
betrachteten, gefiel es ihnen gar nicht mehr so auerordentlich, und sie
wren heute vielleicht viel lieber wieder in ihr Boot gesprungen und die
Kste weiter hinauf gesegelt, als hier in der glhend heien Sonne und
durch den Schlamm eine alte Muskete herum zu schleppen -- denn, da es zu
irgend einem Kampf kommen wrde, glaubten sie nicht einmal.

Well, Bill! rief Bob diesem entgegen, als er ihn erblickte, glcklich
endlich unter den Marines angelangt. Hol's der Teufel, jetzt fehlte
weiter gar nichts, als da sie uns auch noch ein paar Stunden in der Sonne
drauen einexerzirten.

Hallo, Jungens, lachte Bill, ihr seht wirklich ordentlich martialisch
aus, aber -- habt ein Bischen Acht auf Euch. Es geht los.

Das alte Ding von Muskete hier? sagte Bob, ich glaub's nicht.

Nein, drauen -- die andere Partei rckt an.

Na, dann wnsch' ich nur, da sie eine einzige Granate in das blutige Nest
hier werfen, brummte Dick, und nachher ist die Geschichte gleich vorbei,
denn wenn keine Stadt mehr da ist, brauchen wir sie auch nicht mehr zu
vertheidigen.

Ja, wenn wir noch an Bill's Stelle wren, sagte Tom, und eine Familie
htten, aber so elende Junggesellen, da die sich fr ein ganz fremdes Volk
vielleicht die Knochen sollen voll Blei schieen lassen, ist mir auer dem
Spa.

Na, Jungens, meinte da der Bootsteuerer, der sich aber ein wenig gedrckt
fhlte, denn er hatte vom gestrigen Tag furchtbare Kopfschmerzen, wir
schlagen uns immer fr Republikaner.

Ja, nickte Bill, ohne auf Tom's Spott zu antworten, und gegen
Republikaner auch, und ich denke, wenn wir das gewollt htten, so konnten
wir zu Hause bleiben, wo es gerade in dem Geschft alle Hnde voll zu thun
giebt, aber wit Ihr wohl, er sah sich vorher um, und dicht hinter sich
ihren kleinen Dolmetsch stehen, der ihnen vergngt zunickte.

Das ist recht, Seores, rief dieser, bewaffnen Sie sich fr das
Vaterland, aber suchen Sie sich um Gottes willen gute Musketen aus, denn es
sind welche darunter, bei denen die vermaledeiten Mosqueraner Ngel in
die Zndlcher geschlagen haben, die kein Teufel wieder herausbringt. Die
schnappen nachher blo.

Ja, aber zum Henker, rief Bob, auf wen schieen wir denn? es ist ja gar
kein Feind da: oder sollen wir auch noch in's Land hineinmarschiren?

Das nicht, sagte der Kleine, aber wir haben Kunde erhalten, da ein
Guerillatrupp der Mosqueraner, die Gott vernichten mge, gegen uns anrckt,
um wahrscheinlich bei Nacht einen Ueberfall zu wagen und dann, wie sie es
gewhnlich thun, wieder in die Berge zu flchten. Denen wollen wir diesmal
die Zeche heimzahlen, =amigos=, da sie das Wiederkommen vergessen. =Muera
Mosquera!= ist unser Feldgeschrei, und wenn wir den Usurpator erwischten,
ich glaube, die Republik zahlte den Fang mit seinem Gewicht in Gold.

Hm! sagte Bill, der ihm aufmerksam zugehrt hatte, denn man mute
aufpassen, wenn man Alles verstehen wollte, was der kleine eifrige
Mann heraussprudelte, da er noch eine Menge von spanischen Wrtern
hineinmischte; ich dachte, Sie htten ihn gefangen, und er se mit in dem
breiten Gefngni da drben hinter den Eisengittern.

O Gott nein, sagte der Kleine, das sind nur Einige von seinen Anhngern
-- =traidores= -- Verrther am Vaterland, die wir mit den Waffen in der
Hand ergriffen, und die ihrer gerechten Strafe nicht entgehen sollen.

Die haben Sie wohl mit aus dem innern Land gebracht? frug Bill noch
einmal.

Ach, was kmmern uns die, wich aber der Kleine der Frage, die ihm
nicht angenehm zu sein schien, aus, indem er unter einem Haufen von dort
liegenden Gewehren herumkramte; he, sagte er dann, hier ist ein gutes
Stck -- nichts im Zndloch und vollstndig mit Bajonnet versehen -- hier,
Don Guillelmo, das nehmen Sie -- da liegt auch eine Tasche, versuchen Sie
aber erst, ob die Patronen hineinpassen. -- Und Sie, Seor, wandte er sich
dann noch einmal an Tom, haben ja auch kein Gewehr -- da ist noch eines.

Danke vielmals, knurrte Tom, ich kann mit den Dingern nicht umgehen und
habe mir dort die Wallfischlanze heraufgeholt. Mit der wei ich Bescheid,
und wenn's zum Treffen kommt, richte ich mehr mit der, wie mit solch' einem
nichtsnutzigen Schieeisen aus, von dem man berhaupt nie wei, ob es los
geht.

Nun, machen Sie das, wie Sie wollen, rief der Kleine, indem er pltzlich
auf die Veranda hinaussprang und auf die Strae hinab sah. Dort mute
er aber etwas bemerkt haben, was ihn interessirte, oder seine Gegenwart
vielleicht nthig machte, denn er eilte die hlzerne Treppe wieder in aller
Hast hinunter, die Matrosen sich selber berlassend. Kaum aber war er fort,
als Bill, der rings herum nur die schwarzbraunen Bursche bemerkte, die
hier ebenfalls mit den Waffen zu thun hatten, den Kameraden auch mit kurzen
bndigen Worten seine Erlebnisse erzhlte und ihnen zugleich mittheilte,
da man sie hier auf eine ganz verkehrte Seite pressen wolle, und er
wenigstens gesonnen sei, gegen diesen Mosquera keinen Schu abzufeuern.

Hre einmal, Mate, sagte da Bob, das ist ein wunderliches Ding mit der
Politik dieser Lnder, und der Henker mag sich hineinfinden; ich werde
wenigstens nicht klug daraus und gedenke auch gar nicht, mir den Kopf
darber zu zerbrechen. So viel aber ist sicher, da wir zu der Partei
halten mssen, in die wir hineingeworfen sind. Ob sie nun recht oder
unrecht hat -- geht uns auch gar nichts an; das ist ihre Sache, und mgen
sie mit ihren Landsleuten ausmachen.

So? sagte Bill, und wenn wir also noch mit dazu helfen sollen, einen
Landsmann von uns, einen Amerikaner, im Kerker zu halten und vielleicht gar
dabei zusehen, wenn er todt geschossen wird, dann geht uns das auch nichts
an?

Einen Amerikaner? riefen die Matrosen rasch, wo?

Hier, in dem Loch von einem Gefngni natrlich, entgegnete Bill, und
wer wei denn, wer es ist und wie sie ihn indessen behandelt haben? Das
mten wir doch jedenfalls vorher herausbekommen, ehe wir uns fr die
Gesellschaft todtschlagen lassen, und sitzt da wirklich ein richtiger
Yankee fest, so will ich auch verbrannt werden, wenn ich nicht zusehe, wie
ich ihn wieder herauseisen kann.

Ja, Mate, meinte der Bootsteuerer, und wir Alle ebenfalls; wie aber
wollen wir es erfahren? denn wenn wir den kleinen, kurzbeinigen Kerl darum
fragen, der hier allein englisch spricht, so sagt uns der im Leben nicht
die Wahrheit.

Gut, dann giebts auch noch ein anderes Mittel, um es herauszubekommen,
nickte Bill vor sich hin, zu thun haben wir doch jetzt noch nichts, denn
sie scheinen gar nicht zu wissen, was sie vor der Hand mit uns anfangen
sollen, und indessen wollen wir einmal einen Spaziergang durch die Stadt
machen -- mit unseren Gewehren mssen sie uns so berall durchlassen.

Knnen wir auch thun, sagte der Bootsteuerer, meine Schuh sind berdie
noch nicht ganz entzwei, und in dem Schlamm weichen sie desto besser von
den Fen herunter -- aber wohin?

Am Gefngni vorbei, sagte Bill; dort treiben wir uns dann eine kleine
Weile umher, und es mte mit dem Henker zugehen, wenn wir den da drin
Sitzenden nicht bemerkbar machen knnten, da Amerikaner drauen sind.

Aber dann auch fort, rief Dick, ehe der Kleine wieder kommt, denn der
wei jedesmal etwas zu bestellen. Hat denn Einer von Euch heute einmal nach
unserem Boot gesehen, ob es noch im Stand und an der alten Stelle ist?

Ich war vorhin unten, als ich die Lanze holte, nickte Tom, Alles in
Ordnung. Wer wei auch, ob wir's nicht einmal nchstens brauchen werden?
denn da ich hier an Land gekommen wre, um Soldaten zu spielen, ist blos
ein Irrthum von den braunen Lumpen.

Und nun vorwrts, sagte der Bootsteuerer, da unten fangen sie schon
wieder an, Signale zu blasen. Eine schne Ordnung halten sie aber, das ist
wahr; Keiner wei, wer Koch oder Kellner ist, und die Waffen scheinen hier
zu beliebigem Gebrauch aufgestellt zu sein -- nicht einmal eine Schildwacht
daneben und kein Offizier, der sich darum bekmmert. Kuriose Welt.

Damit stiegen die neu eingekleideten Matrosen, ihre Gewehre oder
sonstigen Waffen auf der Schulter, ruhig die Treppe hinunter und wieder auf
die Strae, und Niemand kmmerte sich in der That um sie, wohin sie gingen
oder was sie trieben.




Siebentes Kapitel.

Yankee Doodle.


Der Bootsteuerer hatte recht, es schien eine merkwrdige Unordnung unter
der ganzen Mannschaft zu herrschen, wie denn auch der ganze Trupp nicht
aus einexerzirten Soldaten, sondern nur aus zusammengelesenen Freiwilligen
bestand, die unter dem Versprechen der Plnderung geworben waren und
zusammengehalten wurden. Von einem Exercitium sahen dabei die Offiziere
vollstndig ab, denn in dem Sumpf- und Waldland wre dasselbe auch gar
nicht mglich gewesen; was brauchten die Guerillas auch ein solches, wenn
sie nur einen Hinterhalt zu benutzen und einen Ueberfall rasch und krftig
auszufhren verstanden. Auch mit der Subordination sah es nicht besonders
aus, und General Oran, der diese Bande befehligte, hatte schon ein paar
Mal Exempel statuiren mssen, um das wilde Volk nur ein wenig im Zaum zu
halten; oft genug schlugen sie aber trotzdem noch ber die Strnge, und
nur dringende Gefahr konnte sie zu einem einigermaen festen Ganzen
zusammenbringen.

Aber was kmmerte das die Seeleute, die jetzt von Bill gefhrt, die Strae
hinabschlenderten, wo sie denn auch, ohne von irgend Jemandem befragt oder
nur beachtet zu werden, links abbiegend das Gefngni bald erreichten.

Hier standen allerdings Posten genug, und sie wuten recht gut, da man
ihnen nie erlaubt haben wrde, das Haus selber zu betreten. Das lag aber
auch noch gar nicht in ihrem Plan, und sie begngten sich vor der Hand
damit, es von Auen in Augenschein zu nehmen.

Unheimlich genug sah es aus, besonders im Vergleich zu den brigen auf
Pfhlen gebauten, luftigen und verhltnimig auch reinlichen Husern, wie
es da im Schlamm, niedrig und mit ziemlich flachem Dach -- wie eingesunken
und breitgedrckt lag. Steine hatte man aber nicht zu seinem Bau verwandt,
nur mchtige Stmme jenes eisenfesten Biguarriholzes, das in diesen Wldern
in Masse wchst, die fest ineinander gefgt nicht einmal der Luft
einen Durchzug gestatteten, whrend winzig kleine, dicht unter dem Dach
angebrachte Fenster mit dicken, neben einander stehenden Eisenstben eben
so wenig den Gefangenen hinaus, wie einen Sonnenblick hinein in seinen
dunklen Kerker lieen.

Es mute ein entsetzlicher Aufenthalt dort im Innern sein, noch
schrecklicher durch das feuchte heie Klima fr den daran nicht Gewhnten,
wenn er verdammt wurde, seine Tage da zu verbringen.

=Bless my soul=, sagte der Bootsteuerer schaudernd, als sie daran
vorberschritten; in das Loch werden sie doch wahrhaftig keinen Amerikaner
geworfen haben? Nur eines von unseren kleinsten Kriegsschiffen schsse ja
das ganze Nest in Zeit von fnf Minuten in Grund und Boden zusammen.

Und wie wollen sie's erfahren und wo sind sie? brummte Bill; so viel
wei ich aber, ganz rein ist die Geschichte nicht, denn unser gelbbrauner
Dolmetsch wollte gar nichts davon wissen, als ich auf das Gefngni zu
sprechen kam, und steuerte geschwind einen andern Kurs.

Und wie kommen wir dahinter?

Verdammt leicht, sagte der Matrose mit einem trotzigen Lachen. Hinein
drfen wir nicht, und wer da drinnen sitzt, wird uns auch nicht wohl sehen
knnen, aber jedenfalls hren, und wer kann uns hindern, hier den Yankee
Doodle zu singen?

Bei Gott! rief Tom rasch, das ist wahr, und wenn ein Amerikaner hinter
den Stben sitzt und das Lied hrt, dann wei er auch, da Freunde in der
Nhe sind und wird sich schon melden.

Denke so, nickte Bill, und nun fangt an -- Du, Dick, hast ja eine so
verwnscht gellende Stimme, da Einem ordentlich die Ohren weh thun; jetzt
lass' sie einmal los.

Dick lie sich auch in der That nicht lange bitten und begann pltzlich --
sehr zum Erstaunen der Wachtposten -- mit so kreischender scharfer Stimme
die hchst eigenthmliche Melodie des Yankee Doodle zu singen, da ein paar
gerade dort vorbeikommende Frauen erschreckt umdrehten und in das nchste
Haus flchteten. Die Soldaten lachten aber, denn das Lied gefiel ihnen,
wenn sie auch die Worte nicht verstanden, und die brigen Matrosen stimmten
jetzt mit ein:

  =Yankee Doodle came to town
  To buy a pair of trowsers,
  There were so many tailorshops
  He could'nt see the houses.=[4]

  [4]:

    Yankee Doodle kam zur Stadt,
    Weil ihm Hosen nthig thaten,
    Konnt' aber keine Huser sehen
    Vor lauter Kleiderladen.

Nach dem ersten Vers schwiegen sie -- aber sie brauchten nicht lange auf
Antwort zu warten.

Hlfe! tnte gleich darauf aus einem der Lcher eine hohle Stimme in
englischer Sprache -- helft mir, Jungens, hier sitzt ein Amerikaner! --
Helft mir--

Aber die Wachtposten hatten die Zurufe ebenfalls gehrt, und mit dem
strengen Befehl, keine Unterhaltung der Gefangenen mit Auenstehenden zu
gestatten, sprangen sie rasch zu und bedeuteten die Fremden, weiter zu
gehen und da nicht stehen zu bleiben.

=I'll be= -- wollte Bill schon zu fluchen anfangen, der Bootsteuerer
aber, der das Nutzlose eines Widerstandes in diesem Augenblick recht gut
voraussah, ergriff rasch seinen Arm und rief: Ruhe, Bill, Ruhe! wir mssen
unsere Zeit abwarten und wissen ja doch jetzt, was wir wissen wollen --
komm' -- da drben marschirt eben ein ganzes Bataillon Soldaten die
Strae herunter; wenn wir jetzt Lrm machen, haben wir im Nu die ganze
Gesellschaft auf dem Hals. Wir mssen uns erst bereden, was wir thun
wollen.

Gut, sagte Bill, der ebenfalls die Soldaten bemerkte und das Nutzlose
eines Widersetzens in diesem Augenblick einsah -- dann kommt; aber ein
Zeichen soll er doch haben, und sich gegen das Fenster drehend, rief er
aus: Freunde in der Nh'! hab' guten Muth! und gleich darauf fielen die
Anderen wieder jubelnd ein:

  =He met a man with gingerbread
  Another one with honey,
  But when he was to pay for it
  He found he had no money --=[5]

  [5]:

    Er traf 'nen Pfefferkuchenmann
    Und kaufte sich zu essen,
    Doch als er dafr zahlen wollt',
    Hatt' er sein Geld vergessen.

und damit zogen sie, ohne sich weiter um die Wachtposten zu bekmmern, die
Strae hinab.

Weit kamen sie brigens nicht, da scho pltzlich aus einer Seitengasse,
oder vielmehr zwischen ein paar Husern hindurch, ihr kleiner Dolmetsch auf
sie zu und rief, ganz auer Athem: Aber Seores, wo stecken Sie denn? ich
suche Sie wie ein Stck Geld in der ganzen Stadt -- der General hat nach
Ihnen gefragt und will Sie sprechen.

Der General? frug der Bootsteuerer, der stillschweigend das Kommando ber
seine vier Matrosen wieder bernommen hatte -- na denn man zu, Jungens;
wir mssen doch wenigstens hren, was der alte Herr zu sagen hat.

Alte Herr? lachte der Kleine, ist gerade einundzwanzig Jahre alt.

Bravo, dann kann er's noch zu was bringen -- wenn er nicht frher gehangen
wird, lachte Bob; aber kommt -- Zwei und Zwei, wie es die Landsoldaten
auch machen -- Sie voran, Mr. Sikes, und Du, Tom, halt Deine Lanze ein
Bischen hoch, da Du Niemanden damit zu nahe kommst -- vorwrts marsch!
und der kleine Trupp, dem das wilde Leben anfing Spa zu machen, marschirte
ernsthaft hinter ihrem Fhrer her.

Der General -- in der That ein ganz junges Brschchen, das nur die
Guerillabande errichtet und sich den Titel dann, der ihm besser als
Capitano klang, zugelegt, hatte sein Hauptquartier eigentlich in einem
Privathaus genommen, war aber jetzt auf das Regierungsgebude gekommen, um
sein Heer zu mustern und eine Ansprache nicht allein an seine Truppen,
sondern auch an die Einwohner von Buenaventura zu halten.

Natrlich verstand er kein Wort Englisch und der Dolmetsch mute die
Matrosen begleiten, die sich gleich darauf dem eigentlichen Herrn der Stadt
gegenber fanden.

Und was fr ein grner Bursche war es! Er sah genau so aus, als ob er eben
hinter einem Ladentisch vorgesprungen wre und sich nur geschwind einen
Sbel umgeschnallt htte, trug aber eine mit Goldstickereien fast
bedeckte Uniform, und Epauletten, die sich durch ihr Gewicht ordentlich
herunterbogen. Er machte ein sehr ernsthaftes und wichtiges Gesicht und
schien den Fremden dadurch besonders imponiren zu wollen, erreichte seinen
Zweck aber allerdings nicht, denn die Matrosen waren nicht so leicht
eingeschchtert, und als er mit solchem Pathos vor ihnen stand, flsterte
Tom seinem Nachbar Bill in's Ohr: Nun sieh' Einer den jungen Truthahn an,
wie er sich spreizt und schleift. Ich htte verdammt Lust, ihm mit meinem
Lanzenschaft eines auf den Schdel zu geben.

Der Dolmetsch bersetzte ihnen jetzt den etwaigen Sinn der Rede, der
ungefhr darauf hinauslief, da der Feind anrcke und der Augenblick
gekommen sei, wo sie die Freiheit einer groen Nation mit ihrem Blute
sollten besiegeln helfen. Die Amerikaner wren auch ein freies Volk und
Republikaner und dehalb die Brder der Neugranadienser.

=Well old fellow=, unterbrach ihn da Bill, wenn das Alles wahr ist,
wehalb haltet Ihr denn da Einen von diesen Republikanern und Brdern in
Eurem nichtswrdigen Loch von Gefngni hinter den Eisengittern, he?

=Wat de debie!= rief der kleine Mann erstaunt und fast erschreckt aus,
was wit Ihr denn von einem Amerikaner?

Was wir davon wissen? sagte der Bootsteuerer -- wir wissen, da er in
dem Loch sitzt, und wollen ihn heraus haben -- weiter nichts.

Was sagen sie? frug der General erstaunt, und der Kleine bersetzte ihm
mit lebhaften Gestikulationen das eben Gehrte. Der General blieb aber
vollkommen ruhig und erwiederte nur, wie ihnen der Kleine zurckbersetzen
mute, da das kein Amerikaner, sondern ein Englnder und ein Verrther
sei, der sich heimlich gegen die rechtmige Regierung des Landes
verschworen und dann mit den Waffen in der Hand versucht habe, die Truppen
seiner Excellenz des Prsidenten zu berfallen und zu vernichten. Er werde
aber seiner gerechten Strafe nicht entgehen, denn er solle mit dem nchsten
hier landenden Regierungsschiff nach Panama gesandt und dort vor ein
Kriegsgericht gestellt werden.

So, setzte dann der kleine Dolmetsch hinzu, nun wit Ihr die ganze
Geschichte, und wenn ich Euch einen guten Rath geben soll, so haltet Ihr
die Muler und mischt Euch nicht in Sachen, die Euch nichts angehen.
Ihr seid jetzt neugranadiensische Soldaten, denn Ihr habt das Handgeld
genommen, und der General spat nicht. Sowie Ihr Euch widersetzt, werdet
Ihr einfach todtgeschossen. Das ist Kriegsrecht, bei Euch so gut wie bei
uns -- und nun vorwrts marsch!

Die Matrosen waren selber unter sich noch zu keinem rechten Entschlu
gekommen, sahen aber auch ein, da sie vorlufig nichts ausrichten konnten,
denn das Regierungsgebude stak gedrngt voll bewaffneter Menschen. Sie
folgten also dem Befehl. Wie sie aber unten auf die Strae kamen, sprengte
ein mit Schlamm ordentlich bedeckter Reiter vor die Thr, warf sich vom
Pferd und eilte die Treppe hinauf, whrend die Leute unten durcheinander
strzten und von den verschiedensten Zurufen allarmirt waren.

Etwas mute im Werk sein, aber was? -- Sie verstanden kein Wort von dem
Aufruhr, und da sie zu gleicher Zeit ein Offizier bedeutete, in eine der
dort formirten Kolonnen einzutreten, so blieb ihnen auch keine Zeit, selber
nachzusehen. Wenige Minuten spter marschirten sie die Strae hinauf in
Reih und Glied, um -- wie sie nicht anders vermutheten -- irgendwo an den
Schanzen postirt zu werden. Jedenfalls mute der reitende Bote die Kunde
gebracht haben, da der Feind anrcke.

Da sah Bill die Negerin an der Seite stehen und forschend die Reihen
betrachten. Wie sie aber die Fremden unter der Truppe entdeckte, schritt
sie quer ber die Strae hinber, als ob sie an die andere Seite hinber
wollte, und blieb jetzt dicht neben den Vorderen stehen, um den Zug erst
vorber zu lassen. Jetzt kamen die Matrosen, und Bill, der erhaltenen
Warnung eingedenk, that auch gar nicht, als ob er sie kenne -- die Negerin
sah ihn ebenfalls nicht an -- wie er aber an ihr vorberschritt, murmelte
sie leise, aber doch so, da er die Worte deutlich verstehen konnte:
=Ship in sight= (Schiff in Sicht) und schritt dann langsam an der
vorbeidefilirenden Reihe herunter und auf die andere Seite hinber.

Alle Teufel! rief Bill leise vor sich hin, hast Du gehrt, Tom, was die
Alte da eben sagte?

Versteh' ich Spanisch? knurrte dieser -- verdamm' das Kauderwelsch!

Aber es war gutes Amerikanisch und hie =Ship in sight=.

=Hell!= rief Tom erstaunt aus -- jetzt fehlte weiter gar nichts, als da
der alte Blubberkasten, die Martha's-vine-yard, hinter uns hergekommen wre
und uns wieder an Bord haben wollte. Ha! das war ein Schu!

Es geht los, Jungens, sagte Bob, sich nach ihnen umdrehend, das war
gerade von der Schanze her, und wir wissen jetzt nicht einmal, fr was wir
uns sollen todtschieen lassen.

Du, Bob -- ein Schiff in Sicht.

Ein Schiff! der Teufel auch -- was fr eines?

Ja wei ich's -- nur eben erst hab' ich's gehrt.

Von dem Hgel da aus mu man das Wasser sehen knnen -- da stehen auch
Menschen oben.

Ja, aber wir drfen nicht hinauf. Wetter noch einmal, wenn das unser Alter
wre -- o Sikes -- Schiff in Sicht -- Martha's-vine-yard--

Den Teufel auch! rief der Bootsteuerer -- dann geh' ich meiner Seel'
wieder an Bord, denn den Morast hier hab' ich satt, und da fngt es auch
schon wieder an zu regnen. Das ist ein vermaledeites Land.

Die Aufmerksamkeit der Matrosen wurde aber doch jetzt ausschlielich auf
ihre unmittelbare Umgebung gerichtet, denn wieder fielen drei, vier Schsse
dicht hintereinander, whrend der Offizier der Kolonne ein Kommando gab und
die brigen Soldaten jetzt im Sturmschritt weiter liefen -- immer durch
den Schlamm. Dabei fing es wirklich an zu regnen, und sie sahen sich im
nchsten Augenblick vor den Schanzen, in deren Nhe der Boden durch die
Erdarbeiten fast grundlos geworden war. Ein Feind lie sich aber
nicht blicken, und die Schsse waren wohl auch nur von den tapferen
Vaterlandsvertheidigern abgefeuert worden, um sich selber Muth zu machen
-- wenigstens hatte sich noch kein Gegenstand gezeigt, auf den sie
wirklich zielen konnten -- ein Schwarm von Papageien ausgenommen, der aber
kreischend in den Wald abstrich.

Indessen regnete es tropisch. Wie mit Bindfaden kam es herunter; dabei
wehte kein Luftzug, was es erdrckend schwl machte, und Ordonnanzen liefen
herber und hinber, und brachten Meldungen und nahmen Befehle wieder mit,
so da sich die Seeleute, die kein Wort davon verstanden, wie verrathen und
verkauft dazwischen vorkamen. Auerdem wurden sie in diesem Augenblick
von dem einen Offizier hier hinbergeschickt, und dann kam im nchsten ein
anderer und frug, was sie denn da um Gottes willen wollten, und dann muten
sie wieder den eben gemachten Weg zurckmarschiren.

Das ist eine reine Heidenwirthschaft, sagte der Bootsteuerer, der zuletzt
ungeduldig wurde, und kein Mensch scheint hier ein Oberkommando zu fhren.
So viel ist sicher, hat dieser Mosquera nur eine Idee von einem Angriff, so
sind wir Alle miteinander verloren.

Indessen befanden sich die obersten Behrden von Buenaventura in nicht
geringer Aufregung, denn das ansegelnde Schiff beunruhigte sie im hchsten
Grad, da sie nicht wuten, was sie daraus machen sollten. Jedenfalls war es
ein greres Fahrzeug, als sie hier gewhnlich zu sehen bekamen, und wenn
es zu Mosquera's Partei gehrte, so kamen sie dadurch zwischen zwei Feuer
und sahen sich den Rckzug nach allen Seiten zu abgeschnitten.

Nun behaupteten allerdings einige Personen am Land, da es ein vollkommen
friedlicher Wallfischfnger sei, der hier zufllig anlaufe, und mit ihren
Parteien nicht in der geringsten Verbindung stnde. Dicker Rauch stieg
sogar vom Schiff auf, ein Beweis, da es ganz ruhig seinen gewonnenen Speck
auskoche -- die schon jetzt deutlich bemerkbaren Schielucken an Bord seien
nur gemalt. Andere bestritten das aber wieder. Der Rauch an Bord wrde, wie
sie meinten, nur unterhalten, um sie ber den Charakter des Schiffes irre
zu fhren, damit sie sich sicher fhlen sollten, bis es nahe heran wre,
dann wrde es seinen wahren Charakter schon zeigen. Wenn es wirklich ein
Wallfischfnger sei, wehalb fhre es denn nicht seine Flagge, wie es alle
Schiffe thun, wenn sie sich einem Hafenplatz nhern?

Unter der Zeit waren die Matrosen bald hier- bald dorthin geschickt worden,
als der General den Befehl gab, sie zum Ufer zurckzurufen, da man sie
hier, falls sich das fremde Fahrzeug wirklich als ein feindliches zeigen
sollte, besser zu verwenden hoffte, als drauen bei den Schanzen. Kaum
erreichten sie aber den ersten offenen Platz, von dem aus sie einen Blick
ber See gewinnen konnten, als Bob berrascht ausrief: =I'll be damned --
the Martha's-vine-yard!= -- Jetzt ist der Teufel zu zahlen und kein Pech
hei!

Und sie kocht aus! rief der Bootsteuerer -- beim Himmel, sie haben
Fische gefangen und mehr an Deck, als sie gleich unterbringen knnen. --
Da drben hngt noch ein langer Streifen Speck am Blubberhaken, was lange
herunter wre, wenn sie nicht den Raum voll htten.

Und was will die hier in Buenaventura?

Nach uns aussehen, natrlich, sagte der Bootsteuerer. Der Alte kennt
die Kste hier gut genug und wird wahrscheinlich wissen, da wir nirgends
anders stecken knnen, wenn wir an Land gerudert sind.

Was ist das fr ein Schiff? frug jetzt der eine Offizier die Fremden,
indem er mit dem Arm hinausdeutete. Sie verstanden wenigstens, was er
meinte, bei seiner Bewegung.

Wenn wir klug sind, halten wir die Muler, brummte Bob, der noch immer
keine Lust versprte, an Bord zurckzukehren, was geht uns der alte Kasten
an?

Wird uns nichts helfen, Mate, meinte aber der Bootsteuerer, indem
er gegen den Offizier nur als Antwort die Achseln zuckte: denn sicher
schicken sie ein Boot herber, um sich zu erkundigen. Jedenfalls werden wir
aber da hren, wie's drben steht, und ich glaube nur nicht, da uns
das Volk hier wieder fort lt, Dich nun einmal gar nicht, Bill, als
Familienvater.

Unsinn! brummte der Matrose -- aber da hinten geht's los -- das wird
Ernst. Jetzt knattern die Schsse von allen Seiten.

Und da drben geht auch schon ein Boot nieder, rief der Bootsteuerer;
wenn die ihre Lanzen mitbrchten, knnten wir am Ende das Nest von
Gefngni strmen und den Amerikaner herausholen. Der ganze Schwarm steckt
jetzt an den Schanzen.

Es ist nur der Teufel, brummte Bob, da ein an Land fahrendes Boot
keine Lanzen und Harpunen mitnimmt. -- Jungens, die mssen wahrhaftig
schmhlichen Thran an Bord haben.

He holla, =amigos=, rief jetzt der kleine Dolmetsch, der von Schwei und
Regen triefend auf sie zusprang -- was fr ein Schiff ist das da drben?
Wallfischfnger?

Ja wohl, nickte Bob, denn er hielt es fr unmglich, das abzuleugnen --
ein Kind konnte es ja von hier mit bloen Augen erkennen.

Nicht Mosquera, heh? fuhr der Kleine fort.

Mosquera? was hat Mosquera mit der Martha's-vine-yard zu thun, brummte
der Matrose.

Der Kleine wandte sich jetzt an den Offizier des Trupps und schien, seinen
Bewegungen nach, diesen veranlassen zu wollen, die Leute wieder nach den
Schanzen zu dirigiren, wo indessen das Feuer lebhafter wurde. Der aber
zuckte die Achseln. Er hatte jedenfalls Befehl erhalten, hier zu warten,
und schien selber keine bergroe Lust zu haben, an dem Gefecht Theil zu
nehmen.

Da pltzlich brach es von allen Seiten los. Hier und dort knallten und
knatterten die Schsse, und wildes Geschrei tnte von dort herber: ja
einzelne Kugeln schlugen sogar ber die Huser hinweg bis hier herber, und
eine alte Frau wurde kaum zehn Schritt von den Seeleuten getroffen, als sie
eben an diesen vorbereilte.

=Caramba, Seor!= schrie da ein herbeisprengender Adjutant den Fhrer
des kleinen Trupps an, der noch immer an seiner Stelle hielt. -- Hren Sie
denn nicht, da wir von allen Seiten angegriffen werden? Vorwrts -- gleich
dort drben am Gefngni vorber scheint der Platz, auf den sich der Feind
besonders geworfen. Im Sturmschritt! marsch!

Dem Befehl mute gehorcht werden. Die Seeleute warfen wohl noch einen Blick
nach dem immer nher kommenden Boot hinber, aber die Kolonne setzte sich
in Bewegung, und in der nchsten Minute schon verbarg ihnen die Biegung der
Strae den Blick nach der See hinber.




Achtes Kapitel.

Der Kampf.


An den Schanzen ging es indessen wild genug her, denn ohne da der
Feind einen wirklichen Sturm mit der Lanze oder Bajonnet versucht htte,
beunruhigte er die Linie vollkommen, indem er, von dem dichten Unterholz
dieser Wlder gedeckt, bald von da, bald von dort heraus ein pltzlich
heftiges Feuer erffnete, so da die Belagerten glaubten, er wrde mit
jeder Minute dort herausbrechen, whrend dann pltzlich an einer andern
Stelle das Spiel auf's Neue begann.

Jedenfalls erreichte er dadurch seinen wahrscheinlichen Zweck, die Godos
zu ermden, die unter einem mehr erfahrenen Fhrer ihre Krfte auch sicher
besser zusammengehalten und auf den eigentlichen Kampf verspart htten.
So aber wurden sie ganz unnthiger Weise in Schlamm und Regen hin und her
gehetzt, um ununterbrochen gegen einen versteckten Feind zu kmpfen, dem
sie dabei nicht einmal einen sichtbaren Schaden zufgen konnten.

Ein junger feuriger Offizier schlug allerdings vor, einen Ausfall zu machen
und die Guerillas zu Paaren zu treiben, denn er vermuthete ganz richtig,
da der Feind sich nicht stark genug fhle, sie schon anzugreifen, und
jedenfalls weitere Zuzge erwarte, oder auch vielleicht selber wieder
abziehe. General Oran aber wollte nichts davon wissen, denn er frchtete
einen Theil seiner Leute in einen Hinterhalt zu bekommen, und fhlte sich
der eigentlichen Bewohner von Buenaventura noch lange nicht sicher genug,
um sich auf ihren spteren Beistand zu verlassen.

Da pltzlich hrte das Feuern auf. Hatte sich der Feind einen andern Platz
zum Angriff ausersehen? -- Kein Schu fiel mehr, aber das jetzige Schweigen
war noch viel unheimlicher als der frhere Lrm, denn nun qulte die
Ungewiheit die Vertheidiger, wie lange es anhalten und wo und wann sie der
Feind zuerst wieder angreifen wrde.

General Oran war selber an Ort und Stelle, und mit richtigem Gefhl, da er
all' seine Soldaten nicht vorn lassen drfe, sondern einen Theil in Reserve
behalten msse, um sie rasch dorthin senden zu knnen, wo sie nthig werden
sollten, beorderte er die Letztzugerckten an den Hang der Erderhhung, in
unmittelbare Nhe der Stelle, an welcher das Gefngni stand. Dort konnten
sie auch unter die nchsten Huser treten, um wenigstens gegen den Regengu
geschtzt zu sein -- oder vielmehr um ihre Gewehre trocken zu halten, denn
um die Soldaten selber wrde er sich wenig gekmmert haben.

Indessen landete das Boot des Wallfischfngers, und die Leute erkannten
augenblicklich das dort auf den Strand gezogene vierte Boot ihres Schiffes,
das sie schon halb und halb verloren geglaubt und nun mit einem Hurrahruf
begrten. Der kleine Dolmetsch, der oben an der Landung stand, um sie zu
erwarten, hrte das Hurrahgeschrei, hatte aber keine Ahnung, da es dem
Boot gelten knne, denn seiner Meinung nach sah ein Boot wie das andere
aus, und eine besondere Unterscheidung derselben war unmglich.

Und jetzt kamen die Leute das Ufer herangestrmt und frugen den ihnen
entgegen Tretenden in ihrer strmischen Weise, wo ihre Kameraden wren.

Kameraden? sagte der Neugranadienser verwundert, Kameraden? was wei ich
von Kameraden; wo kommt ihr her, =amigos=? -- Was wollt ihr hier?

Wo sind die Leute, rief aber der erste Harpunier, ohne sich weiter mit
einer Beantwortung der an ihn gerichteten Fragen aufzuhalten -- die in das
Boot da unten gehren?

Die Leute? -- was fr Leute?

Die Amerikaner! Hll' und Verdammni! Ihr werdet doch wissen, was aus der
ganzen Bootsmannschaft geworden ist?

=Caramba, Seor!= sagte aber der Kleine, was geht mich Eure
Bootsmannschaft an? habe ich sie unter Aufsicht bekommen?

Du wrst ein Kerl dazu! lachte der erste Bootsteuerer. Seht einmal,
Bawlins, dem Burschen wachsen die Waden gleich aus dem Sitztheil heraus.

Die brigen Matrosen lachten, der kleine Sdamerikaner wurde aber bse,
denn wenn er auch den Sinn der Worte nicht ganz vollkommen verstand, so
begriff er doch recht gut, da sich die Fremden ber ihn lustig machten,
und in seiner Stellung emprte ihn das auf's Tiefste.

Seores, rief er dehalb -- was wollen Sie hier? Unser Land ist in
Aufruhr, und wir haben dehalb keine Zeit und keine Lust, uns mit migem
fremden Volk abzugeben, das an unsern Ksten herumfhrt und unsere Fische
wegfngt.

Haha, Meister, lachte aber der Harpunier, Eure Fische? und wehalb fangt
ihr sie nicht selber? Aber wir wollen hier weiter nichts, als unsere im
Nebel verschlagenen Leute wieder abholen, deren Boot wir da unten gefunden
haben. Also, wo sind sie? Ausflchte helfen Euch nichts, denn, verdamm'
mich, gebt Ihr sie nicht gutwillig heraus, so lande ich mit unserer ganzen
Mannschaft und nehme das blutige Nest mit Sturm.

Der kleine Mann wollte gerade eine zornige Antwort darauf geben, als eine
scharfe Salve von Links herber knatterte und er sich erschreckt dorthin
wandte. Zu gleicher Zeit wurde aber auch das Feuer von der rechten Seite
her laut, und es war augenscheinlich, da jetzt der Angriff auf beiden
Seiten erffnet sei, wo eine Entscheidung nicht lange auf sich warten
lassen konnte. Ohne sich auch weiter mit den Fremden aufzuhalten, die, wie
er doch jetzt wute, wenigstens nicht zu Mosquera's Partei gehrten, lief
er, so rasch ihn seine kurzen Beine trugen, in die Stadt hinein, es den
Matrosen berlassend, selber zu sehen, wie sie ihren Auftrag ausfhrten.

Diese waren aber dehalb nicht verlegen, denn wenn ihnen auch nicht
entgehen konnte, da wieder irgend eine der ewigen Revolutionen im Land
ausgebrochen sei, so dachten sie doch, mit dem kecken und leichtsinnigen
Muth derartiger Leute, viel weniger an die eigene Gefahr, welcher sie sich
dabei aussetzten, als an den Spa, ein solches Treiben einmal in der Nhe
zu betrachten.

Heda, Jungen, was meint ihr? sagte der Harpunier, wollen wir an Bord
zurckkehren und dem Kapitn Bericht erstatten, oder uns lieber erst da
oben die Geschichte einmal mit ansehen? Vielleicht finden wir dort auch
unsere Leute, denn wo es was zu raufen gibt, fehlt Bill und Tom sicher
nicht.

In die Stadt, Sir! riefen aber die Leute wie aus einem Munde, unter
jeder Bedingung! Der Teufel wei auch, ob sie unsere Kameraden nicht
am Ende eingesperrt haben, und vielleicht knnen wir dann da oben Luft
machen.

Na, vorwrts denn, meine Bursche, sagte der alte Mann, der sein
Lebensalter zwischen Wallfischen und wilden Indianern zugebracht. Waffen
haben wir freilich nicht, aber ich denke, wenn wir sie brauchen sollten,
werden wir sie schon finden, denn da oben sehe ich einen solchen Haufen
bewaffneter Landratten herumlaufen, da wir ein paar von denen leicht
schlen knnen. Vorwrts, damit wir nicht zu spt zum Tanz kommen -- und
ohne ein Wort weiter zu sagen, lief er, von seinen Leuten dicht gefolgt,
gerade in die Stadt hinein und der Richtung zu, von welcher das schrfste
Gewehrfeuer herbertnte.

Die Seeleute brauchten brigens nicht weit vorzudringen, um mit den
Vaterlandsvertheidigern in Berhrung zu kommen, denn lange vorher noch,
ehe sie die Schanzen erreichten, begegneten ihnen Schwrme Bewaffneter,
die sich von dem wahrscheinlich zu hei werdenden Kampfplatz zurckgezogen
hatten. Auch einige Verwundete sahen sie vorbertragen, die in die nchsten
Huser gebracht wurden. Ohne sich mit denen aber aufzuhalten, sprangen sie
an ihnen vorber und wollten eben in die nchste Strae einbiegen, als sie
an einem groen Hause Getmmel und Stimmen hrten, aus denen deutlich ein
englischer Fluch herausklang.

Alle Wetter! rief der alte Harpunier, indem er darauf zuflog -- da
drben sind unsere Jungen! Das war Bill's Stimme, und in voller Arbeit,
wie ich sehe. Boys! greift euch ein paar Lanzen, oder was ihr sonst kriegen
knnt, auf--

Dem Wort die That folgen lassend, stellte er einem neben ihm
vorbeilaufenden Neugranadienser ein Bein, da dieser wie ein Pfeil nach
vorn scho. Im Nu hatte der Alte auch dessen Lanze aufgegriffen und ihm den
Sbel aus der Scheide gerissen. Das Beispiel wirkte. Die brigen Matrosen,
lauter krftige handfeste Burschen, faten hier eine Muskete, da ein
Seitengewehr, und mit einem wahren Jubelschrei strmten sie nach vorn.

Hier hatte sich indessen, whrend drauen noch immer der Kampf wthete, ein
kleines Privatdrama entsponnen, das fr einen Theil der Betreffenden recht
schlimm ablaufen konnte.

General Oran nmlich, von den meisten aus der Stadt herbeigezogenen
Kmpfern verlassen, sah bald, da der Feind von Stunde zu Stunde durch neue
und frische Zuzge verstrkt wurde und er nicht darauf hoffen durfte, den
Platz gegen die Uebermacht zu halten. Viele der Seinigen waren auch schon
verwundet und getdtet, und nur ein einziger Ausweg blieb ihm, ber den
kleinen, dicht unterhalb der Stadt einmndenden Strom, ber den er eine
leichte Brcke geschlagen, zu entkommen. In den Wald hinein war er auch
sicher, nicht verfolgt zu werden, und mit guten Fhrern versehen, die hier
jeden fubreit Boden kannten, hoffte er schon die Berge wieder zu erreichen
und sich dort entweder einer andern Guerillatruppe anzuschlieen, oder auch
wieder in einem kleinen Binnenstdtchen fr kurze Zeit sein Hauptquartier
aufzuschlagen.

Aber seine Gefangenen sollten nicht den Triumph feiern knnen, von ihren
Freunden befreit zu werden. Die wollte er mitschleppen und -- wenn das
nicht ging -- dem Feind wenigstens nur die blutigen Leichen derselben
zurcklassen.

Die Sdamerikaner sind eigentlich kein entschieden grausames Volk, und
besonders in diesen Theilen, in Ecuador und Peru, nichts weniger als
blutdrstig. Aber mit allen Leidenschaften erregt, mit dem Gefhl, besiegt
-- geschlagen zu sein, kam zu der Gewiheit, wie die glcklicheren Gegner
jetzt jubeln und jauchzen wrden, auch das Bedrfni, Rache und eine
theilweise Vergeltung zu ben, und nur an den unglcklichen Gefangenen, an
der armen Stadt konnte der Fhrer der Godos seine machtlose Wuth auslassen.

Sobald er also die Ueberzeugung gewann, da er den Tag verloren, war sein
Plan auch schon entworfen. Noch hielt er ziemlich tapfer mit den Seinen den
immer strker andrngenden Feinden Stand, aber ein Theil seiner Leute wurde
rasch zurck zu dem Gefngni beordert, mit dem Befehl, die Gefangenen ber
die Brcke zu schaffen und dann die letzten Huser, von denen aus der Wind
ber die Stadt schlug, in Brand zu schieen. Das sollte das Signal fr
ihn selber sein, mit seinen Truppen zu folgen, und Widerstand in der Stadt
selber brauchte er, wie er fest berzeugt war, nicht zu frchten.

Der Plan, so teuflisch er sein mochte, war gut ausgedacht, denn schon das
Feuer mute seinen Rckzug decken, da die Truppen Mosquera's nicht daran
denken durften, ihn zu verfolgen, wenn sie die ganze Stadt nicht in einen
Aschenhaufen wollten verwandelt sehen -- aber der Eifer seiner Leute
verdarb ihn.

Whrend sich ein Theil derselben in das Gefngni warf und den
Unglcklichen darin die Hnde auf den Rcken band, um eine mgliche Flucht
derselben zu verhindern, sprang ein anderer Theil derselben in die letzten
Huser und feuerte von der Strae aus unter das trockene Schilf der inneren
Dcher, bis sie in Brand geriethen. Wie _ein_ Schrei des Entsetzens zuckte
aber der Ruf dieser Unthat durch die bedrohte Stadt, und was noch Waffen
trug, strmte herbei, um sich dem Frevel zu widersetzen.

Indessen hatten sich die Matrosen, da ihnen ihr Offizier abhanden gekommen
war, ebenfalls nach der Stadt zurckgezogen, denn gerade dort, wo sie
standen, schien der Feind pltzlich seinen Angriff aufgegeben zu haben,
um den Kern seiner Truppen weiter oben auf einen andern Punkt zu werfen.
Unschlssig standen sie hier und beriethen gerade, ob sie ebenfalls
dorthin, woher das strkste Gewehrfeuer drang, eilen oder hier ruhig
einen neuen Befehl ihres Generals abwarten sollten, als hinter ihnen ein
Getmmel laut wurde und eine Stimme deutlich in englischer Sprache rief:
Zu Hlfe! zu Hlfe, Landsleute!

Alle Teufel! schrie Bill herumfahrend, das sind die Gefangenen. Was
haben sie mit denen vor?

Vorwrts, Jungen! rief aber da der Bootsteuerer, da mssen wir dabei
sein -- und in gestrecktem Lauf flogen die fnf Seeleute, Bill vorne seine
Muskete, die schon lange nicht mehr in dem Regen feuern wollte, wie eine
Handspake in der Faust, auf den Menschenknuel zu, um den sich indessen
auch eine Menge Frauen gesammelt hatten.

Amerikaner hierher! schrie er dabei, hier kommt Hlfe!

Hierher, hierher, Landsleute! rief eine krftige Stimme, und Bill hatte
im Nu die Gestalt erkannt, die sich mit gebundenen Armen unter den Hnden
der Hscher wand.

Bill wute aber recht gut, da er seine Zeit nicht mit unntzen Fragen oder
Auseinandersetzungen verlieren durfte, und vollkommen gleichgltig dagegen,
ob er es mit Godos oder Mosqueranern zu thun habe, fuhr er mit seinem
Kolben dermaen unter die Bursche hinein, da ein paar von ihnen betubt
oder todt -- wer kmmerte sich darum -- zu Boden strzten. Der Kolben brach
auch von dem Schlag, aber das eiserne Rohr blieb eine eben so gewichtige
Waffe, und rechts und links mhte er damit hinein, whrend jetzt der
Bootsteuerer mit den Uebrigen herbeisprang, um dem Angriff Nachdruck
zu geben. Im Nu hatten sie auch den Amerikaner befreit und seine Bande
durchschnitten, und scheu wollten sich die sdamerikanischen Soldaten mit
ihren brigen Gefangen zurckziehen -- aber Bill lie sie nicht.

Da sind noch Andere dabei, die auch frei werden mssen! schrie er den
Gefhrten zu -- noch ein Englnder ist darunter -- vorwrts Jungen!
hmmert den braunen Halunken die Schdel ein, wenn sie nicht Vernunft
annehmen wollen.

Es sah fast wie Wahnsinn aus, da die fnf nothdrftig bewaffneten Matrosen
einen Angriff gegen einige zwanzig Soldaten machen wollten, aber sie
zgerten auch nicht einen Moment. Ihr Blut war einmal warm geworden,
und whrend der befreite Amerikaner von einem der Gefallenen eine Lanze
aufgriff, warfen sie sich mit keckem Muth auf den Feind.

Da strmte General Oran mit seinem Trupp die Strae herauf, denn die zu
frh gefeuerten Allarmschsse hatten ihn glauben machen, da seine Befehle
alle ausgefhrt seien und die Bahn nun frei lge fr seine Flucht. Am
Gefngni vorberkommend, sah er aber seine eignen Leute noch im Kampf
mit den Fremden, und augenblicklich das Ziel errathend, das diese im Auge
hatten, warf er sich mit seiner ganzen Macht gegen sie an.

Ein Glck fr die Seeleute war es, da die Neugranadienser unten, ehe sie
die Schanzen verlieen, smmtlich die Gewehre, die berhaupt nicht mehr
losgehen wollten, auf den Feind abgefeuert hatten, und dann, ohne sich Zeit
zu nehmen, wieder zu laden, den vorangegangenen Freunden gefolgt waren. So
konnten sie wenigstens nicht in den kleinen Trupp hineinschieen, aber mit
Sbeln und Lanzen fielen sie doch ber sie her; was konnten auch die paar
Menschen gegen ihren Schwarm ausrichten.

Bill erhielt den ersten Sbelhieb ber den Kopf, aber der Bursch fhrte
keinen zweiten, denn der Matrose, wenn auch verwundet, zerschmetterte mit
seinem Bchsenlauf den Schdel des Unglcklichen. Jetzt aber war Bill's
Zorn auch erwacht, und mit einem lsterlichen Fluch sprang er hinein in die
Rotte, um sich bis zu dem eben erkannten General durchzuarbeiten.

Da tnte wildes Jubelgeschrei von der andern Seite herber.

Ho Bill! -- ho Tom! lass' sie's haben. Drauf meine Jungen, hier kommt
Hlfe! -- Hurrah! =Uncle Sam for ever!=

Die Neugranadienser stutzten, den frischen Feind gewahrend; aber eine noch
dringendere Gefahr bedrohte sie von der andern Seite, denn die Einwohner
von Buenaventura, wthend ber den frevelhaften Versuch, ihre Stadt in
Brand zu stecken, und jetzt auch mit der Gewiheit, da Mosquera doch
den Platz besetzen wrde, fielen pltzlich ebenfalls ber sie her und
vereinigten sich mit den Matrosen.

Die Strae herunter tnte wildes Geschrei, und schwarzer Rauch wlzte sich
unheimlich drohend von den brennenden Gebuden herber, die Wuth der Mnner
noch zum Aeuersten anstachelnd. General Oran machte einen Versuch, sich
durchzuhauen, und htten er und die Seinen den ganzen Tag so gefochten,
so wren sie wahrscheinlich Sieger geblieben. Jetzt kam der Muth der
Verzweifelten zu spt. Mosquera's Truppen, keinen Widerstand mehr an den
Schanzen findend, hatten die niederen Wlle bersprungen und strmten jetzt
von allen Seiten in die offene, unvertheidigte Stadt hinein.

Tom war vorgesprungen, wo er einen kleinen offenen Raum sah. Der General,
der sich auf ein Pferd geworfen, wollte gerade an ihm vorber, als der
lange Matrose mit seiner Wallfischlanze zum Wurf ausholte. Der Offizier
sah ihn und drckte seinen Revolver auf ihn ab -- aber die Nsse hatte
ihn unschdlich gemacht; zwei, drei Zndhtchen versagten, und im nchsten
Moment sauste der haarscharfe Stahl gegen ihn vor und traf ihn in die
Seite. -- Unter ihm sprang das Pferd hinaus in's Freie, und die Godos, als
sie ihren Fhrer fallen sahen, stoben in scheuer Flucht nach allen Seiten
auseinander.

Von jetzt ab war an keinen Widerstand mehr zu denken; es gab nur noch
Verfolger und Verfolgte, und Wenigen der Schaar gelang es, ber die Brcke
in den Wald zu entkommen, wo sie sich in den wilden Dickichten verstecken
und doch fr den Augenblick ihr Leben retten konnten.

Die Matrosen nahmen natrlich keinen Theil an der Verfolgung, der sich
aber der befreite Amerikaner auf das Thtigste anschlo. Sowie sie nur
die brigen Gefangenen losgebunden, begrten sie mit wirklich herzlicher
Freude die so zur rechten Zeit zum Sukkurs herbeigeeilten Kameraden. -- Und
doch mischte sich auch wieder etwas Verlegenheit hinein, denn eigentlich
war es gar nicht ihre Absicht gewesen, an Bord zurckzukehren, wenn ihnen
auch das feste Land bis jetzt wenig Verlockendes geboten. Bill hatte
einen Sbelhieb ber den Kopf, Dick einen Lanzenstich durch das Bein,
der Bootsteuerer eine Kugel durch den Oberarm und Bob einen Kolbenschlag
bekommen, der ihm die Hlfte des linken Ohres vom Kopfe getrennt und den
linken Arm gelhmt. Auch von den Neugekommenen waren Einige verwundet
worden, aber keiner von ihnen dachte jetzt an die Schrammen, und der
Harpunier rief vergngt aus: Wetter noch einmal, Jungen, Ihr habt uns
beinahe eine heie Mahlzeit eingebrockt, aber =all's well, that end's
well=, und jetzt mssen wir machen, da wir an Bord kommen, denn der Alte
kocht gewi schon vor Ungeduld noch rger als sein Kessel.

Ihr habt Fische gefangen? sagte Bill zaudernd.

Zwei Mordfische! rief der Harpunier, und einen noch drauen liegen, mit
der Fahne eingesteckt. Das aber nicht allein, die See scheint da drauen
von Spermfischen zu wimmeln, und wir sind nur hier -- mit Auskochen
beschftigt und weil wir fr den Augenblick nicht mehr bergen konnten --
die Kste angelaufen, um nach Euch auszusehen, denn damals im Nebel konntet
Ihr kaum anders als hier an Land gehen.

Und es gibt wirklich viele Fische drauen? fragte der Bootsteuerer.

Wenn wir noch einmal so dazwischen kommen, wie neulich, versicherte der
Harpunier, und mit allen vier Booten arbeiten knnen, so kriegen wir das
halbe Schiff voll, so viel ist sicher.

Hm ja, sagte Bill, whrend er sich mit der linken Hand das Blut vom Kopf
herunterwischte, den Blick aber forschend umherwarf, als ob er Jemanden
suche -- ich -- mte aber doch eigentlich erst noch einmal nach Haus.

Nach Haus? rief der Harpunier verwundert, wo zum Teufel hast Du in den
zwei Tagen ein Haus herbekommen?

Und eine Frau dazu, rief Bob lachend.

Eine Frau? -- aber Bill wurde die Antwort erspart. Aus dem Schwarm der
umherdrngenden jubelnden Menschen strzte ein junges blhendes Weib, und
sich ohne Scheu an des Matrosen Hals werfend, drckte sie einen heien Ku
auf seine Lippen.

Madame! sagte Bill ganz verdutzt, aber mit leuchtenden Augen den Arm
des neben ihr stehenden geretteten Gatten ergreifend, rief das junge Weib:
Euch und Gott habe ich die Befreiung meines Mannes zu danken, o mge Euch
einst der Himmel lohnen, was Ihr an uns gethan.

Wackere Bursche! rief auch jetzt der Mann, wie soll ich euch je Eure
Hlfe danken, wo mir die Ruber auch das Letzte genommen haben.

War vollkommen gern geschehen, Sirrih, nickte Bill, der bis hinter die
Ohren roth geworden -- die junge Frau da ist ein braves Weib, und kein
Amerikaner wrde sie im Stich gelassen haben.

Und Ihr zrnt mir nicht mehr meines Ueberfalls -- meiner Lge wegen?
lchelte das junge Weib.

Ich -- sagte Bill, noch viel rther werdend -- ich -- ich wollte,
es wre wahr gewesen -- aber was kann's helfen! Kommt, Jungen, die Zeit
vergeht. Der Alte hat schon die Flagge aufgezogen.

Bei Gott! rief der Harpunier emporfahrend -- dort geht sie auf und
nieder! Fort an Bord -- an Bord!

Und Ihr wollt wieder fort?

Matrosenleben, sagte Bill achselzuckend, indem er ihr seine breite Hand
reichte und die ihrige herzlich, aber vorsichtig drckte. Lebt wohl und --
und wenn es Euch wieder gut geht, denkt zuweilen an Euren -- zweiten Mann
-- =good bye=-- und ohne eine weitere Antwort abzuwarten, sprang er, den
Uebrigen voran, zum Boote hinab.

Die beiden Boote waren rasch flott gebracht, und aus dem jetzt vollstndig
verdeten Wachthaus wollten sie nun ihre Riemen und ihr Segel herunter
holen. Zwei von den Riemen waren auch wirklich noch da -- weiter nichts.
Die drei anderen und das Segel, wie die eine Harpune und Lanze hatten
irgendwo einen Liebhaber gefunden. Aber es blieb ihnen keine Zeit mehr,
sich danach umzusehen, wre auch wahrscheinlich nutzlose Arbeit gewesen.

In wenigen Minuten waren die Boote bemannt und stieen vom Lande, um ihrem
Schiffe zuzurudern. Wie sie sich vom Ufer entfernten, kam jener Amerikaner,
den sie aus den Hnden der Godos befreit, und der sich indessen den
Verfolgern angeschlossen und das ausgebrochene Feuer mit gedmpft hatte,
zum Ufer herabgestrzt und rief ihnen nach.

Einen Moment blieben die Leute auf ihren Rudern liegen.

=Boys, country men!= rief der Landsmann, fahrt nicht so fort, ich mu
Euch erst danken und der General will Euch fr Eure Hlfe belohnen.

Meine schnsten Gre an den General! rief der Harpunier zurck, aber
der Alte wetzt die Flaggenfall da drben zu Schanden. Das Schiff ist schon
wieder unterwegs! =Good bye.=

=Good bye= denn, =God bless you=! rief ihnen der Amerikaner nach. Die
Matrosen schwenkten ihre Mtzen gegen ihn, und wieder griffen die Ruder
ein, und lieen die Stadt bald weit, weit zurck.

Jetzt hatten sie das Schiff erreicht. Ein lauter donnernder Jubelruf
begrte von dort die geretteten Kameraden -- jetzt liefen sie langseit
-- im Nu lagen die Boote unter den Krahnen und wurden aufgeholt, und fnf
Minuten spter segelte die Martha's-vine-yard, schwerfllig wie immer, aber
auch ihre Zeit dazu benutzend und den gewonnenen Thran auskochend, whrend
eine schwarze Rauchsule ihre Bahn bezeichnete -- in die offene See hinaus.




Das Luftbad.

Eine schreckliche Geschichte.


Der Regierungsrath Braunfeld lebte in den besten und unabhngigsten
Verhltnissen, denn er war wohlhabend, ja reich zu nennen, auch noch
unverheirathet, und eigentlich nur in die Staatscarrire getreten, um
_eine_ Beschftigung zu haben und einen Titel zu bekommen, denn als
einfacher Herr Braunfeld das ganze Leben lang herumzulaufen, ging doch
unmglich an und htte sich auch nicht geschickt.

Aber er bekam das auch zuletzt satt, denn wenn auch noch in den besten
Jahren, fingen die regelmigen Bureaustunden an, ihm unbequem zu werden.
Nachdem er also noch glcklich sein 25jhriges Dienst-Jubilum gefeiert --
war er doch schon mit zweiundzwanzig Jahren in den Staatsdienst getreten
-- kam er um seine Entlassung ein und erhielt sie auf die ehrenvollste
Art bewilligt. Nicht allein wurde ihm zu seinem Regierungsrath noch das
Prdicat geheimer beigegeben, was aber schon am nchsten Tag ffentlich
in alten Zeitungen stand, sondern auch noch der blaue Finkenorden vierter
Klasse verliehen, so da man jetzt eigentlich htte glauben sollen, der
Geheime Regierungsrath Braunfeld msse einer der glcklichsten Menschen
auf der Erdkugel sein.

Es ist aber eine allbekannte Thatsache, da Leute, die keine wirklichen
Sorgen und dabei auch nichts zu thun haben, sich dieselben knstlich
machen, und dabei nicht selten die grte Erfindungsgabe entwickeln. So
setzte sich denn auch in dem Kopf des Geheimen Regierungsrathes nach
und nach die fixe Idee fest, da er an irgend einer unbekannten aber
entsetzlichen Krankheit leide und dem Grabe in rasender Schnelle zugerissen
wrde.

Sein Hausarzt, der Doktor Asmus, war ein ganz vernnftiger Mann, der
die Ursache seiner Krankheit bald erkannte, und sie einfach durch
eine vernderte Lebensweise des Patienten zu heben suchte. Der geheime
Regierungsrath hatte zu schweres Blut; er lebte dazu auerordentlich gut,
a sehr starke und fette Speisen, trank sehr schweren Wein und starken
Kaffee und machte sich dazu nicht die geringste Bewegung, ja verschlief
sogar noch seinen halben Nachmittag, so da das Uebel immer hartnckiger
bei ihm auftrat. Verlangte aber der Arzt von ihm, da er diese tglichen
Snden an seinem Krper unterlassen solle, so war die regelmige Antwort,
_das_ sei unmglich und der Krper schon zu sehr daran gewhnt. Der Geheime
Regierungsrath meinte dann auch wohl resignirt: wozu auch, ich habe doch
nur noch eine so kurze Spanne Zeit zu leben, und will mir daher wenigstens
nicht unnthige Entbehrungen auferlegen.

Der Doktor schlug nun ein anderes, unfehlbares Mittel vor, um ihn allen
derartigen Phantasieen zu entziehen und auf andere Gedanken zu bringen --
nmlich zu heirathen. Aber auch das wies der Patient entschieden von der
Hand, obgleich er mit seinem Alter -- er war erst 48 Jahre alt -- noch
immer Zeit dazu hatte. Erstlich wute er Niemanden, wenigstens keine
junge Dame, die er fr wrdig befunden htte, sie auf einmal zur Geheimen
Regierungsrthin zu machen und berdies behauptete er, sie wrde den Titel
verwittwete doch augenblicklich dazu bekommen.

=Dr.= Asmus verlor endlich die Geduld. Erstlich hatte er gerade in dieser
Zeit auerordentlich viel zu thun, da ein hartnckig auftretender Typhus in
der Stadt grassirte, und es pate ihm dabei gar nicht, jeden Augenblick zu
einem Patienten gerufen zu werden, der seinem Rath doch nicht folgte, weil
er sich ber seinen wahren Zustand tuschte. Mit dem mute er dehalb ein
anderes Mittel versuchen, und ihn dabei auch womglich auf eine Zeit lang
los werden. Aber wohin mit ihm? In irgend ein Bad? Der dortige Badearzt
wrde augenblicklich gemerkt haben, da ihm gar Nichts fehle und er durfte
sich vor einem Collegen, der die nheren Umstnde nicht kannte, keinesfalls
soweit blamiren, den Zustand seines Patienten falsch beurtheilt zu haben.
Dabei wurde die Qulerei des Geheimen Regierungsraths immer unertrglicher,
denn er hatte ihn in der letzten Woche sogar zweimal mitten in der Nacht
herausklingeln lassen, weil er behauptete, keine Luft mehr zu bekommen. Dem
mute unter jeder Bedingung ein Ende gemacht werden.

Regierungsrath! sagte der Doktor eines Tages zu ihm, als er ihn wieder
besuchte, denn er lie den Geheimen immer hartnckig weg, Ihr Zustand
fngt an, mir selber Besorgni zu erregen.

Und Sie haben es mir immer nicht glauben wollen, Doktor, wimmerte der
Kranke erschreckt, ach, _ich_ fhlte den Wurm, der an mir fra.

_Ein_ Wurm? sagte der Doktor ernsthaft, indem er ihn stier ansah -- Sie
haben eine _Million_ Wrmer in sich. Sie stecken voll Trichinen.

So bin ich verloren, sthnte der Unglckliche und sank wie vernichtet auf
seinen Stuhl zurck.

Bah, dehalb noch lange nicht, erwiederte aber der Arzt, indem er ein
chirurgisches Besteck aus der Tasche nahm -- jedenfalls mu ich Sie
untersuchen, um vorher Gewiheit zu bekommen.

Aber, bester Doktor, fuhr der Geheime Regierungsrath wieder in die Hhe,
denn er hatte einen heiligen Respekt vor der Harpune, das ist ja doch
rein unmglich, denn ich habe von dem Moment an, als das erste Mal
das entsetzliche Wort Trichine in einer Zeitung stand, keinen Bissen
Schweinefleisch mehr genossen.

Das ist gleichgltig, sagte der Doktor ruhig, Sie knnen sie auch in
anderem Fleisch von einem nicht ordentlich gereinigten Hackklotz bekommen
haben; das ist schon mehrfach vorgefallen. Kommen Sie nur her, es thut
nicht weh; es hilft eben Nichts, wir mssen die Gewiheit haben, nachher
kurire ich Sie rasch genug.

Sie mich kuriren? sagte der Geheime Regierungsrath wehmthig, es gibt ja
noch gar kein Mittel dagegen.

Wir hatten noch keines entdeckt, nickte der Doktor aber die Amerikaner,
praktisches Volk wie immer, sind der Sache auf die Spur gekommen. Ich
wette einen Korb Champagner mit Ihnen, da ich Sie in vier Wochen, wenn Sie
meinen Rath genau befolgen, vollstndig wieder hergestellt habe. Verlangen
Sie mehr? Aber ich kann mich hier nicht eine Stunde lang zu Ihnen
hersetzen, denn meine andern Patienten warten. Ziehen Sie einmal den Rock
aus und streifen Sie Ihren Hemdrmel in die Hhe.

Aber ist das wirklich unumgnglich nothwendig?

Machen Sie doch keine Umstnde wegen einem solchen Quark, sagte der
Doktor und lie dabei dem Patienten auch gar keine Zeit mehr, sich zu
besinnen. Er half ihm selber den Rock ausziehen und hatte in wenigen
Minuten ihm ein Stck Fleisch mit der Harpune aus dem Arm geholt, das er
dann sorgfltig in ein Stck Papier wickelte und erst dann dem leise vor
sich hin Wimmernden einen Verband umlegte.

So, sagte er dabei, jetzt machen Sie sich keine Sorgen weiter. Sobald
wir nur erst einmal Ihre Krankheit constatirt haben, wollen wir ihr schon
auf den Leib rcken. Das Gefhrliche an der Sache war, da wir bis jetzt
nicht wuten, wo wir sie angreifen sollten und glauben Sie mir, zahllose
Menschen sind schon an dieser Ungewiheit zu Grunde gegangen.

Aber welch' ein Mittel halten Sie fr--

Erst mu ich mich berzeugen, da meine Vermuthung wirklich begrndet
war, unterbrach ihn der Arzt, indem er seinen Hut ergriff; heut'
Nachmittag komme ich wieder her und bringe Ihnen Gewiheit. Trinken Sie
gewhnlich Wein bei Tisch?

Das ist noch das Einzige, womit ich mich bis jetzt am Leben erhalten
habe, seufzte der Kranke.

Was fr welchen?

Sie kennen ja meine Schwche, lchelte der Geheime Regierungsrath
wehmthig -- Bocksbeutel.

Ja, den schwersten, den es giebt -- nun bis ich mich nicht berzeugt habe,
will ich Nichts sagen, ist aber, was ich befrchte, wirklich der Fall, so
mssen Sie dem entsagen oder Sie sind -- ein verlorener Mann.

Aber Spirituosen sollten doch gerade--

Nachmittag komme ich wieder her, brach der Doktor kurz ab, und noch Eins
-- sprechen Sie mit keinem Menschen darber. Ich mchte nicht gern, da Sie
das Gerede der Stadt wrden und Ihr Fall nachher mit vollem Namen und Titel
als Trichinenkranker durch alle Zeitungen liefe. Die Presse spannt jetzt
so auf solche eklatante Beispiele, und Sie wren auerdem noch der Gefahr
ausgesetzt, da Aerzte von allen Seiten Deutschlands herbei kmen und Sie
um ein Stck Fleisch bten, um ihre Untersuchungen daran zu machen.

Na, weiter fehlte mir gar Nichts, sthnte der Arme, diese verfluchten
Harpunen, ich habe an dem einen Mal genug.

Ja, aber Sie knnten es nachher im Interesse der Wissenschaft doch nicht
gut verweigern, denn man wrde es fr Feigheit auslegen.

Aber, ich soll mich doch wahrhaftig nicht von der ganzen Welt harpuniren
lassen?

Gerade dehalb rathe ich Ihnen mit Niemanden ber Ihren Zustand zu
sprechen, sagte der Arzt, und nun leben Sie wohl, lieber Regierungsrath
-- gleich nach Tisch komme ich wieder zu Ihnen und haben Sie nur Vertrauen
zu mir; ich kurire Sie, darauf knnen Sie sich verlassen.

Leben Sie wohl, hatte der entsetzliche Doktor gesagt, whrend er
mit einem Stck Menschenfleisch in der Tasche von dem unglcklichen in
Verzweiflung zurckbleibenden Patienten Abschied nahm.

Trichinen! Ja wohl, das war es auch; da er nur selber noch nicht auf
diesen furchtbaren, aber so nahe liegenden Gedanken gefallen sein sollte;
fhlte er doch die grlichen Geschpfe in all' seinen Gliedern. Und
daher also die ewige Bengstigung, dieses Prickeln in allen Theilen seines
Krpers. Das war die unheimliche Thtigkeit jener Myriaden von Geschpfen,
die sich durch seine Muskeln bohrten und darin Quartier nahmen? Und _er_,
ein _geheimer_ Regierungsrath, jetzt hatte er geheime Trichinen -- sogar
_wirklich_ geheime, denn er durfte es noch nicht einmal Jemanden sagen,
durfte sein Leid, seinen Jammer nicht in die Welt hinausschreien, wenn
er nicht frchten wollte, da sie von allen Seiten blutgierig mit ihren
Harpunen herbeistrmten und ihn um eine Portion bten.

Er verbrachte ein paar entsetzliche Stunden, und nicht einmal der Wein, den
ihm der Doktor heute noch erlaubt, oder den er vielmehr nur geduldet
hatte, wollte ihm schmecken -- Fleisch konnte er gar nicht sehen, denn
es erinnerte ihn nur noch mehr an sein Elend, und er lie sich in aller
Verzweiflung ein paar Pfund Karpfen absieden, um nicht auch noch bei
lebendigem Leibe zu verhungern.

Nach Tisch schlief er gewhnlich zwei Stunden, um sich spter den ganzen
Abend matt und unbehaglich zu fhlen. Der Arzt hatte ihm das auch
schon lange verboten, aber er behauptete immer, er drfe seine gewohnte
Lebensweise nicht unterbrechen, oder er ginge zu Grunde. Heute fand er
keine Ruh; er lief die ganze Zeit im Zimmer auf und ab und blieb nur
manchmal erschreckt stehen, wenn er die Bewegung der Thiere in seinem
mihandelten Krper zu fhlen glaubte.

Endlich -- endlich kam der Doktor, nach welchem er indessen selber schon
zweimal aber immer vergebens geschickt. Er war sehr ernst, wickelte aus
einem Tuch, das er in der Hand hielt, ein Mikroscop heraus, stellte
es, legte ein Prparat hinein und bat den Geheimen Regierungsrath dann
feierlich einmal hindurch zu sehen.

Zitternd beobachtete ihn der Unglckliche, denn er wute genau, was ihm
bevorstand -- _was_ er da zu sehen bekam -- _seine_ Trichinen -- die
entsetzlichen Verwster seines eigenen Krpers, die selbst in diesem
Augenblick noch eifrig beschftigt waren, ihn bei lebendigem Leibe zu
verzehren. Er streckte auch abwehrend die Hand aus, aber der Doktor lie
nicht nach.

Bitte, lieber Regierungsrath, Sie _mssen_ sich selber mit eigenen Augen
berzeugen, da meine Vermuthung, da der Verdacht, den ich geschpft, nur
zu gegrndet gewesen. Sie stecken voll bis an die Haarwurzeln und es ist
die hchste Zeit, da wir eine ernste Maregel dagegen ergreifen.

Und glauben Sie wirklich, da da noch Hlfe mglich ist, Doktor?

Bah, mglich? Ich habe Ihnen nicht umsonst eine Wette angeboten. Wollen
Sie meinem Rath folgen -- aber sehen Sie sich nur erst einmal selber die
Beester an -- so stelle ich Sie in vier Wochen so vollstndig her, da Sie
so gesund wie ein Fisch im Wasser -- und auch ebenso frei von Trichinen
sind -- bitte, berzeugen Sie sich nur erst einmal.

Der Geheime Regierungsrath folgte mit einem schweren Seufzer der
Aufforderung und da waren sie richtig -- nicht mehr geheim, sondern klar
und offen in ihrer natrlichen Scheulichkeit spiralfrmig gewunden und
zusammengerollt. Ein solches kleines Ungethm hatte sich sogar in seiner
ganzen Lnge ausgestreckt.

Es ist entsetzlich! sthnte der Unglckliche -- und die sind von mir?

Auf frischer That ertappt, ja, schmunzelte der Doktor, denn er fhlte
sich jetzt seines Opfers sicher, und nun hren Sie aufmerksam zu und
weichen Sie keinen Finger breit von meinen Vorschriften ab, oder Sie sind
in vier Wochen, anstatt gesund und krftig ein neues Leben zu beginnen, ein
rettungslos verlorener Mann.

Und was soll ich um Gottes Willen thun? ich will Ihnen ja so gern folgen,
wenn ich nur--

Sie reisen morgen frh--

In ein Bad?

Nein, das hilft Ihnen Nichts -- in den Thringer Wald mssen Sie, oder in
irgend einen anderen, denn auf die besondere Gegend kommt Nichts an -- der
Thringer ist uns aber der nchste und auch sonst vortrefflich geeignet.
Dort stehen oben in den Bergen eine Menge Pirschhuser, die aber nicht alle
benutzt werden -- ich bin dort bekannt; ich werde Ihnen einen Brief an
den dortigen Forstmeister mitgeben. Unten im Thal im nchsten Wirthshaus
quartieren Sie sich ein und bleiben dort vier Wochen. In der ganzen Zeit
drfen Sie keinen Tropfen Wein oder Bier trinken, hren Sie? Nichts als
Wasser oder vielleicht einmal zur Abwechselung etwas verdnnte Milch.
Fische knnen Sie essen, auch Fleisch, aber kein Brod -- auch keine
Kartoffeln und Gemse und jeden Mittag ein weich gekochtes Ei -- aber nur
eins und jeden Mittag Wassersuppe.

Oh Du groer Gott, sthnte der Geheime Regierungsrath, das wird gut
werden.

Dabei, fuhr der Doktor unerbittlich fort, drfen Sie den Trichinen keine
Ruhe lassen -- schlafen Sie Nachmittags, so sind Sie rettungslos verloren,
denn in der Zeit gerade erholen sie sich wieder, wenn sie sonst angegriffen
werden. Morgens mit Sonnenaufgang -- nicht spter, steigen Sie langsam zu
dem Pirschhaus hinauf, was Sie sich so aussuchen mssen, um etwa zwei bis
drei Stunden Entfernung dahin zu haben. Oben angekommen ruhen Sie sich zwei
Stunden aus und khlen sich ordentlich ab -- Sie drfen sich auch frische
Wsche mitnehmen.

Ich danke Ihnen, sagte der Geheime Regierungsrath, dem sich Herz und
Leber bei der Verordnung umdrehte.

Und dann--, fuhr der Doktor fort, nehmen Sie dort oben ein Luftbad!

Ein _was_? frug der Kranke rasch und erschreckt.

Ein Luftbad, wiederholte ruhig der Doktor, es ist das Einzige was Sie
wieder herstellen kann.

Aber, wie um Alles in der Welt soll ich denn das machen? rief der
Unglckliche -- Luftbad? Was ist denn das eigentlich?

Die Sache ist unendlich einfach, erwiederte Doktor Asmus, denn darauf
beruht gerade jene amerikanische Entdeckung. Die Trichine ist nmlich ein
Geschpf, das Alles ertragen kann, bis zur ausgesprochenen Siedehitze,
miges Ruchern, Salzen, oberflchliches Kochen, unter Wasser setzen, kurz
Alles, wodurch sie nicht in direkter Verbindung mit frischer Luft kommt --
wird sie aber dieser ausgesetzt, so ist sie rettungslos verloren und mu
sterben.

Aber ich begreife Sie noch immer nicht.

Sie sind furchtbar schwer von Begriffen, Regierungsrath, sagte der Doktor
mit dem Kopf schttelnd. Sie sollen sich oben im Wald -- und bei der
Hitze, die wir diesen Sommer haben, kann Ihnen das nur behaglich sein
-- vollkommen nackt ausziehen -- eine sehr schmale Schwimmhose mgen Sie
meinethalben anbehalten -- und eine volle Stunde lang im Wald spazieren
gehen. Nachher ziehen Sie sich wieder an und steigen langsam und ohne sich
zu erhitzen, in Ihr Hotel hinab. Haben Sie mich jetzt verstanden?

Und _das_ soll die Trichinen tdten -- unbegreiflich.

Lieber Freund, sagte der Doktor, es liegen noch eine Menge von
Geheimnissen in der Natur, die wir mit unsern groben Sinnen nicht gleich
fassen knnen und oft bleibt es nur dem Zufall vorbehalten, solche
geheimnivolle Wirkungen zu erkennen und festzustellen. Uebrigens machen
Sie, was Sie wollen; _das_ sage ich Ihnen aber, es ist Ihre einzige und
letzte Rettung, und wenn Sie nicht unverzglich an die Kur gehen, stehe ich
Ihnen selbst nicht einmal dafr, da selbst _das_ Ihnen etwas ntzen kann.

Der Geheime Regierungsrath sah wieder in das Mikroscop hinein, um sich noch
einmal vor seinen zahllosen Qulgeistern zu entsetzen. Der Anblick war aber
zu furchtbar, als da er ihn htte lange aushalten knnen.

Wie Gott will, sthnte er endlich -- aber noch Eins, Doktor, schreiben
Sie mir meine Verhaltungsregeln etwas auf, denn es sind deren so
mancherlei, da ich sie am Ende nicht im Gedchtni behalten knnte.

Von Herzen gern.

Und wenn ich dort nun -- wenn ich dort nun einen Arzt finden sollte --
glauben Sie nicht, da es gut wre, ihn ebenfalls um Rath zu fragen?

Warum nicht? sagte Doktor Asmus ruhig, schaden kann es auf keinen Fall.
Er wird Sie dann jedenfalls zuerst harpuniren--

Aber das ist ja doch schon geschehen! rief der Regierungsrath schnell.

Das bleibt sich gleich, entgegnete ruhig der Doktor, kein Arzt auf
der Welt kann sich und darf sich auf die bloe Aussage eines Patienten
verlassen. Er mu die Sache selber und grndlich untersuchen und wenn er
und sein Hlfsarzt dann die feste Ueberzeugung Ihres Zustandes erhalten
haben -- werden sie Ihnen das Nmliche sagen, was Sie von mir gehrt.

Und wohin also soll ich reisen? sthnte der Geheime Regierungsrath in
Verzweiflung.

Direkt nach Gotha und von da nach Reinhardtsbrunn. Dort sind Sie mitten im
Wald, und fr ein bequem gelegenes Pirschhaus werde ich selber Sorge tragen
-- ich gebe Ihnen einen Brief mit.

Dabei blieb es; der Geheime Regierungsrath, das Herz zum Brechen voll
und noch immer in peinlichster Ungewiheit, ob ihm die wunderliche Kur
berhaupt etwas ntzen werde und er nicht trotzdem ein verlorner Mann
sei, packte noch an dem nmlichen Abend seine Sachen zusammen. Aber noch
ein anderer Gedanke beunruhigte ihn. Er war nmlich nicht gewohnt baarfu
zu gehen -- selbst im Sommer beim Baden, was er aber auch nur sehr sprlich
betrieb, genirte es ihn immer ungemein, wenn er die wenigen Schritte in
bloen Fen machen mute, und jetzt sollte er eine ganze Stunde baarfu im
Wald und auf den scharfen Fichtennadeln herumlaufen; das ging unmglich und
er mute dehalb den Doktor fragen, ob er seine kurzen Stiefel anbehalten
drfe. Das gestand ihm dieser denn auch zu; auch seinen Strohhut durfte er
aufbehalten.

Aber noch eins -- er litt nicht selten an Halsschmerzen und war ebenso
wenig gewohnt im bloen Hals wie in bloen Fen zu gehen -- wenn er nur
noch wenigstens seine Cravatte--

Der Doktor bekam den Qulgeist, der ihm keinen Moment Ruhe lie, satt:

Meinetwegen behalten Sie auch die Cravatte um, rief er endlich rgerlich,
aber das ist das Aeuerste, was ich Ihnen erlauben kann, und nun machen
Sie, da Sie fortkommen, denn wenn Sie das schne warme Wetter nicht
benutzen, wird es zu spt in der Jahreszeit und Sie sind nicht mehr zu
retten.

Damit ging der Doktor, nachdem er dem Patienten noch vorher ein genaues
Verzeichni seiner nchsten Lebensweise eingehndigt, und der Geheime
Regierungsrath blieb mit dem nagenden Wurm im Herzen zurck, um seine
Angelegenheiten zu ordnen und den nchsten Morgenzug nicht zu versumen.

Ein Luftbad! Es war ein schrecklicher Gedanke, eine volle Stunde in der
Schpfungstracht umher zu laufen, nur um seine Trichinen an die Luft zu
setzen -- und wo hatte er je gelesen, da irgend ein hnliches Mittel gegen
diese unseligste aller Krankheiten erprobt oder gar nur erwhnt sei. Und
wenn er nun noch vorher einen andern Arzt dehalb zu Rathe zog? -- aber die
verfluchten Harpunen! Er hatte an der einen Operation vollstndig genug und
dachte nicht daran, sich einer zweiten auszusetzen. Ueberdies konnte er
ja kaum noch mehr zweifeln; er war nicht allein durch das Mikroscop selber
berzeugt worden, nein -- er fhlte auch im eigenen Krper die furchtbare
Wahrheit der Entdeckung, und es lie ihm jetzt selber keine Ruhe mehr, nur
so rasch als irgend mglich den Ort seiner Bestimmung zu erreichen und dort
seine Kur zu beginnen.

Die Reise selber verlief ohne weitere Fhrlichkeiten und wre bei
dem herrlichen Wetter wirklich ein Genu gewesen, dem sich aber der
unglckliche Patient nicht mit ganzer Seele hingeben konnte, da er nur
immer und ununterbrochen an seinen trostlosen Zustand denken mute. Er war
reich und im Besitz aller Lebensgter; er war sogar Geheimer Regierungsrath
und hatte den blauen Finkenorden vierter Klasse: aber wie beneidete er
selbst die armen Weichensteller, die niedrigsten Handlanger an der
Bahn, die armen Menschen, die zerlumpt und schmutzig ihren verschiedenen
Beschftigungen nachgingen, nur um ihr drftiges Brod zu verdienen, denn
_sie_ waren wenigstens gesund -- _sie_ hatten _keine_ Trichinen und sahen
nicht ein offenes Grab vor sich, wo sie gingen und standen.

Wie oft kam ihm dabei der Gedanke: oh, wenn Du diesen Menschen ihren
gesunden Krper _abkaufen_ knntest -- wenn Du ihnen drei-, vier- -- ja
zehntausend Thaler dafr btest, sicherlich gingen sie mit Freuden den
Handel ein und Du -- aber es war ja nicht mglich. Geld kann alle _Gensse_
des Lebens kaufen, aber nicht das Leben selber, wo gbe es auch sonst einen
kranken _reichen_ Mann und einen gesunden _Armen_! nein, er war verdammt,
sein Leiden selber zu ertragen und keine Schtze der Welt konnten ihn davon
befreien -- wenn auch die vorgeschriebene Kur Nichts nutzte.--

Trichinen! sthnte er dabei vor sich hin -- es ist unglaublich --
fabelhaft -- Tausende von Jahren steht die Welt schon und wer hat je in
seinem ganzen Leben oder in irgend einem anderen Jahrhundert etwas von
solchen Bestien gehrt und wie viel Millionen Schweine sind in der Zeit
verzehrt worden. Moses war aber gescheidt; _der_ hat seinen Juden das
Fleisch gleich verboten, der mu auch gewut haben wehalb, ob der sie
schon damals entdeckt hat! -- aber anstatt nachher das Maul aufzuthun und
zu sagen so und so -- htet Euch vor dem Fleisch, es sind kleine Beester
darin, kommt er mit seinem verfluchten Geheimni und seiner Wichtigthuerei
-- mit seinem: Gehorcht nur meinen Befehlen, Ihr braucht gar nicht zu
wissen wehalb. Da Dich der--

Der Geheime Regierungsrath war ganz im Geheimen, denn ihm gegenber sa
ebenfalls eine Geheime Commerzienrthin im Coup erster Classe --
wthend auf sich, auf die ganze Welt und besonders auf Moses -- gewi der
unschuldigste von Allen an seinem Leiden, und als sie endlich in Gotha
anlangten und ein sehr hbsch frisirter Kellner ihm durch das Wagenfenster
einen Teller mit Wrstchen prsentirte, und die Geheime Commerzienrthin
ihm entsetzt zurief: Essen Sie um Gottes Willen keine davon; es sind
Trichinen darin! gab es ihm ordentlich einen Stich in's Herz.

Es sind Trichinen darin -- Du lieber Gott, _er_ hatte selber mehr als die
kleine Wurst und wenn er sie auch im Stillen trug, in diesem Augenblick
fhlte er jede einzelne sich bewegen und drngen und bohren.

Luft! er verging fast in dem engen Coup und den Kellner mit seinem Teller,
auf welchem ganz friedlich Wrste, Malzbonbons und Apfelsinen lagen, bei
Seite drngend, strmte er an die Kasse, um sich ein Billet nach Frttstett
zu lsen und von da mit der Pferdebahn weiter zu gehen.

Abends spt langte er endlich in Reinhardtsbrunn an und wurde -- nachdem er
seinen Brief abgegeben hatte, weiter nach Tambach dirigirt und der Frster
dort angewiesen, den Herrn am nchsten Tag zu einem bestimmten und nicht
mehr benutzten Pirschhaus zu bringen, wozu er ihm auch den Schlssel
bergeben konnte.

Der Geheime Regierungsrath begann jetzt seine Kur zuerst mit einem
entsetzlich dnnen Kaffee und trocknem Weibrod, dann wanderte er in
Begleitung eines Forstgehlfen, der aus dem wunderlichen Menschen gar nicht
klug werden konnte, in die Berge hinein, bis sie das allerdings versteckt
genug gelegene Pirschhaus erreichten. Der junge Forstmann, der selber
im Wald zu thun hatte, versprach in etwa drei oder vier Stunden wieder
vorzukommen und ihn abzuholen, damit er sich nicht am ersten Tag und in
dem fremden Wald verirre, denn auf dem Rckweg sehe so ein Platz immer ganz
anders aus, als auf dem Hinweg, und lie ihn dann allein.

Eine bessere Gelegenheit, um eine hnliche Procedur vorzunehmen, wie sie
der Geheime Regierungsrath beabsichtigte, htte sich freilich auf der
ganzen Welt nicht finden knnen. Das kleine Bretterhuschen war versteckt
in den Wald hineingebaut, auf einer schmalen Lichtung, die, wenn das Auge
derselben thalwrts folgte, einen ganz reizenden Fernblick ber das weite,
wie mit einem blauen Duft bergossene Land gewhrte. Und der wrzige
Harzgeruch hier oben, das Zwitschern der Vgel, das zuweilen nur durch
den heiseren Schrei eines Raubvogels unterbrochen wurde -- und _diese_
Einsamkeit. Hier allerdings hatte er keine Strung zu befrchten, denn ohne
des jungen Forstmanns Fhrung wrde er sich nie allein hier heraufgefunden
haben. Auch der lange Marsch hatte ihn wohl erschpft, aber that ihm doch
gut und er ging jetzt vor allen Dingen daran, das Terrain selber ein wenig
zu sondiren.

Das Pirschhaus bestand nur aus vier einfachen Bretterwnden, mit einem
guten Dach und einem kleinen, eisernen Ofen darin, um an rauhen Tagen den
Ort behaglicher zu machen. Gespaltenes Holz lag ebenfalls in Vorrath darin.
Sonst stand noch dort eine Bettstelle aus weiem Holz mit einer reinlichen
Seegrasmatratze und einer wollenen Decke darauf, auch ein Wasserkrug und
ein Glas, wie ein paar irdene Tpfe, falls einmal einer der Forstbeamten
genthigt wre, dort oben ein paar Tage zuzubringen.

Der Geheime Regierungsrath benutzte aber von alle dem Nichts als das Bett;
er war mde geworden und streckte sich jetzt behaglich darauf aus, um ein
wenig zu ruhen.

Sonderbar -- zu Hause hatte er eine Stahlfeder- und darber eine
Rohaarmatratze und die weichsten Kissen, und doch war ihm sein Lager immer
zu hart gewesen und hier auf der festgestopften Seegrasmatratze lag sich's
so merkwrdig bequem. Aber seine Gedanken lieen ihn nicht ruhen: Ein
Luftbad -- es war das Auerordentlichste, von dem er je gehrt, und
Trichinen, die kaum durch Siedehitze getdtet werden konnten -- und selbst
darber war man noch in Zweifel -- sollten umkommen, wenn er ber Tag eine
Stunde nackt im Wald herumlief? Er htte doch noch eigentlich einen andern
Arzt fragen sollen, denn er begriff die Mglichkeit nicht -- aber die
verfluchten Harpunen. Und wenn ihm das Alles nun Nichts half? Wenn er
krnker nach Hause zurckkehrte als er gekommen und dann seinen Tod --
den furchtbarsten Tod, den sich ein Mensch nur denken oder ausmalen kann,
rettungslos vor Augen sah? Aber Doktor Asmus hatte mit solcher Zuversicht
von seiner Kur gesprochen -- von Amerika waren berhaupt schon so
merkwrdige Entdeckungen herbergekommen -- der Versuch mute jedenfalls
gemacht werden, es war ja auch seine _letzte_, verzweifelte Hoffnung.

Uebrigens befolgte er jetzt getreu die Anweisung des Doktors, dessen Zettel
er in seiner Brieftasche immer bei sich trug. Er war, nach einer Rast von
etwa anderthalb Stunden vollstndig abgekhlt, entkleidete sich dehalb,
zog nur seine Schwimmhosen an, band sich die Cravatte wieder um, damit er
seinen Hals nicht erklte, setzte den Strohhut auf und stieg dann in seinen
Halbstiefeln etwas verschmt in den grnen Wald hinaus, dessen Schatten er
der brennenden Sonne wegen nothwendig brauchte. Es war dort aber Alles so
offen -- er konnte so weit zwischen die hohen schlanken Bume hineinsehen
-- wenn da nun pltzlich Jemand heraufgekommen und ihm in diesem Zustand
begegnet wre -- aber es kam Niemand. Der Wald lag hier de und einsam und
nur in der ersten Zeit berraschte und erschreckte ihn dann und wann einmal
ein Eichhrnchen, das vielleicht von Stamm zu Stamm sprang, oder auch wohl
ein, keine Gefahr ahnendes Reh, das ber die Lichtung wechseln wollte und
scheu der wunderlichen, hier oben sicher nicht vermutheten Gestalt entfloh.

Allerdings hrte er einmal einen Schu fallen -- aber weit weg, der Jger
kam nicht her zu ihm, und allmhlich fing er an, sich sicherer zu fhlen.
Auch die warme Luft that ihm wohl; er hatte mig gegessen und einen langen
Spaziergang gemacht; er fhlte sogar, da er wieder Hunger bekam, und
wanderte behaglich seine ihm aufgegebene Zeit im Freien hin und her. Dann
ging er in das Pirschhaus zurck, zog sich wieder an, packte, was er hier
oben behalten wollte, zusammen und erwartete nachher, auf dem schwellenden
Moos ausgestreckt und eine gute Cigarre rauchend -- denn das hatte ihm
der Doktor glcklicher Weise nicht verboten, den Forstgehilfen, der auch
ziemlich genau zur versprochenen Zeit eintraf und mit ihm zu Thal stieg.

Von jetzt an besuchte er jeden Morgen regelmig das Pirschhaus, und da
ihn auch das Wetter auerordentlich begnstigte -- denn nur ein einziger
Regentag unterbrach einmal fr 24 Stunden die Kur -- so durfte er sich
selber wahrlich keine Vorwrfe machen, irgend etwas versumt zu haben,
was ihm aufgegeben war. Die Lage des alten Pirschhauses schien auerdem
vortrefflich gewhlt, da sich Niemand in diese abgelegene Gegend, an der
gar kein begangener Pfad vorberfhrte, verstieg. Es war auch allerdings
nur in frheren Jahren fr die Auerhahn-Balz gebaut, da es damals,
gerade an diesem Hang sehr viele Auerhhne gab. Wie das aber mit diesem
wunderlichen Geflgel so hufig geht, da sie Jahre lang irgend einen
bestimmten Stand haben und Nacht um Nacht den nmlichen Baum zu ihrem
Ruheplatz whlen, dann aber pltzlich die Gegend verlassen, um sich an
irgend einen anderen entfernten Hang hinberzuziehen, so war es auch
hier geschehen. Die Forstung des Holzes hatte es nthig gemacht, in der
Nachbarschaft einen Schlag anzulegen und das muten die Auerhhne bel
genommen haben. Im nchsten Frhjahr balzte dort nicht ein Einziger mehr,
und das Pirschhaus wurde von da ab nur noch zu Zeiten von Forstleuten
benutzt, die dann und wann einmal jene Waldstrecke begehen und berwachen
muten, um etwaigem Wildfrevel zu begegnen.

Der geheime Regierungsrath zweifelte allerdings noch immer im Stillen
an der Mglichkeit seiner Kur; es kam ihm zu merkwrdig vor, da ein so
einfaches, uerliches Mittel den inneren Feind bezwingen solle, aber er
konnte sich auch nicht verhehlen, da sich sein Zustand in den wenigen
Wochen wesentlich gebessert habe. Seine qulenden Bengstigungen hatten ihn
vollstndig verlassen; schlaflose Nchte kannte er gar nicht mehr, und wenn
er sich Abends, allerdings ziemlich ermdet, auf sein Lager warf, lag er im
Nu in Morpheus' Armen, ja der Hausknecht hatte sogar jeden Morgen Mhe,
ihn nur wieder wach zu bekommen. Und was fr einen Appetit entwickelte er
selbst gegen die sonst so verachtete Wassersuppe. Ebenso fhlten sich seine
Glieder freier; er empfand kein Prickeln und Stechen mehr, kein Whlen und
Bohren, er war mit einem Wort ein anderer Mensch geworden, und wenn er sich
jetzt die Mglichkeit dachte, da er sogar von seinen geheimen Qulgeistern
befreit sein knne, so htte er laut aufjubeln mgen vor lauter Seligkeit.

Auch in seinen Bewegungen dort oben an dem Berghang war er freier geworden,
denn er fhlte sich jetzt sicher, da er nicht gestrt werden knne.
Einmal allerdings hatte er im Wald ein paar Kinder angetroffen, die nach
Heidelbeeren suchten und sich ausnahmsweise dort hinauf verloren haben
mochten. Diese aber erschracken so furchtbar bei seinem Anblick und
strzten sich in so wilder Flucht den ziemlich steilen Hang hinunter, da
er sie gar nicht ber seine Ungefhrlichkeit beruhigen konnte. Er bekam sie
von da an auch nie wieder zu sehen.

Und wo war sein Bauch geblieben, wo sein Halsleiden? Den Hals hielt er
sich allerdings noch immer warm und die Cravatte legte er nicht ab, aber
er sprte nicht das Geringste mehr von seinen sonstigen Schmerzen und war
selbst keinen Erkltungen mehr ausgesetzt.

Wo htte er sonst es wagen drfen, Abends nach Sonnenuntergang an irgend
einem der Nachtluft zugnglichen Ort zu verweilen? Jetzt sa er regelmig
jeden Abend bis zehn oder halb elf Uhr mit dem Frster in dessen Garten,
wobei ihn nur das genirte, da der Frster Bier trank und dieses noch bei
ihm zu den verbotenen Genssen zhlte.

Aber Gott sei Dank nicht lange mehr -- morgen war seine monatliche Kur um,
dieselbe gewissenhaft zu dreiig Tagen gerechnet. Selbst den einen Regentag
hatte er sich nicht geschenkt, sondern dafr eben diesen letzten zugegeben,
sonst wrde er sich schon heute als freier -- als trichinenfreier Mensch
haben betrachten knnen. Seine Gewissenhaftigkeit lie das aber nicht zu;
er hatte dem Doctor sein Wort gegeben und wollte es halten -- nur heute
noch, dann hatte er ja doch Alles berstanden.

Uebrigens wurde es auch Zeit, da er hier fortkam, wenn er sein Incognito
-- denn er reiste unter dem unscheinbaren Namen Mller -- hier noch
lnger bewahren wollte, da fast mit jedem Tage neue Fremde ankamen.
Reinhardtsbrunn und Friedrichsroda waren nmlich schon so berfllt von
Gsten, da dort kaum noch Einzelne untergebracht werden konnten, und die
Folge davon die, da sich die Fremden ber die nchsten kleinen Orte in der
Nachbarschaft und natrlich im Wald zerstreuten. Tambach hatte denn auch
schon fnf oder sechs Berliner Familien als Einquartierung erhalten. Er
verkehrte brigens gar nicht mit ihnen. Es lag ihm Nichts daran, hier neue
Bekanntschaften anzuknpfen; trug er doch nicht einmal seinen Orden, denn
er war als _wirklicher_ Geheimer Regierungsrath hierher gekommen. Was
kmmerten ihn auch die Berliner, die nur hierher gefahren schienen, um
sich ber Alles lustig zu machen. Auf heute Abend schon hatte er sich eine
Extrapost nach Gotha zur nchsten Eisenbahnstation bestellt und mit diesem
beruhigenden Gefhl trat er zum letzten Mal seine Wanderung in die Berge
an.

Und jetzt that es ihm fast leid, da er den schnen Wald wieder so bald
verlassen sollte. Frher hatte er allerdings nicht begriffen, wie man an
Bumen ein solches Vergngen haben knne, wenn sie nicht gemalt im Zimmer
hingen oder als Coulissen auf dem Theater standen; er war bis jetzt ein
reiner Stadtmensch gewesen, der nur eine Existenz in regelmigen Straen
und Alleen fr mglich und ertrglich hielt. Jetzt hatte sich das gendert
und er sogar gelernt, Freude an dem geheimnivollen Rauschen der Wipfel
zu finden und dem Zwitschern der Vgel fast mit ebenso viel Vergngen zu
lauschen, als sonst irgend einer berhmten Sngerin oder einem Virtuosen.
Auch das Luftbad, vor dem er sich frher gefrchtet, war ihm liebgeworden
und dabei, mit dem Wald dort oben, ja mit jedem Baum in der langen Zeit
bekannt geworden, hatte er den anfnglichen Kreislauf um das Haus, mit
dem er begonnen, nach und nach zu einem wirklichen kleinen Spaziergang
ausgedehnt. Besonders zog ihn dabei eine Stelle an, die tief versteckt
im Dickicht lag und wo er, von einem vorspringenden Felsen aus eine dicht
unter ihm liegende kleine, nicht sehr verwachsene Dickung, mit offenen
Rasenflecken darin, bersehen konnte. Dort drinnen stand regelmig in
dieser Tageszeit ein Rudel Rehwild, und da er sich wohl htete, sie je
zu stren, sondern immer vorsichtig hinter seinem Versteck, einem dichten
Busch blieb, so konnte er sie von dort aus auch stets in ihren harmlosen
Spielen beobachten und sich an ihnen freuen. Ja, er hatte sich dort sogar
einen kleinen Sperrsitz hergerichtet, wie er es nannte, und zwar einen
Platz mit weichem Moos so dick aufgepolstert, da er wie in einem Lehnstuhl
darin sa. Dabei strmte der glatte Felsen um ihn her eine wohlthuende
Wrme aus und wenigstens eine Viertelstunde an jedem Tag besuchte er die
Stelle und freute sich an dem Anblick des harmlosen Wildes.

Auch heute hatte er natrlich den Platz besucht, um Abschied von seinen
Rehen zu nehmen -- aber auch nur heimlichen, denn stren wollte er sie
nicht oder gar erschrecken, und so sa er denn heute, nachdem er seinen
gewhnlichen, rztlich befohlenen Spaziergang gemacht, auch wohl ein klein
wenig lnger als gewhnlich, auf seinem Lieblingsplatz. Da scheuten die
Rehe pltzlich -- der Bock sicherte empor und dann verschwanden sie alle in
der nchsten Dickung. Hatten sie ihn gewittert? Das war nicht gut mglich,
denn er sa so vollkommen gedeckt, und der Luftzug schlug schrg ber den
Hang hinber -- aber es kam ihm jetzt fast selber so vor, als ob er Stimmen
und Lachen in nicht zu groer Entfernung hre. Sollten wirklich Menschen in
der Nhe sein?

Der Geheime Regierungsrath sprang etwas erschreckt von seinem bequemen Sitz
auf, da er noch dazu nicht einmal Rcksicht mehr auf die schon entflohenen
Rehe zu nehmen brauchte. Er horchte auch aufmerksam, ob er vielleicht eine
genauere Richtung bestimmen knne, von welcher das Gerusch herberschalle,
aber jetzt war Alles wieder ruhig -- irgend ein anderer Laut hatte ihn
vielleicht getuscht -- aber wehalb waren die Rehe da unten flchtig
geworden? Doch wer wute, was die gewittert hatten; vielleicht einen
Fuchs, vielleicht einen Holzhauer -- vielleicht auch Kinder, die da unten
Heidelbeeren suchten. Trotzdem wurde es Zeit, da er sich auf den Rckweg
machte; er durfte heute berdies nicht zu spt in seinem Wirthshaus
eintreffen, da er noch mit der Post weiter wollte und immer noch auerdem
einer kurzen Zeit bedurfte, seine Rechnung durchzusehen und zu zahlen und
einen Abschiedsbesuch bei dem Frster zu machen. Ohne sich dehalb lnger
aufzuhalten, warf er noch einen letzten Blick in das freundliche kleine
Thal hinab und wandte sich dann direkt dem Pirschhaus wieder zu.

Dort hatte sich indessen Einiges verndert und der kleine abgeschiedene
Platz lag heute nicht so still und einsam wie gewhnlich, denn eine
Berliner Picknick-Partie war an diesem Morgen auf Entdeckungsreisen in den
Wald gezogen und zufllig in diesen reizenden Waldwinkel gefallen, wo denn
auch augenblicklich beschlossen wurde, Halt zu machen und zu frhstcken.

Berliner sind aber nur in sehr seltenen Ausnahmsfllen blde, und so kam
es denn auch, da sich die jungen Herren der Gesellschaft, als sie den
Schlssel der Pirschhtte im Schlo fanden, augenblicklich daran machten,
das Innere derselben zu untersuchen. Einer von ihnen klopfte an, ein
Anderer rief Herein und als so allen Formen gengt worden, betraten
sie den kleinen Raum, wo ihnen dann vor allen Dingen des Geheimen
Regierungsraths Garderobe auffallen mute.

Dieser war nmlich -- von Jugend auf an ein Junggesellenleben gewhnt --
sehr ordentlich und hatte also auch seine ausgezogenen Kleidungsstcke in
schnster Reihe auf den Tisch gelegt; zuerst den Rock, dann die Weste, dann
die Unaussprechlichen -- ober und unter -- und zuletzt sogar das Hemd, so
da es aussah, als ob sich da eben erst Jemand entkleidet habe, der nur in
die Nebenstube in ein Bad gegangen sei. Aber das Pirschhaus hatte gar
keine Nebenstube, ringsumher im Wald waren sie schon gewesen -- wo um
Gotteswillen befand sich also das Menschenkind, das sich hier ausgeschlt
und seine irdische Hlle dann zurckgelassen?

Die Damen zogen sich allerdings augenblicklich scheu zurck, als sie
merkten, da gar _Nichts_ an der Garderobe fehle. Die Herren wurden aber
dafr um so begieriger auf die Lsung des Rthsels und Einer stellte sogar
die Vermuthung auf, da hier ein Verbrechen vorliegen knne, und irgend
ein unglckliches Menschenkind erschlagen und seiner Kleider beraubt worden
sei, um nicht spter durch sie erkannt zu werden, und seine Mrder dadurch
in Gefahr zu bringen. Doch dem widersprachen die sorgfltig geordneten
Gegenstnde.

Eine Uhr fand sich freilich nicht, denn zu der hatte sich der Geheime
Regierungsrath eine Tasche in seine Schwimmhose machen lassen, da er doch
immer wissen mute, wie lange er ausblieb -- aber in der Westentasche stack
Geld und auf dem Tisch lag neben den Sachen auch noch eine Brieftasche,
eine silberne Schnupftabaksdose und eine Brille -- jedenfalls also
Gegenstnde, die einem ltlichen Herrn gehren muten -- auch ein
Regenschirm lehnte in der Ecke.

Meine Herrschaften, rief da der eine junge Mann, ein losgelassener
Schnittwaarenhndler aus der Metropolis, jedenfalls ist die Entdeckung,
welche wir hier gemacht haben, auerordentlich und es dabei unsere
verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, jede mgliche Kunde und Aufklrung
darber zu gewinnen. Ich schlage also vor, da wir die Brieftasche
untersuchen, um darin vielleicht den Namen des Unglcklichen zu erfahren,
der gewi irgendwo drauen im Walde an einer Eiche hngt, oder unter einer
Buche ermordet liegt. Assessor, Sie sind ein Theil des Gerichts -- ein
angehender Tribunalrath -- kommen Sie einmal als Zeuge her, ob wir nicht
eine Briefadresse oder Visitenkarte finden.

Ohne Weiteres ffnete er auch die Brieftasche und schon im ersten Fache
entdeckten sie drei oder vier Karten, die alle den Namen G.Braunfeld,
Geheimer Regierungsrath, trugen.

Das ist merkwrdig, sagte der junge Schnittwaarenhndler, ein Geheimer
Regierungsrath, der hier aus der Schale gekrochen ist.

Zeichen in der Wsche stimmt -- G.B., berichtete der Assessor, der
indessen das fragliche Stck untersucht hatte.

Und was nun?

Ja, was nun? Anzeige mssen wir jedenfalls von dem Funde machen, aber
ich wei nicht, ob wir die Sachen an uns nehmen knnen, denn wenn der
betreffende Herr doch am Ende zurckkehren sollte, so--

Aber er kann doch nicht in dem Zustand in den Wald gelaufen sein, rief
der junge Schnittwaarenhndler.

Und wenn er nun in der Nhe ein Bad nhme?

In der Nhe? rief ein junger Buchhndler aus der Metropolis, hier oben
auf dem hohen Berg? Der nchste Bach fliet wenigstens eine halbe Stunde
weit, unten im Thal.

Stiefel und Hut fehlen, sagte der Assessor, jedenfalls, meine Herren,
mssen wir zuerst frhstcken, denn das ist das Wichtigere der beiden
Momente. Bis dahin behalten wir aber auch Zeit, uns die Sache reiflich
zu berlegen und zu einem Entschlu zu kommen; auerdem erwarten uns
die entflohenen Damen da drauen mit Schmerzen, um Nachricht ber das
Auerordentliche zu vernehmen. Spannen wir sie nicht lnger auf die
Folter.

Darin hatte er in der That Recht, denn das Corps der Damen erwartete schon
in peinlichster Ungeduld die Rckkehr der Herren. Leider konnten ihnen
diese aber auch keine weitere Aufklrung bringen, da ein Unglcksfall kaum
denkbar war. Keinenfalls lag eine Ermordung vor, denn weder an Wsche noch
Kleidern hatten sich die geringsten Blutspuren gezeigt, ja Alles sah frisch
und neugewaschen aus und nicht einmal die Falten schienen zerknittert.

Aber wo war der Eigenthmer?

Ja, wer konnte das sagen; jedenfalls erklrten die Herren, da sie --
unmittelbar nach dem Frhstck -- nhere Nachforschungen anstellen und den
Wald nach allen Richtungen in der Nachbarschaft durchstreifen wollten
-- aber jedenfalls erst nach dem Frhstck, denn jetzt seien sie alle
so ausgehungert, da sie nicht daran denken knnten, eine derartige
anstrengende Pflicht noch vorher zu bernehmen.

Dabei blieb es, und es galt nun, sich einen hbschen und passenden Platz
dafr auszusuchen. Allerdings schlug der junge Schnittwaarenhndler vor,
sich mitten in den Wald zu lagern, da man Nichts sehen knne als Bume,
denn das sei so romantisch -- aber er wurde berstimmt und zwar aus
verschiedenen Grnden: Erstlich war die Sonne pltzlich verschwunden --
leichtes Gewlk zog darber hin, und dahinter her kam eine dicke schwarze
Wolke. Pltzliche Gewitter sind auch in diesen Bergen gar nicht etwa so
selten und treten dann mit nicht geringer Heftigkeit auf; dehalb schon war
es besser, sich in der Nhe der fr diesen Fall sehr zweckmigen Htte zu
halten. Dann aber hatte man auch auf diesem Fleck und nicht mehr von der
Sonne belstigt, eine ganz reizende Aussicht auf das weite Land; ringsumher
standen herrliche Tannen mit einzelnen Buchen dazwischen, und vor der
Htte auf der kleinen Lichtung dehnte sich ein herrlicher, schwellender
Grasteppich aus, den man sich nicht htte besser und weicher wnschen
knnen. Auerdem konnte man im Haus selber ein Feuer anznden und die
mitgebrachte Chocolade kochen, kurz der Platz schien wie gemacht zu einem
Picknick und jubelnd und lachend ging man daran, sich vor dem kleinen
Pirschhaus auszubreiten und zu lagern. Ein Paar der jungen Leute bernahm
dabei das Geschft, die Chocolade zu bereiten und kaum eine Viertelstunde
spter waren die mitgebrachten Lebensmittel, die der Trger in einem Korb
mitfhrte, auf einem groen, weien Tischtuch ausgebreitet und die kleine
muntere Gesellschaft, die sich -- Berlin gewohnt -- hier im Walde wie im
Himmel fhlte, lachte und schwatzte lustig durcheinander.

Dabei tauchte freilich immer wieder der Gedanke an den rthselhaften
Fremden zwischen ihnen auf -- was aus ihm geworden sei -- was ihn bewogen
haben knne, ohne Kleider den Platz zu verlassen und eine junge Dame warf
sogar die entsetzliche Vermuthung auf, da er am Ende gar wahnsinnig wre
und ihnen noch irgendwo im Walde begegnen knne.

Der Assessor hatte auch -- spterer Beweismittel wegen -- eine der
Visitenkarten mitgenommen, und diese ging jetzt von Hand zu Hand. Ja den
Namen des Unglcklichen besaen sie, wo aber war dieser selber?

Gar nicht so weit -- ganz in der Nhe, hinter einer kleinen Gruppe von
Tannenbschen kauerte er, und betrachtete sich in wahrer Verzweiflung die
vor dem Haus gelagerte Gruppe von Herren und Damen, die ihm den Rckweg zu
seinen Kleidern rettungslos abschnitten und noch keine Miene machten, den
Platz in der nchsten Stunde wenigstens wieder zu verlassen.

Durch den Laut menschlicher Stimmen aufmerksam gemacht, hatte er sich
beeilt, von seinem Lieblingspltzchen aus das Pirschhaus wieder zu
erreichen, ehe er etwa in seinem Zustand Fremden in den Weg liefe. Aber mit
jedem Schritt, den er weiter vorwrts that, wuchs der gefate Verdacht, da
er heute, auf seinem letzten Spaziergang, gestrt werden wrde, und als er
die Lichtung endlich vor sich sah, und leise vorwrts kroch, um das Terrain
vorher zu sondiren, fand er seine schrecklichsten Befrchtungen noch weit,
weit bertroffen und das Entsetzlichste, was ihm berhaupt begegnen konnte,
eine Berliner Picknick-Gesellschaft unmittelbar vor der Thr gelagert, die
ihn von seinen Kleidern trennte -- und was nun?

So konnte er doch nicht vor ihnen erscheinen! schon der Gedanke war
furchtbar, und _durfte_ er hier lnger in seinem Versteck bleiben, wo er
die ihm gestellte Zeit seines Bades schon berschritten hatte? Auerdem
fing es an khl zu werden -- die Sonne schien nicht mehr und der Wind
begann ber die Hhe zu ziehen; er konnte ihn schon oben in den Wipfeln
rauschen hren; kam aber wirklich ein Gewitter -- etwas keineswegs
Unmgliches -- so flchtete natrlich die ganze Gesellschaft in das
Pirschhaus und was wurde dann aus ihm? Ein paar Mal reifte allerdings in
ihm ein verzweifelter Entschlu, aber er wagte nicht, ihn auszufhren --
noch lag die Mglichkeit vor, da diese entsetzlichen Berliner vielleicht
einen Spaziergang machten -- vielleicht nur etwas weiter nach vorn auf
die Rasenkuppe traten, um sich von dort die Aussicht besser betrachten zu
knnen, und dann wre er, wie ein Wiesel, wie eine Erscheinung, in das Haus
geschlpft, -- aber nein sie rhrten sich und wankten nicht und es wurde
immer spter.

Er berlegte, um einen andern Ausweg zu finden. Wenn er nun das Haus umging
und durch das Fenster kletterte? -- aber gerade heute hatte er den Laden
geschlossen gehalten, der inwendig eingehakt war und nur mit groem
Gerusch wrde er ihn haben losbrechen knnen -- selbst angenommen, da er
das gedurft.

Jetzt wurde die Gesellschaft davorn auch noch lustig -- sie sang. Der junge
Schnittwaarenhndler machte den Vorsnger und der Assessor -- an zweite
Stimmen gewhnt -- setzte zu dieser ein; es schadete auch nicht, da er ein
klein wenig neben hinauskam -- er verschwand im Chor. Aber der Wind wehte
schrfer, wenn man ihn unten auch noch nicht so stark fhlte; den geheimen
Regierungsrath begann es ganz in's Geheim zu frsteln. Lange konnte er
diesen Zustand auch nicht mehr ertragen -- und welche Leidenschaften
bewegten dabei sein Herz! Er ballte insgeheim die Faust -- er bekam eine
geheime Wuth auf diese Berliner -- ja auf alle, obgleich die Mehrzahl
vollkommen unschuldig an dieser Situation war -- er htte ihnen den Wein
vergiften knnen -- wenn sie damit nur gleich beseitigt gewesen wren. Auch
die Wolken waren schwrzer geworden und jetzt -- wie ein Dolchstich traf
es ihn in's Herz -- fhlte er einen schweren, kalten Tropfen auf seiner
nackten Schulter.

Es fngt an zu regnen! riefen ein paar Damen, die wahrscheinlich
ebenfalls die ersten Vorboten gefhlt, und sprangen in die Hhe -- wir
mssen in's Haus.

Das Schreckliche sollte geschehen, der Geheime Regierungsrath von
seinen Kleidungsstcken abgeschnitten und in dem Sturm in diesem Zustand
hinausgesetzt werden. Das aber ging unmglich an, und man kann wohl mit
Recht behaupten, da in diesem Moment sein Verstand zu arbeiten aufhrte,
seine Ueberlegung und Besinnung, sein Gefhl fr das, was er sich und
der Welt und besonders seinem Stand schulde, schwand, da aber dafr sein
menschlicher Instinkt -- das Gefhl der Selbsterhaltung um so strker wurde
und hervorbrach.

Hier galt rasches und entschiedenes Handeln oder er war verloren -- der
eine und einzige Grundgedanke erfllte in diesem Augenblick seine Seele,
und sich hinter seinem Busch emporschnellend, und ehe noch eine der jungen
Damen im Stande gewesen war, nur einen Schritt gegen das Haus zu thun,
sprang er mitten zwischen die laut aufkreischende Gesellschaft hinein.

Allerdings verlie ihn, selbst in diesem furchtbaren Augenblick seine ihm
angeborene Hflichkeit nicht.

Sie entschuldigen, sagte er, whrend er artig den Hut abnahm und zu allem
Anderen auch noch seine Glatze zeigte; dabei scho er aber wie ein sich
nach beiden Seiten neigender Pfeil auf die Thr des Pirschhauses zu, von
der er, whrend er sie aufstie, den Schlssel abzog, sie hinter sich
zuschlug, den Schlssel wieder einsteckte und herumdrehte -- und jetzt war
er gerettet. Er hrte allerdings hinter sich das pltzlich aufschlagende
Lachen der Mnner und eine feine Stimme rief -- es war der boshafte
Schnittwaarenhndler: Na, wenn das ein _jeheimer_ Regierungsrath ist, so
mchte ich einmal einen ffentlichen sehen -- aber die Tne schwammen ihm
in einem wilden Chaos vor den Ohren und noch nie im Leben hatte er so rasch
Toilette gemacht wie heute. Er fuhr nur so in seine Kleider hinein.

Allerdings versuchten einige Herren die Thr zu ffnen und riefen: Herr
machen Sie auf! es fngt an zu regnen. Aber er lachte nur ingrimmig in
sich hinein, steckte Brieftasche, Schnupftabaksdose und Brille in die
Tasche, ergriff seinen Regenschirm, hakte jetzt vorsichtig inwendig die
Klappe des Fensters auf, an das er schon vorher einen Stuhl gerckt --
horchte hinaus -- dort war Niemand von der Gesellschaft zu bemerken --
sprang dann mit einem khnen Satz in's Freie und war auch im nchsten
Moment schon spurlos im Dickicht verschwunden.

Indessen fing es wirklich an strker zu regnen; die Damen hatten sich unter
die nchsten Bume geflchtet, denn sie wrden das Haus ja doch nicht --
ja nicht um eine Million -- betreten haben, in dessen Thr eben erst dieser
Regierungsrath verschwunden war. Die Herren dagegen, weniger scrupuls,
klopften strker und als Einer endlich auf den glcklichen Gedanken fiel,
hinten herum und an das Fenster zu laufen, um von auen hineinzusehen,
fanden sie dieses offen und den Vogel ausgeflogen.

Jetzt wurde mit Jubel Besitz von dem Haus ergriffen, und selbst die Damen
folgten zuletzt der Einladung, dort unter ein vollkommen schtzendes Dach
zu treten -- schon ihrer Toiletten wegen, denn dort konnte man ruhig den
Regen abwarten, der allerdings sehr heftig auftrat, aber auch nur sehr
kurze Zeit dauerte. Es war eben der uerste Streifen einer Gewitterwolke
gewesen, der ber sie wegzog, und whrend es weiter in den Bergen drin
noch dunkel und schwarz lagerte und ferner Donner rollte, zeigte sich bald
darauf hier schon wieder blauer Himmel und die Sonne trat heraus.

Der Geheime Regierungsrath aber, hier oben seit dem letzten Monat mit jedem
Pfad und Busch bekannt, fand sich rasch wieder zurecht, und ohne sich
auch nur einen Moment aufzuhalten, verfolgte er seinen Weg bergab, um
sein Wirthshaus zu erreichen -- und auch wieder zu verlassen, ehe diese
Gesellschaft dort eintreffen konnte. Sein Wagen war ja bestellt und alles
Uebrige konnte er in kurzer Zeit abmachen.

Allerdings lie ihn die Extrapost noch etwas warten, aber den Besuch beim
Frster durfte er doch nicht versumen; er mute ihm ja auch berdies
melden, da er vergessen habe, den Schlssel am Pirschhaus abzuziehen und
den Laden zu schlieen. Er lie dehalb dort ein reichliches Trinkgeld
fr einen der Kreiser zurck, den der Forstmann noch lieber heute Abend
hinaufschicken konnte, um dort Alles wieder in Ordnung zu bringen, denn
im Wald, wie er meinte, schwrme es von Berlinern und die Gegend sei
vollstndig unsicher.

Das abgemacht, ging er in das Gasthaus zurck, wo er zum letzten Male sein
frugales Diner verzehrte und als Nachkur eine halbe Flasche Rothwein darauf
setzte. Endlich kam auch der Wagen; es war indessen schon ziemlich spt
geworden; der kleine Koffer wurde hinten aufgeschnallt und fort ging es,
aus dem Dorf hinaus -- aber er war noch nicht erlst. Vor sich im Weg sah
er pltzlich eine ganze Gesellschaft von Herren und Damen, die jedenfalls
von einer Waldpartie zurckkamen -- das waren heilig die unglckseligen
Berliner, und er drckte sich scheu in seine Wagenecke zurck.

Der vielen Menschen wegen, die nicht so rasch auswichen, mute aber der
Wagen langsam fahren und der Schnittwaarenhndler hatte ein Auge wie ein
Falke.

Das ist der carrirte Rock, rief er pltzlich aus, und der Strohhut --
guten Abend, Herr Geheimer Regierungsrath! Recht glckliche Reise!

Zufahren, Kutscher! Zufahren! rief der Reisende, whrend er aber doch
mit seiner alten Hflichkeit vor den Damen den Hut lftete und jetzt auch
diesen nicht den geringsten Zweifel ber seine Persnlichkeit lie. Aber
der Postillon hieb in die Pferde und wenige Sekunden spter rollte der
leichte Wagen rasch das freundliche Thal hinab, den murmelnden Bach
berholend und doch immer wieder verfolgend in das offene Land hinaus.

Am nchsten Tag gegen Abend erreichte er seine Heimath und hatte dem Doktor
schon telegraphirt, mit welchem Zug er zurckkehre, damit er ihn gleich in
seiner Behausung finden und ber seinen Zustand befragen knne. Der Doktor
hatte sich auch eingefunden und lachte mit dem ganzen Gesicht, als er ihn
frisch und munter und mit rothen Backen aus seiner Droschke springen sah.

Nun, rief er ihm entgegen, hat die Kur angeschlagen?

Wunderbar, Doktor! rief der Geheime Regierungsrath, die Hand des Arztes
schttelnd -- ich bin wie ein neuer Mensch geworden, habe dabei einen
Appetit wie ein Wolf, und schlafe Nachts wie ein Br.

Bravo und haben Sie sich streng nach meiner Vorschrift gehalten?

Als ob es ein Evangelium gewesen wre. Aber glauben Sie nicht, da ich
jetzt wieder eine -- eine etwas andere Lebensweise fhren darf?

Die Luftbder setzen wir hier in der Stadt aus--

Nein, ich meine mit Essen und Trinken.

Ei versteht sich -- Sie mssen jetzt erst wieder etwas zu Krften kommen,
denn ordentlich mager sind Sie in den vier Wochen geworden.

Ja aber, Doktor, sagte der Geheime Regierungsrath scheu, denn ein
angstvoller Gedanke schnrte ihm noch die Brust zusammen, was -- was
glauben Sie denn ber meinen -- ber meinen eigentlichen Zustand -- ber
meine Krankheit?

Ueber Ihre Krankheit? Da Sie ein gesunder Mensch sind.

Nein -- ich -- ich meine ber die -- Trichinen--

Doktor Asmus lachte so laut und anhaltend, da der Diener hereinstrzte,
um zu sehen, ob vielleicht ein Unglck geschehen wre, augenblicklich auch
wieder erschreckt die Thre schlo.

Aber Sie lachen, Doktor -- es ist doch bei Gott kein Spa, wenn man--

Aber Sie, _Geheimer_ Regierungsrath, Sie, lachte der Doktor, Sie haben
ja so wenig Trichinen wie ich--

Doktor Asmus--

Oder auch je nur gehabt -- fuhr der Doktor fort.

Je nur gehabt? -- und das Mikroscop-- sagte der Geheime Regierungsrath,
immer noch halb in Zweifel, halb in Hoffnung.

Bah, rief der Doktor -- das war ein Stck von einem confiscirten
Schwein.

Und da haben Sie mich zu einer solchen Kur -- wollte der Patient
auffahren.

Bst! sagte aber der Doktor ermahnend -- laut darf die Sache nicht
werden, sonst wrde man Sie schmhlich auslachen und das mssen wir
verhten -- aber waren Sie auf andere Weise dazu zu bringen, meinen
Verordnungen Folge zu leisten? Gott bewahre -- Ihre Constitution erlaubte
das nicht -- Ihre Lebensgewohnheit -- Sie konnten Ihren Nachmittagsschlaf
nicht entbehren und Ihren schweren Steinwein. Ihr starker Kaffee war Ihnen
Lebensbedrfni und eine Bewegung im Freien unbequem. Wo Sie sich dehalb
einmal drauen blicken lieen, hatten Sie auch richtig eine Erkltung weg
und ruinirten Ihren Krper dabei muthwillig. Mit Vernunftgrnden richtete
ich auch Nichts mehr bei Ihnen aus, soviel sah ich ein, dehalb mute ein
Parforcemittel angewendet werden. Um Ihnen aber einen heilsamen Schrecken
einzujagen, dazu brauchte ich die Trichinen und ich denke, die haben Sie
auf den Trab gebracht, wie?

Doktor, das war aber grausam, sagte der Geheime Regierungsrath -- ich
habe eine Heidenangst ausgestanden.

Geschieht Ihnen Recht, lachte der Doktor, aber gesund sind Sie dabei
geworden, und das ist die Hauptsache, und wenn Sie jetzt einen Rckfall
bekommen, harpunire ich Sie wieder und schicke Sie noch ein Mal in ein
Luftbad, das merken Sie sich.

Und damit schttelte er seinem gewesenen Patienten die Hand und lie ihn
-- noch keineswegs mit sich selber einig, ob er dem Doktor danken oder bse
auf ihn sein sollte, mitten in der Stube stehen.

An dem nmlichen Abend noch bekam der Doktor aber einen groen Korb
Champagner mit 25 Flaschen in's Haus geschickt, und auf demselben war ein
Zettel mit den Worten befestigt: _Mittel gegen Trichinen_.




Der Dampfboot-Capitain.


In das sdliche Ufer des Arkansas mndet, noch im sogenannten Indianischen
Territorium, aber unfern der westlichen Grenzen von Nordamerika's
Vereinigten Staaten, ein kleiner Flu oder Creek, die _Red Fork_. Ein
Stdtchen der Eingeborenen liegt auf der sdlichen Landspitze, die der
Zusammenflu der beiden Wasser bildet, und das Ufer ragt hier, gleich
geschtzt gegen die Ueberschwemmung der sdlichen wie westlichen
Bergwasser, viele Fu hoch ber die rauschende Fluth empor.

Das Stdtchen, wenigstens der Theil desselben, der in einem fast rechten
Winkel nach Osten zu Front gegen den Arkansas, nach Norden hin gegen die
Mndung des Creek bildete, glich den brigen =towns= und =villages= der,
von Weien bewohnten, westlichen Staaten auf ein Haar; es bestand aus
einfachen, meist einstckigen Blockhusern, hie und da mit
bequemen hlzernen Verandas versehen, alle aber wieder fr sich von
verschiedenartigen Fenzen umzogen und abgeschlossen. Graue Schindeldcher,
oft nur von den gewhnlichen =weight poles= oder Lasthlzern gegen die
Herbst- und Frhlingsstrme geschtzt, deckten die Wohnungen, und die
noch hie und da mitten auf dem Landungsplatz und in der ersten Strae
stehengebliebenen Baumstmpfe verriethen deutlich genug, wie erst vor
Kurzem der ganze Platz dem Walde abgerungen worden.

So etwa bot sich wenigstens die vordere Stadt in ihren Eigenthmlichkeiten
den Augen des Landenden der entweder den Arkansas herauf, aus den
civilisirten Staaten auf keuchendem Dampfboot anlangte, oder die Red Fork
herab in roh ausgehauenem Canoe von einem Jagdzug im Innern zurckkehrte.
Nur um _eine_ Strae aber weiter zurck, und zwischen den dort einzelner
stehenden Husern, ragten nicht selten die spitzen phantastisch
geschmckten Giebel indianischer Wigwams empor, und hellblauer Rauch
kruselte aus den cylinderfrmig gelegten Fellen in die sonnige Luft
hinauf.

Von dieser Seite her drngte sich auch noch der grnende Urwald voll und
ppig zwischen die halb civilisirten, halb der alten Sitte treu gebliebenen
Wohnungen hinein, als ob er jetzt selber gekommen sei, die Stadtleute zu
besuchen, die ihm Alle, und so auf einmal, untreu und abhold geworden. Und
hatte er das etwa um sie verdient? -- war er ihnen nicht immer ein treuer
liebender Vater gewesen, der seine Shne geschirmt hatte, gegen Klte
und Sonnenbrand, gegen den schneidenden trockenen Nord, wie den
niederfluthenden Regen; der ihnen se Frchte und saftige Brenrippen und
Massen von Hirsch- und Truthahnfleisch geliefert? -- aber das ist
leider das alte Lied in der Welt, mag der Boden nun Amerika, Europa oder
Australien heien; mit Mhe und Noth ziehen die Eltern die Kinder heran,
und sind sie erwachsen und im Stande, allein das Haupt in das Schaffen und
Treiben ihrer Mitmenschen hineinzuheben, dann sagen sie dem vterlichen
Dache Lebewohl und schreiten rstig mit geschrzten Lenden, davon -- die
Eltern aber strecken ihnen wehmthig die Arme nach und trauern ber die
Verlorenen.

Auch der alte treue Urwald streckte seinen bsen abtrnnigen Kindern
liebend die laubigen Arme nach, ber die Fenzen selbst lief er hin, mit
seinen schnsten und blumigsten Lianen und Moosen, die wilden Weinbeeren
und Frchte hing er ihnen lockend und schmeichelnd bis ber das fremdartige
Dach, und mit Wohlthaten sogar vergalt er die scharfen, sicher gezielten
Axtschlge der Undankbaren. Blthen und wrzige Beeren lie er zurck, wenn
seine sichersten Sttzen gefllt, und bis zum letzten vereinzelten Stamm
gaben diese den Wohnungen der Abtrnnigen noch Schutz und Schatten gegen
den heien Mittagsstrahl, dmmten sie noch die rohe Kraft der nordischen
Strme.

Es war ein lieblicher Anblick, dieses kleine, von rauschendem Wald
umschmiegte indianische Stdtchen, mit seinen pittoresken Wohnungen, den
Shantees und Wigwams, den mitten darin hin galoppirenden Pferden,
den klffenden Hunden und sich munter zwischen allen herumtummelnden
rothhutigen, halbnackten Kindern; es war ein lieblicher Anblick, wie sich
dicht an der kiesigen abdachenden Uferbank hin der breite reiende Strom
so friedlich vorbeischmiegte, whrend den Hintergrund mit seinen
lianenberwachsenen Stmmen der rauschende herrliche Urwald bildete.

So anziehend brigens, besonders fr den Europer, die uere Erscheinung
des kleinen Ortes sein mochte, so interessant waren ebenfalls die bunten
Gruppen der Bewohner, die gerade heute ein etwas auerordentlicher
Gegenstand ungewhnlich zahlreich am Landungsplatz versammelt hatte. Eine
gemischte Schaar von Indianern, theils in europischer, theils noch in
ihrer ursprnglichen Tracht, mit Fellen oder Decken behangen, und mit
Federn und andern Zierrathen besteckt, Neger und Mulatten, weie Hndler
und Jger, und hie und da eine neugierige dunkelfarbige Squaw standen an
manchen Stellen ziemlich dicht gedrngt, an manchen mehr zerstreut, das
Ufer entlang, und selbst die wilde jubelnde Schaar der halbnackten Knaben
und Mdchen, die sich bis dahin einander jauchzend und schreiend gehetzt
und Jagd, Krieg und Hochzeit gespielt, drngten schweigend um die
Erwachsenen und blickten den spiegelglatten, im heiteren Licht der
Nachmittagssonne blitzenden Strom erwartungsvoll hinunter.

Der so auergewhnliche Gegenstand war aber auch wirklich nichts
Geringeres, als eines der kleinen Dampfboote, die meistens nur den Arkansas
bis Fort Smith, zur Grenze des indianischen Territoriums, oder hchstens,
wenn sie noch ja weiter gehen wollten oder konnten, bis zu dem nicht mehr
fern gelegenen Fort Gibson hinauffuhren. Sehr selten aber, und nur bei
gnstigem Wasserstand, besuchten sie die kleinen, noch hher aufwrts
gelegenen indianischen Ansiedlungen, und zwar weniger um die Produkte der
Eingeborenen dort abzuholen, als selbst mitgebrachte Waaren, besonders
_verbotenen Whiskey_, den rothen Kindern amerikanischer Erde entweder fr
baares Geld, oder noch lieber gegen andere Tauschartikel, aus denen sie
hoffen durften in den Stdten und Ansiedlungen der Weien doppelten Gewinn
zu ziehen, zu verkaufen.

Das Dampfboot _Fox_ lag in diesem Augenblick, wahrscheinlich um
Holz einzunehmen, noch etwa eine englische Meile unterhalb, an der
entgegengesetzten Seite des Flusses, und die Menschengruppen, die es in
unserem kleinen Stdtchen _Redtown_ erwarteten, unterhielten sich indessen
sowohl ber das seltene Anlaufen von Dampfern, wie auch ber die Ursachen,
die den Capitain vermocht haben konnten, so weit ber seinen gewhnlichen
Landungsplatz hinauszusteuern.

_Ursachen?_ was wird's da groe Ursachen haben? fiel hier dem letzten
Sprecher ein stattlicher, krftig gebauter Indianer in die Rede, der sich
in dem blauwollenen europischen Rock und den pfeffer- und salzfarbenen
Beinkleidern keineswegs so wohl zu befinden schien, als das sonst Behbige
seiner Person htte andeuten knnen, 'sist eines von den speculirenden
Blagesichtern, das, trotz Rossas Verbot, dennoch frech genug sein wird,
seinen Whiskey hier keck und offen an's Land zu schaffen, ohne auch nur
einer rothen Mutter Sohn deshalb um Erlaubni anzugehen. Was ntzt uns da
jenes, sonst so treffliche Gesetz, das den Weien verbietet, sich, ohne
unser Verwandter zu sein, unter uns anzusiedeln? es giebt auch schlechtes
Volk in unserem eigenen Stamm, unter den rothen Kindern des groen Geistes,
das sich kein Gewissen daraus macht, selber das Gift in die Htten der
Seinen zu tragen, wenn es nur das schimmernde Metall, oder den Genu
des Feuerwassers dafr erhalten kann. Hol Nannabozho die Bande -- Tomson
verachtet sie von Grund seiner Seele aus.

_Tomson_, wiederholte mit leisem Grunzen ein dicht neben ihm stehender
Eingeborner, der aber, trotz seiner civilisirten Umgebung, keineswegs
den neueren Sitten zu huldigen schien, denn noch deckte nur das cht
indianische Bffelfell seine braunen Schultern, noch schmckte die bunte
Federzier sein Haupt, und die Kriegsfarben prangten auf dem edlen, fast
rmisch geschnittenen Gesicht des jungen Kriegers. Er war bis an den Grtel
hinab nackt, und nur um den Hals trug er eine einfache Schnur so wilder
als eigenthmlicher Zierrathen; abwechselnd aufgereihte Klappern der
Klapperschlange und Fnge des grauen Bren, die ihm tief bis auf die
Brust herabhing. Um den Grtel wand sich ihm ein aus gefrbtem Hirschleder
wunderlich geflochtener und mit bunten Federn des Holzhahns und Kardinals,
wie mit farbigen Wampumstcken geschmackvoll besetzter Grtel. Seine Beine
deckten weich gegerbte, reich mit Fransen besetzte Leggins, und den stolzen
Zierrath erbeuteter Scalpe trug er sowohl in langen Streifen an diesen
herunter, wie auch um die Bnder, die seine Leggins unter dem Knie fest
zusammenhielten. Seine Moccasins waren schlicht gearbeitet, und mit der
Rinde der schwarzen Wallnu dunkelbraun gefrbt. Von den Schultern aber
hing ihm in vollen seidenartigen Falten ein prachtvolles, an der nach auen
hin gedrehten Fleischseite mit den knstlichsten Schildereien geschmcktes
Bffelfell, dessen buschiger Schwanz weit und keck hinter ihm herschleifte.

An Waffen trug er sichtbar nur ein kleines Scalpirmesser, und zwar oben in
seinem Haarschmuck auf der rechten Seite der Scalplocke, mit dem Griff
nach unten, da er es leicht und rasch ergreifen konnte, und im Arm
die gewhnliche aus hartem Holz verfertigte Kriegskeule, die ein
hineingeschlagener scharfer und breiter Stahl zu einer frchterlichen
Angriffswehr machte. Wie die meisten seines Stammes ging er im bloen Kopf,
und von dem geschorenen Scheitel trotzte nur, von zwei groen Adlerfedern
durchstochen und unten mit einem dnnen Streifen Wampum umwunden, die lange
glatte Scalplocke, den Feind herausfordernd, der es wagen wrde, nach ihr
die kecke Linke auszustrecken.

_Tomson_, sagte der junge Krieger, hat mein Vater schon ein Kind des
groen Geistes gesehen, das seine Mutter _Tomson_ rief? ist es nthig,
da uns das Gift in hlzernen Kalebassen hergeschafft werde, tragen wir es
nicht, unter der eigenen Farbe, im eigenen Herzen? -- Weie sollen nicht in
unserer Mitte ihre Wigwams bauen, aber unsere eigene Haut bleicht unter
den heien Kleidern der blassen Mnner. Schon-ka-ki-he-ga, den Rohuptling
nannten Dich die Krieger Deines Stammes, und der Wampum, der frher in
Deiner Htte hing, kndete, wie Du diesen Namen verdient. War es eine
Waffenthat, die dem stolzen Huptling der Rosse den Namen _Tomson_
verschaffte?

Der Tomahawk ist begraben, Pah-me-o-ne-qua, erwiederte der Angeredete
ruhig dem scharfen Spott des jungen Kriegers, zwischen weien und rothen
Mnnern soll kein Krieg mehr sein -- es sind Alles Kinder eines Gottes,
und die Religion, die uns diesen Glauben lehrt, ist gewi die richtige. Der
weie Priester nannte mich, als er mich in den Bund der Christen aufnahm,
_Tomson_, und Schon-ka-ki-he-ga liegt mit dem Huptlingsprunk im stillen
Grab.

Und doch wnschte unser frommer Christ _Tomson_, da Nannabozho die
Strafbaren treffen mge -- lachte ein junger Weier, der in halb
europischer, halb indianischer Tracht zu der Gruppe trat -- wie vertrgt
sich das mit dem Christenthum?

Tomsons broncefarbigen Wangen nahmen eine noch viel dunklere Rthe an,
und er warf einen halb verlegenen, halb unwilligen Blick auf den Sptter;
dieser aber, der den ihm sonst befreundeten Indianer nicht krnken oder
beleidigen wollte, streckte ihm freundlich die Hand entgegen und sagte:

Kommt, Tomson, macht kein so finsteres Gesicht -- es fuhr mir nur so
heraus und war nicht bs gemeint. Aber -- in _einem_ habt Ihr Unrecht --
Ihr meint, jener Dampfbootscapitain werde, trotz dem Verbot, frech genug
sein, von Euch verbotenen Whiskey hier ans Ufer zu schaffen. Ei, Mann, wenn
Ihr Alle so denkt, und das selbst aussprecht, dann hat jener Weie ganz
recht, und Ihr verdient es nicht besser; wozu habt Ihr aber die Gesetze,
wenn Ihr sie nicht in Kraft erhalten wollt? wozu bildet Ihr eine
Indianische Nation, wenn Ihr nicht einmal den Versuch macht, der Willkr
Einzelner zu steuern? Gebt jenen Speculanten doch nur ein Beispiel -- lat
sie nur einmal sehen, da Ihr Ernst macht und, mein Wort zum Pfande, sie
werden sich zum zweiten Mal bedenken, ehe sie wieder eine Ladung theueren
Guts auf's Spiel setzen.

Was hlfe uns das, entgegnete ihm Tomson etwas kleinmthig, und mit dem
Kopf schttelnd, wir haben es neulich gethan und demselben Dampfer fnf
ganze Fsser voll zurckbehalten, drei Wochen spter aber brachte er ein
Schreiben von Little Rock, und wir muten nicht allein den Whiskey wieder
heraus, sondern ihn auch noch dem Gericht der _Amerikaner_, wie sich die
Menschen keck genug nennen, bergeben.

Wer viel frgt, wird viel berichtet, lautet bei uns ein altes Sprichwort,
sagte der junge Europer, wre ich hier Huptling, und wollte ein Weier
gegen die Gesetze des Landes handeln, so sollte er das auch nur auf seine
Verantwortung thun; aber entschieden wrde ich auftreten, und weder ihm,
noch seinen Gerichten Gelegenheit geben, _vor_ der Ausfhrung ein Wort mit
einzuwerfen.

Aber wie? frug Tomson.

Wie? -- einfach genug; erwiederte der Weie, Ihr mgt meinetwegen
vorher erst noch einmal warnen, und die Ausschiffung von Whiskey, falls
sie versucht wrde, laut dem Gesetz verbieten -- obgleich das nicht einmal
nthig ist; denn jeder Hndler kennt dies Gesetz, wie viel mehr denn
ein Dampfboot-Capitain, der des Jahres zehn, zwlf mal den Arkansas
heraufkmmt. -- Trotzt der Bursche aber auf frhere ungestrafte Landungen
-- ei dann schlge ich den Fssern den Boden ein, und liee den Whiskey
sich selbst seinen Weg in den Flu hinunter suchen. So leicht er nachher
im Stande wre, die mit Beschlag belegte Waare dem Arkansas wieder zu
entziehen, ebenso leicht wird er auch einen amerikanischen Gerichtshof
bewegen knnen, Schadenersatz fr ihn zu beanspruchen. Wer sich sein Recht
nimmt, hat's -- doch Ihr wit, Tomson, ein Blinzeln ist einem blinden
Pferde gerade so ntzlich wie ein Nicken, also =good bye=, Alter, ich mu
noch heut Abend den Flu ein Stck abwrts reiten; haltet die Augen offen
und -- vor allen Dingen -- steht fest zusammen -- Euere ewigen Kriege
untereinander sind ja doch die einzige Ursache Euerer jetzigen Schwche.

Und mit einem freundlichen, Tomson zugewinkten Gru schritt er rasch, ohne
sich um die Uebrigen weiter zu bekmmern, dem kleinen Wirthshaus zu, das am
Ende des freien Platzes durch ein Schild, auf dem sich zwei Friedenspfeifen
kreuzten, bezeichnet war.

Kennt mein Bruder das Bleichgesicht? sagte da pltzlich ein ltlicher
indianischer Krieger, der in seine Decke gehllt, aber ohne -- wenigstens
sichtbare -- Waffen, zu Tomson trat; denn Pa-me-o-ne-qua, der rothe Donner,
hatte sich mit finsterem Blick entfernt, als einer der verhaten Weien
keck genug gewesen war, die Rede aufzunehmen, die er, der tapfere Huptling
der Konzas, mit einem rothen Mann begonnen -- er sprach gut, und seine
Worte klangen, als ob ihre Wurzeln im Herzen sen.

Der Wolf vom Berge gehrt nicht zu den Englndern, erwiederte Tomson,
und heftete erst jetzt sein Auge, das der davonschreitenden Gestalt des
Fremden gefolgt war, auf den Neugekommenen. Die Grber seiner Vter
liegen, wie er mir einst gesagt, weit, weit ber den fernen Salzseen im
Osten. Auch seine Sprache klingt anders, und er vielleicht vor Allen ist
das einzige Bleichgesicht, dessen Herz seine Zunge nicht Lgen straft.

Er ist ein Hndler, sagte der Andere verchtlich.

Ja, aber nicht in dem Sinn, wie wir die Elenden hier in Masse dulden
mssen, vertheidigte der alte Mann den Fremden -- wenn's berhaupt Einen
unter den Bleichgesichtern gbe, dem ich trauen mchte -- der wr' es.

Mag sein jetzt noch -- wie viele Winter die Ehrlichkeit der blassen Haut
gedauert, kndet vielleicht der nchste Schnee -- aber was hat mein Bruder
beschlossen? -- das groe Canoe da unten chzt schon wieder mit der Brust
gegen den mchtigen Strom an -- soll das Feuerwasser seinen Weg in die
Wigwams unseres Stammes, oder zurck in das rauschende Bett des Arkansas
finden?

Wir wollen die Huptlinge zusammenrufen, sagte Tomson nach kurzem Sinnen.
-- Der alte Mann hatte lange Zeit innerhalb der Vereinigten Staaten gelebt,
auch einige der greren Stdte des Westens besucht, und dadurch einen
gewaltigen Respekt vor der Macht der Weien bekommen; deshalb konnte er die
Scheu nicht sogleich berwinden, feindlich gegen sie aufzutreten, wenn
er hier auch das vollkommenste und beste Recht auf seiner Seite hatte.
Ueberdies war er der erste Huptling des kleinen Ortes, und fr jede
derartige Handlung verantwortlich, kein Wunder, da er das nicht so ohne
alles Bedenken bernehmen mochte.

Gut so! sagte Tcha-to-ga, zog seine Bffeldecke fester um sich her,
und schritt, ohne das jetzt rasch nahende Boot eines Blickes weiter zu
wrdigen, dem Berathungshause zu, das inmitten des kleinen Ortes, selbst
eine der einfachsten und unansehnlichsten Blockhtten unter allen, lag.

Tcha-to-ga, der tolle Bffel, war ein reicher Huptling der Osagen, der
jedoch, in freundlicher Beziehung mit den Chocktaws und Cherokesen stehend,
seinen eigenen Stamm verlassen hatte, und mit seiner einzigen Tochter,
dicht unterhalb der Stadt, eine kleine, von Sclaven cultivirte Farm besa,
sich selbst aber noch keineswegs den Sitten civilisirter Nationen fgen
mochte, und sogar die Tracht der Seinen, das Bffelfell und den bunt
stattlichen Federschmuck beibehielt. Auch wrde er es fr tief unter der
Wrde eines tapferen Kriegers gehalten haben, Spaten oder Hacke in die Hand
zu nehmen; aber am Berathungsfeuer der Cherokesen galt seine Stimme viel,
und sein tapferer Arm hatte ihnen auch manchmal schon wirklich thtliche
Hlfe gegen die diebischen Creeks geleistet, von denen sich ein nicht
unbedeutender Trupp etwas weiter die Red Fork hinauf, aber an demselben
sdlichen Ufer derselben, niedergelassen.

Tcha-to-ga verschwand in der Thr der kleinen Halle, und ihm folgte bald
darauf Tomson mit noch einigen andern, meistens wie er in europische
Tracht gekleideten Indianern. Die Masse der Bevlkerung schien brigens
viel zu sehr in dem Anblick des jetzt sich ziemlich rasch nhernden Bootes
vertieft, um die Bewegung der Ihrigen viel zu beachten; Aller Augen hingen
an den rauchenden Schornsteinen, an der puffenden ='scape pipe=, an
der schumenden Fluth, die sich hoch aufbrausend unter dem runden Buge
kruselte.

Der _Fox_ war nur eines der kleinsten und unbedeutendsten Boote des
Arkansas, aber dennoch in dieser abgelegenen Gegend eine groartige
Erscheinung, und als die Klingel endlich tnte, die Stangen der Deckhands,
um den Bug vor dem Auflaufen zu bewahren, in den Kies stieen, und der
schwimmende Vulkan, nur noch innerlich keuchend, als ob er von der gehabten
Anstrengung nicht zu Athem kommen knne, durch die ausgeworfenen und
befestigten Taue gehalten, still und ruhig lag, da drngte sich die
Schaar der neugierigen Wilden rasch und ungestm den Planken zu, und
bald kletterten und sprangen wohl funfzig und mehr halbnackte, braunrothe
Gestalten von Kindern und Erwachsenen an den Seiten des Fahrzeugs, an
den Radkasten und die Kajtentreppen hinauf, und schwrmten oben ber das
Boiler- und Hurricanedeck und ber die Gangwege hin, bis hinten zur
Ladies Cabin, wo ihnen jedoch ein paar wohl frisirte und trotzige
Mulattengesichter das weitere Vordringen auf das entschiedenste verwehrten.

Der Capitain, ein griegrmiger kleiner ausgetrockneter bleicher Gesell,
mit unstten Blicken und einer chten Galgenphysiognomie, duldete
auch diesen etwas sehr ungenirten Besuch seines Fahrzeugs auf das
nachsichtsvollste. Er hatte brigens seine guten Grnde, weshalb er es
gerade jetzt mit den Bewohnern des kleinen Ortes nicht verderben wollte;
ja diejenigen der Eingeborenen, bei denen sich etwa die Vermuthung
rechtfertigen lie, da sie irgend einen Rang bekleideten, oder gar
Huptlinge seien, nahm er sogar zum Bffet, traktirte sie dort mit Liqueur
und Weinen, und unterhielt sich mit ihnen auf das freundlichste und
leutseligste.

Indessen waren aber seine Leute unten auch nicht mig gewesen; die
Feuerleute ffneten rasch, sobald das Boot sich dem Lande nherte, die
eisernen Thren und gossen mehre Eimer Wasser ber die wildaufzischenden
sprhenden Kohlen, da dicker schwarzer und glhender Rauch aus den dunkeln
Schornsteinen wie aus einem zornigen Vulkan emporstieg. Die Deckhands,
oder Matrosen des Dampfboots, wenn ein paar schmutzig freche abgerissene
Burschen den Namen Matrosen berhaupt verdienten, rissen unter der Zeit die
Vorderluke auf, die zwischen dem Gangspill und den auf Deck befindlichen
Kesseln lag, und tauchten in den dumpfigen engen und dunklen Raum hinab.

Der Capitain stand noch oben vor seinem =bar room= oder Schenkstand, als
ein ungewhnlich hellfarbiger Eingeborener, Einer der sogenannten =half
breed=, von indianischer Mutter und weiem Vater abstammend, zu ihm trat
und ihm ein, von den Uebrigen nicht bemerktes Zeichen gab, ihm einen
Augenblick zu folgen.

Es war eine starkknochige, breitschultrige Gestalt, dieser Halb-Indianer,
und zeigte sowohl in seiner Tracht wie Hautfarbe das Gemischte seiner
Abstammung. Er trug allerdings wie Tomson die europische Kleidung, den
blau gewebten und frackartig ausgeschnittenen Rock, wie ihn fast alle
Hinterwldler tragen, eben solche Beinkleider und einen schwarzen Hut, aber
kein Hemd. Das rothseidene Halstuch war um seinen nackten Hals geknpft und
die Fe staken in hellgelben rohgearbeiteten Moccasins, die, anstatt von
Lederriemen, wie das gewhnlich der Fall ist, von starkem aufgedrehten
Bindfaden zusammengehalten wurden. Auch den indianischen Schmuck hatte
er noch nicht ganz abgelegt; in den Ohren hingen ihm lange klappernde
Perlenglocken, und ein aus rothem Wollenzeug geschnittener, mit weien
Perlen gestickter Grtel war ihm fest um die Hften geknotet und trug ein
einfaches kurzes Messer, mit einem aus Bffelhorn roh zugeschnitzten Hefte.

So gemischt und unbestimmt aber auch sein Anzug sein mochte, so entschieden
unangenehm, ja widerlich war der Ausdruck seiner Zge, und man wute beim
ersten Anblick wirklich nicht, ob das schielende linke unstete Auge, die
dnnen zusammengekniffenen Lippen oder die niedere, von den schwarzen
Haaren wirr umstarrte Stirn mehr die Schuld des ersten Abscheus trug.

Capitain Burkner folgte brigens dieser wunderlichen Erscheinung
augenblicklich, und trat mit ihr hinaus auf den Starbord Gangweg, wo der
Halb-Indianer mit rascher und unterdrckter Stimme zu ihm sagte:

Habt Acht, Captain -- sie wollen nicht Whiskey hier an Land nehmen, Santa
Debbelo, wr' ein verfluchter Streich!

Unsinn, Dodge, lachte der Capitain, wenn es weiter Nichts ist; ich
glaubte schon, es wre wunder was vorgefallen. _Wollen_ den Whiskey nicht
an's Ufer nehmen? ei Mann, sie _mssen_, und ihr Wollen wird da gar nicht
befragt. Glaubst Du, da ich die funfzehn Fsser voll wieder mit nach
Little Rock, oder auch nur nach Fort Gibson zurcknhme? fllt mir nicht
ein, seit fnf Jahren nun, oder wie lange das kleine Nest hier besteht,
schaff' ich meinen Whiskey hier her und an Land, und ich werde heute
wahrhaftig keine Ausnahme machen sollen, wo es vielleicht irgend einem
Thoren gerade eingefallen ist, sich auf alte vergessene oder veraltete
Gesetze zu berufen.

Sprecht nicht so laut, bat der Halb-Indianer und sah sich dabei scheu
um -- Tomson ist sehr schwacher Mann, aber Tcha-to-ga ist schlimm. --
Tcha-to-ga hat viel Macht auf die Huptlinge -- wenn Tcha-to-ga sagt nein
-- kein Huptling in Redtown sagt ja!

Aber was knnen sie thun, wenn ich ihn trotzdem lande? frug der
Amerikaner, durch die erhaltene Warnung doch etwas unschlssig gemacht.--

Wegnehmen -- meinte Dodge.

Bah, das haben sie neulich schon versucht und muten ihn wieder
herausgeben; das Nmliche wagen sie nicht zum zweiten Male, lachte der
Dampfbootscapitain -- hahaha, Dodge, ich habe damals, das heit unter uns
gesagt, einen verdammt klugen Streich ausgefhrt. In Little-Rock wollten
sie von meiner Klage Nichts wissen, und da sie hier von Papieren verdammt
wenig verstehen, so -- doch -- das thut Nichts zur Sache, und ob Du das
weit oder nicht.

Der Halbindianer begriff aber nicht so ganz schwer, als der Amerikaner
vielleicht vermuthete; ein tckisches Grinsen verzog wenigstens fr einen
Moment, aber auch nur so lange, seine Zge, die Sorge fr das gefhrdete
Gut wurde bald wieder berwiegend, und er fuhr mit leiser, ngstlicher
Stimme fort:

Dann werden sie die Waare zerstren.

Sie sollens wagen, knurrte der Capitain mit finster zusammengezogenen
Brauen, meine Leute sind lauter gute Schtzen und dann -- hehehe -- geh
ich denn nicht auf die Thorheit wirklich ein? Diese halb civilisirten
Burschen haben etwas ungemein Ntzliches in hohem Grade gelernt, die
_Bedenklichkeit_ -- sie wagen es _nicht_.

Wenn aber doch? wiederholte der vorsichtige Halbwilde seine frhere
Befrchtung -- will der Weie sein Feuerwasser preis geben?

Capitain, sagte in diesem Augenblicke der Lootse des Fox und ffnete die
kleine Glasthre, die hinaus auf den Gangweg fhrte, auf dem die beiden
Mnner standen -- oh ich stre wohl -- er wollte eben wieder zurck,
Capitain Burkner streckte aber die Hand nach ihm aus--

Bitte, Pilot, bleiben Sie doch einen Augenblick hier, ich mu Ihnen
etwas mittheilen, bleiben Sie nur, ich habe hier nichts Geheimes mehr zu
verhandeln und -- =prenez garde= -- setzte er dann mit einem von Dodge
nicht bemerkten Blick in franzsischer Sprache hinzu, von der er glauben
konnte, da sie der Halbindianer nicht verstehen wrde.

Der Pilot kannte seinen Capitain zu gut, um nicht rasch zu begreifen, was
Jener ungefhr beabsichtige und trat deshalb, einen Fu auf den Schutz
stemmend, der um den Gangweg herum lief, auf den Radkasten zu, von wo
aus er, wie in Gedanken vertieft, nach dem Strom und dem jenseitigen Ufer
hinausschaute.

Wie sagtest Du vorher, Dodge? frug jetzt Capitain Burkner, als ob er die
Rede seines Geschftsfreundes nicht verstanden habe.

Dodge hob den Kopf empor, obgleich ihn aber Burkner scharf fixirte, konnte
er doch nicht genau bestimmen, auf wem, ob auf ihm oder dem Lootsen, sein
Blick gerade ruhe; denn auf allen Beiden haftete eines der unheimlichen
dunklen Augen des Wilden; endlich erwiederte dieser mit einem spttischen
Zucken um die Lippen:

Will der Weie Feuerwasser preis geben, wenn Tcha-to-ga es nimmt?

Ja -- lautete die mit einem Blick auf den Lootsen gegebene Antwort --
so lange ich es in Verwahrung habe -- hast _Du_ es aber erst einmal
_bernommen_, dann gehrt es Dein und geht mich Nichts weiter an.

Gut, sagte Dodge -- wollen sehen.

Aber halt, noch eins, mein Bursche, rief ihm der Capitain nach, als er
schon die Starbord Cajtentreppe hinunter an Deck springen wollte. Ging
es denn gar nicht an, da ich die Red Fork hinauf bis gleich zu Eurem
Dorf, oder doch wenigstens ein Stck hinauffhre? nachher brauchten wir den
ganzen Streit mit Denen in Redtown nicht und knnten sie noch hinterdrein
auslachen.

Geht nicht, sagte Dodge und stieg die letzten Stufen der kleinen Treppe
hinunter -- nur vierzehn Zoll Wasser auf Sandbank, und Fox zieht zwanzig.

Ei so geh zum Teufel, brummte Burkner leise vor sich hin, als er sich
scharf auf seinem Absatz herumdrehte; Du bist mir gut genug fr funfzehn
Fsser, und schtzen mich die Vereinigten Staaten auch nicht in einer Klage
auf Schadenersatz fr, in das Indianische Territorium gefhrten Whiskey,
so thun sie es jedenfalls bei einer _Schuldforderung_, die ich an einem
der rothhutigen Ansssigen darin halte. Ihr habt doch gehrt, was wir mit
einander abgemacht, Pilot?

Ja, erwiederte dieser, aber ich sehe nicht ein, was Ihnen das helfen
soll -- der Bursche ist schlau genug den Whiskey nicht eher wirklich zu
bernehmen, als er sich vollkommen sicher wei.

Haha, lachte da Burkner, er _hat_ ihn aber bernommen, sobald ich ihn
an's Ufer geschafft habe; unser _schriftlich_ abgefater Contrakt, noch
von frherer Zeit her, lautet dahin; im uersten Fall also htt' ich
wenigstens einen Rckhalt, aber ich denke auch noch selber mein gutes Recht
vertheidigen zu knnen -- es ist berdie die letzte Fahrt, die ich mit dem
Fox, als dessen Capitain mache, und der nach mir Kommende mag spter sehen,
wie er mit den Eingeborenen selber fertig wird.

Capitain Burkner, rief in dem Augenblick vom Deck aus die Stimme des
Mate[6] -- Alles fertig -- knnen wir anfangen?

  [6]: Der Mate oder Steuermann, der zweite im Befehl nach dem Capitain
  auf allen Fahrzeugen.

Sind denn die Karren da, die Dodge schicken wollte? frug der Angerufene
zurck, indem er selbst nach dem Boilerdeck zuschritt.

Da kommen sie eben aus der Strae heraus, sagte der Mate, und kletterte
vorne am Lastrad, das gerade ber der Luke vor dem Boilerdeck angebracht
war, zu diesem hinauf; ich denke wir schaffen am besten das Mehl und den
Whiskey gleich hinaus, und hielten uns dann nicht mehr berlang hier oben
auf; erstlich fhlt man sich zwischen den rothen Hallunken nie ganz wohl,
und dann htt ich auch gern, da wir vor Dunkelwerden ber die letzte
Sandbank zurckkommen; unser alter Fox hlt nicht mehr viel Pffe aus und
das Wasser fllt. Wird es aber nur noch drei Zoll niedriger, als es schon
ist, so bleiben wir ohne Gnade und Barmherzigkeit sitzen, ich habe selbst
das Senkblei ausgeworfen, und wei, wieviel Raum wir haben mssen.

Nun dann bleibt mir ja nicht einmal mehr _Zeit_ zum Ueberlegen, sagte der
Kapitain rasch, gut denn, Mate, geht ans Werk und seht, wie bald Ihr Eure
Arbeit beenden knnt.

Soll nicht lange dauern, Sir, erwiederte dieser, augenscheinlich
zufrieden mit der erhaltenen Antwort. Holla da unten, Ihr Ben, Virginny,
he Ned' -- aus mit den Fssern; Ihr schafft sie an Deck und die Feuerleute
schaffen sie ans Ufer -- munter, rhrt Euch, Donnerwetter, schlaft da unten
nicht ein mit den Haken -- dauert das eine Ewigkeit.

Ay Ay, Sir! lautete die Antwort der geschftigen Arbeiter -- whrend
ihr Aoy--i! mit dem vollen Accent auf der letzten, hoch und scharf
ausgestoenen Silbe weit hin ber das Ufer klang und die kleine frhliche
Schaar der indianischen Kinder, Knaben und Mdchen im Nu verlockte, auf
einer dort ans Land gezogenen alten und halb verfaulten Pirogue[7] alle
Bewegungen und Laute nachzuahmen, die sie als Muster von dem vor ihnen
liegenden Dampfboot sehen und hren konnten.

  [7]: Eine groe Art von Canoe.

Mehlfa an Mehlfa stieg jetzt aus dem engen Hold des Dampfbootes auf und
wurde von den ruigen Hnden der Feuerleute eben so rasch ber die schmale,
schwankende Planke hin ans Ufer gerollt, wo die verschiedenen Kufer, die
groentheils schon im Fort Gibson den Handel mit dem Capitain abgeschlossen
hatten, das ihre entweder wieder in Canoes nehmen lieen, um es selber mit
stromab oder auf zu nehmen, oder auch gleich, falls sie in der Stadt hier
wohnten, die einzelnen Fsser selber durch ihre Squaws in die benachbarten
Wohnungen wlzen lieen.

Indessen arbeitete die Mannschaft des Fox rstig fort, und laut hin
schallte der Chorgesang der Arkansas Boote:

  =If we go down to New-Orleans
  And land her on long side,
  There wi'll discharge our cargo
  All to our captain's pride;
  There wi'll discharge our cargo,
  Without any dread or fear,
  And damn my eyes if I do'nt knock down
  The man that insults my dear.=

Und dann der Chor, whrend sich die Heraufziehenden mit erneuten Krften in
die Seile hingen und nach dem Takt mit den Hnden wechselten:

  =Little Rock in Arkansaw
  The damnest place I ever saw
  Little Rock, oh bless my soul
  A miserable wolfish hole=

Whrend die Leute hiemit auf das emsigste beschftigt waren und Mehl und
Pkelfleisch, Salz, Blei, Pulver, wollene Decken und Stangen rohen Eisens
-- denn es gab unter den Cherokesen und Chocktaws schon recht wackere
Schmiede, die das Letztere wohl zu jedem Gebrauch verarbeiten konnten --
an's Ufer schafften, hatte sich oben unter den Neugierigen auch eine
Gruppe von Mnnern gebildet, die das ganze Verfahren an Bord des Fox mit
augenscheinlich weit grerem Interesse beobachteten. Es waren die die
Huptlinge Tomson, Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk -- die groe Krhe, ein
anderer =chief=, der zu den Angesehensten des Ortes gehrte, und bei den
Berathungen ebenfalls eine ziemlich entscheidende Stimme abgab. Diese drei
nun standen zusammen und schauten schweigend nach den Fssern hinber, wie
sie aus dem Hold emporstiegen, und noch hatte keiner von ihnen auch nur
eine Silbe geuert, als Tcha-to-ga pltzlich ein lautes und tief aus der
Kehle heraufgeholtes _Wah!_ ausstie, und mit der Hand nach der Bootsluke
deutete.

An der Kette, von den beiden krftigen Haken gehalten, schwang eben ein
starkes Fa empor, und der rothangestrichene[8] Boden desselben verrieth
nur zu deutlich was es enthalte.

  [8]: An den Whiskeyfssern in den ganzen Vereinigten Staaten ist stets
  der eine Boden zinnoberroth angestrichen.

Wah! sagte Tcha-to-ga und deutete hinab -- die Weien bringen dem rothen
Mann seine Farbe, aber die Kinder Manitos sind nicht blind; sie knnen
einen Truthahn-Geier wohl von einem Truthahn unterscheiden -- kommt!--
Und ohne weiter eine Antwort der anderen Beiden die noch unentschlossen zu
sein schienen, abzuwarten, schritt er rasch die ziemlich steile Bank zum
Boot hinab. Tomson und Ko-ha-tunk zgerten aber auch nur einen Moment, und
noch war ihr khnerer Gefhrte nicht in Sprungslnge von ihnen entfernt,
als sie ihm ebenfalls folgten und nun mit ihm zugleich, gerade in
dem Augenblick die Planke erreichten, als Einer der Deckhands das
vorhererwhnte Fa, dem schon ein anderes hnliches in der Luke folgte,
an's Ufer rollen wollte.

Der Capitain stand, seine Cigarre rauchend, oben vorn auf dem Hurricanedeck
und schaute mit vorgebogenem Krper, whrend er sich mit der linken Hand
an einen der starken Drhte hielt, die den groen eisernen Schornsteinen
Festigkeit geben mssen, nach vorn herunter.

Halt! sagte da Tomson, der am besten von den Dreien Englisch sprach, und
legte dabei seine groe breite Hand auf das Fa. Der Deckhand blieb stehn,
und sah erstaunt zu ihm auf -- rollt das Fa zurck.

Halloh da unten! rief jetzt der Capitain, der etwas Aehnliches schon
erwartet haben mochte, vom oberen Deck nieder -- was giebts da? he,
Tomson, was solls?

Capitain Burkner erwiederte Tomson, und trat einige Schritte zurck, um
zu dem Capitain besser aufschauen zu knnen, drft keinen Whiskey hier
an's Ufer schaffen -- ist gegen das Gesetz!

O Unsinn, Tomson lachte Burkner -- Ihr habt dieselbe Geschichte schon
einmal gehabt -- Ihr braucht ihn ja nicht zu trinken; das Gesetz ist gegen
das Trinken, nicht gegen das in Fssern halten. Whiskey ist auch gute
Medicin, zum Einreiben und Waschen. Mach fort, Virginny -- roll' es zu den
brigen hinauf, aber etwas mehr links -- es wird gleich abgeholt.

Virginny, wie ihn der Capitain nannte, war eine wunderliche Gestalt, mit
langem, sonst bei den Amerikanern hchst ungebruchlichen Schnurrbart, dem
ein um den Kopf geschlungener dnner Shawl dabei noch etwas Muselmnnisches
gab -- er wollte auch seine Abstammung von jenen herleiten. Kaum hrte er
des Capitains Befehl, als er sich niederbog, die breite Schulter gegen das
Fa stemmte, und seine Arbeit auf's Neue begann.

Halt! sagte aber da Tomson, dessen Antlitz jetzt einen ihm sonst nicht
so eigenen Ausdruck von finsterer Entschlossenheit angenommen hatte -- Ihr
drft nicht weiter gehen -- zurck da, weier Fremder, die Land gehrt dem
rothen Manne!

Rothen -- Narren htt' ich bald gesagt, brummte Burkner, wir wollen ja
weder Euer Land, noch sonst etwas von Euch, Mann, im Gegentheil, wir wollen
Euch etwas _bringen_, und Ihr macht einen Lrm als ob Euch das grte
Unglck passiren sollte. Kommt einmal herauf, Tomson und lat den Burschen
seine Arbeit thun.

Das Gesetz, sagte aber der Indianer ernst und seinen Platz behauptend,
das Gesetz verbietet weiem Mann Whiskey in indianisches Territorium
zu schaffen -- ja es verbietet ihm sogar, das Feuerwasser, selbst in dem
kleinsten Maa, an den rothen Mann zu verkaufen. Die Stmme haben Tomson,
Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk zu ihren Huptlingen erwhlt, und Tomson,
Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk sagen, kein Whiskey soll, so lange wir es hindern
knnen, nach Redtown hineingeschafft werden.

Aber er kommt auch nicht nach Redtown hinein, rief Burkner jetzt
rgerlich werdend, Tod und Teufel, Mann, dort stehen schon die Karren, die
ihn ins Land, in das Dorf der Creeks, oder wenigstens in die Nhe desselben
fhren; schreit deshalb nicht eher, ehe man Euch ein Leides gethan. Mach
kurz, Virginny, =damn it= Bursche, bezahl ich Dich dafr, da Du den ganzen
Tag da halten bleibst, und die rothen Gesellen anstarrst, als ob Du in
Deinem Leben keine kupferfarbene Haut gesehen httest -- hinauf mit dem
Fa!

Fort da, =my old fellow=, rief aber auch jetzt seinerseits Virginny, aufs
Neue die Kraft an dem schweren Fa versuchend, fort da vorn und gebt Raum
-- Wetter, Mann, glaubt Ihr ich knnte das Fa ber Euch weg rollen?--

  =room boys, room, by the light of the moon
  and it's: why shouldn't ev'ry man enjoy his own room.=

Virginny warf sich mit aller Kraft gegen das Fa, und wollte es
augenscheinlich auf Tomsons Fe rollen, damit dieser ihm aus dem Wege
mute: kaum hatte er aber sein ganzes Gewicht dahinter gebracht, als er
pltzlich Tcha-to-gas schwere Hand auf seiner Schulter fhlte, und im
nchsten Moment fand er sich auch durch eiserne unwiderstehliche Gewalt
von der Planke hinab in den, hier allerdings kaum zwei Fu tiefen Strom
geschleudert.

Pest und Gift! schrie Burkner vom Hurricanedeck aus, das ist Gewalt,
und das sollt Ihr mir theuer genug bezahlen. He Tom, Ben, Jim -- vor, Ihr
Burschen; die Pest ber die rothen Hunde, nehmt Eure Bchsen, und -- den
ersten, der Hand an Euch legt, schiet ber den Haufen -- _ich_ verantwort'
es. Wenn etwas Ungesetzliches durch Weie geschieht, so drfen sie sich bei
der Regierung der Vereinigten Staaten darber beklagen, aber nie selber mit
eigener Hand ihr Recht durch Gewalt erzwingen.

Burkner konnte von da, wo er stand, das ganze Ufer leicht, bis in die
Straen hinein berschauen, und er sah recht gut und mit einem Blick,
da er von den versammelten Indianern, die fast alle unbewaffnet am Ufer
standen, nichts zu frchten hatte. Virginny kam auch in diesem Moment na
und wthend die kiesige Bank herauf gesprungen und wollte sich im ersten
Zorn rcksichtslos auf den Huptling werfen; dieser aber behauptete ruhig
seinen Platz, trat nur mit dem rechten Fu einen Schritt zurck und hob
seine, mit dem scharfen Stahl bewaffnete Keule, der Blick aber, den er
dabei auf den Heranstrmenden scho, war so fest und voll so tdtlichen
Hasses, da dieser trotzig wohl, aber doch eingeschchtert anhielt, und
endlich, mit einem bitteren Fluch auf den Lippen, ber das Fa hinweg
wieder auf die Planke sprang, die zum Boot hinber fhrte.

Dort eilten aber auch jetzt die beiden Lootsen, der Mate, die Ingenieure
und der Capitain, Alle bis an die Zhne bewaffnet, herbei, und Burkner
selber, der die Cajtentreppe in aller Eile mehr herunterstrzte als
sprang, erklrte jetzt dem ruhig dabei stehenden Tomson, sie selbst die
Indianer, htten den Frieden gebrochen und zuerst Hand an einen weien Mann
gelegt; auf ihre Gefahr also auch die Folgen, soviel aber versicherte er
sie und schwre es bei seinem Manito, einen Schwur, den er nie gebrochen --
er log das, als er es sagte, aber er sah aus als ob er die Wahrheit
rede, -- da er den ersten, der sich der Arbeit seiner Leute thtlich
entgegenwerfen, und dadurch die Bewegungen frei geborener Amerikaner
behindern wrde, mit eigner Hand ber den Haufen schieen wolle.

Nun hat der Indianer, was offenen Kampf betrifft, eine eigene Natur; er ist
nicht feige, aber er hlt es auch fr eine sehr groe Thorheit, und nicht
Tapferkeit, sich auf freiem Plan einer gezogenen Bchse frei entgegen
zu stellen. Wo er zum Handgemenge kommt, kmpft er mit ruhiger und
verzweifelter Entschlossenheit, aber er benutzt auch jede Gelegenheit
seinen Krper zu decken und hlt es, seinen Kriegsgesetzen nach, keineswegs
fr unmnnlich oder gar feige, aus dem Hinterhalt eine gnstige Gelegenheit
zu erwarten, seinen Feind unschdlich zu machen.

Hier also standen die drei Huptlinge, fast unbewaffnet, denn was konnten
sie mit ihren Kriegskeulen gegen die rasche und tdtliche Kugel ausrichten,
den Amerikanern gegenber, die, wenn es spter vor den Gerichtshof der
Vereinigten Staaten gekommen wre, doch am Ende recht bekommen htten, so
lange sie nur der Gewalt ebenfalls wieder mit Gewalt entgegentraten.

Tcha-to-ga allerdings schien nicht bel Lust zu haben seinen Platz, auf
jede Gefahr hin, zu behaupten, denn sein Blut war dadurch, da er
zuerst selbst Hand angelegt hatte, erregt worden, ein paar von Tomson in
indianischer Sprache geflsterte Worte aber bewogen ihn doch von solchem
Vorhaben, wenn das berhaupt, in seinem Plan gelegen, abzustehen, und er
und Ko-ha-tunk traten, den Weg frei lassend, von der Planke zurck und
nur Ko-ha-tunk wandte sich gegen den Capitain, der diese Bewegung mit
hhnischem triumphirenden Lcheln beobachtete.

Es ist nicht gut, Blut zu vergieen, sagte der Indianer, das Feuerwasser
hat schon zu viel Blut vergossen, und deshalb wollen wir es gerade von
uns fern halten -- wre das erreicht, wenn jetzt die weien Mnner auf uns
schssen? -- nein, Tomson, Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk wrden fallen, aber
keiner der Weien wrde seinen Wigwam wieder sehen. Der Geistervogel
wrde Nachts in den Zweigen ber seinen Zeltstangen sitzen und ber der
rauchlosen Sttte sein Todtenlied singen, dem unten die schluchzenden
Squaws horchten; Gras wrde in dem Pfad wachsen und Waldblumen, den sonst
der Jger betrat, wenn er unter seinem Thierfelle vorschritt, dem Wild zu
folgen. Und mit der Sonne wrden viel Krieger kommen den Tod ihrer Brder
zu rchen -- weh! -- Ko-ha-tunk sieht die Erde roth mit dem Blut der
Krieger wie das Ende jenes Fasses ist.

Es ist nur gut, da Ihr Verstand genug habt das einzusehn! lachte der
Capitain.

Gut so -- fuhr der Wilde ruhig fort. Indianer ist friedlich -- er hlt
seine Streitkeule ruhig im linken Arm, aber Indianer hat auch weien Mann
verboten das Feuerwasser in seine Jagdgrnde zu bringen -- Feuerwasser
macht rothen Mann faul und trge -- kann nicht jagen, legt sich unter einen
Baum bis dunkel ist, und Squaws sitzen in Wigwam und kochen Wurzeln --
kein Fleisch -- Whiskey macht Indianer fechten -- schiet seinen Bruder und
seinen Vater -- Whiskey ist nicht gut.

Das ist eine sehr schne Rede, erwiederte ihm Capitain Burkner, der
den geschwtzigen Wilden sehr zum Aerger seines Mate ruhig und geduldig
angehrt -- ich will mich auch gar nicht darauf einlassen das darin
Gesagte etwa zu bestreiten, aber jetzt, meine wackeren Burschen, gebt Raum
da vorn. Denn, bei Gott, ich warte nun nicht lnger mehr. Der Flu fllt,
und ehe eine Viertelstunde vergeht, mu der Whiskey am Ufer sein!

So thu' es denn auf Deine eigene Gefahr, Du hartnckiger weier Mann!
rief jetzt Tomson, wandte sich, und stieg raschen Schrittes die Uferbank
hinauf -- der Raum war nun frei, die beiden anderen Huptlinge zogen sich
ebenfalls langsam zurck, und unter dem jubelnden _Ahoy_ der Leute, die
zuerst, wie zum Hohn, dem wackeren Magistrat von Redtown drei schallende
Hurrahs brachten, wurden die rothbestrichenen Fsser rasch, den brigen
nach, die Bank hinaufgerollt, und Capitain Burkner selbst ging mit hinauf,
um sie dem dort ruhig bei seinem Karren haltenden Dodge zu bergeben.

Hier aber fand er sehr ungehofften Widerstand. Dodge nmlich, mit den
Sitten und Gebruchen der Indianer, unter denen er aufgezogen worden, auf
das genaueste bekannt, sah bald, da irgend etwas im Werke sei, und die
Huptlinge sich keineswegs auf solche Art, mitten unter den Ihren wrden
Trotz bieten lassen. Capitain Burkner war auch wirklich nur durch seine,
bis jetzt oft ungestraft hingegangenen Umgehungen der Gesetze so khn
geworden, und glaubte jetzt um so kecker auftreten zu knnen, da es ja
berhaupt das letzte Mal war, da er diesen Handelsplatz zu berhren
gedachte.

Danke, Capitain, sagte Dodge in seinem gebrochenen Dialect, als
ihm Burkner die Facturen bergeben wollte und das Geld fr den Betrag
verlangte, -- denn der Handel mit den Indianern, die unter keiner Bedingung
selbst nicht die besten Banknoten nehmen, und das Gold ebenfalls nicht
kannten, wurde einzig und allein in Silber gefhrt; danke -- kann Whiskey
nicht bernehmen -- Tcha-to-ga =Ne sehon tie rehu= und sein Arm ist lang --
ich kaufe Whiskey =by'm by=[9] -- von Fort Gibson -- von Fox -- aber nicht
hier ---- =by'm by=!

  [9]: =By and by= -- nchstens, mit der Zeit, gelegentlich, ein Wort,
  das sich die halbcivilisirten Indianer aus der englischen Sprache sehr
  angeeignet haben, und das sie gern gebrauchen.

=By'm by?= -- Du rother Hallunke, rief aber jetzt Burkner, durch den
spttischen Trotz in des Burschen Zgen nur noch mehr gereizt --
=by'm by?= -- Du _mut_ den Whiskey nehmen, denn--

Er hielt pltzlich inne -- ein wirres Toben und Lrmen drang aus der
nchsten, der innern Stadt zufhrenden Strae heraus, und fast in demselben
Augenblick schwrmte von Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk angefhrt, eine ganze
Schaar halbnackter Indianer hervor, denen sich jedoch ein ernsterer
Haufe von Mnnern, auch Eingeborene, aber wie Farmer, in die Tracht der
Hinterwldler gekleidet -- anschlossen. Capitain Burkner wollte jetzt rasch
an Bord zurck, weil er in der That, und im ersten Moment frchtete, da
die Schaar einen Angriff auf sein Boot beabsichtige. Bald fand er freilich,
da er in der Hinsicht wohl Nichts zu frchten habe, sollte aber doch Zeuge
sein, wie die Indianer wenigstens soviel Muth und Einigkeit noch bewahrt
htten, da Volksjustiz zu ben, wo es ihre eigenen Gesetze und Rechte
galt. Mit Beilen, Tomahawken und Keulen fielen sie nmlich ber die ihnen
aufgedrungenen Fsser her, und so gut gemeint und wohl angebracht waren die
Schlge, da die gelbe spirituse Fluth bald in frmlichen Bchen aus ihren
Husern quoll und, eine der durch den Regen ausgewaschenen Rinnen zum Bett
whlend, dem Flusse zusprudelte.

Hier aber geschah etwas, das Tomson schon lange vorausgesehen und
gefrchtet hatte; das wirklich wilde Volk von Redtown, so gern es sich auch
hatte dazu brauchen lassen, Eigenthum der Weien, und zwar nur der guten
Sache wegen, zu vernichten, sah kaum die Fluth, von der sie sich jeden
einzelnen Becher voll nur mit so vieler Mhe und gegen so schweres Geld
verschaffen konnten, einem Sturzbach gleich die Uferbank hinabtosen, als
auch ein ganz anderer Geist in sie fuhr, wie der der Migkeit. Eine Squaw
machte den Anfang, sie sprang rasch den Hgel hinab, und fing mit einer
Kalebasse, die sie wahrscheinlich zufllig bei sich trug, die liebe
Gottesgabe auf und kaum hatte sich dem Schwarm die Mglichkeit eines
solchen Beginnens gezeigt, als zwanzig oder dreiig mit allem, was ihnen
gerade unter die Hnde fiel, und was sich nur irgend dazu eignete, eine
Flssigkeit, sei es auch blos auf wenige Secunden zu bewahren, hinabstrmte
und auffangen und trinken wollte.

Es gab hiergegen nur ein Mittel, und das hatte der umsichtige Tomson
vorher bedacht und vorbereitet. Es galt hier nmlich nicht allein sich
vor schwerer Verantwortung zu schtzen, wenn das Gesindel vielleicht den
Whiskey auffing und der Dampfboot-Capitain dann spter eine Klage bei dem
Gerichte der Weien anhngig machte, da man seinen Whiskey, als verbotenes
Getrnk, nicht etwa blos vernichtet, sondern geplndert habe; nein, es galt
auch der Gefahr zu begegnen, da die, schon berdie aufgeregten Gemther,
durch unmigen Genu des sen Giftes vollstndig gereizt und zu
Handlungen getrieben wrden, die zwischen weien und rothen Mnnern doch
nur zu bsem Blutvergieen fhren konnten. Es gab aber, wie schon gesagt,
ein Mittel, das zu verhten, und der pltzliche und vollstndige
Erfolg, den dieses hatte, gab zu den komischsten und groteskesten Scenen
Veranlassung.

Tomson sah nmlich kaum, da die Seinen dem also preisgegebenen Whiskey mit
jubelndem Freudenschrei zustrmten -- und kein Gott htte sie, das wute er
recht gut, jetzt mehr davon zurckhalten knnen, als er sich rasch zu dem
einen, gerade frisch ausquellenden Fasse niederbog; und die Wirkung, die
sich gleich darauf herausstellte, war in der That fabelhaft. Irgend eine
Vernderung des Whiskeystromes war nicht zu erkennen, die Sonne schien so
freundlich und still darauf hernieder, und die schieende Fluth funkelte
und blitzte in ihrem Glanz wie vorher, aber mit wildem Aufschrei fuhren
pltzlich alle die, die sich eben noch so gierig darber hergeworfen,
zurck, die Gefe, die sie in Hnden hielten, schleuderten sie weit von
sich, zwischen Andere hinein, da diese wieder ihrerseits blitzesschnell
auseinander stoben; die Kleider rissen sie sich ab und sprangen wie
besessen umher, und zwanzig oder dreiig wohl, ohne recht zu begreifen, was
mit ihnen vorgegangen und nur dem Schmerz gehorchend, der sie trieb, warfen
sich ohne weiteres in den Strom, tauchten unter, und kamen nachher mit
furchtsam entsetzten Gesichtern wieder zum Vorschein.

Und was _war_ denn die Ursache? -- der Whiskey _brannte_ und die
lichtblaue, im Sonnenstrahl vollkommen unsichtbare Flamme, die sich aber
gleichwohl mit elektrischer Schnelle dem ganzen Spiritus mitgetheilt und
Alles erfat hatte, was mit diesem in Berhrung gekommen, wurde natrlich
von der erschreckten Schaar nicht eher entdeckt, als sie die Haut brannte
und die Kleider erfate.

Zu dem Schmerz der Flamme kam aber auch jetzt noch bei Vielen, welche
die brennbare Eigenschaft des Whiskeys gar nicht kannten, der starre
Aberglaube. Das war der bse Geist, der in dem Feuerwasser hauste und ihre
Glieder sengte; das war der frchterliche Manito, der sie strafte, da sie
der Verfhrung gelauscht und den Trank der weien Fremden entwendet htten.
Mit wildem Geschrei wollten sie nach allen Seiten hinaus und ein solcher
panischer Schrecken erfate auch jetzt die oben auf der Uferbank Stehenden,
die ebenfalls gar keine Ursache solch pltzlichen Wehrufs erkennen konnten,
da sie, wie die Uebrigen rasch in die Stadt hineinsprangen und nun bald,
natrlich nichts anderes vermuthend, als einen jhen und feindlichen
Angriff der Weien, mit allen nur in der Eile aufgegriffenen Waffen zum
vermeintlichen Kampfe zurckkehrten.

Wunderbar gleichmthig benahmen sich aber vor allen anderen die, die gerade
am meisten bei dem Vorgange betheiligt schienen. Dodge sa in hchster
Gemthsruhe auf einem seiner Karren, und amsirte sich, wie sich das gar
nicht verkennen lie, ungemein ber die lebendige Scene wilder Verwirrung,
und selbst Capitain Burkner, obgleich von dem Mate und seinen Leuten
gedrngt, die mit gewaffneter Hand Vergeltung fr das geopferte Gut
haben wollten, hielt diese zurck und sagte lchelnd: er htte gar nicht
gehofft, seinen Whiskey zu so vortheilhaften Bedingungen abzusetzen.

Das Entznden desselben zerstrte ihn brigens auf das vollstndigste --
von den Indianern wagte sich keiner mehr, selbst auf hundert Schritt heran,
und ehe zehn Minuten vergingen, war auch das letzte entweder in den Strom
hinabgeflossen oder von der leckenden Gluth verzehrt worden.

Nun, Dodge, Ihr ruht ja da gewaltig behaglich auf Eurem Karren, als ob gar
Nichts in der Welt vorgegangen wre, was _Euch_ interessiren knnte, sagte
der Capitain endlich zu diesem, als sich die Indianer auf der Uferbank
beruhigt hatten, und er selber die Kiesbank wieder langsam bis zu dem
Karren hinaufgestiegen war.

Ist auch Nichts vorgegangen, sagte Dodge, zeigte zwei Reihen blendend
weier Zhne, und sah mit dem einen Auge den Capitain und mit dem andern
das Pferd an, das schlfrig vor dem Karren stand und sich nicht im
mindesten um all das rege es umtosende Treiben bekmmerte -- ist gar
nichts vorgefallen -- blos ein Bischen Whiskey verbrannt -- noch mehr in
Little Rock. -- Capitain Burkner kann sich anderen holen!

Capitain Burkner? wiederholte dieser verwundert, Capitain Burkner hat
mit _dem_ Whiskey gar nichts mehr zu thun, mein Bursche; berlieferte und
bernommene Waaren gehn den Dampfboot-Capitain, wie Ihr wohl recht gut
wit, nichts mehr an.

Dodge wird nicht so dumm sein und Whiskey annehmen, wenn Tcha-to-ga, der
tolle Bffel, gesagt hat, Whiskey soll Berg hinunter laufen -- Tcha-to-ga
ist Hund -- aber er lgt _nie_! Dodge ist sehr gleichgltig, ob Whiskey
brennt oder ersuft.

Hallo, mein Freund, sagte aber jetzt, dem Halb-Indianer einen Schritt
nher tretend, der Capitain -- pfeift der Wind aus _der_ Richtung? gut,
dann ist's besser, ich schenke Dir gleich reinen Wein ein, damit wir
wissen, wie wir zu einander stehn. Kennst Du dieses Papier hier, he? --
weit Du, was hier -- sieh wohl her -- weit Du, was hier steht? -- Ich
betrachte die Waaren als von mir und auf meine Verantwortung bernommen,
sobald sie das Dampfschiff verlassen haben und auf die Uferbank
hinaufgerollt sind -- nun? -- noch irgend etwas zu bemerken? -- Die
Schrift hier ist _gltig_ -- zwei Advokaten, und Deine Huptlinge Tomson
und Ko-ha-tunk haben sie unterzeichnet, und ich will jetzt nur sehen, ob
Deine Farm beim Dorfe der Creeks nicht so viel werth ist, als sechzehn
Fsser chter Monongehela Whiskey.

_Sechzehn?_ lachte der Halb-Indianer, und der ganze Ausdruck seines
Gesichts nahm, als er auf die brennenden Ueberreste der Fsser deutete,
einen eigenthmlich wilden, boshaften und tckischen Charakter an --
sechzehn, so? und Dodge zhlte nur -- doch -- =nebber mind= -- =by'm by=
kommt Alles -- ist Capitain Burkner klug?

Bursche! drohte dieser.

Gut -- wenn Capitain Burkner klug, wird er wissen, Indianer sehr gut eine
Fhrte folgen. Indianer wei -- sobald er in Schnee Brenspuren findet --
wenn er an einem Ende ist, mu Br am andern sein -- kann nicht fortfliegen
von Spuren. Dodge ist Indianer -- Dodge fand groe Brenspur und Dodge kann
nachgehen, Schritt bei Schritt.

Und was soll das hier?

Weie Mann hat ein Papier -- Dodge hat seinen Namen drunter geschrieben --
Dodge war ein groer Narr -- Dodge wei auch ein Papier -- weier Mann hat
_fremden_ Namen drunter geschrieben und weier Mann war auch ein groer
Narr--

Die Pest ber Dich, Schuft, was soll das heien? rief der Capitain
rgerlich, aber augenscheinlich beunruhigt -- ich habe Deine Unterschrift,
in der Du erklrst, jedes Stck Gut, was ich fr Dich von meinem Boot aus
oben auf die Uferbank geschafft habe, als bernommen anzusehn. Kannst Du
das lugnen?

Nein--

Gut, so weit Du auch, da ich _den_ Schein nur dem Gericht der Weien zu
berliefern habe, und Dein Haus und Feld brgt mir dann fr die Bezahlung
meines Whiskeys.

Der Halb-Indianer stie ein tiefes Grunzen aus, fate dann den Karren,
auf dem er sa, mit beiden Hnden, und schlenkerte seine Beine aus
Leibeskrften.

Ugh -- weie Mann ist ein Thor, sagte er nach einer Pause, in der ihn
Burkner aufmerksam und mit verbissenem Zorn beobachtet hatte --
giebt Indianer ein gut Reifel in die Hand, und kommt dann mit kleine
Scalpirmesser gegen ihn an -- Dodge wei besser! und sein eines
Auge schaute den einen Neger an, der dicht daneben mit seiner groen
Karrenpeitsche knallte, whrend das andere die westwrts ziehenden Wolken
zu betrachten schien.

Verstehst Du Dich gutwillig dazu, mir den zerstrten Whiskey zu bezahlen
oder nicht? sagte der Capitain endlich, und sein Blick haftete in bitterem
Ingrimm auf dem boshaft kalten Auge des Wilden -- gieb kurze Antwort, denn
in wenigen Minuten bin ich unterwegs, und Du weit, der Arm der Vereinigten
Staaten ist lang -- er reicht bis weit ber die Felsengebirge hinaus zum
stillen Meere, und erdrckt, was sich seinen Shnen _hier_ feindlich oder
widerspenstig entgegen stellt. Willst Du, oder nicht?

Dodge glitt von seinem Sitz herunter, trat bis dicht an den Capitain heran,
legte diesem in kecker Vertraulichkeit die Hand auf die Schulter und sagte
leise, aber bestimmt:

Nein -- und noch mehr, Capitain -- Dodge ist schuldig zwei Fsser vom
vorige Mal -- zahlt auch nicht -- und weshalb? -- Dodge wei prachtvolles
Geheimni vom weien Mann -- hat weier Mann schon Strick um Hals gehabt?
-- Ugh -- ist hliches Gefhl, weier Mann hat falsch Papier gemacht --
soll Dodge nach Little Rock gehen und das vorlegen?

Schuft! rief der Capitain durch die zusammengebissenen Zhne hindurch.

=Nebber mind -- by'm by!= -- lachte der Wilde, ohne sich an das Wort
weiter zu kehren -- aber, Capitain-- und seine Stimme wurde zu einem
leisen Flstern, whrend er den Blick rasch umherwarf, und sich dicht zu
dem Ohr des weien Mannes hinberbog ---- Dodge wei ein Mittel fr Euch,
das Geld zu kriegen!

Burkner sah ihn mitrauisch an, es lag aber so viel boshafte teuflische
List in diesem Augenblick in den Zgen des Gelben, da er wenigstens nicht
an dem ernsten Willen des Mannes zweifelte -- als er schwieg, fuhr Dodge
ebenso leise fort:

Kennt der weie Mann Tcha-to-ga -- den tollen Bffel?

Das ist gerade der Schurke, der mir die ganze Verhandlung zu leiten
schien!

Dodge nickte mit freudigem Grinsen den Kopf und zischte weiter:

Sein Wigwam ist letzter vom Dorf -- zwei Meilen von hier, gerade wo kleine
Arm von Red Fork in Arkansas kommt -- Dampfboot-Holz an Ufer, groe Stange
und Scalpe dran -- Tcha-to-ga, gewaltiger Huptling -- aber _Hund_ -- hat
Dodge peitschen lassen -- schadet nichts -- =by'm by=--

Aber was soll's mit dem? frug Burkner gespannt.

Weier Mann Thor -- begreift schwer, brummte der Halb-Wilde --
Tcha-to-ga hat Tochter -- einzig Kind, und ist ein Indianer -- zahlte
lieber funfzig Fa, eh' er A-na-las-ka, die schwankende Birke, auf zwei
Stunden in Gewalt von Weien she -- hah!

Schlange, rief der Capitain, Du willst mich auf falsche Fhrten locken,
da ich _Deine_ Spur verlieren soll und nachher keine Ansprche mehr an
Dich machen knnte. Mag Tcha-to-ga zum Teufel gehen, _Du_ bist der Mann, an
den ich mich halte.

Ah tiesch ti, lachte hhnisch der Gelbe, Papier gegen Papier -- das
gleiche Waffe ist -- Blagesicht wei best, ob Dodge Recht finden kann oder
nicht -- =by'm by=!

Er wandte sich ab und wollte in die Stadt hinein, Burkner aber, der die
finstere Entschlossenheit in des indianischen Hndlers Zgen sah, und zu
spt bereute, dem listigen Feind die Waffen gegen sich selber in die Hnde
gegeben zu haben, ergriff Dodge's Arm, whrend dieser lchelnd stehen blieb
und ber seine Schulter weg nach dem Flu hinber schaute.

Tcha-to-ga ist Dein Feind? frug lauernd der Weie.

Er ist ein Hund, lautete die finstere Antwort.

Und Dodge wird seine weien Freunde fhren und untersttzen?

Dodge geht nach Hause -- er wei nicht, bei was er das Blagesicht
untersttzen soll, knurrte der Wilde, und ohne eine weitere Erwiederung
abzuwarten, machte er sich von der Hand des Capitains los, und verschwand
bald darauf mit seinen Wagen in der Strae, die durch die Stadt hin dem
Inneren des Landes zufhrte. Die Bevlkerung des kleinen Ortes war, wie
sich das gar nicht verkennen lie, gegen den Weien sowohl wie auch gegen
ihn, da er doch mit die Ursache des ganzen Vorfalls gewesen, gereizt, und
er mochte nicht, durch zu langes Zgern vielleicht, das Ziel werden, gegen
das sich der Ausbruch ihres Zornes richten mochte.

In dumpfes zrnendes Brten versenkt, blieb der Capitain, seinem eigenen
Nachdenken berlassen, am Ufer zurck -- und er stampfte in ohnmchtiger
Wuth den Boden, wenn er daran dachte, wie machtlos er jetzt hier, der
Weie, Amerikaner, den grinsenden rothen Hunden von Indianern gegenber
stnde. Sollte er, ein Spott und Gelchter dieser kupferfarbenen Bande,
den Ort verlassen? und blieb ihm eine andere Mglichkeit, Genugthuung fr
den Schimpf sowohl als Ersatz fr den Schaden zu bekommen? -- An Gewalt
_hier_ durfte er nicht denken; er htte wohl sein eigenes Boot selbst gegen
eine Uebermacht vertheidigen knnen, aber an's Land durfte er sich nicht in
feindlicher Absicht wagen; die verschiedenen Trupps, die kampfgerstet
und bewaffnet berall auf den einzelnen und hchsten Punkten der Uferbank
zerstreut standen, wrden seine kleine Schaar schon durch ihre Ueberzahl
erdrckt haben -- und die _Gesetze_ -- _er_ hatte dagegen gehandelt, und es
blieb ihm nur wenig Hoffnung, da ihm der Staat da beistehen wrde, wo er
sich selbst im Unrecht fhlte.

Zur Hlle mit dem Gesetz, murmelte er leise vor sich hin -- htt' ich
nur zwanzig Hnde mehr an Bord!

Capitain, sagte da die Stimme des Mate, der an's Ufer gekommen war, den
Zgernden aufmerksam zu machen, wie der Flu wirklich noch im Fallen und
die Gefahr also vorhanden sei, da sie auf dem Sande knnten zurckgelassen
werden -- wenn wir noch lnger warten, steh' ich fr nichts.

Soll ich den Whiskey hier im Stich lassen, und nicht meine Rache an den
rothen Hunden nehmen knnen? rief zrnend der Amerikaner.

Ugh! rief pltzlich ein tiefer Gaumenlaut dicht an seiner Seite, und als
sich Burkner rasch wandte, stand Tcha-to-ga neben ihm und schaute finster
und wild zu ihm nieder -- Ugh -- das Bleichgesicht schreitet in den
Fhrten des rothen Mannes und tritt seinen Schatten mit Fen -- er speit
auf die Grber seiner Vter und nennt die Kinder _Hunde_. Tcha-to-ga sieht
einen Wolf und die Kriegskeule regt sich in seiner Hand!

Der Weie warf einen Blick voll giftigen Hasses auf den alten Mann und der
Gedanke an den gerathenen Raub zuckte ihm durch's Hirn.

Tcha-to-ga ist ein Thor, zischte er endlich durch die zusammengebissenen
Zhne hindurch, da er den Wolf noch reizt, der seine rechte Hand doch
zwischen den Fngen hlt!

Der Indianer stutzte -- es lag ein eigner Ausdruck, ein zu sicheres
Bewutsein in den Worten, als da sie der alte schlaue Krieger htte
miachten sollen -- aber was konnten die dunklen Worte bedeuten?

Bah! sagte er endlich verchtlich -- der weie Mann hat die Zunge des
Hehers -- er fft die Stimme des Raubvogels nach, und sucht Wrmer auf den
Zweigen. Tcha-to-ga ist reich -- aber er gbe Alles hin, was er besitzt,
wenn seine Augen nicht mehr auf den bleichen Gesichtern der Fremden zu
ruhen brauchten -- ihr Anblick ekelt ihn an!

Es lag ein bitteres Wort auf Burkners Lippen, die stahlbewehrte Keule ruhte
aber so fest in des zrnenden Kriegers Hand, da er dem Grimm, der in ihm
kochte, nicht Worte zu geben wagte -- desto ghrender wuchs der aber auch
mehr und mehr in ihm -- desto heier trieb und drngte die rachedrstende
Seele nach Befriedigung ihrer Leidenschaft -- nur die Furcht hielt ihn noch
zurck. Wie dann, wenn er die Indianer hier in ihrem eigenen Lande
thtlich beleidigte und -- verlor? -- Sein scheuer Blick schweifte fast
unwillkrlich nach den Scalpstreifen nieder, die mit dem flatternden
Haupthaar an Tcha-to-ga's Leggins hingen. Dem Huptling entging aber der
Blick nicht -- ein hhnisches Lcheln umzuckte seine Lippen und er sagte:

Der weie Mann nennt die rothen Kinder Manitos _Hunde_, aber er sieht
scheu nach den Spuren, die sie im Sande zurcklassen -- geh! Tcha-to-ga's
Arm hat den falschen Creek Indianer gestraft, weil er der rothen Frucht
gleicht, die Labung verspricht und die Zunge brennt -- Tcha-to-ga ist stark
und der weie Mann ein Thor!

Wenn ich dem Schuft nur eins zwischen die schwarzen Augen hineindrcken
drfte! brummte der Mate halblaut vor sich hin -- hui, wie mir's in den
Gelenken juckt!

Tcha-to-ga ist ein Dieb, der dem Weien sein Gut raubt, weil er vielleicht
selber heimlich damit handelt! rief eben jetzt der Capitain, der zum
Aeuersten gereizt und getrieben, seine Wuth nicht lnger migen konnte,
und ihr wenigstens Worte geben mute.

Das _lgt_ das Bleichgesicht! zrnte der Krieger und richtete sich, die
Falten des Bffelfells von seinem rechten Arm zurckwerfend, hoch auf.

Durch den Wortwechsel herbeigelockt, nherten sich von rechts und links her
einige der bewaffneten und jetzt noch vereinzelten Trupps, und der Mate,
nicht mit Unrecht bei einem so ungleichen Kampf fr ihre Sicherheit
besorgt, ergriff den Arm des Capitains und flsterte ihm zu, an Bord
zurckzukehren. Capitain Burkner sah auch selbst wohl ein, wie gefhrdet
er hier unter den wilden drohenden Gestalten sei, aber sich nicht versagen
konnte er es, den Feind wenigstens die Waffe fhlen zu lassen, die er,
gerade gegen ihn, in Hnden halte:

Es ist gut, Tcha-to-ga, rief er boshaft lchelnd aus und wandte sich,
im Gehen begriffen, noch einmal nach diesem um -- aber ehe die Sonne
untergeht, die dort schon im Westen ber den Wipfeln der Bume hngt, zahlt
mir der _tolle Bffel_ den Preis fr den Whiskey -- und _mehr_ noch, wenn
ich es verlange oder -- der weie Mann macht sich selbst bezahlt!

Und mit raschen Schritten eilten die beiden Mnner an Bord ihres
Bootes. Hier aber standen die Deckhands, auf des Mate's Befehl, schon
zu augenblicklicher Abfahrt bereit, das eine Tau wurde rasch gelst, die
Planke eingezogen, der bis jetzt der Strmung zugekehrte Bug fuhr herum,
und wenige Minuten spter scho das Boot mit der Strmung hinab, und so
dicht am diesseitigen Ufer hin, als es das hier nicht bermig tiefe
Fahrwasser nur irgend erlaubte.

Tcha-to-ga aber hatte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit jede Bewegung
des Bootes beobachtet, und jetzt war es auf einmal, als ob ihn zum ersten
Mal der Gedanke an die Gefahr durchzuckte, der seine eigene Heimath
preisgegeben sei, wenn die weien Mnner whrend seiner Abwesenheit dort
landeten. Ein eigenthmlich ausgestoener, scharf gellender Ton rief mit
Blitzesschnelle eine Anzahl der jungen Leute an seine Seite -- einige
rasche Worte gengten -- fort stob die Schaar, im Laufe noch Andere
anfeuernd, aufmunternd, und als das Boot, das allerdings zu Wasser eine
krzere Bahn hatte, wie sie, die sie der vollen Biegung des Stromes am Ufer
folgen muten -- kaum der jenseitigen Spitze gegenber war, sprengte auch
schon eine Anzahl ungesattelter Ponneys, die rothen kecken Reiter mit den
wehenden Federn und Bffelhuten auf ihren Rcken, in flchtigen Stzen am
Ufer hin, der Wohnung ihres Huptlings Tcha-to-ga zu.

       *       *       *       *       *

Etwa zwei englische Meilen unterhalb Redtown, mndete ein kleiner Bach,
oder eigentlich eine Art Bayo in den Arkansas, die nicht weit vom Creekdorf
ab, aus der Red Fork selbst entsprang und nur bei hohem Wasserstande dessen
Bett die rothlehmige Fluth entfhrte und dem greren Strome zu leitete.
Hier lag, ziemlich einsam und abgeschlossen, Tcha-to-ga's, des tollen
Bffels, Htte, wohl eine halbe Meile von den letzten Husern, oder
vielmehr Wigwams, des kleinen Stdtchens entfernt, denn der untere Theil
desselben war fast ganz indianisch und wurde sogar noch von Insassen
bewohnt, die nicht selten, dem alten Nomadenleben treu, ihre Heimath
gnzlich wechselten, die Zelte auf die Rcken ihrer Lastthiere warfen und
dorthin zogen, wo die frischen Spuren der Bffel ihnen Nahrung und Jagdlust
versprachen.

Tcha-to-ga dagegen hatte sich fr einen nicht unbetrchtlichen Theil der
Summe, welche die Vereinigten Staaten an alle Huptlinge als Entschdigung
der stlich vom Mississippi in Besitz genommenen Lndereien ausgezahlt,
Neger-Sclaven gekauft und durch diese eine vortreffliche Farm, die sich
eine volle englische Meile am Fluufer hinunterzog, anlegen lassen. Er
selbst aber arbeitete natrlich nichts; als Huptling lag ihm nur die
Bekmpfung der Feinde und die Jagd ob, und am Berathungsfeuer lauschten die
jungen Mnner des Stammes mit athemlosem Schweigen seinen Worten.

Eigenthmlich war dabei die Mischung von Civilisation und alter
ursprnglicher Lebensweise, die besonders auffallend in seiner eigenen
Wohnung wurde. Mit Widerstreben nur hatte er nmlich alles das angenommen,
was die bleichen Mnner den rothen Kindern der Wlder von Sonnenaufgang
gebracht. Lange hing er mit kaum zu besiegender Hartnckigkeit an den alten
Gebruchen, Sitten und Gerthschaften seines Stammes, und wich nur Schritt
fr Schritt den wirklichen Verbesserungen menschlicher Zustnde, die sein
sonst gesunder und leicht empfnglicher Sinn doch recht gut zu wrdigen
wute.

Zuerst war es die Schiewaffe der Weien gewesen, deren Vorzug gegen den,
tausend Zufllen unterworfenen, Bogenschu er doch nicht ableugnen konnte;
auch den Stahl hatte er zu gleicher Zeit vortrefflicher fr Waffe und
Werkzeug erkannt, als den schwer zu bearbeitenden Feuerstein, und manches
fand solcher Art und ganz allmlig den Weg in seine Wohnung, was er im
Anfang, als seinem Stamme feindlich, verschmht und verachtet hatte.

In diesem Sinne schien er auch seine Htte erbaut zu haben. Wohl den Vorzug
erkennend, den das feste, solide, auf krftigen Stmmen ruhende Dach
gegen den schwanken, leicht beschdigten Wigwam haben mute, errichtete er
endlich fr sich selbst ein solches Haus, aber nicht um darin zu wohnen,
sondern um seinem eignen Wigwam, den er jetzt ganz nach der Sitte seiner
Vter im Innern aufstellte, Schutz gegen Sturm und Wetter zu verleihen.
Von auen glich also das Gebude gnzlich einer der gerumigen westlichen
Blockhtten, wie sie in den Ansiedlungen der Weien von Baumwollen- und
Maisfeldern umgeben liegen; kaum aber betrat der Fremde den, durch eine
hlzerne Thr verwahrten niederen Eingang, als er sich pltzlich inmitten
einer indianischen Fellhtte sah, in deren Mitte an schwankenden Stben der
groe _eiserne_ Kessel hing, und von wo aus der Rauch zu einem riesigen,
mit wunderlichen Zierrathen behangenen und geschwrzten Bffelkopf
emporstieg, diesen umkruselte und durch die ber ihm gelassene Oeffnung
seinen Weg in's Freie suchte. Ueber dem Rauchfang aber, an langer, wohl
dreiig Fu hoher Stange, von Adlerfedern und anderem symbolischen Schmuck
umweht, hingen und flatterten die Scalpe der von Tcha-to-ga's eigener
Hand erschlagenen Krieger -- eine frchterliche Siegstrophe ber der
friedlichen Heimat.

Die Sonne neigte sich ihrem Untergang -- tief nach Westen sank sie hinab,
und die Gipfel der stattlichen Baumwollenholzbume, die sich dicht um die
Lichtung herum dem Ufer wieder zudrngten, glhten und leuchteten in dem
rosigen Licht. Aus dem niederen Sumpfland zogen leichte dunstige Schwaden
heraus und strichen wie dnne Nebelwolken ber die ruhig dahin strmende
Fluth hin. Die Krhen und Blackbirds strebten schon gen Westen ihren
altgewohnten Lagerpltzen zu und die langen Schatten der Waldriesen fielen,
ber Feld und Hofraum hinber, bis weit in den blinkenden Strom.

Tcha-to-ga's Htte lag ziemlich still und fast wie verlassen, nur weit
hinten im Feld arbeiteten die Neger mit einigen indianischen Squaws, und
dicht neben dem Haus flogen, in ziemlich regelmigen Zwischenrumen,
Schaufeln voll Erde aus einem frisch gegrabenen Loche heraus und verriethen
den Platz, wo der Hupling, nach Art der Weien, einen Keller graben lie,
um ber diesem spter noch einen kleinen Nachbar-Wigwam zu bauen. Dicht
vor der Thr des Hauses waren zwei Negermdchen mit der Zubereitung einer
groen aufgespannten Bffelhaut beschftigt, an der sie die Fleischseite
mit scharfen Steinen abrieben, um sie dem Gerbestoff leichter zugnglich zu
machen, und ein alter Neger zog eben, mit Anstrengung aller seiner Krfte,
ein leichtes Canoe aus dem Strome herauf an die hhere Uferbank, weil ein
Dampfboot -- dasselbe, was einige Zeit bei Redtown gelegen -- gerade
auf diese Seite des Ufers zukam und den kleinen Kahn leicht mit seinen
Ruderschaufeln zerdrcken, oder wenigstens fllen und sinken machen konnte.

Groe Golly, sagte der greise Afrikaner, als er von seiner Arbeit
ausruhte und sich den Schwei von der Stirne wischte, piff -- piff -- piff
-- piff -- piff -- hui -- wie geschwind groes Canoe stromab kommt, und --
law de Mercy -- wie dicht am Ufer hier -- kann doch kein Holz haben wollen,
hat rechts und links noch ganze Menge. -- Buckra schlauer Kopf -- kommt
Geld zu verdienen zu Guinea und Indian -- bis weit hier in Wildni ein und
bringt guten Whiskey und Pfannkuchenmehl -- groer Mann Buckra -- Gbe
was d'rum, wenn Sip sein Krug aus Kche htte, ohne da Missus was 'von
merkt--

Der Neger sah sich mit komischer Verzweiflung nach dem Haus um; denn er
lie nur hchst ungern eine so gute Gelegenheit vorber gehen, ohne seinen
sorgfltig versteckten Krug mit Whiskey zu fllen. Das Verbot seines
Meisters lautet nmlich auf das Bestimmteste, auch keinen Tropfen des
giftigen Feuerwassers im Hause zu dulden; das Boot nherte sich aber zu
reiend schnell, und schon winkte ihm, whrend der Fox im Flu mit dem Bug
herumkam, um gegen die Strmung anzulanden, der vorn an der Larbordseite
stehende Matrose zu, das Tau, was er zum Wurf bereit in der Hand trug,
sobald es das Ufer berhre, zu erfassen, und dort um Stamm oder Wurzel zu
schlagen und fest zu machen.

Vorn auf dem Boot, und zwar auf dem unteren Deck, standen der Capitain, der
Mate, der Ingenieur und die vier Deckhands -- die letzteren mit der Planke
zwischen sich, die sie in dem nmlichen Augenblick an's Ufer hinauswerfen
wollten, wo das Boot in erreichbare Nhe kam.

Capitain, rief jetzt der Lootse aus seinem kleinen Pilotenhaus herunter
-- das ist doch ein Reiter, den wir hinter den Bschen am Ufer sahen.

Aus der Stadt schon? rief dieser rasch zurck -- das ist nicht mglich
-- der Flu macht hier den Bogen, da mte er Flgel gehabt haben.

Nein, er reitet ganz langsam, lautete die Antwort, es scheint auch kein
Indianer und trgt selbst keine Bchse.

Desto besser fr ihn, lachte Burkner -- sonst die Kste klar? wie weit
sind die Reiter zurck?

Hahaha, lachte der Lootse, sich nach der Stadt zu umdrehend, wenn sie
ihre Pferde todt rennen, knnen sie vielleicht gerade zur rechten Zeit
kommen, uns sicher vor Anker und in der Mitte des Stromes liegen zu sehen
-- hui -- wie der Alte sprudeln wird! -- Sonst seh ich weiter Niemanden auf
der Strae, wie hier vor'm Haus ein paar Frauen und einen alten Neger -- da
hinten im Feld scheinen die Arbeiter alle zu sein.

Gut denn ---- an's Werk -- steh bei dem Tau, Alter! rief Burkner jetzt
dem Afrikaner zu, dem, er wute selbst nicht warum, das ganze Betragen
des nahenden Bootes so wunderlich vorkam. Mechanisch aber und an Gehorsam
gewhnt, rief er sein Ay, ay, Sir! erfate mit dem linken Arm einen
schlanken, stattlichen Baumwollenholzbaum, da er mit dem schweren Tau und
auf dem abschssigen Boden nicht etwa ausglitt, fing dieses, als es ihm
zugeworfen wurde, und schlang es im nchsten Moment rasch und geschickt um
den Stamm. Zu gleicher Zeit scho das Boot in dem hier tiefen Wasser dicht
an die Uferbank an, die Planke wurde ausgeschoben und hinber strmten, mit
dem Capitain an der Spitze, die Mnner, ihren schndlichen nichtswrdigen
Raub auszufhren. Der eine Lootse aber blieb indessen oben auf dem
Hurricanedeck stehen, um bei nahender Gefahr das Zeichen zu geben und die
Dampfbootleute zu warnen.

Die Mannschaft hatte sich auch mit rcksichtsloser Lust dem Unternehmen
hingegeben, und wrde vielleicht mit eben der Bereitwilligkeit sich erboten
haben, die Wohnung des indianischen Farmers zu plndern und in Brand zu
stecken, wenn es der Capitain gerade verlangt htte; es war ja nur ein
Indianer, und durften die Weien es leiden, da diese heidnischen Rothhute
in keckem Uebermuth sich gegen ihre Obergewalt auflehnten? nein, wahrlich
nicht, und der Plan, wie er ihnen von ihrem Capitain auf der raschen Fahrt
bis hier herunter mitgetheilt worden, war ihrer Ansicht nach vortrefflich,
den kecken unertrglichen Stolz der Rothhute in etwas zu demthigen. Es
htte kaum der Dollars bedurft, die jedem der Mannschaft nach glcklichem
Gelingen versprochen worden, sie zu solchem Eifer anzuspornen.

Kein wilderes, trotzigeres und roheres Volk giebt es berhaupt in der
weiten Welt, wie diese Bootsleute der westlichen Strme, mgen sie nun
zu Dampf-, Kiel-, Flatbooten oder Flen gehren -- die Hefe smmtlicher
Staaten ist in ihnen concentrirt, und ein ruhiges Geschft verschmhend,
treiben sie sich, heute verspielend und vertrinkend, was sie gestern
mit saurem Schwei verdient, Monate lang auf dem Strom herum, und jede
Gelegenheit ist ihnen willkommen, die in Kampf oder rauher That irgend eine
Abwechselung in das monotone Fluleben bringt. Nicht ein bses, sondern
ein total vernachlssigtes Herz trgt dabei fters die Schuld ihres wsten
Treibens, und an keine gute Macht glaubend, keine bse frchtend, werfen
sie sich mit toller Todesverachtung jeder Gefahr keck und rcksichtslos
entgegen.

Ein solcher Menschenschlag war es, der jetzt, von dem gewissenlosen
Capitain gefhrt, ans Land sprang, um sich, wie sie lachend meinten,
ihr Recht zu holen; rohe Spe ertnten dabei von den durch Tabackssaft
vergilbten Lippen, und flchtigen Laufs flogen sie, mit keinen anderen
Waffen als ihren Messern im Grtel, die Uferbank hinauf, an dem Neger
vorbei, dem Hause zu.

=God allmighty!= schrie der alte Afrikaner entsetzt, als er die wilde
Schaar in solcher Art, und sicherlich in keiner guten Absicht an den
Holzsten vorbei nach der Thre zu rennen sah, was giebt's -- wo
brennt's?

Die Negermdchen, die vor dem Hause arbeiteten, warfen erschreckt ihre
Steine nieder und flohen der Thre zu, und aus der frisch begonnenen
Erdgrube tauchte ein rother Kopf und ein noch viel rtheres Gesicht
darunter auf, das dem frhlichen irischen Kellergrber Mc.Karthy gehrte.

Hallo, meine Jungen -- macht rasch, da sie Euch nicht die Thr vor der
Nase zuwerfen! schrie der Capitain, dessen drre Gliedmaen ihn nicht so
schnell vorwrts trugen, als er es wohl wnschen mochte -- Die Pest ber
die Wettermdchen!

Und er hatte Ursache, zu schimpfen -- wie Gazellen huschten die leichten
Dinger ber die Erde hin, und wenn sie auch nicht begriffen, was sie,
mitten im Frieden, von weien Mnnern zu frchten brauchten, hatten die
Dampfbootleute doch auch wieder einen viel zu bsen Ruf an allen
Fluufern, um ihr Nahen ruhig abzuwarten, wenn sie besonders auf solch
auergewhnliche Art das Land betraten. Gerade vor dem Mate fiel auch
die ziemlich starke Thr zu, und die inwendig rasch vorgeschobenen Riegel
standen dem ersten Anprall des starken Mannes vortrefflich.

Kaum aber drhnte dies erste Zeichen von Gewalt in den innern Raum,
als auch von da aus der gellende Hlferuf gengstigter Frauenstimmen
hervorschallte; der Ire sprang in demselben Moment aus seinem begonnenen
Keller, und der Reiter der nur noch wenige hundert Schritt vom Hause
entfernt, die dicht am Strom hinfhrende Strae herabkam, zgelte, erstaunt
den Tnen horchend, sein Pferd ein.

Hallo! rief da der Lootse vom Deck herunter, macht rasch -- da oben
kommen, beim Teufel, schon die rothen Hunde angesprengt -- Donnerwetter,
mssen die geritten sein!

Auf mit der Thr -- auf, meine Burschen! schrie ermunternd der Capitain
-- _Dem_ noch einen Dollar besonders, der zuerst in der Htte ist!

Der zweite Ingenieur -- der erste stand an der Maschine auf seinem Posten
-- war links um das Gebude gesprungen, und der Capitain selber wandte
sich jetzt rechts, um jede mgliche Flucht der im Inneren Befindlichen aus
einer, vielleicht hinten angebrachten Thr abzuschneiden. Der Mate warf
sich aber mit krftigem Fluch und noch viel krftigerem Anprall, so tchtig
von den Seinen dabei untersttzt, gegen die hlzerne Thr, da er die obere
Angel aus ihrem Haspen ri und mit der ersten, polternd ber sie weg zu
Boden strzte.

Ein zweiter gellender Hlfeschrei, von den Negressen ausgestoen, folgte
diesem Einbruch; der Mate, der augenblicklich wieder auf die Fe sprang,
wute jedoch viel zu gut, wie werthvoll seine Zeit sei, und kaum hatte ihn
ein flchtig umhergeworfener Blick belehrt, wo er das Mdchen, um das sie
gelandet, zu suchen habe, als er sich mit lautem Triumph auf seine Beute
warf.

A-na-las-ka, das arme zitternde Kind, war bei dem ersten Lrm der Mgde
erschreckt zusammengezuckt, und der Gedanke, der sich ihr unwillkrlich
von dem frheren, ja kaum verlassenen Leben der Wildni aufdrngte, mute
natrlich der sein, da ihre Wohnung von einem feindlichen Stamm berfallen
wre. Bebend und entsetzt fuhr sie von dem weichen, mit Bffelhaut
berdeckten Lager, auf dem sie geruht, empor, und fast unwillkrlich
entfloh der Name des Vaters ihren Lippen, als sie erstaunt _weie_ Mnner,
mit denen sie in Friede und Eintracht lebten, so wild und feindlich in ihre
stille Heimat einbrechen sah.

Was wollt Ihr? rief sie und trat bis an das entfernteste Ende des
Wigwams zurck, wo die Waffen ihres Vaters an einem dort fest in den Boden
gestoenen Pfosten hingen -- wen sucht Ihr? und fast unwillkrlich
griff die Hand nach der nchsten, mit scharfen Feuersteinen bewehrten
Kriegskeule, die tief unter dem weien mit Scalpen geschmckten
Bffelschilde hing.

Dich mein Tubchen, rief ihr aber der Mate lachend entgegen -- strube
Dich nicht, mein Kind, Du bist unser.

Zurck! schrie die Jungfrau, und die rasch gehobene Keule fuhr mit gut
gemeintem Ziel nach dem Haupte des Rubers nieder. Der Arm aber, der die
gewichtige Waffe fhren wollte, war zu schwach -- der gewandte und krftige
Bootsmann unterlief ihn leicht, und ehe die Waffe ihn treffen konnte, hatte
er die sich machtlos in seinen Armen Strubende erfat, emporgehoben und
floh raschen Laufs mit seiner leichten Last, und von den brigen Leuten
gefolgt, dem Ausgang wieder zu.

Bei Jsus! rief aber da der in seinen Weg springende Ire, der,
rcksichtslos um all die drohenden, ihn umgebenden Gestalten, auf den Mate
zusprang und diesen mit der einen Hand ergriff, whrend er ihm mit der
anderen das Mdchen zu entreien suchte -- Arrah, mein Schatz, was fr ein
Spalpeen Ihr sein mt, gleich so mit der Thr ins Haus zu fallen, wenn Ihr
mit der Tochter was zu sprechen habt!

Zurck da, Pat! schrie ihn aber der Mate mit wildem Zorne an -- zurck
da, oder--

Oder? mein Herz, rief der unerschrockene Ire und stie mit der Faust,
ehe nur einer der Uebrigen es verwehren konnte, dem Mate so kunst- und
boxergerecht zwischen die beiden Augen hinein, da dieser halb betubt
zurcktaumelte und das Mdchen den Hnden des Sohnes der grnen Insel
berlassen mute; der arme Teufel feierte diesen Triumph aber nur ungemein
kurze Zeit. Fnf oder sechs krftige Fuste trafen in gleichem Augenblick
seinen Schdel, da er bewutlos zusammenknickte, und zwei der Mnner
faten schon im nchsten Moment die Jungfrau, whrend die Anderen den Mate
untersttzten und zum Ufer schleppten.

Macht fort -- die Pest ber das Zgern! mahnte der Lootse vom Deck aus,
und seine Klingel gab dem Ingenieur schon das Zeichen bereit zu sein --
bei Gott, Ihr werdet sonst abgeschnitten!

An Bord, an Bord! trieb auch der Capitain, der jetzt hinter der Htte vor
der nahen Fenz zueilte, die er vorher berklettert hatte; denn hinten vom
Felde her sah er die Arbeiter herbeistrmen, und auf der hart getretenen
Strae hrte er das rasend schnelle Stampfen der heransprengenden Reiter --
hurrah, meine Jungen, an Bord!

Er sprang von der obersten Stange herunter, ber einen dort
quervorliegenden, zum Feuerholz bestimmten Stamm weg, blieb im nchsten
Moment mit dem Fu an dem regungslos da ausgestreckten Krper des Iren
hngen und strzte, sich das Gesicht im Sand blutig scheuernd, zu Boden.
Mit Blitzesschnelle aber, und die Gefahr recht wohl begreifend, in der er
sich befand, raffte er sich wieder empor und sah eben, wie das arme zum Tod
entsetzte Kind des Huptlings von seinen Helfershelfern, die sich alle so
rasch als mglich in ihr Fahrzeug drngten, an Bord geschleppt wurde.

Halt -- halt! hrte er eine Stimme dicht hinter sich, aber er war der
Letzte, nicht einmal umsehen konnte er sich mehr, wer ihn anrufe, und mit
einem Triumphschrei flog er die Uferbank hinab, um die Planke zu erreichen,
die zwanzig Hnde in peinlicher Erwartung hielten, auf da sie, sobald der
Letzte nur an Bord gezogen sei, rasch hineingerissen werden konnte. Schon
bewegte sich das Dampfboot langsam vom Ufer ab, und die Rder schlugen
langsam und wie ungeduldig auf die unter ihnen vorbeischumende Fluth.

Fast berhrte sein Fu das rettende Bret, da hrte er dicht hinter sich ein
Prasseln und Brechen -- scheu und unwillkrlich wandte er den Kopf, und
-- grad' neben ihm nieder -- durch die Weiden und Sycamorenschlinge, die
gerade dort das Ufer umgrteten, mit tollkhnem, wildem Sprung, flog ein
braunes prachtvolles Ro mit todesmuthigem Reiter die wohl sechzehn Fu
hohe Bank nieder auf den harten Kies der Landung. Das Ro brach auch
zusammen unter dem ungeheuren Gewicht des Sturzes, der Reiter aber ergriff,
ehe der entsetzt zurckprallende Amerikaner seinem Arm entgehen konnte, den
laut Aufschreienden und ri ihn zu sich hin.

Hlfe! -- Hlfe! sthnte Capitain Burkner -- und suchte dem rchenden Arm
sich zu entwinden-- wenige Schritte noch und er war gerettet -- und hier --
Hlfe! kreischte er -- um Gottes Willen, Hlfe!

Alle Wetter! schrie da der Steward, der kaum zwei Secunden vorher
die Planke erreicht hatte, und sich nun wieder wandte, seinem Capitain
beizuspringen -- des Kochs Arm hielt ihn aber zurck, und in dem nmlichen
Moment glitt auch das andere Ende der Planke von der Kiesbank ab in's
Wasser, das Boot bewegte sich vom Ufer ab, und Hlfe war von diesem aus
nicht mehr mglich; denn jetzt donnerten auch schon oben auf der Uferbank
die Hufe der verfolgenden indianischen Poneys heran, und die wilden Reiter
warfen sich mit ihren Waffen in den Hnden aus den Stteln.

Teufel! schrie da der Capitain und ri ein bis dahin verborgen gehaltenes
Bowiemesser aus seiner Weste vor -- so nimm denn _das_! und mit krftigem
von Verzweiflung gesthltem Arm fhrte er einen grimmen Streich nach dem
wehrlosen, aber nichtsdestoweniger hartnckigen Gegner; glcklicher Weise
hielt die Fellmtze diesen in etwas ab, doch der schwere Stahl glitt
nieder, streifte aber nur den Arm.

Raum hier! rief da die Stimme des einen Ingenieurs vom Boot aus -- meine
Kugel soll den Schuft da drben bald loslassen machen -- springt in's
Wasser, Capitain!

Euer Krper deckt mich! zischte der Fremde in des entsetzten Capitains
Ohr, whrend er dessen Arme so fest umschlang, da er keinen Streich weiter
mit dem Messer fhren konnte. Die Kugel findet erst durch Euch zu mir die
Bahn!

Schiet nicht! rief der Erschreckte in Todesfurcht.

Ein wilder gellender Schrei, der dem zitternden Verbrecher das Blut in den
Adern stocken machte, erdrhnte in diesem Augenblick dicht ber ihm von
der Uferbank aus, und ehe nur irgend Jemand an Bord des Fox einen festen
Entschlu fassen konnte, umgaben zehn oder zwlf wilde kriegerische
Gestalten den gefangenen Capitain, whrend wohl noch zwanzig Andere,
die Bchsen auf den Schultern, die Kriegskeulen am Handgelenk, und die
schumenden Ponneys zu immer tollerer Eile anspornend, heranstrmten. An
Widerstand war gar nicht mehr zu denken; der todtenbleiche Capitain sah
sich in fast wunderbarer Schnelle gebunden und von der geschftigen Schaar
rasch auf die Uferbank gehoben, und hier erst fand er sich Antlitz
zu Antlitz mit dem wie rasend aus seinem Wigwam strzenden Vater der
Geraubten.

Mein Kind -- mein Kind -- wo ist A-na-las-ka -- die schwankende Birke des
Arkansas -- A-na-las-ka! -- Ha -- bleichhutiger Hund -- das Dein Werk --
Wo ist mein Kind?

Und in der Rechten die Keule schwingend, fuhr seine Linke dem Elenden mit
solcher Kraft nach der Kehle, da sein Antlitz in wenigen Secunden eine
fast dunklere Farbe annahm, als die Hand trug, die ihn umspannt hielt.
Nicht ein Wort vermochte er, ob es sein Leben galt, ber die Lippen
zu bringen, und der nchste Moment htte vielleicht sein Schicksal
entschieden. Da war es der Fremde, der sein Leben rettete, und zwar eben
derselbe Mann, der an dem nmlichen Nachmittag den Huptlingen in Redtown
den Rath gegeben hatte, die aufgedrungenen Whiskeyfsser zu zerstren.

Halt, Tcha-to-ga! rief der aus und hemmte mit emporgehobenem Arm die
drohende Waffe -- Dein Kind ist auf jenem Boot -- tdte diesen Mann und
es ist fr Dich verloren, -- nur durch seine Freigabe kannst Du es rasch
wieder in Deine Arme ziehen!

Fhrt mich an die Uferbank, flehte mit zitternder Stimme der Elende,
whrend er neue Hoffnung fr das schon fast aufgegebene Leben schpfte --
lat mich frei, und in wenigen Minuten ist Eure Tochter hier am Lande.

Und geschieht das nicht, zischte in kaum bezhmbarer Wuth der Indianer,
dann wird Tcha-to-ga des weien Hundes Fleisch zerhacken, da sich die
Aasgeier mit Ekel von ihm wenden sollen -- ugh! Tcha-to-ga ist ein Mann!

Er ergriff den, nicht den mindesten Widerstand leistenden Weien im Nacken
und schleppte ihn bis dicht an die steile Uferbank; der Fremde aber, dessen
khner Sprung und rasche Entschlossenheit die Geisel gesichert hatte,
schwenkte sein Tuch, nach dem, jetzt wohl an dreihundert Schritt von der
Strmung hinabgefhrten Boote zu.

Pest, Gift, Tod und Bowiemesser! rief ingrimmig mit dem Fu stampfend,
der Mate, der sich inde von dem durch den Iren empfangenen Schlag erholt
hatte, und vorn, nach dem Ufer hinberschauend, auf dem Boot stand -- bei
Gott erwischt, und der ganze schne Spa verdorben, des weien Schuftes
wegen -- ob das nicht zum Verrcktwerden ist.

Sie winken mit dem Tuch herber, sagte einer der Feuerleute, der auf den
seitwegs neben den Kesseln liegenden Holzhaufen geklettert war.

Der Lump ist's, der mit dem Pferd von der Bank heruntersprang, rief der
eine Ingenieur -- da er den Hals gebrochen htte -- die Canaille hielt
sich auch so dicht hinter Burkner, da ich keine Handbreit Raum fr meine
Kugel finden konnte.

Hallo da unten! rief der Lootse vom Deck nieder, wie wird's nun? -- den
Capitain haben sie wei Gott beim Schopf gekriegt -- ohne den drfen wir
doch nicht abfahren!

=Give her a turn a head!=[10] lautete die lakonische Antwort des Mate --
und vor sich hin murmelte er, wenn sie ihm doch gleich eins ber den Kopf
gegeben htten, dem hirnlosen Holzkopf -- sich auf solche Art bertlpeln
zu lassen.

  [10]: Lat das Boot ein Bischen vorgehen.

Wenige Minuten spter kmpfte das Boot wieder gegen die Strmung an und
hielt, nur noch langsam die Rder gebrauchend, gerade der Stelle gegenber,
wo die Indianer, mit dem Gefangenen in ihrer Mitte, standen.

Hallo, das Boot! rief der Fremde.

Hallo, das Ufer! lautete die trotzige Antwort zurck; -- hinter
den Bumen am Land, und an der ganzen einen Seite des Fox lagen die
Bchsenschtzen gedeckt und im Anschlag, um einen irgend versuchten Angriff
leicht abwehren zu knnen.

Setzt Eure Yolle aus und schickt die Indianerin an's Land, sagte der
Fremde, aber seine Stimme drang nicht bis zum Bord des Fox hinber.

Was giebt's? frug der Mate zurck.

A-na-las-ka, die schwankende Birke, sendet herber! schrie da Tcha-to-ga,
mit vor innerer Aufregung fast erstickter Stimme -- zgert und Euer
Huptling stirbt jede Handbreit den entsetzlichsten Tod.

Setzt das Boot aus, guter Tom, bat in fieberhafter Angst auch jetzt der
Gefangene, macht rasch -- macht um aller Heiligen Willen rasch, ich bitte
Euch -- ich befehle es Euch!

Feige Memme, knurrte der alte Matrose leise vor sich hin, hallo da, Jim,
Ben, Virginny, setzte er dann leise hinzu, rasch in die Yolle, und Ihr
da, Ned und Dick, holt die Dirne wieder herunter. Aber -- es ist doch ein
ehrlicher Tausch, rief er dann noch einmal vorsichtig nach den am Ufer
Stehenden hinber -- die Dirne gegen den Capitain!

Der Fremde winkte mit dem Tuch, zum Zeichen der Einwilligung.

Ich hrt' es lieber erst von der Rothhaut selber, brummte der Mate --
wie ist's, Gentlemen, Ihr gebt den Capitain da frei, wenn Ihr die Dirne
habt? -- bei Gott, betritt er nicht in demselben Augenblick die Yolle,
wo die Squaw heraussteigt, so fliegt ihr diese Kugel nach, und Ben Martin
verfehlt verdammt selten sein Ziel.

Der bleiche Schuft mag gehen! rief der Huptling, sich stolz
emporrichtend -- und hat er seinen Scalp lieb, so zeigt er sein blasses
Antlitz nie wieder in Tcha-to-gas Jagdgrund.

Es wurden keine Worte weiter gewechselt; denn das kleine Boot stie
in diesem Augenblick vom Dampfer ab, und in seinem Spiegel kauerte die
zitternde, regungslose Gestalt der Jungfrau, die dunklen groen Augen
fest und thrnenleer auf das Ufer gerichtet. Obgleich sie die Ursache des
Frchterlichen gar nicht begriff, was mit ihr vorgegangen, hatte sie doch,
als sie sich an Bord unter den rauhen Mnnern fand, kaum noch mehr auf
Rettung gehofft, und jetzt, jetzt, wo sie am Ufer die Gestalt des theueren
Vaters erkannte, die befreundeten Mnner sah, die ihn umstanden, und den
freudigen Zuruf hrte, der sie begrte, da hielt sie die Hnde fest
auf das pochende Herz gepret und frchtete fast, da diese ihr wie
bernatrlich erscheinende Rettung nur ein ser Traum sei, der ihr beim
Erwachen zerrinnen und sie wieder elend, unendlich elend machen mte.

Kaum berhrte das Boot den Kies, als die Jungfrau auch mit einem
Freudenschrei an's Ufer und in die Arme ihres Vaters flog -- die Indianer,
nie dem Feinde das gegebene Wort brechend, lsten die Bande des Weien, und
der Elende glitt in scheuer furchtsamer Hast die steile Bank hinab in den
Kahn -- wenige Secunden und das Boot scho, durch die elastischen Ruder
reiend schnell vorwrts getrieben, wie ein Pfeil durch die Fluth, dem
Dampfer zu -- die Mnner kletterten dort an Bord -- der Bug des Fox wandte
sich dem andern Ufer zu, dann stromab, und schnitt nun, unter dem hhnenden
Jubelgeschrei der Indianer und ohne weitere Feindseligkeit gegen die
dunkelen Gestalten am Ufer, den Arkansas hinunter.




Bilder aus Quito.


Wer hat wohl nicht schon von dem hoch in die Cordilleren hineingebauten
_Quito_, der Haupt- und Residenzstadt Ecuadors gehrt, wie dort ein ewiger
Frhling herrsche und eine wahrhaft paradiesische Scenerie das Auge des
Beschauers entzcke.

Derlei Berichte mgen nun wohl oft bertrieben sein, denn Quito liegt weit
ab von allen Verkehrswegen, und man hat einen langen, mhseligen Ritt von
der Kste aus, um es zu erreichen, so da es verhltnimig nur selten von
Fremden besucht wird. Aber nichtsdestoweniger lohnt es doch alle die Mhe,
die man darauf verwendet, denn es bietet allerdings manches wunderbar
Schne, und auerdem haben wir Europer noch alle Ursache, uns fr die
Nachbarschaft zu interessiren, denn gerade aus den Seitenthlern Quito's
erhielten wir die _Kartoffel_, die noch jetzt dort im wilden Zustande,
aber dann mit viel kleineren Knollen, vorkommt, auerdem aber auch in
allen klter oder hher gelegenen Distrikten Ecuadors auf das Fleiigste
cultivirt wird.

Die Stadt liegt etwa 9500 Fu (nach Anderen 8800 Fu) ber der Meeresflche
und fast unmittelbar unter der Linie oder dem Aequator, nur etwa 2
deutsche Meilen sdlich, aber gerade durch ihre Hhe nicht in einem
tropischen, sondern vollkommen gemigten Clima. Die dort gezogenen
Produkte gehren ganz der gemigten Zone an, und in den Grten kommt jede
deutsche Blume fort, ja ganze Beeteinfassungen von unsern lieben Kornblumen
und Vergimeinnicht sah ich dort, freilich aber auch daneben fremdartige
Lilienpflanzen mit weien phantastischen Blthen, und andere, dieser Gegend
eigenthmliche Gewchse. In den benachbarten Thlern gedeiht dabei die
Kartoffel, Gerste, Hafer, Waizen, Kohl, Rbe und Hlsenfrucht genau so
trefflich, wie bei uns, und ist mit der billigen Arbeitskraft zahlreicher
indianischer Stmme noch bedeutend wohlfeiler herzustellen, als in
Deutschland.

Steigt man aber dagegen nur einige tausend Fu hinab, so wachsen dort schon
Ananas und Bananen, Zuckerrohr und andere tropische Frchte, und der Markt
von Quito bietet die wunderlichste Mischung aller Produkte der Erde, die
man sich nur denken kann. Doch davon nachher; zuerst wollen wir uns die
Stadt selber einmal ansehen.

Quito liegt trotz seiner Hhe in einem von mchtigen Gebirgen und zwei
Cordillerenzgen eingeschlossenen Thale und in der fast unmittelbaren Nhe
eines jener mit ewigem Schnee bedeckten Bergriesen, dem aus Porphyr und
Basalt-Massen aufgebauten und mit Lava berschtteten Pichincha, dem selbst
die Sonne des Aequators nicht die weie kalte Decke rauben kann.

Wirft man, vom Sden kommend, einen Blick auf Quito, so bietet die Stadt
mit ihren niederen, ineinander gedrngten Husermassen und rothbraunen
Ziegeln, aus denen nur eine Unzahl von Kirchen und kurzen Thrmen oder
Kuppeln hervorragt, einen ganz eigenthmlichen, aber freundlichen Anblick,
und besonders trgt der links im Hintergrunde aufsteigende spitze Kegel
des oben erwhnten Vulkans viel dazu bei, das Bild zu heben. Der Pichincha
gereicht der Stadt aber nicht allein zur Zierde, sondern auch zum Nutzen,
denn erstens wird von ihm auf Maulthieren, Llamas und Eseln Schnee und
Eis zum Verbrauch herabgeschafft, und dann hat auch die Stadt eines seiner
wilden Bergwasser aufgefangen und durch die verschiedenen Straen solcher
Art geleitet, da es in gewhnlicher Zeit nur die Rinnen fllt, wenn aber
eine Schleuse geffnet wird, eine wahre Sturzfluth hindurchsendet und
den Ort dann grndlich reinigt. Demnach mte man also denken, da Quito
jedenfalls die reinlichste und reingehaltenste Stadt der Welt wre;
trotzdem giebt es freilich kein schmutzigeres Nest auf dem ganzen Erdboden,
als eben diese Stadt.

Die vornehme Welt von Quito lebt allerdings abgeschlossen fr sich selbst
und hlt sich in dem Inneren ihrer, mit europischem Luxus ausgestatteten
reinlichen Gebude so viel als irgend mglich von ihrer Umgebung
abgeschlossen; das eigentliche Volk aber lebt wirklich schlimmer als das
Vieh, und von der Unreinlichkeit desselben -- die man nicht einmal wagen
darf zu beschreiben -- kann man sich keinen Begriff machen, wenn man sie
nicht selbst gesehen und darunter gelitten hat.

Die Wohnungen der Arbeiter und Handwerker gleichen Hhlen, in die man sich
frchtet nur den Fu zu setzen, und Alles, wohin man sieht, wimmelt so
von Ungeziefer, da ich es selbst in frischgewaschenem Leinen zugeschickt
bekam. Zu den Alltglichkeiten, auf die Niemand mehr achtet, -- ja nicht
einmal nur bei der rmeren, sondern auch oft der besseren Klasse -- gehrt
es dabei, das Ungeziefer von den Kpfen ihrer Mitmenschen zu verzehren, und
dem Europer dreht sich, wenn er zuerst die Stadt betritt und Zeuge solcher
Scheulichkeiten ist, Herz und Magen um.

Auch die Wasser eines Pichincha selber vermgen nicht diese Stadt rein zu
halten. Fr den Augenblick ja, aber kaum lassen sie nach zu flieen, so
sind die Straen schon wieder mit Unrath gefllt. Ja whrend sie selbst
allen nur erdenklichen Schmutz zusammenschwemmen, kommen die Bewohner mit
ihren Kochgeschirren aus den Husern, um sie darin auszusplen.

Die Stadt selber ist natrlich im altspanischen Styl erbaut, mit niederen,
meist einstockigen Husern, schon der hufigen Erdbeben wegen, und die
Pfosten der Gebude werden auch mit den darber gelegten Balken noch
besonders mit starken Bastseilen (einem Handelsartikel der Indianer) fest
zusammengeschnrt, um bei einem etwaigen Schwanken des Gebudes nicht so
leicht nachzugeben. Auf Schnheit -- ihre uere Lage abgerechnet -- macht
sie aber wohl kaum einen Anspruch, und selbst die Plaza oder der groe
Markt, an dem die Kathedrale und der Palast des Bischofs liegt, zeichnet
sich durch nichts weniger als besondere Architektur aus.

Nichtsdestoweniger ist dieser Platz fr den Auslnder der interessanteste
Theil der Stadt, denn hier sammeln sich tglich die bunten Nationalitten
des Landes, und der ganze lebendige Verkehr Quito's findet da seinen
Mittelpunkt.

Schon mit dem frhesten Morgen treffen die verschiedenen Arrieros oder
Maulthiertreiber ein, die Produkte in die Stadt schaffen -- ganze Zge
langen da an, die nichts als Orangen aus dem tiefergelegenen Lande bringen,
andere mit Anis, mit Zucker, mit Branntwein. Da aber kein Fuhrwerk im
Stande ist, die stets vom Regen ausgewaschenen entsetzlichen Straen
zu befahren, so wird das Alles nur auf den Rcken von Lastthieren
herbeigeschafft.

Lastthier scheint aber hier ein auerordentlich elastischer Begriff; denn
Lastthier heit eigentlich Alles, was auf vier Beinen geht und getrieben
werden kann -- Schweine und Schafe vielleicht ausgenommen.

Vor allen Dingen fllt dem Fremden das Llama auf, das meistens von
Indianern oder auch Indianerinnen in kleinen Trupps zu Markt getrieben wird
und geringe Lasten (man sagt, da es sich weigert, ber achtzig Pfund zu
nehmen) in die Stadt bringt. Es trgt kleine Zeugscke mit Anis oder Mais
-- auch wohl Futter fr den Bedarf, und wirft den schnen langen Hals, wenn
es in das ungewohnte Getreibe der Menschen kommt, scheu und unwirsch nach
allen Seiten hinber. Folgsam aber gehorcht es dem leisesten Rufe des
Treibers, und die ihm zur Seite gehende Indianerin behlt dehalb auch
vollstndig Zeit, sich mit ihrer Spindel zu befassen.

Die Frauen der Indianer sind berhaupt die geplagtesten Wesen der Erde, die
recht gut ebenfalls mit zu den Lastthieren Ecuadors gezhlt werden drfen,
denn selten oder nie sieht man sie ohne eine Brde, und meistens noch immer
mit einem Kind als Zugabe. Ja ich bin ihnen drauen in der Strae begegnet,
wo sie eine schwere Ladung Feuerholz, das sie zum Verkauf in die Stadt
trugen, auf dem Rcken hatten, den Esel mit gleichem Stoff beladen vor
sich her trieben, in einem um den Nacken geschlagenen Tuch den Sugling
schleppten, und zugleich, da ihnen dadurch die Hnde frei blieben, mit
Rocken und Spindel arbeiteten. Also _vierfach_ beschftigt legen sie
lange, mhsame Tagereisen zurck, und ihre ganze Nahrung ist indessen eine
Handvoll trockener Puff- oder Saubohnen, ein paar Kartoffeln, oder ein
Pfund gersteter Mais, und wenn es hoch kommt, vielleicht einmal ein
Schluck Maistschitscha unterwegs -- doch gilt selbst dies entsetzliche
Getrnk, das aus gekautem und gegohrenem Mais besteht, schon als ein
Extragenu fr diese armen geknechteten Wesen. Nur wenn sich ihr Herr und
Gatte mit dem durch sie verdienten kargen Lohn in solcher Tschitscha um
sein Bischen Verstand trinkt, wird auch ihnen manchmal gestattet, an dem
Gelage Theil zu nehmen, damit sie spter auf den vollstndig Betrunkenen
Acht geben knnen.

Das Llama selber ist ein allerliebstes, fast rehartiges Thier mit langem
Hals und seidenweicher Wolle. Es wird allerdings vollstndig zahm,
behlt aber trotzdem noch immer etwas Scheues, Wildartiges, und lt sich
besonders nicht gern von einem Fremden berhren oder streicheln. Dabei
gehrt es keineswegs den Tropen an, sondern weit eher einer klteren Zone,
wie ja auch schon sein warmer Pelz beweist, und dehalb sind diese Thiere,
die sich drauen von dem sprlichsten Futter nhren und fast gar keine
Pflege verlangen, ein solcher Segen fr die Bewohner der hohen Anden.
In Cerro de Pasco z.B., jener hchstgelegenen Stadt der Welt, mit ihren
reichen Silberminen, die aber schon so hoch in die peruanische Schneeregion
hineingebaut ist, da dort kein Grashalm ber Tag emporschiet, der nicht
das ganze Jahr hindurch, Nachts erfriert oder einschneit, tragen sie Futter
fr die brigen Lastthiere aus den niederer gelegenen und warmen Thlern
hinauf, und man begegnet da oft Trupps von zwei- bis dreihundert Stck.

Das Llama hat dabei, wie die meisten gezhmten Thiere, keine bestimmte
Farbe, sondern man findet sie von fast jeder Schattirung, braun erstlich,
wie das wilde Guanako im Sden (ein ganz hnliches, aber noch nicht
gezhmtes Thier), schwarz, wei, gelb, vollstndig getigert -- nur nicht
gestreift, und es giebt nichts Bunteres auf der Welt, als eine Heerde
dieser hbschen Thiere. Ganz reizend sehen die kleinen jungen Llamas aus,
mit ihrer seideweichen, dichten Wolle und dem prchtigen kleinen, dicken,
gutmthigen Gesicht, das aber doch schon den klugen, scheuen Ausdruck des
Wildes trgt.

Allerdings werden diese Thiere, besonders in Peru, oft in die heie
Niederung und an das trockene Kstenland getrieben, um Produkte dorthin zu
schaffen und Waaren dafr mit zurckzunehmen. Aber man lt sie nie lange
dort, denn jenes Clima sagt ihnen nicht zu und sie gedeihen nur in den
kalten Hhen der Berge. Dort suchen sie sich auch gengsamer Weise das
Futter an den feuchtesten, ja sumpfigsten Stellen, wo selbst kein Schaf
weiden mag und kann. Das Llama aber mit seinen breiten Schalen sinkt nicht
so leicht ein und ist dabei, weil es keine weiten Zge unternimmt, immer
wieder leicht aufzufinden, wenn man seiner bedarf.

Der Ecuadorianer benutzt aber, wie schon gesagt, Alles fast zu Lastthieren,
was laufen kann, indianische Frauen voran, dann Pferde, Esel, Maulthiere,
ja selbst Ochsen, die man oft mit schweren Pcken beladen in die Berge
steigen sieht. Das Llama ist aber vorzugsweise der rmeren Klasse ntzlich,
da es die wenigste Unterhaltung und Pflege kostet. Ein Llama kann sich fast
Jeder anschaffen und der Indianer thut dann keine weitere Arbeit damit,
als da er es vielleicht von der Weide nach Hause treibt, ihm die nthige
Ladung auflegt und seine Frau damit zu Markte schickt. Oft keucht dann die
arme Frau -- mit dem kleinen Kinde noch auf ihrer Last von Futterkrutern
sitzend -- hinterdrein und lenkt das Thier nur mit ihrer Stimme, -- oft mu
sie auch, wenn nicht so viel vorrthig ist, allein mit ihrer Ladung fort,
whrend der Mann vielleicht leer hinter ihr drein schlendert und das von
ihr gelste Geld nachher in der Stadt vertrinkt.

Die Ecuadorianer, Mnner wie Frauen, tragen fast Alles mit dem Kopf, und
zwar nicht oben darauf, wie bei uns am Rhein, sondern die Last auf dem
Rcken hngend und nur mit der Stirn sttzend und haltend. So bringen sie
Alles zu Markt, was das reiche Land bietet, und ihre Kleidung ist dabei
selbstgesponnenes und gewobenes Zeug, das sie vom Uranfang an fertigen.

In den Thlern sind die kleinen Baumwollen-Anpflanzungen, und die Staude
erreicht dort oft eine imposante Hhe, wie selbst nicht in den besten
Distrikten Nordamerika's. Die Baumwolle, wenn gereift, pflcken sie aus den
Kapseln und reinigen sie mit den Fingern von dem Samen, dann wird sie mit
Spindel und Rocken gesponnen und nachher auf selbstgefertigten und oft
rasch genug zugehauenen Websthlen, die aber ihren Zweck vollstndig
erfllen, gewebt.

Quito selber hat brigens auch groe Fabriken, in welchen diese billigen
Stoffe sowohl, wie auch recht gute Zeuge, besonders Tuche, hergestellt
werden. Was aber die Indianer brauchen, fertigen sie sich auch selber an,
denn so billig es in der Fabrik sein mag, _ihr_ Produkt ist _noch_ billiger
und erfllt dabei denselben Zweck.

Das gewhnliche Zeug, welches die rmeren Klassen tragen, besteht dabei
aus starkem weien Stoff, mit braungefrbten Fden in einfachen Mustern,
meistens nur gestreift, durchzogen. Die Mnner tragen dazu weie Hosen,
die Frauen einen kurzen Rock und ein Schultertuch, Beide aber auch den
sogenannten Poncho -- jenes groe Tuch mit einem Loch in der Mitte, um
entweder den Kopf durch dasselbe zu stecken, da es, bei kaltem Wetter oder
bei Regen, rings um sie niederfllt, oder um es blos um die Schultern zu
schlagen.

Flieendes Wasser giebt es allerdings, wie vorher erwhnt, in der Stadt
genug, aber so voller Schmutz und Unrath, da es nur von den rmeren
Klassen, aber von diesen auch ohne die geringste Scheu, zum Waschen und
Aufsplen, ja sogar vielleicht zu Kchenzwecken benutzt wird. Die besseren
Stnde lassen sich dagegen ihr Wasser von oberhalb der Stadt in die Huser
tragen, und zwar durch Menschen, in einem groen irdenen Gef, das diese
hinten auf die Hften setzen und es durch ein, um die Brust laufendes
Tragband sttzen. Erst wenn es zum groen Theil geleert ist, hebt er sich
das Band vor die Stirn, weil ihm das jedenfalls bequemer scheint.

Diese Leute tragen solcher Art eine enorme Last, und was verdienen sie
den ganzen Tag? -- ein paar Medios, mit denen sie sich am Leben erhalten
knnen. Nur wenn es gut geht, bleibt ihnen vielleicht noch genug zu einem
Schluck Tschitscha brig.

In hnlicher Weise, nur das Tuch um den Kopf, nicht ber die Brust
geschlagen, bringen die indianischen Frauen Milch und Butter zu Markt.
In der einen Hand tragen sie dabei ein irdenes Gef als Ma fr die zu
verkaufende Milch, in der andern einen irdenen Teller mit Butter, mit
Maisblttern berdeckt, um sie khl und frisch zu halten.

So wandern sie mit ihrer mhseligen Last ber die Plaza oder klopfen an die
Huser der Vornehmen, in welche sie -- als Zeichen, da Jemand drauen sei,
der Einla begehrt -- ihr schchternes Ave Maria rufen.

Auf dem Markt selber stehen aber fast nur die Getreideverkufer mit
ihren kleinen Karawanen von Eseln oder Llamas, dann die Hndler mit
Hlsenfrchten und Kartoffeln. Von Hlsenfrchten wird besonders die bei
uns unter dem Namen Puff- oder Saubohne bekannte groe Bohne gezogen, und
die Kartoffel ist der unsrigen vollkommen hnlich. Aber es giebt von dieser
Knollenfrucht drei hauptschliche Arten in Ecuador, welche Melloca, Oca und
Ticama genannt werden. In der Nhe von Ibarra, also in etwas tieferem Lande
als Quito liegt, hrte ich aber noch von einer ganz besonderen Art, die nur
in einem jener Thler wachsen soll und noch nirgends anders hin verpflanzt
ist. Der Beschreibung nach, denn ich bekam leider keine davon zu sehen,
soll es eine nicht sehr groe, aber vortrefflich mehlige Gattung sein,
die dabei, wenn gekocht und auf dem Tisch, wie mit Brillanten berset
erscheint. Wahrscheinlich ist sie mit kleinen Theilen krystallisirten
Strkemehls berdeckt.

Biegen wir nun in eine der oberen Seitenstraen ein, so finden wir dort ein
freundlicheres Bild als die schmutzigen Indianer, die neben ihren Scken
kauern und sich in Ermangelung einer besseren Beschftigung gegenseitig das
Ungeziefer absuchen. Da sind die Stnde der Obstverkuferinnen, und nur
ein Blick auf ihre Waare berzeugt uns, in welchem Lande wir uns eigentlich
befinden.

Kaum zehn Schritte davon befindet sich noch ein Stand, wo Kohl, Kartoffeln,
Rben und Kraut feilgeboten werden, -- durch die Straen zieht eben ein
Trupp von Eseln, der Eis, rohes, hartes Eis aus dem benachbarten Pichincha
heruntergebracht hat, -- und hier pltzlich sehen wir uns allen Produkten
der heien Zone unmittelbar gegenber.

Alle diese Verkuferinnen sitzen unter selber hergestellten, sehr
kunstlosen Sonnenschirmen, die aber vollkommen zu einem Schutzdach gegen
die heien Strahlen des Taggestirnes ausreichen. Eine Stange mit einem quer
darber genagelten Holzkreuz und ein Tuch an den vier Ecken festgebunden,
ist der ganze Apparat, und nur gegen pltzlich einsetzende Regen bietet er
ungengende Deckung, da sich das Wasser in den Falten rasch ansammelt und
durchluft.

Die Fruchtverkuferinnen sind auch meist Seores oder Sennoritas von weier
Abstammung -- lassen sich wenigstens gern so nennen -- tragen auch
nicht das ordinre Baumwollenzeug der niederen Klassen, sondern weie,
buntgesteppte Oberhemden wie Rcke von den verschiedensten Farben und
Stoffen, und Glaskorallen um Arme, Hals und in den Ohren. Schmuck lieben
berhaupt alle ecuadorianischen Frauen und sind dabei seiner Aechtheit
wegen lange nicht so eigen wie die Peruanerinnen, die nur wirkliches Gold
und Diamanten haben wollen.

Betrachten wir uns aber ihren Stand und die wundervollen saftigen Frchte,
die er bietet. Da finden wir vor allen Dingen Orangen, die schon wenige
Leguas von Quito entfernt in ungeheuren Massen gezogen werden, dann se
Limonen -- eigentlich ein etwas fades Essen; aber auch die tropische Banane
oder der Pisang (hier Pltano genannt) fehlt nicht mit ihrer goldgelben
Schale, und daneben liegt die Knigin der amerikanischen Frchte, die
riesige Cherimoya (=custard apple=, =buwa nonja=) mit ihrem fast zu sen,
crmeartigen Fleisch.

Das ist aber noch nicht Alles; dicht daneben bietet sich ein Stand, der
fast nur Ananas in aus Bambus geflochtenen Krben aufgeschichtet enthlt;
daneben wieder sitzt ein Verkufer von Zuckerrohr, das in kleine Streifen
gehackt und ausgekaut wird; daneben wieder ein anderer mit Cactusfeigen,
Aprikosen, Aepfeln, Birnen, auch die kostbare Aguacalta (=alligator
pear=, =buwa avocat=) ist vertreten, mit der Papaya aus den Platanaren des
niederen Landes -- kurz eine Mischung von allen nur erdenklichen Frchten
beider Zonen, die sich auch in der That an keinem Orte so vereinigt finden,
wie gerade in Quito.

Freilich begnstigt die Lage des Landes dies auch ungemein; denn so rasch
fallen die Thler in das tiefe tropische Land hinein ab, da man oft nur
wenige Leguas zu reiten braucht, um in eine vollkommen tropische Vegetation
oder bergauf in die Eisregion zu kommen. So hat man auch im Lande drinnen
groe Estancias oder Gter, deren Besitzer da, wo ihre Wohnhuser stehen,
alle Frchte unserer Zone ziehen und Weizen und Mais, Kartoffeln und
Kohl bauen. Weiter unten dagegen haben sie ihre Baumwollen- und
Zuckerrohrfelder, ihre Bananen- und Ananas-Grten, und hoch ber sich sehen
sie zu ihrer Meierei hinauf, wo das Vieh auf den fetten Triften der Hhen
weidet und ihre dazu angestellten Leute ihnen die Milch zum tglichen
Bedarf oder zum Verkauf liefern, und dazu Butter und Kse machen.

Kse it der Ecuadorianer nmlich leidenschaftlich gern, und die
verschiedenen Arten desselben werden zu _allen_ Speisen und sogar zu
manchen Getrnken gebraucht. Ja selbst in seine Chokolade benutzt er eine
Art davon.

In dieser Fruchtstrae drfen wir aber nicht zu weit vorgehen, denn eben
haben wir noch den aromatischen Duft der Ananas mit Wohlbehagen eingesogen,
als schon etwas Anderes unsere Geruchsnerven trifft, und zwar der nichts
weniger als se Brodem einer Anzahl von Ebuden, die dort aufgestellt
sind, um den Marktgngern ein rasches und billiges Mittagsmahl zu bieten.
Da werden alle Arten von Fleisch geschmort und Mehlspeisen zubereitet,
da wird gesotten und gebraten und ein Qualm erzeugt, der, wenn der Wind
hineinfhrt, die ganze Strae mit seinem erstickenden, heien Dunst
erfllt. Um aber dort auch wirklich zu _essen_, mu man ein geborener
Ecuadorianer, ja ein geborener Quitener oder mit einem Wort ein geborener
Schweinigel sein, denn von dieser Unsauberkeit der Zubereitung kann sich
Niemand einen Begriff machen, ohne sich auf wenigstens acht Tage den
Appetit zu verderben. Ich darf nicht einmal wagen es zu beschreiben, und
es war ein wirklicher Glckszufall, da ich erst wenige Tage vor meiner
Abreise von Quito einen lngeren Besuch bei diesen Stnden machte und das
Verfahren ihrer Insassen beobachtete. Von dem Augenblick an war ich nicht
mehr im Stande, etwas Anderes in Quito zu genieen, als weichgekochte Eier
und Frchte. Ich brachte nichts mehr in den Mund, was eine Ecuadorianerin
mit ihren Hnden auch nur berhrt haben _konnte_.

Wie stechen dagegen die Napo-Indianer ab, die von den Wassern des
Amazonenstroms, aus dem heien Lande ihrer Niederungen, bis hier
heraufsteigen, um weniger ihre Producte als ihre Fabrikate, besonders
Hanfzwirn und gedrehten Bast zu verkaufen. Sie treffen immer in kleinen
Trupps ein und tragen dann Mnner wie Frauen einen aus Bambusstreifen
leicht geflochtenen und mit Bananenblttern ausgeftterten und berdeckten
Korb, in welchen sie nicht allein, was sie zu Markte bringen, sondern auch
ihre Provisionen fr unterwegs packen.

Es sind schlanke, edle Gestalten, um eine Schattirung dunkler vielleicht
als die Indianer Ecuadors, aber noch lange nicht braun, und dabei reinlich
bis zum Aeuersten. Sie gehen in blaues, selbstgefertigtes Zeug
gekleidet: kurze Hosen und Jacke die Mnner, in der Stadt mit einem Poncho
bergeworfen; die Frauen dagegen in einem nicht zu langen, kleidsamen
und tunikahnlichen Gewand, mit einer Unzahl sehr kleiner zierlicher
Perlschnre geschmckt. Das Gesicht bemalen sie allerdings etwas, aber nur
wenig, und nicht genug um es zu entstellen, mit feinen rothen Strichen,
besonders um Auge und Mundwinkel herum.

Bezahlung fr ihre Waaren nehmen sie ausschlielich nur in
Silber-Viertel-Dollar-Stcken, die sie genau kennen; auf andere Mnzsorten
lassen sie sich nicht ein, und ebensowenig vertrinken die Mnner das
Erhaltene, sondern sie leben auerordentlich mig und kehren, wenn ihr
Handel abgeschlossen ist, ungesumt in ihre Thler zurck, verkehren auch
dabei so wenig wie nur irgend mglich mit den weien Ecuadorianern, mit den
Indianern gar nicht.

Die Krbe, die sie tragen, sind genau so in ganz Ecuador zum Lasttragen
gebruchlich, nur da die Indianer am Stillen Meer auch noch Achselbnder
von Bast daran schnren. Besonders die Neger tragen damit enorme Lasten und
mit anscheinender Leichtigkeit.

Wunderlich sieht es aus, wenn ein Trupp dieser Napos, eben aus seinen
wilden Thlern heraufsteigend, beim Betreten der Stadt einer Schaar
geputzter Damen begegnet, die mit ihren Toiletten auch nicht um eines
Zolles Breite von der neuest zu erlangenden Pariser Mode abweichen. Mit
blumengeschmckten Hten, riesigen Crinolinen, mit Spitzen und Bndern
behangen und von Juwelen funkelnd, rauschen sie daher, und staunend
bleiben die Indianer, besonders die jungen Frauen, ob der nie geahnten
Herrlichkeit, stehen und schauen ihnen nach, so lange sie ihnen mit den
Augen folgen knnen. Manches junge Indianermdchen wnscht sich dann auch
wohl im Herzen thrichterweise einen ebensolchen Staat und ist doch in
ihrer einfachen blauen Tunika viel schner als die aufgetakelte Dame. Aber
es geht das so in der Welt, und Aehnliches finden wir ja wohl auch sogar im
alten Vaterlande. Wir brauchen dehalb nicht nach Ecuador zu gehen.

Uebrigens kann ich hier noch gleich erwhnen, da die Kleidung der
vornehmen Ecuadorianer genau der unsrigen entspricht. Selbst den sonst
stets getragenen sdamerikanischen Poncho haben die Mnner abgelegt und
benutzen ihn hchstens noch dann und wann beim Reiten, und die Damen
behielten beim Kirchgang in ihren schwarzen Gewndern die Mantilla bei.
Sonst kommen die europischen Moden so rasch hinber, als sie der Dampfer
nach Guajaquil und ein Maulthier dann in die Berge tragen kann, und die
neueste Faon eines Hutes oder der Schnitt eines Kleides wird dort so
eifrig besprochen wie bei uns.

Nur eine Klasse von Leuten ist es, die ihre Moden _nicht_ wechselt, und das
sind die Priester, von denen es eine wahre Unzahl in Quito giebt. Man kann
versichert sein, da, wenn man hundert Menschen auf der Strae trifft,
dreiig davon Priester der verschiedensten Orden sind, die oft in den
wunderlichsten Aufzgen die Straen durchziehen. Besonders auffallend unter
ihnen erscheinen die in _weie_ Kutten gekleideten =padres de la Merced=
und bei der oberen Geistlichkeit mag die Tracht gehen. Entsetzlich aber
sehen die untergeordneten Padres solcher Orden aus, und es gehrt wirklich
viel -- sehr viel Andacht dazu, beim Anblick derselben an etwas Anderes zu
denken, als an ihren schmutzigen Rock.

Noch mu ich erwhnen, da Quito der Sitz der Intelligenz des ganzen
nrdlichen Theils von Sdamerika ist und nur San Jago in Chile, was seine
Schulen und Universitten betrifft, mit ihm wetteifern kann. Auerdem leben
in Quito eine wahre Unzahl von Malern und Bildhauern, die aber ihre
Kunst zu viel gewerbsmig treiben. Die zahllosen Kirchen sind mit
Holzschnitzereien, Verzierungen und Bildern berladen und mssen dadurch
die Andacht des Betenden vollkommen ablenken, denn dessen Auge findet
nirgends einen Ruhepunkt. Besonders ist die Malerei zu einer Art von
Handwerk herabgewrdigt, und es giebt eine Menge von Malern, die lange
Streifen von Leinwand in ihrem Atelier aufspannen, dieselbe in Gefache
abtheilen und nun z.B. einen heiligen Antonius (der besonders dort verehrt
wird) oder einen Anderen, genau in der nmlichen Stellung, so viele Male
darauf malen, als er eben Raum findet. Solche Streifen werden dann auch
nicht etwa zerschnitten und in Rahmen gefat, sondern aufgerollt und die
Bilder beim Dutzend und nach der Elle verkauft. Herumziehende Hndler
kaufen die Bilder auf, und man kann mit gutem Gewissen behaupten, da diese
kleine Gebirgsstadt -- mit Ausnahme einzelner, von Europa eingefhrter
Gemlde -- die Kirchen von ganz Mittel- und Sdamerika mit Heiligenbilder
versorgt, die auch nicht nach dem Kunstwerth derselben, sondern nach dem
Quadratfu ihren Preis bestimmt bekommen. Uebrigens ist derselbe so billig,
da ich wirklich nicht begreife, wie nur Oelfarbe und Leinwand damit
bezahlt werden.

Das mu man berhaupt den Quitenern lassen, es liegt ein Drang in ihnen,
etwas zu thun und zu leisten, den man im niedern heien Lande nirgends
findet, und trotzdem thut die Lage ihrer eigenen, weit in die Berge
hineingebauten Stadt dabei Alles, um sie daran zu verhindern oder es ihnen
zu erschweren. Der einzige Hafen, durch welchen Quito bis jetzt mit
der brigen Welt in Verbindung stand, war Guajaquil (berhmt seiner
Cacao-Ausfuhr und seiner Panamahte wegen). Um Quito aber von dieser Seite
her zu Maulthier zu erreichen, denn ein Maulthierpfad ist der einzige
Verbindungsweg, braucht man gut fnf Tage, und Lastthiere gehen gewhnlich
fnfzehn bis siebzehn -- ja in der Regenzeit ist der Weg gar nicht zu
passiren und die Verbindung mit der See vollstndig abgeschnitten.

Welchen Nachtheil das fr eine betriebsame Stadt und die dichtgedrngte
Bevlkerung des inneren Landes haben mu, lt sich denken, und ganz wird
diese Schwierigkeit nie zu heben sein. Dagegen lt sich ein groer Theil
derselben beseitigen, indem man eine andere und nhere Richtung zur Kste
einschlgt und einen Weg dahin baut. Einen ziemlich guten Hafen besitzt
Ecuador zu diesem Zweck noch im Pailon.

Der Ort liegt unmittelbar an der neugranadiensischen Grenze, und eine
englische Compagnie, die =Ecuador land company=, hat dort bedeutende
Landstrecken erworben und beabsichtigt einen Weg dorthin zu bauen. Gelingt
das, und es liegt kein Grund vor wehalb nicht, so wird sich nicht allein
der quitenische Handel bedeutend heben, sondern Alles, was jene reichen, im
Innern gelegenen Distrikte produciren, kann auch auf den Markt gebracht und
verwerthet werden, und Pailon mu dann ein viel bedeutenderer Handelsplatz
werden, als es jetzt Guajaquil ist.

Furchtbaren Schaden hat freilich der werthvollste und fruchtbarste Distrikt
des ganzen Staates: die Provinz Imbaburru mit der Hauptstadt Ibarra durch
das letzte Erdbeben erlitten. Ibarra selbst ist vollstndig zerstrt.
40,000 Menschen kamen dabei um und groe Strecken cultivirten Landes wurden
von heiem Wasser und Schlamm sowie Steingerll berdeckt. Das Land wird
Jahre gebrauchen um sich von diesem Unglck zu erholen.

Quito selber wurde nicht so schwer davon betroffen. An den neuesten Kirchen
strzten allerdings die Thrme ein und zahllose Huser wurden beschdigt,
aber trotzdem hat die groe Stadt nur den Verlust von 15 Menschenleben
dabei zu beklagen und ist reich genug um den Schaden bald wieder vergessen
zu machen.


Leipzig, Druck von Giesecke & Devrient.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=
hervorgehoben.

Fehlende und falsch gesetzte Anfhrungszeichen wurden korrigiert, sowie
gegebenenfalls "," gendert in ",".

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich
uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Bursche" -- "Burschen"
(beides als Plural), "Capitain" -- "Kapitain -- Kapitn", "deshalb" --
"dehalb", "dies" -- "die", "erwiderte" -- "erwiederte", "fnfzig" --
"funfzig", "Halbindianer" -- "Halb-Indianer", "Halbwilde" -- "Halb-Wilde",
"Paar" -- "paar", "Kapitel" -- "Capitel", "Poney" -- "Ponney",

mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 1:
  "tchtig" gendert in "tchtige"
  (tchtige Leute dafr zu gewinnen)

  Seite 2:
  "anf" gendert in "auf"
  (drauen auf offener See herumkreuzen)

  Seite 21:
  ";" eingefgt
  (was sie auf ihrer langen Fahrt verdient hatten;)

  Seite 21:
  "brummt" gendert in "brummte"
  (Es ist eine ganz verfluchte Geschichte, brummte Bob)

  Seite 21:
  "sagt" gendert in "sagte"
  (Eben hab' ich es da drben noch gesehen, sagte Dick)

  Seite 23:
  "Bootssteurer" gendert in "Bootssteuerer"
  (der Bootssteuerer kaum noch Zeit)

  Seite 35:
  "mrrische" gendert in "mrrischen"
  (die vier mrrischen Burschen mit seinem Blick berfliegend)

  Seite 46:
  "," eingefgt
  (er fhlte jetzt auch, da sich der Wind erhoben hatte)

  Seite 65:
  "" hinter "fellow," entfernt
  (=Avast Bill, old fellow=, glcklicher Familienvater)

  Seite 87:
  "," eingefgt
  (unterbrach ihn aber die Frau, ob Sie)

  Seite 96:
  "" eingefgt
  (Mein Gatte hatte lange mit einer englischen Familie)

  Seite 104:
  "des" gendert in "den"
  (er fiel Bill um den Hals)

  Seite 108:
  "uud" gendert in "und"
  (den oberen Theil des Hauses erreichte und die junge Frau)

  Seite 111:
  "Minnten" gendert in "Minuten"
  (war in wenigen Minuten sanft und fest eingeschlafen)

  Seite 122:
  "." eingefgt
  (arg verwstet. Der Amerikaner, wie Beaugead berichtet)

  Seite 132:
  "aufpaen" gendert in "aufpassen"
  (denn man mute aufpassen, wenn man Alles verstehen wollte)

  Seite 140:
  "tailors ops" gendert in "tailorshops"
  (=There were so many tailorshops=)

  Seite 140:
  "Unterhalung" gendert in "Unterhaltung"
  (mit dem strengen Befehl, keine Unterhaltung der Gefangenen)

  Seite 144:
  "er" gendert in "der"
  (wie ihnen der Kleine zurckbersetzen mute)

  Seite 144:
  "keine" gendert in "kein"
  (da das kein Amerikaner, sondern ein Englnder)

  Seite 147:
  "ni" gendert in "in"
  (=Ship in sight=)

  Seite 150:
  "seinen" gendert in "seien"
  (Schielucken an Bord seien nur gemalt)

  Seite 161:
  "ein" gendert in "eine"
  (faten hier eine Muskete, da ein Seitengewehr)

  Seite 179:
  "sie" gendert in "Sie"
  (Verlangen Sie mehr?)

  Seite 180:
  "?" gendert in ","
  (bis jetzt am Leben erhalten habe, seufzte der Kranke)

  Seite 182:
  "hehauptete" gendert in "behauptete"
  (aber er behauptete immer)

  Seite 189:
  "baarfn" gendert in "baarfu"
  (jetzt sollte er eine ganze Stunde baarfu im Wald)

  Seite 193:
  "ein" gendert in "eine"
  (ihm gegenber sa ebenfalls eine Geheime Commerzienrthin)

  Seite 203:
  "ein" gendert in "eine"
  (Besonders zog ihn dabei eine Stelle an)

  Seite 205:
  "wnrde" gendert in "wurde"
  (Trotzdem wurde es Zeit, da er sich)

  Seite 217/218:
  "," hinter "oben" entfernt und hinter "aber" eingefgt
  (Der Geheime Regierungsrath aber, hier oben seit dem letzten Monat)

  Seite 233:
  "Wozu" gendert in "wozu"
  (Ihr verdient es nicht besser; wozu habt Ihr aber)

  Seite 251:
  "ein" gendert in "eine"
  (ist stets der eine Boden zinnoberroth angestrichen)

  Seite 253:
  "herleiden" gendert in "herleiten"
  (er wollte auch seine Abstammung von jenen herleiten)

  Seite 258:
  "ubel" gendert in "bel"
  (schien nicht bel Lust zu haben)

  Seite 259:
  "Vater s Whkie-- y ist" gendert in "Vater -- Whiskey ist"
  (seinen Bruder und seinen Vater -- Whiskey ist nicht gut)

  Seite 260:
  "den" gendert in "dem"
  (um sie dem dort ruhig bei seinem Karren haltenden)

  Seite 262:
  "Tcho-to-ga" gendert in "Tcha-to-ga"
  (fast in demselben Augenblick schwrmte von Tcha-to-ga)

  Seite 263:
  "zn" gendert in "zu"
  (blos auf wenige Secunden zu bewahren)

  Seite 269:
  "erklrt" gendert in "erklrst"
  (in der Du erklrst, jedes Stck Gut)

  Seite 270:
  "kaltem" gendert in "kalten"
  (auf dem boshaft kalten Auge des Wilden)

  Seite 281:
  "." eingefgt
  (anlegen lassen. Er selbst aber arbeitete)

  Seite 286:
  "!" eingefgt
  (wie der Alte sprudeln wird! -- Sonst seh ich weiter)

  Seite 292:
  "weiem" gendert in "weien"
  (tief unter dem weien mit Scalpen geschmckten)

  Seite 300:
  "?" eingefgt
  (Was giebt's? frug der Mate zurck.)

  Seite 308:
  "auszuplen" gendert in "auszusplen"
  (um sie darin auszusplen)]







End of the Project Gutenberg EBook of Kreuz und Quer, Zweiter Band, by 
Friedrich Gerstcker

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paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
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or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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individual work is in the public domain in the United States and you are
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are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
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the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
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Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
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whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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with this eBook or online at www.gutenberg.org/license

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with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
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forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
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Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

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LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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